Deutsche Herzen – Deutsche Helden

Erste Abtheilung
Eine deutsche Sultana

1. Capitel
Eine deutsche Sultana

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob und Preis sei Gott, dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichtes. Dir wollen wir dienen, und zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten Weg, den Weg Derer, die Deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg Derer, über welche Du zürnest, auch nicht den Weg der Irrenden!«

Diese Worte enthalten die erste Sure aus dem Koran, welcher die heilige Schrift der Muhamedaner ist. Sie erklangen laut und scharf über den Kirchhof hinüber, und es war, als ob vor ihnen sich die Cypressen und die Wipfel der immergrünen Cedern beugten.

Der, welcher sie sprach, stand an einem Grabe, welches von kostbarem Marmor eingefaßt war. Zu Häupten des Hügels prangte ein Turban von Alabaster und eine goldverzierte Tafel mit der Inschrift:

»Hier schläft Melek Pascha, ermordet am sechszehnten des heiligen Monates Moharrem. Allah verderbe den Mörder! «

Derjenige, welcher das Gebet gesprochen hatte, war ein junger Mann im Alter von ungefähr achtundzwanzig Jahren. Er war in reiche türkische Tracht gekleidet und trug kostbare Waffen in dem seinen Kaschmirgürtel. Sein Gesicht war hager und zeigte scharf geschnittene Gesichtszüge. Die Nase war fast habichtsartig gebogen; von den dünnen, blutleeren Lippen hing ein dünner, schwarz gefärbter Schnurrbart zu beiden Seiten lang herab, so daß er die verächtlich nach unten gebogenen Mundwinkel bedeckte; die Augen waren klein, von unbestimmter Färbung, von blutigen Aederchen durchzogen und blickten spitz, kalt und mit grausamem Ausdrucke unter dem wimperlosen, gerötheteten Oberlide hervor. Die schmale, eckige Stirn verschwand fast ganz unter dem großen Turban, welchen der Mann trug.

Dieser hatte den Degen gezogen und die Klinge mehrere Zoll tief in das Grab gesteckt. Während seiner Rede ruhte seine Rechte wie beschwörend auf dem goldenen, mit Diamanten verzierten Griff des Degens.«

An der anderen Seite des Grabes stand ein alter, unbeschreiblich hagerer Mann in der rauhen Tracht der heulenden Derwische. Er hatte die Hände andächtig gefaltet und mit tief gesenktem Haupte die Worte des Anderen angehört. Jetzt erhob er den Kopf. Sein großes, fanatisch glühendes Auge richtete sich auf den Gegenüberstehenden, und er begann nun im salbungsvollen Tone:

»Du bist Ibrahim Effendi, der weise, reiche und tapfere Liebling des Sultans, welcher der Beherrscher der Gläubigen ist. Du bist zu mir gekommen, damit ich Zeuge sei des Schwures, den Du an diesem Grabe ablegen willst. So höre die Worte des heiligen Gesetzes, welches lautet: »Die Hand des Schwörenden soll verdorren, wenn er sein Gelübde nicht erfüllt; sein Leib soll austrocknen, sein Herz zu Stein werden, und seine Seele soll wandern in ewigem Grauen und unendlicher Qual!« Und nachdem Du dies vernommen hast, frage ich Dich, Ibrahim Effendi, ob Du noch immer bereit bist, den Schwur am Grabe Deines ermordeten Vaters abzulegen?«

»Ich will es,« ertönte die feste Antwort.

»Nun wohlan! Der Mörder Deines Vaters war ein Christ. Fluch ihm!« –

»Ja, Fluch ihm!«

»Er war ein Deutscher. Allah möge ihm keine Ruhe gönnen!«

»Keine Ruhe in alle Ewigkeit!«

»Du gelobst hiermit bei dem Propheten, bei allen heiligen Khalifen und bei der abgeschiedenen Seele des Ermordeten, daß Du den Mörder aufsuchen wirst, um ihn zu verderben, ihn und Alle, die seinen verruchten Namen tragen!«

»Ich gelobe es!«

»Du wirst keine Beschwerde und keine Leiden scheuen, Du wirst Deine Habe, Dein Blut und Dein Leben opfern, wenn dies nöthig ist, um Dein Gelübde zu erfüllen!«

»Bei Allah, das werde ich!«

»So ist Dein Schwur gesprochen, und ich nehme ihn entgegen, um ihn zu vergleichen in den Büchern der Geister, welchen Allah befohlen hat, dem Rächenden zu dienen. Auge um Auge, Blut um Blut, Zahn um Zahn, Leben um Leben! Wenn Du diesen Schwur vergissest, so soll die Luft Dich ersticken, das Wasser Dich ersäufen und das Feuer Dich verbrennen; der Blick Deines Weibes soll wie ein Dolch sein, und der Kuß der Geliebten soll Dich vergiften; Deine Freunde sollen Dich verlassen und Deine Verwandten sich Deiner schämen; Du mögest sein wie der Hund auf der Straße, wie die Ratte im Kothe und wie der Schakal in der Wüste, welcher Tag und Nacht vor Hunger heult. Und nun laß uns den Namen des Mörders übergeben den bösen Geistern, welche wohnen in der Hölle, wo sie am tiefsten ist. Wie lautet er?«

»Er ist ein deutscher Name und nicht für die Lippen der Gläubigen gemacht. Seine verfluchten Silben lauten Adlerhorst.«

Der Derwisch brachte ein Stück Papier und einen Schreibstift aus der Tasche, schrieb den ihm fremden Namen auf, so gut es ihm möglich war, grub mit dem Messer ein Loch in das Grab, legte den Zettel hinein und machte das Loch wieder zu. Dann kniete er nieder, legte die Linke auf die Stelle des Loches, erhob die Rechte gen Himmel und murmelte unverständliche Worte. Dann, als er sich wieder erhoben hatte, sagte er laut:

»Es ist geschehen! Du bist Ibrahim Effendi, der glorreiche Sohn Melek Pascha's. Er war kein träger Türke, sondern er stammte aus dem wilden Kurdistan, welches auch meine Heimath ist. Dort gelten noch die Gesetze des Blutes, und nach diesen Gesetzen wirst Du handeln. Da, wo das Herz des Todten ruht, ist auch der Name seines Mörders vergraben. Wenn er über die Brücke geht, welche in das ewige Leben führet, wird er diesen Namen hinabschleudern in die Schluchten und Abgründe der Hölle, und alle Unterthanen des Teufels werden sich aufmachen, um Jeden zu verderben, der diesen Namen trägt. Ich bin zu Ende. Ist auch Deine Rache zu Ende, so weißt Du, wo Du mich findest. Allah sei bei Dir!«

Er entfernte sich, und nach kurzer Zeit verließ auch Ibrahim Effendi den Gottesacker. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Nach zwei Jahren standen diese Beiden wieder an demselben Grabe, der Sohn des Ermordeten hüben und der Derwisch drüben. Ibrahim Effendi betete wieder die Worte der ersten Sure des Koran, und dann sagte der Derwisch:

»Du hast mich gerufen an den Ort, an welchem Dein Gelübde geboren wurde. Soll ich suchen nach dem Namen des Mörders?«

»Suche ihn!«

»Der Derwisch zog sein Messer hervor und grub da nach, wo er vor zwei Jahren den Zettel vergraben hatte. Das Papier war verschwunden – verfault natürlich.

»Was ich Dir verhieß, das ist geschehen,« sagte der Derwisch. »Der Name des Mörders fuhr zur Hölle. Daraus ersehe ich, daß Deine Rache gelungen ist.«

»Sie ist gelungen,« stimmte Ibrahim Effendi bei, indem seine Augen unheimlich leuchteten. »Der Mörder ist eines unbeschreiblich qualvollen Todes gestorben; sein Weib hat die Zunge und die Hände verloren, und seine Söhne und Töchter, alle seine Verwandten sind verachtet, verfolgt, in alle Welt zerstreut, ohne Heimath, ohne Ruhe, hungernd und durstend, seufzend und schmachtend in fluchbeladener Armseligkeit.«

»So entbinde ich, der Zeuge Deines Schwures, Dich jetzt nun Deines Gelübdes. Allah gebe Dir tausend glückliche Jahre hier auf Erden und hernach das ewige Leben mit allen Freuden und Wonnen des Paradieses.« – – – – – – – – – – – – – – – –

Diese beiden Scenen am Grabe des ermordeten Pascha mußten geschildert werden, denn sie bilden die Schlüssel zu all' den geheimnißvollen Räthseln welche unsere »
deutschen Herzen und deutschen Helden« zu lösen haben werden.

Seit jener Zeit war weit über ein Jahrzehnt vergangen. Ein schöner, nicht zu heißer Sommertag lag warm auf den schlanken Thürmen von Konstantinopel. Tausende von Anhängern aller Nationen erfreuten sich, über die beiden Brücken gehend, des zauberischen Panorama's, welches die Stadt von Außen her bietet. An den Quais lagen die Dampf- und Segelschiffe aller seefahrenden Völker, und auf den glitzernden Wogen wiegten sich die eigenthümlich geformten türkischen Gondeln und Kähne, zwischen denen zuweilen ein kühner Delphin lustig aus dem Wasser emporschnellte oder eine Gesellschaft fliegender Fische eine schwirrende Lustparthie machte.

Von Osten her, aus der Gegend des schwarzen Meeres, kam eine kleine, allerliebste Dampfyacht geschossen, leicht und graziös zur Seite biegend, wie eine Tänzerin, welche sich am Arme ihres Tänzers, das schöne Köpfchen hingebend neigend, den berauschenden Tönen eines Strauß'schen Walzers hingiebt.

Das schmucke, außerordentlich schnelle Fahrzeug bog um die Spitze des Stadttheiles Galata herum, ging unter den Brücken hindurch und legte sich vor Pera vor Anker. Pera ist derjenige Stadttheil von Constantinopel, welcher vorzugsweise von den Europäern und ihren Gesandten und Consuls bewohnt wird.

Die erwähnte Dampfyacht hatte eine Eigenthümlichkeit, welche bereits in europäischen Häfen auffallen mußte, hier aber, unter Orientalen, noch viel drastischer wirkte. Nämlich am Vordersteven, wo gewöhnlich der Name des Schiffes angebracht zu sein pflegt, erhob sich ein wohl zwei Meter hoher, sehr starker, aus Holz geschnitzter Rahmen, welcher ein ganz eigenthümliches Gemälde umfaßte.

Das Bild stellte einen Mann in Lebensgröße dar. Alles, was er trug Hose, Weste, Rock, Schuhe, sogar der hohe Cylinderhut, war grau und schwarz carrirt, aber mit ziemlich großen Carrees! Selbst der riesige Sonnenschirm, welchen er in der Hand hatte, war ebenso carrirt. Das Gesicht des Mannes war außerordentlich lang gedehnt. Eine lange Adler- oder Habichtsnase hätte dazu gepaßt, statt dessen aber saß in diesen langen Zügen ein kleines, dickes Stumpfnäschen, fast geformt wie eine dicke Fußzehe. Das gab diesem Gesichte einen wunderbar komischen Ausdruck. War dieses Bild das Portrait eines wirklich existirenden Menschen, so mußte derselbe einen höchst ungewöhnlichen Grad von Gutmüthigkeit und Wohlwollen besitzen.

Ueber dem Rücken hatte die Gestalt etwas Langes hängen. Entweder war das ein Blas- oder ein Fernrohr. Und aus der linken Brusttasche, außen am Rocke, ragten einige Gegenstände hervor, deren Natur und Bestimmung nicht wohl verrathen werden konnten. Ueber diesem Bilde stand in großen goldenen Lettern der Name der Yacht: »
Lord Eagle-nest«.

Als der kleine Dampfer in den Hafen einlenkte, wurde das Bild von den am Lande stehenden Orientalen mit Staunen betrachtet. Nahe am Quai stand ein alter Derwisch, dessen große, dunkle, fanatisch blickende Augen auch verwundert auf dasselbe gerichtet waren. Er sah die Schrift und versuchte, sie zu entziffern. Ein eigenthümliches Zucken ging über sein Gesicht. Er blickte sich suchend um. Als er unweit von sich einen griechisch gekleideten Mann sah, welcher das Abzeichen eines Dragoman (Dolmetschers) trug, schritt er auf denselben zu, verneigte sich grüßend und sagte:

»Verzeihe, Herr! Bist Du in den Sprachen der Abendländer wohl bewandert?«

»Ja. Das ist mein Beruf.«

»Welcher Sprache gehören die Worte unter diesem Bilde an?«

»Der Sprache der Engländer.«

»Willst Du mir wohl sagen, wie sie klingen und was sie zu bedeuten haben?«

»Sie werden ausgesprochen »Ihglnest« und bedeuten so viel wie Adlernest oder Adlerhorst.«

Der Derwisch fuhr einen Schritt zurück, faßte sich aber schnell und sagte unter einer höflichen Verbeugung:

»Ich danke Dir. Ich bin arm. Allah mag Dich bezahlen.«

Er schritt wieder dahin, wo er vorhin gestanden hatte, nahm die Yacht scharf in die Augen und murmelte:

»Adlerhorst! Das ist ja jener verfluchte Name! Ist er denn nicht ausgerottet? Der Mörder war ein Deutscher; dieses Schiff aber kommt aus England. Giebt es auch dort diesen Namen? Ich werde hier bleiben, um zu beobachten. Das Weib jenes Deutschen beschimpfte mich. Mein war die Rache, und Ibrahim Effendi war nur mein Werkzeug. Sollte es noch Angehörige jener Familien geben? Ich werde forschen!«

Die Maschine des Dampfers hatte gestoppt, und der Capitain war von der Commandobrücke gestiegen. Da öffnete sich die Cajütenthür und heraus trat – – dieselbe Gestalt, wie sie vorn auf dem Bilde zu sehen war, ganz genau so. Sehr lang und hager, war sie in grau und schwarz carrirten Stoff gekleidet. Der übermäßig hohe Cylinderhut, der riesige Regenschirm, den er in der Hand hatte, auch diese Beiden waren carrirt. An einem über die Achsel gehenden Riemen hing ein unendlich langes Fernrohr, welches bereits vor der Sündfluth existirt zu haben schien, und aus der linken, äußeren Brusttasche ragten zwei Gegenstände hervor, über welche man sich schier zu verwundern hatte, nämlich – – ein gewaltiger Streichriemen und ein Rasirmesseretui. In der Rechten hielt dieser höchst ungewöhnliche Mann ein Buch, auf dessen Umschlag in deutscher Sprache der Titel zu lesen war:

»Textbuch. Die Entführung aus dem Serail. Große Oper von Wolfgang Amadeus Mozart.«

Auch das Gesicht glich ganz demjenigen auf dem Bilde, es war sehr lang gezogen, äußerst gutmüthig und hatte die erwähnte große Fußzehe anstatt der Nase, und darauf saß eine rundglasige Hornbrille, welche den komischen Eindruck um das Doppelte verstärkte.

Der Capitain verneigte sich und fragte:

»Wollen Euer Lordschaft an Land gehen?«

»Ja. Wohin sonst? An's Land natürlich! Oder soll ich etwa auf dem Wasser laufen, he, wie?«

Er hatte das scherzend gesagt und lachte dabei im ganzen Gesichte. Auch der Capitain lachte und antwortete:

»Das würde schwerlich möglich sein. Aber warum so schnell an Land gehen? Constantinopel muß von hier aus betrachtet werden. Von hier aus wirkt es großartig; im Innern aber ist es eng, schmutzig und winkelig. Der Türke nennt seine Hauptstadt »Wangenglanz des Weltantlitzes«, und er hat Recht, nämlich von hier aus, wo wir uns befinden.«

»Wangenglanz? Unsinn! Weltantlitz? Blödsinn! Hat die Welt Wangen oder Backen? Horrende Dummheit! Diese Türken sind Esels. Das einzig Brauchbare an ihnen sind ihre Weiber, ihre Frauen und Mädchens.«

Ueber das Gesicht des Capitains ging ein ironisches Zucken. Er verbeugte sich zustimmend und fragte:

»Haben Eure lordschaftliche Herrlichkeit bereits eine türkische Frau oder ein türkisches Mädchen gesehen?«

»Ja, natürlich! Zwar nicht hier, aber in Berlin. Famose Oper, die Entführung aus dem Serail von Mozart. Ich gehe nicht eher fort, als bis ich mir so Eine aus dem Harem geholt habe. Hier, da, sehen Sie, Capitain, da ist das Textbuch dazu! Es fehlten nur noch Frau und Harem. Aber Beide sind sehr leicht zu finden, denn Weiber und Harems giebt es hier in Masse. Jetzt adieu!«

»Wann darf ich Euer Lordschaft erwarten?«

»Gar nicht. Ich komme, wenn es mir beliebt.«

Er turnte sich mit langen Schritten über den schmalen Landungssteg hinüber und gebrauchte dabei den großen, zugeklappten Regenschirm wie ein Seiltänzer seine Balancirstange.

Als er an dem Derwisch vorüberging und dessen Augen so prüfend auf sich gerichtet sah, spuckte er verächtlich aus und murmelte vor sich hin:

»Ein Derwisch! Fatales Gesicht! Ominöse Physiognomie! Könnte ihm einen Fußtritt geben, dem Kerl!«

Der Kapitain hatte ihm lächelnd nachgeblickt. Der Steuermann kam herbei und fragte, auch lächelnd:

»Spukt die Entführung noch immer?«

»Natürlich! Er sucht nach einem Harem.«

»Wird aber wie überflüssiger Dampf abgepfiffen werden.«

»Gott bewahre! Er schwärmt nur, bis er etwas Anderes findet. Eine Entführung aus dem Harem ist ein Unding. Es fällt ihm gar nicht ein, sich die Finger zu verbrennen; aber er ist einmal so, er muß irgend eine abenteuerliche, unmögliche Idee haben. Für uns ist das nur vortheilhaft, und da er außer seinen Schrullen ein unmäßig reicher und auch seelensguter Herr ist, so bin ich ganz und gern bereit, mit ihm auf unserem kleinen Dinge zehnmal rund um den Erdball herumzudampfen. Für so einen Master wagt man schon Etwas. Es giebt keinen Zweiten!«

Der, von welchem die Rede war, spazierte durch Pera langsamen Schrittes, und ganz vergnüglich Alles beobachtend, was sich seinen Blicken bot. Daher kam es, daß er sich zuweilen umblickte, und da bemerkte er, daß der Derwisch sich stets und genau hinter ihm hielt.

»Was will der Mensch von mir?« fragte er sich. »Werde gleich mit ihm fertig sein!«

Er trat hinter einer Gassenkrümmung in einen Winkel und blieb da stehen. Der Derwisch kam; er hatte den Engländer weit vor sich geglaubt und besaß nicht so viel Selbstbeherrschung, wie nöthig war, seine Ueberraschung zu verbergen.

»Warum läufst Du mir nach, Dummkopf?« schnauzte ihn der Carrirte an, natürlich in englischer Sprache.

Der Derwisch kannte die Bedeutung dieser Worte nicht. Er antwortete türkisch:

»Agnamaz-im (ich verstehe nicht)!«

»Agnamaz? Ja, Matz, fliege fort, sonst helfe ich nach!«

Der Derwisch merkte aus den Geberden des Engländers, daß er vorwärts gehen solle. Aber er wollte ihm doch folgen, nicht vor ihm hergehen. Darum blieb er stehen. Da machte der Carrirte kurzen Prozeß. Er hielt den riesigen Regenschirm vor sich hin und spannte ihn mit solcher Kraft und Schnelligkeit auf, daß die starken Fischbeinstäbe dem Derwisch in das Gesicht schlugen. Das war eine Beleidigung, zumal von einem Europäer; aber der Derwisch kannte die Macht und den Einfluß des englischen Gesandten; er schritt also weiter und rief dem Britten drohend zu:

»Köpek, intikamyny alarim (Hund, ich werde mich rächen)!«

»Was faselt er?« brummte der Lord vergnügt vor sich hin. »Dieses Türkisch ist doch eine dumme Sprache! Man möchte sie erst lernen, ehe man sie versteht. Die englische Sprache habe ich sogleich verstanden, schon als Kind.«

Er ging weiter, in ziemlicher Entfernung hinter dem Derwisch. Dann bog er um eine Ecke und abermals um eine und war nun ziemlich sicher, daß er dem Türken nicht wieder begegnen werde.

Indem er so dahinschritt, hörte er plötzlich Gesang. Die Töne kamen aus einem Hause, an welchem er eben vorüber wollte. Er blieb stehen und horchte. Das war keine türkische Musik, das war vielmehr eine abendländische Melodie! Er bemerkte über der Thür ein Schild und ersah aus der französischen Inschrift derselben, daß er vor einem europäischen Kaffeehause stehe. Er trat ein.

In dem dunklen Hausgange, welcher nicht viel versprach, war es ganz finster. Es gab da links eine Thür, welche er mehr mit der Hand fühlte, als er sie sah.

»Eine hübsche Budike!« brummte er. »Aber vielleicht giebt es ein Abenteuer.«

Er öffnete die Thür und fühlte sich angenehm überrascht, als er in ein geräumiges Zimmer trat, in welchem so viele Lampen brannten, daß es tageshell erleuchtet war. Fenster aber gab es hier nicht, sondern hoch oben an der Decke nur zahlreiche Oeffnungen, durch welche der Tabaksrauch abzog.

Er sah eine große Anzahl von Gästen. Die Einen waren orientalisch gekleidet, die Anderen europäisch. Die Ersteren saßen tief am Boden auf weichen, niedrigen Kissen, rauchten schweigend ihre Tschibuks oder ihre Wasserpfeifen und hatten auf kaum sechs Zoll hohen kleinen Tischchens winzige orientalische Kaffeetassen stehen. Die Letzteren aber hatten an hohen Tischen auf wirklichen Stühlen Platz genommen, tranken den Kaffee aus größeren Tassen und rauchten Cigarren oder Cigarretten.

Das Erscheinen des seltsam gekleideten Engländers erregte ungemeine Aufsehen.

»Müdschüzatly, tschok müdschüzadly (wunderbar, höchst wunderbar)!« murmelten die erstaunten Türken.

Auch die Unterhaltung, welche an den Tischen der Europäer geführt worden war, stockte augenblicklich. Die Aufmerksamkeit Aller richtete sich auf ihn, und über manches Gesicht flog ein munteres Lächeln, wobei Worte wie »Engländer – verrückt – Spleen – Hanswurst« leise von Mund zu Mund herüber- und hinüberflogen.

Ihn aber ließ diese Aufmerksamkeit sehr gleichgiltig. Er steuerte auf den einzigen Tisch zu, an welchem noch ein Sitz zu finden war, und nahm dort gemüthlich Platz, nachdem er den einzigen Herrn, welcher da saß, höflich um Erlaubniß gebeten hatte. Denn der Lord gehörte keineswegs zu jenen Engländern, welche sich über alle Nationalitäten erhaben dünken, alle Rechte nur für sich in Anspruch nehmen und es für eine große Ehre für einen Andern halten, wenn sie ihm einmal ein stolzes Wort gönnen.

Mehrere Negerknaben huschten mit Pfeifen, Tabak, glühenden Kohlen und Kaffee hin und her um die Gäste zu bedienen. Der Lord bestellte sich in französischer Sprache Kaffee und wurde verstanden und augenblicklich bedient. Er nahm das Fernrohr vom Rücken und lehnte es nebst dem Regenschirm an die Wand, streckte behaglich die langen Glieder aus und zog ein gut gefülltes Zigarrenetui aus der Tasche. Dabei warf er einen prüfenden Blick auf sein Gegenüber.

Dieser war ein vielleicht vierundzwanzigjähriger junger Mann von hoher, kräftiger Gestalt und einem wahren Adoniskopfe. Seine Züge waren ernst. Es lag ein Hauch von Weh- oder Schwermuth über sie ausgebreitet, welcher sie noch interessanter machte. Er hatte eine Cigarre zu Ende geraucht, legte den Rest von sich und stand im Begriff, in die Tasche zu greifen. Da streckte ihm der Engländer sein Etui entgegen und sagte:

»Bitte nehmen Sie von mir!«

Der Andere blickte überrascht auf und zögerte. Da langte der Carrirte in die Westentasche, zog ein Kärtchen hervor, gab es ihm und sagte:

»Nun dürfen Sie doch zulangen?«

Auf der Karte stand »Lord Eagle-nest.« Der junge Mann machte eine Bewegung des Erstaunens und schien einen Ausruf auf den Lippen zu haben, unterdrückte ihn aber, nahm eine von den angebotenen Cigarren und holte dann auch seine Karte hervor, um sie zu überreichen.

»Ach, Sie haben auch Karten?« fragte der Lord. »Ich dachte, so weit sei die Civilisation hier noch nicht vorgeschritten!«

»Ich bin kein Türke, wie Euer Lordschaft sehen.«

Auf seiner Karte stand: »Paul Normann, Maler,« und zwar in deutscher Sprache.

»Wie? Ein Deutscher sind Sie?« fragte der Lord im reinsten Hochdeutsch. »So lassen Sie uns deutsch sprechen. Ich habe in Deutschland Verwandte, zwar sehr entfernt, doch führen sie meinen Namen, nicht Eagle-nest natürlich, sondern Adlerhorst. Ich habe jüngst nach ihnen gesucht, aber leider alle Spuren verweht gefunden.«

»Kaum glaublich,« meinte der Andere. »Verwandte eines Lords von England können doch nicht spurlos verschwinden!«

Dabei warf er einen erwartungsvollen Blick herüber.

»Hätte es auch nicht für möglich gehalten. Die Besitzungen waren in anderen Händen, sämmtliche Glieder der Familie verschwunden. Eigentümliche Schicksale, hm! Brennen Sie doch an. Es ist eine Peru, habe sie selbst in Amerika geholt. Habe acht oder neun Tausend bei mir.«

»Hier in Constantinopel?«

»Ja. Bin nämlich auf eigener Yacht hier. Habe mich mit meiner Lieblingscigarre gut versorgen müssen, weil ich nicht weiß, wenn ich wieder nach Hause komme.«

»So haben Sie kein bestimmtes Ziel?«

»Nein. Suche Abenteuer.«

»Die sind leicht und auch schwer zu haben, je nachdem das Glück Einem günstig ist oder nicht.«

»Mir ist es nicht günstig. Da, lesen Sie einmal!«

Er zog das Textbuch hervor, welches er unterwegs eingesteckt hatte. Der Maler las den Titel.

»Eine Mozart'sche Oper,« sagte er. »Ich kenne sie.«

»Ich auch. Aber damit bin ich nicht zufrieden. Ich will nicht nur Publikum sein; ich will selbst entführen.«

»Selbst?« lachte Normann. »Wen denn?«

»Eine Türkin.«

»Ah! Und wo?«

»Hier in Constantinopel.«

»Sie scherzen!«

»Warum sollte ich scherzen? Es ist mein Ernst. Ich bin Mitglied der Trawellerclub in London, in welchem nur der aufgenommen wird, der mindesten eine Reise von fünftausend englischen Meilen gemacht hat. Ich war weit, sehr weit und habe viele Reiseerinnerungen mitgebracht. Jetzt nun will ich eine Türkin mitbringen. Die Oper ist gut; sie hat mir gefallen. Was den Schauspielern möglich ist, das bringe ich auch fertig. Ich entführe Eine, aber schön muß sie sein!«

Normann lächelte still, fast mitleidig vor sich hin. Er faßte die Meinung, daß der Lord an einer fixen Idee laborire, die jedoch für Andere glücklicherweise ganz ungefährlich sei. Ein mit dem Spleen Behafteter nimmt sich Vieles vor, was er nicht ausführt.

»Sie lächeln?« meinte der Engländer. »Sie täuschen sich in mir. Ich fahre seit drei Wochen die Dardanellen und den Bosporus auf und ab, um irgend einen Harem aufzugabeln, in welchen ich mich des Nachts einschleichen könnte.«

»Um den Kopf zu verlieren!« fiel der Maler ein.

»Oho! So schnell geht das nicht! Werde ich dabei erwischt, so bezahle ich das Frauenzimmer. Die Pascha's pflegen sich doch ihre Frauen zu kaufen, können sie also auch wieder verkaufen. Übrigens bin ich Engländer und stehe unter dem Schutze der Königin von Großbritannien und Irland.«

Der Maler schien eine Entgegnung auf der Zunge zu haben, hielt sie aber zurück. Sein schönes, offenes Gesicht nahm einen eigenthümlichen Ausdruck der Spannung an, und wie unter einem plötzlichen Entschlusse sagte er:

»Wenn Sie in Wirklichkeit eine Entführung beabsichtigen, so geht das keineswegs in der Weise, wie Sie es für möglich zu halten scheinen.«

»Wie denn?«

»Hm! Darüber läßt sich nur schwer sprechen.«

»Reden Sie, reden Sie! Sie gefallen mir, und es wäre mir lieb, Ihre Meinung zu hören.«

»Ich meine, daß Sie sich vor allen Dingen mit einem gewandten Manne, welcher die hiesigen Verhältnisse ganz genau kennt, in Verbindung setzen müßten.«

»Ganz recht! Aber ich kenne eben keinen solchen Mann. Ich will eine Entführung, und ich zahle tausend Pfund Sterling, wenn das Abenteuer zu Stande kommt. Sind Sie etwa hier genauer bekannt?«

»Ich bereise bereits seit drei Jahren die Türkei und befinde mich seit neun Monaten hier.«

»Famos, famos! Sagen Sie, hätten Sie vielleicht Lust und Zeit, bei einer Entführung mitzuhelfen?«

»Hm! Unter Umständen, ja.«

»Welche Umstände meinen Sie?«

»Um darüber zu sprechen, müßte ich Sie besser kennen lernen. Man trägt bei so einem gewagten Abenteuer sehr leicht den Kopf zu Markte. Ich bin keineswegs muthlos; ich liebe im Gegentheile die Gefahr und habe sie schon sehr oft aufgesucht, nur zu dem Zweck, meine Kräfte zu üben und zu prüfen – –«

Er wollte fortfahren, aber der Lord fiel ihm in die Rede!

»Kräfte üben und prüfen! Ganz richtig! Ich werde die meinigen auch üben und prüfen, hier in Constantinopel. Man muß da Vieles können: über Mauern springen, Thüren einschlagen, Frauen fortschleppen und so weiter. Hören Sie, Sie sind mein Mann! Geben Sie mir eine Gelegenheit! Sie sollen sich gar nicht dabei betheiligen. Ich führe die ganze Geschichte allein aus. Sind Sie reich?«

»Leider nein!«

»Das freut mich!«

»Mich aber nicht.«

»Verstehen Sie mich recht! Es freut mich, weil es mir möglich macht, Ihnen dankbar sein zu können. Spüren Sie einen Harem auf, in welchem sich eine wirklich schöne Frau, oder ein wirklich schönes Mädchen befindet. Weiter sollen Sie nichts thun. Das Uebrige besorge ich Alles selbst. Aber sehen muß ich das Frauenzimmer erst.«

Der Maler blickte nachdenklich vor sich nieder. Nach einiger Zeit bemerkte er, indem ein überlegenes Lächeln um seine Lippen spielte:

»Sie sind ein Nobelmann, und ich will Ihnen vertrauen. Ich verspreche Ihnen, nachzudenken und nachzuforschen. Sagen Sie mir also, wie lange Sie hier zu bleiben gedenken!«

»Wie lange? Natürlich, bis ich eine Türkin habe!«

»Schön! Und wo kann ich Sie finden?«

»Auf meiner Yacht, welche unten im Hafen von Pera liegt. Sie kennen sie gleich heraus. Sie trägt meinen Namen und mein genaues Portrait.«

»Doch nicht so, wie Sie hier sitzen?«

»Ganz genau so!«

»Ah! Das ist interessant,« lächelte der Maler.

»Ja, ich bin sehr gut getroffen. Was sind Sie, Herr Normann? Landschafter? Portraitist?«

»Portraitist!«

»Das paßt ja herrlich! Wollen Sie mich malen?«

»Hm! Wenn Sie es ernstlich wünschen, ja.«

»Schön! Wir können gleich morgen beginnen. Und da ist es meine Eigenheit, einen Theil des Honorars pränumerando zu bezahlen. Erlauben Sie mir das?«

»Gern allerdings nicht; es liegt das nicht in meiner Gewohnheit.«

»Aber in der meinigen. Erlauben Sie mir also, diese Angelegenheit gleich jetzt in Ordnung zu bringen!«

Er zog aus einer seiner vielen Taschen ein großes, dickes Portefeuille hervor, nahm daraus ein Couvert und klebte es zu, nachdem er Etwas hinein gesteckt hatte. Dann reichte er es dem Maler hinüber. Dieser griff nur zögernd zu, mußte es aber doch nehmen, da der Lord über die Weigerung ernstlich bös werden wollte.

»Also morgen,« sagte der Letztere. »Kommen Sie am Vormittage. Und heute könnten wir – wie gesagt, ich finde Wohlgefallen an Ihnen. Haben Sie jetzt Zeit?«

»Nur wenig mehr. Ich habe eine Sitzung.«

»Also auch Portrait?«

»Ja. Und da Sie in dieser Weise freundlich mit mir sind, so will ich aufrichtig sein. Ich habe eine Dame zu malen.«

»Wie? Was? Etwa eine Türkin?«

»Eine Tscherkessin.«

»Das ist ja ganz egal! Donner und Doria! Ist sie schön?«

»Einzig, sage ich Ihnen, unvergleichlich!«

»Wenn Sie sie malen sollen, so müssen Sie sie doch auch sehen und sprechen!«

»Sehen wohl, aber sprechen darf ich sie nicht.«

»Aber wie kommt es, daß Sie, ein Fremder, ein Ungläubiger, die Frau oder das Mädchen sehen und malen dürfen?«

»Das ist sehr einfach und dennoch hoch interessant. Sie wissen, daß der Sclavenhandel verboten ist? Und dennoch währt er noch heimlich fort. Noch immer kommen die schönsten tscherkessischen Mädchen nach Constantinopel, um da an die Großen des Reiches verkauft zu werden. Da kenne ich nun drüben im tscherkessischen Viertel einen alten, berühmten Mädchenhändler, welcher nur Schönheiten ersten Ranges führt. Kürzlich nun hat er eine junge Tscherkessin erhalten, von einer Schönheit, wie er noch nie eine gehabt hat. Er will sie nur gegen die höchste Summe verkaufen, und darum hat er sie für den Sultan bestimmt. Er hat sich an den Obersten der Eunuchen gewendet und von diesem gehört, daß dies nicht so leicht und schnell zu ermöglichen sei. Der kürzeste und sicherste Weg sei, dem Sultan das Portrait des Mädchens vorzulegen. Da es nun keine muhammedanischen Maler giebt, so ist der Alte gezwungen, sich an einen Europäer zu wenden, und seine Wahl ist auf mich gefallen.«

Der Lord hatte mit der größten Spannung zugehört. Er zappelte förmlich vor Vergnügen. Er fragte:

»Sie hatten also bereits Sitzung mit ihr?«

»Bereits fünf.«

»Und sie ist wirklich so schön?«

»Wunderbar schön!«

»Verteufelt, verteufelt! Wollen wir sie entführen?«

»Sie ist ja in keinem Harem!«

»Kann man sie sehen?«

»Ja. Wer ein Mädchen kaufen will, muß es ja sehen.«

»Und es sind noch Mehrere da?«

»Gegen zwanzig.«

»Verteufelt, verteufelt! Wo wohnt der alte Kerl? Ich gehe augenblicklich hin. Aber ist man gezwungen, zu kaufen?«

»Nein. Man muß natürlich sagen, daß man zu kaufen beabsichtigt. Gefällt Einem Keine, oder ist der Preis zu hoch, so geht man eben wieder fort.« –

»Wollen wir hin? Jetzt gleich?«

»Mit einander nicht. Ich möchte dem Alten nicht wissen lassen, daß ich Ihnen Mittheilungen gemacht habe.«

»Gut, so gehe ich allein hin, und zwar sofort. Sagen Sie mir nur die Adresse!

»Ich führe Sie. Wir nehmen eine Gondel, das ist das Bequemste. Während Sie sich dann die Mädchen ansehen, warte ich in einem nahen Kaffeehause, wohin Sie kommen, um mir zu sagen, wie Sie sich amusirt haben.«

»Schön, schön! Verteufelt, verteufelt! Das ist höchst interessant! Sie haben Recht gehabt. Man muß sich an Einen wenden, welcher die Verhältnisse kennt, dann gehen die Abenteuer auf der Stelle los. Also kommen Sie!«

Sie bezahlten und gingen fort. Als sie aus dem Hause traten, stand der Derwisch, seine zuckerhutähnliche Kopfbedeckung weit im Nacken, wartend in der Nähe.

»Hat er es doch gemerkt, wo ich stecke!« sagte der Lord.

»Wer?«

»Jener Derwisch. Er ist mir heute nachgelaufen, weshalb, das weiß ich nicht!«

»Es ist ein Heulender. Ekelhafte Kaste! Jedenfalls will er Sie anbetteln. Beachten Sie ihn gar nicht.«

Sie gingen an das Wasser hinab und nahmen sich ein zweirudriges Kaik. Zwischen Tophana und Fonduki stiegen sie aus. Der Maler führte den Engländer, der auch hier wieder allgemeines Aufsehen erregte, durch einige Gassen und sagte dann, auf ein Café deutend:

»Da drinnen warte ich. Gehen Sie weiter. Sie treten in die Thür linker Hand und sagen, daß Sie eine Sclavin kaufen wollen. Der Alte heißt Barischa und versteht so viel Französisch, daß Sie mit ihm sprechen können.«

Der Lord folgte dieser Anweisung und verschwand bald hinter der angegebenen Thür. Normann aber setzte sich in das Café, um auf ihn zu warten. Hier öffnete er das Couvert. Es enthielt hundert Pfund, also zweitausend Mark.

»Das ist Gottes Schickung!« dachte der glückliche, junge Mann. »Unsere Kasse war beinahe gesprengt. Ich hätte dem Eunuchen nichts geben können und in Folge dessen auch nicht mehr mit Tschita sprechen können. Dieser Lord ist mir trotz seiner Eigenheiten außerordentlich sympathisch. Ich könnte ihn lieb haben. Was wird Hermann sagen, wenn ich ihm von diesem wunderbaren Zusammentreffen erzähle!«

Es verging über eine halbe Stunde, ehe der Lord kam. Sr hatte den grauschwarzen Hut »auf dem Pfiff« sitzen und die große Brille auf die Stirn hinauf gerückt. Sein Aussehen war dasjenige eines Mannes, welcher aus einer Gesellschaft kommt, wo er sich köstlich amusirt hat. Er setzte sich zu dem Maler und ließ sich Kaffee geben.

»Nun, haben Sie die Schönheiten gesehen?« fragte Normann.

Der Gefragte brannte sich eine Cigarre an und antwortete:

»Na, und ob! Das war ja eine Bildergalerie, und zwar eine lebende! Achtzehn Stück! Eine immer schöner als die Andere. Ich wollte, ich wäre ein Türke! Da hätte ich mir längst eine Frau genommen oder gekauft. Vielleicht hätte ich gar einige Dutzend oder einige Hunderte!«

»Sie sind also nicht vermählt?«

»Nein. Ich war Allen, aber auch Allen zu schön!«

»Ja, die Engländerinnen haben Geschmack!« lachte Normann.

»Hole sie der Teufel! Kann ich für mein Gesicht oder etwa gar für meine Nase? Ich bin häßlich, das weiß ich, aber ich bin steinreich und ein guter Kerl. Das wiegt diese ganze Nase wieder auf. Aber diese Lady's bissen nicht an, und unter den Waschfrauen suchen, das wollte ich nicht. Sc bin ich also unverheirathet geblieben und brauche keine Putzmacherin zu bezahlen. Aber wäre ich ein Türke, so kaufte ich mir die schönsten Weiber, und sie müßten mir den Bart streicheln nach Noten.«

»Welche hat Ihnen am Meisten gefallen?«

»Alle haben mir gefallen. Alle! Und die Preise waren nicht zu hoch. Da gab es eine Georgierin, die war zum Malen; sie sollte einen halben Beutel in Gold kosten, das sind achthundertundvierzig Thaler. Eine Lesghierin, welche schöner war als selbst Kleopatra, kostete fünfzig Beutel in Silber, das sind vierzehnhundert Thaler. Dann gab es eine Schwarze aus dem Sudan, schlank wie eine Tanne und die Gestalt wie aus Ebenholz, zwanzig Beutel in Silber, also fünfhundertundsechzig Thaler.«

»Hat man Ihnen den Namen einer Jeden gesagt?«

»Ja.«

»War Tschita dabei?«

»Nein.«

»So haben Sie die Krone der Schönheiten doch nicht gesehen.«

»Dieser Schurke! Er sagte mir, daß er mir nun Alle gezeigt habe!«

»Er hat bemerkt, daß Sie Keine kaufen, und zwar Tschita am Allerwenigsten.«

»Was heißt Tschita?«

»Blume.«

»Nun, wenn diese noch schöner ist, als die Anderen, so ist es sehr gut, daß er sie mir nicht gezeigt hat; ich würde sonst vielleicht Renegat und träte zum Islam über. Aber das steht fest, daß ich mir Eine von Denen, die ich gesehen habe, entführe. Vielleicht die Schwarze. Als sie mich erblickte, drehte sie die Augen heraus wie eine Schnecke die Hörner und zeigte mir ein Gebiß, mit welchem man Kieselsteine zermalmen kann. Ich scheine also Eindruck auf sie gemacht zu haben. Sie waren überhaupt Alle höchst freundlich mit mir. Sie wurden mir vorgeführt. Eine nach der Andern, und Jede lachte mich an. Also Eine von ihnen wird entführt, das ist gewiß.«

»Ich glaube es nicht.«

»Warum nicht?«

»Ein Mädchen, welches man kaufen kann und welches sich nicht im Harem befindet, entführt man nicht. Eine solche Entführung wäre erstens unnöthig und zweitens kein Wagstück.«

»Das ist freilich wahr. Ich werde mich also bis zu einer anderen Gelegenheit gedulden müssen und verlasse mich da ganz auf Sie. Dennoch aber bin ich Ihnen großen Dank schuldig für die Adresse dieses Händlers. Lassen Sie sich die Tasse wieder füllen!«

»Danke! Ich möchte aufbrechen. Die bestimmte Zeit ist gekommen, und ich muß pünktlich sein.«

»So darf ich Sie nicht halten und werde nun allein nach Pera zurückkehren müssen. Also Sie kommen morgen Vormittag nach meiner Yacht?«

»Ganz gewiß.«

»Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich mich herzlich auf diese Sitzung freue, Leben Sie also wohl; ich bleibe zunächst noch ein Weilchen hier sitzen, bis die Cigarre alle ist.«

Das war gar nicht die Art und Weise eines hohen, englischen Aristokraten. Der Maler fühlte sich von diesem Manne außerordentlich eingenommen; er wäre gern länger bei ihm geblieben, aber mußte, wie er eben gesagt hatte, pünktlich sein.

Das Haus des Sclavenhändlers war, wie die meisten Häuser Stambuls, aus Holz gebaut. Es hatte nach der Straße zu keine Fenster; aber nach dem Hofe zu lagen Gemächer, welche von da aus Licht und auch Luft erhielten.

Der Eingang war unverschlossen. Der Flur war eng und niedrig. Man bemerkte rechts und links eine Thür. Normann klopfte an die Erstere. Es öffnete sich ein Schieber, und eine lange Nase kam zum Vorschein. Nachdem sie sich wieder zurückgezogen hatte, wurde geöffnet.

Diese Nase gehörte in das Gesicht des Eigenthümers dieses Hauses. Er erwiederte den Gruß des Malers mit erzwungener Höflichkeit; der Künstler wurde ja nur geduldet und bezahlt, weil ohne ihm das Portrait nicht fertig geworden wäre.

»Ich habe das Bild wieder angesehen,« sagte der Alte. »Es ist bisher gelungen. Wie lange bringst Du noch zu?«

»Das weiß ich nicht bestimmt. Die Farben trocknen langsam, weil es in Deiner Wohnung zu feucht ist.«

Daß er nur langsam arbeitete, um mit dem Original des Portraits so lange wie möglich beisammen sein zu können, das durfte er natürlich nicht sagen.

»Je schneller Du fertig wirst, desto größer wird das Bakschisch, welche ich Dir außer der Summe gebe, welche wir ausgemacht haben. Gehe nun weiter. Der Schwarze wartet schon auf Dich. Du kommst heute später als sonst.«

Durch eine weitere Thür gelangte Normann in eine zweite, dann in eine dritte Stube und endlich in einen Gang, welcher an der einen Seite des Hofes hinlief. Dort hockte ein dicker Neger auf einem Teppiche. Es war der Verschnittene, welcher den Maler während der Sitzung zu beobachten hatte. Er mußte aufpassen, daß Normann weder ein Wort mit der Tscherkessin sprach, noch gar sie etwa berührte.

Und doch war es Normann gelungen, sich das Herz des Schwarzen zu öffnen, und zwar mit dem Schlüssel des Goldes. Er hatte ihm begreiflich gemacht, daß Tschita sprechen müsse, damit er ihr Gesicht in den verschiedenen Bewegungen studiren könne. Der Verschnittene hatte sich anfangs geweigert, dann aber endlich seine Zustimmung unter mehreren Bedingungen gegeben. Er verlangte nämlich für jede Sitzung fünfzig Piaster, also zehn Mark Trinkgeld, sodann durfte sein Herr nichts erfahren, und endlich durften die gesprochenen Worte nichts Verfängliches an sich haben. Normann war auf diese Bedingungen eingegangen, indem er hoffte, daß der Schwarze nach und nach sich weniger streng zeigen werde.

Als er jetzt in den Gang trat, erhob sich der Wächter langsam und unter einem schmerzlichen Stöhnen von seinem Sitze und erwiederte den Gruß des jungen Mannes mit einem freundschaftlichen Zähnefletschen.

»Was ist Dir? Hast Du Schmerz?« fragte Normann.

»Frage nicht hier, sondern komme herein,« antwortete der Eunuche. »Der Herr könnte lauschen.«

Er öffnete eine Thür, und sie traten in einen hellen, freundlichen Raum, dessen blau bemalte Wände mit goldenen Sprüchen aus dem Koran verziert waren. An der einen Wand stand eine rothe Ottomane, und ihr gegenüber die Staffelei mit dem Bilde, welches von einem ganz feinen Shawl verhüllt war.

»Jetzt können wir sprechen,« sagte der Schwarze. »Was würdest Du thun mit einem Manne, welcher Dich schlägt?«

»Ich würde ihn zum Zweikampf fordern und ihn tödten.«

»Das kann ich nicht. Ich bin sein Sclave; er hat mich gekauft; ich darf nicht mit ihm kämpfen und darf ihn auch nicht tödten.«

»So bist Du geschlagen worden?«

»Ja.«

»Von Barischa, Deinem Herrn?«

»Von ihm. Von einem Anderen würde ich mich doch nicht schlagen lassen.«

»Weshalb hat er es gethan?«

»Weil ich einen Mann eingelassen habe, den ich nicht hätte einlassen sollen. Er war ein Engländer und trug fränkische Kleider mit lauter Vierecken. Er hatte einen Regenschirm und ein Buch in der Hand und trug ein ledernes Flintenrohr auf dem Rücken.«

»Warum solltest Du ihn nicht einlassen?«

»Ich soll überhaupt keinen Franken einlassen, weil ein Franke sich keine Frau kauft. Aber da noch keiner Einlaß begehrt hat, seit ich hier bin, so wußte ich es nicht. Vorhin war der viereckig Gefleckte hier. Mein Herr war freundlich mit ihm, weil die Engländer mächtig sind, aber zornig auf mich. Als der Fremde fort war, ergriff er die Peitsche, und ich mußte mich auf den Bauch legen. Ich erhielt so viel Hiebe, daß mir das Fleisch aufgesprungen ist.«

»Das bedaure ich sehr. Ich werde Dir morgen eine Salbe mitbringen, welche Deine Wunden heilt und Deine Schmerzen lindert.«

»Thue das! Ich werde Dir es danken. Ich darf den Herrn nicht wieder schlagen, aber ich werde mich an ihm rächen.«

»Nimm Dich nur in Acht! Du könntest Dir abermalige Schläge zuziehen.«

»Ich werde es sehr klug anfangen, und Du sollst mir helfen bei dieser Rache.«

»Ich? Wieso?«

Der Schwarze war wirklich zornig. Seine quiekende Stimme, die ja alle Verschnittene haben, war zu einem halblauten, zornigen Knirschen herabgesunken. Er antwortete:

»Du hast mir immer fünfzig Piaster gegeben, um mit Tschita sprechen zu dürfen. Ich habe Dir erlaubt, nur Worte zu reden, welche keine Gefahr haben. Ich will mich an dem Herrn rächen, indem ich Dir noch mehr erlaube. Ist Dir das recht oder nicht?«

Dem Maler hüpfte das Herz vor Entzücken. Er hatte mit Tschita kein Wort über sich selbst oder sie selbst, über ihre oder seine Verhältnisse sprechen dürfen. Der Schwarze hatte Beider Blicke und Mienen bewacht, wie der Teufel eine Seele, die man ihm entreißen will, bewachen würde. Normann wußte von dem herrlichen Wesen nichts, gar nichts. Er wußte nur, daß er die Unvergleichliche liebe und daß er sein Leben geben würde, wenn das sie glücklich machen könne. Darum antwortete er schnell:

»Ich will Dein Verbündeter sein.«

»Du willst also mit ihr sprechen, wie ein Bruder mit seiner Schwester spricht?«

»Ja.«

»O, Du sollst sogar mit ihr reden, als ob sie Deine Geliebte sei! Willst Du?«

»Ich weiß nicht, ob sie das dulden würde.«

»O, sie duldet es. Ich weiß, daß sie an Dich denkt und daß sie Dein Kommen mit großer Sehnsucht erwartet. Aber sage mir auch, ob Du Geld bei Dir hast!«

»Ich habe welches.«

»Wenn Du mir hundert Piaster giebst, anstatt fünfzig, so sollst Du sie auch berühren dürfen.«

»Ist das Dein Ernst?«

»Es ist mein Ernst und meine Rache. Du sollst bei ihr auf dem Divan sitzen und ihre Hände in den Deinigen haben. Du sollst sie küssen dürfen und mit ihr sprechen von Allem, was Du willst.«

»Und wenn Dein Herr uns überrascht?«

»Das kann er nicht. Ich werde hier an der Thür stehen und Wache halten. Ich werde nicht sehen, was Ihr thut, denn ich werde Euch meinen Rücken zeigen. Wenn der Großherr sich diese schöne Sultana kauft, so soll sie vorher von einem Ungläubigen umarmt und geküßt worden sein. Das ist meine Rache an dem Herrn. Bist Du nun auch einverstanden?«

»So gieb mir hundert Piaster!«

Das waren zwanzig Mark. Normann hätte mehr, viel mehr gegeben; er hätte Alles, was ihm gehörte, hingegeben für die Erlaubniß, die er jetzt gegen eine so geringe Summe erhielt. Er nahm das Goldstück aus der Tasche und gab es dem Schwarzen. Dieser betrachtete es mit gierigen Augen, steckte es ein und sagte dann:

»Ich danke Dir! Nun werde ich Tschita holen.«

Er ging und Normann trat an die Staffelei. Seine Hand zitterte, als er die Hülle von der Arbeit nahm.

Und es war ein Meisterstück, welches ihm hier entgegenblickte, ein Meisterstück der Schöpfung und zugleich ein Meisterstück des Künstlers. Er hatte mit einem liebeglühenden Herzen gearbeitet. Als sein Auge jetzt den herrlichen Kopf betrachtete, konnte er nicht anders, er bog sich auf die Leinwand und küßte den Mund, der doch nur sein eigenes Werk war. Und grad' als er mit seinen Lippen das Gemälde berührte, erklang eine wunderliebliche, wohltönende Stimme:

»Allah grüße Dich!«

Er fuhr zurück, und sein schönes Gesicht erglühte in flammender Röthe. Dort an der Thür stand der Schwarze mit grinsendem Gesicht, und in der Mitte des Zimmers Tschita, die ganze Gestalt und selbst den Kopf in den weiten, weißen Schleiermantel gehüllt, welcher nur eine Oeffnung für ein Auge hatte.

Der weiche Teppich hatte ihre Schritte gedämpft, und Beide hatten den Kuß gesehen; das war sicher. Doch faßte sich der Maler und erwiderte den Gruß möglichst unbefangen. Tschita trat zur Ottomane und legte den Schleier und die übrigen Hüllen ab. Dann entfesselte sie das Haar, drehte sich zu ihm um und fragte:

»Ist es nun so richtig?«

So hatte sie stets gefragt mit genau denselben Worten, und doch war es heut' ganz, ganz anders. Auf ihrem feenhaft schönen Gesichte lag die Scham wie holde Morgenröthe, und in ihrer Stimme fibrirte der Kuß, den sie absichtslos beobachtet hatte.

Er nickte bejahend und wandte sich zu seinen Farben, um während dieser Zeit seine Selbstbeherrschung wieder zu erlangen. Als er sich dann ihr wieder zuwendete, hatte sie auf der Ottomane Platz genommen.

Sie war nur ganz leicht bekleidet. Das Portrait hatte ja den Zweck, ihre Schönheit zur möglichsten Geltung zu bringen. Sie trug Hosen von feinster gelber Seide und ein kurzes Jäckchen von demselben Stoffe, aber in tief rosaner Färbung. Dieses Jäckchen, halb geöffnet, ließ das schneeweiße Hemd aus dem zartesten Gewebe von Messulan glänzend hervortreten. Die Aermel waren aufgeschnitten und hingen weit herab, so daß die Plastik der alabasternen Arme bis hinter den Ellbogen zu bewundern war. Das kleine, nackte Füßchen stak in blauseidenen Pantöffelchen, welche einem sechsjährigen Kinde anzugehören schienen.

Das Herrlichste aber war der Kopf dieses entzückenden Wesens. Tschita war blond, und zwar von jenem seltenen Aschblond, über dessen dunkleren Ton der Glanz des Silbers zittert. Ein solches Gesicht mit Worten zu beschreiben, ist eben eine Unmöglichkeit. Ihre großen Augen waren von der tiefen, gesättigten Bläue eines sternhellen Septemberabend, und dennoch war es, als ob hinter diesem Blau eine glühende Sonne strahlte. Sie hatte Brauen und Wimpern nicht mit Khol gefärbt, wie es orientalische Sitte ist. Sie fühlte instinktartig, daß jede künstliche Zuthat ihr nur Eintrag thun könne. Das fleischige Blüthenweiß ihrer Wangen war von jenem Roth überhaucht, welches man beobachtet, wenn hinter den Schneefeldern Norwegens das Nordlicht um den Pol aufflammt. Es lag über dem Gesichtchen eine ganze Fülle von Unschuld und reiner, unbewußter Jungfräulichkeit, und dazu kam ein rührender Anflug von Kümmerniß und Seelenleid, welcher die weichen, kindlichen Züge in bestimmtere Conturen bog. Und von diesem Engelsköpfchen wallte eine fast nicht zu bändigende Fülle des reichen Haares in natürlichen, neckischen Wellen herab, so daß die kleinen, weißen Händchen nur immer zu thun hatten, um eine völlige Umhüllung des ganzen, unaussprechlich reizenden Wesens zu vermeiden.

Auf all' diese Pracht und Herrlichkeit glotzten die Augen des Negers mit einer thierischen Gleichgültigkeit, während Normann seine ganze Beherrschung anstrengen mußte, um wenigstens scheinbar ruhig zu bleiben.

Er hatte Pinsel und Palette in die Hände genommen.

»Willst Du nicht den Kopf Etwas tiefer senken!« bat er, um doch Etwas zu sagen.«

»So?« fragte sie, ihm gehorchend.

»Noch ein Wenig.«

»Wie jetzt?«

»Das ist zu viel. Warte!«

Er legte Pinsel und Palette wieder fort und trat zu ihr, um ihr die Hand leise an die zarten Schläfe zu legen und so dem Köpfchen die gewünschte Lage zu geben. Da aber fuhr dieses Köpfchen hoch empor. Aus ihren Augen blickte der helle Schreck, und mit vor Angst stockendem Tone fragte sie:

»Allah il Allah! Willst Du sterben?«

»Nein, nicht sterben,« antwortete er.

»Du mußt ja sterben; Du berührst mich ja!«

»Willst Du denn, daß ich da sterbe?«

»Nein, o nein! Aber wenn es der Herr erfährt!«

»Niemand wird es ihm sagen.«

»Hier Ali auch nicht?«

»Er wird schweigen.«

Da floh die Angst aus ihren Zügen; ihr Auge begann zu leuchten, und mit einem erwartungsvollen Tone fragte sie:

»Hast Du mit ihm gesprochen?«

»Ja. Siehst Du nicht, daß er sich abgewendet hat? Er mag nichts hören und nichts sehen.«

»Allah segne ihn, den Guten, den Barmherzigen!«

»So hast Du es gern, wenn ich mit Dir spreche?«

»O, so gern,« antwortete sie. »Ich denke an Dich am Tage, und ich träume von Dir des Nachts. Dann bist Du ein reicher Pascha und kommst, mich zu kaufen.«

Da knieete er vor ihr nieder, nahm ihre Hände in die seinigen und fragte in jenem Tone unendlicher Zärtlichkeit, dessen die menschliche Stimme nur ein einziges Mal im Leben fähig zu sein scheint:

»Würdest Du denn gern mit mir gehen, wenn ich Dich kaufte?«

»Ueber alle, alle Maßen gern. Der Herr sagt mir immer, daß der Sultan mich kaufen werde, daß ich da kostbare Gewänder und herrliches Geschmeide tragen und über seinen Harem herrschen und mit ihm über die ganze Erde regieren werde. Aber ich will nicht zum Sultan, nicht zum Padischa, nicht zum Grobherrn. Du, Du, nur Du allein sollst mich kaufen, und da mag ich kein Geschmeide, sondern nur Dein Lächeln, und da mag ich auch nicht herrschen, sondern ich will Dich lieben und Dir dienen all' mein Leben lang. Aber kannst Du mich kaufen? Der Herr will viel, sehr viel für mich haben. Bist Du reich?«

»Nein,« gestand er traurig. »Ich bin arm.«

»Und doch bin ich lieber bei Dir. Ich mag zu keinem Anderen. Lieber möchte ich sterben!«

Und sich zu seinem Ohre niederbeugend, flüsterte sie ganz leise, so daß der Neger es nicht hören konnte:

»Entführe mich.«

»Ja, ich thue es,« flüsterte er zurück.

»Aber es kann Dein und mein Leben kosten!«

»Ich gebe es gern hin für Dich.«

Sie sagte darauf kein Wort, aber sie nahm seinen Kopf in ihre kleinen Händchen und sah ihm in die Augen mit einem Blick voll Wonne und Entzücken, in welchem ihre ganze Seele zu ihm überflog.

Da erhob er sich von den Knieen, setzte sich neben sie, ergriff abermals ihre Händchen und sagte:

»Tschita, Du bist mein Leben; Du bist mir lieber als Himmel und Erde, als Alles, was es giebt. Bin ich Dir denn wirklich lieber als der Padischa?«

»Tausendmal lieber!«

»So wird Allah helfen, das glaube mir!«

Sie blickte mit leuchtenden Augen zu ihm auf. Er bog sich nieder und legte seinen Mund aus ihre Lippen. Sie hatte ganz gewiß noch niemals geküßt; das fühlte er, aber sie ließ ihm den Mund, und als er ihn ihr endlich wieder frei gab, flüsterte sie leise, ihr schönes Köpfchen an seine Brust legend:

»So muß es im Himmel bei den Seligen sein. O, wie lieb, wie lieb habe ich Dich! Könnte ich doch stets, so wie jetzt, an Deinem Herzen liegen!«

»Das sollst Du!«

Und leise setzte er hinzu:

»Ich hole Dich ganz sicher; ich entführe Dich.«

»Und meine Mutter mit?« fragte sie. »Ohne diese würde ich nicht gehen, obgleich ich ohne Dich sterben möchte.«

Er drückte sie an sich und fragte nun wieder laut:

»Du hast eine Mutter?«

»Ja. Sie kann ohne mich nicht sein, denn man hat ihr die Zunge herausgerissen und die Hände abgehackt.«

Er schauderte zusammen und starrte sie voller Entsetzen an.

»Ist das wahr?« fragte er.

»Ach ja!«

»Wer hat das gethan?«

»Ich weiß es nicht; ich war damals noch so klein, daß sie mich auf dm Armen tragen mußte. Man wollte mich oft von ihr trennen, aber man that es doch nicht, weil man fürchtete, daß ich vor Sehnsucht sterben werde. Und auch jetzt gehe ich nicht von ihr; lieber tödte ich mich. Wer mich kauft, der muß auch sie kaufen.«

»Hast Du keinen Vater?«

»Nein, keinen Menschen auf der Erde als nur die Mutter.«

Es überkam ihn eine unendliche, mit Mitleid gepaarte Zärtlichkeit. Er schlang beide Arme um sie und sagte:

»Deine Mutter soll stets bei Dir bleiben, und – – –«

Da drehte sich der Eunuche zu ihnen um und sagte:

»Schnell fort von einander! Der Herr kommt!«

Im Nu stand Normann mit dem gleichgiltigsten Gesicht vor der Staffelei und strich die erste beste Farbe auf. Und da trat auch schon Barischa ein.

Er sagte in rücksichtslosem Tone zu dem Maler:

»Du kannst jetzt gehen. Komm morgen wieder!«

Norman drehte sich langsam zu ihm um und antwortete:

»Ich bin für heute noch nicht fertig.«

»Dafür kann ich nicht. Es ist Einer da, der Tschita sehen und sprechen will. Vielleicht wird sie von Einem gekauft, der gerade so viel bezahlt wie der Sultan.«

Er wendete sich zu dem Mädchen, musterte sie mit dem Blicke eines Kenners und sagte:

»Gerade so, wie Du jetzt bist, soll er Dich sehen. Ich werde ihn hierher führen. Also, Franke, komm morgen wieder. Ali mag Dich hinaus führen.«

Normann folgte dieser Weisung, um keinen Verdacht zu erwecken, möglichst schnell. Er warf nicht einmal der Geliebten noch einen Blick zu. Er verhing das Portrait und ging. Draußen in dem vorderen Raume stand der Wartende. Zum Erstaunen des Malers war es jener Derwisch, auf welchen ihn der Lord aufmerksam gemacht hatte.

Welche Absichten hatte dieser Mensch? Sollte er sich doch mit mehr als nur mit Betteln abgeben? Normann fühlte plötzlich eine Beklemmung, über welche er sich keine genügende Rechenschaft zu geben vermochte.

Er ging nach dem Landungsplatze und nahm sich ein Kaik, um sich nach Pera rudern zu lassen. Er hatte sich in einer der höheren Straßen dieses Stadttheiles eingemiethet, besaß aber seine Wohnung nicht allein, sondern er theilte dieselbe mit einem Freunde, welcher bei seinem Eintritte in Gedanken versunken am Fenster stand.

Dieser Freund war nicht so hoch und stark gebaut, wie der Maler. Blonden Haares und von hellem, fast mädchenhaft zartem Teint, konnte er nichts Anderes als ein Nordländer sein. Seine Züge hatten etwas ausgesprochen Aristokratisches, und als er sich jetzt umwandte, zeigte seine Bewegung jene anmuthige Gewandtheit, welche kaum anzuerziehen ist, wenn sie nicht angeboren wurde.

»Schon zurück?« meinte er. »Ich glaubte noch nicht, Dich erwarten zu dürfen.«

»Die Sitzung wurde leider unterbrochen, gerade als sie am interessantesten war.«

Der Andere blickte schnell auf und fixirte den Maler scharf. Dann sagte er im Tone der Spannung:

»Interessant! Du hast mit ihr gesprochen?«

»Ja.«

»Sie liebt Dich?«

»Ja, Hermann. Ich glaube, ich bin ein glücklicher Mensch, wenn Gott es zum Guten fügt.«

Da gab ihm der Freund die Hand und sagte herzlich:

»Ich gönne es Dir und gratulire.«

»Wie? Ich denke, Du bist ganz gegen diese romanhafte Schrulle, wie Du es nanntest?«

»Hm,« brummte Hermann verlegen, »ja, vom Standpunkte oder vielmehr von vielen Standpunkten aus muß ich dagegen sein. So ein Mädchen besitzt keine Bildung, keine Kenntnisse, kurz, gar nichts; freien kann man es nicht, kaufen will man es nicht, also – und so weiter. Es ist auf alle Fälle eine Dummheit. Und dennoch bin ich seit vorgestern nachsichtiger geworden.«

»Und wohl mit Grund?«

»Darf man diesen Grund erfahren?«

»Wenn Du mir versprichst, mich nicht auszulachen.«

»Natürlich verspreche ich es. Du pflegst Dich nicht mit Lächerlichkeiten abzugeben.«

»Hier aber doch wohl,« sagte Hermann, indem sein sonst sehr ernstes Gesicht einen schalkhaft verlegenen Ausdruck annahm. »Was würdest Du dazu sagen, wenn auch mir zwei Augen durch den Gesichtsschleier hindurch es angethan hätten?«

»Das kommt bei Dir nicht vor.«

»Nicht? Willst Du vielleicht die Güte haben, einmal nachzusehen, was hier auf dem Sopha liegt!«

Normann trat zu dem genannten Möbel und prüfte die Kleidungsstücke, welche auf demselben lagen.

»Was soll das?« fragte er. »Das ist ja ein vollständiger Straßenanzug für eine türkische Frau!«

»Allerdings. Ich werde ihn nachher anlegen, um damit auf die Straße zu gehen.«

»Bist Du toll, Hermann!«

»Nein. Ich gehe zu einem Stelldichein.«

»Mit einer Dame?«

»Ja.«

»Dann fällt geradezu der Himmel ein! Du hast noch nie das geringste Interesse für irgend eine Dame gehabt, obgleich es Dir oftmals nahe gelegt worden ist. Und hier, in Stambul, fängst Du an, Allotria zu treiben?«

»Vielleicht ist es nur Allotria, vielleicht aber dringt es auch tiefer. Und das ist sehr schnell, ganz überraschend schnell gekommen. Ich kenne mich selbst nicht mehr.«

»Darf man erfahren, um was oder wen es sich handelt? Natürlich ist es auf alle Fälle ein Mädchen?«

»Das weiß ich nicht. Es kann auch eine Frau sein.«

»Bist Du des Teufels!«

»Höre mich an! Ich habe nie gewußt, welch dummes, unüberlegtes, eigenwilliges Ding das Menschenherz ist. Jetzt traue ich mir selbst nicht mehr, denn ich habe meine bisherige Gewalt über das Herz vollständig verloren. Komm, ich will Dir erzählen. Brenne Dir – – ah. Du rauchst schon! Und zwar was für eine Sorte! Das ist ja etwas ganz und gar Hochfeines. Wo giebt es die?«

»Es ist geschenkte Waare.«

»Von wem?«

»Von Deinem Cousin,« antwortete der Maler, indem er den Freund von der Seite her beobachtete.

»Cousin? Sprich deutlicher!«

»Schön! Also ohne alle Einleitung: Ich habe heute Lord Eagle-nest getroffen.«

Da sprang Hermann von dem Stuhle, auf den er sich gesetzt hatte, wieder auf und rief:

»Willst Du mich etwa prüfen?«

»Nein. Höre, lieber Freund.«

Er erzählte ihm auf das Ausführlichste seine Begegnung mit dem seltsamen Engländer. Hermann ging dabei außerordentlich erregt im Zimmer auf und ab und fragte, als der Freund geendet hatte:

»Du hast doch nicht gesagt, daß ich ein Adlerhorst bin?«

»Von Dir ist gar nicht die Rede gewesen. Ich reise mit Dir, um jenen fürchterlichen Menschen zu entdecken, dessen Spur nach der Türkei führt, und dabei vielleicht die verlorenen Deinigen wiederzufinden; aber von unseren Geheimnissen sprechen, das thue ich nicht.«

»Gott sei Dank! Ja, dieser letzte Sproß des englischen Zweiges unseres Stammes soll ein gar wunderlicher Heiliger sein. Also er will partout eine Entführung haben?«

»Ja.«

»Lächerlich und unbegreiflich, wenn er nicht ein Engländer wäre! Hoffentlich ist es nur eine Schrulle?«

»Es ist ihm im Gegentheile sehr ernst, und vielleicht kann ich ihm den Willen thun. Es ist möglich, daß ich ihm in meiner Angelegenheit mit Tschita eine Rolle spielen lasse, natürlich aber, ohne ihn in Gefahr zu bringen. Doch, warten wir das ab, und beschäftigen wir uns lieber mit Deiner Herzensangelegenheit!«

»Bei welcher aber Du eine Rolle zu spielen hast, und zwar noch heute.«

»Gern. Ertheile mir nur die nöthige Instruction.«

»Du sollst unser Stelldichein bewachen.«

»Ganz gern; aber ich hoffe, daß sie ein solches Wagniß auch werth ist.«

»Ich möchte es wünschen. Also höre!«

Er setzte sich nun wieder nieder, steckte sich eine Cigarrette an und erzählte:

»Du weißt, daß das Thal der süßen Wasser ein bevorzugter Ausflugs- und Belustigungsort der hiesigen Bevölkerung ist. Vorzüglich gern wird er von Frauen besucht, welche auf den bekannten verhüllten Ochsenwagen hinausfahren, um sich einmal ohne Zwang im Freien zu bewegen. Kürzlich warst Du beschäftigt, und ich wußte nichts Besseres, als dieses Thal einmal zu besuchen. Ich durchstreifte es nach allen Richtungen und kam dabei in ein Platanenwäldchen, in welchem ich von lauten, lustigen Frauenstimmen und fröhlichem Gelächter überrascht wurde. Ich hätte mich zurückziehen sollen, aber ich will aufrichtig gestehen, daß die Neugierde siegte.

*

2

Ich wollte einmal muhamedanische Damen beobachten. Ich schlich mich also vorsichtig näher, von Baum zu Baum und erblickte endlich einen offenen Tummelplatz, welcher von weiblichen Gestalten belebt war. Die Damen hatten die verunzierenden, sackförmigen Oberhüllen abgelegt und bewegten sich in den leichten Hausgewändern, welche die Schönheit der Formen so gut hervortreten lassen.«

»Hm! Wie bei Tschita.«

»Na, gut! Bald hing mein Auge nur noch an Einer. Ich sage Dir – doch, ich kann eben nichts sagen; kurz und gut, sie war ein herrliches Wesen, voller Anmuth und Zierlichkeit, und doch eine Juno von Plastik und Körperfülle. Besonders fielen mir die kleinen Füßchen auf und das weiße, köstliche Händchen, an welchem ein Solitär blitzte, wie ich genau sah, als sie mir einmal näher kam, ohne zu ahnen, daß ein Franke hinter dem starken Baumstamme verborgen sei. Ich war so enthusiasmirt, daß ich das Versteck erst verließ, als sie aufbrachen und zu den Wagen gingen, welche am Rande des Haines gewartet hatten. Ich mußte einen Umweg einschlagen, holte aber dann doch die Wagen ein. Als ich an ihnen vorüberging, wurde das Gespann derselben scheu. Der Führer wurde niedergerissen, und die beiden dummen Thiere rannten mit dem Wagen davon, ich natürlich hinterher. Die Insassinnen schrieen natürlich aus Leibeskräften um Hilfe. Es gelang mir, das eine Thier zu fassen. Ich bin nicht von herkulischen Gliedern, aber Du weißt, daß ich eine Muskelstärke besitze, welche man mir nicht zutraut. Ich brachte die Ochsen zum Stehen. Die Gardinen des Wagens hatten sich gelüftet, so daß also Retter und Gerettete sich gegenseitig erblicken konnten. Ich grüßte und wollte mich entfernen; da aber streckte die Eine der Verhüllten ein feines, weißes, köstliches Händchen aus dem Mantel mir entgegen, und eine süße Stimme sagte:

»Du bist ein Franke; nimm meinen Dank nach der Sitte Deiner Heimath!«

An diesem Händchen blitzte der Solitär. Ich küßte es ein – zwei – drei – erst beim dritten Male entzog sie es mir unter dem leisen Kichern der Andern. Später trennten sich die Wagen in der Stadt. Ich hatte nicht auffällig beobachten wollen, wurde also irre und konnte die Wohnung der Betreffenden nicht erspähen.«

»Jammerschade!«

»Vorgestern nun war ich im Bazar der Musselinhändler. Ich kaufte mir eine Kleinigkeit. Da trat eine Verhüllte herein, um sich Proben vorlegen zu lassen. Das war ganz dieselbe Stimme und auch ganz dasselbe Händchen mit dem Diamantringe. Natürlich konnte ich nicht mit ihr sprechen. Gestern kam ich, da ich sie im Gewühl verloren hatte, auf den Gedanken, wieder nach dem Bazar zu gehen. Kaum war ich eingetreten, so kam auch sie.«

»Ah! Sie interessirt sich also für Dich!«

»Ich empfand eine Freude, eine Wonne, ein Glück, wie ich es Dir gar nicht beschreiben kann. Ich habe die Seligkeit eines solchen Gefühls gar nicht für möglich gehalten. Das Herz besitzt wirklich Tiefen, welche man selbst noch gar nicht kennt. Dir wird es mit Tschita ganz ebenso ergangen sein?«

»Natürlich. Eine Schilderung ist da nicht nur überflüssig, sondern gradezu ein Unsinn. Worte können eben an die Göttlichkeit der Liebe unmöglich reichen. Aber, bitte, weiter! Ich bin ganz außerordentlich gespannt. Hast Du diesesmal mit ihr gesprochen?«

»Ja. Freilich kostete es mich eine nicht ganz unbedeutende Ausgabe, um den Kaufmann für einige Augenblicke bis in den letzten Winkel seines Locales zu entfernen. Da wir Beide jetzt Gütergemeinschaft haben, so befürchte ich, daß Du über diese Ausgabe zornig sein wirst.«

»Fällt mir nicht ein. Ich habe Dir ja gesagt, welche Summe ich von dem Lord erhielt. Weiter!«

»Du bist die Rose vom Thale der süßen Wasser?« flüsterte ich ihr leise zu.

»Nein,« antwortete sie.

»O doch!«

»Nein, nein!«

»Laß mich auf einen Augenblick Dein Antlitz sehen!«

»Du bist kühn, Fremdling!«

»Ich kam nur Deinetwegen hierher. Eine Ahnung sagte mir, daß auch Du kommen werdest. Ich werde Dir heute folgen, um zu sehen, wo Du wohnst.«

»Um Allah's willen, thue das nicht.«

»Ich werde es unterlassen, wenn Du wiederkommen willst.«

»Ich komme.«

»Dürfte ich doch einmal mit Dir sprechen! Sei barmherzig. Meine Seele schmachtet nach Dir!«

In diesem Augenblicke kam der Kaufmann wieder herbei. Wir hatten unsere Worte ganz leise und in fliegender Eile gewechselt, und doch war die Zeit zu kurz gewesen. Ich hatte keine bestimmte Antwort erhalten. Ich konnte nicht bleiben, ich mußte bezahlen und gehen. Draußen aber beim Nachbar blieb ich stehen, mir scheinbar die ausgelegten Waaren betrachtend. Da trat auch sie heraus. Sie erblickte mich und ging nun ganz hart an mir vorüber.«

»Komme nicht nach!« flüsterte sie mir dabei zu.

Jetzt mußte ich hinter ihr her, und im Vorübergehen raunte ich ihr zu:

»Wenn Du mir morgen sagst, wo ich Dich treffen kann!«

Und als ich dann stehen blieb und sie an mir vorüber ließ, antwortete sie:

»Ich werde es Dir sagen.«

Also hielt ich Wort und folgte ihr nicht. Natürlich war ich außerordentlich gespannt, ob nun auch sie Wort halten werde, und wirklich, sie kam. Aber der Kaufmann hatte Lunte gerochen, er gab uns keine Gelegenheit, ein Wort zu sprechen. Sie aber hatte sich darauf vorbereitet. Sie ließ so, daß ich es sehen mußte, einen Zettel fallen. Natürlich entfiel mir nun mein Taschentuch, und ich hob Beides auf.«

»Was enthielt der Zettel?«

»Hier ist er. Lies!«

Hermann schob dem Freunde den Zettel hin. Darauf stand in lateinischen Lettern aber türkischer Sprache:

»Hermann Wallert Effendi. Komm heute um zehn Uhr nach dem großen Begräbnißplatz zwischen Mewlewi Hane und Topdschiler Keui. Ich bin in der Ecke nach Nordwest unter dem Epheu.«

»Was! Sie kennt Deinen Namen? Das heißt den Namen, den Du hier führst?«

»Nicht wahr, räthselhaft?«

»Aeußerst. Doch das wird sich aufklären. Um zehn Uhr ist nach türkischer Zeitrechnung zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Du willst in Frauenkleidern gehen?

»Nein. Eine Frau allein, über den Meeresarm setzen und dann den weiten Weg bis zum Begräbnißplatze, das würde auffallen. Wir besuchen einfach den Kirchhof und nehmen aber den Anzug mit. Geht es ohne Gefahr, so bleibe ich in dieser meiner Kleidung; ist es aber gerathener, so ziehe ich dort den Frauenanzug an. Der Begräbnißplatz gleicht einem Walde. Da giebt es allemal eine verborgene Ecke, um sich dort unbemerkt umkleiden zu können.«

»Auf alle Fälle halte ich Wache. Wenn wir jetzt aufbrechen, kommen wir grad' kurz vor der angegebenen Zeit hin. Denkst Du nicht?«

»Ja. Rollen wir also den dünnen Anzug wie ein Plaid zusammen; dann läßt er sich ganz unauffällig an einem Riemen tragen.«

Bereits nach eigen Minuten saßen sie in einem Kaik, um sich über das goldene Horn setzen zu lassen.

Diese Kaiks sind lange, schmale, sehr leicht und schnell rudrige Boote, in denen man meist nur nach orientalischer Gewohnheit, das heißt mit untergeschlagenen Beinen sitzen kann. Der Kahn, welchen die beiden Freunde nahmen, war für mehrere Personen eingerichtet und zufälliger Weise der einzige, den es hier an dieser Stelle des Ufers gab.

Eben tauchten die beiden Kaiktschi, wie die Ruderer genannt werden, ihre Ruder in das Wasser, um vom Lande zu stoßen, als ein Mann mit beschleunigten Schritten sich näherte. Er winkte, zu warten. Als er die Landestelle erreicht hatte, fragte er:

»Meine Herren, würden Sie mir wohl gestatten, mit einzusteigen? Ich wünsche, überzufahren, und dies ist nur der einzige Kaik, den ich in diesem Augenblick hier sehe.«

Er trug einen vollständig türkischen Anzug. Darum wunderten sich die Beiden beinahe, daß er seine Bitte im reinsten Französisch ausgesprochen hatte. Seine hohe, breitschulterige Gestalt ließ auf eine große Körperkraft schließen. Sein Anzug war mit echten Borden verziert, und aus seinem Gürtel sahen die goldbesetzten Kolben zweier Pistolen und der mit edlen Steinen ausgelegte Griff eines Messers. Er schien also reich zu sein. Man konnte ihn auf vielleicht dreißig Jahre schätzen. Sein Gesicht war bleich, aber nicht von einer krankhaften Farblosigkeit. In den großen, dunklen Augen lag Geist und Leben, und ein starker, sehr gut gepflegter Schnurrbart gab ihm ein kriegerisches Aussehen. Der Fremde konnte als ein seltenes Beispiel männlicher Schönheit gelten. Er trug keine Handschuhe, und so sah man am kleinen Finger seiner rechten Hand einen Solitär von bedeutender Größe glänzen. Dieser Diamant allein repräsentirte ein nicht unbeträchtliches Vermögen.

Seine Bitte wurde natürlich erfüllt. Er stieg ein. Das Boot schien sich unter dem Gewichte seiner Person tiefer in das Wasser zu senken.

Während der Fahrt wurde kein Wort gesprochen, aber es war zu bemerken, daß der Blick des Fremden eigenthümlich forschend auf Hermann Wallert ruhte.

Als sie jenseits ankamen, hatte er bereits eine Börse gezogen und bezahlte die Kaiktschi's. Wallert wollte eine Einwendung dagegen erheben, doch der Andere wies sie mit einer energischen Handbewegung ab.

Das Boot hatte so angelegt, daß Normann und Wallert zuerst aussteigen mußten. Eben als der Letztere den Fuß an das Land gesetzt hatte, trat ein wie ein gewöhnlicher Arbeiter gekleideter Mensch an ihn heran und fragte:

»Bist Du Wallert Effendi?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, darüber erstaunt, daß dieser unbekannte Türke seinen Namen kannte.

»Ich habe Dir zu sagen, daß Du Dich in Acht nehmen sollst.«

Er wollte sich entfernen; aber Wallert ergriff ihn schnell beim Arme und erkundigte sich.

»Wo soll ich mich in Acht nehmen?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht auf dem Kirchhofe.«

»Wer läßt es mir sagen?«

»Sie!«

Er riß sich los und lief davon. Das war befremdend!

Der als Türke Gekleidete war hinter Wallert ausgestiegen. Er hatte das kurze Gespräch gehört, obgleich der geheimnißvolle Bote nicht die Absicht gehabt hatte, laut zu sprechen. Es zuckte wie ein fröhliches Lächeln über sein schönes Angesicht. Er trat näher an Wallert heran und sagte:

»Entschuldigung, mein Herr, wenn ich mich zum zweiten Male an Ihre Güte wende, nachdem ich Sie bereits einmal belästigt habe. Dieser Mensch nannte einen deutschen Namen. Ist es der Ihrige?«

»Ja. Ich heiße Wallert.«

»So sind Sie ein Deutscher?«

»Allerdings.«

»Dann mache ich mir das Vergnügen, Sie als Landsmann zu begrüßen. Darf ich mich Ihnen vorstellen?«

Sie waren keineswegs am Ufer stehen geblieben, sondern langsam fortgeschritten. Der Sprecher griff in ein kleines, goldgesticktes Saffiantäschchen, welches an seinem Gürtel hing, und zog eine Karte heraus, welche er Wallert gab. Auf derselben war der einfache Name »Oskar Steinbach« zu lesen.

Wallert verbeugte sich und stellte Normann vor. Alle Drei begrüßten sich durch einen herzlichen Händedruck.

»Wer hätte in Ihnen einen Deutschen vermuthen dürfen,« meinte Normann. »Sie tragen sich wie ein Stocktürke.«

»Ich pflege mich den Gewohnheiten und Gebräuchen desjenigen Landes, in welchem ich mich befinde, anzubequemen.«

»Ah, so reisen Sie viel?«

»Ja. Ich habe das Schicksal des ewigen Juden, nirgends Ruhe zu finden.«

Bei diesen Worten glitt es wie ein Schatten über seine Züge, doch fuhr er sogleich in munterem Tone fort:

»Landsleute sollen sich nicht nur kennen lernen, sondern sich auch einander zur Verfügung stellen. Ich thue das hiermit.«

»Danke herzlich!« antwortete Wallert in seiner einfachen aber vornehmen Weise. »Wir sind Ihnen natürlich ebenso verbunden. Vielleicht will es der Zufall, daß wir uns wieder begegnen.«

»Der Zufall? Wollen Sie es diesem überlassen? Der Mensch soll Herr seines Geschickes sein. Ich hänge mit vollstem Herzen und mit ganzer Seele an dem Vaterlande und fühle mich erfreut, wenn ich in der Ferne ein Kind der heimathlichen Erde erblicke. Darum soll der Zufall keine Geltung haben. Ich bin hier vielleicht bereits besser eingewurzelt als Sie. Sollten Sie in die Lage kommen, irgend einer Hilfe, eines Freundes zu bedürfen, so haben Sie die Güte, sich nach dem alten Kutschu Piati zu bemühen. Dort dürfen Sie nur den Pferdeverleiher Halef nach meinem Namen fragen.«

»Das klingt ja sehr geheimnißvoll!« lächelte Normann.

»Ist aber sehr einfach. Noch einfacher freilich wäre es wohl, wenn Sie mir jetzt erlauben wollten, an Ihrem gegenwärtigen Spaziergange theilzunehmen.«

Er sagte das so unbefangen, als ob es sich von selbst verstehe; aber in seinem Augenwinkel bildete sich dabei ein kleines Fältchen, aus welchem die Schalkhaftigkeit blickte.

Die beiden Freunde befanden sich in einer kleinen Verlegenheit. Sie konnten den liebenswürdigen Landsmann unmöglich mitnehmen, wollten ihm aber die ebenso höfliche wie wohlgemeinte Bitte auch nicht abschlagen. Er fühlte das sofort heraus und fügte daher, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu:

»Ich habe keineswegs die Absicht, Ihnen meine Person aufzuzwingen, aber ich empfinde das Gefühl, daß Sie meiner vielleicht bedürfen werden.«

»Welchen Ursprung könnte dieses Gefühl haben?«

»In dem Menschen, welcher mit Herrn Wallert sprach. Ich glaube, gehört zu haben, daß Sie gewarnt worden sind.«

»Die Warnung gehörte wohl an eine andere Adresse.« versuchte Wallert, auszuweichen.

»O, der Mensch nannte doch Ihren Namen. Sie sollen sich in Acht nehmen, und zwar auf dem Kirchhofe. Der Warner nannte das Wort »sie«; sein Auftrag stammt also von einer weiblichen Person. Das ist hier gefährlich. Der Abendländer hat die Gewohnheit, den Orient in romantischem Lichte zu sehen; leider aber zerfällt diese Romantik bei näherer Betrachtung in gewöhnlichen Staub und es bleibt nichts zurück, als die Gefahr, welcher der Fremde verfällt, weil er entweder von derselben gar keine Ahnung hat oder doch wenigstens ihre Größe unterschätzt. Ich darf Sie natürlich nicht bitten, mich in Ihre Geheimnisse einzuweihen, aber ich erlaube mir wenigstens, Sie zu fragen, ob Sie bewaffnet sind.«

»Man geht hier ja nie unbewaffnet aus.«

»So bedienen Sie sich nöthigenfalls nicht eines Schießgewehrs. Eine Pistole macht zu viel Lärm. Ein Messer ist da viel vortheilhafter. Es arbeitet im Stillen, und man kann sich in Sicherheit bringen, bevor Andere bemerken, daß man gezwungen war, sich zu vertheidigen.

»Ach, auf so bösem Wege gehen wir nun freilich nicht!«

»O! Hm!« lächelte Steinbach nachdenklich. »Bitte, wollen Sie mir gestatten, mir Ihre Wohnung zu notiren?«

Wallert nannte und beschrieb sie ihm. Als er sich die Notiz in sein Taschenbuch gemacht hatte, machte er eine sehr höfliche aber doch einigermaßen gönnerhafte Verbeugung und sagte:

»Es soll mich freuen, Sie wiederzusehen. Ich betrachte einen jeden Landsmann, so lange er mir nicht feindlich gegenübergetreten ist, als Freund, und Freunde pflegt man ja doch nicht zu vergessen. Leben Sie wohl, meine Herren!«

Er wendete sich ab und schritt weiter, einem nahen Gebäude zu, hinter welchem er verschwand. Dort aber hemmte er seinen Schritt. Sein Gesicht nahm einen ernsten, sinnenden Ausdruck an. Er flüsterte vor sich hin:

»Wo habe ich nur ganz genau dieselben Gesichtszüge gesehen, welche dieser Wallert hat? Ich habe sie gesehen, das ist gewiß und zwar unter eigenthümlichen, ungewöhnlichen Umständen. Ich fühle das, obgleich es mir augenblicklich unmöglich ist, mich zu erinnern. Diese beiden jungen Leute scheinen einem Abenteuer nachzugehen und Abenteuer sind hier immer mit mehr oder weniger Gefahr verbunden, besonders wenn eine weibliche Person dabei die Hand im Spiele hat. Sie haben unbedingt eine Heimlichkeit vor. Einen Landsmann weist man nicht so unmotivirt ab. Sie wollten mich nicht bei sich haben und doch interessire ich mich für sie auf eine nicht ungewöhnliche Weise. Ich erfahre da einmal wieder, wie schnell man für ganz fremde Personen eingenommen werden kann. Ich werde Ihnen doch unbemerkt folgen. Es ist mir ganz so, als ob sie mich sehr gut brauchen könnten!«

Die beiden Freunde schritten der Mauer entlang, welche sich von dem Palaste Constantins hinab nach Jeni Bagtsche zieht. Dort liegt der Kirchhof, welcher das Ziel ihres Spazierganges war.

»Eine eigenthümliche Begegnung,« meinte Wallert. »Scheint es Dir nicht auch so?«

»Ganz gewiß. Dieser Mann macht einen bedeutenden Eindruck. Nicht nur seine Gestalt ist eine königliche, sondern man steht da unbedingt vor der Ahnung, daß man es mit einem ungewöhnlichen Geiste zu thun habe. Dieses dunkle Auge hat wirklich die Macht, in das Innere Anderer zu dringen.«

»Er hat uns sofort durchschaut. Warum theilte er uns seine Adresse nicht mit? Warum sagte er uns nicht, was er ist und was er hier thut?«

»Hm! Er verglich sich mit dem ewigen Juden. Vielleicht haben wir es mit einem geistreichen Abenteurer, mit einer neuen Auflage von Cagliostro, Casanova oder Graf von Saint Germain zu thun.«

»Diesen Eindruck macht er nicht. Ah, schau Dir doch einmal die Gestalt an, welche dort an der Wasserleitung hinschreitet! Wenn das nicht ein Engländer ist und zwar ein höchst verrückter, lasse ich mich fressen.«

Da, wo die Wasserleitung aus Ederne Kapusfi kommt, um nach dem Wege von Redosto zu führen, lief eine lange, hagere Gestalt. Sie war nur von hinten zu sehen, doch erkannte man sehr deutlich, daß Cylinderhut, Rock, Hose und Fußbekleidung aus einem sehr auffälligen, grau und schwarz gestreiften Zeuge bestand. Mit demselben Stoffe war auch der riesige Regenschirm überzogen, welchen der Mann trug und auf dem Rücken hing an einem Riemen ein langes Rohr, welches eher einer alten Donnerbüchse als einem Telescop glich.

»Ah, wie kommt der Mensch hierher?« meinte der Maler lachend. »Gestatte mir, daß ich Dir Deinen Cousin vorstelle, Lord Eagle-nest!«

»Wie! Das ist er?«

»Wie er leibt und lebt.«

»Dann ist es allerdings wahr, was ich von ihm gehört habe. Er ist verrückt.«

»Nicht verrückt, aber ein Sonderling.«

»Du sprachst vom Vorstellen! Wir können ihn ja grad jetzt gar nicht gebrauchen.«

»Das weiß ich. Ich stelle ihn Dir also nur aus der Ferne vor. Du wirst ihn ja bald genug Auge im Auge zu sehen bekommen. Dort verschwindet er hinter den Bäumen. Wir aber biegen rechts ab, um zum Thore zu gelangen.«

Der Kirchhof umfaßt ein sehr weites, bedeutendes Areal und hat mehrere Thore, welche als Ein- und Ausgänge dienen. Es war der Haupteingang, durch welchen sie traten. Dort stand ein ernster Türke, welcher sie mit mißtrauischen Augen betrachtete. Als sie an ihm vorübertraten, erhob er die Hand und sagte:

»Halt! Ich bin der Wächter dieses Ortes. Ihr seid Franken?«

»Ja,« antwortete der Maler. »Das siehst Du doch wohl an unserer Kleidung.«

»Ich sehe es. Ich habe die Pflicht, Euch zu warnen.«

»Wovor denn?«

»Es ist eigentlich gegen das Gesetz des Propheten, daß Ungläubige die Stätte betreten, an welcher die Bekenner des Islam dem ewigen Leben entgegenschlummern. Aber der Großherr hat in seiner unendlichen Güte gestattet, daß auch die Franken eintreten dürfen, um zu sehen, wie die wahrhaft Frommen ihre Abgeschiedenen ehren. Doch ist ihnen dabei gar Mancherlei verboten.«

»Schön, mein Freund! Was aber ist uns verboten?«

»Wenn Ihr es wissen wollt, muß ich es Euch sagen.«

»Natürlich! Ich denke, wir müssen es sogar wissen?«

»Natürlich! Aber meine Zeit ist kostbar und wenn ich meine Stimme erhebe, um zu Euch zu sprechen, so seid Ihr verpflichtet, meine Güte mit Dankbarkeit zu lohnen.«

»Ah! Du willst ein Bakschisch?«

»Ja.«

Bakschisch heißt so viel wie Trinkgeld. Es ist dasjenige Wort, welches man im Orient am Oeftersten zu hören bekommt. Normann zog eine Münze vor und gab sie ihm. Sie mochte groß genug sein, denn der Wächter nickte vergnügt und sagte dabei:

»Euer Verstand ist groß und Euer Herz ist voller Einsicht; darum will ich Euch nicht mit den zahlreichen Verordnungen quälen, welche Ihr eigentlich wissen müßtet, sondern Euch nur Zweierlei sagen: Wenn Ihr einen Gläubigen am Tage beten seht, so achtet seine Andacht, ohne ihn zu stören. Und wenn Ihr an die Abtheilung der Frauen kommt, so schließt Eure Augen und wendet Euch von dannen, denn für Euch sind die Schönheiten unserer Weiber und Töchter nicht vorhanden. Wer gegen diese Verordnung sündigt, der hat eine strenge Strafe zu erleiden.«

Er wendete sich ab.

»Das wußten wir vorher!« lachte Normann. »Es war nur auf das Trinkgeld abgesehen. Der Gute ahnt nicht, daß wir gerade gekommen sind einer dieser verbotenen Schönheiten wegen. Also nach Nordwest müssen wir uns wenden. Epheu soll es dort geben. Werden sehen!«

Sie schlugen einen Weg ein, welcher zwischen den Gräbern und Cypressengruppen in der angegebenen Richtung führte. An diesem Wege stand eine Bank, eine Seltenheit auf einem orientalischen Kirchhof. Auf derselben saß ein reich gekleideter Türke, welcher die Kommenden mit scharfem, stechendem Blicke musterte.

»Schau den Kerl!« sagte Wallert. »Dieses Gesicht kannst Du Dir merken. Vielleicht hast Du einmal einen Räuberhauptmann, einen Massenmörder oder überhaupt einen schrecklichen Menschen zu malen.«

»Ja, der hat eine Galgenphisiognomie, ein wirkliches Mephistophelesgesicht. Und wie er uns anschaut! Gerade so, als ob er hier säße, um auf uns aufzupassen.«

Sie schritten vorüber. Sie bemerkten nicht, daß der Genannte unter einem befriedigten Nicken seines Kopfes leise vor sich hinflüsterte:

»Der Eine ist's – der Blonde. Auf ihn paßt die Beschreibung ganz genau. Aber er kommt nicht allein. Warum bringt er den Anderen mit? Dieser ist vielleicht der Maler, mit dem er die Wohnung theilt. Gut! So werden wir also zwei Missethäter ergreifen, anstatt nur einen!«

Er erhob sich von der Bank und folgte den Beiden langsam bis nach einer Baumgruppe, unter welcher eine Anzahl bärbeißig aussehender Männer stand. –

»Habt Ihr die beiden Franken gesehen, welche hier vorübergingen?« fragte er.

»Ja, o Herr!« antwortete Einer.

»Der Kleine von ihnen war es. Ihn sollt Ihr ergreifen. Hilft ihm der Andere, so nehmt Ihr auch ihn fest. Zwei von Euch gehen nach dem Eingange der Epheulauben und warten des Zeichens, welches verabredet worden ist. Sobald es gegeben ist, treten sie ein und ergreifen ihn. Die Anderen mögen die Ausgänge besetzen für den Fall, daß es ihm doch gelingen sollte, aus den Lauben zu entkommen. Ich kehre jetzt zu meiner Bank zurück.«

Die Freunde waren auch an der Baumgruppe vorübergekommen. Sie hatten die Männer bemerkt.

»Das sind Polizeisoldaten,« sagte der Maler. »Mir kommt dies sehr auffällig vor.«

»Mir auch. Was wollen sie hier?«

»Zufällig sind sie jedenfalls nicht da. Sie können unmöglich die Absicht haben, die Seelen der Abgeschiedenen zu arretiren. Darum steht zu vermuthen, daß sie es auf eine Person abgesehen haben, die noch nicht abgeschieden ist.«

»Sapperment! Etwa auf mich?«

»Man sollte es nicht für möglich halten. Aber mir klopft das Herz. Ist das eine Ahnung, oder nur die Folge unseres bösen Gewissens. Vielleicht wäre es besser, das Abenteuer ganz aufzugeben.«

»Fällt mir nicht ein! Ich muß sie sehen, ich muß mit ihr sprechen. Ich verzichte nicht!«

»Da hat man es! Erst hast Du über mich den Kopf geschüttelt und nun kann ich ihn über Dich schütteln, nämlich den meinigen. Aufrichtig gestanden, sehe ich jetzt auch noch gar keine Veranlassung, zu verzichten. Die Anwesenheit dieser Polizisten wird uns mahnen, doppelt vorsichtig zu sein. Freilich, die Warnung da unten am Wasser! Das ist immerhin bedenklich.«

»Sollte sie zurückgehalten worden sein, weil man ihre Absicht entdeckt hat?«

»Pah! Wie sollte man sie entdeckt haben!«

»Vielleicht hat sie zu einer Mitbewohnerin des Harems davon gesprochen.«

»Das wäre unvorsichtig!«

»Aber doch sehr möglich. Diese hat es verrathen. Und nun will man mich in flagranti ertappen.«

»Diese Vermuthung hat allerdings Einiges für sich. Wenn Deine Ahnung richtig ist, so hätte Deine Angebetete Gelegenheit gefunden. Dich heimlich warnen zu lassen.«

»Es scheint so zu sein.«

»Nun, es ist besser, wir machen uns auf den schlimmsten Fall gefaßt; tritt er nicht ein, so ist es um so bester. Also nehmen wir an, diese Polizisten sind nur Deinetwegen da, so wissen sie ganz sicher, was Du hier willst.«

»Natürlich!«

»Sie werden Dir also nach dem Kirchhofswinkel folgen, wohin Du bestellt bist, um Dich dort zu ergreifen.«

»Donnerwetter! Das wäre eine verteufelte Sache. Der Muhammedaner versteht keinen Spaß, wenn es sich um ein hübsches Frauengesicht handelt. Wir haben zwar unseren Gesandten, aber – aber – hm!«

»Ah, ich vermuthe. Deine Liebe wird kühler?«

»O nein! Die Gefahr kann mich nicht abschrecken, der Einladung zu folgen. Aber vorsichtig werde ich sein. Weißt Du, Paul, man kann mich doch nicht ergreifen, ohne mich vorher zu beobachten –«

»Das ist gewiß.«

»Nun, Gleiches mit Gleichem! Wenn sie kommen, um mich zu beobachten, so beobachte Du sie. Du wirst sogleich sehen, daß sie es auf mich abgesehen haben, und in diesem Falle giebst Du mir ein Zeichen.«

»Schön! Worin soll das Zeichen bestehen?«

»In einem Pfiffe.«

»Das ist nicht zuverlässig. Vielleicht pfeifen diese Kerls auch. Überhaupt weiß ich ja gar nicht, ob ich Dir so nahe sein kann, um Dich durch einen Pfiff zu warnen. Wollen erst einmal die Oertlichkeit recognosciren. Im schlimmsten Falle werden wir uns möglichst unserer Haut wehren.«

»Na, ergreifen lasse ich mich nicht. Du weißt, daß ich mich vor einigen Gegnern nicht fürchte, obgleich ich nicht riesenhaft gebaut bin, und zudem habe ich Messer und Revolver – da, da ist die erwähnte Ecke.«

Sie hatten den Ort erreicht, der im Briefe angegeben worden war. Von der Ecke aus war die eine Mauer außerordentlich dicht mit Epheu bewachsen. Die Ranken desselben waren über Stützen gezogen und bildeten eine ganze Anzahl zusammenhängender Lauben, unter denen man an heißen Tagen wohlthätigen Schutz vor der Sonne fand. Aber welche der Lauben war gemeint?

»Es ist jedenfalls nicht verboten, hineinzugucken,« sagte Normann. »Siehe einmal nach, ob Du Deinen Engel irgendwo erblickst, dann werden wir –«

Er hielt inne, denn gerade vor ihnen erschien ein schlanke, aber tief verhüllte Frauengestalt zwischen dem grünen Blätterwerke. Sie legte die Hand auf die Brust und trat wieder zurück.

»Das ist sie, das ist sie!« sagte Wallert, sofort ganz begeistert.

»Erkennst Du sie denn?«

»Ja, ja.«

»O, diese Frauen sehen in ihren sackartigen Umhüllungen einander höchst ähnlich!«

»Sie ist es. Ich schwöre darauf.«

»Gut. So gehe. Aber nimm Dich in Acht. Theile ihr vorläufig nichts von mir mit. Weißt Du, hier giebt es eine solche Menge von Aasgeiern, daß der Schrei eines solchen gar nicht auffallen kann. Sehe ich, daß die Polizisten es auf Dich abgesehen haben, so ahme ich den schrillen Schrei dieses Vogels nach, zweimal hinter einander. Dann weißt Du, woran Du bist und kannst entfliehen.«

»Aber wohin?«

»Im Inneren der Lauben, immer an der Mauer hin. Vielleicht findest Du dabei Zeit, das Frauengewand anzuziehen. Hose, Mantel und Frauenturban, das über Deine fränkischen Kleider anzulegen, erfordert ja nur eine Minute. Den Schleier darüber und kein Mensch wird eine Hand nach Dir ausstrecken.«

»Und sie, soll ich sie verlassen!«

»Pah! Du kannst sie ja nicht jetzt am hellen, lichten Tage entführen! Und wenn man Dich nicht bei ihr findet, so kann man ihr auch nichts thun. Also vorwärts! Spring nur immer frisch hinein, das Wasser wird so tief nicht sein. Ich warte dann in der Nähe des Haupteinganges auf Dich. Jetzt aber werde ich beginnen. Deine Vorsehung zu sein.«

Normann kehrte eine kleine Strecke zurück. Dort gab es ein Grab, an welchem eine Traueresche stand, welche ihre Zweige bis auf die Erde über und um den Hügel herabgesenkt hatte. Sie war so dicht belaubt, daß man gar nicht durch die Blätter zu sehen vermochte. Der Deutsche schob mit den Händen einige der Zweige auseinander und bemerkte, daß diese dichte Blätterkuppel ein ganz herrliches Versteck bildete. Er sah sich um. Er war jetzt vollständig unbemerkt und – husch, kroch er hinein.

Er legte sich auf den ziemlich eingesunkenen Hügel. Der Ort war für seine Absicht geradezu wie geschaffen. Wenn er mit der Hand nachhalf, so konnte er nach allen Richtungen blicken, ohne daß man ihn bemerkte.

Er wartete, lebhaft gespannt, ob sich eine Gefahr nahen werde oder nicht. – Sie nahte allerdings.

Nach bereits kurzer Zeit hörte er Schritte. Er machte eine kleine Oeffnung zwischen den Zweigen und blickte hinaus. Da standen zwei der Polizisten hinter einer großen Cypresse. Von der Epheulaube aus konnten sie nicht gesehen werden; aber er sah es ihren Blicken und Gesticulationen an, daß sie es auf dieselbe abgesehen hatten. Der Eine von ihnen zog einige lederne Riemen aus der Tasche und steckte sie sich in den Gürtel.

»Ah!« dachte Normann. »So ist es also doch wahr. Sie wollen ihn gefangen nehmen. Hier sind Zwei, die Anderen werden die verschiedenen Ausgänge besetzt haben. Ich werde also das Zeichen geben.«

Er ließ zweimal den Schrei des Aasgeiers erschallen. Es gelang ihm so vortrefflich, die Stimme dieses Vogels nachzuahmen, daß die beiden Polizisten die Köpfe nach allen Richtungen drehten, um das Thier zu erblicken.

Seit Wallert in die Laube getreten war, waren nicht mehr als fünf Minuten verflossen. Es vergingen wenigstens noch ebenso viele, dann ertönte von der Laube her ein Pfiff. Die beiden Polizisten sprangen hinzu und hinein.

»Himmelelement!« murmelte Normann. »Jetzt bin ich neugierig, wie es abläuft. Haben sie ihn, ist es ihm nicht gelungen, meiner Warnung zu folgen!«

Er brauchte nicht lange zu warten, so erschien die Frauengestalt unter dem Eingange. Der Schleier war beseitigt. Normann sah ganz deutlich das Gesicht.

»Alle Wetter!« fuhr er fort. »Das ist ja gar kein Mädchen. Das ist ein Knabe, jedenfalls so ein Verschnittener, der nur Mädchenformen hat. Wirklich, man hat es auf Hermann abgesehen gehabt. Möge er glücklich fort sein. Jetzt muß ich mich auch salviren. Finden sie mich hier, so merken sie jedenfalls, daß ich den Wächter gemacht habe, und dann geht es mir schlecht. Ich werde mich so heimlich durch die Anlagen pürschen wie ein Indianerhäuptling durch den Urwald. Wo aber sind die zwei Polizisten? Jedenfalls sind sie im Inneren der Lauben längs der Mauer fort, denselben Weg, den Hermann geflohen sein wird. Da säuselt die Liebliche vorüber. Könnte ich ihr einen Fußtritt oder einen tüchtigen Faustschlag geben, so würde ich mich freuen!«

Der verkappte Knabe hatte den Schleier wieder vor das Gesicht gelegt und ging vorüber dem Ausgange zu.

Normann überzeugte sich, daß sein Versteck jetzt unbeobachtet sei, und kroch heraus. Nach allen Seiten spähend, schlich er sich zwischen Platanen, Akazien, Cypressen, Trauerweiden und allerlei Sträuchern, mit denen die Gräber bepflanzt waren, weiter, um ja von dieser Ecke so weit wie möglich fortzukommen. Dabei gelangte er an einen breiten, offenen Gang, welcher nicht zu vermeiden war. Er lugte vorsichtig hinaus. Da erblickte er einen Polizisten, welcher von rechts daherkam. Links stand ein Zweiter, welcher auf den Ersteren zu warten schien.

»Soll ich zurück, damit sie mich nicht sehen?« fragte er sich. »Nein! Einmal muß ich mich doch sehen lassen, und da ist es besser, ich thue es gleich. Man kann mir nichts nachweisen und ich brauche also keine Angst zu haben. Also jetzt, nehmen wir eine fromme Maske vor!«

Er entblößte den Kopf und kniete an dem Grabe nieder, bei welchem er stand. Es lag ganz nahe am Rande des Weges. Er hörte die Schritte des Polizisten, that aber gar nicht, als ob er sie vernehme.

Der Mann blieb stehen. Er erkannte Den, den er suchen sollte, und war ganz erstaunt, ihn, den Christen, hier am Grabe eines Muhammedaners beten zu sehen. Er wartete eine kleine Weile, dann fragte er:

»Was thust Du hier?«

Normann wendete schnell den Kopf, als ob er erschrocken sei, und antwortete:

»Siehst Du das nicht?«

»Ich glaube gar, Du betest!«

»Natürlich bete ich!«

»Aber das darfst Du nicht!«

»Warum?«

»Die Andacht eines Ungläubigen schändet die Ruhestätte des Gläubigen. Was hast Du überhaupt hier auf dem Kirchhofe zu suchen?«

»Bist Du vielleicht der Wächter desselben?«

»Nein. Aber Du siehst, daß ich Khawaß (Polizist) bin!«

»Das sehe ich; aber was habe ich damit zu schaffen? Gehe Du Deines Weges und ich wandle den meinen!«

»Das magst Du thun, wenn es Dir gelingt. Vorher aber werde ich Dich zu dem Pascha bringen.«

»Zu welchem Pascha?«

»Du wirst es sehen. Komm!«

»Soll das ein Befehl sein?«

»Ja. Geh hier voran! Ich habe keine Zeit!«

»Weißt Du auch, was es heißt, einen Franken zum Gehorsam zu zwingen? Was habe ich gethan, daß Du es wagst, mit mir wie mit einem Verbrecher zu sprechen?«

»Der Pascha mag es Dir sagen. Gehe jetzt!«

Normann weigerte sich natürlich nicht, dem Gebote Folge zu leisten. Er wurde zu der Bank geführt, auf welcher der Türke mit dem Spitzbubengesicht saß – jedenfalls der Pascha, von welchem der Polizist gesprochen hatte. Ein wenig zur Seite stand der Knabe, welcher die Frauenumhüllung abgelegt hatte. Normann erkannte ihn sogleich wieder. Als der Pascha ihn erblickte, zogen sich seine Brauen finster zusammen.

»Warum nur diesen?« fuhr er den Polizisten an. »Wo ist denn der Andere?«

Der Gefragte kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich fast bis zur Erde und antwortete:

»Dein unwürdigster Diener hat nur ihn gesehen und ihn festgenommen. Meine Kameraden werden auch den Anderen sehen und ergreifen.«

»So passe auf Diesen auf, damit er uns nicht entkommt!«

Der Polizist stellte sich neben Normann. Dieser trat vor und sagte:

»Man hat mich gezwungen, hierher zu gehen. Wer bist Du und wer giebt Dir das Recht, mir Zwang anzuthun?«

»Schweig!« fuhr ihn der Pascha an.

»Ich werde nicht eher schweigen, als bis ich weiß, weshalb man sich an mir vergreift!«

»Du weißt es, Hund, Verführer!«

»Wie? Du schimpfest mich? Gut, ich gehe, damit Du nicht wegen Beleidigung des Unterthanen eines mächtigen Herrschers bestraft werdest.«

Er wendete sich zum Gehen, aber der Polizist ergriff ihn am Arme und der Pascha brüllte ihn an:

»Wage es nicht, zu entfliehen! Wenn Du noch einen Schritt thust, so lasse ich Dich binden!«

Normann wollte antworten, schwieg aber, als sein Auge auf einen Mann fiel, den er hier nicht erwartet hatte. Nämlich Lord Eagle-nest kam in diesem Augenblicke zum Thore herein und stieg, als er den Maler erblickte, in langen, eiligen Schritten, wie ein riesiger Storch herbei. –

Als Wallert in die Laube getreten war, hatte das vermeintliche Mädchen in einer Ecke derselben gestanden. Dort hingen die Zweige des Epheus in so langen und reichen Festons hernieder, daß man sich vollständig hinter denselben verbergen konnte.

»Komm hierher!« flüsterte sie ihm zu. »Da kann man uns nicht entdecken.«

Er folgte dieser Aufforderung und ließ sich von ihr unter die Zweige ziehen, wo ein trauliches Halbdunkel herrschte. Sie hatte seine Hand ergriffen. Er hielt ihre Finger fest und fühlte und erblickte den Brillantring, welchen er so wohl kannte. Sie war es also.

Und doch überkam ihn ein gar eigenthümliches Gefühl. Es war ihm gar nicht so, wie es Einem in der Nähe der Geliebten sein soll.

»Wie danke ich Dir, daß Du gekommen bist!« flüsterte sie, indem sie sich an ihn schmiegte.

Dieses Flüstern fiel ihm auf. Warum sprach sie nicht lauter? Sie waren ja allein. Sie brauchte ja nicht gerade so laut zu sprechen, daß man es meilenweit hörte!

»Wie lange bist Du bereits hier?« fragte er in ziemlich kaltem Tone.

»Ueber eine Stunde. Mein Herz sehnte sich nach Dir. Fast befürchtete ich, daß Du nicht kommen werdest.«

»O, Du konntest sicher darauf rechnen.«

»Nicht alle Franken haben den Muth, sich einer solchen Gefahr auszusetzen. Du hast doch meinen Brief keiner anderen Person gezeigt?«

»Keiner. Wer hat ihn geschrieben?«

»Ich selbst.«

»So verstehst Du Dich auf die Schrift der Franken?«

»Es wird uns jetzt vieles Fränkische gelehrt. Aber warum bist Du nicht allein gekommen?«

»Mein Freund begleitete mich, ohne zu wissen, was ich hier auf dem Friedhofe –«

Er hielt inne, denn eben jetzt hatte Normann das verabredete Zeichen gegeben.

»Was horchst Du?« fragte sie. »Ein Geier ließ sich hören. Was wolltest Du sagen?«

»Ich wollte sagen, daß wir uns in Gefahr befinden.«

»O nein! Fürchtest Du Dich?«

»Für mich kenne ich keine Furcht, wohl aber für Dich.«

»Ich habe keine.«

»Aber Du bist ja verloren, wenn man mich hier bei Dir findet.«

»Wer soll uns finden?«

»Die Khawassen, welche draußen unter den Bäumen standen.«

»Hast Du sie gesehen? O, die haben wir nicht zu fürchten.«

»Doch! Ich muß Dich schnell verlassen. Sehe ich Dich wieder auf dem Bazar der Musselinhändler?«

»Ja, aber nur, wenn Du jetzt da bleibst.«

»Ich kann nicht. Mein Leben ist in Gefahr und das Deinige auch. Lebe wohl!«

Er hatte bis zu diesem Augenblicke noch nicht ein einziges liebevolles Wort gesagt oder eine zärtliche Bewegung gemacht. Jetzt wollte er fort; sie aber hielt ihn mit der Hand unter fühlbarer Anstrengung ihrer Kräfte fest und sagte in dringlichem Tone:

»Wenn Du mich lieb hast, so bleibe!«

Sie legte ihre Finger noch fester um sein Handgelenk und streckte auch die andere Hand unter dem Mantel hervor. Ein verirrter, heller Sonnenstrahl brach durch den Epheu und fiel auf ein kleines, metallenes Pfeifchen, welches sie in der Hand hielt. Beim Anblicke dieses Gegenstandes wurde es Wallert klar, woran er war. Er durfte sie weder pfeifen noch rufen lassen. Sie hatte ihn hierher gelockt; er brauchte keine Rücksicht auf den Umstand zu nehmen, daß das weibliche Geschlecht das zartere genannt wird. Er faßte ihre Hand, welche die Pfeife hielt.

»Verrätherin! Das gelingt Dir nicht!«

Bei diesen Worten fuhr er ihr mit der anderen Hand unter den Gesichtsschleier und legte ihr die Finger um den Hals. Ein kräftiger Druck, ein Röcheln – sie verlor den Halt und sank auf den Boden nieder.

»Ein so herrliches Geschöpf und doch eine so niederträchtige Verrätherin!« dachte er.

Er entfernte den Schleier um wenigstens ihr Gesicht noch schnell zu sehen, fuhr aber betroffen zurück.

»Alle Teufel! Eine Mannsperson! Ah, gut, sehr gut! Hier, Kerl, hast Du noch einen Schlaftrunk!«

Er schlug ihm die Faust an die Schläfe; der Verkleidete hatte bereits wieder Luft geschöpft und wollte die Augen öffnen, jetzt aber verlor er das Bewußtsein.

Wallert blickte sich um. Die Nachbarlaube war leer; die nächste auch. Er entfernte sich dorthin. In der vierten oder fünften Laube gab es eben so dicke Epheugehänge wie in der ersten. Er steckte sich dahinter. Man konnte hier ganz gut vorübergehen, ohne ihn zu bemerken.

Er nahm den Riemen von der Schulter und schnallte den Frauenanzug los. Die weiten Pumphosen waren schnell angelegt und unten zugebunden. Darüber kam der Mantel, die turbanartige Kopfbedeckung und zuletzt der Schleier. Jetzt verließ er das Versteck, schritt nur noch durch die Nachbarlaube und trat aus dieser in das Freie hinaus.

Da stand, gar nicht weit von ihm, ein Polizist mitten auf dem Wege, doch mit dem Gesicht abgekehrt. Schnell huschte Wallert zwischen die Sträucher hinein und gelangte auf einen Seitenweg, welche nach dem Hauptgange führte.

Der Flüchtling erreichte denselben und schritt von da in aufrechter, würdevoller Haltung langsam dem Thore zu.

Dort an demselben stand der Wächter mit einem Polizisten. Keiner von Beiden ließ es sich einfallen, die weibliche Gestalt aufzuhalten oder ihr auch nur ein fragendes Wort vorzulegen. Wallert kam also glücklich hinaus und wendete sich schleunigst einem nahe liegenden Olivengarten zu, um unter dem Schutze von dessen Bäumen die Kleider wieder abzulegen.

Er war aber noch nicht weit gekommen, so kam unter den erwähnten Bäumen die schwarz und grau carrirte Gestalt des Lords hervor.

»Wunderschön!« lachte Wallert. »Ich werde mich dem Herrn Cousin vorstellen, aber – freilich ganz anders als ich es vor Kurzem noch vermuthete.«

Sie kamen einander entgegen.

»Good day, Mylord – Guten Tag, Lord!« grüßte er.

Der Lord blieb stehen, ganz starr vor Erstaunen, sich von einer Türkin gegrüßt zu hören und noch dazu in seiner Muttersprache, der englischen.

»Good day, Sir!« wiederholte Wallert.

»Your servant! How do you do – Ihr Diener! Wie geht es Ihnen?« entfuhr es ihm.

Er merkte gar nicht, wie dumm es eigentlich war, diese Worte auszusprechen.

»Ich danke,« antwortete Wallert mit Fistelstimme. »Sind Sie bereits lange von London fort?«

»Sehr! Wo haben Sie mich dort gesehen?«

»In der Paulskirche.«

»Bei welcher Gelegenheit?«

»Sie traten während des Orgelspieles die Blasebälge.«

Der gute Lord riß den Mund auf, so weit er konnte.

»Ich –«

»Ja.«

»Sie irren! Sie scheinen mich für einen Anderen zu halten!«

»O nein. Sie sind Lord Eagle-nest.«

»Der bin ich allerdings; aber die Blasebälge habe ich noch niemals in Bewegung gesetzt.«

»Nicht? Ich hätte geglaubt, es beschwören zu können.«

»Aber, Mylady, Sie sind Engländerin?«

»Nein.«

»Was dann?«

»Ich bin eine Türkin und wollte Sie bitten, mich aus meinem Harem zu entführen.«

»Verteufelt, verteufelt! Sind Sie schön und jung?«

»Beides.«

»Bitte, zeigen Sie mir einmal Ihr Gesicht!«

»Nicht eher, als bis ich Sie den Meinigen nennen darf. Bei dem ersten Kusse sollen Sie sehen, daß Sie gar keine Schönere entführen konnten.«

»Beim ersten Kusse? Verteufelt, verteufelt! Sind Sie verheirathet oder ledig. Soll ich Sie Ihrem Manne entführen oder Ihrem Vater?«

»Meinem Vater. Es hat mich noch kein Mann berührt. Sie sollen der Erste sein, der mich umarmen darf.«

»Wirklich? He? Wie? Wie aber steht es mit der Entführung? Wo wohnen Sie und wann soll ich kommen?«

»Das wird Ihnen Herr Normann sagen.«

»Normann? Sapperment! Meinen Sie den Maler?«

»Ja.«

»Was! Sie kennen ihn?«

»Ich weiß, daß Sie miteinander eine Türkin entführen wollen; darum freue ich mich, daß ich Sie hier treffe. Sie können das Nöthige gleich mit ihm besprechen. Ich warte auf Sie Beide.«

Der Engländer wußte nicht, ob er wache oder träume. Da kam ihm die Entführung aus dem Serail ja geradezu entgegengelaufen. Er fragte:

»Gleich mit ihm besprechen? Wo denn?«

»Da auf dem Friedhofe, wo er sich befindet. Sie werden ihn bald sehen. Sagen Sie ihm, daß ich unten am Wasser auf ihn warten werde, da, wo wir ausgestiegen sind. Wenn Sie ihn mitbringen, können wir zu Dreien in dem Kaik überfahren.«

»Was! Ueberfahren? Ich auch mit?«

»Versteht sich.«

»Wohin denn?«

»In meine Wohnung.«

»Verteufelt, verteufelt! Geht das rasch! Und von dort sollen wir Sie entführen?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, ja.«

»Ob ich die Güte haben will! Na, da brauchen Sie gar nicht erst zu fragen. Aber, mein schönes Kind, dann wäre es ja viel klüger, Sie blieben gleich jetzt bei mir! Warum erst wieder in Ihre Wohnung und dann Sie entführen?«

»Nun, sonst wäre es ja keine Entführung!«

Der Engländer starrte sie betroffen an und sagte dann:

»Ah, ja! Daran habe ich gar nicht gedacht! Sie haben Recht, vollständig Recht. Ich will Sie ja entführen! Aber wenn wir Beide dabei wirken, ich und der Maler, wer kriegt Sie dann? Er oder ich?«

»Sie wechseln ab. Eine Woche er und eine Woche Sie.«

»Verdammt!« meinte der Carrirte. »Das ist nun freilich nicht nach meinem Geschmacke!«

»So machen Sie es schmackhafter, ganz wie Sie wollen. Sie können sich ja mit ihm besprechen.«

»Gut, das lasse ich mir eher gefallen! Also ich werde ihn jetzt auf dem Friedhofe treffen, um ihm zu sagen, daß er dahin kommen soll, wo Sie ausgestiegen sind?«

»Ja, so ist es.«

»Und dann werden Sie mit uns Beiden überfahren, um sich entführen zu lassen?«

»Sehr gern!«

Die kleinen Augen blitzten vor Freude durch die Gläser der mächtigen Hornbrille. Er blinzelte der Türkin höchst vertraulich zu und fragte:

»Könnte man denn da nicht etwas auf Abschlag erhalten?«

»Was denn?«

»Nun, eine Umarmung ungefähr.«

»Sie verlangen zu viel!«

»Einen Handkuß. Das ist doch bescheiden!«

»Ja, den lasse ich mir eher gefallen.«

»Also bitte!«

Er nahm den Regenschirm in die linke Hand und streckte die rechte verlangend aus.

»Nicht so schnell! Wir müssen uns vorher überzeugen, ob wir unbemerkt sind.«

»Keine Angst! Ich sehe Niemand. Es ist kein Mensch in der Nähe, keine Seele. Also bitte, Ihre Hand!«

Da streckte Wallert seine Hand aus den Falten hervor und sagte:

»Es ist der erste Handkuß, den ich von einem Manne erhalten. Möge er Ihnen gut bekommen!«

Der Carirrte küßte die Hand zwei-, dreimal und sagte dann:

»Sie machen mich zum glücklichsten Sterblichen. Auch ich erfahre erst jetzt, wie ein Händekuß schmeckt.«

»Nun, wie schmeckt er, Mylord?«

»Ganz unvergleichlich! Es läßt sich dieser Geschmack nicht mit Worten beschreiben. Wie herrlich muß da erst ein Kuß auf Ihre Granatlippen sein! Ich brenne vor Verlangen, dies kennen zu lernen.«

»So eilen Sie, den Maler zu holen! Je schneller Sie jetzt handeln, desto eher kommen Sie zum herrlichen Ziele. Leben Sie wohl, Mylord!«

Sie wendete sich um und verschwand in langsamem Gange und selbstbewußter Haltung unter den Bäumen. Er war stehen geblieben und blickte ihr nach, bis sie verschwunden war.

»Zum herrlichen Ziele!« wiederholte er entzückt. »Ja, die entführe ich, diese und keine Andere! Dieser Gang, diese Haltung! Diese Manier, diese Stimme und dieses zarte Händchen! Verteufelt, verteufelt! Die herrliche Tschita des Malers Normann kann nicht so schön sein wie diese Türkin! Mein muß sie werden, mein, mein, mein! Und wenn man sie hundertmal in einen Sack steckt und in das Meer wirft und ersäuft, ich hole sie mir alle hundertmal wieder heraus! Was wird der Maler sagen! Ich muß sogleich zu ihm.«

Er wendete sich dem Friedhof zu. Als er den Eingang desselben passirte, erblickte er sofort den Gesuchten und schritt direct auf ihn zu.

»Siehe da, Master Norman»,« sagte er. »Gut, daß ich Sie treffe! Ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen, über welche Sie staunen werden.«

Er streckte ihm die Hand entgegen, erhielt aber dabei von dem Polizisten einen Stoß.

»Geri tschek!« gebot der Mann.

Der Brite blickte den Maler erstaunt an und fragte:

»Wie was das? Geri und Schecke? Was will dieser Kerl von mir?«

»Er sagte geri scheck! Das heißt: geh zurück!«

»Was! Das klänge ja gerade, als ob man mir hier etwas befehlen wolle!«

»So ist es auch. Das ist ein Polizist.«

»Was mache ich mir aus der Polizei?«

»O, o! Ich bin Gefangener.«

»Sie? Nicht möglich! Weshalb?«

Sie hatten englisch gesprochen. Der Pascha hatte ihnen schweigend zugehört. Jetzt sagte er zu dem Lord, und zwar auf englisch, wenn auch in gebrochener Aussprache:

»Was haben Sie mit meinem Gefangenen zu schaffen?«

»Geht Sie das etwas an?«

»Ja. Ich bin hier der Befehlende. Wer sind Sie?«

»Ich bin Lord Eagle-nest. Verstanden!«

»Verstanden, ja! Aber das geht mich ebenso wenig an, wie Sie sich aus der Polizei machen. Entfernen Sie sich!«

»Oho! Spricht man so mit einem Peer von Großbritannien und Irland! Ich werde mir Genugthuung zu verschaffen wissen und – ah, wer ist das?«

Die Thüre zum Wächterhäuschen hatte sich geöffnet und Steinbach trat heraus. Er mochte sich bereits seit längerer Zeit im Inneren befunden und die Vorgänge von da aus beobachtet haben. Er kam herbei, nickte dem Maler freundlich zu und wendete sich dann fragend an den Pascha:

»Warum ist der Mann gefangen?«

»Was geht das Dich an?«

»Vielleicht mehr als Dich!«

»Allah 'l Allah! Kennst Du mich?«

»Ja, Du bist Ibrahim Pascha, der Sohn von Melek Pascha.«

»So wirst Du wissen, daß man mir zu gehorchen hat.«

»Deine Diener haben Dir zu gehorchen, sonst aber kein anderer Mensch!«

»Das wagst Du, mir zu sagen? Wer bist Du?«

»Du kennst mich nicht?«

»Nein.«

»So höre meinen Namen!«

Er neigte sich zu dem Sitzenden nieder und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Der Pascha erhob sich sofort von der Bank. Sein Gesicht legte sich in höfliche Falten; er machte eine Verbeugung und sagte:

»Verzeihe, daß ich das Glück noch nicht hatte, Dein Angesicht zu sehen! Ich ließ mir heute eine Abtheilung Polizisten geben, um eine Schmach zu bestrafen, welche meinem Hause widerfahren sollte.«

Der geheimnißvolle Deutsche lächelte ihm überlegen in das Gesicht und fragte:

»Welche Schmach meinst Du?«

»Man wollte mir mein Lieblingsweib verführen.«

»Wer wollte das thun? Dieser Mann?«

Dabei deutete er auf Normann.

»Nein, er nicht, aber sein Freund.«

»Er nicht? Und doch hast Du ihn ergreifen lassen?«

»Er ist mit ihm gekommen. Er ist mitschuldig.«

»Kannst Du das beweisen?«

»Ich beschwöre es!«

»Wo ist sein Freund?«

»Wir suchen ihn.«

»Und wo ist Dein Weib?«

»Daheim im Harem.«

»Ich denke, man hat sie verführen wollen!«

»Ja, man wollte es.«

»Wo denn? Hier?«

»Ja.«

»Und sie ist nicht da? Sie ist nicht gekommen?«

»Nein. Sie weiß nichts davon.«

»Ah! Man hat sie hier verführen wollen; sie aber weiß nichts davon und sie ist gar nicht gekommen! Wo hast Du Deine Gedanken? Wenn sie nicht da ist, kann sie nicht verführt werden und es kann also auch kein Mensch polizeilich festgenommen werden.«

Der Pascha hatte ein solches Argument nicht erwartet. Er zog die Brauen zusammen und legte die Stirn in Falten. Der Zorn regte sich in ihm.

»Der Freund dieses Menschen heißt Wallert,« sagte er. »Er hat mit meinem Weibe gesprochen, draußen im Thale der süßen Gewässer. Ich habe es erfahren und ihm an ihrer Stelle einen Brief geschrieben, um ihn hierher zu bestellen. Er ist gekommen. Ich legte diesem Sclaven Frauenkleider an; er sollte für das Weib gehalten werden. Wallert hat mit ihm in der Laube gesteckt. Er hätte es gethan, auch wenn es wirklich mein Weib gewesen wäre. Ich suche ihn und werde ihn festnehmen. Er soll seine Strafe bekommen!«

»Ja, bestraft muß der Schuldige werden. Aber das ist nicht er, sondern Du bist es.«

»Ich? Beim Propheten, das darf mir Niemand sagen!«

Er hatte die Hand an seinen Gürtel gelegt. Steinbach machte jetzt ein ernsteres Gesicht und sagte:

»Nimm die Hand vom Gürtel! Das kann ich nicht vertragen. Du sagst, Wallert habe Dein Weib verführen wollen; das ist nicht wahr, das ist unmöglich, da sie gar nicht hier gewesen ist. Du hast vielmehr ihn verführen wollen, um ihn zu verderben. Du hast ihn hierher gelockt, also bist Du es, welcher Strafe verdient hat. Du hast mein Angesicht noch nicht gesehen. Es pflegt mild und freundlich zu sein. Verursache ja nicht, daß es sich in zornige Falten lege. Ich will Dir keinen Befehl geben, aber ich rathe Dir, nach Hause zu gehen und an Klügeres zu denken, als daran, unschuldige Fremdlinge in das Verderben zu stürzen. Kommen Sie, Normann. Kommen Sie, Lord Eagle-nest! Wir haben hier nichts mehr zu suchen.«

Er wendete sich scharf ab und schritt zum Thore hinaus. Der zurückbleibende Pascha ballte die Fäuste und brummte ihm einige Worte nach, welche nicht wie Segenswünsche klangen.

Als die Drei draußen vor dem Thore angekommen waren, blieb Steinbach stehen und fragte lächelnd den Maler:

»Nun, hatte ich nicht Recht, als ich sagte, daß Sie meiner Hilfe sehr bald bedürfen würden?«

»Wer konnte das ahnen!«

»Daß Sie sich in Gefahr befanden? Das war doch sehr leicht zu ahnen.«

»Nicht das meine ich, sondern daß Sie uns hier zu helfen vermöchten.«

»Ach so! Nun, ich freue mich, daß ich auf den Gedanken gekommen bin, Ihnen zu folgen. Glauben Sie mir: Wer in die Hände Ibrahim Paschas fällt, der hat alle Ursache, zu klagen. Seien Sie froh, so losgekommen zu sein!«

»Aber Wallert! Der befindet sich noch im Friedhofe!«

»Nein. Er ist bereits fort.«

»Ah, Gott sei Dank! Haben Sie ihn gesehen?«

»Ja. Sagen Sie ihm, daß ich ihn an den Stiefeletten erkannt habe. Ich stand in der Wohnung des Wächters, als er durch das Thor entkam. Er hat viel gewagt. Hat er Ihnen Alles mitgetheilt?«

»Ja, Alles.«

»Hat er gewußt, um wessen Frau es sich handelt?«

»Nein. Er hat sie für ein Mädchen gehalten.«

»Das ist sie auch. Der Pascha hat sie noch nicht berühren dürfen. Es liegen da sehr eigenthümliche Verhältnisse vor, über die ich nicht sprechen will. Wo hat er sie gesehen?«

Normann erzählte in aller Kürze, was er vom Freunde erfahren hatte. Steinbach nickte dann und sagte:

»Also ihren Namen kennt er nicht?«

»Nein.«

»Er soll ihn wissen. Sie heißt Zykyma. Das würde zu Deutsch heißen, die Blüthe des Oleanders.«

»Könnte man wohl erfahren, wo dieser Ibrahim Pascha wohnt?«

»Warum oder wozu?« fragte Steinbach lächelnd.

»Nur so!«

»Pah! Ihre Gedanken sind leicht zu errathen. Sie wünschen zu wissen, wo er wohnt, um zu erfahren, wo sie zu finden ist. Aber dabei könnten Sie sich verrechnen. Sie wohnt nämlich nicht bei ihm.«

»O weh!«

»Gerade das Gegentheil von o weh! Und da ich mich für Sie interessire, so will ich Ihnen den Ort, wo sie sich aufhält, beschreiben. Kennen Sie vielleicht den Judenkirchhof jenseits des Stadttheiles Khalidschi Oghli?«

»Ja.«

»Es giebt da zwei Wasser, welche sich vereinigen, um dann dem Hafen zuzufließen. Gerade in dem Winkel, welcher durch ihre Vereinigung gebildet wird, steht ein Haus, mitten in einem Garten gelegen. Dort hält der Pascha den werthvollsten Theil seines Harems verborgen.«

»Und diese Zykyma auch?«

»Ja. Aber denken Sie an keinen Verkehr mit ihr oder gar an eine Entführung. Die Mauern des Gartens sind unübersteiglich und stoßen an zwei Seiten an das Wasser. Uebrigens hält der Pascha sehr streng Wache. Ich warne Sie!«

»Danke! Aber, Herr Steinbach, woher wissen Sie das Alles?«

»Ganz zufällig.«

»O nein. Sie sind ein Anderer, als Sie scheinen!«

»Denken Sie? Hm!«

»Wenn ich sehe, daß ein Pascha Ihnen gehorcht, so muß er doch wohl unter Ihnen stehen.«

»Dieser Schluß kann immerhin falsch sein!«

»Oho!« meinte da der Lord. »Mich, einen Lord von Altengland, hat dieser Türkenhund behandelt wie eine Feldmaus. Sobald aber Sie kamen, gab er klein zu. Sie sind kein Weichensteller oder Windmüllerlehrjunge, sondern etwas ganz Anderes. Haben Sie nicht vorhin meinen Namen genannt?«

»Ja.«

»Woher kennen Sie mich?«

»Ich hatte das Vergnügen, Sie in London zu sehen.«

»Wo? Bei wem?«

Steinbach zuckte die Achseln und antwortete:

»Vielleicht sprechen wir später einmal hiervon. Jetzt aber muß ich mich verabschieden. Es dämmert stark und in dieser Gegend bricht die Nacht schnell herein. Gute Nacht also, meine Herren. Grüßen Sie mir Herrn Wallert!«

Er wendete sich scharf ab und bog rasch um die nächste Friedhofsecke.

»Ein geheimnißvoller Mann!« sagte der Maler.

»Werden das Geheimniß ergründen! Also mich hat er auch gesehen! Vielleicht auch in der Paulskirche bei den Blasebälgen.«

»Wie kommen Sie auf diese Bälge?«

»Weil vorhin – ah, Sapperment, Herr Normann, mir ist etwas passirt, worüber Sie sich freuen werden!«

»Sagen Sie mir zunächst, wie Sie hier nach dem Kirchhof kommen, Mylord!«

»Nun, auf diesen meinen Beinen!«

»Das kann ich auch ohne Ihre Antwort wissen!«

»Nun ja. Sie wissen, daß ich etwas beabsichtige, ich meine natürlich eine Entführung. Da habe ich gehört, daß die türkischen Damen die Kirchhöfe gern besuchen, daß sie sogar dort ihre Gesellschaften und Klatschgevatterschaften feiern. In Folge dessen kam ich hierher, um mich nach Einer umzusehen, welche ich entführen könnte.«

»So, so! Ihre Mühe ist natürlich vergeblich gewesen?«

»Oho! Was denken Sie von mir!«

Er stellte sich in Positur und nahm eine Miene an, wie ein römischer Triumphator gehabt haben würde.

»Also doch etwas gefunden?« fragte der Maler ungläubig.

»Ja.«

»Wo?«

»Dort, rechts, unter den Bäumen.«

»Da hätte ich horchen mögen!«

»Ja wohl! Da hätten Sie Ihr blaues Wunder gehört. Wir sind nämlich einig.«

»Wer sind diese Wir?«

»Na, wer denn anders als ich und sie.«

»Sie? Ein Weib?«

»Nein.«

»Also ein Mann?«

»Sapperment! Machen Sie keine dummen Witze! Unter einem Weibe verstehe ich ein verheirathetes Subject weiblichen Geschlechts. Das aber ist die Betreffende nicht; sie ist unverheiratet, ein Mädchen.«

»Hopphopp!« meinte der Maler, dem es nicht recht glaubhaft erscheinen wollte, daß der Lord hier eine solche Bekanntschaft gemacht habe.

»Zweifeln Sie etwa?«

»O nein! Haben Sie sie gesehen?«

»Herrgott! Ich werde sie doch sehen, wenn ich sie spreche und mit ihr verabrede, daß ich sie entführen soll.«

»Ach so! War sie hübsch?«

»Die reine Venus, obgleich ich ihr Gesicht nicht gesehen habe.«

»Nicht? Und doch wissen Sie, daß sie eine Venus ist?«

»Ja. Ich durfte ihr die Hand küssen.«

»Dann sind Sie freilich sehr schnell avancirt. Wissen Sie den Namen?«

»Nein.«

»Die Wohnung?«

»Auch nicht.«

»Ich denke, Sie wollen Sie entführen!«

»Natürlich!«

»So müssen Sie ja wissen, wo sie wohnt!«

»Das ist wahr; bis jetzt weiß ich sie nicht; aber sie wird uns jetzt hinführen.«

»Uns? Wer ist das?«

»Das sind natürlich wir, Sie und ich.«

»Ach so! Jetzt will sie uns in ihre Wohnung führen?«

»Ja; sie hat es mir versprochen.«

»Wo treffen wir sie denn?«

»Da, wo sie ausgestiegen sind. Sie will da warten.«

Jetzt begann im Kopfe des Malers eine Ahnung zu dämmern. Er machte ein höchst gespanntes Gesicht und fragte:

»Wie kamen Sie denn mit ihr zu sprechen?«

»Sie kam aus dem Friedhof und ging nach den Oliven zu. Ich begegnete ihr und da grüßte sie mich englisch. Ich fragte sie, ob sie mich kenne und da behauptete sie, mich in der Paulskirche gesehen zu haben, wo ich während des Orgelspiels die Blasebälge getreten habe.«

Jetzt konnte sich Normann nicht länger halten. Er brach in ein lautes, herzliches Lachen aus. Das ärgerte den Engländer. Er stieß mit dem Regenschirm zornig auf die Erde und fragte:

»Was feixen Sie denn? Ich denke nicht, daß eine Entführung etwas Lächerliches ist. Man riskirt doch allemal ein Stückchen Haut dabei!«

»Allemal! Also Sie haben ihr die Hand geküßt?«

»Ja. Und was für ein Händchen! Sie war eine richtige, echte Türkin. Das sah ich daraus, daß sie keinen Begriff von einer wirklichen, ordentlichen Ehe hatte. Sie machte mir den Vorschlag, daß wir Beide, nämlich Sie und ich, uns in sie theilen sollten, nachdem wir sie entführt haben würden. Jeder sollte sie immer acht Tage als Frau haben.«

Normann brach abermals in ein lautes Lachen aus.

»Ja, jetzt können Sie lachen,« meinte der Lord; »dagegen habe ich nichts, denn das kommt mir selbst ungemein spaßhaft vor. Aber ich habe da wahrhaftig die Hauptsache vergessen. Sie trug mir nämlich auf, daß Ihr Freund – ah, dieser Deutsche, der ein Pascha zu sein scheint, sagte doch auch, daß Ihr Freund sich entfernt habe!«

»Ja; wir treffen ihn am Wasser. Kommen Sie!«

Als sie an das Ufer kamen, hielt ein Kaik da, in welchem Wallert wartend saß. Seine Augen leuchteten lustig auf, als er den Engländer erblickte. Normann stellte Beide einander vor. Der Lord nahm den Deutschen sehr genau in Augenschein und sagte dann:

»Wunderbar! In meiner Galerie habe ich das Porträt eines Verwandten, dem Sie sehr genau gleichen. Aber bitte, Herr Normann, der Kaiktschi will doch schon fort!«

»Soll er nicht?«

»Nein. Sie wissen ja, auf wen wir warten.«

Wallert gab sich Mühe, eine unbefangene Miene zu zeigen und fragte:

»Soll noch Jemand mit überfahren?«

»Ja, eine Dame,« antwortete der Lord sehr ernsthaft.

»Das wäre interessant! Sie meinen natürlich eine abendländische Dame?«

»Nein, eine Türkin, die wir heut Abend entführen werden.«

»Ah, ist es das! Es kam nämlich ein verschleiertes Frauenzimmer hierher und sagte mir, daß Lord Eagle-nest kommen und sie hier erwarten werde. Ich solle ihm sagen, daß die Entführung heut unmöglich sei.«

»O weh! Hat sie keine andere Zeit genannt?«

»Nein.«

»Auch keine Adresse? Ihren Namen, ihre Wohnung?«

»Nein.«

»Da schlage der Teufel drein! Wie unvorsichtig von ihr! Wie kann ich sie entführen, wenn ich nicht weiß, wer sie ist und wo sie wohnt! Nun sitzt sie in ihrem Harem, fängt Grillen und kann nicht heraus! Schade, jammerschade! Es war eine Schönheit, eine große, eine pikante Schönheit. Ihr Händchen duftete so eigenthümlich, halb nach Cigarre und halb nach Ricinusöl und einem Tropfen Bergamottengeist. Das war vielversprechend, denn der Cigarrengeruch deutet auf einen festen Charakter und der Ricinusölduft auf ein weiches, elastisches Gemüth. So fällt Einem die schönste Freude in den Brunnen.«

Er senkte den Kopf und schüttelte ihn langsam und mißmuthig hin und her.

Als sie am jenseitigen Ufer ausgestiegen waren und den Weg nach ihrer Wohnung einschlugen, strich der junge Mensch an ihnen vorüber, welcher Wallert gewarnt hatte. Normann erkannte ihn sofort wieder und hielt ihn am Arme fest.

»Halt!« sagte er. »Du bist uns einmal entwichen, wirst es aber nicht zum zweiten Male.«

Der Betreffende mochte vielleicht neunzehn Jahre alt sein. Er trug sich, wie bereits gesagt, wie ein gewöhnlicher Arbeiter, doch hatte es beinahe den Anschein, als ob dies eine Verkleidung sei. Er lächelte den Maler freundlich aber selbstbewußt an und fragte ihn:

»Willst Du mich halten?«

»Ja.«

»Du wirst es nicht können, wenn ich es nicht will!«

»Du giebst doch zu, heut dort drüben mit diesem Herrn gesprochen zu haben.«

»Ja.«

»Wer hatte Dich gesandt?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Hier, nimm!«

Normann zog ein Geldstück aus der Tasche und reichte es ihm hin; der Türke aber trat zurück und sagte:

»Herr, beleidige meine Seele nicht! Ich nehme kein Bakschisch. Ich thue, was mir die Herrin befiehlt; aber ich thue es, weil sie es will, nicht um Geld.«

Da reichte Wallert ihm die Hand hin und sagte: »Das ist brav von Dir. Jetzt kenne ich Dich wieder. Du warst mit im Thale der süßen Wasser, als Dein Gespann scheu wurde?«

»Ja, ich war es. Du hieltest die wüthenden Stiere auf und errettetest die Herrin aus großer Gefahr. Sie hat Dir ihre Hand gezeigt und ich danke Dir auch!«

»Darfst Du von ihr mit mir sprechen?«

»Nein.«

»Sie hat es Dir verboten?«

»Sie gebot mir. Dich zu warnen; aber sie befahl mir, weiter nichts zu thun.«

»Wie konnte sie mich warnen lassen? Wußte sie von dem Streiche, den man mir spielen wollte?«

»Ich kann und darf nichts sagen.«

»Auch ihren Namen nicht?«

»Nein.«

»Wo sie wohnt?«

»Das sollst Du niemals erfahren.«

Da rötheten sich Wallert's Wangen. Grad das reizte seinen Widerspruch.

»Ich werde es doch erfahren!« sagte er.

»Du wirst nie wieder von ihr hören. Sie will es so!«

Da meinte Normann zu dem Boten:

»Laß Dir Etwas sagen, mein Freund! Wenn Du zu Zykyma kommst, dann grüße sie von – – –

»Allah! Du kennst den Namen!« rief der Türke.

»Ja, ich kenne ihn. Sage ihr, daß wir nach dem Kirchhofe der Juden spazieren und an der Mauer sein werden.«

»Beim Propheten! Thut das nicht! Es könnte Euer Leben kosten und auch noch dasjenige anderer Leute!«

»Willst Du uns verrathen?«

»Dann würde ich auch die Herrin verrathen und das thue ich nicht.«

»So haben wir nichts zu besorgen. Höre, was ich Dir sage! Man hat uns in eine Falle gelockt. Ich muß erfahren, wie das geschehen konnte. Davon gehe ich nicht ab. Wir werden also am Abende draußen beim Wasser erscheinen. Was Du thun willst, das ist Deine Sache, wir werden auch zu handeln wissen.«

»Du kennst den Herrn nicht. Er ist grausam. Er würde Euch nicht schonen, wenn er bemerkte, daß Ihr sein Haus umschleicht.«

»Er hat uns schädigen wollen. Wir werden ihn auch nicht schonen, wenn er uns in die Hände geräth. Das ist es, was ich Dir zu sagen habe. Vielleicht gelingt es, mit Deiner Herrin zu sprechen.«

»Das ist unmöglich. Das Wasser ist tief und breit; die Mauern sind hoch; die Thüren fest und die Wächter werden niemals öffnen.«

»Auch nicht mit dem Schlüssel des Goldes?«

»Nein. Sie fürchten die Strenge des Herrn. Er würde sie verschwinden lassen aus dem Lande der Lebendigen.«

»Darfst Du denn mit Deiner Herrin sprechen?«

»Nein, denn ich bin kein Verschnittener; aber zuweilen darf ich heimlich die Sonne ihres Angesichts schauen und ihre leise Stimme hören. Sie hat mir das Leben gerettet und ich lausche dafür nun ihren Wünschen, um dieselben zu erfüllen.«

»Du bist gut und treu. Gehe in Allahs Namen heim. Wir werden uns wiedersehen.«

»Nicht eher, als bis die Herrin es will!«

»Sage ihr, daß hier mein Freund das Leben wagen wird, um sie zu sehen und mit ihr zu sprechen. Sie mag thun, was sie für gut hält, er aber wird auf die Stimme seines Herzens hören.«

Der Bote entfernte sich, indem er in eine Seitengasse einbog; die Drei gingen in die Wohnung der beiden Freunde. Dort angekommen, blickte der Lord sich um, Wallert aber fragte Normann:

»Ich bin auf das Freudigste überrascht, daß Du den Namen und die Wohnung kennst, nach denen ich so vergeblich geforscht habe. Woher weißt Du Beides?«

Normann theilte ihm seine Unterredung mit Steinbach mit; dies erhöhte nur den Eindruck, welchen dieser auf die Freunde gemacht hatte.

»Jetzt möchte ich aber nur wissen, mit wem Du im Bazar der Musselin-Händler gesprochen hast,« sagte der Maler.

»Wohl nicht mit ihr!«

»Du meinst, mit dem Kerl, welcher sich heute als Frauenzimmer sehen ließ?«

»Jedenfalls. Wer kann in dieser verteufelten Umhüllung einen weiblichen Körper von einem männlichen unterscheiden!«

»Aber der Solitär! Der Diamantring! Sie trug ihn und er hatte ihn auch, wie Du sagst.«

»Das ist das Räthsel. Aber ich werde es lösen. Ich sage Dir, daß ich Deine Worte wahr machen werde, Du magst sie im Ernst oder im Scherz gesagt haben. Ich gehe heut Abend hinaus und sollte es auch nur sein, um zu recognosciren.«

»Recognosciren?« fragte der Engländer. »Unsinn! Fällt keinem Menschen ein, zu recognosciren!«

»Was denn?«

»Recognosciren ist zu wenig. Heraus muß sie, heraus, sie mag wollen oder nicht.«

»Wenn sie nicht will, bleibt sie eben drin!« lachte der Maler.

»Oho! Ich will eine Entführung! Ich will sie, und ich werde sie fertig bringen, so glänzend, daß die größten Componisten sich um das Recht streiten werden, eine Oper darauf zu componiren. Dann erscheine ich mit ihr in eigener Person auf der Bühne. Ich singe den Heldentenor und sie singt den Verlobungsdiscant oder den Hochzeitssopran mit allen möglichen Läufern und Trillern. Man soll mich kennen lernen und auch sie, wenn sie nämlich schön genug ist, sich neben mir sehen zu lassen!«

Die beiden Freunde stimmten herzlich lachend in seine gute Laune ein. Doch meinte der Maler sehr bald wieder ernsthaft:

»Es ist vor allen Dingen nöthig, daß Du Dich prüfst, lieber Hermann. Hat ihr Anblick nur vorübergehend auf Dich gewirkt, so wäre es ja lächerlich, tolle Wagnisse zu unternehmen. Ist aber der Eindruck, den sie machte, ein tiefer, ein dauernder, so bin ich der Allerletzte, der Dich darob schmähen möchte. Ich habe hier ja auch erfahren, was Liebe ist und bin bereit, mit Dir durch Dick und Dünn zu gehen.«

»Ja, ich auch,« fiel der Lord ein. »Ich gehe sogar viel lieber durch Dick als durch Dünn mit Ihnen. Auch ich weiß nun, was Liebe ist; ich habe sie hier kennen gelernt und darum reiße ich Alles um, was sich mir in den Weg stellt.«

»Sie haben hier die Liebe kennen gelernt?« fragte Normann. »Hier in Constantinopel?«

»Ja. Da draußen vor dem Friedhofe unter den Olivenbäumen. Als ich ihr das süße Händchen küßte, da zuckte so ein Stoß durch meine Seele, ein Stoß, grad als ob mich mit dem Knaufe einer Reitpeitsche – – –«

Er hielt mitten in seiner Erklärung inne. Sein Mund blieb weit geöffnet und seine Augen waren mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf Wallert's Hand gerichtet.

»Weiter, weiter!« sagte Normann.

»Alle tausend Himmel und Wolken – – –!« entfuhr es endlich den Engländer.

»Was giebt es? Was haben Sie?«

»Herr Wallert, haben Sie eine Zwillingsschwester?«

»Warum diese Frage?«

»Eine Zwillingsschwester, die in London in der Paulskirche beim Blasebalgtreter gewesen ist und sich jetzt hier in Constantinopel entführen lassen will?«

»Nein.«

»Nicht? Welch eine Aehnlichkeit! Ihre Hand gleicht nämlich ganz genau derjenigen, welche mir die Holde reichte. Sie hatte auch so eine kleine, allerliebste Narbe auf der oberen Seite des Mittelfingers, wie von einer Blatter oder einer kleinen Verletzung. Während des Handkusses erblickte ich das Närbchen sehr genau. Und der Ring, der Ring! Genau auch so!«

»Sie täuschen sich!«

»Nein, nein! Ich habe doch meine Augen!«

»Dann ist es ein Zufall.«

»Anders ist es nicht zu erklären. Ich befinde mich förmlich in Aufregung. Ich muß meinen Gefühlen Luft machen, muß irgend Eine entführen, ganz egal, Welche! Darum schlage ich vor, wir machen uns heut Abend auf und versuchen, diese Zykyma über die Mauern herüber zu bringen. Nicht?«

»Nicht so sanguinisch!« meinte der Maler. »Solche Sachen wollen gute Weile haben und reiflich überlegt sein. Bei einer Entführung ist auch die Zustimmung Derjenigen nöthig, welche entführt werden soll.«

»Zustimmung? Unsinn! Das Mädchen wird gar nicht gefragt, sondern angefaßt, aufgeladen und fortgeschafft. Eine Entführung mit Einwilligung ist keine Heldenthat.«

»O, sie ist auch mit der Einwilligung schwierig und gefährlich genug. Was thun Sie mit einer Person, welche gegen ihren Willen entführt worden ist?«

»Hm! Na, was thun Sie denn mit Einer, welche eingewilligt hat, Master Normann?«

»Heirathen natürlich!«

»Das können Sie ja mit der Andern auch thun!«

»Wenn sie nicht will?«

»Pah! Wir alle Drei sind hübsch genug. Ich möchte das Mädchen sehen, welches Einen von uns nicht haben mochte!«

»Selbst wenn Sie Recht hätten, müßten wir Diejenige, um welche es sich handelt, erst fragen. Wir dürfen nicht unüberlegt handeln.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Wir befinden uns ja hier, um zu überlegen. Kennen Sie den Ort, wo das Haus steht?«

»So genau nicht, wie es nöthig wäre. Auf dem Judenkirchhof bin ich gewesen und habe dabei das betreffende Haus wohl auch gesehen. Das ist aber Alles.«

»Und das Wasser? Die beiden Bäche, welche sich an der Gartenmauer vereinigen? Sind sie breit?«

»Das weiß ich nicht. Mir ist nur bekannt, daß das Wasser bei den alten Kanonenschmiedereien in den Hafen mündet.«

»Sapperment! Wenn das Wasser breit genug wäre!«

»Was wäre da?«

»Ich habe einen herrlichen Gedanken. Ich ließ meine Dampfyacht heizen; wir führen bis an das Grundstück, legten an der Mauer an, kletterten hinüber, holten das Mädchen und dampften dann zurück, irgend wohin, wo man uns nicht erwischen könnte.«

Die beiden Andern lachten und Wallert meinte:

»Sie stellen sich die Entführung freilich sehr bequem vor. Doch bleiben wir ernst. Ich habe die feste Absicht, heut hinaus zu gehen und mir wenigstens die Gegend anzusehen.«

»Gut,« ich gehe natürlich mit,« sagte der Capitain. »Aber wir müssen uns doch dazu vorbereiten?«

»In wiefern?«

»In wiefern?« Welche Frage! Wenn wir so gehen, wie wir hier sind, da sehen wir einen Bach und eine Mauer, über welche wir nicht können, weiter nichts. Wir müssen uns also etwas mitnehmen, was als Brücke dienen kann und eine Leiter dazu.«

»Die Leiter könnte ja zugleich als Brücke benutzt werden.«

»Richtig! Also nur die Leiter! Von der Mauer aus können wir uns dann den Garten und das Haus ansehen.«

»Sehr schön, Mylord! Wir nehmen also eine Leiter auf die Schultern und traben mit derselben durch die Straßen, um die Leute aufmerksam zu machen, daß wir irgendwo einbrechen wollen. Nein. Das geht nicht. Wir werden heut zunächst nur recognosciren. Bevor wir uns nicht mit Zykyma in Verbindung gesetzt haben, können wir ja überhaupt gar keinen Entschluß fassen. Und um zu recognosciren, bedarf es nicht dreier Personen. Da ist eine genug.«

»Was! Ich soll vielleicht nicht mit?«

»Je weniger Personen, desto unauffälliger ist die Sache.«

»Meinetwegen! Aber ich bin nach Constantinopel gekommen, um ein Mädchen aus dem Harem zu holen, und da werden Sie mir doch nicht zumuthen, daß ich Andern dieses Vergnügen überlaste. Nein, ich gehe mit!«

»Aber, bedenken Sie!«

Er warf ihm einen bezeichnenden Blick zu.

»Was soll ich bedenken?«

»Ihr Aeußeres.«

»Mein Aeußere»? Sackerment, ist das etwa zu einer Entführung nicht geeignet?«

»So nicht. Ihre Gestalt – – «

»Meine Gestalt ist lang genug, um über eine Mauer zu klettern und im Harem einzusteigen.«

»Ihre Kleidung.«

»Was haben Sie gegen meinen Anzug? Soll ich etwa in Tricots gehen oder in Badehosen?«

»Das verlangt kein Mensch, mein bester Sir; aber Sie werden zugeben, daß Ihr Anzug zu auffällig ist. Sie könnten sich nur dann bei so Etwas betheiligen, wenn Sie sich anders kleideten.«

»Nun gut, so kleide ich mich eben anders.«

»Damit man nicht sofort den Engländer in Ihnen erkennt.«

»In Ihnen würde man aber auch sofort den Franken erkennen. Ich kann also auch Ihnen rathen, einen türkischen Anzug anzulegen.«

»Sie haben gar nicht Unrecht. Das ist aber auch wieder ein Grund, daß nicht wir alle Drei heut Abend gehen.«

»Warum?«

»Wir müßten drei Anzüge kaufen.«

»Natürlich! Handelt es sich etwa um das Geld?«

»Wir sind keine Millionärs.«

»Aber ich bin einer. Verstanden? Ich habe gesagt, daß ich tausend Pfund Sterling bezahle, wenn Sie mir eine Entführung aus dem Serail oder aus dem Harem ermöglichen. Dabei versteht es sich also ganz von selbst, daß ich alle dabei erforderlichen Ausgaben auf mich nehme. Ich hoffe, daß Sie einverstanden sind?«

»Wir haben keinen Grund, Ihnen da zu widerstreben.«

»Gut, es werden also drei Anzüge gekauft; aber was für welche?«

»Einfache, ganz einfache. Wir müssen uns so kleiden, daß wir keine Aufmerksamkeit erregen.«

»Ganz meine Ansicht. Ich schlage also vor, wir gehen gleich jetzt nach dem Kleiderbazar, um diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Dann machen wir uns sogleich auf den Weg nach dem Judenkirchhofe.«

»Ist nicht indessen einmal Ihre Anwesenheit an Bord nöthig?«

»Nein. Mein Capitain weiß, woran er ist. Ich habe ihm gesagt, daß ich zu unbestimmter Zeit zurückkehren werde. Am Liebsten käme ich erst dann, wenn ich eine Türkin mitbringen könnte. Also, gehen wir!«

Sie brachen auf.

Als sie aus dem Hause traten, war der Engländer der Vorderste. Er zog den Fuß zurück und blieb innerhalb der Thür stehen.

»Hole der Teufel den Kerl!« brummte er.

»Welchen Kerl?« fragte Normann.

»Diesen Derwisch. Da drüben steht er wieder und gafft hier an dem Hause in die Höhe.«

»So möchte ich nur wissen, in welcher Absicht er uns beobachtet.«

»Wollen wir ihn fragen?«

»Er wird sich hüten, es zu sagen.«

»Den Kerl sollte ich London auf der Spionage erwischen! Ich jagte ihm den Regenschirm durch den Leib. Wollen wir es uns gefallen lassen?«

»Was können wir dagegen thun?«

»Oho! Ich bin ein Engländer und habe keine Lust, mir von einem heulenden Derwische auf den Stiefeln herumtreten zu lassen. Ich werde ihm zu verstehen geben, daß er seine Augen da aufsperren soll, wo ich mich nicht befinde. Passen Sie auf, was ich machen werde!«

Der Derwisch stand allerdings nicht ohne Absicht hier. Wie bereits erwähnt, war ihm schon am Tage der Name der englischen Yacht aufgefallen. Er hatte ja aus diesem Grunde den Lord nicht aus den Augen gelassen. Indem er diesem folgte und ihn beobachtete, hatte er bemerkt, daß er zu dem Sklavenhändler gegangen war, zu welchem sich dann auch Normann, der Begleiter des Lords, begeben hatte. Der Derwisch hielt es für nöthig, zu erfahren, was Normann sei und was er bei dem Händler wolle. Darum trat er bei Letzterem ein und klopfte an dieselbe Thür, durch welche der Maler eingelassen worden war.

Als der Händler ihn bemerkte, öffnete er sofort die Thür. Die Derwische stehen im Geruche der Heiligkeit und werden, wenigstens in den unteren Volksklassen, stets mit Ehrfurcht behandelt.

»Sei willkommen!« sagte Barischa. »Hast Du mir einen Befehl Allahs zu überbringen?«

»Nein. Ich komme in einer andern Angelegenheit. Bist Du gegenwärtig reich an schönen Sklavinnen?«

»Ich habe immer die schönsten, welche Du in Stambul treffen kannst. Willst Du Dir einen Harem gründen?«

»Nein. Du weißt, daß mein Orden mir dies verbietet. Aber ich habe von einem hohen Herrn den Auftrag erhalten, ihm eine Sklavin zu suchen, an welcher sich sein Auge erfreuen kann. Darum komme ich zu Dir.«

Das war nicht wahr; aber er erhielt dadurch Gelegenheit, mit dem Alten zu sprechen und sich in dessen Hause umzusehen.

»Ist dieser Herr reich?«

»Sehr. Er rechnet stets nach goldenen Beuteln, nicht nach silbernen.«

»Verbietet Dir nicht Dein Orden, das Angesicht eines Weibes zu sehen?«

»Meine Augen gehören nicht mir, sondern Dem, für welchen ich die Sclavin betrachte; nicht ich sehe sie also, sondern er ist es, der sie sieht.«

»So kannst Du mir folgen. Ich werde Dir Alle zeigen, welche vorhanden sind.«

»Er wurde in ein größeres Zimmer geführt, wo die Mädchen versammelt waren. Er betrachtete sie mit innerem Vergnügen, behielt aber eine sehr ernste, würdevolle Miene bei. Er hatte geglaubt, Normann hier zu finden und fragte sich im Stillen, wo derselbe wohl stecken möge. Er vermuthete, daß wohl noch mehr Mädchen vorhanden seien, bei denen er den Gesuchten finden werde. Darum sagte er, als er sämmtliche Sklavinnen mit dem Blicke eines Kenners betrachtet hatte, zu dem Händler:

»Sind das Alle, welche Du hast?«

»Ja.«

»Das bedaure ich sehr.«

»Warum?«

»Der Pascha, welcher mich sendet, hat mir genau beschrieben, wie Diejenige sein muß, welche er kaufen würde. Unter diesen hier befindet sich aber keine solche.«

»Wie soll sie denn sein?«

»Ich habe nicht die Erlaubniß erhalten, von dem Mädchen des Herrn zu sprechen. Wenn Du weiter keine Mädchen hast, so muß ich gehen.«

Der Händler überlegte einen Augenblick; dann sagte er:

»Ist dieser Pascha wirklich sehr reich?«

»Sehr. Er erfreut sich der ganz besonderen Gnade des Großherrn, der ihn mit Ehren und Kostbarkeiten überhäuft.«

»Ist er geizig?«

»Nein. Er hat eine offene Hand.«

»So will ich Dir sagen, daß ich allerdings noch eine Sklavin besitze, eine einzige. Sie ist die Allerschönste, welche ich jemals gehabt habe und ich wollte sie dem Großherrn anbieten.«

»Allah segne den Padischah! Aber warum soll grad er diese Sklavin haben? Besitzt er nicht bereits die besten aller Länder? Soll ein Anderer sich nicht auch eines schönen Weibes erfreuen?«

»Du vergißest, daß der Großherr am allerbesten bezahlt. Er handelt niemals einen Para vom Preise ab.«

»Du hast Recht. Er handelt niemals. Entweder er bezahlt, was verlangt wird, oder er bezahlt gar nichts. Wenn ihm die Sklavin gefällt und er Dir den Preis nicht giebt, kannst Du ihn nicht beim Kadi verklagen. Hast Du das noch nicht erfahren?«

»Bereits einige Male.«

»So thue, was Dir Dein Verstand gebietet. Zeige mir die Sklavin, damit ich wenigstens sehen kann, ob ich zu meinem Pascha von ihr sprechen darf.«

»Ich werde Dich zu ihr führen. Aber warte draußen, bis ich zurückkehre; ich werde sie benachrichtigen.«

Er ging und der Derwisch kehrte einstweilen in die vordere Stube zurück. Dort befand er sich, als Normann gezwungen war, die Geliebte zu verlassen. Beide betrachteten sich im Vorübergehen mit nicht gerade sehr freundlichen Blicken. Als dann der Händler wiederkam, fragte der Derwisch:

»Kaufen auch Franken Sklavinnen?«

»Nein nur Anhänger des Propheten haben die Erlaubniß, die Freuden der Seligkeit bereits auf dieser Erde zu genießen.«

Aber Du siehst doch Ungläubige bei Dir!«

»Zuweilen. Sie kommen aus verschiedenen Gründen. Warum fragst Du?«

»Ich sah den Franken gehen, welcher jetzt bei Dir war.«

»Er befand sich bei der Sklavin, welche ich Dir zeigen werde.«

»Hat er sie gesehen?«

»Ja.«

»Etwa gar entschleiert?«

»Er mußte sie ohne Schleier sehen.«

»Ist das möglich? Hat Allah Dir den Verstand genommen, daß Du eine Sklavin, deren Anblick einen Pascha erfreuen soll, den Augen eines solchen Hundes preis giebst?«

»Ich weiß, was der Prophet und das Gesetz mir gebietet; aber ich muß die Vortheile meines Geschäftes berücksichtigen. Die Sklavin ist für den Großherrn bestimmt. Er kann nicht kommen, sie zu betrachten, und so wollte ich ihm ihr Bildniß senden. Dieser Franke ist ein Maler, welcher das Bild anfertigt.«

»Es ist dennoch eine Sünde, ihm zu erlauben, das Angesicht einer Tochter des Propheten zu sehen.«

»Sage mir, ob ein Thier, ein Hund ein Weib ansehen kann, ohne daß es eine Sünde ist!«

»Das ist keine Sünde.«

»Nun, dieser Christ ist ja auch nur ein Hund.«

»Diese Entschuldigung will ich gelten lassen. Aber, darf der Maler mit der Sklavin sprechen?«

»Kein Wort ich habe den Wächter bei ihnen stehen.«

»So will ich nicht berücksichtigen, daß das Auge eines Unberufenen auf ihr geruht hat. Zeige sie mir!«

Der Händler führte ihn in das Zimmer, in welchem Normann sich vorher befunden. Tschita saß noch auf dem Divan, doch hatte sie den Schleier vor das Gesicht genommen. Der Derwisch konnte das Portrait nicht sehen, da der Maler es verhüllt hatte.

»Erhebe Dich vor dem Manne der Frömmigkeit, und entferne den Schleier!« gebot der Händler.

Tschita stand auf und enthüllte ihr Angesicht. Das Auge des Derwisches fiel auf sie. Er stieß einen lauten Ruf aus und wich zurück. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer außerordentlichen Ueberraschung. Fast schien es, als ob er sogar erschrocken sei. Es kostete ihm sichtlich eine bedeutende Anstrengung, seine vorherige Gleichgiltigkeit wieder zu zeigen.

Tschita erröthete. Das Gesicht dieses Menschen war ihr widerwärtig. Sie ließ den Schleier wieder über ihr Gesicht fallen; aber der Derwisch trat schnell zu ihr und hob den Schleier wieder auf.

»Was sagst Du von ihr?« fragte der Händler.

»Sie ist so, wie der Pascha sie wünscht. Wirst Du mir erlauben, sie zu prüfen?«

»Thue es.«

Der Derwisch befühlte die Arme, die Schultern und den Busen der Sclavin; er umspannte die Taille, ließ sich ihre Zähne zeigen, kurz er behandelte sie ganz wie eine Waare, welche man ungenirt untersuchen kann. Sie war bleich, sehr bleich geworden, doch wagte sie nicht, ungehorsam zu sein; aber als er sich von ihr wendete, benutzte sie dies sofort, aus dem Zimmer zu entfliehen.

Die dunklen Augen des Derwisches brannten förmlich. Es glühte in ihnen ein Feuer, welches selbst dem Händler auffallen mußte. Darum fragte dieser:

»Sie hat Dir gefallen?«

»Ja. Ich werde dem Pascha empfehlen, sie zu kaufen. Woher hast Du sie erhalten?«

»Von jenseits des Kaukasus.«

»Hast Du selbst sie dort geholt?«

»Nein. Sie wurde zu Schiffe nach Stambul gebracht. Einer meiner Agenten hatte sie gekauft.«

»Wie ist ihr Name?«

»Tschita.«

»Heißt sie wirklich so?«

»Ich kenne keinen anderen.«

»Wer ist ihr Vater, und wie heißt der Ort, in welchem sie geboren wurde?«

»Ich weiß Beides nicht. Der Agent sagte, er dürfe es mir nicht sagen.«

»Sonderbar! Also der Christ hat sie gesehen, und ihr Bildniß gemalt! Wo ist es?«

»Hier. Es ist noch nicht ganz fertig, aber trotzdem außerordentlich ähnlich.«

Er entfernte die Hülle, und der Derwisch betrachtete das Portrait.

»Ja,« meinte er, »es ist ihr ganz ähnlich. Sage mir den Preis, welchen Du forderst!«

»Von dem Großherrn würde ich fünf Beutel in Gold verlangen.«

»Er würde sie Dir entweder voll geben oder gar nichts. Ich biete Dir vier Beutel, welche Du sofort empfangen wirst, ohne daß man einen Piaster abhandelt.«

»Hast Du Auftrag, mir diese Summe zu nennen?«

»Nein; aber ich weiß, daß der Pascha so viel bezahlen wird, wie ich biete.«

»Er mag selbst kommen. Wenn er Tschita kaufen will, muß ich mit ihm selbst sprechen. Er kann sie nicht allein erhalten, sondern er muß ihre Mutter auch nehmen.«

»Warum?«

»Weil die Sclavin ohne ihre Mutter sterben würde. Dann müßte ich das Geld zurückbezahlen.«

»Wie kann eine Sclavin sterben, weil sie die Mutter nicht bei sich hat!«

»Tschita würde es thun. Ich kenne sie. Sie mag ohne ihre Mutter nicht leben. Sie würde nicht allein von hier fortgehen.«

»Man wird sie zwingen.«

»Dann tödtet sie sich ganz gewiß. Sie hat es gesagt, und was sie sagt, das thut sie.«

»Das erschwert den Handel sehr.«

»Nicht so sehr, wie Du denkst. Es soll ja für die Mutter gar nichts bezahlt werden.«

»So ist sie wohl alt?«

»Nicht sehr, wohl aber unbrauchbar. Sie ist stumm.«

»Das ist gut. Ein Weib, welches nicht sprechen kann, hat doppelten Werth. Allah hat das gewußt, als er sie ohne Sprache schuf.«

»O, sie ist nicht stumm geboren. Man hat ihr die Zunge ausgeschnitten.«

Da ging ein blitzschnelles Zucken über das Gesicht des Derwisches; doch faßte er sich gleich wieder und sagte:

»Das thut man zuweilen dort, wo die Schwarzen wohnen. Die Mutter dieser Sclavin aber kann doch nicht etwa eine Negerin sein.«

»Nein. Sie ist eine Weiße.«

»Warum also hat man sie so verstümmelt?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe es nicht erfahren können.«

»Ist sie sonst brauchbar? Kann sie kochen, braten?«

Der Blick des Sprechers war mit Spannung auf den Händler gerichtet Dieser antwortete:

»Sie vermag leider keine Arbeit zu thun, da sie keine Hände hat. Auch diese sind ihr genommen worden.«

»Allah 'l Allah! Sie muß eine große Verbrecherin sein, da man sie zu einer solchen Strafe verurtheilt hat. Aber ihre Tochter gefällt mir, und so will ich dem Pascha rathen, auch die Mutter zu behalten. Er wird sich entschließen. Beide zu kaufen, wenn Du mir erlauben wolltest, ihm das Bild zu zeigen.«

»Du willst es mitnehmen? Ich kenne Dich nicht.«

»Willst Du Dich an Allah versündigen? Glaubst Du, daß ein Sohn meines heiligen Ordens Dich um ein Bild bestehlen werde?«

»Das glaube ich nicht. Kann ich erfahren, welcher Herr es ist, zu dem Du es bringen willst?«

»Ibrahim Pascha, der Sohn des Kurden Melek Pascha.«

»Den kenne ich. Er ist der Liebling des Sultans. Du sollst das Bild erhalten. Ali, der Eunuch, mag es Dir dahin tragen, wohin Du es haben willst, und es mir dann wieder bringen.«

Damit hatte der Besuch des Derwisches eigentlich ein Ende. Er hatte hier mehr gefunden, als er gesucht hatte, unendlich mehr; aber er vergaß trotzdem nicht, was ihn hergeführt hatte. Er meinte im Tone der Unbefangenheit:

»Der Prophet hat verboten, daß der Gläubige sich ein Bildniß seines Körpers und Gesichtes anfertigen lasse. Dieses Bild wird also vernichtet werden müssen.«

»Dann muß Ibrahim Pascha es bezahlen. Der Franke fertigt es mir nicht umsonst an.«

»Ich werde vielleicht mit diesem Maler sprechen. Kannst Du mir sagen, wo er wohnt?«

»Hart neben dem Inger Postan-Platz in Pera. Sein Wirth ist ein Grieche und heißt Miledas.«

»Ich werde ihn erfragen. Also gieb mir den Eunuchen mit. Vielleicht kommt der Handel schnell zu stände.«

Der Derwisch war ganz aufgeregt, nur daß er es sich nicht merken ließ. Er verzichtete darauf, den Weg zu Fuß zurückzulegen; das hätte sehr lange gedauert. Er nahm am nächsten Platze zwei Esel, einen für sich und einen für den Eunuchen, und ritt, so schnell ihnen der Treiber zu Fuße folgen konnte, über die Perabrücke hinüber nach Altstambul, wo Ibrahim Pascha seinen Palast hatte.

Der Pascha begleitete zwar kein directes Staatsamt; aber sein Vater war ein hoher Würdenträger gewesen. Das hatte man nicht vergessen, und so kam es, daß der Sohn sich in höheren Kreisen eines nicht unbedeutenden Einflusses rühmen konnte. Es war bekannt, daß er neben seinem großen Reichthum eine ganze Anzahl der schönsten Frauen besaß, um welche man ihn im Stillen beneidete.

Leider aber fühlte er sich nicht so glücklich, als man es hätte denken sollen. Und das hatte seine Gründe. Ueber einen dieser Gründe dachte er eben nach, als er allein in seinem Zimmer saß, das lange Rohr der Wasserpfeife in der Hand und vor sich das goldene Kaffeebret mit der kleinen Tasse von der ungefähren Größe eines halben Eies.

Er wurde gestört. Ein schwarzer Diener trat ein, neigte sein Haupt fast bis zur Diele herab und wartete nun der Anrede seines Herrn.

»Hund!« knurrte dieser. »Habe ich nicht gesagt, daß ich allein sein will! Soll ich Dich peitschen lassen!«

Zu seiner Entschuldigung nannte der Sclave einen Namen: »Osman, der Derwisch.«

Das finstere Gesicht des Herrn nahm sofort einen weniger grimmigen Ausdruck an.

»Was ist's mit ihm?« fragte er.

»Er bittet um die Gnade, Dein Angesicht sehen zu dürfen, Pascha.«

»Er mag hereinkommen. Aber horche nicht, Schakal, sonst lasse ich Dir die Ohren abschneiden!«

Der Schwarze ging und der Derwisch kam.

Der Letztere zeigte keineswegs die Demuth des Ersteren. Er hatte zwar draußen seine grünen Pantoffel ausgezogen, beugte sich aber nicht um einen Zoll aus seiner stolzen, aufrechten Haltung. Nur als er das verhüllte Bild, welches er in den Händen trug, gegen die Wand lehnte, mußte er sich bücken, keineswegs aber that er dies aus Unterwürfigkeit gegen den Pascha.

»Was bringst Du da?« fragte er.

»Eine Ueberraschung.«

»Weißt Du nicht, daß es für den wahren Gläubigen keine Ueberraschung giebt! Allah bestimmt die Schicksale des Menschen, und was er sendet, muß in Ruhe und Ergebenheit entgegengenommen werden.«

»Und doch sendet Allah zuweilen eine Gabe, welche der Mensch für unmöglich gehalten hätte.«

»Bei Allah ist Alles möglich. Also sag, was Du bringst.«

»Ein Bild.«

»Wie? Ein Bild? Bist Du ein Christ geworden?«

»Nein. Ein Christ hat es gezeichnet. Erlaubst Du, daß ich es Dir zeige, Herr?«

»Blicke Dich um! Darf ich hier ein Bildniß sehen, das Werk eines Ungläubigen?«

Er deutete nach den Wänden, deren himmelblauer Grund mit goldenen Koransprüchen verziert war. Der Islam erlaubt nur Arabesken, Ornamente und fromme Sprüche. Bilder verbietet er.

»Hältst Du mich für einen untreuen Anhänger des Propheten?« fragte der Derwisch. »Was ich Dir bringe, darfst Du betrachten. Ich will sehen, ob es für Dich wirklich keine Ueberraschung giebt. Blicke her!«

Er zog den Schleier von dem Bilde. Der Blick des Pascha fiel auf das Portrait. Er stieß einen lauten Schrei aus und sprang so hastig von seinem Kissen auf, daß er das Kaffeebret eine ganze Strecke weit von sich fortschleuderte und die kostbare Phiole der Wasserpfeife zerbrach.

»O Himmel! O Hölle!« stieß er hervor. »Sehe ich recht?«

»Kennst Du sie?« fragte Osman.

»Anna von Adlerhorst!«

»Sie ist es! Schweig! Das ist ihr Gesicht, ihr Mund, ihr goldenes Haar! Das ihre Augen, die wunderbaren Sterne, für deren Blick ich meine Seligkeit gegeben hätte, wenn er mir hätte leuchten mögen!«

»Und doch ist sie es nicht. Es ist das Bild ihrer Tochter.«

»Ihrer Tochter! Wie ist das möglich?«

»Könnte jenes deutsche Weib jetzt so sehen? Wäre sie jetzt so jung?«

»Nein, nein. Du hast Recht. Aber wie kann es ein Bild ihrer Tochter geben, hier in Stambul?«

»Ich kann es mir auch nicht erklären. Aber es ist dennoch sicher, daß diejenige, deren Bild Du hier erblickst, die Tochter derjenigen ist, welche Deine Liebe verachtete, und zugleich die Tochter des ungläubigen, deutschen Hundes, welcher Deinen Vater tödtete.«

»Ja, es muß so sein; es kann nicht anders sein. Das kann nur das Bildniß einer Ad – – einer verfluchten Adlerhorst sein. Aber wo ist das Original? Wo ist es?«

Der Derwisch weidete sich an dem Eindrucke, welchen das Portrait hervorgebracht hatte.

»Nun, Herr, giebt es Überraschungen?« fragte er.

»Ja, ja; das ist eine, und zwar eine große! Antworte!«

»Willst Du dieses Bild kaufen?«

»Ist es zu verkaufen?«

»Ja.«

»Dann kaufe ich es. Ich bezahle, was dafür gefordert wird, sogleich, sogleich!«

Er gab sich gar keine Mühe, seine Aufregung zu verbergen. Er bemerkte den höhnischen Blick des Derwisches nicht; er sah überhaupt nichts, nichts als das Bild.

»Es soll fünf Beutel in Gold kosten.«

»Fünf Beutel? Bist Du toll? Das sind fast neuntausend deutsche Thaler!«

»Vielleicht erhältst Du es auch für vier Beutel, wenn Du sofort bezahlst.«

»Ein Bild kann doch nicht so viel kosten!«

»Und doch sagtest Du, daß Du sogleich bezahlen werdest, was gefordert wird!«

»Konnte ich einen solchen Preis für möglich halten?«

»Allerdings nicht. Ich habe aber eine Beruhigung für Dich. So viel soll nämlich das Bild mit dem Originale kosten.«

»Mit dem Originale? Also ist es hier in Stambul?«

»Ja.«

»Meinst Du etwa eine Sclavin?«

»Eine tscherkessische Sclavin bei dem Händler Barischa, den Du ja auch kennst.

»Wie kommt die Tochter dieser – dieser – – als Sclavin nach der Stadt des Großherrn?«

»Das ist ein Geheimniß, welches wir wohl noch ergründen werden. Sie soll verkauft werden, und zwar nebst diesem Bilde und ihrer Mutter.«

»Ihrer Mutter?« fragte der Pascha, indem er vor Erstaunen einen Schritt zurückwich. »Ist Anna da?«

»Anna?« lachte der Derwisch in fast diabolischer Weise. »Du nennst sie Anna! War sie so sehr Deine Freundin?«

»Nein, nein! Aber antworte!«

»Ja sie ist da, stumm und ohne Hände.«

»O Allah! Hast Du sie gesehen?«

»Nein. Sie soll mich nicht eher sehen, als bis sie sich in unserer Gewalt befindet. Dann wird ihr Entsetzen um so größer sein.«

»Wie aber bist Du auf den Gedanken gekommen, zu dem Verkäufer der Sklavinnen zu gehen?«

»Ich folgte einem Engländer, welcher bei Barischa war. Der Mensch sah schrecklich aus. Seine ganze Kleidung bestand aus viereckigen grauen und schwarzen Flecken, und er hieß auch Adlerhorst.«

»Wie? Ein Engländer hatte diesen deutschen Namen?«

»Er hatte ihn in englischer Sprache. Ein Dolmetscher erklärte es mir. Durch diesen Namen wurde ich aufmerksam gemacht und ging hinter ihm her.«

Er erzählte nun das ganze Erlebniß. Der Pascha hörte dem Berichte mit größter Aufmerksamkeit zu und sagte dann im Tone des Eifer:

»Ich kaufe sie; ich kaufe sie natürlich! Ich werde sogleich zu dem Händler reiten, obgleich ich keine Zeit habe; denn ich muß hinüber nach dem Kirchhof – – ah, das weißt Du noch gar nicht. Ich muß Dir auch ein Bild zeigen.«

»Wie? Auch Du hast Bilder?«

»Ein einziges.«

»Du, ein gläubiger Moslem!«

»Ich brauche es heut noch um den Mann zu erkennen; dann verbrenne ich es oder lasse es ihm heimlich wieder in seine Wohnung legen, damit er nicht bemerkt, daß es weg gewesen ist. Die Schickungen Allah's sind wunderbar. Hier ist das Bild; ich trage es bei mir. Kennst Du den Mann?«

Er zog eine Photographie aus der Tasche und hielt sie dem Derwische vor die Augen. Jetzt ging es dem Letzteren genau so, wie vorhin dem Pascha. Er wich zurück und rief im Tone des Erschreckens:

»Alban von Adlerhorst! Den sendet der Teufel!«

»Ist er es?«

»Ja.«

»Nein!«

»Ja doch! Er ist es!«

»Er ist es nicht. Könnte dieser Mensch jetzt so jung sein?«

»Nein. Du hast Recht! Uebrigens ist er ja todt.«

»Ja; er ist zur Hölle gefahren und zu allen Geistern der Verdammniß. Fluch über ihn!«

»So ist dieser hier sein Sohn!«

»Ich denke es auch. Aber er trägt einen anderen Namen.«

»Das ist leicht möglich. Wo ist er?«

»Hier in Stambul.«

»So möge uns Allah beschützen!«

»Er weiß ja nichts von uns.«

»Wie kamst Du zu diesem Bilde?«

»Ich habe es mir stehlen lassen. Das Original wird heut noch im Gefängnisse sitzen, und ich werde Sorge tragen, daß dieser Hund die Freiheit nie wieder erblickt.«

»Warum?«

»Er hat es auf meinen Harem abgesehen.«

»Was sagst Du? Ist das die Wahrheit?«

»Ja. Vor Kurzem fuhren einige meiner Frauen mit ihren Freundinnen nach dem Thale der süßen Wasser. Dort gingen die Thiere des Wagens durch, in welchem Zykyma, mein Lieblingsweib, saß. Ein Franke kam dazu und hielt die Stiere an. Sie reichte ihm die Hand zum Danke, die er küßte.«

»Das hat das Weib eines Pascha gethan, eines rechtgläubigen Anhängers des Propheten?«

»Ja,« antwortete der Pascha grimmig. »Du warst dabei, als ich Zykyma kaufte. Du hast sie nicht gesehen. Sie ist die Krone meines Harems; aber sie ist ein Teufel. Ich darf sie nicht berühren.«

»Das soll ich glauben, Herr?«

»Es ist so. Ein Mann darf nicht von seinen Frauen sprechen; aber Du bist mein Helfer und Vertrauter; Du kannst es wissen und wirst darüber schweigen. Zykyma hat einen kleinen Dolch, dessen Spitze vergiftet ist. Damit wehrt sie mich ab. Es soll sie nie im Leben ein Mann berühren.«

»Nimm ihr den Dolch!«

»Kann ich? Ich darf es nicht wagen, meine Hand nach demselben auszustrecken. Der kleinste Riß mit der Spitze, nur in die Haut, genügt, daß der Getroffene in wenigen Sekunden todt zur Erde fällt. Dieser Dolch stammt von einer Insel, auf welcher wilde Menschen leben, weit jenseits des Landes Indien noch.«

»So befiehl Anderen, ihr die Waffe abzunehmen!«

»Ich habe es befohlen; aber keiner der Verschnittenen und keine der Dienerinnen hat den Muth, diesem Befehle zu gehorchen. Ich habe sie peitschen lassen, vergebens. Sie lassen sich lieber todtschlagen, als daß sie an dem fürchterlichen Gifte sterben wollen –«

»Man mag warten, bis sie schläft!«

»Da kann Niemand zu ihr. Sie schließt sich ein. Sie ist die Tochter eines Häuptlings; sie ist einmal in der Hauptstadt der Russen gewesen und hat da Vieles gesehen, was die Frau eines Moslem eigentlich nicht gesehen haben sollte. Darum hat sie auch diesem fremden Hunde ihre Hand gereicht und sie sich küssen lassen. Der Hund soll in alle Höllen stürzen! Ich erfuhr es wieder und wurde aufmerksam. Sie ist schön, sehr schön. Sie kann einen Franken verführen. Sie ging nach dem Bazar der Musselinweber und traf mit ihm bei einem Händler zusammen. Ich hatte sie beobachten lassen. Sie durfte nicht wieder fort. An ihrer Stelle aber schickte ich meinen weißen Verschnittenen nach dem Bazar. Ich sann darüber nach, warum der Fremde mein Weib wieder erkannt haben mochte. Er hatte nur ihre Hand gesehen; an dieser nur konnte er sie erkennen, also an dem Ringe, den sie trug. Ich fand einen Vorwand, ihn ihr abzufordern, und steckte ihn dem Verschnittenen an. Es gelang. Der Fremde hat sich überlisten lassen und ist zu einem Stelldichein mit Zykyma verführt worden. Er kommt zwei Stunden vor dem Untergange der Sonne nach dem Kirchhof von Mewlewi Hane, wo ich ihn ergreifen lassen werde. Die Polizisten sind bereits dort.«

»Ihm geschieht sein Recht. Er darf keine Gnade finden. Wie aber hast Du sein Bild erlangt?«

»Ich hatte befohlen, ihm zu folgen. Ich wollte natürlich seine Wohnung erfahren. Ich erfuhr sie und bestach den Wirth, welcher ihm heimlich das Bild wegnahm. Der Wirth ist ein Grieche und heißt Miledas.«

»Wie? Miledas? Wohnt er etwa in der Nähe von Inger Boston?«

»Ja, ganz nahe dabei.«

»Welch ein Zusammentreffen! Dort wohnt auch der Maler, welcher dieses Bild gefertigt hat.«

»Allah! Ein Maler wohnt bei ihm, das weiß ich. Er nennt sich Wallert und der Maler heißt Normann; das sind zwei deutsche Namen. Ob Bruder und Schwester von einander wissen?!«

»Nein.«

»Wie vermuthest Du das?«

»Der Bruder würde sie sofort den Händen des Händlers entreißen. Weißt Du überhaupt, ob er selbst seinen eigentlichen Namen kennt?«

»Er kennt ihn, darf ihn aber nicht nennen. Aber die Zeit vergeht. Sprechen wir später noch darüber. Jetzt eile ich zu dem Händler, um die Sclavin zu kaufen. Ich werde satteln lassen. Geh Du voraus, ihm zu sagen, daß ich komme.«

»Soll ich dort bleiben, bis Du kommst?«

»Ja. Du sollst ja aufmerken, daß Alles in Ordnung verläuft. Der Händler wird die Tochter mit der Mutter hinausschaffen in mein Haus am Wasser. Du folgst ihnen unbemerkt, um zu sehen, ob Beide richtig abgeliefert werden. Dann begleitest Du ihn hierher, um Zeuge zu sein, daß er das Geld erhält. Jetzt geh!«

»Und das Bild?«

»Das bleibt hier!«

Der Derwisch entfernte sich. Als er fort war, trat der Pascha an das Porträt, betrachtete es einige Zeit und murmelte dann vor sich hin:

»Anna von Adlerhorst! Ich trug einen Himmel im Herzen. Du schufst eine Hölle daraus. Ich habe mich gerächt, fürchterlich gerächt. Der Schluß meiner Rache aber soll jetzt erst kommen: Du sollst Zeugin sein, wie Deine Tochter, Dein Ebenbild, meine Sclavin ist und mir die Liebe geben muß, die Du mir versagtest!«

Er hüllte das Bild wieder ein und gab dann die nöthigen Befehle. Einer der Diener mußte hinaus nach dem Hause an den Bächen, damit man sich dort auf den Empfang der neuen Sclavin vorbereite.

Als er dann bei Barischa von dem Pferde stieg, empfing dieser ihn mit sklavischer Unterwürfigkeit.

»Hat der Derwisch Dir gesagt, was ich will?« fragte er.

»Ja, o Pascha. Möge Dein Auge Wohlgefallen finden an der Blume, welche Du pflücken willst!«

»Weiß sie bereits von mir?«

»Kein Wort.«

»Sie darf auch nichts wissen. Sie würde Dir vielleicht nicht gehorchen. Wenn sie mir gefällt und ich sie kaufe, so hast Du sie und ihre Mutter an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen, den der Derwisch Dir beschreiben wird. Du lockst sie hinaus, indem Du zu ihnen sagst, Du würdest sie nach dem Thale der süßen Wasser spazieren fahren. Auf diese Weise umgehst Du alle Schwierigkeiten, welche sie Dir machen könnten. Auch verbiete ich Dir, irgend einem anderen Menschen zu sagen, wer sie gekauft hat.«

»Dürfen es die anderen Sklavinnen erfahren?«

»Nein.«

»Aber mein Eunuch wird es erfahren.«

»Auch er darf es nicht wissen. Ich befehle es! Jetzt nun will ich sie sehen.«

Er wurde in das Zimmer geführt, wo der Maler zu arbeiten pflegte, und der Eunuch holte Tschita. Als der Pascha das schöne Madchen erblickte, konnte er sein Entzücken kaum bemeistern.

»Sie ist schöner, tausendmal schöner, als ihre Mutter war!« dachte er.

Bei der Mühe, welche er sich gab, gelang es ihm, kalt zu erscheinen. Er schüttelte abweisend den Kopf und sagte, so daß sowohl Tschita als auch der Eunuch es hören konnten:

»Man hat sie mehr gelobt, als sie verdient. Ich kann sie nicht gebrauchen.«

Dann ging er. In dem vorderen Zimmer aber blieb er bei dem Händler stehen und sagte:

»Höre meinen Willen! Ich gebe Dir vier Beutel in Gold für das Mädchen und einen Beutel in Silber für das Bild, keinen Para mehr. Im anderen Falle magst Du versuchen, ob der Padischah Dich bezahlt. Willst Du?«

»Wann erhalte ich das Gold?«

»Sogleich, nachdem Du die beiden Frauen abgeliefert hast. Der Derwisch wird Dich zu mir begleiten, wo das Geld schon jetzt bereit liegt.«

»So nimm sie hin, Herr! Du wirst niemals ein Weib sehen, welches schöner ist als dieses Mädchen.«

Somit war der Handel abgeschlossen. Der Pascha überließ sein Pferd dem Derwisch und begab sich an das Ufer, um sich in einem Kaik nach der andern Seite übersetzen zu lassen, wo Wallert gefangen genommen worden war. Er kam dort noch vor demselben an.

Der alte Mädchenhändler hatte ein sehr gutes Geschäft gemacht. Er freute sich darüber, verbarg jedoch diese Freude, als er zu Tschita zurückkehrte. Er machte vielmehr ein zorniges Gesicht, indem er sagte:

»Jetzt konntest Du einen vornehmen Herrn erhalten und die Gebieterin eines hohen Pascha werden. Aber Du machst ein Gesicht, daß er sofort zurück geschreckt ist. Bist Du krank?«

»Nein.«

»Und doch bist Du krank. Deine Wangen sind blaß. Hast Du Schmerzen?«

»Nirgends.«

»Um so schlimmer. Wenn man blaß ist und trübselig, ohne wirkliche Schmerzen zu empfinden, so ist es sehr gefährlich. Ich glaube, Du mußt Luft und Sonnenschein haben. Hast Du einmal vom Thale der süßen Wasser gehört?«

»Wo die Frauen spielen?« fragte sie rasch.

»Ja, den Ort meine ich.«

»Ich habe von ihm gehört.«

»Möchtest Du einmal hin?«

»O, gern, so gern!«

Ihre Augen strahlten vor Entzücken.

»Nun so will ich einen Wagen miethen. Du sollst hinausfahren.«

»Heut? Jetzt, Herr?«

»Ja, jetzt sogleich.«

»Allah danke es Dir! Wer fährt noch mit?«

»Niemand. Die Andern sind nicht krank.«

»O, Eine ist doch krank, sehr krank, nämlich meine Mutter. Willst Du nicht die Gnade haben, zu erlauben, daß ich sie mitnehmen darf?«

»Ich will Dir die Freude machen, hoffe aber, daß Du um so munterer bist, wenn wieder ein Käufer kommt.«

Das gab natürlich eine außerordentlich freudige Aufregung. Der Eunuch ging, um eine Araba zu bestellen, einen zweirädrigen Wagen, von Ochsen gezogen, in welchen Mutter und Tochter stiegen, ohne zu ahnen, daß sie nicht wieder zurückkommen würden.

Die Vorhänge des Wagens wurden fest zugezogen. Niemand sollte die kostbare Perle sehen, welche er enthielt. Der Händler schritt nebenher und der Derwisch kam in einiger Entfernung stolz hinterher geritten, gefolgt von den erstaunten Blicken der ihm Begegnenden, die noch nie in ihrem Leben einen Derwisch vom Orden der Heulenden auf einem so guten und kostbar gesattelten Pferde gesehen hatten.

Der Weg ging durch Sankt Dimitri und Piali Pascha. Als sie den letzteren Stadttheil hinter sich hatten, ritt Osman voran. Er wollte der Erste sein, der Mutter und Tochter empfing und sich an dem Schrecke der Beiden weiden konnte.

Der Bote des Pascha war bereits dagewesen und die Haremsdienerinnen hatten Alles zum Empfange bereit gemacht. Kurze Zeit darauf knarrte der Wagen zum geöffneten Thore herein und hielt in dem Hof.

»Steigt aus!« gebot der Händler. »Wir sind an Ort und Stelle.«

Das ganze, dem Pascha gehörige Grundstück bildete ein spitzwinkeliges Dreieck, an dessen beiden langen Seiten die zwei Bäche flossen, die sich in dem spitzen Winkel vereinigten. Hart am Wasser, also von diesem bespült, hoben sich die wohl sechs Ellen hohen, starken Mauern empor. In derjenigen Mauer, welche die dritte Seite bildete und also von dem einen bis zum andern reichte, befand sich das Eingangsthor, aus starkem, mit Eisen beschlagenem Holze gearbeitet und mit schweren Riegeln und Schlössern versehen.

Durch dieses Thor gelangte man in den Hof und von diesem aus in das Gebäude, hinter welchem dann der dreieckige Garten lag, der mit schattigen Bäumen bepflanzt und mit schön blühendem Buschwerk verziert war.

Also in diesem Hofe hielt der Wagen. Die beiden Frauen stiegen aus. Tschita blickte sich befremdet um und sagte zu dem Händler:

»Ich denke, wir fahren nach dem Thale der süßen Wasser?«

»Ja, das thun wir auch,« antwortete er unter einem befriedigten Lächeln.

»Das kann doch hier nicht sein!«

»Nein. Ich habe Euch vorher hierhergebracht, um Euch zu Frauen zu führen, welche mitfahren werden. Seht dort den Mann! Folgt ihm hinauf in die Gemächer. Er wird Euch die Frauen zeigen, welche mitfahren werden. Ich warte hier, bis Ihr wieder kommt.«

Das beruhigte das Mädchen. Sie nickte ihrer Mutter aufmunternd zu und wendete sich mit ihr nach der Thür, unter welcher der erwähnte Mann stand.

Er hatte ein hageres, keineswegs Vertrauen erweckendes Gesicht und in seinem Gürtel steckte eine Peitsche, das sichere Zeichen, daß er hier eines vorragenden Amtes waltete. Er betrachtete die Nahenden mit scharfen Augen, trat zur Seite, um sie einzulassen und sagte:

»Ich bin der Stellvertreter des Pascha, der Verwalter dieses Hauses. Ihr habt Euch das zu merken!«

Das fiel Tschita auf. Sie antwortete:

»Das geht uns nichts an. Wir haben mit Dir nichts zu schaffen. Wo sind die Frauen, welche wir besuchen sollen?«

»Folgt mir!«

Sein Gesicht hatte während ihrer Worte einen schadenfrohen Ausdruck angenommen. Er wendete sich kurz um und schritt mit ihnen voran, durch einen Gang, welcher nach einem Innenhof führte. In der Mitte desselben befand sich ein Wasserbassin, von steinernen Sitzen umgeben. Der Hof wurde nicht durch Mauern, sondern durch einen viereckigen Säulengang gebildet, auf welchem das Stockwerk ruhte. Die mit dichten Holzgittern versehenen Fensteröffnungen bewiesen, daß sich da die Frauengemächer befanden.

Es befand sich kein Mensch in dem Hofe. Der Mann führte sie über denselben hinweg nach einer schmalen Holztreppe, welche nach oben führte. Dort öffnete er eine Thür und trat mit ihnen ein. Da stand ein dicker Neger mit fettem, schwammigem Gesichte und außerordentlich wulstigen Lippen, der sich vor dem Manne verneigte. Der Letztere deutete mit der Hand auf ihn und sagte:

»Das ist Omar, von jetzt an Euer Wächter, welchem Ihr zu gehorchen habt. Er wird mir berichten, ob er mit Euch zufrieden ist.«

Tschita blickte ihn durch die Schleieröffnung erstaunt an.

»Unser Wächter?« fragte sie. »Dem wir zu gehorchen haben? Höre ich recht?«

»Ich wiederhole mein Wort nie. Wenn Ihr noch nicht wißt, woran Ihr seid, so kommt hier Einer, der es Euch sagen wird.«

Er deutete nach einer Thür, durch welche in diesem Augenblicke der Derwisch eintrat. Er hatte die Worte des Verwalters gehört und sagte zu dem Mädchen:

»Wie es scheint, hat Euch Barischa noch gar nicht gesagt, weshalb Ihr Euch hier befindet?«

Sie erkannte in ihm Den, welcher heute bei dem Händler gewesen war und ihr Zusammensein mit dem Maler gestört hatte. Hatte sie schon aus diesem einen Grunde keine Veranlassung, ihm wohlgesinnt zu sein, so machte der lauernde, höhnische Ausdruck seines Gesichtes einen doppelt unangenehmen Eindruck auf sie.

»Er hat es mir gesagt,« antwortete sie.

»Es scheint nicht so.«

»Wir sollen hier Frauen abholen, um mit ihnen nach dem Thale der süßen Wasser zu gehen.«

»So hat er Euch getäuscht. Ihr werdet nicht an die Wasser gehen, sondern hier bleiben. Dieses Haus gehört dem mächtigen Ibrahim Pascha, welcher Euch gekauft hat.«

»Gekauft – – –?« hauchte sie, im höchsten Grade erschrocken.

»Ja. Das mußt Du doch wissen. Er war vorhin bei Dir, um Dich anzusehen.«

»Der! Ich habe ihm doch nicht gefallen!«

»Das war Scherz. Ihr werdet von jetzt an hier wohnen.«

»O Allah!«

Sie lehnte sich an die Wand, um nicht zusammenzubrechen. Dieser Schlag kam so unvorbereitet, so ungeahnt, daß er sie mit doppelter Stärke traf. Ihre Mutter trat schnell zu ihr und zog sie an sich.

»O Mutter, Mutter!« erklang es trostlos.

Die Angeredete konnte kein Wort des Trostes, der Beruhigung sagen; ihr fehlte ja die Zunge. Sie ließ einen rauhen, unartikulirten Laut hören, welcher wohl als ein Ton des Mitleids gelten sollte.

Der Derwisch trat an sie heran und bohrte den Blick in die Schleieröffnung der Bedauernswerthen, als ob er durch diese dichte Hülle sehen wolle und sagte:

»Alte, Du wirst Dich nicht wundern, daß ich Euch hierher gebracht habe. Du kennst ja Ibrahim Pascha, welcher damals noch Ibrahim Effendi genannt wurde.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Lüge nicht!«

Sie schüttelte abermals.

»Du lügst. Gestehe wenigstens, daß Du mich kennst!«

Sie gab dasselbe verneinende Zeichen.

»Oh, ich verstehe Dich! Du willst mir den Triumph der Rache verkürzen. Du bist schlau, aber Deine Schlauheit hilft Dir nichts. Meine Rache ist doch gelungen.«

Und zu dem Verwalter und dem Neger gewendet, fügte er hinzu:

»Dieses alte Weib ist voller Bosheit und Tücke. Gebt ihr nicht nach: verwöhnt sie nicht durch unzeitige Nachsicht. Laßt ihr die Peitsche fühlen, wenn sie widerstrebt!«

»Ungeheuer!« rief Tschita.

»Schimpfe immer!« lachte er. »Grad dieser Zorn beweist mir, daß mein Pfeil getroffen hat. Ich werde Euch wohl nicht mehr wiedersehen, denn Ihr tretet in den Harem ein; aber ich bin überzeugt, daß Ihr sehr oft an mich denken werdet. Lebt Beide wohl!«

Er ging, der Verwalter mit ihm. Draußen klirrten die Riegel vor der Thür. Die Beiden waren eingeschlossen.

»O Gott, o Gott! O Allah!« weinte Tschita, indem sie den Kopf an die Brust der Mutter legte.

Diese zog die Tochter mit ihren verstümmelten Armen noch inniger an sich. Der Schwarze aber öffnete eine andere Thür, deutete da hinein und sagte mit einer fetten, quiekenden Stimme:

»Geht! Ich werde Euch Eure Gemächer anweisen!«

Als sie diesem Befehle nicht sofort folgten, zog er die Peitsche, welche auch er im Gürtel hatte, schwang sie drohend und warnte:

»Gehorcht sofort, sonst folgt sogleich die Strafe.«

Da wankten die Beiden hinaus in den Gang, auf welchen die Thür führte. Der Schwarze schob sie weiter und weiter bis in ein Zimmer, in welchem sich nichts befand als einige an den Wänden liegende Kissen.

»Hier habt Ihr zu warten, bis ich Euch weiter bringe,« sagte er. »Nehmt die Schleier fort. Ich muß Euch betrachten, damit ich Euch kennen lerne.«

Sie gehorchten. Als er das schöne Angesicht des Mädchens erblickte, zog ein unendlich widerliches, fast thierisches Grinsen über sein Gesicht. Er legte ihr die Hand an das Kinn und sagte:

»Du bist hübsch, sehr hübsch. Wenn Du dem Pascha gern gehorchst und Dir mein Wohlgefallen erwirbst, wirst Du vielleicht das ganze Haus beherrschen. Lege auch den Mantel ab!«

Jetzt wendete er sich zu der Mutter. Das Gesicht derselben war von Blatternarben zerrissen.

»Welch ein Contrast!« rief er aus. »Wenn der Gebieter Dich erblickt, wird er vor Schreck krank werden und ich erhalte die Bastonnade. Er darf Dich gar nicht sehen. Ich muß Dich verbergen und werde Dir in einem andern Theile des Hauses eine Kammer zur Wohnung geben. Du gehörst nicht dahin, wo die Schönheit und die Liebe herrscht. Folge mir!«

Er wendete sich nach der Thür.

»Halt!« sagte Tschita. »Sie ist meine Mutter!«

»Das weiß ich!«

»Ich trenne mich nicht von ihr!«

»Du wirst gehorchen. Vorwärts, Alte!«

Tschita legte beide Arme um die Mutter und rief:

»Sie bleibt hier oder ich gehe mit!«

»Du bleibst und sie geht! Siehst Du die Peitsche?«

»Du wirst es nicht wagen, zu schlagen!«

»Ich werde schlagen. Noch bist Du nicht die Lieblingsfrau des Pascha. Du bist keine Gebieterin, sondern eine Sclavin, welche ich züchtigen darf. Ihr werdet also Beide die Peitsche schmecken, wenn Ihr nicht gehorcht. Ihr habt gehört, was der Derwisch sagte. Also Du magst Dich hier niedersetzen und vorwärts mit der Alten!«

Er streckte die Hand nach der Mutter aus, welche aber vor ihm zurückwich. Da riß er ihr den Mantel vom Leibe, damit er besser zielen und treffen könne und holte mit der Peitsche zum Schlage aus.

Das war für Tschita zu viel. Ihre Mutter mißhandeln lassen? Nein! Ein furchtbarer Zorn bemächtigte sich ihrer; sie fühlte einen ungeahnten Muth in sich und warf sich auf den Eunuchen.

»Katze! Willst Du beißen?«

Mit diesen Worten stieß er sie von sich und richtete die Peitsche nun gegen sie, kam aber nicht dazu, den Hieb auszuführen, denn unter der Thür erschien Hilfe: Zykyma, welche mit einem raschen Schritte herbeitrat, von ihm unbemerkt und ihm von hinten die Peitsche aus der Hand riß.

»Hund, Du willst schlagen?« herrschte sie ihn an. »Das sollst Du bleiben lassen! Hier, nimm selbst!«

Er hatte sich zu ihr umgewendet und erhielt in diesem Augenblicke einen solchen Hieb über das Gesicht, daß er einen lauten Schmerzensschrei ausstieß und, die Hände an die getroffene Stelle haltend, gegen die Wand taumelte. Dort blieb er stehen, ohne ein Wort zu wagen.

Zykyma machte in ihrer Schönheit, welche durch ihre gegenwärtige gebieterische und drohende Haltung noch hervorgehoben wurde, einen mächtigen Eindruck auf die beiden Bedrängten.

Sie war eines jener dunklen, üppigen Wesen, welche nur im Orient geboren werden können. Wie sie so da stand, ganz in rothe Seide gekleidet, das aufgelöste, reiche Haar über die Schultern herab fast bis auf den Boden wallend, mit blitzenden Augen und hoch erhobener Peitsche, schien sie zur Königin geboren zu sein.

Ihre feinen, rosig angehauchten Nasenflügel zitterten unter der Erregung des Augenblickes; ihre Lippen hatten sich leise geöffnet, um die kleinen, schmalen, leuchtenden Zähnchen durchblicken zu lassen, und das eine, außerordentlich niedliche, nackt in einem seidenen Pantöffelchen steckende Füßchen war drohend vorgeschoben, als wolle sie sich auf den Neger werfen.

»Hat er Euch bereits geschlagen?« fragte sie mit ihrer kräftigen, aber ungemein wohlklingenden Stimme.

»Noch nicht; er wollte,« antwortete Tschita.

»Seid Ihr die beiden Neuen?«

»Das weiß ich nicht. Wir kamen hierher, um Frauen zur Spazierfahrt abzuholen. Da hörten wir, daß Ibrahim Pascha mich gekauft habe.«

»So seid Ihr es. Warum antwortet die Andere nicht?«

»Sie kann nicht. Man hat ihr die Zunge herausgeschnitten.«

»O Allah! Und was sehe ich da! Sie hat keine Hände!«

»Man hat sie ihr abgeschnitten. Sie ist meine Mutter.«

Ein unendliches Mitleid glänzte aus Zykyma's Augen, als sie auf die Verstümmelte zutrat, ihr die Hand auf die Schulter legte und dabei sagte:

»Habe keine Angst mehr! Du stehst unter meinem Schutze. Du Arme! Man ist grausam gegen Dich gewesen, grausamer als Panther und Tiger sind. Und dieser Feigling wollte Dich schlagen? Ah, er soll sofort den Lohn erhalten!«

Zwei rasche Schritte zum Neger hin. Sie holte aus, und Hieb um Hieb sauste und klatschte auf ihn nieder, ohne daß er es wagte, zu fliehen oder Widerstand zu leisten.

»So,« sagte sie dann. »So wird es Dir stets ergehen, wenn Du es wagst, Eine dieser Beiden nur mit einem Worte zu beleidigen. Du bist weder Mann noch Weib, sondern nur ein feiges, verächtliches Geschöpf. Du wagst Dich nur an Schwache und Wehrlose, armseliger Sklave eines ebenso armseligen Herrn. Wer hat Dir befohlen, gegen diese Beiden die Peitsche zu gebrauchen?«

»Der Derwisch und der Verwalter,« wimmerte er.

»So werde ich mit diesem Letzteren ein ernstes Wort reden. Sage ihm, daß er sich vor mir in Acht nehmen soll. Wo werden diese meine Freundinnen wohnen?«

»Drüben auf der vorderen Seite des Hofes.«

*

4

»Nein, das gebe ich nicht zu. Sie werden hier bei mir wohnen. Sie stehen unter meinem Schutze.«

»Der Pascha hat so befohlen.«

»Der Pascha? Was geht mich sein Wille an? Du magst vor ihm im Staube kriechen, armseliger Wurm; ich aber thue es nicht. Bist Du auf ihren Empfang vorbereitet?«

»Ja. Die neue Sclavin soll ein Bad nehmen und sich Kleider auswählen; dann wird der Pascha kommen, sie zu begrüßen.«

»Sie wird das Bad bei mir nehmen. Sie mag sich kleiden und schmücken. Bringe Alles zu mir, sogleich!«

Er zögerte. Da erhob sie abermals die Peitsche.

»Gehorchst Du oder nicht?«

»Der Herr wird mir zürnen und mich strafen!«

»Das ist Dir zu gönnen! Nimm die Bastonnade hin und lecke ihm dafür dankbar die Hand! Jetzt aber eile!«

Er schlich sich wie ein ertappter Sünder von dannen. Zykyma ergriff jetzt Tschita bei der Hand und sagte:

»Kommt! Ich will Euch zu mir führen. Ich besitze die ganze Seite dieses Hauses und habe genug Raum für Euch übrig.«

Sie führte sie in ein nach orientalischer Weise prächtig eingerichtetes Frauengemach. Beide mußten sich neben einander auf einen seidenen Divan niederlassen, während die schöne Wirthin sich mit untergeschlagenen Beinen auf ein niedriges Kissen setzte. Sie hatte die Peitsche noch immer in der Hand.

»Ihr werdet glauben, daß ich ein recht böses, schlimmes Wesen sei,« sagte sie, vergnügt lächelnd, »aber Ihr werdet mich besser kennen lernen. Wo man die Männer zu Weibern macht, da müssen die Frauen zu Männern werden. Wie ist Dein Name?«

»Tschita.«

»Das heißt Blume. Ja, eine Blume bist Du, eine schöne, süß duftende Blume. Es ist, als sei die Sonne über Dich hinweggegangen und habe ihre schönsten und wärmsten Strahlen bei Dir zurückgelassen. Dein Auge ist dasjenige des Himmels, wenn er keine Wolke hat. Ich fühle, daß ich Dich lieb haben werde. Wir sind jetzt allein. Der Neger wird in den Kleidern wühlen und lange Zeit brauchen, das Passende auszuwählen. Kein Mensch hört uns. Darum wollen wir einander mittheilen, was uns zu wissen noth thut. Hattest Du bereits einen Herrn?«

»Nein.«

»Hast Du den Pascha gesehen?«

»Ja. Er war bei dem Händler, mich zu betrachten.«

»Hast Du Wohlgefallen an ihm gefunden?«

»O nein! Ich – ich – ich – hasse ihn!«

Sie stieß das mit plötzlicher Leidenschaftlichkeit hervor, während ihre Augen sich mit Thränen füllten.

»Hat er Dich beleidigt?«

»Nein; aber – aber –«

Sie hielt erröthend inne. Was Sie hatte sagen wollen, das durfte sie ja nicht aussprechen. Zykyma hielt ihre dunklen Augen prüfend auf Tschita gerichtet und sagte dann unter einem siegesgewissen Lächeln:

»Ich habe Dich erst seit Minuten gesehen und der Worte, welche wir gesprochen haben, sind nur wenige, aber ich kenne Dich dennoch bereits. Willst Du aufrichtig mit mir sein?«

»O, gern!«

»Du liebst?«

Tschita blickte auf, zögerte zu antworten, schlug dann die Hände vor das Gesicht und brach in ein herzbrechendes Schluchzen aus. Das war ihre einzige Antwort.

Die Stumme legte die verstümmelten Arme um sie und zog sie an sich; auch ihre Augen füllten sich mit Thränen.

Zykyma fragte jetzt nicht weiter. Sie benagte die Unterlippe mit den kleinen Zähnchen, als ob auch sie einen Schmerz zu verbeißen hätte. Plötzlich sprang sie von ihrem Sitze auf und trat an das Gitterwerk, um lange und lautlos hinaus in den stillen, einsamen Garten zu blicken, auf welchen sich bereits die Schleier der Dämmerung niederzusenken begannen.

Dann drehte sie sich wieder in das Zimmer zurück, schlug mit der Peitsche durch die Luft, als ob sie irgend eine Person treffen wolle, und sagte:

»O Allah, ich zürne Dir, obgleich ich nur eins Deiner Geschöpfe bin! Warum läßt Du so viele, viele Unglückliche geboren werden! Du bist nicht so gütig, wie in den Büchern steht!«

Sie schleuderte die Peitsche in den Winkel, setzte sich neben Tschita auf den Divan, ergriff ihre Hände und bat in liebevoll flüsterndem Tone:

»Sage mir, daß Du meine Freundin, meine Schwester sein willst!«

»Soll ich denn?«

»Ja, Du sollst. Ich wünsche es, ich bitte Dich darum! Du bist noch in keinem Harem gewesen?«

»Nie.«

»So weißt Du nicht, was ein Harem ist. Ein Harem ist eine Hölle für das Weib, welches ein Herz im Busen trägt. Im Harem herrscht die elendeste Knechtschaft, im Harem gähnt der fürchterlichste Tod, das Elend, das Unglück, der Jammer grinst Dir aus allen Ecken und Winkeln entgegen. Im Harem gebietet ein Mensch, dem Dein Leib gehört, während Deine Seele nach Freiheit schmachtet. Im Harem – o, was soll ich sagen! Es ist ja nicht zu sagen. Aber als der Prophet von den Stufen der Hölle sprach, kannte er die entsetzlichste Tiefe der Verdammniß noch nicht. Der tiefste Winkel derselben heißt – Harem.«

Sie schwieg. Ihr Busen wogte und ihr Athem ging hörbar.

»Bist auch Du unglücklich?« fragte Tschita.

»Unglücklich und elend wie keine Andere. Aber ich bin nicht gemacht zum stillen Dulden, zum ergebenen Leiden. Ich widerstrebe, ich wehre mich, ich vertheidige mich. Man hat mich verkauft, verschachert; aber ich bin dennoch Herrin geblieben. Ich herrsche hier, ich bin Gebieterin und alle die elenden Sclaven zittern vor mir. Das wird so sein und so bleiben, bis –«

Sie brachte ihren Mund nahe an Tschita's Ohr und fuhr leiser fort:

»Bis ich frei bin. Ich bleibe nicht hier.«

»Um Gott! Willst Du fliehen?«

»Ja. Ich sage es Dir. Und nun verrathe mich!«

»Verrathen? Nein, o nein! Nimm mich mit, o, nimm mich mit! Ja, laß uns Freundinnen, Schwestern sein! Ich bin so unglücklich, daß ich sterben möchte!«

»Sterben? Nein, das werden wir nicht. Mein Leben ist in Elend getaucht, aber es ist dennoch zu kostbar, als daß ich es nicht vertheidigen möchte. Wo bist Du geboren?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wie? Du weißt es nicht? Das kann ich nicht glauben.«

»Es ist dennoch so. Ich habe meine Heimath nie gekannt.«

»Von woher bist Du nach Stambul gekommen?«

»Von jenseits des Meeres.«

»Welches Meeres? Es giebt Meere mit verschiedenen Namen.«

»Ich weiß es nicht. Ich lebte mit der Mutter in einem kleinen Dorfe. Wir waren nicht immer da gewesen. Ein finsterer, strenger Mann gab uns zu essen und zu trinken. Dann kam ein Schiff und brachte uns hierher.«

»Konntest Du nicht von Deiner Mutter erfahren, wo Ihr früher gewesen waret?«

»Nein. Sie kann nicht sprechen.«

»Auch nicht schreiben?«

»Sie kann es. Sie zeigte mir einmal, daß sie schreiben wolle. Sie hatte dem Manne, bei welchem wir wohnten, heimlich Papier weggenommen und einen Stift von Blei. Diesen mußte ich ihr an den rechten Arm binden und dann schrieb sie.«

»Was?«

»Ich weiß es nicht. Man hat mich nicht lesen und schreiben gelehrt; aber ich sah, daß ihre Schrift eine andere war, als ich bisher gesehen hatte. Der Mann überraschte uns; er sah die Schrift, zerriß sie und schlug die Mutter so, daß sie lange Zeit krank gewesen ist. Seit dieser Zeit hat sie nicht wieder geschrieben.«

»Wie hieß das Dorf, wo Ihr wohntet?«

»Ich weiß es nicht.«

»Und der Mann?«

»Auch das weiß ich nicht. Ich mußte ihn Herr nennen.«

»So hat man Dich wohl gar mit keinem Menschen sprechen lassen?«

»Mit keinem. Ich durfte nur mit der alten Mutter des Mannes reden und die hat mir niemals eine Frage beantwortet. Sie war so grausam wie er.«

»Arme, arme Freundin! Hat man Dich beten gelehrt?«

»Ja.«

»Zu wem?«

»Zu Allah.«

»So bist Du also auch Muhamedanerin. Betest Du oft?«

»Sehr oft, und meine Mutter auch. Aber sie mag es nicht leiden, daß ich die Gebetkügelchen dazu nehme.«

»Ah! Wirklich? Hm! Wendet sie ihr Angesicht nach Mekka, wenn sie betet?«

»Nein. Sie betet nach allen Richtungen.«

»Allah! Deine Mutter ist eine Christin!«

Tschita erschrak. Sie wußte es nicht anders, als daß der Christ ein zur Verdammniß bestimmtes Wesen sei.

»Was sagst Du?« fragte sie voller Angst. »Eine Christin? Das möge Allah verhüten!«

»Sorge Dich nicht! Du kennst weder unseren Glauben, noch denjenigen der Franken. Der Gott der Franken ist weiser, gütiger und barmherziger als Allah, zu dem wir beten. Gehe auf die Straße und blicke auf die Christen, wie stolz und froh sie einherschreiten. Sehen sie aus, als ob sie für die Hölle bestimmt seien?«

Tschita dachte an den Maler.

»Du hast Recht,« antwortete sie. »Ich kenne einen Franken, der – der – der –«

Sie stockte. Fast hätte sie von ihm gesprochen!

»Was war mit ihm?«

»Er war – war – auch nicht verdammt.«

Zykyma ergriff mit beiden Händen das schöne Köpfchen der neuen Freundin, blickte ihr forschend in die blauen Augen und sagte dann:

»Tschita, Du liebst einen Franken!«

Die Gefragte schlang anstatt der Antwort die Arme um sie und verbarg das erglühende Gesicht an ihrer Schulter.

»Ist es so?« flüsterte Zykyma zärtlich.

»Ja,« hauchte Tschita. Und entschlossener setzte sie hinzu: »Jetzt sage ich dasselbe wie vorhin Du: Nun verrathe mich!«

»Und ich antworte wie Du: Nein, nein! Höre, was ich Dir sagen werde. Auch ich kenne einen Franken.«

»O Allah! Liebst Du ihn?«

»Meine ganze Seele ist sein Eigenthum. Alle meine Gedanken fliegen zu ihm. Jetzt weißt Du, daß ich Dich nicht verrathen werde. Aber sage um Gottes willen keiner Anderen davon!«

»Sind noch viele Andere hier?«

»Ja. Sie sind feig, falsch, boshaft und klatschsüchtig. Sie sehnen sich nach einem Blicke des Pascha, wie sich der Halm nach dem Tropfen sehnt. Sie bieten ihm ihre Schönheit dar, um eines elenden Geschenkes willen. Sie sind keine Frauen, keine Menschen, sie haben keine Seelen, keine Herzen. Sie sind nur Leiber – Leiber! Wenn sie unser Geheimniß ahnten, würden sie uns verrathen und wir wären verloren.«

»Sind sie nicht Deine Freundinnen?

»Nein. Sie hassen mich.«

»Warum? Hast Du sie beleidigt?«

»Ich spreche nicht mit ihnen und kann sie also nicht beleidigen. Aber ich habe etwas gethan, was die Bewohnerin eines Harems niemals verzeiht.«

»Was?«

»Ich habe das Herz des Gebieters erobert.«

»Ah, er liebt Dich?«

»Ja, er liebt mich, nicht wie er die Anderen liebt, sondern mehr, weit mehr. Ich weiß nicht, ob ich schöner bin als sie, aber das weiß ich, daß er sie alle verkaufen oder verschenken würde, wenn ich ihn unter dieser Bedingung erhören wollte.«

»Bist Du nicht sein Weib?«

»Nein.«

»Mußt Du ihm nicht gehorchen?«

»Er hat das Recht, Gehorsam von mir zu fordern. Würdest aber Du ihm gehorchen?«

Diese Frage hatte Tschita nicht erwartet. Das war überhaupt ein Gegenstand, über welchen sie noch gar nicht nachgedacht hatte. Sie hatte so einsam, so verlassen gelebt, sie kannte das Leben gar nicht. Sie wußte nur, daß sie verkauft werden sollte, um Dem zu gehören, welcher den Preis bezahlte. Was aber dieses Gehören zu bedeuten habe, davon hatte sie keine Ahnung gehabt. Sie war noch Kind, noch körperlich und seelisch rein, eine Jungfrau in der schärfsten Bedeutung dieses Wortes.

»Muß ich nicht gehorchen?« fragte sie.

»Weißt Du denn, was er von Dir fordern wird?«

»Was ist es?«

»Kind, Kind! Du bist so unwissend, als ob Du erst jetzt geboren seiest. Er verlangt, daß Du ihn umarmst.«

»O nein!« sagte Tschita erschrocken.

»Daß Du ihn sogar küssest!«

»Nie, nie!«

»Siehst Du! Du willst ihm also nicht gehorchen?«

»Ich werde ihn niemals küssen!«

»Wenn er Dich aber zwingt, es zu thun?«

»Lieber sterbe ich!«

»So ist es recht! Aber Du brauchst keine Sorge zu haben. Du stehst unter meinem Schutze. Er soll es nicht wagen, auch nur ein Haar Deines Hauptes zu berühren.«

»Hast Du denn Macht über ihn?«

»Ja. Er fürchtet sich vor mir. Warum, das wirst Du sehr bald erfahren. Aber weiß Deine Mutter, daß Du den Franken gesehen hast und ihn liebst?«

»Ja. Ich habe es ihr gesagt.«

»War sie zornig?«

»O nein. Sie war ganz entzückt.«

»So habe ich recht vermuthet. Paß auf!«

Sie wendete sich an die Mutter und fragte:

»Nicht wahr, Du bist eine Christin?«

Die Gefragte hatte natürlich jedes Wort des Gespräches vernommen. Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck einer unbeschreiblichen Spannung und ihr Auge glänzte unter einer tiefen, seelischen Erregung. Sie empfand eine förmliche Angst, ob Zykyma scharfsinnig genug sein werde. Jetzt, bei dieser Frage, nickte sie hastig und mehrere Male und gab durch bekräftigende Laute ihre Freude zu verstehen, sich endlich einmal mittheilen zu können.

»Bist Du als Christin geboren?« fragte Zykyma weiter.

Die Mutter nickte.

»Im welchem Lande? An welchem Orte?«

Sie deutete unter lebhafter Bewegung nach Westen.

»Ah, sie ist im Lande der Franken geboren. Sie freut sich, daß sie es mir sagen kann. Sie kann nicht sprechen und auch unsere Schrift nicht schreiben, aber ich werde dennoch Alles von ihr erfahren. Alles, was wir wissen wollen. Damit aber müssen wir noch warten. Wir müssen erst von dem Notwendigsten sprechen. Wo hast Du Deinen Franken gesehen?«

»Bei dem Händler Barischa.«

»So hat er Dich gesehen? Mit entblößtem Gesicht?«

»Ja.«

»Hat er Dir ein Zeichen gegeben, daß er Dich liebt?«

»O, noch mehr, noch viel mehr.«

Sie nahm sich den Muth, der neuen Freundin Alles zu erzählen. Auch die Mutter hörte dieses Geständniß.

»Du Arme, Liebe!« meinte Zykyma, als der Bericht zu Ende war. »So wird er Dich also nicht wiedersehen, wenn er morgen kommt!«

»Gott, was wird er thun?«

»Er wird forschen und suchen, Dich aber nicht finden.«

»So sterbe ich vor Jammer. Vielleicht wird Ali, der Eunuch, ihm sagen, wer mich gekauft hat.«

»Es ist möglich, daß Ali es auch nicht weiß. Der Pascha ist klug und der Derwisch ist noch klüger. Aber es soll ihnen nichts helfen. Der Maler soll dennoch erfahren, wo Du Dich befindest.«

»Wer soll es ihm sagen?«

»Darüber sprechen wir später. Es ist aber nothwendig, zu wissen, wie er heißt und wo er wohnt. Hat er Dir seinen Namen genannt?«

»Ja. Dieser Name klingt fremd. Ich hatte Mühe, ihn zu behalten. Er heißt Paul Normann. Paul ist sein Name und Normann heißt seine Familie.«

»Das ist so bei den Franken, welche zwei Namen haben, einen für die Person und einen für die Familie. Wo aber wohnt der Maler?«

»Das habe ich ihn nicht gefragt.«

»Wie schlimm! Du hättest es nicht vergessen sollen.«

»Ich glaubte doch, daß ich ihn wiedersehen werde.«

»Nun, wir werden ihn dennoch zu finden wissen. Der Händler weiß natürlich seine Wohnung. Bei ihm ist es also zu erfragen.«

»Wer aber soll ihn fragen?«

Zykyma wollte antworten, da aber ließen sich draußen Schritte hören. Der Eunuch kam, von mehreren Knaben begleitet, welche alle die Gegenstände trugen, die für Tschita bestimmt waren.

Jetzt hatte natürlich die vertrauliche Unterredung ein Ende. Auf das Bad wurde zwar verzichtet, nicht aber auf die Toilette. Es gab da Gewänder aus Stoffen, deren Kostbarkeit das Herz entzückte, und dabei Geschmeide, wie es nur in den Harems getragen wird. Die Bewohnerinnen der Frauengemächer sind von der Außenwelt abgeschnitten. Sie kommen mit dem Leben nicht oder wenigstens nur in sehr geringe Berührung. Sie haben die Aufgabe, ihrem Herrn zu gefallen und verbringen ihre Zeit mit Beschäftigungen, welche sich eben auf diese Aufgabe beziehen.

Es war eine Vasenlampe mitgebracht worden, da sich indessen der Abend eingestellt hatte. Bei dem Scheine der kleinen Flamme begannen die beiden Mädchen die für Tschita passenden Gegenstände auszuwählen.

Der Verschnittene hatte sich mit seinen Knaben wieder entfernen müssen.

Auch die Mutter nahm an dieser Beschäftigung theil. Es gab ja keine andere für sie. Ihre Wünsche und Absichten mußten freilich auf etwas ganz Anderes gerichtet sein.

Tschita hatte eine Frauenhose von rosa Seide angelegt, darüber ein goldverziertes Jäckchen von demselben Stoffe. Zykyma befestigte ihr einen aus venetianischen Goldzechinen zusammengesetzten Schmuck in das Haar und legte ihr eine eben solche Kette um den schimmernden Nacken. Dann trat sie um einige Schritte zurück, betrachtete sie und sagte dann:

»Wie schön bist Du! Viel, viel schöner noch als ich!«

»O nein!« antwortete Tschita erröthend. »Die Schönste von uns Beiden bist Du!«

»Das darfst Du nicht glauben! Ich bin nicht neidisch auf Dich. Ich freue mich vielmehr der herrlichen Gaben, welche Allah Dir verliehen hat. Du wirst dem Pascha viele Sorgen machen.«

»Wieso?«

»Je größer der Schatz ist, den man besitzt, desto mehr wacht man über ihn. Wenn er Dich sieht, wird er bezaubert sein.«

»Er mag mich lieber gar nicht ansehen!«

»Er wird das sogar sehr bald thun.«

»Doch nicht etwa noch heute?«

»Jedenfalls noch heute. Er wird kommen, sobald er vom Friedhofe zurückgekehrt ist.«

»Ist er auf dem Friedhofe?«

»Ja. Er will – doch, das werde ich Dir auch noch erzählen. Ich freue mich auf die Leiden, welche Du ihm verursachen wirst.«

»Ich will ihm nichts verursachen, weder Freuden noch Leiden. Er mag sich gar nicht um mich bekümmern!«

»Kind – ja. Du bist ein Kind, ein liebes, schönes, kleines Kind, welches gar nicht ahnt, warum und wozu es lebt. Es ist uns Frauen eine Gabe verliehen, wie es kostbarer keine zweite giebt, die Gabe, das Herz des Mannes gefangen zu nehmen für alle Zeit, für das ganze Leben. Wir können dem Manne die größten Seligkeiten bieten, ihm aber auch die Hölle bereiten. Der Pascha wird, wenn er Dich so erblickt, ganz glühend nach dieser Seligkeit verlangen, aber er soll nur Qual empfinden. Er soll nach Dir hungern und dürsten wie – horch!«

Es hatte unten im Garten wie ein leiser Vogelruf geklungen. Der Ton wiederholte sich.

»Ah, er ist da! Allah sei Dank!« sagte Zykyma.

»Wer?«

»Du wirst ihn sehen. Ich weihe Dich jetzt in ein Geheimniß ein, welches mir das Leben kosten kann. Aber Du wirst mich nicht verrathen, da es auch Dir großen Nutzen bringen wird. Warte!«

Sie trug die Lampe in das Nebengemach, damit es hier bei ihnen dunkel sein möge. Dann entfernte sie das hölzerne Gitterwerk vom Fenster und ließ eine Schnur hinab, an welcher sie ein ziemlich starkes Seil heraufzog.

»Was thust Du?« fragte Tschita ängstlich.

»Ich erhalte Besuch.«

»Wer kommt?«

»Mein Vertrauter.«

»Gott! Ein Mann?«

»Ein Knabe, oder vielmehr Jüngling, der uns helfen wird, diesen Ort zu verlassen.«

»Wenn man ihn erwischt!«

»O, er ist sehr klug. Er wird sich nicht ergreifen lassen. Er hat sich vorher überzeugt, daß kein Lauscher vorhanden ist.«

Sie hatte während dieser Worte das Ende des Seiles an einen der eisernen Haken, in denen das Gitter ruhte, befestigt und gab dann das Zeichen. Einige Augenblicke später erschien der Genannte in der Fensteröffnung und kam hereingestiegen.

»Sind wir sicher?« fragte sie.

»Ja, Herrin,« antwortete er. »Allah! Du bist aber ja nicht allein!«

»Habe keine Sorge. Diese beiden Freundinnen werden Dich nicht verrathen. Ich habe im Stillen große Angst ausgestanden. Ist er gefangen?«

»Nein.«

»Also gerettet? Allah sei Lob und Dank! Gelang es Dir denn, ihn zu warnen?«

»Ja, aber nicht, wie ich wollte. Ich hätte länger mit ihm sprechen wollen; aber es befanden sich noch Zwei bei ihm, so daß ich weiter nichts sagen konnte, als daß er sich in Acht nehmen solle.«

»Aber weißt Du gewiß, daß er gerettet ist?«

»Ja. Ich habe nachher mit ihm gesprochen. Da war wieder ein Anderer bei ihm, ein Franke in einem Anzuge, wie ich noch keinen gesehen habe. Die Drei sprachen von Dir. Ich soll Dir sagen, daß sie heut Abend hierherkommen werden.«

»Wie? Verstehe ich recht? Hierher? So wissen sie, wo ich mich befinde?«

»Ja.«

»Ah! Du hast es verrathen!«

»Nein, Herrin! Ich habe kein Wort gesagt, es scheint, als ob sie es auf dem Friedhofe erfahren haben.«

»Wer sind Die, welche bei ihm waren?«

»Ich weiß es nicht; ich konnte doch nicht fragen.«

»Nein; aber Du solltest beobachten.«

»Das war unmöglich. Ich sah den Derwisch kommen, der mich nicht bei ihm sehen durfte, und entfernte mich.«

»Deine Botschaft macht mir Sorgen. Er will kommen, nicht allein, die Andern auch mit?«

»Ja. Ich bat sie es nicht zu thun, aber sie befahlen mir, es Dir zu sagen. Du könntest thun, was Dir beliebt, sie aber würden auch nach ihrem Wohlgefallen handeln.«

»Das ist unvorsichtig, im höchsten Grade unvorsichtig. Sie werden sich verderben und mich dazu!«

»Soll ich sie warnen?«

»Du hast es doch bereits gethan!«

»Ja, aber sie hörten nicht auf mich. Doch wenn Du willst, so warte ich, bis sie kommen.«

»Wie willst Du hinaus zu ihnen?«

»O, das ist nicht schwer. Der Verwalter ist ein harter und grausamer, aber kein kluger Mann. Ich werde einen Vorwand finden, hinaus zu dürfen. Was soll ich ihnen sagen, wenn ich sie treffe?«

Sie sann einige Augenblicke nach und antwortete dann:

»Sage ihm, daß er morgen kommen soll, um Mitternacht, ganz allein. Ich weiß zwar nicht, auf welche Weise es ihm möglich sein wird, an der Gartenecke über das Wasser und die Mauer zu kommen, aber ich werde ihn dort erwarten. Ging der Derwisch nur zufällig dort, wo Ihr Euch befandet?«

»Nein. Ich beobachtete ihn. Er stellte sich in der Nähe der Wohnung des Franken auf.«

»So beobachtet er ihn?

»Ja.«

»Warne den Franken! Für jetzt habe ich keine andere Botschaft für Dich. Nimm Dich in Acht, daß Du nicht entdeckt wirst!«

»Selbst wenn man mich ergriffe, würde ich Dich nicht verrathen, o Herrin. Du weißt, daß Dir mein Leben gehört, daß ich es gern für Dich hergeben würde.«

»Ich weiß es. Du bist ein guter und treuer Verbündeter, Allah wird mir Gelegenheit geben, es Dir zu danken.«

Sie gab ihm die Hand, auf welche er voll Inbrunst seine Lippen drückte. Dann schwang er sich wieder in den Garten hinab. Sie band das Seil los, warf es ihm nach und verschloß dann die Fensteröffnung wieder mit dem Gitterwerke.

»Das ist ein großes Wagniß!« sagte Tschita. »Wenn man Euch dabei bemerkt, müßt Ihr Beide sterben.«

»O, ich würde mich nicht so leicht tödten lassen. Ich würde mich meines Lebens wehren,« antwortete Zykyma, indem sie die Lampe wieder holte.

»Du? Gegen Männer?«

»Ja. Ich fürchte sie nicht.«

»Wie könnten Deine Kräfte gegen sie ausreichen?«

»Hast Du nicht gesehen, daß ich den Neger peitschte, ohne daß er einen Widerstand wagte? Es hat hier noch kein Mensch gewagt, mich auch nur mit der Spitze eines Fingers zu berühren. Ich habe einen Retter, einen Talisman. Hier ist er.«

Sie griff in den breiten, seidenen Gürtel, welcher um ihre volle und doch so schlanke Taille geschlungen lag, und zog einen kleinen Dolch hervor. Die zierliche Waffe hatte eine feine, zweischneidige Klinge und einen Griff, welcher aus massivem Golde zu bestehen schien und oben eine große, kostbare Perle trug.

»Ein Dolch!« sagte Tschita. »Glaubst Du, daß man diese kleine Waffe beachten werde?«

»O gewiß! Schau, ich halte die Klinge an das Licht. Siehst Du, daß die Spitze eine etwas dunklere Farbe hat?«

»Ja.«

»Sie ist vergiftet.«

»Ah! Das ist wohl gefährlich?«

»Sehr. Der Mensch, dem ich nur die Hand ein ganz klein wenig ritze, sinkt nach wenigen Augenblicken todt vor mir nieder. Er ist rettungslos verloren. Man weiß das. Ich brauche nur nach diesem Dolch zu greifen, so fliehen Alle vor mir.«

»Hast Du ihnen bewiesen, daß er wirklich so gefährlich ist?«

»Ja. Ich stach damit einen Hund, so, daß er es kaum fühlte. In drei oder vier Secunden streckte er seine Glieder zu meinen Füßen aus und war todt.«

»Dann ist die Waffe von sehr großem Werthe für Dich. Halte sie fest, daß man sie Dir nicht nimmt!«

»Man hat es versucht; es soll aber keinem Menschen gelingen. Sie bleibt in meinem Besitze. Sie ist mir theuer nicht nur des Giftes wegen, denn sie ist ein köstliches Andenken an – – ihn.«

»Ihn? Du meinst den Franken?«

»Ja.«

»Ah, er hat Dir den Dolch geschenkt?«

»Er gab ihn mir. Er hatte ihn im fernen Indien von einem Fürsten geschenkt erhalten. Ich würde diesen Dolch wie mein Leben selbst vertheidigen.«

Da hörten sie draußen die schlürfenden Tritte des Eunuchen. Er trat unter die Thür und sagte:

»Der Pascha kommt. Er befindet sich bereits vor dem Hause. Er wird die Neue sehen wollen. Mache Dich also fertig, ihn zu empfangen!«

Ibrahim Pascha kam vom Friedhofe. Der Fang war ihm mißglückt, und so befand er sich in einer sehr übellaunigen Stimmung. Das bemerkte der Verwalter, welcher ihn vor dem Eingange empfing, sofort.

»Hat man die neue Sklavin gebracht,« erkundigte sich der Herr.

»Sie ist gekommen mit ihrer Mutter, o Herr.«

»Wo wohnt sie?«

»In den Räumen, die Du ihr angewiesen hast.«

Das war nun freilich nicht wahr. Der Eunuch hatte noch nicht den Muth gefunden, zu melden, was ihm durch Zykyma widerfahren war.

In Folge dessen begab sich der Pascha nach der anderen Seite des ersten Stockwerkes. Der Schwarze trat ihm da entgegen, vor Angst schwitzend.

»Oeffne!« gebot der Pascha.

»Nicht hier, o Herr,« sagte der Sklave. »Sie ist drüben bei Zykyma.«

»Bei dieser? Wer hat das befohlen?«

»Zykyma.«

»Ah! Hund, wer ist hier Herr und Gebieter, ich oder diese Tscherkessin!«

»Du, o Herr. Aber sie trat hinzu, als ich die neue Sclavin brachte und ich mußte ihr gehorchen.«

»Ihr also, aber nicht mir! Dafür sollst Du jetzt – – her mit Deiner Peitsche!«

Er wollte, wie er zu thun gewohnt war, den Schwarzen mit dessen eigener Peitsche züchtigen. Dieser aber stammelte voller Angst:

»Gnade, Herr! Die Peitsche ist fort.«

»Fort? Wohin?«

»Zykyma hat sie.«

»Zykyma und wieder diese Zykyma! Wie kannst Du ihr sogar die Peitsche geben!«

»Sie entriß sie mir und schlug mich damit!«

»Feiger Hund! Du sollst nachher dafür zwanzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten!«

Zwanzig Hiebe auf die nackten Sohlen, das war eine außerordentliche schmerzhafte Strafe.

»Gnade, Gnade, o Herr!« bat der Eunuch, sofort in die Knie fallend. »Soll ich mich von ihr vergiften lassen! Sie hat ja den Dolch!«

»So nimm ihr ihn!«

»Das vermag Keiner.«

»Weil Ihr alle feige Hunde seid! Ob ich Dir die Strafe erlasse, das soll auf die Neue ankommen. Wie hat sie sich in ihre Lage gefügt?«

»Sie weinte erst.«

»Und dann?«

»Dann war sie guter Dinge. Ich hörte sie mit Zykyma ganz laut und munter sprechen. Sie befindet sich in dem gelben Gemach.«

»Ist sie freundlich, so ist es Dein Glück, sonst mußt Du die Hiebe erdulden. Merke es!«

Er begab sich nach dem angegebenen Gemache. Er befand sich in außerordentlicher Spannung, wie das schöne Mädchen ihn empfangen werde.

Als er bei ihr eintrat, lag sie leicht hingegossen auf dem Divan. Das Licht der Lampe beleuchtete ihre weiche, herrliche Gestalt. Er zog die Thür hinter sich zu und schob den Riegel vor, um bei der beabsichtigten Liebesscene nicht etwa gestört zu werden. An der Thür stehen bleibend, betrachtete er sie einige Zeit lang.

Zykyma hatte Recht gehabt. Er fühlte sich bezaubert. Er hatte diese lichte Mädchengestalt zwar bereits beim Händler gesehen, aber nur für einen kurzen Augenblick. Und jetzt war sie noch ganz anders gekleidet als am Tage. Jetzt, in diesem Augenblick war er sofort und fest entschlossen, sie zu seiner Lieblingsfrau zu erwählen.

»Tschita!« sagte er.

»Herr!« antwortete sie einfach.

Sie hatte sich bei seinem Eintritte keineswegs aus ihrer ruhenden Stellung erhoben. Sie blieb auch jetzt ruhig liegen, ganz als ob sie gar keine Rücksicht auf ihn zu nehmen habe, oder ganz als ob sie wisse, daß sie in dieser Stellung am allerschönsten sei.

»Ich heiße Dich willkommen!« fuhr er fort.

»Ich Dich auch.«

»Wirklich?«

»Muß ich nicht? Du bist der Gebieter, der Herr des Hauses.«

»Ich wünsche aber, daß Du mich nicht als Gebieter willkommen heißest.

»Als was denn?«

»Als Den, den Du liebst.«

»Ich liebe nicht.«

»Aber Du wirst lieben!«

»Vielleicht. Es ist noch lange Zeit!«

»Meinst Du? Nein, es ist nicht lange Zeit.«

»O doch. Ich bin häßlich.«

»Nein. Du bist im Gegentheile schön, schön wie die Jungfrauen des Paradieses.«

»Du sagtest selbst, ich sei nicht schön genug.«

»Das sagte ich aus einem guten Grund. Hier aber kann ich Dir gestehen, daß ich noch nie ein so herrliches Weib gefunden habe, wie Du bist. Ich setze mich zu Dir und werde allen meinen Dienern befehlen, Dich als die Gebieterin dieses Hauses zu betrachten. Jeder Wunsch soll Dir erfüllt werden, und man wird sich bemühen, Dir alle Deine Gedanken aus dem Auge zu lesen. Komm, reiche mir Deine Hand!«

Er war hinzugetreten, hatte sich neben sie gesetzt und wollte nun ihre Hand ergreifen. Da aber schnellte sie sich auf und wich bis an das Ende des Divans vor ihm zurück.

»Wie? Du fliehst mich?« fragte er. »Warum?«

»Du willst Liebe und ich habe keine.«

»Sie wird sich einfinden.«

»Zu Dir? Niemals.«

»Ah! Hassest Du mich etwa?«

»Ja.«

»Beim Barte des Propheten, Du bist aufrichtig!«

»Ich halte es nicht für nöthig, Dich zu belügen.«

»Du versagst mir alle Liebe?«

»Ja.«

»Ah, Du bist nicht nur aufrichtig, sondern sogar beherzt. Weißt Du, daß ich Dich gekauft habe?«

»Ja.«

»Daß Du mein Eigenthum bist?«

»Nein.«

»Ich habe Dich bezahlt, folglich gehörst Du mir!«

Er sprach ruhig und erregungslos. Die Art und Weise, wie sie ihn zurückwies, gab ihm Spaß und erzürnte ihn nicht etwa. Der Widerstand dieses schönen, noch ganz und gar kindlichen Wesens reizte ihn nur. Er versprach sich von ihr eine höchst angenehme Veränderung des ewigen, alltäglichen Einerlei.

»Du irrst,« antwortete sie. »Daß du Geld bezahlt hast, ist noch lange nicht ein Grund, daß ich Dir auch nun gehöre. Das war früher.«

»Wieso?«

»Jetzt hat der Großherr die Sklaverei verboten. Ich bin frei.«

»Thörin!« Ich höre, daß Du mit Zykyma gesprochen hast. Das sind ganz dieselben Worte, welche ich auch aus ihrem Munde gehört habe. Laß Dich nicht von ihr verführen! Ich habe ihr Glück gewollt; sie aber war nicht klug genug, es von mir anzunehmen. Nun mag sie Sklavin bleiben, um Diejenige zu bedienen, der ich meine Zärtlichkeit schenke. Mein Herz gehört jetzt nur Dir. Willst Du meine Sultana sein?«

»Nein.«

»Scherze nicht.«

»Ich scherze nicht. Ich sage Dir meine Gedanken!«

Jetzt nun zog er die Stirn in Falten und hüstelte ungeduldig vor sich hin. Er begann doch, sich zu ärgern.

»Ich warne Dich, klug zu sein. Es ist besser, freiwillig zu geben, was man sonst gezwungen geben muß.«

»O, Niemand kann mich zwingen. Dich zu lieben.«

»Nein; aber ich kann Dich zwingen, mir meine Wünsche zu erfüllen!«

»Niemals.«

»Was wolltest Du thun?«

»Ich vertheidige mich!«

»Hast Du etwa auch einen Dolch! Das ist lächerlich. Kleine, ich hoffe, daß Du bis jetzt wirklich nur im Scherze gesprochen hast. Komm her und küsse mich.«

Er streckte die Arme nach ihr aus. Da sprang sie vom Divan auf und entwich bis an die entgegengesetzte Wand.

»Lieber sterben!« sagte sie.

»Bist Du toll! Du gehörst mir und hast mir zu gehorchen! Komm herbei, hierher, neben mich!«

Sie blieb stehen.

»Wisse, daß ich das Recht und die Macht habe, den Ungehorsam zu bestrafen. Ich könnte Dich herbei holen; aber das widerstrebt meiner Würde. Um Dich zum Gehorsam zu bringen, habe ich meine Diener. Was Du jetzt verschmähst, wirst Du dann von mir erflehen. Also ich biete Dir meine Liebe, mein ganzes Herz. Du sollst mein Weib sein, die Mutter meiner Söhne. Du sollst über mich herrschen, und ich will nichts sein, als der oberste Deiner Diener. Aber Deine Liebe will ich dafür eintauschen. Ich sage Dir noch einmal: Komm, sei meine Sultana!«

»Nie!«

»Warum nicht?«

»Ich hasse Dich. Du hast kein gutes Auge und kein gutes Gewissen. Wer Dein Gesicht erblickt, der wendet sich von Dir. Wähle Dir eine andere Sultana!«

»Meinst Du? Du bist ein Wurm in meiner Hand und wagst es doch, mir zu widerstreben! Ich glaubte, es sei ein kindlicher, launenhafter Trotz; jetzt aber sehe ich ein, daß Zykyma Dich unterrichtet hat. Ich werde dafür sorgen, daß diese böse Saat keine ferneren Früchte bringt. Du verschmähst mich? Gut, Du wirst es später für die größte Gnade halten, mich mit Zärtlichkeiten überschütten zu dürfen. Du nennst mich einen bösen Menschen; das habe ich zu bestrafen und die Strafe sollst Du sofort erhalten.

Er ging zur Thür und öffnete sie. Draußen stand der Eunuch, der Befehle seines Gebieters gewärtig. Er gab ihm einen Wink, hereinzukommen, und befahl dann:

»Führe diese Sklavin hinab zur Prügelbank und laß ihr auf jede nackte Fußsohle fünf Streiche geben, aber so, daß die Sohle aufspringt!«

Der Dicke zog sein Gesicht in ein breites Grinsen und trat zu Tschita.

»Komm! Fort!«

»Er wollte sie fassen; sie aber entschlüpfte ihm bis in die Ecke. Er folgte ihr auch dorthin, fuhr aber erschrocken und mit einem lauten Schrei von ihr bis an die Thür zurück.

»Was giebt's, Kerl?« fragte der Pascha.

»Dort! Sie hat ihn!« stieß der Schwarze hervor.

»Was hat sie?«

»Den Dolch!«

Erst jetzt erblickte der Pascha das gefährliche Werkzeug in den Händchen des Mädchens.

»Verdammung über Dich, Memme!« zürnte er. »Schnell, nimm ihr ihn!«

»Ah! Oh! Sie sticht!«

»Hund, wirst Du gehorchen!«

Er streckte den Arm gebieterisch aus. Der Schwarze raffte all seinen Muth zusammen und näherte sich Tschita wieder. Vielleicht war sie nicht so entschlossen, wie Zykyma, vor welcher er wahre Todesangst empfand.

»Thu ihn weg! Thu ihn weg!« sagte er. »Stecke ihn in den Gürtel oder wirf ihn weg. Wenn Du Dich stichst, bist Du des Todes!«

»Ich werde nicht mich, sondern Dich stechen,« antwortete sie.

»Das wirst Du nicht thun! Du bist ein gutes Kind, ein schönes Kind! Du thust es nicht!«

Einen Fuß langsam vor den andern setzend, trat er ihr näher und immer näher.

»Schnell, Schurke!« gebot der Pascha.

»Ja, schnell!« wiederholte der Eunuch, indem er die ausgespreizten Finger vorstreckte, als ob er Blindekuh spiele. »Schnell, wirf ihn weg und komm mit mir!«

Jetzt war er ihr ganz nahe; da erhob sie die Hand mit dem Dolche und im Augenblicke floh er wieder zurück nach der Thür.

»Sie sticht, Herr; sie sticht!« rief er ängstlich.

»Feiger Schakal! Vorwärts! Schnell!«

»Nein, nein! Versuche es selbst, o Herr!«

»Gut, ich werde sie selbst entwaffnen; aber dann bohre ich Dir den Dolch ins Fleisch, Du Schuft!«

Er ging auf Tschita zu. Er traute es ihr doch nicht zu, daß sie stechen würde.

»Her mit dem Dolche!« gebot er ihr. »Solch ein Spielzeug ist nicht für Dich!«

Er griff nach ihrem Arme.

»Da hast Du ihn!« antwortete sie.

Eine blitzschnelle Bewegung ihrer Hand – – und der Pascha hatte kaum Zeit, einen Sprung zurück zu thun. Der Dolch hatte ihm den Aermel aufgeschlitzt. Es hatte nicht der vierte Theil eines Zolles gefehlt, so war der Angreifende eine Leiche.

»Schlange, giftige!« knirschte er. »Du willst Deinen Herrn ermorden! Das sollst Du büßen! Können wir Dir nicht nahe kommen, so sollst Du auch zu uns nicht dürfen. Wir werden Dich einschließen, bis Du verschmachtend um Gnade bittest! Der Hunger soll Deinen Leib zerreißen und der Durst Deine Seele verzehren. Dann wirst Du gern Gehorsam leisten, um Dein Leben zu erhalten!«

»Ganz so wie bei mir!« ertönte es von der Seite her, wo Zykyma jetzt unter der geöffneten Thür des Nebenzimmers erschien. Schließt uns ein. Wir werden es Euch danken, denn dann haben wir die Freude, Dich nicht sehen zu dürfen!«

»Du bist die Schwester des Teufels!« antwortete er.

»Ja. Diese Schwester des Teufels versteht es, die verschlossenen Thüren von innen zu öffnen. Du hast die Summe, welche Du für Tschita bezahltest, umsonst ausgegeben, o Pascha. Ich habe einen Bund mit ihr geschlossen. Sie ist meine Freundin, meine Schwester, und folglich kann sie nie Dein Weib sein!«

»Ah, Ihr werdet alle Beide noch gehorchen! Ich habe die Mittel, Euch zu bezwingen. Jetzt aber soll einstweilen dieser Hund seine Strafe erhalten. Marsch! Ich will Dir eine Lehre geben, welche Dich veranlassen wird, meine Befehle besser zu respectiren!«

Er stieß den Eunuchen vor sich her, um ihm die Bastonnade geben zu lassen. Bereits nach kurzer Zeit tönte das Gebrüll des Gezüchtigten durch alle Räume des Hauses. –

Als Normann, Wallert und der Lord aus der Hausthür, von welcher aus sie den Derwisch bemerkt hatten, traten, schritt der Engländer so schnell auf den Letzteren zu, daß dieser nicht entkommen konnte und also lieber gleich stehen blieb.

»Was machst Du da?« fragte ihn der Lord, natürlich in englischer Sprache.

»Ich verstehe Dich nicht,« antwortete der Derwisch.

»Packe Dich fort!«

»Allah inhal el Kelb!« brummte der Türke.

»Was sagt er da?« fragte der Brite seine beiden Begleiter, welche dabei standen.

Normann antwortete:

»Er sprach arabisch und heißt Gott verdamme den Hund.«

»Was, Hund nennt er mich? Mich, einen echten, richtigen Englishman? Hier die Antwort!«

Er holte aus und gab dem Derwisch ein paar so kräftige Ohrfeigen, daß dieser mit dem Kopfe an die Mauer flog, an welcher er stand.

»So! Er hat sie und kann sie ohne Quittung behalten. Gehen wir weiter!«

Der Getroffene stand ganz bewegungslos; er sagte kein Wort und rührte keine Hand; aber in seinem Inneren kochte es. Er wußte, daß er sich rächen werde, blutig rächen. Ein Ungläubiger hatte es gewagt, den gläubigen Sohn des Propheten zu schlagen!

»Das war zu rasch gehandelt!« sagte Normann, indem er neben dem Engländer herging.

»Wirklich? Sollte ich ihm die Ohrfeigen langsamer geben? Etwa im Tempo eines Trauermarsches?«

»Gar nicht!«

»Gar nicht? Alle Teufel! Er hat mich einen Hund genannt und mir die Verdammnis angewünscht!«

»Das that Ihnen nichts. Es ist für einen Christen gefährlich, hier in Constantinopel einen Moslem zu schlagen.«

»Soll ich etwa warten, bis ich den Hallunken einmal in London oder Liverpool treffe?«

»Scherzen wir nicht. Es ist geschehen und so können wir es nun nicht ändern!«

Auf dem Kleiderbazar kauften sie sich die Anzüge und begaben sich mit denselben nach der Dampfyacht, weil diese ihnen recht bequem und nahe lag und der Lord diese Gelegenheit benutzen wollte, sich seinen Leuten zu zeigen. Sie hatten hinlänglich Zeit, dort ein Abendessen zu sich zu nehmen. Als sie damit zu Ende waren, kleideten sie sich um und machten sich dann auf den Weg. Doch mußten sie sich vorher mit Papierlaternen versehen. Zu jener Zeit gab es in Constantinopel nicht die jetzige Straßenbeleuchtung. Jeder, der des Abends die Straße betrat, mußte eine Laterne haben, trug er keine bei sich, so wurde er arretirt und war gezwungen, eine ganze Nacht auf einer der Polizeiwachen unter allerlei Gesindel zuzubringen.

Sie schlugen ganz dieselbe Richtung ein, welcher am Tage der Ochsenwagen mit Tschita gefolgt war. Als sie Haskeui hinter sich hatten, von wo der Weg nach Hermannbachis führt, hörten die regelmäßigen Gassen auf und sie konnten die Lichter auslöschen. Die Laternen wurden also zusammengelegt und in die Taschen gesteckt.

Dann kamen sie an die Vereinigung der beiden Bäche, welcher sie bis zu dem Vereinigungspunkte folgten. Es war heute dunkel, doch so, daß man einige Schritte weit zu sehen vermochte.

Vor ihnen floß das Wasser, jenseits dessen sich die Mauer dunkel emporhob. Aber wie breit der Bach eigentlich war, ließ sich doch nicht ganz deutlich erkennen. Der Lord meinte:

»Hätte ich meinen Regenschirm mit, dann könnte ich die Breite und auch die Tiefe messen. Will einmal genauer nachsehen.«

Er trat ganz nahe an das Wasser und kauerte sich da nieder. Dann streckte er den Oberkörper so weit vor, als thunlich war, und gab sich Mühe, das jenseitige Ufer zu sehen.

»Nun?« fragte Normann.

»Tief ist's« berichtete der Lord.

»Woraus schließen Sie das?«

»Ich halte die Hand in das Wasser und fühle, daß es sehr ruhig und ohne Wellenschlag fließt. Da muß es tief sein.«

»Und wie breit?«

»Hm! Es ist zu finster!«

»Ungefähr?«

»Na, ich beuge mich schon genug nach – nach – ich habe die Balance, die Ba– Bal–«

»Fallen Sie nicht hinein!«

»Nein, das fällt mir gar nicht ein. Ich behalte die Balance, denn wenn man einmal die Balance – die Bal – Balan– Sakkerment!«

Er that einen gewaltigen Plumbs und der gute Lord war von der Erde verschwunden.

»Er ist hinein!« sagte Wallert bestürzt. »Es ist tief und er kann ertrinken.«

»Herunter mit den Kleidern! Wir müssen nach!«

»Ja; es wäre doch – horch!«

Es plätscherte gerade vor ihnen.

»Sind Sie es, Mylord?« fragte Normann.

Es schnaufte und pustete.

»Sir, hören Sie uns!«

Es hustete ein wenig und dann fuhr der Verunglückte ganz genau da, wo er seine Rede unterbrochen hatte, in derselben fort:

»Bal– Ba– Balance verliert, dann ist sie auch ganz zum Teufel!«

»Gott sei Dank! Sind Sie beschädigt?«

»Nein.«

»Also auch nicht ertrunken?«

»Ersoffen? Nein, ersoffen bin ich nicht, aber eingeweicht und zwar ganz gehörig.«

»Aber wie konnten Sie doch nur –«

»Die Balance verlieren? Ja, von was man spricht, auf das pflegt man am Allerwenigsten Acht zu haben, und ich sprach ja von der Balance.«

»Sie dehnten sich zu weit hinüber.«

»Ja. Ich dachte, ich könnte die Nase drüben auf das andere Ufer legen. Na, Gott sei Dank, wie tief es ist, das weiß ich nun!«

»Wie denn?«

»Es geht mir genau bis an das Kinn.«

Er war nämlich drin geblieben.

»Und wie breit?«

»Ueber drei Ellen.«

»Kann man drüben Fuß fassen?«

»Nein, aber Wasser.«

»So steigt die Mauer direct aus dem Wasser empor?«

»Ja. Eine Brücke, etwa ein Brett, läßt sich da gar nicht auflegen.«

»Unangenehm, höchst unangenehm! Horch!«

»Dort kommt Jemand.«

»Schnell heraus, Mylord!«

»Wozu denn?«

»Wir müssen hier fort. Man darf uns doch nicht hier erblicken.«

»Nun gerade darum steige ich nicht heraus, sondern ich bleibe im Wasser. Da sucht man am Allerwenigsten einen Entführer aus dem Serail. Laufen Sie nur nicht gar zu weit fort.«

Die Beiden verschwanden und der Lord, verhielt sich ganz ruhig.

Die Schritte näherten sich, langsam, wie von einem Menschen, welcher sich aufmerksam umblickt. Der Fußgänger kam näher und wollte an dem Lord vorüber. Da der Kopf des Letzteren sich in gleicher Höhe mit dem Fußboden befand, so konnte er die Gestalt des Betreffenden sehr genau gegen den Sternenhimmel sehen. Er erkannte zu seiner Freude den jungen Burschen, welcher Wallert am Nachmittage gewarnt hatte.

»Pst!« machte der Lord.

Der Jüngling blieb stehen.

»Pst! Heda!«

Er blickte sich um, sah aber keinen Menschen, obgleich die Laute in nächster Nähe erklungen waren, fast wie aus dem Boden heraus.

»He! Du! Kleiner!«

Jetzt bückte er sich nieder und sah den Kopf über dem Wasser.

»Allah 'l Allah!« sagte er. »Wer bist Du und was thust Du da drin?«

»Nicht wahr, ein tüchtiger Frosch? Wollte sehen, wie tief es ist. Aber Schlamm giebt's! Pfui Teufel! Ich bringe die Beine nicht heraus!«

»Wer Du bist, will ich wissen!«

Der Eine sprach englisch und der Andere türkisch. Darum verstanden sie einander nicht. Da zog der Lord mit einer letzten Anstrengung die Beine aus dem Schlamme und stieg hervor.

»Ich weiß nicht, was Du meinst. Kleiner,« sagte er. »Pst! Heda! Normann! Wallert!«

Er sprach die beiden Namen vorsichtig, in gedämpftem Tone aus, doch wurden sie vernommen. Die Freunde hatten sich nur so weit entfernt, als unumgänglich nöthig war und sich dann auf die Erde niedergelegt. Sie hörten das Sprechen und dann auch ihre Namen und kamen herbei.

»Sie rufen, Mylord?« sagte Normann. »Wer ist es?«

»Es ist der kleine, wackere Kerl, welcher heute mit uns gesprochen hat.«

»Ah, Du bist es,« sagte Wallert, welcher den Jüngling erkannte. »Das ist gut! Hast Du mit ihr gesprochen?«

»Ja.«

»Was sagte sie?«

»Du sollst morgen um Mitternacht kommen, aber ganz allein.«

»Schön, sehr schön! Aber wohin?«

»Hier in diese Ecke des Gartens. Wie Du da hineinkommst, das wissen wir nicht. Du selbst mußt ein Mittel finden.«

»Ich soll kommen und ich komme also, und wenn ich mich durch die Mauer bohren soll.«

»Und vor dem Derwisch sollst Du Dich in Acht nehmen. Er beobachtet Dich; ich selbst habe es gesehen.«

»Wir wissen es bereits. Hast Du noch etwas zu sagen?«

»Nein. Ich habe bereits zu viel Zeit versäumt. Der Pascha wartet.«

»Auf wen? Auf Dich?

»Ja, und auf den Esel, den ich ihm vom nächsten Platze holen soll.«

»Ah, der Paschah ist hier im Hause?«

»Ja. Er will nach seinem Palaste zurück und will nicht laufen, sondern reiten. Ich bin geschickt worden, ihm das Thier und den Treiber zu bringen. Also stelle Dich morgen Abend ein. Ich werde Wache halten, daß Euch Niemand entdeckt.«

Er eilte fort, nach der Stadt zu.

»Verteufeltes Türkisch,« meinte der Lord. »Wer diese Sprache nicht kann, der versteht kein Wort davon. Was sagte der Kerl?«

Wallert erklärte es ihm.

»Prächtig, sehr prächtig! Also endlich die Entführung! Morgen bereits!«

»Nur erst die Unterredung. Noch weiß ich nicht, ob eine Entführung daraus wird.«

»Was denn sonst?«

»Warten wir es ab!«

»Na, ich habe keine Lust, es abzuwarten!«

»So wollen Sie früher fort?«

»So meine ich es freilich nicht. Ich wollte sagen, daß ich keine Lust habe, allzu lange zu warten. Wir machen es so: Wir gehen mit einander –«

»Wie? Mit einander? Daraus wird nichts! Sie haben gehört, daß ich allein kommen soll!«

»Ach, was ich höre und was ich thue, das ist Zweierlei! Da hinein können Sie allein gehen; wir bleiben hier außen und nachher wird sich finden, was zu geschehen hat.«

»Meinetwegen! Aber wie hineinkommen!«

»Ja, das ist die Geschichte. Eine Leiter ist allemal das Beste.«

»Freilich! Aber es ist zu auffällig.«

»Auffällig? Woher? Wer die Nase zu weit herstreckt, der bekommt einen Klapps darauf und – Himmel, da kommt mir ein Gedanke!«

»Dürfen wir ihn erfahren?«

»Ja. Riechen Sie mich einmal an!«

»Danke! Ich bin kein Freund solchen Parfüms.«

»Ich auch nicht, muß es mir aber doch gefallen lassen, daß ich hineingefallen bin. Da wird jetzt ein Esel für den Pascha geholt. Er muß hier vorüber. Wie wäre es, wenn wir ihn auch parfümirten?«

»Eine tolle Idee!« lachte Wallert.

»Es kann ihm gar nichts schaden. Er hat Ihnen heute eine so miserable Falle gestellt. Wir müssen ihm einen Streich spielen.«

»Es kann unangenehm für uns werden.«

»In wiefern?«

»Wir machen ihn auf uns aufmerksam.«

»Pah! Wir tragen andere Kleider. Er kann uns nicht erkennen.«

»Hm! Normann, was sagst Du dazu?«

»Da ist mir bei Eurer Tollheit eine Idee gekommen. Nämlich wie wäre es, wenn wir den Thorschlüssel hier bekommen könnten?«

»Sapperment! Das wäre prächtig! Aber wie sollte das möglich sein?«

»Vielleicht gar nicht schwer. Hier giebt es keine Portiers, welche das Oeffnen besorgen. Der Pascha passirt da gewißlich zu verschiedenen Stunden, auch zur Nachtzeit ein und aus. Er hat also vermuthlich einen Schlüssel bei sich.

»Das ist möglich. Meinst Du etwa, daß wir ihm denselben abnehmen?«

»Ja.«

»Wie?«

»Wir spielen ganz einfach ein Bischen Schinderhannes oder Rinaldo Rinaldini. Es ist wohl Niemand als der Eselstreiber bei ihm. Mit diesen Zweien werden wir wohl fertig.«

»Jedenfalls. Wollen wir unsern Vertrauten fragen, ob der Pascha einen Schlüssel hat?«

»Nein. Hiervon braucht er nichts zu ahnen. Finden wir keinen Schlüssel, so haben wir den Kerl wenigstens in Schreck versetzt. Kommt zur Seite, damit wir nicht gesehen werden. Ich glaube. Schritte zu hören.«

Nach wenigen Augenblicken kam Zykyma's Vertrauter mit einem Eselsjungen und seinem Thiere vorüber. Als die Schritte verklungen waren, fragte der Engländer:

»Wie heißt Schuft im Türkischen?«

»Tschapkyn.«

»Und Schurke?«

»Chowarda.«

»Schön! Ich danke! Jetzt kann er kommen!«

Sie hatten nicht lange zu warten, so hörten sie das Hufgetrappel des Esels. Der Junge lief voran mit der an einem Stabe hängenden Papierlaterne in der Hand; hinter ihm trollte der Esel, der so klein war, daß die Füße des Pascha fast die Erde berührten. Der Herr befand sich in einer grimmigen Stimmung. Er hatte heute einen sehr unglücklichen Tag gehabt. Er dachte aber nicht, daß der Schluß erst noch kommen werde. Er wurde aus seinem finsteren Brüten auf das Unangenehmste aufgeschreckt, denn plötzlich tauchte gerade neben ihm eine lange Gestalt empor und brüllte ihm in die Ohren:

»Tschapkyn! Chowarda! Hundsfott! Komm herab vom Esel!«

Er fühlte zwei Hände um den Hals und wollte einen Hilferuf ausstoßen, konnte aber nur Stöhnen und Röcheln und verlor dann gar die Besinnung.

Als der Eselsjunge den Ruf des Engländers hörte und sich zurückwendete, bemerkte er sofort, daß es sich um einen räuberischen Ueberfall handle. Er erfaßte die Zügel, schwang sich blitzschnell in den Sattel und jagte davon, ohne auch nur einen einzigen Laut von sich zu geben.

»Den sind wir los!« lachte der Lord. »Nun hier zu diesem da. Ich glaube, er hat die Besinnung verloren.«

»Sprechen Sie nicht!« flüsterte ihm Normann zu. »Wenn er noch hört, so merkt er an Ihrem Englisch, wer wir sind.«

»Er ist ohnmächtig!« meinte Wallert. »Suchen wir in seinen Taschen!«

Sie fanden in der Hosentasche eine Börse, in der Weste die Uhr und in der Jacke einen mächtigen Schlüssel.

»Da ist er!« sagte Wallert. »Jetzt fort.«

»Halt, nicht so schnell!« entgegnete Normann. »Wenn ihm nur der Schlüssel fehlt, so merkt er, daß es gerade auf diesen abgesehen war. Wir müssen ihm also Alles nehmen. Am besten, die ganze Jacke, damit er denkt, wir haben die Jacke gebrauchen können und den Schlüssel nur so nebenbei mit erwischt.«

Das geschah.

»Wollen wir ihn ein wenig untertauchen?« fragte der Lord, als sie Alles eingesteckt hatten.

»Nein; es ist das überflüssig. Jungenstreiche wollen wir doch nicht begehen.«

»Mir auch recht. Gehen wir also!«

Nach etwas mehr als einer halben Stunde befanden sie sich wieder auf der Yacht, wo sie die Kleider wechselten. Dem Engländer hatte das unfreiwillige Bad nichts geschadet, da die Nacht eine sehr milde gewesen war. Als sie ihren Raub näher betrachteten, sahen sie, daß die Uhr ein kostbares mit Brillanten besetztes Werk war. Sie öffneten den Deckel. Da stieß Wallert einen Schrei aus:

»Mein Himmel! Was sehe ich!«

Er riß die Uhr an sich und starrte in das Innere des Deckels. Die Augen schienen ihm aus dem Kopfe treten zu wollen.

»Was giebt es denn?« fragte der Lord.

Beim Klange dieser Stimme fiel es Wallert ein, daß er sich beinahe verrathen habe. Er faßte sich also gewaltsam und antwortete:

»Ich habe mir heute im Stillen Ihren Siegelring mit dem eingravirten Wappen betrachtet. Jetzt sehen Sie sich einmal diese Uhr an.«

Er gab sie ihm hin.

»Wohl auch ein Wappen drin?« meinte der Brite.

»Ja, und fast das Ihrige.«

»Fast? Ah! Alle Teufel! Himmel und Hölle! Das ist ja ganz genau das Wappen der deutschen Adlerhorst's! Und darunter – Herrgott – da steht ja ganz deutlich der Name Alban von Adlerhorst! Was hat das zu bedeuten?«

Auch Normann griff nach der Uhr und betrachtete sie genau. Er warf dem Freunde durch einen Blick die stille Aufforderung zu, an sich zu halten und sagte dann zu dem Engländer:

»Der Name ist allerdings sehr richtig. Und wenn Sie dieses Wappen wirklich kennen, so –«

»Kennen? Natürlich kenne ich es! Ich bin ja selbst ein Adlerhorst! Wir stehen hier vor einem Räthsel.«

»Welches hoffentlich zu lösen ist. Sie erzählten mir, daß Sie in Deutschland nach Ihren Verwandten gesucht, sie aber nicht gefunden haben. Gab es darunter einen Alban?«

»Natürlich. Das Familienhaupt hieß so.«

»Ihm hat diese Uhr gehört. Sie befindet sich im Besitze des Paschas. Dieser muß wissen, woher er sie hat. Wir finden da unbedingt eine Spur von Ihren verschollenen Verwandten.«

»Hier in Constantinopel! Wer hätte das gedacht! Ich werde gleich früh den Pascha aufsuchen.«

»Das werden Sie nicht thun!«

»So! Warum denn nicht?«

»Wollen Sie ihm sagen, daß Sie ihm die Uhr geraubt haben?«

»Verflucht! Sie haben Recht. Aber was soll ich denn Anderes thun?«

»Das will überlegt sein. Thun Sie nichts, bevor Sie nicht mit uns gesprochen haben. Wir werden sehr zeitig zu Ihnen kommen.«

»Ja. Aber, hm! Da stecken Sie ja die Uhr ein, Master Wallert!«

»Ach so!« besann sich dieser. »Sie gehört ja Ihnen, wie die Verhältnisse liegen.«

Er gab sie dem Lord hin.

»Danke!« meinte dieser. »Nun lassen Sie uns doch auch sehen, was sich in der Börse befindet.«

Es wurde nachgezählt. Der Inhalt betrug einige hundert Piaster.

»Hätte nicht geglaubt, daß aus mir jemals ein Straßenräuber werden könne,« lachte der Lord. »Aber ich bin mit meinem ersten Erfolge sehr zufrieden. Schade nur, daß diese Art des Broderwerbes gewöhnlich mit dem Galgen endet! Und hier ist der Schlüssel. Ein Riesenkerl, der – Himmelelement, sind wir dumm gewesen!«

»Warum?«

»Ist's denn der richtige Schlüssel?«

»Hoffentlich!«

»Dieses Hoffentlich kann mir aber nicht genügen. Wir hatten ja da draußen die allerbeste Gelegenheit, zu untersuchen, ob er schließt.«

»Das ist wahr. Daß wir nicht daran gedacht haben!«

»Wir müssen es nachholen.«

»Wieder hinausgehen?«

»Ja. Ich laufe sofort hinaus.«

»Nein, Sir. Bleiben Sie und ruhen Sie sich für morgen aus. Wir Beide werden uns diesen Spaziergang machen.«

Sie verabschiedeten sich bald darauf. Am nächsten Morgen kam der Maler und meldete, daß sie noch während der Nacht hinausgegangen seien und gefunden hatten, daß der Schlüssel passe. Dann zog er eine Nummer der Zeitung »Stambul« hervor und zeigte ihm, daß der Raubanfall auf den Pascha bereits veröffentlicht sei. Es war sogar ein Preis auf die Entdeckung der Thäter gesetzt. Und was das Auffälligste war – die Uhr war beschrieben und das Wappen erwähnt.

»Haben Sie bereits etwas beschlossen?« fragte der Engländer.

»Noch nicht. Ich komme aber jedenfalls wieder, sobald wir einen Entschluß haben.«

Er ging und ließ dem Lord die Zeitung zurück. Dieser las den Bericht abermals und fand da den Palast des Pascha angegeben als den Ort, wo etwaige Meldungen und Mittheilungen anzubringen seien. Die Gasse war genannt.

»Hm!« meinte der Brite. »Es ist jedenfalls am Allerklügsten, gleich vor die richtige Schmiede zu gehen. Diese beiden jungen Leute erfahren noch zeitig genug, was ich thue. Sie sind ja nicht interessirt, sondern ich bin es.«

Er ging hinauf auf das Verdeck, wo der Steuermann saß, um sich von der Morgensonne ein wenig braten zu lassen.

»Master Smith,« fragte er, »haben Sie Lust, spazieren zu gehen?«

»Warum nicht?« antwortete der Gefragte. »Soll ich etwa Euer Herrlichkeit begleiten?«

»Ja. Sie sind ein guter Boxer?«

»Na, ich denke!«

Bei diesen Worten zeigte der Steuermann seine beiden Hände vor, die allerdings ganz das Aussehen hatten, als ob er mit ihnen auf einen Hieb einen Ochsen todtschlagen könne.

»Ich will nämlich zu einem Kerl, dem ich nicht traue.«

»Ah! Na, mir können Euer Lordschaft trauen!«

»Ja, das thue ich. Der Kerl ist nämlich ein Pascha!«

»Schadet nichts! Soll ich ihm einige Knochen zerquetschen oder einige Muskeln zusammenwickeln?«

»Nicht gleich im ersten Augenblicke, sondern nur dann, wenn er unmanierlich wird. Sie bleiben bei mir und weichen keinen Augenblick von mir.«

»Na, gut, er mag sich ein wenig in Acht nehmen. Ich habe noch keinen Pascha zwischen den Fingern gehabt, es soll mich verlangen, wie lange er den Athem im Leibe behält!«

*

5

Nicht eine Viertelstunde später schritten die Beiden über die Perabrücke, voran der Lord mit Regenschirm und Fernrohr und hinter ihm der Steuermann, die Hände in den Hosentaschen und den Südwester tief im Nacken.

Es war nicht schwer, den Palast zu finden. Der Eingang zu demselben war schmal. Einfahrten giebt es selbst bei solchen Palästen nicht. Innerhalb der Thür lag eine Strohmatte, auf welcher ein sonnverbrannter Kerl saß.

»Was wollt Ihr?« fragte er, natürlich türkisch.

»Wer bist Du?« fragte der Lord, natürlich englisch.

»Halt! Nicht herein! Ich bin der Kapudschi!«

Bei diesen Worten stellte er sich ihnen entgegen.

»Smith, haben Sie ihn verstanden?« fragte der Lord.

»Nein. Nur das Wort Kapudschi habe ich gehört. Was mag es zu bedeuten haben.«

»Hm! Wer weiß es!«

»Kapudschi? Sollte etwas an ihm kaput sein? Vielleicht der Verstand?«

»Möglich. Zurechnungsfähig sieht mir der Kerl nicht aus. Gehen wir weiter!«

Aber der Kapudschi, das heißt Thürsteher oder Thorwärter, blieb im Wege stehen und sagte:

»Wer seid Ihr, und was wollt Ihr.«

»Smith, ich glaube, dieser Mann will uns nicht passiren lassen. He?«

»Es hat den Anschein so.«

»Nehmen Sie ihn doch ein Wenig auf die Seite!«

»Sehr gut. Den muß ich aber sanft anfassen, sonst tropft ihm die Seele zu den Pantoffeln hinaus.«

Er streckte den gewaltigen, muskulösen Arm nach dem Kapudschi aus, faßte ihn an der Brust, hob ihn empor, über sich selbst und den Lord hinweg und setzte ihn dann hinter sich nieder, so daß nun vor ihnen die Passage frei war.

So Etwas war dem Türken im ganzen Leben noch nicht widerfahren! Erstens diese Unverfrorenheit, ihm, dem wichtigen Menschen, gegenüber, und zweitens diese Riesenstärke, diese Elephantenkraft, mit der man ihn von hinten nach vorn gelangt hatte! Er vermochte kein Wort zu sagen. Er stand da, mit weit offenem Munde und blickte den Beiden nach, wie sie weiter schritten.

»Der war bei Seite geschafft«, meinte der Steuermann behaglich. »Wenn der Pascha uns nicht mehr Mühe macht, so ist es jammerschade, daß ich mitgegangen bin. Es ist ärgerlich, sich auf eine Walkerei gefreut zu haben, aus welcher dann nichts wird!«

Sie gelangten in den Hof. Dort standen mehrere Schwarze, welche bei dem Anblicke des Engländers laute Rufe der Verwunderung ausstießen. Einen so gekleideten Menschen hatten sie ja in ihrem Leben noch nicht gesehen.

»Wo ist Ibrahim Pascha?« fragte der Lord einen dieser Leute.

Der Gefragte verstand nicht die Frage, wohl aber den Namen. Er deutete nach einer breiten Stiege, an deren Pfeilern zwei dicke Eunuchen lehnten, die den Lord aus ihren unförmlichen Gesichtern so anglotzten, wie ein Nilpferd irgend eine ihm unbekannte Erscheinung anstarrt.

»Macht Platz!« befahl ihnen der Brite.

Seine Worte hatten den Erfolg, daß sie stehen blieben und die Mäuler noch weiter aufsperrten.

»Wollen gleich Abhilfe schaffen!«

Bei diesen Worten faßte der Steuermann mit der Rechten den Einen, mit der Linken den Andern, drehte sich wie ein Kreisel blitzschnell mehrere Male um seine eigene Axe und ließ sie dann plötzlich los. Beide wurden weit fortgeschleudert, Dieser dahin und Jener dorthin, wo sie noch eine Strecke weit im Sande fortkugelten.

Natürlich erhoben sie mit ihren quiekenden Stimmen einen außerordentlichen Lärm, und die Anderen stimmten alle ein. Die beiden Urheber dieses Concerts aber stiegen ruhig die Treppe empor und gelangten auf eine Art von Galerie, in welche mehrere Thüren mündeten. Die eine derselben wurde grad jetzt aufgerissen, und mit einem lauten Fluche trat der Pascha heraus, um sich nach der Ursache des ungewöhnlichen Lamentos zu erkundigen. Er erblickte den Lord und – machte es wie seine Dienerschaft: Er riß Mund und Augen auf, so weit es nur möglich war.

»Guten Morgen,« grüßte der Lord. »Sprechen Sie englisch?«

»Nein,« antwortete er französisch.

Darum fuhr der Lord in dieser letzteren Sprache fort:

»Welche Sprache außer der türkischen sprechen Sie am geläufigsten?«

»Französisch und deutsch.«

»Ah, deutsch? Hm! Oh! Sprechen wir also deutsch! Aber natürlich nicht hier! Ich bitte, uns in Ihr Empfangszimmer zu führen.«

Der Pascha konnte sich noch immer nicht mit dem Gedanken befreunden, daß dieser Engländer sich hier vor ihm blicken lasse. Doch öffnete er die Thür und trat mit den Beiden ein. Sie befanden sich jetzt in einem mit allem orientalischen Luxus ausgestatteten Raum, in welchem der Besitzer des Palastes sich eben dem Genusse des süßen Nichtsthuns hingegeben hatte. Er ließ sich auf ein schwellendes Kissen nieder, forderte die Beiden aber nicht auf, Platz zu nehmen.

Er hatte seine Fassung wieder gewonnen und musterte den Lord mit einem Blicke, in welchem es wie von Haß, Verachtung und allem Aehnlichen glitzerte und leuchtete.

Der Brite seinerseits bemerkte dies sehr wohl, machte sich aber keinen Pfifferling daraus. Er betrachtete sich das finstere Gesicht des Pascha eine kleine Weile und sagte dann:

»Sie werden wohl gern wissen wollen, was ich eigentlich bei Ihnen will?«

»Natürlich!« antwortete der Gefragte kurz.

»Nun, es ist gar nicht etwas sehr Wichtiges. Ich habe nur Etwas gekauft, was ich Ihnen zeigen will.«

»Wenn Sie mich nur deshalb in meiner Arbeit stören, so konnten Sie Ihren Besuch unterlassen.«

»Arbeit? Hm! Ich sehe nichts, was darauf hinwies, daß Sie sehr beschäftigt gewesen sind. – Heut früh traf ich einen Handelsmann, welcher mir eine Uhr zum Kaufe anbot.«

»Eine Uhr? Ah! Sie haben sie gekauft?«

»Ja.«

»Was ist es für eine?«

»Eine goldene, von sehr guter Arbeit, mit Diamanten besetzt und mit einem Wappen versehen.«

»Haben Sie sie mit?«

»Vielleicht.«

»Vielleicht? Sie werden doch wissen, ob Sie die Uhr einstecken haben! Darf ich sie einmal sehen?«

»Ja. Warum nicht! Hier ist sie.«

Er zog sie aus der Tasche und gab sie dem Pascha hin. Dieser warf eine Blick darauf und sagte:

»Sie ist es, sie ist es! Ich danke Ihnen!«

Er steckte sie ein. Der Lord sah dies sehr ruhig mit an, bemerkte aber lächelnd:

»Sie sagten eben, daß ich gar nicht nöthig gehabt, Sie zu stören. Jetzt aber scheinen Sie ganz befriedigt zu sein.«

»Natürlich. Ich konnte doch nicht wissen, daß Sie die Uhr meinen, welche mir gehört.«

»Ihnen? Da gehen Ihre Ansichten nicht sehr parallel mit den meinigen. Ich denke vielmehr, daß diese Uhr mein Eigenthum ist.«

»O nein. Sie gehört mir; sie ist mir gestern Abend gestohlen oder vielmehr geraubt worden.«

»Was Sie da sagen! Ich habe sie gekauft und bezahlt.«

»Das geht mich gar nichts an. Wer einen gestohlenen Gegenstand kauft, der verliert natürlich den Preis, welchen er dafür gegeben hat.«

»Meinen Sie? Das ist höchst unangenehm!«

»Es kann noch viel unangenehmer werden. Es ist ja sehr leicht möglich, daß ein Verdacht auf Sie fällt.«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, Sie befinden sich im Besitze eines geraubten Gegenstandes. Können Sie beweisen, daß Sie auf rechtmäßige Weise in seinen Besitz gekommen sind?«

»Das sollte mir wohl nicht schwer fallen. Aber können Sie beweisen, daß die Uhr Ihnen gehört hat?«

»Sehr leicht.«

»Ich bin neugierig, wie Sie das anfangen würden.«

»Sehr einfach. Ich beschreibe die Uhr, die ich jetzt noch gar nicht geöffnet habe. Sie können nachsehen, ob Alles genau stimmt.«

»Das ist allerdings ein schlagender Beweis. Also wollen Sie sie mir einmal beschreiben?«

»Ja. Hier öffnen Sie das Werk und sehen Sie nach. Zunächst also repetirt sie. Stimmt das?«

Er hatte dem Lord die Uhr in die Hand gegeben und erwartete nun, daß dieser sie öffnen und dann antworten werde. Der Engländer aber steckte sie in die Tasche und machte dabei ein Gesicht wie Einer, der sich herzlich freut, einen Andern überlistet zu haben.

»Nun, wollen Sie nachsehen?« fragte der Türke ungeduldig.

»Das ist nicht nöthig. Ich habe sie bereits angesehen. Ja, sie repetirt.«

»Das Wappen befindet sich auf der Innenseite der Kapsel?«

»Ganz richtig!«

»Aber so nehmen Sie sie doch heraus! Was soll sie in Ihrer Tasche?«

»Stecken bleiben soll sie da. Das ist doch sehr einfach.«

»Oho! Sie werden jedenfalls meine Uhr nicht in Ihrer Tasche behalten wollen!«

»Grad das will ich. Sie haben sie vorhin eingesteckt, und jetzt habe ich dasselbe gethan. Ich freue mich außerordentlich, in Ihnen einen so klugen Mann kennen gelernt zu haben.«

»Herr, ich soll doch nicht etwa annehmen, daß Sie mich beleidigen wollen!«

»Fällt mir gar nicht ein! Es ist kein großes Vergnügen und auch keine große Kunst, einen Türken zu beleidigen.«

»So geben Sie meine Uhr heraus!«

»Sie werden sie erhalten, so bald der Richter entschieden hat, wessen Eigenthum sie eigentlich ist.«

»Der Richter wird auch erfahren wollen, wie sie in Ihre Hand gekommen ist!«

»Durch Kauf!«

»Wie beweisen Sie das?«

»Sie scherzen! Ich möchte den Richter kennen lernen, welcher es wagen wollte, einem Lord von Altengland einen solchen Beweis abzuverlangen! Was ich sage, das gilt und damit basta! Vielleicht aber müssen Sie nachweisen, ob die Uhr Ihr rechtmäßiges Eigenthum ist. Verstehen Sie?«

»Natürlich ist sie es!«

»Daran zweifle ich.«

»Herr!«

»Ja, ich wiederhole es; daran zweifle ich, und zwar sehr. Diese Uhr ist ein altes, sehr werthvolles Familienstück und hat sich im Besitze einer adeligen deutschen Familie befunden. Wie ist sie in Ihre Hand gelangt?«

»Habe ich das etwa Ihnen zu beantworten?«

»Ja wohl. Ich bin nämlich ein Glied dieser Familie. Ich heiße Eagle-nest, zu deutsch Adlerhorst, und die Uhr trägt nicht nur unser Wappen, sondern sogar die Buchstaben des Namens Alban von Adlerhorst.«

Der Pascha gab sich Mühe, die Unruhe, welche sich seiner bemächtigt hatte, zu beherrschen. Er antwortete:

»Ich begreife Sie nicht. Was geht mich Ihre Familie an. Ich habe weder von Eagle-nest noch von Adlerhorst Etwas gehört.«

»Aber Sie haben eine Uhr, welche dieser Familie gehört! Wie sind Sie in den Besitz derselben gelangt?«

»Das habe ich Ihnen nicht zu sagen!«

»Nicht? Ich werde Ihnen beweisen, daß Sie es mir sagen werden! Die Glieder dieser Familie sind verschwunden. Diese Uhr ist eine Spur, welche ich verfolgen werde, und da ist es mir gleich, ob ich dabei auf einen Pascha oder auf einen Kesselflicker stoße!«

Da erhob sich Ibrahim Pascha von seinem Sitze. Seine Brauen zogen sich drohend empor, und seine Augen blickten zornig auf. Er trat auf den Lord zu und sagte:

»Hoffentlich wissen Sie, wo Sie sich befinden!«

»Ja, bei Ihnen.«

»So vergessen Sie nicht, wer ich bin!«

»O, daran denk ich grad sehr!«

»Ich bin ein gläubiger Anhänger des Propheten und Sie sind ein Giaur, den ich eigentlich gar nicht bei mir empfangen sollte. Ich habe hier zu gebieten, und wer sich hier befindet, der hat zu gehorchen.«

»Etwa ich auch?«

»Ja, Sie auch!«

»Verteufelt, verteufelt! Nun, so befehlen Sie also gefälligst einmal!«

»So geben Sie die Uhr heraus.«

»Entschuldigen Sie, daß ich dazu ganz und gar keine Lust habe!«

»Ich werde Sie zu zwingen wissen!«

»Daran glaube ich nicht.«

»Sie sollen sogleich sehen.«

Er klatschte in die Hände. Hinter ihm öffnete sich ein Vorhang, durch welchen ein Sklave eintrat, ein langer, starker Kerl von kräftigem Aussehen.

»Der Mann da hat eine Uhr von mir eingesteckt; nimm sie ihm wieder!« befahl der Pascha.

Das Gesicht des Lords glänzte vor Freude. Er hatte zwar den in türkischer Sprache gegebenen Befehl nicht verstanden, sah aber den Kerl auf sich zutreten und ahnte, was geschehen solle.

»Gieb die Uhr!« meinte der Sklave, indem er die Hand nach ihm ausstreckte.

Da aber trat der Steuermann vor. Ein Griff, und er hatte den Sklaven bei der Taille; er hob ihn empor, trat an den Vorhang und schleuderte ihn da hinaus wie eine Puppe, mit welcher ein Kind spielt.

»Recht so, Steuermann!« lachte der Lord. »Sie sehen jetzt, Pascha, in welcher Weise wir mit uns reden lassen. Wollen Sie noch mehr von mir wissen?«

»Ich werde Sie festnehmen lassen!«

»Da fragen Sie nur vorher den Vertreter der Königin von Großbritannien um gütige Genehmigung! Vorher aber bitte ich Sie, mir gefälligst zu sagen, ob Sie vielleicht einmal in Deutschland waren?«

»Was geht das Sie an!«

»Sehr viel. Ich möchte nämlich zu gern wissen, ob Sie mit einem Adlerhorst zusammengetroffen sind.«

Dies brachte den Pascha auf eine scheinbar sehr wohlgelungene Ausrede:

»Ich traf allerdings einmal einen Deutschen, welcher sich so oder ähnlich nannte.«

»Wo?«

»Im Seebade, in Monaco.«

»Ah, in dieser Spielhölle!«

»Ja. Er hatte leidenschaftlich gespielt und dabei Alles verloren. Zuletzt setzte er die Uhr, die ihm allein noch übrig geblieben war, und ich gewann sie.

Der Lord lächelte sehr listig, blickte ihn von der Seite an und nickte anerkennend:

»Sie sind ein Pfiffikus, ein großer Pfiffikus?«

»Was meinen Sie?«

»So gleich auf diesen Einfall zu kommen! Das könnte wohl erklären, wie Sie in den Besitz der Uhr gekommen sind; leider aber hat man in Berlin ein sehr gutes Sprichwort, welches lautet: Es jinge wohl, aber es jeht nicht. Ausgesonnen haben Sie sich die Sache gut, aber geglaubt wird sie nicht.«

»Herr pochen Sie nicht zu sehr auf Ihre Nationalität! Ich dulde keine Beleidigung, und wenn Sie tausendmal ein Engländer sind!«

»Schön! Das ist sehr deutlich gesprochen, und so will ich ebenso deutlich antworten. Sie nannten sich einen rechtgläubigen Anhänger des Propheten; ich aber möchte doch nicht darauf schwören, daß Sie ein geborener Türke sind. Sie haben eine ausgesprochen französische Physiognomie; Sie sprechen ausgezeichnet Französisch und Deutsch; Sie befinden sich im Besitze deutscher Uhren – – verteufelt, verteufelt!«

»Ich bin sehr geneigt, Sie für vollständig verrückt zu halten, Mylord!«

»Dagegen habe ich ganz und gar nichts. Wir sprechen überhaupt so als ob wir gar nichts von einander hielten. Ein Lord ist ein großer Kerl, und ein Pascha ist es auch; wir aber verkehren mit einander wie ein paar Packträger, welche sich Feindschaft geschworen haben. Ich hoffe, daß dieser interessante Verkehr nicht so schnell abgebrochen werde. Was aber die Uhr betrifft, so meinen Sie wirklich, daß Sie sie von einem Deutschen gewonnen haben?«

»Ja.«

»So, so! Sehr geistreich ist diese Finte nicht; das muß ich Ihnen in aller Aufrichtigkeit sagen. Es ist ja ganz und gar unmöglich, daß Sie die Uhr von ihm gewonnen haben können!«

»Warum?«

»Wenn ein Spieler kein Geld mehr hat und darum anstatt des Geldes irgend einen Gegenstand setzt, so ist es Sache der Spielbank, diesen Einsatz anzunehmen oder nicht. Also kann nur die Bank die Uhr gewonnen haben, nicht aber Sie!«

»Und ich habe sie dann der Bank abgekauft!«

»Vorhin hatten Sie sie gewonnen, und jetzt haben Sie sie gekauft. Das ist die richtige Art und Weise, sich Glauben und Vertrauen zu erwerben. Nein.

Ich bin Lord Eagle-nest und lasse mich nicht täuschen. Uebrigens wird sich die Bank dieses Falles noch erinnern. Solche Vorkommnisse werden notirt, und ich bin sehr gesonnen, mich zu erkundigen.«

»Thun Sie, was Ihnen beliebt. Eins aber sage ich: Ich werde jetzt sofort zu dem Vertreter Englands gehen und mich über die Art und Weise beschweren, wie ein Unterthan dieses Landes den Paschas des türkischen Reichs seine Besuche abstattet!«

»Daran thun Sie sehr recht. Ich billige das so vollkommen, daß ich mich sogar erbiete, Sie zu begleiten. Es ist besser, wir erscheinen Beide zugleich, damit die Angelegenheit vereinfacht wird.«

»Ich zweifle wirklich an Ihrer Zurechnungsfähigkeit. Wäre dies nicht der Fall, so würde ich anders mit Ihnen sprechen. Ihr ganzes Auftreten ist grad so wie Ihr Aeußeres im höchsten Grade Bedenken erregend. Sie haben mich beleidigt; Sie haben sich an meinem Diener vergriffen; ich werde mir dafür die nöthige Genugthuung geben lassen.«

»Recht so. Bis dahin aber wollen wir uns Lebewohl sagen.«

»Ich sehe mich gezwungen, die Uhr in Ihrer Hand zu lassen, obgleich sie mein Eigenthum ist.«

»Und ich sehe mich gezwungen, sie mitzunehmen, weil sie das Eigenthum meines Verwandten ist. Uebrigens stehe ich Ihnen gern zur Verfügung. Meinen Namen kennen Sie. Meine Yacht ankert im Hafen. Dort bin ich zu finden. Allah behüte Sie oder behüten Sie Allah; es ist mir Alles recht. Kommen Sie, Steuermann!«

Sie gingen.

»Verfluchter Kerl!« brummte der Pascha grimmig in den Bart. »Ob er wohl von meiner Geburt und von meinen Verhältnissen etwas ahnt! Daß mir auch grad diese Uhr abgenommen und von ihm gekauft werden mußte! Der hiesige Boden beginnt, mir unter den Füßen warm zu werden!«

Der Lord stieg mit dem Steuermann die Treppe hinab. Unten im Hofe standen die Schwarzen, jetzt aber blieben sie nicht im Wege stehen, sondern sie stoben eiligst auseinander, als sie die Beiden erblickten.

In dem Eingange saß der Thorwärter. Er erhob sich eiligst, als sie kamen und drückte sich möglichst an die Mauer. Er wollte die Muskelkraft des Seemannes nicht zum zweiten Male kennen lernen.

»Was sagen Sie zu diesem Pascha?« fragte draußen der Lord seinen Begleiter.

»Der Kerl hat ein wahres Spitzbubengesicht.«

»Ganz richtig! Und welch eine Unterhaltung! Was ich ihm gesagt habe, hätte ich keinem wirklichen Moslem, keinem echten Alttürken gegenüber wagen dürfen. Der Kerl kommt mir je länger, desto mehr verdächtig vor. He? Wie?«

Jetzt mußten sie einem kleinen aber glänzenden Zuge ausweichen. Vier Träger brachten eine kostbare Sänfte, welcher zwei Vorläufer mit weißen Stäben in den Händen voranliefen. Die Vorhänge der Sänfte waren geschlossen, so daß man nicht sehen konnte, wer sich drinnen befand. Die Leute rannten in schnellem Tempo vorüber.

»Das muß ein vornehmer Kerl gewesen sein,« bemerkte der Steuermann.

»Oder eine Vornehme. Es ist doch auch möglich, daß eine türkische Lady dringesessen hat.«

»Ich denke, daß dann Verschnittene nebenher gelaufen wären.«

Er hatte Recht. Die Person, welche in der Sänfte saß, war eine männliche. Die Träger hielten vor dem Thore des Palastes Ibrahim Paschas. Der Türke stieg aus und schritt langsam und in gravitätischer Haltung nach dem Hofe. Als er in denselben trat, wurde er von den Schwarzen erblickt.

»O Allah! Der Großvezier!« rief Einer, der ihn erkannte. Er warf sich sofort demüthig zur Erde und die Andern thaten dasselbe.

Den Titel Großvezier trug früher der Oberbefehlshaber der Truppen. Jetzt versteht man darunter den Ministerpräsidenten.

Daß er in dieser Weise kam, mußte ganz besondere Gründe haben! Gewöhnlich bewegt sich dieser Allerhöchste aller Würdenträger mit eben solchem Pompe wie der Großherr selbst auf den Straßen. Er hatte jedenfalls die Absicht, keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Als er über den Hof schritt, stieß er einen der da liegenden Sklaven mit dem Fuße an und fragte:

»Hund, ist Dein Gebieter daheim?«

»Ja, o Herr!« antwortete der Gefragte, doch ohne den Kopf auch nur um einen Zoll zu erheben. Dem Großvezier direct in das Gesicht zu sehen, wäre ein sehr strafbares Verbrechen gewesen.

»Eile und sage ihm, daß ich komme.«

Der Sclave erhob sich blitzschnell von der Erde und schoß davon. Der Vezier folgte langsam. Der Pascha kam ihm eiligst entgegen und verneigte sich so tief, daß er mit dem Gesichte fast den Boden berührte.

»Allah segne Deinen Eintritt, o Vezier!« grüßte er. »Er gebe Dir tausend Jahre und glückliche Erfüllung aller Deiner Wünsche!«

»Erhebe Dich und führe mich!«

Ibrahim führte ihn nicht in das Gemach, in welchem er mit dem Lord gesprochen hatte, sondern in ein anderes, viel einfacher ausgestattetes. Das hatte einen guten Grund. Der türkische Beamte zeigt niemals gern seinen Reichthum, obgleich es noch nicht lange her ist, daß der Sultan sein einziger Erbe ist. Starb ein Beamter, so wurde er vom Großherrn beerbt; die Verwandten erhielten nichts.

Der Großvezier ließ sich auf ein Kissen nieder und zog ein kostbares Bernsteinmundstück aus der Tasche. Dies war das Zeichen, daß er eine Pfeife haben wolle. Ein Sclave brachte einen Tschibuk, und der Minister schraubte höchst eigenhändig das Mundstück an. Als dann der Tabak in Brand gesteckt war, sagte er zu dem Pascha, welcher noch demüthig vor ihm stand:

»Setze Dich zu mir und genieße auch die Gabe Allahs. Die Wölkchen des Tabaks erquicken die Seele und stärken den Verstand. Ich habe mit Dir zu sprechen.«

Das war eine große Freundlichkeit, und der Pascha beeilte sich, ihr nachzukommen. Als dann die Tabakswolken sich duftend durch einander mischten, nahm der Vezier einen Schluck des von einem Sklaven knieend dargebrachten Kaffees und sagte:

»Mein Kommen hat Dich überrascht. Niemand darf es ahnen, daß ich bei Dir bin, und Du wirst zu keinem Menschen davon sprechen!«

»Befiehl, o Vezier, und ich lasse mir die Zunge aus dem Halse schneiden!«

»Das werde ich Dir nicht befehlen; so grausam bin ich mit keinem meiner Sklaven, viel weniger mit einem so treuen Diener, wie Du bist. Dein Vater Melek Pascha hat sich große Verdienste um das Wohl des Sultanats erworben, und Du bist in seine Fußtapfen getreten. Es stehen Dir große Ehren offen, nachdem Du die Prüfung bestanden hast. Ich komme, um Dich in die Verbannung zu schicken.«

Der Pascha erschrak; er wurde kreidebleich im Gesichte.

»Herr, ich bin mir keiner Schuld bewußt!« stammelte er.

»Ich spreche auch nicht davon, daß Du die Verbannung verdient habest; ich sende Dich fort, weil Du uns da größere Dienste leisten kannst als hier. Da Dir aber mein Wohlwollen gehört, so will ich Dich vorher fragen, ob Du vor einem Opfer nicht zurückschreckst.«

»Befiehl, und ich gehorche.«

»Das habe ich erwartet. Giebt es Bande, welche Dich hier in Stambul festhalten?«

»Nein.«

»So wird das Opfer, welches ich fordere, nicht zu groß sein; denn das Bewußtsein, Deine Pflicht zu erfüllen und dafür reichlich belohnt zu werden, wird Dir die Entfernung von hier erleichtern. Ehe ich Dir aber sage, um was es sich handelt, will ich Deine Ansicht kennen lernen. Deine bisherige Thätigkeit hat Dir Gelegenheit gegeben, unsere auswärtigen Beziehungen kennen zu lernen. Liebst Du England?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Der Engländer ist niemals der Freund eines Andern. Er ist ein Krämer, welcher keinen andern Zweck kennt als den, die Nationen für sich auszubeuten.«

»Du magst Recht haben. Liebst Du den Franzosen?«

»Ich hasse ihn nicht. Er gleicht einem putzsüchtigen Weibe, welches sich für die Schönste hält und sich doch schminken und pudern muß, um jung zu erscheinen.«

»Und der Deutsche?«

»Der Deutsche ist ehrlich, schlägt sich aber gern mit seinen eigenen Brüdern herum und hat darum keine Zeit, Andern seine Stärke zu zeigen.«

»Er wird diese Gelegenheit vielleicht sehr bald bekommen. Was ich Dir mittheile, ist ein Geheimniß, von dem Niemand etwas ahnen darf. Der Franzose beabsichtigt, mit dem Deutschen Krieg anzufangen.«

»Er mag sich hüten!«

»Er verläßt sich auf seine Bundesgenossen. Er glaubt, daß Rußland und Italien ihm helfen werden. Das ist es, was mir Sorge macht. Ich habe grad gegenwärtig Rußland, welches sonst unser schlimmster Feind ist, gar nicht zu fürchten; desto schärfer aber muß ich auf die Finger Italiens sehen. Der Franzose hat dem Italiener einen Preis, einen hohen Preis für die zu erwartende Hilfe versprochen. Kannst Du Dir denken, worin dieser Preis bestehen soll.«

»Ich vermuthe es. Aber soll sich der Großherr abermals eine Provinz seines Reiches nehmen lassen?«

»Du hast richtig gerathen.«

»Es handelt sich um Tunis.«

»Ja. Die ganze Nordküste Afrikas gehörte uns. Zuerst verweigerte uns Marokko den Gehorsam. Sodann nahmen uns die Franzosen Algier weg. Jetzt versprechen sie Tunis an Italien. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß geheime Verhandlungen mit dem Bei von Tunis gepflogen werden. Er wünscht, um selbstständig zu werden, daß Italien Tripolis nehme. Er verschwört sich gegen uns; darum ist es mir ganz nothwendig, zu erfahren, welche Abmachungen getroffen werden.«

»Wie willst Du dies erfahren?«

»Durch Dich.«

»O Allah! Wäre ich nur allwissend!«

»Das brauchst Du nicht zu sein. Du hast nur nöthig, Deine Augen und Deine Ohren offen zu halten.«

»So meinst Du; daß ich eine heimliche Sendung übernehmen soll?«

»Ja. Ich will Dich nach Tunis schicken, und Du sollst dort sehen und horchen und mir Alles, was Du erfährst, wahrheitsgetreu mittheilen.«

»Das wird schwer, vielleicht unmöglich sein.«

»Warum?«

»Man wird einem Pascha des Großherrn nichts erfahren lassen. Man wird sich von mir zurückziehen und mich mit der allergrößten Vorsichtigkeit behandeln.«

»Das wird man nicht; denn Du sollst nicht als Pascha dort leben, sondern als Einer, der in Ungnade gefallen ist und also alle Veranlassung hat, dem Großherrn zu zürnen und sich auch an mir zu rächen.«

»Deine Weisheit ist groß; sie sinnt auf Mittel, an welche ich niemals denken würde!«

»Dieses Mittel zeugt von keiner allzu großen Weisheit. Laß Dich das Wort nicht verdrießen, aber Du wirst als unser Spion thätig sein, und das ist ein Mittel, welches so alt ist wie die Weltgeschichte.«

»So soll ich einen andern Namen annehmen?«

»Ja.«

»Welchen?«

»Das werden wir noch bestimmen. Deine Papiere müssen darauf lauten. Du wirst nicht Pascha, sondern nur ein Effendi sein.«

»Warum nicht lieber etwas Anderes, ein Handwerker oder Kaufmann.«

»Ein solcher hat keinen Zutritt bei dem Bei von Tunesien; Du aber mußt in seine Nähe kommen, wenn Du unseren Zweck erreichen willst. Ein Effendi ist ein Beamter oder ein Gelehrter, welcher sehr leicht in die Nähe eines Fürsten, eines großen Herrn gezogen werden kann.«

»Wann soll ich fort?«

»Es eilt. Du sollst heimlich fort, noch während der nächsten Nacht. Ich werde für eine Schiffsgelegenheit sorgen, welche Dich direct nach Tunis bringt.«

Der Pascha machte ein etwas nachdenkliches Gesicht. Es gab doch Einiges, was ihm eine so schnelle Abreise als nicht so erwünscht erscheinen ließ. Der Vezier bemerkte es und fragte:

»Deine Gedanken scheinen nicht froh zu sein. Theile mir mit, was Dich betrübt. Ist es mir möglich, so werde ich Dir Deine Wünsche gern erfüllen.«

»Herr, ich habe ein – – Haus!«

»Ein Haus? Ah, ich vermuthe, daß Du nicht das Haus meinst, sondern die innersten Gemächer desselben, nämlich den Harem. Ist es nicht so?«

»Deine Gedanken treffen stets das Richtige; sie gehen niemals irre.«

»Hast Du Dein Herz an eine Deiner Sklavinnen geschenkt? Man weiß ja, das Du die schönsten Mädchen Stambuls besitzest.«

»Das Weib ist gemacht, das Herz des Mannes zu erfreuen. Wem ein schönes Auge leuchtet, der thut seine Pflicht mit doppelt regem Eifer.«

»Du hast Recht. Darum habe ich nichts dagegen, wenn Du vielleicht wünschest, einige Deiner Sklavinnen mitzunehmen.«

»Wird es nicht auffallen, daß ein Effendi mehrere Frauen besitzt, ein einfacher Gelehrter?«

»Ich kenne Effendi's, welche mehrere Frauen haben. Wie viele wünschest Du mitzunehmen?«

»Nur zwei.«

»So ist keine Gefahr dabei. Du kannst ja sagen, daß sie Deine Schwestern seien oder auch, die Eine sei Deine Schwester und die Andere Dein Weib. Ich habe mit Dir gesprochen und Du bist bereit. Ich werde jetzt zu dem Großherrn gehen, und dann die Minister alle versammeln lassen, um mit ihnen zu berathen. Dann sollst Du Deine Instructionen erhalten. Die Hand des Großherrn wird sich für Dich austhun, damit es Dir an Nichts fehle, was Du brauchst. Wenn unser Plan gelingt, so werde ich auch jenen geheimnißvollen Fremden besiegen, welcher alle meine Absichten durchkreuzt und dem ich doch meinen Zorn nicht fühlen lasten darf, weil er sich der ganz außerordentlichen Gnade des Großherrn erfreut.«

»Du meinst jenen Menschen, welcher sich vor den Leuten Oskar Steinbach nennt?«

»Ja.«

»Er ist ein Deutscher.«

»Denkst Du? Ich möchte es bezweifeln. Er ist der private Abgesandte irgend eines Monarchen. Sein eigentlicher Name, seine Abstammung, die Aufträge, welche er übernommen hat, alles das ist in das tiefste Geheimniß gehüllt. Ich hasse ihn, obgleich ich ihm diesen Haß nicht zeigen darf. Kennst Du ihn?«

»Ich habe ihn einige Male gesehen, erst gestern wieder. Er beleidigte mich; er maßte sich eine Macht über mich an und wagte es, meine Absichten zu durchkreuzen. Ich mußte es ruhig geschehen lassen.«

»Es wird die Zeit kommen, in welcher wir über ihn lachen werden. Jetzt aber scheide ich. Befiehl Deinen Leuten, meine Anwesenheit hier geheim zu halten.«

Er verabschiedete sich mit gnädiger Miene. Unten schritt er an den Sklaven, die sich wieder vor ihm zu Boden geworfen hatten, vorüber, ohne sie zu beachten. Die Sänftenträger hatten gewartet; er stieg aus und ließ sich im Trabe nach dem Serail bringen.

Als er dort ausstieg und zwischen den zwei Eingangsthürmen hineinschritt, begegnete ihm Der, von welchem er soeben mit dem Pascha gesprochen hatte – Steinbach.

Dieser grüßte ihn, aber nicht so unterwürfig, wie ein Muhammedaner und Türke. Er verneigte sich nur und sagte dabei:

»Möge Dein Tag ein glücklicher sein, o Vezier!«

»Der Deinige sei so lang wie ein Jahr,« antwortete der Angeredete und ging weiter, ohne sich verneigt zu haben.

Ein leises, selbstbewußtes Lächeln hatte sich auf das männlich schöne, kräftig gezeichnete Gesicht Steinbach's gelegt. Er ging nach der Sophienkirche und von da aus den langen graden Weg hinab, welcher nach Baksche Kapussi an das Ufer führt.

Dort lagen eine ganze Menge Kaiks zum Gebrauche bereit. Er wollte einsteigen, aber da fiel sein Blick auf die sonderbare Gestalt des englischen Lords. Dieser saß vor einem Kaffeehause, welches an der tiefen Einbuchtung lag, an welcher sich das alte Zollamt befindet. Auch er hatte den Andern erblickt und winkte ihm. Steinbach folgte diesem Winke und ging hin zu ihm.

»Guten Morgen, Master!« grüßte der Lord erfreut. »Sehr gut, daß ich Sie sehe. Ich befinde mich hier ganz so wie Simson unter den Philistern.«

»Wieso.«

»Weil ich diese verteufelte Sprache nicht verstehe. Ich kenne nur die beiden Worte Allah und Bakschisch, Gott und Trinkgeld, weiter nichts. Und das ist doch nicht hinlänglich. Sehen Sie nicht, wie es mir ergangen ist?«

»Wie denn?«

»Nun, habe ich denn Etwas zu trinken hier?«

Er deutete dabei auf den runden Stein, welcher als Tisch diente und vor welchem er auf einem niedrigeren Stein gesessen hatte. Dieser Tisch war leer.

»Haben Sie sich nichts bestellt?«

»O ja. Ich habe das Wort Kaffee zehntausendmal ausgesprochen, aber keinen bekommen.«

»Kaffee ist nicht arabisch und nicht türkisch. Sie müssen Kawuah sagen.

»Also Kawuah! Schön! Und was heißt Tasse?«

»Kiasse.«

»Und eins?«

»Die Zahl eins heißt bir.«

»Sehr gut! Also – bir Kiasse Kawuah!«

»So ungefähr.«

»Ja, man wird immer gescheidter. Die Kerls, welche da herumsitzen und Maulaffen feilhalten, erhielten sofort Kaffee und auch Tabakspfeifen. Ich aber habe das Wort Tabak gebrüllt, daß es mir um meine Lunge angst und bange geworden ist, doch Niemand wollte mich verstehen. Der Teufel hole diese schwarzen Kellner!«

»Hier heißt es nicht Tabak, sondern Tütün.«

»Tütün? Albernes Wort! Was heißt denn eigentlich Pfeife?«

»Tschibuk.«

»Und bir heißt eins; also – bir Tschibuk Tütün!«

»Nein. Der Gebrauch ist anders. Wenn Sie eine Pfeife Tabak haben wollen, müssen sie sagen – bir lüle tütün.«

»Bir lüle tütün! Danke, Master! Jetzt kann es losgehen. Trinken Sie eine mit?«

»Ja.«

»Aber lassen Sie mich bestellen!«

»Sehr gern; versuchen Sie es!«

»Also zuerst – bir Ka–Ka–Kawasse – –!«

»Um Gotteswillen! Da bringt man Ihnen ja einen Polizisten. Es Hecht nicht Kawasse sondern Kiasse.«

»Verteufelt, verteufelt! Und sodann – bir tüle lütün!«

»Nein, sondern bir lüle tütün.«

»Ob lüle tütün oder tüle lütün, das konnte dem Volke doch ganz egal sein. Der Teufel mag eine so unsinnige Sprache behalten! Und bir heißt hier eins. Unter Bier verstehe ich doch etwas ganz Anderes, und da trinkt man nicht blos eins, sondern mehrere. Es wird wohl am Besten sein, wenn Sie bestellen.«

»Das denke ich auch,« lachte Steinbach.

In Folge dessen erhielten sie zwei Tassen Kaffee und zwei frisch gestopfte Pfeifen nebst Holzkohlenfeuer. Der Lord schmauchte behaglich und betrachtete sich das bewegte Panorama, welches sich vor seinen Augen entfaltete. Steinbach aber hielt den Blick vorzugsweise auf den Engländer gerichtet und zwar mit einem Ausdrucke, welcher von mehr als nur einer gewöhnlichen Theilnahme zeugte.

So hatten sie eine kleine Weile schweigend dagesessen, da legte der Lord seine Pfeife fort und sagte:

»Was so ein Türke dumm ist! Man sollte es gar nicht für möglich halten!«

»Was denn?«

»Wo die Natur Alles so reichlich giebt, da sollte der Mensch doch zugreifen, um es auch reichlich zu genießen. Aber es ist grad entgegengesetzt. Hier wächst der Tabak und hier wächst auch der Kaffee. Aber nun sehen Sie sich einmal diese Tassen an, so groß wie ein Fingerhut, und diese Tschibuks, deren kleinen Kopf man in zehn Minuten zwanzigmal ausrauchen kann. Ganz ebenso ist es auch mit den Mädchens.«

»Wieso auch mit diesen?«

»Nun, der Türke darf doch Mehrere heirathen, und ich habe gehört, daß sie gewöhnlich nur Eine nehmen. Ist das nicht so dumm, daß man es gar nicht begreifen kann? Ich würde so ungefähr zwischen sieben- und achthundert heirathen, zumal sie so schön sind.«

»Haben Sie welche gesehen?«

»Na, und ob!«

»Wann?«

»Gestern, beim Sklavenhändler.«

»Ach so! Und sie haben Ihnen gefallen?«

»Und wie! Da war zum Beispiel eine Schwarze, die hatte einen Mund wie Zinnober, Zähne wie eine Spitzmaus, wolliges Haar wie ein Pudel, Augen wie Karfunkel und ein Näschen, na, ein Näschen, fast so niedlich wie die meinige da. Und angeschaut hat sie mich! Die hatte es ganz und gar auf mich abgesehen!«

»Eine Weiße wäre mir doch lieber!«

»Natürlich! Ich hole mir auch keine Andere als nur eine Weiße.«

»Holen?«

»Ja. Ach, Sie wissen es noch nicht? Ich will nämlich Eine entführen.«

»Sapperment!«

»Nicht wahr, das ist kühn?«

»Allerdings. Wie sind Sie denn auf diesen Gedanken gekommen, Mylord?«

»Durch Mozart.«

»Das begreife ich nicht. Sie meinen doch den Componisten?«

»Na freilich! Sehen Sie, das ist die eigentliche Ursache.«

Er zog das Textbuch hervor und reichte es ihm hin.

»Ach so,« lachte Steinbach; »diese Oper hat Ihnen gefallen, und nun wollen Sie auch eine Entführung bewerkstelligen!«

»So ist es.«

»Verbrennen Sie sich nur die Finger nicht!«

»Sind diese Mädchen denn gar so heiß?«

»Die Sache ist gefährlich. Was wollen Sie denn mit der Entführten anfangen?«

»Das weiß ich noch nicht genau. Ich nehme sie mit nach London. Was dann geschieht, wird sich finden. Vielleicht heirathe ich sie; vielleicht auch schenke ich sie einem Andern. Gestern hätte ich beinahe Eine erwischt. Da draußen am Kirchhofe; sie hat mich aber schmählich im Stiche gelassen. Ich habe nur einen Handkuß davongetragen. Das ist aber doch wenigstens ein Anfang. Bei der Nächsten mache ich es anders. Heut Abend vielleicht.«

»Was ist da, heut Abend?«

»Hm! Da holen wir Eine.«

»Wo denn?«

»Wo? Das darf ich nicht sagen.«

»Wer holt sie denn?«

»Ich und die beiden Andern, nämlich Normann und Wallert.«

»Wollen Sie etwa hinaus in den Harem von Ibrahim Pascha?«

»Wird nicht verrathen!«

»Ich kann nicht in Sie dringen. Geben Sie sich aber nur nicht mit gefährlichen, unüberlegten Geschichten ab!«

»Gefährlich? Pah! Ich suche ja grad eben die Gefahr! Und unüberlegt? Trauen Sie mir alten Kerl etwa keine Ueberlegung zu? Da thäten Sie mir leid! Aber schau, was für ein großer Kahn ist das?«

»Das ist ein großherrlicher Kaik.«

»Da sitzen ja Frauen drin! Vier, sechs, acht!«

»Frauen des Sultans.«

»Was! Die dürfen auch spazierenfahren?«

»Ja, natürlich verschleiert.«

»Donnerwetter! Wer da einmal so den Zipfel wegnehmen dürfte! Der Sultan sucht sich doch ganz gewiß nichts Häßliches aus.«

»Natürlich hat er die Schönsten.«

»Sakkerment! Wo stecken sie denn?«

»An verschiedenen Orten. Es wohnen welche im Serail, welche in Beschiktasch, welche in Tolmabachtsche und auch noch anderswo.«

»Und die bekommt kein Mensch zu sehen?«

»Kein einziger. Bedient werden sie von Eunuchen, deren Oberster der Kislar Aga ist.«

»Was heißt das?«

»Kislar heißt Mädchen und Aga Herr. Beides zusammen heißt also der Herr oder der Gebieter der Mädchen.«

»Alle Wetter! Da möchte ich Kislar Aga sein!«

»Danke sehr!«

»Warum?«

»Erstens ist er Sclave.«

»Hm!«

»Zweitens muß er ein Schwarzer sein.«

»Pfui Teufel!«

»Und drittens ist er eben auch Eunuch. Aber trotz alledem ist sein Posten der höchste im Serail. Er steht im gleichen Range mit dem Großvezier.«

»Tausche aber doch nicht mit ihm! Also ein Anderer bekommt die Frauen nicht zu sehen?«

»Nein. Es wäre unbedingt sein Tod. Nur in ganz besonderen und außerordentlichen Fällen ist eine Ausnahme möglich; aber das ist höchst selten.«

»Wann zum Beispiele?«

»Wenn ein anderer Herrscher beabsichtigt, eine der Töchter oder Schwestern des Sultans zu heirathen. Dann wird es seinen Abgesandten wohl unter Umständen gestattet, das Angesicht der Betreffenden zu sehen und auch mit ihr zu sprechen, damit er seinem Herrscher Bericht erstatten kann.«

»So wollte ich, ich würde von Einem geschickt!«

»Wünschen Sie das nicht! Es ist eine böse, schwierige und verantwortliche Sache. Wenn dem Gesandten das Mädchen gefällt, seinem Herrn aber nicht, so ist nichts sicherer, als das er in Ungnade fällt. Ich weiß ein Wort davon zu sprechen.«

»Sie? Wieso?«

»Weil ich Eine suchen soll.«

»Wirklich? Für wen?«

»Davon kann ich natürlich nicht sprechen.«

»Pah! Sie scherzen!«

»Ich spreche im Ernst.«

»Wäre es wirklich Ernst, so würden Sie sich sehr hüten, davon zu reden.«

»Es hat kein Mensch eine Ahnung davon, nur zu Ihnen erwähne ich diese Angelegenheit.«

»Warum denn grad zu mir, he?«

»Weil ich zu Ihnen ein besonderes Vertrauen habe.«

»Sehr verbunden. Hat dieses besondere Vertrauen vielleicht auch besondere Gründe?«

»Insofern, als Ihre Erscheinung eine besondere ist, ja.

»Meine Erscheinung eine besondere? Nicht übel ausgedrückt! Sie reden echt diplomatisch, das heißt doppelzüngig. Man kann da annehmen, mein Aeußeres sei besonders schön, oder auch ganz besonders häßlich!«

»Wählen Sie, was Ihnen beliebt!«

»So will ich das Häßlich wählen. Ich bin überzeugt, damit das Richtige zu treffen. Aber bleiben wir bei unserer Angelegenheit, welche mich sehr interessirt! Also Sie dürfen den Harem des Sultans besuchen?«

»Ja.«

»Um sich die Mädchens anzusehen, von denen Sie eins wählen sollen?«

»Nein; so ist es freilich nicht gemeint. Man wird mir doch die Prinzessinnen nicht etwa vorführen, wie man es mit kaufbaren Sklavinnen thut. Nein. Es handelt sich vielmehr um eine bestimmte Dame, die Prinzessin Emineh. Sie wird mir ihr Gesicht sehen lassen, damit ich meinem Auftraggeber berichten kann, wie sie mir gefallen hat.«

»Alle Wetter! Könnte ich dabei sein!«

»Das geht nicht. Man macht bereits eine ganz außerordentliche Ausnahme, indem man mir erlaubt, die Züge einer Sultanstochter zu sehen.«

»Dürfte ich nur wenigstens ihre Gestalt sehen!«

»Leider geht das nicht!«

»Ihren Gang, ihre Haltung!«

»Da wird nicht viel zu bemerken sein. Diese Damen stecken in ihrer sackartigen Hülle, welche schuld ist, daß Eine genau so wie die Andere sieht.«

»Wenn ich nur wenigstens ihre Stimme hören könnte!«

»Sie sind wirklich ganz passionirt auf Türkenmädchen!«

»Ja, das ist wahr. Können Sie mich nicht mitnehmen?«

»Hm!«

»Ich könnte dann wenigstens die Gebäude sehen, in denen die Schönheiten stecken.«

»Liegt Ihnen denn gar so viel daran?«

»Das versteht sich! Denken Sie sich, wenn ich nach London zurückkehre und sagen kann, daß ich im Harem des Sultans gewesen bin! Welch ein Aufsehen! Ich werde natürlich nicht erzählen, daß ich keins der süßen Geschöpfe erblickt habe.«

»Hm! Wenn ich nur wüßte – – –!«

Er war noch unschlüssig. Er mochte an die Verantwortlichkeit denken, welche er auf alle Fälle auf sich nahm. Um ihm Lust zu machen, fügte der Lord hinzu:

»Und die Freude dieser Prinzessinnen! Ihr großes Entzücken!«

»Worüber denn?«

»Na, über mich!«

Da lachte Steinbach laut auf, warf einen Blick auf die karrirte und karrikirte Gestalt des Lords und antwortete:

»Unrecht haben Sie nicht. Die Damen haben ganz sicher noch keinen Mann von Ihrer Art gesehen.«

»Also nehmen Sie mich mit.«

»Ehe ich mich dazu entschließen kann, muß ich doch einmal nachsehen.«

Er zog zwei Pergamentblätter aus der Tasche.

»Was ist das?« fragte der Lord.

»Die Bescheinigungen des Sultans und auch des Kislar Aga, daß man mir den Zutritt in Beschicktasch erlauben und mich mit Prinzessin Emineh sprechen lassen soll.«

»Ah! Zeigen Sie her! So etwas habe ich noch nie gesehen. Also vom Sultan? Und von dem Obersten der Haremswächter? Das ist sehr interessant. Das muß ich lesen, unbedingt lesen!«

Steinbach gab ihm die beiden Documente. Der gute Lord zog, als er sie erblickte, das Gesicht unendlich lang.

»Was ist denn das für eine Schrift?«

»Türkisch.«

»Hole Sie der Teufel! Wie kann ich das lesen! Bitte, lesen Sie mir es vor!«

»Sie verstehen es auch nicht!«

»So übersetzen Sie es mir!«

Steinbach that es. Als er fertig war, nickte der Lord befriedigt und sagte:

»Also Zutritt in den Garten und freie Bewegung in demselben; Zusammentreffen mit der Prinzessin und Entschleierung derselben. Nicht übel! Ich will Ihnen etwas sagen: Nehmen Sie mich getrost mit! Ich werde mich sehr anständig betragen und die Prinzessin weder küssen noch umarmen. Sie setzen mich in irgend einen Winkel oder eine Ecke, und da bleibe ich sitzen, so lange Sie es wünschen.«

»Nun, ich will es wagen. Der Wortlaut dieser zwei Schriftstücke ist so gehalten, daß man Sie wohl nicht zurückweisen wird.«

»Allah il Allah, allüberall Allah! Ich danke Ihnen, danke sehr! Wann geht es los?«

»Wann haben Sie Zeit?«

»Gleich jetzt! Sogleich natürlich!«

»Gut! So brechen wir auf.«

»Ist es weit?«

»Nein. In zehn Minuten sind wir dort.«

Sie bezahlten den Kaffee und Tabak und setzten sich in ein Kaik, wo Steinbach befahl, nach Dolmanbachtsche zu fahren und bei den Bädern zu halten.

Dort liegt des Sultans Serail mit einem Harem, mitten in einem großen Garten. Es giebt da zwei große Eintrittsthore, eins in der Gartenmauer und das andere in der vorderen Mauereinfassung. Die beiden Männer wählten das Letztere. Zwei Soldaten standen dort Wache und fragten nach ihrem Begehr. Steinbach verlangte nach dem Kollajydschy-Baschi, welches Wort zu Deutsch Oberaufseher bedeutet.

Das Thor wurde geöffnet, und sie durften eintreten. Sie befanden sich in einem Vorhof, wo man nichts als rundum fensterlose Mauern erblickte. Die einzige Unterbrechung wurde von einer schmalen Thür gebildet, auf welche der eine Posten stumm deutete. Sie schritten auf dieselbe zu und traten ein. Es war ganz dunkel in dem engen Gange, in welchem sie sich befanden. Sie sahen Niemand, aber eine quiekende Fistelstimme klang ihnen entgegen:

»Zu wem wollt Ihr?«

»Zum Oberaufseher.«

»Was wollt Ihr bei ihm?«

»Das geht Dich nichts an, Du Hund!«

Steinbach wählte diese grobe Antwort, weil er wußte, daß dies bei diesen verschnittenen Haremswächtern mehr Eindruck machen werde, als die größte Höflichkeit.

»Kommt herein!«

Es wurde eine Thür geöffnet, und sie traten in ein rundum mit Holzgittern versehenes Zimmer, in welchem sich kein Mensch befand. Bald aber hörten sie ein Geräusch. Der Lord sagte:

»Sehr interessant! Zwischen diesen Gittern komme ich mir vor wie ein eingesperrtes wildes Thier.«

»Löwe etwa oder Tiger?« lächelte Steinbach.

»Nein, sondern Pavian.«

»Sie scheinen ein sehr ausgesprochenes Bewußtsein Ihrer persönlichen Vorzüge zu besitzen. Man beobachtet uns. Man will erst im Stillen taxiren, für wen oder was man uns zu halten hat.«

Er hatte Recht. Das Geräusch wiederholte sich, indem es sich entfernte. Es war der leise, weiche, schlürfende Schritt eines Menschen. Doch dauerte es nicht lange, so sprang ein Theil des Gitterwerkes auf und eine lange, ganz in grüne Seide gekleidete Gestalt trat ein. Diese Seide bildete einen formlosen Ballen, aus welchem unten zwei Pantoffel und oben ein schwarzes Negergesicht herausblickte. Die wulstigen Lippen öffneten sich, und mit der gewöhnlichen überschnappenden Stimme der Eunuchen fragte der Mann:

»Ihr wollt zu mir?«

»Bist Du der Kollajydschy-Baschi?«

»Ja.«

»Sklave Deines Herrn, warum grüßest Du uns nicht?«

»Ich kenne Euch nicht!«

»Weißt Du nicht, daß sich nur Personen, welche das Wohlwollen des Großherrn besitzen, nach diesem Orte wagen! Kannst Du lesen?«

»Ja.«

»Prinzessin Emineh befindet sich unter Deiner Obhut?«

»Was geht das Dich an! Wie darfst Du nach einer der Töchter des Herrschers fragen!«

»Ich will sie sehen und sprechen.«

»Allah sei Dir gnädig! Sprechen willst Du sie?«

»Ja.«

»Und sogar auch sehen?«

»Ja.«

»Etwa ohne Schleier?«

»Natürlich!«

»Bist Du etwa aus dem Joludan entsprungen?«

Dieses Wort bedeutet Irrenhaus.

»Hier, lies!« antwortete Steinbach kurz, indem er ihm das eine Pergament hingab.

Der Schwarze erblickte das Siegel des Großherrn. Er ergriff das Pergament, legte es an Stirn und Brust, verbeugte sich bis zum Boden herab und las es dann. Als er fertig war, fixirte er Steinbach scharf und sagte:

»Du mußt ein sehr vornehmer Effendi sein, daß man Dir eine solche Gnade erweist!«

»Wer ich bin, das geht Dich nichts an. Du hast zu gehorchen. Ich habe nicht Zeit, auf Dich zu warten.«

»Auch Deine Rede ist diejenige eines vornehmen Mannes. Verzeihe, daß ich Euch nicht begrüßte! Ich kann es auch jetzt noch nicht thun, nicht eher, als bis Du bewiesen hast, daß dieses Pergament Dir wirklich gehört.«

»Wie habe ich das zu beweisen?«

»Durch einen ganz ähnlichen Befehl des Kislar Aga. Ich habe hier ihm mehr zu gehorchen, als selbst dem Sultan.«

»Hier lies!«

Die Ceremonie des Verbeugens wiederholte sich. Dann aber, als der Aufseher die Zeilen gelesen hatte, gab er die Pergamente zurück, senkte den Kopf, so tief er konnte, und sagte:

»Dein Leben sei ohne Ende, und Dein Fuß schreite stets auf dem Wege des Glückes! Jetzt weiß ich nun, daß ich Dir zu gehorchen habe. Prinzessin Emineh befindet sich hier. Soll ich sie benachrichtigen?«

»Frage nicht lange, sondern thue es! Wie kann sie von mir wissen, wenn Du es ihr nicht meldest.«

»Du wirst Dich in den Garten begeben. Wo aber soll dieser Andere auf Dich warten?«

»Er wird mit mir gehen.«

»O Allah! Du wirst nicht auf diesem Befehle beharren. Von ihm stand auf den Pergamenten ja nicht ein Wort geschrieben.«

»Aber es stand da, daß Du mir zu gehorchen habest.«

»Soll er etwa das Angesicht der Prinzessin auch sehen, so wie Du?«

»Nein. Er soll sich nur im Garten umblicken dürfen. Er wird fern bleiben, wenn ich mit ihr spreche.«

»Dann darf ich Dir gehorchen. Aber er möge bedenken, daß man mir den Kopf abschlägt, wenn er das Angesicht einer unserer Frauen erblickt.«

»Er wird seine Augen schließen; aber die Frauen werden die ihrigen offen halten. Ist bereits einmal ein Franke hier im Harem gewesen?«

»Wie kannst Du so fragen!«

»So haben die Frauen wohl noch keinen solchen Mann gesehen. Du wirst ihnen sagen, daß sie in den Garten gehen sollen, um ihn zu betrachten.«

»Zu welchem Volke gehört er?«

»Zu den Inglis.«

»Ist er ein Fakir?«

Dieses Wort bedeutet Bettler.

»Nein,« antwortete Steinbach. »Warum glaubst Du, daß er ein Fakir sei?«

»Weil sein Gewand aus lauter verschiedenen Flecken zusammengesetzt ist.«

»Es sind keine Flecken. Ueberzeuge Dich. Dieser Herr ist ein sehr reicher Mann und gehört zu den Paschas seines Landes. Er ist so wenig wie ich gewöhnt, auf die Erfüllung seiner Wünsche zu warten. Beeile Dich also!«

Der Aufseher zog sich zurück. Es dauerte eine geraume Weile, ehe er wiederkehrte. Er meldete:

»Herr, die Blumen des Harems befinden sich bereits im Garten, und man erwartet Euch.«

»So laß uns ein!«

»Aber bedenkt, daß ich Euch nicht allein lassen darf. Ich selbst werde Euch begleiten.«

»Davon steht auf den Pergamenten nichts.«

»Es ist so meine Instruction.«

»Nach Deiner Instruction habe ich mich gar nicht zu richten. Sie hat nur für gewöhnliche Vorkommnisse Geltung; mein Besuch aber ist ein außerordentliches Ereigniß. Ich kann nicht dulden, daß Du bei mir bist.«

»Ich darf nicht anders.«

»Was, Du Hund! Soll ich Dir zur Bastonnade verhelfen! Meinst Du, daß ich Dir hören lassen werde, welche Geheimnisse ich mit der Prinzessin zu besprechen habe! Willst Du etwa Dinge erfahren, welche der Großherr selbst seinen Ministern nicht mittheilt!«

»Herr, verzeihe; daran hatte ich nicht gedacht, und Du hast Recht. Aber diesen Pascha der Engländer muß ich begleiten. Von ihm steht nichts auf den Pergamenten. Ich muß der Wächter seiner Augen sein.«

»Dagegen habe ich nichts. Also vorwärts!«

Jetzt endlich war die Vorverhandlung zu Ende. Der Schwarze führte die Beiden durch einen schmalen, dunklen Corridor nach einem Innenhofe, aus welchem man in den Garten gelangte.

Obgleich die Bewohnerinnen des Harems von der Außenwelt abgeschlossen leben und außerhalb ihrer absperrenden Mauern nur tief verhüllt erscheinen, hatte doch der Ruhm von Prinzessin Emineh's Schönheit sich weithin verbreitet. Man nannte sie, wenn von einem weiblichen Engel die Rede war, und die öffentlichen Erzähler nannten ihre Vorzüge her, sprachen ihren Namen aus und fügten stets hinzu: »die Herrlichste der Allerherrlichsten der Frauen.«

Später brachten sogar illustrirte abendländische Blätter ihr Bildniß, welches alle Beschauer mit Bewunderung erfüllte und eins dieser Journale schrieb dabei:

»Die Gemahlin des egyptischen Vicekönigs Taufik Pascha, Prinzessin Emineh, verdient unser Interesse in weit hervorragenderem Sinne, als es sonst bei orientalischen Frauen der Fall ist. Die Prinzessin stammt aus dem vornehmsten Geschlechte, denn sie ist die Tochter des türkischen Sultans El Hamid Pascha, des Urenkels des Begründers der egyptischen Dynastie, und wurde ihrem Gemahle im Jahre 1873 angetraut. Er lernte sie so schätzen und lieben, daß sie die Alleinherrscherin in seinem Hause geworden ist, da er aus Liebe zu ihr auf alle weiteren Frauen und Sklavinnen verzichtet.

»Sie schenkte ihm bisher zwei Söhne und zwei Töchter, welche in europäischer Weise erzogen werden. Diese geistvolle, schöne Fürstin, welche sich ganz nach europäischer Mode kleidet, hat auch dem orientalischen Nichtsthun entsagt und sich eine bedeutende Bildung angeeignet. Sie hat eine strenge Etiquette an ihrem Hofe eingeführt, die sie mit Anmuth handhabt, und ist eine treue Beratherin ihres Gatten, den sie in den gefahrvollsten Tagen auf keinen Augenblick verläßt.

»Alle, die das Glück hatten, in ihre Nähe zu kommen, bewunderten nicht blos ihre herrliche, üppige Gestalt, ihren blendend weißen Teint, ihre schönen, braunen Augen und Haare, sondern ebenso auch ihre königliche Haltung und ihre anziehende Conversation. Sie verdient, kurz gesagt, die hohe Verehrung und treue Liebe, welche ihr der Vicekönig weiht, und die ausgezeichnete Stellung, welche ihr vom Schicksal zugewiesen worden ist.« – –

Es verstand sich ganz von selbst, daß Steinbach höchst gespannt auf sein Zusammentreffen mit dieser berühmten Prinzessin war.

Als er mit dem Engländer und dem Oberwächter in den Hof trat, erblickte er eine ganze Menge schwarzer Haremswächter, welche da standen, ihn auf das Ehrfurchtsvollste zu begrüßen, jedenfalls aber auch zu dem Zwecke, ihn und vor allen Dingen auch den Engländer streng im Auge zu behalten.

Der Garten war groß. Süßer Blüthenduft zog durch die Lüfte; hohe dichtkronige Bäume spendeten ihren Schatten, und die herrlichsten Blüthen erfreuten das Auge des Beschauers. Dazu murmelten zahlreiche Springbrunnen ihre heimlichen Melodien und befeuchteten die Luft, damit sie die athmende Brust doppelt erquicke.

»Gar nicht übel hier,« sagte der Lord. Ich wollte, ich wäre Sultan. Ich blieb gleich hier bei meinen Frauen und käme niemals wieder fort. Wo mögen sie nur stecken!«

Sie schritten langsam, von dem Schwarzen gefolgt, einen breiten Kiesweg hinab. Es war keine menschliche Seele zu sehen, aber leise, fast unhörbare Laute erregten Steinbach's Aufmerksamkeit.

»Zu sehen ist freilich Niemand,« sagte er; »aber hören Sie nichts, Mylord?«

»Hm, Etwas, ja.«

»Nun, was denn?«

»Es klingt grad wie ein unterdrücktes Kichern und Lachen, wenn wir an einem der Büsche vorübergehen.«

»So ist es. Sie haben sich nicht getäuscht.«

»Ich glaube, die Frauen stecken hinter den Sträuchern.«

»Ganz sicher.«

»Und lachen über – über – – – hm!«

»Nun, über wen werden sie denn wohl lachen?«

»Natürlich über mich,« antwortete er sehr aufrichtig. »Das freut mich königlich. Es ist das viel besser, als wenn sie über mich weinen müßten. Ich muß also ein ganz famoser Kerl sein! Schau, dort unten kommen Einige!«

Es kamen ihnen jetzt einige Verhüllte entgegen. Man konnte von ihrem Körper nicht das geringste sehen. Selbst das unter dem Schleier hervorblickende Auge war nicht zu erkennen.

»Aladscha!« sagte Eine im Vorübergehen.

»Was bedeutet dieses Wort?« fragte der Lord.

»Scheckig.«

»Sie meinen also mich!«

Aus einem Seitenpfade bogen zwei Andere ein. Sie blieben stehen, um die Männer vorüber zu lassen.

»J-a buruna! Nassyl dschewitzly!« hörte man dabei die Eine zur Andern sagen.

»Was meinte Die?« fragte der Engländer.

»Lassen wir das lieber!«

»Warum?«

»Es ist besser, wir lassen sie reden!«

»Natürlich lassen wir sie reden; aber wissen will ich doch, was sie sagen. Also heraus damit. Das Letzte klang wie Schwitzen oder so ähnlich. Ich schwitze doch nicht.«

»Nein; sie sagte: Welch ein Näschen! Wie ein Nüßchen!«

»Ja,« lachte der Lord. »Ich habe freilich ein allerliebstes, niedliches und zierliches Näschen. Ich glaube, ich mache den ganzen Harem unglücklich. Ich verdrehe den Weibern den Kopf, und nachher wollen sie von ihrem Sultan nichts mehr wissen.«

»Halt!« sagte jetzt der Oberwächter hinter ihnen. »Dort kommt die Prinzessin. Herr, Du magst zu ihr gehen; dieser Engländer aber bleibt hier bei mir zurück. Ich werde über ihn wachen, daß ihm kein Leid geschieht.«

Das war nun freilich ganz anders gemeint. Er wollte vielmehr aufpassen, daß der Lord kein Unheil anrichte. Er hatte mit der Hand nach einem Kreuzwege gedeutet, von welchem her sich zwei Frauen langsam näherten. Steinbach schritt ihnen entgegen. Was ihm noch nie begegnet war, das begegnete ihm jetzt: er fühlte sein Herz klopfen.

Die Beiden waren nicht so verhüllt wie die Andern, sondern sie trugen die Kleidung, welche sie jedenfalls in ihren Gemächern zu tragen pflegten, weite Hosen, Pantöffelchen ohne Strümpfe und ein vorn offen stehendes, kurzes Jäckchen. Diese Stücke bestanden aus weißer, feiner Seide und waren mit kostbarer Goldstickerei versehen. Beide waren ganz gleich gekleidet, wie zwei Zwillingsschwestern, und ihre Gesichter waren verhüllt.

Er musterte sie bereits von Weitem. Er erblickte volle, herrliche Formen, elastische Bewegungen, kleine Füßchen und Händchen. Beide waren fein und dennoch rund und voll gegliedert, doch war die Eine um ein Weniges höher als die Andern.

Jetzt war er ihnen nahe. Er kreuzte die Arme über der Brust und verbeugte sich tief nach orientalischer Weise.

»Bist Du der Mann, welchen wir hier erwarten?«

Die Längere hatte das gesprochen. Er hatte noch niemals in seinem ganzen Leben einen solchen Wohllaut der Stimme gehört. Das klang so voll und doch so weich, so glockentönig und doch auch wieder wie weicher, sympatischer Aeolsharfenklang.

»Ich bin es,« antwortete er.

»So komm mit und tritt in unsere Mitte.«

Sie hatten mit verschlungenen Armen vor ihm gestanden; jetzt ließen sie einander los, so daß er Platz zwischen ihnen fand. Sie kehrten langsam nach der Richtung zurück, aus welcher sie gekommen waren.

Es war heller Tag, und dennoch befand er sich ganz wie im Traum. Er hatte die Empfindung eines Menschen, welcher vom Himmel träumt und dem darob vor Entzücken und Seligkeit das Herz zerspringen möchte.

Hier, im Haremsgarten des Großsultans, zwischen zwei unbeschreiblich schönen, entzückenden Frauengestalten! War das denn wirklich wahr? War es möglich!

Sie sprachen nicht. Sie schienen zu erwarten, daß er das Gespräch beginne. Die Größere hatte eine aufgeblühte Theerose in den kleinen, fleischigen, warmtönigen Händchen, die Andere drehte eine rothe, volle Nelke zwischen den schönen, wie aus der Hand des Bildhauers hervorgegangenen Fingern.

Die weichen, seidenen Hemden blickten unter dem offenen Jäckchen hervor. Er sah, wie sich unter den ruhigen Athemzügen die entzückenden Formen hoben und senkten. Ein feiner, unbestimmbarer Duft ging von Beiden aus. Wahrlich, Muhammed hatte ganz Recht, daß er den Ort der Seligen mit schönen Frauen und Huri's bevölkerte.

Da schien ihnen das Schweigen doch zu lange zu dauern. Die Trägerin der Rose sagte:

»Sind die Männer alle so schweigsam wie Du?«

Sie hatte schon vorhin nicht türkisch, sondern arabisch gesprochen. Er antwortete in derselben Sprache:

»Ja, alle.«

»Und doch habe ich gehört, daß sehr Viele Freunde des Sprechens sind.«

»Dann sind Sie keine Männer.«

»Dein Urtheil ist streng, aber Du magst Recht haben, hat der Großherr Dir eine Botschaft anvertraut?«

»Ja, doch nicht an zwei sondern nur an Emineh, die schönste der Königstöchter. Welche von Euch ist sie?«

»Errathe es!«

Sie nahm den Schleier ab. Dieser hatte eine fast unbändige Fülle heller Locken festgehalten, die nun weit über das alabasterglänzende Weiß ihres unverhüllten, herrlichen Nackens herabfielen. Ein solches Gesicht hatte er noch nie gesehen; es war gar nicht zu beschreiben. Es war als habe Gott aus Schnee, Morgenroth und Sonnengold eine Frauengestalt geformt, ihr den Odem der ewigen Liebe eingehaucht und sie nur auf die Erde gesandt, um alle Herzen und Sinne wonnetrunken zu machen. Das herrlichste waren die Augen. Sie waren von jenem tief gesättigten Blau, welches man nur dann bemerkt, wenn an sonnenhellen Tagen kurz vor dem Abendrothe ein krystallreines Wasser die tiefsten Töne des Himmels wiederspiegelt. Und dabei funkelte und schimmerte es in diesen Augen, als seien sie von goldenen Fäden durchzogen und mit mikroskopischen Diamanten bestreut, welche in electrischer Beleuchtung funkelten.

*

6

Auch die Andere hatte den Schleier abgenommen. Sie war dunkel, schön, sehr schön. In ihren Augen lag eine innige, ruhige, selbstbewußte Wärme. Es glänzte aus ihnen: Ich bin schön und will glücklich machen. Das weiche und dichte Haar schmiegte sich innig an die hohe, blüthenreine Stirn und floß nun in Wellen über die vollen Schultern herab. Wahrlich, auch diese war entzückend!

»Also welche ist es,« fragte die Blonde, während tausend Schalke neckisch über ihr Gesicht flogen.

Er fühlte sich von so viel Schönheit geradezu übermannt. Er antwortete schnell und ohne Bedenken:

»Du bist es. Du selbst! Keine Andere kann es sein.«

»Warum keine Andere?«

»Tausende preisen die Schönheit Emineh's, und Abertausende schwören, daß sie von keiner Anderen erreicht werde. Dir nur ist Keine gleich, folglich bist Du Emineh.«

Da glitt ein mildes, liebenswürdiges Lächeln über das Antlitz der Andern; sie nickte der Blonden freundlich zu:

»Schau, das Urtheil ist gefällt! Keine von Beiden gab zu, die Schönere zu sein; nun aber ist es entschieden.«

»O, auch Du bist schön,« sagte er, »so schön, wie ich noch keine gesehen habe. Du darfst mir nicht zürnen!«

»Ich zürne Dir nicht. Wenn man von Emineh so viel erzählt, so wirst Du vielleicht auch vernommen haben, daß ihr Herz frei von solchen Regungen ist.«

Er erschrak und fuhr um einen Schritt zurück.

»Allah! Höre ich recht?« fragte er.

»Was hast Du gehört?«

»Du bist die Prinzessin? Du?«

»Ja, ich bin sie.«

»Dann sei barmherzig, sei gnädig!«

Er wollte das Knie vor ihr beugen; da aber legte sie ihm schnell die Hand auf den Arm und sagte:

»Nicht so, nicht so! Du bist ein Mann, und ein Mann soll sich nicht vor einem fremden Weibe beugen. Du hast mich nicht beleidigen wollen; Du hast die Wahrheit gesagt. Die Freundin ist schöner; sie ist himmlisch schön, und ich bin irdisch schön. Das ist der Unterschied. Wunderst Du Dich nicht darüber, daß zwei Frauen mit einem Manne in dieser Weise von Schönheit sprechen?«

»Was Engel thun, ist nie zu verwundern!«

»Du bist so höflich, daß man Dich für einen Franken halten könnte. Du hast uns gepriesen, und darum kann ich auch Dir sagen, daß Du ein Mann bist, wie ich noch keinen gesehen habe. Du hast das Aussehen eines Helden und doch das Lächeln eines Kindes. Es kann für Viele gefährlich sein, Dich anzublicken. Darf ich jetzt nun die Botschaft des Großherrn hören?«

»Es ist so schwer, von ihr zu spreche». Ist Dir noch nichts darüber mitgetheilt worden?«

»Ich habe gehört, daß der Vizekönig von Egypten mich zur Sultana begehrt, und daß ein unbekannter geheimnißvoller Fremder sich in Stambul befindet, um diesen Wunsch des Khedive der Erfüllung entgegenzuführen. Bist Du der Fremde?«

»Ich bin es.«

»Darf ich Deinen Namen erfahren. Dein Vaterland und den Rang, der Dir verliehen ist?«

»Ich bitte Dich, mir zu erlauben, darüber zu schweigen. Gestatte mir lieber dafür, Dir dies zu überreichen.«

Er zog ein kostbares Etui aus dem Gürtel und gab es ihr.

»Von wem ist es?« fragte sie.

»Von dem, welcher Allah ewig danken würde, wenn es ihm gelänge, Dein Herz zu gewinnen und zu besitzen.

»Soll ich es wohl jetzt öffnen?«

»Ich soll Dich sogar bitten, es in meiner Gegenwart zu thun.«

Sie nahm den Inhalt heraus. Es war das reich mit Diamanten geschmückte Elfenbeinportrait des Vizekönigs von Egypten. Sie betrachtete es lange, lange Zeit. Eine leise, schöne Röthe zog langsam und erwärmend über ihr schönes Angesicht.«

»Hat der Künstler gut getroffen?« fragte sie.

»Ganz genau, und ohne zu schmeicheln.«

»Wie gefällt Dir dieser Kopf?«

Bei diesen Worten reichte sie das Portrait der Andern hin. Diese betrachtete es und antwortete:

»Die Züge sind sehr sympatisch und erwecken Vertrauen.«

»Das habe auch ich gefühlt. Wie sind doch die Frauen des Abendlandes zu beneiden, welche nach der Stimme ihres Herzens zu wählen vermögen! Wir hingegen sind fast willenlos und müssen den Befehlen gehorchen, welche über den Besitz sowohl unsers Körpers als auch unserer Seele, unserer Gefühle entscheiden. Und doch sind wir nicht schlechter als unsere Schwestern im Abendlande. Auch wir denken und fühlen; auch wir wünschen und wollen; auch wir können lieben oder hassen und verachten; auch wir haben die Fähigkeit, glücklich oder unglücklich zu sein! Wie oft schon habe ich allen meinen Muth und Widerstand aufbieten müssen, um nicht verschenkt oder verkauft zu werden wie ein leb- und willenloser Gegenstand!«

Das klang so bitter, so klagend. Wie aufrichtig war sie, hier im Harem, einem fremden Manne gegenüber, der sich sogar geweigert hatte, ihr seinen Namen zu nennen. Er fühlte sich zu ungetheilter Hochachtung hingerissen, mit welcher sich ein aufrichtiges Mitleid mischte. Mehr aus Theilnahme, als um eines diplomatischen Vortheiles willen sagte er:

»Vielleicht hast Du sehr bald wieder gegen einen ähnlichen Angriff zu kämpfen.«

»Das wolle Allah verhüten! Hast Du so etwas vernommen?«

»Ja. Doch ist es gegen die Sitte und gegen die Gesetze des Harems, davon zu sprechen.«

»Es ist auch gegen die Gesetze des Harems, daß Du hier Einlaß gefunden hast. Nun Du da bist und mein Angesicht schauen durftest, darf ich Dich auch ersuchen, mir zu sagen, was Du gehört hast.«

»Der Großvezier will Deine Hand verschenken.«

»Der? An wen?«

»An den Bei von Tunis.«

»An Muhammed es Sadak Bei? Scherzest Du?«

»Es ist Wahrheit.«

»Der Bei ist ja alt und hat viele Frauen.«

»Was fragt ein Großvezier darnach!«

Sie war bleich geworden. Ihr Busen arbeitete heftig unter der Bewegung, welche sich ihrer bemächtigt hatte. Dann nach einer Weile reichte sie ihm die Hand und sagte:

»Ich danke Dir! Ich hatte keine Ahnung von dieser Absicht des Veziers. Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, und ich wünsche, Dir dankbar sein zu können.«

Er zog das warme, zuckende Händchen an seine Lippen. Er hatte die Hand einer Sultanstochter berühren dürfen. War das möglich?!

»Hast Du den Auftrag, eine Antwort von mir zu bringen?« fragte sie weiter.

»Der Vicekönig will sich nur an Dein Herz wenden; wann dieses aber sprechen wird, konnte er nicht wissen.«

»Er ist edel. Ich habe Briefe von ihm gelesen; ich kenne seinen Character, ohne daß er es ahnt. Du sollst eine Antwort erhalten. Komm mit!«

Sie wendete in einen Seitengang ein. Er folgte, noch immer zwischen den Beiden schreitend. Hinter einem Bosquet bog sich der Weg nach rechts. Als sie um die Ecke lenkten, faßte Emineh seinen Arm.

»O Allah! Wir sind verloren!« rief sie aus.

Sie wollte eiligst zurück, die Andere auch. Er aber hielt Beide fest und sagte:

»Um Gott! Bleibt, bleibt! Wenn wir fliehen, kommt er uns nach!«

Nämlich grad vor ihnen, kaum zehn Schritte entfernt, hatte mitten im Wege ein Leopard gestanden und sich, sobald er sie erblickte, wie zum Sprunge auf die Erde gelegt. Steinbach concentrirte seine ganze Willenskraft im Auge und blickte das Thier scharf an. Dabei fragte er:

»Ist er gezähmt?«

»Ganz wenig. Er muß aus dem Kiosk entkommen sein, wo er angekettet wurde.«

»Wo ist dieser Kiosk?«

»Da links hinter den Büschen.«

Das Thier trug ein eisernes Halsband mit einem Ringe. Die Kette fehlte.

Die beiden Frauen standen wie festgebannt. Emineh zitterte; ihre Gefährtin aber hielt das Auge mit dem Ausdrucke unbewußten Vertrauens auf Steinbach gerichtet. Es war ihr, als könne ihr in der Nähe dieses Mannes mit der reckenhaften Gestalt niemals ein Unheil widerfahren.

»Bleibt stehen, es mag geschehen, was da will!« bat er.

Er schritt langsam und grad auf den Leopard zu, ohne den Blick von den Augen desselben zu wenden. Dabei zog er den Dolch mit der Rechten aus dem Gürtel.

Das Thier erhob den Hinterkörper, peitschte mit dem Schwanze die Erde und stieß ein kurzes Brüllen aus.

»Allah, hilf, hilf!« hauchte Emineh.

»Er ist ein Held; er kennt keine Furcht!« sagte ihre Begleiterin, wobei sie natürlich Steinbach meinte.

Dieser stand jetzt vor dem Leopard, welcher drohend pfauchte und knurrte. Sein Blick senkte sich wie ein stechender Pfeil in das schillernde, rollende Auge des wilden Thieres. Der Augenblick der Entscheidung war da. Wer wird Sieger sein, Mensch oder Thier? Der Erstere, denn der Leopard wendete den Kopf zur Seite; er konnte Steinbachs Blick nicht mehr ertragen.

Im Nu hatte er seine Finger um das eiserne Halsband gelegt. Das Thier zischte ihn grimmig an, leistete aber keinen Widerstand, sondern ließ sich nach dem Kiosk führen, wo am starken, steinernen Pfeiler die Kette hing. Der Querhalter derselben, welche im Ringe des Halsbandes gesteckt hatte, war durch irgend eine zufällige Veranlassung aus demselben heraus geglitten.

Steinbach hing das Thier wieder an.

Er wußte, daß es sich auf ihn stürzen werde, sobald er den Schritt nach rückwärts wenden werde. Darum that er, als die Kette befestigt war, einen weiten, blitzschnellen Sprung nach der Thür, und grad zur rechten Zeit, denn in demselben Augenblick war der Leopard nach gesprungen, wurde aber, da die Kette nicht so weit reichte wie Steinbachs Riesensprung, zu Boden gerissen, und stieß da ein solch fürchterliches Geheul aus, daß der ganze Kiosk zu zittern und zu wanken schien.

Die Frauen standen noch da, wo er sie verlassen hatte.

»Allah sei Lob und Dank!« rief Emineh. »Als jetzt das Thier zu brüllen begann, glaubte ich Dich verloren.«

Die Andere sagte nichts; aber ihr Blick war in aufrichtiger Bewunderung auf ihn gerichtet.

»Ich habe ihn angehängt; wir können weiter gehen.«

Aber grad diese Ruhe, dieses völlige Beiseitschieben der Heldenthat steigerte, die Bewunderung der Beiden. Nach kurzer Weile blieb Emineh stehen, deutete auf eine Gebüschgruppe, bei welcher eine Ruhebank stand, und sagte:

»Wartet da! Ich kehre bald zurück.«

Sie entfernte sich, und die Beiden schritten nach der Bank. Sie setzte sich nieder; er blieb vor ihr stehen. Sie hob das herrliche Auge zu ihm empor und sagte:

»So wie Du bist, habe ich mir einen Mann gedacht.«

»Und so wie Du bist, ich mir ein Weib. Du bist herrlich und entzückend, wie aus Allah's Himmel herabgestiegen. Zürne mir nicht, daß ich Dir dies sage! Ich bin ein fremder Mann, der verschwinden wird. Ich habe einen Blick in die Seligkeit geworfen und werde dies niemals vergessen.«

»Du wirst Andere sehen und die Einsame im Harem zu Stambul bald vergessen.«

»Nie, nie! Mein Wünschen und Wollen, mein Leben kann Dir gleichgiltig sein; aber ich habe Dich erblickt und bin Dein Eigenthum. Meine Seele, mein Herz gehört Dir: ich werde nur noch im Gedanken an Dich leben und athmen. Ich thue keinen Schwur, denn ich bin ein Mann, dessen Wort als Schwur gilt; aber ich sage Dir, daß mein Mund nie die Lippen eines Weibes berühren wird. Ich werde einsam leben und einsam sterben. Allah hat es so gewollt.«

Da stand sie auf, legte ihm die Spitzen ihrer Finger auf die Achseln, blickte ihn still und stumm in die Augen und zog dann die Rose, welche sie am Busen befestigt hatte, aus dem Heftel.

»Du hast Recht,« sagte sie leise. »Allah gebietet, und wir müssen gehorchen. Nimm diese Rose und denke mein! Mein Leben wird so einsam sein wie das Deine.«

Da blitzten seine Augen auf.

»Was höre ich!« sagte er. »Rede! Sprich! Bist Du ein Weib des Großherrn?«

»Nein.«

»Eine Tochter?

»Auch nicht.«

»Oder eine Schwester, Verwandte?«

»Bitte, frage nicht!«

»O, ich muß fragen; ich muß, muß! Hast Du einen Bräutigam, dem Du bestimmt bist?«

»Ja.«

»Liebst Du ihn?«

»Nein.«

»Hat Dein Herz für einen Andern gesprochen?

»Nein. Nun aber frage nicht weiter!«

Sein Athem ging hörbar; sein Gesicht hatte sich geröthet, und seine beiden Fäuste lagen ganz unwillkürlich an den Kolben der Pistolen.

»Nein, ich werde nicht fragen, aber ich werde handeln,« antwortete er. »Die Liebe ist wie der Blitz, der vom Himmel kommt; er ist da, und Keiner kann ihm widerstehen. Allah ist es der sie sendet, und ihm muß der schwache Mensch gehorchen. Du bist ein Weib, aber Dein Herz ist stark. Wirf Alles, Alles bei Seite, und sage mir, ob ich Dich wiedersehen kann.«

Auch ihr Auge leuchtete auf. Es überkam sie wie eine Gewalt, der sie nicht zu widerstehen vermochte.

»Warum willst Du mich wiedersehen?« fragte sie.

»Weil ich Dir gehöre: weil Dein Leben und mein Leben nur ein Leben sind; weil meine Seele verschmachten wird ohne Dich. Ich habe noch nie geliebt. Jetzt ist es zum ersten Male über mich gekommen, und zwar mit einer Allmächtigkeit, gegen welche kein menschlicher Wille und keine menschliche Macht und Kraft anzukämpfen vermag.«

»Willst Du mich entführen?«

»Ja.«

»Dein Leben wagen?«

»Ja. Habe ich es vorhin einer Bestie wegen gewagt, so würde ich es für Dich millonenmal hingeben!«

»Aber Du kennst mich nicht!«

»Ich liebe Dich, also kenne ich Dich. O bitte, antworte schnell, schnell, ehe die Prinzessin kommt!«

»Nun gut! Du sollst mich wiedersehen.«

»Wenn?«

»Wünschest Du bald?«

»Ja bald, so bald wie möglich! Sage mir, daß Du mit mir gehen willst jetzt gleich, so reiße ich die Mauer ein und nehme Dich am hellen Tage mit mir fort!«

Es war ein mächtiges, übermächtiges Gefühl, welches so plötzlich über ihn gekommen war. Er befand sich wie in einem Rausche, in einem taumelartigen Zustande.

»Das ist unmöglich,« sagte sie.

»Ich mache Alles möglich. Alles; nur sage mir, wann ich Dich wiedersehen soll!«

In ihren Augen glitzerte es wieder wie Goldfäden und Diamantenflimmer, und um den schönen, üppigen Mund zuckte ein halb begeistertes, halb schelmisches Lächeln, als sie antwortete:

»Soll es vielleicht noch heute sein?«

»Ja, heut, noch heut! Ich bitte Dich um Allahs willen!«

»Nun wohl! Komm heut, wenn die Dämmerung so dicht geworden ist, daß man auf zwanzig Schritte Entfernung keinen Menschen erkennen kann. Geh' hier am Harem vorüber, am Hinteren Thore des Gartens, welches nach Tarlabachi führt.«

»Kannst Du hinaus?«

»Ja.«

»Allah sei Dank! Du hast einen Schlüssel?«

»Nein; aber es wird mir geöffnet werden.«

»Und wenn ich Dich aber nicht treffe, nicht sehe?«

»Ich bin da; ich warte auf Dich am Thore.«

»Oh! Ist es denn so sehr leicht, aus dem Serail und dem Harem des Sultans zu entkommen?«

»Für mich ist es nicht schwer. Frage jetzt nicht weiter.«

»Du wirst diesen Ort hier nicht wiedersehen. Ich nehme Dich mit; ich sende Dich noch während der Nacht von Stambul fort und eile Dir dann nach, um mich nie wieder von Dir zu trennen.«

Er hatte in seiner Begeisterung ihre beiden Hände ergriffen. Sie ließ ihm dieselben, sagte aber:

»So nicht! Das geht nicht? Ich kann heut noch nicht fort.«

»Warum nicht?«

»Es giebt jetzt nicht die Zeit, es zu sagen. Ich höre Schritte. Emineh kehrt zurück. Fasse Dich! Laß nichts merken, und dämpfe das Feuer Deiner Augen! Du findest mich am Thore; das ist genug!«

Er hatte nur noch Zeit, ihre Hände zu küssen und einen leisen, aber jauchzenden Jubelton auszustossen, so sahen sie Emineh um die Ecke des Weges biegen. Beide waren schnell auseinander getreten und nahmen die Mienen und Stellungen zweier Menschen an, welche sich über etwas Gleichgültiges unterhalten haben.

Es schien, als ob die Prinzessin dennoch die Beiden vorher schon mit einem Blicke erreicht habe. Oder hatte sie vielleicht schon früher bemerkt, daß der erste Anblick bei Beiden eine augenblickliche Sympathie erzeugt habe. Er war ja ganz entzückt gewesen, als er die Freundin unverhüllt erblickt hatte, und war der Ansicht gewesen, dass sie die Prinzessin sei. Kurz und gut, die Sultanstochter warf den Beiden einen leuchtenden, verständnißinnigen Blick zu. Doch war dies Alles, was sie sich gestattete. Sie reichte Steinbach ein länglich geformtes, kleines Etui entgegen und sagte:

»Dies ist meine Antwort für Denjenigen, in dessen Auftrage Du zu mir gekommen bist. Nicht Worte sind es, welche ich Dir mitgebe; aber wenn er den Inhalt erblickt, wird er wissen, was ich meine.«

Steinbach verbeugte sich tief, drückte nach orientalischer, höflicher Sitte den empfangenen Gegenstand an Stirn und Brust und antwortete:

»Ich bin der geringste Deiner Diener und werde Deinem Befehle gehorchen. Der, welcher mich zu Dir sandte, wird Dein Geschenk höher halten als sein Königreich. Allah gebe Dir so viele glückliche Stunden, wie die Sonne Strahlen hat!«

»Ich danke Dir! Wer solch einen Boten sendet, wie Du bist, der kann versichert sein, eine gute Antwort zu erhalten. Du hast das Raubthier bezwungen und uns also das Leben gerettet. Allah hat Dich zwischen mich und den Tod gestellt. Ich werde das nie vergessen. Und damit auch Du Dich zuweilen an diese Stunde erinnerst, nimm diesen Ring. Er mag Dir ein Zeichen sein, daß Prinzessin Emineh Dir wohlgesinnt ist und Dich stets willkommen heißen wird, wo auch immer wir uns wiederfinden werden.«

Sie zog einen kostbaren Smaragdring von ihrem Mittelfinger. Er trat einen Schritt zurück und sagte:

»Ich bin nicht werth einer solchen Gnade! Wie darf ein armer Sterblicher es wagen, dieses Kleinod anzunehmen!«

»O, eine Sultana darf es Dir schenken, ohne befürchten zu müssen, dadurch arm zu werden!«

Sie lächelte ihm dabei so herzlich entgegen, daß er am Allerliebsten das Knie vor ihr gebeugt hätte.

»Verzeihe!« bat er. »Ich weiß, daß Du über Millionen gebietest. Nicht der Preis dieses Steines entzückt mich, sondern es verwirrt mich die Größe seines Werthes, den er dadurch besitzt, daß Du ihn an Deiner Hand trugst.«

»Ich wiederhole, daß Du die Höflichkeit eines Abendländers besitzest.«

»Meinst Du, daß der Morgenländer nicht höflich sei?«

»Er ist es mehr als der Franke, denn er ist aufrichtig höflich, während der Abendländer dabei schmeichelt.«

»Allah ist mein Zeuge, daß ich keine Schmeichelei sagte!«

»Ich glaube es Dir; ich scherzte ja nur, und darum hoffe ich, daß Du dieses Andenken nicht zurückweisest.«

»Ich gehorche!«

Er wollte nach dem Ringe fassen. Sie aber schüttelte lächelnd das schöne Haupt und sagte:

»Nein, nicht so! Laß mich selbst sehen, ob ich den Finger finde, an welchem Du ihn tragen kannst.«

Sie ergriff seine Hand, um die Stärke der Finger zu prüfen. Fast erstaunt blickte sie von dieser Hand empor in sein Gesicht.

»Du bist betroffen?« fragte er.

»Beinahe! Ich sehe Dich so hoch, so stark und stolz vor mir, und doch besitzest Du eine Hand fast von der Kleinheit eines Frauenhändchens. Wie konnte diese weiche Hand es wagen, den Leoparden anzufassen! Schau, ich glaube nicht, daß Du meinen Ring an einem Deiner Finger tragen könntest!«

»Ich hätte ihm an einer Kette eine Stelle an meinem Herzen gegeben.«

»Das darfst Du nicht. Dort darfst Du nur ein Kleinod tragen, welches Dir von der Hand Derjenigen, welcher Dein Herz gehört, anvertraut wird. Der Ring paßt ganz genau an den kleinen Finger. Da soll er seine Stelle finden. Kommst Du einst wieder in die Nähe von Emineh und hast Du einen Wunsch an sie, so zeige ihr diesen Ring. In der Erinnerung an den heutigen Tag wird sie ihr Ohr gern Deiner Bitte öffnen.«

Sie dachte bei diesen Worten wohl nicht, daß dies recht bald geschehen könne. Auch er selbst war fern von diesem Gedanken. Er sagte in frohem Tone:

»Dieses Tages werde ich mich stets als des glücklichsten meines Lebens erinnern. Allah hat heut seine Gnade wie eine Sonne über mir leuchten lassen, und selbst wenn nun tiefes Dunkel folgte, würden diese Strahlen noch den letzten Augenblick meines Lebens erhellen.«

Sein Auge schweifte dabei mit einem unwillkürlichen und unbewachten Blicke von Emineh weg und hinüber auf deren erröthende Gefährtin. Darum hob die Prinzessin warnend den Finger und fragte lächelnd:

»Solltest Du mich mit dem Bilde der Sonne meinen?«

»Ja.«

»Nicht eine Andere?«

»Kann es in Deiner Gegenwart und neben Dir eine Andere geben, welche man vor Deinem Angesichte mit den leuchtenden Gestirn des Tages vergleichen dürfte?«

»Jetzt sollte ich Dir zürnen, denn Du bist in diesem Augenblicke nicht aufrichtig, sondern Du hast die Höflichkeit der Abendländer, welche der Einen sagen, was die Andere hören soll. Und da Du also wie ein Franke handelst, so will ich Dich auch nach der Sitte der Franken verabschieden. Hier ist meine Hand, welche eigentlich kein Mann berühren sollte. Ich bin mit Dir zufrieden. Geh mit Allah, der Dich geleiten und schützen möge in allen Fahrnissen und Sorgen des Erdenlebens.«

Er beugte sich nieder und zog die Spitzen der kleinen schneeweißen Finger an seine Lippen. Dann verneigte er sich auch vor der Andern und wollte sich nun zum Gehen wenden. Da aber sagte Emineh:

»Halt! Willst Du der Einen die Höflichkeit versagen, welche Du der Andern widmest? Weißt Du nicht, daß dies eine schwere Beleidigung für sie sein würde?«

Sie nickte der Freundin aufmunternd zu. Diese fühlte sich durchschaut; ihr wunderbar schönes Gesicht erglühte, so daß sie sich unwillkürlich zur Seite wendete. Doch reichte sie ihm ihr Händchen dar und sagte:

»Also hier, auf hohen Befehl!«

Er hatte seine Hand bereits ausgestreckt; da aber zog er sie rasch wieder zurück und sagte:

»Auf Befehl? Willst Du mir ein Almosen geben? Ich würde es zurückweisen!«

Er stand aufrecht vor ihr, so stolz, so männlich schön. Sie sah es, obgleich die in ihr Gesicht aufwallende Gluth ihr den Blick verdunkeln wollte. Es überkam sie eine allgewaltige Regung, welcher sie augenblicklich gehorchte, ohne zu fragen, ob dies auch klug und gerathen sei: Sie streckte ihm anstatt vorher der einen Hand jetzt alle beide entgegen und antwortete:

»O Allah, ein Almosen! Da sieh, daß ich Dir gern alle Beide zum Gruße gebe!«

Jetzt griff er blitzschnell zu und zog eins dieser kleinen wie aus Alabaster geformten und doch so sammetweichen Händchen nach dem andern an seine Lippen. Es war ihm, als fluthe ein leiser aber beglückender und bis in die kleinste tiefste Faser dringender galvanischer Strom von ihr zu ihm herüber. Er behielt, sich selbst vergessend, diese Hände länger in den seinigen und legte seine Finger fester um sie, als es die blose Höflichkeit erfordert hätte. Ging es ihr ebenso wie ihm? Er fühlte ihren Gegendruck; dann aber entzog sie sie ihm. Das Blau ihrer Augen hatte einen tieferen, feuchten Ton angenommen; ihre feinen, rosig angehauchten Nasenflügel zitterten leise, und um die granatblüthenfarbenen Lippen zuckte eine tiefempfundene Seelenerregung, deren sie kaum Herr zu werden vermochte.

Nun wendete er sich ab und schritt von dannen, dahin, wo er den Engländer zu treffen vermeinte. Die Beiden blickten ihm nach, bis er hinter dem dichten, mit Blumen besäeten Bosquet verschwunden war.

»Das war ein Mann!« sagte die Prinzessin halblaut, wie zu sich selbst.

»Bei seinem Anblicke denkt man sogleich an die Märchen von tausend und einer Nacht.«

»Oder an unsere berühmtesten Sultane und Kalifen. So wie er muß der starke Omar ausgesehen haben!«

»Oder der mächtige Khalid, welcher das Schwert des Propheten genannt wurde. Es konnte ihm keiner widerstehen, und er kämpfte stets dem Heer voran, im dichtesten Knäuel der Feinde.«

»Meinst Du damit, daß diesem hier auch Niemand zu widerstehen vermöge?« fragte Emineh, indem ein schalkhaftes, aber aufrichtiges und wohlwollendes Lächeln über ihr Gesicht glitt.

»Daß er tapfer ist und kühn sogar, das haben wir ja gesehen. Er besiegte den Leoparden mit dem bloßen Blicke.«

»Nur den Leoparden?«

Das Auge der Fragerin war mit eigenthümlich forschender Innigkeit auf das Gesicht der Freundin gerichtet. Diese senkte die langen, seidenen Wimpern, so daß ihr Auge in deren Schatten lag, und antwortete:

»Ich verstehe Dich nicht.«

»O Du Liebe, wie willst Du Dich mir verbergen! Warum willst Du zweifeln, daß ich in Deiner Seele lesen kann? Ich will Dir das Beispiel der Aufrichtigkeit geben und Dir gestehen, was ich sonst Keiner sagen würde. Wenn ich nicht bereits liebte, so würde mein Herz keinem Andern gehören als diesem fremden, stolzen, schönen, geheimnißvollen Manne. Meine Seele würde ihm entgegengeflogen sein, obgleich ich die Tochter des Padischah bin und nicht weiß, welchen Namen er trägt und welcher Ort seine Kindheit gesehen hat.«

Diese Worte ermuthigten ihre Gefährtin. Sie hatte erfahren, was sie nicht geahnt hatte. Darum fragte sie im Tone theilnehmenden Erstaunens:

»Wie? Ist es wahr? Du liebst?«

»Ja, meine Liebe. Dir will ich es gestehen.«

»Und ich wußte nichts!«

»Weißt Du nicht, daß man das Allerheiligste der Moschee und aller Tempel nicht Jedem öffnet! Aber in Dein Herz will ich mein Geheimniß legen. Ja, ich liebe, ich liebe mit meiner ganzen Seele. Und weil ich es Keinem und Keiner sagen durfte, ist diese Liebe so mächtig, so allgewaltig geworden. Ich bekam einst ein Buch in französischer Sprache in die Hand. Es enthielt allerlei Gedichte von französischen und auch fremden Dichtern. Darunter war eins, welches die Liebe verglich mit dem Feuer, mit der heißen Kohle, und ich – – –«

Da fiel die Andere schnell ein:

»Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß,
Wie heimliche Liebe, von der Niemand was weiß.«

»Wie, Du kennst diese Verse?«

»Ja. Ich habe Dir diese Worte in arabischer Sprache gesagt, in welcher sie sich leider nicht reimen.«

»In welcher sind sie gedichtet?«

»In deutscher.«

»Verstehest Du diese?«

»Ja.«

»Das ist wieder eine neue Entdeckung, welche ich an Dir mache. Du verstehst Deutsch, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte. Hätte ich es früher gewußt, so hätte ich Dich längst gebeten, meine Lehrerin zu sein.«

»Du wolltest die Deutsche Sprache kennen lernen?«

»Ja. Wunderst Du Dich darüber?«

»Ist es nicht zum Verwundern? Eine türkische Sultana will Deutsch lernen!«

Das Gesicht der Prinzessin war ernst geworden. Sie blickte nachdenklich zu Boden und antwortete:

»Es wird Zeit, daß sich sogar der Orientale mit dieser Sprache befaßt. Wir halten den Islam für den allein rechten Glauben, und ich als Muhammedanerin will an dieser Säule nicht zu rütteln wagen. Wir verschmähen es, uns mehr, als unumgänglich nöthig ist, mit dem Abendlande zu befassen, und doch sind wir in so mancher Beziehung von den Engländern, Franzosen und Russen in Abhängigkeit gesetzt. Wir haben schon längst begonnen, die Sprachen dieser drei Nationen zu studieren; aber was bringen uns diese Leute? Der Engländer ist ein Krämer; er kommt zu uns, um uns auszusaugen, wie er es mit allen Völkern thut. Der Franzose überschwemmt uns mit Parfüms und schönen Redensarten, ohne uns wirklichen Nutzen zu schaffen. Der Russe ist ein Barbar, welcher uns in demüthigender Aufrichtigkeit sagt, daß er einfach kommt, um uns abzuschlachten. Alle nennen den Türken den kranken Mann, keiner aber bringt die echte Arznei, welche ihm Heilung geben könnte. Ein Einziger aber ist aufrichtig: der Deutsche. Er wirkt liebreich, still, ohne Geräusch, aber mit Ueberlegung und siegreicher Energie. Er ist stark und mild zugleich. Er kommt als Freund und bietet Das, was er selbst in so hohem Grade besitzt! Intelligenz ohne Ueberhebung. Wie lange wird es währen, so wird er den Platz erringen, welcher ihm gebührt, und dann wird er an unsere Thür klopfen, um uns von den Blutegeln zu befreien, denen allein wir die Schwäche zu verdanken haben, über welche man spottet.«

Sie hatte schnell gesprochen, mit ungewöhnlicher Erregung.

»Du bist beinahe begeistert!« bemerkte die Freundin.

»Begeistert? Nein, sondern zornig. Und dieser Zorn ist ein heiliger, ein wohlgegründeter. Blicke in die Geschichte unseres Reiches zurück. War der Türke nicht einfach, nüchtern, stark, wahrheitsliebend, tapfer, muthig, gerecht und treu? Man sagt, daß er dies heut nicht mehr sei. Wenn diese Behauptung die Wahrheit enthält, wer ist Schuld daran. Steige hinab in die Hefe des Volkes! Wer sind die Betrüger, die Lügner, die Feigen? Welcher Abstammung sind sie? Sind sie Türken? Nein. Von allen Seiten sind wir von Feinden umringt. Aber, dort in Nordwesten ist ein Mann erstanden, der uns die Hand zur Hilfe bietet. Ihm können wir vertrauen – Seine Sprache möchte ich verstehen. Und darum freut es mich, daß Du ihrer mächtig bist. Von heut ab wirst Du meine Lehrerin in der Sprache des Landes Germania sein. Willst Du?«

»Wie gern, wie so sehr gern! Ich konnte doch nicht ahnen, daß Du Dich in diesem Grade für Deutschland interessirst.«

»Warum nicht?«

»Du, die Gebieterin eines Harems! Du, eine türkische, eine orientalische Sultana!«

»Ja, man meint, daß die Bewohnerinnen des Harems sich nur mit Putz, Schmuck, Tand und Klatsch beschäftigen, und man hat ja in den meisten Fällen Recht; aber grad weil ich eine Sultana bin, werde ich das Weib keines Anderen als eines Fürsten sein, und darum habe ich die Augen geöffnet, um zu sehen, wo Andere nicht sehen, wo selbst berufene Männer ihre Augen schließen oder sich mit der goldenen Binde verschließen lassen. Bin ich das Weib eines Regenten, so werde ich alle meine Liebe und meinen ganzen Einfluß aufbieten, daß er sein Volk glücklich mache. Und dieser Fürst ist – ist – – ah, jetzt erst bemerke ich, wie weit wir von unserem Thema abgekommen sind. Jetzt erst gelange ich zu ihm zurück, von welchem ich ausgegangen bin. Wir sprechen ja von meiner Liebe!«

»Deren Gegenstand ich so gern erfahren möchte.«

Sie waren langsam weiter geschritten. Arm in Arm und freundlich an einander geschmiegt. Diese Beiden wunderschönen Frauen gaben in ihren weißseidenen, orientalischen Gewändern ein Bild, welches man eben nur innerhalb der Mauern eines Harems zu bewundern vermag.

»Ahnst Du es nicht?« fragte Emineh.

»Wie könnte ich?«

»O, wir haben ja von ihm gesprochen!«

»Wann?«

»Heut, vorhin. Er sandte mir sein Bild.«

»Allah 'l Allah! der Vicekönig?«

»Ja.«

»Welch ein Zufall!«

»Das ist kein Zufall. Es giebt keinen Zufall. Der Moslem weiß, daß Allah Alles bestimmt. Im Buche des Lebens ist jede That, jedes Ereigniß seit Ewigkeit verzeichnet. Allah will es; Allah hat es befohlen, daß mein Herz grad Den liebe, welcher mich zum Weibe begehrt.«

»Kennst Du ihn denn?«

»Ja. Es war vor zwei Jahren, als er sich hier in Stambul befand. Wir feierten den Ramadan, und er hatte keine Privatwohnung erhalten, sondern er wohnte mit dem Großherrn in dessen Palaste. Beide saßen oft bei einander, um über Das zu sprechen, was ihnen das Wichtigste sein mußte: Das Wohl des Landes, das Glück des Volkes. Ich befand mich hinter dem Gitter und hörte Alles. Der Vicekönig sprach so gut; er zeigte sich so edel; ich sah und erkannte, daß Allah ihn mit den schönsten Gaben, welche ein Mann besitzen soll, ausgestattet habe, und ich fühlte, daß mein Herz ihm gehöre. Seit jener Zeit bin ich Diplomatin gewesen.«

»Ah, ich verstehe Dich!«

»Ja. Man spricht von den Intriguen der Harems. Es ist wahr, daß es solche giebt. Aber was ich erreichen wollte, das ist gut. Wir kämpfen oft von unserer Abgeschiedenheit aus gegen die Männer, welche zwar an der Spitze des Volkes stehen, aber gegen das Glück der Unterthanen handeln. Ich habe meinen ganzen Einfluß angestrengt, um Das zu erreichen, was heut geschehen ist: Er hat mir sein Bild geschickt, und ich werde seine Sultana sein.«

»O Allah! Wie gönne ich Dir das! Wie freue ich mich, daß Du glücklich bist!«

»Ja, ich bin glücklich, sehr glücklich!«

»Und ich wußte von Alledem gar nichts! Du warst so ernst, so gleichgiltig, als Du mit seinem Boten sprachst, als dieser Dir sein Bild zeigte.

»Meinst Du, daß ich einem Fremden Gelegenheit geben werde, in mein Herz zu blicken? Ich habe innerlich gejubelt, während ich äußerlich nichts von meiner Freude merken ließ. Das Herz ist das richtige Heiligthum; es ist der Harem, dessen Leben, dessen Vorgänge kein Unberufener jemals schauen darf. Was wird er denken, was wird er sagen, wenn er mein Bild erblickt?«

»Er hat Dich nicht gesehen?«

»Wann und wo sollte er mich gesehen haben! Du sprichst nicht wie eine Tochter des Morgenlandes, sondern Du redest wie eine Abendländerin, welche ihr Gesicht einem Jeden schauen lassen darf.«

Die Freundin blickte vor sich nieder. Es ging ein eigenthümliches Regen über ihre sonnenhellen Züge, fast so, als ob sie sagen wolle: »O, wenn Du wüßtest!« Sie brachte es fertig, in unbefangenem Tone zu sagen:

»Ob es wohl wirklich eine Sünde ist, sich von einem Manne anschauen zu lassen?«

»Meine Antwort auf diese Frage hast Du bereits gehört oder vielmehr gesehen.«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Nicht? Habe ich vorhin nicht mein Gesicht diesem Fremden gezeigt? Hast Du nicht ganz dasselbe gethan? Allah hat der Frau in ihrer Schönheit eine Macht geschenkt, und was Allah giebt, das soll man in Weisheit gebrauchen. Unsere Mollah's aber verdammen uns zum Gegentheile, zur Entsagung, welche gegen Allah's Willen und also gegen die Natur ist. So lange wir in Harems abgeschlossen bleiben wie schädliche Geschöpfe, mit Denen Niemand in Berührung kommen darf, und so lange wir unser Gesicht unter dem Schleier verbergen müssen, als ob wir uns desselben zu schämen hätten, so lange werden wir auch gezwungen sein, auf die heiligen Rechte zu verzichten, auf welche wir als Menschen Anspruch haben. Als Fürstin werde ich mein Gesicht nicht verhüllen. Ich werde es vielleicht nicht öffentlich zeigen; Diejenigen, mit denen ich als Weib eines Herrschers in Berührung komme, sollen nicht denken müssen, daß ich eine bezahlte Sclavin bin, welche nur dem Einen gehört, welcher sie für schnödes Geld erhandelte.«

»Wird er das erlauben?«

»Er wird es!« antwortete sie in bestimmtem Tone.

»Was werden seine andern Frauen sagen!«

»Seine andern Frauen? Er wird keine andern Frauen haben, nicht eine, nicht eine einzige!«

»Wie gern gönne ich Dir dieses größte Glück des orientalischen Weibes, die einzige Frau zu sein! Aber es ist so schwer, es zu erreichen.«

»Nein, ist im Gegentheil sehr leicht. Es giebt ein Mittel, ein einziges, und dieses Mittel heißt Liebe. Ich werde Den, dem mein Herz gehört, so mit meiner Liebe umgeben und umschweben, daß keiner seiner Gedanken einer Andern gehören kann. Die Liebe ist die größte Macht der Erde; ja, die Liebe ist selbst Allmacht. Frage nach Jahren, und Du wirst zur Antwort erhalten, daß ich nicht nur seine Sultana, sondern sein Weib, seine Frau sein werde. Unsere Herzen und Seelen sollen verbunden sein, daß sie ein einziges Wesen, ein einziges Dasein bilden. Das ist mein Vorsatz, mein Wille. Daß es leicht zu erreichen ist, würdest Du sofort erkennen, wenn auch in Deinem Herzen der Tag des größten irdischen Glückes angebrochen wäre, der Tag der Liebe. Und vielleicht ist dies der Fall, denn – – o Dein Arm zuckt, und Du erröthest! Habe ich Recht?«

»Ich habe noch Keinen gekannt, dem ich zu Eigen sein möchte in der Weise, wie Du es meinst.«

»Noch nicht? Auch heut nicht, jetzt nicht?«

Diese Frage klang so liebevoll eindringlich, daß es unmöglich war, eine Unwahrheit zu sagen. Sie antwortete:

»Ich weiß es nicht. Es ist mir so eigenthümlich, so unbeschreiblich zu Muthe!«

»Grad so wie mir, als ich die Lauscherin machte und dabei mein Herz verlor. Ich habe Dir gesagt, daß mein Herz, wenn es nicht schon entschieden hätte, diesem Fremden entgegengeflogen wäre. Willst Du mir nicht anvertrauen, was das Deine thut?«

»Es – es fliegt nicht,« antwortete sie lächelnd.

»Aber es klopft!«

»Das hat es früher auch gethan, stets und immer, so lange ich lebe.«

»Es hat ja gar nicht nöthig, zu fliegen.«

»Ich weiß nicht, wie ich antworten soll. Es ist mir ganz so, als ob mein Herz überhaupt nicht mehr fliegen könne, als ob es nie wieder frei sein werde, als ob es vielmehr ganz und gar gefangen sei.«

»Also doch! Ich sah es, als Eure Blicke sich in einander tauchten oder vielmehr, als sie sich völlig in einander verloren. Er stand vor Dir, ganz ohne Bewegung und Wort, und Du holtest so viel Athem, so tief und lang, als seist Du soeben aus einer langen Ohnmacht, aus einer schweren Bewußtlosigkeit erwacht. Ich liebe selbst, und darum begriff ich, daß auch für Dich die Entscheidung gefallen sei. Aber wer mag er sein?«

»Wer das wüßte!«

»Ein gewöhnlicher Mann ist er nicht, sonst wäre ihm nicht die große, seltene Erlaubniß geworden, nach hier zu kommen und mich sehen zu dürfen.«

»Jedenfalls ein Egypter.«

»Das glaube ich nicht. Ich kenne die Namen und die äußern Eigenschaften aller hervorragenden Männer in Kairo. Ein Mann wie er aber wurde mir noch nicht geschildert. Trüge er nicht orientalische Kleidung und hätte er nicht die erwähnte Erlaubniß erhalten, so möchte ich ahnen, daß er ein Franke sei.«

»Hast Du Gründe dazu?«

»Nur Ahnung; aber Du weißt, daß die Vermuthungen einer Frau oft leichter das Richtige treffen als die scharfsinnigsten Berechnungen eines Mannes. Jedenfalls aber werde ich ja wohl bald erfahren, wer er ist. Und dann bist Du die Erste und Einzige, der ich es mittheile. –«

Der, von welchem sie sprachen, hatte jetzt nun das Serail verlassen. Als er ihren Augen entschwunden war, hatte er den Hauptgang aufgesucht, in welchem der Oberwächter mit dem Engländer zurückgeblieben war.

Er hörte bereits von Weitem einen Lärm, wie er hier im Garten des Serail wohl nicht in der Regel war. Es ertönten laute Ausrufe in englischer Sprache, denen immer ein lautes Gelächter folgte. Jetzt bog Steinbach um die Ecke, und da erblickte er eine Gruppe, über welche er auch sofort lachen mußte.

Auf einer Bank saß in höchst gravitätischer Haltung der Oberwächter. Vor ihm stand entblößten Hauptes der Lord. Neben demselben bewegten sich mehrere der schwarzen Haremswächter in den possierlichsten Sprüngen. Der Eine von ihnen hatte den hohen Cylinderhut des Britten auf dem eingefetteten Wollkopfe; der Andere trug den aufgespannten, karrirten Regenschirm über sich, und der Dritte hatte gar den Rock des Lord angezogen und stolzirte in demselben wichtig hin und her. Dabei schnitten diese Drei Gesichter, wie eben nur ein Schwarzer eine solche Fratze fertig bringen kann. Gegenüber diesen Genannten hatte eine ganze Anzahl verschleierter Frauen Posto gefaßt. Die eine Hälfte von ihnen ergötzte sich an der beschriebenen Maskerade, während die Andern das Fernrohr des Lords erobert hatten und sich Mühe gaben, sich im Gebrauche desselben zu versuchen. Es ging aus einer schönen Hand in die andere noch schönere, doch war es nicht leicht, damit zu manipuliren, da diese Hände sich nicht entblößen durften, sondern unter der Hülle bleiben mußten und es auch verboten war, den Schleier vom Gesicht zu entfernen.

Steinbach kam dem Engländer wie ein Erlösender. Er rief ihm schon von Weitem entgegen:

»Himmelsakkerment! Eilen Sie, mir aus der Klemme zu helfen, sonst zieht mich diese Menschheit noch vollständig aus. Das sind ja die wahren Seeräuber!«

»Na, wie können Sie es denn so weit kommen lassen?«

»Kommen lassen? Was will ich thun? Diese verteufelten Frauenzimmer sind neugierig wie die Meerschweinchen. Die Eine wollte sich den Hut ansehen und die Andere den Regenschirm. Ich mußte Alles hergeben und zuletzt gar den Rock ausziehen. Sie wollten nämlich wissen, wie ich unter demselben beschaffen sei.«

»Erzählen Sie später. Jetzt vor allen Dingen wollen wir uns einmal in Respekt setzen.«

Er wendete sich an den Oberwächter:

»Mensch, was fällt Dir ein? Soll ich den Kislar Aga ersuchen. Dir die Bastonnade geben zu lassen?«

»Verzeihe, Herr,« entschuldigte sich der Genannte. »Er ist ja nur ein Franke!«

»Und Du bist ein Neger, ein Sklave, welcher Allah danken muß, wenn er einen Franken anschauen darf. Schaffe schnell Ordnung, sonst sorge ich dafür, daß Du wochenlang nicht auf den Sohlen gehen kannst, sondern elendiglich auf den Knieen rutschen mußt.«

Da zog der Oberwächter die Peitsche aus dem Gürtel. Sie knallte seinen Untergebenen auf die Rücken. Ein mehrstimmiges Wehegeschrei erscholl. Die Geschlagenen suchten heulend das Weite, und auch die Frauen zogen sich so schnell zurück, daß im nächsten Augenblick kein Mensch mehr zu sehen war, selbst der Oberwächter nicht, welcher den Fliehenden nachgeeilt war. Diese hatten nämlich in ihrer Angst ganz vergessen, die annectirten Gegenstände zurückzulassen.

»Was sagen Sie dazu!« zürnte der Lord. »Ist man hier wie unter Menschen?«

Steinbach lachte. Er konnte keine andere Antwort geben. Es zeigte sich nämlich, daß selbst das Hemde des Lords, der sich natürlich in Hemdsärmeln befand, aus grau und schwarz großkarrirtem Flanell bestand.

»Was, Sie lachen auch?« fragte er.

»Ist das zum Verwundern?«

»Natürlich! Ich dächte nicht, daß ein solches Lachen sich mit der Würde, welche ich zu beanspruchen habe, sehr gut vereinbaren läßt.«

»Aber bitte, betrachten Sie doch diese Würde!«

»Donnerwetter! Sie gucken meinen Kopf so verdächtig an. Aergern Sie sich etwa über meine Glatze?«

»Nein, gar nicht.«

»Worüber denn?«

»Ueber die Glatze nicht, aber über die Haare, welche die Schuld an ihr tragen, da sie ausgegangen sind.«

»Hole Sie der Teufel! Ich denke, in Ihnen einen Freund kennen gelernt zu haben, und nun entpuppen Sic sich von einer Seite, welche ganz und gar nicht geeignet ist, mir Bewunderung und Sympathie einzuflößen. Ich weiß hier gar nicht, ob ich verrathen oder verkauft bin!«

»Sie sind Keins von Beiden, verehrter Herr,« antwortete Steinbach jetzt ernst und in besänftigendem Tone. »Ich denke, daß Sie selbst die ganze Schuld an der Situation tragen. Diese guten Leute hier haben noch niemals einen Mann von Ihren hervorragenden Eigenschaften gesehen, und da ist es – «

»Sakkerment! Wollen Sie mich etwa foppen? Hervorragende Eigenschaften?«

»Ja. Bitte, bedenken Sie doch Ihre ungewöhnliche Länge. In Folge derselben sind Sie doch hervorragend.«

»Meinetwegen! Aber was hat dies damit zu thun, daß ich hier ausgeplündert werde, als ob ich unter lauter Kaffern und Hottentotten gerathen sei?«

»Ich wiederhole, daß man hier noch keinen solchen Menschen gesehen hat; man hat Sie näher kennen lernen wollen und ist also auf den Gedanken gekommen, Sie auf das Speciellste zu untersuchen.«

»Jawohl! Es ist zu verwundern, daß man nicht gar auf die Idee gekommen ist, mich zu seciren und anatomisch zu zerstückeln. Da sind sie hin, in alle zweiunddreißig Winde! Ah, da kommt wenigstens der Eine gehumpelt, um mir meinen Hut zu bringen! Was thue ich mit dem Kerl?«

»Geben Sie ihm ein Bakschisch!«

»Ein Bakschisch? Sie meinen doch eine Ohrfeige, eine Maulschelle so aus Herzensgrund?«

»Bewahre! Das wäre hier höchst gefährlich.«

»Also wirklich ein Geschenk, ein Trinkgeld? Dafür, daß sie mich in meine sämmtlichen Bestandtheile zerlegt haben? Verkehrte Welt!«

Er zog aber doch den Beutel. Der Schwarze aber näherte sich furchtsam, er traute dem Landfrieden nicht. Als ihm aber der Brite das Geldstück entgegenhielt und dabei das Wort Bakschisch aussprach, da war er mit der Schnelligkeit des Blitzes da. Der Lord nahm mit der Linken seinen Hut entgegen und legte ihm mit der Rechten das Geschenk in die Hand. Dabei ergriff er aber die Gelegenheit, die schwarzen Finger mit einem raschen Griffe zu erfassen und sie mit solcher Gewalt zusammenzupressen, daß der Neger laut aufbrüllte und dreifach schneller verschwand, als er gekommen war.

Nach und nach kamen auch die Andern herbei, welche sich mit dem fremden Eigenthum in so unsichere Sicherheit gebracht hatten. Sie alle erhielten ein Trinkgeld, das bedeutendste aber der Oberwächter. Diesem reichte auch Steinbach ein Bakschisch, und dies schien so sehr nach der Erwartung des Empfängers ausgefallen zu sein, daß dieser sein fettes, schwammiges Negergesicht noch einmal so breit zog, als es von Natur war. Er begleitete die Beiden unter tiefen Bücklingen bis hinaus und sogar noch an den Schildwachen vorüber.

Während sie sich an das Ufer begaben, schimpfte der Lord weiter über die Behandlung, welche ihm widerfahren war, doch konnte man ihm unschwer ansehen, daß es ihm mit seinem Zorne nicht sehr ernst sei.

»Konnte man eine solche Behandlung im Harem des Großherrn erwarten? Nein!«

»Harem? Da waren wir ja gar nicht!«

»Nicht? Wo denn?«

»Im Serail, oder vielmehr im Garten des Serail. Harem heißen die inneren Gemächer, in welchen die Frauen wohnen.«

»Ganz egal! Die Weiber waren da und haben mich weidlich ausgelacht.«

»Vielleicht nur angelacht!«

»Angelacht? Hm! Das ließe ich mir eher gefallen! Also angelacht nur, anstatt ausgelacht! So scheint es, als ob ich einen guten Eindruck auf sie gemacht habe!«

»Natürlich!«

»Schön! Das söhnt mich mit der Behandlung, welche ich mir gefallen lassen mußte, vollständig aus. Sakkerment! Haben diese Weiber Augen!«

»Haben Sie diese Augen gesehen?«

»Nein, aber gefühlt, förmlich gefühlt. Das blitzte nur so durch den Schleier hindurch. Ob man wohl so eine Frau entführen könnte?«

»Schwerlich!«

»Ach, was schwerlich! Ich bin Engländer! Verstanden, he, wie! Ich habe Geld! Was braucht es mehr dazu?«

»Und wenn es gelänge, was hätten Sie erwischt?«

»Nun was denn? Eine Tauchergans oder eine Krikente doch nicht etwa, sondern eine Sultansfrau.«

»Nein. Was Sie gesehen haben, waren keine wirklichen Frauen, sondern jedenfalls nur untergeordnete Persönlichkeiten.«

»Sakkerment! Ich glaubte, es mit wirklich angetrauten Weibern zu thun zu haben.«

»Auch ich hatte die Ansicht, daß die Verschleierten, die uns begegneten, Haremsgebieterinnen seien; aber als ich sah, wie sie sich mit Ihnen beschäftigten, ließ ich diese Ansicht sogleich fallen. Es waren Dienerinnen. Wie kamen Sie denn dazu, sich Ihrer Garderobe zu entledigen?«

»Nun, diese Rotte Korah versammelte sich nach und nach um mich. Ich wurde betrachtet und angegafft. Dann nahm mir so ein Wächter plötzlich den Hut vom Kopfe und zeigte ihn den Weibern hin. Sie hatten ihn wohl betrachten wollen.«

»Es ist ein schweres Verbrechen, einem Muhammedaner den Kopf zu entblößen. Bei Ihnen aber haben sie sich keine Bedenken gemacht.«

»Das bezahle ihnen der Teufel. Als diese Weiber den Hut bekamen, riefen sie alle – na, wie war doch nur gleich das Wort!«

»Schabka?«

»Nein. Was bedeutet das Wort?«

»Hut.«

»Nein. Es klang ganz anders, so ungefähr wie Schule, Stuhle oder ähnlich.«

»Ah, Sie meinen Lule?«

»Ja, Lule; so war es. Was heißt das?«

»Lule heißt Röhre.«

»Röhre? Dieses Volk! Man sollte sie bei den Haaren nehmen! Aber so ganz dumm sind sie doch nicht. Ich mußte in Deutschland zuhören, daß man meinen Hut eine Angströhre nannte. Wir haben also da ganz denselben Vergleich. Dann kam der Regenschirm an die Reihe. Sie rissen ihn immer auf und zu und riefen dabei ein Wort, das klang fast wie Compagnie.«

»Vielleicht Kapany?«

»Ja, richtig! Was bedeutet das?«

»Mausefalle.«

»Himmelheiliges – –! Jetzt hört Alles auf! Mein Regenschirm eine Mausefalle! Aber es kam noch viel schlimmer. Sie wollten jedenfalls sehen, wie ich unter dem Oberleder beschaffen sei, und darum zogen sie mir rechts und links so lange an den Aermeln, bis sie glücklich den Rock herunter hatten. Was sie dazu brüllten, das habe ich mir nicht gemerkt; jedenfalls ist es lauter dummes Zeug gewesen. Und dann das Fernrohr! Ich verstand zwar nicht, was sie sagten, aber ich zog das Rohr gehörig aus und hielt es dem Oberwächter an die Nase. Dieser blickte hindurch und schien ganz erfreut zu sein; aber begreifen kann ich nicht, warum er dabei immer nach dem Sultan jammerte.«

»Das hätte er gethan?«

»Ja. Er rief nach dem Sultan oder nach einer Sultana.«

»Vielleicht sagte er saltanatly.«

»Ja, ja! Ein ly war noch dran; jetzt besinne ich mich.«

»Dieses Wort bedeutet so viel wie herrlich oder prächtig.«

»Ach so! er ist also zufrieden gewesen! Freut mich sehr. Er gab das Rohr weiter. Diese Kerls und Weiber aber nahmen es verkehrt. Ich wette mit, daß sie gar nichts gesehen haben. Sie wollten sich einander durch das Rohr anblicken. Sie haben nicht das Mindeste erkannt, und doch behauptete Jede, die es an das Auge hielt, daß sie ein ganzes Schock Personen sehe.«

»Wieso?«

»Sie riefen nur immer: ein Schock, Schock, Schock!«

»Ah, so!« lachte Steinbach. »Sie haben sich jedenfalls verhört. Das Wort heißt nicht schock sondern tschok.«

»Möglich. Was bedeutet es?«

»Nichts, gar nichts.«

»Sapperment! Dann sind sie also nicht so dumm, wie ich dachte. Eigentlich hat die Geschichte mir bedeutenden Spaß gemacht, obgleich ich es nicht merken ließ. Aber ich war doch froh, als Sie endlich kamen. Aber wie steht es denn? Haben Sie Eine gesehen?«

»Ja.«

»Wohl auch mit ihr gesprochen?«

»Gewiß.«

»Es ist aber wohl auch eine Dienerin gewesen?«

»Nein. Es war eine Sultana.«

»Sie Glückspilz! War sie schön?«

»Schöner noch als die Venus!«

»Na, ich danke! Man sagt doch, Venus soll ein Bischen geschielt haben?«

»Das ist wahr. Die griechische Götterlehre berichtet dies, und die Göttin der Liebe wird auch oft als schielend abgebildet; aber dieses Schielen ist so ganz unbedeutend, daß man es nicht nur kaum bemerkt, sondern daß es sogar dem Gesichte einen eigenthümlichen, herzgewinnenden Reiz verleiht.«

»Was mich betrifft, so wird wohl Keine durch das Schielen mein Herz gewinnen. Ich liebe nur Augen, welche in gerader Richtung sehen. – Aber hier ist das Wasser. Fahren wir wieder?«

»Ja. Es giebt keinen andern Weg. Ich muß nach Altstambul hinüber, wieder in das Serail, zu dem Kislar-Aga.«

»Wenn ich diesen Kerl doch auch nur kennen lernen könnte! Ist das nicht möglich?«

»Wohl kaum.«

»Das ist unangenehm! Durch diesen Mann kann man zu der schönsten Gelegenheit kommen, die Frau eines Pascha oder eines Ministers zu entführen.«

»Noch viel leichter aber könnten Sie um Ihren Kopf kommen. Was haben Sie jetzt vor?«

»Ich muß nach meiner Yacht, wo die beiden jungen Freunde mich schon längst erwarten.«

Sie stiegen ein und ließen sich zurückrudern. Keiner von Beiden bemerkte, daß ein Schwarzer ihnen in einem einrudrigen Kaik folgte und sie nicht aus dem Auge ließ. Steinbach hätte es vielleicht bemerkt, wenn seine Aufmerksamkeit nicht auf einen andern und sehr interessanten Gegenstand gerichtet gewesen wäre. Er hatte nämlich das Etui herausgenommen und geöffnet, um nach dem Inhalte zu sehen. Er hielt dies für keine Indiscretion, da das Etui ja nicht verschlossen war und die Geberin also wohl angenommen hatte, daß der Ueberbringer es wohl untersuchen werde.

Es enthielt eine höchst kostbare Agraffe jener Art, mit welcher man die Federzierde eines Turbans zu befestigen pflegt, und bildete ein ovales Medaillon von einem Hauptdurchmesser von zwei Zollen. In dem Medaillon befand sich das prächtig getroffene Brustbild der Prinzessin Emineh. –

Als diese Letztere an der Seite ihrer schönen Freundin mit Steinbach gesprochen hatte, war es von ihnen unbemerkt geblieben, daß ihnen, aber hinter den Bosquets versteckt, ein junger, gewandter Neger folgte, der keine ihrer Bewegungen aus dem Auge ließ. Er war nur mit einer rothen Hose und dergleichen Weste bekleidet. Die Art, wie er sich Schritt für Schritt weiter schlich, um den Belauschten zu folgen, hatte etwas Schlangen-, Katzen- oder überhaupt Raubthierähnliches. Und den Augen eines Raubthieres gleich rollten auch die seinigen in ihren Höhlen. Es war ihm anzusehen, daß er alle Sinne anstrengte, um so viel wie möglich zu erlauschen.

Als dann Steinbach mit dem Engländer das Serail verließ und der sie begleitende Oberwächter wieder in das Vorzimmer trat, fand er dort den Neger seiner wartend.

»Was thust Du hier, Parsdschi?« fragte er ihn.

Pars heißt Leopard und Parsdschi Wächter des Leopard. Der Neger schien vor dem gewaltigen Oberaufseher nicht sehr große Angst zu haben. Er antwortete unbefangen:

»Ich muß Dir sagen, daß ich hinunter in die Schlächtereien will.«

»Brauchst Du wieder Fleisch? Du hast erst gestern welches geholt!«

»Der Großherr hat verboten, seinem Lieblinge faulendes Fleisch zu geben. Wenn ich nicht gehorche, so wird er mir den Kopf nehmen. Ich muß also täglich frisches Futter holen.«

»So gehe. Ich werde den Wachen befehlen. Dich passiren zu lassen.«

Dies geschah, und der Raubthierwärter begab sich an das Wasser. Er sah Steinbach und den Engländer einsteigen und nahm eins der Kaiks, welche hier für den Gebrauch der Serailbewohner stets bereit lagen. Er folgte ihnen und gab sich dabei Mühe, ihnen ja nicht aufzufallen. Er hielt sich so nahe, als nothwendig war, sie bei dem nun folgenden Gewühl des Hafens nicht aus dem Auge zu verlieren. Er sah das Kaik an der Yacht des Engländers halten, wo der Letztere an Bord stieg. Steinbach ließ sich weiter rudern und landete an derselben Stelle, an welcher er mit dem Lord eingestiegen war. Von da begab er sich nach dem Serail, wieder verfolgt von dem Neger.

Dieser Letztere beruhigte sich nicht damit, den Fremden in das Palais des Sultans gehen zu sehen. Er wartete vielmehr und hatte die Genugthuung, ihn nach kurzer Zeit wieder heraustreten zu sehen. Steinbach ging ahnungslos an dem Spion vorüber, ließ sich nach Divan-hane übersetzen und ging von da aus nach dem alten Kutschu Piati, wo er bei dem Pferdehändler Halef eintrat.

Das war die Adresse, welche er gestern Normann und Wallert angegeben hatte.

Bis hierher war ihm der Neger gefolgt. Jetzt kehrte derselbe um, doch begab er sich nicht an den Ort des Ufers zurück, an welchem er sein Kaik gelassen hatte, sondern er lenkte nach Pera, der Vorstadt der Franken, ein, ging an dem russischen Botschaftshotel vorüber, nach dem bekannten Grabe Bonnevals, kam von da aus an die hintere Seite des russischen Hauses und trat in eine Spelunke, in welcher es Kaffee zu kaufen gab.

Es saßen mehrere Gäste hier, lauter Weiße. Der Neger hätte es nicht wagen dürfen, sich bei ihnen niederzusetzen. Er hatte es auch gar nicht nöthig, denn der Wirth gab ihm einen Wink und führte ihn in ein Cabinet, welches hinter der eigentlichen Gaststube lag. Dort befand sich Niemand. Der kleine Raum war behaglicher eingerichtet als der größere.

»Befiehlst Du Kaffee und Tabak?« fragte der Wirth in einem Tone, dessen Höflichkeit einem Sklaven und Verschnittenen gegenüber auffällig war.

»Ja und schnell!« lautete die selbstbewußte und herrische Antwort.

»Bleibst Du allein?«

»Nein. Du mußt dem Herrn den verabredeten Wink geben.«

Der Wirth entfernte sich und der Raubthierwärter nahm in einer Art und Weise, als ob er ein vornehmer Herr sei, auf dem farbigen, weichen Teppiche Platz. Bald brachte der Kaffeewirth den braunen Trank und einen Tschibuk und meldete, daß er das Zeichen gegeben habe.

Als der Neger sich wieder allein befand, rauchte und trank er mit dem Behagen eines Kenners, eines Gourmands, welcher die liebe Gottesgabe sehr wohl zu schätzen weiß. Als sich aber bald darauf die Thür wieder öffnete, sprang er in großer Eile vom Teppiche auf, um den Eintretenden demüthig zu begrüßen.

Dieser war ein halb europäisch, halb orientalisch gekleideter Mann in vorgeschrittenen Jahren, von dessen Gesichte wegen eines starken Vollbartes und des tief hereingezogenen Fez kaum mehr als die Nase und die beiden stechenden Augen zu sehen waren.

»Bleib sitzen!« sagte er kurz.

Er nahm, als der Neger gehorchte, diesem gegenüber Platz, griff aus der Tasche ein silbernes Tabaketui heraus, rollte sich eine Cigarrette, brannte sie mit Hilfe eines Zündholzes an und sagte dann, als er einige Züge gethan hatte:

»Du trafst grad den letzten Augenblick. Ich wollte einen Gang thun. Hast Du eine Neuigkeit?«

Der Neger riß den Mund weit auf, nickte einige Male hastig zustimmend und antwortete:

»Eine große Neuigkeit!«

»Ja, wie gewöhnlich! Du übertreibst, um einen guten Preis zu erhalten, und dann stellt es sich heraus, daß es nichts gewesen ist.«

»O nein, Herr! Diese Neuigkeit ist wirklich groß und wichtig.«

»Nun, viel Wichtiges kannst Du nicht bringen. Wir haben außer Dir einen Zweiten engagirt, welcher im Serail für uns aufpaßt, und der hat bessere Augen als Du. Du kannst uns nichts sagen, was wir nicht bereits von ihm wissen.«

»O! Allah! Einen Andern habt Ihr neben mir? Und der hat bessere Augen?«

»Ja.«

Da lachte der Schwarze höhnisch auf.

»Bessere Augen? Und doch ist er mit Blindheit geschlagen!«

»Wieso?«

»Du meinst, ich bringe Dir eine Neuigkeit aus Altstambul?«

»Natürlich.«

»So meinst Du, daß ich mich noch dort befinde?«

»Natürlich.«

»Und Euer Aufpasser soll bessere Augen haben als ich! Er hat Euch noch nicht gesagt, daß ich gar nicht mehr in Altstambul bin? Ihr wißt das gar nicht, und er weiß es auch nicht!«

»Wie? Du bist nicht mehr dort?«

»Nein.«

»Wo denn?«

»Frage Deinen neuen Aufpasser, welcher so gute Augen hat! Gieb ihm das Geld, welches Du mir verweigerst! Vielleicht erfährt er auch, was ich erfahren habe. Dann aber ist es zu spät. Dann ist der Mann verschwunden.«

»Welcher Mann?«

»Nun, Derjenige, auf welchen ich bisher aufgepaßt habe.«

»Teufel! Er will verschwinden?«

»Ja. Er hat eine Haremsbewohnerin heimlich kennen gelernt, welche er heut entführen will.«

»Das hast Du Dir wohl ausgesonnen?«

»Nein. Ich habe ihn belauscht. Ich weiß Alles.«

»Da hast Du Dich getäuscht. Dieser Mann kann nicht von hier fort. Er hat so Wichtiges zu thun, daß es ihm nicht einfallen kann, einer Sklavin wegen plötzlich Stambul zu verlassen.«

»So weißt Du das besser als ich, und es ist nicht nöthig, daß ich Dich länger belästige. Lebe wohl!«

Er erhob sich von seinem Sitze und that, als ob er gehen wolle. Das lag aber ganz und gar nicht in der Absicht des Andern. Er winkte ihm gebieterisch zu und sagte:

»Bleib! Nun ich einmal da bin, sollst Du mir auch sagen, was Du erfahren hast.«

»O, meine Augen sind ja schwach. Wer weiß, was ich gesehen habe. Du sagst ja selbst, daß ich mich irre.«

»Ich vermuthete es; aber Du wirst bleiben und mir Rede und Antwort stehen.«

Das klang im Tons des Befehls. Den Schwarzen ärgerte das. Er machte eine wegwerfende Geberde und antwortete:

»Bleiben werde ich? Nein, sondern gehen werde ich. Ich höre, daß Du glaubst, mit mir reden zu können wie mit Deinem Diener oder Sklaven. Ich bin der Diener des Padischah, aber nicht der Deinige; ich kann kommen und gehen, wie es mir beliebt.«

»Das bestreite ich nicht,« sagte der Andere einlenkend. »Ich meinte es gar nicht so, wie Du es aufgenommen hast. Bleibe hier und sprich. Ist Deine Nachricht wirklich von Werth, so soll sie Dir gut bezahlt werden.«

»So werde ich mich wieder setzen, und Du sollst erkennen, daß meine Augen ebenso scharf sind, wie diejenigen anderer Leute. Hättest Du mich jetzt gehen lassen, so würdest Du Denjenigen, den Du mir zur Beobachtung übergeben hast, hier niemals wiedersehen.«

»Er will also wirklich fort? Weißt Du, wohin?«

»Nein. Aber daß er fortgehen wird, weiß ich genau. Und Diejenige mit welcher er fliehen will, kenne ich.«

»Wer ist es? Wessen Sklavin?«

»Es ist keine Sklavin, sondern eine wunderbar schöne Haremsgebieterin.«

»Also eine Entführung!«

»Ja.«

»Ah, Gott sei Dank! Das ist gut! Das ist eine Veranlassung, ihn zu ergreifen und zu bestrafen. In wessen Harem will er eindringen?«

»In denjenigen des Großsultans.«

»Mensch! Bist Du irrsinnig!«

Bei diesen Worten war der Sprecher von seinem Sitze aufgesprungen, so sehr war er von der Nachricht frappirt.

»Ich habe alle meine Gedanken und Sinne in Ordnung. Er war im Harem des Padischah, und ich habe ihn gesehen und gehört. Er hat ihre Hände geküßt und auch die Hände der Prinzessin Emineh.«

»Himmel! Welch eine Nachricht, wenn sie Wahrheit enthielt. Aber es kann nicht wahr sein. Emineh befindet sich ja im Serail von Beschiktasch!«

»Und ich bin auch dort.«

»Du? Also wirklich nicht mehr im großen Serail?«

»Nein. Der Großherr hat in Beschiktasch einen Leoparden, dessen Wärter ich bin.«

»Ich habe von diesem Thiere gehört. Er soll in einem Gartenkiosk eingesperrt sein?«

»So ist es. Ich habe den Leoparden zu füttern, und er hat sich bereits so sehr an mich gewöhnt, daß ich ihn angreifen darf. Fremde aber würde er zerreißen. Wenigstes dachte ich so bis heut.«

Der Verbündete des Schwarzen stand noch immer aufrecht da. Sein Gesicht drückte eine ungeheure Spannung aus. Fast war es, als ob in diesem Augenblicke ihn nicht nur die Worte des Thierwärters beschäftigten. Er ging einige Augenblicke lang mit sich zu Rathe; dann fragte er, indem er seine Augen mit lauerndem Ausdrucke auf den Neger richtete:

»Hast Du einmal den Namen Gökala gehört?«

»Gökala? Allah! Du kennst sie?«

»Du auch, wie ich höre?«

»Ja, ich kenne sie, ich kenne sie genau.«

»Wer ist sie?«

»Sie ist die schönste Rose im Garten des Padischah, der leuchtendste Stern am Himmel seines Harems, der schönste Diamant unter den Edelsteinen seines Schatzes.«

»Woher kennst Du sie?«

*

7

»Sie wandelt täglich mehrere Male und längere Zeit im Garten des Serail. Da sehe ich sie.«

»Ist sie allein?«

»Nein. Prinzessin Emineh ist bei ihr. Sie legen ihre Arme in einander und nennen sich Freundinnen.«

»Hast Du vielleicht einmal ihre Worte belauscht?«

»Mehrere Male.«

»Wovon sprachen sie?«

»Von Vielem und Verschiedenem. Ich kann mich auf das Einzelne nicht mehr besinnen; aber wenn Du mir sagst, was Du wissen willst, wird es mir einfallen.«

»Sprachen sie von Politik?«

»Was ist Politik? Ich kenne dieses Wort nicht.«

»Sprachen sie vom Kriege und vom Frieden? Von andern Ländern und von andern Völkern?«

»Ja, ich hörte es.«

»Sprachen sie von den Russen?«

»Sie haben dieses Wort sehr oft genannt.«

»Von den Deutschen?«

»Ja. Sie erzahlten von Wien und von Berlin. Dort lebt ein großer, berühmter Wessir, der einst mächtig sein wird über alle Länder der Erde. Und dort lebt auch ein großer Feldherr, welcher in unserm Lande gewesen ist, von dem Padischah herbeigerufen, der seinen Rath hören wollte. Er heißt – Mi – Ma – Mo – Mo – – –«

»Moltke?«

»Ja, so war der Name. Er wird einst alle Länder der Erde erobern. Und der Wessir wird alle Völker vereinigen, um ihnen den Frieden zu geben.«

»Haben sie auch dessen Namen genannt?«

»Ja. Er lautete Be – Be – Bi – Bis – –«

»Bismark?«

»O, Du kennst auch seinen Namen? Ja, genau so lautete er. Ich habe mir diese Namen gemerkt, weil ich es liebe von großen Mudirs und Feldherren zu hören; aber sie sind so schwer auszusprechen.«

»Und Du hast wirklich gehört, daß sie von ihnen sprachen?«

»Ja. Wie könnte ich sonst diese Namen kennen? Sie sitzen immer auf der Bank bei dem Busche, hinter welchem ich dann stecke, um zu hören, was sie sprechen. Ich bin ein Sclave, ein Verschnittener; ich werde niemals ein Weib besitzen; aber dennoch weidet sich mein Auge an dem Glanze ihrer Schönheit und mein Ohr an den Tönen ihrer Stimme. Doch darf ich dabei nicht gesehen werden.«

Der Andere stand nicht mehr auf derselben Stelle, sondern er schritt hin und her. Er befand sich sichtlich in einer nicht gewöhnlichen Aufregung.

Er achtete jetzt des Schwarzen kaum mehr; er hatte nur mit seinen Gedanken zu thun und stieß Ausdrücke hervor wie:

»Sie sprechen mit einander – sie haben sich an einander geschlossen – sie treiben Politik; sie sprechen von Moltke und Bismark – und zu mir sagt sie, daß sie Emineh noch nicht gesehen habe – Verrätherin! Ah, man wird Dir das Handwerk legen! Du sollst erkennen, wer Dein Herr und Meister ist!«

Er ballte die Fäuste drohend vor sich hin, als ob er die Betreffende vor sich habe. Dabei fiel sein Blick auf den Schwarzen, und er besann sich darauf, daß dieser doch nicht Alles zu wissen und hören brauche. Darum setzte er sich wieder nieder, verbarg seine Aufregung und fragte:

»Wann hast Du sie zum letzten Male bei einander gesehen?«

»Heut, vorhin, vor kurzer Zeit.«

»Wo?«

»Im Garten. Und er war dabei.«

»Er? Wer?«

»Nun, der von welchem wir sprechen, auf den ich aufpassen soll.«

»Alle Höllen und Teufel! Er war auch im Garten?«

»Ja.«

»Unmöglich!«

»O, er hat sogar mit Beiden gesprochen, und sie hatten die Schleier vom Gesicht genommen.«

Da riß es den Andern mit Allgewalt wieder von seinem Sitze empor. Er stemmte die Arme in die Seiten und sagte, lauter als es hier wohl gerathen war:

»Kerl, besinne Dich! Du träumst nicht! Du bist hier bei mir. Dieser Mensch ist im Garten des Serail gewesen und hat Emineh und Gökala unverschleiert gesehen?«

»Ja, ja doch!«

»Ah! Ist das Zufall, oder ist es ein bewußter Schachzug gegen uns? Sie belügt uns! Sie scheint mit ihm im Bunde zu sein! Wenn ich wüßte, wenn ich wüßte!«

Er war bleich wie der Tod geworden; das sah man trotz seines vollen Bartes. In seinen tiefliegenden Augen zuckte ein grimmiges Funkeln, und seine Zähne nagten an der Unterlippe. Er hatte das Aussehen eines Menschen, dem jetzt Alles gleich gilt. Glück oder Unglück, Tod oder Leben.

»Wenn Du es nicht weißt, ich weiß es,« sagte der Neger.

»Was denn?«

»Daß er sie entführen wird.«

»Er? Gökala entführen?«

»Frage doch nicht so oft. Ich sage es ja deutlich genug!«

»O, ich möchte fragen nicht nur einmal, sondern tausendmal, so unglaublich ist es! Haben sie denn von dieser Entführung gesprochen?«

»Ja. Sie saß auf der Bank; er stand vor ihr, und ich lag hinter dem Busche.«

»Aber die Prinzessin?«

»Die war fortgegangen, um Etwas zu holen, was sie dann auch brachte und ihm gab.«

»Sprachen sie von der Zeit, wann, und von dem Orte, von welchem aus die Entführung unternommen werden solle?«

»Ja; ich hörte es deutlich.«

»So sage es! Heraus damit! Schnell, schnell!«

Da machte der Neger ein Gesicht, welches jedenfalls listig heißen sollte; es wurde aber nur eine abschreckende Fratze daraus. Er hielt dabei die Hände abkehrend von sich und antwortete:

»O, wie klug Du bist! An Dir sieht man deutlich, wie gütig Allah ist. Seine Gnade ist so groß und unermeßlich, daß er sogar den Ungläubigen List gegeben hat.«

»Meinst Du, daß ich kein Moslem sei.«

»Du bist ein Christ. Leugne es oder nicht; mir ist es sehr gleich. Aber Deine Listigkeit ist doch nicht größer als die meinige. Ich soll Dir den Ort und die Zeit sagen. Wenn ich dies thue, so weißt Du Alles, und ich kann gehen. Nein. Bisher habe ich gesprochen, um Dir zu beweisen, daß ich nicht schlechtere, sondern bessere Augen habe als der Andere. Nun aber sage ich weiter kein einziges Wort, wenn ich nicht erfahre, was ich dafür erhalte.«

»Schurke! Du willst also Geld?«

»Was sonst! Meinst Du, daß ich für Dich wache und Dir meine Geheimnisse mittheile, ohne etwas zu erhalten?«

»Gut! Wie viel willst Du?«

»Wie viel bietest Du?«

»Ich gebe Dir zweihundert Piaster.«

Das sind nicht ganz vierzig Mark nach deutschem Gelde. Der Schwarze schüttelte den wolligen Kopf und antwortete:

»Meine Neuigkeit ist mehr werth, viel mehr.«

»Willst Du etwa ausschlagen?«

»Ein Jeder verkauft seine Waare so hoch wie möglich. Ich habe bereits viel für Euch gethan, aber sehr wenig erhalten.«

»So werde ich Dir fünfhundert Piaster geben.«

»Auch das ist zu wenig. Gieb tausend!«

»Wann?«

»Gleich jetzt. Ich weiß, daß Du stets Geld bei Dir hast.«

»Gut, ich will nicht feilschen; ich gebe tausend.«

Da schlug der Neger die Hände klatschend zusammen, verdrehte erschrocken die Augen und rief:

»O Allah! Wie dumm bin ich gewesen! Er giebt mir die tausend sogleich! Hätte ich zweitausend oder gar dreitausend gefordert, so hätte er sie auch gegeben!«

»Ja, ich hätte sie gegeben,« sagte der Andere lachend. »Aber nun gilt, was ausgemacht ist. Halte die Hände auf Orang-Utang; ich will Dir das Geld geben.«

Der Schwarze streckte die Arme aus und sah mit funkelnden Augen zu, wie eine Münze nach der andern hineingelegt wurde. Er steckte dann die Summe ein, klimperte mit der vollen Tasche und meinte:

»Nun habe ich Geld, Geld, viel Geld. Nun weiß ich, was ich thue. Nun kaufe und rauche ich Opium.«

»Thue es in Gottes Namen, wenn Du Dich zum Krüppel und Deinen dicken Wanst zum Skelett machen willst! Ich habe nichts dagegen. Jetzt aber sprich! Wann will er sie entführen?«

»Heut in der Dämmerung.«

»Heut! Schon! Ah, da gilt es die größte Eile! Wir werden diesen Menschen einmal beim Schopfe nehmen, obgleich Gökala eigentlich keine Moslemi – – doch, das gehört ja gar nicht hier her!«

»Ihr wollt ihn beim Schopfe nehmen? Seid vorsichtig! Er ist ein starker Mann.«

»Wir wissen es.«

»Ihr wißt es nicht! Er ist viel stärker, als Ihr denkt. Er hat den Leoparden beim Halse genommen und in das Kiosk geschafft, um ihn wieder anzubinden.«

»War die Bestie denn frei?«

Der Neger bog den Kopf so weit wie möglich zu ihm empor und raunte ihm in wichtigem Tone zu:

»Ja. Ich hatte sie frei gelassen.«

»Mensch! Warum?«

»Wolltest Du diesen Mann nicht tödten?«

»Ja – o, hm! – nein; das ist mir nicht eingefallen,« antwortete er verlegen.

»Du hast es einmal zu mir gesagt.«

»Es war im Zorne.«

»Du botest mir Geld, viele Piaster, mehrere Hände voll. Ich habe mir das gemerkt. Und als er heut daher gegangen kam, da fiel es mir ein, den Leoparden loszulassen.«

»Hölle, Tod und Teufel! Das hättest Du gethan?«

»Ich sage es ja.«

»Du siehst meinen Schreck! War Gökala dabei?«

»Natürlich! Und auch Emineh.«

»Unvorsichtiger! Wenn nun das Thier nicht ihn, sondern die beiden Frauen zerrissen hätte!«

»O, es hat sie nicht zerrissen. Er ging auf den Leoparden zu, ergriff ihn beim Halse und schleppte ihn in den Kiosk, wo er ihn wieder an die Kette fesselte.«

»Ja, so ist er! Dieser Mensch kennt keine Furcht. Ich glaube, wenn man ohne sein Wissen grad hinter ihm eine Kanone abbrennte, er würde nicht erschrecken und nicht mit der Wimper zucken, sondern sich sehr ruhig umdrehen, um nachzusehen, wer das gethan hat. Was aber geschah dann weiter?«

Der Neger erzählte Alles, auch daß er den Betreffenden sofort verfolgt habe und bis an welchem Ort.

»Ja, er ist es,« meinte dann der Andere. »Wenn noch ein Zweifel gewesen wäre, daß er es ist, so wäre derselbe jetzt gehoben. Er verkehrt bei dem Pferdeverleiher in Kutschu Piati. Was aber mag das sein, was er der Prinzessin gegeben hat?«

»Ich konnte es nicht erkennen. Vielleicht war's ein Bild.«

»Donnerwetter! Wessen Bild? Und was hat sie ihm dann gebracht?«

»Auch das weiß ich nicht. Es schien ein kleines Kästchen zu sein, und er steckte es in seine Tasche.«

»Und einen Ring hat sie ihm geschenkt! Ich weiß nicht, weshalb. Ich weiß überhaupt nicht, um was es sich gehandelt hat, aber ich muß es erfahren. Nur das weiß ich, daß er einen Sieg errungen hat, und den müssen wir ihm sofort wieder abnehmen.«

»Wirst Du dabei sein, wenn er heut Abend mit Gökala zusammentrifft?«

»Das geht Dich nichts an; das brauchst Du nicht zu wissen. Ich habe jetzt keine Zeit mehr: ich muß einen jeden Augenblick benutzen. Ich gehe.«

»Ich auch. Ich habe Fleisch zu holen und bin bereits zu lange fort gewesen.«

Sie brachen mit einander auf. Als sie durch das vordere Zimmer gingen, warf der Auftraggeber des Negers dem Wirthe einige Münzen als Bezahlung hin. – Draußen gingen die Beiden noch eine Strecke weit mit einander fort. Dabei fragte der Neger:

»So soll ich heut nicht aufpassen, wenn Gökala geht?

»Nein.«

»Auch Niemandem sagen, was sie thun will?«

»Keinem Menschen; auch später niemals. Hörst Du? Und sollte Gökala niemals wieder nach dem Serail kommen – – Teufel, da ist er!«

Sie waren in diesem Augenblicke um eine Ecke des Grabmals Bonnevals herumgebogen und da beinahe mit – Steinbach zusammen gerannt, welcher von der andern Seite kam. Er hatte nicht nur den Ausruf des Schreckes, sondern überhaupt den ganzen letzten Satz ganz deutlich vernommen, da der Sprecher seine Stimme nicht gedämpft hatte. Er blickte die Beiden forschend an und fragte:

»Wer, wer ist da?«

Der Angeredete hatte sich schnell gefaßt und antwortete im Tone des Erstaunens:

»Wer bist Du? Was geht Dich unsere Rede an?«

»Du meintest doch mich!«

»Ist mir nicht eingefallen! Ich kenne dich ja gar nicht. Gehe Deiner Wege!«

Er setzte mit dem Neger seinen Weg fort. Steinbach schüttelte den Kopf und sagte zu sich selbst:

»Und sollte Gökala niemals wieder nach dem Serail kommen – – das waren die Worte. Und dann erschrak dieser Mann, als er mich erblickte. Warum erschrak er über mich? Ware er über einen Andern ebenso erschrocken? Ich glaube fast nicht, besonders da er rief: Teufel, da ist er! Sie sprachen vom Serail. Ach, sollte der Schwarze vom Serail sein? Wer aber ist dann diese Gökala? Eine Bewohnerin des dortigen Harems? Ich werde doch einmal sehen, wohin diese beiden Burschen gehen. Die Sache kommt mir verdächtig vor.«

Er kehrte um. Leider aber vermochte er nicht mehr, sie zu erblicken. Vielleicht hatten sie ihre Schritte beschleunigt, um aus seiner Nähe zu kommen, und sodann waren grad die nahe liegenden Gäßchen so eng, kurz und wirr, daß es nicht leicht war, die Gesuchten noch zu entdecken. Da kam ihm ein Gedanke:

»Ich lasse sie laufen! Hier liegt die russische und die schwedische Gesandtschaft. Sind sie auf einer der beiden gewesen, so erfahre ich es sofort. Wahrscheinlich aber ist dies nicht. Ich glaube eher, daß sie aus irgend einer Spelunke kommen, denn die beiden Kerls rochen so nach – ah, dort ist ja ein Kaffeehaus! Sehen wir einmal nach!«

Er steuerte gemächlich auf das Lokal zu, welches die Beiden soeben erst verlassen hatten, und trat ein. Gleich der erste Blick belehrte ihn, daß er nicht im vordern Zimmer, wohin er überhaupt als gut oder sogar vornehm gekleideter Gast gar nicht paßte, zu suchen habe, sondern im Hinterzimmer, dessen Dasein er an der Anwesenheit einer Thür bemerkte.

Er grüßte mit vornehmer Leutseligkeit und begab sich nach dem genannten Raum. Der Wirth beeilte sich natürlich unter vielen und tiefen Verbeugungen, ihn nach seinen Befehlen zu fragen, und räumte, als er diese gehört hatte, die zwei Tassen nebst der Pfeife fort, welche sich noch da befanden.

Steinbach ließ sich nieder. Er war jetzt allein und nickte befriedigt vor sich hin:

»Richtig! Hier waren sie. Zwei Tassen und zwei Raucher. Der Eine, jedenfalls der Neger, rauchte den Tschibuk, und der Andere eine Cigarrette, wie man an der Asche sieht, welche noch hier liegt. Der brave Wirth mag freundlichst beichten; aber dumm darf ich es nicht anfangen.«

Nach ganz kurzer Weile kehrte der Kawehdschi mit einem Täßchen zurück, welches in einem silbernen Fingan ruhte, hier in dieser Kneipe gewiß ein sehr kostbares Stück.

Die türkischen Tassen haben nämlich nicht die Form und Einrichtung der unserigen. Sie sind sehr klein und ruhen in dem Fingan, einem niedlichen Gefäßchen, welches fast ganz genau die Form unserer Eierbecher hat. Der Kaffee wird auf ebenso andere Weise bereitet. Die Bohnen werden erst ganz kurz vor dem Gebrauche geröstet und in einem Mörser zu Staub zerstoßen. Dieses feine Kaffeepulver kommt in die Tasse, welche man dann mit kochendem Wasser füllt. Dann ist der Kaffee fertig und wird mit dem Satze getrunken. Der Europäer, welcher nur die Flüssigkeit genießt, ist dies nicht gewöhnt, hat er es aber erst einige Male gekostet, so findet er diesen orientalischen Kaffee viel schmackhafter und delikater, als den heimischen.

Während der Kawehdschi, wie der Kaffeewirth genannt wird, den Fingan unter einer tiefen Verbeugung darreichte, betrachtete er seinen Gast mit einem scharf forschenden Blicke. Er hatte noch nie einen solch vornehmen Herrn bedient. Ein solch vornehmer Gast kam sicherlich nicht ohne Absicht zu ihm.

Steinbach schlürfte einige Tropfen des heißen Getränkes ein, nickte befriedigt und sagte:

»Dein Kaffee ist gut; er soll also auch gut bezahlt werden. Haben sie Dir keinen Auftrag für mich zurückgelassen?«

»Wen meinst Du, o Effendi?«

»Die Beiden, welche soeben gegangen sind. Ich wollte sie hier treffen, doch sagte mir mein Diener, daß er ihnen weiter unten begegnet sei.«

»So meinst Du Rurik und den Schwarzen?«

»Ja, den Russen und den Neger.«

Er konnte dies sagen ohne Etwas zu wagen, da Rurik ja ein spezifisch russischer Name ist.

»Nein, Effendi. Sie haben mir kein Wort gesagt, was ich Dir zu melden hätte.«

»Das ist mir fatal. Weißt Du nicht, wohin sie sind.«

»Rurik ist jedenfalls nicht wieder nach Hause. Als ich nach ihm sandte, hatte er gesagt, daß er beabsichtigt habe, auszugehen.«

»Und der Neger?«

»Der wird Fleisch für den Leoparden holen, wie er es gewöhnlich thut.«

Jetzt wußte Steinbach, woran er wenigstens mit dem Schwarzen war. Es war das Wort Serail gefallen, dazu ein Leopard; es konnte also nur das großherrliche Serail in Beschiktasch gemeint sein.

»Beide treffen sich wohl öfters hier?« fragte Steinbach weiter.

»Vorher sehr oft, und stets in dieser Stube. So lange der Schwarze aber im Serail ist, gelang es ihm noch nicht, hier mit dem Russen sprechen zu können. Kennst Du Beide?«

»Noch nicht genau, obgleich ich ein Geschäft mit Rurik abschließen will. Ich wollte sie erst heut richtig kennen lernen. Weißt Du die Wohnung des Russen?«

»Ja. Er wohnt in einem kleinen Häuschen zwischen der russischen, und schwedischen Gesandtschaft. Er hat es gemiethet und wohnt ganz allein darin, mit einigen Dienern. Er ist sehr leicht zu finden, da kein zweites in der Nähe liegt.«

»Ich danke Dir.«

»Soll ich von Dir sprechen, wenn er wiederkommt?«

»Nein. Er soll nicht hören, daß ich nach ihm gefragt habe.«

»Du hast Recht. Er geht auf verborgenen Wegen und hat es nicht gern, daß sein Name genannt wird. Uebrigens bitte ich Dich, an mich zu denken, wenn Du eines Mannes bedarfst, der für ein gutes Backschisch Etwas thun soll, was Niemand zu wissen braucht.«

»Dieses Anerbieten kommt mir gelegen. Ich brauche sehr bald einen solchen Mann und werde wiederkommen. Hier nimm die Bezahlung.«

Er gab ihm den zwanzigfachen Betrag des gewöhnlichen Preises einer Tasse Kaffee. Das war dem Kawehdschi noch niemals passirt. Er hätte sich am Liebsten vor Dankbarkeit gleich auf die Erde gelegt und machte so viele Verbeugungen hinter dem Gaste her, bis dieser die Thür im Rücken hatte.

»Eine schöne Spelunke!« sagte Steinbach draußen zu sich selbst. »Und ein noch schönerer Wirth! Ich glaube, dieser Mensch sticht mir für ein Goldstück jede Person nieder, die ich ihm bezeichne. Das war kein Türke, sondern ein Grieche. Die Pest über den Kerl! Also mit dem Wärter des Leoparden habe ich es zu thun und mit einem Russen. Wer Gökala ist, werde ich heut Abend erfahren, und dann wird es sich ja wohl finden, was dieser Rurik gemeint haben kann.«

Und im langsamen Weitergehen fuhr er nachdenklich für sich fort:

»Gökala, ein türkischer Name – bedeutet zu Deutsch so viel wie Himmelsblau. Da muß ich unwillkürlich an die Herrliche im Garten des Serail denken. Dieses himmlische Angesicht, dieses sonnenklare, wunderbar flimmernde Auge, dessen Strahl aus tiefstem Azurblau bricht. Für sie wäre kein Name so bezeichnend wie Gökala. Fast möchte ich besorgt werden, denn die beiden Kerls sprechen sicherlich von nichts Gutem. Sie kannten mich. Hat mich der Leopardenwärter im Garten gesehen? Sehr leicht möglich, ja sogar wahrscheinlich. Wo aber der Russe? Es ist mir zwar, als sei ich irgendwo und irgendwann einmal diesem confiscirten Gesichte begegnet, aber zu besinnen vermag ich mich augenblicklich nicht. Der Abend wird vielleicht Klarheit bringen.«

Er begab sich nach dem Hafen. Dort lag ein zur Abfahrt nach Egypten bereites Schiff, mit welchem ein treuer und zuverlässiger Diener als Eilbote nach Kairo gehen sollte, um das Etui zu überbringen.

Nachdem er sich da überzeugt hatte, daß dieser Abgeordnete sicher und gut untergebracht sei, nahm er einen Miethesel, wie sie in Stambul gebräuchlich sind, und ritt nach dem Serail. Er war dort zum Öjleïn jemeji padischamïn geladen, das heißt zu Deutsch zum Mittagsessen des Padischa, eine seltene Ehre, welche nur hervorragenden und außerordentlich bevorzugten Personen zu theil wird, und auch diesen nur als eine nicht oft wiederkehrende Ausnahme.

Die Tafel des Großherrn nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Als Steinbach entlassen wurde, hatte sich die Sonne bereits zur Rüste geneigt. Da in jenen Gegenden die Dämmerung nur kurz ist und die Dunkelheit sehr schnell hereinbricht, so mußte er sich sputen, um Diejenige, der sein Herz so schnell voller Jubel entgegengeschlagen hatte, nicht warten zu lassen. Er eilte an den Landungsplatz und nahm sich ein Kaik.

Einige Zeit vorher waren vier Kaikdschi die Perastraße herabgekommen und hatten sich einem vierrudrigen Kaik genähert, in welchem aber nur ein Mann saß, der auf Jemand zu warten schien. Als er sie erblickte, stieg er aus dem Boote und hielt ihnen die Hand entgegen. Der eine von ihnen zog einen Beutel aus der Tasche, entnahm demselben eine Anzahl Fünfpiasterstücke und übergab sie ihm mit den Worten:

»Das ist für jetzt. Die andere Hälfte erhältst Du, sobald wir von unserer Spazierfahrt zurückkehren.«

Sie stiegen schweigend ein und stießen eben so schweigend vom Lande. Wäre Steinbach hier gewesen, so hätte er in Denjenigen, welcher bezahlte, trotz dessen Vermummung den Russen Rurik erkannt.

»Das Kaik glitt schnell um Baluk Bazar Kapussi herum und bog in den Kanal ein. Da legten die vier Männer sich kräftig in die Riemen, und das schön gebaute Fahrzeug flog mit Windeseile dem Ziele entgegen.

Erst als sie Tekerleh erreichten, oberhalb Mustapha Effendi Dschiami, legten sie an und befestigten das Kaik am Ufer, doch zögerten sie auszusteigen.

»In einer halben Stunde ist es dunkel,« sagte Rurik. »Wir haben also noch Zeit.«

»Was hast Du nun aber beschlossen?« fragte einer der drei Anderen.

»Ich bin darüber selbst noch nicht klar. So viel steht fest, daß wir die Ungehorsame, welche jedenfalls die Absicht hat, uns zu täuschen oder gar zu verrathen, nicht wieder in das Serail lassen dürfen.«

»Dazu aber brauchten wir doch nicht hierher zu fahren. Sie kommt ja täglich nach Hause.«

»Wir wollen Sie doch hier mit diesem Manne ertappen.«

»Nun gut! Aber wo? Gleich am Thor, wo sie sich treffen werden?«

»Was meinen Sie?«

Diese in einem fast unterwürfigen Tone gesprochene Frage war an einen Dritten gerichtet. Er war nicht jung und nicht alt, weder schön noch häßlich, weder dick noch hager. Man hätte ihn für einen Durchschnitts- oder Alltagsmenschen, wie es deren ja Hunderttausende giebt, halten können, wenn seine Augen nicht gewesen wären.

Diese Augen waren von einer grauen, ins Grünliche spielenden Farbe und lagen mongolisch gegen die Nase geneigt. Ueber ihnen lagen die graden, struppigen Brauen, welche über der Nasenwurzel sich so vereinigten, daß sie eine einzige, schnurgerade, häßliche Linie bildeten. Es lag etwas Falsches, Stechendes, kalt Grausames in dem Blicke dieser Augen. Man fühlte, daß der Besitzer derselben sich wohl schwerlich die Liebe eines Andern erringen werde.

»Pah!« sagte er. »Was nützt es uns, wenn wir sie gleich vom Thore wegnehmen! Man muß einem Verbrecher erlauben, seine That ganz zu vollbringen, dann erst kann man ihm die volle Strafe dictiren.«

»Aber, Herr, ist es nicht besser, die That zu verhüten?«

»Unsinn! Sie mag mit dem Menschen kosen so lange, bis mir die Geduld abhanden kommt. Ihr zwei bleibt hier. Ich gehe mit Rurik an das Thor, um zu beobachten. Das Uebrige wird sich finden. Verlieren wir weiter keine Worte!«

Er sprach befehlend, kurz, abgerissen und mit kalter, klangloser Stimme. Dabei bewegte er kein Glied seines Leibes; ja es war, als ob selbst die Lippen während seiner Worte ihre Stellung nicht im Geringsten veränderten. Hatte dieser Mann bereits einmal im Grabe gelegen und dann bei seiner Wiederauferstehung das Herz, das Gemüth, die Wärme zurückgelassen? Es konnte Einem beim Klange dieser leblosen Stimme ein Schauer überlaufen.

Erst nach einer Weile erhob er sich und stieg an das Ufer. Jetzt zeigte es sich, daß er sehr gut bewaffnet war. Rurik folgte ihm.

Beide schlenderten wie ziel- und zwecklos gradlinig vom Ufer ab, bogen dann aber nach links, um die Mauer des Serailgartens zu erreichen.

Dort fällt der Boden schräg nach Tarlabaschü ab, und die Böschung, besonders aber der Rand derselben ist von ziemlich dichten Büschen eingefaßt.

»Das trifft sich gut!« sagte Rurik. »Hier können wir uns verstecken.«

»Wenn der Kerl sich nicht bereits selbst hereingesteckt hat. Man muß vorsichtig sein.«

»Wir haben ja Augen und Ohren. Untersuchen wir also das Terrain!«

Das Resultat dieser Untersuchung war, daß sich noch Niemand hier befand. Beide steckten sich also in die Büsche und warteten der Dinge, welche kommen sollten.

Jetzt begann die Dämmerung sich rasch nieder zu senken, und da kamen von rechts her leise Schritte.

»Ob er es ist?« flüsterte Rurik.

»Jedenfalls. Was hätte ein Anderer hier zu suchen?«

»So ist er unterhalb des Serail bei Sultane Iskelessi an das Land gestiegen. Ah! Still!«

Der Fußgänger war ganz nahe herangekommen; er trat an den Rand der Büsche und stand kaum zwei Ellen entfernt von den Lauschern. Es war Steinbach.

Jetzt hörte man im Thore einen Schlüssel klirren. Es öffnete sich, und eine Frauengestalt trat heraus, in schwarze Gewänder gehüllt. Sie verschloß die Thür wieder und hustete leise. Da trat Steinbach auf sie zu.

»Also wirklich! Du hast Wort gehalten!« sagte er, indem ihm vor Glück das Herz fast hörbar schlug.

»Ich pflege nie ein Wort zu brechen. Sei willkommen! Erlaubst Du, daß ich mich Dir anvertraue?«

»Ob ich es Dir erlaube? Frage den Verschmachtenden, ob er es erlaubt, daß man ihm Wasser giebt!«

»So komm mit fort von hier!«

»Wohin?«

»Willst Du das nicht bestimmen?«

»Ich?« fragte er fast verwundert. »Wie sollte ich es bestimmen, da Du ja sagtest, daß Du heut noch nicht mit mir gehen könntest!«

»Das sagte ich; aber dennoch kannst Du jetzt mein Führer und Leiter sein. Zwei Stunden sind es, welche ich heut bei Dir sein kann; dann aber muß ich fort.«

»Nach welchem Orte?«

»Vielleicht sage ich Dir dies später. Laß uns zum Wasser gehen und ein Kaik nehmen. Wir fahren ein Stück den Kanal hinein und kehren dann zurück. Nachher trennen wir uns, ohne daß Du fragst, wohin ich gehe.«

»Das klingt so geheimnißvoll, doch will ich Dir gehorchen. Da Du aufwärts fahren willst, müssen wir auch aufwärts gehen. Ich hoffe, daß an Mustapha ein Kaik zu finden ist; das meinige habe ich zurückgeschickt, denn ich glaubte, es nicht mehr zu brauchen.«

Er ergriff ihre Hand und fühlte eine wahre Seligkeit, als er bemerkte, mit welchem Vertrauen sie ihren Arm in den seinen legen ließ. Sie gingen fort.

»Donnerwetter!« flüsterte Rurik. »Sie laufen uns ja gerade in's Garn!«

»Ja. Sie werden unser Kaik finden, uns für Kaikdschi halten und mit uns fahren.«

»Was thun wir dann?«

»Der Kerl muß Wasser schmecken.«

»Sofort?«

»Nein. Wir wollen natürlich erst Zuhörer sein, wenn sie Dir die interessante Scene Romeo und Julia geben. Jetzt schnell; wir müssen ihnen zuvorkommen, und doch einen Umweg machen. Aber leise, leise. – Es wäre Alles verloren, wenn sie uns hörten. Dieser Kerl ist so schlau wie kein Zweiter. Haben wir die Bärte im Kaik?«

»Ja. Ich werde die Hauptsache nicht vergessen.«

»Sie schlichen sich fort, hinter den Büschen in einem Bogen an dem Paare vorüber und hinunter an das Wasser. Die Beiden hatten natürlich keine Ahnung von der Gefahr, welcher sie so blind entgegen gingen.

Steinbach wagte es nicht, den schönen, vollen Arm, dessen Wärme er fühlte, auch nur im Geringsten an sich zu drücken. Dieses herrliche Wesen vertraute sich ihm an, und er durfte ein so seltenes Vertrauen nicht mißbrauchen. Er hatte hundert und tausend Fragen auf den Lippen und sprach doch keine einzige aus. Er wollte das selige Schweigen durch keinen Laut unterbrechen.

Sie näherten sie sich dem Ufer und erblickten das Kaik, in welchem vier bärtige Ruderer saßen, wie bei dem Lichte der Laternen, welche vorn am Lugo brannten, zu erkennen war.

»Habt Ihr schon Arbeit?« fragte er.

»Nein, o Herr.«

»So macht Platz, um uns ein Stück aufwärts zu fahren.«

Sie gehorchten, indem sie zwei Plätze in der Mitte frei machten. Auf diese Weise gedachten sie, Steinbach zwischen sich zu bekommen. Er aber sagte:

»Ich steure selbst. Die Strömung ist uns entgegen, und Ihr müßt Euch alle auf das Rudern verlegen.«

»Herr, wie sollst Du mit arbeiten!« wagte es Einer einzuwenden.

»Steuern ist keine Arbeit!« bemerkte er kurz. »Also vor mit Euch! Arbeitet wacker, aber ruhig, so ist Euch ein gutes Bakschisch sicher.«

Das Kaik war so groß, daß in der Mitte zwei Personen eng sitzen konnten; vorn und hinten aber war nur für eine Platz. So saß Steinbach beim Stern am Steuer und das Mädchen vor ihm. Das Boot schoß, von den vier Rudern getrieben, schnell hinaus auf den Kanal.

Droben vom Himmel blickten die Sterne, und Sternchen schienen auf die Lichter der Kaiks zu sein, welche das Wasser belebten. Lichter gab es auch rechts und links an den steilaufsteigenden Ufern.

So ging es glatt, leicht und schnell vorwärts, eine große, große Strecke weit. Niemand sagte ein Wort. Da neigte Steinbach sich vor und flüsterte ihr zu:

»Soll ich nicht so glücklich sein. Deine Stimme zu hören? Du bist bei mir und doch nicht bei mir. Wollen wir für kurze Zeit aussteigen?«

»Wo?«

»Dort an der Cypresse der Mutter. Wir sind nahe.«

»Ja. Die Kaikdschis mögen uns erwarten.«

So steuerte also Steinbach dem Ufer entgegen.

»Willst Du umlenken?« fragte Rurik mit verstellter Stimme.

»Nein, wir legen an, und Ihr wartet, bis wir wiederkommen.«

Das Boot flog dem Ufer entgegen. Der eine Kaikdschi, welcher zu hinterst saß, erhob sich. Er hatte das Ruder so in der Hand, als ob sein grünes Augenfunkeln die Finsterniß durchdringe. Aber Steinbach hatte sich bereits an das Land geschwungen und reichte dem Mädchen die Hand. Dann schritten die Beiden langsam nach der Cypresse, deren Umrisse vom Ufer aus noch ziemlich deutlich zu erkennen waren.

»Verdammt!« sagte der Aufrechtstehende. »Ich wollte ihm das Ruder auf den Kopf schlagen. Da aber stand er schon draußen und hatte sich herumgedreht. Er hätte meine Absicht bemerkt und wäre mir durch einen raschen Sprung ausgewichen. Da laufen sie nun!«

Er knirrschte grimmig mit den Zähnen.

»Noch ist es nicht aus,« tröstete Rurik. »Sie kommen ja wieder. Und dann – –«

»Ja, dann giebt es keine Gnade!«

»Er wird sich aber wieder an das Steuer setzen wollen!«

»Das dulden wir nicht. Heimwärts gehen wir mit der Strömung, und brauchen nicht zu arbeiten. Er hat also keinen Grund mehr, uns zu unterstützen.«

Die Cypresse hat ihren Namen von einem unglücklichen Ereigniß. Eine Mutter hatte ihre Zwillinge gebadet und sie an das Ufer gelegt. Sie ging um Kräuter zu sammeln. Als sie zurückkehrte, waren die Kleinen fort. In ihren unbehilflichen Bewegungen hatten sie sich dem Wasser genähert und waren ertrunken. Da, wo man die wieder gefundenen kleinen Leichen begrub, wuchs eine Cypresse mit doppeltem Stamm aus der Erde, ein Zwillingsbaum, unter dessen Zweigen später dann vor Gram die Mutter starb. Der Baum heißt nun die Cypresse der Mutter.

Dort auf der Rasenbank, auf welcher die trauernde Mutter ihre Nächte durchklagt hatte, nahm jetzt das schöne Mädchen Platz. Jetzt bemerkte Steinbach, daß sie unter den langen, dunklen Kaputzenmantel, welcher ihre ganze Gestalt umhüllte, das feine, weibseidene Gewand trug, in welchem er sie heut gesehen hatte.

Er wagte es nicht, sich neben sie zu setzen. Er hatte tausend Frauen gegenübergestanden, Frauen aller Stände, schönen und häßlichen, witzigen und geistlosen; er war der Liebling der Salons, bevorzugt und verwöhnt selbst von Solchen, denen ein Anderer keine Aufmerksamkeit abzugewinnen vermocht hätte. Hier aber fühlte er sich – nicht verlegen, sondern ergriffen von jenem Gefühle, welches man empfindet, wenn man einen Dom, oder sonst eine geweihte, heilige Stätte betritt.

Diese weiche, üppige Gestalt, deren volle, zauberische Formen, von dem leuchtenden Gewande hervorgehoben, selbst durch die schwarze, vorn auseinander fließende Hülle wie elektrisch wirkbar, war doch wie von einem Kreise umgeben, den kein profaner Gedanke zu durchdringen vermochte.

»Willst Du Dich nicht setzen?« fragte sie.

Das war dieselbe weiche, glockenähnliche und doch wie Aeolsharfenton klingende Stimme, mit welcher sie ihn heut gefragt hatte, welche er für die Prinzessin halte. Er ließ sich neben ihr nieder und nahm sich den Muth, das eine ihrer Händchen zu ergreifen.

»Welch ein Tag, welch ein Abend!« seufzte er auf. »Mir ist, als sei ich gestorben und wandele in einer Atmosphäre, in welcher ein jeder Athemzug eine ganze und vollständige Seligkeit ist. Es kommt mir so ganz anders vor als im gewöhnlichen Erdenleben. Es ist so sonderbar, so wunderbar!«

»Was ist wunderbar?« fragte sie.

»Du selbst und Alles bei und an Dir. Du bist wunderbar wie ein überirdisches, unbegreifliches Wesen. Meine Begegnung mit Dir war wunderbar, und noch viel wunderbarer ist es, daß Du, eine Bewohnerin des Harems, so ungehindert ihn verlassen kannst, um bei mir zu sein.«

»Das ist nicht wunderbar. Ich gehöre nicht zum Harem des Padischah.«

»Nicht?«

»Nein. Ich bin eine Freundin der Prinzessin Emineh, welche ich täglich besuche. Wenn der Abend dunkelt, fahre ich dann nach Hause.«

»In den Harem Deines Vaters?«

»Ich habe keinen Vater.«

»Deines Bruders?«

»Ich habe auch keinen Bruder.«

»O Allah! Dann kann es nur sein, in den Harem Deines Mannes!«

»Nein. Ich habe Dir heut gesagt, daß ich einem Manne verlobt bin; aber ich gehöre ihm noch nicht und werde ihm niemals gehören.«

»Dann bist Du ein Räthsel, welches ich nicht zu lösen vermag, aber ein süßes, entzückendes Räthsel. Allah gebe, daß die Lösung nicht so verhängnisvoll ist wie in einem abendländischen Märchen, welches von einer wunderbaren, herrlichen Meerfee, Namens Melusine, erzählt. Sie vermählte sich mit einem Sterblichen und machte ihn unendlich glücklich, damit er später um so unglücklicher werde.«

»Graf Reimund von Lusignan war an seinem Unglücke selbst schuld. Er achtete Melusinens Geheimniß nicht.«

»Wie?« fragte er überrascht. »Dieses Märchen ist Dir bekannt?«

»Ich kenne sehr viele Erzählungen der Abendländer.«

»Wird auch das Räthsel Deines Lebens nun durchdringlich und erlösbar sein?«

»Ja, und ich werde an demselben sterben.«

»Nein, nein! Das wird Allah verhüten!«

»Es ist sein Wille; er hat es im Buche des Lebens verzeichnet.«

»Glaubst Du so fest daran, daß Allah das Schicksal des Menschen seit Anbeginn bestimmt hat?«

»Ist es nicht so.«

»Nein. Nenne mich einen schlechten Anhänger des Propheten, aber ich glaube nicht an diese Vorherbestimmung. Allah gab Dir das Leben und stattete Dich mit reichen Gaben aus. Je nachdem Du diese Gaben benützest, so wird sich Dein Leben gestalten.«

»Muß? Ah! Dein Geschick mag sein, welches es wolle, ich werde es besiegen.«

»Wenn es doch so wäre!« hauchte sie. »Ich aber bin eine Sclavin des Geschickes und muß es auch bleiben.«

Sie schwieg, aber er fühlte wie sich ihre warme, weiche Gestalt leise an ihn legte. Da sagte er in innigem Tone:

»Willst Du mir eine recht, recht große Bitte erfüllen?«

»Kann ich?«

»Ja, sehr leicht.«

»So sage es!«

»Lege einmal Dein herrliches Köpfchen hier her an meine Schulter!«

Sie hatte seinen Wunsch erfüllt. Die Kaputze sank und ihre reichen, hellen Locken wallten von seiner Achsel wie ein kostbarer, süß duftender Schleier hernieder. Er legte den einen Arm um ihre Taille, aber leise, leise und ehrfurchtsvoll, als ob er eine Königin berühre. Dann fragte er:

»Hast Du einmal dem Muthe, der Stärke eines Mannes vertraut, unwandelbar, so daß nichts Dich irre machen konnte?«

»Einem Einzigen,« sagte sie leise.

»Wer war das? Dein Vater?«

»Nein Du bist es.«

Da packte das plötzliche Entzücken auch seinen andern Arm und legte ihn um ihre Schulter.

»Ists wahr?« fragte er unter stockendem Athem.

»Ja.«

»So liebst Du mich?«

»So sehr, so sehr! Und Du?«

»Und ich liebe Dich unaussprechlich, unbeschreiblich. Fordere von mir Alles, Alles, was menschenmöglich ist, und ich werde es thun. Verlange von mir das Unmögliche, und ich werde es wenigstens versuchen! Schau, ich halte Dich in meinen Armen; ich weiß, daß Du mich liebst; ich ahne die Seligkeit, welche es ist, Deine Lippen zu küssen, aber ich thue es nicht. Du bist mir so viel werth wie Himmel und Erde; ich muß Dich erringen; ich will Dich verdienen; ich will Deinen Besitz dem Geschicke abkämpfen; ich werde das Schicksal zwingen. Dich freizugeben; nur sage mir, wer Du bist.«

»Das darf ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Es bindet mich – – –

»Ein Schwur?«

»Nein. Wenn ich davon spreche, muß eine mir so über Alles theure Person sterben.«

»Du Aermste! Also schweig! Aber ich werde es doch erfahren; ich werde Dich und jene Person aus den Banden lösen. Das schwöre ich Dir bei – – –«

»Schwöre nicht!« bat sie schnell und ängstlich. »Es wird Dir unmöglich sein, den Schwur zu erfüllen. Ich habe Dich gesehen, und mein Herz ist Dir entgegengeflogen. Ich darf Dir nicht gehören; ich darf nicht mit Dir gehen; Du wärst verloren, ich auch und noch Mehrere. Aber einmal wollte ich bei Dir sein, ein einziges Mal nur; dann wirst Du mich niemals, niemals wiedersehen. Ich werde in meinen Thränen ertrinken und nie ein Lächeln für diese Welt mehr haben.«

Da legte er seine beiden Hände an die Arme, hielt sie von sich, sah sie staunend an und fragte:

»Du sollst untergehen? Du, die Herrliche, die Unvergleichliche? Ah dann reiße ich den Himmel ein wie Simson das Haus der Philister! Nein, nein und abermals nein! Du sollst glücklich sein, und sollte ich vorher Millionen Qualen erdulden! Weißt Du, was ein Mann vermag, wenn er nur wirklich will? Weißt Du, daß die Liebe die Kraft und das Können des Mannes verhundertfacht? Verlange Alles, Alles von mir, ich thue es! Sage, daß Du heut verschwinden mußt – ich werde es geschehen lassen. Gebiete mir, niemals nach Dir zu forschen – ich werde gehorchen. Aber es wird eine Stunde kommen, in welcher ich Dich in meinen Armen halte, um Dich nimmer wieder von meinem Herzen zu lassen. Allah will das so; ich weiß es, denn ich fühle es.«

»O könnte ich das glauben! Welche Seligkeit!«

»Glaube es, so wie ich es glaube, meine heißgeliebte, herrliche – – o bitte wie nennst Du Dich?«

»Man heißt mich Gökala.«

»Gökala!« fuhr er erschrocken auf. »O Allah! Du, Du bist Gökala?«

»Kennst Du den Namen?«

»Ich habe ihn erst heut gehört.«

»Von wem? Wohl im Serail, von dem Oberwächter?«

»Nein, sondern auf der Straße von einem Manne, welcher mir sofort verdächtig vorkam. Es stellte sich heraus, das er ein Russe ist.«

Wäre es nicht finstere Nacht gewesen, so hätte er sehen können, wie Gökala erbleichte.

»Hast Du auch seinen Namen erfahren?«

»Ja. Er heißt Rurik.«

»O, Allah! Er ist es!«

»Wie? Du kennst ihn? Stehst Du in irgend welcher Beziehung zu diesem Menschen?«

»Darauf darf ich nicht antworten.«

»Gut, ich habe Dir gesagt, daß Du mir nichts, gar nichts mitzutheilen brauchst, ja, daß Du mir gebieten darfst, mich nicht nach Dir zu erkundigen, und dennoch werde ich mein Ziel erreichen, nach welchem ich seit heut mit allen meinen Kräften strebe. Schweige also! Aber ich werde über Dir wachen wie Allah über den Häuptern seiner Kinder wacht. Wehe dem, welcher es wagen sollte, Dir ein einziges Haar zu krümmen!«

»O nein, nein; sprich nicht so! An meinen Füßen haftet das Verderben. Wer mir folgt, wird mit in das Unheil verwickelt. Wir lieben uns; aber wir müssen entsagen.«

»Nein, und tausendmal nein! Ich halte Dich hier in meinen Armen, und lasse Dich nicht. Ich werde Dir zwar gehorchen und heut wieder von Dir gehen; aber ich werde Dich wiedersehen; ich werde diesen Nurik, der eine dämonische Macht über Dich auszuüben scheint, zu finden wissen.«

Da ergriff sie seine beiden Hände, drückte sie an ihr Herz, und bat im flehendsten Tone:

»Thue das nicht! Laß ihn! Erkundige Dich nicht nach mir und nach ihm! Ich wiederhole, daß es Dein und auch mein Verderben sein wird.«

»Ah! Ich sollte diesen Menschen fürchten!«

»O, ihn weniger. Er ist der Diener eines Anderen. Aber dieser Andere ist ein Satan, ein Teufel, welcher mich besitzen will und meinen Widerstand durch die grausamsten Martern zu besiegen strebt.

»So werde ich auch ihn hindern. Er martert Dich! so soll er tausendfältige Qualen erleiden. Selbst der Teufel ist zu besiegen, zu überlisten. Ich werde ihn finden, indem ich jenen Rurik beobachte.«

»O Allah, was soll ich thun! Ich begreife Dich nur allzu gut. Ich weiß, daß die Liebe allmächtig ist; aber Du bist doch nicht Gott, Du bist doch auch nur ein Mensch, und Du bist – – Orientale.«

»Was thut das?«

»Kennst Du den Unterschied zwischen einem Orientalen und einem Abendländer?«

»Ja.«

»So weißt Du auch, daß Du Dich vergeblich aufopfern würdest. Alle Deine Bemühungen sind nur umsonst und führen von Unglück zu Unglück.«

»Du willst sagen, daß ein Orientale dem Abendländer nicht ebenbürtig ist. Du hast im Allgemeinen Recht; aber es giebt auch Ausnahmen, und ich, ich bin – – eine solche Ausnahme.«

Er hätte beinahe gesagt: ich bin kein Orientale, doch war es ihm noch möglich, ein anderes Wort dafür zu sagen. Es trat eine kurze Pause ein, während welcher Gökala zu überlegen schien. Dann sagte sie:

»Deine Beharrlichkeit würde meinem Herzen unendlich wohl thun; sie würde mich in meinem Leiden trösten und mir die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben; aber ich weiß ganz gewiß, daß sie nur schlimmen Erfolg hat. Ich bin darum gezwungen, Dir mitzutheilen, was ich eigentlich zu keinem Menschen sagen sollte. Du frugst nach meinen Verwandten und ich antwortete, daß ich keine hätte. Das ist wahr und doch nicht wahr. Ich habe Verwandte, aber ich mußte ihnen entsagen, um sie zu retten. Der, welchen ich einen Teufel nannte, hat große Macht über sie. Er ist Herr über ihr Leben, über Alles, was sie sind und haben. Sie und ich, wir sind von einem Geheimnisse umgeben, welches von keinem Menschen berührt, viel weniger erforscht werden darf. Rüttelst Du nur leise an demselben, so giebst Du nur den Meinen den Tod.«

Sie hatte im wärmsten, dringlichsten Tone gesprochen. Er antwortete nicht sogleich, dann aber sagte er:

»Meine Liebe zu Dir ist unendlich; sie ist so groß, daß Du Alles, Alles von mir verlangen kannst, nur das Eine nicht: daß ich Dir entsagen soll.«

»So will ich es nicht verlangen. Magst Du von einer Stunde träumen, die uns vereinigen werde. Das giebt ja auch mir in meiner Finsterniß einen kleinen, schwachen Strahl der Hoffnung, daß meine Knechtschaft doch einmal ein Ende nehmen könne. Aber bitten muß ich Dich, mir heut, wenn wir auseinandergehen, nicht zu folgen!«

»Ich gehorche, um so williger, als es ja andere Wege genug giebt, welche zu Dir führen.«

»Welche Wege sind das?«

»Gestatte mir, nun auch meine Geheimnisse zu haben. Darf ich Dein Räthsel nicht berühren, so kann ich mein Ziel nur dadurch erreichen, daß ich und mein Wollen auch Dir ein Räthsel bleiben.«

»So zwingst Du mich zu der weiteren Bitte, nicht nach mir zu fragen.«

»Ach, das ist eine Bitte, welche ich kaum zu erfüllen vermag.«

»Wenn Deine Liebe so groß ist, wie Du sagtest, so wirst Du mir diesen Wunsch erfüllen.«

»Gut! Also auch das verspreche ich Dir. Ich werde nicht nach Dir fragen; aber wenn es kommen sollte, daß man von Dir erzählt, so werde ich sehr aufmerksam zuhören.«

»Dagegen kann ich nichts thun. Und nun laß uns von diesen Dingen schweigen. Allah hat uns diesen Abend geschenkt. Er ist der einzige, der uns gehört. Wir werden uns höchst wahrscheinlich niemals wiedersehen, und so wollen wir ihn feiern als die erste und letzte Gabe, welche der Himmel unserer Liebe gewährt.«

Sie schlang beide Arme um ihn und legte den Kopf an seine Brust. Er fühlte die herrliche, königliche Gestalt so warm, so eng an sich geschmiegt; er fühlte das regelmäßige Heben und Senken ihres Busens; ihr Athem stieg würzig zu ihm auf, er dachte der Worte des persischen Dichters:

»Es weht wie würz'ger Sumatra
Dein Hauch mir um die Wangen,
und leise schleicht Dein Arm sich nah,
Mich liebend zu umfangen.«

Es war ihm so unbeschreiblich um das Herz, welches vor süßer Wonne und bitterem Weh hätte zerspringen mögen. Er drückte sie fest, fest an sich und flüsterte ihr zu:

»Mein Himmel, meine Seligkeit! Und nach dieser Seligkeit soll ewiges Entsagen, ewige Verdammniß folgen! Ist das möglich? Das kann Allah nicht wollen.«

»Er will es!«

»Er will es nicht! Ein Gott kann nicht so grausam sein; er kann seine Freude nicht haben an dem Elende der Wesen, welche aus seiner allmächtigen Hand hervorgegangen sind. Wer das behauptet, lästert Gott!«

»Schweig jetzt! Schweig, und laß Dich lieber küssen!«

Sie näherte ihre Lippen den seinigen; er aber wich zurück und sagte:

»Ich habe vorhin gelobt, Dich nicht zu küssen, bis ich Dich als mein Eigenthum errungen habe.«

»Ich entbinde Dich dieses Gelöbnisses.«

»Wirklich? Du Liebe, Du Süße!«

»Ja. Und wenn Du mich nicht küssen magst, so wirst Du es mir doch nicht verwehren, Dir zeigen zu dürfen, wie lieb ich Dich habe.«

Sie zog seinen Kopf zu sich herab, und ihre Lippen vereinigten sich, als wollten sie Tod oder Leben aus der Schale der Liebe trinken.

Hinter ihnen leuchteten zwei Augen in phosphorescirendem Glanze. Sie sahen es nicht. Der, welchen Gökala einen Teufel genannt hatte, war leise wie ein Gedanke herbeigeschlichen, um ihr Gespräch zu belauschen. Er lag in unmittelbarer Nähe des Baumes, hart an der Bank und konnte jedes Wort vernehmen. Er hatte die Hand am Griffe seines Dolches. Die Eifersucht wühlte in seinem Herzen; aber sein Kopf behielt die Oberhand. Stach er jetzt den Nebenbuhler nieder, so konnte Lärm entstehen und Gökala ihm entwischen; im Boote aber hatte er beide fest und sicher.

»Also heut zum letzten Male!« sagte Steinbach. »Wie traurig das klingt! Weißt Du, was es heißt, zu scheiden auf Nimmerwiedersehen?«

»Ich weiß es, und wenn ich es nicht wüßte, so würde ich es fühlen. Wie schwer, o wie schwer wird es dem Herzen, vom Liebsten auf der Welt zu lassen!«

»Es giebt im Lande der Deutschen ein Lied mit einer traurig innigen Melodie. Du könntest die deutschen Worte nicht verstehen. Dieses Lied spricht davon, daß es in Gottes Rath bestimmt ist, daß man scheiden muß vom Liebsten, was man hat – – –

»Obwohl doch nichts im Lauf der Welt
Dem Herzen, ach, so sauer fällt
Als scheiden, ja scheiden!«

fiel Gökala ihm in die Rede, und zwar in deutscher Sprache.

Da fuhr er vom Sitze auf, sie, die ihre Arme um ihn geschlungen hatte, mit sich emporreißend.

»Wie, Du sprichst deutsch!«

»Du wohl auch?« fragte sie, ganz erschrocken darüber, daß sie unter dem Eindruck ihrer Gefühle nun doch einen Theil ihres Geheimnisses gelüftet hatte.

»Ja,« antwortete er. »Bist Du vielleicht gar eine Deutsche?«

»Nein, nein!«

»O! Gökala, der Ton, in welchem Du dieses doppelte Nein ausrufest, sagt mir, daß Du doch wohl eine Deutsche bist. Die Verhältnisse zwingen Dich, es nicht einzugestehen; aber Deine Aussprache ist so, daß ich mich nicht irre machen lassen kann. Trotz der wenigen Worte, welche ich hörte, kann ich bereits behaupten, daß Du die Aussprache einer Hannoveranerin hast.«

»Du irrst. Du irrst! Aber sag, bist Du ein Deutscher?«

»Ja; ich will es Dir nicht verschweigen, denn ich weiß, daß Du dieses Geheimniß wahren wirst.«

»Warum trägst Du orientalische Tracht? Warum giebst Du Dir den Schein, ein Türke zu sein? Zum Vergnügen?«

»O nein; es ist Beruf.«

»Ah! Bist Du Diplomat oder Officier?«

»Bitte, frage nicht weiter!«

»So hast Du Deine Geheimnisse auch!«

»Ja, obgleich sie nicht so traurig sind, wie die Deinigen zu sein scheinen. Aber nun wirst Du Dich an Deinen Vergleich zwischen Orientale und Abendländer erinnern. Glaubst Du auch nun noch nicht, daß ich Dir vielleicht zu helfen vermag?«

»Nein. Nun erst recht nicht.«

»Warum?«

»Wollte ich diese Frage beantworten, so würdest Du ahnen, was Du nicht wissen darfst. Jetzt ist es nun ganz sicher und bestimmt, daß wir scheiden müssen, scheiden auf Nimmerwiedersehen. O Gott, o mein Gott!«

Sie umschlang ihn stürmisch und drückte sich an ihn. Sie hatte ihre Wange an die seinige gelegt, und er fühlte an den Thränen, die ihn befeuchteten, daß sie weine.

»Weine nicht, Gökala,« bat er. »Das kann ich nicht ertragen. Deine Thränen könnten mich veranlassen, mein Wort zurückzunehmen. Bitte, sage mir, warum der Umstand, daß ich ein Deutscher bin, die Sicherheit, daß wir uns nicht wiedersehen werden, verdoppelt!«

»Du bist – – Du bist jedenfalls – –« schluchzte sie leise.

»Was? Was meinest Du?«

»Du hattest Zutritt in den Serail; du durftest die Prinzessin sehen. Du bist jedenfalls ein hochgestellter Mann.«

»Nun, wenn ich es wäre?«

»So wäre auch unter besseren Verhältnissen unsere Liebe eine unglückliche.«

»Das sehe ich nicht ein!«

»Dürftest Du eine nicht Ebenbürtige zum Weibe nehmen?«

»Was frage ich nach der Gleichheit des Standes, wenn ich nur Dich habe! Und übrigens warst auch Du bei der Prinzessin. Du wirst also wohl nicht das Kind obscurer Eltern sein.«

»Ich darf davon nicht sprechen. Aber Eins muß und will ich Dir sagen. Auch dies ist mir auf das Allerstrengste verboten; aber meine Liebe zu Dir ist so groß und selbstlos, daß ich Dir das Schreckliche mittheilen will, um Dich zur Entsagung zu bewegen, welche Dir dann viel, viel leichter fallen wird.«

»Ich entsage auf keinen Fall!«

»O doch! Du wirst!«

»Nein! Ich schwöre es!«

»Schwöre nicht, ehe Du mich gehört hast!«

Sie hatte sich seinen Armen entwunden; sie stand hoch und stolz vor ihm; der schwarze Kaftan mit der Kapuze war ihr entfallen. In ihrem weißseidnen Gewande stach sie hell und deutlich von dem abendlichen Dunkel ab. Er konnte sie deutlich erkennen, fast so, als ob es Tag sei. Er sah, daß ihr Busen sich unter der Gewalt ihrer Gefühle hob und senkte. Es mußte wirklich etwas Schreckliches sein, was sie sagen wollte. Darum bat er:

»Schweig, Gökala! Ich mag es nicht hören!«

»O doch! Du sollst und Du mußt es hören! Darfst Du eine Ehrlose lieben?«

»Ehrlos?« fragte er erschrocken. »Du und ehrlos?«

»Ja. Schau, wie entsetzt Du bist!«

»Das Wort, welches Du aussprichst, ist allerdings ein fürchterliches. Du ein ehrloses Wesen? Nein, nein; das ist nicht wahr; das kann ich unmöglich glauben!«

»Es ist wahr!«

»Beweise es! Doch nein! Du kannst es nicht beweisen. Und selbst dann, wenn Du es bewiesest, würde ich es nicht glauben. Ich würde vielmehr annehmen, daß Du Dich eines so entsetzlichen Mittels bedienst, um mir die Entsagung zu erleichtern.«

»Du würdest Dich irren. Was ich sage, ist wahr.«

»Nein! Und wenn es Alle sagen; wenn die ganze Welt es mir in die Ohren schrie, ich würde es nicht glauben. Du bist rein. Ein Auge, wie das Deinige, kann unmöglich lügen. Wer mir sagen wollte, daß Deine Seele befleckt sei von jenen Sünden, welche – –«

»O Gott, nein, nein; das nicht! Das meinte ich nicht!« fiel sie rasch ein. »Ich kann schwören, daß noch nie die Hand eines Mannes mich berührte.«

Er sah nicht, welch tiefe Gluth sich ihres Gesichtes bemächtigt hatte. Er antwortete:

»Verzeihe! Ich konnte ja an nichts Anderes denken. Was ist es denn, was Du meinst?«

»Etwas ebenso Schlimmes.«

»Es kann nur dieses eine Schlimme geben.«

»Und doch giebt es ein Zweites. Ich bin – – Gott, Gott, wie schwer fällt es mir, das Wort zu sagen.

»Bitte, verschweige es! Ich glaube an Dich. Deine Selbstanklage vermag mein Vertrauen nicht zu erschüttern.«

»Es muß gesagt werden. Ich bin – – Spionin.«

Er schwieg. Sie lauschte eine ganze Weile, was er nun sagen werde. Sie konnte wegen der Dunkelheit nicht sehen, daß er lächelnd den Kopf schüttelte. Dann sagte er:

»Spionin! O, Du Schlauköpfchen!«

»Du glaubst es nicht?«

»Nein; außer Du gestehst es mir, daß Du eine ganz gewaltige Diplomatin bist.«

»Nicht das bin ich, sondern eine gemeine Spionin. Ich komme in den Serail zu der Prinzessin, um sie auszuforschen und sie zu verrathen.«

Da trat er den Schritt, welcher sie trennte, auf sie zu, zog sie abermals an sich, strich ihr mit der Hand über die lockige Fülle ihres Haares und sagte:

»Meinst Du, daß ich dies glaube? Ja, eine Spionin magst Du sein, eine Verrätherin aber niemals!«

»Ist Beides nicht ganz dasselbe?«

»Nein. Beides steht gewöhnlich im Zusammenhange, dieser Zusammenhang aber ist hier nicht vorhanden. Ich ahne, was Du mir nicht sagen darfst. Man hat Dich gezwungen, die Geheimnisse des Serail zu erforschen.«

»Meinst Du?«

»Ja. Du hast, von den Verhältnissen getrieben, gehorchen müssen. Man hat Dir den Zutritt verschafft. Deine Vorzüge haben Dir die Freundschaft der Prinzessin erworben, das erwartete man ja wohl. Emineh theilt Dir nun Alles mit, was sie denkt und fühlt, und – –«

»Und ich muß das verrathen.«

»Nein. Du sollst es verrathen; aber Du thust es nicht. Wenn Du eine Verrätherin bist, so ist Gott ein Teufel und die Engel im Himmel sind böse Geister!«

»Glaubst Du? Glaubst Du das wirklich?«

Diese letzte Frage erklang leise, aber unter einem tiefen, erlösenden Athemzuge.

»Ja. Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin so sehr, so innig davon überzeugt, daß ich es mit tausend Eiden beschwören, und gegen tausend Gegner mit der Waffe in der Hand beweisen würde!«

»Herr Gott im Himmel, ich danke Dir!« erklang es jubelnd. »Er liebt mich wirklich! Er vertraut mir in dieser Weise! Wie glücklich mich dies macht! Ja, Du Lieber, Du hast Recht. Ich soll sie ausforschen, um sie dann zu verrathen. Aber ich thue es nicht. Ich habe bisher zu der Ausrede gegriffen, daß ich noch gar nicht mit ihr gesprochen habe, daß ich nur erst mit den anderen Frauen verkehrt bin. Und wenn diese Ausrede nicht mehr zureicht, werde ich das gerade Gegentheil von dem sagen, was sie verlangen.«

»Das weiß ich, meine liebe, meine süße Gökala! Daß Du eine Spionin bist, das verdunkelt Deine lichte, klare Erscheinung nicht um einen Hauch in meinem Auge. Ich weiß nun, daß Du in einer Sklaverei lebst, welcher Du Deinen Willen unterzuordnen hast. Aber diese Sklaverei wird ein baldiges Ende finden. Zunächst will ich Dich vor dem schwarzen Sklaven warnen, welcher der Wärter des Leoparden im Serail ist.«

»Warum?«

»Er soll Dich bewachen.«

»Ah! Woher weißt Du das?«

»Ich erfuhr es zufällig und werde nun die Augen offen halten. Warne Emineh vor diesem Neger, welcher bei einem Kaffeewirthe heimliche Zusammenkünfte mit dem Russen Rurik hat. Hier ist die Handhabe, an welcher ich Deinen Teufel fassen werde. Ich halte mein Versprechen und werde nicht nach Dir fragen; aber wehe Deinem Peiniger, wenn er in meine Hände geräth!«

»Nimm Dich in Acht!«

»Pah! Ich bin nicht furchtsam!«

»Ihm ist Alles gleich. Er bebt vor keinem Verbrechen zurück. Ich habe lange Zeit und schwer gelitten. Tausendfach aber wäre mein Gram, wenn ich sehen müßte, daß Dir durch mich ein Unglück widerfahren würde –«

»Mache Dir keine Sorge, meine liebe, liebe Gökala – aber Gökala – das kann Dein eigentlicher Name nicht sein!«

»Nein. Prinzessin Emineh nannte mich so.«

»Sie hat das Richtige getroffen. Gökala, Himmelsblau. Als ich diesen Namen hörte, dachte ich sofort an Dich.«

»Und wenn ich an Dich denke, Geliebter – Deinen Namen weiß ich nicht.«

»Ich den Deinigen auch nicht!«

»O, den Einen hast Du ja. Den wirklichen muß ich Dir leider verschweigen. Darfst Du den Deinen auch nicht nennen?«

»Nein.«

»Selbst den Vornamen nicht?«

»Eigentlich auch ihn nicht, denn selbst der Vorname kann zur Lüftung des Geheimnisses führen.«

»Kein Mensch wird ihn aus meinem Munde hören. Bitte, bitte! Selbst wenn man an Jemand nur denkt, möchte man gern den Namen dabei haben!«

»Mein Vorname ist Oskar.«

»Oskar. Ich danke Dir. Nun weiß ich wenigstens, wie ich Dich zu nennen habe, wenn ich in den Stunden meiner Einsamkeit mich mit Deinem Bilde beschäftige.«

»So wirst Du an mich denken?«

»Zu aller Zeit, zu jeder Stunde!«

»Ich an Dich auch. Wirst Du Dich aber auch deutlich meines Gesichts, meiner Züge erinnern können?«

»Ganz bestimmt. Glaube mir, daß sie mir tief in das Herz gegraben sind.«

»So wie Dein Bild in mein Herz. Es wird darin wohnen bis zum letzten Hauche meines Lebens. Komm, laß Dich noch ein wenig nieder. Die Kaikdschi's haben ja Zeit. Und wir wissen nicht, wann wir uns wiedersehen werden.«

Er zog sie abermals zu sich nieder. Ihre Hände und Lippen fanden sich zu neuer, süßer Vereinigung.

Sie bemerkten nicht, daß der dunkle Körper des Lauschers sich jetzt schlangengleich von der Bank zurückzog. Er wand sich vollständig geräuschlos am Boden hin, bis er sich so weit entfernt hatte, daß er, ohne gesehen zu werden, sich erheben und zum Boote zurückkehren konnte.

Zwei der Leute saßen im Fahrzeuge. Der Dritte, Rurik, stand wartend am Ufer. Als er den Nahenden bemerkte, trat er ihm um einige Schritte entgegen und fragte:

»Ging es, ohne daß sie es bemerkten?«

»Ja, sehr leicht. Diese beiden Subjecte sind so verliebt in einander, daß sie Augen und Ohren nur für sich haben. Ein wahres Glück, daß ich auf den Gedanken kam, zu lauschen. Ich habe da Einiges gehört, was uns von großer Wichtigkeit ist. Der Kerl ist kein Türke.«

»Das dachte ich schon längst.«

»Sondern ein Deutscher.«

»Sein Vorname ist Oskar. Er ist auf alle Fälle Diplomat. Der Vorname kann uns als Anhalt dienen, den wirklichen Namen zu erfahren. Und sodann weiß er, daß Du mit dem Schwarzen im Kaffeehause verkehrst.«

»Das wäre dumm!«

»Es ist so. Gökala soll die Prinzessin warnen, wird es aber nicht thun können, da sie den Serail niemals wieder betreten wird.«

»Stellte es sich heraus, daß sie uns belügt?«

»Ja. Sie hat übrigens diesem Deutschen so viel von ihren Verhältnissen mitgetheilt, daß es unbedingt nöthig ist, ihn unschädlich zu machen. Seine letzte Stunde hat geschlagen. Jetzt weiß ich, woran ich bin.«

»Gut. Was befehlen Sie, gnädiger Herr? Einen Schuß – einen Stich mit dem Messer?«

»Der Schuß macht zu viel Lärm; das Messer aber arbeitet geräuschlos.«

»Gut. Ich werde das auf mich nehmen. Soll es in der Gegenwart Gökala's geschehen?«

»Könnte ihr nichts schaden, ist aber nicht nothwendig. Ich glaube, sie würde um Hilfe rufen, wenn sie ihren liebenswürdigen Anbeter in Gefahr sähe. Nein. Jedenfalls steigt sie am Serail aus, um, wie täglich, nach Hause zu gehen. Wir rudern weiter und da kannst Du den Stich anbringen. Aber genau in's Herz! Wer es mit einem Leoparden aufnimmt, der ist selbst als Verwundeter zu fürchten.«

»Keine Sorge! Ich werde mich so plaziren, daß ich gar nicht fehlstoßen kann.«

Es verging noch eine ziemlich lange Zeit, ehe die Beiden endlich sich dem Ufer näherten. Gökala stieg ein und nahm in der Mitte des Bootes Platz. Steinbach wollte sich wieder an das Steuer setzen.

»Laß mir das über,« sagte der Eine der Verkleideten. »Das Kaik schwimmt jetzt mit dem Strome; wir arbeiten ja gar nicht.«

So kam es, daß er sich neben Gökala setzte.

Es herrschte heut vom schwarzen Meere her eine ziemlich bedeutende Strömung, so daß das Boot ganz von selbst eine ziemlich schnelle Fahrt machte. Steinbach hatte den Arm um Gökala gelegt und hielt das Auge fest auf die vielen Lichtpunkte gerichtet, welche wie Leuchtkäfer über das Wasser flogen. Es waren die Laternen der Kaiks.

Als sie Defterdar Burani erreichten, ging die Strömung links ab, so daß sie sich in der Nähe des Ufers hielten, sich nun in mehr stillem, ruhigem Wasser befanden. Aus diesem Grunde griffen die Kaikdschi's wieder zu ihren Rudern.

Bei der Körperbewegung, welche eine Folge des Ruderns ist, war dem Russen Rurik die eine Rundfeder seines falschen Bartes hinter dem Ohre hervorgesprungen; der Bart hing in Folge dessen nur am andern Ohr, und das Gesicht war frei. Er zog schnell das Ruder ein, um den Bart wieder zu befestigen. Dadurch aber machte er Steinbach auf sich aufmerksam. Das Auge des Deutschen fiel auf den Russen; in demselben Moment fuhr ein anderes Kaik nahe vorüber; das Buglicht desselben fiel auf den Russen und Steinbach erkannte sofort den Mann, der ihm mit dem Schwarzen begegnet war. Er griff sofort nach seiner Pistole und rief:

»Ans Ufer! Rasch, ans Ufer!«

*

8

»Warum?« fragte hinter ihm Derjenige, welchen Rurik gnädiger Herr genannt hatte.

»Hier wird nicht gefragt! Ich befehle es!«

»Oho!«

Rurik sah sich verrathen. Er sprang auf und zog das Messer aus dem Gürtel.

»Wer hat da zu befehlen!« sagte er. »Ein deutscher Hund jedenfalls nicht!«

»Gott! Das ist Rurik's Stimme!« rief Gökala.

»Ja, er ist's,« antwortete Steinbach. »Er trägt falschen Bart.«

»Nimm Dich in Acht.«

»Keine Sorge!«

»Gott! Schau, er hat das Messer!«

»Und ich die Pistole!« antwortete Steinbach. »Kerl, nieder mit Dir! Wirf das Messer fort, sonst jage ich Dir eine Kugel durch den Kopf – o Gott!«

Er brach mit dem letzteren Rufe zusammen. Da er Rurik im Auge haben mußte, hatte er nicht hinter sich gesehen. Der »gnädige Herr« hatte sich erhoben, mit dem Ruder ausgeholt und ihm damit einen fürchterlichen Hieb auf den Kopf versetzt. Ein zweiter Hieb, und Steinbach flog über Bord in das Wasser, in welchem er augenblicklich verschwand.

»Hilfe, Hilfe!« schrie Gökala.

Sie wollte sich dem Geliebten nachstürzen; da aber legte ihr der Mörder von hinten die Finger um den Hals und drückte ihr die Kehle so zusammen, daß sie nicht wieder schreien konnte und nach wenigen Augenblicken die Besinnung verlor.

»Fertig!« sagte Rurik. »Alle Teufel! Man hat den Hilferuf gehört! Dort der kleine Dampfer wendet und wirft sein Licht herüber. Machen wir uns aus dem Staube!«

»Schnell an's Ufer!« befahl der Herr. »Der Deutsche ist todt. Du, Rurik, bleibst bei mir und dem Mädchen. Wir steigen aus. Die andern Beiden mögen weiter rudern, als ob nichts geschehen sei, und das Kaik an Ort und Stelle bringen, vorher aber aufpassen, was dieser verfluchte Dampfer vor hat. Er scheint suchen zu wollen. Hol' ihn der Teufel! Sein Licht wird uns fast unbequem!« –

Als der Lord sich heut von Steinbach verabschiedet hatte, war er nach der Yacht zurückgekehrt und hatte dort Normann und Wallert getroffen. Beide waren gekommen, um zu berathen, was in Beziehung auf die Uhr zu thun sei. Der Lord hatte ihnen erzählt, daß er bereits mit dem Pascha gesprochen habe. Sie waren von dieser Nachricht nicht sehr erbaut, konnten es aber nun nicht ändern. Der Lord erhielt einen Verweis, den er geduldig hinnahm, und dann wurde beschlossen, nicht eher wieder einen Schritt zu thun, als bis das für heut festgesetzte Abenteuer draußen an den Wassern bestanden sei. Auf die Frage, wie man nun die Zeit am Besten hinbringen könne, hatte der Engländer eine Spazierfahrt in den Bosporus in Anregung gebracht, und dieser Vorschlag hatte Beifall gefunden.

So dampften sie mit der Yacht dem schwarzen Meere eine ziemliche Strecke entgegen, landeten einige Male und verhielten sich in Bujukdere so lange, daß sie endlich durch die vorgeschrittene Zeit an die Heimkehr gemahnt wurden.

Sie fuhren im Strome. Als sie Defterdar zur Rechten hatten, hörten sie einen ziemlich lauten Wortwechsel auf dem Wasser. Darauf folgte ein dumpfer Schlag und dann ertönte ein doppelter Hilferuf, von einer Frauenstimme ausgestoßen.

Der Lord stand mit den Freunden auf dem Hinterdeck; er hatte Alles gehört.

»Donner!« sagte er. »Da ist Etwas geschehen.«

»Geht uns aber nicht viel an!« meinte der Capitän, welcher sich in der Nähe befand.

»Oho! Nicht viel? Sogar sehr viel! Was war das für eine Stimme?«

»Na, eine weibliche!«

»Schön! Man hat es also auf eine Frau abgesehen. Wißt Ihr, was das hier in Constantinopel zu bedeuten hat?«

»Geht mich nichts an!«

»Mich aber desto mehr! Es soll jedenfalls eine Haremsfrau ersäuft werden, weil sie sich entführen lassen will. Steuermann, wenden! Herum mit dem Bug, damit die Laterne da hinüberleuchtet.«

»Hab schon, Herr!«

»Schön! Will, mach das Boot klar! Vielleicht werden wir es brauchen.«

Der Diener, an welchen diese Worte gerichtet waren, sprang von dem niedrigen Bord in das hinten am Stern befindliche Boot.

»Aber, Euer Lordschaft, es ist überflüssig!« wendete der Capitain ein. »Wer weiß, was für eine Art von Frauenzimmer da gequikt hat. Es ist ihr jedenfalls nur Etwas in die unrechte Kehle gekommen.«

»Natürlich! Das Wasser, in welchem sie ersaufen soll. Oho, Master Normann, sehen Sie da drüben ein Boot, welches landet?«

»Ja. Aber lassen Sie das! Da kommt Etwas geschwommen. Herrgott, eine Leiche! Will, aufpassen! Da, da taucht es wieder auf!«

Der Maschinist hatte gestoppt, so daß die Yacht nur mit dem Wasser trieb. Will, der Diener, hatte das Boot von dem Tau gelöst; er sah nach der Gegend, nach welcher Normann den Arm ausstreckte.

»Sehe es, sehe es!« meinte er.

Ein kräftiger Ruderschlag brachte ihn ganz an den treibenden Gegenstand. Er griff zu.

»Um Gott! Ein Mensch!« rief er.

»Hinein in's Boot mit ihm!« rief der Lord.

»Ja, wer kann das so allein fertig bringen! Er ist zu schwer.«

»Dann halte den Kopf über Wasser und treib heran zu uns!«

Der Steuermann legte das Ruder so, daß Will seinen Kahn nur treiben zu lassen brauchte, um an die Yacht zu kommen.

»Ein Tau her!« gebot Normann. »Wir lassen es hinab; Will bindet den Körper fest und wir ziehen ihn herauf an Deck.«

Das geschah. Kaum aber sahen die beiden Freunde die bewegungslose Gestalt, so schrieen sie vor Schreck laut auf. Sie erkannten den Landsmann.

»Steinbach!« rief Normann.

»Ja, Oskar Steinbach!« stimmte Wallert bei. »Wie um Gottes Willen ist er in das Wasser gekommen!«

»Ja, der deutsche Master von gestern, draußen auf dem Kirchhof,« meinte auch der Lord. »Wie der in das Wasser gekommen ist? Na, das ist doch höchst einfach! Sehen Sie das nicht ein?«

»Wie wollen wir das wissen!«

»Ich aber sage, daß es sehr einfach ist. Er ist derjenige, mit dem sie hat entfliehen wollen.«

»Wer denn?«

»Nun, die um Hilfe rief. Er hat sie aus dem Harem entführen wollen und ist dabei erwischt worden.«

»Unsinn! Ueberhaupt haben wir jetzt keine Zeit zu solchen müßigen Fragen. Wir müssen sehen, ob noch Leben in ihm ist. Wo schaffen wir ihn hin?«

»In meine Kajüte. Zieht ihn aus! Seine Kleider schaffen wir zum Maschinisten. Dort ist es heiß, da trocknen sie sofort.«

Während Kapitain und Steuermann dafür sorgten, daß die Yacht wieder in ihren vorigen Cours kam, transportirten die beiden Freunde den Verunglückten in die Kajüte, wo er entkleidet und in's Bett gebracht wurde. Will, der Diener, besorgte die Kleider nach dem Maschinenraum.

Nun begann man, zu bürsten, und Arme und Brust zu bewegen. Der Erfolg ließ glücklicher Weise gar nicht lange auf sich warten. Steinbach hatte fast gar kein Wasser geschluckt. Die beiden Hiebe hatten ihn betäubt; er war bewegunglos gewesen; dieser Umstand bildete den Grund, daß ihn das Wasser getragen hatte.

Er schlug die Augen auf, blickte erstaunt um sich und fragte ängstlich:

»Wo ist sie?«

»Wer?« erkundigte sich Normann.

»Gökala.«

»Ah! Gökala hat sie also geheißen!« sagte der Lord. »Wunderbarer Name! Um Hilfe gerufen hat sie.«

»Mein Kopf!«

Bei diesen Worten griff sich Steinbach an den Kopf. Dann aber besann er sich auf die Gegenwart und fragte:

»Wie komme ich hierher zu Ihnen?«

»Wir haben Sie aus dem Wasser gefischt.«

»Ah! Wo?«

»Nicht weit von Defterdar.«

»Wie lange Zeit ist seitdem vergangen?«

»Vielleicht zehn Minuten.«

»Ich höre an der Maschine, daß ich mich jedenfalls auf Ihrer Yacht befinde. Bitte, wo läuft sie jetzt?«

Normann warf einen Blick zum Kajütenfenster hinaus und antwortete:

»Wir sind bei Top Hane.«

»Da ist es zu spät. Die Schurken sind mit ihr fort.«

»Wir verstehen Sie nicht! Was ist Ihnen passirt?«

»Man wollte mich ermorden.«

»Donnerwetter!« rief der Lord. »Nennen Sie uns die Kerle und wir werden sie sofort bei der Parabel nehmen. Also Mörder! Haben Sie etwa eine Frau aus dem Harem entführen wollen?«

»Ist mir nicht eingefallen. Wo sind meine Kleider?«

»Im Maschinenraume, um zu trocknen.«

»Bitte, ich brauche sie; ich muß mich ankleiden. Sobald wir landen, muß ich fort.«

»Sie sind zu schwach dazu.«

»O nein. Ich habe einen Ruderschlag auf den Kopf bekommen. Das schmerzt ein Bischen, ist aber nicht von Bedeutung. Sie haben mir das Leben gerettet. Dankesworte zu machen, habe ich jetzt keine Zeit; das werde ich später nachholen. Jetzt aber muß ich die Mörder zu erwischen suchen. Also, bitte, meine Kleider!«

Sie wurden gebracht. Sie waren in der Hitze, welche der Kessel ausströmte, bereits fast ganz getrocknet. Er legte sie an und trat mit hinaus auf das Verdeck.

Es war ihm ganz eigenthümlich zu Muthe. Der Kopf war ihm benommen, und es flimmerte ihm vor den Augen. Ein Schluck Wein aber stärkte ihn.

Sie waren sehr langsam gefahren. Der gute Kapitain hatte noch weniger als halben Dampf geben lassen, um durch die so fühlbaren Stöße der Maschine nicht dem Patienten zu schaden. Ein Kaik hatte in Folge dessen der Yacht ganz gut folgen können. Jetzt nun legte diese Letztere an derselben Stelle an, an welcher sie vorher gelegen hatte.

»So! Hier sind wir,« sagte der Lord. »Nun sagen Sie uns, wo Ihre Mörder zu finden sind! Wir gehen mit und werden sie arretiren.«

»Besten Dank, Mylord! Ich will Sie nicht bemühen. Ich bin allein Manns genug, sie zu erwischen. Begleitung würde mir nur hinderlich sein.«

»Hinderlich? Sapperment! Ich bin in meinem ganzen Leben noch keinem Menschen im Wege gewesen.«

»Ich denke, Sie wollen mit uns, Mylord?« fragte Normann den Engländer.

»Natürlich.«

»Nun, da dürfen Sie nicht noch vorher an eine Excursion denken. Wir dürfen nicht zu spät kommen.«

»Haben Sie noch etwas vor?« fragte Steinbach.

»Das versteht sich!« antwortete der Lord. »Eine Entführung aus dem Harem.«

»Sie scherzen!«

»Oho! Wir sprechen die Wahrheit. Sie wissen ja von gestern her – bei Ibrahim Pascha.«

»Ist es wahr?« fragte Steinbach den Maler.

»Von einer Entführung ist keine Rede,« antwortete dieser. »Es handelt sich um eine kleine Recognition.«

»Wenn auch nur das. Nehmen Sie sich in Acht. Dieser Ibrahim Pascha ist mir mehr bekannt, als Sie denken. Er versteht keinen Spaß. Ich lege Ihrer Recognition keine ernstlichen Absichten bei, sonst würde ich Alles thun, um Sie davon abzubringen. Jetzt aber muß ich fort und bitte Sie um die Erlaubniß, morgen wiederkommen zu dürfen, um Ihnen meinen Dank dann besser abstatten zu können, als es mir jetzt möglich ist.«

Sobald er das Ufer erreichte, begab er sich zur nächsten Polizeiwache. Dasselbe Wort, welches gestern auf dem Begräbnißplatze Ibrahim Pascha zum Schweigen gebracht hatte, setzte ihn auch hier in Respekt. Er erhielt auf der Stelle die nöthige Anzahl Kawassen. So werden die Polizeisoldaten genannt. Mit diesen begab er sich schleunigst nach dem Hause, in welchem, wie der Kaffeewirth beschrieben hatte, der Russe Rurik wohnte.

Diesen in seinem Hause zu arretiren, dazu gehörte die Erlaubniß des russischen Residenten. Steinbach wußte aber, daß auf der Gesandtschaft jetzt nicht mehr expedirt werde, und darum beabsichtigte er, Rurik bei seiner Heimkehr auf der Straße ergreifen zu lassen. Dies durfte ohne Erlaubniß des Residenten geschehen. Er gab den Kawassen die nöthige Instruction und begab sich dann hinüber nach Altstambul zum Kislar-Aga, zu dem er bestellt worden war, um eine Neuigkeit zu vernehmen.

Er hörte, daß heut Ministerrath abgehalten worden sei, in Folge dessen Ibrahim Pascha schleunigst und unter anderm Namen nach Tunis gehen werde. Die Abreise habe bereits während der Nacht zu erfolgen.

Jetzt kehrte er zu seinen Polizisten zurück und erfuhr von ihnen, daß der Russe sich noch nicht habe sehen lassen.

Das hatte seinen guten Grund. Nämlich als Rurik mit seinem Herrn und Gökala gelandet waren, hatten die beiden anderen Ruderer das Kaik wieder vom Lande abgetrieben und waren dann Zeugen gewesen, wie Steinbach von der Mannschaft der Yacht aufgefischt wurde. Sie hatten dann dem kleinen Dampfer, da dieser nur mit Viertelkraft fuhr, leicht folgen können, und sich in die Nähe desselben postirt, nachdem sie das Kaik nebst Bezahlung dem Eigenthümer übergeben hatten.

Zu ihrem Erstaunen sahen sie den Todtgeglaubten über die Landebrücke kommen. Sie folgten ihm, sahen ihn zur Polizei gehen und schritten dann hinter den Kawassen her. So bemerkten sie, daß Rurik's Wohnung umzingelt worden sei, und wußten nun sogleich, woran sie waren. Sie mietheten sich ein anderes Kaik und ließen sich nach Dolmabagdsche rudern und in Kara Ayaly landen. Dort schritten sie durch einige enge Gäßchen, bis sie an eine nicht zu hohe Mauer gelangten, über welche sie kletterten, was sehr leicht war, da sich in der altersschwachen Mauer zahlreiche Breschen befanden.

Jetzt waren sie in einem ziemlich verwahrlosten Garten, durch den sie gingen, um in einen Hof zu gelangen, welcher zu einem ziemlich bedeutenden Gebäude führte. Dieses Letztere gehörte einem armenischen Händler, welches er aber nicht bewohnte, sondern auf unbestimmte Zeit vermiethet hatte.

Vom Garten aus gelangte man durch einen schmalen Gang in den Hof, in welchem es vollständig dunkel war. Doch wußten die Beiden sehr wohl Bescheid. Sie öffneten eine hölzerne Thür, kamen durch einen zimmerartigen Raum und klopften an eine Thür.

»Herein!« rief es von innen.

Jetzt traten sie in einen erleuchteten Raum, welcher ziemlich leidlich nach abendländischer Weise möblirt war. Am Tische saßen zwei Männer bei einer Flasche Wein – Rurik und sein Herr.«

»Endlich!« sagte der Letztere. »Ihr habt uns sehr lange warten lassen.«

»Es ging nicht anders, gnädiger Herr,« antwortete Einer der Beiden. »Wir wurden durch das, was unterdessen geschehen ist, so lange Zeit aufgehalten.«

»Was könnte denn geschehen sein!«

»O, es könnte noch viel mehr geschehen, wenn wir nicht so gut aufgepaßt hätten. Der Deutsche ist lebendig.«

»Was Teufel!«

»Ja. Das ist leider so!«

»Lebendig? Das ist doch unmöglich! Ich habe ihm zwei Hiebe gegeben, wovon einer reicht, einen Ochsen zu tödten. Und wir Alle sahen ihn in das Wasser stürzen.«

»Die auf dem kleinen Dampfer haben ihn herausgefischt.«

»Hole sie der Teufel! Aber ein Todter ist doch nicht wieder lebendig zu machen!«

»Er kann nicht todt gewesen sein. Wir ruderten dem Dampfer nach, welcher sich sehr Zeit nahm, und legten gleich mit ihm an. Da kam der Deutsche an das Land und ging auf die Zabtieh (Polizei).«

»Himmel und Hölle! Etwa um Anzeige zu machen«?«

»Natürlich.«

»Das nützt ihm nichts. Er muß auf das Consulat oder zum Gesandten!«

»O, der Kerl ist schlau. Zu dieser Stunde kann man bei keinem Gesandten mehr vorkommen. Er hat also Rurik's Wohnung umzingeln lassen. Auf der Straße kann ein Jeder arretirt werden, welcher Nationalität er auch sei.«

»Ist das wahr, was Ihr sagt?« fragte Rurik.

»Natürlich!«

»So kann ich nicht heim?«

»Nein. Du würdest sofort weggefangen werden.«

»Verdammt! Was ist da zu thun?«

Sie blickten alle Drei den Herrn fragend an. Dieser schritt im Zimmer auf und ab. Seine Brauen lagen tief auf der Stirn, und in seinen Augen funkelte es unheimlich. Dann blieb er stehen, schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte:

»Das ist ein Tag, an welchem wir zu kauen haben werden. Ich glaube, unsere Rolle ist hier ausgespielt.«

»Wieso?« fragte Rurik. »Weil man mich fangen will? O, mich bekommt man nicht.«

»Bilde Dir nicht zu viel ein! Was für einen Einfluß dieser Deutsche besitzt, hast Du erfahren, noch ehe wir wußten, daß er ein Deutscher ist.«

»Ich habe meine Schlupfwinkel!«

»Die man bereits morgen kennen wird!«

»Wer wird sie dem Deutschen nennen?«

»Der Wärter des Leoparden. Er ist Dein Vertrauter und wird Dich verrathen müssen, wenn der Deutsche ihn zur Rede stellt.«

»So bleibe ich bei Ihnen. Da bin ich sicher.«

»Bei mir?« hohnlachte der Herr. »Ich bin von jetzt an selbst keine Minute mehr sicher. Dieser deutsche Hund wird zur Prinzessin gehen. Diese weiß, wo Gökala wohnt, und dann haben wir die ganze Meute auf dem Halse. Dazu kommt, daß uns unser eigener Gesandter nicht schützt. Er ahnt gar wohl, daß wir nicht das sind, was wir scheinen.«

»So suchen wir uns ein anderes Quartier.«

»Hier? In Stambul?«

»Wo sonst?«

»Das wäre die größte Dummheit, welche wir begehen könnten. Nein, wir müssen fort, hinaus aus Constantinopel. Diese Parthie haben wir verspielt. Wir beginnen eine andere, welche wir aber gewinnen werden. Es ist nothwendig, die Stadt noch während dieser Nacht zu verlassen. Warten wir länger, so zieht sich die Schlinge um uns zusammen. Man wird uns zunächst des Mordversuchs anklagen, und während der Untersuchung wird auch alles Andere offenbart.«

»Aber eine so schnelle Entscheidung kann nicht auch eine wohl überlegte sein!«

»Sie ist wohl überlegt. Ich habe natürlich auch diesen Fall mit in die Berechnung gezogen. Geld haben wir genug, Pässe auch auf verschiedene Namen; visirt sind sie auch, natürlich falsch; so ist also Alles in Ordnung. Nun fehlt uns nur ein Fahrzeug, welches uns noch vor Tags aus dem Hafen bringt.«

»Das ist nicht zu bekommen.«

»Oho! Auch da habe ich gesorgt. Da ist da unten bei Kara Keul Kapussi ein alter Fischer, ein Spitzbube, der Haare auf den Zähnen hat; der hält bereits seit einigen Tagen einen Kutter für mich bereit. Ich habe nämlich außer dem, was Ihr wißt, noch ein anderes Spiel auf dem Brette; ich wußte, daß ich es leicht verlieren könne, und habe mich in Folge dessen auf alle Fälle vorbereitet.«

»Und Gökala? Sie geht nicht mit!«

»Werden gleich sehen! Gießt Euch ein und trinkt, bis ich wiederkomme!«

Er verließ das Zimmer. Er hatte mit den drei Männern ganz wie mit Seinesgleichen gesprochen, trotzdem er von ihnen Herr genannt wurde. Sie bildeten jedenfalls eine höchst räthselhafte Gesellschaft. Ganz gewiß aber war einer nicht mehr werth als der Andere.

Er schritt durch einige unerleuchtete Zimmer, bis er in eins kam, in welchem eine Lampe brannte. Da hockte eine alte Frau am Boden, ganz ohne alle Beschäftigung. Doch nein, sie that Etwas – sie rauchte eine Cigarrette. Als sie ihn erblickte, flog sie förmlich vom Erdboden auf, und machte ihm eine tiefe Verbeugung.

Er hatte eine ganz andere Haltung angenommen, als vorher bei den Kameraden. Er gab sich das Ansehen eines vornehmen Mannes, was ihm auch ziemlich gut gelang. Er fragte in herrischem Tone:

»Schläft sie?«

»Nein.«

»Was thut sie?«

»Sie sitzt.«

»Nennst Du das etwas thun?«

»Sie sitzt und thut nichts dabei!«

»Weint sie?«

»Nein.«

»Hat sie gesprochen?«

»Kein Wort.«

»Gegessen und getrunken?«

»Auch nicht. Als sie gebracht wurde, habe ich ihr die Schnuren von Händen und Füßen und den Knebel aus dem Munde genommen. Sie hat sich dann auf den Teppich gesetzt und nun sitzt sie noch ganz so wie erst.«

»Melde mich an!«

Die Alte öffnete eine Thür und rief hinein:

»Der Herr!«

Es war keine Antwort zu hören, doch trat er ein.

Dieses Zimmer war auf türkische Manier ausgestattet und zwar ganz komfortabel. An der Decke hing eine Ampel, welche den Raum erleuchtete. In einer der Ecken lag ein Kissen auf dem großen Smyrnateppich; auf diesem Kissen saß Gökala, bleich wie der Tod, mit geschlossenen Augen. Sie bewegte kein Glied, keine Wimper, als er eintrat. Er zog die Thür hinter sich zu, um von der Alten nicht belauscht und gehört zu werden, und sagte:

»Hast Du Dich erholt?«

Sie regte sich nicht und sie antwortete nicht.

»Hast Du mich verstanden?«

Diese Frage hatte ganz denselben Erfolg.

»Gut! Wenn Du die Sprache wieder einmal verloren hast, so kennst Du mein Mittel, sie Dir wiederzugeben!«

Da schlug sie die Augen auf. Wo war das herrliche Himmelblau derselben? Wo waren die funkelnden, brillirenden Goldfäden, welche Steinbach so entzückt hatten? Diese Augen waren glanz- und leblos. Es lag in ihnen wie eine Thränenfluth, welche hervorbrechen will und doch nicht kann oder nicht darf.

»Was wollen Sie?«

Diese Frage war mehr gestöhnt als gesprochen.

»Was ich will, das versteht sich ganz von selbst. Sprechen will ich mit Dir. Antwort will ich haben, wenn ich frage. Wir werden abreisen. Fühlst Du Dich stark genug dazu?«

»Nein.«

»So werde ich für Nachhilfe sorgen!«

Das klang drohend.

»Thun Sie es! Mir ist Alles gleich.«

»Ah! Wegen dieses Deutschen?« höhnte er.

»Ja,« gestand sie freimüthig.

»Das glaube ich Dir! Nach einer solchen Scene wie Diejenige unter dem Baume der Mutter, ist es schwer, Constantinopel zu verlassen. Ich lag hinter Eurer Bank und habe jedes Wort gehört. Es muß eine ungeheure Liebe sein, welche sich bereits nach einer einmaligen Begegnung dem ersten besten Fremden an den Hals wirft. Nur Eins von Allem war verständig, nämlich Euer

Es ist bestimmt in Gottes Rath,
Daß man vom Liebsten, was man hat,
Muß scheiden;
Obwohl doch nichts im Lauf der Welt
Dem Herzen, ach, so sauer fällt
Als scheiden.

Das gab freilich eine rührende Erkennungsscene. Er merkte, oder wollte bemerken, daß Du eine Hannoveranerin seiest, hat sich da aber doch ein Wenig getäuscht. Aber es lag doch Verstand in dem Liede: Ihr habt scheiden müssen, aber nicht so, wie es in der letzten Strophe heißt:

Nur mußt Du mich auch recht versteh'n
Wenn Freunde auseinander geh'n,
So sagen sie: Auf Wiederseh'n!

Ihr werdet Euch niemals wiedersehen!«

»Und doch! Sehr bald!«

»Ah! Wo denn wohl?«

»Jenseits. Ich sterbe auch.«

»Papperlapapp! Denke an die Deinen! Du hast alle Gründe, leben zu bleiben! Du kennst mich und weißt, daß ich ganz im Stande bin, das fliehende Leben in Dir zurückzuhalten. Also mache Dich bereit. In zwei Stunden reisen wir ab.«

»Wohin?«

»Das geht Dich nichts an! Du bist mein Eigenthum. Rechenschaft bin ich Dir nicht schuldig.«

»Ich bleibe!«

»Das wird sich finden!«

»Und ich bleibe! Ihre Macht ist gebrochen. Ihre Drohungen haben keine Schrecken mehr für mich. Nun dieser Mann gemordet ist, mögen alle andern auch sterben. Ich bin mit dem Leben fertig. Es wird mich kein Mensch aus diesem Zimmer bringen.«

Sie schlug die Arme über der Brust zusammen, lehnte sich in die Ecke und schloß die Augen. Grad in dieser starren Verzweiflung war sie von einer eigenthümlichen, marmornen, steinernen Schönheit. Er betrachtete sie mit stechendem, aber glühendem Auge. Es begann die Ahnung in ihm zu dämmern, daß er die Saiten denn doch zu stark angezogen habe. Er liebte dieses herrliche Wesen, freilich aber mit der Liebe eines Teufels. Er konnte und wollte sie nicht einbüßen. Es war möglich, daß sie aus Verzweiflung in den Tod ging. Das wollte er nun freilich nicht. Darum sagte er:

»Wenn er nun noch lebte?«

Sie schlug die Augen auf, warf ihm einen matten, vergehenden Blick zu und antwortete:

»Lügner!«

»Und ich wiederhole: Wenn er noch lebte, würdest Du auch dann noch sterben wollen?«

»Er ist todt.«

»Nein. Leider hat dieser Hund ein zu zähes Leben gehabt. Er ist aufgefischt worden und hat sich bereits so sehr erholt, daß er sich jetzt das Vergnügen macht, mit der Polizei nach mir zu suchen.«

Da färbten sich ihre Wangen.

»Beweisen Sie es!« sagte sie.

»Beweisen? Pah! Wenn ich es auch wollte, ich könnte es nicht: ich habe keine Zeit dazu.«

»So glaube ich es nicht!«

Sie lehnte sich wieder in die Ecke zurück. Er lachte grimmig auf und knirschte:

»Was für ein infernalisches Geschöpf so ein Frauenzimmer doch sein kann! Ich bemühe mich so viele Jahre lang um einen einzigen freundlichen Blick und werde behandelt wie ein räudiger Hund. Da kommt ein Fremder daher – ihn sehen und seinetwegen sterben wollen, das ist eins. Ich brauche nur zu sagen, daß er lebt, da werden die bleichen Wangen sofort wieder roth.«

»Also doch! Es war nur eine Probe, eine Lüge!«

»Nein, es ist Wahrheit. Der Kerl ist von einem kleinen Dampfer aufgefischt worden. Jetzt hat er mit der Polizei die Wohnung Rurik's besetzt, um ihn wegzufangen. Am Morgen wird er zur Prinzessin gehen und von ihr Deine Wohnung erfahren. Dann kommt er. Darum eben will ich fort, nur darum!«

»Aus keinem andern Grunde?«

»Nein. Meinst Du, daß ich hier alle meine Chancen aufgebe, um eines Pappenstieles willen. Es handelt sich um meine Freiheit, um mein Leben. Ich muß fort!«

Da sprang sie empor, wie von einer Feder geschnellt.

»Gott sei Dank! Oh, es giebt doch noch eine Vorsehung, eine himmlische Liebe, eine ewige Gerechtigkeit. Bereits wollte ich verzweifeln!«

»Das hast Du nicht nöthig. Deine Vorsehung bin ja ich; meine Liebe ist für Dich himmlisch, und Gerechtigkeit wirst Du bei mir finden, sobald ich den ersten Kuß von Dir erhalte. Also mache Dich fertig. In zwei Stunden reisen wir ab.«

»Ich muß mich von der Prinzessin verabschieden!«

»Das bilde Dir nicht ein! Welches Spiel Du da getrieben hast, das weiß ich nun. Die Strafe folgt nach; darauf kannst Du Dich verlassen. Ich muß Dich aber darauf aufmerksam machen, daß Du mir nicht den mindesten Widerstand während unserer Abreise leisten darfst. Es ist am Besten, Du erklärst Dich bereits jetzt über Deine Absichten.«

»Ich reise mit.«

»Ohne an Flucht zu denken?«

»Ich fliehe nicht.«

»So halte Wort! Du weißt, was ich im Gegenfalle thun würde. Jetzt schicke ich Dir die Alte.«

»Als was reisen Sie?«

»Als Türke. Du wirst osmanische Kleidung tragen und mit keinem Menschen ein Wort sprechen!«

Nach der angegebenen Zeit erschienen eine Anzahl Packträger, welche die hergerichteten Packete nach Kara Keui Kapussi zu dem Fischer trugen. Rurik und die beiden Andern gingen mit ihnen; der Herr aber nahm mit Gökala und der Alten ein Kaik, um sich hinfahren zu lassen. Fracht und Menschen waren bald untergebracht, und dann lichtete das kleine Fahrzeug die Anker.

»Aber um Gotteswillen, wohin?« fragte Rurik leise den Herrn.

»Nur zunächst aus Stambul fort und zu den Dardanellen hinaus. Dann lassen wir uns auf eine der Inseln setzen, wo wir die erste beste Schiffsgelegenheit benutzen, nach Egypten zu kommen.«

»Warum dorthin?«

»Dummkopf! Das ist nicht Deine, sondern meine Sache!«

Derjenige Dampfer, auf welchem Steinbach seinen Boten mit dem Bilde der Prinzessin eingeschifft hatte, war in seiner Fahrt aufgehalten worden. Eben als sie die Dardanellen passirt hatten, war der Maschinist zum Kapitain gekommen, um einen Defect der Maschine anzuzeigen und nach vorgenommener Untersuchung hatte der Kapitain erklärt, daß es nothwendig sei, am nächsten Lande anzulegen, um den Schaden auszubessern. Das war die kleine Insel Imbros, wo der Anker geworfen wurde.

Die Passagiere waren mit dieser Reiseunterbrechung nicht sehr einverstanden, mußten sich aber darein fügen. Als Aequivalent erlaubte der Kapitain ihnen, an das Land zu gehen; er werde durch das Hissen der Flagge und Läuten mit der Schiffsglocke das Zeichen geben, wenn man wieder an Bord kommen solle.

Leider aber war der Defect größer, als man erst geglaubt hatte. Es verging der Tag und die Nacht, und noch während des ganzen Vormittags erklang das Hämmern des Kesselmeisters. Dann endlich, kurz vor Mittag, konnte die unterbrochene Fahrt fortgesetzt werden.

Kurz vorher war ein kleiner, aber ziemlich schwerfällig gebauter Kutter an das Land gelaufen und hatte neben dem Dampfer Anker geworfen. Von dem Letzteren aus erblickte man auf dem Decke des Fahrzeuges einige Passagiere, bei welchen sich auch eine tief verschleierte weibliche Person befand. Einer der Männer, dem Anscheine nach der Vornehmste von ihnen, fragte, ob es erlaubt sei, an Bord zu kommen, und es wurde ihm gestattet.

Er erzählte, daß er von dem Dampfer gehört habe, welcher hier in Reparatur liege und nach Egypten wolle, und fragte, ob er Passage nehmen könne. Er zeigte seine Papiere vor, und da dieselben sich in Ordnung befanden und noch Platz vorhanden war, konnte es dem Kapitain nur lieb sein, einige Passagiere mehr zu bekommen.

Der Türke ließ die Seinigen kommen, seine Frau, drei Diener und eine alte Dienerin.

Der Dampfer setzte sich bald in Bewegung. Steinbach's Bote hatte den besten Logierplatz erhalten; der Kapitain kannte ihn und seinen Herrn. Beide standen neben einander unter der schmalen Commandobrücke und unterhielten sich.

»Herr Sekretair,« fragte der Kapitain, »sind Sie ein Freund der Damen?«

»Wenn sie interessant sind, warum nicht?« antwortete der junge Mann.

»Nun, so habe ich Ihnen eine allerliebste Ueberraschung vorbehalten. Ich habe nämlich diese Türkin neben Ihre Kajüte gelegt.«

»Doch nicht! Ich glaube, daß da nur zwei Kabinen sind?«

»Ja; die Ihrige, und diejenige, welche die Dame bewohnt.«

»Aber wie kommen Sie auf diesen Gedanken?«

»Auf die sonderbarste Weise. Was ich nicht für möglich gehalten habe – diese Frau trat zu mir, als sie sich unbemerkt sah, und bat mich um einen völlig abgeschiedenen Platz, an welchem sie auch nicht von ihrem Herrn gestört werden könne. Herr heißt bei den Türkinnen natürlich Mann. Vielleicht hat es einen kleinen Zwist zwischen ihnen gegeben; oder giebt es irgend einen religiösen Grund, daß sie sich einstweilen absondert. Kurz und gut, ich habe ihr die Nebenkabine gegeben.«

»Ich bin Ihnen nicht sehr dankbar dafür.«

»Warum?«

»Die Holzwände sind so dünn, daß man sich gegenseitig sicherlich hört und stört.«

»Das ist richtig. Aber vielleicht gewinnen Sie Veranlassung, mir dieses kleine, hinterlistige Arrangement zu verzeihen. Ich will Ihnen da ein Geheimniß mittheilen. In der Zwischenwand befinden sich mehrere viereckige Fächer, welche um ein kleines Mittelfach gruppirt sind. Dieses Letztere hat auf Ihrer Seite einen hölzernen Knopf und läßt sich nach links verschieben.«

»Herr, führe uns nicht in Versuchung!«

»Nun, ich will Sie damit nicht in Versuchung führen; aber Ihr gnädiger Herr, prinzliche Durchlaucht, hat Sie mir auf die Seele gebunden, und da dachte ich, Ihnen eine kleine Abwechselung in dem Einerlei der Seefahrt zu bieten.«

»Sehr verbunden! Doch bin ich überzeugt, daß ich von dem Schieber keinen Gebrauch machen werde.«

»Warum nicht?«

»Ein Ehrenmann thut so etwas nicht!«

»Sehr gut gesagt und gedacht! Ich habe Ihnen keineswegs etwas Ehrenwidriges zugetraut, sondern es nur für meine Pflicht gehalten, Sie auf den Schieber und auf Ihre Nachbarschaft aufmerksam zu machen.«

Der Türke hatte sich ein sammetnes Kissen auf das Deck legen lassen und auf demselben Platz genommen. Er rauchte eine Wasserpfeife. Seine drei Diener lungerten in der Nähe herum. Das alte Weib hatte sich auf eine Rolle Taue gesetzt und starrte gedankenlos in die Luft und das Wasser. Später kam die Frau des Türken. Die Dienerin mußte auch ihr ein Kissen holen. So befanden sie sich Alle auf dem freien Verdecke.

Das benutzte der Sekretair, um in seine Kabine zu gehen. Er hatte bis jetzt gewartet, um die Türkin nicht zu incommodiren. Sie mußte ihn ja hören. Er nahm sich vor, möglichst viel auf dem Deck zu sein. Es fiel ihm gar nicht ein, an eine Benutzung des Schiebers zu denken; aber als er jetzt den Knopf erblickte, ergriff er ihn doch und probirte, ob er wirklich zur Seite zu schieben sei. Es ging.

Die Probe war gelungen; das war genug. Er warf keinen Blick durch die kleine Oeffnung hinüber, sondern er verschloß sie wieder und legte sich in seine Hängematte, indem er ein Buch nahm, um zu lesen.

Die Lectüre war nicht anstrengend. Er konnte lesen, ohne viel denken zu müssen; später dachte er gar nichts mehr und endlich fielen ihm die Augen zu – er war eingeschlafen.

Als er erwachte, vermochte er nicht zu sagen, wie lange er geschlafen hatte. Er wäre wohl gar nicht aufgewacht, wenn er nicht durch ein drüben in der Nachbarkabine geführtes Gespräch aufgeweckt worden wäre. Er vernahm eine männliche und eine weibliche Stimme, und da die Zwischenwand wirklich kaum einen Zoll stark war, so konnte er jedes Wort verstehen. Noch im Beginn des Gespräches, welches er belauschte, ging er mit sich zu Rathe, ob er sich wohl entfernen solle oder nicht. Discret war es jedenfalls nicht, wenn er liegen blieb. Stand er aber auf, so hörte man ihn vielleicht und dann war das Uebel ärger als vorher. Bald aber nahm das Gespräch einen solchen Verlauf, daß er auf seine Entfernung ganz und gar verzichtete.

Zu seinem allergrößten Erstaunen war die Unterhaltung in französischer Sprache geführt, welche von der Frau um sehr viel besser ausgesprochen wurde, als von dem Manne. Die ersten Worte, welche er hörte, sprach der Letztere:

»Wer hat Dir erlaubt, hier zu wohnen?«

»Der Kapitain.«

»Auf wessen Vollmacht hin?«

»Auf die meinige.«

»So hast Du ihn um diese Kabine gebeten?«

»Ja.«

»Das ist stark! Was muß der Mann denken!«

»Er wird denken, daß ich allein sein will.«

»Ich habe Dich für meine Frau ausgegeben.«

»Das ist nicht mein Fehler, sondern der Ihrige.«

»Von einem Fehler ist da gar keine Rede. Du befindest Dich bei mir, und das kann ich gar nicht anders erklären, als dadurch, daß ich den Leuten Veranlassung gebe, zu denken, Du seist meine Frau.«

»Das Wort Schwester würde eine ebenso gute Erklärung bilden.«

»Ist aber nicht nach meinem Geschmacke.«

»Und die Frau nicht nach dem meinigen.«

»Ich glaube, daß es hier weit mehr auf meinen Geschmack ankommt, als auf den Deinigen. Ich werde also dem Kapitain befehlen. Dich hier auszuquartieren.«

»In diesem Falle werde ich nicht gehorchen.«

»Oho!«

»Ganz gewiß! Ich bin leider gezwungen, Ihre Sclavin zu sein; das ist genug. Mehr dürfen Sie nicht verlangen. Sobald Sie mich für Ihre Frau ausgeben, hört meine erzwungene Fügsamkeit auf. Sie haben das noch nicht gethan. Jetzt versuchen Sie es zum ersten Male. Ich hoffe, daß es zugleich das letzte Mal sein werde.«

»Welch eine Sprache! So spricht entweder eine wirkliche Königin, oder eine Theatermamsell, welche eine Fürstin darzustellen hat. Aus Deinem Munde aber ist dieser Ton die reine Lächerlichkeit. Spukt Dir Deine dumme Liebschaft noch im Kopfe, meinetwegen, aber nöthig ist es nicht, es mich merken zu lassen. Du verschlimmerst Dir nur Deine Lage. Also, ich wünsche, daß Du diese Kabine verlässest.«

»Ich bleibe!«

»Weißt Du, daß ich Gewalt anwenden werde!

»Der Kapitain wird mich beschützen!«

»Das bilde Dir nicht ein. Er hält Dich für meine Frau. Ich bin Türke und möchte den kennen lernen, der es wagt, im Harem eines Moslem eine Stimme zu haben.«

»So werde ich dem Kapitain mittheilen, daß sie kein Türke, sondern ein Russe sind, ein aus Sibirien entsprungener Sträfling, der erst noch gestern Abend einen Mordversuch auf jenen Deutschen gemacht hat, welcher mich bei Prinzessin Emineh kennen lernte.«

»Katze, falsche!« zischte er. »Das wirst Du bleiben lassen!«

»Ich werde es thun, ich versichere es Ihnen! Hüten Sie sich, Ihre Härte zu weit zu treiben!«

»Gut, ich will mich dazu bereit zeigen, doch nur unter der Bedingung, daß auch Du nachziehst. Ich verlange von jetzt an jeden Morgen und jeden Abend einen Kuß von Dir.«

»Niemals, nie!«

»Mädchen, hast Du denn gar keinen Verstand! Was ist es denn um einen Kuß für eine so große Sache! Du thust ja ganz so, als ob Du damit das Leben opfertest!«

»Wenn ein Kuß so gar nichts ist, warum verlangen Sie ihn denn? Freilich giebt man das Leben mit ihm hin!«

»Ah, schön! Das heißt, man küßt nur Denjenigen, dem man sich für das ganze Leben schenken will! Mir wird diese lächerlich geringfügige Bitte nicht erfüllt; aber jener Deutsche mußte sich küssen lassen, ohne daß er es wollte, dieser süße, innigstgeliebte – oh, wie hieß er doch nur? Oskar, glaube ich. Seinen eigentlichen Namen wollte er nicht sagen. Nun, ich will jetzt darauf verzichten, Dich zu Verstand zu bringen. Sind wir wieder auf dem Lande, so geht es anders. Ich habe in Egypten eine neue Rolle für Dich und hoffe, daß Du sie besser spielst als Deine letzte in Stambul. Da hast Du die Verrätherin gespielt; das verzeihe ich Dir einmal, aber nicht zum zweiten Male. Merke Dir das!«

Er ging. Drüben ertönte ein tiefer, tiefer Seufzer der Erleichterung, und dann hörte der Sekretair in deutscher Sprache die Worte:

»Mein Gott und mein Heiland! Wann wird das ein Ende nehmen! Es ist nicht mehr zu ertragen. Ich werde gewiß noch wahnsinnig dabei!«

Er wußte nicht, was er thun solle. War der vermeintliche Türke wirklich ein aus Sibirien entsprungener russischer Sträfling? Wer und was aber war das Mädchen? Nur ein verkommenes Subjekt konnte in dieser Weise sich in der Gewalt eines Verbrechers befinden. Und doch wollte es dem Sekretair schwer werden. Diejenige, deren Worte er gehört hatte, unter die Verlorenen zu zählen. War dieser Russe ein Industrieritter, ein Beutelschneider, ein Bauernfänger, mit welchem sie reiste, um aus ihrer Schönheit Geld zu ziehen? Auch das war unwahrscheinlich. Ihr Verhalten sprach dagegen. Und wer war jener Deutsche, von welchem sie gesprochen hatten? Oskar war sein Vorname, und bei Prinzessin Emineh hatte er sie kennen gelernt.

»Das könnte nur der Prinz sein,« dachte der Sekretair. »Ich werde doch versuchen, dieser Angelegenheit auf die Spur zu kommen.«

Er huschte leise aus der Hängematte und verließ langsam und vorsichtig, so daß kein Geräusch entstehen konnte, die Kabine. Jetzt nun betrachtete er sich den Türken genauer, als er es vorher gethan hatte. Er sagte sich dabei, daß es nicht leicht sei, zu so einer Physiognomie Vertrauen zu hegen. Auch die Gesichter der drei angeblichen Diener gefielen ihm nicht. Dann kehrte er nach der Kabine zurück, diesmal aber laut, so daß sie sein Kommen gewahren mußte. Er räusperte sich einige Male, dann klopfte er leise an die Holzwand.

Hatte er geglaubt, daß er eine Antwort erhalten werde, so war dies ein Irrthum. Sie verhielt sich still, auch als er das Klopfen wiederholte. Endlich fragte er so, daß er drüben ganz gewiß gehört werden konnte:

»Ist Jemand drüben?«

Keine Antwort.

Er hatte in französischer Sprache gesprochen. Nun aber bediente er sich der Deutschen:

»Wenn Jemand drüben ist, so bitte, antworten sie!«

Er hatte auch jetzt keinen Erfolg.

»Bedürfen Sie der Hilfe, Fräulein?«

Sie schwieg noch immer. War dies ein gutes oder ein schlimmes Zeichen? War dies ein Beweis, daß sie trotz Alledem mit dem entwichenen Verbannten harmonirte, oder wurde sie vom weiblichen Zartgefühl abgehalten, eine Antwort zu geben? Er spielte jetzt einen bedeutenden Trumph aus, indem er fortfuhr:

»Befürchten Sie nichts; fassen Sie Vertrauen zu mir. Kennen Sie einen Herrn Namens Oskar!«

Jetzt endlich war es, als ob sich drüben Etwas bewege.

»Ich bin in seinem Namen da, Sie in meinen Schutz zu nehmen. Bitte, antworten Sie!«

Da hörte er einen leichten Schritt, und dann fragte sie mit leiser Stimme hart an der Wand:

»Wer sind Sie?«

»Ich bin ein Deutscher. Ich komme von Konstantinopel und will nach Kairo. Haben Sie, als Sie an Bord kamen, den Kapitain bemerkt?«

»Ja.«

»Auch den jungen Mann, welcher neben ihm stand?«

»Ja. Es war ein Türke.«

»Ich war es. Ich trage orientalische Kleidung. Man hält mich für einen Eingeborenen.«

»Was wünschen Sie von mir?«

»Ich möchte gern wissen, ob Sie meiner Hilfe bedürfen.«

»Ich danke. Nein!«

»Und doch glaubte ich, daß es vortheilhaft für Sie wäre, wenn Sie mir erlaubten, Ihnen meine Theilnahme zu widmen.«

»Woraus schließen Sie das?«

Er durfte natürlich nicht sagen, daß er sie belauscht habe; darum antwortete er:

»Ihre Haltung, Ihr Gang, Ihr ganzes Wesen erschien mir so gedrückt und niedergeschlagen.«

»Das haben Sie bei den vielen Hüllen gesehen, welche ich trug! Ich verstehe! Sie suchen ein Abenteuer, werden aber keins finden. Leben Sie wohl!«

Er hörte deutlich, daß sie sich entfernte.

»Ein Abenteuer,« sagte er schnell. »Bei Gott nicht! Sie haben es mit einem Ehrenmanne zu thun. Ich habe wirklich Gründe, Ihnen meine Hilfe anzubieten. Denken Sie an jenen Oskar, welchen ich nannte!«

Dieser Name zog sie sofort wieder herbei. Sie fragte:

»Wen meinen Sie damit?«

»Einen Deutschen, welcher sich jetzt in Konstantinopel befindet. Ich glaube, daß Sie ihn gesehen haben.«

»Wo?«

»Bei Prinzessin Emineh.«

»Herrgott! Woher wissen Sie das! Sie befanden sich an Bord als wir kamen, und dieses Schiff hat bereits gestern das goldene Horn verlassen!«

»Nun, ich will aufrichtig mit Ihnen sein, damit Sie bemerken, daß ich Ihr Vertrauen verdiene. Ich bewohne diese Kabine und befand mich hier, als Sie sich mit Ihrem angeblichen Manne unterhielten.«

Drüben ertönte ein Ruf des Schreckes.

»So haben Sie Alles gehört?«

»Ja.«

»Herrgott! Und Sie nennen sich einen Ehrenmann!«

»Ich bin es. Ich wollte mich bemerkbar machen; aber eines theils vernahm ich, daß Sie der Hilfe bedürfen und beschloß in Folge dessen, weiter zuzuhören, und anderntheils interessirte ich mich für den sogenannten Oskar, von welchem Sie sprachen. Ich vermuthe nämlich, daß ich ihn kenne. Es kann aber nur diesen Einen geben, diesen einen Deutschen, welcher bei Emineh war.«

»Wer ist er?«

»Bitte, sagen Sie mir vorher, ob Sie die Prinzessin kennen!«

»Ich habe das Glück, ihre Freundin zu sein, oder vielmehr ich hatte es.«

»Und waren Sie bei ihrer Begegnung mit dem Deutschen vielleicht anwesend?«

»Ja.«

»Wenn ich dies glauben könnte! Bitte, überzeugen Sich mich dadurch, daß Sie mir sagen, wovon gesprochen wurde!«

»Das ist Geheimniß.«

»Erhielt der Deutsche etwas von Emineh?«

»Ja.«

»Was?«

»Das ist ebenso Geheimniß.«

»Können Sie ihn mir beschreiben?«

»Gewiß. Hohe, starke und sehr gut proportionirte Figur; Haar, Bart und Augen kohlschwarz.«

»Das stimmt. Können Sie sich eines interessanten Ereignisses erinnern, welches bei dieser Begegnung stattfand? Es handelte sich um ein Thier.«

»Ah, Sie meinen den Leopard?«

»Ja. Jetzt nun sehe ich, daß Sie die Wahrheit sagen. Ich stehe im Dienste dieses Herrn; ich bin sein Sekretair und habe den Gegenstand, welchen er erhielt nach Kairo zu bringen, um ihn dem Vicekönig zu überreichen.«

»Wirklich?« erklang es drüben in freudigem Tone. »O, dann will ich mein Mißtrauen schwinden lassen. Zwar bedarf ich keineswegs einer Hilfe, wie Sie irrthümlicher Weise meinten, aber wir können doch mit einander sprechen.«

»Und uns sehen.«

»Auf Deck? Ich Sie, ja, nicht aber Sie mich.«

»O doch!«

»Ich muß verschleiert gehen.«

»Auch jetzt in Ihrer Kabine?«

»Nein, da nicht.«

»So könnte ich Sie sehen. Nämlich dieses mittlere Fach der Kajütenwand läßt sich beseitigen.«

»Um Gotteswillen!«

»Sie dürfen nicht?«

»Nein!«

»Wie schade! Ich wollte Ihnen Etwas zeigen. Ich habe nämlich eine Photographie meines Herrn bei mir. Sie hätten sich das Bild ansehen können, um mir zu sagen, ob es wirklich Derjenige ist, mit welchem sie sich im Serail begrüßt haben.«

»Oeffnen Sie! Schnell, öffnen Sie!«

Das klang so hastig, daß er sich eines vergnügten Lachens nicht erwehren konnte. Er schob das Fach zurück. Die Oeffnung, welche dadurch entstanden war, hatte eine solche Größe, daß man den Kopf hindurchstecken konnte. Gökala dachte gar nicht mehr daran, daß sie unverschleiert sei und daß sie sich nicht hatte sehen lassen wollen. Sie stand hart an der Oeffnung und bat:

»Bitte, bitte, die Photographie!«

Er zog seine Brieftasche, nahm das Bild heraus und gab es ihr. Als ihr Auge darauf fiel, stieß sie einen Ruf des Entzückens aus. Ja, das war er, und zwar noch dazu in der Uniform eines Husarenoberstwachtmeisters. Sie stand inmitten ihrer Kabine, beleuchtet von dem hellen Lichte, welches durch die Lucke fiel. Sie vergaß die Anwesenheit des Sekretairs. Sie drückte das Bild an die Brust, an die Lippen, wieder und immer wieder.

Und er stand vor der Oeffnung und konnte den erstaunten Blick von ihrer herrlichen Erscheinung nicht wenden.

»Ah,« dachte er, »so eine Schönheit sah ich noch nie. Da verdenke ich es dem Prinzen nicht, daß er – aber zum Scherz? Das thut er nicht. Und im Ernste? Eine, welche mit einem entflohenen Sibirier reist? Das ist mir ein Räthsel. Vielleicht ist es zu lösen.«

Natürlich mußte Gökala sich doch erinnern, daß sie nicht allein sei. Eine tiefe Gluth überzog ihr Gesicht. Sie hatte ihre Liebe gezeigt. Doch faßte sie sich schnell und fragte:

»Haben Sie mehrere dieser Bilder?«

»Nein.«

»O weh! Ich darf Sie nicht berauben, und doch stand ich in Begriff, Sie zu fragen, ob ich es aufbewahren dürfe.«

»Ich gebe es Ihnen gern. Behalten Sie es also.«

»Ich danke! Ich werde ihn niemals wiedersehen; nun habe ich doch sein Bild. Um Gott, da denke ich erst jetzt daran, daß vielleicht auch Sie ihn nicht mehr sehen.«

»Wieso?«

»Vielleicht ist er todt.«

»Alle Teufel! Todt? Wieso?«

»Man hat gestern Abend einen Mordanfall auf ihn unternommen. Er ist mit einem Ruder auf den Kopf geschlagen und in das Wasser geworfen worden.«

»Von wem?«

»Von – von – man kennt den Thäter noch nicht.«

»O, Fräulein, ich kenne ihn.«

»Gewiß nicht!«

»Gewiß. Sie vergessen, daß ich Zeuge Ihrer Unterhaltung war. Jener Russe, für dessen Frau Sie gelten, ist der Mörder. Ich werde ihn festnehmen lassen.«

»Nein, nein! Halt!« antwortete sie voller Angst. »Handeln Sie um Gottes willen nicht vorschnell! Noch wissen Sie ja nicht, wie sich die Sache zugetragen hat.«

»Ich hoffe, es von Ihnen zu erfahren.«

»Gewiß. Sie sollen Alles wissen.«

Dennoch aber erzählte sie ihm nicht Alles, doch ließ sie ihm Das, was sie nicht sagte, wenigstes ahnen. Er hätte ja sonst Mißtrauen fassen können. Er hörte ihr in stiller Bewunderung zu. Sein Auge hing an ihrem herrlichen Körper, ihrem unvergleichlichen Angesichte und ward gefangen genommen von all' den anmuthigen Bewegungen, welche sie machte, ihre Rede gestikulirend zu begleiten. Und seine innere Aufmerksamkeit wurde gefesselt durch die Art und Weise, in welcher sie ihm von ihrer Liebe erzählte und von der glühenden Erwiederung derselben, ohne doch ein Wort davon zu sagen. Sie war ganz Weib; sie ging ganz auf in der Erinnerung an die glücklichste Stunde ihres Lebens und doch bewahrte sie eine Würde, eine Hoheit, welche ihn mit stiller, demüthiger Bewunderung erfüllte.

Nur ein einziges Mal gerieth sie in's Stocken. Sie mußte ihm sagen, daß sein Herr noch lebe, durfte aber doch nicht erwähnen, wie und von wem sie es erfahren hatte. Sie konnte doch nicht von ihrer traurigen Sclaverei zu ihm sprechen. Doch auch über diesen Punkt gelangte sie glücklich hinweg. Als sie dann fertig war, sagte er:

»Gnädiges Fräulein, ich gestehe aufrichtig, daß Sie mich in eine große Verlegenheit bringen.«

»Wieso?«

Das Beiwort gnädig gab er ihr unwillkürlich. Sie hatte etwas so Gebieterisches, Hoheitsvolles an sich, daß er sich ihr freiwillig unterthänig gab.

»Sie nennen und bezeichnen mir den Mörder und verlangen zugleich, daß ich mich nicht seiner bemächtige.«

»Sie können mir das überlassen. Ihr Herr wird Sie später deshalb loben.«

»Aber wie nun, wenn mein Herr nicht gerettet ist, wenn er wirklich getödet wurde?«

»Dann ereilt die Strafe den Mörder ganz gewiß.«

»Und die drei Burschen waren also auch dabei?«

»Ja.«

»Gut. Ich will Ihnen gehorchen und so thun, als ob ich gar nichts wisse; aber wehe ihnen, wenn mein Herr todt ist! Ich werde bereits in Alexandrien Gewißheit erlangen –«

»O, wie lieb wäre mir das! Auf welche Weise aber soll Ihnen diese Gewißheit werden?«

»Auf telegraphischem Wege. Ich erwarte dort Instructionen. Finde ich sie auf dem Consulate vor, so lebt mein Gebieter; finde ich sie aber nicht, dann dürfen Sie nicht verlangen, daß ich schweige.«

»Nein. In diesem Falle werde ich selbst als Zeugin auftreten, mag daraus werden, was da wolle. Und jetzt nun noch Eins. Dürfen Sie mir zu der Photographie vielleicht noch eine Kleinigkeit geben?«

»Was?«

»Es fehlt der Name unter dem Bilde.«

»Nun, Oskar,« antwortete er lächelnd.

»Weiter!«

»Weiter nicht. Hat mein Herr es vorgezogen, zu schweigen, so bin ich erst recht zu demselben Verhalten gezwungen. Ich habe ja außerdem so voreilig gehandelt, daß ich es jedenfalls gar nicht zu verantworten vermag.«

»Ich wußte nicht –!«

»Was wird mein Herr sagen, wenn er erfährt, daß Sie im Besitze seiner Photographie sind. Sie sehen die Uniform seines Regimentes. Nun ist's nicht schwer, auch den Namen zu erlangen, von welchem er doch wünscht, daß er ein Geheimniß bleiben soll.«

»Da machen Sie sich keine Sorge! Ich werde dieses Bild keinem Menschen zeigen, um den Namen des Originales zu erfahren, und – schnell, zu! Man kommt!«

Er verschloß schleunigst die Oeffnung, und im nächsten Augenblicke hörte er drüben die Kabinenthür öffnen. Die alte Dienerin war bei ihrer Herrin eingetreten. –

Am vorigen Morgen hatten Normann und Wallert den Lord aufgesucht, um wegen der Uhr mit ihm zu sprechen. Er war aber bereits fort gewesen. Sie bestellten sich zur bestimmten Zeit wieder auf die Yacht und trennten sich dann. Jeder seinen persönlichen Angelegenheiten nachgehend.

Normann dachte an die Nachmittagsstunde, in welcher er wieder das Glück haben werde, am Portrait der Geliebten zu arbeiten. Er gedachte der gestrigen Glückseligkeit, und dabei überkam es ihm wie eine plötzliche Angst, deren Grund er eigentlich nicht so recht einzusehen vermochte.«

Der Derwisch hatte ihm mißfallen. Warum wollte dieser Mensch grad Tschita sehen, er, der als armer Derwisch sie doch nicht kaufen konnte? Die einzige Antwort auf diese Frage war die, daß er im Auftrage eines Andern, eines Reichen gekommen war. Und jetzt, bei diesem Gedanken, wurde es Normann angst um das Herz. Es war ja möglich, daß Tschita verkauft sein konnte. Zwar war sie für den Padischa bestimmt; aber wenn ein Anderer gut zahlte, konnte er sie ja ebenso leicht erhalten.

Unter diesen Gedanken hatte er seine Schritte beschleunigt und sie nach der Gegend gelenkt, in welcher Barischa, der Mädchenhändler, wohnte. Dort lag das Haus. Sollte er hineingehen? Jetzt, zu so außergewöhnlicher Zeit? Pah, es gab ja Ausreden!

Er ging also durch den dunklen Flur und klopfte an die Thür, durch deren Fensterchen Barischa stets die lange Nase zu stecken pflegte. Sie erschien auch jetzt.

»Du bist es!« sagte der Alte erstaunt. »Komm herein!«

Er öffnete, betrachtete den jungen Mann verwundert und fuhr dann fort:

»Warum kommst Du am Morgen, da doch Nachmittag die Zeit zum Malen ist?«

»Ich habe heut am Nachmittag nicht Zeit, darum wollte ich Dich fragen, ob Du mir nicht erlauben willst, die Arbeit jetzt vorzunehmen.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht? Die Zeit kann Dir doch gleichgiltig sein. Deine Sclavinnen haben weder jetzt noch später Etwas zu thun.«

»Ja, die Zeit ist mir auch gleichgiltig; aber Du kannst weder jetzt am Morgen noch dann am Nachmittag malen.«

»Warum nicht?«

»Ich habe das Bild nicht mehr.«

Normann war es, als ob er einen Schlag über den Kopf erhalten habe. Er war todesbleich geworden und fragte:

»Wo hast Du es denn?«

»Verkauft.«

»Es ist ja noch gar nicht fertig.«

»Das schadet nichts.«

»Oho! Es ist auch noch nicht bezahlt. Es ist bis jetzt mein Eigenthum, und Du darfst es nicht verkaufen.«

»Mache keinen Scherz! Ich habe das Bild bestellt. Du hast es hier gemalt; es sind die Gesichtszüge einer meiner Sklavinnen. Es gehört also mir!«

»Ich mache keinen Scherz. Die Leinwand, welche ich bemalte, ist mein, die Farben waren mein, und die Arbeit ist die meinige. Ich will mein Bild haben!«

»Es ist verkauft.«

»Wohl mit der Sclavin?«

»Ja. Glaubst Du, daß ich Deine Farben verkaufen würde ohne das Mädchen? Kein Mensch würde mir einen Piaster dafür geben!«

»Wer hat Beides gekauft?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Ah, ich soll nicht erfahren, wer mein Bild hat?«

»Nein.«

»Ich werde es erfahren, denn ich werde zum Richter gehen.«

»Gehe hin! Kein Kadi und kein Mollah wird mir zumuthen, den Mann zu nennen, der sich von mir eine Sclavin gekauft hat.«

»Aber ein Kadi wird Dich zwingen, mir den Mann zu nennen, der mein Bild hat.«

»Er zwingt mich nicht, da es das Bild einer Sclavin ist. Uebrigens bezahle ich es Dir!«

»Es ist mir nicht feil!«

»Oho! Es war bereits der Preis ausgemacht!«

»Für das fertige Bild, aber nicht für das unvollendete. Ein Bild, welches noch nicht fertig ist, kann ich nicht verkaufen und nicht bezahlt nehmen. Ich verlange mein Bild zurück oder fordere, daß ich es vollenden darf für Den, dem es jetzt gehört!«

»Schweig! Hier nimm dreihundert Piaster! Das ist so gut bezahlt, als ob ich der Padischa sei.«

»Meinst Du?« Ich würde es Dir für Dreitausend Piaster nicht lassen.«

»So geh!«

»Gut, ich gehe, aber zum Richter.«

»Gehe zum Teufel oder zu wem Du sonst willst, nur packe Dich fort von hier!«

Normann erkannte, daß er nichts erreichen werde, und entfernte sich. Er war voller Wuth, nur hatte er sich zu beherrschen gewußt, um in dem Alten nicht die Ahnung zu erwecken, aus welch eigentlichem Grunde er wissen wolle, wohin das Bild gekommen sei.

Also hatte ihn die Angst, welche er vorher empfunden hatte, doch nicht getäuscht. Tschita war verkauft. Aber an wen? Er zermarterte sich den Kopf. Er hätte sich gleich hier auf der Gasse mit aller Welt zanken und prügeln mögen. Am Allerbesten war es, er suchte Freund Waller auf. Er fand ihn bereits auf der Yacht. Der Engländer war noch nicht aus dem Serail zurück.

Auch Wallert erschrak, als er das Geschehene vernahm. Beide überlegten mit einander, doch resultatlos, bis der Engländer endlich heimkehrte. Er hörte von Tschita und dem Bilde und sagte augenblicklich:

»Da steckt dieser verdammte Derwisch dahinter.«

»Natürlich!« antwortete Normann. »Das wissen wir auch, aber was hilft uns das?«

»Nehmt ihn vor! Er muß es sagen!«

»Wird sich hüten.«

»Na, Kinder, glaubt mir einmal: Der wird sich nicht hüten. Bringt ihn mir hierher auf meine Yacht; ich spanne ihn zwischen zwei Pfosten und lasse ihm die Peitsche oder das Tauende so lange auf- und anmessen, bis er beichtet.«

»Das glauben wir Ihnen. Was aber geschieht dann?«

»Dann? Hm! Dann haben wir eben das Mädchen.«

»Nein, geholt werden dann wir, und zwar wegen Mißhandlung eines Unterthanen des Großherrn, eines rechtgläubigen Moslem, eines frommen oder wohl gar heiligen Derwisches. Sie würden dann erfahren, was das zu bedeuten hat.«

»Pah! Ich bin Engländer!«

»Das schützt Sie vor der Genugthuung nicht. Nein. Auf diese Weise ist mir nicht geholfen.«

»Ich habe eine Idee,« sagte Wallert. »Sollte nicht Ali, der Eunuch, wissen, wo Tschita sich befindet? Du hast ihn gut bezahlt und er ist auf seinen Herrn zornig. Es steht sehr zu erwarten, daß er das Geheimniß verräth.«

»Wenn er es überhaupt kennt.«

»Das muß man eben versuchen.«

»So müßte man hingehen.«

»Natürlich.«

»Ich darf mich nicht wieder sehen lassen.«

»So gehe ich.«

»Du erhältst nicht die Erlaubniß zum Eintritt. Ungläubige werden nicht hereingelassen. Der Eunuch hat ja wegen Mylord hier die Peitsche erhalten.«

»So verkleide ich mich als Moslem!«

»Du? Dazu reicht Deine Kenntniß der türkischen Sprache nicht aus. Nein. Es kommt mir da ein Gedanke, welcher vielleicht zum Ziele führt. Ich selbst gehe hin, um mit dem Schwarzen zu sprechen.«

»Ich denke, Du darfst dem Alten nicht mehr kommen?«

»Allerdings. Zu ihm aber will ich ja auch gar nicht, sondern zu dem Schwarzen. Wir müssen auf ein Mittel sinnen, den Händler auf kurze Zeit aus dem Hause zu locken, wenigstens so lange, als ich mit dem Eunuch spreche.«

»Das geht. Aber das Mittel, den Alten zu entfernen?«

»Sinnen wir nach. Uebrigens hat es noch Zeit. Gleich darf man ihm keineswegs kommen; das könnte auffallen.«

Darauf brachte der Engländer die Idee einer Spazierfahrt zum Vorschein, und die Beiden stimmten bei. Hätte Normann gewußt, daß diese Fahrt sich bis zum späten Abende ausdehnen werde, so hätte er freilich verzichtet. Die Ansicht, daß er mit seiner Erkundigung nach Tschita noch warten könne, war keineswegs so gemeint, daß er bis morgen noch warten wolle. Nein, heute wollte er es schon wissen. Sie war verkauft, also das Eigenthum eines Andern. Was konnte da bis morgen Alles geschehen.

Aus diesem Grunde bemächtigte sich seiner am Abende eine große Unruhe, welche zu beherrschen er große Mühe hatte. Der Vorfall mit der Rettung Steinbach's brachte ihn auf andere Gedanken, und dann gab es ja den Gang hinaus nach dem Harem Ibrahim Paschas. So wurde der Gedanke an den Verlust der Geliebten so ziemlich zurückgedrängt.

Es war wohl anderthalb Stunden vor Mitternacht, als die Drei sich auf den Weg machten. Natürlich hatten sie sich wieder in die Anzüge gesteckt, welche sie bereits gestern getragen hatten.

Der Lord schritt mit langen Schritten voran. Er mußte von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um die andern Beiden, denen er vorausgeeilt war, herankommen zu lassen.

Außerhalb des eigentlichen Straßengewirres angekommen, konnten sie sich nun auch besser unterhalten. Der Lord begann. Er war bisher still gewesen, drehte sich aber jetzt plötzlich zu Wallert hin und sagte:

»Natürlich werde ich der Brautführer!«

»Bei welcher Hochzeit?«

»Na, bei der Ihrigen.«

»Sie meinen, daß ich die Dame gleich heut mitnehme?«

»Ja. Es ist das Allerbeste.«

»Warten wir es ab! So schnell, wie Sie denken, entwickeln sich solche Angelegenheiten nicht. Zunächst habe ich mit ihr noch kein einziges Wort gesprochen.«

»Na, ich darf doch mit ihr reden, wenn sie kommt.«

Wallert blieb erstaunt stehen. Er fragte:

»Wollen Sie etwa mit hinein in den Garten?«

»Soll ich etwa draußen bleiben und Pfannkuchen backen?«

»Und mit hin zum Stelldichein?«

»Warum denn nicht?«

*

9

»Nein, Mylord! Dabei kann ich Sie freilich nicht gebrauchen.«

»Donnerwetter! Warum denn nicht?«

»Bitte, Mylord, die Liebe ist gern ungestört!« schlug sich Normann in das Mittel. »Wir lassen ihn natürlich allein; aber wir werden ihn bewachen.«

»Schön! Gut! Da bin ich einverstanden! Aber wie bewachen wir ihn denn? Etwa von außerhalb?«

»Nein. Wir müssen mit hinein.«

»Das denke ich auch. Uebrigens wünschte ich, wir würden so ein Bischen erwischt! Hurrjesses wäre das eine Lust, wenn man mir wegen einer Entführung aus dem Harem den Prozeß machen wollte! Aber, sehen Sie, da höre ich Wasser plätschern, und da ist auch die hohe Mauer.«

»Ja, das ist dasselbe Wasser, in welchem gestern Sie selbst plätscherten. Also warten wir einen Augenblick. Wir haben zu bestimmen, was wir thun werden, falls man uns entdeckt.«

»Wir können nur Eins thun,« antwortete Wallert. »Ueber die Mauer können wir nicht. Wir müssen also wieder zu dem Thore hinaus, selbst dann, wenn wir uns durchzuschlagen hätten. Zu fürchten brauchen wir uns grad nicht. Jeder ein Messer und zwei Revolver, macht sechsunddreißig Schüsse. Damit schicken mir ja sämmtliche Geschöpfe, welche hinter dieser Mauer leben, zum Teufel. Die Hauptfrage aber ist, wer den Schlüssel behält.«

»Master Normann,« meinte der Engländer. »Ich selbst mag ihn nicht, und Master Wallert wird mit seiner Sultana so beschäftigt sein, daß ich ihm den Schlüssel auf keinen Fall anvertrauen möchte.«

Die Beiden stimmten bei. Jetzt nun schlichen sie sich längs des Baches und der Mauer hin, bis die Letztere nach rechts abbog und über den Ersteren eine schmale Brücke führte. Auf dieser gelangten sie nach derjenigen der drei Mauern, welche die Grundlinie des spitzwinkeligen Dreiecks bildete.

Nur Schritt vor Schritt und so lautlos wie möglich schlichen sie sich an dieser Mauer entlang, bis sie das große Thor erreichten, in dessen einem Flügel sich wieder eine kleinere Thür befand, welche sie mit dem Schlüssel öffnen konnten.

Drinnen, innerhalb der Mauern, schien sich nichts zu regen. Normann nahm den Schlüssel, befeuchtete den Bart desselben in seinem Munde, damit er leichter schließe, und steckte ihn an. Ein leises, ganz leises Klingen; dann war es geschehen.

»Es ist auf. Kommt!«

Mit diesen Worten schritt er voran. Innerhalb angekommen, wurde die Thür natürlich wieder verschlossen. Dann blieben die drei muthigen Eindringlinge noch einige Augenblicke stehen, um zu lauschen. Es regte sich kein Lüftchen. Und das Gebäude lag schwer und dunkel vor ihnen.

»Jetzt nun hinter in die Ecke!« meinte der Lord und hob bereits den Fuß, um in gerader Richtung diesem Ziele zuzuschreiten; da aber hatte Normann ihn schnell am Kragen.

»Um aller Welt, Mylord, wo wollen Sie denn hin?«

»Nun, hinter in die Ecke. Ich sagte es ja.«

»Aber doch nicht hier gradaus, durch den Hof hindurch und über die Steinfliesen hinweg! Nein; wir dürfen den Umweg nicht scheuen und müssen uns immer nur an der Mauer hinschleichen. Kommen Sie also!«

Sie gingen im Gänsemarsch, Einer hinter dem Andern, rechts an der Mauer hin, und bogen dann an der nächsten nach links ab. Hier stand dichtes Gebüsch, nach Jasmin und anderen Blüthen duftend. Sie gelangten bald so weit, daß sie die hintere Seite des Gebäudes überblicken konnten. Da gab es ein erleuchtetes Fenster, welches aber von innen durch ein Holzgitter verschlossen war.

»Ob sie dort wohnt?« meinte der Lord.

»Vielleicht. Eine Treppe hoch. Es wird ihr jedenfalls nicht leicht werden, sich unbemerkt in den Garten zu schleichen.«

»Das ist ihre Sache. Mag sie es sich leichter machen! Wir haben es uns auch so bequem als möglich gemacht und sogar den Hausschlüssel mitgebracht. Doch bitte, suchen wir zunächst die berühmte Ecke!«

Der Garten war nicht etwa klein, sondern er umfaßte ein ziemlich bedeutendes Areal. Sie hatten eine ziemlich bedeutende Strecke im Dunkel zurückzulegen. Endlich näherten sich die beiden Mauern, welche die betreffende Ecke bildeten, einander immer mehr. Etwa zwanzig Schritte vorher, ehe sie sich berührten, stand ganz in der Nähe der linken Mauer eine starke Platane, die einige ihrer Aeste, indem sie die Mauer weit überragte, noch über dieselbe hinausschickte.

»Die Freunde hatten bei der Recognition diesen Umstand übersehen können, da sie sich auf der anderen Seite des Gartens befunden hatten. Normann blieb an dem Baume stehen und blickte an demselben empor. Er sagte:

»Hm! Vielleicht steht diese alte Platane zu unserem Glücke da.«

»In wiefern?« fragte der Engländer.

»Da, blicken Sie in die Höhe! Die Aeste zeichnen sich ziemlich deutlich gegen den Sternenhimmel ab. Zwei oder drei von ihnen gehen horizontal nach der Mauer und noch über dieselbe hinaus. Können Sie klettern, Mylord?«

»O, wie ein Eichkätzchen.«

»Ich auch und Freund Wallert ebenso. Falls wir entdeckt werden oder falls man wenigstens eine Ahnung von unserem Hiersein bekommen sollte, brauchen wir es nicht sogleich zu einem Kampfe oder Blutvergießen kommen zu lassen.«

»Warum nicht: Es sollte mich freuen, wenn ich einigen von diesen Muselmännern ein paar Revolverkugeln geben könnte!«

»Das ist sehr tapfer gedacht, keineswegs aber menschlich und auch klug. Menschenblut ist ein kostbarer Saft, den man nicht ohne die allergrößte Nothwendigkeit vergießen soll und für uns ist es weit vortheilhafter, im Stillen verschwinden zu können, als gezwungen zu sein, uns mit Gefahr des Lebens durchzuschlagen.«

»Gebe ich zu. Meinen Sie, daß wir uns aus diesen Baum verstecken sollen?«

»Nein. Man würde uns trotz der Dunkelheit bemerken. Wir würden Punkte bilden, die so groß sind, daß sie Demjenigen, welcher hier emporblickt, beim Sternenflimmer auffallen müssen. Nein, auf die Mauer müssen wir uns gegebenen Falles, retiriren.«

»Pfui Teufel! Auf so einem Aste hinüberrutschen?«

»Ja. Drüben würden wir so lange Zeit ruhig und unbeweglich liegen bleiben, bis die Gefahr vorüber ist.«

»Sehr gut! Aber wenn ich das gewußt hätte, so hätte ich ein Unterbette und einige Kopfkissen mitgenommen. Doch wie nun, wenn wir uns da drüben nicht legen können?«

»Was sollte uns hindern?«

»Ich habe Mauern gesehen, ganz verteufelte Mauern für Spitzbuben und dergleichen Ehrenmänner, Mauern, auf welche man spanische Reiter befestigt oder scharfe Eisenspitzen. Ja, ich habe sogar Mauern gesehen, aus welche der niederträchtige Besitzer Glasscherben befestigt hatte. Das würde ein sehr unbequemes Lager geben.«

»So müssen wir uns vorher überzeugen, ob auch hier so etwas Aehnliches angebracht ist.«

»Gut! Ich werde also einmal hinausmachen.«

Er umspannte mit seinen langen Armen den Baum, um sofort hinaufzuklettern. Normann aber hielt ihn zurück.

»Bitte, Mylord, wollen Sie das nicht mir überlassen?«

»Warum?«

»Ich weiß nicht, ob Sie gut klettern.«

»Und ich weiß ebenso wenig, ob Sie es können. Nein, ich bin der Längste, und ich mache hinauf.«

Er holte aus und that einen gewaltigen Sprung empor. Etwa fünf Ellen über der Erde erfaßte er den Stamm mit den Armen, schlang die Beine um denselben und – husch, husch, ging es empor. Er erreichte einen der betreffenden Aeste, legte sich lang darauf und schob sich hinüber nach der Mauer. Das ging so schnell und sicher, als hätte er Zeit seines Lebens nichts Anderes gethan, als Vogelnester ausgenommen. Drüben angekommen, glitt er von dem Aste auf die Mauer und begann, dieselbe zu untersuchen.

»Der Kerl ist doch gewandt!« bemerkte Normann.

»Gewandter als ich es ihm zugetraut habe. Da kommt er bereits wieder.«

Sie sahen, daß er sich wieder auf den Ast legte und sich nach dem Stamme zurückschob. Er erreichte denselben, glitt mit den Beinen herab und legte dieselben um den Stamm, während er mit den beiden Händen den Ast noch festhielt. In dieser Stellung blieb er so lange Zeit hängen, daß es auffällig wurde.

»Na, kommen Sie!« raunte ihm Normann zu.

»Ja, ich möchte wohl!« antwortete er.

»Warum also nicht?«

»Ich hänge!«

»Das sehen wir. Aber eben hängen bleiben sollen Sie nicht!«

»Kann ich anders! Da ist ein kleiner Aststummel, an dem ich mit der Uhrkette festgerathen bin.«

»So halten Sie sich mit der einen Hand fest, während Sie mit der andern die Kette lösen.«

»Schön! Will sehen!«

Sie hörten ihn ächzen. Er baumelte eine ganze Weile hin und her, wobei er sich nur mit einem Arme festhielt.

»Ziehen Sie sich wieder ganz hinauf!« rieth Wallert.

»Gut, ja! Eins, zwei und drei! Alle Teufel! Oh! Oh!«

Er kam herabgesaust und lag auf der Erde, Arme und Beine weit von sich streckend.

»Himmel! Haben Sie sich Schaden gethan?« fragte Normann besorgt, neben ihm niederknieend.

»Sapperlot! Ich hoffe doch nicht!«

»Können Sie aufstehen?«

»Will es versuchen! Ja, es geht.«

Er stand langsam auf.

»Fühlen Sie Schmerz. Mein Gott! Wenn Sie irgend Etwas gebrochen hätten!«

»Na, Schmerz habe ich grad nicht. Und wenn ich Etwas gebrochen hätte, so könnte es doch nur ein Knochen sein, und daraus machte ich mir nicht viel.«

»Oho! Ein Knochenbruch hat nicht wenig zu bedeuten, zumal in unserer augenblicklichen Lage!«

»Bei mir weniger. Meine Knochen sind nämlich alle nummerirt und eingeschrieben. Verlieren kann ich also keine, ohne daß ich es später merke.«

»Sie können scherzen? Das beruhigt mich.«

»O, ich bin selbst auch ganz ruhig; nur der Kopf brummt mir ein Wenig; das ist Alles!«

»Haben Sie die Uhr?«

»Ja, hier. Sie ist mir aus der Tasche gerissen worden, hängt aber an der Kette.«

»Stecken Sie sie lieber sammt der Kette ein, damit der Fall sich nicht wiederholen kann. Wie haben Sie die Mauer gefunden?«

»Sehr geeignet für unsere Zwecke. Sie ist oben mit Platten belegt, welche über drei Fuß breit sind, so also, daß wir uns ganz gut darauf legen können, ohne von unten gesehen zu werden.«

»Das ist gut. Gehen wir weiter!«

»Halt! Vorher noch Eins! Was thun wir dann in dem Falle, daß wir auf die Mauer flüchten müssen und man kommt uns nach?«

»Nun, in diesem Falle müssen wir zwischen zwei Gefahren die kleinere wählen. Entweder springen wir draußen hinab – – «

»Und brechen den Hals!«

»Das riskiren wir freilich. Oder wir vertheidigen uns. Welches von Beiden das Bessere ist, läßt sich jetzt nicht entscheiden; das können wir dann aus den Umständen ermessen. Also bitte, jetzt weiter!«

Sie erreichten nach wenigen Schritten die Ecke. Dort gab es niedriges Gebüsch, dessen Spitzen nicht die Höhe der Mauer erreichten. Es waren Rasenstücke zu einer Bank über einander gehäuft, welche ein sehr bequemes Ruheplätzchen bot. Die drei Männer durchsuchten das Buschwerk und überzeugten sich, daß sich Niemand in demselben befand.

»Also hier warte ich,« sagte Wallert. »Wo aber werdet Ihr Euch verstecken?«

»Verstecken werden wir uns wohl nicht,« antwortete Normann. »Wir haben für Deine Sicherheit zu sorgen, wir müssen Wache stehen, dürfen uns also keinen versteckten Ort aufsuchen. Wir werden so weit, als nöthig ist, zurückgehen und uns an dem Wege, welcher vom Gebäude hierher führt, in das Gras legen. Da sieht man uns nicht, während wir hingegen jeden sich Nähernden bereits von Weitem bemerken oder hören werden. Kommen Sie, Mylord!«

»Können wir nicht noch ein Wenig hier sitzen bleiben?« fragte der Engländer. »Master Wallert ist doch erst um Mitternacht bestellt.«

»Es wird an zwölf Uhr gar nicht viel fehlen, also halte ich es für das Beste – pst! Horch!«

Sie lauschten. Von dem Gebäude her ließ sich ein Geräusch vernehmen, welches sehr leise war, doch hörten sie wenigstens so viel, daß es näher kam.

»Es kommt Jemand,« flüsterte Normann. »Schnell, verstecken wir uns in die Büsche!«

»Warum?« meinte der Lord. »Es wird der Bote sein, der junge Mensch, welcher unser Verbündeter ist.«

»Vielleicht. Es kann aber auch ein Anderer sein. Wir müssen sehr sicher gehen.«

Sie steckten sich in das Strauchwerk. Die leisen Schritte kamen näher. Die Versteckten erkannten bald die Gestalt, vermochten aber die Gesichtszüge nicht zu sehen.

»Pst!« machte er es.

Natürlich wurde keine Antwort gegeben.

»Hermann Wallert Effendi!«

Da er diesen Namen nannte, wußten sie, daß es ihr Verbündeter sei und kamen hervor.

»Um Allahs Willen!« meinte er erschrocken, als er drei Personen erblickte. »Wer ist das?«

»Wir sind es,« antwortete Wallert. »Fürchte Dich nicht.«

»Drei Leute! Du solltest doch allein kommen!«

»Ich habe die Freunde mitgebracht, damit sie für meine Sicherheit wachen sollen.«

»Das werde ich thun. Einer allein ist viel sicherer, als Drei es sind. Laß sie wieder fort!«

»Das geht nicht. Nun sie einmal im Garten sind, mögen sie auch bleiben. Wann wird die Herrin kommen?«

»Zykyma sendet mich, um nachzusehen, ob Du hier bist. Sie wird kommen, sobald sie erfährt, daß Du Dich bereits eingestellt hast. Wie seid Ihr in den Garten gekommen?«

»Durch das Eingangsthor.«

»Dazu gehört doch der Schlüssel!«

»Wir sind Franken. Hast Du noch nicht gehört, daß die Franken die Kunst kennen, jedes Schloß zu öffnen?«

Er wollte ihm nicht direct mittheilen, in welcher Weise sie gestern in den Besitz des Schlüssels gekommen waren.

»Werdet Ihr auch wieder durch das Thor hinausgehen?«

»Ja; sorge Dich nicht um uns und hole Zykyma!«

»Ich muß mich sehr wohl sorgen. Es scheint nämlich nicht Alles in Ordnung zu sein. Der Herr ist da.«

»Ah! Ibrahim Pascha?«

»Ja. Und er hat den Derwisch mit. Wenn dieser sich hier befindet, giebt es stets Etwas, worüber man sich nicht freuen kann. Sie kamen bereits am Nachmittage.«

»Was wollen sie? Was thun sie?«

»Was sie wollen, weiß ich nicht. Sie thun sehr geheimnißvoll; ich habe nichts sehen und auch nichts erfahren können; aber es scheint, daß sie einpacken, grad so, als ob sie verreisen wollten.«

»Man wird doch nicht etwa Zykyma mitnehmen wollen!«

»Das glaube ich nicht. Ich habe den Harem ohne Aufenthalt umschlichen und nicht bemerkt, daß von dem Eigenthum der Frauen Etwas mit eingepackt worden sei.«

»In welchem Gemache wohnt sie?«

»In demjenigen, dessen Gitter Ihr dort erleuchtet sehen könnt.«

»Dachte es mir! Wie aber kommt sie herab?«

»Da vorn an der Mauer liegt eine Leiter, welche der Aufseher des Gartens gebraucht, wenn er die Bäume beschneidet. Ich lege sie an und Zykyma wird an ihr herabsteigen. Sie kommt hierher und die Leiter bleibt lehnen, bis die Herrin zurückkehrt.«

»Aber wenn zufällig Jemand kommt und sie bemerkt!«

»Ich stehe vorn im Hofe Wache und werde alles Auffällige sogleich melden. Aber diese beiden Effendi hier sind nicht von Zykyma bestellt. Sie dürfen nicht hier bleiben, wenn sie kommt!«

»Nein, sie werden gehen. Ich habe Dir ja gesagt, daß sie Wache halten werden.«

»So mögen sie sich in Acht nehmen, daß ihnen nicht selbst ein Unglück geschieht. Allah sei mit Euch!«

»Warte! Hier hast Du Etwas! Wenn uns nichts zustößt, wirst Du noch mehr bekommen.«

Er wollte ihm ein Geschenk geben, aber der Lord hielt ihn zurück und wendete dagegen ein:

»Halt, Master Wallert! Was das anbetrifft, so ist es meine Sache. Es handelt sich um eine Entführung aus dem Serail und die bezahle ich! Wieviel wollten Sie denn diesem Kerlchen geben?«

»Ich hatte zwei Goldstücke da.«

»Werde ihm fünfe geben, einstweilen. Später natürlich bekommt er mehr. Hier, Kleiner, hast Du! Kaufe Dir Pfefferkuchen dafür, oder Pantoffeln, oder was Dir sonst beliebt. Das Geld ist Dein.«

Der Diener verstand die in englischer Sprache gesprochenen Worte zwar nicht; da er aber das Geld in der Hand fühlte, wußte er natürlich, was gemeint war.

»Allah segne Dich!« sagte er. »Er lasse Deine Kinder und Kindeskinder wachsen wie den Sand am Meere!«

Er ging. Der Lord aber fragte:

»Was meinte er?«

»Allah soll Ihre Kinder und Kindeskinder wachsen lassen wie den Sand am Meere.«

»Hole ihn der Kuckuck! Ich glaube, der Kerl will mich foppen. Ich habe keine Kinder, also können meine Kinder auch keine Kinder haben: von Kindeskindern kann also gar keine Rede sein!«

»Der gute Mensch ist eben über die einfachen Familienverhältnisse Euer Lordschaft nicht unterrichtet. Wir wollen nun vorwärts gehen und unsern glücklichen Freund allein lassen.«

»Ja, ganz richtig! Glücklich ist er! Er hat Eine, Eine aus dem Harem, und wird sogar allein mit ihr gelassen! Ob so Etwas nicht auch einmal mir passiren könnte! Ich könnte ganz ebenso eine hübsche Za– Ze– Zo– Zi–na, wie ist der Name?«

»Zykyma.«

»Schön! – – ebenso eine hübsche Zykyma gebrauchen. Leider aber scheint dieser türkische Allah eine Pike auf mich zu haben; er thut ganz so, als ob ich gar nicht da sei, oder als ob es für mich gar keine Sultana gebe. Aber, ich finde doch noch Eine und soll ich sie sonstwo suchen! Na, kommen Sie, Master Normann! Wir wollen die Beiden nicht stören. Ich habe es zwar an mir noch nicht erfahren; von Anderen aber habe ich gehört, daß es zu Zweien am Schönsten sei und daß der Dritte sich getrost zum Teufel scheeren könne. Wünsche prosit die Mahlzeit, Master Wallert!«

Die Beiden gingen. Sie folgten dem mit weichem Sande bestreuten Wege, welcher aus der Gartenecke nach dem Haus führte. Er war zu beiden Seiten mit kurzen Unterbrechungen mit Ziersträuchern besetzt. Bei einem dieser Bosquets blieb Normann stehen und sagte:

»Hier wird der beste Ort sein. Es ist die Hälfte des Weges. Wir können hören, wenn von dem Hause her Jemand kommt, und dann den Freund sogleich warnen. Legen wir uns hier hinter dem Busche in das Gras!«

Sir thaten es. Sie konnten ganz genau das Fenster sehen, hinter dem die Erwartete wohnte. Das Licht drang durch die kleinen quadratischen Zwischenräume des hölzernen Gitters, mit welchem es verschlossen war.

Nach einiger Zeit verschwand das Licht und das Fenster wurde dunkel.

»Sie hat ausgelöscht,« flüsterte der Lord. »Das ist sehr gescheidt von ihr. Sollte ja Jemand lauschen, so sieht man sie nicht herabsteigen. Diese Haremsdamen sind doch nicht weniger pfiffig als die Unsrigen, welche es auch sehr gut anzufangen wissen, einem geliebten Heißgeliebten in die Arme zu fliegen.«

Ihr Verbündeter hatte die Leiter geholt und hatte sie angelegt, war hinaufgestiegen und hatte leise an das Gitter geklopft. Als er dabei durch die Zwischenräume desselben blickte, sah er Zykyma mit Tschita und deren Mutter in einer Stellung, welche hohe Erwartung ausdrückte, auf dem Divan sitzen. Die Erstere kam an das Gitter heran und fragte leise:

»Ist es ihm geglückt, hereinzukommen?«

»Ja; er wartet in der Ecke.«

»Gleich.«

Sie blies das Licht aus, trat auf die Kissen, welche sie am Fenster bereits übereinander gelegt hatte und stieg, nachdem sie mit Hilfe Tschita's das Gitter entfernt hatte, hinaus auf die Leiter und hinunter in den Garten. Dort stand der Diener, welcher die Leiter festgehalten hatte.

»Herrin, er ist nicht allein gekommen,« meldete er. »Er hat die beiden Andern mitgebracht.«

»Welche Unvorsichtigkeit!«

»Sie sollen Euch bewachen und beschützen, falls Ihr vielleicht entdeckt werden solltet.«

»Sie werden uns nicht beschützen können, sondern ihre Anwesenheit ist viel eher geeignet, uns zu verrathen. Sind sie bei ihm?«

»Nein. Sie werden nicht hören, was Du mit ihm sprichst. Sie wachen mehr in der Nähe des Hauses.«

»So gehe Du nach dem Hofe und halte die Augen und die Ohren offen.«

»Erlaube mir vorher eine Frage, o Herrin! Wirst Du mit diesem Franken aus dem Harem gehen?«

»Wenn ich es beabsichtigte, würdest Du mich verrathen?«

»Nein. Allah ist mein Zeuge, daß ich Dir treu bin und daß ich es ehrlich und aufrichtig mit Dir meine!«

»So will ich es Dir sagen, daß es sehr leicht möglich ist, daß ich mit ihm gehe.«

»Wann? Heut schon?«

»Nein. Doch wenn es die Umstände erfordern, so werde ich auch heut schon gehen.«

»O, nimm mich mit, o Herrin!«

»Das ist meine Absicht. Du hast mir große Dienste geleistet, und so werde ich Dich gern mitnehmen. Doch gehe jetzt. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Er entfernte sich nach dem Hofe zu und sie ging nach der Gartenecke. Als sie an den beiden wachthabenden Lauschern vorüberging, flüsterte der Engländer:

»Da ist sie! Da schwebt sie auf den Fittigen der Liebe! Und wir kleben hier am Erdboden. Ich bin neugierig, wenn einmal Eine zu mir geschwebt kommt!«

Wallert saß in tiefer Erwartung auf der Bank. Das Herz klopfte ihm fast laut. Er verkannte keineswegs die Größe seines Wagnisses; noch größer aber war das Glück, zu wissen, daß die Geliebte zu ihm kommen werde.

Er hörte ihre leichten Schritte, noch ehe er ihre dunkel verhüllte Gestalt sehen konnte. Da trat sie heran; er erhob sich und erhob auch seine Arme, fast unwillkürlich, um sie zu fassen und an sich zu ziehen. Doch ließ er die Arme wieder sinken, als sie in freundlichem, aber kaltem Tone sagte:

»Allah grüße Dich! Du hast verlangt, mit mir zu sprechen.«

»Bist Du Zykyma?« fragte er.

»So heiße ich.«

»Die ich draußen im Thale der süßen Wasser gesehen habe?«

»Gesehen hast Du mich nicht, sondern nur meine Hand, welche ich Dir reichte, um Dir zu danken.«

»O, nicht blos Deine Hand habe ich gesehen, sondern Dich selbst, ganz unverhüllt, als Du mit Deinen Gefährtinnen hinter den Büschen spieltest.«

»So hast Du uns belauscht?«

»Ja. Zürnst Du mir darob?«

»Nein. Aber Du hast Dein Leben gewagt. Setze Dich, und erlaube, daß ich mich neben Dich setze. Dann können wir weiter sprechen.«

Das klang zwar freundlich, aber keineswegs so, wie Eine, deren Herz nach dem Geliebten schmachtet, sprechen würde. Er ließ sich nieder und sie setzte sich neben ihn. Sie saßen hart aneinander, so daß sie sich berührten. Er hatte geglaubt, daß dieses Beisammensein ihm die größten, süßesten Wonnen erschließen und bringen werde, und nun war es ihm, als dürfe er nicht eine Hand nach ihr ausstrecken und sie nicht mit der Spitze eines Fingers berühren. Es entstand eine kurze, fast peinliche Pause, dann fragte sie:

»Jetzt hören wir einander. Warum hast Du gewünscht, mit mir zu sprechen?«

»Kannst Du Dir das nicht denken, Zykyma?«

»Ich weiß nicht, ob ich es errathe.«

»Nun, was hast Du gerathen?«

»Du hast mich belauscht und mich ohne Verhüllung gesehen; ich habe Dir gefallen, und nun wünschest Du, mich besuchen zu dürfen, um, wenn Du in Deine Heimath zurückkehrst, erzählen zu können, daß Du so muthig und zugleich so unwiderstehlich gewesen bist, in einen Harem einzudringen und eine der Frauen zu erobern.«

»Dann hast Du falsch gerathen, sehr falsch!«

»Und was ist das Richtige?«

»Daß ich Dich liebe, wirklich und wahrhaft liebe, von ganzem Herzen und mit ganzer Seele.«

»So sagt ein Jeder, welcher ein Weib zum Zeitvertreibe erobern will.«

»Zum Zeitvertreibe? Es ist mir mit meinem Kommen Ernst, heiliger Ernst. Kennst Du die Erzählung, daß bei der Geburt eines Knaben Allah im Himmel den Namen des Mädchens ausruft, welches ihm gehören soll, obgleich es erst später geboren wird?«

»Ich habe davon gehört. Es ist keine muhammedanische, sondern eine christliche Legende.«

»Nun, als ich Dich sah, da war es ganz so, als habe Allah bei meiner Geburt keinen anderen Namen ausgerufen als den Deinigen, als ob meine Seele sich mit keiner andern Seele vereinigen könne, als mit der Deinigen. Ich gehörte von diesem Augenblicke an Dir, nur Dir, und es war sicher und gewiß, daß ich mein Leben wagen werde, um mit Dir sprechen und mit Dir vereinigt sein zu können. Darum war ich so glücklich, als Deine Thiere scheu wurden und ich sie halten durfte. Ich hörte Deine Stimme, ich erblickte Deine Hand, Dein schönes Händchen, welches ich küssen durfte, und dann, als ich Dich im Bazar wieder sah, war mein Entzücken mit keinem irdischen Maß zu messen. Willst Du nun noch sagen, daß ich heut nur zum Zeitvertreibe zu Dir gekommen bin?«

Er hatte mit Innigkeit gesprochen und neigte ihr jetzt sein Gesicht zu, um nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, welchen Eindruck seine Worte hervorgebracht hatten. Sie hatte sich nicht entschleiert; sie ließ auch jetzt noch ihr Gesicht verhüllt. Sie senkte das Köpfchen eine ganze Weile lang und sagte dann in gepreßtem Tone:

»So liebst Du mich wirklich?«

»So wie ein Mann nur lieben kann!«

»Und wünschest mich zu Deinem Weibe?«

»Ja. Ich schwöre Dir zu, daß ich nicht in leichtfertiger Absicht und um ein Abenteuer zu erleben, zu Dir gekommen bin!«

»Nicht wahr. Du bist ein Christ?«

»Ja.«

»Und ich bin eine Anhängerin des Propheten.«

»Ich liebe Dich trotzdem.«

»Und begehrst mich trotzdem zum Weibe?«

»Ja.«

»Darf eine Muhammedanerin das Weib eines Christen sein?«

»Hältst Du das für unmöglich?«

»Nein; aber ich habe falsch gefragt. Ich wollte sagen: Ist es einem Christen erlaubt, eine Muhammedanerin zum Weibe zu nehmen?«

»Nein. Aber die Liebe kennt keine Hindernisse!«

»Gut! Wenn ich Dir meine Liebe verspräche, würdest Du, um mich zu besitzen, Deinen Glauben verlassen und zu dem meinigen übertreten?«

Diese Frage frappirte ihn, dennoch antwortete er rasch:

»Nein.«

»So liebst Du mich nicht!«

»O, doch. Mein Leben, meine Seele gehört Dir, wenn ich Dir auch meine ewige Seligkeit nicht zu opfern vermag.«

»So meinst Du, daß ich Dir zu Liebe meinen Glauben verlassen werde?«

»Ich habe gewagt, dies zu hoffen.«

»So erwartest Du von mir eine größere Liebe, als die Deinige ist, einen größeren Opfermuth, als Du besitzest. Mein Glaube ist mir so viel werth, wie Dir der Deinige.«

»Können wir nicht einander gehören, ohne unserem beiderseitigen Glauben zu entsagen?«

»Nein, da Du mir mitgetheilt hast, daß ein Christ nicht eine Anhängerin des Islam zum Weibe haben dürfe.«

Er erhob sich von seinem Platze und sagte in traurigem Tone:

»Als Du mir diese Zusammenkunft gewährtest, dachte ich nicht, daß unser Gespräch ein solches sein werde. Es zog mich mit aller Gewalt Dir entgegen; es war mir, als ob alle Himmel sich mir öffnen würden, und nun – –«

Er schwieg; er vollendete seinen Satz nicht und wendete sich ab. Sie aber sagte in bittendem Tone:

»Ich bin gezwungen, in dieser Weise mit Dir zu sprechen. Du bist zwar ein Mann, aber noch jung; Deine Phantasie hat Dich überwältigt und fortgerissen. Du kennst das Leben noch nicht und glaubst, ein ewiges Glück zu erringen, wenn Du einer Herzenswallung gehorchst, welche doch nur der Augenblick geboren hat und die also ein baldiges Ende finden wird.«

»Meine Phantasie hat mich fortgerissen, meinst Du? O, ich wollte, ich wäre ein so idealer Charakter, für den Du mich da hältst. Ich bin noch jung und habe also keine Erfahrung? Wollte Gott, es wäre so, dann wäre mir so Manches erspart geblieben, was den Menschen vor der Zeit ergrauen läßt. Laß uns mit einander aufrichtig sein! Der Empfang, welchen ich bei Dir finde, ist nicht ein solcher, wie ein liebendes Herz ihn gewährt. Du liebst mich nicht?«

»Nein,« antwortete sie leise.

Das war ein so kurzes Wort und doch sagte es so sehr viel, doch enthielt es Alles, was ihm Unglückliches gesagt werden konnte.

»Warum ließest Du mich dann kommen?« fragte er.

Und als sie mit ihrer Antwort zögerte, fuhr er schnell und in plötzlicher Erregung fort:

»Wie! Sollte ich recht ahnen! Weib! Mädchen! Dann hättest Du Dich freilich in mir ebenso getäuscht, wie ich mich in Dir!«

Er hatte die Hand in die Tasche gethan, in welcher sich der Revolver befand.

»Was meinst Du?« fragte sie.

»Du hast mich in eine Falle gelockt!«

»Das glaubst Du, das?«

»Ja. Bereits gestern wollte man mich ergreifen, und da dies mißlungen ist, soll es heut geschehen.«

»O Allah! Das traut er mir zu!«

»Muß ich nicht?«

»Ja, Du hast Veranlassung, es zu vermuthen; aber dennoch ist es ein Irrthum. Setze Dich ruhig wieder zu mir nieder und laß uns weiter sprechen!«

»Was könnten wir noch zu besprechen haben?«

»Sehr viel!«

»Nichts, gar nichts. Du sagst mir, daß Du mich nicht liebst, das ist genug. Ich habe hier nichts mehr zu suchen und kann gehen.«

»So willst Du eine Unglückliche verlassen, welche Dich um Deinen Beistand, um Deine Hilfe bitten will!«

Er hatte sich bereits von ihr abgewendet und um einige Schritte von ihr entfernt; es war ihm nicht geheuer; er traute nicht so recht. Wenn sie ihn nicht liebte, so konnte es doch nur den einen Grund geben, daß sie ihn in eine Falle gelockt hatte. Aber bei ihren jetzigen Worten drehte er sich ihr wieder zu.

»Meine Hilfe?« fragte er. »Unglücklich bist Du?«

»Unendlich! Darum erlaubte ich Dir, in den Garten zu kommen.«

»Ah, schön! Soll ich Dich entführen?«

»Ja.«

»Wann?«

»So bald wie möglich.«

»Und wohin?«

»Wohin Du willst. Ich folge Dir nach jedem Orte, nur fort von hier!«

»Als was willst Du mir folgen, wenn Du mich nicht liebst? Doch nicht als mein Weib?«

»Nein; das ist mir unmöglich. Aber ich bitte Dich, mein Freund zu sein, und mich als Deine Freundin, als Deine Schwester von hier fortzubringen!«

Jetzt war auch sie aufgestanden. Sie hatte den Schleier von ihrem Gesichte entfernt und bittend ihre beiden Hände auf seinen Arm gelegt. Er wußte kaum, was er antworten solle. Seine Liebe sprach mit aller Macht und Eindringlichkeit für sie, aber sein Verstand gebot ihm, vorsichtig zu sein.

»Willst Du?« fragte sie.

»Glaubst Du, daß es so sehr leicht sei, hier Ja oder Nein zu sagen?«

»Das glaube ich nicht; aber wenn Du mich wirklich so liebst, wie Du sagtest, wirst Du mich nicht verlassen.«

»Aber wie nun, wenn Du treulos und verrätherisch bist, wenn ich Dich entführen soll, nur um dabei ergriffen zu werden?«

»Das glaubst Du selbst ja nicht!«

»Es ist eine Möglichkeit, welche ich berechnen muß.«

»So bemerke ich nur das Eine dagegen: Wenn ich Dich verrathen wollte, hätte ich Dir dann so aufrichtig gesagt, daß ich Dich nicht liebe? Dann hätte ich vielmehr Liebe geheuchelt und Du wärst desto leichter in die Schlinge gegangen.«

»Diese Worte sprechen allerdings für Dich, aber gedenke an Das, was ich gestern erfahren habe! Du bestelltest mich nach dem Gottesacker und –«

»Ich?« fiel sie ein. »Ich bin es nicht gewesen.«

»Wer denn? Wer hat den Brief geschrieben?«

»Der Pascha selbst.«

»Ah! Wie kann er wissen – –?

»Er liebt mich wirklich; er lechzt nach meiner Gegenliebe, und doch weiß er, daß ich ihn hasse. Darum läßt er mich mit doppelter Strenge und dreifacher Aufmerksamkeit bewachen. So erfuhr er, daß ich draußen im Thale der süßen Wasser mit Dir gesprochen hatte, ja, daß ich Dir sogar die Erlaubnis gegeben hatte, mir die Hand zu küssen. Er ließ mich beobachten und erfuhr weiter, daß wir uns im Bazar wiedergesehen hatten. Er ist schlau. Du hattest nur meine Hand gesehen; mich also nur durch den Ring, den ich an ihr trug, wieder erkennen können. Er verbot mir, auszugehen, und nahm mir den Ring ab. Nun begann auch ich, zu beobachten. Ich erfuhr, daß der Verschnittene meinen Ring erhalten hatte und in Frauenkleidern nach dem Bazar gegangen war.«

»Ah so! Das also ist die Erklärung!«

»Ja. Der junge Arabadschi (Fuhrmann), welcher Dich im Thale der süßen Wasser gesehen hatte, ist mein und jetzt auch Euer Vertrauter. Er ist mir treu und ich kann mich auf ihn verlassen. Er ging dem Verschnittenen nach und sah, daß er im Bazar mit Dir sprach. Er folgte dann Dir und bemerkte, daß dies auch der Verschnittene that, um Deine Wohnung zu erfahren. So erfuhr auch ich sie und auch Deinen Namen. Dann war der Pascha so unvorsichtig, mir in seiner Eifersucht und voller Hohn gestern zu sagen, daß er Dich auf den Kirchhof bestellt habe, um Dich zu verderben. Er glaubte, ich liebe Dich und wollte mir Schmerz und Qual bereiten. Ich aber sandte, als er fort war, den Arabadschi in die Nähe Deiner Wohnung, um Dich durch ihn warnen zu lassen. Jetzt weißt Du Alles.«

»Ich danke Dir!«

»Wirst Du mir nun Glauben und Vertrauen schenken?«

»Es ist Dir gelungen, mein Mißtrauen zu zerstreuen.«

»Das beruhigt mich. Was aber hättest Du gethan, wenn ich Dir wirklich eine Falle gestellt hätte?«

»Ihr hättet mich nicht gefangen. Ich bin sehr gut bewaffnet und meine beiden Gefährten sind es auch. Es wäre Blut geflossen; ergriffen hättet Ihr uns nicht.«

»Einen Kampf mag Allah verhüten! Es soll Dir kein Haar gekrümmt werden, denn Du sollst mein Freund und Bruder, mein Beschützer sein. Bitte, gieb mir Deine Hand als Zeichen, daß Du mir nicht grollst. Versprich mir, mir nicht zu zürnen, weil es mir unmöglich ist, Dir mein Herz zu schenken!«

Sie streckte ihm beide Hände entgegen. Sie sprach so herzlich, so innig flehend, daß er nicht anders konnte. Er gab ihr seine Hände und antwortete:

»Gott ist es, der die Liebe giebt. Er weiß es, wie mein Herz jetzt weint, aber was er thut und will, das ist gut. Ja, ich will Dein Bruder sein!«

»Allah segne Dich für dieses Wort. Ich will dem Bruder geben, was ich Dir vorher nicht geben durfte.«

Sie legte die Arme um ihn und küßte ihn ein, zwei, drei Male auf den Mund. Er hielt auch seine Arme um sie und drückte sie fest, fest an sich. Dann schob er sie von sich fort und sagte:

»So! Dieses eine Mal hast Du an meinem Herzen gelegen; das ist genug und das erste und letzte Mal. Ich werde wohl niemals wieder ein Frauenherz an dem meinigen schlagen fühlen!«

»Denke das nicht! Die Wunde, welche Du heute fühlst, wird nicht ewig bluten; sie wird sich schließen, und dann wirst Du ein Wesen finden, welches die Stelle einnehmen kann, welche ich mir verwehren muß.«

»Nein, nein!«

Es klang fast schluchzend aus seiner Brust heraus.

»Verzage nicht! Ich bin nun Deine Schwester und darf Dir also aufrichtig sagen, daß Du ein Mann bist, wie er sein muß, um die Träume und Wünsche eines Mädchenherzens zu erfüllen. Ich fühle, daß ich Dich geliebt hätte, sicher und gewiß, wenn mein Herz noch mir gehörte.«

»Ah, Du liebst bereits?«

»Ja.«

»Welch eine Aufrichtigkeit! Sie dringt mir wie glühendes Eisen in die Seele.«

»Weißt Du, daß es Aerzte giebt, welche mit glühendem Eisen Krankheiten heilen?«

»Ja, Thierärzte,« antwortete er bitter. »Oder Wunderdoktoren bei den wilden Völkern!«

»Dieses Eisen wird dazu beitragen, daß auch Deine Wunde schnell verharscht und vernarbt.«

»Und Du wünschest Dich von hier fort?«

»Von ganzem Herzen!«

»Zu ihm hin?«

»Zu ihm!«

»Und ich soll Dich befreien?«

»Ich bete zu Allah, daß Du es thun mögest.«

Er legte sich die beiden Hände an den Kopf und sagte:

»Das ist wundersam, ah, das ist wundersam! Ich komme, um Dir mein Herz und mein ganzes Leben zu Füßen zu legen; ich komme, Dir zu sagen, daß ich ohne Dich nicht leben mag und nicht leben kann, und nun verlangst Du so ruhig, daß ich Dich für einen Andern entführen soll! Du ahnst nicht, was Du da verlangst!«

»Ich ahne es nicht nur, sondern ich weiß und fühle es. Es ist das größte Opfer, welches Du bringen kannst, ein Opfer, welches überhaupt nur von einem starken, edlen und großmüthigen Manne gebracht werden kann.«

»Und für so stark, edel und großmüthig hältst Du mich, Zykyma?«

»Ja. Als ich Dich erblickte, als Du mit so großer Gefahr die wild gewordenen Thiere bei den Hörnern nahmst und bändigtest, sagte ich mir, daß Du seist wie er. Du bist ihm ja so ähnlich. Du hast sein Gesicht, seine Züge, sein Auge, seinen Mund, seine Stimme. Du gleichst ihm wie ein Bruder dem andern, nur daß seine Gestalt höher und breiter ist, als die Deinige.«

»Wo befindet er sich?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was ist er?«

»Officier.«

»Im Dienste des Großherrn?«

»Nein, sondern im Dienste des russischen Kaisers.«

»Wie habt Ihr Euch da kennen lernen können? Er ein Officier des Zaaren und Du das Weib eines türkischen Paschas?«

»Ich bin nicht sein Weib. Ich habe noch keinem Manne erlaubt, mich als Mann zu berühren. Ich habe mich nicht stets in Stambul befunden. Ich stamme aus dem Kaukasus. Mein Vater war einer der tapfersten Häuptlinge; er kämpfte sein Leben lang gegen die Eroberer, die Russen. Einst siegte er und nahm einen ihrer Officiere gefangen. Er brachte ihn zu uns in die Berge. Wir lernten uns kennen und liebten einander. Er wurde ausgewechselt und versprach mir, mich zu holen und zu seinem Weibe zu machen. Nach dem Friedensschlusse reiste mein Vater nach Moskau; er nahm mich mit. Ich hatte Gelegenheit, mich nach dem Geliebten zu erkundigen und erfuhr, daß ihn der Zaar sofort nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft weit in das ferne Asien hingesandt habe. Es war ihm also noch nicht möglich gewesen, zu mir zu kommen. Der Frieden währte nicht lange, der Kampf begann von Neuem, und mein Vater fiel. Ich stand nun allein und hatte der Versammlung der Häuptlinge zu gehorchen. Ich sollte einem derselben als Weib gegeben werden, weigerte mich aber. Du weißt nicht, was dies bei jenen halbwilden Völkerschaften zu bedeuten hat. Man gab mir Bedenkzeit, und als ich auch dann noch meiner Liebe treu blieb, wurde ich an die Küste geschafft, auf ein Schiff geladen und nach Stambul verkauft. Ich hatte keine Vergangenheit mehr; ich hatte aus ihr nichts gerettet als meine Liebe, meinen Gram und einen vergifteten Dolch, welchen mir der Geliebte einst gegeben hatte.«

»Du Aermste! Hattest Du keine Hoffnung?«

»Welche Hoffnung konnte ich haben?«

»Auf die Rückkehr des Geliebten.«

»Sie konnte mir nichts nützen. Er wird niemals erfahren, wohin ich gekommen bin.«

Sie hatte sich wieder niedergesetzt und weinte leise, aber herzbrechend vor sich hin. Das schnitt ihm tief in das Herz hinein. Er konnte zu diesem Schluchzen, zu diesem Schmerzensausbruch nicht ruhig bleiben. Sie konnte ihm nicht gehören, aber er liebte sie dennoch. Er schwur in seinem Innern, daß sie glücklich sein solle, wenigstens so viel an ihm und seinem Können lag. Er setzte sich neben sie, zog ihr die Hände von den thränenden Augen und bat:

»Weine nicht! Vielleicht ist es uns möglich, ihn wiederzufinden. Ich werde nach ihm forschen.«

Sie zog seine Hand an ihr Herz und antwortete:

»Siehst Du, daß ich mich nicht in Dir getäuscht habe? Siehst Du, wie edel Du bist? Erst zürntest Du, und nun willst Du nach ihm forschen!«

»Ich liebe Dich!«

»Das sagte ich ja. Wenn Du mich wirklich und wahrhaft liebst, so würdest Du großmüthig sein. Das sagte ich, und das bewahrheitet sich nun.«

»Darf ich seinen Namen erfahren?«

»Ich mußte ihn Bogumir nennen.«

»Das ist ein polnischer Name und bedeutet Georg. Ist er ein Pole?«

»Nein. Er schwieg über seine Familie. Er bat mich, nicht nach derselben zu fragen. Er sagte, seine Vergangenheit und seine Zukunft seien in ein tiefes Geheimniß gehüllt. Aber ich hörte ihn mit Schwaben, welche in der Gegend von Tilsit wohnen und zuweilen in unsere Berge kamen, in der Sprache ihrer Heimath reden. Sie sagten, daß er sie so gut spreche, als ob er dort geboren sei!«

»Also Deutsch?«

»Ja.«

»Nannte er keinen andern Namen?«

»Zu mir nicht.«

»Aber er muß doch noch einen gehabt haben. Er kann doch nicht nur diesen Vornamen getragen haben!«

»Nein. Er war Hauptmann und wurde genannt Hauptmann Off – – Ob – – Or – – ich habe mir das lange schwere, fremde Wort nicht merken können. Er sprach es niemals aus und Bogumir war kürzer und traulicher.«

»Und doch, wenn wir nach ihm suchen und ihn finden wollen, ist es ganz nothwendig, daß wir diesen Namen wissen. Besinne Dich!«

»Er fing mit dem Buchstaben O an.«

»Das genügt nun freilich nicht.«

»Der Anfang war so ähnlich wie das deutsche Wort, welches die Musik bedeutet, welche in den christlichen Kirchen gemacht wird.«

»Christliche Musik? Mit O beginnend? Vielleicht Oper? Das ist aber nicht in der Kirche.«

»Nein, Oper ist anders. Das ist im Theater, wie ich in Moskau gehört habe. Ich meine auch nicht die Musik, welche gemacht wird, sondern das Instrument.«

»Ah! Und mit O? Meinst Du vielleicht Orgel?«

»Orgel, ja, Orgel!« antwortete sie erfreut. »Das ist das Wort, mit welchem sein Name beginnt.«

»Orgel? Hm! Ich weiß in keiner Sprache einen geläufigen Namen, welcher mit diesem Worte beginnt. Und russischer Hauptmann war er? Ah! Es giebt in der russischen Sprache ein Wort, welches beinahe ähnlich lautet. Es bedeutet so viel wie Adler.«

»Wie heißt es?«

»Orjel.«

»Orjel – so ist es, so! Wie sagte ich erst?«

»Orgel.«

»Nein, so ist es nicht, sondern Orjel.«

»Also doch russisch. Das also war der Anfang des Namens. Wie er weiter lautet, weißt Du nicht?«

»Nein. Es war so schwer für meine Zunge. Ich glaube, es klang wie tsche oder tschu mit dabei.«

»Himmel! Besinne Dich recht! War ein Tsch dabei?«

»Ja.«

Er erhob sich schnell von seinem Sitze. Sein Athem ging so laut, daß sie ihn hörte.

»Was hast Du?« fragte sie. »Fast scheint es mir, als seiest Du über Etwas erschrocken.«

»O nein, nein. Es ist kein Schreck, sondern es ist Freude. Also, er sah mir ähnlich?«

»Wie ein Bruder dem andern, wie ich Dir schon sagte.«

»Und hieß Bogumir, also Georg? Mein Gott und Herr, gieb, daß auch das Weitere stimmt! Besinne Dich, Zykyma, besinne Dich ganz gewiß! Höre genau auf! Lautete der Name, den Du nicht merken konntest, vielleicht – paß ganz genau auf! Lautete er Orjeltschasta?«

»Das ist's! Das ist's, ja, das ist's!« bestätigte sie. »Orjeltschasta, Hauptmann Orjeltschasta! Was heißt das?«

»Adlerhorst.«

»Dieses Wort kenne ich nicht.«

»Es ist ein deutsches. Und nun sage ich Dir nicht nur, sondern ich schwöre es Dir zu, daß ich Dich aus diesem Harem holen werde; denn wisse, der Mann, den Du liebst, ist mein Bruder!«

Sie blickte ihn wortlos an; erst nach einer Weile sagte sie:

»Dein – – Bruder?«

»Ja. Der Name stimmt; ich bin ihm ähnlich, und das, was er Dir von seiner Familie gesagt hat, ist auch richtig.«

»O Allah, Allah! Wer kann das glauben!«

»Glaube es, glaube es! Ich weiß es ganz genau, daß es so ist, wie ich sage.

»Gott ist allmächtig und allbarmherzig. Seine Wege sind unbegreiflich, doch sie enden in Glück und Segen! Du, sein Bruder! Du liebst mich und wagst Dich in diesen Harem, um mich herauszuholen; ich sage Dir, daß ich einen Andern liebe, und dennoch willst Du mir helfen – nun ist es Dein Bruder! Hat nicht Allah Dich gesandt?«

»Ja, er hat es gegeben, daß ich Dich im Thale der süßen Wasser erblickte.«

Die Beiden waren so begeistert, daß sie lauter sprachen, als mit ihrer gegenwärtigen Lage zu vereinigen war. Zykyma dachte daran und sagte:

»Wir jubeln so laut, daß man uns hören wird. Laß uns leiser sprechen! O, nun werde ich auch erfahren, wo er sich befindet! Sage es mir!«

»Leider kann ich es Dir nicht sagen, da ich es selbst nicht weiß.«

»Du? Du weißt nicht, wo Dein Bruder ist!«

»Leider nein. Ich darf ebenso wenig wie er von unseren Verhältnissen sprechen; ich kann Dir nur sagen, daß ein fürchterliches Unglück sämmtliche Glieder meiner Familie in alle Welt zerstreut hat. Ich suche seit langer Zeit die Verlorenen und finde heute durch Dich die erste Spur des Einen, des ältesten Bruders.«

»Wunderbar!«

»Ja, wunderbar. Aber meine Seele ist voll des Dankes gegen Gott, der mich mit Dir zusammenführte. Ich werde dieser Spur folgen und den Bruder finden. Ihm sollst Du dann gehören; ihm trete ich Dich willig ab, da er ja mein Bruder ist.«

»Welch ein Glück! Jetzt winkt mir die Erlösung! Jetzt endlich werde ich errettet aus den Banden, die mich, wenn es länger gedauert hätte, sicherlich erdrosseln mußten.«

»Ja, Du sollst frei sein. Willst Du mit mir gehen?«

»O, wie gern!«

»Wann?«

»Wann Du es willst.«

»Also gleich heut, jetzt?«

»Gleich jetzt? Das wird wohl nicht möglich sein.«

»Sage mir, warum? Du kannst mir ja folgen, so wie Du hier bist. Was hält Dich zurück?«

»Die Freundschaft. Ich habe eine Freundin, welche sich auch nach Freiheit sehnt. Ich habe sie ihr versprochen; ich wollte mit ihr fliehen.«

»Recht so! Zwei anstatt Eine! Darüber wird sich der Lord herzlich freuen!«

»Wer ist das?«

»Einer der beiden Freunde, welche dort für uns wachen.«

»Was ist er?«

»Er ist ein Engländer, ein sehr reicher und edler Mann, obgleich er nicht ein schönes Aeußere besitzt. Er wird sich sehr freuen, Dich und Deine Freundin von hier fort begleiten zu können.«

»Und wohl auch ihre Mutter?«

»Also drei Personen? Dich, sie und ihre Mutter?«

»Ja; sie würde ohne die Mutter nicht gehen. Aber, zürne mir nicht! Ich habe noch einer vierten Person versprochen, sie mitzunehmen.«

»Das wächst ja sehr! Wer ist es?«

»Der junge Arabadschi, welcher auch Euer Verbündeter ist.«

»Gut, auch er soll mit.«

»Werden Deine Freunde einverstanden sein?«

»Gern, denn wir haben es ja seiner Hilfe zu verdanken, daß wir Euch hier entführen können. Warum aber will auch Deine Freundin fort?«

»Der Pascha hat sie zu seiner Sultana erhoben; sie aber liebt einen Anderen.«

Wallert befand sich, trotzdem seine Liebe abgewiesen worden war, jetzt bei ganz vortrefflicher Laune; er sagte, leise lachend:

»Also auch Die liebt einen Andern! Wer hätte gedacht, daß in einem abgeschlossenen Harem solche Sachen vorkommen! Liebt sie vielleicht auch Einen, den sie nicht kennt?«

»Sie kennt ihn.«

»Wohnt er hier in Stambul?«

»Ja, wenigstens jetzt.«

»Wenigstens jetzt? So ist er nicht für immer ein Bewohner der Hauptstadt?«

»Nein; er ist ein Franke.«

»Tausendsapperlot! Auch ein Franke! Und sie in einem Harem! Wie haben sie sich da kennen gelernt?«

»Sie befindet sich erst seit gestern im Harem. Er hat sie kennen gelernt, indem er ihr Bild malen mußte.«

»Wie – wo – waaaas?« fragte er, auf das Höchste erstaunt. »Mädchen! Zykyma! Heißt diese Freundin von Dir etwa Tschita?«

»Ja, ja, so heißt sie! Kennst Du sie?«

»Hurrrjesses! Sie war bei dem alten Sklavenhändler Barischa?«

»Ja; von ihm hat sie der Pascha gekauft.«

»Und ihre Mutter hat keine Zunge und keine Hände?«

»So ist es! O Allah, o Ihr heiligen Kalifen! O Muhammed! Er kennt sie; er kennt sie wahrhaftig!«

»O, ich kenne noch mehr Leute! Ich kenne sogar denjenigen, den sie liebt.«

»Den Maler?«

»Ja. Er hat sie seit heute früh mit Schmerzen gesucht.«

»So wirst Du sie von hier mitnehmen und zu ihm bringen!«

»Nein, fällt mir nicht ein! Er mag sie sich selbst holen!«

»Warum das? Soll sie noch länger warten?«

»Nein. Sie geht mit uns, heut Abend schon! Wisse, der Maler ist bereits im Garten!«

»Geschehen Wunder?«

»Beinahe ist es so! Der zweite Freund, welcher sich mit hier befindet, der ist eben der Maler. Ich werde ihn sofort herholen. Darf ich?«

»O Allah!« antwortete sie, die Hände faltend. »Ich weiß vor Glück und Erstaunen nicht, was ich sagen soll! Ja, hole ihn, bringe ihn her zu mir!«

Er ging fort, nicht auf dem sandbestreuten Wege, sondern auf dem Rasen hin, damit seine Schritte nicht gehört werden sollten. Er wußte zwar nicht, wo die Beiden steckten, aber er konnte es sich denken. Wirklich tönte es ihm auch, als er die Büsche erreichte, leise entgegen:

»Hermann! Bist Du es?«

»Ja. Seid Ihr hier?«

»Wie Du siehst!«

Dabei erhoben sich die Beiden. Der Lord dehnte seine lange Gestalt und sagte:

»Sie haben ja eine ganze Ewigkeit lang schamerirt. Sind Sie denn einig geworden?«

»So einig, wie es besser gar nicht sein könnte.«

»Geht sie mit?«

»Ja, heut.«

»Sapperment! Das geht schnell, ist aber gut!«

»Wir nehmen sie nicht allein mit!«

»Nicht? Desto besser. Ich bin bereit, den ganzen Harem leer zu machen und auf meine Yacht zu laden.«

»So Viele werden es nicht. Sie nimmt nur eine Freundin und deren Mutter nebst einem Diener mit. Diese Freundin heißt, glaube ich, Tschita.«

»Tschita?« fragte Normann schnell. »Und eine Mutter! Hermann, Du sagst das in einer so eigenthümlichen Weise. Es ist doch nicht etwa – –«

»Ja,« antwortete Wallert, indem er seine Freude nun nicht mehr verbergen konnte. »Es ist so; es ist Deine Tschita nebst ihrer Mutter.«

»Gott im Himmel! Ist es wahr?«

»Ja. Zykyma hat ihr versprochen, sie mitzunehmen.«

»Herr, mein Heiland! Dann rasch, rasch!«

Er sprang fort, in fliegender Eile nach der Ecke hin. Der Engländer, nicht verliebt wie der Maler, blieb ruhig stehen und fragte Wallert:

»Haben Sie sich da etwa eine Fabel ausgesonnen?«

»Nein; es ist Wahrheit.«

»Dann ist es ein seltenes und ebenso glückliches Zusammentreffen. Also dieser gute Ibrahim Pascha hat die Tschita gekauft! Das wollte der alte Mädchenhändler nicht sagen! Ich werde es ihm mit dem Regenschirm in das Gesicht schreiben, daß ich es weiß. Doch kommen Sie mit zu den Beiden. Man hört Master Normann's Stimme sogar von hier. Es ist kaum glaublich, wie unvorsichtig das Glück den Menschen macht!«

Als sie an der Ecke eintrafen, sprach Normann die für ihn höchst wichtige Frage aus:

»Hat er ihr etwa ein Leid gethan?«

»Nein,« antwortete die Gefragte. »Er hat sie noch nicht anrühren dürfen.«

»Das ist sein Glück! Ich hätte ihm das Messer in den Leib gerannt. Also sie hat von mir gesprochen?«

»Immerfort, und sich nach Dir gesehnt.«

»Sie soll frei sein und zwar noch heute Abend. Wie steht es, Mylord, wollen Sie diesen vier Personen eine Freistatt auf Ihrer Yacht geben?«

»Freie Statt, freie Kost, überhaupt Alles frei. Der Eine nimmt Zykyma, der Andere Tschita, und ich, Donnerwetter, für mich bleibt die Mutter übrig! Na, es ist nur jammerschade, daß dieses schöne Kind mich nicht verstehen kann. Aber fragt sie doch einmal, ob sie die beiden Andern und den Diener nicht baldigst holen will. Je eher wir von hier fortkommen, desto besser ist es.«

Normann sprach die Frage aus und Zykyma erklärte, daß es nur weniger Minuten bedürfe. Sie werde sofort gehen, um die Freundin und die andern Beiden zu holen.

»Wir gehen mit!« meinte Normann.

»Warum?« fragte sie.

»Um Euch zu helfen, die Leiter zu passiren.«

»Nein, bleibt! Es ist besser so. Wir können nicht vorsichtig genug sein. Die Leiter ist nicht schwer zu ersteigen. Ich bringe sie Alle hierher. O Allah, wird Tschita entzückt sein, wenn sie erfährt, wen sie hier finden wird und daß sie bereits heute frei sein soll! Aber wie kommen wir dann über die Mauer?«

»Keine Sorge! Wir haben den Schlüssel des Thores. Wir haben ihn gestern dem Pascha abgenommen.«

»So seid Ihr es, die ihn angefallen haben?«

»Ja. Jetzt können wir es sagen. Doch eile, damit wir nicht lange zu warten brauchen.«

Sie ließ sich diese Aufforderung nicht mehrere Male sagen. Selbst glücklich, den Bruder ihres Geliebten in ihrem Retter gefunden zu haben, fühlte sie sich doppelt glücklich, die neue Freundin auch deren Geliebten so unerwartet zuführen zu können. Sie eilte dem Gebäude zu, fand die Leiter, stieg hinauf und durch das offene Fenster in die noch unerleuchtete Stube hinein.

Als sie von den Dreien sich entfernt hatte, sagte Normann, unfähig, sich in seinem Glücke schweigend zu verhalten:

»Wer hätte das denken sollen! Tschita hierher verkauft! Wir holen uns unsere Geliebten aus einem und demselben Harem! Wunderbar!«

»Leider ich mir nicht meine Geliebte!« antwortete Wallert. Zykyma hat mir nämlich in aller Aufrichtigkeit gestanden, daß sie mich nicht liebt.«

»Das ist doch undenkbar!«

»Es ist wirklich so.«

»Bist Du des Teufels! Sie Dich nicht lieben!«

»Ja, sie liebt einen Andern.«

»Und das sagst Du in so gleichgiltigem Tone! Du scherzest natürlich! Liebte sie Dich nicht, so würdest Du Dich hüten, sie mitzunehmen, und sie würde sich ebenso hüten, Dir zu folgen.«

»Und doch ist es so. Ich nehme sie eigentlich nur Mylords wegen mit.«

»Meinetwegen?« fragte der Lord. »Bin ich es etwa, den sie heimlich liebt?«

»Nein, Mylord.«

»Ja, ich kann mich auch nicht entsinnen, jemals das Herz eines liebenden Wesens gebrochen zu haben. Warum also sagen Sie, meinetwegen?«

»Sie nannte mir einen Namen, der mich an denjenigen erinnerte, von welchem wir bereits einige Male gesprochen haben. Nämlich sie hat einen russischen Officier kennen und lieben gelernt, welcher Orjeltschasta heißt.«

»Orjeltschasta?« meinte der Lord. »Wunderbarer Name! Man kann die Zunge brechen, indem man ihn ausspricht.«

»Dennoch aber ist er für Sie höchst interessant.«

»Wieso?«

»Orjel heißt Adler, und Tschasta heißt Horst.«

»Alle Wetter!«

»Zusammen also Adlerhorst.«

»Wäre es möglich!«

»Nach dem, was Zykyma mir sagte, scheint er nicht ein Russe, sondern ein Deutscher zu sein.«

»Sollte das etwa eine Spur meiner so unbegreiflich verschwundenen Verwandten bedeuten? Gestern die Uhr und heute dieser Name, der wie – wie – wie – Orgelkasten lautet.«

»Orjeltschasta.«

»Na, gut so! Zykyma wird uns nachher wohl nähere Auskunft geben – – horch! War das nicht ein Hilferuf!«

»Ja, ein Hilferuf aus Frauenmund.«

»Sollte Etwas passirt sein!«

»Wollen sehen! Schnell, kommt!«

Sie huschten aus der Ecke heraus, nach dem Gebäude zu. Als sie das Gebüsch hinter sich hatten und das Haus nun frei vor ihnen lag, sahen sie das offene Fenster Zykyma's hell erleuchtet.

»Das ist sie nicht,« sagte Normann voller Besorgniß.

»Nein,« antwortete Wallert. »Sie wird sich hüten, das Zimmer in dieser Weise zu erleuchten, da sie ja fliehen will. Gehen wir weiter heran!«

Sie eilten näher. Das weiche Gras dämpfte ihre Schritte. Sie befanden sich kaum mehr fünfundzwanzig Schritte von dem Gebäude entfernt, da sahen sie zwei Männer in Zykyma's Stube.

»Alle Teufel!« flüsterte der Lord. »Das ist der Pascha!«

»Und der Derwisch. Da ist etwas nicht richtig!«

»Der Pascha hat ein Licht in der Hand. Er kommt an das Fenster. Er leuchtet heraus. Ah!«

Der Pascha war wirklich an das Fenster getreten und hielt das Licht heraus.

»Beim Teufel!« hörte man ihn sagen. »Da lehnt eine Leiter am Fenster.«

Im Nu stand der Derwisch neben ihm und sah auch heraus.

»Kam sie zum Fenster herein?« fragte er.

»Ganz gewiß.«

»So war sie im Garten. Was hat sie dort gewollt?«

»Das frage ich Dich auch!«

»Sollte etwa dieser verfluchte Hermann Wallert – –«

»Bist Du wahnsinnig?«

»Was will sie sonst im Garten? Laß schnell nachsehen! Vielleicht ist er noch da!«

»Hölle und Verdammniß! Ich würde sie und ihn ersäufen. Ja, eilen wir, um den Garten zu durchsuchen!«

Sie sprangen vom Fenster zurück und zum Zimmer hinaus, so daß dieses nun im Dunkeln lag.

»Der sagt es uns zum Fenster herab, was er thun will,« spottete Wallert. »Nun wissen wir ja gleich, woran wir sind!«

»Scherze nicht!« antwortete Normann. »Er hat Zykyma erwischt, wie sich aus seinen Worten entnehmen läßt. Wir hätten wohl noch Zeit, durch das Thor zu entkommen; aber wollen wir die Frauen verlassen?«

»Nein, nein!« sagte der Lord.

»Also hinauf auf den Baum und auf die Mauer!«

Sie eilten nach der Platane und kletterten hinauf und auf dem Aste hinüber. Auf der Mauer angekommen, legten sie sich lang und platt auf dieselbe hin, und da hörten sie auch schon Schritte und Stimmen von dem vorderen Theile des Gartens her.

»Sie kommen!« sagte der Lord.

»Mögen sie!« antwortete Normann. »Ich denke, daß wir hier ziemlich sicher sind.«

»Wie aber nun, wenn Einer auf denselben Gedanken kommt, den wir auch gehabt haben?«

»Sie meinen, daß er auch heraufklettert?«

»Ja.«

»Nun, dann bleibt uns nichts übrig, als ihn hinabzuschießen, obgleich – – hm! Wir verrathen nicht nur dadurch unsere Anwesenheit, was noch gar nicht so sehr schlimm wäre, aber wir bringen dadurch Zykyma in's Verderben, da es dann erwiesen ist, daß sie bei uns im Garten war. Wenn es doch ein Mittel gäbe, ihnen das Klettern zu verleiden!«

»Ich weiß eins.«

»Welches, Mylord?«

»Habe einmal von einem Bärenjäger gelesen, welcher von dem Bären auf den Baum verfolgt wurde, indem er den Ast – – Sapperment, sie kommen näher! Da giebt es keine Zeit zum Erklären. Bitte, Master Normann, wir liegen mit den Köpfen gegen einander. Halten Sie den Ast mit fest, bis Einer auf den guten Gedanken kommt, sich drauf zu setzen, um herüber zu kommen!«

Der Ast, auf welchem sie vom Stamme zur Mauer herübergeklettert waren, hatte eine beträchtliche Stärke und war vielleicht gegen vier Fuß hoch über der Mauer. Der Lord erhob sich, faßte ihn an und zog ihn zu sich herab. Normann griff mit zu, und so lagen die Beiden, mit den Köpfen gegen einander auf der Mauer und hielten den Ast fest.

»Guter Gedanke!« flüsterte der Maler.

»Nicht wahr! Ja, ein gescheidter Kerl darf kein Esel sein!«

»Kommt Einer geklettert, so lassen wir fahren; der Ast schnellt in die Höhe und wirft den Kerl ab, ohne daß dieser weiß, wie es zugegangen ist. Pst! Da sind sie schon, mit Laternen!«

Der Lärm, welchen die Leute machten, war mittlerweile schnell näher gekommen. Weiße und Schwarze bunt vermischt, hatten sie eine Linie gebildet, so lang, wie der Garten breit war, und avancirten nach der Ecke zu. Da hier der Garten immer enger wurde, so zogen sich die Leute immer näher zusammen und befanden sich jetzt nun eng neben einander. Sie trugen die in Constantinopel so gebräuchlichen Papierlaternen, um das Terrain zu erleuchten, und hatten sich mit allen möglichen Gegenständen bewaffnet, welche ihnen in der Eile in die Hände gekommen waren.

Der linke Flügel dieser Heerschaar blieb in der Nähe der Platane halten, während sich der rechte nach der Ecke zog, um dort die Büsche zu durchsuchen. In der Mitte stand der Pascha und neben ihm der Derwisch.

»Seht genau hinter jeden Strauch!« befahl der Erstere und wartete dann schweigend den Erfolg ab.

Dieser war ein negativer. Es wurde nichts gefunden.

»So irren wir uns. Es ist Niemand im Garten gewesen und sie hat sich nur einen Spaziergang erlaubt.«

*

10

»Verzeihung, o Pascha!« ließ der Derwisch sich hören. »Wie nun, wenn Jemand hier gewesen wäre und sich entfernt hätte? Das ist doch möglich!«

»Aber nicht wahrscheinlich. Wo sollte die Person hin sein?«

»Fort, hinaus.«

»Auf welchem Wege?«

»Ueber die Mauer weg.«

»Da hinauf kann Niemand.«

»Die Leiter ist da.«

»Die stand vorn am Hause, an das Fenster gelehnt, aber nicht an der Mauer.«

»Man kann sie vorher benutzt haben, und dann hat Zykyma sie genommen, um mit ihrer Hilfe in die Stube zu gelangen.«

»Sie kann sie doch nicht wieder fortschaffen, wenn sie in ihrem Zimmer angekommen ist. Man würde also früh die Leiter sehen. Nein. Sie müßte denn einen der Diener im Bündnisse haben.«

»Das ist immerhin möglich. Uebrigens sehe ich hier diesen Baum. Wie leicht ist man da hinauf und hinüber!«

»Aber nicht draußen hinab. Da ist es hoch, und da fließt auch das Wasser.«

»Das ist richtig; aber Allah giebt mir einen erleuchteten Gedanken. Es kann Jemand im Garten gewesen sein, ist da hinaufgeklettert und hat sich oben hingelegt, um ruhig zu warten, bis wir fort sind.«

»Meinst Du?«

»Ja. Man sollte doch einmal nachsehen.«

»Ja. Omar, klettere einmal hinauf.«

Der Genannte, ein schwarzer, dicker Eunuch, legte die Laterne fort und trat zum Baume. Er umspannte ihn mit den Armen und versuchte, sich emporzuschieben.

Da die Worte türkisch gesprochen waren, so hatte der Lord sie nicht verstanden. Als er aber jetzt die Bemühungen des Schwarzen sah, flüsterte er Normann zu:

»Dachte es mir! Sie wollen herauf.«

»Der Dicke wird es aber nicht fertig bringen.«

»Er keucht, pfeift und stöhnt wie eine Lastzuglokomotive. Bin neugierig, wie er abrutschen wird!«

Der Schwarze kam nicht empor; so oft er ansetzte, kaum eine Elle hoch, rutschte er wieder ab.

»Emin, schieb mit!« befahl der Pascha.

Der Gerufene trat herbei und half. Einige Andere folgten ihm. Ihren vereinigten Kräften gelang es, den Dicken so weit hinaufzubringen, daß er den untersten Ast zu ergreifen vermochte. Statt nun aber sich hinaufzuziehen, baumelte der kraftlose Mensch einige Male hin und her, ließ die Hände los und stürzte hinab.

»Plumps!« flüsterte der Engländer. »Der machte seine Himmelfahrt, aber niederwärts.«

Der Pascha stieß einige Zornesworte aus und fragte dann im Kreise, wer klettern könne. Als Keiner antwortete, sagte der Derwisch spottend:

»Diese Leute haben von Allah zu viel Fett erhalten. Sie sind zu schwer. Ich werde hinaufklettern.«

Er legte seinen schmutzig weißen, weiten Mantel ab und faßte den Stamm. Man sah, daß er keine Uebung besaß, aber er gelangte doch empor. Auf dem Aste angekommen, setzte er sich zunächst darauf, um einige Augenblicke auszuruhen.

»Siehst Du etwas auf der Mauer?« fragte der Pascha.

»Nein.«

»So komm herab!«

»O, ich werde doch hinüberklettern. Niemand wird sich gleich hier herlegen. Befindet sich Jemand oben, so ist er viel weiter fortgerutscht, um nicht sogleich gesehen zu werden.«

Er hätte bei der wenigen Dunkelheit die Drei sehen müssen; bei dem Scheine der Laternen aber befand er sich im Lichte derselben und wurde also geblendet. Er legte sich jetzt auf den Ast und rutschte nach der Spitze desselben zu, also nach der Mauer hin.

»Er kommt!« flüsterte der Lord. »Lassen Sie bei drei den Ast mit fahren. Eins – Zwei – –«

»Fall nicht herab!« warnte Ibrahim.

»Was denkst Du, Herr!« antwortete der Derwisch. »Allah hat mir die Kunst des Kletterns verliehen wie einer Katze. Ich kann unmöglich fallen.«

»Drei!« kommandirte der Lord leise.

»Jetzt werde ich die Mauer sehen,« fuhr der Kletterer fort, »und dann – o Allah illa Allah we Allah!«

Der so lange Zeit aus seiner ursprünglichen Lage gewesene Ast schnellte mit großer Gewalt empor, so daß der Derwisch, der sich so Etwas überhaupt gar nicht vermuthet hatte, in die oberen Aeste hineingeschleudert wurde und dann aus dieser Höhe krachend zur Erde stürzte.

»Hui, da fliegt er! Plautz, da plumpst er!« kicherte der Lord leise.

Alle, die Weißen und die Schwarzen, hatten laute Angstrufe ausgestoßen. Jetzt beleuchteten sie den Derwisch, welcher sich, trotz seiner Heiligkeit, fluchend am Boden krümmte.

»Hast Du etwas gebrochen?« fragte der Pascha.

»Ich weiß nicht; ich will einmal probiren!«

Er rappelte sich langsam und vorsichtig vom Boden auf. Da raunte der Lord dem Maler zu:

»Jetzt haben sie die Augen bei dem Kerl. Da kann ich es wohl wagen.«

Er erhob sich blitzschnell, so weit es nöthig war, ergriff den Ast und zog ihn zu sich herab.

»So, da haben wir ihn wieder! Erstens ist das gut, falls es noch einem Zweiten einfallen sollte, und zweitens kann man es nun auch nicht bemerken, daß der Ast eigentlich eine ganz andere Lage hat. Der Kerl hat einen tüchtigen Fall gethan, weit böser noch als ich vorhin.«

»Es geht,« meinte der Derwisch.

»Danke Allah, daß Du keinen Schaden erlitten hast. Es ist nicht gut, wenn man wie eine Katze klettern kann.«

»Ich kann es!« antwortete der Geschädigte auf diese ironische Bemerkung. »Wer aber hätte denken sollen, daß der Ast plötzlich emporschnellte!«

»Emporschnellte? Ich habe noch nicht gehört, daß Aeste sich so nach Gutdünken bewegen können.«

»Er bewegte sich!«

»Ja. Er bog sich unter Dir und sodann, als Du stürztest, ging er wieder empor. Das thut jeder Ast.«

»Nein; er schnellte empor, als ich mich noch auf ihm befand. Darum wurde ich abgeworfen. Er muß sich jetzt viel höher befinden als vorher.«

»Da blicke hinauf! Er hat noch ganz die frühere Lage. Er liegt grad auf der Mauer auf.«

Die Laternenträger leuchteten empor und Aller Augen richteten sich nach dem Aste.

»Unbegreiflich!« knurrte der Derwisch. »Ich habe wirklich geglaubt, daß er emporgeschnellt ist.«

»Du hast einmal Deine Geschicklichkeit vergessen. Bist Du nun von der Ansicht geheilt, daß Jemand sich auf der Mauer befindet?«

»Allah verdamme sie und Alles, was sich darauf befindet!«

»So willst Du nicht wieder hinauf?«

»Lache nur! Ich laß es bleiben. Mag ein Anderer es versuchen!«

»Das ist unnütz. Gehen wir! Wir haben Besseres und Eiligeres zu thun. Vorwärts!«

Sie entfernten sich. Bald hörten die Drei ihre Schritte nicht mehr, und der Lichtschein der Laternen verlor sich in der Ferne.

»Das war Rettung in der Noth!« sagte Wallert. »Mylord, Ihr Gedanke war wirklich köstlich!«

»Nicht wahr! Ich habe uns gerettet und hoffentlich auch die Frauen, von denen leider nur die Mutter auf mein Antheil kommt. Aber was thun wir jetzt?«

»Jedenfalls bleiben wir nicht hier oben. Die Lage ist da zu unbequem und exponirt. Kommt man wieder auf den Gedanken, nachzusehen, so findet man uns, während man den Garten wohl nicht zum zweiten Male durchsuchen wird. Dort können wir eher ausweichen und uns verstecken als hier.«

»Dumm sind sie aber doch, riesig dumm!«

»Wieso?«

»Daß sie kletterten und nicht auf den einfachen Gedanken kamen, die Leiter herbeizuholen.«

»Das ist ebenso richtig wie unbegreiflich. Wir wären sofort entdeckt worden. Na, hinunter also!«

Sie kletterten hinab und schlichen sich nach der Ecke, um da zu warten, ob sich noch etwas begeben werde.

Aber es blieb still. Erst nach längerer Zeit hörten sie die Schritte vieler Männer, welche außerhalb der Mauer am Wasser vorüber gingen, nach der Stadt zu. Die Wipfel der Bäume, welche über die Mauer emporragten, färbten sich hell, ein Zeichen, daß diese Leute da draußen Laternen bei sich trugen.

Die Drei ahnten nicht, daß es der Pascha mit drei Sänften und deren Trägern war, und daß Zykyma, Tschita und deren Mutter in betäubtem Zustande von ihnen nach dem Schiffe getragen wurden.

Sie warteten eine lange, lange Zeit, bis ihnen endlich doch die Geduld ausging. Da sagte Normann:

»So kommen wir zu keinem Ziele. Entweder ist ein Unglück geschehen, oder die Frauen sind durch einen Zufall am Kommen verhindert. Ich schlage vor, uns zu überzeugen, obgleich dies vielleicht mit einiger Gefahr verbunden ist!«

»Wie aber wollen wir uns überzeugen?«

»Wir gehen nach dem Hause. Sehen wir, ob die Leiter noch lehnt oder ob wir sie finden.«

Sie schlichen sich nach dem Gebäude. Das Fenster Zykyma's war finster, und die Leiter lehnte nicht mehr an demselben. Doch fanden sie sie an der Mauer liegen, wohin sie von den Leuten geschafft worden war.

»Haltet Ihr Wache an den beiden Ecken!« sagte der Maler. »Ich werde hinaufsteigen.«

Die Beiden entfernten sich nach rechts und links. Er lehnte die Leiter an und stieg hinauf. Das Gitter war wieder vorgesetzt von innen. Glasfenster gab es nicht. Er mußte also unbedingt gehört werden, wenn sich noch Jemand überhaupt in der Stube befand. Er lauschte, konnte aber nicht das mindeste Geräusch vernehmen, nicht einmal einen Athemzug.

»Zykyma!« sagte er, so daß es wohl drinnen, nicht aber auch anderswo gehört werden konnte.

Es erfolgte keine Antwort.

»Tschita!«

Es hatte denselben Mißerfolg, trotzdem er diese beiden Namen mehrere Male nannte, und zwar mit so erhobener Stimme, daß eine etwaige Schläferin sicher erwacht wäre. Zudem ließ sich nach dem Ereignisse des Abends ja gar nicht denken, daß die Genannten schlafen würden. Er stieg also hinab, trug die Leiter wieder an ihre Stelle und rief die Gefährten herbei.

»Es ist Niemand oben,« berichtete er. »Jedenfalls ist man mißtrauisch geworden und hat die Frauen in anderen Räumen untergebracht. »Wir werden heute Abend wieder herkommen müssen.«

»Wie mag es nur gekommen sein, daß man Zykyma erwischt hat?«

»Wer weiß es.«

»Das sagst Du so ruhig? Ich habe eine entsetzliche Angst. Vorhin gingen so viele Leute. Wie nun, wenn man die Frauen fortgeschafft hat?«

»Wohl schwerlich! Wohin sollte man sie gebracht haben?«

»In's Wasser – ersäuft!«

»Pah! Das kommt wohl gar nicht mehr vor und dann auch nur bei einem offenbaren Beweise der Untreue, der hier aber gar nicht vorhanden ist.«

»Man könnte sie auch infolge gefaßten Mißtrauens nach dem Palaste des Paschas übersiedelt haben.«

»Das halte ich eher für möglich.«

»Dann ist es aus mit der Entführung.«

»Ich gebe die Hoffnung auch in diesem Falle nicht auf. Der brave Arabadschi, unser Verbündeter, kennt ja unsere Wohnung und wird uns Nachricht bringen.«

»Vielleicht ist er ebenso erwischt worden wie Zykyma!«

»Hm! Du hast nicht so Unrecht. Ich werde mich am Morgen, sobald es möglich ist, hier erkundigen.«

»Und dabei den Verdacht auf Dich lenken!«

»O nein; das werde ich zu verhüten wissen. Jetzt aber graut bereits der Morgen. Wir müssen uns aus dem Staube machen, wenn wir unentdeckt bleiben wollen.«

»Der Kuckuck hole die Hindernisse, welche es bei so einer Entführung giebt!« zürnte der Lord. »Es ist das gar nicht so leicht, wie ich es mir gedacht habe!«

Sie gingen an die Mauer und schlichen sich längs derselben hin bis an das Thor. Es gelang ihnen, dieses zu öffnen und draußen wieder hinter sich zu verschließen, ohne bemerkt zu werden. Dann verließen sie den Ort des heutigen, so viel verheißenden und doch so erfolglosen Abenteuers.

Erst in weiter Entfernung blieben sie stehen, um zu berathen, ob es besser sei, nach der Yacht zu gehen oder nach der Wohnung der beiden Freunde. Sie entschlossen sich für das Erstere. Eben als sie das kleine Schiff erreichten, dampfte ein Passagierboot an demselben vorüber. Es fiel ihnen nicht ein, zu vermuthen, daß die Gesuchten sich an Bord desselben befanden. Sie legten sich für kurze Zeit zur Ruhe, Normann aber mit dem Befehle an die Bedienung, ihn zeitig zu wecken.

Es war schon ziemlich weit am Morgen, als er geweckt wurde. Die beiden Andern schliefen noch. Er ließ ihnen die Botschaft zurück, wohin er jetzt gehe, und begab sich hinaus nach dem Schauplatze ihres gestrigen Erlebnisses. Es war nicht zu früh für sein Vorhaben.

Am Thor angekommen, setzte er den hölzernen Klopfer in Bewegung. Ein Schwarzer kam und öffnete.

»Was willst Du?« fragte er.

»Ist Ibrahim Pascha, der Herr, schon hier?«

»Nein.«

»Wer führt hier das Regiment?«

»Der Verwalter.«

»Führe mich zu ihm!«

»Wer bist Du?«

»Ein Bote, an ihn gesandt wegen einer wichtigen Sache.«

Das half. Er durfte eintreten und wurde zu demselben finsteren Hausbeamten geführt, welcher Tschita bei ihrer Ankunft empfangen hatte.

»Wer sendet Dich?« fragte der Mann.

»Barischa, der Mädchenhändler.«

»Dieser alte Hallunke! Was will er?«

»Ich soll zunächst nach dem Bilde der Sultana Tschita fragen. Es ist noch nicht vollendet. Vielleicht wünscht der Pascha, daß es fertig gemacht werde.«

»Da mußt Du später wiederkommen. Der Pascha ist plötzlich verreist.«

»Wohin?«

»Das hat er keinem Menschen gesagt.«

»Wann kommt er wieder?«

»Wohl nicht in kurzer Zeit, denn er hat Zykyma und Tschita, seine Lieblingsfrauen, mitgenommen.«

Normann erschrak außerordentlich. Er gab sich Mühe, mehr zu erfahren, mußte aber bemerken, daß der Verwalter wirklich selbst gar nichts weiter wußte. Er ging und nahm in seiner Herzensangst an dem nächsten Orte, wo Reitthiere zu haben waren, einen Esel und ritt nach Pera, über die Brücke hinüber und zum Palaste Ibrahim Paschas, um sich auch dort, wo er sich für einen Boten eines hohen Beamten ausgab, zu erkundigen. Er erfuhr nur, daß der Pascha während der Nacht mit einem Dampfer abgereist sei. Mehr wußte man auch da nicht.

Nun erst kehrte er nach der Yacht zurück, um die schlimme Nachricht dorthin zu bringen. Er war erwartet worden. Der Lord und Wallert traten ihm entgegen und Letzterer fragte:

»Was hast Du erfahren?«

»Unglückliches. Sie sind fort.«

»Der Pascha, ja; aber doch nicht etwa auch die Frauen?«

»Alle drei: Zykyma, nebst Tschita und deren Mutter.«

»Herrgott! Welch ein Unglück!«

»Wüßte man nur, wohin der Kerl ist! Ich machte ihm nach bis an's Ende der Welt!«

»Da wissen wir Beide vielleicht Antwort. Nämlich als ich aufwachte, warst Du eben fort. Ich wußte nicht, was uns heut nöthig sein werde und ging also nach Hause, um wenigstens Geld zu holen. Da hörte ich von der Wirthin, daß am frühen Morgen ein hoher, starker und vornehmer Türke gekommen sei und diesen Brief für uns abgegeben habe. Ich öffnete ihn. Da lies! Normann las Folgendes:

»Sie theilten mir gestern mit, daß Sie irgend eine interessante Angelegenheit bei Ibrahim Pascha zu ordnen hätten. Sollte Ihr Vorhaben erfolglos gewesen sein und wünschen Sie die Adresse dieses Mannes zu erfahren, so theile ich Ihnen mit, daß er incognito nach Tunis ist, um dort unter dem Namen eines einfachen Türken aufzutreten.

Ihr Freund
Oskar Steinbach.«

»Dieser geheimnißvolle Deutsche! Er also weiß es und theilt es uns mit! Ist er allwissend?«

»Fast scheint es so. Wollen wir ihm vertrauen?«

»Natürlich. Uebrigens werde ich sofort nach dem alten Kutschu Piati gehen, wo wir uns nach ihm beim Pferdeverleiher Halef erkundigen sollen! Dann wird sich finden, was zu thun ist.«

»Was zu thun ist?« meinte der Brite. »Das ist doch sehr einfach. Wollt Ihr Eure Mädels haben?«

»Natürlich, natürlich!«

»Und ich die Mutter! Ich gebe sie nicht her. Master Wallert, laufen Sie nach Ihrer Wohnung und holen Sie Alles, was Sie Beide besitzen. Sie, Master Normann, gehen zum Pferdeverleiher, um sich nach diesem Master Steinbach zu erkundigen. Ich werde indessen Kohlen einnehmen lassen.«

»Wollen Sie fort?«

»Das wird sich finden. Laufen Sie nur!«

Die Beiden, welche sich in einer wirklich fieberhaften Aufregung befanden, gehorchten ihm. Normann nahm abermals einen Miethesel und ritt nach Kutschu Piati, wo er das Haus des Pferdeverleihers bald erfragte. Er fand ihn daheim und fragte nach Steinbach.

»Heißen Sie Normann oder Wallert?« erkundigte sich der Gefragte.

»Normann.«

»Ich habe Sie erwartet.«

»Wieso?«

»Oskar Steinbach Effendi sagte mir, daß vielleicht einer der beiden Genannten kommen werde, um sich nach ihm zu erkundigen. Ich soll Ihnen Auskunft geben.«

»Das ist mir sehr lieb. Ich wünsche nämlich seine Wohnung zu erfahren.«

»Die dürfte ich Ihnen auf keinen Fall mittheilen. Uebrigens befindet er sich nicht mehr in Stambul. Er ist heute früh abgereist.«

»Donner! Wohin?«

»Weiß es nicht.«

»Etwa Egypten?«

»Nein. Dorthin, nach Alexandrien, hat er telegraphirt, daß er sich nach einer anderen Gegend begiebt. Ich kann und darf weiter nichts sagen, soll Sie aber ersuchen, ganz nach den Zeilen zu handeln, die er Ihnen geschrieben hat. Sie enthalten die Wahrheit. Er ist gut unterrichtet.«

»Danke!«

Damit schoß er zur Thür hinaus und ritt an das Wasser zurück. Er theilte dem Engländer mit, was er erfahren hatte. Bald kam auch Wallert mit einigen Lastträgern, welche die Habseligkeiten der Freunde brachten.

»Haben Sie Ihre Pässe bei sich?« fragte der Lord.

»Sie sind hier bei den Effecten,« antwortete Wallert.

»Tragen Sie diese Papiere schnell zu Ihrem politischen Vertreter, um sie nach Tunis visiren zu lassen!«

»Alle Wetter! Wollen Sie da hinüber?«

»Das versteht sich. Auch ich werde zum englischen Gesandten gehen. Der Capitain ist bereits nach dem Hafenamt, um die Schiffspapiere in Ordnung zu bringen. Nach Verlauf von drei Stunden geht es fort.«

Und als die Freunde einander fragend anblickten, fügte er hinzu:

»Na, vorwärts! Nur nicht gezaudert! Ich will den Pascha haben! Ich muß wissen, woher er die Uhr hat und ich will auch über den Russen Er – Or – Ur – –«

»Orjeltschasta.«

»Ja, Orjeltschasta ein Mehreres erfahren. Hier ist uns die Entführung aus dem Serail mißglückt; drüben in Tunis aber soll sie uns gelingen, so wahr ich Lord Eagle-nest heiße. Also flott, Masters flott!«

Nach drei Stunden dampfte die Yacht ab. Auf dem Verdecke stand zwischen den beiden Deutschen der Lord, jetzt wieder in seinem grauschwarz karrirten Anzuge. Er zeigte die zuversichtliche Miene eines Mannes, welcher überzeugt ist, daß das, was er beabsichtigt, unbedingt gelingen werde. –

*

2. Capitel
Die Königin der Wüste
Fortsetzung 10

Ueber die spärlich mit Gras bewachsene Steppe, welche zwischen Tastur und Tunkra im Süden der Hauptstadt Tunis sich ausbreitet, ritten drei Reiter. Die Reihenfolge, welche sie einhielten, ließ vermuthen, daß der Eine der Herr von ihnen sei, denn er ritt voran, während die beiden Anderen ihm folgten.

Er war eine hochgewachsene, breitschulterige Gestalt, welcher die weiße, leichte Wüstenkleidung außerordentlich gut zu dem hellen, dunkeläugigen Gesichte stand. Aber grad diese helle Färbung des Gesichtes ließ vermuthen, daß er nicht wohl eigentlich ein Bewohner der Wüste sei, sich nicht einmal seit langer Zeit in diesen südlichen, sonnendurchglühten Breiten befinde.

Dennoch saß er besser, leichter, sicherer und eleganter zu Pferde, als seine beiden Begleiter und war auch bei Weitem besser bewaffnet und beritten als sie. Er ritt nämlich eine Stute von jener eigenthümlichen grauen Färbung, welche man nur unter den Nachkommen desjenigen Pferdes, dessen sich der Prophet Muhammed am Liebsten bediente, findet.

Man erzählt sich nämlich, daß der Prophet, als er noch sehr wenige Anhänger hatte, in ein arabisches Zeltdorf kam, um sich ein Pferd zu kaufen. Er wurde nach dem Weideplatz geführt, und als er dort ankam, scheuten alle Pferde, als ob sie von seiner Herrlichkeit geblendet seien, und nur das einzige graue unter ihnen kam herbei und beugte seine vorderen Kniee vor dem Gesandten Allah's, um ihn anzubeten. Er stieg sofort auf und sagte:

»Gesegnet sei dieses Roß! Es soll den ersten Diener Gottes tragen, und verflucht sei Der, welcher an seinen Nachkommen einen Fehler findet!«

Seit jenen längst vergangenen Tagen tragen alle Abkömmlinge dieses Pferdes die graue Farbe; sie werden heilig gehalten, nur selten und dann zu außerordentlich hohen Preisen verkauft, und auf ihre Zucht verwendet man solche Sorgfalt und Mühe, daß ihr Stammbaum niemals ein Makel zeigt.

Der Reiter, welcher sich durch den Besitz dieser theuren Stute auszeichnete, trug an dem Riemen über der Schulter ein kostbares Doppelgewehr mit Kammer, und im Gürtel neben den beiden mit Silber ausgelegten Pistolen noch zwei Revolver von sehr guter Arbeit und ein Dolchmesser, dessen Griff aus den zwei polirten Schnabelhälften des Vogel Strauß zusammengesetzt war – eine Bewaffnung, welche nichts zu wünschen übrig ließ.

Die anderen Beiden ritten gewöhnliche aber auch sehr gute Berberrosse. Der Eine von ihnen, ein langer, hagerer, dunkelbärtiger und gluthäugiger Mann, war ganz sicher ein Beduine, ein Bewohner der Wüste. Die Haut war von der Sonne und den erstickenden Wüstenwinden so hart und dunkel gegerbt wie Sohlenleder, und sein Gesicht hatte jenen still fanatischen Ausdruck, den man nur bei den in der Wüste wohnenden Anhängern des Islam beobachtet. Bewaffnet war er nur mit einem Messer und einer langen, dünnen Araberflinte. Er saß in jener Haltung im Sattel, aus welcher man sicher schließen kann, daß der Reiter mehr auf dem Kameele als auf dem Pferde zu Hause ist.

Sein Nachbar war ganz gewiß auch ein Moslem, aber wohl ein Städtebewohner, ein Maure. Diese Mauren werden von den eigentlichen Beduinen verachtet, da sie mit Christen und Juden umgehen und überhaupt kein so strenges, abgeschlossenes Leben führen wie die eigentlichen Bewohner der Sahara.

Er war noch ziemlich jung, dabei fleischig gebaut und saß so in dem arabischen Sattel, als ob es ihm viel lieber gewesen sei, sich auf einem weichen Divan niederzustrecken und eine Pfeife Tabak dazu zu rauchen. Gekleidet war er wie ein gewöhnlicher, nicht wohlhabender Städtebewohner, und die vielen kleineren und größeren Gegenstände, welche er am Sattel und an sich selbst hängen hatte, ließen vermuthen, daß er wohl der Diener des voranreitenden Herrn sei.

Und so war es auch. Er war der Diener, und der Andere war der Führer, welchen der in diesen Gegenden unbekannte Herr gemiethet hatte.

Einer, der in den letzten Wochen oder Monaten in Constantinopel gewesen wäre, hätte in dem Gebieter dieser Beiden sofort den Deutschen erkannt, welcher sich dort unter dem Namen Oskar Steinbach aufgehalten hatte.

Im Westen hatten sich Wolken auf der zwischen den beiden Flüssen Thissa und Khalad liegenden Bergen niedergelassen. Die Luft war sehr schwül; der Himmel hatte sich über jenen Höhen schwarz gefärbt, fast als ob ein Gewitter zu erwarten sei, in jenen Gegenden eine große Seltenheit.

Und wirklich, jetzt zuckte es hell aus den dunkeln Wolken hernieder, und dann rollte ein lang gedehnter, grollender Donner über die Steppe hinweg.

»O Allah!« rief der Diener, mit der Hand wie segnend nach der Stirn und nach dem Herzen greifend. »Wenn uns der Blitz erschlägt, so sind wir todt!«

Der Führer warf ihm einen stolzen, mitleidigen Blick zu und antwortete:

»Du bist feig wie der Schakal unter dem Staube der Ruinen! Dein Herz hat kein Blut.«

»Oho! Ich habe Muth! Wer aber kann sich gegen den Donner wehren? Du etwa?«

»Ja. Kennst Du nicht die Gesetze des Propheten?«

»Ich kenne sie.«

»So mußt Du wissen, daß Allah mit der Stimme des Donners an die Thür unseres Herzens klopft, um anzufragen, ob wir rechten Glaubens sind. Der Gläubige kniet bei dem dritten Donnerschlage auf die Erde nieder und betet die einhundertste Sure des Korans, welche ja die »Klopfende« genannt wird. Dann hat Allah seinen Glauben erkannt, und es wird ihn nicht der Strahl des Blitzes treffen.«

»Der Blitz fährt dennoch hin, wo er will! Wenn er mich hier trifft und todt vom Pferde wirft, so hat mir all mein Glaube nichts geholfen. O Allah – Allah!«

Er fuhr erschrocken zusammen, denn ein zweiter Donnerschlag war noch stärker erfolgt als der erste.

»Du bist ein Ungläubiger!« zürnte der Führer. »Die Hyänen werden einst Deinen Leib aus dem Grabe scharren, und Deine Seele wird verdammt sein, in der Hölle Feuer zu fressen und Flammen zu trinken in alle Ewigkeit!«

»Darum werde ich mich hier auf Erden dazuhalten süße Datteln zu essen und Kaffee zu trinken, so lange ich lebe – Schau – da! Welch ein Schlag!«

Es donnerte zum dritten Male. Der Diener beugte den Kopf fast bis auf die vordere Sattellehne herab, als ob er den tödtlichen Blitz über sich hinweggehen lassen wolle. Der Führer aber, fest an den Satzungen und Geboten seines Glaubens haltend, hielt sein Pferd an, stieg ab, kniete so nieder, daß sein Gesicht nach Osten gegen Mekka blickte, und betete laut und ernst:

»Es ist ein einiger Gott, und Muhammed ist sein Prophet! Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Der Klopfende! Was ist der Klopfende? An jenem letzten Tage werden die Menschen sein wie umhergestreute Motten, und die Berge wie verschiedenfarbige, gekämmte Wolle. Der nun, dessen Wagschale mit guten Werken schwer beladen sein wird, der wird ein herrliches Leben führen, und Der, dessen Wagschale zu leicht befunden wird, dessen Wohnung wird der Abgrund der Hölle sein. Was lehrt Dich aber begreifen, was der Abgrund der Hölle ist? Er ist das glühendste Feuer!«

Unter dem »Klopfenden« versteht nämlich der Muhammedaner den jüngsten Tag, weil er Herzklopfen verursacht.

Der Beter erhob sich und stieg wieder auf.

Steinbach war halten geblieben, hatte sein Gesicht auch nach Osten gewendet und in stillem Ernste das Gebet des Führers mit angehört. Das gefiel diesem. Er sagte zu dem Diener:

»Siehst Du, daß der Herr die Gebete des Koran's sehr wohl kennt? Ihn wird der Strahl des Blitzes nicht treffen.«

»Aber wohl mich?«

»Ja, denn Du bist ein Schwachgläubiger und thust nicht nach den Befehlen des Propheten!«

Sie hatten ihre Pferde wieder in Bewegung gesetzt. Steinbach wendete sich halb zurück, deutete nach den wolkenumhüllten Höhen und sagte:

»Da oben wird es regnen, hier aber nicht.«

»Wie aber kannst Du das wissen?« fragte der Führer.

»Merkst Du nicht, daß der Wind, welcher sich erhoben hat, nach West geht, also das Wetter von uns forttreiben wird?«

»Ein jedes Gewitter hat seinen eigenen Wind. Da oben geht er anders als hier.«

»Nein, auch so. Die Wolken werden nach Untergang der Sonne getragen. Siehst Du! Wir sind sicher.«

Er wendete sich wieder um. Der Diener nickte befriedigt vor sich hin und sagte leise:

»So wird mich also der Blitz nicht treffen. Aus Freude darüber werde ich einmal trinken.«

Er nahm eine große, in Leder eingenähte Flasche, welche am Sattelknopfe hing, herauf, öffnete sie und that einen langen, langen Zug.

»Hund!« brummte der Führer zornig.

»Wie nennst Du mich? Einen Hund?«

»Ja. Wenn Du Muth hättest, würdest Du mich wegen dieser Beleidigung ermorden!«

»O, ich morde nicht gern! Man begiebt sich dabei in die Gefahr, selbst getödtet zu werden, denn Du würdest Dich doch vertheidigen. Aber wenn ich trinke, bin ich doch noch deswegen kein Hund!«

»Du bist einer, denn was Du trinkest, ist nicht Wasser.«

»Was denn? Hast Du es gesehen?«

»Ich rieche es. Es ist Wein, den Muhammed verboten hat.«

»Es ist nicht Wein, sondern Wasser der Freude, welches man aus den Trauben gepreßt hat.«

»Wasser der Verdammniß!«

»Warum hätte der Herr dieses Wasser mitgenommen, wenn sein Genuß verboten ist?«

»Als Arznei. Weißt Du nicht, daß man den Wein genießen kann, wenn man krank ist? Aber wenig, einen Schluck, und dann muß man dabei die Worte sagen: »O Allah, gieb mir Gesundheit, und entferne den Teufel der Krankheit. Ich will ihn austreiben, denn er hat den Wein nur im Leibe aber nicht ich!« Du aber bist nicht krank und hast diese Flasche bereits fast ausgetrunken. Merkst Du nicht, daß Du im Sattel wankst?«

»Ich? Wanken? Siehst Du nicht, daß ich es nicht bin, sondern daß mein Pferd taumelt! Deine Augen sind mit Blindheit geschlagen, so daß Du das Pferd für den Reiter hältst. Trinke einmal mit! Du bist krank und wirst dann wieder sehend werden!«

»Allah behüte mich!«

»So will ich für Dich trinken, denn die Wohlthat, welche man seinem Nächsten erweist, wird am Tage des Gerichtes zehnfach angerechnet werden.«

Er that abermals einen langen Zug. Er wankte allerdings bereits, wie der Führer ganz richtig gesagt hatte. Er war als Muhammedaner den starken, levantinischen Wein nicht gewohnt und hatte doch, natürlich von seinem Herrn unbemerkt, die große Flasche bereits so weit ausgetrunken, daß sie nur noch wenige Tropfen enthielt. Seine Lider senkten sich müd herab; seine Augen blickten ungewiß unter ihnen hervor, und er rückte fortwährend im Sattel hin und her, als ob er sich nahe am Herunterstürzen befinde.

Die bis jetzt fast leere Steppe zeigte nach und nach einige Büsche. Drüben rechts zogen sich dunkle Streifen am Horizont hin, als ob sich dort ein Wald befinde. Steinbach deutete da hinüber und fragte:

»Ist das dort der Fluß?«

»Ja, Herr. Man nennt ihn Silliama, weil er in dem Thale fließt, welches diesen Namen trägt. Wir aber müssen hier links in die Steppe biegen. Die Medscherda-Araber, zu denen Du willst, haben dort ihre Lagerstätten.«

»Wann werden wir zu ihnen gelangen?«

»Wenn sie das Lager nicht in der letzten Zeit verändert haben, sind wir in zwei Stunden bei ihnen.«

Sie bogen in die angedeutete Richtung ein, und da jetzt Steinbach seinem Pferde die Ferse fühlen ließ und die Beiden dies also auch thun mußten, so setzten sich die Thiere in Galopp, und die Reiter kamen viel rascher vorwärts als vorher.

Die Steppe belebte sich mehr und mehr mit Grün. Die einzelnen Büsche traten zu größeren Gruppen zusammen, ein sicheres Zeichen, daß es hier Wasser gab. Sie erreichten auch ziemlich bald einen Bach, über welchen Steinbachs graue Stute mit großer Leichtigkeit hinweg setzte. Der Führer folgte ihm ebenso leicht. Doch mußten die Beiden anhalten, denn hinter ihnen hatte der Diener einen lauten Ruf des Schreckens ausgestoßen.

»O Allah! Hilfe Hilfe!«

Sein Pferd stand neben demjenigen des Führers; der Sprung war ihm ganz gut gelungen; aber der Reiter war nicht an das andere Ufer gekommen, sondern er saß im Wasser, welches glücklicher Weise nicht tief war.

Wunderbarer Weise regte er sich gar nicht; er blieb ruhig in den Wellen sitzen, obgleich diese ihm bis herauf an das Kinn gingen. Der Führer zuckte verachtungsvoll die Achseln und sagte kein Wort, machte auch keine Miene, ihn aus dem Wasser zu ziehen.

»Was fällt Dir ein!« zürnte Steinbach. »Du hast doch gesagt, daß Du reiten kannst!«

»Ich kann es auch, Herr!« versicherte der Verunglückte.

»Bist aber doch abgefallen!«

»Das Pferd sprang verkehrt!«

»Bist Du beschädigt?«

»Ja.«

»Wo denn?«

»An den Kleidern. Sie sind ganz naß.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Ich meine aber, ob Du Etwas gebrochen hast?«

»Ich glaube nicht!«

»So stehe doch auf, und komm heraus!«

»O, Herr, das wage ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Hier sitze ich in Sicherheit; aber wenn nun weiterhin das Wasser tiefer wird, so ersaufe ich, und kein Allah und kein Prophet wird mich wieder lebendig machen.«

»Aber ich werde Leben in Dich bringen, und zwar sogleich. Paß einmal auf!«

Steinbach hatte diesen Menschen in Tunis gemiethet, weil ihm das muntere Wesen desselben gefallen hatte. Bald aber war er zu der Ueberzeugung gekommen, daß er sich eine Art von Taugenichts engagirt habe. Er behandelte ihn auch darnach. Er drängte sein Pferd an das Ufer und zog die Nilpferdpeitsche aus der Sattelschlinge.

»Siehe, hier diese wirst Du kosten, wenn Du nicht sofort aus dem Wasser kommst!«

»O Herr, willst Du einen Anhänger des Propheten schlagen!« jammerte der Bedrohte.

»Ja. Eins – zwei – und drei – –!«

Er holte aus, und im Nu schnellte der Diener empor und an das Ufer.

»So! Dieses Mittel scheint probat zu sein!« lachte Steinbach. »Ich werde es nicht vergessen. Steige auf!«

»Herr, erlaube, daß ich mich vorher ausziehe, um meine Kleider auszuringen, sonst ersaufe ich noch im Sattel!«

»Steig nur auf! Das Wasser wird abtropfen, und Dir scheint das Bad und die Abkühlung nothwendig zu sein.«

Der Diener krabbelte sich nothgedrungen wieder auf und der unterbrochene Ritt wurde wieder fortgesetzt.

Da Steinbach auch jetzt voranritt, so fühlte der Durchnäßte sich sicher, nicht bemerkt zu werden. Er hob die Flasche empor und sagte zu dem Führer:

»Jetzt darf ich trinken, denn ich bin krank. Nicht?«

Der Gefragte antwortete nicht.

»Wenn ich nicht trinke, werde ich das Fieber bekommen; dann schüttelt es mich; die Arme und Beine schlottern und die Augen drehen sich im Kopfe rundum wie die Räder eines Wagens, in welchem die Haremsfrauen spazieren fahren. Dann kann ich den Herrn nicht mehr bedienen und bin nichts nütze auf der Welt. Also trinke ich, um das Fieber zu vertreiben und ein brauchbarer Mensch zu bleiben.«

Er machte die Flasche vollends leer. Der Führer brachte es doch über sich, zu fragen:

»Was wirst Du aber sagen, wenn der Herr bemerkt, daß die Flasche leer ist?«

»Sie hat ein Loch, sie ist ausgelaufen.«

»Ja, oben! Halte Dich fest, sonst fällst Du wieder ab!«

Da hielt Steinbach sein Pferd an, deutete in die Höhe und fragte:

»Siehst Du den Punkt da oben? Was ist das?«

Der Führer beschattete seine Augen mit der Hand, suchte den Punkt mit seinem scharfen Auge und antwortete dann:

»Herr, das ist ein Falke.«

»Er scheint näher zu kommen. Ach, ich werde versuchen, ihn mit der Kugel herabzuholen.«

»Nein, das wirst Du nicht!«

»Du meinst, daß ich ihn nicht treffe?«

»Du würdest ihn treffen, denn ich habe heut am Vormittage gesehen, daß Du besser schießest als Alle, welche ich kenne. Aber diesen Vogel darfst Du nicht treffen, denn er ist nicht Dein Eigenthum.«

»Ein Raubthier gehört keinem Menschen!«

»Dieser Falke ist kein Raubthier; er ist nicht frei, er gehört einem Herrn, der ihn dressirt hat.«

»Ah! Meinst Du, daß wir da einer Falkenjagd entgegenreiten?«

»Ganz gewiß. Ein dressirter Falke ist sehr leicht von einem wilden zu unterscheiden. Wir werden Arabern begegnen, welche sich auf einer Gazellenjagd befinden. Der Falke steigt empor; sieht er eine Gazelle, so stößt er auf sie herab, faßt sie mit den Krallen in der Nähe des Kopfes und hackt ihr die Augen aus, so daß sie nicht sieht, wohin sie flieht. Dann wird sie von den Jägern sehr leicht erreicht und getödtet.«

»Eigentlich grausam, aber das muß ich sehen!«

Die Jagdlust war über ihn gekommen. Eine Gazellenjagd mit Hilfe des Falken. Das war ihm ja etwas vollständig Fremdes. Er spornte also sein Pferd und jagte im Galopp davon, die beiden Andern hinter ihm her.

Der Diener hatte alle Mühe, sich im Sattel zu halten. Er ächzte und flüsterte, er wetterte und fluchte. Er wäre wohl zurückgeblieben, aber sein Pferd war gescheidter als er und hielt sich wacker neben demjenigen des Führers.

Jetzt stieg das Terrain ein Wenig an, und dann fiel es wieder sanft ab. Als die Reiter die kleine Höhe erreichten, sahen sie vor sich eine ziemlich weite Ebene, hier und da mit Büschen bewachsen. Weit hinten bewegten sich Reiter zwischen dem Gesträuch; vorn aber erblickten sie zwei riesige Vögel, welche in der Eile des Sturmwindes ihnen entgegenflogen.

»Ah! Zwei Strauße!« rief Steinbach, der noch niemals einen dieser Vögel im Freien gesehen hatte.

Er hatte sein Pferd angehalten; der Führer hielt neben ihm und bestätigte:

»Ja, zwei Strauße! Es ist Mann und Weib.«

»Woher siehst Du das?«

»Das Männchen ist schwarz, das Weibchen aber braun. Die Vögel sind nicht gezähmt, sondern wild. Das sieht man deutlich an den kurzen, abgestoßenen Schwing- und Schwanzfedern. Sie haben uns nicht gesehen. Halte Du Dich rechts, und ich reite links. Wir müssen sie haben.«

Er nahm seine lange Flinte vom Rücken und jagte nach links hinüber. Steinbach griff nach seiner Doppelbüchse und ritt nach rechts. Dort postirte er sich hinter ein Gesträuch, um von den fliehenden Vögeln nicht bemerkt zu werden.

Diese kamen näher, verfolgt von mehreren glatthaarigen Windhunden, hinter denen eine ganze Schaar Beduinen folgten, so schnell deren Pferde vermochten.

Steinbach hob die Büchse empor. Er sah, daß das Straußmännchen grad auf ihn zukam. Der Vogel machte riesige Sprünge. Der Strauß macht mit seinen langen Beinen zwei Ellen lange Schritte; flieht er aber vor einer Gefahr, so haben seine Sprünge eine Länge von vier Ellen und wohl auch noch mehr. Jetzt war das Männchen vielleicht noch hundertfünfzig Fuß von dem Deutschen entfernt. Da ertönte hoch oben in der Luft ein schriller, pfeifender Schrei, und im nächsten Augenblicke stieß der Falke auf das Weibchen nieder.

Er erfaßte es bei dem langen Halse, um den Vogel ganz so zu behandeln, wie er es bei den Gazellen gewohnt war. Hier aber hatte er sich geirrt. Der Strauß besitzt Riesenkräfte, sein Hals ist beweglich wie der Leib einer Schlange, mit seinem starken Fuße kann er einen Menschen, wenn er ihn richtig trifft, erschlagen, und sein Schnabel ist eine Waffe, vor welcher man sich fast noch mehr in Acht zu nehmen hat.

Die Straußin blieb stehen und vertheidigte sich gegen den viel kleineren, aber desto gewandteren Falken. Es war ein so interessanter Kampf, daß Steinbach kaum die Augen davon bringen konnte und vielleicht das Männchen vergessen hätte, wenn ihn nicht das Geräusch auf dasselbe aufmerksam gemacht hätte.

Der Vogel nahte mit einer Geschwindigkeit, welche diejenige des besten Renners übertraf. Die Büsche machten ein sicheres Zielen nicht leicht; aber Steinbachs Pferd stand so still und unbeweglich, daß er gut zu zielen vermochte, obgleich er im Sattel saß. Jetzt befand sich der Vogel zwischen zwei weit auseinander stehenden Büschen. In der nächsten Minute mußte er verschwunden sein. Erreichte er das nächste Gebüsch, so war er dann nicht mehr zu sehen. Steinbach hielt auf die Stelle, wo der Hals aus dem Körper tritt, eine bessere wußte er nicht, da er noch nie auf so ein Thier geschossen hatte. Er drückte ab; der Vogel machte eine blitzschnelle Seitenwendung, ließ den hoch erhobenen Hals fallen, hielt im Laufe inne, taumelte kurz hin und her und stürzte dann nieder.

Der Schütze ritt schnell hin. Er hatte sehr gut getroffen. Jedenfalls war einer der Wirbel getroffen worden. Der Vogel war todt.

Nun wandte Steinbach sich dem andern zu. Da hatte er ein höchst interessantes Schauspiel vor sich. Der Falke hatte den Strauß fahren lassen, sich erhoben, und war dann zum zweiten Male herabgestoßen, um ihn weiter oben, hart am Kopfe zu fassen. Das war ihm gelungen. Hier war er vor den Hieben des gewaltigen Schnabels sicher und versuchte, dem Strauße mit dem seinigen eine Wunde beizubringen. Aber das wollte nicht gelingen. Die Straußin warf den Kopf so schnell nach allen Richtungen, daß der Falke seinen Schnabel gar nicht gebrauchen konnte, sich nur festhalten mußte, um nicht abgeschleudert zu werden. Dabei machte der riesige Vogel die abenteuerlichsten Sprünge, vor- und rückwärts, zur Seite, und zwar so schnell, daß man kaum mit dem Auge folgen konnte.

Der Führer war von seinem Pferde gestiegen und stand mit erhobener Flinte gar nicht weit von dem Schauplatze dieses Kampfes. Aber er getraute sich nicht, zu schießen; er hatte kein festes Ziel und befürchtete, den Falken zu treffen. Steinbach war ein besserer Schütze. Auch er sprang ab und legte an. Sein Schuß krachte. Der Strauß machte einen ungeheuren Luftsprung und stürzte nieder. Der Falke war bei dem Knalle der Büchse nicht scheu geworden; er wußte, daß er ihm nicht gelte. Er hielt sich an dem Halse des Erlegten fest und hackte unausgesetzt und wüthend nach dem Kopfe, welcher sich nun nicht mehr zu wehren vermochte.

»Das war ein kühner und guter Schuß, Herr!« rief der Führer. »Ich hätte dieses Weib des Straußes nicht erlegt. Wo aber ist der Mann?«

»Da drüben liegt er. Ah, sie sind da!«

Er hatte sich bei seiner Antwort nach dem zuerst erlegten Vogel gewendet. Dort hielten mehrere Reiter, in die weiten, weißen Beduinenmäntel gehüllt. Sie kamen jetzt herbei. Andere nahten von den Seiten her. Es zeigte sich, daß die Beduinen in Verfolgung ihres Wildes einen weiten Halbkreis gebildet hatten, welcher sich jetzt hier eng zusammenzog.

An ihrer Spitze ritt ein langer, starker, sonnverbrannter Araber. Er trug kein sich auszeichnendes Gewand. Um seine Hüfte lag ein einfacher Kameelstrick, und ebenso einfache Schnuren, aus Dattelfaser gedreht, waren auch um seinen riesigen Turban gewunden. Aber die Flinte in seiner Hand zeigte eine ausgezeichnet ausgelegte Arbeit, und die Schimmelstute, welche er ritt, war von der reinsten Rasse. Dieser Mann war trotz seiner einfachen Kleidung sicherlich reich.

Er hielt seinen Schimmel vor Steinbach an, betrachtete ihn mit finster blickenden Augen und fragte:

»Wer bist Du?«

»Ein Fremder.«

»Das sehe ich. Wärst Du nicht ein Fremder, würde ich Dich kennen. Wie lautet Dein Name?«

Steinbach hatte keine Lust, sich in dieser Art und Weise ausfragen zu lassen. Er hatte die sehr richtige Ansicht, daß die erste Begegnung entscheidend ist, ob ein Fremder von diesen Halbwilden geachtet ist oder nicht; darum antwortete er sehr ruhig:

»Noch kenne ich den Deinigen nicht!«

»Allah hat Dir den Verstand genommen! Du meinst, daß ich Dir meinen Namen sagen müsse, um den Deinigen zu erfahren?«

»Ja, das meine ich!«

»Wer bist Du, daß Du das zu sagen wagst! Wisse, daß ich der Herr und Gebieter dieses Bodens bin, Herr über Tod und Leben, auch über das Deinige!«

»Du irrst! Mein Leben gehört Allah und mir. Er hat es mir gegeben, und ich werde es mir zu erhalten wissen, bis er es von mir fordert.«

Die Beduinen hatten einen weiten Kreis geschlossen. Sie waren neugierig, wie diese Unterredung enden werde. Ihre Augen waren mit Begierde auf die Waffen Steinbach's gerichtet. Der Wüstenbewohner ist ein geborener Räuber, und nur der ist bei ihm sicher, welcher es verstanden hat, seinen Schutz und seine Gastfreundschaft zu erlangen.

»Du sprichst sehr stolz,« fuhr der Araber zornig fort. »Ich habe es nicht nöthig, mich mit Dir zu streiten. Hier ist Einer, den ich kenne. Der wird mir antworten müssen.«

Er wendete sich an den Führer, der zwar nicht in knechtisch demüthiger, aber in höflicher Haltung vor ihm stand:

»Wer ist dieser Mann?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber Du bist bei ihm! Bist Du sein Führer?«

»Ja.«

»Und kennst ihn nicht?«

»Er bezahlt mich und ich führe ihn. Was geht mich sein Name an! Frage ihn selbst!«

»Wohin sollst Du ihn bringen?«

»Zu Dir.«

»Wie? Er hat nach mir verlangt? Nach dem Scheik der Krieger vom Stamme der Medscherdah?«

»Ja.«

Als Steinbach das hörte, sagte er:

»Wenn Du der Scheik der Medscherdah bist, so bin ich bereit, Dir zu antworten.«

»Du hattest mir schon vorher zu antworten!«

»Nein. Ich befand mich vor Dir hier an diesem Platze, und wer an einen Ort kommt, an welchem sich bereits Andere befinden, der hat den Gruß zu sagen. Du aber grüßtest nicht. Wie kann ich Dir da antworten.«

»Du sprichst so stolz, als seist Du auch ein Scheik!«

»Das bin ich auch!«

»Das bezweifle ich! Wärst Du ein Scheik der Beduinen, so würdest Du die Gesetze der Stämme, des Bodens und der Jagd kennen. Wir haben diese Vögel aufgestört; wir haben sie verfolgt; sie gehören uns; Du aber hast sie uns weggenommen.«

»Du irrst. Ich habe sie nicht weggenommen; ich habe sie nur getödtet. Sie sind Dein.«

»Wie?« fragte der Scheik erstaunt. »Du willst sie an mich abtreten?«

»Ja.«

»Und hast sie doch erlegt!«

»Ich brauche ihre Federn nicht. Du bist der Herr dieses Bodens; was sich darauf befindet, ist Dein Eigenthum, dieses Wild also auch.«

»Allah! Das hat noch niemals Einer gethan! Du mußt aus einer fernen Gegend kommen!«

»Das ist richtig. Ich komme sehr weit her.«

»Und zu mir! Was willst Du bei mir?«

»Ich will nicht eigentlich zu Dir, sondern zu einem Andern, von welchem ich hörte, daß er jetzt Dein Gast sei.«

»Wen meinst Du?«

»Krüger Bei, den Hauptmann der Leibgarde des Muhammed es Sadak Bei von Tunis. Befindet er sich bei Dir?«

»Ja. Hier ist er.«

Er deutete auf einen Reiter, welcher sich bisher seitwärts gehalten hatte. Dieser Mann war von kurzer, starker Gestalt. Sein Gesicht war hochroth wie das eines professionirten Weintrinkers, trug aber eine ganz außerordentliche Gutmüthigkeit zur Schau. Er saß auf einem Vollblutrappen und hatte auch den weißen Beduinenmantel überhängen; aber unter demselben, da, wo er vorn geöffnet war, glänzten dicke, goldene Uniformschnüre hervor. Er dirigirte sein Pferd jetzt an die Seite des Scheiks heran und sagte zu Steinbach:

»Hier bin ich, der Oberste der Heerschaaren des Herrn und Gebieters von Tunis. Wer bist Du?«

»Erlaube, daß ich Dir dies allein sage!«

»Nein, das erlaube ich nicht. Weißt Du, was der Kommandeur der Leibwache zu bedeuten hat?«

»Ja. Er beschützt das Leben des Beherrschers. Er ist der Nächste nach dem Pascha selbst.«

»So hast Du mir also zu antworten. Du bist hier fremd; Du tödtest unser Wild, ohne uns zu fragen. Es giebt hier in der Steppe gar Viele, welche als Räuber und Diebe umherziehen und, wenn man sie trifft, so unschuldig thun, als ob sie Brüder und Neffen des Propheten seien.«

»Sehe ich wie ein Räuber aus?«

»Es giebt keine bestimmte Kleidung, an welcher man den Räuber erkennt, und – Allah akbar! Was thut dieses Pferd hier?«

Er erblickte nämlich in diesem Augenblicke die Stute Steinbach's, welche dieser hinter dem Busche stehen gelassen hatte. Der Deutsche antwortete:

»Es ist das meinige.«

»Das Deinige? O Muhammed! O ihr heiligen Kalifen! So bist Du also doch ein Räuber! Haltet ihn fest, laßt ihn nicht fort von hier!«

Diese Aufforderung war an die Beduinen gerichtet, welche den Kreis sofort enger zogen. Steinbach aber zeigte keine Besorgniß. Er fragte lächelnd:

»Warum hältst Du mich für einen Räuber?«

»Du hast dieses Pferd geraubt!«

»Ah! Beweise es!«

»Beweise es, daß es Dir gehört! Hast Du es gekauft?«

»Nein.«

»Siehst Du! Hast Du es etwa geschenkt erhalten?«

»Nein.«

»Siehst Du! So ein Pferd wird weder verkauft noch verschenkt. Wie hast Du es denn erhalten?«

»Ich habe es mir geborgt.«

»Das ist eine Lüge! Derjenige, dem dieses Pferd gehört, verborgt keines seiner Thiere. Diese Stute ist die allbekannte Sindschaba des Beherrschers von Tunis. Ich muß sie kennen. Willst Du es leugnen?«

Sindschaba heißt die Graue.

»Nein, ich leugne es nicht. Es ist die Stute des Pascha.«

»So kannst Du nicht anders als durch Diebstahl in ihren Besitz gelangt sein!«

»Ich will Dir diese Worte verzeihen, o Anführer der Leibschaaren! Wenn Du nachdenken wolltest, so würdest Du höflich vom Pferde steigen, um mich zu begrüßen, denn Derjenige, welchem der Pascha ein Pferd borgt, muß ein Mann sein, welcher es nicht gewohnt ist, daß man ihm das Zeichen der Ehrerbietung verweigert.«

Der Oberst machte ein eigenthümliches Gesicht. Er überlegte, daß es wohl nicht leicht sei, ein Pferd aus dem Marstalle des Bei zu stehlen. Das Auftreten Steinbach's war so sicher. Vielleicht war das Pferd doch geborgt! In diesem Falle aber war der Reiter ganz sicher ein hervorragender Mann, und es war ein sehr großer Fehler gewesen, ihn so unhöflich zu behandeln. Unter diesen Gedanken bekamen die gerötheten Züge des Obersten einen sichtlichen Anflug von Verlegenheit. Es fiel ihm gar nichts ein, was er eigentlich in diesem Augenblicke sagen solle.

Dieser tapfere Oberst der Leibwache war von Geburt ein Deutscher. Er stammte aus der Mark Brandenburg und hatte als Brauergeselle die Heimath verlassen, um sein Glück in der Fremde zu suchen. Er hatte es gefunden.

Nach vielen Kreuz- und Querfahrten war er nach Tunis gekommen, und hatte sich anwerben lassen. Von Haus aus recht gut begabt, furchtlos und tapfer, war er nach und nach immer höher gestiegen und zuletzt Commandant der Leibschaaren geworden. Natürlich hatte er sich da zum Islam bekennen müssen, war aber im Herzen doch ein Christ und dazu ein guter, ehrlicher Deutscher geblieben.

Im Lande eine allbekannte und überall beliebte Persönlichkeit, wurde er besonders von den Fremden um einer Eigenthümlichkeit willen gern aufgesucht, welche ihn geradezu zum Original stempelte. Diese Eigenthümlichkeit war nämlich seine Art, sich im Deutschen auszudrücken.

Das Türkische und Arabische war ihm vollständig zu Eigen und geläufig geworden. Er sprach Beides genau so wie ein Eingeborener. Anders aber war es mit seiner Muttersprache. Von Schulbildung war bei ihm keine Rede gewesen. Er hatte sein Deutsch so gesprochen, wie es ein Brauerknecht und ein echter Brandenburger spricht, im dortigen Dialekt. Später hatte er lange Jahre keine Gelegenheit gehabt, sich im Deutschen auf dem Standpunkt zu erhalten; er hatte seine Muttersprache zu drei Viertheilen vergessen. Was ihm noch übrig geblieben war, das gebrauchte er nach den Regeln der türkischen und arabischen Sprache, und so entstand eine Ausdrucksweise, welche geradezu unbeschreiblich war.

Dazu kam, daß er sehr gern sprach. Nichts machte ihm größere Freude, als wenn ihn einmal ein Deutscher besuchte. Dann that er sich eine förmliche Güte und machte mit dem ernstesten Gesichte solche curiose Sprachfehler, daß der Zuhörer alle Selbstbeherrschung anwenden mußte, um sich vor Lachen nicht auszuschütten. Arabisch und Türkisch aber sprach er in derselben blumen- und bilderreichen Sprache wie die Eingeborenen. Und da er dieselben Blumen und Bilder auch im Deutschen brachte, wohin sie gar nicht paßten, so steigerte sich das Lächerliche um so höher, je schöner er zu sprechen glaubte.

Jetzt nickte er leise vor sich hin, betrachtete Steinbach noch einmal genauer und sagte dann:

»Wenn Du mir doch nur Deinen Namen nennen wolltest!«

»Nun, wenn Du es denn verlangst, so will ich ihn Dir sagen. Mein Paß lautet auf den Namen Steinbach Pascha.«

»Steinbach Pascha!« wiederholte der Oberst überrascht.

»Ja; ich heiße Oskar Steinbach Pascha.«

»Das ist ja ein deutscher Name!«

»Allerdings.«

»Bist Du denn vielleicht in Deutschland geboren?«

»Nicht nur dort geboren. Ich bin noch heut ein Deutscher.«

Bis jetzt war das Gespräch in arabischer Sprache geführt worden. Bei den letzten Worten Steinbach's aber sprang der Oberst schnell aus dem Sattel und rief:

»Dunderwetter! Ihnen sind ein Deutscher?«

»Ja, Herr Oberst.«

»Von woher denne und aus welcherlei Jejend denne, wenn mir Ihnen fragen darf?«

»Nun, ich habe in mehreren Provinzen Besitzungen; ich will aber sagen, aus dem Brandenburgischen.«

»Aus das Brandenburgische? Herrjesses, wat das vor eene Ueberraschelung jewesen und jehabt zu haben werden jekonnt dürfen wird! Wer hätte so Einwas jedenken jedacht! Und Ihnen wollen hier zu mich?«

»Gewiß, wenn Sie erlauben!«

»Ob ik mich es erlaube! Na und ob und inwiefern! Ik jebe Sie jetzt meinen Hände und heiße Ihnen ein Willkommen entjejen mit lauter Pauken und Trompeten! Jetzt ist Allens jut, Allens, Allens!«

Er schüttelte Steinbach beide Hände mit solcher Gewalt, als ob er ihm beide Arme aus dem Leibe reißen wolle.

»Nun,« fragte dieser lachend. »Halten Sie mich auch jetzt noch für einen Pferdedieb?«

»Jetzt noch in das jejenwärtigen Augenblick? Wat denken Ihnen! Wenn Ihnen ein Deutscher sind, dann hat es ja gar nicht möglich, Sie ein Pferdediebstahl zuzumuthen mit Verdächtigkeit an den Hals zu werfen jesonnen sein jeirrt haben zu können! Ein Deutscher maust nie nich einen solchen Diebstahl. Wir Deutschen sind ehrliches Leuten! Na, haben Ihnen jetzt ein Weniges Jeduld! Ich werde hier denjenigem Scheik mitzutheilen jenügen, wat vor einen freudigen Augenblicker man sonst zuweilen wie jerade jetzt in das Leben einjeschlagen werden muß!«

Er wendete sich an den Scheik und stellte Steinbach demselben als einen hohen Herrn vor, den er von diesem Augenblicke an zu seinen besten Freunden zu zählen habe. Das veränderte augenblicklich die ganze Situation. Die Gesichter der Beduinen wurden freundlicher. Der Scheik streckte dem Deutschen die Hand entgegen und sagte:

»Das konnte ich nicht wissen. Sei mir willkommen! Wenn wir im Lager angekommen sind, wirst Du Salz und Brot mit mir essen und den Becher mit mir theilen. Deine Freunde sind auch meine Freunde und Deine Feinde auch die meinigen!«

Einer der Beduinen hatte den Falken bereits wieder an sich genommen und ihm die lederne Kappe über den Kopf gezogen. Die beiden erlegten Sträuße wurden von zwei Anderen über den Sattel gelegt, und dann ging es weiter, dem Lager entgegen; die Araber in stürmischem Galopp, auch Steinbach 's Führer mit sich fortreißend, der Deutsche selbst aber mit Krüger Bei langsam hinterdrein.

»So!« sagte der Letztere. »Jetzt sind uns allein und wir können mit einanders reden, ohne daß wir jestört zu werden die Absicht jebrauchen dürfen. Also aus dem Brandenburg. Wat vor ein Medjeh haben Ihnen denn da eijentlich jelernt, he?«

»Ich weiß nicht, was Sie sich unter diesem Worte denken, Herr Oberst.«

»Medjeh? Nun, Medjeh hat janz denselbigen Jedanken wie Beruf und Handwerk erlernt zu haben von wegen sich zu ernähren.«

»Ach so! Nun, ein Handwerk habe ich eigentlich nicht. Ich treibe nichts als ein Bischen Politik.«

»Politik! Ah! Is dat wahr?«

Er betrachtete Steinbach mit einem ganz besonderen Blicke.

»Ja,« nickte dieser bestätigend.

»Sind Ihnen dem Teufels!«

»Meinen Sie, daß die Diplomaten zum Teufel gehören?«

»Diplomat? Ah, dat is einwas Anderem!«

»Ach so! Sie unterscheiden die Diplomaten von Denjenigen, welche Politik treiben?«

»Janz natürlich!«

»Dürfte ich Sie um den Unterschied bitten?«

»Diesem Unterschied jiebt es sehr einfach. Wer Politik mit Glück anzufangen jewußt haben darf, dem heiße ik ein Diplomat. Wer dem Politik aber nie nicht jerathen thut, dem bleibt Politiker.«

»Richtig! Sehr geistreich! Ich gestehe aufrichtig, daß ich auf diese feine Unterscheidung niemals gekommen wäre!«

»Ja, hier hat es ihm!«

Er deutete dabei nach seiner Stirn und fuhr dann fort:

»Jetzt aber stellen Ihnen mir vor. Haben Ihnen vielleicht Kinder?«

»Nein.«

»Aber eine Frau hat Ihnen?«

»Auch nicht.«

»So sind Ihnen unverheirathet jesonnen?«

»Ich bin auch noch unverehelicht. Aber damit Sie nicht erst nach Allem zu fragen brauchen, will ich mich Ihnen gleich lieber kurz und bündig auf diese Weise vorstellen.«

Er zog eine Brieftasche hervor, entnahm derselben einen mehrfach mit Siegeln und Stempeln versehenen Bogen und reichte ihm denselben hin. Krüger Pascha las während des Reitens. Sein volles, ehrliches Gesicht wurde lang und immer länger. Endlich faltete er das Papier zusammen, gab es mit der Linken zurück und hielt die Rechte an den Turban, so wie ein abendländischer Soldat einem Vorgesetzten das Honneur zu machen pflegt.

»Empfehle mir!« sagte er ehrerbietig.

»O bitte, Herr Oberst!«

»Dunderwetter!«

»Was?«

»Hat dies möglich?«

»Wie Sie sehen!«

»Ihnen sind ein Fürst, einer Durchlaucht?«

»Ist Ihnen das unangenehm?«

»Nein; aber warum nennen Ihnen sich Steinbach?«

»Incognito.«

»Ah! Schön! Ich verstehen diesen Art und Weisen, um zu nicht erfahren, von welchem Verhältnissen diejenigen Menschen des Namens wejen vielerlei Entdeckungen zu machen erlaubt jewesen ist. Ik jebe Sie den Versicherung, daß Ihr Geheimniß über meinen Busen in keiner Sprache nach der Oeffentlichkeit hinüberjeredet in lautem Tone verschwiegen werden muß. So, sind Ihnen einverstanden?«

»Ja. Ich komme nach Tunis, um Muhammed es Sadak Pascha einige wichtige Vorschläge zu unterbreiten. Ich habe mich ihm bereits vorgestellt und, wie ich glaube, sein Vertrauen erworben. Es schien mir aber vor allen Dingen auch nöthig zu sein, mit Ihnen zu sprechen, und da ich hörte, daß Sie sich hierher begeben hatten, so habe ich den interessanten Ritt unternommen, um Sie eher begrüßen zu können, als es mir möglich gewesen wäre, wenn ich Ihre Rückkehr erwartet hätte.«

»Sehr jut! Sehr schön! Sehr lieblich! Danke, bitte! Hat man Sie jesagt, welchem Grund ich hier zu finden jeneigt jewesen habe?«

»Ich hörte, daß Sie einige Pferde für den Marstall des Bei kaufen wollen.«

»Dat ist den Richtigkeit. Aber ik habe noch einigem Anderes. Ik kaufe mich einer Frau.«

»Verstehe ich Sie recht? Sie wollen sich eine Frau kaufen?«

»Ja.«

»Hier, bei diesen Leuten?«

»Hier, ja.«

»Ich denke, daß ein Beduinenmädchen niemals verkauft werden kann!«

»Eigentlich nie nicht. Aber es hat hier dem Verhältniß, daß dat Jelegentliche sowohl jenügend als auch passend herumzudrehen jeeignet sein dürfte. Es hat einen Gast hier vom Stamme der Tuareg. Die Tuareg's verkaufen zuweilen ihrem Weibern und Mädchen. Er hat zwei Mädchen, von die eine Einzige dem Anjesichte wie ein Engel den Bild und Spiegel hat.«

»Ach so! Sie haben hier ein schönes Mädchen gesehen und sind dabei auf den Gedanken gekommen, es für sich zu kaufen.«

»Ja, für meinen Harem.«

»Ist dieser Harem stark?«

»Stark? Die Eine ist stark, die Aelteste, viel stärker noch als mich. Den Anderen sind schlank.«

»Sie sind also ein richtiger Muhammedaner!«

»Ja, natürlich! Oder meinen Sie unnatürlich? Ist es nicht ejal, ob wir sagen Allah oder ob man lautet auf Gott und den heiligen drei Königen! Lassen Sie Ihnen und mir davon schweigen! Hat die Religion dem Herzen, so sind die Aeußerlichkeiten keinem Werth und Bedeutung. Schau! Hier sieht es dem Lager!«

Er hatte Recht, obgleich er sich so sehr falsch ausdrückte. Von da aus, wo sie jetzt hielten, hatte man einen vollen Ueberblick auf das Lager des Beduinenstammes. Es bildete eine lange Doppelreihe von Zelten. Außerhalb dieser Zelte weideten die Herden, auf der einen Seite die Pferde und wenigen Rinder, und auf der andern die Kameele und zahlreichen Schafe.

Die Pferde, besonders diejenigen besserer Rasse, haben einen unüberwindlichen Widerwillen gegen die Kameele, deren Ausdünstung sie nicht vertragen können. Muß man nun bei Wanderungen diese beiden Thierarten eng bei einander haben, so trennt man sie doch dann auf der Weide; das Pferd würde sonst nicht gedeihen.

Als die beiden Reiter sich den Zelten näherten, hatten sich alle männlichen Bewohner des Lagers auf die Pferde geworfen und kamen ihnen schießend und schreiend entgegengesprengt, um Steinbach, den neuen Gast, zu begrüßen. Und dann, als sie die Gasse hinaufritten, um sich nach dem Zelte des Scheiks zu begeben, standen zahlreiche Frauen und Mädchen vor den Thüren, um den unbekannten Ankömmling sich zu betrachten.

Ein einziger Mann nur schien es vermieden zu haben, dem neuen Ankömmling entgegen zu reiten. Er stand in reservirter Haltung vor einem der Zelte und betrachtete mit finsterm Blicke bereits von Weitem scharf den Deutschen, welcher mit dem Scheik und dem Obersten an der Spitze ritt. Es sprach sich in seinem Gesichte eine gewisse Besorgniß aus.

Sein Gesicht zeigte den Typus des Arabers mit demjenigen des Negers vermischt. Die Nase war eine fast kaukasische, aber die stark aufgeworfenen Lippen und die hervortretenden Backenknochen waren ein sicherer Beweis, daß das Blut der schwarzen Rasse in seinen Adern rolle. Und schwarz, in ein häßliches Grau hinüberspielend war die Farbe seines Gesichts. Es war der Tuareg, welcher von dem Obersten erwähnt worden war. Diese Tuaregs wohnen in der eigentlichen Wüste, zwischen den Arabern und Negern und tragen häufig die Eigenthümlichkeiten Beider zur Schau.

Er war nur mit einem tief herab reichenden, sehr schmutzigen Hemde bekleidet, aus dessen weiten Aermeln seine dunklen, sehnigen Arme hervorschauten. In der Rechten hielt er, gleich einem Spazierstocke, die fürchterliche Wurflanze der Tuaregs, und an jedem seiner Handgelenke war mittelst einer Kette ein scharfes, zweischneidiges Messer befestigt. Der Tuareg umarmt im Kampfe seinen Feind und stößt ihm diese beiden Messer von hinten in die Lunge.

*

11

Eben als Steinbach herangekommen war, wendete sich dieser Tuareg schnell um. Er hatte ein Geräusch gehört. Der Vorhang des Zeltes war geöffnet worden, ein Mädchen trat heraus, den Gast zu sehen.

»Was fällt Dir ein!« brüllte er sie zornig an. »Schnell hinein, sonst, bei allen Teufeln der Hölle, steche ich Dir das Messer in den Leib!«

Sie fuhr erschrocken zurück und verschwand augenblicklich. Der Tuareg biß die Zähne grimmig zusammen. Er sah ganz so aus, als ob er dem kleinen Vergehen eine schwere Strafe folgen lassen wolle.

Aber Steinbach hatte die eigenartig schöne Gestalt doch vollständig gesehen. Welch ein wunderbares Gesicht war das gewesen! Wunderbar in seiner Zeichnung und schwer zu erforschen in seinem Ausdrucke. Sie war unverschleiert gewesen. Während die in den Städten wohnenden Maurinnen ihr Gesicht stets verhüllen, nehmen die Töchter der frei umherziehenden Beduinen es damit nicht so genau. Sie wissen, daß sie sich sehen lassen können und sind auch zu stolz, um durch das stetige Verschleiern indircet einzugestehen, daß irgend eine Herzensgefahr ihnen drohen könne, wenn sie ihre Züge zeigen.

Diese junge Wüstenbewohnerin, welche so rasch wieder hatte verschwinden müssen, war von hoher, trotz ihrer Jugend, bereits üppiger Gestalt, während sonst die Beduinenmädchen schlanken, zierlichen Gliederbau besitzen. Ihre schönen Formen waren unter der leichten, dünnen Hülle sehr deutlich zu bemerken gewesen, da sie nur eine aus feinstem Stoffe gefertigte Hose und ein eben solches Jäckchen trug, welches über der Brust weit auseinander ging und das schleierartige, fast durchsichtige Leibhemde sehen ließ. Da das Jäckchen keine Aermel hatte, so waren die langen, weiten Aermel des Leibhemdes zu sehen. Vorn bis über die Ellbogen aufgeschnitten, fielen sie hinten lang herab und aus ihnen traten zwei fast schneeweiß leuchtende Arme hervor, deren prächtige Rundung ganz geeignet war, selbst den Blick eines Mannes zu fesseln, der sonst für Frauenschönheit nicht zu schwärmen pflegte. Und hell, weiß wie ihre Arme war auch die Farbe ihres Gesichtes gewesen, in der Wüste eine große Seltenheit.

Wären ihre Züge nicht echt orientalische gewesen, so hätte man sie dieser blendenden Weiße wegen für eine nordische Europäerin halten können. Jedenfalls hatte diese bezaubernde Araberin es niemals nöthig gehabt, sich wegen irgend einer Beschäftigung den Strahlen der Sonne auszusetzen. Es ließ ja ihre Hautfarbe auf eine hohe vornehme Abkunft schließen, da diese seltene Ausnahme niemals bei einem gewöhnlichen Weibe wahrzunehmen ist.

Ihre großen, dunklen Augen waren von einer sammetartigen Weichheit gewesen und hatten auf Steinbach wie in inniger Bitte geruht. Die Zöpfe ihres nachtdunklen Haares hingen lang und stark bis fast zur Erde herab und waren mit eingeflochtenen Gold- und Silberstücken, Korallen und polirten Löwenzähnen geschmückt. Diese letztere Art des Schmuckes ließ errathen, daß die männlichen Angehörigen ihrer Familie tapfere und unerschrockene Krieger und Jäger seien und ihre Tochter oder Schwester sehr lieb gehabt hatten, da sie ihr sonst diese Siegeszeichen der gefährlichen Löwenkämpfe gewiß nicht zu diesem so wenig kriegerischen Zwecke geschenkt hätten.

Als sie in das Zelt trat, wendete sie sich an die zweite Bewohnerin desselben, indem sie fragte:

»Hast Du es gehört?«

»Ja, er zürnte.«

Die, welche antwortete, war alt, eine echte hagere, scharfäugige und krummnäsige Beduinin, deren Gesicht von unzähligen Falten und Fältchen durchzogen war. Doch hatte dieses Gesicht nicht etwa einen abstoßenden Ausdruck, sondern grad jetzt, als sie mit dem schönen Mädchen sprach, sprach aus den Zügen rührendste Liebe und innigstes Mitleid.

»Sie Alle dürfen hinaus, nur ich soll nicht!« fuhr die Schöne fort.

»Er fürchtet sich, daß Du von Einem gesehen werdest, der auf den Gedanken kommen könnte, Dich zu retten.«

»Und ich sehne mich und schmachte nach einem solchen Retter!«

»Laß uns recht heiß zu Allah bitten, meine arme Hiluja; er ist barmherzig und wird uns seine Hilfe senden.«

»Beten wir nicht bereits? Immerfort, Tag und Nacht?«

»Der Prophet sagt, daß man nicht aufhören soll in der Bitte, dann werde der Wunsch erfüllt.«

»So mag er sehr schnell erfüllt werden, denn bereits morgen kann es zu spät sein.«

»Warum morgen?«

»Weil wir vielleicht morgen bereits hier fortreiten. Wir sind hier in der Nähe von Tunis, wo eher als anderswo Aussicht auf Hilfe ist. Später entfernen wir uns weit und immer weiter.«

»Wohin wird er uns bringen?«

»Ich weiß es nicht genau, aber ich habe von der Frau des Scheiks erfahren, daß er an das Meer will, nicht nach der Hauptstadt, sondern nach einem anderen Orte. Dort will er uns für sehr viel Geld verkaufen.«

»O Allah!« rief die Alte erschrocken.

»Ja, das ist gewiß. Mich, die Tochter des berühmtesten Herrschers der Sahara, die Schwester der Königin der Wüste, verkaufen, elend verkaufen, wie man eine Schwarze, eine Sklavin verschachert! O, wäre ich ein Mann!«

»Was würdest Du thun?«

»Ich würde mich befreien und diesen Mörder tödten!«

Sie ballte die kleinen Händchen und drohte damit nach der Thür hin, vor welcher der Tuareg gestanden hatte. Die Alte trat näher an sie heran und fragte in flüsterndem Tone:

»Kann ein Weib nicht auch handeln?«

»Ja, sie kann es, aber ohne Erfolg.«

»O, können wir ihn nicht auch tödten?«

»Ich könnte es!«

»Und ich auch!« fügte die Alte hinzu, indem ihre Augen unternehmungslustig funkelten. »Und ich werde es thun; ich werde ihm seine eigene Lanze in den Leib stoßen, um Dich zu retten, Du schönste und beste der Töchter!«

»Ich weiß, daß Du muthig bist; aber wir dürfen es nicht thun.«

»Warum nicht? Ist er nicht unser Feind? Hat er uns nicht geraubt und dabei die Unserigen getödtet?«

»Das ist er und das hat er. Aber was willst Du thun, nachdem Du ihn getödtest hast?«

»Fliehen.«

»Wohin?«

»Zu unserem Stamme zurück oder zur Königin der Wüste, zu welcher wir ja wollten, um sie zu besuchen.«

»Hast Du Pferde und Kameele, Proviant und Wasser? Ist Dir die Richtung und der Pfad bekannt? Der Tuareg ist hier der Gastfreund des Scheiks. Tödten wir ihn, so ist der Scheik gezwungen, ihn zu rächen. Er muß uns dann tödten, obgleich wir Frauen sind.«

»Allah sei uns gnädig! Wie aber soll uns geholfen werden, wenn nicht in dieser Weise?«

»Ich habe in letzter Nacht so bitter geweint und so flehend gebeten, daß Allah uns einen Retter senden möge. Ich schlief während des Weinens und Betens ein, und da träumte ich, daß ich von einer großen Hyäne überfallen und niedergerissen worden sei. Eben öffnete sie den Rachen, um mich zu zerfleischen, da nahte ein schöner, großer, stolzer Mann, der sie mit einem einzigen Griff am Halse erwürgte und dann an den Felsen schleuderte und zerschmetterte. Seine Gestalt war die eines Helden; seine Augen leuchteten wie Sterne, aber seine Stimme war mild und freundlich wie diejenige eines liebenden Weibes. Ich wollte thun, was ich noch nie gethan habe und was mir nur im Traume in den Sinn kommen konnte: ich wollte ihn umarmen und seine Lippen küssen, um ihm zu danken, da aber erwachte ich.«

»O weh! Warum bist Du erwacht, bevor Du ihn gefragt hast, wer er sei! Hat er Dir seinen Namen genannt?«

»Nein.«

»Diesen Traum hat Allah Dir als Antwort auf Dein Gebet gesandt. Hättest Du doch den Namen erfahren. Dieser Retter wohnt ganz gewiß hier in der Nähe.«

»Ja, er wohnt da.«

»Wie? Was? Das weißt Du?« fragte die Alte schnell.

»Ja, ich weiß es.«

»Und hast ihn doch nicht im Traume gefragt!«

»Ich habe ihn heut gesehen.«

»Allah ist groß; er kann möglich machen, was unmöglich ist! Wie willst Du den Retter gesehen haben?«

»Eben jetzt. Es ist der neue Gast, welcher vorüberritt.«

»O Ihr Geister, o Ihr Heiligen! Hast Du ihn erkannt?«

»Ja. Er ist so hoch, so schön und stolz wie der Held meines Traumes; auch die Augen sind dieselben. Sie glänzten wie Sterne, als er den Blick auf mich richtete.«

»Das ist ein Zufall, Kind.«

»Nein. Allah sendet ihn!«

»Dir hat von einem Helden geträumt; Du hast einen Mann von hoher Gestalt gesehen, und nun glaubst Du, daß er ganz genau Dein im Traume erschienener Retter sei.«

»Vielleicht hast Du Recht,« antwortete Hiluja nachdenklich. »Aber ich will dennoch bei meinem glücklichen Glauben bleiben. Dieser Fremde hatte nicht nur die Gestalt eines Helden, sondern das Gesicht eines edlen Mannes. Er wird uns helfen, wenn er es vermag. Vermag er es nicht, so wird er uns wenigstens nicht verrathen.«

»Ich habe ihn nicht erblickt, stimme Dir aber bei. Wenn wir Rettung finden wollen, müssen wir Etwas thun. Wie aber, o Hiluja, machen wir ihn auf uns aufmerksam?«

Hiluja heißt »die Süße«, gewiß ein Name, welcher eher als jeder andere auf die schöne Araberin paßte. Diese antwortete der treuen Dienerin:

»Ich bin zu sehr beobachtet, ich kann nicht mit ihm sprechen.«

»Meinst Du, daß ich versuchen soll, ihn zu finden?«

»Das ist das einzig Mögliche. Er hat mich angesehen. Dabei leuchtete in seinen Augen Etwas, was mich mit Sicherheit vermuthen läßt, daß er Deine Bitte nicht zurückweisen werde. Versuche, ob Du ihn nicht allein sprechen kannst. Und wenn Du ihm nur ein einziges Wort zuraunen kannst, so thue es. Er sieht so aus, als ob dieses eine Wort bereits genügend für ihn sei. Ich werde hier zurückbleiben im Gebete, daß Allah's Engel Dich begleiten mögen!«

Steinbach hatte allerdings nur einen kurzen Blick auf Hiluja werfen können, doch war dies vollständig genügend gewesen, um ihn zu überzeugen, daß in ihren Augen eine Frage, eine stumme und doch so beredte, an ihn gerichtete Bitte lag. Er hatte gesehen, daß sie in zorniger, fast roher Weise von dem Tuareg in das Zelt zurückgewiesen worden war. Es lag also klar auf der Hand, daß dieser Mann eine Macht über sie besaß. Vielleicht hatte ihre stumme Bitte sich darauf bezogen, von seiner Herrschaft loszukommen. Ihre ganze Erscheinung hatte einen tiefen, nachhaltigen Eindruck auf den Deutschen ausgeübt, und er nahm sich vor, so unauffällig wie möglich sich nach ihr zu erkundigen.

Es hatte freilich nur einiger Augenblicke bedurft, diese Gedanken in ihm zu erwecken. Der erwähnte Entschluß, sich nach ihr zu befragen, stand fest, noch ehe er eigentlich an ihrem Zelte vorüber war. Er warf einen schnellen, scharfen Blick auf den Tuareg und fühlte, daß dieser Mensch ihm außerordentlich widerwärtig sei.

Da stieß Krüger Pascha, welcher neben ihm ritt, ihn mit dem Griffe der Reitpeitsche an und fragte:

»Haben Ihnen ihr jesehen?«

»Wen?«

»Nun, diesem schönes Mädchen.«

»Ja.«

»Wie gefällt ihr Sie?«

»Sie ist schön, sehr schön.«

»Nicht wahr? Das ist ihr, von deren zu sprechen ich vorhin von sie zu Sie jesprochen zu haben jewesen bin.«

»Ach! Die Sie kaufen wollen?«

»Ja.«

»Gratulire!«

»O bitte! Dieser Sache ist nicht so, wie Ihnen ihr zu denken scheinen. Eijentlich darf ich ihr nicht kaufen, sondern ich bin jezwungen, ihr zu heirathen.«

»Um Ihren Harem zu vergrößern?«

»Auch nicht.«

»Dann begreife ich doch nicht, aus welchem Grunde Sie sie kaufen oder gar heirathen wollen.«

»Dat will ich Sie zu erklären beabsichtigen. Ich will ihr nämlich nicht für mir, sondern für dem Muhammed es Sadak Pascha vom Tunis haben. Weil ihr keine Schwarze ist, darf ihr auch nicht eijentlich verkauft sein wollen, sondern wer ihr haben will, muß ihr heirathen. Folglich heirathe ich ihr und lasse mich dann gleich den Scheidebrief auszufertigen schnell in aller Eile jeschrieben werden.«

»Ach so! Sie heirathen sie und geben sie dann sogleich wieder frei, Herr Oberst?«

»Ja, so ist es ihm.«

»Wann wird die Heirath vor sich gehen?«

»Heute Abend noch oder folglichen Tag bei früher Morgen. Der Bote ist bereits fort, um dem Mullah zu holen, welchen der muhammedanischer Pfarrer ist, wie Ihnen vielleicht wohl wissen zu werden bedürfen wollen. Wenn diesem Mullah noch heut kommt, sodann wird ihr mich anjetraut werden, und dann wird er mich auch gleich wieder von sie scheiden; ihr ist dann zwar mein Eigenthum, aber nicht mehr meiner Frau, und ich werde ihr den Pascha als Jeschenk zu machen die Freude und dem Glücke als Lieblingsfrau vereinigen helfen.«

Dieses eigenthümliche Gespräch konnte nicht fortgesetzt werden, da sie an einem großen Zelte angekommen waren, wo der Scheik vom Pferde sprang. Es war kostbarer als die anderen ausgestattet. Mehrere Speere staken vor dem Eingange in der Erde, und an ihnen hingen Bogen, Pfeile und Schilde als Zeichen, daß hier der Herr des Lagers seinen Wohnsitz aufgeschlagen habe. Dieser trat heran an Steinbach's Pferd, ergriff es am Zügel und sagte:

»Steige ab, o Herr, und tritt in meine arme Hütte! Sie ist Dein Eigenthum und dasjenige Deines Freundes.«

Der Deutsche sprang vom Pferde. Da wurde ein Teppich, welcher die Thür bildete, zurückgeschoben und es trat ein halb verschleiertes Weib heraus, welches auf einem runden Holzteller Salz, eine Dattel und ein Stück ungesäuertes Brod, nebst einer Schale Wassers trug.

»Trinke mit mir!«

Bei diesen Worten that der Scheik einen Schluck und Steinbach trank das übrige Wasser. Er erhielt die halbe Dattel und die Hälfte des Brodes, welches in Salz getaucht wurde. Der Scheik selbst genoß das Uebrige.

Somit war der Deutsche nun der Gast des Arabers, welcher von jetzt nach der Sitte des Landes verpflichtet war, ihn zu beschützen und überhaupt Alles zu thun, was in seinen Kräften stand, dem Gaste in Allem förderlich und dienlich zu sein.

Nun traten sie ein. Das Zelt bildete einen einzigen Raum, was sonst nicht der Fall zu sein pflegt. Vielmehr ist gewöhnlich eine Abtheilung für die weiblichen Bewohner abgesondert. Doch war der Scheik reich genug, um für seine Frauen ein eigens Haremszelt zu besitzen.

Auf dem Boden waren Teppiche und Matten ausgebreitet. Darauf lagen weiche Kissen, auf welche sich die drei Männer niederließen, um nun von der erwähnten Frau, die aber ihr Gesicht dabei nicht entschleierte, bedient zu werden.

Es gab kein großes Mahl, sondern einstweilen nur so viel, wie nöthig war, den Hunger zu stillen. Es sollte ein Schaf geschlachtet und ganz am Spieße gebraten werden. Dann erst, wenn dieser Braten hergestellt war, konnte das eigentliche Mahl gehalten werden.

Der rücksichtsvolle Wirth erhob sich bald wieder und bat, die Beiden für kurze Zeit verlassen zu dürfen. Er sagte sich, daß sie wohl miteinander über Dinge zu sprechen haben möchten, die nicht für sein Ohr geeignet seien.

Und so war es auch. Steinbach weihte Krüger Bei in die Ursachen seiner Reise nach Tunis ein und wiederholte, daß er den gegenwärtigen Ausflug in die Wüste nur zu dem Zwecke unternommen habe, Krüger Bei eher zu treffen und ihn um seinen Beistand zu ersuchen. Dieser wurde ihm denn auch zugesagt und zwar in einer Rede, die so eigenthümlich gesetzt war, daß Steinbach alle Mühe hatte, das Lachen zu verbeißen. Auf die Frage, wie lange der Oberst hier zu bleiben gedenke, erklärte dieser, daß er abreisen werde, so bald er das Mädchen zu seinem Eigenthume gemacht und den Pferdehandel abgeschlossen habe, welcher ja der eigentliche Zweck seiner Anwesenheit hier sei.

Jetzt erhob sich draußen zwischen den Zelten ein ungeheures Halloh. Man hörte zahlreiche rufende und lachende Stimmen. Die Beiden standen auf und traten hinaus, um sich nach der Ursache dieses ungewöhnlichen Lärmens zu erkundigen. Sie erblickten den Führer Steinbach's, welcher langsam zwischen den Zeltreihen dahergeritten kam und das Pferd des Dieners am Zügel führte. Dieser Letztere saß in einer fast unmöglichen Stellung im Sattel. Er baumelte herüber und hinüber, knickte nach hinten und nach vorn und konnte nur durch die größte Sorgfalt des Führers im Sattel erhalten werden.

Hinterher strömte die lachende und schreiende Menge. Ist es dem Muhammedaner überhaupt geboten, jeden Rausch zu vermeiden, so halten die nüchternen Söhne der Wüste erst recht es für eine große Schmach, sich in betrunkenem Zustande zu zeigen. Für Steinbach war es keineswegs eine Empfehlung, daß sein Diener seinen Einzug als Betrunkener hielt. Er trat ihm zornig entgegen und fragte:

»Mensch, was fällt Dir ein. Bist Du krank?«

Der Diener gab eine Antwort, welche aber so verworren war, daß gar nicht verstanden werden konnte, was er eigentlich wollte. Darum wendete Steinbach sich an den Führer. Dieser erklärte:

»Herr, ich ritt mit diesen Arabern nach dem Lager, und Du folgtest mit dem Oberst nach. Erst da bemerkte ich, daß der Diener fehlte. Ich ritt zurück, um ihn zu suchen. Er saß neben dem Pferde und trank aus dieser zweiten Flasche. Die Erste hatte er bereits leer gemacht.«

»Konntest Du ihn nicht sitzen lassen! Er hätte draußen seinen Rausch ausgeschlafen und wäre dann als Mensch nachgekommen. So aber hast Du mir Schande bereitet!«

Der Diener verstand trotz seiner Betrunkenheit diese Worte. Er lallte:

»Ich – nicht betrunken – ich – – krank!«

»Gut, ja, Du bist krank! Du warst bereits heute früh krank,« antwortete der Führer, welcher auf diese Weise seinen Fehler wieder gut machen wollte.

»Ja, krank – habe – – Schwindel. Blut im – im – Kopfe!«

»Herr,« raunte der Führer dem Deutschen zu, »erklären wir ihn für krank!«

»Krank? Schwindel?« fragte eine höhnisch lachende Stimme. »Das ist eine Lüge. Was hast Du getrunken?«

Dieser Sprecher war der Tuareg. Wie er dem Deutschen nicht gefallen hatte, so war auch dieser ihm widerwärtig erschienen. Ihre Antipathie war eine gegenseitige, obgleich sie sich nur für einen Augenblick gesehen hatten. Er hatte das Gefühl, daß der Deutsche ihm gefährlich werden wolle oder werden könne, und so ergriff er die Gelegenheit, ihm hier Aerger zu bereiten.

»Arzenei!« antwortete der Diener.

»O, wollen sehen! Komm, steige ab!«

Der Diener nahm die ihm noch übrig gebliebene Besinnung zusammen und glitt aus dem Sattel herab, was ihm so ziemlich gelang. Doch mußte er sich dann sogleich am Arme des Führers festhalten.

»Oeffne den Mund!« befahl der Tuareg.

Er trat heran, um den Betrunkenen an den Mund zu riechen, aber Steinbach stellte sich sofort dazwischen und fragte:

»Wer bist Du denn eigentlich, daß Du Dich hier zum Richter aufwirfst? Bist Du vielleicht der Beherrscher dieses Lagers? Von wem hast Du das Recht erhalten, Dich um die Krankheiten Anderer zu bekümmern?«

»Krankheit? Fremder, glaubst Du, daß ein Krieger der berühmten Tuareg nicht zu unterscheiden wisse zwischen Krankheit und Betrunkenheit?«

»Giebt es denn bei den Tuarrg so viele Kranke und so viele Betrunkene, daß man sich bei ihnen diese Kenntnisse so leicht erwerben kann?«

Der Tuareg erhob sofort die Arme und nahm die beiden an den Gelenken hängenden Messer in die Fäuste.

»Willst Du mich beleidigen?« fragte er zornig.

»Nein. Doch hoffe ich, daß Du Dich um meinen Diener ebenso wenig bekümmerst, wie ich von dem Tuareg Etwas wissen will. Ich glaube, Du bist hier ebenso fremd wie ich, und so bist Du es der Gastfreundschaft schuldig, den Frieden des Lagers zu respectiren.«

»Das thue ich! Aber ich bin ein Anhänger des Propheten, und kein wahrhaft Gläubiger darf einen Betrunkenen in dem Lager dulden. Wer gegen das Gesetz des Propheten gesündigt hat, der muß das Lager verlassen, um außerhalb desselben seinen Rausch zu verschlafen und nachher die öffentliche Buße zu thun.«

»Weißt Du denn so genau, daß dieser Mann nicht krank, sondern betrunken ist?«

»Wir werden uns sofort überzeugen. Er mag doch einmal die Sure der Ungläubigen beten! Dagegen kannst Du nichts sagen. Das ist die Probe, zu welcher er gezwungen werden kann. Wer will ihn davon befreien?«

Diese Frage war an die Umstehenden gerichtet, an welche er sich mit triumphirender Miene wendete. Keiner von ihnen antwortete; denn wenn Jemand verlangt, daß mit Einem, der im Verdacht steht, betrunken zu sein, die Probe mit der Sure der Ungläubigen gemacht werden soll, so darf sich kein guter Muselmann dagegen erklären.

Die Sure der Ungläubigen ist die einhundertneunte des Korans. Sie heißt so, weil sie von den Ungläubigen handelt und lautet folgendermaßen:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: O, ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was Ihr verehrt, und Ihr verehret nicht das, was ich verehre, und ich werde auch nie das verehren, was Ihr verehret, und Ihr werdet nie verehren das, was ich verehre. Ihr habt Eure Religion, und ich habe die meinige!«

In der deutschen Übersetzung bereits bemerkt man, daß man sich bei dieser Sure sehr leicht versprechen kann. Im arabischen Urtexte aber ist das noch viel schlimmer und gefährlicher, zumal in vielen Gegenden nicht das eigentliche Wort »verehren« gebraucht wird, sondern das noch schwierigere »ta'aghab'an«, welches eigentlich »bewundern« bedeutet. Die vier Silben dieses Wortes mit den viermal wiederkehrenden Buchstaben »a« erleiden da so verzwickte Umkehrungen und Verwechselungen, daß Einer, der bei vollen Sinnen ist, sehr aufmerken muß, wenn er Fehler vermeiden will. Für einen Betrunkenen aber ist es erst recht unmöglich, die Sure richtig herzusagen. Darum gilt sie als Probe, ob Einer einen Rausch hat oder nicht.

Jetzt nun sollte diese Probe mit dem Diener gemacht werden. Die Ausrede, daß er sie gar nicht auswendig könne, gab es nicht, da sie erstens so kurz ist, daß sie sehr leicht gemerkt werden kann, und zweitens, weil sie von jedem Muhammedaner, eben dieser Probe wegen, auswendig gelernt wird.

Der arme Teufel mußte sich in die Mitte des Kreises stellen, welchen die Männer um ihn schlossen.

»Nun, kannst Du sie sagen?« fragte der Tuareg.

»Ja,« nickte er, indem er von einem Beine hinüber auf das andere wankte.

»So sage sie! hört darauf, Ihr Männer! Ihr sollt die Sure der Ungläubigen hören!«

Es trat eine tiefe Stille ein, und aller Augen richteten sich erwartungsvoll auf den Delinquenten. Diese Stille frappirte ihn. Er fuhr sich mit der Hand nach der Stirn, wankte einige Male hin und her, wischte sich die Nase und den Mund und meinte dann verlegen:

»Die Sure – Sure, – welche denn?«

»Die Sure der Ungläubigen.«

»Gut! Schön! Die Sure – Su – – oh Allah! Wie fängt sie denn an?«

»Wie alle Suren des Kura anfangen: Im Namen des allbarmherzigen Gottes.«

»Ah – oh – hm! Sehr gut! Im Namen – Namen – Namen des all – allbarm – herzigen Gottes. So! Wie denn nun weiter?«

»Das weißt Du nicht?«

»Ich weiß es!«

»Nun, so sage es!«

»Es fällt mir – mir – aber nicht gleich ein!«

»So will ich Dir einhelfen. Sprich: Ihr Ungläubigen!«

»Schön! Sehr gut!«

»Nun, so sage es! Fang an!«

Da legte der Diener den Finger an die Nase und machte ein sehr pfiffiges Gesicht. Dann nickte er dem Tuareg sehr vertraulich zu und sagte:

»Na, so sprich, Du Ungläubiger!«

»Dummheit! So meine ich es nicht. Die Sure lautet: Sprich: O Ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was Ihr verehret!«

»Ja, warum verehrst Du es denn nicht? So verehre es doch, Du Ungläubiger!«

Alle Anwesenden lachten. Der Tuareg aber ärgerte sich. Er mußte sich einen Ungläubigen nennen lassen, ohne sich dafür rächen zu dürfen. Er sagte wüthend:

»Wenn Du nicht betrunken wärst, würde ich Dir dieses Messer in den Leib stechen! Du sollst die Sure sagen. Wenn Du es nicht bringst, mußt Du zum Lager hinaus. Willst Du aber Deinen Spaß mit mir machen, damit wir denken sollen, Du seist nüchtern, dann komm her: Wir werden miteinander kämpfen. Also wähle!«

Zu einem Faustkampfe mit diesem wilden Menschen aber hatte der Diener nicht die mindeste Lust. Er sagte rasch:

»Ich will ja die Sure beten!«

»So thue es! Fange an!«

Jetzt nahm der Berauschte den Rest seiner Gedanken zusammen und begann langsam und vorsichtig:

»Sprich: O Ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was Ihr nicht ich – – was ich verehre. Und Ihr verehrt nicht das, was die Ungläubigen verehren. Und ich verehre die – die Ungläubigen. Und Ihr habt meinen – meinen Glauben, und ich – ich habe – ich habe den Eurigen, Ihr Ungläubigen!«

Ein brausendes Gelächter war die Antwort. Er sah sich ganz ernsthaft im Kreise um. Er konnte sich dieses Lachen nicht erklären, denn er glaubte, seine Sache außerordentlich gut gemacht zu haben.

»Wa – wa – was lacht Ihr denn? Wa – wa – warum denn?« fragte er.

»Weil Du die Ungläubigen verehrst, Mensch!« antwortete der Tuareg. »Es ist erwiesen, daß Du betrunken bist. Wir dürfen Dich nicht im Lager dulden. Gehe hinaus; verschlafe Deinen Rausch, und mache morgen die Waschungen der Buße, damit ein Anhänger des Propheten dann wieder mit Dir sprechen kann, ohne sich zu verunreinigen.«

Er ergriff den Diener am Arme und führte ihn fort. Dieser ließ es sich gefallen; er wußte, daß ein Betrunkener fortgewiesen werden kann, und hätte auch in nüchternem Zustande nicht den Muth gehabt, es mit dem Tuareg aufzunehmen. Jetzt, da die Sache diese Wendung nahm, sahen sich die Anwesenden verlegen an. Steinbach hatte sich abgewendet und ging fort. Sein Führer aber sagte zu den Leuten:

»Wißt Ihr, daß Ihr den Gast Eures Scheiks beleidigt habt? Seit wann ist dies Sitte in einem Lager der Wüstensöhne? Der Gast hielt seinen Diener für krank. Es war Eure Pflicht, ihn auch für krank zu halten. Ihr aber habt um eines Fremden willen gegen das Gesetz der Höflichkeit verstoßen. Allah erleuchte Euern Verstand, damit Ihr dies begreift.«

Steinbach hielt es für nöthig, so zu thun, als ob er zürne. Er ließ also den Scheik und auch den Oberst stehen und begab sich hinter die Zelte. Da sah er hinter einem derselben eine verschleierte Frauengestalt treten und ihm winken. Dann huschte sie zwischen einige hart an das Lager stoßende Büsche.

Das hatte kein Mensch gesehen, denn es war auf dieser Rückseite des Lagers Niemand vorhanden. Steinbach blickte sich um und eilte dann mit raschen Schritten der Stelle zu. Hinter den Büschen stand sie, die alte Araberin, die Dienerin Hiluja's. Sie hatte den Schleier entfernt, so daß er ihr Gesicht sehen konnte.

»Winktest Du mir?« fragte er.

»Ja, Herr. Zürne mir nicht darob!«

»Was wünschest Du?«

»Ich bitte Dich um Allah's und des Propheten willen, uns zu retten!«

»Uns? Wen meinst Du?«

»Meine Herrin und mich.«

Jetzt kam ihm eine Ahnung. Er warf einen Blick hinter das Gebüsch hervor auf die Zeltreihe. Dasjenige, aus welchem die Alte gekommen war, schien dieses zu sein, vor welchem der Tuareg gestanden und das schöne Mädchen zurückgewiesen hatte.

»Wer ist Deine Herrin?« fragte er.

»Sie ist die Tochter des berühmten Anführers des Stammes der Beni Abbas. Wir reisten durch die Wüste und wurden von der Tuareg überfallen. Sie tödteten unsere Begleiter und nahmen uns gefangen. Dieser Eine von ihnen will uns an das Meer bringen, um uns zu verkaufen.«

»Weißt Du vielleicht, an welchen Ort?«

»Ich hörte ihn mit einem Andern davon sprechen. Sie nannten zwei Orte. Der eine hieß Sfax und der andere Me – Me – ich habe ihn vergesse».

»Mehediah vielleicht?«

»Ja, Herr, so war der Name.«

»Sind die Verwandten Deiner Herrin mit ermordet worden?«

»Nein. Wir wurden nur von gewöhnlichen Kriegern geleitet.«

»Wie kommt es, daß Ihr eine solche Reise wagtet?«

»Wir wollten bis nach Egypten.«

»Allah! Welch eine weite Reise! Zwei Frauen!«

»Das Herz rief uns, und das Herz trieb uns. Hast Du vielleicht einmal von der Königin der Wüste gehört?«

»Nein.«

»Sie ist die Schwester meiner Herrin und wohnt westlich von der Grenze Egyptens. Wir wollten sie besuchen.«

»Ist Deine Herrin noch Mädchen?«

»Ja.«

»Ist sie vielleicht mit einem Eurer Jünglinge versprochen?«

»Nein. Ihr Herz hat noch nicht gewählt. O, Herr, wenn Du sie retten wolltest!«

»Warum wendet sie sich grad an mich?«

»Sie hat Dich bei Deiner Ankunft gesehen und Vertrauen zu Deinem Gesichte gehabt. Auch bist Du ihr heut Nacht im Traume erschienen, um sie zu retten. Sie hat Dich sogleich wieder erkannt.«

Um den Mund Steinbachs legte sich ein leises Lächeln, doch antwortete er ernsthaft:

»Das wäre ja ein Befehl von Allah für mich!«

»So ist es Herr! Rette, rette uns!«

»Gut! Sage Deiner Herrin, daß ich ihr dienen will. Wie aber denkst Du Dir denn die Rettung?«

»Nimm uns mit Dir!«

»Gegen dem Willen des Tuareg?«

»Ja. Es muß heimlich geschehen. Du mußt uns rauben.«

»Hm!«

»Und zwar bald! Noch in der nächsten Nacht, denn der Tuareg kann bereits morgen mit uns das Lager verlassen.«

»Er wird das Lager allein verlassen.«

»O Allah! Denkst Du das wirklich?«

»Ja. Er wird Euch gern zurücklassen, denn er wird Euch hier verkaufen!«

»Nein, nein! Das darf er nicht!«

»Warum nicht?«

»Wir sind keine Sklavinnen sondern freie Töchter der Bani Abbas.«

»So wird es Dich beruhigen, wenn ich Dir sage, daß der Kauf nicht eigentlich ein Kauf, sondern eine Heirath sein wird.«

»Eine Heirath? Um Allah's willen! Das ist noch schlimmer.«

»Warum?«

»Hiluja will nur Dem gehören, dem sie auch ihr Herz zu schenken vermag. Soll sie Dein Weib sein?«

»Nein.«

»Dann willigt sie sicherlich nicht ein. Dich hätte sie lieb haben können, Herr!«

»Vielleicht schenkt sie auch dem, für welchen sie bestimmt ist, ihr Herz. Sie soll das Weib Muhammed es Sadek Bey's werden, des Beherrschers von Tunis.«

»Der ist alt und hat bereits viele Frauen. Sie wird ihn nicht lieben wollen.«

»Nun, vielleicht läßt sich das noch ändern. Der Oberste der Leibgarde ist hier, Krüger Bei. Er will Hiluja von dem Tuareg kaufen; das heißt, er will sie zum Weibe nehmen und ihm den Malschaß geben, sich aber dann sofort wieder scheiden lassen. Hiluja ist dann nicht an ihn gebunden, und ich werde mit ihm sprechen. Vielleicht läßt er sie dahin ziehen, wohin ihr Herz sie treibt.«

»Wenn Du das thun wolltest, o Herr!«

»Ich werde es thun. Es ist das Beste. Auf diese Weise kommt sie ohne Kampf von dem Tuareg fort. Der Oberst hat bereits nach dem Mullah gesandt. Sobald dieser kommt, wird die Verbindung vor sich gehen. Ich rathe Euch, zu thun, was der Tuareg von Euch fordert. Wenn Ihr ihm scheinbar den Willen thut, werdet Ihr bald frei sein.«

»Wenn Du uns diesen Rath ertheilst, werden wir ihn gern befolgen.«

»Ich gebe ihn Euch. Willigt in Alles ein, und dann werde ich versuchen, diese Angelegenheit zum guten Ende zu führen.«

»Ich danke Dir! Wir werden für Dich beten. Nun aber muß ich fort, denn der Tuareg darf nicht ahnen, daß ich mit Dir gesprochen habe. Ich sah, daß er mit dem Betrunkenen das Lager verließ, und habe diese Gelegenheit benutzt. Dich zu finden. Lebe wohl, und rette uns!«

Sie huschte in das Zelt zurück. Steinbach machte einen Umweg, um etwaige unbemerkte Beobachter zu täuschen. Am Eingange der Zeltreihen kam ihm der Scheik entgegen. Dieser fragte:

»Wo warst Du, Herr? Ich habe Dich gesucht.«

»Ich ging, um nicht mit ansehen zu müssen, daß in Deinem Lager die Gäste beleidigt werden.«

»Verzeihe! Auch der Tuareg ist Gast.«

»Der Deinige?«

»Nein. Er ist der Gast eines Anderen, welcher ihm ein Frauenzelt abgetreten hat. Aber trotzdem ist er unser Aller Gast, der Gast unsers Lagers, und darum durfte ich ihm nicht wiederstreben. Ich wünsche sehr, daß er uns so bald wie möglich verlassen möge. Willst Du jetzt nicht mit mir kommen? Der Oberst ist bereits voran, nach dem Weideplatze. Er will einige unserer Pferde für die Reiterei des Bey kaufen, und sie sich jetzt ansehen.«

Steinbach willigte natürlich ein. Sie begaben sich nach der Seite des Lagers, wo die Pferde unter der Aufsicht einiger Männer weideten. Einem Pferdehandel beizuwohnen, versäumt so leicht kein Araber, zumal wenn er ein Mitglied der Umgebung des Mannes ist, welchem das Pferd gehört. Darum waren alle Männer zugegen, als die Pferde geprüft und vorgeritten wurden.

Natürlich waren alle Anwesenden auch im Sattel. Steinbach ritt die graue Stute des Bey. Er konnte es sich nicht versagen, die Proben mitzumachen, und zog die bewundernden Blicke Aller auf sein edles Thier. Selbst der Scheik gestand mit einer für einen Nomaden seltenen Aufrichtigkeit, daß er kein Pferd kenne, welches mit der Stute zu vergleichen sei.

Einer vor allen Andern war es, der seine Augen nicht von der Grauen ließ, sich aber die größte Mühe gab, seine Bewunderung zu verbergen – der Tuareg, welcher sich auch eingefunden hatte.

Der Oberst kaufte eine Anzahl der Thiere. Geld hatte er natürlich nicht mit. In jenen unsicheren Gegenden hütet man sich, größere Beträge mit sich herum zu tragen. Er bestimmte, daß einige Angehörige des Stammes die Pferde nach Tunis bringen und da das Geld in Empfang nehmen sollten.

Mittlerweile war es ziemlich dunkel geworden. Als man in das Lager zurückkehrte, war der Braten fertig. Nach der Gewohnheit dieser Leute wurde das Mahl nicht im Zelte vorgenommen, sondern man nahm an einem Feuer Platz, welches neben dem Zelte des Scheiks brannte.

Auf einer riesigen Platte lag das ganz gelassene Schaf in einem Berge von dickem Reis, welcher mit Rosinen und rothem Pfeffer gewürzt war. Steinbach mußte sich dem Scheik zur Rechten, der Oberst ihm zur Linken setzen, und ein Wenig weiter zurück ließen sich die Aeltesten des Stammes nieder. Hinter diesen standen und lagerten dann die anderen Männer, um ruhig abzuwarten, ob ein Brocken des Mahles auch für sie abfallen werde. Von Gabeln oder gar Löffeln war keine Rede. Man aß nach Beduinenweise mit den Händen, indem man sich ein Stück des Bratens abriß und es zum Munde führte. Dabei griff man mit den Fingern in den Reis, ballte ihn zu kleinen Kugeln und führte diese in den Mund.

Zuweilen riß der Scheik ein gutes Fleischstück, welches er für besonders schmackhaft hielt, von dem Knochen und steckte es Steinbach oder dem Oberst in den Mund; auch schob er ihnen hier und da eine solche Reiskugel zwischen die Lippen. Dies gilt als ganz besondere Aufmerksamkeit, und wenn einer der Aeltesten oder ein Anderer das Glück hatte, daß vom Scheik sein Name genannt wurde, so kam er herbei und sperrte den Mund auf, um sich einen solchen Honorationsbissen hineinstecken zu lassen.

Das Mahl hatte eben begonnen, so kamen Zwei, welche sich ganz ungenirt bei dem Braten niederließen und sofort zulangten, ohne erst um Erlaubniß zu fragen, nämlich der Tuareg und Der, bei welchem er wohnte.

Das aber war nicht etwa auffällig, sondern vielmehr ganz und gar selbstverständlich. Der Gast des Einen ist der Gast Aller. Hat ein armer Araber einmal einen Gast, dem er nichts vorsetzen kann, so geht er ganz einfach zu einem reichen Nachbar und sagt: »Schenke mir eins Deiner Schafe, damit mein Gast zu Essen habe!« Und der Reiche wird ihm das Schaf geben. Oder der Arme geht mit seinem Gaste dahin, wo es eben Etwas zu Essen giebt. Wer einen Gast mitbringt, der ist entschuldigt; der darf selbst bei seinem Todfeinde essen und trinken, der ihm, falls er ohne Gast gekommen wäre, einen Messerstich anstatt des Essens gegeben hätte.

So also war es auch hier. Der Tuareg war Gast, und darum durfte ihn der Andere bringen, und sich ganz ungenirt mit ihm zum Braten setzen. Steinbach aber benutzte diese Gelegenheit, den Menschen zu bestrafen. Eben wollte der Scheik dem Deutschen wieder einen Bissen in den Mund schieben; Steinbach aber wich zurück und sagte:

»Ich danke Dir! Ich esse nicht mehr.«

»Warum nicht? Willst Du mein Haus und meine Familie schamroth machen? Soll es heißen, daß mein Gast hungrig von dem Mahle aufstehe? Willst Du mich beleidigen?«

»Nein, aber Du beleidigst mich!«

»Sage mir, inwiefern! Ich weiß es nicht.«

»Du zwingst mich, mich zu verunreinigen.«

»Allah 'l Allah! Das begreife ich nicht.«

»Indem Du mir zumuthest, mit einem Unreinen zu essen.«

»Wie kannst Du das sagen! Ist ein Jude hier bei unserem Mahle oder ein Heide? Wer ist unrein?«

»Sage mir, ob ein Betrunkener unrein ist!«

»Ja.«

»Ist Derjenige unrein, welcher einen Unreinen angegriffen hat, bevor dieser sich wieder reinigte?«

»Ja.«

»War mein Diener betrunken?«

»Herr, verzeihe! Sage selbst, ob er es gewesen ist! Du bist mein Gast, und ich will also schweigen.«

»Nun gut! Er war betrunken. Und weißt Du, wer ihn bei der Hand erfaßt und aus dem Lager geführt hat? Dieser Mann hat ihn berührt und ist also unrein geworden. Muthest Du mir zu, mit ihm von demselben Fleische zu essen?«

»Allah! Du hast recht. Dieser Krieger der Tuareg ist unser Gast, aber er mag allein essen, bis er sich gereinigt hat!«

Der Tuareg kannte die Gesetze der Wüste ganz genau; er wußte, daß es unmöglich war, zu wiederstreben. Er stand auf, blieb aber vor Steinbach stehen, ballte drohend die Hände und sagte:

»Du bist hier Gast; darum bist Du unberührbar. Aber hüte Dich, Dich außerhalb des Lagers von mir erblicken zu lassen. Du würdest im nächsten Augenblicke eine Leiche sein. Du wirst Deinen Stamm nie wiedersehen!«

»Schon gut! Warte es ab, ob Du den Deinigen siehst!«

Der Tuareg ging und sein Gastfreund mit ihm. Dieser Letztere konnte unmöglich da bleiben, von wo sein Gast sich hatte entfernen müssen.

Dieses Intermezzo blieb ohne augenblickliche Folgen. Man aß ruhig weiter. Man hatte Steinbach den Willen gethan und überließ es nun ihm, mit dem Beleidigten in irgend einer Weise fertig zu werden.

Da hörte man Pferdegetrappel. Zwei Reiter kamen im Galopp die Zeltgasse heraufgesprengt. Der Eine von ihnen warf sich gewandt vom Pferde, trat zum Scheik heran und sagte:

»Da ist der Mullah! Ich habe ihn in Tastur gefunden und sogleich mitgebracht.«

Der Andere aber stieg höchst langsam und bedächtig vom Pferde und trat in sehr würdevoller Haltung an das Feuer.

»Sallam aaleïkum – Friede sei mit Euch!« grüßte er, die Hände wie zum Segen erhebend.

»Aaleïkum sallam!« antworteten die Anderen alle, indem sie sich ehrerbietig vom Boden erhoben.

Der Mullah setzte sich, ohne ein Wort weiter zu sagen, zu dem Braten nieder, griff mit allen zehn Fingern zu und stopfte so eifrig, als habe er seit zehn Tagen nicht gegessen und müsse auch für weitere Zehn sich im Voraus sättigen. Erst als ihm die Kinnbacken wehe zu thun schienen, sagte er gnädig:

»Setzt Euch wieder, und eßt weiter!«

Das geschah. Aber der Geistliche hielt nicht etwa auf, sondern er kaute weiter mit, bis nichts mehr vorhanden war. Dann wischte er sich die fetttriefenden Finger an seinem Kaftan ab und sagte:

»Ich höre, o Scheik, daß einer Deiner Gäste ein Weib nehmen will. Wo ist der Mann?«

»Hier,« antwortete der Gefragte, auf den Oberst deutend.

Der Mullah war ein alter Mann; der weiße Bart ging ihm bis zum Gürtel herab, und ein Turban, dessen Durchmesser fast zwei Ellen betrug, erhöhte die Würde seiner Erscheinung. Da der Turban von grüner Farbe war, so war der Mullah ein Scherif, das heißt ein directer Abkömmling des Propheten, denn nur diese haben das Recht einen Turban von grüner Farbe zu tragen.

Er betrachtete den Obersten eine Weile und sagte dann:

»Mein Auge muß Dich bereits gesehen haben. Bist Du nicht Krüger Bei, der Beherrscher der Leibschaaren?«

»Ich bin es.«

»Allah gebe Dir Wohlgefallen an dem Weibe, welches Du begehrst. Wo ist der Vater desselben?«

»Er ist nicht ihr Vater, sondern ihr Herr.«

»Man hole ihn! Wo soll die Trauung stattfinden?«

»Gleich hier,« antwortete Krüger Bey.

»So hole man den Herrn und das Mädchen. Aber man verschleiere sie tief, denn kein Auge darf auf das Gesicht eines Mädchens fallen, welches ein Weib werden soll.«

Es dauerte eine Weile, bevor der Tuareg mit der Braut erschien, die in den gebräuchlichen, weiten Kapuzenmantel gekleidet war, welcher nur eine einzige Oeffnung für ein Auge offen ließ.

»Wie heißest Du?« fragte der Mullah den Tuareg.

»Ben Hamalek.«

»Und wie nennst Du diese Braut?«

»Haluja.«

Er sprach die erste Silbe dieses Namens etwas undeutlich aus, doch ohne daß es Jemandem auffiel.

»So laßt uns beginnen!«

»Mit der Trauung?« fragte der Tuareg schnell.

»Ja. Deshalb bin ich ja gekommen.«

»Warte noch. Erst müssen wir uns über den Kalam besprechen, denn noch Niemand hat davon geredet.«

Kalam heißt Aussteuer oder überhaupt das, was man den Verwandten eines Mädchens giebt, um dasselbe zur Frau zu bekommen.

»Machen wir es kurz!« sagte Krüger Bey. »Wieviel willst Du?«

»Du bist reich!«

»Das geht Dich nichts an! Ich habe bereits mehrere Frauen, für welche ich bezahlen mußte. Für diese Letzte habe ich also nicht viel übrig.«

»Wie willst Du zahlen? In Waare oder in Geld?«

»Was ist Dir lieber?«

»Geld.«

»Das habe ich nicht.«

»Aber ich habe welches,« fiel der Scheik ein. »Ich denke, daß es reichen wird. Ich leihe es Dir und Du wirst es mir wiedergeben, wenn die Pferde bezahlt werden.«

»Gut! Du bist freundlich und gefällig gegen Deinen Gast. Wenn Du mich in Tunis besuchst, werde ich Dir dankbar sein können. Also, Tuareg, wie viel verlangst Du?«

»Fünfhundert Theresienthaler.«

»Du bist fünfhundertmal ver – – Allah! Jetzt hätte ich fast Etwas gesagt, was nicht unbedingt nöthig ist. Für fünfhundert Mariatheresienthaler bekomme ich sechs junge Sklavinnen, welche schöner sind als alle Huri's des Paradieses.«

»Aber keine freie Araberin!«

»Gehe herab!«

»Nein!«

»Ich gebe Dir zweihundert.«

»Das ist zu wenig.«

»Dann noch fünfzig.«

»Nein. Wie kannst Du denken, daß ich mit der Hälfte zufrieden sein werde?«

»Schön! Suche Dir Einen, der mehr giebt!«

»Gieb vierhundertfünfzig.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Du hast sie gesehen. Sie ist schön wie die Sonne des Tages, wenn sie früh aus dem Meere steigt.«

»Meinetwegen!«

»Vierhundertunddreißig!«

»Mach keinen Spaß!«

»Sodann vierhundert! Aber weniger nicht!«

»Nicht weniger? Gut, so sind wir fertig. Du kannst gehen und die Braut wieder mitnehmen!«

Er wendete sich ab, als sei er wirklich entschlossen, nicht mehr zu geben, als was er geboten hatte. Der Tuareg befand sich in Verlegenheit, und zwar aus einem Grunde, den er Niemand sagen konnte. Er wollte und mußte auf alle Fälle den Handel zu Stande kommen lassen.

»So gieb mir wenigstens dreihundertfünfzig!« sagte er.

»Zweihundertundfünfzig! Ich schwöre Dir bei meinem Barte, daß ich nicht mehr gebe.«

Diesen Schwur bricht kein Muselmann. Der Tuareg wußte also, woran er war. Dennoch meinte er:

»Sie ist zehnmal mehr werth!«

»Desto weniger aber bist Du werth! Und das ziehe ich Dir natürlich ab. Uebrigens mußt Du bedenken, daß ich mit Geld bezahle, und daß Du es sofort erhältst!«

Damit hatte er sehr Recht.

In jenen Gegenden giebt es nämlich meist nur den reinen Tauschhandel. Waare wird mit Waare bezahlt. Geld wird mit großem Mißtrauen betrachtet. Es giebt nur ganz wenige Geldsorten, welche genommen werden und die willkommenste ist der österreichische Mariatheresienthaler.

In Oesterreich selbst circulirt diese Geldsorte längst nicht mehr, wird aber für den Orient noch immer geschlagen. Man glaubt gar nicht, welche Unsummen von diesem Gelde der Orient verschlingt. Es fließt hinein, aber nie wieder heraus. Für einen einzigen Thaler erhält man sehr viel. Der Wüstenbewohner ist ganz glücklich, Etwas gegen dieses Geld verkaufen zu können. Zweihundertundfünfzig Mariatheresienthaler waren also eine ganz bedeutende Summe. Dies sah der Tuareg ein. Darum weigerte er sich nicht länger, sondern er erklärte:

»Da Du der Oberst des Bey bist, den meine Seele ehrt, will ich auf Dein Gebot eingehen. Schlage ein!«

»Hier!«

Sie legten die Hände ineinander und so war der Handel abgeschlossen. Darum fragte der Mullah:

»Darf ich nun beginnen?«

»Ja,« antwortete der Oberst.

»Der Mullah faltete die Hände und sagte in der herkömmlichen Weise:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob sei Gott, der uns das Vermögen gegeben hat, zu sprechen, der uns gewürdigt hat der Schönheit der Sprache und des Glanzes der Worte! Er, der Höchste, hat Alles zum Nutzen der Menschheit erschaffen. Er hat Alles, was unnöthig ist, verhindert, und alles Das bereitet, was nöthig ist. Er hat uns die Ehe geboten, aber verboten, anders zu leben. Er, der Höchste spricht: Nehmet Euch zur Ehe solche Weiber, welche Euch gefallen, eine, zwei, drei oder auch viere. O, ewiger Wohlthäter! Wir müssen Dir Dank sagen zur Vergeltung Deiner Liebe. O, allmächtiger Führer! Uns liegt die Pflicht der Dankbarkeit ob für das Geschenk der Ehe. O, Allah, leite uns zur Genügsamkeit und Vollkommenheit und besiegle alle unsere Handlungen, auch diejenige der Ehe. Wir bezeugen es, daß es keinen Gott giebt außer Allah, dem ewig Ewigen, und daß Muhammed, sein Gesandter, begnadigt ist vor allen Menschen. Ja, möge die Gnade Gottes ruhen auf dem Erstlinge seiner Schöpfung, Muhammed, dem von Gott mit Wundern Gesegneten, und auf seiner Familie! Gott, der uns den Weg zum Islam führt, hat die Ehe festgesetzt als eine Ehe zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen. So spricht der Prophet. Ja, möge der Segen Gottes auf uns ruhen. Die Ehe ist zwar nicht befohlen, aber von Allah anempfohlen und von dem Propheten erlaubt. Wer sie verwirft, gehört uns nicht an. Der Heirathende ist der Geliebte, der die Geliebte zur Ehe nimmt, und die Beisteuer dient zum Ausdrucke der beiderseitigen Uebereinstimmung. Ich segne das Paar und flehe auf dasselbe die Barmherzigkeit des Höchsten herab, und danke Gott, denn er ist barmherzig und voller Liebe, wie er Euch jetzt durch die Verbindung Eurer Herzen bewiesen hat!«

Hierauf wendete sich der Mullah an den Tuareg:

»Du, der Du Dich Ben Hamalek nennst, willst Du dieses Weib dem Obersten der Heerschaaren als Frau geben?«

»Ja,« antwortete der Gefragte.

»Und Du, Krüger Bey, der Oberste der Helden des Beherrschers von Tunis, willst Du sie als Dein Weib nehmen, sie lieben und ernähren bis an das Ende Deines Lebens, so lange es Dir beliebt und so lange sie Dir gefällt?«

»Ja,« antwortete der Oberst.

»So sage ich Euch Folgendes: Nach dem Befehle Allah's, des Schöpfers des Lichtes und der Finsternis;, und nach dem Willen des großen Propheten Muhammed Mustapha! Möge der Segen Gottes auf ihm und seiner Familie ruhen! Nach den Rechten der Secte des Imam Aasan, des Imam Abu Jussuf al Kafi und des Imam Muhammed, des Sohnes Al Chasans, und der übrigen Imams – diese hier ist Dein Weib – und dieser hier ist Dein Mann! Allah sei mit Euch, mit uns und auch mit mir!«

Damit war die heilige Handlung abgeschlossen.

Jetzt aber kratzte sich Krüger Bey hinter dem Turban. Es fiel ihm etwas ein, woran er vorher nicht gedacht hatte.

»Sage mir, o Mullah,« fragte er, »hat dieses Weib nun bei mir zu wohnen?«

»Ja, denn Du bist ihr Herr und ihr Mann.«

»Aber ich bin selbst hier fremd! Sie kann doch nicht – –«

Da fiel der Tuareg ein:

»Sie ist eine Tochter der Beni Abbas. In ihrem Stamme ist es Gebot, daß jede Verheirathete während der ersten Nacht ihrer Ehe mit keinem Menschen spreche und in einem Zelte betend allein bleibe. Ich erwarte, daß Du diese Sitte ihres Stammes ehren werdest.«

»Das möchte ich wohl; aber habe ich ein Zelt?«

»Ich habe eins,« sagte der Scheik. »Dort steht das Zelt, in welchem meine Vorräthe sich befinden. Da wird sie ungestört beten können. Führe sie hin, o Mullah, da Du es bist, der sie in die Ehe geführt hat.«

Der Geistliche that dies in sehr ehrwürdiger Art und Weise. Als er zurückgekehrt war und sich wieder niedergesetzt hatte, zog er ein Papier hervor, und eine alte Flasche, in welcher sich Tinte befand.

»Nun müssen wir aufschreiben, was geschehen ist,« sagte er, »und diese Beiden werden es unterzeichnen.«

Dies geschah, dauerte aber ziemlich lange, da der ehrwürdige Alte keineswegs ein sehr gewandter Schreiber zu sein schien. Die Namen wurden notirt, und dann setzten der Tuareg und der Oberst ihre Namen darunter. Der Erstere erhielt als Besitzer des Weibes das Dokument.

Er steckte es ein und sagte dann:

»So, jetzt ist sie meine Frau. Wann aber, o Mullah, kann ich mich von ihr scheiden lassen?«

»Das habe ich Dir ja gesagt!«

»Ich habe es nicht gehört.«

»Ich habe sehr deutlich gesprochen: Du sollst sie lieben und ernähren bis an das Ende Deines Lebens, so lange es Dir beliebt und so lange es Dir gefällt.«

»Wenn es mir aber jetzt nicht mehr beliebt!«

»So laß Dich scheiden!«

»Willst Du das thun?«

»Wenn Du es willst, ja.«

»Ich bitte Dich darum!«

»So höre die Worte der fünfundsechzigsten Sure!«

Er faltete die Hände und recitirte:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! O Prophet, wenn Ihr Euch von einem Weibe scheidet, so bedenkt wohl, was Ihr thut. Ihr dürft Euch von zwei Weibern scheiden, von mehr aber nicht. Vertreibt sie nicht aus Euren Wohnungen, wenn sie sonst kein Obdach haben. Vielleicht erneuert Allah Eure Liebe, so daß Ihr beisammen bleibt. Soll sie aber wirklich fort, nach reiflicher Ueberlegung, so thut es bald, und der Mund des Gesandten wird die Scheidung besiegeln. Sage mir, o Krüger Bey, Du Oberster der Leibtrabanten des Beherrschers, willst Du von Haluja, Deinem angetrauten Weibe, geschieden sein?«

»Ja.«

»So sage die drei Worte: Sie kann gehen!«

»Sie kann gehen!«

»So bist Du geschieden. Ich bezeuge es.«

Also war der gute Krüger Bey in kürzester Zeit Bräutigam und Ehemann gewesen und jetzt nun wieder ein geschiedener Ehegatte. Er nahm dies in bester Laune entgegen. Er fragte den Scheik:

»Ist Dein Dattelvorrath gut?«

»Ja.«

»Hast Du Lagmi?«

»Viele große Krüge voll.«

»So gieb Deinen Männern Datteln zu essen und Lagmi zu trinken, zwei große Krüge voll, einen zur Feier der Hochzeit und einen zur Feier der Scheidung.«

Lagmi ist gegohrener Dattelsaft; er schmeckt fast wie Wein und hat eine leise berauschende Wirkung, wenn man auch nicht sagen kann, daß er betrunken mache.

Die Botschaft, daß es Datteln mit Lagmi gebe, brachte im Lager große Freude hervor. Die Männer rückten zusammen und ließen es sich wohl sein. Der Tuareg aber saß und trank nicht mit. Sobald er von dem Scheik das Geld erhalten hatte, entfernte er sich.

Die Männer glaubten, dies habe seinen Grund darin, daß er für unrein erklärt worden sei; der eigentliche Grund aber war ein anderer. Er freute sich übrigens, sich so entfernen zu können, ohne Verdacht zu erwecken. Steinbach hatte noch kein solches Ehedocument gesehen, wie das von dem Mullah angefertigte. Er bat es sich von dem Obersten aus und betrachtete es bei dem Scheine des Feuers aufmerksam.

»Da steht Haluja,« sagte er. »Heißt sie nicht Hiluja?«

»Ja.«

»Es ist mir schon vorher aufgefallen. Auch der Tuareg sagte nicht Hiluja, sondern Haluja.«

Er wird sich versprochen haben und der Mullah hat es so nachgeschrieben.«

»Ich traue diesem Tuareg nicht.«

»Ich auch nicht; aber was könnte diese Verwechslung zu bedeuten haben? Nichts, gar nichts. Er hat sich versprochen.«

»Er wird doch nicht etwa auf den Gedanken kommen, während der Nacht Hiluja aus dem Zelte zu holen und mit ihr sammt dem Gelde zu entfliehen?«

»Das kann er nicht,« sagte der Scheik. »Nachdem Du mir erzählt hast, was Dir die alte Dienerin sagte, hege auch ich Mißtrauen gegen ihn. Ich werde von einem meiner Krieger Hiluja's Zelt bewachen lassen. Er mag gehen; sie aber wird er zurücklassen müssen.«

Sie ahnten nicht, was geschehen war.

Der Tuareg hatte sein Zelt nicht aufgesucht, um in demselben zu bleiben. Er war in das Frauenzelt getreten, das sein Gastfreund ihm überlasten hatte. Dort war es finster. Es brannte kein Licht.

Er bückte sich zur Erde. Dort lag ein langes, rundes Bündel, fast als ob ein Mensch in einen Teppich eingerollt sei. Er betastete dieses Bündel genau und entfernte sich dann wieder. Er wußte, daß kein Mensch dieses Frauenzelt betreten werde, daß er also nicht verrathen sei.

Sich hinter den Zelten haltend, so daß ihn die Strahlen des Feuers nicht treffen konnten, schritt er hinaus in das Freie. Er nahm sich selber in Acht, um von denjenigen, welche bei den Heerden wachten, nicht bemerkt zu werden. Als er diese Thiere hinter sich hatte und nun wußte, daß er nicht gesehen werde, verdoppelte er seine Schritte. Dann blieb er stehen und stieß jenen halblauten, eigenthümlichen Laut aus, welchen der in der Wüste lebende Bartgeier ausstößt, wenn er des Nachts einmal aus dem Schlafe erwacht und, noch halb träumend, seinen Standort wechselt.

Sofort wurde der Ton erwidert, und dann schlich eine Männergestalt herbei.

»Endlich!« flüsterte der Ankommende. »Es ist sehr spät.«

»Ich konnte nicht anders.«

»Wann nimmt das ein Ende! Ich habe die größte Noth, mich des Tages zu verbergen. Diese Hunde vom Stamme der Medscherdah schweifen überall herum.«

»Es ist die letzte Nacht.«

»Allah sei Dank! Hast Du Etwas erreicht?«

»Mehr als ich dachte. Ich habe Geld.«

»O Ihr Kalifen, o Muhammed! Wie viel?«

»Zweihundertundfünfzig Mariatheresienthaler.«

»Welch ein Glück! Woher hast Du sie? Gestohlen?«

»Nein. Ich habe Haluja verkauft.«

»Hiluja willst Du wohl sagen?«

»Nein, Haluja, die Dienerin.«

»Das verstehe ich nicht. Du meinst doch nicht etwa, daß man Dir für sie dieses Geld gegeben habe?«

»Ja, für sie.«

»Wer das gethan hat, ist wahnsinnig.«

»O, er ist sehr bei Sinnen. Es ist Krüger Bey, der Oberste der Leibwache des Bey von Tunis. Natürlich aber glaubt er, Hiluja gekauft zu haben. Er wird sich sehr wundern, wenn es Tag wird und er kommt, seine schöne, junge Frau zu besuchen.«

»So ist es!« lachte der Andere leise. »Was aber thust Du mit dem Mädchen?«

»Wir nehmen sie mit nach Mehedia. Dort erhalten wir sehr viel Geld für sie.«

»Hast Du nach Pferden gesucht?«

»Ja. Das Deinige ist gut, das meinige war schlecht. Ich lasse es zurück. Ich nehme zwei andere dafür. Dabei ist eins, welchem kein anderes gleicht, so weit die Wüste reicht.«

»Es gehört dem Scheik?«

»Nein, sondern einem Gaste desselben, einem Fremden, dessen Stamm ich nicht kenne. Er hat es von dem Bey von Tunis geborgt. Es ist eine graue Prophetenstute.«

»O Allah! Ist das wahr?«

»Ja. Und sodann nehme ich den Schimmel des Scheiks. Den Schimmel für Hiluja und die graue Stute für mich.«

»So sind wir reich, reicher als wir jemals gewesen sind. Wir werden nach dem Süden reiten und die Pferde dort verkaufen.«

»Oder sie auch behalten. Geld haben wir schon heute und werden auch noch welches für das Mädchen bekommen. In zwei Tagen sind wir in Mehedia. Bis dahin müssen wir sehr vorsichtig sein, dann aber sind wir sicher.«

»Wann brichst Du auf?«

»Es wird sehr spät werden. Ich glaube, dieser Krüger Bey hat Lagmi geschenkt; da werden die Männer erst weit nach Mitternacht zur Ruhe gehen. Aber grad das ist die beste Zeit, uns der Pferde zu bemächtigen, da die Wächter gewöhnlich gegen Morgen ermüdet sind und schlafen. Kennst Du das Lager?«

»Ich habe es gestern und heut beschlichen.«

»Hast Du die Tamariskenbüsche gesehen, welche nicht weit von den letzten Zelten stehen?«

»Ja. Sie sind dicht belaubt.«

»Schleiche Dich dorthin und erwarte mich. Jetzt weiß ich noch nicht genau, wie wir zu den Pferden kommen; aber wir müssen sie haben und so werden wir sie also auch bekommen.«

Sie trennten sich wieder. Der Andere war auch ein Tuareg, der gar nicht mit in das Lager gekommen war, damit man denken solle, man habe es nur mit einem Einzelnen zu thun, dem man Vertrauen schenken könne.

Die Zeit verging. Im Lager herrschte reges Leben bis weit nach Mitternacht. Und selbst dann trat die gewöhnliche Ruhe noch nicht bald ein. Die Versammlung war zwar auseinander gegangen, aber die Einzelnen verhielten, sich doch noch vor ihren Zelten. Der Beduine ist nicht an die Zeit gebunden, und so hat sie also auch für gewöhnlich keinen etwa außerordentlichen Werth für ihn.

Endlich, als es kaum noch eine Stunde bis zum Grauen des Tages war, hatte sich der Schlaf niedergesenkt. Doch nein, nicht Alle schliefen, denn da huschte Einer leise auf das Lager zu und blickte sich dort, wo das Feuer gebrannt hatte und noch einige Kohlen glimmten, vorsichtig um. Er erregte dadurch den Argwohn der Schildwache, welche das Zelt zu beaufsichtigen hatte, indem die bereits wieder geschiedene Braut die Nacht zubrachte.

Dieser Wachtposten trat heimlich näher und erfaßte ganz plötzlich den Schleicher beim Arme.

»O Allah!« rief dieser, der fürchterlich erschrocken war.

»Wer bist Du?«

»Siehst Du das nicht?«

»Nein, es ist finster.«

»Laß mich los! Du wirst unrein!«

»Ah, Du bist der Diener des Gastes unseres Scheiks?«

»Ja.«

»Warum schleichst Du hier herum?«

»Ich suche meinen Herrn.«

»Wozu? Laß ihn schlafen!«

»Nein; ich muß mit ihm sprechen.«

»Jetzt? Mitten in der Nacht?«

»Ja. Wo ist er?«

»Dort im Zelte des Scheiks schläft er mit diesem und dem Obersten der Trabanten.«

»So werde ich ihn wecken.«

»Halt! Nein! Das dulde ich nicht. Ist das, was Du ihm zu sagen hast, so nothwendig?«

»O, sehr.«

»Was ist es denn?«

»Das geht Dich nichts an!«

»Oho! Ich bin der Wächter. Wenn Du es mir nicht sagst, so verbiete ich Dir, ihn zu wecken.«

»So bist Du schuld, wenn er um sein Pferd kommt.«

»Um sein Pferd? Meinst Du die graue Stute?«

»Ja.«

»Was ist mit ihr?«

»Sie soll gestohlen werden.«

»Von wem?«

»Von dem Tuareg.«

»Du träumst wohl? Oder bist Du noch betrunken?«

»Ich bin sehr wach und munter, denn ich habe ausgeschlafen. Ich habe den Spitzbuben belauscht. Es war noch ein zweiter bei ihm. Sie wollen die graue Stute stehlen, den Schimmel des Scheiks und auch ein Pferd oder ein Kameel, welches Hiluja heißt, jedenfalls eine Stute.«

»Hiluja, die bewache ich ja hier! Das ist keine Stute, sondern ein Weib. Aber jetzt kommt mir die Sache auch verdächtig vor. Du hast ihn belauscht?«

»Ja. Es kam ein Anderer dazu, der das Lager umschlichen hat. Aber wenn ich Dir das Alles erzählen soll, so ist der Diebstahl indessen gelungen. Wecken wir den Herrn!«

Jetzt hatte der Wächter gar nichts mehr dagegen. Einige Augenblicke später trat der Scheik mit seinen zwei Gästen aus dem Zelte. Steinbach fragte was man wolle.

»Herr, Deine Stute wird gestohlen,« antwortete der Bote.

»Du bist da? Meine Stute gestohlen? Von wem?«

»Von dem Tuareg.«

Steinbach war geistesgegenwärtig. Er begann sofort zu componiren. Er fragte rasch:

»Hast Du ihn belauscht?«

»Ja. Ich war nach den Tamarisken geschlichen, um dort auszuschlafen. Ich erwachte, denn es kam ein Kerl, welcher sich in meine Nähe legte, ohne mich zu bemerken. Dann kam der Tuareg. Sie wollen Deine Stute, des Scheiks Schimmel und Hiluja stehlen.«

»Wann war das?«

»Vor einer halben Stunde.«

»Dummkopf!«

Er sprang in das Zelt zurück, um seine Pistolen zu holen, und schoß zwei Läufe ab. Im Nu war das ganze Lager alarmirt. Die Männer kamen aus den Zelten.

»Zu den Heerden!« rief Steinbach. »Es sind Diebe da!«

Alles rannte nach rechts oder links zu den Thieren.

»Ist Hiluja noch drin?« fragte er den Wächter.

»Ja, Herr.«

»Bleibe bei ihr und vertheidige Sie nötigenfalls. Kommen Sie, Oberst.«

»Wohin?« fragte Krüger Bey.

»Zu dem Zelte des Tuareg.«

*

12

Dieser war nicht zu sehen. Das Frauenzelt war vollständig leer. Draußen aber, außerhalb des Lagers, erhob sich eben jetzt ein wahrer Heidenskandal. Laute Hilferufe erschollen, und Schüsse erklangen. Dorthin eilten auch die Beiden. Im Vorüberrennen blieb Steinbach bei dem Vorrathszelte stehen und öffnete es.

»Hiluja?« fragte er hinein.

»Ich bin es, Herr, Haluja.«

»Haluja? Was bedeutet das? Heute sagte Deine Dienerin, Dein Name sei Hiluja.«

»Ja, das habe ich gesagt, Herr. Was ist geschehen? Warum ruft und schießt man?«

Sie trat heraus. Sie trug den Schleier nicht. Steinbach beugte sich zu ihr nieder und erkannte trotz der Dunkelheit – die Alte, nicht die Herrin, sondern die Dienerin.

»Alle Teufel! Ein Betrug!« rief er. »Tritt sofort wieder da hinein! Da bleibst Du, bis ich wiederkomme!«

Er schob sie in das Zelt und eilte fort, hinaus vor das Lager. Dort waren aus Palmenfasern gefertigte Fackeln, welche diese Nomaden stets vorräthig haben, angebrannt worden. Diese Flammen beleuchteten eine wirre, ziellose Bewegung.

»Er ist fort!« rief der Scheik, als er Steinbach sah.

»Wer? Der Tuareg?«

»Nein, der Schimmel!«

»Teufel! Und meine Stute, die hier mit weidete?«

»Ist auch weg.«

»Hölle und Tod! Sie ist gar nicht mein Eigenthum?«

»Wir müssen den Räubern nach. Auf die Pferde Ihr Männer! Schnell, ihnen nach!«

»Halt! Halt! Wartet noch!« schrie Steinbach, so laut er nur konnte. »Alle hierher zu mir!«

Er sah ein, daß ein geordnetes, zielbewußtes Handeln jetzt die Hauptsache sei. Die Leute versammelten sich um ihn. Er gebot Ruhe, und als die nöthige Stille eingetreten war, sagte er:

»Weg mit der Aufregung! Sie schadet uns nur! Hört auf mich! Und nur Derjenige welcher genaue Antwort weiß, mag sprechen; die Andern aber schweigen. Ist der Schimmel des Scheiks fort?«

»Ja,« antwortete Einer.

»Weißt Du das genau?«

»Ich weiß es. Ich war der Erste hier vor dem Lager. Eben als ich zwischen den Zelten hervorsprang, jagten sie fort, an mir vorüber.«

»Wie viele?«

»Drei Pferde. Zwei Reiter, und auf dem dritten Pferde welches sie in der Mitte hatten, war Etwas festgebunden.«

»Jedenfalls Hiluja. Wohin ritten sie?«

»Da grad nach Ost hinaus.«

»So müssen mir ihnen augenblicklich nach, sonst entkommen sie uns!« rief der Scheik. Ich muß meinen Schimmel wieder haben. Die Diebe werden den Raub mit dem Leben bezahlen!«

»Du wirst Deinen Schimmel niemals wiedersehen,« sagte Steinbach, »wenn Du die Diebe jetzt verfolgst.«

»Willst Du sie entkommen lassen?«

»Nein.«

»Das geschieht aber doch, wenn wir nicht eilen.«

»Grad wenn wir zu sehr eilen, entkommen sie uns. Kannst Du sie in dieser Finsterniß sehen?«

»Nein, sehen nicht.«

»Wie willst Du ihnen folgen, wenn Du sie nicht siehst?«

»Wir hören sie.«

»Jetzt noch, nachdem sie einen solchen Vorsprung haben? Nein. Ich bitte Dich, meinem Rathe zu folgen. Wir warten, bis der Tag angebrochen ist.«

»Dann sind sie bereits über alle Berge!«

»Wir holen sie ein.«

»Wo? Du weißt doch nicht, wohin sie sind.«

»Wir werden es erfahren, denn der Tag wird uns ihre Spuren zeigen.«

»Verstehst Du es, die Fährten zu lesen?«

»Ja. Ich schwöre Dir zu, daß sie uns nicht entgehen werden. Reitest Du ihnen aber jetzt in der Dunkelheit nach, so wirst Du mir die Fährte so verderben, daß ich sie gar nicht zu finden vermag.«

»Aber wie willst Du sie einholen? Sie haben ja unsere schnellsten Pferde.«

»Ich sah heut auf Eurer Weide einige der besten Hedschin; die sind ja schneller als die schnellsten Pferde.«

Hedschin heißt Reitkameel.

»Ja, wenn Du die Verfolgung auf den Kameelen vornehmen willst, dann werden wir sie einholen, falls Du die Spuren wirklich findest.«

»Ich finde sie. Also die Leute mögen hier bleiben, damit mir die Fährte der Diebe nicht verwischt wird. Jetzt mögen sie nur nachsehen, ob noch mehr fehlt, als nur der Schimmel und die graue Stute. Wo ist mein Diener?«

»Hier!« antwortete der wieder vollständig nüchtern Gewordene, indem er näher trat.

»Erzähle mir nochmals, was Du Alles hörtest.«

Er wiederholte seinen Bericht und fügte hinzu, daß die Beiden nach Mehediah wollten, um dort Hiluja zu verkaufen.

»Da haben wir es!« sagte Steinbach. »Jetzt wissen wir, wohin sie sind. Giebt es Einen unter Euch, welcher den Weg dahin genau kennt?«

»Ich,« antwortete der Führer. »Es gehen mehrere Wege, und ich kenne sie alle. Die Räuber haben ganz gewiß den kürzesten eingeschlagen.«

»Das ist auch meine Meinung. Am Besten wäre es, wenn wir einen Umweg machen könnten, um ihnen voranzukommen und sie zu erwarten.«

»Das können wir. Die Kameele sind ja schneller.«

»Wie geht der Weg?«

»Die Diebe werden jedenfalls von hier aus das Wadi Silliana hinaufreiten – –«

»Giebt es da Wasser?«

»Sie werden es dazu benutzen, ihre Spuren unsichtbar zu machen. Sie werden im Wasser reiten.«

»Ganz gewiß. Sie werden dann nach dem hohen Dschebel Surdsch kommen, über welchen sie hinweg müssen. Dann führt ihr Weg in eine weite Ebene, wo es nur Sand und Geröll giebt, bis die nächsten Berge kommen; das sind die Höhen des Dschebel Ussalat.«

»Wenn wir diese Berge eher erreichen könnten als sie!«

»Wir können es. Ich weiß den Weg.«

»Sie werden am Dschebel Ussalat vielleicht übernachten.«

»Das müssen sie. Sie kommen wohl heute Abend dort an. Vorher und nachher haben sie kein Wasser, ihre Pferde zu tränken. Sie sind also gezwungen, grad dort zu rasten.«

»So sind wir also über die Richtung einig. Wer aber reitet mit?«

»Ich!« antwortete der Scheik.

»Ich!« sagte auch der Oberst.

»Ich, ich – –« riefen Alle durcheinander.

»Das ist unmöglich!« sagte Steinbach. »Wir dürfen uns nur der besten und schnellsten Reitkameele bedienen. Wie viele sind ihrer hier?«

»Aechte, gute Bischarihnkameele habe ich nur vier Stück,« antwortete der Scheik.

»So können nur vier Männer reiten.«

»Ist das genug?«

»Mehr als genug. Vier gegen Zwei! Also wer? Der Führer und ich; das sind zwei.«

»Und ich natürlich!« sagte der Scheik.

»Und ich auch natürlich!« meinte der Oberst.

Steinbach machte eine Einwendung gegen den Letzteren. Er traute ihm die Fähigkeit eines so anstrengenden Rittes nicht zu; Krüger Bey ließ aber keine Einrede gelten. So bat der Deutsche denn, die Kameele zu satteln und für Wasser und Proviant zu sorgen. Dann begab er sich zu der Dienerin, den Oberst mit sich nehmend, welcher noch gar nicht ahnte, wie sich diese Angelegenheit eigentlich verhielt.

»Eigentlich bin ich Sie böse!« sagte er auf Deutsch.

»Warum?«

»Weil Ihnen mir nicht mitzunehmen wollen jesinnt jewesen haben.«

»Ich hatte eine gute Absicht. Der Ritt ist anstrengend.«

»Soll ich mir nicht anstrengen, wenn es gilt, meiner jeschiedenen Ehefrau wiederzufinden?«

»Die finden Sie da draußen nicht.«

»Na, Ihnen sagten doch, daß uns sie einzuholen werden sicher zu sein.«

»Aber Ihre gestrige Frau Gemahlin ist nicht dabei.«

»Hiluja?«

»Die ist dabei; aber die war nicht Ihre Frau. Erinnern Sie sich noch, daß der Tuareg Haluja sagte?«

»Ja. Diesem Mullah hat auch so jeschrieben.«

»Nun, Haluja heißt die alte Dienerin, und diese haben Sie geheirathet.«

»Dienerin?«

»Ja.«

»Jott stehe mich bei! Ist ihr alt?«

»Sehr.«

»Häßlich?«

»Ziemlich.«

»Dann hole ihr das Teufel! Ihr ist noch da?«

»Ja. Sie steckt dort im Zelte. Kommen Sie!«

»Aber ich begreife noch jar nicht, wie es möglich sein kann, daß es möglich zu werden möglich jewesen ist!«

»Sie werden es bald begreifen. Dieser Tuareg hat Ihnen die Dienerin verkauft, die junge Herrin aber für sich behalten, um sie in Mehedia zu verkaufen und also abermals Geld zu lösen.

»Na, denn mal rin in diesem Zelt! Wo ist ihr?«

Steinbach hatte einem der Männer eine Fackel aus der Hand genommen; er öffnete das Zelt und leuchtete der Dienerin in das Gesicht.

»O Allah! Das ist ihr?« fragte der Oberst.

»Ja, das ist Haluja.«

»Meiner abjeschiedenen Jeliebten?«

»Ja, Ihre gestrige Gattin!«

»Alle juten Jeister und Jespenster! Und dafür hat mich diesem Schwindelmeier das viele Geld abzuverlangen die Kühnheit verwegen jewesen! Na, wenn diesem Mensch in meiner Hand jelaufen kommt, so zerbreche ich ihn der Jenick und dem Hals wie ein holländischer Tabakspfeife! Aber diesem alten Reff hier ist doch einer Betrügerin!«

»Wieso?«

»Weil sie ihr für jung ausjegeben ist!.«

»Nein. Sie hat sich nicht für jung ausgegeben. Sie hat überhaupt gar nichts gesagt.«

»Es konnte ihr aber sagen, daß ihr Haluja heißt und nie nicht Hiluja!«

»Nicht sie ist gefragt worden, sondern der Tuareg. Der sagte Haluja, wie ich mich besinne. Sie hat also keine Ahnung gehabt, daß Sie getäuscht werden sollten.«

Daß dies so war, stellte sich heraus, als Beide nicht länger Deutsch sprachen und nun von der Dienerin verstanden wurden. Sie war dem Tuareg gefolgt, weil ihr Steinbach den Rath gegeben hatte, Alles zu thun, was dieser von ihr verlange. Als sie nun jetzt erfuhr, daß der Tuareg mit ihrer Herrin entflohen sei, brach sie in lautes Jammern aus. Sie beruhigte sich nur bei Steinbach's Versicherung, daß sie sie morgen bereits wiedersehen werde.

Jetzt brach der Morgen an und die Reitkameele standen bereit, wohlgenährte Thiere, welche seit langer Zeit keiner Anstrengung unterworfen worden waren. Es stand also zu erwarten, daß der Verfolgungsritt ein ungewöhnlich schneller sein werde.

Etwa eine Stunde mochte seit dem Alarmrufe vergangen sein, als die vier Reiter auf ihren hohen Satteln das Lager verließen und mit der Eile des Sturmes nach Osten hin davonritten.

Sie hielten sich mit Absicht weiter nördlich als die Verfolgten vermuthlich geritten waren. Die freie Ebene war ihnen bei ihren Kameelen viel vortheilhafter, als die Thäler und Schluchten des Wadi Silliana.

Die Hedschin griffen mit ihren unendlich langen Beinen fürchterlich aus. Mit diesen Kameelen kann auch der allerschnellste Renner nicht Schritt halten. Sie hatten nach Verlauf einer Viertelstunde ganz gewiß bereits eine volle deutsche Meile zurückgelegt.

So verging wieder eine Viertelstunde – daraus wurde eine ganze Stunde. Da legte der voranreitende Führer die Hand beschattend über das Auge und sagte zu Steinbach:

»Herr, es ist mir, als ob da ganz draußen in der Steppe mehrere Reiter sich bewegten.«

Er deutete mit der Hand in die Richtung, welcher Steinbach mit dem Auge folgte.

»Ja, da draußen bewegen sich mehrere Punkte. Wir wollen sie uns doch einmal besser betrachten.«

Er hielt sein Kameel an und zog das Fernrohr auseinander. Er hatte es kaum auf die betreffenden Punkte gerichtet und hindurchgeblickt, so stieß er einen lauten Ruf der Ueberraschung aus:

»Allah ist groß! Das sind sie!«

»Die Gesuchten?« fragte der Oberst schnell.

»Ja.«

»Bitte, das Fernrohr!«

Er blickte hindurch und fuhr fort:

»Wahrhaftig, sie sind es! Sie sind also nicht nach dem Wadi Silliana. Auf diese Weise bekommen wir sie weit eher und weit leichter in die Hand.«

»Leichter?« meinte Steinbach. »Das glaube ich nicht.«

»Warum nicht? Wir haben sie ja vor Augen!«

»Sobald sie sich einmal umdrehen, werden sie uns auch vor die Augen bekommen. Wir auf unseren großen, hohen Thieren sind viel weiter zu sehen als sie. Dann werden sie uns die Sache wohl erschweren.«

»Was wollen sie thun? Sic befinden sich mitten in der Ebene. Sie können nicht entkommen.«

»Warten wir es ab. Ich habe noch ganz Anderes erlebt. Und angenommen daß wir sie einholen, was thun wir dann?«

»Wie nehmen sie fest, natürlich.«

»Wir fangen wir das an?«

Die Drei blickten Steinbach mit großen Augen an. Sie konnten ihn wirklich nicht begreifen.

»Wie wir das anfangen?« wiederholte der Scheik. Sobald ich sie erreiche, schieße ich sie nieder.«

»Das wird nicht sehr leicht sein. Erstens werden sie ihre Thiere anstrengen. Es wird ein Wettrennen geben.«

»Wir ereilen sie doch!«

»Ja; aber schießen – nein!«

»Warum nicht, Herr? Soll ich diese Diebe schonen?«

»Sie nicht aber Deinen Schimmel und meine Stute.«

»Ah! Du hast Recht. Wir dürfen nicht schießen, denn wir könnten unsere kostbaren Pferde treffen.«

»Das meine ich Sie aber werden schießen und zwar mit Bedacht nach unseren Kameelen zielen, denn wenn das Kameel fällt, kann der Reiter ihnen nicht mehr gefährlich sein. Wir befinden uns also im Nachtheile.«

»Was räthst Du uns?«

»Wir müssen den offenen Kampf vermeiden; wir müssen sie zu überraschen, zu überrumpeln suchen.«

»Wie soll das geschehen? Sie müssen uns ja bemerken, da wir ihnen folgen.«

»So sorgen wir dafür, daß sie uns nicht bemerken. Sie befinden sich in gerader Richtung vor uns. Ganz, ganz weit da draußen ist der Horizont dunkel. Liegt dort vielleicht ein Gebirge?«

»Ja,« antwortete der Führer. »Es ist der Dschebel Surdsch, da, wo er sich nach Saïd hinzieht.«

»Es scheint, daß die Flüchtlinge da hinauf wollen.«

»Ganz sicher.«

»Nun, schlagen wir einen Bogen, damit wir noch vor ihnen dort ankommen. Wenn ich die Entfernung nach dem Gedanken messe, so werden sie ungefähr zu Mittag dort sein und also wohl Rast machen. Dabei überraschen wir sie.«

Dieser Vorschlag wurde für sehr annehmbar gehalten. Die Kameele bekamen eine andere Richtung und bald war es den Reitern nicht mehr möglich, die Verfolgten zu sehen; ebenso wenig aber konnten nun auch sie von denselben bemerkt werden.

Jetzt wurden die Thiere angespornt. Die Ebene flog nur so unter ihren Hufen weg. Stunde um Stunde verging. Die dunkle Linie des Horizontes wurde deutlicher. Sie nahm Gestalt und Form an. Höhen traten hervor, und bald war das bewaldete Gebirge zu erkennen. Es war kurz vor der Mittagszeit, als die vier Reiter den ersten der Vorberge erreichten.

Steinbach suchte wie ein Feldherr das Terrain mit dem Fernrohre ab. Er deutete hinaus in die Ebene und sagte:

»Den Bogen haben wir richtig hinter uns. Ich glaube, daß wir uns ungefähr da befinden, wohin die beiden Tuareg kommen werden.«

»Ganz gewiß,« sagte der Führer. »Da drüben giebt es einen Bach, welcher in die Berge führt. Ihm muß man folgen, um nach jenseits zu kommen. Dorthin also müssen sie sich sicher wenden.«

»So wollen wir ihnen voran hin. Vorwärts!«

Sie gelangten an den Bach und ritten langsam an ihm aufwärts, um einen Ort zu finden, von welchem zu vermuthen stand, daß die Flüchtlinge dort ihre Rast halten würden. Solcher Orte gab es so viele, daß es unmöglich war, vorher zu bestimmen, welchen man wählen werde. Darum rieth Steinbach, noch weiter aufwärts zu reiten, dort die Kameele zurückzulassen und wieder umzukehren, da man zu Fuße die Erwarteten besser belauschen konnte. Die Anderen gingen auf den Vorschlag ein. Die vier Reiter ritten noch eine Strecke weit am Bache aufwärts und bogen dann in die Büsche ein, wo sie die Kameele unter der Aufsicht des Führers zurückließen. Dann kehrten sie wieder um und nahmen auf einer Höhe Posto, von welcher aus sie die weite, nach rückwärts liegende Ebene weit nach vorn und auch nach rechts und links überblicken konnten.

Steinbach hatte sich in seinen Vermuthungen nicht getäuscht. Nach bereits kurzer Zeit traf sein durch das Rohr gerichteter Blick auf drei Punkte, welche sich näherten und nach und nach größer wurden, so daß sie bald mit dem unbewaffneten Auge zu erkennen waren.

»Da kommen sie!« sagte er. »Jetzt nun hoffe ich, daß sie nicht vorüber reiten, sondern da unten am Wasser absteigen.«

»Wahrscheinlich thun sie das,« sagte der Scheik. »Warten wir es ab!«

Sie standen so, daß sie von keiner Seite aus zu bemerken waren, während sie die Nahenden ganz genau beobachten konnten. Diese befanden sich jetzt bereits so nahe, daß bereits ihre Gesichtszüge zu erkennen waren. Der Tuareg ritt rechts auf der grauen Stute, der Andere links, und Hiluja befand sich auf dem Schimmel in der Mitte zwischen Beiden. Sie ritt nach Männerart, was die Töchter der Beduinen ganz gewöhnt sind.

Jetzt verschwanden diese Drei unten hinter einem Vorsprunge des Gebüsches. Bald aber erschienen sie wieder. Sie folgten einem Bogen, welchen der Bach machte, der an dieser Stelle seine Wasser an einem lauschigen Plätzchen vorübergleiten ließ, welches von mehreren Bäumen beschattet wurde und auf drei Seiten von Buschwerk eingefaßt war. Da stiegen sie von den Pferden, welche sofort zu saufen begannen und sich dann an dem saftigen Grase erlabten. Der Ort war eine liebliche Oase in der Steppe.

Hiluja ließ sich gleich auf den Rasen fallen. Ihr Gesicht war nicht zu sehen, da sie den Schleier dicht vorgezogen hatte. Der Tuareg setzte sich neben sie hin; der Andere aber hatte sein Augenmerk auf die Spuren gerichtet, welche die Kameele zurückgelassen hatten.

»Es sind Leute hier gewesen,« sagte er, auf die umgetretenen Halme deutend.

»Was geht uns das an?«

»Sehr viel!«

»Gar nichts. Wir sind nicht mehr in der Wüste. Je weiter wir der Küste nahe kommen, desto weniger haben wir zu fürchten. Es kann uns sehr gleichgiltig sein, wer hier geritten ist.«

»O, man verfolgt uns natürlich!«

»Das mag sein. Wer aber weiß, welche Richtung wir eingeschlagen haben? Man wird vielmehr glauben, daß wir grad in der Wüste unsere Zuflucht suchen. Und selbst wenn man uns in dieser Richtung folgen sollte, voran können uns die Verfolger doch nicht sein.«

»Mit Eilkameelen, warum nicht? Wenn man nun so klug gewesen wäre, einen Bogen zu reiten? Wir haben die Pferde sehr geschont.«

»Du bist doch sonst nicht furchtsam. Bitte zu Allah, daß er Dich kein Weib werden lasse!«

»Spotte Du! Ich aber will vorsichtig sein und einmal nachsehen, wohin man von hier aus geritten ist.«

Er ging den Spuren nach, langsam und vorsichtig, weiter und immer weiter, auch an der rechten Seite eines Strauches vorüber, an dessen linker sich Steinbach niedergeduckt hatte. Er ließ den Tuareg vorbei, erhob sich dann leise, zwei rasche, unhörbare Schritte, und er legte ihm beide Hände so fest um den Hals, daß er keinen Laut ausstoßen konnte.

»Pst!«

»Gleich!« antwortete der Oberst, welcher mit dem Scheik in der Nähe gewartet hatte und nun herbeikam. »Was thun wir mit ihm?«

»Arme und Beine binden. Er hat keine Besinnung mehr. Wir stecken ihm mein Tuch in den Mund und lassen ihn hier liegen, bis ich auch den Andern habe.«

Dies thaten sie. Dann schlichen sie sich nahe an den Lagerplatz heran.

»Hier steckt Euch hinter dieses dichte Strauchwerk,« sagte Steinbach leise. »Ihr könnt Alles genau sehen. Ich nähere mich ihm im Rücken. Wegen seiner zwei Messer ist er gefährlicher als der Andere. Ich werde ihn nicht sehr schonen. Also, paßt auf!«

Er verschwand im Dickicht.

Der Tuareg hatte schweigend einige Datteln verzehrt und sich mit der Hand dazu Wasser aus dem Bache geschöpft. Jetzt lauschte er aufmerksam nach der Seite hin, nach welcher sein Gefährte verschwunden war. Die Zeit bis zu dessen Rückkehr deuchte ihm zu lang. Er wollte sich die Zeit mit einem Gespräch vertreiben, deshalb sagte er zu Hiluja:

»Hier sind Datteln! Iß.«

Sie antwortete nicht und bewegte sich auch nicht.

»Hast Du es gehört? Warum sprichst Du nicht?« Warum trotzest Du. Deine Lage ist ja nicht anders geworden, als sie bereits vorher war!«

»Wo ist Haluja?« fragte sie jetzt.

»O, die hat es sehr gut. Die ist verheiratet. Bald wirst Du es auch sein. In Mehediah verkaufe ich Dich an einen reichen Pascha, bei welchem Du ein Leben wie im Paradiese führen wirst.«

»Elender!«

»Schimpfe jetzt! Später wirst Du es mir danken.«

»Noch sind wir nicht in Mehediah!«

»Aber wir werden hinkommen, morgen bereits. Niemand wird es hindern können.«

»O, ich könnte Dir Einen nennen, der es hindern wird.«

»Hast Du ein Fieber? Welcher Mensch könnte das sein?«

»Er folgt Dir ganz gewiß. Allah hat ihn zu meiner Rettung gesandt; das weiß ich ganz genau.«

»Ist Allah zu Dir herabgestiegen, um Dir das zu verkündigen?« spottete er.

»Ich weiß es; er rettet mich. Er hat es versprochen.«

»Wem?«

»Haluja.«

»Beim Teufel! Hat sie mit Jemand gesprochen?«

»Ja.«

»Mit wem?«

»Ich sollte es Dir nicht sagen; aber ich weiß so genau, daß er kommen wird, daß ich es gar nicht verschweigen werde. Ich meine den Fremden, welcher gestern in das Lager kam.«

»Mit ihm hat sie gesprochen?«

»Ja. Er hat mir Rettung versprochen, und er ist ein Mann.«

Der Tuareg stieß ein lautes, höhnisches Lachen aus.

»Ja, er ist ein Mann!« höhnte er dabei. »Er ist ein solcher Mann, auf dessen Pferd ich jetzt sitze! Und wenn er jetzt käme, um Dir zu helfen, ich würde stolz hier liegen bleiben; ich würde keine Hand regen, dieser Memme gegenüber. Ein einziger Blick würde ihn verscheuchen. Er ist betrunkener als sein Diener!«

»Das lügest Du!« antwortete sie, jetzt in Zorn gerathend.

»Mädchen, beleidige mich nicht!«

»O, ich fürchte Dich nicht! Mehr, als Du mir bereits gethan hast, kannst Du mir doch nicht thun! Aber der Retter wird erscheinen. Ich habe ihn nur einmal gesehen, nur eine Secunde lang. Nur ein einziger Blick seines Auges ist auf mich gefallen, und doch weiß ich, daß er ein Held ist, vor welchem Du Angst haben würdest. Wenn er jetzt hier erschien, würdest Du vor Schreck laut schreien.«

»Soll ich Dir den Mund stopfen! Ich wollte, er käme! Ich wiederhole es, daß ich hier liegen bleiben würde. Ich schwöre es bei Allah, daß ich mich nicht bewegen würde, ihn auch nur anzusehen. Er mag doch kommen!«

»Da ist er!

Diese Worte erklangen hinter ihm. Er fuhr herum und das Mädchen auch.

»O Allah, Allah!« rief sie. »Da ist der Retter, da ist er!«

Sie sprang empor und schlug jubelnd die Hände in einander. Der Tuareg war auch aufgesprungen. Sein Gewehr hing am Sattel, aber er hatte die Griffe seiner beiden Messer erfaßt und zückte sie.

»Hund, Du hier!« knirschte er.

»Wunderst Du Dich? Du hast mich ja gerufen,« antwortete Steinbach lächelnd.

»So mußt Du sterben!«

Er steckte den Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus.

»Du rufst Deinen Genossen zu Hilfe?« fragte der Deutsche.

»Ich denke. Du willst liegen bleiben und Dich nicht bewegen. Du hast es sogar bei Allah geschworen!«

»Trotz dieses Schwures fährst Du zur Hölle!«

Er erhob den Arm, ließ ihn aber unter einem lauten Schrei wieder sinken. Mit einem blitzschnellen Griffe hatte Steinbach seine Pistole gezogen und abgedrückt. Die Kugel war dem Tuareg in die Hand gedrungen. In demselben Moment hatte der Deutsche ihn aber auch bereite bei den Hüften, erfaßt, hob ihn hoch empor und schmetterte ihn zur Erde, so daß er gleich liegen blieb. Das war so schnell gegangen und mit solcher Leichtigkeit und Accuratesse geschehen, als ob er nur eine Fliege von sich abgeblasen habe. Er würdigte den Tuareg keines Blickes mehr, sondern er reichte dem schönen Mädchen die Hand entgegen und sagte:

»Dein Glaube hat Dich nicht betrogen. Du bist frei.«

Ihr Schleier hatte sich verschoben. Sie blickte mit Bewunderung zu ihm empor.

»Frei,« wiederholte sie, noch gar nicht im Vollbewußtsein der Bedeutung dieses Wortes.

»Ja, frei, vollständig frei.«

Da glänzten ihre Augen auf, um gleich nachher sich mit Thränen zu füllen.

»Ganz, ganz frei?« fragte sie zaghaft.

»Ganz!«

»Ich kann hingehen, wohin ich will?«

»Allüberall hin, zu Deinem Vater, zu Deiner Schwester, der Königin der Wüste.«

Da ergriff sie seine Hand, und ehe er es nur zu verhindern vermochte, hatte sie dieselbe an ihre Lippen und an ihr Herz gedrückt.

»Du bist der Engel Allah's, den er vom Himmel sendet! Ja, so wie Du bist, sind die Engel!«

Es war ein Blick voll schwärmerischer Begeisterung, mit welchem ihr Auge an seinem Angesichte hing. Er schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete:

»Ich bin nur ein Mensch, grad wie diese hier, die Du noch gar nicht bemerkt und gesehen hast.«

Sie drehte sich um und sah den Scheik und den Obersten, welche Beide neben dem Tuareg knieten, um zu sehen, in wieweit er verletzt sei. Ihre Freude war natürlich eine große. Sie reichte auch diesen Beiden ihre Hände dar, und der Oberst meinte dabei:

»Nun kann ich wieder heirathen!«

»Wohl nicht, mein bester Herr,« antwortete Steinbach auf Deutsch.

»Warum denn denne wohl nicht?«

»Sie gehört nun sich selbst, und ich glaube nicht, daß sie sich verkaufen wird.«

»Dunderwetter! Dann kann ich ihr auch nicht dieses Muhammed es Sadak Bey schenken. Aber ich werde mich einmal nachsehen, in wiefern und obwohl dieses Tuareg dem Mariatheresienthalersack noch bei sich zu haben jewohnt zu werden pflegt.«

Das Geld fand sich in einer der Satteltaschen. Der Oberst beschloß natürlich, es dem Scheik zurückzugeben, welcher es auch gleich an sich nahm.

Schaden genommen hatte der Tuareg nicht. Als er wieder zu sich kam, war er gefesselt, und sein Begleiter lag ebenso gebunden neben ihm. Der Scheik spie ihm nach Art der Beduinen in das Gesicht und sagte:

»Du bist ein Hund und der Sohn und Enkel eines Hundes. Du hast die Gastfreundschaft gebrochen und die bestohlen, deren Brod Du aßest. Man wird Dir Deine Strafe geben. Ueber Dich werden zu Gericht sitzen die Aeltesten des Stammes und auch Hiluja und Haluja, deren Krieger Du ermordet hast.«

»Und ich auch,« fügte Krüger Bey hinzu. »Er hat mich betrogen und mir anstatt einer Venus oder Huri ein altes Weib gegeben. Seine Seele soll braten in aller Ewigkeit, so lange in der Hölle Feuer brennt. Bindet die beiden Hunde auf die Kameele, und laßt dieselben Galopp laufen!«

Mit einem Kameele Galopp zu reiten, ist nämlich eine reine Unmöglichkeit. Kein Mensch würde das aushalten können.

Es wurde noch länger Rast gehalten, damit Hiluja sich erholen könne, und dann kehrten die vier Männer mit ihrem wieder erbeuteten Eigenthum und dem geretteten Mädchen nach dem Lager der Beduinen zurück, in welchem sie bereits am Abende eintrafen. –

Die Hauptstadt Tunis liegt nicht direct am Meere sondern am Ufer eines Sees, welcher es von dem Meere trennt. Daher giebt es an der Küste einen besonderen Hafen, welcher für Tunis ganz dasselbe ist wie Bremerhaven für Bremen oder Kuxhaven für Hamburg. Er heißt Goletta.

Von Tunis nach Goletta kann man zu Wagen, zu Pferd, per Kahn und auch als Spaziergänger gelangen, in neuerer Zeit sogar per Bahn. Die Straße, welche nach dem Hafen führt ist stets belebt. Und besonders wenn neue Schiffe signalisirt sind, strömen die Interessenten und Neugierigen dem Hafen zu.

Diese Neugierigen, welche auch heut am Ufer standen, konnten gar nicht recht klug werden aus dem kleinen Dinge, welches vor ungefähr zwei Stunden herangedampft gekommen war und sich zwischen die großen Schiffe gelegt hatte, als ob es mit ihnen ganz und gar gleichberechtigt sei.

Besonders angestaunt wurde die wunderbare schwarz und grau carrirte Gestalt, welche vorn am Buge abgebildet war. Niemand hielt es für möglich, daß es einen solchen Menschen geben könne. Als sich aber jetzt die Kajüte öffnete und das lebendige Original dieses Bildes aus derselben hervortrat, wurde das Staunen zur starken Verwunderung.

Lord Eagle-nest aber machte sich nicht das Mindeste aus den auf ihn gerichteten Blicken; er fragte den Capitain, welcher sofort zu ihm getreten war:

»Haben Masters Normann oder Wallert bereits Nachricht geschickt, wo sie logiren werden?«

»Noch nicht. Euer Lordschaft.«

»Schadet nichts, werde es erfahren.«

»Euer Herrlichkeiten gehen an Land?«

»Ja.«

»Wann dürfen wir Sie zurückerwarten?«

»Ist unbestimmt. Will einmal sehen, wie es hier in Tunis mit den Harems steht. Vielleicht hat man hier eher einen Treffer als in dem dummen Constantinopel, wo sie Einem die schönsten Weiber grad dann wegholen, wenn man schon im Garten kauert, um mit ihnen auf und davon zu gehen. Dummes Volk!«

Er schritt über die Landungsbrücke nach dem Ufer und mitten in den Menschenschwarm hinein, welcher vor ihm zurückwich, um ihn besser betrachten zu können.

Da gab es Mauren, Araber, Tuareg, Tibbus, Neger, Juden, Christen aus allen Ländern, in allen Farbenabstufungen, männlichen und weiblichen Geschlechtes, in den verschiedensten und grellbuntesten Trachten und Kostümen.

Packträger, Eselsjungen, Kutscher, Lohndiener und Ruderer drängten sich an ihn heran, vielleicht in der Meinung, daß dieser außerordentlich gekleidete Mann wohl auch außerordentliche Trinkgelder geben werde. Er schob sie aber Alle mit dem riesigen Regenschirm von sich fort, und als das nicht genug half, nahm er den Schirm in die rechte, das Fernrohr in die linke Hand und schlug damit so lange zu, bis er Platz bekam.

Er sah Tunis hinter den Wellen des Sees herüberleuchten, er war jetzt auf sein Schiff beschränkt gewesen und wollte seinen langen Beinen wieder einmal eine gesunde Bewegung gönnen, das heißt, er wollte zu Fuße nach Tunis gehen.

Indem er nun langsam dahin schlenderte und die Augen überall hatte, wo es etwas zu sehen gab, fiel sein Blick auf eine Frauengestalt, welche bereits vorhin am Ufer gestanden hatte und nun, gleich ihm, die Absicht zu haben schien, nach der Stadt zu spazieren.

Sie war hoch, voll und sehr üppig gebaut, aber dennoch von jugendlich elastischen Bewegungen. Unter den seidenen Hosen blickte ein kleines in Saffianpantoffeln steckendes Füßchen hervor. Ueber den runden, fleischigen Hüften hielt ein goldgestickter Gürtel eine kräftig schlanke Taille zusammen. Die herrliche Büste, die lockenden Schultern, das Alles konnte von dem dünnen, durchsichtigen, schleierartigen Obergewande nicht verhüllt werden. Dieses Gewand schien vielmehr da zu sein, die Schönheiten mehr zu verrathen als zu verhüllen. Einzig verhüllt war nur das Gesicht.

»Donnerwetter!« brummte er. »Das ist Eine, und was für Eine! Verteufelt! Verteufelt! Wenn ich deren Harem erfahren könnte! Leider aber bin ich allein und kann nicht türkisch sprechen. Wenn Normann da wäre oder Wallert. Doch die! Die schnappten mir diese Sultana doch vor der Nase weg. Ich werde einmal versuchen, ob sie französisch versteht. Die Prinzessinnen lernen doch alle Französisch.«

Er zog im Vorübergehen den Hut.

»Bon jour, mademoiselle!«

»Bon jour, monsier!« antwortete sie.

»Ah, Sie sprechen Französisch?«

»Wie Sie hören!«

»Dürfen Sie dann mit einem Manne sprechen?«

Sie schien ihn durch den Schleier erstaunt zu betrachten. Dann antwortete sie zögernd:

»Nein.«

»Warum sprechen Sie da mit mir?«

»Weil Sie mir gefallen.«

»Sapperment! Nicht übel!«

»O nein! Uebel sind Sie nicht.«

»Richtig!«

»Aber hier ist es so auffällig, wenn ich mit Ihnen spreche!«

»Das stimmt. Eine Haremsdame – – Sie gehören doch in einen Harem?«

»Natürlich!« antwortete sie, nachdem sie ihn abermals einige Augenblicke lang betrachtet hatte.

»Hm! Giebt es nicht einen Ort, an welchem wir besser sprechen können als hier?«

»Wünschen Sie das denn, Monsieur?«

»Von ganzem Herzen.«

»Nun so will ich Ihnen etwas sagen. Sie warten hier, bis ich ein großes Stück am Ufer hin bin, und winken dann einem dieser Kahnführer zu. Er wird Sie einsteigen lassen, und Sie sagen ihm das Wort »Karthago.«

»Wozu?«

»Die Ruinen von Karthago liegen da drüben. Dorthin wollen wir, denn dort sind wir unbeachtet.«

»Herrlich! Göttlich!«

»Dann, wenn der Mann da rudert, wo ich am Ufer gehe, zeigen Sie auf mich und sagen zu ihm »beraber almak.«

»Was heißt das?«

»Mitnehmen. Er wird anlegen und mich einsteigen lassen. Dann sind wir beisammen.«

»Ja, beisammen! Verteufelt! Verteufelt! Na, laufen Sie jetzt hin! Ich werde meine Sache machen. Also winken und beraber almak. Schön!«

Sie ging weiter. Er bemerkte die vielen, vielen Blicke gar nicht, welche auf ihm ruhten. Er sah ihr nach und murmelte ganz entzückt:

»Ein Stelldichein in den Ruinen von Karthago! Das werden die Karthager auch nicht vermuthet haben, daß ich in ihren Ruinen eine Entführung anzettele! Na, los?«

Er winkte einen Schiffer und stieg ein. Als er ihm das Wort »Karthago« sagte, nickte der Mann und warf einen schlauen, verständnißvollen Blick auf das voranschreitende Mädchen. Er schien in diese Art von Geheimniß sehr tief eingeweiht zu sein.

»Beraber almak!« befahl der Lord, als es Zeit dazu war, diesen türkischen Befehl auszusprechen.

Der Schiffer lenkte an das Ufer, und die Schöne wurde aufgenommen. Sie setzte sich dem Lord gegenüber.

Nun ging es in sehr langsamem Tempo quer über den Binnensee hinüber.

»Sie sind wohl nicht Türke?« fragte sie sehr unschuldig.

»Nein. Ich bin Engländer.«

»O Allah! Ein Giaur!«

»Bitte, erschrecken Sie nicht darüber. Wir Christen sind keine Menschenfresser.«

»Nicht? Das beruhigt mich,« sagte sie kindlich ernst.

»Ich bin vielmehr bereit, Ihnen alles Gute zu erweisen. Sie dürfen mir nur Gelegenheit dazu geben.«

»O Allah, die könnte ich Ihnen geben.«

»Vorher aber müssen Sie mir eine Bitte erfüllen.«

»Welche? Sprechen Sie!«

»Gewähren Sie mir die Seligkeit, Ihr schönes Angesicht sehen zu dürfen. Sie sehen ja das meinige auch!«

»Wissen Sie nicht, daß dies verboten ist?«

»Ich weiß es. – Aber wir sind ja ganz allein.«

»Der Schiffer – – –!«

»O, der ist so stumm wie die Fische in seinem Wasser hier.«

»Nun, ich will es wagen! Sie sind ein Mann, dem man einen solchen Gefallen thun kann.«

Sie zog den Gesichtsschleier auseinander. Er erhob das neugierige Auge. Sie war nicht übel. Die dunkeln, herausfordernden Augen waren zwar an ihren Lidern Etwas geröthet, wie man es bei Frauenzimmern, welche der Liebe huldigen, so oft findet, aber das bemerkte der Engländer gar nicht. Der Mund war voll, die Wange weich gerundet; die Züge hatten etwas angenehm Schmachtendes. Das Mädchen gefiel ihm außerordentlich.

»Nun, sind Sie zufrieden?« fragte sie.

»Ja, sehr,« antwortete er in aller Aufrichtigkeit.

»Nun, dann kann ich mich wieder verschleiern.«

Sie erhob die Hand, um die Hülle wieder vorzuziehen, aber da fiel er schnell ein.

»Nein, bitte! Lassen Sie das Gesicht frei!«

»Wozu? Das ist doch genug.«

»Nein, das ist nicht genug! Sie sind so schön, daß man sich nicht so schnell und leicht satt sehen kann.«

»Ach so! Und satt wollen Sie wohl werden?«

»Das versteht sich!«

»Was haben Sie aber davon?«

»Sonderbare Frage! Was habe ich davon, wenn ich dürste und trinke dann so viel, daß ich satt bin? Ich habe eben keine Schmerzen mehr im Magen!«

»Und Schmerzen haben Sie jetzt wohl?«

»Und ob! Fürchterliche!«

»Im Magen?«

»Etwas weiter oben – im Herzen.«

»Und wer macht Ihnen diese Schmerzen?«

»Sie!«

»Davon weiß ich nichts. Ich bin ja so freundlich und nachgiebig gewesen, wie ich es eigentlich gar nicht sein darf.«

»Grad diese Freundlichkeit ist es, sie macht mir Schmerzen; sie hat einen riesigen Appetit in mir erweckt, einen furchtbaren Hunger und Durst. Wenn ich da nicht essen oder trinken darf, so verschmachte ich wie ein Fisch, den man auf das Trockene, in die Sonne gelegt hat.«

»Nun, so essen und trinken Sie!«

»Hm! Das ist bald gesagt. Dazu müßte der Tisch gedeckt sein.«

»Ist er es denn nicht?«

»Es scheint fast so, doch weiß ich nicht, ob ich auch wirklich zulangen darf.«

»Wer will Sie hindern?«

»Sie!«

»Das fällt mir gar nicht ein. Greifen Sie getrost zu. Nur sehe ich wirklich nichts, was Sie genießen könnten.«

Sie blickte sich in scherzhafter Weise um. Er antwortete:

»Desto mehr aber sehe ich.«

»Was denn?«

»Sie!«

»Was? Mich? Mich wollen Sie essen und trinken?«

»Am Allerliebsten gleich ganz verschlingen.«

»Menschenfresser!« rief sie, indem sie sich den Anschein gab, als ob sie schaudere.

»Halten Sie sich etwa für nicht appetitlich genug?«

»Darüber habe ich selbst kein Urtheil.«

»Nun, so habe ich es. Sie sind so appetitlich, so sauber, so allerliebst, daß mein Herz eine einzige große, ungeheure Wunde ist, seit ich Sie gesehen habe.«

»O Allah! Bin ich so gefährlich?«

»Ja, höchst gefährlich. Ich verlasse Sie nicht eher, als bis Sie mir das Versprechen gegeben haben, diese Wunde zu heilen.«

»Das werde ich gern thun, denn Sie dauern mich!«

»Welch ein Glück! Ich habe es Ihnen aber auch sofort angesehen, daß Sie ein gutes, mitleidiges Herz besitzen.«

»Das ist richtig. Nur weiß ich nicht, wie ich es anfangen soll, Sie zu heilen. Vielleicht – ein Pflaster?«

»O wehe!«

»Eine Salbe? Die ist gelinder.«

»Auch nicht.«

»Was denn? Etwa ein – – Klystier?«

»Donnerwetter! Was fällt Ihnen ein!«

»So nennen Sie mir die Arznei selbst, mit deren Hilfe Ihr wundes Herz geheilt werden kann!«

»Es ist die Liebe.«

»Die Liebe? Ah! Ist das wahr?«

»Ganz gewiß!«

»Nun, so lieben Sie doch!«

»Das thue ich ja bereits; aber meine Liebe kann mir doch keine Linderung bringen. Meine Liebe ist es ja gerade, welche mir die Wunde geschlagen oder gebissen hat!«

»Welche Liebe meinen Sie denn?«

»Die Ihrige.«

»O Ihr heiligen Propheten und Kalifen! Meine Liebe wollen Sie haben? Die meinige?«

»Ja, gewiß!«

»Und die wird Sie heilen?«

»Natürlich! Ich werde so gesund sein wie ein Vogel in der Luft, wie ein Fisch im Wasser. In Ihrer Liebe würde ich schwimmen und fliegen und gar nicht mehr an die Wunde denken, welche Sie mir beigebracht haben.«

»Dann freilich bleiben Sie ungeheilt, Monsieur.«

»Sapperment! Warum? Weshalb?«

»Weil ich Ihnen meine Liebe nicht geben kann!«

»Verteufelt, verteufelt! Ja, ich werde Ihnen wohl nicht jung und hübsch genug sein.«

»Darnach frage ich nicht. Sie sind in den besten Jahren. Ich frage nicht nach Schönheit, sondern nach dem Herzen und nach dem Gemüthe. Ist das gut, so ist alles Andere auch gut.«

»Prächtig, prächtig! Hören Sie, Sie sind nicht nur ein hübsches, sondern auch ein höchst verständiges Kind. Ich gefalle Ihnen also wohl so leidlich?«

»Ja, Sie sind nicht übel.«

»Nun, warum können Sie mir denn da nicht Ihre Liebe schenken, die ich so nöthig habe?«

»Das können Sie sich doch denken!«

»Hm! Haben Sie etwa schon einen Mann?«

»Nein.«

»Einen Verlobten oder Geliebten?«

»Auch nicht.«

»Dann giebt es ja gar kein Hinderniß, mir Ihr Herz zu schenken. Ich wenigstens sehe keins.«

»O doch! Wissen Sie nicht, daß uns die Liebe verboten ist?«

»Ich weiß es; aber dieses Verbot ist ein sehr großer Unsinn. Sagen Sie einmal, ist Ihr Harem groß?«

»Ja.«

»Wie Viele sind drin?«

»Zwölf.«

»Wer ist der Besitzer?«

»Mein Vater.«

»Nun, so hat dieser alte Mann der Schönheiten genug, wenn er Elf behält. Sie werden sich doch nicht etwa in ihn verlieben sollen! Sie sagen, daß ich nicht ganz übel sei. Ich gefalle Ihnen also. Da begreife ich nicht, warum Sie sich nicht vollends an mich verschameriren sollen.«

»Das würde ich auch thun, aber es giebt da leider ein unüberwindliches Hinderniß. Sie sind ein Engländer.«

»Ja, gewiß.«

»Und ich bin Türkin.«

»Das ist ja grad sehr gut. Wären Sie eine Engländerin, so fiele es mir ja gar nicht ein, mich in Sie zu verlieben. Ich will eine Türkin haben, partout eine Türkin.«

»Da aber legt sich das große Hinderniß dazwischen, nämlich der Glaube.«

»Der? Was hat denn der mit der Liebe zu thun?«

»Sehr viel!«

»Nur in dem Sinne, daß man an Denjenigen glaubt, den man eben liebt.«

»Nein. Mein Glaube verbietet mir, einen Christen, einen Ungläubigen zu lieben.«

»Hören Sie, das ist Unsinn! Dieses Hinderniß ist lächerlich klein; es läßt sich sehr leicht umgehen oder überspringen.«

»Wieso?«

»Ich liebe Sie christlich und Sie lieben mich muhammedanisch.«

»Ah, daran habe ich nicht gedacht!« sagte sie im Tone des Erstaunens, welches allerdings ein künstliches war.

»Nicht wahr? Ist das Mittel gut?«

»Ganz übel scheint es allerdings nicht zu sein.«

»Na, sehen Sie. Wenn Sie diesem Rathe folgen, so ist Alles gut. Wir bleiben Beide bei unserem ursprünglichen Glauben und haben uns dabei so lieb, daß die Engel im Himmel ihre Freude daran erleben sollen.«

»Das – – würde angehen – vielleicht,« sagte sie in einem sehr nachdenklichen Tone.

»Vielleicht? Warum nur vielleicht?«

»Weil es sehr verschiedene Arten von Liebe giebt, und ich weiß nicht, welche Sie meinen.«

»Na, welche soll ich denn meinen! Die richtige natürlich.«

»O, eine jede Liebe ist die richtige. Da giebt es zum Beispiel die Liebe der Alten zu den Jungen – –«

»Donnerwetter! Die meine ich doch nicht etwa!«

»Oder der Jungen zu den Alten.«

»Auch die nicht.«

»Der Geschwister zu einander?«

»Nein.«

»Der Freunde?«

»Nicht. Das ist keine Liebe, sondern Freundschaft.«

»Also die Liebe des Mannes zur Frau?«

»Ja, das ist der wahre Jacob. Diese meine ich.«

»So wünschen Sie, daß ich Ihre Frau werde?«

»Ja, das wäre – – hm! Verdammt!«

»Nun, bitte, antworten Sie!«

»Mädchen, Mädchen! Muß denn gleich geheirathet sein?«

»Gleich? Nein, das ist nicht nöthig. Das kann ja überhaupt gar nicht so rasch gehen.«

»Richtig, sehr richtig! Ihr Weibsleute denkt immer gleich an die Hochzeit und an den Polterabend, wenn man von Liebe zu Euch spricht. Du scheinst mir verständiger zu sein. Wir lieben uns und warten ganz einfach ab, was sich daraus entwickeln wird. Aber da ist die Fahrt zu Ende. Was nun?«

»Wir steigen aus und gehen spazieren.«

»Herrlich! Jetzt muß dieser Mann bezahlt werden. Wie viel hat er zu verlangen? Ich kann ihn nicht fragen, da ich nicht türkisch verstehe.«

»Geben Sie ihm fünf Francs.«

»Francs? Giebt es hier auch französisches Geld?«

»Hier in der Hauptstadt gelten alle Münzen.«

Der Engländer zog den Beutel und gab dem Ruderer die angegebene Summe.

»
Merci, monsieur!« meinte der Mann sehr freundlich und setzte französisch hinzu: »Amüsiren Sie sich gut, damit Ihr verwundetes Herz geheilt werde.«

Der Lord erschrak, antwortete aber nichts und stieg mit dem Mädchen an das Land. Erst als sie sich eine Strecke entfernt hatten, sagte er ärgerlich:

»Dieser Kerl spricht also auch französisch!«

»Die Gondelführer verstehen alle französisch und italienisch, da sie sehr viele Fremde bedienen.«

»So hat er verstanden, was ich zu Ihnen sagte?«

»Alles.«

»Verteufelt, verteufelt! Warum haben Sie mich nicht darauf aufmerksam gemacht?«

»Das hätte er doch gehört.«

»Richtig. Na, ich mache mir nichts daraus; aber Ihnen kann es Ungelegenheiten machen.«

»O nein; er kennt mich ja nicht.«

Aber es war das gerade Gegentheil der Fall; dies hätte der Engländer sicher vermuthet, wenn er den außerordentlich pfiffigen Gedichtsausdruck gesehen hätte, mit welchem der Ruderer ihnen nachblickte, dabei in den Bart murmelnd:

»In das Netz gegangen! Dieser Engländer wird für diesen Lockvogel zu jeder Dummheit bereit sein!«

Diesseits des Wassers war die Gegend nicht sehr belebt. Man erblickte nur von Weitem hier und da einen einsamen Wanderer, welcher in den Ruinen Karthago's, der einstigen mächtigen Stadt, umherstrich. Darum wagte es der Lord, die Hand seiner reizenden Begleiterin zu ergreifen. Sie ließ ihm dieselbe; ja er fühlte sogar, daß sie ihm die seinige liebevoll drückte. Das machte ihn außerordentlich glücklich und versetzte ihn in eine Laune, in welcher er zu jedem Opfer bereit war.

»Wohin nun also?« fragt? er.

»Sehen Sie da drüben die Seuben? An ihrem Fuße befindet sich eine kleine Hütte, wo wir eintreten können.«

»Wem gehört sie?«

»Einem sehr guten Bekannten von mir.«

»Alle Wetter! Darf der denn sehen, daß Sie mit einem Fremden sprechen?«

»Ja.«

»Wenn er es aber Ihrem Vater sagt!«

»O nein, das thut er nicht. Er ist treu und verschwiegen und wenn Sie ihm ein gutes Bakschisch geben, so geht er für Sie durch das Feuer.«

»Nun, durch das Feuer braucht er nicht zu gehen, wenn er nur überhaupt fortgeht, so lange wir bei ihm sind. Wie aber haben Sie denn seine Bekanntschaft gemacht?«

»Er war meines Vaters Sklave, wurde aber später zum Lohne seiner Treue frei gegeben.«

»Hat er etwa den Harem bedient?«

»Ja.«

»So ist er ein Eunuch, ein Verschnittener?«

»Ja. Sie werden es ihm auch sogleich ansehen, daß er kein eigentlicher Mann ist. Dort liegt die Hütte. Warten Sie hier ein Wenig. Ich will erst einmal hingehen, um nachzusehen, ob vielleicht Fremde dort sind.«

Sie ging und er wartete.

»Ein famoses Kind!« sagte er zu sich, ihr nachblickend. »Dieser Gang, dieser Beine, diese Hüften! Sapperment, diese werde ich entführen! Wie werden sich diese Beiden ärgern, Normann, und Wallert, wenn ich ohne ihre Hilfe so einen herrlichen Vogel aus dem Harem geschafft habe!«

Er lehnte sich an einen gewaltigen, seit vielen Jahrhunderten hier liegenden Steinblock und behielt die Hütte im Auge. Das Mädchen war eingetreten. Es währte eine ziemliche Weile, ehe er sie wieder sah. Sie kam mit einem zweiten Mädchen und einer männlichen Person heraus und deutete mit der Hand nach dem Lorde. Er wurde sehr angelegentlich betrachtet und glaubte ein kurzes aber kräftiges Lachen des Mannes zu hören.

»Der freut sich, daß ich komme,« dachte er. »Na, dafür soll er ein gutes Bakschisch haben, ein sehr nobles Trinkgeld!«

Jetzt kam seine Begleiterin zurück. Sie hielt das Gesicht entblößt und erschien dem Lord noch weit schöner als vorher. Der Grund davon war das unterdrückte Lachen, welches sie nur mit Mühe zurückhalten konnte.

»Nun, wie steht es, schönes Kind?^

»Wir sind sicher. Kommen Sie.«

»Das war der Verschnittene?«

»Ja.«

»Aber es war ja ein Frauenzimmer bei ihm!«

»Das braucht Ihnen keine Sorge einzuflößen. Es ist meine Schwester, meine Lieblingsschwester, welche ebenso wie ich einen Spaziergang nach den Ruinen gemacht hat.«

»Ah! Schwester! Ist sie hübsch?«

»Sogar schön. Viel schöner als ich.«

»Verteufelt, verteufelt! Jung?«

»Zwei Jahre jünger als ich.«

»Ah! Hat sie einen Mann oder Geliebten?«

»Nein.«

»Gut! Schön! Kommen Sie; kommen Sie!«

Er ergriff sie bei der Hand und zog sie fort. Er war wie elektrisirt. Zwei Haremsdamen anstatt nur einer! Das war ja ein Zufall, ein Ereigniß, von welchem er später in London mit großem Stolze erzählen konnte! Und wenn es ihm gelang, alle Beide zu entführen! Er sagte nichts, aber er hätte seine Begleiterin vor Wonne umarmen mögen.

Die Hütte war aus rohen Steinen aufgeführt und machte keineswegs einen anheimelnden Eindruck. Vor der Thür stand der Mann, ein langer, hagerer, knochiger Kerl mit schief liegenden Augen und in eine Kleidung gehüllt, für welche der Ausdruck Lumpen am bezeichnendsten gewesen wäre. Sein Aussehen war gar nicht Vertrauen erweckend, zumal in dem Stricke, welcher ihm als Gürtel diente, zwei lange Messer steckten; doch kümmerte das den Lord nicht. Diesem fiel es sogar nicht einmal auf, daß der Mensch, der doch ein Verschnittener sein sollte, so lang und hager war, die allergrößte Seltenheit bei einem Eunuchen.

»Sallam aaleikum!« grüßte er, sich höchst demüthig vor dem Lorde verneigend.

»Guten Tag!« antwortete dieser französisch. »Da!«

Er zog ein Goldstück aus seiner wohlgefüllten Börse und gab es ihm. Das Gesicht des Menschen grinste jetzt förmlich vor Vergnügen. Er machte eine noch viel tiefere Vorbeugung als vorher und sagte, jetzt französisch:

»Tausend Dank, Monsieur! Treten Sie ein in meine arme Hütte. Ich bin Ihr Beschützer und werde wachen, daß kein Mensch Sie stören soll!«

Der Brite mußte sich tief bücken, um durch die niedrige Oeffnung zu gelangen. Das Innere der Spelunke bestand aus einem einzigen viereckigen Raume, welcher nichts enthielt als eine lange Strohmatte, auf welche zur Verschönerung ein alter Teppich lag. In einer Ecke sah man ein paar zerbrochene Töpfe und andere schmutzige Geschirrsachen, und in der anderen Ecke standen einige Flaschen, bei ihnen ein Weinglas, welches mehrere Sprünge hatte.

Auf dem Teppiche saß die zweite Haremsdame. Vorhin, als sie vor der Hütte stand, war sie verhüllt gewesen, jetzt aber hatte sie die Hülle abgelegt. Der dünne Stoff, welchen sie trug, ließ fast ihren ganzen Körper durchscheinen. Hätte der Lord sie in London so gesehen, so würde es ihm vor ihr gegraut haben, denn er hätte sofort gewußt, welcher Frauenklasse sie angehören, hier aber in Tunis machte sie auf ihn einen ganz anderen Eindruck. Das Fremde wirkte.

Sie begrüßte ihn in französischer Sprache:

»Meine Schwester hat mir von Ihnen erzählt. Eigentlich dürfen wir uns von Keinem sehen lassen und auch mit Keinem sprechen, aber meine Schwester hat mich gebeten, eine Ausnahme zu machen, denn sie liebt Sie.«

»Sie liebt mich?« fragte er, freudig überrascht.

»Ja. Sie hat es mir gestanden.«

»Verteufelt, verteufelt! Ist das wahr, he, wie?«

Diese Frage war an seine erste Bekanntschaft gerichtet.

»Ja,« antwortete sie in gut gespielter Verschämtheit.

Dabei schlang sie die Arme um ihn und drückte ihren Kopf an seine Brust.

»Mädchen, machst Du denn da keine Lüge?«

»Nein, o nein. Ich schwöre es Dir bei Allah und seinem Propheten, daß ich Dich liebe, obgleich mich noch kein Mann hat anrühren dürfen.«

»Donnerwetter! Nicht übel! Ich bin Dir auch gut.«

»So komm und küsse mich!«

Sie hielt ihm den Mund entgegen. Das kam ihm denn doch etwas »spanisch« vor; er sagte abwehrend:

»Na, na, nicht gleich zu hitzig, Kind! Es ist doch sonderbar. Man braucht Einer nur zu sagen, daß man ihr gut ist, so will sie gleich geherzt, gedrückt, gequetscht und geküßt sein. So sind sie Alle. Alle mit einander, in England ebenso wie in Tunis. Kind, laß mich jetzt damit noch in Ruhe, und sag mir lieber, wohin ich mich setzen soll. Du siehst ja, daß ich hier nicht stehen kann. Ich stoße sonst mit dem Kopfe die Decke und das ganze Haus ein.«

Wohin Du Dich setzen sollst? Welche Frage! Natürlich zwischen uns, hier auf den Teppich.«

»Da her? Na, Kinder, solch ein orientalisches Sitzen bin ich eigentlich nicht gewöhnt; aber ich will es Euch zu Gefallen thun, wenn Ihr mir Etwas versprecht.«

»Was?«

»Ihr dürft es mir nicht gar zu heiß machen.«

»Habe keine Sorge! Ich verlange nicht noch einmal, daß Du mich küssest.«

Das klang schmollend, fast beleidigt, so daß er sich beeilte, zu antworten:

»Na, na, nur nicht Alles übel nehmen. Wenn Du gern einen Schmatz haben willst, so sollst Du einen bekommen; aber das darf doch nicht gleich losgehen, wie ein Schnellfeuer bei einem Reiterangriff!«

Er legte Hut, Regenschirm und Fernrohr ab und setzte sich auf den Teppich, nahe an seine zweite Bekanntschaft heran, so daß die Erste auch noch Platz finden möge. Diese aber machte noch keine Miene, sich zu setzen. Sie blickte erst noch einmal zur Thür hinaus, dann sagte sie:

»Weißt Du, daß es hier in Tunis Sitte ist, einen lieben Gast zu bewillkommnen?«

»Das ist überall Sitte, und Ihr habt es ja auch schon gethan.«

»Ganz noch nicht. Den Willkommentrunk haben wir Dir noch nicht gereicht.«

»Ach so! Einen Trunk! Was giebt es denn?«

»Wasser der Liebe.«

»Donnerwetter! Das habe ich noch nicht getrunken. Wo habt Ihr es denn?«

»Da in den Flaschen. Willst Du eine haben, damit wir mit Dir trinken dürfen?«

»Ja, freilich.«

»Aber der Besitzer dieser Hütte ist arm; er darf dieses Wasser der Liebe nicht umsonst geben.«

»Ach so! Ich soll einen Willkommentrunk erhalten, und ihn auch bezahlen. Gern. Was kostet dieses Liebeswasser?«

»Zehn Franken. Ist es Dir zu viel?«

»Das kann ich natürlich noch nicht sagen, da ich nicht weiß, wie es schmeckt und was es werth ist. Aber Euch zu Gefallen ist es mir auf keinen Fall zu viel.«

»So bezahle.«

»Ah! Gleich?«

»Ja.«

»Also Credit bis zum Fortgehen giebt es nicht. Gut, hier ist das Geld, kleine Hexe.«

Er gab ihr die zehn Franken, und sie brachte nun eine der Flaschen nebst dem Glase. Als sie dieses gefüllt hatte, bot sie es ihm und sagte:

»Hier, trink! Allah erhalte Dich recht lange unserer Liebe!«

»Trinke nur vorher.«

Sie setzte an und leerte das Glas in einem Zuge.

»Nicht übel!« sagte er erstaunt. »Du hast einen sehr guten Zug, fast so wie mein Steuermann. Gieb Deiner Schwester auch.«

»Nein; erst kommst Du. Du bist der Gast.«

»Na, so gieb her.«

Er führte das wieder gefüllte Glas an sein kleines Stumpfnäschen. Seine Augen zogen sich zusammen, und es kam ihm an, als ob er niesen müsse. Doch setzte er das Glas an und that einen Zug. Die Folge davon war ein ganz und gar unbeschreibliches Gesicht. Kaum war der Schluck hinab, so schüttelte es ihn am ganzen Körper; er begann in einem Athem zu husten und zu niesen; es war ein Ausbruch, den man hätte vulkanisch nennen mögen. Wahrend ihm das Wasser in hellen Strömen über die Wangen lief, lachten die beiden Mädchen herzlich über diese Wirkung ihres Willkommens.

»Was habt Ihr zu – – abzieeh! – – zu lachen, Ihr Kobolde!« zürnte er. »Dieses verteufelte – – abzieeh! – verteufelte Zeug brennt ja – – abzieeh ja wie die Hölle! Und das nennt – – abzieeh – das nennt Ihr einen Willkommen? Aus was ist denn dieser Trank gemacht?«

»Aus Spiritus.«

»Das merke ich! Und aus was für welchem! Herrgott! Aber was ist drin in dem Spiritus?«

»Apfelsinenschalen, Koloquinthen und Knoblauch.«

»Koloqu – – und Knobl – – Donnerwetter, seid Ihr verrückt? Dann ist es freilich kein Wunder, daß es mich zerreißen will! Und diesen Schnaps trinkst Du wie ein alter Wachtmeister?«

»Meine Schwester auch. Schau!«

Sie hatte das Glas der Schwester gegeben, welche es auch in einem Zuge leerte.

»Mädchen! Halte ein! Du vergiftest Dich ja!«

»O nein! Das schmeckt gut.«

»Na meinetwegen! Euer Schlund muß beschaffen sein wie ein alter Kanonenstiefelschaft! Und das nennt Ihr Wasser der Liebe!«

»So heißt es!«

»Koboquinthen und Knoblauch! Zehn Francs!«

»Ist es Dir zu theuer?«

»Na, Euretwegen nicht. Aber dürft Ihr als Muhammedanerinnen denn solches Zeug trinken?«

»Ja, es ist kein Wein.«

»Da wäre Muhammed doch gescheidter gewesen, wenn er Euch den Wein erlaubt und diesen Höllentrank verboten hätte! Wunderbar! So schöne, zarte Mädels und bringen dieses Fegefeuer hinunter. So aber ist's im Orient; da ist eben Alles anders, und man darf sich über gar nichts wundern. Na, setze Dich nun.«

»Sie nahm an seiner anderen Seite Platz und da der Teppich nicht sehr lang, war, saßen sie sehr eng nebeneinander. Dazu kam, daß die Eine sich an ihn schmiegte und die Andere diesem Beispiele folgte. Es wurde ihm wirklich warm. Er hatte es ja nicht auf eine Liebesscene abgesehen. Ihm lag nur daran, eine Haremsdame zu finden, welche er entführen könne.

»Na, Kinder,« sagte er, »zutraulich seid Ihr, das ist sehr richtig. Aber wie steht es denn? Ich habe erst mit dieser da von Liebe gesprochen.«

»Bei mir ist das gar nicht nöthig!« meinte die Zweite.

»So? Warum nicht?«

»Wenn meine Schwester Dich liebt, so versteht es sich ja ganz von selbst, daß ich Dich auch liebe.«

»Das ist kein übler Grundsatz! Bei mir daheim pflegen die Schwestern eifersüchtig zu sein. Bei Euch aber könnte Einer wohl gleich zwanzig Schwestern heirathen?«

»Ganz gut.«

»Das ist eben wieder der Orient! Also Ihr habt mich Beide lieb. Was ist da zu machen?«

»Heirathe uns!«

»Schon? Donnerwetter! Noch nicht geküßt und schon heirathen! Ich will Euch ganz aufrichtig sagen, daß ich für das schnelle Heirathen gar nicht eingenommen bin. Und für das leichte Heirathen auch nicht. Ich wünsche, daß es mir Mühe macht, eine Frau zu bekommen.«

»Also sie soll Dich nicht lieb haben? Du willst Dir ihre Liebe erringen, erkämpfen?«

*

13

Na, das nicht gerade. Lieb haben soll sie mich. Aber ich wünsche, daß ich sie nicht kriegen soll.«

»Der Vater soll dagegen sein?«

»Ja. Das Mädchen soll ganz närrisch auf mich sein, der Vater aber das Gegentheil. Ich will sie nämlich aus dem Harem entführen.«

»Entführen!« kicherte sie, und die Andere stimmte mit ein. »Also darum frugst Du mich wohl, ob ich in einem Harem sei?«

»Ja.«

»Würdest Du mich entführen?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Ich denke. Du liebst mich!«

»Ja, ich bin Dir freilich gut; aber das ist nicht die Hauptsache. Wenn ich Dich bekommen kann, mag ich Dich nicht haben. Es muß schwer sein, sehr schwer!«

Die beiden Mädchen blickten sich an. Sie kämpften mit dem Lachen, welches gewaltig herausplatzen wollte, doch gelang es ihnen, es zu unterdrücken.

»Es ist bei uns schwer, sehr schwer,« antwortete die Eine.

»Wirklich? Inwiefern denn sehr schwer?«

»Wir sind eingeschlossen.«

»Das thut nichts, gar nichts. Uebrigens sehe ich nichts davon, daß Ihr eingeschlossen seid.«

»Inwiefern?«

»Nun, Ihr lauft ja hier ganz frei herum!«

»O, das ist nur zum Scheine. Wir werden von Weitem sehr scharf beaufsichtigt.«

»Auch das thut nichts. Ich brauche Euch nur nach meiner Yacht zu führen, so ist die Entführung fertig.«

Das geht nicht so leicht, wie Du denkst. Der Bey von Tunis will uns kaufen; wir sollen seine Frauen werden. Wir werden bewacht, ohne daß Du es bemerkst. Du würdest mit uns Dein Schiff nicht erreichen.«

»Nicht? Hm, das gefällt mir.«

»Ja, wir könnten nur aus unserer Wohnung in der Stadt entführt werden. Aber unser Vater ist sehr wachsam und streng. Er würde Dich tödten, wenn er Dich dabei erwischte.«

»Tödten? Schön, sehr schön! Das gefällt mir!«

»Und sodann ist noch ein Hinderniß vorhanden. Ich lasse mich nämlich nicht allein entführen.«

»Nicht? Warum nicht? Soll ich etwa alle Zwölf, von denen Du sprachst fortschaffen?«

»Nein, denn neun davon sind Weiber und auch alt.«

»Da mögen sie bleiben, wo sie sind.«

»Aber wir drei Andern, wir sind Schwestern. Wir haben uns lieb. Wir haben uns gegenseitig zugeschworen, uns nicht zu verlassen. Wer nicht gleich alle Drei nimmt, der bekommt gar keine.

»Verteufelt, verteufelt! Alle drei!« schmunzelte der Lord. »Ihr seiet ja die richtigen Wetterhexen!«

»Nicht wahr, diese Bedingung ist schwierig, so schwierig, daß Du nun von mir gar nichts wissen willst?«

»Was Du denkst! Grad diese Bedingung ist mir die allerliebste. Aber wie steht es mit der dritten Schwester? Ist sie jung?«

»Sie ist die jüngste von uns.«

»Und schön?«

»Sie ist ebenso die Schönste von uns.«

»Gut, gut, ausgezeichnet! Also ich habe Euch alle Drei.«

»Giebst Du uns Dein Wort und Deine Hand darauf?«

»Ja. Hier ist Wort und Hand. Aber, Kinder, sagt mir nun auch, warum Ihr Euch überhaupt entführen lassen wollt. Eigentlich kommt mir Eure Bereitwilligkeit doch ein Bischen verdächtig vor.«

»Wie kannst Du das sagen! Der erste und eigentliche Grund ist der, daß wir Dich lieben.«

»Das geht, das lasse ich gelten. Weiter!«

»Zweitens ist unser Vater ein Tyrann.«

»Der Esel!«

»Er giebt uns zu wenig zu essen.«

»Na, sehr verhungert seht Ihr nicht aus!«

»Nichts zu trinken!«

»Und doch trinkt Ihr das Wasser der Liebe!«

»Heimlich, ganz heimlich nur!«

»Ach so! Und drittens können wir uns mit seinen Weibern nicht vertragen. Sie sind alt und zänkisch und klatschsüchtig. Sie hassen uns, weil wir jung und hübsch sind. Darum thun sie uns so viel Aerger an, wie ihnen nur möglich ist.«

»Gut! Also fort von den alten Nachthauben!«

»Und endlich gefällt es uns nicht, daß wir den Bey von Tunis heirathen sollen.«

»Wie? Das gefällt Euch nicht? Tausend Andere würden sich darnach sehnen. Er ist ja der Reichste, Größte und Vornehmste im ganzen Lande.«

»Ja, bis heut waren wir damit ganz einverstanden. Nun aber sind wir es nicht mehr.«

»Warum nicht mehr?«

»Weil wir Dich gesehen haben.«

»Macht keine Faxen!«

»Wir lieben Dich.«

»Ist das wahr, he, wie?«

»Wir haben es Dir ja bereits zugeschworen.«

»Das ist für mich sehr erfreulich. Aber, Kinder, sagt mir doch zunächst einmal Eure Namen. Ich weiß ja gar nicht, wie ich Euch nennen und rufen soll.«

»Das dürfen wir nicht.«

»Ah, warum nicht?«

»Es ist uns verboten.«

»Unsinn! Euch Weibern ist Vieles verboten, was Ihr dennoch thut! Ja, Ihr thut es gewöhnlich nur deshalb, weil es eben verboten ist.«

»Nenne uns lieber so, wie Du willst!«

»Das ist romantisch, und darum gefällt es mir. Also will ich darauf eingehen und Euch die Namen geben. Ich sitze da zwischen Euch und komme mir dabei vor wie der Erzvater Jacob, welcher ja auch zwei Schwestern mit sich in die Heimath nahm. Wie diese beiden Schwestern sollt Ihr heißen. Du rechts Rachel und Du links Lea. Seid Ihr damit einverstanden?«

»Ja,« antworteten Beide unter einem herzlichen Lachen.

Er ahnte nicht, daß er gerade ihre richtigen, eigentlichen Namen getroffen hatte. Sie waren Jüdinnen, was sie ihm aber nicht verrathen wollten.

»Schön!« fuhr er fort. »Nun laßt uns also einmal recht ernsthaft von unserem Vorhaben sprechen. Habt Ihr vielleicht die Ansicht, daß ich Euch ganz mit mir nehmen soll?«

»Ja, natürlich.«

»Und Euch dann heirathen?«

»Nun, etwa nicht?«

»Kinder, das geht nicht. Ich darf als Christ keine Türkin heirathen, und Zwei darf ich vollends gar nicht heirathen. Das wäre eine schöne Geschichte. Also merkt wohl auf: Entführen will ich Euch recht gern und mit dem größten Vergnügen, heirathen aber kann ich Euch nicht.«

»Das schadet nichts!«

»Wie?« fragte er erstaunt. »Das schadet nichts?«

»Nein, gar nichts.«

»Aber, Kinder, das ist doch wunderbar! Ich denke, daß Ihr vor Entsetzen ganz außer Euch gerathen werdet, und nun sagt Ihr in aller Ruhe, daß es nichts schadet!«

»Was soll es denn schaden?«

»Wenn ich Euch nicht heirathe? Hm!«

»Es giebt doch Andere, viele Andere!«

»Donnerwetter!« platzte er heraus.

»Ist das nicht wahr?«

»Ja, wahr ist es. Also Ihr meint, daß ich Euch entführen soll, damit Andere Euch bekommen?«

»Ja.«

»Ich soll also für Andere die gebratenen Kastanien aus dem Feuer holen?«

»Willst Du nicht? Dann laß uns im Harem sitzen, oder heirathe uns.«

»Verteufelt, verteufelt! Recht habt Ihr freilich. Aber Ihr dauert mich, und ich bin einmal auf dieses Abenteuer erpicht. Ich werde Euch also entführen.«

»Wann?«

»Das bestimmt Ihr lieber selbst.«

»Bald oder später? Welches von Beiden ist Dir lieber?«

»Sehr bald. Am Allerliebsten noch heut!«

»Noch heut? Wie denkst Du, Lea?«

»Hm! Wie denkst Du, Rahel?«

»Ich denke, daß es schwierig sein wird.«

»Ja, aber möglich ist es doch.«

»Ja, wenn die Andern alle schlafen.«

»Eher nicht. Aber jetzt läßt sich darüber noch gar nichts bestimmen. Wir sind jetzt nicht daheim. Wenn wir nach Hause kommen, ist vielleicht an der Ordnung des Harems etwas geändert.«

»Was sollte da geändert sein?« fragte der Lord.

»Nun, vielleicht erhalten die Alten den Besuch anderer Haremsfrauen. Dann wäre die Entführung unmöglich.«

»Ach so! Dann rathe ich Euch, nach Hause zu gehen und Euch zu erkundigen.«

»Das ist das Allerbeste. Aber wie können wir Dir Nachricht geben?«

»Das weiß ich nicht. Das müßt Ihr wissen.«

»Du hast Recht. O, wenn Du doch unsern Vater besuchen könntest. Dann ließ sich Vieles machen.«

»Empfängt er denn keine Besuche?«

»Sogar sehr oft. Aber leider liebt er die Ausländer nicht, und die Engländer am Allerwenigsten.«

»Da ist er der größte Esel, den es geben kann.«

»Ja sehr politisch ist unser Vater nicht – aber geizig, sehr geizig und das ist vielleicht der Punkt, an welchem Du ihn anfassen könntest.«

»Wieso?«

»Du müßtest ihm einiges Geld zuwenden.«

»Ein Backschisch geben?«

»O nein, nein! Ein Backschisch giebt man nur einer untergeordneten Person. Damit würdest Du ihn so beleidigen und erzürnen, daß unser Plan für immer und ewig unausführbar sein würde.«

»So wollen wir es unterlassen. Was ist denn eigentlich dieser alte Isegrimm?«

»Juwelenhändler.«

»Sapperment! Also reich?«

»Steinreich.«

»Hm! Hat er einen Laden, so daß man ungenirt zu ihm gehen kann?«

»Nein. Das ist ja eben der leidige Umstand. Er hat sich vom Geschäft zurückgezogen. Er kauft und verkauft nur noch aus reiner Liebhaberei. Viele von Denen, welche zu ihm kommen, werden fortgewiesen. Er zeigt keinem Menschen seine Schätze, seine Kostbarkeiten. Er thut ganz arm. Er bringt nur wenige und einzelne Sachen. Das sind aber stets Seltenheiten. Wer das kennt und versteht, der ist sein Mann.«

»Hm! Auch ich liebe die Raritäten!«

»Wolltest Du es versuchen?«

»Ja.«

»Aber solche Seltenheiten sind sehr theuer!«

»Ein Königreich werden sie doch nicht kosten.«

»So merke Dir! Du mußt ihn bei dieser seiner schwachen Seite anfassen; Du darfst nicht handeln und feilschen; dadurch gewinnst Du seine Achtung und Theilnahme. Vielleicht ladet er Dich gar ein, mit in den Hof zu gehen und den Kaffee zu trinken.«

»Ist das so eine Auszeichnung?«

»Ja. Er thut das höchst selten; mit einem Franken hat er es überhaupt noch nie gethan. Erhältst Du aber diese Einladung, so haben wir gewonnen.«

»Ah! Wieso?«

»Wir können Dir dann mittheilen, wie Du uns aus dem Harem bringen kannst. Nämlich hinter dem Platze, an welchem der Gast zu sitzen pflegt, ist ein Gitter, für die Frauen bestimmt. Dahinter werde ich mit den Schwestern stecken. Steht der Vater einmal auf, um sich für kurze Zeit zu entfernen, wozu wir ihm Veranlassung geben werden, so sind wir allein und werden Dir durch das Gitter den Plan mittheilen.«

»Sehr gut ausgedacht! Weiberlist über Alles ist! Wenn er sich aber nicht entfernt?«

»So stecken wir Dir einen Zettel zu, auf welchem alles Betreffende zu lesen ist.«

»Schön! Wie heißt er?«

»Ali Effendi. Aber Du darfst keinem Andern seinen Namen nennen und auch Niemand nach ihm fragen.«

»Warum nicht?«

»Das würde uns vielleicht verrathen. Du trägst eine auffallende Kleidung. Wenn wir drei Schwestern verschwunden sind, darf kein Mensch ahnen, wohin wir uns geflüchtet haben.«

»Aber wie finde ich seine Wohnung, da ich nicht nach ihm fragen darf?«

»Du folgst uns Beiden von Weitem. Da, wo wir eintreten, wohnen wir natürlich.«

»Richtig. Ich komme dann nach.«

»Aber nicht eher, als bis es vollständig dunkel ist. Sonst sieht man uns hinter dem Gitter sitzen. Jetzt laß uns trinken und dann gehen.«

Sie machten die Flasche leer, da er sich weigerte, noch einmal zu trinken. Dann wurde aufgebrochen.

Die beiden Mädchen gingen nach dem See und ließen sich überfahren. Auch er nahm einen Ruderer. Da er jetzt wußte, daß diese Leute Französisch und Italienisch verstehen, machte es ihm keine Mühe, sich mit ihm verständlich zu machen. Er stieg an das Land gleich nachdem die beiden Schönen den Kahn auch verlassen hatten.

Sie hatten sich jetzt verhüllt, zogen aber dennoch die Blicke vieler der Begegnenden auf sich. Der Lord ahnte den Grund nicht. Er murmelte wohlgefällig vor sich hin:

»Alle, Alle gucken sie auf diese Beiden! Sie sind sehr schön! Und wem werden sie gehören? Mir! Alle tausend Teufel! Ich habe niemals geglaubt, daß solche schöne Kinder, noch dazu tunesische Orientalinnen sich in mich verlieben könnten! Wie es scheint, bin ich trotz Alledem kein so übler Kerl.«

Natürlich zog auch er die Blicke der Vorübergehenden aus sich, doch machte er sich nichts daraus. Er folgte den Mädchen, die sich gar nicht nach ihm umsahen, durch mehrere der engen, winkeligen Gassen und Gäßchen, bis sie in eine Thür eintraten.

Erst da wendete Rahel den Kopf und nickte ihm zu. Er ging in gleichgütiger Haltung vorüber, als ob das Haus ihn nicht im Mindesten interessire, betrachtete es sich aber doch sehr genau.

Die Vorderfront sah aus wie eine alte, baufällige, hohe Mauer. Sie hatte kein Fenster, keine einzige Oeffnung als die Thür allein. Das war Alles, was er erblickte. Aehnlich war das Nachbarhaus gebaut, neben welchem ein enges Gäßchen einbog. Er ging in dasselbe hinein. Jedenfalls befand sich da ein Garten; doch war die Mauer desselben so hoch, daß er nicht darüber hinweg zu blicken vermochte.

»Das ist höchst merkwürdig!« meinte er zu sich. »Durch die Hausthür werde ich sie nicht entführen können! also geht es nur nach hinten hinaus und durch diesen benachbarten Garten. Woher aber die Leiter nehmen, die dazu nothwendig ist? Na, ich werde ja erst hören müssen, was die Mädchens dazu sagen.«

Er prägte sich die Gasse und das Haus ganz genau ein, so daß er sicher war, Beide des Abends zu finden. Bis dahin war es gar nicht mehr lang. Er suchte ein Kaffeehaus auf, welches in europäischem Style eingerichtet war, und rauchte und trank dort, bis das Licht des Tages sich zurückgezogen hatte.

Nun brach er auf. Es war ihm doch ein wenig eigenthümlich zu Muthe. Nicht etwa, daß er sich gefürchtet hätte; o nein, Furcht oder Angst kannte er nicht; aber er fühlte eine innerliche Spannung, welche sogar einer kleinen Beklemmung ähnlich war. Und das war ja auch kein Wunder. Endlich, endlich sollte sein Herzenswunsch in Erfüllung gehen: die Entführung aus dem Serail! Und nicht nur Eine sollte er entführen, sondern gleich Drei wollten ihm folgen. Eine immer schöner und jünger als die Andere. Was würden Normann und Wallert dazu sagen!

Diese Gedanken gaben ihm so viel Selbstgefühl, daß er sich hoch aufrichtete und den Cylinderhut weit in den Nacken schob. Er fand dir Gasse und das Haus. Die Thür war von Innen verschlossen. Er klopfte.

Er war neugierig auf diesen Ali Effendi, den Vater der drei Mädchen, die ihm entführt werden sollten. Er hatte das Klopfen zu wiederholen, dann hörte er einen schlürfenden Schritt, und die Thür wurde nur so weit geöffnet, als es eine eiserne Sicherheitskette zuließ, welche innen angebracht war.

»Ziaret-damalar-de?«

Diese türkische Frage wurde von einer rauhen, schnarrenden Frauenstimme ausgesprochen. Zu Deutsch heißen die Worte: »Besuch bei den Damen?« Zum Glück oder vielmehr zum Unglücke verstand aber der Lord nicht Türkisch, sonst hätte er aus dieser Frage errathen, daß er sich vor einem verrufenen Hause befinde, vor einem Hause jener Art, von welchen der discrete Dichter so bezeichnend sagt:

Einstens bin ich auch gegangen,
Wo die letzten Häuser sind.
Saß mit bunt bemalten Wangen
Ein verlorenes, schönes Kind.
Grüß Dich Jungfer! – Dank der Ehre!
Wart, ich komme gleich hinaus!
Und wer bist Du? Bajadere;
Und das ist der Liebe Haus.

Da er aber die Worte nicht verstanden hatte, sagte er in französischer Sprache:

»Ich verstehe Sie nicht. Können Sie nicht französisch?«

»Ja. Warten Sie!«

Es wurde eine alte Laterne an die Thürspalte gehalten, so daß der Schein des Lichtes auf ihn fiel. Ueber der Laterne kam ein häßliches, runzeliches Frauengesicht zum Vorscheine, welches aus tiefliegenden, triefigen Augen einen forschenden Blick auf ihn warf.

Er war natürlich von den beiden Mädchen schon angemeldet worden, und da sie vergessen hatten, nach seinem Namen zu fragen, so hatten sie seine Person beschrieben. Die Alte hatte in Folge dessen ihre Instruction erhalten. Sie sah, daß er der Erwartete sei, ließ ihn aber doch nicht sofort ein, damit er nicht vermuthen möge, daß sie bereits von ihm wisse, sondern sie fragte:

»Zu wem wollen Sie?«

»Zu Ali Effendi.«

»Was wünschen Sie von ihm?«

»Ich bin ein Freund von Seltenheiten und Alterthümern und habe gehört, daß er eine Sammlung solcher Sachen besitzt.«

»Er liebt es nicht, um diese Zeit gestört zu werden. Was hat er davon, wenn alle Fremden kommen, um seine Sachen zu sehen, und dann wieder gehen, nachdem sie nichts als einen bloßen Dank gesagt haben!«

»Das will ich ja nicht thun. Zu solchen Fremden gehöre ich nicht.«

»Wollen Sie etwa kaufen?«

»Ja, wenn mir Etwas gefällt.«

»So will ich es wagen, Sie einzulassen. Warten Sie aber da in dem Gange!«

Sie entfernte die Kette, verschloß die Thür hinter ihm und entfernte sich dann mit der Laterne, ihn im Finstern stehen lassend. Bald darauf war es ihm, als ob er laute, lachende Frauenstimmen vernehme.

»Das sind jedenfalls die Weiber,« dachte er. »Es scheint also in den Harems zuweilen auch lustig herzugehen. Das erinnert mich an meinen Besuch bei dem Mädchenhändler Barischa in Constantinopel. Da ging es auch durch so einen dunklen Gang nach dem Allerheiligsten.

Man ließ ihn ziemlich lange warten. Endlich kehrte sie zurück, leuchtete ihm in das Gesicht und zeigte dabei ein Grinsen, von welchem man nicht sagen konnte, ob es ein verunglücktes, freundliches Lächeln oder eine höhnische Schadenfreude bedeuten solle.

»Sie dürfen kommen!«

Bei diesen Worten deutete sie ihm mit der Hand an, daß er ihr folgen solle. Er that dies. Sie führte ihn aus dem Hausflur nach einem schmalen Seitengange, wo sie eine Thür öffnete und ihm winkte, einzutreten. Sie selbst blieb draußen und machte die Thür hinter ihm zu.

Er befand sich in einer kleinen, viereckigen, weiß getünchten Stube, in welcher sich nichts, aber auch gar nichts befand als ein alter Tisch mit zwei noch viel älteren Stühlen. Er rückte sich einen derselben zurecht, setzte sich darauf und wartete. Auf dem Tische stand ein Leuchter aus verrosteten Eisendraht, in welchem ein stinkendes Talglicht brannte.

Nach einiger Zeit wurde eine zweite Thür geöffnet und der Herr des Hauses trat ein. Er trug einen langen, fast am Boden schleppenden, großblumigen Kaftan und einem rothen Fez. Er war alt, und der lang herabwallende graue Bart gab seiner Erscheinung etwas Ehrwürdiges, was aber durch den stechenden Blick seiner kleinen Augen fast ganz wieder ausgehoben wurde.

»Achschamlar chajrola!« grüßte er, indem er sich nicht verbeugte, sondern eine grüßende, vornehme, fast herablassende Handbewegung machte.«

»Was heißen diese Worte? Ich verstehe nur Französisch.«

»
Bon soir!«

»Ah, guten Abend? Dank schön, Monsieur Ali Effendi! Verzeihung, daß ich Sie störe! Ich habe von Ihren Kostbarkeiten gehört und wollte Sie bitten, mir Einiges davon zu zeigen.«

»Eigentlich thue ich das nicht gern. Ich habe mein Geschäft aufgegeben.«

»Weiß es, weiß es! Aber unter Kunstkennern und Liebhabern ist das doch etwas Anderes.«

»Ja, wenn Sie wirklich Kenner und Liebhaber wären – –!«

»Ich bin es, ich bin es!« beeilte er sich zu sagen.

Im Stillen aber dachte er:

»Kenner bin ich, nämlich von Frauenschönheit, und Liebhaber auch, denn ich werde ihm seine Töchter entführen.«

Der Alte betrachtete ihn vorsichtig prüfend, nickte langsam mit dem Kopfe und fragte dann:

»In welchen Fächern sind Sie am Liebsten zu Hause?«

»In Allen.«

»Nun, so will ich Ihnen einmal einige alte Münzen zeigen, welche höchst werthvoll sind.«

Er ging wieder. Der Lord lehnte Hut, Regenschirm und Fernrohr in die Ecke und wartete geduldig. Als der Alte wiederkam, hatte er ein kleines, ledernes Beutelchen in der Hand, welches er öffnete. Er nahm eine Münze hervor, welche sehr sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt war, entfernte das Papier und gab sie ihm.

»Das ist eine große Seltenheit. Kennen Sie sie?«

»Es war ein altes, französisches Fünfsoustück, doch mit so abgegriffenen, vielleicht auch mit Fleiß abgeschliffenen Flächen, daß absolut von der Prägung nichts mehr zu erkennen war. Der Engländer betrachtete und prüfte es aufmerksam und meinte dann:

»Ein altes, großes Kupferstück.«

»Ja, aber woher und aus welcher Zeit?«

»Weiß ich wirklich nicht. Ich muß aufrichtig gestehen, daß mich meine Kenntnisse hier verlassen.«

»Nun, so hören sie in Andacht und Ehrfurcht zu, daß dieses Stück zu den hundert Münzen gehört, welche der Prophet Muhammed, den Allah segnet, zum Andenken an die Eroberung von Mekka prägen ließ.«

Der Engländer hatte keine Lust, zu glauben, daß Muhammed sich damals im Besitze einer Prägmaschine befunden habe, doch mußte er Ali Effendi bei guter Laune erhalten, wenn er überhaupt seinen Zweck erreichen wollte; darum sagte er im Tone der Bewunderung:

»Wirklich? Ah, dann ist diese Münze freilich von hohem Werthe. Wie ist sie zu taxiren?«

»Fünfzig Francs.«

Das war dem Engländer doch zu viel. Er gab sie zurück und sagte:

»Vielleicht ist sie es wirklich werth; aber ich bin überzeugt, daß Du sie nicht verkaufen wirst.«

»Warum nicht? Ich habe ihrer mehrere.«

»Zeige her!«

»Hier dieses Silberstück ist fast ebenso kostbar. Siehe es Dir einmal genau an!«

Der Engländer that dies, doch waren auch hier alle beiden Seiten so glatt, daß man der Münze unmöglich ansehen konnte, daß sie vor Zeiten einmal ein österreichischer Sechskreuzer gewesen war.

»Kenne ich leider auch nicht!«

»Nicht? Und doch ist sie viel werth. Muhammed der Zweite ließ sie schlagen als Andenken an seine glorreiche Eroberung von Konstantinopel.«

Von dieser Gloriosität war der Münze nun freilich nichts mehr anzusehen. Dennoch fragte der Lord:

»Wieviel ist sie werth?«

»Dreißig Francs.«

»Ich glaube, diese Denkmünze ist Ihnen so an das Herz gewachsen, daß Sie sie nicht verkaufen werden. Zeigen Sie mir andere.«

Der alte Betrüger brachte noch drei oder vier Stück zum Vorscheine, welche einen bedeutenden Werth haben sollten; leider aber waren sie ebenso ohne alles Gepräge wie die beiden ersten. Als der Engländer keine Miene machte, eine derselben zu kaufen, sagte der Besitzer:

»Ich denke, Du bist Kenner und Liebhaber; aber ich sehe davon nichts.«

»O doch! Aber ich habe gemeint, daß Du Dich nicht von diesen Münzen trennen willst.«

»Warum nicht? Habe ich doch andere!«

»Nun, was verlangst Du, wenn ich die, welche Du mir hier gezeigt hast, in Summa kaufe?«

Der Alte sah ein, daß er kein Geschäft machen werde, falls er die Saiten zu hoch spanne, darum antwortete er:

»Ich lasse mir nie etwas abhandeln, da ich stets den geringsten Preis angebe; das wolle berücksichtigen. Wer weniger bietet, der beleidigt mich, lieber mag er gar nicht bieten. Diese Münzen kosten hundert Francs, wenn ich sie zusammen auf einmal verkaufen kann. Da gebe ich auch noch den Beutel zu.«

Der Beutel war keinen Pfennig werth; also war diese letzte Bemerkung rein lächerlich. Um des Zweckes willen, der den Lord hergeführt hatte, sagte er:

»Gut, so wollen wir nicht handeln. Ich kaufe sie.«

Er zog seine Börse, zählte die verlangte Summe hin und steckte dafür den Beutel ein. Der Andere strich das Geld in die tiefe Tasche seines Kaftans und sagte:

»Du hast ein sehr gutes Geschäft gemacht und wirst also wiederkommen.«

»Nein, das werde ich nicht, da ich nicht lange in Tunis bleibe.«

»So will ich Dir lieber gleich heut noch etwas zeigen, falls Du noch Einiges sehen willst.«

»Was hast Du?«

»Einen Ring, einen kostbaren Ring, welchen die Lieblingsfrau des Propheten getragen hat.«

»Zeige ihn mir!«

Als der Alte sich entfernt hatte, sagte der Engländer zu sich:

»Dieser Ali Effendi ist ein Schlaukopf; aber seine Töchter sind sehr schön. Vielleicht glaubt er auch selbst an den Werth dieser Münzen. Ich muß ihn dahin zu bringen suchen, daß er mich in den Hof führt.«

Der Ring war ein einfacher goldener, vielleicht auch nur vergoldeter Reif, welchen der Engländer für fünfzig Francs erhielt. Dann wurden Waffen gebracht. Der Lord kaufte für schweres Geld einen Dolch, welchen der Kalife Abu Bekr getragen haben sollte, und die Spitze eines Pfeiles, welche man dem berühmten Feldherrn Tarik aus der Wunde geschnitten hatte.

»So,« sagte er dann, »jetzt habe ich, was meine Seele begehrt; nun kann ich gehen.«

Er griff nach Hut, Regenschirm und Fernrohr. Der Alte konnte ihn nicht gehen lassen, da es in seinem Plane lag, ihn in den Hof zu bringen. Darum sagte er:

»Wenn Sie ein Fingan Kaffee mit mir trinken wollten, würde ich Ihnen noch eine große Merkwürdigkeit zeigen, über welche Sie sich freuen könnten.«

»Was ist das?«

»Das sage ich erst dann, wenn Sie es sehen.«

»Sie machen mich neugierig.«

»Ich vermag aber, diese Neugierde zu befriedigen.«

»Nun, so will ich bleiben.«

»Sie werden es nicht bereuen. Kommen Sie!«

Er führte ihn durch zwei kleine Stuben hinaus in einen Hof, welcher nur wenige Quadratellen Fläche hatte und rundum von einem hölzernen Gitterwerk umgeben war. Eine einzige Laterne brannte da. Grad unter derselben befand sich eine kleine Erhöhung, welche aus einigen Brettern bestand, die auf Steinen lagen und von einem Teppiche belegt waren.

»Setzen Sie sich hier!« sagte der Alte. »Ich will den Kaffee bestellen und komme gleich wieder.«

Er ging. Der Engländer hatte kaum sich mit dem Rücken an das Gitter gelehnt, so wurde er durch die Oeffnungen desselben angestoßen.

»Willkommen!« flüsterte eine weibliche Stimme. »Wir sind hier.«

»Alle Drei?« fragte er leise zurück.

»Ja.«

»Schön! Also wie soll es werden?«

»Das wissen wir noch nicht genau. Besuch haben wir nicht; aber wir müssen erfahren, wann der Vater schlafen geht.«

»Sapperment! Ich muß es aber doch wissen!«

»Nur Geduld. Er wird gleich wiederkommen, und ich glaube, daß er da eine Aeußerung thun wird, welche uns das Gewünschte hören läßt. Hast Du gekauft?«

»Ja.«

»Das ist gut. So hat er gute Laune?«

»Es scheint so.«

»Er schien mir doch noch mürrisch zu sein. Wenn Du ihm noch etwas abkaufen wolltest, so wäre es gut. Er zieht sich dann sehr zeitig zurück, um das Geld zu zählen und einzuwickeln, was seine größte Freude ist. Da kommt er. Sei höflich und gefällig zu ihm!«

Der Alte kam zurück. Hinter ihm ging die Frau, welche dem Lord geöffnet hatte. Sie trug Kaffee und zwei Pfeifen, welche angebrannt wurden, als der Hausherr sich neben seinem Gaste niedergelassen hatte.

Beide unterhielten sich über ganz Gewöhnliches, so daß der Lord aus reiner Langeweile nach dem merkwürdigen Gegenstände fragte, welcher ihm noch gezeigt werden sollte.

»Der ist nicht nur merkwürdig, sondern einzig in seiner Art. Ja, er ist eigentlich ein Heiligthum. Da ich aber weiß, daß er bei Ihnen in würdige Hände gelangt, so bin ich bereit, ihn abzutreten. Ich gehe, ihn zu holen.«

Er entfernte sich abermals. Da flüsterte es hinter dem Lord:

»Wirst Du kaufen?«

»Ich weiß ja gar nicht, was es ist.«

»Darauf kommt ja gar nichts an. Wir sitzen hier wie auf Kohlen. In einigen Minuten wird der Vater abgerufen werden, dafür haben wir gesorgt. Wenn er lange genug ausbleibt, können wir Dir die nöthige Anweisung geben. Du mußt ihn bei guter Laune erhalten.«

»Nun gut, so kaufe ich das Ding, mag es auch sein, was es nur immer will!«

Es war nur darauf abgesehen, den Beutel des Engländers zu leeren. Der Alte kehrte zurück, setzte sich nieder und zog etwas aus der Tasche, was er dem Lord hingab.

»Hier, sehen Sie es sich an und staunen Sie!«

»Was ist es denn?«

»Rathen Sie einmal!«

»Das ist ein Bogen altes Packpapier.«

»Richtig! Aber von welch ungeheurem Werthe!«

»In wiefern?«

»Sie ahnen nicht, was darin gesteckt hat?«

»Wie könnte ich es errathen?«

»Nun, Sie sind zwar ein Ungläubiger, aber Sie wissen vielleicht, daß der Koran unser heiliges Buch ist?«

»Das weiß ich sehr gut.«

»Und daß es dem Propheten von dem Erzengel Gabriel offenbart worden ist?«

»Ja.«

»Der Erzengel hat es also vom Himmel heruntergebracht; durch die Wolken hindurch wäre es aber naß geworden, darum hat es der Engel eingewickelt.«

»Donnerwetter!« stieß der Lord hervor, indem er vor Erstaunen über diese Dreistigkeit nicht nur den Mund, sondern auch die Augen so weit wie möglich aufriß.

»Fluchen Sie nicht bei einer Sache von solcher Heiligkeit!«

»Entschuldigung! Soll der Koran etwa bei dieser erwähnten Gelegenheit in dieses Papier gewickelt gewesen sein?«

»Ja.«

»Dann giebt es in dem Himmel Muhammed's wohl eine Anzahl von Papiermühlen?«

»Spotten Sie nicht! Das darf ich als gläubiger Anhänger des Propheten nicht anhören.«

»Woher sollte der Engel das Papier da oben hergenommen haben, wenn es nicht im Himmel fabricirt worden wäre!«

»Allah ist allmächtig. Er kann Papier aus nichts machen.«

»Hm, das ist die gewöhnliche Erklärung!«

»Sie ist die einzig richtige. Glauben Sie etwa nicht daran?«

»Aufrichtig gestanden, will ich Ihnen sagen, daß – –«

Er wollte sagen, daß es ihm gar nicht einfalle, an die Fabel zu glauben. Da aber wurde er durch das Gitter in den Rücken gestoßen; darum lenkte er ein:

»Daß ich die Sache doch für möglich halte.«

»Möglich? Möglich nur?«

»Nun, sagen wir, wahrscheinlich!«

»Auch das ist zu wenig. Wenn Sie mich nicht beleidigen wollen, dürfen Sie nicht den leisesten Zweifel hegen.«

Da er jetzt mehrere schnell auf einander folgende, also sehr dringlich gemeinte Puffer erhielt, erklärte er:

»Wenn ich es mir recht überlege, muß ich allerdings sagen, daß ich das Papier für echt halte.«

»Wollen Sie es kaufen?«

»Ich habe es noch gar nicht genau angesehen. Es ist dazu zu finster hier!«

»Es ist nichts zu sehen als nur das Papier.«

»Keine Adresse darauf, die der Engel geschrieben hat?«

»Nein. Wozu die Adresse, da er es dem Propheten selbst und direct gegeben hat.«

»Wie aber ist es in Ihre Hände gekommen?«

»Durch Erbschaft. Ich bin ein echter Nachkomme des Propheten, ein Sherif.«

»Ach so! Da läßt es sich freilich erklären.«

»Also wollen Sie es kaufen?«

»Wie ist der Preis?«

»Dreihundert Franken.«

»Donnerwetter, ist das – –«

Er hielt inne, denn zwei Fäuste bearbeiteten von hinten seinen Rücken. Darum fuhr er fort:

»Ist das spottbillig!«

»Nicht wahr? Ein solches Heiligthum, und nur dreihundert Franken! Ich hätte das Fünffache fordern sollen. Aber was ich einmal gesagt habe, das gilt.«

Da kam die Alte in den Hof und meldete, daß der Nachbar gekommen sei, um wegen der Grenzmauer mit dem Herrn zu sprechen.

»Da werden wir leider gestört!« sagte dieser zu dem Engländer. »Vielleicht kann ich nicht gleich in der Minute wiederkommen. Also, werden Sie es behalten?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, da er abermals einen aufmunternden Stoß erhielt.

»Schön! Verzeihen Sie meine Entfernung. Ich werde mich beeilen. Hier ist das Papier.«

Er legte es ihm hin und ging. Kaum war er verschwunden, so wich hinter dem Engländer das Gitter und eine Stimme sagte leise:

»Komm herein! Schnell!«

Er stand auf und wurde von einer Hand in die Oeffnung gezogen und von da weiter bis in eine Stube, in welcher ein Licht brannte. Da sah er seine beiden schönen Freundinnen mit einer Dritten, welche allerdings auch nicht häßlich war.

»Das hast Du gut gemacht,« sagte Lea. »Das hier ist unsere Schwester. Gefällt sie Dir?«

»Ja, natürlich!«

»Und sie darf mitkommen?«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»So gehen wir Beide also auch mit. Komm heraus in den Garten!«

Es führte eine Thür hinaus auf ein kleines, freies Plätzchen, in welchem er trotz des abendlichen Dunkels einen Baum bemerkte. Dieser war jedenfalls der Vorwand, das winzige Viereck mit dem stolzen Namen eines Gartens zu bezeichnen. An diesem Baume lehnte eine Leiter. Lea deutete auf dieselbe hin und sagte:

»Siehst Du diese Leiter? Mit ihr werden wir heut entkommen. Nämlich hier nebenan ist der Garten des Nachbars. Wir steigen da hinüber, dann trennt uns nur noch eine Mauer von einer engen Gasse.«

»Ich kenne sie.«

»Das ist gut. So brauche ich sie nicht zu beschreiben. In dieser Gasse erwartest Du uns.«

»Wann?«

»Grad um Mitternacht.«

»Ich werde mich pünktlich einstellen und hoffe, daß wir nicht gestört werden.«

»Das fürchte ich nicht, denn Du hast den Vater in sehr gute Laune versetzt. Er wird zeitig schlafen gehen.«

»Allah gebe ihm eine angenehme Ruhe! Kinder, Ihr könnt froh sein, von Eurem Vater fortzukommen!«

»Warum?«

»Der Kerl ist ein Nichtsnutz. Er ist es gar nicht werth, so schöne, gute und brave Kinder zu haben!«

»Das verstehe ich nicht.«

»Nun, seine Münzen sind keinen Para werth und mit dem Himmelspapier hat er mich vollends gar über das Ohr gehauen. Aber ich haue ihm noch viel derber über das seinige, indem ich Euch entführe. Der alte Schwindler soll sich morgen früh wundern, wenn er so plötzlich ein kinderloser Waisenvater geworden ist. Ich verdiene mir ein Gotteslohn, indem ich Euch von ihm befreie!«

»O Allah! Das haben wir nicht vermuthet!«

»Ja, Ihr könnt nichts dafür. Also um Mitternacht?«

»Ja. Du kommst doch gewiß?«

»Ganz sicher!«

»So kehre jetzt wieder zu Deinem Sitze zurück. Er darf nicht ahnen, daß Du fortgewesen bist.«

Sie geleiteten ihn zurück und schoben das Gitter wieder hinter ihm zu. Er setzte sich nieder und wartete auf die Rückkehr des Wirthes. Dieser ließ seinen angeblichen Töchtern länger Zeit, mit seinem Opfer zu sprechen, als sie nöthig gehabt hatten. Es war wohl über eine halbe Stunde vergangen, als er wiederkam.

»Da bin ich endlich,« sagte er. »Die Unterredung war sehr nothwendig, sonst wäre ich eher zurückgekehrt. »Wünschen Sie noch eine Pfeife?«

»Ich danke, danke! Ich habe genug!«

»Und die dreihundert Francs?«

»Erhalten Sie sofort.«

Er stand auf, bezahlte und schob das Packpapier in die Tasche. Der Wirth brachte ihn in den Hausgang zurück und nahm dort sehr höflich und freundlich Abschied. Die alte Schließerin brachte ihn an die Hausthür, öffnete diese aber nicht, sondern sie legte ihm die Hand an den Arm und fragte:

»Wollen Sie mir nicht ein kleines Bakschisch geben?«

Er griff in die Tasche und erfüllte die Bitte. Sie hielt das Geldstück an die Laterne und sagte:

»Ein Frank, ein lumpiger Frank!«

»Ist das nicht genug für die kleine Mühe, mich da hinaus zu lassen?«

»O, dafür wäre es genug, aber ich habe ja viel, viel mehr für Sie zu thun.«

»Was denn zum Beispiele?«

»Ich habe doch nicht blos Sie hinaus zu lassen.«

»Wen denn noch?«

»Die drei Schwestern.«

»Tausend Donner!« sagte er erschrocken. »Was für Schwestern meinen Sie denn eigentlich, he?«

»Sie sind verschwiegen, wie ich bemerke, und das ist sehr gut. Aber Sie können Vertrauen zu mir haben. Die Mädchen haben mir Alles gesagt, da Sie ohne meine Hilfe gar nicht hinaus in den Garten könnten.«

»Ich verstehe Sie noch immer nicht!«

»O, Sie verstehen mich sehr gut; das weiß ich ganz genau. Ich bin die Schließerin, ich habe die Schlüssel des Harems. Lasse ich, bevor ich schlafen gehe, die Thür nicht offen, so können sie nicht in den Garten.«

»Ich begreife nicht, was Sie meinen. Von welch einer Thür sprechen Sie denn eigentlich? Was gehen mich Ihre Thüren an!«

»Mehr als Sie zugeben wollen. Sie sind ja selbst mit draußen gewesen.«

»Wo draußen?«

»Im Garten, um sich die Leiter und die Mauern zeigen zu lassen, über welche hinweg der Weg gehen soll.«

Er sah ein, daß ein Leugnen ihm hier nichts mehr nützen könne. Er schüttelte den Kopf und meinte mißbilligend:

»Welche Unvorsichtigkeit.«

»Was nennen Sie unvorsichtig?«

»Andere Personen in das Vertrauen zu ziehen.«

»Das ist nicht eine Unvorsichtigkeit, sondern eine Klugheit, sogar eine Notwendigkeit, da ohne mich kein Mensch entkommen kann.«

»Hören Sie, Sie werden doch nicht etwas verrathen?«

»Nein. Ich habe die Kinder erzogen; ich liebe sie, als ob sie meine eigenen seien, und ich gönne ihnen das Glück. O Allah, könnte ich doch mit ihnen!«

»Um Gotteswillen!« stieß er unvorsichtig hervor.

»O, sie würden mich mitgenommen haben, aber ich fürchte mich so sehr, auf eine Leiter zu steigen.«

»Das ist allerdings sehr gefährlich,« sagte er schnell. »Man kann dabei ganz leicht den Hals brechen, auch die Beine und die Arme dazu. Dann liegt man da!«

»Das weiß ich ja, und darum verzichte ich, sie zu begleiten, obgleich mir das Herz brechen wird, wenn ich ohne meine Lieblinge zurückbleiben muß.«

»Da machen Sie sich keine schweren und trüben Gedanken! Es wird ihnen sehr gut gehen und ich werde sie veranlassen, zuweilen an Sie zu schreiben.«

»Ach ja, das wollte ich Sie bitten, das ist ja der einzige Trost, welcher mir bleibt.«

»Haben sie Ihnen denn vielleicht gesagt, wer ich bin?«

»O nein. Dazu sind sie viel zu vorsichtig.«

»Und wohin ich sie von hier aus bringen werde?«

»Auch das nicht. Ich verlange es auch nicht zu wissen, denn je mehr man mir mittheilt, desto mehr habe ich zu verschweigen, und das ist um so schwerer, je weniger man für eine solche Schweigsamkeit belohnt wird.«

Sie hielt ihm dabei sehr bezeichnend den einzelnen Franken hin, welchen sie erhalten hatte.

»Nun, wie hoch schätzen Sie denn Ihre Verschwiegenheit?«

»Wenigstens fünfzehn Francs.«

»Ich gebe Ihnen zwanzig – –«

»O Sie guter, Sie barmherziger Herr! Für dieses Bakschisch können Sie mir Alles, Alles anvertrauen, und ich werde kein einziges Wort davon sagen!«

»Gut! Hier haben Sie! Aber wenn Sie nur eine einzige Silbe verrathen, so komme ich zurück, um Ihnen den Hals umzudrehen, so daß Sie sich dann Zeit Ihres Lebens nur noch von hinten betrachten können, und außerdem sprenge ich noch extra alle Ihre drei Lieblinge mit Pulver in die vierundsechzig Lüfte! Verstanden?«

Er drückte ihr das Geld in die Hand und wurde nun von ihr unter vielen Danksagungen hinausgelassen. Drin aber lachte sie höhnisch:

»Dummer Mensch, wirst Du noch bluten müssen!«

Und draußen brummte er selbstgefällig vor sich hin:

»Der habe ich Angst gemacht! Die sagt kein Wort, um ihre Lieblinge nicht unglücklich zu machen und auch ihren eigenen Hals zu retten. Dem Alten aber sollte ich in Wirklichkeit das Gesicht in den Nacken drehen! Ein Bogen Packpapier aus dem Himmel! Welch eine Frechheit! Welch eine Unverschämtheit! Na, die Strafe kommt ja für den alten Galgenstrick schon in der Frühe.«

Er schlenderte durch die Gäßchen zurück. Als er im Begriffe stand, über einen kleinen, freien Platz zu gehen, fiel ihm ein besser gebautes Haus auf, vor dessen Thür zwei große Laternen standen. Ueber dem Eingange befand sich eine aus großen, goldenen Lettern bestehende Inschrift. Er trat näher und las:

»
A la maison italienne! – zum italienischen Hause. Ah, der bekannte Gasthof, in welchem so viele Fremde logiren. Gehen wir einmal hinein. Vielleicht giebt es da ein Glas englisches Porter oder Ale.«

Als er in das allgemeine Gastzimmer trat, war die erste Person, welche er erblickte, Wallert, sein Reisegefährte. Er setzte sich natürlich sofort zu ihm.

»Haben Sie unsere Botschaft empfangen?« fragte dieser.

»Welche Botschaft?«

»Daß wir beschlossen haben, hier zu logiren?«

»Nein. Ich bin gar nicht an Bord geblieben und trete auch nur ganz zufällig hier herein.«

»Das ist ein Glück. Wir haben zwei Zimmer für Sie belegt. Als ich Sie sah, glaubte ich, Sie kämen in Folge unserer Benachrichtigung.«

»Allerdings nicht.«

»Wo sind Sie denn da während der langen Zeit gewesen?«

»Pst! Geheimniß!« antwortete der Engländer mit wichtiger Miene, indem er den Finger an den Mund legte.

»Geheimniß?« lachte Wallert. »Haben Sie etwa bereits einen Harem entdeckt?«

»Ja.«

»Wohl gar schon drin gewesen?«

»Ganz und gar drin!«

»Und werden Eine entführen?«

»Drei sogar!«

»Spaßvogel!«

»Pah! Es ist Ernst! Aber haben auch Sie irgend welchen Erfolg gehabt?«

»Leider nicht. Wir sind beim Consul und auf der Polizei gewesen, sogar beim Limam reïssi, vergebens!«

»Wer ist der Limam Reißig?«

»Der Hafenmeister. Wir glaubten, Auskunft von ihm zu erhalten, da er bei jeder Ausschiffung zugegen ist, haben auch erfahren, daß zwei Dampfer von Constantinopel aus vor unserer Yacht hier angekommen seien, konnten aber von diesem Ibrahim Pascha nicht die geringste Spur entdecken.«

»Weil er einen anderen Namen führt.«

»Er kann aber doch seine Person nicht verändern, und die Frauen, welche bei ihm sind, bilden auch einen Anhalt, auf seine Fährte zu kommen.«

»So bin ich also viel, viel glücklicher gewesen!«

»Wie? Hätten Sie zufällig Etwas von ihm gehört?«

»Nein, das meine ich nicht. Ich sprach nur von meiner eigenen Angelegenheit. Es ging mir wie Cäsar: Ich kam, ich sah, und ich siegte.«

»Natürlich in der Phantasie!«

»Oho! Sie sind wirklich ganz verliebt in mich, wenigstens Zwei von ihnen, die Rahel und die Lea.«

»Jüdische Namen!«

»Habe sie ihnen selbst gegeben.«

»Bitte, seien wir ernst, Mylord!«

»Das bin ich ja.«

»Unsinn! Sie hätten wirklich eine Damenbekanntschaft gemacht und wo?«

»Jenseits des Sees, in den Ruinen von Karthago.«

»Und Drei sind es?«

»Drei, volle drei Personen, Eine immer schöner und jünger als die Andere! Verteufelt, verteufelt! Na, warten Sie es nur ab! Sie werden den Mund aufsperren! Aber Sie kriegen Keine von ihnen, keine Einzige!«

Jetzt nun mußte Wallert einsehen, daß es dem Lord wirklich ernst sei. Er wurde besorgt für ihn, darum bat er:

»Wollen Sie die Güte haben, mir Näheres mitzutheilen?«

»Fällt mir nicht ein!«

»Selbst dann nicht, wenn ich Sie dringend ersuche?«

»Selbst dann nicht. Heut erfahren Sie nichts.«

»Mylord, Sie begeben sich in Gefahr. Sie verstehen die Sprache des Landes nicht. Wie leicht kommen Sie da in eine Lage, welcher Ihre Kräfte nicht gewachsen sind.«

»Meine Kräfte? O, heut habe ich Riesenkräfte! Heute hebe ich ganz Tunis aus den Angeln!«

»Sie wollen doch nicht schon heut Etwas unternehmen?«

»Natürlich! Grad heut schon! Es geht eben riesig schnell. Ich muß doch ein hübscher Kerl sein, so eine Art Adonis oder Amor oder Cupido.«

»Aber Sie wohnen hier bei uns?«

»Heut nicht, sondern morgen erst.«

»Ich bitte Sie um Gotteswillen – – –«

»Papperlapapp, lieber Master! Aber warten Sie! Ich werde doch noch heut hierher ziehen, um gewisse Spuren zu vernichten, um die Nachforschung von mir abzulenken. Aber nicht gleich jetzt. Ich komme erst so ungefähr zwei Stunden nach Mitternacht. Da bin ich fertig.«

»Doch nicht etwa mit einer Entführung?«

»Ja freilich! Mit einer Entführung aus dem Serail, aus dem schönsten Harem, welcher in Tunis zu finden ist.«

»Lassen Sie sich warnen! Lassen Sie sich abreden! Thun Sie nichts ohne uns!«

»Pah! Grad ohne Sie will ich es thun, um Ihnen zu beweisen, was ich in solchen Entführungen zu leisten vermag. Sie denken wohl, weil ich in Constantinopel vom Baume gefallen bin, rutsche ich auch hier wieder herab?«

»Nein, das nicht. Aber zwei Aeußerungen von Ihnen geben mir zu denken. Erstens nannten Sie die Namen Rahel und Lea. So heißen nur Jüdinnen, und die braucht man doch nicht zu entführen.«

»Es sind drei echte Muhammedanerinnen, keine imitirten. Die beiden Namen habe ich Zweien von ihnen gegeben, weil ich zwischen ihnen saß wie der Erzvater Jacob zwischen den Schafherden – wollte sagen zwischen Lea und Rahel.«

»Und draußen in den Ruinen haben Sie sie kennen gelernt?«

»Ja.«

»Am Tage?«

»Natürlich. In der Finsterniß mache ich keine Damenbekanntschaften, weil man sich da leicht in Verschiedenem täuschen kann.«

»Waren sie verschleiert?«

»Ja; später aber in der Hütte und bereits vorher entschleierten sie sich.«

»In Gegenwart des Ruderers?«

»Ja.«

»Sie wurden in eine Hütte geführt? In eine unbewohnte?«

»Nein, in eine bewohnte. Der Eunuch bewohnte sie. Der Kerl hatte ein gewisses Wasser der Liebe zusammengebraut aus Spiritus, Koloquinthen und Knoblauch. Ich mußte, glaube ich, zehn Francs für die Flasche bezahlen, konnte aber das Zeug nicht hinunterbringen.«

»Ah! Sapperment! Ein Eunuche war da? Unsinn! Bezahlen mußten Sie? Schön! Tranken diese Damen etwa auch?«

»Freilich! Das lief hinunter wie in die Kellerfenster.«

»Dann ist es sicher! Mylord, Sie sind getäuscht worden.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Ganz gewiß!«

»Alle Teufel! Halten Sie mich etwa für dumm?«

»Nein, aber für begeistert, und die Begeisterung hat stets eine Ähnlichkeit mit dem Rausche. Man denkt und urtheilt nicht so scharf wie im nüchternen Zustande –«

»Nun, Master Wallert, ich werde Ihnen beweisen, daß ich sehr scharf gedacht und calculirt habe. Der Plan, welchen ich ausgeheckt habe, kann gar nicht scharfsinniger entworfen sein. Die Leiter steht bereits am Baume. Ueber zwei Mauern hinweg, und dann fallen mir alle Drei höchst liebevoll in die Arme. Ich schaffe sie nach der Yacht und komme dann hierher. So verwische ich die Spur.«

»Hat denn die Hütte da draußen in den Ruinen einen Garten, da Sie vom Baum, von der Leiter und dann auch von zwei Mauern sprechen?«

»Nein. Da draußen waren sie nur spazieren. Sie wohnen in der Stadt bei ihrem Vater, der Juwelenhändler war und sich nun zur Ruhe gesezt hat.«

»Waren Sie denn in dieser Wohnung?«

»Natürlich. Ich nahm mir zum Vorwand, dem Alten Einiges von seinen Raritäten abzukaufen. Ich habe da Verschiedenes – Sapperment, das muß ich Ihnen zeigen. Hier, dieses Papier soll vom Himmel kommen. Der Koran hat drin gesteckt, damit er in den Wolken nicht naß werden sollte, als der Erzengel ihn vom Himmel brachte. Diese alten Münzen wurden geschlagen zum Andenken an die Eroberung von Mekka und Constantinopel. Diese Pfeilspitze wurde – – –«

Er fuhr lachend in seiner Erklärung fort, indem er die Gegenstände auf den Tisch legte.

»Und das Alles haben Sie geglaubt?« fragte Wallert, der in seinem ganzen Leben noch nicht so erstaunt gewesen war, als in diesem Augenblicke.

»Geglaubt? Was denken Sie! Fällt mir gar nicht ein! Der Alte ist ein Spitzbube. Aber seine drei Töchter sind die reinen Engel!«

»Seine drei Töchter sind ebenso große Spitzbübinnen. Die Ruinen sind berüchtigt. Wissen Sie, wer da draußen verkehrt? Was für Damen?«

»Nun?«

»Solche, welche sich ihre Liebe bezahlen lassen.«

»Das ist möglich, geht aber mich nichts an. Meine Drei gehören nicht in diese Categorie.«

»Ich bitte Sie dringend, Verstand anzunehmen!«

»Donnerwetter! Ich habe Verstand, so viel Verstand, daß er für ein ganzes Dutzend Personen ausreicht und auch für Sie mit!«

»Ich sehe, ich muß Normann holen.«

»Ist er hier?«

»Ja, auf seinem Zimmer. Oder bitte, gehen Sie lieber gleich mit hinauf!«

»Danke, danke sehr!«

»So hole ich ihn. Er mag seine Vorstellungen mit den meinigen vereinigen.«

»Hilft Ihnen nichts, gar nichts!«

»Ich hoffe das Gegentheil. Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, Mylord.«

Er eilte fort. Der Engländer warf schnell ein Geldstück für das Getränk auf den Tisch, setzte den Hut auf, raffte den Regenschirm und das Fernrohr an sich und verließ das Haus in aller Schleunigkeit. In der Eile vergaß er die Raritäten, welche auf dem Tische liegen blieben. Draußen bog er um einige Ecken, und erst dann lief er langsamer.

»Glücklich entkommen!« seufzte er auf. »Dieser Teufelskerl gönnt mir wirklich den Ruhm nicht, eine dreifache Entführung bewerkstelligt zu haben. Es ist doch eine böse Welt! Sogar den besten Freunden ist nicht mehr zu trauen! Sie schnappen Einem grad die appetitlichsten Bissen weg. Ich werde aber diesen Wallert beschämen, indem ich mit einer vollständigen, glücklich und ruhmvoll vollendeten Thatsache vor ihn hintrete. Aber ich durchschaue ihn: Drei Mädchen; er, Normann und ich, da käme auf Jeden Eine; aber ich werde sie alle Drei holen. Punktum!«

Er ging weiter, in der Richtung nach dem Hafen zu. Draußen vor der Stadt überholte er einen Menschen, welcher langsam desselben Weges ging. Eine so gekleidete Gestalt wie der Lord wäre selbst in größtem Dunkel aufgefallen. Kaum war er vorüber, so hörte er hinter sich einen lauten Freudenruf und dann die Worte:

»Hamdullillah! Lord Effendi! Lord Effendi!«

Er blieb stehen, drehte sich um und blickte dem Rufer in das Gesicht. Er erkannte ihn. Es war der junge Arabadschi, der Vertraute der schönen Zykyma, der ihnen in Constantinopel bei der Entführung mit hatte helfen wollen.

»Mensch, Kerl, Du hier! Alle Teufel! Ist etwa Zykyma auch mit da?«

»Burada Zykyma; burada Tschita; burada Ibrahim Pascha; burada Derwisch Osman.«

»Ah, das sind ja Alle. Aber wer ist denn dieser Burada? Oder ist's ein Frauenzimmer?«

Burada heißt ›hier‹ oder ›hier ist‹. Der hoch erfreute Arabadschi verstand natürlich den Lord nicht. Er sagte:

»Gel-sunler, gel-sunler!«

Das heißt: »Kommen Sie, kommen Sie!« Dabei deutete er nach links hinüber.

»Was heißt das? Ein gelber Sunnler? Ich verstehe diese dumme Sprache nicht! Die muß man erst lernen, während ich das Englische sofort verstanden habe.«

»Hermann Wallert Effendi nerde?« fragte der Arabadschi, welcher sich erinnerte, daß der Lord gar nicht Türkisch verstand. Das hieß auf Deutsch: Wo ist Herr Hermann Wallert. Der Lord schloß aus dem Namen, was der Frager meinte, und antwortete:

»
A la maison italienne.«

»Onu bilir-im, onu bilir-im!«

Das heißt: Ich kenne es, ich kenne es! Bei diesen Worten drehte er sich um und eilte davon, der Stadt wieder zu, um Wallert aufzusuchen.

»Billirim! Dummes Wort,« brummte der Lord. »Aber ist es nicht ein Wunder, den Kerl zu treffen? Bei Nacht und Nebel? Na, diese Freude, wenn er zu den Beiden kommt! Das ist sehr gut für mich, denn da werden sie nun wohl nicht daran denken, mich zu stören. Nun haben auch sie ihr Abenteuer und werden mich hoffentlich in Ruhe lassen. Sie entführen ihre beiden Mädels und ich meine Drei, macht Fünf. Dann dampfen wir ab. Vorher aber spreche ich mit diesem Ibrahim Pascha ein Wort von wegen der Uhr und der Familie Adlerhorst.«

Er setzte seinen Weg nach der Yacht fort. Am Bord angekommen, hörte er, daß der Capitän ein Wenig an Land gegangen sei und dem Steuermann den Befehl übergeben habe; darum mußte sich der Lord an diesen wenden und ihm sagen, daß er nach Mitternacht drei Damen bringen werde.

»Entführung?« fragte der Schiffer.

»Ja, Entführung.«

»Ach! Darf ich mit?«

»Nein. Kann Niemand gebrauchen.«

»Vielleicht doch meine Fäuste!«

»Auch nicht. Mache Alles selbst.«

Damit ging er nach der Kajüte, um den türkischen Anzug anzulegen, welchen er in Constantinopel gekauft hatte. Er konnte doch unmöglich in seinem karrirten Habit eine Entführung riskiren. Bevor er die Yacht wieder verließ, wagte es der Steuermann, eine höfliche Warnung auszusprechen, erhielt aber einen scharfen Verweis. Er beruhigte sich um so leichter, als er überzeugt war, daß der Lord nichts ohne Normann und Wallert thun werde, hatte sich aber darin für dieses Mal getäuscht.

Um nicht dennoch von den beiden Genannten aufgesucht und getroffen zu werden, machte der Lord einen Umweg. Darum hatte er gar nicht viel Zeit übrig, als er die Stadt erreichte. Früher hatte jeder Passant des Abends eine Laterne tragen müssen; dieses Gebot war vor Kurzem aufgehoben worden, darum erreichte der Lord das Gäßchen, ohne angehalten oder auch nur beachtet worden zu sein. Die Uhr zeigte fünf Minuten vor Mitternacht. Er war keinen Augenblick zu früh gekommen.

Diese fünf Minuten vergingen und noch fünf, noch zehn, ohne daß er Etwas sah oder hörte. Endlich war es ihm so, als ob es jenseits der Mauer ein Geräusch gegeben habe. Und richtig, da scharrte es oben leicht an dem Rand hin, als ob eine Leiter angebracht werde, und dann sah er über sich einen Kopf erscheinen.

»Pst!« machte es leise. »Bist Du da?«

»Ja,« antwortete er, von der Mauer zurücktretend, an welche er sich geschmiegt hatte, um nicht so leicht gesehen zu werden. »Wer ist's?«

»Ich, Rahel!«

»Und die Andern?«

»Sind noch unten. Da kommt Lea.«

Die beiden Genannten setzten sich auf die Mauer, die Dritte dann auch, und nun zogen sie die Leiter, welche nicht zu schwer war, drüben herauf und ließen sie hüben hinab. Er hielt fest, und sie stiegen herunter. Eine nach der Andern.

»Da sind wir!« sagte Lea, indem sie beide Arme um ihn schlang. »Siehst Du, daß wir Wort halten?«

»Ja, Ihr seid brav und muthig. Ich glaubte bereits, daß Ihr nicht kommen würdet.«

»Es ging so langsam. Wir mußten an jeder Mauer die Leiter auf beiden Seiten anlegen.«

»Was thun wir mit ihr?«

»Wir lassen sie hier liegen.«

»Da wird man aber merken, auf welche Weise Ihr entkommen seid!«

»Was schadet das? Wenn man nur nicht weiß, wohin wir sind. Zurücktragen können wir sie doch nicht wieder.«

»Da wollen wir uns auch nicht länger hier aufhalten. Kommt also mit!«

Sie folgten ihm. Er hatte keine Ahnung, daß der sogenannte Vater seinen angeblichen Töchtern höchst eigenhändig über die Mauern weggeholfen hatte, und daß bereits ein Anderer in der Nähe stand, der ihn unbemerkt beobachtet hatte und nun die Leiter entfernte.

Die drei Mädchen folgten ihm schweigend bis vor die Stadt hinaus. Dann blieben sie berathend stehen, ob sie direct oder auf einem Umwege nach der Yacht gehen wollten. Der Lord schlug das Erstere vor. Er freute sich wie ein König über das gelungene Unternehmen; denn daß es jetzt noch mißlingen werde, das hielt er gar nicht für möglich. Noch waren die Mädchen unentschlossen, welcher Weg der sichere sei, so tauchte grad neben dem Lord eine Gestalt auf und sagte französisch:

»Guten Abend! Was thun Sie hier?«

»Guten Abend,« antwortete der Gefragte höflich, sich nicht merken lassend, daß das urplötzliche Erscheinen eines Menschen ihn erschreckt hatte. »Warum fragen Sie?«

»Weil ich ein Recht dazu habe.«

»Und ich auch,« meinte eine zweite Stimme an seiner andern Seite.

Der Engländer drehte sich um. Auch da stand ein Mann.

»Was wollen Sie von uns, Messieurs?«

»Was thun Sie hier?« fragte der Erste wieder.

»So kann ich auch Sie fragen.«

»Oho! Kennen Sie uns?«

»Nein.«

»Aber unsere Uniformen kennen Sie?«

»Ich sehe sie ja nicht.«

»Nun, so schauen Sie her.«

Der Mann zog eine kleine Laterne aus der Tasche, öffnete sie und ließ ihr Licht auf sich fallen. Er trug die Uniform eines Polizeisoldaten, der Andere ebenso, und jetzt tauchte noch ein Dritter in demselben Gewande auf.

»Sie sind Polizisten?« fragte der Lord.

»Wie Sie sehen. Also Antwort! Was thun Sie hier?«

»Ich gehe spazieren.«

»Mit diesen Mädchen?«

»Es sind meine Frauen.«

»Ach! Wer sind Sie?«

»Ich bin Lord Eagle-nest.«

»Ein Lord? Haha! Das machen Sie einem Andern weiß!«

»Ich kann es beweisen!«

»Oho! Ein Lord hat nicht drei Frauen. Ein Lord trägt auch nicht diese Kleidung. Also, woher haben Sie diese Mädchen?«

Der Engländer fürchtete sich nicht. Er hatte in aller Ruhe geantwortet. Jetzt aber glaubte er, etwas weniger höflich sein zu dürfen. Er sagte:

»Ich glaube nicht, daß ich Ihnen Rede zu stehen habe.«

»So muß ich Sie arretiren!«

»Das werden Sie bleiben lassen. Ich bin Engländer, und einen solchen arretirt man nicht ungestraft.«

»Beweisen Sie es!«

»Kommen Sie mit auf mein Schiff.

»Ihr Schiff, wenn Sie überhaupt eins hätten, geht mich gar nichts an. Das Schiff ist überhaupt eine Lüge.«

»Nehmen Sie sich in Acht! Von einem Polizisten lasse ich mich nicht einen Lügner nennen.«

»Zeigen Sie mir Ihren Paß!«

»Den habe ich eben auf dem Schiffe.«

»So lassen Sie ihn sich morgen bringen. Jetzt aber gehen Sie mit. Sie sind verdächtig. Ich arretire Sie sammt den Mädchen, die Sie jedenfalls geraubt haben.«

»Lassen Sie das lieber bleiben! Ich gehe nicht mit.«

»Das wird sich finden. Vorwärts!«

Er ergriff den Lord am Arme, erhielt aber von demselben einen solchen Boxer auf die Magengrube, daß er zur Erde stürzte. In demselben Augenblicke aber warfen sich die beiden Andern auf den Engländer. Er hatte das vorher gesehen und empfing sie mit zwei wohlgezielten, regelrechten Boxhieben, wurde aber von Zweien, die er bisher noch gar nicht gesehen hatte, von hinten gepackt und zu Boden gerissen. Er wehrte sich gegen Fünf aus Leibeskräften, wurde aber doch überwältigt und dann an den Händen gebunden.

*

14

Das war ein stiller, lautloser Kampf gewesen. Keiner hatte dabei ein Wort gesagt. Dem Engländer konnte es nicht einfallen, zu rufen und zu schreien, und die Anderen hatten auch ganz triftige Ursache, ihre Arbeit in aller Stille abzumachen.

Derjenige, welcher die Laterne gehabt hatte, hatte sie an die Erde niedergesetzt, ehe er den Lord angegriffen hatte. Jetzt nahm er sie wieder auf und leuchtete ihn an. Er lachte höhnisch auf und sagte:

»So, da haben wir ihn fest und nun wollen wir sehen, ob er wirklich nicht mitgeht.«

»Da ich gefesselt bin, können Sie mich freilich zwingen,« antwortete der Gefangene; »ich mache Sie aber auf die Verantwortung aufmerksam, welche Sie treffen wird.«

»Die fürchte ich nicht. Ich thue meine Pflicht. Sie sind ein Mädchenräuber.«

»Das mag bewiesen werden.«

»Der hier kann es beweisen.«

Er erhob die Laterne und leuchtete dem Einen der Beiden, welche den Engländer so heimtückisch von hinten gepackt hatten, in das Gesicht. Der Lord erkannte ihn.

»Ali Effendi!« sagte er erstaunt.

»Ja, ich bin es! Wollen Sie leugnen, daß Sie mir meine Töchter entführt haben?«

»Das wird sich finden. Aber wollen Sie leugnen, daß ich ein Engländer bin?«

»Das wird sich auch finden.«

»Und« – setzte der Gefangene hinzu – »da steht noch Einer, welcher ganz gewiß weiß, daß ich ein Franke bin.«

Er deutete auf den Fünften, auf dessen Gesicht soeben das Laternenlicht gefallen war. Es war der schiefäugige Kerl, in dessen Hütte er heute Nachmittag mit den beiden Mädchen gesessen hatte.

»Ich kenne ihn nicht,« antwortete dieser.

»Das ist eine Lüge. Ich habe zwar andere Kleider an, aber mein Gesicht ist nicht zu verkennen.«

»Das Alles ist jetzt Nebensache,« erklärte Ali Effendi. »Es fragt sich nur, ob er ein Entführer ist. Kommt her, Ihr Mädchen! Gesteht die Wahrheit, dann soll Euch keine Strafe treffen. Hat er Euch geraubt?«

»Ja,« antwortete Lea.

»Was wollte er mit Euch thun?«

»Er wollte uns auf sein Schiff schaffen.«

»Das ist genug. Wir wollen ein ernstes Wort mit ihm sprechen, ehe wir ihn nach der Stadt bringen. Führt ihn hinüber nach der Hütte. Ich schaffe diese ungerathenen Töchter nach Hause und komme dann nach. Er wird sich zu verantworten haben.«

Er warf den Mädchen zum Scheine einige Drohungen zu und entfernte sich mit ihnen. Der Lord wurde längs des Seeufers hingeführt bis nach der Hütte, in welcher er heute die interessante Bekanntschaft gemacht hatte. Er sprach unterwegs kein Wort; er sagte auch nichts, als er zur Thür hinein geschoben wurde. Er setzte sich nieder und verhielt sich zu allen Spottreden und Schmähungen so ruhig, als ob er gar nicht gemeint sei.

Es verging eine lange, sehr lange Zeit und Ali Effendi kam nicht. Die drei Polizisten machten sich sammt dem Besitzer der Hütte über den Schnaps her. Endlich, nachdem weit über eine Stunde vergangen war, kam der beleidigte Vater der Mädchen.

Die Anderen machten ihm ehrerbietig Platz. Er setzte sich dem Gefangenen gegenüber. Seine Miene zeigte mehr Betrübniß als Zorn. Er begann:

»Jetzt wollen wir Dein Geschick entscheiden. Es wird sich zeigen, ob wir Dich frei lassen oder dem Bey zum Urteilsspruch übergeben.«

»Der Bey hat mir gar nichts zu sagen. Der englische Resident wird mich vernehmen.«

»So wirst Du vorher beweisen müssen, daß Du ein Engländer bist.«

»Das werde ich!«

»Aber ganz England wird Dich verlachen, daß Du so dumm gewesen bist, drei Mädchen zu verführen.«

»Mäßige Dich! Wer erlaubt Dir überhaupt, Du zu mir zu sagen, nachdem Du mich in Deinem Hause Sie genannt hast?«

»Ich kenne Dich nicht; ich entsinne mich nicht, Dich bei mir gesehen zu haben. Du trägst die Kleidung eines Moslem und die Gläubigen sagen Du zu einander. Du hast sehr gegen mich gesündigt, aber vielleicht verzeihe ich Dir; vielleicht lasse ich Dich frei.«

»Ah! Du bist sehr barmherzig!«

»Ja, das bin ich. Meine Töchter sind mir stets gehorsam gewesen; sie haben mir niemals Sorge, sondern stets nur Freude bereitet; jetzt aber laden sie Schande auf mein Haupt. Und warum? Weil Du sie verführt hast.«

»Oder sie mich.«

»Du bist alt und nicht der Mann, der sich verführen läßt. Du hast ihnen den Kopf verdreht und ihnen große und schöne Versprechungen gemacht. Du bist in mein Haus gekommen, um den Bau desselben und die Gelegenheit auszuspioniren.«

»Ah, die alte Schließerin hat mich verrathen!«

»Sie nicht. Allah selbst hat mich erleuchtet. Meine Töchter sind Dir gefolgt. Ich traf noch zum rechten Augenblicke ein. Ich habe erfahren, daß Du sie noch nicht berührt hast. Darum und weil sie selbst für Dich bitten, bin ich bereit, Gnade walten zu lassen, wenn Du auf die Bedingung eingehst, welche ich als Vater machen muß.«

»Laß sie hören! Vorher aber entferne die Fessel. Ich verhandle mit keinem Menschen, so lange ich gebunden bin.«

»Ich darf Dich nicht losbinden. Du hast bewiesen, daß Du ein gewaltthätiger Mensch bist, und Du hast den Kampf gelernt, den man in England Boxen nennt.«

»Ah! Ihr fürchtet Euch vor mir! Diese Polizisten sind bewaffnet, dieser gute Eunuch auch und Du hast ein Messer und ein Pistol im Gürtel.«

»Dennoch bist Du uns gefährlich.«

»So werde ich auf keinen Vorschlag eingehen, er mag lauten oder heißen, wie er will.«

»Wenn Du klug bist, gehst Du darauf ein.«

»Nun, anhören kann ich ihn ja.«

»Wer ein Mädchen entführt, ist schuldig, so viel zu zahlen, als er Beisteuer geben würde, wenn er sie zum Weibe nähme.«

»Ah! Darauf läuft es hinaus!«

»Ja. Bist Du reich?«

»Sehr.«

»Wie viel würdest Du für ein Weib bezahlen?«

»Mehrere Millionen, wenn ich sie lieb habe.«

Ali Effendi erschrak förmlich über diese Summe. Grad die ungeheure Höhe derselben störte ihn am Allermeisten. Es wäre ihm viel lieber gewesen, wenn der Lord gesagt hätte, daß er gar nichts für ein Weib geben würde. Er fragte:

»Hast Du denn so sehr viel Geld?«

»Noch viel, viel mehr.«

»Also mehrere Millionen würdest Du für eine einzige Frau geben?«

»Ja.«

»Du hast mir aber drei Töchter entführt. Das sind dreimal mehrere Millionen.«

»Nach Deiner Rechnung ganz richtig.«

»Die wirst Du aber nicht geben!«

»Warum nicht? Ich bin ein guter Unterthan und thue, was das Gesetz verlangt. Verurtheilt mich der Richter dazu, so bezahle ich diese Millionen.«

Das kam dem traurigen Vater sehr unbequem. Er schüttelte mitleidig den Kopf und erklärte:

»So grausam bin ich nicht. Ich will viel, viel weniger verlangen. Bezahle jeder meiner Töchter fünftausend Francs, so lasse ich Dich augenblicklich frei.«

»Die gebe ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich bezahle nur dann, wenn der Richter mich verurtheilt.«

»Gieb jeder viertausend Francs.«

»Keine Centime!«

»Dreitausend!«

»Schweig! Du bemühst Dich vergeblich.«

»So will ich mit Zweitausend zufrieden sein!«

»Ich werde Dir nicht mehr antworten.«

»So willst Du nicht verständig handeln? Weißt Du, daß ich Dich zwingen kann, verständig zu sein!«

»Zwingen lasse ich mich nicht.«

»Oho! Du befindest Dich in meiner Gewalt!«

»Nein. Ich bin arretirt. Schafft mich nach der Stadt!«

Da meinte der angebliche Eunuch zu Ali Effendi:

»Mache es kurz! Was nützen diese Winkelzüge! Ich habe keine Lust, mich lange mit ihm herumzuplagen.«

»Gut!« meinte der Genannte. »Ich will Dir sagen, Fremder, daß diese Männer nicht Polizisten sind.«

»Donnerwetter!«

»Es sind meine Verbündeten. Sie thun, was ich ihnen sage. Ich verlange zweitausend Francs für jede meiner Töchter. In einer halben Stunde fordere ich Antwort. Bis dahin magst Du überlegen, was das Beste für Dich ist. Von Deiner Antwort wird es abhängen, was wir mit Dir thun.«

Erst jetzt ging dem Gefangenen ein Licht auf. Er sah sich die Leute genauer an und sagte:

»Jetzt begreife ich Euch. Diese ganze Sache war abgemacht. Ich bin in Eure Falle gegangen.«

»Ja,« nickte der Eunuch mit grimmiger Aufrichtigkeit.

»Die Mädchen waren nur die Lockvögel.«

»Das hättest Du Dir eher denken können. Nun aber weißt Du, was Dich erwartet.«

»Das weiß ich nicht, aber was Euch erwartet, das weiß ich ganz gewiß.«

»Nun, was?«

»Nichts erwartet Euch. Ihr werdet keinen Frank erhalten.«

»Das wirst Du Dir doch noch überlegen.«

»Pah! Jetzt gefallt Ihr mir erst. Ich habe mich längst gesehnt, einmal in die Hände solcher Schufte zu fallen. Jetzt ist dieser Wunsch erfüllt, und da werde ich mir doch nicht etwa den ganzen Spaß dadurch verderben, daß ich mich von Euch loskaufe. So eine schuftige Memme, wie Jeder von Euch ist, würde den Preis bezahlen, ich aber bin ein Engländer und gebe nichts.«

»Wenn das nun Dein Leben kostet!«

»Das werdet Ihr bleiben lassen. Solche Kerls, wie Ihr seid, fürchten sich vor Menschenblut. Und wenn Ihr mich mordetet, so befändet Ihr Euch bereits am frühen Morgen in der Gewalt des Bey. Ich habe auch meine Vorkehrungen getroffen, von denen Ihr aber nichts ahnt.«

Das war nicht wahr. Aber die Sicherheit, mit welcher er es vorbrachte, ebenso wie seine Furchtlosigkeit imponirten ihnen gewaltig. Sie traten zusammen, flüsterten eine Weile miteinander und dann sagte Ali Effendi:

»Wir haben uns entschieden. Von unserem Entschluß bringt uns nichts ab. Ich fordere für jede Tochter eintausend Francs.«

»Nicht mehr? Es ist doch wunderbar, daß Du nur für Deine Töchter forderst, aber nicht für diese Deine Verbündeten sorgst. Die Mädchen, welche gar nicht Deine Töchter sind, würden nichts erhalten. Ich durchschaue jetzt Alles. Ich gebe nichts, gar nichts.«

»So mußt Du sterben!«

»Schön! Soll mich freuen, wenn es Euch glückt!«

»Ich gebe Dir die halbe Stunde Zeit, weigerst Du Dich dann noch, so stirbst Du im Wasser des Sees. Jeder wird glauben, Du seist verunglückt.«

»Das geht mich gar nichts an. Was Andere denken, das ist mir sehr gleichgiltig. Ich selbst werde es doch nicht glauben, sondern ich werde wissen, daß ich ermordet worden bin, und das ist die Hauptsache.«

Sie sahen sich an. Sie konnten das Verhalten und die Worte dieses sonderbaren Menschen nicht begreifen. Er war eben ein eigenthümlicher Charakter und ein – Engländer. Damit ist Alles gesagt. –

Der junge Arabadschi war, nachdem er mit dem Lord gesprochen hatte, in die Stadt gelaufen. Er hatte ganz zufälliger Weise von dem italienischen Gasthause sprechen gehört, es auch gesehen und sich die Lage desselben gemerkt. Darum fand er es wieder.

Er öffnete versuchsweise die Thür des Gastzimmers und blickte hinein. Da saßen die beiden Gesuchten am Tische, in sichtlicher Aufregung, bei den Raritäten des Lords, und Wallert erzählte Normann von seiner Unterredung mit demselben. Der Arabadschi trat ein. Sie sahen ihn und sprangen augenblicklich von ihren Sitzen empor.

»Du! Du da!« indem er auf den treuen Diener zusprang. »Herrgott! Ist auch Tschita hier?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, glücklich lächelnd.

»Und Zykyma auch?« erkundigte sich Wallert schnell.

»Auch sie. Und Ibrahim Pascha und der Derwisch sind ebenso hier.«

»Also hat dieser Steinbach Recht gehabt. Aber sage, kommst Du zufällig her?«

»Nein, ich suchte Euch.«

»Du wußtest, daß wir hier sind?«

»Ich erfuhr es vor einigen Minuten von dem schwarzgrauen Effendi.«

»Dem Lord! Wo hast Du ihn getroffen?«

»Draußen vor der Stadt. Er ging nach dem Hafen.«

»Gott sei Dank! So hat er doch blos Scherz gemacht. Er ist nicht in der Stadt geblieben; er ist nach seinem Schiffe, jedenfalls um seine Effecten zu holen. Hast Du Zeit?«

»Für Euch immer.«

»So komm mit herauf in mein Zimmer. Hier sind wir zu sehr beobachtet, und Du sollst uns doch von jenem Abende erzählen, an welchem Ihr so plötzlich verschwunden waret.«

Die beiden Freunde rafften die zurückgelassenen Sachen des Lords zusammen und begaben sich nach oben, wo sie ungestört von dem, was ihnen so sehr am Herzen lag, sprechen konnten. Der Arabadschi erhielt vorgesetzt, was vorhanden war, rührte aber nichts an. Er hatte vollständig genug an der Freude, diese Beiden so unerwartet hier gefunden zu haben.

»Also zunächst« – sagte Normann – »ah, wir haben Dich noch gar nicht nach Deinem Namen gefragt. Wir müssen doch wissen, wie wir Dich nennen sollen.«

»Mein Name ist Saïd; das bedeutet der Glückliche, der Gesegnete.«

»Ja, Glück bringst Du uns und wir segnen Dich dafür. Das stimmt zu Deinem Namen. Nun aber erkläre uns das plötzliche Verschwinden des Pascha mit Euch Allen.«

»O, Effendi, ich hatte keine Ahnung davon und die Frauen auch nicht. Erst später haben wir Vieles begriffen, was uns unbekannt war. Der Pascha war schon am Tage draußen gewesen und hatte den Derwisch mitgebracht, den Allah verdammen möge. Sie hatten mit dem Verwalter zu thun, aber heimlich und lange. Später erfuhren wir, daß sie zusammengepackt hatten. Es ging ganz plötzlich fort, als Ihr im Garten wartetet, und wir mußten mit.«

»Konntet Ihr uns denn keine Nachricht geben?«

»Das war unmöglich.«

»Auch nicht wenigstens ein kleines Zeichen?«

»Selbst das nicht; es gab keine Zeit dazu, denn als ich auf meinem Wachtposten im Hofe erfuhr, daß Eure Anwesenheit verrathen sei, befanden sich die Häscher bereits unterwegs im Garten. Ich wollte mit, um ihnen voranzueilen und Euch ein Warnungszeichen zu geben, aber der Pascha schickte mich hinauf zu den Frauen, welche todt dalagen, ganz ohne alles Leben.«

»Todt? Herrgott! Was war mit ihnen geschehen?«

»Eben das erfuhr ich auch später. Der Pascha hatte geglaubt, daß sie sich sträuben würden, mitzugehen. Er wollte kein Aufsehen erregen und hatte auch keine Zeit, Zwang gegen Widerstand zu setzen. Da hatte ihm der Derwisch den Rath gegeben, zu einem weisen Manne zu gehen, der alle Arzneien und Mittel der Erde kennt. Von ihm hatte er ein Pulver erhalten. Wenn man dies durch ein kleines Röhrchen in ein Licht bläst, so fällt die Person, welche hinter dem Lichte steht, todt um, und erwacht erst am anderen Tage. Mit diesem Pulver war der Pascha zu den Frauen gegangen. Er hatte nur Tschita und deren Mutter getroffen und Beide todt gemacht. Zykyma war noch im Garten. Die beiden Leblosen waren in das Nebenzimmer geschafft worden, und eben als der Pascha ohne Licht zurückgetreten war, hatte Zykyma die Leiter erstiegen. Er hatte sie hereingelassen und ihr dann das Pulver in das Gesicht geblasen, so daß auch sie umfiel.«

»Ah!« nickte Normann. »Daher also der Schrei, den wir aus ihrem Munde hörten und das Aufflammen eines blitzähnlichen Lichtes.«

»Natürlich hatte sie nun kein Zeichen geben können. Sie war im Garten gewesen. Der Pascha schöpfte Verdacht und befahl, ihn zu durchsuchen. Ich aber mußte zu den leblosen Frauen, um sie nach den Sänften tragen zu helfen. Kaum fand ich Zeit, meine wenigen Sachen zu holen, so ging die Reise fort, durch die Stadt, auf das Schiff und hierher. Es war mir unmöglich, ein Zeichen zu geben. Hätte ich es dennoch versucht, so wäre es aufgefallen, und ich hätte Euch verrathen. Das aber wollte ich nicht.«

»Ganz richtig! Du hast sehr klug gehandelt. Aber wie war es mit den Frauen! Gott, wie müssen sie nach ihrem Erwachen erschrocken gewesen sein! So nahe der Rettung und doch wieder verloren!«

»Herr, es ist nicht zu beschreiben!«

»Wie verhielt sich Zykyma?«

»Fast wie ein Mann. Sie sprach kein Wort, weder mit dem Pascha noch mit dem Derwisch, während der ganzen Reise. Sie war nur glücklich, ihren Dolch wieder zu besitzen, um sich vertheidigen zu können.«

»War er ihr verloren gegangen?«

»Der Pascha hatte ihn ihr abgenommen, als sie ohne Besinnung gewesen war. Er glaubte nun, sie in den Händen zu haben, aber er ahnte nicht und ahnt auch noch heute nicht, daß ich ihr Verbündeter bin. Schon am ersten Tage habe ich ihm den Dolch weggestohlen und ihn Zykyma wieder gebracht. Nun konnte sie sich doch wieder vertheidigen; er fürchtet das furchtbare Gift und wagt es nicht, die beiden Frauen anzurühren.«

»Also gejammert hat Zykyma nicht?«

»Nein. Es lag stumm und stolz in ihrem Herzen, aber ihre Augen waren dunkler als vorher, und ihre Zähne zerbissen die Lippen. Ich habe gefürchtet, daß sie den Pascha tödten werde, wenn sie glaubt, daß die Zeit dazu geeignet sei.«

»Es ist ihr zuzutrauen! Und Tschita?«

»Das war schlimm, sehr schlimm! Zykyma ist wie die Frau des Edelfalken, Tschita aber wie das süße Weibchen des Kolibri. Ihre Thränen sind unaufhörlich geflossen, fast hat sie sich in diesen Fluthen aufgelöst. Sie hat nach Paul Normann Effendi gejammert ohne Aufhören, und Allah macht es gnädig, daß Ihr gekommen seid, denn es hätte nicht lange gedauert, so wäre ihr Leben mit den letzten ihrer Thränen dahingeschwunden.«

»Herr, mein Heiland, so kommen wir zur rechten Zeit!« knirschte Normann. »Aber mit diesem Pascha werde ich Abrechnung halten.«

»Das kannst Du, und das möchtest Du. Er muß sehr große Sünden auf seinem Gewissen haben. Ich möchte nur wissen, was Tschita's Mutter mit ihm hat. Es ist, als wenn er an ihr ein ganz entsetzliches Verbrechen begangen hätte.«

»Wieso?«

»Sie hatte ihn nicht gesehen bis zu dem Augenblicke, als er gekommen war, um ihrer Tochter Tschita das Pulver in das Gesicht zu blasen. Aber es ist ganz entsetzlich gewesen, als sie ihn erblickt hat. Sie ist stumm und hat doch schreien und sprechen wollen. Sie ist auf ihn eingesprungen, als ob sie ihn erwürgen wolle, und doch hat sie nicht gekonnt, da sie ja keine Hände hat. Seit dieser Zeit geht sie keinen Augenblick von ihrer Tochter fort, und wenn der Pascha sich dieser nähert, so wirft sie sich auf ihn, schlägt ihn mit ihren Armen und giebt Töne von sich wie eine Tigerin, der man die Kehle zusammenschnürt, so daß sie nicht brüllen kann.«

»Entsetzlich! Hier muß ein Geheimniß obwalten.«

»Ganz gewiß.«

»Welches ergründet werden muß.«

»Zykyma will es ergründen. Sie giebt sich alle Mühe, ich weiß nicht, ob es ihr gelingen wird.«

»Weshalb ist der Pascha hier?«

»Ich weiß es nicht. Der Derwisch und ich, wir Beide müssen den Palast des Bey bewachen und auch den Bardo, das ist das Schloß draußen vor der Stadt, in welchem der Bey wohnt. Wir wechseln in dieser Wache ab. Früh treten wir an und erst spät am Abende kehren wir zurück.«

»Worauf müßt Ihr Achtung geben?«

»Auf die Consuln der Franken. Wir müssen aufschreiben, welcher den Bey besucht, wann er kommt und wann er wieder geht, also wie lange er bei dem Herrscher gewesen ist.«

»Kennst Du den Zweck?«

»Nein.«

»Wo wohnt der Pascha?«

»Vor der Stadt, an der Straße nach dem Bardo zu. Er hat sich ein kleines Häuschen gemiethet, dessen Besitzer nach Jerusalem gereist ist. Dort sitzt er während des ganzen Tages und auch während der ganzen Nacht, und denkt und sinnt und grübelt wie eine Spinne, die in ihrer Ecke auf Beute lauert.«

»So ist er mit den Frauen allein?«

»O nein. Er hat sich zwei Männer gemiethet, welche sie sehr streng bewachen müssen. Der Eine wacht außen am Gebäude und der Andere im Innern.«

»Und nun die Hauptsache: Wie nennt er sich hier?«

»Er nennt sich Hulam und ist Kaufmann aus Smyrna.«

»Das ist Alles, wonach wir fragen können. Hast Du uns noch Etwas zu sagen?«

»Etwas Wichtiges nicht. Wohnt Ihr stets in diesem Hause?«

»Ja, natürlich so lange wir überhaupt hier bleiben.«

»So erlaubt, daß ich komme, um Euch Nachricht zu bringen!«

»O gewiß! Wir werden es Dir sehr gut lohnen. Jetzt gehst Du nach Hause?«

»Ja.«

»Wir gehen natürlich mit!«

»Nein, nein! Das dürft Ihr nicht.«

»Warum nicht?«

»Des Nachts sind die Wächter doppelt aufmerksam und doppelt argwöhnisch.«

»Wir können den Frauen kein Zeichen geben, daß wir uns hier befinden?«

»Nein. Ich werde es ihnen sagen.«

»Thue das! Aber wir können uns doch wenigstens das Haus ansehen, um zu wissen, wo es liegt, falls uns das einmal nöthig sein sollte.«

»Es ist dunkel, und wenn Ihr Euch so weit nähert, daß Ihr das Haus seht, so seid Ihr auch so nahe, daß Euch der Wächter merkt.«

»Wären diese beiden Wächter nicht zu bestechen?«

»Ich weiß es nicht; sie gefallen mir nicht; ich spreche gar nicht mit ihnen. Der Pascha bezahlt sie so gut, daß sie ihm leicht treu dienen können.«

»Wenn man ihnen nun noch mehr bietet, als sie jetzt von ihm bekommen?«

»Es ist möglich, daß sie dann von ihm abfallen. Um dies aber zu versuchen, muß man sich in die Gefahr begeben, von ihnen verrathen zu werden, und da ist das Wagniß größer als der Vortheil, welchen man verfolgt.«

»Da hast Du allerdings sehr Recht; aber, sollen die Frauen in Ewigkeit in dieser Hölle wohnen?«

»Ich bitte Euch, mir die Sorge zu überlassen. Ich werde bereits morgen am Vormittage zu Euch kommen, um Euch zu sagen, ob es mir möglich gewesen ist, etwas zu thun. Der Pascha ist eine giftige Schlange, welche vernichtet werden muß. Aber der Löwe, welcher diese Schlange mit einem einzigen Schlage seiner Tatze tödten kann, ist auch bereits hier in Tunis.«

»Wer wäre das?«

»Der große, stolze Effendi, welcher mit Euch vom Kirchhof in Stambul kam, als Hermann Wallert Effendi gefangen werden sollte.«

»Wie? Steinbach? Der ist hier?«

»Ich weiß seinen Namen nicht; aber ich weiß, daß er gegen meinen Herrn, den Pascha, kämpft, und daß er ihn besiegen wird.«

»Wo hast Du ihn gesehen?«

»Gestern, im Bardo. Er kam mit dem Obersten der Leibwache aus der Wüste, und Beide gingen sogleich zu Muhammed es Sadak Bey, bei welchem sie volle drei Stunden gewesen sind. Ich stand im großen Hofe des Schlosses und sah den Fremden gehen. Der Bey begleitete ihn bis an das Thor und legte ihm zum Abschied die rechte Hand auf die Schulter; das ist der große Segenswunsch, der Gruß, welchen der Bey nur einem Manne giebt, der sein Herz besitzt.«

»So scheint er Steinbach wohl zu wollen?«

»Ganz sicher; denn ich erfuhr nachher, daß der Pascha von Tunis diesem Steinbach Effendi seine beste Stute zum Ritte in die Wüste geliehen habe.«

»Das ist allerdings fast das Unmögliche. Und das Alles hast Du doch Deinem Herrn sofort erzählt?«

»Kein Wort.«

»Wirklich?«

»Es ist so, wie ich Dir sage. Ich hasse den Pascha. Ich diene ihm nur, um Zykyma aus seiner Hand zu befreien. Ich hatte mir sogar einmal vorgenommen, ihn zu tödten, da aber lernte ich Euch kennen. Ihr seid klüger und stärker und mächtiger als ich; ich überlasse Euch die Befreiung meiner Herrin und werde Euch dabei helfen, so viel wie es mir möglich ist.«

»Du bist ein braver Bursche. Sage es uns, wenn Du einen Wunsch, eine Bitte hast. Und jetzt hast Du uns Dein Herz ausgeschüttet, nun kannst Du essen und trinken.«

»Jetzt nun langte er zu. Dabei fielen aber noch hunderte von Fragen und Antworten herüber und hinüber, von vielleicht weniger Bedeutung für die Betheiligten aber doch von unendlichem Werthe. Als Saïd endlich aufbrach, war Mitternacht vorüber.

»Was wird Dein Herr sagen, wenn Du so spät kommst?« fragte Normann.

»Er wird meinen, daß ich ein sehr aufmerksamer Diener sei, denn ich werde zu meiner Entschuldigung von irgend einem Besuche erzählen, welcher so lange Zeit bei dem Bey gewesen ist.«

»Das ist klug. Kannst Du uns nicht wenigstens das Haus beschreiben, in welchem Ibrahim Pascha wohnt?«

»Wenn man von der Stadt aus nach dem Bardo geht, so liegt es rechts als das erste gleich hinter der großen, alten Wasserleitung. Es steht mitten in einem Garten, weicher von einer Mauer umgeben ist. Die Frauengemächer befinden sich oben im Giebel, welcher nach der Stadt blickt. Morgen werde ich Euch sagen, wenn Ihr es Euch ansehen könnt, ohne Euch zu verrathen.«

Er ging. Als er fort war, stand Normann von seinem Platze auf, breitete die Arme aus und ließ einen Jodler hören, so kräftig und volltönig, als ob er sich vor der Thür einer Tyroler Sennhütte befinde:

»Jetzt geh i zum Seiler
Und kaf ma an Strik,
Binds Diandl am Buckl
Trogs überall mit!«

»Alle Wetter! Bist Du des Teufels?« lachte Wallert. Was sollen die ehrsamen Gäste dieses afrikanischen Gasthauses von uns denken, wenn Du so schreist!«

Normann schüttelte den Kopf und antwortete:

»Wenn drob'n auf de Latscha
Der Auerhahn palzt,
Kriegt mein Diandl a Busserl,
Was grad a so schnalzt!«

»Mensch schweig, sonst erklärt Dich der Wirth für verrückt, und wir müssen noch heut aus dem Hause!«

Der enthusiastische Sänger nickte zwar zustimmend mit dem Kopfe, fuhr aber doch fort:

Die Gams hat zwa Krikl,
Der Jäger zwa Hund.
Mei Schatz hat an G'sichterl
Wie a Semmel so rund!«

»Nun laß mich aus! Wenn Du Tschita's Gesicht mit einer Semmel vergleichst, so behaupte nur um Gotteswillen nicht länger, ein Maler zu sein!«

»Ja, sie ist viel, viel schöner! So schön, daß mir gleich ein anderes Schnadahüpfl einfällt. Horch!

Und a frischer Bu bin i,
Thu gern Etwas wag'n,
Und i thät um an Busserl
Gleich an Purzelbaum schlag'n.«

Da wirklich, da wurde angeklopft; die Thür öffnete sich; die hübsche, italienische Zimmerkellnerin steckte den Kopf herein und fragte:

»Wünschen die Herren vielleicht etwas; da Sie so laut rufen?«

Wallert lachte laut auf. Normann aber trat auf sie zu, öffnete die Arme und sang:

»Juchheirassassa,
Und wenn d'willst, will i a,
Und wenn d'willst, so sag ja,
Denn deßweg'n bin i da.

Da fuhr sie schnell zurück und machte die Thür zu.

»Du bist ja ganz ausgewechselt!« meinte Wallert. »Du der ernste bedächtige Mensch, verirrst Dich da in die Schnadahüpfl!«

»Habe ich etwa nicht Ursache dazu?«

»Ach freilich, ja wohl!«

»Tschita wiedergefunden! Tschita, Tschita, denke Dir, Tschita!«

Dabei faßte er den Freund unter den Armen und wirbelte ihn in dem Zimmer herum, daß Alles wackelte und krachte.

»Und Zykyma, Zykyma, die ich für meinen Bruder befreien muß! Ach, wenn doch nicht immer so viel Geduld von Einem verlangt würde!«

»Von wegen das Haus ansehen?«

»Ja. Ich lief gleich heut Abend noch hin!«

»Ich auch!«

»Wirklich? Ist's Dein Ernst?«

»Ja.«

»Na, so wollen wir?«

»Willst Du denn?«

»Und ob!«

»Gut, wir gehen!«

»Wir können ja vorsichtig sein, so daß uns kein Mensch bemerken wird.«

»Pah! Ich werde mich anschleichen wie ein indianischer Krieger, der sein Meisterstück zu machen hat. Es ist zwar schon über Mitternacht; aber man wird uns schon einlassen, wenn wir wiederkommen. Dieser Steinbach ist doch ein Teufelskerl mit dem Wink, den er uns gegeben hat. Wir sind ihm riesigen Dank schuldig, und seit ich gehört habe, daß er auch hier ist, liegt es mir in den Gliedern, als ob er sich noch größere Verdienste um uns erwerben wollte. Komm!«

Sie waren Beide unendlich glücklich. Sie mußten ihren Jubel zurückdrängen; es galt, auf diesem Wege außerordentlich vorsichtig zu sein. Um aber nicht etwa mit Saïd wieder zusammenzustoßen, machten sie einen andern Weg als dieser jedenfalls eingeschlagen hatte.

Dieser war mit den leisen Schritten, welche das weiche, orientalische Schuhwerk mit sich bringt, langsam seines Weges fortgegangen. Außerhalb der Stadt angelangt, hörte er in einiger Entfernung vor sich Stimmen, deren Klang auf etwas Ungewöhnliches deutete. Er lauschte. Er sah das Licht einer Laterne aufleuchten und hörte dann die Worte:

»Ich bin Lord Eagle-nest.«

Da die früheren Worte französisch gesprochen worden waren, hatte er sie nicht verstanden. Das Wort »Lord« aber fiel ihm auf. Er schlich sich eiligst hinzu, legte sich auf den Boden nieder und war Zeuge der Arretur des Engländers.

Als dieser abgeführt wurde, folgte er den Leuten nach bis an die Hütte. Sie gingen alle hinein, und er trat an die Oeffnung, welche als Fenster diente und blickte hinein. Er sah den Lord gefesselt auf dem Boden sitzen. Unfern von ihm lehnte der schiefäugige Kerl, der wie ein geborener Schlagotodtro aussah. Die Polizeiuniformen konnte er nicht sehen. Er begriff den Vorgang zwar nicht vollständig; aber er sah den Lord in augenscheinlicher Gefahr. Das war genug für ihn. Hatte er bereits so viel Zeit versäumt, kam auf noch eine Stunde auch nicht an. Er eilte also nach der Stadt und zwar nach dem Gasthofe. Dort erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß die beiden Freunde trotz der späten Zeit noch ausgegangen seien.

Von ihnen hatte er Hilfe erwartet. Was nun thun? Er durfte, wenn er wirklich Hilfe bringen wollte, keine Minute versäumen. Zur Polizei also!

Er rannte nach dem Palaste des Bey, wo, wie er wußte, zu jeder nächtlichen Stunde Kawassen genug zu finden seien. Er war so klug, keinen Namen zu nennen; er wußte ja nicht, auf welche Weise der Engländer in diese gefährliche Lage gekommen sei. Er hatte drei Frauenzimmer dabei gesehen; da war es jedenfalls besser, das Wort »Lord« gar nicht auszusprechen.

Darum berichtete er nur, daß ein Mann von Mördern angefallen und nach einer Hütte in den Ruinen geschleppt worden sei, um dort abgewürgt zu werden, und bot sich der bewaffneten Macht als Führer an.

Er hatte seinen Bericht mehrere Male umständlich zu wiederholen, ehe man ihm rechten Glauben schenkte; dann aber machte sich ein Tschausch-sabtieh (Polizeifeldwebel) mit zehn seiner Untergebenen, die er bis unter die Nase bewaffnete, auf den Weg, die Mörder abzufangen.

Der Befehlshaber fing es gar nicht übel an. Er machte einen Umweg, um von der Seite zu kommen, von woher diese Leute keine Störung erwarteten. Es war ja sehr leicht möglich, daß sie einen Sicherheitsposten ausgestellt hatten.

Die Polizisten näherten sich der Hütte, ohne bemerkt zu werden. Der Feldwebel blickte durch die Fensteröffnung, erkannte den Gefesselten und flüsterte dann dem Führer zu:

»Es ist gut! Du hast die Wahrheit gesagt und kannst nun gehen.«

Er wollte den Ruhm der beabsichtigten Heldenthat für sich allein haben. Saïd seinerseits war gar nicht unzufrieden mit dieser Weisung. Er konnte zu seinem Herrn, der sicher nicht eher zur Ruhe ging, als bis er ihm Bericht erstattet hatte.

Da von einem eigentlichen Fenster keine Rede war, das dazu bestimmte Loch vielmehr offen stand, so hörte der Webel jedes Wort, welches im Innern gesprochen wurde. Soeben sagte Einer, den er nicht sehen konnte:

»Jetzt ist die halbe Stunde vorüber. Also sag, was Du beschlossen hast!«

Der Gefangene antwortete nur dadurch, daß er einen verächtlichen Blick nach der Richtung warf, aus welcher die Stimme erschollen war.

»Giebst Du tausend Franken für eine jede meiner Tochter oder nicht?«

»Nein!«

»Du unterzeichnest Dein Todesurtheil!«

»Hätte ich nur meine Hände frei, so wollte ich etwas Anderes zeichnen, nämlich Euch, Ihr Schurken!«

»Ganz wie Du willst! Anstatt nachzugeben, beleidigst Du uns. Du sagst, daß wir gar nichts empfangen würden; aber wir werden uns wenigstens das nehmen, was Du bei Dir trägst. Sucht ihn aus!«

Der Lord sprang vom Boden auf, obgleich seine Hände gefesselt waren. Der Schiefäugige faßte ihn beim Arme; aber der Engländer schleuderte ihn von sich ab und trat ihm mit dem Absatze so auf den Unterleib, daß er zusammenbrach.

»Erstecht ihn! Erschießt ihn! Schlagt ihn todt!« erklangen die zornigen Rufe im Innern.

Da aber krachte die Thür unter den Kolbenstößen zusammen, und zehn geladene Läufe waren zu sehen.

Die Insassen der Hütte stießen einen mehrstimmigen Ruf des Schreckens aus; der Engländer aber sagte ruhig:

»Hm! Ja! So Etwas lag mir in den Gliedern. An das Ersäufen habe ich gar nicht geglaubt.«

Der Webel trat unter dem Schutze der Waffen seiner Leute herein. Er musterte die Anwesenden und sagte erstaunt:

»Du hier, Jacub Asir? Zu welchem Zwecke machst Du solche Spaziergänge?«

Diese Frage war an den sogenannten Ali Effendi gerichtet. Der Webel hatte gehört, daß die Leute sich der französischen Sprache bedienten, und seine Frage also auch in derselben ausgesprochen. Das ist gar nicht zu verwundern, da sich das tunesische Militär fast meist aus Franzosen rekrutirt. Der Engländer hatte die Frage verstanden.

»Jacub Asir?« rief er. »Ist das der Name dieses Mannes hier?«

»Ja,« bestätigte der Polizist.

»Er heißt nicht Ali Effendi?«

»Der? Das sollte er wagen! Will der Kerl etwa gar ein Effendi sein?«

»Ja. Mir gegenüber hat er sich für einen Juwelenhändler ausgegeben und sich Ali Effendi genannt.«

»Hund von einem Juden! Das wagst Du!«

»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!«

»Nicht? Ich brauche gar keinen Beweis! Du hast heut gelbe Pantoffel an und einen rothen Fez auf dem Schädel, elender Hallunke, wer erlaubt Dir, die Kleider eines Moslem zu tragen!«

»Es ist ein Versehen, ein reines Versehen!«

»Ein Versehen? Bei Dir ist so Etwas kein Versehen, sondern das Zeichen, daß Du irgend einen Streich ausgeführt hast. Und Ihr drei Hallunken, woher habt Ihr den Polizeirock? Euch Gauner kenne ich. Haben sich diese Menschen etwa für Polizisten ausgegeben?«

»Ja,« antwortete der Engländer. »Sie haben mich arretirt und hierher geschafft.«

»Weshalb?«

»Dieser Mann behauptet, ich hätte seine drei Töchter entführt.«

»Drei Töchter! Welch eine Bosheit, welch eine Lüge! Dieser jüdische Giaur hat gar keine Töchter, sondern er beherbergt Dirnen, welche er verkauft. Mit ihnen legt er seine Schlingen. Wir haben es längst gewußt; aber er war zu schlau, sich fangen zu lassen. Heut aber ist er uns in die Hände gelaufen, und wir werden ihn nicht wieder loslassen. Bindet ihn; bindet ihn zunächst mit demselben Stricke, mit welchem er diesen Mann gebunden hat.«

»Das dürft Ihr nicht! Das könnt Ihr nicht! Ich bin unschuldig!« jammerte der Jude.

»Gebt ihm Eins auf's Maul, wenn er nicht still ist! Und bindet auch die Anderen!«

Sie Alle betheuerten ihre Unschuld und brachten die unsinnigsten Beweise vor. Der Webel aber antwortete:

»Eure Ausreden helfen Euch nichts. Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, daß dieser Mann für jedes von drei Mädchen tausend Francs geben sollte, und weil er es nicht that, sollte er getödtet werden. Das ist mir genug. Wer aber bist Du?«

»Ich bin ein Engländer,« antwortete der Lord, an den diese Frage gerichtet war.

»Ein – Engländer? In dieser Kleidung?«

Man sah und hörte es ihm an, daß er es nicht glaubte.

»Er lügt, er ist kein Engländer,« rief der Jude, welcher hoffte, dadurch seine Lage zu verbessern.

»Kannst Du beweisen, daß Du einer bist?« fragte der Polizist.

»Ja.«

»Womit?«

»Das brauchen diese Kreaturen nicht zu wissen. Mein Name ist zu gut für sie. Komm mit heraus vor die Thür; so will ich es Dir beweisen. Vorher aber siehe Dir diesen Ring hier an.«

Er zog seinen Siegelring und gab ihm demselben zur Ansicht.

»O Allah!« rief der Mann. »Ein Diamant von solcher Größe! Du mußt reich, sehr reich sein, fast so reich wie der Engländer, welcher heut mit seiner Yacht im Hafen angekommen ist.«

»Wer sagte Dir, daß er so reich sei?«

»Zwei Männer im italienischen Hause, welche von ihm sprachen. Ich hatte ihnen ihre Pässe zu bringen.«

»Wohl Normann Effendi und Wallert Effendi?«

»Ja. Kennst Du sie?«

»Sie sind ja mit meiner Yacht gekommen. Ich bin jener Engländer, von dem sie gesprochen haben.«

»So bist Du wohl in incognito spazieren gegangen?«

»Ja, ich thue das sehr gern.«

»Nun, da bedarf es keiner Beweise weiter. Du bist recognoscirt und kannst gehen, wohin Du willst. – Alle tausend Teufel!« fügte er erschrocken hinzu, da ihm einfiel, daß er ja den Lord noch immer duzte. »Bitte um Verzeihung, Mylord! Ich war einmal in dieses dumme Du hineingerathen. Also Sie können gehen, doch bitte ich um das Versprechen, sich zu stellen, falls Sie Ihr Zeugniß gegen diese Bande ablegen sollen.«

»Ich werde mich stellen. Aber ehe ich gehe, will ich Ihnen doch ein kleines Andenken hinterlassen.«

Er zog seine Börse und gab einem jeden Polizisten ein Goldstück, dem Webel aber fünf. Sie starrten ihn an, eine ganze Zeit. Eine solche Generosität war ihnen noch niemals vorgekommen. Dann aber brach ein heller Jubel los. Der Anführer aber salutirte und rief mit Emphase:

»Ja, ja, Sie sind der Lord! Sie können kein Anderer sein! Nur ein Engländer, der mit einer Yacht spazieren fahrt, kann so ein Bakschisch geben! Allah gebe Ihnen ein Leben, zehntausend Jahre lang! Diese Hunde hier aber werden wir dahin bringen, wohin sie gehören. Sie werden sofort die Bastonade empfangen, und ich verspreche Ihnen, daß sie womöglich bereits früh beim Tagesgrauen gehenkt werden sollen!«

Das war nun freilich sehr überschwänglich, bewies aber einen außerordentlich guten Willen. Dieser schien auch schnell in Thaten überzugehen, denn als der Engländer sich nun entfernte, vernahm er noch eine längere Zeit hindurch aus der Hütte her laute Schmerzensschreie, welche jedenfalls nicht durch eine sehr zarte Behandlung der Gefangenen hervorgerufen wurden.

Am Seeufer blieb er stehen, blickte unschlüssig nach links und nach rechts, schüttelte brummend den Kopf und sagte zu sich selbst:

»Verteufelt, verteufelt! Das war eine fatale Geschichte! Ging mir bald an das Leben! Möchte nur wissen, wem ich diese Rettung zu verdanken habe! Na, ich werde es morgen erfahren und den Betreffenden belohnen. Wenn alle Entführungen in dieser Weise ablaufen, so können meinetwegen alle Harems zu Schwartenwurst zerhackt werden, ich beiße sicher nicht hinein! Jetzt aber will ich machen, daß ich nach Hause komme! Ich habe die Ruhe nöthig!«

Er wanderte dem Hafen entgegen. Bald aber blieb er stehen, schlug sich mit der Hand an die Stirn und sagte:

»Das geht aber nicht! Ich bin blamirt! Auf das Schiff kann ich nicht. Dort warten sie auf die drei Mädels, und wenn ich allein komme, so lachen sie mich aus! Ich werde also lieber nach dem italienischen Hause gehen.«

Er drehte sich um und schritt stracks der Stadt entgegen. Noch aber hatte er die ersten Häuser derselben nicht erreicht, so blieb er abermals kopfschüttelnd stehen.

»Verteufelt; verteufelt! Ist das eine dumme Geschichte! Dort darf ich mich auch nicht sehen lassen! Da habe ich diesem Master Wallert gegenüber mit der dreifachen Entführung so dick gethan. Und statt zu entführen, bin ich beinahe eingeführt, das heißt eingesteckt oder eingesperrt worden. Wallert hatte mit seiner Warnung Recht. So ein junger Mensch ist doch heut zu Tage gescheidter als ein Alter. Früher war das ganz anders. Da waren die Alten dümmer als wir Jungen. Also auf dem Schiff bin ich blamirt und im Gasthofe bin ich blamirt. Wo laß ich mich nun lieber auslachen, hier oder dort? Ich werde mir das doch ein Bischen überlegen. Vielleicht gehe ich weder auf die Yacht noch nach dem Gasthause. Hier ist ein schöner, breiter Fahrweg. Die Sterne funkeln so schön, viel heller als es heute in meinem Kopfe gefunkelt hat; die Luft ist so rein und lau. Ich gehe ein Bischen spazieren, damit ich auf andere Gedanken komme.«

Er befand sich auf der nach dem Bardo führenden Straße und schlenderte langsam auf derselben hin. Er stieß hier und da ein zorniges Brummen oder Knurren aus. Er war im höchsten Grade mit sich unzufrieden, bis ihm ein Gedanke kam:

»Ja, so ist es, so! Ich habe zu abgeschlossen gelebt und bin deshalb ein ganz dummer Kerl geblieben. Steinreich und seelensgut, aber unerfahren, ungewandt im Leben. Ich habe auf meinem Geldsacke gesessen und bin also nichts als eben auch ein alter Sack geworden, ohne geistige Proportion und intellectuelle Gliederung. Hols der Teufel! Das muß anders werden! Und was giebt es da für ein Mittel? Na, was denn anders als eine Heirath, so eine richtige Gemüthsheirath. Ich brauche eine Frau, welche mich derb in die Schule nimmt, die mir die Motten und Marotten gehörig ausklopft, aber das Alles in Liebe und mit Verstand, nicht etwa mit dem Besenstiel und dem Nudelholz. Es muß eine Frau sein, welche Einem mit Liebe um den Bart streicht, aber sich doch nicht fürchtet, wenn es nöthig ist, dem Manne einmal die Wahrheit auf der sanften Flöte vorzublasen. Nur auf dem Rumpelbasse darf sie mir nichts vorbrummen oder gar auf der Clarinette vorschmettern.«

In diesem Gedanken ging er weiter; er hing ihm nach, und zwar mit innerem Vergnügen, so daß er gar nicht auf die Gegend achtete, in welcher er sich befand. Und endlich blieb er stehen, erhob den Arm wie zum Schwur und rief so laut, als ob er sich vor einer zahlreichen Versammlung befinde, der er diesen Entschluß amtlich mittheilen müsse:

»Ja, hört es Alle, Alle: Ich heirathe, ja, ich heirathe!«

»Wen denn?« erklang es hart vor ihm.

Der Lord ließ den Arm erschrocken sinken. Aus dem Dunkel der Nacht tauchte eine männliche Gestalt vor ihm auf und trat zu ihr heran. Der Engländer hatte französisch gesprochen, der Andere auch, und doch trug dieser Letztere, wie der Erstere sah, orientalisches Gewand.

»Wer hat hier zu fragen?« meinte der Lord?

»Ich. Das hören Sie ja.«

»Freilich höre ich es. Aber mit welchem Rechte fragen Sie?«

»Nun, allerdings nur mit dem Rechte der Neugierde. Da Sie so laut ausschreien, daß Sie heirathen wollen, so wollte ich gern wissen, wen.«

»Das geht Sie nichts an.«

»Da haben Sie freilich Recht. Aber Sie tragen unsere Kleidung und sprechen doch französisch.«

»Sie ebenso.«

»Na ja. Ich bin nämlich ein Franzose.«

»Ich auch.«

»Halte es aber für besser, mich der hiesigen Tracht zu bedienen.«

»Ich ebenso.«

»Also sind wir Landsleute! Was sind Sie denn?«

»Schiffer.«

»Ah so! Matrose?«

Dem Lord war diese Antwort ganz zufällig in den Mund gekommen. Er hielt es nicht für nothwendig, die Wahrheit zu sagen. Darum erklärte er weiter:

»Matrose eigentlich nicht. Ich habe einen Kahn und rudere die Leute vom Hafen nach der Stadt.«

Er hatte sich während seines Spazierganges, um die Phantasie anzuregen, eine Cigarre angebrannt. Jetzt entfernte er die Asche, hielt sein Gesicht nahe an dasjenige des Unbekannten und that einige kräftige Züge. Dadurch wurde das Gesicht des Andern beleuchtet, während der Lord vorsichtiger Weise seine Hand so gehalten hatte, daß der spärliche Lichtschein nicht auf das seinige fallen konnte. Der Angeleuchtete trat rasch zurück und sagte in unwilligem Tone:

»Was thun Sie da?«

»Ich leuchte Sie an,« antwortete der Gefragte trocken.

»Das ist nicht nöthig.«

»O doch! Man will doch sehen, mit wem man spricht.«

Sein Ton war ein unbefangener, doch war das nur erkünstelt, denn er war eigentlich im höchsten Grade betroffen. Er hatte einen Menschen erkannt, welchem hier und in dieser ungewöhnlichen Stunde zu begegnen, eigentlich ein merkwürdiges Ereigniß war, nämlich den Derwisch Osman. Das eigenartige Gesicht desselben war gar nicht zu verkennen, obgleich er nicht die Kleidung der Derwische trug. Natürlich nahm der Lord sich in Acht, nicht selbst auch erkannt zu werden. Vielleicht war es möglich, etwas von ihm zu erfahren.

»Sie haben aber doch nichts davon, wenn Sie auch mein Gesicht sehen,« meinte der Derwisch. »Ich bin Ihnen doch unbekannt.«

»Freilich. Uebrigens habe ich Ihr Gesicht, trotzdem ich es erleuchtete, nicht sehen können. Eine Cigarre ist leider keine Fackel.«

»Zu welchem Zwecke spazieren Sie denn eigentlich hier herum?«

»Hm! Aus unglücklicher Liebe.«

»Was heißt das?«

»Na, sie mag mich nicht.«

»Ach so? Wer ist sie denn?«

»Die Tochter eines anderen Schiffers. Weil ich Christ bin, hat sie mir einen Korb gegeben.«

»Und nun laufen sie in finsterer Nacht herum und fangen Grillen? Das Hilft zu nichts.«

»Freilich, freilich! Was soll ich aber sonst fangen?«

»Es gäbe schon etwas Anderes zu fangen, wenn Sie nur wollten.«

»Was denn?«

»Ein Bakschisch, ein gutes Bakschisch.«

»Ein Schiffer ergreift jede Gelegenheit, ein Trinkgeld zu verdienen. Soll ich Sie irgend wohin rudern?«

»Nein. Es ist etwas Anderes. Haben Sie Zeit?«

»Wie lange?«

»Ein Stündchen ungefähr.«

»Wenn es nicht länger ist, so stehe ich zur Verfügung.«

»Schön. Aber ich muß vorher wissen, ob Sie verschwiegen sind.«

»Unsereiner muß das ja sein.«

»Gut, so kann ich Ihnen mein Geheimniß mittheilen.«

Er trat näher und sagte in vertraulichem Tone:

»Ich habe nämlich auch Eine.«

»Eine? Cigarre? So, so!«

»Unsinn! Ich meine eine Geliebte.«

»Ach so! Sie mag Sie wohl auch nicht?«

»Im Gegentheile, sie mag mich; aber es hat dennoch seine Schwierigkeiten. Sie ist nämlich auch Muhammedanerin. Vom Heirathen kann natürlich da keine Rede sein; aber so ein Bischen tandein und schameriren – Sie verstehen mich?«

»Sehr gut.«

»Sind Sie Frauenliebhaber?«

»Und ob!«

»So bin ich vielleicht im Stande, Ihnen Trost und Ersatz zu bieten. Nämlich die Meinige ist in einem Harem.«

»Donnerwetter!«

»Es sind eine ganze Menge der allerschönsten Mädchens da. Das wäre wohl auch etwas für Sie!«

»Ich bin auf der Stelle dabei, auf der Stelle!«

»Die Schöne hatte mich für heute bestellt. Ich sollte über die Mauer steigen und in den Garten kommen. Ich stellte mich auch ein, vor einer halben Stunde. Aber denken Sie sich mein Pech: Die Mauer war zu hoch!«

»Das ist allerdings sehr dumm!«

»Nun sitzt sie drinnen im Gartenhause und ich bin hausen. Ich mußte gehen und traf da glücklicher Weise auf Sie. Sie sind ungewöhnlich lang.«

»Ah, ich verstehe!«

»Ja. Wenn ich Ihnen auf die Schulter steige, so kann ich ganz gut hinüber. Wollen Sie mir helfen?«

Der Lord vermuthete natürlich, daß es sich nicht um ein Liebesabenteuer, sondern um irgend eine Schurkerei handle. Er freute sich außerordentlich, den Schuft hier getroffen zu haben und von ihm zum Vertrauten gewählt zu werden. Doch hielt er es für klug, sich dies nicht merken zu lassen, sondern die Einwilligung vielmehr zögernd zu geben. Darum antwortete er:

»Hm, etwas Angenehmes ist es nicht.«

»Wieso?«

»Ich helfe Ihnen hinüber und während ich dann auf Sie warten muß, befinden Sie sich da drin im Gartenhause im siebenten Himmel. Das ist ärgerlich.«

»Ah, Sie verlangen auch ein Stück Himmel?«

»Natürlich.«

»So sehr natürlich ist das nun freilich nicht. Die Meinige ist bestellt. Aber Sie weiß doch nicht, daß ich Sie mitbringe. Wie kann da noch eine Zweite da sein! Uebrigens werden Sie ja für das Warten entschädigt. Denken Sie doch an das Trinkgeld, welches ich Ihnen versprochen habe!«

»Ach so! Ja, das ist wahr. Wie viel bieten Sie?«

»Wie viel verlangen Sie für die Stunde?«

»Das möchte ich lieber Ihnen überlassen.«

»Gut. Ich gebe zwei Franken.«

»Zwei? Donnerwetter, müssen Sie da reich sein. Ich wollte einen halben Franken verlangen.«

»So sehen Sie also, daß ich sehr gut bezahle. Nun sagen Sie, ob Sie einwilligen.«

»Ja, natürlich! Zwei Franken! Da mache ich mit. Und wenn Sie mir gar versprechen, daß ich so Eine aus dem Harem bekommen soll, da gehe ich durch das Feuer.«

»Sie sollen Eine haben, aber für heute ist es nicht möglich. Sie müssen warten bis morgen; da gehen wir zusammen wieder hin.«

»Einverstanden. Aber nun sagen Sie mir auch, wer und was Sie sind, da Sie es ja von mir wissen.«

»Das ist eigentlich nicht nöthig. Bei Haremsliebschaften giebt es immer Gefahr, und da ist es besser, wenn man sich gar nicht kennt. Uebrigens bin ich nicht hier wohnhaft. Ich bin Tourist und nehme dieses kleine Abenteuer mit, um eine Erinnerung an Tunis zu haben. Diese einheimische Kleidung habe ich natürlich nur angelegt, um nicht als Ausländer erkannt zu werden, wenn man mich ertappt und ich also zur Flucht gezwungen sein sollte.«

»So sind Sie eigentlich wohl ein vornehmer Herr?«

»Ja. Doch kommen Sie!«

»Wird die Schöne denn bis jetzt gewartet haben?«

»Gewiß. Sie hat mir versprochen, eine volle Stunde auf mich zu warten. Aber wie kommen Sie als Franzose dazu, hier auf dem See Bahira Kahnführer zu sein? Das ist doch eigentlich befremdend.«

»Ganz und gar nicht! Es giebt ja Franzosen hier wie Sand am Meere.«

»Das ist freilich wahr. Folgen Sie mir!«

Er schritt voran, von der Straße links ab.

Da lagen die dunklen Massen eines umfangreichen Gebäudes oder vielmehr eines ganzen Complexes von Häusern. Es fuhr dem Engländer durch den Sinn, ob dies vielleicht der Bardo sein möge, die Residenz des Bey von Tunis.

Der Derwisch führte ihn an der tiefen Seitenfläche dieser Gebäude hin, dann eine lange, lange Mauer entlang und, als diese zu Ende war, rechts um die Ecke derselben eine bedeutende Strecke hin. Dann blieb er stehen, deutete empor und sagte leise:

»Hier ist die Stelle. Grad hier liegt hinter der Mauer das Gartenhaus.«

Der Lord blickte an der Mauer empor und sagte dann:

»Ja, Sie allein können da nicht hinüber. Wenn Sie aber auf meine Achseln steigen, so ist es leicht.«

»Dazu habe ich sie eben mitgenommen.«

»Jetzt aber sehe ich, daß ich eigentlich nicht zu warten brauche, bis Sie zurückkommen.«

»Warum nicht?«

»Die Mauer ist ja gar nicht so hoch, daß Sie mich auch nachher brauchen. Sie können ganz gut herabspringen.«

»Denken Sie? Ah, das ist köstlich! Hören Sie, guter Freund, mit besonderer Weisheit und Pfiffigkeit sind Sie wohl nicht ausgerüstet?«

»Was soll das bedeuten?«

»Nun, es gehört doch gar nicht viel Gehirn dazu, um einzusehen, daß ich Sie brauche, um auch von drüben auf die Mauer kommen zu können.«

»Ach so! Das ist ja wahr. Drüben können Sie doch auch nicht allein hinauf.«

»Also! Sie müssen mit hinüber in den Garten.«

»Aber wie ist das möglich? Wenn ich Ihnen hinauf geholfen habe, kann ich doch nicht auch hinauf. Dazu bin ich nicht lang genug.«

»Da habe ich ein gutes Mittel bei mir. Eine Leiter kann ich nicht mit mir schleppen. Ich hatte gehofft, eine schadhafte Stelle der Mauer zu treffen, wo das Emporklettern möglich sein werde. Leider aber war dies nicht der Fall. Um aber für sonstige Eventualitäten ausgerüstet zu sein, nahm ich wenigstens einen Strick mit. Ich habe ihn mir um die Hüften gebunden. Sie helfen mir hinauf und nehmen dann das eine Ende des Strickes fest in die Hände. Ich klettere drüben an demselben hinab und halte dann so fest, daß Sie hier hinaufklettern und drüben hinabspringen können. Ganz auf dieselbe Weise kommen wir später wieder herüber. Nun werden Sie einsehen, daß Sie mit hinüber müssen, weil ich sonst ja gar nicht wieder heraus könnte.«

»Aber Sie haben da eine Tasche mit, wie ich sehe!«

»Es stecken einige Geschenke für die Geliebte drinnen Also, wollen wir beginnen?«

»Ja. Ich werde die Hände hinten falten und Sie treten da hinein, dann auf die Achseln. Kommen Sie!«

»Da muß ich Ihnen meine Tasche zum Halten geben. Ich ziehe sie dann an dem Stricke empor. Aber seien Sie höchst vorsichtig damit. Es sind einige Kleinigkeiten drin, welche sehr leicht zerbrechen. Ich würde sonst beschämt sein, denn zerbrochene Dinge macht man nicht zum Geschenk.«

Er setzte die Tasche höchst leise und vorsichtig auf die Erde, stieg dann dem Engländer auf die Hände, welche dieser fest zusammenhielt und von da auf die Achseln desselben. Nun befand er sich so hoch, daß die obere Kante der Mauer ihm nicht ganz bis an die Brust reichte. Es war ihm also sehr leicht, hinaus zu kommen. Er setzte sich rittlings oben fest und sagte:

»Jetzt binde ich mir den Strick von der Taille und lasse ihn hinab, damit Sie die Tasche daran befestigen.«

Der Lord hatte dieselbe schon ergriffen; es galt ja, zu erfahren, was sich in derselben befand. Sie hatte keinen Bügel, sondern war oben offen. Er griff hinein und fühlte einen ziemlich langen und starken Holzbohrer, einen runden Wickel, den er für eine Rolle feinen Drahtes hielt, mehrere Nadeln von der Gestalt der Haarnadeln, nur länger und auch stärker, eine Blechkapsel in Form einer viereckigen und kaum einen Zoll hohen Schachtel und noch einige Gegenstände, über deren Natur und Zweck er nicht so schnell klar werden konnte.

»Na, da kommt der Strick,« flüsterte es von oben herab. »Befestigen Sie ihn an die Henkel. Aber sehr vorsichtig, damit Sie mir um Gotteswillen nichts zerbrechen.

Der Inhalt der Tasche mußte von sehr großer Wichtigkeit sein, da der Derwisch gar so sehr ängstlich war. Der Lord that so, wie ihm befohlen worden war. Die Tasche wurde emporgezogen und dann meinte der Derwisch:

»Da haben Sie den Strick wieder! Halten Sie ihn fest, ich klettere daran hinab. Wenn Sie dann merken, daß ich drüben fest halte, klettern Sie hinauf.«

So geschah es. Nach weinigen Augenblicken schon saß der Lord oben. Am Stricke hinabzuklettern, war ihm freilich nicht möglich, da er ihn ja nun fallen lassen mußte. Er legte sich quer mit dem Vorderleibe auf die Mauer, die Beine nach dem Garten gerichtet, rutschte langsam tiefer, bis er nur noch mit den Händen an der Mauerkante hing, und ließ sich dann fallen. Es war ein Sprung von nicht zwei Ellen Höhe; er erreichte den Boden ganz glücklich.

»Da bin ich,« sagte er. »Was nun weiter?«

»Weiter nichts, als daß Sie hier warten, bis ich wiederkomme. Ich gehe hier in den Kiosk.«

Der Kiosk, zu deutsch Gartenhaus, stand ganz in der Nähe. Man konnte ihn trotz der Dunkelheit deutlich sehen. Da er nicht hoch war und von einigen dicht belaubten Bäumen beschattet wurde, hatte der Lord ihn von außerhalb nicht bemerken können, trotzdem das kleine Gebäude sich nicht weiter als nur zehn Schritte von der Mauer befand.

»Steckt sie denn drin?«

»Ja.«

»Da hätte sie ja herkommen können!«

»Sie hat gar nicht bemerkt, daß ich komme.«

»Hm! Wenn ich sie mir doch einmal ansehen könnte!«

»Was Ihnen einfällt! Eine Haremsbewohnerin läßt sich doch nur von dem Geliebten ansehen. Morgen oder übermorgen, wenn wir wiederkommen, können Sie die Ihrige betrachten, die sie mitbringen wird.«

»Ja, wenn Sie wirklich Eine mitbringt!«

»Dafür werde ich sorgen.«

»Schön! Halten Sie Wort!«

»Was ich verspreche das halte ich auch. Also bleiben Sie hier stehen, und seien Sie vorsichtig, daß Sie nicht etwa erwischt werden!«

»Sapperment! Es wird doch Niemand kommen!«

»Es giebt allerdings Gartenaufseher hier, doch glaube ich nicht, daß es einem von ihnen einfallen wird, die Runde zu machen. Sollte dennoch Jemand kommen, so legen Sie sich auf den Boden nieder, um nicht gesehen zu werden. Bedenken Sie, wenn man Sie erwischt, so kann auch ich nicht wieder hinaus!«

Er schlüpfte mit unhörbaren Schritten fort. Der Lord lauschte ein kleines Weilchen. Die tiefe, nächtliche Stille blieb von keinem Laute gestört.

»Sonderbares Abenteuer!« dachte er. »Dieser Hallunke hat kein Mädchen da drin. Er bezweckt etwas ganz Anderes. Wozu hat er den Bohrer? Wozu sind Draht und Nadeln bestimmt? Was befindet sich in der Blechkapsel? Ich werde doch nicht hier stehen bleiben, sondern einmal lauschen. Vielleicht bemerke ich Etwas. Aber ich werde sehr vorsichtig sein müssen.«

Er legte sich auf den Boden nieder und kroch auf Händen und Füßen nach dem Gebäude hin. Dort angekommen, lauschte er mit angestrengtem Gehör, aber ohne allen Erfolg. Er befand sich an der Hinteren Seite des kleinen Gebäudes, welches nur aus Holz bestand. Sollte er um die Ecke kriechen, um den Eingang zu erreichen? Nein, das durfte er nicht. Der Derwisch hätte ihn bemerken können und dann seinerseits Argwohn gefaßt. Er blieb also liegen. Und das war gut, denn nach einiger Zeit vernahm er grad da, wo sich sein Kopf befand, ein leises, eigenthümliches Geräusch. Es war jedenfalls mit dem Bohrer verursacht. Er legte das Ohr an die Stelle, und hielt dann die Hand daran. Nichtig! Jetzt fühlte er die Spitze des Instrumentes, welche diesseits durch das Holz drang. Der Derwisch hatte ein Loch gebohrt.

Zu welchem Zwecke? fragte sich der Lord.

Der Bohrer wurde zurückgezogen, und als der Engländer von Neuem und vorsichtig tastete, fühlte er, daß der ihm bekannte dünne Draht erschien und von dem Derwisch durch das Loch gesteckt wurde. Dieser Letztere schob so lange von innen, bis sich viele Ellen des Drahtes außen befanden, dann hörte er auf.

»Eine Drahtleitung!« sagte der Lord zu sich. »Wozu? Hat er etwa eine gefährliche Absicht? Ich muß aufpassen.«

Er lauschte wieder. Da vernahm er leise Schritte. Der Derwisch hatte den Kiosk verlassen. Der Lauscher hatte kaum Zeit, einige Schritte weit zurückzukriechen, so war der Andere bereits da, um an der Stelle, wo sich das Loch befand, niederzukauern. Was er da that, konnte der Lord nicht sehen.

Nach einigen Minuten schlich sich der Derwisch wieder in das Gebäude zurück. Schnell kroch der Engländer hin und untersuchte die Stelle mit den Fingern. Der Draht war nieder zur Erde gelenkt und da mit Hilfe einer der erwähnten Nadeln festgesteckt worden. Er hatte von da aus dann eine genügende Länge, um bis zur Mauer und über diese hinweggeführt zu werden.

»Jetzt errathe ich, was er will,« dachte der Lord. »Dieser Mensch will das Gartenhäuschen in die Luft sprengen. Aber auf welche Weise? Der Sprengstoff befindet sich jedenfalls in der Kapsel. Der Draht aber ist doch keine Lunte; er brennt nicht. Sollte es mit Elektrizität geschehen? Aber ein Derwisch und Elektrizität! Das paßt ja gar nicht zusammen. Was will ein solcher Kerl davon verstehen!«

Es war sehr gut, daß er aufmerkte, denn nach bereits sehr kurzer Zeit kam der Genannte wieder und setzte seine heimliche Arbeit fort. Der Engländer war schnell zurückgewichen, blieb ihm aber, immer auf der Erde liegend, so nahe, daß er ihn so leidlich beobachten konnte, wenn er auch nicht die einzelnen Bewegungen zu sehen vermochte. Richtig! Der Beobachtete befestigte den Draht an mehreren Stellen bis hin zur Mauer in den Boden. Jetzt war es für den Lord Zeit, sich zurückzuziehen. Er kroch an der Mauer entlang bis hin zur Stelle, wo er hatte warten sollen. Es war nicht weit dorthin. Nach kurzer Frist kam der Derwisch.

»Nun, haben Sie etwas Verdächtiges bemerkt?« fragte er.

»Nein. Es ist Niemand gekommen. War sie da?«

»Ja. Sie hatte eben fortgehen wollen. Sie hatte bereits sehr lange gewartet und konnte nicht länger bleiben. Darum bin ich so rasch wieder da.«

»Haben Sie mit ihr von mir gesprochen?«

»Ja. Ich mußte ihr erzählen, auf welche Weise ich über die Mauer gekommen war.«

»Nun, wie steht es?«

»Gut. Sie bringt Eine mit.«

»Wann?«

»Morgen Abend. Wir sollen um Mitternacht kommen.«

»Das ist gut. Das giebt Ersatz für die Andere, die so dummer Weise mich nicht mag. Gehen wir?«

»Noch nicht gleich. Wir haben noch Etwas zu thun. Nämlich dieses gescheidte Mädchen hatte einen sehr guten Gedanken. Das Aufeinandersteigen ist gefährlich. Es giebt eine bessere Weise, über die Mauer zu kommen, nämlich mit einer Strickleiter.«

»Was hilft es uns, wenn wir eine Strickleiter mitbringen? Wir müßten doch herüber, um sie zu befestigen. Und wenn wir einmal herüber sind, so brauchen wir sie ja nicht. Das ist klar.«

»O, nicht wir, sondern die Mädchen werden die Leiter befestigen.«

»Ach so? Wir werfen sie ihnen herüber?«

»Nein. Ich habe da so ein Stückchen ganz dünnen Draht, um ihn in den Mauerritzen feststecken zu können. Diesen Draht führen wir hier an der Mauer empor und drüben wieder hinab. Verstanden?«

»Hm! Ja.«

»Das klingt ja recht bedenklich.«

»Es ist mir Einiges nicht klar. Wir sollen draußen die Strickleiter an den Draht befestigen?«

»Ja. Die beiden Mädchen ziehen sie dann an demselben zu sich herüber.«

»Aber der Draht steckt ja fest.«

»Blos einstweilen. Die Nadeln werden natürlich entfernt, wenn wir ihn gebrauchen. Jetzt aber müssen wir ihn anstecken, weil er doch nicht lose über die Mauer gelegt werden kann, da man ihn sonst ja leicht bemerken könnte. Verstehen Sie das nun?«

»Ja, jetzt ist mir die Sache klar.«

»So kommen Sie. Ich habe bereits eine Probe gemacht. Einige Schritte von hier geht es am Besten.«

Warum es Draht sein mußte, und warum dieser nicht hier, sondern grad dort, einige Schritte entfernt, befestigt werden mußte, das vergaß er zu erklären. Er hielt seinen Begleiter für dumm. Er hatte ihn heute nothwendig gebraucht, morgen brauchte er ihn nicht mehr, denn da war ja bereits geschehen, was er beabsichtigte. Wenn dieser dumme Mensch nur bis dahin schwieg, so war ja Alles gut, so unglaublich auch das Märchen war, welches er ihm erzählte.

*

15

Jetzt wurde der Draht an der Mauer emporgezogen, mit einigen Nadeln in die Ritzen befestigt, und dann stiegen sie empor, um ihn drüben herabzulassen und abermals anzustecken. Er war so dünn, daß er allerdings nicht leicht bemerkt werden konnte, selbst am Tage nicht. Hinauf und drüben hinab kamen sie natürlich auf dieselbe Weise, wie sie vorher in den Garten gelangt waren. Die Tasche bekam der Engländer jetzt nicht mehr in die Hand.

»So!« meinte der Derwisch, als sie fertig waren. »Jetzt haben wir unsere Vorbereitungen getroffen und können gehen. Morgen kommen wir wieder.«

Der Lord folgte einer augenblicklichen Eingebung. Er zog sein Klappmesser aus der Tasche, machte es auf und steckte es mit der Klinge in eine Mauerspalte, um die Stelle sicher finden zu können. Er nahm sich vor, nach dem italienischen Hause zu gehen und Normann und Wallert herzuführen. Das Messer sollte dann in der Finsternis; als Zeichen dienen, daß sie sich an der richtigen Stelle befanden. Während er dem jetzt fortschreitenden Derwisch folgte, fragte er im Anschlusse an dessen letzte Worte:

»Wo aber treffen wir uns?«

»Nicht hier hinten. Wenn Einer auf den Andern da wartet, kann man leicht merken, daß da Etwas geschehen soll. Ich werde Ihnen die Stelle zeigen. Kommen Sie.«

Sie kamen um die Ecke und kehrten an der Mauer entlang in der Richtung nach der Straße zu zurück, dort angekommen, erkundigte sich der Derwisch:

»Setzen Sie nun Ihren phantastischen Spaziergang fort, oder gehen Sie nach Hause?«

»Das Letztere.«

»Also gehen Sie nach rechts, der Stadt zu. Da haben wir den gleichen Weg und können noch einige Augenblicke zusammen bleiben. Folgen Sie mir! Natürlich werden Sie zu Niemand Etwas von unserm Abenteuer sagen!«

»Keinem Menschen!«

»Das erwarte ich ganz bestimmt. Es wird Sie freuen, morgen Abend ein schönes Mädchen aus dem Harem in Ihren Armen halten zu können. Dabei wiederhole ich, daß es für unsere eigene Sicherheit und auch in jeder andern Beziehung am Allerbesten ist, daß wir uns gar nicht kennen. Darum habe ich Ihnen meinen Namen und meine Wohnung nicht genannt und frage auch Sie nicht nach den Ihrigen. Es genügt, daß wir einen Ort bestimmen, an welchem wir uns kurz vor Mitternacht treffen.«

Sie waren indessen schnell vorwärts gegangen. Sie kamen an dem Hause vorüber, welches Ibrahim Pascha gemiethet hatte und in welchem auch der Derwisch wohnte. Das wollte dieser aber nicht merken lassen. Darum führte er seinen Begleiter schweigend weiter bis zu der Wasserleitung, die selbst in ihren Resten noch Zeugniß giebt von der Großartigkeit der Unternehmungen früherer Jahrhunderte. Da blieb er stehen und sagte:

»Jetzt wollen wir uns trennen. Hier unter diesem Mauerbogen, unter welchem wir stehen, wollen wir uns treffen. Ist es Ihnen so recht?«

»Natürlich,« antwortete der Lord, welcher sehr wohl wußte, daß er ihn hier vergebens erwarten würde.

»So sollen Sie jetzt die verabredete Bezahlung erhalten.«

Er griff in die Tasche. Während er nach dem passenden Gelde suchte, war es, da keiner von Beiden sprach, still, und daher kam es, daß sie ein Geräusch hörten, welches sich ihnen aus der Richtung des erwähnten Hauses näherte. Es waren die Schritte zweier Personen.

»Es kommen Leute!« flüsterte der Derwisch. »Man braucht uns nicht zu sehen. Verhalten Sie sich ruhig und drücken Sie sich an die Mauer, bis sie vorüber sind!«

»Ducken wir uns lieber ganz nieder. Das ist besser.«

Sie kauerten sich nieder. Die beiden Männer kamen, sich halblaut unterhaltend, und zwar, wie der Lord zu seinem Erstaunen hörte, in deutscher Sprache. Auch die Stimmen kamen ihm bekannt vor. Er horchte gespannt auf.

»Jetzt kann man sich wieder eine Cigarre anbrennen,« sagte der Eine. »Hast Du Feuer?«

»Ich, gleich – da!«

Ein Wachshölzchen blitzte auf und beleuchtete die Gesichter der Beiden, welche kaum zehn Schritte entfernt von den zwei Verborgenen stehen geblieben waren. Was der Lord bei dem Klange ihrer Stimmen vermuthet hatte, wurde jetzt zur Gewißheit; er erkannte Normann und Wallert. Von ihnen hatte er nichts zu befürchten, doch um des Derwisches willen blieb er ruhig. Dieser war bei dem Anblicke der Gesichter zusammengezuckt.

»Allah, Allah!« entfuhr es ihm. »Diese Kerls, diese –«

Er hatte es zwar nicht laut gesagt, aber Normann drehte sich doch um und fragte:

»Hörtest Du?«

»Was?«

»Mir war es, als ob hier Jemand gesprochen hätte.«

»Pah! Die Luft streicht durch den Mauerbogen. Komm, gehen wir!«

Sie entfernten sich langsam nach der Stadt zu. Jetzt fuhr der Derwisch aus seiner kauernden Stellung aus und sagte:

»Ist das wahr? Kann das wahr sein?«

»Was?«

»Ich meine diese beiden Männer.«

»Kennst Du sie?«

»Ja. O, nur zu gut.«

»Es sind Europäer.«

»Ja, Europäer und die größten Hallunken, welche es giebt. Sie sind hier in Tunis! Sie waren hier bei – – ah, was thun sie grad hier an dieser Stelle? Ich muß das wissen. Ich muß wissen, wohin sie gehen, wo sie wohnen. Ich muß ihnen nach, gleich, sofort!«

Er befand sich in einer solchen Aufregung, daß er dem Lord gegenüber gar nicht daran dachte, daß er ja vorsichtig sein müsse. Er that zwei, drei rasche Schritte vorwärts, blieb aber wieder stehen und sagte:

»Aber sie waren da, sie waren hier! Was haben sie gewollt? Wie haben sie es erfahren? Ist etwa gar Etwas geschehen? Ich muß das wissen, das ist noch viel nothwendiger. Hölle und Teufel! Was mache ich? Ich muß ihnen nach und muß doch auch – – in das Haus!«

Er stieß das in fliegender Eile hervor. Da kam ihm ein Gedanke. Er fragte:

»Zwei Francs haben Sie sich bereits verdient. Wollen Sie sich noch zehn weitere verdienen?«

»Wenn ich kann, ja. Zehn Francs! Das ist ja ein richtiger Reichthum für mich!«

»Gut. Folgen Sie diesen beiden Männern heimlich nach. Ich muß nämlich wissen, wo sie wohnen.«

»Das werde ich gern thun. Soll ich sie fragen?«

»Dummheit! Mensch, Sie sind doch noch viel dümmer als ich dachte! Die Zwei dürfen gar nicht ahnen, daß Sie hinter ihnen sind.«

»Schön! Wann soll ich Ihnen Bericht erstatten? Wohl morgen Abend, wenn wir uns hier treffen?«

»Nein, ich muß es gleich wissen, gleich!«

»So werden Sie mir doch Ihre Wohnung sagen müssen.«

»Das ist nicht nöthig, Sie kommen hierher. Ich erwarte Sie hier. Bin ich noch nicht da, so warten Sie, bis ich komme. Aber lassen Sie es Ihnen nicht merken!«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»So laufen Sie; laufen Sie! Fort, fort!«

Er schob den Lord vorwärts. Dieser ging, aber als er sich so weit entfernt hatte, daß er von ihm nicht bemerkt werden konnte, blieb er stehen und brummte.

»Verteufelt, verteufelt! Was thue ich? Ich wollte doch dem Kerl nachschleichen, um zu erfahren, wo er sich aufhält. Und nun jagt er mich fort. Was thue ich. Diese Zwei finde ich ja sicher, aber ihn – – Donnerwetter! Ich bin wirklich so dumm, wie er sagte! Er will ja in das Haus. In welches, das weiß ich nicht. Aber er hatte es so eilig und steht ganz gewiß nicht mehr dort unter dem Bogen, um sich von mir belauschen zu lassen. Es ist also doch am Besten, ich laufe den Beiden nach.«

Das that er. Als er sie erreichte, traten Sie zur Seite. Sie hatten seine eiligen Schritte gehört und wollten ihn vorüber lassen. Er aber blieb stehen und sagte lachend:

»Halt, Kerls! Heraus mit dem, was Ihr habt! Das Geld oder das Leben!«

»Was der Teufel!« antwortete Normann. »Der Lord!«

»Wirklich! Der Lord!« fiel Wallert ein. »Wo um aller Welt willen kommen Sie denn her?«

»Wenn ich es Ihnen sage, werden Sie staunen.«

»Wohl von der berühmten Entführung der drei Mädchen?«

»Nein. Die ist leider verunglückt, dafür aber ist mir etwas Anderes desto besser gelungen. Rathen Sie, wen ich getroffen habe!«

»Das wäre Zeitverschwendung. Sagen Sie es selbst!«

»Den Derwisch.«

»Den? So!«

Das klang gar nicht etwa sehr überrascht; darum zürnte der Lord:

»Den? So? Das ist Ihre ganze Antwort?«

»Was sollen wir denn sagen?«

»Die Hände über den Kopf zusammenschlagen sollen Sie vor Verwunderung!«

»Fällt uns nicht ein.«

»Nicht! Sapperment! Ich finde den Kerl, den wir so eifrig suchen, und das ist Ihnen so gleichgiltig!«

»Was ist das weiter! Wir haben noch weit mehr gefunden.«

»So? Was denn?«

»Das ganze Nest, den Pascha mit den Mädchen.«

»Alle Teufel! Wo denn?«

»In dem Hause da hinter der Wasserleitung.«

»Sapperment! Da, also da wohnt er! Also darum sagte er, daß er in das Haus müsse!«

»Wer?«

»Der Derwisch. Er hat Sie gesehen.«

»Doch nicht!«

»Ja. Ich stand dabei. Er wollte Ihnen nach, besann sich aber anders und schickte mich Ihnen nach. Ich soll zehn Francs erhalten, wenn ich ihm sage, wo Sie wohnen.«

»Sie schickt er uns nach, Sie?«

»Ja; ich sage es doch!«

»Das ist freilich wunderbar! Er kennt Sie doch!«

Er hat mich nicht erkannt; es war zu dunkel dazu, und ich trage ja türkisches Habit. Ach, ich habe ein Abenteuer erlebt; ich habe mich so klug verhalten! Sie werden staunen, im höchsten Grade staunen!«

»So kommen Sie und erzählen Sie.«

»Gern. Aber vorher sagen Sie mir, was Sie hier vor der Stadt wollen, so spät in der Nacht.«

»Wir sind eben im Garten des Pascha gewesen.«

»Wie, im Garten des Pascha!? Haben Sie Jemand gesehen?«

»Nicht nur gesehen, sondern sogar gesprochen.«

»Die Damen etwa? Tschita und Zykyma?«

»Ja.«

»Das müssen Sie mir erzählen! Rasch, schnell.«

»Sie sollen es natürlich hören. Vielleicht aber ist es nothwendig, daß Sie uns vorher Ihr Erlebniß erzählen. Also kommen Sie, und berichten Sie es uns, indem wir nach der Stadt gehen.«

»Nach der Stadt gehen wir nicht. Wir müssen anderswo hin. Aber hier auf der Straße dürfen wir nicht bleiben, sonst könnte dieser Hallunke es merken. Gehen wir also hier links ab. Ich werde Ihnen gleich erklären, warum dies nothwendig ist. –«

Die beiden Freunde hatten nur die Absicht gehabt, sich über die Lage des Hauses zu unterrichten, in dem die beiden Mädchen abgeschlossen gehalten wurden. Aber als sie es erreicht hatten, war es ihnen doch nicht möglich gewesen, sogleich wieder umzukehren.

»Gehen wir einmal rund herum?« fragte Wallert.

»Ja, meinetwegen. Aber ganz leise, damit der Wächter uns nicht hören kann.«

Das Haus lag mitten in einem Garten und zwar Etwas von der Straße ab. Außerhalb des hohen, dichten Heckenzaunes, der den Garten umschloß, gab es weiches, unbebautes, mit Gras bewachsenes Land. Die Grasnarbe machte die Schritte der Beiden unhörbar.

Indem sie um das Grundstück herumgingen, konnten sie zwar über den Zaun hinüberblicken, aber, da dieser sehr hoch war, nur das Dach des Hauses sehen. Der Heckenzaun war zweimal unterbrochen, vorn am Eingange durch ein hohes und starkes, hölzernes Thor, und auf der hintern Seite durch ein schmales Lattenpförtchen. Als sie dieses Letztere erreichten, untersuchte Normann die Festigkeit desselben.

»Man könnte diese Latten mit geringer Kraftanwendung losreißen,« sagte er; »aber leider würde das Lärm verursachen.«

»Willst Du denn hinein?«

»Hm, wenn es möglich wäre, ohne bemerkt zu werden, dann ja. Denke Dir, dort steckt Tschita, und hier stehe ich! Giebt es da Etwas zu erklären?«

»Freilich nicht. Mir geht es ja ganz ebenso. Aber der Wächter! Vielleicht befindet er sich grad hier in der Nähe.«

»Das ist nicht zu erwarten. Der Harem liegt, wie wir gehört haben, dort an der Giebelseite, die nach der Stadt gekehrt ist. Dort also wird er sich aufhalten.«

»Dann könnte man vielleicht Etwas wagen.«

»Ja, wenn nur diese Latten – na, man könnte ja darüber klettern; aber es kracht, und da – Ah!«

»Was giebt es?«

»Da fühle ich den Verschluß. Es ist kein Schloß.«

»Nicht? Was denn?«

»Ein ganz einfacher Holzriegel.«

»Herrlich! Da gehen wir natürlich hinein!«

»Versteht sich. Wollen aber versuchen, wie es mit den Angeln steht. Vielleicht kreischen sie.«

Er griff zwischen den Latten hinein und entfernte den Riegel; dies gelang ohne alles Geräusch. Aber als er dann die Thür versuchsweise leicht bewegte, da knarrte sie laut.

»O weh!« klagte Normann. »Das ist fatal!«

»Ach was, fatal. Was kümmern wir uns um den Wächter. Wenn er kommt, nun, so werden wir uns schon zu helfen wissen.« Wallert machte dabei eine handgreifliche Bezeichnung.

»Das werden wir hübsch bleiben lassen. Ja, wenn wir die Damen fortholen und es träte uns da der Wächter entgegen, dann bin ich auch Deiner Ansicht; so weit aber sind wir ja nicht.«

»Wir können aber leicht so weit kommen. Ich habe große Lust, sie sofort herauszuholen. Was sagst Du dazu?«

»Ich habe nicht weniger Lust dazu als Du. Wir könnten sie ja sofort nach der Yacht schaffen. Aber das ist leichter gesagt als gethan. Recognosciren wir einmal. Wir dürfen die Thür nur höchst langsam öffnen, ein halber Zoll nach dem Andern; dann ist das Geräusch nicht so bedeutend.«

»Das dauert aber zu lange. Ich habe zuweilen versucht, kreischende Thüren geräuschlos zu öffnen, und es ist mir damit gelungen, daß ich mit einem einzigen, plötzlichen Rucke aufmachte, also so!«

Er ergriff die Thür. Er wollte es nur erklären, aber in dem Verlangen, hinein zu kommen, that er es auch; er schob die Thür rasch und kräftig auf. Es gab zwischen den Angeln einen schrillen, pfeifenden, weithin dringenden Laut. Beide erschraken und Wallert klagte:

»Das ist dumm! Nun ist's aus; wir müssen fort!«

»Nein, grad nicht. Schnell hinein!«

Er schob den Freund in den Garten, machte die Thür unter ganz demselben Geräusch zu, schob den Riegel vor und zog dann Wallert schnell eine ganze Strecke mit sich fort, längs des Zaunes hin.

»So!« flüsterte er. »Jetzt nun wieder in das Gras und so eng in den Zaun hineingeschmiegt, wie es möglich ist!«

Sie hatten sich kaum niedergelegt, so nahten Schritte.

»O weh! Er kommt!« flüsterte Wallert.

»Ich dachte es mir. Jetzt nun vor allen Dingen Glück.«

Der Wächter ging an ihnen vorüber und zwar so nahe, daß sie ihn hätten bei den Beinen fassen können. Er begab sich nach der Thür, um sie zu untersuchen. Sie hörten ihn brummen. Er fand sie verriegelt; er konnte sich die Sache nicht recht erklären, und es dauerte lange, ehe er sich beruhigte und dann langsam nach der Giebelseite des Hauses zurückkehrte.

»Gott sei Dank,« meinte Wallert. »Das war gewagt!«

»Aber das Beste und Richtigste, was wir nur thun konnten, da Du die Thür einmal geöffnet hattest. Ausreißen und die Thür offen lassen, das ging ja nicht. Der Wächter hätte bemerkt, daß Jemand da gewesen sei.

»Ja, das durften wir unmöglich. Zugemacht mußte die Thür wieder werden.«

»Gewiß, und da war es ja besser, wir befanden uns nach dem unvermeidlichen Geräusch im Garten als außerhalb desselben. Jetzt ist's gelungen, und nun wollen wir sehen, was sich weiter thun läßt.«

»Wir müssen uns natürlich nach der Seite schleichen, wo die Mädchen wohnen.«

»Aber am Boden liegend. Komm! Ich krieche voran!«

Sie bewegten sich langsam auf den Händen und Beinen vorwärts, längs des Zaunes hin. Der Abstand von dem Zaune bis zum Hause hin betrug bei allen vier Seiten dasselbe, ungefähr zwanzig Ellen. Dieser Raum war nicht überall offen. Es standen Bäume da und es gab auch einige Sträucher.

Als sie die betreffende Seite des Zaunes erreicht hatten, konnten sie den Giebel des Hauses erblicken, aber wegen der Entfernung und der nächtlichen Finsterniß nur in dunklen Umrissen.

»Bleibe hier!« flüsterte Normann. »Ich werde mich einmal näher wagen!«

»Wenn er Dich bemerkt.«

»Ich nehme mich in Acht!«

»Und trotzdem kannst Du auf ihn treffen.«

»Dann bin ich allein Manns genug für ihn.«

»Er hatte eine Flinte in der Hand.«

»Er würde gar nicht zur Vertheidigung kommen, zum Angriffe noch weniger. Also verhalte Dich ganz ruhig, bis ich zu Dir zurückkehre!«

Er kroch dem Gebäude entgegen. In Folge seines dunklen Anzuges war er nicht von dem Grase zu unterscheiden. Es dauerte nicht lange, so vernahm er ein Räuspern, welches ihm sagte, wo der Wächter sich befand. Er hielt es für das Klügste, sich grad nach dieser gefährlichen Richtung zu wenden.

Da wo die Grasnarbe von dem rings um das Haus führenden Sandwege begrenzt wurde, saß der Wächter auf einer steinernen Bank. Das war höchst fatal! Normann bewegte sich bis fast an diese Bank. Es war ihm jetzt möglich, die Einzelnheiten des Hausgiebels zu unterscheiden.

Er bemerkte eine Art Verandah, welche auf zwei hölzernen Säulen ruhte. Ueber ihr gab es zwei Läden, von denen der eine verschlossen der andere aber offen zu sein schien, was er aus dem verschiedenen Dunkel der beiden viereckigen Stellen schloß. Die Körperhaltung des Wächters ließ erwarten, daß er keine Lust habe, seinen jetzigen Platz ohne Veranlassung aufzugeben.

Jetzt kehrte Normann zu dem Gefährten zurück, welcher fast ungeduldig geworden war, da die Abwesenheit länger gedauert hatte als bei anderen Verhältnissen nöthig gewesen wäre.

»Endlich! Hast Du Günstiges gesehen?«

»Beides, Günstiges und Ungünstiges. Es giebt dort eine Verandah, welche nicht schwer zu erklettern ist. Oben habe ich einen offenen Laden bemerkt.«

»Ah! Wir können also hinauf und hinein!«

»Nicht so hitzig! Der Wächter sitzt grad dort auf einer Bank.«

»Das ist dumm!«

»Das ist im Gegentheil sehr gescheidt von ihm, für uns aber leider unbequem. Wenn man nur gewiß wüßte, daß sie da oben auf dieser Seite wohnen.«

»Nun, der Arabadschi hat es ja gesagt, und der muß es doch wohl wissen.«

»Das denke ich auch. Hm!«

»Wenn der Wächter da fortzubringen wäre!«

»Für unmöglich halte ich es nicht.«

»Dann schnell hinauf!«

»Alle Beide aber nicht.«

»Warum nicht?«

»Geschieht Etwas, so stecken wir dann Beide in der Falle. Einer muß unten bleiben. Uebrigens ist es ja nur auf diese Weise möglich, den Kerl von seiner Bank fortzulocken.«

»Ah, diese Absicht hast Du also!«

»Erräthst Du es?«

»Ja. Der Eine muß die Aufmerksamkeit des Wächters auf sich ziehen, indessen klettert der Andere hinauf.«

»Ja, so meine ich es. Wollen wir?«

»Gewiß, wir sind einmal da. Ich wage Alles!«

»Das Wagniß ist nicht gar zu groß. Wir haben unsere Revolver; da nehmen wir es mit Mehreren auf anstatt nur mit Einem. Das einzig Bedenkliche ist, daß wir auf die Mädchen Rücksicht nehmen. Werden wir erwischt, so verschlimmert sich ihre Lage. Also alle Vorsicht. Jetzt nun frägt es sich, wer unten bleibt, und wer hinauf klettern soll.«

Wallert schwieg ein Weilchen. Er kämpfte mit sich selbst. Er wäre gar zu gern hinauf. Endlich fragte er:

»Welches von Beiden hältst Du für das Gefährliche?«

»Es ist wohl Beides gleich. Oben giebt es Gefahr. Ein einziger Laut der Ueberraschung von Seiten der Damen kann Unheil bringen. Unten aber ist es ebenso, da der hier Bleibende eben die Aufmerksamkeit des Wächters auf sich ziehen muß. Wähle Du!«

»Was soll ich wählen! Natürlich möchtest Du gern hinauf?«

»Es wäre Unsinn, es nicht einzugestehen.«

»Nun, so gehe Du!«

»Aber Dir thut es leid!«

»Du hast Tschita oben, während Zykyma meine Geliebte nicht ist. Das giebt den Ausschlag.«

»Gut, ich nehme diese Entscheidung an. Dabei fällt mir ein, daß es grad nicht nothwendig ist, Dich in Gefahr zu begeben.«

»Ich werde vorsichtig sein. Ich schleiche mich nach der anderen Seite und mache dort einiges Geräusch. Kommt er, so verstecke ich mich schnell. Unterdessen bist Du oben.«

»Auf diese Weise aber ist es möglich, daß er Dich sieht.«

»Ich muß es eben darauf ankommen lassen.«

»Nein; das ist nicht nothwendig. Du mußt nämlich werfen. Ich habe hier auf dem Rasen Steine genug gefühlt. Je weiter Du wirfst, desto weiter entfernt bist Du von dem Orte, an welchem das Geräusch entsteht, desto größer also ist auch Deine Sicherheit.«

»Das ist sehr richtig. Du mußt ihn, wenn er einmal die Bank verlassen hat, wenigstens fünf Minuten lang beschäftigen. So viel Zeit brauche ich.«

»Wie aber weiß ich es, wenn Du wieder herab willst?«

»Ich werde – hm, das ist bedenklich. Ein Zeichen muß ich geben, welches ihm nicht auffällt. Ah, da fällt mir ein: ich kann das Zirpen des Heimchens sehr täuschend nachahmen. Ich habe das als Knabe sehr oft gethan.«

»Gut, dieses Zirpen wird seinen Verdacht nicht erwecken. Also, beginnen wir! Es ist bereits weit nach Mitternacht und wir müssen die Dunkelheit benutzen.«

»Ich begebe mich natürlich wieder hin zu ihm. Das wird eine Minute in Anspruch nehmen. Dann wirfst Du.«

Er kroch wieder nach der Bank hin. Er glaubte, in der nächsten Nähe derselben am allersichersten zu sein; darum streckte er sich unmittelbar hinter ihr in das Gras. Nun brauchte er nicht lange zu warten, so schien sich auf der anderen Seite des Hauses Etwas durch die Büsche zu bewegen. Wallert hatte einen Stein hineingeworfen. Der Wächter sprang auf und horchte. Es erfolgte ein zweiter Wurf und infolge dessen ein abermaliges Rascheln in den Zweigen. Der Wächter brummte leise etwas in den Bart und entfernte sich.

Normann sah ihn um die Ecke des Hauses verschwinden. Im Nu sprang er nach der einen Säule. Er war ein gewandter Kletterer. Drei, vier hastige Griffe seiner Arme und er war oben, legte sich aber sofort platt auf die Deckung nieder, da es ohne Geräusch nicht abgegangen war.

Das war sehr gut, denn der Wächter kehrte sehr eilig zurück, blieb lauschend stehen, blickte herauf, ging dann hin und her, und brummte so vernehmlich, daß Normann es oben hörte.

In diesem kritischen Augenblicke warf Wallert von Neuem; der Wächter begab sich sogleich abermals nach der anderen Seite. Da richtete sich Normann auf. Er hatte von unten richtig gesehen. Es gab hier oben zwei Läden, einen geöffneten und einen verschlossenen. An dem Ersteren erschien in diesem Augenblick etwas Weißes.

»Ist Jemand da?« fragte eine unterdrückte Frauenstimme in türkischer Sprache.

»Ja«, antwortete er. »Die Rettung ist da. Wer bist Du?«

»Zykyma,« erklang es leise.

»Tritt zurück!«

Sie verschwand von der Oeffnung, und einige Augenblicke später war er eingestiegen, blieb aber am Fenster stehen und blickte herab. Grad jetzt kam der Wächter zurück und patrouillirte unten auf und ab.

Jetzt erst wendete er sich nach dem Innern des Raumes. Zykyma stand nahe bei ihm. Sie flüsterte:

»Normann Effendi! Allah sei gepriesen in alle Ewigkeit. Wo ist Wallert Effendi?«

»Unten im Garten. Er hat dafür zu sorgen, daß Euer Wächter mir Zeit zum Klettern giebt. Wo ist Tschita?«

»Im Nebenraume. Sie schläft.«

»Und Du nicht!«

»Wir hatten bis spät gewacht, denn wir hatten die frohe Botschaft vernommen, daß Ihr in Tunis seid.«

»Wohl von Saïd?«

»Ja. Dann legten wir uns zur Ruhe. Tschita schlief bald ein. Sie hatte so lange nicht geschlafen, nur stets gewacht, um zu weinen. Auch mich wollte der Schlaf ergreifen; da hörte ich das Klingen der Gartenpforte. Ich ahnte, daß Ihr es sein würdet. Ich hatte mir gedacht, daß Ihr keine Ruhe haben würdet. Ich stand wieder auf, ohne aber Tschita zu wecken, und beobachtete den Wächter. Er war fort. Er kam wieder und setzte sich. Dann stand er wieder auf und ging; darauf kam Jemand heraufgeklettert. Du bist es! O Ihr Heiligen; nun dürfen wir wieder Hoffnung haben!«

»Nicht nur Hoffnung, sondern Gewißheit. Aber darf ich nicht mit Tschita sprechen.«

»O wie gern; aber ich muß erst zu ihr. Sie würde vor Glück laut aufschreien und Dich verrathen. Hier ist mein Zimmer und drüben das ihrige. Warte hier.«

Sie trat in die Nebenstube. Er blieb stehen. Sein lauschendes Ohr vernahm heimliche Stimmen, dann einen unterdrückten Laut, und dann huschte es zu ihm herein. Zwei weiche, warme Arme legten sich um ihn, ein Köpfchen drängte sich an seine Brust, doch ohne einen Laut, ein Wort hören zu lassen.

Er schlang die Arme um sie und flüsterte:

»Tschita! Meine Blume, meine Wonne, meine Seligkeit! Endlich, endlich habe ich Dich wieder. O, nun ist Alles, Alles gut. Was mußt Du gelitten haben!«

Sie antwortete nicht, aber ihr Körper erbebte an dem Seinen unter dem Schluchzen, welches sie kaum zu unterdrücken vermochte.

»Sprich ein Wort, ein einziges!« bat er.

Sie schmiegte sich fester an ihn, aber antworten konnte sie nicht. Er wartete, bis diese erste Aufregung vorüber war. Dann sagte er:

»Jetzt soll uns nichts wieder scheiden. Gehst Du mit mir?«

»Ja,« flüsterte sie.

»Heut? Gleich?«

»Gleich jetzt?«

»Ja.«

»Nein; das ist unmöglich.«

»Warum nicht?«

»Ich könnte die Mutter nicht mitnehmen. Sie ist nicht hier bei uns. Sie ist krank und liegt unten.«

»Was fehlt ihr?«

»Sie glitt heute aus und fiel die Stiege hinab. Darauf konnte sie nicht stehen und nicht gehen. Es wurde der Arzt geholt, er hat sie verbunden und es verboten, daß sie heraufgeschafft werde.«

»O weh, o weh! Hat er nicht gesagt, wann sie geheilt sein wird?«

»Nein. Ich wollte bei ihr bleiben, aber – –«

Sie stockte.

»Du durftest wohl nicht?«

»O, ich hätte gedurft, aber ich kann nicht.«

»Warum nicht?« fragte er zudringlicher als ihr lieb war.

»Zykyma ist doch oben und des Nachts muß ich bei ihr sein, da sie den Dolch hat.«

Jetzt wußte er, was sie meinte. Der Dolch war ja die einzige Waffe gegen die Zudringlichkeit, gegen die Leidenschaft Ibrahim Paschas.

»Meine arme, arme Tschita! Wie fürchterlich muß es sein, die Sclavin eines solchen Menschen zu sein! Wie bin ich erschrocken, als ich zu Barischa kam und da hörte, daß Du verkauft seist!«

»Ich wäre nicht mit fortgegangen; ich hätte mich gewehrt; aber der Alte sagte, daß es nur ein Spaziergang in das Thal der süßen Wasser sei.«

»Dann waren wir bei Euch im Garten. Ich erfuhr, daß Du bei Zykyma seist! Wie war ich froh! Aber Ihr wart auf einmal wieder fort!«

»Der Gräßliche hatte uns das Bewußtsein geraubt. Als wir erwachten, befanden wir uns auf dem Schiffe.«

Nun gab es ein Erzählen, ein Klagen und Trösten. Die Herzen der Beiden flossen über, flossen in einander.

Zykyma war drüben geblieben. Jetzt lehnte sie am Eingange, doch ohne ein Wort zu sagen. Sie gönnte der Liebe ihre Rechte. Erst als die Beiden ruhiger geworden waren, nahm sie Theil am Gespräch.

Normann erfuhr, daß draußen vor den beiden Giebelstuben ein Wächter liege. Dennoch hielt er es für nicht gar zu schwer, fortzukommen und bedauerte nur, daß die Mutter krank geworden sei. Für den Augenblick war leider nichts zu thun. Es wurde ausgemacht, daß Saïd am Morgen Nachricht nach dem italienischen Hause bringen solle. Nach dieser Nachricht wollten die Freunde dann bestimmen, was zu thun sei.

Wie gern wäre er noch da geblieben, aber während des leise geflüsterten Gesprächs hatte man sich so viel zu fragen, und zu antworten gehabt, daß eine bedeutende Zeit vergangen war. Als Normann jetzt einen Blick hinauswarf, sah er am östlichen Himmel die ersten grauen Streifen des Tages erscheinen. Er mußte fort, denn die Gefahr, in welcher er sich befand, verzehnfachte sich mit jeder Sekunde, welche er länger blieb.

Er trat an den Laden, hielt die Hand an den Mund und ahmte das verabredete Zeichen nach. Es dauerte gar nicht lange, so stand der Wächter unten von seiner Bank auf und verschwand hinter der Ecke des Hauses.

»Jetzt, jetzt muß ich fort,« sagte er, die Geliebte an sich drückend. »Leb wohl!«

»O Allah, Allah!« jammerte sie leise. »Du wirst doch wiederkommen?«

»Gewiß, gewiß! Jetzt sollst Du mir nicht wieder entrissen werden. Aber ich darf nicht länger warten! Lebt wohl!«

Ein Kuß, ein Händedruck dann für Zykyma, und er stieg hinaus. Er hatte kaum Zeit, sich auf die Deckung niederzulegen, so erschien der Wächter wieder, doch um nach wenigen Augenblicken wieder zu verschwinden.

»Komm wieder, Paul,« flüsterte Tschita durch das Fenster.

»Grüße mir ja Wallert Effendi,« fügte Zykyma hinzu. »Saïd wird kommen!«

Dann schwang er sich hinab und sprang in weiten Sätzen über den Kiesweg hinüber in das Gras, wo er sich sofort niederwarf, da in demselben Augenblicke der Wächter wieder erschien. Von hier aus kroch er nach dem Zaune. Wallert war nicht da, kam aber bald herbei.

»Gott sei Dank!« sagte er. »Mir war Angst um Dich. Das dauerte ja eine Ewigkeit.«

»Ich denke, daß es nur eine Minute gewesen ist.«

»Nun, wie steht es?«

»Du erfährst es, aber zunächst fort von hier.«

»Ohne sie mitzunehmen?«

»Ja, leider. Komm nur nach der Pforte.«

Jetzt, wo sie wußten, an welchem Punkte der Wächter sich befand, konnten sie sich freier bewegen. Sie krochen nicht mehr, sondern sie schritten nach der Pforte, deren Kreischen ihnen jetzt keinen Schaden mehr bringen konnte. Mochte der Wächter noch so rasch herbeieilen, sie waren doch bereits um die nächste Gartenecke.

Dort aber blieb Wallert stehen; er konnte seine Ungeduld nicht länger zügeln, und der Freund mußte ihm wenigstens in kurzen Worten Bericht erstatten. Erst dann entfernten sie sich aus der Nähe des Hauses.

Unter dem Bogen der Wasserleitung wurden sie von dem Derwisch erkannt. Dann kam ihnen der Engländer nach, um sie zu ihrem Erstaunen hinter den Garten des Bardo zu führen. Als sie aber hörten, weshalb er dies thue, stimmten sie ihm vollständig bei.

Als sie längs der Mauer hingingen, strich der Lord, welcher voranging, mit der Hand an derselben hin, bis er das Messer fühlte, welches er hineingesteckt hatte.

»Hier war es,« sagte er. »Da ist mein Zeichen.«

»Und wo ist der Draht?«

»Suchen wir ihn einmal.«

Er tastete hin und her. Normann aber zog ein Wachshölzchen hervor, brannte es an und hatte bei dem Scheine desselben den Draht bald gefunden.

»Ja, da ist er. Es ist wirklich wahr,« sagte er. »Was mag dieser Mensch vorhaben?«

»Etwas Gutes sicherlich nicht. Was thun wir?«

»Wir müssen Anzeige erstatten. Es fragt sich nur, an welche Adresse, und ob wir uns nicht vorher das Gartenhaus erst genau ansehen.«

»Das müssen wir thun,« meinte Wallert. »Wir können nicht wissen, ob sich diese so gefährlich und abenteuerlich erscheinende Sache auf ganz natürliche und unbedenkliche Weise erklären und auflösen läßt. Steigen wir hinein!«

»Aber wie?«

»Ganz so, wie ich es mit dem Derwisch gethan habe,« antwortete der Lord. »Ich mache die Leiter.«

»Aber wie kommen dann Sie hinauf?«

»Sapperment, das ist wahr! Wir haben keinen Strick.«

»Vielleicht brauchen wir keinen. Wir können Sie ja hinaufziehen, wenn wir Beide oben sind. Für einen Einzelnen wäre diese Anstrengung zu groß. Zweien aber wird es gelingen. Versuchen wir es.«

»Am Ende wäre es doch wohl das Klügste, gleich drinnen im Bardo bei der Wache Anzeige zu machen. Da brauchten wir hier nicht so beschwerliche Turnübungen vorzunehmen.«

»Nein,« antwortete Normann. »Ehe ich Anzeige mache, muß ich wissen, woran ich bin. Steigen wir auf!«

Der Lord machte, wie er sich ausgedrückt hatte, die Leiter. Als die Beiden sich oben befanden, warf er ihnen den Gürtel zu, welchen er trug. Er hielt sich an dem einen Ende desselben fest; sie zogen Beide an dem andern, und so kam auch er hinauf. Dann sprangen sie hinunter in den Garten.

Nachdem sie sich durch ein kurzes Lauschen überzeugt hatten, daß sich wohl Niemand in der Nähe befinde, führte der Engländer sie nach der Stelle des Kiosk, in welche der Derwisch das Loch gebohrt hatte. Sie überzeugten sich mit den Spitzen ihrer Finger, daß der Draht hier nach innen ging, und begaben sich sodann in das Innere des Kiosk.

Die Thür desselben war zwar zugemacht, aber doch nicht verschlossen. Sie traten ein und zogen sie hinter sich wieder zu. Dann wurde wieder ein Wachsholz angebrannt.

Bei dem Scheine desselben sahen sie sich in einem vollständig fensterlosen Raume. Es gab keine Oeffnung als nur diejenige der Thür. In der einen Wand befand sich eine Nische, und vor derselben stand eine hölzerne Erhöhung, auf welcher ein Kissen lag. Sonst war nichts, weiter gar nichts vorhanden, als der Teppich, welcher den ganzen Fußboden bedeckte.

»Das scheint kein Lusthaus zu sein, kein gewöhnliches Gartenhaus,« meinte der Lord.

»Nein,« antwortete Normann. »Das ist vielmehr ein Bethaus. Die Nische giebt die Kiblah an, die Richtung nach Mekka, in welche jeder Betende das Gesicht zu wenden hat. Auf dieser Erhöhung scheint der Beter zu knieen. Da nur eine einzige sich hier befindet, so möchte ich fast behaupten, daß dieses Bethaus auch nur von einem Einzigen benutzt wird. Und der wäre natürlich – –?«

»Der Bey,« antwortete Wallert.

»Ganz gewiß. Gegen ihn also würde der Anschlag gerichtet sein, wenn überhaupt ein solcher geplant wird. Sehen wir einmal, wie hier der Draht verläuft!«

Mit Hilfe immer neu angebrannter Zündhölzer fanden sie die Stelle, an welcher der Draht in das Innere trat; er führte unter dem Teppiche nach der Erhöhung hin. Diese befand sich nur eine Viertelelle über dem Boden und war, wie bereits erwähnt, mit einem Kissen belegt. Unter ihr endete die Drahtleitung, und zwar, wie sie vermuthet hatten, in der Blechkapsel, welche so lag, daß sie von keinem Menschen bemerkt werden konnte.

»Na, was sagen Sie nun?« fragte der Lord.

»Ein Mordanschlag,« meinte Normann, »ganz sicher ein Mordanschlag, und zwar gegen den Bey gerichtet.«

»Gott sei Dank, daß ich den Hallunken getroffen habe! Nun müssen wir unbedingt Anzeige machen.«

»Ja, und zwar sofort. Man kann nicht wissen, für wann die That beabsichtigt ist. Wir dürfen nicht zu spät kommen.«

»Aber bei wem machen wir die Meldung?«

»Das wird sich finden, nachdem wir uns vorher erkundigt haben, wer hier noch wach ist. Kommt!«

Sie gingen und machten die Thür wieder zu. Normann schritt nach dem Innern des Gartens voran.

»Halt, wohin wollen Sie?« fragte der Lord.

»Nun, nach dem Bardo, nach dem Schlosse.«

»Unser Weg dorthin ist doch ein anderer. Wir steigen wieder über die Mauer und halten unseren Einzug durch den offiziellen Eingang.«

»Nein, unser Weg ist der kürzere. Ich klettere nicht.«

»Man wird uns fragen, wie wir hereingekommen sind.«

»So sagen wir es.«

»Dann kommt man vielleicht gar auf den Gedanken, daß wir es sind, die den Draht gelegt haben.«

»Fällt keinem Menschen ein! Wir gehen direkt nach dem Schlosse, hier grad aus. Da, wo wir ein brennendes Licht bemerken, machen wir unsere Meldung.«

Sie sahen ein, daß er doch Recht habe, und folgten ihm. Der Garten war sehr groß und prächtig, wie sie trotz der Dunkelheit, welche noch immer herrschte, bemerkten. Sie hatten eine ziemliche Weile zu gehen, ehe sie an der hinteren Front eines der zum Schlosse gehörigen Gebäude anlangten. Die wenigen Fenster, welche es da gab, waren ohne alle Ordnung vertheilt, doch bemerkten sie, daß eins derselben erleuchtet sei. Es lag zu ebener Erde und war durch eng an einander gereihte Holzstäbe geschlossen, durch welche man kaum in das Innere zu blicken vermochte.

Der Lord war der Erste, welcher hineinblickte. Er fuhr erstaunt zurück.

»Alle Wetter! Wen erblicke ich da!« sagte er.

»Wen?«

»Gucken Sie nur hinein!«

Die Beiden folgten seiner Aufforderung.

»Ah, Steinbach! Ist das möglich?« fragte Wallert erstaunt.

»Ja, wie ist das möglich!«

»Das wird er uns erklären. Gut, daß er es ist. Wunderbar! Er spielte in Stambul eine bedeutende Rolle und hier wohnt er bei dem Bey! Klopfen wir an!«

»Halt! Lassen Sie mir das!« bat der Lord. »Er sitzt am Tisch und schreibt. Ich werde ihn stören.«

Er klopfte an die Stäbe. Steinbach stand auf, öffnete den Fensterflügel – denn hier im Palaste gab es Glasfenster – und erkundigte sich:

»Wer ist draußen?«

Der Lord verstand die türkisch gesprochenen Worte nicht, ließ sie sich leise erklären und antwortete:

»Drei arme, deutsche reisende Handwerksburschen.«

Auf diese Antwort hin ward die Jalousie ein Stück aufgezogen. Der Deutsche näherte seinen Kopf der Oeffnung und fuhr fast mit dem Gesichte des Lords zusammen, welches er nicht sofort gesehen hatte.

»Sapperment!« meinte er. »Wer ist – – ah, ist das möglich! Mein Retter aus dem Wasser des goldenen Horns! Lord Eagle-nest?«

»Ja, der bin ich, Master Steinbach.«

»Hier im Bardo?«

»Wie Sie sehen.«

»Wie kommen Sie zu dieser Zeit in das Schloß?«

»Ueber die Mauer gestiegen.«

»Nicht doch!«

»Warum nicht? Meinen Sie etwa, daß wir darüber geflogen seien?«

»Nein. Eine Schwalbe sind Sie nicht.«

»Aber ein Staar zuweilen, nicht? Na, wir haben Ihnen etwas Hochwichtiges zu sagen. Lassen Sie uns ein!«

»Wie? Wer ist noch draußen?«

»Meine beiden jungen Freunde, welche mir bei Ihrer Rettung mit halfen.«

»Normann und Wallert? Schön! Ich komme gleich. Bitte, gehen Sie bis zur nächsten Thür an der Mauer hin.«

Sie thaten das. Er kam, um zu öffnen und führte sie in sein Zimmer.

»Hier wohne ich als Gast des Bey. Seien Sie mir willkommen und erklären Sie mir, wie es möglich ist, Sie hier zu sehen.«

»Wie es Ihnen möglich ist?« fragte der Lord. »Nun, Sie brauchen ja nur die Augen aufzumachen.«

»Richtig!« lachte Steinbach. »Aber Sie dürfen meine Frage nicht so streng wörtlich nehmen. Das Sie über die Mauer gestiegen sind, war doch nur ein Scherz.«

»Nein, es ist die Wahrheit. Wir kommen, um den Bey vor einem Mordanschlage zu warnen.«

»Sind Sie des Teufels?«

»Schwerlich. Es handelt sich wirklich um einen Mordanschlag. Der Bey soll in die Luft gesprengt werden.«

»Unglaublich!«

»Es ist wahr!«

»Wann soll es geschehen?«

»Während des Gebetes.«

»Wo?«

»Im Garten.«

»Von wem?«

»Von dem Derwisch Osman.«

»Sie meinen doch den, welchen wir in Konstantinopel gemeinschaftlich kannten?«

»Ja. Er ist mit Ibrahim Pascha hier.«

»Ich weiß es. Aber bitte, erklären Sie, sonst denke ich wirklich, daß ich mich im Traume befinde.«

Der Lord erzählte. Sein Bericht brachte einen bedeutenden Eindruck hervor. Steinbach erging sich zwar noch in einigen Interjectionen, meinte aber dann:

»Das ist ihm zuzutrauen, nicht nur ihm allein, sondern auch dem Pascha. Ah, wenn es so ist, wie Sie sagen, Mylord, so haben Sie dem Bey das Leben gerettet, und werden auch mir einen außerordentlichen Dienst erwiesen haben. Also im Kiosk es Sallah ist es!«

»Was heißt dieses Wort?«

»Kiosk des Gebets. Der Mord ist für Nachmittag drei Uhr geplant, anders nicht.«

»Wie können Sie das wissen?«

»Es ist allbekannt, daß der Bey nur das Dreiuhrgebet in dem Kiosk verrichtet. Sobald der Muezzin von dem Minaret zum Gebete ruft, betritt der Bey den Kiosk und befindet sich eine volle Viertelstunde daselbst. Die Mörder haben also volle fünfzehn Minuten Zeit zur Vollbringung ihrer schwarzen That.

»Ah, wie gut ausgedacht. Der Anschlag könnte also gar nicht mißlingen.«

»Ja, und der Mörder würde nie entdeckt. Wir brauchen uns also eigentlich nicht zu beeilen, aber ich werde trotzdem den Bey sofort kommen lassen.«

»Wie, Sie wollen ihn wecken?«

»Ja.«

»Dürfen Sie das?«

»Unter diesen Umständen werde ich es wagen.«

»Und er soll hierherkommen?«

»Gewiß. Gehe ich zu ihm, so errege ich Aufsehen. Wir müssen aber die Sache in aller Heimlichkeit untersuchen, sonst ist es möglich, daß der Mörder erfährt, daß er verrathen ist. Erlauben Sie!«

Er warf einige Zeilen auf ein Stück Papier, couvertirte und versiegelte es und klatschte dann in die Hände. Ein Schwarzer erschien und verbeugte sich demüthig. Er erhielt das Schreiben und einen leisen Befehl und entfernte sich wieder.

Das war besorgt, und nun brachte Steinbach das Gespräch auf die privaten Angelegenheiten der Anwesenden. Er erfuhr dabei, was sie erlebt hatten, nachdem er an jenem Abende im Hafen von Constantinopel von ihnen gegangen war. Noch hatten sie dieses Thema nicht beendet, so klopfte es an eine Thür, welche nach einer Nebenstube führte. Steinbach brannte ein Licht an und begab sich hinaus. Dort stand im Dunkel der Bey Mohammed es Sadak Pascha, in ganz gewöhnlicher Kleidung. Er hatte sich heimlich herbeigeschlichen.

»Hier ist Dein Brief,« sagte er, die Zeilen zurückgebend. »Warum lassest Du mich mitten in der Nacht wecken und auf Umwegen zu Dir kommen?«

Er sah bei diesen Worten nicht gut gelaunt aus. Selbst sein bevorzugtester Günstling hatte nie gewagt, ein solches Ansinnen an ihn zu stellen. Steinbach antwortete ruhig:

»Es gilt Dein Leben, o Herrscher! Und wenn Du nicht heimlich kämst, würden wir den Mörder vielleicht nicht ergreifen.«

»Mein Leben? Den Mörder? Höre ich recht?«

»Du hörst recht. Ich habe Dir gesagt, das jener Ibrahim Pascha unter fremdem Namen hier ist, um Dich und Deine Absichten auszuforschen. Du hast gemeint, ihn nicht fürchten zu müssen. Du hast gezaudert, die Wege zu gehen, die ich Dir zu Deinem Heile und zum Heile Deines Volkes empfehlen mußte. Nun wirst Du heute erkennen, daß ich Recht gehabt habe. Ibrahim Pascha will Dich ermorden, mitten im Gebete.«

»Beweise es.«

»Du sollst Dich mit eigenen Augen überzeugen.«

Er berichtete, was er von dem Lord und dessen Begleitern gehört hatte. Der Bey nahm diesen Bericht in aller Ruhe entgegen und sagte dann:

»Laß uns nach dem Kiosk gehen, wir Beide allein!«

Die Drei warteten. Sie hatten gemeint, daß der Bey zu ihnen kommen werde, um sie zu befragen, aber sie irrten sich. Sie saßen wohl eine Stunde lang in dem Zimmer. Der Tag war angebrochen. Endlich kehrte Steinbach zurück.

»Schön, daß Sie kommen!« sagte der Lord. »Ich dachte bereits, wir sollten hier sitzen bleiben, bis wir fest angewachsen seien. Leute, welche solche Nachrichten bringen, pflegt man mit mehr Aufmerksamkeit zu behandeln.«

»Je nach den Umständen. Der Herrscher ist nicht unaufmerksam gegen Sie. Er hat mich beauftragt, Sie zu grüßen.«

»Zu grüßen? Ist das Alles?«

»Einstweilen, ja.«

»Nun, dann grüßen Sie ihn von mir wieder, und sagen Sie ihm, daß ich mit ihm fertig bin!«

»Schön, das werde ich thun.«

»Und ich verabschiede mich.«

»So schnell? Ich hoffte doch, daß Sie den Kaffee mit mir trinken würden!«

»Trinken Sie ihn, mit wem Sie wollen! In Zukunft soll es mir sehr gleichgiltig sein, ob man irgend Einen in die Luft sprengen lassen will oder nicht.«

Sein Aerger machte einen so komischen Eindruck, daß Steinbach darüber lachen mußte.

»Was, Sie lachen auch noch?« rief der Beleidigte. »Das ist mir denn doch zu viel! Ich meine es gut und muß mich dafür verlachen lasten! Adieu! Wir sehen uns wohl nie wieder, Master Steinbach!«

»O doch! Am Vormittage noch!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Wie? Wollten Sie sich etwa nicht bei diesem interessanten Verhöre einfinden?«

»Bei welchem Verhöre?«

»Sie wissen wohl, daß der Bey ein strenger und gerechter, auch außerordentlich schneller Richter ist. Er überläßt die Rechtsprechung nicht gern Andern. So wird er auch heute über die Ereignisse dieser Nacht bereits am Vormittage aburtheilen.«

»Was für Ereignisse?«

»Nun, es hat Einer drei Haremsdamen entführt!«

»Donnerwetter!«

Er entfärbte sich.

»Und auf das Schiff schaffen wollen.«

»Hol's der Teufel!«

»Ah, Mylord, das sind Sie!« lachte Normann.

»Laßt mich mit dieser Geschichte in Ruhe! Sie ist vorüber. Ich hätte dabei den Hals brechen können, habe ihn aber nicht gebrochen, damit könnt Ihr Euch gerade so zufrieden geben, wie ich!«

»Was Sie betrifft, ja; aber was diesen Juden und seinen Helfershelfer anbelangt, so wird ihnen kurzer Prozeß gemacht werden. Dazu aber müssen doch auch Sie verhört werden.«

»Unsinn! Ich will gar nicht verhört werden! Wer etwas erfahren will, mag die Schurken selber fragen!«

»Bitte, überlegen Sie! Sie sind nach den Gesetzen aller Länder und Völker gezwungen, Auskunft zu ertheilen. Nicht etwa?«

»Geht mir mit diesen Ländern, und bleibt mir auch mit diesen Völkern vom Leibe. Das Verhör ist öffentlich. Niemand braucht zu wissen, in welcher Weise ich mir einen Spaß gemacht habe.«

»Es ist allerdings Einiges dabei, was am Besten verschwiegen werden möchte. Aber gerade darum sollen Sie den Kaffee hier bei mir trinken.«

»Was hat der Kaffee mit dieser Angelegenheit zu thun?«

»Und nach dem Kaffee wird der Bey erfreut sein, Sie bei sich zu empfangen, um sich die betreffenden Erlebnisse von Ihnen selbst erzählen zu lassen.«

Das brachte sofort die gewünschte Wirkung hervor.

»Ah! So pfeift der Spatz?« meinte der Lord.

»Ist das etwa falsch gepfiffen?«

»O, im Gegentheile sehr richtig, sehr richtig! Wer wird bei dieser Audienz noch zugegen sein?«

»Kein Mensch. Der Bey will nur Sie hören, und nach Ihrer Darstellung wird er sein Urtheil abwägen.«

»Ist kein übler Kerl, dieser Bey von Tunis, kein übler Kerl, wahrhaftig! Na gut, trinken wir also den Kaffee hier im Bardo. Aber wie steht es denn mit dein Kiosk des Gebetes? Wir müssen uns doch überzeugen, daß in dieser Angelegenheit – «

»Bitte, bitte,« fiel Steinbach ihm in's Wort. »Das ist besorgt. Der Bey hat sich mit eigenen Augen überzeugt, daß er Ihnen wahrscheinlich sein Leben zu verdanken haben wird. Er wird Sie wahrscheinlich selbst ersuchen, für heute in dieser Sache Stillschweigen zu üben. Jetzt aber wollen wir sehen, ob der Kaffee fertig ist.«

Er klatschte abermals in die Hände und augenblicklich wurde der braune Trank von Mokka gebracht, und zwar von wem? Von Hiluja vom Stamme der Beni Abbas.

Da sie keinen verhüllenden Mantel trug, waren ihre Schönheiten bis in's Einzelnste zu erkennen.

»Tausend Donner!« entfuhr es dem Engländer.

Er sagte jetzt zwar nichts mehr, aber seine Augen drohten die Araberin zu verschlingen. Er folgte ihren anmuthigen Bewegungen mit unverwandten Blicken, und dann, als sie wieder fort war, holte er tief, tief Athem und fragte:

»Himmelelement! Gehört die dem Bey?«

»Nein.«

»Wem denn?«

»Niemand.«

»So ist sie frei?«

»Vollständig!«

»Darf ich fragen, wer ihr Vater ist und wo ihre Verwandten sich befinden?«

»Viele Tagereisen tief in der Wüste.«

»Ah! Ich hoffe doch, daß sie noch einmal hereinkommt!«

»Ja, wenn sie die Tassen holt.«

»Dann werde ich sie fragen, ob sie mit mir nach London abdampfen will – «

»Gefällt sie Ihnen?«

»Welche Frage! Das ist ja die reine Göttin! Ich bin weder ein junger Bursche, noch ein alter Weibernarr; aber für einen Kuß von Der gäbe ich – «

»Nun, wie viel?«

»Mich selber!«

»Da werden Sie sich wohl behalten müssen.«

»Wieso?«

»Sie verschenkt oder verhandelt weder ihre Küsse, noch wird sie mit nach London fahren.«

»Wissen Sie das so genau?«

»Ja.«

»Sapperment! Ich bin Lord Eagle-nest, verstanden? Und ich habe mir heute Nacht vorgenommen, mich zu verheirathen.«

»Mit einer Araberin?«

»Sogar mit einer Hottentottin, wenn sie mir gefällt.«

»Ich kann Ihnen dennoch keine Hoffnungen machen. Dieses Beduinenmädchen fährt mit mir nach Egypten.«

»Oho! Mit Ihnen?«

»Ja.«

»Ah, ich verstehe! Sie geben sie natürlich nicht her!«

»Sie verstehen mich falsch. Sie wurde in der Wüste gefangen, während sie zu einer Schwester nach Egypten wollte; ich befreite sie und werde sie, da ich ja nach Egypten muß, zu dieser Schwester bringen. Das ist aber auch Alles. Sie steht unter meinem Schutze.«

»So, so! Na, vielleicht muß ich auch nach Egypten. Wer kann wissen, was passirt. Versteht sie französisch oder englisch?«

»Nein, kein Wort, sondern nur arabisch.«

»O wehe! Und von dem Arabisch verstehe wieder ich kein Wort. Das ist fatal, höchst fatal!«

Steinbach erzählte nun ausführlicher, in welcher Weise er die Bekanntschaft Hiluja's gemacht hatte. Er war noch nicht fertig, so erschien ein Bote des Bey, um den Engländer abzuholen. Dieser folgte ihm mit einer Art Grauen vor dieser Unterredung, welche eigentlich etwas von reumüthiger Privatbeichte an sich hatte.

Aber als er dann später wiederkehrte, strahlte sein Gesicht vor Freude. Er erzählte zwar nicht, welche Discretionen ihm der Bey versprochen hatte, aber er lobte ihn aus dem Grunde seines Herzens. Er hatte die Versicherung erhalten, daß gewisse Seiten seines gestrigen Erlebnisses gar nicht in Erwähnung gebracht werden sollten. Um seine Güte voll zu machen, hatte der Bey seine über hundert Jahre alte Staatskarosse anspannen lassen, um ihn und die beiden Deutschen nach dem italienischen Hause fahren zu lassen.

Als sie dort ankamen, fanden sie Saïd, den Arabadschi vor, welcher bereits seit längerer Zeit auf sie gewartet hatte. Er brachte von Tschita und Zykyma die Botschaft, daß sie um Mitternacht kommen sollten, um die beiden Freundinnen abzuholen, da diese ihre Vorbereitungen darnach treffen würden.

»Und Tschita's Mutter?« fragte Normann. »Ist sie denn so schnell hergestellt?«

»Gesund ist sie nicht. Der Arzt sagt, sie habe sich die Hüfte verstaucht und es sei da vielleicht eine Blutung eingetreten.«

»Die Hüfte verstaucht, die Hüfte? Hm, ich bin nicht Arzt und weiß also nicht, ob man sich das Hüftgelenk verstauchen kann, das aber weiß ich, daß diesen orientalischen Aerzten nicht viel zugetraut werden kann. Eine Verstauchung mit darauf folgender Blutung, bei welcher also mehr oder weniger eine Zerreißung stattgefunden hat, scheint mir eine höchst schmerzhafte und ebenso langwierige Krankheit zu sein. Da also steht es mit der Frage schlecht, ob die Patientin bereits heute schon mit uns gehen kann.«

»Der Pascha hat gesagt, daß sie heute Abend herauf zu ihrer Tochter geschafft werden soll, um in die Pflege derselben zu kommen. Vorher will er mit Tschita und Zykyma einen Spazierritt unternehmen.«

»Wohin?«

»Zufälliger Weise weiß ich das, da ich sie begleiten soll. Es soll hinaus nach dem Bade l'Enf gehen.«

»Das ist Seebad. Was will er da mit ihnen?«

»Ich weiß es nicht. Er verfolgt wohl den einzigen Zweck eines Spazierrittes: er will ihnen eine Freude machen, so daß sie gute Laune bekommen und freundlicher gegen ihn sind, als bisher. Denn er hat noch nicht ein einziges Lächeln auf ihren Lippen zu sehen, oder ein freundliches Wort aus ihrem Munde zu hören bekommen.«

»Das mag sein. Hat er vielleicht gesagt, wenn er wieder zurückkehren werde?«

»Nein. Aber es läßt sich denken, daß er bereits vor Nacht wieder da sein wird.«

Diese Voraussetzung war allerdings sehr falsch.

Daß Saïd das nicht wußte, lag daran, daß er nicht der Vertraute des Pascha's war. Der Derwisch war da viel besser unterrichtet, als der kleine, brave Arabadschi.

Als der Derwisch gestern Normann und Wallert gesehen hatte und nach dem Hause gegangen war, um zunächst zu erfahren, ob etwas Regelwidriges geschehen sei, hatte er zunächst den Wächter des Gartens befragt. Die Antwort desselben hatte ihm zu denken gegeben, da er sagte, daß er öfters ein höchst verdächtiges Rascheln gehört habe, welches wohl von keinem Thiere, sondern vielmehr von einem oder mehreren Menschen verursacht worden sei; doch habe er trotz aller Mühe und Aufmerksamkeit keinen einzigen Menschen erblicken können.

Der Derwisch ließ eine Papierlaterne anbrennen und, unter Vermeidung allen Aufsehens, den Garten untersuchen.

Dabei wurden denn auch die Spuren der beiden Freunde entdeckt. Sie waren, von der Pforte aus längs des Zaunes hingekrochen und hatten dabei das Gras niedergedrückt. Von da führte die eine Fährte nach der Ecke, wo Wallert geworfen hatte, und die andere hinter die Bank, dem Lauscherposten Normann's. Beide Spuren vereinigten sich sodann und führten nach der Pforte zurück.

»Sie sind hier gewesen, hier im Garten!« sagte der Derwisch.

»Wer?«

»Zwei Männer, welche Du zwar gehört, aber nicht ergriffen hast, weil Du ein Esel bist. Es scheint, daß der Eine von ihnen hier an der Veranda gewesen ist. Laß sehen!«

Er leuchtete hin und bemerkte die Spuren von Normann's Stiefel. Doch gab er sich dabei solche Mühe, daß er von den beiden Mädchen oben gar nicht bemerkt wurde.

»Eigentlich hast Du eine strenge Strafe verdient,« sagte er zu dem Wächter. »Ich hoffe, daß Du jetzt doppelt aufmerksam bist. Es ist möglich, daß sie wiederkommen. Du hast jeden Fremden, welcher den Garten betritt, niederzuschießen. Zunächst aber sagst Du keinem Menschen, was wir hier gesehen haben. Man darf nicht einem Jeden trauen.«

Jetzt begab er sich zu dem Pascha, welcher noch nicht zu Ruhe gegangen war, da er soeben erst den Bericht Saïds entgegengenommen und diesen dann verabschiedet hatte. Er wunderte sich nicht wenig, den Derwisch noch so spät bei sich zu sehen. Seine Verwunderung aber wurde zur Bestürzung, als er hörte, wen dieser gesehen habe.

»Wallert! Der Bruder Tschita's!« stieß er hervor. »Das ist nicht möglich!«

»Soll ich etwa meinen Augen nicht trauen?«

»Dennoch irrst Du Dich!«

»Oder auch meinen Ohren nicht? Ich hörte sie sprechen.«

»So müssen sie gleich nach uns Constantinopel verlassen haben. Sollten sie etwa gar auf der Yacht ihres Freundes, des Engländers, hier angekommen sein?«

»Das ist möglich.«

»Man muß sich davon überzeugen. Ich werde sogleich ein Pferd nehmen und nach dem Hafen reiten, um zu forschen, ob diese Yacht etwa vor Anker liegt.«

»Du wirst sehr vorsichtig sein müssen.«

»Ich berühre die Stadt gar nicht, sondern ich reite um sie herum.«

»Wäre es nicht besser, vorher die Rückkehr meines Gefährten abzuwarten, damit wir erfahren, wo diese beiden Menschen ihre Wohnung aufgeschlagen haben?«

»Ja, das wollen wir.«

»Die Wächter werden während unserer Abwesenheit doppelt aufpassen müssen.«

»Das ist nicht nöthig. Der Tag ist nahe, diese beiden Hallunken werden jetzt nicht zurückkehren, und wir dürfen den Mädchen auch nicht durch eine so verschärfte Wachsamkeit verrathen, daß wir Alles wissen. Also Du meinst, daß einer von ihnen oben gewesen ist?«

»Ganz gewiß. Ich erkannte seine Tapsen im Sande. Und oben stand der eine Laden offen.«

»Tausend Teufel! So ist wohl gar die Flucht verabredet worden! Was meinst Du?«

»Was sonst? Vielleicht wissen sie jetzt gar, daß sie Geschwister sind. Ein Glück, daß die Stumme nicht auch mit oben war. Da wäre wohl die Flucht gar schon bewerkstelligt worden.«

»Jetzt möchte ich auch glauben, daß diese beiden Schurken in Constantinopel bei mir im Garten gewesen sind.«

»Das läßt sich sehr vermuthen.«

»Vielleicht haben die Mädchen schon dort entführt werden sollen; wir aber sind noch im letzten Augenblicke dazwischen gekommen. Wie aber war es ihnen nur möglich, über das Wasser und die hohen Mauern in den Garten zu gelangen.«

»Wer weiß es! Vielleicht haben sie einen Helfershelfer.«

»Hölle und Tod! Wohl etwa hier auch!«

»Ich möchte es vermuthen. Wie wäre es ihnen sonst so schnell gelungen, unseren Aufenthalt zu entdecken?«

»Wer sollte es sein?«

»Ich nicht!«

»Ich natürlich auch nicht. Von den beiden Wächtern ist es auch keiner, denn ihnen sind sie ganz unbekannt. So blieb also nur Saïd, der Arabadschi übrig.«

»Ich wüßte keinen Andern.«

»Aber gerade ihm möchte ich nicht mißtrauen. Sollte hinter seinem offenen, ehrlichen Gesichte die Lüge und der Verrath stecken. Das ist unmöglich!«

»So begreife ich Dich nicht. Gerade solchen freundlichen, glatten Gesichtern ist am Allerwenigsten zu trauen. Du gewährtest ihm zu viel Raum und Freiheit; Du läßt ihm Dinge wissen, von denen er eigentlich keine Ahnung haben sollte.«

»Ah! Ich werde ihn prüfen; ich werde ihn auf die Probe stellen, und wehe ihm, wenn er die Probe nicht besteht! Er darf nichts von Dem ahnen, was wir erfahren haben. Hast Du heute auf Deinem Wachtposten vielleicht noch etwas Wichtiges erfahren?«

»Erfahren nicht, aber gethan habe ich etwas, was wohl viel wichtiger ist, als Alles, was wir bisher erfahren haben.«

»Was?«

»Das kann ich Dir auch dann sagen. Jetzt möchten wir gehen. Mein Bote könnte zurückkehren und nicht warten wollen, wenn er mich nicht unter dem Mauerbogen findet.«

Sie gingen. Vorher aber überzeugte sich der Pascha, daß Saïd, der Aribadschi, sich zur Ruhe begeben habe, und befahl den beiden Wächtern die verschärfteste Vorsicht an.

Als sie den Bogen der Wasserleitung erreichten, befand sich der Bote, nämlich der Lord, natürlich noch nicht da. Er hatte ja gar nicht die Absicht, wiederzukommen.

»Vielleicht hat er die Beiden sehr weit begleiten müssen,« meinte der Derwisch, »wohl gar bis an das andere Ende der Stadt; da kann er freilich noch nicht hier sein.«

»So warten wir. Ich muß unbedingt wissen, wo diese beiden Menschen wohnen. Unterdessen kannst Du mir sagen, was Du so sehr Wichtiges gethan hast. Bezieht es sich auf unsere hiesigen Absichten?«

»Natürlich. Ich dachte daran, daß Du bereits zweimal bei dem Bey gewesen bist –«

»Leider umsonst!«

»Und daß er wohl auch seine Gesinnung nicht ändern wird. Es giebt Hier einen uns feindlichen Einfluß, welcher uns um so schädlicher ist, als wir ihn nicht kennen. Wir haben auch keine Zeit, lange Nachforschungen anzustellen, da es mit unseren Erfolgen so große Eile hat.«

»Der Thronfolger ist unserer Angelegenheit günstiger gesinnt, als der Bey.«

»Hast Du mit ihm gesprochen?«

»Ja, heute am Tage.«

»Ahnt er, wer und was Du bist?«

»Vielleicht. Ich mußte ihm doch errathen lassen, daß ich nicht ein gewöhnlicher Handelsmann bin. Er hat mich mit großer Freundlichkeit behandelt und mich für sehr bald wieder bestellt. Er scheint den Bey nicht zu lieben. Stände er am Ruder, so kostete es mich ein Wort, und meine Sendung würde glücken.«

»So stelle ihn doch an das Ruder!«

»Ich?« fragte der Pascha erstaunt.

*

16

»Ja, Du!«

»Wie soll ich das thun?«

»Indem Du dem jetzigen Herrscher das Ruder nimmst.«

»Bist Du toll! Das könnte nur mit Hilfe einer Palastrevolution geschehen, und dazu besitze ich weder die Zeit, noch den nöthigen Einfluß.«

»Palastrevolution! O Allah!«

Diese Worte waren in einem sehr verächtlichen Tone gesprochen. Darum fragte der Pascha fast zornig:

»Welchen Ton erlaubst Du Dir! Weißt Du vielleicht ein anderes, besseres und leichteres Mittel?«

»Ja, ein Mittel, welches augenblicklich und sicher wirkt.«

»So sage es!«

»Der – Tod!«

»Teufel! Der Herrscher hat keine Lust, zu sterben.«

»Stirbt der Mensch etwa nur dann, wenn er Lust dazu hat?«

»Nein; aber er ist kräftig, gesund!«

»Stirbt man nur an einer Krankheit?«

»Meinst Du vielleicht – Mord?«

»Fürchtest Du Dich vor diesem Worte?«

»Nein; das habe ich genugsam bewiesen!«

»Ja, Du stammst aus einer guten, harten Wurzel; Dein Vater war ja in Kurdistan geboren, wo ein Eimer Menschenblutes keinen Piaster werth ist. Doch jetzt bist Du nicht mehr in den thatkräftigen Jahren der Jugend. Jetzt ist Dir der Geruch des Blutes zuwider.«

»Oho! Wenn ich erreichen kann, was ich erreichen will, so ist mir jedes Mittel recht.«

»Nun, was zauderst Du?«

»Ich müßte wissen, daß es durch kein anderes Mittel zu erreichen ist.«

»So suche nach anderen Mitteln!«

»Und sodann darf ich nichts thun, was gegen den Willen Dessen ist, der mich gesandt hat.«

»Willst Du da erst lange fragen! Du erreichst, was Du erreichen willst. Wer kann Dir die That nachweisen?«

»Wie soll sie geschehen?«

»Es giebt verschiedene Arten, zu sterben.«

Der Pascha schwieg. Die Stimme des Versuchers hatte den richtigen Punkt getroffen. Er überlegte. Erst nach einer längeren Pause sagte er:

»Du bist ein Teufel, aber auch so klug und listig wie der Gebieter der Hölle.«

»Es bedarf keiner außerordentlichen List, um zu wissen, daß man die Erbschaft eines Menschen desto früher macht, je eher er stirbt.«

»Aber es ist ein Mord!«

»Wo denkst Du hin! Es giebt keinen Mord!«

»Wieso?«

»Die Schicksale und das Ende des Menschen sind im Buche des Lebens verzeichnet seit Anbeginn. Da giebt es keine Aenderung. Wenn Allah seit Ewigkeit bestimmt hat, daß Mohammed es Sadak Bey von meiner Hand sterben soll, so bin ich kein Mörder, wenn ich ihn tödte, sondern ich erfülle nur den Willen des Allmächtigen.«

»Du sprichst von Dir. Willst etwa Du den Streich führen?«

»Warum nicht! Aber was habe ich davon?«

»Viel, sehr viel!«

»Was bietest Du?«

»Was wirst Du fordern?«

»Einen Theil der Gewalt, welche Dir zufällt.«

»Meine Gnade würde Dich beleuchten.«

»Bedenke, wenn Du Deine jetzige Aufgabe so schnell erledigst, so stehen Dir alle Würden offen. Der Vezier hat nie eigentlich die Gunst des Großherrn besessen; wenn der Herrscher von Tunis jetzt stirbt, so fällt der Großvezier und sämmtliche Minister und Beamte der hohen Pforte mit ihm. Neue steigen empor und unter diesen Neuen wirst Du einer der Ersten sein.«

»Das ist sicher; das weiß ich ebenso gut, wie Du es mir sagst.«

»Werde ich Dein erster Schreiber sein. Dein Secretär, wenn Du Minister wirst?«

»Ja.«

»Wenn Du mir dies für gewiß versprichst, so werde ich noch heute handeln.«

»Ich verspreche es Dir.«

»Schwöre es!«

»Das habe ich eigentlich nicht nöthig, denn ich habe Dir noch niemals mein Wort gebrochen; aber ich will Dir dennoch den Schwur bei dem Barte des Propheten geben.«

»Gut! Paß auf, was heute geschieht!«

»Darf ich es nicht vorher wissen?«

»Du darfst es wissen, wenn Du mir versprichst, mich nicht dabei zu stören und mir auch nicht abzureden.«

»Ich gebe Dir dieses Versprechen unbedenklich, da ich weiß, daß Deine That nur ganz dasselbe bezweckt, was auch ich will. Also sprich!«

»Hast Du einmal von den »Freunden der Patrone« gehört?«

Der Pascha erschrak; das war ihm trotz des noch herrschenden Dunkels anzusehen.

»Nun, antworte!« sagte der Derwisch.

»Ich habe von ihnen gehört«

»Nun, was?«

»Es giebt mehrere heimliche Verbindungen, zu denen besonders Derwische und Sosta's (Studenten) gehören. Eine dieser Verbindungen nennt ihre Glieder »Freunde des Giftes«, die andere giebt den Ihrigem den Namen »Freunde der Patrone«. Die eine Verbindung schafft ihre Feinde durch Gift bei Seite, während die andere Jeden, der ihr im Wege steht, in die Luft sprengt.«

»So ist es. Welches Mittel ist wohl besser, das Gift oder die Patrone?«

»Ich habe da keine Erfahrung.«

»Die Patrone ist besser, denn sie wirkt sicher, schneller und radical; sie läßt keine Spur zurück.«

»Und Du? Bist Du etwa Mitglied?«

»Ich bin ein Freund der Patrone.«

»Warum erschrickst Du, oder was wunderst Du Dich?«

»Ich habe keine Ahnung gehabt, daß Du zu dieser Verbindung gehörst.«

»Wir halten unser Geheimniß fest und sprechen nur dann von demselben. Wenn es unumgänglich nöthig ist. Und das ist jetzt der Fall.«

»Würdest Du etwa auch mich auf diese Weise tödten?«

»Ja, wenn Du ein Feind meiner Verbindung würdest.«

»Ah, das ist sehr aufrichtig!«

»Daraus magst Du erkennen, daß ich Dein Freund bin.«

»Ich könnte aber auch die Erkenntnis; daraus ziehen, daß es sehr notwendig ist. Dich zu meiden.«

»Das würde Dir gar nichts helfen. Du bist uns bekannt, und was ich nicht thun könnte, würde ein Anderer thun.«

»Ich danke Dir! Was aber hat diese Verbindung mit unserer Aufgabe zu schaffen?«

»Das ahnst Du nicht?«

»Soll etwa der Bey von Tunis in die Luft gesprengt werden?«

»Warum nicht?«

»Von Dir?«

»Du hast mir ja bereits eine Belohnung zugesichert.«

»Ja.«

»Wo nimmst Du die Patrone her?«

»Jedes Mitglied der Verbindung hat eine Waffe bei sich, ich meine eine Patrone.«

»Und wo soll es geschehen?«

»Im Bardo.«

»Wann?«

»Heute, während des Nachmittaggebetes.«

»O Allah! So schnell!«

»Wenn ich etwas thue, so thue ich es schnell und ohne lange zu zögern.«

»Aber die Patrone müßte doch vorher gelegt werden.«

»Sie liegt bereits an ihrer Stelle. Ich habe sie heute in der Nacht in das Gartenhaus des Gebieters gebracht.«

Er erzählte ihm so viel von dem Ereignisse, wie er für nöthig hielt.«

»Wie aber willst Du sie entzünden?« fragte dann der Pascha.

»Das ist sehr leicht. Es bedarf nur eines kleinen electrischen Funkens. Verstehst Du etwas von Electricität?«

»Nicht viel. Ich bin in diesen abendländischen Wissenschaften nicht erfahren. Ich verachte sie.«

»Auch die Mitglieder meiner Verbindung wissen nur sehr wenig davon; aber dieses Wenige ist vollständig genug. Hier im Inneren meines Turbans habe ich ein kleines Fell. Hier die Scheide meines Messers ist von Glas; sie ist mit einem Stoffe überzogen, den ich nicht kenne; vielleicht ist es Pech oder Harz. Will ich die Patrone entzünden, so reibe ich die Messerscheide recht kräftig mit dem Felle und halte sie dann an den Draht, welcher zur Patrone führt. Der Funke springt über und sie zerplatzt in demselben Augenblicke.«

»Das giebt eine Explosion, welche auch Dich vernichten kann.«

»Da brauchst Du gar keine Sorge zu haben. Die Patrone wirkt nur auf ganz kurze Entfernung, aber um so kräftiger. Uebrigens befindet sich ja die Gartenmauer zwischen mir und meinem Opfer.«

»Aber der Knall wird Dich verrathen!«

»Wieso?«

»Man wird herbeieilen, sobald man ihn hört, und Dich ergreifen.«

»Wird man denn wissen, daß ich die Ursache bin. Ich gehe spazieren. Wenn der Muezzin von dem Minaret herabruft: »Auf Ihr Gläubigen, rüstet Euch zum Gebete«, tritt der Bey in sein Gartenhaus und knieet auf das Kissen nieder. Ich lustwandele langsam an der Mauer hin und habe die Messerscheide in der Hand, welche ich bereits vorher mit dem Felle electrisch gemacht habe. Im Vorübergehen berühre ich den Draht und darin stirbt der Bey. Wer will mir etwas nachweisen? Wer will so schnell herbeieilen und auch so schnell die Drahtleitung entdecken, daß er sagen könnte, ich sei der Thäter? Und selbst dann, wenn man mich angreift, wird man nichts bei mir finden, womit man beweisen könnte, daß ich den Funken erzeugt habe.«

»Das Messer?«

»Das ist eben ein Messer. Niemand sieht es ihm an, daß es electrisch gemacht werden kann.«

»Das Pelzstück?«

»Das erscheint ganz unschuldig. Ich habe es im Turban, weil es die Sonnengluth vom Scheitel abhält. Ueberhaupt wird es keinem Menschen einfallen, diese beiden Gegenstände mit einem Verdachte zu belegen.«

»Du magst Recht haben. Diese Sache ist sehr schlau gedacht und dabei doch so ganz außerordentlich einfach. Der Erfinder muß ein sehr kluger Mann sein.«

»Das ist er ganz gewiß.«

»Hast Du mehrere Patronen?«

»Nein. Ich packte nur diese eine ein, als Du mir sagtest, daß ich mit nach Tunis gehe. Aber unsere Verbindung erstreckt sich sehr weit. Und wo ich ein Mitglied finde, kann ich eine Patrone bekommen.«

»Kennt Ihr Euch denn?«

»Wir erkennen uns an gewissen Worten und Zeichen, die ich Dir aber nicht mittheilen darf. Doch jetzt genug hiervon! Sage mir kurz und bündig, ob Du mit meinem Vorhaben einverstanden bist oder nicht.«

»Ich bin einverstanden, sobald ich die Sicherheit habe, daß ich bei dem Bey meine Absicht nicht erreiche.«

»Soll ich etwa warten, bis man die Patrone entdeckt?«

»Nein. Ich werde noch während des Vormittags zu ihm gehen; daß ist das dritte Mal. Giebt er mir da keine günstige Antwort, so magst Du Dein Werk thun.«

»Gut, so soll es sein. Aber der Tag ist bereits angebrochen und mein Bote kommt nicht zurück.«

»Vielleicht verräth er Dich?«

»Der? Ihm hatte Allah kein Gehirn gegeben. Ein Dummkopf ist niemals ein Verräther. Er hat das Geschick nicht gehabt, die beiden Männer im Auge zu behalten und sie also verloren. Nun getraut er sich natürlich nicht zurück zu mir.«

»Wie aber, wenn er Dich durchschaut hat und das mit der Drahtleitung zur Anzeige bringt!«

»Das fällt ihm nicht ein. Ich habe ihm eine Haremsfrau versprochen und er glaubt an sie, wie an seine Seligkeit.«

»Aber nach der Explosion wird sich die Kunde davon verbreiten und er weiß sodann, woran er ist.«

»Er kennt mich aber doch nicht. Uebrigens ist er ein Christ, ein Ungläubiger. Sollte er ja etwas sagen, so wäre es ja zu seinem eigenen Verderben. Man würde ihn festnehmen und denken, daß er den Draht gelegt hat. Horch! Man spricht bereits das Morgengebet. Jetzt kannst Du bereits ein Thier bekommen, um nach dem Hafen zu reiten und nach der Yacht zu sehen.«

»Und was thust Du?«

»Ich bleibe noch eine Weile hier, um zu sehen, ob der Mann nicht vielleicht doch noch kommt.«

Der Pascha schüttelte den Kopf und sagte:

»Und Du nennst diesen Christen einen dummen Menschen?«

»Was willst Du sagen?«

»Du meinst, Allah habe ihm kein Gehirn gegeben? Nein, Dir fehlt es. Dir selbst.«

»Herr, ich begreife Dich nicht!«

»Er soll und darf Dich nicht kennen, und doch willst Du hier stehen bleiben, um ihn zu erwarten, jetzt, da es heller Tag geworden ist?«

Da schlug der Derwisch sich mit der Hand an den Kopf und sagte unter einem verlegenen Lachen:

»Du hast Recht. So sieht man die Sonne bei offenem Auge nicht, und so will man in das Wasser springen, ohne naß zu werden. Ich gehe nach Hause, um die Schönheiten Deines Harems bis zu Deiner Rückkehr zu bewachen.«

Er ging zurück. Der Pascha aber schritt der Stadt entgegen, in welcher sich bereits das Leben zu regen begann. Ein Eselsjunge hielt schon am alten Thore. Der Pascha stieg auf und ritt nach dem Hafen.

Richtig, da lag die Yacht, die er ja kannte!

Anstatt direct zurück zu kehren, ritt er nach Norden zu. Erst zwischen den beiden Vorgebirgen Busaid und Chamart hielt er an. Wunderbarer Weise lag dort ein Langboot, wie man sie auf Dampfern hat, am Lande und dabei saßen zwei türkische Matrosen, ihre Pfeifen rauchend. Sie schienen ihn zu kennen, denn bei seinem Erscheinen sprangen sie schnell auf und verbeugten sich tief.

»Wo ist der Steuermann?« fragte er.

»Dort hinter dem Felsen schläft er.«

»Soll ich etwa selbst gehen, um ihn zu wecken?«

Der Eine sprang eilig fort und kehrte bald darauf mit dem Genannten zurück, dessen Gesicht, trotzdem es jetzt verschlafen aussah, einen ungemein pfiffigen Ausdruck besaß.

»Was befiehlst Du, o Pascha?« fragte er.

»Habt Ihr stets hier gelegen?«

»Ja. Du hattest es ja befohlen.«

»Das ist recht. Melde dem Capitän, daß er die Anker lichten und um die Halbinsel Dakhul fahren soll. Wahrscheinlich muß ich Tunis heimlich verlassen. In diesem Falle reite ich per Kameel nach der anderen Seite, wo Ihr mich nördlich von dem Orte Klibiah am Vorgebirge al Melhr beim Aufgange der Sonne auf Euch warten sehen werdet. Ihr nehmt mich im großen Boote auf, denn ich werde wahrscheinlich Personen bei mir haben, welche sich weigern werden, mit an Bord zu gehen.«

»Und wenn Du nicht da bist, Herr?«

»So bin ich in Tunis geblieben und Ihr kehrt dorthin zurück und haltet hier Wache wie bisher.«

Jetzt kehrte er befriedigt nach Hause zurück. Er hatte dafür gesorgt, daß er, im Falle der Anschlag mit der Patrone mißlingen sollte, Gelegenheit zur schleunigen Flucht behielt. Das war die Hauptsache.

Zu Hause angekommen, fand er Saïd, den Arabadschi, bereits wieder munter. Er sagte ihm, daß er heute am Nachmittage einen Spazierritt nach dem Seebade l'Enf mitmachen müsse. Auch das war eine Vorbereitung zur vielleicht nöthigen Flucht. Saïd sowohl, als auch die beiden Mädchen sollten keineswegs ahnen, daß sie wieder zur See gehen müßten, sondern vielmehr denken, daß es sich wirklich um einen einfachen Spazierritt handele.

Wirklich machte sich auch der Arabadschi sogleich auf, um Normann und Wallert mitzutheilen, daß dieser Ritt nach dem Bade beabsichtigt werde. Auch davon, daß die Stumme heute Abend nach oben geschafft werden solle, hatte er gehört, und theilte es den beiden Freunden mit. Leider war dies aber nur eist kluger Coup des Pascha gewesen. Dieser hatte vielmehr gar die Absicht, nur mit den Mädchen fortzugehen, falls er zur Flucht gezwungen sei, und die Alte, welche ihm ungemein lästig war, zurückzulassen. Das theilte er dem Derwisch mit und dieser stimmte bei, nur aus einem anderen Grunde, als der Pascha meinte.

»Also wenn es mißglückt, willst Du fliehen,« meinte der Freund der Patrone. »Was aber thue ich?«

»Du fliehst natürlich mit.«

»Wo treffe ich Dich?«

»Natürlich hier. Ich werde Alles zur Flucht bereit halten.«

»Sie wird nicht nöthig sein.«

»Ich will es hoffen.«

»Selbst wenn der Schlag nicht glücken sollte, sehe ich keinen Grund zur Flucht, da es doch keinem Menschen einfallen wird, uns für Diejenigen zu halten, welche die Veranlassung getroffen haben.«

»Dennoch aber ist es gut, auf alle Fälle gefaßt zu sein.«

»Wer geht dann mit?«

»Alle natürlich.«

»Auch die beiden Wächter?«

»Ja. Wir brauchen sie sehr nothwendig, besonders da wir dem Arabadschi nicht mehr trauen. Wir haben die ganze Nacht zu reiten und ohne sie müßten wir gewärtig sein, daß Einer oder auch gar wohl Beiden die Flucht gelingen könnte. Ich werde Kameele bestellen mit Frauensänften. Sie und unsere Pferde müssen zur Stunde des Nachmittagsgebetes bereit stehen. Ich gehe dann mit Dir, um Zeuge zu sein, ob unser Anschlag gelingt oder nicht –«

»Ich brauche Dich nicht dabei!«

»Das weiß ich. Ich gehe auch gar nicht mit hin, sondern ich bleibe von weitem Zeuge Deiner Heldenthat. Jetzt aber werde ich mich langsam nach der Stadt begeben, da der Bey heute in seinem Palaste zu Gericht sitzt und vorher Audienz ertheilt. Da soll es sich entscheiden, ob wir die Patrone platzen lassen oder nicht. Bewache Du unterdessen das Haus.«

Er ging. Der Derwisch blickte ihm nach, machte dann eine höhnische Geberde und murmelte:

»Selbst wenn es mißlänge, würdest Du diese beiden herrlichen Geschöpfe nur für mich retten. Tschita muß mein Weib werden. Sie muß – muß – muß! Ihre Mutter wollte es nicht sein, nun wird die Tochter an ihre Stelle treten. Du aber, Ibrahim Pascha, bist mein Sclave und Werkzeug. Du willst Minister werden und ich werde es sein. Du arbeitest für mich, und wenn ich die Früchte genieße, werde ich Dir die Schaalen an den Kopf werfen. Laufe hin!«

Und der Pascha lief hin. Er dachte nicht, welch einer Begegnung er jetzt entgegengehe.

Er fand das Vorzimmer des Bey bereits von vielen Leuten besetzt. Sie Alle wollten mit dem Herrscher sprechen. Ein Jeder hatte sein eigenes Anliegen. Davon aber hütete er sich zu sprechen. Der Gegenstand der leise geführten Unterhaltung war vielmehr das Ereigniß, welches sich heute in der Nacht mit dem berüchtigten Juden Jakub Afir zugetragen hatte. Er und seine Spießgesellen waren gefangen genommen worden. Das gab einen Rechtsfall, weicher gewiß tausende von Zuschauern im Hofe des Palastes versammeln werde.

Auch dieser Gegenstand war endlich trotz des Interesses, welches er bot, erschöpft. Die Zeit verging und doch wurde Keiner vorgelassen. Man fragte, was der Bey, denn jetzt so nothwendig zu thun und zu besprechen habe. Man hörte seine Stimme im Audienzzimmer. Es mußte Jemand bei ihm sein. Derjenige, welcher von allen Anwesenden der Erste gewesen war, sagte, daß Derjenige, weicher sich darin befinde, bereits bei dem Herrscher gewesen sei, als man das Vorzimmer geöffnet habe. Es mußte sich um eine Person oder Sache von allergrößter Wichtigkeit handeln.

Endlich schien diese lange Unterredung zu Ende zu sein. Die beiden Stimmen näherten sich dem Ausgange. Man hörte den Bey sagen:

»Also sind wir in jeder Beziehung einig. Sie könnten bereits abreisen, wenn ich Sie nicht so gern noch für kurze Zeit bei mir sehen möchte. Wollen Sie meinem Tunis noch einige Zeit schenken?«

»Einige Tage wohl, wenn Sie befehlen. Länger aber zu verweilen, ist mir nicht erlaubt.«

»Wann sehen wir uns also wieder?«

»Nun, dann nach –«

»Hm, ja! Nach dem Gebete! Allah geleite Sie!«

Die Vorhänge wurden auseinander geschoben und Beide erschienen, der Bey, um seinen Gast bis zur Thür zu geleiten, und dieser Letztere, sich mit einer tiefen Verbeugung zu verabschieden.

Bei dem Anblicke dieses Mannes wich das Blut aus Ibrahim Pascha's Wangen. Er sah Steinbach, den Mann, welchen er in den Fluthen des goldenen Hornes ertrunken wähnte. War er es denn wirklich? Unmöglich! Es war jedenfalls ein Anderer, welcher nur eine so ungemeine Aehnlichkeit mit dem Ertrunkenen besaß.

Da aber erblickte auch Steinbach den Pascha. Ueber sein schönes Gesicht glitt ein unbeschreibliches Lächeln. Er trat an ihn heran und fragte in türkischer Sprache, während er mit dem Bey französisch gesprochen hatte:

»Du hier? Wie ist das möglich?«

Der Pascha nahm sich zusammen, heuchelte so viel Gleichgiltigkeit, wie ihm möglich war, und antwortete:

»Kennst Du mich?«

»Jedenfalls doch!«

»Ich Dich nicht.«

»Wie? Hätten wir uns nicht gesehen?«

»Nein. Wo willst Du mich gesehen haben?«

»In Stambul.«

»Da war ich nie.«

»Wie heißest Du?«

»Ich bin der Kaufmann Hulam aus Smyrna.«

»Ah, nicht Ibrahim Pascha aus Stambul?«

»Nein.«

»Das ist Dein Glück, denn sonst hätte ich Dich sofort als Mörder gefangen nehmen lassen. Nimm Dich in Acht, daß diese Aehnlichkeit Dich nicht noch in großen Schaden bringt.«

Er ging.

Der Bey hatte, zwischen den Vorhängen stehen bleibend, das Gespräch mit angehört. Er wendete sich in sein Zimmer zurück, und die Audienz begann.

Es war dem Pascha angst geworden. Bald lief es ihm heiß, bald kalt über seinen Körper. Er fragte sich, ob es nicht besser sei, Tunis sofort zu verlassen. Aber konnte er sich jetzt von hier entfernen, ohne erst recht den Verdacht eines bösen Gewissens auf sich zu laden?

Zudem wurde sehr bald sein Name genannt, und er mußte bei dem Herrscher eintreten. Dieser saß, eine kostbare Wasserpfeife rauchend, auf dem Kissen, die Arme auf seidene Rollen gestützt. In der Linken hielt er, scheinbar nur spielend, einen geladenen Revolver. Sein Auge ruhte mit scharfem, finsterem Blicke auf dem Eintretenden, der sich so tief verneigte, daß er fast zur Erde fiel.

»Du warst bereits bei mir,« sagte der Bei. »Was willst Du heute wieder hier?«

»Ich wollte Dich um die Gnade bitten. Dich meiner Frage in Langmuth nochmals zu erinnern.«

»Welcher Frage?«

»Ob es Dir angenehm sein würde, wenn der Großvezier Dir durch einen privaten Bevollmächtigten gewisse Wünsche vortragen lassen möchte.«

»Der Großvezier hat mit mir nur amtlich zu verkehren. Er hat nicht zu wünschen, sondern zu bitten. Wer sollte denn der Bevollmächtigte sein, falls ich die Lust hätte, auf diesen Vorschlag einzugehen?«

»Der Großvezier würde ihn bestimmen.«

»Nicht ich? Der Großvezier ist mir sehr gnädig gesinnt! Vielleicht würde er Dir diese Angelegenheit anvertrauen. Nicht?«

»Das ist möglich.«

»So müßtest Du also nach Stambul, um Dir Deine Instructionen zu holen? Das dauert mir zu lang.«

»Vielleicht bin ich bereits im Besitze der Instructionen.«

»So hast Du mit dem Großvezier gesprochen?«

»Ja.«

Da ging ein verächtliches, stolzes Lächeln über das Gesicht des Herrschers. Er sagte:

»Vermelde dem Großvezier meinen Respect; aber sage ihm auch zugleich, daß es mich sehr wundert, daß er sein Vertrauen nicht klügeren Leuten schenkt!«

»Herr!« stammelte der Pascha.

»Ja, sage ihm das! Soeben hast Du geleugnet, in Stambul gewesen zu sein, und mir gestehest Du ein, mit dem Vezier gesprochen zu haben –«

»Das geschah nicht in Stambul.«

»Lüge nicht! Der Großvezier hat Stambul seit seinem Amtsantritte nicht verlassen! Warum übrigens beleidigt er mich mit Dir. Bist Du wirklich nur Kaufmann, so ist es eine Beleidigung, Dich zu mir zu senden. Bist Du aber mehr, so ist es eine ebenso große Beleidigung, es mir zu verheimlichen.«

»Herr, ich habe zu gehorchen!«

»Ja, Du bist der Sclave Deines Herrn, und darum soll Dich mein Zorn nicht treffen. Aber hüte Dich, hier in meinem Lande etwas zu thun, was gegen meinen Willen und gegen meine Gesetze ist. Der Vezier könnte Dich nicht schützen, denn Du bist nicht offiziell von ihm bei mir beglaubigt und an mich empfohlen. Ich rathe Dir, der Kaufmann Hulam zu bleiben, und als solcher in Frieden Deines Weges heimwärts zu ziehen. Das wird das Beste sein. Sehen wir uns wieder, so ist es gewiß nicht mehr so in Frieden wie jetzt. Nun kannst Du gehen. Ich halte Dich nicht!«

So Etwas war dem Pascha noch niemals geboten worden. Er kochte vor Wuth und vor – schwerer Besorgniß. Seine Wuth war um so größer, als er dieselbe nicht einmal merken lassen durfte. Er mußte sich mit dem unterthänigsten Lächeln und in größter Demuth verleugnen. Dann ging er. Aber wie er durch das Vorzimmer in den Hof und dann aus dem Palast hinaus gekommen war, das wußte er dann selbst nicht mehr. Er hätte vor Grimm die ganze Menschheit erwürgen mögen.

Als er zu Hause ankam, fand er den Derwisch natürlich von der größten Neugierde erfüllt.

»Nun, wie ist es gegangen? Was hast Du beschlossen?« fragte der Freund der Patronen.

»Er muß sterben.«

»Ah! Also doch?«

»Ja, und zwar noch heut!«

»Natürlich!«

»Und noch Einer!«

»Noch Einer? Du bist in einem Zorne, wie ich ihn an Dir noch niemals bemerkt habe.«

»Ist es ein Wunder! Er hat mich wie einen Hund behandelt! Nein, nicht wie einen Hund, sondern wie ein giftiges Ungeziefer hat er mich fortgewiesen.«

»Wie ist das gekommen? Mohammed es Sadak Bey ist doch als ein milder, freundlicher Mann bekannt.«

»Der Andere ist schuld! Aber darum soll auch er mit sterben, auch er!«

»Wer?«

»Jener Mensch, von welchem ich glaubte, daß er todt sei, erschlagen im goldnen Horn. Jener Mensch, den wir durch den Wärter des Leoparden beobachten ließen; jener Mensch, welcher mich hinderte, auf dem Gottesacker den Wallert festzunehmen; jener Mensch – –«

»Der, Der – – –!« rief der Derwisch, im höchsten Grade betroffen. »Ja, der!«

»Der lebt noch?«

»Welche Frage! Er lebt nicht nur noch, sondern er ist mir auch hier bei dem Bey zuvorgekommen. Er hat einen glänzenden Sieg davon getragen, wie ich mit meinen eigenen Augen anhören mußte. Und dann trat er voller Hohn zu mir und examinirte mich, wie ein Richter den Verbrecher ausfragt.«

»Erzähle doch!«

»Was giebt es da zu erzählen! Sie müssen Beide sterben!«

»Ganz recht! Aber ich möchte doch wissen, was sich begeben hat. Nur dann weiß man, was zu thun nöthig ist.«

»So höre!«

Er erzählte. Der Derwisch hörte aufmerksam zu. Dann sagte er:

»Jetzt ist mir Alles klar. Dieser Mann ist mit Normann und Wallert hier angekommen. Er weiß, wo wir wohnen; er weiß jedenfalls auch, daß diese Beiden gestern Abend hier im Garten gewesen sind. Er ist mit im Complot. Er will Dir Deine Frauen mit entführen.«

»Das soll ihm nicht gelingen! Er muß mit sterben. Erst der Bey und dann er!«

»Gut, mir ist das recht! Aber wie steht es nun mit unserer Sicherheit?«

»Wie soll es da stehen! Thun kann mir kein Mensch etwas. Mein Paß lautet auf Hulam aus Smyrna. Ich fliehe nun erst recht nicht, außer Dein Anschlag gegen den Bey müßte mißlingen. Gelingt er aber, so bleibe ich hier. Der Nachfolger will mir wohl; er billigt unsere Pläne, und mit seiner Hilfe werde ich über diese Menschen triumphiren. Aber zur etwaigen Flucht muß ich dennoch Alles vorbereiten. Bestellen wir uns also die Thiere, welche wir zum Ritt bedürfen.«

»Wirst Du den Ritt auch unternehmen, wenn der Anschlag gelingt?«

»Das weiß ich nicht.«

»Es wird besser sein. Die Vorbereitungen sind dann einmal getroffen. Es würde auffallen, wenn Du es nicht thätest. Du reitest nach dem Meere spazieren und kehrst des Abends zurück.«

Jetzt nun trafen sie ihre Vorbereitungen, ohne sich um das Ereigniß zu bekümmern, welches einen großen Theil von Tunis auf die Beine brachte: Der Bey hielt Gericht über den Juden Jakub Afir und seine Verbündeten. Auch die Mädchen mußten mit herbei.

Die Einleitung bestand darin, daß ihnen allen zunächst die nackten Füße zwischen zwei Bretter geschraubt wurden und sie auf die Sohlen die Bastonnade erhielten – die Männer im offenen Hofe Jeder zwanzig Hiebe und die Mädchen in einem abgeschlossenen Räume je zehn Streiche. Das stärkte ihre Bereitschaft zum Geständnisse.

Wunderbarer Weise gelang es dem Beherrscher, die Vernehmung so zu leiten, daß der Engländer nicht im Mindesten blamirt wurde Es dauerte nur kurze Zeit, so war ein vollständiges Geständniß abgelegt.

Das Urtheil lautete eigenthümlich: Confiscation des sämmtlichen Eigenthumes; diese verstand sich ja im Lande Tunis und da es einen Juden betraf, ganz von selbst. Sodann wurden den Männern allen die Köpfe und Bärte glatt abrasirt, eine ganz entsetzliche Schande. Und zuletzt befahl der Beherrscher, daß Alle, Männer sowohl als auch Frauen und Mädchen, nach der algerischen Grenze geschafft und da hinübergestäupt wurden.

»Denn,« erklärte er, »tödten will ich diese Hunde und Hündinnen nicht, da ihnen Allah ja einmal das Leben gegeben hat. Gefangen setzen mag ich sie auch nicht, denn sonst müßte ich sie ernähren, und ich habe bessere und bravere Unterthanen, welche der Nahrung und Kleidung mehr werth sind, als diese Verbrecher. Darum jage ich sie aus dem Lande hinaus, so bin ich sie los. Kommen sie aber zurück, so lasse ich sie peitschen, bis sie todt sind. So lautet mein Spruch und Urtheil. Allah sei gelobt jetzt und in alle Ewigkeit.«

Normann und Wallert hatten dieser interessanten Gerichtsverhandlung mit beigewohnt. Als sie zu Ende war, war auch der Vormittag zu Ende gegangen. Sie begaben sich nach dem italienischen Hause, um da zu speisen, und dann sollten sie zu Steinbach nach dem Bardo kommen und den Engländer mitbringen, welcher sie im Gasthause erwartete, da er nicht Lust spürte, Zeuge der Gerichtssitzung zu sein. Nach dem Bardo sollten sie kommen, um bei der Festnehmung des Derwisches zugegen zu sein, wozu sie ja das Recht hatten, da sie es ja waren, welchen man die Entdeckung des Anschlages zu verdanken hatte.

Als der Engländer hörte, welches Urtheil über seine Feinde gefällt worden sei, schmunzelte er vergnügt vor sich hin und sagte:

»Wenn das alle Monarchen so machten, so gäbe das eine ganz famose Herüber- und Hinüberschieberei der Verbrecher. Na, mögen drüben die Herren Franzosen sehen, was sie mit diesem Juden anfangen! Ich entführe ihm sicher keine Odaliske wieder!«

Das Nachmittagsgebet der Muhammedaner fällt ganz genau auf die dritte Stunde. Bereits um zwei Uhr erschien der Pascha bei Tschita und Zykyma, um ihnen zu befehlen, sich bereit zum Spazierritte zu halten.

»Reitet meine Mutter mit?« fragte die Erstere.

»Wie sollte sie?« antwortete er. »Sie kann ja nicht aufstehen. Wie könnte sie auf dem Kameele sitzen.«

»So bleibe ich auch da.«

»Du wirst mit reiten. Ich befehle es Dir!«

»Ohne meine Mutter nicht!«

»Dieser Spazierritt ist eine Gnade, welche ich Euch erweise. Seht Ihr das nicht ein, so seid Ihr keiner weiteren Gnade werth. Ich werde Euch strenger halten. Ich wollte Deiner Mutter erlauben, heute Abend wieder zu Euch zurückzukehren. Nun aber mag sie unten bleiben. Wer meine Güte zurückweist, dem biete ich sie nicht wieder an.«

Das traf Tschita in's tiefste Herz. Sie besann sich nicht lange, sondern sie entschied:

»So reite ich mit. Aber wenn heute Abend die Mutter nicht bei uns ist, so sollst Du erfahren, daß auch wir Frauen einen Willen haben und die Kraft dazu, ihn zur Geltung zu bringen.«

»Ah! Du willst mir drohen!«

»Ja, ich drohe Dir! Und nun handle darnach. Wer aber wird uns bedienen, da die Mutter krank ist und wir keine Frauen haben?«

»Bedient Euch selbst. Das Uebrige wird Saïd thun.«

Das war ihnen willkommen.

Nach einiger Zeit trat Saïd zu ihnen ein und meldete ihnen, daß der Pascha noch einmal für einige Minuten ausgegangen sei.

»Wo ist der Derwisch?« fragte Zykyma.

»Auch fort.«

»Wird er mit reiten?«

»Ja. Wir reiten Alle.«

»Das ist auffällig. Warum Alle? Sieht das nicht wie eine Abreise aus?«

»Diesen Verdacht habe auch ich bereits gehabt.«

»Ist es da nicht besser, wir verlassen gleich jetzt das Haus und suchen die Freunde auf?«

»Das geht nicht. Die beiden Wächter stehen unten. Sie sind bewaffnet bis an die Zähne. Ich bin allein gegen sie und müßte im Kampfe unterliegen. Außerdem gehört Ihr dem Pascha. Er kann es beweisen und Euch an jedem Augenblick zurückfordern. Wartet bis heute Abend. Die Freunde werden kommen und Euch nach dem Schiffe bringen. Seid Ihr dort, dann ist Alles gut.«

»Aber wenn der Pascha uns betrügt!«

»Ich glaube doch nicht, daß er die Absicht hat, von Tunis abzureisen. Ich weiß, daß er hier noch viel zu thun hat. Ich hörte es gestern.«

»Das gebe Allah!« sagte Tschita. »Wenn er mich hier weglockte, ohne meine Mutter, ich müßte sterben, würde aber vorher ihn tödten.«

»Uebrigens,« meinte Saïd lächelnd, »bin ich auf Alles gefaßt. Ich habe den Freunden gesagt, daß wir nach dem Bardo wollen. Sie werden uns nachfolgen, wenn wir nicht zurückkehren, und ich werde dafür sorgen, daß sie erfahren, wohin wir gehen. Ihr dürft keine Sorge haben!«

Der Derwisch war noch eher fortgegangen als der Pascha. Dieser Letztere wollte sich überzeugen, ob die Patrone ihre Schuldigkeit thue. Doch fiel es ihm gar nicht ein, sich in Gefahr zu begeben. Er machte einen Umweg um den Bardo herum. Hinter dem Garten desselben gab es ein zwar nicht gar so dichtes aber doch immerhin einen Versteck bietendes Gesträuch von wilden Mandeln. Dieses suchte er auf, um dort Zeuge des Vorganges zu sein.

Er befand sich da in einer Entfernung von ungefähr gegen dreihundert Schritten von der Mauer und konnte Alles, was dort vorging, deutlich sehen. Daß er die Frauen verlassen hatte, machte ihm keine Sorgen. Er wußte, daß sie ihm unter den Augen der beiden Wächter sicher seien.

So behielt er die Mauer fest im Auge. Er konnte nicht das mindeste Verdächtige bemerken, und darum hoffte er, daß Alles wohl gelingen werde. Die Minuten vergingen. Sein Blick schweifte nach rechts und links hin. Er zog die Uhr. Die Zeit war da. Und da kam weit unten, rechts von der Stadt her, der Derwisch langsam in der Haltung eines unbefangenen Fußgängers über den Plan daher.

Und in diesem Augenblick gab der Gebetausrufer das Zeichen. Die Muhammedaner haben keine Glocken. An Stelle derselben dienen Bretter, an welche geschlagen wird. Das Holz derselben giebt einen weithin hörbaren, wohltönenden Klang.

So auch jetzt. Die Schläge erschallten. Der Muezzin stand hoch oben auf dem Minaret und rief:

»Haï el Moslemim es salah – wohlan, Ihr Gläubigen, zum Gebete!«

Jetzt kniete gewiß ein jeder gläubige Muselmann nieder, um sein Gebet zu sprechen. Der Derwisch that es nicht, der Pascha ebenso wenig. Der Letztere hielt den Blick mit unendlicher Spannung auf den Ersteren gerichtet. Dieser kam langsam näher. Er hatte das Messer in der Hand und schritt langsam und würdevoll hart an der Mauer entlang.

Da blieb er für einen kurzen Augenblick stehen und erhob die Hand mit dem Messer.

»O Allah! Jetzt!« entfuhr es dem Pascha.

Er strengte Auge und Ohr an, sah und hörte aber nichts. So erging es auch dem Derwisch. Er erwartete den lauten Knall der Explosion zu hören; es erfolgte aber nicht das geringste Geräusch.

Was war das? Woran lag die Schuld? Hatte er vielleicht seine Sache nicht richtig gemacht? Er sah sich nach rechts, links und rückwärts um. Kein Mensch befand sich in Sicht. Er untersuchte den Draht. Dieser war in Ordnung. Schnell zog er das Fell unter dem Turban hervor und begann zu reiben. Als er glaubte, daß es genug sei, verbarg er zunächst das Fell wieder und berührte dann den Draht mit dem Messer – keine Wirkung!«

»Hölle, Tod und Teufel!« fluchte er. »So versuche ich es zum dritten Male!«

Er zog das Fell abermals hervor, begann wieder zu reiben und – stieß einen lauten Ruf des Schreckens aus. In diesem Augenblicke nämlich sprangen vier Männer von der Mauer herab und hatten ihn sofort in ihrer Mitte.

»Was thust Du hier?« fragte der Erste.

Der Derwisch starrte ihn wortlos an. Es war Steinbach.

»Nun, antworte!« befahl dieser.

»Was geht es Dich an!« stotterte der Gefragte, mit entsetztem Ausdrucke die anderen Drei betrachtend, Normann, Wallert und der Engländer.

»Das geht mich wohl etwas an!« lachte Steinbach. »Ich habe geglaubt. Du seiest ein Derwisch!«

»Das bin ich auch!«

»Lüge nicht! Gehörtest Du zu diesem frommen Orden, so würdest Du jetzt zur Stunde des Gebetes hier an der Erde knieen und Allah Deine Seele schenken.«

»Hast Du mir etwas zu sagen, was ich thun soll?«

Er war der festen Ueberzeugung, daß ihm nichts bewiesen, also auch nichts gethan werden könne. Das gab ihm den Muth zurück, und darum sprach er die Frage in beinahe höhnischem Tone aus.

»Nein, das habe ich Dir nicht zu sagen,« antwortete Steinbach. »Aber verbieten kann ich Dir, was Du nicht thun sollst.«

»Du hast mir weder etwas zu ge- noch etwas zu verbieten! Laß mich gehen!«

Er wendete sich, um zu gehen; aber Steinbach ergriff ihn am Arme und sagte:

»Warte noch eine Weile! Ich möchte sehr gern wissen, was Du hier in der Hand hast. Ah, ein Fell. Und hier? Ein Messer! Mit Harz und. Bernsteinsand belegt? Mensch, wen willst Du denn electrisiren?«

Der Derwisch erschrak.

»Electrisiren?« fragte er. »Was ist das?«

»Das weißt Du nicht? So muß ich es Dir erklären. Man reibt nämlich das Messer mit dem Fell und hält dann das Erstere hier an diesen Draht. Das nennt man electrisiren.«

»Das verstehe ich auch nicht. Was geht mich der Draht an!«

»Dann fährt der electrische Funke im Drahte weiter bis in den Kiosk des Gebetes, wo die Patrone liegt, und zerschmettert den Herrscher von Tunis.«

»Ich weiß aber gar nicht, was Du redest, und was Ihr überhaupt wollt!«

»Ja, Du bist sehr unwissend. Aber lernbegierig bist Du auch, und das söhnt uns mit Deiner Dummheit aus. Du halt so gern wissen wollen, wo diese beiden Effendi's wohnen. Jetzt kannst Du es erfahren.«

»Ich habe nichts wissen wollen. Ich kenne die Beiden gar nicht; ich mag sie nicht kennen!«

»Und doch hast Du ihnen heute Nacht einen Boten nachgesandt. Richtig?«

»Nein. Ich weiß nichts davon.«

»Lüge nicht! Wir wissen es genau.«

»Es ist Lüge! Ich rede die Wahrheit.«

»Nun, so müssen wir Dir diesen Boten vorstellen.«

»Ja, bringt ihn mir. Ich werde Euch beweisen, daß er die Unwahrheit sagt!«

»Na, da steht er.«

Er deutete auf den Lord. Der Derwisch machte ein Gesicht, dessen Ausdruck gar nicht zu beschreiben ist.

»Der?« fragte er. »Dieser Engländer?«

»Ja.«

»Das ist ja eben die Lüge!«

»Aha! Vorhin kanntest Du diese Effendis nicht, und jetzt weißt Du, daß der Eine von ihnen ein Engländer ist. Frage ihn einmal, wo er heute Nacht gewesen ist. Nur mußt Du französisch sprechen, da er das Türkische nicht versteht.«

Er gehorchte ganz unwillkürlich und fragte französisch:

»Wo wollen Sie in letzter Nacht gewesen sein?«

»Hier, bei Ihnen. Im Garten,« lachte der Lord. »Ich hoffe, daß Sie meine Stimme noch kennen. Wenn Sie sich meiner noch erinnern, so wollen wir uns heute Abend die versprochene Haremsfrau holen.«

»Verdammter Kerl!«

Er sah sich überführt. Er hatte keine Waffe mehr, da Steinbach ihm das Messer abgenommen hatte. Aber während er diesen Ausruf ausstieß, holte er aus und schlug mit den beiden geballten Fäusten auf Wallert und Normann ein, um sie zum Weichen zu bringen und sich also eine Lücke zur Flucht zu bilden. Aber Steinbach faßte ihn sofort beim Kragen und schleuderte ihn mit solcher Gewalt an die Mauer, daß er wimmernd zusammenknickte und sich nur langsam wieder emporrichtete.

»Bleib nur noch, Bursche!« sagte er dabei. »Wir haben ein Wörtchen hinzuzufügen. »Hollah, Herr Oberst!«

Da wurde oben auf der Mauerkante das geröthete Gesicht Krüger-Beys sichtbar.

»Na, wo ist's ihm denne?« fragte er. »Hat diesem Racker seiner Schlechtigkeit auszuführen dem Verbrechen in der Luft zu sprengen ergriffen und erwischt zu sein jehabt?«

»Ja, da ist er.«

»So haben Ihnen die Jefälligkeit, diesem Subject an das Strick empor zu ziehen, um festzubinden herein in dem Jarten jebracht und dergleichen arretirt worden zu sein!«

Er ließ einen Strick herab, an welchen der Derwisch festgebunden werden sollte. Diesem kam erst jetzt das Bewußtsein seiner gefahrvollen Lage. Er bäumte sich empor, brüllte vor Wuth laut auf, schlug, stampfte und biß um sich wie ein wüthendes Thier, um dem Stricke zu entgehen.

»Jeben Sie Ihnen einer Klapps vor das Kopf auf dem Nase, so bald ihm zu brüllen das Maul nicht mit dem Faust zum Stilleschweigen jebracht werden darf!« ermahnte der wackere Oberst von der Mauer herab.

Diese Ermahnung war überflüssig. Steinbach hatte dem Mörder die Hände um den Hals gelegt und drückte ihm die Luftröhre zusammen. Der Strick wurde ihm in einer Schlinge um den Körper unter den Armen gelegt, und dann zogen ihn einige Krieger des Bey empor und in den Garten hinein. Für die drei Deutschen und den Engländer ließ man eine Leiter herab, auf welcher sie wieder in den Garten zurückgelangten.

Hier sah es noch weit gefährlicher für den Derwisch aus als draußen. Da standen wohl an die fünfzig wilde Gestalten zu der Wache des Bey gehörig, welche sofort einen Kreis um den Gefangenen schlossen, so daß an ein Entkommen gar nicht zu denken war.

»Hat ihm seines Verbrechens zum Jeständnisse zu bringen jebracht?« fragte Krüger Bey.

»Nein. Er hat nichts gestanden.«

»Jut! So werden man ihn dem Munde zu öffnen einem juten Mittel erfunden zu haben sofort herbeischaffen zu dürfen befohlen!«

Er gab einen Wink, und augenblicklich war die ominöse Bank vorhanden, welche zur Bequemlichkeit der Bastonade dient. Diese Bank, auf welche man den Delinquenten legt, hat eine Lehne, an welcher die Beine emporgezogen und so befestigt werden, daß oben die nackten Fußsohlen eine wagerechte Lage erhalten. In dieser Weise wurde jetzt auch der Derwisch angeschnallt. Er sträubte sich aus Leibeskräften, was ihm aber nichts nützte.

»Wollen Sie ihm die Bastonade geben lassen?« fragte Normann den Obersten der Leibwache.«

»Ja, in Natürlichkeit und Verständnisse!«

»Ehe er vor dem Bey gebraucht wird?«

»Dem Bey hat diesem so zu befehlen sich anjewöhnt und demselbigen Willen jehabt. Was leugnet, dem muß jehauen werden! Verstanden?«

Aus seiner Erklärung ließ sich errathen, daß er im Auftrage seines Herrschers handele, wenn er den Gefangenen der peinlichen Frage unterwerfe. Streng genommen war hier eine übel angebrachte Humanität einfach lächerlich. Der Bey wollte den Menschen nicht eher vor sich sehen, als bis er ein Geständniß abgelegt habe, und da er dasselbe jedenfalls nicht freiwillig gab, so wurde er dazu gezwungen. Da er bereits überführt war, konnte das gar nicht etwa eine Ungerechtigkeit genannt werden.

Er wurde also so fest geschnallt, daß er sich nicht zu bewegen vermochte. Vor seinen Füßen, welche natürlich entblößt worden waren, stand der Dschezzar, zu Deutsch eigentlich Henker. Doch hat dort das Amt eines Henkers ganz und gar nicht den anrüchigen Beigeschmack wie bei uns, sondern es ist im Gegentheile eines der höchsten und wird nur einem solchen Manne ertheilt, von dessen Treue der Herrscher vollständig überzeugt ist. Krüger Bey führte das Verhör.

»Warst Du heut Nacht hier im Garten?« fragte er.

»Nein.«

»Zwei Hiebe!«

Der Derwisch erhielt auf jede Sohle einen Hieb und schrie sofort:

»Ja, ich war da!«

»Hast Du den Draht gelegt?«

»Nein.«

»Zwei Hiebe!«

Die Hiebe werden so gegeben, daß einer hart neben dem andern zu sitzen kommt. Da nun bei jeden einzelnen die Haut der Fußsohle aufspringt, so ist der Schmerz ein ganz entsetzlicher.

»Halt!« brüllte er. »Ich habe ihn gelegt.«

»Auch die Patrone?«

»Nein.«

Ein Wink von Krüger Bey, und der Henker schlug abermals zu.

»O Allah, Allah! Ich habe auch die Patrone gelegt.«

»Wozu?«

»Ich wollte mir einen Spaß machen.«

»Welchen Spaß?«

»Ich wollte sehen, ob es knallt.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Du wolltest nicht den Bey, den Beherrscher der Gläubigen dieses Landes tödten?«

»Nein.«

»Vier Hiebe!«

Kaum aber hatte er den zweiten Hieb, so brüllte er:

»Halt, halt! Ja, ich wollte ihn tödten!«

»Bedenke, daß Du zerrissen wirst, wenn Du es gestehst!

»Ich wollte ihn tödten.«

Der gegenwärtige, augenblickliche Schmerz wirkten mehr als die Furcht vor der grausamsten Strafe, die erst später erfolgen konnte.

»Hast Du Mitschuldige?«

»Nein.«

»Zwei Hiebe!«

Die Fußsohlen waren bereits zerstört. Bereits als der Henker zum Hiebe ausholte, rief der Derwisch:

»Halt ein! Ich habe einen.«

»Wer ist es?«

»Ibrahim Pascha.«

»Woher?«

»Aus Stambul.«

»Wo wohnt er?«

»Drüben im Hause an der Wasserleitung.«

»Hast Du noch andere Vertraute?«

»Nein.«

»Noch zwei Hiebe!«

»Bei Allah und dem Propheten, nur der Pascha weiß davon!«

Der Henker wollte zuschlagen, aber Steinbach ergriff ihn am Arme und sagte zu Krüger Bey:

»Er hat wohl keinen Vertrauten weiter. Das glaube ich, beschwören zu können!«

»Gut! Sie sind diesem Bastonnaden nicht zum Gebrauche jewöhnt. Darum thut Sie Ihrem Herzen weh, und ich will dem Befehle jeben, darüber aufzuhören und Beendigung haben. Uns wissen jetzt jenug. Im Uebrigen mögen dem Muhammed es Sadak Bey seiner Bestimmung dem Befehl zu wünschen jebieterisch auszusprechen werden.«

Und in der Sprache des Landes befahl er, den Gefangenen in gefesseltem Zustande in das sicherste Loch des Gefängnisses zu werfen. Dann machte er selbst sich an der Spitze einer Anzahl Leibschaaren auf, den Pascha auch festzunehmen. Die drei Deutschen und der Engländer eilten ihm voraus. –

Der Pascha hatte erst ganz verwundert den Kopf geschüttelt, als er den Derwisch so erfolglos arbeiten sah. Aber als die vier Männer so plötzlich von der Mauer herabgesprungen kamen, war er ebenso sehr erschrocken wie sein Verbündeter.

Er hörte natürlich die Worte nicht, welche gesprochen wurden; aber er erkannte die Personen ganz genau.

»O Muhammed! O, Ihr Kalifen!« knirrschte er. »Das sind diese Hunde! Wie kommen sie hierher? Sollte der Mann, welcher ihm geholfen hat. Alles verrathen haben? Wenn ihm nicht jetzt, ehe sie ihn festhalten, die Flucht gelingt, so ist er verloren.«

Seine Augen traten fast aus ihren Höhlen, so scharf hatte er sie auf die Männer gerichtet. Er sah, daß der Derwisch vergeblich zu entfliehen versuchte! er sah die andern Leute auf der Mauer.

»Bei allen Teufeln und Geistern der Hölle!« stöhnte er. »Sie ziehen ihn empor. Er ist gefangen!«

Er wollte fliehen und doch wartete er. Es war Niemand mehr zu sehen. Aber bereits nach wenigen Augenblicken ertönte ein schriller Schrei, dem ein weiterer folgte. Er kannte das genau.

»Er erhielt die Bastonnade! Sie verhören ihn! Sie werden ihn fragen, ob noch Andere davon wissen! Er wird mich nennen; er wird mich verrathen; denn kein einziger Mensch der Welt kann dem Schmerze widerstehen, wenn der Stock bis auf den Knochen durch die Sohle dringt. Fort, fort! In wenigen Minuten werden sie mich holen. Dann wäre es zu spät!«

Er ging nicht; er lief auch nicht, sondern er rannte fort. Er machte auch keinen Umweg. Nur nach Hause, möglichst bald nach Hause! Nur keinen Augenblick verlieren! Zu seinem Glücke achtete Niemand auf ihn. Er athmete auf, als er, bei dem Hause angekommen, bemerkte, daß sämmtliche Thiere bereit standen. Zwei Minuten später saßen die beiden Mädchen in den Kameelsänften und die Männer auf den Pferden. Nur Einer fehlte.

»Beim Teufel! Wo ist Saïd?« brüllte der Pascha.

»Hier!« antwortete der Genannte, indem er aus dem Hause stürzte und in den Sattel sprang.

»Das ist Dein Glück! Vorwärts!«

Ganz ungewöhnlicher Weise lenkte er so ein, daß er an der Westseite der Stadt hinritt. Dann lenkte er nach dem sogenannten neuen Fort hinüber. Auf diese Weise wich er den belebteren Gegenden aus, so daß es schwer und fast unmöglich wurde, durch Nachfrage zu erfahren, wohin er sich gewendet habe.

Von dem neuen Forte bis zu dem Bade l' Enf ist es gar nicht weit. Es fiel dem Pascha gar nicht ein, in dem kleinen Orte, welchen er als Ziel des Spazierrittes angegeben hatte, anzuhalten, sondern es ging im Galopp hindurch, quer über das Thal Suttun hinweg und nach dem größeren Orte Soliman zu.

Im Süden des Golfes von Tunis zieht sich die Halbinsel Dakhul in der Gegend von Südwest nach Nordost in die See hinein. Da es dem Pascha unmöglich war, zu Wasser von Tunis aus zu entkommen, hatte er den Plan gefaßt, auf dieser Halbinsel bis nach einer ihrer Spitzen hin zu reiten. Dort erwartete ihn morgen früh das Boot, welches er bestellt hatte. Gelang es ihm, dasselbe zu erreichen, so war er gerettet.

Um der Frauen willen dürfte er nicht daran denken, jetzt nur einen Augenblick anzuhalten. So lange die Kameele in ihrem schnellen Tempo blieben, war es den Reiterinnen unmöglich aus den Sänften herabzukommen. Die beiden Mädchen ahnten ihr Schicksal und riefen einander zu. Wurde angehalten, so war es ihnen zuzutrauen, daß sie versuchen würden, aus der Höhe des Kameelrückens herabzuspringen, und wenn ihnen das gelang, dann war es schwer, den Ritt fortzusetzen, wenigstens ging eine kostbare Zeit verloren.

Die beiden Wächter waren gut instruirt. Sie selbst saßen zu Pferde; jeder aber hatte eins der beiden Kameele am Halfter.

Als man das Städtchen Soliman erreichte, gebot der Pascha den Beiden:

»Haltet nicht an, sondern reitet durch. Ich komme nach!«

Er blieb mit Saïd, welcher das Pferd, welches für den Derwisch bestimmt gewesen war, am Zügel neben dem seinigen führte, halten. Es standen mehrere Männer da.

»Wer weiß den besten Weg nach Klibiah?« fragte er sie.

»Ich,« antwortete der Eine.

»Willst Du mein Führer sein?«

»Was bietest Du?«

»Gieb fünfzig Piaster!«

»Du sollst sie haben und dieses Pferd dazu nebst Sattel und Lederzeug, wenn Du augenblicklich aufsteigst und mit mir kommst!«

»Gieb das Geld!«

Der Pascha zog den Beutel. Unterdessen sprang Saïd ab und machte sich an seinem Sattel zu schaffen.

»Was hast Du abzuspringen, fragte ihn der Pascha.

»Diese Wächter verstehen nicht, ein Pferd zu satteln. Der Gurt ist viel zu weit geschnallt. Ich verliere ja den Sattel!«

»Mach schnell! Wir haben keine Zeit!«

Er setzte sich bereits in Bewegung, und der neu engagirte Führer mit ihm. Saïd stieg hinter ihnen auf und folgte ihnen, raunte aber vorher den zurückbleibenden Männern zu:

»Ich habe Euch Etwas zu sagen. Kommt nachgelaufen!«

Er hatte sich bereits daheim mit der Stummen zu schaffen gemacht, und nur darum hatte ihn der Pascha rufen müssen. Die vermeintliche Mutter Tschita's lag nämlich in einem untern Raume des Parterres auf einer Strohmatte. Es waren ihr beide Beine an zwei Holzlatten festgebunden worden, weil sie sich die Hüfte verstaucht hatte, so hatte der Pascha gesagt. Diese albernen Schienen waren aber keineswegs nöthig gewesen, da sie gar keinen Schaden gelitten hatte. Der Pascha hatte sie nur in einem vollständig hilflosen Zustande zurücklassen wollen. Im letzten Augenblicke nun, als es fortgehen sollte, hatte Saïd ihr die Bänder zerschnitten und ihr einen Zettel hingelegt mit den Worten:

»Sollte er eine Schlechtigkeit beabsichtigen, so daß wir heut Abend nicht wieder da sind, so gieb diesen Zettel den beiden Effendis, welche kommen werden. Dann ist Alles gut.«

Und jetzt nun hier in dem Städtchen Soliman hatte er gehört, wohin der Ritt gehen solle. Es kam ihm darauf an, den Verfolgern wissen zu lassen, wohin sie sich zu wenden hätten. Darum hatte er gethan, als ob sein Pferd schlecht gesattelt sei. Anstatt aber den Gurt fester anzuziehen, hatte er ihn vielmehr lockerer gemacht. Als er nun im Galopp folgte und man eben das Städtchen im Rücken hatte, rutschte sein Sattel unter den Bauch des Pferdes herab.

»O Allah!« rief er klagend aus. »Jetzt konnte ich den Hals brechen! Diese beiden Kerls sollen verdammt sein, wenn sie Etwas machen, was sie nicht können!«

Der Pascha sah sich um. Er stieß einen Fluch aus und sagte zornig:

»Ich denke. Du hast es fester gemacht!«

»Du ließest mir doch keine Zeit dazu!«

»So mache schnell und komm nach! Ich kann Deinetwegen nicht die Kameele so weit vorankommen lassen.«

Er ritt mit dem Führer weiter. Das wollte der brave Arabadschi. Kaum war sein Herr hinter der Ecke des Gartens, an dem sie hinritten, verschwunden, so saß der Sattel wieder fest und Saïd sprang auf. Anstatt aber dem Pascha zu folgen, jagte er zurück bis zu den Männern, die ihm zwar nachgelaufen waren, ohne ihn aber recht zu verstehen.

»Der dort hat hundert Piaster bekommen,« sagte er. Wollt Ihr zweihundert oder dreihundert oder noch 'mehr verdienen?«

»O Allah! Das ist ja ein ganzer Reichthum!«

»Wollt Ihr ihn? Macht schnell!«

»Ja, ja. Was werden wir da thun müssen?«

»Ihr geht nach dem Bade l'Enf. Es werden Reiter kommen, welche fragen, wohin wir geritten sind. Ihr sagt es ihnen, daß wir nach Klibiah reiten. Wenn diese Reiter nicht bald kommen, läuft einer von Euch in die Stadt nach dem italienischen Hause und fragt nach ihnen. Sie heißen Normann Effendi und Wallert Effendi. Es ist ein Engländer bei ihnen. Ich, heiße Saïd. Wißt Ihr das Alles?«

»Ja. Wer bezahlt uns?«

»Diese Leute. Sie geben Euch so viel, wie ich Euch gesagt habe. Sie geben Euch sogar noch mehr, wenn Ihr dafür sorgt, daß Ihr sie schnell findet und sie dann auch uns. Wenn Ihr zu wenig seid, so nehmt noch mehr Leute. Aber thut es ja. Ich verspreche Euch bei Allah und dem Barte des Propheten, daß Ihr das Geld bekommt!«

»Wenn Du so schwörst, so werden wir es thun. Wir werden gleich alle Wege besetzen, so daß sie uns nicht entgehen können, und Einer mag nach der Stadt in das italienische Haus reiten. Du aber folge den Deinen in Allah's Namen nach!«

Saïd wendete um und jagte dem Pascha nach, so schnell sein Pferd zu laufen vermochte. Er hatte das Seinige gethan. Zwar fragte er sich, ob er nicht selbst hätte nach der Stadt reiten können. Aber einmal hätte sein Herr die Absicht dieser Flucht sofort verrathen und dann gewiß seine Tour geändert, und das andere Mal hielt er es für besser, bei den Mädchen zu bleiben. Es stand zu erwarten, daß er ihnen von Nutzen werde sein können.

Als er dann den Pascha erreichte, empfing dieser ihn zwar mit grollenden Vorwürfen, daß er so lange Zeit zurückgeblieben sei; der brave Kerl aber machte sich nichts aus ihnen und lachte viel mehr heimlich und fröhlich vor sich hin, darüber, daß ihm seine Absicht so gut gelungen sei. –

Die Freunde waren, wie bereits erwähnt, dem Obersten der Heerschaaren mit seiner Truppe vorangeeilt. Als sie das Haus erreichten, war es verschlossen. Sie klopften. Von innen klopfte auch Jemand. Es war die Stimme, welche mit ihren händelosen Armen nicht hätte öffnen können, selbst wenn sie den Schlüssel, den der Pascha wohlweislich eingesteckt hatte, besessen hätte.

Sie gingen nun um das Gebäude herum und stiegen durch einen offenen Laden des Erdgeschosses ein. Die Stube, in welcher sie nun standen, war leer. Von da aus traten sie in den fast dunklen Hausflur. Dort stand die Stumme.

»Wer bist Du?« fragte Steinbach.

Sie antwortete durch einige unarticulirte Laute.

»Herr Gott!« sagte Normann. »Das ist Tschita's Mutter! Weib, wo ist Deine Tochter?«

Sie deutete nach der Thür.

»Fort?«

Sie nickte.

»Ah, also doch spazieren?«

Sie nickte abermals.

»Nicht wahr, nach dem Bade l'Enf?«

Ein drittes Nicken bejahte auch diese Frage. Steinbach hatte indessen die Thür untersucht.

»Sie ist von außen verschlossen,« sagte er. »Es scheint, daß man den Schlüssel mit genommen hat. Wir sind aber gezwungen, zu öffnen.«

Er sah sich um. Im Hausgange lehnte eine Gartenhacke. Er nahm dieselbe und sprengte die Thür auf. Da kam auch bereits der brave Oberst mit seinen kriegerischen Begleitern heranmarschirt.

»Haben Ihnen ihm schon bereits zuweilen beinahe festzunehmen jearretirt!« fragte er.

»Nein. Er ist fort.«

»Was? Ihm ist fort? Wohinüber und herunter?«

»Er ist mit seinem Harem nach l'Enf spazieren.«

»Ihm geht spazieren? Ihm, den Verbrecher? Wir werden ihm dem Spazieren zu verbieten jetzt sogleich einem Hinderniß in das Weg zu legen vorjenommen haben müssen.«

»Wollen Sie ihm nach?«

»Meinen Ihnen, daß es besser zu sein jesonnen ist, wenn ihm hier abjewartet zurückjekehrt sein werden mag?«

»Das will überlegt sein. Wollen erst einmal untersuchen, ob es sich wirklich nur um einen blosen Spazierritt handelt.«

Sie begannen, die Zimmer zu durchsuchen. Da ertönte ein Schrei, von welchem es gar nicht möglich schien, daß er von einem Meeschen ausgestoßen sein könne. Als sich die Männer umblickten, sahen sie, daß es die Frau gewesen war. Sie stand vor Wallert. Ihre ganze Gestalt zitterte vom Kopfe bis zu den Füßen; ihre Augen schienen aus den Höhlen treten zu wollen, und in ihren, Gesicht lag ein Ausdruck angstvollen Entzückens, der gar nicht zu beschreiben ist.

»Was wollen Sie?« fragte er, sich in diesem Augenblicke ganz unwillkürlich der deutschen Sprache bedienend.

Ein zweiter, noch lauterer Schrei war die Antwort. Sie lachte wonnig auf, und zugleich stürzten ihr große, dicke Thränen aus den Augen.

»Mein Heiland!« sagte Normann. »Sollte sie vielleicht gar Deutsch verstehen! Fast scheint es so!«

»Oah, oah!« gurgelte sie hervor.

»Sie verstehen Deutsch?«

»Oah, oah!«

»Sind Sie vielleicht gar eine Deutsche?«

»Oah, oah!« antwortete sie wieder, wohl zwanzigmal dazu nickend.

»Himmel! Tschita's Mutter eine Deutsche!«

»Eing, eing, eing, eing!«

»Sie hat keine Zunge; sie kann nicht sprechen. Soll dieses Wort vielleicht »nein« bedeuten?«

»Oah, oah!« nickte sie.

»Sie sprechen also nicht deutsch?«

»Oah, oah!«

»Also doch! Worauf bezieht sich dann dies nein? Ah, ich nannte Sie Tschita's Mutter! Sind Sie das etwas nicht?«

»Eing, eing, eing!«

»Nicht! Also nicht! Sie armes, beklagenswerthes Wesen, fassen Sie sich; sammeln Sie sich! Beherrschen Sie Ihre Aufregung! Wir müssen uns verständlich machen. Das ist grad in diesem Augenblicke wohl von allergrößter Wichtigkeit. Tschita ist eine Türkin?«

»Eing, eing!«

»Was denn? Doch nicht etwa eine Deutsche?«

»Oah, oah!«

»Mein Jesus! Ist das möglich!«

»Oah, oah!«

Sie nickte und knipte mit dem ganzen Körper, um ihre Aussage zu bekräftigen. Ihr Gesicht, obgleich von Pockennarben gräßlich entstellt, strahlte förmlich vor Entzücken, in ihrer Muttersprache angeredet zu werden.

»Wenn Sie nicht ihre Mutter sind, was sind Sie dann?« fragte er weiter. »Eine Verwandte?«

»Eing, eing!«

»Nicht? Also eine Dienerin?«

»Oah, oah!«

Dabei machte sie mit ihren Armen eine Bewegung, als ob sie ein Kind sich an die Brust lege.

»Ah! Sie waren Tschita's Amme?«

»Oah, oah!«

»So kennen Sie ihre Eltern?«

Sie nickte. Ihr Gesicht drückte eine unendliche Spannung aus. Es war das erste Mal nach langen, langen Jahren, daß sie sich über das verständlich machen konnte, was ihr so bergesschwer auf dem Herzen gelegen hatte.

»Wer ist Tschita's Vater?«

Sie gab eine Antwort, welche wohl keiner der Anwesenden erwartet hätte. Sie deutete mit dem Armstumpfe auf Wallert, kniete vor ihm nieder und legte ihre Lippen auf seine Hand um sie zu küssen. Das geschah in einer solchen Weise, daß Allen die Thränen in die Augen traten.

»Sie irren!« fuhr Normann fort. »Dieser junge Mann kann doch nicht Tschita's Vater sein.«

»Eing, eing!« antwortete sie, also nein nein. Und doch fügte sie sofort hinzu oah, oah, also ja ja, indem sie fortgesetzt auf ihn deutete.

»Ah, Sie wollen wohl sagen, daß er ihrem Vater sehr ähnlich sieht?«

Sie that förmlich einen Sprung vor Freude darüber, so gut verstanden worden zu sein. Normann fuhr fort:

»Das ist aber jedenfalls nur ein Zufall.«

Sie stellte sich vor Wallert hin, sah ihn genau an und schüttelte höchst demonstrativ den Kopf.

»Nicht? Meinen Sie etwa gar, daß er verwandt mit ihrem Vater sei?«

»Oah, oah!«

»Wunderbar! Aber dennoch! Konnten Sie früher schreiben?«

Sie nickte.

*

17

»Nun, die Hände sind Ihnen genommen. Aber mit dem Arme könnten Sie doch die Bewegung des Schreibens gegen die Wand machen. Wie hieß der Vater von Tschita?«

Sie trat an die weißgetünchte Wand und schrieb mit dem rechten Arme in großen Lettern:

»
Adlerhorst.«

Es läßt sich nicht beschreiben, welchen Eindruck dieses Wort machte. Wallert schrie laut auf:

»Adlerhorst? Wie war sein Vorname?«

»
Alban,« schrieb sie.

»O Du barmherziger Gott! Ist das möglich! Wärst Du etwa Sarah, die jüdische Amme?«

»Oah, oah, oah!« nickte sie, ganz entzückt. –

»O Gott! O Gott! Tschita ist meine Schwester, meine Schwester!«

Er schlug die beiden Hände an die Wand, stemmte den Kopf darauf und weinte bitterlich, bitterlich.

Alle waren tief, tief ergriffen. Doch sagte keiner ein Wort, selbst die nächst Betheiligten nicht. Aber Sarah trat zu ihm heran, kniete abermals nieder, nahm den Saum seines Rockes zwischen ihre Arme und küßte ihn.

Dann näherte sich ihm auch Normann. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Lieber Hermann, fasse Dich! Das was Du erfahren hast, ist ja nicht traurig!«

»Nein, traurig nicht, gar nicht!« antwortete er unter weiter strömenden Thränen. Ich weine ja auch nicht vor Schmerz, sondern vor Entzücken.«

Und nun erst ließ sich auch der Engländer hören:

»Alle Wetter! Adlerhorst! Adlerhorst heißen Sie?«

»Ja, Mylord.«

»Und Alban von Adlerhorst war Ihr Vater?«

»Ja.«

»Aber, Mensch, sind Sie denn bei Troste! Sie sind mein Cousin; ich suche Ihre Familie; Sie suchen mit, und dennoch verschweigen Sie mir, daß wir eigentlich in einen und denselben Taubenschlag mit einander gehören!«

»Ich wußte das. Vielleicht darf ich Ihnen später einmal die Gründe mittheilen.«

»Und jetzt giebt es diese Gründe nicht mehr?«

»O doch. Aber die Ueberraschung hat mich fortgerissen, meinen Namen zu nennen.«

»Na, Junge, so laß Dich auch noch ein wenig weiter fortreißen, nämlich an meinen Oberkörper! Komm her, Bursche! Jetzt endlich habe ich einen von den Finken gefangen! Man wird nun wohl auch erfahren, wo die andern umherfliegen!«

Er zog ihn an sich und küßte ihn kräftig. Dann fragte er:

»Ist diese Sarah vielleicht auch Deine Amme gewesen?«

»Nein. Die Eltern waren in Adrianopel, während wir uns in der Heimath befanden. Mutter hatte das kleinste Schwesterchen und die Amme mitgenommen. Vater reiste für einige Tage nach Konstantinopel, ist aber nie wiedergekehrt. Dann war plötzlich auch Mutter fort, nebst dem Schwesterchen und der Amme.«

»Sapperment! Wohin?«

»Wir wußten und wissen es nicht. Jetzt höre ich zum ersten Male wieder von ihnen.«

»So hoffe ich, daß wir ihnen Allen, welche noch fehlen, auf die Spur kommen. Sarah wird uns erzählen müssen. Sie hat viel, viel zu erzählen. Jetzt aber giebt es keine Zeit dazu. Wir müssen uns um den Pascha und ganz besonders um Tschita bekümmern. Wehe ihm, wenn er ihr ein einziges Haar zu krümmen wagt!«

Es gehörte eine große Selbstbeherrschung dazu, die Scene so rasch abzubrechen und die Wißbegierde für später zu vertrösten; aber die Sorge that das Ihrige. Und so wurde zunächst das Haus durchsucht.

»Von Effecten findet sich gar nicht viel vor,« meinte Steinbach, als man damit fertig war. »Ich möchte fast glauben, daß der Pascha geflohen ist.«

»So müssen wir ihm nach,« rief Normann.

»Was sagen Sie, Herr Oberst?«

»Ich meine, dem Pascha hat hier keiner Zeit zu bleiben mehr jefallen jehaben; ihm hat den Flucht ergriffen, und uns werden ihm nachzujagen den Eile in der Schnelligkeit bei jute Pferde sein!«

»Das ist auch meine Ansicht!«

Da ließ Sarah einen lauten Ruf hören und deutete nach einem weißen Zettel, der neben ihrem Lager lag. Sie dachte erst in diesem Augenblick an ihn. Steinbach hob ihn auf, entfaltete ihn und las:

»Wir brechen so rasch auf, daß ich an eine Flucht glaube. Kehren wir heute Abend nicht zurück, reiten wir vielmehr von l'Enf noch weiter, so werde ich dort für Nachricht sorgen.

Saïd.«

Diese Zeilen waren in Eile und türkisch geschrieben.

»Der Treue! Ihm haben wir bereits viel zu danken,« meinte Normann. »Jetzt aber bin ich überzeugt, daß der Pascha die Flucht ergriffen hat.«

»Aber wohin?« fragte Wallert.

»Nicht zur See, sondern zu Lande, wie es scheint, was für den Augenblick auch das Sicherste für ihn ist. Wir müssen unbedingt sofort nach l'Enf.«

»Ja. Aber was wird hier mit Sarah?«

Da sagte Krüger Bey:

»Diesem Sarah wird bei meiner Weiber das Wohnung und dem Logis hinüberzuführen gefunden werden.«

Dieser Vorschlag war gut. Sie sollte einstweilen in dem Harem des Obersten Aufnahme finden. Dieser Letztere versprach, für Pferde zu dem beabsichtigten Ritt zu sorgen, und so begab man sich nach dem Bardo zurück, nachdem aber eine hinreichende Anzahl der Trabanten in das Innere des Hauses postirt worden war, um, falls die Bewohner doch zurückkehren sollten, den Pascha sofort festzunehmen.

Da die Trabantengarde des Bey aus lauter Cavallerie bestand, so gab es gute Pferde genug. Der Oberst stattete zunächst dem Beherrscher einen kurzen Bericht ab, und dann setzte sich die aus den Deutschen, dem Engländer, dem Obersten und zehn seiner Reiter bestehende Cavalcade in Bewegung.

Durch die Stadt im Trabe, ging es dann draußen im Galoppe weiter.

Die Scene in dem Hause an der alten Wasserleitung hatte doch mehr als eine Stunde in Anspruch genommen. Es war fünf Uhr geworden. Als die Reiter nach l'Enf kamen, wurden sie von den dortigen Bewohnern neugierig betrachtet. Sie Alle kannten Krüger Bey.

»Der Oberst der Leibschaaren!« sagte ein Mann laut. »Das können die Erwarteten nicht sein.«

Sofort parirte Steinbach sein Pferd und fragte:

»Erwartet Ihr vielleicht Reiter?«

»Ja.«

»Was für welche?«

»Aus der Stadt, einen Normann Effendi; den anderen Namen habe ich vergessen. Auch ein Engländer soll mit dabei sein.«

»Das sind wir.«

»So kennst Du Saïd?«

»Ja.«

»Wir sollen Euch sagen, daß sein Ritt nach Klibiah geht. Sie haben in Soliman einen Führer gewonnen, dem sie hundert Piaster gaben und ein Pferd nebst Sattel und Lederzeug dazu. Sie hatten es übrig.«

»Saïd scheint Euch auch Geld versprochen zu haben?«

»Ja.«

»Wieviel?«

»Wenigstens dreihundert Piaster.«

»Hier hast Du sie.«

Er zog seine Börse. Als der Lord dies sah, erhob er Widerspruch. Er rief sofort:

»Halt! Das geht nicht! Die Gesellschaftskasse habe ich. Ich habe diesen Mann nicht verstanden. Ist seine Botschaft etwas werth?«

Es wurde ihm Alles erklärt.

»Gut!« sagte er. »Diese Leute sollen fünfhundert Piaster haben. Ein Pferd kann ich ihnen leider nicht geben. Da mögen sie sich einen Affen oder eine Meerkatze kaufen.«

Der Ritt, welcher nun eine sichere Direction hatte, wurde fortgesetzt, und zwar in fortwährendem Galoppe. Die Verfolgten hatten zwei Stunden Tageszeit Vorsprung. Glücklicher Weise aber befanden sich bei der Truppe des Obersten einige Leute, welche die Halbinsel so genau kannten, daß sie selbst des Nachts ihres Weges vollständig sicher waren.

Es ging nach Soliman und von da nach Mazera. Am späten Abend gelangte man nach El Abeïd, wo das Flüßchen gleichen Namens in das Meer geht. Hier waren die Verfolgten vor über einer Stunde durchgekommen und dann nach Bir el Dschedi weitergeritten. Einer der Wegkundigen fragte da:

»Müssen wir wirklich nach Klibiah?«

»Ja. So lautet ja unsere Weisung.«

»Nein, mir scheint, der Pascha hat einen Führer, welcher nicht gern auf schlechten Wegen reitet. Er geht nach Dschedi und von da ganz sicher nach Sidi Daud. Dann streicht er quer über die Halbinsel hinüber nach dem Ziele. Dabei bleibt er stets auf sehr guten Pfaden, macht aber einen großen Umweg, da er einen richtigen rechten Winkel reitet.«

»Können wir den nicht abschneiden?«

»Ganz gut, wenn Ihr eine Anstrengung nicht scheut.«

»Immer zu!«

»So reiten wir jetzt hinauf in die Berge. Dort fließt das Wasser des Adieb ganz grad der Richtung zu, welche die unserige ist. Dem Thale dieses Flüßchens folgen wir und sind noch vor Tagesanbruch in Klibiah.«

Nach einer kurzen Berathung wurde dieser Vorschlag angenommen. Es stellte sich auch heraus, daß er ein sehr vortheilhafter war. Die Truppe langte zwei Stunden vor Tagesanbruch am Ziele an.

Leider aber hatte der Pascha zwar den Namen Klibiah dem Führer genannt, doch war es gar nicht seine Absicht, bis ganz nach diesem Orte zu reiten. Er wollte das Boot ja etwas weiter nördlich am Vorgebirge al Melhr erwarten. Da hätte der Oberst mit seiner Truppe in alle Ewigkeit warten können, um ihn in Klibiah abzufangen.

Glücklicher Weise aber langte grad beim grauenden Tage ein Botenreiter aus Sidi Daud an. Von ihm hörte der inmitten des Ortes campirende Oberst, daß eine kleine Truppe von zwei Kameelen und vier Pferden gestern spät am Abend von Daud abgeritten sei und nun am Vorgebirge Melhr lagerten. Er hatte sie von der Höhe aus gesehen.

»O weh!« rief Steinbach. »Sie kommen gar nicht nach hier. Wie es scheint, erwarten sie ein Schiff.«

»Ich sah Dampf,« bemerkte der Bote.

»Alle Teufel! Weit davon?«

»Noch oberhalb des Vorgebirges Aswad.«

»Wie weit liegen die Reiter von hier?«

»Ich bin zehn Minuten geritten.«

»Die Richtung des Ortes?«

»Zwischen diesen beiden Hütten hindurch grad aus.«

»Rasch auf, wir haben keine Zeit zu verlieren!«

Steinbach sprang eiligst in den Sattel und die Anderen folgten seinem Beispiele. Wie vom Sturmwinde gejagt, flogen die Reiter zum Orte hinaus und in der angegebenen Richtung weiter, in ein enges Thal hinein, welches emporführte und dann oben auf der Höhe flach verlief.

Als sie oben ankamen, sahen sie das Meer unter sich weit, weit nach allen Richtungen ausdehnen. Aber was sie noch sahen, das wa, ein türkischer Dampfer, welcher nahe dem Lande beigedreht hatte und, langsam mit den Wogen treibend, auf die Rückkehr des Bootes wartete, welches er nach dem Lande geschickt hatte.

Dieses Boot hatte angelegt. Am Ufer hielten zwei Kameele und fünf Pferde: Fünf Männer standen dabei und zwei Frauen. Diese beiden Letzteren befanden sich augenblicklich in einer sehr unangenehmen Lage, denn sie wurden jetzt, grad in diesem Augenblicke, von den Männern auf das Bret gedrängt, welches von dem Boote nach dem Lande gelegt worden war.

Der Eine der Männer erblickte die Truppe, stieß einen lauten Ruf aus und gab einen befehlenden Wink hinüber nach dem Schiffe zu. Dieser wurde verstanden. Man war jedenfalls auf so etwas vorbereitet. Es wurde ein breites Segeltuch gelüftet, und es kam nun unter demselben der Lauf einer Deckkanone zum Vorschein. Die Freunde sahen das.

»Sie sind es. Wir kommen fast zu spät!« rief Normann. »Ich glaube gar, man will auf uns schießen!«

»Einen solchen Verstoß gegen das Völkerrecht wollen wir abwarten,« antwortete Steinbach. »Wir befinden uns nicht im Kriege. Wir wollen nur einen entlaufenen Verbrecher fangen. Drauf, im Galopp!«

Sie gaben den Pferden die Sporen und schossen von der Höhe hinab. Die Mädchen waren jetzt in das Boot gedrängt worden. Sie erblickten jetzt erst die zu spät nahende Hilfe. Sie streckten die Arme aus und schrieen laut auf. Der Pascha sprang nach, Saïd hinter ihm her. Das Boot wurde eingezogen und die Ruder setzten sich in Bewegung. Ein lautes Gelächter erscholl vom Boote aus und auch vom Schiffe her.

Jetzt brausten die Verfolger heran. Allen voran Steinbach, hinter ihm her Normann.

»Halt! Wieder anlegen!« rief der Erstere.

Man antwortete mit Lachen.

»Leibgarde des Bey von Tunis! Ich gebiete Halt!«

Abermaliges Gelächter.

Die Bootsleute wußten, daß sie jetzt in Sicherheit seien. Da aber sprang Steinbach vom Pferde, warf die Büchse weg – es war fast wahnsinnig zu nennen; aber der riesenhafte Mann nahm einen Anlauf, ein gewaltiger Sprung, wie ihn kaum der beste Circusmann fertig bringt, und er flog vom Lande aus über die wohl acht Ellen breite Wasserfläche und in das Boot hinein.

»Einen Raub sollt Ihr doch hergeben, Ihr Hunde!«

Bei diesen Worten ergriff er die nächste der beiden Mädchen, es war Tschita, hob sie empor, und ehe man ihn festzuhalten vermochte, that er einen Sprung mit ihr, weit in das Wasser hinein, dem Lande zu.

Er war nicht der einzige Kühne gewesen. Normann, von seinem Beispiele angefeuert, war ihm gefolgt. Auch er erreichte in gewaltigem Sprunge das Boot, aber grad in demselben Augenblicke, als Steinbach wieder heraussprang. Das Fahrzeug hatte sich dadurch gesenkt und Normann verlor das Gleichgewicht. Zudem hatten die Bootsleute ihre Fassung, welche ihnen vor Erstaunen über eine solche Kühnheit verloren gegangen war, wieder erlangt. Ehe Normann das Gleichgewicht wieder erhielt, bekam er einen kräftigen Schlag vor die Brust und stürzte ins Wasser.

»Fort, fort!« brüllte der Steuermann.

Die Ruderer legten sich in's Zeug.

»Halt, halt!« Ich muß Tschita wieder haben!« rief der Pascha. »Zurück an's Land!«

»Daß sie Dich und uns ergreifen! Fort, sage ich!«

Das Boot gab dem Drucke der Ruder nach und schoß davon. Der Oberst brüllte laut vor Aufregung:

»Hund! Mörder! Schießt ihn nieder!«

Seine Leute waren abgestiegen. Sie legten die Gewehre an, um zu gehorchen. Da aber duckte sich der Pascha hinter Zykyma nieder. Nicht er, sondern sie wäre von den Kugeln getroffen worden. Und zur Warnung krachte der erste Kanonenschuß vom Dampfer her.

Steinbach stieg in diesem Augenblicke aus dem Wasser. Er legte Tschita, welche ohnmächtig war, auf das Trockene und wendete sich nach dem Boote. Die Situation erfassend, rief er hinüber, so daß sie es hören mußte:

»Zykyma, sei getrost! Wir holen Dich doch!«

Auch Normann stieg an das Land. Es gab sowohl auf dem Boote als auch am Lande eine höchst aufregende Scene. Der Pascha wollte nicht auf Tschita verzichten und sah sich doch dazu gezwungen. Die Soldaten des Bey riefen alle Verwünschungen, die ihnen einfielen, den Entkommenen zu. Normann und Wallert knieten bei dem ohnmächtigen Mädchen. Der Engländer rief:

»Verteufelt, verteufelt! Hätte ich meine Yacht hier, hätte ich meine Yacht hier!«

»Ja. Diesen Ausgang hätten wir gestern ahnen müssen,« antwortete Steinbach, »so wären wir bei Ihnen an Bord gegangen und hätten auch Zykyma erhalten.«

»Ich hätte das Boot in den Grund gedampft.«

»Na, wir bekommen sie noch! Das weiß ich gewiß! Wir müssen uns in das Unvermeidliche finden.«

Ja! Dort schleppen sie sie eben zur Schiffstreppe hinauf.«

»Ein muthiges Mädchen! Sie jammert nicht. Sie winkt uns mit den Händen zu.«

»Ein Glück, daß der treue Saïd bei ihr ist! Der wird uns schon eine Spur verschaffen. Herr Oberst, was thun wir jetzt?«

»Uns werden diesem verdammter Hunden nachzujagen dem Galopp reiten und sie zeigen, wem der Bastonnade eines wohltätigen Gefühlen dem Geschmack findet!«

Dabei deutete er auf die beiden Wächter und den Führer, welche sich mit den Kameelen und allen Pferden unterdessen still aus dem Staube gemacht hatten. Seine Leute saßen im Nu auf und jagten ihnen nach, sie einzuholen.

Er selbst zog sich mit Steinbach und dem Lord von Tschita zurück, welche sich jetzt zu regen begann. Sie öffnete die Augen. Ihr Blick fiel auf Normann.

»Paul!« flüsterte sie, die Augen wieder schließend.

»Tschita, meine Tschita!«

»Ich träume!«

»Nein, Du träumst nicht. Blicke mich an!«

»Ist's Wahrheit?« fragte sie, den Blick wieder auf ihn richtend.

»Wahrheit, süße, glückliche Wahrheit! Ich habe Dich wieder. Dich, mein Leben, meine Seligkeit!«

Sie fühlte vor Wonne nicht, daß ihr Gewand naß war. Sie schlang die Arme um den Geliebten und zog ihn an sich.

»Jetzt weiß ich es,« flüsterte sie. »Du hast mich aus ihrer Mitte geholt.«

»Leider nicht ich!«

»Wer sonst?«

»Steinbach, der dort steht?«

»Dort! Wir sind nicht allein?«

Sie fuhr empor. Sie hatte nur im augenblicklichen Impulse gehandelt. Jetzt, da sie die anderen Männer erblickte, erglühte sie vor Scham und Verlegenheit.

»Kommen Sie, Oberst,« sagte Steinbach zu diesem. »Wir wollen in's Dorf reiten und sehen, ob wir ein trockenes Gewand für unsere Gerettete geborgt bekommen.«

»Ja, diesem Gewandes ist nothwendig. Der Strümpfen und dem Hosen sind bei das Wasser sogar die Jacke und dem Schleier niemals einer Erkältung und demnach auch dem Schnupfen und ein Husten zu haben außerhalb dem Hollunderthee. Ich reite mit Sie!«

Sie sprengten ab. Der türkische Dampfer wendete seinen Bug wieder der offenen See zu.

»Zykyma, wo ist sie?« fragte Tschita erschrocken.

»Dort auf dem Schiffe.«

»O Allah! Habt Ihr sie nicht retten können?«

»Nein, leider nein. Aber wir werden sie noch retten können. Weißt Du, wohin der Pascha fährt?«

»Nach Egypten.«

»So folgen wir ihm. Und Du, meine süße Tschita, fürchte Dich nicht hier vor meinem Freunde! Er steht Dir so nahe wie ich, ja, noch viel näher.«

»Wie meinst Du das? Wo ist meine Mutter? O, wie habe ich nach ihr gejammert.«

»Wirst Du die Neuigkeit ertragen können? Sie ist nicht Deine Mutter.«

»Nicht meine Mutter?« fragte sie erstaunt.

»Nein, sondern nur Deine Amme.«

»O nein, nein! Woher wolltest Du das wissen?«

»Sie hat es uns selbst gesagt. Wir haben gestern mit ihr gesprochen. Sie versteht unsere Sprache, sie ist eine Deutsche.«

»Eine Deutsche! O Allah!«

»Sie hat uns gesagt, wer Deine Eltern sind. Du hast einen Bruder, einen Bruder, der Dich sehr lieb hat.«

»Einen Bruder!«

Sie schloß die Augen und faltete die Hände. Dann flüsterte sie, ohne die Augen zu öffnen:

»Wo lebt er, wo ist er?«

»Hier ist er, neben Dir. Mein Freund ist Dein Bruder.«

Sie öffnete die Augen; sie blickte ihn an und dann auch Wallert. Ihre Wange erbleichte wie vorher, als sie aus dem Wasser gekommen war.

»O Allah! Ich sterbe – ich sterbe!«

Sie legte ihren Kopf an Normann's Brust und wurde ohnmächtig; doch war es die Ohnmacht der Freude, an welcher noch Niemand gestorben ist.

Die an beiden Ufern des Nil gelegene Hauptstadt von Egypten, welche bei uns fälschlicher Weise Kairo genannt wird, heißt eigentlich Kahira, das ist die Siegreiche. Und diesen Namen verdient sie mit vollem Rechte.

Siegreich hat sie sich durch Jahrhunderte erhalten, und siegreich steht sie noch heut an der Ueberlandsbrücke zweier gewaltiger Erdtheile. Noch bis vor Kurzem war sie der Typus echt orientalischer Eigenthümlichkeit, doch seit ungefähr fünfzehn Jahren beginnt sie leider sich in mehr abendländische Gewänder zu hüllen.

Die Franzosen und Engländer sind gekommen, ihr den Hof zu machen, und seitdem besitzt sie ganze Stadttheile, welche ein europäisches Aussehen haben. Nur an den alten, arabischen Vierteln findet man noch ein Gewirr von engen Gassen und Gäßchen, die sehr oft sackartig enden und dabei so schmal sind, daß man sich aus den gegenüberliegenden Erkern die Hände reichen oder von dem einen platten Dache auf das andere desselben hinüberspringen kann.

Wer hier den Orient kennen lernen will mit all seinen Vorzügen und Mängeln, der muß sich in ein Haus irgend einer solchen Gasse einquartieren.

Das hatten jedenfalls auch die Beiden gedacht, welche sich kurze Zeit nach den soeben geschilderten Ereignissen in einem Raume gegenüber saßen, der eher den Namen eines Loches, als denjenigen einer Stube verdiente.

Diese Wohnung hatte weder Tisch noch Stuhl, weder Sopha noch Bett, weder Spiegel noch sonst etwas Aehnliches. Die beiden Männer saßen mit untergeschlagenen Beinen auf Strohmatten, welche sich gegenüber lagen. Licht erhielt der Raum nur durch ein kleines Loch in der Wand und durch eine schmale Treppe, welche hinauf auf das platte Dach führte und nicht verschlossen war. Der Eine war sehr lang und hager. Zu seinem sehr ausgeprägten Gesicht wollte das kleine Stumpfnäschen gar nicht passen, welches die Caprice hatte, sich wie eine runde Kastanie gerade in die Mitte des Gesichtes zu postiren. Er trug einen riesigen Turban, einen langen, blauen Kaftan und Pantoffel an den nackten Füßen. Sollte man meinen, daß dieser Mann der ehrenwerthe Lord Eagle-nest sei?

Der Andere war mehr untersetzt und außerordentlich kräftig gebaut. Er hatte Hände, mit denen man vielleicht einen Elephanten hätte erschlagen können, und trug genau dieselbe Kleidung wie der Lord. Dieser Mann war Master Smith, der ehrenhafte Steuermann der Yacht.

Master Smith hatte sich nämlich in Constantinopel ein arabisches Wörterverzeichniß gekauft und dasselbe während der Fahrt nach Tunis und auch später so fleißig in Gebrauch genommen, daß er bereits einige hundert arabischer Wörter verstand.

Das hatte der Lord in Erfahrung gebracht. In Kahira angekommen, hatte er sich schleunigst etwas Aehnliches gekauft, sich hier in einem echt arabischen Hause eingemiethet und nun saßen sie beisammen, der Steuermann als Lehrer und der Lord als Schüler, um auch das zu lernen, was der Erstere gelernt hatte. Leider aber war der gute Lord kein sprachliches Genie. Eben jetzt fragte er den Seemann:

»Schmeckt heute Dein Gurab?«

»Gurab? Was meinen Eure Lordschaft?«

»Na, das Primchen, von dem ich Dir ein Pfund gekauft habe.«

»Primchen heißt Girab. Gurab aber heißt ein lederner Sack. Sie haben mich also gefragt, ob mir heute mein Ledersack schmeckt.«

»Das ist dumm. Ich glaube, ich bin ein bischen gofer.«

»Gofer? Hm!«

»Ist auch das dumm?«

»Gofer ist eine Kameelkrankheit, so was bei den Pferden der Dampf ist. Sie meinen also, daß Eure Lordschaft dämpf sind.«

»Pfui Teufel! Ich meinte, vergeßlich.«

»Das heißt nicht gofer, sondern goser.«

»Der Teufel mag sich diese Unterschiede merken! Horch, da singt sie wieder!«

Man hörte eine weibliche Stimme, welche folgende Strophe sang und zwar in hoher Fistelstimme:

»Fid-daghle ma tera jekun?
Ehammin hu Nabuliun
Ma balu-hu jrdubb bena?
Kussu hu, ja fitjanena.«

Die Sängerin hörte auf. Der Lord brummte:

»Diese Melodie ist mir bekannt.«

»Mir auch. Es ist die Melodie zu dem deutschen Liede: Was kraucht nur dort im Busch herum.«

»Ja, richtig!«

»Der Name Nabuliun kam auch vor. Ich glaube gar, hier singt eine Haremsdame das Kutschkelied in arabischer Sprache!«

Es war auch wirklich das Kutschkelied. Die Sängerin ließ jetzt auch die anderen Strophen hören.

»Ich muß nur einmal sehen, wo sie steckt!« meinte der Lord.

Er trat an das kleine Fensterloch. Er sah nichts; aber er bemerkte mit Sicherheit:

»Da drüben ist es. Vielleicht auf dem Dache. Wollen einmal die Treppe hinaufsteigen.«

Sie stiegen empor. Der Lord voran. Kaum hatte er den Kopf mit dem riesigen Turban hinausgesteckt, so sagte er entzückt:

»Ja, sie sitzt da drüben auf dem platten Dache.«

»Frau oder Mädchen?«

»Weiß es nicht. Es ist eine Schwarze.«

»Alt oder jung?«

»Wohl jung. Bei den Negerinnen kann man das Alter nicht so genau erkennen. Aber fett ist sie, sehr fett! Alle Teufel! Jetzt blickt sie herüber!«

»Sieht sie Sie, Mylord?«

»Natürlich!«

»Und da ist sie natürlich ausgerissen?«

»Fällt ihr nicht ein. Sie bleibt sitzen und guckt mich an –«

»Freundlich?«

»Sehr! Ich sehe alle Zähne.«

»Die ist zahm.«

»Ja, sie scheint sehr kirre zu sein.«

»Was macht sie denn eigentlich da oben?«

»Ich weiß nicht. Sie heftelt an einem Tuche herum. Ich glaube, sie flickt. Höre, was heißt Liebe?«

»Mahabbe.«

»Mahabbe, mahabbe!« flüsterte der Lord hinüber.

»Was antwortet sie denn?« fragte auf der halben Treppe der Steuermann.

»Sie nickt und lacht.«

Jetzt hörte der Steuermann ein eigenthümliches Geräusch. Er errieth, was es war, fragte aber doch:

»Was thun Sie?«

»Ich gebe Ihr ein paar Kußhändchen.«

»Und was antwortet sie?«

»Sie nickt und lacht wieder. Und horch! Sie sagte da etwas herüber.«

»Was?«

»Jetzt thut sie verschämt und reißt aus; aber ich habe das Wort doch verstanden. Es hieß Asije.«

»Das heißt Abend.«

»Donnerwetter! Steuermann, was meinst Du?«

Bei dieser Frage kam er die Treppe herabgestiegen.

»Hm!« schmunzelte Master Smith.

»Ja!« schmunzelte auch der Lord. »Ich glaube, sie hat mich für den Abend bestellt.«

»Sicher.«

»Was sagst Du dazu?«

»Na, eine Schwarze!«

»Aber Haremsfrau!«

»Nigger!«

»Kann aber das Kutschkelied singen. Dazu gehört politische und kriegerische Bildung. Mann könnte ganz leicht hinüber. Die Gasse ist kaum zwei Ellen breit. Man braucht keinen solchen Sprung zu machen, wie die Masters Steinbach und Normann in das Boot hinüber. Wo sie nur stecken mögen! Welch eine Dummheit! Quartiren sich da in ein französisches Hotel ein! Die werden Zeit ihres Lebens auch keine richtigen Araber. Unsereins bringt es schon weiter!«

»Ich denke, sie studiren gerade jetzt die Wüste.«

»Wieso?«

»Nun, sie haben sich doch verabschiedet, um die Königin der Wüste aufzusuchen.«

»Ach so! Aber auch nur Steinbach und Wallert. Dieser Normann aber ist zurückgeblieben mit seiner Tschita, um sie zu bewachen, damit sie ihm nicht wieder gestohlen werde. Na, übel nehmen kann ich es ihm nun zwar nicht. Was?«

»Nein, Eure Lordschaft!«

»Ja. Sie ist ein Mädchen, wie ein Blümchen. Man möchte nur so immer daran riechen. Zunächst aber dürfen wir das nicht. Wollen also weiter Arabisch lernen und heute Abend passen wir auf, ob unsere Schwarze kommt.«

»Wollen Eure Lordschaft wirklich hinüber?«

»Ich möchte!«

»Aber bitte, ein Lord Englands und eine Niggerin!«

Der Lord war eben ein eigen gearteter Mann, ihm, aber keinem Anderen hätte der Steuermann so eine Vorstellung machen dürfen. Er antwortete auch ganz so, als ob er ihm Rechenschaft schuldig sei:

»Ja, siehst Du, da drüben in dem Fensterloche habe ich so ein feines, schönes, weiches und weißes Frauenzimmerangesicht gesehen. Wer diese hübsche Lady ist, möchte ich wissen. Die Schwarze, ihre Dienerin, geht mich gar nichts an.«

»Aber, wie wollen Sie das erfahren, Mylord?«

»Sehr einfach, indem ich eben mit der Schwarzen spreche. Ich frage sie nach ihrer Herrin.«

»Das können Sie nicht. Sie sind ja der arabischen Sprache gar nicht mächtig.«

»Oho!« antwortete der Lord in stolzem Tone. »Ich habe sie doch von Dir gelernt!«

»Von mir? O, da sind Sie freilich schlimm daran. Ich kann selbst nur Weniges. Mein Schüler kann also noch viel weniger. Nein, das geht nicht. Wenn Sie partout über die schöne Unbekannte etwas erfahren wollten, so müßten wir es anders anfangen.«

»Nun, wie denn?«

»Nicht Sie, sondern ich müßte mit der Schwarzen sprechen. Ich kann mich ihr noch eher verständlich machen.«

»Hm! Der Gedanke ist allerdings nicht schlecht.«

»Nicht wahr? Soll ich heute Abend hinüber springen, wenn sie kommt?«

»Ja, wollen es auf diese Weise versuchen. Du wirst mir da Bericht erstatten. Vielleicht giebt es da eine Entführung, welche besser gelingt, als es in Constantinopel und Tunis gelingen wollte.«

Der gute Lord merkte gar nicht, daß er im Eifer des Gespräches seinen Steuermann bald Du und bald Sie nannte. Er hatte ein schönes Mädchen gesehen; er dachte, daß da vielleicht eine Entführung zu Stande gebracht werden könne, und dieser Gedanke nahm ihn so in Beschlag, daß er für so kleine Aeußerlichkeiten keine Aufmerksamkeit übrig hatte.

Der Tag verging und es wurde Abend. Die beiden Männer, Herr und Diener, stiegen die Treppe hinauf auf das platte Dach des Hauses und setzten sich da auf die Strohdecken nieder, um zu warten, ob die Negerin sich drüben einstellen werde.

Es dauerte lange, lange Zeit und sie wollte nicht erscheinen. Der Mond war aufgegangen und warf sein magisches Silberlicht über die Straßen und Häuser Kairos. Die Gasse, welche der Lord bewohnte, lag einsam, aber von fern her drang aus den belebteren Straßen der Stadt das Geräusch des Lebens, welches bewies, daß die Bevölkerung sich noch nicht zur Ruhe begeben habe.

Das Haus war hoch, so daß die Beiden die Dächer der umliegenden Häuser, so weit der Mondschein dies erlaubte, zu überblicken vermochten. Kein Mensch war zu sehen. In diesem Viertel wohnten nicht strenggläubige Muhammedaner, welche zeitig ihr Lager aufsuchen, um bei dem ersten Gebete des Tages, welches für die Zeit des Sonnenaufganges vorgeschrieben ist, wieder munter zu sein.

Dem Engländer wurde die Zeit lang. Er brummte verschiedene Male recht unmuthig vor sich hin und meinte endlich:

»Sie scheint nicht zu kommen. Gehen wir wieder hinab!«

»Vielleicht ist es besser, wir warten noch ein wenig, Mylord.«

»Ja, wir warten und holen uns eine Augenentzündung!«

»In dieser schönen Abendluft?«

»Gerade in dieser Luft. Sie scheint balsamisch zu sein, ist aber im höchsten Grade heimtückisch. Der Fremde hat sich hier außerordentlich in Acht zu nehmen. Besonders soll er sich hüten, des Nachts außerhalb des Zimmers zu sein. Es hat da schon Mancher sein Augenlicht verloren.«

»So werden wir überhaupt darauf verzichten müssen, mit der Schwarzen zu sprechen. Bei Tage kann dies nicht geschehen und des Abends werden wir blind.«

»Na, so schlimm ist es gerade nicht und – – da! Siehst Du etwas, he?«

»Ja.«

»Ich glaube, dort aus der Dachöffnung guckt ein schwarzer Kopf hervor. Das wird sie sein!«

»Sie ist es; ja, sie steigt herauf. Sehen Sie!«

Der schwarze Kopf drüben stieg höher; es kam der Körper zum Vorschein, und jetzt schob sich die ganze Gestalt aus der Treppenöffnung auf das Dach. Die Schwarze sah sich vorsichtig um; sie blickte herüber und erkannte die Beiden. Da kam sie näher herangeschritten, ganz bis an den Rand des Daches.

»Soll ich?« fragte der Steuermann leise.

»Natürlich!«

Da stand der Erstere auf und ging nun seinerseits bis an den Rand des Daches.

»Sallam!« grüßte er nach Art der Muhammedaner.

»Sallam!« antwortete sie. »Sprich leiser, damit kein Mensch es hört. Und laß Dich nieder. Wenn wir so aufrecht stehen bleiben, können wir sehr leicht gesehen werden.«

»Soll ich nicht hinüberkommen?«

»Der Raum ist zu breit. Du wirst hinab auf die Gasse stürzen.«

»O nein! Tritt zurück. Ich komme!«

Er holte aus. Der Sprung brachte ihn an ihre Seite.

»So!« lachte er leise. »Da bin ich. Nun können wir uns setzen und mit einander plaudern.«

»Komm!«

Sie ergriff ihn bei der Hand und führte ihn einige Schritte weiter, wo an der Westseite des Daches ein geflochtener Schirm angebracht war, welcher dazu diente, die Bewohner des Hauses, wenn sie sich am Tage auf dem Dache befanden, vor dem glühenden, austrocknenden und oft mit feinem, staubartigen Sand geschwängerten Wüstenwind zu schützen.

Dort zog sie ihn neben sich nieder. Sie betrachtete ihn zunächst ein Weilchen sehr aufmerksam und sagte dann:

»Wie groß und stark Du bist, viel größer und stärker als die Bewohner dieses Landes. Wo bist Du her?«

»Aus dem Lande der Riesen,« antwortete er.

»Das muß so sein, denn Deine Hand ist viermal so groß als die meinige. Was arbeitest Du?«

»Ich schiebe die Schiffe über das Meer.«

»Ja, eine solche Körperkraft scheinst Du zu haben. Was ist der Andere, der noch da drüben sitzt?«

»Er ist der König der Riesen.«

»Haben die Riesenkönige so kleine Nasen?«

»Ja. Sobald ein Riesenkönig den Thron besteigt, muß er sich nach altem, heiligem Brauche die Spitze seiner Nase abbeißen. Erst dann, wenn er dieses Kunststück fertig bringt, ist er würdig, sein Land und sein Volk zu regieren.«

»O Allah! Was giebt es doch für wunderbare Völker!«

»Ihr selbst seid ja auch wunderbar.«

»Warum?«

»Weil Ihr eine so schwarze Haut habt.«

»Das ist doch nichts Wunderbares;. Viel wunderlicher ist es, daß die Eurige so hell ist. Ich betrachte meine Herrin sehr oft im Stillen, um zu sehen, woran es liegt, daß sie gar keine Farbe hat, aber ich kann die Ursache nicht finden.«

»Wer ist Deine Herrin?«

»Sie ist eine sehr vornehme Sultana.«

»Wer ist ihr Sultan?«

»Das habe ich mich auch schon sehr oft gefragt, aber ich finde keine Antwort darauf.«

»Nun, wenn sie eine Sultana ist, muß sie doch einen Sultan haben?«

»Du meinst, einen Herrn?«

»Einen Mann.«

»Das verstehe ich nicht. Bei uns giebt es nur Herren. Mann ist ja ein jeder Mann. Als sie in dieses Haus zog, war ihr Herr bei ihr. Jetzt aber ist er fort.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht. Sie hat es mir nicht gesagt. Sie spricht gar nicht von ihm.«

»Du sagst, als sie in dieses Haus zog; es gehört ihm also nicht?«

»Nein.«

»Ah, so ist er arm?«

»Nein, er ist vielmehr sehr reich. Er ist nicht von hier.«

»Kein Egypter?«

»Nein, trotzdem er unsere Kleidung trägt. Beide verstehen die Sprache des Landes; aber wenn sie allein waren, so sprachen sie eine andere Sprache.«

»Welche?«

»Auch das weiß ich nicht. Ich glaube aber, daß es eine Sprache der Franken ist.«

»So ist sie vielleicht gar nicht Muhammedanerin?«

»Sie hält die Gebete des Islam nicht ein. Sie geht zwar nicht aus, und selbst wenn sie auf das Dach steigt, um die frische Luft zu genießen, so trägt sie den Schleier, aber sie betet nicht zu Allah.«

»Sie betet wohl gar nicht?«

»O, sie betet gar viel und oft. Sie weint sogar dazu. Sie seufzt, faltet die Hände, als ob sie einen stillen Jammer im Herzen trage, und ruft dabei die Namen eines fremden Gottes an.«

»Welcher Gott mag das sein?«

»Ich kenne diese Namen. Sie hat sie so oft genannt, wenn sie glaubt, allein zu sein, daß es mir leicht geworden ist, sie mir zu merken, obgleich ich einen ähnlichen Namen noch niemals gehört habe. Zuweilen nennt sie ihren Gott Oskar.«

»Oskar?« fragte der Steuermann überrascht.

»Ja.«

»Da mußt Du Dich doch wohl verhört haben!«

»O nein. Ich habe diesen Namen sehr deutlich gehört. Sie faltet die Hände und ruft seufzend: O Oskar, mein lieber, lieber Oskar!«

»Sapperment! Und da meinst Du, daß dies der Name ihres Gottes sei?«

»Natürlich! Sie faltet ja die Hände dabei, und das thut man nur, wenn man betet.«

»Ach so! Du bist ein sehr kluges Mädchen. Wie ist denn der andere Name dieses Gottes?«

»Steinbach.«

Der Steuermann wäre vor Ueberraschung fast von seinem Sitze aufgesprungen.

»Steinbach? Oskar Steinbach?« fragte er erstaunt.

»Ja. Aber so sprich doch nicht so laut! Wenn man uns hört, so bin ich verloren.«

»Wieso?«

»Ich bin die Sclavin des Besitzers dieses Hauses. Ich habe die Fremde zu bedienen, so lange sie bei uns wohnt, und darf mit keinem Menschen von ihr sprechen. Wenn mein Herr bemerkte, daß Du hier auf dem Dache bei mir bist, so würde ich eine Strafe erhalten, welche ich wohl nicht überleben könnte.«

»Oskar Steinbach! Wunderbar!«

»Nicht wahr, das ist ein Gott?«

»Nein, sondern es giebt einen Menschen, welcher diesen Namen trägt.«

»Allah l'Allah! Also betet sie nicht!«

»Nein.«

»Warum aber faltet sie die Hände, wenn sie diesen Namen nennt? Warum seufzt sie dabei, wie man nur seufzt, wenn man zu Allah betet, daß er Einem aus einer Gefahr erretten solle? Warum klagt sie? Warum weint sie? Warum jammert sie nach Befreiung?«

»Thut sie das denn?«

»Ja. Und das begreife ich nicht. Sie ist nicht etwa gefangen. Sie könnte ausgehen und wiederkommen, wann und so oft es ihr beliebt. Nur soll sie mich mitnehmen, und ich habe dann genau aufzumerken, mit wem sie spricht und was sie da redet.«

»Wer hat Dir das befohlen?«

»Mein Herr, und der hat diesen Befehl von dem Herrn der Fremden empfangen. Sie aber geht gar nicht fort. Wenn sie in ihrem Zimmer ist, und ich schlafe vor ihrer Thür, so höre ich, daß sie immer und fast während der ganzen Nacht ruhelos auf- und abgeht und dabei die beiden Namen nennt. Sie spricht sehr viel in einer Sprache, welche ich nicht verstehe; aber sie redet auch arabisch, und da höre ich, daß sie um Rettung fleht.«

»Das ist sehr wunderbar, sehr geheinmißvoll! Ist sie gut gegen Dich?«

»So gut, daß ich ihr mein ganzes Herz geschenkt habe. Wenn ich sie retten könnte, würde ich es sofort thun, aber ich weiß doch gar nicht, aus welcher Gefahr sie errettet sein will. Sie befindet sich in gar keiner Gefahr.«

»Hast Du sie nicht einmal gefragt?«

»Nein. Ich wollte wohl zuweilen, aber ich getraue es mir nicht. Sie ist eine Sultana, so schön, so licht, so herrlich, als ob sie aus Allah's höchstem Himmel herniedergestiegen sei. Woher soll ich da den Muth nehmen, von Dingen mit ihr zu sprechen, welche sie mir verschweigt.«

»Weißt Du, wie sie heißt?«

»Wir müssen sie Gökala nennen.«

»Gökala! Hm! Warte!«

Er sann eine ganze Weile nach. Dieses schöne, geheinmißvolle Wesen nannte Steinbach's Namen. Sie war unglücklich, sie sehnte sich nach Rettung. Sie mußte Steinbach kennen und sich in einer Lage befinden, aus welcher sie befreit zu werden wünschte. Endlich fragte er weiter:

»Wurdest Du gern etwas thun, worüber sie Freude hat?«

»Ist es gefährlich für mich?«

»Ganz und gar nicht.«

»So werde ich es gern thun. Was ist es?«

»Ich möchte mit ihr sprechen.«

»Das ist unmöglich.«

»Warum?«

»Sie wird es nicht thun wollen. Was soll ich ihr auch sagen. Ich kann ihr doch nicht sagen, daß ich hier oben mit Dir eine heimliche Zusammenkunft gehabt habe. Sie würde mir über alle Maßen zürnen.«

»O nein, ganz und gar nicht. Sie würde Dir vielmehr im höchsten Grade dankbar sein.«

»Denkst Du wirklich?« fragte sie zweifelnd.

»Ganz gewiß! Was thut sie jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Sie befindet sich in ihrer Stube. Ich weiß nur, daß sie noch nicht schläft.«

»Und der Herr des Hauses und die anderen Bewohner desselben, was thun diese?«

»Sie schlafen.«

»Nun, da ist doch gar keine Gefahr dabei. Hast Du vielleicht bereits einmal das Wort Deutschland gehört?«

»Ja. Man sprach vor drei Jahren in allen Harems von diesem Lande. Die Bewohner desselben werden Deutsche genannt; sie führten einen großen Krieg gegen den Kaiser der Franken; sie besiegten ihn in allen Schlachten und nahmen ihn sogar gefangen.«

»Gut! Gehe einmal hinab zu dieser Gökala. und frage sie, ob Oskar Steinbach ein Deutscher sei. Ist er das, so sage ihr, daß ich ihn kenne und daß sie einmal zu mir kommen soll, wenn sie Rettung wünscht.«

»Sie wird nicht kommen.«

»Sie wird kommen; darauf kannst Du Dich verlassen. Sage ihr auch mit, daß ich sogar in der Sprache der Deutschen mit ihr sprechen kann!«

»Ich möchte es lieber nicht thun. Es ist zu gefährlich.«

»Es ist im Gegentheile gar keine Gefahr dabei. Ich werde Dich doch nicht etwa verrathen, und sie wird es auch nicht thun.«

»Aber sie wird dadurch erfahren, daß ich sie belauscht habe!«

»Nein. Wenn Du vor ihrer Thüre schläfst, mußt Du ja hören, was sie spricht; dazu ist es gar nicht nöthig, daß Du die Lauscherin machst. Uebrigens verlange ich nicht etwa, daß Du es umsonst thust.«

Das gab der Sache sofort eine andere Wendung. Eine schwarze Sclavin, welche sich ein Backschisch verdienen kann, läßt die Gelegenheit dazu gewiß nur vorübergehen, wenn die vollste Nothwendigkeit des Verzichtes vorliegt.«

»Du willst mir etwas schenken?« fragte sie schnell.

»Ja.«

»Was? Geld?«

»Natürlich. Wieviel willst Du?«

»Gieb mir einen Piaster. Ich will mir schon seit langer Zeit eine goldene Nadel in mein Haar kaufen und habe doch kein Geld dazu.«

Er lachte leise vor sich hin. Ein Piaster ist nicht ganz zwanzig Pfennige. Und für diese Summe wollte sie sich eine goldene Kette kaufen. Das war natürlich im höchsten Grade spaßhaft, zumal sie es in solchem Ernste sagte. Er zog also ein Geldstück hervor, drückte es ihr in die Hand und sagte:

»Hier hast Du fünf Piaster. Bist Du zufrieden?«

»Fünf Pi – – –!«

Das Wort blieb ihr im Munde stecken. Sie hatte in ihrem ganzen Leben nicht fünf Piaster als Eigenthum besessen; ein einziger bildete bereits einen Reichthum für sie, die ja eine Sclavin war. Sie hielt das Geldstück gegen den Mond, so daß es in seinem Scheine funkelte, und sagte:

»Fünf Piaster! Ist das Dein Ernst?«

»Ja.«

»Herr, Du mußt sehr reich sein!«

»Das bin ich freilich.«

»Sind alle Riesen so reich?«

»Alle! Wir haben so viele Piaster, wie in der Wüste Sandkörner liegen.«

»O Allah! Was seid Ihr für glückliche Leute! Ich lasse mir dieses Geld wechseln, hänge einen Piaster an jedes Ohr, und für die drei übrigen kaufe ich mir Nadeln.«

»Dann wirst Du so schön sehen, daß alle jungen Männer Dich zu ihrer Sultana begehren werden.«

»Meinst Du?«

»Ja, denn Du bist auch ohne Nadeln und Ohrgehänge ein sehr schönes Mädchen.«

»Gefalle ich Dir wirklich? Nun, so will ich es auch wagen, für Dich hinunter zur Herrin zu gehen.«

»Soll ich hier warten oder einstweilen wieder zu uns hinüber gehen?«

»Warte lieber hier. Gleich aber werde ich wohl nicht zurückkehren, denn ich muß erst erforschen, was die Herrin für eine Laune hat.«

Sie stand auf und stieg zur Treppe hinab. Diese war von Holz und sehr schmal, mehr eine Stiege als eine Treppe. Die Stufen führten nach einem engen, jetzt dunklen Gange. Aus diesem trat die Schwarze in eine Art Vorstübchen, wo es auch dunkel war. An der Thür, welche von da sich nach Gökala's Zimmer öffnete, blieb die Schwarze lauschend stehen. Ein leises, ununterbrochenes Geräusch sagte ihr, daß die Herrin noch nicht schlafe, sondern in dem Zimmer auf- und niedergehe. Sie nahm allen ihren Muth zusammen und öffnete leise.

Diese Stube war größer als der Vorraum, nur weiß getüncht und ebenso einfach, fast ärmlich eingerichtet. Die ganze Ausstattung bestand in einigen Matten und Decken, welche an der Erde lagen. In einem thönernen Leuchter brannte ein Licht.

Gökala, ja, diese war es. Sie, welche in Constantinopel die Freundin der Prinzessin Emineh gewesen war, bewohnte jetzt dieses armselige Local. Sie hörte das Oeffnen der Thür und erblickte die Schwarze.

»Was willst Du noch?« fragte sie, doch keineswegs unfreundlich. »Wir haben uns doch bereits den Nachtgruß gegeben.«

»Zürne mir nicht, o Herrin!« bat die Gefragte. »Ich bin gekommen, um Dich nach dem Lande der Riesen zu fragen. Kennst Du es?«

»Das Land der Riesen? Nein.«

»Aber es giebt doch Eins!«

»Es wird in vielen Märchen von diesem Lande erzählt.«

»O, es ist kein Märchen. Es giebt wirklich ein Volk der Riesen, dessen König sich die Spitze der Nase abbeißen muß, wenn er den Thron besteigt.«

»Wirklich?« fragte Gökala lächelnd. »Wer hat Dir das gesagt?«

»Einer, der selbst ein solcher Riese ist.«

»Wo? Wohl im Traume?«

»O nein, sondern im Wachen.«

»Kind, Du hast doch geträumt!«

»Ich bin doch heute nicht schlafen gegangen!«

»Heute also hat er es Dir gesagt?«

»Ja, soeben jetzt. Er redet die Sprache der Deutschen.«

Das brachte Gökala in Erstaunen. Sie fragte:

»Die Sprache der Deutschen? Was weißt und was verstehst Du von dieser Sprache?«

»Gar nichts; aber ich soll Dir sagen, daß er diese Sprache spricht. Und ich soll Dich auch fragen, ob Oskar Steinbach zum Volke der Deutschen gehört.«

»Herrgott! Oskar Steinbach! Mädchen, was fällt Dir ein! Was redest Du?«

Sie war zurückgewichen, dann aber schnell auf die Schwarze zugetreten. Sie faßte sie bei den Schultern und blickte ihr erregt in das Gesicht.

»Ich dachte es mir, daß Du mir zürnen würdest!« klagte die Sclavin.

»Nein, nein, ich zürne Dir nicht. Aber sage mir, was Du meinst! Du nennst Steinbach's Namen. Was weißt Du von ihm?«

»Ich habe ihn von Dir gehört.«

»Von mir? Ich habe ihn Dir nie genannt.«

»Nein. Aber wenn Du denkst, daß ich draußen schlafe, so nennst Du ihn immer und unaufhörlich.«

»Ah, so! Hast Du davon zu dem Wirthe gesprochen?«

»Kein Wort.«

»Thue es auch nicht; ich bitte Dich! Aber Kind, Mädchen, woher weißt Du, daß er ein Deutscher ist?«

»Ich sollte es Dich fragen. Der Riese gebot es mir.«

»Der Riese! Er existirt also nicht nur in Deiner Phantasie und im Märchen. Wo ist er denn?«

»Droben auf dem Dache.«

»Allah! Was fällt Dir ein! Ist etwa ein fremder Mann auf dem Dache?«

»Verzeihe, Herrin! Er ist oben. Sage es aber meinem Herrn nicht; sonst macht er mich todt.«

»Was hast Du da gethan!«

Sie ergriff das Licht und leuchtete hinaus in das Vorzimmer und auf den Gang, um sich zu überzeugen, daß kein Lauscher vorhanden sei; dann, nachdem sie die Thür sorgfältig wieder geschlossen hatte, erkundigte sie sich:

»Warum hast Du ihm das erlaubt?«

Die Schwarze befand sich in großer Angst. Sie antwortete, vor Furcht weinend:

»Ich habe Dich so lieb. Ich wollte Dich gern retten und konnte doch nicht.«

»Mich retten? In wiefern habe ich denn Rettung nöthig?«

»Du betest ja immer um Hilfe, wenn Du denkst, daß ich schlafe. Da drüben in dem anderen Hause wohnen zwei Riesen; der Eine ist der König mit der halben Nase. Riesen sind so stark und mächtig. Ich dachte, sie könnten Dich retten, und als mir der König heute am Tage winkte, erlaubte ich ihm, des Abends auf das Dach herüber zu kommen.«

»Was hast Du da gethan! Ich glaube gar, Du hast zu ihm von mir gesprochen?«

»Es ist nicht der König, sondern der Andere, sein Diener.«

Und nun erzählte sie, was zwischen ihr und ihm gesprochen worden war. Dann kniete sie vor Gökala nieder, um sich deren Verzeihung zu erbitten. Diese aber gebot ihr, aufzustehen, und sagte:

»Den Namen Oskar Steinbach hat er genannt, er muß ihn also kennen, er versteht Deutsch. Ah, es geht nicht anders, ich muß hinauf zu ihm!«

»Thue das, o Herrin, thue es!« stimmte die Schwarze freudig bei.

Sie war ganz glücklich, ihrer Angst ledig zu sein. Sie zog sogar das Fünfpiasterstück hervor, zeigte es hin und sagte:

»Er ist ein so guter Herr. Siehe, was er mir gegeben hat!«

»Ja, ja, jetzt begreife ich Dich vollständig. Ich gehe hinauf, aber Du wirst niemals zu irgend einem Menschen auch nur ein Wort davon sprechen!«

»Nie, o Herrin! Ich schwöre es Dir!«

»Gut! Geh' jetzt vor an die Treppe, welche nach unten führt, und halte Wacht, daß ich nicht überrascht werde!«

Die Sclavin gehorchte, und Gökala stieg hinauf nach dem Dache. Als der Steuermann ihre hohe, weiß gekleidete Gestalt erblickte, erhob er sich schnell von seinem Sitze. Sie aber winkte und sagte:

»Bleib' sitzen, Fremdling. Auch ich muß mich zu Dir setzen, damit man uns nicht bemerkt. Wer ist der Mann, welcher da drüben sitzt?«

»Mein Herr.«

»Der König der Riesen?«

»O, das war nur ein Scherz, welchen ich mir mit der Schwarzen machte. – Aber das Arabische ist mir nicht sehr geläufig. Wollen wir uns nicht einer anderen Sprache bedienen?«

»Welcher? Vielleicht der Deutschen?«

»Sehr gern! Also wirklich! Sie sprechen Deutsch?«

»Ja,« antwortete sie. »Ich war im höchsten Grade erstaunt oder vielmehr betroffen, als ich von der Dienerin hörte, daß ein Mann, den sie einen Riesen nannte, sich auf dem Dache befinde und mich zu sprechen begehre.«

»Verzeihung, Mylady! Das ist eine sehr eigenthümliche Geschichte. Wir wohnen da drüben. Heute sehen wir Ihre Schwarze und machten ihr zum Scherze einige Pantomimen. Mein Herr fragte, ob sie heute Abend ein bischen auf das Dach kommen wolle, und sie sagte zu. So oder ähnlich war es. Sie kam und ich sprang herüber. Ich sprach mit ihr von ihrer Herrin, also von Ihnen, und sie erzählte mir, daß Sie, wenn Sie sich allein wähnen, zu einem Gotte beten, welcher zwei fremde Namen habe, nämlich Oskar und Steinbach.«

Gökala fühlte sich ein Wenig verlegen. Dieser Mann dachte sich gewiß das Richtige; aber sie ließ sich von dieser Verlegenheit nichts merken, sondern sie fragte unbefangen:

»Sind Ihnen vielleicht diese beiden Namen bekannt?«

»Sogar sehr gut, Mylady.«

»Woher?«

»Der Herr, welcher so heißt, hat sich in den letzten Wochen in unserer Gesellschaft befunden.«

»Sie kennen also einen Herrn, welcher Oskar Steinbach heißt. Beide Namen aber sind nicht selten, sowohl der Vor- als auch der Familienname, und es kann Zufall sein, daß es mehrere Personen giebt, welche sich so nennen. Mir aber liegt daran, zu erfahren, ob Sie denselben meinen, denn auch ich meine. Was ist der Herr, von dem Sie sprechen?«

»Hm! Das weiß ich freilich nicht so recht. Er scheint trotz des einfachen Namens etwas Großes und Vornehmes zu sein, da der Ben von Tunis – – –«

»Tunis?« fiel sie schnell ein. »Er war in Tunis?«

»Ja.«

»Das stimmt! Er hatte das seinem Schreiber telegraphirt. Wo war er vorher?«

»In Constantinopel.«

»Stimmt, stimmt!«

Sie sagte das vor Freude so laut, daß der Steuermann sich veranlaßt fühlte, zu warnen:

»Bitte, bitte, Mylady, wollen wir nicht ein Wenig leiser sprechen?«

»Sie haben recht. Aber ich freue mich so unendlich, zu hören, daß er wirklich noch lebt.«

»Noch lebt?«

»Ja. Eine Depesche ist doch immerhin noch kein unumstößlicher Beweis, daß Jemand nicht todt ist.«

»Na, todt ist er allerdings nicht. Freilich war er in Constantinopel sehr nahe daran, aus dieser Zeitlichkeit ab- und in die Ewigkeit hinüber zu segeln.«

»Wieso?«

»Man hatte ihn in das Wasser gestürzt.«

»Wie? Das wissen Sie?«

»Na, wir sind es ja, die ihn heraus gefischt haben!«

»Sie, Sie also! Er lebt! er lebt wirklich! Gott sei Dank, tausend, tausend Dank! Sie bringen mir da eine Botschaft von unendlichem Werthe, Herr – aber ich weiß noch gar nicht, wie ich Sie nennen soll.«

»Sagen Sie Smith, Master Smith!«

»So sind Sie Engländer?«

»Ja.«

»Und Ihre Eigenschaft?«

»Ich bin Steuermann.«

»So ist der Herr da drüben wohl Ihr Capitän.«

»Nein, sondern vielmehr mein Rheder, der Besitzer unserer Yacht, Lord Eagle-nest.«

»Ein Lord! Ah so! Herr Steinbach ist noch in Tunis?«

»Nein, sondern in Egypten.«

»Bereits! Ich wußte allerdings, daß er die Absicht hatte, hierher zu kommen.«

»Er ist mit unserer Yacht hier gelandet. Sie liegt unten im Nilhafen und wartet auf weitere Ordre.«

»Und Herr Steinbach ist auch in Kairo?«

»Nicht augenblicklich, er ist vielmehr für einige Zeit verreist.«

»Wohin?«

»Zur Königin der Wüste.«

»Diesen Namen habe ich noch nicht gehört. Aus dem, was Sie sagen, schließe ich, daß er wohl mit dem Lord einigermaßen befreundet ist?«

»Befreundet? Na, sogar sehr dicke Freunde sind diese Beiden. Wollen Sie mit Mylord sprechen?«

»Ja. Wird er herüber kommen können?«

»Besser als ich. Seine Beine sind ganz geeignet dazu. Ich werde ihn Ihnen schicken, Mylady.«

Er verließ sie und sprang auf das jenseitige Dach zurück. Dort saß der Lord noch immer. Die Zeit war ihm sehr lang geworden. Darum, sagte er jetzt, tief aufseufzend:

»Endlich, endlich! Mensch, was fällt Dir ein, mich hier eine solche Ewigkeit sitzen zu lassen.«

»Es ging nicht anders, Mylord!«

»Wie? Was? Es ging nicht anders? Erst schamerirst Du mit der Schwarzen, und nachher poussirst Du die Weiße, während ich hier sitze und mir das Wasser in dem Mund zusammen laufen lassen muß, das es tropft wie aus einer Dachrinne! Du sollst die neunschwänzige Katze bekommen, und wie!«

»Bitte, Mylord! Vom Poussiren ist gar keine Rede. Denken Sie sich, die Dame da drüben ist eine gute Bekannte von Master Steinbach!«

»Was Du sagst!«

»Ja. Sie hat mich nach ihm gefragt. Ich mußte Auskunft geben. Und nun soll ich Sie hinüber schicken.«

»Mich? Ich soll hinüber?«

»Ja. Sie wünscht mit Ihnen zu sprechen.«

»Sapperment! Es ist doch Diejenige, deren Gesicht ich durch das Fensterloch gesehen habe?«

»Hm! Das kann ich leider nicht wissen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nicht durch das Loch gesehen habe.«

»So sag' wenigstens, ob sie hübsch ist!«

»Hübsch! Donnerwetter! Was heißt hübsch! Hübsch ist tausendmal zu wenig! Schön sieht sie, wunderschön! Sie ist ein Bild, ein Engel, eine Fee! Wenigstens nach meinem Geschmack, Mylord! Sie ist unverschleiert, und der Mond scheint ihr in's Gesicht. Das ist ein Gesicht! Wie Watte und Syrup!«

»Dummer Vergleich!«

»Na, Watte ist weiß und Syrup ist roth!«

»So sagt man doch lieber, wie Milch und Blut!«

»Blut klingt zu mörderisch!«

»Meinetwegen! Also schön ist sie, sehr schön! Verteufelt, verteufelt! Hat sie einen Mann?«

»Ich glaube nicht. Sie scheint noch ledig zu sein, hat aber Einen, der auf sie aufpaßt.«

»So ist er eifersüchtig. Die wird entführt, so sicher und gewiß, wie ich Eagle-nest heiße. Endlich, endlich wird es einmal Ernst! Na, die lasse ich mir nicht wieder entgehen, wenn ich sie einmal fest habe. Ich gehe jetzt.«

Er sprang hinüber.

So ganz zuversichtlich, wie er dem Steuermanne gegenüber that, war ihm aber doch nicht zu Muthe. Und ein gar eigenthümliches Gefühl beschlich ihn, als er jetzt eine halb laute, sonore und höfliche Stimme in deutscher Sprache hörte:

»Willkommen, Mylord! Nehmen Sie hier neben mir Platz, und verzeihen Sie mir, daß ich recht gern von unserem beiderseitigen Bekannten, Herrn, Steinbach etwas hören möchte. Ihre Gegenwart ist mir natürlich erwünschter, als diejenige Ihres Steuermannes.«

»Das war das reinste, schönste Deutsch; aber eine Deutsche entführt man doch nicht aus dem Harem!«

»Himmelsapperment!« entfuhr es ihm.

»Wie meinten Sie?« fragte sie lächelnd.

»Entschuldigung, Fräulein! Ich fluchte ein bischen.«

»Fast schien es so! Darf ich vielleicht erfahren, was Sie so sehr in Zorn versetzt?«

»Na, Zorn ist es eigentlich nicht, sondern es ist so etwas wie Aerger oder Enttäuschung.«

»Sind Sie von mir oder über mich enttäuscht?«

»Es scheint so!«

»Es scheint nur so? Sie müssen es doch genau wissen. In welcher Beziehung enttäuschte ich Sie?«

»In Beziehung der Entführung.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nicht? Na, so will ich Ihnen aufrichtig sagen, daß ich die Absicht hatte, Sie zu entführen.«

»Sie scherzen.«

»Es ist mein vollster Ernst, Fräulein.«

»Dann thut es mir leid, daß ich nicht zu Denen gehöre, mit denen sich eine solche Absicht verwirklichen läßt.«

»Also nicht! Hm! Ich bin doch zum Pech geboren! In Constantinopel hatte ich sie schon fest, ich war bereits im Garten, da aber schaffte man sie mir weg. In Tunis hatte ich bereits Zwei aus der Stadt heraus, da wurden sie mir wieder abgejagt. Und hier ist es gar noch schlimmer. Sie sagen es mir gleich in das Gesicht, daß Sie sich nicht entführen lassen.«

»Es schmerzt mich, Ihnen diese Betrübniß nicht ersparen zu können.«

»Na, gar so sehr groß ist die Betrübniß doch noch nicht. Wenn Sie es nicht sind, so ist es eine Andere; aber entführt wird Eine, und wenn sie hier in Kairo angenagelt oder mit Goldlack angesiegelt wäre! Ich habe mir das einmal vorgenommen, und so wird es auch also in's Werk gesetzt.«

»Wie ich sehe, sind Sie nicht untröstlich. Das beruhigt mich außerordentlich. Ich besorgte bereits, Ihnen mißfallen zu haben.«

Er war ihrer Aufforderung nachgekommen und hatte sich neben ihr an dem Schirme niedergesetzt. Jetzt blickte er ihr forschend in das Gesicht. Die Art und Weise, in welcher sie sich ausdrückte, war gar nicht diejenige einer Morgenländerin. Es war ihm vielmehr, als ob er mit einer englischen und französischen Hofdame sich in Conversation befinde, so sicher sprach sie mit ihm. Und doch erblickte er bei dem magischen Scheine des Mondes ein Gesicht, welches allen Schönheitszauber des ganzen Orientes in sich vereinigte. Er war so hingerissen, daß er sich vollständig vergaß und anstatt der erwarteten Antwort hervorstieß:

»Alle Teufel, Das wäre aber Eine!«

»Wer? Was?« fragte sie.

»Wer? Sie natürlich! Ah, Sapperment! Entschuldigen Sie, Mylady! Aber Sie sind factisch von einer solchen Schönheit, daß Unsereiner sich und die ganze Welt vergessen könnte!«

»Sie haben eine eigene Art, sich einzuführen!«

»Einführen? Pah! Ausführen möchte ich, und zwar Sie! Aber ich habe da in Deutschland ein Lied singen gehört, dessen letzten Zeilen oder vielmehr dessen Refrain lautet:

»Behüt' Dich Gott, es wär so schön gewesen,
Behüt' Dich Gott, es hat nicht sollen sein!«

Und so muß ich jetzt bei Ihnen denken! Wenn Sie mitgemacht hätten, auf meiner Yacht, den Nil hinab, in's Meer hinaus, weiter und immer weiter –«

»Bis wohin?«

»Nach London.«

»Und was dort?«

»In den Trowoller Clubb. Ich hätte doch sagen und erzählen können, daß ich eine Dame aus dem Harem entführt habe, grad' so, wie es in Mozarts Oper vorkommt.«

Da stieß sie ein leises aber doch reizend metallisch klingendes Lachen aus und sagte:

»Jetzt verstehe ich Sie, Mylord. Sie reisen, um eine Dame aus irgend einem Harem zu entführen?«

*

18

»
Yes!«

»Dann sind Sie ein echter Engländer!«

»
Yes! Ein Sohn Altenglands.«

»So wünsche ich Ihnen, daß Sie recht bald Gelegenheit finden mögen, Ihren interessanten Plan auszuführen. Haben Sie Herrn Steinbach erst auf dieser Entführungstour kennen gelernt?«

»Ja. Früher hatte ich keine Ahnung von ihm. Wie ich von meinem Steuermann höre, kennen auch Sie ihn?«

»Vorübergehend nur; aber dennoch freut es mich, Gelegenheit zu finden, Etwas von ihm hören zu können.«

»Ja, das können Sie. Ich stelle mich zur Verfügung. Was wollen Sie über ihn erfahren?«

»Alles, was Sie selbst wissen. Wie Sie mit ihm bekannt wurden, und dann weiter und immer weiter bis zu dem heutigen Tage.«

»Mit größtem Vergnügen. Also hören Sie!«

Er begann nun bei Konstantinopel, wo er Steinbach auf dem Kirchhofe zum ersten Male getroffen hatte. Er hatte ihn lieb; noch größer aber als diese Liebe war die Hochachtung, welche er ihm widmete; darum gewährte es ihm eine herzliche Befriedigung, von ihm sprechen zu können, und so vertiefte er sich so in den Gegenstand seines Berichtes, daß einige Stunden vergingen, ehe er zu Ende kam.

»Und nun ist er zu der Königin der Wüste,« meinte Gökala. »Wissen Sie, wer das ist?«

»Ich habe davon mehr flüstern als sprechen gehört. Sie ist die Regentin eines wilden Araberstammes. Das ist Alles, was ich von ihr weiß.«

»Was will er dort?«

»Das ist mir unbekannt. Vielleicht hat er die Absicht, sie zu entführen.«

»Wie es scheint, legen Sie Ihre eigenen Passionen gern auch Anderen unter,« lachte sie.

»Na, diese Königin der Wüste soll eine sehr berühmte Schönheit sein. Er bringt ihre Schwester zu ihr, und da weiß man nicht, was passiren kann. Er selbst ist ein ungeheuer hübscher Kerl. Hm! Soll ich Ihnen vielleicht einen Gruß besorgen, wenn er zurück kommt?«

»Ja, einen Gruß und – wenn Sie mir die Gefälligkeit erweisen wollen – einige Zeilen.«

»Sehr gern. Wann darf ich mir den Brief holen.«

»Ich wohne und lebe hier ganz auf orientalische Weise und habe also weder Papier noch das sonst Nöthige in meiner Klause. Ich muß mir es also erst besorgen und werde Ihnen durch meine Dienerin – –«

»Nein, nein,« fiel er ein. »Das können wir ja viel schneller machen. Warten Sie einen Augenblick!«

Er stand auf und sprang auf sein Dach hinüber, um in der Treppenluke zu verschwinden. Als er zurückkehrte, hatte er ihr Papier, Couvert, Tinte und Feder mitgebracht, sogar einen Wachsstock und Streichhölzer.

»Hier, Mylady!« sagte er. »Wenn es Ihnen beliebt, werde ich hier warten, bis Sie fertig sind.«

»Sehr freundlich, Mylord. Ich werde von Ihrer Güte natürlich sogleich Gebrauch machen.«

Sie nahm das Schreibmaterial und begab sich damit in ihr Zimmer. Er wartete auf ihre Wiederkehr; aber an ihrer Statt kam – die Schwarze.

»
Haun!« sagte sie.

Dabei reichte sie ihm den Brief nebst Wachsstock, Tintenfaß und Feder zurück.

»Haun?« fragte er verwundert. »Wer will mich haun?«

»
Haun« wiederholte sie, indem sie ihm die erwähnten Gegenstände in die Hände schob.

»Oder soll ich etwa Jemand hauen?«

»
Chatrak!«

»Ja, trak? Wer ist dieser Trak, den ich hauen soll?«

»
Chatrak!«

Damit zog sie sich in die Treppenöffnung zurück; die Klappthür wurde niedergezogen und dann klirrte der Riegel.

»Donnerwetter!« meinte er. »Ich habe den Abschied erhalten. Die Schöne kehrt nicht selbst zurück, sondern sie sendet mir ihre Schwarze. Diese ruft »Haun, ja Trak!« und verschwindet dann hinter Schloß und Riegel. Sapperment, allzu höflich sind die Frauen hier nicht. Aber warte, morgen ist auch noch ein Tag.«

Er kehrte auf sein Dach zurück und stieg von da in sein Zimmer hinab, wo der Steuermann ihn erwartete. Als er ihm den Schluß des Abenteuers berichtete, meinte dieser lachend:

»Da haben Euer Lordschaft allerdings sehr unrecht verstanden. »
Haun!« heißt so viel wie »hier.« Das hat die Schwarze gesagt, als sie Ihnen diese Sachen in die Hand gab. Und »
Chatrak!« heißt »lebewohl«. Sie hat also gemeint, daß Sie gehen könnten.«

»So also! Verdammte Sprache; diese arabische! Da hat man sich nur zu merken, was jedes Wort zu bedeuten hat. Das Englische habe ich schon als Kind verstanden. Und hier der Brief – ah, die Aufschrift ist in deutscher Sprache; ein kleines, zierliches Damenhändchen! Wer hätte das hier in dieser engen Gasse von Kairo gesucht oder erwartet! »Herrn Oskar Steinbach.« Sie macht es sehr kurz. Grad eben so kurz hat sie es auch mit mir gemacht. Sie ist fort gegangen, ohne mir auch nur gute Nacht zu sagen, sondern sie sendet mir die Schwarze. Diese muß Haun und Chatrak sagen, und dann kann ich gehen. Ist das Höflichkeit?«

»Sind Mylord höflich mit ihr gewesen?«

»Natürlich! Ich bin gegen Jedermann höflich, und gegen eine Dame bin ich es gar doppelt.«

»Hm!«

»Hm? Was hast Du zu brummen?«

»Mylord haben zuweilen so eine eigene Weise höflich zu sein.«

»Was für eine Weise?«

»Man kann grad durch allzu große Höflichkeit sehr unhöflich werden.«

»Das weiß ich auch. Das brauchst Du mir nicht zu sagen. Ich bin weder zu wenig noch zu sehr höflich gewesen, sondern ich hab grad das gethan, was recht ist.«

»Haben Euer Lordschaft vom Entführen gesprochen?«

»Ja.«

»Da hat man es! Haben Mylord dieser Dame gesagt, daß sie schön ist?«

»Natürlich?«

»Da hat man es abermals.«

»Was denn? Was hat man denn, he, wie?«

»Das sind zwei große Verstöße.«

»Verstöße? Unsinn! Verstöße kann ein Steuermann machen, nicht aber ein Lord von Altengland. Merke Dir das! Uebrigens, wenn ich einen Fehler gemacht haben sollte, so ist das gar nicht so schlimm. Morgen ist wieder ein Abend; da steige ich wieder hinüber und mache es wieder gut!«

Aber leider hatte er sich da verrechnet. So viel er an dem Fensterloche stand, er sah am nächsten Tage weder Gökala noch die Schwarze; und als er dann am Abende hinübersprang auf das Nachbardach, fand er die Treppenluke verschlossen. Und so war und blieb es auch während der darauf folgenden Tage. –

Als der Lord mit seiner Yacht in Alexandrien angekommen war, hatte Steinbach sofort seinen Sekretair, dessen Adresse er kannte, telegraphirt. Dieser war ihm entgegengekommen, und zwar bis Schubra, um ihn dort, wo die kleine Yacht angelegt hatte, zu begrüßen.

Vorher hatten sich sämmtliche Passagiere der Yacht, also der Lord, Steinbach, Normann und Wallert, in Alexandrien alle Mühe gegeben, zu erfahren, ob Ibrahim Pascha mit Zykyma bereits angekommen sei, aber ihre Nachforschungen waren leider vergeblich gewesen.

Als der Sekretair in Schubra an Bord kam, trug er einen Orden auf der Brust, den er vorher nicht besessen hatte. Er war ihm vom Vicekönige für das Ueberbringen von Prinzessin Eminehs Portrait verliehen worden. Er meldete seinem Herrn, daß der Vicekönig sofort nach Empfang des Bildes in nähere Unterhandlungen mit dem Sultan wegen der Prinzessin getreten sei und ihn nun erwarte, um sich zu informiren. Und dann als diese Angelegenheit erledigt war, fügte er noch hinzu:

»Und zuletzt habe ich Ihnen in einer privaten Sache eine vielleicht wichtige Mittheilung zu machen. Ich bin nämlich in Gesellschaft eines Mannes in Alexandrien gelandet, welcher eine Dame bei sich hatte, die sich sehr für Sie zu interessiren schien, gnädiger Herr.«

»Wohl eine abendländische Familie?«

»O nein; es schien vielmehr ein Morgenländer zu sein. Und von Familie war auch keine Rede, denn die Dame war weder seine Frau noch seine Tochter oder eine sonstige Verwandte von ihm. Wenn ich mich recht erinnere, wurde sie Gökala genannt.«

»Gökala!«

Steinbach rief das Wort mehr als daß er es blos sagte, und sprang dabei in allergrößter Ueberraschung von seinem Sitze auf.

»Ja, so war der Name.«

»Sie müssen sich irren.«

»O nein. Sie hat mir den Namen selbst genannt. Die Gesellschaft kam in einer kleinen Felucke an Bord.«

»Wann sind Sie von Constantinopel fort? Doch nicht etwa später als zu der Stunde, für welche ich Sie expedirt hatte?«

»Keinen Augenblick später.«

»Dann kann Gökala nicht auf Ihrem Schiffe gewesen sein. Sie befindet sich jedenfalls noch in Constantinopel, und ich war leider, leider gezwungen, so schnell abzureisen, ohne mich weiter um sie kümmern zu können.«

»Ich hoffe doch nicht, daß wir zwei verschiedene Damen meinen, welche einen und denselben Namen tragen.«

»Es kann kaum anders sein.«

»Ich meine nämlich diejenige Gökala, mit welcher Sie am Abende vorher nach dem Baume der Mutter spazieren gefahren sind.«

»Und ich meine ganz dieselbe.«

»So stimmt es also. Sie ist es.«

»Sie soll mit Ihnen an Bord gewesen sein? Unmöglich! Außer der Russe wäre sofort mit ihr aus Konstantinopel fort, nachdem er mich in das Wasser stürzte.«

»So ist es allerdings gewesen. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß sie das Schiff bestiegen, auf welchem ich mich bereits befand. Bitte, erlauben Sie mir, Ihnen den Vorgang zu berichten!«

Er erzählte, wie er Gökala in der Kajüte belauscht und dann mit ihr gesprochen habe. Steinbach befand sich in der allergrößten Aufregung. Er hatte sich außerordentlich unglücklich gefühlt, so schnell und unvorbereitet Konstantinopel verlassen zu müssen, ohne vorher nach der Geliebten forschen zu können, und jetzt hörte er, daß sie auch sich nicht mehr dort befand.

»Und sie ist in Alexandrien gelandet?« fragte er.

»Ja.«

»Natürlich haben Sie sie nicht einen Augenblick aus dem Auge gelassen!«

»Das war allerdings meine Absicht, gnädiger Herr.«

»Absicht? Ah! Wollen Sie etwa damit sagen, daß es auch nur bei der Absicht geblieben ist?«

»Ich habe mir die möglichste Mühe gegeben!«

»Hoffentlich nicht ohne Erfolg. Ich muß unbedingt wissen, wo die Dame sich befindet. Nachdem Sie mit ihr gesprochen hatten, mußten Sie genau wissen, welche Wichtigkeit diese Dame für mich hat.«

»Ich wußte es und habe mich auch darnach verhalten. Aber bitte, gnädiger Herr, bedenken Sie, daß ich Kurir war!«

»Kurir, ja! Verdammt!«

»Es war mir ein Bild anvertraut, welches ich dem Vicekönige ohne eine Minute Aufenthalt zu bringen hatte.«

»Sie haben nicht Unrecht – leider!«

»Dennoch blieb ich einen Tag. Ich empfing Ihre Depesche, sobald ich das Land betrat, und konnte der Dame dies noch durch ein Zeichen zu verstehen geben. Auf diese Weise erfuhr sie wenigstens, daß Sie leben, daß Sie nicht ertrunken sind. Dann stellte ich mich auf die Lauer, bis der Russe mit ihr von Bord ging. Ich folgte ihnen und erfuhr also, wo sie wohnten. Im Laufe des Tages forschte ich vorsichtig nach und erhielt die Gewißheit, daß sie wenigstens eine volle Woche in dem Hause bleiben würde. Das beruhigte mich. Ich konnte also jetzt nach Kairo, um das Portrait abzugeben, und dann sofort wieder zurück, um Gökala und ihren Kerkermeister – so muß ich ihn ja nennen, – zu beobachten.«

»Und Sie reisten auch wirklich ab?«

»Nicht sofort, sondern ich begab mich auf die Polizei, legitimirte mich und bezeichnete den Russen als einen verdächtigen Menschen, der bis zu meiner Rückkehr unter die strengste Aufsicht zu nehmen sei.«

»Das hätte ich auch gethan. Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht.«

»Ich begnügte mich nicht damit. Ich verlangte sogar, daß man, falls er Alexandrien verlassen sollte, ihm folgen und mir den Ort angeben möge, wo er zu finden sei.«

»Sehr gut!«

»Sehr gut?«

»Ja. Ich selbst hätte es nicht anders und besser machen können.«

»Dieses Ihr Urtheil beruhigt mich außerordentlich. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß all meine Vorsicht ohne Erfolg gewesen ist.«

»Alle Teufel! Das ist kaum möglich!«

»Ja, ich ahne und denke sogar, daß grad diese Vorsicht die Schuld trägt, daß der Kerl mir entkommen ist.«

»Wie? Er ist entkommen?«

»Leider!«

»Welch ein Unglück! Schon war ich hoch erfreut, von Ihnen zu hören, daß Sie Gökala getroffen haben, und nun sollte dies vergeblich sein?«

»Man hat ihn zu scharf beobachtet, wie ich vermuthe, so scharf, daß er es bemerken mußte. Es ist ihm aufgefallen, und er hat sich heimlich aus dem Staube gemacht. Bereits am zweiten Morgen ist er verschwunden gewesen.«

»Mit Gökala?«

»Natürlich! Mit ihr und seinen Begleitern.«

»Doch nicht etwa ganz spurlos!«

»Ganz und gar spurlos. Die Polizei war, als ich zurückkehrte, ohne Spur und ohne Rath. Wir haben uns die allergrößte Mühe gegeben. Wir haben geforscht und gesucht, vergebens. Man sucht noch jetzt. Ich ging nach Kairo in der nahe liegenden Erwartung, daß auch er die Hauptstadt aufgesucht haben werde, und habe bis zu diesem Augenblicke nicht das Geringste von ihm erfahren können.«

»Ah! Wer sollte das denken! Er kann doch nicht verschwinden, er kann sich nicht unsichtbar machen. Ich sehe es ein, daß Sie schuldlos sind. Sie konnten nicht anders handeln, als Sie gehandelt haben. Sie haben gethan, was Sie in Ihrer Lage nur thun konnten, und es giebt für mich also keine Veranlassung, Ihnen zu zürnen. Ich bin Ihnen vielmehr zu Dank verpflichtet, da ich durch Sie erfahre, daß Gökala sich in Egypten befindet. Jetzt nun bin ich selbst hier, und ich hoffe, daß ich eine Spur entdecke. Wenigstens werde ich das Land nicht eher verlassen, als bis ich die Gewißheit erhalte, daß auch sie sich nicht mehr hier befindet.«

Die vorhin empfundene Freude hatte sich jetzt in bittere Enttäuschung verwandelt. Er mußte es ertragen. Wenigstens für den Augenblick vermochte er nichts dagegen zu thun.

Die Yacht verließ Schubra wieder, erreichte Kairo und ging im Hafen von Bulak vor Anker. Auf seine Erkundigung erfuhr Steinbach, daß der Vicekönig sich gegenwärtig in seinem auf der Nilinsel Roda gelegenen Gartenschlosse befinde. Er ließ sich dorthin fahren, um sofort eine Audienz nachzusuchen.

Er trug heut die einfache weiße, arabische Tracht, so wie sie vom gewöhnlichen Wüstenbewohner und auch vom Scheik niemals abgelegt wird. Die Audienzen waren bereits bei den Vorgängern des Herrschers in europäischem Style abgehalten worden. In dem Vorzimmer standen und saßen Engländer und Franzosen, theils in Civil, theils in Uniformen hohen und höchsten Ranges, egyptische Militär- und Civilbeamte in goldgestickten Gewändern. Als der einfach gekleidete Steinbach eintrat, wurde er mit verächtlichen Blicken bemerkt und dann mit Stolz ganz übersehen.

Er ließ sich das nicht im Geringsten anfechten; aber als der anmeldende Diener, welcher für einige Minuten abwesend gewesen war, wieder erschien, trat er auf diesen zu und fragte:

»Ist der Beherrscher hier im Schlosse?«

»Ja. Warum fragst Du?«

»Ich möchte gern mit ihm sprechen.«

»Komm morgen wieder!«

»Warum morgen?«

»Er hat heut keine Zeit. Siehst Du nicht, welch hohe Herren hier bereits schon lange warten. Für einen Beduinen hat er keinen Augenblick übrig.«

»Ich bin kein Beduine und kein Fellah.«

»Was denn?«

»Ein Deutscher.«

»Das ist ebenso gleichgiltig. Was ist ein Deutscher? Ist er etwas Anderes als ein Fellah?«

Als Steinbach erklärte, daß er ein Deutscher sei, hatten sich die Blicke Aller wieder auf ihn gerichtet, aber mit einem höchst geringschätzigen Ausdrucke. Er that, als ob er dies gar nicht bemerke, und antwortete:

»Du scheinst Deine Pflicht nicht zu kennen und überhaupt ein großer Dummkopf zu sein. Meinst Du etwa, daß ein Engländer oder ein Franzose etwas Besseres sei als ein Deutscher? Schau, ich Einziger wiege alle diese Franken und Inglis auf, welche hier stehen. Ich heiße Steinbach. Gehe augenblicklich hinein, und sage dem Beherrscher meinen Namen!«

Das war in einem unendlich selbstbewußten, befehlenden Tone gesprochen. Der Diener wußte nicht, was er thun oder sagen solle. Die Anwesenden ließen ein Gemurmel hören, aus welchem heraus sehr deutlich verschiedene ehrenrührige Schimpfworte zu hören waren.

»Nun, wirst Du gehorchen!« donnerte Steinbach den Diener an.

»Die Herren stehen schon lange hier; Du aber bist soeben erst gekommen!«

»Sie haben Zeit, ich aber nicht! Vorwärts!«

Jetzt ging der Domestik hinein; aber einer der beuniformirten Herren, ein Franzose, trat auf Steinbach zu und sagte:

»Ich hörte, Sie seien ein Deutscher?«

»Ja.«

»Giebt es in Deutschland Irrenhäuser?«

»Gewiß.«

»Wahrscheinlich sind Sie aus einem derselben entsprungen. Wäre dies nicht der Fall, so hätten wir hier anzunehmen, daß Sie zurechnungsfähig sind, und müßten Sie für Ihre Unverschämtheit auspeitschen lassen.«

»Lassen Sie es getrost beim Auspeitschen; aber bitte, bedienen Sie sich selber!«

»Noch ehe der Franzose ein Wort weiter zu sagen vermochte, ging die Thür auf und der Diener kehrte zurück, hinter ihm aber erschien auch der Vicekönig selbst. Er nickte Steinbach freundlich zu und sagte:

»Endlich, endlich! Ich habe Sie mit größter Sehnsucht erwartet. Bitte kommen Sie schnell herein! Sie sind natürlich hoch willkommen!«

Er ergriff Steinbach bei der Hand und zog ihn zu sich in das Audienzzimmer. Die Herren starrten sich sprachlos vor Erstaunen und Bestürzung an.

»Wer war dieser Mann?« fragte ein Engländer.

»Steinbach nannte er sich, nur Steinbach. Fi donc!« entgegnete der Franzose.

»Das begreife ich nicht!«

»Ein Horreur!«

»Er scheint Liebling zu sein! Wie kann so Etwas passiren. Bei Ihrer Königlichen Majestät von Großbritannien und Irland wäre so Etwas eine Unmöglichkeit!«

Drin aber in dem prachtvoll nach europäischem Style ausgestatteten und möblirten Zimmer zeigte der Khedive auf einen der goldenen Sessel und sagte:

»Nehmen Sie hier Platz, Durchlaucht? Ihr Kurir hat mir bereits mein Lebensglück gebracht; ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben das Unmögliche möglich gemacht!«

»Und das Mögliche unmöglich.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wurde Euer Hoheit nicht gemeldet, daß ich nach Tunis ging?«

»Ja; nur waren mir Grund und Absicht dieser Sendung nicht recht klar.«

»Der Großvezier, welcher hinter dem Rücken des Sultans seine Privatpolitik treibt – –«

»Und mir Emineh nicht gönnen wollte!«

»So ist es! Er sandte den berüchtigten Ibrahim Pascha nach Tunis; ich mußte diesem ebenso schleunigst wie heimlich nach, um seine Absichten zu durchkreuzen.«

»Ist es gelungen?«

»Vollständig. Ich habe um die gegenwärtige Audienz gebeten, um zu referiren.«

»Gut! Dazu bedürfen wir längerer Zeit. Ich werde die Herren da draußen nach Hause schicken.«

Er klingelte und befahl dem darauf erscheinenden Diener, den im Vorzimmer wartenden Herren zu sagen, daß er für sie erst morgen zu sprechen sein könne.

»Verdammter Deutscher!« brummte der Engländer.

»Welch ein Horreur!« meinte der Franzose. »Man widmet dem Fürsten dieses barbarischen Landes seine Zeit und seine Kräfte und wird einfach fortgeschickt um eines Deutschen willen, welcher nur Steinbach heißt. Geschieht dies noch einmal, so kehre ich nach Paris zurück. Egygten mag dann sehen, ob es ohne uns fertig zu werden vermag. Diese Sache ist wirklich lächerlich!«

Sie entfernten sich. Drinnen aber im Audienzzimmer wurde jetzt ein Gespräch von eminent hoher Wichtigkeit geführt. Es währte wirklich mehrere Stunden und als es beendet war, wurde Steinbach zur vizeköniglichen Tafel – nicht befohlen, sondern gebeten.

Als diese vorüber war, zog der Khedive sich abermals mit ihm zurück, um nun private Angelegenheiten, welche sich auf seine Vermählung mit Emineh bezogen, zu besprechen. Der fürstliche Herr fand außerdem, daß er dem Deutschen große Erfolge zu verdanken hatte, an demselben auch ein rein persönliches Wohlgefallen. Wenn ein Gegenstand behandelt war, kam sofort ein anderer, nahe liegender ganz ungezwungen auch herbei, und endlich, als man fertig zu sein schien, fiel dem Vizekönig doch noch eine Angelegenheit ein, welche für ihn von zu großer Wichtigkeit war, als daß er sie nicht auch mit in Erwähnung hätte bringen sollen.

»Was sagen Sie zu Arabi?« fragte er.

»Ich höre, daß er Aussicht hat, Pascha zu werden.«

»Es ist wirklich so. Ich sehe mich veranlaßt, seine Dienste zu belohnen. Er hat mir viel genützt.«

»Und kann Ihnen noch mehr schaden.«

»Das ist es. Ich bemerke, daß er einer gewissen Hinneigung zu den nomadisirenden Stämmen, welche an der Landesgrenze auf und abziehen, Raum giebt. Diese Stämme sind gern zu Empörungen geneigt. Sie haben einen widersetzlichen Charakter. Sie zahlen nie ihren Tribut, ihre Abgaben, sondern man muß sich Beides mit Gewalt holen. Es giebt mir das sehr viel zu denken.«

»Es wäre sehr gerathen, diesen Stämmen Scheiks zu geben, auf welche man sicher rechnen kann.«

»Ganz richtig. Aber das ist schwierig. Zunächst braucht kein Stamm eher einen Scheik, als bis der bisherige gestorben ist, und sodann werden die Scheiks in der Versammlung der Aeltesten gewählt. Man will mir nicht einmal das Bestätigungsrecht gönnen.«

»Mit Gewalt läßt sich da nichts erzielen. Nur Klugheit kürzt den Weg.«

»Dazu aber bedarf man kluger Leute und die sind hier in Egypten – ah, grad da denke ich an einen Stamm! Hm! Hier sollte ich einen Mann von Ihren Talenten haben!«

»Dürfte ich vielleicht etwas Näheres erfahren?«

»Gern! Haben Sie wohl bereits von dem Stamm der Sallah gehört, Durchlaucht?«

»Gewiß. Er ist einer der zahlreichsten an der Grenze der Wüste.«

»Ja. Er zählt gegen sechstausend Krieger, was außerordentlich viel heißen will. Das Eigenthümlichste ist, daß dieser Stamm nicht von einem Manne, sondern von einem jungen Weibe regiert wird.«

»Der Königin der Wüste.«

»Sie hörten also von ihr sprechen?«

»Oft. Sie ist eine Tochter der Beni Abbas tief in der tunesischen Wüste.«

»Schön wie ein Engel. Alle Männer und Jünglinge des Stammes sind in sie verliebt. Nur wer sie zur Frau erhält, wird die Würde des Scheiks erlangen. Sie kam vor einigen Jahren als Braut zu den Sallah. Der Scheik hatte sie auf einer Wüstenreise gesehen. Sie wurde seine Frau und regierte nicht nur ihn, sondern den ganzen Stamm. Da starb er plötzlich. Sie wurde Wittwe, blieb aber Regentin.«

»Hoffentlich ist sie Eurer Hoheit wohl gesinnt!«

»Das ist sie. Aber ein Weib kann nicht ewig regieren, wenigsten einen halbwilden Beduinenstamm nicht. Das allgemeine Verlangen, daß sie sich wieder vermählen möge, ist stürmisch geworden. Sie kann und darf nicht länger widerstehen.«

»So kommt es darauf an, daß sie einen Mann nehme, welcher der Regierung Egyptens eine freundliche Gesinnung entgegen bringt. Es nahen bewegte und gefährliche Zeiten für dieses Land. Da ist es nicht ohne Bedeutung, ob ein an der Grenze haltender Araberstamm mit einer solchen Kriegerzahl als Freund oder Feind zu betrachten ist.«

»Sie haben ja vollständig recht. Leider aber scheint es, als ob grad ein sehr erbitterter Gegner meines Regimentes den Befehl über den Stamm erhalten solle, nämlich der Bruder des Verstorbenen. Er ist ein Herkules an Gestalt und Körperkraft, ein wilder, maßloser Mensch, welcher die erste Gelegenheit ergreifen würde, mir zu schaden.«

»So darf er nicht Scheik werden!«

»Sie scherzen!«

»Scherzen? Ich spreche im Ernste.«

»Und doch klingt es wie Scherz, wenn Sie so kategorisch sagen, daß er nicht Scheik werden dürfe.«

»Es will mir nicht einleuchten, daß es dem Regenten von Egypten unmöglich sei, in dieser Beziehung auf die Söhne der Wüste einen glücklichen Einfluß auszuüben. Wenn die Beduinen einem Befehle nicht gehorchen, weil sie behaupten, daß ihnen Niemand zu befehlen habe, so sind sie doch vielleicht einem diplomatischen Einflusse nicht unzugänglich. Ich rathe Hoheit, einen Mann hinzusenden, welcher mit diesen Kindern der Freiheit umzugehen versteht.«

»Etwa einen Diplomaten?« fragte der Vicekönig mit einem halben, fast traurigen Lächeln.

»Im strengen Sinne habe ich dieses Wort nicht gemeint.«

»Ich hätte auch keinen Diplomaten. Ich kenne leider in meiner Nähe keinen Menschen, keinen Beamten, welcher diese ehrenvolle Bezeichnung verdient. Zudem ist hier ein schnelles Handeln geboten. Die sogenannte Königin der Wüste hat mir einen Vertrauten gesandt, welcher mich über die inneren Verhältnisse des Stammes unterrichtet hat. Er geht bereits morgen von hier fort. Wollte ich einen Beauftragten mitgeben, so müßte dies morgen geschehen. Sie sehen, daß es hier unüberwindliche Schwierigkeiten giebt.«

»Die Zeit, wann der Betreffende aufzubrechen hätte, kann gar nicht in Frage kommen. Er hat eben zu gehorchen. Die Hauptsache ist eben, den rechten Mann zu finden.

»Ich habe keinen, so sehr mir auch daran liegt, diese sechstausend Krieger nur für den Augenblick der Gefahr zu gewinnen und zu erhalten. Sechstausend bewaffnete Araber sind für mich und die hiesigen Verhältnisse genau dasselbe, als wenn Ihr Kaiser und Ihr Moltke für den Kriegsfall Fünfzigtausend haben. Es giebt nur einen einzigen Menschen, welchem ich diese Mission anvertrauen könnte, einen einzigen, von welchem ich fest überzeugt bin, daß er seine Aufgabe sogar glanzvoll lösen würde.«

»Kenne ich ihn?«

»Ja, sehr genau.«

»Wer ist es?«

»Hm! Er hat mir nicht zu gehorchen; er ist Ausländer und mein Gast. Ich darf den Gedanken, mich an ihn zu wenden, gar nicht hegen.«

»Vielleicht doch, Hoheit. Wenn ich doch nur erfahren dürste, wer er ist.«

»Nun, im Vertrauen will ich es Ihnen mittheilen: Sie selbst sind es.«

Hatte Steinbach so etwas erwartet, oder besaß er genug Selbstbeherrschung, seine Neberraschung nicht merken zu lassen, kurz und gut, er sagte ruhig:

»Und Hoheit meinen, daß ich nicht bereit sein würde?«

»Ah! Wirklich?«

»Ich kann nur sagen, was ich bereits durch die That bewiesen habe: Das Wohl Egyptens und seines Herrschers liegt mir so am Herzen, daß ich mich selbst für diese Angelegenheit zur Verfügung stelle.«

»Das ist hochherzig, Durchlaucht! Aber Sie kommen soeben von der Reise; Sie haben sich nicht ausgeruht.«

»Ich bin nicht ermüdet.«

»Der Auftrag ist kein ungefährlicher.«

»Ich fürchte die Beduinen nicht.«

»Sie brächten vielleicht auch noch anderweite persönliche Opfer, welche ich nicht vergelten kann.«

»Das Bewußtsein, Ihnen gedient zu haben, macht mich glücklich genug.«

»Also wollten Sie wirklich?«

»Gern, sogar sehr gern.«

»Dann nehmen Sie meine Hand. Vielleicht kommt die Zeit, in welcher ich Ihnen zu vergelten vermag. Ihre Instructionen werden wir noch besprechen. Für die Ausrüstung zu dem Wüstenritte sorge natürlich ich. Der Ritt beginnt in Beni Suef. Dort hat auch der Bote der Königin sein Kameel stehen. Ich lasse Sie auf einer Dahabieh dorthin bringen.«

»Ein solches Segelboot fährt zu langsam, zumal die Reise dem Stamme entgegen geht. Ich bin auf einer englischen Dampfyacht gekommen, welche einem Freunde gehört. Er wird sehr gern bereit sein, sie mir zu dieser Fahrt zu leihen.«

»Dann um so besser. So reisen Sie doppelt schnell. Sie sind herzlichst zum Souper geladen; wir werden während desselben allein sein und können da Alles weiter besprechen. Unterdessen werde ich Ihnen Hilal senden, damit Sie ihn kennen lernen.«

»Wer ist das? Vielleicht der Gesandte der Königin?«

»Ja. Sie wohnen doch bei mir?«

»Ich möchte danken, Hoheit. Da ich einen Theil der Reise mit dem Dampfer mache, ist es für mich besser und bequemer, gleich auf demselben zu bleiben. Der Bote kann ihn sehr leicht finden. Wir liegen unten in Bulaq, und eine Dampfyacht ist ja sehr leicht von jedem anderen Schiffe zu unterscheiden.«

Der Vicekönig hatte sich erhoben, Steinbach also auch. Sie verabschiedeten sich, und Letzterer begab sich nach dem Hafen, um die Vorbereitungen zu der unerwarteten Reise zu treffen.

Es freute ihn, diesen ehrenvollen Auftrag erhalten zu haben. War das Gelingen desselben auch mit großen Schwierigkeiten verknüpft, so erwartete er, der Umstand, daß er die Schwester der Königin bei sich hatte, werde ihm über viele Hindernisse hinweg helfen. Er hatte natürlich dem Vicekönig von Hiluja nichts gesagt.

Ein einziger Umstand machte ihm Sorge. Er hatte es sich vorgenommen gehabt, den Aufenthalt Gökala's zu erforschen. Das mußte er nun bis zu seiner Rückkehr aufschieben, und da stand natürlich zu erwarten, daß die Spuren, welche jetzt wohl noch aufzufinden gewesen wären, bis dahin verwischt sein würden.

Hiluja war ihm gern nach Egypten gefolgt. Er hatte ihr das Versprechen gegeben, sie von Kairo aus zu dem Stamme, dessen Königin ihre Schwester war, auf sicherem Wege zu senden. Jetzt hatte er Veranlassung und vortreffliche Gelegenheit, sie selbst hinzubringen.

Das Beduinenkind war noch nie zur See gewesen und hatte während der Fahrt von Tunis nach Alexandrien sehr gelitten, ebenso auch ihre alte Begleiterin. In Alexandrien hatte man nur gelandet, um Nachforschungen nach Ibrahim Pascha zu halten, und dann war die Yacht sofort nach Kairo stromaufwärts gedampft. Jetzt nun, da sie endlich ruhig vor Anker lag, sehnte sich Hiluja, ihren Fuß wieder auf festes Land zu setzen. Darum nahm sie sich vor, mit ihrer Begleiterin einen Spaziergang zu machen.

Als junges Mädchen schmückte sie sich dazu nach Kräften. Sie befand sich ja in der Hauptstadt Egyptens. Sie hatte daheim in der Wüste nur äußerst selten den Schleier getragen. Während der Seereise befand sie sich bei Personen, in deren Heimath die Frauen das Gesicht nicht verhüllen; also hatte sie gar nicht daran gedacht, dies zu thun. Und jetzt nun glaubte das unerfahrene Mädchen, es auch unterlassen zu können.

Wäre Tschita auf der Yacht gewesen, so hätte sie sicherlich abgerathen, ohne Schleier zu gehen; aber sie war mit Normann und Wallert auch an das Land gegangen und also abwesend. In Folge dessen ging Hiluja mit ihrer alten Freundin mit unverhülltem Gesicht.

Als sie an das Land getreten waren, wendeten sie sich nach Norden zu, zwischen dem Flusse und der berühmten, schnurgeraden Hauptallee hin. Dort, außerhalb des Häusermeeres der Stadt, hofften Sie Licht und Luft und Bewegung am Besten haben zu können.

Das schöne Mädchen zog die Blicke aller Begegnenden an. In diesen Blicken lag der Ausdruck staunender Zudringlichkeit. Ihrer Tracht sowohl, als auch ihrer Gesichtsbildung war es anzusehen, daß sie ein Kind der Wüste sei. Wie aber kam eine freigeborene Araberin dazu, hier in Kairo ihr Gesicht unverschleiert zu zeigen. War sie denn wirklich in den Kreis jener feilen Dirnen getreten, welche dies thun, um die Männer anzulocken? So fragten sich die Leute.

Unter einem Kaffeezelte saß eine Anzahl bis unter die Zähne bewaffneter Arnauten. Diese Letzteren bilden so recht eigentlich die Nachfolger der blutig ausgerotteten Mameluken; aber sie sind noch schlimmer als diese. Der Arnaut ist nicht nur tapfer, sondern tollkühn und muthig bis zur größten Verwegenheit. Ein Menschenleben gilt ihm keinen Pfifferling; er wagt auch das seinige, ohne nur mit der Wimper zu zucken. Dabei ist er treulos, hinterlistig und von einer Rohheit, die gradezu ihres Gleichen sucht. Messer und Pistole sitzen bei ihm locker. Er sticht und schießt bei der geringsten Veranlassung, und er weiß, daß er das mit ziemlicher Sicherheit thun kann, da selbst der Richter ihn nicht gern verurtheilt, weil er befürchten muß, wenn nicht noch während der Gerichtssitzung so doch später niedergestochen zu werden. Darum ist der Arnaute gefürchtet und gemieden. Er darf ungestraft thun, was hundert Andere nicht wagen würden.

Also wohl mehr als ein Dutzend dieser Leute saßen unter dem luftigen Dache des Kaffeezeltes. Sie hatten nicht nur Kaffee getrunken; das war ihren gerötheten Gesichtern und funkelnden Augen anzusehen.

Da kam Hiluja daher und wurde von ihnen bemerkt. Aller Blicke richteten sich auf sie.

»Seht, wer da kommt!« rief Einer. »Bei Allah, das ist die schönste und süßeste Oruspu, welche ich jemals gesehen habe. Sie mag sich zu uns setzen, um uns ein Bild zu geben, welche Lust uns einst bei den Huri's des Paradieses erwartet!«

Oruspu ist ein Mädchen, welches seine Liebe einem Jeden schenkt, der es dafür bezahlt.

Der Sprecher war von seinem Sitze aufgesprungen. Er trat aus dem Zelte heraus und auf die beiden Frauen zu. Das schöne Mädchen mit seinem glühenden Blicke fast verschlingend, streckte er beide Arme aus und sagte:

»Du kommst zur rechten Zeit, um von uns empfangen zu werden. Herein zu uns! Wir werden Dir zeigen, wie heiß wir Arnauten zu lieben verstehen.«

Sie erschrak auf das Heftigste. Den Arm ihrer Begleiterin ergreifend und sich zur Flucht wendend, sagte sie hastig:

»Komm, komm! Laß uns schnell umkehren!«

»Umkehren? Nein!« fiel der Arnaute ein. »So dumm sind wir nicht, ein so herrliches Mädchen fort zu lassen. Du bist ein köstlicher Bissen, in den wir beißen werden. Also herein zu uns in das Zelt! Es wird Dir bei uns gefallen!«

Er hatte sie bei der Hand gefaßt, um sie mit sich fort zu ziehen. Sie zitterte vor Angst und wehrte sich, ihm zu folgen.

»Laßt mich!« rief sie. »Ich habe nichts mit Euch zu schaffen!«

»Aber wir desto mehr mit Dir! Widerstrebe nicht, denn es wird Dir gar nichts helfen!«

Er zog sie mit sich fort. Sie konnte dem kräftigen Mann natürlich nicht widerstehen. Seine Kameraden lachten. Einer rief: »Sie spielt die Keusche, um desto besser bezahlt zu werden. Her mit ihr! Wir werden Küsse von ihr kaufen und sie mit Küssen bezahlen!«

Da ergriff die Alte ihre Herrin mit beiden Armen und versuchte, sie zurück zu halten; der rohe Mensch aber gab ihr einen Schlag mit der Faust, daß sie zurück taumelte und sagte:

»Packe Dich, Scheusal! Mit Dir haben wir nichts zu schaffen. Gehe in die Hölle, wohin Du gehörst!«

»Gnade, Gnade!« stöhnte Hiluja. »Was haben wir Euch denn zu Leid gethan!«

»Nichts, gar nichts! Auch wir wollen Dir nichts zu Leid thun. Wir wünschen nur Deine Liebe, und Du sollst dafür alle Zärtlichkeiten der Welt empfangen.«

Er hatte sie bis an das Zelt gezerrt. Die Anderen griffen zu und zogen sie jubelnd hinein. Sie schrie laut und voller Angst um Hilfe; aber es war außer Einem kein Mensch in der Nähe. Und wer hätte es auch wohl gewagt, wegen einer Unbekannten, welche überdies wie eine Dirne ohne Schleier ging, mit einer ganzen Schaar dieser rohen Menschen anzubinden? Er hätte sich sagen können, daß er damit einem fast sichern Tode entgegen gehe.

Dieser Eine war, wie man auf den ersten Blick erkannte, ein Beduine. Sein noch junges und volles, bartloses Gesicht blickte sonnverbrannt unter dem weißen Tuche hervor, in welches er den Kopf gehüllt hatte. Die Gestalt war in einen ebenso weißen Haïk gehüllt, einen langen, fast zur Erde reichenden Mantel, wie ihn die Beduinen zu tragen pflegen. Seine nackten Füße trugen Sandalen, welche mit Riemen befestigt waren, die über's Kreuz sich um den unteren Theil des Beines schlangen. Da er den linken Vordertheil des Mantels über die Schulter geworfen hatte, konnte man sehen, daß er ein Untergewand von einfachem, grauem Stoff trug. Dasselbe wurde nur von einem armseligen, kameelhärenen Strick um die Hüften festgehalten. In diesem Stricke stak ein Messer mit langer, doppelschneidiger Klinge. Ueber der Schulter hing an dem schmalen Riemen eine lange Beduinenflinte.

Er war langsam am Flusse daher gekommen und hatte die Scene von Weitem gesehen. Als die beiden Frauen ihre Stimmen erhoben, war sein Schritt ein schnellerer geworden, und als sein Auge gar bemerkte, daß der Arnaute die Alte schlug, kam er mit verdoppelter Eile herbei. Sie erblickte ihn und flüchtete auf ihn zu. Es gab keinen anderen Menschen in der Nähe; er war also der Einzige, an welchen sie sich hilfesuchend wenden konnte.

»Hilf ihr, hilf!« rief sie ihm entgegen. »Errette sie aus den Händen dieser Menschen!«

Er war noch sehr jung, machte aber keineswegs den Eindruck eines Menschen, welcher zaghaft ist. Sein dunkles, schönes Auge überflog lebhaft forschend ihre Gestalt, und mit einem Ausdrucke der Ungewißheit, des Zweifels sagte er:

»Du scheinst doch keine Griechin zu sein!«

»Nein.«

»Du hast vielmehr die Züge einer Araberin!«

»Ich bin die Tochter eines freien Beduinen. Hilf uns! Rette sie!«

»Aber sie ist doch nicht eine Tochter der Wüste!«

»Sie ist es. Sie ist die Tochter eines berühmten Scheiks.«

»Allah! Warum geht sie in dieser Gegend unverschleiert?«

»Wir sind hier fremd. Wir kennen die Sitte dieser Gegend noch nicht.«

»So solltet Ihr desto vorsichtiger sein. Du kennst die Gesetze der Wüste.«

»Ich fasse Dich. Du bist der Beschützer!«

Sie ergriff mit der rechten Hand den Strick, welcher ihm als Gürtel diente, und legte ihm die Linke auf seine rechte Schulter. Das ist das Zeichen der Bitte um Schutz. Dazu die Worte: »Du bist der Beschützer«. Kein einziger Beduine wird sich diese Worte umsonst sagen lassen. Derjenige, welcher sie ausspricht, steht von demselben Augenblicke an unter seinem Schutze; er kämpft für ihn, und er stirbt für ihn.

Der junge Beduine zog die Augenbrauen ein Wenig zusammen und sagte:

»Weißt Du, was Du verlangst? Von jetzt an gehört Euch mein Leben. Ist sie das werth?«

»Sie ist es werth. O, rette, rette sie!«

»Ich werde sie sehen und dann handeln.«

Er konnte von da, wo er stand, Hiluja nicht sehen; aber das laute Johlen und Lachen, welches aus dem Zelte erschallte und die Hilferufe der Bedrängten ließen genugsam erkennen, daß sie sich in einer schlimmen Lage befand. Er eilte mit schnellen Schritten nach der anderen Seite des Zeltes, wo dasselbe offen war. Zwei Arnauten hatten Hiluja gepackt und bemühten sich, sie zu küssen. Sie wehrte sich weinend und aus Leibeskräften, doch konnte dieser Widerstand von keinem Erfolge sein.

»Halt!« sagte der Beduine, indem er den Arm gebieterisch ausstreckte. »Diese Tochter des Uëfad arab gehört Euch nicht. Laßt sie los!«

Die Augen Aller richteten sich auf ihn. Ein allgemeines, höhnisches Lachen erscholl, und Derjenige, welcher das Mädchen in das Zelt gezogen hatte, rief:

»Hört Ihr es? Dieser Mensch ist wahnsinnig.«

»Ich bin es nicht. Dieses Mädchen steht unter meinem Schutz!«

»Unter dem Schutze eines Kindes, eines Knaben!«

Er sagte das im verächtlichsten Tone. Der junge Beduine hatte nur einen kurzen, forschenden Blick auf Hiluja geworfen, doch dieser eine Blick hatte ihm genug gesagt.

Hochroth von der Anstrengung des Widerstandes stand sie zwischen den beiden Arnauten, welche sie noch immer gepackt hielten. Ihr Busen wogte heftig, und ihr Auge, obgleich von den Thränen des Zornes erfüllt, sprühten Blitze, wie sie das Auge einer feilen Dirne unmöglich versenden kann.

Der Beduine hob unwillkürlich die Hand zum Herzen. Es ging da etwas vor, worüber er sich im Augenblicke keine Rechenschaft zu geben vermochte. Es war ihm, als ob man ihm selbst diese Schande angethan habe, als ob er für dieses herrliche Mädchen sein Leben wagen müsse und auch gern und tausendmal wagen werde. Er zuckte mit einem unendlich überlegenen Lächeln seines angenehmen und furchtlos drein blickenden Gesichtes die Achsel und antwortete:

»Einen Knaben nennst Du mich? Soll ich Dir etwa beweisen, daß ein Wüstenknabe mehr Muth besitzt als ein alter Tschausch der Arnauten?«

Tschausch heißt so viel wie Sergeant. Der Arnaut trug nämlich die Abzeichen dieses militärischen Grades.

»Willst Du mich etwa beleidigen?« rief derselbe.

»Hast Du nicht mich bereits beleidigt, indem Du mich einen Knaben nennst? Ich habe wohl bereits mehr Feinde erlegt, als Du gesehen hast.«

»Mäuse und Ratten, ja!«

»Du hast recht, denn ein Araber behandelt seine Feinde nur wie Mäuse und Ratten. Sie kriechen vor ihm in ihre Löcher.«

»Nun, so versuche, ob auch wir uns verkriechen!«

»Das ist nicht nöthig. Ich betrachte Euch noch nicht als meine Feinde. Ihr seid sie erst dann, wenn Ihr mir dieses Mädchen nicht frei gebt.«

»Hast Du ein Recht auf sie?«

»Ja, ich bin ihr Beschützer.«

»Du?« lachte der Sergeant laut auf, und Alle stimmten in sein Lachen ein, Einem ausgenommen. »Mit welchem Rechte nennst Du Dich ihren Beschützer?«

»Nach dem Rechte der Wüste, und was das bedeutet, wirst Du wohl wissen.«

»Ich weiß es, aber ich erkenne es nicht an. Hier bei uns gelten ganz andere Rechte und Gesetze. Wir können nur dann Dein Recht über sie anerkennen, wenn Du ihr Bruder oder ihr Bräutigam bist. Ist sie Deine Schwester?«

Er verhandelte nur deshalb mit dem jungen, ihm so ganz und gar ungefährlich erscheinenden Manne, um sich und den Kameraden einen Spaß zu machen.

»Nein,« antwortete der Gefragte ruhig.

»Oder etwa Deine Geliebte?«

»Ja; sie ist meine Braut.«

Sie konnten sich denken, daß dies nicht wahr sei, und darum lachten sie desto lauter über den bestimmten Ton, in welchem er es sagte.

»Deine Braut?« höhnte der Sergeant. »Wie willst Du uns das beweisen?«

»So!«

Er trat auf Hiluja zu, schob die Beiden, welche sie noch gefaßt hielten, von ihr weg, legte den Arm um ihren Leib und küßte sie auf den Mund. Er kannte die Art und Weise der Arnauten; er wußte, daß sie die Gesetze der Wüste nicht achteten; aber er wußte auch, daß er nun durch diesen Kuß in ihren Augen ein Anrecht auf das schöne Mädchen erworben habe. Ob sie es anerkennen würden oder nicht, das war freilich erst noch abzuwarten.

Hiluja hatte diesen Kuß geduldet. Ihr Gesicht überzog sich zwar mit purpurner Gluth, aber sie hatte keine Bewegung des Widerstrebens gemacht. War das etwa Berechnung von ihr? Nein. Es war ihr in diesem Augenblicke so eigenthümlich zu Muthe wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Dieser junge und jedenfalls sehr arme Beduine erschien ihr wie ein Rettungsengel in höchster Noth. Es war ihr, als ob sie sich seinem Arme und seinem Schutze anvertrauen könne für jetzt und für das ganze Leben. Alle ihre Angst war verschwunden. Sie wurde jetzt nicht mehr von den Arnauten festgehalten; sie hätte diese Gelegenheit erfassen und entfliehen können. Es wäre ihr wohl Keiner nachgefolgt, da der Araber ja jetzt das ganze Interesse der rohen Menschen fesselte. Ein Streit mit ihm war ihnen ja zehnmal willkommener, als das schönste Mädchen der Welt. Aber dieser Gedanke an die Flucht kam ihr gar nicht einmal. Er hielt den Arm um sie geschlungen, und sie hielt sich für sicher und wohl geborgen in demselben. Es war ihr, als habe dieser Arm sie stets beschützt von Jugend auf und als werde er sie auch weiter und ferner beschützen für das übrige Leben.

»Er küßt sie! Er küßt eine Dirne!« ertönte es ringsum. »Der stolze Sohn der Wüste!«

»Wolltet Ihr sie nicht auch küssen? Oder meint Ihr vielleicht, daß Ihr das thun könnt und ich nicht, weil Ihr weniger werth seid, als ich? Dann will ich nicht mit Euch streiten und Euch vielmehr recht geben. Lebt wohl!«

Ohne den Arm von Hiluja zu nehmen, wendete er sich zum Gehen; aber der Sergeant trat ihm in den Weg und sagte, noch immer höhnisch lachend:

»Halt, Knabe! So treibt man es nicht mit uns. Das Mädchen bleibt hier!«

»Nein, sie geht mit mir! Ich habe Euch bewiesen, daß sie meine Braut ist. Sie ist nicht das, was ihr denkt. Sie gehört zu mir und wird mit mir gehen.«

»Oho! Ich habe sie gefunden; ich habe sie eingeladen und so ist sie mein Eigenthum.«

»Besinne Dich! Eine frei geborene Tochter der Sahara kann nie das Eigenthum irgend eines Menschen sein. Sie gehört nur Demjenigen, dem sie sich selbst und freiwillig ergiebt und schenkt. Also laßt uns friedlich gehen. Allah behüte Euch!«

Er wollte fort; der Sergeant aber ergriff ihn am Arme und sagte in drohendem Tone:

»Du bemerkst wohl gar nicht, daß wir bisher nur mit Dir scherzten!«

»Und Du bemerkst wohl noch weniger, daß ich bisher mit Euch im Ernste sprach!«

Sie standen sich drohend gegenüber. Ihre Blicke bohrten sich ineinander. Dann aber brach der Arnaute in ein schallendes Gelächter aus und rief:

»Nein, wahrlich, das ist kein Ernst, sondern das ist der größte Spaß, welcher mir in meinem ganzen Leben widerfahren ist. Dieser Knabe will mir ein Mädchen entführen, welches mir gehört! Höre mein Sohn, willst Du mit mir um ihren Besitz kämpfen?«

Er richtete seine mächtige Gestalt stolz in die Höhe.

Er war nicht jung, sondern ein guter Vierziger. Die Narben seines Gesichtes bezeugten, daß er kein muthloser Mensch sei. Der stolze, höhnische Ausdruck seines verwetterten Gesichtes ließ die Vermuthung errathen, daß der Beduine auf diese Frage sich schleunigst in Sicherheit bringen werde. Aber darin irrte er sich sehr, denn der Jüngling zuckte ebenso überlegen wie bereits vorher die Achsel und antwortete:

»Ja, das werde ich, wenn Ihr sie auf eine andere Weise nicht freigebt.«

»Mensch, bist Du toll!«

»Ich vertheidige, was mir gehört. Willst Du das toll nennen, so habe ich nichts dagegen.«

»Ich hacke Dich ja in Stücke!«

»Dasselbe haben bereits Mehrere gesagt. Du siehst aber, daß ich dennoch am Leben bin!«

»Nun gut, ganz wie Du willst! Ich will auf diesen seltenen und überaus lustigen Spaß eingehen. Es wäre doch jammerschade, wenn wir uns einen solchen Scherz entgehen lassen wollten. Also wir kämpfen, und Dem, welcher siegt, gehört das Mädchen.«

»Ich bin bereit!«

Da aber gab es einen ganz unerwarteten Einspruch. Die anderen Arnauten behaupteten nämlich, daß das Mädchen auch ihnen gehöre, daß der Sergeant also nicht das Recht besitze, über sie zu verfügen. Einige stellten sich vor den Beduinen und Hiluja, damit Beide nicht entkommen könnten, und die Anderen umdrängten lärmend den Sergeanten, um ihn zu überzeugen, daß sie ganz dieselben Rechte wie er auf Hiluja besäßen. Nur Einer verblieb ruhig in seiner Ecke; er hatte bereits vorher nicht in das höhnische Gelächter seiner Kameraden eingestimmt. Seiner Uniform nach war er ein Onbaschi, das heißt Corporal. Er verfolgte den Streit mit ernstem, stillem Interesse, ohne sich aber in denselben zu mischen.

»Laßt mich!« brüllte der Sergeant die Andern an. »Ihr habt mir nichts zu befehlen. Ich bin Euer Oberster und thue, was mir beliebt!«

»Sie gehört aber uns ebenso gut wie Dir!« riefen die Anderen ihm entgegen.

»Redet nicht solchen Unsinn! Er kann mich ja nicht besiegen. Sie bleibt Euch also gewiß! Also, heraus mit der Sprache, Knabe! Willst Du mit mir kämpfen?«

»Ja! Ich habe es Dir bereits gesagt. Oder hörst Du schwer? Wenn Dein Muth ebenso schwach ist wie Dein Gehör, so rathe ich Dir, lieber von dem Kampfe abzusehen.«

Ein dröhnendes Gelächter erscholl, in welches sich abermals der Corporal nicht mischte. Sein Gesicht nahm vielmehr jetzt den Ausdruck der Besorgniß an. Das Lachen aber hatte die Wirkung, daß die Arnauten auf den Widerstand gegen den Tschausch verzichteten. Er hatte ja Recht, er mußte Sieger bleiben. Davon war er so überzeugt, daß er, noch immer aus vollem Halse lachend, sagte:

»Nun gut, Kleiner! So komm also hinter das Zelt, wo wir diese Sache schnell ausmachen wollen. Deine Seele soll nicht lange Zeit brauchen, um in der untersten Ecke der Hölle zu kauern. Aber, hört, nehmt das Mädchen mit und auch die Alte. Sie dürfen uns nicht etwa bei dieser Gelegenheit entfliehen!«

»Habe keine Sorge!« antwortete der Araber ruhig. »Sie ist meine Braut und bleibt bei mir. Sie wird eben so wenig entfliehen, wie ich fortgehe, ohne Dir gezeigt zu haben, dass ein Knabe der Uëlad arab doch noch Etwas ganz Anderes ist als ein Tschausch der Arnauten; der dem Vicekönig sein Leben verkauft, weil dieser ihm für den Monat vierzig Piaster bezahlt.«

Das war eine fürchterliche Beleidigung. Vierzig Piaster sind nicht ganz acht Mark, die Monatslöhnung eines egyptischen Sergeanten. Dieser Letztere wußte gar nicht, was er denken und sagen solle. So zu sprechen, hatte noch kein Mensch gewagt, zumal in Gegenwart so vieler Arnauten. Jeder hätte gewußt, daß er damit sein Leben verwirkt habe. Darum starrte der Beleidigte den verwegenen Sprecher mit weit aufgerissenen Augen an und fragte:

»Mensch, weißt Du denn wirklich, was Du sagst?«

»Ja.«

»Das glaube ich nicht. Wenn ich es glaubte, würde mein Messer Dir ja sofort zwischen die Rippen fahren!«

»O, das gäbe nur den Unterschied, daß unser Kampf im Innern des Zeltes stattfinden würde, anstatt hinter demselben.«

»Nun gut! Du beleidigst mich und uns Alle also!« knirrschte der Tschausch. »Es giebt keine Schonung! Vorwärts!«

Hiluja hing noch immer an dem Arme ihres Beschützers. Beide wurden fortgeschoben. Es überkam das Mädchen eine entsetzliche Angst, nicht um sich, sondern um ihn. Sie flüsterte ihm zu:

»Um Allah's willen, fliehe!«

»Willst Du mich verachten?« antwortete er.

»O, nein! Du bist muthig!«

»Wäre es nicht feig, Dich in den Händen dieser Hunde zu lassen?«

»Sie werden Dich tödten!«

»Das wollen wir abwarten. Ich heiße Hilal. Hast Du vielleicht diesen Namen bereits gehört?«

»Nein.«

»So mußt Du aus weiter Ferne gekommen sein. Die beiden Namen Tarik und Hilal sind bekannt weit über die Grenzen Egyptens und unserer Oasen hinaus.«

Während dieses kurzen Austausches hatten die Arnauten hinter dem Zelte einen Kreis gebildet, in welchem jetzt der Tschausch mit seinem Gegner und den beiden Frauen stand. Diese beiden Letzteren waren in der Wüste aufgewachsen; sie hatten oft, sehr oft solche Kämpfe gesehen; ihr Gefühl sträubte sich also gar nicht dagegen, Zeuge des gegenwärtigen zu sein. Eine nervöse Europäerin wäre bereits vor Beginn desselben in Ohnmacht gefallen. Diese beiden Araberinnen aber fühlten nichts als nur allein eine angstvolle Besorgniß um ihren muthigen Beschützer. Sie mußten ihn verloren geben. Selbst wenn er, was ganz unmöglich schien, den Tschausch, den riesigen Menschen, besiegte, stand mit Sicherheit zu erwarten, daß sich dessen Kameraden sofort auf ihn stürzen würden, um ihren Vorgesetzten zu rächen. Er war also unbedingt verloren. Und was geschah dann mit ihnen Beiden, den schwachen Frauen?

»Setzt Euch auf die Erde!« herrschte ihnen der Sergeant zu. »Der Kampf mag beginnen, und die Liebe wird den Sieger belohnen. Vorher aber will ich aus Mitleid noch fragen, Knabe, ob Du denn wirklich weißt, was Du unternimmst!«

Diese letzteren Worte waren an Hilal gerichtet.

»Ich weiß es,« antwortete er ruhig.

»Es ist kein Spiel. Es handelt sich um Tod und Leben.«

»Ganz natürlich!«

»Du wirst keinen Menschen haben, der Dich rächt! Es wagt es Niemand, einen Arnauten zur Rechenschaft zu ziehen. Uebrigens wird es ein ehrlicher Zweikampf sein. Du stirbst und wirst in den Nil geworfen!«

»Ich oder Du!«

»Pah! Selbst, wenn das Unmögliche geschehe, daß Du mich besiegtest, wärst Du verloren. Meine Kameraden hier würden Dich in Stücke reißen!«

»Und das nennst Du einen ehrlichen Zweikampf?«

»Du bist unter Arnauten, also auf alle Fälle verloren.«

»Wir haben ja bestimmt, daß wir um dieses Mädchen kämpfen und daß es Demjenigen gehören soll, welcher als Sieger aus dem Kampfe hervorgeht.«

»Ja. Siege ich, so theile ich den Preis mit meinen Kameraden; siegst aber Du, so hast Du das Mädchen erst noch gegen sie Alle zu vertheidigen, wenn sie Dich nämlich nicht sofort zermalmen oder zerreißen.«

Da blitzte das Auge des Jünglings stolz und verächtlich auf. Er sagte:

»Damit zeigt Ihr recht deutlich, daß Ihr Söldner seid, aber keine freien, tapfern Männer. Uebrigens will ich ihnen nicht rathen, sich an mir widerrechtlich zu vergreifen. Soll ich den Preis nicht haben, wenn ich Sieger bin; nun gut, so will ich auch mit jedem Einzelnen der Andern kämpfen; aber ich werde nicht dulden, daß sie wie eine Heerde Hyänen über mich herfallen!«

»Wurm! Was willst Du dagegen thun?«

»Der da mag es Euch sagen.«

Er deutete auf den Corporal.

»Der da? Der Onbaschi? Was ist's mit ihm und Dir? Seid Ihr etwa Freunde?«

»Nein. Aber er stand bei dem Khedive Wache. Er weiß, daß ich der Gast des Vicekönigs bin, und daß dieser mich an meinen Mördern mit unnachsichtlicher Strenge rächen würde.«

»Hölle, Tod und Teufel! Ist das wahr, Onbaschi?«

»Ja,« antwortete dieser. »Ich sah und hörte ihn mit dem Vicekönig sprechen. Ich habe ein jedes Wort vernommen. Er erfreut sich des besonderen Schutzes und der ganzen Gewogenheit des Herrschers. Ich kann nicht dulden, daß Ihr Gewalt und Unrecht gegen ihn übt!«

»Oho! Bist Du unser Kamerad oder nicht!«

»Ich bin es. Aber mein Leben ist mir ebenso lieb, wie Euch das Eurige. Ich will mich nicht vom Henker an irgend einen Ast aufknüpfen lassen, weil es Euch beliebt, einen Schützling des Herrschers zu ermorden. Ich rathe Euch, diesen jungen Mann sammt den Frauen gehen zu lassen.«

»Oho! Er hat uns beleidigt!«

»Dich allein, mich und uns aber nicht. Und diese Beleidigung war nur eine Antwort auf die Deinige!«

»Du vergissest, daß ich Dein Vorgesetzter bin!« brauste der Tschausch auf.

»Hier bist Du es nicht! Uebrigens habe ich gegen einen ehrlichen Zweikampf nichts. Auch der Vicekönig kann dann nichts sagen; aber nur ermorden lasse ich meinen Schützling nicht!«

»Wie? Was höre ich? Du beschützest ihn?«

»Ja. Ich werde ihn gegen Euch vertheidigen, gegen jeden unrechtmäßigen Angriff!«

»Nun gut, Onbaschi, ich habe keine Lust, mich mit Dir zu streiten. Wir werden später darüber sprechen, ob Du mir zu gehorchen hast oder nicht. Wir werden darüber mit Messern oder Kugeln sprechen!«

»Ich werde mich nicht weigern!«

Jetzt hatte diese Angelegenheit eine andere Wendung genommen, als zu vermuthen gewesen war. Der Corporal war an Hilals Seite getreten. Die Arnauten murmelten leise miteinander. Einige hielten es mit dem Tschausch, die Anderen mit dem Onbaschi. Der Erstere mochte befürchten, daß die Seinigen gar mit einander in Streit gerathen möchten. Darum rief er:

»Keinen Zank unter uns! Ich fechte meinen Strauß hier mit diesem Knaben aus. Es ist ein erlaubter Zweikampf. Kein Mensch kann mich bestrafen, wenn ich ihn tödte. Allah mag seiner Seele eine gute Wohnung geben! Also, Knabe, Du bist der Schwächere; ich will Dir daher aus lauter Gnade und Großmuth die Wahl der Waffe überlassen. Wollen wir schießen oder stechen?«

Ueber das Gesicht des Gefragten zuckte ein höchst eigenthümliches Lächeln. Er antwortete:

»Stechen. Beim Schießen wärst Du verloren. Ich also bin es, welcher Gnade walten läßt!«

»Hund!« brüllte der Riese.

»Du weißt nicht, was Du redest. Würde ein Anderer mich mit diesem Worte beschimpfen, er wäre in derselben Minute eine Leiche. Da aber die Strafe so sicher über Dich kommt, wie ich hier vor Dir stehe, so will ich Langmuth üben. Ich habe gesagt, daß Du beim Schießen verloren seist, und das ist wahr. Man nennt mich Ibn es sa'ika!«

»Ibn es sa'ika – Sohn des Blitzes?« lachte der Sergeant. »Jetzt weiß ich gewiß, daß Du verrückt bist. Söhne des Blitzes nennt man zwei Brüder vom Stamme der Sallah. Wenn ihre Flinten blitzen, ist Derjenige, auf den sie zielen, verloren. Willst Du etwa einer dieser Brüder sein? Das mache Andern weiß!«

»Denke was Du willst! Also bist Du einverstanden, daß wir zu den Waffen greifen?«

»Ja. Und nun zu Ende mit der Rederei! Es wird Zeit, daß wir zu Ende kommen!«

Er riß das Messer aus dem Gürtel und stellte sich in Positur, Hilal warf den Mantel ab und legte die Flinte zur Erde. Er trug jetzt keine andere Kleidung, als das Untergewand. Dieses bestand nur in einem Hemde, welches keine Aermel hatte und bis hernieder zum Kniee reichte. Man konnte den unteren Theil der nackten, sehnigen Beine sehen. Die Arme waren auch blos und zeigten Muskeln, welche ihm wohl vorher Keiner zugetraut hatte.

»Also angefangen!« rief der Tschausch.

»So komm!« antwortete der Beduine.

Er zog das Messer aus dem Gürtelstricke und setzte sich zur Erde nieder, die nackten Beine vor sich hinstreckend und das Messer in der rechten Hand haltend. Der Tschausch hatte etwas ganz Anderes erwartet.

»Was soll's?« fragte er. »Was fällt Dir ein?«

»Nun, Zweikampf auf Messer!«

»Sitzend etwa?«

»Ja. Ich meine den Zweikampf der Wüste. Nur in diesem zeigt es sich, ob man wirklichen Muth und wahrhaftige Tapferkeit besitzt.«

»Alle Teufel! Wüstenkampf! Fällt mir gar nicht ein! Ich bin Arnaute, aber kein Beduine!«

Der echte Messerkampf der Sahara besteht darin, daß die beiden Duellanten sich einander gegenüber setzen. Jeder das Messer in der Hand. Der Eine sticht sich die Klinge in irgend eine Stelle seines Körpers, zum Beispiel in die Wade, so daß der Stahl an der andern Seite wieder herauskommt. Der Andere muß sich an ganz derselben Stelle denselben Stich versetzen. Hat er das gethan, so schneidet sich der Erstere vielleicht die ganze Muskel des Oberschenkels bis auf den Knochen auf. Der Zweite muß dies auch thun. Wer am Längsten aushält, ohne eine Miene zu verziehen, der ist der Sieger. Die Beduinen sind unerreichbar in dieser Art des Zweikampfes. Sie haben eine solche Selbstbeherrschung, daß sie sich die schmerzhaftesten Wunden mit lächelndem Munde beibringen.

Das war aber nicht nach dem Geschmacke des Tschausch. Er wollte seinem Gegner einfach das Messer in das Herz stoßen, nicht aber sich selbst auf so unsinnige Weise zerfleischen. Er war der bei Weitem Stärkere; er mußte ja siegen, und so wäre es geradezu Verrücktheit von ihm gewesen, auf diese Art des Kampfes einzugehen.

Hilal hob den lachenden Blick zu ihm empor und sagte:

»Du willst nicht?«

»Nein.«

»Ah! Die Wunde thut weh!«

»Wie meinst Du das?«

»Du fürchtest den Schmerz!«

»Hund! Keine weitere Beleidigung!«

»Gut, wie Du willst!«

Er erhob sich von der Erde und fuhr gleichmüthig fort:

»Ich wollte Dein Leben schonen, denn Du hättest Dich doch wohl nicht selbst erstochen. Darum schlug ich Dir diese Art des Kampfes vor. Die Art aber, welche Du wünschest, ist höchst lebensgefährlich für Dich. Meine Klinge ist sicher.«

»Versuche es!« lachte der Riese höhnisch auf.

»Das brauche ich nicht! Ich kenne mein Messer so genau, daß es eines Versuches gar nicht bedarf. Du wärst verloren, wenn ich wollte. Aber ich bin Gast des Vicekönigs und will ihm darum keinen seiner Soldaten erstechen. Das wäre Unhöflichkeit.«

»Schwatze nicht Unsinn! Beginnen wir lieber. Wer von uns Beiden eine Leiche wird, das kann nur ich sehen, da ich nur der Ueberlebende sein werde.«

»In diesem Falle muß ich Dich bitten, meinen Verwandten die Kunde meines Todes zugehen zu lassen, damit sie nicht vergebens nach mir suchen.«

»Ich werde es thun. Also Dein Name?«

»Hilal.«

»Hilal? Von welchem Stamme?«

»Dieser Antwort bedarf es nicht. Mein Bruder heißt Tarik.«

»Teufel! Tarik und Hilal. Das sind ja die beiden Söhne des Blitzes. Mache mir diese Fabel nicht vor!«

»Ich sage wie vorher: Glaube es, oder glaube es nicht! Uebrigens bin ich Deiner Meinung. Wir haben genug geschwatzt. Beginnen wir!«

»Wohlan also!«

Sie standen einander drohend gegenüber, die Messer in den Fäusten und die Blicke in einander gebohrt.

»Allah, o Allah!« flehte Hiluja, sich abwendend.

»Nun, so komm, Knabe!« rief der Arnaute.

»Ich warte auf Dich!« antwortete Hilal lächelnd. »Hast Du Muth oder nicht?«

»Ah, Bube, komm her! Ich werde Dich abschlachten, wie man ein Schöps abschlachtet!«

»Und ich werde Dich nicht tödten; aber ich werde dafür sorgen, daß Deine Arme für lange Zeit verzichten müssen, Dich zu vertheidigen, wenn Du eine Tochter der Beduinen beleidigt hast. Du nennst mich einen Buben und treibst doch selber Büberei!«

Da stieß der Arnaute einen heiseren Wuthschrei aus und stürzte sich mit gezücktem Messer und ausgestreckter Linken auf den Gegner. Er wollte ihn einfach mit der Linken umfassen und mit der Rechten den tödtlichen Stoß ausführen – er griff in die Luft; Hilal stand, laut auflachend, hinter ihm; er war unter dem gegen ihn ausgestreckten Arme hinweggeschlüpft.

Der Arnaut drehte sich wieder nach ihm um und drang auf ihn; aber er wußte nicht, wie das Unmögliche möglich wurde, Hilal entkam ihm auch jetzt wieder und stieß hinter ihm sein helles Lachen aus.

Dies geschah noch mehrere Male. Die Zuschauer konnten es kaum wahrnehmen, wie dem Araber seine Taktik gelang, so schnell, geschmeidig und gewandt waren seine Bewegungen. Der Tschausch gerieth außer sich. Er hatte geglaubt, mit dem »Knaben« kurzen Prozeß machen zu können und ihn bei dem ersten Stoße zu tödten, und nun stieß er stets nur in die Luft. Er kam in gewaltige Aufregung. So schnell er zugriff, so rasch er sich umdrehte, kein Griff, kein Messerstoß glückte ihm.

»Hund, halte Stand!« brüllte er wüthend.

»Bemerkst Du nicht, daß ich nur mit Dir spiele?« lachte der unvergleichliche Beduine.

»Ach, wenn ich Dich nur hätte! Nur erst fassen!« schäumte der vor Anstrengung Schäumende.

»Gut! Hier, fasse mich!«

Das erklang so ernst, so fest, so drohend. Hilal blieb stehen, die Füße weit aus einander gespreizt, den leuchtenden Blick wie die Spitze eines Bohrers auf das rothe Gesicht des Tschausch gerichtet. Dieser stieß einen Ruf der Freude aus, packte ihn mit der Linken bei der Brust und holte mit der Rechten aus.

Hiluja schrie laut auf – im nächsten Augenblicke mußte ihr Beschützer eine Leiche sein.

Aber er war es nicht. Auch er hatte mit seiner Linken den Tschausch gepackt, mit der Rechten parirte er die Stöße desselben. Faust traf an Faust, Klinge glitt an Klinge ab. Der Tschausch mochte stoßen wie er wollte, von oben, unten, von der Seite, stets wurde sein Stoß parirt, und zwar mit einer solchen Leichtigkeit, ja Eleganz, wie es die auch selbst erregten Zuschauer für vollständig unmöglich gehalten hätten. Ebenso wunderbar erschien ihnen die Festigkeit, mit welcher Hilal's schmächtiger Körper wie in den Boden gewachsen zu sein schien. Die ganze Anwendung der gewaltigen Körperkraft war zu wenig, den Araber auch nur einen Zoll breit von der Stelle zu bringen.

So standen die Beiden vor einander, sich fest gepackt haltend und nur die rechten Arme mit den blitzenden Messern bewegend, der Eine zum Stoßen und der Andere zum Pariren.

Der Tschausch schäumte vor Wuth. Aus seinem krampfhaft verzerrten Munde troff der Speichel; seine Augen waren mit Blut unterlaufen, während sein Gegner mit lächelnder Miene ihm gegenüber hielt, als ob er sich nur einer angenehmen Uebung befleißige. Die Stöße des Ersteren wurden immer schneller, aber auch unsicherer, krampfhafter. Man sah es ihm an, daß er sich anstrengte, daß seine Kraft nicht mehr lange vorhalten könnte.

*

19

»Mensch, bist Du denn ein Teufel!« brüllte er. »Ein Ende mit Dir! Jetzt oder nie!«

Sein Auge hatte den Blick eines gereizten Stieres, der sich in der Arena auf den Gegner wirft, um ihn auf die Hörner zu spießen. Er holte zu einem Stoße aus, in welchem er seine ganze noch vorhandene Körperkraft vereinigte. Jetzt mußte es gelingen!

»Ja, ein Ende jetzt!« antwortete Hilal.

Er riß sich mit einem gewaltigen Ruck von dem Griffe des Riesen los und parirte dessen Messerstoß – ein Schlag in die Achselhöhle, und der Tschausch machte in Folge dieses Fausthiebes eine Viertelwendung, so daß er dem Gegner für einen Augenblick den Rücken zukehrte. Aber dieser eine Augenblick genügte diesem vollständig. Sein Messer blitzte auf; zwei gedankenschnelle Schritte – zwei ebenso schnell auf einander folgende Schreie des Tschausch – Hilal sprang zurück, der Tschausch aber stand auf einem Punkte, unbeweglich, als habe ihn der Schlag getroffen.

»So, jetzt ist's aus!« sagte der Araber. »Seht hin, ob ich Wort gehalten habe!«

Das war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, daß weder der Tschausch wußte, was eigentlich mit ihm geschehen sei; noch die Andern sehen konnten, was der Sprecher eigentlich meine. Sie sahen Blut von den Schultern des Arnauten laufen. Dieser stand stöhnend still; er wollte die Arme erheben, um den Gegner zu fassen, konnte aber nicht. Woran das lag, wußte er nicht. Da es aber nicht gelang, brüllte er laut auf.

»Allah, o Allah! Was ist mit ihm?« fragte Einer, auf den Verwundeten zutretend.

Die Anderen thaten dasselbe. Nun sahen sie, was geschehen war. Hilal hatte ihm die Rückenmuskeln quer über beide Schlüsselbeine und die Schulterblätter zerschnitten, und da diese Muskeln zur Bewegung der Oberarme nothwendig sind, war es ihm nun unmöglich, die Arme zu erheben; sie hingen eng am Körper herab, und der Verwundete stand in einer großen Lache des herabfließenden Blutes.

Zahlreiche Schreckensrufe machten ihn mit seinem Zustande bekannt. Die Wuth, in welche er dadurch gerieth, war geradezu unbeschreiblich. Er geberdete sich wie ein wildes Thier und forderte die Anderen auf, den Thäter auf der Stelle umzubringen. Sein Zustand machte auf sie allerdings einen Eindruck, welcher für den Beduinen verhängnißvoll werden konnte. Während Zwei den in einem förmlichen Delirium des Grimmes sich befindenden Verwundeten in das Zelt schafften, drängten die Anderen sich drohend an den Sieger heran.

»Der Teufel hat ihm geholfen!« rief Einer.

»Ja. Er steht mit bösen Geistern im Bunde,« meinte ein Zweiter. »Wie hätte er sonst siegen können!«

»Er hat ihn gelähmt. Das ist schlimmer als der Tod!«

»Tödtet ihn!«

»Nein! Lähmt ihn auch!«

Solche und verschiedene Rufe ließen sich hören. Er stand ruhig an der Wand des Zeltes, das Messer noch in der Hand, das eine Auge auf seine Flinte gerichtet, welche noch am Boden lag. Er war auf Alles gefaßt, versuchte aber, sich zu vertheidigen.

»Ich habe ihn gewarnt!«

»Du bist behext. Du hast ein Amulet! Heraus damit!«

»Hier ist mein Amulet.«

Er hob sein Messer empor.

»Leugne nicht! Wie hättest Du ihn sonst besiegen können, ihn, den Stärksten von uns Allen!«

»Ich habe Euch gesagt, daß ich Hilal bin, der Sohn des Blitzes. Hätte er es geglaubt!«

»Auch wir glauben es nicht. Rache für ihn. Blut um Blut!«

»Vergeßt nicht, daß ich der Gast des Vicekönigs bin!«

»Ja, vergeßt das nicht! Und vergeßt auch nicht, daß er unter meinem Schutze steht!«

Dies sagte der Onbaschi, indem er sich vor ihn hinstellte und die Dränger von ihm zurückschob.

»Du handelst nicht, wie einer der Unserigen!« wurde ihm vorgeworfen.

»Ich handle so, wie ich muß und wie ich es Euch vorher gesagt habe. Er hat den Tschausch im ehrlichen Zweikampf besiegt. Er hat bewiesen, daß er ein Mann ist. Was wollt Ihr ihm thun?«

»Sein Blut wollen wir.«

»Ich dulde nicht, daß Ihr ihn mordet!«

»Er soll mit uns kämpfen. Er hat es uns versprochen. Laßt diese verdammten Weiber fort! Wir wollen nicht sie, sondern ihn!«

Die alte Beduinin erhielt einen Fußtritt, daß sie laut aufschrie.

»Komm, komm, Hiluja!« bat sie. »Laß' uns fliehen! Die Gelegenheit ist gut. Sie selbst jagen uns fort.«

»Ich bleibe!« antwortete die Angeredete.

Sie hatte nicht einen Tropfen Blutes im Gesicht. Was sie beim Anblick des so glücklich beendeten Kampfes ausgestanden hatte, das war nichts gegen die Angst, welche sie jetzt empfand. Sie, als Tochter eines kriegerischen Stammes hatte bereits nach den ersten Augenblicken des Zweikampfes gesehen, daß ihr muthiger und verwegener Beschützer seinem Gegner überlegen sei. Jetzt aber drang nicht Einer allein auf ihn ein. Gegen so Viele half keine Tapferkeit etwas.

»Allah l'Allah!« stöhnte die Alte. »Willst Du Dich zwecklos verderben. Du kannst ihn ja nicht retten!«

»Nein; aber soll ich ihn verlassen, da er vorher mich befreien wollte?«

»Du kannst ihn nicht befreien. Komm also!«

»Nein, ich bleibe! Ich kämpfe für ihn, wenn es nöthig sein sollte!«

Sie griff nach dem Messer des Tschausch, welches diesem bei seiner Verwundung entfallen war. Niemand sah es, daß sie diese Waffe an sich nahm.

»O Ihr Geister der sieben Himmel! Jetzt will sie gar für ihn kämpfen!« klagte die Alte. »Sie werden Dich umbringen! Jetzt aber könntest Du Dich retten!«

Hiluja antwortete nicht mehr. Sie war fest entschlossen, ihr Wort wahr zu machen. Ihre Augen ruhten auf Hilal, wie er da am Zelt stand, ruhig und stolz, als gehe der Streit, welchen der Onbaschi mit den Andern fortführte, ihn gar nichts an. Sein Auge fiel auf sie. Ihre Blicke trafen sich. Er sah die Bewunderung in dem ihrigen leuchten, und seine sonnverbrannte Wange röthete sich. Er nickte ihr beruhigend zu und winkte ihr heimlich, den Ort zu verlassen. Sie antwortete, indem sie verneinend den Kopf schüttelte und ihm das Messer zeigte. Da blitzte es in seinen Augen auf, so hell, so flammend, daß es ihr war, als sei sie von diesem Lichte geblendet worden. Sie senkte den Blick und fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen.

Was war doch in diesem Augenblicke in demselben geschehen. Es war wie ein elektrischer Schlag durch ihre Seele gegangen, aber nicht etwa schmerzhaft sondern wonnig, über alle Maßen selig. Sein Blick hatte so deutlich gesagt: »Wie schön bist Du, und auch wie tapfer bist Du!« Und nicht nur Dieses sondern noch Anderes hatte in diesem Blicke gelegen. Sie hatte nur keine Zeit, darüber nachzudenken, denn der Streit nahm jetzt wieder ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Der Korporal hatte sich mit den Arnauten geeinigt. Er wendete sich an Hilal:

»Du hörst, was sie sagen. Sie wollen Dein Blut.«

»Sie mögen es sich holen. Hier stehe ich!«

»Nein, kein Mord soll geschehen. Darüber haben wir uns geeinigt. Du sollst mit Jedem kämpfen, mit Jedem einzeln.«

»Das ist sehr wohlbedacht von ihnen,« lächelte Hilal verächtlich. »Sie sind ihrer Viele und ich bin allein!«

»Ich bin auf Deiner Seite.«

»Das ändert es nicht. Einem von ihnen wird es doch wohl gelingen, mich zu tödten. Nun, sie mögen es versuchen. Welcher will anfangen?«

»Das Loos entscheidet.«

»So werft es jetzt, damit wir bald zu Ende kommen.«

»Nicht jetzt und hier. Es soll geschossen werden. Das darf Niemand hören. Darum gehen wir fort von hier.«

»Geschossen? Haben Sie gesehen, daß ich Meister bin in der Führung des Messers?«

»Höhne nicht! Ich bin froh, daß ich das Zugeständniß eines ehrlichen Kampfes erlangt habe; wenn Du sie aber erzürnst, kann ich Dich nicht länger beschützen.«

»Nun, so warne sie vor meiner Flinte! Ob sie es glauben oder nicht, ich bin der Sohn des Blitzes. Meine Kugel trifft stets den Feind. Es wird Keiner von ihnen übrig bleiben. Das ist gewiß und sicher!«

Ein lautes Lachen antwortete ihm. Er zuckte die Achseln und erkundigte sich:

»Wo soll der Kampf stattfinden?«

»An dem kleinen See El Chiyam, jenseits des Kanales. Kennst Du ihn?«

»Ja. Er ist zur Zeit der Nilüberschwemmung voller Wasser; jetzt aber wird er wenig desselben haben.«

»An der östlichen Spitze desselben liegen viele große Steine als Ueberreste aus alter Zeit. An diesen Steinen soll der Ort des Kampfes sein.«

»Wann?«

»Wann die Sonne die Wüste berührt.«

»Das ist in einer Stunde. Ich werde kommen.«

Er hob seinen Haïk auf, um ihn umzunehmen, und griff dann auch nach seiner Flinte.

»Wie?« fragte der Onbaschi. »Willst Du etwa fort?«

»Ja. Meinst Du etwa, daß ich hier bleiben soll.«

»Natürlich! Du hast ja mit diesen Männern zu kämpfen!«

»Doch nicht hier, sondern draußen am See.«

»Du wirst warten, um mit uns hinaus zu gehen.«

»Nein, ich werde nicht warten! Was soll ich hier bei Euch? Soll ich mich mit Euch zanken? Das fällt mir nicht ein!«

»Aber wenn wir Dich jetzt fortlassen, wirst Du vielleicht nicht zum Kampf erscheinen.«

»Dasselbe könnte ich auch gegen Euch sagen.«

»O, warum sollten wir nicht kommen? Diese Männer brennen darauf, Dein Blut zu sehen. Sie kommen ganz bestimmt und werden lieber alles Andere versäumen.«

»Ebenso gewiß und sicher komme auch ich.«

»Hm! Du gehst wohl dem gewissen Tode entgegen, und da kann es leicht geschehen, daß Du abgehalten wirst, zu kommen.«

Da legte Hilal ihm die Hand auf die Achsel, lachte laut auf und antwortete:

»Es wird wohl umgekehrt sein. Diese Arnauten gehen einem sicheren Tode entgegen; sie allein haben Veranlassung, nicht zu erscheinen!«

Das klang so sicher und selbstbewußt, daß sogar der Onbaschi davon berührt wurde. Er meinte:

»Wenn Du Deiner Flinte so gewiß bist wie Deines Messers, so kann der Ausgang des Kampfes allerdings für Einige von uns verhängnißvoll werden. Bist Du denn wirklich Hilal, der Bruder Tariks?«

»Ich habe es gesagt, und also ist es wahr. Es kommt nie eine Unwahrheit über meine Lippen.«

»So freue ich mich, den berühmten Beduinen zu sehen. Ich habe nicht geglaubt, daß diese Brüder noch so jung sind. Und doppelt freut es mich, daß es mir vergönnt gewesen ist, Dir einen Dienst zu erweisen.«

»Hoffentlich wirst Du Deine Freundlichkeit dadurch fortsetzen, daß Du mich jetzt gehen lässest?«

»Wirst Du wirklich kommen?«

»Ich habe es gesagt, und so komme ich. Du kennst mich nicht genau, daher will ich es Dir auch noch bei dem Barte des Propheten versichern. Ich schwöre sonst nie, will es aber jetzt einmal thun.«

»So glaube ich es Dir. Wo aber willst Du während dieser Zeit hingehen?«

»Ich will diese beiden Frauen heimgeleiten, da ihnen sonst vielleicht noch Anderes widerfahren könnte.«

»Warte noch, bis ich mit den Anderen gesprochen habe. Ich muß erst sehen, ob sie Dich und diese Beiden fortlassen, wenn ich mich für Dich verbürge.«

Seine Kameraden hatten sich ein Stück zurückgezogen und unterhielten sich leise flüsternd, wobei sie die Blicke mit finstrem, drohendem Ausdrucke auf Hilal gerichtet hielten. Er schien sie gar nicht zu beachten, in Wahrheit aber beobachtete er sie zwischen den gesenkten Wimpern hindurch so scharf, daß ihm keine Miene entging.

Der Onbaschi schien nicht gleich ihre Zustimmung zu erhalten. Er sprach lange in sie hinein, und es verging eine ziemliche Weile, ehe er wiederkehrte, um zu melden:

»Sie wollten nicht in Deine Entfernung willigen, aber ich habe mich verbürgt. Kommst Du nicht, so ist meine Ehre verloren. Ich wage viel.«

»Du wagst gar nichts und wirst Deine Ehre behalten. Uebrigens werde ich zu dem Vicekönig von Dir sprechen. Ich hoffe, daß Deine Freundlichkeit belohnt werde.«

»Dann müßten meine Kameraden bestraft werden, und das will ich nicht. Schweige also lieber.«

»Dürfen die Frauen auch fort.«

»Ja. Man ist froh, sie los zu sein. Das hübsche Gesicht dieses Mädchens hat großes Unglück angerichtet. Horch! Da fängt der Tschausch wieder an, zu brüllen. Man wird ihn verbinden. Mache, daß Du fortkommst, aber zögere dann auch nicht, zu erscheinen!«

»Ich gehe, aber ich fliehe nicht, mag Dein Tschausch singen oder brüllen, beten oder fluchen!«

Er nahm sein Gewehr auf, winkte den beiden Frauen, ihm zu folgen, und schritt davon. Er war viel zu stolz, sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen, vielleicht aus Besorgniß, daß man ihm eine Kugel nachsenden könne. Erst, als er überzeugt war, daß das Zelt gar nicht mehr zu sehen war, blieb er stehen und wendete sich zu den Zweien, welche ihm schweigend gefolgt waren. Hiluja trat rasch auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte im herzlichsten Tone:

»Also Hilal heißt Du. Du bist mein Retter. Wie habe ich Dir zu danken!«

Er antwortete nicht gleich. Sein Blick senkte sich forschend in ihr Auge. Dann sagte er:

»Nein, Du bist keine von Allah Verlassene. Dein Auge ist rein von solcher Schuld.«

»Welche Schuld meinst Du?«

»Die Schuld, an welche ich dachte, als ich sah, daß Du Dein Angesicht den Gläubigen und Ungläubigen gezeigt hattest.«

Sie hatte so viel vom Leben und Treiben größerer Städte gehört, daß sie ihn so ziemlich verstand. Sie erglühte bis tief in den Nacken hinab und antwortete:

»Ich bin noch nie hier gewesen. Wir sollten nur einsam am Flusse hin und bald umkehren.«

»Dennoch hätte ich mich nicht Deiner angenommen, wenn mich nicht Dein Gesicht dazu gezwungen hätte.«

»Wie konnte Dich dieses zwingen?«

»Es giebt ein sehr ähnliches, welches ich lieb habe. Du hast ganz die Augen und die Züge unseres Scheiks.«

»So habe ich das Gesicht eines Mannes?« lächelte sie.

»Nein. Unser Scheik ist ein Weib. Es heißt Badija.«

Sie waren während des Gespräches immer weiter fortgegangen. Jetzt, als er diesen Namen nannte, blieb Hiluja überrascht stehen.

»Was höre ich?« fragte sie. »Badija? Meinst Du die Königin der Wüste?«

»Ja.«

»So kennst Du sie?«

»Ich sagte ja, daß sie mein Scheik sei.«

»So gehörst Du zum Stamme der Sallah-Beduinen?«

»Ich bin stolz, ein Sallah zu sein. Die Königin hat mich mit einer Botschaft an den Vicekönig gesandt.«

»Wann kehrst Du zurück?«

»Morgen früh.«

»Wie herrlich Allah dieses fügt! Willst Du mich mitnehmen?«

»Mit mir? Zu dem Lager der Meinigen? Ist das Dein Ernst? Kann das Dein Wille sein?«

»Ja. Badija ist meine Schwester. Wir Beide kommen, sie zu besuchen.«

»Gott ist groß!« rief er vor Erstaunen so laut, als ob es ganz Kairo hören solle. »Du, die Schwester der Königin! Du, Diejenige, von der sie uns so viel erzählt hat, wenn sie von der Heimath sprach?«

»Hat sie von mir erzählt, von mir gesprochen?«

»Tausendmal!«

»O, sie liebt mich noch!«

»Ob sie Dich liebt? Sie wird sich freuen ohne Ende, wenn sie Dich sieht. Weiß sie, daß Du kommst?«

»Nein, sie hat keine Ahnung davon.«

»Desto besser; desto größer wird die Ueberraschung sein.«

Diese Fragen und Antworten folgten mit ungeheurer Geschwindigkeit einander, wie es bei solchen Gelegenheiten ja stets der Fall zu sein pflegt. Sein Gesicht hatte sich vor freudiger Verwunderung geröthet, und das ihrige glänzte vor Entzücken. Ohne es sich in diesem Augenblicke einzugestehen, fühlte sie sich unendlich glücklich darüber, daß ihr Retter und Beschützer zu dem Stamme gehörte, dessen Beherrscherin ihre Schwester war.

»Wie aber kommst Du nach Kairo?« fragte er. »Du bist doch eine Tochter des Beni Abbas.

»Ja. Weißt Du das noch nicht?«

»Natürlich weiß ich es. Aber diese wohnen doch weit gegen Sonnenuntergang von hier, im Süden von Tunis, und Du scheinst von Ost zu kommen?«

»Ich komme von West; aber ich kam mit diesem Dampfschiffe, welches da am Ufer liegt.«

Sie waren jetzt gerade an der Yacht angekommen.

»Mit diesem Schiffe? Du, eine Tochter der Wüste?«

»Ja. Ich müßte Dir viel erzählen, um es Dir zu erklären. Ich reiste mit einer zahlreichen Carawane; wir wurden von einer Raubcarawane der Tuariks überfallen; ein edler Franke rettete uns und brachte uns dann auf diesem Schiffe hierher, damit wir von hier aus zu dem Beni Sallah kommen könnten. Er wird sich freuen, daß ich in Dir einen so tapferen Begleiter gefunden habe. – Oder willst Du mich nicht mitnehmen?«

»Wie gern nehme ich Dich mit!« entfuhr es ihm. »Mit Dir würde ich bis an das Ende der Erde, bis an das Ende aller Welten gehen!«

»Zunächst nur zu meiner Schwester. Du mußt jetzt mit auf das Schiff kommen, damit er Dich sieht.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Du hast ja gehört, daß ich, wenn die Sonne das Sandmeer berührt, draußen am See sein muß.«

Ihr glückstrahlendes Gesicht veränderte sich sofort. Sie meinte erschrocken:

»O Allah! Das hatte ich ganz vergessen! So wolltest Du also wirklich mit diesen Ungeheuern kämpfen?«

»Ja.«

»Gehe nicht heraus!«

»Willst Du, daß ich ein Lügner sei?«

»Nein. Aber sie werden Dich tödten!«

»O nein. Aber, sage mir, würdest Du vielleicht traurig sein, wenn ich getödtet würde?«

»Sehr traurig!« antwortete sie aufrichtig. »Du bist ja mein Retter und Beschützer. »Wirst Du etwa allein zu ihnen gehen?«

»Ganz allein. Bei solchen Dingen ist es desto besser, je weniger Zeugen man hat. Auch die Arnauten kennen die Blutrache. Einer rächt den Anderen.«

»O Himmel! So wirst Du nicht wiederkommen! Einer gegen so Viele! Du bist wahr und aufrichtig; sie aber sind falsch, lügnerisch und treulos.«

Auf ihrem Gesicht prägte sich eine schwere Angst aus. Das that ihm so wohl. Er fühlte, daß er für dieses wunderschöne Mädchen im Stande sein könne, in die Hölle hinabzusteigen. Er mußte sie beruhigen:

»Mache Dir keine Sorge um mich! Nicht wahr. Du warst erst überzeugt, daß der Arnaut mich tödten werde.«

»Ja. Ich hatte entsetzliche Angst.«

»Und doch wäre er von meiner Hand gefallen, wenn ich ihn nicht geschont hätte. Gerade so ist es auch mit dem Kampfe, welcher nun noch erfolgen soll. Ich rühme nie von mir, aber um Dich zu beruhigen, sage ich Dir, daß mein Name überall bekannt ist. Ich habe diese Arnauten nicht zu fürchten.«

»Meinst Du, daß Du sie tödten werdest?«

»Ich tödte selten einen Feind. Wenn es mir möglich ist, mache ich ihn nur kampfunfähig. So hoffe ich auch jetzt, daß ich das Leben dieser Leute werde schonen können. Ich fürchte mich nicht. Ich komme wieder.«

»Wohin?«

»Soll ich denn auf das Schiff kommen?«

»Ja. Du wirst willkommen sein. Aber, was thue ich dann, wenn Du nicht kommst?«

»Dann bin ich todt. Nur der Tod könnte mich verhindern, Dich wiederzusehen.«

»Todt! Allah! Welch' ein Unglück!«

»Man würde meine Leiche wohl da draußen am See finden. Du aber könntest Tarik, meinem Bruder, sagen, wer meine Mörder gewesen sind.«

»Ich bitte Dich, bleibe zurück! Gehe nicht hinaus!«

Sie ergriff seine Hand und blickte ihm flehend in das Angesicht. Wie so gern hätte er ihr diese Bitte erfüllt, wenn es ihm möglich gewesen wäre.

»Das geht nicht! Kein Mensch soll sagen, daß Hilal ein Lügner oder Feigling sei.«

»So gehe wenigstens nicht allein. All' Deine Tapferkeit kann Dich gegen Verrath nicht schützen.«

»Wen sollte ich mitnehmen.«

»Meine Freunde und Beschützer, welche sich hier auf dem Schiffe befinden.«

»Sie sind mir fremd.«

»Wenn ich Dich bringe, sind sie Deine Freunde.«

»Es sind Franken?«

»Ja.«

»Dann mögen sie bleiben. Und selbst, wenn sie Anhänger des Propheten wären, würde ich Keinen mitnehmen. Diese Arnauten sollen nicht meinen, daß ich einen Begleiter habe, weil ich mich vor ihnen fürchte.«

»Wird der Tschausch gelähmt bleiben?«

»Nein. Sobald die Wunden geheilt sind, wird er seine Arme wieder bewegen können. Es mag ihm dies eine Lehre sein, keine Tochter der Wüste ohne die Ehrerbietung zu behandeln, welche er der Angehörigen eines unserer Stämme schuldig ist. Aber, Du kennst nun meinen Namen, darf ich nicht auch den Deinigen hören?«

»Ich heiße Hiluja.«

»Hiluja. Dieser Name ist so schön, wie ich noch keinen einzigen gehört habe. Ich bin einer der Aermsten unseres Stammes. Ich habe nur mein Reitkameel, ein Pferd und wenige Schafe; aber ich habe auch eine Flinte und mein Messer, und es soll mir eine Paradiesesfreude sein, wenn ich Dich glücklich zu der Königin gebracht habe. Jetzt aber muß ich gehen. Lebe wohl, Hiluja.«

Er ergriff ihr kleines Händchen. Sie hielt seine Hand fest und sagte traurig:

»Du sprichst davon, mich zur Schwester zu bringen, und liegst doch vielleicht schon in einer Stunde da draußen, ermordet von den Arnauten. Wenn mir doch nur ein rettender Gedanke käme! Ich kann Dich nicht wieder bitten, nicht hinauszugehen, und etwas Besseres fällt mir doch auch nicht ein.«

Es schien, als ob ihr die Thränen in die Augen treten wollten. Er sah es. Er hätte vor ihr niederknieen mögen; doch beherrschte er sich und sagte:

»Ich weiß Etwas.«

»Was? Sage es!«

»Wirst Du es thun?«

»O, wie gern!«

»So bete zu Allah für mich. Du bist so schön, so rein, so gut. Wenn Du für mich betest, so wird er Dein Gebet erhören; er kann nicht anders. Willst Du?«

»Ja, ich will,« nickte sie.

»Ich danke Dir! Lebe wohl, Hiluja!«

»Lebe wohl, Hilal! Allah sei mit Dir!«

Es klang gepreßt, als ob sie sich dabei die größte Mühe geben müsse, ein unterdrücktes Schluchzen nicht hörbar werden zu lassen. Es war ihr so weh um das Herz, als ob sie ganz sicher sei, daß er einem gewissen und unvermeidlichen Tode entgegengehe.

Sie blickte ihm nach. Er schritt so stolz und elastisch, so selbstbewußt davon, wie nur ein Araber schreiten kann, der keinen Herrn über sich erkennt als Gott allein, denn selbst der Scheik des Stammes ist mehr Berather als Gebieter und hat sich nach der Versammlung der Ältesten zu richten. Der Beduine ist nicht nur der Sohn, sondern auch der Herr der Wüste; wo er hingeht, da ist sein Vaterland; wo er sich hinlegt, da ist seine Heimath. Die ganze Unendlichkeit der Wüste ist seine strengste Tyrannin und doch auch seine Freundin, die sich ihm unterwerfen muß. Das weiß er. Daher verachtet er den Städtebewohner und einen Jeden, welcher nach den Gesetzen der Gesellschaft, der Zivilisation gezwungen ist, irgend einen Menschen als über ihn stehend, anzuerkennen.

Darum war auch der Gang Hilals so stolz und sicher, ohne daß er diesen Stolz wollte und beabsichtigte. Hiluja folgte ihm mit dem Blicke, bis er nicht mehr zu sehen war. Die Alte sah es natürlich. Sie bemerkte, in welcher Bewegung sich ihr Liebling befand.

»Gefällt er Dir?« fragte sie.

Hiluja erröthete. So direct war sie noch nicht über ihre Ansicht betreffs eines männlichen Wesens befragt worden.

»Sollte er etwa nicht?« antwortete sie ausweichend.

»O, doch! Sein Kleid ist arm und gering, aber sein Gang ist wie derjenige eines Königs.«

»Und seine That ist wie diejenige eines Helden.«

»Ob er wirklich so berühmt ist, wie wir hörten?«

»Ich glaube es. Denn was er heute gethan hat, das hätten tausend Andere nicht zu thun gewagt.«

»Ich wollte, er hätte diesen Tschausch getödtet. Hast Du Dir gemerkt, wie er mich nannte?«

»Nein.«

»Ein Scheusal nannte er mich, hörst Du, ein Scheusal! Wenn er Wasser trinkt, soll es ihm zu kochendem Oele werden, und wenn er Brod ißt, soll es ihn schmerzen, als ob er glühende Flintenkugeln verschluckt. Sein Körper möge eine einzige Wunde sein, und wenn er dann in die Hölle fährt, möge er verdammt sein, sich selbst aufzufressen und immer wieder herauszuspeien! Ein Scheusal! Weißt Du, was das bedeutet? Ein Scheusal ist ein Weib, welches keinen Mann bekommt und dessen Kinder vor Angst davonlaufen, wenn sie die schreckliche Mutter erblicken!«

Sie bemerkte in ihrem Grimme gar nicht, daß sie sich bei dieser Umschreibung mit ihren eigenen Worten in Widerspruch befand. Sie war eben eine Araberin, und die Angehörigen dieser Völkerschaft besitzen Ausdrücke von einer Kraftfülle, um welche sie selbst der drastische Magyar beneiden könnte.

Sie waren während des Gedankenausbruches der Alten an der Landungsbrücke angelangt. Sie schritten hinüber auf das Deck der Yacht. Dort saß der Lord hinter dem Wetterschirme des Cajüteneinganges. Er hatte sie beobachtet, ohne von ihnen bemerkt worden zu sein. Während der Fahrt war es ihm gelungen, sich wenigstens einige türkische Ausdrücke und einige Wörter der Lingua Franca zu merken. Er lachte ihnen entgegen, deutete nach der Richtung, in welcher Hilal verschwunden war, und fragte:

»Aschyk? Nicht wahr, das war der Aschyk?«

Das Wort Aschyk bedeutet so viel wie Geliebter, Liebhaber. Das Mädchen erröthete über das nicht etwa sehr zart zu nennende Wort. Die Alte ärgerte sich darüber, deutete auf ihn und sagte:

»Achmak, Achmak!«

Dann verschwand sie in der Cajüte, Hiluja nach sich ziehend. Der Lord sprang von seinem Sitze auf und ging nach dem Hintertheile, wo der Steuermann saß.

»Hm! Steuermann, was mag wohl das Wort Achmak bedeuten?« fragte er.

»Gefällt es Eurer Lordschaft?«

»Nicht übel. Es hat einen so melodiösen Klang.«

»Ja, die Bedeutung ist auch nicht übel.«

»Eine gute?«

»Sehr!«

»Dachte es mir. Die Alte hat es jedenfalls sehr gut gemeint. Sie ist eine brave Lady.«

»Die Alte? Hat die das Wort gesagt?«

»Ja.«

»Hm! Zu wem?«

»Zu mir natürlich!«

»Oh! Ah! Ei, ei!«

»Wieso? Was bedeutet es?«

»Ich möchte es lieber nicht sagen.«

»Nur heraus damit! Ich werde mir nicht viel darauf einbilden, und wenn die Bedeutung eine noch so schöne ist. Auch fällt es mir gar nicht ein, es für eine Schmeichelei seitens des Uebersetzers zu halten.«

»Des Uebersetzers? Das wäre ich. Nun, Mylord, um mich ist es mir auch gar nicht, sondern nur um die Alte. Ich komme dabei ganz gewiß nicht in die Gefahr, für einen Schmeichler gehalten zu werden, aber für die Alte könnten einige Hiebe mit der neunschwänzigen Katze abfallen.«

»Fällt mir nicht ein! Sie hat es jedenfalls gut gemeint, und wenn sie mir ein Wort sagt, welches ein Wenig höflicher oder wohl vielleicht zärtlicher ist, als ich es verdiene, so platze ich doch deshalb noch lange nicht vor Hochmuth und Einbildung auseinander.«

»Ja, das bin ich überzeugt, besonders in diesem Falle,« nickte der Steuermann, indem er eine höchst eigenthümliche Grimasse zog.

»Also, was bedeutet das Wort?«

»Das Wort heißt gerade und genau so viel wie Dummkopf.«

»Dumm – – kopf?« fragte der Lord, indem ihm vor Erstaunen der Mund offen blieb.

»Ja, ganz wörtlich Dummkopf.«

»Alle Wetter!«

»Schöne Schmeichelei!«

»Hol's der Teufel! Was heißt denn eigentlich Aschyk?«

»Liebhaber.«

»Also doch! Ich habe keinen Fehler gemacht. Ich sage Aschyk, und sie antwortet Achmak. Wunderbar! Diese Alte hat den Teufel im Leibe! Oder hat sie es so aufgenommen, als ob ich meine, jener barfüßige Araber sei ihr Anbeter? Der Ihrige? Sapperment! Das wäre doch auch keine Beleidigung für so eine alte Canalschleußenhaube! Hm, hm! Wunderbar!«

Er schritt langsam und kopfschüttelnd nach der Cajütentreppe und stieg da hinab, mit sich noch nicht ganz darüber einig, ob er der Sünderin seines Zorn fühlen lassen wolle oder nicht.

Als er in die Cajüte trat, fand er die Anwesenden in einer sehr lebhaften Unterhaltung. Er verstand kein Wort von Dem, was Hiluja erzählte; er hörte dann endlich, daß Steinbach zu Normann und Wallert, welche von ihrem Spaziergange auch zurückgekehrt waren, gewendet, ganz erstaunt ausrief:

»Hilal? Das ist ja derselbe Hilal, welchen mir der Vicekönig senden will, wie ich Ihnen vorhin erzählte. Diese Arnauten haben irgend eine Schlechtigkeit gegen ihn vor. Wir müssen hinaus nach dem See, um ihn womöglich vor Schaden zu bewahren.«

»Schaden? Arnauten? Schlechtigkeit? See? Gefahr?« fragte der Lord. »Was giebt es denn?«

Steinbach erklärte ihm das Geschehene.

»Tod und Teufel! Ich gehe mit!« rief der Lord.

»Das wird nicht rathsam sein.«

»Warum nicht?«

»In diesem Aufzuge?«

Der Lord trug nämlich da noch seinen grau und schwarz karrirten Anzug.

»Aufzug? Sie meinen Anzug? Kann ich in demselben etwa Niemand retten?«

»Verzeihen Sie! Wir wissen noch gar nicht, was geschehen wird und was wir zu thun haben. Vielleicht ist es möglich, daß wir uns für Eingeborene ausgeben müssen –«

»Dann bin ich auch eingeboren! Geben Sie mich meinetwegen für einen Eskimo oder Kaffer oder Tungusen oder Päscheräh aus; es ist mir Alles egal; aber ich will auch mit retten und helfen!«

Er wollte nicht einsehen, daß sein ganzes Aeußere geeignet sei, den Plan zu verderben, und war nur nach langer Mühe zu bewegen, auf das Mitgehen zu verzichten.

Er ließ sich endlich bereden, allerdings nur scheinbar. Er that, als habe er verzichtet, und horchte desto aufmerksamer auf die Worte, welche gesprochen wurden.

Dann brachen Steinbach, Wallert und Normann auf, bis an die Zähne bewaffnet. Sie nahmen sogar den Maschinisten und den Diener Will mit, welche Beide auch bewaffnet wurden.

Er folgte ihnen auf das Verdeck, blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren, und trat dann in das Steuerhäuschen, wo die Karten und Pläne lagen. Er hatte den Steuermann zu sich gerufen und fragte ihn:

»Giebt es hier in der Umgegend nicht einen See, welcher El Chiyam heißt?«

»Wollen sehen!«

Er suchte auf der Karte der Umgegend von Kairo und sagte dann:

»Hier steht Birket el Chiyam. Birket heißt See. Das ist also das Gesuchte.«

»Wie weit von hier?«

»Eine gute halbe Stunde, wenn die Zeichnung richtig ist?«

Der Lord blickte selbst nach und sagte dann:

»Hm! Grad im Westen von hier. Diese Kerls sind erst hinauf nach der Brücke. Das giebt einen Umweg. Wenn ich mich gleich gradüber rudern laße, komme ich eher als sie.«

»Mylord wollen nach dem See?«

»Ja.«

»Die andern Masters sind wohl auch hin?«

»Natürlich. Die Kerls wollten mich nicht mitnehmen.«

»So würde ich rathen, an Bord zu bleiben. Master Steinbach ist ein Mann, der nichts thut ohne vorherige reifliche Ueberlegung; er weiß stets, was er will.«

»Ich weiß ebenso gut, was ich will, verstanden? Ich brauche keinen Rath! Jetzt das kleine Boot hinab. Ich gehe an das andere Ufer!«

Er sagte das in einem so strengen Tone, wie ihn der brave Steuermann noch nie von ihm gehört hatte, und begab sich dann nach seiner Kabine. Von dort kehrte er zurück, als der Steuermann eben das Boot hinabgelassen hatte. Der Lord hatte Regenschirm und Fernrohr mit. In einem rothen Tuche, welches er sich um die Hüften geschlungen hatte, staken zwei Messer, zwei Revolver, zwei Pistolen und das Handbeil des Feuermanns. Außerdem hingen ihm zwei doppelläufige Gewehre über die Schulter.

»Um Gotteswillen!« rief der Steuermann erschrocken. »Wollen Eure Lordschaft unter die Räuber und Banditen gehen?«

»Gerade das Gegentheil! Ich will unter den Räubern und Banditen aufräumen, daß man hier in Kairo noch nach hundert Jahren von mir erzählen soll!«

»Es ist doch nicht etwa Gefahr dabei!«

»Sogar riesige Gefahr! Aber – was mache ich mir aus solcher Gefahr?«

»Ich würde doch rathen, hierzubleiben!«

»Mund halten! Brauche keinen Rath! Bin mein eigener Geheim- und Kommerzienrath!«

»Aber, wann werden Mylord zurückkommen?«

»Wenn die Rettung vollendet ist.«

»O weh! Das ist sehr unbestimmt!«

»Ja. Bei solchen Kriegs- und Feldzügen muß man sich eben höchst diplomatisch ausdrücken.«

»Wenn nun die anderen Masters eher zurückkehren und nach Mylord fragen, was soll ich antworten?«

»Daß ich ausgezogen bin mit Roß und Troß, um zu retten, was sie nicht haben retten können. Ich bin nämlich überzeugt, daß diese guten Leute es sehr verkehrt anfangen werden. Ich hingegen werde es außerordentlich schlau anfangen. Ich verstecke mich und warte verstohlen, bis der Augenblick des Handelns gekommen ist; dann falle ich mit aller Gewalt über diese Arnauten her –«

»Arnauten! Um Gottes willen! Die Arnauten sollen ganz gewaltthätige und grausame Menschen sein!«

»Das sind sie. Darum putze ich sie von der Erde weg!«

»Wenn nur Eure Lordschaft nicht geputzt werden.«

»Ruhig! Still! Sonst wird Der geputzt, der es wagt, den Mund noch einmal aufzuthun. Ich werde diesen Herren, welche mich nicht mitnehmen wollten, einmal zeigen, daß ich ganz allein mehr fertig bringe als sie Alle mit einander. Ich soll in meinem Aufzuge kein Eingeborner sein! Welcher Unsinn! Ich werde gerade da geboren, wo es mir beliebt, aber nicht etwa da, wo diese Herren denken! Vorwärts!«

Er war während dieses Raisonnements hinab in das Boot gestiegen. Der Steuermann griff zu den Riemen und ruderte ihn nach empfangener Weisung um die Insel Baleq herum, um ihn in der Nähe des Palastes Tusuhn zu landen.

Dort stieg der Engländer aus, warf die Gewehre über, drückte sich den karrirten Cylinder fest auf den Kopf, wie Einer, der einen Sturm heranwirbeln hört oder einem Hund entgegengeht, und schritt dann dem Kanale entgegen, über welchen er mußte, wenn er sein Ziel erreichen wollte.

Er hatte sich die einzuhaltende Richtung ganz genau gemerkt und freute sich wie ein Schneekönig auf das Abenteuer. Welcher Art dasselbe sei und wie es verlaufen werde, davon hatte er allerdings keine Ahnung. Er wußte nur, daß er eins erleben werde.

Während er so mit langen Riesenschritten vorwärts eilte, um den Andern zuvorzukommen, ruderte der brave Steuermann, von Zeit zu Zeit bedenklich den Kopf schüttelnd und Worte ernster Besorgniß murmelnd, wieder nach der Yacht zurück. So viel er von seinem Herrn vernommen hatte, hielt er es für gewiß, daß das Unternehmen desselben ein nicht sehr empfehlenswerthes sei.

Dem Lord hingegen fiel es gar nicht ein, dieselbe Ansicht zu hegen. Er freute sich auf das Abenteuer, welches ihm bevorstand. Er fand glücklicher Weise gerade da, wo er den nach Gizeh führenden Canal erreichte, eine Ueberbrückung desselben, so daß er nicht durch ein langes Suchen nach dem Uebergange aufgehalten wurde, und setzte seinen Weg mit solcher Eile fort, daß er wirklich vor allen Anderen an dem See anlangte.

Dieser war allerdings jetzt kein See zu nennen. Er lag vollständig trocken. Während der Zeit der Nilüberschwemmung bildete er jedenfalls ein nicht unbedeutendes Wasserbassin, trat aber der Nil in seine Ufer zurück, so hörte der Zufluß auf und das Wasser verdunstete, so daß der flache Grund des Sees wohl mehrere Monate des Jahres hindurch nur einige wenige Lachen zeigte und dann eher die Eigenschaft eines Sumpfes besaß.

Dennoch gab es an seinem Rande eine Vegetation, welche jetzt freilich zu ruhen schien, zur Regenzeit aber schnell und üppig aufwucherte. Das Schilf war zwar scharf und trocken, doch mannshoch aufgeschossen. Es schien für den Engländer ein gutes Versteck zu bieten, als er aber versuchte, in dasselbe einzudringen, fand er, daß es wie Messer schnitt. Er verzichtete also darauf, sich in demselben zu verbergen.

Als er nun seinen Blick über die Umgebung schweifen ließ, murmelte er leise:

»Da rechts liegen die Steine, von denen dieser Master Steinbach sprach. Dort also wird der Zweikampf vor sich gehen. Dort werden sie sich treffen, und wenn ich mich dort verstecken wollte, würde man mich entdecken. Das darf nicht sein. Wohin aber soll ich denn sonst? Ah, was ist denn das für ein Ding? Ist das hohl?«

Am Rande des Sees, ganz in seiner Nähe, befand sich nämlich eine ziemlich steile Bodenerhöhung. An einer Stelle dieser Böschung befand sich eine Steinplatte mit einer ausgegrabenen, jedenfalls sehr alten Inschrift. Der Lord trat hinzu und entzifferte mit einiger Mühe:

»Hier ruht James Burton, Esq. aus Leeds. Gestorben im April 1816 an einem Schlangenbiß. Gott schenke ihm die ewige Ruhe!«

»Ein Engländer!« meinte der Lord. »Hm! Jedenfalls eine Aushöhlung! Wenn ich mich da hineinstecken könnte! Master James Burton aus Leeds würde es mir wohl nicht übelnehmen, wir sind ja Landsleute.«

Er versuchte, ob die Platte sich bewegen lasse. Sie war zwar nicht sehr klein, aber dünn. Es bedurfte keiner großen Anstrengung, sie zu entfernen. Hinter ihr kam eine tiefe Höhlung zum Vorschein. Der Lord bückte sich und kroch hinein.

Die Höhlung war tief, viel tiefer, als er dachte. Er mußte sich ein Streichhölzchen anbrennen, um ihren Inhalt zu untersuchen. Es gab überhaupt keinen Inhalt; sie war leer.

»Sapperment!« lachte er. »Master Burton scheint heute ausgegangen zu sein. Er wird sich wundern, bei seiner Rückkehr zu finden, daß er Besuch hat. Oder haben diese Egypter das Grab ausgeraubt. Es ist jedenfalls nicht für ihn hergestellt worden, sondern es stammt aus uralter Zeit, denn es ist aus Luftziegeln gemauert. Hier bleibe ich. An der Steinplatte fehlt eine Ecke, so daß ich ganz gut hinaussehen kann, selbst wenn ich sie vor den Eingang lege. Das giebt ein Versteck, wie ich es gar nicht besser hätte finden können.«

Er trat wieder hinaus und versuchte die Platte über die Grube zu ziehen. Dabei fiel sein Blick nach der Richtung der Stadt. Von dorther kamen Leute.

»Ob das bereits die Arnauten sind?« fragte er sich. »Höchst wahrscheinlich. Ich muß mich also beeilen.«

Er verschloß den Eingang der Grabeshöhlung hinter sich. Die Platte paßte so genau in die Eindrücke, die durch sie selbst entstanden waren, daß jetzt kein Mensch sehen konnte, daß sie soeben entfernt worden sei. Da, wo an ihr die obere Ecke fehlte, konnte der Lord hinaussehen, und da bemerkte er nun an den Anzügen der sich Nahenden, daß es allerdings die Arnauten seien. –

Es waren ihrer Sechs, also nicht Alle, welche kommen wollten. Sie waren den Anderen vorausgegangen, um einen Plan zu besprechen, von welchem der Corporal nichts wissen sollte. Als sie die bezeichneten Steine erreichten, blieben sie stehen, um sich zu orientiren.

»Meint Ihr, daß man sich hinter einem dieser Steine verstecken könnte?« fragte Einer.

»Nein,« antwortete der Zweite. »Das geht nicht. Wer da einen Schuß abgeben soll, der muß sich natürlich hinter dem Steine emporrichten, und da wird er gesehen.«

»Das ist richtig. Aber es giebt ja kein zweites Versteck.«

»O doch! Das Schilf.«

»Das ist scharf wie ein Säbel. Ich mag mich nicht hineinstecken. Uebrigens muß Derjenige, welcher dort stecken würde, sich ja ebenso aufrichten, wenn er schießen will, und da würde er gesehen. Ich wüßte einen Ort, aber der ist nicht nach Jedermanns Geschmack.«

»Welchen?«

»Dort das Grab des Engländers.«

»Allah!«

»Sieh, wie Du Dich fürchtest!«

»Das Grab eines Ungläubigen! Hast Du nicht gehört, daß sein Geist keine Ruhe findet und des Nachts hier umgeht? Er soll am Vollmond heulen wie eine Hyäne.«

»Das habe ich freilich gehört – aber wir haben jetzt doch nicht Vollmond, sondern es ist Tag. Uebrigens ist die Leiche ja gar nicht mehr vorhanden.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja. Sie ist während der letzten Überschwemmung mit fortgerissen worden.«

»Warum lehnt man da den Stein wieder vor?«

»Das weiß ich nicht, jedenfalls doch, weil er hingehört.«

»Ich mag nicht hinein!«

»Memme!«

»Schimpfe nicht! Du kennst mich und weißt, daß ich mich nicht fürchte. Aber mit den Todten mag ich nichts zu thun haben.«

»Es ist ja kein Todter drin.«

»Aber er war drin; das ist genug. Er war ein Engländer, ein Ungläubiger. Soll ich mich etwa im Grabe eines Christen verunreinigen? Das fällt mir nicht ein.«

»Das ist nicht gefährlich. Man spricht das Gebet der Reinigung und ist die Verunreinigung los. Wir brauchen uns ja nicht zu streiten, denn wir wissen noch gar nicht, welcher von uns bestimmt ist, den Schuß zu thun. Wollen wir loosen oder würfeln?«

»Würfeln!«

»Die Arnauten pflegen stets mit Würfeln versehen zu sein; es ist das ihr Lieblingsspiel. Sie kauerten sich nieder, und Einer zog drei Würfel aus der Tasche.

»Die höchste oder die niedrigste Nummer?« fragte er.

»Die niedrigste!«

Das wurde angenommen. Sie wurde von Demjenigen geworfen, welcher über die Furcht vor dem Engländer gelacht hatte. Er sagte:

»Also ich! So ist gar nichts weiter zu sagen. Ich fürchte mich vor diesem Grabe nicht und werde mich also hineinstecken. Das Uebrige ist Eure Sache. Seht, hier fehlt die Ecke an der Platte. Das giebt ein Loch, durch welches ich in aller Gemüthlichkeit meine Kugel senden kann. Es ist eigentlich ärgerlich, daß wir zu einem solchen Mittel greifen müssen; aber seit er uns gesagt hat, daß er Hilal ist, steht es fest, daß er uns Alle erschießen wird. Einen nach dem Andern. Diese Söhne des Blitzes verfehlen ihr Ziel nie. Man sagt, daß ein alter, berühmter Marabut, ein frommer Einsiedler, über ihre Gewehre den Segen gesprochen habe. Seit jener Zeit haben sie keinen einzigen Fehlschuß gethan, und ihre Kugeln gehen fünfmal weiter, als diejenigen anderer Schützen. Nur List kann hier helfen.«

»Was aber sagen wir, wenn Du Dich in's Grab hier steckst und der Onbaschi fragt nach Dir?«

»Was sollt Ihr sagen? Ich bin einfach nicht da. Nun aber müßt Ihr dafür sorgen, daß der Araber so gestellt wird, daß ich ihn vor meine Flinte bekomme. Der Onbaschi wird das Zeichen geben, wann geschossen werden soll. In demselben Augenblicke drücke auch ich ab. Der Araber muß so nahe an diesem Grabe stehen, daß ich ihn auf alle Fälle treffen muß. Und dann –«

»Halt, ist er das nicht, der dort jenseits der Steine kommt?«

»Ja, das ist er.«

»Dann schnell hinein, ehe er es bemerken kann!«

Der Lord kauerte im Innern der Höhle hinter dem Steine und blickte durch das Eckloch heraus. Er sah sie, er hörte sie auch, da er aber des Türkischen, in welchem sie sprachen, nicht mächtig war, so verstand er nicht, was sie sagten. Er hatte keine Ahnung davon, daß der Eine zu ihm hineinkommen wolle. Jetzt sah er, daß zwei von ihnen nach der Platte griffen.

»Sapperment!« flüsterte er. »Ich glaube gar, ich bekomme Besuch. Dann nur rasch so weit hinter wie möglich! Vielleicht bemerken sie mich gar nicht.«

Und wirklich, sie bemerkten ihn auch nicht. Sie mußten so rasch handeln, daß ihnen gar keine Zeit blieb, nachzusehen, ob die Grabeshöhle auch wirklich leer sei. Sie hatten die Platte zur Seite geschoben und der Arnaut kroch hinein.

»Also, Achmed, sorge dafür, daß ich ihn gut zu Schuß bekomme!« sagte er noch.

Dann legten sie den Stein wieder vor.

Der Engländer hatte sich bis an das Ende der Höhle zurückgezogen, wo er sich still zusammenkauerte, seine Gewehre an sich ziehend. Glücklicher Weise war der Raum so groß, daß auch mehr als nur zwei Personen in demselben Platz gefunden hätten. Und ebenso glücklicher Weise fiel es dem Arnauten gar nicht ein, ganz hinter zu kriechen. Er blieb vorn, um durch das Loch Alles genau beobachten zu können.

Hilal näherte sich langsam. Er war ganz allein.

Als er die Arnauten erblickte, that er doch nicht, als ob er sie bemerke. Er lehnte sich an einen der großen Quadersteine, welche seit Jahrhunderten an ihrer Stelle lagen, und bekümmerte sich scheinbar gar nicht um seine Gegner.

Er hatte bemerkt, daß noch nicht Alle beisammen waren, und wartete nun, bis die Anderen kommen würden. Dies dauerte nicht lange. Eben als die Sonne im Westen den Horizont scheinbar berührte, kam der Onbaschi, bei welchem sich die Uebrigen befanden.

Als er Hilal bemerkte, sagte er im Tone der Erleichterung zu ihm:

»Du hast Wort gehalten. Das ist sehr gut. Ich hatte meine Ehre verpfändet.«

»Ich habe mein Wort noch nie gebrochen.«

»Es war doch leicht möglich, daß Du nicht kamst.«

»Warum?«

»So Viele gegen Einen.«

»Glaubst Du etwa, daß ich mich vor ihnen fürchte? Meine Kugel wird sie Alle treffen. Und selbst wenn ich gewußt hätte, daß ich getödtet würde, wäre ich doch gekommen. Ein Sohn der Wüste stirbt lieber, als daß er von sich sagen läßt, er wäre wortbrüchig geworden. Beginnen wir?«

»Ja. Die Sonne ist fast verschwunden. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Sind Alle beisammen?«

Sein Auge überflog die Versammlung. Er fragte verwundert:

»Omar fehlt. Wo ist er?«

»Er ging erst noch zum Tabaksverkäufer und wird bald nachkommen,« antwortete Derjenige, welcher Achmed genannt worden war.

Der Onbaschi beruhigte sich. Er musterte die Umgebung und fragte den Beduinen:

»Wie viel Schritte Entfernung wünschest Du?«

»So viel Ihr haben wollt, einen oder dreihundert,« klang die stolze Antwort.

»Einen Schritt nur? Das wäre Dein sicheres Verderben.«

»Versucht es! Was ist das für ein Loch?«

»Ein Grab.«

Hilal hob die Hand bis zur Stirn empor. In der Wüste giebt es keine Gottesäcker. Die ganze Sahara ist ein einziger großer Kirchhof. Der Araber wird da begraben, wo er stirbt. Aber der Ort, an welchem ein Todter seiner Auferstehung harrt, ist dem Bewohner der Wüste heilig.

»Es ist nur ein Engländer,« erklärte der Onbaschi, als er das Zeichen der Ehrfurcht bemerkte, welches Hilal machte.

»Ist ein Engländer nicht auch eine Seele?« fragte dieser. »Giebt es für ihn nicht auch eine Auferstehung und ein Gericht? Allah sei seiner Seele gnädig!«

»Er war ein Ungläubiger und ist in seinen Sünden dahingefahren. Man hört ihn des Nachts hier am Ufer des Sees heulen. Er brüllt vor Angst, daß er in die Hölle wandern muß. Ich mag hier nicht in der Nähe sein, wenn es finstere Nacht ist. Darum laßt uns eilen! Ich denke, daß wir uns aus einer Entfernung von ungefähr hundert Schritten schießen. Wer will es anders?«

Keiner antwortete.

»Wie und wo stellen sich die Kämpfenden auf?«

Jetzt war es Zeit für Achmed, dafür zu sorgen, daß diese Aufstellung eine für seine Absicht günstige sei. Er nahm deshalb für die Andern das Wort und sagte:

»Nehmen wir dieses Grab in die Mitte. Fünfzig Schritte vorwärts mag dieser Araber sich aufstellen und fünfzig Schritte rückwärts Derjenige von uns, an welchem die Reihe des Schusses ist. Du, Onbaschi, bist nicht unter den Kämpfenden; Du magst das Zeichen geben. Wenn Du bis Drei zählst, schießen Beide zu gleicher Zeit.«

»Ja, so mag es sein,« stimmte auch Hilal bei. »Vorher aber wollen wir nach der Sitte der Wüste handeln und den Schwur des Kampfes ablegen.«

»Den Schwur des Kampfes?« fragte Achmed. »Was ist das?«

»Jeder Kämpfende hat zu schwören, daß der Kampf ein ehrlicher sein solle und daß den Sieger nicht eine tückische Rache treffen kann. Seid Ihr dazu bereit?«

»Ja.«

»Eigentlich hat der Scheik oder Imam oder ein Marabut diesen Schwur abzunehmen. Da aber kein solcher zugegen ist, so müssen wir uns an den Todten wenden.«

»An den Todten?« Wie meinst Du das?«

»Ein Grab ist eine ehrwürdige Stätte, selbst wenn es den Leib eines Ungläubigen birgt. Ein Schwur am Grabe hat dieselbe Giltigkeit, wie ein Eid vor dem Allerheiligsten der Moschee. Tretet herzu und legt Eure rechten Hände an die Thür dieses Grabes! Ich werde Euch dann die Worte des Eides vorsprechen.«

»Was fällt Dir ein? Eines solchen Schwures bedarf es doch bei uns gar nicht!«

»Wenn Ihr es nicht thut, so muß ich annehmen, daß Ihr auf eine Hinterlist sinnt. Und in diesem Falle gehe ich fort, ohne mit Euch gekämpft zu haben.«

»Oho! Du hast uns beleidigt und unseren Tschausch gelähmt. Das werden wir rächen, und Du wirst auf alle Fälle gezwungen sein, mit uns Allen zu kämpfen!«

»Ich werde thun, was mir gefällt! Seid Ihr bereit, den Schwur zu leisten?«

»Ja, sie werden ihn leisten,« antwortete der Onbaschi. »Auch ich verlange, daß der Kampf ein ehrlicher sei. Legt also Eure Hände an den Stein!«

Das kam den Arnauten keineswegs gelegen. Dem Muhammedaner ist ein Schwur außerordentlich heilig. Zudem fühlten sie ein unbesiegbares Grauen vor diesem Grabe, in welchem eine Seele steckte, welche des Nachts umherirren mußte. Dennoch aber gehorchten sie dem Gebote des Corporals. Sie traten eng zusammen, um die Platte mit ihren Händen zu berühren. Der Araber legte auch seine Hand an dieselbe und sagte:

»Seid Ihr jetzt bereit, mir den Eid nachzusprechen?«

»Ja,« antworteten sie Alle.

»So sagt, wie ich, Folgendes: Im Namen des Allgerechten! Wir schwören hier an diesem Grabe, daß wir auf keinerlei Hinterlist sinnen, und daß der Sieger, wenn der Kampf zu Ende ist, diesen Ort verlassen kann, ohne eine Heimtücke befürchten zu müssen. Wer diesen Schwur nicht hält, den mag der Geist dieses Grabes packen und ihn festhalten, daß er auch keine Ruhe findet weder bei Tag noch bei Nacht, in alle Ewigkeit. Das schwören wir zu Allah. Amen!«

Sie sprachen diese Worte in den Pausen, welche er machte, nach. Es war ihnen keineswegs lächerlich zu Muthe. Der Abend begann bereits seine ersten Schatten über die einsame Gegend zu werfen. In kurzer Zeit mußte es dunkel sein. Sie kämpften gegen einen berühmten Schützen. Wer von ihnen würde die Sonne des nächsten Tages erblicken? Es begann ihnen zu grauen. Dennoch sagte Einer, als der Schwur abgelegt worden war:

»Was will der Geist eines Engländers, der vor so langen Jahren starb, wissen von dem, was hier geschieht! Es ist lächerlich.«

Es war ihm keineswegs ernst mit diesen Worten. Er glich denjenigen Menschen, welche im Finstern, wenn sie sich allein befinden, irgend eine Melodie pfeifen, um ihre Furcht zu beschwichtigen. Achmed stimmte ein:

»Du hast recht. Ich muß lachen, wenn ich mir denke, daß der Geist dieses Engländers heraus käme, um Einen von uns festzupacken. Ein Geist, gekleidet in die Weise der Engländer, mit weißen und schwarzen Vierecken auf dem Gewande und einen Hut auf dem Kopfe, wie die Briten ihn so lächerlicher Weise zu tragen pflegen. Fangen wir lieber endlich an!«

»Ja,« sagte der Onbaschi. »Gebt Würfel her! Wer am Höchstem wirft, hat den ersten Schuß.«

Es wurde gewürfelt. Einer warf Siebenzehn. Er nahm seine Flinte und zählte fünfzig Schritte nach rückwärts ab. Hilal ergriff auch sein Gewehr und ging genau fünfzig Schritte vorwärts, wo er sich dann umdrehte. Nun standen sich die beiden Duellanten so gegenüber, daß das Grab in ihrer Mitte lag. Die Arnauten wichen zurück, um aus der Schußlinie zu kommen. Sie standen also auch in der Mitte, nur ein Wenig seitwärts. Sie waren Alle im Complot, außer allein dem Onbaschi. Sie wußten, daß Omar irgendwo versteckt sei, um dem Beduinen aus größerer Nähe als hundert Schritten eine sichere Kugel zu geben. Diejenigen, welche zuerst gekommen waren, kannten das Versteck noch genauer. Sie hielten ihre Blicke mit außerordentlicher Spannung nach dem Grabe gerichtet.

»Aufgepaßt!« rief jetzt der Onbaschi laut. »Ich werde zählen. Bei Drei wird geschossen. Und dann – Alle Teufel! Was ist das?«

Er wendete sich zur Seite, wo jetzt in diesem Augenblicke Steinbach mit seinen Begleitern um die Ecke des Sees gebogen kam. Sie waren bisher von dem hohen Schilfe den Augen der Arnauten verborgen gewesen. Steinbach bemerkte, daß er gerade im letzten Augenblicke gekommen sei. Er kam schnell herbei und fragte, sich an den Onbaschi wendend:

»Zwei Männer, einander mit dem Gewehre gegenüber! Was geht da vor?«

»Was geht es Dich an?«

»Das geht einen Jeden an. Wollt Ihr Euch morden?«

»Nein. Es ist ein Duell.«

»Das ist etwas Anderes. Hoffentlich dürfen wir es uns mit ansehen?«

»Das ist nicht nothwendig. Geht Ihr Eures Weges.«

»Unser Weg führt uns just nur bis hierher. Wir werden also hier bleiben.«

Der Onbaschi maß ihn mit einem zornigen Blicke und trat dann näher an die Seinigen heran. Sie flüsterten einige Secunden lang miteinander. Dann wendete sich der Onbaschi wieder zu Steinbach:

»Wer seid Ihr?«

»Das ist von keiner Bedeutung. Wir sind hier, das ist genug. Wenn sich wirklich um ein ehrliches Duell handelt, werden wir zwar zusehen. Euch aber nicht stören. Denjenigen aber, welcher unehrlich handelt, werde ich eine Kugel durch den Kopf jagen!«

»Oho! Du redest ja, als ob Du der Pascha selbst seiest!«

»Ich komme vom Pascha, das mag Euch genug sein. Wenn Hilal mit Euch kämpfen will, mit Einem nach dem Anderen, so ist das seine Sache und ich werde ihn keineswegs daran hindern, aber ehrlich soll der Kampf sein, das verlange ich!«

»Wie? Du weißt es? Du kennst ihn?«

»Ich weiß Alles. Ich stehe hier im Namen des Vicekönigs, um seinen Gast zu beschützen. Der Kampf soll erst jetzt beginnen?«

»Ja. Eben sollte der erste Schuß fallen.«

»Wer commandirt?«

»Ich. Bei Drei schießen Beide zugleich.«

»Gut! Ich bin befriedigt. Ihr steht drüben, wir stehen hüben. Wacht Ihr für Euch und wir wachen für Hilal. Ihr könnt beginnen.«

»Ah, er hat es angezeigt! Er hat Euch herbei bestellt!«

»Nein. Er weiß nichts von uns und er kennt uns nicht. Wir haben es zufällig erfahren; aber er ist unser Freund und wir beschützen ihn.«

Er sprach so ernst, so bestimmt und selbstbewußt, daß der Eindruck seiner Worte unausbleiblich war. Der Onbaschi flüsterte abermals mit den Seinigen und sagte dann:

»Wir brauchen es nicht zu leiden, daß wir von Unberufenen gestört werden –«

»Wir stören Euch ja nicht!« fiel Steinbach ein.

»Das würde ich Euch auch nicht rathen! Unsere Angelegenheit geht Euch gar nichts an. Wir fechten sie unter uns aus. Ihr möget meinetwegen zusehen. Das ist aber auch Alles, was wir Euch erlauben. Wollt Ihr Euch mehr gestatten, so würden unsere Gewehre sprechen!«

»Und die unserigen mit!«

Hilal war ganz erstaunt, so plötzlich Beschützer zu finden, die er gar nicht einmal kannte. Er kam herbei und fragte Steinbach:

»Wer seid Ihr? Ehe der Kampf beginnt, möchte ich wissen, was ich von Euch zu erwarten habe.«

»Du hast nur Gutes zu erwarten. Hiluja sendet uns zu Deinem Schutze.«

»Hiluja!« lächelte er ganz glücklich. »Ich danke Euch! Doch braucht Ihr keine Sorge um mich zu haben. In kurzer Zeit wird keiner dieser Arnauten mehr leben. Laßt sie immerhin gewähren. Sie haben geschworen, daß der Kampf ein ehrlicher sein solle. Ich habe also nichts zu befürchten, desto mehr aber sie.«

Er schritt wieder nach der Stelle zurück, an welcher er vorher gestanden hatte. Die Arnauten standen eng beisammen. Ihre Augen funkelten zornig auf Steinbach und dessen Begleiter herüber. Sie hatten ihre Gewehre fester gefaßt. Sie befanden sich in der Mehrzahl; sie hatten sich eine solche Einmischung nicht gefallen lassen; aber sie sahen die Waffen der Neuangekommenen und mußten sich gestehen, daß diese ihnen da überlegen seien. Zudem machte das gebieterische Wesen Steinbach's einen Eindruck auf sie, welcher es ihnen: gerathen erscheinen ließ, von Feindseligkeiten abzusehen.

»Nun,« sagte er, »in fünf Minuten ist es dunkel. Ihr dürft nicht zögern, wenn Hilal mit Allen fertig werden soll.«

»Ja, beginnen wir endlich!« stimmte der Onbaschi bei. »Also aufgepaßt! Eins – zwei – –«

Hilal hatte sein Gewehr erhoben. Der Kolben desselben lag an der Wange. Sein Gegner hatte dasselbe gethan. Es war ein Augenblick der größten Spannung. Im nächsten Moment mußten die Schüsse fallen. Aber bevor der Onbaschi die verhängnißvolle »Drei« aussprechen konnte, passirte Etwas, woran Niemand gedacht hatte.

Nämlich es fiel ein Schuß, aber nicht aus der Flinte eines der Duellanten sondern aus dem Grabe heraus. Und in demselben Augenblicke wurde von innen der Stein umgeworfen und Omar flog heraus, wie aus dem Laufe einer Kanone geschossen, und vor Angst und Entsetzen aus vollem Halse brüllend.

»Alle Teufel!« rief der Onbaschi erschrocken. »Du, Omar, Du da drin! Was zeterst Du?«

Der Flüchtige flog mitten unter seine Kameraden hinein und rief jammernd:

»Allah illa Allah! Muhammed rassuhl Allah!«

Das ist das Glaubensbekenntniß der Muhammedaner. Sie gebrauchen es auch gerade so wie man wohl bei uns ausruft: »Alle guten Geister loben ihren Meister!«

»Was ist denn? Was ist denn? Was ist denn da drinnen?« fragte der Unteroffizier, indem er den Schreienden festhielt.

»Er, er!«

»Wer denn?«

»Der Geist! Die Seele!«

»Wessen Geist?«

»Des Engländers!«

»Du bist verrückt!«

»Ja, er ist drinnen. Er hat mich gepackt! Dieser Hilal hat ja bei seinem Schwure gesagt, daß uns der Geist packen soll, wenn wir hinterlistig – o Allah! Da kommt er!«

Wirklich, in diesem Augenblicke schob sich der Engländer aus dem Loche, ganz so, wie vorhin der Arnaut gesagt hatte: weiße und schwarze Vierecke auf dem Gewande und einen so dummen Hut, wie ihn die Briten tragen.

»O Muhammed! O Allah! Allah! Allah!« brüllten die erschrockenen Menschen, Einer so laut wie der Andere.

Der Engländer streckte seine langen Arme aus und schnellte sich mit zwei Sprüngen seiner noch längeren Beine mitten in den Haufen hinein.

»Der Geist! Die Seele! Das Gespenst! Fort, fliehet, rettet Euch: Allah! Allah! Allah!«

So rief, schrie und brüllte es aus allen Kehlen. Die Flinten von sich werfend, rannten sie aus Leibeskräften davon, der Lord hinter ihnen her, indem auch er in allen möglichen Tonarten und Stimmen brüllte, so laut als er es nur immer fertig brachte.

Steinbach und seine Begleiter waren nicht wenig erstaunt, den Lord hier aus dem Loche kommen zu sehen, den sie auf der Yacht glaubten. Diesen Umstand abgerechnet, war es ihnen aber gar nicht schwer, den Zusammenhang zu errathen. Als sie die tapferen Arnauten davonspringen sahen und den Engländer mit einem wahren Stiergebrüll und Elephantengetrompete hinterdrein, brachen sie in ein Gelächter aus, welches wenigstens ebensoweit zu hören war, wie das Angstgeschrei der Fliehenden. Sie konnten vor Lachen erst gar nicht zu Worte kommen. Sogar der fünfzig Schritt entfernt stehende Arnaute, der zum Schusse bereit gestanden hatte, war, augenblicklich sein Gewehr wegwerfend, mit davon gerannt.

Hilal stand einer Bildsäule gleich. Das Lachen seiner Beschützer brachte seine Vermuthung in die einzig wahre Richtung. Er kam langsam herbei und fragte:

»Ihr lacht! So war es kein Todter?«

»Ein Todter?« antwortete Normann, noch immer laut lachend. »Hast Du schon Todte so springen sehen?«

»Nein,« meinte er sehr ernsthaft.

Dieser Ernst wirkte so, daß das Gelächter von Neuem begann. Und nur mit großer Mühe gelang es Normann, die Erklärung auszusprechen:

»Dieser Geist ist ein Freund von uns, welcher auch hierherkam. Dich zu beschützen.«

»Also kein Geist! Aber doch ein Engländer!«

»Ja. Ist das so außerordentlich?«

»Ja, denn dies ist doch das Grab eines Engländers.«

»Ach so, so, so ist das! Jetzt begreife ich! In dieser Höhle wurde ein Engländer begraben?«

»Ja. Sein Geist geht um, das sagten die Arnauten.«

»Und den Lord haben sie für diesen Geist gehalten! Herrlich, kostbar, unvergleichlich!«

Das Lachen brach von Neuem aus.

»Ich ließ die Arnauten schwören, daß der Kampf ein ehrlicher sein solle. Ich drohte ihnen dabei mit dem Geiste dieses Todten.«

»Aber es hat doch auch Einer von ihnen drinnen gesteckt!«

»Das wußte ich nicht.«

»Was hat er drinnen gewollt?«

»Weiß ich es? Ich kann es nicht sagen.«

»So weiß es der Lord. Dort kommt er. Er mag uns dieses famose Abenteuer erklären.«

*

20

Der Engländer kehrte mit langen, eiligen Schritten zurück. Er wedelte von Weitem mit den Armen wie mit Windmühlenflügeln. Sein Lachen klang überschnappend wie die Töne einer überblasenen Clarinette, und erst, als er ganz nahe war, verstanden sie die Worte:

»War das – verteufelt, verteufelt! – war das – – hahaha – war das nicht – hihihi – nicht göttlich?«

»Unbezahlbar!« antwortete Steinbach.

»Nicht wahr –? Hihihihihhh! Ohohohohoho!«

Er krümmte sich vor Lachen. Sein Gesicht war zinnoberroth. Es war, als ob er ersticken müsse. Das sah so drollig aus, das die Anderen abermals zu lachen begannen, und es dauerte eine große Weile, ehe der Lachreiz so weit überwunden war, daß man nur einigermaßen ruhig zu fragen und zu antworten vermochte.

»Wir waren erstaunt, Sie hier zu sehen,« sagte Steinbach. »Wie kommen denn Sie hierher?«

»Wie? Natürlich auf diesen meinen Beinen.«

»Sie sollten doch an Bord bleiben!«

»Sollte ich? Ja, ich sollte, ich sollte! Aber ich wollte nicht, verstanden? Ich wollte nicht! Und da machte ich mich auf die Füße und ging hierher. Sie hatten mir den Ort so genau beschrieben, daß ich gar nicht fehl gehen konnte.«

»Welche Unvorsichtigkeit!«

»Unvorsichtigkeit? Was Sie sagen! Es war der allerklügste Gedanke, den ich jemals gehabt habe. Wer weiß, ob mir in meinem ganzen Leben wieder eine so gescheidte Idee kommt!«

»Da es in dieser Weise abgelaufen ist, so mag man es loben. Aber Ihr Leben stand auf dem Spiele!«

»Mein Leben? Ganz und gar nicht! Nicht das meinige, sondern dasjenige dieses arabischen Masters stand auf dem Spiele. Verstanden? So ist es!«

»Natürlich stand es auf dem Spiele und zwar sehr. Er handelte sich ja um ein Massenduell, um einen Kampf mit so vielen Gegnern nach einander.«

»O, das war es nicht! Er sollte erschossen werden.«

»Das wissen wir. Deshalb forderte man ihn ja.«

»Nicht so meine, ich es. Er sollte meuchlings erschossen werden und zwar nicht einmal von hinten, sondern von vorn und dennoch meuchlings.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Haben Sie denn den Schuß aus dem Loche nicht gehört?«

»O doch!«

»Nun, dieser Schuß galt Hilal.«

»Wie? Wirklich?«

»Ja. Dieser verteufelte Arnaute hatte sich in das Loch gesteckt, um Hilal aus diesem Verstecke heraus zu erschießen.«

»Das wäre wunderbar. Hilal hatte doch schon so viele Gegner, daß es eines solchen Anschlages gar nicht bedurfte.«

»Ja freilich. Ich ahnte und dachte es auch nicht, bis der verdammte Kerl den Lauf seines Gewehres zu dem Loche heraussteckte und auf Hilal zielte.«

»Wie sind denn Sie hineingekommen?«

»Ich bin hineingekrochen. Oder meinen Sie vielleicht, daß ich in einem Coupee erster Classe per Courierzug hineingedampft bin, Master Steinbach?«

»Unsinn! Es versteht sich ganz von selbst, daß ich meine Frage nicht in dieser Weise gemeint habe. Wie sind Sie denn auf den Gedanken gekommen, sich in diesem Grabe bei dem Arnauten zu verstecken?«

»Bei dem Arnauten? Ich war eher drinnen als er.«

»Das kann ich mir denken.«

»Ich ging hierher, um vielleicht Hilal einen Dienst zu erweisen. Dies mußte heimlich geschehen. Darum suchte ich mir ein Versteck. Ich fand das Grab, kroch hinein und machte den Stein hinter mir wieder vor. Da kamen die Arnauten. Sie sprachen mit einander; ich konnte es aber nicht verstehen. Dieser Eine kam hinein zu mir. Ich hatte grad noch Zeit genug, so weit hinter zu kriechen, daß er mich nicht bemerkte. Dann hörte ich draußen sprechen, verstand aber wieder nichts. Ich vernahm endlich auch Ihre Stimme, welche ich natürlich sofort erkannte, Master Steinbach, und da dachte ich mir, daß das Duell nun wohl beginnen werde. Es war dunkel in dem Loche, besonders ganz da hinten bei mir. Vorn aber fehlte an dem Steine eine Ecke, und da kam so viel Licht herein, daß ich den Arnauten erkennen konnte. Ich sah, daß er seine Flinte ergriff und den Lauf – derselben an das Loch hielt. Er zielte. Natürlich sagte ich mir, daß er eine Schlechtigkeit beabsichtige, sonst hätte er sich doch nicht versteckt. Ich rückte ihm also leise und heimlich näher. Da hörte ich draußen die Worte »ahad – itnehn –« ich verstehe nicht arabisch, aber so viel weiß ich, daß diese Worte so viel bedeuten wie »Eins – zwei!« Ich konnte mir denken, daß nun »Drei« kommen werde.«

»Da wollte der Mensch schießen?«

»Natürlich! Wo stand Hilal?«

»Fünfzig Schritte dort.«

»Und sein Gegner?«

»In derselben Entfernung zurück.«

»Ah, so ist es mir jetzt klar. Aus dem Grabe heraus war Hilal noch einmal so sicher zu treffen wie von dort her. Die Schüsse sollten zu gleicher Zeit fallen. Man hätte also gar nicht gewußt, woher die tödtliche Kugel eigentlich gekommen wäre. Na, ich merkte, daß es für mich Zeit sei, zu handeln. Noch ehe die »Drei« ausgesprochen wurde, packte ich den Menschen beim Genick.

Er erschrak so, daß er losdrückte; aber ich sehe jetzt, daß die Kugel fehlgegangen ist. Er ließ das Gewehr fallen, stieß den Stein um und schoß hinaus. Wie er gebrüllt hat, das haben Sie ja gehört.«

»Ja. Dann kamen auch Sie.«

»Aber nicht gar zu schnell. Ich mußte vorsichtig sein. Ich guckte erst sacht heraus, um zu sehen, wie meine Actien ständen. Als ich aber Sie erblickte, sah ich, daß ich es wagen könne, hervorzukommen und so fuhr ich denn mitten unter sie hinein und nachher hinter ihnen drein.«

»Das war köstlich, köstlich!«

»Ich glaube, sie haben mich für den Geist des Engländers gehalten, der da drinnen gelegen hat.«

»Natürlich! Das hat grad so wunderbar gepaßt!«

»Sie sehen also, daß Hilal erschossen worden wäre, obgleich Sie ihm zu Hilfe gekommen sind.«

»Das ist wahr. Wer hätte so Etwas denken können.«

»Also ist Lord Eagle-nest doch nicht ganz zwecklos auf die Welt gekommen!«

»Ja. Sie sind heut Engländer, Gespenst, Geist und Schutzengel zu gleicher Zeit gewesen.«

»Schön, daß Sie das einmal einsehen. Merken Sie es sich, und nehmen Sie es zu Herzen. Unsereiner ist auch ein Kerl, der Etwas vermag! Verstanden?«

»Sehr wohl! Ich werde mich seiner Zeit daran erinnern. Jetzt, da ich klar sehe, will ich auch Hilal die Sache erklären, damit er hört, was er Ihnen zu verdanken hat.«

»O bitte! Das ist nicht nöthig. Ich trachte nicht nach solcher Anerkennung. Ich habe mir einen ungeheueren Spaß gemacht und bin damit zufrieden.«

»Schön! Solche Abenteuer scheinen Ihnen besser zu gelingen als die Entführungen aus dem Harem.«

»Ja, ich muß mich nun auf diese Art von Heldenthaten legen, gebe aber trotzdem die Hoffnung, eine Sultana entführen zu können, noch nicht auf. Besser wäre es gewesen, wenn ich verstanden hätte, was sie sprachen. Ich werde mich jetzt auf das Studium fremder Sprachen legen. Ich sehe ein, wie nützlich das ist.«

Steinbach sagte Hilal, daß er habe ermordet werden sollen und erklärte ihm den ganzen Vorgang. Der Beduine hörte ihm ruhig zu und sagte dann:

»So habe ich diesem Engländer mein Leben zu verdanken. Dies war die einzige Weise, in welcher sie mir schaden konnten. Ich hätte sie Alle erschossen!«

»Bist Du Deiner Sache so gewiß?«

»Ja. Das sage ich nicht aus Stolz. Könntest Du mich kennen lernen, so würdest Du es mir glauben.«

»Ich werde Dich kennen lernen.«

»Leider wohl nicht, denn morgen früh reise ich.«

»Ich auch. Ich reise mit Dir.«

»Wohin?« fragte Hilal überrascht.

»Zu den Deinen. Du bist beim Vicekönig gewesen, und in seinem Auftrage werde ich mit Dir gehen, um den Kriegern der Sallah seine Wünsche zu bringen.«

»Allah sei Dank! Als ich zum letzten Male mit ihm sprach, bat ich ihn, einen Boten zu senden, aber er schlug mir die Erfüllung dieser Bitte ab.«

»Ich würde vielleicht auch ohnedies zu den Sallah geritten sein, denn ich hätte Hiluja hingebracht.«

»Hiluja! Du sagtest mir, daß sie Dich hierher gesandt habe, um mich zu beschützen. Gehörst Du vielleicht auf das Schiff, auf welchem sie wohnt.«

»Ja, es ist das Eigenthum dieses Engländers.«

»So bist Du wohl derjenige, der sie aus der Hand der Tuareg gerettet hat?«

»Es gelang mir, sie zu befreien.«

»So wird der Erfolg Deiner Botschaft an ihre Schwester ein glücklicher sein. Die Königin der Wüste hängt mit ganzem Herzen an ihr; der Retter derselben wird unter unseren Zelten willkommen sein wie kein Anderer.«

»Das soll mir lieb sein. Ebenso sehr wünsche ich aber auch, daß Du als Freund an mir handelst. Ich möchte gern alle Verhältnisse des Stammes genau kennen.«

»Ich werde Dir Alles sagen. Ich habe Euch seit jetzt mein Leben zu verdanken. Ich werde Alles thun, was ich zu Deinem Besten zu thun vermag. Nun aber ist es dunkel geworden. Wir müssen gehen. Wo werde ich Dich morgen treffen?«

»Du wirst gleich jetzt mit auf das Schiff gehen und bei uns bleiben. Oder willst Du nicht?«

Hilal dachte an Hiluja. Welche Seligkeit, auf dem Schiffe bei ihr zu sein! Er antwortete also freudig zustimmend und erkundigte sich dann:

»Diese Arnauten haben ihre Waffen weggeworfen. Ich sehe, daß Deine Begleiter sie zusammengeholt haben. Was wirst Du mit ihnen thun?«

»Ich werte sie dem Eigenthümer überantworten, dem Vicekönige. Sie gehören ihm.«

»Wie schade! Wäre es zum Kampfe gekommen, so hätte ich gesiegt und die Gewehre für mich genommen. In der Wüste braucht man Gewehre so nothwendig, und nicht jeder Sohn der Araber besitzt eine gute Flinte.«

»So werde ich ein Wort mit dem Vicekönig sprechen. Vielleicht gelingt es mir. Dir diesen Wunsch in Erfüllung zu bringen.«

Jetzt reichte Hilal dem Engländer, seinem Retter, die Hand. Doch was er sagte, verstand dieser nicht. Steinbach mußte den Dolmetscher machen. Der Lord holte seine Sachen aus dem Grabe, in welchem sie zurückgeblieben waren, und dann wurde der Heimweg angetreten. Als sie das Schiff betraten, war die Freude des Steuermannes, den Lord unversehrt wieder zu finden, groß. Ebenso groß aber stiller war die Freude Hiluja's, als sie erfuhr, daß Hilal gerettet sei.

Im Laufe des Abends begab sich Steinbach in Folge der erhaltenen Einladung zu dem Vicekönige, von welchem er nähere und ausführliche Instructionen empfing. Er erzählte ihm von den Arnauten. Der Khedive ergrimmte über diese Menschen und versprach, sie streng bestrafen zu lassen. Auch die Gewehre erwähnte Steinbach und Taufik Pascha erklärte ihm nach kurzem Besinnen, daß er ihm eine ganze Parthie guter Gewehre als Geschenk für die Königin der Wüste mitgeben wolle, dazu natürlich eine angemessene Quantität der notwendigen Munition.

Als Steinbach auf die Yacht zurückgekehrt war, wurde natürlich nur von der beabsichtigten Reise gesprochen. Er hatte vor dem Engländer ein stilles Bangen gehabt, da er glaubte, dieser werde ihn unter allen Umstünden begleiten wollen. Daher war er freudig überrascht, als der Lord meinte:

»Sie werden mir zürnen, Master Steinbach, aber es geht beim besten Willen nicht.«

»Was?«

»Daß ich mit Ihnen gehen kann.«

»Ah! Sie können nicht?«

»Nein. Ich will eine Sultana entführen, aber unter diesen Beduinen giebt es keine wirkliche, echte Sultana. Außerdem muß ich Arabisch lernen. Der Steuermann will mein Lehrer sein und da muß ich bei ihm bleiben.«

»Das ist mir außerordentlich bedauerlich.«

»Wirklich?«

»Ja. Ich hätte Sie so gern bei mir gehabt, denn ich sage mir, daß mir Ihre Gegenwart von sehr großem Nutzen gewesen wäre.«

»Ja, seit ich heute bewiesen habe, was ich eigentlich zu leisten vermag, ist mein Werth bedeutend gestiegen. Aber ich muß dennoch verzichten. Sie haben übrigens die beiden Masters Normann und Wallert.«

»Es wird nur einer sein, den ich ersuchen werde, mich zu begleiten, nämlich Herr Normann. Tschita muß doch einen Beschützer haben, und da versteht es sich ja ganz von selbst, daß ihr Bruder bei ihr bleibt.«

»Wie Sie wollen. Was mich betrifft, so bleibe ich freilich nicht auf dem Schiffe. Ich suche mir eine Wohnung in der Stadt und zwar in einer stockarabischen Gegend, wo ich gar kein anderes Wort als nur Arabisch höre. Ich habe mir sagen lassen, daß man auf diese Weise am Allerleichtesten in den Besitz einer fremden Sprache kommt.«

Während nun Steinbach, Wallert und Normann ihre Resolutionen trafen, lehnte Hilal auf dem Deck an der Regeling und blickte hinab in die Wasser des ewigen Flusses. Sie kamen weit her, aus dem unerforschten, geheimnißvollen Süden und gingen weiter, um in der ebenso geheimnißvollen Unendlichkeit des Meeres zu verschwinden. Welche Gedanken hatte der Jüngling, als sein Blick an den nächtlich glitzernden Wellen hing? Gar keine. Es ist eigenthümlich und doch so wahr, daß der Mensch in den glücklichsten Augenblicken seines Lebens gar keine Gedanken hat. Er befindet sich in einem traumartigen Zustande, während dessen er zu keinem bewußten, beabsichtigten und controlirten Denken kommt. Er hat das Gefühl keines Glückes, weiter nichts, und das ist ja genug, mehr als genug. Es ist das der erste Buchstabe des Alphabetes der großen Seligkeit, die auch nicht im Denken, sondern nur im Gefühle besteht, im Anschauen Gottes.

Da hört der einsame Träumer einen leisen Schritt in seiner Nähe. Er wendete sich um. Hiluja war auf das Deck gekommen. Es war sternenhell geworden, und im Schimmer des Firmamentes gewannen ihre schönen Züge eine Art überirdischen Ausdrucks, den er noch nie an einem Weibe bemerkt hatte. Sie that, als ob sie an ihm vorüber wolle.

»Hiluja!« sagte er leise, zagend.

»Riefst Du mich?« fragte sie, stehen bleibend.

»Ich wollte nicht, aber ehe ich es mir versah, hatte ich Deinen Namen gesagt. Verzeihe mir!«

»Und ich sah Dich, wollte Dich aber nicht stören. Du warst so tief in Gedanken.«

»Meine Gedanken waren bei Dir. Ich weiß, daß ich auch dieses Dir nicht sagen sollte. Du mußt mir abermals verzeihen.«

»Wie hätte ich Dir Etwas zu verzeihen? Du bist ja mein Retter. Du bist für mich in Todesgefahr gegangen.«

»O, es war gar nicht gefährlich!«

»Das sagst Du, weil Du die Gefahr liebst. Ich habe um Dich gebangt. Noch jetzt weiß ich nicht, wie es Dir da draußen am See ergangen ist. Als ich Dich jetzt erblickte, glaubte ich. Du könntest es mir erzählen.«

»Sehr gern.«

»Wirst Du mir zürnen, daß ich Dir die Effendis hinausgesandt habe?«

»Zürnen? Ich habe Dir vielmehr dafür zu danken. Hättest Du es nicht gethan, so lebte ich nicht mehr, denn man hatte die Absicht, mich meuchlings zu ermorden.«

Er stattete ihr einen ausführlichen Bericht ab. Die Scene, als der Lord aus dem Grabe gekommen war, gab auch ihr unendlichen Spaß, doch wurde sie schnell wieder ernst bei dem Gedanken an die große Gefahr, in welcher Hilal geschwebt hatte.

Von da kamen sie auf die Reise zu sprechen, welche morgen begonnen werden solle. Hiluja erzählte auch von ihren Erlebnissen, von ihrer Heimath, von ihrer Gefangenschaft und der Errettung aus derselben. Sodann erkundigte sie sich:

»So kennst Du also meine Schwester, die Königin der Wüste, ganz genau?«

»So genau, als ob sie meine Schwester sei. Ich war einer der Ersten unseres Stammes, der sie sah und kennen lernte. Ich gehörte zu Denen, die ihr entgegenritten, um sie dann in die Arme des Scheiks zu geleiten. Mein Bruder war der Anführer dieser Schaar.«

»Sie ging nicht gern von der Heimath fort. Sie hatte den Scheik noch nie gesehen; sie wußte nicht, ob sie ihn würde lieben können. Er war bereits alt, dreimal so alt wie sie. Er war berühmt und mein Vater war berühmt. Die Freundschaft der beiden Stämme sollte begründet, besiegelt und gefestigt werden dadurch, daß der Scheik der Sallah die Tochter der Beni Abbas zum Weibe nahm.«

»Hast Du viele Botschaft von ihr erhalten?«

»Nur selten. Dann lud sie mich ein, sie zu besuchen. Ich machte mich auf unter dem Schutze von dreißig unserer Krieger. Sie sind von den Tuareg ermordet worden.«

»Ich werde ihren Tod rächen!«

»Du?« fragte sie verwundert. »Es waren doch nicht Verwandte von Dir!«

»Nein; aber sie waren Deine Beschützer. Wer sie tödtet, der ist mein Todfeind.«

»Du bist ein Held!«

»Und Du ein Engel, vom Himmel herabgestiegen, um verehrt und angebetet zu werden.«

»Ich hätte so gern gewußt, ob meine Schwester an der Seite des Scheiks glücklich geworden ist.«

»Hat sie es Dir nicht wissen lassen?«

»Sie hat keinem Boten ein Wort darüber anvertraut. Sie ist viel, viel zu stolz, so Etwas zu thun. Aber da Du sie so genau kennst, als ob Du ihr Bruder seist, wirst Du es mir vielleicht sagen können.«

»Ich könnte wohl.«

»Aber Du willst nicht?«

»Ich weiß nicht, ob ich darf. Sie wird es Dir selbst sagen, wenn Du zu ihr kommst. Sagte ich es Dir jetzt und Du sprächst davon, so würde sie mir vielleicht zürnen.«

»Sie zürnt Dir nicht. Und wenn sie es thäte, würde ich Dich in Schutz nehmen. Willst Du mir wirklich diese Bitte nicht erfüllen?«

»Wenn Du bittest, so muß ich sprechen. Deine Bitte ist mir so, als wenn der Prophet selbst vom Himmel käme, um mir einen Befehl zu geben.«

»Ich höre schon aus Deiner vorsichtigen Weigerung, daß sie nicht glücklich war.«

»Nein, sie war es nicht.«

»Die Arme! Warum aber nicht?«

»Das ist eine schwere Frage. Weißt Du, im heiligen Buche der Christen steht geschrieben, daß Allah den Menschen zu seinem Bilde geschaffen habe, den Mann zum Bilde seiner Allmacht und das Weib zum Bilde seiner Liebe. Daher kann der Mann nur glücklich werden durch den Erfolg seiner Thaten und das Weib durch den Erfolg seiner Liebe. Der Mann lebt in und durch seinen Willen, das Weib aber in und durch das Gefühl, das Empfinden. Und Badija, die Königin, Deine Schwester, konnte ihren Gemahl nicht lieben.«

»Wie bedaure ich sie! Warum vermochte sie es nicht?«

»Frage ihr Herz. Nur dieses kennt das Warum und Woher. Das Herz ist ein unberechenbares Ding. Es will sehr oft das, was der Kopf nicht will, und es will das nicht, was von ihm gefordert wird. Er war ein berühmter, tapferer, aber auch rauher Mann. Er verstand es nicht, sich Liebe zu erwerben. Weißt Du vielleicht, was Liebe ist?«

»Ja.«

»Allah! Du hast bereits geliebt?«

»Ja.«

Er senkte den Kopf tief herab.

»Wen?« fragte er leise und traurig.

»Den Vater, die Mutter und die Schwester.«

Da ging sein Kopf schnell wieder in die Höhe.

»Ah, diese Liebe meinst Du?« erklang es hell.

»Welche soll ich denn sonst meinen?«

»Es giebt noch eine andere Liebe, welche viel, viel seliger macht als die Eltern- und die Kindesliebe.«

»Welche meinest Du?«

»Die – Gattenliebe.«

»O,« lächelte sie, »die kenne ich nicht. Wie sollte ich sie kennen? Ich habe ja keinen Mann!«

»So hast Du noch keinen Mann so geliebt, daß Du gewünscht hättest, sein Weib zu sein?«

»Nein. Aber – aber – aber – –«

Sie stockte.

»Was willst Du sagen?«

»Einmal, ein allereinziges Mal habe ich von Einem gedacht, er sei so, wie ich mir Den wünsche, dessen Weib ich sein soll.«

»Wer ist das?«

»Steinbach Effendi.«

»Ah, Dein Retter?«

»Ja. Er ist so hoch, so stolz, so herrlich. Er ist tapfer, ein Held der Helden, und doch ist er auch so mild, so warm, so freundlich. Du kennst ihn nicht.«

»Nein, aber ich liebe ihn bereits. Also stolz und tapfer müßte der sein, den Du lieben möchtest?«

»Ja; aber nicht das allein. Er müßte auch mild und gütig sein. Und so ist der Scheik der Sallah nicht gewesen?«

»Nein. Er war sogar ein grausamer Mann. Und dazu kam – ich will es Dir sagen: Deine Schwester liebte einen Andern.«

»O Allah! Wie ist das möglich?«

»Frage da wieder ihr Herz!«

»Sie hat es mir ja nie gesagt!«

»Sie lernte ihn erst kennen, nachdem sie Dich verlassen hatte. Er ist ein Beni Sallah. Er war der Anführer Derer, welche der Scheik ihr entgegensandte.«

»Sagtest Du nicht vorhin. Dein Bruder sei dieser Anführer gewesen?«

»Ja, ich sagte es.«

»So ist er es, den sie liebt?«

»Er ist es.«

Sie faltete die kleinen Händchen zusammen und blickte ihn mit einer Bestürzung an, von der sie selbst nicht wußte, ob sie eine freudige oder eine andere sei.

»Deinen Bruder liebt sie! Deinen Bruder! O Allah! Hat denn auch er sie lieb?«

»So lieb, daß es gar nicht zu sagen und zu beschreiben ist. Er ist so, genau so, wie Du vorhin verlangtest, daß ein Mann sein müsse. Er hat die Kühnheit eines Löwen, ja vielmehr eines Panthers und dabei doch das weiche Gemüth eines Kindes. Er ist der berühmteste Krieger des Stammes.«

»Ist er schön?«

»Fast glaube ich es. Er mußte ihr entgegenreiten. Sie sahen sich und liebten sich von diesem Augenblicke an. Aber sie haben es sich nie gesagt und nie gestanden. Sie wissen es, und das ist genug für sie. Nun ist der Scheik gestorben, und nach dem Gesetze des Stammes wird der Krieger Scheik, den die Wittwe des Todten zum Manne wählt.«

»So wählt sie Deinen Bruder?«

»Sie möchte wohl. Aber er ist arm, und der Bruder des Todten hat bereits um sie geworben.«

»O Himmel! Der Bruder des Todten! Sind da Eure Gesetze auch so, daß sie diesen nehmen muß?«

»Ja. Nur der Tod kann dazwischen treten. Es ist Gesetz, daß sie ihrem Schwager gehören muß. Will sie einen Anderen lieben, so muß dieser Andere mit dem Ersteren kämpfen, und das Gesetz fordert, daß dieser Kampf nur mit dem Tode des Einen enden kann.«

»So mag doch Dein Bruder mit dem Schwager meiner Schwester kämpfen.«

Er antwortete nicht. Erst nach einer Weile sagte er:

»Es giebt zwei Worte, welche dies verbieten, nämlich das Wort Falehd und das Wort Blutrache.«

»Das Letztere kenne ich, das Erstere aber nicht.«

»Wie? Du hättest nie von Falehd gehört?«

»Nein. Ist das ein Name?«

»Ja. Falehd ist eben der Bruder des verstorbenen Scheiks, er ist's, der Deine Schwester zum Weibe begehrt. Sie ist nicht nur schön wie eine Huri des Paradieses; sondern sie ist auch ebenso klug. Seit sie Wittwe ist, und als solche den Namen beherrscht, hat er sich unter ihrer Regierung weit ausgebreitet nach allen Richtungen des Himmels. Die Zahl unserer Krieger hat sich verdoppelt, und unsere Heerden weiden in den Oasen, welche wir eroberten. Darum nennt man sie die Königin der Wüste. Falehd will nun der König sein. Ich sagte vorhin, mein Bruder sei der tapferste Krieger des Stammes, und das ist wahr – – –«

»Ja,« fiel sie ein. »Tarik und Hilal werden ja die Söhne des Blitzes genannt!«

Er überhörte das Lob, welches sie ihm selbst in diesen Worten spendete, und fuhr in seiner Rede fort:

»Er ist der Tapferste; Falehd aber ist der Stärkste. Er ist ein Riese an Gestalt. Ich habe keinen Mann gesehen, welcher einen Körper hat, wie der seinige ist. Er besitzt eine Körperkraft, daß man von ihm behauptet, er könne mit einem Löwen ringen, auch ganz ohne Waffen. Kein Mensch wagt sich an ihn.«

»So fürchtet sich auch Dein Bruder, mit ihm um den Besitz meiner Schwester zu kämpfen?«

»Mein Bruder kennt keine Furcht; er weiß aber, daß dies sein sicherer Tod sein würde. In einem Kampfe mit dem Messer oder einer anderen Waffe würde mein Bruder ihn besiegen; Falehd aber würde so klug sein, nur auf einen Kampf mit der Faust einzugehen, und da ist er unüberwindlich. Und selbst wenn Tarik ihn besiegte, würde er den Preis doch nicht erringen. Das ist das Wort Blutrache, welches ich vorhin nannte.«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Nun, wenn mein Bruder Falehd besiegt, so muß er ihn nach dem Gesetze tödten. Dieser Tod aber muß durch Falehd's Verwandte gerächt werden. Wer aber ist die nächste Verwandte?«

»Meine Schwester!«

»Ja. Sie ist seine Schwägerin und zugleich die Königin des Stammes. Sie müßte die Blutrache übernehmen. Sie dürfte nicht ruhen und nicht rasten, bis auch mein Bruder getödtet ist. Kann sie da sein Weib sein?«

»Allah ist groß, aber hier kann selbst er nicht helfen!«

»Allah ist allmächtig; er kann helfen, wenn er will. Ich hatte einen Traum, in welchem mir Allah zeigte, wie Hilfe möglich ist. Als ich erwachte, nahm ich mir vor, dem Rathe meines Traumes zu gehorchen. Ich hätte es gethan, bald, sehr bald, aber – «

Er schwieg und blickte düster vor sich nieder.

»Nun willst Du es nicht thun?« fragte sie.

»Ich möchte; aber ist etwas dazwischen gekommen, wodurch es fast unmöglich gemacht wird.«

»Was träumte Dir?«

»Mir träumte, daß ich mit Falehd ränge, und ich besiegte ihn.«

»O Himmel! Du willst mit ihm ringen?« fragte sie erschrocken.

»Es träumte mir, und ich wollte es thun.«

»Du, gegen die Kraft eines solchen Riesen!«

»Hast Du heute nicht gesehen, als ich mit dem Tschausch kämpfte? Als ich ihm endlich Stand hielt, hat er da meinen Fuß oder meine Hand um ein Haar breit zu bewegen vermocht? Ich glaube, nach Falehd bin ich der Stärkste, obgleich ich nicht als Riese gewachsen bin; ich habe mich geübt, und vielleicht wollte es Allah, daß mir ein glücklicher Umstand im Kampfe gegen den Stärkeren zu Hilfe käme. Ja, ich wollte es wagen; aber seit heute giebt es ein Hinderniß.«

»Welches?«

»Mein Leben gehört nicht mehr mir: ich darf es nicht für den Bruder verschenken.«

»Wem sollte es denn gehören?«

»Ich darf es doch nicht sagen!«

»Auch mir nicht?«

»Nein. Dir ganz und gar nicht.«

»Wenn ich Dich nun darum bitte?«

»Auch dann nicht.«

»Du meintest heute, daß Du niemals eine Unwahrheit sagest, und doch hast Du eine gesagt.«

»Ich weiß nichts davon.«

»Du sagtest vorhin, eine Bitte von mir sei ganz so, als ob Allah Dir einen Befehl vom Himmel sende, und nun jetzt behauptest Du, daß Du mir meine Bitte nicht erfüllen könntest.«

»Weil Du mir zürnen würdest.«

»O nein, nein! Dir kann ich niemals zürnen. Also bitte, sage mir, wem Dein Leben gehört!«

»So sollst Du es hören: Es gehört Dir, Dir allein.«

Sie wendete sich schnell ab und schwieg. Ihr Händchen hatte schnell nach dem Herzen gegriffen.

»Siehe, wie Du mir zürnst!« sagte er.

»Nein, ich bin nicht zornig.«

»So verzeihst Du mir?«

»Ja.«

»Aber Du hast Dich von mir abgewandt!«

»Weil ich nicht weiß, warum Dein Leben mir gehören soll. Du hast mich heute erst gesehen. Du hast mir nichts zu verdanken. Ich bin Dir fremd.«

»Fremd?« lächelte er. »Ich kenne Dich schon lange, lange Zeit.«

»Das ist ja ganz unmöglich!«

»O nein. Mein Bruder erblickte Deine Schwester und liebte sie. Auch ich sah sie in all' ihrer Schönheit und Herrlichkeit. Mein Herz wurde weiter und größer. Ich wußte auf einmal, daß Diejenige, für die ich leben solle, ganz so sein müsse wie sie. So hatte ich ein Fikirden; die Franken nennen das ein Ideal. Ich träumte von demselben im Schlafe und im Wachen. Heute sah ich Dich. Du bist wie Deine Schwester, die Königin; Du bist das Ideal, ich gebe Dir mein Leben!«

Er hörte ihren Athem gehen; er sah, daß ihr Busen sich hob und senkte. Da fuhr er schnell fort:

»Verstehe mich recht! Ich weihe Dir mein Leben, ich gehöre Dir; aber Du bleibst trotzdem Dein Eigen.«

»Wie wäre das möglich!« seufzte sie, ohne zu fühlen, was sie damit sagte.

Er holte tief Athem, verschlang die Arme über der Brust und sprach: »Als Dich heute die Arnauten beleidigten und mich nach meinem Rechte über Dich fragten, sagte ich, Du seiest meine Braut; ich küßte Dich sogar, und Du littest es. Nach dem Gesetze der Wüste müßtest Du nun mein Weib werden. Aber Du hast diesen Kuß angenommen, um von diesen Arnauten erlößt zu sein; ich gebe Dir mein Recht zurück. Es soll nie ein Mensch erfahren, daß mein Mund Deine Lippen berührte. Du bist frei, aber ich bin Dein Diener und Dein Sclave. Erlaube mir, Deine Wünsche zu errathen, und Deine Gedanken mir zu deuten! So will ich Dein sein, ohne Ansprüche, ohne einen Dank von Dir! Siehst Du nun ein, daß ich mein Leben nicht für den Bruder hinzugeben vermag?«

Sie schwieg. Sie wußte nicht, was sie antworten solle.

»Du sagst nichts! Stoßest Du mich von Dir?«

»O nein! Wie aber habe ich das verdient?«

»Fragt die Sonne, wie sie es verdient, daß sich Millionen Blicke nach ihr richten? Es ist Allah's Wille, und so muß es geschehen. Nun sage mir noch, ob Du mir zürnst!«

»Ich habe Dir bereits gesagt, daß dies mir ganz unmöglich sei.«

»Ich danke Dir! Allah segne Dich!«

Er ging, langsam und zögernd, als ob er ein Wort von ihr erwarte, welches ihn zum Bleiben auffordere. Sie wollte es sagen, aber das Herz war ihr so voll, so übervoll, daß sie keinen Laut mehr hervorbrachte. Erst als er fort war, legte sie beide Hände auf die Brust und ließ einen nur mühsam unterdrückten Laut hören; war es ein Ruf der Freude, des Glückes?

»Allah, o Allah!« flüsterte sie. »Wie thut mir das Herz so weh! Weh? Ist das wirklich Schmerz? Oder ist es Freude, eine Freude, welche mir das Herz zersprengen will, so daß ich denke, es thut weh? Ich weiß es nicht; ich weiß es nicht!«

Drückende Sonnengluth lag auf der Wüste. Es war wie in dem Bibelworte: »Der Himmel über Dir soll sein wie Feuer und die Erde unter Dir wie glühendes Erz. Die brennenden Strahlen fielen auf den Sand; aber er nahm sie nicht mehr an; er war bereits gesättigt von der tödtlichen Hitze und warf die Strahlen zurück, so daß sie wie ein flüssiges Gluthmeer, dessen Oberfläche in blendenden Lichtern flimmerte, auf der Erde lag.

Durch den tiefen Sand wadeten fünf Kameele, drei Reit- und zwei Lastkameele. Die beiden Letzteren trugen die ausgetrockneten Wasserschläuche, in denen kein einziger Tropfen mehr vorhanden war, und die übrigen Habseligkeiten der Reisenden. Die kleine Gesellschaft bestand aus drei Personen, zwei männlichen und einer weiblichen. Diese Letztere lag in der mit Vorhängen verschlossenen Sänfte, welche auf dem hohen Rücken des Kameeles von einer Seite auf die andere wankte. Diese Insassin war – Zykyma. Neben ihr ritten Ibrahim Pascha und Saïd, der treue Arabadschi.

Dem geblendeten Auge war es unmöglich, weit in die Ferne zu blicken. Der Blick wurde, wenn er in die Weite schweifen wollte, von der auf dem Boden lagernden Gluth förmlich wieder zurückgeworfen.

Ein tiefes, schmerzliches Stöhnen ließ sich von der Sänfte her vernehmen.

»Verfluchte Sandhölle!« knirschte der Pascha. »Da giebt es keine Spur von der Oase, welche so nahe sein soll. Siehst Du etwas, Saïd?«

»Nein, Herr. Und doch – – da drüben, links von uns, bewegt sich etwas.«

Der Pascha versuchte, den Blick auf den erwähnten Gegenstand zu fixiren, vermochte es aber nicht.

»Ich kann nichts sehen,« klagte er. »Es ist, als ob die Sonne mir die Augen aus den Höhlen brennen wolle.«

»Mir geht es auch so. Aber es kommt näher.«

»Was ist es.«

»Ich kann es nicht unterscheiden.«

Er hatte recht. In dem Gluthmeere zerflossen alle Conturen und Linien, als ob sie von der Sonne zerstört oder verzehrt würden.

Endlich aber nahm die Gestalt eine größere Deutlichkeit an. Es war ein Reiter auf dem Kameele. Er kam im allerschärfsten Kameeltrabb herbei. Als er die kleine Carawane erreichte, hielt er sein Thier an und musterte sie mit finsterem Blicke.

Er ritt ein riesiges Thier, war aber auch selbst von wahrhaft herculischer Gestalt. Gehüllt war er von oben bis unten in einen weißen Haïk, dessen Caputze er über den Kopf gezogen hatte. Sein dunkles Gesicht war frei. Quer über dasselbe, von einer Wange bis zur anderen, die Nase zerschneidend, zog sich eine Narbe, welche von einer fürchterlichen Verwundung zurückgelassen sein mußte.

»Sallam!« grüßte er kurz und rauh, als er mit seiner Beobachtung fertig zu sein schien.

»Sallam aaleïkum!« antwortete der Pascha.

»Wer bist Du?«

»Mein Name ist Hulam.«

»Und was bist Du?«

»Kaufmann.«

»Hat Allah Dir den Verstand eines Ochsen gegeben, daß Du nicht besser und ausführlicher antwortest? Oder soll ich Dir etwa die Auskunft hier mit meiner Kameelpeitsche abkaufen! Wo bist Du her?«

»Aus Smyrna.«

Der Pascha wagte nicht, auf die groben Worte ebenso grob zu antworten.

»Wo willst Du hin?«

»Zu den Beni Sallah.«

»Zu den Beni Sallah?« lachte der Riese. »Wer hat Dir denn den Weg gezeigt?«

»Mein Führer. Er verließ uns aber; er getraute sich nicht weiter mit, da sein Stamm mit den Sallah nicht in guter Freundschaft lebt.«

»Fürchtet er sich? Er hat auch Grund dazu! Was wollt Ihr bei den Beni Sallah?«

»Gastfreundschaft.«

»Kennt Ihr denn Jemand unter ihnen?«

»Nein.«

»So steht es schlimm mit der Gastfreundschaft, welche Ihr sucht. Der Stamm ist ein sehr kriegerischer und nimmt nicht einen Jeden bei sich auf. Wer sind diese beiden Anderen?«

»Mein Weib und mein Diener.«

»Du bist von der Richtung, welche Dir angegeben worden ist, abgewichen. Wenn Du so fortreitest, reitest Du dem Tode entgegen. Gut, daß ich Euch von Weitem gesehen habe. Kommt mit mir!«

Er lenkte in einem scharfen Winkel nach Süden ab. Die Anderen folgten ihm. Eine Zeit lang verfolgte man die neue Richtung in tiefem Schweigen. Der Pascha betrachtete den Riesen mit unruhigen Blicken. Endlich sagte er:

»Bist Du vielleicht ein Beni Sallah?«

»Ja.«

»Kennst Du Falehd, den Bruder des verstorbenen Scheik's?«

»Warum sollte ich ihn nicht kennen. Willst Du etwa zu ihm?«

»Ja.«

»Nimm Dich in Acht! Er ist kein Menschenfreund!«

Ueber sein Gesicht ging ein höhnisches und doch auch selbstzufriedenes Lächeln. Der Pascha antwortete:

»Du scheinst ebenso wenig einer zu sein wie er.«

»Meinst Du? Warum denkst Du das?«

»Ich sehe es nicht nur, sondern ich höre es auch.«

»Hm! Was willst Du bei Falehd?«

»Viel und wenig.«

»Hölle und Teufel! Hältst Du mich keiner besseren Antwort für werth?«

»Vielleicht antworte ich anders, wenn ich Dich zuvor kennen gelernt habe.«

»Das will ich Dir auch rathen! Da kommt mein Begleiter, den ich verlassen habe, als ich Euch von Weitem erblickte. Vielleicht wäre es besser, ich hätte Euch in das Meer ohne Wasser reiten lassen!«

Sie stießen auf einen anderen Reiter, welcher auch den weißen Haïk trug.

»Dieser Mann ist ein Kaufmann aus Smyrna und heißt Hulam,« sagte der Riese zu ihm.

Erst jetzt betrachtete der Andere den Genannten. Ueber sein Gesicht zuckte eine Ueberraschung.

»Hulam? Pah! Ibrahim Pascha!«

»Graf Politeff!«

»Ist es möglich!«

»Allah ist groß und allmächtig. Er macht selbst das Unmögliche möglich!«

Der Riese stieß einen Fluch aus, schlug mit seiner Reitpeitsche durch die Luft und rief:

»Ibrahim Pascha! Also nicht Hulam?«

»Nein,« lachte der Graf.

»Allah verdamme Dich! Warum belügst Du mich?«

»Mein Name ist nicht für Jedermann hier,« antwortete der Pascha.

»Ibrahim Pascha! Ich kenne keinen!«

»Du sollst ihn kennen lernen,« sagte der Graf. »Er ist mein Freund. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, ihn hier in der Wüste zu treffen. Nun er aber hier ist, bin ich überzeugt, daß er ganz dasselbe will, was auch ich will, nämlich Dein Wohl, Falehd.«

»Falehd!« rief der Pascha.

»Nun ja!«

»Dieser Mann hier ist Falehd!«

»Weißt Du das noch nicht?«

»Nein. Er hat es mir nicht gesagt, trotzdem ich ihm mittheilte, daß ich zum Bruder des todten Scheik will.«

»Du würdest es zur rechten Zeit noch erfahren haben, wer ich bin,« knurrte der Riese. »Kommst Du aus Stambul vom Sultan?«

»Ja. Vorher aber war ich in Tunis.«

»Bei Mohamed es Sadock Pascha? Warst Du auch in Kairo beim Vicekönig?«

»Nein. Mit ihm habe ich nichts zu schaffen. Er will Dir nicht wohl; ich aber komme als Dein Freund.«

»Hast Du Vorschläge für mich?«

»Sogar höchst vortheilhafte.«

»So bist Du mir willkommen. Du sollst zwei Zelte haben, eins für Dich und eins für Dein Weib. Jetzt aber laßt uns eilen. Es kommt die Zeit des Nachmittaggebetes, zu welcher wir im Lager sein müssen.«

Bereits nach kurzer Zeit verdoppelten die Kameele freiwillig ihre Schritte. Sie witterten das Wasser der Oase. Der Sand verschwand und machte einer immer dichter werdenden Grasnarbe Platz. Palmen wuchsen hoch empor; Zelte lagen im Schatten derselben, Heerden weideten ringsum. Der Riese ritt stolz hindurch, keinen Menschen beachtend, von Allen aber mit scheuen, wohl auch finsteren Blicken bemerkt. Dann ließ er auf einem freien, von den Zelten gebildeten Platze halten. Die Umwohner desselben schienen zu den hervorragenderen und wohlhabenden Leuten des Stammes zu gehören, denn diese Zelte waren größer und auch aus theureren Stoffen gefertigt, als die anderen.

Was aber am Meisten auffiel, das war ein auf mächtigen Steinquadern fundirtes, umfangreiches Gemäuer, welches sich seitwärts hoch über das Zeltlager erhob. Wie kamen diese großen, schweren Steine hierher, wo es im Umkreise von vielen Meilen keinen Felsen gab? Jedenfalls war das Bauwerk in jener Zeit errichtet worden, als die Römer Egypten erobert hatten und mit ihrer Cultur sich in die Wüste wagten. Man findet tief in der Sahara noch Ueberreste riesiger Wasserleitungen und massiver Schlösser, heute freilich halb von Flugsand überschüttet, aber Zeugniß gebend von dem Unternehmungsgeiste eines Volkes, welches mit uns unbekannten Mitteln und mit Hilfe riesiger Anstrengung Leben mitten in den Tod der Wüste zu bringen verstand.«

Das erwähnte Gemäuer schien mitten in der Oase errichtet zu sein. Ob es bewohnt sei, konnte man von Außen nicht sehen. Der Anblick, welchen es bot, war ein ruinenhafter; doch hatte es eine bedeutende Ausdehnung, und so ließ sich vermuthen, daß es wohl Räume habe, welche sich noch jetzt zum Aufenthaltsorte von Menschen eigneten.

In jedem größeren Beduinenlager pflegt ein Gastzelt, vielleicht auch mehrere, vorhanden zu sein. So war es auch. Ibrahim Pascha erhielt ein leeres Zelt angewiesen, Zykyma, die er für seine Frau ausgegeben hatte, ein zweites. Beide Zelte waren mit den nöthigen Matten und Decken versehen, und bald wurden die beiden Genannten auch mit allem Anderen versorgt, was ihnen nothwendig war.

Dann, als man dem Pascha Zeit gelassen hatte, sich von dem anstrengenden Ritte auszuruhen, wurde er von Falehd und dem Grafen Polikeff besucht, welche eine so lange Unterredung mit ihm hatten, daß die Sonne im Verscheiden war, als die Beiden wieder aus dem Zelte traten.

Der Graf begab sich nach dem Zelte, welches ihm seit seiner Ankunft zugewiesen worden war. Der Riese aber schritt zwischen den Zelten hindurch nach der Ruine zu. Sein verbranntes Gesicht hatte einen harten, entschlossenen Ausdruck. Es lag wie Hohn und Schadenfreude in den Zügen, welche auf jeden Beschauer einen abstoßenden Eindruck hervorbrachten.

Das Gemäuer lag auf einer Bodenerhöhung, welche steil aus der Ebene emporstieg. Eine breite Treppe führte empor, wie für ein Riesengeschlecht gebaut. Zu beiden Seiten dieser Treppe saßen bewaffnete Araber, Einer auf je einer Seite jeder Stufe. Sie erhoben sich ehrfurchtsvoll, als er zwischen ihnen emporschritt. Die Stufen hatten früher nach einem hohen und breiten Thore geführt, welches aber später so weit vermauert worden war, daß der Eingang nur noch Raum für einen einzigen Eintretenden bot. Dort lehnte ein junger Beduine an der Wand. Er war nur mit Hose und Jacke bekleidet. Ein dünnes, weißes Tuch wand sich als Schutz vor der Sonnengluth um seinen Kopf. In dem kameelhärenen Stricke, welcher ihm als Gürtel diente, steckte ein langes, zweischneidiges Messer, die einzige Waffe, welche er außer der langen Flinte trug, welche neben ihm an der Mauer lehnte.

Dies war ganz dieselbe Bewaffnung, welche auch Hilal in Kairo getragen hatte, und wer in das Gesicht des Beduinen sah, mußte sich über die Aehnlichkeit wundern, welche er mit dem Genannten hatte. Und er war auch in Wirklichkeit kein Anderer als Tarik, Hilal's Bruder.

Als er den Riesen die Treppe besteigen sah, zogen seine Brauen sich unwillkürlich zusammen, doch hatte er Selbstbeherrschung genug, daß sein Gesicht sich schnell wieder glättete. Er trat einen Schritt zur Seite, so daß er nun gerade vor dem Eingange stand. Falehd sah das. Sein Gesicht nahm einen drohenden Ausdruck an. Er blieb auf der obersten Stufe stehen und richtete den Blick zur Seite, über das Zeltlager hinweg, als ob er da draußen, wo die Heerden weideten, nach irgend Etwas suche. Er erwartete, daß Tarik zur Seite treten werde, ohne aufgefordert zu sein. Als dies aber nicht geschah, wendete er sein stechendes Auge dem Jüngling zu und sagte:

»Siehst Du vielleicht, daß ich hier bin?«

In dem Tone seiner Worte lag eine nur mühsam unterdrückte Feindseligkeit. Tarik aber that, als ob er dies gar nicht bemerke. Er zwang sich, in einem verwunderten Tone zu antworten:

»Ich sehe es.«

»Ich bin auch groß genug, um bemerkt zu werden. Nun sage mir aber auch, ob Du klug genug bist, zu errathen, was ich hier will!«

»Ich stehe hier als Anführer der Leibwache der Königin. Ich habe nicht die Pflicht, Deine Gedanken zu errathen. Meine Pflicht ist nur, der Königin zu dienen.«

»So will ich mich herablassen, Dir zu sagen, daß ich zu ihr will. Mach Platz also!«

Wenn er der Ansicht gewesen war, daß Tarik ihm nun den Eingang freigeben werde, so hatte er sich geirrt. Der Genannte behielt vielmehr seine Stellung bei und meinte:

»Ist es nothwendig, was Du ihr zu sagen hast?«

»Hast Du etwa mich darnach zu fragen?«

»Ja.«

»Ha! Weißt Du nicht mehr, wer ich bin!« brauste der Riese auf.

»Ich weiß es,« erklang es ruhig.

»Nun, ich bin der Bruder des Scheiks, der Oberste in der Versammlung der Aeltesten, in Folge dessen also auch der Oberste des ganzen Stammes.«

»Ich weiß bis jetzt nur, daß die Wittwe des Scheiks die Anführerin des Stammes ist. Ich bin der Anführer ihrer Wache und habe also zu thun, was sie mir befohlen hat.«

»Befohlen?« lachte Falehd höhnisch. »Läßt ein freigeborener Beduine sich einen Befehl geben?«

»Ja, von Dem, dem er sich freiwillig unterordnet. Die Königin ist in ihrem Gemache. Sie will sich nur dann stören lassen, wenn dies durchaus nothwendig ist.«

»Es ist nothwendig. Mach also Platz.«

»Verzeihe! Ich werde sie erst fragen, ob sie bereit ist. Dich zu empfangen.«

Da ballte der Riese drohend die Faust, stieß einen Fluch aus und rief in verächtlichem Tone:

»Du? Du willst mir den Eingang verbieten? Was fällt Dir ein! Ich lasse mich von keinem Hunde anbellen und –«

»Halt!« antwortete Tank, ihm schnell in die Rede fallend. »Bedenke Deine Worte, ehe Du sie sprichst! Du stehst keineswegs über mir. Ich bin ebenso wie Du ein freier Sohn meines Stammes und würde jede Beleidigung augenblicklich mit einer Kugel beantworten!«

Er hatte blitzschnell seine Flinte ergriffen und den Finger an den Drücker gelegt. Falehd hatte keine Schußwaffe bei sich. Trotz seiner Körperstärke mußte er erkennen, daß Tarik ihm in diesem Augenblicke überlegen sei. Ebenso wußte er, daß dieser das Recht habe, jede Beleidigung augenblicklich mit einer Kugel zu beantworten. Darum hielt er an sich und sagte in einem scheinbar ruhigerem Tone:

»Soll ich nicht zur Königin?«

»Wenn sie es nicht erlaubt, dann nicht.«

»Sie ist meine Schwägerin!«

»Ein Weib braucht keinen Mann, als den ihrigen bei sich zu empfangen. Keiner kann sie zwingen. Und das Recht, welches sie als Weib hat, hat sie als Königin doppelt.«

»Bei Allah, Deine Ansicht ist eine seltene! Ich soll nicht zu ihr; Du aber willst zu ihr, um sie zu fragen!«

»Ich könnte zu ihr, denn ich bin ihr Beschützer; aber ich thue es dennoch nicht, denn ich achte sie. Dieselbe Achtung erwartet sie auch von Dir.«

Er drehte sich um und stieß einen scharfen Pfiff aus, welcher in den Eingang schallte. Nach wenigen Augenblicken ließ sich von innen eine fragende weibliche Stimme hören.

»Falehd ist hier und hat nothwendig mit der Herrin zu sprechen,« antwortete Tarik.

»Ich werde sie fragen,« antwortete es.

Der Riese horte es. Er trat einen Schritt zurück, stampfte mit dem Fuße und knirrschte:

»Auf diese Weise werden, wie ich gehört habe, die Diener der abendländischen Herrscher empfangen. Ich aber bin kein Diener, kein Sclave. Ich komme, wenn ich will, und gehe, wenn es mir beliebt. Diese neue Sitte, den Aeltesten des Stammes zu empfangen, soll nicht lange mehr geduldet werden. Das verspreche ich Dir!«

Tarik antwortete nicht; er zuckte sehr gleichmüthig mit der Achsel, und horchte dann in den Eingang zurück, wo sich jetzt die betreffende Stimme wieder hören ließ:

»Er soll kommen!«

»Du darfst eintreten,« sagte jetzt der jugendliche Wächter, indem er die Thür frei gab.

»Ich darf! So! Darf ich wirklich?« höhnte der Riese.

»Ja,« lachte der Andere.

Und dieses Lachen hatte etwas so Selbstbewußtes und zugleich Ironisches, daß Falehd die beiden Fäuste erhob und wüthend ausrief:

»Nun, die Zeit, in welcher ich darf, wird bald vorüber sein. Dann wird die Zeit kommen, in welcher ich zu bestimmen habe, was und ob Andere dürfen. Und da wirst Du Derjenige sein, der gar Nichts darf!«

Nach dieser Drohung trat er ein. Er mußte sich bücken, um nicht oben an das Mauerwerk zu stoßen. Auf ihn hätte das Bibelwort gepaßt: »Er ist allein übrig geblieben von den Kindern der Riesen.« Das enge Thor führte durch eine mehrere Ellen starke Mauer, dann gelangte man in einen kleinen, viereckigen Hof, welcher gerad gegenüber eine ähnliche Thür offen ließ. Diese führte in einen ziemlich langen, finstern Gang, welcher in einem kleinen Gemache endete, dessen ganze Ausstattung in einer brennenden Palmöllampe und zwei auf dem Boden liegenden Kokosfaserdecken bestand.

Der Riese wurde hier von einer alten Frau erwartet, dieselbe, welche auf Tarik's Pfiff geantwortet hatte.

»Bleib hier!« sagte sie. »Badija wird gleich kommen.«

Er staunte sie mit blitzenden Augen an.

»Was? Hier bleiben?« fragte er.

»Ja.«

»Warten soll ich! Falehd soll warten! Bei allen Teufeln der untersten Hölle, das ist lustig!« lachte er laut auf. »Willst Du etwa auch hier bleiben?«

»Ich habe bei Dir zu warten, bis sie kommt.«

»Wie herrlich! Wie entzückend! Du, die Liebliche, die Bezaubernde, sollst bei mir bleiben, bis es Deiner Herrin beliebt, zu Falehd zu kommen!« Und mit ausgestreckten Fäusten auf sie zutretend, fuhr er fort:

»Packe Dich, Hexe! Wenn Du nicht augenblicklich verschwindest, werfe ich Dich an die Wand, daß Du mit Leib und Seele daran kleben bleibst als ewiges Beispiel, welch' ein Wagniß es ist, Falehd zu erzürnen!«

Sie kreischte vor Angst laut auf und entfloh durch die dem Eingange gegenüber liegende Thür.

»Allah inhal el bakk!« knurrte er ihr zornig nach.

Das heißt zu Deutsch: Gott verdamme die Wanze. Das Wort Wanze ist der verächtlichste Ausdruck, den der Araber einer weiblichen Person zu geben vermag.

Er hatte nicht lange zu warten, denn kaum war das Weib verschwunden, so trat die Königin der Wüste ein. Bei ihrem Anblicke leuchteten seine Augen verlangend auf. Und er hatte wohl Veranlassung dazu.

Sie war vollständig in feines, weißes Linnen gekleidet. Ihr Gewand bestand nur aus Hose, Hemde und einem kleinen Jäckchen, so daß ihre herrlichen Formen mehr hervorgehoben als verborgen wurden. Eine schönere Rundung, als die Linien ihres Körpers zeigten, konnte es gar nicht geben. Das nackte Füßchen schien einem Kinde anzugehören und war von blendender Weiße. Das allerliebste und doch sehr fleischige Händchen harmonirte vollständig mit demselben. Da, wo die Hose sich um die Taille legte, glitt sie über Hüften, von welchen der Blick nur schwer zu trennen war. Die Jacke, welche oben eng um den wie aus Marmor gemeißelten Hals befestigt war, lief über der Brust auseinander und ließ die von dem Hemde bedeckten Formen eines Busens sehen, so jungfräulich plastisch, obgleich ihn kein abendländischer Schnürleib stützte. Das Gesicht zeigte eine große Aehnlichkeit mit demjenigen ihrer Schwester Hiluja. Es war ebenso weich, aber in seinen Zügen ernster, tiefer, nachdenklicher. Die nicht zu hohe Stirn erhob sich über dunklen Brauen von wunderbarer Zeichnung. In den ebenso dunklen Augen schienen die sämmtlichen Geheimnisse des Morgenlandes zu schlafen, um bei dem ersten Worte einer erwiderten Liebe zu voller Seligkeit zu erwachen. Das Näschen, leicht gebogen, ließ in seinen feinen, rosig angehauchten Flügeln, welche leicht zu zittern schienen, vermuthen, daß Badija's Seele leicht in Erregung zu bringen sei, und die vollen, rothen Lippen, zum Küssen und Geküßtwerden geformt, waren in ihren Winkeln doch ein Wenig nach oben gezogen, ein sicheres Zeichen, daß dieser schöne Mund in letzterer Zeit wohl oft Gelegenheit und Veranlassung zum Zürnen gehabt habe. Das rabenschwarze Haar hing in zwei langen Zöpfen fast bis auf den Boden herab. Es war nicht mit dem mindesten Schmucke versehen, den doch sonst die Beduininnen so sehr lieben. Wozu auch? Es bildete ja selbst den herrlichsten Schmuck der Königin der Wüste, und einen Schmuck zu schmücken wäre ja widersinnig.

Bei dem Anblicke dieses herrlichen Wesens vergaß der Riese seinen Zorn.

»Sallam!« grüßte er. »Allah gebe Dir Friede!«

»Das wünschest Du mir. Du?« fragte sie, den Blick verwundert auf ihn richtend.

»Ja, ich. Du hörst es ja!«

»So stimmen Deine Wünsche nicht mit Deinen Handlungen. Von Dir ist mir noch nie Friede gekommen. Selbst jetzt erschreckst Du meine Dienerin.«

»Sie ist ein dummes Weib, ein Scheusal, welches – –«

»Scheu – – sal – –?!«

Sie richtete ihre Gestalt stolz empor. Der Ton, in welchem sie sein Wort wiederholt hatte, war ein eigenartiger; er konnte nicht beschrieben werden; er war nicht scharf, nicht herrisch, aber es war dennoch nicht möglich, ihm zu widerstehen. Selbst Falehd, dieser stolze, eingebildete und rücksichtslose Mann, sah sich durch ihn zu einer Entschuldigung gezwungen:

»Verzeihe! Sie erzürnte mich.«

»Du verlangst meine Verzeihung und konntest ebenso gut ihr verzeihen. Ich glaube, Du hast sie und nicht sie hat Dich erzürnt. Es klingt selbst für einen Helden rühmlich, wenn man von ihm sagt, daß er höflich sei.«

»Das weiß ich, und ich hoffe, daß Du mir Gelegenheit giebst, höflich gegen Dich zu sein und auch höflich gegen Dich zu bleiben!«

»Ich gebe Niemandem die Veranlassung, die Achtung zu vergessen, welche man der Frau und der Anführerin schuldig ist. Du hast mir sagen lassen, daß Du Notwendiges mit mir zu sprechen habest. Setze Dich!«

Sie deutete auf eine der Decken, welche sich gegenüberlagen. Der Riese bückte sich bereits, um ihrer Aufforderung nachzukommen, richtete sich aber unter dem Einflusse eines plötzlichen Gedankens wieder auf.

»Wirst Du Dich auch setzen?« fragte er.

»Nein. Ich kann Dich stehend hören.«

»So werde auch ich stehend sprechen.«

»Ich erlaube Dir doch. Dich zu setzen.«

»Ich danke Dir! Ich würde mich, wenn es mir beliebte, auch ohne Deine Erlaubniß setzen; aber ich verzichte darauf. Man könnte dann vielleicht sagen, ich hätte meine Kniee vor Dir gebeugt. Falehd beugt sich nie.«

»So bleibe stehen und sprich!«

Sie legte die Arme über der Brust zusammen. Wenn das eine Frau thut, so kann man als sicher annehmen, daß sie Energie und festen Willen besitzt. Er ließ sein Auge über ihre stolze Gestalt gleiten und fragte:

»Kannst Du denn nicht errathen, was ich will?«

Er versuchte, seiner Stimme einen weichen Klang zu geben, aber anstatt weich klang sie heiser. Sie war eines solchen Zwanges nicht gewohnt, weil Weichheit gar nicht in der Natur des Riesen lag. Nachdem Badija auch ihren Blick kalt und forschend über seine Gestalt hatte gleiten lasten, antwortete sie:

»Ich bin nicht hier, um zu rathen. Du hast mit mir sprechen wollen, also sprich!«

»Bei Allah, Du thust, als seist Du wirklich Königin!«

»Ich weiß, daß ich es nicht bin. Ich dulde nur den Namen, den Ihr mir gegeben habt.«

»Du wirst ihn nicht mehr lange tragen. Jetzt noch bist Du die Beherrscherin des Stammes; aber weißt Du, seit welcher Zeit mein Bruder todt ist?«

»Seit einem Jahre; das weiß Jedermann.«

»Seit einem Jahre, ja. Das ist das Jahr der Trauer. Es ist vorüber, Wir brauchen Dir nicht mehr zu gehorchen.«

»So gehorcht Einer oder einem Andern!«

»Das werden wir. Du aber mußt nach den Gesetzen unseres Stammes das Weib dieses Andern sein.«

»Muß ich?«

»Ja, Du mußt.«

»Muß ich wirklich?«

Bei dieser Wiederholung ihrer Frage klang ihre Stimme plötzlich schneidend, und ihr Blick richtete sich wie eine kalte, dünne Dolchspitze auf sein Gesicht. Er zeigte keine Spur von Zorn. Er zuckte nur überlegen die Achsel, schüttelte, wie sich wundernd, den Kopf und antwortete:

»Natürlich mußt Du! Das versteht sich ja ganz von selbst. Du bist die Angehörige und jetzt sogar die Herrin unsers Stammes, und als solche hast Du am Allerersten die Verpflichtung, die Gesetze desselben zu achten.«

»Und wenn ich das nicht thäte?«

»O, das kann ja gar nicht vorkommen!«

»Ich sage Dir, daß es sogar sehr leicht vorkommen kann.«

»So würden wir Dich zwingen!«

Auch er schlang die Arme über der Brust zusammen und lehnte sich hoch aufgerichtet an die Mauer, so wie sie drüben sich angelehnt hatte. So standen sich die Beiden drohend gegenüber, sie ein schwaches Weib und doch so schön, so herrlich, so entzückend, und er, trotz seiner Kraft und Stärke so häßlich, so abstoßend.

»Mich zwingen?« lächelte sie. »Ich möchte Den sehen, der mich zwingen wollte, das Weib eines Mannes zu werden, dessen Weib ich nicht sein will!«

»Jeder, Jeder wird Dich zwingen!«

»Ah! Du wohl auch?«

»Ja, ich auch. Du bist die Unsrige und hast Dich nach unseren Gebräuchen zu richten.«

»Die Eurige?« fragte sie. »Das sagst Du wohl, aber es ist nicht so; ich bin nie die Eurige gewesen!«

Ihre Stimme klang beinahe so, als ob ihr vor Etwas graue. Langsam und stockend fuhr sie fort:

»Dein Bruder begehrte mich zum Weibe; er war alt, er konnte kein Herz erobern. Ich gehorchte meinem Vater, der ihm seinen Wunsch erfüllte. Ich war gewohnt, dem Vater zu gehorchen, und es gab Keinen, dem mein Herz gehörte. Nur darum wurde ich das Weib Deines Bruders.«

»Das war sehr gnädig und barmherzig von Dir gegen uns gehandelt!« höhnte er. »Giebt es vielleicht nun jetzt Einen, dem Dein Herz gehört?«

»Hast Du vielleicht darnach zu fragen?«

»Vielleicht, ja!«

»Laß das ja bleiben! Ich wurde Deines Bruders Weib, aber ich lernte ihn nicht lieben. Ich blieb ihm fremd, und er blieb es mir. Er hat mich nie berühren dürfen.«

»Ja, ich weiß, daß Du noch ganz so Jungfrau bist, wie Du es warst, bevor Du zu uns kamst.«

»Daraus magst Du erkennen, daß ich nicht die Eurige bin. Ich werde nur dem Manne gehören, dem mein Herz gehört. Giebt es hier so Einen, so wird er Euer Scheik sein; giebt es Keinen, so bleibe ich ledig und Eure Anführerin oder, wenn Ihr dies nicht zugebt, gehe ich nach Hause zu den Zelten meines Stammes.«

Er antwortete nicht. Erst nach einer Weile fragte er:

»Schläfst Du?«

»Ich glaube, sehr wach zu sein.«

»Nein, Du schläfst, denn Du träumst. Das, was Du soeben sagtest, kannst Du nur im Traume sagen. Du magst meinem Bruder erlaubt haben oder nicht, Dich zu berühren, so bist Du doch jetzt eine Angehörige der Beduinen des Stammes Sallah. Bei uns gilt das Gesetz, daß eine Wittwe dem nächsten Verwandten ihres verstorbenen Mannes gehört. Der nächste Verwandte meines Bruders bin ich. Du wirst mein Weib sein!«

»Niemals!«

»Ach! Du liebst mich nicht?« lachte er.

»Ich hasse Dich!«

»Das stört mich nicht. Du wirst mich lieben lernen. Ich werde Dich anders behandeln, als mein Bruder. Er war stolz darauf, daß Du sein Weib hießest; ich aber werde dafür sorgen, daß Du es auch wirklich bist.«

»Das wird nie geschehen!«

»Sogar sehr bald. Ich komme ja eben, um Dir zu sagen, daß heute Abend die Versammlung der Aeltesten zusammentreten wird, um über diese Frage zu entscheiden. Das Jahr ist vorüber, und der Entscheidung dieser Versammlung mußt Du Dich fügen.«

»Lieber sterben!«

»Klage jetzt! Du wirst in meinen Armen die glücklichste der Sterblichen sein. Man muß Dich mir zusprechen. Nur ein Kampf auf Leben und Tod könnte Dich zum Weibe eines Andern machen. Und glaubst Du, daß es jemals Einen geben könnte, welcher es wagen möchte, mit mir, mit Falehd zu kämpfen?«

»Ich weiß es, daß Du mit Deiner Stärke trotzest; aber Allah ist mächtig; er kann einem Knaben die Kräfte eines Riesen geben.«

»So wollen wir abwarten, ob er es thut. Nach dem Gebrauche des Stammes muß ich, wenn Du mir zugesprochen wirst, drei Tage lang warten, ob sich Einer findet, welcher mit mir kämpfen will. Ich würde mich freuen, wenn sich Einer meldete; ich würde ihn zermalmen, daß selbst die Fetzen seiner Seele nicht mehr zu finden wären. Am vierten Tage bist Du mein Weib, und Niemand kann daran das Geringste ändern, selbst Du nicht. Es wird Zeit, daß der Stamm wieder einen Scheik bekommt. Die Zeiten sind ernst. In wenigen Wochen wird sich über Egypten das Geschrei des Krieges erheben, und auch unsere Tapferen werden nach dem Nile ziehen, um dem Vicekönige zu zeigen, was wir vermögen.«

»Ihr wollt gegen ihn kämpfen?«

»Was sonst? Ist er unser Freund?«

»Ist er etwa Euer Feind?«

»Er ist der Feind Aller. Er hat dem Sohne der Wüste sein Land genommen; er fordert Steuern und Tribut; er läßt den Fellah, welcher dies nicht bezahlt, von seinen Arnauten peitschen. Heute ist ein Abgesandter des Sultans gekommen, des eigentlichen Beherrschers des Landes; ein Gesandter des Sultans von Rußland ist längst schon hier. Beide werden heute an der Versammlung der Aeltesten mit Theil nehmen. Die ehrwürdigen Männer werden den Krieg gegen den Vicekönig beschließen. Das ist sicher und gewiß!«

»Das verhüte Allah!«

»Du bist ein Weib. Was verstehest Du von diesen Dingen! Das ist Männerangelegenheit!«

»Vielleicht verstehe ich ebensoviel davon wie Du! Der Sultan der Russen ist nie der Freund des Sultans von Stambul gewesen. Wenn sich die Gesandten dieser beiden Herrscher hier bei uns befinden, so spielt wenigstens einer dieser Gesandten eine falsche Rolle. Uebrigens glaube ich kein Wort!«

»Wovon?«

»Daß diese Zwei sich hier befinden.«

»Sie sind hier!«

»So müßte ich es ebenso gut wissen. Du vergissest immer, daß Du ein Weib bist!«

»Ich werde Dir zeigen, daß ich auch Mann bin! Du wirst es heute in der Versammlung erfahren.«

»Ah! Willst Du vielleicht auch kommen?«

»Ja.«

»Ich hindere Dich keineswegs daran; Du wirst ja nur kommen, um Zeuge meines Sieges zu sein. In vier Tagen bist Du meine Frau, mein Eigenthum. Daran kann kein Mensch Etwas ändern.«

»Wenn kein Anderer, so doch ich selbst!«

»Du wirst und mußt Dich fügen! Ich will Dich besitzen, und so werde ich Dich besitzen. Du bist schön, und von mir soll man nicht sagen, daß ich Dich nicht berühren darf. Mein Weib will ich genießen!«

»Es wäre mein Tod oder der Deinige!«

»Du träumst wieder! Was wolltest Du thun? Könntest Du es mir zum Beispiel verwehren, wenn ich Dich jetzt hier umarmen wollte?«

»Ja!«

»Du träumst wirklich!«

»So ersiehst Du daraus, daß es mir selbst im Traume nicht einfallen würde, mich von Dir berühren zu lassen!«

»Und im Wachen wohl noch viel weniger?«

»Ja!«

Er war ihr einen Schritt näher getreten. Seine Augen glühten vor Begierde. Er hatte sie stets nur in der Umhüllung des Mantels, nie aber so gesehen wie jetzt. Er fühlte den Eindruck ihrer Schönheit in seiner unwiderstehlichen Stärke und hatte wirklich die Absicht, ihr jetzt seine Liebkosung aufzuzwingen.

Sie sah das. Sie war bleich geworden, aber dennoch wich sie nicht von der Stelle, auf welcher sie stand. So bohrten sich ihre Blicke in einander, sein glühend verlangender und ihr verächtlich drohender.

»Mir, mir wolltest Du widerstehen?« zischte er.

»Ich fürchte Dich nicht, obgleich Deine Liebe noch entsetzlicher ist als Dein Zorn und Deine Feindschaft.«

»So sage ich Dir, daß ich Dich jetzt küssen werde!«

»Das wäre eine Beleidigung des ganzen Stammes. Ich bin die Wittwe des Scheiks und gehöre noch keinem Andern!«

»Was scheere ich mich um den Stamm!.«

»Die Beleidigung würde augenblicklich gerächt werden!«

»Das wollen wir sehen! Komm in meine Arme!«

Er öffnete wirklich die Arme und trat auf sie zu.

»Zurück, Elender!«

Das klang so befehlend, so unerschrocken, daß er unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Er betrachtete sie mit Erstaunen und sagte dann lachend:

*

21

»Das, was Du hier thust, soll man bei den Ungläubigen thun, wenn sie Theater spielen, wie ich gehört habe. Hier aber ist nicht der Ort dazu. Ich habe jetzt Lust, Dich zu küssen, und ich möchte den Menschen sehen, dem es einfallen könnte, mich zu hindern!«

»Ich habe meine Leibwache.«

»Diese Kerls hocken draußen auf der Treppe. Oder meinst Du, daß ich mich vor ihrem Anführer fürchten würde? Er könnte hier stehen und doch würde ich Dich umarmen und küssen.«

»Versuche es!»

»Wohlan, sogleich!«

Er erhob beide Arme, sie zu umfangen. Sie erhob auch einen Arm, aber nicht zu einer Zärtlichkeit, sondern um nach dem Eingange zu zeigen.

»Blicke erst dorthin, ehe Du es wagst!«

Er zog den Fuß zurück und drehte sich um. Dort, hinter der Ecke des Einganges hervor, war der Lauf einer Flinte gerade auf ihn gerichtet. Den Besitzer des Gewehres aber konnte er nicht sehen, da derselbe im Dunkel stand, wohin der Lampenschein nicht drang.

»Hölle und Teufel!« rief er aus, schnell so weit zurücktretend, daß er aus der Schußlinie kam.

»Nun, küsse mich!« sagte sie.

»Wer ist der Kerl, der das wagt?«

»Siehe ihn an!«

»Etwa gar dieser Tarik?«

»Ich wiederhole: Gehe hin und siehe Dir ihn an!«

Er blieb aber wohlweislich in seiner Ecke stehen, sagte aber in verächtlichem Tone:

»Glaubt er etwa, mir widerstehen zu können, weil man ihn den Sohn des Blitzes nennt? Das soll er sich ja nicht unterfangen. Es wäre sein Verderben!«

»Drohe Du nicht! Nimm Dich vielmehr selbst in Acht, daß Dir nichts Böses widerfahre! Hättest Du mich berührt, so wärst Du eine Leiche!«

»Hast Du ihm etwa befohlen, auf mich zu schießen?«

»Ich habe meine Leibwache, und Jeder, der zu ihr gehört, weiß, was zu thun hat. Eines besonderen Befehles bedarf es gar nicht.«

»Aber er hat hier gestanden, hinter der Thür, während ich mit Dir gesprochen habe?«

»Ja.«

»So traust Du mir nicht?«

»Nein.«

»Welch eine Beleidigung! Sie muß gerächt werden!«

»Dein Verhalten hat bewiesen, daß mein Mißtrauen begründet ist. So oft ich allein mit Dir gewesen bin, wurde ich bewacht, ohne daß Du es bemerktest.«

»So hat dieser Wächter gehört, was wir sprachen?«

»Ja.«

»Allah verdamme ihn! Ich brauche keinen Lauscher. Will ich einen Vertrauten haben, so wähle ich mir ihn selbst. Was jetzt geschehen ist, will ich für Scherz nehmen; kommt es aber wieder vor, so mache ich Ernst. Das merke Dir! Leb' wohl, bis wir uns in der Versammlung der Aeltesten wiedersehen!«

Er wendete sich dem Eingange zu, forschte aber dabei vorsichtig nach dem Wächter.

»Du kannst gehen! er thut Dir nichts!« beruhigte ihn die Königin, indem in ihrem Tone etwas wie fröhliche Genugthuung klang. Das ergrimmte ihn.

»Willst Du mich verhöhnen?« fuhr er auf. »Einer Schußwaffe ist selbst der Stärkste nicht gewachsen. Hätte ich ein Pistol bei mir gehabt, so wäre es wohl anders geworden, als Du dachtest!«

Er ging. Er hatte geglaubt, dabei auf den Beschützer der Königin zu stoßen; dies geschah aber nicht. Draußen am Thore blieb er stehen. Neben demselben lehnte, wie vorher, Tarik neben seinem Gewehre, und that, gleichgiltig in die Ferne blickend, gar nicht, als ob er den Riesen bemerke.

»Bist Du von hier fort gewesen?« fragte dieser.

»Wie darf ich meinen Posten verlassen?« antwortete der Gefragte mit gut gespieltem Erstaunen.

»Du warst nicht da drin?«

»Ich? Ich denke, Du bist drin gewesen!«

»Höre, Jüngling, meine nicht etwa, daß Du mit mir scherzen darfst! Ich frage Dich, ob Du jetzt drin gewesen bist, wo auch ich mich befand!«

»Ich brauche Dir nicht zu antworten. Aber da Du denken könntest, daß ich mich vor Dir fürchte, will ich es Dir sagen, daß ich es war.«

»Allah! Du hast auf mich gezielt?«

»Ja.«

»Du? Du? Hättest Du geschossen?«

»Meine Kugel hätte in demselben Augenblicke, an welchem Du die Königin berührtest, Deinen Kopf zerschmettert. Du warst klug, zurückzuweichen.«

Das Gesicht des Riesen nahm einen beängstigenden Ausdruck an. Es war, als ob ein Panther sich auf sein Opfer stürzen wolle. Er rief heiser aus:

»Und das sagst Du mir – mir – mir!«

»Ja!«

»Hund und Sohn eines – –«

»Halt! Kein Wort weiter und keine Bewegung!«

Falehd hatte wirklich Tarik packen wollen; dieser aber hatte blitzschnell sein Gewehr ergriffen und einen Seitensprung gethan. Der Riese sah den Lauf auf seine eigene Brust gerichtet und hielt an. Den Finger am Drücker, fragte der muthige Jüngling drohend:

»Du sagtest das Schimpfwort Hund. Wen meintest Du?«

Der Riese schwieg. Es giebt für den Beduinen keine größere Beleidigung, als ein Hund genannt zu werden. In diesem Falle ist der Beleidigte berechtigt, den Beleidiger sofort zu tödten, ohne die Blutrache fürchten zu müssen. Falehd erkannte, daß er hier abermals trotz seiner Körperstärke nichts machen könne. Er wußte, daß im Falle der Bejahung Tarik augenblicklich losdrücken werde, und doch bäumte sich sein Stolz dagegen auf, sich zu einer feigen Lüge zwingen zu lassen.

»Wen meintest Du?« wiederholte Tarik.

»Geht das Dich etwas an?« wich Falehd aus.

»Ja; ich war es, in dessen Gegenwart Du das Wort aussprachst. Ich habe nicht lange Zeit, zu warten. Also antworte! Meintest Du mich?«

Und als der Gefragte auch jetzt noch mit der Antwort zögerte, fügte Tarik hinzu:

»Antwortest Du nicht, so muß ich das Wort auf mich beziehen. Also, hast Du mich gemeint? Eins – zwei – –«

»Halt! Nein! Dich nicht!« stieß der Riese hervor.

»So gehe ruhig weiter!«

Er nahm zwar das Gewehr von der Backe, trat aber vorsichtig noch zwei Schritte zurück, damit er nicht durch einen schnellen Sprung Falehds in die Gewalt desselben gerathen und waffenlos gemacht werden möchte.

»Ja, ich gehe!« sagte dieser, tief Athem holend. »Aber Du hast Dein Gewehr gegen mich erhoben. Weißt Du wohl, was das heißt?«

»Das heißt, daß ich Dich im Verdacht hatte, mich beleidigt zu haben, da Du mir aber bekennst, daß dies nicht der Fall war, so bin ich befriedigt. Oder hättest Du vielleicht eine Lüge gesagt, um Dich zu retten?«

»Verdamm – –« er hielt inne. Er war im Begriff, eine zweite Beleidigung auszusprechen, und dann hätte ihn sicher keine zweite Lüge vom Tode errettet. Er schüttelte sich förmlich vor Grimm und fügte hinzu: »Dennoch hast Du die Waffe gegen mich erhoben. Das werde ich Dir nicht vergessen. Es kommt die Zeit, in welcher wir uns treffen!«

»Dann hoffe ich, daß wenigstens ich nicht aus Angst eine Lüge sage. Das ist eines tapfern Mannes unwürdig!«

Falehd mußte auch das hinnehmen, ohne sich augenblicklich rächen zu können. Er stieg langsam die Stufen hinab und holte dabei laut und keuchend Athem, jedenfalls aber nicht, weil ihm das Gehen Anstrengung machte.

»Er kocht vor Grimm!« raunte einer der auf den Stufen Sitzenden Tarik zu.

»Er hat aus Angst gelogen, er, der Stärkste des Stammes! Seine Ehre ist dahin!« antwortete dieser.

»Ja, seine Ehre ist dahin. Morgen werden es alle Frauen und Kinder wissen, daß Falehd die Unwahrheit sagte, weil er sich vor dem Sohne des Blitzes fürchtete. Allah hat ihn verlassen!«

Dann wurde es auf der Treppe und am Eingange der Ruine ruhig. Desto lebhafter aber ging es unten im Zeltlager und draußen vor demselben her.

Die Heerden wurden zusammengetrieben und rund um dieselben Feuer angezündet, um die wilden Thiere abzuschrecken. Das Abendgebet war, während Falehd sich bei Badija befand, gesprochen worden; es wurde schnell dunkel, und auch vor den Zelten des Lagers brannte ein Feuer nach dem anderen auf.

Dann kam ein Mann langsam die Ruinenstufen herauf. Er hatte ein langes, an einer Schnur hängendes Bret in der einen Hand und einen Hammer in der andern. Dieser Mann war der Mueddin, der Gebetsausrufer. Er hatte auch alle sonstigen Verkündigungen und Veröffentlichungen zu besorgen. Er blieb nicht da auf der obersten Stufe stehen, sondern er kletterte noch möglichst hoch an den Quadern des alten Gebäudes empor, um recht weit gehört zu werden. Dann hielt er das Bret an der Schnur frei und schlug mit dem Hammer dreimal an dasselbe. Das gab einen eigenthümlich melancholischen aber doch weithin dringenden Ton.

Sofort trat im Lager die größte Ruhe ein. Selbst die Thiere schienen diese Töne zu kennen, denn da, wo ein Hund gekläfft oder ein Schaf geblökt hatte, wurde es ebenso still. Und da ertönte die Stimme des Ausrufers von der Höhe herab:

»Hört, Ihr Gläubigen, Ihr Männer! Gesegnet seien die Weisen und gebenedeiet die Klugen! Allah giebt dem Alter die Kenntniß und dem grauen Kopfe alle Wissenschaft. Sie werden kommen und sich um das Feuer setzen, einen Rath zu halten zum Wohle des Stammes und zum Segen der Angehörigen. Allah öffne ihre Augen! Friede sei mit Allen!«

Das waren die allbekannten Worte, mit denen verkündigt zu werden pflegte, daß der Rath der Alten zusammentreten werde. Der Ausrufer stieg langsam und würdevoll wieder nieder, und nun flammte auf dem großen Zeltplatze ein Feuer empor, welches denselben vollständig beleuchtete. Von allen Seiten kamen sie herbei, die zur Versammlung gehörten, um an diesem Feuer Platz zu nehmen. Jeder Andere mußte in angemessener, ehrerbietiger Entfernung bleiben.

Tarik lehnte oben auf der Plattform der Treppe. Er hatte die Arme auf einen einzeln stehenden Steinquader gelegt und blickte herab auf die Zelte, welche, vorn von der Flamme beleuchtet, nach hinten lange, gespenstische Schatten warfen.

Er wußte, welch ein wichtiger Gegenstand nun da unten verhandelt werden solle. Es war ihm so weh um das Herz. Er hätte am Liebsten todt sein mögen, todt, nachdem er sie gerettet hatte! Er konnte die Versammelten nicht sehen; aber er hörte ihre lauten Stimmen, zuerst diejenige des Riesen, welcher die Versammlung begrüßte und zur ernsten Erwägung der wichtigen Sache ermahnte.

Da fühlte Tarik sich an der Schulter berührt. Er wendete sich um und sah die Königin vor sich stehen.

Sie trug den langen, weißen Frauenmantel. Fast ebenso weiß war jetzt ihr Gesicht. Dunkel nur schienen die Augen, in denen das kleine Bild der unten lodernden Flamme flackerte.

»Suchte er Streit mit Dir?« fragte sie.

»Ja, o Königin. Er nannte mich einen Hund.«

»O Allah! Das giebt Blut!«

»Nein. Ich legte das Gewehr an, und da sagte er, daß er mich nicht gemeint habe.«

»So ist er ehrlos; aber gerade deshalb wird er die erste Gelegenheit benutzen, Dich zu tödten.«

»Ich werde auf meiner Hut sein. Willst Du wirklich in die Versammlung der Aeltesten gehen?«

»Ja. Ich muß. Ich darf nicht zugeben, daß er mir die Anhänger des Guten durch schmeichelnde Reden untreu macht. Wenn doch Hilal bald zurückkehrte! Meinst Du nicht, daß er bald wieder da sein könnte?«

»Er ist gut beritten. Ich erwartete ihn bereits gestern.«

»Meine einzige Hoffnung ruht auf ihm. Möge sie nicht enttäuscht werden. Ich gehe jetzt.«

»Allah sei mit Dir! Er segne Deine Worte!«

»Ich werde versuchen, die Aeltesten dahin zu bringen, daß sie heute noch nicht entscheiden, ob sich der Stamm für oder gegen den Vicekönig erklärt. Vielleicht kehrt unterdessen Dein Bruder zurück.«

Das Auge Tariks folgte ihrer lichten Gestalt, wie sie die Treppe hinabstieg und dann zwischen den Zelten verschwand. Nachher hörte er ihre Stimme, ohne aber die einzelnen Worte verstehen zu können. Andere Stimmen, männliche natürlich, erhoben sich für und auch gegen sie; sie antwortete wieder, und so verging eine ziemlich lange Zeit, bis man einen Entschluß gefaßt zu haben schien; denn es wurde still auf dem Versammlungsplatze, und dann kam die Königin wieder zwischen den Zelten hervor und die Treppe heraufgestiegen.

Sie trat nicht in das Innere, sondern ging um die Ecke des Gemäuers herum, an Tarik vorüber.

»Komm!« sagte sie im Vorbeigehen.

Er folgte ihr. Hier, an der breiten Seite der Ruine, gab es ein Wirrwarr von über- und durcheinander gestürzten Steinen. Mitten drin lag ein kleines, freies Plätzchen, durch hohe Quader von der Umgebung abgeschlossen. Das war der Lieblingsaufenthalt der Königin. Hier pflegte sie des Abends stundenlang zu sitzen, um mit träumerischem Blicke den Gang der Sterne zu verfolgen, welche hier im Süden ganz anders leuchten, als in dem kalten, lichtarmen Norden.

Tarik hatte in stillen, einsamen Stunden über ihre Sicherheit gewacht; nie aber war ihm das Wagniß in den Sinn gekommen, das Plätzchen zu betreten. Nur dann, wenn sie zur Ruhe gegangen war, hatte er sich hingeschlichen, um den Stein zu küssen, welcher der Herrlichen als Sitz gedient hatte. Jetzt nun forderte sie selbst ihn auf, ihr dorthin zu folgen. Er schloß daraus, daß sie ihm sehr Wichtiges zu sagen habe.

Sie setzte sich auf dem ihm so wohlbekannten Stein nieder und deutete auf einen daneben liegenden.

»Setze auch Dich, Tarik! Ich habe mit Dir zu sprechen. Meinst Du, daß man uns belauschen werde?«

»Nein. Den Weg links herauf kennt Niemand als Du, ich und mein Bruder. Und hier von rechts kann Keiner kommen, ohne die Treppe zu ersteigen. Meine Leute würden mich rufen.«

»Horch! Hast Du etwas gehört?«

»Ein Schakal bellte draußen am Rande der Wüste.«

»Nein, das meine ich nicht. Ich glaubte, daß sich etwas hier links von uns bewegt habe.«

»Das ist unmöglich. Der Hauch des Abends hat sich erhoben; er streicht durch das Gemäuer.«

»Vielleicht war es der Wind, oder es hat sich ein Stein gelöst. Hast Du Alles gehört, was Falehd heute zu mir sagte?«

»Ja, Alles, o Herrin!«

»Nenne Du mich nicht Herrin! In kurzer Zeit werde ich vielleicht elender und ärmer sein, als die niedrigste Magd oder Sclavin.«

»Das wolle Allah verhüten!«

»Ich bete ebenso. Vielleicht sendet er mir einen Engel, um mich zu erretten. Ich habe jetzt Falehd besiegt. Er und die beiden Fremden sprachen gegen den Pascha von Egypten. Sie drangen auf eine schnelle Entscheidung; ich aber habe es durchgesetzt, daß man damit warte, bis es sich zeigt, wer Scheik des Stammes sein wird. Dies ist mein Sieg. Nun aber wird das Schlimme folgen. Ich bin aus der Versammlung gegangen, denn man begann über mich zu berathen. Das Jahr ist vorüber, und der Stamm verlangt einen Anführer, dessen Weib ich sein muß. Falehd wird das sein.«

Sie schwieg eine Weile. Tarik sagte nichts. Er sah sinnend vor sich nieder. Sein Entschluß war gefaßt, er wollte sie nur vorher aussprechen lassen. Er fühlte, wie schnell ihr Athem ging, und als sein Auge an ihr langsam emporglitt, sah er aus der schweren Bewegung ihres Busens, wie erregt sie war.

»Kennst Du ein Mittel der Rettung?« fragte sie.

»Den Kampf,« antwortete er.

»Ein Kampf mit Falehd wird mir keine Rettung bringen. Keiner vermag ihn zu besiegen.«

»Auch ich nicht?«

»Auch Du nicht.«

»Herrin, willst Du mir wehe thun?«

»Nein, o nein! Du bist der Treueste, den ich kenne. Du würdest Dein Leben für mich wagen; aber ich weiß es, daß Du es geben müßtest, und er würde doch der Sieger sein. Ich müßte dann ihm doch gehorchen.«

»Ich bin ihm im Schießen und Messerfechten überlegen.«

»Das wissen Alle, und auch er weiß es. Darum wird er den Faustkampf wählen. Ich bin es überzeugt.«

»Ich leider auch. Ein einziger Faustschlag von ihm genügt, einem Menschen den Schädel zu zerbrechen; aber ich werde mir Mühe geben. Vielleicht schützt mich Allah!«

»Nein, das darfst Du nicht. Es giebt noch ein Mittel, außer dem Kampfe, mich zu retten.«

»Sage es! Was es auch sei, rechne auf mich!«

»Die Flucht.«

Er erschrak und zögerte darum, zu antworten.

»Hältst Du sie für unmöglich, da Du erschreckst?«

»Für unmöglich nicht, aber für gefährlich für Dich.«

»Ich hatte auf Deinen Schutz gerechnet.«

»Ich habe ihn Dir bereits zugesagt. Wohin wolltest Du Deine Flucht lenken?«

»Nach Hause, zu den Beni Abbas.«

»So bedenke, daß wir heimlich fort müßten. Nur ich und mein Bruder könnten Dich begleiten. Niemand weiter dürfte etwas ahnen oder wissen. Für eine so weite Wüstenreise aber brauchten wir viele Lastkameele, um das Wasser und den Proviant zu tragen. Wie bringen wir diese Thiere zusammen und dann fort, ohne daß man es merkt? Und selbst wenn es uns gelänge, so würde unsere Reise mit diesen Lastthieren eine langsame sein, während die Verfolger uns auf ihren Eilkameelen schnell einholen würden. Von den feindlichen Stämmen, deren Gebiet wir berühren müßten, will ich gar nicht sprechen.«

»So fliehen wir über Egypten!«

»Das könnte eher gelingen. Wohin aber wollten wir uns von Kairo aus wenden?«

»Wir würden auf einem Schiffe nach Westen fahren, oder eine Karawane nach Barka benutzen.«

»Dazu gehört Geld, viel Geld.«

»Ich habe es. Ich habe mehr, als wir dazu brauchen. Würdest Du mich begleiten?«

»Ich würde mit Dir hingehen, wohin Du willst!«

»Und Hilal, Dein Bruder?«

»Er würde mich und Dich nie verlassen. Aber welchen Weg wir auch wählen würden, er brächte Dich in große Gefahr. Bleibe hier und erlaube mir, mit Falehd zu kämpfen!«

»Er tödtet Dich!«

»So bist Du doch von ihm erlöst!«

»O nein. Ich wäre ja der Preis!«

»Willst Du nicht an die Blutrache denken? Mein Bruder hätte mich zu rächen.«

»Auch er würde besiegt.«

»O nein. Er hätte ja nicht nöthig, sich auf einen Faustkampf einzulassen. Er kann diejenige Waffe gebrauchen, welche ihm beliebt. Er kann sogar Falehd hinterrücks niederschießen, wo er ihn nur immer sieht. Für ihn würde es keine Gefahr geben. Du wärst ganz gewiß von dem Verhaßten befreit!«

»Aber Du wärst ja todt!«

»Was ist mein Leben gegen den Gedanken, Dich frei zu sehen! Ich gebe es gern hin!«

»Ich glaube es Dir. Aber das Leben ist das höchste Gut der Erde. Allah will nicht, daß man es wagt, wenn man sicher weiß, daß dieses Wagniß mißlingen werde. Und meinst Du, daß ich glücklich sein würde bei dem Gedanken, daß ich meine Freiheit nur Deinem Tode zu verdanken habe?«

»Was kann Dir an mir liegen?«

Sein Herz war zum Zerspringen voll. Er hätte gleich, in diesem Augenblicke, sein Leben hingegeben, so sehr liebte er sie. Es drängte ihn, von seiner Liebe zu sprechen. Aber durfte er das? Sie war noch nicht frei; sie war von dem Rathschlusse der Versammlung abhängig. Und durfte er einen Lohn für sein Wagniß verlangen? Das hätte er ja gethan, wenn auch indirect. Er hätte ja dann gemeint: Ich kämpfe mit Falehd, weil ich Dich liebe, und wenn ich ihn ja besiege, mußt Du mein Weib werden. Er wollte sie nicht als Lohn besitzen. Er hätte nur dann nach ihrem Besitz trachten können, wenn auch sie ihn liebte. Er wollte sie erretten, nur retten. Dann wollte er sie frei geben. Wählte ihr Herz ihn dann freiwillig, so war sein Glück ein doppeltes.

Und auch sie schwieg. Wie gern hätte sie ihm gesagt, daß sie ihm sein Wagniß verboten habe, weil sie ihn liebe. Aber grad das Geständniß ihrer Liebe hätte ihn in seinem Vorsatze bestärkt, sein Leben zu wagen. Darum sagte sie lieber nichts.

So saßen Beide stumm neben einander. Es gab eine Pause, während welcher Beide mit sich selbst kämpften, bis endlich Badija sagte:

»Was mir an Dir liegt? Du bist der treueste meiner Freunde. Dein Verlust würde mich sehr schmerzen, und darum ist es besser, wir fliehen.«

»So müssen wir vorher Hilal's Rückkehr erwarten.«

»Allah gebe, daß er schnell kommt, sonst vergehen die drei Tage, nach deren Verlauf ich Falehd gehören müßte.«

»Darum ist es besser, ich kämpfe mit ihm!«

»Nein, nein, das darfst Du auf keinen Fall. Ich verbiete es Dir!«

»O Allah! Was soll ich thun!«

»Mir gehorchen.«

»Soll ich mich vor mir selbst schämen?«

»Das brauchst Du nicht.«

»O doch! Bald wird der Ausrufer den Beschluß der Versammlung verkündigen. Er wird dreimal laut fragen, ob Einer mit Falehd kämpfen will – und ich schweige!«

»Der ganze Stamm weiß, daß ich es Dir verboten habe. Horch! Was war das für ein Geräusch da zu unserer Linken?«

»Es war ganz wie vorhin: ein Steinchen fiel von der Mauer. Der Luftzug hatte es herabgeworfen.«

Es trat wieder eine Pause ein. Diese beiden guten und schönen Menschenkinder hätten sich am Liebsten einander in die Arme geworfen. Es ist beinahe so, wie ein berühmter Arzt gesagt hat: »das Herz ist der allerdümmste Muskel im menschlichen Körper!«

Ein lebhaftes Geräusch drang vom Versammlungsplatze herauf. Tarik erhob sich von seinem Sitze und sagte:

»Man ist zu Ende. Nun wird der Beschluß verkündet. Erlaube, daß ich nach der Treppe gehe!«

Er wendete sich nach vorn; aber augenblicklich stand sie bei ihm. Ihn am Arme festhaltend, sagte sie:

»Bleibe hier! Ich lasse Dich nicht fort!«

»Man wird es vielleicht bemerken, daß ich hier bei Dir bin!«

»Mag man es immerhin erfahren!«

»Aber da vorn ist mein Platz!«

»Jetzt ist Dein Platz hier bei mir! Lasse ich Dich von hier fort, so meldest Du Dich zum Kampfe.«

Da er nicht antwortete, so ersah sie daraus, daß sie das Richtige getroffen hatte. Sie fügte also hinzu:

»Versprich' mir, Dich nicht zu melden, so will ich gehen!«

»Ich kann es nicht versprechen.«

»So bleibe ich hier und Du bleibst auch!«

Sie ergriff ihn auch mit der anderen Hand und zog ihn nach dem Steine zurück, auf welchem er vorher gesessen hatte. Dabei strauchelte sie; er legte schnell den Arm um sie, um sie fest zu halten. Dabei kam ihr Kopf an seine Schulter zu liegen. Er wußte es selbst nicht, wie es so schnell kam, aber plötzlich lag sein Mund auf ihren Lippen – ein Kuß – zwei – drei Küsse!

»O Allah! Was thun wir!« flüsterte sie.

»Verzeihe mir!« stotterte er in höchster Verlegenheit. »Ich wollte es nicht. Ich weiß nicht – es kam – es war –«

»Horch!«

Sie unterbrach mit diesem Worte seinen Versuch, sich zu rechtfertigen, denn seitwärts von ihnen kletterte jetzt der Ausrufer am Gemäuer empor. Droben angekommen, schlug er dreimal an das Bret.

Alle Angehörigen des Stammes wußten, über welchen Gegenstand die Aeltesten zu berathen hatten. Es galt das Glück und die Zukunft der Königin. Als jetzt die drei Schläge ertönten, richteten sich Aller Augen zur Ruine empor. Und da erklang die Stimme des Rufers:

»Hört meine Stimme und preiset Allah, der die Welt erleuchtet und dem Alter Verstand und Weisheit giebt! Es ist im Rathe der Aeltesten beschlossen worden, den verwaisten Beni Sallah einen neuen Scheik zu geben. Wer wird es sein, Ihr Gläubigen? Falehd wird es sein, der Bruder des Verstorbenen. Falehd, oder Derjenige, welcher ihn im Kampfe auf Leben und Tod besiegt. Darum wird die Stimme des Fragenden an drei auf einander folgenden Abenden ertönen, ob es einen Tapferen giebt, welcher kämpfen will. Drei Fragen an jedem Abende, macht neun Fragen. Ist die neunte ohne Antwort erschallt, so gehört Badija, die Wittwe und Königin, dem Bruder des Verstorbenen.«

Das ganze Lager harrte lautlos der folgenden Augenblicke. Ein Jeder wußte, daß sich wohl Keiner melden werde, denn eine solche Meldung war eine Anweisung an den sicheren Tod. Der Ausrufer beendete seine Kunstpause, indem er fortfuhr:

»So ertöne denn die erste Frage! Giebt es einen, welcher mit Falehd kämpfen will um den Besitz der Königin der Wüste?«

Tarik wollte aufstehen und antworten. In ihrer Herzensangst schlang die schöne, jungfräuliche Wittwe beide Arme um ihn und bat flehend:

»Still! Um Allah's willen, sei still! – Horch!«

Ein lautes »Ich!« war erklungen, vorn in der Gegend der Treppe. Kein Mensch hatte dies erwartet, selbst der Ausrufer nicht. Daher dauerte es eine ganze Weile, bis er in seinem maßlosen Erstaunen sich auf seine Pflicht besann, die weitere Frage zu thun:

»Wer bist Du? Wie lautet Dein Name?«

»Ich bin Hilal, der Sohn des Blitzes!«

Das setzte alle Hörer in Erstaunen. Alle wußten, daß Hilal einen sehr weiten Ritt unternommen hatte. Zwar war er bei seinem Scheiden so verschwiegen gewesen, ihnen nicht zu sagen, welcher Art sein Ziel sei, aber es hatte Keiner ihn wiederkommen sehen. Und nun ertönte seine Stimme von der Ruine herab.

»Hilal ist da! Er will mit ihm kämpfen!« stieß Tarik hervor. Das darf nicht sein! Laß mich, laß mich fort! Ich muß zu ihm, zu ihm!«

Er riß sich los und eilte nach vorn. Dort lehnte Hilal an ganz demselben Steine, an welchem vorhin Tarik gestanden hatte, um hinab in die Versammlung zu lauschen.

»Hilal, mein Bruder! Du bist zurück?«

»Ja. Allah grüße Dich!«

»Dich auch!«

Sie lagen sich in den Armen. Bald aber riß Tarik sich auch von ihm los, an die Gefahr denkend, in welche sich der geliebte Bruder seinetwegen stürzte.

»Um des Himmels willen! Du willst mit ihm kämpfen?«

»Ja.«

»Er tödtet Dich!«

»Warten wir es ab!«

Das klang so trotzig und so siegesgewiß. Tarik aber war nicht derselben Meinung; er entgegnete:

»Du darfst nicht. Ich werde es thun!«

»So tödtet er Dich!« lachte Hilal.

»Eher mag er mich als Dich tödten! Aber Du lachst?«

»Ja! Ich lache.«

»Die Sache ist so ernst!«

»Warte es ab!«

Das war eben so räthselhaft wie sein Lachen.

»Ich verstehe Dich nicht. Wann bist Du gekommen?«

»Vor kurzer Zeit.«

»Ich habe doch nichts gehört und nichts gesehen.«

»Ich kam heimlich und bringe gute Botschaft. Horch!«

Der Ausrufer hatte sich jetzt nun auch von seinem Erstaunen erholt, in welches er durch den Namen Hilals versetzt worden war. Er begann zum zweiten Male:

»Hört, Ihr Gläubigen! Ein Kämpfer hat sich gefunden, ein wackerer Held, welcher –«

»Welchen ich fressen werde, wie die Sonne das Wasser frißt!« ertönte von unten Falehd's laute Stimme.

»So ertönt also meine Frage zum zweiten Male: Giebt es noch Einen, welcher mit ihm kämpfen will?«

»Ja,« antwortete es auch jetzt.

»Wer bist Du?«

»Tarik, der andere Sohn des Blitzes.«

Hinter den Steinen hervor erscholl ein unterdrückter Schrei, den die Königin ausgestoßen hatte.

»Wundere Dich nicht,« flüsterte Tarik. »Badija ist dort hinten und hat unsere Namen gehört.«

»Ich weiß es.«

»Ah! Woher? Kein Mensch hat sie gesehen.«

»Ihr seid doch gesehen und gehört worden.«

Tarik wollte fragen, von wem, aber da ließ sich Falehd abermals hören:

»Er wird seinem Bruder in die Hölle nachfolgen, wo sie heulen und wimmern werden in alle Ewigkeit! Frage weiter, Mueddin, ob sich wohl ein Dritter finden wird, der so wahnsinnig ist, mit mir zu kämpfen!«

Eine solche Scene hatte es bei den Beni Abbas noch nie gegeben. Selbst der Ausrufer war unterbrochen worden, ein höchst sündhaftes Beginnen in den Augen dieser einfachen und frommen Menschen. Er hatte Falehd's Aufforderung gehört und rief abermals von oben herab:

»Es ertöne nun zum dritten Male die Frage: Giebt es noch Einen, welcher mit ihm kämpfen will?«

Die Hörer waren auf das Vollständigste überzeugt, daß sich nun Niemand mehr melden werde. Sie gaben die Brüder verloren. Welch ein Dritter hätte es wohl unternehmen wollen, ihrem Beispiele zu folgen! Aber man hatte sich da doch geirrt.

»Ja!« erscholl es laut und kräftig, ohne daß man sagen konnte, aus welcher Gegend.

Man horchte nach allen Richtungen, vergebens.

»Wer war das?« fragte Tarik.

»Du wirst es hören,« antwortete Hilal.

»Ah, Du weißt es?«

»Ja, horch!«

»Wer bist Du? Wie nennst Du Dich?« rief der Mueddin, dem es kalt über den Rücken lief, denn es kam ihm vor, als sei die Stimme aus dem Himmel herabgedrungen.

»Ich bin Masr-Effendi, den noch Keiner besiegt hat.«

Masr heißt bei den Arabern das Land Egypten. Den Namen Masr-Effendi hatte noch Niemand gehört.

»Wir kennen Dich nicht und wir sehen Dich nicht,« rief der Mueddin. »Wo bist Du?«

»Hier!«

In diesem Augenblicke stieg zischend ein Feuerstrahl aus den Ruinen empor und bildete hoch über denselben einen farbigen Flammenkranz, aus welchem leuchtende Kugeln schossen. Dadurch wurde das ganze Lager tageshell erleuchtet und man sah oben auf der Zinne des Gesteines eine hohe, breitschulterige Gestalt stehen, in der einen Hand das Gewehr und in der anderen das Messer wie drohend ausstreckend. Dann verloschen die Flammen und Kugeln, so daß es wieder dunkel wurde, scheinbar dunkler, als es vorher gewesen war.

»O Allah! Allah! O Muhammed! O Du Prophet!«

Diese und andere Ausrufe erschollen im Lager. Der Mueddin aber warf sein Bret von den Ruinen herab, schleuderte demselben den Hammer nach und sprang dann selbst mit solcher Eile von Stein zu Stein herunter, als ob er partout den Hals brechen wollte, und schrie dabei aus vollem Halse:

»Hilfe! Hilfe! Der böse Dschinn! Der böse Geist der Ruinen ist's gewesen. Eilt, Ihr Gläubigen! Flieht, Ihr Helden! Bringt Euch in Sicherheit, Ihr Väter, Euch, Eure Frauen und Töchter, Eure Söhne und Kinder und Enkel und Enkelkinder!«

Er sauste förmlich an Tarik und Hilal vorüber und schoß dann der Treppe zu. Dort stürzte er über einen der Wächter weg und fuhr dann auf der hinteren Hälfte seines Körpers wie ein Schlitten die Stufen hinab. Unten angekommen, raffte er sich aber augenblicklich wieder empor und sprang zu gleichen Beinen immer weiter, dabei rufend:

»Fort, fort! Die Hölle ist geöffnet und die bösen Geister strömen heraus wie die Heuschrecken zur Zeit ihrer Wanderschaft. Keiner kann ihnen entgehen, wenn er sich nicht augenblicklich in Sicherheit bringt!«

Er rannte mitten in die Versammlung der Aeltesten, welche noch ganz erstarrt standen, hinein und versuchte mittelst Püffe und Ellbogenstöße durchzudringen. Da aber packte ihn Falehd mit kräftigen Armen und rief:

»Halt! War das wirklich ein böser Dschinn, so mußt Du bleiben, denn nur Du kannst ihn bannen, da Du allein ein Kenner des Koran bist!« –

Das so wunderbare Ereigniß war eigentlich sehr leicht zu erklären. Steinbach war mit ausgezeichneten Reitkameelen versehen worden, und da er vorher die Dampfyacht des Lords benutzt hatte, so war seine Reise mit außergewöhnlicher Schnelligkeit von statten gegangen.

Hilal hatte natürlich den Führer gemacht. Während der größten Hitze des heutigen Tages hatten sie geruht, sonst wären sie ganz sicher auf Ibrahim-Pascha und Zykyma gestoßen, deren Spuren sie schon längst gemerkt hatten, ohne zu ahnen, wer vor ihnen ritt.

Sie brachen erst wieder auf, als die Sonne drei Viertheile ihres Bogens zurückgelegt hatte. Darum kamen sie erst nach angebrochener Dunkelheit in der Nähe des Lagers an.

Da erklangen die drei Schläge des Ausrufers von der Gegend her, in welcher das letztere lag.«

»Was ist das?« fragte Normann.

»Der Mueddin jedenfalls,« antwortete Steinbach. »Unerklärlich ist mir freilich, daß er jetzt das Zeichen giebt. Die Zeit des Gebetes bei Sonnenuntergang ist ja vorüber. Wollen einmal Hilal fragen.«

Dieser erklärte ihnen:

»Das ist nicht das Zeichen des Gebetes, sondern das ist der Aufruf zur Versammlung der Aeltesten. Jetzt wird man entscheiden, ob die Beni Sallah Freunde oder Feinde des Pascha von Egypten sein sollen.«

»Ah! Wer dabei sein könnte!«

»Und ebenso wird über die Königin entschieden werden. Sie wird Falehd zugesprochen und der Mueddin wird dies später verkündigen und dabei fragen, ob Jemand mit Falehd um sie kämpfen will.«

»Wird sich Jemand melden?«

»Keiner außer Tarik, meinem Bruder.«

Während der mehrtägigen Reise hatte Hilal so viel von den Beni Sallah und ihrem Lager erzählt, daß seine Begleiter die Verhältnisse nun sehr genau kannten. Darum sagte Steinbach:

»Dein Bruder wird aber unterliegen!«

»Ich befürchte es. Allah sei Dank, daß wir noch zur rechten Zeit kommen. Auch ich werde mich melden.«

»Gut! Ich auch.«

»Du?« fragte Hilal verwundert.

»Ja,« antwortete Steinbach. »Ich bin doch begierig, zu erfahren, ob dieser Falehd wirklich so ein Held und Riese ist. Oder dürfte ich nicht?«

»Warum nicht? Niemand kann es Dir verbieten. Möchtest Du denn Scheik des Stammes werden?«

»Nein.«

»Oder die Königin zum Weibe haben?«

»Auch das nicht. Aber erkämpfen möchte ich sie mir, um sie dann Einem zu schenken, der sie und den sie liebt.«

»O Allah! Ist das Dein Ernst?«

»Natürlich!«

»Aber der Riese geht nur auf den Faustkampf ein. Er wird Dich tödten!«

»Da habe nur ja keine Sorge! Im Faustkampfe überwindet er mich nicht. Ich glaube vielmehr, daß ich es mit zwei oder drei solchen Riesen aufnehmen kann.«

»So muß Allah Dir die Kraft des Elephanten verliehen haben.«

»Das ist nicht nöthig. Weißt Du, Hilal, ich kenne einen Hieb, dem Keiner widersteht; das ist die Sache. Aber was ist das für ein hoher, dunkler Gegenstand, der da vor uns emporsteigt?«

»Das ist die Ruine, von welcher ich Euch erzählt habe.«

»Und wer kommt da?«

»Jedenfalls ein Wächter des Lagers. Dazu werden Jünglinge genommen, welche noch nicht alt und stark genug zum Kampfe sind. Sie haben während der Nacht das Lager zu umstreichen, damit dasselbe nicht plötzlich überfallen werde. Ich will ihm ein Zeichen geben.«

Er hielt sein Kameel an und ließ einen halblauten Pfiff hören. Der Wächter erkannte ihn an demselben als einen Angehörigen des Stammes und kam herbei.

»Wer seid Ihr?« fragte er an dem hochrückigen Reitkameele hinauf.

»Ich bin es, Hilal. Wie geht es im Lager?«

»Es ist Alles in Ordnung. Bringst Du Gäste?«

»Ja. Ich hörte das Zeichen des Mueddin. Was wird von den Aeltesten berathen?«

»Ich weiß es nicht genau. Aber es ist vorgestern ein Pascha der Russen gekommen und heute kam auch ein Pascha des Großsultans.«

»Kennst Du seinen Namen?« fragte da Steinbach rasch.

»Nein.«

»Welche Begleitung hatte der letztere Pascha?«

»Er kam nur mit seinem Weibe und einem Diener.«

»Wo wohnen die beiden Pascha?« fragte Hilal.

»In den Gastzelten am großen Platze. Der Andere, der Russe, ist allein gekommen. Man wird wohl über den Pascha von Egypten berathen und sodann wird Falehd die Königin begehren.«

Steinbach's Aufmerksamkeit war im höchsten Grade erregt. Ein russischer und ein türkischer Pascha, der Letztere mit Weib und Diener. Sollte es Ibrahim Pascha mit Zykyma und dem braven Arabadschi sein? Das war doch kaum denkbar. Was wollte denn Ibrahim bei den Sallah Beduinen?

Er berieth sich leise und kurz mit Normann und sagte dann zu Hilal:

»Ist es nicht vielleicht möglich, in das Lager zu kommen, ohne großes Aufsehen zu erregen?«

»Es ist möglich. Warum wünschest Du das?«

»Ich glaube, daß einer der beiden Pascha ein Mann ist, den ich suche und der mir entfliehen würde, wenn er mich bemerkt, ohne daß ich ihn sofort sehe.«

»Er ist ein Gast des Lagers. Du wirst ihm nichts Böses thun dürfen.«

»Das weiß ich sehr wohl. Ich habe auch nicht die Absicht, ihm Böses zuzufügen, so lange er sich in Eurem Lager befindet; aber ich wünsche nicht, daß er dieses Lager ohne mein Wissen wieder verläßt. Kommen wir jetzt mit unseren Reit- und Packthieren an, so erregen wir großes Aufsehen und der Mann kann mich sehen, ehe ich ihn bemerke. Dann flieht er sicherlich. Könnte ich aber heimlich –«

»Es geht, es geht!« fiel Hilal ein. »Steigt nur ab, ich werde Euch führen. Unsere Thiere mögen sich hier legen, bis wir sie holen. Dieser Wächter wird mit unseren Fellahs bei ihnen bleiben.«

Steinbach hatte nämlich mehrere Fellahs gemiethet. Sie waren zur Bedienung unumgänglich nöthig. Er stieg mit Normann, Hilal und Hiluja ab.

»Wie freue ich mich, daß ich zur rechten Zeit komme, um auf die Aufforderung zum Kampfe antworten zu können!« wiederholte Hilal. »Man ahnt gar nicht, daß ich wieder da bin. Wie wird man sich wundern, wenn ich plötzlich von der Ruine herab antworte!«

»Wie ist das möglich? Und was hat es mit der Aufforderung für eine Bewandtniß?« fragte Steinbach.

Hilal beschrieb dem Frager, wie es dabei zuzugehen pflege. Als er geendet hatte, meinte Steinbach:

»Wie werden sie sich wundern, wenn sich ganz unerwartet Zwei zum Kampfe melden!«

»Wollen Sie sich wirklich mit dem Menschen in einen Ringkampf einlassen?« fragte Normann in deutscher Sprache.

»Ja. Warum nicht? Gönnen Sie mir das Vergnügen nicht?«

»Sehr gern, wenn es beim Vergnügen bleibt.«

»Was sollte es sonst sein?«

»Sie wissen, daß ich keineswegs ein Hasenfuß bin, aber nach der Beschreibung Hilal's ist dieser Falehd wirklich eine Art Simson, vor dem man sich in Acht zu nehmen hat. Da kann aus dem Spaße leicht Ernst werden.«

»Pah! Sie kennen mich. Ich habe Ihnen ja bereits Proben meiner Körperkraft gegeben. Und in Beziehung auf die Gewandtheit nehme ich es sicher mit diesem halbwilden Araber auf. Ich will Ihnen anvertrauen, daß ich ein ausgezeichneter Boxer bin. Davon versteht dieser Falehd wohl gar nichts. So ein richtiger Augen-, Mund-, Achselgruben- oder Magenhieb wird ihn wohl nicht nur aus der Fassung bringen. Wie gesagt, ich freue mich auf diese Prügelei. Man hat so wenig Gelegenheit, einen richtigen Hieb anzubringen, daß es die reine Sünde wäre, diese jetzige unbenutzt vorübergehen zu lassen.«

»Nun, thun Sie, was Sie wollen!«

»Das werde ich allerdings. Uebrigens giebt es auch einen sehr menschlichen und moralischen Grund. Nämlich Tarik und Hilal sind prachtvolle Kerls, dem Riesen aber im Faustkampfe nicht gewachsen. Die Königin wäre für Tarik verloren. Ich werde mich also seiner annehmen und sie für ihn erkämpfen.«

»Das ist allerdings ein Grund, den ich gelten lassen muß. Und da kommt mir ein Gedanke. Wenn wir uns auf eine ungewöhnliche Art und Weise einführen, wird man doppelten Respect haben. Der Khedive hat uns zu den Gewehren und der Munition, welche als Geschenk für den Stamm bestimmt sind, einiges Feuerwerk mitgegeben. Wie wäre es, wenn Sie sich unter dem Lichte eines Schwärmers, einer Rakete oder verschiedener Leuchtkugeln präsentirten?«

»Ah, das ist nicht übel! Nehmen wir also so Etwas mit!«

Dies geschah. Als dann Steinbach meinte, daß Hiluja wohl bei den Kameelen zurückbleiben müsse, sagte Hilal:

»Nein. Sie geht mit uns. Das giebt eine sehr große Ueberraschung für die Königin. Diese wird in der Versammlung erscheinen und also nicht in ihrer Wohnung sein. Dorthin bringen wir Hiluja. Wenn die Königin zurückkehrt, findet sie ihre Schwester.«

Nachdem die Zurückbleibenden gehörig instruirt worden waren, setzten sich die drei Männer mit der Araberin in Bewegung. Diese Letztere zitterte förmlich vor Freude, nun endlich die Schwester zu sehen. Als sie sich gehörig weit von ihren Kameelen entfernt hatten, erklärte Hilal:

»Ich konnte Euch unseren Weg nicht beschreiben, da der Wächter nichts von ihm hören darf.«

»Ist denn ein Geheimniß dabei?«

»Ja. Ich habe ihn entdeckt und dieß nur meinem Bruder und der Königin mitgetheilt. Die Männer des Stammes werden sich, außer den Wächtern, in der Nähe des Versammlungsplatzes befinden. Wir können also unbemerkt bis an den Fuß der Ruine gelangen. Dort befindet sich der verborgene Eingang, den ich meine. Es ist gut, solche Geheimnisse zu bewahren.«

Sie schlugen einen Bogen um das Lager herum bis dahin, wo die Zelte nicht mehr nahe beisammen standen. Hilal's Voraussetzung erwies sich als richtig: Es war kein Mensch zu sehen. Dennoch suchten sie nur die schattigen Stellen auf und gelangten ganz unbemerkt bis an den Fuß des einstigen festungsartigen Gebäudes.

»Hier ist der Stein,« sagte der Beduine, auf einen der riesigen Quadern deutend, aus denen der untere Theil der Mauer bestand.

»Läßt er sich denn bewegen?«

»Nur von Dem, der es weiß.«

Er kniete nieder und drückte an einer Seite des Steines. Der letztere wich nach innen, und nun zeigte es sich, daß er nicht ein kubischer Quader, sondern eine verhältnißmäßig dünne Platte war, welche auf unsichtbaren Rollen zurückgewichen war. Es öffnete sich vor ihnen ein schmaler und so hoher Gang, daß ein Mann da gehen konnte. Die Platte wurde zurückgeschoben und die Vier schritten langsam in den Gang hinein, Hilal voran, sie darauf aufmerksam machend, wie sie zu gehen hatten.

Sie hatten sich noch nicht weit in gerader Linie fortbewegt, so führte eine Treppe sie aufwärts. Oben angekommen, sagte Hilal:

»Hier wollen wir eins von den Hölzern anbrennen, die Ihr bei Euch habt.«

Dies geschah, und beim Scheine des Wachshölzchens sahen sie, daß ein Gang geradeaus, ein anderer nach links und eine Treppe weiter aufwärts führte.

»Dieser Gang geradeaus führt nach der Wohnung der Königin,« erklärte Hilal. »Dorthin werde ich Hiluja führen. Die Treppe geht hinauf zur Spitze der Ruine. Da Niemand sie kennt, ist auch noch Niemand außer uns hinaufgekommen. Und der andere Gang führt nach einem Theile der Ruine, wo Ihr den Platz der Versammlung überblicken könnt. Folgt mir dorthin. Hiluja mag hier warten, bis ich wiederkomme.«

Er schritt den Beiden voran, in das Dunkel hinein, aus welchem ihnen endlich die Sterne wie aus einem Fernrohre entgegenfunkelten. Ihr Führer bat, hier einige Augenblicke zu warten, und schlich allein weiter. Als er nach kurzer Zeit zurückkehrte, sagte er:

»Es war sehr gut, daß ich erst erforschte, ob uns Jemand bemerken würde. Ich bringe Euch an einen Ort, in dessen Nähe sich gerade jetzt die Königin mit meinem Bruder befindet. Ihr müßt sehr leise auftreten, um nicht gehört zu werden, wenn Ihr Euch die Freude der Ueberraschung nicht verderben wollt. Kommt jetzt.«

Sie folgten ihm hinaus, wo die Steinquader wirr über- und durcheinander lagen.

»Da sitzen sie,« flüsterte er, nach rechts deutend. »Wirst Du Dich wirklich zum Kampfe melden, wenn der Mueddin fragt?«

»Ja, ganz gewiß.«

»So thue es erst nach mir. Du bist der Fremde und wirst mir das Vorrecht lassen. Jetzt gehe ich, um Hiluja weiter zu führen.

Er ging und die beiden Zurückbleibenden hatten Gelegenheit, Tariks Unterhaltung mit der Königin zu belauschen. Bald aber zog Steinbach Normann eine Strecke nach links hin mit sich fort, um von den Belauschten nicht selbst gehört zu werden, und sagte dort:

»Wissen Sie, lieber Freund, ich denke, wenn ich mich bei magischer Beleuchtung präsentiren will, so würde das am Besten da oben auf der Spitze sein. Das macht Eindruck, weil die Leute hier nicht denken, daß man da hinaufzukommen vermag. Meinen Sie dasselbe nicht auch?«

»Ja. Steigen wir also nach oben!«

»Nein, Sie müssen hier bleiben. Wollten wir die Racketen von oben abbrennen, so würde der Effect verfehlt werden. Die Füllung darf nicht allzu hoch über mir platzen. Ich gehe also allein, und Sie bleiben hier, um das Dings hier in Brand zu stecken.«

»Werde ich den geeigneten Augenblick auch treffen?«

»Ich denke es. Der Mueddin ruft ja laut und ich antworte auch laut. Sie werden also sehr leicht wissen, wann die richtige Zeit gekommen ist.«

»Und wie finden wir uns dann wieder? Soll ich vielleicht hinauf kommen?«

»Nein, sondern ich komme herab. Das ist das Beste. Also, passen Sie auf!«

Er ging und Normann traf seine Vorkehrung. So leise sie sich bewegt hatten, sie waren doch von Tarik und der Königin gehört worden, nur hatten die Beiden geglaubt, daß sich irgendwo ein Steinchen gelöst habe und herabgefallen sei.

Das Zündhölzchen in der Hand wartete Normann. Er hörte die Töne des Hammers auf dem Brete, die erste und zweite Frage des Mueddin nebst den beiden darauf folgenden Antworten. Dann, als Steinbach oben auf der Höhe sein »Ich« erschallen ließ, brannte er das Hölzchen an und die feurige Garbe stieg gerade am geeignetsten Augenblicke empor. Als die Helligkeit verschwunden war, kam Steinbach herab.

»Nun, wie war es?« fragte er. »Haben Sie mich gesehen?«

»Ja. Der Anblick war für diese Leute wirklich ein unbeschreiblicher, ein gespenstischer. Man hielt Sie für den bösen Geist der Ruine.«

»Desto besser! So habe ich mich also in Achtung gesetzt. Was aber thun wir nun?«

»Wir müssen auf alle Fälle hier warten, bis Hilal uns holt. Wir kennen keinen Weg.«

Er hatte das kaum gesagt, so hörten sie Schritte in dem Gange und der Genannte erschien.

»Kommt zur Königin,« sagte er.

»Weiß sie Alles?«

»Nein. Es geht so schnell, daß es zum Erklären keine Zeit giebt.«

Er hatte vorhin Hiluja in die Wohnung ihrer Schwester geleitet und war dann weiter gegangen, um hinaus an die Treppe zu gelangen. Dort waren die auf den oberen Stufen sitzenden Wächter nicht wenig erstaunt, den abwesend Geglaubten so unerwartet hier mitten im Lager zu sehen; hatten aber auf seinen kurzen, warnenden Zuruf hin ihrer Ueberraschung keinen lauten Ausdruck gegeben. Er hörte von ihnen, daß sein Bruder sich in der Nähe befinde; dieser kam ja dann auch sogleich herbeigeeilt.

Als aber dann die Feuergarbe emporstieg, klärte Hilal Tarik in kurzen Worten auf und war damit kaum fertig, als auch die Königin herbeikam.

»Hilal, Du hier?« fragte sie. »Wann kamst Du?«

»Vor ganz Kurzem.«

»Was war das für ein Feuer und für ein Mann? O Allah, bin ich erschrocken! Weißt Du es?«

»Ja. Es ist ein Gast, den ich bringe.«

»Masr-Effendi?«

»Er heißt anders. Er hat sich so genannt, weil dieser Name ihm augenblicklich eingefallen ist, und wohl auch, um anzudeuten, daß er ein Freund Egyptens ist.«

»Will er wirklich kämpfen?«

»Ja. Und das ist gut. Das Feuer hat Dich erschreckt? Es ist Pulver und Farbe, weiter nichts.«

»Ist dieser Mann noch oben?«

»Ja. Ich werde ihn holen. Befinden sich der russische und der türkische Pascha noch hier?«

»Sie sind unten. Sie haben an der Berathung theilgenommen. Warum fragst Du?«

»Das werdet Ihr später hören. Es ist jetzt zu langen Erzählungen keine Zeit. Tarik mag hinuntergehen und aufpassen, daß diese Pascha's nicht entfliehen.«

»Entfliehen?« fragte Tarik erstaunt.

»Ja. Frage nicht, sondern gehe.«

Tarik gehorchte, und Hilal führte die Königin in ihre Wohnung. Er hatte Hiluja in dem hintersten Gemache gelassen. Sie aber war von der Neugierde getrieben worden, weiter zu gehen. So kam es, daß sie hüben in die vordere Stube trat, als die Königin von drüben herein kam. Die Letztere blieb stehen, fast starr vor Ueberraschung.

»Allah, Allah! Hi – Hi – Hiluja!« stotterte sie, mit weit aufgerissenen Augen die Schwester betrachtend.

»Badija! Endlich, endlich bin ich bei Dir!«

Sie breitete die Arme aus, stürzte auf die Schwester zu und zog sie stürmisch an sich.

»O Gott, o Gott! Wirklich, wirklich?« stammelte die Königin. »Du bist es, Du?«

»Ja, ja! Siehst Du es denn nicht? Fühlst Du meine Küsse nicht?«

»Wirklich, wirklich?«

»Ja! Glaube es doch!«

Jetzt erst verschwand der Zweifel. Sie stieß einen lauten Jubelschrei aus und riß nun ihrerseits die Schwester an sich. Beider Entzücken machte sich in lautem Weinen Luft. Sie gaben sich unter Schluchzen die süßesten Kosenamen und umarmten sich immer wieder, um sich von Neuem fahren zu lassen und mit leuchtenden Augen zu betrachten.

Hilal hatte sich schweigend entfernt, um Steinbach und Normann zu holen. Sein Bruder Tarik war, wie bereits gesagt, fortgegangen, um nach dem Willen seines Bruders zu handeln, obgleich ihn dessen Verlangen ein vollständig unerklärliches war.

Als er auf dem Versammlungsplatze anlangte, fand er die Aeltesten des Stammes umgeben von einem dichten Menschenknäuel, in ihrer Mitte Falehd, welcher noch immer den Ausrufer festhielt, um ihn an der Fortsetzung seiner Flucht zu verhindern. Auch die beiden Paschas befanden sich in der Nähe. Tarik machte sich sogleich hin zu ihnen, um sie fest im Auge zu behalten.

»Laßt mich!« brüllte der Mueddin. »Es ist fürchterlich, in die Hände eines Geistes zu fallen.«

»Feigling!« antwortete Falehd. »Das war kein Geist. Der da oben stand hatte Fleisch und Bein.«

»Er spie doch Feuer!«

»Das wurde unten angebrannt. Du warst niemals in Kairo und weißt also auch nicht, was eine Rackete ist. Hier handelt es sich um irgend einen Streich, den man uns spielen will. Hilal ist plötzlich zurück. Er wird diesen Masr-Effendi mitgebracht haben. Sie sind oben in der Ruine. Ach, Teufel! Was wollen sie bei der Königin? Hinauf zu ihr! Haltet Ihr diesen Feigling fest, damit er nicht auch Andere mit seiner Angst ansteckt.«

Er hatte nicht bemerkt, daß Tarik herbeigekommen war, und rannte davon, die Stufen hinauf. Da er von keiner Wache angehalten wurde, gelangte er ungehindert in den kleinen Vorhof und auch weiterhin in die Stube, in welcher er heute bereits mit der Königin gesprochen hatte. Dort stürmisch eintretend, prallte er sofort zurück. Er sah die beiden Schwestern vor sich. Hiluja in ihrem weißen Reisegewande mit den lang herabhängenden Zöpfen und die Königin in dem weißen Mantel, die Zöpfe ebenso lang und stark über den Rücken gehend.

»Allah l'Allah!« rief er aus.

»Was willst Du?« fragte Badija.

»Wer ist Diese hier?«

»Meine Schwester.«

»Wunder über Wunder! Ist sie vom Himmel herabgekommen?«

»Vielleicht. Was aber geht es Dich an!«

Diese stolzen Worte brachten ihn aus seiner Verwunderung heraus. Er zog die Brauen finster zusammen und antwortete:

»Was es mich angeht? Sehr viel! Ich bin der Führer des Stammes; ich muß wissen, wie die Leute zu uns kommen!«

»Ich bin der Scheik! Verstanden! Wenn ich weiß, wie die Gäste zu mir kommen, so genügt das!«

»Du sprichst sehr stolz! Aber Du wirst anders und höflicher reden, wenn man mit Dir und Deinem Anhange in das Gericht geht. Werde erst mein Weib, dann wirst Du gehorchen lernen.«

»Warte, bis ich es bin!«

»Du wirst es sein! Jetzt aber muß ich wissen, wer dieser Masr-Effendi ist. Du mußt es wissen.«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Er ist ja hier bei Dir in der Ruine. Er ist ein Gaukler und Betrüger; ich muß mit ihm sprechen, jetzt, sogleich! Er soll mir sagen und gestehen, wann und wie er hierher gekommen ist.«

»Wann? Soeben jetzt. Wie? Durch diese Thür!«

Diese Worte wurden hinter ihm gesprochen. Er fuhr herum und stand nun vor Steinbach, welcher eingetreten war, hinter sich Normann und Hilal.

»Hölle und Teufel! Ist er das?« rief Falehd.

»Ja, ich bin es,« antwortete Steinbach.

»Wen suchst Du hier?«

»Dich nicht. Du kannst also gehen!«

Falehd stieß einen lauten Fluch aus, ballte die beiden Fäuste, trat einen Schritt auf Steinbach zu und rief:

»Das wagst Du, mir zu sagen? Mir, mir!«

»Ja, Dir!« lachte Steinbach. »Hältst Du das für ein so gar großes Wunder?«

»Mir, dem Anführer des Stammes, sagst Du, daß ich gehen soll!«

»Der Anführer steht hier, dem hast Du zu gehorchen!«

Er deutete dabei auf die Königin. Der Beduine lachte höhnisch auf und antwortete:

»Du bist ein Fremder und weißt also nicht, was heute über diese Frau beschlossen worden ist. Du willst zwar mit mir um sie kämpfen, doch ist Dir unbekannt, daß sie von dem Augenblicke an, in welchem die Versammlung der Aeltesten diesen Kampf beschlossen hat, nicht mehr Scheik des Stammes ist. Sie gehört dem Sieger, welcher dann der Anführer sein wird.«

»Aber noch giebt es keinen Sieger, sie ist also jetzt noch ihre eigene Herrin. Ich habe mit ihr zu sprechen und bin nicht gewohnt, dies vor Zeugen zu thun; deshalb wirst Du jetzt diesen Ort verlassen, wenn Du nichts Nothwendiges vorzubringen hast.«

Falehd machte eine Bewegung, als ob er sich auf den Redner stürzen wolle, hielt aber doch noch an sich. Aber er maß ihn vom Kopfe bis zu den Füßen herab, und zwar mit einem Blicke, wie man einen armen, verächtlichen Menschen betrachtet, schnippste mit den Fingern und sagte:

»Allah hat es zugegeben, daß die Sonne Dir den Verstand verbrannt hat. Du dauerst mich, sonst würde ich mit Dir reden, wie es Deinen Worten angemessen ist, nämlich mit der Zunge nicht, sondern mit der Waffe.«

»Dazu wirst Du ja bald Gelegenheit haben.«

»Ja, und das wird Dein Verderben sein, denn ich werde Dich zerschmettern, wie man eine Fliege mit einem einzigen kleinen Schlage der Hand todtschlägt. Du bist ein Wurm, und ich werde Dich zertreten, so wie ich auch die beiden anderen Würmer, welche sich Söhne des Blitzes nennen, unter meinen Füßen zermalmen werde. Morgen um diese Zeit bratet Ihr Drei in den tiefsten Tiefen der Hölle!«

Er drehte sich um und ging. Man hatte den Bescheid erwartet, den er bringen werde. Darum befanden sich Alle noch auf den Plätzen, welche sie vor der Katastrophe eingenommen hatten. Er konnte ihnen nichts Genaues sagen. Er wußte auch weiter nichts, als das dieser Masr-Effendi kein Geist, sondern ein Mensch sei, aber als Feind des Stammes gekommen, wie er sich überzeugt habe.

»Ist er denn ein Beduine?« fragte Ibrahim Pascha, welcher sich in der Nähe befand.

»Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube es auch nicht. Er hatte nicht das Aussehen eines Wüstensohnes. Vielleicht ist er ein Sclave des Pascha von Egypten. Er wird um die Gastfreundschaft des Stammes bitten. Ich verbiete aber, ihn als Gast aufzunehmen!«

Da trat einer der silberhaarigen Araber zu ihm heran und erklärte:

»Vergiß nicht, daß Du nichts Anderes bist als wir Andern sind! Selbst wenn Du der Scheik des Stammes wärest, könntest Du Keinem verwähren, einen Gast bei sich aufzunehmen.«

»Auch nicht, wenn der Gast ein Feind des Stammes ist?«

»Nein, selbst dann auch nicht. So lange sich der Feind in unseren Zelten befindet, ist er unantastbar. Hast Du diesen Fremden in der Wohnung der Königin gefunden?«

»Ja. Und er wagte es, mich von dort fortzuweisen.«

»So scheint er ein sehr tapferer, furchtloser Mann zu sein und die Gastfreundschaft der Königin zu besitzen. Du wirst ihn also als Gast ehren müssen!«

»Der Teufel soll ihn ehren! Schon sein Name beweist, daß er ein Freund und Anhänger des Vicekönigs von Egypten ist. Wir brauchen ihn nicht.«

»Darüber hat die Versammlung der Aeltesten zu entscheiden, Du nicht. Bis jetzt kann noch kein Mensch sagen, daß der Khedive unser Feind ist.«

»Ich sage es!« rief Graf Polikeff, welcher neben Ibrahim Pascha stand und Alles gehört hatte.

»Würdest Du es auch beweisen können?«

»Ja. Ich hätte es bereits heute Abend bewiesen, wenn mir die Gelegenheit zum Sprechen geboten worden wäre.«

»Wir werden über diese Sache erst dann berathen, wenn wir einen neuen Scheik haben. Der Vicekönig wohnt uns näher, als der Sultan von Rußland. Diesen Letzteren kennen wir nicht. Wir haben noch keinen seiner Leute gesehen und auch noch keinen Piaster oder Para an ihm oder ihnen verdient.«

»Er wird Euch Leute senden, tapfere Offiziere, berühmte Anführer und reiche Kaufleute, welche es mit Euch ebenso gut meinen wie ich. Ich bin Euer bester Freund!«

»Aber doch ein ungeheurer Schuft!« erklang es laut und deutlich hinter ihm.

Er fuhr herum, um den Sprecher zu sehen.

»Herr, mein Heiland,« rief er in russischer Sprache. »Alle guten Geister! Wer – – wer – – wer – –«

Er streckte die beiden Hände mit weit ausgespreizten Fingern weit von sich, als ob er wirklich ein Gespenst von sich abzuwehren habe. Seine Augen waren weit geöffnet. Sein Gesicht zeigte in fürchterlicher Verzerrung den Ausdruck des größten Entsetzens. Steinbach stand hinter ihm. Er hatte sich durch die Umstehenden gedrängt und die betreffenden Worte gesprochen. Jetzt sagte er:

»Fühlst Du die Rache kommen, Mensch?«

»Wie – wo – was – wer – –« stammelte der Graf, seiner noch nicht wieder mächtig.

»Rede arabisch, Kerl, daß diese braven Leute verstehen, was wir einander sagen. Kennst Du mich?«

»O – – wie – warum – – nein.«

»Nicht? Du bist doch Graf Polikeff?«

»Nein.«

Er faßte sich jetzt und warf dem Riesen einen Blick zu, diese Lüge zu unterstützen.

»Leugne nicht!«

»Ich bin kein Graf. Frage Den da!«

Er zeigte auf Falehd.

»Den soll ich fragen? Fällt mir nicht ein. Hier stehen viele ehrwürdige Männer, deren graues Haar mir dafür bürgt, daß sie mir die Wahrheit sagen werden.«

Und sich an den Alten wendend, welcher bereits vorhin gesprochen hatte, fuhr er fort:

»Ich bin Derjenige, welcher sich Masr-Effendi nannte. Die Königin hat mich soeben ihrer Gastfreundschaft versichert. Ich habe ihr Hiluja, ihre Schwester, gebracht. Kennt Ihr den Namen dieses Mannes?«

»Ja, wir kennen ihn,« antwortete der Alte.

»Ich hoffe nicht, daß Ihr einen Grund haben werdet, ihn einem ehrlichen Manne zu verschweigen. Ist er ein Graf oder nicht? Er behauptete das Letztere.«

»Wir sind einfache Leute und wissen nicht, was ein Graf ist; aber er hat sich während der Versammlung einen Grafen genannt. Er heißt so, wie Du sagtest, nämlich Polikeff, und ist aus Rußland.«

»So seht Ihr, daß er ein Lügner ist. Zu Euch hat er die Wahrheit gesagt und gegen mich verleugnete er sie, weil er sich vor meiner Rache fürchtet.«

»Rache?« fragte der Russe. »Ich habe Dir nichts gethan. Ich kenne Dich ja gar nicht.«

»Willst Du wirklich leugnen, daß Du mich morden wolltest?«

»Morden? Ist mir nicht eingefallen!«

»Denke an jenen Abend am goldenen Horn! Du warst als Ruderer verkleidet und schlugst mich von hinten über den Kopf, daß ich die Besinnung verlor und in's Wasser stürzte.«

»Ich weiß nichts davon.«

»Dein Schreck beweist das Gegentheil. Du hast mich für todt gehalten und wärest jetzt bei meinem Anblicke ja beinahe vor Angst umgefallen.«

»Das war nur Erstaunen.«

»Erstaunen? Doch darüber, daß ich noch lebe!«

»Nein, sondern darüber, daß ein Mann, den ich gar nicht kenne, es wagt, mich zu beschimpfen.«

»Pah! Wo ist Gökala?«

»Gökala? Wer ist das?«

»Das weißt Du sehr genau.«

»Ich kenne keine Person, welche Gökala heißt!«

»Und doch weißt Du, daß ich von einer Person spreche, nicht von einer Sache. Du verräthst Dich selbst. Gökala wird sich nicht weit von da befinden, wo Du bist. Ist dieser Mann mit einem Weibe hier?«

»Nein,« antwortete der Alte, an den Steinbach sich mit seiner Frage gerichtet hatte. »Er ist allein gekommen.«

»Nun, so werde ich sie dennoch finden. Was ist das?«

Nämlich hinter ihm erhob sich in diesem Augenblicke auch ein lauter, von zwei Stimmen geführter Zank. Ibrahim Pascha hatte, wie bereits gesagt, in der Nähe des Russen gestanden. Auch er war bei Steinbachs Anblicke auf das Heftigste erschrocken. Er hörte das Gespräch zwischen den beiden Feinden und hielt es, sich unbeachtet wähnend, für das Beste, sich still zurückzuziehen.

So unbeachtet, wie er geglaubt hatte, war er aber nicht. Er wurde am Arme erfaßt und eine Stimme, welche ihm sehr bekannt vorkam, sagte in befehlendem Tone:

»Halt, Ibrahim Pascha! Bleibe da, wo Du gebraucht wirst! Das ist hier bei uns!«

Er starrte dem Sprecher in das Gesicht, welches jetzt vom Feuer beleuchtet wurde, und erkannte Normann.

»Allah, Allah!« stieß er hervor, indem er gleich um mehrere Schritte zurückwich.

»Ah, Du kennst mich?«

»Nein,« antwortete der Gefragte, sich schnell fassend.

»Ich denke aber, daß wir uns in Stambul gesehen haben!«

»Ich weiß nichts davon.«

»Und dann in Tunis?«

»Das ist nicht wahr.«

»O besinne Dich nur! Du wolltest den Bey von Tunis, Mohamed es Sadok Pascha, ermorden.«

»Welch eine Lüge!«

»Wir verfolgten Dich, aber Du entkamst.«

»Hast Du das Fieber oder den Sonnenstich?«

»Ich nicht. Aber Du scheinst verrückt zu sein, da Du Sachen leugnest, welche wir beweisen können. Wir haben wirklich nicht geglaubt, Euch Kerls hier zu finden. Da wir aber einmal an Eurem Neste sind, so werden wir die Galgenvögel auch ausnehmen.«

»Keine Beleidigung! Ich dulde das nicht.«

»Pah! Du wirst noch ganz Anderes erdulden müssen.«

»Ich stehe jetzt unter dem Schutze dieser Beni Sallam. Wer mich beleidigt, beleidigt auch sie!«

»Ja,« fiel hier der Riese ein, seine Augen drohend auf Normann richtend. »Wie kannst Du es wagen, einen meiner Gäste zu beleidigen.«

»Nimm keine Schurken bei Dir auf.«

»Deine Sprache ist so, daß sie Dich um das Leben bringen wird. Ich kenne Dich nicht. Wer bist Du?«

»Der Gast der Königin. Das wird genügen.«

»Das genügt nicht. Du hast meinen Gast einen Schurken genannt. Du wirst es büßen müssen.«

*

22

»Davon steht nichts in unseren Gesetzen,« wendete jetzt der Alte ein. »Wir haben unsere Gäste gegen fremde Angriffe zu beschützen. Was sie auch unter sich zu verhandeln haben, das geht uns nichts an, sondern das ist ganz allein ihre eigene Sache.«

»Du scheinst es darauf abgesehen zu haben, mich zu beleidigen!« zürnte der Riese in drohendem Tone.

»Das will ich nicht. Ich bin der Hochbetagteste unter Euch und habe darauf zu sehen, daß einem Jeden sein Recht geschieht. Das kann Dich nicht beleidigen.«

»Aber meinen Schützlingen geschieht ja nicht ihr Recht sondern Unrecht!«

»Das mögen sie beweisen.«

»Sie haben es gesagt. Das genügt. Sie kennen diese beiden anderen Menschen gar nicht!«

Da aber erhielt er eine Antwort, welche er gar nicht erwartet hatte. Nämlich da die Gastzelte ganz in der Nähe des Feuers lagen, hatte Zykyma das mehr als laut geführte Gespräch gehört. Sie glaubte, eine Stimme zu erkennen. War das möglich? Konnten die Retter wirklich hier sein, hier, mitten in der Wüste? Sie stand eilig von ihrem Sitze auf und trat aus dem Zelte. Als sie die von dem flackernden Feuer nur nothdürftig erleuchtete Versammlung überblickte, sah sie zwei Köpfe über alle Uebrigen ragen. Den Einen kannte sie. Es war der Riese, mit dem sie heute in das Lager gekommen war. Der andere Mann war zwar nicht so lang wie Falehd, aber doch höher als die Uebrigen. Sie ging mehr nach der einen Seite hin, um sein Gesicht zu sehen. Eben redete Normann. Sie erkannte seine Stimme ganz deutlich. Einen Jubelruf, welcher ihr auf die Lippen kam, unterdrückend, drängte sie sich zwischen den Männern hindurch, gar nicht daran denkend, daß ein Weib hier gar nichts zu thun habe. Die Beduinen machten ihr staunend Platz. Zykyma hörte den letzten Theil der Unterhaltung und rief den Riesen bereits von Weiten zu:

»Das ist nicht wahr. Sie kennen sie!«

Alle Anwesenden wendeten sich ihr zu. Normann erblickte sie und rief erfreut:

»Zykyma! Da bist Du! Allah sei Dank! Jetzt kannst Du für uns zeugen.«

»Ja, das kann ich, und das will ich!«

Da drängte Ibrahim Pascha auf sie zu und schrie:

»Was fällt Dir ein! Gehe in Dein Zelt!«

»Du hast mir nichts zu befehlen!« erwiderte sie muthig.

»Soll ich Dich bestrafen?«

»Du hast kein Recht dazu!«

»Oho! Du bist mein Weib!«

»Das ist nicht wahr. Du hast es zu diesen Männern gesagt, daß ich Dein Weib sei, aber Du hast gelogen.«

»Ich habe Dich bezahlt!«

»Das war sehr dumm von Dir. Ich bin keine Sclavin, welche man kaufen kann.«

»Du bist meine Sclavin! Gehe in das Zelt, sonst werde ich mein Recht über Dich in Anwendung bringen.«

»Diese beiden Männer werden mich beschützen!«

»Dieser Masr-Effendi und sein Cumpan?« lachte der Riese, Partei für den Pascha nehmend. »Die sollten es wagen! Der Pascha sagt, Du seiest sein Weib. Er hat Dich gekauft und bezahlt, und Du wirst ihm gehorchen.«

Da wollte Steinbach das Wort ergreifen; aber jener Alte kam ihm zuvor:

»Wer kann hier von kaufen sprechen? Wir befinden uns in der freien Wüste, wo es keine Sclaven giebt. Wenn Ibrahim Pascha die Unterschrift des Kadi und des Mollah besitzt, die ihn mit diesem Weibe getraut haben, so mag er sie vorzeigen, und wir werden ihn nicht hindern, seine Rechte auszuüben.«

»Meinst Du, daß ich solche Schriften in der Wüste mit herum trage!« stieß der Pascha hervor.

»Also nicht! So sage, ob Du mit ihr getraut bist!«

»Ja.«

»Er lügt!« rief Zykyma.

»Hört Ihr es, Ihr Männer?« sagte der Alte. »Er sagt Dieses und sie sagt Jenes. Beide können nichts beweisen. Wir haben uns also in ihre Angelegenheit nicht zu mischen, müssen aber jede Gewaltthat verhüten.«

»Ist es eine Gewaltthat, wenn ich meinem Weibe befehle, in das Zelt zu gehen?«

»Nein, falls sie Dein Weib ist. Das aber hast Du uns noch nicht bewiesen.«

»So willst Du mich also verhindern, sie zu zwingen, mir gehorsam zu sein?«

»Ja, das werde ich!«

»Das wirst Du bleiben lassen!« drohte der Riese, sich seines Gastes annehmend.

»Willst Du mir etwa verbieten, nach den guten Gesetzen unseres Stammes zu handeln?« fragte der Alte furchtlos.

»Diese Frau bewohnt jenes Zelt; da hinein gehört sie!«

»Wenn sie will!«

»Oho! Ich selbst werde sie hinein führen!«

»Das verbiete ich Dir!«

»Du! Weißt Du nicht, daß ich morgen Scheik sein werde?«

»Noch bist Du es nicht!«

»Ich werde dennoch sehen, wer mich hindern will, das zu thun, was ich thun will!«

Er streckte den Arm nach Zykyma aus. Der Alte aber stellte sich schnell zwischen ihm und sie und sagte ernst:

»Bedenke, was Du thust! Ich stehe und spreche hier im Namen der Versammlung der Aeltesten. Wer da widerstrebt, wird aus dem Stamme gestoßen!«

»Ihr? Mich ausstoßen? Hölle und Teufel!«

Er lachte laut und höhnisch auf. Die Umstehenden aber traten enger zusammen und legten die Hände an die Messer. Er sah das. Gegen so Viele konnte er trotz seiner großen Stärke nichts machen; das sah er gar wohl ein. Um so stärker wallte sein Zorn auf.

»Gilt das etwa mir?« fragte er rundum.

»Ja, ja,« ertönte es ihm von allen Seiten entgegen.

»Also Empörung im Lager, eines fremden Weibes wegen?«

Er schien noch nicht mit sich einig, ob er nachgeben solle oder nicht; da wurde die Scene durch die Königin beendet. Sie war herab gekommen aus der Ruine und hatte aus der Nähe den Verhandlungen zugehört. Jetzt kam sie ganz herbei, ergriff Zykyma bei der Hand und sagte, zu dem Aeltesten gewendet:

»Du hast recht; aber ich will nicht haben, daß Du um dieses Rechtes willen vielleicht von Falehd zum Kampfe gefordert wirst. Dieses Mädchen wird bei mir wohnen, bis es sich entschieden hat, ob sie sich selbst zu Eigen ist oder einem Anderen gehört.«

Beide entfernten sich, ohne von irgend Jemand verhindert zu sein. Zwar warf der Pascha dem schönen Mädchen sehr unruhige Blicke nach; wie aber jetzt die Sachen standen, war es ihm unmöglich, seine Ansprüche weiter geltend zu machen. Der Riese aber konnte sich nicht zu leicht bescheiden. Er knurrte, zu Normann gewendet:

»Jetzt hast Du Deinen Willen. Morgen aber wird es ganz anders lauten. Darauf verlasse Dich! Kommt mit mir in's Zelt!«

Diese Aufforderung war an den Grafen und den Pascha gerichtet. Da aber erhob Steinbach Widerspruch:

»Halt! Wir sind noch nicht fertig!«

»Ich habe mit Dir nichts zu thun!« sagte der Riese. »Wenigstens heute nichts mehr!«

»Ich mit Dir auch nicht, desto mehr aber mit diesen Beiden.«

»Sie gehen jetzt mit mir!«

»Ich habe sie des Mordes angeklagt!«

»Das geht mich nichts an! Sie sind meine Gäste!«

»So sage ich Dir sehr einfach, daß ich sie niederschießen werde, wenn sie hier fortgehen wollen, ohne daß ich damit einverstanden bin!«

»Dann habe ich die Blutrache!«

»Die fürchte ich nicht. Meine dritte Kugel würde Dich sicherlich treffen!«

Er zog zwei Revolver hervor. Die Augen Falehd's leuchteten auf wie Pantheraugen. Er trat auf Steinbach zu und brüllte:

»Drohst Du mir hier mitten im Lager!«

»Ja. Und ich werde meine Drohung wahr machen!«

»Hund!«

Er that, als ob er nach Steinbach greifen wollte, fuhr aber doch sehr schnell mit dem Arme zurück, als dieser, den einen Revolver erhebend, ihm zurief:

»Zurück! Eins – zwei –!«

Kein Anderer mischte sich in diese Angelegenheit. Die Beduinen standen still und unbeweglich im Kreise. Der Riese war bei ihnen nicht beliebt, und als Krieger mußten sie das muthige Auftreten Steinbach's anerkennen. Dieser wendete sich an den Alten:

»Ich habe diese beiden Männer Mörder genannt. Ich bin ihnen nach Egypten gefolgt, um sie bestrafen zu lassen, und habe sie hier bei Euch getroffen. Sie sind Eure Gäste, und Ihr könnt sie mir also nicht ausliefern. Daher verlange ich nach dem Rechte der Wüste, daß Ihr darüber wacht, daß sie mir nicht entfliehen. Ich werde von Euch scheiden, wenn sie fortgehen. Dann sind sie nicht mehr Eure Gäste, und Ihr seid Eurer Pflicht ledig.«

»Sie und fliehen!« lachte der Riese. »Was bildet sich der Mensch ein! Wer sich unter meinem Schutze befindet, braucht an keine Flucht zu denken!«

»Ich verlange also Bewachung des Lagers, so daß sie sich nicht heimlich entfernen können!« fuhr Steinbach fort, unbekümmert um die Einrede des gewaltthätigen Beduinen. »Ich müßte sie sonst von Euch fordern!«

»Von uns fordern?« antwortete Falehd. »Was bildest Du Dir ein! Was bist Du und wer? Noch hast Du es uns ja nicht gesagt.«

»Du kannst es hören. Ich bin ein Bote des Vicekönigs von Egypten.«

»Aha! Das habe ich mir gedacht! Du wirst hier bei uns aber keine Geschäfte machen.«

»Das wird sich finden, obgleich ich weiß, daß wenigstens mit Dir keine Geschäfte zu machen sind.«

»Also versuche es auch nicht! Uebrigens wird der Vicekönig seinen Boten nicht wieder zu sehen bekommen. Deine Seele wird zwischen meinen Händen zerlaufen wie ein Stück Salz, wenn man es in's Wasser thut. Ihr Beide aber kommt jetzt mit mir! Sie mögen über Euch berathen. Wir gehen in mein Zelt!«

Aber das wurde nicht erlaubt. Er konnte zwar gehen; aber der Pascha und der Graf mußten bleiben, bis die Versammlung der Aeltesten zum Beschlusse über sie gekommen war. Dieser lautete, daß sie ihr Ehrenwort zu geben hätten, das Lager nicht ohne Wissen Steinbach's zu verlassen. Im Uebrigen aber waren sie frei. Ueber Zykyma sollte später entschieden werden.

Als Falehd sich nun mit seinen beiden Gästen allein im Zelte befand, machte ihm der Pascha wegen ihr Vorwürfe.

»Du hättest mein Recht vertheidigen sollen, denn Du bist doch mein Beschützer!«

»Ist sie denn wirklich Dein Weib?«

»Nein, noch nicht.«

»Aber Deine Sclavin?«

»Ja, ich habe sie gekauft und bezahlt.«

»Bei uns giebt es keine Sclaverei.«

»So soll ich sie mir wohl von diesen Menschen rauben lassen, wie sie mir bereits Tschita genommen haben?«

»Haben sie Dir denn bereits Eine entführt?«

»Ja, und zwar Diejenige, an welcher ich mit dem ganzen Herzen hing.«

»Bei Allah, Du dauerst mich!«

»So hilf mir!«

»O, Du verstehst mich falsch. Du dauerst mich nicht etwa, weil Dir eine Sclavin abhanden gekommen ist, sondern weil Du überhaupt Dein Herz an ein Weib gehängt hast.«

»Das hast Du doch auch gethan!«

»Ich? Was fällt Dir ein!«

»Denke an die Königin!«

»Du meinst, ich sei verliebt in sie?«

»Ganz gewiß. Du willst doch morgen Dein Leben wagen, um sie zu besitzen.«

»Mein Leben? O, das wage ich nicht. Diese drei Menschen werde ich mit drei Hieben niederschlagen. Seht her!«

Am Boden lag eine halbe Zeltstange. Er ergriff sie mit den Händen und brach sie mitten entzwei.

»Solche Kräfte habe ich. Niemand ist mir gewachsen. Also mein Leben wage ich nicht, und aus Liebe gar nicht. Ich will die Königin erringen, weil Derjenige, welcher sie besitzt, der Scheik des Stammes sein wird. Wie ist es denn gekommen, daß man Dir eine Sclavin hat nehmen können?«

Der Pascha erzählte es nach seiner Weise. Er ließ natürlich Alles weg, was Andere nicht zu wissen brauchten. Als er geendet hatte, sagte der Riese:

»Du wirst diese Tschita wieder erhalten.«

»Wie ist das möglich. Ich weiß nicht, wo sie ist.«

»Sie ist natürlich nicht weit von Denjenigen, welche sie Dir genommen haben. Zwei von ihnen befinden sich jetzt bei uns. Der Dritte ist jedenfalls mit dem Mädchen in Egypten zurück geblieben. Den Einen erschlage ich morgen, und der Andere wird Euch dann sagen müssen, wo sie Tschita versteckt haben.«

»Könntest Du dies wirklich so weit bringen?« fragte Ibrahim, ganz electrisirt von dem Gedanken, daß er die zwei Geschwister Adlerhorst wieder in seine Gewalt bringen werde.«

»Sehr leicht.«

»Er wird aber nichts ausplaudern!«

»Wir zwingen ihn.«

»Der Euer Gast ist?«

»Das wird er doch nicht ewig sein. Er wird unser Lager verlassen, und wir folgen ihm nach. Nun aber sage mir im Vertrauen, ob Du wirklich einen Anschlag auf das Leben des Bey von Tunis gemacht hast.«

»Davon spricht man nicht.«

»Auch zu mir, Deinem Verbündeten, nicht?«

»Nein.«

»Gerade aus dieser Verschwiegenheit errathe ich das Richtige. Hättest Du nichts gethan, so könntest Du mit einem Nein auf meine Frage antworten. Aber die Erzählung von dem Mordanfall in Stambul war wohl eine Lüge?«

»Eine sehr große Lüge,« antwortete der Graf.

»So wollte ich, es wäre Wahrheit, und die Absicht wäre gelungen. Dann könnte dieser Mensch sich nicht als ein Bote des Khedive bei uns befinden. Aber – – –«

Er sprach nicht weiter, aber er streckte seine Fäuste aus und betrachtete sie mit einem Blicke, in welchem sich die feste Ueberzeugung aussprach, daß er Sieger sein werde. Der Graf sah das und fragte:

»Wirst Du Dich nicht irren?«

»Darin, daß ich die Drei überwinden werde?«

»Ja.«

»Da ist ja gar kein Irrthum möglich.«

»Der Fremde ist auch stark!«

»So nicht, wie ich. Ich schlage ein zweijähriges Kameelfüllen mit einem Hieb zu Boden. Wer thut mir das nach? Keiner von Euch.«

»Aber Einer gegen Drei! Du wirst ermatten.«

»Es giebt ja gar keinen Kampf. Ich gebe jeden einen Hieb auf den Kopf, und er ist todt.«

»Ich würde Dir vorschlagen, den Fremden zuerst zu nehmen.«

»Warum?«

»Weil er der Stärkere ist. Es ist klug, die schwerste Arbeit zuerst vorzunehmen.«

Falehd blickte ihn von der Seite an, lachte vor sich hin und fragte ihn dann:

»Ist dies wirklich Dein Grund?«

»Ja.«

»Wie klug Du bist! Wenn ich ihn tödte, seid Ihr Euren Feind los. Das willst Du aber nicht aussprechen. Ich weiß es dennoch. Aber ich will Euch gern den Gefallen thun. Mir gilt es gleich, wer eher in die Hölle wandert, er oder die Söhne des Blitzes.« –

Nachdem die Versammlung der Aeltesten aufgelöst worden war, hatte Steinbach den bereits erwähnten Alten bei Seite genommen und ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, daß er Geschenke von dem Vicekönige zu überbringen habe.

Diese Nachricht hatte bei den Beduinen die größte Freude erregt. Er gestand:

»Ich gehöre zu Denen, welche den Vicekönig lieben. Dazu gehört die Mehrzahl unserer Krieger.«

»Doch Falehd nicht?«

»Nein. Darum ist es mir für die Zukunft bange. Er als Scheik wird nicht auf guten Wegen wandeln.«

»Auch Du thust ganz so, als ob es sicher sei, daß er diese Würde erhalte.«

»Das ist auch sicher. Zwar habe ich seinen Uebermuth zurückgewiesen; aber morgen ist der Kampf, und Keiner wird ihn besiegen. Ich werde um Mitternacht die Sure des Todes für Tarik und Hilal beten. Erlaube, daß ich dabei auch Deiner Seele gedenke!«

Er hatte das in einem sehr ernsten, ja traurigen Tone gesprochen. Steinbach fragte:

»So ist es also ganz sicher, daß die beiden Brüder unterliegen werden?«

»Ganz gewiß. Sie sind uns Allen doch so genau bekannt wie auch er; darum wissen wir, was ihrer wartet. Ich weiß nicht, warum auch Du auf den Gedanken gekommen bist, nach dem Preise zu ringen. Wußtest Du etwa nicht, daß es ein Kampf auf Leben und Tod ist?«

»Ich wußte es.«

»So mache Deine Rechnung mit dem Leben quitt, und bestelle Dein Haus. Wir sind allein. Theile mir die Botschaft mit, welche Dir anvertraut worden ist. Mein Herz wird sie so lange bewahren, bis die Zeit gekommen ist, in welcher sie Nutzen und Früchte bringt. Der Vicekönig braucht viele Soldaten, und für diese muß er Gewehre und Munition haben. Wenn dies nicht wäre, so hätte ich ihn durch den Boten bitten lassen, uns eine Anzahl von Gewehren zu senden.«

»Welchen Boten meinst Du?«

»Hilal, mit welchem Du ja wohl gekommen bist.«

»So hast Du gewußt, daß er von der Königin zu dem Vicekönig geschickt worden ist?«

»Nicht nur gewußt habe ich es, sondern ich bin es sogar gewesen, der ihr den Rath gegeben hat, diesen treuen Mann nach Kairo zu senden.«

»So bist Du vertraut mit ihr und ihren Ansichten?«

»Ich bin ihr Vertrauter und ihr Rathgeber. Hast Du vorhin nicht bemerkt, daß ich möglichst gegen Falehd aufgetreten bin? Er ist ihr Feind und der Feind seines eigenen Stammes. Sobald er der Anführer wird, ist es mit dem Frieden vorbei, dessen wir uns erfreuen. Er ist ungerecht und gewaltthätig, und wird uns bald die umliegenden Stämme auf den Hals bringen. Sein Anhang im Lager ist nicht groß; aber er wird Euch morgen besiegen und also Scheik werden. Dann hat er die Macht, und selbst seine Gegner müssen ihm gehorchen.«

»So will ich Dich beruhigen. Zweierlei habe ich Dir zu sagen; ist dies geschehen, so wird Deine Sorge verschwunden sein.«

»Du machst mich sehr neugierig. Ich kenne nichts, was im Stande sein kann, die Sorgen zu zerstreuen, welche gerade jetzt auf unserem Stamme liegen.«

»Nun, so höre erstens, daß Falehd nicht Euer Scheik sein wird.«

»Das ist unmöglich.«

»Ich weiß sehr wohl, daß Ihr Alle ihn für unüberwindlich haltet, wenn – –«

»Wenn es sich um einen Faustkampf handelt,« fiel der Alte ein. »Er ist der nächste Verwandte. Als solcher hat er die Waffen zu bestimmen, und er wird sich hüten, Flinte, Lanze oder Messer zu wählen. Dabei könnte er selbst von einem Schwächeren verwundet oder getödtet werden, während er beim Kampfe mit der Faust sicher ist, jeden Gegner nieder zu schlagen.«

»Mich nicht. Ich war in einem Lande, wo der Faustkampf noch in anderer Weise gepflegt wird als bei Euch. Ich würde zehn solche Gegner wie Falehd, wenn ich mit ihnen zu ringen hätte, nach einander niederschlagen, zehn und auch noch mehr.«

Der Alte blieb stehen, blickte den Sprecher erstaunt an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Du sprichst, als seiest Du Deiner Sache ganz gewiß; aber Du kennst den Riesen nicht!«

»Du kennst auch mich nicht. Sei überzeugt, daß in meinem Herzen in Beziehung auf den morgenden Kampf nicht die mindeste Sorge herrscht.«

»Wollte doch Allah geben, daß Du Recht behieltest! Du bist allerdings groß und stark, größer und stärker als einer der Unserigen, Falehd ausgenommen; dennoch glaube ich kaum, daß Deine Körperkraft der seinigen gleich kommt. Aber da Du sagst, daß Du Dich im Faustkampfe geübt habest, so ist es ja möglich, daß Du ihm in Beziehung auf die Gewandtheit überlegen bist. In diesem Falle wäre es vielleicht möglich, daß Du ihn besiegtest.«

»Das wird sicherlich geschehen. Wem gehört dann die Königin?«

»Dem Sieger, also Dir.«

»Trotzdem ich kein Angehöriger Eures Stammes und nicht einmal ein Beduine bin?«

»Trotzdem. Durch ihren Besitz wirst Du das, was ihr erster Mann war, ein Beni Sallam und sogar der Scheik des Stammes.«

»Bin ich aber dann gezwungen, sie zum Weibe zu nehmen?«

»Nein. Du könntest sie an einen Anderen abgeben müssen, welcher dann mit Dir um sie kämpft. Findet sich aber ein solcher nicht, so mußt Du bei uns bleiben.«

»Und was geschieht mit Falehd?«

»Was soll mit ihm geschehen?« fragte der Alte ganz erstaunt. »Er wird begraben.«

»Wenn er nun nicht todt ist?«

»Wenn Du ihn besiegest, so ist er ja todt!«

»Wenn ich nun die Absicht hätte, ihn nicht zu tödten?«

»Das ist kaum möglich. Erstens würde er sich so lang wehren, bis er todt ist, und zweitens könnte er, falls Du der Sieger bist, doch nur dann am Leben bleiben, wenn er Dich um Gnade bäte. Das thut ein Sohn der Steppe nie; lieber stirbt er; denn in diesem Falle würde er aus dem Stamme gestoßen. Das ist die größte Schande, welche einem Krieger widerfahren kann.«

»Nun, wir werden ja sehen, ob Falehd den sicheren Tod dieser Schande vorzieht!«

»Du siehst mich im höchsten Grade erstaunt über das Vertrauen, welches Du zu Dir hast. Du sprichst ganz so, als ob es für Dich gar keine Möglichkeit zu unterliegen gebe.«

»Die giebt es auch nicht. Du kannst davon ganz ebenso überzeugt sein wie ich.«

»So möchte ich allerdings diese schwere Sorge bereits heut Abend schon von mir werfen. Das war das Erste. Wolltest Du vorhin nicht auch noch ein Zweites sagen?«

»Ja. Aber vorher bitte ich Dich, mir Deinen Namen zu nennen. Du hast ihn mir noch nicht gesagt; aber fast vermuthe ich, daß Du Kalaf heißest.«

»So heiße ich allerdings. Woher weißt Du das?«

»Hilal, Euer Bote, hat, als er den Vicekönig sprach, auch Deinen Namen rühmend genannt. Du seist der vertraute Rathgeber der Königin und ein Freund des Khedive. Da Du Dich nun vorhin ihren Vertrauten nanntest, so vermuthete ich, daß Du dieser Kalaf seist.«

»Hilal hat die Wahrheit gesagt. Ich bin es.«

»Darf ich vielleicht wissen, ob Ibrahim Pascha Euch Geschenke mitgebracht hat?«

»Gar nichts.«

»Aber der Russe doch wohl?«

»Auch nichts. Sie haben uns nur Versprechungen gemacht. Beide wollen, daß der Riese Scheik werde. Ich vermuthe, daß dann die Stämme der Wüste unter seiner Anführung in Egypten einfallen sollen. Es würde Aufruhr und Empörung entstehen; der Sultan müßte Truppen und Schiffe senden; er würde sich also entblößen, und dann hätte der Russe ein leichtes Spiel, seine Absichten zu erreichen. Bezahlt sollen wir dann werden mit vielen Silberthalern, und außerdem soll uns der Raub gehören, den wir machen.«

»Und darauf will Falehd eingehen?«

»Ja.«

»Schändlich! Also die armen egyptischen Fellahs, welche selbst kaum zu leben haben, sollen ausgeraubt werden. Das ist mehr als grausam. Da komme ich doch mit anderen Vorschlägen. Und außerdem bringe ich Euch Geschenke.«

»Ah! Dem Stamme?«

»Der Königin, den beiden Söhnen des Blitzes und auch Dir.«

»Mir?« fragte der Alte in freudigem Erstaunen.

»Ja, Dir.«

»Das ist ja noch gar niemals dagewesen!«

»So freut es mich desto mehr, der Ueberbringer zu sein. Das Allerbeste aber ist, daß ich auch dem Stamme Geschenke bringe. Das war das Zweite, von welchem ich sagte, daß es Dein Herz von der Sorge, welche Du hegst, befreien werde. Du wünschtest vorhin Gewehre, diesen Wunsch kann ich Dir im Auftrage des Vicekönigs erfüllen.«

»Hamdulillah – Preis sei Gott! Du hast Gewehre mitgebracht?«

»Gewehre und Munition.«

»Wie viele?«

»Dreihundert Kriegsgewehre, nicht solche alte Flinten, wie Ihr jetzt habt, bei denen jeder zweite Schuß versagt.«

»Bessere etwa?«

»O, viel, viel bessere!«

Kalaf machte trotz seiner Würde und seines Alters einen Freudensprung und rief aus:

»Bessere! Viel bessere! O Allah, Allah!«

»Pst! Schrei nicht so! Ich habe Dich hier abseits geführt, damit Niemand unser Gespräch hören soll.«

»Verzeihe! Aber gute Gewehre sind für den Beduinen das Aller-, Allernothwendigste. Darum freute ich mich so. Vor einiger Zeit war ein Händler bei uns, welcher uns erzählte, daß es jetzt sogar Wara-barudawir gebe. Ist das wahr?«

Wara heißt im Arabischen so viel wie ›hinten‹, und Barudawir heißt ›Gewehre‹ Er meinte also jedenfalls die Hinterlader.

»Ja, die giebt es,« antwortete Steinbach.

»Allah ist groß! Sollte man glauben, daß es möglich ist, eine Flinte von hinten zu laden!«

»Es geht das viel leichter und schneller, als wenn man von vorn ladet.«

»Es giebt ein Volk, welches Nemtsche genannt wird. Kennst Du es vielleicht?«

»Ja; es sind die Deutschen.«

»Dieses Volk soll solche Rückwärtsflinten haben?«

»Es hat Hunderttausende solcher Gewehre.«

»Die Nemtsche sollen vor Kurzem einen großen, gewaltigen Krieg gegen die Franzeska mit diesen wunderbaren Flinten gewonnen haben. Der Händler erzählte, sie hätten Schlachten gewonnen, in denen sie hunderttausend Gefangene gemacht und sogar hunderte von Kanonen erobert hätten.«

»Das ist sehr wahr.«

»Das muß ein sehr kluges und ein sehr tapferes Volk sein!«

»Ich will das sehr gern zugeben.«

»Warst Du etwa dort bei diesen Nemtsche?«

»Ja; ich bin dort geboren. Ich bin ein Nemtsche.«

»Allah l'Allah! So hast Du wohl auch bereits mit solchen berühmten Flinten geschossen?«

»Mehr als tausend Mal.«

»Gott thut Wunder über Wunder! Jetzt sendet er uns einen Nemtsche! Warst Du mit bei diesen Schlachten?«

»Ich war dabei.«

»O, da wirst Du uns viel erzählen müßen! Wie freue ich mich darauf! Weißt Du, was mir bei diesem Volke der Nemtsche am Allerbesten gefällt?«

»Nun?«

»Sie haben alle Schlachten gewonnen; sie sind die Sieger; sie sind unwiderstehlich gewesen, und dennoch haben sie sich gegen das besiegte Volk wie Freunde verhalten. Das hat mich sehr, sehr gefreut. Der Händler erzählte, daß sie einen berühmten Kaiser haben, der noch älter ist als ich und Wi-che-lem genannt wird.«

»Wilhelm.«

»Ja, Wi– wi– wi-che-lem! Sodann haben sie einen Minister, dem sich beinahe die ganze Welt zu Füßen gelegt hat. Er heißt Bi-sa-mar-ka.«

»Ja, Bismarck.«

»So ist es, so! Ich weiß den Namen ganz genau, nicht wahr? Bi-sa-mar-ka. Und dann haben sie einen alten Obergeneral; der sieht aus wie ein Kotscha, wie ein Dorfschulmeister; aber er ist klüger und weiser als alle Krieger der Welt und gewinnt alle Schlachten. Sein Name ist Gra-fa Mo-le-te-ka.«

»Graf Moltke. Du hast Recht.«

»Kennst Du diese Drei?«

»Ich habe sie nicht nur gesehen, sondern sogar mit ihnen sehr oft gesprochen.«

»Was für ein glücklicher Mann Du bist! Aber daraus ersehe ich, daß Du nicht ein gewöhnlicher Krieger bist, sondern ein Anführer, ein Scheik.«

»Ich bin ein Bey. Es gehorchen mir viele Reiter.«

»Das dachte ich mir. Aber, sage mir, wenn diese Flinten von hinten geladen werden, so wird mit ihnen wohl auch nach hinten, nach rückwärts geschossen?«

»Nein, das wäre nicht gut möglich,« lachte Steinbach. »Man öffnet den Lauf am Schlosse und schiebt die Patrone da hinein; dann schließt man ihn wieder und drückt ab.«

»So ist das! Der Händler sagte, man könne in einer Minute wohl zwanzig Mal losdrücken. Ist das wahr?«

»Ja.«

»Und an diesen Flinten soll kein Feuerstein und keine Lunte sein, sondern es steckt anstatt des Schlosses ein Jjnelik an dem Kolben. Ist auch das wahr?«

Jjnelik heißt Nadelbüchse. Darum antwortete Steinbach:

»So ein Jjnelik, wie Du wohl bei den nähenden Frauen gesehen hast, ist es nicht. Im Schlosse des Gewehres befindet sich eine Nadel; wenn diese in die Patrone sticht, entzündet sie die Ladung und der Schuß geht los; darum werden diese Flinten Zündnadelgewehre genannt.«

»Gott ist groß, er ist der Größte; ihm ist Alles möglich! Jetzt hat er Euch sogar gelehrt, mit einer Stecknadel alle Eure Feinde zu erschießen! Wenn ich doch noch so lange lebte, bis ich einmal so ein Gewehr sehen kann. Eins gar zu besitzen, dieser Wunsch wäre ja vermessen!«

»O, Du sollst ja eins besitzen.«

»Wie? Was? Ist's wahr, ist's möglich?«

»Ja. Die Gewehre, welche Euch der Vicekönig durch mich sendet, sind ja solche Zündnadelflinten.«

»Bist Du verrückt? Verzeihe mir! Aber so Etwas zu glauben ist mir doch nicht möglich!«

»Es ist wahr.«

»Wahr! Wahr! Allah, Dir sei Preis und Dank nun und in alle Ewigkeit und auch noch viel, viel länger! Wie viele solcher Gewehre bringst Du mit? Eins? Zwei?«

»Dreihundert.«

»Dreih– – – sage das Wort noch einmal!«

»Dreihundert.«

»Dreihun– – Du hast Dich doch wohl versprochen? Du willst sagen, drei Gewehre, drei Stück!«

»Nein; ich bringe volle dreihundert Stück.«

Der Alte griff sich mit beiden Händen an den Kopf und sagte:

»Das kann ich nicht fassen. Das ist zu viel. Dreihundert Stück! Zwanzig Schüsse in der Minute! Wie viele Feinde könnte man da in einer Minute erschießen! Das kann ich gar nicht ausrechnen! Da reicht mein Kopf und mein Verstand nicht zu. Weißt Du es vielleicht?«

»Sechstausend.«

»Sechstausend Feinde in einer Minute! O Allah, Allah! In einer Minute sechstausend Feinde mit Stecknadeln erschießen! Wenn das nicht Allah erfunden hätte, so könnte man sicher sein, daß nur der Teufel diese Erfindung gemacht habe. Aber hast Du auch Munition dazu?«

»Für jede Flinte fünfzig Patronen.

»Fünfzig! Bei allen Himmeln, nun sind die Beni Sallam unüberwindlich! Aber wo hast Du die Gewehre?«

»Draußen vor dem Lager.«

»Auf Kameelen?«

»Ja.«

»Warum bringst Du sie nicht herein?«

»Weil ich erst wissen wollte, was bei Euch vorging, und weil Falehd noch nicht gleich zu erfahren braucht, was ich den Anhängern der Königin bringe. Denn nur für diese sind die Flinten bestimmt.«

»Das ist sehr, sehr weise gehandelt.«

»Du kannst Dir natürlich denken, daß der Vicekönig Euch nicht so viele dieser herrlichen Gewehre schenkt, damit Ihr dann mit denselben gegen ihn kämpft.«

»Natürlich! Das sehe ich ein! Aber wenn nun einmal die Patronen alle werden?«

»So sendet Euch der Khedive andere.«

»Schön, sehr schön! Weißt Du, was wir machen werden?«

»Nun?«

»Wie sind die Flinten verpackt?«

»In große Bastmatten.«

»So sieht man von Außen nicht, was in den Matten steckt?«

»Nein.«

»Gut. So behalten wir Beide das Geheimniß noch für uns. Höchstens der Königin und Hilal und Tarik theilen wir es mit. Jetzt aber schaffen wir die Gewehre nach der Ruine. Dort können sie so verwahrt werden, daß es den wenigen Anhängern des Riesen unmöglich ist, zu ihnen zu gelangen. Bist Du einverstanden?«

»Ja. Es ist dies ja das Beste, was wir thun können.«

»Hast Du sonst noch Etwas zu sagen oder zu fragen?«

»Nur noch das, ob Ibrahim Pascha und der Russe vielleicht entfliehen können?«

»Ich werde von heut an die Wachen verdoppeln, welche aufmerken werden. Die Beiden sind zwar Gäste des Stammes, so daß ich sie nicht zurückhalten kann, wenn sie uns verlassen wollen; aber ich würde es Dir sofort melden lassen, damit es Dir möglich wäre, ihnen augenblicklich nachzujagen. Jetzt aber komm, und laß uns zu den Kameelen gehen!«

Sie kehrten in das Lager zurück, durch welches sie quer zu schreiten hatten. Da begegnete ihnen der Mueddin, welcher vorher die Beschlüsse der Versammlung von der Ruine herab ausgerufen hatte. Der Alte hielt ihn fest und sagte:

»Kennst Du diesen Mann?«

»Nein.«

»Das ist der Geist der Ruine, vor welchem Du vorhin so ausgerissen bist.«

»O nein! Das ist ja ein Mensch, ein Mann!«

»Natürlich!«

»Der Geist hat ja Feuer gespeit.«

»Dieser Mann that es.«

»Das ist unmöglich!«

»Soll ich etwa jetzt noch einmal Flammen speien?« fragte Steinbach, indem er dem Mueddin näher trat.

»Nein, nein! Allah behüte mich vor dem neunundneunzig Mal geschwänzten Teufel! Gott ist groß; er ist der Einzige, und Muhammed ist sein Prophet!«

Er riß sich von dem Alten los und eilte ganz entsetzt von dannen. Die Beiden gingen weiter, wurden aber baldigst wieder angehalten. Ein junger Araber trat auf Steinbach zu und sagte in freudigem Tone zu ihm:

»Allah sei Dank, daß ich Dich finde. Ich habe Dich gesucht.«

»Wer bist Du?«

»Du kennst mich nicht? Ja, es ist hier finster, und ich trage beduinische Kleidung. Schau her!«

Er warf die Kaputze ab, und nun erkannte ihn Steinbach:

»Saïd, der Arabadschi!«

»Ja, der bin ich, Herr!«

»Gut, daß ich Dich treffe! Wie ist es gekommen, daß Ihr zu den Beni Sallam gegangen seid?«

»Ich weiß es nicht. Mein Herr hat mir nichts gesagt.«

»Wir haben Euch überall gesucht, doch vergebens.«

»Wir blieben nur kurze Zeit in Alexandrien und gingen dann nur für einen Tag nach Kairo. Dann reisten wir nach hier weiter.«

»Auch Euer Schiff suchte ich und fand es nicht.«

»Wir wurden an das Land gesetzt, und dann ging es sogleich wieder fort; wohin, das weiß ich nicht. Kannst Du mir nicht sagen, wo sich Zykyma, meine Gebieterin, befindet?«

»Sie ist in der Ruine bei der Königin.«

»Wird sie dort bleiben?«

»Ja.«

»Herr, laß mich zu ihr! Ich will bei ihr sein, nicht aber bei dem Pascha, den ich hasse.«

»Wo ist er jetzt?«

»Der Riese kam zu ihm, um ihn abzuholen. Beide wollen mit dem Russen das Lager umwandern, um die Wächter zu inspiciren.«

»Ah, da treffen sie wohl auch auf meine Kameele. Wir müssen eilen. Komm mit, Saïd!«

Sie mußten an der Ruine vorüber. Dort führte Steinbach den braven Arabadschi hinauf zur Königin, um ihn ihr zu empfehlen. Dann ging er mit dem Alten weiter.

Als sie den Rand der Oase erreichten, erblickten sie draußen in der wüsten Ebene, da, wo Steinbach die Kameele mit den Fellahs gelassen hatte, das Licht einer Fackel, und zugleich hörten sie von dorther laute, zankende Stimmen ertönen.

»Komm!« sagte Steinbach. »Wir müssen eilen. Es scheint sich da draußen Etwas zu begeben.«

Sie eilten fort. Je naher sie der Stelle kamen, desto lauter ertönten die Stimmen. Als sie den Ort erreichten, erkannten sie den Riesen, den Pascha und den Russen. Diese Drei standen den beiden Brüdern Hilal und Tarik gegenüber, welche sich hinaus zu den Thieren begeben hatten, damit mit der kostbaren Ladung nichts geschehe. Dann war Falehd mit seinen Begleitern und einem Fackelträger gekommen und hatte den Zank begonnen.

»Hier wird kein Lager geduldet!« sagte er. Diese Kameele haben nach der Oase zu kommen!«

»Das werden sie auch,« antwortete Hilal.

»So schafft sie herein!«

»Erst muß Masr-Effendi erwartet werden.«

»Ich habe keine Lust, zu warten.«

»So gehe! Wir brauchen Dich nicht.«

»Oho! Das Gepäck muß untersucht werden. Wir haben die Abgaben zu verlangen, welche ein Jeder zu entrichten hat, der durch unser Gebiet zieht.«

»Masr-Effendi zieht nicht durch unser Gebiet, er bleibt bei uns und ist unser Gast. Er ist kein Kaufmann, welcher die Abgabe zu bezahlen hätte, sondern ein Gesandter des Vicekönigs von Egypten.«

»Also ein Bote unseres Feindes! Grad darum muß ich wissen, was sich, in diesen Packeten befindet.«

»Du mußt es wissen? Warum Du?«

»Weil ich der Anführer bin.«

»Oho! Dasselbe könnte auch ich mit demselben Rechte behaupten, denn ich habe ganz so wie Du die Absicht, um die Königin zu kämpfen.«

»Nun, so wollen wir sehen, ob Ihr es wagen werdet, mich zu hindern, diese Packete zu öffnen.«

»Sie haben das nicht nöthig; ich selbst werde es thun.«

Das erklang hinter dem Riesen. Er fuhr herum und stand nun Steinbach gegenüber.

»Teufel und Hölle!« rief er. »Was willst Du hier?«

»Geht das Dich Etwas an?«

»Ja.«

»Das glaube ich nicht. Dennoch aber will ich die Freundlichkeit besitzen, Dir zu sagen, daß ich hierher komme, weil diese Thiere sammt ihrer Ladung mein Eigenthum sind.

»Was hast Du geladen?«

»Das ist nicht Deine Sache!«

»Hüte Dich, mich zu erzürnen! Ich gebiete Dir, mir meine Fragen augenblicklich und der Wahrheit gemäß zu beantworten! Deine Seele könnte Dir sonst bereits schon heut aus dem Leibe getrieben werden!«

»Gut, ich will Dir antworten. Ich werde jetzt diese Thiere in das Lager bringen lassen und diese Ladung der Königin übergeben.«

»Das dulde ich nicht!«

»Schön! So habe ich Dir nur diese beiden Dingerchen zu zeigen, von deren Wirkung Du wohl noch nichts erfahren hast.«

Er zog die beiden Revolver hervor und hielt sie ihm entgegen. Der Riese trat zurück und rief:

»Willst Du etwa schießen?«

»Ja. Jede dieser kleinen Waffen hat sechs Schüsse. Ehe Du nur den Arm erhebst, bist Du eine Leiche. Du sollst und wirst erfahren, womit meine Packthiere beladen sind; aber zu einer Antwort zwingen lasse ich mich nicht. Warte bis morgen nach dem Kampfe.«

Falehd hätte den Deutschen am Liebsten niedergeschlagen, aber er fürchtete sich vor den Revolvern. So klein diese Waffen waren; er als Riese konnte nichts dagegen machen. Daher sagte er zornig:

»Gut, ich will nachsichtig sein. Du bist doch dem Tode verfallen. Ich erlaube Dir also, Deine Waaren in das Lager und zu der Königin zu bringen!«

»Sei nicht thöricht! Du hast nichts zu verbieten und nichts zu erlauben. Ich thue, was mir gefällt!«

»Dein Maul ist sehr groß. Wollen sehen, ob Deine Tapferkeit auch so groß ist. Weil Du so dicke thust, sollst Du von Euch Dreien der Erste sein, mit dem ich kämpfe.«

»Das ist mir lieb, denn da werde ich Dir die Prahlerei austreiben, ohne daß die beiden Andern sich vorher mit Dir zu belästigen und zu verunreinigen brauchen.«

Das Wort Verunreinigung enthält, in dieser Weise gebraucht, eine fürchterliche Beleidigung für den muhammedanischen Araber. Falehd hatte sich bereits zum Gehen gewendet. Jetzt, als er dieses Wort hörte, fuhr er blitzschnell herum und brüllte:

»Hund! Hältst Du mich vielleicht für das stinkende Aas eines abgestandenen Viehes?«

»So ungefähr, ja! Was solltest Du sonst sein? Dein Auftreten und Alles, was Du thust, ist roh, und Deine Worte, welche Du redest, stinken nach Dummheit. Du wagst es, mich einen Hund zu nennen. Ich habe Dir bereits mehrere Beleidigungen verziehen; verlange aber von mir nicht etwa, daß ich Dich für einen Helden und für einen Krieger halten soll, dem ich meine Achtung zu schenken habe!«

»Wurm und Sohn eines Wurmes! Soll ich Dich niederschmettern wie eine krepirte Ratte!«

»Sage noch so ein Wort, und ich jage Dir eine Kugel durch den Schädel! Ich zähle bis Drei. Bist Du da noch nicht verschwunden, so drücke ich ab!«

Er hatte seine Doppelbüchse vom Sattel seines Reitkameels gerissen und legte sie an. Es war ihm jetzt ernst damit.

»Eins – Zwei – – –«

Der Riese verschwand sammt seinen Begleitern; aber aus dem Dunkel der Nacht erschallte seine Stimme:

»Kröte! Morgen wirst Du vor mir im Staube kriechen und um Dein Leben betteln; ich aber werde Dich mit dem Fuße zertreten und die Aasgeier werden über Dich herfallen und in Stücke Dich zerreißen!«

Er konnte nur noch schimpfen. Steinbach hörte gar nicht darauf. Die Thiere, welche sich trotz ihrer Last gelagert hatten, mußten sich erheben und wurden nach der Ruine geführt und dort abgeladen.

Die Wächter, welche Tarik befehligt hatte, trugen die schweren Packete zu der Treppe empor und in ein hohes, ziemlich großes Gewölbe, welches saalartig neben den von der Königin bewohnten Räumen lag.

Erst als nachher die Eingeweihten sich allein bei einander befanden, wurden die Packete geöffnet. Wie erstaunten sie über die Gewehre und die Munition! Welche Freude hatte Badija, als Steinbach ihr mehrere kostbare seidene Gewänder überreichte und dann noch Ketten und Schmuckstücke hinzufügte!

Tarik und Hilal erhielten Jeder eine vollständige Garnitur kostbarer Waffen und einige Anzüge, wie sie für das Wüstenleben geeignet waren. Auch der alte Kalaf erhielt dasselbe. Er pries den Vicekönig in allen Tönen, deren seine Sprache fähig war, und es dauerte lange Zeit, ehe das Entzücken der Beschenkten einer ruhigeren Stimmung Platz gemacht hatte. Der Alte versicherte, daß der Khedive durch dieses Geschenk sich die ewige Freundschaft des Stammes erworben habe.

Endlich trennte man sich, denn Mitternacht war vorüber. Steinbach und Normann erhielten ein in der Ruine liegendes, kleines und unbewohntes Gemach angewiesen. Tarik und Hilal trauten dem Riesen nicht so recht. Sie stellten Posten um das Gemäuer und machten mit einander aus, sich in der Wache und Beaufsichtigung dieser Posten stündlich abzulösen. Da Hilal den anstrengenden Wüstenritt hinter sich hatte, so durfte er sich für die erste Stunde zur Ruhe legen.

Tarik lehnte oben, nicht weit von der Treppe, an der Brüstung und lauschte hinab auf das Lager und hinaus in die beinahe lautlose Wüste.

Zuweilen erscholl das bellende »I–au« eines Schakals, oder das tiefe »Onnau« einer herumschleichenden Hyäne; sonst war Alles still. Die Thiere der Heerden schliefen ebenso wie die Menschen. Nur er, Tarik, wachte mit seinen Leuten für die Sicherheit des Lagers, er und die Beduinenjünglinge, welche an der Ruine standen oder draußen um das Lager patrouillirten.

Sie allein? Wirklich? Wachte weiter Niemand?

O doch! Denn plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter, so plötzlich und unerwartet, daß er erschrocken zusammenfuhr, denn er hatte nicht das leiseste Geräusch eines nahenden Schrittes gehört.

»Fürchte Dich nicht, Tarik! Ich bin es,« sagte sie leise.

»Du, o Königin! Warum fliehst Du den Schlaf?«

»Aus Angst und Sorge.«

»Was sollte Dich beängstigen? Gerad seit heute hast Du keine Veranlassung mehr, irgend eine Sorge zu haben.«

»Glaubst Du?«

»Ja. Der mächtige Vicekönig ist Dein Freund. Er hat Dir Gewehre und Munition gesandt, um diese Freundschaft zu besiegeln. Der Stamm ist dadurch um das Zehnfache mächtiger geworden; er ist der mächtigste in der Umgebung vieler Tagereisen. Mit diesen dreihundert Gewehren können wir uns alle Feinde unterthänig machen.«

»Nur Falehd nicht!«

»Dazu bedarf es ja dieser Gewehre gar nicht. Er hat gegen Drei zu kämpfen. Einer wird ihn doch besiegen.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht! Selbst wenn ihn der Dritte besiegen sollte, sind die beiden Ersten bereits verloren. Wer wird sein erster Gegner sein?«

»Der Fremde. Falehd hat es ihm selbst gesagt.«

»Das ist Allah's Schickung!«

»Wieso?«

»Dieser Fremde ist ein herrlicher Mann. Es thut mir daher im tiefsten Herzen weh, daß er sterben soll; aber er scheint stark zu sein; bevor er besiegt sein wird, wird er einen solchen Widerstand geleistet haben, daß Falehd Dir und Deinem Bruder nur noch mit halben Kräften gegenübersteht. Vielleicht ist es dann möglich, daß er doch besiegt wird.«

»Natürlich werde ich kämpfen, so lange ich es vermag.«

»Wer wird der Zweite sein? Du oder Hilal?«

»Ich.«

»O Allah! Warum Du?«

»Ich – – ich bin der Aeltere.«

Fast hätte er gesagt: Ich bin ja Derjenige von uns Beiden, der Dich lieb hat; darum trete ich eher vor.

»Entscheidet denn das Alter?«

»Ja.«

»Könntest Du nicht warten bis zuletzt?«

»Warum sollte ich das?«

»Um Dich zu schonen.«

Sie stand ganz nahe an ihm. Ihr weißes, dünnes Gewand stach leuchtend von den dunklen Steinmassen ab. Er hörte ihren Athem, er fühlte sogar die Lebenswärme, welche ihr schöner, jungfräulicher Körper ausstrahlte. Es war ihm so süß und doch auch so traurig zu Muthe. Wo stand er morgen um diese Zeit? Wahrscheinlich lag er da bereits mit zerschmettertem Schädel unter dem Sande der Wüste! Doch schüttelte er diesen Gedanken von sich ab und antwortete:

»Um mich zu schonen? Fast sollte ich Dir zürnen.«

»Weshalb?«

»Nur ein Feigling kann sich schonen.«

»Ich wollte Dich nicht beleidigen. Verzeihe mir!«

Sie hielt ihm das kleine, hellbraune Händchen hin, und als er es ergriff, war es ihm, als ob alle Wonnen und Freuden des Paradieses ihn durchzuckten. Und dennoch behielt er es nicht in der seinigen. Sie stand so hoch über ihn! Nicht daß sie reich war, machte ihn zurückhaltend; o nein; der Sohn der Wüste verachtet den Reichthum. Aber sie war so schön, so gut, so rein. Sie war für ihn der Inbegriff alles Hohen, Erhabenen und Herrlichen. Wie hätte er seine Wünsche so hoch steigen lassen können! Er wußte, daß der verstorbene Scheik sie nie hatte berühren dürfen. Würde sie einem Anderen, würde sie – – ihm, ihm ihre Liebe schenken können? Nein, nein und abermals nein!

Er gab ihr ihr Händchen zurück, legte den Ellbogen auf die Brüstung und den Kopf in die Hand. Er richtete das Gesicht nach oben, nach dem Firmamente, als ob er da die leuchtenden Punkte desselben schauen wolle. Aber er sah nicht hinauf. Sein Auge hing in Entzücken und doch auch in tiefer Wehmuth an dem Sterne, welcher neben ihm stand.

So waren sie Beide eine ganze Weile still. Auch sie sah hinauf zum Himmel. Da fiel eine Sternschuppe.

»Hast Du ihn gesehen?« fragte sie.

»Wen? Was?«

Er hatte ja nur sie gesehen, nur sie.

»Es fiel ein Stern.«

»Ich sah ihn nicht.«

»Weißt Du, was das bedeutet?«

»Ja. Wenn ein Stern fällt, ist ein Mensch gestorben.«

»Nur dann, wenn der Stern über den Horizont hinunterfällt. Aber schau! Sahst Du das?«

»Nein.«

»Ich denke. Du betrachtest die Sterne!«

»Nur einen, einen einzigen!«

»Es fiel wieder einer, hielt aber mitten im Falle inne und blieb dann stehen. Weißt Du, was das bedeutet?«

»Nein.«

»Dann hat Allah einen Menschen von einer Stelle hinweg genommen und an eine andere gesetzt. So werden arme Soldaten zu Pascha's, oder niedrige Schreiber zu Effendi's.«

»Aber auch reiche Männer zu Bettlern!«

»Ja. Es kommt darauf an, ob der Stern fällt oder steigt.«

Wieder schwiegen Beide, bis Tarik bemerkte:

»So hat also ein jeder Mensch seinen eigenen Stern!«

»Seinen Lebensstern!«

»Welcher mag der meinige sein?«

»Und der meinige. Weißt Du, daß die Sterne zweier Menschen, welche Mann und Weib werden, sich einander nähern, bis sie sich endlich gar vereinigen?«

»Ich habe davon gehört.«

»Da oben, gerade über uns, sind zwei, welche ganz gewiß noch in einander fließen. Wem sie wohl gehören mögen?«

Wieder trat eine Pause ein. Sie hatten über der Betrachtung des Firmamentes fast ihre irdischen Verhältnisse vergessen. Da fragte Badija:

»Sage mir, Tarik, warum Du morgen gegen den Riesen kämpfest!«

»Um Dich zu befreien.«

»Das ist der Grund?«

»Ja.«

Sie senkte das kleine, charakteristische Köpfchen. Fast war es ihr, als ob sie ihm schmollen müsse. Er hätte doch eigentlich anders antworten können! Warum sagte er denn nicht: Ich kämpfe mit ihm, weil ich Dich liebe! Und nun war er gar wieder still geworden. Es ist nicht gut und erfreulich, wenn man mit einem Menschen sprechen will, so recht von ganzem Herzen, und er fällt nach einem jeden Worte wieder in tiefes Schweigen.

»Wenn Du nun gewännest!« sagte sie.

»Was meinest Du?« umging er die schwierige Antwort.

»Nun, man kämpft ja um mich!«

»Wenn ich gewänne, so würdest Du frei sein!«

»Warum?«

»Wie fragest Du doch nur! Ich kämpfe ja, um Dich von Falehd zu befreien. Uebrigens werde ich wohl nicht der Sieger sein. Wird Falehd wirklich überwunden, so ist es der Fremde, welcher ihn besiegt. Hilal sagte es auch.«

»Warum sagte er es?«

»Er hat mir anvertraut, daß dieser Masr-Effendi vielleicht noch stärker ist als Falehd. Er hat ein halb wildes Pferd bei den Nüstern ergriffen und zu Boden geworfen, daß es sich zweimal überschlug. Und der andere Fremde, Normann-Effendi, hat erzählt, daß Masr-Effendi auf dem Schiffe den eisernen Anker ergriffen, emporgehoben und dann umhergetragen habe.«

»O Allah! Wenn er siegte!«

»Wäre Dir das lieb?«

»Wie lieb! Wie sehr lieb!«

Tarik fühlte einen Stich in seinem Herzen. Er sagte:

»Ja, er ist ein stolzer und sehr schöner Mann!«

Badija antwortete nicht; darum fügte er hinzu:

»Und ein reicher und vornehmer Mann!«

»Warum sagst Du das?«

»Hm! Es wird ja um Dich gekämpft!«

Das waren ihre eigenen Worte, welche sie vorhin gesagt hatte. Es war ihr ganz so, als ob eine kleine, gelinde Art von Zorn in ihr emporwallen wolle. Sie wendete sich unmuthig ab und meinte:

»Du bist bös!«

»Ich? Wieso?«

»Weil Du solche Worte sagst!«

»Sie enthalten die Wahrheit. Wenn er Sieger wird, so mußt Du sein Weib werden.«

»Nimmermehr!«

»O, Du mußt!«

»Lieber sterbe ich!«

Da richtete er sich empor und blickte sie erstaunt an.

»Lieber sterben? Ist er der Mann dazu? O nein. Ich halte es für unmöglich, daß ein Mädchen lieber den Tod als ihn wählen könne.«

»Ich aber würde es thun!«

»Warum?«

Sie zögerte, stieß aber doch dann hervor:

»Ich mag nicht wieder einen Mann, den ich nicht liebe!«

»So könntest Du diesen wirklich nicht lieben?«

»Nein.«

»Und doch hat er alle Eigenschaften, welche dazu gehören, die Liebe eines Weibes zu erringen. Fast möchte ich glauben, daß Du niemals einen Mann lieben wirst.«

»Das ist bös von Dir, sogar grausam.«

»Wie! Du könntest lieben?«

»Ja, und so innig wie keine Andere!«

»Du liebst vielleicht schon gar?«

Sie wendete sich zur Seite, flüsterte aber doch ein Wort, welches er hörte.

»Habe ich recht gehört?« fragte er. »Du sagtest: Ja? Du liebst bereits?«

»Ja.«

Da riß es ihm die Hände förmlich an sein Herz. Es war, als ob dasselbe ihm zerspringen wolle, als ob er im nächsten Augenblicke ersticken müsse. Er bedurfte alle Anstrengung, um das fragende Wort hervorzubringen:

»Wen?«

Sie schwieg.

»Badija! Königin! Willst Du nicht antworten? Darf ich nicht wissen, wer es ist?«

»Du darfst,« hauchte sie.

Da, wirklich, da wagte er es in seiner Aufregung: Er ergriff ihre beiden Hände und bat in zwar leisem, aber desto flehenderem Tone:

»Sage es mir!«

»Das ist ja gar nicht nothwendig!«

»Warum nicht?«

»Weil Du es ahnen und erraten kannst.«

»Nur Allah ist allwissend. Sage es, sage es!«

Sie zögerte noch immer. Die weibliche Scheu sträubte sich dagegen, das erste Wort zu sagen. Da ließ sich von der Seite her ein Geräusch vernehmen.

»Hilal kommt!« drängte Tarik. »Hörst Du ihn? Bei allen Propheten und Kalifen, ich beschwöre Dich, mir zu sagen, wer es ist, Dem Du Dein Herz geschenkt hast!«

Da näherte sie ihr Gesichtchen dem seinigen. Ihre Augen leuchteten ihm entgegen, fast wie in phosphorescirendem Glanze, und aus ihrem Munde klang es zu ihm herüber:

»Das weißt Du wirklich nicht?«

»Nein.«

»Wirklich, wirklich nicht?«

*

23

»Nein, nein.

»Du bist es doch. Du, Du allein, ganz allein!«

Dabei schlang sie die vollen Arme um ihn, legte ihr Köpfchen an sein Herz und fragte:

»Glaubst Du es?«

»Ich? O – ah – ei – – – –«

Er brachte keine Antwort hervor.

»Liebst Du mich denn nicht auch?«

»Dich?« fragte er, wie abwesend.

»Mich, ja!«

»Mehr als mein Leben und meine Seligkeit!« entfuhr es ihm.

»Das wußte ich schon lange!«

Sie legte ihre warmen, vollen Lippen auf seinen Mund; ein Druck, ein süßer, knisternder Laut, und dann sprang sie gedankenschnell davon, denn dort, hinter den Steinen, ließ sich soeben Hilals weißer Burnus sehen.

»O Muhammed! O Allah! O Erde! O Welt! O Seligkeit! O – o – – o – – – ohhhhh!«

So stieß Tarik heraus. Er wußte gar nicht, was er sagte. Er wußte jetzt überhaupt gar nicht, wer er war, und wie ihm war. Er wußte nur, daß sie ihm gesagt hatte, daß ihr Herz ihm gehöre.

Und da stand jetzt Hilal und sagte:

»Tarik!«

Er antwortete nicht.

»Tarik!«

»Oh!«

»Was sagst Du?«

»Oh! Ah!«

»Was ist mit Dir?«

»O Allah!«

»Bist Du delil?«

»Nein.«

»Oder hejran?«

»Ja.«

Delil heißt nämlich verrückt, hejran aber verzückt.

»Hejran also! Worüber denn?«

»Oh!«

»Hörst Du nicht? Worüber Du verzückt bist?«

»Ah!«

»Da steht der Mensch mit aufgerissenen Augen, starrt mich und dann den Himmel an und ruft nur Oh oder Ah! So rede doch endlich! Was hat Dich so verzückt gemacht?«

»Oh Allah, Allah!«

»Allah ist's gewesen?«

»Nein.«

»Wer denn?«

»Oh! Ah! Allah illa Allah!«

»Gott, mein Gott, der Mensch schnappt über! Ich sah ein weißes Gewand, welches verschwand. War Jemand da?«

»Ja.«

»Wer?«

»Sie.«

»Wer ist diese Sie?«

»Sie, o sie, nur sie!«

»Etwa die alte Beni Abbas, welche wir mit Hiluja hierher gebracht haben?«

»Nein, nein, sondern die Königin.«

»Die Königin! Was wollte sie noch?«

»Es mir sagen.«

»Was?«

»Was ich nicht geglaubt und nicht geahnt habe.«

»Was hast Du denn nicht geahnt?«

»Daß sie mich liebt.«

Da seufzte Hilal erleichtert auf:

»Allah sei Dank! Jetzt weiß ich endlich, woran ich bin. Also das hat sie Dir gesagt?«

»Ja.«

»Und Du hast es nicht geahnt?«

»Nein, nie!«

»Ich habe es lange gewußt. Hast Du denn auch ihr gesagt, daß Du sie liebst?«

»Fast nein.«

»Fast nein? Tarik, Bruder, mach doch keine Dummheiten! Komm doch zu Dir! Du sprichst ja ganz so, als ob Du ein Fieber hättest.«

»Ich habe es!«

»Allah!«

»Ja, ich habe es, das Liebesfieber!«

»Nun, das wird sich legen! Also sage mir, ob Du auch ihr gesagt hast, daß Du sie liebst!«

»Sie fragte mich.«

»Weiter, weiter! Dieser Mensch hat das Antworten ganz verlernt. O Liebe, Liebe, Liebe!«

»Ja, Liebe, Liebe und zum dritten Male Liebe!«

»Schrei nicht so! Die Kameele und Schafe da unten brauchen nicht zu hören, welches Fieber Du hast! Antworte lieber!«

»Ja, ja!«

»Was denn, ja?«

»Ich habe es ihr gesagt.«

»Endlich, endlich! Allah sei gepriesen. Ihr seid also mit einander einig?«

»Ja, ja, ja, ja!«

»So gehe und lege Dich auf die Matte, um zu schlafen!«

»Nein, nein, nein, nein!«

»Was denn? Der Schlaf wird Dir Dein Gehirn am Besten wieder in Ordnung bringen.«

»Schlafen? Welch' eine Sünde! Ich könnte nicht schlafen, selbst wenn es sich um mein Leben handelte. Ich muß wachen, muß jauchzen, muß jubeln!«

»Pst. Still! Du hast zu schweigen. Es darf jetzt noch kein Mensch wissen, was geschehen ist und geschehen soll!«

»Nicht!? Aber es wird mir die Brust zersprengen, wenn ich es nicht laut hinausschreien kann!«

»Thue das später, vielleicht dann, wenn sie bereits zehn Jahre lang Deine Frau gewesen ist.«

»Spötter! Sünder! Herzloser Mensch!«

»Heute aber darf es Niemand hören!«

»Niemand? Gut, gut! Ich sehe mich auf mein Pferd und reite hinaus in die Wüste. Dort kann ich schreien und brüllen und rufen und jubeln, so viel wie ich will, ohne daß es Jemand hört.«

»Du bist verrückt!«

»Ja, beinahe!«

»Allah schütze Dich!«

»Er hat mich bereits beschützt! Er hat mir das größte Glück des Himmels und der Erde gesandt. Ich gehe. In einer Stunde bin ich wieder hier. Ich muß fort, wirklich fort, hinaus in die Wüste. Ich muß jubeln: sie liebt mich sie – sie – sie – –!«

Er war gegangen, so daß seine letzten Worte kaum noch hörbar hinter den Quadersteinen hervordrangen.

Hilal schüttelte den Kopf und flüsterte:

»Ich gönne es ihm! Er ist selig, der gute, gute Bruder. Er weiß vor Glück weder ein noch aus und ist im Stande, die größten Dummheiten zu machen. Was ist die Liebe doch für ein närrisches Ding! Ihn, den Ernsten und Bedächtigen, so zu verändern. Mit mir brächte sie das nicht fertig, nein – nein – gewiß! Ich würde ganz ernsthaft dabei sein, sehr ernsthaft!«

»Warum so ernsthaft?«

Er fuhr erschrocken herum. Er war ganz und gar überzeugt gewesen, allein zu sein. Er hatte seine letzten Worte nicht mehr blos gedacht, sondern wirklich ausgesprochen, und – – sie waren gehört worden. Vor ihm stand Hiluja's weiße, jugendliche Gestalt.

»Du bist es, Du?« fragte er, freudig erstaunt.

»Ja.«

»Und Du hast mich belauscht?«

»O nein. Als ich heraustrat, sagtest Du »sehr ernsthaft«, und darum fragte ich Dich.«

»Weiter hast Du nichts gehört?«

»Nein.«

»Wirklich, wirklich nicht?«

»Kein Wort. Es muß sich um etwas sehr Wichtiges handeln, da Du so besorgt bist, daß ich nichts gehört haben möge!«

»Es ist auch wirklich wichtig, sehr wichtig!«

»Wohl auch verschwiegen und geheimnißvoll?«

»Ja.«

»So daß ich es nicht erfahren darf?«

»Eigentlich darfst Du es nicht wissen.«

»Wenn ich es aber nun gern wissen möchte?«

»Ich würde ein Verräther sein.«

»O, ich verzeihe es Dir. Also sage es mir, um was so sehr Geheimnißvolles es sich gehandelt hat.«

»Um die Liebe.«

Er hatte es eigentlich nicht sagen wollen; nun war ihm das Wort aber doch entflohen. Jetzt war ihm um die Folgen bange.

Er hatte seit jenem Abend in Kairo auf der Dampfyacht des Engländers nicht wieder Gelegenheit gefunden, mit Hiluja allein zu sprechen. War sie ihm absichtlich ausgewichen oder nicht; er wußte das nicht zu sagen.

Erst war es ihm gewesen, als ob er sich über dieses Gespräch freuen solle; bald aber erinnerte er sich der großen Offenheit, mit welcher sie ihm gestanden hatte, daß sie beim Anblicke Steinbachs gefühlt habe, dies sei der Mann, den sie lieben könne. Dieses Geständniß machte ihm nachträglich große Schmerzen; es that ihm wehe, sehr wehe; es that ihm um so weher, je mehr und länger er darüber nachsann und grübelte.

Der gute Hilal war ein braver, tapferer Sohn der Wüste, aber kein Menschenkenner, kein Psycholog. Es kam ihm der Gedanke, daß er sich über das so offene Geständniß des schönen Mädchens nur zu freuen habe, gar nicht in den Sinn. Daß sie nur in Folge eines ganz ungewöhnlichen Vertrauens und einer herzlichen Zuneigung so zu ihm gesprochen haben könne, das sagte er sich nicht. Er war vielmehr der Ansicht, daß man ein solches Geständnis nur einem ganz und gar gleichgiltigen Menschen machen könne. Darum zog er sich in sich zurück und vermied Hiluja's Nähe. Desto heißer und mächtiger aber loderte die Liebe in seinem Innern, welches sie ganz erfüllte.

Während der Reise nach den Beni Sallam hatten sich die Beiden natürlich gesehen, auch das Nothwendige mit einander gesprochen, waren sich aber innerlich scheinbar fern geblieben. Er war vollständig überzeugt, daß sie nicht eine Spur von Zuneigung für ihn hege, und darum ärgerte er sich jetzt, daß er das verhängnißvolle Wort ausgesprochen hatte.

»Um die Liebe handelte es sich?« fragte sie. »Und das war so ernst? Also war es eine unglückliche Liebe?«

»Nein, eine sehr glückliche.«

»Warum war da so sehr viel Ernst dabei?«

»O, der Ernst war ja auf meiner Seite!«

»So warst der Liebende wohl nicht Du?«

»Nein.«

»Schon glaubte ich, es handele sich um Dich.«

»Nein, sondern um meinen Bruder.«

Auch das hatte er nicht sagen wollen. Aber wie das herrliche Wesen so licht und engelgleich vor ihm stand, war es ihm, als sei die Thüre seines Herzens so weit offen, daß sie tief, tief hineinschauen könne. Konnte er ihr da Etwas verschweigen? Sicherlich nicht!

»Dein Bruder also hat eine Liebe?«

»Ja.«

»Gewiß ein Mädchen der Beni Sallah.«

»Nein, o nein!«

Er hatte den schalkhaften Zug nicht bemerkt, welcher um ihre schön gezeichneten, vollen Lippen zuckte.

»Also eine Fremde?«

»Ja und nein. Sie ist eine Wittwe, welche früher zu einem anderen Stamme gehörte, und erst seit ihrer Verheirathung eine Beni Sallah ist.«

»Eine Wittwe?« fragte sie im Tone des Erstaunens. »Habt Ihr hier so wenig junge Mädchen, daß ein so berühmter Krieger, wie Tarik ist, sein Auge auf die trauernde Frau eines Verstorbenen richten muß?«

»O, diese Wittwe ist wunderbar schön!«

»Ah! So ist er wohl ganz entzückt?«

»Er war nicht nur entzückt, sondern ganz und gar verzückt, als ich eben kam, um ihn abzulösen.«

»Jetzt eben? So hat er wohl erst kürzlich an sie gedacht?«

»Sogar mit ihr gesprochen.«

»Wie ist er da zu beneiden!«

»Ach ja!« entfuhr es ihm seufzend.

»Darf ich wissen, wer sie ist?«

»Vielleicht. Aber ehe ich es Dir sagen kann, muß ich ihn natürlich erst fragen.«

»Das ist lobenswerth. Ein Mann muß verschwiegen sein.«

»Ein Weib nicht?«

»Wir sollen es auch, aber wir sind es weniger. Wir sind so offenherzig, daß wir Alles mittheilen. Ist das ein Vorzug oder ein Fehler?«

»Zuweilen ein Vorzug, meist aber ein Fehler.«

»Das Letztere ist zu beklagen. Aber Allah muß es doch so gewollt haben, sonst hätte er uns anders geschaffen. Ich werde mir dennoch Mühe geben, gerade so verschwiegen zu sein, wie Du, obgleich ich Dir auch etwas sehr, sehr Wichtiges mitzutheilen habe.«

»Wie? Du?«

»Ja, ich Dir!«

»So sage es.«

»Nein. Du würdest sagen, daß ich die Tugend der Verschwiegenheit nicht besitze.«

»Ist es denn in dieser Angelegenheit so nöthig, die Verschwiegenheit zu bewahren?«

»Vielleicht.«

»Um was handelt es sich?«

»Um die Liebe.«

»Ach, wie bei mir.«

»Ja, ganz so.«

»Ich errathe es.«

»Nun, was erräthst Du?«

»Du willst mich um Rath fragen.«

»Um Rath? Dich? Hm! Warum denkst Du das?«

»Du willst gern erfahren, ob er Dich wieder liebt.«

»Er? Mich? Wen meinst Du?«

»Masr-Effendi.«

»Allah 'l Allah! Er soll mich lieben?«

»Wünschest Du das nicht?«

»Warum sollte ich es wünschen?«

»Weil Du ihn liebst.«

Es that ihm wehe, mit solchen Worten sich selbst zu verwunden. Er blickte darum ernst, fast düster vor sich nieder. Darum bemerkte er die schalkhaften Geister nicht, welche sich auf ihrem Gesichtchen Rendez-vous gaben.

Sie lehnte sich neben ihn an die Brüstung, faltete die kleinen Händchen klatschend in einander und sagte:

»Ich liebe ihn? Diesen Mann? Woher weißt Du das?«

»Du selbst hast es mir gesagt.«

»Wann?«

»In Kairo, auf dem Schiffe.«

Sie sann einige Augenblicke nach und sagte dann:

»Jetzt besinne ich mich. Ich habe Dir gesagt, daß Steinbach-Effendi der Mann sei, den ich lieben könnte.«

»Ja, das sagtest Du.«

»Aber, daß ich ihn nun auch wirklich liebe, habe ich das gesagt?«

»Nein,« antwortete er zögernd.

»Du siehst also, daß ich Deines Rathes, von welchem Du vorhin sprachest, nicht bedarf.«

»So liebst Du ihn nicht?«

»Nein.«

»O Allah, Allah!« sagte er, indem sich seine Brust ganz erleichtert hob und senkte.

»Du seufzest! Was schmerzt Dich so?«

»Es war kein Schmerz, sondern –« Freude, hätte er fast gesagt; doch besann er sich noch und fuhr fort – – »Verwunderung darüber, daß ich mich so irren konnte.«

»Ja, geirrt hast Du Dich da allerdings sehr.«

»Aber wen liebst Du denn?«

»Ich? Muß ich denn auf alle Fälle lieben?«

»Du sagtest doch, daß es sich um die Liebe handele?«

»Aber doch nicht um die Meinige.«

Jetzt wurde es ihm noch viel, viel leichter.

»Also nicht! Von wessen Liebe hast Du denn gesprochen?«

»Das darf ich Dir nicht eher sagen, als bis ich sie gefragt habe.«

»Wen?«

»Meine Schwester.«

»Von ihrer Liebe also redest Du?«

»Woher weißt Du das?«

»Weil Du ihren Namen genannt hast.«

»Habe ich das? Wirklich? O wehe! Das habe ich doch nicht gewollt! Nun ist's verrathen!«

»Es schadet nichts, ganz und gar nichts. Ich weiß es schon.«

»So? Weißt Du auch, wen sie liebt?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von ihm selbst. Als ich vorhin kam, stand er hier, wo ich stehe und sagte nichts als Ah und Oh und Allah!«

»Sonderbar!«

»Dann sagte er weiter: ›Sie liebt mich, sie, sie, sie!‹«

»Höchst sonderbar, sehr, sehr sonderbar!«

»Was?«

»Daß es so stimmt, fast wörtlich.«

»Willst Du mir nicht sagen, was so wörtlich stimmt?«

»Ganz gern, da Du einmal alles Andere weißt. Ich hatte mich mit der Schwester zur Ruhe gelegt. Sie warf sich von einer Seite auf die andere; sie konnte nicht schlafen, stand von ihrem Teppich auf und verließ die Stube. Sie mochte denken, ich schlafe und bemerkte also ihre Entfernung nicht. Erst nach längerer Zeit kam sie wieder. Es war finster; dennoch aber ging sie hin und her und flüsterte dabei vor sich hin. Weißt Du, was sie dabei sagte?«

»Was?«

»Immer nur Ah und Oh und Allah!«

»Ganz wie mein Bruder.«

»Dann murmelte sie: Er liebt mich; er liebt mich, er, er, er – er!«

»Ganz wie er; genau so.«

»Ja; nur mit dem Unterschiede, daß er »sie« sagt, und sie sagt »er«. Nicht?«

»Ja.«

»Weißt Du, was ich mir jetzt denke?«

»Nun, was denn?«

»Sie ist es, von welcher er spricht, und er ist es, von welchem sie redet. Meine Schwester und Dein Bruder lieben einander. Meinst Du nicht?«

»Nun, da Du es doch ahnst, werde ich es Dir sagen. Ja, sie lieben sich und haben das vorhin einander gestanden.«

»Allah segne sie. Du aber fandest diese Liebe so ganz und gar ernsthaft!«

»O, nicht die Liebe war gemeint. Mein Bruder war so verzückt, daß er sagte, er müsse sein Glück hinausschreien in die Wüste. Er hat sich auf das Pferd gesetzt und ist im Galopp davongeritten. Ich hörte es. Da dachte ich, daß ich ernster sein würde, wenn ich einmal das Glück hätte, geliebt zu werden.«

»Bis jetzt hast Du es wohl nicht?«

»Nein.«

»Hast Dich wohl auch nicht darnach gesehnt?«

»Was würde mir eine solche Sehnsucht nützen, da sie mir ja doch nicht erfüllt werden kann.«

»Ist das Letztere so gewiß?«

»Ja.«

»So ist es also doch so, wie ich vorhin dachte und sagte: Dein Herz gehört einem Mädchen, welches Dich nicht liebt. Habe ich es errathen?«

Er wendete sich ab und schwieg. Sie aber folgte ihm einen Schritt nach und sagte:

»Du darfst mir nicht zürnen, wenn ich zudringlich erscheine. Du warest in Kairo mein Retter, und ich mag Dich nicht rathlos und unglücklich sehen. Habe Vertrauen zu mir, und sage mir, ob ich Dir in dieser Angelegenheit nicht vielleicht nützlich sein kann.«

»Nein, Du nicht.«

»Warum gerade ich nicht?«

»Gerade dies ist es, was ich nicht sagen kann.«

»Ah, Du fürchtest Dich!«

Sie hatte die Arme über der Brust gekreuzt und stand hoch aufgerichtet vor ihm. Das Sternenlicht fiel wie dünnflüssiges Silber auf sie herab. Sie hatte das Aussehen einer Venusstatue, in welche Allah plötzlich menschliches Leben gehaucht habe. Er wendete den Blick von ihr ab, sonst hätte er sich nicht länger zu beherrschen vermocht, und sagte in bitterem Tone:

»Fürchten? Das glaubst Du selbst doch nicht.«

»Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin sogar davon überzeugt. Du fürchtest Dich!«

»Ah! Vor wem?«

»Vor mir.«

»Wieso?«

»Du fürchtest Dich, mir den Namen Derjenigen zu sagen, welche Du liebst. Gestehst Du das?«

»Nein. Du irrst.«

Es widerstrebte seinem Mannesstolz, zuzugeben, daß sie Recht habe. Sie wendete sich mit einer raschen, scharfen Bewegung ab, trat an die Brüstung und kehrte ihm den Rücken zu. Er stand abgewendet von ihr. In seinem Innern arbeitete es stürmisch. Sollte er sich von ihr verachten lassen? Das that ja tausendmal weher, als die Verachtung aller anderen Menschen.

»Warum wendest Du Dich ab von mir?« fragte er. »Ich weiß nichts was ich gethan hätte, Deinen Zorn zu erregen.«

»Zorn? O, Zorn ist es nicht.« antwortete sie leise.

»Was Anderes denn?«

»Trauer.«

»Nicht Du bist es, sondern ich bin es, der Veranlassung hat, zu trauern. Du hast mir Furcht vorgeworfen. Jeden Anderen würde ich für diesen Schimpf niederschießen, von Dir aber muß ich ihn ruhig hinnehmen. Wer sich fürchtet, der ist feig; aber nicht Alles, was wie eine Furcht oder Angst aussieht, ist eine Feigheit. Man verlangt Muth und Tapferkeit von jedem Manne, von jedem Krieger, aber der Muth darf nicht zum Uebermuthe werden. Die wahre Tapferkeit ist mit weiser Besonnenheit gepaart. Auch der Muthige muß die Gefahr, vor welcher er sich befindet, sorgfältig abwägen. Ist sie größer als seine Kraft, so wird er es unterlassen, sich mit ihr zu messen, und nicht auf die Summe des Unverständigen hören, der ihm darob Feigheit und Furchtsamkeit vorwirft.«

Er hatte in ruhigem Tone gesprochen, mehr als ob es ihm selbst, anstatt ihr gelte. Jetzt wartete er die Wirkung seiner Worte ab. Hiluja drehte sich langsam nach ihm um und sagte:

»Deine Worte sind sehr hart gegen mich.«

»Wieso?«

»Du nennst mich unverständig.«

»Nein; das habe ich nicht gethan.«

»O doch! Nach Dem, was Du gesprochen hast, befindest Du Dich vor einer Gefahr, welche größer ist, als Deine Kraft. Nenne mir diese Gefahr, dann will ich glauben, daß Du keine Furcht besitzest.«

»Es ist die Gefahr, Dich zu beleidigen.«

»Hältst Du das wirklich für etwas so sehr Schlimmes?«

»Ja. Es giebt für mich nichts Böseres, als Deine Freundschaft zu verlieren.«

»Die wirst Du stets besitzen. Du bist mein Retter.«

»Gerade weil Du mich so oft Deinen Retter nennst, darf ich Dir nicht sagen, wen ich liebe. Du glaubst, mir Dank schuldig zu sein; darum muß ich jede Veranlassung meiden, Dich an diese Dankbarkeit zu erinnern.«

»Das ist sehr unrecht von Dir gehandelt. Die Dankbarkeit hat den Trieb, sich zu erweisen. Man darf ihr die Gelegenheit dazu nicht nehmen. Das ist ganz so grausam, als wenn man dem Dürstenden das Wasser vom Munde wegnimmt. Es giebt Leute, welche vom Danke nichts wissen wollen; sie meinen dabei, sehr edelmüthig und selbstlos zu handeln. Aber sie handeln gerade im Gegentheile höchst selbstsüchtig. Wer den Dank für eine gute That von sich weist, der nimmt dieser That ihren ganzen Werth. Das merke Dir!«

Sie hatte mit einer leisen, aber doch vernehmbaren Bitterkeit gesprochen. Er fühlte das und antwortete:

»Ich gebe Dir Recht. Aber wie nennst Du den Mann, welcher ganz zufällig einem Andern einen kleinen Dienst erweist und nun diese Gelegenheit eifrig ergreift, einen viel, viel größeren Gegendienst zu verlangen.«

»Dieser Mann ist sehr unverständig.«

»Gut. Und ich will nicht für unverständig gehalten werden.«

»Bezieht sich das auf meine Dankbarkeit?«

»Ja.«

»So gilt es einen Dienst Dir zu erweisen, welcher viel größer ist, als derjenige, welchen ich Dir zu danken habe?«

»Ja. Und damit Du siehst, daß ich wirklich nicht feige und muthlos bin, will ich Dir Alles sagen.«

Jetzt hatte sie sich wieder voll zu ihm gewendet.

»Ja, sage es!« nickte sie ihm zu. »Es ist besser, wenn Du Vertrauen zu mir hast.«

»Ich werde mich aber um das Deinige bringen.«

»O nein; das wirst Du stets besitzen, obgleich – ich Dir eigentlich zürnen und gar nicht mit Dir sprechen sollte.«

»Ah! Warum?«

»Weil Du Dich seit jenem ersten Tage in Kairo gar nicht mehr um mich bekümmert hast. Du hast ganz so gethan, als ob ich gar nicht mehr vorhanden sei.«

»Das wird Dir doch nur lieb gewesen sein.«

»Meinst Du?«

»Ja. Aber Du hast Dich getäuscht. Du warst sehr wohl für mich vorhanden; Du warst nicht nur vorhanden, sondern Du warest viel, viel mehr für mich. Ich hatte noch nie ein Mädchen gesehen, welches ich mit Dir vergleichen könnte. Du warest in mein Leben eingetreten wie ein Stern, welcher einzig und allein am dunklen Himmel steht. Kann der arme Sterbliche die Hand nach einem Sterne ausstrecken? Nein, das wäre Wahnsinn. Er wird ihn ja niemals erreichen und ergreifen können. Darum blieb ich in Demuth fern von Dir; aber ich betete zu meinem Sterne, und ich weiß, daß er das einzige Licht meines Lebens ist. Wenn er mir verschwindet, so wird es finstere Nacht um mich sein bis zum letzten Augenblicke meines einsamen Daseins. Und doch wird er mir verschwinden, nicht später, nicht bald, sondern jetzt in diesem Augenblicke. Ich habe Dich so unaussprechlich lieb. Der Gedanke an Dich ist die einzige Nahrung, von welcher jetzt meine Seele lebt. Ja, Du bist es, von welcher ich vorhin sprach, als ich von meiner Liebe redete. Das will ich Dir gestehen, damit Du mich nicht länger für einen Feigling hältst. Aber indem ich es Dir sage; weiß ich auch, daß mein Stern nun untergeht. Wäre ich von Allah mit Macht und Reichthum gesegnet, so legte ich Dir alle meine Macht und alle meine Schätze zu Füßen. Du solltest auf Diamanten und Rubinen wandeln, und alle meine Unterthanen müßten im Staube vor Dir liegen. Für Dich wäre mir nichts zu hoch und nichts zu tief. Du bist so schön, so herrlich, daß – daß – – daß – o Allah, Allah!«

Von der Größe seines Gefühles übermannt, wandte er sich schnell ab. Sie konnte es nicht sehen, aber sie hörte es seiner Stimme an, daß ihm die Feuchtigkeit des Schmerzes aus der erregten Seele in die Augen getreten war. Sie trat an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in mildem Tone:

»Nun denkst Du, ich zürne Dir?«

»Ja, Du mußt es ja. Bestrafe mich; bestrafe meine Verwegenheit! Dennoch aber werde ich Dich ewig, ewig lieben.«

»Ja, ich werde diese Verwegenheit bestrafen. Du hast mich beleidigt. Du hast mir Namen gegeben, die ich nicht dulden darf. Du hast mich sogar Deinen Stern genannt!«

»Meinen einzigen.«

»Giebt es wirklich keinen anderen?«

»Nein. Der Himmel des Menschenherzens braucht nur einen Stern; erlischt dieser, dann wird es ewig Nacht.«

»Und dennoch wendest Du Dich von mir ab? Kann Dir ein Stern leuchten, wenn Du nicht nach ihm blickst?«

»Du sprachst von Strafe?«

»Nein, Du! Aber da Du einmal Strafe haben willst, so sollst Du sie auch sofort erhalten. Horch!«

Sie legte ihm plötzlich die Arme um den Nacken, näherte ihren Mund seinem Ohre und flüsterte ihm zu:

»Hilal, wie habe ich Dich so un – un – unaussprechlich lieb!«

Das klang wie Sphärenmusik erlösend in sein Ohr. Von den warmen, nackten Armen, welche ihn umschlangen, und dem vollen Busen, den er an seinem Herzen fühlte, drang eine Wärme zu ihm über, die ihn wie ein magnetischer Strom durchfluthete. Es durchrauschte ihn wie ein Fieber; es brauste ihm durch die Stirn; sein Herz schien zerspringen zu wollen. Er ließ die Arme herabhängen und stand ohne Bewegung, als ob der Schlag ihn getroffen habe.

»Hast Du es gehört?« flüsterte sie fragend und sich noch inniger an ihn schmiegend.

O, er hatte es gehört; sein ganzes Gehör war ja nur auf ihre Worte gerichtet gewesen, so daß es ihm entgangen war, daß gerade jetzt der Hufschlag eines nahenden Reiters sich von unten herauf vernehmen ließ. Sein Bruder Tarink war zurückgekehrt.

»Ist – ist – ist es wahr?« stammelte er.

»Daß ich Dich liebe? Ja, es ist wahr. Glaube es!«

»Du – Du – Du – liebst mich – mich?«

»Von ganzem, ganzem Herzen! Umarme mich!«

Da erhob er die Arme, schlang sie um ihren Leib und – er wußte nicht, wie es kam, aber im nächsten Augenblicke hatten seine Lippen sich mit den ihrigen vereinigt. Aber im nächsten Moment rang sie sich los und sagte erschrocken:

»Dort kommt Einer. Fort, fort!«

Sie verschwand in dem Eingange.

Hilal war wie berauscht. Er wendete sich um und erblickte seinen Bruder, welcher sich rasch näherte.

»Da bin ich zurück, Hilal,« sagte der Letztere.

Keine Antwort. Die Pulse Hilal's klopften so stürmisch, daß er gar nicht an Worte dachte.

»Hilal!«

Oh!«

»Du stöhnst?«

»Ah!«

»Was ist mit Dir?«

»Oh! Ah!«

»Bist Du krank? Was ist geschehen?«

»O Allah, Allah!«

»Ich glaube, jetzt bist Du delil!«

»Nein.«

»Oder hejran?«

»Ja.«

»Also hejran, entzückt! Worüber denn?«

»Oh!«

»Hörst Du nicht? Worüber Du so verzückt bist!«

»Ah! Allah, Allah!«

»Mensch, Du starrst mich so abwesend an! Es muß Etwas mit Dir passirt sein!«

»Ja, Etwas. O Allah illa Allah!«

»Aber was denn?«

»Sie hat es mir gesagt.«

»Sie? Wer denn?«

»Hiluja.«

»Hiluja war da?«

»Ja.«

»Sonderbar! Was hat sie Dir denn gesagt?«

»Daß sie mich liebt.«

»Ist das wahr? Ist das möglich?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es nicht? Mensch, bist Du des Teufels? Du hast es mir ja soeben gesagt!«

»Ja; aber ich weiß nicht, ob ich es glauben darf.«

»Natürlich, wenn sie es gesagt hat.«

»Das hat sie! Und mich umarmt.«

»Ah!«

»Und sogar geküßt!«

»Du glücklicher Mann!«

»Da aber kamst Du und sie entfloh mir.«

»Das thut mir herzlich leid; aber ich mußte ja kommen, denn die Stunde ist vorüber. Zwei Brüder und zwei Schwestern, wie herrlich das paßt!«

»Ja, herrlich, herrlich! Mir thut der Kopf weh vor Glück.«

»Ganz so wie vorhin bei mir.«

»Es summt und brummt mir die Ohren.«

»Das war auch bei mir der Fall. Geh, und lege Dich nieder.«

»Fällt mir nicht ein! Ich könnte nicht schlafen.«

»Ruhe ist aber das Beste!«

»Hast Du etwa Ruhe gesucht? Nein, ich mache es wie Du: ich gehe fort und reite. Auch ich muß jubeln.«

»Ganz mein Fall! Na, thue es. Dann wird Dir der Kopf wieder frei werden. Auch ich befand mich wie in einem Rausche. Weißt Du das Verbot des Propheten: Kullu muskürün haran – Alles, was betrunken macht, ist verboten? Dann sollte auch die Liebe verboten sein; denn sie hat mich in einen Rausch versetzt, wie ihn der Wein so groß gar nicht hervorbringen kann.«

»Bei mir ist er so groß, als ob die ganze Sahara nicht ein Sand-, sondern ein Weinmeer sei und ich hätte es ausgetrunken.«

»Man sieht es Dir an. Du wankst ja wirklich.«

»Ja, ich zittere. Ich will fort. In einer Stunde bin ich wieder zurück.«

Er ging. Tarik blickte ihm glücklich lächelnd nach und dachte bei sich:

»Allah hat es sehr wohl gemacht. Das Beste an meinem Glücke ist, daß Hilal grad auch dasselbe Glück besitzt. Zwei Brüder und zwei Schwestern! Gott ist groß! Ihm ist Alles möglich, selbst möglich das Unmögliche. Hilal hat Hiluja und ich habe Badija. Was sie wohl thun wird? Sie wird schlafen. Der Engel des Traumes senke sich sanft und glänzend auf sie nieder und überschütte sie mit seinen süßesten und herrlichsten Geschenken!«

Dieser Wunsch wurde nicht erfüllt, denn Badija schlief nicht und konnte also auch keinen Traum haben. Auch sie war vom Glücke der Liebe wie berauscht gewesen. Darum war sie unter Ah und Oh im Zimmer auf und ab gegangen, meinend, daß Hiluja schlafe und also nichts höre. Dann hatte sie sich allerdings auf den Teppich niedergelassen aber nicht geschlafen. Die leise Entfernung ihrer Schwester sehr wohl bemerkend, hatte sie dennoch gethan, als ob sie schlummere. Sie hatte gefürchtet, durch ein lautes, profanes Wort den Zustand stiller Wonne, in welchem sie sich befand, zu zerstören.

So lag sie eine lange, lange Zeit, bis Hiluja nach fast einer Stunde zurückkehrte. Sie legte sich nicht, sondern sie ging leise hin und her, zuweilen halb unterdrückte Rufe und Laute ausstoßend. Badija hatte das vorher genau ebenso gethan, dachte jetzt aber nicht mehr daran. Bei den Seufzern ihrer Schwester wurde ihr bange. Einem Seufzer, zumal wenn er nur sehr leise ertönt, ist es nicht leicht anzuhören, ob er eine Interjection der Freude oder des Schmerzes ist. Vielleicht war der armen Hiluja etwas Schlimmes widerfahren. Darum wartete Badija noch eine kleine Weile und als das Seufzen dennoch kein Ende nahm, sagte sie:

»Hiluja! Ich wache.«

»Oh!«

»Warum bist Du aufgestanden?«

»Ah!«

»Was ist mit Dir geschehen?«

»O Allah, Allah!«

»Himmel! Bist Du krank?«

»Nein.«

»Aber Du hast Schmerzen?«

»O nein!«

»Du stöhnest doch!«

»Stöhnen? Davon weiß ich gar nichts.«

»Ja, Du seufzt und stöhnst ganz zum Erbarmen.«

»Das ist kaum möglich, denn ich habe zum Stöhnen gar keine Veranlassung.«

»Aber irgend Etwas ist mit Dir.«

»Ja. Es ist ganz dasselbe, was vorhin mit Dir war.«

Da richtete Badija sich aus ihrer liegenden Stellung auf und sagte überrascht:

»Was sagst Du? Ganz dasselbe? Ja, auch ich war vorhin so aufgeregt, aber vor Glück.«

»Ich ebenso.«

»Ich meine das Glück der Liebe.«

»Ich auch. O Badija, Badija, ich habe nie gewußt und geahnt, welche Wonne es ist, geliebt zu werden.«

»Du wirst geliebt? Schwester, ist's wahr? Von wem?«

»Von Hilal.«

»Allah ist groß! Hilal liebt Dich? Hat er es gesagt?«

»Ja, soeben.«

»Gott, Gott! Was hast Du ihm geantwortet?«

»O, ich liebe ihn ja schon längst, gleich von dem ersten Augenblicke an als ich ihn erblickte.«

»Komm, komm! Lasse Dich hier bei mir nieder. Diese Kunde ist so freudig, daß ich Dich umarmen muß!«

Und Hiluja that es. Die beiden schönen Schwestern lagen sich in den Armen und erzählten sich wonnetrunken von ihrem Glücke. Ihr leises, leises Flüstern klang wie das Knistern elektrischer Funken durch den stillen Raum. Sie konnten nicht müde und nicht fertig werden und hatten selbst dann noch keinen Schlaf gefunden, als der Morgenruf des Mueddin von der Ruine herab über die Oase erschallte. Er stand hoch oben, mit dem Brete in der Hand, das Auge fest auf den Punkt gerichtet, wo die Sonne erscheinen mußte. Und als der oberste Rand ihrer glänzenden Scheibe sich über den Horizont erhob, that er drei weithin schallende Schläge an das Bret und rief:

»Ihr Gläubigen, rüstet Euch zum Gebete, denn die Sonne taucht aus dem Sandmeer empor!«

Da traten die Beduinen aus ihren Zelten und knieten nieder, das Gesicht nach Aufgang gen Mekka gewendet und beteten leise die Worte nach, welche der Mueddin laut von oben heruntersprach:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob und Preis sei Gott, dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen und zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten Weg, den Weg Derer, die Deiner Gnade sich erfreuen, und nicht den Weg Derer, über welche Du zürnest, und nicht den Weg der Irrenden!«

Dabei tauchten die Beter ihre Hände ein, um sie sich vorgeschriebener Weise zu waschen, mit Wasser oder mit Sand. Dann sprachen sie Alle mit lauter Stimme das muhammedanische Glaubensbekenntnis? nach:

»Allah il Allah, we Muhammed Rassuhl Allah – Gott ist Gott und Muhammed ist sein Prophet!«

Sie erhoben sich nun, um an ihre täglichen Geschäfte zu gehen; aber da ertönte die Stimme des Mueddin von Neuem von oben herab:

»Hört, Ihr Gläubigen, was ich Euch zu verkündigen habe!«

Die Hörer traten in neugierige Gruppen zusammen und erhoben ihre Augen zu dem Verkündiger.

»Ich stehe hier im Auftrage des mächtigen Falehd, dessen vollständiger Name da lautet Falehd Assa Omra Ibn Mi Hebschahn Nobada Ben Sulu Omor Sebuhir Ibn Dawuhd Hilub al Osimbara, und habe Euch Folgendes zu verkünden: An dem Augenblicke, in welchem die Sonne über dem Scheitel des Gläubigen steht, wird Falehd hinausgehen vor die Heerden, um zu kämpfen mit den Männern, welche gestern auf seine Forderung geantwortet haben. Er wird kämpfen zuerst mit Masr-Effendi, sodann mit Tarik, dem Sohne des Blitzes, und endlich mit Hilal, welcher auch ein Sohn des Blitzes ist. Das Ende des Zweikampfes wird sein entweder der Tod, oder das Gebet um Gnade, wie es Brauch ist in der Wüste. Falehd wollte keine Gnade walten lassen, aber er hat sich dem Gesetze des Stammes fügen müssen. Die Söhne und Töchter der Beni Sallam werden sitzen auf ihren Kameelen, um zuzuschauen dem Kampfe von Anbeginn bis er beendet ist. Dem Sieger wird gehören Badija, die Königin der Wüste, und mit ihr wird er erhalten die Würde des Anführers und den Titel eines Scheik el Urdi, welches bedeutet, Herr des Lagers. Allah sei mit ihm und mit uns Allen, jetzt und in Ewigkeit! Amen!«

Steinbach und Normann hatten ihr Schlafgemach verlassen! Sie standen auf der Mauer und hörten diese Bekanntmachung mit an. Dann sagte der Erstere: »Also bis grad um die Mittagszeit habe ich noch zu leben. Gestern um diese Stunde hätte ich nicht gedacht, daß ich so schnell dem Tode geweiht sei.«

»Sie scherzen. Sind Sie Ihrer Sache so gewiß?«

»Kein Mensch ist allwissend. Keiner kann das kleinste und einfachste Ereigniß vorherbestimmen. Der geringste Zufall, irgend eine Kleinigkeit, kann dem Kampf einen ganz unvorhergesehenen Ausgang geben. Zu schwören, daß ich Sieger sein werde, vermag ich also nicht, aber aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich es sein.«

»Werden Sie ihn tödten?«

»Nein, sondern nur zeichnen. Dieser Mensch ist nicht nur ein roher Patron, sondern geradezu ein Bösewicht. Sprechen wir nicht von ihm. Ich will mir durch den Gedanken an den Kampf nicht den Genuß verderben, den mir der jetzige Umblick bietet.«

Er deutete mit dem Arm im Halbkreise nach dem Horizonte hin.

»Ja,« sagte Normann. »Hier muß man stehen, um zu erfahren, daß die Wüste auch schön ist. Fast hätte ich Lust zu einem kleinen Morgenritte. Noch ist es nicht heiß. Möchten Sie nicht mit?«

»Sehr gern.«

»Aber woher Pferde nehmen?«

»Fragen wir Tarik. Dort steht er.«

Als sie ihm ihren Wunsch zu verstehen gaben, führte er sie zu den weidenden Pferden, aus denen er ihnen zwei kostbare Stuten wählte, welche der Königin gehörten. Er bemerkte die bewundernden Blicke, mit denen Beide diese Thiere betrachteten und sagte:

»Ich bin der Anführer der Wache und kann Euch diese Thiere anweisen. Es giebt ihres Gleichen nicht hundert Tagereisen weit. Die Königin hat diese Stuten mit aus ihrer Heimath gebracht. Die Beni Abbas sind berühmt wegen ihrer Pferdezucht. Sie haben Stuten, deren Stammbäume auf zehn Ellen langen Pergamentstreifen verzeichnet sind.«

Die Pferde wurden leicht gesattelt; die zwei Männer stiegen auf und ritten fort, nach Westen zu. Sie merkten, daß sie auf echten Vollblutrennern saßen, denn als sie sich nach fünf Minuten umblickten, lag die Oase bereits so weit hinter ihnen, daß die Ruine gar nicht mehr zu erkennen war. Dennoch zügelten sie die windesschnellen Thiere nicht. Es ist ein eigenartiger und sehr hoher Genuß, auf solchem Rosse schwalbengleich in die unbegrenzte Weite hinaus zu fliegen.

So ging es in immer schnurgerader Richtung weiter. Als sie endlich nach einer Stunde anhielten, hatten sie eine Strecke von ganz gewiß drei deutschen Meilen zurückgelegt, stets in fliegendem Galopp. Und doch zeigten die Pferde nicht die geringste Spur einer Anstrengung. Kein kleines Schaumflöckchen, kein Schweißtropfen war zu sehen oder ein unruhiger Athemzug zu hören.

»Rundum Wüste! Sand und nichts als Sand,« sagte Normann. »Steigen wir ab, um uns in dieser gottverlassenen Leere niederzusetzen. Sie thaten es. Sie und ihre Pferde, welche ruhig stehen blieben, glichen vier Punkten in einer Unendlichkeit.

»Sie sprechen von einer gottverlassenen Leere,« meinte Steinbach. »Und doch wie haben Sie so Unrecht!«

»Unrecht? Blicken Sie doch um sich! Giebt es hier eine Spur des Lebens?«

»Nicht nur eine Spur, sondern man könnte sagen, hier sei der eigentliche Urquell des Lebens.«

»Das ist mir ein Räthsel.«

»Hier befindet sich die Feuerung der Lebenslokomotive.«

»Dieser Vergleich scheint mir allerdings nicht ganz unzutreffend zu sein.«

»Er trifft sogar vollkommen zu. Von hier aus, wo sich auf einer hunderttausend Quadratmeilen großen Fläche eine ungeheure Gluth entwickelt, steigt dieselbe empor, um nach den beiden Polen zu gehen und dort wieder umzukehren, indem sie sich allmählig niedersenkt und so als kalter Luftstrom die Sahara wieder erreicht. Dieser Luftstrom nimmt alle Feuchtigkeit in sich auf, ladet sie an den Gebirgen ab, wird durch dieselben in die verschiedensten Richtungen gedrängt und ist so der Verbreiter und Unterhalter des irdischen Lebens. Die Sahara hat also eine grad unschätzbare Bedeutung für die organischen Geschöpfe, welche die Erde trägt. – Blicken Sie doch einmal da nach Süden! Sehen Sie Etwas?«

»Ja, eine Linie.«

»Sie müssen schärfer hinsehen. Diese Linie besteht aus lauter einzelnen Punkten, welche sich bewegen. Nicht?«

»Ja. Was mag das sein?«

»Leicht zu errathen.«

»Leicht? Thiere etwa? Strauße oder Gazellen?«

»O nein. Thiere würden nicht eine so regelrechte Linie bilden. Das geben Sie doch zu.«

»Also Menschen. Wohl gar eine Karawane!«

»Natürlich. Sie bewegt sich nach der Oase zu. Dort also scheint sich ein Wüstenpfad zu befinden.«

»Pfad! Weg! In diesem Sande!«

»Spuren giebt es allerdings nicht, weil der Wind jeden Tapfen wieder verweht; aber dennoch sind durch die Unwegsamkeit der See und der Wüste strenge Linien gezogen, auf denen sich dort die Schiffe und hier die Karawanen bewegen. Was wir hier sehen, ist jedenfalls eine Karawane. Anders kann es gar nicht sein.«

»Doch nicht etwa eine feindliche!«

»Schwerlich. Dennoch aber ist Vorsicht an jeder Stelle und in allen Lagen gut. Steigen wir wieder in den Sattel. Wir wollen uns die Karawane doch einmal ansehen.«

Anmerkung: Zu dieser Scene hat der Verleger ein Oelfarbendruckbild anfertigen lassen, welches dem Leser auf Wunsch gerahmt – fix und fertig an die Wand zu hängen – für nur wenig Geld übergeben wird.

Sie galoppirten der angegebenen Richtung entgegen. Die Punkte, aus denen die erwähnte Linie bestand, wuchsen; sie wurden größer und immer größer, bis die beiden Reiter deutlich unterscheiden konnten, daß es Kameele seien, eins hinter dem andern, das Halfter des nachfolgenden immer an den Schwanz des vorhergehenden gebunden. Voran schritt der Scheik el Kaffila, der Führer der Karawane. Dieser reitet fast nie; er geht stets zu Fuße, mit dem scharfen Auge immer am Horizonte vorn und am Sande zu seinen Füßen hängend. Bei einer Eilkarawane reitet natürlich auch er.

Die beiden Deutschen zählten nicht weniger als hundertundzwanzig Kameele. Die größte Zahl derselben waren Pack- und nur etwa zwanzig waren Reitkameele. Ein Pferd gab es nicht dabei. Das war ein sicheres Zeichen, daß diese Leute sehr weit herkamen.

Die Zwei waren natürlich auch bemerkt worden. Der Führer hielt an. Einige Reiter zweigten sich ab und kamen den Deutschen entgegen. Es waren dies lange, hagere, sonnverbrannte Gesellen mit scharf gezeichneten, dünnbärtigen Gesichtern, echte Söhne und Enkel des Sonnenbrandes. Als sie näher gekommen waren, hielt der Vorderste an und stieß einen Ruf der Ueberraschung aus, der wie der Raubschrei eines Geiers klang. Die Andern stimmten ein.

»Sallam aaleïkum!« grüßte er.

»Aaleïkum sallam!« erwiderten die Beiden.

»Ihr seid Beni Sallah?«

»Nein.«

Der Mann stutzte, sagte seinen Begleitern einige kurze halblaute Worte, und im nächsten Augenblicke waren Steinbach und Normann von ihnen umringt. Das war eine offenbar feindselige Bewegung. Als man dies bei der Karawane bemerkte, eilten sofort noch mehr als ein Dutzend andere Reiter herbei.

Das sah sehr gefährlich aus. Die beiden Deutschen hatten ihre Büchsen nicht mit, während die Fremden bis an die Zähne bewaffnet waren. Dennoch bewahrten die Ersteren ihren Gleichmuth. Steinbach fragte:

»Was wollt Ihr von uns?«

»Ihr seid Räuber,« antwortete der Anführer.

»Warum vermuthet Ihr das?«

»Willst Du etwa leugnen? Hier meine Kameelpeitsche wird Dich leicht zum Geständnisse bringen.«

»Laß die Peitsche fort und sag lieber, aus welchem Grunde Ihr uns für Räuber haltet.«

»Ihr reitet geraubte Pferde.«

»Das klingt seltsam. Es pflegt unmöglich zu sein, eine echte Kohelistute zu rauben.«

»Aber diese sind geraubt. Ihr habt sie den Beni Sallah entführt. Wir werden sie ihnen wiederbringen.«

»Dagegen haben wir nichts.«

»Wie? Ihr wollt Euch nicht vertheidigen?«

»Nein.«

»Euch gutwillig gefangen geben?«

»Ja.«

»Das wird eine Heimtücke sein. Wir aber werden uns nicht von Euch betrügen lassen.«

»Es fällt uns gar nicht ein. Euch zu betrügen. Wollt Ihr zu den Beni Sallah?«

»Ja.«

»Wir sind Gäste der Beni Sallah und werden Euch begleiten.«

Da flog ein Zug von Aerger über das Gesicht des Anführers. Er sah ein, daß er einen bedeutenden Fehler begangen hatte. Als ehrlicher Beduine zögerte er aber keinen Augenblick, ihn einzugestehen:

»Verzeihung! Ihr sagtet, daß Ihr keine Beni Sallah seiet und rittet doch die besten Pferde derselben; es war also leicht, Euch für Pferderäuber zu halten.«

»Kennt Ihr denn diese Pferde so genau?«

»Ja; sie wurden bei uns geboren und erzogen.«

»Das ist wohl ein Irrthum.«

»Nein. Ich sage die Wahrheit.«

»Dann gehörtet Ihr ja zu dem Stamme der Beni Abbas, welcher in weiter Ferne von hier wohnt!«

»Wir sind Beni Abbas und kommen, die Beni Sallah zu besuchen. Dort in der Sänfte sitzt unser Scheik.«

Er deutete nach einem Kameele, welches eine kostbare Sänfte trug. Zwischen den auseinander gezogenen seidenen Vorhängen der Letzteren blickte ein ehrwürdiges, graubärtiges Gesicht herüber.

»Wie! Ist's wahr? Der Vater von Badija und Hiluja?« rief Steinbach erfreut.

»Ja. Der Vater von Badija ist er; der Vater von Hiluja aber war er.«

»Wieso?«

»Hiluja ist todt, ermordet von den Tuareg. Wir aber haben sie gerächt.«

Erst jetzt dachte Steinbach daran, daß die Beni Abbas noch gar nicht wissen konnten, daß Hiluja gerettet sei. Schon hatte er die Bemerkung, daß sie lebe, auf der Zunge; er hielt sie aber noch zurück, denn er fragte sich, ob der ehrwürdige Greis wohl stark genug sein werde, eine so plötzliche Freudenbotschaft ohne Schaden zu ertragen. Darum gab er Normann in einigen deutschen Worten die Absicht, es augenblicklich zu verschweigen, kund, und sagte dann zu dem Führer:

»Wollt Ihr uns wohl erlauben, den Scheik zu begrüßen?«

»Seid Ihr denn auch wirklich Gäste der Beni Sallam?«

»Ganz gewiß.«

»Von welchem Stamme seid Ihr?«

»Wir kommen von fern her, vom Abendlande, wo es keine kleinen Stämme, sondern nur große Völker giebt.«

»So seid Ihr wohl Inglesi?«

»Nein, sondern Nemtsche.«

»Nemtsche seid Ihr? Ich habe noch Keinen gesehen, aber ich habe gehört, daß die Deutschen gut seien, viel besser als die Franken und die Inglesi. Ich werde es dem Scheik sagen, daß Ihr ihn begrüßen wollt. Folgt mir langsam nach!«

Er ritt voran. Der Scheik hörte seine Worte an und gab dann durch den lauten Ruf »Rree, rree« seinem Kameele den Befehl, niederzuknieen. Darauf stieg er aus der Sänfte, um die beiden Freunde stehenden Fußes zu erwarten. Dies war eine seltene Ehre, so selten, daß sie einen ganz besonderen Grund haben mußte.

Natürlich stiegen auch Normann und Steinbach von ihren Pferden. Der Scheik war eine hohe, achtunggebietende Gestalt. Er betrachtete die Beiden mit wohlwollenden Blicken, streckte ihnen die Hand entgegen und sagte:

»Sallam! Ihr seid Deutsche?«

»Sallam!« antwortete Steinbach. »Ja, wir sind es.«

»Das ist gut. Kennt Ihr Vogel?«

Das war eine Frage, über welche die Beiden in ein sehr wohl berechtigtes Erstaunen geriethen. Und dieses Erstaunen war nicht etwa ein unangenehmes, sondern ein freudiges. Der Scheik meinte jedenfalls den berühmten Forscher und Afrikareisenden Vogel, welcher sich bis nach Kanem, der Hauptstadt des Königreiches Bornu, vorgewagt halte und während seines beschwerlichen und gefährlichen Rittes durch die Sahara mit mehreren Stämmen der Beduinen in Beziehung getreten war. Darum antwortete Steinbach:

»Wir kennen ihn sehr gut, obgleich er jetzt todt ist. Er war ja einer der Unserigen.«

»Das freut mich. Er war ein kluger, guter und muthiger Mann. Er hat mir sehr viel von dem Lande und dem Volke der Deutschen erzählt. Es ist das zwar seit vielen Jahren her, aber ich habe es doch nicht vergessen. Darum freue ich mich, daß Ihr Deutsche seid. Wie aber kommt Ihr denn aus so fernem Lande hier her als Gäste zu den Beni Sallam?«

»Wir waren in Tunis bei dem Beherrscher Mohammed es Sadok Pascha und erhielten von dort eine Botschaft an die Königin der Wüste.«

»So kennt Ihr die Königin?«

»Natürlich kennen wir sie. Wir sind zwar erst gestern Abend angekommen, aber doch –«

»Und dennoch,« fiel der Scheik schnell ein, »müßt Ihr bereits ihr ganzes Vertrauen besitzen, sonst hätte sie Euch nicht erlaubt, die kostbarsten ihrer Pferde zu besteigen. Sie ist meine Tochter, meine einzige Tochter. Wie geht es ihr? Befindet sie sich wohl?«

»Sie ist eine weise Anführerin des Stammes und befindet sich wohl. Du nennst sie Deine einzige Tochter, aber sie sprach doch davon, daß sie noch eine Schwester habe.«

»Sprach sie von ihr? Liebt sie sie noch?«

»Sie sprach von ihrem Vater und von ihrer Schwester Hiluja, welche sie Beide von ganzem Herzen liebt.«

»Allah hat die Trauer bis heute von ihrem Herzen fern gehalten. Sie weiß noch nicht, was geschehen ist. Hiluja weilt nicht mehr unter den Lebenden. Diese böse Botschaft muß ich der Königin bringen.«

»Hier dieser Mann, den Du mir entgegensandtest, sprach schon davon, daß Hiluja nicht mehr lebe. Er sagte, sie sei von den Tuareg ermordet worden.«

»Ja. Sie machte sich auf, ihre Schwester zu besuchen. Unterwegs wurde sie überfallen. Die Feinde tödteten mein Kind und alle meine Leute außer Einem, welcher glücklich entkam und mir die traurige Kunde brachte. Wir haben uns zu einem Rachezug gerüstet und fast den ganzen Stamm, der Hiluja überfiel, von der Erde vertilgt und alle ihre Thiere mit uns fortgenommen. Mein Herz ist krank geworden aus Gram über die Ermordung meiner Tochter. Ich bin alt und die Trauer zehrt an meinem Leben. Wie lange wird es währen, so gehe ich hinüber zu meinen Vätern. Vorher aber will ich das Kind, welches mir geblieben ist, noch einmal mit meinen alten, trüben Augen sehen und es an meine kranke Brust drücken. Dann mag man mich in die Grube legen und mit dem Sande der Wüste bedecken. Meine Seele wird eingehen in das Reich der Seligen und dort begrüßen das Kind, welches nun im Schooße Allahs wohnt.«

Der Beduine schämt sich, Thränen sehen zu lassen. Auch der alte Scheik gab sich Mühe, das aufsteigende Naß niederzukämpfen. Es gelang ihm; dennoch aber war ihm die Größe und Tiefe seiner Trauer deutlich anzusehen. Die beiden Deutschen fühlten natürlich die aufrichtigste Theilnahme für ihn. Die unvorbereitete Kunde, daß seine Tochter noch lebe, konnte ihm Schaden verursachen; darum waren sie nicht sogleich damit vorgegangen. Aber vorbereiten mußten sie ihn doch. Es stand mit Sicherheit zu erwarten, daß die beiden Töchter ihm bei seinem Einzug in das Lager schleunigst entgegeneilen würden. Der Anblick der Todtgeglaubten konnte sehr leicht von schädlicher Wirkung auf ihn sein. Darum sagte Steinbach:

»Diese Tuareg scheinen sehr schlimme Leute zu sein; dennoch aber kann ich kaum glauben, daß tapfere Krieger ein Weib tödten. War Hiluja schön?«

»Sie war schön, wie der junge Morgen, welcher den Thau auf den Wedeln der Palmen beleuchtet.«

»So wäre es doch sehr leicht zu denken, daß man sie geschont habe, damit sie das Weib eines ihrer Anführer werde. Bist Du denn nicht auf diesen Gedanken gekommen?«

»Nein; dies war unmöglich. Der Mann, welcher als der Einzige entkommen ist, hat es ganz genau gesehen, daß einer der Feinde meiner Tochter Kopf spaltete.«

»Vielleicht aber hat er sich geirrt?«

»Nein. Seine Augen sind scharf.«

»Dann wundert es mich, daß die Tuareg andere Frauen leben lassen. In Tunis hörte ich, daß sie eine Karawane überfallen hatten, bei welcher sich Frauen befanden, eine junge und eine alte. Die Erstere soll ein sehr schönes Mädchen gewesen sein und die Letztere war ihre Dienerin.«

»Auch Hiluja hatte eine alte Dienerin bei sich.«

»Die Begleiter wurden getödtet, aber die Frauen schonte man. Einer der Tuareg hatte sich mit ihnen nach Tunis aufgemacht, um sie zu verkaufen.«

»O Allah! Eine Tochter der Wüste als Sclavin zu verkaufen! Welch eine Schändlichkeit! Hat er eine große Summe für sie erhalten?«

»Nein. Der Streich ist ihm gar nicht gelungen, denn die beiden Gefangenen fanden einen Beschützer, welcher sie errettete. Das Mädchen war die Tochter eines Scheiks.«

»Eines Scheiks! Was sagst Du?«

»Sie hatte ihre Schwester besuchen wollen.«

»O Allah, Du Beherrscher des Himmels und der Erde? Was höre ich? Was sagst Du? Sie war die Tochter eines Scheiks und hat ihre Schwester besuchen wollen? Das ist ja ganz genau dasselbe wie bei meiner Tochter! Hast Du nichts Weiteres von diesem Mädchen gehört?«

»Ich hörte, daß der Beschützer dann mit den beiden Geretteten abgereist sei, um sie zu der Schwester zu bringen.«

»Wo wohnt diese Schwester?«

»In einer Oase nicht weit von der Grenze Egyptens.«

»O, Ihr Heiligen! O, Ihr Seligen!«

Steinbach flößte ihm die Arznei langsam, vorsichtig und tropfenweise ein. Er fuhr fort:

»Diese Schwester, zu welcher die Geretteten wollten, soll die Wittwe eines Scheiks sein.«

Da schlug der Alte die Hände zusammen, wich einen Schritt zurück und rief:

»Die Wittwe eines Scheikes! Sollte Badija gemeint sein? Dann wäre Hiluja gerettet. Sprich weiter, sprich weiter! Was hast Du noch von ihr gehört?«

»Ich muß erst nachdenken. Ich habe nicht weiter auf die Erzählung geachtet.«

»Hast Du nicht den Namen des Scheiks gehört, dessen Wittwe die Schwester sein soll? Weißt Du nicht, wie der betreffende Stamm heißt und die Oase, welche er bewohnt?«

Der Scheik war außerordentlich erregt. Seine Leute hatten einen Kreis um die Sprechenden gebildet und hörten natürlich mit größter Spannung zu. Steinbach sagte: »Ich kann mich leider jetzt nicht mehr auf ein jedes Wort der Erzählung besinnen. Ich habe, als ich sie hörte, nicht wissen können, daß ich einmal nach ihr gefragt werden könne. Eins aber fällt mir ein, nämlich daß die beiden Namen des Mädchens und ihrer Dienerin sehr ähnlich klangen; sie lauteten fast gleich mit einander.«

Da rief der Scheik:

»Hört Ihr es, Ihr Männer? Die beiden Namen lauteten gleich! Das war auch bei meiner Tochter der Fall. Hiluja und Haluja! Allah, Allah! wenn mein Kind noch lebte! Wenn es nicht ermordet, sondern gerettet worden wäre! Besinne Dich, besinne Dich, o Fremdling! Sage mir, ob Du weiter nichts erfahren hast!«

»Ich würde es verschweigen, selbst wenn ich mich besinnen könnte.«

»Verschweigen? Warum?«

»Ich sehe, in welcher Aufregung Du Dich befindest. Deine Augen glühen und Deine Kniee zittern. Deine Stimme bebt und Deine Stirn färbt sich dunkler. Das Blut steigt Dir in den Kopf. Wenn ich mehr wüßte, wenn ich weiter sprechen könnte, so müßte ich befürchten, daß meine Worte Dich überwältigen möchten.«

»Nein, nein! Ich lasse mich nicht überwältigen. Ich bin stark; ich kann Alles ertragen. Alles! Sprich weiter!«

Er streckte Steinbach beide Arme bittend entgegen. Dieser aber antwortete zurückhaltend:

»Ich kann Dir wirklich weiter nichts sagen, gar nichts, als – ah, da fällt mir noch etwas ein!«

»Was? Was? So rede doch!«

»Ja, man hat von dem Stamme gesprochen, nach welchem Du mich fragst. Es wurde von ihm erzählt. Unter den Kriegern dieses Stammes soll sich Einer befinden, ein Riese wie Simson, stark aber auch hinterlistig.«

»Ein Riese, ein Riese! Hört Ihr es, Ihr Männer? O, sage mir, ob man seinen Namen genannt hat!«

»Ja; er lautete Fa– Fa– Fa– – ich kann mich doch nicht so genau besinnen.«

»Falehd etwa?« sagte, nein, rief, nein, sondern schrie der alte Scheik förmlich.

»Falehd. Ja, so lautete der Name.«

»Allah illa Allah! Wie wird mir denn! Es ist mir, als ob sich der Himmel öffne, als ob die Seligen herniederstiegen, um mir die Botschaft zu verkündigen, daß Allah mir meine Tochter wiedergeschenkt habe! Weißt Du von diesem Falehd nichts Genaueres?«

»Er soll der Bruder des Scheikes sein.«

»O Gott! O Beherrscher, o Gnädiger und Allbarmherziger! Welche Worte höre ich!«

»Kennst Du denn vielleicht einen Riesen, welcher Falehd genannt wird?«

»Ob ich einen kenne? Das fragst Du? Natürlich kenne ich einen. Er war es ja, welcher zu uns kam, um meine Tochter für seinen Bruder zu begehren. Es stimmt, es stimmt Alles, Alles! Hiluja ist gerettet worden. O Allah, Allah! Aber wo ist sie? Wo finde ich sie? Wenn Gott mir das Glück verleiht, mein Kind lebend wieder zu sehen, so gelobe ich, die Hälfte meiner Heerden unter die Armen unseres Stammes zu vertheilen! Sage mir, o Fremdling, ob ihr nicht vielleicht doch noch ein Unglück begegnet ist!«

»Wenn dieses Mädchen wirklich Hiluja, Deine Tochter, war, so kann ich Dich trösten. Der Retter ist mit ihr auf ein Schiff gegangen, um nach Egypten zu fahren. Von Kairo aus wollte er sie dann zu dem Stamme ihrer Schwester bringen. Das Schiff war ein Dampfschiff, so daß die Reise wohl sehr schnell und auch glücklich gegangen ist.«

»Aber von Egypten dann in die Wüste, das ist gefährlich, sehr gefährlich!«

»Der Retter war ein Freund des Vicekönigs, welcher wohl dafür gesorgt hat, daß auch dieser Theil der Reise ohne Unfall beendet werden kann.«

»Das ist Balsam für mein Herz und Thau für meine vertrocknete Seele. Sagt, Ihr Männer, was meint Ihr, was denkt Ihr? Ist Hiluja die Gerettete?«

»Sie ist es, sie ist es!« ertönte es rund im Kreise.

»Ja,« sagte Normann jetzt, zum ersten Male das Wort ergreifend, »es ist wahrscheinlich, daß sie es ist.«

»Warum? Warum? Hast auch Du davon gehört?«

»Auch ich war dabei, als davon erzählt wurde. Jetzt besinne ich mich ganz genau, daß das gerettete Mädchen Hiluja geheißen hat und eine Tochter der Beni Abbas war. Ich weiß es ganz genau.«

Da stieß der alte Scheik einen lauten Jubelruf aus:

»O Allah, Allah! O Kadidscha, Du Freundin und Versorgerin des Propheten. Du bist die Heilige unter den Weibern und die Beschützerin der Frauen. Du hast Deine Hände gehalten über meine Tochter, daß sie errettet worden ist vom Tode und von der Sclaverei! Ihr Männer, Ihr Freunde und Verwandten, beugt Eure Kniee mit mir, um Allah zu danken für die Kunde, welche er mir aus dem Munde dieser Fremdlinge gesandt hat!«

Er kniete nieder und augenblicklich folgten die Anderen seinem Beispiele.

Die Ansicht der meisten Christen über die Moslemins ist eine durchaus irrige. Der Anhänger des Islam ist fromm. Seine Frömmigkeit hat Etwas von der Gluth der Wüste; sie ist eine fanatische. Er läßt keine Gelegenheit vorübergehen, mit Allah zu sprechen. Er überwindet dabei alle Schwierigkeiten. So zum Beispiel sind ihm die täglichen Waschungen vorgeschrieben. Er hält sie genau und pünktlich ein. Was aber soll der Beduine thun? Er soll und muß sich waschen, und doch fehlt ihm in der Wüste das dazu nöthige Wasser! Es fällt ihm trotzdem nicht ein, die Waschungen zu unterlassen. Seine Frömmigkeit hat ihm ein Auskunftsmittel gezeigt: er wäscht sich nicht mit Wasser, sondern mit Sand.

So auch jetzt in diesem Falle. Der Scheik griff, am Boden knieend, mit beiden Händen in den Sand und ließ denselben zwischen den Fingern hindurchgleiten, die Bewegung des Waschens nachahmend. Dabei betete er die Worte, welche einer jeden Sure des Kuran als Ueberschrift dienen:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes!«

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes!« wiederholten seine Begleiter im Chore, indem auch sie die Bewegungen des Händewaschens machten.

»Danket Gott mit mir, an dem er so große Dinge gethan hat. Er ist der Allerbarmer!«

»Der Allerbarmer!«

»Der Retter!«

»Der Retter!«

»Der Erlöser und Befreier!«

»Der Erlöser und Befreier!«

So betete er die hundert Namen Gottes nach der Reihe her und sie sprachen sie andächtig nach. Es war für die beiden Deutschen ein ergreifender Anblick, diese halb wilden, sonnverbrannten Gestalten in der Einsamkeit der Wüste knieend und in melancholischen Unissone die göttlichen Namen betend. Sie Beide wurden so hingerissen, daß auch sie die Kniee beugten und die Namen laut mit aussprachen. Dieses, Gebet endete mit den Worten:

»Du herrschest über die Erden und über die Himmel. Der Sterbliche kann Dich nicht sehen und nicht begreifen; aber Du bist voller Gnade, Liebe und Barmherzigkeit, und Alles, was Du thust, das ist gut. Dir allein sei Preis, Lob und Dank in alle Ewigkeit. Allah illa Allah, we Muhammed Rassuhl Allah. Gott ist Gott und Muhammed ist sein Prophet! Amen!«

Sie erhoben sich wieder. Und nun trat der Scheik zu Steinbach heran und sagte:

»Blicke mich an! Leuchten meine Augen noch? Zittern meine Kniee noch und steigt mir das Blut noch gefahrdrohend in den Kopf? Nein! Im Gebete habe ich Ruhe, Fassung und Stärkung erhalten. Du darfst mir Alles sagen. Nicht wahr. Du weißt noch mehr, als Du uns hier mitgetheilt hast?«

»Ich will es gestehen, ja. Ich sehe Dich ruhig und gefaßt: ich glaube, daß ich es wagen kann. Dir Alles zu sagen.«

»So sage es, sage es! Nicht wahr, Hiluja ist wirklich gerettet worden?«

»Du sollst es wissen; ja, sie ist gerettet.«

»Lebt sie noch?«

»Sie lebt.«

»Sie ist bereits bei den Beni Sallah angekommen?«

»Ja. Sie ist wohlbehalten angekommen und wird sehr glücklich sein, Dich wiederzusehen.«

Da brach der Alte doch in sich zusammen. Er fiel vor Steinbach auf eins seiner Kniee, erhob die gefalteten Hände zu ihm empor und sagte:

»Nur vor Allah soll man knieen. Ich habe noch vor keinem Menschen mein Haupt oder mein Kniee gebeugt, vor Dir aber thue ich es, denn Du bist Allahs Bote, sein Gesandter, der mein Herz befreit hat von der tödtenden Traurigkeit. Es war mir verboten, vor Schmerz zu weinen, vor Freude aber zu weinen, dessen braucht auch der Tapferste sich nicht zu schämen. Siehe meine Thränen! Sie mögen in der Stunde Deines Todes vom Himmel zu Dir herniederträufeln, um Deine Seele rein zu waschen, damit Du eingehen kannst in das Land der Seligen!«

Steinbach hatte ihn ergriffen und zu sich emporgehoben. Der alte, ehrwürdige Greis umschlang ihn, legte den Kopf an seine Brust und schluchzte laut. Dann aber trat er zurück, wischte sich mit dem Zipfel seines weißen Burnus die Thränen aus den Augen und sagte:

»Ihr habt gehört, daß ich die Hälfte meiner Heerden den Armen versprochen habe. Ich werde mein Wort halten, sobald ich zurückkehre zum Lager unseres Stammes. Erinnert mich gleich im ersten Augenblicke des Wiedersehens daran. Eurem Scheik und Eurem Stamme ist heute große Freude widerfahren. Dieser Tag soll gesegnet sein und unvergessen für Kind und Kindeskinder. Gebt mir mein Gewehr und nehmt auch die Eurigen zur Hand!«

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Ein Beduine läßt keine Gelegenheit, einige Loth Pulver zu verpuffen, vorübergehen. Sie stellten sich mit ihren langen, krummkolbigen Flinten im Kreise auf, den Scheik und die beiden Deutschen in der Mitte. Der Erstere rief:

»Allah hat sich unserer erbarmt in unserer Trauer. Ihm sei Preis und Anbetung! Allah hu – hu – hu!«

»Allah hu – hu – hu!« brüllten sie jauchzend und dabei schossen sie ihre Flinten ab und sprangen im Kreise, einen wilden, abenteuerlichen Reigen bildend.

Mitten im Springen wurde geladen. Auf einen Wink des Anführers blieben sie halten und er rief:

»Diese beiden Fremdlinge sind uns erschienen als Boten des Trostes und der Erhörung. Allah gebe ihnen tausend Gnaden und zuletzt die Seligkeit. Allah hu – hu – hu!«

»Allah hu – hu – hu!«

Sie wiederholten dieses Allah-hu, welches sie an Stelle unseres Hurrah oder des ungarischen Eljen gebrauchen. Dabei wurde der Tanz und das Laden der Gewehre wiederholt, bis der Scheik abermals rief:

»Es ist Hiluja, meinem Kinde, der Tochter der tapferen Beni Abbas, ein Retter erschienen, welcher sie vom Tode und der Sclaverei befreite. Diesem Tapferen sei Preis und Ruhm gebracht, daß sein Name genannt und von seiner That erzählt werde Jahrhunderte lang an allen Lagerfeuern der Anhänger Muhammeds. Allah hu!«

»Allah hu – hu – hu!«

Es war eine wilde Scene. Während diese Männer vorher in tiefer, ernster Andacht gekniet hatten, die Gesichter nach Mekka gerichtet, sprangen sie jetzt wirr durch einander. Ihre Rufe schrillten kreischend über die Ebene, die Schüsse krachten, die Burnus wehten. Die Kameele erhoben, von der Freude ihrer Herren angesteckt, ihre häßlich brüllenden Stimmen. Der Sand wirbelte hoch auf unter den Füßen der Tanzenden. Es war, als hätte sich eine Bande höllischer Geister zusammengethan, um den bösen Dschinns und Geistern der Wüste ein Ständchen zu bringen. Selbst der Alte tanzte, schrie und brüllte mit. Endlich aber gab er ein Zeichen und sofort trat tiefe Stille ein.

»Wir haben fast das Wichtigste vergessen,« sagte er, zu Steinbach gewendet. Wir haben zu Ehren des Retters eine Salve geopfert, aber wir haben seinen Namen noch nicht erfahren. Weißt Du ihn?«

»Dieser Name ist ein fremder, man kann ihn nicht leicht merken und aussprechen. Du wirst ihn von Deinen Töchtern erfahren.«

»Der Retter selbst hat Hiluja zu den Beni Sallam gebracht?«

»Ja, er hat sie begleitet.«

»Befindet er sich noch dort?«

Du wirst ihn noch heute sehen und mit ihm sprechen können. Er kennt Dich bereits sehr gut, da Hiluja viel von Dir und allen den Ihrigen erzählt hat.«

»So laßt uns eilen, das Lager zu erreichen. Steigt auf Eure Thiere, Ihr Männer. Unsere Kameele sollen alle ihre Schnelligkeit zeigen. Wir dürfen keinen Augenblick zögern, die verloren Geglaubte wiederzusehen.«

»Halt!« bat Steinbach. »Warte noch einen Augenblick. Deine Töchter ahnen von Deiner Ankunft nichts. Willst Du nicht vorsichtig sein und sie vorher benachrichtigen?«

»O, die Freude tödtet nicht! Das hast Du ja auch an mir bewiesen gesehen.«

»Wenn sie auch nicht geradezu tödtet, so kann sie doch schaden. Eine plötzliche große Freude gleicht dem Schrecke, welcher wie ein Schlag auf das Herz und den Kopf des Menschen fällt. Bedenke, was Hiluja gelitten hat!«

»Du magst Recht haben. Ich werde also einen meiner Leute voraussenden.«

»Willst Du das nicht mir überlassen? Eure Thiers sind von der langen, weiten Wanderung angegriffen: unsere Pferde aber haben noch ihre frischen Kräfte.«

»Gut, so reite Du voran! Aber Deinen Gefährten mußt Du mir hier lassen, damit ich mit ihm sprechen kann von der wiedergefundenen Tochter.«

Steinbach stieg auf und ritt fort. Er brauchte die Sporen gar nicht; ein leiser Druck der Schenkel und das Pferd flog über die Ebene dahin, dem Lager entgegen, so daß es mit dem Bauche fast den Boden berührte.

Der Reiter freute sich natürlich außerordentlich, den beiden Schwestern diese Botschaft bringen zu können.

Die Letzteren, welche erst zur Zeit des Morgengebetes den Schlaf gefunden hatten, waren später als gewöhnlich aufgestanden. Falehd hatte mit der Königin sprechen wollen, war aber abgewiesen worden. Jetzt nun, als die Beiden das Innere der Ruine verlassen hatten und oben zwischen den Quadern neben einander saßen, die Blicke auf die Unendlichkeit der Wüste gerichtet, kam er abermals herauf. Tarik ließ ihn nicht direct zu der Königin, sondern er meldete ihn.

*

24

»Was wird er wollen?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht. Er hat es mir nicht gesagt und ich frage ihn natürlich nicht.«

»Sind unsere beiden Gäste wach, oder schlafen sie noch?«

»Sie sind längst schon wach. Sie wollten spazieren reiten und ich habe ihnen Deine zwei Stuten gegeben. Soll Falehd zu Dir kommen?«

»Ja. Aber bleibe auch Du mit da.«

Er ging nach der Treppe, um ihn zu holen und kehrte mit ihm zurück. Der Riese machte darüber ein höchst grimmiges Gesicht. Er maß den Sohn des Blitzes mit verächtlichem Blicke und sagte zu Badija:

»Ich wollte mit Dir sprechen.«

»So sprich!«

»Meinst Du, daß ich auch mit Diesem da sprechen will?«

»Das brauchst Du nicht.«

»Soll er etwa hören, was ich rede?«

»Warum sollte er es nicht hören dürfen?«

»Weil ich nicht gewöhnt bin, Lauscher in meiner Nähe zu dulden.«

»Ist das, was Du mir zu sagen hast, eine Bosheit?«

»Nein.«

»So brauchst Du Dich auch nicht zu schämen, es hören zu lassen. Also sprich!«

»Vor den Ohren dieses Mannes nicht.«

»So willst Du also wieder fortgehen? Ich habe Dir nichts zu befehlen. Du kannst thun, was Du willst.«

Sie wendete sich ab; er aber sagte zornig:

»Bei Allah, es kommt mir vor, als ob Ihr ein lächerliches Spiel mit mir treiben wolltet. Laßt Euch das ja vergehen. Ich bin nicht der Mann dazu. Ich komme, um zu fragen, wo die beiden Fremden sind.«

»Warum fragst Du?«

»Weil ich es wissen will, natürlich!«

Er sagte das in grobem, drohendem Tone. Sie sah ihm kalt und unerschrocken in die Augen und antwortete:

»Mußt Du es etwa wissen?«

»Ja.«

»Warum?«

»Hölle und Teufel! Bin ich etwa ein Knabe, daß Du mich in dieser Weise ausfragst?«

»Bist Du etwa mein Geliebter und bin ich etwa Deine Sclavin, daß Du es wagst, in diesem Tone mit mir zu verkehren? Die Fremden sind meine Gäste und nicht die Deinigen. Du hast Dich gar nicht um sie zu kümmern.«

»Oho! Ich habe mit dem Einen zu kämpfen!«

»Was thut das?«

»Er ist fort. Wenn die Zeit des Kampfes kommt, wird er fehlen.«

»So sei froh, denn dann wird es Dir erspart sein, von ihm besiegt zu werden.«

»Von ihm? Ich will Dir auf diese Worte gar nicht antworten. Aber diese beiden Männer haben unsere besten Stuten mitgenommen.«

»Unsere? Es sind die meinigen.«

»Diejenigen meines Bruders!«

»Er ist todt.«

»Und ich bin sein Erbe.«

»Noch nicht. Jetzt gehören die Pferde mir. Ich thue mit ihnen, was mir beliebt.«

»Sie gehören nicht allein Dir, sondern dem ganzen Stamme. Solche Pferde zu besitzen ist eine Ehre für den ganzen Stamm, und diese Ehre hat man sich zu erhalten. Wer weiß, wohin die Beiden sind!«

»Allah weiß es!«

»Vielleicht reiten sie mit den Stuten davon und bringen sie nicht wieder.«

»So geht es doch Dich nichts an.«

»Du vergissest wieder, daß sie mein späteres Eigenthum sind!«

»Und Du vergissest immer wieder, daß ich Dein Weib noch nicht bin und es auch nie sein werde.«

»Wer will Dich mir nehmen?« lachte er höhnisch aus. »In einigen Stunden sind wir fertig.«

»So will ich Dir geradezu sagen, daß ich Dich nicht mag. Du bist mir widerlich und verhaßt. Deine Roheit und Heimtücke stoßen so ab, daß man, wenn Du Einem nahst, das Gefühl hat, als ob man sich in der Nähe einer Viper oder eines Scorpions befinde. Wenn Du klug bist, so giebst Du mich auf!«

Er zögerte mit der Antwort. Er kreuzte die Arme über der Brust, fixirte sie mit stechenden Augen und sagte dann im höhnischsten Tone:

»Du bist sehr aufrichtig! Also Du hassest mich?«

»Ja.«

»Und damit meinst Du mir etwas Neues zu sagen? Thörichtes Weib! Damit spornst Du nur meinen Widerstand an! Deinen guten Rath, Dich aufzugeben, kannst Du für Dich behalten. Nun strecke ich erst recht die Hand nach Dir aus. Ich werde Dir zeigen, wie man ein widerstrebendes Weib zum Gehorsam zwingt. Deine Liebe brauche ich nicht, ich werde Dich nehmen, so wie Du bist, und werde mit Dir machen das, was ich will!«

»Bilde Dir das nicht ein. Noch bist Du nicht als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen.«

»Pah!«

»Und selbst dann, wenn Du siegest, würdest Du mich nicht erlangen. Wenn Du es wagen solltest, mich zu berühren, würde ich Dich auf der Stelle tödten.«

»Wahnsinn!«

»Ich sage es und halte es!«

»Mit einem Griffe meiner Hand zermalme ich Dich. Wie könntest Du mir, Deinem Herrn, widerstehen!«

»Mit diesem hier.«

Sie griff in die Tasche und zog einen winzigen Revolver von wunderbar feiner und schöner Arbeit hervor. Er gehörte zu den Geschenken, welche ihr Steinbach überbracht hatte. Sie richtete den dünnen aber trotzdem höchst gefährlichen Lauf auf den Riesen. Dieser sprang schnell zurück und rief:

»Weib, willst Du etwa schießen!«

»Nein, ich will Dir nur zeigen, was ich thun würde, wenn Du mich anrührtest.«

»Von wem hast Du diese Waffe?«

»Das geht Dich auch nichts an.«

»Ich habe sie noch nie bei Dir gesehen. Ah, die Fremden werden sie Dir gebracht haben. Sie sollen ihren Lohn erhalten. Aber nimm das Ding weg! Es könnte losgehen!«

»Ja,« lächelte sie überlegen, »Du geberdest Dich wie ein Held, bist aber doch ein großer Feigling. Allah hat Dir eine große Körperkraft verliehen, auf welche Du pochst. Da aber, wo diese Kraft Dir nichts nützen kann, da ist es mit diesem Muth zu Ende. Du bist der Riese Falehd und zitterst doch vor dieser kleinen Waffe. Schäme Dich!«

»Ich lasse Dich sprechen, denn ich werde dafür sorgen, daß Deine Zunge und Dein giftiger Stachel später unschädlich werden. Du bist eine schöne Spinne, weiter nichts, aber die Schönheit der Spinne wird nicht bewundert, sondern verabscheut. Ich gehe jetzt, indem ich über Dich lache. Heut Abend bereits wirst Du ganz anders sprechen; dann bin ich der Herr, und Du bist die Sclavin. Diejenigen aber, von Denen Du Deine Rettung erhoffst, werden mit zermalmten Knochen unter dem Sande liegen, um der Hölle und ewigen Verdammniß entgegen zu warten!«

Er ging. Tarik blickte ihm finster nach und sagte:

»Allah scheint mir viel Kraft, mich zu beherrschen, gegeben zu haben, sonst hätte ich diesem Kerl das Messer zwischen die Rippen gestoßen. Ich habe geschwiegen, weil ich ganz genau weiß, daß um die Mittagszeit seine letzte Stunde geschlagen hat.«

Seine Augen leuchteten dabei in einer Siegesfreudigkeit auf, welcher ein Unterliegen gar nicht möglich schien. Er stand allein bei Badija, da Hiluja sich entfernt hatte, als der Riese gekommen war. Sie hatte nicht neugierig erscheinen wollen. Die Königin bemerkte den Blick des Geliebten. Sie sagte in gedämpftem, fast traurigem Tone:

»Ich kann dieses Bewußtsein nicht theilen.«

»O, ich weiß gewiß, daß er mir nicht widerstehen kann. Seine Kraft reicht nicht an die meinige.«

»Oh! Seid wann bist Du denn so stark geworden?«

»Seid – – gestern Abend. Weißt Du, Badija?« flüsterte er ihr in liebevollem Tone zu.

»Macht denn die Liebe so stark?« fragte sie erröthend.

»Ja, sie macht unüberwindlich. Ich fühle es.«

»Aber Masr-Effendi kommt vor Dir!«

»Was ändert das?«

»Wenn er ja siegen sollte, so gehöre ich ihm.«

»Er ist ein edelmüthiger Mann, und Allah kennt unsere Liebe. Er wird Alles zum Besten wenden.«

Da kehrte Hiluja zurück und meldete:

»Kommt einmal mit auf die andere Seite. Ich sah dort, weit draußen, einen Reiter, welcher in größter Eile auf das Lager zugesprengt kommt.«

Sie folgten ihr und erblickten den Genannten.

»Wer mag das sein?« fragte die Königin. »So schnell reitet nur ein Eilbote.«

»Ich kenne ihn,« antwortete Tarik in besorgtem Tone. »Es ist Masr-Effendi. Er reitet so schnell, daß Ihr in einer Minute sein Gesicht erkennen werdet.«

»O Allah! Wenn er es wirklich ist, so ist irgend ein Unglück geschehen. Wo mag sein Gefährte sein!«

»Das werden wir bald hören.«

Steinbachs Pferd warf die Entfernung förmlich hinter sich. In einer Minute war er deutlich zu erkennen, und in noch einer halben sprang er unten aus dem Sattel und kam die Stufen herauf.

»Ist's ein Unglück?« rief ihm Tarik bereits von Weitem aus lauter Besorgniß entgegen.

»Nein, sondern eine frohe Botschaft.«

»Allah sei Dank! Komm schnell zu uns.«

»Es sah allerdings zuerst wie ein Unglück aus,« erklärte Steinbach, »doch hat es sich über alle Erwartung sehr schnell zum Guten gewendet.«

»Wo ist Dein Gefährte?«

»Noch weit da draußen. Er wird bald kommen. Man wollte uns gefangen nehmen. Ich komme, um Euch zu melden, daß Ihr viele Gäste empfangen werdet.«

»Heut! Gerade heut!« sagte Tarik. »Da können sie uns nicht willkommen sein.«

»O, Ihr werdet sie im Gegentheile mit Jubel empfangen.«

»Wer könnte das sein? Sage es!«

»Ihr sollt es errathen. Wir sahen von Weitem eine Karawane und ritten hinzu. Als wir so nahe waren, daß man uns deutlich sehen konnte, kam eine ganze Anzahl Reiter herbei, um uns zu umzingeln. Sie hatten die Absicht, uns gefangen zu nehmen.«

»Waren sie denn von einem feindlichen Stamme, da sie das thun wollten?«

»Nein, aber sie hielten uns für Pferdediebe.«

»Ah,« lachte Tarik. »Sie haben die Stuten erkannt und geglaubt, daß Ihr sie gestohlen hättet. Sie gehören also einem in der Nähe wohnenden Stamme an.«

»Meinst Du? Sie hatten kein einziges Pferd. Sie ritten nur Kameele.«

»Das ist ein Zeichen, daß sie sehr weit herkommen. Wie aber ist es da möglich, daß sie unsere Pferde kennen?«

Steinbach antwortete unter einem forschenden Blicke, den er auf die beiden Schwestern warf:

»Sie sagten, die Pferde seien bei ihnen geboren und aufgezogen worden.«

Da stießen Badija und Hiluja zugleich einen lauten Freudenschrei aus, und ebenso vereint fragten sie:

»So sind es Beni Abbas?«

»Ja.«

»Hamdulillah! Preis sei Gott! Boten unseres Vaters! Ja, ja. Du hast sehr Recht. Sie werden uns hochwillkommen sein. Sind sie noch weit von hier?«

»Soeben meinte ich, daß sie noch weit zurück seien; aber sie müssen mir sehr schnell gefolgt sein, denn da draußen am Horizonte sehe ich einen weißen Punkt. Das ist der Sonnenstrahl, den ihre weißen Burnus zurückwerfen. Sie kommen. Euer Vater hatte gehört, daß Hiluja ermordet worden sei. Er hat ihren vermeintlichen Tod an den Tuareg gerächt, und nun – –«

»Nun sendet er mir Leben, um mich von dem Tode der Schwester zu benachrichtigen?« fragte die Königin.

»Er hat solche Sehnsucht gehabt, die einzige Tochter noch einmal zu sehen, die ihm nach dem Tode Hilujas übrig geblieben war, daß – – daß – – daß – –«

»Daß – – sprich doch weiter!«

»Rathe es doch lieber.«

»Daß er selbst gekommen ist?«

Die beiden Schwestern hatten seine Arme erfaßt, die Eine hüben und die Andere drüben. Er blickte abwechselnd herüber und hinüber in ihre vor Entzücken gerötheten Angesichter, nickte lächelnd und antwortete:

»Ja, er kommt selbst.«

»Herrlich, herrlich!« rief die Königin, indem sie ihr Gewand raffte, ein Wenig empor hob und ganz uneingedenk ihrer Würde die steilen Stufen hinuntersprang.

»Allah, Allah! Welch eine Freude. Welch Entzücken!« rief auch und zwar zu gleicher Zeit Hiluja, indem sie schnell wie der Wind ihrer Schwester nacheilte. Steinbach blickte ihnen nach. Er sah sie nach dem Platze laufen, an welchem die Pferde standen. Alle, denen sie begegneten, blieben stehen, verwundert über dieses Gebühren.

»Khawam, khawam! El Fantasia! Schnell, schnell! Eine Fantasia! Es kommen Gäste! Der Vater kommt mit seinen Beni Abbas! Schnell, schnell!«

Beide warfen sich je auf ein ungesatteltes Pferd und sprengten fort. Im Lager erhob sich ein ungeheurer Jubel. Man sah die Gäste bereits nahe. Die Kameele der Beni Abbas hatten ihre letzten Kräfte zu einem windesschnellen Ritte aufbieten müssen, aber schon flogen ihnen die Reiter der Beni Sallam entgegen, welche nach ihren Flinten gesprungen waren und sich auf die Pferde geworfen hatten, gar nicht erst fragend, ob Jeder auch das seinige erwischte. Es gab ja eine Begrüßung, eine Fantasia, und da bleibt kein Beduine nur einen Augenblick zurück.

Fantasia wird nämlich jedes Waffen- und Reiterspiel genannt, welches bei gewissen feierlichen oder frohen Begebenheiten unternommen wird. So reiten gewöhnlich bei Begrüßung willkommener Gäste sämmtliche verfügbaren Krieger des Stammes unter lautem, wildem Geschrei den Ankömmlingen in sausendem Galoppe entgegen, umringen sie, legen ihre Gewehre auf sie an, schießen die Letzteren ab, werfen die Speere, zücken die Messer unter drohenden Geberden und thun ganz so, als ob sie die Gäste als Feinde ansähen und vom Erdboden vertilgen wollten. Das sieht wirklich gefährlich aus und wer im Lande und mit den Gebräuchen der Beduinen nicht bekannt ist, der kann eine solche Fantasia sehr leicht für Ernst nehmen und dadurch und dabei einen Fehler begehen, der ihm das Leben kostet.

Das war nun hier bei den Beni Abbas freilich nicht der Fall. Sie wußten, daß die ihnen entgegenstürmenden Männer nur zu ihrer Begrüßung kamen. Darum beantworteten sie deren Geschrei in der gleichen Weise. Sie zielten, schossen ab, ließen sich in Scheinkämpfe ein und thaten ganz so, als ob sie die Beni Sallam vernichten wollten. Es war ein Heidenlärm, ganz als ob es sich wirklich um Leben und Tod handele.

Nur drei Personen nahmen nicht Theil. Die beiden Schwestern hatten die Gäste natürlich zuerst erreicht. Sie sprangen von ihren Pferden und stürzten auf das Kameel des Vaters zu. Er ließ das Kameel augenblicklich halten und niederknieen. Es lag aber noch nicht am Boden, so stieg er schon herab und öffnete seine Arme.

»Hamdulillah, Preis sei Gott, dem Allbarmherzigen!« rief er aus. Er hat mir die Verlorene wiedergegeben. Ihm sei Dank und Anbetung im Himmel und auf Erden!«

Die Kinder hatten sich an seine Brust geworfen. Sie hielten ihn umschlungen, so fest, als ob sie ihn gar nicht wieder lassen wollten. Unter strömenden Freudenthränen und lautem Schluchzen nannten diese Drei sich bei den zärtlichsten Namen. Kurze, abgerissene Fragen gingen von Lippe zu Lippe und Keines von ihnen hatte auf die sie umtobende Fantasia acht, bis Falehd, der Riese, von seinem Pferde sprang und zu der Gruppe trat.

»Habakek ïa Scheik – sei willkommen, o Scheik!« sagte er, ihm die Hand bietend.

Der Vater wand sich aus der Umarmung der Töchter und erwiderte seinen Gruß. Die Augen des Riesen waren gar nicht etwa in freundlichem Ausdrucke auf ihn gerichtet. Er kam mit seinen Leuten dem Goliath gar nicht gelegen, zumal heut, wo er der Mann und Herr der Königin werden wollte.

»Ziehst Du weiter, oder wirst Du bei uns einkehren?« fragte Falehd.

Der Schaik war mehr als überrascht von dieser unerwarteten Frage. Er blickte die Königin an, sah deren zorniges Erröthen und antwortete:

»Weiter ziehen! Wohin meinst Du, daß ich zu reisen die Absicht haben könnte?«

»Allah ist allwissend, nicht aber ich.«

»Selbst wenn ich weiter ziehen wollte, würde doch mein Herz mich drängen, meine Töchter zu sehen.«

»Du siehst sie hier!«

»Ich komme nicht in meinen alten Tagen durch die Wüste geritten, um die Tochter nur für einen Augenblick zu sehen und nur hier vor dem Lager mit ihr zu sprechen. Oder haben die Beni Sallam kein Zelt für den Vater ihrer Königin?«

»Alle, alle Zelte stehen Dir natürlich offen!« sagte Badija. »Höre nicht auf ihn, den ein finsterer Geist bewohnt! Er glaubt, hier gebieten zu können, und ist doch nicht mehr als jeder Andere. Komm!«

Der Schaik wurde mit seinen Begleitern unter Jubel nach dem Lager geschafft. Falehd aber blieb mit einigen seiner Anhänger zurück. Indem er mit ihnen langsam den Vorangerittenen nachfolgte, sagte er:

»Nur der Teufel kann diesen Alten auf den Gedanken gebracht haben, heut zu uns zu kommen. Es ist möglich, daß er alle unsere Absichten zu nichte macht.«

»Das wird er nicht vermögen,« antwortete ein Anderer. »Er ist nicht Mitglied unseres Stammes und hat also weder Sitz noch Stimme bei der Berathung.«

»Das ist von gar keinem Gewichte. Seine einfache Anwesenheit verstärkt die Anhänger der Königin in ihrem Selbstvertrauen. Zudem ist er ihr Vater und hat als solcher gewisse Rechte über sie.«

»Diese Rechte hat er ja an Deinen Bruder abgetreten, indem er sie ihm zum Weibe gab.«

»Der Bruder ist gestorben.«

»So bist Du sein Erbe, also auch der Erbe dieser Rechte.«

»Ich wäre es, wenn ihr Vater fern wäre, da er sich aber jetzt bei uns befindet, hat er mehr über sie zu sagen als ich. So ist es nach den Gesetzen der Wüste. Der Gast steht ja höher als jeder Angehörige des Stammes.«

»Aber wenn Du Deine drei Gegner besiegt hast, kann er sich doch nicht etwa weigern, sie Dir zum Weibe zu geben?«

»Darüber bin ich mir nicht klar. Für diesen Punkt giebt es kein Gesetz; es ist so Etwas noch gar nicht vorgekommen. Ich glaube, daß darüber die Versammlung der Aeltesten zu entscheiden hätte.«

»Diese Alten sind aber gegen Dich.«

»So werden sie es mit mir zu thun bekommen. Ich habe nicht die Absicht, mich in meinen Plänen stören oder mir über Das, was ich thun soll, Vorschriften machen zu lassen. Auf Euch kann ich rechnen, und so werden wir gemeinschaftlich handeln, mag da kommen, was wolle.«

Sie hatten jetzt nun auch das Lager erreicht, wo es jetzt ein frohlautes Leben gab. Die Beni Sallam standen mit ihren Gästen in verschiedenen kleinen Gruppen beisammen. Jeder wollte Einen von ihnen in seinem Zelte haben. Einige kannten sich noch von früher her, als die Beni Sallam bei den Beni Abbas gewesen waren, um die Tochter des Scheiks von dort abzuholen. Da gab es Erkundigungen und Erklärungen die schwere Menge. Ebenso geschäftig oder vielmehr noch viel geschäftiger waren die Weiber. Es gab ja für die Bewirthung so vieler Gäste zu sorgen. Es wurden Schafe hinaus vor das Lager gebracht, um unter gewissen vorgeschriebenen Ceremonieen geschlachtet zu werden. Diese Ceremonieen sind unumgänglich nothwendig. Wer ohne ihre Befolgung ein Thier schlachtet, der macht sich nach dem muhammedanischen Ritus unrein und darf während einer gewissen Zeit nicht mit Anderen verkehren, da diese sonst von seiner religiösen Verunreinigung angesteckt würden und nun auch die Einsamkeit suchen müßten.

Bald loderten viele Feuer empor, über denen die Braten schmorten und an welchen sich geschäftige Gestalten bewegten. Oben aber auf der Ruine war es nicht so lebhaft und bewegt. Die Königin hatte sich mit dem Vater und der Schwester in ihre Gemächer zurückgezogen, wo es ja so viel, so außerordentlich viel zu erzählen gab. Sie fanden keine Zeit, an Andere zu denken. Normann und Steinbach hatten sich in einen schattigen Winkel der Außenseite des Gemäuers zurückgezogen, von welchem aus sie das geschäftige Treiben ruhig beobachteten. Tarik und Hilal befanden sich unten bei den Gästen; sogar die Wache hatte ihre Posten verlassen, so daß also oben vollständige Ruhe herrschte.

Da trat der Scheik aus der Thür der Ruine hervor und blickte sich um. Von dem Platze aus, an welchem er stand, konnte er den Winkel sehen, in welchem die beiden Deutschen saßen. Als er sie erblickte, kam er sehr eilig auf sie zu. Vor ihnen dann stehen bleibend, fixirte er Steinbach mit leuchtenden Augen und sagte:

»Welch ein Mann bist Du!«

»Ein Mensch wie jeder Andere,« antwortete Steinbach lächelnd, indem er sich aus seiner sitzenden Stellung erhob.

»Nein, nicht wie jeder Andere. Du bist viel, viel anders als tausend Andere. Du bist ein Liebling Allahs, an welchen er die schönsten und besten seiner Gaben verschenkt hat. Zu diesen Vorzügen gehört die Verschwiegenheit. Zu mir aber hättest Du doch sprechen können!«

»Ich habe es ja gethan!«

»Aber nicht vollständig. Warum hast Du mir denn verschwiegen, daß Du der Mann bist, der Hiluja gerettet hat?«

»Ich wußte ja, daß Du es von Anderen ebenso gut erfahren würdest.«

»Du bist bescheiden und wolltest Dich meinem Danke entziehen. Meine Tochter hat mir Alles erzählt. Du hast Dein Leben gewagt, um sie zu retten. Du hast sie dann hierher gebracht nach einer weiten Reise. Du hast ihretwegen große Ausgaben gehabt, und da – –«

»O nein,« fiel Steinbach ihm in die Rede. »Ich würde hierher gegangen sein, auch wenn ich Hiluja, Deine Tochter, nicht kennen gelernt hätte.«

»Das verringert gar nichts an der Größe dessen, was ich Dir schuldig, bin. Wie aber soll ich Dir danken – –?«

»Danke mir dadurch, daß Du gar nicht von Dank sprichst!«

»Das ist unmöglich. Was im Herzen wohnt, das soll man mit dem Munde aussprechen, und Du kannst nicht verlangen, daß ich Dein Schuldner bleibe, ohne wenigstens diese Schuld einzugestehen und zu bekennen.«

»Das hast Du nun gethan, und wir sind quitt.«

»Quitt? Oh Allah! Wenn ich Dir gäbe Alles, was ich besitze, meine Heerden, meinen Reichthum, mein Leben, so wären wir doch noch nicht quitt. Sage mir, ob Du nicht vielleicht einen Wunsch hast, den ich Dir erfüllen kann!«

»Ich habe ihn, wirst Du mir ihn auch erfüllen?«

»Ja, wenn es mir möglich ist.«

»Es ist der, welchen ich bereits vorhin ausgesprochen habe: Sprich nicht mehr von Dank!«

»Und ich habe Dir bereits gesagt, daß ich Dir gerade diesen Wunsch nicht erfüllen kann. Ich muß von Dir sprechen und von Dir erzählen. Ich werde Deinen Ruhm verkünden, so weit mein Ruf und meine Stimme reicht.«

»Das kann aber mir persönlich keinen Nutzen bringen. Ich werde diese Gegend sehr bald wieder verlassen und dann wohl niemals wiederkommen.«

»Verlassen?« fragte der Scheik. »Ich denke. Du willst für immer bei den Beni Sallam bleiben!«

»O nein. Das ist unmöglich.«

»Aber Badija sagte mir, daß Du für sie kämpfen willst.«

»Das ist allerdings der Fall.«

»Dann wirst Du Scheik des Stammes.«

»Es ist mir doch möglich, diese Würde von mir zu weisen.«

»Nein. Du erkämpfest Dir ein Weib und diese Würde.«

»Ich trete die Würde an einen Andern ab.«

»Das ist unmöglich. Nur abgerungen könnte Dir Beides wieder werden, das Weib und die Würde. Hast Du vielleicht bereits eine Frau?«

»Nein.«

»Oder bist Du verlobt mit einer Tochter Deines Stammes?«

»Auch das nicht.«

»Ist Badija Dir nicht schön genug?«

»Sie ist die Schönste der Schönen.«

»Oder nicht reich genug?«

»Ich weiß nicht, was sie besitzt; aber ich selbst bin reich; wenn ich mir eine Frau nehme, kann sie ganz arm sein, wenn nur ihr Herz reich ist.«

»Warum willst Du da Badija von Dir weisen?«

»Eben weil ihr Herz arm ist.«

Er lächelte dabei so eigenthümlich, daß sein Lächeln die Aufmerksamkeit des Scheiks erweckte.

»Ihr Herz arm?« sagte dieser. »O, da kennst Du sie nicht!«

»Ich kenne sie. Ihr Herz ist reich an allen guten Eigenschaften, aber für mich ist es arm. Badija liebt mich nicht.«

»Sie liebt Dich, ich habe es aus der Art und Weise bemerkt, in welcher sie von Dir spricht.«

»Sie liebt mich als den Retter ihrer Schwester, als ihren Freund, aber sie liebt mich nicht so, wie das Weib den Mann lieben soll.«

»O, das ist Schwärmerei. Das Weib hat zu gehorchen. Die Liebe kommt ganz von selbst, wenn der Kadi und der Mollah das Paar verbunden hat.«

»O nein! Ist Badija mit dem Manne, der ihr starb, nicht durch den Kadi und den Mollah verbunden gewesen?«

»Ja.«

»Sie hat ihn aber doch nicht geliebt; er hat sie nicht anrühren dürfen. Ein solches Weib möchte ich nicht haben.«

»So verachtest Du sie? Das thut meinem Herzen wehe.«

»Ich verachte sie nicht, sondern ich verehre sie. Ich wollte nur sagen, daß ich nur eine Frau haben will, welche mich so liebt, daß ihr ganzes Herz mir gehört.«

»Warum aber sollte Badija Dir nicht das ihrige schenken?«

»Sie hat es nicht mehr.«

»Nicht mehr? Wer sollte es denn besitzen. Du sagtest doch, daß sie den Verstorbenen nicht geliebt, habe.«

»Du scheinst anzunehmen, daß eine Frau ihr Herz nur an ihren Mann verschenken kann.«

»Ja, das ist ihre Pflicht. Sie darf es keinem Andern schenken, das wäre gegen das Gebot des Propheten.«

»Aber nicht gegen die Gebote der Natur. Das Herz fragt nicht nach dem Zwange, der ihm angethan wird. Es bäumt sich vielmehr gegen ihn auf.

»Oh Allah, Allah! Welchen Schmerz bereitest Du mir!«

»Schmerz? das begreife ich nicht.«

»Du sagst doch, daß Badija ihr Herz nicht ihrem Manne gegeben habe!«

»Kann Dich das schmerzen?«

»Das nicht, aber das Andere: Sie hat es also einem Andern geschenkt? Nicht?«

»Ja.«

»Das durfte sie nicht. Das ist Ehebruch. Wer hätte das von ihr gedacht! Oh Badija, mein Kind, meine Tochter! Und noch vor wenigen Augenblicken saß sie so rein, so unschuldsvoll an meiner Seite. Welche Verstellung!«

»Sie ist ja rein und unschuldig. Erlaubte sie ihrem Manne nicht, sie anzurühren, so hat sie es auch keinem Andern erlaubt.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Ueberhaupt hat sie ihr Herz erst nach seinem Tode verschenkt, das darfst Du glauben.«

»Hamdulillah! Preis sei Gott! Jetzt ist mir meine Seele wieder leicht. Sie ist also rein und gut geblieben! Aber wem hat sie denn ihre Liebe gewidmet?«

»Hat sie davon nicht zu Dir gesprochen?«

»Nein.«

»So darf auch ich nichts sagen.«

»Warum?«

»Weil das ihre eigene Sache ist.«

»Aber Du kennst ihn?«

»Ja.«

»Wer ist er?«

»Soeben sagte ich Dir, daß ich es Dir nicht mittheilen kann. Aber komm, setze Dich hier neben mich, ich habe mit Dir noch Einiges zu besprechen.«

Der Scheik folgte dieser Aufforderung, neugierig, was dieser Masr-Effendi ihm zu sagen habe. Dieser begann:

»Warum hast Du Deine Tochter einst dem Scheik der Beni Sallam zum Weibe gegeben?«

»Er hielt um sie an.«

»Ich meine den eigentlichen Grund. Sie liebte ihn doch nicht.«

»Sie liebte auch keinen Andern, sie hat mir ganz willig Gehorsam geleistet.«

»Also nur um Gehorsam hat es sich gehandelt!«

»Ja. Der Anführer eines berühmten Stammes hat nach ganz Anderem zu fragen, als nach den Grillen eines Mädchenkopfes. Weißt Du vielleicht, was ein Muameleti düweli aschna ist?«

»Ja,« antwortete Steinbach lächelnd.

»Giebt es in Deutschland auch solche Muameleti düweli aschnalar?«

»Du hast von einem von ihnen gesprochen, von Bismark. Er ist der allergrößte unter ihnen. In Deutschland werden diese Leute anders genannt als bei Euch. Man nennt sie dort Diplomaten.«

»So ein Diplomat bin ich auch.«

Er sagte das im Tone eines so naiven Selbstbewußtseins, das Steinbach lachend ausrief:

»Ah! Ich gratulire!«

»Du lachst? Glaubst Du es etwa nicht?«

»O ja. Du hast es gesagt, folglich ist es wahr.«

»Ein Scheik muß stets ein Diplomat sein. Die großen Könige und Sultane verheirathen ihre Töchter an solche Herrscher, von denen sie dafür Vortheile erwarten. Dasselbe ist auch bei mir der Fall. Es lag mir sehr viel an der Freundschaft der Beni Sallam, darum gab ich Badija dem Scheik derselben zum Weibe.«

»Wirst Du an Deiner anderen Tochter vielleicht auch als Diplomat handeln?«

»Ja. Es ist das meine Pflicht.«

»Du wirst sie an einen Scheik verheirathen?«

»An den Sohn eines Scheiks.«

»Das ist bereits bestimmt?«

»Ja. Ich will ein Bündniß schließen mit dem Stamme der Mescheer, welche im Süden von Tunesien wohnen. Der Scheik ist sehr alt, er heirathet nicht wieder, aber er hat einen Sohn, welcher der Mann Hiluja's sein wird.«

»Weiß sie es schon?«

»Wozu braucht sie es zu wissen? Sie wird mir gehorchen, sowie Badija mir gehorcht hat.«

»Badija gehorchte, weil ihr Herz noch frei war.«

»Willst Du etwa sagen, daß Hiluja das ihrige bereits verschenkt habe?«

»Ich möchte blos wissen, was Du thätest, wenn dies der Fall wäre.«

»Ich würde mich natürlich nicht nach ihr richten können. Sie würde mir leid thun. Aber die Frauen haben ganz andere Seelen als die Männer. Heute meinen Sie, Einen zu lieben, und wenn morgen das Gebot an sie herantritt, einen Anderen zu lieben, so thun sie es gern, denn es gefällt ihnen Jeder, den sie lieben wollen.«

»Wollen, ja, wollen! Aber es gefällt ihnen nicht auch Jeder, den sie lieben sollen.«

»O doch, wenn sie nur den guten Willen haben und sich einige Mühe geben.«

»Du bist ein großer Menschenkenner!« sagte Steinbach in stiller, unbemerkter Ironie.

»Das bin ich, ich bin ja auch alt genug dazu. Ich habe viele hundert Frauen beobachtet. Sie sind arme, gutwillige Wesen. Warum sollten sie auch nicht! Sind sie schön, so betet man sie an, sind sie häßlich, so bemitleidet man sie, und beides, die Anbetung und das Mitleid, thut doch dem Herzen wohl. Sie fühlen sich also glücklich, mögen sie nun schön oder häßlich sein. Und in diesem Gefühle des Glückes sind sie allen Männern gut. Es hat doch ein Jeder seine gute Seite. Will Eine Einen nicht haben, so braucht er ihr nur diese seine gute Seite zu zeigen, so hat sie ihn sofort lieb und wird ihn heirathen.«

»Da hast Du es allerdings zu sehr erfreulichen Resultaten gebracht mit Deinen Beobachtungen,« lachte Steinbach, und Normann stimmte in dieses Lachen ein.

»O, es wird ein Jeder, welcher die Augen und die Ohren offen hält, zu ganz denselben Resultaten kommen.«

»Hier bei Euch vielleicht!«

»Bei Euch nicht?«

»Nein.«

»Sind die deutschen Frauen und Mädchen anders?«

»Es scheint fast so.«

»Inwiefern sind sie denn anders?«

»Es genügt ihnen nicht, daß der Mann nur eine gute Seite habe, es sollen vielmehr alle seine Seiten gut sein.«

»Wie unbescheiden. Sind denn auch ihre Seiten alle so gut?«

»Ja. Nur Einige giebt es darunter, bei denen irgend eine Seite vielleicht nicht ganz so ausgezeichnet ist.«

»Viele?«

»Nein, wenige, fünf oder sechs. Wenn in Deutschland ein Mädchen ihr Herz verschenkt hat, so mag sie keinen Anderen.«

»Wie dumm! Der Andere ist doch auch ein Mann!«

»Aber nicht ihr Mann, nicht der Mann nach ihrem Geschmack.«

»Dann hat sie eben einen falschen Geschmack und der Vater darf sich nicht nach demselben richten. Ich wollte, ich hätte einmal so einige deutsche Töchter. Ich würde ihnen sehr bald den richtigen Geschmack beibringen!«

»Das traue ich Dir zu.«

»Ja, das kannst Du mir auch zutrauen. Wenn Eure Mädchen verlangen, daß der Mann lauter gute Seiten haben soll, so bekommt doch Derjenige, welcher unglücklicher Weise nur eine gute Seite hat, gar Keine.«

»Das sollte man denken, ist aber nicht so. Es kommt zuweilen vor, daß Einer, der gar keine gute Seite hat, die allerbeste Frau bekommt.«

»Allah ist groß! Bei ihm ist Alles möglich!«

»Und ebenso kommt es vor, daß ein recht böses Weib einen sehr guten Mann bekommt.«

»Das ist die verkehrte Welt. So giebt es also bei Euch wirklich böse Weiber?«

»Ja, einige wenige.«

»Schickt sie uns hierher! Wir werden sie kuriren.«

»Womit?«

»Sie bekommen nichts als Koloquinthen zu essen und werden bis an den Kopf in Sand gegraben. Das treibt alle bösen Eigenschaften aus dem Leibe. Wir könnten sie Euch sehr bald gebessert wiederschicken.«

»Das ist gut. Wir sollten darum ein Bündniß mit Euch schließen, um Euch unsere bösen Frauen in die Cur geben zu können. Hast Du keine Tochter mehr, welche unser Kaiser zur Besiegelung dieses Bündnisses heirathen könnte?«

»Nein,« meinte der Scheik ernsthaft. »Aber ich habe einen Sohn, welcher eine Tochter Eures Kaisers nehmen könnte, wenn wir über den Preis einig werden, welchen er in Burnussen und Tüchern auszuzahlen hat.«

»Du könntest doch Hiluja hergeben!«

»Nein, die bekommen die Beni Mescheer.«

»Ist das unerschütterlich fest?«

»Ja.«

»So hast Du wohl mit dem Scheik der Mescheer bereits diese Angelegenheit besprochen?«

»Besprochen und abgeschlossen. Hiluja sollte ihre Schwester besuchen und nach ihrer Rückkehr wollten wir die Verlobung feiern.«

»O wehe!«

»Warum klagest Du?«

»Weil es da wohl besser gewesen wäre, wenn sie von den Tuareg getödtet worden wäre. Sie wird jedenfalls sehr unglücklich sein.«

»Das glaube ich nicht. Der Sohn des Scheiks der Mescheer ist ein sehr tapferer Mann. Sie wird ihn bald lieb haben.«

»Der, welchen sie liebt, ist wenigstens ebenso tapfer.«

»Ist er Scheik?«

»Nein.«

»Oder der Sohn oder Verwandte eines solchen?«

»Auch nicht.«

»Aber doch reich.«

»Sehr arm.«

»So mag er ja nicht daran denken, mein Eidam zu werden. Er ist kein Schwiegersohn für mich.«

»Aber sie lieben einander!«

»O, sie werden sehr bald nichts mehr von einander wissen wollen. Die Liebe ist nur in der Ehe möglich. Was Du da Liebe nennst, ist etwas ganz Anderes.«

»So will ich Dir wenigstens Eines sagen: Du bist Dem, den Hiluja liebt, großen Dank schuldig.«

»Warum?«

»Er hat ihr in Kairo einen bedeutenden Dienst erwiesen.«

»Allah! Meinst Du etwa Hilal?«

»Hat sie von ihm gesprochen?«

»Ja. Ist er es?«

»Er ist es. Ich will es verrathen.«

»So thut mir der arme Teufel leid! Er ist ein guter Junge und ein tapferer Krieger. Aber das ist auch Alles. Er wird sich seine Liebe aus dem Kopfe schlagen müssen. Er ist arm und ohne Würde. Es kann nicht sein.«

»Bedenke, daß sein Bruder Tarik auch arm ist und auch aus keiner berühmten Familie stammt.«

»Wie kommst Du auf diesen? Er hat doch mit dieser Angelegenheit gar nichts zu thun.«

»Sogar sehr viel. Er hat sich mit zum Kampfe gemeldet. Denke Dir den Fall, daß ich unterliege, daß aber Tarik den Riesen besiegt, dann wird Badija sein Weib.«

»Ja, sie wird es.«

»Und Du hast nichts dagegen?«

»Gar nichts. Er ist dann Scheik. Du siehst, welcher Unterschied da stattfindet.«

Der Unterschied ist gar nicht so groß, wie Du meinst. Ich will Dir erklären, daß – ah, horch.«

Drei sonore, eigenartige Töne erklangen weit über das Lager hin. Der Mueddin hatte die Ruine bestiegen und an das Bret geschlagen. Dann ertönte seine Stimme von oben herab:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Blickt empor zur Sonne, o Ihr Gläubigen! Sie hat beinahe den Scheitelpunkt erreicht! Und blickt hinunter auf Eure Füße. Der Schatten Eures Körpers ist kaum noch eine Spanne lang. In wenigen Augenblicken also ist die Zeit des Kampfes gekommen. Versammelt Euch an dem Orte desselben und preiset Allah, der dem Manne Kraft gegeben hat, zu kämpfen, zu siegen und zu vernichten. Allah illa Allah we Muhammed Rassuhl Allah!«

Er stieg langsam wieder hernieder. Sein Ruf war überraschend gekommen. Die Ankunft der Beni Abbas hatte die Beni Sallam so in Anspruch genommen, daß sie gar nicht sehr auf die Zeit geachtet hatten. Jetzt nun eilte ein Jeder, einen guten Platz zu erhalten. Die höchsten Kameele wurden bestiegen, damit man über etwaige Nachbarn gut hinwegzuschauen vermöge. Alle, Männer und Frauen, Bursche und Mädchen, eilten herbei. Den Kindern war es natürlich verboten, mitzukommen; sie entschädigten sich aber dadurch, daß sie einzelne Gruppen bildeten, bei deren jeder einige Jungens um ein Mädchen sich prügelten, welche die Königin Badija vorstellte. Das gab Beulen und blaue Flecke genug und war viel hübscher, als das ruhige Zusehen dort beim wirklichen Kampfe.

Auch Steinbach selbst war überrascht gewesen, daß die Zeit so nahe gerückt war. Er stand auf und sagte:

»Wir müssen leider unser Gespräch beendigen. Ich hätte so gern länger über diesen Gegenstand gesprochen.«

»So bist Du wohl Hilal's Freund?«

»Ja. Ich würde mich sehr freuen, ihn glücklich zu sehen.«

»So mag er mit mir ziehen. Mein Stamm zählt sehr viele schöne Mädchen; er mag sich unter ihnen eine Frau wählen und kein Vater soll ihn abweisen, dafür werde ich Sorge tragen.«

»Er mag keine Andere.«

»Hiluja kann er nicht bekommen, ich habe Dir das ja bereits erklärt. Jetzt nun wird es aber Zeit, daß Du Deinen letzten Willen sagst. Wenn der Riese Dich erschlägt, so müssen wir wissen, was Deine Wünsche sind.«

»Hier mein Gefährte kennt diese Wünsche bereits.«

»Und wenn Du siegest, so befindest Du Dich in einer sehr fatalen Lage; Du hast Badija und willst sie doch nicht haben. Ich habe keine Ahnung, wie das enden soll.«

»Ich habe eine Ahnung und bitte Dich, Dich ja nicht mit sorgenvollen Gedanken herumzuschlagen. Jetzt aber wird es hohe Zeit. Dort kommt die Königin, um sich nach dem Kampfplatze zu begeben. Begleite Du sie, sie wartet auf Dich!«

Es ist leicht erklärlich, daß der ganze Stamm sich in einer ungeheuren Aufregung befand. Es sollte sich entscheiden, wer Scheik sein werde. Ein vollständig Fremder und Unbekannter hatte sich mit zum Kampfe gemeldet. Falehd's Riesenkraft war bekannt. Es gab keinen Einzigen, welcher gezweifelt hätte, daß er Sieger sein werde.

Draußen vor dem Lager war der Kampfplatz mit Speeren abgesteckt. Rund herum standen einige Reihen Zuschauer zu Fuße, hinter ihnen Reiter zu Pferde und hinter denselben dann die Reiter auf hohem Kameelshöcker. So ragten die Köpfe je weiter hinten desto höher empor, gerade wie in einem Amphitheater.

Die Königin kam gegangen. Sie nahm an einem Ende des Kampfplatzes auf einem Teppiche Platz, welcher für sie ausgebreitet worden war. Ihr Gesicht war leichenblaß, vollständig blutleer. Sie vermochte kaum, ihre innere Angst zu verbergen. Neben ihr saß ihr Vater und ihre Schwester. Zu beiden Seiten standen Tarik und Hilal, die beiden Brüder.

Der Riese hatte sich am entgegengesetzten Ende der Wahlstatt niedergesetzt. Sein häßliches Gesicht zeigte den Ausdruck der Schadenfreude und des Triumphes. An seiner Seite saßen Ibrahim Pascha und der Russe, hinter ihnen einige seiner Anhänger. Einige mit Wasser gefüllte, ausgehöhlte Kürbisse waren vorhanden, damit die Kämpfenden sich erquicken oder aber vorkommenden Falles auch sich das Blut abwaschen könnten.

Der alte Mueddin und Kalaf, der oft erwähnte Alte, standen in der Mitte des Platzes. Sie waren von der Versammlung der Aeltesten erwählt worden, die Angelegenheit zu leiten.

»Er ist noch nicht da,« sagte der Riese zu seinen beiden Nachbarn. »Der Hund wird Angst bekommen haben.«

»Er wird es sich doch nicht einfallen lassen, vom Kampfe zurückzutreten,« meinte Ibrahim Pascha.

»Das ist unmöglich.«

»Es wäre das höchst fatal. Der Kerl muß sterben. Wenn er sich aber durch den Zurücktritt aus der Schlinge zieht, kann er uns auch großen Schaden machen.«

»Ich gebe ihn nicht los.«

»Wenn er aber doch nicht mit thut?«

»So zwinge ich ihn. Wenn ich auf ihn einschlage, so wird er sich wohl vertheidigen müssen. Uebrigens hat er sich, wenn er sein Wort nicht hält, als Feigling hingestellt, und kein Mensch wird ihn dann nur noch ansehen. Nur die Flucht kann ihn noch vor mir retten.«

»Vielleicht ist er fort. Ich habe ihn während der ganzen Zeit nicht gesehen.«

»So reite ich ihm nach und steche ihn nieder.«

»Ich möchte nur wissen, was er, falls er Sieger – –«

»Sieger?« fiel Falehd höhnisch ein. »Das ist unmöglich.«

»Bei Allah ist nichts unmöglich, und auch die bösen Geister besitzen große Macht. Wenn sie Dir einen Schabernack spielen wollen, so siehst Du Deinen Gegner nicht und schlägst daneben. Dann siegt er.«

»Verdammt! Diese Geister werden doch nicht etwa –«

»Ich möchte doch nur wissen, was dieser Mann mit der Königin machen will! Will er als Scheik hier bleiben?«

»Der Teufel soll es ihm rathen,« fuhr der Riese auf. »Aber Du hast von bösen Geistern gesprochen. Ich will vorsichtig sein und mir ein Amulet einstecken, daß sie mir nichts anhaben können.«

Er borgte sich von einem seiner Anhänger ein Amulet, welches in einem Zettelchen bestand, auf welches ein Kuranspruch geschrieben war. Der Zettel war in Leder eingenäht. Wer ihn bei sich trug, dem konnte weder der Teufel, noch sonst irgend ein böser Geist Etwas anhaben. Jetzt nun hielt der Riese sich gegen alle Eventualitäten gerüstet. Er befürchtete nur noch, daß sein Gegner gar nicht erscheinen werde.

Darin hatte er sich aber geirrt, denn jetzt kam Steinbach, von Normann begleitet.

Aller Augen richteten sich neugierig auf ihn, ob er wohl Angst verspüren möge. Aber es war ihm nicht das Geringste anzusehen. Sein Gesicht hatte ganz die gewöhnliche Farbe, sein Auge blickte ruhig und mild; sein Mund lächelte leise. Das bildete nun freilich einen großen Gegensatz zu Falehd, welcher sich jetzt erhoben hatte. Seine Augen starrten wie die eines wüthenden Stieres auf Steinbach; seine Zähne waren zusammengebissen, und die quer über sein Gesicht laufende Narbe hatte sich dunkelroth gefärbt, ein sicheres Zeichen, daß die Kampfeswuth ihm das Blut emportrieb.

»Warum kommst Du nicht?« rief er Steinbach zornig entgegen.

»Hier bin ich ja,« antwortete dieser ruhig.

»Aber zu spät!«

»Für Dich jedenfalls nicht.«

»Ein Tapferer läßt keinen Feind warten.«

»Sieh Deinen Schatten an. Es ist jetzt genau Mittag. Uebrigens bin ich nicht gekommen, mich mit Dir in Worten zu streiten. Thaten sollen es thun.«

»Und sie werden es thun. Beginnen wir!«

Er wollte mit geballten Fäusten geradewegs auf Steinbach los; da aber trat ihm Kalaf, der Alte, entgegen:

»Halt! Vorher müssen hier vor all diesen Zeugen die Regeln besprochen werden!«

»Regeln? Ich brauche keine Regeln!«

»Der Kampf soll ehrlich sein. Also vor allen Dingen, in welcher Kleidung wird gekämpft?«

»Jeder thut, was er will.«

»Giebt es Gnade?«

»Nein.«

»Das ist gegen unsere Gesetze. Der Kämpfer, welcher um Gnade bittet, muß geschont werden.«

»Das ist ehrlos.«

»Darum wird er aus dem Stamme gestoßen, aber sein Leben hat er doch gerettet. Nach welchen Regeln soll geschlagen werden?«

»Nach gar keiner Regel. Jeder schlägt so zu, wie es ihm beliebt.«

»Bist Du mit dem Allen einverstanden?« fragte Kalaf jetzt Steinbach.

»Ja,« antwortete dieser.

»So wird die Königin das Zeichen des Beginnes geben.«

Der Riese warf den Burnus ab und stand nun da, blos noch mit der Hose bekleidet. Der nackte Oberkörper war eingeölt, damit die Hand des Gegners abrutschen solle. Dieser mächtige Knochenbau schien gar nicht erschüttert werden zu können, und diese gewaltigen Muskeln waren wie aus Stahl gespannt.

»Also todt!« flüsterte ihm der Pascha zu.

»Auf den ersten Hieb schlage ich ihn nieder!« antwortete Falehd, indem er mit geringschätziger Miene Steinbach musterte, welcher auch seinen Burnus abgeworfen hatte.

Er war auch jetzt noch vollständig bekleidet. Er hatte nicht einmal die türkische Jacke, welche er unter dem Burnus getragen hatte, zugeknöpft.

»Um Allahs willen, ziehe Dich aus!« warnte der wohlmeinende Alte. »Er kann Dich ja ganz leicht fassen!«

»Das wird er unterbleiben lassen.«

»Du bist unvorsichtig!«

»Pah!«

Jetzt trat tiefe Stille ein und Aller Augen richteten sich auf die Königin, welche das Zeichen des Beginnes geben sollte. Da aber sagte der Scheik, ihr Vater, mit lauter Stimme:

»So wie jetzt darf doch der Kampf nicht beginnen. Ist es hier nicht Sitte, daß vor dem Anfange sich die Gegner die Hände reichen als Versicherung, daß Keiner den Anderen übervortheilen werde?«

»Die Hand reichen? Diesem Hund?« lachte der Riese auf. »Er es nicht werth, daß ich ihn anspucke, wie kann ich ihm da die Hand reichen! Der Hund mag nur herkommen, daß ich ihn erwürge!«

Er streckte Steinbach die beiden Fäuste entgegen. Dieser antwortete:

»Ich hatte es gut mit Dir vor, aber da Du mich auch hier noch mit Schimpfreden beleidigest, so werde ich Dich nicht so sehr schonen, wie ich es beabsichtigte. Höre also: Mein erster Hieb wird Dir Dein linkes Auge kosten, der zweite die Zähne, und beim Dritten wirst Du zu meinen Füßen liegen.«

»Mensch, Du bist toll! Bereits mit dem ersten Schlage werde ich Dir den Schädel zerschmettern.«

»Gut. Versuche es!«

Er stand da, mit dem Rücken nach der Königin gewendet, in einer Haltung, als ob er sich um nichts auf der Welt zu kümmern habe, die Hände in den Taschen seiner Hose. Der Riese hingegen hielt den Blick mit wahrhaft thierischer Spannung nach der Königin gerichtet.

»Na, schnell,« rief er. »Ich habe Durst nach dem Blute dieses Menschen.«

Man sah es Badija an, wie schwer es ihr wurde. Jetzt aber erhob sie die Hand.

»Los!« sagte Kalaf.

Es ist gar nicht zu beschreiben, mit welchem Ausdrucke die hunderte von Gesichtern sich nach dem Kampfplatze richteten. Der Riese stieß einen lauten Jubelruf aus und kam aus der Entfernung von vielleicht zwanzig Schritten auf Steinbach losgestürmt, als ob er ein Haus umarmen wolle. Die linke Hand ausgestreckt, um ihn zu packen, holte er mit der rechten Faust schon von Weitem zum tödtlichen Schlage aus. Steinbach stand immer noch so scheinbar gleichgiltig da wie vorher. Er schien gar nicht auf den Gegner achten zu wollen.

»Paß auf! Paß doch auf!« schrie es ihm von allen Seiten zu. »Er kommt ja.«

Er warf verächtlich den stolzen, männlich schönen Kopf nach hinten, obgleich der Riese von ihm kaum noch sechs Schritte entfernt war. Dann aber ein Ruck, seine Gestalt schien gewachsen zu sein, sein Auge sprühte förmlich dem Beduinen entgegen.

»Hier, Hund, hast Du!« brüllte dieser.

Da aber that Steinbach einen Sprung ihm entgegen, so daß Beide in einem weithin hörbaren Stoße fürchterlich zusammenprallten. Der Riese wurde nicht nur zum Stehen gebracht, sondern er prallte förmlich zurück und fuhr sich mit beiden Händen nach dem Gesichte, sie auf das linke Auge legend und wie erstarrt stehen bleibend.

Er hatte in seinem blinden Anstürmen den Punkt, an welchem Steinbach stand, genau im Auge gehabt. Der beabsichtigte Griff seiner Linken und der Hieb, den er mit der Rechten thun wollte, waren beide auf diesen Punkt gerechnet gewesen. Durch den Sprung Steinbachs aber war dieser Punkt mit blitzähnlicher Schnelligkeit um mehrere Fuß weit vorgerückt worden, als sie zusammenprallten hatte der Riese die beiden Arme noch weit auseinander, und ehe er sich besann und sie schloß, erhielt er mit der Linken Steinbachs einen Hieb unter das Kinn, während die rechte geballte Hand desselben ihn an den Augenknochen traf und der Daumen jener ihm das Auge aus der Höhle trieb.

Steinbach stand im nächsten Momente wieder da, als ob er gar nicht von seiner Stelle gewichen sei. Er wendete sich zur Königin und rief:

»Rakam wahid, el ain el alßemal – Nummer Eins, das linke Auge!« Diese Worte weckten den Riesen aus seiner momentanen Betäubung. Er fühlte die Verwundung und stieß einen furchtbaren Fluch aus. Als er die Hände vom Gesicht nahm, sahen die Zuschauer wirklich das Auge aus der Höhle hängen.

»Tajib, tajib! Ahsant, ahsant – Gut, gut! Bravo, bravo!« rief es von allen Seiten.

Die Zuschauer waren von Bewunderung hingerissen. Er hatte nicht nur den ersten, todtdrohenden Angriff des für unüberwindlich gehaltenen Riesen parirt, sondern sogar sein Wort wahr gemacht, ihm das Auge zu nehmen.

Diese Bravorufe entsprangen nicht etwa der Parteilichkeit, sondern ganz allein nur der Bewunderung. Der beduinische Krieger erkennt die Tapferkeit und Geschicklichkeit selbst seines ärgsten Feindes an. Dennoch aber wurde dadurch die Wuth des Riesen verdoppelt. Er stand in einer Entfernung von nur vier Schritten von Steinbach, erhob beide geballte Fäuste und brüllte:

»Das war Zufall. Jetzt aber fährst Du zur Hölle!«

Er that einen Sprung vorwärts, und zwar mit aller Gewalt, um Steinbach gleich umzurennen und dann, am Boden liegend, zu tödten. Der Deutsche aber empfing ihn mit schnell erhobenem Fuße, versetzte ihm einen Tritt in die Magengegend, so daß er aufschreiend zurücktaumelte und gar nicht dazu kam, den Gegner auch nur zu berühren. Dann – Keiner wußte, wie es gekommen war und wie es hatte geschehen können – ward er zu Boden geschleudert. Man hatte nur den rechten Arm Steinbachs in Bewegung gesehen. Dieser wendete sich ruhig an die Königin und meldete:

»Rakam itnehn, el asnahn – Nummer Zwei, die Zähne!«

Die Beifall spendenden Zurufe erhoben sich von Neuem. Falehd sprang vom Boden auf. Sein Gesicht war schrecklich entstellt. Das Auge hing herab und aus dem zerschlagenen Munde und der schwer getroffenen Nase rann das Blut. Er speite die aus den Kiefern geschlagenen Zähne aus, brüllte auf wie ein wild gewordener Büffelstier und rief:

»Er hat den Teufel! Die bösen Geister helfen ihm! Aber ich sende ihn trotzdem in die Hölle!«

Vor Wuth auch auf dem unbeschädigten Auge fast blind, hatte er doch die Ueberlegung, daß er mit dem zweimal vergeblich versuchten Ansprunge nichts erreichen werde. Er schritt also langsam auf Steinbach zu und zischte ihm, von tödtlichem Hasse erfüllt, entgegen:

»Komm her, Wurm! Jetzt zermalme ich Dich.«

»Wenn Du es fertig bringst, will ich Dich loben!«

Der Deutsche sagte das unter einem überlegenen Lächeln. Er erwartete ihn in größter Ruhe und Gleichmüthigkeit, während die Brust des Anderen vor innerer und äußerer Aufregung sichtbar auf- und niederwogte. Jetzt streckte der Letztere die Arme aus, um den Feind zu erfassen, wurde aber in demselben Augenblicke selbst gepackt. Steinbach hatte ihn mit einer schraubenartigen Bewegung seiner Arme hart hinter den Handgelenken ergriffen. Er hatte dabei seine Hände so verdreht, daß, wenn er sie wieder in die rechte Lage brachte, Falehd's Arme ebenso verdreht werden mußten. Er zog sie mit einem wahrhaft furchtbarem Rucke an sich. Der Riese brüllte auf. Seine Arme waren ihm durch dieses unvorhergesehene Maneuvre fast aus den Achseln gerissen und gedreht worden. Sie hingen einen Augenblick lang schlaff herab. Dieser Augenblick wurde benutzt. Steinbach faßte den Goliath bei den Hüften, hob ihn hoch empor, schmetterte ihn zu Boden und versetzte ihm, sich leicht bückend, zugleich einen Faustschlag an den Schädel, daß man es weithin dröhnen hörte.

Das war natürlich viel, viel schneller geschehen, als man es zu erzählen vermag. Man hatte die gedankenschnell auf einander folgenden Bewegungen Steinbach's gar nicht von einander unterscheiden können. Es war klar, daß er durch seine Gewandtheit und Besonnenheit dem Riesen überlegen war, aber daß er dabei auch eine so erschreckliche Körperkraft entwickelte, das war beinahe undenkbar, das versetzte Alle in Erstaunen, so daß sie geradezu vergaßen, ihm Beifall zu spenden. Die Arme des Riesen so in Unfähigkeit zu versetzen, ihn emporheben und zur Erde schleudern, das war mehr, als man für möglich halten konnte, das machte die guten Leute starr vor Erstaunen und raubten ihnen momentan die Sprache.

Er aber wendete sich zum dritten Male zur Königin um und meldete:

»Rakam salahsa, el ard – Nummer Drei, auf der Erde!«

Da brach es los. Erst halblaut und einzeln, dann aber stärker und immer stärker erhoben sich die Beifallsrufe. Alle, außer den Anhängern Falehds, fühlten es wie Erlösung über sich kommen. Der Riese war ihnen ein wirklicher Tyrann gewesen, ohne daß sie es sich gegenseitig offen eingestanden hatten. Bei dem Blicke auf die hohe, edle, ritterliche Gestalt des Deutschen hatte ein Jeder ihm im Stillen den Sieg gegönnt und ihn heimlich bedauert, da er ja von Allen für verloren betrachtet wurde. Jetzt nun, wo er stolz neben dem Feinde stand, wie der Löwe an der Leiche des von ihm erlegten, häßlichen und riesigen Krokodils des Nils, fragte man sich zunächst, ob dieser unerwartete Sieg denn auch in Wirklichkeit bestehe, und nun man sich überzeugte, daß es keine Täuschung sei, brach der Jubel desto lauter und aufrichtiger hervor. Wäre Falehd Sieger geworden, ihm hätte man gewiß nicht einen solchen Beifall gespendet.

Obgleich alle Anwesenden förmlich electrisirt waren, bewegte sich doch Keiner von seinem Platze. Das Schauspiel war ja nicht zu Ende. Nur Kalaf, der Alte, trat auf Steinbach zu, gab ihm die Hand und sagte:

»Du hast wahr gemacht, was Du gestern während unseres nächtlichen Spazierganges zu mir sagtest. Ich habe es für unmöglich gehalten. Allah hat Dir die Stärke des Elephanten und den Stolz des Löwen gegeben. Meine Worte sind unzureichend zu Deinem Lobe, darum schweige ich lieber. Ist Falehd todt?«

»Ich will einmal nachsehen.«

Er fühlte dem Riesen an das Herz. Es schlug, wenn auch sehr langsam und leise.

»Er lebt noch. Er ist nur besinnungslos.«

»Tödte ihn!«

»Meinst Du das im Ernste?«

»Ja. Du hast Dein Messer im Gürtel. Stoße es ihm in das schwarze Herz!«

»Ich bin kein Mörder.«

»Er befindet sich aber in Deiner Gewalt!«

»Es wurde ja festgestellt, daß der Besiegte um Gnade bitten darf.«

»Er hat es nicht gethan, er hat sogleich die Besinnung verloren. Wie lange soll der Sieger auf die Bitte warten? Sein Leben gehört Dir!«

»Ich werde ihn erst wieder bewußt werden lassen, mich aber versichern, daß er unschädlich ist.«

Er zog mehrere Riemen aus der Tasche.

»Was willst Du?«

»Ihn binden.«

»Welche Schande für ihn! Fesseln getragen zu haben, das verwindet kein Beduine. Falehd kann Dich unmöglich um Schonung, um sein Leben bitten. Hast Du diese Riemen stets bei Dir?«

»Nein. Ich brachte sie nur zu dem Zwecke mit, ihn zu fesseln.«

»So genau wußtest Du, daß Du Sieger sein werdest?«

»Ja.«

»Du bist ein großer Mann. Binde ihn und komme dann zur Königin.«

Normann trat auch herbei.

»Ich gratulire!« sagte er im Tone aufrichtigster Bewunderung. »Das war ein Meisterstück. Ich gestehe, daß ich für Sie gezittert habe!«

»Pah! Ich kannte mich und hielt ihn zwar für stark, aber auch für dumm und unbeholfen. Daß ich mich da nicht geirrt habe, bedarf gar keines Lobes. Wollen Sie mir mit helfen, ihm die Arme und Beine zu binden? Es geht rascher.«

»Gern. Ah! Sehen Sie den Kerl an! Welch ein schreckliches Gesicht! Sie haben ihm die Zähne wirklich eingeschlagen. Und dieses Auge!«

»Bringen wir es in die Höhle zurück. Sehen wird er freilich nicht wieder darauf lernen. Wie ich bemerke, ist der Nerv zerrissen.«

»So wollen Sie ihm das Leben wirklich schenken?«

»Ich ermorde ihn auf keinen Fall. Sein Leben mag nach den hiesigen Gebräuchen mir gehören, ich aber bin Christ und nebenbei auch Mensch. Seine Tödtung wäre nichts als ein feiger Mord, der mir mein Gewissen bis an das Ende meines Lebens beschweren würde.«

»Aber bedenken Sie, wie gefährlich es ist, ein wildes Thier am Leben zu lassen. Sie leisten damit sich selbst und den Beni Sallah gewiß keinen guten Dienst.«

»Ich weiß das, aber ich thue meine Pflicht.«

So banden sie ihn also und wuschen ihm auch das Gesicht. Keiner seiner Anhänger näherte sich ihm. Nach ihrer Ansicht war er das ausschließliche Eigenthum des Siegers und sie hatten kein Recht mehr, sich um ihn zu bekümmern.

Als dann Steinbach zu der Königin trat, streckte sie ihm die Hand entgegen und sagte:

»Ich danke Dir. Du hast mich von einem schlimmen Feind befreit. Ich werde Dir das nie vergessen!«

Dennoch aber vermochte sie nicht, ihn dabei frei anzusehen. Ihr war trotz der Ueberwindung ihres Feindes angst und bange im Herzen. Sie gehörte dem Sieger. Wie sollte das werden?

Ihr Vater aber streckte Steinbach die beiden Hände entgegen und rief laut aus:

»Sei mir willkommen! Du bist der Held der Helden und der Tapferste unter den Tapfern. Meine Tochter wird sicher wohnen in Deinem Zelte, und Du wirst die Beni Sallam von Sieg zu Sieg führen, daß sie berühmt werden von Aufgang bis zum Niedergange!«

Jetzt kam auch der Mueddin herbei. Er frug gar nicht erst, was er zu thun habe. Er wußte es ja. Er schlug an sein Bret und rief:

»Hört, Ihr Männer und Frauen vom edlen Stamme der Beni Sallam! Masr-Effendi, der berühmte Kämpfer aus fernem Lande hat erlegt Falehd, den Bewerber um die Königin. Sie gehört dem Sieger. Allah segne ihn und gebe ihm Kinder und ihr Kindeskinder, so viel, wie Sandkörner in der Wüste liegen. Es wird eine großartige Fantasie veranstaltet werden, dem neuen Scheik zu Ehren, und Boten werden in alle Winde reiten, um seinen Namen den Stämmen zu verkündigen. Schlachtet die Schafe und Lämmer, backt Brode und kocht fetten Kuskussu mit Rosinen. Holt herbei Lagmi, den Saft der Palmen, und bringt die Saiten und Pfeifen, mit Musik und Gesang, zu verherrlichen die Thaten des Siegers und den Glanz seiner zukünftigen Tage!«

Er war im Flusse seiner Rede. Er wollte weiter, wohl viel weiter sprechen, aber jetzt machte er eine kurze Pause; das benutzte Steinbach, um mit lauter, weithin hörbarer Stimme einzufallen:

»Hört auch mich, Ihr tapferen Männer und ihr schönen Frauen der Beni Sallam! Ich bitte die Versammlung der Aeltesten zusammen zu treten, um zu berathen und mir ganz genau zu sagen, ob die Königin und die Würde des Scheiks mir so gehören, daß Niemand einen Einspruch erheben kann.«

Sofort erschollen die drei Schläge des Mueddin und die Greise traten zu einander zu einer kurzen Berathung. Bereits nach wenigen Minuten erhob Kalaf, der Aelteste, seine Stimme, um zu verkünden:

»Masr-Effendi ist Sieger, ihm gehört die Königin, und er wird unser Anführer sein, ohne daß ihm ein Mensch dieses Beides streitig zu machen vermag!«

Steinbach antwortete laut, so daß Alle es hören konnten:

»Ich danke den grauen Vätern des Stammes für das Vertrauen, welches sie mir erweisen. Es giebt keine größere Ehre, als der Anführer eines so berühmten Stammes zu sein, und ich kenne kein größeres Glück, als ein Weib zu besitzen, wie Badija, die Königin. Aber Gerechtigkeit ist des Mannes Zierde. Ich will nicht ein Gut besitzen, welches zu besitzen auch Andere ein Recht haben. Vier Männer hatten sich zum Kampfe gemeldet. Einer wurde besiegt, der Zweite hat den Preis einstweilen erstritten, hier nun steht der Dritte und der Vierte, die Söhne des Blitzes. Sollen sie sich den Preis entgehen lassen? Sollen sie auf ihn verzichten, ohne um ihn gekämpft zu haben? Die Versammlung der Aeltesten mag entscheiden, ob sie ein Recht haben zu dem Versuche, ihn mir im Kampfe wieder abzunehmen.«

»Dein Wille soll geschehen!« sagte Kalaf.

Die Greise beriethen eine kurze Weile und dann verkündete der Genannte die Entscheidung:

»Die Söhne des Blitzes haben das Recht, mit Masr-Effendi zu kämpfen.«

Ein allgemeiner Beifall belobte diesen Beschluß. Gab es doch nun eine Fortsetzung des interessanten Schauspieles.

»Wollt Ihr den Kampf aufnehmen?« fragte der Deutsche die beiden Brüder.

»Herr, wollen wir einander tödten?« antwortete Tarik.

»Das ist nicht meine Absicht.«

»Ich weiß, daß Du uns besiegen wirst. Hast Du den Riesen erlegt, so bist Du uns noch viel mehr überlegen. Ich fürchte mich nicht, mein Leben zu wagen, aber ich würde anders kämpfen als Falehd, und ich glaube nicht, daß Du unverletzt aus dem Kampfe hervorgehen würdest. Soll ich aber Denjenigen verletzen, welcher an uns so Großes gethan hat?«

»Es wird ganz anders werden. Kalaf mag mir sagen, ob ich jetzt, da ich der Besitzer der Königin bin, die Waffen zu bestimmen habe.«

»Du hast sie zu wählen,« antwortete der Alte.

»So werden wir nicht mit Fäusten kämpfen, sondern mit unseren Flinten.«

»O Allah!« rief Tarik aus. »So bist Du ja verloren!«

»Meinst Du wirklich?«

»Ja. Bedenke, daß wir die Söhne des Blitzes genannt werden, weil stets und unfehlbar unser Feind fällt, sobald unser Gewehr aufleuchtet.«

»O,« lächelte Steinbach, »auch der beste Schütze wird zuweilen einen Fehlschuß thun!«

»Wir aber nicht. Paß auf! Blicke da hinauf!«

*

25

Oben über ihnen schwebte ein Aasgeier. Tarik legte sein Gewehr an, zielte nur einen Augenblick und drückte dann ab. Der Geier zuckte zusammen und kam in einer engen Schneckenlinie herabgestürzt. Da bewegte er noch einmal die Flügel und war nun todt.

»Siehst Du,« sagte Tarik. »Wolltest Du auch jetzt noch wagen, Dich mit mir zu schießen?«

Steinbach gab ihm die Hand und antwortete freundlich:

»Das war wirklich ein sehr guter Schuß. Ich sehe, daß ich Dich zu fürchten habe, doch was ein Mann sagt, dabei muß es bleiben. Wir werden uns schießen.«

»Nun gut! Du willst es so haben und ich kann nicht zurücktreten, aber sei überzeugt, daß ich Dich nicht tödten werde. Ich werde versuchen, Dir nur eine kleine, ungefährliche Wunde beizubringen.«

»Ja, thue das! Thue das!« fiel die Königin ein, der jetzt das Herz leichter wurde. Dies sah man daraus, daß das Blut wieder in ihre Wangen zurückgekehrt war.

»Ich danke Euch!« antwortete Steinbach mit fröhlichem Lächeln. »Aber ich habe Euch ja noch gar nicht gesagt, nach wem oder nach was wir schießen wollen.«

»Also nicht nach uns?« fragte Tarik erstaunt.

»O nein. Wir bestimmen irgend ein anderes Ziel.«

»Wird man uns nicht für feige halten?«

»Das glaube ich nicht. Du bist mir im Schießen weit überlegen, darum ist es nicht Muthlosigkeit von Dir, wenn Du auf meinen Vorschlag eingehest. Und ich habe den Riesen besiegt; wer will behaupten, daß ich ein Feigling sei? Ich würde sofort auf Leben und Tod mit ihm kämpfen.«

»Keiner, Keiner würde das behaupten!«

»Das bin ich auch überzeugt. Es ist ja gar nicht nothwendig, daß Derjenige, welcher die Königin nicht bekommt, nun geradezu sterben muß. Der Stamm braucht einen Scheik, welcher tapfer ist und geschickt in der Führung der Waffen. Diese Geschicktheit aber kann man beweisen auch ohne daß man Andere erschießt.«

»Du hast Recht. Nach welchem Ziele aber wollen wir schießen? Du hast das zu bestimmen.«

»Wir errichten da oben auf der Ecke der Ruine eine Zeltstange, auf welche wir, nämlich auf der Spitze, einen Stein legen. Jeder von uns Beiden thut fünf Schüsse, um den Stein herabzuschießen. Wer das Ziel mehrere Male trifft als der Andere, der ist der Sieger. Ist Dir das recht?«

»O, sehr recht, sehr,« antwortete Tarik, tief aufathmend. Es war ihm eine große Last vom Herzen. Er war jetzt überzeugt, daß er Sieger sein werde, denn im Gebrauche des Gewehres hatte es ihm außer Hilal noch Keiner gleich gethan. Und doch brauchte er seinen Gegner weder zu verwunden, noch gar zu tödten.

Auch die anderen in der Nähe Stehenden begrüßten den Beschluß mit Freuden, nur der alte Scheik der Beni Abbas sagte unzufrieden:

»Ist meine Tochter nicht eines ernsten Kampfes werth?«

»Sie ist es werth; ich habe es bewiesen, indem ich mit Falehd kämpfte. Es kann aber Allah nicht gefallen, wenn seine Gläubigen sich zerfleischen oder gar tödten, ohne daß es nöthig ist. Warum sollen sich Freunde erschießen, da sie ihr Leben doch sparen können zum Kampfe gegen ihre gemeinsamen Feinde.«

»So mag die Versammlung entscheiden, ob es nicht feig ist, auf einen ernsten Kampf zu verzichten!«

Die Alten traten wieder zusammen und entschieden zu Gunsten von Steinbach's Vorschlag. Das war ja unbedingt der beste Ausweg aus dem Dilemma, daß zwei Freunde nach demselben Preise rangen.

Als der Beschluß verkündet wurde, löste sich die bisherige Ordnung der Zuschauer auf. Das Ziel war hoch, und so brauchte man nicht sehr peinlich zu sein. Ein Jeder konnte es auch aus größerer Entfernung sehen.

Die Spannung, welche sich der Leute bemächtigte, war vielleicht noch größer als die vorherige. Man kannte Tarik als den vorzüglichsten Schützen, aber man hatte auch bereits vernommen, was von Normann über Steinbach gesagt worden war, nämlich, daß er niemals einen Fehlschuß thue. Man war also förmlich brennend, den Ausgang dieses interessanten Duelles zu erfahren. Jetzt, da es nun nicht mehr um das Leben ging, hätten sich gern noch viele Andere zum Kampfe gemeldet.

Tarik entfernte sich, um sich Munition zu den fünf Schüssen zu holen. Auch Steinbach sagte zu Normann:

»Ich will mein Gewehr holen. Bleiben Sie hier bei dem Riesen, um zu verhindern, daß er sich mit seinen Freunden in's Einvernehmen setzt.«

»Befürchten Sie eine Heimtücke?«

»Ich traue weder ihm noch ihnen. Er wird sich jedenfalls zu rächen suchen.«

»O, er wird ja sterben.«

»Das wollen wir nur abwarten.«

»Er wird doch nicht die fürchterliche Schande auf sich laden, um sein Leben zu bitten!«

»Ich traue es ihm aber doch sehr zu. Uebrigens werde ich ihn auf keinen Fall tödten.«

»So muß er, wenn er wirklich ein tapferer Mann ist, sich selbst umbringen. So erheischen es die grausamen Sitten dieser halbwilden Völkerschaften.«

»In diesem Falle würde er wohl erst mich umbringen, hinterrücks natürlich. Darum sollen Sie ihn jetzt bewachen, damit er isolirt bleibe.«

»Schauen Sie her! Er ist noch besinnungslos.«

»Meinen Sie? Ich sah seine Wimper zucken und glaube, daß er sich nur so stellt. Er hat das Bewußtsein bereits wieder, schämt sich aber, seinem Ueberwinder in das Angesicht zu sehen.«

Er ging nach der Ruine, von welcher er bald zurückkehrte, das Gewehr in der Hand. Es gab in der Nähe des Gemäuers ein außerordentliches reges, lärmendes Treiben. Man stritt hin und her; man bot sich Wetten an. Steinbach war Zeuge, daß Mehrere auf ihn wetteten, und zwar setzten sie einen Preis, der im Verhältnisse zu ihrem Besitze ein sehr bedeutender war. Das that ihm leid. Darum ließ er die verschiedenen Parteien vor sich kommen und bestimmte sie, den Wortlaut der Wetten dahin zu formuliren, daß der Ausdruck »Fehlschuß« mit aufgenommen wurde.

Ein junger Beni Sallam hatte eine Zeltstange geholt und sie an der angegebenen Ecke befestigt. Er legte dann einen etwa faustgroßen Stein auf die Spitze derselben und trat nachher zurück, um nicht etwa selbst getroffen zu werden.

Die beiden Wettenden wurden jetzt von dem alten Kalaf auf einen für sie freigehaltenen Platz geführt. Dort saß auch die Königin mit Hiluja. Ihr Vater hatte sich einen anderen Punkt gewählt, von welchem aus er das Ziel beobachten wollte. Sie winkte Tarik zu sich heran und bat leise:

»Gieb Dir ja Mühe, keinen Fehlschuß zu thun!«

»Habe keine Sorge!« beruhigte er sie. »Ich werde alle fünf Male treffen.«

»Gieb mir die Kugeln!«

Er gab sie ihr; sie schloß sie in ihre hohlen Hände und flüsterte dabei die Worte des Kuran:

»Das sind die Kugeln, von Allah gesegnet. Sie eilen an ihr Ziel, von Engeln getragen, und nichts vermag, sie aufzuhalten oder aus der Richtung zu bringen. Selbst der neunmal gesteinigte Teufel hat keine Gewalt über sie. Allah sei Dank für seine Güte!«

Viele Beduinen glauben, daß keine Kugel, über welche diese Worte gesprochen worden sind, fehl gehen könne. So sagte auch Tarik, als sie ihm die Projectile jetzt wieder zurückgab:

»Ich danke Dir! Nun werde ich den Stein ganz sicher von der Stange schießen. Ich bin unbesiegbar.«

Jetzt war der Augenblick gekommen. Alles blickte mit Spannung auf die Beiden.

»Wer schießt zuerst?« fragte Tarik.

»Masr-Effendi,« antwortete Kalaf. »Er ist der Sieger von vorher und auch ein vornehmer Mann, gegen welchen man Höflichkeit zu üben schuldig ist.«

»Ich lasse Tarik den Vorrang,« antwortete Steinbach. »Er ist ein Sohn der Beni Sallam. Wenn es sich um eine Tochter der Beni Sallam handelt, hat er also das Recht, vor mir zu schießen.«

Dies gab einen kurzen, freundschaftlichen Streit, den wieder die Aeltesten entscheiden mußten. Sie thaten dies zu Gunsten Steinbach's. Sie sagten, er wolle den Beni Sallam eine Ehre erweisen, und so zieme es sich für diese, höflich gegen ihn zu sein, indem man ihm seinen Wunsch erfülle. Tarik schoß also zuerst. Als er die Flinte erhob, schlug der Mueddin an sein Brett, um alle Anwesenden zu benachrichtigen, daß der Augenblick gekommen sei.

Es handelte sich um sehr viel, um den Besitz des schönsten Weibes des Stammes und um die Würde des Scheikes, also um das Höchste, was es überhaupt für einen Beduinen geben kann. Darum verfuhr Tarik mit der größten Sorgsamkeit. Er zielte lange, so lange, daß sich einige halblaute, unmuthige Ausrufe hören ließen. Er kümmerte sich nicht um dieselben, und auch Hilal, welcher neben ihm stand, flüsterte ihm zu:

»Laß Dich nicht zur Eile verleiten. Du weißt, es steht Alles auf dem Spiele.«

Tarik stand, wie aus Erz gegossen. Er war wirklich ein schöner, junger Mann. Das sah man jetzt sehr deutlich, da er den Burnus abgelegt hatte und nun, nach Beduinensitte nur halb bekleidet, in der Stellung eines Schützen da stand.

Endlich krachte der Schuß. Ein Augenblick athemloser Aufmerksamkeit – dann brach von allen Seiten lauter Jubel los. Dieser Beifall wuchs von Schuß zu Schuß. Jede der Kugeln erreichte das Ziel; nur die fünfte, die letzte, streifte den Stein nur, ohne ihn herabzuwerfen. Der junge Mann war seiner Sache zuletzt doch ein Wenig zu sicher gewesen.

Jetzt begann ein Streit, wofür diese Kugel zu rechnen sei. War der letzte Schuß ein Treffer oder ein Fehlschuß. Die Versammlung der Aeltesten entschied, daß es zwar kein Fehlschuß sei, da er den Stein getroffen habe; da es sich aber darum handele, den Stein herabzuschießen, so könne der letzte Schuß nicht als Treffer gelten. Tarik hatte also nur vier Treffer aufzuweisen Steinbach gegenüber.

Es begann jetzt dem jungen Manne doch bange zu werden. Wenn Steinbach fünf Treffer that, so war die Königin unwiderbringlich für ihren Geliebten verloren. Dieser faltete in seiner großen Herzensangst die Hände und betete flüsternd vor sich hin:

»O Allah! O Erbarmer! O Gnädiger! O Gütiger! O Mitleidiger! Schlage ihm die Flinte bei Seite, so daß keine seiner Kugeln treffe!«

Steinbach hatte die Worte doch gehört, da der Sprecher in seiner Angst doch etwas zu wenig leise gesprochen hatte. Er wendete sich daher lachend zu ihm und sagte mit dem Finger drohend:

»Und Du nennst Dich meinen Freund! Allah wird Deine Untreue gegen mich dadurch bestrafen, daß er mich den Stein fünfmal treffen läßt!«

Und sich zu dem alten Kalaf drehend, zeigte er diesem die Waffe und sagte:

»Siehe, das ist so eine Nadelflinte. Jetzt sollst Du sehen, wie man damit schießen kann!«

Der Alte nahm ihm das Gewehr aus der Hand, betrachtete es aufmerksam, schüttelte in höchster Verwunderung den Kopf und sagte endlich:

»Die kannst Du doch auch nur von vorn laden. Hinten hat sie ja kein Loch!«

»Sie hat eins. Schau!«

Er öffnete die Kammer, zeigte und erklärte ihm den Mechanismus, schob die Patrone ein und verschloß dann das Gewehr wieder. Als er jetzt anlegte, schlug der Mueddin wieder an sein Brett.

»Allah illa Allah!« betete Tarik.

»Muhammed Rassuhl Allah!« fügte Badija hinzu.

Der Schuß krachte, und der Stein flog herab. Der junge Mann oben an der Stange hatte kaum einen anderen darauf gelegt, so flog auch dieser herab und dann auch der dritte.

»Allah 'l Allah!« flüsterte Tarik, welchem jetzt der Angstschweiß auf der Stirn stand.

»O Himmel, o Kadidscha, Du Mutter der Gläubigen und der Seligen!« stöhnte die Königin leise, die Hand ihrer Schwester ergreifend und so fest drückend, daß die Letztere einen Ruf des Schmerzes ausstieß.

»Er schießt viel besser noch als ich!« gestand Tarik, mehr aus Angst, als aus Aufrichtigkeit.

»Nicht wahr! Da kannst Du Recht haben,« sagte Steinbach, ihn lustig anlachend. »Aber Du hast noch gar nicht gesehen, wie ich schieße. Ich werde es Dir jetzt zeigen. Seht Ihr dort draußen das große, braune Kameel, welches wiederkauend an der Erde liegt?«

»Ja,« lautete die Antwort.

»Was seht Ihr auf seinem Höcker?«

»Ein Aßfur.«

Es giebt nämlich eine Vogelart, welche sich sehr gern in der Nähe der Kameele aufhält, weil sie da eine reichliche Nahrung finden. Diese Vögel fressen nämlich den Kameelen die Läuse aus dem Felle. Dies wissen die Kameele sehr genau, darum halten sie still, wenn ein solcher Vogel sich auf sie niederläßt, und hüten sich sehr, ihn durch eine hastige, unvorsichtige Bewegung zu verscheuchen. Der Beduine nennt dieses gefiederte Thier einfach Aßfur, welches Wort eben nur Vogel bedeutet.

»Und weiter rechts davon steht ein zweites Kameel,« fuhr Steinbach fort. »Was seht Ihr auch auf dessen Rücken sitzen?«

»Auch ein Aßfur.«

»So merkt einmal auf, was jetzt mit diesen Aßafir geschieht!«

Aßafir ist die Mehrzahl von Aßfur, Vogel.

Er erhob das Gewehr. Zwei Schüsse, schnell hinter einander abgefeuert – die Umstehenden blickten ihn staunend an, staunend über die für sie ungeheuere Schnelligkeit, mit welcher er geladen hatte, und auch staunend über sein Benehmen, welches sie sich nicht zu erklären vermochten.

Nach seinen drei ersten Schüssen war ihm von allen Seiten ein lebhafter Beifall entgegen geklungen; jetzt aber waren Alle still. Sie wußten nicht, was er eigentlich gewollt hatte.

»Nun,« sagte er, »wo sind die beiden Aßafir?«

»Fort, weggeflogen,« antwortete Hilal.

»Hast Du sie fortfliegen sehen?«

»Nein.«

»Gehe einmal hin, und suche nach ihnen!«

»Willst Du sie etwa geschossen haben?«

»Ja.«

»Das ist unmöglich.«

»Warum?«

»Ein Aßfur in solcher Entfernung! Ich würde das Kameel erschießen, aber nicht den Vogel treffen.«

»So gehe nur hin! Du wirst Beide finden.«

Da lief nicht nur Hilal, sondern viele Andere sprangen mit ihm fort. Als sie bei den beiden Kameelen ankamen, erhoben sie ein lautes Jubelgeschrei und kehrten in eiligem Laufe zurück. Sie brachten die beiden Vögel, welche wirklich ganz ausgezeichnet getroffen waren und von Hand zu Hand gingen.

Es ist unmöglich, die Ausdrücke des Staunens und der Bewunderung zu bringen, welche Steinbach anzuhören hatte. Besitzt die arabische Sprache einen fast unerschöpflichen Quell der derbsten Schimpf- und Fluchwörter, so ist sie im Gegentheile auch sehr reich an Ausdrücken, welche in hohem Grade Den ehren, gegen Den sie gebraucht werden. Erst nach längerer Zeit kam man auf den eigentlichen Gegenstand zurück, mit welchem man es zu thun hatte. Der Jüngling nämlich, welcher oben bei der Zeltstange stand, sah, daß ihm jetzt gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und ließ einen lauten Ruf vernehmen. Er erwartete, daß Steinbach noch zwei Schüsse thun werde. Dieser aber winkte ihm zu, herabzukommen. Das aber erregte ein abermaliges Erstaunen.

»Wie steht es denn mit den letzten beiden Schüssen?« fragte der alte Kalaf.

»Die habe ich doch gethan.«

»Nein. Du hast nur dreimal nach dem Stein geschossen. Es bleiben Dir also noch zwei Kugeln.«

»Ich habe fünfmal geschossen. Fünf Schüsse waren ausgemacht, also bin ich fertig.«

»Allah! So willst Du verzichten?«

»Nein, ich verzichte nicht; ich habe die bestimmte Anzahl Kugeln abgesandt. Tarik hat den Stein viermal getroffen, ich nur dreimal. Das muß doch ein Jeder von Euch zugeben. Ihr habt es ja gesehen und auch nachgezählt.«

»So ist er doch der Sieger!«

»Ja, daß ist er.«

»Herr, das hast Du mit Fleiß gethan!«

»Die Vögel machten mich irre. Ich wollte Euch zeigen, daß man mit einer solchen Flinte nicht nur Steine trifft, und so habe ich um der beiden Aßafir willen die Königin verloren und auch die Würde des Anführers. Ihr seht, welchen Schaden es bringt, wenn der Mensch zu hitzig und zu voreilig ist. Nehmt Euch ein Beispiel an mir, und handelt überlegter!«

Er drängte sich durch den Haufen, der sich um ihn gesammelt hatte, hindurch und ging zu Normann, welcher noch bei dem Riesen saß. Tarik aber kam ihm eiligst nach, ergriff ihn am Arme und sagte:

»Herr, Du hast doch nur Scherz getrieben!«

»O nein. Ich pflege niemals aus Scherz daneben zu schießen und mich auslachen zu lassen.«

»So sollen die beiden Schüsse also wirklich für voll gezählt werden?«

»Natürlich!«

»O Allah! So gehört ja Badija mir!«

»Ist Dir das nicht lieb?«

»Nicht lieb? Herr, so wie mir kann es keinem der Seligen im siebenten Himmel zu Muthe sein. Ich kann es gar nicht glauben, daß Du Badija aufgiebst, nachdem Du um ihretwillen Dein Leben gewagt hast.«

»Um ihretwillen? Nein, sondern um Deinetwillen.«

»Wieso, Herr?«

»Nun, ich glaubte, daß der Riese Dich besiegen werde, und da ich wußte, daß ich ihm überlegen bin, so trat ich an Deine Stelle. Ich wollte mir die Königin erkämpfen, um sie dann an Dich abzutreten.«

»Jetzt, jetzt verstehe ich Dich! O Allah! Jetzt weiß ich nicht, wie ich Dir jemals danken soll!«

»Du bist mir gar keinen Dank schuldig.«

»Für so eine Großmuth! Du trittst mir die schönste der Frauen freiwillig ab!«

»Lieber Tarik, es giebt noch hunderttausend Weiber, von denen jede Einzelne die schönste der Frauen ist, nämlich für Denjenigen, der gerade sie und keine andere liebt. Gehe hin, und sei glücklich!«

Da bückte sich Tarik schnell, ehe Steinbach es verhindern konnte, nieder, küßte seine Hand und rief:

»Tausendmal Dank, millionenmal Dank! Ich werde für Dich beten, so lange ich lebe, und ich werde allen meinen Kindern und Kindeskindern lehren, für Deine Kinder und Kindeskinder zu beten!«

Steinbach antwortete lachend:

»Wir wollen jetzt unsere Nachkommen noch nicht so genau ausrechnen und auszählen. Bis jetzt sind wir nur die Urahnen ohne Nachkommen und ohne Frau. Eile jetzt, damit Du recht bald die Deinige erhältst! Ich wünsche Dir, daß es in fünfzig Jahren einen Stamm der Beni Tarik gebe, welcher tausend Köpfe zählt!«

»O Allah, Allah, das ist zu viel, tausend Köpfe in fünfzig Jahren!«

Bei diesen Worten rannte er davon. Er traf die beiden Schwestern nicht mehr an der Stelle, an welcher er sie verlassen hatte. Sie waren nach der Ruine gegangen, und er folgte ihnen nach, vor Glück und Seligkeit fieberhaft aufgeregt.

Unten verkündete der Mueddin den Ausgang des Kampfes. Die Veröffentlichung wurde mit allgemeinem Jubel aufgenommen, besonders auch mit aus dem Grunde, daß Niemand eine Wette verloren hatte, da faktisch kein Fehlschuß gethan worden war. Man begann erst jetzt die Absichten Steinbach's klar zu durchschauen; man pries seine Weisheit, seine Stärke, seinen Muth, und selbst die Anhänger Falehds mußten mit einstimmen, um sich nicht mißliebig zu machen.

Als Tarik die Ruine erreichte, waren die Schwestern bereits im Innern derselben verschwunden. Er ging ihnen nach. Als er bei ihnen eintrat, entfernte sich Hiluja rücksichtsvoll. Sie sagte sich, daß diese Beiden jetzt doch wohl am Liebsten mit einander allein sein möchten, und sie hatte Recht.

Sie standen sich einander gegenüber, ohne sofort zu Worte zu kommen, er war verlegener als sie.

»Ich hörte noch unter der Thür die Schläge des Mueddin,« sagte sie. »Was wurde verkündigt?«

»Daß ich der Sieger bin.«

»Ich dachte es mir.« Sie legte ihm die Hand auf die Achsel und fuhr fort: »Weißt Du, was ich von diesem Masr-Effendi denke?«

»Er ist ein Held.«

»Er kommt mir wie noch viel mehr vor, nämlich wie ein Engel, welchen Allah uns vom Himmel gesandt hat, um uns die höchste Gnade und Barmherzigkeit zu erweisen. Du und Hilal, Ihr hättet für mich gekämpft und wäret getödtet worden. Masr-Effendi hat Euch und mir das Leben gerettet, denn auch ich wäre gestorben. Tarik, hörst Du, die Schläge erschallen wieder; es ist die Zeit des Nachmittaggebetes. Laß uns vor allen Dingen hier mit einander niederknieen, um Allah zu danken und zu preisen für seine unendliche Barmherzigkeit und ihn zu bitten, das ganze Maaß seiner Liebe auszuschütten über unseren Retter, welcher sein Leben wagte, um uns vom schmählichen Tode zu erlösen!«

Sie knieeten neben einander nieder und beteten, nicht laut, sondern still und einander unhörbar. Der aber, zu dem sie beteten, hörte die Stimme ihrer Herzen und sah die Aufrichtigkeit ihrer Wünsche. Welchen Namen man ihm auch geben möge, ob man ihn Herr, Gott, Manitou oder Allah nenne, er ist doch Ein- und Derselbe, die ewige, unendliche Liebe, der Schöpfer und Vater aller Menschen, der nicht nach der Verschiedenheit der Bekenntnisse fragt, sondern nur das Herz und die Nieren prüft. Vor ihm sind Alle gleich, Christen, Juden, Türken, Heiden. Nicht das Bekenntniß thut es, nicht die Confession, sondern der eine, große Gottesgedanke, von welchem der Dichter sagt:

»So einigt er zu Einem Strome
Die Menschheit all', von nah und fern,
Zu knien anbetend in dem Dome
Der Schöpfung vor dem Einen Herrn.
Der Glaube nur kann triumphiren,
Der Einen Gott und Vater kennt.
Die Namen sinken, und es führen
Die Wege all' zum Firmament!«

Es waren heilige Augenblicke, in denen die Beiden da knieeten und stilles Zwiegespräch mit Allah hielten. Und als sie sich erhoben und nun vor einander standen, fühlten sie sich erhoben und ergriffen, als ob sie einem Gottesdienste beigewohnt hätten. Die Weihe blieb noch über und auf ihnen, so daß es ihnen unmöglich gewesen wäre, jetzt von alltäglichen, profanen Dingen zu sprechen. Es gab vielmehr für sie nur einen großen Gedanken und ein großes, gewaltiges Empfinden: die Liebe. Badija reichte Tarik ihr kleines Händchen hin und sagte, glücklich lächelnd:

»Du bist der Sieger, ich gehöre Dir!«

Er aber zögerte, das Händchen zu ergreifen und antwortete:

»Nach den Gesetzen bin ich der Sieger, aber in Wahrheit doch nicht. Ich habe Dich vielmehr nur geschenkt erhalten.«

»Das ändert doch an den Folgen nichts!«

»O doch! Ich wollte kämpfen, um Dich zu befreien. Besitzen aber kann ich Dich doch nicht.«

»Warum nicht?«

»Kann der Sterbliche die Sonne sein Eigenthum nennen?«

»Ja, denn es ist ihre liebste Aufgabe, ihm zu strahlen.«

»Und was nützt es mir, daß Masr-Effendi Dich mir geschenkt hat! Wie glücklich, wie unendlich glücklich wäre ich, wenn ich dieses kostbare Geschenk von einem Andern, von einer anderen Person erhalten hätte!«

»Dann hättest Du es wohl angenommen?«

»Mit tausend Freuden!«

»Von wem wolltest Du mich denn geschenkt haben?«

»Von Dir, nur von Dir allein.«

Da nahm sie ihn bei beiden Händen, da er es nicht gewagt hatte, ihre Hand zu ergreifen, und fragte ihn:

»So hast Du wohl ganz und gar vergessen, was ich Dir heute in der Nacht da draußen gesagt habe?«

Sie blickte ihm so warm und innig in das Angesicht, daß er, tief und glücklich Athem holend, sagte:

»War das denn Dein Ernst?«

»Wie könntest Du denken, daß er es nicht gewesen sei! Aber wir wurden unterbrochen; ich mußte so schnell fort, und da konntest Du mir keine Antwort geben.«

»Du hättest sie wohl gern gehört?«

»Von Herzen gern. Willst Du sie mir jetzt sagen?«

»Ob ich sie sagen will! Oh Allah! Und wenn ich tausend Zungen und abertausend Lippen hätte, könnte ich Dir doch nicht hinreichend sagen, wie wahr, wie groß meine Liebe ist. Kann der armselige Wassertropfen erzählen, welch Leben in dem Meere herrscht? Kann das Sandkorn Dir beschreiben, wie unendlich weit sich die Wüste dehnt? Kann der Hauch, welchen Du athmest, Dir Kunde geben von den Sonnen, Monden und Sternen, welche der Aether küßt? Ebenso unmöglich ist es mir, von Dem zu sprechen, was ich für Dich im tiefsten Herzen trage.

»Und ebenso geht es mir. Es giebt keine Sprache und keine Worte, die Liebe und ihre Seligkeiten zu beschreiben. Ich kann nur sagen wie Ruth, jenes Weib, von welchem unsere Ueberlieferungen erzählen: Dein Volk ist mein Volk, und Dein Gott ist mein Gott; wo Du hingehest, will ich auch hingehen, und wo Du stirbst, da will auch ich begraben sein. Bis jetzt bin ich Deine Anführerin, Deine Königin gewesen. Darf ich Dir nichts Anderes sein, etwas viel Schöneres, viel Herrlicheres?«

»Ich verstehe Dich und wage doch nicht zu glauben, Dich zu verstehen. Wolltest Du mir wirklich, wirklich Das sein, als was ich Dich zu besitzen wünsche?«

»Als was? Sage es!«

»Als mein – mein – – mein Weib!«

Ja, es wurde ihm schwer, dieses Wort auszusprechen. Er sah ihren selig leuchtenden Augen an, welch' wonniges Gefühl sie für ihn in ihrem Herzen trug; sie hatte es auch ausgesprochen; sie hatte gesagt, daß sie ihn liebe; aber es war doch zu groß, viel zu groß für ihn, sich als den Herrn und Besitzer der körperlichen und seelischen Schätze zu denken, welche er da vor sich erblickte. Sie aber nickte ihm innig zu und antwortete:

»Ja, das ist es, was ich sein möchte. Dein Weib, aber doch zugleich noch ein ganz klein Wenig Deine Königin.«

»Du warst es, Du bist es, und Du bleibst es, nämlich meine Königin. Aber dadurch machst Du mich zum Könige, zum Herrscher. Es ist mir, als ob ich über Wolken wandele, als ob ein Theil von Allahs Herrlichkeit über mich gekommen sei. Nur Das allein giebt mir den Muth, die Hand nach Dir zu erheben. Badija, Badija, liebst Du mich denn wirklich so, daß Du mir gehören willst?«

»Ja. Dir will ich zu Eigen sein, nur Dir allein!«

Da zog er sie an sich, legte die Arme fest, fest um sie und sagte, im Flüstertone, denn laut zu sprechen, dies war ihm bei der gewaltigen, glücklichen Erregung, in welcher er sich befand, nicht möglich:

»Meine Badija! Meine Königin! Meine Geliebte und mein Weib! Allah oh Allah! Werde ich das ertragen können?«

Sie hob das Köpfchen zu ihm empor und tröstete:

»Verzage nicht! Du wirst es ertragen können, denn ich trage es ja mit, mein lieber, lieber Tarik!«

»So wollen wir dieses Glück fest halten, so fest, wie ich Dich in meinen Armen halte, bis zur Todesstunde!«

»Und noch darüber hinaus!«

»Ja, in alle, alle Ewigkeit!«

Sie vereinigten ihre Lippen, ohne sie wieder von einander zu trennen. Es war, als ob dieser Kuß von derselben Dauer sein solle wie das Glück, von dem sie soeben gesprochen hatten – in alle, alle Ewigkeit.

Dann standen sie beisammen, flüsternd und lauschend, als hätte noch Keins von ihnen des Anderen Stimme gehört, oder als ob Jedes in der Stimme und dem Tone des Anderen einen ganz neuen, bisher unbekannten und geheimnißvollen Wohlklang entdecke.

Und so hätten sie wohl noch lange gestanden, sich einander in die Augen geblickt, sich geherzt und geküßt und einander erzählt von ihrer Liebe, Liebe und immer wieder Liebe, wenn nicht draußen sich plötzlich der brausende und vielstimmige Ruf erhoben hätte:

»Selamet, selamet, selamet el melik me melika – Heil, Heil, Heil dem Könige und der Königin!«

»Man ruft uns aus!« fuhr Tarik aus seiner Verzückung empor. »Hörst Du es?«

»Ja. Man hat also über Dich berathen.«

»Und mich wirklich zum Scheik gemacht.«

»So sind die Anhänger Falehds, die Gegner des Vicekönigs überwunden und geschlagen.«

»Und Falehd selbst wird nun todt sein. Komm, wir müssen uns dem Stamme zeigen!«

Sie gingen hinaus, Badija im ruhigen, überlegenen Bewußtsein ihres Glückes und ihrer Würde, Tarik aber wankend. Er befand sich wie im Traume, es schwirrte ihm vor den Ohren, es hatte ihn eine Art von Taumel ergriffen, aber eine Art solchen Taumels, daß er hätte wünschen mögen, derselbe möchte niemals von ihm weichen.

Was er von Falehd gesagt hatte, war nun freilich nicht zur Wahrheit stimmend. Der Riese war nicht todt.

Als die beiden Schwestern sich entfernt hatten und Tarik ihnen nachgeeilt war, hatte Steinbach sich zur Stelle verfügt, an welcher der Besiegte lag, von Normann bewacht. Hilal und der Scheik der Beni Abbas waren auch hinzugekommen.

»Ist er erwacht?« fragte Steinbach.

»Nein,« antwortete Normann.

»Das sollte mich wundern. Ich habe dieselbe Ansicht, welche ich bereits vorher aussprach. Passen Sie auf.«

Er hatte Deutsch gesprochen, so daß der angeblich noch Besinnungslose die Worte nicht verstehen konnte. Am Boden lag ein Halm dürren Wüstengrases. Steinbach bückte sich, hob ihn auf und fuhr damit Falehd in das innere Ohr. Sofort schüttelte der Riese, schnell das rechte Auge öffnend, den Kopf. Er hatte nur so gethan, als ob er noch immer ohnmächtig sei.

»Du lebst noch?« sagte Steinbach im Tone des Erstaunens. »Ich glaubte Dich todt. So wirst Du nun jetzt sterben müssen.«

Er zog das Messer aus dem Gürtel und nahm es stoßgerecht in die Hand. In den Augen des Riesen blitzte es glühend auf.

»Ich bin gefesselt!« murmelte er.

»Das kann Dir gleichgiltig sein.«

»Es ist eine Beleidigung.«

»Wer am Tode steht, achtet keiner Beleidigung mehr. Welche Wünsche hast Du noch?«

»Daß Dich der Teufel verschlingen möge!«

»Das thut er nicht, weil er an Dir satt genug bekommen wird. Mache Dein Wassiget nameh!«

Wassiget nameh heißt so viel wie Testament. Es waren jetzt noch viele Andere hinzugetreten, welche einen engen Kreis um die Gruppe bildeten. Der Verwundete zeigte keinen so häßlichen oder gar schrecklichen Anblick, wie man hätte denken sollen. Er hatte die Zähne, welche ihm eingeschlagen worden waren, ausgespuckt, auch hielt er das linke Augenlid geschlossen, und da er übrigens vom Blute gereinigt worden war, so konnte man nur die geschwollenen Lippen und die außerordentlich blau angelaufene Nase als die Folgen des Kampfes erkennen.

»Willst Du mich morden?« knirrschte er.

»Nicht morden. Dein Leben gehört mir, und ich kann also damit thun, was mir beliebt.«

»So thue es!«

»Ich werde es Dir nehmen.«

»Nimm es, und sei verflucht!«

»Du selbst hast keine Gnade geben wollen; ich aber bin bereit, Dir das Leben zu schenken, wenn Du mich jetzt um Gnade bittest.«

»Dich niemals!«

»So mache Dich bereit. Ich gebe Dir fünf Minuten Zeit, Deine letzten Verfügungen zu treffen.«

»Ich mag keine Verfügungen treffen. Thut was Ihr wollt mit dem was mir gehört!«

»Ach, es wird so, wie ich dachte,« bemerkte Steinbach in deutscher Sprache zu Normann.

»Sie denken, daß er um Gnade bitten werde?«

»Ganz gewiß.«

»Ich bezweifle es.«

»O, er wird doch über sein Eigenthum und seine Heerden bestimmen, damit sie nicht der Königin, die noch seine einzige Verwandte ist, und somit also auch seinem Gegner Tarik in die Hände kommen. Ich werde ihm noch den Mueddin anbieten, weist er auch diesen ab, so will er nicht sterben.«

Und in arabischer Sprache fuhr er, zu dem Verwundeten gewendet, fort:

»So mag der Mueddin kommen, um das Gebet des Todes über Dich zu sprechen.«

»Verdammt sei der Mueddin sammt aller seiner Plärrerei! Ich mag ihn nicht!«

»So mußt Du ohne Gebet und Testament sterben. Allah mag sich Deiner Seele erbarmen! Wie willst Du sterben? Durch mein Messer oder durch meine Flinte?«

»Du bist ein Hund. Du bellst, aber Du beißest nicht!«

»So irrst Du Dich. Du meinst, daß ich Dir Gnade geben werde, auch ohne, daß Du bittest; das aber thue ich nicht. Da Du weder durch mein Messer, noch durch meine Kugel sterben willst, so werde ich nun also thun, was mir beliebt. Du schimpfest auf mich, trotzdem ich Dir mein Erbarmen zeige, Du bist nicht werth, den Tod eines Kriegers zu sterben. Ich werde Dich aufhängen lassen!«

Da bäumte sich der Riese trotz seiner Fesseln auf und brüllte:

»Hund und Vater eines Hundes! Durch den Strick stirbt kein tapferer Beduine!«

»Das ist wahr, Du aber wirst durch ihn sterben, denn Du bist nicht tapfer. Du bist nur roh; Du beleidigst Den, der Dich besiegt. Nicht einmal das Aufhängen bist Du werth. Du sollst also erdrosselt werden. Und da der Prophet sagt, daß die Seele keines Mannes, welcher durch den Strick stirbt, in den Himmel eingehe, so wirst Du in der Hölle braten, wohin Du mich gewünscht hast. Man hole mir einen Kameelsstrick!«

Der Prophet Muhammed hat das wirklich gesagt, aber die späteren seiner Nachfolger, also die Khalifen und Sultane, haben doch eine Ausnahme constatirt. Wer durch die seidene Schnur stirbt, welche ihm der Sultan sendet, der kann noch selig werden; ja diese Todesart gilt sogar für eine bevorzugte, so daß sie nur bei solchen Personen angewendet wird, denen der Sultan eine öffentliche und entehrende Hinrichtung ersparen will.

Normann ging und brachte nach wenigen Augenblicken einen aus Dattelfaser gefertigten Strick.

»Lege ihn denselben um den Hals!« sagte Steinbach.

Normann folgte dieser Aufforderung.

Als der Riese den Strick an seinem Halse fühlte, machte er eine gewaltige Anstrengung, seine Fesseln zu zerreißen; aber das gelang ihm nicht, und so schrie er:

»Das darfst Du nicht! Du darfst mich nicht erwürgen!«

»Ich werde Dir gleich zeigen, daß ich es darf!«

Er ergriff das eine Ende des Strickes, während Normann das andere noch in der Hand hatte.

»Willst Du selbst den Henker machen?« schrie Falehd.

»Ja. Es ist keine Schande, Denjenigen zu tödten, den man vorher besiegt hat. Also machst Du kein Testament?«

»Nein!« antwortete der Riese, welcher noch immer nicht glaubte, daß man es wagen werde, ihn zu tödten.

»Du willst kein Sterbegebet?«

»Nein.«

»So fahre hin in allen Deinen Sünden! Zieh an, da drüben! Eins – zwei – – dr – – –«

Beide, Steinbach und Normann stemmten die Füße ein, als ob sie an beiden Seiten des Strickes ziehen wollten. Sie zogen auch wirklich so weit zu, daß sich die Schlinge fest um den Hals Falehds legte. Jetzt nun erst war er überzeugt, daß man Ernst mache. So groß, wie vorher sein Selbstvertrauen gewesen war, so groß oder vielmehr noch größer war jetzt seine Angst. Er warf sich mit dem Oberkörper empor und brüllte entsetzt:

»Halt! Haltet ein!«

»Warum? Bittest Du um Schonung?«

»Ja.«

»So thue es! Sprich das Wort aus, sonst gilt es nichts!«

»Aman, aman – Gnade, Gnade!«

»Gut! Das Leben sei Dir geschenkt. Wir werden Dich also losbinden.«

Er bückte sich bereits, um dies zu thun, da aber ertönte hinter ihm ein rasches:

»Halt, noch nicht! So schnell darf man einem Besiegten das Leben nicht schenken. Zumal Diesem hier nicht!«

Kalaf, der Alte, war es, der diesen Einspruch erhob.

»Er hat ja um Gnade gebeten!« meinte Steinbach.

»Ja, das hat er, aber es fragt sich, ob er auch die Folgen dieser Bitte auf sich nehmen will. Er ist der Bruder des todten Scheiks, er hat sich für den Mächtigsten und Unüberwindlichsten gehalten, dem Alles unterthan sein muß; vielleicht glaubt er, daß wir aus lauter Angst und Respect vor ihm gar nicht daran denken, ihm die Folgen seiner Gnadenbitte fühlen zu lassen. Daher will ich erst einige Worte mit ihm sprechen, ehe Du ihm das Leben schenkst.«

Das von der Sonne verbrannte Gesicht des Riesen wurde erdfahl. Das war der sicherste Beweis, daß der vorsichtige Alte das Richtige gedacht hatte. Falehd hatte wirklich gemeint, daß er, der Angesehene und Gefürchtete, sich begnadigen lassen könne, ohne auch die Schande tragen zu müssen. Ja, vielleicht hatte er wohl gar gemeint, daß der Stamm gar nicht zugeben werde, daß der Stärkste seiner Krieger von Steinbach getödtet und nun gar erdrosselt werden könne, wenigstens war dies aus seinem vorherigen Vorhaben sehr leicht zu ersehen. Jetzt nun erkannte er, daß weder das Eine noch das Andere der Fall sei. Er hatte keine Rücksicht, keinen Vorzug zu erwarten; diese Ueberzeugung trieb ihm mit aller Gewalt das Blut aus dem Gesicht in das Herz zurück.

Die Aeltesten, welche die Worte Kalafs gehört hatten, traten mit ernsten Mienen herbei. Es war das erste Mal in ihrem ganzen, langen Leben, daß ein Angehöriger des Stammes um Gnade gebeten hatte. Und nun gar Derjenige, der sie bisher tyrannisirt und sich für den Besten und Edelsten von ihnen Allen gehalten hatte. Kalaf fragte ihn:

»Weißt Du auch, was Du thust?«

»Ich habe es stets gewußt und weiß es auch jetzt.«

»Wer um Gnade bittet, erhält zwar sein Leben, nicht aber sein Eigenthum.«

»Freßt meine Kameele und erstickt an ihnen.«

»Er ist ehrlos für immer.«

»Ihr könnt mir weder Ehre geben, noch sie mir nehmen.«

»Und wird aus dem Stamme gestoßen.«

»Ich gehe selbst!«

»Er ist vogelfrei!«

»Das will ich ja sein!«

»Und wenn er innerhalb der Grenzen des Stammgebietes sich sehen läßt, kann ein Jeder ihn tödten, ohne die Blutrache befürchten zu müssen.«

»Hahaha! Man mag mich tödten, wenn man sich an mich wagen will. Ihr seid alle Hunde, die ich mit meinen Füßen zertreten werde.«

»Ein Ehrloser kann keinen braven Krieger mehr beleidigen. Also, Du willst Gnade?«

Er schwieg. Es wurde ihm doch schwer, auf eine solche Frage antworten zu müssen.

»Ich frage Dich zum letzten Male. Antwortest Du nicht, so ist jede spätere Bitte vergeblich. Also willst Du Gnade?«

»Ja.«

»So werde ich selbst Dir die Fesseln nehmen.«

Er machte die Knoten der Riemen auf. Der Riese sprang empor, streckte die Arme aus, schüttelte sich wie ein wildes Thier, welches angekettet gewesen ist, und sagte:

»Frei, frei! Jetzt sollt Ihr mich kennen lernen!«

»Wir kennen Dich: Du bist ohne Ehre für alle Zeit, und wer Deinen Namen nennt, der wird dabei ausspeien. Vergessen sei Dein Vater, und vergessen sei Diejenige, die Dich geboren hat! Mit den Schakals und Hyänen sollst Du leben, und wenn Deine Leiche in der Wüste verfault, wird der Wanderer in einem weiten Bogen ausweichen, damit Dein Anblick ihn nicht verunreinige.«

»Oh, ehe ich sterbe, werden viele von Euch vorher verfaulen müssen!«

»Und zum Zeichen, daß Du keine Ehre mehr besitzest, werde ich als der Erste Dir Das geben, was Dir von jetzt an gebührt. Erhebet Eure Stimmen, Ihr Männer, und ruft mit mir, was ich über ihn rufe: Ïa mußibe, ïa ghumm, ïa elehm, ïa rezalet – o Unglück, o Kummer, o Schmerz, o Schande!«

»Ïa mußibe, ïa ghumm,ïa elehm, ïa rezalet – o Unglück, o Kummer, o Schmerz, o Schande!« riefen alle Versammelten nach, die Hände ausstreckend, um ihren Abscheu zu zeigen.

»Und hier ist, was Dir gehört! Pfui!«

Er speite ihn an.

»Pfui!« machten Alle es ihm nach, indem sie den Riesen ebenso anspuckten.

Dieser stand still, ohne eine Miene zu verziehen. Er hielt das gesunde Auge ebenso geschlossen wie das andere. Er wollte gar nichts sehen. Aber als er es öffnete, sprühte der Blick förmlich unter dem Lide hervor.

»Seid Ihr fertig?« fragte er höhnisch.

Das sollte ruhig klingen: er gab sich alle Mühe, keine Aufregung zu zeigen, aber seine Stimme klang heiser, und die Worte tönten zitternd hervor. »Ja,« antwortete Kalaf. »Gehe jetzt in Dein Zelt. Du sollst in kurzer Zeit erfahren, was die Versammlung der Aeltesten noch über Dich beschließt.«

»Noch beschließt? Es ist ja bereits beschlossen!«

»Dieser tapfere Masr-Effendi hat Dir das Leben geschenkt; vielleicht ist die Versammlung auch gnadenreich gesinnt, Dich wenigstens nicht als Bettler von sich zu lassen. Erwarte ihren Spruch.«

»Beschließt, was Ihr wollt! Eins werdet Ihr von mir haben, nur Eins, ein Einziges: Rache, Rache, Rache!«

Er wendete sich ab und ging, stolz und erhobenen Hauptes, als ob er der Sieger sei, nicht aber der Besiegte und der Ehrlose. Er war kaum in sein Zelt getreten, so kamen Ibrahim Pascha und der Russe zu ihm. Auch sie Beide hatten dem Kampfe und den nachherigen Verhandlungen beigewohnt, allerdings von Weitem.

»Wie? Ihr kommt zu mir?« fragte er in grimmigstem Hohne.

»Wundert Dich das?« antwortete der Pascha.

»Natürlich! Ich bin ja ehrlos!«

»Was geht das uns an!«

»Ihr verunreinigt Euch, wenn Ihr Euch mir nähert!«

»Das ist uns lächerlich. Diese Räuber können keinem Menschen die Ehre geben und sie auch keinem nehmen.«

»Habt Ihr denn Alles gesehen und gehört?«

»Ja.«

»So sehe ich freilich, daß Ihr meine Freunde seid, denn sonst wäret Ihr nicht zu mir gekommen. Setzt Euch nieder. Raucht von meinem Tabake, der bald nicht mehr mein sein wird, und trinkt den Kaffee, den ich Euch nicht mehr als den meinigen anbieten darf!«

Sie kamen dieser Aufforderung nach. Er zog sich das Wassergefäß herbei, um Auge, Nase und Mund zu kühlen, und knurrte dabei zornig:

»Seht Ihr, daß dieses Auge verloren ist? Aber es soll ihm seine beiden kosten!«

»Wie war das doch nur möglich!« sagte der Russe. »Du bist an Stärke ein Elephant und warst vorher so völlig siegesgewiß!«

»Denkt Ihr etwa, er hat mich besiegt?«

»Etwa nicht?«

»Nein, er nicht!«

»Wer sonst?«

»Er hat einen Zauber, er muß einen haben, sonst wäre es nicht möglich gewesen. Nicht einmal das Amulet hat mir Etwas genützt. Verflucht sei er!«

»Glaubst Du denn an Zauberei und Amulette?«

»Ja. Und wenn ich noch nicht daran geglaubt hätte, jetzt würde ich es glauben. Habt Ihr nicht gesehen, als ich zuerst auf ihn einsprang, daß er gar nicht mehr da stand, wo er gestanden hatte?«

»Er sprang Dir entgegen.«

»Nein, nein! Er hat sich unsichtbar gemacht. Darum konnte er den Hieb ausführen, mit welchem er mir das Auge ausschlug. Und so war es auch beim zweiten und beim dritten Male.

»Er ist ein starker Kerl!«

»Stark? Gehört Stärke dazu, Einem das Auge und die Zähne auszuschlagen, wenn man sich unsichtbar gemacht hat? Gar keine!«

»Laß Dich nicht durch solchen Aberglauben verleiten! Es ist besser, den Feind richtig kennen zu lernen. Wer seinen Gegner unterschätzt, der kann leicht von ihm überwunden werden. Dieser Kerl besitzt weder einen Zauber, noch ein Amulet; er ist riesenstark und dabei außerordentlich gewandt. Ich habe das ja auch an ihm erlebt. Ich schlug ihn mit dem Ruder über den Kopf, daß die Hirnschale eines jeden Andern sofort in Stücke gesprungen wäre; er aber ist, wie es scheint, gar nicht einmal betäubt gewesen. Im Nahekampf kann Keiner mit ihm Etwas anfangen. Er muß aus der Ferne getödtet werden.«

»Getödtet?« knirrschte der Riese. »Nein, das werde ich nicht thun, auf keinen Fall!«

»Ich denke, Du hast ihm Rache geschworen!«

»Ja, aber meinst Du, daß es genügend Rache sein würde, ihn zu tödten?«

»Was hast Du denn vor?«

»Auge um Auge, Zahn um Zahn! So steht es im Gesetze der Blutrache. Er hat mir die vorderen Zähne eingeschlagen; ich schlage sie ihm alle ein. Er hat mich gebunden und gefesselt wohl eine Stunde lang; ich aber werde ihn binden und fesseln für immer; ich werde ihn an Stricken mit mir herumführen, so lange er lebt oder so lange ich lebe!«

Er sagte das in einem solchen Tone, daß die beiden Anderen schauderten, obgleich sie weder sehr zarte Nerven noch ein zartes Gewissen besaßen. Der Pascha, in dessen Interesse es ebenso wie in demjenigen des Russen lag, Steinbach vernichtet zu sehen, fragte:

»So gedenkst Du, ihn in Deine Gewalt zu bekommen?«

»Ja.«

»Das wird wohl kaum möglich sein.«

»Was Falehd will, das thut er auch!«

»O, Du wolltest ihn besiegen und hast es doch nicht gethan!«

»Schweig! Willst Du zu meinem Grimme auch noch Deinen Hohn fügen! Ich konnte nicht ahnen, daß dieser Hund so stark ist. Jetzt nun, da ich es weiß, kann ich mich darnach richten.«

»Wie aber willst Du Dich seiner bemächtigen? Du wirst ja den Stamm verlassen müssen!«

»Das würde ich auch thun, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre. Blieb ich hier, so könnte ich mich unmöglich rächen.«

»Ich errathe Dich. Du willst so lange in der Nähe herumschleichen, bis der Deutsche in Deine Hände gefallen ist.«

»Meinst Du? Du scheinst mich für einen Mann zu halten, dem trotz der Wüstenhitze das Gehirn erfroren ist. Hast Du denn nicht gehört, daß ich, vogelfrei bin?«

»Allerdings.«

»Jeder kann mich tödten. Ich würde also ermordet sein, bevor ich diesen Effendi nur zu sehen bekäme. Außerdem wird er sich ja gar nicht lange hier aufhalten.«

»So willst Du ihn auf der Rückreise überfallen?«

»Daß ich dumm wäre. Ich kenne die Zeit seiner Abreise nicht und müßte also von jetzt an in der Wüste liegen, bis er kommt. Wie kann ich das bei meinem Auge, welches der Pflege bedarf? Und wie könnte ich allein es, da er doch mit Begleitung reisen wird?«

»So willst Du Dir Beistand holen?«

»Ja. Endlich kommt Dir der richtige Gedanke.«

»Von wem erwartest Du die Hilfe? Von unseren hiesigen Freunden?«

»Von ihnen? Der Teufel fresse sie! Habt Ihr nicht gesehen, daß auch sie vor mir ausspuckten? Wenn der Löwe todt ist, setzen sich alle Vögel auf sein Fell, um ihn zu verhöhnen. Nein. Der Unglückliche hat lauter Feinde, aber keine Freunde.«

»Das ist nicht wahr. Du hast noch Freunde.«

»So nennt sie mir doch einmal mit Namen. Jetzt, wo dieser Knabe Tarik die Königin zum Weibe bekommt, wird er Scheik des Stammes. Er ist ein Anhänger des Vicekönigs, und Alle, welche vorher zu uns gehalten haben, weil sie glaubten, daß ich Scheik sein würde, werden ihm den Speichel lecken. Ich habe nur einen Freund hier, einen einzigen.«

»Wer ist das?«

»Suef, mein Sclave.«

»Und noch zwei Andere.«

»Wen? Etwa Ihr.«

»Ja.«

Er lachte höhnisch auf.

»Ihr, meine Freunde? Ihr werdet Euch hüten, Euch zu mir, dem Ausgestoßenen, dem Aussätzigen zu bekennen!«

»Das werden wir allerdings nicht thun; das wäre eine große Dummheit, aber Deine Freunde sind wir doch und trotzdem. Sage uns, in welcher Weise wir Dir dienen können; wir werden es gern thun!«

»Ich traue weder dem Obersten der Teufel, noch einem Einzigen seiner Unterthanen!«

»Das ist eine Beleidigung für uns!«

»Nehmt es, wir Ihr wollt. Ich kann Euch nichts mehr nützen, und Ihr könnt mir nicht helfen.«

»Vielleicht doch!«

»Nein. Ihr seid vielleicht gar noch hilfloser als ich selbst. Dieser Effendi wird mich laufen lassen, ohne sich weiter um mich zu bekümmern; auf Euch aber hat er es abgesehen. Sobald Ihr das Lager verlassen habt, wird er hinter Euch her sein. Nun sagt mir, wer schlimmer daran ist, ich oder Ihr!«

»Beide gleich schlimm. Darum wird es das Beste sein, wenn wir uns gegenseitig unterstützen.«

»Unterstützen! Drei Hilflose unterstützen sich!«

Er lachte laut auf, wurde aber schnell wieder ernst, verfiel in ein kurzes Nachdenken und sagte dann:

»Hm! Unrecht habt Ihr vielleicht nicht ganz. Drei Schwache haben doch wohl mehr Kraft als ein Starker. Ich weiß freilich nicht, ob ich Euch trauen kann!«

»Wenn Du an unserer Aufrichtigkeit zweifelst, so giebst Du damit nicht den Beweis eines großen Scharfsinnes. Masr-Effendi ist unser Todfeind, der uns verderben will. Um uns zu retten, müssen wir darauf bedacht sein, ihn unschädlich zu machen. Wir hatten alle unsere Hoffnungen auf Dich gesetzt; wir waren überzeugt, daß er unter Deinen Streichen fallen werde. Wir haben uns getäuscht. Nun muß uns Alles willkommen sein, was geeignet ist, uns von ihm zu befreien.«

»Das ist eine verständige Rede, welche mir freilich die Ueberzeugung bringt, daß ich Euch trauen darf. Also, Ihr würdet mir helfen?«

»Ja.«

»So will ich Euch meinen Plan mittheilen. Er ist gut, obgleich ich ihn erst vor einigen Minuten fassen konnte. Kennt Ihr die Beni Suef?«

»Nein. Wir wissen nur, daß sie die grimmigsten Feinde Deines Stammes sind.«

»Das sind sie; ja bei Allah, das sind sie! Ich habe sie öfters besiegt. Von einem solchen Siege brachte ich meinen Sclaven mit heim, von welchem ich vorhin sprach. Ich nenne ihn Suef, nach dem Namen seines Stammes. Er ist sehr gut von mir behandelt worden. Ich dachte doch zuweilen daran, daß ich ihn einmal gebrauchen könnte. Jetzt nun ist das eingetroffen. Weil er es gut bei mir hatte, ist er mir treu. Die andern Beni Sallah aber haßt er bis zum Tode. Man stößt mich aus dem Stamme, ich trete zu den Beni Suef über.«

»Ah! Das ist's! Werden sie Dich aufnehmen?«

»Fragt, ob eine Heerde von Stuten den Hengst aufnehmen werde, der sie gegen die Wölfe schützt! Sie werden mich hoch willkommen heißen, und ich werde sie gegen die Beni Sallah führen.«

»Nun verstehe ich Dich. Du willst die Beni Sallah mit den Beni Suef überfallen und dabei diesen Masr-Effendi gefangen nehmen?«

»Ja, das will ich und das werde ich.«

»Mag es Dir gelingen.«

»Es gelingt. Ich wünsche Euch, ebenso überzeugt sein zu können, daß Ihr dem Deutschen entgeht.«

»Das könnten wir jetzt leicht. Nimm uns mit!«

»Daran habe ich auch gedacht. Die Beni Suef sind Feinde des Vicekönigs, wie sie die unsrigen sind. Mit ihrer Hilfe könnt Ihr die Beni Sallam besiegen und sie zwingen, gegen den Khedive zu ziehen.«

»Nun wohl! Anderes und Besseres können wir ja gar nicht wünschen und verlangen. Wir fragen Dich also hiermit, ob Du uns mitnehmen willst.«

»Gut, Ihr sollt mit mir reiten.«

»Wann wirst Du aufbrechen?«

»Man hält jetzt noch Berathung. Jedenfalls muß ich noch vor Sonnenuntergang fort, denn wer sich bei Einbruch im Lager befindet, ist Gast des Stammes, selbst der Ausgestoßene, er darf nicht fortgewiesen werden.«

»So wollen wir uns immer bereit machen.«

Er erhob sich von der Decke, auf welcher er gesessen hatte. Der Riese aber, welcher sich während dieses Gespräches immerfort das Auge gekühlt hatte, ergriff ihn schnell, zog ihn nieder und sagte:

»Was fällt Dir ein! Meinst Du etwa, daß Ihr mit mir aufbrechen werdet?«

»Was sonst?«

»Ich habe Dich für klüger gehalten. Es darf ja doch kein Mensch ahnen, daß wir uns heimlich miteinander zum Verderben des Stammes geeinigt haben. Und sodann ist es gewiß, daß Euch, sobald Ihr das Lager verlaßt, dieser verdammte Deutsche sogleich folgen würde. Ihr hättet ihn also hinter Euch und ich ihn auch hinter mir. Was sollte da aus unserem Plane werden!«

»Du meinst also, daß wir heimlich abziehen?«

»Natürlich.«

»Das wird sehr schwer gehen. Vielleicht ist es ganz und gar unmöglich. Wie können wir von hier entkommen, ohne bemerkt zu werden?«

»Dafür laßt nur mich sorgen! Horcht!«

Eben jetzt erhob sich draußen der bereits erwähnte vielstimmige und jubelnde Ruf:

»Heil dem Könige und der Königin.«

Der Riese schlug mit der geballten Faust auf den neben ihm sich erhebenden Feuerheerd, daß die Steine desselben prasselnd zusammenstürzten, und sagte:

»Da habt Ihr es! Der Knabe ist König, ist Scheik und Anführer geworden. Nun können die Männer gehen!«

»Um wiederkommen und sich rächen zu dürfen!« fiel der Russe ein.

»Ja, das wollen wir, das wollen und werden wir! Nun aber bleibt uns nicht viel Zeit mehr übrig. Die Aeltesten werden bald erscheinen, um mir das Ergebniß ihrer Berathung zu verkündigen. Da muß Alles besprochen sein.«

»So mach schnell, uns zu sagen, wie wir uns zu verhalten haben!«

»Ich werde das Lager verlassen, indem ich nach Norden reite, um diese Hallunken hier irre zu führen. Da aber die Beni Suef im Süden von hier wohnen, werde ich bald nach dieser Richtung einbiegen. Mein Sclave wird sich freuen, wenn er hört, daß er wieder zu den Seinen darf und frei sein wird – – –«

»Läßt man ihn denn fort?«

»Ich weiß es nicht und glaube es auch nicht. Aber das ist mir gerade lieb. Er ist jung, wird also zu den Wächtern des Lagers gehören. Ich sage ihm, wo er mich findet. Ihr packt heimlich Alles zusammen, was Euch gehört, und er wird kommen, Euch abzuholen. Das ist Alles, was Ihr jetzt zu wissen nöthig habt. Hört Ihr die Schüsse und das Jubelgeschrei? Jetzt wird der neue Scheik mit der Königin auf der Ruine erscheinen, um sich dem Stamme zu zeigen. Dem Stamme? Ach, wir wollen nicht vergessen, daß dies hier das Lager nur eines Theiles des Stammes ist. Die Oase ist nicht so groß, daß sie alle Beni Sallah zu fassen vermöchte. Wir aber kommen mit sämmtlichen Beni Suef zurück. Es wird uns also ein Leichtes sein, das Lager zu besiegen.«

»Zumal wir es überrumpeln. Sie werden natürlich von unserem Vorhaben keine Ahnung haben.«

»Wenn Ihr nichts sagt, können sie nichts wissen.«

»Es kann uns nicht einfallen, ein Wort zu verlauten,« meinte der Pascha. »Aber sage mir, was ich in Beziehung meines Dieners machen soll! Er ist fortgegangen und nicht wiedergekommen.«

»Rufe ihn!«

»Ich glaube, man hält ihn versteckt. Er hängt an Zykyma mit großer Treue und wird zu ihr gegangen sein. Ich brauche ihn aber.«

»Ist er wirklich Dein Diener?«

»Ja.«

»So muß man ihn Dir ausliefern. Du bist Gast und einem Gaste kann nicht das Geringste seines Eigenthumes genommen werden.«

»Man hat mir aber Zykyma auch genommen, obgleich sie mein Eigenthum war.«

»Du behauptetest, sie sei Deine Sclavin, und Sclaverei giebt es hier bei uns nur in dem Falle, daß man Kriegsgefangene zu Sclaven macht. Uebrigens war der Deutsche Schuld daran. Wäre er nicht gewesen, so befände das Mädchen sich noch jetzt in Deinem Zelte.«

»Ich werde sie ihnen nicht lassen!«

»Du kannst sie nur dann wieder erhalten, wenn wir mit den Beni Suef hier als Sieger erscheinen. Also steht es nur – – – horch! Man kommt!«

Draußen ließen sich Schritte vernehmen, und dann wurde der Name des Riesen gerufen. Er trat hinaus. Die Aeltesten des Stammes standen draußen, begleitet von vielen anderen Beduinen.

»Tretet ein!« sagte Falehd höhnisch freundlich.

»In das Zelt eines Ehrlosen tritt kein Sohn der Beni Sallam,« antwortete der alte Kalaf. »Wir sind gekommen, Dir unsern Beschluß zu verkündigen.«

»Er wird von Weisheit triefen wie das Maul eines Kameeles, wenn es aus der Pfütze getrunken hat!«

»Du verhöhnst uns, trotzdem wir Dir Gutes erweisen wollen. Umso größer wird Allah die Barmherzigkeit ansehen, welche wir an Dir thun wollen. Du wirst das Lager verlassen in der Zeit, welche von den Abendländern eine Stunde genannt wird.«

»Ich werde sehr gern noch eher gehen.«

»Eigentlich müßtest Du gehen, so wie Du hier stehest, denn Alles, was ein Ausgestoßener besitzt, das fällt dem Verwandten anheim.«

»Wer ist der Verwandte?«

»Die Königin; Du warst ihr Schwager.«

»Also wird Tarik, das Kind, sich an meinem Reichthume ergötzen?«

»Er ist Nachfolger des verstorbenen Scheik.«

»Er mag meine Heerden fressen, bis er vor Fett zerplatzt. Dann wird er selbst von den Hyänen verzehrt werden. Das ist meine Weissagung.«

»Schimpfe Den, der Dir Gutes thut! Du müßtest eigentlich mit Deinen Füßen das Lager verlassen; aber die Versammlung erlaubt Dir, das beste Deiner Reitkameele mitzunehmen. Auch sollst Du zwei Lastkameele mit vollen Wasserschläuchen erhalten, denn Du bist verwundet und brauchst in der Wüste viel Wasser, um Dein Auge zu kühlen.«

»Oh, ich habe auch noch Anderes zu kühlen als nur das Auge, und dazu brauche ich mehr als nur Wasser.«

»Du sollst noch zwei weitere Kameele erhalten, um Mehl, Salz und Datteln und auch Dein Zelt zu tragen, damit Du nicht Hunger leidest und eine Wohnung hast in der Wüste. Das ist es, was wir Dir schenken.«

»Ich danke Euch! Ihr seid barmherzig. Ihr schenkt mir den Kern einer Dattel, behaltet aber die ganze fruchttragende Palme für Euch. Möge dafür die Hölle Euer Lohn sein in alle Ewigkeit!«

»Jetzt weißt Du, was wir wollen. Ist die Stunde abgelaufen und Du befindest Dich noch im Lager, so wirst Du fortgewiesen, ohne Etwas mitnehmen zu dürfen. Allah lenke Deine Schritte, damit Du nicht einem Beni Sallah begegnest!«

»Ich würde ihn tödten!«

»Du wirst keine Waffen mitnehmen dürfen als nur allein das Messer. Einer Schlange nimmt man, wenn man sie leben läßt, das Gift, damit ihr Leben Niemand in Gefahr bringen kann.«

»Soll ich etwa allein gehen?«

»Frage, ob Jemand Dich begleiten will.«

»Ich soll ein Reitkameel haben und vier Lastkameele. Ein einzelner Mann ist zu wenig für fünf Thiere.«

»Du bist ehrlos. Wer mit Dir geht, wird auch ehrlos. Niemand wird Dich begleiten wollen.«

»Suef, mein Sclave wird es.«

»Er wird es nicht!«

»Ich befehle es ihm!«

»Du hast ihm nichts mehr zu befehlen; er ist nicht mehr Dein Eigenthum.«

»Gehört auch er jetzt Tarik?«

»Ja.«

»So wünsche ich diesem Knaben Tarik, daß er an dem Sclaven seine Freude erleben möge. Packt Euch nun fort! Ich habe Euch nun lange genug die Gnade meines Anblickes erwiesen. Ihr werdet es nur dann erst wiedersehen, wenn ich komme, um über Euch Gericht zu halten. Dann werdet Ihr wünschen, todt zu sein, denn das ist besser als sich in meinen Händen zu befinden.«

Wir lachen Deiner Drohung. Du gleichst dem Krokodil, dem man Kopf und Schwanz abgehackt hat; es kann weder leben noch schaden.«

Er wendete sich um und die Aeltesten mit ihm. Sie hatten jetzt mehr zu thun, um länger hier bei diesem obstinaten Character verweilen zu können. Die Neuwahl eines Scheikes ist von so großem Einflusse für das Schicksal und das Wohlergehen eines Stammes, daß ein solcher Tag stets mit außergewöhnlichen Feierlichkeiten und Festivitäten begangen wird. Die Aeltesten hatten die dazu nöthigen Arrangements zu treffen.

Die beiden Personen, welche sich in der gehobensten Stimmung befanden, waren natürlich die Königin und Tarik. Aber auch die Verwandten derselben wurden von demselben Glücke ergriffen. Selig fühlte sich besonders auch Hilal. Die Worte, welche Hiluja in der Nacht droben auf der Ruine zu ihm gesprochen hatte, klangen ihm immer noch wie Sphärenmusik in den Ohren. Es war ihm, als ob er gar nicht daran glauben dürfe.

Vorher hatte ihm die Sorge um den Zweikampf nicht völlig Raum gelassen; jetzt nun, wo diese Sorge gehoben war, kehrte der Gedanke an die Geliebte mit voller Macht zurück. Es trieb ihn hinauf zu der Ruine, und während die Menge an der einen Seite derselben ihr ›Heil, Heil‹ erschallen ließ, kroch er unbemerkt in den verborgenen Eingang hinein und stieg die Treppe empor, welche er gestern den beiden Deutschen gezeigt hatte. Von da aus gelangte er in die Wohnräume der Königin. Diese Letztere war aber mit Tarik hinausgegangen, um sich den Jubelnden zu zeigen. Und da, wo sie mit einander vor wenigen Sekunden vor Liebe gekost und gesprochen hatten, da stand Hiluja, unentschieden, ob sie den Beiden folgen solle oder nicht.

Sie hatte sich, wie bereits erwähnt, rücksichtsvoll zurückgezogen, war aber nun wieder eingetreten, nicht ahnend, daß sich noch Jemand hinter ihr befinde. Darum erschrak sie, als sie so unerwartet das Geräusch der Thür hörte.

»Hilal!« sagte sie beruhigt, als sie den Eintretenden erkannte. »Ich glaubte Dich unten bei den Anderen.«

»Nun siehst Du mich hier und erschrickst darüber!«

»Ueber Dich nicht. Ich wußte nur nicht, daß Jemand da sei. Wo ist mein Vater?«

»Noch unten. Doch wird er jedenfalls bald kommen. O, Hiluja, ich danke Allah, daß Alles so gekommen ist. Wer hätte das denken sollen!«

»Der Riese besiegt!«

»Mein Bruder Scheik!«

»Meine Schwester seine Braut!«

»Das ist eine Wonne. Weißt Du, Hiluja, daß ich jetzt der Schwager Deiner Schwester werde?«

»Und ich die Schwägerin Deines Bruders!«

»Ich glaube, dann bin ich auch mit Dir verwandt!«

»Und ich mit Dir!«

Beide lachten einander ganz glücklich an. Hilal fragte:

»Wie aber wird unsere Verwandtschaft zu nennen sein?«

»Wohl auch Schwager und Schwägerin?«

»Ja, das meine ich auch; aber das ärgert mich.«

»Warum?«

»Deine Schwester ist bereits meine Schwägerin. Wozu soll ich da noch eine zweite haben?«

»Ja, und da Dein Bruder mein Schwager ist, brauche ich Dich eigentlich nicht auch als solchen.«

»Also meinst Du, daß es besser wäre, wenn wir einander nicht verwandt geworden wären?«

»O doch! Aber es müßte ein anderer Grad der Verwandtschaft sein.«

»Welcher ungefähr?«

»Nun, Vetter vielleicht?«

»O nein! Das wäre ja eine noch eine entferntere Stufe!«

»Du wünschest also eine nähere?«

»Ganz gewiß.«

»Es ist möglich, daß dies hübscher wäre. Aber was ist näher als Vetter und Schwager.«

»Das weißt Du ganz gewiß. Welches ist denn wohl der nächste Grad der Verwandtschaft?«

»Vater und Sohn, Mutter und Tochter. Nicht?«

»Geh doch, Hiluja! Soll ich etwa Dein Sohn sein?«

»Oder ich Deine Tochter? Nein!«

Beide lachten einander wieder ganz seelenvergnügt in das Gesicht. Dann ergriff Hilal die Hand Hiluja's, zog sie ein wenig näher und fragte:

»Was muß denn eigentlich erst vorhanden sein, ehe es Sohn und Tochter geben kann?«

»Meinst Du etwa Vater und Mutter?« fragte Hiluja in wunderbar gut gespielter Naivität.

»Ja freilich. Die Eltern müssen erst da sein. Und das ist die allerliebste Verwandtschaft, welche es nur geben kann. Höre, Hiluja, wir wollen weder Vetter noch Muhme, weder Schwager noch Schwägerin sein, sondern wir Beide wollen Eltern sein!«

»Das ist nicht gut möglich!«

»Freilich ist es möglich! Du die Mutter und ich der Vater.«

»Von wem denn?«

Sie war bei seinen letzten Worten sehr roth geworden. Er antwortete, beherzt anfangend:

*

26

»Von – – von – – nun, von – – –«

Er konnte nicht weiter; er stockte. Er sah erst jetzt ein, in welch' eine dumme Gasse er sich verlaufen habe. Auch er wurde roth, doch war er zu geistesgegenwärtig, um sich so leicht verblüffen zu lassen; er fuhr vielmehr sofort und in entschiedenem Tone fort:

»Nein, das ist nichts; das geht nicht. Diese Verwandtschaft ist doch wohl ein Wenig zu eng und zu nahe. Nicht?«

»Ich weiß das nicht, wenn Du es nicht weißt?«

»Ich denke es nur. Wenigstens scheint das zu fehlen, was dazu ganz unumgänglich nothwendig wäre.«

»Was ist das?«

»Die Liebe.«

»Die ist doch wohl bei jedem Grade der Verwandtschaft nöthig. Denkst Du nicht?«

»Ja; aber in verschiedener Menge. Je ferner der Verwandtschaftsgrad ist, desto winziger wird das dazu nöthige Stückchen Liebe. Zwischen uns Beiden aber ist die Liebe doch nur so groß, daß wir höchstens Vetter und Muhme im fünfzigsten Grade sein könnten.«

»Gar nicht ein Bischen näher, Hilal?«

»Wohl kaum. Höchstens im neunundvierzigsten.«

»Ich dachte, im dreißigsten!«

»Das wäre zu nahe, außer Du wünschest es; dann aber wäre mir der zwanzigste doch noch lieber.«

»Mir der zehnte.«

»Oder der fünfte.«

»Oder der zweite.«

»Halt, Hiluja! Merkst Du nicht, daß unsere Liebe ganz außerordentlich schnell wächst? Das ist sehr gefährlich. Wer in einer Minute so viele Verwandtschaften durchfliegt, der – der – – der – – –«

»Nun, der – – –?«

»Der – – höre, Hiluja, ich weiß wirklich nicht, was ich eigentlich habe sagen wollen.«

Nur wer Menschenkenner ist oder selbst eine solche von aller Raffinerie ferne Liebe in seinem Herzen getragen hat, weiß, daß zwei Liebende sich viele, viele Stunden lang in völlig inhaltslosen Worten unterhalten können, ohne die geringste Langweile zu empfinden. Es genügt ihnen vollständig, daß sie bei einander sind, daß sie gegenseitig ihre Stimmen hören. Was dabei gesprochen wird, das ist vollständige Nebensache. Das süße, entzückende Kosen herüber und hinüber, von Mund zu Mund, würde entweiht sein durch die Nothwendigkeit einer Logik, mit welcher nur der Verstand rechnet, von welcher aber die Liebe ihr Glück niemals abhängig macht.

So auch diese beiden natürlichen Menschenkinder hier. Sie hatten keine Ahnung, daß sie wegen ihrer Plauderei von jedem unbetheiligten Zuhörer ausgelacht worden wären. Aber selbst wenn sie es gewußt hätten, so hätte es sie wenig genug gekümmert, wenigstens aber wohl nicht irre gemacht.

Er hielt noch ihre Hand gefaßt. Es war ihm, als ob er dieses kleine, weiche, hellbraune Händchen gar nicht wieder loslassen dürfe. Sie lachte laut auf bei seinen Worten und scherzte:

»Wenn Du es nicht mehr weißt, so hast Du wohl überhaupt gar nichts sagen wollen?«

»O nein! Ich wollte Dir im Gegentheil sehr, sehr Vieles sagen, Hiluja.«

»So sage es doch!«

»Das ist ja unmöglich. Die Zeit ist zu kurz.«

»Ist es denn so lang, was Du sagen wolltest?«

»Ganz ungeheuer lang!«

»Wie lange Zeit brauchtest Du wohl dazu?«

»Mein ganzes Leben.«

»O wehe! Wir können doch nicht bis zu Deinem Tode hier stehen bleiben, um zu warten, bis Du fertig bist!«

»Nein. Wir könnten dabei auch anderswo hingehen. Wir könnten dabei sitzen, reiten, backen, braten, kochen und Vielerlei und Allerlei treiben.«

»Ohne irre zu werden in Dem, was Du mir mitzutheilen hast?«

»Ohne irre zu werden! Ja, es ist sehr leicht und einfach; denn nicht nur ich allein, sondern ein Jeder, der Dich sieht, wird den Drang fühlen, Dir ganz dasselbe zu sagen.«

»Da bin ich doch sehr neugierig. Darf ich denn nicht wenigstens einen kleinen Anfang hören?«

»Ja, gern.«

»Wie lautet er denn?«

»Er lautet: Hiluja, ich bin Dir so un-, un-, unbeschreiblich gut!«

»Dieser Anfang gefällt mir. Kannst Du mir da wohl auch das Ende sagen?«

»Ja. Es heißt: Meine liebe, süße Hiluja, ich bin Dir noch immer so unbeschreiblich gut!«

»Das ist ja das Ende gar nicht!«

»Weil es überhaupt kein Ende hat. Ich bin Dir ja so gut, so unaussprechlich gut jetzt und in alle Ewigkeit. Und die Ewigkeit hat kein Ende.«

»Dann nützt es auch nichts, bis zu Deinem Tode hier stehen zu bleiben.«

»O nein. Darum meinte ich ja auch, daß wir unterdessen verschiedenes Andere treiben könnten.«

»Backen und braten?«

»Ja, und herzen und küssen! So ungefähr!«

Er zog sie warm an sich und legte seine Lippen auf ihren Mund. Sie erwiderte ganz ohne Scheu seinen Kuß, strich leise mit der Hand über die gebräunte Wange und flüsterte:

»Ist es denn wahr, daß Du mir so sehr gut bist?«

»So sehr, daß es gar nicht zu beschreiben ist! Bist Du mir vielleicht bös darüber?«

»O nein, ich bin vielmehr ganz glücklich darüber. Aber, gestern Abend, da draußen, warst Du mir wohl noch nicht so gut?«

»Noch nicht? Warum fragst Du so?«

»Weil Du es mir da nicht gesagt hast.«

»O, ich hatte Angst.«

»Angst? Vor wem?«

»Vor Dir.«

»So muß ich doch ein recht furchterweckendes Wesen sein. Und doch bist Du mir gut? Das ist wunderbar!«

»Ja, ich hatte Angst, gerade weil ich Dich so sehr lieb habe. Heute aber bin ich muthig, sehr muthig.«

»Woher kommt da dieser plötzliche Muth?«

»Ich glaube es ist daher, daß mein Bruder Scheik geworden ist und daß ich nun verwandt mit Dir bin. Der Bruder eines Scheiks darf doch etwas wagen. Nicht?«

»Gewiß. Du bist ein Krieger und Held; das habe ich ja gesehen und an mir selbst erfahren; vor mir aber hast Du Angst gehabt; das läßt sich eigentlich gar nicht mit einander vereinigen.«

»Sehr gut sogar. Ich habe nämlich vor Dir, vor Deiner Person nicht Angst gehabt, sondern nur vor Deinem Munde.«

»Den Du jetzt küssest?«

»Ja, den ich jetzt küsse, jetzt und jetzt wieder. Ich dachte, dieser kleine, rothe, süße, warme Mund könnte mir ein strenges, abweisendes Wort sagen; lieber wollte ich gar nicht sprechen. Siehe, das war meine Furcht und meine Angst. Jetzt aber, nun – – –«

»Nun? Sprich' doch weiter!«

»Nun ist alle Angst vorbei. Jetzt ist dieser Mund mein; jetzt darf er nur das sagen, was ich gern habe.«

»Oho! Wenn er nun nicht will!«

»So küsse ich ihn; dann gehorcht er gern.«

»Oho!«

»Gewiß!«

»Versuche es doch!«

»Ja, ich werde es versuchen. Sage doch einmal zu mir: mein lieber, lieber Hilal!«

»Du wunderlicher, eingebildeter Hilal!«

»So nicht, so nicht! Das war falsch! Warte, jetzt werde ich sofort mein Mittel anwenden. Komm her!«

Er legte seine Hände an beide Seiten ihres Köpfchens, hob ihr Gesicht empor, küßte sie dreimal, vier-, fünfmal auf den glücklich lächelnden Mund und sagte dann:

»Jetzt nun sage es: mein lieber, lieber Hilal!«

Sie legte die Arme um ihn, schmiegte sich an seine Brust und flüsterte leise aber gehorsam:

»Mein lieber, lieber, guter Hilal!«

»Siehst Du, siehst Du, wie so ein Kuß hilft!« sagte er blitzenden Auges. »Jetzt muß ich Dich belohnen.«

Natürlich bestand der Lohn ganz in derselben Münze: Mund auf Mund und Kuß auf Kuß. Hiluja war ganz Hingebung; ihr Gesicht strahlte vor Entzücken. Sie fühlte nur das Glück der still in sich getragenen und nun erhörten Liebe. Und als er fragte:

»Bist Du glücklich, mein Leben?«

Da nickte sie ihm wonnevoll zu und antwortete:

»Ja. Ich hatte nur den Wunsch, von Dir geliebt zu sein. Nun ist er mir erfüllt.«

»So gebe Allah seinen Segen, sonst werden wir niemals vereinigt sein.«

»Wieso?«

»Dein Vater liebt mich nicht.«

»Wie könntest Du dies sagen! Ist er doch nur erst diese wenigen Stunden hier!«

»Und dennoch habe ich es bemerkt. Vorhin, wenige Augenblicke bevor ich zu Dir kam, stand ich an der Mauer und er schritt langsam mit einem der Aeltesten vorüber. Dabei warf er einen kalten, stolzen, finsteren Blick auf mich und sagte, aber in der Weise, daß ich einsehen mußte, es gelte mir:

»Badija ist ihm geschenkt. Mit Hiluja wäre dies unmöglich. Sie ist bereits versprochen.«

»Wie? Das hat er gesagt?« fragte das Mädchen erschrocken.

»Ja. Und dabei hat er mich angeblickt, als ob er mir ganz deutlich sagen wolle: das nimm Dir nur zu Herzen, denn nur für Dich habe ich es ausgesprochen!«

»Unmöglich! Er weiß doch gar nicht, daß wir uns lieben!«

»Vielleicht ahnt er es.«

»Ahnen? Woher?«

»Das kann ich nicht sagen. Aber ist es denn wirklich wahr, daß Du versprochen bist?«

»Ich habe noch kein Wort davon vernommen.«

»Er würde es doch nicht sagen, wenn es nicht wahr wäre!«

»So hat er es ohne mein Wissen gethan.«

»Ja, es giebt Väter, welche ihre Kinder versprechen, ohne nach deren Einwilligung zu fragen.«

»Von meinem Vater aber sollte mich dies sehr wundern, da er mich so innig liebt.«

»Vielleicht hat er es gerade aus Liebe gethan. Derjenige, dessen Weib Du werden sollst, ist vielleicht ein berühmter Scheik oder Krieger.«

»Was geht das mich an! Ich liebe Dich. Nicht die Berühmtheit macht glücklich, sondern nur die Liebe allein.«

»Vielleicht handelt er auch im Interesse seines Stammes.«

»Das gilt mir gleich. Ich liebe Dich; das ist mein Interesse!«

»Wenn er Dich nun zwingen wollte?«

»Ich würde nicht gehorchen, ich lasse mich nicht zwingen!«

Sie sagte das in festem, bestimmtem Tone. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, strich mit der anderen Hand liebkosend das reiche Haar und die langen, dicken Zöpfe und sagte in beruhigendem Tone:

»Der Prophet sagt: der Segen der Eltern ist die oberste Stufe zum Paradiese.«

»So meinst Du, daß ich gehorchen soll?«

»Ja, das meine ich.«

Da riß sie sich von ihm los und sagte in zornigem Tone:

»Das kannst Du mir sagen! Du, Du!«

»Ich muß es sagen, meine liebe, liebe Hiluja.«

»So liebst Du mich nicht.«

»Mehr als je, wenn dies überhaupt möglich wäre. Gerade wenn man an die Möglichkeit denkt, sein Allerliebstes aufgeben zu müssen, fühlt man die Liebe in ihrer größten Gewalt und Macht.«

»Wie kannst Du aber so ruhig denken, daß ich einem Anderen gehören soll!«

»Ruhig?« fragte er. »Meinst Du wirklich, daß ich ruhig bin?«

»Ja, ich sehe es doch!«

»Weil ich weder ein Weib noch ein Knabe bin. Man könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, ich würde doch mit keiner Wimper zucken. Ich bebe innerlich bei dem Gedanken, daß ich von Dir lassen müsse, aber ich kann nicht jammern und klagen.«

»Aber zornig werden sollst Du, zornig!«

»Das kann ich nur dann werden, wenn Dein Erzeuger tyrannisch an Dir handelt, nicht aber als Vater.«

»Das thut er doch, wenn er mich einem Anderen giebt.«

»Vielleicht nicht. Wir müssen das Nähere abwarten.«

»So warte Du es ab!«

Sie wendete sich zur Seite und schritt nach der inneren Thür, durch welche er vorhin gekommen war. Schon hatte sie sie geöffnet; schon wollte sie hinaus.

»Hiluja!« bat er.

Sie blieb stehen, ohne sich aber umzudrehen.

»Hiluja!«

»Was?«

»Du willst gehen?«

»Ja.«

»Bleibe noch!«

»Wozu? Du liebst mich doch nicht!«

»An diese Worte glaubst Du selbst doch nicht. Komm her zu mir. Drehe Dich um!«

»Nein!«

»Kennst Du mein Mittel noch, Dich gehorsam zu machen?«

»Gehe!«

»Nein, ich komme vielmehr.«

Er schritt hin zu ihr, umschlang sie von hinten, zog ihr Köpfchen nach sich herüber und küßte sie mehrere Male.

»Hilal, o mein Hilal!« rief sie fast weinend, indem sie sich schnell zu ihm herumwendete. »Ich liebe Dich so sehr, ich mag Dir nicht zürnen; aber wenn ich denke, daß Du mich aufgeben könntest, so möchte ich lieber sterben.«

»Denkst Du, daß ich leben möchte ohne Dich?«

»Du sagtest doch, daß ich gehorchen solle.«

»Ja, das sagte ich, und ich sage es auch jetzt noch. Im Koran steht geschrieben: Wohl dem Kinde, welches dem Vater gehorcht. Gott wird ihm das gebrachte Opfer tausendfach anrechnen.«

»Aber ich spreche nicht vom Koran!«

»Und der Koran spricht nicht von Dir und Deinem Vater. Denke Dir, Dein Vater hätte vor langen Jahren, da Du noch ein Kind warst, sein Wort gegeben.«

»Er kann es zurücknehmen.«

»Wenn er nun beim Propheten oder bei dem Barte seines Vaters geschworen hätte!«

»Oh, Allah! Diesen Schwur müßte er halten! Aber ich bin überzeugt, daß er weder ein solches Versprechen noch einen Schwur abgelegt hat.«

»So denke Dir, daß er durch Deine Verheirathung mit einem mächtigen Manne seinen Stamm zu Ruhm, Ehre und Wohlstand bringen will. Bist Du da dem Stamme nicht schuldig, dem Vater zu gehorchen?«

Sie schwieg.

»Bitte, antworte mir!«

»Warum bist gerade Du es, der mir dies sagt!«

»Weil ich es am Ehrlichsten und Aufrichtigsten mit Dir meine.«

»Und weil Du mich am Wenigsten liebst!«

»Das sagst Du wieder, ohne es zu glauben. Es ist meine Pflicht, Dir dies Alles zu sagen. Aber meine nicht, daß ich Dich ohne Kampf aufgeben würde. Ich werde mit Deinem Vater sprechen – – –«

»Wann? Bald? Heute noch?« fiel sie schnell und in freudigem Tone ein.

»Nein, so schnell nicht. Das wäre übereilt und unvorsichtig. Er soll mich erst kennen lernen.«

»Und wenn er Dich abweist?«

»So werde ich ihn nach den Gründen fragen.«

»Wenn er sich weigert, sie Dir zu sagen!«

»Ich bin ein Mann, dem er wohl Rede stehen wird. Thut er es nicht, so erkenne ich seine Gründe nicht an und nehme Dich zum Weibe gegen seinen Willen.«

»Mein lieber, lieber Hilal!« jubelte sie auf. »Würdest Du das wirklich thun?«

»Ja, ich thäte es.«

»Wenn er Dir aber seine Gründe sagte!«

»So käme es ganz darauf an, ob ich sie anerkenne oder nicht. Im letzteren Falle würde ich nicht von Dir lassen, im Ersteren aber würde ich zu Demjenigen gehen, dem Du bestimmt bist, und mit ihm um Dich kämpfen; Deinem Vater aber würde ich keinen Widerstand leisten.«

»Allah sei Dank! Mein Herz ist wieder leicht.«

»Ja, Du verstandest mich falsch.«

»Jetzt glaube ich wieder, daß Du mich lieb hast.«

»Hast Du denn gar keine Ahnung, für wen er Dich bestimmt haben könnte?«

»Ich könnte mir nur Einen denken.«

»Wer ist das?«

»Der Sohn des Scheik's der Mescheer. Dieser Scheik war vor einem Jahre bei uns im Lager. Er fand Wohlgefallen an mir und erzählte mir sehr viel von seinem Sohne Mulei Abarak.«

»Mulei Abarak? Wehe, wehe!«

»Was ist's? Kennst Du ihn?«

»Ich habe ihn nicht gesehen aber desto mehr von ihm gehört. Er ist als Pilger in Mekka gewesen und hat da mit fremden Weibern das Heiligthum besudelt. Man hätte ihn getödtet, aber man fand ihn nicht, denn er war entflohen. Er hat bereits mehrere Frauen gehabt, sie aber Alle fortgeschickt, wenn er ihrer überdrüssig war. Man sagt von ihm ferner, daß er eine Handelscarawane, welche nach den Schotts von Tunis wollte, irre geführt habe, so daß sie vom Lande ab auf das mit einer dicken Salzkruste überzogene Wasser gelangte. Alle, Alle, Menschen und Thiere, sollen elendlich ertrunken sein. Diesem also sollte Dein Vater Dich bestimmt haben?«

»Ich wüßte keinen Anderen.«

»Davor möge ihn und Dich Gott behüten!«

»Das würdest Du also wohl nicht dulden?«

»Nein. Ich würde mit diesem Mescheer kämpfen. Und wenn ich auch kein Held bin wie Masr-Effendi, so weiß ich doch, daß ich ihn besiegen würde. Horch! Hörst Du die Rufe?«

»O Spott, o Schande, Fluch!« erscholl es von unten herauf selbst in das Innere der Ruine.

»Der Riese zieht ab,« sagte Hilal.

»Das müssen wir sehen. Komm!«

»Erst einen Kuß!«

Er zog sie nochmals an sich. Ihre Lippen vereinigten sich in einem langen, langen Kusse, und dies gab einem Lauscher Zeit, sich unentdeckt entfernen zu können.

Nämlich der Scheik der Beni Abbas, Hiluja's Vater, war nach der Ruine gekommen, um an der Seite Tariks und der Königin Platz zu nehmen, als diesen Beiden die Ovation von Seiten der Lagerbewohner gebracht wurde. Tarik war dann mit der Braut hinabgestiegen, um verschiedene Wünsche seiner nunmehrigen Unterthanen entgegen zu nehmen, der Scheik aber hatte in das Innere der Ruine gehen wollen.

Seine Schritte wurden durch die weichen Sandalen, welche er trug, unhörbar gemacht. Die Thür des Gemaches, in welchem sich Hilal mit der Geliebten befand, war offen stehen geblieben, und so hörte der Vater der Letzteren bereits von Weitem die beiden Stimmen.

Er schlich sich ganz an den Eingang heran, lauschte und wurde Zeuge ihres Gespräches von fast dem ersten bis zum letzten Worte. Der erwähnte Kuß gab ihm Zeit, sich schnell zu entfernen. Als die Beiden in's Freie traten, stand er an der Brüstung, an ganz derselben Stelle, wo wunderbarer Weise in letzter Nacht die beiden Schwestern den beiden Brüdern ihre Liebeserklärungen gemacht hatten.

Er gab sich Mühe, eine möglichst gleichgiltige Haltung und Miene anzunehmen; aber Hilal, dessen Blick ihn forschend überflog, faßte doch Verdacht. Er trat mit Hiluja zu ihm heran und fragte:

»Erlaubst Du, daß ich mit hier stehen bleibe?«

»Wer könnte es Dir verwehren?«

»Du.«

»Ich bin nur Gast.«

»Eben als solcher hast Du mehr Recht als ich, besonders da ich Dich bereits gestört habe.«

»Wieso?«

»Du wolltest zu Hiluja und tratest doch nicht ein, weil ich mich bei ihr befand.«

»Du irrst.«

»Ich hörte Deinen Schritt.«

»Du irrst doch!«

»So ist es ein Anderer gewesen. Wir sprachen von fernen Stämmen, auch von den Mescheer Beduinen und von Mulei Abarak.«

Das war auffällig. Die Stirn des Scheik's zog sich leise in Falten, und sein Gesicht röthete sich.

»Warum sagst Du mir das?« fragte er.

»Ich denke, Du kennst ihn.«

»Das ist noch kein Grund, mir zu sagen, daß Ihr von ihm gesprochen habt.«

»Du hast sehr Recht. Er ist ein Mann, von welchem man überhaupt gar nicht sprechen soll.«

»Ah! Kennst Du ihn so genau?«

»So genau, daß ich vielleicht einmal mit ihm zusammen gerathe.«

»So nimm Dich in Acht!«

»Hilal braucht sich nicht zu fürchten,« fiel Hiluja sehr schnell ein. »Er ist stark und muthig.«

»Weißt Du das so genau?«

»Da er mich beschützt hat, solltest Du nicht zweifeln.«

Dieser Vorwurf traf den Scheik am richtigen Orte. Er war ein braver Mann, und er liebte seine Tochter. Uebrigens hatte die belauschte Unterredung einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Um sich aus der augenblicklichen Verlegenheit zu ziehen, deutete er aus dem Lager hinaus und sagte:

»Ihr habt ihn nicht das Lager verlassen sehen. Dort reitet er. Seht Ihr ihn?«

Ungefähr eine halbe englische Meile vom Lager entfernt, sah man den Riesen traben. Er saß auf dem Reitkameele; die Packkameele folgten demselben, immer Eins an den Schwanz des Anderen gebunden.

Eben jetzt kam Steinbach die Stufen emporgestiegen. Er blieb bei den Dreien stehen, verfolgte den Riesen eine kleine Weile mit dem Blicke und sagte dann:

»Er reitet gerade gegen Nord. Ahnest Du, weshalb er dies thut, Hilal?«

»Nein.«

»So denke darüber nach!«

»Es ist mir gleichgiltig, wohin ein Ausgestoßener sich wendet. Er mag reiten, wohin er will.«

»Mir aber ist es nicht gleichgiltig, wohin Einer sich wendet, der dem Stamme Rache geschworen hat.«

»Ah! Hat er das?«

»Hast Du es nicht gehört? Kennst Du die Gegend, welcher er entgegenreitet?«

»Ich kenne die Wüste viele Tagereisen im Umkreise.«

»Giebt es dort im Norden Oasen?«

»Nein; er müßte denn fünfundzwanzig Tage weit in gerader Richtung reiten.«

»Das kann er nicht. Ich denke, dort gegen Norden liegen die großen Sodasee'n.«

»Sie liegen fünf Tagereisen von hier. An ihrem Ufer wächst kein Halm; in ihrem Wasser giebt es kein lebendes Thier, und von den weißen, salzigen Flächen prallt der Strahl der Sonne so scharf ab, daß er das Auge zersticht. Wer längere Tage dort bleibt, der muß erblinden. Es ist dort ein Thal der Verdammten.«

»Nach dort zu reiten, kann also seine Absicht auch nicht sein.«

»Ganz und gar nicht.«

»Er will uns irre leiten und über seine eigentliche Absicht täuschen. Nach Norden will er sicherlich nicht. Nach Osten, woher ich gekommen bin, kann er auch nicht; er hätte sein Wasser verbraucht lange bevor er an einen Brunnen käme. Wer wohnt im Westen von unserem Lager?«

»Lauter Freunde von anderen Abtheilungen unseres Stammes. Ich habe bereits Boten dahin abgesandt mit der Nachricht, daß Falehd ausgestoßen ist.«

»Sie würden ihn nicht aufnehmen?«

»Sie würden ihn tödten, wenn er es wagte, ihr Lager durch seine Gegenwart zu verunreinigen.«

»Hm! Und wer wohnt im Süden?«

»Die Beni Suef.«

»Ah, die Beni Suef! Ich habe von ihnen gehört. Sie sind räuberische, ruhelose Leute, mit denen Ihr bereits manchen Strauß ausgefochten habt. Ihr lebt auch jetzt noch in Feindschaft mit ihnen?«

»Ja. Wir haben mehrere Bluträcher stehen, bei uns und bei ihnen. Niemand will den Blutpreis annehmen; es muß also Blut fließen.«

»So ist mit Gewißheit anzunehmen, daß Falehd sich zu ihnen wendet.«

»Das ist möglich. Weshalb aber den Umweg?«

»Um uns zu täuschen, wie ich bereits sagte.«

»Das wäre ganz unnöthig. Wir hätten ihn nicht gehalten, selbst wenn er es uns offen gesagt hätte, daß er zu ihnen wolle.«

»Ihr hättet dann gewußt, wo er sich befindet, und Eure Maßregeln treffen können. Da er aber so hinterlistig handelt, folgt daraus die feste Gewißheit, daß er Rache im Schilde führt. Ich möchte wetten, daß er die Absicht hat, die Beni Suef gegen Euch aufzustacheln.«

»Sie sind es bereits; er hat also nicht nöthig, es erst noch zu thun.«

»Du scheinst diese Sache sehr leicht zu nehmen.«

»Nein. Aber wir sind an jedem Augenblicke, bei Tage und bei Nacht von den Beni Suef bedroht, gerade ebenso wie sie von uns. Man wird dadurch diese Gefahr so gewohnt, daß man zwar noch auf sie achtet, nicht aber mehr von ihr spricht.«

»Wie weit lagern die Suef von hier?«

»In zwei Tagen kannst Du sie auf einem Reitkameele erreichen. Ein Lastkameel braucht ganz sicher drei volle Tagereisen.«

»Das ist nahe genug. Nehmen wir uns in Acht!«

»Habe keine Sorge! Du bist sicher bei uns! Du befindest Dich ja hier in unserer Mitte.«

Das klang so selbstbewußt und sonderbar, daß Steinbach laut auflachte und dann fragte:

»Glaubst Du, daß ich vor irgend Jemandem oder vor irgend Etwas Angst haben könnte?«

»Verzeihe, Effendi!« sagte Hilal erröthend.

»Du bist auf einmal ein größerer Held geworden, als Du bereits vorher warst. Wenn der Adler seine Frau zu beschützen hat, fühlt er doppelte Kraft und dreifachen Muth in sich.«

Hilals Gesicht wurde noch viel röther als vorher; es glühte förmlich. Er sah sich von Steinbach durchschaut; auch Hiluja fühlte ganz dasselbe; da sie eben jetzt die Schwester unten erblickte, von Tarik geführt, sagte sie zu dem Geliebten:

»Tarik winkt. Laß uns hinabgehen!«

Tarik hatte nun freilich nicht gewinkt, dennoch gingen sie hinab, so daß der Scheik mit Steinbach allein zurückblieb. Dieser Letztere ergriff sofort die gebotene Gelegenheit. Er blickte den Beiden lächelnd nach und sagte:

»Ein schönes Paar! Gerade als ob Allah sie für einander bestimmt hätte!«

»Hat er sie für einander bestimmt, so kann kein Mensch widerstehen, auch ich nicht.«

»Sein Wille geschehe!«

»Der wohl auch der meinige ist.«

»Du hassest Hilal?«

»Nein.«

»Fast hat es mir so geschienen.«

»Er ist ein braver Mann. Ich habe ihn belauscht, als er mit meiner Tochter sprach; Du aber wirst ihm dies nicht wieder sagen. Sie sprachen von ihrer Liebe zu einander und daß ich Hiluja wohl bereits für einen Andern bestimmt haben könnte; sie meinte, daß sie widerstreben werde, er aber machte sie auf den Koran und die Worte des Propheten aufmerksam, welche dem Kinde befehlen, dem Vater und Erzeuger Gehorsam zu erweisen.«

»Ah! Das hätte er gethan?«

»Ja. Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört.«

»Ich habe ihn für einen sehr braven Menschen gehalten, aber eine solche Selbstlosigkeit habe ich ihm doch nicht zugetraut.«

»O, er sprach dann freilich davon, daß er mit dem Mescheer kämpfen wolle. Das thut mir leid, denn ich habe Hiluja dem Mescheer bestimmt, und er wird sie erhalten.«

Er hätte vielleicht weiter über diesen Gegenstand gesprochen, aber unten an den Stufen, an welchen jetzt die beiden Geschwisterpaare mit dem alten Kalaf standen, schien sich eine kleine Scene vorbereiten zu wollen. Nämlich Ibrahim Pascha und der Russe näherten sich dem angegebenen Orte, und es war ihren Mienen anzusehen, daß sie irgend eine Absicht hegten. Darum stieg Steinbach hinab, wo er gleich mit ihnen zu der angegebenen Gruppe stieß.

»Wir hören,« sagte der Pascha, »daß der glorreiche und berühmte Stamm der Beni Sallah einen neuen Scheik erhalten hat, und sind gekommen, ihm unsere Freundschaft und Ergebenheit zu erweisen.«

Dabei konnte er sich nicht beherrschen, einen halb und halb ironischen Blick auf Tarik zu werfen, welcher in seinem unscheinbaren Gewande vor ihm stand, sich aber nicht aus der Fassung bringen ließ, sondern mit der Würde eines Mannes, welcher bereits fünfzig Jahre lang Scheik gewesen ist, antwortete:

»Ihr seid unsere Gäste und thut also wohl daran, uns Eure Aufmerksamkeit und Höflichkeit zu erweisen. Ihr sprecht von Ergebenheit; diese verlangen wir nicht. So hohe Männer, wie Ihr seid, können uns armen Söhnen der Wüste nicht ergeben sein, und was Eure Freundschaft anbelangt, so hoffen wir, daß Ihr sie uns beweisen werdet, auch ohne viel von ihr zu sprechen.«

Das war nun sehr brav gesprochen, das hatten sie diesem Manne, der in alten Linnen, mit einem Stricke zusammengebunden, vor ihnen stand, wohl schwerlich zugetraut. Sie schauten auch ganz verblüfft darein, eine Antwort zu bekommen, die ihnen ein routinirter Diplomat nicht besser hätte geben können. Tarik wendete sich halb ab, zum Zeichen, daß er meine, die Unterredung sei zu Ende; da aber sagte der Pascha:

»Verzeihe! Wir haben das Verlangen, Euch von unserer Freundschaft zu überzeugen, doch hoffen wir, daß uns dies von Euch nicht so sehr wie bisher erschwert werde.«

»Erschwert? Wieso?«

»Ihr habt Euch nicht in Allem als Freunde gegen uns Beide gezeigt.«

»Du siehst mich verwundert! Haben wir Euch nicht aufgenommen, Euch Obdach, Essen und Trinken gegeben? Hungert Ihr? Dürstet Ihr?«

»Nein. Aber Ihr habt mir mein Weib, meine Sclavin genommen!«

»Wir haben sie Dir nicht genommen, sondern sie ist freiwillig zu uns gekommen. Sie ist unser Gast ebenso gut, wie Du es bist, und wir müssen ihren Willen thun, so wie wir den Deinigen thun würden.«

»Ihr habt den Ihrigen, nicht aber den Meinigen gethan.«

»Vergleiche Dich mit ihr, wenn Ihr unsere Zelte verlassen habt. Jetzt wohnt sie unter unserem Schutze.«

»Sie wird Euch niemals zu gleicher Zeit mit mir verlassen. Sie ist für mich verloren.«

»So hast Du es nicht verstanden, ihre Liebe zu gewinnen, wir aber können nichts dafür.«

»Sodann habt Ihr mir meinen Diener genommen!«

»Davon weiß ich nichts. Sprecht hier mit diesem Masr-Effendi, bei welchem sich Derjenige aufhält, von welchem Ihr redet.«

Der Pascha blickte Steinbach erstaunt an. Es war ihm ganz und gar nicht lieb, an diesen gewiesen zu werden. Er fragte in feindseligem Tone:

»Bei Dir ist er? Wirklich?«

»Ehe ich antworten kann, muß ich erst wissen, von wem die Rede ist.«

»Von Saïd, meinem Arabadschi.«

»Der befindet sich allerdings bei mir.«

»Du hast ihn mir abspenstig gemacht?«

»Nein. Er kam zu mir und bat mich, ihn bei mir aufzunehmen. Ich habe ihm diese Bitte erfüllt.«

»Das durftest Du nicht. Er war mein Diener!«

»Kannst Du das beweisen?«

»Ja.«

»Womit?«

»Frage Zykyma, sie wird es mir bezeugen.«

»Das hat sie bereits gethan. Sie hat gesagt, daß er Dein Diener gewesen sei.«

»So schicke ihn zu mir zurück!«

»Er will nicht, und er hat auch keinen Augenblick nöthig, länger bei Dir zu bleiben. Du hast ihm weit über ein Jahr lang keinen Lohn bezahlt.«

»Ich werde ihn bezahlen!«

»Das glaubt er nicht. Er schenkt Dir das Geld und bleibt lieber bei mir. Des kannst Du froh sein.«

»Der Hund!«

»Schimpfe meinen Diener nicht, wenn Du nicht zugleich mich beleidigen willst!«

»Ich durchschaue Dich. Du bist voller Feindschaft gegen uns; Du klagst uns wegen Sachen an, von denen wir gar nichts wissen; Du möchtest uns am Liebsten ganz verderben, wir aber wissen keinen einzigen Grund dazu und sind ganz im Gegentheile erbötig, Dir alle Aufmerksamkeit und jeden Gefallen zu erweisen –«

»Das redet Ihr nur. Ich kenne Euch.«

»Nein! Gieb uns Gelegenheit, Dir einen Gefallen zu thun, so werden wir es sofort machen!«

»Nun wohl, ich will Euch beweisen, daß dies blos Heuchelei ist!« Und sich an den Russen wendend, fuhr er fort: »Du bist natürlich mir ebenso zu Diensten erbötig, wie Dein Gefährte hier?«

»Ja, sehr gern!«

»So beantworte mir die eine Frage: »Wo befindet sich gegenwärtig Gökala?«

Der Graf erschrak. Diese directe Frage hatte er nicht erwartet. Er raffte sich schleunigst zusammen und antwortete, eine möglichst verwunderte Miene zeigend:

»Gökala? Wer ist das?«

»Ah, Du kennst Die nicht, welche mit im Harem des Sultans war, mit der Ihr mich dann fortschlepptet, nachdem Ihr mich getödtet zu haben glaubtet?«

»Du siehst mich im höchsten Grade erstaunt. Von Allem, was Du hier sagst, verstehe ich kein Wort.«

»Pah! Mein Diener ist mit Euch von Konstantinopel bis Alexandrien gefahren; er forscht weiter. Ich habe Dich gefunden, und er wird Gökala finden.«

Ueber das Gesicht des Grafen glitt es wie Schadenfreude und Besorgniß zugleich. Er antwortete:

»Ich verstehe Dich wirklich nicht, aber wenn Alles wirklich so wäre, wie Du sagst, so wäre ich wohl auch der Mann dazu, Gökala dahin zu bringen, wohin Deine Nase nicht riechen dürfte, ohne sich in Gefahr zu befinden, Dir verloren zu gehen. Du bist von einer fixen Idee besessen, und da Du bei Deinen Phantasieen bleibst, so wollen wir uns keine weitere Mühe geben, Dich zu kuriren. Allah ist reich an Gnade und Erbarmen; wenn es ihm beliebt, wird er Dein Gehirn wieder in Ordnung bringen, auch ohne daß wir uns dabei anstrengen.«

Sie wendeten sich ab und entfernten sich. Steinbach blickte ihnen nachdenklich nach. Es stand ihm fern, sich über ihr Verhalten und ihre Worte zu ärgern. Er spielte mit ihnen eine Parthie Schach, bei welcher viel, sehr viel, vielleicht sein ganzes Lebensglück, gewonnen oder verloren werden konnte, und er hatte genug Objectivität, sich selbst durch solche Niederträchtigkeiten nicht aus der Fassung bringen zu lassen.

Indessen war der Kameelszug des Riesen dem Horizonte näher gekommen und hatte bis jetzt die ursprüngliche Richtung nach Nord beibehalten. Steinbach bestieg die Ruine wieder, gefolgt von den beiden Söhnen des Blitzes und von Normann. Die Sonne hatte die größte Strecke ihres Tagebogens zurückgelegt und begann bereits, sich zur Rüste zu neigen. Steinbach beschattete mit der Hand die Augen und verfolgte mit scharfem Blicke den kleinen Zug des Riesen. Dadurch aufmerksam gemacht, thaten die drei Anderen dasselbe. Die Thiere Falehds waren nicht mehr von einander zu unterscheiden; sie bildeten jetzt einen einzigen Punkt, welcher jetzt nur noch die scheinbare Größe einer Erbse hatte und nur von einem höchst scharfen Auge von der grauduftigen Linie des Horizontes zu unterscheiden war. Plötzlich kauerte Steinbach nieder und legte das Gesicht an die Seite eines hohen Steinquaders, dessen eine obere Kante für ihn nun eine feste, unverrückbare Visirlinie bildete, mit welcher er die langsame Bewegung des erwähnten erbsengroßen Punktes vergleichen konnte.

Normann beobachtete ihn dabei und fragte:

»Sie glauben wohl, daß er bereits jetzt von seiner Richtung abweicht?«

»Ich glaube es nicht nur, sondern ich sah es bereits.«

»Da müssen Sie ein ungeheuer scharfes Auge haben.«

»Das habe ich. Nur konnte ich mich irren. Ein Blick aus freier Hand, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen kann, ist aber der Täuschung unterworfen; darum visire ich, und da bemerke ich denn, daß sich der Riese bereits nach links wendet. Er mag wohl denken, daß wir ihn nicht mehr zu sehen vermögen.«

»Also haben Sie Recht mit Ihrer vorhin ausgesprochenen Vermuthung, daß er uns mit seiner zuerst eingeschlagenen Richtung irre leiten will.«

»Das ist sicher. Aus der Schnelligkeit, mit welcher sich der Punkt jetzt bewegt, ist zu schließen, daß er galoppirt. Er wird das freilich nicht lange aushalten können.«

»Sie meinen, daß seine Lastkameele ermüden?«

»Das nicht. Aber sein Auge ist so beschäftigt, daß sich durch die Anstrengung des Rittes das Wundfieber sehr bald einstellen wird. Dann ist er gezwungen, ein langsameres Tempo einzuschlagen oder gar inne zu halten. Ich habe bedeutende Lust, ihn ein Wenig zu beobachten.«

»Warum?« fragte Tarik.

»Um zu wissen, ob er wirklich, wie wir vermutheten, einen Halbkreis bis nach Süd beschreibt.«

»Das wird er jedenfalls thun. Er geht zu den Beni Suef. Das weiß ich, auch ohne, daß wir ihn beobachten.«

»Und dennoch – – – hm! Ich traue ihm nicht! Er wird diesen feindlichen Stamm jedenfalls aus Rache zu einem Kriegszuge bereden.«

»Dies können wir doch dadurch, daß wir ihm jetzt eine Strecke weit folgen, nicht verhindern.«

»Nein; aber ich habe sehr oft erfahren, daß man in solchen Fällen gar nie zu viel thun kann. Wenn wir auf ihn stoßen und er dadurch erkennen muß, daß wir uns nicht von ihm täuschen lassen, so wird er denken, daß wir vorsichtig sein und uns auch für Weiteres bereit halten werden.«

»Du hast Recht,« sagte Hilal. »Wenn Du reiten willst, werde ich Dich begleiten. Wir nehmen die beiden schnellsten Pferde.«

»Ein überflüssiger Ritt!« bemerkte auch Normann.

»Gar nicht!« antwortete Steinbach. »Ich möchte diesem Kerl zeigen, daß er doch nicht klug genug ist, uns zu täuschen, oder, anders ausgedrückt, daß wir nicht dumm genug sind, uns von ihm täuschen zu lassen. Laß also satteln, Hilal. Wir wollen den Spazierritt unternehmen.«

Der Genannte entfernte sich. Dann fuhr Steinbach fort:

»Ich habe nämlich auch noch einen zweiten Grund, dem Riesen zu zeigen, daß wir ihm auf die Finger sehen. Ich traue ihm nämlich nicht in Beziehung auf den Russen und auf Ibrahim Pascha.«

»Sie meinen, daß er mit ihnen conspirire?«

»Oder bereits conspirirt hat. Sie werden erkannt haben müssen, daß ihre Rolle hier ausgespielt ist. Sie wissen, was sie von mir zu erwarten haben, und es steht zu vermuthen, daß sie auf den Gedanken gekommen sind, das Lager heimlich zu verlassen. Sie wissen, daß wir ihnen nach ihrem Aufbruche folgen werden und daß sie dann wohl verloren sind. Dadurch, daß sie sich heimlich entfernen, bekommen sie einen Vorsprung, den wir wohl nicht leicht einholen würden.«

»Was hat das mit dem Riesen zu thun?«

»Sehr viel, vielleicht mehr, als Sie anzunehmen scheinen.«

»Er darf sich ja nicht blicken lassen! Uebrigens reitet er aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Beni Suef, während die beiden Genannten ihr Ziel in Egypten haben.«

»Beides ist richtig; aber diese Beiden müssen sich ja sagen, daß wir dieses ihr Ziel kennen und ihnen also folgen werden. Sie reiten allein, ohne Schutz und Begleitung, werden also voraussichtlich unterliegen, falls wir sie erreichen. Darum steht zu erwarten, daß sie sich nach einer schützenden Begleitung umsehen werden. Und wo finden sie diese?«

»Meinen Sie etwa bei den Beni Suef?«

»Ja, das meine ich.«

»Sapperment! Dieser Gedanke ist gewagt!«

»Aber doch erklärlich. Sie haben mit dem Riesen in dessen Zelte zusammen gehockt. Wovon haben sie gesprochen? Von dem so unerwarteten Ausgange des Kampfes, durch welchen ihre Absichten völlig durchkreuzt worden sind, von ihrem Zorne, ihrer Wuth und – – ihrer Rache. Die größte Sicherheit würde es für sie geben, wenn es ihnen gelänge, mich unschädlich zu machen. Gehen sie zu den Beni Suef, um sie zu einem Ueberfall dieses Lagers zu verleiten, gelingt dieser Ueberfall, so haben sie sich nicht nur gerächt, sondern sie sind auch den Feind los, den sie am Meisten zu fürchten haben – nämlich mich.«

»Hm! Ihre Folgerungen sind nicht unlogisch.«

»Nicht wahr? Ich halte es für sehr möglich, wo nicht für wahrscheinlich, daß sie sich heute Abend oder während der Nacht davonschleichen wollen und mit dem Riesen einen Punkt verabredet haben, an welchem er sie erwarten soll.«

»So muß man sie bewachen!«

»Gewiß. Wollen Sie das übernehmen, während ich mich mit Hilal abwesend befinde?«

»Ja, gern.«

»Uebrigens wird im Laufe des Abends noch eine wichtige Versammlung der Aeltesten stattfinden. Der neue Scheik ist gewählt, und so muß darüber abgestimmt werden, wie sich der Stamm zu dem Vicekönig verhalten will. Die Entscheidung, welche da gefällt wird, werden Beide, der Pascha und der Graf, sicher noch abwarten; dann aber heißt es, ihr Zelt genau und unausgesetzt im Auge zu behalten.«

Jetzt rief Hilal von unten herauf, daß die Pferde bereit seien. Steinbach stieg hinab, nachdem er sich noch für den Ritt bewaffnet hatte, und bald flogen die beiden vortrefflichen Pferde mit der Schnelligkeit eines Eilzuges in die Wüste hinaus, nicht in nördlicher Richtung, wo mittlerweile der Riese am Horizonte verschwunden war, sondern nach Westen zu.

Dort war die Sonne mittlerweile hinabgesunken. Gerade als die beiden Reiter die Oase verließen, ertönten die Schläge des Mueddin und dann seine Worte:

»Auf, Ihr Gläubigen, rüstet Euch zum Gebete, denn die Sonne hat sich in das Sandmeer getaucht!«

Die letzten Strahlen flammten funkelnd über die weite Ebene herein, golden und dick, als ob man sie greifen und festhalten könne. Aber dieses Gold wurde schnell matter; es färbte sich orange, ging in ein helles, kupfernes Roth über, zuckte wie dünnflüssige Bronce über die Wüste, wich dann schnell und schneller zurück, wie eine riesige Aetherbrandung, welche in das Lichtmeer der Unendlichkeit entweicht, sammelte sich dann an dem einen Punkte des Horizontes, unter welchem der Sonnenball zur Ruhe gegangen war, und verlor sich endlich, nach und nach ersterbend, in einen fahlen Dämmerschein, welcher, zuweilen und immer langsamer noch von wenigen helleren Strahlen durchzuckt, in das Dunkel des Abends überging und dem tiefen Blau wich, welches von Osten her über den Himmel zog, von hundert und tausend Sternen übersäet.

Den Riesen jetzt zu sehen, davon war natürlich keine Rede; dennoch wollten sie ihn treffen. Wie aber war das anzufangen? Der Weg, welchen er einschlug, war eine dünne Linie in der Endlosigkeit der Wüste. Aber wer sich bereits in jenen Strecken bewegt hat, der weiß sich zu helfen. Hilal zügelte nach einer Weile sein Pferd zu langsamerem Gange und sagte:

»Jetzt werden wir uns vielleicht da befinden, wo er vorüberkommt.«

»Woraus schließest Du das?«

»Meinst Du, daß Falehd einen größeren Umweg machen werde, als unbedingt nöthig ist?«

»Ganz gewiß nicht.«

»Oder meinst Du, daß er sich so nahe an unser Lager hält, daß er befürchten müßte, entdeckt zu werden?«

»Auch das nicht.«

»So wird er also die Mitte zwischen beiden wählen, nicht zu nahe am Lager und aber auch nicht zu entfernt von demselben. Er kennt hier jeden Schritt breit und er kennt auch unsere Angewohnheiten. Er weiß, daß die Jünglinge nach dem Abendgebete zuweilen noch eine Strecke weit in die Wüste jagen, um die Schnelligkeit der Pferde und die Geschicklichkeit der Reiter zu erproben. Dabei aber gehen sie nie über eine gewisse Entfernung hinaus, denn die Sahara ist voller Gefahren. Diese Entfernung nun ist dem Riesen sehr genau bekannt. Sie bildet einen Kreis von einem ganz bestimmten Durchmesser um das Lager, und gerade auf der Linie dieses Kreises wird er das letztere umreiten, um von Nord nach dem Süden zu kommen.«

»So muß ich mich also auf Dich verlassen.«

»Ja, ich werde Dich führen. Diese Kreislinie ist zwar nicht durch den Sand gezogen, so daß sie zu sehen wäre, man muß sie sich nur denken. Dabei kommt es auf kleine Entfernungen gar nicht an. Es ist still um uns her und wir werden den Schritt der Thiere, welche Falehd bei sich hat, wohl hören. Der Sand ist tief und wenn sie ihn mit den Füßen hinter sich werfen, so giebt er einen Ton, welcher zwar nicht stark ist, dessen metallischen Klang man aber während der Nacht auf eine beträchtliche Entfernung hin vernehmen kann.«

»Wäre es da nicht gerathen, uns zu trennen?«

»Dasselbe wollte ich Dir soeben vorschlagen. Ich glaube, daß wir die richtige Entfernung erreicht haben. Postire Du Dich hier auf, ich reite noch einige hundert Pferdelängen in gerader Linie weiter. Dort steige ich vom Pferde und lasse es sich legen. Wenn Du Dich zu dem Deinen setzest und ihm die Hand auf den Kopf legest, wird es sich nicht bewegen und auch nicht schnaufen, wenn Jemand vorüberreitet. Wenn er kommt, so lässest Du ihn vorbei und giebst mir dann das Zeichen. Ich werde in demselben Falle ganz dasselbe thun.«

»Welches Zeichen?«

»Hast Du schon einen Fennek bellen hören?«

»Ja.«

»Er geht noch weiter in die Wüste als die Hyäne oder der Schakal; es kann also gar nicht auffallen, wenn sich seine Stimme hier vernehmen läßt. Zweimal kurz bellen, das soll für den Anderen das Zeichen sein, daß er kommen soll.«

Der Fennek ist ein kleines, allerliebstes, fuchsähnliches Thierchen mit großen, breiten Ohren, welche in ganz eigenthümlicher Weise an dem Kopfe sitzen. Seine Stimme ist scharf und hell, sie klingt wie ia, ia, das I langgedehnt und gedämpft, das A aber ganz kurz und sehr laut, fast wie man im Deutschen ein recht bekräftigendes, kurzes Ja ausspricht, dessen ersten Laut man vorher lang angehalten hat.

Hilal ritt weiter. Steinbach stieg ab, schlug das Pferd auf die Krupe, bei diesen Thieren das Zeichen, sich zu legen. Es gehorchte. Darauf setzte er sich neben das Thier und legte ihm die Hand auf den Kopf. Sofort schmiegte es den letzteren tief auf den Boden hin und holte noch einmal laut und langsam Athem, als ob es sagen wolle, daß es den Reiter sehr wohl verstanden habe. Von da an lag es ohne Bewegung still.

Minuten um Minuten vergingen. Droben strahlten die Sterne des Südens. Unten zog sich die Strecke grau in die dunkler und dunkler werdende Ferne hinein. Kein Laut war zu hören. Steinbach hatte fast das Gefühl, als ob er in kleinem, schwachem und schwankem Boote im unendlichen Ocean treibe.

Es war kein Laut zu hören, nicht die Spur eines leisen Geräusches. So verging wohl eine halbe Stunde. Dann aber war es dem Lauschenden, als ob sich dort, wohin Hilal sich gewendet hatte, Etwas hören lasse, ganz so, als ob ein leiser Lufthauch durch müde herabhängendes Blätterwerk gehe. War dies vielleicht das Geräusch des Sandes, von welchem Hilal gesprochen hatte? Jedenfalls, denn wenige Secunden später tönte ein bellendes »ia ia« von dort herüber, das Zeichen, auf welches Steinbach gewartet hatte.

Jenes Blätterrauschen war nichts Anderes gewesen, als das Geräusch, welches die Thiere des Riesen im Sande hervorgebracht hatten.

Steinbach gab seinem Pferde die Erlaubniß, aufzustehen, stieg in den Sattel und trabte der Richtung zu, in welcher er den Beduinen wußte. Dieser kam ihm bereits entgegen.

»Ist er vorüber?« fragte der Deutsche.

»Ja, ganz nahe an mir.«

»Ohne Dich zu sehen?«

»Ein Anderer hätte mich gesehen, aber sein Auge ist ja krank, und wenn das eine Auge leidet, so leidet das andere mit. Komm, ihm nach!«

Sie setzten ihre Pferde in Galopp. Die Thiere fegten in dem hohen Sande dahin, daß eine Wolke desselben hinter ihnen emporflog. Bald erreichten sie den Ausgestoßenen. Er ritt in dem bekannten, ausgiebigen Kameelstrotte, welcher die Thiere nicht anstrengt, weil er ihnen natürlich ist, mit dem man aber trotzdem ungeheure Entfernungen zurücklegt.

»Wakkif, wakkif – halt, halt!« rief Hilal.

Der Riese hörte den Ruf und hielt sein Pferd an.

»Wer ist da?« fragte er, nach seinem Messer greifend. Eine andere Waffe hatte er nicht mitnehmen dürfen.

»Wer bist denn Du?« antwortete Hilal, so thuend, als ob er es nicht wisse.

»Komm näher herbei, daß ich es Dir sage!«

»Allah! Diese Stimme sollte ich kennen!«

»Ich die Deinige auch.«

Jetzt waren die Beiden an das vordere Kameel gekommen, welches der Riese ritt.

»Falehd!« rief Hilal, sich erstaunt stellend.

»Hilal! Der Knabe!«

»Wie kommst Du hierher? Wir sahen doch, daß Du nach Norden rittest!«

»Kann ich nicht da reiten, wo es mir beliebt?«

»Das kannst Du. Aber Du darfst nicht vergessen, daß Du vogelfrei bist. Du sollst Dich nicht in der Nähe des Lagers herumtreiben. Weißt Du, daß ich das Recht habe, Dich niederzuschießen!«

»Thue es, wenn es Dir Ehre bringt, einen Wehrlosen und Verwundeten zu tödten!«

»Bis heute hast Du anders gesprochen. Ich werde Dir das Leben schenken, aber mache, daß Du fortkommst! Ein Anderer wäre nicht so gnädig, wie wir Beide es sind.«

»Wer ist dieser zweite Mann?«

»Dein sehr guter Freund Masr-Effendi.«

»Der Teufel mag ihn fressen! Was hat er hier in der Wüste zu suchen?«

»Dich,« antwortete Steinbach jetzt. »Ich wollte Dir nur zeigen, daß ich Dich überall zu finden weiß, wenn es mir beliebt, Dich zu suchen. Reite jetzt weiter und grüße die tapferen Beni Suef von uns, zu denen Du doch gehen willst!«

»Allah verdamme Dich und Euch Alle!« rief der Riese.

Er schlug mit dem Stabe, den jeder Kameelreiter bei sich führt, um sein Thier zu lenken, das Reitkameel zwischen die Ohren, daß es sich sofort in eiligen Lauf setzte; die Anderen folgten ebenso schnell, da sie ja an das erstere festgebunden waren.

Er stieß noch einige laute, kräftige Flüche aus, dann aber zog er es vor, zu schweigen.

Er sah sich durchschaut, wenn auch nicht vollständig, aber doch so weit, daß die Beni Sallah jetzt wußten, wohin er sich zu wenden beabsichtigte. Das ärgerte ihn gewaltig. Die Schande, besiegt und ausgestoßen worden zu sein, brannte wie Feuer in seinem Hirn. Dazu kam der Schmerz, den ihm seine Verletzungen bereiteten. Er hatte nicht nur seine Ehre verloren, sondern auch seine Stellung, seine Habe. Er war ein Verfluchter, der seinem ärgsten Feinde danken mußte, wenn dieser ihn nicht wie ein wildes Thier niederschoß. Alle negativen Gefühle, deren das menschliche Herz fähig ist, wühlten in seinem Inneren. Er befand sich seelisch in einem Zustande, welcher jeder Beschreibung spottet, und körperlich war es nicht viel besser. Die Nase war dick angeschwollen, das Innere seines Mundes war eine einzige Geschwulst, das Auge schmerzte ganz entsetzlich. Er hatte einen Wasserschlauch mit auf sein Reitthier genommen um sich Auge, Mund und Nase fortwährend zu kühlen. Er hätte sich am Liebsten das Messer in das Herz gestoßen, doch hielt ihn der Gedanke, daß er sich ja rächen müsse, fürchterlich rächen, davon ab.

So ritt er weiter, vorsichtig in die Ferne lauschend, um ja nicht wieder eine solche Begegnung zu haben. Und doch sollte er nicht lange allein bleiben. Er sah ganz plötzlich einige dunkle Punkte vor sich in seinem Wege liegen, und noch ehe er sein Thier zu halten vermochte, begannen sie, sich zu bewegen.

Es waren abgestiegene Reiter, welche jetzt in ihre Sättel sprangen und ihn umringten.

»Kimdir, kimdir!« rief ihm der Eine zu.

Dieses Wort heißt Wer da; es ist türkisch, wird aber auch in den Ländern der arabischen Beduinen angewendet. Er glaubte natürlich, wieder Beni Sallah vor sich zu haben, trieb sein Thier also weiter und antwortete:

»Wer ich bin, geht Euch nichts an! Laßt mich in Ruhe!«

Die Männer aber galoppirten mit derselben Schnelligkeit neben ihm her, und der vorige Sprecher sagte:

»Halte Dein Thier an, sonst schieße ich Dich herab!«

Die Nacht war sternenhell; der Riese sah den Lauf des Gewehres auf sich gerichtet und mußte gehorchen. Er gab seinem Thiere das Zeichen, zu stehen.

»Fünf Kameele und nur ein Reiter!« sagte der Mann verwundert. »Das begreife ich nicht. Woher kommst Du?«

»Da von Nord,« antwortete Falehd, welcher einzusehen begann, daß er keine Beni Sallah vor sich habe.

»Und wo willst Du hin?«

»Nach Süd.«

»In die Wüste hinein?«

»Ja.«

»Lüge nicht.«

»Ich sage die Wahrheit.«

»Kein Wanderer reitet an einem Lager vorüber, welches ihm so nahe zu erreichen liegt!«

»Welches meinst Du?«

»Willst Du nicht zu den Beni Sallah?«

»Nein. Allah verdamme sie!«

»Sind sie Deine Feinde?«

»Ja.«

»Ah! Welchem Stamme gehörst Du an?«

»Keinem. Ich bin frei.«

»Ein Ausgestoßener etwa?«

»Ja.«

»Das lügest Du wieder. Einem Ausgestoßenen giebt man nicht vier Lastkameele und ein solches Reitthier mit!«

»Glaube, was Du willst, und laß mich in Ruhe!«

»Das werde ich wohl nicht thun, denn –«

»In Ruhe lassen?« fiel ein Anderer ein. »Diesen da? Nein, ihn nicht! Hört, Ihr Männer, was für einen guten Fang wir gemacht haben! Seht seine Gestalt, seine Länge, seine Stärke! Es giebt nur einen Einzigen, dem Allah eine solche Figur gegeben hat. Ich will in allen Höllen braten, wenn dieser Mann nicht ist Falehd, der Riese vom Stamme der Beni Sallah!«

»Allah ist groß! Ist das wahr?«

»Ja, er ist es. Ich beschwöre es.«

»So muß ich ihn doch auch kennen. Steige herab vom Rücken Deines Kameeles, Mann, damit meine Augen sich an dem Anblicke Deines Angesichtes weiden mögen!«

»Wer ich bin, kann ich Euch sagen, ohne daß ich den Sattel verlasse. Ja, ich bin Falehd.«

»Allah l'Allah! Gepriesen sei Gott, der uns den Gedanken gegeben hat, in dieser Nacht hierher zu reiten! Er hat den schlimmsten unserer Feinde in unsere Hand gegeben. Er wird mit seinem Leben den Preis bezahlen für das Blut, welches er vergossen hat!«

»Ich glaube nicht, daß dies nöthig sein wird,« meinte Falehd. »Ihr nennt mich Euren Todfeind. Welchem Stamme gehört Ihr denn an.«

»Wir sind Beni Suef.«

»Tod und Teufel! Ist das wahr?«

»Ja. Steige ab und sieh uns an!«

»Zu Euch will ich ja!«

»Zu uns? Bist Du toll? Ein Beni Sallah, welcher zu uns kommt, bringt uns sein Leben!«

»Das will ich ja auch! Ich bringe Euch mein Leben auch, zwar nicht, daß Ihr es mir nehmen sollt, sondern weil ich es Euch widmen will. Ich will an Eurer Seite oder an Eurer Spitze gegen die Beni Sallah kämpfen, bis keiner dieser Hunde mehr zu sehen ist.«

»Schweig still! Wir kennen Dich! Du kommst von der Reise und willst in Dein Lager. Dabei haben wir Dich ergriffen. Nun giebt es nur ein Mittel, Dich zu retten, indem Du einer der Unserigen zu werden versprichst. Aber wir glauben Dir nicht, wir lassen uns nicht täuschen. Wir kennen Dich. Deine Zunge hat mehrere Spitzen und vielerlei Rede.«

»Wartet! Ich werde absteigen!«

Er ließ sein Kameel niederknieen und sprang aus dem hohen Sattel herab. Die Anderen waren zu Pferde. Er zählte sechs Mann. Als er jetzt am Boden stand, sagte er:

»Habt Ihr meinen Worten und meiner Stimme nicht angehört, daß ich verwundet bin? Tretet näher und seht mich an. Man hat mir ein Auge genommen und mir die Nase zerschlagen und die Zähne zerschmettert. Das ist geschehen heute um die Mittagszeit im Lager der Beni Sallah. Ich habe das Lager verlassen, um mich zu rächen. Ich wollte zu den Beni Suef. Ich war bisher deren Todfeind, kann ihnen aber den ganzen Stamm der Beni Sallah in die Hände liefern. Allah sei Dank, daß ich Euch treffe! Thut jetzt mit mir, was Ihr wollt und denkt!«

Sie traten näher und betrachteten und befühlten ihn. Derjenige, welcher der Anführer zu sein schien, sagte:

»Ja, Du bist verwundet, aber wir müssen sicher gehen. Wenn Du aufrichtig bist, wird es Dir ganz gleichgiltig sein, wenn wir Dich gefangen nehmen.«

»Thut es!«

»Und Dich binden.«

»Hier sind meine Arme. Bindet sie!«

Es wurde ein Riemen hergenommen, mit welchem man ihm die Hände auf den Rücken band. Er mußte sich setzen. Seine Kameele wurden durch leichte Hiebe an die Vorderbeine belehrt, daß sie sich legen sollten, was sie auch sogleich thaten. Die Männer, welche auch abgestiegen waren, setzten sich um ihn herum, ihn zu verhören. Er erzählte ihnen die letzten Ereignisse nach seiner Weise, so daß sein Verhalten in ein möglichst günstiges Licht gestellt wurde. Sie hörten ihm ruhig zu. Als er geendet hatte, sagte der Anführer:

»Wir wollen Dir in der Hauptsache glauben, obgleich uns Manches noch unerklärlich und bedenklich ist.«

»Fragt mich nur! Ich werde antworten.«

»Eigentlich sollte ich Dir noch nichts sagen, denn ich weiß noch nicht gewiß, ob Du es wirklich ehrlich meinst; aber Du bist gebunden und also unschädlich. Ich will Dir mittheilen, daß wir die Kundschafter sind. Weißt Du nun, was die Krieger der Beni Suef wollen?«

»Natürlich weiß ich es nun, und ich freue mich darüber. Ihr wollt die Beni Sallah überfallen?«

»Ja. Wir haben mehrere Blutrachen gegen Euch. Wir haben die jetzige Zeit aus noch anderen Gründen gewählt. Wir wissen, daß Eure Königin baldigst wieder einem Manne gehören wird, welcher Scheik –«

»Sie gehört ihm schon!« fiel Falehd ein.

»Wie? Sie hat gewählt?«

»Das war ja der Kampf, von dem ich erzählte.«

»So habt Ihr um die Königin gekämpft?«

»Ja.«

»Aber es war doch ein Fremder!«

»Er hat die Königin an Tarik abgetreten.«

»Meinst Du den Sohn des Blitzes?«

»Ja.«

»Hört, Ihr Männer, hört! Wie gut, wie sehr gut, daß wir den Riesen gefunden haben! Sage uns einmal, Falehd, ob nicht ein Pascha bei Euch ist?«

»Er ist da.«

»Und dann noch ein Fremdling, den der Sultan der Russen gesandt hat?«

»Ja.«

»Beide sind Feinde des Vicekönigs von Egypten?«

»Sie sind es. Sie kamen, um den Stamm für sich zu gewinnen. Dieser andere Fremde aber, der mich durch seine Teufelskünste blind machte, daß ich seine Streiche nicht sehen konnte, hat den Stamm bethört, daß er nun dem Vicekönige helfen will.«

»Welch eine Dummheit! Die Krieger der Beni Suef sind niemals dem Vicekönig verbündet gewesen und werden auch niemals seine Sclaven sein!«

»Das weiß ich und darum komme ich zu Euch.«

»Wir hatten von den beiden fremden Gesandten gehört; wir wußten von der Königin, daß für sie die Zeit gekommen sei, sich einen Mann zu wählen, und wir hatten Blutrache mit Euch. Darum wurde ein Kriegszug beschlossen. Wir wollten die Gesandten in unsere Hände bekommen, um mit ihnen zu verhandeln und die Geschenke zu erhalten, welche sie wohl für Euch bestimmt haben. Wir wollten uns ferner der Königin bemächtigen, daß sie gezwungen sei, Einen unseres Stammes zu wählen. Dann wäre die Blutrache erloschen und die Beni Suef hätten sich mit den Beni Sallah vereinigt zu einem einzigen Stamme. Dieser wäre dann so mächtig gewesen, daß er die Entscheidung über Krieg und Frieden gehabt hätte in den sämmtlichen Oasen Egyptens und Nubiens. Unser Scheik hat uns ausgesandt, Alles zu erfahren und zu erkunden. Wir belauschen Euch bereits seit dreien Tagen, haben aber nichts Wichtiges gesehen und gehört.«

»Wie gut, daß Ihr da mich getroffen habt!«

»Ja, das ist gut, wenn Du uns wirklich nichts als die reine Wahrheit gesagt hast.«

»Es ist kein Wort unwahr. Ja, ich kann Euch noch viel Besseres sagen: Die beiden Gesandten, welche Ihr haben wollt, wollen zu Euch.«

»Ah! Wirklich?«

»Ja. Ihr sollt noch heute mit ihnen sprechen. Man hält sie gefangen; sie aber werden heute in der Nacht entfliehen. Suef, den ich von Euch gefangen nahm, wird sie bringen. Ich habe ihm den Ort angegeben, wo er mich treffen wird.«

»Allah l'Allah! Welch ein Wunder!«

»Die Königin könnt Ihr auch noch haben. Heute hat der Kampf stattgefunden. Erst am Tage nach dem Neumond werden Beide Mann und Frau sein dürfen. Bis dahin fällt sie in Eure Hand. Und den Abgesandten des Vicekönigs, der sich Masr-Effendi nennt, werde ich Euch auch in die Hände liefern.«

»Wenn Du das thust, so soll Dir alles Blut vergeben sein, welches Du in unserem Stamme vergossen hast!«

»O, ich werde noch mehr thun. Ich liefere Euch noch zwei Personen, zwei sehr wichtige Personen. Hiluja, die Schwester der Königin, ist bei ihr auf Besuch.«

»Gott ist groß! Die Schwester der Königin! Ist sie jung und schön?«

»Jünger und schöner als Badija.«

»Wenn sie in unsere Hand geräth, soll Dir Ehre erwiesen werden, wie selten Einem widerfährt.«

»Auch ihr Vater ist da, der Scheik der Beni Abbas.«

»O Himmel! O Muhammed! Ist's wahr?«

»Er ist heute gekommen mit einer ganzen Menge von Kriegern.«

»Wir werden sie fangen! Welches Lösegeld wird das geben! Fast kann ich Dir nicht mehr glauben, was Du erzählst!«

»Ich lüge nicht!«

»Es ist zu viel, zu viel! Wüßte ich, daß wirklich Alles wahr ist, so würde ich Dir den Riemen nehmen und Dich frei lassen. Wir würden Dich behandeln, als ob Du bereits einer der Unserigen seiest.«

»Es ist Alles, Alles wahr. Ich werde es Euch beweisen.«

»Beweise es jetzt, gleich, indem Du es beschwörest!«

»Gut! Ich schwöre bei Allah, beim Propheten, bei dem Barte meines Vaters und bei dem meinigen, daß ich Euch nicht belogen habe.«

»Und daß Du alle diese Personen in unsere Hände geben willst?«

»Ja, Alle.«

»So komm her, ich binde Dich los.«

Er that es. Der Riese streckte und dehnte die Arme aus und sagte dann:

»Ich werde Wort halten, doch könnt Ihr Euch denken, daß ich einige Bedingungen zu machen habe.«

»Sage sie!«

»Ich werde bei Euch aufgenommen als Mitglied des Stammes der Beni Suef!«

»Das sage ich Dir zu.«

»Es wird um die Königin gekämpft und ich darf mich an dem Kampfe betheiligen.«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Erhalte ich die Königin nicht, so erhalte ich wenigstens Hiluja, ihre Schwester.«

»Auch das gestehe ich Dir zu.«

»Und endlich bekomme ich alles Eigenthum wieder, welches ich zurücklassen mußte!«

»Es gehört Dir. Niemand wird es Dir vorenthalten, wenn es uns gelingt, die Beni Sallah zu besiegen.«

»Es gelingt; dafür laßt nur mich sorgen. Aber wird Euer Scheik auch Alles bestätigen, was Ihr mir jetzt zugesagt habt?«

»Er wird es. Ich bin sein Eidam, der Mann seiner Tochter. Er wird mich nicht schamroth machen, indem er mir verbietet, mein Wort zu halten.«

*

27

»So sind wir einig und ich gehöre Euch. Nun aber sagt mir auch, für welchen Tag der Ueberfall verabredet ist. Ehe Ihr Euer Lager erreicht braucht Ihr zweier Tage, und Eure Krieger werden drei Tage reiten müssen, ehe sie zum Angriffe kommen. Sodann bedarf es einiger Tage zu der Rüstung. Dabei geht sehr viel Zeit verloren, und so ist es möglich, daß Diejenigen, welche ich in Eure Hände liefern will, dann bereits wieder abgereist sind. Dann allerdings dürftet Ihr nicht sagen, daß ich nicht Wort gehalten habe.«

»Du darfst keine Sorge haben. Es steht Alles besser, als Du denkst. Wir sind bereits gerüstet, ja, wir befinden uns nicht etwa auf unsern Weideplätzen. Nur die Greise, die Knaben, die Frauen, und die Mädchen sind dort.«

»Wie! So sind Eure Krieger bereits unterwegs?«

»Seit drei Tagen.«

»So sind sie schon in der Nähe?«

»Ja.«

»Wo?« fragte der Riese in erstauntem Tone.

»Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf.«

»O Allah! Wenn ich heut Sieger und Scheik geworden wäre, so wäre doch vielleicht in zwei oder drei Tagen schon die ganze Herrlichkeit hin gewesen.«

»Ja, wir hätten Euch überfallen und vernichtet. Ihr hättet nichts geahnt. Wir wären über Euch gekommen, wie das Heer der Millionen Heuschrecken über die Felder kommt – vom Himmel herab, aus den Wolken hernieder, ohne daß man es vorher denkt.«

»Wie gut, daß ich also unterlegen bin! Nun wird Alles gut, Alles, Alles! Ihr könnt Euch auf mich verlassen; Ihr könnt mir vertrauen und dürft mir sagen, wo sich Eure Krieger befinden. Bedenkt, daß ich meine Worte und mein ganzes Verhalten darnach einzurichten habe!«

»Du magst Recht haben, wenn Du glaubst, wissen zu müssen, wo unsere Krieger sind. Sie halten sich im Ferß el Hadschar verborgen.«

»Im Ferß el Hadschar? Wie viele sind ihrer?«

»Volle sechshundert Mann, Alle gut bewaffnet.«

»Beritten?«

»Mit Pferden. Speise und Munition haben wir auf Lastkameelen mitgebracht.«

»Wie ist das möglich? Sechshundert Mann mit ebenso vielen Pferden außer den Lastkameelen in dem wilden öden Ferß el Hadschar!«

Nämlich ziemlich halbwegs zwischen den Weideplätzen der Beni Suef und der Beni Sallah steigen aus der tiefsandigen Wüste steile, nackte Felsenhöhen empor. Wie Trümmer eines vor Jahrtausenden eingestürzten Gebirges liegen hier Felsen auf und übereinander gethürmt. Man glaubt weder Weg noch Steg zu finden. Alles rings bietet den Anblick des Todes, der Leblosigkeit. Dieses Felsenwerk wird Ferß el Hadschar genannt, zu Deutsch das Bett der Steine.

Der Beduine hat für hunderte ähnlicher in der Wüste liegender Orte auch ähnliche Bezeichnungen: Batte el Hadschar, Bauch der Steine, Om el Hadschar, Mutter der Steine, Abu'l Hadschar, Vater der Steine. Der Riese kannte dieses »Bett der Steine«. Er hielt es für unmöglich, daß so viele Menschen und so viele Thiere dort Aufenthalt nehmen könnten.

»Warum wunderst Du Dich?« fragte der Andere.

»Es ist kein Wasser da.«

Wasser ist allerdings in der Wüste das allererste und alleroberste Existenzbedürfniß. Wo dieses fehlt, da ist kein Leben, da flieht selbst der kühnste Beduine schnell wie ein lebloser Schatten vorüber.

»Kein Wasser? Weißt Du das so gewiß?«

»Ja. Wir haben seit Menschenaltern dort nach Wasser gesucht und keinen Tropfen gefunden.«

»Ihr seid eben Beni Sallah und kein Beni Suef. Es giebt Wasser dort. Hast Du nicht von den geheimen Quellen der Wüste gehört?«

»Wie sollte ich nicht. Das Kameel des dürstenden Wanderers bleibt in der dürrsten Einöde stehen, wo es keinen Tropfen zu geben scheint, und scharrt mit den Füßen im Sande. Der Reiter springt ab und gräbt mit den Händen weiter. Da kommt eine Quelle zum Vorschein. Er trinkt, läßt sein Thier sich satt trinken und füllt sich auch die Schläuche. Dann breitet er seine Decke über die Stelle und legt den Sand auf die Decke, so daß kein Vorüberkommender es ahnt, daß hier eine Quelle sei. Zu dieser Stelle kehrt er dann zurück, wenn er Wasser braucht. Sie bietet ihm Rettung in Noth und Verfolgung. So lange er sie allein besitzt, kann kein Feind ihn überwinden.«

»So ist es aber nicht nur in der Wüste des Sandes, sondern auch in der Wüste des Felsens. Hast Du nicht gehört aus dem Kuran, daß Musa (Moses) Wasser aus dem Felsen schlug? Auch im Ferß el Hadschar giebt es zwei Quellen. Sie sind nur uns bekannt. Sie wurden von unseren Vätern entdeckt, und kein Angehöriger eines andern Stammes wird jemals einen Tropfen aus ihnen erblicken und kosten. Dort befinden sich unsere Krieger.«

»Dorthin bedarf es nur einer Tagereise. Wir könnten also morgen Abend dort sein?«

»Ja. Wir werden dort anlangen, wenn die Sonne niedergesunken ist. Du meinst also, daß die beiden Gesandten mitreiten werden?«

»Ja. Ich werde Euch jetzt nach der Stelle führen, wo ich sie erwarte.«

»Werden sie gute Reitthiere haben?«

»Suef wird dafür sorgen, daß sie die besten bekommen, welche vorhanden sind. Ich danke Allah, der Euch in meinen Weg geführt hat. Vielleicht wäre ich verschmachtet und gestorben, ehe ich Eure Weideplätze erreicht hätte. Der Schmerz frißt an meinem Marke. Das Wundfieber hätte mich niedergeworfen, mitten in der Wüste.«

»Ist die Wunde so schlimm?«

»Jener Hund hat mir das Auge herausgeschlagen, daß es mir über die Wange hing. Er hat es mir, als er mich für besinnungslos hielt, wieder hineingesteckt, aber es ist verloren. Habt Ihr einen Mann in Eurem Stamme, welcher Krankheiten heilt?«

»Wir haben Mehrere.«

»So werde ich mir das Auge wegschneiden lassen, damit es mir nicht im Kopfe verfault und auch noch das Hirn in Fäulniß bringt. Bis dahin werde ich mich auf Eure Hilfe verlassen müssen. Wasser habe ich genug, die Wunde zu kühlen, aber das ist doch unzureichend. Es ist kein Arzt und keine Salbe vorhanden.«

»Wir haben bei unseren Kriegern zwei weise Männer, die sich auf Wunden verstehen, die werden Dir helfen. Wir nehmen sie mit, weil wir kämpfen werden. Sie sollten die Verwundeten verbinden und pflegen.«

»Ich werde ihnen sehr dankbar sein, wenn sie mich wieder herstellen. Derjenige aber, welcher mir das Auge genommen hat, soll seine beiden hergeben und die Ohren und die Zunge dazu!«

Er stand von seinem Platze auf, streckte den Arm nach der Gegend aus, in welcher sich das Lager befand, und fuhr in drohendem Tone fort:

»Sie haben mich ausgestoßen als den Schwachen, aber ich werde wiederkommen mit Macht. Die Alten sollen sterben und die Jungen verderben, die Mütter sollen jammern über die Frucht in ihren Leibern, und die Jungfrauen sollen sein wie die abgeschlachteten Schafe. Es wird ein Blutgeruch ausgehen von diesem verfluchten Orte, über den sich alle Welt entsetzen wird. Die aber, welche ich mir aussuche, die werde ich krumm fesseln und in Käfige stecken und mit mir herumführen, wie man die Brut der alten Krokodile in Töpfe steckt, um sie sehen zu lassen. Ich habe es gesagt, und Allah hat es gehört. Was ich schwöre, das halte ich auch!«

Es schauderte die Zuhörer bei seinen Worten.

»Glaubt Ihr nun, daß ich ein Feind dieser von Allah und dem Teufel verfluchten Beni Sallah bin?« fragte er.

»Ja, jetzt glauben wir es.«

»So kommt! Ich werde Euch zur Stelle führen, an welcher wir zu warten haben.«

»Wird man uns dort nicht bemerken?«

»Nein. Ihr könnt Euch doch denken, daß ich selbst nicht dahin gehen werde, wo man mich bemerken kann. Der Stamm hat mich für vogelfrei erklärt; ich erkläre nun alle Söhne und Töchter des Stammes für vogelfrei, und ich werde nicht ruhen, bis das Verhängniß über sie gekommen ist!«

»Haben wir lange zu warten?«

»Vor Mitternacht werden sie sich nicht entfernen können. Das ist mir aber um meines Auges willen lieb. Ich kann mich bis dahin ausruhen und pflegen.«

Er stieg auf und die Andern thaten dasselbe. Sie ritten fort und verschwanden im Dunkel der Nacht, ebenso wie ihre Absichten nächtig dunkle waren.

Steinbach und Hilal hatten sich nicht weiter um ihren Feind gekümmert. Hätten sie von seiner baldigen Begegnung mit den Kundschaftern eine Ahnung haben können, so wären sie wohl nicht so heiter und sorglos nach dem Lager zurückgekehrt.

Bereits von Weitem bemerkten sie den Schein des Lagerfeuers, um welches sich die Aeltesten nun schon versammelt hatten, um ihre Berathung zu halten. Steinbach hatte natürlich daran teilzunehmen; vorher aber suchte er Normann auf.

Er fand denselben in der Nähe der beiden Zelte, in denen der Pascha und der Graf wohnten. Nachdem er ihm die Weisung gegeben hatte, in seiner Aufmerksamkeit nicht nachzulassen, begab er sich nach dem Versammlungsorte, wo es bereits sehr lebhaft zuging.

Sein Erscheinen war schon längst erwartet worden. Die Wenigen, welche als Gegner des Vicekönigs bekannt waren, wagten nach den heutigen Ereignissen nicht, ihre Ansichten zur Sprache zu bringen. Steinbach hielt eine längere, siegreich wirkende Rede, und als er am Schlusse derselben mittheilte, was er als Geschenk des Vicekönigs mitgebracht habe, erhob sich ein lauter Jubel, welcher sich über das Lager fortpflanzte. Man verlangte, die Gewehre zu sehen. Steinbach ließ nur einige kommen, welche er den Aeltesten verehrte. Die Anderen wurden für später vertröstet. Doch hatte er seine Sache vollständig gewonnen.

Am Schlusse der Verhandlung wurden der Graf und der Pascha geholt, um das Resultat zu erfahren. Als sie herbeitraten, ertönten die drei Schläge des Mueddin von oben herab und dann verkündete er:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Preis sei ihm, daß er den Männern Weisheit gegeben hat, das Gute vom Bösen zu unterscheiden! Gelobt sei Taufik Pascha, der Herrscher von El Kahira und Egypten. Sein Leben währe tausend Jahre und seinen Schritten möge Glück und Segen folgen. Er ist unser Freund und wir sind seine Freunde. Wer gegen ihn ist, der ist gegen uns und soll unsere Rache kosten. Das haben die Aeltesten beschlossen. Hört es, Ihr Männer und Ihr Frauen! Allah ist die Weisheit; er giebt den Verstand. Er sei gelobt, denn er ist Gott und Muhammed ist sein Prophet!«

Nach dieser in echt muhammedanischem Style erfolgten Verkündigung wußten die beiden oben Genannten nur zu genau, woran sie waren.

»Verdammt!« flüsterte der Russe. »Dieser verfluchte Deutsche siegt stets und überall! Erst in Konstantinopel!«

»Dann in Tunis und nun hier!« fiel der Pascha ein. »Unsers Bleibens ist nun hier nicht mehr.«

»Nein. Wäre doch erst Mitternacht vorüber! Kommen Sie mit in mein Zelt. Wir wollen beisammen bleiben, damit Suef keine Mühe hat, uns zu finden.«

Sie wollten gehen, wurden aber zurückgehalten, indem der Scheik noch mit ihnen zu sprechen habe.

Tarik hatte nämlich heut Abend zum ersten Male in seiner neuen Würde fungirt, indem er während der Verhandlung den Vorsitz geführt hatte. Der junge, scheinbar so einfache Mann hatte sich dabei nicht nur keine Blöße gegeben, sondern im Gegentheile Allen imponirt. Die beiden hochgestellten Herren ärgerten sich trotzdem nicht wenig, vor dem Forum eines Mannes erscheinen zu müssen, welcher nicht nur noch ein Jüngling sondern in ihren Augen ein halbwilder Mensch war. Er musterte sie mit ernstem Blicke und fragte dann:

»Habt Ihr gehört, was der Mueddin verkündet hat?«

»Ja. Wir sind nicht taub!« antwortete der Pascha.

»Man kann taub sein und dennoch hören, und man hört zuweilen nicht und ist doch nicht taub. Habt Ihr der Versammlung der Ehrwürdigen oder auch mir vielleicht noch Etwas zu sagen?«

»Nein, der Versammlung nicht und Dir nun erst gar nichts.«

»Es ist gut, daß Du so aufrichtig sprichst, denn nun weiß ich, was ich zu wissen habe. Bei Euch werden die klugen Männer, welche die Geschicke ihrer Völker lenken, Diplomaten genannt. Man sagte mir, daß auch Ihr Diplomaten seiet; aber ich erkenne jetzt, daß man Euch Unrecht gethan hat. Wehe dem einzelnen Menschen, dessen Geschick in Eure Hand gelegt wäre! Wehe also millionenmale einem ganzen Volke!«

»Ich danke Dir! Aber wir haben Dich gar nicht nach Deiner Meinung über uns gefragt.«

»Das wäre auch sehr verwegen von Euch gewesen, da es sich für Euch nicht schickt, dem Scheik eines berühmten Stammes Fragen vorzulegen. Nur ich bin es, der zu fragen hat, und so frage ich Euch jetzt, wann Ihr unser Lager zu verlassen gedenkt.«

»Wir bestreiten, daß Du ein Recht zu dieser Frage hast.«

»Was Ihr bestreitet oder nicht, das kann hier gar nichts ändern. Ihr mögt zuweilen nutzlose Worte machen, ich thue das niemals. Wenn ich Euch frage, so habe ich einen Grund dazu.«

»Welcher ist das?«

»Ich brauchte Euch nicht zu antworten, will es aber dennoch thun, damit Ihr seht, daß ich höflicher bin als Ihr. Ihr genießt unsere Gastfreundschaft. Wir müssen also wissen, wie lange Ihr sie noch zu genießen gedenkt.«

»Lange nicht mehr.«

»Sagt mir den Tag.«

»Gut. Wir werden morgen früh abreisen.«

»Das kann ich nicht erlauben.«

»Nicht! Ah! Warum nicht?«

»Früh abzureisen, ist gegen das Gesetz der Wüste. Ein Gast, welcher dem Stamme, dessen Wohlthat er genaß, dankbar ist, reist nicht anders ab als kurz nach dem Nachmittagsgebet, drei Stunden vor Untergang der Sonne. Wißt Ihr das nicht?«

»Wir wissen es, aber wir werden doch das Recht besitzen, über unser Thun selbst bestimmen zu können!«

»Das habt Ihr, und darum könnt Ihr abreisen, wann es Euch beliebt. Aber ich will abermals höflicher sein, als Ihr es seid, und Euch warnen. Es ist nicht gut für Euch, wenn Ihr bereits früh abreist.«

»Warum?«

»Ihr habt eine Feindschaft mit unsern andern Gästen.«

»So habt Ihr uns zu schützen.«

»Das können wir nur dann thun, wenn Ihr Euch bei uns befindet. Sobald Ihr uns aber verlasset, steht Ihr nach unsern Gesetzen nur noch drei Stunden lang in unserm indirecten Schutze.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Wenn Ihr unsere Gesetze nicht kennt, solltet Ihr auch nicht unhöflich gegen mich, den Scheik des Stammes, sein. Ihr könnt abreisen, wann es Euch beliebt, wie ich Euch schon gesagt habe. Drei Stunden lang beschützen wir Euch noch, das heißt, wir lassen Diejenigen, welche Euch verfolgen wollen, vor Ablauf dieser drei Stunden nicht fort von hier. Versteht Ihr nun, was ich meine?«

»Sie mögen nur nachkommen. Wir sind ebenso bewaffnet wie sie.«

»Ihr seid meine Gäste, und so will ich Euch nicht sagen, ob ich Euch für ebenso tapfer halte, wie sie es sind. Reitet Ihr früh fort, so können sie Euch, wenn sie drei Stunden später aufbrechen, noch im Laufe des Tages erreichen. Ihr könnt ihnen gar nicht entgehen, da sie Eure Spuren sehen. Reist Ihr aber zur gehörigen Zeit ab, nach dem Nachmittagsgebet, drei Stunden vor Sonnenuntergang, so können sie, wenn sie aufbrechen, Eure Spuren nicht mehr sehen, und Ihr reitet die ganze Nacht hindurch, bekommt also einen Vorsprung von vollen zwölf Stunden. Darauf mache ich Euch aufmerksam, weil ich meine Pflicht erfülle selbst Männern gegenüber, welche unhöflich gegen mich sind.«

»Gut, so reisen wir morgen nach dem Nachmittagsgebete ab, wie Du es gesagt hast.«

»Daran thut Ihr klug. Ihr werdet also auf keinen Fall früher fortreiten?«

»Nein.«

»Wißt Ihr, was man unter dem Yrza mebei wad versteht?«

»Ja, es ist das Ehrenwort.«

»Ich muß Euch bitten, mir das Yrza mebei wad zu geben, daß Ihr wirklich nicht eher fort geht.«

»Welches Recht könntest Du besitzen, uns dieses Ehrenwort abzufordern?«

»Meine Pflicht den andern Gästen gegenüber gebietet es mir.«

»Das begreife ich nicht.«

»Ihr scheint grade das, was sehr selbstverständlich ist, nicht leicht zu begreifen. Ihr sagt vielleicht, daß Ihr morgen am Nachmittage reiset, reist aber bereits in dieser Nacht heimlich ab, dadurch werden unsere anderen Gäste geschädigt, welche Euch verfolgen wollen.«

»So mögen sie aufpassen!«

»Ich muß gegen Euch und gegen sie gerecht sein. Ihr sollt keinen Schaden haben, sie aber auch nicht. Entweder gebt Ihr das Ehrenwort, oder ich muß dafür sorgen, daß Ihr nicht eher fort könnt.«

»Was thust Du da?«

»Ich nehme Euch gefangen!«

»Deine Gäste?«

»Sobald Ihr Euch weigert, Euch nach unsern Satzungen zu richten, habt Ihr aufgehört, unsere Gäste zu sein!«

»Du giebst Dir ganz das Wesen eines klugen, erfahrenen und mächtigen Mannes, der Du doch noch sehr jung und erst seit heute Scheik bist!«

»Ich habe freilich gehört, daß es bei Euch auch sehr alte Leute giebt, welche noch nicht klug geworden sind, darum wundert Ihr Euch, wenn hier bei uns bereits die Jünglinge gerecht und vorsichtig handeln. Ich habe Euch nun Alles gesagt, was mir die Pflicht gebot, Euch mitzutheilen. Wenn Ihr mir keine Antwort gebt, so nehme ich an, daß Ihr überhaupt nicht antworten wollt, und werde meine Maßregeln darnach treffen.«

»Also Ehrenwort oder Gefangenschaft?«

»Ja.«

»Was thun wir?« flüsterte der Pascha dem Grafen zu.

»Pah! Was hat bei solchen Hallunken das Ehrenwort für eine Bedeutung! Geben wir es getrost!«

»Nun?« fragte Tarik, der ungeduldig zu werden begann.

»Wir geben es,« sagte der Pascha.

»Und Dein Gefährte?«

»Ich auch;« antwortete der Russe.

»So legt Eure Hände in die meinige!«

Dies geschah, und dann fuhr der junge Scheik fort:

»Ich muß Euch noch darauf aufmerksam machen, daß der Bruch des Ehrenwortes bei uns ein todeswürdiges Verbrechen ist. Haltet Ihr nicht Wort, so kann ein Jeder Euch tödten. Es wird gut sein, wenn Ihr Euch dies zu Herzen nehmt. Jetzt sind wir fertig. Vielleicht geht Ihr zur Ruhe, um Euch im Schlafe für die morgende weite Reise zu stärken. Allah gebe Euch Frieden!«

Dieser Wink war deutlich, und so zogen sich die Beiden zurück, nicht sehr erbaut von der Rolle, welche sie hier gespielt hatten. Desto zufriedener mit seinem Erfolge aber war Steinbach. Dies sagte auch Normann, den er jetzt wieder aufsuchte.

»Ein verteufelter Kerl, dieser Tarik!« meinte er. »Er verhielt sich wirklich so, als ob er schon seit einem Menschenalter Häuptling gewesen sei. Er hat mir wirklich Respect abgenöthigt. Wie er diese beiden Herren abkanzelte! Es war wirklich brav!«

»Ja, unter diesen Natursöhnen giebt es mehr klaren Verstand und Mutterwitz als Tausende meinen. Das Ehrenwort ist abgegeben worden, aber ich traue den Zweien doch nicht recht.«

»Ich auch nicht.«

»Wo sind sie?«

»Da drinnen mit einander. Warum geht nicht ein Jeder in sein Zelt? Warum stecken sie beisammen? Doch nur, um irgend Etwas auszuhecken!«

»Vielleicht auch nur, um ihre Reise zu besprechen.«

»Meinetwegen! Aber warum brachte der Eine vorhin ein ganzes Packet Sachen zu dem Andern? Warum schleppt er seine Habseligkeiten in das Zelt, in welchem sie sich jetzt befinden?«

»Das hätte er gethan?«

»Ja. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»So haben sie wirklich Etwas vor. Sie werden meinen, ein einem Beduinen gegebenes Ehrenwort habe keine Bedeutung. Direct haben sie es ihm, indirect aber doch uns gegeben. Ich werde Tarik bitten, das Zelt durch die ganze Nacht bewachen zu lassen.«

Er that dies sofort. Tarik war sogleich bereit, ihm den Willen zu thun, meinte aber, daß es so unauffällig wie möglich geschehen werde, um die beiden Männer nicht zu beleidigen, deren Ehrenwort eigentlich zu achten sei. Darum saß bald ein junger, wohl bewaffneter Araber so in der Nähe, daß er die Eingänge der beiden Zelte im Auge hatte und jeden Ein- und Austretenden genau erkennen konnte.

Im Lager herrschte natürlich ein sehr reges Leben. Die Königin hatte die fettesten Thiere ihrer Heerde geopfert und auch ihre sonstigen Vorräthe nicht geschont. Der Araber ist mäßig und enthaltsam, aber wenn er einmal ißt, so ißt er ordentlich. Er zeigt bei einem Schmause, daß ein menschlicher Magen Quantitäten aufzunehmen vermag, welche ein großes, fleischfressendes Thier sättigen würden. So viele Menschen der unter der Ruine gelegene freie Platz zu fassen vermochte, so viele saßen da an den riesigen, schmoorenden Spießbraten beisammen, und wenn zehn Gesättigte gingen, so setzten sich zwölf Andre an ihre Stelle. Es wurde gesungen, gejubelt und auf der einsaitigen Geige gespielt.

Bei diesem Durcheinander und regem Hin und Her fiel es gar nicht auf, daß auch der junge Suef, der Sclave des Riesen, erschien und sich mit an dem Braten erlabte. Dabei aber behielt er die beiden Zelte scharf im Auge. Er erblickte den Beduinen, welcher als Wächter in der Nähe saß. Er schnitt ein großes, saftiges Stück des köstlichen Hammelbratens ab, trug es ihm hin und sagte, es ihm überreichend:

»Ich sehe, daß Du fern sitzest, ohne zu essen. Warum kommst Du nicht zu Denen, welche am Mahle theilnehmen?«

»Ich darf nicht,« antwortete der Jüngling, in das Bratenstück beißend, daß ihm hüben und drüben der Saft vom Munde tropfte.

»Wer verbietet es Dir?«

»Der Scheik.«

»Warum? Hat nicht ein Jeder das Recht, die Gaben der Königin zu genießen?«

»Das hat ein Jeder.«

»Aber Du nicht?«

»Auch ich habe es, nur jetzt noch nicht. Ich habe Wache zu halten. Dann, wenn ich abgelößt bin, setze ich mich zu den Andern hinüber.«

»Wächter bist Du? Was sollst Du denn bewachen?«

»Wen, meinst Du wohl? Die beiden Fremdlinge da drin. Der Scheik denkt, daß sie sich heimlich aus dem Lager entfernen.«

»Er hat ihnen doch das Ehrenwort abgenommen!«

»Aber ob sie es auch halten!« meinte der Wächter mit altkluger Betonung.

»Sie werden es doch nicht wagen!«

»Der Scheik befürchtet es.«

»Wann wirst Du abgelößt?«

»Aller zwei Stunden kommt ein Anderer.«

»Sollen die Beiden denn gar nicht aus dem Zelte?«

»O doch! Sie würden ja sonst gleich merken, daß sie bewacht werden. Aber sobald sie heraustreten, gebe ich das Zeichen, und dann folgen wir ihnen bis sie wieder zurückkehren.«

»Das ist eigentlich sehr unnöthig. Ich an des Scheikes Stelle würde es viel klüger machen.«

»Wie denn?«

»Ich würde zu ihnen gehen oder ihnen einen klugen Mann senden, der sie heimlich auszuforschen hätte, was sie beabsichtigen.«

»Der müßte sehr klug sein. Sie werden es wohl Keinem anvertrauen, wenn sie wirklich fort wollen.«

»O, es kommt ganz darauf an, wie man die Fragen stellt. Ich möchte eine Probe machen.«

»Du? Hm!«

»Traust Du es mir nicht zu?«

»Ich meine nicht, daß es Dir gelingen werde.«

»Darf man denn nicht zu ihnen?«

»Das ist nicht verboten.«

»So werde ich einmal hineingehen. Meinst Du nicht?«

»Ich möchte freilich wohl wissen, was sie sagen. Es muß spaßhaft sein, von solchen Leuten Dinge zu hören, welche sie eigentlich verschweigen wollen. Aber sie werden sogleich Mißtrauen fassen.«

»O nein!«

»Was für einen Vorwand willst Du sagen?«

»Das ist doch sehr leicht. Haben sie gegessen?«

»Ich habe nichts gesehen.«

»Nun, so paß auf, was ich thue!«

Er ging zum Feuer, über welchem die Braten an den Spießen gedreht wurden, und schnitt ein tüchtiges Stück ab. Dasselbe an sein Messer spießend, kam er zurück und sagte lachend:

»Ist das nicht ein guter Vorwand?«

»Der beste, den es giebt. Du bist wirklich nicht so dumm, wie ich dachte.«

»O, ich werde es drinnen noch klüger anfangen. Du sollst es hören.«

Er ging nach dem Zelte und trat ein.

Drinnen saßen die Beiden, ihre Pfeifen rauchend. In einem kleinen hörnernen, mit Palmöl gefüllten Gefäße brannte ein Docht. Der matte Schein dieser einfachen Lampe erleuchtete das Innere des Zeltes nur nothdürftig.

»Suef!« sagte der Pascha erfreut. »Endlich!«

»Leise, Herr, draußen sitzt ein Wächter.«

»Hölle und Tod! Werden wir bewacht?«

»Ja. Man traut Dir nicht. Nach jeder zweiten Stunde wird der Wächter abgelöst.«

»So dürfen wir gar nicht hinaus?«

»O doch, aber Ihr werdet verfolgt und scharf beobachtet. Nöthigen Falls würde man Lärm machen.«

»Allah! So wird aus der Flucht nichts!«

»Es wird Etwas daraus. Der Wächter sitzt da vorn. Ihr müßt hinten hinaus.«

»Wo keine Thür ist?«

»Ihr schneidet einen Riß in die Zeltwand. Ich werde zur geeigneten Zeit kommen. Ich schleiche von hinten an das Zelt heran. Sobald Ihr merkt, daß ich in das Zelt schneide, helft Ihr mit und kommt hinaus. Auf der Erde kriechend, folgt Ihr mir dann.«

»Man wird uns sehen!«

»Nein. Ich komme erst dann, wenn wir sicher sein können. Der Dattelsaft, welcher heut getrunken wird, hat stark gegohren; das macht müde und schließt die Augen.«

»Haben wir denn Reitthiere?«

»Ja. Ich bin mit hinaus zu den Wächtern der Heerden postirt und werde für drei der besten und schnellsten Kameele sorgen. So viel ist sicher, daß man uns nicht ereilen wird, wenn wir einmal fort sind.«

»Und wir werden den Riesen treffen?«

»Ganz gewiß. Hier ist Fleisch. Ich habe es als Vorwand genommen, zu Euch hereintreten zu können. Der jetzige Wächter ist dumm. Gebe Allah, daß die späteren nicht etwa sehr viel klüger sind!«

Er ging wieder hinaus. Draußen fragte ihn der neugierige Posten, ob er Erfolg gehabt habe.

»Ja, aber keinen guten.«

»Wieso? Wollen sie entfliehen?«

»O nein. In dieser Beziehung ist der Erfolg sehr gut. Aber sie schliefen bereits, und da ich sie störte, wurden sie grob und drohten sogar mit Schlägen. Sie sagten, daß sie bis zum zweiten Gebete schlafen wollten, da der Ritt morgen ein sehr beschwerlicher sei. Willst Du ihnen einen Gefallen erweisen, so sorge dafür, daß sie nicht wieder von irgend Wem gestört werden!«

Er entfernte sich. Der Wächter legte sich bequem zurück und dachte bei sich, daß er diese beiden Männer wohl nicht stören werde. Er hatte heut Anderes und Besseres zu thun, als sich gar zu sehr um sie zu bekümmern.

Als sein Nachfolger kam, vertraute er diesem an, daß Suef drin gewesen sei und von ihnen den Wunsch gehört habe, daß man sie nicht stören solle, da sie sehr gern schlafen wollten. Das sprach sich weiter, von einem Posten zum andern, bis allmählich das Leben im Lager verstummte und die Feuer erloschen. Selbst ein Fest geht einmal zu Ende, und auch ein Schmauß kann nicht ewig währen. Man suchte die Lagerstätten auf.

Steinbach war auch müde geworden. Oben in der Ruine war ebenso Freude und Wohlleben gewesen wie unten vor derselben. Dann hatten sich die Mädchen zuerst zurückgezogen. Die Männer waren ausdauernder gewesen, hatten sich dann aber auch von einander verabschiedet. Als weitgereister, vielerfahrener und vorsichtiger Mann stieg Steinbach noch einmal die Stufen hinab, um nach dem Wächter zu sehen. Auch er traute dem Lagmi, dem Dattelsaft nicht recht. Und, richtig, als er zu dem Posten kam, saß dieser am Boden und schnarchte ein Solo, welches gar nicht energischer und ausgiebiger sein konnte. Natürlich weckte er ihn. Der Mann fuhr empor, rieb sich die Augen, starrte Steinbach an und murmelte dann, als er ihn erkannte, irgend eine Entschuldigung.

»Hast Du hier zu schlafen oder zu wachen?« frug der Deutsche ihn in strengem Tone.

»Verzeihung, Herr! Die Augen fielen mir zu.«

»Du sollst sie aber offen halten.«

»Das thue ich jetzt.«

»Schön! Wenn aber indessen Etwas geschehen ist!«

»O, was sollte geschehen sein?«

»Die Beiden, welche Du bewachen sollst, können sich entfernt haben.«

»Die? Nein, nein! Die schlafen.«

»Woher weißt Du das?«

»Suef ist bei ihnen gewesen. Ihm haben sie gesagt, daß sie schlafen wollen bis zum zweiten Gebete; man solle sie nur nicht stören.«

»Bis zum zweiten Gebete? Unsinn! So lange schläft kein Mensch. Wenn sie das wirklich gesagt haben, so ist es höchst auffällig. Suef? Wer ist Suef?«

»Ein Gefangener Beni Suef, der Sclave des Riesen.«

Steinbach machte eine Bewegung des Schreckes.

»Was höre ich? Ein Gefangener Beni Suef? Der Sclave des Riesen? Hatte er es gut bei ihm?«

»Ja. Er war seinem Herrn sehr treu.«

»Und der ist drin bei den Beiden gewesen? Wann?«

»Während der ersten Wache. Er hat ihnen Fleisch zum Essen hineingetragen.«

»Bist Du um die beiden Zelte patrouillirt?«

»Nein. Ich habe hier gesessen.«

»Und die Anderen wohl auch?«

»Ja. Warum sollte man um die Zelte herumlaufen? Hinten haben sie doch keine Thür.«

»Aber sie sind von Leinwand, welche zerschnitten werden kann! Wollen einmal sehen.«

Er begab sich hinter das Zelt. Zwar brannten die Feuer nicht mehr, aber im Osten begann der Tag zu dämmern, so daß man bereits einen hinreichenden Lichtschein hatte, bei welchem Steinbach sofort die große Oeffnung bemerkte, welche in die Leinwand geschnitten worden war.

»Da, schau her!« rief er. »Während Ihr vorn wachtet, sind sie hinten entflohen.«

»Oh Allah!« rief der Mann, indem er vor Schreck seine Flinte fallen ließ.

»Lauf schnell und wecke den Mueddin! Er soll das Zeichen geben, daß Alle sich versammeln.«

Der Wächter stürzte von dannen. Steinbach trat in das Zelt. Es war leer. Er eilte nach der Ruine, um Normann und Tarik und Hilal zu wecken. Diese hatten sich kaum erhoben, so tönten auch bereits die Schläge des Mueddin und darauf seine Stimme.

»Auf auf, Ihr Gläubigen! Schüttelt den Schlaf von Euch und jagt die Träume von dannen. Die Zelte der Gäste sind leer. Es ist ein Unglück geschehen im Lager der Söhne und eine Schande in der Wohnung der Väter. Kommt herbei, herbei, um wieder einzufangen die Entflohenen. Eilt mit den Beinen und ruft mit den Stimmen! Allah verderbe die Lügner, welche ihr eignes Wort nicht achten!«

Natürlich erhob sich ein großer Tumult im Lager. Steinbach wirkte vor allen Dingen darauf hin, daß Keiner das Lager verlassen durfte. Es handelte sich zunächst darum, daß die Spuren der Entflohenen nicht verwischt würden. Sodann wurde nach dem Sclaven Suef gesucht. Er war nicht zu finden, und bei näherer Nachforschung ergab es sich, daß mit ihm drei der besten Reitkameele verschwunden seien.

»Er ist fort mit ihnen!« sagte Tarik zornig. Aber wehe ihm, wenn ich ihn ereile! Wüßte man nur, wo hin sie sind!«

»Zu den Beni Suef natürlich!«

»Die Beiden wollten doch nach Egypten!«

»Sie werden zunächst Schutz suchen bei Euren Feinden und sich dann von diesen sicher nach Egypten begleiten lassen.«

»Dann sind sie Deiner Ansicht nach gen Süden?«

»Ja. Laß uns nachsehen! Aber nur wir allein, damit die Spuren nicht verdorben werden!«

Sie brauchten nicht lange zu suchen, so fanden sie allerdings die Spuren dreier Kameele im tiefen Sande. Steinbach untersuchte dieselben sorgfältig und sagte dann in zuversichtlichem Tone:

»Es ist über drei Stunden her, daß sie fort sind. Die Ränder der Tapfen sind bereits eingefallen. Es wird schwer halten, ihnen diesen Vorsprung wieder abzugewinnen. Mit Pferden läßt sich dies nicht thun, doch wollen wir zunächst uns versichern, ob sie sich draußen in der Wüste nicht vielleicht nach einer anderen Richtung gewendet haben.«

Zwei Minuten später jagte er mit Tarik und Hilal hinaus, in wahrer Sturmeseile. Bald erreichten sie einen Ort, wo der tiefe Sand weit umher aufgewühlt war.

»Was ist das?« fragte Tarik erstaunt. »Hat hier etwa ein Kampf stattgefunden?«

»Wartet! Ich werde untersuchen!«

Bei diesen Worten sprang Steinbach vom Pferde. Er verwendete eine außerordentliche Sorgfalt auf seine Nachforschung, so daß die beiden Anderen die Geduld zu verlieren begannen.

»Was nützt es, daß Du jedes einzelne Sandkorn betrachtest!« meinte Tarik. »Wir verlieren dabei eine sehr kostbare Zeit!«

»Nein, wir gewinnen Zeit. Je sorgfältiger wir jetzt sind, desto größere Gewißheit bekommen wir, und desto schneller können wir dann handeln. Uebrigens bin ich fertig. Aber was ich gesehen habe, das ist keineswegs etwas Erfreuliches. Nämlich hier sind die drei Flüchtlinge mit dem Riesen Falehd zusammengetroffen.«

»Allah! So hattest Du Recht. Er hat sie erwartet!«

»Ja. Seht hierher! Da hat er gesessen und sich Umschläge gemacht. Er hat Blut aus dem Munde gespuckt, und zwar unvorsichtiger Weise immer nach einer Stelle hin. Hier liegt es. Hier von West ist er gekommen, aber nicht allein.«

»Wer sollte bei ihm gewesen sein? Er ist ja allein fort. Sollte er unterwegs mit Jemand zusammengetroffen gewesen sein?«

»Jedenfalls. Hier kommen zwei breite Fährten. Ihr wißt, daß das Pferd das Kameel haßt; es kann dasselbe nicht erriechen. Darum sind sie in zwei Gruppen geritten und haben auch ihre Thiere in zwei Gruppen aufgestellt. Hier rechts lagen die fünf Kameele des Riesen, und hier links befanden sich fünf oder sechs Pferde. Zu diesen sind nachher die drei Flüchtlinge gestoßen und mit ihnen weiter geritten, grad nach Süden, wie Ihr hier seht.«

»Wer mögen die fünf oder sechs Reiter gewesen sein?«

»Ich vermuthe daß es feindliche Beni Suef waren.«

»Allah, Allah! Das wäre gefährlich! Woraus aber schließest Du es?«

»Feinde waren es, sonst hätten sie sich nicht mit dem Riesen abgegeben.«

»Grad darum können es Freunde gewesen sein. – Er hat ihnen nicht gesagt, daß er aus dem Stamme gestoßen worden ist.«

»Sie müßten sehr dumm gewesen sein, wenn sie dies nicht gemerkt hätten, zumal er verwundet war. Ich bin sehr überzeugt, daß es Feinde waren. Welche Feinde aber kann es hier geben?«

»Nur Beni Suef.«

»Gewiß! Was aber wollen sie hier, so in der Nähe Eures Lagers?«

»Sollten sie zufällig hierher gekommen sein?«

»Zufällig? Kein Mensch kommt zufällig so nahe an ein wohlbekanntes, feindliches Lager. Da ist stets eine Absicht dabei.«

»Die wäre eine feindliche!«

»Gewiß. Reiten wir dahin, wo sie hergekommen sind. Vielleicht bekommen wir noch mehrere Anhaltepunkte.«

Er stieg wieder auf und jagte davon, immer der Fährte entgegen, die beiden Anderen ihm nach. Es dauerte auch gar nicht lange, so riß er sein Pferd in die Haksen zurück. Er hatte während des Galoppes den Blick stets am Boden gehalten und jetzt Etwas bemerkt. Aus dem Sattel springend, hob er es auf und hielt es den Beiden hin.

»Gehört das etwa dem Riesen?«

Es war eine Messerscheibe, sehr kunstvoll in Eisen geschnitten. Gar nicht weit davon lag das Messer oder vielmehr der Dolch.

»Nein,« sagte Hilal, »der Riese hatte niemals ein solches Messer. Es muß einem der anderen Reiter gehört haben, und er hat es während des Rittes aus dem Gürtel verloren.«

»Hier,« sagte Steinbach, den Messergriff betrachtend, »ist ein Kuranspruch eingegraben und ein Name.«

»Wie lautet er?«

»Kurze Wehr und starke Faust ist besser als eine lange Waffe aber schwache Hand. Omram el Suefi.«

»Allah 'l Allah!« rief Hilal, und sein Bruder stimmte in diesen Ruf des Erstaunens mit ein.

»Kennt Ihr denn diesen Mann?«

»Ob wir ihn kennen! Omram el Suefi ist der Eidam des Scheiks der Beni Suef. Er ist der verschlagenste, listigste und auch verwegenste unsrer Feinde. Also er ist da gewesen!«

»Reiten wir weiter.«

Wieder ging es vorwärts, und bald wurde wieder gehalten. Steinbach untersuchte die Stelle. Dann erklärte er:

»Hier haben die Beni Suef gelagert, und da ist er auf sie gestoßen. Das scheint mir gar nicht weit von der Stelle zu sein, wo wir noch mit ihm sprachen. Jetzt ist Alles klar. Omram el Suefi reitet mit noch fünf Anderen um Euer Lager. Welchen Zweck hat er?«

»Zu spioniren!«

»Natürlich ist er als Kundschafter abgesandt worden. Wann aber sendet man Kundschafter?«

»Vor einem Kriegszuge.«

»Die Beni Suef haben also vor, Euch zu überfallen.«

»Bei Allah, wir werden sie empfangen!«

»Nicht so hitzig! Noch sind wir nicht fertig. Diese sechs Reiter ritten Pferde aber keine Kameele. Was folgt daraus?«

Die beiden blickten ihn fragend an. Sie fanden die Antwort nicht. Hilal sagte endlich:

»Was soll daraus folgen? Sie hatten Pferde, aber keine Kameele. Darum haben sie sich auf die Pferde und nicht auf Kameele gesetzt.«

»Das ist sehr wahr aber nicht sehr scharfsinnig,« lachte Steinbach. »Ihr sagtet gestern, es sei zwei bis drei Tagereisen von hier bis zu den Weideplätzen der Beni Suef?«

»Das ist richtig.«

»Können Pferde einen solchen Ritt aushalten und dann des Nachts die Rückreise wieder antreten?«

»Nein, zumal es unterwegs kein Wasser giebt.«

»Aber ohne Wasser können die Pferde keinen Tag aushalten; darum – – –?«

»Darum?« fragte Tank, da er die Antwort unmöglich zu finden vermochte.

»Darum,« fuhr Steinbach fort, »darum haben sie zwischen hier und ihren Weideplätzen Wasser.«

»Es giebt keine einzige Quelle da!«

»So kann man sich nur denken, daß sie Kameele mit Wasserschläuchen der Nähe haben.«

Die beiden Brüder erschraken jetzt sichtlich.

»Kameele mit Wasserschläuchen in der Nähe!« rief Hilal. »Das könnte nur der Fall sein, wenn sie sich bereits zu dem Ueberfall unterwegs befänden!«

»Das wird wohl so sein. Sie sind unterwegs und haben die sechs Reiter als Kundschafter vorausgesandt. Euer Lager zu umschleichen.«

Oh Allah! Und diese sind auf Falehd getroffen! Er brütet Rache! Er wird Alles thun, was gegen uns ihm möglich ist. Aber vielleicht irren wir uns doch!«

»Nein. Es ist so, wie ich vermuthe,« sagte Steinbach.

»Wie kannst Du dies so fest, so bestimmt behaupten. Du hast sie weder gesehen noch mit ihnen gesprochen. Du hast in dem Sande gelesen, als ob Worte in demselben geschrieben seien.«

»Das ist auch der Fall. Ich war Jahre lang in einem fernen Lande, wo es wilde Völker giebt, Indianer genannt. Dort ist man keinen Augenblick seines Lebens sicher; da lernt man im Grase, im Sande, in den Blättern der Bäume, in den Höhen und Tiefen, in den Stimmen der Vögel und im Brausen des Windes die Mahnungen lesen, welche ganz allein im Stande sind, den Bedrohten zu beschützen. Glaubt mir, was ich Euch sage: Die Beni Suef sind zu einem Ueberfalle unterwegs und haben diese sechs Reiter auf Kundschaft gesandt. Ich weiß dies so genau, als ob ich bei ihnen gewesen sei.«

»So müssen wir handeln, und zwar schnell handeln!«

»Zunächst rasch in das Lager zurück!«

Während sie nun wieder der Ruine entgegen flohen, theilten sie sich ihre Gedanken mit.

»Die Hauptsache ist, den Feind auszukundschaften,« sagte Steinbach. »Das werde ich thun.«

»Du? Willst Du Dich für uns in Gefahr begeben?«

»Bin ich nicht Euer Gast? Ist nicht eine Gefahr, welche Euch droht, auch mir gefährlich?«

»Ja, Du bist ein Held. Du hast uns bereits errettet und errettest uns wieder. Aber allein kannst Du doch nicht reiten?«

»Nein, Ihr gebt mir einige gute Krieger mit.«

»Ich selbst rette mit!« sagte Tarik.

»Nein, Du bist der Scheik, der Anführer. Die Augen des ganzen Stammes ruhen auf Dir. Früher konntest Du als Kundschafter gehen, jetzt aber nicht mehr.«

»So nimm mich mit!« bat Hilal.

»Ja, Du magst mitgehen und noch drei Andere.«

»Dein Gefährte Normann Effendi?«

»Nein. Der muß bei Euch im Lager bleiben, um Euch schleunigst zu lehren, wie man mit den neuen Gewehren schießt.«

»Allah! Du hast Recht. O, nun mögen die Beni Suef kommen. Wir haben ja diese Gewehre.«

»Und sie ahnen davon nichts. Wie weit wohnen die anderen Ferkah Eures Stammes von Euch?«

Ferkah heißt Unterabtheilung.

»Die nächsten eine halbe Tagereise.«

»Sendet sofort Boten, welche die Krieger dieser Ferkah eiligst zu Eurer Hilfe aufbieten. Bis sie bei Euch ankommen, bin auch ich von meinem Kundschafterritte zurück, und dann wird sich leicht sagen lassen, was zu thun ist.«

»Nehmen wir Pferde zu unserm Ritte?« fragte Hilal.

»Nein. Wir wissen nicht, ob und wann wir Wasser finden. Wir müssen Kameele nehmen.«

»Die besten hat Suef, der Hund, uns entwendet. Er soll mir dafür Büßen! Da sind wir angekommen. Ich will gleich die Kameele besorgen.«

»Ja. Und sagt allen Leuten, daß sie sich so ruhig wie möglich verhalten sollen, damit etwaige weitere Spione nicht von Weitem bemerken, daß wir uns vorbereiten.

Es läßt sich denken, welche Aufregung die drei mit ihrer Botschaft hervorbrachten; diese legte sich aber sehr bald. Steinbach's ruhiges, überlegenes Wesen war von einer Wirkung, welche gar nicht glücklicher genannt werden konnte.

In kurzer Zeit ritten Boten um Hilfe fort, und Normann vertheilte die mitgebrachten Zündnadelgewehre an die geübteren Schützen. Er als früherer einjährig Freiwilliger und jetziger Reserveoffizier war ganz der Mann dazu, den Beduinen in so kurzer Zeit die unbekannte Waffe wenigstens handgerecht zu machen. Bevor er aber noch eigentlich hatte beginnen können, flogen Steinbach, Hilal und noch drei andere erfahrene Beduinen auf windesschnellen Laufkameelen in die Wüste hinaus und dem gefahrdrohenden Süden entgegen. Die kräftigen, langbeinigen Thiere trugen außer dem Reiter nichts als einen wohlgefüllten Wasserschlauch und einen kleinen Vorrath von Datteln.

Die Flüchtlinge waren mit den Beni Suef in der Nacht davongeritten; ihr einziges Bestreben war gewesen, einen möglichst großen Vorsprung zu erzielen. Sie hatten gar nicht daran gedacht und auch nicht daran denken können, ihre Spur zu verwischen oder wenigstens eine möglichst unauffällige zurückzulassen. Darum war es den Verfolgern leicht, ihnen genau auf der Fährte zu bleiben.

Zwar befindet sich der staubfreie Wüstensand, selbst wenn das menschliche Gefühl gar keinen Lufthauch zu empfinden vermeint, in immerwährender, ununterbrochener, leiser Bewegung; aber Löcher, welche ein weit ausgreifendes Eilkameel mit seinen großen Füßen in den Sand reißt, werden binnen einer halben Nacht nicht wieder verweht, wenn es nicht einen wirklichen Wind giebt.

Es gab nichts zwischen den fünf Reitern zu sprechen. Was sie jetzt wissen konnten, das wußten sie; alles Andere wollten sie ja erst erfahren, und so flogen sie schweigend neben und hinter einander dahin, jetzt nur bemüht, alles Auffällige sofort bereits am Horizonte zu bemerken. Eine Hauptaufgabe war es ja, daß sie sahen, ohne selbst gesehen zu werden.

So ging es fort und immer fort. Es wurde Mittag und Nachmittag. Nur ein einziges Mal hatte man den Thieren eine fünf Minuten lange Ruhe gegönnt, um ihnen einige Schlucke Wassers zu geben; dann war es in ganz derselben Eile wieder weiter gegangen.

Um die Mitte des Nachmittages stieg Steinbach wieder einmal ab, um die Fährte zu untersuchen. Er nickte befriedigt vor sich hin und sagte:

»Wenn wir wollten, könnten wir sie in einer Stunde einholen.«

»Unmöglich!« antwortete Hilal ungläubig

»Ganz gewiß.«

»Dann drauf, Effendi!«

»Du scherzest!«

»Es ist mein Ernst. Ich glaube doch nicht, daß Du Dich vor sechs Beni Suef, dem Riesen und den Flüchtlingen fürchtest! Dazu kenne ich Dich zu gut.«

»Das will ich denken. Was haben wir davon, wenn wir sie niederschießen?«

»Gerächt haben wir uns!«

»Die Andern aber bleiben!«

»Ah! Du hast Recht. Sie dürfen nicht ahnen, daß wir um ihren Plan wissen. Sie kommen, und wir empfangen sie. Aber sind wir ihnen denn wirklich so sehr nahe?«

»Ja. Ich erkenne es aus der Gestalt der Spuren. Siehe hier einmal die Pferdespuren! Sie sind nicht mehr scharf wie früher; der Tritt ist unsicher geworden. Die Thiere sind sehr müde. Da! Halt!«

Er deutete vor sich hin, hinaus nach dem Horizonte, wo gerade jetzt eine Reihe kleiner Punkte erschien.

»Das sind sie!« rief Hilal.

»Ja. Unsere Thiere mögen sich für einige Minuten niederlegen, damit wir nicht gesehen werden.«

Diese Vorsichtsmaßregel wurde befolgt, und sodann ging es weiter. Aber bereits nach kurzer Zeit waren sie den Verfolgten wieder so nahe gekommen, wie vorher. Diese Letzteren schienen jetzt nur langsam zu reiten und hatten auch eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Hilal schüttelte den Kopf und sagte:

»Es scheint fast, als ob sie da rechts hinüber nach dem Ferß el Hadschar wollten.«

»Was ist das?«

»Ein eingestürztes Gebirge, ohne Baum und Strauch und Wasser.«

»Aber Verstecke giebt es da?«

»Mehr als genug für tausend Mann.«

»Nun, was wollen wir da mehr? So wissen wir ja gleich, wo wir sie zu suchen haben. Sie sind im Ferß el Hadschar. Wasser haben sie sich auf ihren Kameelen mitgebracht; da leiden sie keine Noth. Wenn mir nur die Gegend bekannt wäre; da wollte ich sie belauschen!«

»Ich will sie Dir abzeichnen.«

Hilal stieg ab und zeichnete mit dem Kameelsstabe im Sande. Steinbach dachte eine kleine Weile nach; dann fragte er:

»Wie weit haben wir noch bis hin?«

»Wir würden leicht noch vor Sonnenuntergang dort sein, wenn wir nicht noch langsamer reiten müßten als Die da vorn.«

»Nun, das paßt; das paßt ganz ausgezeichnet! Wir schlagen einen Bogen, um von einer anderen Seite an den Ferß el Hadschar zu kommen, von welcher her sie nichts Feindseliges erwarten können. Kennt Ihr das Felsgewirr in seiner ganzen Ausdehnung?«

»Nein. Es giebt Stellen, wohin noch kein Mensch gelangt ist.«

»Und so habt Ihr auch keine Ahnung, wo ungefähr die Beni Suef zu finden sein werden?«

»Nein.«

»Nun, ich hoffe trotzdem, daß unser Ritt nicht ein vergeblicher sein werde.«

Hilal machte ein sehr nachdenkliches Gesicht und sagte:

»Vielleicht ist er dennoch vergeblich. Nur die Spur, welcher wir bisher gefolgt sind, kann uns zu ihnen führen. Wenn wir sie verlassen, können wir sie im Finstern nicht wieder auffinden. Aber Du bist in jenem Lande gewesen, von welchem Du gestern erzähltest, wo vom richtigen Verständnisse einer Fährte das Leben abhängt. Vielleicht vermagst Du auch im Dunkel die Tapfen der Kameele zu erkennen und zu verfolgen.«

»Mein Auge ist durch die viele Uebung allerdings sehr geschärft; aber ich bin auch nur ein Mensch. Wie eine Katze oder ein Panther vermag ich in der Nacht nicht zu sehen, doch hoffe ich, daß mir die Verfolgten nicht entgehen werden. Wir müssen vor allen Dingen verhüten, gesehen zu werden, denn sobald sie uns bemerken, ist nicht nur unsere Absicht vereitelt, sondern wir begeben uns sogar in persönliche Gefahr, da wir so Wenige gegen so Viele sind.«

»O, sie mögen nur kommen!«

»Das sagt Dein Muth. Wenn aber der Muth nicht mit der nöthigen Vorsicht gepaart ist, so wird er leicht verderblich. Wir mögen noch so tapfer sein und noch so gut bewaffnet, gegen Hunderte, wie sie uns gegenüber stehen werden, vermögen wir nichts. Was diese Fährte betrifft, so will ich Dich fragen, ob Du den Entflohenen wohl zutraust, daß sie einen Umweg machen?«

»Nein, ganz gewiß nicht.«

»Das denke ich auch. Ich meine, daß sie gerade auf ihr Ziel zureiten werden. Seit zwei Stunden hat die Fährte eine schnurgerade Linie gebildet, und ich bin überzeugt, daß diese Linie ganz bestimmt zu dem Orte weist, an welchem sich die Beni Suef befinden.«

»Du bist sehr scharfsinnig; ich gebe Dir Recht.«

»Nun laß Deinen Blick einmal ganz gerade dieser Richtung folgen. Was siehst Du da?«

»Ich sehe nur die Massen der Felsen, welche sich am Horizonte emporthürmen.«

»Das ist der Ferß el Hadschar also. Ich will sehen, ob sich nicht vielleicht eine Einzelheit unterscheiden läßt, nach welcher wir uns richten können.«

Er zog sein Fernrohr hervor und hielt es einige Augenblicke lang an das Auge. Dann sagte er:

»Ganz gerade in der Richtung, in welche die Fährte führt, liegen nahe an einander zwei einzelne hohe und ziemlich schmale Felsen, welche fast das Aussehen von Säulen haben. Kennst Du sie?«

»Laß mich einmal durch das Rohr blicken.«

Er erhielt es. Da er aber im Gebrauche eines Telescops ein Neuling war, fiel es ihm nicht leicht, die erwähnten Felsen zu fixiren. Als es ihm endlich gelungen war, sagte er:

»Ich kenne sie. Es sind die Benat el Hawa.«

»Benat el Hawa, also die Töchter der Stürme. Warum nennt man diese Felsen so?«

»Weil sie von den Stürmen von dem Gebirge herabgeworfen und dort hingestellt worden sind.«

»Ich erkläre mir ihre Entstehung anders, doch ist das Nebensache. Hauptsache ist aber, daß sie uns einen festen Anhaltepunkt geben. Da Diejenigen, welche wir verfolgen, auf diese Töchter der Stürme zureiten, werden wir bei den Felsen jedenfalls ihre Spuren wiederfinden können. Ich bin überzeugt, daß wir jetzt ohne Besorgniß unsere Richtung ändern können. Laßt uns dies also thun.«

Sie schlugen nach dieser Unterredung einen Bogen, welcher sie mehr nach links, also nach Ost führte. Dabei mußten die Kameele alle ihre Schnelligkeit entfalten. Daher kam es, daß die Reiter bereits vor Sonnenuntergang sich auf gleicher Höhe mit dem Ferß el Hadschar befanden, nur Etwas links, von demselben. Jetzt wendeten sie scharf nach rechts um, gerade auf die Felsen zu. Als sie dieselben erreichten, ritt Steinbach eine kurze Strecke in das Gewirr hinein und ließ dann halten. Sie befanden sich an einer Stelle, welche rings von Trümmerhaufen umgeben war und ihnen Sicherheit bot, nicht so leicht gesehen zu werden. Die Anderen folgten dem Beispiele des Deutschen; sie ließen ihre Thiere niederknieen und stiegen von den hohen Sitzen herab.

»Wollen wir hier lagern?« fragte Hilal.

»Wir Beide nicht, sondern nur die Andern.«

»Was aber thun wir?«

»Wir gehen nun zwischen diesen Felsenmassen weiter, bis zu den beiden Töchtern der Stürme hin. Nach meiner Berechnung erreichen wir sie noch vor Einbruch der Dunkelheit. Da werden wir die Spuren sehen und ihnen folgen, bis wir die Gesuchten finden.«

»Warum wir Beide allein?«

»Meinst Du, daß wir uns auf diesem Terrain der Kameele bedienen können?«

»Nein. Einer genügt aber, bei ihnen zurückzubleiben.«

»Die Anderen würden uns nur hinderlich sein. Wir Zwei werden weniger leicht gesehen, als wenn wir zu Fünfen gehen. Und bemerkt man uns, so können Zwei sich leichter verbergen und leichter entkommen als Mehrere.«

»Wenn man aber während unserer Abwesenheit diese Vier hier entdeckt, so sind sie verloren und wir mit ihnen. Wir haben keine Thiere, um zu entkommen.«

»Man wird sie nicht entdecken, wenn sie klug und vorsichtig sind. Einer von ihnen, aber auch nur Einer, mag hier auf den Felsen steigen und sich da im Geröll verstecken. Er kann die ganze Gegend überblicken und ist also in, Stande, zu warnen. Kommt Jemand nahe vorüber, so mögen sie sich ruhig verhalten. Werden sie aber entdeckt, so mögen sie fliehen, nach verschiedenen Richtungen, damit es schwer ist, sie zu verfolgen. Um Mitternacht dann kehren sie nach hier zurück, um uns abzuholen. Ihre Thiere sind noch schnell genug, zu entkommen, und wenn es einmal Nacht geworden ist, so dürfte es schwer oder gar unmöglich sein, sie hier zu entdecken und dann zu verfolgen.«

Nachdem er den Zurückbleibenden noch einige specielle Instructionen ertheilt hatte, brach er mit Hilal auf.

Der Weg, welchem sie zu folgen hatte, führte zwischen Trümmern hin und war so mit größeren und kleineren Felsstücken bestreut, daß es nicht leicht war, schnell vorwärts zu kommen, zumal sie bei jeder Felsenecke sich erst überzeugen mußten, daß nicht etwa ein Feind sich hinter derselben befinde.

Dennoch erreichten sie die beiden Schwestern der Stürme noch ehe es Nacht wurde. Als sie den ersten dieser zwei Felsen erreichten, hatte der Sonnenball eben sich hinter den Horizont hinabgesenkt. Das war die Zeit des Abendgebetes, und Hilal kniete trotz der gefährlichen Lage, in welcher sie sich befanden, nieder, um seine Andacht zu verrichten. Er that dies aber jetzt nicht laut, sondern, den Umständen angemessen, leise. Dann setzten sie ihren Weg fort, um den zweiten Felsen zu erreichen.

Von Weitem hatte es geschienen, als ob die beiden Schwestern ganz nahe bei einander ständen; jetzt aber zeigte es sich, daß sie wohl dreiviertel Kilometer weit aus einander lagen.

Die beiden Kundschafter schritten hinter einander her, Steinbach voran. Er suchte hinter jedem Felsblock Deckung, um ja nicht etwa bemerkt zu werden. Noch hatte er die zweite Schwester nicht erreicht, so deutete er auf den Boden.

»Siehst Du es! Hier sind die Spuren; ich hatte also Recht. Sie laufen hier nach links schnurgerade in die Felsen hinein. Schwenken wir also ab, um ihnen zu folgen!«

»Man wird uns bemerken. Gerade hier öffnen die Steine einen Weg, indem sie weiter aus einander treten.«

»Wir folgen ihm natürlich nicht direct, sondern zur Seite, hinter Steinen verborgen.«

Sie bemühten sich, keine Spur zu erzeugen. Immer von Weitem die Fährte im Auge behaltend, schlichen sie in südlicher Richtung immer tiefer in das Steingewirr hinein. Plötzlich blieb der vorangehende Steinbach stehen, gab einen Wink und flüsterte:

»Horch! Hörtest Du Etwas?«

»Ja. Das Bret eines Mueddin.«

Beide lauschten angestrengt, und wirklich, da ertönte wie aus einer anderen Welt herüber durch die tiefe Stille der Steinwüste die klare, sonore Stimme des Ausrufers.

»Ja el Moslemin, haï el sallah – auf, Ihr Gläubigen, rüstet Euch zum Gebete!«

»Sie sind hier!« sagte Hilal, vorwärts deutend.

»Ja, aber in ziemlicher Entfernung. Wir werden also nun unsere Vorsicht verdoppeln müssen.«

»Sie baten zu spät. Sie konnten hier in Mitten der Felsen nicht sehen, wenn die Sonne sich in das Sandmeer taucht. Allah wird also ihr Gebet nicht erhören; er liebt die Pünktlichkeit.«

Steinbach mußte über die Naivität des frommen Jünglings lächeln, sagte aber kein Wort. Aus der Ferne drang ein tiefer, dumpfer Ton zu ihnen, wie das Rauschen eines Wassers.

»Sie beten,« flüsterte Hilab. »Wie unvorsichtig! Damit zeigen sie uns den Weg. Auf einem Kriegszuge muß man jeden Lärm vermeiden.«

»Das sie dies unterlassen, beweist, daß sie sich ganz sicher meinen. Gehen wir weiter!«

Es wurde dunkler. Dies aber war den Beiden lieb. Sie brauchten jetzt die Spuren nicht mehr zu sehen; sie wußten ja, in welcher Richtung und in welcher ungefähren Entfernung die Gesuchten zu finden seien.

Noch waren sie nicht weit fort gekommen, da stand Steinbach in Begriff, um einen Felsen zu biegen, prallte aber blitzschnell wieder zurück.

»Was giebt es?« flüsterte Hilal.

»Zwei Männer. Fast hätten sie mich gesehen!«

»Kommen sie?«

»Nein. Sie stehen da vorn, jenseits des freien Plätzchens, welches hinter diesem Felsen beginnt.«

»Laß mich einmal nachschauen!«

Hilal legte sich auf den Boden und kroch langsam vor, so weit, daß er sehen konnte, ohne selbst erblickt zu werden. Da blieb er eine kurze Zeit lang unbeweglich liegen, die Augen scharf auf die Männer gerichtet. Dann zog er sich zurück.

»Es sind natürlich feindliche Beni Suef?« fragte Steinbach.

»Ja. Ich kenne Beide genau.«

Steinbach hörte aus dem Tone der letzten Worte, daß er da keine unbedeutenden Leute vor sich habe. Auf seine darauf gerichtete Frage antwortete Hilal:

»Es ist der Scheik der Suef und sein Eidam Amram.«

»Dessen Messer wir gefunden haben?«

»Ja, Herr.«

»Die muß ich mir natürlich ansehen.«

Er legte sich, ganz ebenso wie vorher Hilal, auf den Boden nieder, betrachtete sich die Beiden, kam aber ganz plötzlich mit einer hastigen Bewegung wieder zurück und sagte, sich suchend umblickend:

»Sie kommen langsam näher.«

»Fliehen wir?«

»Nein. Schnell zwischen jene Steine! Sie werden da doch nicht etwa hineinblicken! Aber hüte Dich um Allahs willen, ein Geräusch zu verursachen!«

Sie waren an einem Felsen vorübergekommen, an welchen ein zweiter, halb umgefallener lehnte, so daß zwischen Beiden eine Oeffnung war, welche allerdings als Versteck zu dienen vermochte. Im nächsten Augenblicke kauerten die zwei Männer da drin, die Gewehre eng an sich gezogen. Das Loch war gerade groß genug, sie vollständig zu verbergen.

Jetzt ließen sich Schritte vernehmen. Die beiden Beni Suef kamen herbei.

»Wenn sie uns bemerken!« raunte Hilal dem Deutschen zu, unwillkürlich sein Gewehr bewegend.

»Pst! Nicht schießen; im Nothfall nur das Messer gebrauchen!«

Gerade vor dem Versteck hielten die Feinde ihre Schritte an, um ihr Gespräch fortzusetzen.

»Also meinst Du, daß wir Wachen ausstellen?« fragte der Scheik.

»Ja. Ich bin überzeugt, daß sie kommen.«

»Ich bezweifle es. Sie wissen doch von uns gar nichts.«

»Aber sie werden den Russen und den Türken verfolgen. Dabei stoßen sie auf unsere Fährte.«

»Glaube das nicht! Sie werden sich freuen, die Beiden los geworden zu sein.«

»Die Beni Sallah, ja. Aber der Fremde, von welchem der Riese erzählte, wird ihnen ganz sicher folgen.«

»Auch ihm wird es nicht einfallen. Der Riese ist besiegt worden, und der Stamm hat einen neuen Scheik erhalten. Das giebt große Feste. Dazu die Hochzeit zwischen der Königin und diesem verdammten Knaben, dem Tarik. Sie kann zwar erst später gefeiert werden; aber es müssen doch Vorbereitungen getroffen werden. Da wird Niemand daran denken, den beiden Genannten, nachzureiten. Das glaube mir! Ich bin älter und erfahrener als Du.«

»Ja, Du bist erfahrener, und Du bist der Scheik. Darum will ich nicht mit Dir streiten. Aber einen Wachtposten könntest Du doch an die beiden Töchter des Sturmes stellen. Es ist auf alle Fälle besser.«

»Nun, wenn es Dich beruhigt, werde ich es thun. Dazu ist aber noch Zeit. Es wird Nacht, und da ist es diesen Beni Sallah unmöglich, Eure Spuren zu sehen. Kommen sie wirklich, so kommen sie mit Tagesanbruch, und da werden wir sie empfangen.«

»Was wirst Du mit Falehd, dem Riesen thun?«

»Wir müssen ihm das Wort, welches Du ihm gegeben hast, nicht halten, denn nach Allem, was ich vernommen habe, ist er ein Ausgewiesener, ein Ehrloser.«

»Ja. Er erzählt es freilich nicht; aber er ist besiegt worden und hat um Gnade gebeten. Wollen wir ihn da in unseren Stamm aufnehmen?«

»Nein; er würde uns schänden.«

»So erhält er auch keine Beute?«

»Nichts, gar nichts. Und wenn er sich einbildet, die Königin oder deren Schwester zum Weibe zu erhalten, so irrt er sich sehr. Wir benutzen ihn, um zu erfahren, was wir wissen müssen, und dann jagen wir ihn fort. Dieser Mensch hat übrigens eine Zähigkeit wie ein wildes Thier. Die Augenwunde würde es einem Jeden unmöglich machen, einen solchen Ritt zu unternehmen; er aber will sogar den Ueberfall mitmachen. Ich habe Dir gewinkt, Dich mit mir zu entfernen. Ich wollte mit Dir berathen, und was wir besprachen, braucht einstweilen kein Anderer zu wissen.«

»Was hast Du mit dem Türken und Russen vor?«

»Sie sind Feinde des Vicekönigs, also unsere Freunde. Ich habe ihnen Salz und Brod gegeben; sie sind also unsere Gäste, so lange sie wollen. Sie sagen, daß sie Offiziere seien; sie können uns also bei dem Ueberfalle der Beni Sallah von großem Nutzen sein.«

»Ich bin damit sehr einverstanden, obwohl ich ihnen eine große Tapferkeit nicht zutraue.«

»Der Tapferkeit braucht es hierbei gar nicht. Wir sind sechshundert Krieger und werden so plötzlich über den Feind herfallen, daß ein Kampf gar nicht stattfinden wird. Jeder wird getödtet, so bald er aus seinem Zelte tritt.«

»Hund von einem Henker!« flüsterte Hilal hinter dem Steine. »Feiger Mord, nichts weiter!«

»Wenn uns dies so gelingt, wie Du denkst, so will ich es loben,« meinte Amram.

»Warum soll es nicht gelingen?«

»Ich denke da unwillkürlich an den Deutschen. Der Riese flucht ihm, und die beiden Anderen thun dies auch. Sie geben ihm alle möglichen Schimpfnamen; aber gerade aus der Wuth, mit welcher sie von ihm sprechen, schließe ich, daß er ein tüchtiger Mann sein mag.«

»Er mag sein, was und wie er will, er wird uns in die Hände fallen.«

»Willst Du ihn tödten?«

»Ich nicht. Wenn er mein Gefangener wird, schneide ich ihm den Bart und die Ohren ab und schicke ihn zu seinem Freunde, dem Vicekönig, zurück. Aber der Riese hat geschworen, sich an ihm zu rächen; er wird der Erste sein, der sich an ihn macht; es scheint mir also, daß das Leben dieses Deutschen keinen Dattelkern mehr werth ist. Er wird sterben müssen.«

»So erhält also der Pascha das Mädchen zurück, welches man ihm abgenommen hat. Wann aber soll der Ueberfall stattfinden? Doch während der Nacht?«

»Nein. Ich werde eine viel bessere Zeit wählen.«

»Welche könnte besser sein als die Nacht? Oder hättest Du die Absicht, am hellen Tage anzugreifen?«

»Nein, das würde Vielen von uns das Leben kosten. Aber mitten in der finsteren Nacht werde ich es auch nicht thun. Dabei giebt es eine Verwirrung, bei welcher wir selbst großen Schaden leiden können. Wir schießen auf uns selbst; die Feinde können uns unbemerkt entkommen und entfliehen, und gerade unsere beste Beute können wir verderben.«

»Du hast Recht. So meinst Du also vielleicht die Zeit des Morgenanbruches?«

»Ja. Um diese Zeit schläft man am Festesten. Ueberdies feiern jetzt die Beni Sallah ihre Feste. Sie legen sich also spät nieder und werden bei der Dämmerung so ermüdet sein, daß wir sie niederstechen können, ehe es ihnen möglich ist, sich vom Lager zu erheben.«

»Hund!« knirrschte Hilal leise.

»So brauchen wir auch nicht zeitig aufzubrechen,« meinte Amram, der Eidam des Scheiks.

»Nein. Wir ziehen morgen um die Mittagszeit von hier fort, geradewegs auf das Lager des Feindes zu. Einen halben Stundenritt vor demselben halten wir an, um uns auszuruhen. Dann eine Stunde vor Morgens gehen wir zum Kampf.«

»Gehen? Nicht reiten?«

»Nein. Unsere Thiere sind uns bei dem Ueberfalle doch nur hinderlich. Sie werden uns von den fünfzig Männern, welche wir bei ihnen zurücklassen, nachgebracht werden. Oh Allah, welche Beute werden wir machen!«

*

28

»Ja, es wird ein großes Geschrei geben in der Wüste und ein Heulen in allen Oasen der Beni Sallah. Sie werden sich von dieser Niederlage niemals erholen können, wir aber werden reich sein vor allen anderen Bewohnern der weiten Ebene. Wenn sie es ahnten, daß wir hier stecken! Sie würden sich vorsehen. Also komm! Ich will Dir den Ort zeigen, an welchem wir den Wachtposten aufstellen müssen.«

Sie entfernten sich. Hilal flüsterte:

»Oh, die Beni Sallah wissen gar wohl, daß Ihr hier steckt, und werden sich vorsehen!«

»Ja,« lachte Steinbach leise. »Und der Deutsche wird Euch seinen Bart und seine Ohren nicht so leichten Kaufes überlassen. Hast Du Alles gehört, Hilal?«

»Alles, Alles! Allah 'l Allah! Weißt Du, was ich jetzt thun möchte?«

»Ich denke es mir. Du hast Lust, eine große Dummheit zu begehen.«

»Meinst Du, es sei eine Dummheit, diesen Beiden nachzuschleichen und ihnen unsere Messer zu geben?«

»Ja. Uebrigens wäre das Meuchelmord, nicht aber ein ehrlicher Kampf. Laß uns aufbrechen!«

»Sie sind ja dahin, wo wir an ihnen vorüber müssen.«

»Nein. Wir gehen nicht denselben Weg zurück, sondern wir halten uns weiter rechts. Da bemerken sie uns nicht. Folge mir.«

Sie schlichen sich fort, so schnell, wie es ihnen bei der nun völlig hereingebrochenen Dunkelheit möglich war. Dabei erkundigte sich Hilal:

»Also zu Fuß wollen sie uns überfallen. Da haben wir die beste Gelegenheit, sie gleich nieder zu reiten. Hoffentlich bist Du nicht der Meinung, daß wir sie bis an das Lager heran lassen.«

»Das wäre ein unverzeihlicher Fehler. Aber niederreiten werden wir sie auch nicht, sondern wir empfangen sie auch zu Fuße.«

»Das ist unmöglich!«

Der Gedanke, auf offenem Felde zu Fuße zu kämpfen, ist dem Beduinen geradezu eine Ungeheuerlichkeit. Wenn er nicht im Sattel sitzt, so fühlt er sich im höchsten Grade unbehilflich. Steinbach antwortete in beruhigendem Tone:

»Mache Dir jetzt keine Sorgen. Wir werden Berathung halten, und da wird es sich wohl herausstellen, welcher Plan der beste ist. Komm!«

Sie fanden sich ganz gut aus dem Steingewirre heraus, so daß die beiden Töchter des Sturmes, an denen sie vorher vorüber gekommen waren, links hinter ihnen blieben, und schritten nun dem Wüstenrande, rechts von sich die Felsen, weiter fort, bis sie den Ort erreichten, an welchem die Gefährten warteten.

Diese hatten an eine so schnelle Rückkehr nicht geglaubt und waren natürlich begierig, das Ergebniß der Recognition zu vernehmen. Steinbach theilte ihnen in Kürze mit, was sie erlauscht hatten, und dann wurden die Kameele bestiegen. Diese hatten sich weit über eine Stunde lang ausruhen können, und so ging es munter auf demselben Wege zurück, auf welchem die Männer hergekommen waren.

Nach einiger Zeit ließ sich am westlichen Himmel mitten in der tiefen Azurbläue desselben eine helle, gelblich gefärbte Stelle erkennen. Dieses Phänomen war Steinbach unbekannt, daher erkundigte er sich, ob dasselbe vielleicht etwas Widerwärtiges oder gar Unglückliches zu bedeuten habe.

»O nein,« antwortete Hilal. »Es hat im Gegentheile etwas für uns Gutes zu bedeuten. Diese helle Stelle ist das Loch, aus welchem binnen einigen Minuten der Rih el Lela kommen wird. Es sind Jahre vergangen, seit er nicht da gewesen ist.«

»Rih el Lela« heißt Nachtluft, Nachtwind. Es ist allerdings in der Sahara eine große Seltenheit, daß sich ein wirklicher, kühler Nachtwind erhebt. Die Sandebene hat während des Tages die Sonnengluth in sich aufgenommen und strahlt sie des Nachts wieder von sich. Wenn es da einen Lufthauch giebt, so ist er heiß und wirkt außerordentlich ermattend auf Mensch und Thier. Jetzt aber hatte Hilal recht. In der von ihm angegebenen Zeit begann ein kühler Hauch aus West zu streichen, bei dessen Berührung die Kameele die langen Hälse ausstreckten und ihre Schritte munter verdoppelten. Der Hauch nahm dann eine ziemliche Stärke an.

»Das ist gut,« sagte Steinbach. »Dieser Wind ist zwar kein Sturm, aber er hat Kraft genug, unsere Spuren zu verwehen, und so werden die Beni Suef morgen Nichts finden, aus dem sie schließen könnten, daß sie sich nicht allein im Ferß el Hadschar befunden haben. Desto unerwarteter werden wir sodann über sie kommen. Sie werden uns ihre Thiere und Sachen lassen müssen, anstatt daß sie die Eurigen erhalten.«

Sie hatten ungefähr zwölf Stunden gebraucht, um von dem Lager nach dem Ferß el Hadschar zu kommen; sie brauchten zur Rückkehr auch nicht längere Zeit, obgleich man meinen sollte, daß die Kameele ermüdet gewesen wären. Die Nachtluft hatte sie gestärkt.

Als sie früh kurz nach sechs Uhr im Lager anlangten, schlief dort kein Mensch mehr. Es waren bereits zwei Ferkah, also zwei Unterabtheilungen des Stammes aus benachbarten Oasen angekommen, so daß die streitbaren Männer ungefähr schon achthundert Mann zählten. Die Angekommenen wurden natürlich mit Freuden begrüßt; ihr Unternehmen war ja ein gefährliches gewesen, und man hatte sich sagen müssen, daß ihnen leicht ein Unglück zustoßen könne.

Sie waren kaum aus dem Sattel gestiegen, als von allen Seiten die Wißbegierigen herbeieilten, um zu erfahren, welche Nachrichten sie mitbrachten. Es wurde natürlich sogleich eine Versammlung der Aeltesten einberufen, in welcher der Kriegsplan berathen werden sollte. Steinbach erhielt zuerst das Wort. Er erzählte, was er mit Hilal belauscht hatte, und nahm dabei sehr wohl bedacht Gelegenheit, Hilals Muth und Scharfsinn in ein gutes Licht zu stellen. Es lag ihm sehr daran, den mit anwesenden Scheik der Beni Abbas gut für den jungen Mann zu stimmen.

Als er seinen Bericht beendet hatte, wendete sich der alte Kalaf als der Hochbetagteste an Tarik:

»Jetzt laß nun Deine Stimme hören, damit wir erfahren, welche Gedanken Du in dieser Angelegenheit hegst.«

Der Aufgeforderte antwortete abwehrend:

»Ich bin noch zu jung. Es sind Greise hier, erfahren in aller Weisheit, und tapfere Krieger, älter als ich. Sie mögen sprechen.«

»Deine Rede gefällt mir sehr wohl. Es ziemt der Jugend, bescheiden zu sein, und wer das Alter ehrt, der wird sein graues Haar dereinst mit Würden tragen. Aber Du bist der Scheik, der Anführer des Stammes. Dir gebührt also das erste Wort.«

Das brachte Tarik entschieden in Verlegenheit, obgleich er es sich nicht merken ließ. Vor seinen Beduinen genirte er sich gar nicht; er war ihnen an Muth sowohl wie auch an Umsicht vollständig gewachsen; aber er war zugegen gewesen, als Normann im Laufe des gestrigen Tages die Krieger im Gebrauche des Zündnadelgewehres einübte, und dabei hatte er gemerkt, wie weit der Europäer dem Beduinen überlegen ist. Und gar vor Steinbach hatte er einen noch viel größeren Respect. Darum wurde es ihm schwer, seine Ansicht zuerst zu sagen und sich von Einem dieser Zwei dann an Klugheit überbieten zu lassen. Er zog sich aus der Schlinge, indem er sagte:

»Wohl bin ich Scheik; aber gerade als solcher keime ich meine Pflicht. Wir haben Gäste, und Gästen muß man Achtung zollen. Sie wollen für uns und mit uns kämpfen, sie sind bereit, ihr Leben für uns zu wagen, sie haben uns bereits sehr wichtige Dienste geleistet, darum ist es nicht mehr als recht und billig, daß Masr-Effendi zuerst das Wort erhält.«

Ein wohlgefälliges Gemurmel ging durch die Reihen.

»Du hast sehr Recht,« erklärte Kalaf. »Wir sehen ein, daß wir den richtigen Mann zum Anführer erhalten haben. Wenn Du in dieser Weisheit weiter handelst und wandelst, wird Dein Name in den Büchern der Nachkommen stehen, so lange es überhaupt Nachkommen giebt. Wir bitten also Dich, Masr-Effendi, uns zu sagen, wie Du an unserer Stelle handeln würdest.«

Steinbach wußte recht wohl, warum der junge Scheik ihm das Wort gelassen habe. Er freute sich über die Klugheit des Jünglings und antwortete darum:

»Man wird seinen Namen nicht nur lesen in den Büchern Eurer Nachkommen, sondern mein Freund und ich werden von Tarik, dem Scheik der tapferen Beni Sallah erzählen in allen Ländern, in welche wir die Füße setzen. Allah segne Euren Stamm und den Stamm der Beni Abbas, welche jetzt Eure Gäste sind. Werden auch sie mit uns kämpfen? Das möchte ich gern wissen.«

»Wir kämpfen natürlich mit unseren Freunden,« erklärte der Scheik der Beni Abbas.

»Nein,« rief da die Königin von der Ruinenbrüstung herab, an welcher sie gestanden hatte, um der Verhandlung zuzuhören. »Soll mein Vater gekommen sein, um von einer Kugel getroffen zu werden?«

»Stehe ich nicht in Allahs Hand?« fragte der Genannte. »Und ist nicht das Schicksal des Menschen schon vor allem Anbeginn bestimmt? Wenn ich mit Euch kämpfe, wird Gottes Wille erfüllt, und ebenso wenn ich nicht mit kämpfe. Darum wähle ich das Erstere. Die Beni Sallah sollen die Beni Abbas nicht für Feiglinge halten.«

»Nein, nein! Das sollen sie nicht!« riefen seine Stammesangehörigen, welche in der Nähe standen.

»Es darf nicht sein! Herr, hilf nur!« rief die Königin Steinbach zu.

Er gab ihr einen beruhigenden Wink und fuhr fort:

»Ich kenne die Kriegs- und Kampfweise der Söhne der Wüste nicht, aber ich kenne die Art und Weise, wie große, tapfere Völker von Sieg zu Sieg geflogen sind. Diese Weise mag die Eurige nicht sein, aber ich will sie Euch sagen, und Ihr mögt dann entscheiden, welches besser ist.«

»Sprich! Wir hören!« sagte Kalaf, ihm wie parlamentarisch das Wort wieder ertheilend.

»Erst, ehe man einen Plan faßt, muß man sich und den Feind kennen. Der Letztere zählt sechshundert Krieger, von denen fünfzig bei den Thieren bleiben. Wir sind jetzt bereits achthundert Mann, folglich den Beni Suef überlegen. Zudem habt Ihr neue Gewehre mit Munition erhalten. Wir können also der guten Hoffnung und festen Zuversicht sein, daß wir den Sieg gewinnen werden. Meint Ihr nicht?«

Es erfolgten lauter zustimmende Rufe.

»Aber jeder Sieg kostet Opfer, auch derjenige, den wir erwarten, wird welche fordern. Ein kluger Feldherr wird also vor allen Dingen bedacht sein, so zu handeln, daß diese Opfer möglichst gering seien. So auch Tarik, unser Scheik. Meinst Du etwa, daß wir ruhig warten sollen, bis die Beni Suef kommen und uns überfallen?«

»Davor behüte mich Allah! Daran denke ich nicht,« antwortete Tarik, ganz glücklich darüber, daß Steinbach ihm die Klugheit in den Mund legte.

»Du meinst, daß wir ihnen entgegenziehen?«

»Ja.«

»Nicht uns überfallen lassen, sondern sie angreifen?«

»Das ist der Rath, welchen ich geben wollte, wenn es bei so weisen Männern eines Rathes bedürfen sollte.«

»Dieser Dein Rath ist der allerbeste, den es giebt. Wenn wir den Feinden entgegenziehen, wird der Kampfplatz vom Lager entfernt und Ihr könnt Euer Lager ruhig stehen und Eure Heerden ruhig weiden lassen; Euren Frauen und Töchtern, den Greisen, Schwachen und Kranken wird kein Haar gekrümmt, und wir vernichten die Feinde, ehe sie nur dazu kommen, ihre Gewehre zu gebrauchen. Ihr werdet einen so glorreichen Sieg erringen, wie er hier noch nicht erkämpft worden ist. Das also ist der Vorschlag Eures Scheiks, ich billige ihn vollständig. Allah gebe Tarik, dem Scheik der Beni Sallah, viele Jahre und Tage.«

»Allah! Allah!« rief es rundum, und Diejenigen, welche weiter entfernt standen, riefen die Worte begeistert nach, ohne eigentlich zu wissen, um was es sich handelte.

»'ali Tarik, 'ali Tank!« rief auch Normann. »Hoch Tarik, hoch Tarik!«

Der Ruf wurde brausend von Aller Munde wiederholt. Tariks Gesicht glänzte vor Freude und die Wangen der Königin, seiner Geliebten, färbten sich vor Wonne purpurroth.

»Aber wir kämpfen auch mit!« behauptete ihr Vater.

»Ja, Ihr sollt auch theilnehmen,« antwortete Steinbach. »Es müssen Krieger vorhanden sein, welche während des Kampfes das Lager schirmen, und das sollen die tapferen Beni Abbas thun. Sie sollen die Beni Suef empfangen und tödten, welche sich etwa durch unsere Reihen schleichen oder sich durchschlagen, um dennoch zu rauben und zu plündern. Bist Du damit einverstanden, o Scheik Tarik?«

»Ja,« entgegnete der Gefragte, indem er seinem Schwiegervater die Hand gab. »Wir vertrauen Dir Alles an, was wir besitzen. Wir wissen, daß Du es treu behüten wirst.«

Damit waren die Beni Abbas einverstanden. Der Plan wurde noch weiter entworfen. Es wurde ausgemacht, daß man nicht etwa den Feind überfallen, sondern draußen vor den Sanddünen, welche eine Viertelwegsstunde im Süden des Lagers sich hinzogen, erwarten wolle. Diese Dünen waren sogenannte Medanno's, wandernde Sandhügel. Sie bestehen aus feinem, lockerem, losem Sande. Der beständige Lufthauch, welcher aus West kommt, treibt den Sand an der Westseite dieser Dünen empor, so daß er von der Spitze nach der Ostseite wieder hinabrollt. Darum schreiten diese Hügel immer langsam aber stetig und unaufhaltbar von West nach Ost weiter vorwärts. Also, wenn diese Dünen auch nicht hoch waren, so konnte man doch, am Boden liegend, sich hinter ihnen verbergen. Dort wollte man den Feind möglichst weit herankommen lassen und ihm dann eine unerwartete Salve geben. Da die Zündnadelgewehre viel weiter trugen, als seine schlechten Schießwaffen, so war für diesseits von dieser Taktik gar nichts zu befürchten.

Angeführt sollten die Kämpfer werden auf dem rechten Flügel von Scheik Tarik, auf dem linken von Steinbach. Normann sollte mit einer Reserveabtheilung, die nur mit arabischen Flinten bewaffnet war, nach rückwärts liegen. Der Scheik der Beni Abbas sollte, wie bereits gesagt, mit seinen Leuten das Lager schützen. Hilal aber hatte die schwierige Aufgabe, mit einigen guten Läufern dem Feinde entgegenzugehen, um ihn zu beobachten, ohne jedoch selbst bemerkt zu werden. Diese Maßregel war nothwendig, um zu verhüten, daß der Feind nicht etwa aus einer anderen, als der vertheidigten Richtung komme.

Als dieser Kriegsrath zu Ende war, ging ein Jeder an seine Arbeit. Es wurden Kugeln gegossen, Kugelpflaster gemacht, Patronen angefertigt, Lunten mit Pulver eingerieben, je nach der Art des Schießgewehres, welches der Einzelne besaß.

Dann später zog Steinbach mit den Kriegern hinaus an die Dünen, um zu manövriren. Ein Jeder sollte seinen Platz kennen und auch wissen, wie er sich zu verhalten habe. Es war eine richtige Felddienstübung, und es war wunderbar, wie leicht sich die Beduinen in ihre Rollen fanden, obgleich sie gewöhnt waren, nur zu Pferde und ohne alle Ordnung zu kämpfen. Es war ein Eifer in diese Leute gefahren, welcher ein schlimmes Schicksal für ihre Feinde errathen ließ.

Droben auf der Brüstung war Tarik zu Badija getreten. Sie legte ihm den Arm um den Leib. Sie konnte das jetzt ungenirt thun, denn Alles war hinaus geeilt, um die Exercitien mit anzusehen; die Beiden waren also ganz unbeobachtet.

»Wenn Dich eine Kugel trifft!« klagte sie.

»Es wird Allahs Wille nicht sein.«

»Aber wenn er es dennoch ist!«

»Er ist es nicht, das weiß ich ganz genau. Allah hat uns ja diese Gewehre gesendet, welche mit einer Nadel abgeschossen werden. Sie tragen so weit, daß eine feindliche Kugel uns gar nicht erreichen kann. Auch ist der Plan des Kampfes so entworfen, daß wir uns fast in gar keiner Gefahr befinden.«

»Dieser Plan stammt von Dir!« sagte sie stolz.

»Meinst Du wirklich?«

»Ja. Ich habe es ja gehört.«

»O, Masr-Effendi ist ein kluger Mann. Er hat sich den Plan ausgedacht, aber er hat ihn uns in der Weise mitgetheilt, daß es schien, als ob er von mir sei. Und hast Du nicht bemerkt, wie schlau er Deinen Vater befriedigte? Dieser hat die Vertheidigung des Lagers übernommen, aber er wird da keinen einzigen Feind zu sehen bekommen.«

»Allah sei Lob und Dank! Seit ich gestern hörte, daß feindliche Kundschafter hier gewesen seien, ist mir so sehr angst gewesen, nun aber bin ich ruhig.«

»Dir angst? Du bist doch sonst so muthig? Du reitest das böseste Pferd, kannst alle Waffen führen und hast Dich noch vor keinem Menschen gefürchtet.«

»Bisher! Jetzt aber habe ich Veranlassung zur Angst! Weil es Einen giebt, den ich liebe und für welchen ich mich also ängstige.«

»Du meinst Deinen Vater?« fragte er, schlau lächelnd.

»Ihn und noch mehr Dich!« antwortete sie, ihr Köpfchen an seine Brust schmiegend.

Hinter diesen Beiden aber sagte eine Stimme:

»So habe ich auch Einen, um dessen willen ich so große Sorge fühle.«

Hiluja war es, welche leise hinzugetreten war.

»Wen meinst Du?« fragte Tarik scherzend. »Etwa Falehd, den Riesen?«

»Oh, scherze nicht! Mir ist wirklich sehr angst. Warum soll gerade Hilal so weit vorgehen, dem Feinde entgegen? Ich möchte dafür diesen Masr-Effendi hassen, wenn ich ihn nicht verehrte. Er ist es, welcher Hilal diese gefährliche Aufgabe gestellt hat.«

»Du darfst ihm nicht zürnen, sondern Du hast ihm vielmehr dafür zu danken.«

»Zu danken? Wieso? Das begreife ich nicht.«

»Er hat damit Hilal Gelegenheit gegeben, sich vor Deinem Vater auszuzeichnen. O, dieser Deutsche hat mehr Klugheit in seinem Kopfe, als alle Männer unserer Versammlung der Aeltesten zusammen genommen. Uebrigens ist Hilals Aufgabe nicht so gefährlich, wie Du denkst. Er geht dem Feinde entgegen und zieht sich sofort zurück, wenn er ihn bemerkt. Du brauchst Dir also keine Sorge zu machen.«

Seitwärts von ihnen stand Zykyma und ließ den Blick über das heute so bewegte Lager schweifen. An wen dachte sie. Sie sah und hörte, wie sich hier zwei liebende Herzen um das Schicksal des Geliebten ängstigten. Hatte vielleicht auch sie Angst oder Sorge? Ihr schönes Gesicht war sehr ernst. Wer hingesehen hätte, der hätte eine Thräne bemerkt, welche langsam über ihre Wange herabrollte. Sie trocknete den nassen Weg, welchen dieser Tropfen zurückgelassen hatte, ab, legte die Hand auf den sehnsuchtsvoll bewegten Busen und flüsterte:

»Fragt das Herz
Im bangen Schmerz:
Ob ich Dich auch wiederseh'?
Scheiden thut so weh, so weh!« – –

Der Tag verging und der Abend brach ein. Es wurden keine Feuer gebrannt, um etwaigen feindlichen Kundschaftern die Gelegenheit, Etwas zu sehen, zu nehmen. Uebrigens hätte ein Solcher wohl nicht weit heran kommen können, denn rund um die Oase lagen Posten im Sande, die geladenen Gewehre in der Hand. Es war ja immerhin die Möglichkeit vorhanden, daß die Beni Suef ihren Plan geändert und den Angriff auf eine frühere Zeit verlegt hatten.

Aber es geschah nichts Derartiges. Mitternacht ging vorüber, und nun machte sich Hilal mit seinen Kundschaftern auf den Weg. Eine halbe Stunde später marschirten achthundert bewaffnete Beni Sallah hinaus nach den Dünen. Hundert von ihnen blieben halbwegs als Reserve halten; die Uebrigen aber bildeten eine dreifache Reihe von solcher Elasticität, daß sie sich in einer Minute zusammenziehen und auch nötigenfalls ausdehnen konnte.

Gegen zwei Uhr sendete Hilal einen seiner Leute mit der Botschaft, daß sie in der Nähe des feindlichen Lagers angekommen seien, dort herrsche jetzt noch die größte Ruhe und Stille.

Nach einer halben Stunde kam ein zweiter Bote mit der Meldung, daß es sich bei dem Feinde zu regen beginne. Und nach abermals so viel Zeit kehrte Hilal selbst mit den Uebrigen zurück und brachte die Nachricht, daß die Beni Suef aufgebrochen seien und in einer Entfernung von höchstens dreitausend Schritte vorwärts auf dem Sande hockend den Anbruch des Morgengrauens erwarteten.

Natürlich bemächtigte sich jetzt aller eine Spannung, welche sich gar nicht beschreiben läßt. Die erwähnten Meldungen waren auch weiter getragen worden, bis hin in das Lager. Der alte Scheik der Beni Abbas, welcher seine Leute als Posten rund um die Oase gelegt hatte, zog sie jetzt zusammen, nach der Gegend hin, in welcher der Kampf bevorstand. Zwei Stämme standen sich da gegenüber – Leute einer Abstammung, Männer eines Blutes und einer Sprache, Bewohner eines Landes, und doch gewillt, sich gegenseitig zu vernichten.

Die Beni Suef waren gegen Mitternacht da angekommen, wo sie sich vor dem Ueberfalle zu lagern gedachten. Der Russe, der Pascha und der Riese war bei ihnen. Der Letztere hatte sich das Auge wirklich vollends entfernen lassen und die blutige Höhle desselben verbunden. Das Wundfieber zerrte an allen seinen Nerven, noch mehr aber arbeitete in ihm das Verlangen nach Rache. Er hatte den weiten Ritt mit unternommen trotz seiner schlimmen Verwundung, leider aber hatte er die Bemerkung gemacht, daß man sich gar nicht viel um ihn kümmerte.

Er war überall entweder auf gleichgiltige oder gar verächtliche Gesichter gestoßen. Der Scheik war nicht mehr für ihn zu sprechen gewesen, Omram, der Eidam desselben, ebenso wenig. Er begann, Mißtrauen zu hegen, und begab sich zu Omram, sobald sich die Leute gelagert hatten. Er fand ihn etwas vorwärts und allein im Dunkel stehend.

»Was willst Du?« fragte der Suef in unfreundlichem Tone, von welchem Falehd sich beleidigt fühlte.

»Mit Dir sprechen.«

»Ist das so nothwendig?«

»Ja.«

»Ich denke, daß wir Alles besprochen haben, über was geredet werden konnte oder mußte!«

»Ja, aber ich möchte Einiges noch einmal hören.«

»Das ist nicht nothwendig. Was gesagt worden ist, das weißt Du, Anderes ist nicht nothwendig. Warum bleibst Du übrigens nicht an dem Orte, der Dir angewiesen ist?«

»Weil ich Dich suchen wollte. Meinst Du etwa, daß ich ein Sclave bin, welcher Euch zu gehorchen hat?«

»Das sage ich nicht, obgleich wir ein Recht hätten, Dich zum Sclaven zu machen.«

»Hölle und Teufel!« stieß der Riese hervor.

»Ja, gewiß!«

»Aus welchem Grunde?«

»Ist nicht Einer von uns Dein Sclave gewesen? Lautet nicht das Wüstengesetz: Vergeltet Gleiches mit Gleichem?«

»Ich habe ihn Euch wiedergebracht!«

»So können wir Dich ebenso lang der Freiheit berauben, wie er Sclave gewesen ist.«

»Du redest sonderlich! Hast Du etwa vergessen, was Du mir gestern versprochen hast?«

»Ich habe es nicht vergessen, aber Du bist ehrlos.«

»Ah! Wer sagte Dir das?«

»Ich weiß es, das ist genug.«

»So höre ich jetzt, daß ich Eurem Worte nicht trauen darf. Werdet Ihr es mir halten oder nicht?«

»Du wirst bekommen, was Dir gebührt.«

»Das ist keine Antwort! Rede frei! Werde ich als Mitglied Eures Stammes aufgenommen?«

»Die Versammlung soll das entscheiden?«

»Darf ich um die Königin mit kämpfen?«

»Die Aeltesten werden das bestimmen.«

»Werde ich Hiluja erhalten, wenn mir ein Anderer die Königin nimmt?«

»Ich werde mit dem Scheik davon sprechen.«

»Also Du beantwortest mir keine meiner Fragen mit Ja?«

»Wie kann ich! Ich bin nicht Scheik.«

»Aber gestern hast Du mir Alles versprochen.«

»Das habe ich, und ich werde auch Alles halten, was möglich ist. Gehe jetzt an Deinen Ort. Wir werden sehr bald aufbrechen.«

»Du hast mich zu den Leuten gewiesen, welche zurückbleiben müssen. Meinst Du etwa, daß ich da warten soll, bis der Ueberfall vorüber ist?«

»Ja.«

»Oho! Ich will mit kämpfen!«

»Das geht nicht. Du bist krank.«

»Das ist nicht wahr. Ich bin gesund. Was stört mich dieses Auge? Es ist weg und kümmert mich also nicht mehr. Ich will mich an den Beni Sallah rächen.«

»Das ist nicht nöthig, denn wir werden es für Dich thun. Gehe an Deinen Ort und pflege Dich!«

»So sage mir vorher erst noch Eins! Wenn Ihr Sieger seid, werde ich dann von der Beute Alles bekommen, was früher mein Eigenthum war?«

»Die Beute wird vertheilt und Du wirst erhalten, was Dir nach unseren Gesetzen zukommt.«

Der Riese wußte nun, woran er war. Es war jedenfalls nicht klug von Omram gehandelt, ihm bereits jetzt reinen Wein einzuschenken. Falehd ließ sich aber seine Gedanken nicht merken, sondern er sagte:

»Wenn ich das bekomme, was mir zukommt, so bin ich mit Euch zufrieden. Allah gebe Euch Segen!«

Innerlich aber dachte er: Allah verfluche Euch. Er begab sich zu dem Troß und nahm dort zwischen den Pferden und Kameelen des Scheiks Platz. Sein Auge war auf eine prachtvolle Fuchsstute gerichtet.

»Die ist ein ganzes Vermögen werth!« dachte er. »Will mich der Scheik betrügen, so werde vielmehr ich ihn betrügen. Mit den Beni Sallah kann ich ja noch eine Zeit lang warten. Das hat keine Eile.«

Bald aber kam ihm noch ein Gedanke.

»Ich werde vorher zu dem Pascha gehen. Ist auch er mir abtrünnig, so habe ich nichts zu erwarten. Haben sie aber auch ihn und den Russen bereits gegen mich aufgehetzt, so handle ich für mich.«

Er erhob sich wieder und schlich dorthin, wo er die beiden Genannten wußte. Sie erkannten ihn trotz der Dunkelheit sogleich an seiner hünenhaften Gestalt, als er zu ihnen trat.

»Nehmt auch Ihr mit Theil an dem Kampfe?« fragte er.

»Nein,« antwortete der Pascha.

»Man hat es Euch wohl verboten?«

»Wer sollte es uns verbieten? Wir werden uns aber hüten, uns für Andere mit Anderen herum zu schlagen.«

»Das ist sehr weise von Euch gehandelt; aber da werdet Ihr auch nichts von der Beute erhalten.«

»Wir mögen nichts und brauchen nichts. Du aber könntest es gebrauchen und wirst doch nichts bekommen.«

»Wer sagte es?«

»Der Scheik.«

»Da ist er sehr aufrichtig gegen Euch gewesen.«

»So aufrichtig, wie ich gegen Dich sein will.«

»So sprich!«

»Du hast uns Beide als Deine Gäste aufgenommen und uns freundlich behandelt; Du bist uns dann behilflich gewesen, zu entkommen, darum will ich einmal gegen die Klugheit handeln und Dir sagen, was ich eigentlich verschweigen sollte, denn die Beni Suef sind jetzt unsere Verbündeten geworden und bei ihnen haben wir gefunden, was uns bei den Beni Sallah verweigert wurde.«

»Nicht durch meine Schuld.«

»Nein. Darum will ich Dir sagen, daß Du von dem Scheik nichts zu erwarten hast. Nach dem Siege wird er Dich wieder hinausstoßen. Er will keinen Ehrlosen bei sich haben.«

»Woher weiß er, daß ich ehrlos bin? Ihr müßt es ihm doch gesagt haben.«

»Nein. Er hat uns gefragt und wir thaten, als ob wir nichts wüßten. Er hat es errathen, ist aber nun überzeugt davon. Nun weißt Du, was Du zu thun hast.«

»Ich danke Euch! Werdet Ihr bei diesen Beni Suef vielleicht bleiben?«

»Einige Wochen.«

»Könnte ich Euch dann irgendwo treffen?«

»Nein. Das kann uns nichts nützen.«

»Aber mir!«

»Das geht uns nichts an. Ich habe Dir jetzt mit meiner Aufrichtigkeit Deine Gastfreundschaft vergolten. Wir sind also quitt.«

»So hole Euch der Teufel, so wie er die Beni Suef alle holen mag!«

»Nimm Dich in Acht, daß er sich nicht vielleicht vorher an Dir vergreift!«

Er entfernte sich, zitternd vor Grimm. Er hatte seinen Platz kaum wieder erreicht, so ging ein leiser Ruf durch das Lager. Es war der Befehl zum Aufbruche. Die Krieger rückten aus. Nur die Fünfzig blieben bei den Thieren und der Bagage zurück.

Der Riese machte sich an die Fuchsstute und nahm ihr die Fesseln von den Vorderbeinen. Sämmtliche Pferde waren gefesselt worden, damit sie nicht entfliehen könnten. Einen günstigen Augenblick erspähend, zog er sie mit sich fort. Der Huftritt war in dem weichen Sande nicht zu hören. Er brachte das Pferd so weit fort, daß er nichts mehr zu befürchten hatte, und stieg dann in den Sattel.

Nun hätte er im Galopp fortreiten können oder sollen, er that es aber nicht. Der Grimm, welchen er gegen seine früheren Stammesangehörige im Herzen trug, ließ ihn nicht so schnell weiter. Er wollte und mußte sehen, daß sie vernichtet wurden.

Darum ritt er nur eine Strecke fort, dem Lager entgegen, aber seitwärts, so daß er mit Niemand zusammentreffen konnte. Dann stieg er wieder aus dem Sattel und blieb, an das Pferd gelehnt, halten.

Minute auf Minute verging. Im Osten begann das Blau des Himmels sich zu entfärben; es wurde matter und matter, endlich gelblich weiß, und nun konnte man bereits auf eine ziemliche Entfernung hin einen nicht gar zu kleinen Gegenstand erkennen.

Das war die Zeit, in welcher Hilal mit seinen Kundschaftern zurückgekehrt war. Er hatte in der Nähe Steinbach's Platz genommen und lag, ganz wie dieser, an der Erde. Die Leute hielten die Blicke scharf nach vorwärts gerichtet. Es wurde sehr schnell heller. Bereits konnte man auf hundert, dann auf tausend Schritte weit sehen. Da endlich ließ sich weit draußen eine wirre Masse von Gestalten sehen.

»Aufgepaßt!« flüsterte es von Mann zu Mann.

Die Beni Suef nahten, aber nicht etwa in einer geordneten Colonne, sondern ganz ordnungslos in einem Haufen. Sie kamen gerade auf die Mitte der Verteidigungslinie zu. Ahnungslos, welchem Schicksale sie entgegengingen, marschirten sie durch den Sand. Das Lager war noch nicht zu erblicken. Aber jetzt erblickten sie Etwas, nämlich eine hohe, breit gebaute Mannesgestalt, welche stolz aufgerichtet auf einer Düne stand und ihnen entgegenblickte.

Sie blieben halten und beriethen sich.

»Verdammniß über diesen Hund!« sagte Omram zu dem Scheik. »Was will der Kerl außerhalb des Lagers? Er verdirbt uns Alles.«

»Schießen wir ihn nieder!«

»Das macht Lärm. Der Schuß würde das ganze Lager alarmiren. Versuchen wir es nicht lieber mit List?«

»Meinetwegen. Ich glaube aber, es wird vergeblich sein.«

»Vielleicht ist es gar kein Beni Sallah.«

»Das ist möglich. Der Riese ist doch bei uns und außer diesem giebt es keinen so großen, starken Mann unter ihnen. Rufen wir ihn also einmal an!«

Omram legte die Hand an den Mund und sagte:

»Sabakha bilcheer – guten Morgen!«

»Miht sabah – Gott gebe Dir hundert Morgen!« antwortete Steinbach.

»Mehn hua – wer bist Du?«

»Ana hua – ich bin es.«

»Wie ist Dem Name?«

»Masr-Effendi.«

»Daß ihn die Hölle hole!« meinte Omram erschrocken zu dem Scheik. »Es ist jener Deutsche. Habe ich es Dir nicht gesagt, daß er zu fürchten sei!«

»Rufe ihn her! Vielleicht kommt er und dann machen wir ihn im Stillen kalt.«

»Komm einmal her!« sagte Omram.

»Warum?«

»Wir möchten mit Dir sprechen.«

»So kommt Ihr her zu mir! Wer seid Ihr?«

»Wir sind ein Ferkah des Stammes Beni Sallah.«

»Was wollt Ihr hier?«

»Unsere Brüder besuchen.«

»So seid Ihr auf dem richtigen Wege. Aber wie kommt es, daß Ihr sechshundert Mann stark auf Besuch kommt?«

»Wir wollen eine große Phantasie aufführen.«

»So kommt! Seid Ihr aber keine Beni Sallah, so nehmt Euch in Acht.«

»Warum?«

»Ihr würdet nicht weit kommen.«

»Warum sprichst Du so aus der Ferne zu uns! Hast Du keine Beine oder keinen Muth?«

»Ich habe Beides, Dir aber fehlt der Muth, sonst würdest Du nicht stehen bleiben. Und noch ein Anderes fehlt Dir, nämlich die Vorsicht. Warum hast Du vorgestern Abend Dein Messer verloren?«

»Mein Messer?«

»Ja, als Du mit Falehd, dem Riesen, sprachst!«

»Ich weiß nichts davon.«

»Lüge nicht! Omram, der Beni Suef sollte sich schämen, eine Unwahrheit zu sagen.«

»Allah l'Allah! Hältst Du mich für Omram?«

»Ja.«

»So ist Dein Verstand alle geworden.«

»Er ist noch vollständig vorhanden. Der Andere, welcher neben Dir steht, ist der Scheik der Beni Suef.«

»In die Hölle mit ihm! Er kennt uns!« sagte Omram zum Scheik. Und lauter fuhr er fort: »Deine Augen täuschen sich.«

»Sollten sie sich jetzt täuschen, da es hell wird, und gestern habe ich Euch gesehen, da es dunkel war!«

»Wo?«

»Im Ferß el Hadschar, als Ihr Beide nach den Töchtern des Windes gingt und den Plan des Ueberfalles bespracht.«

»Hörst Du es, Scheik! Er weiß Alles!« knirschte Omram. »Er ist als Spion da gewesen und hat uns belauscht. Ich hatte Recht, als ich meinte, daß er zu fürchten sei. Nun sind die Feinde gerüstet. Was thun wir?«

»Wir greifen dennoch an. Hier in dieser Oase wohnen nicht viel mehr als zweihundert Beni Sallah und wir sind sechshundert!«

»Kehrt um!« rief Steinbach ihnen zu. »Ihr seid gekommen, uns heimtückisch zu überfallen wie die feigen Meuchelmörder; ich aber will ehrlich sein und Euch warnen.«

»Umkehren? Hund, Du sollst der Erste sein, den meine Kugel trifft! Vorwärts, Ihr tapferen Krieger!«

Er sprang voran, die Anderen folgten.

»Zurück!« rief Steinbach gebieterisch.

Sie gehorchten natürlich diesem Rufe nicht. Da hielt er den Arm empor, sofort erhoben sich die sämmtlichen Beni Sallah hinter den Dünen. Eine Salve donnerte den Angreifern entgegen. Der ganze Haufe blieb halten, ob vor Schreck oder von den Kugeln festgenagelt, das war im ersten Augenblicke gar nicht zu erkennen. Dann aber stießen sie ein lautes Wuthgeheul aus. Wer nicht todt oder verwundet war, stürmte vorwärts – aber doch nur, um einige Augenblicke später wieder eine Salve zu empfangen.

Es war ganz so, als ob ein gut formirtes Quarrée einen Reiterangriff mit kaltem Gleichmuthe zurückweist. Die Beni Suef stürzten durch-, über- und untereinander wie getroffene Pferde. Der Scheik war gefallen, Omram lebte; er war verwundet, brüllte vor Grimm und Rachbegier wie ein Thier, feuerte seine Leute an, ihm zu folgen, und rannte abermals vorwärts – dem Tode in die Arme.

Die Beni Sallah hatten bereits wieder geladen. Keiner verließ seinen Platz. Die dritte Salve that ihre Schuldigkeit. Eine Minute lang stockte der Vorstoß der Angreifer, dann lösten sie sich auf und suchten ihr Heil in der Flucht.

»Normann!« rief Steinbach mit seiner stärksten Stimme.

»Bin schon da!«

Diese Antwort hatte Steinbach von rückwärts her erwartet, sie kam aber bereits aus größter Nähe. Normann hatte Pferde für seine hundert Mann Reserve bereit gehalten. Als er die Salven hinter einander krachen hörte, war er überzeugt, daß sich der Feind nicht halten könne. Er ließ rasch aufsitzen und vorgehen. Die Beni Suef hatten sich kaum zur Flucht gewandt, so waren die Reiter auch schon hinter ihnen. Und da kam auch noch ein zweiter Haufe angebraust, nämlich der alte Scheik der Beni Abbas mit den Seinigen.

Er hatte freilich die Aufgabe erhalten, das Lager zu beschirmen, aber als die Schüsse ertönten und dann Steinbach den Namen Normann's rief, da kam die Kampfeslust über den Alten und über seine Leute. Sie sprangen auf die nächsten, besten Pferde und stürmten der Schaar Normann's nach.

»Alle drauf!« rief da Steinbach. »Laßt sie nicht zum Stehen und zu ihren Thieren kommen!«

Da gab es kein Halten mehr. Was nur Beine hatte, rannte den Fliehenden nach, und wer nur einen Mund hatte, der brüllte, rief, schrie und fluchte aus Leibeskräften.

Auch Hilal hatte sich in Bewegung gesetzt, aber bereits nach wenigen Schritten blieb er stehen, wie festgebannt. Es war ihm ganz so vorgekommen, als ob ein scharfer, spitzer, hoher Laut den Lärm des Kampfes durchdrungen habe. Er lauschte einen Augenblick. Ja, wirklich, der erwähnte Laut erscholl zum zweiten Male.

»O Allah! Die Königin ruft! Sie befindet sich jedenfalls in Gefahr! Kommt! Folgt mir!«

Er ahmte den Ruf so laut nach, daß er in dem Lager gehört werden konnte, und rannte auf dasselbe zu. Die letzteren Befehle, mit ihm zu kommen, ihm zu folgen, hatte er ausgerufen in seiner Angst, ohne aber gehört zu werden. Es stand kein Mensch mehr in seiner Nähe, es waren ja Alle fort, hinter dem Feinde her. Er vernahm den Ruf wieder und antwortete. Er lief nicht sondern er flog förmlich. Im Lager angekommen, traf er auf keine einzige Person. Selbst die Alten und Kranken, selbst die Kinder waren hinaus, der Gegend zu, in welcher der Sieg errungen worden war. Jetzt hörte er die Stimme der Königin wie aus den Wolken herab:

»Tarik! Tarik! Hilfe, Hilfe!«

»Ich bin es, Hilal!«

»Hilfe! Der Riese ist oben!«

Wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil schoß er auf die Ruine zu und zur Treppe empor. Hoch oben, da, wo Steinbach gestanden hatte, als die Leuchtkugeln glühten, waren weiße Frauengewänder zu sehen. Und von da oben herab erschallten jetzt die lauten Flüche des Riesen.

Wie war er da hinaufgekommen? Er kannte ja die heimliche Treppe gar nicht.

»Halt aus! Ich komme, ich komme!« rief Hilal.

Er flog in das Innere, durch Badija's Gemächer, weiter hinter, die Treppe hinauf. Als sein Kopf oben auftauchte, stand der Riese, ein Frauenzimmer in den hoch erhobenen Armen, auf der Zinne. Drei andere Frauen hielten kreischend seinen Leib und seine Füße gepackt; eine von ihnen aber ließ los und fiel nieder. Sie war ohnmächtig geworden.

»So fahre da hinab, wenn Du nicht mit mir willst!« rief Falehd und schleuderte die Gestalt über den Rand der Zinne hinab. Es war so hoch, daß sie zerschellen mußte.

Zwei Schreie erschollen, herzzerreißend.

»O Allah, Allah! Sie ist verloren!«

Vom stürmischen Lauf hatte Hilal keinen Athem mehr. Er wollte sprechen und fragen, vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Der schreckliche Mord, dessen Zeuge er gewesen war, lähmte ihm die Glieder. Er stand noch immer auf der Treppe, so daß nur sein Kopf über dieselbe hervorragte.

Da packte der Riese die zweite der Frauen, um auch sie emporzuheben.

»Komm!« brüllte er. »Ihr Katzen müßt alle da hinab, alle!«

Sie hielt sich fest an seinen Leib geklammert, aber was waren ihre Kräfte gegen die seinigen! Das gab Hilal die Bewegung und die Sprache.

»Wen hat er hinabgeworfen?« rief er.

»Hiluja. O Allah, o Himmel!« antwortete Diejenige, welche den Wüthenden noch bei den Knieen gepackt hielt. Es war die Königin. »Hilal, hilf, hilf!«

Da erscholl ein fürchterlicher, donnernder, brüllender Laut aus Hilal's Munden

»Hiluja zerschmettert! Falehd, ich zermalme Dich!« –

Der Riese war, wie bereits erwähnt, mit dem Pferde des Scheiks davon geritten und hatte dann in sicherer Entfernung, nachdem er abgestiegen war, das Resultat des Ueberfalles abwarten wollen. Er war ganz Auge und Ohr. Die Morgenhelle trieb das Dunkel immer weiter zurück. Noch einige Augenblicke und er mußte die Ueberfallenden sehen.

Ja, jetzt sah er sie, in einem Trupp sich vorwärts bewegend. Dann, hielten sie plötzlich still. Er sah eine männliche Gestalt bei den Dünen und hörte die Stimmen der Sprechenden, ohne aber die Gesichter und die Worte unterscheiden zu können.

»Was ist das?« fragte er sich. »Fast sieht es aus, als ob es dieser verdammte Masr-Effendi sei. Ist er es, so sind die Beni Sallah gewarnt und es giebt einen harten Kampf!«

Da sah er die Angreifer vorwärts stürmen, sah und hörte aber auch zugleich die Schüsse, welche ihnen entgegenfielen. Er konnte sich nicht erklären, wie die Sallah hatten erfahren können, was ihnen drohe, noch unbegreiflicher aber war es ihm, daß sie mit solcher Ruhe und Sicherheit drei Salven abgaben und daß dann die Suef flohen, aber er lachte:

»Recht so, recht so! Das ist die Strafe für den Verrath! Jetzt kommen Reiter! Noch welche! Alles eilt zur Verfolgung! Allah l'Allah! Das paßt mir! Das Lager ist leer. Jetzt hole ich mir die Königin oder Hiluja! Das, soll der erste Anfang meiner Rache sein!«

Er stieg auf und sprengte im Galopp nach dem Lager. Er erreichte es ungehindert. Vorn auf der Brüstung der Ruine standen die Königin, Hiluja und Zykyma. Die Erstere sah den Riesen kommen, sie durchschaute sofort die Situation und rief:

»Falehd, Falehd! Er will sich rächen! Flieht!«

Sie schob die Anderen vor sich her, zum Eingang hinein und wollte ihnen schnell folgen. Der Riese war aber noch schneller. Zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, kam er zur Treppe heraufgesprungen. Das Pferd anzubinden, hatte er sich gar keine Zeit genommen. Er streckte die Arme aus und rief:

»Halt, Königin! Jetzt bist Du mein!«

Fast hätte er sie gehabt, aber sie bückte sich und schlüpfte unter seinen Händen in das Innere der Ruine. Er folgte ihr augenblicklich. Sie erreichte ihr Wohnzimmer, wo die beiden Anderen standen.

»Weiter, weiter!« rief sie ängstlich. »Er kommt. Flieht die Treppe hinauf!«

Die Zwei entkamen, sie selbst aber nicht, denn eben, als sie durch die hintere Thür wollte, wurde sie von Falehd ergriffen.

»Warte doch, mein Auge, mein Stern!« lachte er höhnisch auf. »Dein Bräutigam ist fort! Nun werde ich mit Dir Hochzeit halten!«

Er zog sie an sich. Sie hielt still. Wie eine himmlische Eingebung war es über sie gekommen, daß sie hier klug handeln müsse, wenn sie nicht seiner thierischen Gewalt verfallen wolle. Gelang es ihr, ihn fest zu halten, bis Hilfe herbei kam, so war sie gerettet und ihn ereilte die Strafe. Darum duldete sie seine Umarmung ruhig.

»Ergiebst Du Dich? Schön! Das ist klug. Komm also und gieb mir einen Kuß!«

Sie erhob wirklich das Gesicht, als ob sie sich küssen lassen wolle. Er bog den Kopf tief zu ihr herab. Dadurch lockerten sich seine Arme. Sie riß sich los, stieß ihm das kleine Fäustchen nach der Gurgel und sprang nach der Zimmerecke. Mit einem jubelnden Schrei bückte sie sich dort auf den Teppich nieder und hob blitzschnell – den kleinen Revolver auf, welcher ihr bereits einmal als Verteidigungswaffe gegen den Riesen gedient hatte. Sie streckte ihn dem Angreifer entgegen.

Der Riese wollte eben schnell nach ihr fassen, fuhr aber beim Anblicke der Waffe zurück.

»Hündin! Willst Du beißen?« rief er.

»Ja, ich beiße! Fort mit Dir!«

Es war ihr ganzer, gewöhnlicher Muth wieder über sie gekommen. Sie trat sogar einen Schritt auf ihn zu. Er grinste ihr verächtlich entgegen, verschränkte die Arme über die Brust und sagte:

»Mit diesem Dinge willst Du mich tödten?«

»Ja, wenn Du nicht augenblicklich gehst.«

»Du bist verrückt! Dieses winzige Ding und der Riese Falehd!«

»Eine einzige Kugel tödtet Dich!«

»Meinetwegen! Aber wenn Du mich wirklich triffst, so habe ich, ehe ich umfalle, noch Zeit, Dich zwischen meinen Fäusten zu zermalmen. Sage mir, wie Ihr von dem Ueberfall erfahren habt?«

»Masr-Effendi hat es entdeckt und ist in voriger Nacht im Ferß el Hadschar gewesen, um Euch zu belauschen.«

»Dieser Hund! Aber wie seid Ihr plötzlich zu so vielen Kriegern gekommen?«

Sie bemerkte in ihrer Unbefangenheit gar nicht, daß er mit diesen Fragen nur den Zweck hatte, ihre Aufmerksamkeit einzuschläfern. Er wollte sie entwaffnen, wollte den Revolver haben.

»Wir haben zwei Ferkah rufen lassen.«

»Wie klug! Dieser Masr-Effendi ist ein kluger Mann. Aber bin ich etwa dümmer? Nein! Schau!«

Sie stieß einen Schreckensruf aus. Er hatte ihr mit einem raschen Griffe den Revolver aus der Hand gerissen und sie zugleich mit der anderen Hand wieder ergriffen. Sie wand sich unter seinem Drucke, vermochte aber nicht loszukommen.

»Laß mich!« stöhnte sie.

»Ich Dich lassen? O nein!«

»Was willst Du von mir! Du hassest mich ja!«

»Ja, ich hasse Dich! Ich liebe Dich nicht etwa. Aber gerade aus Haß will ich Dich küssen, aus Rache will ich Dich besitzen!«

»Scheusal!«

»So ist's recht! Desto entsetzlicher muß Dir ein Kuß von mir sein. Komm her, meine Huri, mein Engel, mein Diamant!«

Sie wehrte sich aus Leibeskräften. Man glaubt nicht, wie stark ein tugendhaftes Weib in der Stunde solcher Gefahr sein kann. Selbst der Riese hatte zu thun, ihr Köpfchen zwischen seinen beiden Tatzen festzuhalten. Dann aber konnte sie nicht mehr widerstehen. Es gab nur noch ein Mittel. Schon berührten seine Lippen beinahe ihren Mund, da spuckte sie ihm in das Gesicht. Es half, wenigstens für den Augenblick. Er fuhr zurück.

»Spinne! Speist Du Gift!« lachte er. »Thue es immerhin. Deine eigene Zunge soll es mir ablecken.«

Er zog sie mit aller Kraft an sich, um ihren Mund an die getroffene Stelle seines Gesichtes zu bringen. Es war schrecklich für Badija. Aber im fürchterlichsten Augenblick kam Hilfe.

»Zurück, Falehd!« rief eine weibliche Stimme vom Eingange her.

Er sah zurück und erkannte die alte Araberin, die Bedientin Hiluja's, welche mit ihr durch Steinbach gerettet worden war.

»Was willst Du, Alte? Packe Dich zum Teufel!«

»Da bin ich bereits. Der Teufel bist Du!«

»Und Du bist seine oberste Tante und Urgroßmutter! Willst Du etwa auch geküßt sein? Ich habe keinen Appetit, Dich um Deine jungfräuliche Ehre zu bringen. Verschwinde!«

»Laß die Herrin los!«

Sie sah ihn furchtlos und mit funkelnden Augen in das Gesicht. Das gab ihm Spaß. Er antwortete:

»Willst Du mir das etwa gebieten?«

»Ja. Und Du wirst gehorchen.«

»Du bist von Sinnen, altes Laster!«

»Ich werde es Dir beweisen. Laß los!«

Er wollte eben ein schallendes Gelächter ausstoßen, ließ aber anstatt dessen einen Schmerzensschrei hören. Sie hatte sich nämlich eine lange, spitze Nadel aus dem Haar gezogen und sie ihm in den nackten Arm gestochen.

»Schlange,« brüllte er. »Ich werde Dir den Giftzahn nehmen!«

Er griff mit beiden Armen nach ihr, hatte aber in seiner Wuth gar nicht bedacht, daß er dadurch die Königin freigebe.

»Flieh!« rief die Alte ihr zu.

Badija folgte dieser Aufforderung augenblicklich. Sie verschwand in dem dunklen Gange, welcher nach der geheimen Treppe führte.

»Alte Hexe! Das werde ich Dir bezahlen!« drohte der Riese und drehte sich um, der Königin zu folgen.

»Bezahle es doch gleich!« höhnte die Alte tapfer, in der Absicht, ihn länger aufzuhalten und so der Königin Zeit zur Flucht zu geben.

»Auf dem Rückwege,« antwortete er, indem er schnell in dem Gange verschwand.

Ebenso schnell aber folgte auch sie ihm. Das war Alles so rasch gegangen, daß er da vor sich noch ganz deutlich die enteilenden Schritte der Königin hörte. Er tastete sich ihr so schnell wie möglich nach und gelangte in Folge dessen an die Treppe, welche empor zur Zinne führte.

Er hörte die Königin nur einige Stufen über sich, sehen konnte er nichts, da es hier im Innern des Gemäuers dunkel war; Fenster oder ähnliche Oeffnungen gab es ja nicht. Er beeilte sich, die Fliehende noch auf der Treppe zu erreichen, aber da sie die Stufen kannte, ihm hingegen die Oertlichkeit unbekannt war, so gelang es ihr, vor ihm die kleine Plattform zu erreichen. Eben, als er mit dem Kopfe auf derselben emportauchte, wurde sie von Hiluja's Armen wie zum Schutze umfangen.

Er that einen Sprung, die letzten, obersten Stufen hinauf. Die beiden Schwestern hielten sich umschlungen und sahen sich angstvoll nach Hilfe um. Draußen tobte der Kampf. War von dorther Hilfe zu erwarten? Fast unmöglich. Und im Lager gab es ja keinen Menschen, welcher, selbst wenn es ihm möglich gewesen wäre, mit der nöthigen Schnelligkeit herbei zu kommen, es gewagt hätte, zum Schutze der Bedrängten mit dem Riesen anzubinden.

»Hab' ich Dich?« rief dieser frohlockend. Und einen Blick umherwerfend, fügte er hinzu: »Ah, von hier kannst Du nicht weiter fliehen. Komm her!«

Er sprang auf Zykyma zu, welche nahe an der Treppe stand und die er in seiner Eile für die Königin hielt. Das schöne Mädchen stieß einen lauten Schreckensruf aus, als er es mit seinen Armen umfing.

»O Gott, wer wird helfen!« sagte Hiluja voller Angst zu ihrer Schwester.

Dieser kam ein Gedanke, von welchem sie vielleicht Rettung erwarten konnte. Sie antwortete:

»Hilal wird uns erretten, wenn er uns überhaupt zu hören vermag.«

Sie hielt beide Hände an den Mund und stieß einen schrillen, weithin tönenden Schrei aus. Wenn sie mit dem tapferen Sohne des Blitzes einen Ritt weit hinein in die Verlassenheit der Wüste gemacht und sich da zum Scherze und um die Einsamkeit besser auskosten zu können, von ihm getrennt hatte, dann war dieser Schrei stets das Zeichen gewesen, daß er sich wieder zu ihr finden solle.

Jetzt kam es darauf an, daß er ihn mitten im Gewirr und Getöse des Kampfes hörte. Und selbst wenn dies der Fall war, so fragte es sich doch immer, ob er den Ruf auch als Zeichen nahm, daß sie sich in Gefahr befand.

Der Riese erkannte seinen Irrthum. Er bemerkte, daß er eine Andere ergriffen hatte. Er ließ Zykyma fahren und wendete sich zu den Schwestern.

»Ah, hier bist Du! Jetzt gehst Du mit!«

Er machte eine Bewegung auf die Königin zu, blieb aber unter dem Einflusse eines plötzlichen und neuen Gedankens stehen. Er sah die beiden Schwestern vor sich, vom Morgenstrahle beleuchtet, Badija in der Pracht ihrer vollständig entwickelten Schönheit, Hiluja aber als eben aufgebrochene, viel verheißende Knospe in herrlicher Jugendfrische und Mädchenhaftigkeit.

»Bei Allah, die Jüngere ist besser!« sagte er. »Ich werde Hiluja mit mir nehmen!«

Er riß die beiden Schwestern auseinander, so daß die Königin gegen die steinerne Brüstung der Zinne flog, und ergriff Hiluja mit starken, rücksichtslosen Fäusten. Er wollte sie nach der Treppe ziehen, fühlte sich aber in diesem Augenblicke von hinten ergriffen.

Die alte Dienerin war ihm nachgeeilt. Sie sah, aus der Treppenöffnung emportauchend, ihre geliebte, junge Herrin in Gefahr und schoß vollends herbei, sich von hinten mit aller Kraft an Falehd klammernd.

»Halt, Ungeheuer!« schrie sie. »Erst muß ich todt sein, eher bekommst Du sie nicht!«

In demselben Augenblicke stieß die Königin den Schrei zum zweiten Male aus. Der Riese bemerkte es und rief hohnlachend:

»Rufst Du um Hilfe? Blicke Dich doch um! Es giebt keinen Menschen, welcher jetzt an Dich denkt und welcher Dich jetzt hören kann.«

Zugleich versuchte er, die Alte von sich abzuschütteln; aber dies gelang ihm nicht, da sie sich zu fest anhielt. Er hielt mit der Linken Hiluja und griff mit der Rechten nach hinten, um die Dienerin von sich zu reißen, aber es war ihm auch dies unmöglich. Da rief er lachend:

»Nun, wenn Du nicht anders willst, so zerdrücke ich Dich wie eine faule Dattel!«

Er that einen raschen Schritt nach der steinernen Brüstung und stellte sich von hinten in der Weise gegen dieselbe, daß die Dienerin sich zwischen ihm und den starken Quadern befand. Die Füße fest einstemmend, lehnte er sich an und drückte die Alte mit solcher Gewalt gegen die Brüstung, daß ihr der Athem auszugehen begann. Sie konnte nur einen angstvollen, pfeifenden Hilferuf ausstoßen. In einigen Augenblicken mußte sie todt sein, erstickt unter der gewaltigen Anstrengung des Riesen.

Die Königin stieß abermals ihren Hilferuf aus und kam dann der Alten zu Hilfe. Zykyma und Hiluja thaten dasselbe, obgleich die Letztere noch immer von der einen Faust des Riesen festgehalten wurde. Die drei muthigen Mädchen klammerten sich an ihn, und ihren verzweifelten Anstrengungen gelang es wirklich, der Dienerin Luft zu verschaffen.

»Verdammte Geschöpfe!« rief der Riese. »Ich werde Euch von mir abschütteln, wie der Löwe die Fliegen!«

Er ließ Hiluja fahren, um beide Arme frei zu bekommen. In diesem Augenblicke flohen die drei Mädchen von ihm nach der entgegengesetzten Seite. Er sprang ihnen nach. Halb mit Ueberlegung und halb aus Instinct griff die Königin nieder, wo der Wind den feinen, von der Wüste auf- und hierhergewirbelten Sandstaub in der Ecke angehäuft hatte, nahm beide Hände voll dieses mehlartigen Staubes und warf ihn dem Riesen in das Gesicht. Er drang ihm in das eine, noch gesunde Auge, so daß der Angreifer wenigstens für einige Augenblicke nichts zu sehen vermochte.

»Flieht! Hinab!« rief Badija, indem sie nach der Treppe eilte.

Aber schon stand auch Falehd dort, mit seiner breiten, mächtigen Gestalt den Fluchtweg schließend.

»Oho!« rief er. »So entkommt Ihr mir nicht!«

Mit der einen Hand sich das Auge reibend, streckte er die andere abwehrend vor sich, um ihnen die Flucht unmöglich zu machen. Da fiel der Blick der Königin hinaus auf die Ebene. Sie sah eine männliche Gestalt mit der Schnelligkeit einer Gazelle durch den Sand fliegen.

»Allah sei gepriesen!« rief sie. »Dort kommt Hilfe! Hilal ist's. Er nahet!«

»Ich zermalme ihn!« knirrschte der Riese. »Und Euch mit, Ihr verdammten Katzen!«

Er vermochte wieder, ziemlich leidlich zu sehen, und machte eine Bewegung, Hiluja wieder zu ergreifen. Aber die Alte hatte sich Badija's Mittel gemerkt. Sie raffte zwei Hände voll Sand auf und warf sie ihm in das Gesicht.

»In die Hölle mit Euch!« brüllte er. »Wollt Ihr den Löwen des Stammes mit Sand füttern? Fahrt zur Verdammniß!«

Er konnte nur eine Hand gebrauchen, da er sich mit der anderen das Auge zu wischen hatte. Die Königin rief laut um Hilfe. Hiluja und Zykyma thaten desgleichen. Die Alte aber glaubte nichts Besseres thun zu können, als Falehd zu blenden. Sie kauerte in der Ecke und warf eine Hand voll Sand nach der anderen in sein Gesicht. Dabei freilich achtete sie gar nicht darauf, daß sie nicht blos ihn, sondern auch die Anderen traf, welche mit ihm rangen.

Da, jetzt gelang es ihm, für einen Moment aus dem Auge zu sehen. Er erblickte die Drei, ergriff Hiluja mit beiden Fäusten, hob sie hoch empor und rief mit lauter, dröhnender Stimme:

»Hinab mit Dir, wenn ich Dich einmal nicht mit mir nehmen kann!«

Er wollte sie von der Zinne hinabwerfen. Doch in diesem gefährlichen Augenblicke sprang die Alte herbei, ergriff ihn mit beiden Händen bei dem einen Arme, zog sich an demselben empor, wie ein Turner sich an dem Reck emporzieht, und biß ihn mit aller Anstrengung in den Arm, so daß er denselben sinken ließ.

»Verfluchte Viper!« brüllte er. »Wer war das?«

Aber schon hing das alte, muthige Weib an seinem anderen Arme. Ein zweiter, kräftiger Biß, und er ließ auch ihn sinken. Seine Fäuste öffneten sich für einen Augenblick, und sofort entschlüpfte ihm Hiluja. Er griff blitzschnell wieder zu, erwischte aber an Stelle der Entwichenen die Alte.

»Wolltest Du mir entkommen?« lachte er. »Das ist Dir nicht geglückt. Hinunter mit Dir!«

Und mit einem gewaltigen, kraftvollen Schwunge warf er sie über die Brüstung hinab. Die anderen Drei schrieen laut auf vor Entsetzen. Das war Alles so schnell gegangen, daß Badija und Zykyma wirklich glaubten, er habe Hiluja hinabgeworfen. Sie hatten auch Sand in die Augen bekommen, mit welchem die Alte so verschwenderisch und unvorsichtig umgegangen war. Und da die vor Angst zitternde Hiluja sich in die Ecke zusammengekauert hatte, konnte sie nicht von Hilal gesehen werden, welcher jetzt zur Treppe emporgeeilt kam.

Was er jetzt fragte und zur Antwort erhielt, ist bereits erwähnt worden. Er glaubte auch, daß seine Geliebte hinabgeschleudert worden sei. Eine fürchterliche Wuth bemächtigte sich seiner.

»War's wirklich Hiluja?« wiederholte er.

»Ja,« antworteten die Königin und Zykyma.

Das »Nein«, welches Hiluja rief, wurde nicht gehört.

»So zermalme ich Dich, Riese!«

»Komm' her!« antwortete dieser, sich noch immer mit einer Hand im Auge reibend.

Er wußte sich in Gefahr; aber er überschätzte diese. Er glaubte, daß Hilal mit einer Schußwaffe versehen sei, während er selbst nichts dergleichen besaß. Aber der Sohn des Blitzes hatte Alles von sich geworfen, um nicht im Laufe gehindert zu sein. Nur das Messer steckte in dem Kameelstricke, welcher ihm als Gürtel diente. Er riß es heraus.

»Hier bin ich schon,« antwortete er.

Er that einen Sprung, um dem Feinde die Klinge in das Herz zu stoßen, da dieser aber in demselben Augenblicke den Arm sinken ließ, traf ihn der Stoß nur in diesen, nicht aber in die Brust.

»Mücke, Du stichst?« lachte Falehd. »Du kannst nicht schießen. Da bist Du verloren!«

Beide Arme ausstreckend, wollte er Hilal ergreifen. Dieser aber nahm das Messer zwischen die Zähne, bückte sich unter den Armen des Riesen weg, und ergriff ihn rechts und links an den Stellen, wo die Oberschenkel in die Hüfte übergehen.

Was ein Jeder für unmöglich gehalten hätte, das geschah. Die Wuth darüber, daß die Geliebte ermordet worden sei, verzehnfachten die Kräfte des Jünglings. Er hob den Riesen empor, als ob dieser ein kleiner Knabe sei, und trat mit ihm zur Seite an die Brüstung. Falehd wehrte sich gar nicht. Er war über die Kräfte, welche sich jetzt an ihm bethätigten, geradezu so verblüfft, daß er vergaß, eine Bewegung zu seiner Rettung zu machen.

»Hinab nun auch mit Dir, ihr nach!« rief Hilal.

»Noch nicht! Erst kommst Du!«

So antwortete Falehd. Er wollte Hilal fassen; aber schon war es zu spät; er griff nur in die Luft. Hilal schwang seine schwere Last, als ob er einen federleichten Gegenstand gepackt habe, und schleuderte den Riesen in einem weiten Bogen über die Brüstung hinaus und von der Höhe der Zinne hinab.

Ein fürchterlicher Schrei aus dem Munde Falehds erscholl weit in die Ebene hinaus; dann bekundete ein dumpfer, eigenthümlicher Schall, daß sein Körper unten aufgetroffen sei und von Quader zu Quader bis in die Tiefe stürzte.

Jetzt erst drehte Hilal sich um. Er wollte nach den anwesenden Frauen sehen. Vor ihm stand nur eine Einzige: Hiluja.

»Allah, Allah!« rief er aus.

»Hilal!« frohlockte sie, vor lauter Entzücken die kleinen Händchen zusammenschlagend.

»Du, Du!«

Seine Augen waren weit offen, als ob er ein Gespenst vor sich stehen sehe. –

»Ja, ich.«

»O, Allbarmherziger! So ist es Dein Geist?«

»Mein Geist? O nein! Ich bin es selbst!«

»Nein, nein; es ist Dein Geist. Allah hat Dir erlaubt, zu mir zu kommen, damit ich Dich noch einmal sehe, ehe Du die Pforte des Paradieses betrittst.«

»Hier! Fühle mich an, und sage mir dann, ob ich ein Geist sein kann.«

Sie streckte ihm die Hände entgegen.

»Aber Du bist ja todt?«

»Todt? Ich? Siehst Du nicht, daß ich lebend bin.«

»Ich möchte es sagen; aber der Riese hat Dich doch hier hinabgeworfen?«

»Mich nicht. Er hatte an meiner Stelle meine Dienerin ergriffen.«

Da kehrte das Blut in die Wangen Hilals zurück. Ein Strahl wonnevoller Freude ging über sein Gesicht, und doch frug er, noch immer zweifelnd:

»Ist das wahr, wirklich wahr?«

»Ja. Hier, fühle es!«

Sie schlang die Arme um ihn und küßte ihn mit ihren vollen, lebenswarmen Lippen auf den Mund. Jetzt konnte er nicht länger zweifeln. Er drückte die Geliebte, fest, fest an sich und rief, indem ihm die hellen Freudenthränen über die Wangen liefen:

»Also Du lebst. Du lebst wirklich! Allah sei gepriesen, jetzt und in alle Ewigkeit! Er hat Großes an uns gethan, deß' werde ich ihn loben und preisen bis zum letzten Augenblicke meines Lebens!«

»Ja, er sei gelobt und gepriesen in alle Ewigkeit! Aber auch Dein Ruhm soll erschallen, so weit die Zunge reicht. Du hast Falehd besiegt. Du hast ihn hier hinabgeschleudert, wie der Elephant einen Hund weit durch die Lüfte wirft!«

Ihre Augen waren voll Liebe und Bewunderung auf ihn gerichtet.

»Ich weiß selbst nicht, wie mir dies gelungen ist,« sagte er in bescheidenem Tone.

»Du bist stärker als der Löwe. Wer hätte das geglaubt und gedacht!«

»Es war der Grimm, welcher mir diese Kräfte gab. Ich brächte es zum zweiten Male nicht wieder fertig. Aber man sagte mir doch, daß er Dich wirklich hinabgeworfen habe?«

»Badija und Zykyma haben das wirklich gedacht. Mich aber hörtest Du nicht.«

»Wo sind denn diese Beiden?«

Er blickte sich um, sah sie aber nicht.

»Sie sind fort, entflohen. Als Du den Riesen ergriffst, war der Weg zur Treppe frei, und da sind sie augenblicklich fortgeeilt. Ich aber mußte bleiben!«

»Du mußtest? Warum mußtest Du?«

»Du rangest mit Falehd; Du befandest Dich in Gefahr. Ich konnte nicht fort; ich konnte meine Glieder nicht bewegen.«

»Aus Angst?«

»Ja, aus Angst um Dich.«

»So sehr liebst Du mich?«

»Ja, so sehr, mein lieber, lieber Hilal.«

Sie drückte ihr kleines, schönes Köpfchen in überquellender Innigkeit an seine Brust und blickte mit Augen zu ihm auf, aus denen eine ganze Welt von Liebe strahlte.

»Meine Hiluja! Mein Engel, mein Leben! O, wie so sehr habe ich Dich lieb, wie so sehr!«

»Ich mag und kann ohne Dich nicht leben!«

»Und ich nicht ohne Dich. Warum ist Dein Vater doch so zornig über unsere Liebe?«

Sie wurden gestört. Hinter ihnen, von der Treppe her, ertönten die Worte:

»Er ist nicht zornig darüber. Ihr irrt Euch.«

Sie fuhren erschrocken herum und sahen den Scheik der Beni Abbas, Hiluja's Vater vor sich stehen.

Er hatte, wie bereits erwähnt, mit seinen Leuten das Lager zu bewachen gehabt, war aber dann von seiner Kampfeslust hingerissen worden, an der Verfolgung des Feindes teilzunehmen. Sein Pferd strauchelte über eine der Leichen und stürzte. Er wurde aus dem Sattel geworfen, während seine Leute im Galopp weiter sprengten. Er erhob sich und befühlte seine Glieder, ob er nicht vielleicht irgendwo Schaden gelitten habe. Da hörte er sich rufen, von der Seite her, in welcher sich das Lager befand. Als er sich umdrehte, erblickte er einen Greis, welcher als einer der Schwächsten hatte zurückbleiben, müssen, aber dann, als der Sieg entschieden war, auch aus dem Lager geeilt war, um nach dem Kampfplatze sich zu begeben. Er kam in möglichster Schnelligkeit herbei, winkte sehr dringlich und rief:

»Komm, komm, o Scheik! Komm in's Lager!«

»Warum?«

»Es muß sich dort ein Unglück begeben haben.«

»Ein Unglück? Unmöglich! Es kann doch keiner der Feinde in das Lager gedrungen sein?«

»Vielleicht doch! Ihr waret die Wächter und habt Euren Posten verlassen. Da können die Beni Suef von der unbewachten Seite herbeigekommen sein. Ich hörte den Hilferuf der Königin erschallen, und dann stürmte Hilal an mir vorüber, dem Lager entgegen. Er würde das nicht gethan haben, wenn er nicht geglaubt hätte, daß sich Badija in Gefahr befindet.«

»O Allah! Sollte das wahr sein?«

»Sicherlich! Der Sohn des Blitzes ist nicht gewöhnt, den Kampfplatz zu verlassen und dem Feinde den Rücken zu zeigen. Er hat dies sicher nur gethan, weil es dringend nöthig gewesen ist.«

»So muß ich eilen. Schnell, schnell!«

Sein Pferd war wieder aufgestanden. Er sprang in den Sattel und ritt in gestrecktem Galopp dem Lager entgegen. Es war, als ob der Bauch des Thieres die Erde berühre. Je näher er kam, desto größer wurde seine Sorge. Jetzt erblickte er die Ruine. Sie wurde größer und immer größer. Er konnte jede Einzelheit unterscheiden. Da sah er die hohe, breite Gestalt des Riesen oben auf der Zinne stehen, in den beiden, hoch erhobenen Fäusten eine weibliche Gestalt haltend, augenscheinlich im Begriffe, sie herabzuschleudern.

»Hölle und Teufel!« schrie der Scheik auf. »Dieser Hund ist zurückgekehrt und tödtet meine Tochter. Er soll in die tiefste Verdammniß fahren!«

Er gab dem Pferde die Sporen, daß das Thier laut aufstöhnte; in der nächsten Minute hatte er die Ruine erreicht. Fast noch im Galopp warf er sich aus dem Sattel und rannte die Stufen hinauf, in das Innere des Gemäuers hinein, nach den Gemächern der Königin, seiner Tochter.

*

29

Dort brannte die Lampe. Bei dem Scheine derselben sah er, als er von der einen Seite hereintrat, von der anderen Badija und Zykyma hereinkommen. Beide trugen alle Zeichen einer gewaltigen Aufregung an sich.

»Badija!« rief er, stehenbleibend.

»Mein Vater!« antwortete sie, mit einem weiteren Ausrufe der Erleichterung sich an seine Brust werfend.

»Du lebst?«

»Ja, ich lebe!«

»Ich dachte, er würfe Dich herab!«

»Mich nicht; aber Hiluja hat er hinabgeschleudert.«

»Großer Gott! So ist sie todt?«

»Ja,« antwortete sie, in Thränen ausbrechend.

»Wo ist er? Noch oben?«

»Ja. Hilal kämpft mit Falehd.«

»Hinauf, hinauf! Ich tödte ihn!«

»Bleib', o bleib'!« bat sie, ihn festhaltend. »Er ist so fürchterlich und so stark!«

»Und wenn er die Stärke von zehn Elephanten besäße, so tödte ich ihn trotzdem!«

Er riß sich los.

»Laß' Dich nicht angreifen! Hast Du die Pistolen?«

»Ja.«

»Er hat keine Waffe. Du darfst nur auf ihn schießen, aber um Allahs Willen nicht mit ihm ringen!«

Er zog die Pistolen hervor.

»Ich schieße ihn.«

Er wollte fort.

»Du weißt den Weg und die Treppe nicht!«

»So führe mich!«

Sie ergriff die Lampe, um ihm zu leuchten. Er ging so schnell, daß sie kaum Schritt zu halten vermochte. An der Treppe angekommen, kehrte sie angstvoll um; er aber stieg schnell hinauf. Oben angekommen, blieb er erstaunt stehen. Da stand die todtgeglaubte Tochter, Hiluja, von Hilal umschlungen. Eben sagte der Letztere:

»Meine Hiluja! Mein Engel, mein Leben! O, wie so sehr habe ich Dich lieb, wie so sehr!«

Und sie antwortete im Tone innigster Liebe:

»Ich mag und kann ohne Dich nicht leben!«

»Und ich nicht ohne Dich! Warum ist Dein Vater doch so zornig über unsere Liebe?«

Das übermannte den Scheik. Die Tochter, welche er bereits todt wähnte, am Leben zu sehen, jedenfalls gerettet von Hilals Hand, ließ ihm alles Frühere vergessen. Er sagte laut:

»Er ist nicht zornig darüber. Ihr irrt Euch!«

Da drehten sie sich erschrocken um und sahen ihn.

»Vater, mein Vater!« rief Hiluja.

Sie zog sich aus Hilals Umarmung und warf sich dem alten Scheik an die Brust. Dieser drückte sie zärtlich an sich und fragte:

»So hat Dich der Riese nicht getödtet, nicht hinabgeworfen?«

»Nein. Hilal rettete mich.«

»So hat er nur die Hälfte gethan. Er rettete Dich, und ich werde Dich rächen,« sagte der Vater, der noch immer die Pistolen in den Händen hielt. »Wo ist Falehd?«

»Da unten.«

Sie deutete über die Brüstung hinab.

»Da unten? Hinabgestürzt?«

»Hilal hob ihn empor und schleuderte ihn hinab.«

»Hilal – hob ihn – schleuderte ihn – hinab? – – Das ist nicht möglich!«

»O doch! Er hat es gethan!«

»So ist er der größte und stärkste der Kämpfer, den ich jemals gesehen habe. Aber ich sah doch, daß der Riese ein Weib in den Fäusten –«

»Das war Haluja, meine Dienerin,« fiel Hiluja schnell ein. »O Allah, die habe ich ganz vergessen! Ich Undankbare! Er ergriff sie anstatt meiner. Er warf sie hinab. Sie ist todt! Zerschmettert! Mein Gott! Ich muß hinab, sie zu suchen!«

Sie wollte fort. Der Scheik ergriff sie bei der Hand.

»Nicht so schnell! Du stürzest ja die Treppe hinab. Die Alte war gut und treu. Wir müssen nach ihr sehen. Aber wir brauchen dabei nicht die Hälse zu brechen!«

»Sie war nicht nur gut und treu, sondern auch tapfer. Sie hat wie eine Löwin mit dem Ungeheuer gekämpft!«

»So sei es Allah geklagt, daß sie sterben mußte! Wie gern würde ich ihr dankbar sein!«

Sie stiegen hinab. Unten im Gange stießen sie auf die Königin. Aus Sorge für den Vater war es ihr doch unmöglich gewesen, sich ganz zu entfernen. Auch sie erstaunte auf das Freudigste, als sie ihre Schwester am Leben erblickte. Beide schlossen sich unter Jubelrufen in die Arme. Dann aber begaben sie sich eiligst aus der Ruine hinaus.

Dort unten bot sich ihnen ein entsetzlicher Anblick. Gerade unterhalb der hohen Plattform lag der Riese, vollständig zerschmettert. Er hatte ganz das Aussehen, als ob kein Glied seines mächtigen Körpers ganz geblieben sei. Er athmete nicht mehr; er regte sich nicht. Er war todt. Als der Scheik mit grauendem Blicke die Gestalt dieses Menschen überflog, sagte er zu Hilal:

»Niemals im Leben wirst Du wieder einen solchen Sieg erringen. Der Zweikampf muß entsetzlich gewesen sein.«

»Ich weiß nicht mehr, wie es gekommen und wie es gewesen ist,« antwortete der Jüngling. »Ich glaubte, er habe Hiluja getödtet; ich wollte sie rächen; ich faßte ihn, hob ihn empor und warf ihn herab. Das ist Alles.«

»Und sie lebte doch! Aber er hätte sie noch getödtet, wenn Du nicht gekommen wärest! Du hast ihr das Leben gerettet.«

»Und mir auch,« fügte die Königin hinzu.

»Mir ebenso,« sagte Zykyma. »Er war wie ein wüthendes Thier. Er schäumte wie ein toller Hund. Ich glaube, er hätte uns Alle umgebracht.«

»Er war ein Teufel. Du aber, Hilal, bist als ein Engel von Allah gesandt worden, um sie zu erretten! Wie soll und kann ich Dir danken!«

Er blickte lächelnd auf den Jüngling. Dieser senkte erröthend den Blick und antwortete:

»Ich that nur meine Pflicht.«

»Aber nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern auch aus Liebe. Und darum soll auch die Liebe Dich belohnen. Sage mir, hast Du Hiluja wirklich so herzlich und so innig lieb, wie Du es vorhin da oben sagtest?«

»O, noch viel, viel inniger! Ich kann es ja gar nicht sagen, wie lieb ich sie habe!«

»So beweise es wenigstens, wenn Du es nicht zu sagen vermagst. Weißt Du, wie Du diesen Beweis führen kannst, Hilal?«

»Ich – – ich – – ich wüßte es wohl.«

»Nun, wie denn?«

Hilal blickte verlegen auf den Alten hin und sagte in zaghaftem Tone:

»Wenn sie mein Weib sein dürfte, so wäre dies die einzige Weise, ihr zu zeigen, was sie mir ist.«

»Das ist nicht nöthig. Was sie Dir ist, das kann auch ich sagen, und zwar ganz genau.«

Er blickte sich lächelnd im Kreise um. Aller Blicke hingen gespannt an seinem Munde. Darum fuhr er fort:

»Sie ist nämlich Deine Verlobte.«

»Meine – meine Verl– – –«

Das Wort blieb Hilal vor Entzücken im Munde stecken. Aber Hiluja flog an die Brust des Vaters und rief:

»Ist's wahr? Ist's Wahrheit, mein Vater?«

»Ja, es ist wahr,« sagte er jetzt im Tone tiefsten Ernstes und ebenso tiefer Rührung.«

»So denkst Du nicht mehr an den Sohn des Scheikes der Meschner?«

»Nein. Es wird mir zwar nicht leicht, diesen Lieblingsplan aufzugeben, aber ohne Hilal hätte ich keine Töchter mehr. Ich wäre einsam und kinderlos, und darum soll sein Leben auch kein einsames sein. Ich gebe Dich ihm zum Weibe. Allah segne Euch, meine Kinder. Er ist mit dem Riesen fürchterlich in's Gericht gegangen. Er bestraft den Bösen und belohnt den Guten. Bleibt so fromm und gut, wie Ihr jetzt seid, so wird Euer Ende ein besseres sein, als dasjenige dieses Mannes, welcher nur geerntet hat das, was er säete.«

Jetzt wagte es Hilal, die Geliebte vor aller Augen zu umarmen. Er richtete den Blick voller Freude und Dankbarkeit gen Himmel, dabei fiel sein Auge auf einen Gegenstand, welcher ihn veranlaßte, einen lauten Ruf auszustoßen.

»Wir suchen Haluja, die tapfere Dienerin,« sagte er. »Seht Ihr sie etwa?«

»Nein. Und doch müßte sie auch hier liegen,« antwortete die Königin, »denn er hat sie ja auch auf dieser Seite herabgeworfen.«

»So blickt da hinauf!«

Er deutete nach oben. Aller Augen folgten der angegebenen Richtung.

»Oh Allah! Da hängt sie am Steine!« rief der Scheik.

Und Alle stimmten in diesen Ruf ein. Nur wenige Ellen unterhalb der Zinne ragte die scharfe Kante eines riesigen Steinquaders aus der Mauer hervor. Diese Kante war von Wind und Wetter angegriffen, Theile von ihr waren herabgepröckelt, so das; sie jetzt eine hornartig nach oben gerichtete Spitze bildete, und an dieser Spitze hing die Dienerin mit dem Gewande, von welchem sie festgehalten wurde.

»Haluja, Haluja!« riefen sie Alle hinauf.

Aber sie antwortete nicht.

»Sie ist todt!« klagte Hiluja.

»Vielleicht lebt sie doch noch,« meinte Hilal. »Wir müssen sie herunterholen.«

»Wie ist das möglich?« fragte der Scheik. »Kein Mensch vermag da emporzuklettern.«

»Das ist wahr, Empor kann Keiner, aber herablassen an einem Seile kann man Einen, das ist möglich.«

»Wer wollte das wagen!«

»Ich. Kommt mit!«

Er eilte fort, hinauf nach der Ruine. Er kannte den Ort, wo die Stricke aufbewahrt wurden, welche für die Thiere der Königin bestimmt waren. Mehrere solcher Stricke wurden zusammengebunden, und dann stiegen die Anwesenden hinauf auf die Zinne.

Es fragte sich, ob der Scheik mit seinen beiden Töchtern und Zykyma stark genug sein würden, Hilal hinabzulassen. Es war jetzt kein anderer Mensch zugegen, und doch durfte man die Dienerin auch nicht länger hängen lasten. Wenn ihr dünnes Gewand zerriß, so stürzte sie in die Tiefe hinab und wurde jedenfalls zerschmettert.

Das Seil war lang genug geworden. Das eine Ende desselben wurde hinabgelassen, nachdem man es in eine Schlinge gelegt hatte. Das andere Ende befestigte man um einen Quader, welcher weit genug aus der Brüstung hervorstand. Hilal erklärte, daß er nicht wünsche, hinabgelassen zu werden, sondern daß er beabsichtige, hinabzuklettern. Auf diese Weise hatten sich die Anderen gar nicht anzustrengen. Sie brauchten nur dafür zu sorgen, daß das Seil nicht vom Quader glitt.

»Aber das ist zu gefährlich für Dich,« sagte Hiluja besorgt. »Werden Deine Kräfte ausreichen?«

»Ja. Habe keine Sorge,« antwortete er, ganz glücklich, sie so für ihn beängstigt zu sehen.

»Aber wie willst Du Haluja anbinden, wenn Du selbst mit Deinen Händen am Seile hängst?«

»Ich werde mich auf den Vorsprung setzen, an welchem sie hängt. Und geht dies nicht, so trete ich in die Schlinge des Seiles und bekomme dadurch meine Hände frei.«

»O Allah, ich zittere vor Angst!«

»Es ist keine Zeit, sich zu ängstigen. Wir müssen handeln, wenn Haluja gerettet werden soll.«

»Recht so, mein Sohn. Steige getrost hinab. Hat Allah Dir den Sieg über den Riesen verliehen, so wird er Dich auch hier beschützen. Er wird mein Unternehmen leiten. Er wird Dich nicht zum Retter meiner Töchter bestimmt haben, damit Du wenige Minuten später verunglückst.«

Hilal schwang sich auf die Brüstung, ergriff das Seil und ließ sich langsam und vorsichtig an demselben hinab. Vorher hatte er sich einige Stricke um den Leib gewunden. Er glaubte, sie gebrauchen zu können.

Er langte glücklich bei der Verunglückten an. Der Vorsprung, an welchem sie hing, bot ihm nicht Raum genug. Daher kletterte er noch einige Fuß hinab und stellte sich mit den Füßen in die Schlinge.

Jetzt begann der gefährliche Theil seines Unternehmens. Unter ihm gähnte die große Tiefe. Ueber ihm stand ein alter Mann mit drei Mädchen, alle Vier nicht stark genug, ihn am Seile emporzuziehen.

Er wand sich die erwähnten Stricke vom Leibe los und versuchte, Haluja mit denselben an das Seil zu befestigen. Es gelang, allerdings nach langem Bemühen und nach öfteren Angstrufen, welche von oben, wo Hiluja herabblickte, herniederschollen. Auch der Kopf des Scheikes kam jetzt zum Vorscheine.

»Sollen wir nun Euch Beide heraufziehen?« fragte er.

»Nein. Das würde Euch unmöglich sein. Ich komme hinaufgeklettert.«

Dies that er auch. Mit augenscheinlicher Lebensgefahr kletterte er empor und langte glücklich oben an. Nun wurde langsam und vorsichtig das Seil, an welchem unten Haluja hing, eingeholt. Als der leblose Körper der braven Dienerin draußen an der Brüstung anlangte, stieg Hilal auf die Letztere, um die Last herein zu holen, auch ein höchst gefährliches Wagniß, welches aber ebenso wie alles Vorherige glücklich gelang.

Als nun die Alte auf der Plattform lag, konnte man keine einzige äußere Verletzung an ihr entdecken. Sie war ohne Besinnung, holte aber doch sehr bemerkbar Athem. Da ihre Behandlung hier oben zu unbequem war, wurde sie hinab und in das Freie vor die Thür geschafft. Hier war das so nothwendige Wasser leicht bei der Hand. Die Anwendung desselben hatte den Erfolg, daß sie erwachte. Sie blickte mit verwunderten Augen um sich und fragte:

»Wo bin ich? Was ist mit mir geschehen?«

»Weißt Du es nicht mehr?« antwortete die Königin. »Der Riese hat Dich von der Zinne hinabgeworfen.«

»Ach ja, jetzt fällt es mir ein. Es war so schrecklich. Dann aber träumte mir, ich fliege durch die Luft, von der Erde fort, immer zwischen Sternen hindurch und mitten in den Himmel hinein. Da war ich so glücklich und so selig. Wäre ich doch nicht wieder aufgewacht!«

»Hast Du Schmerz?«

»O nein. Mir ist so wohl. Wie kann ich Schmerzen haben, da ich doch im Himmel gewesen bin.«

»So hast Du von dem bösen Fall, von der Zinne hinab, keinen Schaden davongetragen?«

»Mir thut nichts weh. Ich werde aufstehen.«

Sie erhob sich, zunächst von den Anderen unterstützt. Dann aber zeigte es sich, daß sie sich ganz mühelos und frei bewegen konnte. Es war wie ein Wunder, daß sie so gänzlich heil davongekommen war.

»Allah hat Dich mit seiner Hand gehalten,« sagte der fromme Scheik. »Er hat Dir sogar den Himmel gezeigt. Das ist der beste Lohn für die Tapferkeit, mit welcher Du Deine Herrin vertheidigt hast. Den irdischen Lohn sollst Du von uns erhalten, so weit es in meiner Macht liegt. Aber seht, wer kommt dort!«

Von draußen herein nahte sich im Galopp ein Reiter. Als er näher kam, erkannten sie Saïd, den wackeren Arabadschi. Obgleich Zykyma's Diener und kein Beduine, hatte er sich doch auch an der Verfolgung der Feinde betheiligt. Er sah die Personen auf der Ruine stehen und winkte ihnen in einer Weise, aus welcher sie sahen, daß er der Ueberbringer einer guten Botschaft sei.

Von Saïd hinweg fiel der Blick des Scheikes auf die Stute, auf welcher der Riese herbeigekommen war. Sie stand noch ruhig unten vor der Ruine.

»Welch' ein Pferd!« sagte er. »Man sieht es aus den ersten Blick, daß diese Stute einen langen und berühmten Stammbaum hat.«

Der Araber nämlich hält außerordentlich auf sein Pferd. Berühmt besonders sind die Nachkommen jener Pferde, welche sich bei einem Feldzuge des Propheten Muhammed als genügsam erwiesen. Muhammed hatte mit seinem Herrn einen langen, beschwerlichen Marsch in glühender Sonnenhitze zurückgelegt. Weder Reiter noch Pferd hatten sich an einem Tropfen Wassers erlaben können; Menschen und Thieren klebten die Zungen am Gaumen, der Durst war fürchterlich, Viele fühlten sich dem Verschmachten nah. Da endlich kam man an einen kleinen Bach. Alles stürzte sich nach dem Wasser hin. Nur dreißig Pferde, lauter edle Stuten, blieben stehen, um zu warten, bis ihre Herren ihnen das Trinken erlauben würden. Muhammed segnete sie und schrieb ihre Namen eigenhändig auf Pergamenttafeln, welche er den Besitzern dieser Pferde dann aushändigte. So entstanden die Stammesbäume für die Nachkommenschaft dieser Stuten, welche in Folge nur mit den edelsten Hengsten belegt wurden.

Diese Stammbäume existiren noch. Eine Stute, welche von einer dieser Urahninnen abstammt, hat höhern Werth als eine andere von gleich altem Stamme, welche vielleicht dieselben guten Eigenschaften besitzt.

Jeder Beduine hält den Stammbaum seines Pferdes ebenso heilig wie ein Abkömmling der Kreuzritter den seinigen. Die Namen berühmter Pferde sind weithin bekannt, so daß zum Beispiel von einer Stute, welche ihre Datteln im westlichen Marokko frißt, im fernen Ostarabien, ja in Kurdistan und Persien gesprochen wird.

Eine so berühmte Stute war auch der Fuchs, welchen der Riese geritten hatte.

Hilal wurde erst durch die Bemerkung des Scheiks auf sie aufmerksam. Er warf einen Blick auf sie hinab und antwortete:

»Das ist die Lieblingsstute des Scheiks der Beni Suef. Sie heißt Sselßele und hat einen Werth, welchen man nach Geld gar nicht messen kann.«

»Wie kommt sie hierher?«

»Der Riese hat sie jedenfalls geritten.«

»Wie kann der Scheik ihm seine Lieblingsstute anvertrauen! Das thut doch Keiner.«

»Wer weiß, wie es gekommen ist.«

Jetzt nahte sich Saïd, der Arabadschi, um seine Botschaft zu bringen.

»Masr-Effendi sendet mich,« sagte er. »Wir haben einen vollständigen Sieg errungen.«

»Allah sei Dank!« rief der Scheik.

»Alle Hände, welche vorhanden sind, sollen die Kameele tränken und die Schläuche füllen, damit die Verfolgung der Flüchtigen schleunigst begonnen werden kann.«

»Werden Viele entkommen?«

»Wohl fast die Hälfte der Feinde liegen getödtet auf dem Schlachtfelde. Die Gewehre mit den Nadeln haben sich außerordentlich bewährt. Die anderen Beni Suef sind auf der Flucht nach dem Ferß el Hadschar oder haben sich zerstreut. Unsere Krieger reiten nach allen Richtungen, um die Zerstreuten nieder zu machen oder gefangen zu nehmen. Haben sie das gethan, so werden sie sich sammeln, um die Verfolgung der Anderen zu beginnen, welche sich nach dem Ferß el Hadschar gewendet haben. Es mögen deren vielleicht Zweihundert sein.«

»Wo ist Tarik?«

»Er ist bereits fort nach dem Bett der Steine, um die Fliehenden nicht zur Ruhe kommen zu lassen.«

»Und Masr-Effendi?«

»Er befindet sich im Lager der Besiegten, um darauf zu sehen, daß die Beute nicht geplündert wird und daß man die Gefangenen nicht tödtet.«

»Aber wer soll hier tränken und Schläuche füllen! Es ist kein Mensch im Lager. Selbst die Kinder sind auf das Schlachtfeld hinaus.«

»Dort befindet sich Normann Effendi, um auf Ordnung zu halten.«

»So kehre zurück und sage ihm, daß er die Greise, Weiber und Kinder nach dem Lager senden soll, damit sie das Befohlene ausführen. Die Beute läuft ihnen nicht davon.«

»Wessen Leiche ist es, die da unten liegt?«

»Diejenige des Riesen. Er ist während der Abwesenheit der Krieger in das Lager gekommen, um die Frauen zu überfallen.«

»O Allah! Ist es ihm gelungen?«

»Nein. Du siehst ja die Frauen hier stehen und da unten liegt er todt. Hilal hat ihn von der Zinne der Ruine in die Tiefe geschleudert.«

»Allah sei gepriesen jetzt in alle Ewigkeit! Nimm den Dank meines Herzens an, Hilal.«

Er reichte ihm die Hand. Hilal drückte sie herzlich und sagte:

»Du brauchst nicht zu danken, Saïd. Ich habe Dir ja nicht einen Dienst erwiesen.«

»Nicht, meinst Du? Hast Du nicht Zykyma, meine Gebieterin, errettet, welche ich hätte bewachen sollen? Die Kampflust hat mich fortgetrieben, während es meine Pflicht gewesen wäre, zu ihrem Schutze an ihrer Seite zu bleiben. Verzeihe, Herrin! Es soll nicht wieder geschehen!«

»Ich verzeihe Dir gern,« antwortete sie. »Hilal hat gethan, was Du nicht hättest thun können.«

Sein Auge blitzte beinahe zornig auf.

»Meinst Du, daß ich mich etwa nicht an den Riesen gewagt hätte? Wenn alle Dschins und Geister der Wüste kämen, um sich an Dir zu vergreifen, ich würde mit ihnen kämpfen!«

»Ich weiß es. Du Treuer! Ich wollte Dich nicht beleidigen. Kehre jetzt nach dem Kampfplatz zurück und richte die Botschaft an Normann-Effendi aus!«

»Das werde ich nicht thun!«

»Warum nicht?«

»Ich gehöre zu Dir!«

»Ich befinde mich ja nun nicht mehr in Gefahr.«

»O, es kann wieder eine neue Gefahr kommen, und da muß ich bei Dir sein. Ich bin ein Gast der Beni Sallah, und ich habe sie lieb. Ich helfe ihnen gern; ich habe vorhin mit gekämpft und mehrere ihrer Feinde getödtet. Noch lieber aber habe ich Dich. Ich muß Dich beschützen und bleibe bei Dir.«

Er sagte das in einem so bestimmten Tone, daß man überzeugt sein mußte, er werde sich von diesem Entschlüsse nicht abbringen lassen. Um dies noch deutlicher zu machen, setzte er sich auf den nächsten Steinquader und legte seine Waffen neben sich hin.

»So werde ich es an seiner Stelle thun,« sagte Hilal. »Die Gefahr, in welcher Ihr Euch befandet, ist beseitigt, und ich kann getrost gehen.«

»Nein, bleib!« sagte der Scheik. »Saïd hat Recht. Wie der Riese sich herbeischlich, so können Andere es auch thun. Versprengte Beni Suef können, wenn sie in die Nähe des Lagers kommen und es ohne Wächter sehen, sehr leicht auf den Gedanken gerathen, hier einzufallen, um sich zu rächen. Ich bin es, der den Fehler begangen hat. Masr-Effendi hatte mir und meinen Kriegern das Lager anvertraut; wir aber haben es verlassen. Wir sind von unserem Posten gewichen. Hätten wir das nicht gethan, so wäre es dem Riesen unmöglich gewesen, sich herbei zu wagen. Das ist nun geschehen und also nicht mehr zu ändern; aber ich will dafür sorgen, daß Ihr nun wenigstens von jetzt an Euch in Sicherheit befindet. Du bist jung, Hilal, und ich bin ein Greis. Du bist stärker als ich. Bleibe hier. Du sollst Deine Braut und Deine Schwägerin bewachen und beschützen. Ich aber eile, mit Normann-Effendi zu sprechen und Euch eine Anzahl Krieger zum Schutze zu senden.«

Das wurde angenommen. Er begab sich von dannen.

Der Sieg der Bein Sallam über die Beni Suef war ein außerordentlich schneller gewesen. Keiner der Ihrigen war todt. Nur wenige der Krieger hatten eine leichte Verletzung davon getragen. Nicht einmal kampfunfähig war irgend Einer geworden.

Die Beni Suef waren ihres Sieges ganz und gar sicher gewesen. Darum war das Gegentheil desto gewaltiger über sie gekommen. Die Hälfte lag todt in den Dünen; die Anderen waren entflohen. Die Mehrzahl derselben hatte sich natürlich nach ihrem Lager zurückgewendet. Sie waren da auf ihre besten Thiere gesprungen und sofort von dannen geeilt.

Fast zu gleicher Zeit waren auch die Sieger mit in das Lager gedrungen. Keiner der Flüchtlinge hatte Zeit gehabt, irgend Etwas mit zu nehmen. Tie Beni Sallam sprangen von ihren Pferden und fielen über Alles, was sich im Lager befand, her. Geschulte europäische Truppen hätten das Unterlasten und ohne Unterbrechung die Verfolgung fortgesetzt. Diese Söhne der Sahara aber kannten keine solche Disciplin. Das Lager war zu groß. Da gab es Zelte, Pferde, Kameele, Waffen, Decken, Kleider und allerlei andere Gegenstände von höherem oder geringerem Werthe, welche die Augen der Beni Sallah in dem Maße bestachen, daß sie gar nicht daran dachten, hinter den fliehenden Feinden zu bleiben.

Andere, welche mehr kriegerischen Sinn besaßen, hatten, sich zertheilend, die Verfolgung der sich über die Ebene und in den Dünen zerstreuenden Feinde übernommen. Sie waren in der Ueberzahl, und gaben keinen Pardon. Sie wußten, daß sie, im Falle sie besiegt worden wären, auch keine Gnade erhalten hätten. Die Beni Suef wurden niedergemacht.

Diesen Verfolgern hatte sich auch Tarik angeschlossen. Er vergaß, daß er Anführer war. Er, der Sohn des Blitzes, kämpfte wie ein einfacher Krieger und schoß und schlug einen Feind nach dem anderen nieder.

Normann hatte, als er sah, daß der Sieg errungen und der Feind geworfen war, nicht an die Verfolgung desselben gedacht. Als Gast der Beni Sallam hatte er für diese zu den Waffen gegriffen, aber eine gänzliche Vernichtung der Beni Suef lag nicht in seinem Interesse. Darum lenkte er sein Pferd nach dem Kampfplatze zurück.

Er erkannte, daß er daran sehr wohlgethan hatte. Die Greise, Weiber und Kinder der Beni Sallam waren herbei gekommen, um zu plündern. Da ging es denn nicht sehr menschlich her. Die verwundeten Feinde hatten viel zu leiden. Die Kleider wurden ihnen vom Leibe gerissen. Diesem Gebahren that Normann Einhalt. Er hatte vollauf zu thun, die Angehörigen der Sieger im Zaume zu halten.

Was Steinbach betrifft, so hatte er ebenso gekämpft, als ob er ein Beni Sallam sei. Zuletzt, als der Sieg längst entschieden war, hatte er noch einen Einzelkampf zu bestehen, welcher sehr leicht unglücklich für ihn hätte auslaufen können.

Omram el Suefi, der Eidam des feindlichen Scheiks, war verwundet worden, nur leicht; es war ihm eine Kugel durch das Fleisch des linken Armes gegangen. Das hatte seine Kampffähigkeit nicht im Mindesten irritirt. Aber er sah, daß Widerstand unnütz sei und beschloß, sich den Fliehenden anzuschließen. Er wandte sich also seinem Lager zu. Noch einmal zurückblickend, bemerkte er die hohe Gestalt Steinbachs, welcher zur Verfolgung herbei eilte.

»Masr-Effendi, der Hund!« stieß er wüthend hervor. »Er kommt, er muß hier vorüber! Er soll sterben. Ich stelle mich todt und schieße ihn nieder.«

Er zog seine Pistole, welche er seit dem letzten Schusse wieder geladen hatte, und warf sich in den Sand, wo er wie ein Todter regungslos liegen blieb.

Steinbach kam herbei. Er mußte wirklich da, wo Omram lag, vorüber. Den Suef wirklich für todt haltend, achtete er gar nicht auf denselben. Er hatte sein Gewehr in der Hand. Mehr springend als gehend, eilte er heran. Eben wollte er an dem vermeintlichen Todten vorbei, da erhob dieser die Hand.

»Stirb, und sei verflucht!«

Diese Worte ausrufend, drückte Omram ab. Steinbach war ein Mann von seltener Geistesgegenwart. Die Worte hören und augenblicklich zurückspringend, das war das Werk eines Momentes. Das rettete ihm das Leben. Die Kugel traf ihn nicht, sie schlug an den Lauf seines Gewehres, welches ihm dadurch aus der Hand geschleudert wurde. Aber der Anprall des Geschosses, welches aus der nächsten Nähe kam, war ein so starker, daß Steinbach zur Seite geschleudert wurde und hinstürzte.

Augenblicklich kniete Omram auf ihm. Ihm die Linke um den Hals krallend, zog er mit der Rechten das Messer aus dem Gürtel und holte zum Stoße aus. Steinbach ergriff diese Hand beim Gelenk, um den Stich abzuwehren. Aber seine Hand war zu schwach. Sie war, als ihr durch Omrams Kugel das Gewehr entrissen wurde, derartig geprellt worden, daß sie weder Gefühl noch Kraft besaß. Es gelang dem Feinde leicht, sich von Steinbachs Griff zu befreien. Er stieß zu, und zwar mit allen Kräften, die er besaß. Die Klinge sollte bis an das Heft in die Brust Steinbachs tauchen.

In diesem mehr als kritischen Augenblicke nahm Dieser aber alle seine Kraft zusammen und wälzte sich unter seinem Feinde zur Seite. Der Stich ging fehl; die Messerklinge grub sich in den Sand.

Jetzt konnte Steinbach die andere Hand gebrauchen. Er griff zu und faßte den bewaffneten Arm des Suef. Dieser Griff war so eisern, daß der Suef einen Schmerzensschrei ausstieß und das Messer fallen ließ. Indem er es wieder erfassen wollte, nahm er die andere Hand von Steinbachs Halse. Das benutzte dieser. Er war mit einem schnellen Sprunge vom Boden auf. Zwei Schritte entfernt lag sein Gewehr. Er hob es auf. Der Suef hatte sich auch erhoben und drang auf ihn ein.

»Du sollst mir nicht entkommen!« brüllte er. »Ich bin Omram el Suefi. Keiner hat mich noch besiegt!«

»Und ich,« antwortete Steinbach, »bin Masr-Effendi, der jeden Feind darniederstreckt!«

»Versuche es doch!«

Er holte zum Stoße aus.

»Hier siehst Du es. Gehe in die Dschehenna zu den Verdammten, zu denen Du mich senden wolltest!«

Er sprang zur Seite, um Raum zum Hiebe zu bekommen. Obgleich er das Gewehr nur mit einer Hand halten konnte, schlug er dem Feind den Kolben doch mit solcher Macht auf den Kopf, daß der Suef mit zerschmettertem Schädel zu Boden sank.

»Todt! Man tödtet nicht gern, aber er hat es ja nicht anders gewollt.«

Jetzt untersuchte er seine Hand. Sie war nicht verletzt, aber er hatte kein Gefühl in derselben. Jedoch stand zu erwarten, daß sich dies schnell bessern werde.

Nun eilte er weiter, dem feindlichen Lager entgegen. Dort ging es zum Erschrecken her. Kaum hatte er erkannt, daß die Krieger ihre Pflicht vergaßen und sich nur auf Plünderung legten, so ließ er seine mächtige Stimme erschallen. Zum Glück kam gerade jetzt auch Tank herbei. Ihren vereinten Bemühungen gelang es, Ordnung zu schaffen. Die Beni Sallah sammelten sich wieder um ihre Anführer.

»Was thut Ihr!« rief Tarik zornig. »Hier sammelt Ihr Kleider und Fetzen, welche Euch doch nicht entgehen können, und die Feinde laßt Ihr dabei entkommen. Laßt Alles liegen. Es soll gesammelt und dann unpartheiisch getheilt werden. Jetzt haben wir Anderes zu thun.«

Keiner wagte es, zu widersprechen. Die flüchtigen Feinde waren bereits weit entfernt. Sie hatten sich, wie bereits bemerkt, die besten Thiers genommen, die weniger guten aber zurückgelassen.

»Folgt mir, ihnen nach!« rief Tarik und nahm ein nahe stehendes Pferd am Zügel, um in den Sattel zu steigen.

»Bitte, warte noch!« sagte Steinbach lächelnd.

»Wozu? Sollen sie entkommen?«

»Nein, das sollen sie nicht. Aber siehe Dir dieses Pferd an. Willst Du etwa auf ihm die flüchtigen Feinde erreichen?«

Tarik war zu eifrig gewesen. Er bemerkte erst jetzt, daß das Pferd von einer Kugel getroffen war. Es blutete.

»Ah! Du hast Recht. Ich nehme ein Anderes!«

»Nicht so schnell. Wir wollen berathen.«

»Aber indessen entkommen sie!«

»Je eiliger Du die Verfolgung beginnst, desto sicherer werden sie entkommen.«

»Wieso?«

»Blicke Dir diese Thiere an, Pferde und Kameele. Sollte der Stamm der Beni Suef nicht im Besitze von besseren sein?«

»Die Beni Suef haben berühmte Pferde und kostbare Eilkameele.«

»Warum sahen wir sie aber nicht?«

»Weil sie fort sind. Diese Hunde, welche Allah verderben möge, haben die besten Thiere genommen und die schlechten zurückgelassen.«

»Das nehme ich ihnen gar nicht übel. Sie wären sehr dumm, wenn sie das Gegentheil gethan hätten. Aber sage mir, wie Du es anfangen willst, ihre guten Thiere mit diesen schlechten einzuholen?«

»Allah! Du hast Recht. Ich eile in unser Lager, um gute Thiere zu holen.«

»Das wird geschehen, aber ohne Ueberstürzung. Wir werden hier die besseren Thiere aussuchen, und wenn es auch nur wenige sind. Auf diesen reitet eine Anzahl unserer Leute dem Feinde augenblicklich nach, um ihn zu bedrängen, zu beobachten und nicht aus den Augen zu lassen. Dann holen wir uns von Euch die guten Pferde und Eilkameele und beginnen die eigentliche Verfolgung.«

»Effendi, Du hast Recht. Es geschehe, wie Du gesagt hast. Komm, laß uns suchen.«

Es fand sich doch, daß es eine ganze Anzahl guter Pferde und Kameele gab, welche zurückgelassen worden waren. Da eine Truppe der Beni Sallah unter Normann beritten gewesen war, so gab es auch hier eine Anzahl guter Pferde. Auf diese Weise brachte man ungefähr sechzig schnelle Reitthiere zusammen, auf denen man den Flüchtigen sogleich folgen konnte.

»Das ist genug,« sagte Steinbach. »Es handelt sich jetzt nur darum, die Beni Suef in Athem zu halten, damit sie verhindert werden, sich zu sammeln oder auszuruhen. Wähle Dir die tapfersten Deiner Krieger aus, welche sogleich aufbrechen mögen.«

»Wer soll sie anführen?«

»Hm! Das kann ich nicht beantworten.«

»Warum nicht?«

»Weil ich Deine Leute nicht kenne. Der Anführer dieser Schaar muß sehr umsichtig sein.«

»So werde ich selbst mitreiten.«

»Du als Scheik?«

»Ja.«

»Du sollst doch das Ganze leiten. Warum willst Du nur diese kleine Abtheilung befehligen.«

»Weil das Gelingen des Ganzen davon abhängig ist.«

»Du hast nicht Unrecht. Wer aber soll dann alle die Anderen commandiren?«

»Hilal ist da. Und – bist Du auch da?«

»Allerdings.«

»Ich habe freilich kein Recht, von Dir zu verlangen, daß Du an unseren Kämpfen theilnimmst, aber – –«

»Ich bin Dein Freund, ich helfe Dir.«

»Willst Du mit nach dem Duar (Zeltdorf) der Beni Suef?«

»Ja. Ihr müßt diese Gelegenheit benutzen, sie Euch unterthänig zu machen. Gelingt es Euch, so seid Ihr der mächtigste Stamm im Westen des Nils und könnt der Freundschaft und Unterstützung des Vicekönigs von Egypten stets sicher sein.«

»Natürlich werden wir sie überfallen und besiegen. Sie wollten uns vernichten; ich will nicht ihren Untergang, aber sie sollen unsere Diener sein, bis sie uns bewiesen haben, daß wir sie als unsere Verbündeten betrachten dürfen.«

»Die Flüchtigen werden sich nach dem Ferß el Hadschar wenden. Dahin wirst Du ihnen folgen, um sie nach ihrem Zeltdorfe zu treiben. Dort aber werde ich bereits auf sie warten, um sie zu empfangen.«

»Wie? Du wirst dann bereits dort sein?«

»Ja. Ich werde sofort anordnen, daß alle dazu sich eignenden Kameele und Pferde getränkt und gefüttert werden, und daß man die Wasserschläuche fülle. Ist das geschehen, so breche ich sofort auf, um direct nach dem Duar der Beni Suef zu reiten.«

»Wer aber wird unser Duar beschützen?«

»Der Scheik der Beni Abbas wird mit seinen Kriegern da bleiben, bis wir zurückkehren. Du aber magst sogleich aufbrechen.«

Das geschah. Tarik verfolgte mit seinen sechzig wohlbewaffneten und wohlberittenen Leuten die flüchtigen Beni Suef, und Steinbach sammelte die rings umher zerstreuten Beni Sallah, was allerdings einige Zeit in Anspruch nahm.

Alles, was die Beni Suef zurückgelassen hatten, sollte von den Beni Abbas gesammelt und bis zur Rückkehr der Beni Sallah aufgehoben werden, um dann unter den Siegern zur Vertheilung zu gelangen. Bereits nach einigen Stunden setzte sich der Kriegszug in Bewegung, an dessen Spitze Steinbach, Normann und Hilal ritten. Der Letztere hatte von seiner Braut einen herzlichen Abschied genommen. Der Erstere beabsichtigte besonders, sich des Grafen und des Pascha zu bemächtigen, welche, wie er überzeugt war, sich den fliehenden Beni Suef angeschlossen hatten.

Dies war aber leider nicht der Fall.

Der Suef, welcher der Diener des Riesen gewesen war und dem Grafen und dem Pascha zur Flucht verholfen hatte, war von den Seinigen beordert worden, sich von dem Riesen zurückzuziehen. Er erfuhr, daß derselbe nicht in den Stamm aufgenommen, sondern fortgejagt werden solle.

Er mußte dieser Weisung folgen. Aber er hatte bei dem sonst so menschenfeindlichen und rücksichtslosen Riesen eine freundliche Behandlung erfahren und fühlte sich ihm zu Dank verpflichtet. Zwar durste er ihm nicht verrathen, was gegen ihn beschlossen worden war, aber er nahm sich vor, ihn einstweilen in heimlichen Schutz zu nehmen und ihn nicht aus dem Augen zu lassen. Darum drängte er sich nicht zu Denen, welche gegen das Dorf der Beni Sallah vorrückten, und richtete es so ein, daß er Denen beigeordnet wurde, welche zurückblieben, um den Troß zu bewachen. Da bemerkte er denn, daß der Riese sich zu den Pferden schlich. Er ahnte nicht, daß dieser fliehen wolle. Als er aber nach einiger Zeit ihm folgte, fand er ihn nicht, wohl aber bemerkte er, daß die Fuchsstute des Scheiks fehlte. Sofort eilte er zu dem Pascha und dem Grafen, um ihnen mitzutheilen, daß der Riese höchst wahrscheinlich entflohen sei.

»Wohin?« fragte der Pascha.

»Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist seine Spur sehr leicht im Sande zu finden.«

»Man muß ihm sofort nachjagen.«

»Um ihn zurückzubringen?«

»Ja. Er hat das beste Pferd des Stammes mitgenommen und muß also als Pferdedieb bestraft werden.«

Da blitzten die Augen des Suef zornig auf.

»Herr, die Beni Sallah sind meine Feinde. Sie nehmen mich gefangen, ich war der Sclave des Riesen Falehd. Er behandelte mich gut, und so bin ich ihm dankbar. Ihr Beide seid zu ihm gekommen und gastfreundlich von ihm aufgenommen worden. Er hat Euch beschützt und vertheidigt. Ihr seid ihm noch viel mehr Dank schuldig als ich. Und nun wollt Ihr ihn als Pferdedieb bestrafen lassen. Ist das Eure Dankbarkeit?«

»Pah! Wir brauchen ihn nicht mehr.«

»Aber er braucht Euch!«

»Sollen wir uns ihm etwa anschließen?«

»Nein, aber Ihr könnt dafür sorgen, daß er nicht in der Wüste umkommt. Er hat sein ganzes Eigenthum zurückgelassen. Vielleicht hat er sich nicht einmal mit Wasser versehen!«

»Er frug mich, was die Beni Suef mit ihm vor hätten, und ich sagte es ihm, wenn auch nicht direct, aber doch so, daß er es sich denken konnte.«

»So hat er wohl gar geglaubt, daß man ihn zu tödten beabsichtige, und hat, um sein Leben zu retten, eine vorschnelle Flucht ergriffen. Wir müssen einmal forschen, in welche Richtung er sich gewendet hat.«

Sie thaten dies. Sie fanden sehr bald seine Spur im Sande und folgten ihr. »Was ist das?« fragte Suef. »Was ist ihm eingefallen? Er ist ja nach dem feindlichen Lager geritten!«

»Das glaube ich nicht,« lachte der Pascha. »Da wäre er ja seinem Verderben entgegen geritten!«

»Wieso?«

»Er ist ein Ausgestoßener, er darf nicht zurückkehren und würde von seinen früheren Freunden sofort getödtet werden.«

»Du vergißt, daß sie in wenigen Minuten überfallen und besiegt sein werden!«

»Das ist wahr. Ah, ich habe eine Ahnung. Er hat gar nicht die Absicht, zu fliehen, sondern er will auch mit Theil an dem Ueberfalle nehmen, könnten wir das nicht auch?«

»Wir könnten es. Eigentlich sind wir am geschicktesten dazu, da wir das Lager kennen.«

»Alle tausend Teufel! Jetzt denke ich erst daran, was auf dem Spiele steht. Man wird die Königin fangen, Hiluja auch und mit ihnen Zykyma. Was wird mit ihnen geschehen?«

»Jedenfalls werden sie die Weiber Derjenigen werden, in deren Hände sie fallen.«

»Verdammt sei das! Ich gebe Zykyma nicht her!«

»Man wird Dich gar nicht nach Deiner Erlaubniß fragen.«

»Sie ist doch mein Eigenthum!«

»Du hast sie nicht bei Dir gehabt. Sie befindet sich bei den Beni Sallah und wird also nicht als Dein Eigenthum betrachtet werden können.«

»So hole ich sie mir jetzt! Geht Ihr mit?«

»Ja.«

Sie eilten weiter, der Spur des Riesen folgend. Da erblickten sie rechts von sich die hohe Gestalt Steinbachs und die lange, hinter den Sanddünen auftauchende Reihe der Beni Suef.

»Das ist der Deutsche!« sagte der Graf. »Warum befindet er sich außerhalb des Dorfes? Gott sei Dank, daß er am frühen Morgen spazieren gegangen ist! Er ist verloren. Er wird der Erste sein, der sein Leben lassen muß. Vorwärts!«

Sie eilten weiter. Zwischen zwei Dünen gehend, konnten sie die Beni Suef nicht mehr sehen, aber das Gekrach einer Salve tönte an ihr Ohr.

»Wie dumm!« rief der Pascha. »Auf einen Einzelnen eine ganze Salve zu richten! So Etwas kann eben nur bei den Beduinen vorkommen. Sie wecken mit diesen Schüssen das feindliche Lager auf und werden nun auf Widerstand stoßen, während sie, wenn sie nicht geschossen hätten, sich desselben ohne Schwertstreich hätten bemächtigen können.

Jetzt drang ein lautes, anhaltendes Geheul vom Kampfplatze herüber.

»Das ist noch dümmer!« sagte der Graf. »Mit diesem Geschrei würden sie sogar Todte aufwecken. Ist dieses Brüllen bei Euch gebräuchlich, wenn Ihr zum Angriffe schreitet?«

»Nein,« antwortete Suef. »Kommt schnell, kommt!«

Er verdoppelte jetzt seine Schritte.

»Warum so rasch auf einmal?«

»Das war kein Angriffsgeschrei. Das war das Geheul der Wuth. Was ist geschehen!«

Die Beiden folgten ihm. Jetzt senkte sich die Sanddüne, welche sie der Aussicht beraubt hatte, wieder nieder. Sie konnten jetzt sowohl nach dem Zeltdorfe der Beni Sallah als auch nach dem Kampfplatze hinüber sehen. Ein Schrei entfuhr dem Suef.

»Allah l'Allah! Dort stehen die Beni Sallah!«

»Sie sind es, welche geschossen haben!« fügte der Graf hinzu.

»Viele der Unserigen sind todt! Drauf, drauf! Nehmt Rache, Rache!«

Er brüllte das so laut, daß es weit hin über die Wüste schallte.

»Still, um Gotteswillen still! Man darf uns noch nicht hören!«

»Warum nicht? Man soll mich ja hören!«

»Nein, nein! Legt Euch nieder, nieder in den Sand! Aber schnell, schnell!«

»Warum denn?«

»Weil – ah, da habt Ihr die Antwort!«

Drüben blitzte es wieder auf. Die zweite Salve der Beni Sallah krachte den Beni Suef entgegen. Man sah die Letzteren fallen wie Fliegen, wenn sie Gift genascht haben.

»Allah! Allah!« rief der Suef. »Sie sind verloren!«

»Und wir Alle mit!«

»Nein! Schnell zurück zum Lager! Wir werfen uns auf die Kameele und ergreifen die Flucht.«

Er wollte fort, zurück. Der Graf aber ergriff ihn und hielt ihn fest.

»Bleib! Du kannst das Lager nicht mehr erreichen.«

»O doch, doch! Siehst Du nicht, daß die Unsrigen dasselbe thun!«

»Er wollte sich losreißen; der Graf aber hielt ihn fest und sagte:

»Halt! Du darfst nicht!«

»Warum nicht? Bin ich nicht Herr meiner Person!«

Er war zornig geworden und zog den Grafen eine kleine Strecke mit sich fort.

»Du bist Dein eigener Herr. Jetzt aber bist Du nicht allein. Du würdest auch uns in das Verderben bringen.«

»Das ist nicht wahr!«

»O doch! Man würde Dich sehen und auch auf uns aufmerksam werden Schau hin, wenn Du mir nicht glaubst! Mit Euch ist es vorüber.«

Es war nämlich jetzt der Augenblick, an welchem Normann mit der Reserve zu Pferde über die flüchtigen Beni Suef hereinbrach.

Diese Letzteren rannten auf ihr Lager zu. Man sah, wie sie niedergehauen und niedergeschossen wurden und nach allen Seiten auseinanderstoben.

Zugleich bemerkten die Drei, daß Diejenigen, welche zur Bewachung der Trosses zurückgeblieben waren, sich auf Pferde und Kameele warfen und die Flucht ergriffen. In der kurzen Zeit einiger Minuten hatten die verfolgenden Beni Sallah das feindliche Lager erreicht.

Der Suef stand starr vor Entsetzen.

»Nun, willst Du wirklich hin?« fragte ihn der Graf.

»Wer hätte das gedacht!« lautete die Antwort, welche fast pfeifend von den Lippen kam.

»Dann ist dieser Hund schuld.«

»Wer?«

»Steinbach.«

»Masr-Effendi?«

»Ja. Hast Du ihn denn vorhin nicht gesehen? Er ist der Anführer. Dort kämpft er – – ah, mit wem?«

»Mit Omram el Suefi. Allah ist groß! Seht, Omram wird siegen. Wie sie ringen!«

»Gebe es der Teufel, daß der Hund getödtet wird!«

»Er muß fallen. Seht, seht! O Allah, Allah!«

Dieser letztere Ausruf war im Tone des Schreckes gesprochen worden. Die Drei sahen, daß Steinbach den Gegner mit dem Kolben niederschmetterte und dann weiter eilte.

»Verfluchter Kerl!« knirrschte der Graf. »Er ist und bleibt überall der Sieger. Aber nieder, nieder in den Sand! Man sieht uns sonst!«

Erst jetzt folgten sie dieser bereits vorhin gegebenen Aufforderung. Sie warfen sich nieder auf die Düne, von deren Höbe sie eine genügende Rundschau hatten.

Da drang ein schriller Schrei zu ihnen. Es war nicht der erste; sie hatten die vorigen in ihrer Aufregung nur nicht beachtet. Sie blickten nach der anderen Richtung hin und sahen auf der Zinne der Ruine den Riesen mit den Frauen ringen.

»Dort, dort ist er!« sagte der Suef. »Er hat es gewagt, in das Lager zu dringen, ganz allein!«

»Das ist kein Wagniß. Es ist ja kein Mensch dort zu sehen.«

»Keiner? Dort kommt Einer gerannt.«

»Hilal! Er springt die Treppe hinan! Er will die Mädchen retten. Er eilt dem sicheren Verderben entgegen. Der Riese wird ihn, den Knaben, zermalmen; das ist sicher.«

Aber es kam anders. Sie sahen, daß Falehd die alte Dienerin von der Höhe schleuderte; sie sahen Hilal auf der Zinne erscheinen, und zu ihrem größten Erstaunen waren sie Zeugen, daß Derjenige, welcher jetzt ›Knabe‹ genannt worden war, Falehd emporhob und vom Felsen herabschleuderte.

Der Suef stieß einen Schrei des Entsetzens aus.

»O Allah! Habt Ihr es gesehen?«

»Schrecklich, schrecklich!«

»Er ist zerschmettert! Ich muß augenblicklich hin, um ihn zu rächen!«

Er wollte sich vom Boden erheben; aber die beiden Anderen hielten ihn fest.

»Bist Du wahnsinnig!« warnte der Graf. »Bleib!«

»Es ist ja kein Mensch im Lager außer Hilal!«

»Keiner? Siehst Du nicht dort den Scheik der Beni Abbas auf der Zinne erscheinen!«

»So sind es nur Zwei, und ich fürchte sie nicht.«

»Sie würden Dich kommen sehen; dann wärest Du ja doch verloren.«

»Du hast Recht. Aber ich dürste nach Rache!«

»Sei nur jetzt ruhig. Vielleicht kommt sehr bald die Gelegenheit, Dich zu rächen. Seht dorthin nach unserm Lager! Es befindet sich nun ganz im Besitze unserer Feinde. Dort sammelt Tarik die Reiter. Er wird die Verfolgung antreten.«

Er hatte recht vermuthet. Sie konnten die ganze Gegend überblicken. Sie sahen Tarik mit seinen sechzig Kriegern fortreiten, nach Süden, hinter den fliehenden Beni Suef her. Sie sahen Steinbach die zerstreuten Beni Sallah sammeln. Sie sahen auch, daß die Kameele und Pferde zusammen getrieben wurden, um getränkt zu werden.

»Wozu sie das thun?« meinte der Suef.

»Um den Unseligen zu folgen.«

»Das thut ja Tarik bereits!«

»Das genügt jedenfalls diesem Masr-Effendi nicht. Er könnte zufrieden sein, einen so vollständigen Sieg errungen zu haben. Aber ich fürchte, daß er die Vernichtung oder wenigstens Unterwerfung Eures Stammes plant.«

»Allah verderbe ihn!«

O, Allah scheint ihm sehr freundlich gesinnt zu sein. Seht, dort steht er auf der Ruine, an der Treppe, die Frauen bei ihm.«

»Sie werden ihm erzählen, daß sie von Falehd überfallen worden sind. Man sieht es an der Bewegung ihrer Arme. Und nun ruft er Normann-Effendi, Hilal und den Scheik zu sich. Sie werden Berathung halten.«

»Wir müssen ganz dasselbe thun.«

»Ja,« sagte der Pascha, welcher sich meist schweigsam verhalten hatte. »Wir befinden uns in einer Lage, welche uns nicht viel Spaß machen kann. Hätte ich diesen Steinbach hier zwischen meinen beiden Fäusten, so würde ich – ah!«

Er sprach nicht weiter, aber er rieb die Fäuste gegen einander, um auszudrücken, was er meinte. Der Graf warf einen musternden Blick rundum, schüttelte sorgenvoll den Kopf und sagte:

»Es wird auch mir unheimlich zu Muthe. Zu den Beni Suef können wir nicht, denn diese sind geschlagen und entflohen. Zu den Beni Sallah dürfen wir uns auf keinen Fall wagen – – –«

»Vielleicht doch!« meinte der Pascha.

»Auf keinen Fall!«

»Wir haben ihnen ja nichts gethan!«

»Aber wir haben unser Wort gebrochen. Was das bedeutet, haben wir von Tarik gehört, als er uns warnte. Wir riskiren unbedingt das Leben.«

»Aber was thun wir sonst? Wollen wir hier in der Wüste liegen bleiben, bis wir elend verschmachtet sind oder bis sie uns finden?«

»Nein. Es giebt noch Rettung. Vor allen Dingen müssen wir uns fragen, ob wir zunächst hier an der Stelle, wo wir uns befinden, sicher sind.«

»Das wird Suef besser wissen, als wir.«

Der Genannte antwortete nach einer Weile, während welcher er nachgedacht hatte:

»Ich denke, daß heut' Niemand hierher kommen wird. Die Sallah sind dort im eroberten Lager, auf dem Kampfplatze und in ihrem eigenen Duar so beschäftigt, daß wohl Keiner Zeit finden wird, einen Spaziergang zu machen, welcher ihn hierher führen könnte.«

»Aber wenn sie unsere Spur finden!«

»So werden sie dieselbe in dem wirren Durcheinander, welches es giebt, noch nicht beachten. Ueberdies giebt es in Folge des Kampfes heut so viele Spuren, daß man einer einzelnen gar keine besondere Aufmerksamkeit schenken wird.«

»Gut, so bleiben wir hier, um zu warten.«

»Auf was?«

»Hm! Auf den Abend. Das Dunkel der Nacht wird uns vielleicht Gelegenheit bringen, uns aus unserer fatalen Lage ziehen zu können. Wir wollen vor allen Dingen genau ausmerken, was die Beni Sallam jetzt thun werden.«

Sie machten es sich so bequem wie möglich im Sande. Sie häuften denselben so vor sich auf, daß er einen kleinen Wall vor ihnen bildete, in welchem sie einige Lücken ließen, um hindurchblicken zu können.

So sahen sie nach einiger Zeit, daß die Beni Sallah unter Steinbach's Führung abzogen. Als diese fort waren, machten sich die Beni Abbas, welche zurück blieben, daran, die weit umher gestreuten Beutestücke nach dem Duar zu schaffen.

Die Königin saß mit Hiluja und Zykyma oben auf der Ruine und beobachtete das rege Treiben, welches in Folge dessen im Lager herrschte.

Die Sonne war langsam hoch gestiegen. Es wurde Mittag. Eine glühende Hitze lag über der Gegend ausgebreitet. Die drei Burschen hatten weder Etwas zu essen noch einen Tropfen Wassers, ihren brennenden Durst zu stillen. Die Beni Abbas aber zogen sich vor den Sonnenstrahlen einstweilen unter die schützenden Zelte zurück.

Nur Einige von ihnen blieben im Freien. Sie waren mit dem Schlachten einer Anzahl fetter Hammel beschäftigt. Mehrere Frauen holten in großen, porösen Kühltöpfen Wasser vom Brunnen.

»Mir klebt die Zunge am Gaumen,« sagte der Russe. »Dieses Volk da drüben ist zu beneiden.«

»Sie holen Wasser, um den Lagmi (Palmensaft) zu kühlen, welcher getrunken werden soll.«

»Dazu schlachten sie diese Thiere. Es scheint somit, daß ein Festmahl gehalten werden soll.«

»Natürlich!«

»Heut Abend jedenfalls?«

»Wohl noch eher. Sie haben gewußt, daß sie überfallen werden sollten, und also während der letzten Nacht wohl nicht geschlafen. Darum werden sie heut Abend ermüdet sein und sich baldigst niederlegen. Der Lagmi berauscht und macht auch müde, weil er gegohren ist. Sie werden also ihr Freudenmahl nicht spät beginnen. Sollte es erst am Abend anfangen, so würden sie sich hüten, bereits jetzt in dieser Gluth die Hammel zu schlachten.«

»Könnte man sich jetzt unbemerkt ins Lager schleichen?«

»Wozu?«

»Dort, unterhalb der Ruine stehen Reitkameele. Ich hätte Lust, es zu versuchen. Grad auf jener Seite ist kein Mensch außerhalb der Zelte. Gelänge es, bis an die Ruine zu kommen, so könnte man aufsteigen und davongaloppiren!«

Der Suef blickte beinahe höhnisch zu ihm herüber und fragte.

»Ohne Sattel?«

»Natürlich. Zum Auflegen der Sättel würde es keine Zeit geben.«

»Und ohne Wasser?«

»Da müßten wir uns auf Dich verlassen. Wir würden wohl bald welches finden.«

»Nein. Wir würden keins finden, wenigstens nicht, bevor wir verschmachtet wären.«

»Es muß doch Wasser geben!«

»Nein. Im Norden nicht, dort liegen die Natronseen. Da giebt es wohl Salz und Soda, aber kein Wasser. Nach West können wir nicht, weil dort die Ferkah (Unterabtheilungen) der Beni Sallah wohnen, und nach Ost hat man zwei volle Tage zu reiten, ehe man an Wasser kommt.«

»Aber im Süden!«

»Da giebt es allerdings Wasser; aber dahin sind uns die Beni Sallah voraus. Dorthin können wir also auf keinen Fall.«

»Und grad dorthin würden wir müssen, hatte ich gemeint.«

»Wir würden den Feinden unbedingt in die Hände fallen. Tarik ist nach dem Ferß el Hadschar.«

»So suchen wir das Zeltdorf der Beni Suef auf.«

Dort würden wir Masr-Effendi finden.«

»Unglaublich!«

»Ihr glaubt das nicht? Hier grad aus nach Süden ist Tarik mit den Seinigen geritten, hinter den Fliehenden her. Masr-Effendi aber ist weiter links, weiter westlich geritten; das ist ein sicherer Beweis, daß er nach unserm Zeltdorfe will. Auch hat er in Schläuchen sehr viel Wasser mitgenommen. Er will also keine Quelle aufsuchen und bei keiner halten. Sein Ritt ist ein Eilritt.«

»O wehe! So kommt er eher dort an als die flüchtigen Suef?«

»Ganz gewiß. Das Zeltdorf hat nur Weiber, Greise und Knaben, da die Krieger ja ausgezogen sind. Diese Leute fühlen sich sicher; sie sind überzeugt, daß ihre Krieger siegen werden, und warten mit Ungeduld auf die glückliche Heimkehr derselben. Wenn sie dann die feindlichen Beni Sallah kommen sehen, werden sie sie für die ihrigen halten und ihnen entgegen gehen anstatt vor ihnen fliehen. Ich weiß, daß mein Stamm verloren ist. Es giebt keine Rettung für ihn!«

Er knirrschte mit den Zähnen und blickte still vor sich hin. Der Graf unterbrach nach einiger Zeit das lautlose Schweigen.

»So sind also auch wir verloren.«

»Wir? O nein! Was wir jetzt nicht wagen dürfen, das dürfen wir wagen, wenn es Nacht geworden ist. Dann ist es dunkel. Die Beni Abbas und Alle, welche sich mit ihnen hier im Lager befinden, werden müde und berauscht sein und sehr fest schlafen. Dann holen wir die Kameele.«

»Man wird wachen!«

»O, diese Leute werden sich sehr sicher fühlen. Sie sind ja die Sieger. Daß sich einer der Besiegten in ihr Lager schleichen könne, muß ihnen für unmöglich gelten. Also selbst wenn sie Wachen ausstellen, werden dieselben sehr sorglos sein. Darum hoffe ich, daß wir Zeit haben werden, die Kameele zu satteln und auch einige Wasserschläuche zu stehlen.«

»Wenn uns dies gelänge!«

»Es muß uns gelingen! Ohne Wasser können wir unmöglich fort.«

»So ist es ein Glück, daß die Beni Sallah diese Reitkameele nicht mitgenommen haben.«

»Sie gehören der Königin; darum schont man sie. Wir brauchen nur vier – eins für die Wasserschläuche und drei für uns. Sitzen wir erst im Sattel, so sind wir gerettet.«

»O, es sind ja mehrere solcher Kameele vorhanden. Wenn man sie besteigt und uns verfolgt – –!«

»So wird man in der Dunkelheit unsere Fährte nicht sehen können und also bis zum Anbruch des Morgens warten müssen. Bis dahin aber haben wir einen Vorsprung, welchen wir dann wohl nicht wieder verlieren werden. Glückt es uns, unbemerkt in das Zelt zu dringen, so – so – – –«

»Was meinst Du?«

»Ich habe einen Gedanken. Er ist kühn; aber wenn ich ihn ausführen könnte, so wäre es mir wohl möglich, meinen Stamm aus der Knechtschaft zu befreien, in welche er nach seiner Besiegung fallen muß.«

»Natürlich dürfen wir diesen Gedanken kennen lernen, wie ich hoffe?«

»Er ist sehr kühn.«

»Hältst Du uns für Feiglinge!«

»Ich habe bisher nicht den Beweis erhalten, ob Ihr muthig oder feig seid. Ich würde mein Leben wagen und Ihr ebenso; aber wir hätten es dann in der Hand, uns an diesem Beni Sallam zu rächen.«

»So sind wir jedenfalls bereit. Deinen Gedanken zur Ausführung zu bringen, wenn diese Ausführung überhaupt im Bereiche der Möglichkeit liegt.«

»O möglich ist es!«

»So sprich doch!«

»Ich mochte nicht allein von hier fort. Ich möchte die Königin und ihre Schwester mitnehmen.«

»Donnerwetter! Das ist freilich ein kühner Gedanke!«

»Ich würde diese Beiden nur gegen die Freiheit der Beni Suef auslösen. Auch müßte man diesen Letzteren alle Beute wiedergeben, welche man ihnen abgenommen hat.«

»So müßten wir uns ja in das Innere der Ruine schleichen?«

»Ja. Es wird nicht so schwierig sein, wie es scheint.

»Hm! Es ist ein frevles Spiel! Das Leben hängt an einem einzigen Haar. Die Sache will also sehr überlegt sein, bevor man einen Entschluß faßt. Was meint Ihr dazu?«

Diese Frage war an den Pascha gerichtet. Dieser hatte sich jeder Äußerung enthalten; jetzt aber antwortete er auf die direct an ihn gerichtete Frage, und zwar in ganz unerwarteter, fast spöttischer Weise'

»Fürchtet Ihr Euch etwa?«

»Fürchten? Ich? Ich dachte, Ihr wüßtet, daß ich Dinge ausgeführt habe, zu denen ebenso viel Muth gehört hat wie zu dem Unternehmen, zu welchem wir uns jetzt entschließen sollen!«

»Das weiß ich; also begreife ich Euer Zaudern nicht.«

»Seid denn Ihr entschlossen, Ja zu sagen?«

»Natürlich!«

»Ah! Hat das etwa einen Grund?«

»Ich mache mir die eine Bedingung, daß wir nicht nur die Königin und ihre Schwester, sondern auch Zykyma mit nehmen.«

»Ah, ist es das! Ihr wollt wieder in den Besitz Eurer schönen Sclavin kommen!«

»Das ist es. Nehmt Ihr es vielleicht übel?«

»Ganz und gar nicht. Ihr Beide habt nur Euer Interesse an dem Wagnisse. Was aber habe ich davon?«

»Eure Rettung.«

»Hm! Ja. Wohin aber reiten wir? Soeben ist doch gesagt worden, daß wir nach keiner Richtung von hier fort können.«

»Ohne Wasser,« antwortete der Suef. »Wenn wir aber Wasser haben, so können wir hin, wohin wir wollen. Ich würde zu den Beni Halaf gehen.«

»Wo wohnen diese?«

»Im Nordost von hier. Der Scheik derselben ist mit dem Scheike der Beni Suef verwandt, welcher heut getödtet worden ist. Ihr seht die Leiche noch jetzt dort drüben in der Sonne liegen. Die Beni Halaf haben also Grund, uns aufzunehmen und den Tod des Scheiks an den Beni Sallam zu rächen. Wir haben vier Tage zu reiten, ehe wir hinkommen.«

»So willige ich ein. Es mag gewagt werden. Wir haben uns nur darüber zu einigen, wie wir es anfangen werden.«

»Anfangen? Darüber ist gar kein Entschluß zu fassen. Die Suche ist so einfach, daß sich Alles ganz von selbst versteht. Wir schleichen uns bis zu den Kameelen, satteln sie, suchen Wasser und Datteln zu bekommen und holen dann die drei Frauen aus der Ruine.«

»Dabei wird es aber nicht leise hergehen.«

»Wir müssen dafür sorgen, daß keine von ihnen einen Laut von sich giebt. Wer uns hindern will, der wird getödtet. Messer haben wir ja.«

»Leider haben wir unsere Gewehre bei dem Troß zurückgelassen. Vielleicht finden wir bei der Königin Ersatz.«

Der Entschluß war also gefaßt, und es galt also nur, die passende Zeit zu erwarten. Es gehörte nichts als Geduld dazu. Der Durst war groß, und auch der Hunger stellte sich ein, es gab aber nichts, Beide zu löschen. Darum verfolgten die Drei mit neidischen Blicken die Vorbereitungen, welche vor ihren Augen zum Festmahle getroffen wurden.

Die Sonne begann, tiefer und tiefer zu sinken. Als die größte Hitze vorüber war, verließen die Beni Abbas ihre Zelte, um die oben erwähnte Arbeit fortzusetzen. Sie waren dabei so fleißig, daß auf dem Kampfplatze bald nur noch erschlagene Feinde zu sehen waren. Die Verwundeten und Gefangenen waren gefesselt und wurden in einigen Zelten bewacht. Die reiche Beute lag, was Sachen waren, auf einem Haufen in der Nähe der Ruine, die Thiere hatte man ebendaselbst zusammengetrieben.

Jetzt wurden mehrere Feuer angezündet, von denen bald der Geruch des Bratens in die Höhe stieg. Es bildeten sich Gruppen von Weibern, Greisen und Kindern, welche um die vollen Lagmi-Gefäße saßen. Das Fleisch wurde vertheilt, und die Zungen wurden lauter und lauter.

So ging es fort, bis die Sonne niedersank und das Abendgebet das Mahl unterbrach. Als es dann dunkel geworden war, waren die Krüge geleert und das Fleisch verzehrt. Der Mueddin bestieg die Ruinen abermals und forderte die Gesättigten auf, Allah für seine Güte zu preisen und sich dann zur Ruhe zu legen.

Das geschah. Zwei Stunden nach Sonnenuntergang bereits waren die Feuer verlöscht und es herrschte tiefe Stille im Zeltdorfe.

Aber noch war die Zeit nicht gekommen. Die Drei warteten wohl noch zwei Stunden, dann aber setzten sie sich leise und vorsichtig gegen das Lager in Bewegung, erst gehend, dann aber, als sie in die Nähe des ersten Zeltes angekommen waren, in kriechender Stellung.

Es war zwar Nacht, aber die Sterne leuchteten in südlicher Pracht vom Firmamente herab, und so konnte man auf eine leidliche Entfernung hin jeden nicht gar zu kleinen Gegenstand wahrnehmen.

Lieber wäre es den Dreien gewesen, wenn es ganz dunkel gewesen wäre. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war groß. Sie krochen am Boden hin, am ersten Zelte vorüber. Im Innern desselben ertönte ein lautes Schnarchen. Das war ein gutes Zeichen. Wenn Alle so fest schliefen wie dieser Schnarcher, so mußte das gewagte Unternehmen gelingen.

Kein einziger Mensch ließ sich zwischen den Zelten sehen, wenigstens auf dieser Seite der Ruine, und so gelangten sie glücklich bis nahe an die Letztere heran, wo die Reitkameele standen.

Diese Thiere lagen am Boden und kauten ruhig wieder. Kein Wächter befand sich bei ihnen. In ihrer Nähe hingen die Sattels an Pfählen, und auch ein geräumiger Tachterwan lag am Boden.

Ein Tachterwan ist ein Sattel, auf welchem ein viereckiges, oben verdecktes und an den vier Seiten mit Vorhängen versehenes Gestell befestigt ist. Im Innern sitzen die Frauen während der Reise.

»Da ist ja Alles beisammen,« sagte der Graf leise. »Nur Wasser und Datteln fehlen.«

»Die werden wir in der Ruine finden,« tröstete der Suef. »Satteln wir sogleich!«

»Werden die Thiere nicht laut werden?«

Die Kameele haben nämlich die Gewohnheit, ganz kläglich zu brüllen, wenn ihnen eine Last aufgelegt wird. Das konnte gefährlich werden.

»Sie werden schweigen, wenn ich ihnen die Halfter enger mache,« antwortete der Suef.

Er drehte fünf Kameelen die Halfter zu, so daß sie die Mäuler nicht öffnen konnten und also durch die Nüstern Athem holen mußten. Dann sagte er:

»Jetzt drei Männersättel! Wir haben zuerst für uns zu sorgen.«

Das geschah. Dann wurde dem vierten Thiere ein Packsattel aufgeschnallt. Das ging sehr schnell und in aller Ruhe ab. Die einzige Schwierigkeit lag darin, die Kameele vor Auflegung des Sattels auf- und dann wieder niederzubringen.

Das fünfte erhielt den Tachterwan, dessen Befestigung schwieriger war. Beide, der Russe und der Pascha, verstanden von dieser Art des Sattelns nichts. Der Suef mußte Alles allein machen, und da es mit der größten Sorgfalt geschehen mußte, so ging dabei sehr viel Zeit verloren. Nicht der kleinste Gurt oder Strick durfte reißen, sonst wäre der schnelle, nächtliche Ritt unterbrochen worden, und eine einzige Minute Aufenthaltes konnte verderblich werden.

Endlich lag auch dieses Kameel gesattelt am Boden.

»Nun in die Ruine!« flüsterte der Suef.

»Alle Drei?« fragte der Graf.

»Ja.«

»Soll nicht Einer als Wächter hier bleiben? Es könnte doch Jemand kommen.«

»So bringt der Wächter auch keinen Nutzen. Einen lauten Warnungsruf darf er ja nicht ausstoßen, weil er dadurch die Feinde erst recht auf die anderen Beiden aufmerksam machen würde. Ueberdies brauchen wir sechs Arme und nicht nur vier. Kommt also!«

*

30

Sie streckten sich wieder auf die Erde nieder und krochen nach der Treppe zu. In der Nähe derselben traten die Zelte enger zusammen; es gab deren da also mehr als anderwärts. Da war doppelte Vorsicht nöthig. Laute Athemzüge, welche sie hörten, hier und da auch ein mehr oder weniger lautes Schnarchen gaben ihnen aber den Beweis, daß die Bewohner im Schlafe lagen.

Jetzt waren sie nur noch wenige Schritte von den Stufen entfernt; da flüsterte der Suef, welcher vorankroch, in warnender Weise den beiden Anderen leise zu:

»Nehmt Euch hier in Acht; da wohnt Kalaf, der Alte, welcher oft an Schlaflosigkeit leidet!«

Es zeigte sich, daß diese Warnung keineswegs überflüssig war. Sie kamen zwar glücklich an dem Zelte vorüber, aber eben als sie in dem Schatten der Treppe angekommen waren, wurde der Eingang des Zeltes von innen geöffnet und der Alte trat heraus. Er blickte sich um. Der Suef wußte, daß jetzt ein höchst kritischer Augenblick gekommen sei. Wenn Kalaf näher kam und die Drei bemerkte, so mußte er aus dem Umstände, daß sie platt am Boden lagen und sich also zu verbergen suchten, Verdacht schöpfen. In diesem Falle machte er ganz gewiß Lärm.

Was war zu thun? Ihn tödten? Konnte das in der Weise geschehen, daß es ihm dabei unmöglich wurde, einen Laut auszustoßen? Keiner von den Dreien hielt das für möglich; keiner von ihnen war ein Steinbach.

»Ich werde mit ihm sprechen,« flüsterte der Suef.

»Bist Du verrückt!« entgegnete der Graf.«

»Nein. Es ist das Beste.«

»Er wird Dich erkennen!«

»Schwerlich. Unter den Beni Abbas befindet sich Einer, der sehr stotternd spricht. Ich werde seine Sprache nachahmen. Gelingt es nicht, nun, so müssen wir eben Alles wagen und den alten Kerl niederstechen.«

»Er wird schreien.«

»Das vermeiden wir. Ihr packt ihn sofort bei der Kehle und ich stoße ihm das Messer in das Herz. Also bleibt Ihr nur ruhig liegen!«

Während die Beiden sich so eng wie möglich an die unterste Treppenstufe schmiegten, lehnte er sich aufrecht an einen der Steinpfosten, welche zu beiden Seiten der Treppe standen. Seine Gestalt stach von dem Steine ab und mußte also nothwendigerweise bemerkt werden.

Kalaf kam langsam rund um sein Zelt gegangen. Als er jetzt wieder nach vorn kam, erblickte er den Suef. Stehen bleibend, fragte er:

»Was thust Du hier?«

»Ich ha – ha – halte Wa – wa – wa wache,« antwortete der Gefragte.

»Wer hat Dir das geboten?«

»U – u – u – unser – Sche – sche – schei – scheik.«

»Ah, Du bist es, Ilaf?«

»Ja.«

»Recht so! Hast Du nichts Auffälliges gehört?«

»Nein.«

»Ich konnte nicht schlafen, und da war es mir, als ob ich ein leises Rauschen des Sandes vernommen hätte. Es war ganz so, als ob Jemand am Boden krieche.«

»Das wa – wa – war i – i – ich.«

»Bist Du denn gekrochen?«

»Nein. Ich bi – bi – bin gela – la – laufen, ein Stückchen hi – hi – hin und ein Stückchen wie – wie – wieder he he – her.«

»So! Dann bin ich beruhigt. Wie steht es in der Ruine? Schläft die Königin?«

»Sie ist noch mu – mu – munter.«

Er glaubte, Grund zu haben, diese Antwort zu geben und keine andere. War die Königin noch wach, so befand sie sich jedenfalls mehr in Sicherheit, als wenn sie geschlafen hätte. Im Schlafe konnte ihr leichter ein Unfall geschehen als im Wachen.

»Die Freude über unsern Sieg wird sie, ganz so wie mich, nicht schlafen lassen. Na, thue Deine Pflicht!« sagte der Alte. »Es kann zwar von einem Feinde keine Rede mehr sein, aber Vorsicht ist stets besser als das Gegentheil. Allah erhalte Deine Augen munter!«

»Und Dich la – la – lasse er schla – la – lafen!«

Kalaf kehrte in sein Zelt zurück.

»Gott sei Dank!« flüsterte der Pascha. »Das war sehr viel gewagt.«

»Und mir wurde bereits angst,« meinte der Graf.

»Machen wir, daß wir schnell hinauf kommen!«

»Nein, bleiben wir noch!« entgegnete der Suef.

»Warum? Oben sind wir jedenfalls sicherer.«

»O nein. Der Alte könnte doch Unrath wittern. Wenn es ihm einfallen sollte, noch einmal heraus zu kommen, und ich stehe nicht hier, so faßt er wohl gar Verdacht und forscht so lange nach, bis er uns findet.«

»Du kannst aber doch nicht so lange hier stehen bleiben, bis der Morgen anbricht!«

»Nur so lange, bis er ruhig liegt. Warten wir!«

Sie verhielten sich nun wohl eine Viertelstunde lang ruhig. Dann meinte der Suef, daß es Zeit sei, sich an das Werk zu machen, da Kalaf nun wohl nicht noch einmal herauskommen werde.

Jetzt stiegen sie leise die Stufen hinan. Oben gab es, wie sie bemerkten, keinen Wächter. Sie zogen ihre Messer und drangen in das Innere der Ruine ein. Sie mußten, wie bereits erwähnt, erst einen Gang passiren, in welchem es bereits am Tage dunkel war. Als sie eine Strecke gegangen waren, glänzte ihnen ein matter Lichtschein entgegen.

Keiner von den Dreien war schon einmal in dem Innern der Ruine gewesen. Sie kannten also die Oertlichkeit gar nicht. Sie blieben stehen.

»Ob wir schon jetzt dahin kommen, wo sie schlafen?« meinte der Sues.

»Möglich,« antwortete der Pascha. »Aber wir müssen uns vor Saïd in Acht nehmen.«

»Warum? Wer ist dieser Saïd?«

»Er war mein Arabadschi in Constantinopel. Dort hat er Zykyma sehr oft ausgefahren. Er ist ein Verräther, ihr mehr ergeben als mir. Hier ist er zu ihr übergelaufen. Ich glaube, er wacht für sie. Wenn er uns bemerkt, ist Alles verloren.«

»Ist er stark?«

»O nein. Er ist ja noch ein halber Knabe.«

»So wird mein Messer mit ihm sprechen, wenn er es wagen sollte, uns entgegen zu treten. Gefährlicher ist uns der alte Scheik der Beni Abbas.«

»Denkst Du, daß dieser sich etwa hier in der Ruine befindet?«

»Es ist möglich.«

»Er hat ja sein Zelt!«

»Jetzt ist er der Beschützer der Frauen. Da kann er sehr leicht auf den Gedanken gekommen sein, in ihrer Nähe zu schlafen. Gehen wir langsam und sehr vorsichtig weiter.«

Sie setzten ihren Weg fort. Der Lichtschein wurde, je weiter sie kamen, desto heller. Der Gang war endlich alle. Der Suef lauschte in das Zimmer hinein.

»Kein Mensch da,« berichtete er leise. »Nur das Licht brennt.«

»Hast Du Dich richtig überzeugt? In die Ecken gesehen?«

»Dann hinein!«

In der Mitte des Zimmers stand die Lampe, ein Thongefäß, in welchem ein Docht im Palmöl brannte.

Es war dieselbe Stube, in welcher am Tage der Riese mit der Königin und dann mit der alten Haluja gerungen hatte. Gerade aus führte der Gang nach der Treppe, auf welcher man zur Zinne stieg. Links öffnete sich der Eingang zu mehreren Gemächern.

»Wohin wenden wir uns?« fragte der Pascha.

»Ich weiß es auch nicht. Lauschen wir zunächst da links hinein,« antwortete der Suef.

»Man wird uns aber sofort sehen, da uns das Licht bescheint.«

»Das schaffen wir natürlich einstweilen zur Seite.«

Er nahm die Lampe und stellte sie in den Gang zurück, aus welchem sie gekommen waren. Dann näherten sie sich unhörbaren Schrittes der Thüröffnung zur linken Hand. Eine Thüre gab es nicht, welche diese Oeffnung verschloß. Dort standen sie, um zu lauschen. Sie hörten regelmäßige, leise Athemzüge.

»Hier schlafen Mehrere,« meinte der Suef.

»Ob sie auch wirklich schlafen!« mahnte der Pascha.

»Probiren wir einmal!«

»Wie denn?«

»So!«

Er räusperte sich, nicht laut zwar aber auch nicht so leise, daß es nicht aufgefallen wäre. Der Pascha ergriff ihn am Arme.

»Um Allahs willen! Leise, leise! Du wirst uns verrathen!«

»Das will ich, ja! Horch!«

Es war nichts zu hören, als nur die Athemzüge.

»Dachte es mir! Sie, schlafen fest. Will es aber lieber noch einmal versuchen.«

Er räusperte sich abermals, doch machte sich keine Bewegung in dem vor ihnen liegenden Räume bemerklich.

»Wir sind sicher. Holen wir das Licht!«

Er ging und brachte die Lampe. Sie traten ganz vorsichtig ein. Zu ihrer Freude fanden sie Alle, die sie suchten, beisammen, sogar eine Person mehr.

Vor ihnen lagen die beiden Schwestern, Badija und Hiluja neben einander auf weichen Polstern, einige Kissen unter ihren Köpfen und mit reichen Teppichen zugedeckt. Rechts von ihnen lag Zykyma in eben dieser Weise, und links, in der Ecke, hatte sich die alte arabische Dienerin niedergelegt. Der Schein der Lampe übte keine Wirkung auf die geschlossenen Augen der Schläferinnen, welche ahnungslos weiter schliefen.

»Da haben wir sie! Allah sei Dank!« sagte Suef flüsternd. »Aber wie machen wir es!«

»Draußen im vorderen Zimmer lagen Stricke!«

»Ja. Und dort in der Ecke hängen Tücher und Kleider. Das paßt. Wir müssen sie natürlich knebeln, damit sie nicht reden oder gar schreien können.«

»Wir müssen zunächst Zykyma unschädlich machen,« mahnte der Pascha.

»Warum?«

»Sie ist ein ganz gefährliches Subject. Sie hat einen vergifteten Dolch.«

»Allah!«

»Wenn sie mit der Spitze desselben Jemand nur ganz leicht in die Haut ritzt, ist er in einigen Sekunden eine Leiche.«

»Die heiligen Kalifen mögen mich behüten! Und Du hast ihr diesen Dolch gelassen!«

»Ich habe ihn ihr einmal abgenommen; aber sie hat ihn wieder bekommen.«

»Das war sehr unvorsichtig von Dir!«

»Ich weiß nicht, wie sie sich wieder in seinen Besitz gesetzt hat. Jetzt glaube ich, dieser verdammte Saïd hat ihn ihr wieder verschafft. Wenn wir ihr Zeit lassen, den Dolch zu ergreifen, so wird unser ganzer Plan zu schande.«

»Noch nicht!«

»O doch. Wir dürfen sie dann nicht angreifen, ohne in die Gefahr zu kommen, von ihr verwundet zu werden. Und dann wird sie auch die beiden Anderen beschützen.«

»Hätte sie den Muth dazu?«

»O, die hat alle tausend Teufel im Leibe. Sie hat bereits sich selbst und Andere gegen mich vertheidigt.«

»So müssen wir freilich sie zuerst unschädlich machen. Holen wir die Stricke!«

»Aber die alte Haluja! Was thun wir mit ihr?«

»Mitnehmen können wir sie nicht.«

»Nein. Wir erstechen sie ganz einfach.«

»Das ist nicht nöthig. Wir binden und knebeln sie. Da ist sie unschädlich.«

Sie traten in den vorderen Raum zurück, um die erwähnten Stricke zu holen. Da sagte der Suef:

»Zuerst nehmen wir also Zykyma. Das muß so schnell gehen, daß sie gefesselt und geknebelt ist, ehe die Anderen erwachen.«

»Aber wenn sie schreien!«

»Wir müssen eben sehr schnell machen, so daß sie gar nicht zum Schreien kommen. Uebrigens drohen wir ihnen mit unseren Messern. Die Angst, ermordet zu werden, wird ihnen den Mund verschließen. Kommt! Wir dürfen die Zeit nicht verlieren.«

Sie schlichen wieder hinein. Der Suef holte eins der erwähnten Tücher aus der Ecke. Die beiden Anderen nahmen Jeder einen Strick, und dann knieten sie neben Zykyma nieder.

»Jetzt! Rasch!« flüsterte der Suef.

Er ballte das Tuch zusammen und erhob die Hand, den Augenblick erwartend, an welchem sie den Mund öffnen werde.

Der Pascha fuhr ihr mit dem Stricke unter dem Leib hinweg, der Graf mit dem seinigen unter den Beinen. Sie erwachte nicht ganz. Sie mochte träumen. Sie bewegte sich, um ganz unwillkürlich im Schlafe den Angriff abzuwehren. Dabei holte sie sehr tief Athem, wobei sie den Mund öffnete. Sofort stieß ihr der Suef den Knebel hinein. In demselben Augenblicke hatten die beiden Anderen ihr die Stricke um Leib, Arme und Beine geschlungen und fest verknotet.

Sie erwachte. Sie öffnete die Augen. Sie sah die drei Männer und wollte schreien – es ging nicht. In ihren Augen lag die größte Angst, der entsetzlichste Schreck. Sie wollte sich bewegen und vermochte es nicht – sie war gefangen.

»Jetzt zu der Alten!« flüsterte der Suef.

Er machte den Anführer, den Kommandeur. Er, der halbwilde Beduine, war dazu geeigneter als der Graf und der Pascha, obgleich Beide eine nicht geringe Quantität Gewaltthätigkeit und Gewissenslosigkeit besaßen.

Jetzt wurde ein anderes Tuch genommen; andere Stricke waren bereit. Die Drei knieten vor der Araberin nieder, um bei ihr ganz dieselbe Procedur in Anwendung zu bringen.

Alte Leute pflegen leiser zu schlafen als junge. Kaum wurde die Dienerin nur leise berührt, so erwachte sie auch. Ihr Blick fiel auf die Angreifer, und sofort war ihr die Situation klar.

»Hil – – –!«

Sie wollte um Hilfe rufen. Sie konnte das Wort nicht ganz aussprechen. Der Suef stieß ihr das Tuch in den Mund, und zu gleicher Zeit wurde sie von den Stricken umschlungen. Ihre Ueberwältigung hatte kaum eine halbe Minute in Anspruch genommen.

Aber, obgleich sie ihren Ruf nicht vollständig hatte ausstoßen können, war er doch laut und genügend gewesen, die Schwestern zu wecken. Sie öffneten erschrocken die Augen, erblickten die drei Männer und sprangen von ihrem Lager auf.

Dieses Letztere konnte geschehen, ohne die Schamhaftigkeit zu verletzen, da man in jenen Gegenden nicht wie bei uns in Betten schläft und also auch nicht gewöhnt ist, sich zu entkleiden.

Im Nu hatten die Drei ihre Messer in den Händen und stellten sich vor den Ausgang, so daß eine Flucht unmöglich war.

»O Allah! Der Suef!« rief die Königin.

Daß sie dies so laut ausrief, hatte nichts zu bedeuten. Das Zimmer lag so tief in dem dicken Gemäuer, daß man den Ruf draußen ganz gewiß nicht hören konnte.

»Ja, der Suef!« antwortete dieser. »Aber nicht allein. Ich habe gute Freunde mit. Hoffentlich sind wir Dir willkommen!«

»Was willst Du?«

»Dich!«

»Mich? Was verlangst Du von mir?«

»Von Dir? O, von Euch verlangen wir nichts, gar nichts. Euch selbst aber wollen wir haben.«

Sie starrte mit angstvollen Augen von Einem zum Andern. Sie konnte sich nicht sogleich in ihre Lage finden.

»Uns selbst? Was wollt Ihr von uns?«

»Das werdet Ihr sehen. Ihr werdet jetzt ein Wenig mit uns spazieren reiten.«

»Wohin?«

»An einen Ort, wo es Euch sehr gut gefallen wird. Unsere Liebe wird Euch überhaupt einen jeden Ort zum Paradiese machen.«

Jetzt wußte sie, was er wollte. Der Schreck verhinderte sie, weiter zu sprechen. Ihre Schwester Hiluja war geistesgegenwärtiger. Sie erkannte, daß zwei Frauen gegen die drei bewaffneten Männer nichts vermochten. Aber vielleicht gab es doch noch Hilfe. Saïd, der treue Arabadschi, hatte, ehe sie sich zur Ruhe legten, ihnen gesagt, daß er als ihr Wächter im vorderen Zimmer schlafen werde. An ihn dachte sie jetzt. Aber sie berücksichtigte nicht, daß die Drei, um in das Frauengemach kommen zu können, diese vordere Stube zuvor passirt haben mußten, und daß der Arabadschi, wenn er sich dort befunden hatte, also jedenfalls von ihnen unschädlich gemacht worden war.

»Saïd! Hilfe, Hilfe!« rief sie laut.

In demselben Augenblicke aber ergriff der Suef ihren Arm, zückte sein Messer und drohte:

»Noch ein Wort, und ich ersteche Dich!«

»O Allah!« klagte sie, natürlich aber nun mit gesunkener Stimme. »Wo ist Saïd!«

»Ah! Dieser Kerl sollte hier sein?«

Sie deutete mit der Hand nach dem vorderen Raum. Sie überlegte in ihrer Aufregung gar nicht, daß es besser gewesen wäre, gar keine Antwort zu geben.

»Sollte er Euch bewachen?«

»Ja.«

»Verdammt! Nun, Ihr seht, daß Ihr Euch da auf einen sehr guten Beschützer verlassen habt. Er ist vielleicht davongegangen, um irgend ein hübsches Mädchen der Beni Sallah aufzusuchen. Nun kost er mit ihr und denkt nicht an Euch. Allah lasse ihm alle Freuden der Liebe finden, damit er nicht auf den Gedanken kommt, jetzt schon zurück zu kehren. Es würde ihm ganz so wie Euch ergehen!«

»Nein, noch schlimmer!« bemerkte der Pascha. »Es würde sein sicherer Tod sein. Er hat mich verlassen, mich verrathen. Er mag mir ja nicht begegnen. Er müßte auf der Stelle sterben.«

»Besser so, ja, so bist Du ihn los. Jetzt aber, Königin, hoffe ich, daß Du Dich in Dein Schicksal ergiebst. Wir haben keine Zeit zu langen Unterhandlungen.«

»So sagt, was Ihr wollt!«

»Ich habe es Dir bereits gesagt. Wir wollen Euch. Ihr sollt mit uns reiten.«

»Das werden wir nicht thun.«

»Wirklich nicht?«

Er lächelte dabei, aber das war das Lächeln eines Henkers, welcher sich freut, sein Werk ausführen zu können.

»Nein!« antwortete sie.

»Nun, ganz wie Du willst! Du hast die Wahl. Siehe Dir dieses Messer an! Es ist spitz und scharf. Wähle zwischen ihm und dem Gehorsam!«

»Willst Du uns tödten?«

»Ja, ganz gewiß, wenn Ihr nicht gehorcht.«

Er trat näher an sie heran, erhob die Hand, in welcher er das Messer hielt, und fuhr fort:

»Also entscheide! Fügst Du Dich?«

»Nein,« antwortete sie furchtlos.

»So stirb!«

Er holte aus.

»Stich zu!« sagte sie trotzig, ihm fest in die Augen blickend.

Er zögerte doch. Er war ein Bösewicht, besaß aber doch nicht den vollen Muth zur That, mit welcher ihr gedroht hatte.

»Nun? Fürchtest Du Dich?«

»Fürchten? Was fällt Dir ein!«

»So stich doch!«

»Das kannst Du nicht wollen. Es ist nicht unsere Absicht, Dich zu tödten.« –

»Und es ist nicht meine Absicht, mit Euch zu gehen. Lieber sterbe ich!«

Sie war in diesem Augenblick ganz Königin, ganz die stolze Beherrscherin des tapferen Stammes der Beni Sallah.

»Wenn Du nicht anders willst, so wirst Du freilich sterben,« sagte er, sie beim Arme fassend.

Da zog ihn der Pascha zurück.

»Es ist nicht nöthig, sie zu erstechen,« meinte er.

»Wir werden sie wohl zwingen können, zu gehorchen. Wir binden sie.«

»Rührt mich nicht an!« rief sie.

»Willst Du Dich wehren?«

»Ja, ich schreie um Hilfe!«

»Wer wird Deinen Ruf hören? Und haben etwa diese hier geschrien?«

Er deutete auf Zykyma und die Alte.

Da trat Hiluja zur Königin und sagte:

»Gieb Dich darein!«

»Wie? Du willst Dich ihnen ergeben?« fragte Badija in zornigem Tone.

»Ja, einstweilen.«

»Meinst Du, daß sie Dich freilassen werden?«

»Ja.«

»Niemals!«

»O, man wird sie zwingen!«

»Wer?«

»Tarik und Hilal.«

Ueber das Gesicht der Königin glitt ein heller Zug.

»Ja, die Söhne des Blitzes werden uns ganz sicher befreien!« sagte sie.

»Und Masr-Esfendi wird mit ihnen kommen.«

»Laßt sie kommen!« lachte der Suef. »Sie werden nie im Leben erfahren, wohin wir Euch geschafft haben. Sie mögen suchen, wo sie wollen, sie werden Euch doch niemals finden, wenn wir nicht wollen. Aber ich gebe Euch vielleicht frei, wenn die Beni Sallah bereit sind, meine Bedingungen zu erfüllen.«

»Ah, wir sollen Geißeln sein?«

»Ja. Und wenn Ihr uns gehorcht, wird Euch nichts Böses geschehen. Also laßt Euch ruhig binden!«

»Warum binden? Wir ergeben uns; aber zu fesseln braucht Ihr uns nicht.«

»Haltet Ihr uns für delil (wahnsinnig)? Wir müssen Euch heimlich aus dem Lager schaffen; also werden wir Euch doch nicht im vollen Besitze Eurer Bewegungen lassen. Her mit den Händen!«

»Aber nur die Hände!«

»Ja.«

»Versprichst Du, uns nicht weiter zu fesseln?«

»Ja.«

»Dann hier!«

Sie hielt ihm die Arme entgegen. Hiluja that dasselbe. Man fesselte ihnen nicht etwa die Hände aneinander, sondern man band ihnen die Arme an den Leib.

Jetzt trat der Graf mit dem Stricke herbei, um der Königin auch die Füße zusammen zu binden.

»Halt!« sagte sie. »Der Suef hat mir versprochen, nur die Hände zu fesseln!«

»Er, aber nicht ich! Er mag Wort halten; ich aber werde an seiner Stelle thun, was nöthig ist.«

»Schurke!«

»Schimpfe nicht! Du verschlimmerst Dir dadurch nur Deine Lage.«

»So werde ich schreien!«

»Versuche es!«

Er faßte sie bei dem Halse und drückte ihr die Kehle zusammen, so daß sie gezwungen war, den Mund zu öffnen. Sofort steckte ihr der Pascha das dazu bereit gehaltene Tuch hinein. Ganz ebenso erging es Hiluja, und nun wurden Beiden auch die Beine zusammengebunden. Es verstand sich ganz von selbst, daß die Schwestern nun nicht mehr aufrecht zu stehen vermochten. Sie wurden auf den Boden niedergelegt. Jetzt waren die drei Männer also mit den Frauen fertig.

»Was nun?« fragte der Pascha.

»Wasser und Datteln,« antwortete der Suef. »Suchen wir nach ihnen! Einer aber von uns muß als Wächter hier zurückbleiben. Es ist ja möglich, daß der Arabadschi uns überrascht. Er muß sofort stumm gemacht werden.«

»So bleibe ich hier,« sagte der Pascha. »Es soll mir eine Freude machen, ihm mein Messer in den Leib zu stoßen.«

Er blieb im Dunkeln zurück. Die beiden Anderen aber gingen, um nach den angegebenen Gegenständen zu suchen. Unten im Lager gab es zwar einen Brunnen; aber sie konnten doch unmöglich wagen, sich dort mit einem für vier Tage reichenden Wasservorrath zu versehen. Das hätte Zeit in Anspruch genommen und Geräusch verursacht, so daß sie ganz gewiß entdeckt worden wären.

Sie traten mit dem Lichte in den Gang, welcher nach der Treppe zur Zinne führte. Ungefähr in der Mitte dieses Ganges gab es abermals eine offene Thür. Als sie dort eintraten, sahen sie sich zu ihrer Freude in dem Vorrathsraume der Königin. Da standen mächtige Krüge mit Palmensaft. Da lagen Haufen von Datteln und da gab es auch – was ganz besonders günstig war – viele mit Wasser gefüllte Schläuche.

Diese Letzteren waren gefüllt und hierher geschafft worden in Folge dei Kunde, daß die Beni Suef das Lager überfallen wollten. Man mußte sich auf alle Fälle vorbereiten und aus alle Eventualitäten gefaßt sein. Es lag doch immerhin im Bereiche der Möglichkeit, daß der Feind Sieger blieb. Dann mußten sich die Vertheidiger in die Ruine zurückziehen, und da war es nothwendig, diese Letztere mit einem Wasservorrathe zu versehen.

»Das ist prächtig!« sagte der Suef. »Wir haben da Alles beisammen, was wir brauchen.«

»Etwas fehlt doch noch.«

»Was?«

»Gewehre.«

»Ja, das ist wahr! Leider haben wir die unserigen so unvorsichtiger Weise zurückgelassen. Laßt uns sehen, was da drin zu finden ist!«

Er deutete auf eine Thür, welche sich im Hintergrunde des ziemlich großen Raumes befand.

Als sie dort hinausgegangen waren und sich umblickten, stieß der Suef einen Ruf der Freude aus. Sie befanden sich in einem Gemache, um dessen Wände sich ein Serir zog, das heißt ein ungefähr ein Fuß hohes Holzgestell, welches mit Matten und Kissen belegt war. An den Wänden hingen Waffen und Kriegstrophäen aller Art.

»Das ist die Wohnung des todten Scheiks gewesen,« sagte der Suef. »Da draußen, wo man jetzt die Vorräthe aufbewahrt, hat er die Versammlung der Aeltesten gehalten, wenn sie geheim sein sollten. Hier sind alle seine Flinten, und da, in diesen Beuteln befinden sich sicherlich Kugeln und auch wohl Pulver.«

Als er einige der Lederbeutel öffnete, zeigte es sich, daß er ganz richtig vermuthet hatte. Es gab hier mehr Munition, als gebraucht wurde. Die Beiden suchten sich die besten Schießgewehre aus, für den Pascha auch eins, und versahen sich auch mit Munition.

»Jetzt können wir zurückkehren,« meinte der Graf.

»Ja. Nun kommt aber erst das Schwierigste unseres Unternehmens, nämlich die Frauen und alles Andere aus der Ruine fortzuschaffen und auf die Kameele zu bringen, ohne daß es bemerkt wird.«

»Das bietet freilich Schwierigkeiten, welche vielleicht unüberwindlich sein werden.«

»Es muß aber gewagt werden.«

»Natürlich! Aber – hm! Wenn es nur möglich wäre. Alles auf andere Weise – –hm!«

»Was?«

»Ich habe einen Gedanken. Die Kameele liegen doch gleich am Fuße der Ruine. Sollte es denn nothwendig sein. Alles hinab zu tragen!«

»Was sonst?«

»Könnten wir es nicht vielleicht an Stricken von oben hinablassen?«

Der Suef machte ein ganz verdutztes Gesicht, lachte dann halblaut vor sich hin und sagte:

»Wie dumm!«

»Ist das, was ich gesagt habe, wirklich so dumm?«

»O nein! Es ist im Gegentheile sehr klug. Dumm aber bin ich gewesen, daß ich nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen bin. Wir befinden uns ja gar nicht hoch über dem Boden. Zwölf Stufen sind wir gestiegen. Die Stricke brauchen also gar nicht sehr lang zu sein. Und draußen bei den Vorräthen habe ich ein großes Packet Riemen und Stricke gesehen, vielmehr als wir brauchen.«

»So laß uns eilen! Es ist jedenfalls besser, wir sind fort, wenn dieser Saïd, der Arabadschi, kommt, als wenn wir uns mit ihm herumschlagen müssen.«

Sie nahmen von den Gegenständen, welche sie brauchten, so viel an sich, wie sie tragen konnten, und kehrten zu dem Pascha zurück, welcher sich über die gute Nachricht freute, welche sie brachten.

Die Frauen waren so gefesselt, daß an eine Flucht gar nicht gedacht werden konnte. Man konnte sie also einstweilen allein lassen. Die Drei begannen also, Schläuche und einen Sack mit Datteln nach der Seite der Ruine zu tragen, an welcher unten am Fuße derselben die Kameele lagen.

»Und nun die Mädchen,« sagte der Suef. »Dann schleiche ich mich hinab, und Ihr laßt mir Alles nach und nach an den Seilen hinab, erst das Wasser, dann die Datteln und zuletzt die Mädchen. Ihr kommt endlich nach. Dann brechen wir auf.«

»Die Alte also lassen wir zurück?«

»Natürlich.«

»Sie wird uns verrathen.«

»Nein. Sie weiß ja nicht, wohin wir gehen.«

»Aber sie hat uns gesehen; sie wird also sagen, daß wir es sind, welche die Mädchen entführt haben.«

»Das mag sie immerhin sagen. Es freut mich sogar, daß sie erfahren, auf welche Weise wir uns gerächt haben. Die Alte weiß, daß wir es waren, unser Ziel aber kennt sie nicht. Wir können also ruhig sein. Kommt, weiter!«

Sie kehrten nun in die Ruine zurück und trugen Badija, Hiluja und Zykyma herbei. Dann holten sie Stricke, welche sie zusammen banden und mehrfach vereinigten, damit sie die Last aushalten konnten, und nun endlich stieg der Suef leise wieder die Treppe hinab.

Drei Viertheile der Arbeit waren gethan. Er selbst hatte nun noch das Schwierige vor sich – den Raub auf die Kameele zu laden. War das einmal geschehen, so brauchte man nichts mehr zu fürchten. Selbst im Falle der Entdeckung konnten die Drei dann schnell aufsteigen und mit ihren Thieren davonjagen. Eine Verfolgung bei Nacht war wohl kaum zu fürchten.

Eben hatte er die letzte Stufe erreicht, so ließ sich im Zelte des alten Kalaf ein Hüsteln hören. Der Suef lehnte sich sofort an den Stein, an welchem er vorhin gelehnt hatte. Es war ja möglich, daß der Alte herauskam.

Wirklich! Der Vorhang wurde zurückgeschlagen, und Kalaf trat heraus. Er sah den Suef.

»Ilaf, bist Du es noch?« fragte er.

»Ja, ich bi – bi – bin es no – no – noch.«

»Ist Etwas geschehen?«

»Nein, ni – ni – nichts.«

»Es war mir, als hätte ich von Weibern einen Schrei gehört.«

Sollte Hiluja's lauter Hilferuf wirklich aus dem Innern der Ruine hervor und hier herabgedrungen sein? Das war kaum denkbar.

»Du ha – ha – hast geträumt!« sagte der Suef.

»Ja, ich war eingeschlafen; aber es war mir angstvoll zu Muthe. Es ist mir noch jetzt ganz so, als ob eine Gefahr drohe.«

»Gefa – fa – fahr? Ich wa – wa – wache ja!«

»Freilich wohl! Drüben bei der Beute sitzen auch Wächter. Es kann also gar nichts geschehen. Aber seit der Riese die Königen überfallen hat, bin ich so voller Besorgniß, obgleich kein Grund dazu vorhanden ist. Wo befindet sich der Arabadschi?«

»O – o – o – oben. Er wa – wa – wacht bei der – Kö – königen.«

»So kann ich ruhig sein. Wecke mich nur sogleich, wenn Du Etwas hörst oder siehst, was Verdacht zu erregen vermag. Allah gebe eine glückliche Nacht!«

Er ging langsam wieder in sein Zelt. Der Suef hielt es, ganz wie vorhin, für gerathen, eine Weile zu warten, obgleich seine beiden Gefährten wohl Eile hatten, ihre Lasten los zu werden. Dann schritt er weiter, nach der anderen Seite der Ruine hin.

Da lagen die Kameele noch ganz ruhig. Da ihnen die Mäuler noch immer verbunden waren, stand nicht zu befürchten, daß sie laut werden würden.

»Pst!« klang es von oben herab.

»Pst! Ich bin da,« antwortete er.

»Endlich! Erst die Schläuche.«

Sie wurden herabgelassen, dann die Datteln. Er lud Beides auf den Packsattel des Lastkameeles. Dann wurde Zykyma an zwei doppelten Stricken herabgelassen. Badija und Hiluja folgten. Er hob die Drei in den Tachterwan.

Der Graf und der Pascha standen höchstens sechs Ellen über ihn an der Brüstung. Er konnte mit ihnen so reden, daß sie ihn verstanden, ohne daß aber ein Anderer es hörte.

»Jetzt nun kommen wir hinab!« raunte der Pascha von oben herunter.

»Wartet! Der alte Kalaf ist noch munter. Könntet Ihr nicht gleich hier an einem Seil herab?«

»Wenn wir es hier oben anbinden, ja.«

»Versucht es!«

Bald bemerkte er. daß ein Seil herabgelassen wurde, und dann kamen der Graf und der Pascha an demselben herabgeturnt.

»So!« sagte der Letztere. »Das war schwere und ungewohnte Arbeit. Nun haben wir nur noch dafür zu sorgen, daß wir unbemerkt fortkommen.«

»Zunächst müssen wir die Kameele aufstehen lassen und zusammenbinden. Ein jedes muß mit dem Halfter an dem Schwanze des vorangehenden befestigt werden. Das sind sie so gewöhnt. Wenn sie nur dabei nicht laut werden.«

Die Thiere erhielten leichte Schläge auf die Kniee; das ist das Zeichen, daß sie aufstehen sollen. Sie gehorchten. Vorher aber hatten der Graf und der Pascha sich in ihre Sättel gesetzt. Sie verstanden es nicht, ein aufrecht stellendes Dromedar zu besteigen, da der Sitz sehr hoch ist.

Der Suef band die Kameele so zusammen, daß das Seinige das Vordere war; dann kam Dasjenige, welches den Tachterwan trug, in welchen der Suef die drei weiblichen Gefangenen gehoben hatte. Nachher folgten der Pascha, der Russe und endlich das Packthier. So standen die Kameele hintereinander. Der Suef faßte den Sattelgurt und schwang sich hinauf. Der Ritt konnte beginnen.

Die Thiere hatten nach ihrer gewohnten Art und Weise schreien wollen, hatten es aber nicht vermocht, da ihnen die Mäuler zugebunden waren. Ohne einiges Schnaufen aber ging es nicht ab. Als jedoch der Suef sein Thier in Bewegung setzte, folgten die anderen ruhig und willig.

Es ging langem zwischen den Zelten hindurch. Die Eilkameele sind leichter gebaut als die Lastkameele und haben auch nicht so große Füße wie die Letzteren; darum waren ihre Schritte ziemlich leise. Keiner von den Schläfern erwachte.

Als das letzte Zelt hinter der kleinen Karawane lag, befand dieselbe sich im Süden des Lagers; da nun ihr Weg nach Nordnordost führte, mußte der Suef um das Lager herumreiten. Er that das vorsichtig, um ja nicht gehört zu werden.

»Wollen wir gleich jetzt unsere Richtung einschlagen?« fragte der Pascha mit unterdrückter Stimme.

»Ja.«

»Ist das nicht unvorsichtig?«

»Warum?«

»Wenn man am Morgen unsere Spur sieht, wird man gleich errathen, wohin wir wollen. Es ist also wohl besser, wenn wir einen Umweg machen, um die Verfolger irre zu führen.«

»Dieser Umweg mußte groß genug sein, um sie wirklich zu täuschen; dazu aber haben mir die Zeit nicht und – ha, seht Ihr es?«

In diesem Augenblicke war grad im Norden ein Lichtstrahl aufgeflammt, grad wie ein Blitz, aber nicht vom Himmel zur Erde hernieder, sondern in entgegengesetzter Richtung von der Erde zum Himmel aufwärts.

»Ein Blitz!« sagte der Graf. »Wetterleuchtet es denn in der Wüste auch?«

»Das ist kein Blitz,« erklärte der Suef. »Da, seht, schon wieder!«

Die feurige Erscheinung wiederholte sich. Die Flamme war nicht schwefelgelb, blendend und im Zickzack wie beim Blitze, sondern sie fuhr schnurgerade'. Richtung und rothblauer Färbung empor.

»Das ist die Schems el Leïla! Allah schütze uns!« sagte der Suef.

»Schems el Leïla? Was ist das?«

Schems el Leïla ist arabisch und bedeutet zu Deutsch die Sonne der Nacht.

»Hast Du noch nicht davon gehört, daß der Teufel seine trügerische Sonne mitten in der Nacht an dem Himmel erscheinen läßt?« fragte der Suef.

»Nein.«

»Aber gehört hast Du wohl mein Wort: Allah schütze uns! Wenn die Schems el Leïla erscheint, so öffnet der Teufel die Pforten der Unterwelt, und in wenigen Stunden brauset der giftige Smum durch die Wüste. Laßt uns eilen!«

»Der Smum! O Allah! Wollen lieber bleiben!«

»Hier? Bei den Feinden? Mit unseren Gefangenen? Bist Du toll?«

»Aber wir werden sterben!«

»Nicht ein jeder Smum ist gefährlich. Vielleicht ist der Teufel heut bei guter Laune und läßt nur einen kleinen Theil des Windes aus der Hölle blasen. Jetzt haben mir das Lager hinter uns. Haltet Euch fest! Ich lasse die Thiere jetzt so schnell laufen, wie sie nur können. Der Smum wird unsere Spur verwehen. Wir können ihn also willkommen heißen.«

Smum ist dasjenige arabische Wort, welches bei uns wie Samum ausgesprochen wird. Da ein Jeder von diesem gefährlichen Wüstenwind gehört hat, so ist es nicht nöthig, weitläufige Bemerkungen über ihn zu machen.

Die fünf Thiere fielen nun in jenen ausgiebigen Kameelstrott, in welchem sie im Stande sind, ohne Ruhe Strecken zurückzulegen, welche nach vielen, vielen Meilen gemessen werden müssen. Nur die allerbesten Pferde vermögen es, mit einem solchen Eilkameele Schritt zu halten, aber auf die Dauer auch nicht.

Es hatte allen Anschein, daß der Mädchenraub gelungen sei.

Saïd, der treue Arabadschi, hatte allerdings bei seiner Herrin wachen wollen. Er hatte es sich vorgenommen, in dem vorderen Raume, in welchem das Licht stand, die Nacht zuzubringen. Er war kein Langschläfer. Die Beni Abbas waren sehr früh zur Ruhe gegangen; er konnte noch nicht schlafen. Daß seine Herrin hier im Innern der Ruine überfallen werden könne, hielt er nicht für möglich. So Etwas war heut nur möglich gewesen, weil beim Nahen des Riesen sich keine einzige Person im Lager befunden hatte. Heut Abend aber waren doch die Beni Abbas hier. Sie lagen in den Zelten rund um die Ruine. Die Letztere bot jedenfalls vollständige Sicherheit. Wenn irgend eine Gefahr drohte, so kam sie ganz gewiß von außen her. Darum verließ der Arabadschi die Ruine in der Absicht, zunächst um das Lager zu wandeln, um zu sehen, ob vielleicht etwas Verdächtiges zu bemerken sei.

Er that dies grad in der Zeit, in welcher der Suef mit dem Grafen und dem Pascha heranschlich. Leider aber befand er sich auf der nördlichen Seite, während sie von Süden kamen.

Wahrend es ihnen gelang, ganz unbemerkt die Ruine zu erreichen, patrouillirte er wohl zweimal um das Lager und begab sich bann nach der Stelle, wo die Beute aufgestapelt lag. Dort saßen einige Wächter, welche sich dadurch munter zu erhalten suchten, daß sie sich gegenseitig ihre heutigen Heldentaten erzählten.

Er wollte sich nur für einige kurze Minuten zu ihnen gesellen; aber ihre Erzählungen interessirten ihn; er mußte auch das Wort ergreifen, um von sich, von seiner Vergangenheit, von Stambul, der Stadt des Großherrn zu berichten, und so kam es, daß er länger blieb, als er sich vorgenommen hatte.

Eben erzählte er von Steinbach, dem berühmten Masr-Effendi, da zuckte der erste Strahl der Sonne der Nacht empor. Die Wächter sprangen erschrocken auf, und Einer von ihnen rief, sich gegen Osten wendend:

»Das Licht der Hölle! Allah behüte uns vor allen bösen Geistern und vor dem neunmal gekreuzigten Teufel! Allah ist Gott, und Muhammed ist sein Prophet!«

»Das soll das Licht der Hölle sein?« fragte Saïd. »Ich habe es noch niemals gesehen.«

»Danke Allah, daß es noch nicht in Deine Augen gekommen ist. Bist Du einmal in der Hölle gewesen, Saïd?«

»Nein. Wie könnte ich dortgewesen sein!«

»Mit Deinem Leibe nicht aber mit Deinem Geiste. Allah erlaubt zuweilen dem Menschen, zum Heile seiner Seele im Geiste oder im Schlafe, hinabzusteigen in die Dschehennah, wo die ewigen Feuer brennen. Hast Du auch nicht gehört, wie tief die Hölle ist?«

»Nein.«

»Sie hat hunderttausend Stufen und eine jede Stufe beträgt tausend Tagereisen. Das ist tief, sehr tief, so tief, daß das ewige Feuer, welches dort brennt, zuweilen nicht ganz von dem Grunde der Hölle bis herauf zur letzten Stufe reicht. Da sendet der Satan alle seine Teufel hinab auf den Grund, daß sie das Feuer anblasen sollen. Wenn sie nun da nur ein ganz klein Wenig zu viel und zu hastig blasen, so schlägt das Feuer oben zur Hölle heraus und die Flamme zuckt bis zum Himmel empor. Das heißt dann Schems el Leïla, die Sonne der Nacht.«

»Das war es vorhin?«

»Ja. Schau, jetzt zuckt es schon wieder! Die Teufel haben heut sehr guten Athem. Dieser Athem kommt dann an die Oberfläche der Erde und braust glühend über dieselbe hin, den Sand bis zum Himmel wirbelnd und Quellen und Brunnen austrocknend oder verschüttend. Das ist der böse Smum, der giftige Wind der Wüste. Wenn er länger weht, tödtet er Alles, was er ergreift, Mensch und Thier, Baum und Halm. Dann bleichen die Skelette in der Wüste. Siehe, es zuckt bereits zum dritten Male auf, und – – Allah 'l Allah, dort reitet der neunmal gekreuzigte Teufel in der Wüste!«

Er deutete nach Norden.

Im Scheine der aufzuckenden Flamme war die Carawane des Suef zu sehen. Sie zeichnete sich einen Augenblick gegen den bläulich roth erleuchteten Horizont ab. Die Beni Abbas verneigten sich gegen Osten, wo die heilige Stadt Mekka mit der Kaaba liegt und murmelten das Glaubensbekenntniß.

»Allah il Allah, Muhammed Rassuhl Allah. Gott ist Gott, und Muhammed ist sein Prophet!«

Der Arabadschi that ganz dasselbe. Aber er stammte aus Constantinopel; er hatte, trotzdem er jung war, viel gesehen und viel gehört. Er war bei Weitem nicht so abergläubisch wie diese geistig befangenen Söhne der Wüste. Er fragte:

»Sollte das wirklich der Teufel sein?«

»Ganz gewiß! Hast Du ihn nicht gesehen?«

»Nein.«

»So bist Du blind. Er hatte den Leib einer Schlange und besaß viele Beine, wohl an die fünfzehn oder zwanzig.

»Das waren Kameele!«

»Kameele? Dein Unglaube ist groß. Allah möge Dir verzeihen. Wie können Kameele dort hin? Sie werden nicht nach Norden gehen, sondern hier bei uns anhalten, um Wasser zu trinken und Datteln zu essen. Dieser neunmal gekreuzigte Teufel aber ging grad von uns fort. Er ist über uns hinweg durch die Luft geflogen. Allah hat uns beschützt, weil wir gläubige Söhne des Propheten sind. Ihm sei Dank in alle – – o Allah, Allah, Allah!«

Er stieß diesen Ausruf aus, weil jetzt eine förmliche Feuergarbe vom nördlichen Horizonte aus gegen den Himmel stieg. Ihr Schein verflog nicht blitzschnell: er erhielt sich längere Zeit am Himmel. Und da war denn die Karawane mit der vollsten Deutlichkeit zu sehen.

»Siehst Du ihn, den Teufel?« sagte der Beni Abbas.

»Das sind Kameele und Reiter.«

»Nein, sondern das ist ein Thier mit vielen Beinen. Es giebt sich aber die Gestalt von Kameelen, um uns hinaus und in das Verderben zu locken.

»Sie kommen von hier,« sagte Saïd. »Drei Reiter und ein Tachterwan. Allah! Was hat das zu bedeuten?«

»Daß die Hölle offen ist!«

»Schweig! Diese Reiter kommen mir höchst verdächtig vor. Entweder kamen sie aus dem Süden und sind an uns vorübergeritten. Das ist sehr verdächtig. Oder – – –«

»Oder sie kamen aus der Hölle; so ist es!«

Aber Saïd ließ sich durch den Aberglauben des Anderen nicht irre machen und fuhr fort:

»Oder sie kamen von hier!«

»Von hier? Hat die Sonne Dir den Verstand verbrannt? Wohnt der Teufel hier bei uns? Ist hier die Pforte der Hölle?«

»Es sind ja Menschen!«

»Wenn es Menschen wären, welche von hier kämen, so müßten es Beni Abbas von meinem Stamme sein! Aber wir werden uns hüten, das Lager zu verlassen. Zähle die Männer! Es wird Keiner fehlen!«

»Es sind Frauen dabei! Ein Tachterwan! Allah, ich muß nach meiner Herrin sehen!«

»Meinst Du etwa, daß sie in diesem Tachterwan sitze? Wenn eine Frau drin sitzt, so ist es die Urtante von des Teufels Vettermuhme. Bleib hier bei uns! Deine Herrin schläft und träumt vom Paradiese. Störe sie also nicht!«

»Ich muß wissen, ob sie da ist!«

Er eilte fort, nach der Ruine zu. Es war eigentlich ein abenteuerlicher Gedanke, daß seine Herrin jetzt da draußen in der Wüste reiten könne. Sie hatte ihm eine gute Nacht gewünscht und sich dann in das Schlafzimmer zurückgezogen. Er hatte das gesehen; er wußte, daß sie dort lag; aber er fühlte eine Beklemmung, welche ihm den Athem zu rauben drohte. Er folgte der Stimme seiner Ahnung, welche ihm sagte, daß etwas Schlimmes passirt sein könne.

Bei der Ruine angekommen, sprang er die Stufen hinauf, eilte in den Gang und trat in die Stube, in welcher er hatte schlafen wollen. Er hatte dort das brennende Licht stehen lassen. Es war nicht mehr da, sondern es stand in der nächsten Ruine, wo die drei Frauen zur Ruhe gegangen waren.

Daraus mußte er schließen, daß eine von ihnen aufgestanden war und das Licht geholt hatte. Wozu? Er trat hart an die Thüröffnung und horchte.

Er hörte ein Geräusch, wie wenn Jemand ängstlich durch die Nase Athem holt. Es klang, als sei die betreffende Person dem Ersticken nahe.

»Herrin!« sagte er.

Er durfte es natürlich nicht wagen, einzutreten.

Es erfolgte keine Antwort.

»Herrin! Sultana!« sagte er lauter.

Als einzige Antwort hörte er das Schnaufen, aber lauter, viel lauter als vorher. Jetzt bekam er wirklich Angst.

»Herrin!« rief er jetzt nun ganz laut. »Sultana! Zykyma!«

Keine Antwort als nur das ängstliche Athemholen. Wenn Zykyma sich d'rin befunden hätte, so hätte sie ihn hören müssen. Sie war also nicht da. Er trat ein; er wagte es.

Dort in der Ecke lag die alte Haluja, an Armen und Beinen gefesselt und einen Knebel im Munde. Er wußte sofort, daß er seine Herrin in der Wüste zu suchen habe.

»O Allah, o Muhammed!« rief er entsetzt aus.

Er eilte in die Ecke, knieete nieder, zog sein Messer hervor und zerschnitt die Stricke.

»Was ist geschehen? Schnell, schnell, sage es!« rief er sie an.

Er dachte vor Eile gar nicht daran, ihr den Knebel aus dem Munde nehmen. Sie riß ihn sich selbst heraus und ächzte:

»O Allah, Allah!«

»Was denn, was?«

»Mein Athem!«

»Was geht mich Dein Athem an! Schnell, schnell!«

»Meine Hände! Meine Beine!«

»Der Teufel hole Deine Hände und Deine Beine dazu! Ich will wissen, was geschehen ist!«

Sie richtete sich vom Boden auf, holte tief Athem, betrachtete ihre Handgelenke und antwortete:

»Gefesselt haben sie mich!«

»Das sehe ich ja!«

»Sogar geknebelt!«

»Aber jetzt hast Du doch den Knebel nicht mehr im Munde. Jetzt kannst Du reden. So rede doch auch!«

»Welch ein Schreck!«

»So antworte doch! Wo ist Zykyma?«

»Fort!«

»Das sehe ich! Aber wohin?«

»Ich weiß es nicht. O Hiluja, meine Hiluja!«

»Was ist mit ihr?«

»Auch fort!«

»Und Badija?«

»Auch, auch!«

»Hölle und Teufel! Dich haben sie hier gelassen! Konnten sie es nicht umgekehrt machen: Dich fortschaffen und die Anderen hier lassen!«

»Oho! Beleidige mich nicht!«

»Wer war es denn?«

»Der Beni Suef mit dem Russen und dem Pascha.«

»Ibrahim Pascha?«

»Ja. Sie haben sie gefesselt und fortgeschleppt.«

»Sie sind es; sie sind es! Und dieser Beni Abbas hielt sie für den Teufel! Hätte er doch Dich geholt. Warum hast Du Dich nicht gewehrt? Warum hast Du sie nicht beschützt? Nicht um Hilfe gerufen?«

»Konnte ich, wenn sie mir den Mund verstopfen? Ich soll sie beschützen? Wer war der Beschützer? Etwa Du nicht? Wo warst Du?«

»Du hast Recht! Ich bin schuld, ich, ich allein! Aber ich werde sie wieder holen. Sogleich! Sofort!

Er ließ die Alte stehen, rannte hinaus und rief mit weit schallender Stimme von der Ruine hinab:

»Auf, auf, Ihr Männer, Ihr Krieger! Man hat Euch die Königin geraubt, die Königin und ihre Schwester und auch Zykyma, meine Herrin! Auf, auf!«

Er sprang die Stufen hinab und nach dem Brunnen zu. Dort stand die Fuchsstute des Scheiks der besiegten Beni Suef. Er wußte es. Er hatte gehört, daß sie wie der Wind laufe. Er wollte sie benutzen, die Entführer einzuholen.

Die Wächter, welche bei der Beute gestanden hatten, kamen herbei. Aus den Zelten eilten die Beni Abbas herzu.

»Was giebt es? Was ist's?« rief es von allen Seiten.

»Die Königin ist geraubt worden!« antwortete er. »Dazu Hiluja und Zykyma.«

»Von wem? Von wem?«

»Fragt die Alte, fragt Haluja! Ich habe keine Zeit. Ich muß die Räuber verfolgen. Ich reite voran. Kommt mir schleunigst nach!«

Er hatte während dieser wenigen Augenblicke in fieberhafter Eile dem Pferde den Sattel aufgelegt und festgeschnallt. Jetzt warf er ihm die Zügel über.

»Wohin? Wohin willst Du?« fragte einer der Beni Abbas.

»Ich sage es ja: den Räubern nach.«

»Wer sind sie?«

»Fragt die Alte! Mich aber laßt fort!«

Er stieg auf und sprengte davon, hinaus in die nächtliche Wüste.

Es hatte sich seiner eine Wuth, ein Grimm bemächtigt, daß er jetzt, in diesem Augenblicke selbst mit dem Teufel angebunden hätte. Und dieser Grimm richtete sich nicht nur gegen die Räuber der Mädchen, sondern gegen sich selbst auch. Er hatte die Herrin beschützen sollen, war aber von ihr fortgelaufen. Er mußte sie wieder haben!

Sporen trug er nicht, da er nicht auf diesen nächtlichen Ritt vorbereitet gewesen war. Er schlug der Stute die Fersen in die Weichen, und sie flog mit Windesschnelle in nördlicher Richtung davon.

»Die »Sonne der Nacht« flammte zuweilen auf. In solchen Augenblicken überwogen Saïd's Augen den Horizont. Er konnte die Carawane nicht mehr erblicken. Er trieb das Pferd zu immer größere Eile an. Es vergingen bange Minuten. Endlich sah er bei einem aufflammenden Strahle die fünf Thiere, aber in weiter Ferne.

»Allah sei Dank!« rief er. »Ich sehe sie! Nun werde ich sie erreichen!«

Die Stute stob davon, als ob sie die Entfernungen förmlich hinter sich werfen wolle. Saïd hatte beim Anblicke der Carawane freudig aufgejauchzt. Der gute Kerl dachte gar nicht daran, daß er nichts bei sich hatte, als nur sein Messer.

Man kann sich denken, welch einen Aufruhr sein Ruf in dem Lager hervorgebracht hatte. Alles, Jung und Alt, Männlich und Weiblich, rannte wirr unter einander. Hundert Stimmen fragten, was geschehen sei, und es dauerte eine Zeit lang, ehe es Allen klar wurde, was geschehen war. Die drei Mädchen waren entführt worden, und Saïd war fort, um die Räuber zu suchen. So viel wußte man. Alles drängte sich nun nach der Ruine, Allen voran natürlich der alte Scheik, der Vater Hiluja's und der Königin. Droben stand Haluja, die Alte, an einen Quader gelehnt. An sie wurden alle Fragen gerichtet. Sie konnte aber gar nicht zur Antwort kommen.

»Schweigt!« rief der Scheik. »Laßt mich fragen! Ich bin der Vater!«

Jetzt verhielt die Menge sich ruhig, und die alte Dienerin konnte erzählen. Sie that es, vor Aufregung zitternd. Der Scheik hörte ihr zu, auch zitternd, aber vor Wuth.

»Also fort sind sie, fort! Aber wohin!« rief er, als sie geendet hatte.

Niemand konnte antworten.

»Wohin ist Saïd?«

Auch das wußte Keiner. Nur als auch die Wächter diese Frage hörten, antwortete einer von ihnen:

»Er ist fort, hinter dem neunmal gesteinigten und gekreuzigten Teufel her!«

»Was sprichst Du vom Teufel?«

»Ich habe ihn gesehen, o Scheik.«

»Wo?«

»Draußen in der Wüste, gegen Norden hin. Er hatte den Leib einer Schlange oder eines Krokodiles mit zwanzig Beinen, fünfzig Augen und zehn Flügel.«

An die Beine hatte er bereits vorhin geglaubt. Die Augen und die Flügel aber machte er jetzt selbst hinzu. Der Scheik war ebenso von Aberglauben befangen, wie seine Leute. Er antwortete:

»Die Sonne der Nacht blitzt auf und die Hölle ist offen. O Allah, Allah! Und da sind meine Kinder hinaus in die Wüste, mit ihren Entführern! Wer wird sie retten, wer!«

Da kam der alte Kalaf herbei. Er sagte:

»Wie können Deine Töchter geraubt sein? Sind sie denn des Nachts außerhalb des Lagers spazieren gegangen?«

»Nein,« antwortete die Dienerin.

»Sie haben sich in der Ruine befunden?«

»Ja, von Beginn des Abends an.«

»Das begreife ich nicht. Ilaf hat doch gewacht!«

»Wo?« fragte der Scheik.

»Hier unten an der Treppe.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Du selbst hast es ihm geboten.«

»Nein.«

»Er sagte es.«

»Hast Du mit ihm gesprochen?«

»Zu zweien Malen.«

»Wo ist er? Bringt ihn her!«

Ilaf, der Stotterer, wurde gebracht. Er leugnete, Wache gestanden zu haben.

»Ich habe Dich ja gesehen!« sagte der Alte.

»Du täu–täu–täuschest Dich!«

»Nein. Ich habe doch auch mit Dir gesprochen?«

»Ich weiß ni–ni–nichts davon. Ich habe fest geschla–la–la–lafefen.

»Lüge nicht! Was ich sehe und höre, daß weiß ich genau. Ich kann es beschwören, daß Du an dem Steine standest und meine Fragen beantwortetest.«

»Du ha–ha–hast geträumt!«

»Träume ich, wenn ich zweimal mein Zelt verlasse, zu Dir trete und mit Dir spreche?«

»Habe ich de–de–denn gesto–to–tottert«

»Ja, natürlich!«

»O Allah 'l Allallallallallallah! Es ist der Teu–teu–teu–teufel gewesen. Heut i–i–i–ist die Hollöllöllöllölle offen. Allallallallallah il Allallallallallah Muhammed Ra–ra–ra–ra–rassuhl Allallallallallah!«

Alle waren still. Ilaf hatte zwar den kleinen Fehler, daß er stotterte; aber er war bekannt als ein braver, wahrheitsliebender Mann. Man mußte ihm glauben. Der alte Kalaf hatte entweder geträumt, oder er war wirklich vom Teufel betrogen worden. Zu dieser letzteren Ansicht neigten sich im Stillen Alle.

Es wurden Fackeln angezündet. Man suchte im ganzen Lager. Da fand es sich, daß fünf Kameele fehlten. Der Teufel hatte sie mitgenommen. Er hatte auch die drei Mädchen entführt. Denn daß der Suef, der Pascha und der Graf es wirklich gewesen waren, das glaubte man nicht. Der Teufel hatte die Gestalt dieser Drei angenommen, um die Mädchen zu entführen.

Der Scheik wußte weder aus noch ein. Er betete und fluchte in einem Athem. Die Anderen alle recitirten fromme Stellen aus dem Koran. Die sämmtlichen Bewohner des Lagers befanden sich in einem Zustande, so daß alle Veranlassung war, an ihrer Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. Ein Einziger gab sich die Mühe, kalt und klar über dieses außerordentliche Ereigniß nachzudenken; aber er brachte es auch zu keiner Erklärung. Der Schlußgedanke seiner geistigen Anstrengung lautete:

»Allah ist groß. Alles, was geschieht, das ist im Buche des Lebens verzeichnet. Warum aber ist Masr-Effendi nicht hier! Er würde uns sagen, was wir zu thun haben.«

Masr-Esfendi! Dieser Name wirkte zündend. Alle sprachen ihn nach. Und nun erst kam dem Scheik die beste Idee:

»Er muß herbeikommen, schnell, schnell! Man muß ihm einen Boten senden, und zwar augenblicklich. Ist noch ein Eilkameel da?«

Glücklicher Weise waren außer den fünf Thieren der Königin, welche der Suef gestohlen hatte, noch einige vorhanden. Wenige Minuten, nachdem Steinbach's Name genannt worden war, saß bereits der Eilbote im Sattel, welcher direct nach dem Zeltdorfe der Beni Suef reiten sollte, um Steinbach herbei zu holen.

Der alte Scheik wurde von seinem Grimme eigentlich zum Handeln getrieben; aber er wußte leider nicht, was er thun solle. So blieb ihm nichts Anderes übrig, als seine Wuth zu verschlucken und sich bis zur Ankunft Steinbach's seinem Schmerze rückhaltslos hinzugeben.

Die alte arabische Dienerin leistete ihm dabei treulich Gesellschaft. Sie saß während des ganzen Vormittages auf der Ruine und starrte in das Leere. Die »Sonne der Nacht« hatte während der Nacht ihr Licht nur noch einige Male gezeigt. Es war nicht zu einem wirklichen Smum gekommen. Jedenfalls hatte der Wüstenwind seine Kraft in dem westlichen Theile der Sahara erschöpft, so daß er hier sich nicht einmal als ein gelinder Lufthauch zeigen konnte. Die Atmosphäre war bewegungslos. Der Himmel war ganz nach dem biblischen Worte wie Blei und die Erde wie glühendes Erz. Die Luft lag wie concentrirte Hitze auf dem Sandmeere; der Mensch hatte das Gefühl, als ob ihm das Blut siede und jeder Knochen ausgedorrt werde.

Das war nicht geeignet, den Schmerz zu beruhigen, welcher an der Seele des Scheiks nagte.

»Hast Du denn die Drei wirklich genau gesehen und erkannt?« fragt; er Haluja.

»Ganz genau gesehen und erkannt.«

»Glaubst Du vielleicht, daß sie es wirklich waren?«

»Nein, sonst hätten sie mich nicht so leicht fesseln und knebeln können. Es war der Teufel mit seinem Sohne und seinem Enkel. Ja, er ist es gewesen. Er hat sogar Saïd, den Arabadschi, mit sammt der Fuchsstute durch die Lüfte davon geführt.«

»Wer hat das gesehen?«

»Ich. Ich stand hier oben auf der Ruine, nachdem er von mir weggegangen war. Ich hörte seine Stimme unten vom Baume heraufschallen, dann ritt er fort. Nach einer Weile sah ich den Strahl der Schems el Leïla am Himmel aufsteigen; er beleuchtete die ganze Erde, und da bemerkte ich Saïd, wie ihn sein Pferd durch die Luft davon trug. Er ist verloren!«

Die gute Alte wußte nichts von optischer Täuschung. Sie hatte während eines schnell aufflammenden Strahles den Arabadschi auf dem Pferde bemerkt. Der helle Schein nach dunkler Nacht und die sofort wieder folgende Finsternis hatte ihr den jungen Mann wie in der Luft schwebend erscheinen lassen. Sie war überzeugt, daß er vom Teufel geholt worden sei. –

Steinbach war, wie bereits erzählt, mit seinen Schaaren nach dem Kampfe aufgebrochen, um direct nach dem Duar der Beni Suef zu reiten. Es sollte ein Parforceritt werden, und er wurde es auch.

Zwölf Stunden ungefähr war es bis zum Ferß el Hadschar. Und dieser lag grad auf dem Halbscheid des Weges, welcher also wohl an die vierundzwanzig Stunden betrug. Aber Steinbach hatte die Thiere so antreiben lassen, daß er mit seinen Leuten noch während der Nacht am Ziele ankam.

Das Zeltdorf der Feinde lag in nächtlicher Ruhe vor ihnen. Alles schlief. Selbst die Wächter der Heerden hatten sich dem Schlummer in die Arme geworfen.

Es wurde ein kurzer Kriegsrath gehalten. Ueber siebenhundert Krieger waren versammelt. Es ließ sich annehmen, daß der Feind nur wenige seiner waffenfähigen Männer zurückgelassen hatte. Die Ueberrumpelung des Dorfes war also wohl eine leichte Sache. Steinbach gab den Rath, vier Haufen zu bilden, welche sich so einrichten sollten, daß beim Anbruch des Tages je einer im Nord, Ost, Süd und West des Dorfes halten solle. Dasselbe war dann so umzingelt, daß kein Mensch entkommen konnte. Dieser Rath wurde angenommen. Man trennte sich also.

Das Zeltdorf lag in einer fruchtbaren, von Palmen bestandenen Oase. Die Palmen standen da so dicht, daß sie einen Wald bildeten, über welchen hinweg man nicht zu sehen vermochte.

Das war der Grund, daß die Bewohner am Anbruche des Tages keine Ahnung hatten, daß der Feind in ihrer Nähe sei. Sie gingen ihren Frühgeschäften nach, welche in der Zubereitung des Mahles bestanden. Eingenommen durfte dasselbe aber nicht etwa gleich werden, denn das Morgengebet muß nüchtern gebetet werden.

Da tauchte der obere Sonnenrand über den östlichen Horizont empor, und funkelnde Strahlen flogen über die Erde dahin, als ob sie aus lauter Diamanten zusammengesetzt seien. Zugleich ertönte die helle Stimme des Mueddin, welcher zum Gebet rief. Alle beteten – die Bewohner der Oase und auch die Beni Sallah, welche um die Letzteren standen, zum Angriffe bereit.

Kaum war das Amen gesprochen, so rückten die Krieger gegen das Dorf vor. Ein alter Hirt war der Erste, der die Anrückenden bemerkte. Er eilte in das Dorf zurück, um die schreckliche Nachricht zu verkündigen. Ein lautes Jammergeschrei erscholl.

Es waren kaum zwanzig kampffähige Männer anwesend. Was konnten diese gegen einen so übermächtigen Feind thun! Man verzichtete auf jeden Widerstand und verkroch sich in die Zelte.

Steinbach hatte die Bedingung gestellt, daß jedes Blutvergießen möglichst zu vermeiden sei. Als jetzt die vier Abtheilungen dem Dorf so nahe waren, daß sie Fühlung mit einander bekamen, ritt er zu Hilal hinüber. Er fand ihn an der Spitze seiner Leute.

»Du kommst zu mir!« sagte der junge, feurige Mann. »Warum giebst Du nicht das verabredete Zeichen zum Eindringen in das Dorf?«

»Weil das uns schaden würde. Wir würden eine Verwirrung hervorbringen, die uns selbst nur Schaden bringen kann. Ich werde ganz allein in das Dorf reiten. Willst Du mit?«

»Du bist sehr kühn, Effendi!«

»Du bist auch tapfer.«

Das wirkte.

»Ich reite mit!«

»So komm! Unsere Krieger werden warten, bis wir zurückkehren oder sie unsere Befehle erhalten.

Normann erhielt einstweilen das Commando und die Beiden ritten dem Dorfe entgegen.

Als sie in dem letzteren anlangten, war zwischen den Zeltreihen kein Mensch zu sehen. Inmitten des Ortes gab es einen größeren Platz. Dort stand das größte der Zelte. Zwei in die Erde gesteckte Speere vor dem Eingange zeigten den Rang seines Besitzers an.

Steinbach hielt dort an und schlug die beiden Hände zusammen. Erst nach einiger Zeit steckte ein altes Weib den Kopf durch die Thür.

»Sallam!« grüßte Steinbach.

»Sallam!« antwortete sie.

»Wer wohnt in diesem Zelte?«

»Der Vater des Scheikes.«

»Ist er daheim?«

»Ja.«

»Er mag herauskommen, ich habe mit Ihm zu sprechen.«

»Willst Du. nicht eintreten?«

»Nein.«

Wäre er eingetreten, so wäre er von diesem Augenblicke an Gast des Besitzers gewesen und hätte nicht als dessen Gegner handeln können.

»So warte! Ich werde ihn senden.«

Steinbach sah recht wohl, daß viele, viele Augen verstohlen aus den Zelten auf ihn gerichtet waren, er that aber so, als ob er es nicht bemerke.

»Jetzt wirst Du den ärgsten Feind der Beni Sallah kennen lernen,« sagte Hilal. »Der alte Scheik Hulem hat viele, sehr viele von uns getödtet. Seine Zunge ist falsch und seinem Eide ist nicht zu trauen. Wenn Du in seine Augen blickst, so wirst Du sofort erkennen, was für ein Mann er ist.

Jetzt öffnete sich das Zelt und der alte Hulam trat heraus. Er ging gebückt vor Alter. Sein Bart war lang und weiß, sein Haar ebenso. Er trug den weißen Haïk (Mantel) und einen eben solchen Turban auf dem Kopfe. Es fehlten ihm die Brauen und Wimpern; die Ränder seiner Augenlieder waren dick geschwollen und roth. Die Augen trieften und irrten mit flackerndem Lichte und unsicherem Blicke zwischen Steinbach und Hilal hin und her.

»Sallam aaleïkum!« grüßte er.

Hatten die beiden Begrüßten diesen ganzen Gruß vollständig wiederholt, so hätte er damit einen diplomatischen Sieg errungen gehabt. Vollständig wird der Gruß nur zwischen Freunden gewechselt. Auf einen Andersgläubigen grüßt der Muhammedaner nur mit dem einfachen Sallam (Friede!) nicht aber mit dem Aaleïkum (sei mit Dir!). Es ist darum als eine außerordentliche Ehre und große Auszeichnung zu betrachten, wenn ein Anhänger Muhammeds zu einem Christen Sallam aaleïkum sagt.

*

31

Daß der alte Scheik Hulam gegen die Beiden, die doch seine Feinde waren, den vollständigen Gruß gebrauchte, war eine Hinterlist. Hätten sie ihn erwidert, so wären sie verpflichtet gewesen, als Freunde an ihm zu handeln. Darum antwortete Steinbach einfach mit:

»Sallam!«

Hilal that dasselbe.

»Wer bist Du?«

Diese Frage war nur an Steinbach gerichtet. Den Sohn des Blitzes kannte der Alte schon längst persönlich. Er brauchte also nicht nach ihm zu fragen.

»Ich bin Masr-Effendi. Hast Du bereits von mir gehört?«

»Nein. So wirst Du jetzt von mir hören, und zwar von mir selbst. Ich hoffe, daß Du mich dann kennen wirst.«

»Willst Du nicht absteigen und in mein Zelt treten?«

»Nein. Man tritt nicht in das Zelt eines Feindes.«

»Bist Du mein Feind? Ich kenne Dich ja noch gar nicht.«

»Ich bin ein Gesandter von Taufik Pascha, dem Herrscher von Egypten, dessen Gegner Du bist.«

»Kannst Du mir beweisen, daß er Dich sendet?«

»Mein Beweis ist hier in meiner Hand.«

Er deutete auf sein geladenes Gewehr.

Der alte Scheik war überzeugt, daß seine Leute als Sieger von ihrem Zuge heimkehren würden. Da jetzt aber die Beni Sallah kamen, so war es ihm ein Beweis, daß die Seinen besiegt worden seien. Die sämmtlichen Bewohner des Dorfes waren vom Schreck und von der Angst in ihre Zelte getrieben worden. Hulam wußte den Schreck und die Sorge zu verbergen. Er sagte im Tone des Erstaunens:

»Ich verstehe Dich nicht!«

»So verstehe ich Dich desto besser. Wo sind die Krieger Deines Stammes?«

»Sie sind ausgezogen.«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du bist der Scheik und solltest es nicht wissen?«

»Mein Auge ist matt und mein Arm ist schwach geworden. Ich bekümmere mich schon längst nicht mehr um Das, was die Starken thun.«

»Du lügst. Selbst wenn Du die Wahrheit sagst, solltest Du Dich besser um die Deinigen bekümmern; dann würden sie vielleicht mit den Nachbarn in frieden leben und nicht auf das Haupt geschlagen werden.«

»Wer soll sie geschlagen haben?«

»Verstelle Dich nicht! Sie sind ausgezogen gegen die Beni Sallam, sechshundert Mann stark. Sie haben im Ferß el Hadschar gelegen und ihre Kundschafter ausgesandt. Wir aber haben Sie empfangen und so auf das Haupt geschlagen, daß wir eher hier einziehen als die Flüchtigen, welche entkommen sind. Du wirst sie schnell zählen können; es sind ihrer nur Wenige.«

»Allah! Ihr habt unschuldiges Blut vergossen. Wer sagt Euch, daß sie gegen Euch kämpfen wollten. Nun wird eine hundertfache Blutrache sein zwischen uns und Euch.«

»Spiele nicht den Heuchler! Ich bin kein Kind. Ich habe Männer zum Freunde, gegen welche Du ein Hund bist, und meine Ahnen sind wie die Löwen gegen die Deinigen, die ich unter die Schakals zähle. Deine Krieger haben mir selbst gesagt, daß sie als Feinde kommen. Ich bin noch so edelmüthig gewesen, sie zu warnen; sie haben aber nicht gehorcht. Nun werden ihre Gebeine von den Geiern und Hyänen gefressen. Deine Blutrache fürchten wir nicht. Wir haben, achthundert Krieger stark, Dein Torf umzingelt. Wir sind keine blutdürstigen Thiere wie Ihr; wir wollen Euer Leben schonen; aber Ihr sollt Euch unterwerfen. Ich gebe Dir eine halbe Stunde Zeit. Besprich Dich mit Deinen Leuten, und komme dann heraus vor das Lager, wo ich Dich erwarten werde, um Deinen Entschluß zu vernehmen. Wir verlangen, daß Ihr Euch uns ergebt mit Allem, was Ihr besitzt. In diesem Falle will ich Euer Leben schonen. Thut Ihr das nicht, so mag Euer Blut über Euch selbst kommen.«

Hulam blickte den Sprecher giftig an.

»Habt Ihr die Meinen wirklich geschlagen?«

»Ja. Gestern früh vor dem ersten Gebete.«

»Wo ist mein Sohn?«

»Er liegt erschlagen vor unseren Zelten.«

»O Allah! Hat Omram ihn nicht beschützt?«

»Wie konnte dieser ihn beschützen? Er ist selbst gefallen von dieser meiner Hand. Siehe hier die Scheide seines Messers!«

Er zeigte sie ihm hin. Man hätte meinen sollen, daß Hulam ganz niedergeschmettert gewesen sei. Mit nichten! Sein Gesicht wechselte den bisherigen Ausdruck nicht im Mindesten. Entweder hatte er gar kein Herz, oder er besaß eine ungeheure Selbstbeherrschung. Er bohrte seinen stechenden Blick in Steinbach's Auge und antwortete:

»Warum redest Du im Namen der Beni Sallah? Sind sie nicht selber hier? Wo ist ihr Scheik? Ist er ein Knabe, daß er eines Anderen bedarf, der für ihn spricht?«

Steinbach lächelte ihn überlegen an und antwortete:

»Du bist ein schlauer Mann! Du weißt, daß der Scheik der Beni Sallah gestorben ist.«

»Ich weiß es.«

»Und daß der Riese Falehd, welcher Euch freundlich gesinnt war, ein Anrecht auf diesen Rang hatte.«

»Auch das weiß ich. Wo ist er?«

»Er ist todt, gestorben von der Hand dieses tapferen Jünglings, der mit ihm auf Leben und Tod gekämpft hat.«

Er deutete dabei auf Hilal.

»Allah ist groß. Er giebt sogar den Kindern den Sieg über die Männer!«

Das war wieder eine Beleidigung.

»Ja, aber den Kindern des Blitzes, Tarik, der andere Sohn des Blitzes, ist Scheik geworden. Seine erste That war, daß er die Beni Suef besiegte. Er verfolgt die Wenigen, welche entkommen sind, nach dem Ferß el Hadschar, wo ich Euer Lager und Eure Wasserquellen entdeckt habe. Du siehst, daß ich Dir Deine Fragen beantworte, obgleich ich das gar nicht nöthig habe. Der Sieger soll großmüthig sein. Nun erwarte ich von Dir, daß Du einsichtsvoll und demüthig bist. Bist Du es nicht, so werden wir mit aller Strenge gegen Euch verfahren.«

»Welche Bedingungen stellt Ihr uns?«

»Gar keine. Wir sind die Sieger. Ihr unterwerft Euch uns mit Hab und Gut. In diesem Falle soll Keinem von Euch das Leben genommen werden.«

»Ich werde die Alten zusammen kommen lassen.«

»Thue das. Aber denke nicht, daß wir uns vielleicht überlisten lassen. Ist die halbe Stunde verflossen, so beginnen wir unser Werk.«

Er lenkte um und ritt mit Hilal davon.

»Nun,« sagte der Letztere, »wie gefällt Dir dieser Alte?«

»Gar nicht. Die Grausamkeit und Hinterlist steht ihm auf das Gesicht geschrieben.«

»Vermuthest Du eine Hinterlist?«

»Ja.

»Welche?«

»Es giebt nur eine einzige, zu welcher sie ihre Zuflucht nehmen können, nämlich uns hinzuhalten, um Zeit zu gewinnen, bis die Ihrigen aus der Flucht hierher kommen.«

»So lange warten wir nicht.«

»Nein, keine Minute über eine halbe Stunde.«

»Dann tödten wir sie?«

»Nein, auch dann nicht. Nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch die Klugheit gebietet es Euch, sie zu schonen. Sie werden Eure Diener sein, und wer tödtet einen Sclaven, von dem er Nutzen hat? Eure Söhne werden ihre Töchter heirathen, und so wird ihr Stamm mit dem Eurigen verschmolzen werden. Ihr werdet dadurch stark und unüberwindlich sein. Ihr müßt ihnen einen Scheik geben, und dieser Scheik wirst Du sein. Wenn Du klug und muthig mit ihnen verfährst, wird Dein Name weit und breit genannt werden.«

Hilal's Augen leuchteten auf.

»Effendi, Du bist ein Mann, wie es keinen zweiten giebt. Was Du thust, ist Heldenthat, und was Du redest, das klingt, als käme es von den Lippen von hundert Weisen und Aeltesten.«

Sie waren noch nicht lange an ihren Posten zurückgekehrt, so vernahmen sie ein Klagegeschrei, welches sich im Dorfe erhob. Hulam hatte bekannt gemacht, was ihm von Steinbach gesagt worden war. Es gab keine Familie, aus welcher sich nicht wenigstens ein Krieger an dem Zuge gegen die Beni Sallah betheiligt hatte. Jede Familie mußte also erwarten, daß ein Verlust sie betroffen habe. Die Leute waren plötzlich aus ihrer Siegeshoffnung gestürzt worden. Die Weiber rannten mit ihren Kindern im Lager umher und heulten; die Männer, alte so wie junge, hatten sich auf dem Platze um Hulam versammelt. Sie waren still und finster. Sie brüteten Rache und hielten diese doch für unmöglich. Es gab keinen Ausweg, sich der Unterwerfung zu entziehen.

Das sagte einer der angesehensten Aeltesten. Er begründete diese Ansicht durch die Worte:

»Ich habe meine Knechte nach allen vier Seiten ausgesandt; sie kamen mit der Nachricht zurück, daß wir vollständig eingeschlossen sind, so daß keine Maus entkommen kann. Wir sind gezwungen, uns zu ergeben.«

»Nein!« antwortete der Scheik. »Diese Hunde haben unsere Krieger getödtet. Sollen wir sie nicht an ihnen rächen? Sollen wir die Sclaven dieser verdammten Beni Sallah sein?«

»Es giebt keinen Ausweg.«

»Es giebt einen. Warten wir, bis diejenigen unserer Leute, welche übrig geblieben sind, zurückkehren.«

»Werden die Beni Sallah so lange warten?«

»Ja, denn ich werde sie durch List hinhalten.«

»Wenn sie darauf eingehen, was ich nicht glaube. Und wer weiß, ob so Viele wiederkehren, wie nöthig sind, uns zu erretten.«

»Wissen wir denn überhaupt mit Gewißheit, daß wir besiegt worden sind? Vielleicht lügen die Beni Sallah.«

»Sie sagen die Wahrheit. Meine Boten haben bei ihnen viele unserer besten Pferde und Kameele gesehen, welche ihnen als Beute in die Hände gefallen sind.«

»Allah verfluche sie! Aber wenn wir zu schwach sind, so besitzen wir doch List genug, welche oft besser ist als Macht und Tapferkeit. Wenn ich mich auf Euch verlassen kann und Ihr mir beistimmt, so werden wir sie doch besiegen.«

»Auf welche Weise?«

»Wir täuschen sie. Wir ergeben uns scheinbar. Sie werden in unseren Zelten einziehen. Sie werden da essen, trinken, ruhen und schlafen. Haben, wir da nicht unsere Messer?«

»O Allah!«

Dieser Ruf ging von Mund zu Mund. Einige erschraken über die Zumuthung, Mörder zu werden; aber die Ihrigen waren umgekommen; es galt Blutrache: es galt ferner Befreiung von der drohenden Knechtschaft. Da war schließlich jedes Mittel recht, welches Hilfe erwarten ließ. Die zuerst Zaudernden wurden durch die Reden des Scheik's bald gewonnen, und noch war die halbe Stunde nicht verronnen, so hatte man sich geeinigt zu einer Art Pariser Bluthochzeit oder sicilianischer Vesper. Es waren zwar wenige Krieger aber doch genug Alte und ziemlich erwachsene Jünglinge vorhanden, um das blutige, heimtückische Werk auszuführen.

Als die Versammlung aufgehoben wurde, glänzte ein Zug boshafter Befriedigung auf dem Gesicht des Alten. Er hatte erreicht, was er erreichen wollte. Er konnte den Tod seines Sohnes in fürchterlicher Weise rächen.

Natürlich war während dieser Versammlung so laut gesprochen worden, daß jeder der Anwesenden es hören konnte. Hinter dem Zelte des Scheik's hatte ein Mann gesessen, nur mit einem Hemde bekleidet und in jedem Ohre einen Messerschlitz als Zeichen, daß er Sclave sei. Er war beschäftigt, mittelst einer Handmühle Mais zu verkleinern, achtete aber weit mehr auf die Versammlung, als auf seine Arbeit. Er hörte Alles.

Jetzt nun, da die Leute auseinander gingen und er also nun nichts mehr erfahren konnte, stand er auf und schritt nach einigen Palmen zu, welche in der Nähe standen. Der Scheik bemerkte es.

»Halt! Wohin willst Du?« rief er ihm zu.

»Zu der Heerde, um Milch zu holen.«

»Du bleibst!«

Und als der Sclave eine zögernde Miene machte, zog der Scheik die Pistole aus dem Gürtel, zielte auf ihn und drohte:

»Gehorche, oder ich schieße!«

Und als der Sclave nun langsam zurückkehrte, fuhr der Alte fort:

»Hund, ich durchschaue Dich! Du hast Alles gehört. Du willst zur Heerde? Thut man das, wenn ein Kampf bevorsteht? Du willst uns verrathen. Aber ich werde dafür sorgen, daß Du unschädlich bist. Komme herein in das Zelt!«

Nach einigen Minuten trat der Scheik wieder heraus. Es hatten sich indessen die Aeltesten wieder eingefunden, welche er sich zur Begleitung auserwählt hatte. Durch diese Begleitung wollte er das Vertrauen der Sieger erwecken.

Gerade als die halbe Stunde vorüber war, traten sie den unter allen Umständen sauern Weg an.

Steinbach hatte Hilal und Normann an seiner Seite. Die eine Abtheilung der Beni Sallah hielt bei ihnen. Der Scheik musterte die Thiere und erkannte nun freilich manches Kameel und manches Pferd, welches bisher Eigenthum seines Stammes gewesen war.

»Nun, was habt Ihr beschlossen?« fragte Steinbach.

Der Alte nahm einen demüthigen, aufrichtig klingensollenden Ton an und antwortete:

»Effendi! Wir haben heute in der Nacht die Schems el Leïla bemerkt. Sie kommt aus der Hölle und bringt Unglück und Herzeleid über die Menschen. Wir fürchteten, daß sie den giftigen Samum verkündige, doch ist er nicht erschienen. Dennoch aber hat sie uns Leid gebracht. Unsere Söhne sind todt, und unsere Väter und Brüder liegen erschlagen in der Wüste. Allah hat es gewollt: seine Wege sind unerforschlich. Wir dürfen nicht gegen seinen Willen handeln, denn wir sind Kinder seines Propheten. Wir ergeben uns.«

Steinbach warf einen langen, forschenden Blick in die Triefaugen und fragte dann:

»Ihr ergebt Euch unter der von mir genannten Bedingung?«

»Ja.«

»Ohne Hintergedanken?

»Was sollen wir für Hintergedanken haben? Ihr seid uns um das Zehnfache überlegen.«

»List ist oft erfolgreicher als Stärke. Uebrigens rathe ich Euch, aufrichtig zu sein. Der Verrath würde auf Euch selbst zurück fallen.«

»Du kannst uns Vertrauen schenken!«

Es war ein eigenthümliches, feines Lächeln, welches um Steinbach's Lippen spielte. Aber sein Ton klang ganz vertrauensvoll, als er antwortete:

»Nun wohl, ich will Euch glauben. Ihr seid hier sieben Männer. Wie viele Männer zählt die Versammlung der Aeltesten?«

»Achtundzwanzig.«

»So mag Einer von Euch zurückgehen und die Fehlenden holen. Ich will, ehe wir in das Dorf einreiten, mit ihnen berathen, was wir von Euch fordern können, ohne daß Euer Stamm zu Grunde gerichtet wird.«

Das klang verheißungsvoll. Sie wollten also nicht alles Eigenthum als gute Beute erklären. Der Scheik gab sofort einem seiner Begleiter den Auftrag, die Alten zu holen. Steinbach fügte dann noch hinzu:

»Gieb dazu noch den Befehl, daß alle Knaben und Männer, welche über zehn Jahre alt sind, sich auf dem Platze versammeln sollen. Ich muß sie zählen, um zu wissen, wie viele Waffen wir Euch lassen können. Eure Waffen sind eigentlich nun unser Eigenthum; aber der Sohn der Wüste muß Messer, Pistole und Gewehr haben. Ihr sollt behalten dürfen, was Ihr braucht.«

Der Bote entfernte sich eiligen Schrittes. Dem Scheik war es anzusehen, wie befriedigt er von dem Verhalten Steinbach's war.

»Effendi,« sagte er, »wenn Du die Besiegten mit Güte behandelst, wird Allah Dich segnen und sie werden Euch lieben.«

»Uebertreibt nicht, Alter! Von Eurer Liebe wollen wir gar nicht sprechen. Meinst Du es denn wirklich so aufrichtig?«

»Mein Herz ist ohne Falsch!«

»Aber Dein Gesicht ist voller Tücke. Ich glaube Dir kein Wort.«

»Effendi!« rief der Alte im Tone des Beleidigtseins. »Willst Du mich kränken?«

»Unschädlich machen will ich Dich. Ob Dich das kränken wird, darnach darf ich nicht fragen.«

»Was willst Du thun?«

»Das wirst Du gleich sehen.«

Er drehte sich um und winkte seinen Reitern. Im Nu hatte eine Anzahl derselben den Scheik und die Alten umringt.

»Effendi, willst Du uns ermorden lassen!« rief der Scheik entsetzt.

»Nein, sondern ich will nur verhüten, daß wir ermordet werden.«

»Allah! Welch' ein Gedanke ist das!«

»Jedenfalls der richtige. Allah hat Dein Gesicht gezeichnet. Es steht ganz deutlich darauf geschrieben, was Du in Deinem Herzen denkst.«

»Ich schwöre, daß ich nichts Böses gegen Euch sinne!«

»Schwöre es bei dem Propheten!«

Aller Augen richteten sich auf den Alten. Er zauderte. Steinbach sprach:

»Siehe, wie ich Dich fange!«

»Effendi, mein Wort ist wie ein Schwur!«

»So muß auch der Schwur wie ein Wort sein, welches man ohne Zaudern giebt. Du hast Dir wohl eingebildet, klüger zu sein als wir. Wir sind müde; wir werden schlafen; da sehe ich die gezückten Messer in Euren Händen! O, die Beni Sallah sind keine Schafe, welche man ganz nach Belieben abschlachten kann! Bindet sie, und schafft sie so weit zurück, daß sie uns nicht stören können!«

Kameelsstricke waren genug vorhanden, diesen Befehl auszuführen. Die Männer protestirten zwar energisch gegen diese Behandlung, mußten sich aber natürlich fügen.

Kaum waren sie hinter die Front geschafft worden, so kam der abgesandte Bote mit den übrigen Aeltesten herbei. Sie hatten erfahren, weshalb sie gerufen wurden, und fühlten sich also nicht wenig enttäuscht, als man ihnen ohne Umstände die Hände auf den Rücken band und sie zu den anderen Gefangenen führte.

»Meinst Du denn wirklich, daß diese Aeltesten auf Heimtücke sinnen?« fragte Hilal.

»Ich bin es überzeugt.«

»Wodurch?«

»Das Gesicht des Alten gefällt mir nicht. Auch hat er sich scheinbar viel zu schnell in sein Schicksal gefunden, als daß ich an die Aufrichtigkeit dieser Ergebung glauben sollte. Ich bin überzeugt, daß wir es noch erfahren werden, welchen Plan sich die Versammlung der Aeltesten ausgesonnen hat. Jetzt wollen wir die anderen Abtheilungen benachrichtigen. Wir umschließen das Lager enger, so daß kein einziger Mensch entfliehen kann. Hundert unserer Reiter aber kommen mit uns nach dem Platze, wo die Männer, Greise und Knaben sich versammelt haben. Alles, was männlich ist, wird gefangen genommen und gebunden. Dann nehmen wir alle vorhandenen Waffen, selbst die Messer an uns. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Die flüchtigen Beni Suef haben den Weg über den Ferß el Hadschar eingeschlagen, welcher kürzer ist als derjenige, den wir zurückgelegt haben. Sie können an jedem Augenblick hier ankommen.«

In Zeit von wenigen Minuten war das Zeltdorf eng umschlossen. Die Heerden hatte man natürlich außerhalb der Einschließungslinie lassen müssen. Hundert Mann, die geladenen Flinten in der Hand, ritten nach dem Platze, wo die männlichen Angehörigen der Beni Suef standen. Es waren über zweihundert. Alle hatten ihre Messer oder auch andere Waffen im Gürtel stecken. Selbst der unerwachsene Beduinenknabe führt wenigstens ein Messer mit sich. Das war eine Dummheit von ihnen, weil dadurch ihre Entwaffnung außerordentlich erleichtert wurde.

Steinbach richtete einige Worte an sie des Inhaltes, daß sie für ihr Leben nichts zu befürchten hätten und daß auch ihr Lager nicht verwüstet werden solle. In jenen Gegenden pflegt nämlich der Sieger die Heerden der Besiegten fortzuführen, ihre Palmen nieder zu schlagen und ihre Brunnen zu verschütten, so daß sie entweder als Sclaven mit ihm ziehen oder an ihrem Wohnorte elend verschmachten müssen.

Steinbach's Versicherung machte sichtlich einen sehr guten Eindruck, doch wurden die Gesichter ein Wenig länger, als er verlangte, daß jeder Anwesende die Waffen niederlegen solle. Freilich blieb ihnen nichts Anderes übrig, als zu gehorchen. Dann wurden sie Alle aus dem Lager geführt, wo sie sich unter den Palmen niedersetzen mußten. Die gefesselten Aeltesten wurden auch herbei gebracht, und Steinbach bedeutete Allen, daß ein Jeder, welcher einen Fluchtversuch wage, sofort eine Kugel erhalten werde. Zur Beruhigung fügte er hinzu, daß sie sonst für ihr Leben nichts zu fürchten hätten und auch mit Trank und Speise zur Genüge versehen würden.

Man kann sich denken, welchen Eindruck es auf die weiblichen Bewohner des Lagers machte, als sie sahen, daß die männlichen Bewohner gefangen genommen wurden. Sie erhoben ein lautes Klaggeschrei, welches aus allen Zelten ertönte, aber bald wieder verstummte, als sie bemerkten, daß den Gefangenen kein Schaden an Leib und Leben widerfahren sollte, sondern für sie vielmehr in hinreichender Weise für Speise und Trank gesorgt wurde.

Jetzt wurden schnell die Heerden besichtigt, Schafe, Pferde, Kameele, auch Kühe. Es waren Prachtthiere vorhanden, von so hohem Werthe, daß die Beni Suef sich gescheut hatten, sie den Gefahren eines Kriegszuges auszusetzen.

Natürlich wurden alle Zelte nach Waffen ausgesucht. Es wurden derer noch viele und auch ein ansehnlicher Vorrath von Munition gefunden.

Die Frauen und Mädchen der Beni Suef hatten natürlich mit allen Händen zu thun, für die gefangenen Ihrigen und die Sieger Nahrung zu beschaffen. Es wurde gebacken und gebraten, daß die ganze Umgebung des Lagers nach Hammelbraten und gerösteten Maiskuchen duftere.

Als Normann sich gesättigt hatte, wurde er mit einigen gut berittenen Begleitern ausgesandt, die nördlich liegende Gegend zu beobachten, aus welcher die flüchtigen Beni Suef vom Ferß el Hadschar her kommen mußten. Steinbach wählte gerade ihn dazu, weil er sich am Meisten auf ihn verlassen konnte, und weil der Maler mit dem Fernrohre umzugehen wußte, welches er mitnahm.

Nun trat eine Zeit des Wartens ein. Man konnte nicht weitere Dispositionen treffen, bevor die erwarteten Flüchtlinge empfangen worden und gefangen waren.

Steinbach benutzte diese Pause, um sich das Zeltdorf genauer zu besehen, als es bisher geschehen war. Dabei kam er an ein kleines Bauwerk, welches außerhalb des Dorfes lag. Es war aus Steinen aufgeführt, hatte etwas über Manneshöhe und war, was hier auffallen mußte, mit einer hölzernen Thüre versehen. Holz ist in den Oasen der Wüste eine Seltenheit.

Diese Thür hatte einen eigenthümlichen Verschluß. Derselbe bestand aus vier kreuzförmig gegen einander gerichteten Holzriegeln, welche so künstlich in einander griffen, daß nur der Eingeweihte diesen Mechanismus öffnen konnte.

Eben kam eine junge Beduinenfrau vorüber, welche am Brunnen Wasser geholt hatte.

»Was ist das für eine Hütte?« fragte Steinbach.

»Sie dient zum Dörren der Bla halefa,« antwortete die Gefragte.

Unter Bla halefa versteht man die geringste Sorte von Datteln, welche getrocknet und dann als Futter für die Thiere benutzt werden.

»Wem gehört sie?«

»Dem Scheik.«

»Oeffne mir!«

Er wollte sich die innere Einrichtung besehen. Die Frau trat einen Schritt zurück, wurde verlegen und antwortete stockend:

»Ich kann nicht.«

»Verstehest Du nicht, mit den Riegeln umzugehen?«

»Nein.«

»Lüge nicht! Ich sehe es Dir an, daß Du die Unwahrheit sagst! Warum lügst Du?«

Er sagte das in so drohendem Tone, weil er als Menschenkenner aus dem Verhallen des Weibes schloß, daß es sich hier um Etwas handele, was er nicht wissen solle. Sie erschrak sichtlich und stammelte:

»Verzeihe, Effendi! Ich darf nicht öffnen.«

»Warum nicht?«

»Der Scheik hat es verboten.«

»Wann? Seit längerer Zeit oder nur seit unserer Ankunft?«

Sie hatte wohl Lust, das Erstere zu bestätigen; er aber blickte ihr so scharf in die Augen, daß sie nicht zu lügen wagte. Sie antwortete also:

»Seit vorhin erst.«

»Ah! Schön! Und Du kannst öffnen?«

»Ja.«

»So thue es!«

»Der Scheik wird mich bestrafen.«

»Jetzt bin ich hier Scheik und Gebieter. Uebrigens verspreche ich Dir, daß kein Mensch erfahren soll, daß Du mir geöffnet hast. Was befindet sich denn drinnen?«

Sie blickte sich vorsichtig um und als sie sah, daß sie sich ganz allein hier befanden, trat sie einen Schritt näher und antwortete:

»Nena ist drinnen.«

»Nena? Wer ist das?«

»Der Sclave des Scheiks.«

»Wann wurde er hineingesteckt?«

»Nach der Versammlung der Aeltesten, welche vorhin abgehalten wurde.«

»Warum?«

»Ich weiß es nicht. Er hatte wohl die Reden der Versammlung belauscht.«

»Ah, ich ahne da eine Teufelei. Oeffne also!«

»Aber Du wirst mich nicht verrathen?«

»Nein.«

Jetzt trat sie zur Thüre, schob die Riegel in gewisser Reihenfolge gegen einander, ergriff sodann aber schnell den Wasserkrug und eilte davon. Die Thür war nun offen.

Steinbach mußte sich bücken, um hineinblicken zu können. Er erblickte eine Art Heerd, auf welchem wohl Kameelmist gebrannt wurde. Ueber demselben gab es in regelmäßigen Entfernungen Hervorragungen, auf welche wohl die Hürden zu liegen kamen, welche, zur Aufnahme der Datteln bestimmt waren. Jetzt fehlten diese Hürden; aber auf dem Boden lag eine nur mit einem Hemde bekleidete Gestalt, welche gefesselt war. Um den Kopf derselben hatte man eine Decke gewunden und mit einer Schnur befestigt.

Steinbach zog den Mann an den Beinen heraus und entfernte rasch die Decke. Das Gesicht des armen Teufels war aufgedunsen und hochroth gefärbt, seine Augen verdreht. Er hatte nicht genug athmen können und war dem Tode des Erstickens oder des Schlagflusses nahe gewesen. Jetzt holte er tief und geräuschvoll Athem und stieß, als er Steinbach erblickte, einen Ruf der größten, aufrichtigsten Freude aus.

»Allah sei Dank! Du bist es, Effendi! Ich bin gerettet, gerettet!«

»Ich höre, Du seist Nena, der Sclave des Scheiks?«

»Ja, o Herr.«

»Seit wie lange?«

»Seit einigen Jahren.«

»Dem Name ist nicht arabisch, sondern indisch?«

»Ich bin ein indischer Muhammedaner aus dem Lande des Maharadscha von Nubrida.«

Radscha heißt im Indischen Herr, Fürst, urd Maha ist groß; Maharadscha heißt also so viel wie großer Herr, großer Fürst. Es ist der Titel für viele bekannte, theilweise auch berühmte indische Herrscher.

»Wie kommst Du aus Indien so fern in die Sahara?«

»Das werde ich Dir noch erzählen! Welch ein Glück, daß Du mich zufällig gefunden hast!«

»Warum hat Dein Herr Dich hier versteckt?«

»Weil er fürchtete, von mir verrathen zu werden. Ich wollte Dich warnen.«

»Vor wem?«

»Vor dem Scheik und allen Bewohnern des Dorfes. Nehmt Euch in Acht! Man will Euch tödten!«

»Uns alle?«

»Alle!«

»Ah! Habe es mir gedacht!«

»Seid Ihr bereits im Dorfe eingezogen?«

»Ja.«

»So bitte ich Euch um Allahs Willen, den Beni Suef die Waffen abzunehmen. Sie wollen Euch im Schlafe ermorden.«

»Das habe ich mir gedacht.«

»Es wurde in der Versammlung der Aeltesten beschlossen, sich scheinbar zu unterwerfen, Euch aber zu erstechen, wenn Ihr schlafen würdet. Seid Ihr viele Krieger?«

»Sehr viele.«

»So nehmt lieber die Suef gefangen!«

»Ich bin Dir sehr dankbar für Deine Warnung und freue mich, daß ich das, was Du mir räthst, bereits gethan habe. Alle männlichen Suef sind gefangen und alle Waffen befinden sich in unseren Händen.«

»So seid Ihr Sieger. Werde ich nun Euer Sclave sein müssen, Effendi?«

»Nein, Du bist frei.«

Da liefen dem Manne die Thränen aus den Augen; er faltete die Hände und sagte weinend:

»Allah möge es Dir vergelten. Er hat mich hart bestraft für das, was ich that, ohne zu wissen, welche Folgen es haben werde. Könnte ich es doch wieder gut machen!«

»Wer seine Fehler bereut, der findet bei Gott auch Vergebung. Wie aber kommst Du in die Sahara? Ich fragte Dich bereits.«

»Mein Herr bereiste die Gegenden des Nils. Ich wußte Einiges von ihm, was ihn in Schaden bringen konnte; er wollte mich los werden und verschacherte mich heimlich an einen Stamm der Sudanesen. Als er abreiste, hielten sie mich fest. Ich wurde weiter verkauft und kam durch Kriege und Niederlagen meiner Herren in immer andere Hände bis hierher.«

»Ein sauberer Herr!«

»O, er war ein Europäer!«

»Ist das möglich?«

»Sogar ein Graf.«

»Das ist unglaublich. Du irrst Dich jedenfalls.«

»Ich weiß es ganz gewiß.«

»Er hat sich nur für einen Grafen ausgegeben. Ein Edelmann ist unfähig, eine solche Schurkerei zu begehen.«

»Ich bin meiner Sache sicher. Ich war ja mit ihm auf seinen Gütern in Rußland.«

»Ein russischer Graf? Ah! Wie ist der Name?«

»Du wirst ihn nicht kennen.«

»O, ich bin auch Europäer und kenne alle Namen russischer Edelleute.«

»Es war der Graf Polikeff.«

Steinbach fuhr zurück, als ob Jemand ihm einen Stoß versetzt hätte.

»Polikeff!« rief er aus. »Höre ich recht!«

»Graf Alexei Polikeff!«

»Welch ein Zusammentreffen! Was würdest Du thun, wenn Du ihm begegnetest?«

»Ich würde ihm alle seine Thaten in das Gesicht schleudern. Er ist ein Verbrecher, ein Hallunke!«

»Schön! Du wirst noch heute mit ihm sprechen können.«

»Heut, Effendi?« fragte Nena, indem er gewaltig große Augen machte.

»Ja. Ich bin hier, ihn zu fangen. Er kommt mit den flüchtigen Beni Suef hierher.«

»Allah il Allah! Gott ist allmächtig! Jetzt wird mein heißester Wunsch erfüllt. Kennst Du ihn?«

»Ich kenne ihn als einen der größten Hallunken, die es geben kann. Ich bin ihm von Stambul aus bis hierher nachgereist, um ihn zu fangen.«

»O, so wirst Du mir vielleicht helfen, eine That wieder gut zu machen, welche ich gar nicht beabsichtigt hatte.«

»Welche?«

»Sage mir vorher, ob er ein Weib besitzt.«

»Nein.«

»Allah sei Dank! So hat also Semawa ihm glücklich widerstanden!«

Beinahe hätte Steinbach laut aufgeschrieen. Semawa heißt im Arabischen so viel wie Himmelblau. Im Türkischen heißt ganz dasselbe Wort Gökala. Waren diese Beiden eine und dieselbe Person? Sollte ihm hier, im fernen Winkel der Wüste, die so heiß ersehnte Aufklärung werden, die er in Stambul vergebens gesucht und welche ihm sogar von Gökala selbst verweigert worden war! Er glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Fast ohne Athem vor Aufregung und Erwartung fragte er:

»Wer ist Semawa?«

»Die Tochter des Maharadscha von Nubrida.«

»Herrgott! Kennst Du sie?«

»Ich habe sie oft gesehen, als ich noch Unterthan von Banda, ihrem Vater, war.«

»Wie lange ist das her?«

»Sechs Jahre.«

»Wie alt war sie damals?«

»Vielleicht fünfzehn.«

»Das stimmt; das stimmt ganz sicher. Mein Gott! Sie muß damals so entwickelt gewesen sein, daß sie sich im Wesentlichen seitdem nicht mehr verändert haben kann.«

»Ihre Mutter war eine Deutsche, die Tochter eines Arztes in englischen Diensten. Sie war so schön, daß der Maharadscha sie zur Frau begehrte. Sie willigte ein unter der Bedingung, daß sie die einzige Frau des Herrschers bleibe. Er hat sie sehr geliebt und Wort gehalten. Semawa war ihr einziges Kind.«

»Beschreibe mir diese Tochter!«

»Sie war ein lichtes, entzückendes Gebilde des sonnigen Tages. Sie war blond, mit einem Haar wie flüssiges Gold. Ihre Augen wetteiferten mit dem schönsten Blau des Himmels; es gab in ihnen zuweilen ein Leuchten und Glühen, als ob der Blick Brillanten strahle. Wegen der Farbe dieser herrlichen Augen erhielt sie den Namen Semawa – Himmelsblau.«

»Und sie kam später zu dem Grafen Polikeff?«

»Ja, aber nicht freiwillig. Sie war gleichsam seine Gefangene. Ich werde es Dir erzählen.«

»Sie ist es; sie ist es! Herr, mein Heiland, welch' ein Tag, welch' ein Tag!«

»Du kennst sie also?«

»Ich habe sie in Stambul gesehen mit dem Grafen. Sie ist jetzt in Egypten mit ihm.«

»Hast Du mit ihr gesprochen?«

»Ja.«

Steinbach befand sich wie im Fieber. Er hatte seine Fragen so schnell hinter einander ausgesprochen, daß Nena mit seinen Antworten kaum zu folgen vermochte. Der Indier warf einen forschenden Blick auf ihn und sagte:

»Verzeihe mir die Frage, Effendi! Ich thue sie nicht aus Neugierde: Du liebst sie?«

»Unendlich!« antwortete der Gefragte.

Nur seine Begeisterung war schuld, daß ihm die Antwort entfuhr, die er sonst wohl nicht gegeben hätte, einem so untergeordneten Menschen gegenüber. Aber jetzt war ihm das Alles ganz und gar gleich. Er fuhr vielmehr fort:

»Wenn Du mir Auskunft über ihr Verhältniß zu dem Grafen geben könntest!«

»Das kann ich, viel besser als jeder Andere, vielleicht ebenso gut wie sie oder der Graf selbst.«

»So werde ich Dich belohnen, daß Du mehr, viel mehr als nur zufrieden sein sollst!«

»Du hast mich bereits überreichlich belohnt, indem Du mir die Freiheit versprichst. Gieb mir dazu jetzt noch ein Kleid, so verlange ich weiter nichts.«

Er deutete auf sein armseliges Hemde. Steinbach nickte eilig und zustimmend:

»Jawohl, natürlich! Ich vergesse Dich ganz, indem ich nur an mich denke. Du sollst sofort haben, was Du Dir wünschest. Wir können ja dann auch von Semawa sprechen. Komm, folge mir!«

»Ist auch der Scheik gefangen?«

»Ja; Du brauchst ihn nicht zu fürchten.«

Sie schritten schnell dem Lager zu. Als sie durch die Zeltreihe gingen, sah man die Frauen erschrecken, als sie den Indier erblickten. Sie wußten nun, daß ihre Absicht verrathen sei.

Steinbach führte Nena direct in das Zelt des Scheiks. Die Frau desselben, eine alte Mumie, welche ihres Mannes ganz würdig zu sein schien, fuhr beim Anblick des Sclaven zusammen.

»Kennst Du diesen Mann?« fragte Steinbach.

»Ja, Effendi.«

»Er braucht ein Gewand.«

»Woher soll er es nehmen?«

»Von Dir!«

»Von mir?« fragte sie erstaunt. »Unser Sclave ein Gewand von uns!«

»Ja, und zwar sofort! Oeffne Deine Truhe und hole das beste Festkleid Deines Mannes hervor.«

Die Alte blickte ihn an, als ob sie ihn für nicht zurechnungsfähig halte.

»Na, schnell, schnell! sonst helfe ich!«

Er ergriff einen starken Kameelstrick, welcher an der Querstange des Zeltes hing, legte ihn vierfach zusammen und zog ihr mit demselben einige derbe Jagdhiebe über den Rücken herüber.

»O Allah, Allah! Gleich, sofort!« heulte sie auf.

Jetzt hatte sie es so eilig, das Gewand zu holen und los zu werden, daß Nena in Zeit von zwei Minuten zu seinem großen Vortheil umgewandelt war Er glich ganz einem reichen, ehrwürdigen Araber von guter Abstammung.

»Jetzt komm weiter,« sagte Steinbach.

Er führte ihn aus dem Zeltdorfe hinaus nach der Richtung, in welcher sich die Gefangenen befanden. An der geeigneten Stelle gab er ihm die Weisung:

»Bleib hier hinter dieser Palme stehen. Wenn ich winke, kommst Du zu mir!«

Er begab sich darauf zu den ganz in der Nähe lagernden Beni Suef. Als deren Scheik ihn kommen sah, erhob er laut seine Stimme:

»Effendi, wir verlangen Gerechtigkeit. Wir sind Kriegsgefangene aber keine Verbrecher. Warum hast Du uns binden lassen? Warum lässest Du uns die Fesseln auch jetzt noch nicht abnehmen?«

»Weil Ihr sie verdient habt!«

»Dein Verdacht ist grundlos. Wir haben es mit unserer Unterwerfung ehrlich gemeint.«

»Sagen das auch die Aeltesten?«

»Ja,« erscholl es rund im Kreise.

»Ihr seid Lügner, obgleich Ihr bereits mit dem einen Fuße im Grabe steht.«

Da nahm der Scheik eine stolze, beleidigte Miene an und sagte:

»Effendi, wenn ich nicht Dein Gefangener wäre, würde ich Dich wegen dieser Beleidigung zur Rechenschaft ziehen!«

»Das traue ich Dir zu. Vielleicht würdest Du mich zur Strafe in die Hütte sperren, wo Du Deine Bla halefa zu dörren pflegst.«

Der Scheik erschrak, faßte sich aber sofort wieder und antwortete:

»Nein, sondern ich würde mit Dir kämpfen, wie es sich für einen Krieger schickt und ziemt.«

»Und ich würde Dich mit der Peitsche bedienen statt mit der Waffe, wie es einem feigen Mörder und Verräther nicht anders gehört. Da, siehe Diesen an!«

Er winkte Nena, welcher sogleich langsam und würdevoll herbeikam. Die Beni Suef erkannten ihn in seiner gegenwärtigen Kleidung nicht sofort.

»Wer ist dieser Mann?« fragte der Scheik.

»Siehe ihn Dir genauer an!«

»Ich habe ihn noch nie gesehen.«

»Aber in die Dörrhütte hast Du ihn gesteckt!«

»Allah!«

Erst jetzt wußte er, wen er vor sich hatte.

»Nun, willst Du mir vielleicht sagen, weshalb Du diesen Mann eingesperrt hast?«

Der Scheik nahm ein höchst reservirtes Gesicht an und antwortete:

»Bin ich Dir darüber Rechenschaft schuldig?«

»Ja.«

»Er ist mein Sclave und nicht der Deinige. Ich kann mit ihm machen, was ich will.«

»Du irrst. Dein Sclave ist er gewesen. Jetzt sind wir Sieger und so gehört er nicht mehr Dir, sondern uns. Aus ganz demselben Grunde hast Du mir überhaupt alle meine Fragen zu beantworten, wenn Du nicht willst, daß ich Dich zwingen soll.«

Der Scheik warf einen giftigen Blick auf den Sprecher.

»Womit willst Du mich zwingen?«

»Es giebt verschiedene Mittel, zum Beispiel Schläge.«

Es giebt nichts Beleidigenderes für einen Araber, als wenn man ihm mit Schlägen droht.

»Mich prügeln!« brauste er auf. »Mich, einen Scheik, einen freien Sohn der Wüste!«

»Pah! Du bist nicht mehr Scheik und nicht mehr frei. Du bist besiegt und gefangen. Das merke Dir nur. Also antworte! Was hat dieser Mann gethan, daß Du ihn einsperrtest?«

»Er war ungehorsam.«

»In welcher Weise?«

»Ich befahl ihm, zu arbeiten und er that es nicht.«

»Das ist eine Lüge. Du hast besorgt, er werde uns sagen, welchen Plan Ihr gegen uns verabredet hattet. Du hast ihn so gebunden und vermummt, daß er gestorben wäre, wenn ich ihn nicht durch Zufall gefunden hätte.«

»Er lügt!«

»Er hat keine Veranlassung dazu.«

»Er will uns verderben!«

»Das hat er nicht nöthig, denn Ihr seid verdorben genug. Man wird auf das Allerstrengste mit Euch verfahren. Merkt Euch Folgendes: Ein Jeder von Euch; welcher nur Miene macht, ohne besondere Erlaubniß von der Stelle, auf welcher er jetzt sitzt, aufzustehen, wird augenblicklich erschossen. Diesen Befehl habe ich gegeben und er wird ohne alle Nachsicht gegen Euch erfüllt werden.«

Er hätte vielleicht noch weitere und eindringlichere Bemerkungen gemacht, aber er wurde gestört, denn Normann kam mit seinen Begleitern in das Zeltdorf geritten.

»Sie kommen,« meldete er in deutscher Sprache, die keiner der Anderen verstand.

»Wie viele sind ihrer?«

»Ich konnte sie nicht zählen. Sie reiten in einem dichten Haufen.«

»Und Tarik? Hast Du ihn und seine Truppe nicht auch bemerkt?«

»Nein.«

»Werde einmal selbst nachsehen. Führe mich!«

Er bestieg ein Pferd und ritt mit Normann ein Stück vor die Oase hinaus. Da sah er durch das Fernrohr am nördlichen Horizonte einen dunklen Punkt, welcher sich näherte. Mit dem bloßen Auge konnte man noch nichts erkennen.

»Nicht wahr, sie sind es?«

»Ja. Und noch weiter draußen ist es mir, als ob ich eine dünne Linie sähe. Ich möchte wetten, daß dies Tarik mit seinen Leuten sei. Wenn ich mich nicht verrechne, werden die Beni Suef nach ungefähr Dreiviertelstunden hier sein.«

»Wie empfangen wir sie?«

»So, daß nicht ein Einziger entkommen kann.«

»Natürlich. Dann müßten wir sie wohl einschließen?«

»Freilich. Wir theilen uns in drei Haufen. Wir zählen ungefähr siebenhundertundfünfzig Mann. Zweihundert reiten nach Ost und ebenso Viele nach West. Sie gehen im Galopp fort, um von den heranziehenden Suef nicht gesehen zu werden, bilden zwei Viertelkreise, welche sich im Norden mit Tarik's Schaar berühren und ziehen sich dann immer näher heran und immer enger zusammen. Die übrigen Leute außer den Hundert, welche die Gefangenen in Schach zu halten haben, also über zweihundert an der Zahl, bleiben hier zurück, um die Ankommenden im geeigneten Augenblick draußen vor der Oase zu empfangen. Auf einen Kampf hier zwischen den Zelten dürfen wir es nicht ankommen lassen.«

»Wer soll kommandiren?«

»Ich hier im Lager. Du magst die nach Osten bestimmte Schaar befehligen und Hilal die nach West reitende. Ihr müßt es so einrichten, daß Ihr weder zu früh noch zu spät heran kommt. Wollen eilen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Sie kehrten nach den Zelten zurück. Nach wenigen Sekunden ritten Normann und Hilal mit ihren Leuten ab, der Eine rechts und der Andere links zum Lager hinaus.

Das war ganz selbstverständlich in der Weise geschehen, daß die gefangenen Beni Suef nichts davon gemerkt hatten. Diese sollten nicht erfahren, daß ihre Krieger sich näherten, und auch nicht, daß die Besatzung des Lagers durch die Entsendung der Vierhundert so bedeutend geschwächt worden war.

Nun trat eine längere Pause der Erwartung ein. Steinbach zog sich mit seinen zweihundertundfünfzig Reitern bis beinahe unter die letzten Palmen hinaus, doch so, daß er von den nahenden Feinden nicht vorzeitig erkannt werden konnte. Dort wartete er.

Die Suef kamen im Trabe näher; doch war ihre Bewegung keineswegs eine schnelle. Sie selbst und auch ihre Pferde waren müde und erschöpft. Außerdem brachten sie die Kunde ihrer Niederlage, und da ist man nicht so schnell, als wenn man der Ueberbringer einer Siegesbotschaft sein darf.

Steinbach ließ natürlich auch den östlichen und westlichen Horizont nicht aus den Augen. Dort war nur eine fast kaum bemerkbare Linie zu sehen, welche sich schnell noch Norden zu ausdehnte, um diejenige Linie zu erreichen, welche die von Tarik befehligte Schaar bildete. Diese Vereinigung mit derselben kam schnell zu Stande. Sie war vollzogen, noch ehe die Beni Suef sich der Oase so weit genähert hatten, daß man die einzelnen Reiter von einander unterscheiden konnte. Nun brauchten Hilal und Normann nur nach Schluß mit Steinbach zu suchen, so waren die Feinde eingeschlossen.

Diese kamen unterdessen ganz unbesorgt näher. Steinbach bemerkte durch das Fernrohr, daß sie sich sehr oft nach Tariks Schaar umblickten, von denen sie verfolgt wurden. Sie schienen gar nicht begreifen zu können, daß eine so kleine Schaar es wage, sich an ihre Fersen zu heften. Freilich konnten sie sich das in der Weise erklären, daß sich hinter der kleinen Abtheilung, welche nur als Avantgarde diene, die ganze Anzahl der Beni Sallah befinde. Daß diese aber schon vor ihnen halte, in der eigenen Oase, das gehörte für sie natürlich zu den Unmöglichkeiten.

Jetzt sonderten sich Einige, welche sich im Galoppe näherten, von ihnen ab. Sie sollten jedenfalls den Ihrigen in der Oase das Nahen der Krieger verkündigen und sie auf die Kunde von dem Mißlingen des Kriegszuges vorbereiten.

Steinbach zog seine Leute etwas zurück, blieb aber selbst mit einer genügenden Anzahl vorn, etwas seitwärts halten, um die Boten, welche nur ihrer fünf waren, vorüber zu lassen und in die Mitte zu nehmen.

Sie kamen. Je mehr sie sich der Oase näherten, desto mehr schienen sie sich darüber zu wundern, daß auf dieser Seite sich keine Heerden befanden. Man sah, daß sie wiederholt umherblickten. Jetzt erreichten sie die Palmen und trabten an Steinbach vorüber, den sie nicht bemerkten. Sofort schwenkte er hinter sie ein.

»Halt!« rief er ihnen zu.

Sie hielten an und blickten zurück. Es kam ihnen erstaunlich vor, eine Anzahl Reiter hinter sich zu sehen, die sie vorher gar nicht bemerkt hatten.

»Woher kommt Ihr?« fragte Steinbach.

Sie kamen ein Wenig näher, und Einer meinte:

»Das haben wir zu fragen, nicht aber Ihr; Ihr seid hier fremd. Woher kommt Ihr?«

»Aus dem Norden.«

»Das ist nicht wahr.«

»Weißt Du es etwa besser?«

»Ja. Wir müßten Euch gesehen haben.«

»Was kann ich dafür, daß Ihr die Augen nicht besser aufgethan habt!«

»Deine Zunge scheint nicht eine Freundin der Höflichkeit zu sein. Zu welchem Stamme gehört Ihr?«

»Diese Männer sind Beni Sallah.«

»Sallah! Du lügst!«

»Schäme Dich! Ich bin Masr-Effendi, den Du wohl kennen wirst.«

»Masr-Effendi? Der ist im Norden bei den Beni Sallah. Du also kannst er nicht sein.«

»Ich bin es. Ich habe Euch gestern in den Dünen vor dem Kampfe gewarnt, Ihr habt meinem Rathe nicht gefolgt und seid in das Verderben gerannt. Ihr meint vielleicht, uns entkommen zu sein, habt Euch aber geirrt. Wir sind eher da als Ihr. Ich fordere Euch auf, Euch zu ergeben!«

»Bist Du wahnsinnig! Hier in unserm Duar!«

Er zog seinen Wurfspieß aus dem Riemen.

»Laß den Spieß stecken!« sagte Steinbach. »Was willst Du gegen uns ausrichten! Siehe Dich um!«

Der Suef blickte hinter sich, und da sah er allerdings die Feinde, welche jetzt auf einen Wink Steinbachs herbeikamen, um die fünf Reiter zu umzingeln.

»Allah ist groß!« rief der Mann.

Er bemerkte sofort, daß die Beni Sallah auch groß waren, wenigstens in Beziehung auf ihre Anzahl. Er wurde mit seinen vier Begleitern so schnell zusammengedrängt und von den Thieren gerissen, daß ihnen gar kein Gedanke an Gegenwehr beikam, viel weniger aber ihnen die Zeit dazu geboten wurde.

»Entwaffnet sie schnell und schafft sie zu den andern Gefangenen,« befahl Steinbach.

Er sah, daß es für ihn nun Zeit sei, den Beni Suef entgegen zu gehen. Sie befanden sich schon so nahe, daß man beinahe die Gesichter von einander unterscheiden konnte. Er ließ seine Leute eine doppelte Reihe bilden und sprengte mit ihnen dann im Galopp gerade auf die Beni Suef zu.

Diese blieben augenblicklich halten, als sie eine so starke Reiterschaar unter den Palmen heraus sich entgegenkommen sahen. Waren das Freunde? Etwa ihre eigenen alten, kampfunfähigen Leute? Nein, das war nicht möglich. Feinde aber konnten es auch nicht sein, denn woher hätten diese jetzt kommen sollen! Vielleicht waren es die Krieger eines befreundeten Stammes, welche gekommen waren, eine festliche Fantasie mit ihnen abzuhalten.

Da sie sich diese Fragen nicht beantworten konnten, so blieben sie halten, um das Weitere abzuwarten. Steinbach, den Seinen voran, kam ganz nahe herbei, hielt sein Pferd an und sagte:

»Die Krieger der Beni Suef haben schlechte Pferde, daß sie ihre Feinde eher an ihr Zeltdorf kommen lassen.«

»Seit Ihr etwa Feinde?« fragte Einer, welcher den Anführer zu machen schien.

»Ja.«

»Bei Allah, Ihr seid aufrichtig!«

»Wir sind Männer. Nur Weiber pflegen zu leugnen, wer sie sind und was sie wollen.«

»Zu welchem Stamme gehört Ihr?«

»Zu dem, welcher Euch besiegte.«

»Beni Sallah?«

»Ja.«

»Scherze nicht! Wie könnten die Hunde der Beni Sallah bereits vor uns hier angekommen sein!«

»Weil sie bessere Reiter sind als Ihr.«

»Mann, willst Du uns beleidigen? Ich sage Dir, ehe es einem Beni Sallah gelingt, uns – –«

Er wurde unterbrochen, denn einer seiner Krieger, welcher ganz hinten gehalten und in Folge dessen Steinbach nicht deutlich gesehen hatte, war weiter nach vorn gekommen und rief jetzt im Tone des Schreckes:

»Masr-Effendi!«

»Wer? Dieser Mann hier?« fragte der Anführer.

»Ja, er ist es.«

»Hölle und Teufel! Irrst Du nicht?«

»Nein. Ich habe ihn gestern genau gesehen, als er Omram niederschlug.«

Diese Kunde brachte die Wirkung hervor, daß die Beni Suef alle zu den Waffen griffen.

»Laßt die Waffen in Ruhe!« sagte Steinbach. »Es nützt Euch nichts.«

Die Beni Suef zählten wohl ebenso viel wie die Beni Sallah.

»Uns nichts nützen?« fragte der Anführer höhnisch.

»Wir werden Euch gleich zeigen, wem es nützt und wem es schadet, uns oder Euch!«

Er erhob den scharfen, spitzen Dscherid zum Wurfe.

»Halt!« rief Steinbach, indem er gebieterisch den Arm erhob. »Kein unnützes Blutvergießen! Wir haben Euer Dorf besetzt. Alle Eure Einwohner sind unsere Gefangenen. Wenn Blut fließt, so werden von ihnen so Viele büßen müssen, wie Ihr jetzt von den unserigen verwundet!«

»Allah! Gefangen sind sie?«

»Alle, auch der alte Scheik. Uebrigens dürft Ihr nicht meinen, daß wir so schwach sind wie Ihr. Blickt Euch um, rechts und links und auch hinter Euch!«

Sie hatten bisher ihr Augenmerk nur geradeaus gerichtet. Darum war ihnen entgangen, was auf den andern Seiten geschehen war. Die Schaaren Hilals und Normanns hatten sich mit Derjenigen Tariks vereinigt und kamen nun im Galopp heran gesprengt, die Beni Suef von allen Seiten einschließend. Ehe diese sich von ihrem Schrecke erholt hatten, waren sie von allen Seiten umzingelt und die Beni Sallah rückten augenblicklich so eng zusammen, daß sie mit ihren Kugeln in den Haufen der Feinde schießen konnten.

»Seht Ihr nun, daß jeder Widerstand vergeblich ist?« fragte Steinbach. »Ich hoffe, daß Ihr das thut, was zu Eurem Frieden dient! Ihr haltet in der Mitte. Wenn Jeder von uns nur eine Kugel sendet, seid Ihr alle todt.«

Die Beni Suef schoben ihre Pferde enger an einander und beriethen sich. Es war ihren Blicken anzusehen, in welcher Wuth sie sich befanden. Nach einer Weile schienen sie einig geworden zu sein. Derjenige, welcher bisher gesprochen hatte, sagte:

»Du hast das Dorf bereits erobert?«

»Ja.«

»Und alle Bewohner gefangen genommen?«

»Alle.«

»Welche Bedingungen stellst Du uns, wenn mir uns ohne Kampf ergeben?«

»Wir schenken Euch das Leben.«

»Weiter nichts? Was wird mit unserm Eigenthume?«

»Darüber wird noch berathen. Uebrigens wollen wir nicht, daß Ihr verhungern sollt.«

»Diese Bedingung ist hart.«

»Der alte Scheik hat sie auch angenommen. Er hat mit allen seinen Leuten den Tod verdient, denn er hatte den Entschluß gefaßt, Ergebung zu heucheln, uns aber dann im Schlafe zu ermorden. Es wird auf Euer Verhalten ankommen, ob wir uns dafür rächen oder nicht.«

»Ich kann es nicht auf mich nehmen, uns zu ergeben. Ich bin nur einstweilen Anführer. Hole den alten Scheik herbei. Was er uns sagt, das werden wir thun!«

Da gab Hilal Steinbach einen Wink, kam rasch herbei geritten und sagte:

»Willst Du wirklich den Alten holen lassen?«

»Wozu? Warum diese lange Verhandlung? hätten die Suef mit uns verhandelt, wenn sie Sieger geworden wären?«

»Vielleicht doch. Wenigstens können wir das Gegentheil nicht behaupten, da sie uns eben glücklicher Weise nicht besiegt haben.«

»Dennoch brauchen wir nicht so übermäßig langmüthig sein. Soll das, was sie thun, von Einem abhängig sein, der unser Gefangener ist? Sind wir nicht Achthundert gegen kaum mehr als Zweihundert?«

»Aber wenn es zum Kampfe kommt, werden sie sich wehren und Mehrere von uns tödten und Viele verwunden. Warum soll Blut vergossen werden, wenn es nicht unumgänglich nöthig ist!«

»Du magst Recht haben, aber diese Hunde verdienen keine Schonung.«

»Ich schone uns, indem ich sie schone. Reite Du selbst in das Lager, und hole den Alten!«

»Gut! Aber wehe ihm, wenn er es wagt, ein Wort zu sagen, welches mir nicht gefällt. Ich gebe ihm den Dolch in das Fleisch, daß seine Seele in die Hölle fährt!«

Er ritt fort. Die beiden Parteien betrachteten und beobachteten einander sich mit finsteren Blicken.

Es dauerte nicht lange, so kehrte Hilal zurück. Er ritt, der Alte aber mußte neben ihm her laufen. Bei Steinbach angekommen, stieg Hilal ab, ergriff den Alten, welcher natürlich noch gefesselt war, beim Kragen und sagte:

»Also diese tapfern Krieger wollen wissen, ob sie sich ergeben sollen oder nicht. Sage ihnen, was Du für das Beste für Dich hältst!«

Dabei zog er seinen Dolch.

»Willst Du mich erstechen?« fragte der Scheik.

»Wenn sie sich nicht ergeben, bist Du der Erste, welcher in die Hölle wandert.«

Der Alte sah, daß er es mit einer sehr ernst gemeinten Drohung zu thun habe. Er warf einen Blick über seine Leute und dann auf die ihnen viermal überlegenen Beni Sallah und sagte:

»Es ist hier ein jeder Widerstand vergeblich. Beherrscht Eure Tapferkeit, und ergebt Euch!«

»Wie können sie Etwas beherrschen, was sie gar nicht besitzen,« brummte Hilal zornig.

»Sollen wir uns etwa auch entwaffnen lassen?« fragte der Anführer.

»Ja.«

»Scheik, wir sind keine Feiglinge gewesen! Wir haben gekämpft!«

»Und dann seid Ihr tapfer davon gelaufen!« rief Hilal. »Ich habe keine Lust, darauf zu warten, was Ihr nach langer Berathung beschließen werdet. Ergebt Euch sofort, sonst seid nicht nur Ihr verloren, sondern auch alle Eure Leute im Dorfe!«

»Und auch Alle, welche ich noch gefangen habe!« erklang es hinter den Beni Suef.

Dort hielt Tarik mit seiner Verfolgerschaar. Er hatte Steinbach von Weitem grüßend zugenickt, aber noch nicht mit ihm gesprochen. Jetzt, als er diese Worte sagte, deutete er hinter sich. Die sechzig Mann, mit denen er die Verfolgung der Feinde unternommen hatte, bildeten eine Reihe, welche sich jetzt öffnete, damit man sehen könne, wer sich hinter ihnen befand. Dort hielten, auf Pferde und Kameele gebunden, und die Thiere an einander gefesselt, wohl an die fünfzig gefangene Beni Suef, welche auf der Flucht von den Leuten Tariks ergriffen und entwaffnet worden waren. Es war das ein glänzender Beweis dafür, daß Tarik ein guter Anführer sei.

Als die Beni Suef diese Gefangenen sahen, sagte ihr Anführer:

»Wollen wir Schuld an dem Tode so vieler der Unserigen sein? Das willst Du wohl nicht, o Scheik.«

»Nein. Wir haben schon so viele verloren. Seid Ihr etwa die Einzigen, welche zurückkehren?«

»Die Einzigen.«

»O Allah! Wo sind dann die Andern?«

»Wenige sind gefangen; die Andern alle aber liegen erschlagen in der Nähe des Dorfes der Beni Sallah. Diese hatten von unserm Zuge erfahren, und darum gelang es ihnen, uns versteckt zu empfangen und zu besiegen.«

»Allah hat ein großes Herzeleid ausgegossen über unsern Stamm. Unsere Weiber werden heulen; unsere Kinder werden klagen, und unsere Kindeskinder werden weinen. Verflucht sei – «

»Halt!« rief Hilal, ihm die Spitze des Dolches vor die Nase haltend. »Wenn Du etwa schimpfest, Alter, so stirbst Du!«

Natürlich schwieg der Scheik.

»Steigt von den Thieren, und gebt Eure Waffen ab!« gebot der neue Scheik der Beni Sallah, Tarik.

»Was hat Dieser zu sagen?« zürnte der Anführer.

»Er ist der Scheik,« erklärte Steinbach.

Der Mann sagte nichts. Er sprang vom Kameele und gab seine Waffen ab. Steinbach ritt zu ihm hin und erkundigte sich:

»Nicht wahr, es haben sich zwei Freunde bei Euch befunden, welche mit dem ausgestoßenen Falehd zu Euch kamen?«

»Ja, ein Pascha und ein Russe.«

»Wo sind sie?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du mußt es wissen!«

»Bin ich Allah, daß Du mich für allwissend hältst!«

»Sie sind bei Euch gewesen; sie sind auch mit Euch zurückgekehrt um die Beni Sallah zu überfallen. Ihr müßt also wissen, wo sie sind.«

»Habt Ihr sie nicht gefangen?«

»Nein.«

»Oder bei den Todten gefunden?«

»Auch nicht. Waren sie denn bei den Kämpfenden?«

»Da waren sie freilich nicht. Sie wollten unsern Schutz; aber sie waren zu feig, mit uns und für uns zu kämpfen. Sie sind im Lager bei dem Troß zurückgeblieben. Wenn Ihr sie weder gefangen genommen noch getödtet habt, so sind sie entflohen.«

»Wohin sollten sie in der Wüste fliehen!«

»Vielleicht ist Suef mit ihnen, der des Riesen Sclave war. Er kam mit ihnen und blieb bei den Wächtern des Trosses.«

»Ihr habt sie also auf Eurer Flucht nicht getroffen? Ihr könnt das beschwören?«

»Beim Propheten und allen Kalifen. Hätten wir sie getroffen, so hätten wir sie von uns gejagt, sie, welche unsere Gastfreundschaft verlangten und doch nicht mit uns kämpften. Feiglinge brauchen wir nicht.«

Steinbach sah dem Manne an, daß er die Wahrheit sagte. Normann hatte die Unterredung gehört; er meinte enttäuscht:

»Das ist höchst fatal! Eigentlich haben wir nur dieser Beiden wegen den Ritt mitgemacht.«

»Wenn auch nicht ganz nur aus diesem Grunde, aber ich gestehe, daß es mir höchst unangenehm ist, daß sie entkommen sein sollen.«

»Hängt uns etwa dieser Kerl eine Finte auf?«

»Nein, gewiß nicht. Ich bin auch der Ansicht, daß sie das Hasenpanier ergriffen haben, als sie bemerkten, daß wir am Siege waren.«

»Wie aber konnten sie entkommen? Wir mußten doch jeden Reiter sehen. Und wo Einer sich blicken ließ, wurde er verfolgt.«

»Hm! Auch mir ein Räthsel.«

»Ob sie sich zu Fuße fortgeschlichen haben?«

»Das wäre Wahnsinn. Freilich ist es sehr möglich, daß sie es aus Unüberlegtheit gethan haben. In diesem Falle sind sie verloren – ohne Thier, ohne Nahrung und Wasser.«

»Hm! Sie werden, doch nicht auf den Gedanken gekommen sein, sich das Alles, also Raubthiere, Wasser und Datteln bei den Beni Sallah zu nehmen?«

»Mir kam soeben derselbe Gedanke.«

»Es wäre ihnen zuzutrauen.«

»O nein. Im Grunde sind sie feig.«

»Aber ehe man verhungert, verdurstet oder verschmachtet, unternimmt man wohl ein Wagniß.«

»Ich gebe es zu. Dazu ist wahrscheinlich der Suef bei ihnen, der jeden Winkel und alle Verhältnisse des Lagers kennt. Dort wachen die Beni Abbas, welche fremd sind und gestern jedenfalls den Sieg gefeiert haben. Nach so einer Feier schläft man gut und lang.«

»Ich beginne, besorgt zu werden!«

»Ich ebenso. Jedenfalls wird meines Bleibens hier nicht lange sein. Ich hatte mit größter Sicherheit darauf gerechnet, den Grafen und den Pascha hier gefangen zu nehmen. Es wäre wirklich ungeheuer fatal, wenn diese Kerls uns entkämen.«

»Und wir müßten abermals von Neuem beginnen!«

»Machen wir unsere hiesigen Obliegenheiten so schnell wie möglich ab. Es wird mir wirklich ein Wenig warm zu Muthe. Schließlich ist es gar nicht nothwendig, daß wir hier so lange bleiben wie die Beni Sallah, wir können eher gehen. Vielleicht ist es uns da noch möglich, eine Spur der beiden Verschwundenen zu entdecken. Uebrigens befindet sich Einer hier, der den Grafen ebenso sehnlich erwartet hat wie ich.«

»Wer?«

»Ein früherer Diener von ihm, welchen ich von jetzt an in meine Dienste nehmen will. Sie werden noch Weiteres von ihm hören. Ich gehe jetzt in das Dorf zu ihm. Sehen Sie darauf, daß die Gefangenen sicher in das Dorf zu den Anderen gebracht werden!«

Er ritt fort. Um Nena zu sehen, brauchte er gar nicht bis in das Dorf zu kommen. Der Indier war ganz begierig gewesen, den Grafen zu sehen, darum war er nicht bei den Zelten geblieben, sondern den Kriegern nachgefolgt. Er kam jetzt zu Steinbach heran und fragte, an seiner Seite nach dem Dorfe schreitend:

»Ist er da, Effendi?«

»Leider nein! Es ist ihm einstweilen gelungen, zu entkommen.«

»Wie schade! Du warst so überzeugt, daß Du ihn fangen würdest, und darum dachte auch ich, daß er in Deine Hände gerathen wäre.«

»Hoffentlich ergreife ich ihn noch«

»Nun nicht. Die Wüste ist groß und weit.«

»Ader sie hat ihre Spuren und Fährten.«

»Kannst Du diese denn lesen?«

»Ja.«

»So sollten wir eigentlich sofort aufbrechen. Man darf da keine Zeit verlieren.«

»Du willst also mit mir gehen?«

»Bis an das Ende der Welt und auch noch einige Tagereisen darüber hinaus.«

»Ich bin einverstanden. Wir werden den Grafen suchen. Finden wir ihn, so sollst Du gerächt werden.«

»Reiten wir also sofort ab!«

»So schnell geht das nicht. Ich habe doch noch Einiges zu thun, was ich nicht unterlassen darf. Aber sobald das geschehen ist, werde ich keine Minute länger bleiben.«

Die neuen Gefangenen wurden zu den vorigen geschafft und in Bewachung gegeben. Steinbach glaubte, nun Muße zu haben, mit Nena über Gökala reden zu können, aber er kam noch nicht dazu. Tarik suchte ihn auf.

*

32

»Effendi,« sagte er, »Mein Stamm schuldet Dir unendlichen Dank. Wir werden denselben niemals abtragen können. Diesen großen Sieg und alle seine Folgen haben wir nur durch Dich.«

»Dankt mir dadurch, daß Ihr die besiegten Beni Suef menschlich behandelt.«

»Das werden wir. Eigentlich müßten sie unsere Sclaven sein. Wir könnten ihre Palmen zerstören, ihre Brunnen zuschütten und ihnen Alles nehmen.«

»Das werdet Ihr nicht.«

»Nein. Wir werden ihnen unsere Beute nehmen und alle Waffen, damit sie nicht wieder gegen uns kämpfen können. Wir nehmen ihnen von ihren Heerden und Vorräthen so viel, daß ihnen genug zum Leben übrig bleibt, aber auch nicht mehr. Sie müssen in Allem von uns abhängig sein. Sie dürfen keinem andern Menschen Etwas bezahlen können, sondern sie müssen gezwungen sein. Alles von uns zu kaufen. So sind sie nicht Sclaven, aber doch abhängig von uns.«

»Erzieht sie immerhin zu Kriegern. Ihr könnt sie gebrauchen. Hoffentlich seid Ihr stets gute Freunde des Vicekönigs!«

»Ich war es bereits, und wir werden es sein und bleiben. Hat er nicht Dich zu uns gesandt? Hat er uns nicht durch Dich die Nadelgewehre geschickt, durch welche wir siegten, und Munition und viele andere Geschenke? Sprachst Du nicht davon, daß wir einen Vertrag mit ihm machen sollten?«

»Ja, er wünscht es.«

»Einen geschriebenen Vertrag auf Pergament?«

»Nein. Ihr seid Männer und redet keine Unwahrheit. Euer Wort gilt, ganz gleich, ob es geschrieben oder gesprochen ist.«

»Du hast Recht. Sage dem Vicekönig also, daß er uns als seine Freunde betrachten solle. Wenn er uns braucht, soll er es uns sagen, und wir werden thun, was er wünscht.«

»Ich werde es ihm sagen.«

»Und ihm auch Alles erzählen, was bei uns geschehen ist?«

»Alles. Ich werde ihm mehr erzählen müssen, als was Du selbst jetzt weißt.« –

»Was wäre das?«

»Daß Falehd todt ist.«

»Ah! Er ist gestorben? Hat er mit gekämpft?«

»Nicht mit den Beni Suef, sondern auf eigene Faust. Er ist in das Lager gegangen und in die Ruine eingedrungen.«

»O Allah! Was ist da geschehen? Hat er einen Mord, eine Unthat begangen?«

»Er wollte, aber es ist ihm nicht gelungen.«

Steinbach erzählte, was geschehen war und beruhigte dadurch das Gemüth Tarifs, dem es bereits Angst um die Königin geworden war. Der Letztere fragte:

»Waren seine Genossen nicht dabei?«

»Nein. Hast Du sie während der Verfolgung nicht gesehen?«

»Ich habe keine Spur von ihnen bemerkt.«

»So sind sie verschwunden.«

»Also entkommen?«

»Ja.«

»Das ist ihr Glück! Sie hätten sterben müssen, da sie ihr Wort gebrochen haben und mit dem Feinde gegen uns gezogen sind.«

Steinbach wollte hieran eine Erläuterung knüpfen, aber Tarik wurde geholt. Es sollte über die Beute ein Beschluß gefaßt werden, wozu die bedeutenderen Krieger zur Berathung zusammentreten sollten.

Natürlich sollte auch Steinbach daran Theil nehmen; er schlug es aber ab. Die Beuteangelegenheit war ihm zu unerquicklich, und überdies trieb ihn sein Herz, sich von Nena über Gökala erzählen zu lassen. Er rief also diesen zu sich und ging mit ihm ein Stück fort, wo es kein Geräusch gab – unter den Palmen hin, bis fast an den Rand der Dattelpflanzung, wohin der Jubel der Sieger nicht zu dringen vermochte. Schon hatte er dem Indier eine Frage vorgelegt; da blieb dieser stehen, zeigte anstatt der Antwort zwischen den Bäumen hinaus in die Wüste gegen Norden und sagte:

»Dort kommt ein Reiter! Wer ist das?«

Steinbachs Auge folgte der angegebenen Richtung. Wirklich, dort kam ein Reiter herbei, und zwar so schnell, wie sein Kameel zu laufen vermochte. War das ein flüchtiger Beni Suef?

»Komm, schnell!« sagte Steinbach.

Er eilte unter den Bäumen weiter bis zu der Stelle, an welcher der Reiter die Palmen erreichen mußte. Dort stellten sich die Beiden hinter die Stämme und warteten.

Der Reiter kam mit Windeseile näher. Steinbach erkannte bereits das Gesicht – der Mann war ein alter Beni Sallahn Steinbach wußte das ganz genau. Er hatte ihn ja mehrere Male gesehen. Eine bange Ahnung beinächtigte sich seiner. Der Reiter war ein Eilbote. Einen solchen sendet man nur, wenn etwas Wichtiges geschehen ist. War es etwas Gutes oder Böses?!

Steinbach trat unter den Palmen hervor und ging dem Boten schnellen Schrittes entgegen. Dieser erkannte ihn und rief schon von Weitem:

»Allah sei Dank! Du bist es? Ich fand Niemand, mich zu erkundigen. Ich wußte nicht, ob es Euch gelungen sei, das Lager zu erobern.«

»Wir haben gesiegt.«

»Ist viel Blut geflossen?«

»Kein Tropfen.«

»Effendi, Du thust Wunder über Wunder! Thue aber nun noch eins in der Sache, wegen welcher ich zu Dir gesandt werde.«

»Ist es eine gute?«

»Eine sehr schlimme.«

»O wehe! Erzähle!«

»Gleich! Laß mich nur vorher absteigen! Mein Thier hat nicht einen Augenblick ruhen dürfen; und mein Leib ist wie Wasser, welches keinen Halt hat.«

Auf sein Zeichen legte sich das Kameel nieder, und er stieg ab.

»Wollen wir nicht in das Lager gehen,« fragte er, »wo ich meine Botschaft verkündigen werde?«

»Sage sie erst mir allein. Wenn es wirklich etwas Schlimmes ist, so ist es vielleicht möglich, daß es Personen giebt, denen wir es besser gar nicht wissen lassen.«

»Ganz wie Du willst. Die Königin ist fort!«

»Was! Wie!« rief Steinbach erschrocken.

»Und Hiluja!«

»Höre ich recht?«

»Und Zykyma!«

»Wohin?«

»Wir wissen es nicht.«

»Ihr müßt es doch wissen! Sind sie denn vielleicht unfreiwillig fort?«

»Ja, freilich.«

»Also geraubt! Von wem?«

»Von dem Grafen, dem Pascha und dem Suef.«

»Mein Gott! Wie ist das geschehen? Es ist doch ganz unmöglich! Drei Männer können doch nicht in ein Lager eindringen, welches von so vielen Beni Abbas bewacht wird!«

»Sie haben es heimlich gethan.«

»Natürlich! Erzähle, erzähle!«

Der Mann erzählte den Vorgang, wie er ihn kannte. Steinbach hörte zu, erstaunt, erzürnt, sogar ergrimmt über die Sorglosigkeit der Wächter. Als der Bericht zu Ende war, rief er aus:

»Um Gotteswillen! Mitten aus dem bewachten Lager herausgeholt! Seid Ihr denn des Teufels, Ihr Leute?«

»Ja, Effendi, das ist das richtige Wort – des Teufels. Alle wissen, daß der Teufel es gewesen ist.«

»Unsinn!«

»Ganz gewiß! Es war die Sonne der Nacht da, da ist die Hölle offen.«

»Du meinst doch nicht etwa, daß der Teufel die drei Mädchen entführt habe!« –

»Wer anders?«

»Sagtest Du nicht soeben, der Russe, der Türke und der Suef seien es gewesen?«

»Der Teufel hat nur ihre Gestalt angenommen.«

»Das ist ein nicht nur dummer, sondern sogar ein gefährlicher Aberglaube. Wer ihn besitzt, der vergißt alle Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Ist die Entführung denn sogleich bemerkt worden?«

»Ja, von Saïd, dem Arabadschi.«

»Und ist Niemand den Mädchenräubern nach?«

»Nur eben der Arabadschi. Er hat sich auf el Sselßele gesetzt.«

»Was ist das?«

»Die windesschnelle Stute des Scheikes der Beni Suef. Er wollte die Räuber verfolgen; aber es gelingt ihm nicht. Wir haben sehr genau gesehen, daß er auf Sselßele in der Luft davongeritten ist. Der Teufel hat ihn geholt.«

»
O santa simplicitas. Warte hier! Ich werde Dich holen oder Dich rufen lassen.«

»Soll ich denn nicht gleich mit Dir nach dem Zeltdorfe gehen, Effendi?«

»Nein. Wir müssen Alles Aufsehen vermeiden. Noch weiß ich nicht, ob es gerathen ist, Tarik von diesem unglücklichen Vorkommnisse etwas zu sagen.«

Er ging, um zunächst Hilal aufzusuchen. Er nahm ihn bei Seite und theilte ihm die traurige Kunde in schonender Weise mit. Der Schreck Hilals war groß. Seine Aufregung war gar nicht zu beschreiben.

»Hiluja fort! Entführt! Bei allen Geistern der Wüste, das werde ich blutig rächen!« rief er aus. »Effendi, wir müssen aufbrechen, sofort aufbrechen. Ich eile, es Tarik zu sagen.«

»Halt! Warte noch! Soll Tarik auch mit aufbrechen?«

»Ja. Die Königin ist ihm ja auch gestohlen worden. Warum sollte er hierbleiben?«

»Er hat als Scheik Verpflichtungen, welche ihn hier zurückhalten.«

»Er wird einen Stellvertreter hier lassen, welcher diese Pflichten erfüllt.«

»Das wird nicht gerathen sein. Er hat seinen ersten Feldzug unternommen und seinen Sieg gewonnen. Er darf nicht im Mindesten versäumen, das zu thun, was er zu thun hat.«

»Soll er etwa ruhig zugeben, daß man ihm seine Geliebte, seine Braut, unsere Königin, geraubt hat?«

»Das soll er freilich nicht.«

»Nun, so muß er sie sich wiederholen; er muß die That rächen.«

»Dazu ist seine Gegenwart nicht unumgänglich nothwendig. Er kann auch nicht mehr thun als wir Beide.«

»Wie? Er soll nicht mit uns ziehen? Glaubst Du, sein Herz würde ihm Ruhe lassen? Glaubst Du, unsere Krieger würden ihn achten können und noch Respect vor ihm haben, wenn er sich von dem Rachezuge ausschließen wollte?«

»Ich denke, er und sie sollen einstweilen noch gar nichts von dem Geschehenen erfahren.«

»Wie? Höre ich recht? Meinst Du wirklich, daß ich schweigen könnte? Man hat uns den größten Schimpf angethan; man hat unsere Herrscherin mitten aus unserm Lager geraubt, und ich sollte es verschweigen? Das ist unmöglich, ganz und gar unmöglich. Ich eile, es zu verkünden.«

Steinbach wollte ihn zurückhalten, aber der junge Mann ließ sich nicht halten. Er begab sich zu Tarik, und da dieser nicht allein, sondern von mehreren Kriegern umgeben war, hörten auch diese die Nachricht, und so verbreitete sich die Letztere wie ein Lauffeuer weiter.

Lautes Klagegeheul erhob sich. Alles rannte durcheinander. Der Bote wurde herbeigeholt und von Gruppe zu Gruppe geführt, wo er das Vorkommniß erzählen mußte. Der ganze Stamm erklärte einmüthiglich, daß man sofort aufbrechen müsse, um die Uebelthäter zu verfolgen und die That zu rächen.

Steinbach und Normann waren die Einzigen, welche äußerliche Ruhe zeigten. Der Erstere nahm Tarik vor, um ihm Vorstellungen zu machen. Der junge Scheik wollte nichts davon hören, daß er hier zurückbleiben sollte.

»Meinst Du, daß ich hier ruhen könnte?« fragte er. »Badija ist fort, und ich soll hier sitzen bleiben und meine Datteln essen!«

»Nicht Datteln essen sollst Du, sondern Deine Pflichten als Anführer und Scheik sollst Du erfüllen.«

»Das werde ich ohnedem.«

»Es ist nicht so leicht und schnell gethan.«

»So! Was meinst Du denn, daß ich zu thun habe.«

»Du hast die Unterwerfung der Beni Suef zu vollbringen.«

»Das ist bereits vollbracht. Sie sind ja besiegt.«

»Du hast Maßregeln zu treffen in Beziehung auf die Regierung und Verwaltung ihres Stammes.«

»Dazu bedarf es keiner Maßregeln. Sie sind uns unterthan und haben uns zu gehorchen. Das sage ich ihnen, und sie werden sich darnach zu richten haben.« –

»Bedenke die Beute! Sie ist nicht nur reich, sondern sogar großartig. Es macht sehr viele Arbeit, Euch das auszulesen, was Euch gehören soll.«

»Wir sind die Sieger, und uns gehört also Alles. Es kommt ganz auf unsere Güte an, ob wir dem Feinde Etwas lassen wollen. Kann es da sehr viel Arbeit verursachen, ihm zu geben, was wir nicht mitnehmen wollen?«

»Je schneller Ihr hierin handelt, desto härter werdet Ihr gegen die Beni Suef sein.«

»Wollten sie etwa weich gegen uns verfahren? Sollen wir sie küssen, wenn sie uns schlagen? Dein Herz ist voller Milde, und auch das meinige ist nicht von Stein; aber die Wüste hat ihre eigenen Gesetze; ihre Bewohner handeln nach eisernen Regeln. Auge um Auge und Blut um Blut. Wir haben uns an den Suef's zu rächen, und das müssen wir thun, schon um unseres eigenen Wohles willen. Wir werden uns jetzt Alles ansehen, was vorhanden ist. Es wird leicht zu bestimmen sein, was wir mitnehmen. Alles Andere bleibt hier. Wir brechen baldigst auf. Freilich werden wir mit den Heerden, welche wir mitnehmen, nur langsam fortkommen. Wir müssen Nahrung für alle Thiere mitnehmen und Wasser; aber mich selbst kann dies nicht aufhalten. Ich übergebe das Kommando der siegreichen Karawane einem meiner zuverlässigsten Krieger und eile unterdessen vorwärts. In einer Stunde können wir aufbrechen.«

Steinbach bat noch einmal, die Beni Suef nicht allzu hart zu behandeln. Tarik antwortete:

»Deine Bitte ist gut aber unnütz. Ich werde so schonend wie möglichst mit ihnen verfahren, auch ohne daß Du diesen Wunsch wiederholtst. Ich will nicht hart gegen sie, aber auch nicht ungerecht gegen meine Leute sein. Uebrigens sage mir, wer eigentlich die Schuld trägt, daß Badija, Hiluja und Zykyma uns geraubt werden konnten! Nicht etwa die Beni Suef? Sind sie es nicht, welche den Russen, den Pascha und den Suef bei sich aufgenommen haben? Hat nicht nur allein ihr Kriegszug den Räubern Gelegenheit gegeben, den Raub auszuführen? Soll ich solchen Leuten etwa die Datteln lassen und mir die Steine nehmen? Ich will sie nicht an ihrem Leben bestrafen. Sie haben zwei Dritttheile ihrer Krieger verloren; das ist schlimm genug. Aber ihre Reichthümer darf ich ihnen nicht lassen, sonst erholen sie sich schnell, tauschen Waffen ein, suchen sich Verbündete und fallen über uns her. Sind sie aber arm, so bekommen sie keinen Verbündeten, können sich keine Waffen verschaffen und sind in allen Dingen von uns abhängig. Ich bin der Scheik meines Stammes und habe für das Wohl desselben zu sorgen. Das werde ich thun und dabei so viel Milde walten lassen, wie sich mit meiner Pflicht verträgt.«

Das war mannbar und kernhaft gesprochen. Steinbach mußte ihm Recht geben. Dieser junge Mann ließ sich als Scheik ganz außerordentlich gut an. Wenn er so fortfuhr, so konnte er seinem Stamme und folglich auch sich eine große Zukunft bereiten. Es war natürlich nicht von ihm zu verlangen, hier in der Wüste, wo das Vergeltungsrecht ohne alle Einschränkung herrscht, nach Regeln zu handeln, welche unter civilisirten Nationen am Platze sind, hier aber als Schwachheit betrachtet und verdammt worden wären.

Das Klagegeschrei verstummte rasch. Es ging zur Beute. Sagt doch schon der Prophet Jesaias in seiner berühmten Weissagung: »Wie man fröhlich ist, wenn man Beute austheilet!«

Von allen vorhandenen Thierarten wurde natürlich nur das Beste ausgewählt. Tarik stellte die Regel auf, daß man für die Familie eines jeden Suef ein Lastkameel, ein Rind und zwanzig Schafe zurücklassen müsse. Pferde und Eilkameele dürfe man ihnen nicht lassen. Messer und Beile dürften sie behalten; alle Schießgewehre aber nebst Munition wurde ihnen genommen. Selbst von der Ausstattung ihrer Wohnungen behielten sie nur so viel, als unumgänglich nothwendig war. Alles Ueberflüssige wurde ihnen genommen und auf die Kameele geladen. Es war sehr nachsichtig gegen sie gehandelt, daß man ihnen nicht die Palmen umhaute. Sie konnten also ohne Sorgen leben.

Nun wurden alle vorhandenen Wasserschläuche gefüllt und viele Säcke mit Futterdatteln aufgeladen. Eine ungeheure Heerde war es, welche von den Beni Sallah zusammengetrieben wurde. Der Stamm wurde um das Doppelte reicher als er früher gewesen war. Von den Siegern umschwärmt, brach diese Heerde auf, nach dem Ferß el Hadschar zu, wo die einzige Gelegenheit war, unterwegs das Wasser zu erneuern.

Die hundert Sallah, welche die Gefangenen bisher zu bewachen gehabt hatten, blieben bis morgen früh in dem eroberten Zeltdorfe zurück, um die Besiegten an Ungehörigkeiten zu verhindern.

Natürlich sahen diese Letzteren mit stillem Ingrimm zu, daß der größte und beste Theil ihrer Habe fortgeschafft wurde. Die Meisten von ihnen brüteten Rache, mußten sich aber doch im Stillen sagen, daß ihnen die Macht und Gelegenheit dazu auf lange, lange Zeit hinaus genommen sei. Andere aber richteten ihren Zorn nicht gegen die Sieger, sondern gegen Diejenigen ihres eigenen Stammes, welche zu dem verderblichen Kriegszuge gegen die Beni Sallah gerathen hatten. Ihnen gaben sie die Schuld des Unglückes, in welches nun der ganze Stamm gerathen war, und – sie hatten nicht Unrecht.

Besonders richtete sich dieser Unwille gegen den alten Scheik, welcher der oberste Anstifter dieses Zuges gewesen war und auch heut wieder die Seinigen zu dem unheilvollen Mordplane gegen die Beni Sallah beredet hatte. Wäre derselbe nicht gefaßt worden, so hätte man wohl ein schonenderes Verhalten der Sieger erwarten können.

Steinbach zog natürlich nicht mit den Heerden. Er, Tarik, Hilal und Normann wählten sich zehn der besten Krieger und zwanzig der feinsten, schönsten Eilkameele aus und flogen auf diesen windesschnellen Thieren dem heimathlichen Zeltdorfe entgegen. Natürlich befand sich Nena, der indische Diener, bei ihnen.

Es hatte während des ganzen Tages eine drückende, entnervende Schwüle geherrscht, und nicht der mindeste Lufthauch war zu verspüren gewesen. Es war, als ob die Atmosphäre sich in ein vollständig unbewegbares Gluthmeer verwandelt habe.

Auch jetzt noch herrschte diese Hitze. Die Streiter hatten ein Gefühl, als ob sie auf ihren Thieren gebraten würden. Die Luft, welche man einathmete, schien die Lunge auszudorren.

Unter diesen Umständen dachte Keiner daran, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Jedes Wort, welches man aussprach, erforderte eine Anstrengung der Athmungswerkzeuge, welche man vermeiden konnte.

Darum waren Alle still. Es ließ sich nichts als das Geräusch des Sandes hören, welcher von den Hufen der Kameele nach hinten geworfen wurde.

Nicht die gleiche Stille aber herrschte im Innern der wortkargen Reiter. Ein Jeder dachte an Rache und daran, wie dieselbe auszuführen sei.

So ging es vorwärts, so schnell die trefflichen Thiere es vermochten, in noch größerer Schnelligkeit als derjenigen eines Eilzuges. Man glaubt gar nicht, was so ein Eilkameel zu leisten vermag. Es kommt nicht selten vor, daß ein solches Thier an einem Tage weit über fünfzig deutsche Meilen zurücklegt, und dazu in tiefem Sande, in brennender Sonnengluth, ohne Wasser oder Nahrung zu sich zu nehmen.

Selbst als die Sonne den westlichen Horizont berührte, stiegen die Reiter nicht ab, um, wie gewöhnlich, im Sande knieend ihr frommes Abendgebet zu verrichten. Sie beteten im Dahinjagen die erste Sure des Kuran und fügten als Schluß das Glaubensbekenntniß hinzu: »Allah il Allah, Muhamed Rassuhl Allah, Gott ist Gott, und Muhammed ist sein Prophet!«

Dann wurde es schnell Nacht. Die glänzenden Sterne des südlichen Himmels stiegen auf. Man fühlte nun wenigstens die directen Strahlen der Sonne nicht mehr. Das gab eine Erleichterung und darum wurden zwischen den Reitern jetzt endlich einige Worte und Reden gewechselt.

Tarik und Hilal, die beiden Söhne des Blitzes, ritten nebeneinander und flüsterten sich ihre grimmigen Bemerkungen zu. Normann war Etwas zurückgeblieben. Er war weder ein Eingeborener, noch besaß er die robuste, riesenkräftige Natur Steinbachs. Ihn strengte der Ritt außerordentlich an.

So ritt also Steinbach an der Spitze des Zuges, der Indier neben ihm. Beide hatten während des Rittes kein Wort gewechselt, obgleich der Deutsche darauf brannte, von Gökala zu hören. Er hatte bisher nicht gefragt, um Nena zu schonen, welcher als Sclave wohl kein Leben geführt hatte, um die Kräfte zu solchen anstrengenden Ritten zu erhalten. Jetzt aber begann der Indier selbst:

»Du bist so still, Effendi. Warum schweigst Du so unausgesetzt?«

»Ich denke, das Sprechen strengt Dich an?«

»Mich? Wegen der Hitze? O Herr, ich habe so oft in der glühenden Sonne gebraten und bin so wenig von den Beni Suef geschont worden, daß mir die Hitze gar nichts mehr anhaben kann. Dazu läuft dieses herrliche Kameel so prächtig, daß es ist, als ob man in einer Ottomane säße. Ich befinde mich sehr wohl und bin bereit, alle Deine Fragen zu beantworten.«

»Warum soll ich fragen! Erzähle!«

»Du mußt wissen, daß Nubrida, dessen Herrscher ihr Vater war, hoch im Norden Indiens liegt, da wo die Riesen des Himalaja hoch in den Himmel ragen. Dort berühren sich die Interessen der Engländer und der Russen. Dort kämpfen sie still und heimlich gegen einander wie die zwei Klingen einer Scheere, welche nicht sich selbst vernichten, sondern Alles, was zwischen sie geräth. Jedes dieser beiden Völker sendet seine Beauftragten, welche nichts Anderes sind als Spione. Wehe Dem, der in ihre Hände geräth. Auch zu Banda, dem Maharadscha von Nubrida kamen Engländer und Russen. Sie wollten ihn glücklich machen, aber Jeder auf eine andere Weise. Er wollte ihr Glück nicht, denn er war bereits glücklich. Er war reich wie kein Zweiter. Zwar war ihm die heißgeliebte Gemahlin gestorben, welche eine Deutsche gewesen war, aber sie hatte ihm eine Tochter hinterlassen, ihr Ebenbild an Schönheit, Reinheit, Geist und Herzensgüte. Diese Tochter hatte die Augen des Himmels und wurde deshalb Semawa genannt – Himmelsblau.«

»Du hast sie persönlich gekannt?«

»Ja. Ich war ja Diener im Palaste ihres Vaters.«

»Also warst Du dem Maharadscha ergeben?«

»Früher, ja. Aber einstmals bestrafte er mich unschuldiger Weise sehr hart, und wenn ich auch nicht auf Rache sann, so war doch die Liebe und Ergebenheit verschwunden. Ich nahm mir vor, einen anderen Herrn zu suchen. Wer da sucht, der findet. Ich hatte bald einen anderen Herrn.«

»Wohl den Russen?«

»Ja. Doch wußte damals kein Mensch, daß er ein Russe sei. Er war vor nicht gar langer Zeit nach Nubrida gekommen, um seine Gesundheit in der dortigen reinen Luft zu stärken. Er gab sich für einen Sahib aus dem hinteren Indien aus. Er erhielt die Erlaubniß, sich in dem Garten des Maharadscha zu ergehen und erblickte dort die Prinzessin Semawa. Sein Herz erglühte in heißer Liebe für sie. Er wagte es, sich ihr zu nähern und von seinen Gefühlen zu sprechen – – – «

»Das war nicht nur kühn, sondern sogar frech!«

»Du mußt wissen, daß in Indien die Frauen nicht so eingeschlossen und verborgen werden, als in andern Ländern. Man kann gar wohl mit einem Mädchen sprechen. Semawa wies ihn mit Entrüstung zurück und meldete sein Betragen dem Herrscher, ihrem Vater. Dieser nahm ihm die Erlaubniß, den Garten zu betreten und verbot ihm sogar den Aufenthalt in seinem Lande. Der Russe zog fort, mit dem Entschlusse der Rache und mit dem Grimm zurückgewiesener Liebe im Herzen. Er nahm mich mit. Wir gingen über die Grenze, blieben aber gleich jenseits derselben wohnen. Die Gelegenheit der Rache kam sehr bald. Hoch droben im Norden, am See Issyk-kul, war ein berühmter Prophet aufgestanden. Dort giebt es ein reich gesegnetes Ländchen, Namens Terskei-Ala-Tau, mit dessen Herrscher der Maharadscha ein Freundschaftsbündniß geschlossen gehabt hatte, welches aber gestört worden war. Er hatte sich Mühe gegeben, dasselbe wieder anzuknüpfen, doch vergebens. Jetzt glaubte er, mit Hilfe dieses berühmten Propheten werde es ihm gelingen, und beschloß, diesen aufzusuchen.«

»Diese Reise war gefährlich!«

»Das wußte er. Darum reiste er nicht unter seinem Namen, sondern unter einem anderen. Man sollte ihn nicht für reich oder gar für einen Herrscher halten. Die Regierung übergab er für die Zeit seiner Abwesenheit seinem Vezier, auf den er sich verlassen konnte. Er liebte seine Tochter zu sehr, als daß die Trennung von ihr ihm nicht großen Schmerz bereitet hätte, und da sie gar so dringlich und liebevoll bat, sie nicht zurückzulassen, so nahm er sie mit.«

»Das war eine noch größere Unvorsichtigkeit als die ganze Reise überhaupt. Die Bewohner jener Gegenden sind gewaltthätig, grausam und rücksichtslos. Er hätte seine Tochter daheim lassen oder noch besser die ganze Reise unterlassen sollen. Ein Gesandter hätte ganz dasselbe erreicht, was er bei dem Propheten erreichen konnte.«

»Du hast Recht, Effendi. Ich weiß freilich nicht, was ihn in seinen Beschlüssen bestimmte; kurz und gut, er trat mit Semawa die Reise an, nur wenig Begleiter mit sich nehmend. Bereits nach einigen Tagen gelang es ihm, sich einer Carawane anzuschließen, welche zu dem Propheten pilgern wollte. Später stießen auch wir zu ihr, der Russe und ich. Nämlich, als mein neuer Herr, welcher Späher besaß, erfahren hatte, was der Maharadscha beabsichtigte, rüstete auch er sich zur Reise. Natürlich hatte er dabei die Absicht, sich zu rächen und möglicher Weise sogar Semawa in seine Hand zu bringen.«

»Wußtest Du das?«

»Nein, Was ich Dir erzähle, war mir damals unbekannt, wenigstens unklar. Ich konnte erst später nach eifrigem Nachdenken und Vergleichen mir Alles erklären. Der Maharadscha war natürlich nicht erfreut, als er uns bei der Carawane erblickte. Er mochte befürchten, daß wir sein Incognito verrathen würden. Das aber lag ganz und gar nicht in der Absicht des Grafen. Diesem war es im Gegentheile außerordentlich lieb, daß der Maharadscha einen anderen Namen angenommen hatte.«

»Warum?«

»Das wußte ich damals auch nicht und habe es auch später nicht erfahren. Wir kamen bei dem Propheten an. Der Ort war, ohne daß wir eine Ahnung davon gehabt hatten, von den Russen besetzt worden.«

»Ah, ich beginne, zu ahnen!«

»Ja, Du wirst wohl das Richtige vermuthen. Es gab einen russischen Europäer, welcher sich vor den Verfolgungen der Polizei nach Indien geflüchtet hatte und der Maharadscha hatte ganz zufälliger Weise für die Zeit seiner Reise denselben Namen angenommen, welcher auch derjenige dieses Empörers war. Man hielt ihn in Folge dessen für den Flüchtling und arretirte ihn, jedenfalls aber auf die Anzeige des Grafen.«

»Schändlich!«

»Ja, und zu dieser Schändlichkeit habe auch ich die Hand geboten, freilich aber, ohne daß ich es wußte. Der Maharadscha hatte natürlich bei seinem Verhöre gesagt, wer er sei – – –«

»Man glaubte ihm nicht?«

»Nein.«

»Konnte er nicht Euch Beide als Zeugen angeben?«

»Er hat es gethan.«

»Und es half ihm nichts? Daraus schließe ich leider, daß Ihr falsches Zeugniß abgelegt habt.«

»Von mir aus geschah es in keiner schlechten, sondern vielmehr in einer guten Absicht. Der Graf sagte mir nämlich, daß die Russen Feinde der Engländer und Indier seien – – –«

»Sehr schlau!«

»Und daß sie den Maharadscha gefangen hätten, eben weil er der Maharadscha sei. Er sei aber nur zu retten, wenn er hier als Russe gelten bleibe, und darum sollte ich bei meiner Vernehmung aussagen, daß ich ihn ganz genau kenne und daß er der Russe sei, dessen Namen er trage.«

»Das war eine Infamie ohne Gleichen! Und Du halfst ihm diese Falle stellen?«

»Ja. Ich wußte ja damals noch gar nicht, daß es einen russischen Empörer ganz desselben Namens gebe. Ich wurde verhört und bezeugte aus bester Absicht, daß der Maharadscha jener Russe sei. Der Graf that dasselbe – der Maharadscha war am nächsten Tage verschwunden.«

»Wohin?«

»Kein Mensch wußte es.«

»Hast es aber später erfahren?«

»Ja. Er ist nach Sibirien geschafft worden.«

»Das geht nicht so schnell. Er mußte doch vorher verurtheilt werden.«

»Das ist natürlich auch geschehen.«

»Geschehen konnte es nur nach einer gesetzesmäßigen Prozeßführung.«

»Den Prozeß hat man ihm gemacht. Gesetze giebt es auch nicht. Ob man diese Gesetze auf verschiedene Art und Weise handhaben und auslegen kann – – hm! Wer weiß, wie das Alles gekommen ist. Kennst Du das Sprichwort von dem Zaaren und dem Himmel?«

»Der Zaar ist weit und der Himmel ist hoch?«

»Ja. Der Zaar weiß nicht Alles und kann nicht Alles wissen, was in seinem Reiche vorgeht. Er ist wohl nicht schuld.«

»Jedenfalls nicht. Was aber geschah mit Semawa?«

»Auch sie war verschwunden.«

»Mit ihrem Vater?«

»Ich glaubte es. Aber später erfuhr ich, das dies nicht der Fall gewesen sei.«

»Aber gefangen war auch sie?«

»Ja. Sie wurde von ihrem Vater getrennt und an einen ganz andern Ort geschafft.«

»Ich errathe, weshalb. Der Graf liebte sie; er wollte sie besitzen. Wenn er als der Herbeiführer ihres Unglücks auftrat, so mußte sie ihn hassen. Er wollte also als Retter erscheinen. Er ließ sie von ihrem Vater trennen und suchte sie dann auf, um ihr zu sagen, daß er sie und ihn retten werde. Ist es so?«

»Ja.«

»Und Du warst dabei?«

»Ich war in der Nähe. Es war in Orenburg, wo man sie in ein Kloster gesteckt hatte. Er holte sie heraus.«

»Warum vertraute sie ihm! Sie wußte ja doch, daß er ihr Feind und derjenige ihres Vaters sei!«

»Er hat sie bethört.«

»Womit?«

»Weiß ich es? Jedenfalls hat er ihr ein Lügengewebe vorgesponnen, welchem sie ihren Glauben schenken mußte.«

»Hat sie nie davon zu Dir gesprochen?«

»Kein Wort.«

»Und hast Du denn keinen Versuch gemacht, Dich ihr mitzutheilen?«

»Oft. Sie hörte mich aber nicht an.«

»O wehe! Das war sehr unklug!«

»Du mußt bedenken, daß ich ihr Veranlassung zum Mißtrauen gegeben hatte.«

»Das mag freilich sein.«

»So oft ich den Versuch machte, aufrichtig mit ihr zu sein und ihr meine Hilfe anzubieten, stieß sie mich von sich. Sie wollte kein Wort aus meinem Munde hören. Große Mühe konnte ich mir nicht geben, denn der Graf beobachtete mich. Er mochte mir nicht ganz trauen.«

»Wohin ginget Ihr von Orenburg aus?«

»Nach Stambul, wo wir ein Vierteljahr blieben.«

»Dann?«

»Nach Rom. Dort und bereits vorher bemerkte ich, daß der Graf sich alle Mühe gab, ihre Liebe zu gewinnen. Es war vergebens.«

»Hat er nicht gewaltthätig gegen sie gehandelt?«

»Er mag es wohl versucht haben, ohne daß ich es bemerkt habe. Aber sie mußte auch irgend eine Art von Macht auf ihn ausüben. War es ihre Schönheit oder kannte sie irgend ein Geheimniß von ihm – kurz und gut, ich weiß, daß er es nie gewagt hat, zudringlich zu werden. Seine Sclavin ist sie gewesen in vielen Beziehungen; aber sie zu berühren, das hat er nicht gewagt.«

»Wohin ging er von Rom aus mit ihr?«

»Nach Paris und London.«

»Ah, er hat sie zerstreuen wollen.«

»Ja. Er hat sich viele Mühe gegeben, damit sie ihr Unglück vergessen möge.«

»Gelang es ihm?«

»Nein. Er wollte sie in die Theater und Concerts führen, sie aber schlug es ihm ab. Sie blieb daheim. Sie verlangte Lehrerinnen.«

»Er gab sie ihr?«

»Ja. Er mußte. Sie befahl und er gehorchte.«

»Wirklich?«

»Ja. Sie war die Sclavin seiner Intrigue, er aber der Sclave ihrer Schönheit. Er konnte ihr keine Bitte abschlagen als nur allein die, sie zu ihrem Vater zu bringen.«

»Sie wollte lernen?«

»Ja, und sie lernte. Sie vergrub sich zwischen den Büchern; sie lernte die Sprachen der Länder, in denen sie sich befand. Es fehlte ihr nichts als die Freiheit und ihr Vater, und sie rächte sich dadurch, daß sie von Tag zu Tag schöner, bezaubernder aber auch gegen ihn stolzer, kälter und verächtlicher wurde. Dann kehrte er mit ihr wieder nach Stambul zurück.«

»Nach welcher Zeit?«

»Es mochten seit unserem Aufbruche von Orenburg wohl zwei Jahre vergangen sein.«

»Was machte er in Stambul?«

»Genau weiß ich es nicht. Ich glaube, daß er sehr viel mit den Diplomaten verkehrte.«

»Semawa auch?«

»Nein. Sie kam in die Gärten des Sultans.«

»Als was?«

»Meinst Du etwa als Odaliske? Da irrst Du Dich. Dazu war sie zu stolz, und das hätte der Graf niemals zugegeben. Er liebte sie und hätte sie keinem Anderen überlassen, selbst dem Sultan nicht. Sie wurde Gesellschafterin der Prinzessin Emineh.«

»Wie kam die Prinzessin dazu?«

»Emineh mag Semawa wohl einmal während eines Spazierganges gesehen haben. Ich weiß es nicht genau. Dann mußte ich mit dem Grafen nach Egypten, wo er in Kahira zu thun hatte. Von da ging er nach Nubien. Dort verkaufte er mich. Er sagte, daß er nur einen Ausflug machen werde und bereits am anderen Tage zurückzukehren gedenke. Es war eine Lüge. Er kam nicht wieder, und der arabische Scheik sagte mir, daß ich von nun an sein Sclave sei.«

»Schändlich!«

»Der Graf wollte mich unschädlich machen.«

»Das ging am besten, indem er Dich tödtete.«

»Dazu hatte er wohl den Muth nicht. Er ist ein Bösewicht aber ein Feigling. Hinter dem Rücken ist er zu Allem fähig; aber einem Feinde Stand zu halten, das vermag er nicht.«

»Hattest Du Dich mit ihm gezankt?«

»Er war in letzter Zeit hart, ja grausam gegen mich geworden, und ich hatte ihm merken lassen, daß er sich mehr in meiner Hand befinde, als ich in der Seinigen.«

»Das war höchst unklug.«

»Im Zorne thut der Mensch selten etwas Gescheidtes, Effendi. Hätte ich geschwiegen und mich im Stillen davongemacht, so wäre ich nicht ein Sclave geworden. So aber wurde ich verkauft und immer weiter verkauft. Das Ueberige kennst Du. Ich habe es Dir bereits gesagt.«

»Du bist unklug gewesen, aber nicht schlecht, das will ich Dir zugeben.«

»Und ich habe meine Unklugheit schrecklich büßen müssen. Ich freue mich königlich auf den Augenblick, in welchem ich den Grafen sehe.«

»Vielleicht bekommst Du ihn niemals wieder vor die Augen.«

»Ich verlasse mich auf Dich. Nach dem, was ich von Dir gehört habe, wirst Du ihn Dir nicht entgehen lassen. Davon bin ich vollständig überzeugt.«

»Was würdest Du ihm dann thun?«

Der Indier zog seinen Dolch und antwortete blitzenden Auges:

»Ich würde ihm diese Klinge bis an den Griff in sein schwarzes Herze stoßen.«

»Das wirst Du bleiben lassen!«

»Bleiben lassen? Meinst Du etwa, daß ich ihn vielleicht fürchte?«

»Nein, aber eine solche Sache würde eine höchst unvorsichtige Handlung sein.«

»Wieso?«

»Willst Du denn nicht gut machen, was Du bös gemacht hast?«

»Ja, eben darum will ich ihn tödten.«

»Du mußt Semawa ihren Vater wiedergeben.«

»Das werde ich.«

»Wo ist er?«

»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, daß Du ihn finden wirst.«

Steinbach stieß trotz des Ernstes der Unterhaltung ein halbunterdrücktes Lachen aus und sagte:

»Hier in der Sahara hast Du die Ueberzeugung, daß ich ihn in Sibirien finden werde?«

»Ja.«

»Du hast also ein sehr großes Vertrauen zu mir. Ich will Dir auch gern gestehen, daß ich ihn wohl zu finden hoffe; das kann aber nur geschehen, wenn der Graf leben bleibt.«

»Warum?«

»Weil er den Aufenthalt des Maharadscha kennt.«

»Er muß ihn mir sagen, bevor ich ihn tödte!«

»Das wird er nicht.«

»Er muß, sage ich!!!«

»Und wenn Du ihn wirklich dazu zwingen könntest, was würde es Dir nützen?«

Der Indier sah ihn erstaunt an.

»Was es mir nützen würde, fragst Du?«

»Ja.«

»Nun, ich würde nach Sibirien gehen und ihn ganz einfach frei machen.«

»Wie willst Du das anfangen?«

»Ich erzähle, was der Graf gethan hat.«

»Glaubt man es Dir?«

»Ich hoffe es!«

»Pah! Du müßtest ja auch eingestehen, daß Du falsches Zeugniß abgelegt habest. Dann bist auch Du der Verbrecher, und die Aussage eines Verbrechers gilt nichts.«

»Hm!«

»Nein; der Graf muß selbst hin, um zu gestehen, was er gethan hat.«

»Das wird er bleiben lassen!«

»Er wird!«

»Willst Du ihn etwa zwingen?«

»Ja, mit Gewalt oder mit List. Du siehst also wohl ein, daß Du ihn nicht tödten darfst.«

»Wenn Du denkst, so mag er leben bleiben.«

»Ja, ich denke es. Uebrigens sage mir doch einmal, warum Semawa ihm überall hin gefolgt ist!«

»Ich kann das nicht wissen.«

»Hat er sie dazu gezwungen?«

»Jedenfalls.«

»Womit? Durch Gewalt?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er scheint irgend ein Mittel zu haben, mit welchem er sie zu zwingen vermag, sonst hätte sie ihn wohl längst verlassen gehabt, ehe er mich verließ.«

»Sie brauchte ihn ja nur anzuzeigen!«

»Das that sie freilich nicht.«

»Also muß ihr sehr daran liegen, daß er sein Leben und seine Freiheit behält.«

»Das habe ich mir damals auch sehr oft gesagt. Es giebt da irgend ein Geheimniß, welches ich nicht zu ergründen vermag.«

»Ich auch noch nicht, obgleich ich so eine kleine Ahnung habe. Wir Beide, Du und ich, müssen uns vereinigen, um Semawa glücklich zu machen und den Grafen zu bestrafen. Wollen wir das, so dürfen wir wenigstens jetzt noch nichts thun, was gegen Semawa's Willen ist.«

»Wie aber erfahren wir, was sie will und was sie nicht will?«

»Wir fragen sie.«

»Wo ist sie?«

»Ich glaube, daß sie sich in Kahira befindet.«

»Wie, in Kahira?« rief Nena erfreut. »O, so werden wir sie also sehr bald wiedersehen!«

»Freue Dich nicht im Voraus. Ich vermuthe, daß sie in Kahira ist, beweisen aber kann ich es nicht. Am allerwenigsten aber kann ich bestimmen, in welcher Straße oder gar in welchem Hause sie zu suchen ist. Ich habe seine und ihre Spur bis Kahira verfolgt, mußte aber leider die Stadt so schnell verlassen, daß ich nicht weiter suchen konnte.«

»So werden wir vereint suchen.«

»Ich habe einen Freund dort zurückgelassen, welcher mir versprochen hat, Alles zu thun, um die Gesuchte zu finden. Es sollte mich unendlich freuen, bei unserer Rückkehr von ihm zu erfahren, daß seine Bemühungen von Erfolg gewesen sind.«

»Wer ist dieser Freund?«

»Ein junger Mann, den Du wohl auch noch sehen wirst.«

Der Deutsche hatte genug erfahren, mehr als er wohl für möglich gehalten hätte. Er wußte, wer die Heißgeliebte war; er kannte ihre Abstammung und ihre Verhältnisse. Er stand vor dem halbgelüfteten Schleier des Geheimnisses, welches sie selbst ihm nicht hatte mittheilen wollen. Er wußte nun, wie er zu handeln hatte.

Ein unendlich glückliches Gefühl bemächtigte sich seiner. Unwillkürlich trieb er sein Kameel zu noch größerer Anstrengung an, als könne er damit der Erfüllung seines größten Wunsches näher kommen.

Das Thier konnte aber kaum schneller sein als bisher. Die braven Kameele flogen förmlich über den Sand dahin. Es war, als ob ihre Füße den Boden gar nicht berührten. Die Aufgabe, welche ihnen gestellt war, war eine große. Ob sie sie aber lösen würden?«

Tarik hatte bemerkt, daß Steinbach seinem Kameele einen leichten Schlag versetzte. Er sagte:

»Effendi, glaubst Du, daß es noch schneller laufen könne?«

»Wohl kaum.«

»Das denke ich auch. Darum hilft das Schlagen nichts. Die Thiere sind klug. Sie wissen es bereits, daß es heut gilt, alle Kräfte anzustrengen. Sie thun, was sie vermögen. Ich will die Pfeife nehmen. Wenn sie Musik hören, werden sie das Möglichste leisten; mehr aber können wir nicht verlangen. Es ist besser, wir kommen eine Stunde später, als daß die Kameele vor der Zeit zusammenbrechen.«

»Wann werden wir nach Deiner Meinung daheim ankommen?«

»Wir haben beinahe die Hälfte.«

»Unglaublich!«

»Ja. Kennst Du die Schnelligkeit eines Eilkameeles noch nicht? Es fliegt wie die Schwalbe. Wenn wir die Halbschied des Weges erreicht haben, besteigen wir die ledigen Thiere, welche wir mitgenommen haben, damit die anderen ruhen. Auf diese Weise werden wir mit Tagesanbruch unser Lager erreichen.«

Das war allerdings eine Schnelligkeit, welche selbst ein Eilkameel nur einen Tag lang aushalten kann. Tarik nahm die Kameelspfeife heraus. Dieses kleine Instrument hat nur drei Töne, aber sobald ein Kameel die Pfeife hört, erhebt es den Kopf, spitzt die Ohren und strebt mit allen Kräften vorwärts.

Es ist wie bei den Menschen, bei den Soldaten, welche auch während eines anstrengenden Marsches bei einem lustigen Liede alle ihre Müdigkeit vergessen.

Ueber den Verlauf des Eilrittes läßt sich weiter nichts sagen. Die Schwüle war gewichen. Ja, gegen Morgen begann es sogar, empfindlich kühl zu werden, was in der Sahara nicht etwa eine Seltenheit ist. Das stärkte die Thiere, und eben als der Schein des nahenden Tages so stark wurde, daß man in die Ferne zu blicken vermochte, sahen die einsamen Wanderer gerade gegen Norden sich die Ruine des heimathlichen Zeltdorfes erheben.

Bald wurden sie von den Wächtern bemerkt. Man eilte ihnen mit lautem »Habakek« entgegen. Dieses Wort bedeutet »Willkommen.«

Aber die Freude wie sonst, lag nicht auf den Gesichtern. Kalaf, der Alte, befand sich unter den Ersten, welche entgegengekommen waren.

»Habt Ihr gesiegt?« fragte er.

»Ja,« antwortete Hilal. »Die Krieger sind mit der Beute unterwegs. Sie werden morgen hier ankommen. Sie haben ihre Schuldigkeit gethan. Ihr aber nicht!«

Der Alte blickte zu Boden und antwortete:

»Der Teufel war bei uns.«

»Hast Du ihn gesehen?«

»Habt Ihr nicht auch die Sonne der Nacht bemerkt?«

»Wir haben sie bemerkt, uns aber trotzdem nicht vom Teufel verführen lassen.«

Jetzt erhoben sich viele Stimmen, um die Schuld von sich abzuwälzen und auf den Teufel zu werfen. Steinbach gebot mit laut schallender Stimme Ruhe und man gehorchte ihm. Er trieb die Thiere, welche stehen geblieben waren, wieder an, ritt direct nach der Ruine zu, sprang bei derselben ab und stieg die Stufen hinan.

Er hatte bereits von Weitem gesehen, daß hier der Scheik der Beni Abbas saß, sein Haupt mit dem Zipfel seines weißen Mantels verhüllt.

»Enthülle Dein Angesicht, o Scheik, denn ich will mit Dir reden!« sagte er.

Der Anführer nahm den Zipfel weg und antwortete:

»Darf ich denn mein Angesicht noch sehen lassen, nachdem mir die beiden Töchter meines Herzens geraubt worden sind!«

»Es ist eine große Schande, welche die Räuber Euch angethan haben; aber ich hoffe –«

»Die Räuber?« meinte der Scheik verwundert, indem er ihn unterbrach.

»Freilich!«

»Meinst Du wirklich, daß es Räuber gewesen sind?«

»Wer sonst?«

»Der Teufel war es, der dreimal gesteinigte und neunmal gekreuzigte Teufel!«

»Höre, Scheik, Dein Alter ist über doppelt so groß als das meinige, darum will ich in Ehrfurcht verschweigen, was ich sagen würde, wenn Du jünger wärst. Ich weiß, daß es der Russe, der Türke und der Suef gewesen sind, welche die Mädchen entführt haben.«

»O nein. Der Teufel hat mit zweien seiner Geister die Gestalten der Drei angenommen. Meinst Du wirklich, daß wir es gewöhnlichen Menschen erlaubten, unsere Töchter aus unserer Mitte herauszuholen?«

»Gewöhnlichen Menschen nicht, aber wohl solchen listigen und verschlagenen Gaunern, wie diese drei Genannten sind.«

»Auch ihnen nicht!«

»Ihr habt geschlafen!«

»Ich nicht. Ich habe gewacht.«

»Auf Deinem Lager vielleicht. Bist Du aber von Zelt zu Zelt gegangen?«

»Nein. Es hätte doch zu nichts genützt. Kalaf, der Alte, hat auch gewacht. Er ist sogar zweimal außerhalb seines Zeltes gewesen. Da aber hat ihn der Teufel getäuscht, indem er die Gestalt des Stotterers annahm.«

»Nein, der Suef wird es gewesen sein, welcher ihn täuschte.«

»Der Teufel war es. Er hat auch Saïd, den Arabadschi, durch die Lüfte entführt.«

»Wer hat das gesehen?«

»Haluja und Andere.«

»Wo ist Haluja? Ich muß mit ihr sprechen.«

Soeben trat die Alte aus dem Innern der Ruine hervor. Als sie Steinbach erblickte, erhob sie ein lautes Wehklagen. Er aber schnitt dasselbe in strengem Tone ab und sagte:

»Laß das Heulen! Erzähle lieber ruhig, was geschehen ist und was Du gehört hast!«

Sie that es, aber wie! Der Aber- und Teufelsglaube dictirte ihr die Worte. Aus ihrer Darstellung wäre gewiß keiner der Araber klug geworden; Steinbach aber wußte, woran er war. Er verstand es, das Falsche von dem Richtigen zu unterscheiden und seine glückliche Combinationsgabe ergänzte sich das Fehlende mit bewundernswerthem Scharfsinn.

»Also Saïd ist durch die Lüfte geritten?« sagte er. »Auf welchem Pferde?«

»Auf der Fuchsstute des Scheiks der Beni Suef.«

»Hatte er Wasser mit?«

»Nein, keinen Tropfen.«

»In welcher Richtung ritt er davon?«

»Nach Nordwest.«

»Tarik, sage mir, in welcher Entfernung es dort bewohnte Gegenden giebt.«

»In vier Tagereisen,« antwortete der Gefragte.

»Wer wohnt dort?«

»Die Beni Halaf.«

»Sind sie Eure Freunde oder Feinde?«

»Keins von Beiden.«

»Sind sie Feinde der Beni Suef?«

»Sie sind verwandt mit ihnen.«

»So haben die Mädchenräuber sich zu ihnen gewendet. Eure Ansicht über den Teufel ist eine Verrücktheit. Der brave Arabadschi ist trotz seiner Jugend klüger und entschlossener gewesen, als sämmtliche Bewohner dieses Lagers. Er ist seiner Herrin Zykyma nach und wird seine Treue mit dem Tode büßen. Es war gestern ein Tag des Wüstenwindes. Kein Pferd kann da ohne Wasser durch das Sandmeer kommen. Die Fuchsstute wird bald ermattet sein und Saïd auch. Beide liegen nun verschmachtet im Sande und werden von den Geiern und Schakals gefressen.«

»O Allah!« erschallte es ringsum.

»Ja, so ist es, und daran ist Euer Aberglaube allein Schuld. Warum seid Ihr dem wackeren Arabadschi nicht nachgeritten! Jetzt wird es wohl zu spät sein. Wie viele Eilkameele sind noch hier, welche frisch und unermattet sind?«

»Drei, welche der Königin gehörten. Außerdem haben wir noch mehrere treffliche Thiere, welche sich unter der Beute befanden, ohne vorgestern von Euch mitgenommen worden zu sein.«

»Sattelt die drei Ersteren und thut so viele Wasserschläuche darauf, als sie außer dem Reiter zu tragen vermögen. Ich und Normann Effendi werden sogleich aufbrechen, um Saïd vielleicht noch retten zu können. So viele gute Kameele noch da sind, so viele Krieger mögen uns dann schleunigst folgen, wohl bewaffnet natürlich, denn es ist möglich, daß es einen Kampf geben wird.«

»Ich reite mit!« sagte der Scheik, indem er sich jetzt erst vom Boden erhob.

»Bedenke, daß Du alt bist. Hilal und Tarik sind jung. Sie werden Dir Deine Töchter zurückbringen. Du aber sollst hier bleiben, um das Lager besser zu bewachen, als Du es bisher gethan hast!«

Er machte sich mit den Händen Platz und ging mit Normann von dannen, hinunter, wo sich die drei erwähnten Kameele befanden. Hinter ihnen erklang die streitende Stimme des Scheiks, welcher nun plötzlich eine große Thatkraft zeigte und partout dabei sein wollte, wenn es galt, seine Töchter zu erretten.

»Der Alte wäre uns nur hinderlich,« sagte Normann.

»Mag er machen, was er will. Ich habe keine Zeit, mich zu streiten und in Verhandlungen einzulassen. Mir ist es um den braven Arabadschi zu thun.«

»Ob wir den armen Teufel finden werden?«

»Vielleicht schon zu spät für ihn.«

»Es fragt sich, ob er Spuren zurückgelassen hat.«

»Jedenfalls.«

»Aber es sind ja seitdem über vierundzwanzig Stunden vergangen!«

»Aber es war die Todesluft, das heißt völlige Windstille über der Wüste. Wenn wir auch keine regelrechte Spur finden, so hoffe ich doch, gewisse Anzeichen zu sehen, aus denen ich auf den Weg, den er zurückgelegt hat, schließen kann. Treiben wir die Kerls an, sich mit dem Satteln möglichst zu beeilen. Vorwärts!«

Steinbach pflegte das, was er einmal in die Hand nahm, auch am rechten Flecke anzufassen. Schon seine hohe Gestalt und seine gebieterische Stimme, welche keinen Widerspruch zu dulden schien, wirkten mehr als die Befehle aller Anderen. In fünf Minuten schon standen die drei Kameele gesattelt bereit. Hilal kam herbei und auch Nena, der Indier, sprang herzu.

»Was willst Du?« fragte Steinbach den Letzteren.

»Mitreiten.«

»Das geht nicht.«

»Warum sollte ich zurückbleiben?«

»Wir haben kein Kameel für Dich.«

»Du hast doch drei.«

»Das dritte ist für den Arabadschi, falls wir ihn finden.«

»Dann ist es auch noch Zeit, daß ich zurückbleibe. Ich gehöre zu Dir, Effendi.«

»Hm, Du magst nicht so ganz Unrecht haben. Steige also mit auf. Sage mir, Hilal, wann Ihr aufbrechen werdet.«

»In einer Stunde schon.«

»Wie viele?«

»Vierzig. Die zehn Beni Sallah, welche uns bisher begleitet haben, und dreißig Beni Abbas. Der Scheik bleibt hier.«

»Das ist gut und ich denke, daß Vierzig genügen werden. Da wir in vier Tagen kein Wasser finden werden, so müßt Ihr Euch mit einem genügenden Vorrathe versehen. Vergeßt das nicht. Werdet Ihr aber auch unsere Spuren finden?«

»Meinst Du, daß wir blind sind, Effendi?«

»Nein. Aber man weiß nicht, was passiren kann. Gebt mir einen langen Strick und ein Schaffell!«

Beides wurde gebracht. Am Fuße der Ruine lagen Steine genug. Steinbach wickelte einen derselben in das Fell, band das eine Ende des Strickes um dieses Packet und befestigte das andere Ende an den Sattel des einen Kameels.

»Wozu das?« fragte Hilal.

»Damit Ihr unsere Spur leichter findet. Ich werde diesen in das Fell gewickelten Stein nachschleifen lassen, das wird in dem Sande eine Fährte geben, welche Ihr sogar bei Nacht bemerken könnt. Jetzt nun wollen wir keine Minute länger versäumen.«

Die Drei stiegen auf. Alle Anwesenden versammelten sich um sie.

»Effendi,« sagte der alte Scheik, »bringe mir meine Töchter wieder und ich werde Dich belohnen wie ein Fürst!«

Steinbach lächelte.

»Ich werde sie Dir senden.«

»Senden? Kommst Du nicht selbst mit?«

»Nein. Meine Zeit ist abgelaufen. Ich habe meine Pflicht gethan und kann nicht von dem Lager der Beni Halas wieder vier Tage weit nach hier zurückkehren. Lebt wohl!«

Es erhoben sich viele Stimmen, um ihn zu bitten, wieder zu kommen; er aber trieb sein Thier vorwärts und die beiden Andern folgten. Er hatte keine Zeit, einen vielleicht stundenlangen Abschied zu nehmen.

Sie blickten Alle ihm traurig nach, als er jetzt genau an derselben Stelle das Lager verließ, von welcher aus der Arabadschi davongejagt war. So schnell und unerwartet, wie er gekommen war, verließ er sie, wie ein Meteor, welches am Himmel aufsteigt und ebenso plötzlich wieder verschwindet. Dieser seltene Mann hatte ihr Erstaunen erregt, ihre Liebe und Verehrung erworben und ihnen in so außerordentlich kurzer Zeit Wohlthaten erwiesen, deren Werth gar nicht zu taxiren und zu bestimmen war.

Steinbach voran, Normann und Nena hinter ihm, jagten die Drei dem Nordosten zu. Der Erstere hielt den Blick scharf auf den Sand geheftet. Er hatte keine Zeit, sich nach seinen Begleitern umzusehen oder eine Unterhaltung mit ihnen zu beginnen. Das Verfehlen eines einzigen kleinen Zeichens konnte verhängnißvoll werden.

So ging es weiter und weiter. Wohl an die zwei Stunden waren vergangen. Da konnte Normann seine Besorgniß nicht länger zurückhalten. Er trieb sein Thier an die Seite desjenigen, welches Steinbach ritt und fragte:

»Haben Sie Spur?«

»Vielleicht.«

»O wehe! Vielleicht klingt schlecht.«

»Nun, haben Sie vielleicht Etwas gefunden, was einer Fährte ähnlich sieht?«

»Nein, nicht das Geringste.«

»So müssen Sie also mit meinem Vielleicht fürlieb nehmen. Ein Vielleicht ist doch immer noch besser als ein Garnichts. Aber bitte, bleiben Sie doch zurück! Wenn ich allein voran bin, macht mich nichts irre.«

Wieder ging es weiter, aber nicht lange, denn bereits nach wenigen Minuten ließ Steinbach sein Thier niederknien, stieg aus dem Sattel und untersuchte den Sand, welcher hier allerdings mehrere ziemlich deutliche Eindrücke zeigte. Sein Gesicht erheiterte sich.

»Hier haben wir die Spur,« sagte er.

»Gott sei Dank!«

»Hier sind die Räuber von den Thieren gestiegen, ich weiß natürlich nicht, weshalb und – ah, da drüben giebt es noch andere Eindrücke. Was ist das?«

Er ging mehrere Schritte nach rechts und untersuchte diese Eindrücke. Dabei stieß er einen lauten Ruf der Freude aus.

»Was ist's?« fragte Normann neugierig.

»Saïd's Name, in den tiefen Sand geschrieben, nicht mit dem Finger, sondern mit der Faust, damit die Schrift nicht so leicht vergehen soll. Er ist hinter den Räubern her und hat sie erreicht, als sie anhielten. Da hinter mir hat er sein Pferd stehen lassen und sich herbeigeschlichen. Hier hat er gelegen und sie belauscht. Seine Gestalt hat sich dem Sande ganz deutlich eingedrückt.«

»Ob er die Mädchen nicht retten konnte!«

»Er gegen Drei!«

»Er konnte die Räuber erschießen!«

»Das ist schneller gesagt als gethan.«

»Aber der Arabadschi ist nicht feig. Das hat er schon oft bewiesen und hier auch auf das Allerglänzendste.«

»Das ist wahr; aber vergessen wir nicht, daß er noch jung ist und eben auch kein Riese von Gestalt. Hätte er sich zu einem Kampfe hinreißen lassen, so hätten wir hier wohl seine Leiche anstatt seiner Spur und seines Namens gefunden und die Mädchen wären erst recht verloren. Nein, er hat sehr klug daran gethan, sie bei dem Gedanken zu erhalten, daß sie nicht verfolgt werden.«

»Weshalb sie wohl hier gehalten haben?«

»Wer weiß es. Vielleicht ist ein Gurt locker geworden. Vielleicht haben die Mädchen irgend einen Vorwand dazu erfunden, damit hier eine Spur im Sande entstehen soll. Für uns ist es genug, zu wissen, daß wir uns in der rechten Richtung befinden. Reiten wir weiter.«

Er stieg auf.

Die Sonne hob sich höher und höher am Himmel. Ihre Strahlen wurden intensiver. Die drei Reiter konnten nicht darauf achten. Nur um die Mittagszeit machten sie einen Halt, um die Thiere verschnaufen zu lassen und einige Schlucke Wasser zu sich zu nehmen. Dann ging es in ungeminderter Eile weiter bis gegen Abend.

Hier und da hatte Steinbach einige Anzeichen gefunden, daß er die rechte Richtung beibehalten hatte. Er besaß einen Compaß an der Uhr, den er natürlich von Zeit zu Zeit zu Rathe zog.

Die Sonne war hinter dem westlichen Horizonte verschwunden und die Nacht brach nun bald herein.

»Reiten wir auch des Nachts?« fragte Normann.

»Jawohl.«

»Und verfehlen die Fährte!«

»Aber nicht die Richtung. Ich bin überzeugt, daß die Kerls wirklich die Beni Halaf aufsuchen.«

»Da können wir Drei auch nichts thun. Es wird wohl gerathen sein, zu warten, bis unsere Leute herbeikommen.«

»Und unterdessen verschmachtet Saïd!«

»Wir laufen aber doch Gefahr, des Nachts an ihm vorüber zu reiten, ohne ihn zu sehen.«

»Das müssen wir eben riskiren. Uebrigens weiß ich, daß ich auch des Nachts weder rechts noch links von der geraden Linie abweichen werde. Diese haben sie jedenfalls auch eingehalten und Saïd hinter ihnen. Ich habe große Sorge um ihn.«

»Ich freilich auch. Er ist ein so braver Mensch.«

»Gerade darum dürfen wir nichts unterlassen, was zu seiner Rettung dienen kann. Nach meiner Ansicht haben wir seit unserem Aufbruche wohl anderthalb gewöhnliche Tagereisen zurückgelegt. Es wundert mich, daß wir ihn noch nicht gefunden haben. Selbst das beste Pferd muß doch nach einem solchen Ritte und bei der Luft, welche herrschte, umfallen, wenn es kein Wasser erhält. Wir müssen von jetzt an die Augen offen halten. Ha, was war das?«

Er hielt sein Thier an.

»Ein Pfiff!« antwortete Normann.

»Aber aus weiter Ferne!«

Sie horchten. Der Pfiff wurde wiederholt. Sie hatten deutsch gesprochen und waren in Folge dessen von Nena nicht verstanden worden. Als er aber sah, daß sie lauschten, sagte er:

»El Büdsch!«

»Was ist das?« fragte der Maler.

»El Büdsch ist der arabische Name für den großen Bartgeier,« erklärte Steinbach. »Ein Geier hier mitten in der Wüste. Da muß es irgend ein Aas geben.«

»Herrgott! Doch nicht etwa den Arabadschi!«

»Das möge der Himmel verhüten. Ah, da oben schweben sie. Es sind zwei.«

Er deutete in die Luft, wo weit vor ihnen hoch zwei Punkte schwebten, welche weite Kreise zogen.

»El Büdsch will fressen,« bemerkte Nena.

»Weiter, rasch weiter!«

Sie brachten ihre Thiere in schnellere Bewegung. Bald ertönten die Stimmen der Geier näher. Nun hörte man auch, daß es keine Pfiffe, sondern heisere Schreie waren, welche diese Vögel von sich gaben. Man konnte leicht sehen, daß die Lasthiere ihre Kreise über einem bestimmten Punkte zogen, dem die Retter immer näher rückten.

Bald erkannten sie auch diesen Punkt, dessen Lage vorher nur aus den Bewegungen der Vögel zu berechnen gewesen war. Etwas Dunkles lag im Sande. Als sie näher kamen, sahen sie, daß es zwei Gegenstände seien, ein kleiner, hellerer und ein größerer, dunklerer, welcher sich noch zu bewegen schien.

Jetzt erhielten die Kameele kräftige Hiebe. Sie schossen förmlich weiter. Dort, ja dort lag ein Mensch bewegungslos neben einem Pferde, welches mit den Beinen zuckte. Das Pferd war ein Fuchs. Der Mensch, welcher einen weißen Beduinenmantel trug, war Saïd, der Arabadschi.

Steinbach war der Erste, der ihn erreichte. Er ließ sein Kameel gar nicht erst niederknien, sondern sprang aus dem Sattel herab. In demselben Augenblicke kniete er vor Saïd, welcher mit geschlossenen Augen aber weit geöffnetem Munde im Sande lag.

»Saïd!«

Keine Antwort.

»Saïd! Lebst Du? Hörst Du mich?«

Der Arabadschi regte sich nicht. Da dachte Steinbach an die Liebe, mit welcher der junge Mensch an seiner Herrin hing. Vielleicht rief ihn der Name derselben von der Pforte des Todes zurück. Er legte seinen Mund fast auf Saïd's Ohr und rief:

»Saïd! Wache auf! Zykyma ist da! Zykyma, Zykyma!«

»Ja, wirklich, das half. Der Mund schloß sich; der Hals machte eine Bewegung des Schlingens und dann hauchte der Verunglückte:

»Ma!«

Das war nicht etwa die letzte Silbe des Namens Zykyma, sondern das arabische Wort Ma heißt so viel wie Wasser.

»Schnell Wasser her!«

Normann hatte bereits den Schlauch von seinem Sattel genommen. Das belebende Naß wurde dem Arabadschi eingeflößt, natürlich vorsichtig und nur tropfenweise. Sein Gaumen war so vertrocknet, daß er nicht zu schlingen vermochte. Aber seine Augen öffneten sich. Er erblickte die neben ihm knieenden Retter und wollte sprechen, vermochte es aber nicht.

Das Pferd war ebenso dem Verschmachten nahe. Es erhob den Kopf ein Wenig und richtete die blutunterlaufenen Augen auf die Männer.

»Tränke es!« sagte Steinbach zu Nena.

Dieser gehorchte. Das Wasser wirkte hier fast augenblicklich. Das Thier erhielt nur einige kleine Lederbecher voll eingegossen, aber schon beim vierten oder fünften sprang es auf die Beine und ließ ein leises, freudiges Wiehern ertönen.

»Seht, daß wir grad zur rechten Zeit gekommen sind!« sagte Steinbach. »Morgen früh wären Mensch und Thier Leichen gewesen. Freilich erholt sich der Reiter weit langsamer als das Pferd.«

Nach einiger Bemühung vermochte Saïd zu schlingen. Ein glückliches Lächeln glitt über sein Gesicht.

»Effendi!« flüsterte er.

»Du kennst mich?«

»Ja. Zykyma rief mich. Ich hörte es aus weiter, weiter Ferne.«

»Schweig jetzt noch. Das Sprechen greift Dich an. Trink lieber!«

Noch einige Schlucke; aber schweigen konnte er dann doch nicht.

»Wo ist sie?« fragte er.

»Wir wissen es nicht.«

Saïd blickte Steinbach wirr an, legte sich die Hand auf die Stirn und sagte dann:

»Sie rief mich ja!«

»Das war ich.«

»Du warst es. Du? Nicht sie? Wo ist denn sie? Suche sie! Du wirst sie finden, Effendi.«

Er legte den Kopf zurück und schloß die Augen.

»Bist Du müde?« fragte Steinbach.

Der Gefragte antwortete nicht, auch nicht auf die mehrere Male wiederholte Frage; aber seine Brust hob und senkte sich leise und regelmäßig.

»Ich glaube, er schläft!« meinte Normann.

»Ja. Die Erschöpfung fordert mit allmächtiger Gewalt diesen Schlaf.«

»Was aber thun da wir?«

»Wir warten.«

»Bis er ausgeschlafen hat?«

»Ja.«

»Ich denke, wir wollen keine Zeit verlieren mit der Rettung der Mädchen.«

»Jetzt haben wir es zunächst mit Saïd zu thun. Uebrigens glaube ich nicht, daß er lange schlafen wird.«

*

33

Er hatte Recht. Bereits nach einer halben Stunde erwachte der Arabadschi wieder und bat um Wasser. Es wurde ihm gegeben und nun schlief er nicht augenblicklich wieder ein. Sein Geist war hell geworden. Er erzählte, wenn auch mit matter aber doch verständlicher Stimme das letzte Erlebniß im Lager der Beni Sallah, bis dahin, wo er sich auf die Fuchsstute geworfen hatte, um die Uebelthäter zu verfolgen.

»Wie kommst Du auf diesen verwegenen Gedanken?« fragte Normann.

»Wie ich auf ihn komme?« klang es im erstauntesten Tone zurück. »Ist nicht Zykyma meine Herrin?«

»Ja, das war sie. Aber glaubst Du denn etwa, sie retten zu können?«

»Ich glaubte gar nichts. Sie war in Gefahr, und ich ritt ihr nach.«

»Das war unvorsichtig aber brav. Du hattest weder Wasser noch Speise,« sagte Steinbach. »Du hast die Räuber eingeholt?«

»Ja.«

»Und sie belauscht?«

»Ich lag ganz nahe bei ihnen.«

»Was sagten sie?«

»Es war ein Sattelgurt gesprungen; darum mußten sie anhalten. Es war noch dunkel. So ließ ich mein Pferd stehen und kroch hinzu. Sie sprachen davon, daß sie zu den Beni Halaf wollten. Weiter hörte ich nichts, denn ich hatte mit Zykyma zu thun.«

»Bemerkte sie Dich?«

»Nicht eher, als bis ich vor ihrem Kameele im Sande lag. Ich gab ihr mein Messer in den Tachterwan und flüsterte ihr zu, daß ich sie am Abende retten werde. Dann aber mußte ich wieder fort, sonst wäre ich entdeckt worden. Ich wollte ihnen nachreiten und die drei Kerls des Abends beim Lagern tödten. Aber die Hitze Samums dorrte mir die Gebeine aus. Mein Pferd konnte nicht weiter. Wir blieben also hier liegen. Ich bin müde.«

Er schloß die Augen und schlummerte wieder. Das Pferd erhielt jetzt noch einmal Wasser und bekam dann Datteln zu fressen. In einigen Stunden war es jedenfalls wieder fähig, geritten zu werden.

Steinbach ließ Saïd schlafen. Er hatte es sich jetzt vorgenommen, die Gefährten zu erwarten. Vielleicht kamen diese am nächsten Morgen, vielleicht noch eher.

Das Letztere war der Fall. Noch lange vor Mitternacht ließ sich das Geräusch nahender Kameele hören. Die vierzig Sallah und Abbas kamen. Sie hatten sich außerordentlich beeilt und freuten sich, Saïd am Leben zu finden. Jetzt ließen sie auch ihren Teufelsspuk fallen.

Es wurde berathen, ob man hier lagern oder gleich weiter ziehen solle. Steinbach stimmte für das Letztere. Es war der erste Tagesmarsch, und folglich gab es bei den Thieren noch keine große Ermattung. Man konnte die Nacht benutzen und dafür lieber morgen im Sonnenbrande eine Ruhepause machen.

Das geschah. Man brach gleich wieder auf. Saïd war zwar noch schwach, konnte sich aber doch im Sattel des Kameels erhalten. Er erholte sich überhaupt von Minute zu Minute immer mehr.

Um die Mittagszeit des nächsten Tages wurde Halt gemacht. Spuren der Verfolgten bemerkte man nicht mehr im Sande, da die Wüstenluft wieder rege geworden war. Doch hatte das nichts zu sagen, da man ja das Ziel jetzt genau kannte. Gegen Abend des dritten Tages befand sich der Zug in der Nähe der Oase der Beni Halaf.

Es war leicht zu denken, daß diese eine Verfolgung vermuthen und also wachsam sein würden; darum hielt es Steinbach für gerathen, die Oase von Weitem zu umreiten, um von der entgegengesetzten Richtung zu kommen. Auch hierin stimmte man ihm zu.

Es wurde im schärfsten Tempo ein Umweg gemacht, bis man sich im Norden der Oase befand, auf welche man vorher von Südwest gekommen war. Von dieser Seite her wurde wohl kein Feind erwartet.

Die Gegend war sehr felsig und zerklüftet. Der Sand hatte aufgehört. Einige Höhenzüge schlossen ihn von der Oase ab. Diese Höhen waren kahl und von Schluchten zerrissen. Durch eine dieser engen Schluchten ritt Steinbach an der Spitze der muthigen Schaar. Als sich dieselbe öffnete, rollte sich ein anmuthiges Bild vor ihnen auf.

Rings von ähnlichen Höhen umgeben, lag ein ziemlich umfangreicher, mit Palmen bestandener und von mehreren Quellen bewässerter Thalkessel. Zelte standen unter den Palmen. Heerden weideten in der Nähe. Droben auf der Höhe nach Südwesten hin lagen mehrere Krieger, um den Weg zu beobachten.

»Sie warten auf uns,« sagte Tank grimmig. »Wir werden sie nicht ungeduldig werden lassen!«

»Dennoch aber wollen wir uns nicht übereilen,« meinte Steinbach. »Blicke dort hinüber!«

Eine Schaar von vielleicht fünfzehn bis zwanzig Mädchen kam unter den Palmen hervor. Sie hielten Kränze in den Händen, und ihr Ziel schien die Höhe zu sein.«

»Was ist es mit ihnen?«

»Blicke nun auch hier hinauf.«

»Warum? Da begraben sie ihre Todten.«

»Meinst Du nicht, daß die Mädchen da hinauf gehen wollen?«

»Ja. Es ist heut der Tag Kadidscha, an welchem die Mädchen die Gräber der Ihrigen bekränzen. Das geschieht nach dem Abendgebete, wenn die Finsterniß hereinbricht. Es wird dann auf jedem Grabe ein Licht angebrannt.«

»Das ist sehr gut. Ziehen wir uns wieder weiter in die Schlucht hinein. Während die Anderen unsere Thiere halten, schleichen sich Zwanzig von hinten her nach dem Begräbnißplatze, um, wenn es dunkel geworden ist, die Jungfrauen zu ergreifen, ein Jeder eine.«

Die Anderen hielten ganz erstaunt ihre Blicke auf ihn gerichtet. Hilal aber sagte:

»Effendi, Dein Gedanke ist der weiseste, den es nur geben kann. Wenn wir die Mädchen der Beni Halaf bekommen, müssen sie uns auch die Drei, welche wir suchen, herausgeben.«

»Natürlich! Wir tauschen um.«

»Wir brauchen also weder zu bitten, noch zu kämpfen. Kein Rath ist besser als der Deinige.«

»So kommt zurück!«

Jetzt waren alle einverstanden. Vierzig, wenn auch tapfere Männer gegen einen ganzen Stamm war doch zu gewagt. List war gerathener.

Hinter der Höhe wurde gehalten. Steinbach stieg mit Zwanzig ab, um die Höhe zu erklimmen. Hinter derselben, unten im Thale, ertönte soeben der Ruf des Mueddin zum Gebete. Die Dämmerung kam rasch hernieder.

Als die Zwanzig die Höhe erstiegen hatten, war es bereits ziemlich dunkel.

Hier oben gab es ein Steingewirr, in welchem man sehr gut Deckung finden konnte. Abwärts lag der Kirchhof, ein nicht sehr großer und nicht hoch eingefriedigter Platz. Man sah die Mädchen, welche sich am Eingange niedergesetzt hatten und mit einander sprachen.

Jetzt ward es schneller dunkel. Noch wenige Minuten, so war es Nacht. Auf dem Begräbnißplatze flimmerte das erste Lichtlein auf.

»Männer dürfen wohl nicht dabei sein?« fragte Steinbach Tarik.

»Nein. Es ist der Tag der Frauen.«

»Desto besser für uns. Sorgen wir vor allen Dingen dafür, daß die Mädchen kein Geschrei erheben. Der Schreck wird sie dem ersten Augenblick verstummen lassen. Da muß dann ein Jeder Eine fassen und ihr gleich die Kehle zuschnüren, aber ohne sie zu tödten. Wir tragen sie über die Höhe diesseits wieder hinab und bringen sie so weit fort, daß wir nicht gefunden werden können. Ich aber begebe mich als Euer Gesandter zu den Beni Halaf, um mit ihnen zu verhandeln.«

»Das ist kühn!«

»Gar nicht kühn. Sie werden mir nichts thun, weil ihre Töchter sich in unserer Gewalt befinden. Also jetzt ist es Zeit, vorwärts!«

Die zwanzig Mann schlichen sich zwischen den Steinen hindurch auf den Begräbnißplatz zu. Auf demselben brannten bereits eine Menge Lichter, welche von den Beduininnen angesteckt worden waren.

An der Mauer angekommen, welche den Männern nur bis an die Brust reichte, so daß man sehr leicht hinüberblicken konnte, sah man die Mädchen jetzt um ein Grabmal stehen, welches das größte von allen war. Vielleicht lag ein berühmter Scheik unter demselben begraben.

»Jetzt stehen sie beisammen,« flüsterte Steinbach seinen Begleitern zu. »Vertheilt Euch schnell rund um, so daß wir von allen Seiten kommen; dann ist ihnen die Flucht unmöglich. Wenn ich ein Zeichen gebe, eilen Alle herbei.«

Einer der Krieger meinte:

»Meinst Du nicht, daß sie leichter zum Schweigen zu bringen sein werden, wenn wir ihnen unsere Messer sehen lassen?«

»Natürlich, das könnt Ihr thun. Jetzt vorwärts!«

Sie vertheilten sich. Nach einer kurzen Pause stieg Steinbach über die Mauer. Sein scharfes Auge bemerkte, daß die auf seiner Seite postirten Gefährten sich auch bereits im Innern des Kirchhofes befanden. Er gab das Zeichen. Da huschten die Gestalten alle auf das erwähnte Grabmal zu, an welchem die Mädchen jetzt einen monotonen Gesang angestimmt hatten. Steinbach war vermöge seiner Gewandtheit der Erste dort. Er ergriff eins der Mädchen mit der linken Hand am Halse, drückte den Letzteren so fest zusammen, daß sie nicht schreien konnte und hob sie auf den anderen Arm empor.

Kaum war das geschehen, so bemächtigten sich die anderen Araber auch der übrigen Mädchen. Einige unterdrückte oder auch nur kurze Schreie erschollen, dann eilten die Männer mit ihren Bürden nach der Mauer zurück, welche hier, da die Gräber hoch lagen, mit einem einzigen Schritte zu ersteigen war. Ein Sprung hinab und dann fort, in das Dunkel hinein. Die That war gelungen.

Natürlich fanden sich nicht Alle zugleich bei der Truppe ein. Einer kam eher und der Andere später. Keiner aber fehlte.

Die Mädchen waren vor Schreck, Angst und Athemnoth halb todt. Erst als sie sich inmitten ihrer Feinde befanden, wurden ihnen die Finger von den Kehlen genommen, so daß sie nun wieder richtig Athem zu holen vermochten. Einige begannen, laut zu jammern.

»Ruhig!« gebot Steinbach. »Welche von Euch Lärm macht, die wird erstochen!«

Sofort trat Stille ein. Jetzt erkundigte Steinbach sich:

»Ist eine Verwandte Eures Scheiks bei Euch?«

»Ich,« lautete eine Antwort. »Ich bin seine jüngste Tochter.«

»Wie heißest Du?«

»Warda.«

Dieses Wort bedeutet »Rose«. Jetzt in der Dunkelheit konnte man es nicht erkennen; später jedoch zeigte es sich, daß sie ein schönes Mädchen war und diesen Namen voll verdiente.

»Wie heißt Dein Vater?«

»Amulak Ben Musa.«

»Weshalb halten Krieger im Süden vor Eurer Oase Wache?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du wirst es sofort wissen, wenn ich Dir sage, daß wir Dich als Sclavin verkaufen werden, wenn Du meine Fragen nicht beantwortest.«

»O Allah!« seufzte sie erschrocken.

»Also rede!«

Sie zögerte noch. Da redeten ihr die Gefährtinnen zu, die Wahrheit zu sagen.

»Thue, was sie Dir rathen, denn wir werden auch sie mit uns nehmen, wenn Du Dich weigerst eine Auskunft zu geben. Wozu also die Wächter?«

»Wir erwarten einen Ueberfall der Krieger vom Stamme der Beni Sallah.«

»Warum?«

»Es sind einige Freunde zu uns gekommen, die von ihnen verfolgt werden.«

»Wo befinden sich diese Leute?«

»In dem großen Gastzelte gerade gegenüber demjenigen meines Vaters.«

»Haben sie Frauen mit?«

»Ja, drei.«

»Wo sind diese?«

»Im Frauenzelte neben der Wohnung des Scheiks, wo sie bewacht werden.«

»Sind sie da allein?«

»Ja. Der Wächter sitzt vor der Thür.«

»Ich bin mit Deinen Antworten zufrieden. Wenn Ihr Euch wohl verhaltet, wird Euch nichts geschehen und Ihr werdet sehr bald wieder bei den Eurigen sein.«

Jetzt rieth er Tarik, sich mit der Truppe ganz aus der Schlucht hinaus in das Freie zu ziehen, eine Maßregel, durch welche ein unvorhergesehener Ueberfall verhindert wurde, zumal wenn man die Vorsicht gebrauchte, einige Vorposten auszustellen. Dann wollte er sich auf den Weg machen. Es wurde ihm von mehreren Seiten abgerathen. Er gab nur so weit nach, daß er sich eine gewisse Strecke weit begleiten lassen wollte, und suchte sich zu diesem Zwecke fünf bis sechs Männer aus, unter denen sich auch der Indier Nena befand. Mit diesen brach er auf, natürlich zu Fuße und nicht zu Pferde.

Sie gingen wieder nach dem Kirchhofe zurück, wo die Lichtchen meist noch brannten. Nur einige waren bereits verlöscht. Tiefe Ruhe lag unten in der Oase, wo man also noch keine Ahnung davon hatte, daß die Mädchen entführt worden seien. Jetzt lenkte Steinbach seitwärts ein.

»Warum das?« fragte Einer. »Warum gehst Du nicht gerade auf das Lager zu?«

»Weil ich Euch zurücklassen muß.«

»Das kannst Du auch auf dem geraden Wege.«

»Nein, denn dadurch würde ich Euch in Gefahr bringen. Es ist doch möglich, daß sich die Beni Halaf über das lange Ausbleiben ihrer Töchter beunruhigen, noch ehe ich mit ihnen sprechen kann. In diesem Falle würden sie nach dem Friedhof eilen und auf Euch stoßen. Ein Kampf wäre da unvermeidlich, und er würde zu Euren Ungunsten ausfallen. Also kommt!«

Er war ihnen eben in Allem überlegen, besonders auch in Beziehung auf die Vorsicht und Ueberlegung, mit welcher er selbst das Kleinste auszuführen gewöhnt war.

Sie erreichten nach kurzer Zeit die ersten Palmen der Oase. Hier ließ Steinbach seine Begleiter mit der Weisung zurück, sich vollständig ruhig zu verhalten, auf seinen Ruf, den sie bei der nächtlichen Stille leicht hören konnten, zu ihm in das Lager zu kommen. Dann ging er allein weiter.

Er hatte die Lagerfeuer leuchten sehen und wußte also auch hier, wo die Palmen den Feuerschein nicht erkennen ließen, in welcher Richtung er sich zu halten habe.

Bereits nach einiger Zeit konnte er den Schein wieder sehen. Jedes einzelne Zelt war genau zu unterscheiden. Die Beni Halaf schienen ihre ganze Aufmerksamkeit nach der Südseite gerichtet zu haben, denn hier im Norden gab es keinen einzigen Wächter. Aus diesem Grunde gelang es Steinbach ohne alle Mühe, bis an die ersten Zelte zu kommen.

Von der Mitte des Lagers her erschollen laute Stimmen. Man schien dort eine Versammlung abzuhalten, oder die Bewohner hatten sich zufällig dort zusammengefunden, um über die Ereignisse des Tages und die nun zu erwartenden Begebenheiten zu sprechen.

War dies wirklich der Fall, so gab es für Steinbach die Möglichkeit, einen kühnen Coup auszuführen. Er legte sich auf den Boden nieder und kroch hart an das erste Zelt heran, um den unteren Saum desselben so weit aufzuheben, wie es die Zeltbefestigung erlaubte, und in das Innere desselben zu blicken. Es war ganz still und dunkel darin; es war leer.

So fand er auch die nächsten Zelte, zwischen denen er sich wie eine Schlange hindurchwand. Auf diese Weise gelangte er immer weiter nach der belebten Mitte des Lagers. Bereits konnte er zwischen den letzten, den Versammlungsplatz begrenzenden Zelten hindurch bemerken, daß wirklich alle Beni Halaf dort zugegen waren. Männer und Frauen getrennt.

Das Zelt des Scheikes zeichnete sich durch die Lanzen aus, welche vor demselben in die Erde gesteckt waren. Daneben stand ein kleineres ein wenig mehr zurück, so daß der hintere Theil desselben im Schatten des Ersteren lag. Das war vermuthlich das Frauenzelt.

Er kroch hinzu, immer im Schatten und stets bereit, aufzustehen und sich zu zeigen, falls er gesehen werde. Aber kein Mensch hielt es für nöthig, den Blick hierher zu werfen.

Das Zelt bestand aus starker Leinwand, deren unterer Rand an Pflöcken in die Erde befestigt war. Steinbach zog zwei dieser Pflöcke heraus, hob den Saum der Leinwand ein wenig empor und blickte hinein. Es war still im Innern; aber er erkannte deutlich drei Frauengestalten, welche am Boden saßen. Die Lagerfeuer erleuchteten die vordere Zeltwand, so daß die Köpfe der Drei dunkel von derselben abstachen.

»Zykyma!« flüsterte er.

»Allah!« erklang es erschrocken.

»Still! Ganz leise!«

»Saïd, bist Du es?«

»Nein, ich bin es, Masr-Effendi.«

»Allah sei Dank! Wir sind gerettet, da Du hier bist. Wir haben auf Dich gehofft.«

»Ihr werdet bewacht?«

»Von einem einzigen Krieger, welcher draußen vor der Thür sitzt.«

»Kam Euch nicht der Gedanke an die Flucht?«

»Er kam uns; aber wir können ja hier nicht sehen, wie es draußen steht.«

»Ist Hilal mit hier?« flüsterte Hiluja.

»Und Tarik?« fragte Badija.

»Beide. Ihr werdet sie sehen, wenn Ihr mir jetzt folgen wollt.«

»Können wir denn das?«

»Ja. Legt Euch platt auf den Boden und kriecht mir nach. Ich öffne die Leinwand.«

Er zog sein Messer und machte einen Schnitt in das Zelt, welcher das Durchschlüpfen gestattete. Die drei Mädchen kamen heraus und krochen hinter ihm her, bis er sich von der Erde erhob.

»Steht auf!« sagte er. »Hier kann man uns nicht mehr sehen. Ihr seid frei.«

Da ergriffen sie seine Hände, um ihm zu danken; er aber zog sie eiligst mit sich fort bis hin zu den sechs wartenden Kriegern. Er forderte einen derselben auf, die Geretteten sofort zu den Ihrigen zu bringen, und kehrte dann zurück, dieses Mal aber nicht allein, sondern er nahm Nena, den Indier, mit.

Auf demselben Wege und ganz in derselben Weise gelangte er mit ihm an das Frauenzelt, in welches die Beiden krochen. Als sie sich in dem Inneren befanden, zog Steinbach die Schnuren so straff an, daß sich der Schnitt, welchen er in die Leinwand gemacht hatte, schloß und nicht mehr zu sehen war. Dann schlüpfte er vor an die Thür, welche aus einer Matte bestand. Er schob sie ein Wenig zur Seite und blickte durch die Lücke hinaus. Er sah sofort den Suef mit dem Russen und dem Türken am Feuer sitzen, wo es jetzt sehr lebhaft herging.

»Komm her!« flüsterte er Nena zu. »Luge einmal hier hinaus, und sage mir, ob Du Deinen früheren Herrn erkennst!«

Nena gehorchte. Er musterte die Gesichter und sagte dann in bestimmtem Tone:

»Er ist da, Herr. Er trägt blaue Hosen und ein rothes Wamms mit zwei Pistolen im Gürtel.«

»Ganz richtig! Jetzt sehe ich ein, daß wir ihn fest haben und daß er uns nicht wieder entkommen wird.«

»Er erhebt sich. Er kommt herbei.«

»Schön.«

Auch Steinbach bog sich zu der Lücke, um den Grafen zu beobachten.

Dieser kam langsam näher und fragte, als er das Zelt erreicht hatte, den Wächter:

»Schlafen die Frauen bereits?«

»Ich weiß es nicht, Herr.«

»Laß sehen.«

Er schob den Wächter zur Seite, bückte sich nieder, hob die Matte empor und steckte den Kopf herein.

»Zykyma!«

Keine Antwort.

Er schob darum den Kopf noch weiter herein.

»Zykyma!«

Da gab Steinbach ihm aus allen Kräften eine Ohrfeige, daß es klatschte. Im Nu war der Kopf verschwunden. Draußen hustete und pustete, ächzte und stöhnte es, und sodann rief der Geohrfeigte:

»Ibrahim! Komm schnell her!«

»Warum?« fragte der Pascha, dem es auf seinem Platz gefiel.

»Die Frauen revoltiren.«

»Das wollen wir uns verbitten.«

Er stand auf, kam herbei und erkundigte sich dann:

»Welche denn?«

»Die Deinige ist die Anführerin.«

»Was thut sie denn?«

»Sie will die beiden Anderen zur Flucht verführen.«

Das war nicht wahr. Aber der Russe wollte haben, daß der Türke nun auch seinen Kopf einmal in das Zelt stecke. Wenn er es that, mußte es sich ja finden, welches von den drei zarten Wesen eine so überaus kräftige Hand besaß, und aus welchem Grunde überhaupt dieser Schlag geführt worden war.

»Du blutest ja!« sagte der Türke.

»Wo?«

»An der Nase.«

»Ich habe mich gestoßen.«

»Hat Allah Dir die Nase gegeben, damit Du mit ihr überall anrennst? Ich werde sogleich mit den Ungehorsamen sprechen.«

Auch er bückte sich nieder und hob die Matte empor. Der Russe wischte sich das Gesicht und hielt dabei den Blick voller Spannung auf den Türken gerichtet. Dieser rief in das Zelt hinein:

»Was fällt Euch denn ein, Ihr Hündinnen, Ihr Weiber, Ihr Ungehorsamen. Warum wollt Ihr uns entfliehen?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Ich frage Euch, was Ihr gethan habt! Antwortet!«

Es blieb auch jetzt ruhig.

»Zykyma, antworte Du!«

Die Aufforderung war erfolglos.

Er hatte den Kopf freilich noch halb unter dem Eingange. Jetzt aber schob er ihn ganz hinein. Der Russe beugte sich erwartungsvoll vor, was nun erfolgen werde.

»Zykyma! Hörst Du? Wenn Du nicht redest, werde ich Dich bestrafen!«

Da gab es im Innern des Zeltes einen lauten Klatsch und gleich darauf noch einen. Der Türke brüllte auf wie ein Stier und fuhr mit solcher Vehemenz aus dem Zelte zurück, daß er in den Sand schoß. Er sprang jedoch sofort wieder auf, hielt sich die Hände an die Backen und schrie:

»O Allah, o Teufel, o Hölle! Sie hauen zu!«

»Jawohl!« meinte der Russe, nun seinerseits sehr befriedigt, daß der Andere zwei Ohrfeigen erhalten hatte anstatt einer.

»Wie? Hast Du es gewußt?«

»Freilich.«

»Woher?«

»Weil ich auch eine erhalten habe. Dieses Blut fließt wegen einer Ohrfeige, nicht aber wegen eines Stoßes aus meiner Nase.«

»Und Du hast mich belogen, hast mich nicht gewarnt!«

»Ich wußte selbst noch nicht, woran ich war. Ich steckte den Kopf hinein und erhielt den Schlag; da war es unsicher, ob ich eine Ohrfeige erhalten oder mich an den Pfahl gestoßen hatte. Jetzt nun aber weiß ich es genau. Auch Du blutest!«

»Das werde ich rächen! Welche mag es wohl gewesen sein?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich weiß so viel, daß Zykyma keine solche Hand hat.«

»So ist es eine der Schwestern gewesen. Gucke noch einmal hinein!«

»Sollte mir einfallen! Ich mag nicht wieder geschlagen sein. Ich werde ein Licht holen und einmal hineinleuchten.«

Er ging nach dem Feuer, um einen Brand zu holen. Als die Araber sahen, daß er blutete, fragten sie nach der Ursache. Er erzählte es und wurde ausgelacht. Dennoch standen Mehrere auf, um ihm zu folgen und zu erfahren, wie dieser Kampf zwischen Männern und Frauen enden werde.

Er kniete nieder, hob mit der einen Hand die Matte empor und leuchtete mit der anderen vermittelst des Feuerbrandes hinein. Man konnte aber nichts sehen, weil die Helle des Brandes die Augen blendete.

»Weiter hinein!« sagte Einer.

Er wollte es thun, fuhr aber erschrocken zurück, denn der Lauf einer Doppelpistole wurde von innen heraus sichtbar.

»Allah il Allah! Sie schießen!«

»Haben sie denn Waffen?«

»Hast Du nicht die Pistole gesehen?«

»Freilich! Wer hat sie ihnen gegeben? Wir können nicht hinein, aber wir können das Zelttuch abnehmen, da sitzen sie im Freien und können nichts Hinterlistiges unternehmen.«

Sofort waren mehrere Beduinen bereit, die Leinwand zu entfernen. Die Pflöcke wurden herausgezogen und die Leinwand von vorn nach hinten zurückgeworfen. Aller Augen richteten sich nach den Frauen.

»Donnerwetter!« rief der Russe, erschrocken zurückfahrend.

»Allah ist groß!« schrie der Türke, indem er einen gewaltigen Seitensprung that.

Die Araber brachten kein Wort hervor. Sie, die außerordentlich Abergläubigen, hielten es für Hexerei, daß anstatt der drei Frauenzimmer ein hoher, stolzer Mann unter den Zeltstangen stand und ein zweiter neben ihm saß.

»Steinbach!« knirschte der Russe.

»Ja, Steinbach, der Hund!« rief der Pascha. »Wo sind die Frauen, wo?«

»Verschwunden, wie Du siehst,« antwortete Steinbach. »An ihrer Stelle bin ich hier, um mich von Dir entführen zu lassen. Erkläre Dich deutlich, wohin Du mich schaffen willst!«

Der Scheik war herbeigekommen. Ein Kreis von Leuten bildete sich um ihn und um das Zelt. Er blickte ganz erstaunt von Steinbach zu Nena hernieder und fragte den Pascha:

»Wer ist dieser Fremdling?«

»Masr-Effendi, von dem ich Dir erzählt habe.«

»Wie kommt er in unser Lager und in dieses Zelt?«

»Frage ihn! Ich weiß es nicht. Unsere Frauen sind fort. Euch haben wir sie zur Bewachung anvertraut. Ihr müßt sie uns wiederschaffen!«

Der Scheik war rathlos. Er glaubte nun zwar nicht an Zauberei, wußte aber nicht, wie er sich zu Steinbach verhalten solle, dessen stolze Männlichkeit einen außerordentlichen Eindruck auf ihn machte. Er fragte endlich:

»Bist Du wirklich Masr-Effendi?«

»Ja.«

»Wo sind die Frauen?«

»In Sicherheit. Ich habe sie befreit.«

»Wohin hast Du sie gebracht?«

»Zu den Beni Sallah, welche an Eurem Lager stehen und bereit sind, über Euch herzufallen.«

»Das ist nicht wahr.«

»Ich lüge nie!«

»Wie können die Beni Sallah hier sein! Wir haben Kundschafter ausgesandt und Posten gestellt.«

»Bin ich nicht hier, mitten unter Euch? Und ich bin mit den Beni Sallah gekommen.«

»Du bist allein gekommen und hast die Frauen durch List befreit. Hier sehe ich es. Da ist die zerschnittene Leinwand, durch welche Ihr Beide eingedrungen seid. Ihr habt die Frauen vorangehen lassen und seid gestört worden, ihnen zu folgen. Wir werden sie suchen und finden. Ihr Beide aber seid unsere Gefangenen.«

»Ja, so ist es!« stimmte der Pascha bei. »Er war es, welcher uns schlug. Er soll die Bastonnade bekommen, daß ihm die Fußsohlen bis auf den Knochen aufspringen. Bindet ihn!«

Sogleich eilten Einige fort, um Stricke zu holen. Zwei Männer hier mitten im Lager zu überwältigen, das war ja ein Kinderspiel. Es sollte aber nicht so schnell gehen, wie sie gedacht hatten. Steinbach that einen schnellen Schritt auf den Pascha zu, versetzte ihm einen Fausthieb in das Gesicht, daß der Getroffene zu Boden stürzte, und sagte:

»Sprich noch einmal von der Bastonnade, Hund, so bekommst Du sie selbst!«

»Halt!« donnerte da der Scheik. »Wie kannst Du, unser Gefangener, es wagen, unsere Gäste zu schlagen! Du bist ein Freund der Beni Sallah, also unser Feind. Du hast Dein Leben verwirkt. Gieb Deine Hände her und laß Dich binden!«

»Hier sind sie. Bindet sie!«

Er hielt ihnen in jeder Hand einen Revolver entgegen. Sie fuhren zurück. Nur der Russe und der Türke zeigten in ihrer Wuth keine Furcht vor den kleinen und doch so gefährlichen Waffen. Freilich wagten sie es nicht, Steinbach anzufassen, doch blieben sie ganz in der Nähe stehen, um ihm die Flucht abzuschneiden. Dabei gebot der Pascha:

»Scheik, sende Leute aus, unsere entflohenen Frauen zu suchen.«

»Ihr werdet sie wirklich nicht finden,« versicherte Steinbach. »Sie sind zurückgekehrt in den Schutz Hilal's und Tarik's, deren Bräute sie sind. Und mich braucht Ihr nicht zu bewachen. Ich entfliehe Euch nicht. Es ist vielmehr meine Aufgabe, Euch Beide an der Flucht zu verhindern. Scheik Amulak Ben Musa, ich bin gekommen, diese beiden Männer von Dir zu fordern, und Du wirst sie an uns ausliefern.«

»Bist Du toll oder ein Giaur!«

»Er ist ein Giaur, ein ungläubiger Hund!« fiel der Pascha schnell ein. »Hört nicht auf ihn!«

»Ihr werdet auf mich hören! Ich bin nicht gewöhnt, meine Worte in den Wind zu reden!«

Der Scheik griff nach seinem Messer.

»Mensch, soll ich Dich erstechen! Du befindest Dich in unserer Gewalt und wagst es, solche Worte zu uns zu reden!«

»Ich bin mit nichten in Eurer Gewalt, sondern ich bin so frei, wie Ihr frei seid. Diese Männer sind uns entwichen. Wir verlangen sie von Euch zurück.«

»Selbst wenn Du nicht wahnsinnig wärst, könnte es nicht geschehen. Sie sind unsere Gäste und wir haben ihnen unser Wort gegeben, sie zu schützen. Du aber schweig von jetzt an und ergieb Dich uns, sonst fallen wir über Dich her, wie die Heuschrecken über den Halm, welcher in einem Nu verzehrt wird. Hier sind die Stricke, Euch zu binden. Ergebt Euch!«

»Greift uns an, wenn Ihr es wagt!«

»Wir werden Euch nicht anrühren, sondern Euch von Weitem erschießen. Da könnt Ihr Euch nicht wehren.«

»Ich rathe Euch, dies nicht zu thun, denn wenn uns von Euch nur ein Haar gekrümmt würde, so müßte sich morgen ein großes Trauergeschrei bei Euch erheben und Euer Friedhof würde sich den Leichen Eurer Töchter öffnen.«

»Unserer Töchter? Was ist mit ihnen?«

»Blicke empor zum Friedhofe, ob die Lichter noch brennen!«

Man konnte von diesem Platze aus den Friedhof sehen, natürlich bei Tage. Auch jetzt bei Nacht hätte man die Lichter sehen müssen.

»Sie sind erloschen!« sagte der Scheik erschrocken.

»Und warum sind sie erloschen? Weil sie nicht gepflegt und erneut worden sind. Die Töchter der Beni Halaf befinden sich nicht mehr dort auf dem Friedhofe.«

»Wo denn?«

»Sie sind in die Hände der Beni Sallah gefallen.«

»O Allah! Sagst Du die Wahrheit?«

»Ja. Ich selbst habe den Ueberfall geleitet.«

»Allah verderbe Dich und der Prophet verfluche Dich dafür!«

»Das könnte doch Euch keinen Nutzen bringen. Ich führte die Beni Sallah hierher. Wir wußten, daß Ihr uns erwartet und also Posten ausstellen würdet. Darum machten wir einen Umweg, um von der unbewachten Seite zu kommen. Wir sahen zwanzig Eurer Töchter nach dem Friedhofe gehen und warteten, bis es dunkel war, sie zu überfallen. Es gelang. Jetzt sind sie unsere Gefangenen.«

»Sie werden sehr bald frei sein, denn wir werden Dich tödten, wenn sie nicht in einer Stunde sich wieder bei uns befinden.«

»Ihr werdet sie nicht lebendig wiedersehen, denn wenn ich nicht in einer halben Stunde wieder bei den Beni Sallah bin, werden Eure Töchter alle erschossen.«

»Ihr seid Hunde! Kein Mann tödtet ein Weib!«

»Und kein braver Krieger schützt die Peiniger dreier Frauen, wie Ihr es thut!«

»Vielleicht sagst Du uns eine Unwahrheit, um uns zu übervortheilen. Ich werde Boten nach dem Kirchhofe senden, um nach unseren Töchtern zu suchen.«

»Thue es! Unterdessen vergeht die halbe Stunde und sie werden getödtet!«

»O Allah, Allah!«

Er fühlte sich ganz rathlos. Um ihn noch mehr einzuschüchtern, sagte Steinbach:

»Auch habe ich mit Warda, Deiner jüngsten Tochter, gesprochen. Sie sehnt sich nach Dir.«

»Meine Tochter, meine Tochter!«

Er raufte sich die Haare seines Bartes aus. Die Angehörigen der anderen Mädchen erfuhren auch, daß ihre Töchter von den Beni Sallah gefangen genommen worden seien. Darüber erhob sich ein großes Wehklagen im Lager. Der Beduine ist nicht gewöhnt, sein Leid allein und still zu tragen. Es müssen so Viele wie möglich davon hören. Daher das überlaute Jammern und Heulen bei Unglücksfällen.

Es bildeten sich zwei Parteien. Die eine war dafür, Rache an der Person Steinbach's zu nehmen, die andere stritt dagegen, da in diesem Falle der Tod der Mädchen unvermeidlich sei. Es wurde schnell die Versammlung der Aeltesten einberufen, deren Berathung kein anderer Mensch zuhören durfte.

Es galt, zwei sich ganz und gar widerstreitende Punkte in Einklang zu bringen: Steinbach verlangte den Russen und den Türken ausgeliefert; diese beiden Gäste durften aber nicht ausgeliefert werden, wenn der Stamm nicht für ewige Zeiten sein Ansehen und seine Ehre verlieren wollte. Wie war da ein Ausweg zu finden? Die schlauen Araber fanden ihn sehr bald.

Der Scheik ließ den Türken und den Russen zu sich kommen in sein Zelt, wo sie unbelauscht waren, und sagte:

»Ihr habt großes Herzeleid über uns gebracht, dennoch wollen wir Euch nicht ausliefern, weil Ihr unsere Gäste seid.«

»Wir haben Dir nichts gethan,« sagte der Pascha.

»Nein; darum will ich Euch beschützen. Ich werde mit diesem Masr-Effendi einen Vertrag abschließen, daß ich Euch hier bei mir gefangen halte, bis der Morgen anbricht. Dann reitet Ihr ab.«

»Und Masr-Effendi folgt uns?«

»Ja.«

»So sind wir verloren.«

»Nein. Ihr sollt nicht bis zum Morgen hier bleiben, ich lasse Euch eher fort.«

»Das geht nicht. Masr-Effendi wird uns sehr streng bewachen. Wir sind ihm bereits einmal auf die Weise der List entkommen.«

»Ich werde die Wache an dem Zelte selbst übernehmen.«

»Dagegen wird er nichts einwenden, aber er wird das ganze Lager von seinen Kriegern umzingeln lassen, dann können wir nicht fort.«

»Ist er so klug und vorsichtig?«

»Klüger als Hunderte!«

»Ich werde ihn dennoch überlisten. Ihr tretet, sobald Ihr hier in das Zelt gegangen seid, sogleich hinten wieder aus demselben und eilt zu den Kameelen, welche Euch der Suef gesattelt haben wird. Er reitet als Euer Wegweiser mit Euch.«

»Der Suef wird nicht satteln dürfen, denn Masr-Effendi verlangt jedenfalls, daß er auch gefangen genommen werde.«

»So wird einer von meinen Leuten satteln.«

»Hat dieses Zelt einen Ausgang von hinten?«

»Nein. Ihr kriecht unter der Leinwand hinaus, aber nicht eher, als bis ich hereinkomme und Euch sage, daß es Zeit ist. Ich werde für Euch aufpassen.«

»Wie nun, wenn Masr-Effendi hereintritt, um nach uns zu sehen, und uns nicht findet?«

»Das schadet nicht. Ihr seid dann fort.«

»Er wird uns verfolgen.«

»Des Nachts?«

»Ja.«

»Er kann ja keine Fährte sehen!«

»Da kennst Du diesen Teufel nicht. Sind wir nicht auch des Nachts von den Beni Sallah fortgeritten? Er hat dennoch unsere Fährte gefunden, obgleich er weit entfernt bei den Beni Suef war. Er hat den Teufel und dieser macht seine Augen scharf. Wenn wir keinen bedeutenden Vorsprung erhalten, so holt er uns ein. Er darf also erst morgen bemerken, daß wir längst fort sind.«

»Gut, so werde ich drei meiner Leute heimlich hier in mein Zelt schaffen, welche ähnlich gekleidet sind wie Ihr. Seid Ihr fort und er kommt herein, so stellen sie sich schlafend und er hält sie für Euch.«

»Das mag gehen.«

»Ich werde jetzt mit ihm sprechen. Die Aeltesten sind einverstanden mit dem, was ich mit Euch verhandelt habe.«

Er ging.

»Dieser Steinbach ist wirklich ein Teufel!« knirschte der Russe. »Schleicht sich der Kerl in das Lager und befreit die Mädchen, deren wir uns unter solchen Gefahren bemächtigt haben!«

»Die Hölle verschlinge ihn! Nun ist Zykyma für mich verloren!«

»Laß sie fahren! Sie liebte Dich nicht und war stets ein widerstrebendes Frauenzimmer.«

»Aber schön, außerordentlich schön!«

»Es giebt tausend Andere, welche noch schöner sind. Gehen wir fort, um zu sehen, wo unser Suef steckt. Wir müssen ihn instruiren.«

Der Scheik hatte sich wieder zu Steinbach begeben, welcher so ruhig unter dem halb abgedeckten Zelte sitzen geblieben war, als ob er sich daheim auf seinem Sopha und nicht inmitten eines ihm feindlich gesinnten Beduinenstammes befinde.

»Die Versammlung hat beschlossen,« meldete ihm der Scheik, »Dir die beiden Gefangenen zu übergeben.«

»Die drei Gefangenen, meinst Du wohl.«

»Auch den Suef mit? Gut.«

»So bringt sie mir her!«

»Du irrst, wenn Du meinst, daß es jetzt geschehen soll. Sie sind unsere Gäste und während der Dauer dieses Tages dürfen wir ihnen das Obdach nicht versagen. Aber bei Anbruch des Tages werden sie unsere Oase verlassen und Ihr mögt Ihnen dann folgen, um zu thun, was Euch beliebt.«

»Wirst Du Wort halten?«

»Sie uns pünktlich bei Anbruch des Tages übergeben?«

»Ja.«

»Was geschieht bis dahin mit ihnen. Sie werden ganz natürlich auf den naheliegenden Gedanken kommen, bereits diese Nacht heimlich fortzureiten, um einen Vorsprung vor uns zu gewinnen.«

»Ich sperre sie in mein Zelt und lasse sie bewachen.«

»Sehr gut. Darf auch ich sie mit bewachen lassen?«

»Ja, wenn Du meinst, daß sie Dir da sicherer sind.«

»Das meine ich allerdings. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß meine Augen mich stets am wenigsten täuschen.«

»Du bist also zufrieden mit dem Beschlüsse der Versammlung unserer Aeltesten?«

»Ja.«

»Und wirst uns unsere Töchter wiedergeben?«

»Ja.«

»So sende zu den Deinen, daß diese sie uns nun zurückbringen.«

Steinbach nickte ihm freundlich lächelnd zu und sagte:

»Hast Du schon einmal Etwas gekauft?«

»Sehr oft.«

»Pflegtest Du heute zu bezahlen, wenn Du morgen erst den Gegenstand des Preises bekommst?«

»Nein. Geld gegen Waare oder Waare gegen Waare, so ist der richtige Handel.«

»So ist es recht, so liebe ich es auch, und so wollen auch wir es machen.«

»Wie meinst Du das?«

Er hatte gar nicht bemerkt, daß er gegen sich selbst entschieden hatte.

»Wir tauschen doch auch!«

»Ja, die drei Männer gegen unsere Töchter.«

»Ganz richtig! Und da wollen wir es bei Deinem eigenen Grundsatze lassen: Waare gegen Waare.«

»Allah! Du willst uns die Töchter nicht heute zurückbringen?«

»Nein.«

»Warum?«

»Weil Du uns auch nicht heute die drei Männer auslieferst.«

»Ich habe Dir doch mein Wort gegeben, daß ich sie bei Tagesanbruch fortsende!«

»Schön! Da gebe ich Dir auch mein Wort, daß ich Euch um dieselbe Zeit die Mädchen sende.«

»Wie!«

»Waare gegen Waare und Wort gegen Wort! Nicht aber Waare gegen Wort oder Wort gegen Waare. Du bist ein vorsichtiger Mann, ich bin es auch.«

»Aber wir haben Sehnsucht nach unseren Töchtern!«

»Und wir sehnen uns nach unseren Feinden.«

Der Scheik sah ein, daß er mit seiner List an den unrechten Mann gekommen sei. Er zeigte sich sehr verstimmt und sagte:

»So muß ich noch einmal mit den Aeltesten sprechen. Erlaubst Du es mir?«

»Ja, doch darf es nicht zu lange dauern, sonst bringst Du das Leben der Mädchen in Gefahr.«

Der Scheik ging. Unterwegs traf er auf den Russen und den Pascha. Er theilte ihnen mit, daß seine List ohne Erfolg gewesen sei und daß er darum noch einmal mit den Aeltesten berathen müsse. Dann eilte er weiter.

»Unsere Angelegenheit steht sehr schlecht,« meinte der Pascha. »Wäre es nicht am Allerbesten, diesen Steinbach niederzuschießen?«

»Das geht nicht. Wir würden uns da die ganzen Beni Halaf zu Feinden machen, da in diesem Falle das Leben ihrer Kinder in Gefahr käme.«

»Giebt es denn kein anderes Mittel?«

»Es giebt eins.«

»Nun, welches?«

»Das Duell.«

»Allah!«

»Ja, wir fordern ihn. Er darf und wird sich dem Verdachte der Feigheit nicht aussetzen und muß sich also mit uns schießen. Hast Du Muth?«

»Dummheit, daran zu zweifeln. Man schießt eine Secunde früher als er und ihn trifft die Kugel.«

»Ganz recht. Und wir losen, wer von uns Beiden sich zuerst mit ihm schießt!«

»Einverstanden!«

»So komm! Machen wir der Sache auf diesem Wege ein Ende.«

Es hatte wohl keiner von diesen Beiden den rechten Muth, sich mit Steinbach zu schießen, aber da ein Jeder die Hoffnung hegte, der Zweite zu werden, so wagten sie das Unternehmen. Sie schritten entschlossen dem Zelte zu, unter welchem er noch immer saß, auf die abermalige Rückkehr des Scheiks wartend. Er sah sie kommen und zog schnell seinen Revolver heraus, um ihn für alle Fälle bei der Hand zu haben.

Sie blieben vor ihm stehen und betrachteten ihn mit herausfordernden Blicken.

»Effendi,« begann endlich der Pascha. »Was haben wir mit Dir zu schaffen! Warum läßt Du uns nicht in Frieden unseres Weges ziehen?«

»Weil Ihr mir dabei stets den meinigen kreuzet.«

»Ist mir nicht eingefallen!«

»Mir auch nicht,« stimmte der Russe bei. »Ich habe es satt, mich von Dir verfolgen zu lassen. Ich sehe keinen einzigen Grund für Dich, mich zu beunruhigen.«

»Mein Hauptgrund heißt zunächst Gökala.«

»Was geht sie Dich an! Sie ist meine Frau.«

»Das ist eine Lüge!«

»Beleidige mich nicht!« donnerte er.

»Pah! Wirf Dich nicht in dieser Weise in das Zeug. Du machst Dich doch nur lächerlich! Wie könnte Semawa jemals auf den Gedanken gekommen sein, Dein Weib zu werden!«

Der Russe fuhr zur Seite, als ob er einen Stoß erhalten habe.

»Semawa! Wer ist das?« stotterte er.

»Die Du dann Gökala genannt hast.«

»Unsinn!«

»Die Tochter des Maharadscha von Nubrida.«

»Donnerwetter! Du phantasirst wohl? Es ist mir ja noch niemals so ein Ding wie ein Maharadscha zu Gesicht gekommen!«

»Aber aus dem Gesichte kam er Dir – nämlich als Verbannter nach Sibirien hinein.«

Der Graf wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor. Er stand mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen da und starrte den Mann an, der dieses Heiligste seiner Geheimnisse so genau kannte.«

»Nicht wahr. Du erschrickst, Graf Alexoi Polikeff!«

»Nein! Ich weiß nicht, was Du willst.«

»So weiß Der es, der hier neben mir sitzt. Habe die Güte, Dir ihn einmal anzusehen!«

Nena stand auf und stellte sich haßblitzenden Auges vor ihn hin. Der Graf betrachtete ihn sehr gleichgiltig. Nena hatte sehr gealtert und sich während seines Sclavenlebens sehr verändert.

»Diesen Menschen kenne ich nicht!«

»Denke nach! Du verkauftest ihn am Nile!«

»Teufel!«

»Jetzt kennst Du ihn?«

»Nena!« entfuhr es unvorsichtiger Weise dem Russen.

»Ah, richtig! Sein Name ist Dir noch ganz geläufig. Hoffentlich weißt Du nun auch, was Alles wir von Dir wollen und wunderst Dich nicht mehr darüber, daß ich Dir auf den Fersen bleibe.«

»Effendi,« sagte Nena, »soll ich ihn erdolchen?«

»Nein. Ich brauche ihn lebendig, und zwar vor dem Richter. Wenn das nicht wäre, so hätte ich ihm längst den Schädel zerschmettert.«

Das war dem Grafen doch zu viel. Das wollte er sich angesichts seines Verbündeten doch nicht gefallen lassen. Er brauste also auf:

»Verleumder! Warte, bis ich Dich vor den Richter lade!«

»Sei still, Schurke!«

»Was? Schurke? Das dulde ich nicht! Das erfordert Satisfaction. Das muß mit Blut abgewaschen werden. Ich fordere Dich!«

»Ich auch!« rief der Pascha.

»Macht Euch nicht lächerlich!« meinte Steinbach, indem er sich von seinem Sitze erhob. »Mit solchen Schuften duellirt man sich nicht.«

»So bist Du feig, niederträchtig feig!«

Da klatschte und krachte es schnell zweimal nach einander. Sowohl der Russe, wie auch der Pascha hatten Jeder eine solche Ohrfeige erhalten, daß sie Beide weit fort und gegen das Zelt des Scheiks flogen, welches in seinen Grundvesten krachte. Der Pascha sprang auf, riß sein Pistol heraus und wollte auf Steinbach schießen, wurde aber von dem Russen gepackt und daran verhindert.

»Was fällt Dir ein! Willst Du mit Gewalt in Dein Unglück oder gar in den Tod rennen! Siehst Du nicht, daß er den Revolver bereits in der Hand hält!«

»Rache, Rache! O Allah, l'Allah!« keuchte der Türke vor Wuth.

»Natürlich! Aber später! Je später, desto sicherer. Jetzt schnell zu dem Suef!«

»Warum?«

»Wir müssen augenblicklich fort.«

»Ohne Wissen der Beni Halaf?«

»Selbst ohne deren Wissen. Ich weiß nun, daß dieser Mensch die Oberhand behält. Er wird sich nicht überlisten lassen und wir entkommen ihm nicht, wenn wir nicht augenblicklich fliehen. Wir müssen auf alle Fälle vor ihm in Kairo ankommen. Unsere Reise war eine vollständig verfehlte. Wir müssen das auf andere Weise einholen. Vor allen Dingen aber dann Rache!«

»Ja, Rache, Rache!«

Sie verschwanden mit einander im Dunkel der Nacht, nach der Gegend hin, wo der Suef sich bei den weidenden Kameelen befand.

Steinbach ahnte, daß sie ihre Rettung in einer schleunigen Flucht suchen würden. Er mußte dem vorbeugen. Da sie Gäste der Beni Halaf waren, durfte er nicht zu Eigenmächtigkeiten schreiten, aber er konnte ihnen wenigstens den Weg verlegen lassen. Darum sandte er Nena an die fünf Beni Sallah, welche unter den Palmen warteten, und ließ ihnen bedeuten, schleunigst den Weg zu verlegen, welcher nach Ost aus der Oase gegen Egypten führte. Sollten die drei Flüchtlinge da atrappirt werden, so seien sie anzuhalten und zurückzubringen, nöthigenfalls mit Anwendung der Waffen. Nachdem er in dieser Weise dafür gesorgt zu haben glaubte, daß den Genannten die Flucht nicht gelingen werde, begab er sich nun direct zu dem Scheik in die Versammlung der Aeltesten. Dort war die Berathung noch nicht beendet. Sie sahen ihn ungern kommen, da sie ja darüber beriethen, wie sie ihre Mädchen wiederbekommen könnten, ohne ihre Verpflichtung gegen ihn erfüllen zu müssen. Er fragte:

»Seid Ihr nun fertig?«

»Noch nicht,« antwortete der Scheik.

»So verlange ich, daß Ihr wenigstens die drei Männer, welche ich haben will, so bewacht, daß sie nicht die Flucht ergreifen können.«

»Sie werden sich hüten, zu fliehen!«

»Nein, sie werden fliehen. Ich weiß es ganz gewiß.«

»Haben sie es Dir gesagt?«

»Sie werden nicht so dumm sein, es mir zu sagen. Ich vermuthe es; aber diese Vermuthung hat so gute Gründe, daß es eben so gut ist, als ob sie es mir gesagt hätten.«

»Soll ich sie etwa wie Gefangene bewachen lassen?«

»Gerade dies ist es, was ich von Dir verlangen muß.«

»Und ich kann es unmöglich thun.«

»Warum nicht?«

»Weil sie nicht meine Gefangenen sind.«

»Vergiß nicht, daß Eure Töchter bei uns gefangen gehalten werden! Ich habe Dir bereits alles Nöthige mehr als reichlich erklärt und bin nicht willens, weitere unnütze Worte zu machen. Ich stehe Euch gerade ebenso und noch zwingender gegenüber wie Diejenigen, welche Ihr gegen mich in Schutz nehmt. Sie sollen mir nicht entgehen, und wenn Ihr sie mit Absicht entkommen laßt, so mögen die Folgen Euch treffen. Ich verlange von Euch die Garantie, daß die Männer nicht eher als bis zum Anbruch des Morgens aufbrechen können; wollt Ihr nicht darauf eingehen, so könnt Ihr sehen, ob Ihr Eure Töchter jemals im Leben wieder erblickt.«

Da stand der Scheik von seinem Sitze auf und sagte in gewichtigem Tone:

»Du vergissest, daß Du Dich auch in unserer Gewalt befindest. Ein Wink von mir und Du bist verloren!«

»Nein! Ein Wink von Dir und ich jage Dir eine Kugel durch den Kopf. Verstanden!«

Steinbach zog den Revolver und trat drohend zu dem Scheik heran. Dieser wich zurück und meinte ängstlich:

»Effendi, Du wirst doch nicht schießen!«

»Sage noch ein einziges Wort, welches mir nicht gefällt, und ich drücke ab! Ich habe Dir eine Zeit gestellt, diese ist nun verflossen. Was gedenkt Ihr zu thun? Ich verlange eine kurze, bestimmte Antwort!«

Da meinte einer der Aeltesten zum Scheik:

»Was besinnst Du Dich noch? Meine Enkeltochter befindet sich mit den Anderen in der Gewalt der Beni Sallah. Soll ich sie nie wiedersehen? Dieser Effendi verlangt nichts, als daß wir seine Feinde nicht eher als bis am Anbruch des Morgens fortlassen. Diesen Willen können wir ihm thun. Laß Dir von den drei Personen ihr Wort geben, daß sie so lange hier bleiben, so ist es gut.«

»Nein, so ist es nicht gut,« sagte Steinbach. »Das Wort dieser Männer genügt mir nicht? sie haben ihr Ehrenwort bereits einmal gebrochen. Ich verlange nicht ihr Wort, sondern das Eurige. Und nun stellt meine Geduld nicht auf eine längere Probe! Ich will einen festen, sicheren Bescheid, nach welchem ich mich zu richten vermag.«

Die Versammelten erhoben sich von ihren Sitzen, nahmen den Scheik in ihre Mitte und sprachen eine Weile leise auf ihn ein. Dann wandte sich der Letztere an Steinbach:

»Gut, Effendi! Wir haben beschlossen, den Fremden, welche Du ergreifen willst, ein Zelt anzuweisen und sie da bewachen zu lassen –«

»Ich werde sie selbst bewachen lassen.«

»Durch wen?«

»Durch einige Beni Sallah, welche ich herbeirufe.«

»Auch das sei Dir erlaubt. Aber wir setzen voraus, daß Du uns unsere Töchter wiedergiebst!«

»Sobald wir aufbrechen, werden sie zu Euch zurückkehren.«

»Und es wird ihnen bis dahin weder Gewalt noch Unrecht geschehen? Versprichst Du uns das?«

»Ich verspreche es.«

»So werde ich jetzt selbst die drei Männer holen, um sie in ihr Zelt zu bringen. Warte ein Wenig!«

Er ging und Steinbach kehrte zu dem Indier zurück. Dort hatte er sehr lange zu warten. Es verging eine geraume Zeit, ohne daß der Scheik sich wieder sehen ließ. Dabei bemerkte der Deutsche, daß es im Lager eine Unruhe gab, welche endlich auch ihn besorgt machte. Es war ja sehr leicht möglich, daß die Beni Halaf irgend einen Streich gegen ihn und seine Begleiter, vielleicht gar einen schnellen, heimlichen Ueberfall, im Schilde führten. Darum ging er, den Scheik zu suchen.

Es wurde ihm dabei kein Hinderniß in den Weg gelegt. Er fand ihn draußen am Ostende des Lagers, da, wo sich die Kameele befanden. Man hatte einige Fackeln angebrannt, welche die Umgebung mit rothem Lichte beleuchteten.

»Nun?« fragte er. »Du kehrst nicht zurück! Wo sind die Leute, welche Du suchst?«

Der Anführer des Stammes machte ein höchst verlegenes Gesicht. Er antwortete stockend:

»Sie sind fort.«

»Wohin?«

»Weiß ich es, Effendi!«

»Höre, Du willst mich betrügen! Du hast sie versteckt, damit sie uns entkommen sollen!«

»Bei Allah, Du irrst! Ich habe keine Ahnung von dem Orte, an welchem sie sich befinden.«

»Wo sind ihre Thiere?«

»Die stehen dort am letzten Zelte angebunden; aber uns fehlen die vier besten Reitkameele, welche wir besitzen.«

»So sind sie entflohen.«

»Meinst Du?«

»Natürlich! Und Euch haben sie zum Dank für Eure Gastfreundschaft Eure besten Thiere gestohlen.«

»So haben wir die ihrigen dafür, welche ganz ebenso werthvoll sind.«

»Tröstest Du Dich damit?« fragte Steinbach zornig. »Diesen Trost laß ja fallen. Die Thiere sind den Beni Sallah gestohlen worden und wir werden sie also wieder zu uns nehmen.«

»Oho!«

»Oho! Willst Du die Herausgabe etwa verweigern? Daran denke ja nicht etwa! Es würde Dir das sehr schlecht bekommen. Bedenke vorher, daß Du an dem Entweichen der Flüchtlinge schuld bist! Hättest Du nicht so endlos gezaudert, so wäre ihnen die Flucht unmöglich geworden. Ich wollte Dir Eure Töchter gegen sie umtauschen. Nun sind sie fort und Ihr werdet Eure Nachlässigkeit und Hinterlist zu bereuen haben.«

»Meinst Du etwa, daß Du uns die Mädchen nun nicht ausantworten willst?«

»Ja, das meine ich!«

»Effendi, sie gehören uns aber doch!«

»Jetzt gehören sie uns! Sie befinden sich in unserer Gewalt. Gieb mir die Fackel und komm mit! Auch einige Deiner Leute mögen uns folgen. Ich will sehen, ob ich die Spur der Flüchtigen finde.«

Er ging mit den ihn Begleitenden eine Strecke vom Lager ab und schlug dann einen Bogen um dasselbe. Er brauchte gar nicht lange zu suchen, so fand er die Fährte der vier Kameele. Es war den frischen Spuren ganz deutlich anzusehen, daß die drei Entkommenen sehr schnell geritten waren.

»Hier sind sie aus dem Lager gekommen,« sagte Steinbach. »Sie reiten nach Nordost.«

»Nach dem Dar Gus Abu Seïd,« erklärte der Scheik, der sich in großer Verlegenheit befand.

»Vielleicht weichen sie zur Rechten oder Linken ab!«

»Nein, das geht nicht, denn da würden sie in die pfadlose Wüste kommen, wo sie verderben müßten. Der Beni Suef kommt den Weg ebenso wie wir.«

»So werde ich ihnen augenblicklich nachjagen.«

»Thue es, Effendi!«

Bei diesen Worten stieß er einen leisen Seufzer der Erleichterung aus. Steinbach hörte dies und sagte:

»Das würde Dir wohl sehr lieb sein?«

»Warum?«

»So wärst Du mich los.«

Der Scheik fühlte sich getroffen und antwortete:

»Was denkst Du von mir! Es kann mir doch nicht lieb sein, daß Du fortgehst, bevor Du uns unsere Töchter wiedergegeben hast.«

»Da hast Du sehr Recht.«

»Auch kannst Du den Entflohenen bei Nacht gar nicht nachjagen. Du würdest ihre Fährten nicht erkennen.«

»Die brauche ich nicht zu erkennen. Ich reite eben nach dem Dar Gus und werde sie dort finden. Aber es ist sehr richtig, daß ich nicht eher gehen werde, als bis ich mit Dir in Ordnung bin. Komm wieder zur Versammlung der Aeltesten. Dort wollen wir weiter über diesen Gegenstand sprechen.«

Sie kehrten zurück in das Lager, wo sich indessen die Kunde von der Flucht der drei Betreffenden verbreitet hatte. Es herrschte infolge dessen eine ziemliche Aufregung. Den Einen war es lieb, daß die Erwähnten entkommen waren, den Anderen hingegen war es unlieb; dies waren Diejenigen, deren Töchter von den Beni Sallah ergriffen worden waren.

So spaltete sich das Lager in die Anhänger von zwei verschiedenen Meinungen und als sich die Aeltesten jetzt wieder versammelten, kamen auch alle Anderen herbei, welche gar nicht zu den Aeltesten gehörten, aber doch bei einer so wichtigen Berathung zugegen sein wollten.

Es bildete sich in Folge dessen ein großer Kreis, in dessen Mitte das Feuer brannte. Steinbach trat in diese Mitte und sagte mit lauter Stimme, so daß ein Jeder ihn hören konnte:

»Ihr Krieger der Beni Halaf, ich habe Euch einige kurze Worte zu sagen. Ich kam, um den Russen, den Türken und den Suef von Euch zu fordern und Euch an deren Stelle Eure Töchter und Schwestern anzubieten. Ihr habt die drei Männer entkommen lassen, obgleich ich Euch warnte. Darüber will ich nicht mit Euch rechten, obgleich ich es könnte. Eure Strafe wird ganz von selbst kommen; aber ich muß Euch fragen, was nun mit den gefangenen Mädchen geschehen wird. Was meint Ihr wohl?«

»Du wirst sie uns aushändigen,« sagte der Scheik.

»Denkst Du?«

»Ja.«

»Warum denkst Du das?«

»Weil wir ja nicht schuld sind, daß diese Drei entflohen sind.«

»Ihr seid daran schuld.«

»Nein.«

»Lüge nicht! Meinst Du etwa, ich wußte nicht, daß Ihr sie habt retten wollen? Nein, mich täuschet Ihr nicht. Eure Töchter werden mit in die Gefangenschaft gehen.«

»Effendi, das wirst Du uns nicht anthun!«

»Warum nicht? Du hast es mir doch auch angethan, daß Ihr Euch so verhieltet, daß die Drei Zeit gewannen, zu entkommen. Aber ich will nicht hart gegen Euch sein. Ich könnte die Mädchen mitnehmen und sie als Sclavinnen verkaufen lassen. Ich will es nicht thun, sondern sie Euch unter einer annehmbaren Bedingung aushändigen.«

»Welche ist es?«

»Der Blutpreis.«

»Effendi!« rief der Scheik erschrocken aus.

»Entsetzt Dich das so?«

»Es hat ja gar keinen Mord gegeben!«

»Nein, aber ich rechne dennoch sehr richtig. Wenn ein Mann erschlagen wird, so hat der Mörder, wenn er sein Leben retten will, den Blutpreis zu bezahlen. Wie hoch ist er bei Euch?«

»Es kommt darauf an, in was er bezahlt wird.«

»Ich meine in Thieren, in Pferden nämlich oder in Reitkameelen.«

»So ist der Blutpreis bei uns vier Pferde oder acht Kameele für einen Mann.«

»Und ich rechne, daß man für ein junges Mädchen wenigstens die Hälfte bezahlen muß.«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Du verstehst mich schon. Zum Ueberfluß aber will ich es Dir noch deutlicher sagen. Wir haben zwanzig Eurer Töchter gefangen. Wenn Ihr sie wiederhaben wollt, zahlt Ihr uns für eine Jede zwei Pferde oder vier Reitkameele.«

»Allah! Willst Du uns unglücklich machen!«

»Nein. Ihr erntet nur das, was Ihr vorhin gesäet habt, als Ihr mich so lange warten ließet, bis die Drei entflohen waren.«

»Was denkst Du von uns! Wir sind arm.«

»Ihr habt Thiere genug.«

»Wie viel ist es in Summa, was Du verlangst?«

»Vierzig Pferde oder achtzig Kameele.«

»Allah l'Allah! So reich sind wir nicht.«

»Das geht mich nichts an. Hättet Ihr vorher an die Folgen Eurer Thorheit gedacht!«

»Thorheit? Effendi, willst Du uns beleidigen?«

»Das brauchst Du nicht zu fragen. Ich sage, was ich denke. Ihr verdient keine Nachsicht. Ihr habt mich behandelt wie einen Menschen, dem Allah nur den halben Verstand gegeben hat. Jetzt will ich Euch zeigen, daß Ihr weniger Verstand habt als ich, und Das, was Euch am Verstande fehlt, werdet Ihr mit Pferden und Kameelen bezahlen müssen.«

»Du sprichst Worte, welche wir nicht dulden dürfen.«

»Du mußt sie dulden, wenn Du nicht Deine Töchter verlieren willst.«

»Ich werde mich rächen!«

»An wem?«

»An Dir.«

»Pah! Wie könntest Du das fertig bringen!«

»Das fragst Du noch? Befindest Du Dich nicht ebenso in unserer Gewalt, wie unsere Töchter sich in der Eurigen befinden?«

»Nein.«

Der Scheik blickte ihn erstaunt an. Steinbach zuckte verächtlich die Achseln und meinte:

»Du wunderst Dich über meine Antwort. Wenn Du wüßtest, aus welchem Lande ich bin, so würdest Du über meine Antwort nicht so erstaunt sein.«

»Nun, aus welchem Lande bist Du und wie heißt der Stamm, zu welchem Du gehörst?«

»Ich bin aus Deutschland und –«

»Dieses Land kenne ich nicht.«

»Das ist nur ein Zeichen, daß Dein Blick kurz ist und daß Dein Auge nicht über die Grenzen Deines Stammes hinausgedrungen ist. Hast Du noch nicht von dem großen Krieger Moltke gehört?«

»Von Mol-ke, dem großen Helden, habe ich gehört. Alle Welt erzählt von ihm. Er hat die größten Völker des Abendlandes besiegt.«

»Und von Bismarck, dem berühmten Manne?«

»Von Bis-ma? Den kenne ich. Er ist der Großvessir des Sultans im Abendlande, welcher Wil-hel heißt, und hat alle Fürsten und Könige bezwungen, welche seine Feinde waren.«

»Nun, ich gehöre zu dem Stamme dieser beiden großen Helden, ich bin ein Krieger ihres Heeres. Ein einziger Krieger bei uns nimmt es mit zwanzig Eurer Leute auf. Meinst Du, daß ich mich vor Euch fürchte? Meinst Du wirklich, daß ich mich in Eurer Gewalt befinde? Wenn es mir gefällt, so ist es mir leicht. Euch zu beweisen, daß Ihr mir nichts zu thun vermögt.«

Diese Rede machte sichtlich einen ganz bedeutenden Eindruck. Die Araber blickten einander verlegen an und der Scheik wußte nicht, was er sagen solle. Endlich meinte er kleinlaut:

»Aber ich sage Dir, daß wir nicht so viel bezahlen können. Eine solche Anzahl von Thieren würde uns arm machen. Bedenke, daß nur Diejenigen sie geben müßten, deren Töchter sich bei Euch befinden!«

»Das weiß ich, aber eben deshalb werden auch nur sie den Schaden haben, die Anderen tragen keinen Verlust, und darum kann der Stamm nicht arm werden. Warum aber sollen nur sie bezahlen? Sind nicht die Anderen auch mit schuld, daß die Flüchtlinge entkommen sind? Sind sie da nicht auch mit verpflichtet, die Folgen ihrer Unvorsichtigkeit zu tragen? In diesem Falle käme auf einen Jeden nur ein geringer Verlust.«

»Darüber müßten wir berathen.«

»Wieder berathen! Unterdessen bekommen die Ausreißer einen Vorsprung, den ich nicht wieder einbringen kann, und gerade das scheint Ihr zu beabsichtigen!«

»Nein. Nun sie fort sind und wir sie nicht mehr zu beschützen haben, tragen wir auch keine Verantwortung mehr. Mag mit ihnen geschehen, was da wolle, uns geht es nichts mehr an.«

»Schau, jetzt giebst Du ganz unabsichtlich zu, daß Du sie gegen mich beschützt hast, so lange sie sich bei Euch befanden. Nun brauchst Du kein Wort weiter zu sagen. Ich verlange Dreierlei: den halben Blutpreis, die Kameele, welche die Fremden den Beni Sallam gestohlen und dann hier bei Euch zurückgelassen haben, und endlich einen Friedensbund zwischen Euch und den Beni Sallah.«

»Das ist zu viel!«

»Ich weiche nicht von diesen Bedingungen!«

»So gieb uns eine Zeit zur Berathung!«

»Ihr müßt jetzt bereits wissen, ob Ihr Ja oder Nein sagen wollt. Aber ich will Euch zeigen, daß ich dennoch langmüthig sein kann. Ich gebe Euch noch den zehnten Theil einer Stunde Zeit, also sechs Minuten. Sind diese erfolglos abgelaufen, so kenne ich keine Nachsicht mehr.«

»So geh und laß uns allein!«

*

34

Steinbach drängte sich aus dem dichten Kreis heraus und ging, so lange er im Lichtscheine zu sehen war, gefolgt von den finsteren, haßerfüllten Blicken der Araber. Diese glaubten natürlich, er kehre zu seinem Gefährten zurück, und hatten in Folge dessen nicht weiter Obacht auf ihn. Aber Steinbach war nicht der Mann, sich von ihnen täuschen zu lassen. Er traute ihnen nicht und hatte die Absicht, zu erfahren, welches das eigentliche, wahre Resultat ihrer Berathung sei. Das wäre nun wohl sehr schwierig gewesen, aber er hatte sich das Terrain sehr genau angesehen. Der Kreis, welchen die Versammelten bildeten, war so groß, daß der dazu benutzte freie Platz kaum ausreichte. Die Leute standen bis hart an die Zelte heran, welche um diesen Platz lagen. So saß auch der Scheik hart an einem Zelte, neben welchem mehrere hohe Kameelsättel aufeinander lagen. Hinter ihnen war es dunkel. Dorthin schlich sich Steinbach so schnell wie möglich.

Hinter den Zelten befand sich kein Mensch, und da der ganze Raum im Schatten lag, so gelang es Steinbach, auf dem Boden kriechend bis hin zu den Sätteln zu gelangen. Er legte sich dort nieder, konnte zwischen den Lücken hindurchblicken und, da der Scheik kaum drei Schritte vor ihm am Boden saß, auch jedes Wort hören, was gesprochen wurde.

Die Araber waren so sicher, unbelauscht zu sein, daß sie sich keine Mühe gaben, mit gedämpfter Stimme zu reden. Eben hatte einer der Aeltesten eine Bemerkung gemacht, auf welche der Scheik entgegnete:

»Du hast Unrecht. Warum machst Du mir Vorwürfe? Wir mußten unsere Gäste beschützen. Daß sie sich ohne unser Wissen entfernt haben, kann uns nur lieb sein. Wir können ihre Flucht nicht verantworten, denn wir sind nicht schuld daran.«

»Aber er wirft die Schuld auf uns!«

»Das brauchen wir nicht zu dulden.«

»Was willst Du dagegen machen?«

»Ich fürchte mich nicht vor ihm!«

»Er ist ein großer, berühmter und tapferer Krieger; das hat er bewiesen, indem er sich in unsere Mitte wagte.«

»Er hofft darauf, in uns Furcht zu erwecken. Und gerade weil er so ein großer Krieger ist, habe ich keine Sorge um unsere Töchter.«

»So verstehe ich Dich nicht.«

»Nimm Deine Gedanken zusammen, dann wirst Du mich verstehen. Die Seinen werden einen berühmten Krieger nicht gern einbüßen.«

»Wer spricht davon, daß sie ihn einbüßen sollen?«

»Ich. Wir nehmen ihn gefangen.«

»Das ist nicht möglich.«

»Warum nicht?«

»Er selbst hat es gesagt.«

»Wehe Dir, wenn Du den Worten eines Ungläubigen Glauben schenkst! Er hat es gesagt, nur um uns einzuschüchtern.«

»Er sieht nicht aus wie ein Mann, welcher sich fürchtet oder welcher Lügen macht, um sich zu retten.«

»Und doch ist es so. Er ist groß und stark, größer als Einer von uns. Aber Mehrere von uns werden ihn leicht bezwingen.«

»Er hat Waffen, welche wir nicht kennen.«

»So verhindern wir ihn, diese Waffen zu gebrauchen. Wir nehmen ihn gefangen und geben ihn nur gegen unsere Töchter frei.«

»Die Beni Sallah werden kommen, ihn zu befreien. Das wird Kampf und Blutvergießen geben.«

»Ich verachte sie. Meinst Du, daß sie so zahlreich seien, daß wir sie fürchten müßten?«

»Wenige sind es jedenfalls nicht, sonst hätten sie sich nicht so in unsere Nähe gewagt.«

»Und ihrer Viele sind sie auch nicht, sonst wären sie über uns hergefallen, anstatt sich an schwachen, wehrlosen Mädchen zu vergreifen.«

»Sie wollen ihren Zweck lieber mit List als durch Gewalt und Blutvergießen erreichen.«

»Du redest, als ob Du ihr Freund seist!«

»Das bin ich nicht. Mein graues Haar schützt mich gegen jeden solchen Vorwurf.«

»So willst Du, daß wir den Preis bezahlen?«

»Ich denke, daß er mit sich handeln lassen wird. Und es ist besser, wir vergleichen uns, als daß wir es auf einen Kampf ankommen lassen.«

»Es wird keinen Kampf geben. Wir überwältigen ihn leicht. Dann ist sein Leben in unserer Hand, und wir können unsere Töchter fordern, ohne ein Schaf oder eine Ziege bezahlen zu müssen, oder ist es vielleicht nicht so?«

Diese Frage war an die Andern gerichtet. Ein beifälliges Murmeln antwortete. Auch laute, zustimmende Rufe ließen sich hören. Das veranlaßte den bedächtigen Alten, zu sagen:

»So wasche ich meine Hände in Unschuld. Thut also jetzt, was Euch gefällt.« –

Es wurde abgestimmt, und es zeigte sich, daß die überwiegende Mehrzahl der Meinung des Scheiks war. Sein Vorschlag ward zum Beschluß erhoben.

»Soll ich den Ungläubigen holen?« fragte Einer.

»Nein,« antwortete der Scheik. »Das könnte ihm auffallen und Verdacht in ihm erwecken. Bis jetzt habe nur ich mit ihm verkehrt. Käme ein Anderer, so könnte er leicht mißtrauisch werden. Ich muß also selbst gehen. Wartet also, bis ich ihn bringe.«

»Und was thun wir dann?«

»Fünf der Stärksten stellen sich hierher, wo er durch den Kreis muß. Ich gehe voran; er folgt mir, und sobald sie sich hinter ihm befinden, fallen sie über ihn her, halten ihm die Arme, reißen ihn nieder und binden ihn so, daß er sich nicht bewegen kann. Arme dazu sind ja genug vorhanden. Der Teufel müßte sein Diener sein, wenn es uns nicht gelingen sollte!«

Er ging, und die Andern warteten in der festen Ueberzeugung, daß der Anschlag gelingen werde. Die Stärksten wurden ausgewählt und Stricke und Riemen herbeigeholt.

Sobald Steinbach hörte, was mit ihm geschehen solle, wartete er den letzten Theil der Verordnung des Scheiks gar nicht ab. Er kroch zurück, und als er sich hinter dem Zelte im Dunkeln befand, sprang er eiligst weiter, zu Nena hin, welchem er schnell einige Weisungen ertheilte.

»Du fürchtest Dich doch nicht?« fragte er ihn dann.

»Nein, Effendi. Ich stehe unter Deinem Schutze.«

»Sie werden aber vielleicht nicht sehr zart mit Dir verfahren!«

»Tödten werden sie mich jedoch auch nicht. Der Scheik ist ihnen jedenfalls mehr werth als ich, und so werden sie mich schonen müssen, um nicht ihn und dann auch die Mädchen zu verlieren.«

»Ich würde Dich mitnehmen; aber es muß ja Jemand hier sein, um ihnen als Bote zu dienen.«

»Hab keine Sorge um mich, Effendi! Ich weiß, daß mir nichts geschehen wird und bin ganz ruhig dabei. Thue also in Allahs Namen, was Du Dir vorgenommen hast!«

Steinbach setzte sich, da er jetzt den Scheik langsam herbeikommen sah und nahm die Haltung größter Unbefangenheit an.

»Willst Du nun mit mir kommen?« fragte der Araber.

»Warum?«

»Um unsern Beschluß zu vernehmen!«

»Warum soll ich da mit Dir kommen? Kannst Du ihn mir nicht hier sagen?« –

»Das gilt nichts. Ich muß ihn Dir vor der Versammlung kund geben. Erst dann hat er Giltigkeit.«

»Wie lautet er?«

»Wir thun, was Du willst.«

»Ist das wahr?«

Er stand bei dieser Frage auf und trat an den Scheik heran.

»Ja,« antwortete dieser.

»Nun gut, so will ich mitgehen. Aber ich sage Dir, daß es zu Deinem Schaden ausschlägt, wenn Du mich täuschen solltest. Ich verstehe keinen Spaß.«

»Wir treiben nicht Scherz, sondern Ernst, und ich vertrete Alles, was wir thun und was Dir geschehen könnte. Es komme auf mich!«

»Nun gut, so mag es auf Dich kommen und zwar gleich jetzt!«

Er faßte den Scheik mit beiden Händen bei der Gurgel und drückte ihm diese so fest zusammen, daß der so unerwartet Ueberfallene keinen Athem holen konnte und die Arme schlaff herabsinken ließ. Er wurde ohnmächtig. Jetzt faßte Steinbach ihn bei der Brust, schwang ihn sich auf die Achsel und eilte mit ihm davon, in die Nacht hinein, dahin, wo sich die Pferde befanden. Diese waren jetzt ohne Beaufsichtigung, da alle männlichen Mitglieder des Stammes sich zum Berathungsfeuer begeben hatten. Steinbach suchte sich, so weit es die Dunkelheit zuließ, ein gutes heraus, stieg auf, legte den Besinnungslosen quer über das Pferd vor sich herüber und ritt davon.

Nena, der Indier, saß bewegungslos an seinem Platze, als ob er gar nichts zu befürchten habe. Einige Zeit lang blieb es ruhig. Dann ließ sich aus der Gegend, wo die Versammlung sich befand, ein dumpfes Stimmengewirr hören, und nachher kam Einer gelaufen und fragte:

»Wo ist der Scheik?«

»Bin ich sein Hüter?«

»War er nicht hier?«

»Frage ihn selbst.«

»Antworte doch! Wo in der Effendi?«

»Fort.«

»Wohin?«

»Zu seinen Beni Sallah.«

»Allah l'Allah! So ist wohl der Scheik in das Lager nach ihm suchen gegangen und findet ihn nicht.«

Er rannte fort nach dem Feuer, und dann hörte Nena, daß die Versammlung sich theilte, um den Scheik zu suchen. Niemand fand ihn. Darum kamen Alle zu dem Indier, um sich zu erkundigen. Dieser behielt seine vollständige Ruhe bei. Einer fragte:

»Hast Du den Scheik gesehen?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»Warum fragst Du da mich?«

»Weil wir ihn vergebens suchen; Du aber weißt es.«

»Wohl weiß ich es. Ihr werdet ihn vielleicht niemals wiedersehen.«

»Warum?«

»Er wird den Pfad des Todes wandeln.«

»Mann, Mensch, sprich deutlicher! Du meinst doch nicht etwa, daß er sterben wird?«

»Ja, das meine ich.«

»Ist ihm ein Unglück zugestoßen?«

»Ein sehr großes.«

»Welches?«

»Er hat sich den Zorn meines Effendi zugezogen, und ein größeres Unglück als dieses giebt es nicht.«

»Weshalb den Zorn?«

»Er wollte ihn verrathen, ihn betrügen.«

»Wieso?«

»Er sagte, daß Ihr thun wolltet, was der Effendi von Euch verlangt hatte, und es war nicht wahr.«

»Es war wahr.«

»Nein, es war eine Lüge. Ihr wolltet den Effendi überfallen und binden und niederwerfen.«

»Wer hat Euch das gesagt? Es ist nicht wahr.«

»Leugne nicht! Mein Effendi hat es selbst gehört. Er hat sich bei dem Zelte befunden, da, wo die Reitsättel liegen und Euren Anschlag belauscht.«

»Allah! Und wo ist er jetzt?«

»Fort, bei den Beni Sallah. Ich habe es Euch ja doch bereits gesagt. Warum fragt Ihr nochmals?«

»Und der Scheik?«

»Er ist auch mit fort.«

»Zu den Beni Sallah?«

»Ja.«

»Das lügst Du! Er wird nie und nimmer zu ihnen gegangen sein.«

»Freiwillig nicht; aber der Effendi hat ihn gezwungen; er hat ihn gefangen genommen.«

»Mensch, wenn das wahr ist, so bist Du des Todes!«

Es blitzten mehrere Messer in den Händen der Araber.

»Ich fürchte den Tod nicht; aber ich weiß, daß Ihr mich nicht berühren werdet.«

»Wir werden Dich langsam martern und tödten!«

»So werden Eure Töchter mit dem Scheik noch viel ärgere Qualen erdulden müssen.«

»Dich hat der Teufel zu uns gesandt!«

»Nein, ich bin im Gegentheil der Bote Allahs, des Allgütigen. Wäre ich nicht hier, so würden die Eurigen verloren sein.«

»Warum bist Du nicht auch mit dem Effendi gegangen?«

»Um Euch zu beweisen, welche Gnade und Langmuth er besitzt. Ich soll Euch noch eine Frist der Barmherzigkeit geben. Kommt mit zum Berathungsfeuer! Dort wollen wir weiter sprechen.«

»Sie folgten ihm, voll innern Grimm's, daß sie nun an Stelle Steinbachs diesen Mann hatten, dessen Besitz ihnen gar nichts nützen konnte. Sie wußten natürlich nicht, daß Steinbach den Indier auf keinen Fall verlassen, sondern im Gegentheile Alles gethan hätte, ihm die Freiheit wieder zu verschaffen. –

»Hört, was ich Euch sagen werde!« begann der treue Mann. »Ich soll nochmals dasselbe von Euch verlangen, was bereits der Effendi von Euch gefordert hat. Paßt auf, was ich thun werde!«

Er zog sein Pistol aus dem Gürtel, hielt es empor und drückte ab. Nach kaum einigen Sekunden wurde sein Schuß durch einen zweiten beantwortet, welcher in der Ferne fiel.

»Wer hat geschossen?« fragte Einer.

»Der Effendi. Ich habe ihm das Zeichen gegeben, daß die Berathung beginnt. Sie darf nur fünf Minuten dauern. Dann wird der Effendi wieder schießen, zum Zeichen, daß er Euern Bescheid hören will.«

»Wie soll er ihn hören?«

»Durch mich. Schieße ich nicht, so habt Ihr seine Forderung verworfen, und Eure Töchter werden mit dem Scheik getödtet. Schieße ich aber, so ist das ein Zeichen, daß Ihr seinen Vorschlag angenommen habt.«

»Wenn wir Dich nun überwältigen und an Deiner Stelle schießen, obgleich wir die Forderung des Effendi nicht befriedigen wollen?«

»So würdet Ihr Eure Lage nur verschlimmern. Ich muß, sobald ich geschossen habe, mit Einigen von Euch zum Effendi gehen, wo dann der Vertrag ausgefertigt wird. Jetzt beeilt Euch! Bedenkt, daß von den fünf Minuten bereits zwei verflossen sind. Der Effendi giebt Euch, seit er Euren Verrath kennen gelernt hat, keine weitere Frist!«

Er trat zurück. Jetzt waren sie Alle im höchsten Grade ängstlich geworden. Der bereits erwähnte Alte, welcher im Interesse des Friedens gesprochen hatte, erhob seine Stimme wieder, und zwar mit mehr Nachdruck und Erfolg als vorhin, wo der Scheik ihm so kräftig widersprochen hatte. Die Noth ging an den Mann, und selbst die Widerstrebendsten sahen ein, daß ihre Weigerung von der größten Gefahr für die Bedrohten sein werde. Von allen Seiten erhoben sich mahnende Stimmen.

Da erscholl Steinbachs zweiter Schuß.

»Nun, was beschließt Ihr?« fragte Nena. »Ich muß sofort Antwort geben, sonst ertheilt er den Befehl, daß die Eurigen getödtet werden.«

»Was geschieht dann mit Dir?«

»Das laßt meine Sorge sein!«

»Wir werden Dich auch tödten!«

»Was liegt an mir altem Manne! Uebrigens weiß ich, was ich in diesem Falle zu thun habe. So leicht, wie Ihr es denkt, würde es Euch nicht werden, mich zu ermorden. Also schnell!«

»Schieß los!« rief der Alte. »Schieß los in Allahs Namen! Wir gehen auf die Bedingung ein.«

Nena drückte los, lud dann die beiden Läufe seiner Pistole wieder und sagte:

»Jetzt nun sucht Euch sechs der besten Krieger aus. Sie sollen mich begleiten, um den Vertrag auszufertigen. Aber sie müssen unbewaffnet sein.«

Es ging nicht anders. Die Sechs wurden ausgewählt und gingen mit Nena fort.

Dieser führte sie durch den Palmenwald, an dem Gottesacker vorüber, den Berg hinab, in die Schlucht hinein, aus dieser wieder hinaus bis dahin, wo Steinbach mit seinen Beni Sallah hielt, die Gefangenen in der Mitte.

»Allah sei Dank!« rief der Scheik, tief aufathmend. »Ich hatte Angst, daß dieser Mann nicht schießen werde.«

Er hatte natürlich noch größere Angst um sein Leben gehabt. Steinbach nahm das Wort:

»Machen mir es kurz! Ich habe keine Zeit zu verlieren. Gehen die Beni Halaf auf meine Vorschläge ein, Nena?«

»Ja.«

»So bestimme ich Folgendes: Der Scheik wird mit den zwanzig Mädchen freigelassen; diese sechs Krieger aber reiten mit den Beni Sallah als Geißeln nach dem Dorfe der Letzteren, wo sie ein volles Jahr in aller Freundschaft zurückbehalten werden. Dann können sie wieder zu den Ihrigen zurückkehren. Sie reiten jetzt augenblicklich unter sicherer Begleitung ab. Die andern Beni Sallah bleiben hier, um die Bezahlung in Empfang zu nehmen, sobald es Tag geworden ist. Dann wird Friede und Segen sein zwischen den beiden tapferen Stämmen.«

Der Scheik widersprach noch ein Wenig. Den Geißeln paßte es natürlich gar nicht, daß sie so plötzlich die Heimath für die Dauer eines Jahres verlassen sollten. Da ihnen aber dabei keinerlei Gefahr drohte, so kam der Vertrag endlich zu Stande und wurde mit Eiden besiegelt, welche so heilig sind, daß sie von einem Moslem niemals gebrochen werden.

Zehn der Beni Sallah machten sich sofort mit den Geißeln auf den Rückweg. Es geschah das aus dem Grunde, daß die Beni Halaf ja nicht auf den Gedanken kommen konnten, in Beziehung dieser Sechs noch Einwände zu erheben. Die Anderen begaben sich sodann mit den Gefangenen, welche nun freilich frei waren, in das Lager.

Dort wurden sie willkommen geheißen, aber nicht etwa mit außerordentlichem Entzücken. Tarik aber war der Mann, seine Leute zu nehmen. Er trat in den Kreis der Versammelten, welche düster vor sich niederblickten und sagte:

»Die Beni Halaf hielten die Beni Sallah für ihre Feinde. Darum haben sie die drei Flüchtigen bei sich aufgenommen und sie nun wieder entkommen lassen. Das war nicht klug von ihnen, denn sie sollen es nun mit Kameelen oder Pferden bezahlen. Aber ich will ihnen beweisen, daß ich nicht ihr Feind, sondern ihr Freund bin. Wir haben die Beni Suef besiegt und eine große Beute gemacht; darum wollen wir nicht die Beni Halaf ihrer Habe berauben, sondern ihnen ihre Thiere schenken. Es sei Friede zwischen uns und ihnen! Nur die sechs Krieger mögen ein Jahr lang unsere Gäste sein, damit sie mit uns leben und dabei erfahren, daß wir es gut mit unsern Freunden meinen. Hier ist meine Hand. Der Scheik mag herkommen und die seinige hineinlegen zum Zeichen, daß wir Brüder sind!«

Diese Worte machten einen außerordentlichen Eindruck. Selbst Steinbach hatte dem jungen Manne keine solche Politik, keine solche weise Mäßigung zugetraut. Alles brach in Jubel aus. Die Gesichter der Beni Halaf wurden plötzlich ganz anders. Der Grimm verwandelte sich in Freude, der Aerger in Entzücken. Alle drängten sich an den jungen, wackern Scheik heran, um ihm die Hand zu drücken, und der alte Scheik der Beni Halaf rief:

»Du bist mein Bruder und mein Sohn! Willst Du meine Tochter zum Weibe haben?«

»Nein, ich danke Dir! Ich habe bereits ein Weib!«

»Das ist schade, jammerschade! Ich hätte sie Dir sehr gern gegeben, und Du wärst mein Erbe geworden; aber es kann nicht sein; ich muß mich drein ergeben. Allah ist groß, und Muhammed ist sein Prophet!«

Jetzt wurden mehrere Feuer angezündet, mehrere Hammel geschlachtet und mehrere große Krüge voll gegohrenen Palmensaft herbeigeholt. Das freudige Ereigniß mußte natürlich begastmahlt werden.

Während Steinbach sehr ernst diesen Vorbereitungen zuschaute, trat der alte Scheik zu ihm.

»Effendi, warum freust Du Dich nicht auch mit? Warum ist Deine Seele so betrübt?«

»Ich freue mich der Eintracht, welche zwischen Euch erwacht ist, und ich wünsche, daß sie nie ein Ende nehmen möge; aber ich habe Alles verloren, während Ihr Alles gewonnen habt. Ich gedachte, meine Feinde zu ergreifen, und nun muß ich die Jagd von Neuem beginnen.«

»Daran bin ich schuld, Effendi.«

»Ja freilich!«

»Hätte ich gewußt, welch ein gutes Ende die Sache nehmen werde, so wäre es mir nicht eingefallen, diese Hallunken entkommen zu lassen. Aber tröste Dich! Allah wird sie Dir wieder in Deine Hände geben. Und an mir hast Du Dich schon im Voraus gerächt.«

»Wieso?«

»Glaubst Du es, es sei ein Vergnügen oder gar eine Wonne, bei der Kehle gedrückt zu werden, bis man den Verstand verliert, und dann inmitten der Feinde wieder aufzuwachen? Ich glaubte da nicht, daß ich die Meinigen wiedersehen oder gar heute noch Lagmi trinken und Hammelbraten essen werde. Allahs Wege sind wunderbar. Er wird Dich so leiten, daß Du Diejenigen, welche Dir heute entkommen sind, auf das Leichteste wieder ergreifen kannst.«

»Das mag er geben. Ich muß ihnen sogleich nach.«

Tarik und Hilal waren herbei gekommen und hörten diese letzteren Worte.

»Das wirst Du nicht!« sagte Tarik. »Du wirst bei uns bleiben und Dich des Glückes freuen, welches wir nur Dir zu danken haben.«

»Nein, er wird nicht bleiben!« sagte dagegen Hilal. »Ein Mann läßt seine Feinde nicht entkommen. Ein Weib mag sich zum Lagmi setzen und Braten essen und dabei den Feind entlaufen lassen. Masr-Effendi muß die Flüchtigen ergreifen; er wird ihnen sofort nachjagen, und ich werde ihn begleiten.«

»Du?« fragte Steinbach erstaunt.

»Ja, ich.«

»Gedenke doch Deiner Hiluja!«

»Sie ist die Seele meines Lebens; aber sie bleibt mir gewiß. Ich habe vorher meine Pflicht zu thun. Wir danken Dir Alles. Meinst Du, daß ich Dich allein ziehen lasse? Und muß ich nicht mit? Bin ich nicht gezwungen dazu? Wer soll mit Dir zum Vicekönig gehen und ihm für Alles danken und einen Vertrag mit ihm abschließen? Das kannst Du nicht thun; das kann nur ich, der Bruder des Scheiks der Beni Sallah. Also laß Dich nicht abhalten, sondern bereite Alles zur Abreise vor, damit wir keine Zeit versäumen und die Flüchtigen noch einholen.«

Er hatte da sehr richtig gleich mehrere Gründe genannt, welche einen sofortigen Aufbruch nothwendig machten. Zwar erhoben die Anderen noch wenigstens ebenso viele Einwände, welche aber durch gewichtige Gründe bald niedergeschlagen wurden.

Es war den braven Arabern vom Stamme der Beni Sallah fast unmöglich, zu denken, daß der Mann, dem sie zu verdanken hatten, daß sie jetzt nicht vernichtet waren, der wie ein von Gott gesandter Bote und Wohlthäter unter ihnen erschienen war, nun plötzlich ebenso schnell von ihnen scheiden wollte, wie er bei ihnen aufgetaucht war. Sie mußten sich aber drein fügen.

Tarik bot ihm, Normann und dem braven Arabadschi Geschenke an, welche in guten, ausgezeichneten Reitkameelen bestanden, Steinbach aber wies das Alles ab und nahm nur einige kleine, an sich werthlose Andenken als Erinnerungszeichen von den Leuten an, deren Interessen ihm während der letzten Tage so wichtig, wie seine eigenen gewesen waren.

Es wurden die besten Kameele ausgesucht, gesattelt und mit Wasser und Proviant beladen; dann nahmen die Scheidenden Abschied. Als sie fortritten, Steinbach, Normann, der Arabadschi und Hilal, ertönten die lauten Klagen der Zurückbleibenden, die noch zu hören waren, als die kleine Carawane und ihre Lichter nicht mehr zu sehen waren.

Steinbach hatte nämlich die vorsichtige Veranstaltung getroffen, einige Fackeln anbrennen zu lassen, um die Spuren der Entflohenen wenigstens so weit verfolgen zu können, bis man sicher war, daß sie die eingeschlagene Richtung auch weiter verfolgen würden. Nena und Saïd gingen, diese Fackeln in den Händen, zu Fuß voran, um den Sand zu beleuchten; die Anderen folgten langsam im Sattel.

Als dann die Fährte die gleiche Richtung behielt und die Fackeln verbrannt waren, stiegen die beiden Genannten auch auf ihre Thiere, und dann ging es, so schnell die Kameele zu laufen vermochten, auf Dar el Gus Abu Seïd zu.

Dieser letztere Ort ist eine Landschaft, welche zu der sogenannten kleinen Oase gehört. Es war nicht sehr weit bis dorthin. Man erreichte dieses Ziel beim Anbruche des zweiten Morgens, und die Fährte der Verfolgten bewies, daß man sich hart auf den Fersen derselben befand.

Sie ritten in das zu der Landschaft gehörige Dorf El Kasr ein und lenkten nach dem Zelte des Scheiks.

Dieser trat ihnen aus der Thür entgegen, betrachtete sie mit finstren Blicken und fragte:

»Wer seid Ihr?«

»Sallam aaleïkum!« grüßte Steinbach. »Warum fragst Du, bevor Du den Gruß ausgesprochen hast?«

»Soll ich Euch grüßen, die Ihr Ungläubige seid!«

»Wer hat Dir das gesagt?«

»Ich weiß es.«

»Ich weiß es auch. Ich suche bei Dir drei Männer, welche Dir mitgetheilt haben werden, daß wir auf ihrer Fährte sind. Wo befinden sie sich?«

»Das weiß ich nicht.«

»Willst Du der Beschützer von Verbrechern sein?«

»Ich beschütze, wen ich will und lasse mir von keinem Menschen eine Vorschrift machen.«

»Ich werde Dich gut belohnen, wenn Du mir sagst, wo ich Diejenigen finde, welche ich suche.«

»Ich mag keine Belohnung von Dir.«

»So sage ich Dir, daß ich unter dem Schutze des Großherrn und des Khedive stehe. Wenn Du Dich weigerst, mir zu dienen, bist Du Dir selbst zum Schaden.«

»Die Männer, welche Du suchst, sind fort.«

»Wohin?«

»Nach Mendikkeh. Sie wollten den graden Weg noch Kairo einschlagen.«

Es war richtig, daß der angegebene Ort an dem gradesten Wege der Hauptstadt lag.

»Wann kamen sie hier an?«

»Vor drei Stunden.«

»Wann ritten sie wieder fort?«

»Nach einer Viertelstunde. Sie nahmen nur Wasser in ihre Schläuche; dann gingen sie wieder.«

»Und Du sagst mir die Wahrheit?«

»Ja.«

Dieser Mann hatte Etwas an sich, was nicht sehr vertrauenerweckend war; aber dennoch sah Steinbach es ihm an, daß er wenigstens mit seiner letzten Aussage keine Lüge gesagt hatte. Er wendete daher sein Kameel, um fort zu reiten und den Weg nach Mendikkeh einzuschlagen.

»Halt!« sagte da der Scheik. »Nehmt Ihr denn kein Wasser ein?«

»Nein.«

»Aber Ihr habt welches zu nehmen und uns zu bezahlen!«

»Wir brauchen keins.«

»Ohne Bezahlung aber dürft Ihr nicht fort. Ich habe das Recht, von jedem Reiter einen Zoll zu erheben.«

»Schäme Dich, von Ungläubigen Geld zu verlangen! Wärst Du uns höflich entgegengekommen, so hättest Du ein Geschenk erhalten, mit welchem Du ganz sicher sehr zufrieden gewesen wärst. So aber bekommst Du nichts, gar nichts.«

»So lasse ich Euch gar nicht fort!«

Er stellte sich Steinbach drohend in den Weg. Dieser aber zog seinen Revolver, hielt ihm denselben entgegen und rief ihm zu:

»Weiche zur Seite oder ich schieße Dich nieder!«

»Allah, Allah!« rief der Mann und sprang höchst erschrocken seitwärts.

Steinbach ritt mit den Seinen davon, ohne sich nach dem Kerl umzusehen.

Der Ort ist nicht groß. Die Zelte und Hütten lagen bald hinter ihnen Da meinte Normann:

»Glauben Sie wirklich, daß der Pascha und der Graf hier diesen Weg geritten sind?«

»Ich glaube es. Erstens sah der Scheik ganz so aus, als ob er die Wahrheit sage, und zweitens haben sie es so eilig, daß sich annehmen läßt, daß sie den gradesten Weg einschlagen. Warum sollten sie den Umweg über El Ajus reiten?«

»Um uns irre zu führen.«

»Hm! Sollten sie wirklich auf einen so klugen Gedanken gekommen sein? Hier ist eine Fährte. Ich will sie untersuchen.«

Er stieg ab. Nach genauer Untersuchung fand er, daß es ganz dieselben Thiere waren, denen man bisher gefolgt war. Gewisse kleine Merkmale, welche nur Steinbachs scharfes Auge erkennen konnte, bewiesen dies. Also stieg er wieder auf und ritt in der Ueberzeugung weiter, daß er die Verfolgten vor sich habe. Um den Vorsprung, welchen diese hatten, einzuholen, wurden die Thiere zur höchsten Eile angetrieben.

Bis Mendikkeh reitet man drei Stunden. Als sie dort ankamen, suchten sie ebenso den Scheik des Ortes auf, welcher sie freundlich begrüßte.

»Sind drei Reiter mit vier Kameelen hier durchgekommen?« fragte Steinbach.

»Ja.«

»Sind sie noch im Orte?«

»Nein. Sie sind nur einen kurzen Augenblick bei mir abgestiegen und dann gleich weiter geritten in der Richtung nach Kahira.«

»Ich danke Dir. Hier hast Du eine Belohnung für diese Auskunft. Sallam aalleïkum!«

Er gab ihm ein größeres Silberstück und wendete sich, um fortzureiten. Der Scheik sah das Geld, hier eine große Seltenheit. Ein solches Geschenk hatte er für seine wenigen Worte nicht erwartet.

»Halt!« rief er. »Warte noch einen Augenblick!«

Und als Steinbach sein Kameel wieder herumdrehte, trat er nahe zu dem Thiere heran und sagte:

»Deine Hand besitzt die Gabe der Wohlthätigkeit; darum will ich nicht haben, daß Du betrogen wirst.«

»Ach, Du hast mir die Unwahrheit gesagt? Du siehst mir aber gar nicht so aus.«

»Ich habe Dir die Wahrheit gesagt, aber in dem Munde der Anderen wohnt die Lüge. Du suchst zwei Fremde, welche mit einem Beni Suef nach Kahira reiten?«

»Ja. Du sagtest, sie seien hier durchgekommen.«

»Nein, das sagte ich nicht. Du frugst nach drei Reitern mit vier Kameelen; die kamen hier durch, das ist wahr; aber es sind nicht Diejenigen, welche Du suchst.«

»Wer denn?«

»Es sind drei Männer aus El Kasr, woher Du jetzt gekommen bist. Sie stiegen bei mir ab und rühmten sich, daß sie ausgeritten seien. Dich irre zu leiten.«

»Wie so?«

»Die Männer, welche Du suchst, haben in El Kasr ihre Thiere mit andern vertauscht, dem Scheik viel Geld gegeben und sind dann über Labu nach Kahira geritten. Die Thiere aber, auf denen sie ankamen, wurden von drei dortigen Männern bestiegen, welche hierher zu uns ritten, um Dich irre zu führen. Du solltest stets dieselbe Fährte vor Augen haben.«

»Verteufelt!«

»Sie werden noch so weit reiten, bis die Flüchtlinge einen genügsamen Vorsprung haben, und dann nach El Kasr zurückkehren und über Dich lachen. Die Kameele, welche sie eingetauscht haben, sind weit besser als Diejenigen, welche sie dafür hingaben. Sie machen ein sehr gutes Geschäft.«

»Dieses Geschäft soll ihnen wohl verdorben werden! Ich danke Dir für Alles, was Du mir sagtest. Hier hast Du noch ein Geschenk! Wie lange ist es her, seit diese Kerls hier durchgekommen sind?«

»Keine ganze Stunde.«

»So müssen wir sie in zwei Stunden einholen. Allah sei mit Dir!«

Er sauste mit seinen Begleitern durch den Ort und in die Wüste hinaus, wo die deutlich sichtbaren Spuren ihm zeigten, wo die drei Betrüger geritten waren.

Hilal, welcher die Kameele zu behandeln verstand, ritt an der Spitze und zog die Pfeife hervor. Die Töne derselben wirkten mehr als die Peitsche. Die Thiere strengten alle Kräfte an, so daß sie förmlich mit der Schnelligkeit des Sturmes dahinflogen.

»Was werden wir mit den Kerls thun, wenn wir sie einholen?« fragte Normann.

»Ihnen die Thiere abnehmen, so daß sie zu Fuß nach Hause laufen müssen. Und nebenbei sollen sie noch eine Lehre erhalten, welche sie nicht so schnell vergessen werden.«

Er hob bei diesen Worten die schwere, aus Nilpferdhaut geschnittene Kameelpeitsche empor.

Kaum waren anderthalb Stunden vergangen, so sahen sie die vier Kameele vor sich, drei Reiter und ein leeres Thier. Auch sie wurden natürlich nun bemerkt. Die Reiter hielten ihre Thiere an und stiegen ab.

»Ah, sie wollen sich lagern, um uns in Muße auslachen zu können!« sagte Steinbach. »Sie sollen ihre Freude erleben. Sie, Normann, ich und Hilal, wir nehmen ein Jeder einen Mann, aber so schnell, daß sie die Waffen nicht gebrauchen können. Das Uebrige besorge ich selbst.«

In zehn Minuten hatten sie die Gruppe eingeholt. Die Kameele lagen und die drei Männer saßen im Sande, die Kommenden mit höhnischen Blicken betrachtend. Diese hielten an.

»Woher?« fragte Steinbach.

»Was geht es Dich an!« antwortete Einer stolz.

»Wohin?«

»Nach Hause.«

Steinbach und seine Begleiter sprangen aus den hohen Sätteln herab. Der Erstere fuhr fort, auf die Thiere der Lagernden zeigend:

»Diese Kameele kommen mir bekannt vor.«

»Sie gehören uns.«

»Nein. Sie sind den Beni Halaf gestohlen worden.«

»Wir sind keine Diebe. Was fällt Dir ein!«

»Aber Ihr habt sie von den Dieben eingetauscht, welche nach Labu sind, und Ihr reitet diesen Weg, um uns irre zu führen.«

»Bist Du verrückt! Sage noch ein solches Wort, so schieße ich Dich über den Haufen!«

Der Sprecher war bei diesen Worten aufgesprungen und griff nach seiner Pistole. Auch die beiden Andern standen auf.

»Du willst schießen? Warte, da will ich erst laden, aber nicht Deine Pistole, sondern Dich!« rief Steinbach.

Er schlug dem Manne blitzschnell die Waffe aus der Hand, faßte ihn beim Genick, wirbelte ihn einige Male um sich selbst und warf ihn dann zu Boden, daß Alles krachte. Dann knieete er ihm mit einem Beine auf den Nacken und begann nun, den Hintertheil des Mannes mit der Peitsche zu bearbeiten, daß die Hosen in Fetzen flogen.

Ebenso schnell hatten auch Normann und Hilal die beiden Anderen ergriffen und entwaffnet. Saïd und Nena halfen ihnen und nahmen die Waffen zu sich. Als Steinbach den Einen so durchgeprügelt hatte, daß er liegen blieb, kamen auch die beiden Andern daran. Sie brüllten wie die Eber, fluchten entsetzlich und gaben, als dies nichts half, gute Worte – vergebens. Die Peitsche verrichtete eine so vollständige Arbeit, daß Steinbachs kräftiger Arm ermüdete.

»So!« sagte er. »Ihr habt über uns lachen wollen, jetzt könnt Ihr Euch selbst auslachen, Ich will Euch lehren, Euch über einen Effendi aus dem Abendlande lustig zu machen!«

»Giaur!« knirrschte einer von ihnen.

»Willst Du noch mehr? Du sollst Deinen Willen haben. Da!«

Er schlug von Neuem auf ihn ein. Die beiden Andern mochten glauben, daß nun auch an sie nochmals die Reihe käme; sie sprangen auf und eilten davon. Der Dritte sah dies, riß sich von Steinbach los und folgte ihnen in so großen Sprüngen, als ihm die Schwielen erlaubten, welche er erhalten hatte.

»Grüßt Euern Scheik von mir!« lachte Steinbach ihnen nach, »und sagt ihm, daß ich Euch den Zoll gegeben habe, den ich ihm verweigerte!«

Jetzt nun wurden die erbeuteten Thiere an einander gebunden; die Reiter stiegen auf und eilten weiter, nach dem Rathe Hilals, welcher den Weg kannte, quer durch die Wüste auf Abu Mehery zu, wo auch der Russe, der Pascha und der Suef durchkommen mußten. Der Gedanke, Steinbach zu täuschen, war diesen drei Genannten von Nutzen gewesen, denn als der Deutsche mit seinen Begleitern nach Abu Mehary kam, erfuhr er, daß die Gesuchten bereits vor vier oder fünf Stunden durch den Ort gekommen seien.

Hier mußte nothwendiger Weise Halt gemacht werden, um die leeren Wasserschläuche zu füllen. Dann aber ging es eiligst weiter, nach Meghara, wo sie erfuhren, daß die Gesuchten noch immer einen sehr ansehnlichen Vorsprung hatten.

Von hier aus führte die sehr belebte Carawanenstraße grad ostwärts auf Kairo zu. Diese letzte Strecke wurde bei Nacht zurückgelegt.

In Dschiseh angekommen, von wo aus man die Pyramiden zu besuchen pflegt, erhielten sie die Gewißheit, daß die Verfolgten vor drei Stunden hier gewesen seien. Nun ging der Ritt am viceköniglichen Palaste vorüber und über die Brücke der beiden Nilarme, welche die Insel Bulak einschließen. Als sie am Hafen von Bulak vorüberkamen, sahen sie die Yacht des Lords am Ufer liegen. Sie hatten jetzt aber keine Aufmerksamkeit für dieselbe, sondern sie ritten direct nach dem Hotel, in welchem Wallert (Adlerhorst) mit Tschita Wohnung genommen hatte.

Beide waren zu Hause. Tschita heißt zu Deutsch Blume, und das schöne Mädchen blühte in Wahrheit wie eine Rose, als sie mit ihrem Bruder die Zurückkehrenden begrüßte. Steinbach nahm sich keine Zeit zu langen Verhandlungen und Berichten. Er sagte:

»Wir haben Ibrahim Pascha und den Russen getroffen und verfolgt. Sie sind vor drei Stunden hier angekommen, und ich muß sofort auf die Suche gehen. Ihre Nachforschungen sind jedenfalls erfolglos gewesen?«

»Ja,« antwortete Wallert. »Aber ich glaube, der Lord ist so glücklich gewesen, die Bekanntschaft einer Dame zu machen, von der es möglich ist, daß sie Gökala ist.«

»Unmöglich!« rief Steinbach. »Wo ist sie?«

»In einer kleinen Gasse der Altstadt.«

»Und der Lord?«

»Wohnt ihr gegenüber. Er hat von ihr einen Brief an Sie.«

»Dann sofort hin, schnell hin! Um aber für alle Fälle bereit zu sein, mag ein Bote nach der Yacht laufen und sagen, daß der Kessel gefeuert werden soll. Auch hier muß sofort eingepackt werden. Man weiß nicht, ob wir nicht gezwungen sind, augenblicklich abzureisen.«

Er eilte mit Wallert fort, in die enge Gasse, zu dem Lord, welcher mit dem Steuermann in seiner Stube saß und Arabisch trieb. Er sprang freudig erstaunt auf, als er die Beiden eintreten sah. Um zu zeigen, daß er Arabisch gelernt habe, grüßte er:

»Ahla wa sahla wa marhala!«

»Unsinn!« sagte Steinbach eilig. »Geben Sie mir den Brief!«

»El Meltub heißt Brief. Itfaddal isterih, nehmen Sie gefälligst Platz!«

»Lassen Sie Ihr Arabisch beim Teufel! Ich will den Brief haben, den eine Dame Ihnen für mich gegeben hat!«

»Alle Teufel, haben Sie es eilig! Hier ist er.«

Er nahm ihn aus einem Kasten und gab ihn Steinbach, welcher ihn mit fieberhafter Hast öffnete und sodann las. Der Inhalt lautete:

»Mein Geliebter!

Ich preise Gott, daß er mir Gelegenheit giebt, Dir diese Zeilen zu senden. Sei barmherzig und forsche nicht weiter nach mir. Dein Forschen macht meinen Vater unglücklich, für den ich Alles, Alles trage und auch ferner tragen will. Ich sage Dir mit blutendem Herzen und sterbender Seele Lebewohl für's ganze Leben. Sei glücklich! Nimm tausend Küsse und die ewigen Gebete Deiner armen

Gökala.«

»Sie ist's, sie ist's!« rief Steinbach. »Wo wohnt sie?«

»Drüben, gegenüber,« antwortete der Lord.

»Führen Sie mich!«

»Wir dürfen nicht.«

»Unsinn? Ich muß hinüber. Ihr begleitet mich Alle; vielleicht brauche ich Eure Hilfe.«

Er stürmte voran, die Treppe hinab, ihm nach die drei Andern, über die zwei Schritte breite Straße hinüber. Die Thür war verschlossen.

Steinbach klopfte. Ein kleines Loch wurde geöffnet, und eine alte Frau ließ ihr Gesicht sehen.

»Was willst Du?«

Laß mich ein! Hier hast Du!

Er schob ihr ein Goldstück durch das Loch hinein.

»Oh Allah!« rief sie aus. »Gold! Tritt herein!«

Sie öffnete.

»Ist Gökala da?« fragte er eilig.

Sie betrachtete ihn forschend und fragte:

»Bist Du Steinbach Effendi?«

»Ja. Hat sie von mir gesprochen?«

»Ja. Ihr Mann kam. Sie mußte schnell zusammenpacken; dann gingen sie fort.«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht. Sie nahmen für immer Abschied. Gökala hat noch Zeit gefunden; mir dies Papier zu geben.«

Sie reichte ihm einen beschriebenen Zettel hin, auf welchem die Zeilen standen:

»Geliebter.

Der Graf kam. Er schäumt vor Wuth. Ich hörte von ihm, daß Du ihn verfolgst. Vielleicht findest Du dieses Haus, dann sind wir fort. Forsche aber ja nicht weiter, wenn Du mich nicht ganz unglücklich machen willst. Gott behüte Dich! Meine Seele bleibt bei Dir. Deine

Gökala.«

»Und dennoch werde ich forschen!« rief er aus. »Du weißt also nicht, wohin sie sind?«

»Nein,« antwortete die Alte.

»Sie hatten doch Gepäck. Wer hat das getragen?«

»Der Hammal, welcher stets an der Ecke dieser Straße steht.«

»Den suche ich. Kommen Sie, Wallert. Und Sie, Lord, rüsten sich zur schleunigen Abfahrt. Wir treffen uns auf der Yacht.«

Er eilte mit Wallert fort. An der Straßenecke stand der Hammal. Steinbach kannte den Schlüssel zur Zunge dieser Leute. Er gab ihm ein ansehnliches Geschenk und fragte nach dem Graf und Gökala. Der Packträger sah das Goldstück schmunzelnd an und sagte:

»Ich soll es nicht verrathen; aber der Herr ist mit der Frau nach der Sikket el Hadid (Eisenbahn). Eine Schwarze war dabei. Auf dem Bahnhofe kam noch ein Herr zu ihnen. Sie stiegen ein und nahmen Karten nach Alexandrien. Ich hörte es.«

Steinbach eilte weiter. Unterwegs gab er Wallert die Weisung:

»Gehen Sie in das Hotel und lassen Sie alles Gepäck nach dem Bahnhofe schaffen. Ich muß zum Vicekönig, um Bericht zu erstatten über meine Erfolge bei den Beduinen. Mit seiner Hilfe werde ich leicht einen Verhaftsbefehl betreffs Derer erhalten, welche ich festnehmen lassen will.«

Sie trennten sich.

Als Steinbach nach etwas über einer Stunde in das Hotel zurückkehrte, glänzte auf der Brust seines schmutzigen Anzuges ein Orden. Er trieb die Andern zur Eile und sagte ihnen, daß er auf dem Bahnhofe zu ihnen stoßen werde. Von da begab er sich auf die Polizei, welche nach Vorzeigung der viceköniglichen Verordnung sofort den Telegraphen nach Alexandrien spielen ließ.

Dann eilte er nach der Yacht, deren Esse bereits dampfte. Der Lord war reisefertig an Bord.

»Sie dampfen nilabwärts,« sagte Steinbach, »und zwar mit möglichster Schnelligkeit; den Canal benutzen Sie nach Alexandrien.«

»Wo treffen wir uns da?«

»Am Quai, wo ich Sie erwarte oder erwarten lasse. Aber in Damanhur können Sie einmal aussteigen und auf der Polizei nach mir fragen. Sollte ich Sie ja in irgend einer Beziehung zu benachrichtigen haben, so finden Sie dort meine Weisung.«

Ein kurzer Abschied, und dann eilte er nach dem Bahnhofe. Er wußte nicht, wann die Züge gingen und erfuhr zu seinem Leidwesen, daß er volle sechs Stunden zu warten habe.

Er verlangte nun eine Extramaschine; aber eine solche war leider nicht zu haben, eine Folge der egyptischen Zustände. Es blieb also den Reisenden nichts Andres übrig, als ihre Ungeduld zu beherrschen. Dieser Aufschub aber erlaube doch wenigstens einen ordentlichen Abschied von Hilal, welcher auch auf dem Bahnhofe eingetroffen war.

»Der Khedive will Dich sehen,« sagte ihm Steinbach. »Ich habe Dich angemeldet und Dir den Weg geebnet. Fahre so fort, wie Du begonnen hast, so wirst Du glücklich sein!«

»Effendi, ich habe mein Glück nur Dir zu danken!«

»Nein, Gott und Dir selbst. Grüße die Deinen alle von mir, und sage ihnen, daß ich allezeit in Freundschaft und Liebe an sie denken werde.«

Er reichte ihm die Hand.

»Willst Du mich jetzt schon fortschicken, Effendi?«

»Ja. Das lange Abschiednehmen ist nicht gut. Es ist eine Qual für das Herz.«

»Aber ich möchte Dich bis zum letzten Augenblicke sehen, den Du noch hier verweilst!«

»Du mußt ja zum Khedive!«

»Er mag warten. Du bist mir lieber.«

Der brave Kerl war wirklich nicht fortzubringen. Er wartete die kurze Zeit noch, bis endlich der Zug sich in Bewegung setzte. Da erst gab er Steinbach die Hand und sagte:

»Meine Seele ist betrübt, Effendi. Meine Gedanken werden stets bei Dir sein. Kommst Du wieder einmal in dieses Land, so eile zu uns. Die Söhne und Töchter der Beni Sallah werden Dich hoch willkommen heißen und den Tag festlich begehen, an welchem Du wieder in unsere Mitte trittst. Allah gebe Dir ein langes Leben und nachher das Paradies!«

Die Räder und Achsen kreischten. Der Zug setzte sich in Bewegung, am Palaste Tuschun vorüber, zwischen dem Kanale und dem Nile nach Norden hin, Alexandrien entgegen.

Man kann sich leicht denken, mit welcher Sehnsucht die Reisenden diesem Ziele entgegenblickten. Leider aber erreichten sie es erst zu später Abendstunde. Während die Andern einstweilen auf dem Bahnhofe blieben, eilte Steinbach nach der Polizei. Er erhielt die ganz unerwartete Nachricht, daß Personen, wie sie in der Depesche beschrieben seien, gar nicht in Alexandrien angekommen seien.

»Das heißt, auf der Bahn?«

»Ja.«

»Aber zu Schiffe, auf dem Kanale?«

»Auch nicht.«

»Oder zu Lande durch eins der Thore?«

»Ebenso wenig. Wir haben die sämmtlichen Eingänge zu Lande und zu Wasser besetzen lassen. Wissen Sie genau, daß die betreffenden Personen wirklich nach Alexandrien wollten?«

»Vielleicht können sie unterwegs ihren Plan geändert haben, weil sie sich sagten, daß sie verfolgt und also hier erwartet würden.«

»Das liegt freilich im Bereiche der Möglichkeit.«

»Dann wären sie von Damanhur aus auf die andere Strecke gegangen, welche dort nach Rosette abzweigt. Soll ich einmal dort telegraphisch anfragen, Effendi?«

»Ich bitte sehr darum.«

Der Telegraph spielte, und nach wenigen Minuten bereits kam die Antwort:

»Werden sofort nachforschen.«

»Jetzt hatte Steinbach weit über eine Stunde zu warten. Er ließ während dieser Zeit das Signalement des Grafen und des Pascha nach Damanhur telegraphiren. Nach anderthalber Stunde endlich gab der Telegraph das Glockenzeichen. Der Bescheid lautete:

»Die zwei Beschriebenen sind mit einer verschleierten Frau und einer schwarzen Dienerin hier aus- und in den Zug nach Rosette gestiegen. Müssen bereits dort angekommen sein.«

Sofort ließ Steinbach telegraphiren:

»Lord Eagle-nest wird nach mir fragen. Mag schleunigst nach Rosette dampfen anstatt hierher.«

Dann kehrte er nach dem Bahnhof zurück, von welchem aus er wieder nach Rosette an die dortige Polizei telegraphirte. Das war Alles, was er unter den gegebenen Umständen thun konnte.

Rosette ist mit Alexandrien durch eine Eisenbahn verbunden, welche immer am Meere hinläuft und dabei Abukir mit berührt. Diese Bahn mußte Steinbach benutzen. Der Zug ging erst gegen Morgen, und so kam er mit seiner Begleitung erst am Vormittage dort an.

Auch hier war sein erster Weg nach der Polizei, wo er die vicekönigliche Verordnung vorzeigte und in Folge dessen mit größter Ehrerbietung empfangen und behandelt wurde. Die Nachforschungen der Polizei aber waren vergeblich gewesen. Seine Depesche war erst angekommen, als die Gesuchten sich bereits in Rosette befanden. Man hatte sofort alle öffentlichen Häuser und auch diejenigen Privatwohnungen, in denen Fremde aufgenommen zu werden pflegten, genau durchsucht, aber nichts gefunden. Die Polizei hatte alle Straßen und Plätze beobachtet, ohne nur die geringste Spur der Gesuchten zu entdecken.

»Sie sehen, daß wir unsere Pflicht gethan haben,« sagte der Chef der Polizei. »Mehr konnten wir unmöglich leisten.«

»Haben Sie auch die Schiffe untersucht?«

»Die Schiffe?« fragte der Mann erstaunt.

»Freilich! Das war ja das Erste und Notwendigste.«

»Wieso?«

»Weil Flüchtlinge gewöhnlich so rasch wie möglich an Bord zu gelangen streben.«

»Wer hier an Bord will, hat sich erst bei uns zu melden, und da die Betreffenden sich nicht gemeldet haben, so sind sie also nicht an Bord gegangen.«

»Wie nun, wenn sie ohne Ihre Erlaubniß ein Schiff bestiegen haben?«

»Das wollte ich mir verbitten!«

»Wenn das Schiff bereits fort ist, so ist es wohl dann zu spät, sich eine solche Unterlassungssünde zu verbitten. Ich muß Sie dringendst ersuchen, alle im Hafen liegenden Schiffe durchforschen zu lassen.«

»Böse Arbeit!«

»Die ich Ihnen aber nicht erlassen kann. Welche Schiffe haben seit gestern Abend den Hafen verlassen?«

»Gestern keins. Heut Morgen zwei Segler, nach Damiette und Port Saïd bestimmt, und sodann ein französischer Dampfer, welcher nach Marseille geht und unterwegs Kandia anläuft.«

»Passagierschiff?«

»Nein, sondern Packetfahrer.«

»Der Name?«

»Die ›Bouteuse‹, Capitän Leblanc.«

»Werde mich gleich selbst nach diesem Fahrzeuge erkundigen.«

Er ging. Am Nilhafen angekommen, sah er eben die Yacht des Engländers ans Ufer legen.

»Gefunden?« rief der Lord, welcher auf dem Deck stand und ihn erblickte.

»Nein.«

»Verdammt! Sie können doch nicht durch die Luft davongeflogen sein! Was thue ich?«

»Nehmen Sie schleunigst Kohlen ein und was Sie sonst zur Seefahrt brauchen. Es ist möglich, daß wir bald in See stechen.«

»Well Sir! Soll geschehen.«

Jetzt erkundigte sich Steinbach, an welcher Stelle der französische Dampfer gelegen hatte. Er erfuhr es und begab sich hin. Dort saß eine Frau mit zwei Kindern, diese an der egyptischen Augenblindheit erkrankt waren. Er erkundigte sich bei ihr, ob sie stets hier sitze, und erfuhr, daß dies der Fall sei. Als er nun weiter fragte, antwortete sie:

»Zwei Männer und ein Weib gingen gestern Abend auf das Schiff. Es war eine Negerin dabei. Die Verschleierte schenkte mir Geld. Einer der Männer zankte sie aus, daß sie dabei ein Wenig zurückblieb.«

»Hast Du gehört, wie er sagte?«

»Ja.«

»Nun, wie?«

»Vorwärts, Gökala!«

»Ich danke Dir! Hier hast Du Geld.«

Er gab ihr zwei Goldstücke, so daß sie vor Glück laut aufschrie. Als er sich entfernte, rief sie ihm den tausendfachen Segen Allahs nach.

Was die ganze Polizei seit gestern nicht fertig gebracht hatte, das war ihm in Zeit von einer Viertelstunde gelungen. Er kehrte nach der Polizei zurück, wo der Chef die Untergebenen versammelt hatte und im Begriff stand, ihnen seine Instruction in Betreff der Durchsuchung der Schiffe zu ertheilen. Es war sehr erklärlich, daß Steinbach sich nicht in der besten Laune befand. Abermals waren ihm die Gesuchten entgangen, und zwar jetzt in Folge der Nachlässigkeit des obersten Polizeibeamten. Darum sagte er in einem nicht zu höflichen Tone:

»Das ist nun unnöthig geworden.«

»Warum?«

»Die, welche wir suchen, sind fort, und Sie haben sie entkommen lassen!«

»Wieso?«

»Sie haben sich bereits gestern Abend an Bord der Bouteuse begeben.«

»Allah! Ist es möglich!«

»Ich weiß es ganz gewiß. Was rathen Sie mir nun?«

»Hätten Sie ein schnelles Fahrzeug, so könnten Sie den Dampfer noch einholen. Er ist erst seit kaum einer Stunde fort und ist so schlecht gebaut, daß er nur langsam fortkommt.«

»Glücklicher Weise steht mir eine Schnellyacht zur Verfügung.«

»So eilen Sie? Allah ist groß. Wer eine Yacht braucht, dem giebt er eine. Sein Name sei gepriesen.«

Nach Verlauf von nicht viel über einer Stunde befanden sich Alle an Bord: Der Lord mit seinen Leuten, Steinbach, Normann, Wallert, Tschika mit der Stummen, Nena und der Arabadschi. Die kleine Yacht stieß vom Lande und dampfte den Nilarm vollends hinab, in die See hinaus.

Zunächst ging die Fahrt langsam, weil das Fahrwasser hier sehr gefährlich ist. Dann aber, als offene See vor dem Kiele lag, ließ der Lord vollen Dampf geben. Das kleine Fahrzeug legte sich leicht zur Seite und schoß wie eine Schwalbe durch die Fluth.

Der Steuermann hatte die Seekarte vor sich liegen, auf welcher die Kurse genau verzeichnet waren. Er brauchte sich nur nach ihr zu richten und den Kurs auf Kandia einzuhalten.

Kurz nach Mittag tauchte vor ihnen ein großer Dampfer auf. Als sie sich ihm näherten, sahen sie hinten an seinem Sterne in großen, goldenen Buchstaben den Namen »
La bouteuse.«

»Wir haben ihn!« sagte Steinbach erleichtert. »Steuermann, halten Sie Seite an Seite!«

Der Steuermann gehorchte diesem Befehle, und bald dampfte die Yacht hart neben dem Dampfer her. Der Capitän des Letzteren stand auf der Commandobrücke, blickte höhnisch auf die Yacht herab und fragte zu derselben herüber:

»Fahrzeug, ahoi! Woher?«

»Rosette,« antwortete Steinbach.

»Wohin?«

»Zur Bouteuse.«

»Zu mir? Was wollt Ihr?«

»An Bord. Ich bitte, beizudrehen.«

»Was habt Ihr an Bord zu thun?«

»Flüchtlinge suchen.«

»Die sind da.«

»So bitte ich um die Auslieferung derselben.«

»Verrückte Idee! Ihr seid ein Deutscher?«

»Ja.«

»Gut, so kommt nach Sedan oder Metz, da werde ich Euch die Leute ausliefern, eher aber nicht.«

»Ich werde sie noch eher bekommen.«

»Meinetwegen! Aber macht, daß Ihr mir von der Seite kommt, sonst mache ich eine Wendung und dampfe Euch auf den Grund!«

»Verdammter Franzose!« fluchte der Lord. »Was ist zu thun, Master Steinbach?«

»Er braucht uns die Leute allerdings auf offener See nicht auszuliefern; aber wir brauchen ja nur in seinem Fahrwasser zu bleiben. Auf Kandia legt er an; da befindet er sich also in einem Hafen, und dort muß er der Polizei gehorchen.«

»Gut, bleiben wir also in seinem Wasser!«

»Nur nicht zu nahe,« meinte der Steuermann. »Dieser Kerl ist sonst im Stande, Rückdampf zu geben und uns in die Tiefe zu fahren, wie er gedroht hat.«

»Ich glaub gar, da oben auf Deck stehen sie!« meinte der Lord.

Und es war auch so. An dem Schiffsgeländer lehnten der Graf und der Pascha und winkten hohnlachend mit ihren Tüchern herab.

»Recht so!« rief ihnen der Capitän zu. »Jetzt sind die Affen an der Quelle und dürfen doch nicht saufen. Das giebt mir ganz besonders Spaß, weil dieser Steinbach, von welchem Sie mir erzählt haben, so ein verdammter Deutscher ist.«

»Aber Capitän, der Kerl ist kein Dummer! Er ist klug und wird uns auf der Ferse bleiben, bis wir einen Hafen erreichen, und dann sind Sie gezwungen, uns auszuliefern.«

»Pah! Der Kerl denkt, ich fahre nach Kandia, was freilich auch der Fall ist. Aber wenn Sie noch fünfhundert Franken bezahlen, so kommt es mir auf einen Umweg nicht an.«

»Die Fünfhundert sollen Sie haben, natürlich aber erst dann, wenn wir in Sicherheit sind.«

»Versteht sich! Ein Franzose verkauft Niemandem die Katze im Sacke.«

»Wohin werden Sie uns da bringen?«

»Ich warte, bis es dunkel ist und mache dann eine Schwenkung nach Nord, die dieser Deutsche nicht bemerken kann, weil er sich hüten muß, ganz nahe an uns heran zu kommen. Dann bringe ich Sie nach Rhodos, von wo es Ihnen frei steht, sich dahin zu wenden, wohin es Ihnen beliebt. Der Deutsche mag sich dann die Augen aussuchen: ich habe nichts dagegen. Und begegne ich ihm später, so werde ich ihm eine Nase machen, welche länger als mein Bugspriet sein soll.«

Der französische Capitän aber hatte seine Rechnung ohne Steinbach gemacht. Dieser lehnte an der Brüstung der Yacht und behielt das Frachtschiff scharf im Auge; er sagte sich, daß der Franzose es als eine Ehrensache betrachten werde, die Passagiere nicht abzuliefern. Da er nun, falls er in Kandia anlegte, nichts gegen die Ergreifung derselben thun könne, so lag für Steinbach der Gedanke nahe, daß der Franzose lieber gar nicht nach dieser Insel gehen, sondern das Dunkel der Nacht benutzen werde, um dieselben an einem andern, sicherern Orte abzusetzen.

Der Steuermann hielt die Yacht jetzt in ziemlicher Distanz von dem Dampfer und folgte diesem aber in ganz gleicher Schnelligkeit. Jetzt befahl Steinbach einen der Matrosen an die Logleine, um die Schnelligkeit zu messen, in welcher sich die beiden Dampfer fortbewegten. Es stellte sich heraus, daß sie nur zwölf Seemeilen in der Stunde zurücklegten: da nun die Entfernung zwischen Rosette und Kandia ungefähr dreihundert Seemeilen beträgt, so waren seit der Abfahrt fünfundzwanzig Stunden erforderlich, um den letzteren Ort zu erreichen. Behielt man die gegenwärtige Schnelligkeit bei, so war man also ungefähr morgen um die Mittagszeit in Kandia.

Jetzt aber verminderte der Franzose plötzlich seine Schnelligkeit um neun Knoten; das war höchst auffällig. Steinbach ging zum Steuermann, um diesen auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Derselbe meinte kopfschüttelnd:

»Unbegreiflich! Bei dieser Langsamkeit kommt der Franzose erst morgen des Nachts nach Kandia, und das kann er doch nicht beabsichtigen.«

»Nein, das beabsichtigt er jedenfalls nicht. Ich meine vielmehr, er will uns eine Nase ansetzen. Er fährt langsamer, um nicht zu weit nach West zu kommen und seine Passagiere heut während der Nacht an einem östlichen Ort auszuschiffen, vielleicht also in Rhodos oder auch auf Karpathos.«

»Richtig, richtig, so wird es sein! Es giebt gar keinen andern Grund für ihn, seine Schnelligkeit zu vermindern. Aber ich werde ihm ein Schnippchen schlagen.«

»In wiefern?«

»Ich dampfe ihm voraus, damit er denkt, wir gehen schnell nach Kandia, um ihn dort zu erwarten und abzufangen; aber ich entferne mich so weit nur von ihm, daß ich ihn im Auge behalten kann, während er uns nicht mehr sieht, da unsere Yacht zu klein ist. Er wird dann sofort den Kurs ändern, und wir folgen ihm, er mag fahren, wohin er will.«

Dieser Plan hatte natürlich Steinbachs volle Zustimmung, und er zeigte sich auch bald als sehr gut ausgedacht, denn kaum war die kleine Yacht im Westen verschwunden, so ließ der Franzose nach Norden halten, grad auf Rhodos zu. Er ahnte nicht, daß er von Steinbach beobachtet sei und nun von demselben aus sicherer Ferne verfolgt werde.

Nach Rhodos sind von Rosette aus zweihundertundachtzig Seemeilen, und da der Franzose jetzt wieder vollen Dampf gab und nun sechzehn Meilen in der Stunde machte, so ließ sich erwarten, daß er am Anbruch des Morgens die erwähnte Insel erreichen werde.

Diese Berechnung erwies sich als richtig. Als die Nacht vergangen war und der Tag heranbrach, sahen sie vor sich die Bergkuppen von Rhodos auftauchen; links aber lag die lang gestreckte Gestalt von Karpathos.

»Da haben wir unser Ziel,« sagte der Capitän zu dem Russen und dem Pascha, welche bei ihm standen. »Dieser Deutsche soll sich todt ärgern, wem er bemerkt, wie ich ihn überlistet habe!«

Fast grad im Kurse lag ein Fischerboot in See, welches das Segel fallen gelassen hatte und nun sich mit den Netzen von den Wellen treiben ließ. Drei Männer saßen darin. Der Franzose war doch kein Dummkopf. Er dachte daran, daß doch vielleicht irgend ein Schiff im Hafen von Rhodos liegen könne, von welchem Steinbach beim zufälligen Zusammentreffen erfahren werde, wo die von ihm Gesuchten abgesetzt worden seien. Er ließ daher stoppen und fragte die Fischer, was für Schiffe im Hafen seien.

»Nur türkische und griechische Segler,« lautete die Antwort, »außer einer englischen Dampfyacht, die vor anderthalb Stunden hier vorüberkam.«

»Wie hieß sie?«

»Lord Eagle-nest.«

»Donnerwetter!« wendete sich der Capitän zu den beiden Passagieren. »Dieser verdammte Steinbach hat uns durchschaut und ist uns vorausgedampft.«

»Was thun wir da? Wieder umkehren?«

»Nein. Er würde es merken und uns wieder folgen. Er hat uns noch nicht gesehen. Ich fahre nach Karpathos und setze Euch dort ab, wo Ihr in größter Sicherheit eine weitere Gelegenheit abwarten könnt. Dann dampfe ich nach Rhodos und kehre, sobald ich ihn sehe, um, als ob ich fliehen wolle. Er wird schnell hinter mir her sein, und ich beschäftige ihn so lange, bis Ihr in Sicherheit seid. Vor Allem aber müßt Ihr diesen Fischern ein Geschenk geben, damit sie nicht verrathen, daß wir hier gewesen sind.«

Auf einen Zuruf kam einer der Fischer auf dem kleinen Nachen, den sie anhängen hatten, herbei und erhielt seine Instruktion nebst dem Trinkgelde. Dann hielt der Franzose nach Karpathos hinüber, hinter dessen Vorgebirge er verschwand, um erst nach zwei Stunden wieder zu erscheinen und nun auf Rhodos zuzuhalten.

Kaum war der Hafen der Stadt in Sicht und der Franzose im Begriff, in denselben einzulaufen, so erschien die Yacht des Lords, deren Insassen nun ihres Fanges sicher zu sein wähnten. Aber der Franzose wendete sofort um und dampfte wieder zum Hafen hinaus, sich das Ansehen gebend, als ob er vor der Yacht die Flucht ergreife.

»Alle Teufel!« rief der Lord. Er geht uns wieder aus dem Garne! Was ist da zu thun?«

»Unangenehm, höchst unangenehm!« meinte Steinbach.

»Wenn der Hafen nicht so klein wäre, hätten wir uns verstecken können, bis er die Anker niedergelassen hätte! dann konnte er nicht wieder fort. Jetzt bleibt uns nichts Anderes übrig, als ihm abermals zu folgen.«

Also begann die Fahrt in westlicher Richtung von Neuem. Steinbach ahnte nicht, daß Diejenigen, welche er ergreifen wollte, bereits den Franzosen verlassen hatten. Er folgte diesem an Karpathos vorüber auf dem Kurse nach Kandia. Auf offener See war nichts zu thun; man mußte warten, bis der Franzose in einen Hafen lief.

So verging der Vor- und auch fast der ganze Nachmittag. Als der Abend herangekommen war, stoppte der Franzose die Maschine und drehte bei, die Yacht ganz nahe herankommen lassend.

Nach einer kurzen Berathung ließ Steinbach die kleine Jolle aussetzen und sich hinüber nach dem Franzosen rudern. Der Capitän desselben ließ auf Anrufen die Falltreppe nieder und empfing ihn, welcher Normann und Wallert mitgenommen hatte, mit übermäßiger und aber auch ironischer Höflichkeit.

Steinbach erklärte, wen er suche, und erhielt daraufhin die Erlaubniß, alle Räume des Schiffes zu durchforschen und die Gesuchten, falls er sie finde, in Gottes Namen mitzunehmen.

Diese Untersuchung nahm weit über eine Stunde in Anspruch. Nach Verlauf derselben hatte Steinbach die Ueberzeugung, daß die Betreffenden nicht mehr an Bord seien. Sie waren also jedenfalls irgendwo an das Land gesetzt worden.

Zuletzt befand er sich im Kohlenraume. Einer der Maschinisten führte ihn. Dieser hatte sich bisher ganz schweigsam verhalten, jetzt aber sagte er, indem er sich umblickte, um sich zu überzeugen, daß er nicht von Anderen gehört werde.

»Monsieur, Sie sind betrogen worden. Auch ich bin ein Franzose und liebe die Deutschen nicht; aber ich befand mich im Jahre 1871 als Kriegsgefangener in Deutschland und habe da eine so freundliche Behandlung genossen, daß ich aus Dankbarkeit dafür Ihnen mittheilen will, daß die Personen, welche Sie suchen, auf Karpathos ausgestiegen sind. Sie werden sie in dem Dorfe Arkassa finden, welches am südlichen Theile der Westküste dieser Insel liegt. Aber ich bitte Sie dringlichst, mich nicht zu verrathen!«

Steinbach streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Nehmen Sie meinen Dank, Monsieur! Nachdem ich mich überzeugt habe, daß die Personen nicht mehr an Bord sind, konnte ich auch ohne Ihre Mittheilung mit Sicherheit erwarten, daß sie nur auf Karpathos oder Kases ans Land gesetzt worden seien. Hoffentlich komme ich nicht zu spät dorthin.«

Er verließ mit dem Gefährten das Schiff. Der Franzose lachte laut und höhnisch hinter ihm her; als er aber sah, daß die Yacht sofort wendete und mit Volldampf zurückging, sagte er ärgerlich:

»Verdammte Kerls! Sie behalten die Nase doch fast auf der Fährte! Ich will nicht hoffen, daß sie ihr Wild doch noch erwischen!« – – –

*

Zweite Abtheilung
Der Fürst der Bleichgesichter

1. Capitel
Die Taube des Urwaldes
Fortsetzung 35

Es waren drei oder vier Jahre vor den bisher erzählten Begebenheiten, und es war auch in einem ganz anderen Lande, ja in einem ganz anderen Erdtheile, als an einem ziemlich warmen Frühlingsabende sich ein Bär langsam unter den viele hunderte Jahre alten Bäumen des Urwaldes fortbewegte. Ein Bär mußte es sein. Er ging leise, ganz nach der Art eines wilden Thieres, schien ziemlich dick und wohlgenährt zu sein und brummte zuweilen leise vor sich hin. Sein dunkles, zottiges Fell war kaum von der Umgebung, in welcher er sich bewegte, zu unterscheiden. Ein Europäer hätte ihn gar nicht einmal bemerkt. Es gehörte das scharfe, an das nächtliche Dunkel gewöhnte Auge eines Prairiejägers und Westmannes dazu, den unheimlichen Kerl zu entdecken. Aber gerade einem solchen Jäger wäre es sofort aufgefallen, daß dieser Bär nicht auf allen Vieren, sondern auf den Hinterfüßen ging. Auch knackt unter den schweren Pranken eines Bären zuweilen ein Zweig, auf den er tritt; hier aber ließ sich ein solches Geräusch nicht hören. Ferner pflegt der Bär kein Nachtthier zu sein; er ist kein Freund von nächtlichen Wanderungen, sondern er geht fein hübsch mit sinkender Nacht schlafen, wie es sich für ehrbare Leute schickt oder ziemt.

Dieser Bär mußte also eine sehr zwingende Veranlassung haben, so ganz gegen die Gewohnheiten von Seinesgleichen zu handeln. Jedenfalls beschäftigte er sich in seinen Gedanken sehr mit dem Zwecke seiner gegenwärtigen Excursion, denn er blieb je länger desto häufiger stehen und schüttelte immer verwunderter den Kopf. Dazu brummte er. Aber dieses Brummen wurde immer leiser und leiser. Es war ganz so, als ob Meister Petz hier irgend welchen Unrath wittere.

Eben jetzt blieb er stehen, schnüffelte in der Luft herum, schüttelte abermals den Kopf, machte mit den beiden Vorderpranken einige wunderliche Bewegungen und brummte dann sehr leise vor sich hin:

»Verdammt! Ich lasse mich fressen, wenn es hier nicht nach Rauch riecht!«

Er schnüffelte abermals und fuhr dann fort:

»Ja, es ist Rauch. Man hat ein Feuer gemacht, und zwar von dürrem Holze. Nasses Holz brennt anders und beißt der Rauch auch mehr in die Nase. Wo nimmt man hier in diesem alten Walde trockenes Holz her? Es hat verschiedene Tage lang geregnet. Der Geruch kommt von da rechts herüber, denn bei jedem Schritte dorthin wird er stärker. Wollen sehen!«

Er ging weiter.

Es war gewiß eigenthümlich, daß dieser Bär nicht nach Bären-, sondern nach Menschenart brummte, nämlich in richtigen Worten und Sätzen. Noch eigenthümlicher war es, daß in seinen Worten sich eine so scharfe Ueberlegung kund gab. Am Eigenthümlichsten aber war der Umstand, daß er ganz regelrecht in guter, deutscher Sprache brummte.

Er war kaum zwanzig kleine, kurze Schritte weiter gekommen, so blieb er abermals stehen, aber schnell, plötzlich, mit einem Rucke, mit einer heftigen Bewegung wie Einer, der über irgend etwas in sehr lebhafte Bewunderung gerieth.

»Sapperment! Was ist das? Rieche ich recht?«

Er begann wieder zu schnüffeln, aber sehr langsam und sorgfältig, wie ein Gourmand, ein Feinschmecker, welcher draußen auf der Straße vor einem halb offenen Küchenfenster vorübergeht und da unwillkürlich stehen bleibt und die Luft in die Nase zieht, um zu erfahren, ob da drinnen Schnitzel à la Wien oder Schnitzel à la Holstein gebraten werden.

»Wahrhaftig!« brummte er weiter. »Es riecht nach Fleisch, hier sitzt irgend Jemand beim Feuer und macht sich einen Braten. Und was für Braten ist es? Das muß ich wissen.«

Er schnoberte jetzt in langen, unhörbaren Zügen vor sich hin. Endlich schien er in's Reine gekommen zu sein, denn er brummte:

»Das ist kein Büffelfleisch, auch kein Peccari, auch kein Racoon, kein Hirsch, kein Reh, kein wildes Huhn: es ist überhaupt kein Wild. Es ist wohl das Allerzahmste, was es nur geben kann; denn ich will gefressen sein, wenn es nicht ein ganz gemeines Schaffleisch ist, dessen hundsgemeiner Duft mir die Nase verschimpfirt. Pfui Teufel! Hier im Urwalde Schöpsenfleisch essen! Entweder frißt da ein Schafskopf den anderen: das heißt, irgend ein dummer Kerl spielt den Jäger und hat kein Geschick dazu, oder es handelt sich um etwas Schlimmeres. Wollen sehen!«

Er schlich weiter, immer dem Geruch entgegen. Nach wieder einigen Schritten blieb er abermals stehen und schnüffelte. Dann kicherte er leise, so daß kaum er selbst es hören konnte, und sagte sich dabei:

»Hm! Ich bin der ehrsame Knopfmachergeselle Samuel Barth aus Herlasgrün in Sachsen, und als Sachse werde ich mich doch auf diesen Duft verstehen! Jetzt kocht sich der Kerl gar Kaffee! Na, wer hier Kaffee trinkt, der ist kein Indianerhäuptling. Ich glaube also nicht, daß – – verflucht!«

Bei dem letzten Worte, mit welchem er sein Selbstgespräch ganz plötzlich abschnitt, that er einen Sprung auf die Seite, den man seiner Leibesdickheit gar nicht zugetraut hätte, und duckte sich hinter den mächtigen Stamm einer tausendjährigen Buche nieder.

Weshalb that er das? O, er wußte sehr wohl, was er that, dieser Bär, welcher der deutschen Sprache so mächtig war und sich einen Knopfmachergesellen aus Herlasgrün in Sachsen nannte!

Nach wenigen Augenblicken war ein leises, leises Rauschen zu vernehmen, fast wie wenn ein Luftzug durch den Wald streicht. Dieses Geräusch näherte sich und fand sein Ende gerade vor der Buche, hinter welcher Samuel Barth steckte. Dann flüsterte Jemand in englischer Sprache und mit amerikanischem Jargon:

»Jetzt riecht man es deutlich.«

»Ja,« antwortete eine andere, ebenso leise Stimme. »Man macht sich einen Braten.«

»Wovon?«

»Hm! Der Geruch ist mir fatal. Ich glaube, man findet ihn nur da, wo gewisse Thiere, von deren Verstand man nicht viel hält, mit Lupinen gefüttert werden.«

»Also Schaf?«

»Ja, gewiß.«

»Ich bin derselben Ansicht. Aber, höre, mir kommt die Geschichte verdächtig vor. Schaffleisch im Urwalde!«

»Es ist gestohlen.«

»Natürlich! Wir haben es also mit Dieben zu thun.«

»Vielleicht mit noch schlimmeren Leuten.«

»O, es können auch Greenhorns sein!«

Greenhorn nennt nämlich der Prairiejäger einen Jeden, der ein Neuling ist und nichts versteht.

»Das glaube ich nicht,« meinte der Andere. Greenhorns giebt es hier an der Indianergrenze nicht. Wer hier im Walde steckt, der ist kein Neuling. Wann aber ißt ein erfahrener Jäger zahmes Fleisch?«

»Wenn er kein wildes hat!«

»Unsinn! Du weißt ebenso gut wie ich, was ich meine. Ein Jäger greift nur dann zu solcher Nahrung, wenn er sich scheut, Wild zu schießen, weil er durch den Schuß seine Anwesenheit verrathen würde. Wir haben es also mit Leuten zu thun, welche es nöthig haben, das Licht des Tages zu scheuen.«

»Danke für das jetzige Licht! Es ist so stark dunkel, daß ich kaum Dich ahnen kann. Riechst Du? Sie haben auch Kaffee!«

»Ja. Sie scheinen es sich gemüthlich zu machen.«

»Jedenfalls müssen wir wissen, mit wem wir es zu thun haben. Schleichen wir uns an!«

»Gut! Aber nicht schießen, wenn wir uns vielleicht wehren müssen! Das Bowiemesser ist besser – – Donnerwetter! Ein Bär! Das Messer heraus!«

Gerade als sie sich entfernen wollten, war der Bär vor ihnen aufgetaucht.

Wie bereits gesagt, das Auge eines Europäers hätte die unter dem Dache des Urwaldes herrschende, nächtliche Dunkelheit nicht einen Zoll weit zu durchdringen vermocht; diese Leute hier aber besaßen Augen, welche an die Finsterniß gewöhnt waren. Die Beiden, welche gesprochen hatten, mußten ausgereifte Jäger sein, denn Der, welcher den Bär zuerst bemerkt hatte, hatte trotzdem leise gesprochen. Ein Anderer hätte vor Schreck laut aufgeschrien und sich Denen, denen er nachforschen wollte, dadurch verrathen. Diese Beiden aber sprangen zwei Schritte zurück, rissen, ohne weiter einen Laut von sich zu geben, ihre Messer aus den Gürteln und wollten sich nun auf das Thier werfen, hörten aber zu ihrer größten Verwunderung die freundlichen Worte:

»Guten Abend, Mesch'schurs! Macht keinen Lärm eines Bären wegen! Auch könnt Ihr Eure Kneife wieder einstecken. Mein Schinken ist noch nicht saftig genug für solche Herren, wie Ihr seid.«

»Alle Donner!« antwortete der Eine. »Ein Mensch! Hört, Master, dankt Gott, daß wir nicht schneller waren, sonst säßen Euch jetzt unsere Klingen zwischen den Rippen!«

»Oder meine Klinge stäke Euch im Leibe!«

»Ihr sprecht ja wie ein Alter!«

»Bin auch nicht mehr gar zu jung.«

»Was thut Ihr hier?«

»Dasselbe, was Ihr thut. Ich will erfahren, wer da Schöps genießt und Kaffee dazu trinkt.«

»Seid Ihr ein Trapper?«

»Meistenteils. Ihr auch?«

»Ja. Also Ihr gehört nicht zu Denen dort, die nach Kaffee duften?«

»Gott bewahre. Dem alten Sam Barth fällt es gar nicht ein, sich da zu so einem – – –«

Er konnte nicht aussprechen, denn der Eine ergriff ihn rasch beim Arme und sagte:

»Donnerwetter! Sagtet Ihr nicht den Namen Sam Barth?«

»Ja. Eigentlich heißt es vollständig Samuel Barth.«

»Wollt Ihr etwa damit meinen, daß Ihr selbst dieser Sam Barth seid?«

»Was sonst? Oder haltet Ihr mich vielleicht für den Propheten Habakuk oder für den Kaiser Karl den Dicken?«

»Wirklich, wirklich? Ihr seid Barth? Welch ein Zusammentreffen! Des Nachts! Im Urwalde! Da treffen wir Euch, nach dessen Bekanntschaft wir uns geradezu gesehnt haben!«

»Gesehnt? Meint Ihr etwa, daß mich der Conditor gebacken hat, und Ihr könnt mich nun ablecken?«

»Ja, ja, Ihr seid Sam Barth. Das hört man ja. Ihr seid ja berühmt durch die Art und Weise, wie Ihr Euch auszudrücken pflegt.«

»Natürlich drücke ich mich aus, ich mich! Oder meint Ihr, daß ich mich von einem Anderen ausdrücken lasse?«

»Nein, das thut Ihr nicht. Das fällt Euch gar nicht ein. Aber, sagt uns nun einmal, woher Ihr kommt, wohin Ihr wollt, und was Ihr hier eigentlich thut!«

»Das sind gleich drei Fragen, viel zu umständlich für mich! Ihr wißt meinen Namen. Sagt mir zunächst einmal, ob Ihr auch einen habt, oder ob er Euch vielleicht abhanden gekommen ist?«

»Der Familienname thut nichts zur Sache. Mich nennt man Jim und hier meinen Bruder Tim.«

»Jim und Tim? Seid Ihr des Teufels?« fragte nun Sam Barth, seinerseits erstaunt.

»Worüber wundert Ihr Euch?«

»Hat Euer Vater vielleicht Master Snaker geheißen und Eure Mutter Ma'am Snaker?«

»Ja.«

»So will ich mich fressen lassen, wenn Ihr nicht die zwei Brüder Jim Snaker und Tim Snaker seid, welche zwischen dem Mississippi und der großen See als die besten Waldläufer bekannt sind!«

»Macht nicht so viel Summs mit uns! Ihr seid ja wenigstens ebenso gut bekannt wie wir.«

»Mag sein! Freut mich aber ungemein, hier im Walde so zu sagen mit der Nase auf Euch zu stoßen. Habe Euch längst gern sehen wollen.«

»Wir Euch auch. Wir hoffen, daß wir Freunde sein werden. Nicht?«

»Natürlich! Schlagt ein! Topp?«

Er hielt seine Rechte hin.

»Topp, topp!« antworteten sie, einschlagend.

Nun darf man aber nicht etwa denken, daß sie vor Ueberraschung auch nur ein lautes Wort gesprochen hätten. O nein. Sie waren sich bewußt, daß sie sich im Urwalde befanden, wo allüberall und an jedem Augenblick Gefahr droht. Ebenso wußten sie, daß sie im Begriff standen, Andere zu belauschen. Da durften sie natürlich nicht selbst gehört und entdeckt werden. Die ganze Unterhaltung war also vom ersten bis zum letzten Worte so leise geführt worden, daß in einer Entfernung von nur fünf Schritten Niemand geahnt hätte, daß hier drei Männer standen, die sich soeben zum ersten Male in ihrem Leben begegnet waren, und von denen zwei den Dritten für einen wirklichen, leibhaftigen Bären gehalten hatten, auf den sie im ersten Augenblicke mit den Messern losgehen wollten.

»So!« sagte Sam. »Gute Kameraden wollen und werden wir sein. Alles Andere ist jetzt unnütz. Wir haben zunächst nur daran zu denken, daß Leute in der Nähe sind, welche wir belauschen wollen. Später können wir dann auch über uns selbst sprechen. Gehen wir zusammen vor, oder thut das nur Einer?«

»Drei sind besser als Einer.«

»Einverstanden. Vorwärts also!«

Sie schlichen weiter, Einer hinter dem Anderen.

Der Wald bestand aus hochstämmigen Bäumen, welche in ziemlicher Entfernung von einander standen. Darum war es für diese drei erfahrenen Jäger leicht, vorwärts zu kommen. Bald zeigte sich ihnen aus der Ferne ein lichter Schein, welcher, je mehr sie sich ihm näherten, heller und heller wurde. Sam ging voran. Jetzt blieb er stehen, schnüffelte nach vorwärts und wendete sich dann mit der leisen Frage zurück:

»Riecht Ihr Etwas?«

»Ja,« meinte Jim. »Wisky.«

»Wisky? Nein. Ich lasse mich fressen, wenn das nicht Rum ist, guter, echter Rum von Jamaika herüber, oder aus so einer ähnlichen Gegend. Diese Sorte kenne ich genau.«

»Sie brauen sich nun gar Grog.«

»Ja. Die leben so gut, als ob sie heut Abend Hochzeit und Kindtaufe feierten. Sie mögen sehen, daß wir uns nicht etwa zu Gevatter laden!«

Er schritt weiter, und die Anderen folgten. Sie sahen nur den Schein des Feuers, nicht aber das Feuer selbst. Dieses Letztere brannte nämlich in einer langen, schmalen und ziemlich tiefen Bodensenkung, deren Rand die drei Jäger jetzt erreichten. Es war eine kleine Schlucht, mit Brombeergedorn und Farrenkraut bewachsen. Da unten lagerte eine Gesellschaft von Männern, welche ebenso verschiedene Gesichtsfarben zeigten, wie ihre Bekleidung und Bewaffnung eine verschiedene war. Es gab da Weiße, Neger, Mulatten, auch ein Indianer schien dabei zu sein.

Die Jäger hatten sich auf den weichen Boden gelegt und schoben sich auf dem Bauche vorwärts, bis sie mit ihren Köpfen den Rand der Bodensenkung erreichten und hinab blicken konnten.

»Hole sie der Teufel!« flüsterte Tim. »Diese Visagen lassen nichts Gutes vermuthen.«

»Nein,« pflichtete Sam Barth bei. »Ich sehe nichts als Galgengesichter. Wie dumm sie ihr Feuer brennen lassen. Das ist ja eine Flamme, an der man einen Büffel braten kann!«

»Gut für uns! Sie wissen sich sicher. Sie haben keine Wache ausgestellt und ahnen also gar nicht, daß sie hier belauscht werden können Zudem sprechen sie so laut, daß wir hier oben ein jedes Wort verstehen können. Prosit! Ich wollte, daß Du daran ersticktest!«

Damit meinte er einen der Männer, welcher sich mit seinem Lederbecher einen Schluck heißen Grog aus dem über dem Feuer hängenden eisernen Kessel geschöpft hatte und diesen Trank so glühend hinunter stürzte.

»Seht Ihr den Kessel?« fragte Sam. »Und seht Ihr das Schnapsfäßchen, welches zur Seite liegt?«

»Ja. Ich sehe auch die zwei todten Hammel, welche da drüben unter den Farren liegen.«

»Was folgt aus der Anwesenheit dieser Dinge?«

»Daß sie ihnen gut schmecken werden.«

»Auch! Ich meine etwas Anderes und für uns viel Wichtigeres. Glaubt Ihr, daß diese Leute den Kessel, das Fäßchen und die geschlachteten Schafböcke auf ihren Schultern herbei getragen haben?«

»Gewiß nicht.«

»Nein. Per Eisenbahn können sie sie auch nicht transportirt haben, folglich ist nur das Eine zu vermuthen, daß sie Pferde bei sich haben.«

»Ich sehe aber keins.«

»Aber ich sehe, daß die Kerls Sporen an den Füßen haben. Das ist ebenso gut, als ob ich die Pferde selbst sehe. Jedenfalls haben sie die Thiere in einiger Entfernung von hier angehobbelt. Wollen uns in Acht nehmen, ihnen zu nahe zu kommen, sonst schnauben sie und verrathen uns dadurch. Horcht!«

Diese letztere Aufforderung hatte ihren guten Grund, denn einer der Männer, welcher der Anführer zu sein schien, begann gerade jetzt, sehr laut zu sprechen.

»Man könnte dabei auswachsen,« sagte er. »Unsere Spione könnten längst wieder da sein. Von hier bis Wilkinsfield kommt man sehr leicht in vier Stunden, und beim Morgengrauen sind sie aufgebrochen.«

»Sie werden ihre Sache möglichst gut machen wollen,« meinte ein Anderer. »Vielleicht wollen sie sogar dem alten Wilkins in den Geldschrank gucken, um genau zu erfahren, wie viel er drin hat.«

»O, der hat genug darin; das weiß ich. Ich habe die Kerls nur hingesandt, um zu erfahren, ob er jetzt da ist. Er geht oft nach St. Louis oder nach New-Orleans. In diesem Falle machten wir kein Geschäft.«

»Da hätte er doch wohl das Mädchen mit,« meinte ein ziemlich junger Mulatte.

»Du scheinst Dich ganz besonders für dasselbe zu interessiren, mehr noch als für das Geld!«

»Was thue ich mit dem Gelde? Ein schönes Mädchen ist mir lieber, besonders ein solches, welches wegen seiner Schönheit die Taube des Urwaldes genannt wird. Auch sollen einige hübsche Negerinnen da sein.«

»Davon magst Du Dir getrost eine aussuchen. Die Taube aber ist nicht für Dich ausgebrütet worden. Da laß Dir nur den Appetit vergehen. Horch!«

Ein lauter Pfiff ertönte aus der Ferne.

»Sie sind es. Sie kommen,« sagte der Anführer.

Alle seine Leute zeigten jetzt, wie sehr sie auf die Nahenden gewartet hatten. Theils wendeten sie sich nach der Gegend, aus welcher das Signal gekommen war, theils sprangen sie sogar auf, um die Kommenden in dieser Stellung zu empfangen.

»Der Pfiff kam von unserer Seite,« sagte der dicke Sam. »Schnell zurück, um uns zu verstecken, damit wir nicht etwa bemerkt werden!«

Sie krochen eine Strecke zurück, wo zwei nicht gar zu starke Linden standen. Jim und Tim waren im Augenblicke hinauf. Sie schienen wie die Eichkätzchen klettern zu können. Sam aber steckte sich hinter einen dicken Stamm, der ihm Sicherheit gewährte.

Nach wenigen Secunden hörte man die Schritte zweier Männer, welche zwischen den Bäumen daherkamen und dann in der Schlucht verschwanden. Dort wurden laute, bewillkommende und fragende Stimmen laut. Im nächsten Augenblicke standen Jim und Tim wieder bei Sam.

»Dumme Kerls!« meinte der Letztere. »Brauchen nicht die geringste Vorsicht! Die Zwei kamen getratscht wie Büffelochsen. Die werden in all ihrem Leben nicht gescheidt. Kommt! Wir müssen weiter hören.«

Sie krochen wieder bis an den Rand der Schlucht hin. Die beiden Neuangekommenen hatten sich mittlerweile an das Feuer gesetzt und ihre Messer hervorgezogen, mit denen sie sich große Stücke Fleisches von dem am Spieße steckenden Hammel schnitten.

»Nun,« fragte der Anführer. »Habt Ihr gute Erfolge aufzuweisen?«

»Sehr gute,« lautete die Antwort. »Wir haben bei Wilkins zu Mittag gespeist.«

»Ah! Das ist gut. Als was habt Ihr Euch ausgegeben?«

»Einwanderer aus dem Osten. Wir sind hier, um uns das Land anzusehen und uns genügenden Falles anzukaufen.«

»Sehr gut. War Wilkins selbst da?«

»Ja. Nächste Woche aber verreist er.«

»Seine Tochter?«

»Auch die Taube des Urwaldes war anwesend. Bei allen zehntausend Teufeln, dieses Mädchen ist ein wahres Weltwunder. Ihr werdet Alle verrückt auf sie sein. Es geht gar nicht anders. Sie darf Keinem allein gehören, sonst findet Mord und Todtschlag statt. Wir heirathen sie alle zusammen. Einer nach dem Andern, nach dem Loose.«

»Wartet das ganz ruhig ab! Wie steht es mit dem deutschen Aufseher?«

»Dieser Wächter Adler ist noch da. Man munkelt, daß er von gutem, altem, deutschem Adel sein soll.«

»Er wird bald ausgeadelt haben. Vor zwei Jahren, als wir der Pflanzung unseren ersten und letzten Besuch machten, hat er meinen Bruder erschossen. Jetzt wird er es büßen.«

»Wir schießen ihn nieder.«

»O nein. Das wäre zu wenig. Wir fangen ihn lebendig, um ihn aus allen Kräften zu chikaniren. Wir werden uns schon ein Mittel aussinnen, welches geeignet ist, ihm zu zeigen, was es zu bedeuten hat, den Bruder des rothen Burkers todt zu schießen.«

»Ein Mittel aussinnen?« lachte ein roh aussehender, vollbärtiger Kerl. »Das ist gar nicht nöthig. Ich weiß ein ganz vortreffliches. Ich wollte einst mit einigen Kameraden einem reichen Squatter einige Pferde wegnehmen und erhielt dabei von einem seiner Hirten einen Schuß in den Arm. Dafür haben wir den Kerl nackt ausgezogen, dick mit Honig beschmiert und in der Nähe einer großen Ameisenansiedelung an einen Baum gebunden. In zehn Minuten war er so mit Ameisen bedeckt, daß er völlig schwarz aussah, und als wir zwei Wochen später wieder an dieser Stelle vorüberkamen, war nur noch sein Skelett vorhanden. Die Insecten hatten ihn bis auf die Knochen aufgefressen.«

Die Zuhörer lachten bei diesem schauderhaften Bericht und der Anführer sagte:

»Dieser Gedanke ist köstlich. Wenn wir Honig finden, soll der Deutsche ebenso eingeschmiert werden. Ich freue mich königlich bei dem Gedanken, was er sagen wird, wenn die Ameisen ihm in Mund, Nase und Ohren dringen, ohne daß er sich wehren kann, wie sie ihm bei lebendigem Leibe die Augen ausfressen! Morgen Abend sind wir in Wilkinsfield. Nach Mitternacht werden wir zunächst die Neger massacriren; dann steigen wir in das Haus. Ich bin überzeugt, daß wir sehr gute Beute machen werden, dann – – –«

»Donnerwetter!« unterbrach ihn da Einer, welcher plötzlich nach seiner Büchse griff und aufsprang.

»Was hast Du, Holm?«

»Es fiel ein Stein von da oben herab, und als ich hinauf blickte, war es mir, als ob ich ein Gesicht gesehen hätte.«

»Wer sollte da sein! Aber Vorsicht ist immer gut. Sehen wir einmal nach!«

Die Kerls erhoben sich und stiegen rasch empor.

Jim hatte sich etwas zu weit über den Rand der Schlucht vorgebogen. Dabei war ein kleines Steinchen von seiner Unterlage gewichen und hinabgerollt.

»Verdammt!« flüsterte er. »Eilen wir zurück, sonst treffen sie uns!«

»Oder wir fassen sie!« antwortete der dicke Sam. »Ich fürchte mich vor diesen Kerls nicht; aber besser ist es immer, wenn sie gar nichts von uns bemerken.«

Die Drei erhoben sich und eilten fort. Erst nach einem längeren Laufe blieben sie stehen. Tim sagte besorgt:

»Sie werden doch nicht unsere Spuren bemerken!«

»Die?« lachte Sam. »Wie wollen sie sie bemerken? Es fiel ihnen gar nicht ein, einen Feuerbrand aufzugreifen. Sie liefen in das Dunkel hinein, und da würden selbst wir nichts sehen können. Also der rothe Burkers ist der Hallunke! Habt Ihr von ihm gehört?«

»Natürlich. Er ist der Anführer einer Bande von Buscheaders (Buschklepper), welche sich mit Einbrüchen und Pferdediebstählen beschäftigt. Leider ist es noch nie gelungen, ihn zu ergreifen.«

»So wird es jetzt gelingen. Wir müssen natürlich nach Wilkinsfield, um den Besitzer und den deutschen Aufseher Adler, den sie von den Ameisen fressen lassen wollen, zu warnen. Wir haben uns zwar rasch zurückziehen müssen; die Hauptsache aber haben wir doch erfahren. Ich hoffe, daß Ihr mitgeht?«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Unterwegens können wir ja ein Wenig von uns selbst sprechen. Morgen nach Mitternacht soll der Tanz losgehen, und vier Stunden haben wir zu laufen bis wir hinkommen; wir haben also viel, viel Zeit übrig. Wollen wir gleich jetzt, noch in der Nacht, hin, oder warten wir bis früh?«

»Warum in der dunkeln Nacht durch den Urwald laufen, wenn wir auch morgen noch zeitig genug kommen?« meinte Jim. »Ich schlage vor, wie lagern im Forste.«

»Aber doch nicht hier!« warnte sein Bruder. »Wir dürfen uns doch nicht von den Buscheaders treffen lassen.«

»Warum sollten sie uns treffen? Es ist ja finster. Feuer brauchen wir nicht anzubrennen, da wir von unserem letzten Lager her noch einige Stücke Hirschrücken haben. Es ist jedenfalls besser, wir bleiben in der Nähe dieser Kerls, damit wir sie beobachten können.«

»Ist nicht nöthig,« meinte Sam Barth. »Diese Hallunken sind zwar weit entfernt, gute Westmänner zu sein, wie wir aus der ganzen Art und Weise ihres Lagers ersehen haben, aber wenn sie am Morgen aufbrechen und zufälliger Weise an dem Orte vorüber kommen, an welchem wir geblieben sind, so müßten sie blind sein, wenn sie nicht bemerkten, daß da Jemand gelagert und sie beobachtet habe. Was wir wissen müssen, haben wir ja erfahren; alles Andere können wir uns denken. Ich gebe auch zu, daß wir erst nächsten Morgen aufzubrechen brauchen; aber hier in der Nähe der Buschklepper zu bleiben, das halte ich denn doch nicht für gerathen. Gehen wir also jetzt weiter, bis wir einen passenden Ort finden, an welchem wir schnarchen können, ohne von ihnen gehört zu werden. Da können wir uns auch ein Feuer anbrennen.«

»Davon rathe ich ab,« sagte Jim. »Das Feuer könnte uns verrathen, und das müssen wir vermeiden.«

»Pshaw!« lachte Sam. »Wir befinden uns in der Nähe großer Niederlassungen und nicht im Indianergebiet. Hier ist es doch nicht so gefährlich. Uebrigens haben wir Drei ein gutes Gewissen, und können uns ehrlich in die Gesichter schauen; warum also wollen wir da im Dunkeln sitzen? Uebrigens haben wir uns noch niemals gesehen und uns heute zum ersten Mal getroffen. Da möchte ich Euch doch einmal in die Visage gucken, und das kann ich nur dann, wenn wir uns ein Feuerchen anbrennen. Wollt Ihr mir diese Freude etwa verderben, he?«

»Wenn Ihr so darauf versessen seid, meine Nase einmal zu sehen,« lachte Tim, »so will ich Euch dieses Vergnügen sehr gern gönnen. Habt Ihr denn gute Augen?«

»Ich denke es.«

»Nun, so bin ich neugierig, ob Ihr die Nase findet. Es hat sich schon Mancher Mühe gegeben, sie zu sehen, und es ist ihm nicht gelungen. Vielleicht bringt Ihr es besser fertig, und das sollte mich herzlich freuen. Gehen wir von hier aus jetzt gerade nach Norden, so erinnere ich mich, daß es dort einen Wasserlauf giebt, an welchem die Bäume zurück treten. Dort steht dieses Gebüsch, welches den Schein unseres Feuers verdecken wird. Dort können wir uns lagern. Mosquito's haben wir nicht zu fürchten. Die lieben zwar die Nähe des Wassers; aber wir stehen ja noch im zeitigen Frühjahre, wo diese Landplage noch nicht so gang und gäbe ist. Kommt also!«

Er schritt voran, und die beiden Anderen folgten. Es war stockdunkel; sie konnten einander nicht sehen; aber die zwei Genannten folgten Tim nach dem Gehör. Keiner der drei Männer stieß an einen Baum oder that einen Fehltritt. Durch die langjährige Uebung schärfen sich die Sinne eines Waldläufers ebenso wie diejenigen eines wilden Thieres. Dazu bildet sich ein gewisses Etwas, ein Ahnungsvermögen, eine Art Instinct aus, welcher den Jäger eine Gefahr, so zu sagen, bereits von Weitem »wittern« läßt. Es ist geradezu erstaunlich, was so ein Mann zu leisten vermag. Ein halb Wilder, vielleicht sogar ein dreiviertel Verwildeter, geht er als Pionier der Civilisation voran und ebnet mit seinen rohen Mitteln der Bildung den Weg, nach dem wilden Westen vorzudringen. Von lauernden Gefahren stets umgeben, hat das Leben für ihn einen so geringen Werth, daß er es bei einer verhältnißmäßigen Geringfügigkeit in die Schanze schlägt, und doch weiß er es mit einer List und einer Verwegenheit, mit einem Scharfsinne, einem Muthe und einer Ausdauer zu vertheidigen, von denen der Europäer gar keine Ahnung hat. Ein verdienter Offizier des Festlandes, welcher zehn Feldzüge mit Auszeichnung mitgemacht hat, hat vielleicht das nicht erlebt, was so ein einfacher, in Lumpen herumlaufender Westmann in einem halben Jahre erlebt hat.

Die drei Männer waren ungefähr eine Viertelstunde lang vorwärts geschritten, als sie das Geräusch fließenden Wassers hörten.

»Da ist der Fluß,« sagte Tim. »Halten wir uns ein Wenig rechts, so kommen wir an Buschwerk.«

Er hatte Recht. Bald traten die Bäume zurück. Das dichte Laubdach öffnete sich, und nun waren die Sterne des Himmels zu sehen. Die Prairie-Jäger standen in Mitten eines dichten Buschwerkes, durch welches sich die Fluthen wälzten. Sie blickten sich um, so gut es der Schein der Sterne erlaubte.

»Schau!« sagte Tim. »Dort liegt ein Baum, den der Sturm umgelegt hat. Das giebt vielleicht dürres Feuerholz. Laßt uns einmal sehen!«

Seine Hoffnung wurde nicht betrogen. Die Aeste und Zweige des Baumes waren vollständig ausgetrocknet, und die beiden Brüder begannen sofort, mit ihren Bowiemesser sich Feuermaterial loszuschneiden.

»Dumm, daß man so verschwiegen thun muß!« brummte Sam Barth. »Habe da einen sehr guten Tomahawk, mit dem ich große Stücke loshauen könnte, aber das würde gehört werden. Mit dem Messer macht es mehr Mühe und geht langsamer.«

»Von wem habt Ihr diesen Tomahawk?« fragte Tim. »Ist er auf Eurem eigenen Grund und Boden gewachsen, oder habt Ihr ihn irgendwo gefunden?«

»Gefunden? Seid Ihr toll? Glaubt Ihr, daß Sam Barth der Mann ist, ein indianisches Kriegsbeil in seinen Gürtel zu stecken, welches er sich nicht gut verdient hat? Oho! Dieser Tomahawk ist ehrlich erkämpft. Er war das Eigenthum eines Comanchenhäuptlings. Ich gab ihm mit dem Gewehrkolben Eins auf den Kopf, daß er vor Verwunderung darüber das Leben fahren ließ. Ich ließ ihn liegen; den Tomahawk aber nahm ich mit. Wer mit meiner Auguste in Berührung kommt, mit dem steht es sicherlich Matthäi am Letzten.«

»Auguste?«

»Ja.«

»Wer ist dieses Frauenzimmer?«

»Frauenzimmer? Hihihihi!« kicherte er. »Auguste ein Frauenzimmer! Na, machen wir erst ein Feuer, damit wir etwas sehen können; dann will ich Euch diese Auguste, dieses Frauenzimmer zeigen.«

Sie hatten bald mehrere Arme voll trockener Aeste zusammen und drangen damit in das Dickicht ein. In dem Innern desselben fanden sie ein kleines, freies, mit Gras bewachsenes Plätzchen, gerade groß genug, daß drei Personen sich um ein kleines Feuer lagern konnten. Dort beschlossen sie, die Nacht zuzubringen.

In einigen Minuten brannte das Feuer, aber von so wenig Holz genährt, daß der Schein der Flamme nicht durch und über die Büsche hinausdringen konnte. Jetzt nun konnten sich die neuen Bekannten genau betrachten. Sie thaten es und – – lachten einander unwillkürlich in die Gesichter. Jeder von ihnen bot einen Anblick, welcher geeignet war, die Lachlust zu reizen.

Sam Barth war ein kleiner aber außerordentlich dicker Kerl. Sein ganzer Anzug bestand aus einem einzigen Felle des grauen Bären, welches er sich selbst zurecht geschnitten und nach Indianersitte mit Hirschsehnen zusammen genäht hatte. Hose, Weste und Aermel hingen zusammen. Die Aermel bestanden ganz einfach aus dem Felle der Vorderpranken des Bären. Der Pelz ging nach Außen. Nur bei den Stiefeln, die er sich auch selbst gefertigt hatte, waren die Haare nach Innen gerichtet. Seine Kopfbedeckung bestand aus einer Mütze, welche er sich aus der Kopfhaut des Bären bereitet hatte. So war es also sehr leicht, zumal des Nachts, ihn für einen Bären zu halten.

Um den dicken Bauch hatte er als Gürtel ein langes, fünffach geflochtenes Lasso geschlungen. In diesem steckte der Tomahawk und das Bowiemesser, und daran hingen auch noch allerhand andere Sachen: eine Tabakspfeife, einige Lederbeutel mit Schrot, Pulver, Tabak, Kaffee, eine blecherne Büchse, welche als Schüssel, Topf und Tasse gebraucht werden konnte, ein paar Hufeisen und weitere Kleinigkeiten, bei deren ersten Anblick man noch gar nicht zu sagen vermochte, wozu sie bestimmt seien.

»'sdeath!'« lachte Tim. »Da ist es freilich kein Wunder, daß wir Euch für einen Grizzly hielten und mit den Messern auf Euch los wollten.«

Der Grizzly ist nämlich der graue, amerikanische Bär, welcher auf den Hinterfüßen stehend, neun Fuß hoch ist, ein furchtbares, vielleicht das allerfurchtbarste Raubthier der Erde.

»Ich und ein Grizzly!« lachte Sam. »Seid Ihr toll!«

»Na, seht Ihr etwa nicht so aus?«

»Was geht mich das Aussehen an! Ich habe sehr viel Gutes und Rühmliches von Euch gehört. Auch ohne Euch gesehen zu haben, hielt ich Euch für tüchtige Kerls. Und nun redet Ihr wie die dümmsten Sonntagsjäger!«

»Oho, Master Barth!«

»Ja. Wir sind hier in der Nähe von Fort Smith und von der guten Stadt Van Buren. Wo soll denn da ein grauer Bär herkommen? Das ist ja gerade ein solcher Unsinn, daß Ihr in Eurem Kopfe ein Nest mit Walfischeiern hättet.«

»Verdammt! Ihr habt Recht. Das war allerdings ein sehr dummer Streich von uns. Aber Ihr hattet ganz und gar das Aussehen eines Bärenhäuptlings, welcher sich bei Nacht durch den Wald schleicht, um seiner Herzallerliebsten ein Ständchen zu bringen. Unser Irrthum ist also wohl zu entschuldigen. Aber hört, diese Kleidung ist sehr gefährlich für Euch!«

»Wieso?«

»Nun, Ihr könnt von Anderen ebenso wie von uns für einen Master Petz gehalten werden und also sehr leicht eine Kugel in den Leib bekommen.«

»Pah! Der Kerl müßte blind sein! Uebrigens müßte ich mich auch gerade dahin stellen, wo er seine Flinte hinhält, und das thue ich doch wohl nicht. Aber hört einmal, Master Jim Snaker, Ihr lacht über mich, und da habt Ihr sehr Recht, denn ich bin ein braver, lustiger Kerl; wer aber Euch ansieht, der möchte vor Wehmuth und Erbarmen die bittersten Thränen vergießen.«

»Wieso?«

»Wieso fragt Ihr? Habt Ihr Euch denn noch niemals in den Spiegel gesehen?«

»Es ist zwölf oder fünfzehn Jahre her, daß ich einmal vor einem solchen Dinge gestanden habe.«

»Aber in's Wasser habt Ihr geguckt?«

»Nicht nur geguckt; ich bin sogar verschiedene Male hinein gestürzt, so daß es mir um mich angst und bange hätte werden können.«

»Habt Ihr denn da Euer Bildniß nicht einmal gesehen?«

»Verschiedene Male.«

»Nun, was sagt Ihr dazu?«

»Daß ich ein prächtiger Kerl bin?«

»Ja, ein brechtiger Kerl, nämlich entweder zum Brechen oder zum Zerbrechen, verstanden, he!«

»Oho! Wollt Ihr mich auslachen?«

»Nein, ganz und gar nicht. Ich habe doch bereits gesagt, daß ich mich aus Mitleid in die bitterste Thränenfluth auflösen möchte. So eine jammervolle Gestalt, wie Ihr seid, habe ich noch nie gesehen. Schaut Euch einmal meine Backen an! Sind sie nicht so dick, so voll und roth, wie zwei geräucherte Schweineschinken, zwischen denen sich mein Näschen ausnimmt, wie das Schwanzstümpfchen eines coupirten Affenpintschers?«

»Ja, das ist sehr richtig!« lachte Jim.

»Nun, wo habt Ihr denn Eure Wangen oder Backen? Sie sind Euch, scheint es, hineingefallen, und Ihr habt sie aus Versehen mit hinuntergeschluckt. Und nun gar die Nase! Sakkerment! Wo ist denn die Euch abhanden gekommen, Master Jim?«

Unter gebildeten Kreisen ist es geradezu unmöglich, sich über die körperlichen Gebrechen Anderer lustig zu machen; im fernen Westen aber giebt es wetterharte, ausgepichte Charactere, die bei einem feinen Witze nicht den Mund verziehen würden. Da ist Alles derb, und nichts wird übel genommen, nämlich wenn es nicht aus dem Munde eines persönlich unangenehmen Menschen kommt. Ein Jeder lacht da über sich selbst gern mit.

Und von diesem Gesichtspunkte aus war der Anblick Jim's allerdings zum Lachen. Er war unendlich lang und hager, gerade wie sein Bruder auch. Auf diesem spindeldürren Leibe schlotterte der weite Militärüberrock eines amerikanischen Offiziers. Die Lederhosen, welche unter diesem Uniformrocke zum Vorschein kamen, waren in ihren, unteren Theilen wohl so defect und zerrissen gewesen, daß der Besitzer es für das Bequemste gehalten hatte, sie kurz über den Knieen abzuschneiden. Darum zeigte er jetzt die nackten, braungebrannten, scelettartigen Unterschenkel bis herab zu den Füßen, welche in riesigen Holzschuhen steckten.

Auf dem Kopfe hatte er ein Ding getragen, welches früher einmal ein Filzhut gewesen war; aber es war ihm die Krämpe so vollständig verloren gegangen, daß die Kopfbedeckung jetzt jenen Näpfchen glich, in welchen die deutschen Bauerweiber ihrem Quark die bekannte Form zu geben pflegen. Jetzt, in diesem Augenblicke, hatte er diese Kopfbedeckung abgenommen, und da zeigte sich der Schädel so vollständig glatt und kahl, daß man selbst mit dem Vergrößerungsglase kein einziges, einsames Härchen oder Fäserchen gefunden hätte.

Die Nase fehlte, jedenfalls nicht in Folge eines Geburtsfehlers, denn die Stelle, an welcher sie hätte anwesend sein sollen, zeigte die deutlichen Spuren einer Gewaltthätigkeit. Die Stelle war blutroth und geschwollen.

Sein Bruder Tim war, wie bereits bemerkt, ebenso lang und hager, aber er hatte eine Nase, und was für eine! Sie glich einem Geierschnabel zum Verwechseln. Dünn und spitz, scharf gebaut und gebogen, von Hitze, Wind und Wetter ausgegerbt und ausgetrocknet, schien sie wirklich aus Horn zu bestehen, ganz wie der Schnabel eines Raubvogels.

Seine Kleidung war fast noch sonderbarer als diejenige des guten Jim. Sein spindeldürrer Leib steckte nämlich in einem schwarzen – – Priesterrocke, welcher nichts weiter sehen ließ, als die untere Hälfte der riesigen büffelledernen Stiefel. Auf dem Kopfe trug Tim einen Reiterhelm mit Pferde-Haarbusch.

Beide Brüder waren gleich bewaffnet, nämlich mit Büchse und Bowiemesser.

Solche Jägergestalten existiren nicht etwa nur in der Phantasie eines Romanschreibers. O nein! Sie laufen und reiten zu Hunderten und aber Hunderten im westlichen Urwalde und der Prairie herum.

Ein Westmann geht ganz wohl ausgerüstet nach den finsteren und blutigen Gründen, wie die wilden Gegenden genannt werden. Bald ist sein Anzug verdorben und abgerissen. Er kann ihn nicht erneuern; er hat entweder keine Gelegenheit dazu, oder es fehlt ihm das Geld oder irgend ein Tauschmittel. Er ist also gezwungen, nach dem ersten Besten, was sich ihm bietet, zu greifen. Nach verhältnißmäßig kurzer Zeit besteht sein Anzug aus Stücken, welche er gefunden, besiegten Gegnern abgenommen oder wohl auch gar – – mitgenommen, das heißt gestohlen hat.

So war es auch bei Jim und Tim gewesen. Tim hatte aber zu seinem frommen Priesterrocke noch eine kostbare, in grellen Farben schimmernde Santillodecke bei sich, welche der Kenner sicherlich wenigstens auf fünfhundert Dollars taxirt hätte.

Als Jim nach seiner Nase gefragt wurde, zog er die Stirn in tiefe Falten, aber nicht etwa aus Zorn über die unzarte Frage, sondern jedenfalls weil er an das Ereigniß erinnert wurde, bei welchem er um den Schmuck und die Zierde seines Angesichtes gekommen war.

»Das ist eine verdammte Geschichte,« antwortete er. »Glaubt Ihr, Master Sam, daß man sie mir abgeschnitten hat?«

»Wenn Ihr es mir sagt, so muß ich es wohl glauben. Aber habt Ihr es Euch denn so ruhig gefallen lassen?«

»Könnt Ihr Euch wehren, wenn man Euch die Hände und Beine gefesselt hat, so daß Ihr bewegungslos daliegt wie ein Klotz, den man vom Baume geschnitten hat?«

»Dann freilich nicht. Aber gerächt habt Ihr Euch?«

»Könnt Ihr Euch rächen, wenn Euch das Wundfieber niederhält, so daß Wochen vergehen, ehe Ihr den Verstand wieder erlangt?«

»Donnerwetter! So waret Ihr auch anderweit verwundet?«

»Und ob! Ein Lungenschuß, vorn hinein und hinten wieder heraus.«

»Das ist dennoch Glück. Wäre die Kugel nicht hinten wieder heraus, so hättet Ihr daran glauben müssen.«

»Sehr richtig. Und dennoch wäre ich hinüber, wenn nicht Tim mich gewartet und gepflegt hätte, wie eine Mutter sich nicht besser für ihr Kind aufopfern kann.«

Er reichte mit einem liebevollen, dankbaren Blicke seinem Bruder die Hand. Dieser drückte sie herzlich und sagte, den Dank gerührt abweisend:

»Pshaw! Man thut seine Pflicht, weiter nichts! Du würdest noch viel mehr an mir thun.«

»Mehr zu thun ist gar nicht möglich! Ihr müßt nämlich wissen, Master Sam, daß ich in tiefster Einöde verwundet wurde, wo es keine Wohnung, keinen Menschen gab. Tim mußte eine Hütte bauen und Alles, Alles sein, Arzt, Pfleger, Ernährer, Tröster – ich will verdammt sein, wenn ich ihm das jemals vergesse!«

»Aber Ihr kennt doch wohl den Indsman, welcher Euch verwundete und im Gesicht verstümmelte?«

»Indsman? Ihr meint, daß es ein Indianer gewesen sei?«

»Natürlich. Ein Weißer wird doch einen Weißen nicht in dieser Art und Weise behandeln!«

»Da brummt Ihr geradeso wie die Kuh, welche noch nie die Pocken gehabt hat. Die größten Schufte des fernen Westens haben eine weiße Haut. Merkt Euch das! Wer im Osten nicht mehr bestehen kann, weil er die Polizei und die Gefängnisse zu fürchten hat, der geht nach dem Westen. So ist es!«

»Aber Ihr wißt den Namen der Kerls?«

»Auch nicht.«

»O wehe! Wie wollt Ihr da diese Sache quitt machen?«

»Das weiß ich auch nicht. Ich möchte Tag und Nacht beten, daß mir der Kerl wieder einmal vor die Augen kommen möchte. Dann ist er verloren.«

»So kennt Ihr sein Gesicht?«

»Ja, das kenne ich.«

»So ist doch noch Hoffnung, daß Ihr ihm die Geschichte heimzahlen könnt. Hatte er denn eine Rache an Euch?«

»Ganz und gar nicht. Ich befand mich mit Tim ganz allein auf der Biberjagd. Wir hatten sehr gute Geschäfte gemacht und eine ganze Menge Felle zusammen gebracht. Tim war fortgegangen, um irgend Etwas zu schießen, und ich erwartete ihn in jedem Augenblicke zurück; aber statt seiner kamen zwei Andere, weiße Jäger, welche unsere Spuren gefunden hatten. Sie ließen sich bei mir nieder. Ich nahm sie gut auf, gab ihnen zu essen und zu trinken und antwortete auf ihre Fragen so viel, wie es mir möglich war. Plötzlich hob der Eine seine Büchse und schoß auf mich. Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam kauerte Tim bei mir. Er hatte mich verbunden. Unsere Pferde waren fort, unsere Felle auch und meine Nase dazu. Sie hatten sie mir abgeschnitten.«

»Verdammt! Zur Verfolgung gab es leider keine Zeit.«

»Nein. Wir mußten sie entkommen lassen. Ich verlor das Bewußtsein abermals und erhielt es erst nach langen Wochen wieder. Tim mußte natürlich bei mir bleiben. So entkamen diese Hallunken.«

»Eine schmähliche Bande! Ich möchte es Euch von Herzen gönnen, daß sie Euch einmal begegneten.«

»Das ist mein heißester Wunsch. Ich würde Ihnen den Streich heimzahlen, daß sie daran denken sollten. Aber während dieser Geschichte vergessen wir ganz, daß Ihr uns etwas zu sagen habt.«

»Ich Euch?«

»Ja. Ihr redet doch von Eurer Auguste.«

»Ah, die Auguste! Ja, das ist wahr.«

»Meint Ihr etwa Eure Frau oder Eure Schwester oder gar Eure Geliebte?«

»Geliebte? Hm! Wo sollte bei meinen vierundfünfzig Jahren eine Geliebte herkommen!«

»Na, eine graue Bärin!« lachte Jim.

»Hat sich was! Ich danke für eine solche Umarmung! Die, deren Pelz ich jetzt auf dein Leibe trage, hat mich warm genug gemacht. Es war nämlich eine Sie und nicht ein Er. Und dennoch habt Ihr gar nicht so schlecht gerathen, denn die Auguste war wirklich meine Geliebte.«

»Ah! Also doch!«

»Ja. Aber das ist dreißig und etliche Jahre her. Ihr müßt nämlich wissen, daß ich ein Deutscher bin.«

»Na, das ist gerade keine Schande für Euch!«

»Sollte auch Niemand etwa behaupten! Ich wollte ihn schnell curiren. Ich bin Sachse.«

»Noch besser. Die Sachsen sind gute Menschen. Sie thun nicht leicht Jemandem Etwas.«

»Ja, wir sind gemüthlich, zumal oben im Voigtlande. Ich bin nämlich in Herlasgrün geboren.«

»Diese Metropole kenne ich nicht.«

»Metrum hat sie, aber Pole nicht; die liegen im Norden und Süden der Erdkugel. Ich war ein tüchtiger Knopfmachergeselle, ein Kerlchen wie Milch und Blut, hübsch, klug und verständig, im höchsten Grade liebenswürdig, und wo ich mich nur sehen ließ, da waren die Mädels ganz paff auf mich.«

»Oho!«

»Wahrhaftig! Ich könnte es sofort mit tausend körperlichen Zeugeneiden beschwören. Ich schneide nicht etwa auf, sondern es war wirklich so; aber das sind Gottesgaben, auf die man nicht stolz sein darf. Die Mädels hatten es wirklich alle auf mich abgesehen. Da könnt Ihr Euch denken, daß mir die Nase so ziemlich hoch stand.«

»Jetzt steht sie desto tiefer, nämlich zwischen den dicken Backen drin!«

»Ja, sie hat sich mit der Zeit zurückgezogen. Also, wem die Liebe so zu sagen von allen Seiten auf dem Präsentirteller entgegen gebracht wird, der wird sehr leicht wählerisch. Das war auch bei mir der Fall. Ich wollte etwas Vornehmes.«

»Ist's Euch gelungen?«

»Ja. Ich ging nämlich einmal auf die Kirmse nach Ruppertsgrün – Ihr müßt nämlich wissen, daß dort im Voigtlande die meisten Orte ein grün hinten dran haben – dort sah ich Eine, die war ganz nach meinem Geschmacke. Ihr Vater war Landwirth. Er hatte ein Pferd, vier Kühe, drei Schweine, zwei Ziegen, ein Dutzend Hühner, sechs Stück Gänse, zwei Enten, und wenn ich mich nicht irre, hielt er sich gar auch noch Tauben, Karnickel und einen Bienenstock. Dieses Vermögen stach mir in die Augen, denn sie war die einzige Tochter. Sie hatte zwar einige Blattergruben im Gesicht, aber die gaben ihr einen so recht wehmüthigen, wohlthuenden, mitleidigen Anstrich, so daß ich sofort dachte: Diese oder Keine. Natürlich hieß sie Auguste.«

»Jetzt kommt sie!« lachte Tim.

»Ja. da ist sie! Sie war auch ganz glücklich, daß ich ihr meine liebevolle Verehrung widmend zu Füßen legte, und als ich sie fragte, ob ich sie noch dem Commerzienrathsball nach Hause führen dürfe, antwortete sie, daß es das größte Glück ihres Lebens sein werde, an meiner Seite nach ihrer heimathlichen Hausthür zu säußeln.«

»Das war sehr hübsch ausgedrückt!«

»Ja, die Gustel hatte immer so etwas poetisch Ergreifendes in ihrem ganzen Wesen. Und ich hatte natürlich das richtige Verständniß dafür. Es überkommt mich allemal eine tiefe Wehmuth, wenn ich an jene Zeit des süßen Hoffens aus Schiller's Glocke denke. Es geht nichts über die Liebe. Sie ist ewig, wenn sie auch manchen Menschen umbringt.«

»Na, Euch wenigstens hat sie nicht umgebracht.«

»Nein; aber gewürgt hat sie mich gehörig.«

»Wie ist das zugegangen?«

»Das kam folgendermaßen: Natürlich lief ich alle Abende von Herlasgrün nach Ruppertsgrün. Die Auguste war so zärtlich, so feurig, ich war auch liebevoll und glühend, und so paßten wir eben sehr gut für einander. Am meisten freute ich mich darüber, daß sie so außerordentlich praktisch war. Was sie sagte und was sie that, das hatte den richtigen Schmiß, jedes Wort von ihr traf den Nagel auf den Kopf. Kurz und gut, wir waren ein Paar, als wären wir von den Tauben zusammen getragen worden. Aber die Geschichte hatte doch ihren Haken.«

»Ah! Welchen?«

»Ihr Vater wollte nicht.«

»O weh! Und ihre Mutter?«

»Die wollte erst recht nicht.«

»Doppelt schlimm!«

»Ja, die Auguste sollte etwas Vornehmes bringen, keinen Knopfmacher, sondern einen Angestellten, einen Beamten, so etwa einen Lehrer oder einen Briefträger, oder einen Weichensteller. Dort geht nämlich die Bahn nach Plauen vorüber und da giebt es Weichensteller genug. Da ich aber nun kein Beamter war, so war unsere Liebe eine sehr stille. Ich sprang über den Zaun und stieg auf den Schweinestall. Da konnte ich gerade mit der Hand so weit in die Höhe reichen, daß sie mir die ihrige aus dem Kammerfenster heruntergeben konnte. Das waren die glücklichsten Momente meiner irdischen Wallfahrt. Können Sie sich das denken?«

»Sehr gut,« lachten die Beiden.

So ging das eine lange Zeit fort. Wenn nichts dazwischen gekommen wäre, so stände ich vielleicht noch jetzt alle Abende auf dem Schweinestalle und reckte die Finger in die Höhe. Aber da kam das Verhängniß in Gestalt eines jungen Canditaten des Schulamtes.«

»Was ist das?«

»Ein Canditat des Schulamtes war zu jener Zeit ein zwanzigjähriger junger Hilfsschulmeister mit einem jährlichen Gehalt von hundertundzwanzig Thalern, nebst zehn Neugroschen monatlich für's Orgelspielen und fünf Groschen für jede Leiche nach dem Gottesacker hinaus zu singen. Privatstunden gab er extra, die Stunde zu fünfzehn Pfennigen. Bei so einem Einkommen warf so ein Canditat seine Augen natürlich allemal auf ein reiches Mädchen, und der Betreffende, von welchem ich spreche, ließ die seinigen auf meine Auguste fallen.«

»Verteufelt unangenehm!«

»O, es war nicht nur unangenehm, sondern sogar sehr störend, denn eines schönen Abends, als ich kam und auf den Schweinestall klettern wollte, da stand er schon oben und fingerte ganz in derselben Weise, wie es eigentlich mein Monopol ganz allein hätte sein sollen, denn die Erfindung war von mir.«

»Und was thatet Ihr?«

»Was sollte ich thun? Ich war ganz desperat und fragte die Auguste, wer ihr lieber sei, er oder ich. Ich drang auf Entscheidung.«

»Und wie entschied sie sich?«

»Für ihren Guido. Er führte nämlich den schönen Namen Guido und weil ich nur Samuel hieß, so hatte er schon deshalb die Parthie gewonnen. Die Auguste war ja sehr poetisch veranlagt, wie ich bereits gesagt habe, und so ist es kein Wunder, daß ihr ein Guido lieber war als ein Samuel.«

»Habt Ihr Euch etwa ruhig gefügt?«

»Ruhig? O nein! Ich bin sehr unruhig nach Hause gegangen, nämlich nach Herlasgrün. Aber am anderen Tag, das war ein Sonntag, war ich Abends wieder in Ruppertsgrün. Ich traf sie auf dem Saale und stellte ihr die Sache vor. Sie hörte mir auch ganz bereitwillig und verständig zu und als ich fertig war, sagte sie mir nun auch ihre Gründe. Sie wollte es mit ihren Eltern nicht verderben und mit dem Schullehrer auch nicht. Mir war sie gut, ihn aber hatte sie lieb. Ich konnte ihr nicht ganz unrecht geben, aber ich sagte ihr in überströmender Wehmuth, daß ich nach Amerika gehen würde, wenn ich von ihr lassen müsse. Da zeigte es sich denn gleich, daß sie stets den Nagel auf den Kopf traf, denn sie war ganz einverstanden und bot mir gleich die vierundzwanzig Thaler, die sie sich gespart hatte, als Reisegeld an. Das tröstete mich. Am anderen Morgen schickte sie mir das Geld und ich schickte ihr einen Zettel mit dem Abschiedsverse:

Meine Gustel laß ich hier;
Samel's Geist weilt stets bei ihr.

»Das hattet Ihr selbst geschrieben?« fragte Tim.

»Nein. Gedichtet hatte ich es, denn meine Adern sind sehr poetisch: aber das Schreiben war meine starke Seite nicht, und so ging ich zu dem Schullehrer und ließ mir die beiden Zeilen in Canzleischrift auf einen Neujahrsbogen schreiben. Ich habe ihm zwanzig Pfennige dafür bezahlt.«

Die beiden Jäger mußten sich alle Mühe geben, nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen. Jim aber erkundigte sich:

»War das derselbe Lehrer, der auf dem Stalle gestanden hatte?«

»Ja.«

»Und dem, dem habt Ihr es schreiben lassen?«

»Warum nicht? Ich brauchte den Reim und er brauchte die zwanzig Pfennige. Zwei Tage später bin ich fort. Ich hatte mir auch ein Sümmchen gespart. Familie und Verwandte gab es nicht, die mich hätten festhalten können, ich hatte weder Kind noch Kegel, und so fuhr ich im Zwischendeck nach Amerika. Ich fuhr gleich bis Cincinnati, wo ich drei Monate arbeitete. Dann ging ich nach St. Louis, wo ich ein halbes Jahr blieb. Nachher verdingte ich mich als Fuhrmann bei einer Santa Fé Karawane. Da lernte ich den Westen und die Prairie kennen und habe mich auch nicht wieder zurückgesehnt.«

Er hatte die Geschichte seiner unglücklichen Liebe in ironischem Tone, sich selbst geißelnd, erzählt. Jetzt lachte er leise vor sich hin und fuhr fort:

»Das war meine erste und einzige Liebe. Und damit ich stets an sie erinnert werde, habe ich hier meiner Büchse den Namen Auguste gegeben. Auch sie ist glühend und feurig und auch sie trifft stets den Nagel auf den Kopf, wie die da drüben in Ruppertsgrün. Hier, seht sie Euch an!«

Er hielt den Beiden die Flinte hin. Das Gewehr hatte ein sehr eigenthümliches Aussehen. Es war jedenfalls Jahrzehnte lang nicht geputzt worden. Beim Zuschlagen mit dem Kolben waren verschiedene Stücke desselben abgebrochen und durch neue ersetzt worden, welche ein darumgelegtes eisernes Band zusammen hielt. Ein mit den westlichen Verhältnissen Unbekannter hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß aus diesem Gewehre ohne größte Lebensgefahr für den Schützen selbst ein Schuß abgefeuert werden könne. Aber der Prairiejäger weiß, was eine solche Waffe zu bedeuten hat und nimmt sie nur mit größter Ehrfurcht in die Hand.

Ein solches altes Schießeisen ist vielleicht früher eine prachtvolle Kentuckyrifle gewesen. Sie ist niemals aus der Hand ihres Besitzers gekommen, sie hat ihm hundert Male das Leben gerettet, aber sie ist im Laufe der Zeit und in den tausenderlei Gefahren, die sie mit ihm durchgemacht hat, ebenso oft wie er verwundet und beschädigt und immer wieder geflickt und ausgebessert worden. Der Besitzer hat sie studirt, er liebt sie, er mag keine andere Flinte haben; er kennt sie, er ist in ihre kleinste Eigenthümlichkeit eingeweiht, und so oft er sich ihrer bedient, so oft thut er einen Meisterschuß, während ein Unbekannter allerdings um die Ecke treffen oder gar sich selbst verletzen würde.

»Hm!« brummte Jim. »Das ist die berühmte Rifle, von welcher man sich so viel erzählt?«

»Ja, Mesch'schurs.«

»Ihr sollt mit ihr doch einst auf einen Schuß drei Indsmen getödtet haben!«

»Das habe ich allerdings gethan. Oder glaubt Ihr es etwa nicht? Haltet Ihr es nicht für möglich?«

»Möglich ist es. Die Stellung der Feinde muß freilich eine passende sein. Aber Ihr sollt alle Drei durch den Kopf getroffen haben!«

»Ja, auch das ist wahr. Ich stand auf Wache und sah sie anschleichen. Ich duckte mich hinter einen Busch nieder. Sie kamen auf den Bäuchen angekrochen und blieben an einem Graben halten, in welchem Wasser floß. Sie reckten die Köpfe vor, so daß ihre Stirnen zu meinem Gewehrlaufe eine gerade Linie bildeten. Natürlich drückte ich los. Es war ein richtiger Enfilierschuß, aus zehn Schritt Entfernung. Die Kugel ging durch zwei Köpfe und blieb erst in dem dritten sitzen.«

»Donnerwetter! So ein Schuß macht Freude!«

»Ja, aber den Getroffenen nicht. Doch, Mesch'schurs, wir wollen die Hauptsache nicht vergessen. Spracht Ihr vorhin nicht davon, daß Ihr einige gute Stücke gebratenen Hirschrücken habt?«

»Ja. Habt Ihr Hunger?«

»Ein Jäger und Westmann hat stets Hunger. Das müßt Ihr Euch merken.«

»So wollen wir auspacken.«

Sie zogen das Fleisch aus ihren Taschen. Die Stücke, welche sie sich losschnitten und von denen auch Sam sein Theil erhielt, wurden anstatt des Salzes mit Schießpulver eingerieben und so mit dem größten Appetite verzehrt. Dabei ruhte die Unterhaltung, so daß selbst in nächster Nähe tiefe Stille herrschte.

Da hob Sam plötzlich seinen Kopf empor, als ob er auf Etwas lausche. Die beiden Anderen sagten nichts. Sie spitzten auch die Ohren, konnten aber nichts wahrnehmen.

»Pst!« machte er leise. »Habt Ihr es gehört?«

»Nein, nichts,« flüsterte Jim.

»Es war im Wasser.«

»Wohl ein Frosch oder Fisch.«

»Ihr selbst seid Frosch, wenn Ihr glaubt, daß Sam Barth den Sprung eines Fisches nicht von einem Ruderschlage zu unterscheiden wisse.«

»Ruderschlag! Meint Ihr?«

»Ganz sicher.«

»So wäre ein Boot in der Nähe?«

»Ich möchte darauf wetten. Horcht!«

Es war jetzt ein Plätschern zu vernehmen, als wie wenn Wasser über einen Stein rieselt, aber ganz leise.

»Hört Ihr's?« flüsterte Sam. »Die Wellen streichen am Steuerruder oder am Riemen hin.«

»Dann schwimmt er nicht mit dem Strome.«

»Nein. Es ist ein Stück oberhalb unseres Lagers. Kommt, wir müssen wissen, was es ist.«

Sie steckten Alles ein, griffen nach ihren Gewehren und schlichen möglichst schnell nach dem Ufer hin. Das Licht der Sterne schwamm wie glänzender Phosphor auf dem Wasser, so daß ein dunkler Punkt, welcher sich langsam auf demselben bewegte, zu erkennen war. Er kam langsam näher. Es war ein Kahn.

Während die Drei mit verschärften Blicken beobachteten, machte der Kahn eine leichte Wendung nach der Stromrichtung.

»Er hat die Ruder eingezogen,« bemerkte Sam. »Ein Einzelner sitzt darin. Es ist ein indianisches Rindenkanot; es geht bis an den Rand im Wasser.«

Da erklang ein streichendes Geräusch und in dem Kanot blitzte ein Flämmchen auf.

»Ah, er hat die Ruder eingezogen, um die Hände frei zu bekommen,« sagte Sam. »Er brennt sich eine Cigarre an. Seht! Man kann sein Gesicht erkennen.«

Da fühlte er seinen Arm von Jim's Faust ergriffen und so gedrückt, daß er hätte laut aufschreien mögen.

»Teufel!« raunte dieser, »Ist's möglich?«

»Was?«

»Wenn das Licht nicht täuscht, so kenne ich dieses verdammte Gesicht.«

»Wer ist es?«

»Pst! Er brennt ein zweites Streichholz an. Das erste hat nicht gereicht. Hölle und Tod! Tim, wir haben ihn, wir haben ihn!«

»Leise, leise,« warnte sein Bruder. »Wer ist's denn?«

»Der, welcher mir die Nase nahm.«

»Oho!«

»Gewiß! Entweder er oder Einer, der ihm so ähnlich sieht, wie ich Dir und Du mir. Er muß an's Land!«

»Schön! Aber berathen wir nicht lange. Er darf uns nicht erblicken. Er muß meinen, Sam sei allein hier. Master Sam, versteht Ihr mich?«

»Natürlich. Oder meint Ihr, ich habe Siegellack im Kopfe, anstatt des Gehirnes!«

»So ruft ihn an und lockt ihn nach dem Feuer. Wir werden im rechten Augenblicke erscheinen.«

»Schön! Packt Euch jetzt fort! Er ist gleich da.«

Einige Secunden später war der Mann im Kanot auf gleicher Linie mit Sam. Man sah, daß er das Boot vorübertreiben lassen wolle.

»Ahoi, holla!« rief da Sam, zwar nicht überlaut, doch so, daß er von dem Manne gehört werden konnte, ohne daß aber seine Stimme in größere Ferne drang.

Der Angerufene zuckte zusammen, griff zu den Rudern und that einige Schläge, um vom Ufer weiter abzukommen.

»Halloh! Habt Ihr gehört!« wiederholte Sam.

»Was ist's?« fragte der Fremde.

»Legt einmal an!«

»Danke sehr!«

»Ich muß Euch drum bitten. Ich brauche Euch.«

»Aber ich Euch nicht!«

»Ihr mißtraut mir?«

»Natürlich. Ihrer wie Viele seid Ihr?«

»Ich allein.«

»Lüge!«

»Es ist Wahrheit.«

»Wer seid Ihr?«

»Ich bin Trapper und will nach Van Buren.«

»Lauft!«

»Ich habe mir das Bein vertreten und kann nicht weiter.«

»Habt Ihr vielleicht einen Namen?«

»Ja. Man nennt mich Sam Barth.«

Der Andere schwieg eine Weile, vielleicht vor Ueberraschung. Dann trieb er sein kleines Fahrzeug, damit es nicht außer Hörweite gerathe, mit einigen Schlägen wieder zurück und sagte dann:

»Ihr meint, daß Ihr der dicke Sam Barth mit der berühmten Auguste-Rifle seid?«

»Ja, derselbe.«

»
Behold! Und Ihr seid wirklich allein?«

»Ich sage es ja. Wohin wollt Ihr?«

»Auch nach der Gegend von Van Buren. Wollt Ihr wirklich mit?«

»Ja, wenn Ihr es mir erlaubt.«

»Könnt Ihr denn zahlen?«

Das war eine sehr eigenthümliche Frage. Kein Westmann läßt sich von einem Anderen eine solche Gefälligkeit bezahlen, zumal eine so geringfügige.

»Womit soll ich zahlen?« fragte Sam unnöthiger Weise. Aber er wollte Jim und Tim Zeit geben, sich in der Nähe des Feuers gut zu verstecken.

»Mit Geld natürlich.«

»Na, so viel, wie es kosten wird, bringe ich vielleicht noch zusammen.«

»Gut! Aber wehe Euch, wenn Ihr nicht allein seid!«

»Ich habe keine Sorge.«

»Ich würde Euch niederschießen!«

»Meinetwegen.«

»So will ich es versuchen.«

Er lenkte das Kanot näher. Sam meinte dabei:

»Ihr könnt Euch ja bei meinem Feuer überzeugen, daß ich ganz allein bin.«

»Ah! Ihr habt ein Feuer? Ich sehe doch nichts.«

»Meint Ihr, daß Sam Barth so dumm ist, ein Feuer zu machen, an welchem man sich einen Ochsen braten könnte? Da irrt Ihr Euch.«

»Habt Ihr Etwas zu essen?«

»Viel nicht, aber für Zwei wird's reichen. Ihr habt wohl keinen Vorrath bei Euch?«

»Er ist mir ausgegangen. Ich aß bereits seit früh nichts. Führt mich zum Feuer!«

Er hatte unterdessen angelegt, stieg aus, band sein Kanot fest und betrachtete sich den Dicken.

»Nun, kennt Ihr mich vielleicht?« fragte dieser.

»Nein, aber Ihr seid Sam Barth.«

»Woher wißt Ihr das?«

»Wenn man einen solchen Bären sieht, so seid Ihr es. Also jetzt zum Feuer.«

»Kommt!«

Sam stützte sich auf seine Büchse und hinkte voran, als ob er wirklich lahm gehen müsse. Er hatte Sorge, daß der Mann beim Feuer bemerken werde, daß mehr als Einer hier gelegen habe, fühlte sich aber sehr beruhigt, als er, dort angekommen, bemerkte, daß die beiden Brüder ihre Spuren vollständig verwischt hatten.

Der Fremde blickte sich vorsichtig und mißtrauisch um, schien aber bald beruhigt zu sein, denn er setzte sich nieder und fragte:

»Wie aber kann ein so erfahrener Westmann wie Ihr sich den Fuß beschädigen?«

»Ich blieb an so einer verteufelten Wurzel hängen und stürzte nieder,« antwortete der Gefragte, sich in aller Gemüthlichkeit auch niederlassend. Dabei aber legte er sein Bein so, als ob er in demselben große Schmerzen empfinde.

»Also nach Van Buren wollt Ihr? Was wollt Ihr dort?«

»Neue Munition holen und meinen Fuß heilen.«

»Wo kommt Ihr her?«

»Von den schwarzen Bergen herab, wo ich gejagt habe.«

»Ohne Pferd!«

»Es wurde mir da hinter den Ozarkbergen gestohlen, als ich in einem kleinen, verlassenen Settlement übernachtete. Der Teufel hole den Spitzbuben!«

»Giebt es hier dergleichen?«

»Es scheint so.«

»Wohl gar eine Bande?«

»Möglich.«

»Da oben soll doch ein gewisser rother Burkers sein Wesen treiben. Habt Ihr von ihm gehört?«

»Gehört, ja, da ich aber nicht zu seiner Bande gehöre, so kann ich leider auch keine Auskunft ertheilen.«

»Ist auch nicht nöthig. Ich kenne ihn.«

»Sapperment! Wirklich?«

»Ja. Er wollte auch mich einmal bestehlen, und da habe ich einige Kugeln mit ihm gewechselt.«

»Sehr interessant! Aber, Master, Ihr kennt mich und mein Woher und Wohin. Darf ich nun auch vielleicht Euren Namen erfahren?«

»Ich heiße Walker.«

»Danke! Jäger seid Ihr wohl nicht?«

*

36

Nämlich der Fremde hatte einen grauen, fast städtischen Anzug an. Er sah gar nicht aus, als ob er aus der Prairie komme oder lange im Walde umhergestrichen sei. Er antwortete in unbefangen sein sollendem Tone:

»Früher war ich es, bin es aber nicht mehr. Jetzt treibe ich Agenturgeschäft.«

»In Tabak? Baumwolle?«

»In Allem, was sich mir bietet. Aber Ihr spracht ja davon, mir etwas zu essen zu geben!«

»Das hätte ich beinahe vergessen. Verzeiht!«

Er nestelte eine Ledertasche von seinem Lasso los, öffnete sie und zog ein Stück dunklen Fleisches hervor.

»Was ist das?« fragte Walker.

»Bärenschinken, an der Luft getrocknet.«

»Das ist gut. Zeigt her!«

Er schnitt sich ein tüchtiges Theil davon ab und begann zu essen. Er hatte sein Gewehr mit aus dem Kanot gebracht. Es lag ihm quer über dem Knie herüber. Es schien ihm zu schmecken. Während er das harte Fleisch kaute, meinte er:

»Also bezahlen wollt Ihr mich. Eigentliches Geld hat selten ein Jäger bei sich. Was habt Ihr?«

»Vorher fragt es sich, wie viel Ihr bis Van Buren verlangen werdet.«

»Zwei Dollars.«

»Ihr seid verrückt!«

»Wieso?«

»Könnte ich laufen, so wäre ich in fünf Stunden dort. Ihr braucht nicht zu rudern, das Boot treibt ganz von selbst und doch verlangt Ihr eine solche Summe!«

»Wenn sie Euch zu hoch ist, so bleibt hier sitzen! Jede Arbeit und jeder Dienst muß bezahlt werden.«

»Da habt Ihr sehr Recht. Das Stück Bärenschinken zum Beispiel, welches Ihr gegessen habt, kostet fünf Dollars.«

»Seid Ihr toll!«

»Eben so wenig als Ihr verrückt seid. Ihr sagt ja selbst, daß Alles bezahlt werden muß.«

»Ich denke, Ihr gebt es mir umsonst!«

»Und ich dachte, Ihr würdet mich umsonst mitnehmen.«

»Das ist etwas Anderes. Und dazu volle fünf Dollars für dieses Stückchen Fleisch!«

»Zwei Dollars für diese kurze Strecke! Es macht eben ein Jeder seine Preise, wie es ihm gefällt.«

»Ich zahle nichts.«

»Ihr werdet wohl zahlen.«

»Fällt mir gar nicht ein.«

»So pfände ich Euch.«

»Pah? Ich möchte wohl missen, wie Ihr das anfangen wolltet, Ihr, ein verletzter Mann, der nicht laufen kann.«

Er zog sein Gewehr fester an sich, damit es ihm von Sam ja nicht entrissen werden könne. Dieser lachte geringschätzend auf und antwortete:

»Da kennt Ihr Sam Barth denn doch zu wenig. Er weiß stets genau, was er thut.«

»Nun, was werdet Ihr denn thun, wenn ich mich weigere, Euch zu bezahlen?«

»Ich pfände Euch Euer Gewehr ab.«

»Versucht das doch einmal!«

Er sprang auf, in der Meinung, daß Sam sich nicht so schnell bewegen könne. Dieser blieb ruhig sitzen und sagte, gemüthlich lachend:

»Ja, ich bin dicker als Ihr und außerdem habe ich einen lahmen Fuß; ich könnte Euch also wohl nicht nacheilen, wenn Ihr mit dem Gewehre davonlieft. Aber das werdet Ihr nicht thun.«

»Meint Ihr?« fragte Walker in höhnischem Tone.

Er war nicht zu dick und nicht zu hager, nicht zu alt und nicht zu jung, er war ein Mann von einer sogenannten Durchschnittspersönlichkeit, ein Dutzendmensch. Und doch hatte er etwas in seinem Gesichte, was sofort auffiel, ohne daß man es zu definiren vermochte. Wer diese Physiognomie einmal gesehen hatte, der vergaß sie nicht leicht wieder.

»Nein,« antwortete Sam.– »Ihr lauft mir nicht davon. Ihr nehmt mich ja mit nach Van Buren.«

»Den Teufel werde ich! Es fällt mir gar nicht ein, Euch mitzunehmen. Zwei Dollars habe ich verlangt; fünf wollt Ihr haben, so hätte ich Euch also drei herauszugeben und müßte Euch auch noch einen Platz im Kanot einräumen. Das paßt mir natürlich nicht!«

Sam hatte gesehen, daß sich hinter Walker die beiden Brüder durch das Gebüsch schoben, so geräuschlos, daß er gar nichts bemerkte. Jetzt standen sie hinter ihm. Sam war also seiner Sache gewiß. Er antwortete:

»So muß ich Euch wirklich das Gewehr abpfänden.«

»Ich habe Euch doch bereits gesagt, daß Ihr versuchen sollt, es zu thun.«

»O, es wird nicht nur bei dem Versuche bleiben. Ich hoffe, Ihr habt genug von mir gehört, um zu wissen, daß ich meinen Worten Nachdruck zu geben verstehe. Ich denke also, daß Ihr mir das Gewehr freiwillig überlassen werdet.«

»So dumm bin ich nicht. Nehmt es Euch! Gute Nacht!«

Er wendete sich zum Gehen.

»Ich habe es schon!« lachte Sam.

Und wirklich, er hatte es auch in demselben Augenblicke. Es war Walker von hinten entrissen und dem dicken Trapper zugeworfen worden.

Walker wußte nicht, wie ihm geschah. Er fuhr schnell herum und sah sich den beiden Brüdern gegenüber. Der Schein des Feuers beleuchtete ihre Gesichter. Er erkannte Tim sofort. Der Schreck entriß ihm den Ausruf:

»Alle Teufel! Dieser Kerl!«

»Welcher Kerl?« fragte Jim.

»Du lebst?«

Er bedachte nicht, daß er sich mit dieser Frage verrieth. Er konnte überhaupt gar nicht denken, so erschrocken war er. Seine Augen standen weit offen. Es war, als ob er kein Glied seines Körpers bewegen könne.

»Ja, ich lebe,« antwortete Jim. »Dein Verdienst ist das nicht. Ich lebe, um Dich zur Rechenschaft zu ziehen, Mörder!«

Ueber Walker's Gesicht ging ein schnelles Zucken. Er hatte seinen Schreck überwunden. Er fragte sich, ob noch Rettung möglich sei. Ja, aber allein durch die Flucht. Und zwar nach dem Kanot zu durfte er nicht fliehen; da wäre er verloren gewesen. Selbst wenn es ihm gelingen könnte, es zu erreichen, hineinzuspringen und vom Lande zu stoßen, die Kugeln dieser Drei würden ihn doch sicher erreichen.

»Mörder?« sagte er im Tone des Erstaunens. »Ich verstehe Euch nicht.«

»Oho! Du verstehst mich sehr genau. Du bist nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Räuber. Du hast uns die Felle gestohlen.«

»Verzeiht, Master! Ich habe keine Ahnung, was Ihr von mir wollt.«

»Lüge nicht!« donnerte Jim ihn an.

»Ich lüge nicht. Es scheint mir, daß Ihr mich für einen Mann haltet, der wohl einige Aehnlichkeit mit mir haben muß. Daß ist aber noch gar kein Grund, in dieser Weise mit mir zu sprechen. Ich muß mir das allen Ernstes und sehr streng verbitten!«

Er machte ein höchst beleidigtes Gesicht. Jim aber lachte hell auf und sagte:

»Hallunke, Du spielst nicht übel Komödie! Aber sie wird gleich zu Ende sein. Gieb einmal Deine Arme her! Wir wollen sie ein Wenig zusammenbinden.«

Er streckte die Hände aus.

»Gleich! Hier!« antwortete Walker.

Aber ganz im Gegentheile. Plötzlich sprang er in das Gebüsch, welches sich hinter ihm schloß. Im nächsten Augenblicke krachten zwei Schüsse hinter ihm her. Jim und Tim hatten geschossen, warfen dann die Gewehre weg, zogen die Messer heraus und stürzten ihm nach. Sie hatten das ferne Rauschen seiner Schritte gehört. Ob er getroffen worden sei, das konnten sie nicht sagen.

Sam war gemächlich sitzen geblieben. Er stand jetzt langsam vom Boden auf und nahm die beiden Gewehre zu sich; auch dasjenige Walkers. Er schüttelte den Kopf und brummte:

»Dummheit! Dummheit! Und das wollen richtige Westmänner sein! Unsinn, Unsinn!«

Er hatte Recht. Es war Walkern gar nicht eingefallen, sich in die Gefahr, von den Kugeln getroffen oder doch wenigstens ergriffen zu werden, zu begeben. Er war in die Büsche hineingesprungen mit dem Bewußtsein, daß man sofort schießen und ihm nachspringen werde. Kaum hatten sich die Zweige hinter ihm geschlossen, so machte er eine kurze Wendung nach rechts, that einige Schritte und duckte sich da nieder, sich nun ganz unbeweglich haltend.

Seine Berechnung zeigte sich als ganz richtig. Die beiden Schüsse fielen, und dann hörte er die Brüder an sich vorüber durch die Büsche dringen. Sie hatten das Geräusch, welches ihre Kugeln in dem Gebüsch hervorbrachten, für dasjenige des Flüchtlings gehalten.

Sam war langsam hinab an das Wasser gegangen, stieg in das Kanot, ruderte es vom Lande ab und hielt es dann in gewisser Entfernung vom Ufer. Das war nach seiner Ansicht das Allerbeste, was er thun konnte. Er war ein schlauer Kerl.

Walker seinerseits lauschte ein Weilchen. Als er kein Geräusch vernahm, kroch er langsam und vorsichtig, äußerst vorsichtig zurück. Er bemerkte, daß kein Mensch mehr beim Feuer sei.

»Sie sind mir nach!« dachte er. »Aber der dicke Sam auch? Er war ja lahm! Oder sollte er sich etwa verstellt haben? Kurz und gut, sie sind mir nach. Jetzt schnell zum Kanot! Meine Büchse haben sie leider mit.«

Er schlich sich nach dem Ufer. Der Kahn war weg. Er sah ihn zu seinem Schreck in einer Entfernung von vielleicht acht bis zehn Metern halten. Sam saß drinnen, wie an der unförmigen Pelzmütze zu erkennen war.

»Hole der Teufel diesen verdammten Hallunken!« fluchte Walker vor sich hin. »Ein Schlaukopf erster Größe ist dieser Fettwanst! Was man sich von ihm erzählt, scheint ganz wahr zu sein. Er hat das Aussehen und Gebahren eines Dummkopfes und ist dabei ein Pfiffikus, wie er im Buche steht. Donnerwetter! Meine Tasche liegt im Kahne. Die ist verloren, verloren!«

Er sann einen Augenblick nach; dann murmelte er:

»Oder noch nicht verloren! Sie werden natürlich zurückkommen; sie werden den Dicken sehen und mit ihm sprechen. Vielleicht gehen sie zum Feuer zurück, und ich kann mit dem Kanot entkommen. Ich muß unbedingt hören, was sie reden. Ich stecke mich also hier in das Ufergebüsch. Sie werden es nicht für möglich halten, daß ich die Verwegenheit habe, hier zu bleiben. Ich bin also vollständig sicher.«

Er versteckte sich ganz in der Nähe derjenigen Stelle, an welcher das Kanot vorher angebunden war, in die Büsche und wartete auf die Rückkehr seiner Verfolger, deren Enttäuschung jedenfalls eine große war.

Seine Geduld sollte nicht lange auf die Probe gestellt werden. Es raschelte bald in den Gebüschen und eine lange Gestalt erschien, mit einem Reiterhelm auf dem Kopfe. Es war Tim. Er blieb am Ufer stehen, gerade da, wo Walker steckte, höchstens vier Schritte von ihm entfernt, so daß der Letztere ganz deutlich hörte, wie der Lange überrascht vor sich hinmurmelte:

»
Laek-a-day! Da sitzt der Hallunke in seinem Canot und wartet darauf, uns auszulachen! Wart, Bursche, ich will Dir Eins auf den Pelz brennen!«

Er erhob die Büchse oder wenigstens die Arme, als ob er schießen wolle. Er hatte in seiner Aufregung ganz vergessen, daß er ja sein Gewehr gar nicht bei sich habe. Er ließ also auch sogleich die Arme wieder sinken und fuhr ärgerlich fort:

»Verdammt! Da habe ich ja kein Gewehr! Ich werde es mir schnell holen und dann – – good laek! Das ist ja der Bursche gar nicht, sondern das ist Sam, der dicke Bär! Welch ein Glück, daß ich die Büchse nicht bei mir hatte, ich hätte ihm wirklich eine Kugel durch den Kopf gejagt! Wo aber steckt Jim?«

Er brauchte nicht erst lange zu fragen, sondern die Antwort erfolgte sogleich. Er hörte die Büsche rascheln und dann trat der Genannte herbei, laut athmend vom schnellen Laufe und vor Aufregung und Zorn.

»Tim, Du?« sagte er. »Hast Du ihn gesehen oder ist – – Himmel! Dort sitzt der Lump!«

»Du irrst! Dieser Gentleman, der da vor Anker liegt, ist Sam Barth, der Dicke.«

»Ah, wirklich! Was fällt dem Kerl denn ein?«

»Weiß auch nicht.«

»Das ist eine dumme Faxe. Anstatt sich da in das Boot zu setzen, konnte er den Flüchtling mit verfolgen. Ich werde ihm meine Meinung sagen. Als alter, erfahrener Westmann muß er doch wissen, was – –«

Er wurde unterbrochen, denn Sam fragte von dem Kanot herüber:

»Seid Ihr denn nun fertig mit Eurer Fernguckerei. Ich hoffe, Ihr haltet mich nicht länger für Den, der Euch jedenfalls entwischt ist.«

»Hat dieser Kerl Augen!« flüsterte Jim dem Bruder zu. »Uns in dieser Dunkelheit hier von dem Gesträuch zu unterscheiden! Das ist viel, das ist stark; das brächten wir freilich nicht fertig!«

Und laut fügte er hinzu:

»Was bleibt Ihr da draußen? Hat Euch Jemand angenagelt, Master Barth? Kommt herüber!«

»«
Well, Sir! Sollt mich sogleich in die Arme schließen können.«

Er kam herbei, stieg aus und band das Kanot gerade da wieder an, wo es zuvor auch angebunden gewesen war. Tim antwortete unwillig:

»Von wegen dem in die Arme schließen irrt Ihr Euch, Master Sam. Eine solche Belohnung habt Ihr nun freilich nicht verdient.«

»Nicht? Wieso?«

»Euer Verhalten ist nicht dasjenige eines Westmannes, sondern das eines unerfahrenen Kindes.«

»Ah? Und ich dachte, doch gerade sehr klug gehandelt zu haben!«

»Oder vielmehr im Gegenheile ganz verkehrt, wie gesagt, wie ein Kind!«

»Auch gut! Bei uns in Deutschland giebt es ein Sprichwort, welches lautet: Was kein Verstand der Verständigen sieht, das merket in Einfalt ein kindlich Gemüth. Verstanden, Mesch'schurs?«

Der Ausdruck Mesch'schurs ist gleichbedeutend mit dem französischen messieurs, meine Herren.

»Ja, Einfalt, da habt Ihr Recht!« zürnte Jim. »Ihr hättet, anstatt Euch hier auf dem Wasser umher zu schaukeln, dem Flüchtling mit nachjagen sollen.«

»Meint Ihr?« lachte der Dicke. »Ja, dazu ist der alte Sam Barth doch zu dumm. Uebrigens konnte ich doch gar nicht laufen, ich war ja lahm.«

»Unsinn! Mit sechs Händen ist ein Fliehender jedenfalls leichter zu ergreifen, als mit vieren.«

»Ja, wenn die sechs Hände sechzig Augen hätten, um in der Nacht zu sehen. Ich habe jedenfalls meine Pflicht besser gethan als Ihr!!«

»Oho!«

»Nun, so will ich Euch erklären. Bei Nacht laufe ich keinem Flüchtigen nach. Ich kann ihn nicht sehen. Und will ich ihn hören, so muß ich stehen bleiben und lauschen. Indessen bekommt er einen solchen Vorsprung, daß ich ihn nun sicher aufgeben muß. Reißt mir des Nachts Einer aus, so lasse ich ihn ganz gemüthlich laufen und warte den Tag ab. Dann sehe ich seine Fährte und kann ihm folgen, so lange und so weit es mir beliebt. Ihr aber seid hinter diesem Walker hergelaufen und habt seine Spur so zerstampft, daß gar nicht daran zu denken ist, sie zu entdecken.«

»Hm! Ich muß sagen, daß dies nicht so übel klingt. Warum aber setzt Ihr Euch in den Kahn?«

»Auch eine sehr kluge Frage! Wer in einem Kanot fährt, der kann möglicher Weise in demselben irgend Etwas liegen haben. Nicht?«

»Sapperment! Lag etwas drinnen?«

»Ja. Hier dieses Dings da.«

Er bückte sich in das Kanot hinab, nahm aus demselben einen Gegenstand und reichte ihn Jim hin.

»Eine Tasche,« sagte dieser. »Und schwer. Was mag da drinnen sein? Vielleicht Munition, Bleikugeln. Sie ist schwer.«

»Habe das Ding bereits untersucht. Es sind allerdings Kugeln darin, daneben aber auch mehrere Geldrollen, Silberdollars, wie es scheint.«

»Das ist ein guter Fund. Weiter nichts? Keine Papiere oder sonst Etwas?«

»Nein. Seid mit dem Gelde zufrieden. Ein armer Jäger kann es immer gebrauchen.«

»Sehr richtig. Aber der Kerl selbst wäre mir doch tausendmal lieber, als sein Geld. Herrgott, wenn ich daran denke! Habe ihn vor mir stehen, grad da zwischen meinen Fäusten, und lasse ihn entwischen. Tim, was sagst Du dazu?«

»Daß wir die größten Esels sind, welche es jemals gegeben hat. Sehnen uns Jahre lang, den Kerl einmal zu treffen, und nun er uns geradezu in's Garn läuft, wie vom Himmel gefallen, lassen wir ihn entkommen. Ich schäme mich vor mir selber.«

»Recht so!« lachte Sam. »Schämt Euch ein Bischen! Aber das können wir auch dort bei unserem Feuer thun. Oder sind wir hier angewachsen?«

»Ja, gehen wir. Unsere Gewehre liegen auch noch dort.«

»Nein. Wollt Ihr gefälligst die Güte haben, sie Euch hier aus dem Kanot zu nehmen.«

»Hier? Warum habt Ihr sie denn mit in das Boot genommen, Sam?«

»Das begreift Ihr nicht?«

»Nein.«

»Das ist sehr verwunderlich,« lachte er. »Ich wollte verhüten. Daß Ihr damit ein Unheil anrichtet. Ihr hättet den armen Teufel treffen können.«

»Mensch! Ist das Euer Ernst?«

»Ja, mein völliger Ernst. Laßt diesen Walker laufen! Was habt Ihr davon, wenn Ihr ihn tödtet? Nichts, gar nichts. Kommt! Jetzt schlafen wir, und dann am Morgen können wir ja sehen, ob wir seine Fährte denn doch vielleicht noch entdecken. Viel liegt mir freilich nicht daran. Wir wollen nach Lebanon zum Rendez-vous, wo uns die Kameraden erwarten, und wenn wir eine halbe Ewigkeit daran wenden, den Tapfen irgend eines Menschen nachzulaufen, so kommen wir zu spät und haben das Nachsehen.«

Er schritt nach dem Feuer zu. Sie verstanden ihn nicht. Was wollte er mit seinen letzten Worten? Von dem Städtchen Lebanon, welches eine Tagereise von hier lag, war doch gar nicht die Rede gewesen! Daß er aber irgend eine Absicht hatte, das verstand sich ganz von selbst. Sie nahmen also die Gewehre an sich und folgten ihm.

Beim Feuer angekommen, fragte Jim:

»Was meintet Ihr denn mit – –«

»Haltet den Schnabel!« unterbrach ihn der Dicke leise, aber hastig. »Setzt Euch nieder und wartet es ab!«

Er bückte sich nieder und kroch in den nächsten Busch. Sie hörten, daß er die Runde machte. Dann kehrte er zurück und setzte sich zu ihnen.

»Sprecht so leise, daß nur wir uns hören!« sagte er.

»Denkt Ihr etwa, daß der Kerl noch da ist?«

»Denkt Ihr es etwa nicht?«

»Oho! So dumm wird er doch nicht sein?«

»Oder vielmehr so gescheidt. Ich sage Euch, daß ich an seiner Stelle ganz einfach hier geblieben wäre. Ich hätte mich hinter den nächsten Busch niedergeworfen und Euch vorbei laufen lassen. Dann würde ich warten, bis Ihr zur Ruhe seid und mich mit dem Kanot davon machen.«

»Sam, Ihr seid wirklich ein verwegener Schlingel!«

»Andere sind es auch!«

»Und Ihr meint, daß er auf denselben Gedanken gekommen sein könne?«

»Ja. Er sah mir gar nicht aus wie Einer, der da auf die Nase gefallen ist; er hatte ein raffinirtes Spitzbubengesicht und so ist ihm dieser Gedanke sehr wohl zuzutrauen. Uebrigens hatte er seine Tasche mit dem Gelde im Boote. Schon um ihretwillen mußte er versuchen, wieder zu seinem Eigenthum zu gelangen.«

»Sam, Ihr seid wirklich kein unebener Kerl. Ich mache Euch mein Compliment.«

»Gebt Euch keine Mühe! Ein Compliment von zwei Dummköpfen, die einem Dritten dahin nachlaufen, wo er gar nicht zu finden ist, ist doch wahrhaftig nicht viel werth. Und dabei redet Ihr davon, daß ich es sei, der die Dummheiten gemacht habe! Ich sage Euch, der Kerl wäre längst mit seinem Kanot fort, wenn ich mich nicht hineingesetzt hätte!«

»So wird er nun fortgehen!«

»Das soll er auch!«

»Wie? Das soll er auch?«

»Jawohl!«

»Fortgehen? Uns entkommen?«

»Natürlich!«

»Aber, Master, habt Ihr denn vergessen, daß wir ihn ergreifen wollen?«

»Nein, ich denke sogar sehr daran.«

»Aber wenn wir ihn ergreifen wollen, dürfen wir ihn doch nicht entwischen lassen.«

»Mesch'schurs, Ihr dauert mich! Ich habe wirklich herzlich Mitleid mit Euch!«

Er schüttelte den Kopf und blinzelte sie mit seinen kleinen Aeuglein an, als ob sie soeben die größte Albernheit ihres Lebens begangen hätten. Darüber wurde Tim beinahe zornig. Er sagte:

»So beweist uns doch, daß wir Mitleid verdienen!«

»Der Beweis ist schon da; Ihr selbst habt ihn ja geliefert. Ihr wollt den Mann fangen, indem Ihr ihn nicht entkommen laßt. Das ist falsch. Das Richtige ist vielmehr, daß wir ihn entwischen lassen, um ihn in unsere Gewalt zu bringen.«

»Diesen unsinnigen Widerspruch verstehe der Teufel!«

»Der versteht ihn freilich ganz gewiß, denn er heißt nicht Jim oder Tim.«

»Master, wollt Ihr uns beleidigen?«

»Nein, nur belehren will ich Euch. Ich sehe ja ein, daß Ihr der Belehrung noch sehr bedürft. Nehmen wir an, daß Walker sich noch in unserer Nähe befindet. Kennt Ihr den Platz, an welchem er steckt?«

»Nein,« antwortete Tim.

»Oder getraut Ihr Euch etwa, diesen Platz zu suchen?«

»Nein, das ist in dieser Finsterniß unmöglich.«

»Wie wollt Ihr ihn also fangen?«

»Sehr leicht. Er will mit dem Kahne fort. Wir haben uns also nur in der Nähe desselben zu verbergen, um den Kerl zu erwarten und zu ergreifen.«

»O wehe! Da kriegt Ihr ihn niemals!«

»Warum?«

»Weil er selbst jedenfalls bereits in der Nähe des Kanots steckt, um den günstigen Augenblick zu erwarten. Er würde Euch also kommen sehen und auf den Kahn verzichten. Er würde sich auf Nimmerwiedersehen davonschleichen.«

Sam hatte während der ganzen leisen Unterredung zuweilen den Kopf erhoben, als ob er auf Etwas lausche. Tim antwortete:

»Eure Ansicht ist abermals ganz ausgezeichnet. Also Ihr glaubt an die Möglichkeit, den Kerl doch noch zu erwischen?«

»Sehr.«

»Aber wenn er uns jetzt entkommt, so ist er weg!«

»Pshaw! Aus der Welt geht er nicht. Und sein Boot kann auch nicht geradezu hinauf in den Himmel fahren. Wir gehen früh den Fluß hinab. Wo das Boot liegt, ist der Mann ausgestiegen, und es müßte geradezu mit dem Teufel zugehen, wenn drei Westläufer, wie wir sind, ihn nicht zu finden vermöchten.«

»Und wenn er auf das Boot verzichtet hat und doch vorhin entflohen ist? In diesem Falle gebt Ihr ihn doch für uns verloren?«

»Auch dann nicht. In drei Stunden wird es hell. Da haben sich die Spuren noch nicht verwischt. Wir werden sie sicherlich entdecken.«

»Aus Euch werde der Teufel klug, Sam! Einmal sprecht Ihr so und einmal das gerade Gegentheil!«

»Wirklich?«

»Ja, vorhin, als wir am Wasser standen, hieltet Ihr es für unmöglich, die Fährte aufzufinden.«

»So? Habe ich das gesagt?« schmunzelte Sam. »Da habe ich wohl meine Gründe dazu gehabt, und es thut mir abermals sehr leid um Euch, daß Ihr mich so wenig begreift. Glaubt Ihr denn, daß ich so dumm bin, meine wirkliche Ansicht und Absicht laut in die Welt hinaus zu schreien, wenn ich fast genau überzeugt bin, daß Derjenige, auf den ich es abgesehen habe, sich in der Nähe befindet?«

»Aha! So ist das! So – so!«

»Ja, so – so! Der Zufall giebt Euch den Kerl in die Hand. Wollt Ihr durch fehlerhaftes Verhalten ihn Euch wieder entwischen lassen? Ich habe nichts dagegen. Thut, was Ihr wollt! Mich geht diese Geschichte ja gar nichts an!«

»Nein! Ihr habt Recht, Master Barth. Wir werden uns nach Eurem Rathe richten. Ihr meint also, daß wir jetzt ruhig liegen bleiben sollen, um ihn entkommen zu lassen?«

»Nein. Ich meine, daß Ihr jetzt mit mir hinab zum Kanot gehen sollt.«

Tim blickte ihm erstaunt in das Gesicht.

»Seid Ihr des Teufels!«

»Nein, wohl nicht.«

»Soeben riethet Ihr uns, uns nicht um das Boot zu bekümmern, und nun sagt Ihr, daß wir hingehen sollen! Sir, wir haben erfahren, daß Ihr ein feiner Kopf seid; jetzt aber rappelt es wohl ein Wenig!«

»Ja, es rappelt, aber nicht in meinem Kopfe, sondern in den Eurigen beiden. Habt Ihr denn nichts gehört?«

»Nein. Was sollten wir gehört haben?«

»Das, was ich gehört habe. Kommt einmal mit!«

Er stand auf und schritt mit ihnen nach dem Boote.

»Nun, wo ist es?« fragte er.

»Donnerwetter! Fort!«

»Ja. Seht einmal da hinüber! Dort schwimmt es.«

»Ja, aber es ist Niemand drin.«

»Pshaw! Meint Ihr, daß sich der Mann Euch präsentiren soll? Er hat sich in das Boot gelegt. Wir sollen denken, es sei fortgeschwommen, weil es nicht fest angebunden gewesen ist.«

»So ist es, ja. Aber ich denke, es ist das Allerbeste, wenn wir ihm einige gute Kugeln hinüberschicken.«

»Dummheit!«

»Warum Dummheit? Meint Ihr, daß wir nicht treffen werden?«

»Das meine ich nicht. Auf diese sechzig Fuß schieße ich des Nachts einen Namen in das Boot. Aber was nützt es Euch? Einen solchen Kerl muß man lebendig haben. Was kann Euch an seiner Leiche gelegen sein?«

»Ihr habt abermals Recht. Lassen wir ihn also. Wenn es licht geworden ist, streichen wir am Ufer hin. Da werden wir wohl den Ort entdecken, wo er das Boot gelassen hat.«

»Hm!« lachte Sam. »Nun seid Ihr auf einmal so ganz siegesgewiß. Da muß ich Euch doch einen Dämpfer aufsetzen. Der Kerl ist gescheidt, wie Ihr nun erfahren habt, denn er ist wirklich hier geblieben, um desto sicherer zu entkommen. Es ist sehr leicht möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß er uns abermals irre zu führen sucht. Zunächst wissen wir ja gar nicht, an welchem Ufer er aussteigen wird.«

»So müssen wir uns theilen. Wir suchen hüben und drüben.«

»Ja. Wie aber kommt man hinüber?«

»Hier giebt es Buschwerk genug, um aus Reißigbündeln ein kleines Floß zu bauen, welches einen Mann trägt.«

»Richtig. Ich werde mich hinübergondeln. Der Fluß ist nicht breit. Wir können uns von beiden Ufern aus sehen und uns Zeichen geben. So weit wäre Alles glatt und gut. Aber ich denke mir, daß der Kerl nicht da aussteigt, wo er zu suchen ist. Er wird natürlich annehmen, daß wir ihm folgen und daß wir zunächst nach dem Kanot suchen werden. Ist er so klug, wie ich ihn beurtheile, so wird er irgendwo aussteigen und das Canot weiterschwimmen lassen.«

»Das wäre dumm!«

»Nicht so sehr, wie es scheint. Das Ufer ist überall sandig oder wenigstens von weichem Boden. Er muß also unbedingt eine Spur zurücklassen, wo er aussteigt. Wir finden hier jedenfalls einen Eindruck seines Fußes, betrachten uns denselben genau und können uns dann darnach richten. Er hatte keine Prairiestiefel an, sondern neue Stiefeletten. Mir scheint, er kommt flußabwärts von Fort Gibson vielleicht, wo er sich diese Fußbekleidung gekauft hat. Eine solche Fährte läßt sich kinderleicht von anderen Spuren unterscheiden. Jetzt aber, Mesch'schurs, wollen wir versuchen, ein kleines Endchen herunter zu schlafen. Morgen ist unser Tagewerk groß. Wir müssen diesen Kerl fangen und sodann zu jenem Master Wilkins, um ihn vor der Diebesbande zu warnen, nötigenfalls ihm beizustehen. Ich lege mich nieder. Good night!« –

Ein sonniger, goldener Frühlingsmorgen war über Wilkinsfield aufgegangen. Die Strahlen des Tagesgestirns funkelten auf den Wellen des Flusses und glitzerten in den Thautropfen, welche gleich strahlenden Demantperlen auf den Blättern und Blüthen saßen. Die Neger und Negerinnen, welche zur Pflanzung gehörten, zogen schwatzend hinaus auf die Baumwollenfelder. Der Lärm, welchen sie machten, klang von Weitem wie das Geräusch, welches eine Schaar schwatzender Staare macht. Auch im Herrenhause, in den Wirthschaftsgebäuden und im Garten hatte das Tagewerk begonnen. Nur unten am Flusse war es noch ruhig. Da war kein Mensch zu erblicken.

Und doch einer! Ein indianisches Kanot kam abwärts geschwommen. In demselben saß – Walker. Er hielt auf das Ufer zu. Es war jedenfalls seine Absicht, hier das Boot zu verlassen. Aber er that dies nicht, ohne die gebotene Vorsicht anzuwenden. Er musterte das Ufer mit scharfen Blicken, und erst da, wo es aus großen Steinen bestand, welche keine Spur hinterließen, legte er an. Er sprang heraus, reckte und dehnte die Glieder und sagt zu sich:

»So, da bin ich. Hoffentlich mache ich gute Geschäfte. Wäre ich diesen drei verdammten Kerls gestern Abend nicht begegnet, so könnte ich hier ganz offen auftreten und meine Forderungen stellen, wie es ja auch meine Absicht war. Aber jedenfalls verfolgen sie mich, und wenn sie mich finden, so bin ich verloren. Ich muß also heimlich thun, wenigstens für die erste Zeit. Dieser dicke Bär hat mich an das Land gelockt. Ich möchte nur wissen, woher sie wußten, daß ich es bin! Hm! Unbegreiflich!«

Er schüttelte den Kopf, ließ den Blick forschend flußaufwärts schweifen und meinte dann:

»Ich werde sie irre führen. Ganz gewiß suchen sie nach dem Kanot. Wo sie es finden, da werde ich nach ihrer Meinung ausgestiegen sein. Ich lasse es also von hier aus weiter treiben. Und damit es nicht wegen seiner Leichtigkeit baldigst wieder an das Ufer geht, beschwere ich es mit einigen Steinen.«

Er legte mehrere größere Steine hinein, daß es nun so tief ging, als ob ein Mann darin sitze. Dabei nahm er sich in Acht, ja keine Spur seines Fußes zu hinterlassen. Dann gab er dem Kanot einen Stoß, daß es wieder in das tiefere Wasser zurückglitt und von demselben schnell mit fortgenommen wurde. Er blickte ihm nach, fuhr aber erschrocken mit dem Gesichte auf dem Lande herum, als er plötzlich durch den lauten, kreischenden Ruf einer weiblichen Stimme aus seiner Betrachtung aufgestört wurde.

»Jessus, Jessus! Da schwimmt es fort!«

Zwei Negerinnen waren vom Garten her auf der Höhe des Ufers erschienen. Sie trugen einen riesigen Korb mit Wäsche, mit welcher sie sich am Flusse zu beschäftigen hatten. Sie erblickten ihn und auch das Boot. Und da sie nicht glauben konnten, daß er selbst es fortgestoßen hatte, so war die Eine von ihnen in den Schreckensruf ausgebrochen.

Diese Begegnung war ihm außerordentlich unangenehm, doch durfte er sich dies nicht merken lassen. Er wendete sich also den Beiden zu, zuckte bedauernd die Achsel und sagte:

»Ja, da geht es hin. Ich hatte vergessen, es anzubinden.«

»Weiter unten hängt ein Boot unseres Herrn. Wenn Ihr schnell macht und hineinsteigt, könnt Ihr das Eurige noch einholen.«

»Schon gut! Ich brauche es nicht mehr. Wer seid Ihr?«

Als er sie jetzt musterte, zeigten sie, verlegen lachend, die weißen Gebisse. Die Aeltere antwortete:

»Wir sind My und Ty.«

My und Ty sind Abkürzungen von Mary und Tony. Der Neger liebt solche Abkürzungen, doch sind sie auch dem Amerikaner überhaupt geläufig. Die Namen der beiden Brüder Snaker zum Beispiel, Jim und Tim, sind die Abkürzungen von Joachim und Timotheus.

»My und Ty also! Wer ist My!«

»Ich bin es,« meinte die Aeltere, verschämt an dem weißen Busentuche zupfend.

»Habt Ihr Männer?«

»Jessus, Jessus! Ob wir Männer haben! Wir sind Mädchen, jungfräuliche Mädchen, Massa!«

»So, so! Bei wem dient Ihr?«

»Bei Massa Wilkins hier. Wir sind in der Küche.«

»Ist Euer Massa gut?«

»Sehr gut, sehr gut.«

»Und wie seid Ihr mit seiner Tochter zufrieden?«

»Noch viel guter, noch viel sehrer gut!«

»Sind Beide daheim?«

»Ja. Massa trinkt Thee und Missis Chocolade.«

»So besitzen also Beide die Liebe aller Untergebenen?«

»Ja, die Liebe, die sehr allergrößte Liebe.«

»Das ist schön! Das freut mich! Es giebt also Niemand, der mit der Herrschaft unzufrieden ist?«

»Nein, Keinen.«

Da aber fiel die Jüngere gleich ein:

»Einen, o Einen kenne ich.«

»Wer ist das?«

»Bommy, der böse Bommy.«

»Das ist auch ein Neger, ein Diener!«

»Kein Diener, kein Neger, sondern ein verdammter Nigger, ein armseliger Nigger.«

Nigger ist die beleidigende, beschimpfende Form des Wortes Neger. Dieses Wort nahm sich freilich in dem Munde einer Schwarzen spaßhaft aus.

Die Absicht, in welcher Walker nach Wilkinsfield gekommen war, ließ es ihm gerathen erscheinen, sich an einen Mann zu halten, welcher mit dem Herrn der Besitzung auf gespanntem Fuße lebte. Darum hatte er die letzteren Fragen gethan, und darum erkundigte er sich weiter:

»Wo wohnt denn dieser Bommy?«

»Zwischen hier und der nächsten Plantage, gerade hier durch den Garten hindurch, drüben über das Zuckerfeld, da erblickt man am Rande des Gehölzes seine Hütte, in welcher er Gin und Wisky schenkt.«

»So ist er ein Schänkwirth?«

»Ja. Er wurde freigegeben und erhielt die Hütte geschenkt. Da er nicht arbeiten will, so ließ er sich Schnaps kommen, ihn zu verkaufen. Unser Massa aber hat verboten, von Bommy Schnaps zu trinken; darum ist Bommy zornig.«

»Der schlechte Mensch,« meinte Walker, das Lachen verbeißend. »Bleibt Ihr lange hier am Flusse?«

»Mehr ganz viele Stunden.«

»So will ich Euch Etwas sagen. Habt Ihr mich gesehen?«

»Ja.«

»Nein, Ihr habt mich nicht gesehen. Verstanden?«

Sie sperrten Jede den großen Mund auf und blickten ihn im höchsten Grade verwundert an. Sie konnten es nicht begreifen, einen Mann nicht gesehen zu haben, welcher doch vor ihnen stand.

»Jessus, Jessus!« meinte My. »Wir sehen doch Massa leibhaftig hier stehen!«

»Aber Ihr dürft mich nicht gesehen haben! Es werden Leute hier vorüberkommen, welche Euch nach mir fragen werden. Denen sagt Ihr, daß ich hier vorübergefahren bin, in meinem indianischen Kanot, immer flußabwärts. Habt Ihr mich verstanden?«

»Ja, ja!« nickten Beide.

»Liebt Ihr die Prügel?«

»Jessus, Jessus! Wer sollte Prügel lieben!«

»So will ich Euch sagen, daß Ihr viele Prügel erhalten werdet, wenn Ihr mich verrathet.«

»Wir verrathen nichts!«

»Gut! Ihr sagt, daß ich vorübergefahren bin. Vergeßt es nicht!«

Er stieg vollends das ziemlich steile Ufer hinauf und folgte dem angegebenen Wege in den Garten hinein.

Dieser war parkähnlich angelegt worden; aber die überwältigende Vegetation des Südens hatte ihn bereits wieder in eine halbe Wildniß verwandelt. Man konnte hier unter den Bäumen gehen, ohne nöthig zu haben, sich von Jemand sehen zu lassen. Das war Walker sehr lieb. Er wollte ja zunächst nur recognosciren. Darum schritt er immer weiter und vermied alle freien Plätze an denen er vorüber kam.

Das Herrenhaus machte einen imposanten Eindruck. Es war schloßartig im Style der späteren Renaissance gebaut, aber, dem südlichen Klima angemessen, mit luftigen Balkonen und Veranden reich versehen. In einer der Veranda's bot sich Walkern ein Bild von wunderbarer Schönheit.

Auf einer Hängematte ruhte ein junges, weibliches Wesen, augenscheinlich noch von dem dummen Schlafgewande umhüllt, welches die herrlichen Arme und die kleinen Füßchen frei ließ. Das aufgelöste Haar hing schwarz und glänzend von der Hängematte fast bis auf den Boden herab. Das Gesichtchen war wohl scharf angelegt aber höchst fein gezeichnet und in Folge seiner weichen Plastik und des morgenrothen Hauches, welcher die alabasterne Weiße belebte, von einer Schönheit, wie man sie selbst in jenem gesegneten Süden nur selten einmal zu sehen bekommt. In der Hand des einen, in das Netzwerk der Hängematte gestemmten Armes ruhte das herrliche Köpfchen. Dieser Arm erhielt in Folge seiner Lage eine scheinbar gesteigerte Ueppigkeit. Auf der anderen, ein Wenig ausgestreckten Hand, saß ein Papagei, mit welchem das schöne Mädchen scherzend plauderte. Ueber ihr hing an einer Schaukel ein kleines, allerliebstes Löwenäffchen, und vor der Veranda putzte ein an eine Eisenstange geketteter Felsenadler sein glänzendes Gefieder. Dazu bildeten blühende, in den feurigsten Farben prangende Lianen einen Rahmen um das lebendige Gemälde, welches den Gedanken nahe legte, die Fee der Tropen sei für diesen herrlichen Morgen ihrem üppigen Lager entstiegen, um einmal wonneathmend ihr Herz in menschlichen Gefühlen schlagen zu lassen.

Lange stand Walker hinter dem Baume. Er verschlang das schöne, kaum verhüllte Mädchen fast mit den Augen. Er hörte den süßen, verlockenden Ton der Sirenenstimme:

»
Mon chéri, mon favori, mon doucereuse – mein zärtlich Geliebter, mein Liebling, mein Süßer!«

Und der Papagei antwortete darauf:

»
Ma Belle, ma Charmante, ma petite femelle – meine Schöne, meine Bezaubernde, mein kleines Weibchen!«

Da langte das Löwenäffchen herab, zupfte sie leise im Haare und warf ihr, als sie lächelnd zu ihm emporblickte, ein ganzes Dutzend Kußhändchen zu. Gewiß hatte er das erst von ihr gelernt.

Jetzt drehte der Papagei den Kopf von ihr weg, blickte sich suchend um und rief sehr laut:

»
Mon amant, mon bien-aimé, où est-tu? Où est-tu? Mein Schatz, mein Geliebter, wo bist Du? Wo bist Du?«

In jenen Gegenden wird nämlich vorzugsweise französisch gesprochen. Die schöne Herrin gab ihm mit dem Finger einen zarten Streich und sagte:

»Still! Einen Geliebten darf Niemand haben.«

Er aber schüttelte sich, stieß ein wunderbar menschlich klingendes Kichern aus und antwortete flügelschlagend:

»
Je suis monsieur Adler, monsieur Adler, le bon monsieur Adler – ich bin Herr Adler, Herr Adler, der gute Herr Adler!«

Adler hieß, wie bereits erwähnt, der deutsche Oberaufseher der Plantage. Die schöne Herrin des Vogels erglühte bis an die Schläfe, obgleich kein Mensch vorhanden war oder wenigstens vorhanden zu sein schien. Sie sprang auf und verschwand mit dem Papagei in der Thür, welche aus der Veranda nach ihren Gemächern führte.

»Welch ein Weib!« sagte Walker, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr. »Verdammt, daß ich nicht offen auftreten kann! Ich würde sie zu zwingen wissen, meine Frau zu werden. Zwar habe ich bereits drei Weiber, meine eigentliche Frau und zwei Indianerinnen; aber die würden doch nichts erfahren. Für sie wäre ich verschwunden. Ich werde hier abwarten, was diese drei Jäger gegen mich vornehmen. Ist diese Gefahr vorüber, so weiß ich, was zu thun ist. Jetzt nun zunächst nach dem Zuckerfelde und zu Bommy, dem schwarzen Schänkwirthe. Vielleicht gewinne ich an ihm einen Verbündeten gegen den Besitzer der Plantage.«

Er schlich sich weiter und gelangte auch glücklich aus dem Garten, ohne von Jemand gesehen zu werden.

My und Ty, die beiden Negerinnen, hatten sich wohl über zwei Stunden lang mit ihrer Wäsche beschäftigt. Negerinnen schwatzen gern und lachen noch viel lieber. Die geringste Kleinigkeit giebt ihnen Veranlassung, ihrer Lachlust freien Lauf zu lassen. Darum wurde den Beiden die Zeit gar nicht lang. Sie lachten und schwatzten aus dem Hundertsten in das Tausendste und waren dann ganz erstaunt, als sie bemerkten, daß sie nur einen ganz kleinen Theil ihrer Arbeit verrichtet hatten.

Nun erschraken sie darüber und fielen mit zehnfachem Eifer über die Wäsche her. Dabei hörten sie gar nicht, daß sich Schritte näherten. Sie wurden auf den Mann, welcher am Ufer daherkam, erst aufmerksam, als er sie grüßte:

»
Good morning, girls!«

Da richteten sie sich von der Arbeit auf, drehten sich nach dem Sprecher um und stießen zugleich einen Schrei des Entsetzens aus.

»Jessus! Ein Bär!« kreischte My.

»Ein Ungeheuer!« schrie Ty.

»Er wird uns fressen! O Gott! O Herr! O Massa, o Massa!«

Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und sank in die Knie.

»Fliehen wir, fliehen wir!« brüllte Ty.

»Wohin denn?«

Sie hatte Recht. Hinter ihnen war der Fluß und vor ihnen der Bär. Zu den Seiten konnten sie keine Rettung finden, da dieser Weg dem Bären ja auch zur Verfügung stand.

»Schreit nicht so, Ihr Ungeziefer!« lachte Sam Barth. »Seht Ihr denn nicht, daß ich ein Menschenangesicht habe! Oder besitze ich wirklich eine so entsetzliche Bärenschnauze?«

Jetzt erst erinnerten sie sich, daß er sie ja mit menschlichen Worten und zwar ganz freundlich gegrüßt hatte. Auch sahen sie ihn sich genauer an, und da blickten sie dann in ein rundes, volles Gesicht, in welchem die Gutmüthigkeit hausbacken zu sein schien. Das gab ihnen ihre Courage zurück. My erhob sich aus ihrer knieenden Stellung und jammerte:

»Welch ein Schreck! Meine Strümpfe sind zersprungen.«

Sie waren aber vorher bereits zerrissen.

»Ich bin todt!« klagte Ty. »Ich habe vor Angst die Sprache verloren!«

»Das höre ich!« kicherte Sam. »Sagt mir doch einmal, Ihr Mädels, sehe ich denn wirklich gar so Furcht erweckend aus?«

»Ihr nicht, aber Euer Fell.«

»Mein Fell! Aha! Ihr denkt, es ist mir auf den Leib gewachsen. Na, da schaut her!«

Er nahm die Mütze ab, und nun sahen sie den ganzen, entblößten Kopf. Erst jetzt erkannten sie, daß sie es mit einem Menschen zu thun hatten, und ihr Entsetzen verwandelte sich schnell in das Gegentheil. Sie lachten laut auf und sprangen um den Jäger, sich ihn einmal genau zu betrachten. Er ließ es schmunzelnd geschehen; dann sagte er:

»Seid Ihr nun überzeugt, daß ich ein Mensch bin?«

»Ja,« antwortete My. »Ein Mann, ein Monsieur, ein schöner, viel hübscher, drolliger Massa.«

»Drollig? Na, meinetwegen! Von Euch schwarzen Ameisen will ich es mir gefallen lassen. Wer ist denn Euer Herr?«

»Massa Wilkins.«

»Ah! So! Ist er zu Hause?«

»Ja. Massa trinkt Thee.«

Sie vergaß, daß seit vorhin fast drei Stunden vergangen waren und daß Massa nun wohl nicht mehr Thee trinken werde.

»Wie lange wascht Ihr bereits hier?«

Sie blickte in den Wäschekorb und sah, wie wenig fertig geworden war. Darum antwortete sie:

»Einige kleine, ganz kleine Minuten.«

So eine Schwarze hat absolut keinen Sinn für die Zeit. Sam kannte das. Er trat näher und untersuchte die Tapfen, welche ihre nackten Füße im nassen Ufer getreten hatten. Dann fragte er:

»Wie heißt Du?«

»My, und Diese hier ist Ty.«

»Dann, meine liebe My, bist Du eine sehr große Lügnerin!«

»Was? My Lügnerin? O Massa, ich lüge nicht.«

»Aber soeben hast Du gelogen. Du sagtest, daß Ihr Euch erst seit einigen kleinen Minuten hier befändet, und Ihr seid jedenfalls schon seit Stunden hier.«

»O, einige kleine Stündchen, ja.«

Sie sagte das so unbefangen, als ob zwischen Minuten und Stunden nicht der geringste Unterschied sei. Sam nahm ihr das nicht übel. Er nickte ihr lachend zu und fragte dann:

»Was sagte er denn zu Euch?«

»Er? Wer?«

»Der Mann, welcher hier aus dem indianischen Kanot stieg.«

Sie hatten keine Ahnung, daß er nur auf den Strauch schlug; sie wußten vor Erstaunen gar nicht, was sie sagen sollten. Sie sollten schweigen, und dieser wußte es schon!

»Nun, Antwort!« drängte der Dicke.

Beide blickten sich rathlos an. Der Andere hatte mit Prügeln gedroht, dieser aber hatte ein Bärenfell an und eine Büchse in der Hand; er war jedenfalls noch fürchterlicher als der Erstere. My war die Klügste von Beiden. Sie sollte sagen, daß der Mann im Canot weiter gefahren sei, und sollte verschweigen, daß er in den Garten gegangen sei. In ihrem negerhaften Scharfsinne, beschloß sie, sehr klug zu sein und einen Ausweg zu suchen, indem sie das Gebotene und Verbotene mit einander in's Gleichgewicht bringe; darum antwortete sie beherzt, indem sie mit der Hand nach der Plantage zeigte:

»Er kam und ist auf seinem Canot hier in den Garten hinein gefahren.«

Sam brüllte beinahe auf vor Lachen.

»Mädchen, bist Du verrückt! Im Garten ist ja kein Tropfen Wasser. Nicht wahr, er ist hier ausgestiegen?«

»Ja,« gestand sie.

»Das Canot ist hier auf dem Wasser fortgelaufen?«

»Ja, Massa.«

»Und der Mann ist auf seinen Beinen hier in den Garten hinein gerudert?«

»Sehr gerudert!« nickte sie.

»Er hat Euch verboten, es zu sagen?«

»Wir sollen Prügel erhalten.«

»Habt keine Sorge! Diese Prügel wird er selbst erhalten; darauf könnt Ihr Euch verlassen!«

Das erweckte ihr Vertrauen, und nach einigen weiteren kurzen Fragen erfuhr er jedes Wort, welches Walker mit ihnen gesprochen hatte. Auch daß weiter unten ein Boot liege, sagten sie ihm bei dieser Gelegenheit.

»Könnt Ihr rudern?« fragte er.

»Rudern? Ja,« antwortete My in stolzem Tone. »Wir rudern Missis alle Tage auf dem Wasser.«

»So schaut einmal da hinüber nach dem anderen Ufer! Seht Ihr die beiden Männer dort stehen?«

Die Beiden beschatteten ihre Augen mit den schwarzen, dicken Händen und nickten bejahend. Der Fluß war hier gar nicht breit, so daß die langen, dürren Gestalten der Brüder sehr genau erkannt werden konnten. Ty sagte:

»Es ist ein Pfarrer mit einem Soldatenkopfe und ein Soldat mit einem geistlichen Käppchen.«

»Ja. Diese beiden Masters sind meine sehr guten Freunde. Sie wollen gern herüber und haben kein Fahrzeug. Wenn Eine von Euch ihnen das Boot hinüberbringen will, so gebe ich Euch hier dieses prachtvolle Bild, an welchem Ihr sehen könnt, was für einen Hut Ihr Euch jetzt kaufen müßt. So wie dieser hier sind sie seid Kurzem in der Mode.«

Er öffnete seinen Bärenpelz und zog ein vielfach mit Brüchen versehenes Papier hervor. Es war ein Blatt aus irgend einem alten illustrirten Journale. Selten hat ein Prairiejäger ein Stück Papier bei sich. Dieser Seltenheit wegen hatte Sam es heilig gehalten. Wohl Hunderterlei war bereits darinnen eingewickelt gewesen. Fett-, Ruß-, Schmutz- und Blutflecke befanden sich in Menge darin, so daß es ganz transparent geworden war und die druckschwarzen Buchstaben der einen Seite auf der anderen verkehrt und deutlich gesehen werden konnten. Der Holzschnitt ließ sich dennoch so leidlich erkennen. Er zeigte einen Mädchenkopf mit mongolischen Gesichtszügen; auf diesem Kopfe saß ein südchinesischer Binsenhut mit einer Krämpe, welche den Umfang eines für zehn Personen bestimmten Familienregenschirmes hatte. Darunter standen die Worte: »Eine chinesische Schönheit aus der Zeit des Kaisers Fung lu tschu, fünfhundert Jahre vor der Geburt Christi.«

Sam glättete das Papier und zeigte das Bild den beiden Schwarzen. Bekanntlich sind die Negerinnen außerordentlich eitel. Sie lieben auffällige Formen und schreiende Farben. Als My und Ty den Kopf und nun gar den Hut erblickten, schlugen sie vor Freude die Hände zusammen, stießen vor Entzücken ein Gelächter aus, daß man ihnen ganz deutlich bis an den Gaumen sehen konnte, und die Erstere rief:

»Welch' ein Hut! O Jessus, Jessus! Wie schön! Wer ist diese vornehme Dame?«

»Eine Negerkönigin aus New-York. Sie hat dreihundert Millionen im Vermögen und trägt stets die neuesten Hüte.«

»Und das Bild soll unser sein?«

»Ja, wenn Eine von Euch das Boot hinüberschafft.«

»Ich thue es!«

»Nein ich!«

Es begann ein Wettstreit, wer rudern solle und also Besitzerin sein werde. Sam entschied den Streit in der Weise, daß er sagte, das Bild werde er in zwei Theile zerschneiden, von denen Jede einen erhalten solle; Diejenige aber, welche die rechte Hälfte des Hutes erhalte, solle rudern.

Beide waren einverstanden. Ty erhielt die betreffende Seite des kostbaren Bildes und eilte schleunigen Laufes nach dem Boote. My aber hielt ihre Hälfte hoch empor, tanzte vor Entzücken und stieß dabei allerlei Wonnerufe aus, daß Einer, der sie von Weitem hörte, hätte meinen können, sie sei von einer Tarantel gestochen worden.

Sam kümmerte sich nicht um sie. Er untersuchte mit gewohnter Sorgfalt den Boden, und zwar nicht vergeblich. Am Ufer war freilich nichts zu finden, da Walker dort seine Spuren vertilgt hatte. Aber am Rande des Gartens bemerkte Sam's scharfes, geübtes Auge mehrere niedergedrückte Halme. Dieses Zeichen wiederholte sich in schrittweiten, regelmäßigen Entfernungen, so daß kein Zweifel vorhanden sein konnte, daß hier Jemand gegangen war.

Unterdessen war Ty am anderen Ufer angekommen. Jim und Tim stiegen ein, und da die Beiden in der Führung eines Kahnes geschickter waren als die Negerin, so dauerte es nur ganz kurze Zeit, bis sie hüben anlegten und ausstiegen.

»Du winktest,« sagte Jim. »Hast Du eine Spur?«

Die Brüder hatten nämlich heute am Morgen mit Sam im Wasser des Flusses Brüderschaft getrunken, so daß sie sich nun mit ihm Du nannten.

»Ja,« antwortete er. »Ich denke, daß wir ihn bald haben werden.«

Und sich an die Negerinnen wendend, fuhr er fort:

»Hört, ich habe noch ein solches Bild. Es ist weit schöner noch als das Erstere. Ihr sollt es bekommen, wenn Ihr thut, was ich Euch sage.«

»Sollen wir noch Jemand herüber holen, Massa?« fragte My neugierig und verlangend.

»Nein. Wenn der Mann kommt, welcher hier ausgestiegen ist, und Euch fragt, ob wir hier gewesen sind, so dürft Ihr es ihm nicht sagen.«

»O nein, Massa. Wir werden sprechen, der Massa ohne Nase, der Massa mit der Nase und der Massa Bär seien nicht dagewesen.«

»Unsinn! Ihr dürft uns nicht beschreiben, sonst merkt er doch, daß wir hier gewesen sind. Wenn Ihr uns nicht gesehen habt, könnt Ihr doch auch nicht wissen, wie wir aussehen!«

»O richtig! Aber dürfen wir ihm denn nicht das schöne Bild zeigen, Massa?«

»Nein. Damit verrathet Ihr uns doch auch.«

»So werden wir lieber fortgehen und an einem anderen Orte des Ufers waschen.«

»Sehr gut. Das ist jedenfalls der erste kluge Gedanke, den Ihr in Eurem Leben gehabt habt. Ich bin vollständig überzeugt, daß, falls der Kerl käme, Ihr ihm haarklar Alles erzählen würdet, so wie Ihr mir auch Alles gesagt habt, trotzdem er es Euch verboten hatte. Macht Euch also von hier fort, Ihr schwarzen Mottenbälger, und zwar weit genug!«

»Aber das andere Bild, Massa?«

»Das bringe ich Euch gebracht, Ihr Rotte Korah, Ihr!«

Jetzt nahmen sie ihre Wäsche und eilten stromaufwärts von dannen.

Sam führte die Freunde zum Gartenrande, zeigte ihnen die Fährte und theilte ihnen mit, was er von den Negerinnen erfahren hatte. Jim legte den Finger nachdenklich an die Stelle, an welcher sich früher seine Nase befunden hatte und fragte:

»Du meinst, daß wir dieser Fährte folgen, Sam?«

»Ja, wenigstens so weit sie sichtbar ist.«

»Das wäre wohl eine Dummheit, nicht?«

»Schwerlich. Warum meinst Du das?«

»Diese Fährte ist gewiß zwei Stunden alt. Während dieser Zeit kann er sein Geschäft hier abgewickelt haben und den Ort verlassen wollen. Es ist daher sehr leicht möglich, daß, während wir seiner Spur folgen, er nach hier zurückkehrt, sich das Boot einfach annectirt und damit das Weite sucht.«

»Ja, das ist so!« nickte Tim zustimmend.

»Nein, das ist nicht so,« antwortete Sam im Tone der Ueberzeugung. »Ich kann es Euch sehr leicht beweisen. Er fuhr in einem indianischen Kanot. Hier werden solche weder gebaut noch gebraucht. Was folgt daraus?«

»Daß er sehr weit herkommt, jedenfalls vom Gebirge herab,« antwortete Jim.

»So ist es! Ferner: Er wußte gewiß, daß wir nach ihm suchen würden, und dennoch ist er hier, so nahe der Stelle, wo er uns entwischte, eingekehrt. Ist das etwa Zufall?«

»O nein. Er hat schon vorher und ganz bestimmt hierher gewollt.«

»Natürlich. Daraus ist zu schließen, daß er hier auch bleiben wird. Zudem hat er das Kanot fortschwimmen lassen. Das that er, um uns glauben zu machen, daß er weiter stromab gehe, sonst muß er befürchten, uns in die Hände zu laufen. Ich bin vielmehr vollkommen überzeugt, daß er in einer Angelegenheit nach Wilkinsfield kommt, welche ihn längere Zeit hier festhalten wird. Heute und morgen wenigstens wird er warten, ehe er weiter geht. Er nimmt an, daß wir so lange nach ihm suchen und, falls dies vergebens ist, von einer ferneren Verfolgung abstehen werden. Darum können wir das Boot ruhig im Wasser lassen. Ich wüßte auch nicht, wie wir es ihm entziehen wollten.«

»Wir könnten es aus dem Wasser nehmen und einstweilen im Gesträuch des Gartens verstecken.«

»Dadurch würden wir unsere Anwesenheit nur verrathen. Er weiß, daß ein Boot da ist. Findet er es nicht mehr vor, so wird er es suchen. Anstatt des Bootes aber, findet er die Negerinnen, und diese wissen sicherlich nichts Klügeres zu thun, als ihm Alles genau zu erzählen. Nein, nein, gehen wir der Fährte nach! Ich bin der festen Ueberzeugung, daß wir gar nichts Besseres thun können.«

Sie folgten ihm, während er mit gebogenem Kopfe, um die Fährte nicht zu verlieren, voranschritt.

Nach einiger Zeit blieb er stehen und sagte:

»Halt! Nicht weiter! Ihr verderbt mir sonst die Fährte.«

Er kauerte sich ganz nieder und untersuchte den Boden mit größter Aufmerksamkeit.

»Hm!« brummte er. »Hier, hinter diesem Baume ist er stehen geblieben. Hier hat er eine längere Weile gestanden, mit den Fußspitzen nach rechts. Sein Gesicht ist also da hinüber nach dem Herrenhause gekehrt gewesen. Die Jalousien sind noch nicht aufgezogen; vor zwei Stunden sind sie es noch viel weniger gewesen; nur die Veranda ist offen. Es muß sich also dort etwas befunden haben, was er hat beobachten wollen. Wartet einmal hier! Ich bin der Ansicht, daß ihn irgend eine Absicht zu dem Herrn dieser Plantage führt. Er ist nicht direct zu ihm gegangen, sondern er recognoscirt vorher, er schleicht sich heimlich hinter den Bäumen herum; seine Absicht ist also keine gute, keine lobenswerthe. Es ist möglich, daß er zu dem Besitzer kommt, während wir ihn noch suchen; ja, es ist sogar möglich, daß er bereits bei ihm ist. Vielleicht hat Master Wilkins sich dort auf der Veranda befunden, als – – doch nein! Ein Papagei, ein Löwenäffchen und die feinen Gardinen an der Thür – das ist ein Ort für eine Dame. Wollen sehen!«

Ohne den Brüdern Verhaltungsmaßregeln zu ertheilen, schritt er rasch auf das Gebäude zu. Gerade in demselben Augenblicke öffnete sich die mit den erwähnten Gardinen behangene Verandathür, und die junge, schöne Dame, welche vorher von Walker beobachtet worden war, trat heraus. Sie erblickte den Jäger und stieß einen halblauten Ruf des Schreckes aus. Im ersten Augenblicke hatte auch sie ihn für einen Bär gehalten, doch erkannte sie sofort, daß sie sich geirrt habe.

Sam näherte sich ihr. Der Adler erblickte ihn, kreischte laut auf, schlug mit den Flügeln und stampfte mit den Fängen auf dem Eisenstabe herum. Auch er ließ sich durch die Pelzkleidung irre machen, doch beruhigte er sich auf einen schmeichelnden Zuruf seiner jungen Herrin.

Der Dicke blieb unten an den Stufen stehen. Er hatte erst in seiner kurzen Jägerart sprechen wollen; aber die Schönheit des Mädchens machte auf ihn einen so tiefen Eindruck, daß es ihm war, als ob er vor einer Königin stehe. Er machte also eine tiefe, tiefe Reverenz. Nach seiner Meinung hätte kein Graf eine feinere und elegantere Verbeugung fertig bringen können. Da aber der gute Sam keineswegs Hof- und Ceremonienmeister gewesen war und jetzt in dem Felle eines Bären steckte, so fiel diese Reverenz so hochkomisch aus, daß die Dame das Taschentuch an die Lippen hielt, um ihr Lachen verbergen zu können.

»Entschuldigung!« sagte er. »Gewiß Miß Wilkins?«

»Ja, die bin ich.«

»Dachte es mir! Freut mich sehr, Euch kennen zu lernen. Miß! Hoffe, daß Ihr mit mir zufrieden sein werdet.«

»Wieso? Ich mit Euch zufrieden sein?«

»Ja.«

»Das setzt doch ein gewisses Verhältniß voraus.«

»Natürlich ein Verhältniß!« nickte er. »Ihr werdet aber entschuldigen müssen, wenn ich damit leider nicht ein Liebesverhältniß meine!«

Sie erröthete ein Wenig und antwortete lachend:

»Das entschuldige ich sehr gern!«

»Sehr viel Ehre, sehr viel Ehre. Man bemerkt doch sofort, daß man es nicht nur mit einer schönen, sondern auch mit einer feinen Dame zu thun hat, mit einer Dame von Bildung, Anstand und Ambition.«

»Und Ihr scheint ein – ein – – ein – – –«

Es wurde ihr schwer, das richtige Wort zu finden.

Er blickte sie in so herzlicher und aufrichtiger Bewunderung an, daß es ihr leid gethan hätte, Etwas zu sagen, was ihn hätte beleidigen können. Er aber erlöste sie aus ihrer augenblicklichen Verlegenheit, indem er sofort und mit Nachdruck einfiel:

»Und ich scheine auch ein feiner Herr, ein Gentleman zu sein? Ja, Miß, das bin ich, das bin ich sogar sehr, obgleich ich nicht im Frack und Spannfederhut vor Euch erscheine. Ich komme als ein sehr guter Freund von Euch. Das werde ich Euch bald beweisen. Darum hoffe ich, eine Antwort auf meine Frage zu erhalten, welche ich Euch vorlegen muß.«

»Thut es, Sir!«

»Befandet Ihr Euch vor ungefähr zwei Stunden hier auf dieser Veranda?«

»Ja.«

»War Jemand bei Euch?«

»Nein.«

»Wurdet Ihr beobachtet?«

Sie erröthete in lieblicher Verlegenheit. Sie dachte an das Nachtgewand, welches sie getragen hatte. Sie antwortete darum zögernd:

»Ich weiß nichts davon. Sollte ich etwa beobachtet worden sein?«

»Ja, Miß.«

»Von wem?«

»Von einem Fremden, dort von jener dicken Platane aus. Der Kerl hat da längere Zeit gestanden, um Euch anzusehen. Doch habt Ihr nicht nöthig, darüber zu erröthen. Wer ein so feines und herzallerliebstes Puppengesichtchen hat wie Ihr, der kann sich zu jeder Tages- und Nachtzeit ansehen lassen, ohne sich schämen zu müssen. Nur eine Häßliche wird die Nase nach Nordwest wenden, wenn der Blick eines Auges aus der Gegend von Südost auf sie fällt.«

Er hatte keine Ahnung von der Dummheit, welche er gesagt hatte. Sie wollte ihm eigentlich zürnen, kam aber doch nicht dazu. Ein Blick in sein rothes, dickes, äußerst gutmüthiges Gesicht nöthigte ihr vielmehr ein freundliches, entschuldigendes Lächeln ab, doch fragte sie:

»Kommt Ihr nur aus dem Grunde, mir solche Dinge zu sagen?«

»Nein; das thue ich nur so nebenbei, weil mir bei Eurem Anblicke das Herz überläuft. Eigentlich kam ich, um mich zu erkundigen, ob Master Wilkins zu sprechen ist.«

»Jetzt wohl schwerlich. Er hat Besuch.«

»So früh am Tage! Das ist verwunderlich!«

»Ihr kommt doch ebenso früh!«

»Ja das ist richtig; aber ich habe etwas höchst Nothwendiges mit ihm zu sprechen. Ah, da fällt mir ein! Sollte sich etwa dieser Kerl bei ihm befinden – – –?«

»Welcher – –? Wer?«

»Der Euch beobachtet hat.«

Sie erröthete abermals, und zwar noch viel tiefer als vorher. Wenn Derjenige, welcher sich jetzt bei ihrem Vater befand, sie in ihrem tiefen Negligé gesehen hätte, so wäre das für sie im höchsten Grade unangenehm gewesen, ja noch vielmehr als unangenehm. Darum verwandelte sich die Röthe der Scham sofort in die Röthe des Zornes, als sie antwortete!

»Sollte Leflor es gewagt haben – – –«

»Leflor? Nicht Walker? Hm! Vielleicht nennt er sich hier Leflor.«

»Wer ist Walker?«

»Ein Mensch, den ich suche, ein Bösewicht, welcher vom Felsengebirge herab kommt um – – –«

»Der hat mich gesehen?« fiel sie schnell ein.

»Ja, der.«

»Das beruhigt mich. Monsieur Leflor ist ein Anderer. Er ist Besitzer der benachbarten Pflanzung und befindet sich jetzt bei Pa, jedenfalls um dringende Geschäfte mit ihm zu besprechen.«

»Das meinige ist noch dringender. Ich sehe mich gezwungen, die Herrn zu stören.«

»Wenn dies der Fall ist, so bemüht Euch nach der vorderen Front. Dort befindet sich das Portal, und der Diener wird Euch anmelden. Nur müßt Ihr nicht, wie hier, vergessen, Euern Namen zu nennen.«

»Verzeihung, Miß! Aber wenn ich Euch ansehe, so vergesse ich meinen Taufschein und auch mein Impfzeugniß. Ich heiße Sam Barth und bin meines Standes ein Savannenläufer.«

Da trat sie schnell einen Schritt weiter vor, hob das schöne Köpfchen überrascht höher und fragte:

»Sam Barth, der – – der – – der Dicke?«

Dieses Letztere Wort wollte ihr doch nicht so leicht über die Lippen gehen. Er aber nickte ganz ernsthaft:

»Ja, Sam Barth, der Dicke. So nennt man mich.«

»Vortrefflich! Ich habe von Euch gelesen!«

Jetzt war die Reihe, sich zu verwundern, an ihm.

»Gelesen? Von mir?«

»Ja, bereits einige Male.«

»Das ist unmöglich, meine liebe Miß,« antwortete er, die Finger aus der Tasche ziehend und sie nachdenklich betrachtend. »Ich wüßte wirklich nichts was Ihr von diesen Händen gelesen hättet; sie haben nichts geschrieben, was Euch hätte vor die Augen kommen können.«

Jetzt lachte sie hell auf. Die Stimme klang wie ein silbernes Glöckchen. »Das will ich nicht bestreiten, und das ist es auch gar nicht, was ich meine. Wenn Ihr wirklich Sam, der Dicke seid, ein deutscher Prairiejäger, so habe ich wirklich von Euch gelesen, nämlich in der Zeitung.«

»In der Zeitung?« fragte er, den Mund weit aufmachend.

»Ja, mein bester Sir.«

»Sapperment! Es wird doch nicht etwa ein Signalement darin gestanden haben!«

»O doch! Ihr waret so genau beschrieben, daß ich Euch sicher erkannt hätte, wenn ich nicht durch den Bärenfellanzug irre gemacht worden wäre. Ihr tragt ihn vielleicht seit noch nicht sehr langer Zeit.«

»Erst seit Kurzem. Aber, Miß, es ist doch nicht etwa gar ein Steckbrief gewesen!«

»Steckbrief? Habt Ihr ein so böses Gewissen, daß Ihr gerade auf diese Frage kommt?«

»Mein Gewissen ist gut und rein wie ein neuwaschenes Vorhemdchen; aber aus Versehen kann auch hinter dem ehrlichsten Kerl einmal ein Steckbrief herlaufen. Und da Ihr von meinem Signalement sprecht, so liegt der Gedanke nahe, daß ich durch einen impertinenten Zufall mit einem Menschen verwechselt worden bin, dessen Gewissen nicht neuwaschen ist.«

»O nein. Von einem Steckbriefe ist keine Rede.«

»Gott sei Dank! Jetzt wird mir das Herz wieder so leicht wie der Schritt eines Gentleman, der keine Sohlen an den Stiefeln hat!«

»Ihr scheint gar nicht zu wissen, daß Ihr eine berühmte Persönlichkeit seid?«

»Eine Persönlichkeit bin ich, und berühmt war ich einst, drüben in der alten Heimath, nämlich in Herlasgrün. Da kannte man mich auf allen Gassen und an allen Ecken. Ob dies hier auch so ist? Hm!«

»Ja, es ist so. Zwar ist mir Euer Herlasgrün vollständig unbekannt, aber – – –«

»Unbekannt? Es geht doch die Bahn von Werdau nach Hof vorbei, und ich hoffe doch, daß Ihr von der Mylauer und Gölzschthaler Brücke gehört habt!«

»Leider nicht; aber von Euch habe ich gehört. Die Jäger, welche zuweilen aus dem Westen zurückkehren, erzählen allerlei eigene und fremde Erlebnisse, und dabei werden natürlich auch die hervorragenden Prairieläufer erwähnt. Zu denen gehört Ihr. Und was erzählt wird, das pflegt dann sehr bald auch gedruckt zu werden.«

»Ah! So hat man mich gedruckt?«

»Euch nicht, aber von Euch.«

»Richtig! Hätte man mich gedruckt, das heißt, hätte man mich in eine Druckerpresse gesperrt, so hätte meine Gestalt wohl eine kleine Veränderung erlitten. Es wäre das wohl ein höchst unangenehmer Druckfehler für mich gewesen. Aber, was hat man denn über mich gedruckt?«

»Verschiedenes. Habt Ihr nicht einmal mit nur noch sechs anderen Jägern eine Santa-Fè-Carawane gegen die Comanchen vertheidigt?«

*

37

»Ja. Damals ist es uns sehr heiß geworden, aber die Rothhäute haben doch Haare lassen müssen.«

»Und habt Ihr nicht einmal ein ganzes Settlement von einem Ueberfall der Sioux errettet?«

»Auch das habe ich. Es war das weiter keine große Heldenthat. Wir waren ja dreißig Mann gegen achtzig Indsmen; da läßt sich die Sache schon machen.«

»Das und noch Anderes habe ich von Euch gelesen. Ich freue mich darum sehr, Euch hier zu sehen. Es wäre sehr schön, wenn Ihr eine Zeit lang hier bleiben könntet, Sir.«

»Ja, schön wäre es. Wenn ich Euch so in Eure lieben, hellen Augen gucke, Miß, so ist es mir, als ob ich mich für Euch mit allen Indianern der Erde herumbalgen könnte. Vielleicht kann ich einen Tag oder einige hier bleiben; es wird sich das sehr bald entscheiden. Vor allen Dingen muß ich zunächst mit Eurem Vater sprechen.«

»So geht um das Haus herum, wie ich Euch bereits gesagt habe, Sir!«

»Schön! Lieb wäre es mir, wenn ich Euch von der anderen Seite her auch treffen könnte.«

Er machte wieder eine nach seiner Ansicht höchst gewandte Verbeugung und ging. Dabei brummte er sehr befriedigt vor sich hin:

»Ich bin doch ein Himmelsakkermenter! Wie schön ich Das zuletzt gesagt habe! Der feinste Cavalier kann es nicht besser fertig bringen! Aber das ist auch ein Frauenzimmerchen! Süß wie Nürnberger Leb- oder Pulsnitzer Pfefferkuchen von Gottlieb Tobias Thomas, Nummer 26, das Päckchen für fünfzig Pfennige. Auf der Dresdener Vogelwiese bekommt man ihn am Besten. Ich war ja einmal dort!«

Er bog nach der Vorderseite herum und erblickte das hohe, weite Portal. In demselben stand ein Diener in leichter, dem südlichen Klima angepaßter Livrée. Dieser betrachtete den Kommenden mit erstauntem Blicke und erkundigte sich nach seiner Absicht. Als er Auskunft erhalten hatte, sagte er:

»Da müßt Ihr warten, Mann. Der Herr hat vor Nachmittag keine Zeit.«

»Das paßt sehr schön! Ich habe auch keine Zeit, und so wollen wir die Geschichte also gleich abmachen!«

Er trat ein. Der Diener aber ergriff ihn bei dem zottigen Aermel und meinte streng:

»Hoffentlich habt Ihr verstanden, was ich Euch gesagt habe, Master!«

»Und hoffentlich habe auch ich deutlich genug gesprochen!«

»Gewiß. Hier aber gilt nur Das, was ich sage, nicht aber Das, was Ihr von Euch gebt!«

»So? Nehmt Euch in Acht, daß ich nicht noch etwas Anderes von mir gebe, als was Ihr bisher von mir gehört habt! Ihr geht jetzt zu Eurem Herrn und sagt ihm, daß Sam Barth sehr nothwendig mit ihm zu sprechen habe. Verstanden?«

»Was geht mich Sam Barth an! Wartet, bis – – –«

Er hielt inne, trat zurück und machte eine sehr tiefe und respectvolle Verbeugung. Im Flur hatte sich eine tiefe Thür geöffnet, und die junge Herrin war herausgetreten. Sie wandte sich freundlich lächelnd an Sam:

»Da Ihr gewünscht habt, mich auch von dieser Seite zu sehen, so bin ich selbst zu Pa gegangen, um Euch anzumelden. Bitte, kommt mit!«

Der Dicke warf dem Diener einen vernichtenden Blick zu, so ungefähr wie ein Generalfeldmarschall einen Deserteur ansehen würde, und folgte ihr.

Sie führte ihn durch ein Vorzimmer und trat dann mit ihm in das Parlor, in welchem sich zwei Männer befanden, Wilkins, ihr Vater, und jener Leflor, sein Nachbar, von welchem sie gesprochen hatte.

Der Erstere war ein noch kräftiger Mann, vielleicht am Ende der fünfziger Jahre. Er hatte ganz das Aussehen eines Gentleman, selbstbewußt und doch gütigen Blick's dabei. Die kleinen Fältchen, welche von seinen äußeren Augenwinkeln nach den Schläfen hin strichen, ließen vermuthen, daß sein Leben nicht ohne geistige Anstrengung verflossen sei.

Der Andere mochte beinahe dreißig Jahre zählen. Er war lang, hager, trug sich Etwas vornüber gebogen; seine Kleidung war fein und tadellos, sein Gesicht glatt rasirt. Er machte den Eindruck eines echten Yankee. Als er dem Eintretenden entgegenblickte, hielt er die Augen zusammengezogen und die Mundwinkel herabgesenkt. Das gab seinem Gesichte einen lauernden, unangenehmen Ausdruck. Nach dem ersten Blicke auf Sam zog er seine Stirnhaut empor, ließ die Zähne sehen und machte mit der einen Schulter eine Schwenkung, als ob er irgend Jemand mit der Achsel von sich stoßen wolle.

»Hier, Pa, ist Master Barth, der Dich sprechen will,« sagte die Tochter. »Ich denke, daß er Dir willkommen ist.«

»Natürlich, liebe Almy. Ich heiße Euch willkommen, Sir!«

Er streckte dem Trapper die Hand entgegen. Sam ergriff sie, drückte sie herzhaft und sagte:

»Freut mich, Sir, daß Ihr mir wegen der Störung nicht zürnt. Vielleicht habe ich das nur Miß Almy zu verdanken.«

Er hatte den Namen des schönen Mädchens sofort aufgegriffen und sprach ihn aus, um ihn ja nicht wieder fallen zu lassen.

»Nicht allein ihrer Empfehlung,« bemerkte der Pflanzer, sondern auch dem Rufe, welcher Euch vorangeht.«

»Und der jedenfalls mehr aus dem Manne macht, als er wirklich ist!«

Das sagte Leflor, indem er einen belustigten und geringschätzigen Blick auf Sam warf. Der Dicke drehte sich rasch zu ihm hin und antwortete:

»Möglich, möglich! Aber einen Ruf habe ich doch. Habt Ihr auch einen, Sir?«

»Wieso – ich – Ruf?«

Der Sprecher war von Sam's Frage überrumpelt worden, so daß ihm nicht gleich eine klügere Antwort einfiel.

»Also keinen Ruf? Hm! So sprecht auch nicht über den meinigen, sondern sorgt zunächst dafür, daß die Leute auch Etwas Gutes von Euch zu erzählen haben!«

Dieses Intermezzo war dem Hausherrn unangenehm. Er wollte eine versöhnliche Bemerkung machen; doch Leflor kam ihm zuvor. Er stieß ein lustig sein sollendes, aber hart und gemacht klingendes Lachen aus und antwortete:

»So ist's recht, Master! Ein Jäger muß stets schlagfertig sein; nur muß er sich auch seinen Mann ansehen, damit er nicht an Einen geräth, der hoch über ihm steht. Uebrigens seht Ihr mir gar nicht wie ein rechter Westmann aus. Dieses Fell ist doch nur Maske, und dieses Schießholz – ah, welch ein alberner Prügel!«

Er hatte Sam dessen Gewehr aus der Hand genommen und hielt es dem Pflanzer lachend hin. Dieser gab ihm einen Wink, um ihn zu warnen. Die kleinen, scharfen Aeuglein des Dicken fingen diesen Wink auf. Er sagte:

»Ist nicht nöthig, dieses Augenzwinkern, Sir! Ich weiß doch nun, wie ich mit diesem Manne daran bin. Wenn er nicht sofort meine Büchse hier auf den Tisch legt, wird er Prügel haben, und zwar keine albernen. Er mag dann merken, wer höher steht, er oder ich. Sam Barth ist ein urgemüthlicher Kauz, aber mit sich tollen läßt er nicht.«

»Mensch!« fuhr Leflor auf.

»Boy!«

Boy heißt Bube, Knabe. Der Dicke stieß dieses Wort nicht etwa überlaut hervor, sondern er sagte es ruhig, mit nur ein ganz klein Wenig erhabener Stimme, aber seine ganze Haltung gab die Gewißheit, daß seine Faust in der nächsten Secunde dem Andern an die Kehle oder an den Kopf fahren werde. Wilkins stellte sich mit einem raschen Schritt zwischen die Beiden, nahm das Gewehr aus Leflors Hand, gab es an Sam zurück und sagte:

»Bitte, lieber Nachbar, keine Provocation! Master Barth ist mein Gast; er hat Euch nichts gethan, und so sehe ich nicht ein, aus welchem Grunde Ihr eine Reibung an ihm sucht. Die Jugend ist doch zuweilen ein Wenig übermüthig. Nicht, Sir?«

Diese letzte Frage war an Sam gerichtet. Er zuckte die Achsel und antwortete:

»Was nennt Ihr Jugend? Ich möchte diesem Worte nicht eine gar zu weite Ausdehnung geben.«

»Ganz, wie es Euch beliebt. Aber ist es Euch vielleicht recht, wenn ich Euch nach der Veranlassung Eures Besuches frage?«

Leflor hatte den kleinen Verweis schweigend hingenommen; aber seine Augen blitzten, und der Ausdruck seines Gesichtes ließ erwarten, daß er dies nicht ungerächt hingehen lassen werde.

Almy war zurückgetreten. Ihr schönes Gesicht war ernst, kalt und undurchdringlich. Als das Auge Leflors jetzt auf sie fiel, zog er die Brauen noch finsterer zusammen.

Sam that, als ob er das Alles gar nicht bemerke. Er antwortete auf die an ihn gerichtete Frage:

»Es ist mir das sogar sehr lieb, Sir. Ich habe keine Zeit für unnütze Reden übrig. Ich komme, um zu fragen, ob Euch vielleicht ein Mann bekannt ist, welcher den Namen Walker führt.«

»Walker? Der Name ist nicht selten. Ich habe ihn wohl zuweilen gehört, weiß aber keinen Bekannten, welcher sich so nennt.«

»Hm! So ist heut früh Niemand, der diesen Namen führt, bei Euch gewesen?«

»Nein.«

»Erlaubt mir die Frage, welche Besuche Ihr überhaupt bereits gehabt habt!«

»Keinen. Monsieur Leflor ist die erste Person, mit welcher ich heut spreche.«

»Ich danke Ihnen! Jetzt weiß ich, woran ich bin.«

»Darf ich vielleicht wissen, warum Ihr bei mir nach einem solchen Manne fragt?«

»Ja. Vorher habe ich aber noch eine andere Angelegenheit. Darf ich Euch wohl allein sprechen?«

»Gewiß. Betrifft die Angelegenheit Euch?«

»Nein, sondern Euch.«

»Nun, so könnt Ihr getrost davon sprechen. Vor meiner Tochter habe ich kein Geheimniß, und Monsieur Leflor ist mein Nachbar und Freund, welcher vielleicht auch hören darf, was Ihr bringt.«

»Ja. Beide könnten es eigentlich hören, uneigentlich aber nicht.«

»Wie meint Ihr das?«

»Ich will sie nicht dabei haben, weil ihr Gesicht mir so gut gefällt, und ihn will ich nicht dabei haben, weil sein Gesicht mir gar nicht gefällt.«

»Mensch! Kerl!« rief Leflor, einen Schritt näher tretend und die Faust erhebend. »Ich werde Dir zeigen, wie man von mir spricht!«

Sam hatte bereits das Bowiemesser in der Hand. Er spitzte die Lippen zu einem verächtlichen Pfiffe und antwortete:

»Sachte, sachte, mein Junge, sonst bringen Dich acht Zoll kaltes Eisen zur Ruhe. Ich bin in guter Absicht hierher gekommen und von Dir in einer Art empfangen worden, die ich nicht gewöhnt bin und an Die ich mich Dir zu Liebe auch nicht gewöhnen werde. Wer und was Du bist, das geht mich nichts an; ich aber bin ein Savannenläufer und handle nach dem Gesetze der Savanne. Nach demselben besteht die Antwort auf eine Beleidigung aus einer Kugel oder einem Messerstiche. Ich habe aus Höflichkeit für Master und Miß Wilkins Dir diese Antwort nicht gegeben, sage Dir aber in aller Ehrlichkeit, daß mir Dein Gesicht nicht gefällt. Wenn Dich das beleidigt, so sind wir richtig quitt, Beleidigung gegen Beleidigung. Wagst Du nun noch eine einzige Silbe, so will ich gehängt sein, wenn Dir nicht im nächsten Augenblicke meine Klinge zwischen den Rippen sitzt! So, jetzt bin ich mit Dir fertig! Und nun bitte, Master Wilkins, ein Wort im Vertrauen!«

Almy hatte noch kein Wort gesprochen. Jetzt wendete sie sich an den Jäger:

»Darf ich denn wirklich nichts hören?«

»Hm! Eigentlich jetzt noch nicht; aber erfahren werdet Ihr es doch noch heut. Sagt mir einmal, Miß, könnt Ihr schweigen?«

»O, gewiß!«

»Will Euch einmal Glauben schenken, obgleich ich sonst anderer Meinung über das Plapperment der Damen bin. Ihr sollt also dabei sein dürfen. Habt Ihr eine Stube, Master Wilkins, in welcher wir sprechen können, ohne belauscht zu werden?«

»Ja, kommt hier nebenan!«

Da fiel Leflor schnell ein.

»Meinetwegen sollt Ihr Euch nicht entfernen, Monsieur. Schließt man mich wirklich vom Vertrauen aus, so bin ich es, der sich zurückzieht. Ich werde einstweilen hinab in den Garten gehen und ersuche Euch, mich durch den Diener rufen zu lassen, sobald Ihr wieder für mich zu sprechen seid. Ich möchte nicht fortgehen, ohne in unserer Angelegenheit Eure Entscheidung mitzunehmen.«

Er ging. Der Pflanzer hob freundlich warnend den Zeigefinger empor und sagte:

»Master Barth, da habt Ihr Euch einen Feind erworben. Meint Ihr nicht?«

»Hm! Alle Schufte sind dem ehrlichen Manne feind. Einer mehr oder weniger, das ist gleichgültig.«

»Ihr urtheilt zu schnell und seid zu aufrichtig!«

»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt. Ihr wollt mir sagen, daß ich zu voreilig gewesen bin. Ich aber sage Euch, daß mir zwar das Gesicht dieses Mannes wie ein echtes, rechtes Spitzbubengesicht vorkommt, daß es mir aber gar nicht eingefallen wäre, es ihm zu sagen, wenn er mich anders empfangen hätte. Er ist vielleicht ein wohlhabender, ein reicher Pflanzer; das gilt jedoch in meinen Augen keinen Pfifferling. Er mag versuchen, ein Westmann zu werden! Er wird in vierzehn Tagen mit tausend Laternen seine sechzehn Knochen nicht zusammenfinden können. Nur Männer dürfen reden. Rempelt mich aber so ein Junge an, so pfeife ich ihm eine Schwarte um die Ohren, daß ihm alle fünfhundert Kommeten im Kopfe herumfunkeln. Nur Eurer Gegenwart hat er es zu danken, daß er so leichten Kaufes davongekommen ist. Was er von mir denkt und was er gegen mich nun sinnt, das ist mir vollständig Wurst und Schnuppe; aber hüten soll er sich, mit mir anzubinden das könnt Ihr, wenn Ihr Euch so sehr für ihn interessirt, zur Warnung mittheilen. Was nun unsere nächste Angelegenheit betrifft, so wünsche ich, daß er nichts davon erfährt, Master Wilkins.«

»Betrifft es vielleicht auch ihn?«

»Nein.«

»So bedenkt, daß er mein Nachbar ist, und daß in solch entlegener Gegend Nachbarn vielfältig aufeinander angewiesen sind.«

»Mag sein; aber ich traue diesem Menschen nun einmal nicht. Wollt Ihr mir versprechen, gegen ihn zu schweigen?«

»Wenn Ihr es partout verlangt, ja. Aber ist denn Eure Angelegenheit so wichtig, Master?«

»Sehr. Ihr werdet es sofort erfahren. Ist Euch vielleicht ein gewisser »rother Burkers« bekannt?«

Der Pflanzer erschrak sichtlich.

»Der?« antwortete er. »O, der ist mir nur gar zu gut bekannt. Was ist's mit ihm?«

»Er will Euch einen Besuch abstatten.«

»Herrgott! Ist's wahr?«

»Ja, gewiß.«

»Wann?«

»Heut in der Nacht.«

»Mein Himmel! Welch eine Nachricht!«

Er hatte sich von seinem Sitze erhoben, that einige rasche Schritte im Zimmer hin und her, blieb dann vor Sam stehen und fragte:

»Woher wißt Ihr es, Sir? Er kann es Euch ja doch nicht gesagt haben!«

»O, freilich hat er es mir gesagt.«

»Unmöglich!«

»Wirklich, wirklich! Er hat es mir gesagt, aber er wußte nur nicht, daß ich es hörte.«

»Ah! Ihr habt ihn belauscht?«

»Ja, gestern Abend, drüben im Walde, vier Stunden von hier.«

»Welch eine Nachricht, welch eine Nachricht! Die ist freilich von allerhöchster Wichtigkeit für mich! Almy, mein Kind, sprich! Du bist ganz verstummt!«

Sie war allerdings sehr bleich geworden und hatte kein Wort gesprochen; jetzt antwortete sie:

»Beruhige Dich, Pa! Es wäre schrecklich gewesen, plötzlich von ihnen überfallen zu werden. Nun wir es aber wissen, können wir unsere Vorbereitungen treffen. Monsieur Adler wird das Seinige thun, ganz wie damals, und wenn wir dem guten Sam Barth gute Worte geben, so bleibt er vielleicht hier, um uns seinen Scharfsinn, seine Erfahrung und seine berühmte Büchse zu leihen. Nicht, Master?«

Sie hielt ihm lächelnd die kleine Hand entgegen. Sam ergriff dieselbe mit zwei Fingern, leise, sanft, um ihr ja nicht wehe zu thun, zog sie an diejenige Stelle seines Pelzes, unter welcher er sein Herz wußte, und antwortete in überfließendem Gefühl:

»Miß, habe ich Euch nicht bereits gesagt, daß ich mich für Euch mit allen Indsmen der Erde herumhauen würde? Habt Ihr das vergessen?«

»Hier handelt es sich nicht um Indsmen.«

»Schuft bleibt Schuft, weiß oder roth, grün, blau oder gelb, ganz egal. Ich bleibe bei Euch, und ich bin nicht allein, sondern ich bringe noch zwei Kerls mit, die sich gewaschen haben. Ihr habt von mir gelesen, Miß. Hat vielleicht auch der Name Jim oder Tim Snaker in der Zeitung gestanden?«

»Freilich. Das sind zwei Brüder? Nicht?«

»Ja, und diese Beiden werden Euch fehlen.«

»Welche Ueberraschung! Sie sind also hier?«

»Gewiß. Sie stehen draußen im Garten und warten auf mich.«

»Warum kommen sie nicht mit herein?«

»Weil sie draußen nöthiger sind; später aber werden sie wohl mitkommen. Ist der deutsche Aufseher ein tüchtiger Kerl?«

»Wir können uns auf ihn verlassen,« antwortete der Pflanzer.

Almy fügte schnell hinzu:

»Er würde sein Leben für uns wagen!«

»Nun, so wird es uns wohl gelingen, mit den Schurken fertig zu werden. Laßt Euch das Nähere erzählen, Master Wilkins!«

Er berichtete Alles, was seit gestern Abend geschehen war, und Vater und Tochter hörten mit größter Spannung zu. Als er mit seiner Erzählung zu Ende war, fragte Wilkins:

»Also dieser Walker ist auch hier, im Bereiche meiner Besitzung. Was mag er wollen!«

»Jedenfalls führt ihn eine ganz bestimmte Absicht hierher. Vielleicht sucht er Euch auf. Wollt Ihr mir versprechen, ihn in diesem Falle festzuhalten, bis ich wiederkomme?«

»Gewiß! Ich verspreche es Euch. Also Ihr wollt jetzt seiner Fährte weiter folgen?«

»Das versteht sich ganz von selbst. Wir müssen ihn haben, auf jeden Fall und um jeden Preis.«

»Und wenn sich seine Spur verliert!«

»So führt sie sicher zu Bommy.«

»Bommy? Ah! Kennt Ihr den?«

»Erst seit einer halben Stunde. Was für ein Kerl ist dieser Schwarze?«

»Ein undankbarer, charakterloser und selbstsüchtiger Wicht. Mein Bruder hatte ihn freigelassen und ihm sogar ein kleines Areal geschenkt. Zu faul, sich durch Arbeit zu ernähren, begann er, mit Schnaps zu handeln. Um mir nicht meine Leute verpesten zu lassen, habe ich ihnen verboten, von ihm zu kaufen. Seit dieser Zeit sucht er mir auf alle Weise zu schaden. Ihr meint also, daß Walker ihn aufgesucht habe?«

»Ich möchte darauf schwören.«

»So müßte er ihn kennen.«

»Vielleicht nicht. Er hat Eure beiden Negerinnen My und Ty nach Jemand gefragt, der Euch feindlich gesinnt ist; sie haben ihm diesen Bommy genannt. Er wird ihn natürlich aufsuchen. Das ist der sicherste Beweis, daß ihn eine Euch feindselige Absicht hierher geführt hat.«

»Ob er vielleicht ein Verbündeter des rothen Burkers ist?«

»Schwerlich. Ich meine vielmehr, daß Beide gar nichts von einander wissen. Aber möglich wäre es, daß sie sich hier fänden, wenn ich die Bande nicht zufällig belauscht hätte. Nun wißt Ihr Alles, Master. Jetzt werde ich zu meinen beiden Gefährten gehen, um mit ihnen den lieben Bommy aufzusuchen. Vielleicht erwischen wir den Kerl bei ihm.«

»Wann kommt Ihr wieder?«

»Sobald wie möglich. Dann haben wir Zeit, einen Plan gegen den Ueberfall zu besprechen. Sagt bis dahin aber keinem Menschen Etwas davon. Die Nigger sind schwatzhafte Kreaturen. Sie machten, wenn sie es erführen, einen Heidenspectakel, und da merkte der rothe Burkers zu früh, daß wir ihn erwarten werden; er käme also gar nicht, und das wäre doch jammerschade.«

»Aber Leflor möchte es doch erfahren. Er würde gern mit einigen seiner Leute kommen, um uns beizustehen.«

»Dann bleibe ich mit Jim und Tim weg. Uebrigens habe ich eine Ahnung, als ob dieser Leflor kein gar so großer Freund von Euch sei. Wartet jetzt ruhig meine Rückkehr ab; dann werden wir ja sehen, ob es nöthig ist, fremde Hilfe herbeizuziehen. Adieu, Master, Adieu, Miß!«

Er gab ihnen die Hand und ging, sie in einer keineswegs ruhigen Stimmung zurücklassend.

Leflor war, wie er gesagt hatte, in den Garten gegangen. Er hatte sich ganz außerordentlich über Sam geärgert. Das Auftreten des braven Dicken hatte ihm aber doch so imponirt, daß er eingeschüchtert worden war; aber er nahm sich vor, die Gelegenheit zur Rache zu ergreifen.

Was mochte dieser Jäger bei Wilkins wollen? Leflor rieth hin und her, konnte sich aber nichts denken, hoffte jedoch, es leicht und schnell zu erfahren.

So schritt er langsam den breiten Kiesweg dahin, in finsteren Gedanken versunken, bis er durch nahende Schritte aus seinem Brüten aufgeweckt wurde. Ein junger, einfach aber doch elegant gekleideter Mann, dessen ausdrucksvolles Gesicht von einem feinen Panamahute beschattet wurde, kam mit schnellen Schritten aus einem Seitenwege heraus und stieß, da er wegen des Buschwerkes Leflor, nicht hatte sehen können, beinahe mit diesem zusammen.

Ueber Leflors Gesicht zuckte ein häßlicher Zug. Er blieb stehen und fragte:

»Monsieur Adler, seid Ihr blind?«

Der Angeredete schritt ruhig weiter, ohne zu antworten, ohne zu thun, als ob er den Frager gesehen oder gehört habe. Da rief dieser mit erhobener Stimme:

»Master, hört Ihr mich nicht?«

Und als auch jetzt noch keine Antwort erfolgte, schritt er eiligst hinter ihm her und lachte höhnisch:

»Ah, Ihr fürchtet Euch vor mir! Ihr habt kein gutes Gewissen!«

Da hemmte Adler seine Schritte, drehte sich langsam um und ließ Leflor herankommen. Sein Gesicht schien in diesem Augenblicke aus Wachs geformt zu sein; es war vollständig unbeweglich. Selbst sein Auge hatte einen eigenthümlich starren Blick, welcher nicht auf Leflor, sondern über diesen hinaus gerichtet zu sein schien. Ein solches Gesicht hat man nur dann, wenn man sich alle Mühe geben muß, eine innere Erregung zu bemeistern, wenn man gezwungen ist, Rücksicht zu üben und höflich zu sein, während man doch das gerade Gegentheil empfindet.

»Habt Ihr gehört?« fragte Leflor, vor Adler stehen bleibend.

»Was?«

»Daß Ihr Euch vor mir fürchtet!«

»Ihr spracht also mit mir?«

»Natürlich! Es war ja kein anderer Mensch in der Nähe.«

»Ich glaubte überhaupt, es sei gar Niemand vorhanden, Monsieur Leflor.«'

»Pschaw! Macht mir nichts weiß. Euer Betragen gegen mich ist ein solches, daß ich es nicht länger dulden kann. Warum grüßt Ihr mich nicht?«

Da schoß ein leuchtender Blitz aus Adlers Auge in das Gesicht des Andern; aber in demselben Augenblicke hatten die Züge des Aufsehers ihre Ruhe wieder erlangt. Er zuckte leicht die Achsel und antwortete:

»Ich wundere mich über Eure Frage. Ich würde sie gegen keinem Menschen und in keinem Falle aussprechen. Aber da sie einmal ausgesprochen ist, will ich sie beantworten, obgleich ich natürlich nicht gezwungen bin, es zu thun. Ich habe Euch gegrüßt, zehnmal, zwanzigmal. Ihr habt es nicht gethan; natürlich unterlasse ich es auch. So ist es.«

»So, also so!« meinte Leflor höhnisch. »Ihr habt also gemeint, auch ich solle grüßen, ich zuerst?«

»Natürlich.«

»Das ist spaßhaft. Ich, der Pflanzer, der Plantagenbesitzer, soll einen Dienstboten grüßen!«

»Warum nicht? Wenn Euch so viel an dem Gruße des Dienstboten liegt, daß Ihr ihn Euch erzwingen wollt, so ist dieser Dienstbote jedenfalls eine so wichtige Person, daß auch Ihr ihn grüßen könnt.«

»Das fehlte noch! Wo kommt Ihr jetzt her?«

»So darf mich nur Monsieur Wilkins fragen!«

»Schön! Es wird anders werden. Jetzt aber verfügt Ihr Euch in den Stall, um nachzusehen, ob mein Pferd sein Futter erhalten hat!«

»Ich will Euch das Vergnügen nicht rauben, Euch um Euer Pferd selbst zu bekümmern.«

Sie standen sich Auge in Auge gegenüber. Es war klar, daß Leflor diesen Streit vom Zaune brach. Er haßte den Aufseher. Zu diesem Haß kam der Zorn über die Behandlung, welche er von Sam Barth erfahren hatte. Jetzt brach es los.

»Also Ihr weigert Euch, meinen Befehlen zu gehorchen?« fuhr er auf.

»Von Befehlen Eurerseits kann gar keine Rede sein!«

»Oho! Ihr werdet bald vom Gegentheile überzeugt sein. Oder hättet Ihr dem Schwiegersohne des Master Wilkins etwa nicht zu gehorchen?«

Das Gesicht Adler's ward um einen Schatten bleicher, und seine Stimme bebte leise, als er antwortete:

»Der werdet Ihr jedenfalls niemals sein!«

»Nicht? Ich sage Euch, daß ich soeben um Almy's Hand angehalten habe!« –

»Ihr seid abgewiesen worden!«

»So kann nur ein Verrückter antworten. Ich habe das Jawort erhalten.«

»Dann ist die Person, die es Euch gegeben hat, verrückt; da ich aber weder meinen Prinzipal noch dessen Tochter für geisteskrank halte, so sehe ich mich gezwungen. Eure Behauptung sehr einfach für eine Unwahrheit, eine Erfindung, eine Lüge zu halten.«

Da trat Leflor einen Schritt zurück und sagte:

»Lüge, das mir?«

»Das Euch, ja!«

»Verdammter deutscher Hund! Hier hast Du!«

Er holte mit der geballten Faust aus und schlug damit Adler – in das Gesicht? O nein. Er wollte es thun, aber seine Faust traf nur die Luft, und er selbst erhielt im Gegentheile einen so gewaltigen Boxerhieb in die Magengegend, daß er, sich überschlagend, in weitem Bogen zu Boden stürzte.

»O Jessus, o Jessus!« kreischte eine weibliche Stimme.

»Hilfe, Hilfe!« rief eine zweite.

My und Ty waren mit ihrer Wäsche vom Flusse zurückgekehrt. Sie hatten, um schneller heim zu kommen, den Seitenweg eingeschlagen, aus welchem vorhin Adler gekommen war. Sie hörten Stimmen und blieben stehen. Zwischen den Zweigen hindurch erkannten sie die beiden Männer. Sie verstanden jedes Wort, welches gesprochen wurde, und als nun die beiden Hiebe fielen, stießen sie erschrocken ihre Rufe aus.

Leflor hatte sich kaum erheben können. Der Athem fehlte ihm. Dennoch wollte er sich auf Adler stürzen, der ihn ruhig in der Stellung eines gewandten Boxers erwartete, als aber die beiden Negerinnen zu schreien anfingen und er also bemerkte, daß seine so plötzliche Niederlage Zeuginnen gehabt habe, zog er es vor, schnell hinter den Büschen zu verschwinden.

Adler blieb als Sieger noch einen Augenblick stehen, zuckte verächtlich die Achsel und trat zu den Negerinnen.

»Was thut Ihr hier? Ihr habt gelauscht!«

»O nein, Massa! Nicht gelauscht,« antwortete Ty. »Wir kamen vom Wasser, ganz zufällig.«

»Habt Ihr Alles gehört und gesehen?«

»Alles. Massa Adler ist ein starker Held. O Jessus, Jessus, wie Massa Leflor auf die Erde gekugelt ist wie ein Hund, der aus dem Fenster fällt.«

Sie lachte bei dieser Vorstellung laut auf, und die gute My stimmte mit ein.

»Macht, daß Ihr in die Küche kommt!« befahl Adler. »Und ich verbiete Euch, irgend Jemand Etwas zu sagen! Hört Ihr's?«

»O, wir hören!«

»Wenn Ihr plaudert, so wird es Euch schlimm ergehen. Also schweigt.«

»O, Massa, wir schweigen, wir schweigen sehr!«

Sie nahmen ihre Wäsche wieder auf und trabten von dannen. Als sie in der großen Küche ankamen, befand Almy sich dort. Sie hatte ihren Vater mit Leflor, welcher von seinem Spaziergange Zurückgekehrt, allein lassen müssen, und suchte sich nun hier Beschäftigung, um sich von dem Gedanken an den zu erwartenden Ueberfall nicht zu sehr beunruhigen zu lassen.

»Missus, Missus, Almy, wir sind wieder da!« rief My bereits im Eintreten.

»Ihr wart sehr lange,« tadelte die Herrin. »Ihr hättet viel eher fertig sein können!«

»Eher? My und Ty konnten nicht eher. Viel Abhaltung und viel andere Arbeit.«

»Welche Abhaltung und Arbeit denn?«

»Erst kam ein Mann im Indianerkanot.«

Almy wußte dies bereits aus Sams Erzählung.

»Dann kam der Bär. Nachher der Mann mit der Nase und der Mann ohne Nase. Ty mußte rudern. Hier ist der neue Hut.«

Beide zeigten ihre Bilderhälften vor. Almy, welche ihre Dienerinnen kannte, lachte sie nicht aus, sondern zeigte sich über die Geschenke sehr entzückt.

»Und zuletzt,« berichtete My, »kam Streit mit Massa Leflor und Massa Adler.«

Jetzt wurde die junge Herrin aufmerksam.

»Ein Streit zwischen Beiden?«

»Ja. Massa Leflor beleidigte Massa Adler. Massa Adler soll ihn grüßen, ihm gehorchen, nach seinem Pferde sehen. Massa Leflor sind Schwiegersohn von Massa Wilkins. Massa hat jetzt das Jawort erhalten von Massa Wilkins.«

Almy wurde roth und dann umso bleicher.

»Wer hat das gesagt?« fragte sie hastig.

»Massa Leflor.«

»Zu Massa Adler?«

»Ja.«

»Was antwortete dieser?«

»Er sagte, daß es Lüge sei.«

»Das ist es auch.«

»Da wurde Massa Leflor sehr zornig und holte aus, Massa Adler zu schlagen.«

»Mein Gott! Das giebt ein Unglück!«

»Nein, Missus, kein Unglück, denn der gute Massa Adler war viel schneller und traf Massa Leflor auf den Bauch, so schnell, daß er einen Purzelbaum machte weit auf die Erde hin. O Jessus, Jessus war das schön, sehr schön!«

»Und was geschah dann weiter?« fragte Almy voller Angst.

»Ich schrie, und Ty schrie. Da riß der böse Massa Leflor aus. Massa Adler aber kam zu uns und befahl uns, gar nichts zu sa – – o Jessus, Jessus, jetzt habe ich es doch gesagt! Nun wird es uns gehen sehr schlimm.«

»Beruhige Dich! Ich werde Euch nicht verrathen; aber sagt es keinem Anderen.«

»Nein, nein! Aber dürfen wir es nicht auch noch sagen Nero, dem Kutscher? Er kann nicht leiden Massa Leflor und wird lachen vor großer Freude, daß Massa gemacht hat einen so großen Purzelbaum.«

»Nein; auch er darf es nicht wissen.«

»So werden wir schweigen. Kein Mensch darf es erfahren, kein Mensch.«

Aber zwei Minuten später stand My bei Nero, dem schwarzen Wagenlenker, welcher ihr Geliebter war, und erzählte ihm unter den abenteuerlichsten Gesten und Pantomimen alle ihre heutigen Erlebnisse.

Kurze Zeit später erschien der Diener, um Almy zu ihrem Vater zu bitten. Dieser befand sich nicht mehr im Parlor, wo er mit Leflor gesprochen hatte, sondern in seinem Arbeitszimmer. Er empfing die Tochter mit einem Gesicht, auf welchem sich Sorge, Rührung und Spannung zeigten. Auf einen Sessel deutend, sagte er:

»Setze Dich, liebes Kind! Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen.«

Er legte die Füße übereinander und strich sich mit der Hand langsam über die Stirn, als werde es ihm schwer, den Anfang zu finden. Almy setzte sich nicht; sie blieb vielmehr stehen und sagte in ruhigem, beinahe geschäftsmäßigem Tone:

»Ich weiß, was Du mir sagen willst.«

»Schwerlich.«

»Gewiß. Es scheint Dir schwer zu werden, den Gegenstand zu besprechen. Ich möchte wünschen, ihn so leicht wie möglich zu nehmen.«

»Du sprichst von dem zu erwartenden Ueberfall. O, der macht mir jetzt weniger Sorge als – – –«

»Als meine Verheiratung,« fiel sie in's Wort.

Er fuhr erstaunt auf:

»Wie, Du weißt es?«

»Ja. Leflor hat das Wort seit langer Zeit auf den Lippen gehabt. Sein heutiges feierliches Auftreten ließ mich vermuthen, daß er mit Dir über seine Absichten sprechen werde.«

»Er hat es gethan,« antwortete der Pflanzer, sichtlich erleichtert, daß Almy so unschwer auf diesen Gegenstand einging.

»Was hast Du ihm geantwortet?«

»Noch nichts. Ich mußte doch erst mit Dir sprechen. Ich würde keinem Menschen Deine Hand ohne Deine Einwilligung versprechen, mein liebes Kind.«

»Wann hast Du ihn wieder bestellt, um unsere Entscheidung zu erfahren?«

»Er ist noch gar nicht fort. Er bat um sofortige Antwort. Er wartet im Parlor.«

»So hat er es sehr nothwendig,« lachte sie heiter. »Ich werde sofort zu ihm gehen.«

»Wirklich, Kind, wirklich?«

Er erhob sich erfreut von seinem Stuhle.

»Ja, Du erlaubst doch, Pa, daß ich es ihm selbst sage, nicht wahr?«

»Sehr gern, mein liebes Kind. Deine Heiterkeit läßt mich die Antwort errathen, welche Du ihm geben wirst.«

»Und welche ich ihm sehr gern gebe.«

Da ergriff er sie bei der Hand und fragte, jetzt plötzlich wieder ernst werdend:

»Giebst Du sie ihm wirklich so gern? Ich hatte vermuthet, wenigstens auf einen kleinen Widerstand zu stoßen.«

»Warum Widerstand, Pa? Wir Beide haben doch stets nur einen Wunsch und Willen.«

»Ja; aber warte noch einen einzigen Augenblick, Almy, und laß uns fragen, ob er es denn auch wirklich werth ist.«

Sein Ton klang beinahe angstvoll, wenigstens besorgt. Almy aber lachte ihm herzlich entgegen und antwortete, ihm freundlich zunickend:

»Er ist es werth, Pa, gewiß, er ist es werth!«

»Nun, wenn Du diese Ueberzeugung besitzest, und wenn Dein Herz bereits so deutlich gesprochen hat!«

»Ja, es hat gesprochen.«

Er schüttelte leise den Kopf. Es flog wie Enttäuschung über sein mildes Angesicht.

»Das hatte ich nun nicht so vermuthet,« sagte er. »Es ist doch wahr, Ihr Frauen seid vollständig, vollständig unberechenbar. Ich dachte, Dich ganz genau zu kennen, und nun sehe ich, daß ich Dich gar nicht kannte, daß ich mich geirrt habe.«

»Ja, Du hast Dich geirrt, Pa, aber in ganz anderer Weise, als Du denkst. Bitte, komm!«

Sie ergriff seine Hand und trat mit ihm in das Parlor, wo Leflor wartend am Fenster stand. Er mochte an Adler denken, denn seine Stirn lag in finsteren, drohenden Falten. Jetzt drehte er sich um, und als er das schöne Mädchen lächelnd an der Hand des Vaters erblickte, nahm sein Gesicht den Ausdruck des Triumphes an.

»So schnell!« sagte er. »Ich erlaube mir natürlich, dies als ein glückliches Omen für mich zu deuten.«

»Ja,« nickte der Pflanzer ernst. »Almy hat mich gar nicht aussprechen lassen. Sobald ich begann, erklärte sie, daß sie Euch gern selbst und sofort die Antwort geben werde.«

»Welch ein Glück! Almy, darf ich hoffen?«

Er trat auf sie zu und wollte ihre Hand ergreifen; sie aber wich einen Schritt zurück und fragte, nicht ernst, sondern sorglos lachend:

»Was hofft Ihr denn, Monsieur?«

»Daß Ihr Euch entschlossen habt, den heißesten Wunsch meines Herzens zu erfüllen.«

»Welcher Wunsch ist das?«

»Euch die Meine nennen zu dürfen.«

»Und Ihr hofft, daß ich diesen Wunsch erfülle?«

»Ja, ich hoffe es.«

»Das begreife ich nicht. Die Hoffnung richtet sich doch nicht in die Zukunft. Sie verlangt doch wohl noch Etwas, was man noch nicht besitzt.«

»Allerdings, Miß Almy.«

»Wenn Ihr hofft, mich zu besitzen, so besitzt Ihr mich also noch nicht?«

»Leider nicht, noch nicht.«

»Warum sagt Ihr dann zu anderen Personen, daß Ihr bereits unsere Zusage erhalten hättet?«

Ihr Gesicht hatte auf einmal einen ganz anderen Ausdruck angenommen; es war ernst, ja streng auf ihn gerichtet; er mußte vor ihrem Blicke die Augen niederschlagen.

»Ich sollte das gesagt haben?«

»Ja.«

»Das ist entweder ein Mißverständniß oder gar eine Lüge, Miß.«

»Es ist weder das Eine noch das Andere. Ihr habt es gesagt; das ist eine Thatsache.«

»Zu wem?«

»Zu Monsieur Adler.«

Da rief er zornig:

»Ah! So hat er geplaudert, der ehrlose Kerl!«

»Er hat kein Wort gesagt. My und Ty sind Zeugen Eurer Behauptungen und Eurer Niederlage gewesen; sie erzählten es mir sofort. In Euren letzten Worten gebt Ihr zu, gesagt zu haben, daß Ihr bereits mein Jawort erhalten habt. Haltet Ihr mich für eine so leichte und billige Waare, daß Ihr meint, es bedürfe nur Eures Willens, mich zu besitzen? Da habt Ihr Euch allerdings getäuscht. Das Wort, welches Ihr zu dem Aufseher gesagt habt, ist nicht nur eine Lüge, sondern sogar ein Schimpf für mich. Einem Manne, welcher mich beschimpft, und der solche offenbare Lügen sagt, kann ich natürlich nicht gehören. Von Liebe will ich ganz und gar schweigen, aber achten muß man doch wenigstens den Mann können, dem man Sein und Leben widmet; aber nicht einmal dies ist hier der Fall. Ihr selbst seid schuld, daß Ihr nun vor Monsieur Adler der Blamirte seid.«

Er hatte sie aussprechen lassen, ohne sie zu unterbrechen. Er blickte sie starr und mit dem Ausdrucke des Zweifels, des Unglaubens an.

»Höre ich recht?« fragte er dann. »Ihr scherzet!«

»Dann wäre ich nicht nur leichtsinnig, sondern im höchsten Grade frivol, und da irrt Ihr Euch abermals.«

»So sagt Ihr also ein Nein?«

»Ein festes Nein.«

Er machte abermals eine Pause. Er war so sicher gewesen, das Jawort zu erhalten, daß er jetzt sich in das schier Unmögliche nicht so schnell finden konnte.

Wilkins seinerseits hatte, durch Almy's Heiterkeit getäuscht, fest geglaubt, daß sie Leflor nicht nur Ja sagen werde, sondern daß sie ihn sogar heimlich geliebt habe. Auch er konnte sich nicht so leicht in seinen Irrthum finden. Er fragte:

»Almy, scherzest Du wirklich nicht? Besinne Dich, mein Kind!«

»Es ist nicht nothwendig, mich zu besinnen, Vater. Ich will den Schimpf, den er mir angethan hat, nicht rächen, ich will ihm vergeben, aber das Weib meines Beleidigers kann ich unmöglich werden, und Du, der in mir mit beschimpft wurde, kannst Dich darüber doch nicht wundern.«

Wilkins Gesicht hatte eine Art von Verlegenheit ausgedrückt. Jetzt begann sein Auge stolz aufzuleuchten. Er nickte zustimmend mit dem Kopfe und sagte zu Leflor:

»Da habt Ihr es, Monsieur! Ihr seid unvorsichtig gewesen. Zu große Sicherheit ist sehr oft betrügerisch. Ich gestehe aufrichtig, daß ich die Logik meiner Tochter sehr wohl begreife.«

»So! Sie stimmen ihr also bei?«

»Vollständig. Es ist eine Beleidigung, welche Ihr uns angethan habt. Die Folgen derselben kann ich Euch leider nicht erlassen.«

Erst jetzt begann Leflor einzusehen, daß er wirklich einen Korb erhalten habe. Sein Gesicht wurde grün vor Aerger; seine Wangen schienen hineinzufallen; seine Stirn röthete sich, und die langen, knöchernen Finger strichen hektisch an dem Rocke auf und nieder. Er preßte die Zähne zusammen und knirrschte in beinahe pfeifendem Tone:

»Wißt Ihr aber auch noch Alles, was ich Euch vorhin sagte, Monsieur?«

»Ich weiß es,« antwortete Wilkins, indem er eine Bewegung machte, als ob er sich zu dieser Antwort erst besonders ermannen müsse.

»Und habt Ihr es bei Eurer Antwort vielleicht mit in Betracht gezogen?«

»Nicht nur vielleicht, sondern vollständig.«

»Ihr schient aber doch bei Eurem Eintritte überzeugt zu sein, daß die Miß ein Ja sagen werde. Auch verspracht Ihr mir vorhin, ihr zuzureden. Die Aenderung ist sehr schnell vor sich gegangen. Mögt Ihr sie nicht bereuen! Oder wünscht Ihr vielleicht noch eine Bedenkzeit. Ich will morgen wiederkommen, meinetwegen auch übermorgen.«

»Danke Sir! Es bleibt bei unserem Entschlusse. Nicht wahr, liebe Almy?«

»Ja. Die Beleidigung ist geschehen; sie kann nicht ungeschehen gemacht werden.«

Da trat Leflor einen Schritt näher an den Pflanzer heran und sagte in pfauchendem Tone, fast wie mit dem Klang einer Katzenstimme:

»Nun wohl! Ein Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich kann weiter nichts sagen, als daß Euch Beiden die Reue baldigst kommen wird. Dann werdet Ihr Euch vergebens nach mir sehnen!«

»Auch das noch!« rief Almy. »Hinaus mit Euch, sonst rufe ich nach dem Diener!«

»O bitte bitte! Ich gehe schon! Aber nehmt Euch in Acht, wenn ich wiederkomme!«

Er ging.

Die Beiden blieben stehen, ohne ein Wort zu sagen, bis unten die Hufschläge eines Pferdes hörbar wurden.

»Da reitet er hin!« sagte Wilkins mit einem tiefen Seufzer – der Erleichterung oder der Belastung? Es ließ sich nicht sagen.

»Grämst Du Dich darüber, Pa?«

»O nein! Aber vor fünf Minuten hatte ich an diesen Ausgang nicht geglaubt.«

»Er sagte, Du hättest mir zureden wollen!«

»Ich versprach es ihm allerdings.«

»Wie konntest Du das! Ich habe Dir wiederholt gesagt, daß er mir unsympathisch ist. Ich habe bei seinem Anblicke ganz dasselbe Gefühl, welches Sam Barth auch hatte. Konntest Du wirklich meinen, daß ich ihn liebe, daß ich glaube, mit ihm glücklich werden zu können?«

»Nein, mein Kind. Auch ich achte ihn nicht. Darum war es mir so bange bei dem Gedanken an eine Verbindung mit ihm. Aber er fand Mittel, mich zu zwingen, eine solche Verbindung für wünschenswerth zu halten.«

Sie blickte ihn erstaunt an.

»Welche Mittel wären das, Pa?«

»Du weißt, daß ich wahrend des Secessionskrieges ein Anhänger der Nordstaaten war. Sämmtliche hiesige Grundbesitzer sind noch heute enragirte Südstaatler. Wer eine Ausnahme macht, kann leicht durch allerlei Ränke und Intriguen zu Grunde gerichtet werden. Ich habe damals in meinem patriotischen Eifer manches Opfer gebracht und Manches gethan, was hier Niemand wissen darf. Wie Leflor dazu gekommen ist, Alles zu erfahren, kann ich nicht begreifen; aber er weiß Alles, und es ist ihm möglich, mich zu stürzen.«

»Drohte er Dir etwa damit, falls Du ihm meine Hand verweigerst?«

»Ja.«

»So hast Du den eclatantesten Beweis seiner gemeinen Gesinnung, seiner Boshaftigkeit und bodenlosen Schlechtigkeit. Lieber betteln gehen, als das Weib eines solchen Schurken sein!«

»Meinst Du das wirklich so?«

»Ja, aufrichtig, lieber Vater.«

»Almy, Du kennst die Armuth nicht.«

»Ich würde sie zu tragen wissen. Die Schande und das Unglück, die Frau eines solchen Menschen zu sein, könnte ich nicht ertragen, könnte ich nicht überleben. Uebrigens sind wir ja nicht arm, Pa.«

»Aber er kann uns discreditiren und stürzen.«

»So verkaufen wir und ziehen fort!«

Er seufzte tief auf und schüttelte den Kopf. Er hatte etwas Schweres, sehr Schweres auf dem Herzen. Sollte er es sagen? Sein Blick fiel auf die schöne, lichte, reine Gestalt des schönen Mädchens. Durfte er von dem Geheimnisse sprechen, welches ihm die nächtliche Ruhe raubte, an seinem Leben zehrte und sein Mark auszudörren drohte? Nein, nein, wenigstens jetzt noch nicht. – Jetzt noch nicht, so hatte er stets gedacht, und doch mußte die Zeit kommen, in welcher er zum Sprechen gezwungen war. Was dann? Er schüttelte diesen entsetzlichen Gedanken von sich, denn er fühlte sich jetzt zu schwach, ihn auszudenken.

Almy legte die Arme um ihn, schmiegte das Köpfchen an seine Brust und fragte liebkosend:

»So bist Du wohl unzufrieden mit mir, Pa?«

»Nein, o nein,« antwortete er, sich zu einem heiteren Lächeln zwingend.

»So meinst Du, daß ich recht gehandelt habe?«

»Ganz richtig und resolut, mein Kind.«

»So resolut wirst Du mich auch heute Abend sehen. Ich werde auch ein Gewehr nehmen, um uns gegen die Buschheaders zu vertheidigen. Weiß Master Adler bereits davon?«

»Nein. Ich habe ihn noch gar nicht zu sehen bekommen. Schicke ihn zu mir, wenn Du ihn siehst!«

Sie ging, um sich für einige Augenblicke nach ihrer Wohnung zu begeben. Es war ihr jetzt ein Bedürfniß, über die Zurückweisung Leflors noch einmal nachzudenken, um das Ereigniß dann für immer ad acta legen zu können. –

Gerade als sie ihre Thür öffnete, um einzutreten, hörte sie das Geräusch einer anderen Thür. Als sie sich umwandte, erblickte sie Adler, welcher aus seinem Zimmer kam und wohl oder übel an dem ihrigen vorbei mußte.

War es ein Fehler, auf ihn zu warten? Gewiß nicht. Und doch schlug bei diesem Gedanken ihr Herzchen schneller. Er sollte zu Pa kommen; sie wollte ihm dies sagen; nur deshalb blieb sie stehen. War das etwa ein Unrecht? O nein! Es war sogar sehr recht. Es war Gehorsam gegen den Pa. Aber warum fühlte sie denn da ihr Gesichtchen so brennen? Warum ging ihr denn da der Athem plötzlich so kurz?

Und nun war er da – noch drei Schritte – noch zwei – noch einen nur! Jetzt ging er vorüber. Er hatte sehr ehrerbietig den Hut gezogen, und sie hatte nicht einmal geantwortet. Er mußte sie für stolz, für unhöflich halten, oder gar für feig, für einen Backfisch!

Dieser letztere Gedanke war höchst fatal. Er gab ihr die Sprache:

»Monsieur!«

Leider hatte sie dieses Wort so leise gesagt, daß er es nicht hören konnte. Er war ja bereits vier Schritte entfernt. Vorhin hatte sie diesem Leflor in aller Offenheit ihre Meinung gesagt, diesem bösen Menschen, und hier brachte sie es nicht fertig, Adlern einen kleinen Auftrag ihres Vaters auszurichten, und er war doch ein so guter Mensch, ein so seelensguter Mensch und jetzt bereits sechs Schritte entfernt, volle sechs Schritte. Wenn nicht jetzt, später konnte er sie gar nicht hören!

Sie nickte, druckte und schluckte. Endlich!

»Mon – – sieur – – Ad – – ler – –!«

Sie hatte es ausgesprochen, nicht sehr laut etwa; es war kaum zu hören; er hatte es jedenfalls auch mehr mit dem Herzen als mit dem Ohre gehört, denn er blieb stehen, drehte sich um, zog den Hut und fragte ehrerbietig:

»Befehlt Ihr Etwas, Miß Almy?«

»Nein, Monsieur,« hauchte sie verlegen.

»Ich glaubte, meinen Namen gehört zu haben. Verzeihung, Miß!«

Schon erhob er den Arm, um den Hut wieder aufzusetzen. Im nächsten Augenblicke würde er sich wieder umdrehen, nm fortzugehen. Dann war es vorbei. Und doch mußte er zum Vater, der ihn so sehr nothwendig brauchte! Ja, gewiß, es war nur der Gedanke an den Auftrag des Vaters, kein anderer Gedanke, kein anderer Grund, der ihr jetzt den Muth zu den Worten gab:

»Ich sagte – sagte ihn aller – allerdings.«

Da kam er langsam näher.

»Also rieft Ihr mich. Miß! Bitte, sagt mir, worin ich Euch gehorchen kann?« –

So sprach er stets und immer zu ihr. Er, der sich vor keinem Menschen um ein Haar breit beugte, war so demüthig vor ihr, fast wie ein Sclave. Und doch ruhte dabei sein schönes, dunkles Auge so voll, sicher und selbstbewußt auf ihrem Angesichte. Dieser Widerspruch zwischen der Demuth des Wortes und dem Selbstbewußtsein des Wesens war es, was Almy so verlegen machte, was sie immer verwirrte, wenn sie in seine Nähe kam. Und doch fühlte sie sich in dieser Nähe so glücklich.

»Ich wollte Euch bitten – – einen kleinen Auftrag für – von – von Pa,« sagte sie.

»Sehr gern, Mademoiselle.«

Sie hatte unter ihrer geöffneten Thür gestanden. Es war ganz unwillkürlich geschehen, ganz absichtslos, daß sie in das Zimmer trat, gewiß ohne alle Absicht. Wie kam das doch nur!

Und er – nun, er folgte ihr natürlich. Er glaubte ja, einen Auftrag zu bekommen, vielleicht irgend einen Gegenstand an Pa zu geben, und um diesen Gegenstand zu empfangen, mußte er doch auch mit hereinkommen. Das war doch ganz logisch!

Er war noch niemals hier gewesen. Der kleine Raum war allerliebst eingerichtet. Ein feiner, unbestimmbarer Duft hauchte ihm entgegen. Welch ein Geruch war das nur? Keiner und doch einer. Von keiner Blume, von keiner Blüthe, und doch von jeder Blume das Beste und von jeder Blüthe das Süßeste. Ist es wahr, daß ein jedes reine, unentweihte Mädchen seinen Duft hat wie jede unberührte Blüthenknospe?

Almy befand sich in schauderhafter Verlegenheit, zumal da Adler die Thür hinter sich zugezogen hatte. Warum hätte er dies nicht thun sollen? Es wäre im Gegentheile höchst unhöflich gewesen, wenn er den Eingang offen gelassen hätte!

Aber da stand er nun und erwartete den Auftrag. Was sollte sie thun? Daß er zu Pa kommen solle, das hätte sie ihm doch draußen in kurzen Worten sagen können. Warum ihn also mit herein nehmen? Sie mußte sich also noch etwas Anderes aussinnen. Aber was?

Ihr Auge flog ängstlich suchend umher, einen Gegenstand zu entdecken, der ihr Rettung bringen könnte. Dabei streifte ihr Blick sein Auge. Dieses ruhte mit staunender Anbetung auf ihr. Sie wurde darob noch viel, viel verwirrter. Ihre Wangen rötheten sich in Purpurgluth. Sie hätte laut aufschluchzen können vor Qual und Bedrängniß, und doch war es auch wieder so wunderbar, so himmlisch, daß er hier stand, in ihrem Zimmerchen, wo er noch niemals gewesen war, und wo sie so viele tausendmale an ihn – – ah, da kam Rettung!

»Almy, Almy, meine Almy!« rief draußen der Papagei.

Ja, der liebe Vogel war der Retter in der Noth. Wenn die Noth am größten, so ist die Hilfe am nächsten, und sie kommt dann meist von einer Seite, von welcher man sie gar nicht erwartet hat.

»Master Adler, versteht Ihr Euch auf Or – – Or – – Or – –«

Wie hieß doch nur das Wort? Warum war sie aber auch gerade auf dieses Fremdwort gerathen. Es ist doch höchst unangenehm und empfindlich, die erste Silbe eines Wortes zu wissen, nicht aber die vier darauf folgenden!

Er hatte den Ruf des Papagei's vernommen. Er ahnte, was sie meinte. Er fragte:

»Ornithologie? Nicht wahr?«

»Ja, Monsieur, Ornithologie meinte ich.«

»Ich habe mich früher mit der Vögelkunde sehr beschäftigt.«

»Auch mit Papageien?«

»Auch mit ihnen.«

»Ja, Sie wissen Alles und Alles; das habe ich oft bewundert. Jetzt wissen Sie sogar, was ein Papagei – – –«

Sie hielt ganz erschrocken inne und wurde blutroth in dem lieben, schönen Gesichtchen. Welch eine Blamage. Sie hatte sagen wollen:

»Jetzt wissen Sie sogar, was ein Papagei ist!«

Was mußte er von ihr denken! Sie schlug die Wimpern nieder. Es war, als ob ihr der Blick an dem Boden festgebunden sei. Sie fühlte, daß sie im nächsten Augenblicke weinen werde. Da ertönte seine milde, ruhige, wohlklingende Stimme:

»Was ein Papagei für Krankheiten haben kann? Ja, das weiß ich. Befindet sich der Eurige vielleicht unwohl, Miß Almy?«

Ihre Wimpern flogen in die Höhe, und es traf ihn ein großer, langer, werthvoller Blick dankbarster Freude. Er hatte ihr ja doch die demüthigenden Thränen erspart.

»Leider ja,« antwortete sie. »Ich mache mir recht große Sorge um das liebe Thierchen.«

Und dabei sah sie wirklich so sorgenvoll aus, als ob sie vor lauter Bedrängniß fast weinen möchte. Sie hatte gar nicht die mindeste Ahnung, wie unendlich reizend ihr das stand, wie unwiderstehlich das wirkte. Adler hätte anbetend vor ihr niederknieen mögen.

»Darf ich an diesen Sorgen mit teilnehmen?« fragte er in bittendem Tone. –

»Ach, wenn Ihr wolltet!« seufzte sie erleichtert.

»Wie gern, wie sehr gern!«

»Könntet Ihr denn helfen, Monsieur?«

»Ich hoffe es, Miß Almy.«

»Soll ich ihn einmal hereinholen?«

»Ja. Ich bitte darum!«

Sie ging. Aber draußen angekommen, griff sie nicht sofort nach dem Vogel, sondern sie legte sich zunächst beide Händchen beruhigend auf den wallenden Busen und flüsterte:

»O Gott! Er ist bei mir, er, er! Wie fürchte ich mich! Wie habe ich so entsetzliche Angst! Und doch ist er so freundlich. Mein Himmel! Was soll ich thun? Ich habe gesagt, der Papagei sei krank und doch ist er so ganz gesund. Wenn er es merkt, so werde ich krank, ich, ich! Vor Scham! Weiche Krankheit wähle ich denn? Den Typhus oder die Ruhr, den Magenkrebs oder Lungenemphysem, Gelenkrheumatismus oder Gehirnkrämpfe? Ich weiß es selbst nicht! Und er wartet drin; ich darf ihn doch nicht länger warten lassen!«

Sie nahm den Vogel an seinem Kettchen vom Sitze herab auf ihre Hand und trug ihn herein zu Adler. Ihr Gesichtchen war jetzt vor Verlegenheit so bleich, als ob sie selbst krank sei.

»Da ist er,« hauchte sie.

Adler trat näher und betrachtete den Vogel.

»Spitzbube, Spitzbube!« rief der Papagei. »Geh, Hanswurst, geh!«

Almy wurde doppelt bleich. Würde er diese Schimpfworte vielleicht auf sich beziehen? O, das wäre schlimm, sehr schlimm! Ihr Händchen, auf welchem der Vogel saß, begann zu zittern. Hatte Adler es gesehen? Er nahm diese zarte, kleine alabasterne Hand in die seinige, um sie zu stützen. Dann fragte er:

»Habt Ihr Euren Liebling genau beobachtet? Und auch ganz genau?«

»Ganz genau und alle Tage.«

»Seit wann ist er krank?«

»Seit – seit – –« sie wollte sagen, seit einigen Monaten oder Wochen; aber diese Lüge wäre doch gar zu groß gewesen. Darum fuhr sie fort – »erst nach kurzer Zeit.«

»Das bemerke ich auch,« sagte er.

Wie meinte er das? Wußte er etwa gar, daß das Papchen seit zwei Minuten zu den Patienten gerechnet wurde? Gewiß nicht! Seine Miene war ja so aufrichtig, so ehrlich und so unschuldig! Und nun fragte er:

»Seid Ihr über sein Leiden im Reinen?«

»Ja, vollständig im Reinen,« entfuhr es ihr.

Aber bereits im nächsten Augenblicke sah sie ein, welchen großen Fehler sie begangen hatte. Wie nun, wenn sie die Krankheit nennen sollte? Was sollte sie antworten? Daß er an Schwindel leide? O, dann konnte Adler ja denken, die ganze Krankheit sei Schwindel! Bei Leibe nicht! Herzverfettung – ja, das war besser. Das Herz ist der Sitz des Gefühls; Herzverfettung ist also eine Krankheit, welche von zu vielem, von zu fettem Gefühl herkommt. Davon ließ sich jedenfalls sprechen. Aber glücklicher Weise kam es gar nicht dazu. Adler nämlich nickte nachdenklich mit dem Kopfe und sagte in freundlichem Tone:

»So will ich einmal sehen, ob meine Diagnose mit der Eurigen stimmt. Ich halte nämlich Euren kleinen Liebling für außerordentlich nervös.«

Da fiel sie schnell und frohlockend ein:

»Ja, ja, das ist's, das ist's! Er leidet an Nervosität, an bedeutender Nervosität, das arme, liebe Papchen. Das habe ich auch gefunden.«

»Seht nur, Miß Almy, wie er gerade jetzt zittert. Euer Händchen zittert ganz unwillkürlich mit.«

O, hätte er es gewußt, daß sie zitterte, nicht aber der Papagei! Um ihn davon abzulenken, sagte sie in bedauerlichem Tone:

»Ich befürchte sehr, daß es kein Heilmittel geben werde.«

»Warum?«

»Pa sagte einmal, daß Nerven sehr schwer wieder herzustellen wären, wenn ihre Stimmung einmal gelitten habe.«

»Das ist richtig, auf Menschen angewandt. Ein Papagei aber hat viel stärkere Nerven als ein Mensch.«

»Sollte man meinen? Wirklich?« fragte sie treuherzig.

»Ja. Bei ihm ist Alles härter und fester als bei uns. Darf ich Euch dies durch einen naheliegenden Vergleich beweisen?«

»Ich bitte!«

»Befühlt einmal seinen Schnabel, wie hart er ist. Und nehmt dagegen Eure Lippen, Euren Mund, wie weich, wie voll, wie warm, wie herrlich gezeichnet, wie – mit einem Worte köstlich!«

Er neigte sich ein Wenig näher, wie um ihren Mund genauer zu betrachten, hob aber den Kopf sofort wieder empor und sagte:

»Da seht, jetzt bekommt Papchen einen argen Anfall von Nervosität. Es ist kein Irrthum möglich; es sind die Nerven.«

Sie aber wußte sehr genau, daß sie es war, welche zitterte. Und da sie den Papagei hielt, mußte er mit zittern. Warum brachte er diesen Vergleich? Warum beschrieb er ihre Lippen, ihren Mund so genau? War das wirklich nothwendig? Zur Erläuterung, ja! Gelehrte Männer gehen ja stets so gründlich. Wie gut, daß es so glücklich vorüber gegangen war. Einen Augenblick lang hatte sie gefürchtet, er werde nun auch seinen Mund mit dem ihren vergleichen, etwa welcher von Beiden wärmer sei! Damit er ja nicht auf diesen Gedanken kommen möge, legte sie ihm eine sehr geschickte therapeutische Schlinge:

»Welches Mittel könnte da wohl helfen?«

»Um dies zu wissen, muß man die Ursache des Uebels kennen. Die Nerven pflegen von gewissen Aufregungen angegriffen und geschwächt zu werden. Hat es dergleichen gegeben?«

»Ja, sehr oft!«

»Welcher Art?«

»Papchen konnte partout Monsieur Leflor nicht ersehen. Er gerieth, so oft er ihn erblickte, in eine gewaltige Aufregung.«

»Ah! Ist es das! Da wird also auf Hilfe für das arme Thier verzichtet werden müssen.«

»Wieso?«

»Man kann doch eines Vogels wegen nicht einem Hausfreunde die Thür weisen!«

»Warum nicht? Papchen ist mir doch lieber als der Nachbar.«

»Möglich. Aber Ihr werdet trotzdem nicht unhöflich gegen den Letzteren sein dürfen.«

»Ich werde es sein, wenn ich den armen Vogel dadurch zu retten vermag.«

»Aber Pa? Was wird er dazu sagen?«

»Er wird mir beistimmen!«

»Das ist kaum zu glauben!«

Es war so ein eigenthümlich tiefer Blick, den er ihr jetzt in das Auge senkte. Sie fühlte diesen Blick auf dem tiefsten Grunde des Herzens. Da thaute, da grünte, knospete und blühte es mit einem Male so, daß sie gar nicht anders konnte, sie mußte es ihm sagen:

»Leflor kommt überhaupt gar nicht wieder.«

Adler fuhr zurück, aber vor freudiger Ueberraschung. Es entfuhr ihm:

»Gott sei Dank! Wirklich? Wirklich?«

»Ja. Ich habe es ihm vorhin gesagt.«

»Und Euer Vater?«

»War dabei und gab mir Recht.«

»ES geschah also wegen des Papagei?«

Es zuckte ihm dabei so eigenartig um den Mund, fast wie ein wenig Impertinenz. Das mußte bestraft werden, und zwar sofort. Darum antwortete sie:

»Ja, nur des Papageies wegen.«

Sofort veränderte sich Adlers Gesicht. Er bog sich zu ihr nieder und fragte:

»Nur?«

Es war nur diese einzige Silbe, aber es lag eine ganze Welt voll Liebe und noch Anderes darin, vielleicht sogar Angst. Das that ihr weh. Sie durfte doch nicht gar so hart mit ihm verfahren, darum antwortete sie:

»Ja, nur der Papagei, und das war eben Leflor.«

»Ah – so –!«

»Ja. Er schwatzte zu viel.«

»Wirklich?«

»Und zwar recht schlimme Unwahrheiten.«

»Der böse Mensch! Auf wen bezogen sich denn wohl diese Unwahrheiten?«

»Auf mich und – – –«

»Und – – –?«

»Und ihn.«

Sie war wieder glühend roth geworden. Er aber fragte trotzdem weiter:

»Das verstehe ich nicht. Was hat er gesagt?«

»Er hat gesagt, daß – daß – – daß – – mein Gott, Ihr wißt es ja selbst auch!«

»Ich?«

»Ja. Er hat es Euch heute gesagt, draußen im Garten, und Ihr habt ihm dafür auch gleich die wohlverdiente Strafe gegeben.«

»Also das, das ist es! Und es war Lüge?«

»Habt Ihr es etwa geglaubt?«

Sie blickte ihn vorwurfsvoll an.

»Nein,« antwortete er. »Ich habe ihn ja auch sogleich einen Lügner genannt.«

»Das war sehr recht. Er aber wird sich dafür rächen, Monsieur Adler!«

»Ich fürchte ihn ganz und gar nicht. Es steht also zu erwarten, daß er nicht wiederkommt?«

»Es steht nicht nur zu erwarten, sondern es ist ganz und gar gewiß. Ist Euch das unlieb?«

»Mir ist es im Gegentheile sehr lieb, besonders um des guten Papchens willen, der nun ganz sicher wieder gesund werden wird.«

»Nur seinetwegen?«

»Ja. Sonst ist Leflor mir ja völlig gleichgiltig.«

Sie fühlte es heraus, daß er sie jetzt strafen wollte, denn sie hatte ja vorher gerade so auch geantwortet. Es flog wie ein Hauch der Betrübniß über ihr Gesichtchen. Das that ihm wehe und darum legte er ihr die Hand auf den Arm, trat ihr einen kleinen, ganz kleinen Schritt näher und fragte:

»Bitte, habt Ihr Leflor nur wegen der Nervosität des Vogels fortgewiesen?«

Sie blickte voll und ehrlich zu ihm auf und er in derselben Weise zu ihr nieder. An diesen Blicken rankten sich die Seelen zu einander hinüber. Jetzt war es Almy unmöglich, den Schein noch länger aufrecht zu erhalten. Sie antwortete, ihr Auge nicht von dem seinigen lassend:

»Nein. Der Vogel ist ja gar nicht krank. Nicht wahr, Monsieur Adler?«

»Ja, er ist kerngesund,« lächelte er.

»Und ich konnte Leflor nicht leiden. Er ist ein böser Mensch. Nun ist er fort und kommt nicht wieder. Gott sei Dank!«

In diesem Augenblicke schlug der Papagei mit den Flügeln und rief:

»Adler, Adler? Mein Süßer, mein Lieber! Wo bist Du denn?«

Almy hätte tief, tief in die Erde hineinsinken mögen. Ueber Adlers Gesicht glitt ein wonniger Schein; aber er beherrschte sich und sagte:

»Schau, er sehnt sich nach seinem Kameraden, nach dem Bergadler draußen vor der Veranda. Es wird am Besten sein, ihn hinauszubringen.«

Wieder Rettung in der aller- und allerhöchsten Noth. Almy warf ihm einen Blick innigsten Dankes zu und trug eiligst den Vogel hinaus. Als sie zurückkehrte, hatte ihr Gesicht einen ganz eigenartigen Ausdruck, so fromm, so erlößt, als ob sie soeben vom Tische des Herrn komme, an welchem sie Vergebung der Sünden empfangen habe. Sie streckte ihm das Händchen hin und fragte:

»Seid Ihr mir noch bös, Monsieur?«

»Ich Euch bös? Weswegen sollte das gewesen sein?«

»Weil ich Euch die Unwahrheit gesagt habe in Beziehung auf den Papagei.«

Da ergriff er die dargebotene Hand und auch die andere, drückte beide an sein Herz und sagte in überquellendem Gefühle:

»Das war keine Unwahrheit, Du süßes, Du reines, Du herrliches Mädchen. Das war der Wall, hinter welchen sich Deine Seele flüchtete, als sie glaubte, in Bedrängniß gerathen zu sein. Almy, Almy, Du bist so viel und noch mehr werth als die ganze Welt. Ich werde Dich bewundern und verehren, so lange ich lebe, wenn auch nur aus der Ferne, ach nur aus der Ferne!« –

Er ließ ihre Händchen sinken und war im nächsten Augenblicke fort. Sie glitt in einen Sessel und legte das Gesicht in die Hände. So lag sie lange, lange still und bewegungslos. Nur der Busen hob und senkte sich unter seligen Empfindungen, und zwischen den rosig angehauchten Fingern drang zuweilen eine Thränenperle hervor – Thränen unbegreiflichen, unfaßbaren und bisher noch ungeahnten Glückes.

Und Adler befand sich in einer ganz ähnlichen Stimmung. Das Dichterwort

»Zum Himmel aufjauchzend
Zum Tode betrübt«

war die treffendste Schilderung seines jetzigen Seelenzustandes. Er wußte sich geliebt, und zwar so rein, so fromm, so heilig, wie noch selten Einer geliebt worden war. Er liebte sie wieder. Er hätte für sie alle Qualen der Erde erdulden können, ohne nur einen Laut von sich zu geben, ohne nur mit der Wimper zu zucken. Diese Qualen wären für ihn ebenso viele Seligkeiten gewesen, da er so glücklich war, sie für diese Einzige zu erdulden. Aber durfte er das entscheidende Wort sagen? Durfte er an sein Leben das ihrige binden? Er dachte hinüber jenseits des Meeres, an das gräßliche Schicksal der Familie Adlerhorst. Er war ein Sohn derselben; obgleich es ihm verboten war, hatte er den Muth gehabt, die eine Hälfte seines Namens beizubehalten, auf welchem ein unlösbarer Fluch ruhte. Durfte er die Heißgeliebte mit hinab in den Abgrund ziehen, welchen dieser Fluch für ihn und für die Seinigen gerissen hatte? Nein und abermals nein und tausendmal nein! Er war entschlossen, zu entsagen, aber ihr nahe zu bleiben, ein treuer Engel zu ihrem Schutz und ihrem Schirm, so lange sie berufen war, auf Erden zu wandeln.

*

38

So schritt er, in selige und träumerische Gedanken versunken, im Garten hin und her, bis ihn die Stimme des Pflanzers aus seinem Brüten weckte:

»Hier seid Ihr, Monsieur Adler! Ich suche Euch überall. Eure Anwesenheit ist sehr nothwendig.«

»Ich stehe zu Diensten, Monsieur,« antwortete Adler, noch halb wie im Traume.

»Schön! Es handelt sich darum, einige ebenso gute Schüsse zu thun, wie Ihr damals thatet, als Ihr auf den Bruder des rothen Burkers zieltet.«

»Doch nichts Aehnliches!«

»Ganz dasselbe sogar. Der Burkers ist in der Nähe, um sich heute Nacht zu rächen. Kommt mit mir! Ich will es Euch erzählen.« – –

Sam war, nachdem er sich bei dem Pflanzer und dessen Tochter verabschiedet hatte, wieder zu Jim und Tim gekommen. Der Erstere hatte vorwurfsvoll gebrummt:

»Wo steckst Du denn? Wir warten bereits zwei volle Ewigkeiten. Hattest Dich wohl in die Kleine vergafft, mit der Du da drüben sprachst?«

»Ja. Es ist sehr rasch gegangen. Sehen, Verlieben, Geständniß, Verlobung, Alles ist vorbei. Sie zieht als meine Squaw mit nach dem Westen und wird meine Bärin sein.«

»O weh! Das wird junge Bären die schwere Menge geben. Da kann der Alte fleißig für Wildpret und Himbeeren sorgen.«

»Das wird er gern und fleißig thun. Ihr aber könnt zusehen und Euch die Mäuler putzen. Kriegen thut Ihr nichts davon. Ich habe den Herrn der Plantage aufmerksam gemacht auf heute Abend. Wir kehren nachher zu ihm zurück, um Kriegsrath zu halten. Jetzt aber suchen wir zunächst unseren guten Monsieur Walker auf. Kommt!«

Sie setzten ihren Weg ganz in der früheren Reihenfolge fort. Sam voran.

Er war ein ausgezeichneter Pfadfinder. Noch weit über zwei Stunden bestimmte er, selbst auf dem offenen Wege, ganz genau die Spuren, welche der Gesuchte zurückgelassen hatte. So gelangten sie aus dem Garten hinaus und an die Zuckerpflanzung, welche der Weg in zwei Hälften zerschnitt.

Weit draußen dehnte sich am Horizonte der Wald, einzelnes Buschwerk weiter hereinsendend. Dort erblickten die Drei die Hütte Bommy's.

Sam blieb halten und musterte das Terrain. Nachdem er einige Male den Kopf nachdenklich hin und her gewiegt hatte, sagte er:

»Das ist ohne Zweifel die Hütte des Niggers und dieser Weg führt schnurgerade auf sie zu. Wenn wir ihn gehen, so wird man uns ganz gewiß schon von Weitem sehen, und dann ist Walker für uns verloren. Wir müssen uns also anschleichen. Das geschieht am Besten, wenn wir um die Zuckerplantage schleichen. Sie wird vom Gebüsch eingezäunt, und wenn wir uns in dem Letzteren halten, wird man uns nicht bemerken. Kommt!«

Sie folgten seiner Ansicht ohne Widerrede und befanden sich nach wenig über einer Viertelstunde in einem dichten Buschrande versteckt, von welchem aus man die hintere Seite der Hütte genau überblicken und auch mit einer Gewehrkugel erreichen konnte. Sie lag in einer Entfernung von vielleicht achtzig Schritten. Der Zwischenraum war mit einigen auch sehr dichten Büschen und Gesträuchsgruppen besetzt.

»Jetzt bleibt Ihr hier,« sagte Sam. »Ich schleiche mich weiter vor und suche die Sträucher zu erreichen, welche der Thür gegenüber stehen. Seht Ihr mich in Gefahr, so sendet Ihr mir Eure Kugeln zu Hilfe.«

»Ist es nicht besser, wir gehen sofort hinein?« fragte Jim ungeduldig.

»Nein, Alter. Erst will ich wissen, woran ich bin. Das scheinbar Unnöthige ist sehr oft am Allernöthigsten, und nicht der kürzeste Weg ist stets der beste. Warten führt manchmal am schnellsten zum Ziele.«

Er kroch aus seinem Versteck heraus und auf dem Boden weiter bis hinter den nächsten Busch. So kroch er von Strauch zu Strauch, bis er das Gebüsch erreichte, welches sich höchstens sechs Schritte weit von der Thür befand. Es bestand aus strauchartigem Flieder, von wildem Wein durchzogen, und bildete, wenn man sich erst einmal hinangearbeitet hatte, selbst bei hellem Tage ein ganz genügendes Versteck. Sam befand sich trotz seines bedeutenden Körperumfanges sehr bald im Innern des Strauchgewirres, und er wußte sich da so schlau einzurichten und mit Zweigen zu maskiren, daß es des Auges eines geübten Westmannes bedurft hätte, ihn zu entdecken.

Die Hütte war aus sogenannten Loggs, aus starken, massiven Holzklötzen errichtet; auch das Dach bestand aus solchen starken Stämmen. An jeder der vier Seiten befand sich eine hineingehauene Oeffnung von wenig über einem Quadratschuh als Fenster. Die Thür führte, wie dies häufig vorkommt, auf der hinteren Seite in das Innere. Sie war nicht nach innen, sondern nach außen zu öffnen, wie auch die Läden, und bestand aus starken, doppelt übereinander genagelten Brettern.

Das betrachtete sich Sam sehr genau.

»Hm!« brummte er für sich hin. »Gut, daß Thür und Fenster nach außen aufgehen. So kann man sie verrammeln, so daß die Insassen gefangen sind wie die Wassermaus im Uferloche. Ich werde – –«

Er hielt inne. Es gab Besseres zu thun, als den eigenen Gedanken Audienz zu geben. Die Thür wurde aufgestoßen. Ein Neger trat heraus und schritt, sich vorsichtig und höchst aufmerksam nach allen Seiten umblickend, um die Hütte. Als er von der anderen Seite zur Thür zurückkehrte, sagte er in die Oeffnung hinein:

»Es geht. Es befindet sich kein Mensch in der Nähe. Komm heraus, Daniel.«

Es erschien ein zweiter Neger, in blaugestreiftes Zeug gekleidet, barfuß, ohne Waffen und Kopfbedeckung. Er blieb stehen und blickte sich auch um. Als er nichts Besorgniß Erregendes bemerkte, sagte er:

»Dumm, daß man bei Dir nur flüstern darf. Wer ist denn noch bei Dir?«

»Auch ein Freund.«

»Wo denn?«

»Das geht Dich nichts an. Die Botschaft hast Du mir gesagt; ich mache mit, und was es noch zu bemerken giebt, das kannst Du jetzt noch hinzufügen. Der drin hört uns hier nicht.«

»Ist er heute Abend auch noch da?«

»Ich glaube nicht.«

»Das ist gut. Wir brauchen keine Zeugen. Erst hatten wir einen andern Plan, aber es schien, als ob sich Fremde in unserer Nähe befunden hätten, um uns zu belauschen. Der Hauptmann glaubt zwar nicht daran, aber besser ist besser. Da ich Dich so gut kenne und Du uns auch schon andere Dienste erwiesen hast, natürlich gegen gutes Geld, so wurde ich zu Dir geschickt, um bei Dir anzufragen. Ich bin auf einem Schilfbündel über den Fluß. Punkt neun Uhr kommen wir hier an. Wann es dann im Schlosse losgeht, das richtet sich nach den Umständen und wird vom rothen Burkers bestimmt werden. Hast Du Schnaps genug?«

»Mehr als Ihr braucht.«

»Gut! Schaffe also den drin fort, damit wir am Abend allein sind!«

Er ging fort, auch nach dem Walde zu, um dort Deckung zu finden. Bommy, der Wirth, blieb noch eine kleine Weile stehen und trat dann wieder in die Hütte. Sam hielt es für nicht gerathen, allein in das Innere zu treten. Er war überzeugt, daß Walker sich in derselben befinde. Vielleicht gab es einen Kampf; der Neger half dem Andern. Es war unnöthig, sich in Gefahr zu begeben. Darum kroch er aus seinem Verstecke hervor, nachdem er noch einige Zeit gewartet hatte, und umschlich das Blockgebäude, aufmerksam horchend, ob er vielleicht eine Stimme, ein verrätherisches Geräusch vernehme; aber es ließ sich nichts hören. Jetzt kehrte er an die Thür zurück und winkte nach der Stelle hin, wo sich die beiden Brüder befanden. Er gab ihnen auch durch Zeichen zu verstehen, daß sie möglichst Deckung suchen sollten, um unbemerkt heran zu kommen, aber Tim sagte zu Jim:

»Nun ist's gleich, ob man uns sieht. Hinein gehen wir doch, und da wird Alles unser, was drin ist.«

»Sam wird zanken.«

»Pschaw! Er macht zu viele Umstände. Jetzt hat er eine Menge Zeit vertrödelt und wozu? Da hat er im Busch gelegen, um einen alten Nigger anzusehen. Lächerlich! Komm!«

Er verließ sein Versteck und schritt ganz offen auf die Hütte zu. Jim folgte ihm. Sie hatten Sam noch nicht erreicht, als die Thür, welche nicht verschlossen, sondern nur angelehnt gewesen war, zugezogen und geräuschvoll verriegelt wurde.

»Verdammt!« zürnte Sam. »Was fällt Euch Kerls denn ein, so offen herbeizulaufen! Glaubt Ihr etwa, die einzigen Menschen zu sein, welche Augen im Kopfe haben? Oder meint Ihr, daß man hier in dieses Nest vier Fensterlöcher gemacht hat, nur daß man hinein schauen kann, nicht aber daß die Bewohner auch ausgucken!«

»Tim that es nicht anders,« entschuldigte sich Jim.

»Und wenn er eine Dummheit ausheckt, da mußt Du mitmachen, he? Westmänner wollt Ihr sein? Das müßt Ihr andern Leuten weiß machen, aber ja nicht etwa mir! Wer einen Vogel fangen will, der muß sich fein im Verborgenen anschleichen, nicht aber so offen dreindratschen, wie Ihr es hier gethan habt!«

»Nun, der Vogel, den wir hier haben wollen, wird uns doch wohl nicht entgehen. Ich hoffe, daß er sich bereits da in diesem alten Käfige befindet.«

Er deutete dabei auf die Hütte. Sam aber zeigte sich wenig zur Entschuldigung ihrer Unvorsichtigkeit geneigt. Er war wirklich und allen Ernstes zornig geworden. Sein sonst bereits rothes Gesicht zeigte vor Aerger eine noch dunklere Farbe. Er antwortete:

»So! Meinst Du, daß er sich da drin befindet? Wenn dies nun nicht der Fall ist?«

»So hast Du gar keine Veranlassung, uns auszuschelten.«

»Und wenn er drinnen ist?«

»So hast Du ebenso wenig Grund. In diesem Falle kann er uns ja doch nicht entgehen.«

»Ja, Du hast einen sehr klugen Kopf, Alter! Wie willst Du Dich denn seiner bemächtigen?«

»Nun, wir gehen einfach hinein und holen ihn uns heraus.«

»Schön! Thue das, mein Sohn!«

Er deutete nach der Thür. Dieser Wortwechsel war nicht etwa in lautem Ton geführt worden. Dazu waren die Drei denn doch viel zu klug. Sie hatten so leise geflüstert, daß man im Innern der Hütte kein Wort hatte verstehen können. Jim schlich sich an die Thür und versuchte, sie zu öffnen.

»Verdammt!« murmelte er enttäuscht. »Sie ist ja von innen zugeriegelt.«

»Ja,« brummte Sam erbost. »Erst war sie offen. Als Ihr aber miteinander so offen daher kamt, als ob Ihr von dem Nigger zu Gevatter gebeten gewesen seid, da schloß man natürlich schleunigst zu.«

»So klopfen wir!«

»Man wird sich hüten, aufzumachen.«

»So treten wir die Thür ein.«

»Wirklich? Wie klug! Eine Thür, welche sich nach außen öffnet, nach innen einzutreten, zumal wenn sie aus so starkem und noch dazu doppeltem Holze besteht.«

»So sprengen wir sie auf!«

»Versuche es! Ich habe nichts dagegen, wenn Du eine Kugel vor den Kopf haben willst.«

»Meinst Du etwa, daß der Nigger schießen werde?«

»Warum soll er es nicht? Ich würde es ihm keineswegs übel nehmen.«

»Er sollte es wagen!«

»Pschaw! Er ist Besitzer des Hauses. Er kann sein Hausrecht in Anwendung bringen. Er braucht nur Demjenigen zu öffnen, welcher ihm willkommen ist, kann jeden Anderen abweisen und darf einen Jeden, der gegen seinen Willen den Eingang erzwingen will, mit der Waffe abweisen.«

»Ein Nigger! Wo denkst Du hin!«

»Er ist freigelassen und die Hütte wurde ihm geschenkt. Er ist Eigenthümer und hat ganz dasselbe Recht wie ein Weißer, sein Eigenthum zu vertheidigen. Daran kannst Du nun wohl nichts ändern.«

»Der Teufel hole ihn und auch Denjenigen, welcher ihn freigelassen hat!«

»Hättet Ihr die nöthige Vorsicht angewendet, so wäre die Thür nicht verschlossen worden, und wir ständen jetzt drin und hätten unsern Fisch an der Angel!«

»Ist er denn wirklich drin?«

»Ja. Die Beiden, die ich belauschte, sprachen davon.«

»Wer war denn der andere Schwarze? Wohl ein Neger Monsieur Wilkins'?«

»Prosit die Mahlzeit! Es war einer der Schwarzen, welche wir gestern draußen im Walde bei der Bande des rothen Burkers belauschten.«

»Was Du sagst!«

»Ich erkannte den Kerl, als er heraustrat, sofort an den gestreiften Fetzen, welche er auf dem Leibe hatte. Und selbst, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, so wüßte ich, woran ich bin. Er sprach mit Bommy von Burkers. Hätten die Beiden gewußt, daß der dicke Sam da in dem Busche steckte, so hätten sie wohl ihre dicken Mäuler gehalten.«

Sie äußerten ihr Erstaunen darüber, daß der ursprüngliche Plan des rothen Burkers verändert worden war, aber auch ihre Freude, daß der gute Sam ihn doch erfahren hatte. Dieser meinte:

»Wir dürfen uns aber bei Leibe nicht merken lassen, daß Einer von uns gelauscht hat, sonst machen sie uns einen Strich durch die Rechnung.«

»Was aber thun wir jetzt, um in die Hütte zu kommen?«

»Wir müssen eben versuchen, ob man uns einlassen wird.«

»Werden sich hüten!«

»Natürlich! Da es aber nichts Anderes giebt, so müssen wir wenigstens diesen Strohhalm ergreifen.«

»So klopfe einmal an!«

Sam machte ein im höchsten Grade erstauntes Gesicht.

»Ich?« fragte er. »Seid Ihr des Teufels?«

»Nun, warum denn nicht?«

»Wahrhaftig, Ihr seid nicht die Jäger, für welche ich Euch gehalten habe. Fast könnte man glauben, Ihr hättet Euch nur für Jim und Tim genannt, ohne es aber wirklich zu sein. Meint Ihr etwa, daß mich die beiden Kerls, die sich in der Hütte befinden, auch so genau wie Euch gesehen haben?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Nun, so werde ich es ihnen auch nicht auf die Nase binden, daß ich da bin. Das wäre doch die allergrößte Dummheit, welche sich nur denken läßt. Ihr klopft selbst an, und wenn die Verhandlung zu keinem Ziele führt, so geht Ihr wieder so offen fort, wie Ihr gekommen seid, so daß man Euch von innen sehen kann. Ich vermuthe, daß man Euch dann nachfolgen wird, um zu sehen, ob Ihr Euch auch wirklich entfernt. In diesem Falle husche ich rasch in die Hütte und bin dann Herr des Hauses. Ihr lauft so weit fort, daß man annehmen muß, Ihr hättet Euch in das Unvermeidliche gefügt, und dann kommt Ihr heimlich in das Gesträuch zurück, in welchem Ihr vorhin gesteckt habt. Ihr werdet wohl so klug sein, zu bemerken, wo ich mich befinde und wie es mit mir steht. Das Uebrige ist dann Eure Sache. Auf alle Fälle aber könnt Ihr von Eurem Verstecke aus mit Euren Kugeln die Hütte erreichen und diesen Walker, auf welchen wir es abgesehen haben, einige Loth Blei geben, falls er es wagt, herauszutreten oder gar sich auf und davon machen zu wollen.«

Jim nickte zustimmend und sagte:

»Sam, Du bist wirklich ganz und gar der schlaue Kopf, als welchen man Dich uns geschildert hat.«

»Meint Ihr? Ja, es ist auch nothwendig, daß wenigstens ich den Verstand zusammen nehme, da mit Euch nicht einmal eine armselige Gans, viel weniger aber ein Pferd zu mausen ist. Also klopft einmal an. Laßt Euch aber ja nicht merken, daß Ihr wißt, daß sich der Gesuchte in der Hütte befindet. Wir müssen sie sicher machen.« – – –

Walker war, beinahe betrunken von der Schönheit der jungen Pflanzerin, von seinem Lauscherorte fortgegangen, natürlich in der Richtung, in welcher die drei Jäger einige Stunden später seine Spuren gefunden hatten.

Der Weg führte mitten durch die Zuckerplantage geradeaus nach dem Vorwalde, an dessen Gebüsch, wie bereits bekannt, die Hütte des Negers Bommy lag. Es traf sich gerade, daß der einsame, vorsichtig um sich schauende Wanderer keinen Menschen erblickte, welchen zu begegnen er hätte befürchten müssen.

So erreichte er ungesehen das Blockhäuschen, dessen Thür, wie gewöhnlich, offen stand. Diebe gab es ja hier wohl nicht, da die splendide Natur jener Gegenden selbst dem Aermsten fast mühelos erringen läßt, was er zu seines Leibes Nahrung und Nothdurft bedarf. Höchstens waren da jene fremde Banden zu fürchten, welche zuweilen selbst hier im Süden von sich reden machten und aber nach jedem Streiche, den sie einmal ausführten, sofort auf längere Zeit wieder verschwanden.

Der Neger saß gleich hinter der Thür auf einem Holzblock, welcher ihm als Lieblingssessel zu dienen schien. Er rauchte aus einem nach und nach immer kürzer gebissenen Holzstummel einen selbst erbauten Tabak, dessen Geruch oder vielmehr Gestank einen Ochsen hätte in Ohnmacht werfen können. Die Nerven dieser Leute sind stark, wie aus Eisendraht gemacht.

Er erhob die großen, weiß aus dem dunklen Gesichte glänzenden Augen zu dem Fremdlinge, blieb aber sitzen und sagte auch kein Wort des Willkommens. Er schien es nur allein für angezeigt zu halten, den Eingetretenen mit scharfem Blick vom Kopf bis zum Fuß zu mustern, um sich sagen zu können, was er wohl von ihm zu erwarten habe.

»
Good morning, Sir!« grüßte Walker.

Bommy antwortete nicht. Dieser höfliche Gruß eines Weißen einem Schwarzen gegenüber verstärkte nur sein Mißtrauen.

»Guten Morgen, Sir, habe ich gesagt!« wiederholte der Gast in scharfem Tone. –

»Hab's gehört,« antwortete der Neger gleichmüthig.

»Könnt Ihr den Gruß nicht erwidern?«

»Nein.«

»Ah! Warum nicht?«

»Weil er nicht aufrichtig gemeint ist.«

»Oho! Wie wollt Ihr das beweisen?«

»Ihr nennt mich nicht Du, und Ihr gebt mir den Titel Sir. Das thut ein Weißer nur dann, wenn er es übel mit dem Schwarzen meint.«

»Vielleicht thue ich es, weil ich es besser mit Euch meine, als tausend Andere!«

»Wenn es wahr wäre!«

»Ihr könnt es glauben.«

»Zunächst glaube ich es noch nicht.«

»Donnerwetter! Ihr seid sehr aufrichtig.«

»Das ist besser als hinterlistige Höflichkeit.«

»Aber eine zu große Aufrichtigkeit geht leicht in das über, was man Grobheit nennt.«

»Nehmt es, wie Ihr wollt.«

»Meinetwegen! Nicht wahr, Ihr nennt Euch Bommy?«

»Ja, Master.«

»Habt Ihr nicht einen Schnaps für mich?«

»Nein.«

»Ich denke, Ihr seid Schänkwirth.«

»Das bin ich.«

»So werdet Ihr doch einen Schnaps haben!«

»Aber nicht für Alle.«

Er saß auch jetzt noch auf seinem Klotze. Er hatte keine andere Bewegung gemacht als diejenige, welche nöthig war, den Rauch aus seinem Stummel zu ziehen und wieder von sich zu blasen. Er war eine breite Gestalt mit übermäßig langen Extremitäten, wie man es bei Negern ja gewohnt ist. Sein Gesicht besaß eine außerordentliche Häßlichkeit. Es war von den Blattern zerrissen. Seine Augen hatten einen stieren, tückischen Ausdruck, fast wie man ihn bei dem wilden Büffel der Prairie beobachtet.

Walker hatte sich mit ausgespreizten Beinen vor ihn hingestellt und den bisherigen Theil der Unterhaltung mit lächelndem Gesicht geführt. Das knurrige Wesen des Negers schien ihm Spaß zu verursachen. Auf die letzten groben Worte antwortete er im ruhigsten Tone:

»Also für mich habt Ihr wohl keinen Schluck?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich kenne Euch nicht.«

»Hm! So ist es freilich nothwendig, daß wir uns so schnell wie möglich kennen lernen.«

»Pfui, Alter! Vorher schient Ihr mir nur originell zu sein; jetzt aber werdet Ihr grob. Schämt Euch!«

»Habe keine Zeit dazu!«

»Aber ich will nun partout einen Gin oder Whisky mit Euch trinken, und da Ihr dies nur mit Bekannten thut, so werde ich bleiben, bis Ihr mich kennen gelernt habt.«

Es waren verschiedene Pfähle in die Erde geschlagen und mit Brettern versehen worden; das gab primitive Tische und Bänke, welche den hier verkehrenden Gästen genügen mochten. Walker setzte sich auf eine dieser rohen Bänke und legte nach Yankeemanier die Beine gemüthlich auf den Tisch. Der Neger sah dies einige Augenblicke ruhig an; dann stand er auf und sagte:

»Wie lange gedenkt Ihr Euch denn hier niederzulassen, Mylord?«

»So lange, bis wir alte Bekannte sind.«

»Das wird wohl niemals werden, denn in weniger als zwei Minuten werdet Ihr hier zur Thür hinausfliegen.«

»Macht keine dummen Witze!«

»Witze? Ich spreche in völligem Ernste.«

»Das glaube ich nun freilich nicht.«

»So werdet Ihr es gleich glauben müssen. Thut einmal Eure Beine da vom Tisch herab, sonst helfe ich nach!«

Er machte Miene, nach den Beinen des Weißen zu greifen; dieser zog sie schnell an sich und sagte lachend:

»Wahrhaftig, der Mann macht Ernst! Nun, das gefällt mir! Ich ersehe daraus, daß Ihr ein thatkräftiger Mensch seid, der zu gebrauchen ist. Sagt mir einmal: Verdient Ihr Euch nicht vielleicht gern zwei Goldstücke oder auch drei?«

Die Augen des Schwarzen blitzten auf.

»Zwei oder drei?« fragte er. »Sehr gern, hundert aber noch lieber.«

»Gut! Es können wohl hundert werden, wenn ich in Euch einen nützlichen Mann kennen lerne.«

»Jessus! Jessus! Ist's wahr? Hundert?«

»Ja, hundert. Vielleicht auch noch mehr.«

»Ach, Mylord, thut Eure Beine getrost wieder auf den Tisch. Ihr könnt sie hinlegen, wo es Euch nur immer gefällig ist.«

»Sogar Euch auf den Buckel?«

»Ja, mir sogar auf den Buckel, nämlich wenn es gut bezahlt wird.«

»Was das betrifft, so braucht Ihr Euch keine Sorge zu machen. Ich pflege das, was man mir leistet, stets gut zu bezahlen.«

»Was verlangt Ihr denn?«

»Zunächst ein Glas Schnaps.«

Der Neger zog die Stirn wieder kraus und antwortete:

»Euer verdammter Schnaps. Könnt Ihr denn gar nichts Anderes verlangen?« –

»Das werde ich auch noch thun. Aber jetzt bin ich noch nüchtern. Ich muß dem Magen guten Morgen sagen.«

»Wie aber nun, wenn Euch Master Wilkins geschickt hat, um mich auf die Probe zu stellen!«

»Pfui Teufel! Das thäte ich nicht.«

»So sagt Jeder.«

»Fürchtet Ihr Euch denn vor Master Wilkins?«

»Fürchten? Ich? Pschaw!«

Er nahm die Achsel in die Höhe und zog ein Gesicht, in welchem sich die außerordentliche Geringschätzung aussprach. Walker sah dies und bemerkte:

»Warum fragt Ihr so nach ihm, wenn Ihr Euch nicht vor ihm fürchtet?«

»Weil ich gern gute Nachbarschaft halte.«

»Dürft Ihr Euern Gin nicht geben, wem Ihr wollt?«

»Warum nicht, wenn es mir beliebt. Der Master hat es seinen Leuten verboten, zu mir zu gehen, und wenn ich mich auch nicht etwa vor ihm fürchte, so kann er mir doch schaden, wenn ich mich nicht wenigstens einigermaßen nach seinem Willen richte.«

»Und Ihr haltet mich für einen Abgesandten von ihm?«

»Ist's nicht möglich, daß Ihr einer seid?«

»Ich? Niemals! Im Gegentheile!«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Daß ich kein Freund Eures Wilkins bin.«

»Oho! Ihr wollt mich nur sicher machen.«

»Fällt mir nicht ein! Seid doch einmal kein Querkopf, und habt Vertrauen zu mir! Ich möchte gern Einiges über Wilkins erfahren.«

»Von mir erfahrt Ihr nichts.«

»Vielleicht doch. Ich werde Euch Eure Dienste ja sehr gut belohnen.«

»Wendet Euch an Andere!«

»Die giebt es nicht. Dieser Wilkins scheint es seinen Leuten ja förmlich angethan zu haben. Sie hängen an ihm wie die Kletten am Kleide, gerade als ob er der Herrgott Vater im Himmel sei! Ich aber brauche einen Mann, der einen klaren Kopf besitzt und sich nichts vormachen läßt.«

»Hm! Das bin ich,« schmunzelte Bommy.

»Ich will Euch aufrichtig gestehen, daß ich diesem Master Wilkins gern Einiges am Zeuge flicken möchte.«

Da machte der Neger eine Bewegung freudiger Ueberraschung und sagte:

»Am Zeuge flicken? Ah, wirklich? Sagt Ihr die Wahrheit?«

»Ja, freilich.«

»So seid Ihr wirklich nicht sein Freund?«

Walker stand von der Bank auf, legte ihm die Hand auf die Achsel und antwortete in finsterem, überzeugendem Tone:

»Sein Freund? Ich sage Euch, daß er keinen größeren Feind haben kann als mich.«

»Ah, wenn das wahr wäre!«

»Es ist wahr.«

»Könnt Ihr es beschwören?«

»Ja, mit allen Eiden der Welt.«

»Hat er Euch etwas gethan?«

»Das gehört jetzt nicht hierher. Es fragt sich nur, ob Ihr mir dienen wollt, wenn es sich darum handelt, ihm einen Streich zu spielen.«

»Gern, außerordentlich gern! Also um einen Streich nur handelt es sich? Das ist wenig, sehr wenig!«

Das Bedauern, welches aus diesen Worten klang, war ein höllisches. Sein Lachen dabei war das eines Teufels. Die Zähne blitzten aus dem aufgerissenen Munde wie das Gebiß eines Raubthieres, welches sich seiner Beute freut. –

»O, es ist nicht wenig. Streich und Streich ist ein sehr großer Unterschied. Es giebt verschiedenerlei Streiche, Schelmenstreiche, Bubenstreiche und so weiter. Ein lustiger Streich ist zum Lachen; ein sehr ernsthafter Streich, der einen Andern um Ehre und Leben bringt, kann noch viel mehr zum Lachen sein.«

»O Jessus, Jessus! Wenn es doch so ein Streich wäre!«

»Nun, es ist so einer. Ich will es Euch offen gestehen.«

»Ihr wollt ihm Ehre und Leben nehmen?«

»Hoffentlich. Zunächst aber habe ich es auf seinen Besitz abgesehen.«

»Auf die Pflanzung?«

»Ja, er wird sie am längsten besessen haben. Wollt Ihr mir dabei helfen?«

»Sehr, sehr gern, wenn Ihr gut bezahlt.«

»Das werde ich, wie ich Euch bereits gesagt habe. Also ich kann sicher auf Eure Dienste rechnen?«

»Ganz gewiß!«

»So macht dort die Thür zu, damit wir nicht überrascht werden. Ich muß Euch nämlich sagen, daß man mich hier bei Euch nicht sehen darf.«

»Weshalb nicht?« fragte der Neger, indem er den Riegel vor die Thür schob.

»Das werde ich Euch sagen, wenn Ihr mir vorher einen Schluck gegeben habt.«

Bommy ging nach der Ecke des Raumes und hob eine hölzerne Decke auf, unter welcher sich ein viereckiges Loch befand, welches seinen Keller bildete. Er nahm eine Flasche und zwei Gläser und setzte sich damit dem Weißen gegenüber.

Walker hatte sich indessen im Raume umgesehen. Er nahm das ganze Viereck der Blockhütte ein. Zwei Tische und vier Bänke, in der bereits angegebenen Weise gefertigt, der Holzklotz, auf welchem vorhin der Neger gesessen hatte, ein Heerd mit zwei Töpfen und einer Pfanne, das Loch mit mehreren Flaschen und Gläsern, ein Beil, ein Paar Messer auf dem andern Tisch, ein alter Regenschirm, in einer Ecke ein Lager von Laub und in der andern ein Haufen Brennholz, das war Alles, was das Auge erblickte.

Der Heerd befand sich an dem einen Giebelfenster, durch welches der Rauch zu ziehen hatte; einen Schornstein gab es nicht. Eine Decke war auch nicht vorhanden. Das Dach vertrat diese Stelle. Der Fußboden bestand einfach aus fest getretener Erde.

Der Neger sah den beobachtenden Blick seines Gastes und fragte:

»Gefällt Euch mein Palast?«

»Gar nicht,« antwortete Walker.

»Ja, wie in New-York oder New-Orleans bin ich nicht eingerichtet.«

»Ist auch gar nicht nöthig. Aber Etwas könntet Ihr doch bei aller Einfachheit haben. Etwas, was ein Mann wie ich und Ihr zuweilen gebrauchen kann.«

»Ich habe Alles, was ich brauche,« sagte der Neger unter einem schlauen Lächeln.

»Aber das, was ich meine, doch nicht.«

»Nun, was meint Ihr denn?«

»Hm! Ich meine ein kleines, stilles, lauschiges Oertchen, an welchem man nicht von Jedermann gesehen werden kann.«

»Ah, Ihr meint ein Versteck?«

»Ja freilich.«

»Hm! Ich habe Euch bereits gesagt, daß ich Alles habe, was ich brauche.«

»So so! Da scheint Ihr also ein solches Versteck gar nicht zu brauchen?«

Der Neger blinzelte listig, zeigte das Gebiß und sagte:

»Ich nicht, aber Andere zuweilen.«

»Donnerwetter! So habt Ihr ein Versteck?«

»Ja, Sir.«

Walker warf abermals einen sehr sorgfältigen, forschenden Blick umher und sagte dann:

»Aber nicht hier in der Hütte!«

»Nicht?«

»Nein, gewiß nicht!«

»Wie kommt Ihr zu dieser eigentümlichen Ansicht?«

»Man müßte doch eine Spur davon sehen.«

Da lachte der Neger laut und höhnisch auf:

»Hahahaha! Eine Spur davon sehen! Das wäre mir ein schönes Versteck, welches ein Fremder, wie Ihr seid, nach bereits fünf Minuten entdecken kann. Ich müßte ja wahnsinnig sein.«

»Hm! Ich habe ein sehr scharfes Auge. Ich würde unbedingt etwas bemerken. Euer Versteck wird sich also doch wohl außerhalb der Hütte befinden.«

»Macht Euch doch nicht lächerlich, Sir! Ich setze nun den Fall, wir Beide säßen hier, und es käme Jemand, der Euch nicht sehen dürfte; er klopfte draußen an. Könnte ich Euch da wohl hinaus schaffen, um Euch zu verbergen?«

»Allerdings nicht.«

»Das Versteck muß sich also hier befinden.«

»Aber wo? Etwa unter dem Laube Eures Nachtlagers?«

»Daß ich so albern wäre!«

»Oder dort unter dem Haufen Brennholz?«

»Wo denkt Ihr hin! Gerade an diesen beiden Orten würde man zuerst suchen.«

»Wo denn sonst?«

»Da fragt Ihr mich zu viel. Ihr seid erst wenige Augenblicke hier, und ich kenne Euch noch nicht. Da dürft Ihr nicht erwarten, daß ich Euch sofort mein größtes und bestes Geheimniß enthülle.«

»Ganz recht. Viel wird dieses Geheimniß aber wohl auch nicht werth sein.«

»Warum nicht?«

»Habt Ihr diese Hütte nicht vom Pflanzer geschenkt erhalten, wie ich hörte?« –

»Ja, und ein kleines Areal dazu.«

»Der Pflanzer hat wohl also die Hütte gekannt?«

»Sehr genau.«

»Nun, so kennt er also auch das Versteck, und es kann Euch also dieses gar nichts nützen.«

»Oho! Dieser verborgene Ort war erst gar nicht vorhanden. Ich habe ihn später erst mit eigener Hand angelegt, und es hat mich viele List und Mühe gekostet, nichts davon merken zu lassen und nicht dabei verrathen zu werden.«

»Hm! Wunderbar! Es ist fast gar nicht zu glauben. Die vier nackten Wände und das nackte Dach! Und da soll es ein Versteck geben!«

Er betrachtete sich abermals das Innere der Hütte genau, untersuchte dann das Bett und den Reißighaufen, griff dann auch in das, freilich kaum drei Fuß tiefe Kellerloch, trat sogar an den Heerd und wühlte in der Asche herum – vergebens.

Der Neger sah ihm mit stolzer Genugthuung zu.

»Nicht wahr?« sagte er, »Bommy ist gescheidt?«

»Außerordentlich, wenn es nämlich wahr ist, daß es hier einen solchen Ort giebt.«

»Es giebt ihn, und Keiner findet ihn.«

»So bin ich also bei Euch wirklich an den richtigen Mann gekommen. Ich muß Euch nämlich sagen, daß es vielleicht nothwendig ist, mich hier für kurze Zeit zu verbergen.«

»Vor wem?«

»Hm! Müßtet Ihr das wissen?«

»Natürlich. Ich muß doch erfahren, für wen und in welcher Angelegenheit ich mich in Gefahr begebe.«

»Nun ich will also einmal aufrichtig mit Euch sein, obgleich ich sonst nicht so schnell einem Menschen meine Angelegenheit auf die Nase binde.«

Er schenkte sich ein Glas ein, stürzte den Inhalt desselben hinab und füllte auch dasjenige des Negers. Er nahm eine Miene vertraulicher Aufrichtigkeit an, doch fiel es ihm gar nicht etwa wirklich ein, den Neger in seine Geheimnisse einzuweihen.

Dieser Letztere trank sein Glas zweimal aus; es ging ja wohl auf Rechnung des Fremden, und sagte:

»So laßt hören, Mylord. Ich bin sehr neugierig.«

»Nicht wahr, Master Wilkins hatte einen Bruder?«

»Ja, einen älteren Bruder.«

»Habt Ihr ihn gekannt?«

»Freilich habe ich ihn gekannt. Ich war sein Leibdiener. Ihr werdet bemerken, daß ich mich besser auszudrücken vermag, als gewöhnliche Neger. Das kommt daher, daß ich stets um die Person des Massa war. Er starb und ordnete in seinem Testamente an, daß ich freigegeben werden und diese Hütte als Eigenthum erhalten solle.«

»Sehr gut! So kennt Ihr also wohl die Verhältnisse der Familie Wilkins sehr genau?«

»So genau, wie ein Leibdiener dergleichen kennen kann. Man sieht da so Manches.«

»Hatte dieser ältere Wilkins nicht auch Kinder?«

»Nur einen Sohn.«

»Lebt er noch?«

»Ich weiß es nicht. Er ist auf Reisen gegangen und ist bis jetzt nicht wieder gekommen.«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht, aber Onkel und Neffe werden es wohl wissen. Es ist mir nie zu Gehör gekommen, daß irgend eine andere Person eine darauf sich beziehende Aeußerung gethan hätte. Ich war nicht mehr im Schlosse, als der Neffe fortging.«

»Wie standet Ihr Euch mit ihm?«

»Sehr schlecht Er war das Gegentheil von seinem Vater und konnte mich niemals leiden. Ich habe manchen Hieb und manchen Fußtritt von ihm erhalten. Er meinte, ich sei in Folge der Güte seines Vaters ein sehr frecher Bursche geworden.«

»Da hatte er wohl sehr Unrecht?« fragte Walker unter einem bezeichnenden Lächeln.

Der Neger lachte laut auf und antwortete:

»Höflich bin ich freilich mit diesem Knaben niemals gewesen. Darum nahm er es seinem Vater noch im Grabe übel, daß er mich im Testamente bedacht hatte.«

»Hm! Hm! Ich glaube, er lebt noch.«

»Wie? Was? Habt Ihr etwa eine Ahnung, wo er sich befindet?«

»Eine Ahnung, ja. Er sendet eben jetzt drei seiner besten Freunde hierher auf Besuch.«

»Was Ihr sagt, Mylord! Wer sind die Kerls?«

»Drei Jäger. Nämlich der dicke Sam und die – –«

»Der dicke Sam Barth etwa?« unterbrach ihn der Neger rasch.

»Ja. Kennt Ihr ihn?«

»Aus Erzählungen.«

»Die beiden Anderen sind die Gebrüder Snaker, die sich als Pferde- und Maulthierräuber lange da im Westen herumgetrieben haben. Sie kommen, wie ich glaube, in einem heimlichen Auftrage des jungen Wilkins hierher. Sie wissen, daß auch ich mich hier befinde, um ihre Absichten zu vereiteln, und so ist es möglich, daß sie nach mir suchen.«

»Sollen sie Euch nicht finden?«

»Nein, bei Leibe nicht! Sie dürfen nicht ahnen, in welcher Weise ich hier gegen sie agitiren will. Ich weiß ganz bestimmt, daß sie bereits heute am Vormittage nach mir suchen werden. Darum ist es mir lieb, zu hören, daß Ihr ein so gutes Versteck habt.«

»Das habe ich freilich; aber – – –«

Er stockte und blickte nachdenklich zu Boden. Das, was ihm Walker gesagt hatte, genügte ihm nicht; es war ihm zu dunkel, zu wenig, zu unzulänglich. Walker fühlte das sehr wohl. Was er gesagt hatte, war reine Erfindung. Er mußte einen anderen Grund bringen, und der triftigste der Gründe, der allerüberzeugendste ist stets derjenige, zu welchem er jetzt nun griff. Er langte nämlich in die Tasche und zog eine Börse heraus, durch deren Maschen der Glanz zahlreicher Goldstücke blitzte. Er nahm drei derselben heraus, hielt sie dem Neger hin und sagte:

»Hier, Bommy, ein kleines Draufgeld, wenn Ihr mein Cumpan werden wollt.«

Der Schwarze griff schnell und gierig zu; der Weiße aber zog die Hand mit dem Golde noch schneller zurück.

»Was? Warum gebt Ihr es nicht?« fragte Bommy.

»Ihr habt mir noch nicht geantwortet.«

»Ja, ja! Ich helfe Euch!«

»Ihr gebt mir auch Euer Versteck, wenn ich es brauchen sollte?«

»Freilich, freilich! Gebt nur her das Geld.«

»Nur Geduld, Geduld! Erst wird eingeschlagen!«

Er hielt die Hand hin; der Schwarze schlug kräftig ein und erhielt dann ins Geld. Er hielt es sich vor die Augen, zog eine Grimasse des Entzückens, that einen Luftsprung und rief:

»Gold, Gold, Gold! Und ich kann noch mehr erhalten?«

»Noch viel mehr, wenn Ihr mir treu dient.«

»O, ich bin treu, sehr treu. Ich kämpfe für Euch! Ich sterbe für Euch! Ich thue Alles, Alles für Euch! Ist das lauter Gold, welches Ihr da in dem Beutel habt?«

»Lauter Gold. Und ich habe auch noch mehr.«

»Noch mehr? Wo? Wo?«

Seine Augen blitzten gierig auf, beutegierig, raubgierig – – ja, blutgierig.

Walker sah diesen Blick und erschrak. Er erkannte, daß er sich in Todesgefahr begeben hatte. Darum beeilte er sich, zu antworten:

»Nicht hier, sondern auf der Bank.«

»Oh! Ah! Auf der Bank!« sagte der Schwarze im Tone der Enttäuschung.

»Da kann ich es mir an jedem Augenblicke holen.«

»Wann werdet Ihr es holen?«

»So bald ich es brauche – in einigen Tagen.«

»So seid Ihr also reich?«

»Sehr reich. Ihr seht also, daß ich Euch belohnen kann und auch belohnen werde, wenn – – – horch!«

Es ertönte der Hufschlag eines Pferdes. Der Reiter hielt draußen, an der Front der Hütte, wo sich die Thür aber nicht befand, an und schlug mit der Peitsche an den Rand der Fensteröffnung.

»Bommy, alter Rabe! Bist Du da?« rief er.

»Sapperment! Man kommt! Wird dieser Mann vielleicht hier eintreten?« fragte Walker ängstlich.

»Nein. Es ist Massa Leflor. Der reitet fast täglich vorüber, kommt aber sehr selten herein.«

Er ging hin an die Fensteröffnung und antwortete:

»Ja, Massa, Bommy ist da.«

»Bringe mir ein Glas heraus, aber schnell!«

Der Neger füllte ein Glas und trug es hinaus. Walker stand von seiner Bank auf und trat an das Loch. Er sah sich den Reiter an und hörte auch folgende Warte, welche zwischen diesem und dem Neger gewechselt wurden:

»Massa will zu Master Wilkins etwa?«

»Ja, alter Nachtschatten.«

»Und zu Missis Almy?«

»Was geht das Dich an, Bommy?«

»Mich? O gar nichts, gar nichts!«

»Aber Du machst ein so verschmitztes Gesicht!«

»Ist mein Gesicht nicht stets so?«

»Nein. Es ist so, als ob Du mit irgend etwas Wichtigem hinter dem Berge hieltest.«

»Hinter dem Berge? O, Ihr macht Spaß, Massa!«

»Unsinn! Ich kenne Dich! Was ist's, was Dir auf der Zunge liegt?«

»Jetzt nicht, jetzt nicht, Massa!«

»Nun, wenn denn?«

»Wenn – hm, wenn Massa mit Massa Wilkins gesprochen haben – dann!« –

»Gesprochen? Worüber und wovon?«

»Von Missis Almy.«

»Sapperment, Bommy! Du scheinst mir wirklich Etwas in petto zu haben. Ich bin neugierig, es zu erfahren; aber ich kenne Dich so genau, daß ich weiß, Du wirst es mir jetzt nicht sagen.«

»Nein, jetzt nicht, aber – dann.«

»Gut. Und da es so steht, so will ich Dir sagen, daß ich jetzt mit Monsieur Wilkins sprechen werde.«

»Jetzt? O Jessus, Jessus! Ich weiß sehr genau, welche Antwort Ihr erhalten werdet.«

»Nun, welche denn?«

»Laßt sie Euch von Missis Almy geben! Aber Massa, werdet Ihr bei der Rückkehr vielleicht auch ein Gläschen trinken?«

»Warum?«

»Weil ich Euch dann sagen werde, was ich Euch jetzt noch nicht sagen kann.« –

»Gut! Ich komme. Auf Wiedersehen, Bommy!«

Er ritt fort, und der Neger kehrte in das Innere der Hütte zurück.

»Wer war dieser Mann?«

»Massa Leflor, ein Plantagenbesitzer, unser nächster Nachbar. Habt Ihr etwa gehört, was ich mit ihm gesprochen habe?«

»Ja. Ihr spracht ja so laut, daß ich es geradezu hören mußte, wenn ich auch nicht gewollt hätte. Es schien sich um ein Geheimniß zu handeln.«

»O nein. Massa Leflor ist verliebt in Missis Almy, die Tochter von Master Wilkins.«

»Sapperment! Macht er seinen jetzigen Besuch vielleicht zu dem Zwecke, um ihre Hand anzuhalten?«

»Ja, das thut er.«

»Wird er das Jawort erhalten?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Ah! Warum nicht?«

»Wenn es nicht Gründe giebt, von denen ich nichts weiß, so wird er von Wilkins abgewiesen werden, denn er ist leichtsinnig und auch bös.«

»O weh!« lachte Walker. »Ich glaube, das Letztere sind wir wohl auch!«

»Und selbst wenn Wilkins Ja sagte, so sagt Missis Almy doch Nein, denn sie liebt einen Andern.«

Da Walker das schöne Mädchen gesehen hatte, so interessirte ihn der gegenwärtige Gegenstand des Gespräches außerordentlich. Er fragte:

»Kennt Ihr diesen Andern?«

»Ja. Es ist Master Adler, der deutsche Oberaufseher der Pflanzung.«

»Und Leflor weiß das nicht?«

»Nein. Alle wissen es; Alle sehen es; aber die Beiden, die sich lieben, wissen es selbst noch nicht, und Wilkins und Leflor wissen es auch nicht. Leflor wird abgewiesen werden und einen entsetzlichen Haß auf Master Wilkins bekommen.«

Walker machte ein sehr nachdenkliches Gesicht, blickte eine Weile sinnend vor sich hin und fragte dann:

»Ist Leflor reich?«

»Sehr.«

»Hm, hm! Mir kommt da ein Gedanke. Wird er Euch bei seiner Rückkehr wohl aufrichtig sagen, daß er abgewiesen worden ist?«

»Warum nicht, Sir?«

»Er kann sich ja schämen!«

»Aber vor mir nicht. O, wir haben schon manchen Streich miteinander ausgeführt, Massa Leflor und ich! Und er weiß genau, daß er einen sehr guten Verbündeten zur Rache an mir haben wird.«

»An mir vielleicht auch. Könntet Ihr ihn nicht vielleicht einmal hereinrufen?« –

»Ja, wenn Ihr mit ihm reden wollt.«

»Nur in dem Falle, daß er abgewiesen worden ist, sonst aber ja nicht.«

In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür, welche Bommy wieder zugeriegelt hatte.

»Sapperment! Man kommt!« flüsterte Walker besorgt. Wer ist es?«

Der Schwarze trat an die Thür. Es gab da einen kleinen Spalt, durch welchen er hinaus blicken konnte.

»Es ist Daniel, ein Bekannter von mir,« sagte er.

»Er darf mich nicht sehen. Wo ist das Versteck?«

»Kommt, Mylord!«

Er trat an den Heerd. Dieser bestand aus einer langen und breiten Steinplatte, welche mit der hinteren Seile in die Wand eingefügt war und mit den andern Seiten auf drei eichenen Klötzen ruhte, welche horizontal auf dem Boden standen, roh aus dem Baume gesägt waren und mehr als die Stärke eines Mannes hatten. Der Neger schob den linken der beiden Seitenklötze zur Seite, was verhältnißmäßig leicht geschah, und sagte:

»So habt Ihr es Euch wohl nicht gedacht?«

Der Raum unter dem Heerd war hohl und so tief, daß sich selbst ein großer Mann ganz gemüthlich hineinsetzen konnte. Luft zum Athmen gab es genug. –

»Alle Teufel!« sagte Walker erstaunt. »Das ist freilich ein Versteck, wie man sich ein besseres gar nicht denken kann!«

»So macht schnell hinein! Daniel klopft wieder. Er geht sonst fort, weil er denkt, daß ich nicht da bin.«

Walter setzte sich hinein. Der Schwarze rollte den runden Klotz wieder an seine frühere Stelle und überzeugte sich, daß er keine Spur außerhalb seiner jetzigen Lage zurückgelassen hatte. Sodann ging er zur Thür, um diese zu öffnen, und ließ den Neger Daniel ein.

Er legte dabei den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß nicht gesprochen werden solle, setzte sich mit ihm in die dem Heerde entfernteste Ecke und unterhielt sich im Flüstertone mit ihm. Sie sprachen, wie bereits erwähnt, von dem Vorhaben des rothen Burkers, doch konnte Walker natürlich kein Wort davon verstehen.

Bommy war dafür besorgt, daß Daniel bald wieder ging, und begleitete ihn hinaus, wobei Beide von Sam Barth belauscht wurden. Als er dann in die Hütte zurücktrat, vergaß er, die Thür wieder zuzuriegeln, und ging sogleich zum Heerde, um Walker wieder herauszulassen.

Dies geschah langsam und bedächtig, so daß Sam bereits das Haus umschlichen hatte, als Walker aus dem Verstecke hervorkroch. Der Blick des Letzteren fiel, zum Glück für ihn, auf die nur angelehnte Thür.

»Warum habt Ihr – – –«

Er hielt erschrocken inne. »Warum habt Ihr die Thür aufgelassen?« wollte er sagen, doch blieb ihm die zweite Frage im Munde stecken, denn er sah durch die Thürlücke Jim und Tim herbei eilen.

»Was ist's?« fragte der Neger.

»Pst! Um Gotteswillen, leise, leise!«

Er schnellte zur Thür, zog sie heran und schob den Riegel vor, welcher die Stärke eines Mannesarmes hatte. Der Neger begriff natürlich, daß sich Jemand in der Nähe befinde, und eilte zum Fenster. Er kam noch zeitig genug, die beiden Brüder bei ihren letzten Schritten zu bemerken.

»Wer sind diese Kerls?« flüsterte er.

»Es sind Jim und Tim Snaker. Da wird Sam Barth nicht entfernt sein.«

»Sie suchen natürlich Euch?«

»Ja.«

»Hm! Was machen wir?«

»Laßt sie um Gotteswillen nicht herein!«

Er fühlte eine wahre Todesangst. Er wußte ja, daß er verloren sei, wenn er diesen Jägern in die Hände fiel. Er bückte sich an die kleine Spalte, blickte durch dieselbe hinaus, und wandte sich flüsternd zurück:

»Da, seht hinaus! Da steht auch Sam, der Dicke. Er scheint die beiden Anderen auszuzanken.«

»Woher wissen sie denn, daß Ihr hier seid?«

»Sie müssen meine Spur gefunden haben. Ich wiederhole es: Laßt sie nicht herein!«

»Wo denkt Ihr hin! Einlassen muß ich sie!«

»Warum? Warum denn?« fragte Walker, vor Angst förmlich zitternd.

»Um Euretwillen.«

»Unsinn! Gerade um meinetwillen sollen sie ja draußen bleiben. Ihr seid hier Hausherr. Ihr könnt sie fortweisen.«

»Ja. Aber da ist der dicke Sam zu schlau. Er wird thun, als geht er, und sich in der Nähe auf die Lauer legen. Das giebt dann eine förmliche Belagerung, und sie bekommen Euch doch.«

»Verdammt! Was rathet Ihr?«

»Geht in's Versteck!«

»Aber wenn sie es finden!«

»Unsinn! Hustet oder nießet nur nicht!«

»Alle Teufel! Was thue ich!«

Er war todtesbleich. Es klopfte an der Thür.

»Schnell, schnell!« drängte der Schwarze.

»Ihr werdet mich nicht verrathen?«

»Fällt mir nicht ein!«

»Aber Walker hatte Bommy's Blicke gesehen; er traute ihm nicht. Er nahm noch drei Goldstücke heraus, gab sie ihm und raunte ihm zu:

»Wenn sie mich nicht entdecken, bekommt Ihr noch fünfzig, sobald ich das Geld von der Bank erhalten haben werde!«

»Gut, gut! Schnell hinein!«

»Hollah! Aufgemacht!« ertönte draußen die Stimme des langen Jim.

In wenigen Augenblicken steckte Walker unter dem Heerde. Der Schwarze trat zur Thür und fragte:

»Wer ist draußen?«

»Gäste.«

»Wie viele denn?«

»Zwei.«

»Oho! Es sind doch drei!«

Es entstand eine Pause. Draußen flüsterte man einen Augenblick lang. Dann sagte Jim:

»Wie viele wir sind, kann Dir egal sein. Mach nur auf, Mann.«

»Wer seid Ihr denn?.«

»Sei verdammt für Deine Neugierde! Ist das eine Art und Weise, ehrliche Leute auszufragen! Wir wollen einen Schluck trinken. Verstanden? Oder ist hier das Himmelreich, vor dessen Pforte eine jede Seele vorher examinirt wird. Da wollen wir zunächst Dir einmal die Deinige an die Nase binden.«

»Thut es meinetwegen, und kommt herein!«

Er schob den Riegel zurück. Die drei Jäger traten ein. Sams Plan war unnöthig geworden. Er hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß auch er von innen gesehen worden sei.

Eintreten und mit einem einzigen, raschen Blick sich umschauen, das war natürlich Eins. Es war außer Bommy kein Mensch zu sehen. Die Drei setzten sich an den einen Tisch. Die Brüder Snaker überließen dem klugen Sam die Rolle des Fragenden.

»Gieb uns einen Morgentrunk, Schwarzer!« sagte der Dicke. »Du hast doch wohl Etwas, was den Magen eines alten Jägers wärmt?«

»Es wird ausreichen,« antwortete der Neger.

»Ach, ja! Da ist ein ganzer Keller voll.«

Er trat an das offene Loch, blickte hinein, knieete sodann nieder und that, als ob er die Etiquetten der Flaschen betrachten wolle, untersuchte dabei aber mit den tastenden Händen alle vier Seiten und auch den Boden des Loches. Ein kurzer Wink benachrichtigte dann die Gefährten, daß er nichts gefunden habe. Er kehrte also an seinen Platz zurück und griff zum Glase.

»Schänke Dir auch eins ein, und stoße mit uns an, Schwarzer! Geht Dein Geschäft gut?«

»Leidlich.«

»Man sieht es! Wer mit Goldstücken bezahlt wird, der hat keine Veranlassung, über schlechte Zeiten zu klagen.«

Walker hörte diese Worte natürlich. Der Angstschweiß brach ihm aus allen Poren. Auch der Neger erschrak. Er hatte in der Eile die letzten Goldstücke, welche er erhalten hatte, auf den Tisch gelegt, um beide Hände für die Bewegung des Eichenblockes frei zu haben. Dort lagen sie jetzt noch. Er bemühte sich, eine unbefangene Miene zu zeigen, stieß mit Sam an, ergriff dann das Geld, steckte es in die Tasche und antwortete:

»Ihr hättet Recht, wenn dies meine heutige Einnahme wäre. Alle Tage drei Goldstücke, das wäre sehr gut!«

»Was für Geld ist es denn?«

»Das wird Euch wohl gleichgiltig sein, Master. Ich frage Euch auch nicht nach Euren Beutel!«

»Sehr richtig. Aber wenn Du es thätest, würdest Du eine höflichere Antwort erhalten, als die Deinige ist. Hattest Du heute schon Gäste?«

»Ja.«

»Wie viele?«

»Es fehlen Einige am Hundert.«

»Das glauben wir Dir ungeschworen. Es würde uns aber weit lieber sein, wenn Du uns eine bestimmtere Antwort giebst. Wir denken nämlich, hier bei Dir mit einem guten Bekannten zusammen zu treffen.«

»Wer ist es?«

»Du wirst ihn auch bereits gesehen haben. Sein Name ist Walker.«

»Walker? Diesen Namen habe ich hier noch gar nicht gehört, Master.«

Er sagte damit die Wahrheit, da Walker ihm noch gar nicht gesagt hatte, wie er heiße.

»Nicht? Hoffentlich hast Du doch die lobenswerthe Angewohnheit, Deine Gäste nach dem Namen zu fragen!«

»Nein; ich thue das im Gegentheile niemals. So zum Beispiel werde ich auch Euch nicht fragen. Was geht mich Euer Name an, wenn ich nur bezahlt werde.«

»So thue uns wenigstens den Gefallen, uns zu sagen, was für Persönlichkeiten heute bei Dir eingekehrt sind!«

»Massa Leflor war hier.«

»Wer noch?«

»Weiter Niemand!«

»Hm! Bist Du vielleicht einmal für einen Augenblick von Deiner Hütte fortgewesen?«

»Nein.«

»Nicht? Sonst dächte ich, es hätte sich während Deiner Abwesenheit Jemand hier eingeschlichen und ohne Dein Wissen versteckt.«

»Meint Ihr jenen Walker?«

»Ja.«

»Das ist eine Unmöglichkeit. Wo sollte sich ein Mensch hier verstecken?«

»Vielleicht dort unter das Lager?«

»Seht nach.«

»Oder unter das Brennholz?«

»Da hätte er sich einen sehr unbequemen Platz herausgesucht.«

»Freilich: aber wir wollen doch einmal sehen, ob es nicht doch wohl der Fall ist.«

Die drei Jäger untersuchten das Laub und das Reißig sehr genau, fanden aber natürlich nichts. Der Schwarze sah ihnen angstvoll zu. Wie; wenn sie auf den Gedanken kamen, auch den Heerd zu untersuchen! Das konnte er ja verhüten!

Er nahm einen Arm voll Reißig, warf es auf den Heerd, brannte es an und ging sodann mit einem Topf hinaus, um Wasser zu holen.

»Verdammt!« sagte Jim. »Wo steckt er? Er muß hier sein!«

Sam winkte ihm und antwortete:

»Ich habe Euch doch gleich gesagt, daß er gar nicht in Wilkinsfield ist. Wir hätten ja auch das Kanot finden müssen. Er ist weiter flußabwärts gerudert. Nun haben wir hier die kostbare Zeit versäumt und können uns sputen, sie wieder einzuholen. Wenn der Schwarze wieder hereinkommt, werden wir bezahlen und dann sogleich aufbrechen.«

Bommy kam und stellte den Wassertopf auf das Feuer. Er schürte die Flamme an, um ein lautes Knistern zu erregen, damit man ein etwaiges Husten oder Niesen Walker's nicht hören könne. Dann wendete er sich mit freundlichem Grinsen an Sam:

»Ich braue mir jetzt ein Glas Grog. Hoffentlich bleiben die Masters hier, um eins mitzutrinken!«

»Danke für Dein Gebräu, Schwarzer! Wir werden machen, daß wir Deine rauchige Bude hinter uns bekommen.«

Er fragte nach der Zeche und bezahlte. Dann entfernten sich die Drei, in der Richtung nach dem Walde zu. Dort hinter den Büschen, wo sie von der Hütte aus nicht mehr gesehen werden konnten, blieben sie stehen.

»Du winktest uns,« sagte Tim. »Du glaubst also auch, daß er drin steckt?« –

»Ganz sicher!«

»Aber wo?«

»Das weiß der Teufel! Ein Loch muß es in der Bude irgendwo geben. Der Boden war so fest gestampft, daß man eine Spur gar nicht sehen konnte. Ich wette meinen Kopf, daß die Goldstücke von Walker waren. Es geht nicht anders. Zwei von uns legen sich hier in den Hinterhalt. Der Dritte eilt zu Monsieur Wilkins mit der Weisung, daß er schleunigst nach Van Buren nach Militär senden soll. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Vogel nicht doch noch erwischten!«

Bommy hatte ihnen nachgeblickt und natürlich hinter ihnen die Thür verriegelt. Dann ließ er Walker aus dem Verstecke hervor. Der Letztere sah wie eine Leiche aus, und doch standen ihm dicke Schweißtropfen im Gesicht.

»Das war entsetzlich!« sagte er. »Erst die Angst, daß sie mich entdecken würde», und dann die Hitze von dem Feuer!«

»O,« lachte der Neger, »vom Feuer hat es gar keine Hitze gegeben. Die Wärme steigt nach oben, und die Platte ist so stark, daß sie erst nach Stunden durchhitzt würde, namentlich von einem so kleinen Feuer. Die Hitze, welche Euch ausgetrieben ward, stammt nur von der Angst. Sind diese drei Jäger wirklich so furchtbar?«

»Sie trachten mir nach dem Leben. Es wäre um mich geschehen gewesen, wenn sie mich entdeckt hätten.«

»Was habt Ihr ihnen denn so gar Schlimmes gethan?«

»Das werde ich Euch später erzählen. Jetzt muß ich vor allen Dingen wissen, wo sie stecken.«

»Sie sind fort.«

»Das ist nicht wahr!«

»Ich sah sie ja gehen.«

»Sie haben nur so gethan, als ob sie sich entfernen. Der Dicke ist ein schlauer Kerl, heute aber hat er es einmal gar zu schlau angefangen. Während Ihr nach Wasser gingt, sagte er laut, daß sie sogleich weiter stromabwärts wollten – – –«

»Nun, das ist ja sehr gut für Euch!«

»Sehr schlimm im Gegentheile! Er weiß, daß ich hier bin, und hat es gesagt, um mich kirre zu machen. Daß sie hierher gekommen sind, ist ein deutlicher Beweis, daß sie meine Fährte gefunden haben. Sie werden sich ganz in der Nähe der Hütte auf die Lauer legen, um zu warten, bis ich gehe. Das ist so sicher wie irgend Etwas.«

»So müßt Ihr bleiben, bis es Nacht ist.«

»Warum nicht länger?«

»Ihr werdet mir doch nicht zumuthen, daß ich mir meine Wohnung für eine halbe Ewigkeit belagern lasse! Ihr könnt doch nicht tagelang da in dem engen Loche unter dem Heerde stecken, und ich habe auch mehr zu thun, als mich her zu setzen, um Euch zu bewachen. Heute Abend erhalte ich mehrere Gäste, welche Euch nicht sehen dürfen.«

»So wollt Ihr mich preisgeben?«

»Nein. Ihr bezahlt mich gut, und ich diene Euch. Es wird sich wohl bis heute Abend ein Mittel finden lassen, Euch ohne Gefahr von hier fort zu schaffen. Einen Ort, wo Ihr dann sicher seid, wird es auch geben. Wir wollen nachdenken!«

Da ertönte draußen der Hufschlag eines Pferdes. Leflor kehrte zurück. Er rief draußen:

»Bommy, bist Du da?«

Der Neger trat an die Fensteröffnung und antwortete:

»Ja, Massa. Hier bin ich.«

»Bringe mir einen Schnaps heraus, aber einen tüchtigen!«

»Hat Master Wilkins Ja gesagt?«

»Nein. Hole ihn der Teufel!«

»So kommt einmal herein zu mir. Ihr werdet etwas Gutes für Euch erfahren.«

Draußen gab es einen Pfahl, an welchem Leflor, als er abgestiegen war, sein Pferd band. Dann ging er nach der hinteren Seite des Hauses und trat ein, da der Neger die Thür geöffnet hatte, die er aber hinter ihm sofort wieder verriegelte. Als er Walker erblickte, stutzte er und fragte zornig:

»Da ist bereits Jemand. Warum rufst Du mich da herein, Schwarzer?«

»Zu Eurem Besten, Massa,« antwortete der Gefragte. »Dieser Master interessirt sich für Euch.«

»Wer ist er?«

Walker war von seiner Bank aufgestanden und antwortete an des Schwarzen Stelle:

»Verzeiht, Monsieur' Ich hoffe, daß unsere zufällige Begegnung für uns Beide von Vortheil sein wird. Ich heiße Walker.«

»Walker?« fragte Leflor erstaunt. »Alle Teufel! Herr, man sucht Euch!«

»So? Wer sucht mich?«

»Ein dicker Kerl, Namens Sam Barth, der noch zwei Begleiter bei sich hat.«

»Ich weiß es bereits. Woher aber wißt Ihr es?«

»Der dicke Hallunke war bei Wilkins. Er glaubte, Euch bei diesem zu finden.«

»Wann?«

»Vor vielleicht einer Stunde.«

»Verdammt! Sie sind dann also hierher gegangen. Also wissen sie genau, daß ich hier bin, und also werden sie auch in der Nähe auf mich warten.«

»Was wollen sie von Euch?«

»Wir haben ein kleines Geschäft miteinander, so was man eine Blutrache nennt.«

»Dann thut es mir leid um Euch. Dieser Sam Barth ist der beste Spürhund, den es giebt. Hat er Euch etwa eine Kugel zugedacht?«

»Etwas Anderes nicht. Er war mit den beiden Anderen soeben hier, hat mich aber nicht gefunden und wird mich nun auflauern. Ich hoffe, daß Ihr mir Euern Schutz gewähren werdet.«

»Ich? Mich geht Eure Angelegenheit gar nichts an!«

»Vielleicht doch!«

»Daß ich nicht wüßte. Der Dicke hat mich zwar bei Wilkins auf's Tödtlichste beleidigt, so daß ich, aufrichtig gestanden, darauf brenne, ihm einen Streich zu spielen, aber was Ihr mit ihm habt, das liegt mir außerordentlich fern.«

»Vielleicht näher, als Ihr denkt.«

»Wieso?«

»Verzeiht, Sir, wenn ich da eine Frage thue, welche Euch sehr zudringlich erscheinen wird! Aber sie gehört zur Sache.«

»Fragt nur zu.«

»Ihr habt um Wilkins' Tochter angehalten und einen Korb bekommen?«

»Donnerwetter! Hat hier dieser schwarze Schuft gegen Euch geplaudert?«

»Ja. Aber Ihr dürft es ihm verzeihen, denn er hat es nur zu Eurem Vortheile gethan.«

»Das möchtet Ihr mir wohl erklären!«

»Gern! Setzt Euch zu mir! Bommy mag Wache halten, damit wir nicht gestört werden.«

Sie holten sich eine Flasche Rum aus dem Loche, setzten sich zusammen und begannen, sich im Flüstertone zu unterhalten. Bommy setzte sich auf seinen Holzklotz, brannte sich seinen Pfeifenstummel an und beobachtete durch die Ritze der Thür mit scharfem Auge die draußen liegenden Gebüsche. Er konnte von dem leisen Gespräch der Beiden nichts verstehen, schien aber auch gar nicht darauf versessen zu sein, Etwas zu erfahren, was ihm nicht freiwillig gesagt wurde. –

Walker hatte die Unterhaltung mit der Bemerkung begonnen:

»Wenn ich um die Hand eines Mädchens anhalte und abgewiesen werde, so wird mein erstes Gefühl dasjenige sein, diese Niederträchtigkeit heimzuzahlen. Darf ich annehmen, daß bei Euch dasselbe der Fall auch ist?«

»Hm! Ich bin kein anderer Mensch als Ihr.«

»Es kommt freilich ganz auf die Art und Weise an, in welcher man den Korb erhält.«

»Die war allerdings so gemein wie nur möglich. Ich gestehe, auch ohne Euch und Eure Absichten zu kennen, daß ich sehr an Vergeltung denke.«

»Habt Ihr bereits einen Plan?«

»Ja.«

»Der sicher gelingen wird?«

»Von einer absoluten Sicherheit kann ich freilich nicht sprechen. Und das ist es, was mich ganz ungeheuer ärgert.«

»Beruhigt Euch. Ich habe die Mittel in der Hand, welche Euch eine ganz eklatante Rache ermöglichen.«

»Wie kämt Ihr dazu. Kennt Ihr Wilkins?«

*

39

»Gar nicht!«

»Oder steht Ihr in Geschäftsbeziehung zu ihm?«

»Nein, doch werde ich bald in diese Beziehung zu ihm treten. Ihn kenne ich nicht, desto besser aber seinen Neffen Arthur Wilkins.«

»Alle tausend Teufel! Ihr kennt Arthur? Wo habt Ihr ihn gesehen?« Wo befindet er sich? Lebt er überhaupt noch?«

»Das sind mehrere höchst bedeutungsvolle Fragen auf einmal. Erlaubt, daß ich sie später beantworte. Jetzt möchte ich vor allen Dingen fragen, ob Ihr die Verhältnisse auf Wilkinsfield genau kennt?«

»Natürlich. Ich bin ja der nächste Nachbar.«

»Wem gehört die Plantage?«

»Natürlich Wilkins.«

»Hm! Ihr dürftet Euch da sehr irren.«

»Schwerlich. Wem sollte sie sonst gehören?«

»Wem, fragt Ihr? Wem anders als mir!«

Leflor fuhr auf:

»Was? Euch? Ihr phantasirt wohl?«

»O, ich bin vielleicht bei noch mehr als den gewöhnlichen Sinnen. Aber sprecht nicht so laut! Der Schwarze braucht hiervon nichts zu hören.«

Und nun begann ein angelegentliches Flüstern, als ob es sich um die höchste irdische Wichtigkeit handele. Endlich zog Walker ein Portefeuille aus der Tasche und entnahm derselben mehrere Schriftstücke, welche er Leflor vorlegte. Den großen Siegeln nach zu urtheilen, waren es lauter behördliche Documente.

Leflor sah sie durch, hielt sie gegen den durch die Fensteröffnung hereinfallenden Sonnenstrahl, kurz, prüfte sie auf jede Art und Weise.

»Außerordentlich, ganz außerordentlich!« sagte er. »Wer hätte das gedacht! Wer hätte das überhaupt denken können! Ach! Ihr habt ganz Recht, Master Walker. Ihr gebt mir da eine förmliche Sprengkugel in die Hand, mit welcher ich das Rohr meiner Rache laden werde. Wann wollt Ihr Eure Ansprüche geltend machen?«

»Natürlich baldigst. Habt Ihr Euch überzeugt, daß sie rechtsgiltig sind?«

»Selbst der raffinirteste Advocat würde keinen Weg finden können, sie anzufechten. Ich wollte, diese Eure Rechte gehörten mir.«

»Hm!« brummte Walker nachdenklich.

»Habt Ihr nicht Lust, sie mir zu verkaufen?«

»Nein, Sir. Ich müßte sie doch, ehe Ihr sie mir abkaufen würdet, verfechten, und dann habe ich keine Lust mehr, sie aus der Hand zu geben.«

»Ihr irrt. Ich würde sie Euch jetzt abkaufen.«

»Um mir ein Lumpengeld zu bieten! O nein!«

»Es fällt mir nicht ein, Euch zu drücken. Eure Rechte sind unantastbar, aber dennoch wird Wilkins sich wehren. Es wird einen Prozeß geben. Habt Ihr die Mittel, ihn auszuhalten?«

»Hm! Ich habe mein ganzes Vermögen hingegeben, diese Dokumente zu erwerben.«

»So bedenkt sehr wohl, ob Ihr den Prozeß auszufechten vermögt! Ich rathe Euch, Eure Ansprüche zu verkaufen. Ihr werdet allerdings nicht die volle Summe erhalten, doch habt Ihr sie jedenfalls wohl auch nicht gegeben, und ich würde Euch nicht sehr drücken. Ueberlegt es Euch!«

»Ich würde nur gegen baare und sofortige Zahlung verkaufen.«

»Und ich bin in der Lage, darauf einzugehen. Es liegt mir viel daran, diese Dokumente in meinen Besitz zu bringen. Ich gönne es Euch nicht, diesen famosen Schlag gegen Wilkins zu führen. Ich will es sein, der diesen Menschen aus dem Hause wirft. Er hat mich aus demselben gewiesen, und es soll meine Rache sein, daß ich als Eigenthümer vor ihn hintrete.«

»Nun, wieviel bietet Ihr?«

»Das läßt sich nicht so über die Hand brechen. Wir sehen uns doch nicht nur in diesem Augenblick. Habt Ihr Eure Gegenwart hier schon irgend Jemandem versprochen?«

»Noch Niemandem. Ich kenne hier ja überhaupt noch keinen Menschen.«

»So bitte ich um die Erlaubniß, Euch zu mir einzuladen. Wollt Ihr mein Gast sein?«

»Da es so steht, nehme ich Eure Einladung ohne alles Bedenken an.«

»Schön, sehr schön! Ich werde sofort einen Expressen nach Van Buren senden, um einen Notar kommen zu lassen. Er mag die Papiere prüfen und kann dann gleich Dasjenige vernehmen, was zum Uebergang derselben in mein Eigenthum erforderlich ist. Einig werden wir ja werden.«

»Ich hoffe es.«

»So halte ich es für das Allerbeste, gleich aufzubrechen. Warum wollt Ihr Euch noch länger in diese Hütte setzen!«

»Ihr vergeßt, daß ich hier wahrscheinlich belagert werde, Sir!«

»Sapperment! Es ist ja wahr. Hoffentlich werde ich auch erfahren, wie Ihr mit diesen drei Jägern in Conflict gerathen seid?«

»Ich werde es Euch erzählen. Meine Schuld ist es nicht, daß ich gegenwärtig meines Lebens nicht sicher bin.«

»Sie trachten Euch also nach dem Leben! Ich rathe Euch, Euch an den Sherif zu wenden, um ihnen das Handwerk legen zu lassen.«

»Das beabsichtige ich ja auch. Aber ich bin ihnen erst heute wieder begegnet, und hier giebt es weder Sherif noch anderweiten polizeilichen Schutz. Diese Kerls werden mich niederschießen und dann sehr einfach das Weite suchen. Die Hauptsache ist, ihnen für diesen Augenblick zu entkommen; dann habe ich ja gewonnen.«

»Dieser Wilkins könnte die Mörder durch seine Leute verjagen lassen; aber er schien in den Dicken geradezu verliebt zu sein. Meine Untergebenen darf ich zu diesem Zweck nicht auf fremdes Gebiet senden. Man müßte also zur List – – – Sapperment! Da kommt mir ein köstlicher, gottvoller Gedanke, Master Walker!«

»Ich wünsche sehr, daß er so köstlich sein möge, wie er Euch erscheint.«

»Das ist er, ja das ist er! Wenn wir nur gewiß wüßten, ob die drei Kerls sich hier in der Nähe der Hütte befinden.«

»Ich bin überzeugt, daß es der Fall ist.«

»Wo mögen sie da stecken.«

»Ich bin mit den Gebräuchen der Prairie bekannt genug, um diese Frage beantworten zu können. Wenn sie mich auflauern, wollen Sie mich aus dem Hause treten sehen. Sie stecken also auf der Seite, auf welcher sich die Thür befindet.«

Er hatte jetzt lauter als vorher gesprochen. Der Schwarze hörte es und sagte:

»Das ist richtig. Ich weiß, wo sie sind.«

»Ah! Wirklich! Wo, wo?«

Bei diesen Fragen erhoben sich die Beiden von ihren Sitzen und traten an die Thür. Bommy aber wies sie zum Fenster und erklärte:

»Da drüben, gerade der Thür gegenüber, giebt es einen hohen, dichten Mezquitabusch; in demselben stecken sie. Ich habe sie zwar nicht gesehen, aber ich sah die Bewegungen der Aeste und Zweige; sie waren nicht durch den Wind hervorgebracht. Es ist sicher; sie stecken da drin.«

»Wollen sehen.«

Ehe die Anderen ihn hindern konnten, hatte Leflor die Thür geöffnet und trat hinaus. Die Hände in den Hosentaschen, blickte er sich um, als ob er nach Etwas suche, und schritt scheinbar ganz unbefangen weiter, dem bezeichneten Busche immer näher, doch nicht direct sondern auf Umwegen und wie ganz zufällig. In der Nähe desselben angekommen, legte er sich in das Gras, ganz nach Art eines unbeschäftigten Menschen, welcher augenblicklich nichts Anderes zu thun hat als die Zeit todtzuschlagen. Das Gesicht auf den Arm gelegt, gab er sich den Anschein, als ob er einzuschlafen beabsichtige, lugte dabei aber unter dem Aermel scharf in den Busch hinein. Plötzlich sprang er auf, rieb sich das Bein und rief:

»Verdammte Ameisen! Hol Euch der Teufel!«

Dann kehrte er schlendernd nach der Hütte zurück. Walker empfing ihn mit den Worten:

»Das hat sehr lange gedauert. Man hätte unterdessen vor Ungeduld auswachsen mögen.«

»Hm! Ich mußte es klug anfangen.«

»Sind sie dort?«

»Ja, alle Drei! Man muß es aber bereits wissen, sonst bemerkt man sie nicht, so gut haben sie sich versteckt. Diese Kerls sind wirklich schlau. Wir aber werden noch schlauer sein und sie auf eine Weise betrügen, daß sie sich darüber todtärgern mögen.«

»Da bin ich doch begierig, zu erfahren, wie Ihr es anfangen wollt.«

»Sehr einfach. Ihr habt fast dieselbe Gestalt wie ich. Wir ziehen uns hier aus und vertauschen die Anzüge. Ihr setzt Euch auf mein Pferd und reitet fort. Sie werden Euch für mich halten und Euch also gar nichts in den Weg legen.«

»Alle Teufel! Der Gedanke ist nicht nur höchst originell, sondern er gewährt mir die sicherste Errettung von dem Ungeziefer. Ihr verpflichtet mich zur allergrößten Dankbarkeit.«

»Pshaw! Eine Hand wäscht die andere. Also, Sir, geniren wir uns nicht vor einander. Legt immer die Kleider ab. Ihr seht, daß ich schon beginne.«

Er zog sich wirklich aus, und Walker that dasselbe. Nach fünf Minuten hatte Jeder des Anderen Kleider angezogen. Sie sahen sich an und lachten. Auch Bommy lachte und sagte:

»O, könnte ich die Gesichter sehen, welche sie dann machen werden!«

»Es ist sehr wahrscheinlich, daß Dir dieser Wunsch erfüllt wird,« meinte Leflor. »Sie werden ja wohl her kommen, um sich nach Master Walker umzusehen. Aber bitte, Sir, gebt mir doch die Brieftasche aus meinem Rocke, und nehmt hier dafür die Eurige. Ihr werdet eher bei mir ankommen, und so will ich Euch einige Zeilen mitgeben, damit man sofort für Euch sorgt und auch einen Expressen nach Van Buren sendet, des Notars wegen. Ich möchte da keine Stunde unnütz versäumen.«

»Aber ich weiß ja keinen Weg.«

»Ist auch nicht nöthig. Ihr reitet hier den Weg, welchen ich vor Wilkinsfield her gekommen bin, immer gerade aus, durch den Wald hindurch. Ist dieser Letztere zu Ende, so beginnt meine Besitzung. Wenn Ihr Euch in schnurgerader Richtung haltet, reitet Ihr strikten Weges zu meinem Thore hinein. Der Aufseher wird Euch empfangen, und ihm gebt Ihr die Zeilen, welche ich Euch ausfertigen werde.«

»Das klingt wirklich, als ob man eine Humoreske lese. Aber wenn ich an Euch denke, wird mir nicht sehr humoristisch zu Muthe.«

»Warum?«

»Weil Ihr Euch in Gefahr befindet.«

»Das sehe ich nicht ein.«

»Wenn sie mich für Euch halten, werden sie dafür Euch für mich halten.«

»Das mögen sie thun.«

»Wenn sie Euch nun eine Kugel geben!«

»Da habt nur keine Sorge. Das thun sie nicht. Sie werden Euch doch wohl lieber lebendig als todt haben wollen. Ich werde also in aller Ruhe und Gemüthlichkeit nach ihrem Verstecke gehen. Fallen sie dann über mich her, nun, dann werden sie wohl merken, wen sie haben.«

»Und wenn sie sich rächen!«

»Pshaw! Das werden sie wohl unterlassen. Diese Art von Leuten sind so gewissenhaft! Nehmt Ihr nur Euch in Acht, daß sie Euer Gesicht nicht sehen. Bommy mag jetzt mein Pferd herüber nach der Thür holen. Ihr steigt so auf, daß Ihr diesen Lauschern den Rücken zuwendet. Auf diese Weise werden sie am Sichersten getäuscht.«

Der Neger ging, das Pferd nach dieser Seite der Hütte zu holen. Also nahte der Augenblick, an welchem Walker hinaustreten sollte. Er hatte doch große Sorge. Wenn die drei Jäger den Betrug ahnten, so erhielt er doch seine Kugel. Er gab dieser Besorgniß Worte; Leflor aber sagte:

»Macht Euch doch nicht lächerlich, Sir! Seht das Pferd draußen! Es steht so vor der Thür, daß Ihr hinaustreten könnt, ohne daß die Kerls Euer Gesicht sehen. Dann dreht Ihr Euch herum, steigt in den Sattel und reitet fort.«

So geschah es, und es glückte wirklich.

Die drei Westmänner hatten natürlich das ganze Gebahren Leflors beobachtet. Als er wieder aufgesprungen war, um sich zu entfernen, brummte der lange Jim in den Bart:

»Sonderbarer Kerl! Wollte hier schlafen! Mag sich doch nach Hause scheeren!«

»Hier schlafen?« meinte Sam. »Ist ihm jedenfalls ganz und gar nicht eingefallen.«

»Na, Du hast doch selbst gesehen, daß er sich hier niederlegte!«

»Ja, das hat er gethan, aber wohl nur zum Scheine. Der Kerl hatte irgend eine Absicht.«

»Welche denn?«

»Wer weiß es! Ob er ahnte, daß wir hier sind, und sich überzeugen wollte?«

»Du, das könnte der Fall sein!«

»Ich glaube es auch. Es war mir, als ob er so ganz heimlich unter dem Arme hindurchblickte. Hat er uns wirklich bemerkt, so wird er irgend einen Plan aushecken, diesen Walker ohne Gefahr aus der Hütte fortzubringen.«

»Donnerwetter, das soll ihm nicht glücken!«

»Nein, sonst bekommt er es mit mir, mit Sam Barth zu thun, der sich nicht ungestraft eine Nase drehen läßt. Passen wir auf! Schaut, da tritt der Nigger heraus! Er geht nach der vorderen Seite des Hauses.«

»Es ist weiter nichts. Da bringt er das Pferd. Leflor reitet fort. Das ist Alles.«

»Laßt Euch nicht betrügen!« sagte Sam. »Ich ahne, was er will. Das Pferd wird vor die Thür gestellt; Leflor steigt auf und reitet langsam fort; hinter dem Pferde aber wird sich Walker befinden, um uns unter dieser Deckung glücklich zu entwischen.«

»Alle Teufel, das ist wahr!« stimmte Jim bei. »Sie können gar nichts Anderes beabsichtigen. Tim, leg die Büchse an! Wir werden zwar von Walker nichts als die Füße sehen können; aber gerade in diese soll er unsere Kugeln bekommen, so daß er es unterlassen wird, ohne an uns vorbei zu laufen. Aufgepaßt!«

Die beiden Brüder legten ihre Gewehre an und hielten sich schußfertig. Sam Barth hatte nicht in ihrer Weise mit Walker zusammen zu rechnen. Er ließ sein Gewehr zur Seite liegen.

»Jetzt!« sagte Tim »Da kommt Leflor heraus. Nun wird Walker folgen!«

Aber die Drei sahen sich enttäuscht. Der vermeintliche Leflor stieg auf, ihnen den Rücken zuwendend, gab dem Schwarzen die Hand, wechselte noch einige Worte mit ihm und ritt davon.

»Sapperlot!« meinte Jim. »Er reitet wirklich allein. So befindet sich Walker also noch drin.«

Sam schüttelte langsam und bedenklich den Kopf. Ihm war die Sache nicht recht geheuer. Er brummte:

»Der Teufel hole diese verfluchte Geschichte! Ich werde aus ihr nicht klug. Warum wälzt sich dieser Leflor hier im Grase herum, um nachher ganz scharmant abzutraben! Das Ding verursacht mir Kopfschmerzen. Ohne Absicht ist er nicht hier in unserer Nähe gewesen, und ohne Absicht hat er auch nicht sich sein Pferd nach dieser Seite des Hauses bringen lassen. Er konnte ebenso gut auf der anderen aufsteigen. Irgend eine Teufelei ist los; darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Aber welche?«

»Werden wir erfahren.«

»Die allergrößte Teufelei war die, daß wir hier vor diesem alten Wigwam liegen, und Walker hätte sich gar nicht drin befunden. Das wäre wahrlich ganz dazu angethan, Einen vor Aerger zerplatzen zu lassen.«

»Er ist drin gewesen. Ich habe ganz deutlich gehört, daß Bommy es zu dem Neger David sagte. Heraus ist er auch noch nicht, folglich steckt er noch drin.«

»Höre, Sam, es wäre doch am Allerbesten, wir gingen noch einmal hinein, um richtig durchzusuchen. Vielleicht fänden wir doch eine Spur!«

»Meinetwegen! Aber da kommt mir ein ganz anderer Gedanke, ein verfluchter Gedanke!«

»Welcher denn?«

»Habt Ihr nicht ein Beil drin gesehen?«

»Ja, es war ein solches da.«

»Na, wir liegen alle Drei auf dieser Seite. Wie nun, wenn sie auf der entgegengesetzten Seite Luft gemacht und einen der Balken entfernt hätten, so daß es Walkern möglich gewesen wäre, hinauszukriechen!«

»Einen solchen schweren, dicken Klotz entfernen?«

»Ich habe mir die Wand nicht genau angesehen. Es kann sich leicht eine Stelle finden, die vielleicht früher einmal ausgebessert worden ist, wo sich unschwer ein Loch machen läßt. Es ist doch am Allerbesten, wir gehen nochmals hinein. Aber hört, anders als vorher! Nicht offen, sondern wir schleichen uns hin. Kommt, wir wollen keine Zeit versäumen!«

Sie krochen aus dem Busche heraus und näherten sich, immer Deckung suchend, dem Hause. In der Nähe desselben angekommen, schritten sie dann gerade auf eine Ecke desselben zu, so daß sie nicht von einem Fenster aus gesehen werden konnten. Dann blieben sie zunächst halten, um zu lauschen.

»Die Thür ist jetzt auf,« flüsterte Jim.

»Es sind Zwei drin. Hört Ihr sie sprechen?« fragte sein Bruder.

»Habe ich also nicht recht gehabt?« frohlockte Sam. »Jetzt bekommen wir den Kerl. Kommt hinein!«

Als Walker fortgeritten war, und der Schwarze wieder seine Hütte betreten hatte, saß Leflor auf der Bank und goß sich den Rest der Rumflasche in sein Glas.

»Nun kommt das Schwierigste,« sagte Bommy. »Ihr seid doch nicht ganz des Lebens sicher.«

»Hm! Jetzt erscheint mir die Geschichte auch bedeutend bedenklicher als vorher. Ich weiß nicht genau, was Walker mit diesen Kerls gehabt hat. Ist es eine Geschichte, bei welcher Blut geflossen ist, so ist es leicht möglich, dag sie mir, sobald ich hinaustrete, einfach eine Kugel in den Kopf geben und sich dann davon machen. Ich werde mir die Sache doch vorher überlegen.«

Er stand auf und näherte sich dem Fenster. In diesem Augenblicke bewegte sich der Mezquitebusch, ohne daß es eine Spur von Wind gab. Sodann bewegten sich einige Zweige eines nahe stehenden Strauches, und dann sah Leflor ganz deutlich dreimal Etwas wie ein flüchtiger Schatten über den Zwischenraum zweier Sträucher huschen.

»Sie machen es mir leichter,« sagte er. »Sie kommen, wie es scheint.«

»Wieder herein?«

»Ja.«

»Da bin ich neugierig, was erfolgen wird.«

»Ich setze mich hierher. Du aber trittst ihnen entgegen und verhinderst sie daran, falls sie auf mich schießen wollen. Mach schnell! Sie werden in einigen Augenblicken da sein.«

Er setzte sich so, daß er dem Eingange den Rücken zukehrte. Bommy aber näherte sich der Thür. Sie wechselten noch einige Worte, welche draußen gehört wurden; sodann erschienen die beiden Brüder unter dem Eingange, hinter ihnen Sam.

»
Good morning zum zweiten Male, schwarze Eule!« sagte Jim. »Ah, ist Dein Schützling aus seinem Loche geschlüpft?«

»Schützling?« fragte der Neger. »Wer?«

»Nun, der gute Master Walker?«

»Kenne keinen Walker.«

»Schön, mein Junge. Du sollst ihn kennen lernen. Ich werde Dir ihn sofort zeigen.«

Er schob den Schwarzen bei Seite, trat, gefolgt von Tim und Sam, von hinten an Leflor heran, klopfte ihm auf die Achsel und sagte:

»Endlich ein Wiedersehen seit gestern Abend, Master! Wo ward Ihr doch so plötzlich hin?«

Leflor hatte, als er sie eintreten hörte, das Glas ergriffen und an den Mund gesetzt. Er trank es ruhig aus, drehte sich langsam um und sagte:

»Bei allen Teufeln! Welcher Flegel wagt es denn da, mir einen Schlag zu versetzen? Das muß ich mir allen Ernstes verbitten! Verstanden!«

Es ist unmöglich, die Gesichter zu beschreiben, welche die drei Getäuschten sehen ließen. Diese Gesichter waren so über alle Maßen drollig, daß Leflor in ein lautes Lachen ausbrach und dabei fragte:

»Himmel und Hölle! Welch ein Narrenspiel wird denn da aufgeführt? Was für Menschen sind diese Beiden? Und wer ist – – ah, wen sehe ich da? Sam Barth, welcher mein Gesicht nicht leiden kann! Nun, mein kleiner, dicker Sir, das Eurige ist auch nicht sehr geistreich, wenigstens in diesem Augenblicke nicht! Was starrt Ihr mich denn an?«

Aber er hatte sich in dem listigen Sam denn doch verrechnet. Es bedurfte nur dieses Spottes, um dem Dicken seine volle Disposition wiederzugeben. Er machte plötzlich ein ganz anderes Gesicht, schüttelte verwundert den Kopf und sagte:

»Master Walker, wie Einer in Eurer Lage noch so das große Maul haben kann, das begreife ich nicht. Wenn Ihr glaubt, Euch dadurch Nutzen zu bringen, so irrt Ihr Euch sehr.«

»Walker!« lachte der Angeredete. »Ihr seid wohl gar blind geworden, seit wir uns sahen?«

»Wenn es Euch Spaß macht, mich für einen Esel zu halten, so kann ich nichts dagegen haben; aber der Ernst wird gar nicht auf sich warten lassen?«

Er machte ein so strenges Gesicht, daß Leflor denn doch eine ängstliche Regung fühlte. Er sagte:

»Ich hoffe doch, daß Ihr mich kennt!«

»Natürlich!«

»Nun, wer bin ich denn?«

»Dumme Frage! Mit einer solchen bringt mich ein Walker nicht aus der Fassung?«

»Aber Mann, Ihr müßt doch wissen, wer ich bin!«

»Freilich! Ihr seid Walker.«

»Ich verstehe Euch nicht. Ihr habt mich ja vor einiger Zeit bei Monsieur Wilkins gesehen.«

»Da habe ich nur einen einzigen Mann gesehen, und der war Monsieur Leflor.«

»Nun, der bin ich ja.«

»Ihr? Leflor?«

Er stieß ein lustiges Lachen aus und wendete sich an die beiden Brüder:

»Habt Ihr schon einmal so einen Kerl gesehen? Er macht es gerade so, wie die Fabel vom Vogel Strauß erzählt. Er denkt, wenn er Niemanden sieht, so werde er auch von Niemandem gesehen. Lächerlich!«

Jim und Tim hatten auch bereits ihr Erstaunen überwunden. Zunächst hatten sie sein Verhalten für unsinnig gehalten. Jetzt nun konnten sie zwar nicht begreifen, was er eigentlich bezwecke, aber daß er eine ganz bestimmte Absicht verfolge und daß sie ihn da nicht stören durften, das erkannten sie. Darum stimmten sie in sein Lachen ein, und Jim meinte:

»Ja, so eine Albernheit ist auch mir noch niemals vorgekommen!«

Das ließ Leflor seine Lage noch bedenklicher erscheinen. Er versicherte sehr nachdrücklich:

»Aber, Masters, mein Name ist wirklich Leflor.«

»Papperlapapp!« antwortete Sam. »Kommt uns doch nicht mit solchen Kindereien! Leflor ist soeben auf seinem Pferde davongeritten.«

»Das war ein Anderer!«

»Pshaw! Das macht Ihr mir nicht weiß! Ich kenne diesen Mann, ich habe vor Kurzem mit ihm gesprochen. Ihr aber steht ganz so vor uns, wie wir Euch gestern Abend draußen am Flusse gehabt haben. Ihr seid der Dieb und Mörder Walker. Eure irrsinnige Ausrede hilft Euch nichts.«

»Aber, zum Donnerwetter, ich begreife Euch nicht!«

»Ich begreife Euch desto besser! Mit mir macht Ihr keinen Mummenschanz. Wir haben ganz und gar keine Lust, Fastnacht mit Euch zu spielen, Jim, gieb einmal den Riemen her! Wir wollen dem Master die Hände ein Wenig binden.«

»Das dulde ich nicht!« rief Leflor zornig. »Fragt hier den Neger! Er wird es Euch bezeugen, daß ich nicht Walker heiße.«

»Der? Bezeugen? Der uns vorhin bereits belogen hat? Da müßten wir doch noch dümmer sein, als er und Ihr.«

Da trat aber doch Bommy heran und sagte:

»Dieser Massa ist Massa Leflor, Sir.«

»Schweig, Hund!« donnerte Sam ihn an. »Mit Dir wird kurzer Prozeß gemacht.«

»Aber, Sir, ich sage Euch, daß – – –«

Er kam in seiner Versicherung nicht weiter. Sam stieß ihm die geballte Faust mit solcher Kraft in die Magengrube, daß er wie ein Sack in die Ecke flog und dort liegen blieb.

»Mann, ich werde Euch zur Verantwortung ziehen!« rief Leflor drohend. »Ihr habt Euch hier an keinem Menschen zu vergreifen!«

»Das wird immer hübscher!« lachte Sam. »Höre, wenn Du Dein Maul noch ein einziges Mal so voll nimmst, so stopfe ich es Dir, daß Du einige Zeit lang an Sam Barth denken sollst! Ich habe keine Lust, mich von so einem Hallunken auch noch in so großartiger Weise anrasseln zu lasten. Ein Jeder erntet, was er säet, ists nicht in dieser, so ists in jener Weise.«

Da ballte Leflor die Faust und drohte.

»Kerl, nenne mich noch einmal Du oder sage noch einmal das Wort Hallunke, so antworte ich Dir, wie sichs gehört!«

»Schön! Antworte mir einmal! Hier, da hast Du meine Frage!«

Mit einer blitzartigen Schnelligkeit, die man dem kleinen, so unbehilflich erscheinenden Dicken gar nicht zugetraut hätte, versetzte er dem Gegner von unten herauf einen Hieb gegen die Nase, daß sofort das Blut aus derselben sprang, faßte ihn in demselben Augenblicke an beiden Hüften, hob ihn hoch empor und schmetterte ihn mit solcher Gewalt zu Boden, daß es klang, als ob alle Knochen krachten.

»So, nun antworte doch, Hundsfott! Her mit dem Riemen! Wir wollen die Kerls einwickeln, daß sie in fünf Minuten wie grün geklopfte Rindsrouladen aussehen.«

Beide, sowohl Leflor wie der Neger, hatten von der Riesenkraft des Dicken einen solchen Beweis bekommen, daß sie nicht wagten, sich zu wehren. Desto heftiger aber protestirten sie mit Worten.

»Hört,« drohte er, »seid nur still, sonst mache ich Euch schweigsam! Es paßt mir keineswegs, mich in alle Ewigkeit von solchen armseligen Geschöpfen ankläffen zu lassen. Jetzt lege ich Euch einstweilen zur Ruhe. Wollt Ihr da nicht still sein, so kriegt Ihr einen Klapps, wie er unartigen Buben gehört!«

Er nahm erst den Weißen und schleuderte ihn auf das Lager Bommy's: dann warf er den Schwarzen wie einen Sack auf den Ersteren hin. Sie waren von den Lasso's der Jäger so fest zusammen geschnürt, daß sie sich gar nicht regen konnten. Zu sprechen oder gar zu schimpfen getrauten sie sich auch nicht mehr, zumal Sam jetzt den Andern die Instruction gab:

»Ich gehe jetzt fort, um für den Transport dieser Kerls zu sorgen. Ihr bleibt bei ihnen, riegelt von innen die Thüre zu und laßt keinen Menschen ohne meine Erlaubniß herein. Nötigenfalls gebraucht Ihr Eure Büchsen. Solche Schufte, wie der Weiße da einer ist, muß man fest halten. Machen sie Lärm, so gebt Ihr ihnen die Faust auf die Nase; das ist das beste Beruhigungsmittel für dergleichen Buben.«

Er ging und hörte, daß hinter ihm die Thür verriegelt wurde. Er hatte die Absicht, nach dem Schlosse zurückzukehren, freute sich aber nicht wenig, als er in ganz kurzer Entfernung den deutschen Oberaufseher erblickte, welcher zu Pferde herbeigeritten kam. Er eilte ihm entgegen und fragte, als er ihn erreichte:

»Sir, darf ich vermuthen, daß Ihr zu den Bewohnern von Wilkinsfield gehört?«

»Jawohl, Master Sam,« antwortete der Gefragte in deutscher Sprache. »Ich heiße Adler und bin Aufseher.«

»Sapperment, das ist prächtig, ein Deutscher! Herr Adler, Sie sind der Mann, den ich brauche. Ist der Bote nach Van Buren fort?«

»Längst.«

»Ich brauch einen zweiten noch, aber er muß ein gescheidter Kerl sein.«

»Wohin?«

»Nach Leflor's Plantage.«

»Das ist schlimm. Wir stehen seit heut früh in Feindschaft mit ihm.«

»Schadet nichts. Er bekommt so eben bereits seinen Lohn. Wir suchen nämlich einen Schurken, Namens Walker; er steckte in Bommy's Hütte, die wir belagerten. Da kam Leflor und gab diesem Hallunken, um ihn zu retten, seine Kleider und zog dafür diejenigen des Andern an. In Folge dessen hielten wir Walker für Leflor und ließen ihn fortreiten. Vermuthlich ist er nach Leflors Besitzung. Wir müssen darüber sofortige Gewißheit haben. Auch möchten wir erfahren, wie, wo und auf wie lange der Kerl dort einquartirt ist.«

»Mit einem solchen Menschen den Anzug gewechselt? Das sieht Leflor ähnlich. Er ist selbst ein Schurke. Den Boten werde ich selbst machen.«

»Sie selbst? Herrlich! Aber schön wäre es, wenn Leflor es nicht erführe, daß wir uns erkundigt haben.«

»Keine Sorge! Er erfährt es nicht. Der Oberaufseher seiner Plantage ist ein Deutscher, ein Landsmann also; er weiß Alles und wird mich nicht verrathen.«

»Wann können Sie zurück sein?«

»Wenn ich den Landsmann gleich treffe, so höchstens in einer Viertelstunde. Hat es Eile?«

»Sehr große sogar.«

»So reite ich Carrière. Ich habe übrigens mit Leflor heut bereits ein Rencontre gehabt. Er beleidigte mich. Er hat um die Hand des Fräuleins angehalten und einen Korb bekommen.«

»Sehr gut! Uebrigens werden Sie Genugthuung erlangen. Giebt es vielleicht einen nicht offenen Wagen?«

»Wozu?«

»Einen Gefangenen zu transportiren.«

»Lassen Sie sich einen Baumwollkarren geben und ein Pferd dazu. Wo finde ich Sie bei meiner Wiederkehr?«

»Im Herrenhause bei Monsieur Wilkins.«

Sie trennten sich. Adler ritt nach der einen und Sam trabte nach der entgegengesetzten Seite weiter. Trotz seines Leibesumfanges kam er gar schnell vorwärts. Er schwitzte zwar tüchtig, erreichte aber das Herrenhaus binnen fünf Minuten. Dort standen mehrere der erwähnten Karren, bereit, nach den Feldern zu gehen. Sam schob, ohne erst viel zu fragen, den schwarzen Fuhrmann zur Seite, ergriff Peitsche und Zügel und fuhr in Galopp davon. Nach zwei Minuten hielt er vor der Hütte Bommy's.

Er klopfte. Es wurde ihm geöffnet. Die beiden Gefangenen lagen noch so, wie er sie hingeworfen hatte. Er faßte Leflor an, hob ihn empor und gab Jim ein Zeichen, mit dem Neger ein Gleiches zu thun.

»Faß an! Wir laden sie auf!«

Er brachte den Weißen auf die Karre; der Schwarze wurde auf ihn gelegt, und dann rafften die Drei das ganze Laub des Lagers zusammen und schütteten es über die beiden Gefangenen. Dann fuhr Sam davon, dem Herrenhause zu.

Seine beiden Gefährten gingen neben ihm, mehr verwundert und neugierig, was er eigentlich beabsichtige, als besorgt um die Folgen dessen, was sie gethan hatten.

»Was hast Du denn eigentlich vor, Sam?« fragte Jim halblaut, so daß es von Leflor und Bommy nicht gehört werden konnte.

»Dumme Frage! Der Neger hat uns belogen und betrogen, und der Pflanzer hat uns den andern Streich gespielt. Dürfen drei brave Westmänner sich dies gefallen lassen?«

»Nein! Hast Recht. Wie aber wird es ablaufen?«

»Gut, sage ich Euch. Kein Mensch kann uns deshalb ein Haar krümmen. Leflor hat sich verkleidet, um uns zu täuschen, und grad diese Verkleidung dient zu unserer Rechtfertigung. Es geschieht ihm sein Recht, nicht mehr, eher weniger.«

Da kam ihm der Galopp eines Pferdes nach. Es war Adler. Als er Sam einholte, wollte er laut sprechen, erhielt aber einen Wink. Der Dicke gab den Gefährten das Fuhrwerk über und blieb mit Adler ein Wenig zurück.

»Abgemacht,« sagte der Letztere. »Ich traf den Oberaufseher noch vor der Besitzung. Walker ist zu Pferde und in der Kleidung Leflors angekommen; er bleibt längere Zeit da und hat zwei Gastzimmer der ersten Etage erhalten. Zugleich ist in Folge eines Zettels, welchen er von Leflor mitgebracht hat, ein reitender Bote abgeschickt worden, um schleunigst einen Advocaten aus Van Buren zu holen.«

»Ah! Weshalb wohl?«

»Das wußte der Aufseher nicht.«

»Hängt jedenfalls mit Walker zusammen.«

»Sie haben doch Laub geladen, Herr Barth?«

»Einstweilen, ja. Bitte, reiten Sie schnell nach dem Herrenhause, und trommeln Sie das ganze dort zu habende Volk zusammen. Ich will den Leuten eine Freude machen.«

»Welche denn?«

»Es wird nichts verrathen. Nur so viel will ich sagen, daß es sich um zwei Gefangene handelt.«

»Sie sind ein – – –«

»Still!« unterbrach ihn Sam. »Eilen Sie, damit ich das ganze Chor versammelt finde.«

Adler ritt im Trabe weiter, während der Baumwollkarren im Schritte folgte.

Als die drei Jäger ihr Ziel erreichten, stand Almy mit ihrem Vater auf der Veranda; vor derselben aber waren alle Bewohner der Plantage, so weit sie nicht auswärts beschäftigt waren, versammelt! Die Schwarzen vollführten einen außerordentlichen Scandal. Sie standen vor einem Geheimnisse; sie umdrängten den Wagen, es enthüllt zu sehen. Jeder wollte den besten Platz haben.

Adler war in der Nähe vom Pferde gestiegen. Er wurde auf die Veranda gerufen und nach der abenteuerlichen Fracht gefragt. Er hatte zwar so eine kleine Ahnung, welche Ueberraschung der Dicke den Anwesenden bereiten werde, hielt es aber für gerathen, nicht davon zu sprechen, doch sagte er wenigstens:

»Nach Allem, was man von diesem wackern Sam gehört hat, giebt es ein gewagtes und doch dabei humoristisches Intermezzo. Er fürchtet sich vor keinem Teufel, und wehe dem Menschen, welcher es wagt, in irgend einer Weise mit ihm anzubinden.«

Jetzt ließ sich Sams Stimme vernehmen:

»Hochgeehrte weiße und schwarze Ladies und Gentlemen! Ich stehe im Begriff, Euch ein Beispiel von dem Gesetze der Savanne zu geben, damit Ihr einmal erfahret, wie es unter den Männern des fernen Westens zugeht. Wie heißt der dicke, schwarze Sir dort drüben mit dem Cylinderhute auf dem Kopfe und dem großen Säbel an der wehrhaften Seite?«

»Es ist Master Scipio, der Nachtwächter der Negerhütten,« antwortete Einer.

»Ich danke, Mylord! Also, mein theurer Master Scipio, wollt Ihr mir wohl einmal sagen, ob Ihr im Besitze einer Nase seid?«

Der nachtschwarze Wächter der Nacht fuhr sich schnell mit allen zehn Fingern in diejenige Gegend des Gesichtes, von welcher er überzeugt war, daß er bis dato dort den erwähnten Gegenstand gehabt hatte. Als er ihn noch an Ort und Stelle fühlte, nickte er befriedigt, zog sein breites Maul noch fünfmal breiter und antwortete:

»
Yes! Master Scipio hat eine Nase.«

Alles lachte. Selbst die Herrschaften auf der Veranda konnten sich einer kleinen Heiterkeit nicht erwehren. Sam fuhr fort:

»Wer ist die schwarze Mylady, welche dort an dem Baume lehnt?«

»Ist Miß Juno aus der Küche,« antwortete eine andere Negerin.

»Danke sehr, Madame! Also, Miß Juno, wessen Eigenthum ist wohl die Nase, welche Master Scipio in seinem Gesichte trägt?«

»Master Scipio sein Eigenthum,« antwortete die Gefragte, höchst stolz darauf, daß ihr der Vorzug geworden war, gefragt zu werden.

Scipio griff sich abermals an die Nase, nickte sehr nachdrücklich mit dem Kopfe und stimmte bei:

»
Yes! Master Scipio sein Eigenthum.«

»So sagt mir einmal, Master Scipio, ob Euch irgend ein Mannskind die Nase nehmen darf?«

»
O no! Keiner sie mir nehmen darf.«

»Wenn Euch nun Jemand Eure Nase wegschnitte, was würdet Ihr thun, Master?«

»Ihm seine auch wegschneiden.«

»Schön! Sehr gut! Das ist das Gesetz der Savanna. Was mir Einer nimmt, das nehme ich ihm auch. Nun seht Ihr hier am Wagen einen weißen Gentleman stehen. Er heißt Master Jim Snaker und ist ein berühmter Savannenmann. Einst hatte er sehr viele Felle erbeutet, welche einen ganzen Reichthum ausmachten. Er lagerte mit denselben in der Prairie. Er wurde überfallen und beraubt. Man nahm ihm nicht nur die Felle, sondern einer der Räuber schoß ihm eine Kugel durch die Brust und schnitt ihm dann noch die Nase ab. Es dauerte Monate lang, ehe seine Wunde heilte. Von da an hat er nach dem Manne gesucht, welcher ihm nicht nur seine Biberfelle, sondern auch seine Nase raubte. Heut nun hat er ihn gefunden. Master Scipio, was wird dieser Mann wohl hergeben müssen?«

»Seine Nase.«

»Ganz richtig! Seine Nase – und was noch?«

»Die Felle.«

»Wenn er sie aber nicht mehr hat?«

»Kann er nichts hergeben.«

»Oho! Ein Fell hat er noch, nämlich das seinige. Was wird mit demselben geschehen?«

»Wird es hergeben müssen, wird ihm abgezogen.«

»Sehr schön! Master Scipio, Ihr seid zum Sherif oder zum Lordmayor geboren!«

»Yes, yes, Sir! Bin sehr klug, bin außerordentlich klug, wunderbar klug!« grinste der geschmeichelte Schwarze.

»Dieser Räuber, welcher sein Fell und seine Nase hergeben muß, befindet sich hier auf dem Karren als Gefangener. Er hatte sich bei einem seiner Freunde versteckt, der ihn beschützte, der uns belog, damit wir den Verbrecher nicht ergreifen sollten. Auch dieser Mitschuldige liegt mit auf dem Karren. Zur Strafe, daß er sich der Ausübung der Gerechtigkeit widersetzt hat, soll er jetzt verurtheilt sein, an seinem Schützling die Strenge des Savannengesetzes zu vollziehen. Er soll ihm die Nase abschneiden und sodann ihm das Fell abziehen, die ganze Haut vom Leibe herunterschinden.«

Der Jubel, welcher jetzt ausbrach, ist nicht zu beschreiben. Alles schrie, lachte und tanzte untereinander.

»Abschinden! Die Haut abziehen! Die Nase abschneiden! O Jessus, Jessus, ein großes Fest!«

Solche und ähnliche Ausdrücke wurden ausgestoßen. Almy wandte sich schaudernd ab und fragte:

»Pa, ist es möglich?«

»O nein,« lächelte er. »Wer weiß, was dieser Sam beabsichtigt. Er sieht gar nicht mordgierig aus.«

Der Dicke wendete sich an den Jäger:

»Jim Snaker, Du bist der Verletzte. Dir steht es zu, diesen Helfershelfer vom Wagen zu heben und ihm Dein Messer zu geben, damit er seine Pflicht erfülle. Thue es!«

Der lange Jim ließ ein breites, vergnügtes Lachen hören, griff unter das Laub und zog Bommy vom Wagen herab, legte ihn zur Erde, lößte ihm die Fesseln und versetzte ihm dann einen so kräftigen Klapps, daß der Getroffene mit einem lauten Schrei aufsprang. Jetzt wurde er erkannt.

»Bommy, Bommy, o Bommy ist es! Bommy ist mitschuldig! Bommy muß Haut abschinden!« rief es rund umher.

»Jetzt auch den Andern herab!« sagte Sam. »Der welcher die Felle raubte und die Nase abschnitt.«

Aller Hälse wurden länger, und Aller Köpfe streckten sich, um dieses Ungeheuer zu sehen, welchem nun zur Strafe die Haut abgeschunden werden sollte. Jim langte abermals unter das Laub, zog ihn hervor, warf ihn herab und band ihm die Fesseln los. Er blieb liegen, nicht etwa aus Schwäche, o nein! Er fühlte eine Kraft in sich, als ob er die ganze Welt ermorden könne. Aber die Scham, die ungeheure Blamage, die hielt ihn an der Erde fest, damit man sein Angesicht nicht sehen solle. Vergebliches Beginnen!

Jim ergriff ihn mit seinen Eisenarmen und hob ihn in die Höhe, wie man ein Kind aufrichtet. Die Nase war ihm von Sams Fausthieb geschwollen; die Haare hingen ihm wirr um den Kopf; Kleidung und Wäsche waren in Unordnung. Zunächst traute Niemand dem eigenen Auge. Dann aber brach es los, erst einzeln und leise, dann aber im Chore und laut, überlaut:

»Massa Leflor, Massa Leflor! Ihm wird die Nase weggeschnitten und die Haut geschunden!«

»Ihr irrt!« rief Sam. »Das ist nicht Massa Leflor, sondern dieser Mann heißt Walker und mag dem Massa Leflor ähnlich sein.«

»Nein, nein, ist Massa, Massa Leflor!« brüllte es rundum.

»Ruhig! Still! Wer dieser Schuft ist, das muß ich doch besser wissen, als Ihr! Ich bin es ja, der ihn gefangen hat!«

Jetzt erst kam Bewegung in den Gefangenen.

Er stieß einen heiseren Wuthschrei aus und versuchte, sich von Jims Griffe loszureißen; aber sofort griff auch Tim mit zu, und nun stand der Gefangene zwischen Beiden, von ihren sehnigen Armen umspannt, so daß er sich nicht zu bewegen vermochte. Seine Augen waren wie mit Blut unterlaufen, und vor seinen Lippen stand ein weißer Schaum.

Wilkins hatte bisher geschwiegen. Jetzt trat er vor und fragte laut:

»Master Barth, was ist das? Wie kommt Ihr dazu, Monsieur Leflor solche Gewalt anzuthun?«

»Monsieur Leflor?« antwortete der Gefragte im Tone der Verwunderung. »Verzeiht, das ist ein gewisser Walker, aber nicht Euer Plantagennachbar. Seht seine Kleidung an!«

»Diese könnte mich allerdings fast irre führen. Der Mann selbst aber ist Monsieur Leflor.«

»Unmöglich! Er hielt sich doch bei Bommy versteckt, als wir ihn suchten.«

»Ihr müßt Euch irren!«

»O nein. Wir sind ihrer Drei mit sechs sehr guten Augen. Wir sahen den richtigen Leflor bei Bommy einkehren und dann wieder fortreiten. Was sagt Master Adler zu diesem Manne?«

»Daß Ihr Euch irrt,« antwortete der Gefragte. »Er ist Monsieur Leflor.«

»Wunderbar! Wir können doch nicht blind gewesen sein! Ist er Walker, so werden wir ihn nach Van Buren transportiren, um ihm den Prozeß machen zu lassen: ist er aber wirklich Leflor, so müssen wir ihn freigeben. Er selbst mag sich durch offene Antworten aus seiner Lage befreien. Also sagt einmal, wer Ihr seid!«

Diese Frage war an den Gefangenen gerichtet.

Er antwortete nicht. Sie wurde wiederholt, und er schwieg abermals.

»Ihr seht, daß ich Recht habe,« sagte Sam. »Wäre er Leflor, so würde er antworten.«

Da knirrschte er in fürchterlichem Grimme:

»Ich bin Leflor! Laßt mich los!«

Zugleich machte er einen Versuch, sich aus der festen Umschlingung zu befreien, vergebens.

»Nicht zu schnell!« sagte Sam. »Wenn Ihr wirklich Leflor seid, so haben wir das Recht, zu erfahren, wie es kommt, daß wir Euch für den Verbrecher halten mußten. Erklärt es uns!«

Er antwortete nicht.

Da trat Wilkins ganz an den Rand der Veranda und sagte in befehlendem Tone:

»Sam Barth, ich gebiete Euch, diesen Mann jetzt frei zu geben!«

»Da macht Ihr doch nur Spaß!« meinte Sam in seinem freundlichen Tone.

»Nein, es ist mein Ernst. Ich befehle es Euch!«

Da nahm das gutmüthige Gesicht des Dicken auf einmal einen ganz andern Ausdruck an. Seine Augen blitzten zornig auf und seine Gestalt richtete sich in die Höhe. Er antwortete:

»Verzeiht, Sir, wenn ich Euch bei aller Hochachtung Euren Wunsch nicht erfüllen kann! Von einem Befehle ist gar keine Rede. Wir drei Männer sind freie, unabhängige Prairieläufer. Wir gehorchen nur dem Gesetze, welches in der Savanne herrscht. Würde diesem Gesetze der Gehorsam verweigert, so würden die menschlichen Unthiere ihre Häupter erheben, und Sünde und Verbrechen würden die grausigen Beherrscher des Westens sein. Was wir mit unserm Herzblute der Wildniß abgerungen haben, das wollen wir nicht aus feiger Schwäche dem Verderben preisgeben. Hilfe und Rettung jedem Braven, Untergang und Verderben aber jedem Gottlosen, das ist der Wahlspruch, von welchem wir nicht lassen werden. Wir haben gestern Abend einen jahrelang gesuchten Bösewicht ergriffen; er entkam uns wieder. Wir folgten seiner Spur, welche endlich in Bommy's Hütte führte. Hier steht er, den wir gefunden haben, in der Kleidung, in der wir ihn gestern ergriffen, und an dem Orte, zu welchem seine Spur führte. Er sagt, er sei ein Anderer. Gut. Wir wollen gnädig sein und ihn anhören, was wir nach dem Gesetze der Savanne nicht nothwendig hätten; aber er soll uns antworten und erklären, wie er in die Kleider des Verbrechers gekommen ist. Das können und müssen wir verlangen, und wenn irgend Jemand uns hindern wollte, so mache ich, so wahr ich lebe, kurzen Prozeß und jage ihm vor allen Versammelten eine Kugel durch den Kopf. Ich heiße Sam Barth und verstehe, wenn es sich um einen elenden Bösewicht handelt, keinen Spaß!«

Er nahm wirklich die Büchse von der Schulter, richtete den Lauf nach Leflors Kopf und sah sich dann herausfordernd im Kreise um.

Seine Worte hatten eine förmliche Rede gebildet, und diese hatte einen ungeheuren Eindruck gemacht. Alles schwieg, und Keiner wagte es, zu widersprechen. Sie sahen es Sam an, daß er sofort geschossen hätte. Almy zitterte beinahe, und doch vermochte sie es nicht, ihr Auge von der düstern Gruppe hinwegzuwenden.

»Nun, Mann, wie steht es?« fuhr Sam fort. »Wenn Ihr nicht antwortet, so nehmen wir an, daß Ihr Walker seid, und dann habt Ihr zum letzten Male im Leben die Hände und die Füße frei. Wir warten keine Ewigkeit auf Eure gütige Antwort!«

»Ich bin Leflor,« stieß er hervor.

»Wie kommt Ihr in das Gewand des Bösewichts?«

»Ich habe die Anzüge mit ihm umgetauscht.«

»Wozu?«

Er zögerte mit der Antwort.

»Wenn Ihr nicht sprechen könnt, so werde auch ich nicht weiter sprechen, sondern nun handeln.«

»Ich wollte ihn retten.«

»Er ist auf Eurem Pferde und in Eurem Anzüge davongeritten?«

»Ja.«

»Warum habt Ihr ihm geholfen? Kanntet Ihr ihn?«

»Nein.«

»So hat er Euch irgend welchen Vortheil geboten?«

»Nein.«

»Ihr lügt!«

»Ich sage die Wahrheit.«

»Wo ist er hin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Da lügt Ihr abermals. Schämt Euch! Ihr wollt ein Gentleman sein, ein vornehmer, reicher Plantagenbesitzer, und fürchtet Euch vor einem armseligen Prairiejäger. Aber ich bin zu stolz, um mich länger mit Euch abzugeben. Ihr seid der Verbündete eines Diebes, Räubers und Mörders. Ihr habt seine Kleidung getragen und ihm zur Flucht geholfen; dadurch seid Ihr mit ihm verwechselt worden. Ihr habt Sam Barth ausgelacht und ihn betrügen wollen. Jetzt habt Ihr die Folgen davon. Ein Mann wie Ihr muß sich stets sehr hüten, mit einem braven Westmann in Konflict zu gerathen. Wir sind nicht so spitzfindig und raffinirt wie Ihr, aber wir haben unsern Scharfsinn und unsern Mutterwitz, an welchen alle Eure Klugheit nicht heranreicht. Geht jetzt fort, und hütet Euch in Zukunft vor Aehnlichem!«

Jim und Tim ließen ihre Hände von dem Gefangenen. Er that einige schnelle Schritte vorwärts, um aus dem Bereiche der vielen auf ihm ruhenden Blicke zu kommen, blieb aber doch noch einmal stehen, drehte sich um, erhob den Arm und rief drohend:

»Merkt Euch das, Ihr Alle! Ich komme wieder! Und Dir, Du dicker, deutscher Hund, werde ich zeigen, was Rache heißt!«

»So fange es sehr klug an!« antwortete Sam. »Denn wenn Du zum zweiten Male in meine Hände geräthst, so holt Dich der Teufel, in dessen Raritätenkammer Du gehörst.«

Leflor eilte mit langen, schnellen Schritten fort. Auch Bommy wollte gehen, da aber legte Sam ihm die Hand auf den Arm und sagte:

»Halt, Schwarzer! Mit Dir habe ich noch ein ernstes Wörtchen zu sprechen.«

Er hatte nicht fest zugegriffen. Bommy riß sich los und sprang davon.

»Gut, so zwinge ich Dich, stehen zu bleiben,« sagte der Dicke, indem er seine Büchse zum Schusse an die Wange legte.

Da aber bog sich Wilkins von der Veranda herab, ergriff das Rohr und zog es empor.

»Halt, Master! Wir wollen kein Blut vergießen.«

»O, nur ein klein Wenig, einen Schuß in das Schenkelfleisch.«

»Nein! Hängt denn Euer Glück so sehr davon ab, daß Ihr noch mit dem Schwarzen sprecht?«

»Das meinige nicht, aber vielleicht das Eurige, Sir.«

»So laßt ihn laufen! Ich will mein Glück nicht dem Blute Anderer verdanken.«

»Hm! Ganz wie Ihr wollt! Aber wenn ich mit keinem Andern mehr sprechen darf, so will ich doch wenigstens noch mit Euch einige Worte reden.«

Er schwang sich auf die Veranda hinauf, und Jim und Tim folgten ihm. Wilkins gab dem versammelten Volke einen Wink. Die Leute entfernten sich, aber nicht etwa ruhig, sondern das aufregende Vorkommniß wurde lärmend und schreiend bis auf das Kleinste erörtert. Der Neger ist ein Virtuos im Lärm machen, und die Negerin übertrifft ihn noch.

Wilkins hatte ein sehr ernstes Gesicht. Er sah fast zornig aus. Er fragte Sam:

»Befandet Ihr Euch wirklich im Unklaren über die Persönlichkeit Leflors?«

»Nicht im Geringsten,« antwortete Sam offen.«

»Ihr wußtet also gewiß, daß es nicht Walker war?«

»Ja.«

»Ah, so habt Ihr uns ganz einfach eine Komödie vorführen wollen?«

»Komödie?« meinte der Dicke, seinerseits nun auch sehr ernst. »Ich weiß nicht, was Ihr unter Komödie versteht; ich aber meine, daß es Komödien giebt, welche man nicht oft genug ansehen kann. Zur Unterhaltung ist es nicht gewesen.«

»Nothwendig war es auch nicht!«

»Nothwendig? Hm! Strafe ist naturnothwendig, und Abschreckung ist wünschenswerth. Dieser Mann hatte sich unterstanden, mich zu übertölpeln; er mußte also die Folgen tragen.«

»Also nur die Rücksicht auf Euer, wie es scheint, sehr stark entwickeltes Selbstgefühl hat Euch veranlaßt, dieses Schauspiel aufzuführen! Das muß ich streng tadeln, Master Barth!«

»Thut, was Euch beliebt! Ich thue auch, was mir gefällt, nämlich meine Pflicht. Aus diesem Grunde wollte ich Bommy zurückbehalten.«

»Ihr sagtet doch, daß Ihr dies nicht Euret- sondern meinetwegen beabsichtigt hättet!«

»Allerdings. Ich meinerseits bin mit diesem Menschen fertig. Aber er hat jedenfalls viel von Dem mit angehört, was Leflor mit Walker gesprochen hat. Er muß zum Geständnisse gebracht und nöthigenfalls dazu gezwungen werden.«

»Ich verzichte darauf. Ich will keine weitere Aufregung, keinen ferneren Skandal!«

»Ich habe weder die Pflicht noch die Lust, Euch zu Etwas zu bereden, was Eurem Gefühle widerstrebt, meine aber, daß Ihr durch Bommy viel über Walker und Leflor erfahren könnt.«

»Walker geht mich gar nichts an, und Alles, was Leflor betrifft, werde ich jedenfalls erfahren.«

»Vielleicht erst dann, wenn es zu spät ist. Uebrigens bin ich keineswegs der Meinung, daß Walker Euch nichts angehe, sondern ich meine vielmehr, daß er Euch noch zu schaffen machen kann. Er hat sich nicht ohne Absicht durch Eure Besitzung geschlichen, und er scheint die Veranlassung zu sein, daß Leflor schleunigst nach einen Notar gesandt hat. Bommy muß davon wissen. Habt Ihr ihn jetzt gehen lasten, so wollen wir ihn doch heut Abend, wo er doch mit den Bushheaders in unsere Hände fallen wird, recht ernstlich in's Gebet nehmen.«

»Nein. Das wird nicht geschehen, so lange mein Wille Etwas gilt, und ich bin der Ansicht, daß hier an diesem Orte eben nur dieser mein Wille maßgebend sei. Ich mag nichts über Leflor wissen und nichts über ihn erfahren. Wird Bommy mit ergriffen, so mag er als Mitthäter der Bushheaders behandelt werden, von Weiterem aber sehe ich ab.«

»Wann wird das Militair eintreffen?«

»Nach Anbruch der Dunkelheit. Monsieur Adler hat durch den Boten bitten lassen, daß die Truppen sich nicht sehen lassen mögen.«

»Das ist sehr klug. Auf diese Weise werden wir wie ein Wetter über die Kerls kommen. Ich hoffe, daß ihrer viele in das Gras werden beißen müssen!«

Wilkins Stirn zog sich zusammen.

»Ich hoffe das nicht. Ich will sie fangen und der Gerechtigkeit übergeben. Diese mag sodann mit ihnen nach den Gesetzen verfahren.«

»Das klingt zwar sehr schön, taugt aber nichts. Die Kerls werden hingesetzt und erhalten alle Gelegenheit, sich davon zu machen. Man kennt das schon. Eine Kugel vor den Kopf, und zwar sofort, das ist die beste Medizin gegen diese Seuche.«

»Ihr seid ein Unmensch!«

»Oho! Wenn mich ein Floh beißt, so wird er gefangen und gefingert. Und zapft mir ein Mensch mein Blut und Leben, mein Hab und Gut ab, so hat er ganz dasselbe verdient, ja noch mehr, denn der Floh hat von der Vorsehung das Recht erhalten, der Kostgänger eines jeden Gentlemen und einer jeden Lady zu sein, der Mensch aber soll sich seinen Schluck und Bissen selbst verdienen. Ich bin ein Menschenfreund und habe ein Herz, welches bei jedem Leide im Einundzwanzigachteltakte klopft, aber wenn der Mensch aufhört, Gottes Ebenbild zu sein, dann muß man sich seiner erwehren. Anderes giebt es nicht. Wer mir heut Abend vor den Lauf kommt, der muß dran glauben. Das ist Savannengesetz und von diesem gehe ich nicht ab; das ist ein jeder brave Westmann seinen Kameraden schuldig. Der Hallunke, den ich heut aus falscher Nachsicht schone, schießt mir morgen wohl bereits den besten Freund über den Haufen, übermorgen einen Zweiten und so weiter. Indem ich ihn geschont habe, bin ich mitschuldig an dem Tode der Andern.«

Wilkins machte eine höchst mißbilligende Handbewegung und sagte:

»Nach Dem, was Ihr da sprecht, muß ich Euch Drei dringend ersuchen, Euch heut Abend an der Affaire gar nicht zu beteiligen!«

»Ist das Euer Ernst?« fragte Sam erstaunt.

»Alle Teufel! Das ist verwunderlich! Hoffentlich wird der Offizier anders denken als Ihr, Mylord. Und hoffentlich wird er mir auch seine Leute gegen Walker zur Verfügung stellen.«

»Was ist Eure Absicht dabei?«

»Walker befindet sich bei Leflor. Ich darf da nicht eindringen; das Militair aber hat die Macht dazu. Ich werde mir durch die Soldaten den Kerl von Leflors Pflanzung holen lassen.«

»Ich habe Euch ja bereits gesagt, daß ich wünsche, Leflor möge in Ruhe gelassen werden!

»Ich aber wünsche das Gegentheil, Sir! Wir Drei müssen Walker holen!«

»Wenn diese Feindseligkeiten von hier ausgehen, werde ich in Leflor einen unversöhnlichen Feind haben. Das wünsche ich nicht.«

»Hoffentlich braucht Ihr ihn nicht zu fürchten!«

Der Pflanzer hob schnell den Kopf empor, fixirte Sam mit scharfem Blicke und sagte:

»Gedenkt Ihr etwa, mich zu beleidigen?«

»Nein, Sir!«

»Euer Ton ist mir aber ein unbequemer!«

»Der Eurige mir ebenso!«

»So wird es für beide Theile am vortheilhaftesten sein, wenn wir auf einander verzichten. Auf meinen Einfluß hin wird der betreffende Offizier sich nicht zum Polizisten Ihrer Privatrache hergeben.«

Er hatte das im allerschärfsten Tone gesagt. Er fürchtete die Rache Leflors. Sam seinerseits war auch sehr ärgerlich, aber er verstand besser sich zu beherrschen. Er fragte jetzt:

»Ihr werdet also den Offizier bewegen, Walker bei Leflor in Ruhe zu lassen?«

»Ja. Und ich bin überzeugt, daß mein Einfluß dazu genügen werde.«

»Jedenfalls. Ich besitze ja gar keinen Einfluß. Also heut Abend dürfen wir nicht mitthun, und Walker wird auch nicht arretirt? Dazu sagt Ihr, daß es am Besten für beide Theile sei, auf einander zu verzichten? Mylord, ich bin ein einfacher Mann; aber Unsereiner wird im Kampfe mit allen möglichen Gefahren und Hindernissen gewitzigt und gestählt. Ich habe geglaubt, das Richtige zu wünschen; haltet Ihr Euch aber für erfahrener und scharfsinniger, so wäre es Zudringlichkeit von mir, wenn ich Euch weiter belästigen wollte. Ich wünsche, daß Ihr niemals wieder eines fremden und unangenehmen Rathes bedürfen möchtet. Denkt zuweilen einmal an Sam Barth, den Dicken! Gott sei bei Euch!«

Er legte sein Gewehr auf die Achsel, sprang von der Veranda hinab und schritt in grader Richtung über den offenen Platz hinweg nach den Bäumen zu, wo Walker gestanden hatte, Almy zu betrachten.

»
Good bye!« sagte Jim.

Er stieg mit einem einzigen Schritte seiner langen Beine hinab und folgte dem Dicken.

»
Farewell!« knurrte Tim in grimmigem Tone und stelzte ganz ebenso davon, wie sein Bruder.

Die drei Jäger hatten sich mit dem Pflanzer allein befunden, da Almy in ihr Zimmer zurückgekehrt, Adler aber den Negern nachgegangen war, um ihnen ihre Beschäftigungen anzuweisen. Jetzt stand Wilkins ganz allein und betroffen da. Das hatte er freilich nicht beabsichtigt. Fortgehen sollten sie nicht, am Allerwenigsten in dieser Weise. Sie sollten ja bleiben, um seine große Dankbarkeit zu erfahren. Sie waren gekommen, ihn vor den Bushheaders zu warnen; sie waren seine Retter, und jetzt beleidigte er sie, jetzt schickte er sie fort! Das durfte nicht sein!

»Messieurs!« rief er ihnen nach. »Mesch'schurs, wo wollt Ihr hin? So bleibt doch da!«

Aber sie hörten nicht auf ihn. Sie gingen fort. Keiner drehte sich um. Schon war Tim als der Letzte hinter den Bäumen verschwunden.

Da eilte der Pflanzer ihnen nach, gradewegs, wo sie ja auch gegangen waren. Er lief weiter und immer weiter, ohne sie zu sehen. Er rief ihre Namen – umsonst. Er kannte die Art und Weise dieser braven, charaktervollen Männer nicht. Er hatte sie fortgewiesen, ob im Ernst oder aus Uebereilung, das war egal; ein Trapper thut das niemals. Sie sollten gehen, und sie gingen also. Daß sie an demselben Augenblicke, an welchem er sie nicht mehr sehen konnte, scharf im rechten Winkel von ihrer ersten Richtung abgewichen waren, das ahnte er nicht. Da er immer in gerader Linie weiter lief, so war es möglich, daß er sie einholen konnte. Er war auch kein Westmann, um ihre Spur aufsuchen und finden zu können.

Endlich dachte er an Adler, seinen Oberaufseher. Er ging, diesen aufzusuchen und traf ihn erst nach längerer Zeit. Er klagte ihm sein Mißgeschick und theilte ihm in Eile die Unterredung mit, welche Schuld an der Entfernung der Jäger gewesen war.

»Nun sind sie fort. Was sagt Ihr dazu?« schloß er seinen Bericht.

Adler zuckte wehmüthig die Achsel.

»Zu spät!« sagte er.

»Können wir sie nicht finden?«

»Nein.«

»Aber sie sind doch nicht aus der Welt! Sie können sich noch nicht sehr weit entfernt haben!«

»Sie sind gegangen und wollen nicht wiederkommen, Mylord. Wenn solche Männer dies wollen, so lassen sie sich nicht finden.«

»Aber wir müssen ihre Spuren suchen!«

»Das würde vergebens sein. Sie werden ihre Spuren verwischen oder gar keine machen.«

»Master Adler, Ihr seid so lange und so oft im Westen gewesen; Ihr seid ein sehr guter Pfadfinder. Ihr werdet ihre Spur entdecken.«

»Grad weil ich die Eigenheiten solcher Männer kenne, weiß ich genau, daß ich sie nicht finden werde. Sie werden sich getrennt haben, um sich an irgend einem gegebenen Punkte wieder zu vereinigen. Wir würden im günstigsten Falle nur Einen von ihnen erwischen, und dieser würde nicht mit zurückkehren. Da« ist er den beiden Andern schuldig, Sir!«

»Ich war bei heftiger Stimmung. Ich habe Unrecht gethan, wirklich Unrecht!«

»Und ich hatte mich so sehr auf den wackern Sam gefreut, der mein Landsmann ist. Dieser alte, kühne und listige Bär ist ein Kerl, welcher hundert vornehme Herren aufwiegt.«

»So thut es mir um so mehr leid. Auch Euch habe ich um das Vergnügen gebracht. Giebt es denn keine Hoffnung, sie wieder zu erlangen?«

Adler sann eine kurze Weile nach und sagte dann:

»Einen Weg giebt es, aber nur, sie vielleicht wieder zu finden. Ob sie jedoch zurückkehren, das möchte ich bezweifeln.«

»Was meint Ihr denn?«

»Sie haben es auf Walker abgesehen. Dieser befindet sich bei Leflor. Folglich werden sie das Haus Leflors so streng bewachen, daß es Walkern möglichst schwer wird, zu entkommen. Dort also müßte man sie suchen.«

»Wollt Ihr das thun?«

»Ja, wenn Ihr es wünscht.«

»Ich wünsche es sogar sehr. Steigt zu Pferde, Sir, damit Ihr in kurzer Zeit große Strecken durchstreifen könnt. Vielleicht findet Ihr sie, ehe sie da hinüber kommen.«

»Ich will es wünschen, bezweifle es aber.«

Nach wenigen Minuten ritt er davon. Als er zurückkehrte, war der Abend bereits hereingebrochen. Er hatte keinen der Drei gesehen.

Andre aber waren gekommen, nämlich ein Detachement Vereinigte-Staaten-Dragoner unter einem Oberlieutenant. Sie hatten ledige Pferde mitgebracht, um etwaige Gefangene sogleich und leicht transportiren zu können.

Es wurde Kriegsrath gehalten und da merkte Wilkins sehr wohl, welchen Werth der Rath Sam Barth's gehabt hätte. Adler war der Einzige, welcher in Folge seiner früheren Prairiefahrten befähigt war, den guten Dicken zu ersetzen. Sein Rath wurde auch acceptirt.

Er lag zur betreffenden Zeit, durch die Dunkelheit geschützt, im Busche unweit der Thür der Blockhütte, und beobachtete, daß die Erwarteten nach und nach kamen, einzeln. Einer um den Andern. Als er meinte, daß sie alle beisammen seien, kroch er zurück, wo die Dragoner seiner erwarteten, mit allem Nöthigen versehen. Er führte sie zur Hütte.

Jetzt erschallten verschiedene dumpfe Schläge durch die Nacht. Es wurden starke Pfähle gegen die Thür und die Laden gestemmt und in den Boden eingerammt, an Thür und Läden aber festgenagelt. Von drinnen war zunächst ein lauter, verworrener Tumult zu vernehmen; dann wurde es still.

Nachher loderten Feuer rund um die Hütte auf, um Jeden zu sehen, der sich etwa auf irgend eine Weise Ausgang verschaffen wolle. Hinter diesen Feuern wuchs irgend Etwas schwarz aus dem Boden hervor. Was es war, konnten die Belagerten durch ihre kleinen Gucklöcher, welche sie sich gemacht hatten, nicht erkennen. Aber als der Morgen tagte, zeigte es sich als eine rund um die Hütte errichtete, aus Reißigbündeln und allerlei Holzwerk bestehende Mauer mit zahlreichen kleinen Oeffnungen für die Gewehre. Aus der ganzen, weiten Umgegend kam Alt und Jung herbei, um dem eigenartigen Schauspiele der Belagerung einer Bushheadersbande beizuwohnen.

Die Glieder der Letzteren erkannten, daß Widerstand vergebens sein werde. Sie hätten durch denselben nur ihr Loos verschlimmert. Ergeben sie sich aber, so war Hoffnung vorhanden, daß dem Einzelnen nichts Verderbliches bewiesen worden und er also freigesprochen werden könne. Wasser gab es nicht, Proviant auch nicht, und so kam es denn, daß die Eingeschlossenen sich gegen Abend auf Gnade und Ungnade ergaben.

Das war ein Fang, über welchen die Bewohner der weitesten Umgegend jubelten. Es war dem Unwesen für lange Zeit ein Ende gemacht worden, und schnell sprach es sich herum, daß man dies nur allein dem dicken Sam Barth und den beiden dürren Brüdern Snaker zu verdanken habe.

Diese Nacht der Belagerung war auch anderweit durchwacht worden. Nämlich in einem mit eisernen Läden versehenen Zimmer seines Erdgeschosses saß Leflor mit dem am Abende angekommenen Notar und Walker bei emsiger Prüfung, Schreiberei und Berechnung.

Der Notar erklärte das Geschäft als vollständig gefahrlos für Leflor, und gegen Morgen war es abgeschlossen. Walker erhielt eine sehr bedeutende Summe, bestehend aus Bankbillets und Wechseln auf gute Häuser.

Er befand sich in einer sichtbaren Aufregung. Sein Gesicht wendete sich immer nach der Thür, als ob er sich nun schnell fort sehne.

»Jetzt könnt Ihr das Leben genießen, Sir,« meinte der Notar. »Ihr habt, trotzdem Ihr nicht den vollen Preis erhieltet, ein gutes Geschäft gemacht. Uns aber steht ein Prozeß bevor, dessen Ausgang zwar ganz unzweifelhaft ein für uns günstiger ist, dessen Dauer aber doch als eine sehr unangenehme Beigabe betrachtet werden muß. Ihr hingegen könnt sofort in die Tasche greifen.«

»Das sagt Ihr, aber es ist nicht so!«

»In wiefern?«

»Draußen stehen drei Hunde, welche bereit sind, sich auf mich zu werfen, sobald sie mich erblicken.«

»Ihr meint Sam, Jim und Tim. Sollten sie sich wirklich hier umhertreiben?«

»Ganz sicher!«

»Bittet die Behörde um Schutz!«

»Kann mir nichts nützen!«

»Ah! Wieso? Das ist mir neu. Die Behörde besitzt doch die Mittel zu noch ganz andern Dingen.«

Walker durfte nicht sagen, daß die Behörde, an welche er sich um Schutz wenden solle, eigentlich sehr ernste Veranlassung habe, sich seiner sehr gefährlichen Person zu versichern. Er antwortete:

»Die Behörde wird mich sicher hier aus dem Hause bringen. Die drei Trapper werden hierdurch erst recht aufmerksam gemacht. Sie folgen mir bis dahin, wo die Behörde mich mir selbst überläßt und fallen dann über mich her.«

»Sollten sie Euch wirklich so leicht folgen können?«

»Wenn Ihr das bezweifelt, so kennt Ihr diese Art von Menschen nicht. Ein ächter Savannenmann verfolgt seinen Feind zehn Jahre lang Schritt auf Schritt, um die ganze Erdkugel herum. Er erreicht ihn sicher.«

»Das ist ja eine ganz gefährliche Gesellschaft!«

»Für jeden ehrlichen Menschen, ja.«

»Wie wollt Ihr aber fort?«

»Am Gerathensten wäre eine Art und Weise, in welcher ich ihnen gar nicht auffallen könnte. Vielleicht eine Verkleidung.«

»So versuche es doch! Das ist erstens interessant, und zweitens bietet es die größte Sicherheit. Ich habe da einen ganz famosen Gedanken. Monsieur Leflor, habt Ihr einen Diener, welcher zu frisiren versteht?«

»O, gewiß.«

»Nun, Master Walker hat dunkles Haar. Er mag es sich kurz schneiden und wollig kräuseln lassen. Dann schwärzt er sich die Arme und das Gesicht und geht als Neger von hier fort. Das ist das Naheliegendste und zugleich Einfachste, was es nur geben kann.

»Meine Gesichtszüge sind nicht nach Negerart.«

»So verkleidet Euch als Negerin! Die schwarzen Ladies haben durchschnittlich regelmäßigere Züge als die dunklen Gentlemen. Giebt es nicht einen treuen Neger, auf den Ihr Euch fest verlassen könnt, Master Leflor?«

»O Mehrere!«

*

40

»So gebt Master Walker, wenn er als Negerin geht, einen männlichen Begleiter mit, damit die Sache noch mehr causa bekommt. Der Gentlemen mag einen Sack tragen und die Lady einen Korb. Es sollte mich sehr wundern, wenn die Belagerer sich groß um dieses Paar bekümmern sollten.« –

Es war um die Zeit zwei Stunden nach Mitternacht. Da mußten die schwarzen Arbeiter hinaus auf die Felder, jede Person an den ihr zugewiesenen Platz. Erst gingen sie in einem dichten Haufen. Dieser theilte sich nach und nach in einzelne Gruppen; die Gruppen lösten sich weiter auf, bis zuletzt nur einzelne Personen oder höchstens ein Paar zu sehen waren. Eins dieser Paare schritt langsam am Rande des Reisfeldes nach dem Flusse hinab. Es war ein Neger und eine Negerin.

Er hatte eine riesige Angelruthe in der Hand, und sie trug einen großen irdenen Krug auf dem kurzwolligen Kopfe. Sie flüsterten mit einander, während ihre Augen verstohlen suchend nach allen Seiten schweiften.

Am Flusse angekommen, setzten sich Beide an das Ufer nieder. Er befestigte den Köder an den Haken und ließ ihn so in das Wasser fallen. Sie hatte den Krug, mit Wasser gefüllt, neben sich gestellt und begann, aus schnell gepflückten, umherstehenden Blumen einen Kranz zu winden, welchen sie sich, als er fertig war, auf den Kopf setzte. Viel werth war dieser Kranz nicht. Die Niggerin schien kein Geschick für solche Art von Arbeit zu besitzen.

Unterdessen unterhielten sie sich weiter, die Negerin nur mit leiser Stimme. Da raschelte es seitwärts in den Büschen. Dort hatte ein Mann gesteckt. Als er sich jetzt emporrichtete, erkannte die Negerin in der langen Gestalt, dem eigenthümlichen Anzüge und den verwetterten Gesichtszügen Tim, den Trapper.

Er kam langsam näher und grüßte:

»
Good day, Niggers! Was thut Ihr da?«

»Nigger fangen Fische,« antwortete der männliche Angler.

»O nein. Massa will carps (Karpfen) essen.«

»Welcher Massa?«

»Massa Leflor. Will essen sehr gut viel große carps.«

»Ah! Ihr gehört zu Leflor?«

»
Yes, Massa.«

»Da Du fischen gehst, bist Du wohl im Hause beschäftigt?«

»
O yes! Ich bin Pluto, und Pluto arbeitet in der Küche.«

»Ist diese hier Dein Weib?«

»Weib? Nein. Diese ist Mally, und Mally wird sein meine Frau.«

»Also Deine Braut?«

»
Yes, Braut, Massa.«

»Ist sie auch in der Küche?«

»
O yes! Mally kocht in Küche viel großen fetten carps für Massa.«

»So wißt Ihr wohl auch, wer im Hause wohnt?«

»Massa Leflor wohnt in Haus.«

»Das versteht sich! Habt Ihr Gäste?«

»Gäste? Pluto nicht wissen, was sein Gäste.«

»Ich meine, ob Fremde da sind, für welche Ihr mit kochen müßt.«

»
O yes! Zwei Fremde.«

»Wer ist das?«

»Massa Nohary und Massa – Massa – – –«

»Nun, wie heißt der Andere?«

»O, Pluto hat vergessen.«

»Vielleicht Walker?«

»
Yes, yes! Massa Walker.«

»Was thut Master Walker?«

»Hat gessen. Wird fahren in Cap, o nein, sondern in groß schön Kutsche.«

»Wohin?«

»Pluto nicht wissen. Massa Walker fahren mit Massa Nohary.«

»Vielleicht nach Van Buren?«

»
Yes, yes! Van Buren.«

»Wann?«

»Jetzt bald anspannen.«

»Schön, sehr schön! Wünsche Euch viel Glück! Macht guten Fang!«

»Dank, Dank! Massa auch mach guten Fang, großen carp!«

Er sagte das so treuherzig, mit so aufrichtiger Miene. Aber als der Jäger fort war, lachte er vor sich hin und meinte:

»Der wird keinen Fang machen; er geht, um die beiden Andern zu holen, und dann werden sie sich in der Richtung nach Van Buren aufstellen. Jetzt sind wir sicher. Wir werden ein Floß bauen, und Ihr geht an das andere Ufer. Bis heut Abend seid Ihr in Sicherheit.«

Als am Abende der schwarze Kutscher Leflors, welcher den Notar nach Van Buren gefahren hatte, zurückkehrte, berichtete er auf die Frage seines Herrn, daß er unterwegs von drei bewaffneten Männern, zwei langen und einem sehr dicken, der ein Bärenfell getragen habe, angehalten worden sei. Sie hatten in das Innere des Wagens geblickt, ihn aber unbelästigt passiren lassen, als sie sich überzeugt hatten, daß nur der Notar vorhanden war.

Diese drei Männer wurden, allerdings einzeln und nicht beisammen, noch mehrere Male in der Gegend gesehen, bis nach mehreren Tagen der schwarze Pluto wieder fischend am Flusse saß und Tim sich abermals zu ihm gesellte. Der Jäger frug den Schwarzen nach verschiedenen Dingen, erhielt aber nur kurze und mürrische Antworten.

»Du hast heut schlechte Laune. Es fehlt Dir wohl Mally, Deine Braut?«

»Mally? O, Pluto mag nichts wissen von Mally.«

»Warum? Hat sie Dich betrogen?«

»Sehr groß Betrug. Massa Leflor auch sein großer Betrug.«

»Auch er hat Dich betrogen?«

»
Yes, sehr!«

»Wieso denn?«

»Massa mir geben Mally-Mally neu auf Plantage, Mally meine Braut. Ich mit Mally fischen – hier, da!«

»Wohl als ich mit Euch sprach?«

»
Yes, yes, Massa! Ich geben will Mally einen Kuß. Mally mir giebt Ohrfeige und springen hier ins Wasser.«

»Donnerwetter! Die war nicht allzusehr verliebt in Dich, wie es scheint. Was that sie dann?«

»Schwimmen hinüber über Fluß. Drüben ausziehen Weiberkleid. Darunter Männerkleid. Nachher sich waschen – sein gar nicht mehr Braut, nicht mehr Mally.«

Da machte der Jäger eine Bewegung des Schreckens. Das hatte er nicht erwartet. Er fragte:

»Es war also kein Mädchen mehr, als sie sich gewaschen hatte? Keine Mally?«

»Nicht Mädchen, nicht Mally und nicht Negerin.«

»Alle Teufel! Sie war weiß?«

»Ja. Schwarze Haut weggewaschen.«

»Kanntest Du das Gesicht?«

»Sehr viel! War Massa Walker.«

»Walker! Da sollen doch sofort alle neunundneunzigtausend Teufel dreinschlagen! Hast Du denn auch richtig gesehen?«

»
Yes! Blicke sehr viel gute Augen.«

»So ist er entkommen, geflohen bereits seit vier Tagen! Weißt Du nicht, wo er hin ist?«

»
Yes. Sehr!«

»Nun?«

»Er mir herüberrufen: Wenn Jemand fragen, ich soll sagen, er sein nach Trippsdrille. Drei Massa mögen nachkommen, zwei lang Massa und ein dick Massa.«

»Hole ihn der Henker! Auch noch spotten! Und ich habe hier bei ihm gestanden, habe ihn angesehen, konnte ihn mit allen beiden Händen und allen zehn Fingern ergreifen! Mensch, Schwarzer, Pluto, hast Du denn fast geglaubt, daß er ein Mädchen war?«

»Hab geglaubt.«

»Und daß er eine Schwarze war?«

»Eine Schwarze, yes!«

»Aber hast Du sie denn nicht angegriffen?«

»
Yes, sehr! Bei Hand und Wange.«

»Da mußt Du doch bemerkt haben, daß er sich nur angemalt hatte. Er muß ja abgefärbt haben, und Du mußt schwarz geworden sein!«

»Schwarz? Pluto schwarze Flecke bekommen?«

Er hielt ihm die nackten, pechdunklen Arme entgegen und lachte aus vollem Halse. Da sah Tim ein, welch eine Dummheit er begangen habe. Er versetzte dem Schwarzen einen Fußtritt und knurrte grimmig:

»Feixe nicht, Orang-Outang! Ich glaube gar, Du machst Dich über mich lustig!«

»Warum nicht lustig? Pluto genau wissen, daß Mally nicht Mädchen. Mally war Massa Walker. Pluto haben Massa Walker anmalen und über Fluß schaffen. Massa Tim Snaker kein Orang-Outang, aber ein gewaltig groß viel Esel und unendlich viel Dummkopf!«

Ehe der Jäger sich nur recht in den Inhalt dieser Worte hinein zu denken vermochte, war der verschlagene Schwarze von seinem Sitze aufgeschnellt, hatte Angelruthe und Topf ergriffen und jagte mit der Schnelligkeit eines trabenden Pferdes davon.

Tim stand noch lange Zeit mit offenem Munde da und starrte nach der Richtung, in welcher der Neger verschwunden war. Seit dieser Stunde aber ließen sich die drei Jäger in dieser Gegend nicht mehr sehen, bis einst nach ungefähr – – – doch das darf erst später berichtet werden. – – –

Kurz nachdem an jenem Nachmittage der Notar nach Van Buren gefahren war, hatte auch Leflor seine Pflanzung verlassen, nicht zu Wagen, sondern zu Fuße. Er ging langsam und nachdenklich in der Richtung nach Wilkinsfield, von wo er gestern zweimal in so verhängnißvoller Weise fortgewiesen worden war. Wollte er etwa wieder hin? Er machte einen Umweg, um nicht an dem noch belagerten Blockhäuschen vorüber zu müssen. Er war sehr sorgfältig gekleidet. Die Geschwulst seines seit gestern mit Arnica behandelten Gesichtes hatte nachgelassen. Auf seinen Zügen prägte sich Spannung, Schadenfreude, Haß und Triumph aus.

Er suchte seinen Weg unter den Bäumen, da wo es keine Bahn gab, bis er gerade gegenüber der oft genannten Veranda angekommen war. Als er hinüber zu derselben blickte, sah er Almy. Sie befand sich nicht, wie gestern früh, im leichten Morgengewande; sie war in vollständiger Toilette, deren Taille nach südlicher Pflanzerart ausgeschnitten war. Sie hatte auf einem leichten Rohrsessel Platz genommen und hielt ein Buch in der Hand. Aber sie las nicht in demselben. Zwar ruhte ihr Auge zuweilen für einige kurze Sekunden auf den Zeilen, es erhob sich dann aber wieder von denselben und schweifte ungeduldig nach der Richtung, in welcher die Blockhütte lag. Sie schien von dorther Jemand zu erwarten.

»Wie schön sie ist, wie wunderbar schön!« murmelte Leflor. »Ich habe noch niemals ein solches Mädchen gesehen. Sie hat nicht die dürre, langhalsige Gestalt und das hektische, gelangweilte und darum wieder langweilende Gesicht einer Yankeedame, aber auch nicht die übermäßigen Formen einer Millionärin aus niederländischem Blute, nicht das matte, charakterlose Blond einer Dame aus dem frommen Philadelphia und doch auch nicht den dunklen Teint einer übermüthigen und anspruchsvollen Bewohnerin von Baltimore. Sie ist eine Vermählung mit den Göttinnen von Juno, Venus und Flora. Man kann sie eigentlich nach gar keinem Typus classificiren, und – – ah!«

Von daher, wohin Almy so ungeduldig blickte, kam jetzt Adler, der Oberaufseher. Sie erhob sich schnell, trat an die Brüstung der Veranda und rief, noch ehe er nahe gekommen war:

»Monsieur Adler! Gut, daß Ihr kommt! Wie steht es draußen bei der Hütte?«

»Sehr gut, Mademoiselle,« antwortete er, schnell seine Schritte beschleunigend.

»Habt Ihr sie?«

»Nur eingeschlossen.«

»O wehe! Da giebt es Kampf!«

»Ich glaube nicht.«

»Wenn das doch zu vermeiden wäre. Ich habe gar so große Angst.«

»O, Ihr braucht Euch doch nicht zu sorgen!«

»Ich nicht? Ich glaube doch, ich am Allermeisten.«

»Darf ich fragen, weshalb?«

»Nun, Pa wird ganz sicher mitkämpfen.«

»Das wird er doch nicht thun!«

»Er wird es, Sir. Ich kenne ihn.«

»So werde ich ihm abrathen.«

»Ihr Rath wird keinen Erfolg haben.«

»So werde ich ihn zwingen, von einer Betheiligung am Kampfe abzusehen.«

»Glaubt Ihr, daß er sich zwingen läßt?«

»Ja Ich werde mich an den Offizier wenden, dessen Anordnung er sich zu fügen hat.«

»O, wenn Ihr das wirklich thun wolltet!«

»Ich thue es sicher.«

»Ich danke Euch, Sir! Aber – – werdet auch Ihr von der Betheiligung am Kampfe absehen?«

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»Das wird nicht möglich sein, Miß Almy.«

»O doch! Warum sollte es nicht möglich sein?«

»Weil ich der eigentliche Anführer bin. Nach meiner Anordnung ist bisher Alles geschehen. Was wir bisher gethan haben, war für uns nicht gefährlich. Darf ich da feig zurücktreten, wenn es beginnt, Gefahr zu geben.«

»Nein, nein! Feig soll man Euch nicht nennen, Euch gar nicht! Aber Ihr habt es doch nicht nöthig, Euch dorthin zu stellen, wo es am Gefährlichsten ist.«

»Diese Stelle kennt man leider vorher nicht.«

»Nun, Ihr werdet doch bald merken, wo die meisten Kugeln pfeifen?« Sie sprach in einem außerordentlich besorgten Tone.

»Ja,« antwortete er, »das werde ich freilich merken.«

»Schön! Und wenn Ihr es merkt, so geht Ihr schnell an eine andere Stelle.«

»O, das würde auffallen. Miß!«

»Dieses Auffallen ist lange nicht so schlimm, wie das Umfallen, Sir!«

»Umfallen? Wie?«

»Wenn Euch eine Kugel trifft, so fallt Ihr doch um.«

»Ach! Das hat nichts zu bedeuten!«

»Nichts? Mein Gott! Dann seid Ihr ja todt!«

Sie war bleich geworden, während er in einem leichten, unbesorgten Tone gesprochen hatte. Jetzt aber wurde sein Gesicht auch ernst. Er antwortete, auf jedes Wort einen besonderen Nachdruck legend:

»Der Todte ist glücklich!«

»Wie! Habt Ihr Euer Leben so wenig lieb?«

»Für wen hätte es denn einen Werth?«

»Für Euch doch!«

»Pshaw!«

Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und fügte dann hinzu:

»Das Leben ist für den Menschen nur dann von Werth, wenn es auch für Andere werthvoll ist.«

»Ich kann Euch gar nicht Recht geben, Sir!«

»Nun, es ist mit dem Leben genau so wie mit dem Reichthume. Bin ich etwa reich, wenn ich eine Million oder einige Millionen besitze?«

»Ganz gewiß.«

»Ich setze aber nun den Fall, diese Millionen hätten für Andere keinen Werth? Ich will annehmen, ich besäße drei Millionen in Papieren einer Actiengesellschaft, welche vollständig Bankerott gemacht hat, so daß kein Gläubiger einen Penny bekommt. Wäre ich in diesem Fall reich?«

»Ganz und gar nicht, sondern im Gegentheile sehr arm und bedauernswerth.«

»Nun seht, so ist es auch mit dem Leben. Mein Leben hat für mich ganz genau denselben Werth, den es für Andere hat. Ist es Andern sehr gleichgiltig, ob ich lebe oder sterbe, nun, so kann ich eben ruhig sterben, da mir das Leben doch keine Genugthuung bringt.«

»Ich vermag nicht, Euch in Euren Anschauungen und Erklärungen zu folgen. Ich kann aber nicht glauben, daß Ihr denkt, Euer Leben habe für Andere keinen Werth.«

»Für wen sollte es Werth besitzen!«

»Nun, für Pa zum Beispiel.«

»Weil ich sein Beamter bin? O, wenn mich die Buschheaders niederschießen sollten, so bekommt er ja recht bald einen anderen Aufseher. Das weiß er genau.«

»Aber keinen solchen! Er schätzt und achtet Euch nicht wie einen Angestellten, sondern wie einen Freund!«

»Vielleicht!«

Er zuckte die Achsel. Es legte sich ein Zug tiefer Wehmuth über sein schönes Gesicht.

»Vielleicht? Nein, ganz gewiß!« beeilte sich Almy zu sagen. »Und außer ihm giebt es auch noch Leute, welche gar nicht wünschen, daß Euch eine Kugel treffen möge.«

»Wer mag das sein? Etwa die gute My?«

»Sir!«

»Oder gar Ty?« lächelte er.

»Wollt Ihr in dieser ernsten Angelegenheit Scherz treiben oder gar trivial werden, Sir? Dann würde ich Euch sehr zürnen!«

»Um Gottes willen, das nicht!« sagte er rasch. »Aber ich weiß doch keine Person, der es ganz besonders unlieb wäre, wenn ich auf irgend eine Weise von hier fortginge.«

»Nicht? Nun, Pa habe ich Euch genannt; da will ich wenigstens auch von mir noch sprechen.«

»Von Euch?«

Sein Blick senkte sich fragend in ihr Auge.

»Ja,« antwortete sie. »Ich würde sehr traurig sein, wenn Euch ein Leid geschähe.«

»Wirklich, Miß?«

»Ja, gewiß.«

»Mit dieser Versicherung macht Ihr mir eine Freude, wie ich sie mir gar nicht größer denken kann. Habt Dank, tausend Dank!«

Er streckte seine Hand aus, und sie reichte ihm von der Veranda aus die ihrige entgegen. Er drückte seine Lippen auf dieselbe, hielt sie fest und sagte:

»Denkt einmal an diesen Augenblick, Miß, wenn ich nicht mehr bei Euch sein werde – – –«

Sie fiel sichtlich erschrocken ein:

»Ihr wollt doch nicht etwa fort?«

»Nein; aber die Zukunft steht ja doch nur in Gottes Hand. Niemand weiß, was der nächste Augenblick zu bringen vermag. Wenn ich einmal nicht mehr in Eurer Nähe bin und Eure Gedanken weilen für einen Augenblick bei mir, so seid dann überzeugt, daß mein Leben nur Euch gehört, und daß es nicht mehr vorhanden ist, weil es mir nicht vergönnt war, für Euch zu leben. – Jetzt aber muß ich zu Monsieur Wilkins. Er wartet auf mich.«

Er gab ihr Händchen frei und entfernte sich rasch. Als er um die Ecke verschwunden war, legte sie beide Hände auf das Herz und hob wie betend die Augen empor. Der Lauscher hörte deutlich den lauten, tiefen und schweren Seufzer, welcher ihren Lippen entfloh, und die darauf folgenden Worte:

»Mein Gott! Sein Leben ist nicht mehr vorhanden, weil er nicht für mich leben durfte! So soll ich dann denken! Das heißt doch, er ist todt! O Gott, das wäre schrecklich, sehr, sehr schrecklich!«

Sie drehte sich um und trat langsam in ihr Zimmer zurück, die Thür hinter sich schließend.

»Verdammt!« flüsterte Leflor. »Dieser Bommy ist ein sehr guter Beobachter. Er hat Recht: Almy liebt diesen deutschen Schurken, und er weiß das und speculirt auf sie. Warum auch nicht? Sie ist schön und reich. Wie schlau er es anfängt, sie zu fangen! Er seufzt und stöhnt! Wenn er direct von seinen Absichten spräche, so würde er sie scheu machen. Das weiß er. So schmachtet er um sie herum, verdreht die Augen, spricht vom Sterben. Das erregt ihr Mitleid, und man weiß ja, daß das Mitleid die Mutter oder doch wenigstens die Tante der Liebe ist. Also deshalb hat sie mich abgewiesen! Sie will Madame Adler sein! O, so weit sind wir noch lange nicht! Hier steht Einer, der da einige Worte mitzusprechen hat. Zunächst wollen wir damit beginnen, zu beweisen, daß dieser Master Wilkins nicht nur nicht reich ist, sondern sogar eine Menge Passiva hat. Master Adler soll Zeuge sein. Dann wollen wir sehen, ob er die Tochter des Bettlers noch zum Weibe begehrt!«

Er verließ sein Versteck. Damit man ihn nicht kommen sehe und da bemerke, daß er Zeuge des Zwiegespräches gewesen sei, machte einen Umweg nach den anderen, um in die vordere Seite des Gebäudes zu gelangen.

Die Diener pflegen, selbst wenn ihnen nicht direct Etwas mitgetheilt wird, doch immer genau zu wissen, woran sie sind. Sie besitzen einen eigenthümlichen Instinct, eine außerordentliche Gabe, Alles zu errathen.

Der Schwarze, welcher unter dein Thore stand, wußte sehr genau, daß der Besuch Leflors nicht mehr gewünscht werde. Kein Mensch hatte es ihm gesagt, aber er wußte es. Darum wunderte er sich jetzt, als er ihn kommen sah, und stellte sich so in die Mitte des Eingangs, daß der Pflanzer ohne Zusammenstoß nicht an ihm vorüber konnte.

»Ist Monsieur zu Hause?« fragte Leflor, vor ihm stehen bleibend.

»Weiß nicht!« lautete die Antwort.

Der Mann blieb stehen, ohne einen Zoll breit zur Seite zu weichen.

»Aber ich weiß es!«

»Ist möglich.«

»Also packe Dich! Was stehest Du da?«

»Ich stehe da, weil ich Diener von Master bin.«

»Und ich will mit Master sprechen. Mach also Platz! Warum grüßest Du überhaupt nicht, Hallunke?«

Er war als Weißer gewöhnt, mit größter Unterthänigkeit behandelt zu werden. Der Schwarze antwortete, lachend die Zähne zeigend:

»Warum ich nicht grüße? Weil Massa Leflor erst auch nicht gegrüßt hat.«

»Hund! Meinst Du, daß ich Dich zu grüßen habe?«

»
Yes, Massa. Ich stehe hier und Massa kommt. Wer kommt, hat zuerst zu grüßen. Massa aber hat nicht einmal an Hut gegriffen.«

»Bist Du toll, Schafskopf! Die Zeit ist nicht fern, in der ich Dir den Kopf zurechtsetzen lassen werde.«

Er gab ihm mit dem Ellbogen einen Stoß und schritt zum Thore hinein. Der Neger rieb sich die Seite, blickte ihm nach und brummte dabei drohend:

»O, Massa stößt mich! Komm nur wieder! Er denkt, weil er ein Weißer, so darf er stoßen; aber ein Schwarzer hat auch Ellbogen, viel stärkere Ellbogen als ein Weißer. Komm nur wieder! Ich bleibe hier; ich gehe nicht fort, bis Du gesehen und gefühlt, daß auch ich Ellbogen habe!«

Leflor stieg die Treppe hinauf, ging durch das Vorzimmer und trat, ohne anzuklopfen, in das ihm bekannte Zimmer des Hausherrn ein.

Dieser Letztere saß mit dem Oberaufseher am Tisch, in ein sehr angelegentliches Gespräch vertieft. Beide zeigten sehr erstaunte Gesichter, als sie den Eintretenden erkannten. Adler blieb sitzen; Wilkins aber stand auf und sagte:

»Monsieur Leflor! Ist es möglich.«

»Daß es möglich ist, beweise ich ja.«

»Ihr bei mir!«

»Ihr seht es ja!«

»Wie kommt Ihr herein? Niemand meldete Euch!«

»Ich fand einfach keinen Menschen, welcher mich hätte melden können.«

»Ohne anzuklopfen!«

»Habe ich das vergessen? Nun, so ist das wohl keine Sache, von welcher man großen Lärm macht.«

»Wollt Ihr nicht wenigstens ablegen!«

Er deutete auf den Hut, welchen Leflor auf dem Kopfe behalten hatte…

»Danke! Ich habe nicht geschwitzt und werde wohl auch hier nicht dazukommen. Warum also den Hut abnehmen.«

Das klang so höhnisch, und Leflor blickte sich dabei mit einer Unverschämtheit im Zimmer um, daß Wilkins vor Erstaunen gar nicht wußte, was er sagen sollte.

»Monsieur,« stotterte er, »ich begreife nicht – – –«

»O, ich begreife es auch nicht,« unterbrach ihn der Andere rasch.

»Was?«

»Daß Ihr mir keinen Stuhl anbietet. Ich werde mir also aus eigener Machtvollkommenheit einen nehmen. So!«

Er setzte sich nieder und legte die Füße behaglich auf den Tisch, an welchem Wilkins gesessen hatte. Das war nicht nur ein rüdes, gemeines Benehmen, sondern geradezu eine Beschimpfung der beiden anwesenden Herren. Wilkins, welcher den Ausbruch einer offenen Feindseligkeit zwischen sich und Leflor nicht wünschte, wußte nicht, wie er sich benehmen solle. Adler aber stand jetzt langsam von seinem Stuhle auf, trat näher und fragte:

»Monsieur Wilkins, wünscht Ihr, daß ich einige Diener rufe?«

»Nein, nein, Sir!«

»Oder ist es Euch recht, wenn ich diesen gemeinen Flegel selbst hinauswerfe?«

Ehe der Gefragte antworten konnte, antwortete Leflor rasch:

»Das werdet Ihr bleiben lassen. Mann! Ehe Ihr die Hand ausstrecktet, hättet Ihr eine Kugel im Kopfe. Dasselbe wird auch geschehen, wenn Ihr noch ein einziges Wort hören laßt, welches mich beleidigen könnte. Seht her! Ich habe mich vorbereitet.«

Er zog einen Revolver aus der Tasche.

»Pshaw!« lachte Adler auf. »Ein Feigling wie Ihr darf nicht mit solchen Instrumenten spielen. Er macht sich damit nur lächerlich und kann, da er mit Waffen nicht umzugehen versteht, nur sehr leicht sich selbst verletzen. Das wollen wir verhüten.«

Ein rascher Schritt, ein ebenso schneller Griff, und er hatte Leflor den Revolver entrissen. Er steckte denselben ein und trat wieder zurück. Leflor aber sprang auf, drang auf ihn ein und rief:

»Dieb! Her mit meinem Eigenthum!«

Er faßte den Deutschen beim Arme, erhielt aber einen so kräftigen Faustschlag an die Stirn, daß er zurückfuhr und niederstürzte.

»Da! Das ist für den Dieb!« sagte Adler. »Ich mache es nicht wie Andere, welche drohen, aber zu dumm und ungeschickt zum Handeln sind. Ich drohe nicht, sondern ich schlage gleich zu. Ach, etwa noch einmal, Monsieur?«

Leflor hatte sich nämlich schnell aufgerafft und drang mit beiden geballten Fäusten, vor Wuth laut aufbrüllend, auf ihn ein. Für einen Gegner wie Adler war er wirklich zu ungeschickt. Er erhielt einen zweiten, so kräftigen Faustschlag, daß er an die Wand taumelte.

Diese beiden Angriffe und Abwehrungen waren so rasch geschehen und so schnell auf einander erfolgt, daß Wilkins weder Zeit gefunden hatte, ein Wort zu sagen oder durch eine Bewegung diese Carambolage der zwei Männer zu verhüten. Jetzt aber trat er zwischen sie und gebot:

»Halt! Keinen Streit oder gar Kampf, Monsieur Leflor, ich ersuche Euch, mein Haus zu verlassen!«

»Ich! Euer Haus verlassen, ohne diesem Kerl gezeigt zu haben, was es heißt, sich an mir zu vergreifen? Das fällt mir gar nicht ein. Hier!«

Er ergriff einen Stuhl und wollte damit, den Pflanzer bei Seite schiebend, Adler schlagen. Dieser aber versetzte ihm einen dritten Fausthieb, jetzt nicht an die Stirn, wie die beiden ersten Male, sondern in das Gesicht, sodaß dem Angreifer der Stuhl entfiel und er, mit beiden Händen nach seinem Gesichte greifend, wieder zurück gegen die Wand taumelte.

Man hatte gar nicht sehen können, wie Adler seine gedankenschnellen Hiebe ausgeführt hatte; man konnte nur den Erfolg sehen. Und jetzt stand er ruhig lachend da und sagte, sich in höflichem Tone an Wilkins wendend:

»Ihr seht, Master, daß ich nicht der Angreifer bin; ich habe nur die Gewohnheit, mich zu wehren, wenn ich mit Worten oder in der That angegriffen werde. Wenn es Euer Wunsch ist, werde ich freilich so thun, als ob nur wir Beiden hier vorhanden seien. Handelt also ganz nach Eurem Belieben!«

»Ich wünsche weiter nichts, als daß Monsieur Leflor mein Haus verläßt!«

Der Genannte hatte keine Zeit zu einer Bemerkung. Er hatte das Taschentuch gezogen, um seine bereits gestern verletzte und jetzt wieder blutende Nase abzutrocknen. Adler zuckte die Achsel und meinte:

»Ich kann freilich auch nicht begreifen, wie er es zu unternehmen vermag, hier ohne Gruß und Anmeldung einzudringen. Er hat bereits gestern eine vollgiltige Lehre von mir erhalten. Nachher hat er vor dem dicken Sam gestanden, in einer Weise blamirt, daß ich an seiner Stelle mir vor Scham eine Kugel in den Kopf gejagt hätte. Er ist als der Mitschuldige eines armseligen Niggers und eines noch armseligeren Verbrechers entlarvt worden. Daß er es trotzdem wagt, sich hier wieder zu zeigen, das ist ein Beweis von dem gänzlichen Mangel allen Ehrgefühles.«

Leflor bückte sich, um den Hut aufzuheben, welcher ihm entfallen war, setzte ihn wieder auf und antwortete in stolzem Tone:

»Es wird sich sogleich zeigen, wer hier von Ehre sprechen kann!«

»Ihr sprecht sehr stolz trotz der jammervollen Gestalt, welche Ihr jetzt bietet. Nehmt Euern Hut ab, sonst mache ich den Lehrer, welcher seinen Buben zeigt, wie man es anzufangen hat, um höflich zu sein!«

Er trat einen Schritt auf Leflor zu. Dieser hatte nun doch erkannt, daß er, da Adler ihm überlegen war, mit physischem Widerstand nicht weit kommen werde. Er nahm den Hut ab und sagte:

»Wenn es Euch augenblicklichen Spaß macht, meinetwegen! Jedenfalls ist es das letzte Mal, daß ich mich vor Euch Beiden entblöße. Später werdet Ihr desto höflicher gegen mich sein. Diesen Herrn Aufseher aber werde ich hinauswerfen lassen, nachdem ich ihn vorher für sein jetziges Verhalten gehörig abgestraft habe.«

Adler zuckte verächtlich die Achseln. Wilkins, welcher einen abermaligen Ausbruch der Thätlichkeiten befürchtete, winkte ihm beruhigend zu und wendete sich an Leflor:

»Mir geht es genau so wie Monsieur Adler. Ich kann nicht begreifen, daß Ihr Euch nach Dem, was gestern geschehen ist, so rasch entschließen konntet, mir eine Visite zu machen.«

»Ich habe alle Veranlassung dazu.«

»So hättet Ihr Eure Absicht in höflicher Weise ausführen sollen.«

»Seid Ihr etwa gestern höflich gegen mich gewesen?«

»So weit es mir möglich war, bin ich es gewesen. Monsieur Adler, gebt ihm seinen Revolver wieder! Ich werde hören, was er zu sagen hat, und dann habt Ihr wohl die Güte, Euch wieder hier bei mir sehen zu lassen.«

»O,« warf Leflor schnell ein, »er braucht sich gar nicht zu entfernen. Was ich zu sagen habe, ist auch mit für ihn bestimmt. Ich bin überzeugt, daß es ihn im höchsten Grade interessiren wird.«

»So bleibt!« sagte Wilkins zu dem Aufseher.

Dieser nickte leichthin und antwortete in Beziehung auf die an ihn ergangene Aufforderung:

»Wenn Ihr gestattet, bleibe ich. Die Waffe wird er erhalten, wenn er geht. Ich habe nicht die Absicht, es ihm so leicht zu machen, aus irgend einer Absicht hier sein Pulver zu verpuffen.«

»Auch wünsche ich, daß Mademoiselle geholt werde,« fügte Leflor bei, indem er that, als ob er die Worte des Deutschen gar nicht verstanden habe.

»Meint Ihr etwa meine Tochter?« fragte Wilkins.

»Ja.«

»Ich kann mir keinen Grund denken, der ihre Anwesenheit nothwendig macht.«

»Der Grund ist sogar sehr triftig.«

»So ersuche ich Euch, ihn zu sagen!«

»Das habe ich wohl nicht nöthig.«

»So wird meine Tochter unserer Unterhaltung fern bleiben, Monsieur.«

»Meint Ihr etwa, daß ich den Gegenstand unseres gestrigen Gespräches heut wieder aufwärme?«

»O, es ist Euch zuzutrauen!«

»Da irrt Ihr Euch gewaltig. Hätte ich gestern gewußt, was ich heut weiß, so wäre es mir wohl nicht eingefallen, Euer Schwiegersohn werden zu wollen. Ihr könnt also überzeugt sein, daß ich nicht im Geringsten die Absicht habe, zudringlich gegen Mademoiselle Almy zu werden.«

Er hatte das in stolzem, wegwerfendem Tone gesagt, und nahm auf seinem Stuhle, auf welchen er sich niedergesetzt hatte, eine Haltung ein, als ob er jetzt ein Richter sei, welcher einige Angeklagten in aller Eile abzuurtheilen habe.

Adler zog die Brauen zusammen. Was er gehört hatte, war eine Beleidigung der heimlich Geliebten gewesen, und es zuckte in ihm, dem frechen Menschen dafür einen Faustschlag zu versetzen; aber Wilkins legte ihm die Hand auf den Arm und sagte:

»Still! Wir wollen uns nicht aufregen. Monsieur Leflor will mit mir sprechen, und ich habe die Absicht, ihn anzuhören. Er wünscht, daß meine Tochter gegenwärtig sein möge; ich werde ihm auch diesen Wunsch erfüllen, wenn er mir ihn zu begründen vermag. Unterläßt er das, so gebe ich ihm den Rath, sich lieber zu entfernen. Almy wird nur dann kommen, wenn ich ihr sagen kann, daß ihre Gegenwart nothwendig sei.«

»Sie ist es,« sagte Leflor. »Ich würde sie sonst gar nicht verlangen.«

»So sagt den Grund!«

»Eigentlich habe ich es gar nicht nothwendig. Ich brauchte nur zu sprechen, so würdet Ihr sofort nach Eurer Tochter schicken. Aber ich will mich dennoch herbeilassen, ihn Euch zu sagen. Ich bringe nämlich Grüße von einer Person, welche Miß Almy sehr nahe steht.«

»Von einer ihr nahe stehenden Person? Ich wüßte nicht, wen Ihr da meinen könntet.«

»Denkt einmal nach!«

»Es giebt nur eine einzige Person, von welcher man dies sagen könnte, und diese Person bin ich.«

»Sollte es wirklich sonst Niemand geben?«

Sein Blick war mit schadenfroher Spannung auf den Pflanzer gerichtet.

»Nein,« antwortete dieser.

»Sonderbar! Ich denke doch, ein Verlobter müsse der Dame nahe stehen, welche bestimmt ist, seine Frau zu werden. Oder sollte ich mich da vielleicht irren?«

Wilkins horchte auf.

»Ihr sprecht von einem Verlobten Almys? Da giebt es keinen, Sir.«

»O doch! Ich bin überzeugt davon.«

»Wer wäre das?«

»Ein gewisser Arthur.«

Als Wilkins diesen Namen hörte, machte er eine Bewegung des Erstaunens.

»Arthur! Herrgott! Wen meint Ihr?«

»Ihr habt doch wohl einen Neffen, welcher diesen schönen, poetischen Namen trägt?«

»Freilich. Ich habe ihn aber nicht, sondern ich hatte ihn. Er ist verschollen.«

»Das hat Euch jedenfalls Freude gemacht!«

»Wie kommt Ihr zu dieser Frage?«

»Nun, es giebt Umstände, unter welchen es einem Oheim sehr lieb ist, wenn sein Neffe verschwindet.«

»Das kann ich mir nicht denken. Wie kommt Ihr übrigens dazu, meinen Neffen Arthur den Verlobten meiner Tochter zu nennen?«

»Hm! Ist er es etwa nicht?«

»Er war es; aber Niemand wußte davon. Selbst Almy hat bis heut keine Ahnung davon gehabt. Ich bin nicht im Stande, mir zu denken, auf welche Weise Ihr zu diesem Geheimnisse gekommen seid.«

»Und doch ist das sehr leicht zu denken. Ich habe Euch ja gesagt, daß ich Grüße bringe.«

»Doch nicht etwa von Arthur selbst!«

»Von ihm selbst.«

»Unmöglich!«

»Wirklich! Und zwar bringe ich von ihm nicht nur Grüße, sondern sogar Briefe oder doch wenigstens Schriftstücke, für welche Ihr Euch im höchsten Grade interessiren werdet, Ihr, Eure Tochter und wohl auch dieser Master Adler, welcher Euch so außerordentlich in Schutz genommen hat, und welcher die Absicht besitzt, Eurer Tochter sein Leben zu widmen.«

»Sein Leben? Wieso?«

»Hm! Ich hörte, daß er ihr sagte, sie solle später denken, er lebe gar nicht mehr.«

»Lauscher!« rief Adler. »Wer giebt Euch das Recht, hier umherzuschleichen und – – –«

»Halt! Still!« unterbrach ihn Wilkins bittend. »Keinen Streit wieder! Was ich da von Arthur höre, das ist mir freilich in solchem Grade interessant, daß ich jetzt nichts Anderes zu hören vermag. Also Ihr bringt Grüße und Schriften von ihm, Monsieur? Ist dies Wahrheit?«

»Natürlich!«

»Herrgott! So lebt er?«

»Ich weiß das nicht genau. Ich weiß nur, daß er der Verfasser der betreffenden Scripturen ist. Sie sind in meine Hände gekommen, und ich halte es für meine Pflicht, Euch davon zu benachrichtigen.«

»Das ist recht, sehr recht von Euch, Monsieur. Das söhnt mich vollständig mit Euch aus. Hier ist meine Hand. Lassen wir das Vergangene vergessen sein!«

Er streckte Leflor die Hand entgegen. Dieser ergriff sie und antwortete:

»Jawohl! Lassen wir das Vergangene vergessen sein, und nehmen wir die neuen Verhältnisse sowie sie uns geboten werden!«

»Die neuen Verhältnisse? Ich meine doch, daß Alles beim Alten bleiben möge!«

»O, es wird sich doch vielleicht Einiges ändern, und ich bin ganz gern bereit, mich darein zu fügen.«

»Ich begreife nicht, was Ihr meint. Hoffentlich darf ich bitten, mich die Grüße hören und die Schriftstücke, von welchen Ihr sprecht, lesen zu lassen!«

»Natürlich. Aber ich habe gewünscht, daß dies nur in Gegenwart Eurer Tochter geschehen möge.«

»Gut, gut! Ich gehe, sie zu holen.«

Er ging eiligen Schrittes nach der Thür. Als er sie geöffnet hatte, um das Zimmer zu verlassen, wendete er sich noch einmal um und sagte besorgten Tones:

»Aber bitte, keine Feindseligkeiten während meiner Abwesenheit!«

»O nein, gewiß nicht!« antwortete Leflor.

Aber als der Pflanzer fort war, trat der Erstere an das Fenster, blickte hinaus, Adler den Rücken zukehrend, und sagte, wie zu sich selbst:

»Wenn ich nicht mehr in Eurer Nähe bin, und Eure Gedanken weilen für einen Augenblick bei mir, so seid dann überzeugt, daß mein Leben nur Euch gehört und daß es nicht mehr vorhanden ist, weil es mir nicht vergönnt war, für Euch zu leben!«

»Schuft!« murmelte Adler.

Das war nur halblaut gewesen, Leflor hatte es aber doch gehört. Er drehte sich um und fragte:

»Galt dieses schöne Wort mir?«

»Natürlich!«

»Hm! Ich nehme das ruhig hin, weil ich Euch im höchsten Grade überlegen bin.«

»Wundersam!«

»O doch! Ich gefalle mir einmal heut in der Rolle des Löwen, welcher sich von dem kleinen Hündchen ankläffen läßt, weil er im Vollgefühle seiner Stärke sehr wohl weiß, daß es nur eines Druckes bedarf, den Kläffer zu zermalmen und zu verschlingen.«

»Der Vergleich ist sehr alt und sehr unzutreffend. Ich denke, daß das kleine Hündchen den mächtigen Löwen nicht nur angekläfft hat.«

»Nur angekläfft! Was Ihr gethan habt, das war nur ein Gekläff gegen Das, was ich zu thun vermag. Ich werde es beweisen.«

»So führt diesen Beweis so rasch wie möglich, sonst wird das Hündchen den Löwen verschlingen, ehe es Euch gelungen ist, nur zu Worte zu kommen!«

Jetzt kam Wilkins zurück. Er brachte Almy mit, welcher es anzusehen, war, wie ungern sie seiner Aufforderung gefolgt war.

»Hier ist meine Tochter,« sagte er. »Jetzt redet!«

Almy war zu Adler getreten.

»Bitte,« flüsterte sie, »keinen Streit mit ihm! Er ist es ja doch nicht werth, daß Ihr nur mit ihm redet!«

Ihr Vater hatte ihr also wohl einige Andeutungen über das Geschehene gemacht. Adler antwortete mit einer zustimmenden Verneigung.

Leflor war nicht einmal aufgestanden, um Almy zu begrüßen. Er blieb, sitzen und antwortete auf Wilkins' Aufforderung:

»So schnell und so kurz, wie Ihr gebietet, kann ich mich leider nicht fassen. Habt Ihr der Miß gesagt, um was es sich handelt?«

»Sie weiß, daß Ihr Grüße von Arthur bringt.«

»Weiß sie auch, daß er ihr Verlobter ist?«

»Noch nicht. Ich will ihr aber – – –«

»Arthur mein Verlobter?« fiel Almy ihrem Vater in die Rede. »Aber Pa, das kann doch nichts als ein Irrthum sein! Ich müßte davon wissen!«'

»Eigentlich müßtest Du davon wissen; das ist wahr; aber wir hatten unsere guten Gründe, es Dir gegenüber noch zu verschweigen.«

»Ja, die hattet Ihr,« lachte Leflor höhnisch.

»Wie meint Ihr das, Sir?« fragte Wilkins.

»Ganz so, wie ich es Euch sagte: Ihr hattet Eure sehr guten Gründe.«

»Natürlich. Aber ich sehe nicht ein, was Ihr dabei in dieser Weise zu lachen habt.«

»O, Eure Gründe geben mir solchen Spaß.«

»Das verstehe ich nicht. Ihr könnt meine Gründe ja gar nicht wissen.«

»Wenn ich sie nicht weiß, so kann ich sie mir doch wenigstens denken.«

»Vielleicht, ja. Als Almy mit Arthur versprochen wurde, war sie noch zu klein, um zu begreifen, um was es sich handelte. Darum wurde ihr nichts gesagt. Außerdem wollte ich ihre Regungen nicht beeinflussen. Ich war überzeugt, daß sie ihren Cousin ganz von selbst lieben werde.«

»Das hätte Euch den Kram erleichtert!«

»Ja, obgleich ich nicht einsehen kann, wie Ihr dazu kommt, das so ungewöhnliche, aber ebenso ordinäre Wort Kram zu gebrauchen.«

»Nun, dann will ich mich anders ausdrücken, Master Wilkins. Ich will Euch also nicht sagen, daß es Euch den Kram erleichtert hätte, sondern daß es Euch eine sehr große Sorge vom Halse genommen hätte.«

»Sorge? Welche etwa?«

»Wie nun, wenn Eure Tochter ihren Cousin nicht geliebt hätte?«

»Das war unmöglich. Leider trat er dann eine so weite Reise an und ist nicht zurückgekehrt.«

»Setzen wir aber doch den Fall, sie hätte ihn nicht so geliebt, wie man den Mann liebt, welchem man für das ganze Leben angehört?«

»Welchen Zweck hat Eure Frage?«

»Und setzen wir noch den anderen Fall, daß er hiergeblieben wäre, anstatt seine weite und gefährliche Reise anzutreten. Was dann?«

»Nun, so hätte er wohl eine Andere geheirathet.«

»Und sein Vermögen – –?«

Der Blick des Sprechers war jetzt mit durchdringender Schärfe auf Wilkins gerichtet! Dieser Letztere wurde um einen Schatten bleicher und antwortete:

»Sein Vermögen hätte ich ihm herauszahlen müssen.«

»Während es jetzt Euch gehört?«

»Ja.«

»Mit welchem Rechte?«

»Er ist spurlos verschwunden, und ich bin sein einziger Erbe.«

»Ach so! Hm, hm! Hättet Ihr ihm denn auch wirklich sein Vermögen herauszahlen können?«

»Warum nicht?«

»Vielleicht wäre es zu bedeutend gewesen und hätte Eure Kräfte überstiegen.«

»Ganz gewiß nicht. Jedermann weiß, daß ich mit meinem Bruder diese Pflanzung in Compagnie besaß. Sie gehörte ihm zur Hälfte. Nach seinem Tode ging diese Hälfte natürlich auf Arthur, seinem einzigen Sohn, über.«

»Ja, ja, wie einfach diese Angelegenheit steht oder vielmehr zu stehen scheint!«

»Wie soll sie anders stehen?«

Adler hatte sich, seit Almy eingetreten war, nicht wieder gesetzt. Er hatte sich an die Wand gelegt. Die Arme über der Brust verschlungen, beobachtete er Leflor. Jetzt trat er einen Schritt vor und sagte:

»Bitte, Monsieur Wilkins, laßt Euch doch von diesem Manne nicht an der Nase herumziehen. Er hat Etwas gegen Euch vor. Seine Absicht ist keine gute. Er will Euch irgend einen Streich spielen, irgend einen Hieb versetzen. Er weiß irgend Etwas von Euch und giebt Euch jetzt das Gift tropfenweise ein. Seht sein hämisches Lächeln! Er mag reden. Er mag sagen, was er will. Dann wissen wir es und werden ihm eine ebenso kurze und bestimmte Antwort geben.«

Leflor lachte höhnisch auf.

»Welch ein scharfsinniger Mensch dieser Deutsche ist!« sagte er. »Er hat es ganz richtig errathen. Ich habe einen Streich in petto. Ich werde es kurz machen. Ich will Euch eine Geschichte erzählen.«

»Macht keine Faxen!« sagte Wilkins. »Ich habe keine Zeit, Geschichten zu hören.«

»Die meinige könnt und müßt Ihr hören, Sir. Ich werde mich Euch zu Liebe sehr kurz fassen. Ihr werdet bereits bei den ersten Worten bemerken, daß die Erzählung höchst interessant ist. Also: Es waren einmal zwei Brüder welche ganz gleiche Mittel besaßen. Sie kauften eine Pflanzung in Compagnie und zahlten Jeder die Hälfte des Preises. Beide waren sehr brave Männer, aber von politisch verschiedenen Ansichten. Als der Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten ausbrach, hielt es der Eine mit dem Norden und der Andere mit dem Süden.«

Der Erzähler machte eine Pause und fixirte Wilkins mit scharfem Blicke. Dieser rückte sehr verlegen auf seinem Stuhle.

»Die Brüder zankten sich freilich nicht über ihre politischen Gesinnungen, denn sie hatten sich herzlich lieb. Der Eine, welcher es mit dem Norden hielt, machte seine Hälfte flüssig und unterstützte damit die Regierung des Nordens. Sein Geld wurde alle. Als der Krieg zu Ende war und der Norden gewonnen hatte, dachte man an die Opfer gar nicht, welche der brave Mann gebracht hatte. Er war zu stolz dazu, Ansprüche zu erheben. Eigentlich war er nun ein armer Mann. Er hatte es dem Bruder schwarz auf weiß geben müssen, daß er sein Vermögen herausgezahlt erhalten hatte. Dieser Letztere hatte Mitleid und sagte: »Laß das Verlorene fahren. Wir haben noch Geld genug. Ich habe einen Sohn, Du hast eine Tochter. Beide mögen sich heirathen, so kommt meine Hälfte, welche uns ja übrig geblieben ist, auch Dir zu Gute.« So sagte der brave Mann; dann – starb er.«

Der Erzähler hielt abermals inne. Wilkins hatte den Kopf in die Lehne des Stuhles gelegt. Er sah leichenblaß aus. Jetzt stand er langsam auf, starrte Leflor an und fragte mit zitternder Stimme:

»Monsieur, woher wißt Ihr das?«

»Dachtet Ihr vielleicht, es sei Geheimniß?«

»Niemand wußte es als ich, mein Bruder und sein Sohn. Keiner von uns Dreien hat es verrathen.«

»Hm! Davon nachher! Gefällt Euch die Geschichte?«

»Peinigt mich nicht! Wer hat es Euch erzählt?«

»Sagt mir erst, warum Ihr so erregt seid! Gesteht Ihr es vielleicht, daß Ihr selbst jener Bruder seid, welcher sein Vermögen vergeudete?«

»Vergeudete? Nein! Ich habe es auf dem Altare des Vaterlandes geopfert.«

»Nennt es, wie Ihr wollt. Aber es war nicht nur Euer Antheil, welches Ihr Euch auszahlen ließet. Ihr stelltet auch noch Papiere auf Euern Bruder aus, im Werthe von dreißigtausend Dollars, und er löste sie ein. Ist das wahr oder nicht?«

»Es ist wahr. Aber meint Ihr etwa, daß diese Papiere gefälscht gewesen seien?«

»O nein. Es ist Alles höchst ehrlich zugegangen!« Und in höhnischer Aufrichtigkeit fügte er hinzu: »Ehrlicher als mir jetzt lieb ist!«

»Dann begreife ich aber gar nicht, wie Ihr dazu gekommen seid, dies Alles zu erfahren.«

»Sehr einfach: Euer Neffe hat es ausgeplaudert.«

»Das ist nicht wahr!«

»Oho! Wer soll es denn sonst gesagt haben! Es war Geheimniß; das ist sehr richtig. Euer Bruder starb, hat das Geheimniß mit in das Jenseits hinüber genommen, und Todte plaudern bekanntlich nicht. Ihr selbst habt Euch natürlich gehütet. Etwas zu sagen. Wer bleibt da noch übrig als Euer Neffe?«

»Ich kann es nicht glauben.«

»War er denn einverstanden, Almy auch wirklich zu heirathen, wie es der Wille der Väter war?«

»Er hat sich niemals geweigert.«

»Aber wirklich lieb gehabt, nämlich wie man eine Braut liebt, hat er sie auch nicht, sonst hätte er es wohl unterlassen, Euch diesen Streich zu spielen.«

»Welchen Streich?«

»Ahnt Ihr es nicht?«

»Ich habe nicht die mindeste Ahnung, was Ihr meinen könntet.«

»O weh! Ich dachte bisher, daß er es Euch brieflich mitgetheilt habe.«

»Kein Wort.«

»So thut es mir leid. Euch so unangenehm überraschen zu müssen.«

Er stand langsam auf. Auch Wilkins erhob sich. Er hatte keine Farbe mehr im Gesicht. Er wußte, daß Leflor sich an ihm rächen wolle, und konnte sich denken, daß Das, was er jetzt hören werde, nichts Gutes sei, zumal Leflor es selbst als etwas Unangenehmes bezeichnet hatte.

»Was habt Ihr mir mitzutheilen?« fragte er.

»Nichts weiter, als daß ich gekommen bin, mich Euch als den gegenwärtigen Besitzer von Wilkinsfield vorzustellen, Monsieur und Mademoiselle.«

Er machte den beiden Genannten eine tiefe, höhnische Verneigung. Almy blieb still. Sie blickte nur ihren Vater besorgt an. Auch dieser fand keine Worte. Er hielt die Augen weit geöffnet und starr auf Leflor gerichtet. Seine Lippen bebten, seine Hände zuckten; er wollte sprechen und konnte nicht.

»Vater, mein Vater! Fasse Dich!« bat die Tochter, indem sie schnell herbeitrat und die Arme um ihn legte.

Auch Adler kam herbei, ihn zu unterstützen. Leflor musterte die Gruppe und sagte:

»Wunderschön! Grad wie auf der Bühne! Ein ausgezeichnetes Tableau! Außerordentlich rührend!«

Das gab dem Pflanzer seine Selbstbeherrschung zurück. Er wehrte Adler und Almy von sich ab und sagte bittend:

»Laßt mich! Entweder haben wir falsch verstanden, oder es liegt sonst ein ungeheurer Irrthum vor, welcher sich sogleich aufklären muß.«

»Ein Irrthum ist nicht vorhanden. Aufklärung aber können Sie allerdings sogleich finden,« entgegnete Leflor, indem er in die Tasche griff und sein Portefeuille hervorzog.

»Ja, um diese Aufklärung muß ich freilich bitten!«

»Natürlich! Aber es kann mir nicht einfallen, diese Papiere in Eure Hand zu geben ohne alle Sicherheit, daß Ihr sie mir sofort wieder aushändiget.«

»Ich gebe sie zurück sobald ich sie gelesen habe.«

»Euer Ehrenwort?«

»Ja. Ich hoffe, daß Euch dieses genügen werde!«

»Natürlich! Ihr habt noch niemals Euer Wort gebrochen. Also hier nehmt zunächst diese drei Anweisungen, jede auf zehntausend Dollars, zahlbar von Eurem Bruder, ausgestellt von Euch.«

Wilkins betrachtete die Papiere genau.

»Ja, sie sind es,« sagte er.

»Hier nehmt sodann Eure eigene Erklärung und Unterschrift, daß Euer Bruder Euch Euern Antheil an der Plantage und noch dreißigtausend Dollars darüber ausgezahlt habe, notariell beglaubigt und petschirt. Ists richtig?«

»Ja,« gestand Wilkins, nachdem er das Document geprüft hatte.

»Ihr gebt also zu, daß die Pflanzung nun Euern Neffen Arthur Wilkins gehörte?«

»Als ehrlicher Mann muß ich es zugeben.«

»Und daß Ihr sie ihm nur verwaltet habt?«

»Ja.«

»Daß Ihr ihm jene dreißigtausend Dollars schuldig seid? Oder habt Ihr sie ihm zurückgegeben?«

»Nein.«

»Schön! Ist er mündig?«

»Ja, wenn er noch lebt.«

»Er hat also das Recht, die Pflanzung zu verkaufen, an wen es ihm beliebt?«

»Dieses Recht hat er; aber ich bin überzeugt, daß er diesen Schritt niemals thun wird, ohne es mir zu melden und mich um Rath zu fragen.«

»Da irrt Ihr. Er hat es gethan.«

»Nein und abermals nein und tausendmal nein!«

»Und ja und abermals ja und tausendmal ja!«

»Wo soll er es gethan haben?«

»In Santa Fé.«

»An wen?«

»An einen Amerikaner Namens Walker. Ihm habe ich die Pflanzung wieder abgekauft und sogleich baar bezahlt.«

»Ihr seid ja nie in Santa Fé gewesen?«

»Er war hier bei mir. Hier habt Ihr das Document über den Kauf in Santa Fé. Prüft es! Ihr werdet nichts Unrechtes finden.«

Der Pflanzer nahm das Schriftstück, prüfte jede Zeile und jedes Wort. Dann ließ er es auf den Tisch fallen, sank selbst in den Sessel und sagte:

»Es ist wahr, unglaublich und dennoch wahr! Er hat die Farm verkauft mit Allem, Allem, Allem!«

»Ist keine Täuschung möglich?« fragte Adler.

»Nein. Der Kauf ist vor dem Mayor abgeschlossen worden. Dieser hat die Rechte Arthurs genau geprüft und als unanfechtbar erklärt. So unanfechtbar sind nun auch die Rechte jenes Walker.«

»Walker? Ah! Ist es vielleicht derselbe Walker, welchen Monsieur Leflor gestern gerettet und mit nach Hause genommen hat?«

»Ganz derselbe,« lachte Leflor. »Bei mir angekommen, habe ich ihm die Pflanzung abgekauft. Vorhin ist er bereits wieder abgereist. Ihr mögt daraus ersehen, daß er sich eigentlich hier ganz gut hätte öffentlich sehen lassen können. Er war der Besitzer.«

»Könnt Ihr denn beweisen, daß Ihr ihm die Pflanzung auch wirklich abgekauft habt?«

»Zur Evidenz. Hier ist der Kauf!«

Wilkins prüfte auch dieses Document. Es war genau nach Vorschrift abgefaßt. Selbst der kniffigste Advocat hätte nicht den geringsten Fehler oder auch nur die kleinste Nachlässigkeit zu entdecken vermocht.

Leflor erhielt das Schriftstück wieder und fragte:

»Erkennt Ihr es an?«

»Diese Frage kann ich natürlich nicht beantworten.«

»Was gedenkt Ihr zu thun?«

»Auch das weiß ich nicht.«

»Nun, ich will zugeben, daß Euch diese Angelegenheit nicht nur ungelegen kommt, sondern daß sie sogar ein schwerer Schlag für Euch ist. Aber machen könnt Ihr nichts. Es ist am Allerbesten, Ihr fügt Euch in das Unvermeidliche.«

»Ich werde natürlich einen Rechtsgelehrten fragen.«

»Gut. Ich gebe Euch eine volle Woche Zeit. Habt Ihr bis dahin noch keinen Entschluß gefaßt, so mache ich meine Ansprüche bei der Behörde geltend und lasse Euch ganz einfach hinauswerfen.«

»Damit werdet Ihr doch wohl noch ein Weilchen warten müssen, Monsieur.«

»Wollen sehen! Meine gerechten und wohlbezahlten Ansprüche anfechten zu wollen, das wäre ein Unsinn. Mit dieser Angelegenheit sind wir fertig. Die Pflanzung gehört mir. Wie aber steht es denn nun eigentlich mit jener Summe?«

»Mit welcher Summe?« fragte Wilkins erstaunt.

»Nun, mit den dreißigtausend Dollars?«

»Wie soll es denn mit ihnen stehen? Die bin ich meinem Neffen schuldig.«

»Nicht mehr. Er hat die Schuld verkauft.«

»Oho! An wen?«

»An jenen Walker. Diesem habe ich sie gestern wieder abgekauft. Das könnt Ihr Euch ja denken, da Ihr mich im Besitze Eures Documentes seht.«

»Beweist es mir!«

»Sehr gern. Hier, lest einmal diese Schriften.«

Wilkins las. Als er fertig war, sagte er, fast stöhnend:

»Es ist wahr. Er hat auch diese Schuld verkauft.«

»Das möchte ich doch nicht glauben,« sagte Adler. »Habt Ihr Euch denn nicht freundlich mit ihm gestanden?«

»O, stets, stets!«

»Ist er in Unfrieden von Euch geschieden?«

»Nein, ganz das Gegentheil.«

»So will ich glauben, daß er aus irgend einem uns unbekannten Grund die Pflanzung verkauft hat. Dies hat ihm eine sehr bedeutende Summe eingebracht. Die Schuld hätte er dann nur in der Absicht verkaufen können, Euch vollständig und gründlich zu ruiniren. Das thut kein Neffe seinem Onkel gegenüber.«

»Es ist aber hier seine Handschrift!«

»Wißt Ihr das so genau?«

»Als ob es meine eigene wäre.«

»Und dennoch glaube ich nicht daran!«

Da bemerkte Leflor in scharfem Tone:

»Ob Ihr daran glaubt oder nicht, das ist hier ganz gleichgiltig! Ihr werdet jedenfalls gar nicht gefragt werden, und darum kann ich Euch nur rathen. Euer Mundwerk unbewegt zu lassen.«

Adler antwortete dagegen in ruhigem Tone:

»Es mag Euch sehr wohl thun, hier in dieser Weise auftreten zu können. Ihr meint, in Wilkinsfield Herr zu sein, und aus diesem Grunde – – –«

»Und aus diesem Grunde werdet Ihr der Erste sein, den ich zum Teufel jage,« fiel Leflor ein.

»Daß Ihr das beabsichtigt, davon bin ich vollständig überzeugt; aber gelingen wird es Euch nicht!«

»Oho! Meint Ihr, wenn es zum Prozesse kommt, daß ich ihn verlieren werde?«

»Ob Ihr ihn gewinnt oder verliert, das ist ganz gleich in dieser Frage. Zum Teufel jagt Ihr mich auf keinen Fall. Wenn Ihr den Fuß hierher setzen solltet, bin ich längst schon fort.«

»Das ist Euer Glück, denn ich würde Euch einige gute Hunde zwischen die Beine jagen.«

»Thut das in Eurer Phantasie, die allerdings einen sehr hündischen Character zu haben scheint; in Wirklichkeit werdet Ihr es nicht fertig bringen.«

»So macht Euch baldigst fort, denn ich komme sehr bald. Selbst wenn ich prozessiren muß, werde ich bereits heut Schritte thun, mein Guthaben von dreißigtausend Dollars einzutreiben. Drüben in Eurem guten Deutschland mag der Gläubiger kein Recht besitzen; hier aber bei uns giebt es zum Glück noch die Schuldhaft. Das müßt Ihr bedenken. Wenn Master Wilkins mich nicht bezahlt, lasse ich ihn einstecken. Und weil ich Ansprüche auf die Pflanzung mache und er im Gefängniß sitzt, werde ich einen Sequestor einsetzen und Euch fortjagen lassen.«

»Hm! Euer Advocat ist ein schlauer Kerl!«

»Ja. Euch ist er jedenfalls gewachsen. Also, Monsieur Wilkins, könnt Ihr bezahlen?«

»Nein.«

»So müßt Ihr unbedingt in das Loch!«

»Nur nicht so eilig!« fiel Adler ein. »Ehe Ihr von Schuldhaft redet, müßt Ihr daran denken, daß auch Eure Ansprüche bezüglich der dreißigtausend Dollars nicht gerichtlich anerkannt sind. Bis dies geschehen ist, könnt Ihr einstweilen Euch in das Loch setzen, von welchem Ihr redet. Wenn Monsieur Wilkins auf meinen Rath hört, so zeigt er Euch jetzt die Thür. Das ist jedenfalls das Allerbeste, was er thun kann.«

»Meint Ihr? Schaut doch einmal an, wie klug und weise Ihr seid! Auch ich habe einen guten Rath für ihn, der aber tausendmal besser ist als der Eurige. Wenn er verständig ist, wird er übrigens einsehen, daß ich es viel besser mit ihm meine als Ihr. Eure Absichten kenne ich!«

Wilkins war von Dem, was er jetzt erfahren hatte, beinahe betäubt. Es summte und brummte ihm vor den Ohren und es flimmerte ihm vor den Augen. Er hörte ganz genau, was gesprochen wurde, aber die Worte drangen wie aus der Ferne herüber und durch das Rauschen einer Brandung zu ihm. Als er jetzt die letzten Worte Leflors hörte, glaubte er, Rettung finden zu können. Darum fragte er ihn:

»Welchen Rath habt Ihr denn für mich?«

»Könnt Ihr ihn Euch nicht denken?«

»Nein.«

»Und er ist doch so sehr einfach! Indem ich Euch diesen Rath gebe, beweise ich Euch, daß Ihr keinen besseren Freund besitzt als mich, und daß ein jeder andere Mensch, welcher anders redet als ich, es nur auf seinen eigenen Vortheil abgesehen hat, nicht aber auf den Eurigen. Ich wundere mich wirklich selbst über mich. Ich befinde mich in einer so versöhnlichen Stimmung, als hättet Ihr mir nur lauter Gutes gethan, anstatt so viel Böses. Ich will auch Das, was gestern geschehen ist, vergessen und nie wieder daran denken; aber ich hoffe, daß Ihr auch einsehen werdet, wie gut ich es meine!«

»So sagt, was Ihr mir rathet.«

»Gut! Ich bin überzeugt, daß Ihr meinen Rath befolgen werdet. Es giebt ja wirklich weiter nichts für Euch. Wenn Ihr verständig seid, könnt Ihr die Pflanzung für Euch retten. Sucht nach einem reichen Manne für Miß Almy, welcher die Mittel besitzt, die Pflanzung zu erwerben!«

»Würdet Ihr dann bereit sein, sie wieder zu verkaufen, falls sie Euch zugesprochen würde?«

»Nein; im ganzen Leben nicht.«

»Nun, so könnte auch der reichste Schwiegersohn sie nicht erwerben.«

»Ist auch nicht nöthig. Ihr müßt nur Einen wählen, welchem die Pflanzung bereits schon gehört.«

»Ah, das ist deutlich genug! Ihr meint Euch selbst?«

»Ja. Das würde der ganzen Geschichte das beste Ende geben. Ich hoffe, Ihr seht das ein!«

»Natürlich sehe ich es ein. Ihr kommt und nehmt mir die Pflanzung. Dazu gebe ich Euch noch dreißigtaufend Dollars und meine Tochter! Hm!«

»Ihr lacht?«

»Vor Freude nicht!«

»Das gebe ich zu. Ich habe Verstand genug, einzusehen, wie unangenehm Euch diese Angelegenheit ist. Aber wenn Ihr denselben Verstand habt, so werdet Ihr auch erkennen, daß mein Rath der beste ist.«

Da stand Wilkins von seinem Stuhle auf, drehte sich zu Adler und fragte:

»Was sagt Ihr dazu?«

»Was ich bereits gesagt habe: Jagt den Menschen fort!«

Da trat Leflor herzu, stellte sich Adlern gegenüber und sagte:

»Ich habe nicht die geringste Lust, mich hier noch mehr zu ärgern, als es bereits geschehen ist. Dieser Mann giebt Euch einen Rath, und ich habe Euch einen gegeben. Welchen wollt Ihr befolgen?«

Wilkins befand sich in größter Verlegenheit. Er kannte das Land und seine Verhältnisse. Er wußte, daß er einer schweren Zeit entgegengehe. Das Alles konnte er vermeiden, wenn er Leflor's Wunsch erfüllte. Darum wendete er sich an seine Tochter:

»Almy, antworte Du an meiner Stelle! Aber mache mir dann später keine Vorwürfe, wenn ich nach Deinem Willen handle und es wird viel anders und schlimmer als Du denkst.«

»Wirst auch Du mir keine machen?«

»Gewiß nicht!«

»So will ich lieber arbeiten, daß meine Hände bluten, und lieber verhungern, als daß ich einem Manne angehöre, welcher Leflor heißt.«

Der Genannte stieß einen Laut aus, welcher spitz und scharf wie ein Pfiff aus seinem Munde tönte. Er hatte wirklich geglaubt, daß man sich nach seinem Rathe richten werde. Jetzt stieß er hervor:

»Das ist ja Unsinn! Da rennt Ihr ja mit offenen Augen in das Verderben!«

»Dieses Verderben ist mir angenehmer als Ihr!« antwortete das schöne Mädchen.

Das war ihm denn doch zu viel.

»Ah!« zischte er. »Wenn ich Euer Vater wäre!«

Sie hatte sich bisher scheinbar gleichgiltig gehalten. Während der ganzen Unglücksbotschaft war ihr kein Wort des Schreckes entfahren. Sie war viel zu stolz und verachtete Leflor viel zu sehr, als daß sie ihm hätte merken lassen wollen, wie tief sie von dem Verluste, welcher sie treffen sollte, erschüttert sei. Jetzt aber stand sie stolz und erhobenen Hauptes vor ihm, um ihm zu sagen, was sie zu sagen hatte. Sie fragte streng:

»Was würdet Ihr thun, wenn Ihr mein Vater wäret, Monsieur Leflor?«

»Ich würde Euch befehlen, meinen Willen zu thun.«

»Und wenn ich nicht gehorchte?«

»So würde ich Euch zwingen.«

»Womit?«

»Mit – mit – – mit Allem, womit man ungerathene Kinder zu zwingen vermag.«

»Nun, mein Vater ist nicht so unglücklich, ungerathene Kinder zu besitzen. Schade, daß der Eurige nicht mehr lebt. Er könnte das von Euch erwähnte Experiment an Euch vornehmen. Mein letztes Wort ist gesprochen. Eure Anwesenheit hat keinen Zweck mehr. Ihr könnt gehen!«

Sie stand da, trotz ihrer Jugend wie eine Königin. Ihr erhobener Arm zeigte nach der Thür. Ihre Augen blitzten. Sie war in ihrem Stolze, in ihrem sittlichen Zorne, in ihrer weiblichen Entrüstung so schön, so entzückend schön, daß Adler kein Auge von ihr zu verwenden vermochte.

Aber Leflor ging es ebenso. Er vergaß, zu gehen. Er blieb stehen, das Auge auf sie gerichtet, als ob er sie verschlingen wolle.

»Nun!« rief sie.

Er fuhr zusammen und griff nach seinem Hute.

»Also wirklich?« fragte er.

»Wirklich! Keinen Augenblick länger, sonst rufe ich nach der Dienerschaft.«

Bereits hob er den Fuß, um zu gehen. Da aber übermannte ihn der Eindruck ihrer Schönheit; er wendete sich zurück und rief, seiner nicht mehr mächtig:

»Ja, ich gehe, aber nur einstweilen; aber ich komme zurück, um Dich zu meinem Weibe zu machen. Du wirst es, Du wirst! Ich schwöre es! Wenn alle Engel und alle Teufel dagegen wären, Du würdest dennoch mir gehören. Du bist mein Eigenthum. Hier ist das Zeichen!«

Zwei schnelle Schritte, und er ergriff sie und riß sie in seine Arme. Er wollte sie küssen. Sie stieß einen Schrei aus und beugte das Köpfchen zur Seite. In demselben Augenblicke aber hatte auch schon Adler ihn am Halse gefaßt, sodaß der Freche nun seinerseits einen lauten Schrei ausstieß. Der Deutsche warf ihn wie einen Ball an die Thür, so daß sie aufsprang und Leflor im Vorzimmer hinstürzte. Ehe er sich erheben konnte, hatte Adler ihn schon wieder gepackt und schleuderte ihn an die vordere Thür, welche ebenso aufsprang.

Natürlich flog Leflor nun draußen zur Thür hinaus und hin auf die steinernen Platten des Flurs. In dem Letzteren aber stand der Neger, welcher den Weißen noch erwartete. Als er ihn jetzt in diesem Zustande erblickte, sprang er auf ihn zu und rief lachend:

»O Jessus, Jessus! Wer kommt da? Massa Leflor kommt geflogen! Soll weiter fliegen!«

Er griff den Weißen vom Boden auf, schüttelte ihn, als ob alle Knochen klappern sollten, und warf ihn dann vollends zum vorderen Thor hinaus. Das ging so gedankenschnell, daß jetzt erst Adler aus der Thür trat. Er sah Leflor nicht, aber den Schwarzen und fragte:

»Wo ist der Kerl?«

Der Neger lachte am ganzen Gesichte, sodaß sein Mund von einem Ohre bis an das andere reichte, deutete hinaus auf den Vorplatz und antwortete:

»Dort liegt er, Massa! Soll ich ihn noch über den Garten wegwerfen und nachher vielleicht noch in die Wolken hinauf?«

»Nein, mein Lieber! Er hat genug. Laß ihn laufen!«

»Er wird schnell genug machen, daß er fortkommt.«

*

41

Adler trat unter das Thor, schoß, um allen Eventualitäten vorzubeugen, sämmtliche Schüsse des Revolvers ab, warf ihn seinem Besitzer nach, befahl dem Schwarzen, diesen Letzteren nicht wieder einzulassen und kehrte dann zu Vater und Tochter zurück.

Leflor hatte nicht Schaden genommen, aber es war ihm, als stecke er in einer Pauke, auf welcher tausend Musikanten herumtrommelten. Er sagte kein Wort, raffte sich und seinen Revolver von der Erde auf, drohte mit dem Letzteren zurück und hinkte davon. Es war natürlich vorauszusehen, daß er Alles aufbieten werde, sich auf die eklatanteste Weise zu rächen.

– – – – – – – – –

Ungefähr vier Jahre oder auch wohl etwas mehr nach den soeben geschilderten Ereignissen ritt ein scheinbar einsamer Mann langsam den Wellen eines kleinen Baches entgegen, welcher von einer fernen Höhe kam. Diese Höhe schien das Ziel des Reiters zu sein.

Er war kein junger Mann mehr. Er hatte jedenfalls die Fünfzig bereits zurückgelegt. Sein Gesicht war wettersbraun, aber das Auge blickte hell und jugendlich in die Ferne.

Doch nicht blos in die Ferne blickte es. Es suchte auch rechts und links die Büsche zu durchdringen. Zuweilen hielt er den Kopf zur Seite geneigt, um irgend auf ein Geräusch zu lauschen. In solchen Augenblicken hielt er das Gewehr schußfertig in der Hand.

So ritt er langsam weiter. Sein mageres Pferd war höchst ermattet, und auch er selbst schien ermüdet zu sein. Eben kam er an einem kleinen Gebüsch vorüber. Ihm war, als habe er inmitten desselben ein leises Rauschen vernommen. Er hielt sein Pferd an und lauschte – vergeblich. Also ritt er weiter, fuhr aber erschrocken zusammen, denn:

»Puff, paff!« hatte es aus dem Busche hervorgeklungen, aber nicht aus einem Gewehre, sondern aus einem menschlichen Munde.

So wie der Reiter war auch das Pferd erschrocken. Er hielt es abermals an und fragte:

»Wer da?«

»Ich!« antwortete es.

»Wer bist Du?«

»Das was Du bist.«

»Nun, was denn?«

»Ein Esel, ein Dummkopf, ein Rindvieh!«

»Sapperment! Laß Dich das einmal sehen!«

»Gleich, Gevatter!«

Jetzt bewegte sich das Gebüsch und der Sprecher trat heraus. Bei seinem Anblicke bäumte das Pferd des Reiters hoch empor, sodaß dieser Mühe hatte, das Thier zu zügeln. Der Anblick dieses Mannes war aber auch zum Erschrecken. Seine kleine, außerordentlich dicke Figur war ganz und gar in ein Gewand aus Bärenfell gekleidet, mit der behaarten Seite nach Außen, hatte aber so viele Haare verloren, daß der Mann einem geschundenen Ungethüm ähnlicher aussah, als einem menschlichen Wesen. Ebenso sah seine Pelzmütze aus. Sein Gesicht aber war frisch, und seine Aeuglein blickten ganz lustig in das im hohen Grade erstaunte Gesicht des Reiters.

»
Good day!« grüßte der Dicke lachend.

»
Good day!« antwortete der Andere.

»Nun, seid Ihr fertig?«

»Womit?«

»Mit Eurer Verwunderung. Ihr sperrt doch den Schnabel auf, als ob Ihr mich wie ein Storch den Frosch mit Haut und Haar verschlingen wolltet!«

»Danke sehr! Eure Haut und Euer Haar sieht nicht so appetitlich aus, daß ich Euch verschlingen möchte. Aber wie kommt es, daß Ihr Euch einen Esel nanntet?«

»Mich nicht allein, sondern Euch auch.«

»Schön! Warum aber?«

»Weil wir Beide uns hier im Westen herumtreiben und könnten es doch besser haben.«

»Möglich bei Euch, bei mir aber nicht.«

»So, so! Hm, hm!«

Er musterte den Reiter mit scharfen Blicken, schüttelte den Kopf und fragte:

»Wo habt Ihr denn Euern Wagen?«

Der Andere machte eine Bewegung, als ob er erschrecke, betrachtete den Dicken nun seinerseits mit einem Blicke, in welchem sich das deutlichste Mißtrauen aussprach, und fragte:

»Wie kommt Ihr auf die Idee, mich nach einem Wagen zu fragen.«

»Weil Ihr einen habt.«

»Oho!«

»Schreit Oho so viel Ihr wollt! Ihr reitet Eurem Wagen voraus, um Weg zu suchen und Euch einen Braten zu schießen.«

»Verdammt! Habt Ihr mit den Hallunken gesprochen?«

»Nein.«

»Nein? Ihr antwortet so bestimmt. Ihr wißt also, wen ich meine?«

»Nein.«

»Oho!«

»Abermals Oho? Gewöhnt Euch das ab!«

»Unsinn! Steht mir Rede und Antwort, sonst werde ich Euch den Mund öffnen.«

»Etwa so weit wie der Eurige war, als Ihr mich erblicktet? Versucht es einmal!«

»Warum nicht? Hier ist mein Zahnbrecher!«

Er deutete auf seine Büchse.

»Und hier der meine!«

Der Dicke zeigte sein Gewehr. Der Reiter sah es an, lachte verächtlich und meinte:

»Eine schöne Grete! Was ist denn das für ein Prügel, he?«

»Grete? Das muß eine Verwechselung sein. Dieser Prügel heißt nicht Grete, sondern Auguste.«

»Hört, Mann, denkt ja nicht, daß ich Spaß mich Euch mache. Ihr kommt mir verdächtig vor. Ihr habt mich nach meinem Wagen gefragt, und das fällt mir auf. Ihr leugnet, die Hallunken gesehen zu haben, und ich verlange aufrichtige Antwort!«

»Und wenn ich sie nun nicht gebe?«

»So werde ich Euch zwingen. Ihr dürft nicht denken, daß ein Westmann nur zum Spaße fragt!«

Der Dicke betrachtete sich den Andern abermals, lachte lustig aus und sagte:

»Ihr ein Westmann? Pshaw! Das macht Ihr mir nicht weiß! Wißt Ihr, wie Ihr mir jetzt in diesem Augenblick vorkommt?«

»Nun wie?«

»Wie ein ehrsamer, deutscher Förster, welcher einen Holzdieb ertappt hat und diesen nun nach Pflicht und Gewissen ins Gebet nimmt.«

»Verdammt! Eure Augen sind nicht übel. Aber was wißt Ihr von Deutschland!«

»Wohl mehr als Ihr. Oder solltet Ihr – –? Hm, Euer Englisch schmeckt nach Holzasche. Es wäre wahrhaftig möglich, daß Ihr da drüben in Bismarks Vaterland Euern ersten Zulp zerbissen hättet.«

»Das habe ich auch.«

»Was! So seid Ihr ein Deutscher?«

»Yes!«

»Haltet den Schnabel! Wenn ein Deutscher deutsch reden will, so schreit er Yes oder Oui! Auch ich bin von drüben herüber. Wir sind also Landsleute. Hier meine Patsche! Willkommen.«

Der Reiter schlug nicht sofort in die dargereichte Hand. Er musterte den Kleinen abermals mit Mißtrauen und antwortete:

»So schnell geht das nicht. Erst muß ich gewiß sein, daß Sie wirklich nichts von den Schuften wissen.«

»Von welchen Schuften?«

»Die mich bestohlen haben.«

»Donnerwetter! Ich habe Schufte genug kennen gelernt; aber ich lasse mich fressen, wenn ich sagen kann, welcher von Ihnen allen grad Sie bemaust hat. Wann ist es denn geschehen?«

»Vor vier Tagen.«

»Und wo?«

»Da hinten, von wo ich herkomme.«

Dabei deutete er nach rückwärts.

»Sapperment! Wenn Sie so klug antworten, so brauche ich ja gar nicht erst zu fragen. Natürlich müssen Sie dahinten bemaust worden sein, von wo Sie herkommen, und nicht da vorn, wo sie hin zu wollen scheinen. Ich meine den Ort.«

»Es war in einer Gegend, welche ganz aus Fels bestand, glatt wie eine Tischplatte.«

»Hm! Eine solche Gegend kenne ich; aber sie liegt nicht vier, sondern nur eine Tagereise weit von hier.«

»Da ist sie es. Wir haben sehr langsam reisen müssen. Wir sind vier Personen.«

»Das ist kein Grund, langsam zu reiten.«

»Reiten? Ja, wenn man das nur könnte. Aber wir Vier haben nur ein Pferd, nämlich dieses hier.«

»Verdammt! Da kommt auf die Person freilich nur ein Pferdebein, und da geht es langsam. Und unter diesen Umständen nennen Sie sich so frank und frei einen Westmann?«

»Bin ich es etwa nicht?«

»Ich halte Sie nicht dafür.«

»Sehr aufrichtig! Aber ein Mann bin ich doch! Nicht?«

»Ja freilich! Für einen Maulwurf halte ich Sie natürlich nicht.«

»Und im Westen befinden wir uns. Folglich bin ich ein Westmann.«

»Wenn Sie diese Logik befolgen, sind Sie allerdings einer. Aber da sitzen Sie auf dem Pferde und sind müde. Steigen Sie ab, und gönnen Sie dem Thier die Ruhe und ein paar grüne Halme. Zwei Landsleute, welche sich im Felsengebirge treffen, können schon eine Viertelstunde plaudern.«

»Ich möchte wohl, aber – – –!«

»Was aber?«

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen trauen kann.«

»Donnerwetter! Habe ich denn gar eine solche Galgenphysiognomie?«

»Das nicht, aber ich bin vorsichtig geworden.«

»Dagegen hat kein Mensch Etwas. Vorsichtig muß hier ein Jeder sein. Sie sollen es auch sein, ohne daß ich es Ihnen übel nehme. Setzen Sie sich hierher, und ich setze mich Ihnen gegenüber, sechs Schritte entfernt. Sie nehmen Ihr Gewehr schußfertig in die Hand, und wenn ich das Geringste thue, was Ihnen Veranlassung giebt, mich für einen schlechten Kerl zu halten, so schießen Sie mich einfach nieder.«

»Na, das werde ich wohl nicht nöthig haben!«

»Ich denke es auch.«

»Wir stich ja Landsleute; die Kerls aber, die ich meine, waren Yankees.«

»Hm! Man darf hier keinem Landsmann trauen. Merken Sie sich das. Aber vielleicht haben Sie meinen Namen einmal gehört. Man nennt mich hier im Westen den dicken Sam.«

»Den dicken Sam! Sapperment, ja, von Ihnen habe ich gehört! Ja, es stimmt, Sie stecken in einem Bärenfelle.«

»Na also! Trauen Sie mir jetzt?«

»Ja, von ganzem Herzen. Daß ich so einen kühnen Jäger und Waldläufer finde, das kann meine Rettung sein. Ich befinde mich mit meiner Gesellschaft nämlich in einer schlimmen Lage.«

»Gut! Ich habe noch niemals einen Hilfsbedürftigen verlassen. Kann ich Ihnen nützlich sein, so bin ich es herzlich gern. Sie dürfen sich auf mich verlassen. Steigen Sie also in Gottes Namen ab!«

»Aber ich versäume dabei meine Zeit!«

»Haben Sie so nochwendig, oder bedürfen Sie so schneller Rettung?«

»Das nicht. Aber ich will jagen, und wenn ich nichts schieße, so haben meine Leute heute Abend nichts zu essen.«

»Wenn es nur Das ist, so machen Sie sich ja keine Sorge. Ich habe genug zu essen für uns und für mehrere Personen.«

»Dann gut! Wie werden sich die Andern freuen, daß ich Sie gefunden habe!«

Er stieg vom Pferde, ließ es weiden und setzte sich neben Sam in das Gras. Dieser fragte ohne alle Umstände:

»Wer sind denn die drei anderen Personen, welche sich bei Euch befinden?«

»Meine Frau, mein Sohn und meine Schwägerin.«

»Sapperment! Zwei Weibsen dabei!«

»Ja.«

»Aber wie kommen denn die nach dem Westen?«

»Ich will aufrichtig sein und Ihnen Alles sagen. Sie haben mich für einen Förster gehalten, und ich bin auch wirklich einer – – –«

»Ah, also doch! Ja, der dicke Sam ist nicht dumm.«

»Ich war drüben in der Gegend von Zeulenroda angestellt und – –«

»Himmelelement! Ists wahr?«

»Ja. Warum erschrecken Sie?«

»Erschrecken? Fällt mir gar nicht ein!«

»Ich dachte, weil Sie so laut schrieen.«

»Hm, ja, ich brülle manchmal so ein Bischen zum Zeitvertreibe. Fahren Sie fort!«

»Die Besitzung, auf welcher ich amtirte, gehörte einer Familie von Adlerhorst. Es brach über sie ein noch nicht aufgeklärtes Unglück herein, und die Besitzung kam in fremde Hände. Es gab Differenzen mit dem neuen Herrn. Ich hatte Recht und bestand auf meinem Rechte. Er vergaß sich im Zorne und griff nach der Peitsche, nämlich nach der Reitpeitsche. Da wallte auch in mir das Blut; ich wehrte mich und schlug ihn nieder. Natürlich wurde ich abgesetzt. Bei der großen Concurrenz und dem schlechten Zeugnisse, welches ich erhielt, wollte es mir nicht glücken, bald eine neue Anstellung zu erhalten. Ich wartete, ich lief und gab mir Mühe; ich petitionirte – vergebens. Da lief mir die Galle über. Mein Sohn wollte schon längst nach Amerika. Ich entschloß mich kurz. Wir packten ein, und die Ruschel ging fort.«

»Doch nicht gleich nach dem fernen Westen?«

»Ja.«

»Das war verwegen.«

»Jetzt sehe ich es ein. Aber ich hatte mir das Alles ganz anders und viel leichter gedacht. Wir wollten quer durch das Land nach Californien. Wir kauften uns Wagen, Pferde und Zugochsen. Wir luden auf, was wir hatten und kamen nach Santa Fé. Da trafen wir auf eine Gesellschaft, welche auch nach Kalifornien wollte. Wir schlossen uns ihr an. Es wurde ein Anführer gewählt. Es gab eine bestimmte, militairische Ordnung, denn wir kamen durch das Indianergebiet. Vor vier Tagen erreichten wir die felsige Gegend, von welcher ich vorhin sprach. Da stellte es sich heraus, daß ich ein ganzes Packet Decken vom Wagen verloren hatte. Ich ritt natürlich zurück und fand sie auch nach mehreren Stunden; aber es war indessen Abend geworden. Als ich an den Lagerplatz zurückkam, war die Carawane nicht mehr vorhanden, aber meine Frau, der Sohn und die Schwägerin lagen gefesselt und mit verbundenen Augen am Boden. Nachdem ich sie von den Stricken und Binden befreit hatte, erzählten sie mir, daß man sie kurz nach meinem Fortgange überfallen und gebunden hatte. Gleich darauf war die Carawane wieder aufgebrochen. Meinen Wagen hatten sie natürlich mitgenommen.«

»Wie alt ist denn Ihr Sohn?«

»Vierundzwanzig.«

»Pfui Teufel! Hat er sich denn nicht gewehrt?«

»Er hat keine Zeit dazu gehabt. Sie haben ihn ganz plötzlich und von hinten niedergerissen.«

»Natürlich sind Sie den Spitzbuben nach?«

»Ja. Aber ich habe sie nicht gesehen.«

»Hm! Sie müssen doch ihre Spuren gefunden haben!«

»Auf dem felsigen Boden?«

Da lachte Sam auf und sagte:

»Das ist nun ein Forstmann und Jäger! Ja, wenn eine Eichhörnchenfährte nicht so groß ist wie ein Elephantentapfen und ein Wagengeleis nicht so breit und so tief wie die Elbe, so findet man keine Maus! Haben Sie denn nachgedacht, wohin diese Schurken mit Ihrem Wagen gefahren sein werden?«

»Doch nach Kalifornien?«

»Oder auch nicht!«

»Sie sagten doch, daß sie da hinwollten!«

»Pshaw! Man wird Ihnen nicht Alles auf die Nase gebunden haben. Ich denke mir, daß man gleich von vorn herein entschlossen gewesen sein wird, Sie zu berauben. Da hat man Ihnen natürlich die Wahrheit nicht gesagt. Und als sie nachher die Ihrigen überfallen haben und fortgefahren sind, haben sie eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Sie aber sind ganz nach der Richtung der Nase weiter gelaufen und geritten. Haben Sie Alles verloren?«

»Alles, außer was wir auf dem Leibe haben.«

»O wehe! Also das Geld auch?«

»Auch! Es befand sich im Wagen, von den beiden Frauen bewacht.«

»Wieviel?«

»Wir haben es in New-York umgewechselt. Ich erhielt fünfzehnhundert Dollars, meine Schwägerin aber achttausend.«

»Sapperment!«

»Ja, sie ist wohlhabend, oder vielmehr sie war es leider Gottes.«

»Ich hoffe sehr, daß sie es wieder sein wird.«

»Wieso?«

»Nun, natürlich nehmen wir den Hallunken das Geld wieder ab!«

»O bitte! Sie sagen das, als ob es sich so ganz von selbst verstehe!«

»Das ist auch der Fall.«

»Als ob es so ganz und gar leicht sei!«

»Leicht oder schwer, es wird gemacht.«

»Herrgott, wenn wir es wiederbekommen könnten! Aber wir wissen ja gar nicht, wohin die Diebe eigentlich sind!«

»Wir werden es erfahren. Wir reiten nach der Stelle zurück, an welcher die That geschehen ist. Dort werde ich die Spuren finden, denen wir ganz einfach folgen.«

»Die Spur? Nach vier Tagen?« fragte der Förster ganz erstaunt.

»Warum nicht?«

»Weil es unmöglich ist.«

»Unsinn und abermals Unsinn! Wenn es dort Grasboden gäbe, so hätte sich das niedergedrückte Gras längst wieder aufgerichtet, und es wäre nichts zu sehen. Da es sich aber um Steinboden handelt, so haben wir zu erwarten, daß wir Spuren finden. Ein schwerer Ochsenkarren läßt selbst im festesten Gestein sichtbare Fährten zurück. Seit vier Tagen hat es weder bedeutenden Wind noch Regen gegeben; die Spuren sind also nicht verweht oder verwaschen worden. Es steht sehr zu erwarten, daß wir den Weg nicht vergebens machen werden.«

»Hm! Selbst wenn wir sie ereilen, werde ich nichts wieder bekommen!«

»Warum nicht?«

»Weil sie jedenfalls nichts hergeben.«

»Wir zwingen sie!«

»Wir Zwei?«

»Sie unschuldiges, neugeborenes Wickelkind, Sie! Wie viele Wagen sind es denn?«

»Drei mit dem meinigen.«

»Und wie viele Leute?«

»Zwölf.«

»Und da meinen Sie, daß wir uns vor ihnen fürchten müssen? Dieses lumpige Dutzend nehme ich auf mich allein. Ich schieße sie einzeln von den Wagens weg, daß es pufft! Solche Schurken verdienen nichts Anderes. Aber geht es ohne Blutvergießen ab, so ist es desto besser. Wie ist denn eigentlich Ihr lieber, hochgeehrter Name, Landsmann?«

»Ich heiße Rothe.«

Dabei warf er, weil Sam vom Blutvergießen gesprochen hatte, einen besorgten Blick auf dessen Büchse. Sam sah es, gab ihm das Gewehr hin und fragte:

»Sie verstehen sich doch auf Waffen?«

»Auf diese Art nicht, obgleich ich sonst ein guter Schütze bin, ebenso wie mein Sohn. Schießen Sie wirklich mit diesem Gewehre?«

»Womit soll ich sonst schießen? Etwa hier mit meiner Nase? Da müßte ich den Schnupfen sehr stark haben, denn mit einem gewöhnlichen Katarrh nießt man keinen Büffel und keinen Bären todt.«

»Ich möchte es nicht versuchen. Das Ding wäre mir viel zu gefährlich! Und Auguste heißt es?«

»Ja, Auguste, meinetwegen auch Gustel.«

»Sonderbarer Name für eine Flinte! Es ist der Vorname meiner Schwägerin.«

»Da fällt mir ein, daß sie noch einen anderen Namen haben muß. Sie heißen also Rothe. Wie heißt Ihre Schwägerin? Ich muß sie doch nennen können, wenn ich mit ihr spreche.«

»Auch Rothe. Sie war die Frau meines verstorbenen Bruders und stammt aus Ruppertsgrün.«

»Rupp – rupp – rupp – – – rururupppp!«

Er brachte das Wort gar nicht heraus. Er war emporgesprungen und starrte den Förster an, als ob er ein Gespenst vor sich sähe.

»Warum erschrecken Sie?«

»Er – – schrecken – –? Ich erschrecke nicht.«

»Ach so! Sie sagten bereits vorhin, daß Sie zuweilen gerne schreien. Eine sonderbare Eigenthümlichkeit! Haben Sie vielleicht einmal einen recht großen und plötzlichen Schreck gehabt?«

»Nein.«

»Ich dachte! Solche Leute behalten gewöhnlich einen Rest fürs ganze Leben. Entweder stottern sie, oder sie fahren ganz unerwartet erschrocken zusammen. Ich dachte, Ihr Schreien hätte einen ähnlichen Grund.«

»Nein, gar nicht.«

»Sind Sie nervös?«

»Fällt mir gar nicht ein! Ein Savannenläufer und nervös! Das ist genau dasselbe, als ob Sie fragten, ob eine Krokodilgroßmutter Hühneraugen haben könne.«

»So kann ich mir Ihre Angewohnheit nicht erklären.«

»Ist auch nicht nöthig. Also aus Ruppertsgrün stammt Ihre Schwägerin? Und ihr Mann ist Ihr Bruder gewesen? Was waren denn Ihre Eltern?«

»Sie hatten eine Oekonomie. Die Auguste ist eigentlich schuld, daß ich so rasch eingewilligt habe, nach Amerika zu gehen.«

»Wieso denn?«

»Na, sie hat eine besondere Vorliebe für Amerika.«

»Das wäre doch sonderbar. Was geht sie denn dieses Amerika an?«

»Ja, der Mensch ist ein eigenthümliches Wesen. Die Auguste hat nämlich ihre erste Liebe in Amerika; das hat sie nicht vergessen können.«

»Sapperment! Eine erste Liebe, also einen Geliebten?«

»Ja. Mein Bruder war nämlich ein eigenthümlicher, halsstarriger Kerl Sie hat nicht recht gut mit ihm gelebt, und da ist ihr ihr erster Liebhaber wieder eingefallen. Der war ein Knopfmacher aus – –«

»Kno – Kno – – Knopf – nopf – – –!«

Sam war wieder aufgesprungen. Der Andere sah ihn bestürzt an und sagte:

»Wieder ein Anfall! O wehe! Wenn nun Indianer in der Nähe wären! Die hörten uns. Das würde eine schöne Geschichte werden. Sie schreien ja wie der Besitzer einer Riesendame auf dem Jahrmarkt!«

»Sapp – sapp – sapperment! Knopfmacher!«

»Wundert Sie das?«

»Ja, sehr!«

»Meinen Sie etwa, daß ein Knopfmacher keine Geliebte haben kann?«

»Oh, oh, wa – wa – warum denn nicht! Ich habe sogar einmal gehört, daß die Knopfmacher ganz tüchtige und hübsche Kerls sein sollen.«

»Möglich! Wenigstens Der, welcher hier in Rede steht, mag ein braver gewesen sein. Ein Bischen dumm, wie ich vermuthe – – –«

»Dumm?« fiel Sam ein. »Hole Sie der Teufel!«

»Warum grade mich?«

»Weil – – na, es war nicht so ernst gemeint.«

»Schön. Er hat Samuel Barth geheißen und war aus Herlasgrün im – – –«

»Her – herrr – – – herrrrr – la las – –!« rief Sam abermals laut.

»Schon wieder!« meinte der Förster. »Hören Sie, Ihre Angewohnheit ist eine gefährliche. Sie tritt zu häufig auf. Wenn ein Feind in der Nähe ist, darf man doch nicht so brüllen!«

»Ach! Es ist jetzt keiner da.«

»Aber wenn nun einer da wäre!«

»So würde ich nicht brüllen.«

»Vielleicht doch!«

»Nein, denn da würden wir von keinem Knopfmacher und keiner Gustel und keinem Herlasgrün und Ruppertsgrün sprechen.«

»Also diese Namen bringen Sie aus der Fassung?«

»Ja.«

»Warum?«

»Weil ich auch ein Deutscher bin. Wenn ich da den Namen eines deutschen Ortes höre, so geht es mir ans Gemüth und ich schreie vor Entzücken.«

»So werde ich, wenn Sie still sein sollen, lauter Fremdwörter bringen, etwa wie – – –«

»Halt! Mag jetzt keine hören. Also Ihre Schwägerin ist Wittwe?«

»Ja. Sie ist nur drei Jahre verheirathet gewesen, kinderlos; dann starb mein Bruder. Sie hat nicht wieder geheirathet und sich sehr gegrämt, daß sie den Knopfwacher nach Amerika hinübergetrieben hat.«

»Das alte, gute Weibsen!«

»Ja, ein gutes Gemüth hat sie. Jetzt nun ist sie arm wie eine Kirchenmaus, und noch dazu im fremden Lande. Es ist schlimm, sehr schlimm!«

»Schadet nichts; schadet nichts! Sie soll ihr Geld wieder haben und noch viel mehr dazu.«

»Denken Sie also wirklich, daß wir es wiederbekommen?«

»Jetzt erst recht, da sie aus Ruppertsgrün ist. Auf diesen Ort halte ich große Stücke.«

»Warum?«

»Weil – weil – weil – – na, eben darum, weil der Ruppert grün ist! Wir haben zu solchen langen Auseinandersetzungen keine Zeit. Wir wollen aufbrechen. Sind die Ihrigen weit hinter Ihnen?

»Nein. Sie laufen meiner Spur nach. Ich schätze, daß wir sie in einer Stunde haben werden, wann wir umkehren.«

»So weit?«

»Ja, weil Sie doch laufen müssen.«

»Ich? Hm! Passen Sie auf!«

Er steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Ein Wiehern antwortete, und sogleich kamen zwei nach indianischer Weise gesattelte Pferde herbei.

»Sapperment!« meinte der Förster. »Sie haben Pferde, und gar zwei!«

»Ja, mein Lieber. Diese Thiers haben die feinste indianische Dressur. Sie haben dort hinter dem Busche still gelegen, nur meinen Pfiff erwartend.«

»Aber wozu brauchen Sie zwei?«

»Das will ich Ihnen sagen. Es giebt zweierlei Art, im Westen zu jagen, zu Fuß und zu Roß. Das Erstere thut man im Urwalde und das Letztere außerhalb desselben. Ich habe mit zwei sehr guten Kameraden vom Norden herunter die Wälder abgepürscht und will mich hier in dieser Gegend, an diesem Bache, mit ihnen wieder treffen, nachdem wir uns vor einigen Monaten getrennt haben. Von hier aus wollten wir hinaus in die offene Prairie. Dazu sind Pferde nöthig, und zwar gute. Da habe ich denn ihrer zweie mitgebracht, falls es einem der Kameraden nicht geglückt sein sollte, eins zu bekommen. So ist es. Steigen wir jetzt auf. Es wird bald Abend sein. Wir müssen uns sputen.«

Die beiden so seltsam zusammengetroffenen Männer setzten sich auf und ritten in derselben Richtung zurück, aus welcher Rothe, der Förster, gekommen war. Unterwegs meinte dieser:

»Ich war erst mißtrauisch gegen Sie, weil Sie wußten, daß ich einen Wagen gehabt habe.«

»Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, woher Sie das so genau Wissen.« »Wenn Sie sich seit längerer Zeit in der Prairie befänden, würden Sie gar nicht fragen. Hier im Gürtel haben Sie Peitschenschmitzen hängen. Die braucht man nur, wenn man fährt. Und wer fährt, der hat einen Wagen! Nicht?«

»So, so also ist es.«

»Ja, so und nicht anders. Ganz ebenso leicht hoffe ich auch die Diebe, von denen Sie bestohlen worden sind, zu erwischen. Lassen Sie uns nicht schwatzen, sondern schnell reiten.«

Sie ritten nach Osten zu und hatten die untergehende Sonne hinter sich, die weite, von einzelnen Buschinseln besetzte Savanna vor sich. Sam war in tiefe Gedanken versunken. Er sollte die erste und einzige Geliebte seines Lebens finden, hier in der Prairie! Welch ein Zufall! O nein, sondern geradezu welch ein Wunder!

Er gedachte nicht der Jahre, welche vergangen waren, und nicht der Veränderungen, welche sie gebracht hatten. Die alte, tief im Herzen schlummernde Liebe war in ihrer ganzen früheren Stärke und Gewalt erwacht. Wie würde die Gustel aussehen? Hübsch und adrett wie früher? Würde sie ihren Samuel wieder erkennen? Schwerlich! Er war so rund und dick geworden, dazu von der Sonne gefärbt und vom Winde und dem Wetter gegerbt. Er hatte mit Absicht dem Förster nichts verrathen. Er wollte erst prüfen, sehen und hören, ehe er sich zu erkennen gab. Sie befand sich in Noth und Gefahr. Das Herz klopfte ihm bei dem Gedanken, daß er berufen sei, ihr Retter zu sein! Aber – dumm sollte er gewesen sein! Hatte sie selbst dies gesagt, oder hatte nur der Förster es vermuthet? Es war jedenfalls sehr richtig, daß der frühere Knopfmacher sich mit dem jetzigen Savannenläufer nicht messen konnte. Ja, ein Jeder sagt sich, wenn er an seine Jugend zurückdenkt, daß er Vieles und womöglich Alles anders hätte machen können. Sam durfte also Niemandem zürnen.

So ritt er schweigsam weiter, zur Rechten der Förster und zur Linken das Saumpferd. Er glaubte nicht, Veranlassung zur außerordentlichen Vorsicht zu haben, da sich in einem nicht sehr geringen Umkreise gegenwärtig keine Indianer sehen lassen würden.

Darum stieß er auch einen lauten Ausruf der Ueberraschung aus, als er plötzlich zufälliger Weise, nach links hinüber blickend, zwei Reiter bemerkte, von denen er und der Förster auch bereits gesehen worden war, denn sie hatten ihre Pferde in Galopp gesetzt und kamen in schnurgrader Richtung auf die Beiden zugesprengt.

»Donnerwetter!« sagte er. »Das wird eine allerliebste Geschichte. Nehmen Sie nur in Gottes Namen Ihre Büchse nicht von der Schulter!«

»Warum nicht? Ich glaube, das sind Indianer, und da muß man doch auf Abwehr bedacht sein.«

»Ja, Indianer sind es, und zwar scheinen es feindliche Comanchen zu sein.«

»O wehe! Und da sagen Sie, ich soll mein Gewehr in Ruhe lassen?«

»Ja, gewiß. Sehen Sie die Adlerfedern auf ihren Köpfen? Das ist das Häuptlingszeichen. Es sind Häuptlinge, und wo die sind, da befindet sich gewöhnlich eine Anzahl Krieger in der Nähe. Häuptlinge reiten nicht so allein in der Prairie herum, und da sie zu Zweien sind, läßt sich vermuthen, daß es sich um eine wichtige Angelegenheit handelt und daß sich eine größere Anzahl Indsmen hier in der Nähe befindet.«

»Aber sehen Sie, daß die Kerls nach ihren Gewehren greifen! Es wird gefährlich!«

»O nein. Das ist nur so ihre Gewohnheit. Zu fürchten brauchen wir uns wenigstens jetzt noch nicht. Aber aus Vorsicht wollen wir absteigen. Thun Sie ganz dasselbe, was auch ich thue!«

Er hielt an, stieg ab und stellte sich hinter seine beiden Pferde. Dann legte er seine Büchse an und wartete, daß die Indsmen näher kommen sollten. Er konnte ihnen hinter seinen Pferden hervor, die ihn deckten, eine Kugel geben, ohne selbst von ihnen getroffen zu werden. Natürlich war der Förster seinem Beispiele gefolgt und hielt, hinter seinem Pferde stehend, auch seine Waffe schußbereit.

Die Indianer schienen sich nicht zu fürchten. Sie kamen bis in große Nähe heran und parirten ihre Pferde, kaum zwanzig Schritte von den Weißen entfernt.

»Halt, nicht weiter!« hatte Sam gerufen, »sonst schießen wir!«

Die Rothen beriethen leise mit einander, lachten laut auf, was sonst nicht in der Gewohnheit ihrer ernsten Rasse liegt, und dann antwortete der Eine von ihnen in dem Gemisch von Indianisch, Englisch und Spanisch, welches dort zwischen Indianern und Kaukasiern gesprochen wird:

»Fürchtet sich etwa das Bleichgesicht?«

»Fällt uns gar nicht ein!«

»Warum versteckt Ihr Euch?«

»Weil es uns so beliebt.«

»Kommt hervor, damit wir mit Euch sprechen können!«

»Das können wir so auch. Woher kommt Ihr?«

»Von daher.«

Er deutete dabei nach rückwärts.

»Das hätte ich nicht gewußt, wenn Du es mir nicht sagtest. Ich glaubte, Ihr wäret gradewegs vom Himmel gefallen. Aber wohin wollt Ihr?«

»Dorthin.«

Er deutete vorwärts.

»So reitet weiter!«

»Das werden wir thun, wenn wir mit Euch gesprochen haben.«

»Wir haben keine Zeit dazu.«

»Seit wann sind die Bleichgesichter so unhöflich geworden? Sie haben doch stets sehr gern mit dem rothen Manne gesprochen!«

»Wenn sie Zeit hatten, ja.«

»Zeit haben sie stets. Sie reden mit dem rothen Manne, um ihn zu betrügen, und dazu haben sie immer Zeit. Kommt hervor; wir wollen eine Berathung halten.«

»Ich wüßte nicht, was wir mit Euch zu berathen hätten. Wer seid Ihr?«

»Das werden wir Dir sagen.«

»Ah, Ihr verschweigt Eure Namen, das empfiehlt Euch nicht. Wir werden also wieder aufsteigen und weiter reiten.«

»Wenn Ihr das thut, werden wir Eurer Fährte folgen.«

»Das thut man nur in feindlicher Absicht!«

»Wir thun es und kennen unsere Absicht.«

»So will ich Euch sagen, daß wir Euch unsere Kugeln zu kosten geben werden, wenn Ihr uns mehr incommodirt, als wir dulden können.«

»Die Prairie gehört allen Menschen. Jeder kann reiten, wohin er will.«

»Was sprechen Sie denn mit ihnen?« fragte Rothe, der Förster. »Ich verstehe dieses Sprachgemisch nicht.«

Sam erklärte es ihm, und dann meinte der Förster:

»Das klingt freilich feindselig. Was thun wir?«

»Hm! Ich bin mir selbst noch unklar. Ich weiß nicht, was ich aus ihnen machen soll. Comanchen sind sie nicht, wie ich jetzt sehe.«

»Was sonst?«

»Pawnee's auch nicht. Sioux ebenso wenig, denn die kommen jetzt nicht so weit nach dem Süden herab. Sie haben sich die Gesichter bemalt, aber freilich nicht mit den Kriegsfarben, aus denen man den Stamm zu erkennen vermag.«

»Lassen wir die Kerls halten und reiten wir weiter!«

»So kommen sie uns nach. Jeder Bewohner der Savanne verfolgt die Spur, welche er findet. Diese Kerls können nicht wissen, ob wir nicht zu einer größeren Truppe gehören. Um das zu erfahren, werden sie also folgen.«

»O wehe! Da stoßen sie auf meine Familie!«

»Natürlich! Und dann weiß man nicht, was geschieht.«

»Bleiben wir lieber!«

»Ich halte das auch für das Beste. Sehen wir also, was sie von uns wollen! Ich weiß wirklich nicht, woran ich bin. Sie haben bei ihren Reitpferden noch zwei ledige gesattelte Pferde. Die führt doch sonst kein Häuptling mit sich. Hm!«

Er trat langsam hinter seinen Pferden hervor und schritt auf die Indianer zu, das Gewehr im Anschlage. Sie waren abgestiegen und kamen ihnen, da Rothe Sams Beispiel befolgt hatte, entgegen, ihre Gewehre auch schußfertig in der Hand. Fünf Schritte von einander entfernt, blieben die Partheien halten.

»Seid Ihr gekommen, die Pfeife des Friedens mit uns zu rauchen?« fragte Sam.

»Vielleicht rauchen wir sie mit Dir,« antwortete Der, welcher bereits vorhin gesprochen hatte. »Willst Du Dich zu uns setzen?«

»Ja.«

Jetzt setzten die Vier sich nieder. Zwei und Zwei gegenüber, die Gewehre quer über die Kniee gelegt. Sie betrachteten sich prüfend.

Die beiden Häuptlinge waren von gleicher Gestalt, lang und hager, mit sehnigen Gliedern. Ganz in Büffelfell gekleidet, hatten sie ihr Haar in einen Schopf gebunden, in welchem die Häuptlingsfedern befestigt waren. Ihre eigentlichen Züge waren nicht zu erkennen, da die Gesichtsmalerei sehr dick aufgetragen war.

»Also, was wollt Ihr?« fragte Sam. »Warum haltet Ihr unsern Ritt auf?«

»Wir wollen Euren Namen wissen.«

»Ihr habt uns die Eurigen noch nicht gesagt.«

»Wir sind Häuptlinge. Ein Häuptling sagt seinen Namen erst dann, wenn die Andern geantwortet haben.«

»Auch wir sind Häuptlinge,« meinte Sam.

»Das sagst Du; aber wir glauben es nicht.«

»Haltet Ihr mich für einen Lügner?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Ich sage die Wahrheit!«

»Beweise es! Wir können beweisen, daß wir Häuptlinge sind, denn wir haben die Federn, das Zeichen der Anführer. Was aber habt Ihr?«

»Meint Ihr etwa, daß ein Weißer auch Federn anstecken soll?«

»Nein; aber die Bleichgesichter haben auch ihre besondern Zeichen, die sie auf der Brust oder auf den Achseln tragen und aus denen man merkt, wer ein Häuptling ist.«

»Na, jetzt soll ich mir gar noch Epauletten aufstecken!« lachte Sam zu dem Förster. Dann setzte er, zu den Rothen gewendet, hinzu:

»Diese Zeichen tragen wir nur im Kriege. Jetzt aber haben wir gewöhnliche Kleider. Uebrigens bin ich nicht ein Soldat, sondern ein Jäger. Ich habe nicht den Beruf, mit den Indsmen Krieg zu führen. Ich liebe sie und bin ihr Freund.«

»Du nennst Dich unsern Freund und willst uns doch Deinen Namen nicht sagen!«

»Nun, wenn Ihr ihn so nothwendig wissen wollt, so will ich ihn Euch nennen. Ich heiße Daniel Willers, und mein Gefährte nennt sich Isaak Balten.«

Das war natürlich eine Unwahrheit. Er hielt es nicht für gerathen, seinen wirklichen Namen zu nennen.

»Und ich bin der brüllende Stier,« sagte der Häuptling ernst und würdevoll.

»Und ich,« meinte der Andere ebenso stolz, »bin der tanzende Bär.«

»Ich habe Euren Namen noch nie gehört,« sagte Sam.

»Wir den Eurigen auch noch nicht. Ihr könnt noch nicht lange Zeit in dieser Gegend jagen.«

»Wir kennen diese Prairie; aber wir sind stille Jäger. Wir jagen nicht nach Berühmtheit, sondern nach Bibern und Büffeln.«

»Habt Ihr auch andere Jäger kennen gelernt?«

»Einige.«

»Ist Euch vielleicht einmal Einer begegnet, welcher sich Sam Barth nennen läßt?«

»Ja.«

»Es sollen noch zwei Andere bei ihm sein, lang und dünn, wie die Stange eines Zeltes.«

»Ich kenne sie.«

»Wie heißen sie?«

»Jim und Tim.«

»Das ist richtig. Sind diese drei Jäger vielleicht Freunde von Euch?«

»Nein.«

»Das ist sehr gut.«

»Warum?«

»Wir würden Euch sonst tödten.«

»Oho! Wir Beide würden uns nicht so ohne alle Gegenwehr umbringen lassen; das sage ich Euch. Ist denn Sam Barth ein Feind von Euch?«

»Ja.«

»Warum?«

»Er hat einige Brüder von uns getödtet.«

»Das glaube ich nicht.«

»Wir wissen es.«

»Zu welchem Stamme gehört Ihr?«

»Zum Stamme der Pawnee's.«

»So seid Ihr sehr falsch berichtet worden. Der kleine Sam hat noch nie einen Pawnee getödtet.«

»Woher weißt Du das?«

»Er hat es mir selbst gesagt.«

»So bist Du also doch sein Freund!«

»Nein. Wer kann mit einem Manne sprechen, trotzdem man nicht sein Freund ist.«

»Wenn Du uns belügst, wirst Du dennoch sterben müssen. Wann hast Du ihn gesehen?«

»Vor einigen Monden.«

»Wo?«

»Droben in den schwarzen Bergen.«

»Das stimmt. Da ist er gewesen. Er hatte seine beiden Freunde bei sich. Er trennte sich von ihnen und sagte, daß er sie hier in dieser Gegend wieder treffen wolle.«

»Ah! Woher wißt Ihr das?«

»Tim und Jim sagten es uns.«

»Sie haben Euch das gesagt, trotzdem sie Eure Feinde und seine Freunde sind?«

»So ist es.«

Die Brauen des Dicken zogen sich finster zusammen, aber nur für einen Augenblick. Er war klug genug, seine Gedanken zu verbergen. Auch ließ er es, wie er meinte, sich gar nicht merken, daß er sie jetzt scharf und bis in das Einzelnste musterte.

»Ihr seid also mit ihnen zusammengekommen?« fragte er weiter.

»Ja.«

»Wo sind sie jetzt?«

»Sie sind fortgeritten; wir wissen nicht, wohin.«

»Und Ihr sucht nun diesen Sam Barth.«

»Ja. Wir dachten. Du hättest ihn gesehen.«

»Ich habe ihn nicht gesehen; aber ich bin mit meinem Gefährten hier erst seit einigen Stunden beisammen. Er war längere Zeit in dieser Gegend und hat ihn vielleicht getroffen. Soll ich ihn fragen?«

»Warum sollen wir ihn nicht selbst fragen?«

»Er würde Euch nicht verstehen, da er Eure Sprache nicht zu reden weiß.«

»So frage ihn!«

Das hatte Sam gewollt. Er wollte mit Rothe sprechen dürfen, ohne das Mißtrauen der Indsmen zu erwecken. Jetzt hatte er die Gelegenheit dazu. Er machte also eine unbefangene Miene und sagte in deutscher Sprache zu ihm:

»Beherrschen Sie Ihr Gesicht. Wir befinden uns in großer Gefahr. Machen Sie ein nachdenkliches Gesicht, als ob Sie sich auf irgend Etwas besinnen wollten; zeigen Sie aber nicht etwa, daß Sie erschrecken. Sehen Sie diese Kerls ganz freundlich an, obgleich wir alle Ursache haben, sie zum Teufel zu wünschen.«

»Warum?«

»Sie suchen mich, um mich zu ermorden.«

»Sapperment!«

»Ja. Sie haben bereits meine zwei besten Freunde getödtet.«

»Doch nicht!«

»Ja. Sie sind zwar viel zu klug, mir dies zu sagen, aber ich habe erst jetzt bemerkt, daß die beiden Gewehre, welche sie da haben, meinen Gefährten gehörten. Sie haben sie ihnen abgenommen.«

»Dafür soll sie der Teufel holen!«

Aber bei diesen Worten blickte er sie freundlich an und nickte ihnen vertraulich zu.

»Es sind Pawnee's. Diese Schufte sollen erfahren, was es heißt, Freunde des dicken Sam zu tödten. Ich murkse sie ab, als ob sie junge Ziegen seien.«

»Was werden Sie machen. Die Kerls werden sich ganz natürlich wehren!«

»Das wollen wir ihnen so schwer wie möglich machen. Beobachten Sie mich genau. Wenn ich zu Ihnen das Wort »Jetzt« sage, so ergreife ich das Gewehr des Einen; Sie nehmen in demselben Augenblicke dasjenige des Anderen. Wir springen auf, treten einige Schritte zurück und legen die Gewehre an. Das muß freilich blitzschnell geschehen und für sie ganz unerwartet. Sie haben dann nur noch die Messer, mit denen sie gegen die Gewehre nicht aufkommen können. Machen sie nur eine Miene, sich zu wehren, so schießen wir sie nieder. Getrauen Sie sich, das zu thun, was ich sage?«

»Natürlich!«

»Gut! Passen Sie also genau auf!«

Jetzt wendete er sich an die beiden Häuptlinge zurück. Sie flüsterten sich einige Worte zu, dann fragte der Eine:

»Nun, hast Du ihn gefragt?«

»Ja. Er hat ihn hier gesehen.«

»Hier? Das ist nicht gut möglich. Es giebt hier keine Spuren außer den Eurigen und den Unserigen.«

»Nun, da oben ist die Spur Sam Barth's dabei.«

»Ich verstehe Dich nicht.«'

»Du wirst mich sogleich verstehen!«

Zu dem Förster gewendet, rief er:

»Jetzt! Aber schnell!«

Beide griffen nach den Gewehren der Indianer, rafften sie weg, sprangen um einige Schritte zurück und legten die Büchsen auf die Rothen an. Diese Letzteren blieben sonderbarer Weise ganz gemüthlich sitzen und thaten, als ob nichts geschehen sei.

»So, Ihr Hunde, jetzt habe ich Euch!« rief Sam drohend.

»Und wir Dich!« antwortete der eine der Häuptlinge in ruhigem Tone.

»Wir dürfen nur losdrücken, so seid Ihr weg!«

»Und Ihr auch.«

»Wieso?«

»Glaubt Ihr, daß zwei Häuptlinge sich allein befinden? Hinter uns, in jenem Gesträuch, stecken die anderen rothen Krieger. Ich brauche nur die Hand zu erheben, so werfen ihre Kugeln Euch nieder.«

»Verdammt!« meinte Sam, besorgt nach dem betreffenden Gesträuch hinüber schielend.

»Legt also die Gewehre ab!« befahl der Wilde.

Sam ließ allerdings das Gewehr sinken, sagte aber:

»Meint Ihr, daß ich mich fürchte?«

»Ja.«

»Da irrt Ihr Euch gewaltig. Ich will Euch zeigen, daß ich selbst einen ganzen Haufen rother Krieger nicht fürchte. Ich bin Sam Barth, den Ihr sucht.«

»Wir wissen es.«

»Was? Ihr wißt es?«

»Ja. Du bist Sam Barch, der dicke Sam. Aber Du bist nicht nur das, sondern noch Etwas dazu.«

»Was denn?«

»Ein großer Esel.«

»Donnerwetter!«

»Ja, ein großer Esel. Du hast weder Augen, noch Ohren; Du bist blind und taub. Außerdem hast Du uns sehr falsch beurtheilt. Meinst Du, daß die rothen Männer die Sprachen der Bleichgesichter nicht verstehen? Wir haben gehört, was Du mit Deinem Gefährten gesprochen hast.«

Er machte ein ganz verblüfftes Gesicht und antwortete:

»Das war ja deutsch!«

»Ja. Wir wissen so viel von dieser Sprache, daß wir gar wohl verstanden, was Du mit ihm sprachst. Du beriethest mit ihm, uns die Gewehre wegzunehmen.«

»Verflucht! Indianerhäuptlinge, welche deutsch verstehen! Das ist mir auch noch nicht vorgekommen!«

»Es wird Dir noch mehr vorkommen. Hast Du denn unsere Stimmen noch nicht gehört?«

»Nein.«

»Und uns noch nicht gesehen?«

»Nie.«

»Du bist wirklich ein gewaltiger Esel. Du hättest uns doch an unseren Büchsen erkennen sollen!«

Jetzt hatte der Sprecher auf einmal eine ganz andere Stimme, eine Stimme, welche dem guten Sam allerdings sehr bekannt vorkam.

»Alle guten Geister!« rief dieser. »Was soll ich denn da denken! Das ist am Ende gar eine Maskerade!«

»Aber eine außerordentlich gelungene.«

»Da schlage doch der Teufel drein!«

»Wenn man vom allerbesten Freunde nicht erkannt wird, so muß die Verkleidung ausgezeichnet sein!«

»Also wirklich, wirklich! Ihr seid es selbst, Ihr gottvergessenen Rackers! Wer hätte das gedacht!«

Und sich zu dem Förster wendend, erklärte er:

»Denken Sie sich, das sind gar keine Indianer!«

»Was Sie sagen!«

»Ja. Es sind Jim und Tim, meine Freunde, die ich hier treffen wollte. Nein, nein, so Etwas habe ich freilich noch nicht erlebt!«

»Uns nicht zu erkennen!« lachte Jim.

Er war aufgestanden und dehnte seine langen Glieder.

»Na, eigentlich ist das nicht zu verwundern,« vertheidigte sich Sam. »Diese Anzüge, der Schopf mit den Adlerfedern, die dicke Farbe im Gesicht und – und, ja, das ist die Hauptsache, Tim hat ja eine Nase!«

»Ja, die habe ich,« lachte der Andere vergnügt.«

»Angeklebt!«

»O nein.«

»Was denn sonst! Gewachsen wird sie Dir doch wohl nicht sein!«

»Warum denn nicht?«

»Nun, ich habe noch niemals gehört, daß den Prairiejägern die abgeschnittenen Nasen wieder nachwachsen, wie den Krebsen die Schwänze.«

»Und doch ist diese Nase gewachsen.«

»Unsinn!«

»Ja, ja. Es ist wirklich unglaublich, aber es ist wahr. Als wir von Dir gegangen waren, kamen wir nach Fort Jackson. Dort gab es einen Doctor, einen jungen, aber sehr gescheidten Kerl. Als er sah, daß mir die Nase fehlte, mußte ich ihm sagen, wie ich um sie gekommen sei. Er bat mich förmlich um die Erlaubniß, mir eine neue machen zu dürfen. Ich ging darauf ein, denn eine Nase aus zweiter Ehe ist doch immer noch bester wie gar keine. Nicht?«

»Freilich. Wo aber hat er sie hergenommen?«

»Das weiß der Teufel. Er hat mir ein Weniges im Gesicht herumgeschnitten, Pflaster darauf, einen Verband darüber; in zwei Wochen war es heil und ich hatte eine Nase. Ich glaube, er hat mir das Fleisch dazu von der Wange herübergeholt. Na, woher er es hat, das ist mir sehr gleichgiltig, wenn ich nur die Nase habe. Sie sieht zwar nicht ganz elastisch aus, aber es ist doch immerhin ein Riecher. Die Stimme klingt besser als vorher und es ist nun endlich auch das verteufelte Zeichen fort, an welchem man mich stets sofort erkannte. »Er hat keine Nase!« das klingt verflucht miserabel für Denjenigen, welcher sie eben nicht hat.«

»Sonderbar und wunderbar! Wie aber kommt Ihr zu dieser Verkleidung?«

»Verkleidung? Pshaw! Es ist unsere gegenwärtige Kleidung, also keine Verkleidung. Wir kamen in sehr freundschaftlicher Weise mit einem Pawneehäuptling zusammen. Das heißt, die Sioux hatten ihn gefangen genommen und wollten ihn an den Marterpfahl binden. Wir befreiten ihn und brachten ihn glücklich nach seinem Wigwam. Seine Dankbarkeit war grenzenlos. Wir wurden aufgenommen wie die Brautjungfern und bekamen diese beiden indianischen Anzüge geschenkt, nebst den vier Pferden, welche Du hier erblickst.«

»Sehr gut! Die Pferde können wir sehr gut verwenden. Es giebt da vorn drei Personen, welche keine Reitthiere haben.«

»Wer ist das?«

»Davon nachher. Wollt Ihr denn in diesem Anzüge stecken bleiben?«

»Natürlich. Unsere alten Anzüge haben wir diesen guten Pawnee's geschenkt. Sie waren unendlich glücklich über den Reiterhelm und den Soldatenmantel.«

»Aber es ist gefährlich, als Indsmen zu gehen.«

»Zuweilen, zuweilen aber auch nicht. Wir werden also bald Rothhäute sein und bald Bleichgesichter, ganz wie es die Gelegenheit fordert. Aber ein verfluchter Kerl bist Du doch! Wären wir wirklich Indsmen gewesen, ohne deutsch zu verstehen, so hättest Du uns übertölpelt.«

»Sicher, obgleich es mir höchst fatal war, zu hören, daß dort in dem Gesträuch noch andere Rothe seien. Aber ich hatte Euch in meiner Gewalt und brauchte sie also nicht zu fürchten. Uebrigens fällt es mir jetzt bei, daß es gerade jetzt wohl von Vortheil ist, wenn Ihr als Indianer geht. Wir haben nämlich einen kleinen Coup vor, zu welchem diese Maskerade ganz und gar geeignet ist.«

»Was für einen Streich?«

Setzen wir uns wieder. Ich will es Euch erzählen.«

Aus der vorher so feindselig erscheinenden wurde nun eine sehr friedlich ausschauende Scene. Sam erzählte den beiden Gefährten die Erlebnisse des Försters Rothe.

Es war das hier wieder einmal ein Beispiel von dem Scharfsinne und der Umsicht, mit welcher die Leute, welche sich im milden Westen bewegen, zu verfahren pflegen. Sam hatte ganz einfach irgend einen Punkt der Prairie bestimmt, an welchem er mit Jim und Tim zusammentreffen wollte, und sie hatten sich nun da auch wirklich gefunden, ohne Weg und Steg, ohne Compaß und Uhr. Es giebt tausende von Beispielen, welche die Verwunderung eines Jeden erregen, der gewohnt ist, nur mit den Hilfsmitteln der Wissenschaft zu verfahren.

»Was sagt Ihr dazu?« fragte der Dicke, als er mit seinem Berichte zu Ende war.

»Was sollen wir sagen,« antwortete Jim. »Es giebt nur Eins, was wir sagen können: Wir reiten diesen Schurken nach und nehmen ihnen ihren Raub wieder ab. Das versteht sich doch ganz von selbst.«

»Ich habe es mir doch gleich gedacht, daß Ihr mit darauf eingehen würdet.«

»Na, wir wären schöne Kerls, wenn wir diesen guten Mann in der Tinte sitzen ließen. Ich denke nur, die Spitzbuben werden noch Etwas mehr hergeben müssen, als sie gestohlen haben.«

»Das denke ich auch; aber wir müssen es eben ein klein Wenig gescheidt anfangen.«

»Natürlich,« meinte Tim.

»Na, gehe Du mit Deinem Natürlich! Wenn wir es so anfangen, wie Du damals dort in Wilkinsfield, als Du jenen Walker erwischen wolltest und ihn vor der Nase hattest, und dann –«

»Halte das Maul! Das war damals, das ist längst vorbei, und das wird eben nicht wieder vorkommen.«

»Ich hoffe es. Ihr habt von Sam Barth unterdessen so viel gelernt, daß solche Dummheiten nun wohl nicht mehr denkbar sind.«

»Wie meinst Du denn, daß wir es anfangen, den Kerls ihren Raub wieder abzujagen.«

»Das kann ich doch jetzt noch nicht wissen. Wir müssen warten, wie und wo wir auf sie treffen. Nur so viel denke ich mir, daß ihnen der Muth in die Hosen fahren wird, wenn sie Euch erblicken. Sie werden Euch für Indianer halten und verteufelten Respect bekommen, mehr Respect, als ich vor Euch habe, hoffe ich. Jetzt aber wollen wir die Zeit nicht unnütz verplaudern, sondern aufbrechen, damit wir Die bald finden, welche wir suchen.«

Es wurde aufgestiegen. Sam befand sich in einem Zustande gelinder Aufregung. Er ließ sein Pferd ausgreifen und die Anderen folgten natürlich mit derselben Schnelligkeit.

Schon war die Sonne im Westen niedergesunken. Die Reiter kamen in offene Prairie, wo es in einem beträchtlichen Umkreise keine Büsche gab, und da erblickte man denn drei einzelne Punkte, welche sich in gerader Linie von Osten her bewegten.

»Das sind sie,« sagte Rothe. »Sie laufen ziemlich schnell, um noch vor der Dunkelheit wieder mit mir zusammen zu treffen.«

»Reiten Sie ihnen entgegen,« sagte Sam. »Sie könnten erschrecken, wenn sie uns Fremde von Weitem erblicken. Wir werden hier auf sie warten.«

Das geschah. Rothe erreichte in kaum zwei Minuten die Seinigen und theilte ihnen mit, welche Hilfe er für sie gefunden habe. Sie waren ermüdet, die gute Nachricht aber ließ ihnen alle Erschöpfung vergessen.

Als sie dann mit den drei Anderen zusammenkamen und sich bei ihnen bedankten, mußte der gute Sam sich Mühe geben, seine Thränen zu unterdrücken.

Auguste war nicht ganz vierzig Jahre alt, man hätte sie für dreißig halten können. Ihre runden, vollen Formen ließen sie jünger erscheinen als sie war. Zwar waren ihr die Sorgen des Augenblickes anzusehen, aber das Zusammentreffen mit den drei Jägern hatte ein hoffnungsvolles Lächeln auf ihrem Gesichte hervorgerufen. Sie hatte sich gegen früher fast gar nicht verändert. Sam erkannte sie sofort als die einstige Geliebte wieder.

Er nahm zunächst ein eingeschlagenes Stück Wildpret vom Sattel seines Saumpferdes und sagte:

»Unsere Freunde werden Hunger haben. Halten wir hier eine kleine Rast. Ich habe da ein gutes Stück Hirschrücken, welches ich mir heute früh am Feuer gebraten habe. Das muß alle werden. Morgen früh schieße ich einen anderen Braten.«

»Ist nicht nöthig,« meinte Jim. »Wir Zwei haben uns auch mit Proviant versehen. Für einen Tag oder auch für zwei reicht es aus. Also essen wir! Dabei können wir uns fragen, was wir von jetzt an thun wollen. Ich möchte den Kerls, die wir suchen, gern so bald wie möglich auf das Fell gerathen.«

Sie setzten sich in das großflockige, duftende Büffelgras und begannen zu essen.

Sam verwendete keinen Blick von der Lehrerswittwe, ließ es sich aber nicht merken. Es war ihm so eigenthümlich um das Herz. Fast glaubte er, sie jetzt noch zehnmal lieber zu haben als früher.

Er überlegte, wie es anzufangen sei, den beiden Frauen, welche ja nicht an die Anstrengungen und Entbehrungen der Prairie gewöhnt waren, dieselben zu ersparen, das war aber schwer.

»Es wird am Besten sein,« sagte er, »wir suchen uns für die beiden Damen ein Versteck, wo sie bleiben können, bis wir von unserem Rachezuge zurückkehren. Meinst Du nicht, Jim?«

»Hm!« brummte der Genannte, ein unzerkautes Stück Knorpel mühsam hinunterschluckend. »Wollen einmal rechnen. Vor vier Tagen ist es geschehen. Wie viele Meilen kann man mit Ochsenwagen in einem Tage zurücklegen?«

»Höchstens acht.«

»Also zweiunddreißig Meilen. Die reiten wir nöthigenfalls in einem Tage. Englische Meilen sind eben kürzer und kleiner als andere. Heute ist keine Spur mehr aufzufinden. Es ist zu dunkel dazu. Aber wir wollen noch am Abend dahin, wo der Diebstahl stattgefunden hat. Da lagern wir, um die Pferde auszuruhen. Bei Tagesanbruch finden wir hoffentlich die Fährte, und wenn wir ihr sofort und schnell folgen, können wir die Schufte noch am Abende erreichen. Meinst Du nicht, Sam?«

»Ich bin ganz derselben Ansicht.«

»Aber die Ladies, die Ladies! Wo thun wir sie hin? Das ist die Frage.«

»Einen solchen Ritt, wie der morgende einer sein wird, können sie nicht mit machen, das ist gewiß. Für heute aber können wir ihnen nicht erlassen, mit zu Pferde zu steigen und wieder umzukehren. Heute müssen sie mitreiten, so gut es eben gehen will.«

»Was das betrifft,« meinte der Förster, »so werden sie uns keine sehr große Mühe machen. Sie sind zwar ganz und gar keine Reiterinnen, aber während der langsamen und langweiligen Wagenfahrt haben sie sich, um eine Abwechselung zu haben, zuweilen in den Sattel gesetzt. Ich bin darum überzeugt, daß sie wenigstens nicht herabfallen werden.«

Der Sohn des Försters hatte jenes Packet Decken getragen, welches für sie so verhängnißvoll geworden war. Diese Decken konnten jetzt sehr gut gebraucht werden. Sie wurden auf die Sattel gelegt, so daß die beiden Frauen einen leichten Sitz hatten. Dann begann man den Ritt fortzusetzen.

Der Weg war nicht gar sehr weit, da der Förster mit seinem einzigen Pferde für vier Personen keine großen Strecken zurückgelegt hatte. Sam hielt sich, als ob sich das ganz von selbst verstehe, an der Seite der einstigen Geliebten, deren Pferd er am Zügel führte. Er gab sich alle Mühe, ihr die Anstrengungen des Rittes zu ersparen. Sie bemerkte es und war ihm dankbar dafür. Natürlich aber kam es ihr nicht in den Sinn, in dem Manne, welcher da in dem häßlichen Bärenfelle steckte, Denjenigen zu vermuthen, welcher einst ihr Anbeter gewesen war.

Noch lange vor Mitternacht wurde der Platz erreicht. Das Lager war bald hergestellt, doch gab man sich Mühe, das Verwischen der morgen aufzufindenden Spuren zu vermeiden.

Ein Ueberfall war nicht zu erwarten. Feindliche Jäger oder Indianer vermuthete man nicht in der Nähe, und so wurde ein Feuer angebrannt, bei welchem die Beraubten nochmals ausführlich erzählten, was sie hier an dieser Stelle erlebt hatten.

»Also auch Sie sind gebunden worden?« fragte Sam die Wittwe.

»Ja,« antwortete sie. »Es war schrecklich. Ich hatte Angst, daß sie uns umbringen würden.«

»Na, sie mögen ausessen, was sie eingebrockt haben. Ich werde diese Kerls bei der Parabel nehmen, daß ihnen Hören und Sehen vergehen soll.«

Es wurde abermals gegessen, jetzt von Jim's und Tim's Vorräthen. Sam schnitt für Auguste das Beste ab und legte es ihr vor, als ob er ein Kind zu bedienen habe. Sie beobachtete ihn dabei. Wenn er ihren warmen Blick auf sich ruhen sah, wurde es ihm noch viel wärmer um das Herz. Er bekam schließlich Sorge, sich zu verrathen, und stand vom Feuer auf, um die Umgebung einmal abzulaufen, wie er sagte, um zu sehen, ob man sich auch wirklich in Sicherheit befinde.

Als er nachher zurückkehrte, wurden die Wachen ausgeloost. Er erhielt die erste Wache. Es wurde noch einmal nach den Pferden gesehen, dann legten sich Alle nieder, um den Schlaf zu suchen.

Alle? Nein. Sam stand in einer Entfernung, daß er von dem Scheine des Feuers nicht getroffen werden konnte, und lauschte vorsorglich in die Nacht hinaus, damit ihm ja kein verdächtiges Geräusch entgehen möge. Und dort, am Feuer, saß Auguste. Sie hatte sich nicht niedergelegt. Sie legte nach und nach Zweig um Zweig in die Flamme, damit sie nicht ausgehen möge, und gab den eigenartigen Gefühlen und Gedanken Audienz, welche jetzt auf sie eindrangen.

Der kleine dicke Gefährte hatte einen außerordentlich wohlthuenden Eindruck auf sie gemacht. Sein Blick war so treu und sein Gesicht so voller Aufrichtigkeit. Alles, was er gesagt hatte, hatte so gut geklungen. Sie dachte an das, was morgen unternommen werden solle. Jedenfalls gab es Gefahren dabei. Waren diese groß? Sie hätte es so gern gewußt. Sie wollte lieber auf ihr geraubtes Geld verzichten, als zugeben, daß deshalb ein Menschenleben verloren gehe. Sie stand auf. Sie wollte mit Sam sprechen. Sie entfernte sich vom Feuer und versuchte dann, mit ihrem Blicke die Dunkelheit zu durchdringen, um zu sehen, wo er stehe.

Er hatte sie gesehen. Er kam näher.

»Sie schlafen nicht, Miß Rothe?« fragte er.

Das klang so eigenthümlich. Er, der Deutsche, gab ihr diesen amerikanischen Titel, den Titel einer unverheiratheten Dame. Es war ihm so in den Mund gekommen. Er hatte sie als Mädchen gekannt und wollte sie sich nicht als die Frau eines Anderen denken. Das eigentlich richtige Wort Mistreß war ihm gar nicht in den Sinn gekommen.

»Noch nicht,« antwortete sie.

»Und doch haben Sie es so nöthig. Erst das anstrengende Laufen und dann der rasche Ritt. Sie sollten wirklich die Ruhe suchen. Man weiß nicht, wie Sie sich morgen wohl werden anzustrengen haben.«

»O, die Anstrengung achte ich nicht. Aber es wird morgen Gefahren geben. Das ist schlimmer.«

»Gefahren? Wieso?«

»Sie werden vielleicht mit den Räubern zu kämpfen haben.«

»Wahrscheinlich.«

»Nun, das ist doch gefährlich!«

»O, gar nicht!«

»Nicht? Jeder Kampf bringt Gefahr!«

»Nein, nicht jeder. Der Kampf zum Beispiel, welchen wir morgen wahrscheinlich haben werden, ist eigentlich gar keiner zu nennen. Wir folgen den Kerls; holen wir sie ein, so schleichen wir vorsichtig nahe, so daß sie uns gar nicht bemerken. Dann schießen wir sie einfach nieder und haben Alles was sie bei sich führen.«

»Mein Gott! Sie werden Alle niederschießen?«

»Alle, das versteht sich.«

»Aus dem Hinterhalte?«

»Natürlich.«

»Das ist doch gräßlich!«

»O, meinen Sie etwa, daß wir zu diesen Hallunken vielleicht in ritterlicher Weise sagen sollen: Hört einmal, wir kommen, um Euch zu erschießen. Da sind wir. Nun seid gescheidt und vertheidigt Euch!«

»Nein, das meine ich nicht, sondern es ist mir schrecklich, daß diese Leute getödtet werden sollen.«

»Sie haben es nicht anders verdient!«

»Aber ein Menschenleben ist doch ein kostbares Gut.«

»Ja, das ist es zuweilen. Aber wenn Einer sein Leben nur benutzt, um Schandthaten zu vollbringen, so muß man es ihm nehmen. Sehe ich irgendwo ein giftiges Kraut wachsen, so reiße ich es aus und denke nicht daran, daß es auch geschaffen worden ist. Und dieses Kraut kann nicht dafür, daß es giftig ist; der Mensch aber ist selbst schuld, daß er schlecht und gottlos ist.«

»Und dennoch sollen wir barmherzig sein!«

»Hm! Ja! Hm! Barmherzig!«

Er wußte nicht, was er ihr antworten solle.

»Können Sie denn das Geraubte nicht vielleicht ohne Blutvergießen wieder bekommen?«

»Ohne Blutvergießen? Hm! Ohne Kampf?«

»Ja.«

»Hm! Diese Kerls werden es nur nicht freiwillig wieder hergeben wollen.«

»So gebrauchen Sie doch lieber List als Gewalt.«

*

42

»List? So, so! Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Mylady: Man nennt mich den dicken Sam, und der dicke Sam ist als ein listiger Kerl bekannt.«

»Ja, ich habe Sie betrachtet, und –«

»So?« fragte er erfreut. »Betrachtet haben Sie mich?«

»Ja, sehr genau.«

»Und wie bin ich Ihnen denn da vorgekommen?«

»Sie haben so viel Aufrichtiges und Treuherziges an sich, daß man gleich Vertrauen zu Ihnen fassen muß. Dabei haben Sie aber in Ihrem Gesicht etwas so Schlaues und Pfiffiges, daß –«

»Wie? Schlau und pfiffig bin ich Ihnen vorgekommen?«

»Ja.«

»Nun, da haben Sie sich sehr verändert.«

»Wieso?«

»Ich dachte, Sie hätten mich für dumm gehalten.«

Es fielen ihm nämlich die Worte ein, welche der Förster gesagt hatte.

»Ich Sie für dumm gehalten? Wer hat das gesagt?«

»Das hat Ihre Schwe– ah, ich dachte nur so!«

»Da haben Sie sich geirrt. Also Sie haben etwas so Pfiffiges an sich, und da denke ich, daß Sie vielleicht Mittel und Wege finden werden, den Dieben ihre Beute auch ohne Gewalt abzujagen.«

»Da giebt es nur ein Mittel und einen Weg: Man müßte ihnen das Gestohlene wieder mausen.«

»Ja, ungefähr so!«

»Aber das ist doch eigentlich eine Dummheit. Was man mir gestohlen hat, kann ich offen wieder fordern.«

»Da giebt es aber Kampf.«

»Das schadet ja gar nichts. Wenn ich mich als Dieb an diese Kerls schleiche, muß ich gewärtig sein, erwischt zu werden, und dann capponiren Sie mich.«

»O wehe! Das wäre schlimm!«

»Pah! Ein Mensch weniger, das schadet nichts!«

»Nein, so dürfen Sie nicht sprechen. Meinetwegen soll Ihnen kein Leid geschehen.«

»O, Ihretwegen ist mir schon früher – verdammt! Da stehe ich und plaudere Dummheiten wie ein Schulbube! Haben Sie an diesen Spitzbuben denn ein gar so großes Wohlgefallen gefunden, daß Sie jetzt solche Schonung für sie verlangen?«

»Im Gegentheile, Sie haben mir gar nicht gefallen. Besonders der Anführer hatte ein Gesicht, dem man unmöglich Vertrauen schenken konnte. Ich bin gar nicht vorurtheilsvoll. Kein Mensch kann für seine Gestalt, für sein Gesicht und für sein Haar, aber dieser Mann hatte rothes Haar, und da war es mir schwer, von diesem Burkers Gutes zu denken.«

»Burkers?« fragte Sam schnell. »So hieß er?«

»Ja.«

»Sapperment! Sollte es der rothe Burkers sein!«

»Er war es. Ich hörte einmal zwei seiner Gefährten von ihm sprechen. Sie glaubten sich unbelauscht und da nannten sie ihn den rothen Burkers.«

»Alle Teufel! Ist Der es! Na, Gnade Gott, wenn ich Den erwische! Der hat sein letztes Brod gegessen!«

»Das klingt ja bitterbös! Kennen Sie ihn?«

»Na und ob. Ich habe da vor einigen Jahren ein Rencontre mit ihm gehabt. Er ist ein Mörder, ein Räuber, ein Dieb und Spitzbube durch und durch. Er wollte damals eine Plantage überfallen. Ich habe ihn überlistet und er wurde mit seiner Bande gefangen genommen. Man schaffte die ganze Sippschaft nach van Buren, um ihr den Prozeß zu machen. Mehreren gelang es, frei gesprochen zu werden. Sie wurden entlassen und benutzten den ersten freien Tag dazu, die Anderen des Nachts aus dem Gefängnisse zu holen. Das gab damals ein Aufsehen weit und breit. Der Rothe fing natürlich sein Geschäft sofort wieder an. Man war aber bald hinter ihm her. Er war klug und machte sich davon, so daß man längere Zeit nichts von ihm hörte. Später wurde sein Name dann im Westen viel genannt. Wo irgend eine Teufelei begangen wurde, da war sicher er dabei. Jetzt nun höre ich, daß er es gewesen ist, der Euch beraubt hat. Nun, es soll ihm sehr wohl bekommen!«

»Ist er wirklich so schlimm?«

»Fragen Sie, ob ein Raubthier schlimm ist?«

»So werden Sie ihn nicht schonen?«

»Nein, ihn am Wenigsten.«

»Aber wenn ich Sie nun bitte!«

»Thun Sie das nicht! Ich könnte Ihnen diese Bitte nicht abschlagen, und das wäre geradezu eine Sünde.«

»Barmherzigkeit kann doch keine Sünde sein!«

»O doch! Wenn wir ihm nicht das Handwerk legen, treibt er es weiter, und dann fällt Alles, was er thut, auf mein Gewissen. Daß er gerade Sie bestohlen hat, das macht die Sache schlimmer.«

»Wieso?«

»Nun, Sie sind ja meine Landsmännin; da ist es gerade, als ob er es mir selbst gethan hätte.«

»Mein Schwager sagte mir freilich, daß Sie ein Deutscher, vielleicht gar ein Sachse seien.«

»Ich bin ein Sachse.«

»O bitte, wo sind Sie her?«

»Ich bin aus Rupp– aus Rodewisch.«

»Aus Rodewisch bei Auerbach?«

»Ja. Sie kennen doch dieses berühmte Rodewisch?«

»Ich kenne es, ob es aber so berühmt ist –«

»Freilich ist es berühmt, nämlich durch das alte, schöne Studentenlied, in welchem es auch heißt:

Die Voigtskarline von Rodewisch
Die handelt mit Spinat!«

»Dann sind Sie aus dem Voigtlande, gerade wie ich.«

»Das ist prächtig. Wo sind denn Sie her?«

»Aus Ruppertsgrün.«

»Das ist ein kleines, hübsches Nestchen.«

»Kennen Sie es?«

»Ja. Ich war früher in meinen jungen Jahren zweimal dort zu Tanze. Steht denn die alte Schänke noch?«

»Sie ist neu gebaut worden. Also dort waren Sie zu Tanze? Von Rodewisch aus etwa?«

»O nein. Ich bin nämlich eigentlich Fleischer. Ich stand in Herlasgrün als Geselle in Arbeit und hatte dort einen sehr guten Bekannten, der immer nach Ruppertsgrün zu Tanze ging. Er hat mich zweimal mitgenommen.«

»Das ist wunderbar! Und jetzt treffen wir uns hier im fernen Amerika. Also aus Herlasgrün! Hm! Wann ist das ungefähr gewesen?«

»Vor vielleicht zwanzig Jahren.«

»Herrgott! Was war denn Ihr Freund?«

»Knopfmacher. Ich konnte ihn sehr gut leiden, den alten guten Samuel.«

»Samuel? Samuel hieß er?« fragte sie rasch.

»Ja, Samuel.«

»Etwa Samuel Barth?«

»Ja, Barth's Samuel. Dort in Herlasgrün machte man die Sache kurz und sagte einfach Barthsamel.«

Da schlug sie die Hände zusammen und sagte:

»Das ist doch kaum zu glauben!«

»Was denn?«

»Hier in der Wildniß Jemand zu treffen, der ihn kennt.«

»Haben Sie ihn denn auch gekannt?«

»Sehr gut, sehr gut!«

»So, so! Nicht wahr, ein guter, aber auch ein recht dummer Kerl? Wie?«

»Ja, gut war er, seelensgut! Aber dumm? Nein. Ich habe ihn damals für dumm gehalten, heute aber sehe ich ein, daß er es nicht war. Er war aufrichtig und treuherzig, und das kann fast wie dumm aussehen.«

»Möglich. Ich habe ihn für dumm gehalten, zumal er mir nicht glaubte. Er hatte nämlich eine Geliebte, wegen der er nach Ruppertsgrün lief. Die hielt ihn nur für Narren und er sah das nicht ein.«

»Haben Sie sie gekannt?«

»Nein. Ich habe zwar im Saale gesehen, daß er mit ihr tanzte, aber weiter um sie gekümmert habe ich mich nicht. Der Racker war es nicht werth.«

»Racker? Warum?«

»Weil sie ihn doch nur an der Nase herumführte und ich hielt große Stücke auf ihn. Wir waren nämlich fast alle Abende beisammen und machten Musik mit einander, ich mit der Ziehharmonika und er mit der Guitarre. Ein Dritter schlug die Triangel dazu.«

»Ach ja! Er spielte Guitarre. Sein Leiblied war, glaube ich – hm, ich habe den Anfang vergessen, aber die letzten Zeilen kann ich noch.«

»Meinen Sie etwa:

Von Dir geschieden,
Bin ich bei Dir,
Und wo Du weilest,
Bist Du bei mir.
Von Dir zu lassen.
Vermag ich nicht.
Weil Du mein Alles,
Mein Lebenslicht!«

»Ja, ja, das war es, das! Es hatte eine so schöne, einfache, aber ergreifende Melodie. Der Schluß war:

Doch Du ziehst weiter
Und weiter fort,
Nie hör' ich wieder
Dein süßes Wort.
O sel'ge Tage,
O kurzes Glück,
Ruft keine Sehnsucht
Euch je zurück?«

»Wahrhaftig, Sie können es auswendig! Wer hat es Ihnen denn gelehrt?«

»Er. Ach ja, es ist wahr: Doch Du ziehst weiter und weiter fort! Er ist fortgezogen!«

»Von ihm haben Sie es? Haben Sie ihn denn gekannt?«

»Und wie! Ich war's ja!«

»Sie waren es? Was denn?«

»Seine Geliebte.«

»Was? Sie waren es? Sapperment! Auf Ihrem Schweinestall hat er gestanden?«

»Fast alle Abende!« seufzte sie.

»Ohne durchzubrechen?«

»Das Dach war fest.«

»Also Sie, Sie sind es gewesen! Und ich habe Sie vorhin einen Racker genannt!«

»Ich nehme es Ihnen nicht übel. Ich bin auch ein Racker gewesen. Ich habe ihn hinausgestoßen in die weite Welt. Ich war schuld, daß er ging.«

»Warum haben Sie denn das gethan?«

»Weil – weil ich ihn für ein Bischen albern hielt.«

»Schwerebrett!«

»Ja! Und das war er doch gar nicht. Er war nur aufrichtig. Er war mir so gut, daß er mir keine Lüge, keine Unwahrheit sagen konnte. Das habe ich für Dummheit gehalten.«

»So geht es! Die besten Menschen werden verkannt. Als er von mir Abschied nahm, sagte er noch, daß er Sie nie vergessen werde.«

»O Gott! Hat er das gesagt?«

»Ja. Er gab mir noch ein Herz, welches ich Ihnen bringen sollte, zum Andenken an ihn.«

»Der Liebe, der Gute! Aber von dem Herzen weiß ich gar nichts. Sie haben es mir ja nicht gebracht.«

»Leider nicht. Es war aus Pfefferkuchen. Vorn klebte ein rother Zettel, auf welchem in schöner Goldschrift der Reim stand:

Du bist so süß wie Pfefferkuchen,
Doch muß ich meiner Liebe fluchen.
Ein And'rer küßt Dich auf den Mund,
Das bringt mich vollends auf den Hund!«

Jetzt trat eine Gesprächspause ein. Er erwartete ein Wort; sie aber sagte nichts. Es war zu dunkel, als daß er ihr Gesicht hätte sehen können. Was dachte sie jetzt? Glaubte sie es, von diesem Herzen? Merkte sie es, daß er Jux machte? Die letzte Zeile des Pfefferküchlerreimes war wohl einem liebenden Herzen nicht ganz angemessen!

Und als sie immer noch schwieg, sagte er:

»Ich hätte es Ihnen gern gebracht, aber ich hatte selber eine Geliebte, die mir untreu geworden war, und so habe ich dieser das Herz gegeben. Es ist also doch an den richtigen Mann gekommen, das wird Sie trösten, Mylady!«

»Es gehörte aber mir!«

»Nun ja. Hat das Stück Pfefferkuchen denn so großen Werth für Sie?«

»Es war ja von ihm!«

»Ganz richtig, von ihm, und darum hat es einen solchen Werth. Es ist genau so, wie in dem Liede von den alten zerrissenen Hosen. Da sagt die Frau:

Geh mit Deinen alten Fetzen,
Die kein Mensch mehr flicken kann!

und er antwortet darauf:

Frau, die mußt Du liebreich schätzen,
Denn sie sind von Deinem Mann!«

Wieder trat eine Pause ein. Die Art und Weise, wie er sich in dieser Herzensangelegenheit ausdrückte, war ihr gar nicht sympathisch. Er fühlte das. Vielleicht war er mit Absicht so drastisch. Er wollte sie ein Wenig peinigen für Alles, was sie ihm früher angethan hatte. Aber es that ihm doch wehe, und so fuhr er fort:

»Haben Sie niemals wieder von ihm gehört?«

»Nie.«

»Er hat nicht einmal an Sie geschrieben?«

»Ich habe keinen Brief erhalten. Ich hätte mich sehr gefreut darüber.«

»O! Sie hatten ja einen Mann!«

»Mit dem ich aber nicht glücklich lebte. Ich möchte doch wissen, wo Barth jetzt steckt.«

»Das kann ich Ihnen sagen.«

»Sie? Mein Himmel! Wissen Sie es?«

»Ja, sehr genau. Er hat mir von Amerika aus geschrieben. Er wußte, daß ich auch herüber wollte. Ich bin also nachgemacht und mit ihm in Cincinnati zusammen getroffen. Dort haben wir mit einander gute Freundschaft gehalten, bis er starb.«

»Starb? Herr Jesus! So ist er todt?«

»Ja.«

»Seit wann?«

»Er hat nur zwei Jahre in Amerika gelebt.«

»Woran ist er gestorben?«

»Das hat selbst der Arzt nicht genau gewußt. Aber Samuel's letzte Worte waren:

Die Liebe ist das schlimmste Gift,
Das, ach, nur die Verliebten trifft!

daraus schließe ich, daß er an unglücklicher Liebe gestorben sein mag. Friede seiner Asche!«

»Herr, ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken soll!«

»Wieso, Mylady?«

»Ich habe solches Vertrauen zu Ihnen, und Sie drücken sich in einer Weise aus, daß es mir leid thut, mit Ihnen über diese Angelegenheit gesprochen zu haben.«

»Wirklich? Nun, ich will Sie nicht täuschen. Hier ist ein Felsstück, gerade wie eine Bank gelegen. Kommen Sie, Mylady! Setzen Sie sich! Ich will nicht länger scherzen und Ihnen die Wahrheit sagen.«

Er nahm sie bei der Hand und führte sie zu dem Steine. Sie setzte sich und bat dann:

»Aber bitte, die Wahrheit!«

»Gewiß!«

»Er ist nicht todt?«

»Nein.«

»Gott sei Dank! Er lebt!«

Das klang so froh, so glücklich, daß es ihm wirklich schwer wurde, in der beabsichtigten Weise fortzufahren. Aber er wollte sie auf die Probe stellen.

»Ja, er lebt, und zwar sehr glücklich.«

»Glücklich? Ich gönne es ihm. Wo ist er?«

»Eben in Cincinnati.«

»Was treibt er da?«

»Er war Knopfmacher und ist noch immer Knopfmacher, doch in amerikanischer Weise und in amerikanischem Maßstabe. Er hat eine große Fabrik und treibt das Geschäft mit seinem Schwiegervater in Compagnie.«

»Schwie –«

Sie brachte das Wort nicht heraus.

»Ja, in Compagnie,« wiederholte Sam.

»Er hat – hat einen Schwie– Schwiegervater?«

»Gewiß!«

»Er ist also ver–heirathet?«

»Und zwar sehr glücklich. Das älteste von seinen fünf Kindern, ein Mädchen von siebzehn Jahren, wird sich nächstens verheirathen.«

»Sieb–zehn – Jahren! Vergessen, vergessen!«

»Vergessen? Was meinen Sie?«

»Er hat – hat mich vergessen.«

»O nein. Er spricht oft von Ihnen.«

»Seine Tochter ist siebzehn Jahre alt. Er hat also bereits nach drei Jahren geheirathet! So schnell, so schnell hat er mich vergessen!«

Sie legte die Hände zusammen und ließ den Kopf tief auf die Brust hernieder sinken.«

»Sie klagen ihn an, Mylady! Haben Sie ein Recht dazu, ein gutes Recht?«

»Ich glaubte, daß er mich geliebt habe!«

»Das hat er, ja, gewiß, das hat er! Aber Sie haben ihn von sich gestoßen, Sie habe ihn fortgewiesen, fort in die weite Welt. Sie haben sich einen Mann genommen, und nun verlangen Sie, daß Barth Ihnen treu bleiben soll für das ganze Leben! Bedenken Sie sich!«

»Ach ja, Sie haben wohl Recht. Aber der Mensch ist so egoistisch. Ich habe ihn stets lieb gehabt, stets, stets. Es ist mir unmöglich gewesen zu denken, daß er verheirathet sei. Ich bin, wie ich aufrichtig gestehen will, herübergekommen in der unausgesprochenen Hoffnung, daß ich ihn vielleicht wiedersehen werde. Und nun erfahre ich, daß er für mich verloren ist!«

»Sie sind bös darüber, daß er sich verheirathet hat?«

»Nein, nicht bös. Aber ich bin nun um die größte Hoffnung ärmer.«

»Sie werden sich trösten. Der Gedanke, daß er glücklich ist, muß Ihnen die Enttäuschung tragen helfen. Wie wäre es, wenn er unglücklich wäre, arm, elend, in Lumpen gehüllt!«

»Das wollte ich, ja, das wollte ich! Ich würde ihm Alles geben, was ich habe. Alles!«

»Was haben Sie denn?«

»Mein Gott! Ja, Sie haben Recht. Ich habe ja selbst nichts, gar nichts mehr. Ich bin selbst eine Bettlerin. Ich weiß nicht, was ich thun soll und wovon ich später leben werde, wenn Sie mir nicht das Verlorene retten.«

Er sagte jetzt nichts, aber er hörte, daß sie still vor sich hinweinte. Erst nach einer Weile meinte er:

»Trösten Sie sich, Mylady! Es ist immer besser so, als daß er todt ist. Noch schlimmer aber wäre es, wenn Sie sich in Ihrer Liebe getäuscht hätten.«

»Wieso getäuscht?«

»Ich setze den Fall, er wäre noch frei und ledig. Sie fänden ihn, aber er hätte sich äußerlich und innerlich so verändert, daß Sie ihm nicht mehr gut sein könnten, daß er Ihnen vielmehr widerwärtig wäre!«

»Das kann nie der Fall sein!«

»O bitte, sagen Sie das nicht so kategorisch! Das Leben geht hier mit den Menschen um Vieles rauher um, als drüben im Vaterlande. Tausende gehen da äußerlich verloren und Tausende innerlich. Wäre er ein Lump geworden, so würden Sie ihn –«

»Ich würde mich seiner annehmen,« fiel sie ein. »Vielleicht gelänge es mir, einen Mann aus ihm zu machen.«

»Hm! Wie stellen Sie sich diesen Samuel Barth jetzt eigentlich vor? Vielleicht entspräche seine Person gar nicht einmal den Erwartungen, welche Sie hegen.«

»Er mag aussehen, wie er will.«

»Aber sagen Sie dennoch, wie Sie ihn sich vorstellen!«

»Nun, er war nicht groß, ungefähr in Ihrer Statur; nur so außerordentlich –«

»Bitte, sprechen Sie immer weiter!«

»So außerordentlich dick würde er nie sein.«

»Da irren Sie sich. Er ist gerade so dick wie ich.«

»Wirklich?«

»Ja. In dieser Beziehung gleichen wir einander auf das Haar. Ein solcher Körperumfang ist keineswegs eine Schönheit, wie Sie wohl zugeben werden. Und stellen Sie sich einmal vor, er wohnte nicht in einem civilisirten Orte dieses Landes, sondern er streifte, so wie ich, heimathlos im wilden Westen herum. Ein solches Leben ist von schlimmem Einfluß auf den Menschen. Der Mann wird roh, grausam und rücksichtslos.«

»Samuel würde das nie werden. Er hatte ein so tiefes, gutes Gemüth, und dieses würde sich selbst bei einem solchen Leben erhalten.«

»Gott segne Sie für dieses Wort! Wenn Barth es hörte, würde er sich sehr freuen. Uebrigens glaube ich, daß er ein Andenken von Ihnen hat.«

»Ach ja, aber es ist gar nichts werth. Einst zur Kirmse kam ein Händler auf den Tanzsaal. Er bot Allerlei feil. Samuel kaufte mir eine silberne Haarnadel. Der Gute! Er war arm und gab sein einziges Geld dafür aus. Ich kaufte ihm einen silbernen Ring, über den er große Freude zeigte. Ob er denselben wohl noch hat?«

»Er hat ihn noch, nur ist nicht viel davon zu sehen. Der dicke Kerl ist so fett geworden, daß das Fleisch des Fingers über dem Ringe fast zusammengewachsen ist. Die Nadel aber haben Sie gewiß weggeworfen?«

»O nein. Ich hatte sie mir aufgehoben. Später suchte ich sie wieder vor. Seitdem habe ich sie stets getragen. Ich habe sie auch jetzt noch im Haar.«

»Sapperment! Hat denn das Silber so lange Zeit gehalten?«

»Nicht ganz. Ich habe mir die Nadel einige Male wieder versilbern lassen. Aber, mir kommt es vor, als hätten Sie mir noch immer nicht das Richtige gesagt. Ich bitte Sie dringend, mir die volle Wahrheit mitzutheilen.«

»Na, wenn Sie so dringend bitten, muß ich wohl gehorchen.«

»Also er lebt wirklich noch?«

»Ja, wirklich.«

»Wo?«

»In der Prairie. Er ist Waldläufer geworden. Er hat Sie nicht vergessen können und nirgends Ruhe gefunden. Darum hat es ihm nirgends gefallen.«

»Der Gute! Ich kann mir ihn aber gar nicht als halbwilden Prairiejäger vorstellen. Er war so sanft, er konnte kein Wässerlein trüben.«

»O, jetzt ist er im Stande, einen ganzen Strom trübe zu machen, wenn er mit seiner dicken Gestalt hineinplanscht. Uebrigens bricht Noth Eisen. Wer nach dem wilden Westen kommt, der wird entweder bald ein tüchtiger Kerl oder er geht unter. Mir hat es ja auch Niemand an der Wiege gesungen, daß ich mich einst mit Indianern herumschlagen würde.«

»Nun, bei Ihnen ist das doch wohl etwas Anderes. Ihr früheres Handwerk war ja schon ein weit derberes als das seinige. Es ist ein Unterschied zwischen einem Fleischer und einem Knopfmacher, mein lieber Herr – Herr – da fällt mir ein, daß ich Ihren Namen noch gar nicht weiß.«

»Ich heiße Sam, und nach meiner schönen Gestalt nennt man mich allüberall den dicken Sam.«

»Sam! Ist das der Familienname?«

»Nein, sondern Vorname.«

»Ein sonderbarer Name. Ich habe ihn noch nie gehört.«

»Vielleicht doch. Sam ist Abkürzung. Der Amerikaner macht sich möglichst Alles leicht. Er spricht lange Worte nicht gern aus, sondern er hackt ein Stückchen oder einige Stückchen davon ab. Er sagt Pa und Ma anstatt Papa, Mo statt Salomo. So giebt es eine Menge einsilbige Namen, mit denen man fast nicht weiß, wohin: Bill, Will, Rob, Bob und andere. So ist es auch mit Sam.«

»Was heißt dies eigentlich?«

»Es ist die erste Silbe von Samuel.«

»Wie? So heißen auch Sie Samuel?«

»Ja.«

»Ein sonderbares Zusammentreffen, Sie sind sein Freund und haben auch ganz denselben Vornamen. Aber wie ist Ihr Familienname?«

»Vollständig heiße ich Sam Barth.«

»Barth? Höre ich recht?«

»Jedenfalls. Gefällt Ihnen der Name nicht?«

»O, sehr, sehr! Aber es ist doch ganz der seinige!«

»Freilich!«

»Und Sie sind aus – aus Rodewisch!«

»Na, ich will Ihnen offen gestehen, daß ich da ein klein Wenig geflunkert habe. Eigentlich bin ich wo ganz anders her, nämlich aus Herlasgrün. Und eigentlich bin ich auch nicht Fleischer gewesen, sondern vielmehr Knopfmacher. Und eigentlich ist –«

»Herrgott!« unterbrach sie ihn. »Bitte, zeigen Sie einmal her! Schnell, schnell!«

Sie ergriff seine Hände und tastete prüfend an den Fingern hin. Es war ja zu dunkel, um Etwas sehen zu können. Da fühlte sie an dem Goldfinger der linken Hand etwas Rundes, Hartes, worüber sich das Fleisch gelegt hatte.

»Mein Heiland! Dies ist der Ring!«

»Ja, das ist er, der silberne!«

»Du bist's! Du bist's! Ist das möglich!«

Sie war von ihrem Sitze aufgesprungen. Sie stand vor ihm und hielt seine Hand gefaßt. Er fühlte, wie die ihrige zitterte.

»Ja, Gustel, ich bin's,« sagte er tief gerührt und gar nicht in dem selbstironisirenden Tone, in welchem er bisher gesprochen hatte.

»Und ich habe Dich nicht erkannt!«

»Ich Dich sofort. Aber das ist ja auch kein Wunder, da ich mich so gewaltig verändert habe.«

»So ist mir mein Wunsch erfüllt und meine Ahnung hat mich nicht getäuscht. Als der Schwager von Amerika redete, dachte ich an Dich. Ich hatte keine Ahnung von der Größe des Landes. Und wenn auch, es war mir doch, ais ob ich Dich ganz bestimmt treffen und wiedersehen werde. Meine Sehnsucht –«

Sie hielt inne. Wäre es nicht dunkel gewesen, so hätte er gesehen, wie tief roth sie wurde.

»Rede weiter, Gustel! Deine Sehnsucht –«

»Ah, geh! Davon kann ich doch nicht sprechen.«

»Warum nicht? Als Du mich für einen Fremden hieltest, hast Du Dich nicht geschämt, sondern mir Alles gesagt. Jetzt, da Du weißt, wer ich bin, willst Du schweigen. Fürchtest Du Dich vor mir?«

»Ich möchte wohl!«

»Das darfst Du nicht!«

»Aber ich muß doch, da ich so schlecht an Dir gehandelt habe.«

»Nun, was das betrifft, so ist es am Allerbesten, wir denken nicht mehr daran.«

»Ja, wenn Du mir vergeben könntest.«

»Das ist schon längst geschehen. Himmelelement! Ich könnte vor Freude droben dem Monde, der sich aber heute gar nicht sehen läßt, eine Maulschelle geben, daß er sich selbst für einen Eierkuchen halten sollte! Niemals habe ich daran gedacht, daß ich Dich wiedersehen könne, und nun treffe ich mit Dir in dieser alten Prairie zusammen. Wie albern sind doch die Leute, welche meinen, daß es keinen Gott gebe! Nur der liebe Gott ist es, der Dich auf den Gedanken gebracht hat, herüber nach Amerika zu gehen. Oder meinst Du nicht?«

»Ja, es war wie eine Eingebung.«

»Und nun stehst Du da, hier vor mir! Höre, Gustel, es ist mir ganz so, als ob ich erst gestern in Ruppertsgrün gewesen wäre und da – weißt Du den Weg, den ich immer nahm?«

»Sehr genau.«

»Ueber den Zaun hinweg.«

»Ja, durch den Garten in den Hof.«

»An der Mauer lehnte der Sägebock, den stellte ich an den Schweinestall. Erst auf den Bock, dann auf den Stall und dann – hm!«

»An das Fenster.«

»Ja. Du langtest mit Deinen Patschchen herunter, ich hielt alle zehn Finger in die Höhe und da hatten wir uns. Aber bequem war es doch nicht. Nicht wahr?«

»Das ist wahr.«

»Von dem ewigen Hinaufsehen that mir noch früh am Morgen stets das Genick weh. Wir hätten es bequemer haben können, aber Du wolltest nicht. Na, vielleicht hättest Du gewollt, aber ich war zu schüchtern. Ich hatte mir hundertmal vorgenommen, Dir einen tüchtigen Kuß zu geben, aber wenn ich dann vor Dir stand, so hatte ich den Muth nicht dazu. Dann aber kam einmal ganz plötzlich die Galle über mich. Ich nahm Dich her und drehte Dein Gesicht herum. Wir standen an der Hausthür, ich hatte Dich vom Tanze heimgebracht. Ich machte schon die Lippen spitz, wie eine Karpfenschnute. Da prasselte es von oben herab. Es war im Winter und das Dach lag dick voll Schnee. Dieser war locker geworden und prasselte gerade in diesem wichtigen Augenblicke auf uns hernieder, daß wir wie zwei Schneemänner dastanden, hustend, pustend und niesend, daß das ganze Dorf hätte aufwachen mögen. Weißt Du es noch, Gustel?«

»O, sehr gut!«

»Aber den Schmatz habe ich mir doch noch geholt, und da dann der Knoten gerissen war, so habe ich mich nach und nach immer besser eingerichtet. Weiß der liebe Himmel, wie das so schmeckt, obgleich es dabei nichts zu schlucken giebt und ist auch weder süß noch sauer, weder bitter, noch salzig! Wenn ich heute nicht dieses dumme Bärenfell anhätte, so –«

»Nun, so –«

»So nähme ich Dich einmal recht herzlich in die Arme und versuchte, ob ich das Küssen während der zwanzig Jahre vielleicht verlernt habe. Einen Schneesturz hätten wir nicht zu befürchten, und da – hm, was sagst Du dazu, Gustelchen?«

Sie zögerte einige Augenblicke mit der Antwort; sie konnte ja doch nicht sagen, wie gern sie ihm seinen Wunsch erfüllt hätte, fragte aber dann:

»Was hat denn der Bärenpelz verbrochen?«

»Eigentlich nichts, aber wenn man Monate lang nicht aus dieser Haut herauskommt, so befindet man sich nicht in einem sehr appetitlichen Zustande. Und so ein Herzeleid will ich Dir doch nicht anthun.«

»O, ich habe doch auch keinen Ballstaat an!«

»Meinst Du? Also ich darf?«

Er fühlte es mehr, als daß er es sah, daß sie nickte, denn er hatte ja bereits den einen Arm um sie gelegt. Jetzt zog er sie an sich heran und küßte sie lange und innig auf die ihm willig entgegen kommenden Lippen. Dann setzte er sich auf den Stein, zog sie neben sich nieder und küßte sie wieder und immer wieder.

Das dauerte lange, sehr lange. Die Beiden hatten ganz den Maßstab für die Zeit verloren. Sie fühlten sich jung, als ob sie noch Bursche und Mädchen seien, gerade wie damals in Ruppertsgrün. Sie bemerkten gar nicht, daß sich hinter dem Steine, auf welchem sie saßen, Etwas bewegte, leise und langsam, nach dem Feuer hin. Sie sprachen im Flüstertone. Sie hatten sich ja so sehr viel zu erzählen. Sie hatte ihm so viel abzubitten und er ihr so viel zu vergeben. Und die Vergebung wurde so oft wiederholt und allemal wieder mit einem Kusse besiegelt. Sam hätte noch lange nicht daran gedacht, daß seine Wachtzeit endlich längst vorüber sei und daß er Jim hätte wecken sollen, aber da wurden von dem nun freilich ganz niedergebrannten Feuer laute Rufe hörbar.

»Sapperment!« fuhr der Dicke zusammen und blickte nach dem Himmel, welcher freilich nur wenige Sterne zeigte. »Ich habe nun drei Stunden gewacht. Was ist denn dort los?«

Er sah, daß die Schläfer erwacht und aufgesprungen waren und eilte hinzu.

»Was giebt es? Was habt Ihr denn?«

»Dicker, bist Du blind und taub gewesen?«

»Nein.«

»Wo sind denn unsere Gewehre?«

»Sind sie denn weg?«

»Ja, alle. Oder hast Du Dir wieder einmal einen dummen Spaß gemacht?«

»Fällt mir nicht ein! Legt Euch schnell wieder auf die Erde nieder, damit Ihr kein Ziel bietet! Wie ist denn das gekommen?«

Sie lagen Alle am Boden, auch Auguste, welche mit herbei gekommen war.

»Das mußt doch Du wissen,« sagte Jim. »Du hattest die Wache. Warum hast Du mich nicht geweckt? Deine Zeit ist ja längst um!«

»Du dauertest mich. Ich wollte Dir Ruhe gönnen.«

»Hole Dich der Teufel mit Deinem Bedauern! Wir sind beschlichen und bestohlen worden. Vielleicht ist es gar etwas noch Schlimmeres!«

»Schwerlich! Mörder hätten sich nicht mit den Gewehren begnügt, sondern mit den Messern gearbeitet. Verdammt! Ich habe nichts gehört!«

»Leider! Vielleicht hast Du wieder einmal über's Wasser hinüber gedacht nach – nach – na, wie heißt das grüne Nest? Ruppertsgrün, wo die Auguste jetzt mit einem Anderen schnäbelt! Wenn die Gewehre wirklich weg sind, so hast Du es mit mir zu thun! Du bist so dumm, so dick Du bist!«

»Na, halte das Maul! Vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Wenn wir nur die Pferde noch haben.«

»Unsinn! Wer die Gewehre stiehlt, der nimmt auch die Pferde mit. Aber das ist wahr, verdammt gescheidte Kerls müssen es gewesen sein! Ich brächte es nicht fertig. Ich hatte mein Gewehr ganz fest im Arme.«

»Ich auch,« erklärte Tim.

»So müssen wir desto vorsichtiger sein. Ich bin schuld und werde also das Wagniß unternehmen. Ich krieche nach den Pferden.«

Tief am Boden hingestreckt, kroch er in die Nacht hinaus. Aber bereits nach wenigen Sekunden hörten sie ihn rufen:

»Was ist das? Kommt einmal her!«

Sie folgten seiner Aufforderung. Etwa fünfzehn Schritte von ihnen entfernt waren die fehlenden Gewehre zusammengestellt und an der Spitze dieser Pyramide befand sich ein weißes Papier.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Tim.

»Werden es gleich erfahren,« antwortete Sam, indem er nach dem Papiere griff. »Nehmt Eure Büchsen, ich sehe nach den Pferden.«

Er schlich sich fort und kehrte erst nach längerer Zeit nach dem Lagerplatze zurück, wo sich die Anderen wieder niedergelegt hatten.

»Es ist Alles in schönster Ordnung,« meldete er. »Die Pferde sind da und ich habe keinen Menschen bemerkt. Heiliger Donner! Wenn das Feinde gewesen wären! Unsere Seelen befänden sich schon im fünften Himmel!«

»Da siehst Du, was Du mit Deiner Achtlosigkeit hättest anrichten können!« brummte Jim.

»Rede nicht! Du hättest auch nichts gehört. Es ist freilich stark, sich mitten zwischen Euch hinein zu schleichen und Euch die Flinten abzunehmen. Der Kerl, der das gethan hat, ist ein Savannenvirtuos. Aber ein Feind ist er sicherlich nicht.«

»Warum aber läßt er sich nicht sehen und hören?«

»Das ist auch mir ein Räthsel, wird sich aber vielleicht bald aufklären, wenn wir uns das Papier ansehen. Es ist, wie ich fühle, kein Druck- sondern Schreibpapier. Vielleicht steht Etwas darauf. Da giebt es noch glühende Asche. Blase sie einmal an, Tim, und lege einige Zweige darauf! Ich will lesen.«

Tim that dies, und als nun die Flamme hell aufprasselte, hielt Sam das Papier in die Helle und las. Es war wohl nicht sehr leicht zu entziffern, da die Wörter mit Bleistift und im Dunkel geschrieben worden waren. Es dauerte einige Zeit. Dann aber sprang Sam mit einem Rufe der Freude auf und rief mit lauter Stimme, so daß es in der nächtlichen Stille wohl eine englische Meile weit schallen mußte:

»Hallo, Sir, halloo! We thank you thousand, thousand times! Halloh, Sir, halloh! Wir danken Euch tausend, tausendmal!«

Im Nu war auch Jim aufgesprungen und sagte, im höchsten Grade erschrocken:

»Bist Du verrückt, Dicker! Du brüllst uns ja alle Indianer des Felsengebirges auf den Hals! Willst Du denn mit aller Gewalt scalpirt werden! Gleich kommst Du nieder und hältst das Maul!«

Er zerrte an Sam herum, um ihn wieder zum Sitzen zu bringen, aber der Dicke lachte und sagte:

»Keine Sorge! Wo Der ist, den ich meine, da reißen alle Indsmen aus. Ich möchte am liebsten noch einmal rufen, dann –«

»Um Gotteswillen, laß das bleiben!«

»Pshaw! Haltet Ihr mich für einen Kindskopf! Ich denke, der dicke Sam weiß stets, was er thut.«

»Ja, besonders wenn er die Wache hat. Da schläft er ruhig ein und läßt sich die Gewehre forttragen!«

»Na, was das betrifft, so hätte ich mich am Liebsten vorhin selbst beohrfeigen mögen, das ist wahr. So hat man mich noch nicht über's Ohr gehauen. Aber nun ist es anders. Jetzt, da ich weiß, wer es gewesen ist, kann ich es mir vergeben. Wenn Der es will, so trägt er Euch Alle vom Feuer fort, ohne daß Ihr es merkt. Darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Sei nicht verrückt! Wer ist es denn?«

»Da steht es unten auf dem Zettel, in indianischer Sprache. Spitzt Eure Ohren! Ihr habt den vornehmsten Besuch gehabt, den man hier im fernen Westen nur haben kann!«

Er setzte sich wieder nieder, um den Zettel abermals an die Flamme zu halten.

»Wenn ich nicht wüßte,« zürnte Jim, »daß es hier keinen Tropfen Feuerwasser giebt, so dächte ich, Du hättest Dich bekneipt und seiest betrunken. Wer ist denn dieser außerordentliche Kerl?«

»O, es sind ihrer Zwei. Hört also und staunt! Hier steht groß und deutlich »Tan-ni-kay und daneben lese ich –«

»Tan-ni-kay!« rief Jim, überrascht aufspringend. »Das ist etwas Anderes! Ist's wahr? Steht das wirklich da?«

»Ja, natürlich! Ich werde doch so viel herausbuchstabiren können!«

»Du hast doch einst gesagt, daß Du nicht lesen könntest! Ich glaube, es war an jenem Abende, an welchem wir uns bei Wilkinsfield im Walde trafen.«

»Das war Spaß. Ein Deutscher, und zumal ein Sachse, kann stets lesen. Der wird gleich mit dem A b c geboren und in das große und kleine Einmaleins eingewindelt; als Zulp bekommt er eine Federbüchse in das Maul gesteckt und wenn er schreit, so schreit er gleich perfect nach Noten im Violinschlüssel. Also lesen kann ich, auch den zweiten Namen.«

»Und der heißt?«

»Lata-nalga.«

»Lata-nalga! Donnerwetter! Das sind nun freilich die berühmtesten Männer, welche es hier im Westen gegeben hat. An sie kommt kein Anderer, und da ist es nun gar nicht zum Verwundern, daß sie uns so famos an- und abgeschlichen haben.«

»Was heißen denn diese Namen?« fragte der Förster, dessen Wißbegierde natürlich auch erwacht war, da er die Anderen so aufgeregt sah.

Sam Barth erklärte:

»Lata-nalga sollte eigentlich heißen Lata-nalgut. Es ist aus der Apachensprache und bedeutet »starke Hand«. Tan-ni-kay ist die Abkürzung von Natan-si-ni-tle kayi, auch aus der Sprache der Apachen und heißt »Fürst der Bleichgesichter«. Haben Sie das verstanden?«

»Natürlich. Aber wer sind die Beiden?«

»Die »starke Hand« ist ein Apachenhäuptling, ein Krieger, Reiter, Ringer und Schütze wie kein Zweiter. Er besitzt eine Körperkraft, eine Faust, welche Steine zerhauen kann, daher sein Name. Er ist ein Freund der Weißen überhaupt, aber nicht auch ein Freund der Vereinigten-Staaten-Regierung, die seinem Volke den Raum zum Leben immer enger und enger macht. Wehe dieser Regierung, wenn die »starke Hand« einmal auf den Gedanken kommen sollte, sich an die Spitze der südwestlichen Indianerstämme zu stellen! Dieser Häuptling ist nicht alt, aber von einer Einsicht, Klugheit und Geschicklichkeit, welche nur mit seiner Tapferkeit verglichen werden kann. Wenn er in der Versammlung erscheint, beugen sich Alle zur Erde, und wenn er sich erhebt, um zu sprechen, so bleibt selbst der Sturm stehen und schweigt, um den Worten des rothen Häuptlings zu lauschen.«

»Sie werden ja förmlich poetisch!«

»Ja, das möchte ein Jeder werden, der von diesem Manne spricht. Er ist unvergleichlich, und es giebt nur einen Einzigen, der sich mit ihm messen kann, ja, der ihm wohl gar noch über ist. Ich meine da den Fürsten der Bleichgesichter.«

»Auch ein Indianer?«

»O nein; das zeigt ja bereits sein Name. Er muß ein Bleichgesicht, ein Weißer sein.«

»Aber sein Name ist doch indianisch!«

»Gerade darum hat er um so größeren Werth. Der Indianer besitzt einen ungemeinen Scharfblick in Beziehung auf die Beurtheilung eines Andern. Er findet für jeden Menschen stets einen zutreffenden Namen, welcher die hervorragenden Eigenschaften oder Eigenthümlichkeiten desselben genau bezeichnet. Daß gerade die Wilden diesen Weißen den Fürsten der Bleichgesichter genannt haben, ist der deutlichste Beweis, daß dieser Mann wirklich der außerordentlichste Weiße ist, den sie gesehen haben.«

»Weiß man, wer er ist?«

»Nein. Er kennt den Westen, wie ich die Linien meiner Hand kenne, und doch spricht man erst seit ungefähr drei Vierteljahren von ihm. Aber in dieser kurzen Zeit ist er auch so berühmt geworden, daß die zweijährigen Indianerkinder von ihm schwärmen und die weißen Großväter und Großmütter von ihm erzählen. Er ist der alte Ueberall und Nirgends. Wo etwas Großes geschieht, hat er es angestiftet, und die »starke Hand« ist dabei. Beide sind nämlich ganz unzertrennliche Freunde. Es ist, als ob er allgegenwärtig sei. Heute hat er die Sioux über den Schädel gehauen und nach kurzer Zeit hört man bereits, daß er die Comanchen in die Enge getrieben hat. Gestern hat er eine weiße Familie vom sicheren Tode errettet und morgen oder übermorgen haut er einen braven Indsmen aus den Feinden heraus. Er soll so stark sein, wie ein brauner Bär, und doch ein Kind von Gemüth. Er kommt und verschwindet wie ein Geist. Niemals läßt er Spuren zurück, und findet man ja einmal eine Fährte seines Pferdes, so hört sie plötzlich mitten im tiefen Sande, wo sie doch am sichtbarsten ist, auf, als wären Reiter und Pferde plötzlich davon geflogen. Darum sagen die Rothen, daß er ein Geisterpferd besitze, welches vier Flügel habe.«

»Es ist jedenfalls viel Uebertreibung dabei.«

»Ja, der Jäger, sowohl der rothe, wie auch der weiße, ist sehr zum Uebersinnlichen und zur Uebertreibung geneigt. Die Einsamkeit, in welcher er sich befindet, die großartige Natur, welche er durchschweift, die Gefahren, welche ihn umgeben, das Alles regt seine Phantasie an und giebt ihr eine eigenthümliche, fremdartige Richtung. Die Heldenthat, welche am Lagerfeuer erzählt wird, bekommt bald einen überirdischen Anstrich. Aber selbst wenn man diese Uebertreibung abrechnet, bleibt von den Thaten der beiden Männer, von denen wir sprechen, so viel übrig, daß man eingestehen muß, sie werden von sonst Keinem erreicht.«

»Ist dieser Fürst der Bleichgesichter ein Yankee?«

»Wer das wüßte! Er erscheint niemals in zahlreicher Umgebung und verschwindet ebenso schnell, wie er gekommen ist. Niemand wagt es, ihn auszufragen, und seinen Namen nennt er nicht.«

»Aber man muß ihn doch als den Fürsten kennen?«

»Ich habe ihn noch nie gesehen, aber ich habe mir sagen lassen, daß man erst nach seiner Entfernung merke, mit wem man es zu thun gehabt hat. Es ist ganz so, wie jetzt hier bei uns. Er ist da gewesen und wieder fortgegangen, ohne daß wir es gemerkt haben. Aber nun er fort ist, wissen wir, wer uns besucht hat. Aber bei diesen Erklärungen vergessen wir die Hauptsache, nämlich den Zettel.«

»Ja,« meinte Jim. »Es muß doch noch mehr darauf stehen als nur die beiden Namen.«

»Natürlich! Es ist wahrhaftig ganz so, als ob er allwissend sei. Horcht einmal!«

Er beugte sich zum Feuer hin und las:

»Genau nordwest reiten – in vier Stunden enges Thal, drei Akazien am Eingange – drin die Wagen – nur zwei Mann Wache – die Andern nach Süden geritten, um Palomo-nakana zu bestehlen – vorderster Wagen linkes Hinterrad Euer Geld vergraben – haltet später bessere Wacht – wir konnten auch Feinde sein – gratuliren Sam Barth und Gustel aus Ruppertsgrün.

Tan-ni-kay – Lata-nalga.«

Jim und Tim schüttelten die Köpfe. Der Erstere sagte verwundert:

»Sollte man das für möglich halten! Stehen diese Worte denn wirklich da auf dem Papiere?«

»Versteht sich! Hier lies es selbst!«

Er hielt ihm den Zettel hin.

»Unsinn! Behalte nur getrost das Papier! Ich will lieber mich mit fünfzig Indianern als mit drei Buchstaben herumbalgen. Mit den Indsmen werde ich fertig, mit dem Geschreibsel aber nicht. Es hat eben ein Jeder seine starken und seine schwachen Seiten. Aber, höre, Sam, diese Sache kommt mir doch ein Wenig unwahrscheinlich vor!«

»Warum?«

»Weil erstens diese Kerls nur vier Stunden entfernt von hier stecken sollen.«

»Ist das so unmöglich?«

»Unmöglich wohl nicht. Aber sie werden sich doch nicht so nahe hersetzen, wo sie hier den Diebstahl ausgeführt haben.«

»Hm! Man kennt ihre Gründe nicht.«

»Und nun nur Zwei bei den Wagen lassen!«

»Jemand muß doch als Wache zurückbleiben!«

»Und das Geld vergraben! Das steckt man doch ein und behält es bei sich!«

»Schau, wie klug Du bist! Diese Kerls sind zu einem Raubzuge aufgebrochen. Sie wissen nicht, ob er gelingen werde. Gelingt er nicht, so laufen sie Gefahr, das zu verlieren, was sie bei sich haben. Es ist also ganz klug, daß sie es vergraben haben.«

»Hm! Es ist das Alles möglich, sehr wahrscheinlich aber ist es nicht.«

»Ich glaube es.«

»Bedenke, wenn irgend ein Lump sich den Spaß gemacht hätte, uns irre zu führen. Vielleicht einer aus der Spitzbubengesellschaft selbst. Sie bringen uns von der richtigen Spur ab und kommen unterdessen in Sicherheit.«

»Pshaw! Ein solcher Hallunke hätte es nicht fertig gebracht, sich in dieser Weise anzuschleichen; er hätte uns auch nicht die Gewehre und Pferde gelassen.«

»Das ist freilich wahr.«

»Und zudem hoffe ich, daß wir, wenn der Tag anbricht, eine Spur der Wagen finden werden, obgleich bereits fünf Tage vergangen sind.«

»So willst Du also diesem schriftlichen Rathe folgen?«

»Natürlich! Wir haben ja noch Zeit, zu berathen. Von großem Vortheile hierbei wäre es, daß wir für unsere Ladies kein Versteck zu suchen brauchen. Vier Stunden können sie es zu Pferde aushalten. Wir können sie also gleich mitnehmen. Es scheint mir, daß der rothe Burkers das Thal, in welchem die Wagen stehen, bereits gekannt hat. Es ist sein Versteck, von welchem aus er noch einige Beutezüge unternehmen will. Die Wagen bieten ihm die vortrefflichste Gelegenheit, das Geraubte dann bequem in Sicherheit zu bringen. Wie gesagt, ich glaube Alles, was hier auf dem Zettel steht. Und da diese beiden Namen darunter geschrieben sind, so bin ich bereit, auf den Inhalt zu schwören, wie auf das Evangelium.«

»Warum aber thut dieser Fürst der Bleichgesichter so heimlich? Warum hat er uns nicht geweckt, um uns seine Mittheilung mündlich zu machen?«

»Er wird seine Gründe gehabt haben.«

»Natürlich! Aber woher weiß er das Alles?«

»Das ist seine Sache.«

»Und woher weiß er, daß diese gute Lady aus dem Orte Ruppertsgrün ist?«

»Ich schätze, daß er sich länger, als wir annehmen, hier bei uns befunden und uns belauscht hat.«

»Und was hat es mit der Gratulation für eine Bewandtniß? Seid Ihr etwa Beide an demselben Datum geboren und feiert heute Euern Geburtstag?«

»Fast ist es so. Wir feiern den Tag der Wiedergeburt.«

»Du siehst mir nicht aus wie ein wiedergeborenes Wickelkind, Dicker. Mach keine Faxen!«

»Na, so will ich deutlicher sein. Du selbst hast heute bereits auf die Lady angespielt, deren Bekanntschaft ich da drüben gemacht habe –«

»Ja, auf dem Schweinestalle!«

»Wo, das ist gleichgiltig.«

»Aber nicht so gleichgiltig ist es wohl, daß Sie Dir den Laufpaß gegeben hat.«

»O, im höchsten Grade gleichgiltig! Oder meinst Du etwa, daß ich mich sehr abgehärmt habe?«

»Nun ja, Du hast Dir ganz im Gegentheile ein hübsches Bäuchlein angehärmt. Der Gram aus unglücklicher Liebe ist Dir sehr gut bekommen. Wie würde da erst eine glückliche Liebe bei Dir anlegen!«

»Das wirst Du sehr bald erfahren und beobachten können, da ich eben jetzt an einer sehr glücklichen Liebe erkrankt bin.«

»Zu wem denn?«

»Zu Dir nicht, mein süßer Jim; aber besagte Liebe ist eine so glückliche, daß ich mir vorgenommen habe, in allernächster Zeit Ehemann zu werden.«

»O wehe! Dich möchte ich als Ehemann sehen, im rothen Schlafrocke, mit gelben Bummeln und Quasten, Blumentöpfe begießend und Handtücher waschend!«

»Kannst Dir es mit ansehen. Und damit Du Dir nicht Sorge machst, ob ich auch eine Squaw bekomme, so werde ich sie Dir zeigen.«

»Wohl im nächsten Indianerdorfe? Da wird sich wohl irgend eine rothe Urahne finden lassen, welche geneigt ist, ihr zartes Herz Dir an den Rücken nageln zu lassen.«

»Das könnte sie. Bei mir hätte der Nagel guten Halt, bei Dir ginge er aber durch, wie bei einem Cigarrenkistenholze von zwei Zehntel Zoll Dicke. Aber bis wir an ein Indsmendorf kommen, will ich Dich gar nicht warten lassen. Eigentlich kannst Du mich herzlich dauern. Nachdem ich Dir die Gratulation vorgelesen habe, müßtest Du eigentlich wissen, wer das Vergnügen haben wird, jene Urahne zu sein. Mache Deine Augen auf und siehe Dir meine Braut an. Hier sitzt sie, gerade vor Dir.«

Er zeigte auf die Wittwe. Jim machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:

»Dir wollen wohl die Gedanken vergehen, Dicker!«

»Gar nicht; ich habe sie vielmehr noch niemals so gut beisammen gehabt wie jetzt. Diese Lady ist diejenige Auguste, unter deren Fenster ich auf dem Schweinestalle stand –«

»Und die Dir dann den Abschied gab –«

»Um mich jetzt desto herzlicher wieder aufzunehmen.«

»Ist das wahr, Mylady?«

Auch der Förster zeigte sich im höchsten Grade überrascht, freute sich aber schließlich, als er den Zusammenhang erfuhr. Jim war jetzt nun überzeugt, daß Sam im Ernst gesprochen habe, und sagte, dieses Mal allerdings in wirklicher Aufrichtigkeit:

»Ich muß Euch gratuliren, Mylady; aber eigentlich bedaure ich es, daß Ihr Euch wiedergefunden habt. Wir verlieren an unserem Sam einen Jäger, wie ihrer sehr wenige gefunden werden. Wir ärgern zwar zuweilen einander ein Wenig, aber das ist nur zum Zeitvertreibe, wie es so die Kinder zu machen pflegen, im Ernste kennen wir einander und wissen seinen Werth zu schätzen. Macht also unseren kleinen Dicken so glücklich, wie es Euch nur möglich ist!«

»Woher weißt Du, daß Ihr mich verlieren werdet?« fragte Sam.

»Nun, ich schätze, daß Du als Ehemann hübsch daheim bleiben wirst, um Kartoffeln zu schälen und Quirle zu schnitzen. Das ist Deine Schuldigkeit.«

»Warte es ab! Wir haben überhaupt jetzt keine Zeit, über meine Angelegenheit zu sprechen. Wir sind hier mit dem Schreiben noch nicht fertig. Da steht nämlich: ›Die Anderen nach Süden geritten, um Palomo-nakana zu bestehlen‹. Wißt Ihr, was das zu bedeuten hat?«

»Natürlich!« antwortete Tim. »Man sagt, daß die Nakana große Schätze verberge. Die will der rothe Burkers holen.«

»Wer ist dieser oder diese Palomo-nakana?« erkundigte sich der Förster.

»Es ist nicht ein Er, sondern ein Sie,« antwortete Sam. »Dieses weibliche Wesen ist von ebensolchen Geheimnissen umgeben, wie der Fürst der Bleichgesichter. Man spricht seit ungefähr drei Jahren von ihr. Sie soll jung sein, ein Mädchen von ganz außerordentlicher Schönheit, eine Weiße, welche aber von den Indsmen wie eine Göttin verehrt wird, weshalb, das kann man nicht sagen. Wir Drei haben den Norden abgepürscht und sind seit Langem nicht nach dem Süden gekommen; darum sind wir noch nicht zu ihr gekommen. Jetzt aber hoffe ich, daß wir sie sehen werden, da wir uns in der Nähe befinden.«

»Ja, weißt Du denn, wo sie wohnt?« fragte Jim.

»Ja.«

»Vor Kurzem wußtest Du es noch nicht.«

»Das ist sehr richtig. Ich wußte weiter nichts von ihr, als was auch Ihr gehört hattet, nämlich daß sie ihr Wigwam da aufgeschlagen hat, wo die Gebiete der Comanchen und Apachen zusammenstoßen. Diese beiden Stämme sind von jeher Todfeinde gewesen. Die Wohnung der Nakana aber ist ihnen heilig. Wo das schöne Mädchen sich befindet, ist neutraler Boden. Wo ihr Auge hinfällt, da hört die Feindschaft und die Blutrache auf, und die Comanchen kommen von Osten, die Apachen von Westen her, um sie zu verehren und mit Geschenken zu beschütten. Das wußten wir. Vor zwei Wochen aber bin ich mit einem Scout (Pfadfinder) zusammengetroffen, der bei ihr gewesen ist und mir den Weg zu ihr beschrieben hat. Sie lebt mit ihrem Vater in einer eingegangenen Mission. Ich habe nach den Namen gefragt, konnte aber nichts Anderes erfahren, als daß sie ihn nur Pa nennt, er sie aber Almy.«

»Du,« meinte da Jim. »Der Name kommt mir sehr bekannt vor. Hieß nicht so die schöne junge Lady Wilkins auf Wilkinsfield, wo wir damals mit Walker zusammentrafen, den unser kluger Tim so hübsch wieder laufen ließ?«

»Ja, die junge Lady hieß so. Es war überhaupt dort eine unglückliche Gegend. Wilkins hat seinen Prozeß gegen den Nachbar Leflor verloren. Er sollte in Schuldhaft gesteckt werden und schoß nach Leflor. Das brachte ihn in Untersuchung wegen Mordversuch und er entfloh mit seiner Tochter. Der brave deutsche Oberaufseher – Adler hieß er wohl – war schon vorher auch verschwunden. Niemand wußte, wohin. Aber wir kommen von unserem Gegenstande ab. Wir sprachen doch von der Wohnung der Nakana. Der Pfadfinder hat sie mir so beschrieben, daß ich sie sehr wohl zu finden vermag. Wir befinden uns hier im Osten von der Sierra de los Mimbres. Wenn wir noch einen halben Tag lang nach Süden reiten und sie nach Westen hin übersteigen, so kommen wir an die Sierra della Acha, welche ihre Wasser dem Rio Gila und durch diesen dem Colorado zusendet, welcher in den Golf von Californien mündet. Da oben auf der Acha giebt es einen wunderherrlichen Gebirgssee, an dessen Ufern ich vor über zehn Jahren einmal mit den Comanchen zusammen gerathen bin. Sie halten das Gebiet sehr heilig, weil sie da oben ihre berühmten Häuptlinge begraben. Sie litten deshalb kein Bleichgesicht da oben, und ich war froh, mit dem Leben und einigen Messerstichen davonzukommen. Am Ufer des Sees stehen die alten Gebäude einer katholischen Mission, welche nicht mehr bewohnt waren. Man sagt, daß dort einst ein sehr reiches Volk gewohnt habe, Tolteken oder so ähnlich soll ihr Name gewesen sein. Dieses Volk fand viel Silber in den Bergen, und als es dann verdrängt wurde, hat es unermeßliche Schätze in der Nähe des Sees vergraben. Deshalb und weil das Wasser des Sees bei klarem Wetter und wenn die Sonne scheitelrecht steht, wie flüssiges Silber funkelt, hat man ihn den Silbersee genannt. In der alten Mission am Ufer wohnt die Nakana.«

»Was bedeutet denn das Wort Nakana?« erkundigte sich der Förster.

»Eigentlich heißt es vollständig Palomo-nakana. Beide Worte gehören dem Tehuadialecte an. Das Erstere bedeutet Taube und das Letztere Wald, Urwald, zusammen also die Taube des Urwaldes. Warum dieses Mädchen von den Indianern so genannt wird, weiß ich freilich nicht. Vielleicht erfahren wir es.«

»Sie wollen wirklich hin?«

»Ja, und ich denke, daß Sie mitgehen werden.«

»Sie vergessen, daß wir nach Californien wollen!«

»Und Sie wissen nicht, daß der beste Weg von hier aus nach Californien über die Sierra della Acha geht. Auch müssen Sie bedenken, daß ich mich nicht ohne Noth wieder von Auguste scheiden werde und daß Sie überhaupt noch nicht wissen, wie sich Ihre Zukunft entwickeln wird. Zunächst werden wir wieder holen, was Ihnen gestohlen worden ist. Dann wissen wir die Taube des Urwaldes in Gefahr, und es ist unsere Pflicht, sie zu warnen, sie also am Silbersee aufzusuchen –«

»Eigentlich unnöthig!« schaltete Tim ein.

»Warum?«

»Erstens weil der rothe Burkers bereits aufgebrochen ist und also vor uns dort ankommen wird. Wir werden also zu spät eintreffen, um warnen zu können. Das ist sicher.«

»Nicht so sicher, wie Du denkst. Wir haben ein gutes Gewissen und können also in gerader Richtung reiten; Burkers aber ist als Dieb bekannt. Läßt er sich treffen, so wird er einfach gehängt. Er wird also die einsamsten Gegenden aufsuchen und einen bedeutenden Umweg machen müssen. Aber was wolltest Du zweitens sagen?«

»Daß überhaupt unsere Warnung auf alle Fälle unnöthig ist. Denkst Du vielleicht, der Fürst der Bleichgesichter habe nur uns die Mittheilung gemacht, daß sich die Taube in Gefahr befindet? Er ist jedenfalls hin zu ihr. Vielleicht hat er uns nur deshalb eine schriftliche Nachricht gegeben, um von uns nicht aufgehalten zu werden und dort schnell eintreffen zu können. Verstanden, Dicker?«

»Sehr wohl. Aber gerade weil der Fürst hin ist und die »starke Hand« mit ihm, will auch ich hin. Ich will diese beiden berühmten Männer unbedingt kennen lernen. Verstanden, Langer?«

»Ja, und Du hast allemal Recht. Meint Ihr aber nicht, daß es jetzt besser wäre, noch eine Stunde zu schlafen? Unsere Pferde sind klüger als wir; sie liegen im Grase und ruhen sich aus, wir aber sitzen hier und plaudern, als ob morgen ein Feiertag sei. Macht die Augen zu und schwatzt nach Innen hinein! Das ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«

Die Anderen stimmten bei. Die Wache trat an und bald lagen außer ihr Alle im erquickenden Schlafe. Aber mit Tagesanbruch war die Gesellschaft auch bereits wieder munter. Für die Frauen wurden die Sitze auf den Pferden möglichst bequem hergerichtet; der Morgenimbiß war bald vorüber, und da die Toilette im Westen keine lange Zeit in Anspruch nimmt; so war die Sonne noch nicht am östlichen Horizonte emporgestiegen, als die kleine Cavalcade sich auch schon in Bewegung setzte, gerade auf Nordwest zu, wie es auf dem Zettel gestanden hatte.

Sam ritt voran, an seiner Seite natürlich die Jugendgeliebte. Diese Beiden hatten sich so sehr viel zu fragen und zu beantworten. Aber trotzdem entging während des Rittes den scharfen, klugen Aeuglein Sams nicht das Geringste, was ein Interesse hätte haben können.

Je länger, desto mehr schüttelte er mit dem Kopfe. Er begann, während die Anderen geradeaus ritten, im Galopp Abstecher nach rechts und links zu machen und sagte, als er von einem derselben wieder resultatlos zurückkehrte:

»Ich glaubte, die Wagenspur zu finden, aber vergeblich. Hätte uns der Fürst nicht seine Weisung gegeben, so ständen wir wie die Ochsen vor dem Berge und kämen niemals hinauf.«

»Wenn nur diese Weisung auch zutreffend ist,« brummte Jim, welcher auch verdrießlich geworden war.

Auch er hatte nach der Fährte gesucht, ohne nur das Geringste zu entdecken. Darum fügte er hinzu:

»Ich denke, sie sind in einer ganz anderen Richtung davongefahren.«

»Der Fürst lügt nicht, ich vertraue ihm.«

So ging es weiter und weiter. Sam hielt die Augen immer am Boden. Wohl zwei Stunden lang war man geritten, da hielt er plötzlich an.

»Jim, siehst Du Etwas?« fragte er, vor sich hindeutend.

»Nein, nichts als Gras.«

»Aber im Grase?«

»Nichts, gar nichts.«

»Hm! Wenn ich mich nicht ganz irre, so habe ich die Fährte gefunden.«

»Möchte wissen! Ich habe doch auch Augen!«

»So gebrauche sie richtig! Blicke einmal rück- und vorwärts! Siehst Du denn gar nichts auf dem Grase?«

»Dürre Halme! Soll das Deine Fährte sein?«

»Natürlich. Diese Halme sind ausgerauft worden, in regelmäßigen, engen Linien, nicht ganz vier Ellen breit. Sie liegen oben auf, in ganz schnurgerader Richtung. Wenn mich nicht Alles täuscht, so sind sie mit einem Dinge ausgerauft worden, welches die größte Aehnlichkeit mit einem Rechen, einer Harke hat. Diese Harke hat etwas mehr Breite als der Wagen gehabt. Ueber diese Breite hinaus findest Du nicht einen einzigen Halm ausgerauft.«

»Sapperment! Du hast Recht, Dicker!« gab Jim zu, und sein Bruder stimmte bei.

»Diese Kerls haben an jedem Wagen so ein harkenähnliches Werkzeug gehabt,« fuhr Sam fort. »Das müssen doch Sie wissen, Herr Förster!«

»Das weiß ich freilich. Sie haben sich diese eiserne Harken in Santa Fé machen lassen. Jetzt denke ich erst daran. Ich bin eben kein Prairiejäger.«

»Nicht wahr, diese Harken wurden hinten an die Wagen gehängt und von denselben nachgeschleift, damit sie das von den Rädern und Hufen niedergedrückte Gras wieder aufrichten sollten?«

»So ist es. Der rothe Burkers sagte, es sei wegen der Indianer, damit diese unsere Spur nicht entdecken sollten.«

»Dieser Kerl hat die Weißen mehr gefürchtet als die Rothen. Er ist gleich in Santa Fé bereits darauf ausgegangen, Sie zu betrügen. Na, jetzt haben wir also glücklich die Spur. Der Zettel hat uns nicht betrogen. Nur frisch drauf los!«

Es war, als ob die Pferde von der munteren Stimmung ihrer Herren angesteckt würden, so wacker griffen sie aus. Die Prairie begann sich mit Buschwerk zu schmücken. Das Terrain hob sich höher und höher. Einzelne Bäume zeigten sich. Zur Seite lag eine ziemlich bedeutende Höhe. Sam ritt hinauf, um Umschau zu halten. Als er zurückkehrte, lachte er fröhlich und sagte im Tone der Befriedigung:

»Noch zehn Minuten, so sind wir dort. Aber wir müssen einen Umweg machen. Es steht zu erwarten, daß am Eingange des Thales ein Posten steht oder daß Einer oder auch alle Beide in der Gegend umherschweifen. Da wir sie aber am Besten überraschen müssen, so dürfen wir uns nicht sehen lassen. Darum schlage ich vor, diese Höhe zu umreiten, damit wir aus einer anderen Richtung kommen.«

»Hast Du denn das Thal gesehen?« fragte Jim.

»Ja, das heißt, den Eingang desselben und sogar die drei Akazien davor. Aber in das Innere hineinzublicken, das war mir freilich unmöglich. Kommt, wir reiten hier links ab.«

Sie bogen in die genannte Richtung ein und hielten sich so, daß sie hart am Fuße der Höhe hinritten. Auf der anderen Seite angelangt, erblickten sie nun den Berg, in welchem ein früher wohl breiteres Wasser das Thal ausgewaschen hatte. Jetzt war es klein und schmal, kaum mehr ein Bach zu nennen. An seinen Ufern standen lichte Sträucher, welche es ermöglichten, sich dem Thale zu nähern, ohne von dort aus gesehen zu werden.

»Das ist gut,« sagte Tim Snaker. »Auf diese Weise können wir uns ganz unbemerkt nähern und die Kerls überraschen, so daß sie vor Schreck die Cholera bekommen werden.«

»Der Gedanke von der Cholera ist nicht schlecht,« antwortete Sam. »Das Andere aber taugt desto weniger.«

»Wieso?«

»Du meinst natürlich, daß wir ganz gemüthlich durch den Eingang in das Thal kommen?«

»Natürlich! Das ist ja das Bequemste.«

»Aber zugleich auch das Dümmste. Wer sich Alles recht bequem zu machen strebt, der wird es nicht sehr weit bringen. Bist Du einmal dabei gewesen, wenn die Polizei irgend Einen fangen will?«

»Nein. Ich bin weder ein Policeman gewesen, noch hat man mich irgend einmal arretiren wollen.«

»Nun, so will ich Dir sagen, daß die Polizei stets so klug ist, nicht durch die vordere Thür in das Haus zu platzen. So müssen auch wir es machen. Es versteht sich ganz von selbst, daß die zwei Buschheaders, auf welche wir es abgesehen haben, gewisse Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben. Worin dieselben bestehen, kannst Du Dir wohl denken. Oder bist Du vielleicht um Deine zwei Gedanken gekommen?«

»Noch nicht ganz. Ich meine, daß Einer von ihnen am Eingange des Thales Wache halten werde.«

»Natürlich. Er wird da hinter einem Busche oder hinter einem Felsen stecken, wo wir ihn gar nicht sehen können. Er aber bemerkt uns natürlich und giebt uns von seinem sicheren Verstecke aus einige Kugeln. Sein Gefährte hört die Schüsse und versteckt sich auch, um uns zu empfangen, ohne daß er von uns gesehen werden kann. Auf diese Weise werden wir ganz gemüthlich von den Pferden herunter geputzt und hinauf in den Himmel geschafft, von wo aus wir dann unsere Nasen herunter stecken können, um zu sehen, wie die Kerls uns auslachen.«

»Du willst also von einer anderen Seite in das Thal?«

»Natürlich! Wenn Du Augen hast, so siehst Du da links drüben den Wald. Wir können ihn in weniger als einer Viertelstunde erreichen. Befinden wir uns unter seinen Bäumen, so kann uns kein Mensch sehen. Wir folgen seinem Rande und kommen dann von der Seite auf den Berg zu. Reiten wir ihn dann hinan, wobei wir nicht gesehen werden können, weil er gut mit Holz bestanden ist, so stoßen wir gerade im rechten Winkel auf das Thal –«

»Welches aber vielleicht so steile Wände hat, daß wir gar nicht hinabkommen können!«

»Hoffentlich wird es nicht so schlimm sein. Hinab müssen wir auf alle Fälle, Du auch. Und geht es nicht anders, so werfe ich Dich hinab. Das ist das Allerschnellste. Also vorwärts!«

*

43

Sie ritten im Trabe auf den genannten Wald zu, welcher mit seinem Rande einen Bogen bildete, der an den Berg stieß, welcher das Ziel ihres Rittes bildete. Diesem Bogen folgend, erreichten sie natürlich auch den Berg. Er war an dieser Seite nicht steil, so daß sie an seiner Lehne ganz gut emporreiten konnten. Die Bäume und Sträucher standen nicht so dicht, daß sie den Pferden ein Hinderniß geboten hätten, doch aber auch so nahe an einander, daß die Reiter nicht gesehen werden konnten.

Oben angekommen, erblickten sie sehr bald das Thal, auf welches sie es abgesehen hatten.

Es theilte den Berg in zwei Hälften, welche hinten am Ende der Vertiefung durch eine steil ansteigende Felsenwand zusammen hingen. Da war nicht hinabzukommen, wenigstens mit den Pferden nicht. Aber weiter nach dem Eingange zu waren die Seiten des Thaleinschnittes nicht so steil. Sie zeigten sich ganz gut zugänglich und waren so mit Buschwerk besetzt, daß man sich recht hübsch und unbemerkt anschleichen konnte.

»Seht,« sagte Sam, »es ist so, wie ich dachte. Wir binden hier oben die Pferde an und steigen hinab. Die Damen brauchen wir nicht, sie mögen oben bleiben, beschützt von ihren beiden Herren. Jim, Tim und ich, wir Drei sind einstweilen genug.«

»Warum soll ich nicht mit?« fragte der Förster.

»Weil ich Ihnen nicht traue.«

»Oho!«

»Ja freilich! Ich will Sie nicht beleidigen, aber Sie sind zu wenig Prairiejäger, als daß ich meinen sollte, Sie könnten sich unbemerkt hinunterpürschen. Wir müssen vorsichtig sein, damit wir nicht vor der Zeit bemerkt werden. Ist es an der Zeit, so werde ich dreimal scharf pfeifen. Dann kommen Sie mit den Damen hinab. Die Pferde holen wir später.«

Rothe machte noch einige Einwendungen, die aber nicht beachtet wurden.

»Wir wissen ja gar nicht, ob sich nicht einer der Bursche hier in der Nähe herumdrückt,« meinte Sam. »Darum können wir die Damen unmöglich hier allein lassen. Sie und Ihr Sohn sind die natürlichen Beschützer derselben. Folglich bleiben Sie bei ihnen.«

»Wenn aber Ihnen da unten Etwas geschieht? Wie leicht können Sie erschossen werden.«

»So hören Sie die Schüsse und kommen hinunter, um uns wieder lebendig zu machen! Glauben Sie ja nicht, daß ich meine Nase ganz ruhig hinhalte, wenn irgend Jemand mich mit dem Gewehrlaufe daran kitzeln will. So schnell wird Sam Barth nicht erschossen. Er ist zwar nur aus Herlasgrün, aber Milchreis hat er nicht im Kopfe. Pasta und abgemacht! Vorwärts Ihr Beiden!«

Er schlich sich mit Jim und Tim fort.

Sie waren noch nicht weit gekommen, so befanden sie sich an einer Stelle, an welcher sie den vorderen Theil des Thales erblicken konnten. Da standen die Wagen. Die Zugochsen weideten im Grase, und hüben am Rande, in der Nähe der Wagen, saß ein Mann an einem Feuer, über welchem er ein großes Stück Fleisch an einem Aste briet.

»Seht Ihr das Männchen?« sagte Sam. »Ein alter, guter Kerl! Ich hätte doch nicht gedacht, daß er so viel auf uns hält?«

»Auf uns hält? Wieso?« fragte Jim erstaunt.

»Dummkopf! Siehst Du denn nicht, wie liebevoll er für uns sorgt? Macht uns der Prachtkerl da unser Frühstück fertig! Es geht doch nichts über einen guten Freund, auf den man sich verlassen kann! Horcht! Er hat gepfiffen.«

»Ja. Das wird dem Anderen gelten.«

»Natürlich, alter Schlaukopf! Oder meinst Du etwa, daß er uns gepfiffen hat? Schaut, da kommt sein Kamerad. Ihm ist zum Frühstücke gepfiffen worden. Machen wir, daß wir hinunter kommen und unsere Portion auch erhalten, sonst fressen sie sie uns weg.«

Er stieg weiter hinab, und sie folgten ihm. Das war gar nicht schwer. Sie hatten Gras und weiches Moos unter den Füßen, wodurch ihre Schritte ganz unhörbar wurden. Deckung fanden sie durch die Sträucher, und da die Thalwand gar nicht sehr steil abfiel, so kamen die drei Jäger in aller Gemächlichkeit bis in die Nähe der Stelle, an welcher sich die beiden Buschheaders befanden.

Diese Stelle lag ganz an der Seite des Thales, an welcher die drei Genannten herabgekommen waren und nun hinter einem dichten Buschwerk standen, nicht weiter als fünf oder sechs Schritte von den zwei Männern entfernt, deren Worte sie in Folge dessen ganz gut hören konnten.

»Setze Dich!« sagte der Eine zum Andern. »Ich denke, das Fleisch wird gar sein. Sind wir fertig mit dem Essen, so halte ich Wache.«

»Dieses Wachehalten ist einfach ein Unsinn,« meinte der Andere, indem er sich verdrießlich niedersetzte.

»Ich denke es auch. Da soll man ewig und ewig da vorn im Busche stecken, um aufzupassen, ob Jemand kommt. Ich möchte wissen, wer da kommen soll!«

»Als ob wir in New-York wären und Gäste geladen hätten! Ich möchte wetten, daß hier in einem Umkreise von vielen Meilen sich kein Mensch befindet. Und befände sich ja Einer da, so sehe ich nicht ein, warum oder weshalb er grad hier unserem Salon einen Besuch machen sollte.«

»Bin ganz Deiner Meinung, obgleich Du von einem gar so großen Umkreise doch nicht reden darfst. Ich denke, daß diese Förstersleute sich noch hier irgendwo in der Nähe befinden werden.«

»Da wären sie dumm. Sie können nichts Besseres thun, als sich schleunigst aus dem Staube machen. Pferde haben sie außer dem einen nicht, und die wenige Munition, welche der Alte grad bei sich gehabt hat, wird nicht lange reichen. Sie müssen also trachten, an einen Ort zu kommen, wo es Menschen giebt.«

»Den wissen sie aber nicht.«

»Ja, dieses Volk ist verteufelt dumm. Ich habe noch niemals einen Deutschen gefunden, der ein gesundes Gehirn im Kopfe hat. Da, schneide Dir ab! Ist das Fleisch weich?«

»Ja. Ich möchte wissen, was diese Leute heut speisen werden.«

»Das ist mir sehr gleichgiltig. Der alte Rothe mag sich Etwas schießen. Ich denke nur, er wird nicht viel treffen. Das will ein Förster sein! Läuft da mit seinem Jungen und zwei Weibern in der Prairie herum, ohne sie zu kennen! Es war überaus lustig, wie froh er in Santa Fé war, uns kennen zu lernen. Er freute sich königlich, Kameraden zu finden, mit denen er nach Californien konnte. Na, ich denke, daß er uns jetzt kennen gelernt hat!«

»Es ärgert mich nur das Eine, daß die beiden Frauenzimmer so alt waren. Wären sie jung gewesen, so – na!«

Er schnalzte mit der Zunge wie Einer, dem Etwas sehr gut schmeckt. Der Andere sagte:

»Was das betrifft, so war die Eine gar nicht so übel. Sie war zwar nicht mehr sechzehn Jahre alt, aber noch ganz appetitlich. Ich kann mich jetzt fast ärgern, daß wir sie nicht mitgenommen haben. Es wäre doch gar nicht so übel, wenn wir sie jetzt hier hätten. Wir befänden uns im Besitze einer Frau, welche wir jetzt gut gebrauchen könnten.«

»Verdammt!« flüsterte Sam. »Gebrauchen meine Augusta! Na, Du sollst sie kennen lernen!«

»Wollen wir hin?« fragte Jim flüsternd.

»Noch nicht. Vielleicht sagen sie Etwas, was zu wissen uns von Vortheil ist.«

»Aber da fressen sie uns das Fleisch auf!«

»Pah! Das Stück ist groß genug. Und daneben liegt noch ein halbes Reh, welches sie geschossen haben. Warten wir noch ein Bischen!«

Er hatte Recht. Der Eine, welcher den Koch gemacht hatte, sagte:

»Weißt Du, wir wollen uns doch die Geschichte nicht so schwer machen. Das Wachen ist gar nicht nothwendig. Ich setze mich nicht mehr da vorn hin. Ich lege mich nachher lieber hierher und schlafe. Das ist viel besser, als ewig den Wächter machen und die Augen aufreißen, während doch Niemand kommt.«

»Hm! Jetzt geht das an; später aber müssen wir doch wachen. Wenn der rothe Burkers kommt und es bemerkt, daß wir nicht aufpassen, dann bekommen wir unser gehöriges Fett.«

»Ja, er ist streng!«

»Meinst Du? Nur streng?«

»Was noch?«

»Was noch, fragst Du? Ich meine, daß er nicht nur streng, sondern viel zu streng ist, fast unverschämt. Er ist der Hauptmann, ja. Einen Anführer müssen wir haben, das ist wohl richtig. Aber wir sind doch keine Niggers und auch keine Soldaten, mit denen der Feldwebel umspringen kann, wie es ihm beliebt. Dieser Burkers geberdet sich zuweilen wie ein Sclavenzüchter, der nur so mit der Peitsche drohen kann. Das sollte man nicht dulden.«

»Was willst Du dagegen thun? Eine gewisse Disciplin muß doch sein!«

»Ja, aber sie kann in Gemüthlichkeit gehandhabt werden. Er hat es doch nur uns zu verdanken, daß er nicht einige Ellen hoch aufgehängt worden ist, besonders uns Beiden. Damals in Van Buren wäre es ihm an den Kragen gegangen, wenn wir ihn nicht aus dem Loche geholfen hätten.«

»Das ist richtig. Wir steckten da selbst sehr tief in der Patsche. Glücklicher Weise gab es Niemand, der uns Etwas nachweisen konnte. Wenn ich jemals diesem verdammten Dicken begegne, so soll er an mich denken!«

»Sam Barth?«

»Ja. Er ist schuld gewesen, wie wir ja später gehört haben. Hat uns im Walde belauscht, wo wir doch sicher waren, unbeobachtet zu sein. Wenn er mir einmal in die Hände läuft, so schlachte ich ihn ab wie ein Schwein und mache Stearinlichter aus seinem Fette. Darauf kann er sich verlassen.«

»Und ich helfe mit. Man sollte dann die beiden langen Brüder Snaker bei ihm finden. Aus ihnen ist freilich nicht viel Fett zu schneiden.«

»Nein, aber man könnte sie als Dochte benutzen. Man wickelt den dicken Sam um sie herum und brennt sie an. Das giebt eine Kerze, welche – Du, hörtest Du nichts?«

»Nein.«

»Es war, als hätte es da im Busche geraschelt.«

»Vielleicht eine Eidechse, weiter nichts.«

Der lange Tim hatte, als von ihm die Rede war, die Faust erhoben und gedroht und war dabei mit der Hand über einen Ast gestrichen.

»Nimm Dich in Acht, Esel!« flüsterte Sam.

»Donnerwetter! Ich ein Docht!« knurrte Tim. »Na, ich werde Euch ein Licht aufstecken, Ihr Hallunken! Und Ihr sollt nicht lange darauf warten müssen.«

»Eigentlich ist es sehr unvorsichtig von Burkers, uns hier zurückzulassen,« wurde das Gespräch fortgesetzt.

»Warum? Es muß doch Jemand bei den Wagen zurückbleiben.«

»Ja. Aber wenn wir nun nicht ehrlich wären!«

»Willst Du etwa mit den schweren Fahrzeugen durchbrennen?«

»Nein; das kann mir nicht einfallen. Aber mit dem Anderen könnte man sich aus dem Staube machen.«

»Um erwischt und niedergeschossen zu werden!«

»Man stellt sich doch nicht hin, bis sie kommen.«

»Pshaw! Die paar tausend Dollars würden nicht lange aushalten. Wir müßten verzichten auf Alles, was sie vom Silbersee mitbringen.«

»Das ist freilich wahr. Ich möchte eigentlich dabei sein. Diese Taube des Urwaldes soll geradezu massenhafte Schätze besitzen. Ich bin neugierig, ob der Streich gelingen wird.«

»Warum soll er nicht gelingen? Burkers ist schlau. Schade, daß er nicht die directe Route einschlagen kann! Er muß einen so bedeutenden Umweg machen, daß wir zwei Wochen hier sitzen und auf ihn warten können. Er muß von der Westseite an den See kommen. Ist das Geschäft gemacht, so können sie dann in directer Linie zurückkommen. Der Raub wird hier aufgeladen, und dann fort von hier, hinein ins Arizona!«

»Zu Walker.«

»Ja. Mit ihm machen wir dann wohl ein ebenso feines Geschäft. Höre, es ist doch eigenthümlich, daß der rothe Burkers mit diesem Walker zusammengetroffen ist. Er ist ein tüchtiger Kerl. Damals in Wilkinsfield wäre es ihm beinahe auch an den Kragen gegangen. Er ist doch förmlich belagert gewesen, ehe wir dann nach der Hütte des schwarzen Bommy kamen. Die Brüder Jim und Tim und der dicke Sam hatten es auf ihn abgesehen. Sie sollen eine Rache auf ihn haben. Na, wenn sie wüßten, daß er jetzt in Prescott ist und ein steinreicher Kerl dazu, so würden sie schleunigst aufbrechen, um ihm einen Besuch zu machen. Wo diese drei Kerls wohl stecken werden?«

»Man hat lange Zeit nichts von ihnen gehört.«

»O doch. Sie sollen sich da oben in den schwarzen Bergen herumtreiben. Ich hätte doch Freude, wenn ich ihnen einmal begegnete.«

»Das ist gar nicht nöthig.«

»Warum nicht? Ich möchte meine Rechnung mit ihnen in's Reine bringen.«

»Ich mag nichts mit ihnen zu thun haben. Der Dicke soll ein spaßhafter Kerl sein; aber es ist besser, man verzichtet auf solche Späße. Ich male niemals gern den Teufel an die Wand.«

»Du denkst, er kommt?«

»Ja.«

»Unsinn! Er wird sich hüten!«

»O, er ist schon da!« erklang es hinter ihnen.

Sie fuhren erschrocken mit den Köpfen herum. Da stand Sam der Dicke, von welchem sie soeben gesprochen hatten. Sie kannten ihn nur zu gut. Sie waren so entsetzt, daß sie sogar das Aufspringen vergaßen. Sie blieben sitzen und starrten ihn wie eine überirdische Erscheinung an. Er trat näher an sie heran und sagte fröhlich lachend:

»
Good morning, Mesch'schurs! Sperrt die Mäuler nicht so weit auf! Oder habt Ihr vielleicht vor Freude über mich die Maulsperre bekommen?«

»Sam Barth!« stieß der Eine hervor.

»Ja, Sam Barth, wie er leibt und lebt! Ihr habt also Gelegenheit, eine Stearinkerze aus meinem Fette zu machen. Der Docht wird nicht lange auf sich warten lassen.«

»Verdammt! Er hat gelauscht!«

»Ja, grad wie damals im Walde bei Wilkinsfield. Habt Ihr vielleicht Etwas dagegen?«

»Sogar sehr viel, mein Bursche!«

Der das sagte, sprang jetzt empor und zog sein Messer. Sein Kamerad that dasselbe. Sam schüttelte lachend den Kopf und sagte:

»Gebt Euch keine Mühe! Eure Messer sind vollständig unnütz. Ehe Ihr an mich kämt, hätte ich Euch erschossen. Aber das ist gar nicht nöthig. Da guckt Euch einmal diese beiden Männer an, die Euch da auf dem Korne haben!«

In diesem Augenblicke erschienen Jim und Tim zur rechten und linken Seite des Busches. Sie hielten ihre Gewehre schußfertig auf die beiden Kerls gerichtet. Diese standen bewegungslos und brachten kein Wort hervor.

»Nun, was sagt Ihr dazu?« fragte Sam.

»Indianer!«

»Na, die besten Augen habt Ihr nicht. Diese beiden Herren sind keine Indianer. Sie sind gute Bleichgesichter, die sich nur einstweilen ein Bischen angemalt haben, um Euch einen Spaß zu machen. Es sind nämlich die beiden Dochte, welche Ihr haben wolltet, um das Stearinlicht fertig zu machen.«

»Jim und Tim?«

»Ja. Ihr habt so sehnsüchtig gewünscht, uns zu sehen. Und wir sind höfliche Leute. Wir lassen nicht gern Jemand auf uns warten.«

»Hols der Teufel! Komm!«

Der das sagte, wollte fliehen, und sein Kamerad machte Miene, ihm zu folgen. Sie sahen ein, daß eine Gegenwehr erfolglos sein werde.

»Halt!« sagte Sam. »Ihr entkommt uns nicht. Wer sich von der Stelle bewegt, erhält einen Schuß in den Leib!«

»Versucht es!«

Er that einen schnellen, weiten Sprung vorwärts, um hinter die Wagen und unter deren Schutz an die andere Seite des Thales zu kommen. Sein Gefährte folgte ihm. Aber eine Kugel ist schneller als der schnellste Läufer. Die zwei Schüsse krachten, und die beiden Fliehenden stürzten zu Boden.

»Da habt Ihr es!« sagte Sam. »Warum seid Ihr so dumm, uns ausreißen zu wollen. Dankt überhaupt Gott, daß wir es so gnädig gemacht haben! Ihr habt diese Kugeln nur in die Beine bekommen! Das nächste Mal zielen wir höher.«

Während dieser Worte schnallte er sein Lasso los und schritt auf die am Boden Liegenden zu. Jim und Tim standen auch bereits da. Die Verwundeten verzichteten auf unnütze Gegenwehr, durch welche sie ihre Lage doch nur verschlimmern konnten. Sie wurden gebunden.

»So!« sagte Sam. »Ihr seid die zwei albernsten Menschen, die mir während meines langen Lebens vorgekommen sind. Da sollt Ihr Wache halten, sitzt aber beim Rehbraten und habt die Schießgewehre nicht bei Euch. Ihr seid mir schöne Kerls! Schämt Euch! Da ich aber kein Menschenfresser bin, so macht es mir keinen Spaß, Euch umzubringen. Wenn Ihr vernünftig seid, so will ich Euch das Leben schenken. Wollen also einmal nach Euren Wunden sehen. Haltet still!«

Er hatte, hinter dem Busche stehend, den beiden Brüdern gesagt, daß sie im Falle eines Fluchtversuches so zielen sollten, daß nur eine Fleischwunde am Oberschenkel entstehe. Das hatten sie befolgt. Die Kugeln waren durch die Muskeln des Oberbeines gegangen, so daß die Verletzung wohl eine schmerzhafte, aber keine lebensgefährliche war.

Er schnitt ihnen die Hosen auf und holte dann von dem einen Wagen den ersten, besten kattunenen Gegenstand, welcher zerschnitten wurde, um als Verband zu dienen. Die Verwundeten verhielten sich schweigsam. Sie ließen mit sich machen, was die Sieger wollten. Sie sahen, daß sie wenigstens um ihr Leben nicht besorgt zu sein brauchten, und das beruhigte sie für den Augenblick.

Als die Verbände angelegt waren, meinte Sam:

»So, das ist fertig. Jetzt wollen wir nun einmal erfahren, was Ihr eigentlich in dieser schönen Gegend zu suchen habt. Wem gehören diese Wagen?«

»Uns natürlich!« antwortete der Eine, die Schmerzen seiner Wunde und zugleich auch seinen Grimm verbeißend.

»Euch? Hm! Wen versteht Ihr denn unter diesem Worte Uns?«

»Uns Beide.«

»Ah! Ihr Beide seid Besitzer der Wagen?«

»Ja.«

»Wer hat sie denn hierher gebracht?«

»Wir!«

»Ihr Beide allein?«

»Ja.«

»Da habt Ihr ein Meisterstück fertig gebracht, um welches ich Euch beneide. Zwei einzelne Personen verstehen es, mit diesen Ochsengespannen fertig zu werden! Das ist eine geradezu bewundernswerthe Leistung. Es hat Euch Niemand geholfen?«

»Nein.«

»Auch nicht etwa der rothe Burkers?«

»Nein.«

»Na, Kinderchens, macht Euch doch nicht so sehr lächerlich! So Etwas macht Ihr uns überhaupt nicht weiß, und sodann will ich Euch sagen, daß wir Drei eine ganze Weile hinter Euch gesteckt und Euer Gespräch gehört haben. Wir wissen Bescheid. Ihr gehört zu Burkers.«

»Nein.«

»Nun, wenn Ihr wollt, so werden wir uns ganz genau nach Euren Wünschen richten. Ich sehe da eine recht hübsche Ochsenpeitsche liegen, nach welcher Ihr Appetit zu haben scheint. Ich bin bereit, Euren Appetit zu stillen. Jim, hole sie einmal her! Wir wollen sehen, ob sie behilflich ist, diese Herren zum Sprechen zu bringen.«

Jim holte sie. Sie war aus starken Riemen geflochten nach Art der bekannten Hetzkoller, welche früher bei Schlittenfahrten häufig in Anwendung kamen. Er versuchte, ob er sie zu führen verstehe, und sagte dann zu Sam:

»Es geht. Wieviel soll ich ihnen aufzählen?«

»Du haust so lange zu, bis sie die Wahrheit sagen. Hieb um Hieb, einmal den Einen und dann den Anderen. Drehen wir die Mesch'schurs um, so da sie uns ihre Kehrseiten zu sehen geben.«

Jetzt bemerkten die Beiden, daß Ernst gemacht werden solle. Darum erklärten sie, daß sie die Wahrheit gestehen wollten.

»Gut! Wenn Ihr nicht Verstand annehmt, so machen wir Euch welchen. Also wie steht es mit Burkers?«

»Er war mit hier.«

»Wo ist er jetzt?«

»Auf der Jagd.«

»So, so! Was will er denn jagen?«

»Was er findet. Wir brauchen Fleisch.«

»Und das holt er vom Silbersee?«

Die beiden Männer schwiegen. Sam fuhr fort:

»Ihr merkt, daß wir Alles gehört haben. Aber was wir wissen, brauchen wir nicht von Euch zu erfahren. Ich will also nicht in Euch dringen. Ihr habt Beide ein überaus zartes Gewissen, und so will ich Euch nicht zumuthen, Euern lieben Hauptmann zu verrathen. Eins aber möchte ich sehr gern erfahren. Wer ist denn eigentlich der Förster, von welchem Ihr spracht?«

»Ein früherer Bekannter.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»In St. Louis.«

»Hm! Mit seinem Sohne und den beiden Frauen, die Ihr erwähntet?«

»Ja.«

»Wunderbar! Es schien mir doch, als hättet Ihr gesagt, der Kerl sei sehr dumm, daß er sich in die Prairie gemacht habe. Es steckt da jedenfalls ein Geheimniß dahinter.«

»Nein.«

Sam stieß einen wiederholten scharfen Pfiff aus und antwortete:

»Ich muß Euch natürlich glauben, was ich Euch nicht als unwahr beweisen kann. Darum will ich Euch nicht weiter belästigen als nur mit noch Einem. Ihr spracht von einem gewissen Walker. Woher wißt Ihr denn, daß sich dieser Mann jetzt drüben in Prescott befindet?«

»Burkers sagte es.«

»Und von wem weiß er es?«

»Von einem Boten, welchen Walker zu ihm nach Santa Fé gesandt hat.«

»Ihr wollt mit ihm Geschäfte machen. Welcher Art sind dieselben wohl?«

»Das wissen wir nicht; das ist Burkers' Sache.«

»Und vielleicht auch ein Wenig die unserige. Jetzt wollen wir Euch in Ruhe lassen. Ihr habt Eure ganze Aufrichtigkeit über uns ausgeschüttet; dafür sind wir Euch dankbar; darum wollen wir Euch nicht länger quälen und uns lieber einmal nach Euern Braten umsehen. Kommt, Ihr Beiden!«

Er setzte sich gemüthlich zum Feuer nieder, und die Brüder thaten dasselbe. Sie machten sich über das Fleisch her und thaten gar nicht, als ob sie es bemerkten, daß hinter ihnen sich Schritte hören ließen. Der Förster kam mit den Seinen.

Die beiden Spitzbuben waren natürlich bei seinem Anblicke nicht wenig erschrocken. Seine Frau und die Schwägerin eilten sofort nach ihrem Wagen, um zu sehen, was von ihrem Eigenthume noch vorhanden sei. Die beiden Verbrecher flüsterten leise mit einander. Jedenfalls sprachen sie über das Verhalten, welches sie unter diesen Umständen einzuschlagen hätten.

»Nun, ich hoffe, daß Ihr jetzt wißt, wieviel die Glocke geschlagen hat,« sagte Sam. »Es ist sogar Diejenige hier, welche Ihr so gut gebrauchen könntet. Ich bin leider kein Pfarrer, sonst würde ich gern bereit sein, diese Ehe einzusegnen. Ich denke aber, daß ich Euch meinen Segen auf eine andere Weise geben kann. Da steht der Förster, Euer Ankläger. Er mag auch Euer Urtheil fällen. Was meinen Sie?«

Diese Frage war an Rothe gerichtet. Er antwortete:

»Ich bin nicht blutgierig. Ich will nur mein Eigenthum wiederhaben. Uebrigens sehe ich, daß diese Kerls verwundet sind. Sie sind bestraft genug.«

»So wollen Sie sie laufen lassen?«

»Ja.«

»Nach den Gesetzen der Savanne haben sie den Tod verdient. Da Sie es aber so wollen, werden wir sie laufen lassen. Etwas aber müssen wir ihnen doch zum Andenken geben. Wir zählen einem Jeden fünfundzwanzig gute Hiebe auf. Das wird ungemein zur Heilung ihrer Schußwunden beitragen. Vielleicht bin ich bereit, ihnen diese Hiebe zu erlassen, wenn sie mir eine Frage der Wahrheit nach beantworten: Wer hat das Geld, welches Ihr diesen Leuten abgenommen habt?«

»Wir wissen von keinem Gelde.«

»Oho! Es hat sich da im Wagen befunden.«

»So hat es der rothe Burkers. Er hat den Wagen durchsucht, nicht wir.«

»Gut, so sollt Ihr Eure Fünfundzwanzig bekommen. Hättet Ihr ein Geständniß abgelegt, so wäre Euch diese Strafe erlassen worden.«

»Was man nicht weiß, das kann man nicht gestehen!«

»Schon gut!«

Er ging, um nach einer Hacke zu suchen. Der Eine der beiden Gefangenen flüsterte dem Anderen zu:

»Wäre es nicht besser, ihm Alles zu sagen?«

»Unsinn! Wir kommen sonst um das Geld.«

»Aber wir erhalten die Hiebe!«

»Nein. Er droht uns nur. Tödten will er uns nicht; er wird uns also hier lassen müssen. Wir behalten das Geld, welches wir später sehr nöthig haben werden. Diesen verdammten Kerl hat der Teufel hergeführt. Er hat den Förster getroffen und unsere Fährte gefunden. Dem Ersteren wäre es niemals geglückt, sie aufzuspüren. Donnerwetter! Was will er denn mit der Hacke?«

Sam hatte in einem der Wagen eine Hacke gefunden. Er gab sie dem Förster und sagte:

»Hier! Graben Sie also einmal da vorn am ersten Wagen unter dem linken Hinterrade nach. Da wird sich das Gesuchte wohl finden.«

Darauf kehrte er zu den Gefangenen zurück und beobachtete mit innerlicher Freude die Bestürzung, welche sie zeigten, als der Förster nachzugraben begann.

»Ihr macht ja Gesichter, als ob Euch die Pflaumenbäume verhagelt seien!« sagte er. »Nicht wahr, wir wissen sehr genau, wo das Geld zu finden ist?«

»Der Teufel hole Euch!«

»Pshaw! Mit dem habe ich nichts zu schaffen. Er wird sich an Euch halten müssen.«

Die Familie des Försters stand mit bei dem Wagen; Jim und Tim waren auch dort. Nach einiger Zeit stieß Rothe einen Freudenruf aus. Er förderte eine Pferdedecke zu Tage, in welche ein großer Lederbeutel eingewickelt war.

»Bringt das Ding einmal her!« sagte Sam. »Wir wollen sehen, was darinnen steckt.«

Der Beutel wurde geöffnet. Er war voller Geld. Die Summe betrug über neuntausend Dollars.

»Habe es mir gedacht!« lachte der Dicke. »Dieser rothe Burkers ist so freundlich gewesen, auch sein eigenes Geld mit hineinzustecken. Na, das sind die Zinsen, welche er bezahlt. Master Rothe, da sind Sie also wieder zu Ihrem Gelde gekommen. Stecken Sie es ein, und nehmen Sie es in Zukunft besser in Acht!«

Weder der Förster noch Augusta wollten von dem Ueberschusse Etwas haben. Sie verlangten, daß die drei Jäger sich darein theilen sollten. Diese aber gingen nicht darauf ein.

Jetzt wurde nun Berathung gehalten, was mit den Gefangenen und den Wagen und deren Inhalte gemacht werden solle. Man stellte es Sam anheim, darüber zu bestimmen. Er sagte:

»Wir nehmen mit, was wir mit uns führen können, ohne daß wir unsere Pferde überlasten. Alles Andere verbrennen wir, auch die Wagen mit. Diesen Spitzbuben soll nichts zu Gute kommen.«

»Können wir denn die Wagen nicht mit uns nehmen?« fragte die Försterin.

»Nein, das ist unmöglich.«

»So komme ich ja um Alles, um meine schönen Betten, meine Wäsche –«

»Weinen Sie nur deshalb nicht. Mit uns schleppen können wir die Sachen nicht. Ich werde dafür sorgen, daß Sie für diesen Verlust Ersatz finden. Wir verlassen diesen Ort zu Pferde. Die Wagen können wir unmöglich gebrauchen. Sie hindern uns.«

Die Frau mußte sich drein ergeben.

Der eine Wagen enthielt verschiedene Kleidungsstücke, Munition und Proviant. Es wurde Alles, was mitgenommen werden konnte, zusammengepackt. Mittelst einiger Betten wurden für die Frauen zwei weiche Sattelsitze hergerichtet. Dann wurden die Wagen zusammengeschoben und in Brand gesteckt.

Die Gefangenen sahen mit heimlichem Zähneknirschen zu. Sie konnten nichts ändern, nahmen sich aber vor, sich später bei einem etwaigen Wiederzusammentreffen zu rächen.

Bis das zerstörende Feuer seine Schuldigkeit gethan hatte, blieben die Reisenden im Thale. Dann machten sie sich zum Aufbruche bereit. Sam sagte zu den beiden Buschheaders:

»Wir wollen nicht, daß Ihr elendiglich zu Grunde gehen sollt. Darum lassen wir Euch Eure Waffen und auch einige Munition zurück. Verhungern könnt Ihr nicht. Hier fließt Wasser, und dort habt Ihr Eure Zugthiere. Wenn Ihr einen Ochsen niederschießt, habt Ihr zu essen, so viel Euch beliebt. Jetzt aber muß ich Euch die Fünfundzwanzig geben, welche Ihr verdient habt, weil Ihr gelogen habt.«

Noch immer glaubten sie, daß er es nicht thun werde; aber bereits kamen Jim und Tim herbei, welche sich zu der Exekution einige gute, elastische Stöcke abgeschnitten hatten.

»Docht aus uns machen!« sagte der Erstere. »Jetzt werden wir Euch einige Dochte überziehen, und zwar nicht schlecht. Ihr sollt sie brennen fühlen, ohne daß Ihr sie anzuzünden braucht.«

Die beiden Frauen entfernten sich, um die Exekution nicht mit ansehen zu müssen; die Anderen aber blieben zurück. Jim und Tim übernahmen die Ausführung des Urtheiles, und sie machten ihre Sache so vortrefflich, daß der eine der beiden Delinquenten, welche die Strafe in wortlosem Grimme hinnahmen, nach dem letzten Streiche unter Zähneknirschen sagte:

»Das Leben habt Ihr uns geschenkt. Wir behalten es, um es nur zur Rache zu verwenden.«

»Zur Rache gegen uns?« lachte Sam.

»Ja.«

»Das könnte uns veranlassen, Euch eine Kugel durch den Kopf zu jagen.«

»Thu es meinetwegen! Aber wenn wir hier nicht liegen bleiben; wenn wir wieder gesund werden, so nehmt Euch vor uns in Acht. Das erste Wiedersehen bringt Euch den Weg in die Hölle. Ihr sollt uns nicht umsonst geschlagen haben!«

»Gieb Dir keine Mühe, uns Angst zu machen. Wenn Du Dich wieder einmal vor mir sehen lassen solltest, so erhältst Du Fünfzig aufgezählt anstatt nur Fünfundzwanzig. Solche Hallunken, wie Ihr seid, sollte man eigentlich um einen Kopf kürzer machen. Wäre es nur auf mich angekommen, so wäre das geschehen. Ihr habt nur Denen, die Ihr beraubtet, Euer Leben zu verdanken. Pflegt Euch gut, damit Ihr bald gesund werdet! Was Ihr dann anfangt, ist mir sehr egal; nur hütet Euch, mir jemals wieder vor die Augen zu kommen!« –

Der nun folgende Ritt über die Sierra de los Mimbres nach der Sierra della Acha ging ganz glücklich und ohne besondere Erlebnisse von statten. Von seinem früheren Aufenthalte am Silbersee kannte Sam den Weg dorthin. Er wußte, daß Eile nothwendig sei; darum hütete er sich vor jedem Umwege und jedem unnöthigen Aufenthalte.

Ein Glück war es, daß die beiden Frauen den Ritt sehr gut aushielten, obgleich sie diese Art und Weise des Reitens nicht gewohnt waren. Freilich gab der gute Sam sich die größte Mühe, ihnen die Sache so leicht wie möglich zu machen.

Jim und Tim hatten sich die Farbenmalerei aus dem Gesicht gewaschen. In der Gegend, in welcher sie sich befanden, war es nicht mehr von Vortheil, als Indianer aufzutreten. In den Wagen hatten sie zwei Hüte gefunden, die sie nun zu ihren Anzügen trugen.

Die ganze Gesellschaft war außerordentlich gespannt, die Taube des Urwaldes kennen zu lernen. Beim Aufbruche heute morgen hatte Sam gesagt, dies sei ihr letztes Nachtlager gewesen, da sie heute den See erreichen würden. Jetzt befanden sie sich auf einer ziemlich breiten Hochebene, welche von bewaldeten Höhen rechts und links eingeschlossen wurde, selbst aber keinen Baum zeigte, sondern von Gras und kurzlockiger Grama bestanden war. Sie schien sich nach vorwärts zu verengen und Sam sagte, daß der Silberfluß von den zur Linken liegenden Höhen herabkomme und sich da vorn, wo die Ebene ganz schmal werde, in einem hohen Falle herabstürze in den Thalkessel des Sees.

Am Schlusse dieser Erklärung blickte er sich nach der Richtung um, aus welcher sie gekommen waren, und sagte überrascht:

»Sapperment! Wir sind nicht die einzigen Menschen, welche es hier giebt. Da seht!«

Als sich nun auch die Anderen umblickten, sahen sie zwei Reiter in noch ziemlicher Ferne hinter sich. Diese Entfernung verminderte sich aber zusehends, da die Reiter im schärfsten Galopp herbeikamen. Außer Schußweite hielten sie an, um die Gesellschaft zu betrachten.

»Indianer,« sagte Sam. »Sie scheinen Beide noch jung zu sein, den Gestalten nach, denn die Gesichter kann man nicht erkennen.«

»Apachen oder Comanchen?« fragte Jim.

»Das weiß ich nicht. Sie haben kein Zeichen an sich, nach welchem man diese Frage beantworten könnte. Ah, sie scheinen sich beruhigt zu haben. Sie kommen heran.«

Die Indianer setzten ihre Pferde wieder in Galopp. Je näher sie kamen, desto besser waren sie zu erkennen.

Der Eine, Größere von ihnen war doch nur wohl zwanzig Jahre alt und in einen dunkeln Jagdanzug von Flennhaut gekleidet. Er trug eine Doppelbüchse, welche am Riemen über seiner Schulter hing. Sein Gesicht war unbemalt, braun, aber von beinahe kaukasischen Zügen.

Der Andere war jünger und in einen weißen Jagdanzug von Rehleder gekleidet. Genäht war dieser Anzug mit roth gefärbter Hirschsehne. Dieser Kleinere hatte sein Gesicht mit quer über dasselbe gehenden rothen und gelben Strichen gefärbt, so daß die eigentlichen Züge nicht zu erkennen waren. Auch er trug ein Gewehr, aber einen prachtvollen Lefaucheur-Hinterlader, eine große Seltenheit bei einem Indianer.

Beritten waren die Beiden außerordentlich gut. Der Aeltere saß auf einem Rapphengste und der Jüngere auf einer Schimmelstute.

Beide parirten ihre Pferde, als sie herangekommen waren.

»Uff, uff! Lo, lo!« rief der Jüngere mit knabenhaft feiner Stimme, als ob er sich über Etwas wundere.

Der Aeltere musterte die Gesellschaft mit ernster Miene und sagte dann:

»Die Bleichgesichter haben einen weiten Weg hinter sich?«

»Ja, einen sehr weiten,« antwortete Sam.

»Woher kommen sie?«

»Von jenseits des Gebirges.«

»Und wohin wollen sie?«

»Nach dem Silbersee.«

»Wollen sie vielleicht dort jagen?«

»Nein. Wir wollen dort ausruhen.«

»So weiß mein weißer Bruder wohl nicht, daß es dort keinen Ort giebt, an welchem ein Fremder sein Wigwam aufschlagen darf?«

»Wer will es mir verwehren?«

»Die Krieger der rothen Nationen.«

»Sie werden mich nicht fortweisen. Ich bin ihr Freund.«

»Alle Bleichgesichter nennen sich Freunde der rothen Männer, aber ihre Zungen sind falsch. Sie handeln anders als sie sprechen.«

»Ist mein rother Bruder schon so bei Jahren, daß er solche Erfahrungen gemacht hat?«

»Die Bleichgesichter sorgen dafür, daß der rothe Mann bereits in seiner Jugend sie kennen lernt. Mein weißer Bruder wird sehr klug handeln, wenn er mit den Seinen umkehrt. Er findet am Silbersee keinen Platz.«

»So ist der Platz schon besetzt?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Es befindet sich dort das Nest der Taube des Urwaldes, und die rothen Krieger sorgen dafür, daß kein Raubvogel sich diesem Neste nahe.«

»Ich bin kein Raubvogel. Ich komme als ein Freund der Taube, um ihr eine wichtige Entdeckung zu machen.«

»Sie wird den weißen Mann nicht empfangen.«

»Ich werde doch versuchen, ob sie es thut!«

Da sagte der Jüngere:

»Sie wird es thun. Du bist ihr willkommen.«

»Ich danke Dir, Knabe. Deine Worte klingen lieblicher als diejenigen Deines Bruders.«

»Ich spreche gern freundlich mit Dir, denn Du bist ein kühner Jäger, und Dein Herz ist voller Güte und Ehrlichkeit.«

»Wie kannst Du das wissen?«

»Ein Jeder wird Sam Barth so beschreiben, wie ich es gethan habe.«

»Sapperment! Du kennst mich?«

»Ja. Auch Jim und Tim werden der Taube sehr willkommen sein.«

»Alle Wetter! Auch diese kennst Du?«

»Sehr gut.«

»Kann mich nicht besinnen!« meinte Jim. »Woher willst Du uns kennen?«

»Ihr habt mir einmal einen großen Dienst geleistet.«

»Welchen denn?«

»Davon später!«

Er gab seinem Pferde die Sporen und sprengte in gestreckter Carrière davon, gefolgt von dem anderen Indianer.

»Da brate mir Einer einen Storch!« sagte Jim.

»Brate ihn Dir nur selber!« lachte Sam.

»Ich habe das Kerlchen noch nie gesehen!«

»Ich auch nicht. Und doch – – hm!«

»Was denn – hm?«

»Er sprach im reinsten Englisch, während der Andere sich im Indianermischmasch ausdrückte. Es kommt mir irgend Etwas bekannt an diesem Kleinen vor.«

»Etwa die Visage?«

»Die konnte man ja gar nicht sehen. Nein, aber die Stimme – diese Stimme!«

»Hast Du sie gehört?«

»Welche Frage! Natürlich habe ich sie gehört; ich habe ja meine Ohren! Aber sie kommt mir bekannt vor. Es ist mir, als ob ich sie bereits einmal gehört hätte.«

»Täuschung!«

»Das ist möglich. Aber hast Du seine Hände angesehen?«

»Was gehen mich die Hände an!«

»Da sieht man, wo Du die Augen hast. Du willst ein Westmann sein und siehst doch so Etwas nicht! Die Händchen waren klein wie Damenhände, ganz zart und so weiß, wie ein Indsmen keine Hände hat. Es kommt mir das sehr verwunderlich vor.«

»Na, warte, bis wir zur Taube kommen! Bei ihr werden sich diese beiden Indianer befinden. Aus ihren Reden war zu ersehen, daß sie sie kennen, und sie haben ja die Richtung eingeschlagen, welche zu ihr führt.«

»Natürlich werde ich da warten müssen; sie sind eben fort. Dort reiten sie, und wie! So kostbare Pferde habe ich fast noch niemals gesehen. Machen wir, daß wir nachkommen.«

Sie setzten den unterbrochenen Ritt fort. Nach einiger Zeit traten die Höhen, zwischen denen die Hochebene lag, näher zusammen, mit ihnen der Wald, und von der Seite her näherte sich das Flüßchen, dessen Wasser den Silbersee speiste. Dann vernahmen sie das Brausen eines hohen Wasserfalles. Das Flüßchen stürzte sich wohl über fünfzig Meter hoch hinab in ein Felsbassin, welches es sich ausgehöhlt hatte, und floß von da weiter dem See entgegen, den man aber noch nicht sehen konnte.

Der Weg, den die Reiter einzuschlagen hatten, ging in einen weiten, sich immer tiefer senkenden Bogen um den Wasserfall hinab nach dem Bassin und von da am Flüßchen hin, bis die Bäume, welche da einen geschlossenen Wald bildeten, wieder auseinander traten. Jetzt nun war das Thal des Sees in seiner ganzen Ausdehnung zu überblicken.

Es bot einen Anblick von wunderbar, ergreifender Schönheit.

Die fast lothrecht aufsteigenden Wände konnten keine Bäume tragen, waren aber mit Buschwerk bestanden, welches für seine Wurzeln überall einen Felsenriß gefunden hatte. Nur hier und da stand an einer horizontalen Stelle eine Ceder, aber von solcher Mächtigkeit wie in dem berühmten Yosemitethal in Californien. An diesen Felswänden konnte kein menschlicher Fuß hinauf- oder herabklettern. Es gab nur zwei Wege, in das Thal zu kommen, nämlich da, wo das Flüßchen in dasselbe trat, und da, wo es dasselbe wieder verließ.

Der größte Theil der Thalsohle war mit Wasser angefüllt – dem Silbersee. Die Sonne stand bereits hoch, und unter ihren Strahlen erglänzten die Wellen wie polirtes Silber.

An seinem diesseitigen Rande, da wo sich das Flüßchen in ihn ergoß, stand das alte Gebäude der Mission. Es war gebaut wie ein Kloster, durchweg aus Steinen aufgeführt. Diejenigen, welche es vor alter Zeit errichtet hatten, waren gezwungen gewesen, sich gegen feindliche Angriffe zu schützen. Sie hatten den Mauern eine bedeutende Stärke gegeben und im unteren Stocke keine Fenster, wohl aber zahlreiche Schießscharten angebracht. Aus demselben Grunde gab es auch nur einen einzigen Eingang, welcher durch ein mächtiges hölzernes Thor verschlossen wurde. Neben demselben befand sich eine Klingel, die jedenfalls erst in neuerer Zeit angebracht worden war.

In der Nähe des Gebäudes weideten mehrere Pferde, unter ihnen auch der Rappe und der Schimmel, welche die beiden jungen Indianer geritten hatten. Am Ufer des Sees waren mehrere Rindenkähne befestigt. In der Mitte der Wasserfläche sah man eine Insel. Ein kleines, steinernes Gebäude, welches sich auf derselben befand, ließ vermuthen, daß sie vom Ufer aus sehr oft besucht werde.

Um den See herum gab es eine ganze Menge künstlicher Erhöhungen, meist ungefähr zwölf Ellen hoch und mit Gras bewachsen, oben darauf irgend ein Busch mit in die Erde gesteckten Lanzen und allerlei anderem Geräthe. Sam erklärte:

»Das sind die Häuptlingsgräber, welche in der ganzen Gegend für heilig gelten.«

»Die liegen in ihren Särgen unter so riesigen Hügeln?« fragte der Förster.

»Liegen? In Särgen? Fällt keinem Menschen ein! Ein Häuptling wird nicht in einen Sarg gepreßt. Man zieht seiner Leiche das beste Gewand an, setzt sie auf sein Lieblingspferd und giebt ihr die Waffen und den Medizinbeutel in die Hand. Das Wort Medizin bedeutet hier nicht etwa so viel wie Arznei, sondern es heißt Heiligthum. Der Medizinbeutel enthält Amulette und andere Gegenstände, welche durch den Priester, den Medizinmanne geweiht worden sind. – Nun wird um das Pferd und die Leiche Erde aufgehäuft. Das Thier kann sich zuletzt nicht mehr bewegen und wird erstochen, damit es nicht so lange mit dem Tode zu kämpfen habe. Die Erde wächst höher und höher, Steine darüber, welche dem Grabe Halt geben. Hat der Hügel seine Höhe erreicht, so steckt man allerlei Gerätschaften des Häuptlings, seine Lanzen und Pfeile, seinen Bogen, oben in die Erde und hängt Verschiedenes daran, was ihm im Leben lieb gewesen ist. Diese Gegenstände sind unantastbar. Wer sich an ihnen vergreift, begeht ein Verbrechen, welches nur mit dem Tode gesühnt werden kann. Es sind Weiße hier gewesen, welche die Gräber entweiht haben. Darum wurde zu der Zeit, als ich zum ersten Male hierher kam, ein jedes Bleichgesicht feindselig empfangen und mit den Waffen fortgewiesen. – Hier nun sind wir an dem Thore. Wir werden klingeln müssen.«

Er zog an der Glocke. Man hörte ihren Ton wie aus weiter Entfernung. Nach einiger Zeit wurde ein kleines Guckloch, welches sich im Thore befand, geöffnet, und das Gesicht einer alten, runzeligen Indianerin erschien.

»Wohnt hier die Taube des Urwaldes?« fragte der kleine Dicke.

»Palomo Nakana wohnt hier,« lautete die Antwort.

»Ist sie daheim?«

»Sie ist da.«

»Ich habe mit ihr zu sprechen.«

»Es ist ein großes Wunder geschehen. Ihr seid Bleichgesichter, welche nur Unheil bringen, und doch habe ich den Befehl erhalten, Euch Alle einzulassen. Kommt Ihr in arglistiger Absicht, so werdet Ihr dieses Haus nicht lebendig verlassen. Darum reitet lieber sogleich wieder fort!«

»Wir sind Freunde der Taube. Wir haben uns nicht zu fürchten.«

»So kommt herein.«

Das Thor ging auf, und die Angekommenen folgten dem breiten, gewölbten Durchgange bis in einen großen, viereckigen Hof, welcher von den vier Flügeln des Gebäudes eingeschlossen wurde. Auch hier ließ sich kein Mensch sehen.

In jeder Seite dieses Hofes befand sich eine Thür. Hier gab es zahlreiche Fenster; aber in den wenigsten war noch der Rest einer alten Glasscheibe zu finden. Wo sollte hier mitten im Indianergebiete ein Glaser herkommen.

»Wer ist der Anführer?« fragte die Alte.

»Ich bin es,« meinte Sam.

»Steige hier diese Treppe hinauf. Die Anderen mögen warten.«

Sie deutete nach der Thüröffnung, in welcher aber die Thür fehlte. Er stieg vom Pferde und ging die steinerne Treppe hinan. Droben kam er auf einen Corridor. Dort stand der ältere Indianer, der ihnen draußen begegnet war.

»Du sollst den Vater der Taube sehen,« sagte er. »Komm mit mir!«

Er führte ihn zu einer Thür, öffnete dieselbe und winkte ihm, einzutreten. Als dies geschah, machte er von Außen die Thür wieder zu.

Sam befand sich nun in einem hohen, düsteren Raume, welcher außer den nackten Steinwänden nichts als einen roh zugehauenen Tisch und einige ebenso primitive Bänke zeigte. Vor ihm stand ein Mann in indianischem Lederanzug. Sein Gesicht trug einen gewaltigen Vollbart, so daß man die Züge fast gar nicht erkennen konnte. War er ein Indianer oder ein Weißer? Das ließ sich schwer entscheiden. Er streckte Sam die Rechte entgegen und sagte:

»Herzlich willkommen, Master Barth! Ich habe mich sehr gefreut, als ich hörte, daß ich Euch einmal wiedersehen würde.«

Der Blick des Dicken forschte vergebens in dem bärtigen Gesichte nach einem Erkennungszeichen. Er schüttelte den Kopf und antwortete:

»Ich will mich auf der Stelle auffressen lassen, wenn ich weiß, wo ich Euch schon einmal gesehen habe. Ihr sprecht ein famoses Englisch, könnt also doch wohl kein Indsmen sein?«

»Da vermuthet Ihr ganz richtig. Ich bin kein Indianer, sondern ein Weißer.«

»Und der Vater der Taube?«

»Ja.«

»Darf ich einmal mit ihr sprechen?«

»Natürlich. Eigentlich habt Ihr bereits mit ihr gesprochen.«

»Wann denn und wo?«

»Vor einer halben Stunde.«

»Sapperment! Davon weiß ich freilich nichts.«

»Es begegneten Euch zwei Indsmen. Mit diesen habt Ihr doch gesprochen.«

»Freilich. Aber ein Weibsbild war nicht dabei.«

»O doch. Der kleinere der beiden Indianer war meine Tochter.«

»Was! Donnerwetter! Ich denke, ich habe gute Augen und – na ja, es kam mir sonderbar vor. Diese kleinen, weißen Hände und diese Stimme. Ich bin überzeugt, daß ich diese Stimme bereits einmal gehört habe.«

»Ganz richtig, Sir.«

»Aber ich weiß gar nicht, wo. Es fällt mir da ein, gehört zu haben, daß die Taube des Urwaldes eigentlich Almy heißt; ich kenne keine Almy außer einer Einzigen – hm!«

»Wer ist diese Einzige?«

»Die Tochter eines Pflanzers bei Van Buren.«

»Meint Ihr Wilkins?«

»Himmelelement! Ihr kennt den Mann?«

»Ja, ich kenne ihn, und Diese da kennt ihn auch.«

Er öffnete eine Nebenthür und rief den Namen Almy hinein. Die Tochter kam auf diesen Ruf herbei. Sie war höchst einfach auf indianische Weise gekleidet. Alle Stücke ihres Anzuges bestanden aus dem feinsten, schneeweiß gegerbten Leder. Das kleine, kurze, kaum über das Kniee reichende Röckchen, das enge Leibchen, welches sich drall um die Fülle des reizenden Busens legte, die Gamaschen, die sich faltenlos um die Waden schlossen, die kleinen Moccassins, wie für ein Kind gemacht. Alles aus schneeglänzendem Leder und mit mühevoller rother Sehnenstickerei verziert. Um den Hals trug sie eine kostbare Schnur von Zähnen und Krallen des grauen Bären, kostbar durch die Gefahr, welche mit der Erlegung dieses starken Thieres verbunden ist. Das prächtige, dunkle, in langen, schweren Flechten herabhängende Haar trug keinen Schmuck als eine Doppelnadel, an welcher sich zwei Nuggets von der Größe eines Gänseeies befanden.

Das einst so rosige Gesichtchen sah bleich aus. Ein Hauch tiefer Schwermuth, welcher es durchgeistigte, konnte selbst durch das freundliche Lächeln kaum gemildert werden, unter welchem sie dem Jäger ihr kleines Händchen entgegenstreckte.

»Willkommen, Master Sam! Ihr habt mich vorhin wohl schwerlich erkannt?«

»Himmelsapperment!« rief er aus. »Ist das denn wahr oder nicht?«

»Es wird wohl wahr sein.«

»Mademoiselle Wilkins!«

»Die bin ich.«

»So ist also dieser Sir Euer Vater, Monsieur Wilkins aus Wilkinsfield?«

»Natürlich.«

»Ich will mich fressen lassen, wenn ich Euch Beide wiedererkannt habe! Ihr hier, Ihr! Das ist ein blaues Wunder und ein grünes und gelbes dazu! Wie in aller Welt kommt denn Ihr hierher an den Silbersee, mitten zwischen Comanchen und Apachen hinein?«

»Das ist eine lange und traurige Geschichte, die ich Euch wohl noch erzählen werde,« antwortete Wilkins. »Ich trage selbst mit daran Schuld. Ich habe damals den Fehler gemacht, daß ich Euren Rath nicht befolgte.«

»Ja, ja! Hm! Wer nicht hört, der muß eben fühlen. Ihr hattet so eine Art von Respect vor diesem, diesem – na, wie hieß denn der Hallunke gleich?«

»Leflor.«

»Ja, Leflor. Der Kerl schien mir da zu sein, um einen guten Strick um den Hals zu bekommen. Ihr habt viel zu viel Umstände mit ihm gemacht.«

»Ja, ich hätte mehr auf Euch hören sollen. Ich hätte es vielleicht auch noch gethan, aber Ihr wart so plötzlich verschwunden. Ich ließ zwar sogleich nach Euch suchen, konnte aber Eurer nicht habhaft werden.«

»Ja, wenn sich der Sam nicht finden lassen will, so wird er eben nicht gefunden. Er ist ein Sappermentskerl! Nicht? Etwas zu dick, sonst aber ein ganz ordentliches Menschenkind.«

»Ich habe mich damals bei Euch nicht bedanken können. Ich will das hiermit nachgeholt haben, und es sollte mich herzlich freuen, wenn ich Euch heute einen Dienst erweisen könnte.«

»Das könnt Ihr, das könnt Ihr sehr gut.«

»Dann sagt mir nur, was Ihr wünscht.«

»Ich wünsche, daß Ihr den rothen Burkers tüchtig anlaufen laßt.«

»Den? Ah, das möchte ich wohl. Wenn dieser Kerl mir nur einmal in die Hände kommen wollte.«

»Er will, er will, Sir!«

»Wie? Ich verstehe Euch nicht.«

»Na, ich denke, Ihr wißt es bereits!«

»Was soll ich wissen? Ich weiß von nichts.«

»Das ist sonderbar! Ihr kennt doch den Apachenhäuptling, welchen man die »starke Hand« nennt?«

»Freilich kenne ich ihn. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken. Er ist unser Beschützer.«

»Und kennt Ihr vielleicht auch einen weißen Jäger, welchem man den Namen »Fürst der Bleichgesichter« gegeben hat?«

»Ich kenne ihn nicht, habe aber sehr viel von ihm gehört.«

»So habe ich mich allerdings in meinen Vermuthungen geirrt. Ich habe geglaubt, diese beiden Männer hier bei Euch zu finden. Es erschien mir als ganz selbstverständlich, daß sie kommen würden, um Euch zu warnen. Die beiden Männer müssen durch irgend Etwas verhindert worden sein.«

»Mich warnen? Droht mir etwa eine Gefahr?«

»Freilich. Der rothe Burkers hat es abermals auf Euch abgesehen; er will Euch hier am Silbersee einen Besuch abstatten.«

»Der? Ah, wenn das wahr wäre!«

»Freilich ist es wahr.«

»Befindet er sich denn in dieser Gegend?«

»Und ob! Mit einer ganzen Bande. Er ist bereits unterwegs nach hier. Er meint, daß die Taube des Urwaldes große Schätze besitze.«

»Und wie habt Ihr denn erfahren, daß er diesen Streich gegen mich beabsichtigt?«

»Durch den Fürsten der Bleichgesichter. Ich will Euch die Sache kurz erzählen.«

Er berichtete ihm die Ereignisse der letzten Zeit. Als er geendet hatte, sagte Wilkins kopfschüttelnd:

»Das ist wirklich wunderbar! Zweimal will mich dieser Mensch berauben und zweimal seid Ihr es, welcher kommt, mich zu warnen. Ich bin Euch wirklich außerordentlich verpflichtet.«

»Wenn Ihr das meint, so werdet Ihr mir wohl die einzige Bitte erfüllen, welche ich habe?«

»Nun, welche?«

»Laßt die Hallunken dieses Mal nicht entkommen!«

»Dieser Wunsch wird Euch ganz gewiß erfüllt, Master Barth. Ich wünsche nur, daß sie auch wirklich kommen mögen.«

»Hoffentlich thun sie uns den Gefallen. Der Fürst der Bleichgesichter ist zuverlässig. Er hätte es nicht geschrieben, wenn es nicht wahr wäre. Darf ich Euch bei diesem Fange ein Wenig helfen?«

»Wenn es Euch Spaß macht, ja, obgleich ich ganz und gar nicht ohne Schutz bin.«

»Hm! Ich habe bisher nur eine alte Indianerin und einen jungen Burschen gesehen. Ist das etwa Euer ganzer Schutz?«

»O nein. Zunächst bietet mir dieses Haus Schutz vor einer ganzen Menge von Feinden. Ich bin reichlich verproviantirt und könnte eine lange Belagerung aushalten. Waffen und Munition habe ich auch genug. Mein bester Schutz aber sind die Indianer, welche meine Tochter fast wie ein höheres Wesen verehren.«

»Hm! Kein Wunder!« meinte Sam, indem er das schöne Mädchen freundlich betrachtete. »Mademoiselle Almy ist auch wirklich etwas ganz Apartes, etwas Höheres. So viel ist wenigstens sicher, daß sie etwas Höheres ist als Sam Barth. Aber sind diese Indsmen denn bei der Hand, wenn Ihr sie braucht?«

»Ja. Wenigstens kann ich mich hier so lange halten, bis sie kommen.«

»Ihr müßt sie also benachrichtigen?«

»Ja.«

»Etwa einen Boten senden? Das ist umständlich und gefährlich.«

»O, der Bote, welchen ich ihnen sende, ist schneller als der schnellste Reiter.«

»Oho! Den möchte ich sehen! Und wenn sie ihn nun unterwegs wegfangen?«

»Das können sie nicht.«

»Na, na! Ich sage Euch, daß auch der schlaueste Kerl ergriffen werden kann!«

»Mein Bote wird offen durch sie hindurch oder an ihnen vorübergehen und sie werden ihn gehen lassen.«

»Dann sind sie Prügel werth. Wer ist denn dieser prachtvolle Kerl?«

»Das Wasser.«

Sam machte ein höchst erstauntes Gesicht. Er fragte:

»Das Wasser? Hm! Ja, ich kann mir so ungefähr denken, was Ihr meint. Ihr steckt einen Brief oder so Etwas in ein Kästchen und thut dasselbe in den Fluß, wo er aus dem See kommt. Der Fluß nimmt es mit dahin, wo es aufgefangen wird.«

»Das wäre höchst unzuverlässig. Unter hundert Malen würde das Kästchen neunundneunzig Male unbeachtet bleiben. Es kann doch nicht Tag und Nacht Jemand am Flusse sitzen und aufpassen.«

»Wie ist es denn?«

»Der See hatte früher einen kleinen Seitenabfluß, welcher sich durch die Seite des Thales einen Weg gebahnt hatte. Wir haben die Oeffnung verschlossen. Von diesem Hause geht ein Draht zu ihr hin. Ich darf nur ziehen, so ist der Weg für das Wasser wieder frei; es fließt ab, nicht in großen Wegen, sondern als ein kleines schmales Bächlein. Sobald es unten in der Ebene erscheint, wissen die Bewohner derselben, daß ich mich in Gefahr befinde, und kommen mir zu Hilfe.«

»Nicht übel! Ganz hübsch ausgedacht. Ich denke aber, wir werden das gar nicht nöthig haben. Habt Ihr uns jetzt kommen sehen?«

»Ja.«

»So werdet Ihr bemerkt haben, daß Jim und Tim wieder bei mir sind, dazu ein deutscher Förster mit seinem Sohne. Wir sind also Manns genug, es mit den Kerls aufzunehmen. Wir schießen sie nieder, wie sie kommen.«

»Lieber möchte ich sie lebendig haben.«

»Das ist freilich noch besser. Wie aber denkt Ihr denn, dies anzufangen?«

»Ich stelle es mir gar nicht schwer vor. Glaubt Ihr etwa, daß diese Menschen Sturm gegen meine Mauern laufen werden?«

»Gewiß nicht.«

»Nein. Sie werden zunächst die Gelegenheit erkunden. Sie werden einen der Ihrigen zu mir schicken, der mich vielleicht um Gastfreundschaft bitten und ihnen des Nachts die Thür öffnen soll.«

»Das ist sehr denkbar. Aber wir wollen sie empfangen!«

»Natürlich. Aber wie es scheint, haben wir noch Zeit. Wir brauchen uns nicht zu überstürzen. Zunächst will ich mit hinabgehen, um auch die Andern zu begrüßen. Wir haben sie bereits zu lange warten lassen.«

»Ganz recht! Aber – hm! Könnten wir wohl für einige Zeit hier wohnen?«

»Natürlich.«

»Auch die beiden Ladies?«

»Freilich!«

»Ich muß Euch da nämlich sagen, daß die Eine davon meine Verlobte ist, die eines schönen Tages sogar meine Frau sein wird. Euch wird das freilich sehr gleichgiltig sein, mir aber desto weniger. Ich möchte sie gern so viel wie möglich in Sicherheit haben.«

»Was das betrifft, so könnt Ihr ruhig sein. Sie ist bei mir hier ganz genau so sicher, als ob sie in Abraham's Schooße säße.«

»Na, wenn es nothwendig ist, daß sie sich irgend Einem in den Schooß setzt, so will ich diesen Abraham doch lieber selbst machen. Besser ist besser.«

»Ich habe Euch also eingeladen. Und Eure Verlobte kann hier bei mir bleiben, so lange es ihr beliebt, Jahre lang, mir soll es recht sein. Jetzt aber wollen wir hinunter in den Hof gehen.«

Nach kurzer Zeit saßen alle die Neuangekommenen in einem großen Saale beim Essen, welches allerdings nur in Maiskuchen und riesigen Büffelbratenstücken bestand. Als das Mahl beendet war, hatte Sam keine Ruhe. Er dachte an den rothen Burkers und wollte unbedingt einen Plan entworfen haben. Dazu war es nöthig, die Oertlichkeit genau zu kennen, und so ersuchte er Wilkins, ihm die Erlaubniß zu einer Recognition zu ertheilen.

»In Gottes Namen,« antwortete dieser. »Thut nur immer, was Ihr für nothwendig haltet. Ich werde selbst mitgehen.«

Sie brachen zu Vieren auf: Sam, Wilkins, Tim und Jim. Wilkins wollte sie rund um den See führen, damit sie die ganze Gegend kennen lernen könnten. Unterwegs erkundigte sich Sam, ob der Zugang zum See auch von den Höhen herab möglich sei.

»Nein,« antwortete Wilkins. »Man kann nur durch das Zu- und Abflußthor des Thales zu mir kommen. Und diese beiden Oertlichkeiten sind so beschaffen, daß zwei Wachen genügen, um mich über jeden Nahenden zu unterrichten.«

Sie wanderten an der einen Längsseite des See's hin und gelangten so an das Ende desselben, wo das Flüßchen wieder heraustrat und, sich durch eine Felsenenge Bahn brechend, in mehreren auf einander folgenden Schnellen von der Höhe hinabrauschte. Neben diesen Schnellen gab es nur so viel Raum, daß kaum zwei sich begegnende Reiter einander ausweichen konnten.

Als die vier Männer da oben standen und mit ihren Blicken den Sprüngen des Flusses folgten, schob plötzlich Sam die Anderen zur Seite und sagte:

»Tretet schnell zurück! Seht Ihr den Mann?«

»Wo?« fragte Jim.

»Ganz unten. Er kommt langsam am Flusse herauf geritten. Es ist ein Weißer.«

Jetzt sahen auch die Anderen den Reiter, welchen er meinte. Sie verbargen sich hinter den Bäumen und beobachteten ihn.

»Der Kerl kommt mir verdächtig vor,« meinte Sam. »Was für einen alten starkknochigen Gaul er reitet! Er sitzt ganz vornüber gebeugt und sucht nach Spuren. Dabei gehen die Augen nach rechts und links, wie diejenigen eines Spitzbuben.«

»Du, ich weiß, wer das ist!« sagte Jim.

»Nun, wer denn?«

»Das ist Derjenige von der Bande des rothen Burkers, welchen er zum Recognosciren geschickt hat.«

»Meinst Du? Kannst Recht haben.«

»Wollen wir ein paar Worte mit ihm sprechen?«

»Natürlich. Aber kommt noch ein Wenig zurück. Hier ist es zu eng. Wir müssen Platz haben, ihn fest zu halten.«

»Der Kerl hat gar kein Gewehr!«

»Das hat er natürlich zurückgelassen, damit wir ihn für einen friedlichen Menschen halten sollen. Er soll sich in uns getäuscht haben.«

Der Reiter kam langsam näher. Er hatte sie längst bemerkt, that aber nicht so. Er war von hoher, breitschulteriger Gestalt und trug einen dichten Vollbart. Gekleidet war er in starkes, ungegerbtes Wapitileder. Im breiten Ledergürtel steckte ein Messer und ein großes Beil; eine andere Waffe bemerkte man nicht an ihm. Um die Schulter hatte er einen Lasso geschlungen und auf dem Rücken trug er einen Tornister, welcher ihm ein eigenartiges Aussehen gab. Er hatte seinem großen, starkknochigen Pferde die Zügel auf den Hals gelegt und sich die Hände in die Hosentaschen gesteckt. So kam er ganz gemüthlich daher getrollt.

Das Pferd schnaubte, wedelte mit den Ohren und warf den Schwanz hin und her.

»Nein, ist dieser Mensch dumm!« sagte Sam. »Sein Gaul ist viel klüger. Das Pferd hat uns längst gewittert, er aber merkt gar nicht, wie unruhig es thut. Und das will ein Räuber sein! Pshaw!«

Jetzt wollte der Fremde vorüber. Da trat Sam hervor und rief:

»Halt, Mann! Ihr seid nicht so ganz und gar allein, wie Ihr anzunehmen scheint!«

Die anderen Drei waren dem Dicken gefolgt. Der Fremde sah ihn ein Wenig von der Seite an, zuckte die Achseln und antwortete:

»Weiß es! Habe Euch längst bemerkt.«

»Ah! O! Wann denn?«

»Schon als ich noch weit unten war. Euer Körper ist nicht so dünn, daß man ihn für einen Strich im Wege halten könnte.«

»So! Gesehen habt Ihr uns? Und dennoch kommt Ihr da herauf?«

»Wie Ihr seht, ja.«

»Was wollt Ihr denn da oben?«

»Hm! Mich ein Wenig umsehen.«

»Das ist verboten.«

»Wer hat es denn verboten? Etwa Ihr?«

»Ja.«

»Daraus werde ich mir nicht viel machen. Adieu, Master!«

Er nickte dem Dicken zu und wollte weiter. Schnell ergriff Sam das Pferd beim Zügel, Jim aber stellte sich zur rechten und Tim zur linken Seite des Reiters auf. Beide griffen nach den Steigbügelriemen.

»Halt, Mann!« meinte Sam. »Ihr werdet warten.«

Der Fremde hatte noch immer die Hände in den Hosentaschen. Er nahm sie auch jetzt nicht heraus, lächelte den Dicken lustig an und fragte:

»Ihr wollt mich aufhalten?«

»Ja. Steigt einmal aus dem Sattel!«

»Hm! Da habt Ihr meine Antwort!«

Er stieß einen scharfen Pfiff aus – ein Druck seiner Schenkel – und sein Gaul ging mit allen Vieren in die Luft, schlug nach vorn und hinten aus und blieb dann stehen, nachdem er sich in dieser Weise zweimal im Kreise gedreht hatte.

Sam war an einen Baum geschleudert worden, Jim lag rechts und Tim links am Boden; Beide standen langsam auf und alle Drei rieben sich diejenigen Stellen ihres Körpers, mit denen die Hufe des Pferdes in Berührung gekommen waren.

Der Fremde saß ganz gemüthlich im Sattel, die Hände noch in den Hosen, und sagte:

»Nicht wahr, Mesch'schurs, es ist ziemlich schlimm, wenn so ein Pferd sich nicht festhalten lassen will?«

»Eine verdammte Bestie ist Euer Vieh!« zürnte Sam. »Nehmt Euch in Acht, daß ich ihm nicht eine Kugel in den Dickkopf gebe!«

»Das würde die letzte Kugel sein, welche Ihr verschießt. Wir Rafters verstehen es, unser Eigenthum zu vertheidigen.«

»Ah! Für einen Rafter, für einen Holzfäller gebt Ihr Euch aus?«

»Ja, Sir.»

»Und Ihr meint, daß wir es glauben?«

»Was Ihr glaubt, ist mir egal.«

»Nun, wir werden Euch nachher sagen, was wir denken!«

»Ich kann Euch schon jetzt sagen, was ich von Euch denke.«

»Was denn, he?«

»Daß Ihr alle Vier Euch ein Wenig überschätzt. Mich anzuhalten, dazu gehören andere Kerls!«

»Oho, Mann! Kennt Ihr mich?«

»Pah! Wer werdet Ihr denn sein! Oder diese Beiden? Englische Nähnadeln, etwas in die Länge geklopft.«

»Donnerwetter! Wir werden Euch eine höflichere Sprache lehren. Ich sage Euch, steigt vom Pferde herunter, sonst holen wir Euch herab!«

»Versucht es doch noch einmal! Zwanzig solcher Yankees, wie Ihr seid, bringen keinen braven Deutschen aus dem Sattel, wenn er nicht will.«

»Wie? Was?« fragte Sam schnell. »Ihr seid ein Deutscher?«

»Ja, wenn Ihr nichts dagegen habt.«

»Wie lautet denn da Euer Name?«

»Steinbach.«

»Das ist freilich stockdeutsch. Wunderbar! Es sollte mir leid thun, wenn Sie ein schlechter Kerl wären!«

Er hatte diese Worte in deutscher Sprache gesprochen. Steinbach antwortete ebenso:

*

44

»Wer das behauptet, dem schlage ich die Faust an den Kopf. Verstanden?«

»Was für ein Landsmann sind Sie denn?«

Ueber das männlich schöne Gesicht Steinbach's zuckte es lustig. Er nahm den breitkrämpigen Filzhut, welchen er auf hatte, höflich ab und antwortete:

»Sie sind wohl auch ein Deutscher?«

»Ja, freilich!«

»So erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen als einen Sachsen vorstelle!«

»Ein Sachse! Kreuzschockschwerenoth! Ist das möglich? Woher denn?«

Abermals leuchtete für einen Augenblick aus Steinbach's Augen der Schalk. Er antwortete ernsthaft:

»Sie werden das kleine Oertchen wohl nicht kennen. Ich bin aus Herlasgrün.«

»Her – – her – – –!«

»Ja, Herlasgrün,« nickte Steinbach.

Der Dicke war ganz perplex. Er stemmte die Arme in die Seiten und stammelte:

»Her – her – – las – lasgrün! Da schlage doch Gott den Teufel todt! Möchte man da nicht vor lauter Freude den Ofen einschmeißen!«

»Warum denn?«

»Ich bin ja auch aus Herlasgrün!«

»Sie machen Spaß!«

»Nein, nein! Ich heiße Samuel Barth – – –«

»Etwa der Knopfmacher?«

Das war dem Dicken doch zu toll. Er riß sich die Pelzmütze vom Kopfe, warf sie vor Freude zur Erde und schrie jubelnd:

»Gottstrambach, der Kerl kennt mich! Er kennt mich! Nein, so eine Weihnachten!«

»Natürlich kenne ich Sie,« sagte Steinbach, obgleich er in seinem ganzen Leben nicht in Herlasgrün gewesen war. »Ich war so eine kleine Kröte, als Sie nach Ruppertsgrün zu ihrer Gustel auf die Freite gingen.«

»Auch die Gustel kennt er! Ist so Etwas denn möglich! Und Steinbach heißen Sie? Sind Sie etwa Einer vom Fleischer Steinbach?«

»Ja, der Jüngste.«

»Und jetzt hier in der Sierra della Acha! Wenn mir noch einmal Einer behauptet, daß keine Wunder mehr geschehen, dem klopfe ich das Leder, daß er sich selbst für einen Kanonenstiefel halten soll! Wie geht es denn jetzt in Herlasgrün?«

»Ich danke! Ganz gut. Vor zwei Jahren hat Winters Ziege zwei Karnickel geworfen, und nur eine Woche später hat der Stadtrath wegen der heißen Hundstage dem Kirchthurm einen grünseidenen Sonnenschirm machen lassen.«

»Wie – wa – wo – – hören Sie, Sie scheinen ein ziemlicher Nichtsnutz zu sein!«

»Das nicht. Ich mache nur gern Spaß, mein lieber Sam der Dicke.«

»Verteufelt! Jetzt kennt er meinen Trappernamen!«

»Ich kenne auch noch andere. Sind diese Beiden hier nicht die Masters Jim und Tim Snaker?«

»Ja, sie sind es. Woher wißt Ihr das?«

»Woher? Wenn man irgendwo im Westen auf einen recht Dicken trifft, der zwei recht Dünne bei sich hat, so heißen diese drei Kerls sicherlich Sam, Jim und Tim. Das weiß doch alle Welt.«

»Sehr viel Ehre! Aber, sagt mir einmal, was Ihr eigentlich hier oben in der Sierra wollt. Ihr habt ja nicht einmal ein Gewehr bei Euch!«

»Nicht? Nun, wenn ich keins habe, so werde ich wohl keins brauchen, sonst hätte ich sicherlich eins mit. Hier ist doch wohl der Silbersee?«

»Ja.«

»Da wohnt ein Master Wilkins?«

»Ja. Was wollt Ihr bei ihm? Ihr kommt doch nicht etwa von einem gewissen Burkers?«

»O nein. Ich kenne keinen Burkers. Einen Burkert kenne ich, der war Erbsenwächter in der Oberwiere bei Altenburg, aber keinen Burkers. Der mich schickt, das war ein gewisser na, wie war doch gleich der Name! Es war ein so indianisches Wort, obgleich der Mann ein Deutscher war, so ähnlich wie Tan – tan mi oder Talmi oder – – –«

»Etwa Tan-ni-kay?« fragte Sam rasch.

»Ja, ja, so war der Name.«

»Alle Teufel! Also haben Sie mit dem Fürsten der Bleichgesichter gesprochen?«

»Habe keine Ahnung davon. Der Mann nannte sich so und hatte einen Indianer bei sich, der hieß La – la – la – la – – –«

»Lata-nalga?«

»Ja, so hieß er.«

»Das war also die ›starke Hand.‹ Sapperment! Diese Beiden schicken uns wohl eine Botschaft?«

»So ähnlich. Ich soll herauf an den Silbersee reiten zu Master Wilkins und ihm sagen, der dicke Sam würde mit seiner Gustel aus Ruppertsgrün kommen und ihn warnen; Master Wilkins solle sich aber nicht fürchten, denn die Zwei, welche mich senden, wären hinter den Kerls her und würden die Ankunft derselben melden und zur geeigneten Zeit selbst hier oben eintreffen.«

»Gott sei Dank!« sagte Wilkins. »Diese Botschaft ist mir von hohem Werthe. Sie beruhigt mich vollends, obgleich ich schon vorher keine Furcht hatte.«

»Ich bin also an die richtige Adresse gekommen?«

»Ja, Master Steinbach.«

»Nun, so kann ich wieder gehen.«

Er wendete sein Pferd um; da aber griff Sam demselben schnell in die Zügel, obgleich er vorhin so schlimme Erfahrung gemacht hatte, und sagte:

»Was fällt Euch ein! Ich hoffe doch nicht, daß Sie so schnell wieder gehen werden!«

»Warum nicht? Der Empfang, den ich gefunden habe, war kein sonderlich einladender.«

»Das müssen Sie verzeihen. Wir hielten Sie nämlich für einen Spitzbuben.«

»Sapperlot! Habe ich denn ein so Spitzbubengesicht?«

»Nein, ganz und gar nicht. Ich kann sogar sagen, daß mir Ihr Gesicht ganz und gar gefällt.«

»Schön! So haben Sie Ihr Versehen wieder gut gemacht; ich gehe aber trotzdem fort.«

Da sagte Wilkins zu ihm:

»Wenn ich Sie bitte, sich bei mir auszuruhen, so hoffe ich, daß diese Bitte mir nicht abgeschlagen wird.«

Steinbach's Auge ruhte mit einem eigenthümlich forschenden Blick auf dem Sprecher. Er antwortete:

»Ich würde Ihrem Wunsche sehr gern entsprechen; aber es ist mir leider unmöglich. Die Botschaft, welche ich Ihnen brachte, hat mir einen Theil meiner Zeit genommen, die ich so nothwendig brauche. Ich muß diesen Verlust wieder einholen.«

»Darf man nicht vielleicht erfahren, was Ihre Zeit so kostbar macht? Die Rasters pflegen sonst doch immer genug Mühe zu haben.«

»Bei mir ist es anders. Ich habe nämlich eine Privataufgabe zu erfüllen. Ich suche einen verschwundenen Menschen.«

»Hier? Im Indianergebiete?«

»Ja.«

»Da dürfte Ihre Mühe vergeblich sein.«

»Seine Spur führt hierher.«

»So ist er wohl todt. Ich kenne alle Weißen im weiten Umkreise. Darf ich fragen, wie der Mann heißt, um den es sich handelt?«

»Adler.«

»Adler? Ah! Sein Vorname?« fragte Wilkins schnell.

»Martin.«

»Martin Adler? Höre ich recht? Welcher Nationalität war der Mann und welchen Beruf hatte er?«

»Er war ein Deutscher und soll zuletzt in den Vereinigten Staaten als Verwalter oder Oberaufseher einer Pflanzung in Arkansas thätig gewesen sein. Aber was haben Sie, Master Wilkins?«

»Sie sehen mich im höchsten Grade betroffen. Ein Martin Adler war vor ungefähr fünf Jahren als Oberaufseher bei mir angestellt.«

»Hier?«

»O nein, Ich wohnte damals in Arkansas.«

»In Wilkinsfield?«

»Ja. Die Pflanzung war nach unserem Familiennamen genannt worden, Kennen Sie den Ort?«

»Freilich; ich war dort.«

»Welch' ein Zusammentreffen! Ist das Zufall oder Gottes Schickung. Sie suchen denselben Mann, welchen ich Jahre lang gesucht habe, ohne ihn zu finden! Es kann keine Rede davon sein, daß ich Sie fortlasse. Sie bleiben bei mir. Sie theilen mir mit, was Sie wissen, und ich sage Ihnen, was ich weiß. Auf diese Weise kommen wir zu einem Resultate. Und wenn es auch nur dasjenige wäre, zu erfahren, daß und wann und wo er gestorben ist.«

Steinbach that, als ob er noch zögere. Da sagte Sam:

»Unsinn! Sie gehen mit uns, Landsmann, sonst haben Sie es mit mir zu thun. Sie werden es nicht bereuen, denn Sie lernen meine Auguste kennen und ihre Verwandten, welche aus der Gegend von Zeulenroda stammen. Er ist Förster und hat bei einem Herrn von Adlerhorst in Dienst gestanden. Also kommen Sie! Man läuft doch nicht so schnell wieder auseinander!«

Steinbach horchte auf.

»Adlerhorst?« fragte er. »Hat denn ein Herr dieses Namens Besitzungen in jener Gegend?«

»Ja, wie mir der Förster sagte.«

»Wie war der Vorname dieses Adlerhorst?«

»Das weiß ich nicht mehr, wenn ich den Namen überhaupt gehört habe. Wenn Sie es gern erfahren wollen, müssen Sie eben mit uns gehen. Sie sehen, daß es besser für Sie ist, nicht so schnell fort zu reiten.«

»Nun, so will ich mich erbitten lassen. Ich bleibe da.«

»Das wird auch für Ihr Pferd besser sein. Der alte Gaul ist so abgetrieben und abgemagert, daß es Einem ordentlich leid thun kann. Er mag einige Tage hier grasen, damit er sich wieder Fleisch anfrißt.«

»Ja, das alte Pferd taugt gar nicht viel. Aber ein armer Holzfäller, wie ich bin, bringt es eben selten zu einem guten Mustang. Man muß zufrieden sein mit Dem, was Andere nicht mehr gebrauchen können.«

Er hatte dabei ein Wenig eigenthümlich gelächelt und stieg vom Pferde. Als die Männer nun langsam am Ufer des Sees dahinschritten, um nach der Mission zurückzukehren, lief das Pferd wie ein Hund hinter seinem Herrn her. Es ließ die Ohren und den Schwanz hängen und bot dabei ein ganz und gar trauriges Aussehen. Als aber zufälliger Weise ein Geier von einem nahen Felsen aufstieg und einen schrillen Schrei ausstieß, warf es den Kopf und den Schwanz in die Höhe, spitzte die Ohren und funkelte mit den Augen, daß es eine Art hatte. Es sah den Vogel emporkreisen und ließ Kopf und Schwanz wieder sinken. Es hatte sich überzeugt, daß der Schrei nicht die Nähe einer Gefahr bedeute. Sam hatte diese Bewegungen nicht bemerkt, sonst hätte er seine Ansicht über das Thier jedenfalls geändert.

Ein Anderer hatte ein besseres Auge dafür. Als sie nämlich in die Nähe des Gebäudes gelangten, kam ihnen der junge Indianer entgegen, welcher vorher mit Almy ausgeritten war.

»Das ist ein Indsmen, welcher trotz seiner Jugend bereits wegen seiner Tapferkeit, Klugheit und besonderen Schnelligkeit bekannt ist,« sagte Wilkins zu den Anderen. »Wegen der letzteren, von welcher er bereits bedeutende Proben abgelegt hatte, wird er der »flinke Hirsch« genannt.«

Der Indianer blieb achtungsvoll stehen, um sie vorüber lassen. Kaum aber erblickte er Steinbach's Pferd, so stieß er den indianischen Ruf der Verwunderung aus:

»Uff, uff!«

»Worüber wundert sich mein rother Bruder?« fragte Sam.

Der Indsmen betrachtete Steinbach mit einem scharfen Blicke und antwortete:

»Ist dieses Bleichgesicht ein Freund der Taube?«

»Ja.«

»Da Du es sagst, will ich es glauben, sonst hätte ich ihm das Messer in die Brust gestoßen.«

»Warum?«

»Die »starke Hand« hat mir befohlen, die Taube zu beschützen, und so darf ich keinen Dieb in ihre Nähe kommen lassen.«

»Hältst Du ihn für einen Dieb?«

»Da er Euer Freund ist, kann er keiner sein, sonst aber hätte ich es sicher angenommen.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil er wie ein Seste-tsi aussieht, und er ist doch keiner.«

Das apachische Wort Seste-tsi heißt Baumtödter. Der Indianer meinte damit Raster, Holzfäller. Sam fühlte sich betroffen und fragte:

»Warum soll er keiner sein?«

»Frage ihn selbst. Der »flinke Hirsch« kann nicht wissen, warum ein Bleichgesicht sich ein falsches Angesicht giebt. Ist dieser Euer Freund auch der Freund der »starken Hand«?«

»Ja. Die »Starke Hand« hat ihn zu uns gesendet.«

»Uff! So könnt Ihr ihm vertrauen wie ich selbst ihm vertraue.«

Er blickte Steinbach ehrfurchtsvoll an und legte dabei die Hand auf Stirn und Herz, zum Zeichen des unterthänigen Grußes. Dabei ging ein pfiffiges, selbstbewußtes Zucken über sein Gesicht, als ob er Steinbach sagen wolle, daß er ihn durchschaut habe, aber nichts sagen werde. Dann schritt er weiter.

»Was mag er wohl meinen?« fragte Sam. »Wissen Sie es, Herr Steinbach?«

»Wenn Sie es nicht wissen, meinen Sie da, daß ich es wissen kann, der ich ihn zum ersten Male sehe?«

»Hm! Er machte Ihnen ein so eigenthümliches Gesicht.«

»Ich kann nicht dafür.«

»Aber Sie warfen ihm auch so ein Lächeln hin, als ob Sie ihm sagen wollten: Schon gut! Gehe nur immer weiter; wir verstehen uns ja! Fast möchte ich glauben, daß Sie irgend ein Geheimniß mit einander haben. Aber Sie haben sich doch noch gar nicht gesehen. Er hielt Sie für einen Spitzbuben.«

»Sie selbst haben mich ja für einen gehalten.«

»Na, ich hoffe, daß ich mich wirklich getäuscht habe, sonst würde es Ihnen traurig ergehen, trotzdem Sie mein Landsmann sind.«

»Ja, das ist wahr, Sir,« bestätigte Tim, sich an Steinbach wendend. »Wir würden Euch die Seele ein Wenig aus dem Leibe herausquetschen.«

»Wirklich?« lächelte Steinbach. »Wie wolltet Ihr das wohl anfangen.«

»Das könnte ich Euch zeigen, wenn es mir nicht leid um Eure Knochen thäte.«

»O bitte, um meine Knochen braucht es Euch gar nicht sehr bange zu sein. Ich möchte wirklich gern wissen, wie Ihr Euch bei so einer Seelenherausquetscherei benehmen würdet.«

»Na, wenn es Euch wirtlich Spaß macht, will ich es Euch zeigen, wie man die Seele aus dem Leibe drückt. Das fängt man nämlich so an:«

Der »Prairiejäger läßt nicht gern eine Gelegenheit, seine Kraft und Gewandtheit zu zeigen, vorübergehen. So auch der lange Tim. Er ergriff mit der linken Hand Steinbach beim Halse und mit der Rechten beim Gürtel, um ihm empor zu heben und zur Erde zu werfen. Da er von starkem, knochigem und sehnigem Körperbau war, eine gute, langjährige Uebung besaß und seine jetzige Bewegung mit außerordentlicher Schnelligkeit und Sicherheit ausführte, so wäre ihm der Angriff wohl gelungen, wenn er nicht eben gerade gegen Steinbach gerichtet gewesen wäre. Es hatte ganz den Anschein, als ob Tim Sieger sein werde, denn Steinbach that, als ob er ganz erschrocken sei und blieb stehen, ohne eine Hand zu rühren. Nur die Füße hat er auseinander gesetzt.

»Halt, Tim! Mache keine Dummheiten!« sagte Sam. »Du könntest ihm Schaden thun!«

»Keine Angst, Master Sam!« lachte Steinbach. »Den Schaden würde er sich nur selbst thun. Wollen doch sehen, wie lange er an mir herum hanthiren wird.«

Er stand mit ausgespreizten Beinen da, und zum größten Erstaunen gelang es Tim bei aller Anstrengung nicht, ihn aufzuheben oder auch nur um einen Zoll vom Standpunkte, den er einnahm, zu entfernen.

»Verdammt!« keuchte der Lange. »Das geht doch mit dem Teufel zu! Das ist mir noch nicht passirt!«

»Drücke doch drauf, Tim!« rief sein Bruder Jim. »Du mußt Dich ja sonst schämen!«

»Mache es besser, wenn Du kannst.«

»Natürlich werde ich es können! Paß auf!«

Jim packte Steinbach schnell von der anderen Seite.

»Oho! Zwei gegen Einen!« lachte Steinbach. »Da muß ich Euch doch zeigen, wie es ein Holzfäller macht!«

Er ergriff Jim mit der Rechten und Tim mit der Linken oberhalb des Gürtels bei den Jagdhemden, stieß sie so kräftig von sich ab, daß sie ihre Hände loslassen mußten, riß sie wieder an sich, so daß sie den festen Halt verloren, und hob sie hoch vom Boden empor. Um eine Stütze zu finden, hielten sich die beiden Brüder einander selbst beim Leibe. Steinbach that drei, vier schnelle Schritte zum Wasser des See's hin, riß die Zwei einige Male auf und nieder und setzte sie dann, indem er sie plötzlich fahren ließ, in das Gras.

»So, da sitzt Ihr, Mesch'schurs!« meinte er munter. »Ich hätte Euch recht gut da in den See werfen können, wenn es sich nicht um einen bloßen Spaß handelte. Das werdet Ihr doch zugeben.«

Die Brüder sahen sich erst einander und dann ihn mit einem so unendlich erstaunten Ausdrucke an, daß er in ein lautes Lachen ausbrach.

»Verdammt!« keuchte Jim.

»Verflucht!« hustete Tim.

»Das ist doch eigentlich unmöglich!«

»Unglaublich! Noch nie da gewesen!«

»Ich bin auch ganz starr!« sagte Sam der Dicke. »Man möchte seinen eigenen Augen gar nicht trauen. Das ist doch eine wahre Elephantenstärke!«

»Machen Sie es einmal nach, Master Barth,« meinte Steinbach zu dem Erstaunten.

»Unsinn! Das macht Ihnen überhaupt Keiner nach. Ich hätte im Leben nicht geglaubt, daß aus Herlasgrün so ein Goliath kommen könne. Packt dieser Mensch die beiden Kerle hier an der Brust und hebt – –«

»Halt! Fort!« rief Steinbach.

Sam hatte nämlich, um seine Worte zu erklären, Steinbach bei der Brust gepackt, erhielt aber, obgleich er von diesem augenblicklich bei Seite gerissen wurde, einen solchen Streifhieb über den Rücken, daß er zu Boden stürzte.

»Donnerwetter!« rief er, sich schnell aufraffend. »Wer war der Hallunke?«

Aber er sprang augenblicklich zur Seite, sonst hätte er einen zweiten Hieb erhalten, der dieses Mal wohl gefährlicher ausgefallen wäre. Nämlich Steinbach's Pferd hatte sich herumgedreht und mit den beiden Hinterhufen nach ihm ausgeschlagen. Den Kopf zurückgewendet, funkelte es ihn mit zornigen Augen an und fuhr, genau auf ihn zielend, mit den Schlägen so anhaltend fort, daß er eine ganze Strecke retirirte und ergrimmt ausrief:

»Verdammtes Biest! Ein Glück, daß mich der erste Hieb nur streifte! Ich wäre des Todes gewesen.«

»Ja, ich hatte gerade noch Zeit, Sie zurückzuzerren,« bemerkte Steinbach. »Der Gaul ist brav.«

»Was!« rief Sam. »Wenn das Viehzeug ehrliche Leute todtschlägt, nennen Sie es brav?«

»Natürlich! Das Pferd will mich beschützen.«

»Beschützen? Unsinn! Sie wollen mir doch nicht etwa weiß machen, daß die Bestie nach mir geschlagen hat, blos weil ich Sie angegriffen habe!«

»Blos deshalb!«

»Pshaw! Warum hat sie dann nicht vorher nach Jim und Tim geschlagen?«

»Weil der brave Gaul sofort sah, daß ich diese beiden Mesch'schurs in die Höhe nahm. Eine Fortsetzung des Kampfes hat er aber doch nicht dulden wollen.«

»Sollte man es denken! Er vertheidigt seinen Herrn! Von so Etwas habe ich noch nie gehört. Für Andere ist das unter Umständen verhängnisvoll, für seinen Herrn aber vortheilhaft. Wer hat es ihm denn so beigebracht?«

»Von einer Dressur ist dabei wohl nicht die Rede. Das Pferd ist eben ganz von selbst so treu und anhänglich, daß es seinen Herrn in Schutz nimmt. Sie mögen sich also in Zukunft in Acht nehmen, daß Sie mich nicht falsch angreifen, Sir!«

»Wer hätte das den mageren Racker angesehen!«

Er betrachtete jetzt das Pferd genauer. Steinbach nickte mit dem Kopfe und sagte:

»Man kann sich eben in den Thieren gerade so irren wie in den Menschen. Ich bin der Meinung, daß dieses Pferd stets so gut genährt gewesen ist wie jetzt.«

»Dann ist es zu bedauern, denn in diesem Falle hat es stets Hunger gelitten.«

»Oho! Ich lasse mein Thier nicht Hunger leiden. Eierkuchen und Gänsebraten kann ich freilich nicht füttern, aber Sie haben gesehen, daß es mir nachgelaufen ist, wie ein Hund, ohne sich nach einem Grashalm oder nach dem Wasser des Sees zu bücken. Es hat also keine Spur von Hunger noch von Durst.«

»Aber diese Magerkeit, dieser Knochen!«

»Nicht alle Geschöpfe können so dick und fett sein wie Sie, Mister Sam. Aber bekommen die Misters Jim und Tim etwa weniger zu essen als Sie, weil sie so mager und knochig sind, noch mehr als mein Gaul?«

»Das ist Rasse.«

»Nun, so ist es bei meinem Pferde eben auch Rasse. Vielleicht werden Sie bald eine andere Meinung von ihm haben.«

Sie gingen jetzt weiter, auf das Missionsgebäude zu. Die alte indianische Thorhüterin hatte sie bereits von Weitem kommen sehen, und das Thor geöffnet. So konnten sie hinein, ohne warten zu müssen. Das Pferd lief mit hinein, hinter seinem Herrn her, als ob sich dies ganz von selbst verstehe.

Natürlich wurde nun auch Steinbach in den alten Speisesaal geführt, um zunächst einen Imbiß zu sich zu nehmen, wie die Gastfreundschaft es erforderte. Die Anderen gingen mit, theils um ihm Gesellschaft zu leisten, theils um Mehreres zu hören. Es verstand sich ganz von selbst, daß Sam seine Braut und deren Verwandten brachte, um sie dem neuen Ankömmling zu zeigen, von welchem er fest glaubte, daß er aus Herlasgrün sei.

Wilkins war am wißbegierigsten von Allen. Er fragte, als Sam seine Vorstellung der erwähnten Personen noch kaum beendet hatte, Steinbach:

»Nun, Sir, eßt und trinkt, und laßt Euch nicht stören. Eine solche Störung wird es hoffentlich nicht sein, wenn ich mich nach Dem erkundige, was ich so bald wie möglich erfahren möchte.«

»Fragt nur in Gottes Namen, Master Wilkins! Neben dem Kauen und Schlingen wird man wohl einige Worte antworten können.«

»Nun, so bitte ich Euch, mir zu sagen, in welchem Verhältnisse Ihr zu Dem steht, den Ihr sucht. Ich meine natürlich meinen früheren Oberaufseher Adler.«

»Das will ich Euch sagen, obgleich ich nicht davon sprechen soll. Ich bin ein Wenig verwandt mit ihm.«

»Hm! Das ist sonderbar. Es hieß doch allgemein, daß er aus einer adeligen Familie von drüben stamme.«

»Möglich.«

»So müßtet auch Ihr adelig sein.«

»Das ist nicht nothwendig. Es ist sehr oft, daß Adelige und Bürgerliche verwandt mit einander sind.«

»Das muß ich freilich gelten lassen. Er hat nie von seiner Heimath und seiner Vergangenheit gesprochen. Wäre es nicht möglich, daß ich darüber von Euch ein Weniges erfahren könnte?«

»Gewiß könnte ich Euch Auskunft ertheilen; aber da er selbst nie davon gesprochen hat, so hat er jedenfalls beabsichtigt, die Sache geheim zu halten. Daher halte ich es für meine Pflicht, seinen Willen zu ehren. Ihr werdet mir das wohl nicht übel nehmen. Vielleicht kommt die Zeit, in welcher es mir erlaubt ist, Euern Wunsch zu erfüllen. Sprechen wir darum lieber von seiner späteren Vergangenheit, seiner Gegenwart und Zukunft. Es liegt uns das viel näher und wird auch für Sie viel mehr Interesse haben.«

»Na, was seine Gegenwart und Zukunft betrifft, so läßt sich nicht viel darüber sagen, oder vielmehr gar nichts. Wir wissen eben nichts. Und was meint Ihr wohl mit seiner spätern Vergangenheit?«

»Unter seiner frühern Vergangenheit verstehe ich sein Leben drüben in der Heimath, unter seiner spätern aber seinen Aufenthalt bei Euch. Wie ist er denn eigentlich zu Euch gekommen?«

»Durch einen Agenten in New-Orleans, dem ich Auftrag gegeben hatte, mir einen Oberaufseher zu beschaffen. Er schickte ihn mir unter vortrefflichen Empfehlungen. Er hatte ihn in New-Orleans kennen gelernt und so lange mit ihm verkehrt, daß er ihn mir als einen passenden, kenntnißvollen und zuverlässigen Beamten empfehlen konnte.«

»Und Ihr seid mit ihm zufrieden gewesen?«

»Außerordentlich. Er war verschiedene Jahre lang Westmann gewesen und kannte das Land so gut, daß er mir selbst in den schwierigsten Fällen der beste Berather gewesen ist. Ich habe ihn fast wie einen Sohn lieb gehabt, und er hing an mir mit solcher Hingebung, daß er sich schließlich für mich aufgeopfert hat. Wie die Sachen stehen, muß ich annehmen, daß er für mich in den Tod gegangen ist.«

»Ihr meint also, daß er nicht mehr lebt?«

»Das ist meine Ueberzeugung, obgleich ich Jahre lang das Gegentheil sehnlichst gehofft habe.«

»Wie ist denn das Alles gekommen?«

»Habt Ihr denn nichts davon gehört?«

»Ein Weniges. Es gab auf Wilkinsfield zwei Negerinnen, welche bereits damals dort gewesen sind. Ich glaube, sie wurden My und Ty genannt. Von denen habe ich – – –«

»Was? Die sind noch dort?« fiel Wilkins ein.

»Ja. Sie haben mir Einiges erzählt, freilich in der Art, wie Negerinnen erzählen: man muß sich Alles selbst zusammenreimen. Darum ist mir auch sehr Vieles unklar geblieben.«

»War denn Leflor nicht da?«

»An ihn habe ich mich gar nicht gewendet. Er hätte mich doch nur falsch berichtet.«

»Oder sein Verwalter, sein Oberaufseher, welcher auch ein Deutscher war und Adlers Freund gewesen ist?«

»Der war fort. Ich hörte, daß er fortgegangen sei, weil er nicht mit Leflors Verhalten gegen Euch einverstanden gewesen ist. Es mag da vor seinem Weggange einige arge Scenen gegeben haben. Um der Sache besser auf die Spur zu kommen, nahm ich mir vor, mit Euch selbst zu reden.«

»Ihr habt nach mir gesucht?« fragte Wilkins im Tone des Staunens.

»Ja.«

»Aber Ihr wußtet doch nicht, wo ich zu finden bin!«

»Das wußte freilich gar Niemand. Man hat Euch ja von Amtswegen gesucht, um Euch wegen Mordversuchs den Prozeß zu machen, Euch aber glücklicher Weise nicht gefunden.«

»Daher erscheint es mir wunderbar, daß Ihr auf meine Spur gerathen seid.«

»Pshaw! Ich bin ein Rafter.«

Er sagte dies mit einem ironisch bescheidenen Tone. Der dicke Sam fiel sogleich ein:

»Das ist auch etwas Rechtes, ein Rafter zu sein.«

»Warum, Master Barth.«

»Ein Rafter ist nichts weiter als ein Holzdieb. Er verbindet sich mit andern Rafters zu einer Bande, welche eine passende Stelle im Congreßland oder in dem Besitzthume eines Andern aufsuchen, die besten Bäume niederschlagen, zu Flößen verbinden und stromabwärts bringen, um sie zu verkaufen. Kein einziger Baum, der ihnen auf diese Weise Geld einbringt, war ihr rechtmäßiges Eigenthum. Sie sind Forstspitzbuben, Holz- und Wilddiebe, und zwar die gefährlichsten, welche es nur giebt; denn wenn der rechte Eigenthümer kommt, um ihr Treiben sich zu verbitten, so lachen sie ihn doch nur aus und schießen ihn unter Umständen gar ohne Weiteres todt. Also rühmt Euch ja nicht etwa, ein Rafter zu sein, Landsmann. Wenn Eure Verwandten drüben in Sachsen, in Herlasgrün wüßten, daß Ihr ein solcher Kerl geworden seid, so drehen sie sich im Grabe um, noch ehe sie gestorben und begraben sind.«

»Macht die Sache nicht gar so schlimm!«

»Es ist so, wie ich sage. Uebrigens treiben sich die Rafters nur in der Nähe der Flüsse herum. Sie brauchen ja das Wasser, um ihre Flösse zu transportiren. Kenner des Landes, Pfadfinder sind sie also nicht, und Spürnasen haben sie auch nicht. Ich begreife also gar nicht, wie Ihr sagen könnt, daß Ihr die Spur unseres Master Wilkins gefunden habt, weil Ihr ein Rafter seid. Zu einem ordentlichen Scout gehört doch mehr, als ein Rafter sein kann.«

»Ihr habt Euch da wirklich ganz in Zorn und Aerger hinein geredet!« lachte Steinbach.

»Es ist auch darnach. Ihr seid zwar ein Landsmann von mir, aber noch ein Neuling in der Prairie. Ihr habt weder ein Gewehr noch Pulver, Blei und Schrotbeutel. Ein Beil und ein Messer, das ist Alles, was Ihr habt, und damit thut Ihr so dick, als ob Ihr die ganze Savanne zum Frühstück auffressen und den Mississippi dazu austrinken wolltet. Hier sind auch noch Leute, und von denen könnt Ihr Etwas lernen. Merkt Euch das! Verstanden?«

»Ja, mein lieber Master Sam, Ihr habt Recht. Ich bin ein Bischen unbescheiden gewesen. Der Mensch soll nicht dicker thun, als er ist. Ich will mir das in Zukunft abgewöhnen. Seid Ihr mit dieser Erklärung vielleicht zufrieden?«

»Ich muß wohl. Haltet aber auch nur Wort!«

Steinbach blinzelte ihn von der Seite an und sagte:

»Ich halte Wort, obgleich ich Eure Gedanken errathe.«

»Das sollte Euch wohl schwer werden!«

»Leichter als Ihr denkt.«

»Oho!«

»Sie stehen Euch im Gesicht geschrieben. Man kann sie sehr leicht errathen, wenn man nur aufpaßt, nach welcher Seite Ihr immer schielt. Ein Rafter kann auch scharfe Augen haben, obgleich er ein Spitzbube ist.«

»Gerade Spitzbuben brauchen scharfe Augen. Was habt Ihr den Eurigen gesehen?«

»Daß Ihr immer hinüber zu der guten Frau Auguste schielt.«

»Hm! Das werde ich als ihr Schatz, Geliebter, Verliebter und Verlobter wohl dürfen!«

»Ganz gewiß. Aber was Ihr dabei denkt, das ist die Hauptsache.«

»Nun, was denke ich denn?«

»Ihr seid sonst ein ganz guter, lieber und friedfertiger Mann. Wenn wir unter uns gewesen wären, hättet Ihr sicherlich nicht so sehr auf die Rafters geschimpft, mich einen Neuling genannt und mir gesagt, daß ich von Euch noch lernen könne. Da aber Eure Gustel anwesend ist, muß der Knopfmacher dicke thun, damit sie ihn für einen großen Kerl hält.«

»Knopfmacher?« brauste Sam auf.

»Ja. Wenn der Tauber der Täubin oder der Hahn der Henne den Hof macht, so spreizt er die Flügel aus, so weit er kann.«

»Verdammt! Was habt Ihr Euch um meine Flügel zu bekümmern?«

»Ich will Euch nur ebenso ein Wenig ärgern, wie Ihr mich geärgert habt. Vielleicht könnt Ihr von mir auch noch Etwas lernen.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Das werdet Ihr noch merken.«

»Oho! Dicke thun, das kann ich von Euch lernen, weiter nichts. Aber das ist nicht nothwendig, denn ich habe bereits so viel Fleisch unter der Haut, daß ich Eure Weisheit nicht noch brauche.«

»Schön! So will ich sie in Zukunft für mich behalten.«

»Daran werdet Ihr sehr wohlthun, liebes Männchen. Tretet erst die Prairie und den Urwald einmal so breit, wie ich es gethan habe, dann könnt Ihr mit reden, jetzt aber noch lange nicht. So ein Nesthäkchen denkt, ein großer Kerl zu sein, weil er aus dem berühmten Herlasgrün stammt! Damit ist aber nichts!«

»Herlasgrün berühmt?«

»Ja!«

»Weshalb?«

»Weil ich dort geboren bin!«

»Ach so! Richtig!«

Alle lachten herzlich ob des gar nicht etwa im Ernst geführten Streites. Dann wendete Steinbach sich an Wilkins mit der Bitte, ihm doch zu erzählen, wie er veranlaßt worden sei, seine Besitzung zu verlassen. Der Aufgeforderte gab ihm den geforderten Bericht und fügte hinzu:

»Hier diese Herren, Sam Barth, Jim und Tim haben dabei auch eine Rolle mitgespielt. Ich folgte leider ihrem Rathe nicht. Die Papiere, welche Leflor von Walker gekauft hatte, waren unanfechtbar. Ich mußte die schöne Besitzung, den Preis einer fast lebenslangen Arbeit, hergeben, ohne einen Heller dafür zu empfangen, und sollte sogar noch Schulden haben und bezahlen. Ich konnte es nicht; da kam das Schuldgefängniß. Ich salvirte mich und hatte vorher noch einen Auftritt mit Leflor, welcher mir die Polizei auf den Hals brachte. Ich ging also fort.«

»Gleich nach dem Westen?«

»Ja.«

»Mit Ihrer Tochter?«

»Ja. Sie wollte mich nicht allein gehen lassen. Das Geld, welches sie sich von Gelegenheitsgeschenken gespart und durch den Verkauf ihrer Schmucksachen gelöst hatte, war Alles, was wir besaßen. Es hat nicht lange gereicht.«

»Aber Ihr seid nicht sogleich hierher nach dem Silbersee gekommen?«

»O nein. Ich mußte meinen Neffen aufsuchen. Seine Spur führte nach Santa Fé, wo er den Verkauf mit Walker abgeschlossen hatte – – –«

»Schwindel! Lüge!«

»Sie irren. Er ist es gewesen; er hat es wirklich gethan. Ich wollte es auch nicht glauben; ich hatte es für unmöglich gehalten, daß er mir so einen schlechten Streich spielen werde. Aber er hat sich bei der Behörde legitimirt. Er ist es gewesen.«

»Und dennoch zweifle ich.«

»Ich nicht.«

»Wohin ist er dann gegangen?«

»Das wußte kein Mensch. In Santa Fé hatte seine Spur ein Ende. Aber, wie ich Euch eben erzählt habe, war mein Oberaufseher Adler gleich nach jenen Vorgängen in Wilkinsfield nach Santa Fé aufgebrochen, um Nachforschungen zu halten. Er war nicht wieder gekommen. Ich fand in Santa Fé seine Fährte. Sie führte nach dem Süden, nach Mexiko hinein. Ich reiste ihm nach; aber all mein Suchen ist vergeblich gewesen. Entweder ist er in der Llano estacada oder in der Bolson mapimi zu Grunde gegangen. In einer dieser beiden Wüsten hat er sein Ende gefunden.«

»Hm! Sollte man nicht doch Hoffnung haben dürfen?«

»Nein. Ich habe sie lange Zeit gehegt, jetzt aber vollständig aufgegeben. Ich traf auf meinen rastlosen Wanderungen auf »starke Hand,« den Apachen-Häuptling, und hatte Gelegenheit, ihm einen Dienst zu erweisen. Er erfuhr, daß ich nicht nach dem Osten zurückdürfe, weil ich mit der Polizei in Conflict gerathen sei, und bot mir aus Dankbarkeit hier dieses Asyl an. Ich habe es angenommen. Es liegt so recht mitten im Abenteuergebiete und gab mir Gelegenheit, meine Forschungen nach allen Richtungen fortzusetzen. Ich wurde der Freund und Rathgeber der Apachen und Comanchen. Ich schlichtete die Streitigkeiten dieser beiden Völker. Ich bin mit meiner Tochter bei ihnen geradezu in den Geruch der Heiligkeit gekommen, und sie stehen mir so zu Diensten, daß ich durch sie die ausgedehntesten Erkundigungen nach den beiden Verschollenen vornehmen konnte. Vergebens! Lebte mein Neffe oder Adler noch, so hätte ich es sicherlich erfahren. Sie sind also Beide todt. Das ist gewiß.«

Steinbach schüttelte den Kopf und sagte:

»Ich bin gewöhnt, so lange zu hoffen, bis der Beweis des Gegentheiles unumstößlich ist. Zeigt mir das Grab oder die Leiche Adlers, dann muß ich überzeugt sein, daß er todt ist; bis ich aber das nicht gefunden habe, halte ich es für möglich, daß meine Hoffnung noch in Erfüllung gehen könne.«

»O, Weib, Dein Glaube ist stark! sagt Christus in dem Evangelium. Hat Euch denn Adlers Familie Auftrag gegeben, ihn zu suchen?«

»Eigentlich nicht, wie ich offen gestehen will. Da ich aber seiner Spur gefolgt bin und bei Euch neue Anhaltepunkte gefunden habe, so nehme ich mir ganz natürlich fest vor, in meinen Nachforschungen fortzufahren.«

»Lieber Master Steinbach, ich kann Euch nur rathen, davon abzulassen.«

»Warum?«

»Weil Ihr Euch nicht nur vergebliche Mühe macht, sondern weil ich auch befürchte, daß – –«

Er hielt inne.

»Was befürchtet Ihr?«

»Daß Ihr ebenso zu Grunde geht, wie die Beiden, welche wir suchen, ja noch viel leichter und schneller wie sie.«

»Meint Ihr?«

»Ja, gewiß!«

»Und warum leichter und schneller als sie?«

»Weil Ihr nicht mit den Mitteln ausgerüstet seid, wie diese Beiden.«

Steinbach fixirte ihn lächelnd und fragte:

»Nun, welche Mittel haben sie denn besessen?«

»Mein Neffe hat in Santa Fé den ganzen Preis für Wilkinsfield ausgezahlt erhalten und war also mit einem wirklichen Reichthume ausgerüstet. Adler aber war ein tüchtiger Westmann. Er konnte sich das Wagniß, dem Ersteren nachzuspüren, zutrauen.«

»Aber ich nicht?«

»Nein. Ihr werdet mir das nicht übel nehmen!«

»Gewiß nicht.«

»Er war ein Prairieläufer, wie er im Buche steht. Ihr aber seid ein einfacher Rafter, ein Neuling, dem sogar die Sprachkenntnisse entgehen, sich mit einem Indianer zu unterhalten.«

»Nun, ich habe doch mit der »starken Hand« gesprochen!«

»O, der spricht ein sogar gutes Englisch.«

»Das ist freilich wahr, dennoch aber hoffe ich, mich glücklich durchzuschlagen.«

»Wäre ich bei Mitteln, ich würde Euch sehr gern unterstützen.«

»Ich danke! Ich würde es gar nicht annehmen.«

»Warum?«

»Weil es zu gefährlich ist. Wenn Euer Neffe wirklich zu Grunde gegangen ist, so müssen wir annehmen, daß er wahrscheinlich ermordet wurde, und ebenso wahrscheinlich oder vielmehr noch wahrscheinlicher ist daran das Geld schuld, welches er bei sich getragen hat. Man soll im Westen so arm wie möglich sein, dann kommt man am Sichersten durch.«

»Wo aber wollt Ihr hin? Ihr habt hier heut zum letzten Male von Adler gehört. Hier bei mir also hört für Euch seine Fährte auf. Ich wüßte nicht, wo Ihr die Fortsetzung derselben suchen wolltet.«

»Hm! Schwer ist es, sehr schwer. Aber man darf nicht nur die Hauptsache und die Hauptperson im Auge behalten. Nebensachen und Nebenpersonen können von großer Wichtigkeit werden.«

»Eure Rede klingt sehr klug; aber welche Nebenpersonen und Nebensachen sollten hier noch berücksichtigt werden müssen?«

»Wie hieß gleich der Mensch, von welchem Leflor den Kauf über Wilkinsfield erwarb?«

»Walker.«

»Sein Vorname?«

»Robin, also Robin Walker.«

»Er ist damals spurlos verschwunden?«

»Ja. Daran bin leider ich allein schuld. Master Sam rieth mir, mich seiner Person zu versichern, ich aber that dies nicht.«

»Und ich,« fiel Sam ein, »wollte ihn ergreifen; dieser kluge Master Tim aber hat ihn entwischen lassen.«

»Wenn man wüßte, wo er jetzt steckte,« sagte Steinbach.

»Warum? Braucht Ihr ihn?« fragte der Dicke.

»Ja, sogar sehr nothwendig.«

»Wozu?«

»Er behauptet, dem jungen Wilkins die Besitzung abgekauft und bezahlt zu haben. Ich aber halte dies für eine Lüge. Dieser Walker, ein Abenteurer des Westens, hat nicht eine so große Summe. Es müssen damals geheimnißvolle Vorgänge stattgefunden haben, welche zu erzählen, ich diesen Mann zwingen würde.«

»Ihr? Diesen Mann? Wo denkt Ihr hin! Der ist Euch an Erfahrung und List tausendfach überlegen.«

»Mag sein; aber selbst der Dümmste begeht manchmal einen klugen Streich, warum also nicht auch ich ausnahmsweise. Und selbst wenn damals der Handel ganz ehrlich und ordnungsmäßig vor sich gegangen wäre, müßte Walker wissen, wohin Martin Wilkins sich gewendet hat.«

»Das ist sehr fraglich.«

»Nein, das ist sogar sehr wahrscheinlich. Wenn ich irgend einem Menschen eine Plantage abkaufe und ihm den Preis im fernen Westen bezahle, so interessire ich mich so sehr für diesen Mann, daß ich ihn wenigstens frage, wohin er sich wenden und was er mit dem vielen Gelde anfangen wolle.«

»Das ist freilich wahr,« sagte Wilkins.

»Ganz gewiß. Walker würde mir also sagen können, wohin Euer Neffe von Santa Fé aus gegangen ist. Dahin ist ihm später Adler vielleicht gefolgt. Wir stehen also hiermit vor einer Pforte, in welche wir nur den Schlüssel zu stecken brauchen. Wie aber diesen Walker finden!«

»Was das betrifft, so kann ich dienen,« sagte Sam.

»Ah! Kennt Ihr vielleicht seinen Aufenthalt?«

»Glücklicher Weise, ja. Wir wollen hin zu ihm, nämlich ich und diese beiden famosen Brüder Jim und Tim. Er hat dem Einen die Nase abgeschnitten, die aber wieder hergestellt und reparirt worden ist. Deshalb wollen wir ihm eine Nuß aufknacken lassen, an welcher er sich den Kinnbacken verrenkt.«

»Wo ist er denn?«

»In Prescott.«

»Ah! Das ist ja gar nicht weit von hier! Das ist ja der Hauptort von Yavapai County im Territorium Arizona!«

»So ist es, Sir!«

»Wir brauchen also nur den Rio Gila hinunter, an dessen Quellen wir uns hier befinden. In einigen Tagen sind wir dort.«

»Freilich! Ihr wollt also mit?«

»Natürlich!«

»Das wird prächtig! Wie sich so Etwas zusammenfindet: Zwei Helden aus Herlasgrün und der berühmte Jim und der berüchtigte Tim! Wir reißen das ganze Prescott auseinander.«

»Aber, Master, wißt Ihr denn so genau, daß er sich dort befindet?«

»Hm! So ganz genau leider doch nicht. Einen Eid kann ich da nicht ablegen.«

»Von wem habt Ihr es denn gehört?«

»Wir erfuhren es so nebenbei, und das haben wir nur dem »Häuptling der Bleichgesichter« zu verdanken.«

Steinbach horchte verwundert auf.

»Dem? Wieso ihm?«

»Er brachte uns durch einen recommandirten Brief auf die Tapfen einiger Spitzbuben. Wir folgten den Kerls, belauschten sie und hörten dabei, daß sie später nach Prescott zu diesem ehrenwerthen Master Walker wollten. Er erwartet sie jedenfalls, um irgend einen Bubenstreich mit ihnen auszuführen.«

Der Dicke erzählte ausführlicher von dem geheimnißvollen Briefe des »Fürsten der Bleichgesichter« und was darauf hin geschehen war.

»Also diese Kerls wollen unter der Führung des rothen Burkers hier die Mission überfallen?« fragte Steinbach mit unbefangener Miene.

»Wie Ihr gehört habt, ja.«

»Ach, nun verstehe ich auch den Auftrag, welchen die »starke Hand« mir gegeben hat. Dieser Indianer ist mit dem Fürsten der Bleichgesichter den Hallunken gefolgt.«

»Ja,« lachte Sam. »Euch aber hat er die Sache nicht deutlich auf die Nase gebunden, weil er Euch gleich als einen Neuling erkannt hat, dem man nicht Alles sagen darf.«

»Und Ihr wollt sie hier empfangen?«

»Natürlich. Wir werden sie gar nicht in das Thal lassen. Wir postiren uns an die Eingänge desselben, und wenn sie kommen, so schießen wir sie nieder.«

»Haltet Ihr das für klug?«

»Ja. Was sollen wir sonst machen?«

»Es wäre vielleicht besser, wenn Ihr sie nicht sofort tödtetet. Ich würde sie gefangen nehmen. Es ist sehr möglich, daß man dabei irgend Etwas erfahren kann.«

»Was denn? Wie viel der Schnaps oben in Fort Callers kostet, oder ob es vorgestern geregnet hat?«

»Nein, aber gerade über Walker, zu dem sie wollen. Sie wissen, wo in Prescott er steckt. Wir wissen es nicht; wir müssen ihn suchen; dabei kann er Euch erblicken, und dann reißt er aus.«

»Sapperment, Landsmann, Ihr seid doch nicht ganz so dumm, wie ich dachte. Wenigstens zuweilen scheint Ihr einen lichten Augenblick zu haben!«

»Ich sagte vorhin, daß auch ein Dummer manchmal einen klugen Streich begeht.«

»Wie aber wollt Ihr sie fangen?«

»Wir lassen sie einfach herein.«

»Da haben sie aber uns!«

»Nein, sondern wir sie.«

»Unsinn! Wenn wir sie herein lassen, kommt es auf alle Fälle zu einem Kampfe, der für uns gefährlich wird. Ohne Wunden geht es wenigstens nicht ab. Empfangen wir sie aber draußen am Thaleingange, hinter Bäumen versteckt, so schießen wir sie nieder, ohne daß sie uns eine Kugel geben können.«

»Ob das so platt ablaufen dürfte, das bezweifle ich sehr. Selbst wenn Alles gut geht, sind sie todt und können uns keine Frage beantworten. Horch, was war das? Giebt es eine Glocke im Hause?«

»Ja,« antwortete Wilkins. »Es ist Jemand gekommen, der Einlaß begehrt, jedenfalls der Besuch eines befreundeten Indianers.«

Nach kurzer Zeit kam die Thürhüterin und meldete, daß ein Weißer an der Thür halte und Einlaß begehre.

»Hast Du ihn nach dem Namen gefragt?«

»Ja. Er heißt Bill Newton, ist ein verirrter Jäger und fragt, ob er sich hier vielleicht einen Tag lang ausruhen dürfe.«

»Ist er zu Pferde?«

»Ja. Er sieht gar nicht schlecht aus.«

»So laß ihn ein. Er ist willkommen.«

Die Anwesenden traten an die Fenster, um den Neuangekommenen in den Hof reiten zu sehen. Er kam und stieg vom Pferde. Als Steinbach das Gesicht dieses Mannes erblickte, rief er, sich ganz vergessend:

»Mein Gott! Ist das möglich!«

»Was?« fragte Sam.

Aber der Gefragte hatte sich so in der Gewalt, daß er sogleich unbefangen antwortete:

»Daß dieser Mann auf der rechten Seite aus dem Sattel steigt und nicht auf der Linken.«

»Da hört man Euch nun wieder den Grünschnabel an. Ein Prairiemann steigt ab, wie es ihm beliebt. Eure Sonntagsreiter drüben im alten Lande halten sich freilich an Regeln, welche gar nicht dümmer sein können. Kommt uns ja nicht mit solchen Dingen! Damit blamirt Ihr Euch nur!«

Jetzt hörte man den Schritt des Gastes draußen auf dem Corridore Dann trat er ein. Er sah Steinbach nicht sogleich, weil dieser sich in die Ecke gestellt hatte. Wilkins bewillkommnete ihn. Aber er hatte noch nicht ausgesprochen, so trat der Förster Rothe herzu und rief im Tone des allerhöchsten Erstaunens:

»Heiliger Himmel! Sehe ich recht?«

Der Fremde blickte den Förster an, fuhr ebenso erstaunt zurück und antwortete:

»Rothe! Du, wirklich Du! Hier!«

»Ja! Aber das ist noch gar kein solches Wunder als das, wie Du in Amerika bist.«

Der Andere war schnell blaß geworden. Er ärgerte sich entsetzlich, daß er sich von seinem Erstaunen hatte zu einer solchen Unvorsichtigkeit hinreißen lassen. Nun aber war es einmal geschehen. Er konnte seine Bekanntschaft mit dem Förster nicht leugnen. Darum faßte er sich und antwortete:

»Es ist jedenfalls Beides wunderbar.«

»Du aus der Türkei!«

»Und Du aus Sachsen!«

»Und nennst Dich Newton. Woher kommt das?«

»Es hat auch seinen Grund, wie so Manches hier in Amerika seinen Grund hat, der da drüben nicht gelten würde.«

»Na, wie soll ich Dich nennen? Newton oder Florin, wie früher?«

»Sage Newton. Ich habe mir einmal vorgenommen, hier so zu heißen.«

»Schön. Da ist meine Frau. Kennst Du sie noch?«

»Natürlich, obgleich wir uns seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben. Ist das Dein Sohn?«

»Ja, und hier meine Schwägerin. Du findest hier überhaupt noch mehr Deutsche. Da ist Sam Barth und auch Master Steinbach, Beide aus Herlasgrün in Sachsen.«

Newton-Florin gab Allen, welche ihm jetzt genannt worden waren, die Hand, auch dem dicken Sam. Zuletzt drehte er sich in die Ecke nach Steinbach herum. Seine Augen wurden starr und groß; er streckte beide Arme von sich und schrie:

»Allah 'l Allah! Steinbach Effendi!«

Steinbach aber zuckte mit keiner Miene seines Gesichtes. Er hielt ihm freundlich die Hand entgegen und sagte im Tone des Befremdens:

»Sind das nicht russische oder chinesische Worte? Die verstehe ich nicht.«

Die Augen Newtons erweiterten sich noch mehr. Er trat zurück und fragte:

»Kennen Sie mich?«

»Nein. Ich entsinne mich nicht, Sie jemals irgendwo gesehen zu haben.«

»Nicht in der Türkei?«

»Nein.«

»Und nicht in Tunis?«

»Auch nicht.«

»Sie waren nicht dort? Wirklich nicht?«

»Nein. Wie könnte ein armer Teufel aus Herlasgrün nach der Türkei oder gar nach Tunis kommen! Waren Sie denn dort?«

Newton konnte nun nach den Fragen, welche er gestellt hatte, die Wahrheit nicht verleugnen. Er antwortete:

»Ja.«

»Als was denn?«

»Als Diener. Aber, ich habe doch gehört, daß Sie Steinbach heißen!«

»So heiße ich freilich.«

»Aber Der, den ich meine, hieß auch Steinbach.«

Er forschte mit sichtbar angstvollem Blick in den Zügen des Genannten. Dieser antwortete ruhig:

»Das ist wohl nur ein Zufall.«

»O nein. Er war auch ein Deutscher und sah Ihnen so ähnlich wie ein Bogen Papier dem anderen.«

»Hm! Zwei solche Zufälle sind freilich nicht gut denkbar. Aber ich habe die Türkei noch nie gesehen. Hm! Er hieß Steinbach und war mir ähnlich? Da fällt mir Etwas ein. Vielleicht kann ich Ihnen die Sache sehr einfach erklären. War er auch so groß und stark gebaut wie ich?«

»Genau so.«

»Vollbart?«

»Ganz wie Sie.«

»Trug er am rechten Stiefel einen sehr hohen Absatz? Er geht nämlich lahm, weil das rechte Bein ein Wenig kleiner ist als das linke. Der hohe Absatz muß das verdecken.«

»Ich habe den Absatz nicht angesehen. Lahm ging der Mann nicht.«

»Was war er?«

»Diplomat, wie es scheint.«

»Sapperment, es ist so wie ich denke,« lachte Steinbach. »Es ist mein Milchbruder.«

»Wer ist das?«

»Ein Baron von Rollenau. Seine Eltern wohnten in Herlasgrün. Seine Mutter konnte ihn nicht nähren, und die meinige wurde die Amme. So haben wir von einer Mutter getrunken und sind Beide sehr wohl gediehen und groß und stark geworden. Wir sehen uns sehr ähnlich. Ich glaube gehört zu haben, daß er von Bismarck nach der Türkei geschickt worden ist.«

Da holte Newton tief Athem, als ob er sich erleichtert fühle und fragte:

»Ist das auch wirklich so?«

»Natürlich.«

»Sie machen mir nichts weiß?«

»Sapperment! Zu welchem Zwecke sollte ich Ihnen denn ein Märchen aufbinden?«

»Ja, er sagt die Wahrheit,« lachte der dicke Sam. »Dieser gute Steinbach hier ist in seinem ganzen Leben kein Diplomat gewesen; darauf können Sie sich verlassen!«

Newton aber zweifelte doch noch. Er wendete sich an Sam Barth:

»Ich hörte, daß Sie auch aus Herlasgrün sind?«

»Freilich, freilich.«

»So haben Sie doch wohl auch die Familie dieses Barons von Rollenau gekannt?«

»Kann mich nicht besinnen, obgleich ich jeden Winkel weiß und wer da gewohnt hat.«

»Er war vorübergehend da,« erklärte Steinbach. »Es war, als die Bahn gebaut wurde; da hatte er irgend ein Amt dabei.«

»Ja, das kann möglich sein. Damals waren viele Fremde da, deren Namen man sich nicht merken kann.«

»Laß das sein!« sagte der ehemalige Förster zu Newton. »Dieser Mann ist sicherlich nicht in der Türkei gewesen. Sage mir lieber, wie Du nach Amerika gekommen bist!«

Während der Gefragte irgend eine Antwort gab, raunte Steinbach Wilkins zu:

»Sofort hinaus mit ihm! Weißt ihm ein Zimmer an, sonst geschieht ein großer Fehler!«

»Wieso?« fragte Wilkins ungläubig, aber leise.

»Nur fort, fort, fort!«

Steinbach machte dabei eine so dringliche Geberde, daß Wilkins ihm doch den Willen that. Er wendete sich an Newton:

»Master, Ihr seid mir willkommen. Darf ich Euch Eure Stube anweisen. Nachher sollt Ihr essen und trinken.«

Er führte ihn hinaus, kam aber augenblicklich wieder. Die Neugierde hatte ihm keine Zeit gelassen, sich bei dem Gaste zu verweilen.

»Was habt Ihr denn mit ihm, Master Steinbach?« fragte er. »Warum sollte ich ihn so schnell fortschaffen?«

»Weil Ihr uns Allen sonst einen schlimmen Streich gespielt hättet. Dieser Florin oder Newton darf nicht erfahren, daß wir wissen, daß der rothe Burkers uns überfallen will.«

»Warum nicht?«

»Weil er jedenfalls zu dessen Bande gehört.«

Sie sprangen Alle von ihren Sitzen auf.

»Was fällt Euch ein!« sagte der dicke Sam. »Ein Bekannter unseres Freundes hier!«

»Wer ist dieser Mann eigentlich?« fragte Steinbach den Förster Rothe.

»Er war der Diener meines Herrn, des Barons von Adlerhorst.«

»Ah, ah, ah – –! Er spricht das Deutsche mit französischem Accent?«

»Er ist geborener Franzose.«

»Begleitet er Ihren Herrn vielleicht mit nach dem Oriente?«

»Er ging mit, als Herr von Adlerhorst als Gesandter oder so Etwas nach der Türkei ging.«

»Und kam nicht wieder mit zurück?«

»Nein. Er hatte sich einen anderen Dienst gesucht. Man sagt, er habe sich gegen die Baronin fehlerhaft benommen und sei deshalb fortgejagt worden. Gewiß weiß ich es nicht, denn die Herrschaft hat nie ein Wort darüber verloren.«

»Was hatte er für einen Character?«

»Hm! Wir sind nie Freunde gewesen, wenn es mich auch hier augenblicklich freute, einen alten Bekannten wiederzusehen.«

»Gut! Ihr laßt Euch also nichts merken. Es ist fast sicher, daß er zu dem rothen Burkers gehört.«

»Das glaube ich nicht,« sagte Sam. »Er würde sich sehr hüten, sich allein hierher zu uns zu wagen!«

»Warum? Wußte er, daß wir hier sind?«

»Allerdings nicht.«

»Kann er ahnen, daß wir wissen, was er will?«

»Auch nicht.«

»Nun also! Der rothe Burkers hat ihn vorausgesandt, um sich den Weg zu ebnen. Dieser Mensch, der einen falschen Namen trägt, soll jedenfalls hier als Gast einziehen und den Schurken die Thür und das Thor öffnen.«

»Sapperment! Das wäre!« knurrte Sam. »Aber ich habe kein Vertrauen zu Euern Vermuthungen, Master Steinbach. Ihr seid, wie gesagt, der Allerklügste nicht. Der Mann ist ganz unschuldig.«

Steinbach wollte ungeduldig werden, bezwang sich aber doch und antwortete kluger Weise:

»Der Fürst der Bleichgesichter hat mir aber doch gesagt, daß diese Kerls jedenfalls einen Quartiermacher schicken würden. Daher habe ich Euch den Vorschlag gemacht, sie herein zu lassen, um sie lebendig zu fangen. Den kurzen Proceß könnt Ihr ihnen dann allemal noch machen.«

»Hat er das gesagt? Ja, dann ist es freilich etwas ganz Anderes, als wenn es nur aus Eurem Kopfe kommt.«

»Ja, Master Sam, Ihr scheint eben der einzige Gescheidte zu sein, den es in Herlasgrün gegeben hat. Aber ich muß Euch auch noch vor etwas Anderem warnen.«

»Auch noch?«

»Ja. Hütet Euch, diesem Newton zu sagen, daß wir nach dem Oberaufseher Adler suchen wollen.«

»Warum?«

»Ich werde Euch dies später erklären.«

»Wie kann ich Euch den Willen thun, wenn Ihr mir keine Gründe angebt!«

Jetzt war die Geduld Steinbach's doch Etwas erschöpft. Er zog die Stirn in Falten und antwortete:

»Master Barth, die ewige Wiederholung, daß ich dumm sei, wird allgemach nun lächerlich. Wenn Ihr kein Vertrauen zu mir habt, so macht, was Ihr wollt. Paßt mir aber das, was Ihr thut, nicht, so werfe ich Euch einfach zum Fenster hinaus!«

Das klang so ernst und befehlend, daß Sam zurückfuhr und dabei ausrief:

»Na, na, freßt mich nur nicht! Ich kann Euch ja den Willen thun. Aber mit dem zum Fenster hinauswerfen geht es nicht so rasch. Da habe ich auch ein Wort mit zu sprechen.«

»Thut das später! Jetzt aber setzt Ihr Euch nieder und haltet das Maul! Verstanden!«

»Oho!« fuhr Sam auf. »So lasse ich mich nicht anschnauzen, selbst nicht von Einem, der aus Herlasgrün ist, Master Steinbach!«

»Nun, wenn Ihr Euch nicht freiwillig setzt, so werde ich Euch hinsetzen müssen.«

Er faßte ihn blitzschnell, hob ihn empor, trug ihn zur Bank und setzte ihn so kräftig auf dieselbe, daß sie, obgleich sehr stark gezimmert, in allen Fugen krachte.

Das war dem dicken Sam doch zu viel. Er sprang wieder empor und griff Steinbach nach der Brust.

»Jetzt zahle ich es Euch heim!« rief er zornig.

Steinbach aber faßte ihn hüben und drüben an beiden Armen und preßte ihm dieselben mit solcher Gewalt an den Leib, daß der Dicke vor Schmerz laut aufstöhnte:

»Um Gottes willen! Ihr quetscht mir ja den ganzen Saft heraus! Haltet ein!«

»Wenn Ihr pariren wollt!«

»Na, meinetwegen!«

»So haltet nun Ruhe, und wenn der Kerl kommt, so macht ihm Alle ein freundliches Gesicht, damit er kein Mißtrauen faßt!«

Er trat von Sam zurück. Dieser hustete und pustete, um wieder zu Athem zu kommen, und sagte.

»Das muß man sagen, Kräfte habt Ihr wie ein Rhinoceros, aber an Verstand fehlt es Euch doch bedeutend! Landsleute brauchen sich doch wahrhaftig nicht zu ermurxen!«

»Auch überhaupt nicht zu ärgern! Horcht, da scheint er zu kommen! Seid zutraulich mit ihm!«

Newton kam allerdings. Er hatte es sich in Beziehung auf seinen Anzug bequem gemacht und wurde zum Essen an den Tisch geladen. Während dieser Beschäftigung war zu bemerken, daß er seine Aufmerksamkeit meist auf Steinbach richtete. Dieser aber that ganz und gar unbefangen, und die Anderen gaben sich auch Mühe, es zu sein.

Nur Sam der Dicke war bei schlechter Laune. Er sprach kein Wort. Er konnte es nicht verwinden, daß er von Steinbach in solcher Weise zurecht gewiesen worden war.

Während der allgemeinen Unterhaltung fragte Steinbach Newton, ob er sich nicht einmal den See und dessen Umgebung ansehen wolle.

»Nein, heute nicht,« antwortete der Gefragte. »Ich bin ermüdet vom weiten Ritte und werde mich ausruhen. Morgen ist auch Zeit dazu.«

Er kehrte, als er gegessen hatte, in seine Stube zurück. Jetzt bekam der gute Sam die Sprache wieder. Sichtlich um Steinbach zu foppen, fragte er:

»Nun, Master, seid Ihr denn bei Eurer Ansicht geblieben?«

»Ja, gewiß.«

»Er gehört also zu den Spitzbuben. Da hättet Ihr ihn aber doch aushorchen sollen, um Etwas über seine Absicht zu erfahren.«

»Das habe ich gethan.«

»Nun, habt Ihr auch Etwas erfahren?«

»Ja.«

»Sapperment! Da seid Ihr gescheidter wie ich.«

»Das ist sehr wahrscheinlich.«

»Macht Euch nicht lächerlich, alter Schwede! Sam Barth läßt sich so leicht nicht über's Ohr hauen; aber ich habe nicht eine Silbe gehört, aus welcher ich erfahren könnte, daß er den rothen Burkers kennt und in böser Absicht kommt. Er hat gesagt, daß er von Santa Fé herunter kommt und hinein in's Texas will. Das ist sehr glaubhaft. Sein Verhalten ist ganz so, daß es Eure Ansicht über den Haufen wirft. Wäre er als Quartiermacher für die Spitzbuben gekommen, so würde er hier im Hause herumlaufen, um die Localitäten genau kennen zu lernen, damit später Alles klappt. Und, was die Hauptsache ist, und woran Ihr trotz Eurer Klugheit noch gar nicht gedacht habt – sagt mir doch einmal, ob da unser guter Förster den Mann bei dem rothen Burkers gesehen hat?«

»Wohl nicht.«

»Ja, sonst wäre seine Ueberraschung eine noch ganz andere gewesen. Sage einmal, liebe Auguste, ob dieser Newton mit Euch von Santa Fé abgereist ist!«

»Nein,« antwortete die Gefragte.

»Da habt Ihr es! Glaubt Ihr etwa, daß der rothe Burkers seine Leute aus der Prairie nur so aufliest wie der Hund die Flöhe?«

»Nein, das glaube ich nicht,« lächelte Steinbach. »Aber habt Ihr Euch den Mann genau angesehen?«

»Sehr genau sogar.«

»Seinen Anzug, seine Waffen? Alles?«

»Alles.«

»Ist Euch da nichts aufgefallen?«

»Ich wüßte nicht, was mir da aufgefallen sein sollte.«

»Nun, wie lange Zeit hat der rothe Burkers zugebracht von seiner Abreise aus Santa Fé an bis zum heutigen Tage?«

»Elf Tage schätze ich.«

»Wie lange Zeit aber vom letzten Aufbruche her ist dieser sogenannte Newton unterwegs?«

»Das weiß der Teufel! Ihr jedenfalls nicht!«

»Pshaw! Und da sagt Ihr, daß Ihr ein Prairiejäger seid, von dem ich noch lernen müsse. Ich habe Euch nun zu bemerken, daß Ihr von mir lernen könnt.«

»Möchte auch wissen, was! Macht Euch nicht wichtig!«

»Habt Ihr sein Messer gesehen, als er aß?«

»Ja.«

»Wie alt war es?«

»Hm!«

»Ihr wißt es nicht?«

»Ja, wenn so ein Messer reden könnte!«

»Es kann reden. Es war neu, schön polirt und stahlblau angelaufen. Man sah es ihm an, daß der Besitzer noch nicht sechsmal damit gegessen hat.«

»Was Ihr für ein gescheidter Kerl seid!« höhnte Sam.

»Sodann war sein Tabaksbeutel so voll, daß er kaum drei Pfeifen geraucht haben kann.«

»Er wird wenig rauchen!«

»Er ist im Gegentheile ein sehr starker Raucher. Die alte Maserpfeife, welche er am Gürtel hängen hatte, war so abgebissen, wie es nur bei einem leidenschaftlichen Raucher vorkommt. Ein Sonntagsraucher trägt auch eine Sonntagspfeife. Wenn nun ein so starker Raucher einen so vollen Beutel hat, ist er gewiß noch nicht elf Tage unterwegs.«

»Ja,« sagte der Förster, »ein leidenschaftlicher Raucher ist er von früher her; das weiß ich noch.«

»Wollt Ihr etwa diesem Neuling Recht geben?« knurrte Sam verdrießlich.

Steinbach fuhr unbeirrt fort:

»Habt Ihr seinen Bart angesehen?«

»Meint Ihr, daß ich die Haare gezählt habe?«

»Nein. Er trägt Vollbart, und einzelne Haare davon stehen auf der oberen Wange. Diese hat er sich abrasiren lassen; sie sind jetzt so kurz, daß sie höchstens drei Tage nach dem Rasiren gewachsen sein können.«

»Donnerwetter! Wenn ich wieder einmal Etwas erfahren will, nehme ich mir den Barbier gleich mit!«

»Das ist ebenso unnöthig wie Euer Spott. Ich schätze, daß dieser Newton noch vor drei Tagen in einer Niederlassung gewesen ist. Das kann nur Silver-City sein. Und da Silver-City nach Prescott zu liegt, wo Walker sich aufhält, so nehme ich an, daß Newton von Walker abgeschickt worden ist, um in oder bei Silver-City mit dem rothen Burkers zusammen zu treffen und ihm irgend eine Botschaft zu bringen.«

Jetzt machte der wackere Sam ein ganz eigenthümliches, unbeschreibliches Gesicht. Er sagte in einem beinahe verlegenen Tone:

*

45

»Wahrhaftig, wer Euch so reden hört, der möchte glauben, daß Ihr ein alter, erfahrener Jäger seid. Da dies aber nicht der Fall ist, so haben Eure Vermuthungen ganz und gar keinen Werth. Die Hauptsache wäre, dem Newton abgelauscht zu haben, was er heute hier anfangen will.«

»Das habe ich gethan.«

»Ihr? Habe gar nichts gehört.«

»Ich habe doch gefragt, ob er sich die Umgegend ansehen will.«

»Da sagte er nein, er wolle ausruhen.«

»So weiß ich also genug.«

»Was denn? Daß der Ueberfall heute nicht stattfindet? Das kann ich mir auch denken. Wenn die Kerls heute kommen wollten, würde Newton, falls er wirklich zu ihnen gehört, das Haus und dessen Umgebung durchsuchen und ihnen dann irgend ein Zeichen geben. Heute also haben wir sie nicht zu erwarten. Ihr seht also, daß wir ebenso klug sind, wie Ihr es seid.«

»Und ich werde Euch beweisen, daß Ihr noch sehr viel zu lernen habt.«

Nach diesen Worten verließ Steinbach das Eßzimmer.

»So kann man sich in dem Menschen irren,« sagte Sam zu den Andern. »Erst gefiel er mir ganz gut, trotzdem ich keine Inklination für Neulinge zu haben pflege. Jetzt aber thut er so klug, wie der König Salomo und das kann ich nicht leiden. Er wird sich in mir verrechnet haben.«

Auf Wilkins hatte Steinbach einen ganz anderen Eindruck gemacht. Dieser ging ihm nach und traf ihn unten beim Pferde. Er fragte ihn:

»Sagt mir doch, was Ihr meint! Wird der Burkers heute noch kommen?«

»Ich werde es Euch zur richtigen Zeit sagen. Wie steht es mit Eurem Lederzeug? Habt Ihr Riemen?«

»Ja, dort im Stalle hängen sie an den Nägeln.«

»Und Heu?«

»Heu ist eigentlich eine Seltenheit im Westen. Ich aber habe welches, auch dort im Stalle. Es kann ja einmal vorkommen, daß man von feindlichen Indsmen förmlich belagert wird. Dann muß man natürlich Futter für die Pferde haben.«

»Und Wasser. Das könntet Ihr Euch dann nicht aus dem See holen.«

»Ich habe einen Brunnen unten im Keller. Außerdem aber führt ein künstlicher Stollen unter dem Grunde des Sees hinweg nach der Insel. Die Mönche, welche diese Mission bauten, haben nichts versäumt, was ihre Sicherheit erhöhen konnte. Seht, der Tag neigt sich zu Ende. Ich wollte, der Besuch, den wir erwarten, wäre ebenso vorbei.«

»Wo wohnt Newton?«

»Hinter der fünften Thür, von derjenigen der Speisestube an gerechnet.«

»Das ist das zweite Fenster an der Seitenmauer des Gebäudes. Nicht?«

»Ja. Warum?«

»O, nur um mich zu orientiren. Es ist besser, man weiß Alles, als gar nichts.«

»Soll ich Euch nicht auch Euer Zimmer anweisen, Sir?«

»O, da« hat Zeit. Wir werden heute etwas länger als gewöhnlich munter bleiben.«

»Warum?«

»Nun, hoffentlich haben wir uns einander sehr viel zu erzählen. Nicht wahr, dieser Newton wird auch zum Abendessen gerufen?«

»Natürlich.«

»Ich vermuthe, daß er sich nach demselben für kurze Zeit entfernen wird. Da stellt Ihr den Zeiger der Uhr im Speisezimmer um so viel zurück, wie ich Euch sagen werde. Kommt er dann wieder, so sprecht Ihr gleich so angelegentlich mit ihm, daß er in der ersten Zeit gar nicht daran denkt, nach der Uhr zu blicken.«

»Darf ich denn nicht erfahren, welchen Grund das hat?«

»Ihr werdet es später erfahren.«

Er ging nicht wieder hinauf zu den Andern, sondern nach dem Thore, um den Verschluß desselben zu untersuchen. Er bestand jetzt aus zwei außerordentlich starken Querriegeln, welche man von draußen wohl kaum einzudrücken vermochte. Als er sich noch da befand, hörte er draußen Schritte. Er sah durch die Klappe hinaus und bemerkte den ›flinken Hirsch‹. Er öffnete, um den Indianer herein zu lassen.

Als dieser ihn sah, blieb er stehen, legte grüßend die Hand auf das Herz und sagte:

»Darf ich Deinen Namen hören?«

»Steinbach.«

»Warum soll der flinke Hirsch dieses fremde Wort aussprechen, wenn er Dich rufen will?«

»Denkst Du, daß es ein besseres giebt?«

»Ja.«

»Welches?«

»Tan-ni-kay.«

»Wie? Du hältst mich für den Fürsten der Bleichgesichter?«

»Du bist es, oder Du bist ein Dieb.«

»Wieso?«

»Starke Hand, der berühmte Häuptling, giebt das berühmteste Pferd der Apachen nicht einem gewöhnlichen Manne. Das dicke Bleichgesicht will ein kluger Mann sein, und doch hielt es dieses Pferd hier für ein sehr schlechtes. Du hast den Hengst von der ›starken Hand‹ zum Geschenk erhalten?«

»Ja.«

»So bist Du der Häuptling der Bleichgesichter. Warum willst Du es mir verschweigen?«

»Nun gut, ich will es Dir eingestehen, aber sage den Andern nichts.«

»Mein Mund weiß zu schweigen.«

»Ich werde Dich dafür belohnen.«

»Der flinke Hirsch verlangt keine Belohnung dafür, daß er seine Pflicht erfüllt.«

»Und doch möchte ich Dir mein Wohlwollen erweisen, indem ich Dich wie einen Helden behandle.«

Aus dem schönen, dunklen Auge des rothen Jünglings brach ein Strahl hellster Freude. Er sagte:

»Der flinke Hirsch kann für Dich sterben, wenn Du es befiehlst.«

»Ich trachte nicht nach Deinem Leben. Du sollst vielmehr Ruhm haben und beneidet werden von den Bleichgesichtern, welche heute hier eingezogen sind. Sie wissen nicht, wer ich bin und halten mich für einen unerfahrenen Knaben. Dafür will ich sie beschämen. Dieses Haus wird heute Abend von weißen Feinden überfallen werden. Nur drei Personen werden es vertheidigen: der Fürst der Bleichgesichter, die starke Hand und der flinke Hirsch. Willst Du?«

Da griff der Hirsch nach Steinbach's Hand und zog sie an seine Brust, ein außerordentlich hohes und ebenso seltenes Zeichen seiner dankbaren Ehrerbietung. Er antwortete:

»Bring tausend Feinde und ich kämpfe mit ihnen!«

»Ich weiß, daß Du tapfer und klug bist. Als die starke Hand fortzog, hat sie Dich zum Beschützer der Taube des Urwaldes bestellt. Das wäre nicht geschehen, wenn Du es nicht verdientest. Gehe jetzt in den Stall und fertige Knebel für ungefähr zweimal fünf Feinde. Wir fangen sie lebendig. Aber, lasse es jetzt noch Niemanden bemerken!«

Der Indianer ging. Sein Gesicht war ernst und unbewegt. Innerlich aber empfand er über die ihm gewordene Auszeichnung eine Freude, welche es ihm schwer machte, ruhig zu erscheinen.

Steinbach trat hinaus und schritt zur Ecke des Gebäudes. Vorsichtig um dieselbe lugend, gewahrte er, daß Newton zu seinem Fenster heraussah. Unter demselben und nicht allein dort, sondern längs der Mauer hin wuchs ein dichtes Gebüsch, ganz prächtig zu einem Verstecke geeignet.

Er hatte genug gesehen und kehrte in das Innere des Gebäudes zurück, welches er nun in allen seinen oberen Theilen durchwanderte, um die Einrichtung desselben kennen zu lernen.

Mittlerweile wurde es Abend. Man brannte im Speisezimmer Licht an und dann wurden mächtige Fleischstücke geholt, um als Abendbrot gegessen zu werden. Steinbach wartete bis auch Newton dort erschienen war, und begab sich nun wieder vor das Haus, um die Ecke und bis an das betreffende Fenster. Nicht unmittelbar unter demselben, sondern ein Wenig seitwärts schnitt er von den Büschen die hart an der Mauer befindlichen Aeste aus, ganz unten tief am Boden weg. Die Aeußeren ließ er stehen. Dadurch entstand an der Mauer ein leerer Raum für ein sehr bequemes Versteck. Die abgeschnittenen Zweige entfernte er, so daß sie von keinem Unberufenen bemerkt werden konnten. Dann kehrte er wieder in das Gebäude zurück und gesellte sich zu den übrigen Tischgenossen.

Bei diesen herrschte eine äußerlich fröhliche, eigentlich aber gedrückte Stimmung. Es ist ja stets unangenehm, mit einem Menschen freundlich verkehren zu sollen, von welchem man eine ganz entgegengesetzte Meinung hat.

Wie bereits gesagt, besaß das Haus in seinen Fensteröffnungen nur ganz wenig Glas. Die Luft hatte freien Zutritt, und alle Geräusche der nächtlichen Natur wurden hörbar. Sehr bald bemerkte Steinbach, welcher Newton scharf beobachtete, an diesem Letzteren eine nur mühsam unterdrückte Unruhe. Das war das sichere Zeichen, daß er jetzt Jemand erwarte, und sich jedenfalls sehr bald entfernen werde. Steinbach mußte vorher in seinem Verstecke sein, sonst hätte sein Nahen von Newton vom Fenster aus bemerkt werden können. Er ging also unter einem plausiblen Vorwande hinaus. Seine Entfernung fiel Keinem auf. Nicht einmal Newton dachte sich etwas dabei.

Jetzt, da es Abend war und der Feind sich jedenfalls in unmittelbarer Nähe befand, konnte das Thor nicht aufgelassen werden. Steinbach nahm sich also die alte Indianerin mit, verbot ihr, irgend Jemandem zu sagen, daß er hinausgegangen sei und wies sie an, hinter ihm zu verschließen und zu warten, bis, er klopfen werde und ihn schnell wieder einzulassen. Dann begab er sich um die Ecke, schob die stehen gelassenen Zweige auseinander und setzte sich hinter denselben an der Mauer nieder.

Es war grad die rechte Zeit gewesen. Er hatte nicht lange zu warten, so hörte er den lauten, brüllenden Ruf eines Ochsenfrosches. Er als Westmann hörte sogleich, daß dieser imitirte Laut aus einer menschlichen Kehle kam. Er war neugierig, wie Newton darauf antworten werde, und blickte nach oben, kein Auge von dort verwendend. Mit der Stimme konnte die Antwort nicht erfolgen, da dieselbe sonst von Anderen gehört und dadurch der Anschlag verrathen worden wäre.

Er hatte ganz richtig geurtheilt. Der Ruf ertönte zum zweiten, zum dritten Male und dann flammte als Antwort oben am Fenster ein Flämmchen blitzschnell auf, als ob eine kleine Quantität Pulver angezündet worden wäre.

Damit hatte Newton gezeigt, an welchem Fenster er sich befinde.

Nur wenige Secunden später kam eine dunkle Gestalt lautlos herbeigeschlichen und drückte sich grad unterhalb des Fensters in das Gesträuch hinein, um in demselben Deckung zu finden und von einem sich zufällig Nahenden nicht bemerkt zu werden.

Wie gut also, daß Steinbach sich sein Versteck seitwärts und nicht grad unter dem Fenster gewählt hatte! Der Mann stand so, daß Steinbach ihn hätte mit der Hand ganz bequem an den Beinen fassen können.

»Pst!« machte er es.

Oben schien Newton zu lauschen.

»Pst!« wurde wiederholt.

Newton hatte schon damals, als er in Constantinopel den Dolmetscher nach dem Namen von Eagle-nest's Yacht gefragt hatte, nicht englisch verstanden. Heute hatte er einige Worte gebrochenes Englisch gesprochen. In demselben gebrochenen Englisch fragte er jetzt von oben herab:

»Wer ist da?«

»Burkers selbst. Gut angekommen?«

»Ja.«

»Aber wie steht es?«

»Gut und nicht gut, wie man es nimmt.«

»Warum?«

»Gut, weil keine Indianer da sind, und – –«

»Ah! So ist die Taube mit ihrem Vater allein?«

»Nein. Das ist eben Das, was ich nicht gut nenne. Es sind weiße Jäger angekommen.«

»Donnerwetter! Wie viele?«

»Fünf mit zwei Frauen.«

»Sind es bekannte Namen?«

»Ja, nämlich der dicke Sam Barth mit seinen Freunden Jim und Tim – –«

»Gott sei Dank! Sind diese Kerls hier! Das ist mir ungeheuer lieb Da kann ich sie für damals bezahlen! Wer noch?«

»Ein Euch Fremder, der aber mich genau kennt, obgleich er es leugnet. Er ist mein Todfeind und darum müßt Ihr ihn mir überlassen!«

»Er ist Dein. Mache mit ihm, was Du willst!«

»Er wird an den Marterpfahl gebunden. Sodann die andern Vier, welche Ihr nicht vermuthen werdet, nämlich der deutsche Förster Rothe mit Sohn, Frau und Schwägerin.«

»Himmeldonnerwetter! Ist das möglich?«

»Sam Barth hat sie getroffen und mit hierher genommen. Weshalb, das weiß ich nicht.«

»So steckt eine Schurkerei gegen uns dahinter.«

»Wohl nicht. Ich hätte das bemerken müssen. Sie sind Alle ahnungslos.«

»Will es hoffen. Wer ist also noch da?«

»Die Taube, ihr Vater und eine alte Indianerin als Thorhüterin.«

»Das ist sehr schön von diesen Leuten. Wir sind ihnen vollständig gewachsen. Wie gut, wie sehr gut, daß ich Dich geschickt habe! Wäre ein Anderer gekommen, so hätten diese verdammten Förstersleute ihn natürlich erkannt und festgenommen. Da wäre uns unser Brod gebacken gewesen. Wie sind diese Kerls denn bewaffnet?«

»Sam, Jim, Tim und die beiden Rothe haben Büchsen. Aber die stehen in der großen Stube in der Ecke und werden uns nicht gefährlich. Der, welchen ich für mich haben will, scheint gar kein Gewehr zu besitzen, was mir eigentlich räthselhaft ist.«

»Ist er ein Amerikaner?«

»Nein, sondern ein Deutscher.«

»Hole ihn der Teufel! Diese Deutschen haben gewöhnlich sehr gute Fäuste. Kannst Du das Thor aufmachen?«

»Nein. Das würde auffallen. Die alte Indianerin soll ein wahrer Drache sein.«

»Gieb ihr Eins über den Kopf.«

»Da schreit sie und macht die Männer aufmerksam.«

»Verdammt! Wie aber kommen wir hinein?«

»Sehr leicht und gut. Ich lasse mein Lasso hinab und Ihr klettert daran Alle empor zu mir.«

»Ein Lasso ist zu dünn. Es reißt zwar nicht, aber man kann es nicht fassen, ohne daß es in die Hände schneidet.«

»So nehmen wir mehrere Lassos zusammen, die ich an dem meinigen heraufziehe. Wenn Ihr Alle oben seid, gehe ich vor Euch zu den Kerls und stelle mich so, daß sie nicht zu den Gewehren können. Denn das werden sie thun wollen, wenn sie Euch sehen.«

»Schön! Ich freue mich schon vorher auf den dicken Sam und auf die beiden Dürren. Die sollen vor Schmerzen wimmern, daß es von hier bis New-York zu hören ist. Sie sind es, die uns damals an den Strick liefern wollten. Aber wann paßt es?«

»Wann denkt Ihr denn?«

»Nur nicht zu spät. Sonst könnten uns die dreihundert Maricopas, wegen denen Walker Dich uns entgegenschickte, zuvorkommen. Sie wollen die Taube des Urwaldes überfallen und an den Marterpfahl bringen, und die hier aufgehäuften Schätze der Comanchen und Apachen holen. Vielleicht können sie schon morgen Mittag hier sein. Wir müssen also bis dahin vollständige Arbeit gemacht haben. Da fällt mir ein: Walker hat wohl gesagt, daß diese Maricopas ein Frauenzimmer mit sich führen, um sie hier auf den Häuptlingsgräbern zu verbrennen, aber zu sagen, wer sie ist, das hat er vergessen.«

»Er weiß es selbst nicht. Es ist eine Weiße.«

»Verdammt! Jung oder alt?«

»Ich kann es nicht sagen.«

»Na, uns kann es ja gleichgiltig sein. Wenn wir nur vorher ausgeräumt haben. Ist nicht von den Schätzen gesprochen worden, die sich hier befinden?«

»Kein Wort.«

»Man wird sie nicht verrathen wollen; aber ich zwicke den Kerls jedes Fingerglied einzeln ab, bis sie gestehen. Wir können nicht länger warten als bis um Mitternacht.«

»Gut! So werde ich Punkt zwölf Uhr hier am Fenster sein.«

»Du mußt aber bis dahin bei ihnen bleiben, damit sie hübsch beisammen sind. Da werden wir sie überrumpeln. Wenn aber ein Jeder in seine Zelle geht und seine Waffen mit sich nimmt, würden wir schwierige und gefährliche Arbeit haben. Freilich, wenn Du in der Stube bist, kannst Du nicht an dem Stande der Sterne sehen, ob es Mitternacht ist.«

»Das habe ich auch nicht nöthig. Da, wo wir sitzen, giebt es eine alte Holzuhr, vielleicht noch von der Zeit der Mönche her. Da habe ich also die Zeit am Bequemsten.«

»Schön! So wären wir also fertig. Oder hast Du mir noch Etwas zu sagen?«

»Nein – oder doch, ja, grad die Hauptsache! Wißt Ihr, wer der Vater der Taube ist?«

»Nun? Kennst Du ihn etwa?«

»Nein; aber den Namen habe ich gehört. Ob es vielleicht Der ist, mit dem Ihr auch schon zu thun hattet? Er heißt Wilkins.«

»Donnerwetter! Etwa von Wilkinsfield?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe nur aus einigen unvorsichtigen Worten erlauscht, daß er wegen Mordversuchs hat fliehen müssen und lange Zeit nach irgend Wem hier im Westen herumgesucht hat.«

»Tod und Teufel! Er ists, er ists! Na, freue Dich, Alter! Dich braten wir lebendig. Und zuvor sollst Du zusehen, daß Deine Tochter bei uns reihum geht. Wie entzückt wird Walker sein! Der Fang, welchen wir hier machen, wird besser und werthvoller, als ich gedacht habe. Es wird mich doch Niemand hier gesehen haben.«

»Nein. Es sind Alle beisammen. Die alte Indianerin müßte sich hier herumschleichen.«

»Diese alten Hexen verstehen das nur zu gut. Zur Sicherheit bleibst Du noch eine Weile am Fenster und passest auf, ob sich Etwas regt. Ich werde nach zehn Minuten den Ruf des Frosches nachahmen; antwortest Du mit Pulver, so ist Alles gut; antwortest Du aber nicht, so giebt es Gefahr.«

Er entfernte sich.

Auch Steinbach mußte fort, um früher als Newton in die Stube zu kommen. Er war erfahren und geschickt genug, ohne das geringste Geräusch aus dem Versteck herauszukommen. Dann kroch er, lang am Boden ausgestreckt, um von oben nicht bemerkt zu werden, längs der Mauer und des Gesträuches hin. Erst als er hinter der Ecke angekommen war, erhob er sich wieder.

Als er das Thor erreichte, stand an demselben eine hohe breite Gestalt. Sie flüsterte:

»Mein weißer Bruder hat gelauscht. Hat er die Worte der Uebelthäter gehört?«

»Ja.«

»Die starke Hand hat sie verfolgt bis hierher. Soll ich mit in das Gebäude gehen?«

»Ja, aber nicht mit hinauf zu den Bleichgesichtern, sondern in die Stube, in welcher Dein Neffe flinker Hirsch sich befindet. Wir Drei allein werden die Räuber empfangen.«

»Uff! So ists gut!«

Dieser Indianer war also die berühmte ›starke Hand‹. Er und Steinbach hatten den rothen Burkers mit seiner Schaar nicht ereilt, aber aus den Fährten gesehen, daß das Unternehmen heute Abend vor sich gehen werde. Darum war Steinbach voraus geeilt, um nach dem Stande der Dinge zu sehen und die ›starke Hand‹ dann hier zu treffen.

Die Indianerin öffnete, als geklopft wurde, und war erfreut, den großen Krieger zu sehen. Dieser verschwand sofort in der abgelegenen Kammer seines Neffen. Steinbach aber begab sich hinauf in das Speisezimmer, wo die Insassen desselben sich lebhaft unterhielten.

»Die Uhr um eine Stunde zurück,« flüsterte er Wilkins zu.

Dann nahm er recht lebhaft am Gespräch theil, um die Aufmerksamkeit der Anderen von der Uhr weg auf sich zu lenken. Es gelang ihm auch. Er wollte gern alle unnöthigen Fragen vermeiden.

Nach kurzer Zeit hörte man draußen den Schrei des Ochsenfrosches und wenige Secunden später trat Newton wieder ein. Er blickte nicht nach der Uhr und bemerkte also auch nicht, daß sie weiter zurückstand als vorhin, da er den Raum verlassen hatte.

Es wurden allerlei Jagdabenteuer erzählt. So verging die Zeit ziemlich schnell. Newton drehte sich später zwar einmal nach der Uhr um, zeigte aber über den Stand der Zeiger nicht die geringste Täuschung. Als dieselben fünf Minuten vor Elf zeigten und es also ebenso viel vor Zwölf war, ging Steinbach hinaus und hinab zu den beiden Indianern. Er fragte:

»Die Bleichgesichter wollen durch das Fenster kommen. Werden wir sie geräuschlos überwältigen können?«

»Die ›starke Hand‹ antwortete:

»Hier stehen keine Knaben, sondern Männer! Der flinke Hirsch hat Riemen und Knebel besorgt. Es wird Alles sehr schnell gehen. Mein weißer Bruder wird am Fenster sein; die ›starke Hand‹ wird den Eingestiegenen empfangen; der ›flinke Hirsch‹ wird ihn fesseln und ein Jeder wird sofort nach der Kammer getragen, welche gegenüber liegt.«

»So kommt!«

Sie schlichen sich lautlos aus dem Hofe hinauf in Newtons Gastraum. Die gegenüber liegende Thür wurde vorsorglicher Weise schon jetzt geöffnet, dann warteten sie. Keinem klopfte das Herz schneller als gewöhnlich. Wenigstens die beiden Männer waren an noch ganz andere Gefahren gewöhnt, und der braune Jüngling war ja ein angehender Held.

Nach kurzer Zeit hörte Steinbach das Zeichen:

»Pst!«

»Er sah hinaus. Unten stand Einer.

»Ich bin da,« flüsterte er.

»Alles in Ordnung?«

»Alles.«

Ein zweites »Pst« nach rückwärts und die ahnungslosen Kerls kamen herbei.

»Dein Lasso herab!« sagte Burkers unten.

Steinbach ließ das seinige herab und zog an demselben noch drei andere heran. Diese vier waren stark genug zum Daranemporklettern. Natürlich war Burkers der Erste, welcher kam. Als er sich noch auf der Fensterbrüstung befand, sagte er:

»So, das ist der erste Schritt zu dem Golde und der Rache, welche wir hier finden werden. Hast Du das Lasso in der Hand gehalten?«

»Nein, angebunden,« antwortete Steinbach flüsternd, weil alle Stimmen im Flüstern ziemlich gleich klingen.

»Recht so! In der Hand halten, das ist zu schwer.«

Er stieg vom Fenster herab. Steinbach hatte das Lasso wirklich an einem starken Haken befestigt, der in der Mauer stak. Daher hatte er die Hände frei. Er legte sie dem nichtsahnenden Burkers um die Gurgel und drückte diese so zusammen, daß der tödtlich erschrockene Mann wohl den Mund weit aufsperrte, aber keinen Laut ausstoßen konnte. Einen Faustschlag an die Schläfe, einen Knebel in den aufgesperrten Mund, einen Riemen je um Arme und Beine – das Alles war für diese Drei das Werk weniger Augenblicke! Burkers lag schon in der anderen Kammer, ehe der Zweite heraufkam.

Ganz in derselben Weise wurden sie Alle außer dem Letzten empfangen. Keiner hatte seine Büchse mit gehabt. Jetzt rief dieser Letzte mit unterdrückter Stimme von unten:

»Pst! Nun erst die Gewehre empor, ehe ich komme. Ich binde sie unten mit dem Lasso zusammen.«

Das geschah. Sie wurden emporgezogen und sodann folgte auch dieser Mann nach, dem es natürlich ganz ebenso ging wie den Anderen.

Jetzt holte der »flinke Hirsch« vor allen Dingen ein Licht, damit die Gefangenen beobachtet werden konnten. Einige waren noch bewußtlos. Andere hatten ihre Besinnung wieder erlangt, konnten aber weder sprechen, noch sich bewegen. Der rothe Burkers hatte die Augen offen und hielt sie mit grimmigem Blicke auf die Drei gerichtet.

»Ich bin der »Fürst der Bleichgesichter«,« sagte Steinbach zu ihm, »und hier stehen die »starke Hand« und der »flinke Hirsch«. Ihr sollt genau so behandelt werden, wie Ihr die Bewohner dieses Hauses behandeln wolltet. Euer Schicksal ist schon jetzt besiegelt. Wir zwar werden Euch nicht tödten, aber wir geben Euch in die Hände der heranziehenden Maricopas.«

Der Anführer der Buschheaders war bei der Nennung der Namen tief erschrocken. Er schloß die Augen, er wollte nichts mehr sehen.

Steinbach überließ sie der Bewachung der beiden Indianer und entfernte sich. Als er zur Gesellschaft zurückkehrte, stand die Uhr doch bereits über halb Zwölf; es war also eine halbe Stunde vergangen.

Newton war unterdessen nach seinen Erlebnissen in der Türkei gefragt worden und hatte erzählt, was ihm gerade eingefallen war. Er berichtete von verschiedenen Bekanntschaften, welche er gemacht hatte. Da fragte Steinbach, der die Zeit nun ja für gekommen hielt:

»Master Newton, habt Ihr auch Ausländer kennen gelernt?«

»Viele.«

»Vielleicht einen Lord Eagle-nest?«

»Nein,« antwortete er erbleichend.

»Einen Norman Effendi und Wallert Effendi?«

»Auch nicht.«

»Ist Euch ein Ibrahim-Pascha bekannt?«

»Ich hörte seinen Namen.«

Jetzt hatte sich die Farblosigkeit seines Gesichtes in glühende Röthe verwandelt.

»Oder eine gewisse Zykyma, Gikala und Tschita?«

»Ich weiß nicht, was Ihr wollt!«

»O, ich will Euch nur sagen, daß vom Derwisch bis zum Prairiejäger ein ungeheurer Sprung ist, ein Sprung, der wohl noch niemals im Leben vorgekommen ist.«

»Derwisch? Was meint Ihr denn?«

»Verstellt Euch doch nicht! Ihr wißt ebenso gut wie ich, daß Ihr zu den heulenden Derwischen gehört habt.«

»Ich? Welch ein Irrthum!«

»Na, Mann, wollen es kurz machen! Ich habe nicht Lust, mich länger als nöthig mit so einem Schuft zu unterhalten. Ich bin in Wirklichkeit der Steinbach-Effendi, den Du in der Türkei gesehen hast. Ich kenne Dein ganzes Thun und Treiben und kann nicht begreifen, wie Du aus Tunis entkommen, bist, wo Du doch des Mordversuches an dem Herrscher angeklagt warst.«

Der Derwisch glaubte jetzt, Frechheit sei seine einzige Rettung. Er schlug mit der Hand auf den Tisch und rief in zornigem Tone:

»Himmeldonnerwetter! Das ist doch zu arg! Ein Derwisch soll ich sein und ein Mörder? Master Steinbach, wenn Ihr mir das noch einmal sagt, so habt Ihr es mit mir zu thun!«

»O, ich habe es schon jetzt mit Dir zu thun und werde schnell mit Dir fertig werden, mein Bürschchen. Ich sehe, daß diese Mesch'schurs ganz erstaunt sind über das, was wir sprechen. Sie wissen eben nicht, was früher geschehen ist. Darum wollen wir von Deinen türkischen Abenteuern lieber schweigen und zunächst von Deinen hiesigen reden.«

»Da bin ich neugierig!« sagte der Derwisch. »Ich wüßte nicht, von welchen Abenteuern die Rede sein könnte.«

»Nicht? Nun, ein sehr interessantes soll ja punkt zwölf Uhr losgehen. Es fehlen nur noch zehn Minuten. Es wird also Zeit, daß Du in Deine Kammer gehst, um den rothen Burkers mit seinen Leuten einsteigen zu lassen.«

»Was?« rief Sam. »Der Rothe will einsteigen? Heute Abend?«

»Ja, mit Hilfe dieses Eures Freundes.«

»Wenn das bewiesen werden kann, so werden wir wenig Federlesens mit diesem Master Newton und Florin machen!«

»Es ist Lüge!« rief der Derwisch, die Hand an das Messer legend und eine leise, unbemerkt sein sollende Wendung nach der Thür machend. Er merkte, daß Alles verrathen sei. Sein einziges Heil lag in der Flucht, die er sich nöthigen Falles mit dem Messer bahnen wollte.

Steinbach merkte diese Absicht. Er wollte sich ihm in den Weg stellen, sah aber, daß die Thür um eine kleine Lücke geöffnet war, durch welche ein dunkles, blitzendes Auge herein funkelte. Der Mensch konnte nicht entkommen. »Er nennt es Lüge,« sagte Sam. »Master Steinbach, könnt Ihr beweisen, daß es wahr ist?«

»Ja. Er sah vorhin zum Fenster hinaus und besprach mit dem Rothen, welcher unten stand, den ganzen Plan. Ich aber saß nebenan und hörte ein jedes Wort. Punkt Zwölf soll es losgehen.«

»Himmelkreuzelement! Kerl, ich hacke Dich in Stücke und koche Stiefelschmiere daraus!«

Er fuhr mit beiden Fäusten auf den Menschen los, dieser machte einen Seitensprung und eilte auf die Thür zu, prallte aber zurück.

Die »starke Hand« war schnell eingetreten und hielt ihm die blitzende Klinge entgegen, ohne aber ein einziges Wort zu sagen. Steinbach aber faßte sein Handgelenk mit solcher Kraft, daß er einen lauten Schmerzensschrei ausstieß und das Messer fallen ließ.

»Hallunke, willst Du etwa noch leugnen?« rief er ihm zu.

»Ich bin unschuldig!« behauptete der Gefragte.

Er verließ sich darauf, daß er nicht am Fenster war und seine Helfershelfer also nicht heraufkamen; also konnte ihm doch nichts bewiesen werden.

»Nun, wir wollen Dir den Beweis gleich beibringen. Du bist mir bereits so oft schon entschlüpft, jetzt aber werde ich Dich festhalten. Master Sam, habt doch einmal die Güte, ihm das Lasso so um den Leib zu wickeln, daß er die Arme nicht bewegen kann.«

»Gleich, gleich, Sir!« antwortete der Dicke, indem er schnell hinzutrat.

Newton protestirte in Worten und wollte sich sogar wehren, vermochte aber gegen die Riesenkräfte Steinbach's nichts. Als er gefesselt war, sagte dieser Letztere zu den Anderen:

»Jetzt nehmt ihn mit Euch und folgt der »starken Hand« hier. Der tapfere Häuptling wird Euch dahin führen, wo der Beweis der Schuld mit Händen zu greifen ist.«

»Die starke Hand?« rief Sam erstaunend.

»Ja, Master, Euch widerfährt heute das große Heil, den berühmtesten und tapfersten Häuptling aus Amerika und den dümmsten Weißen aus Herlasgrün, als Letzteren nämlich mich, kennen zu lernen. Dieses Letztere werdet Ihr allerdings für keine große Ehre halten, wie mir scheint.«

»Ja, viel Ehre kann man mit Euch nicht einlegen,« antwortete der Dicke. »Das Andere aber lasse ich mir desto eher gefallen. Also dieser rothe Master ist wirklich der große Häuptling? Oder macht Ihr nur Spaß?«

»Er ist es.«

»So muß ich ihm auf der Stelle meine Hand geben. Man ist zwar nur in Herlasgrün geboren, aber man hat sich dennoch genug Conduite angeeignet, um zu wissen, wie man einen so berühmten Krieger zu begrüßen hat.«

Er ging auf die »starke Hand« zu, streckte ihm die Rechte entgegen, nickte ihm freundlich zu und sagte:

»Der große Häuptling der Apachen sei willkommen am Silbersee. Ich freue mich, ihn zu sehen!«

Der Indianer blieb trotz der freundlichen Miene des Dicken ernsthaft, drückte ihm die Hand und antwortete:

»Die ›starke Hand‹ ist am Silbersee zu Hause. Er ist es, der sich freut, Entschar-til willkommen zu heißen.«

Sam drehte sich zu den Anderen um und sagte:

»Entschar-til? Ich kenne das Wort nicht. Was mag es heißen und wen mag er meinen?«

Da antwortete Steinbach lachend:

»Entschar-til heißt der große Bauch, der dicke Bauch. Seht Euch an, Master Sam, so werdet Ihr gleich wissen, wen er gemeint hat.«

»Donnerwetter! Mich gleich so zu nennen! Diese Apachen sind sehr schnell im Namen geben.«

»O, den giebt er Euch nicht erst jetzt. Sämmtliche Apachen nennen Euch nicht anders als Entschar-til, den dicken Bauch.«

»Das habe ich noch gar nicht gewußt. Wenn sie mich so nennen, muß ich doch ein ihnen sehr bekannter Kerl sein.«

»Na, ich will Euch aufrichtig sagen, daß Ihr weiter bekannt seid, als Ihr vielleicht denkt. Ihr seid ein berühmter Mann, ob wegen Eurer Verdienste oder wegen Eures dicken Bauches, das will ich nicht untersuchen.«

»Das ist auch nicht nöthig. Ihr braucht Euch gar keine Mühe zu geben. Der Grund ist gleichgiltig, wenn ich nur berühmt bin. Ihr freilich werdet niemals eine Berühmtheit erlangen, weder wegen eines dicken Bauches, noch wegen Eurer Tapferkeit. Das ist der Unterschied zwischen Euch und mir.«

Diese Worte waren in englischer Sprache gesprochen, und da der große Häuptling der Letzteren mächtig war, so hatte er sie verstanden. Er richtete einen kurzen, fragenden Blick auf Steinbach, und da dieser leise mit dem Kopfe schüttelte, so sagte er zu Sam:

»Mein weißer Bruder Steinbach ist zwar kein großer Krieger und Jäger, aber er hat keine Furcht und wird bald berühmt werden unter den Männern des Westens.«

»Der? Da irrt sich die ›starke Hand‹. Ich habe noch niemals einen berühmten Rafter gekannt. Aber wir haben jetzt Notwendigeres zu thun. Ihr wolltet uns doch irgend wohin führen, um uns den Beweis zu liefern, daß dieser Mann hier schuldig ist.«

»Kommt!« sagte die »starke Hand« und schritt voran.

Die Anderen folgten. Als sie die Kammer erreichten und da die Gefangenen erblickten, welche vom ›flinken Hirsch‹ bewacht worden waren gerieten sie freilich in das allergrößte Erstaunen.

»Gefangene!« rief Wilkins. »Gebunden und gefesselt, also ohne unser Wissen und unseren Beistand besiegt und überwältigt. Wer hat das gethan?«

»Es bedarf nicht vieler Männer, solche Kröten zu fangen,« antwortete der Häuptling stolz. »Meine weißen Brüder saßen so schön in der Stube, und da wollten wir sie nicht stören dieses Burkers wegen.«

»Burkers? Ah! Wo?«

Der »flinke Hirsch« leuchtete dem Genannten in's Gesicht.

»Himmelsapperment! Ja, das ist der Kerl!« rief Sam. »Na, freue Dich, Bruder Straubinger, daß wir Dich haben! Dir wollen wir das Leder versohlen, daß Du alle sechzigtausend Brautjungfern singen hören sollst. Er ist es, er und seine ganze Bande! Das ist ja ein Fang, ein Meisterstück! Wie ist denn dieser angenehme Besuch herein gekommen?«

»Durch das Fenster,« antwortete der Häuptling. »Der »flinke Hirsch« und mein Bruder Steinbach haben sie empfangen und mit Riemen gebunden. Sie sind unser Eigenthum, wir aber geben sie in Eure Hände.«

Sam stellte sich gerade vor Steinbach hin, sah ihn vom Kopfe bis zu den Füßen an und fragte:

»Also Ihr, Ihr seid dabei gewesen? Ist das wahr?«

»Ja,« nickte der Gefragte.

»Wer hätte das gedacht! Wer hätte Euch das zugetraut! Ich im ganzen Leben nicht!«

»Na, es ist auch nichts dabei. Diese beiden Indianer haben Alles gethan, ich habe ihnen nur dabei geleuchtet.«

»Also das Licht gehalten?«

»Ja.«

»Während sie die Kerls gefangen nahmen?«

»Ja.«

»Na, das begreife ich, das will ich glauben. Ihr seid zwar lang und breit und stark genug, aber doch nur ein Neuling. Und eine Bande solcher Hallunken zu überlisten, dazu gehört doch viel mehr als blose Körperkraft. Wie aber hat die »starke Hand« es angefangen, die Buschheaders herein zu locken und fest zu nehmen?«

»Sie sind selbst herein gekommen. Mein dicker Bruder, frage nicht weiter. Es ist nicht schwer, Mücken zu fangen, welche durch das Fenster kommen. Wir übergeben sie Euch. Thut mit ihnen, was Ihr wollt!«

Er gab keine weitere Erklärung, weil er bemerkte, daß es Steinbach Spaß mache, für einen Neuling gehalten zu werden. Sam begnügte sich einstweilen damit. Er wendete sich an Wilkins:

»Diese Hallunken sind in Eurem Hause, Euch haben sie überfallen wollen; Ihr seid es also eigentlich, der zu bestimmen hat, was mit ihnen geschehen soll.«

Wilkins blickte sich verlegen um. Steinbach hatte auf ihn einen bedeutenden Eindruck gemacht, obgleich auch er ihn nicht für einen erfahrenen Westmann hielt. Darum gab er seine Antwort an diesen ab:

»Was rathet Ihr, Master Steinbach?«

»Ich rathe, Euch nicht zu übereilen. Giebt es hier nicht einen Raum, in welchem wir diese Kerls so verwahren können, daß ihnen die Flucht unmöglich ist?«

»O, mehrere! Diejenigen, welche die Mission bauten, hatten sämmtliche Indianerhorden zum Feinde; sie mußten sich auf Kampf und Vertheidigung gefaßt machen und haben auch für Gefängnisse gesorgt, welche so fest und stark gebaut wurden, daß sie sich heute noch im besten Zustande befinden. Sie liegen unter der Erde im Keller.«

»Das ist gut. Wir werden diesen ehrenwerthen Herren dort Quartier geben. Einen aber trennen wir von ihnen; den beanspruche ich für mich, denn ich habe eine sehr dringliche Privatangelegenheit mit ihm zu erledigen.«

»Ihr meint diesen Newton hier?«

»Ja. Habt Ihr nicht ein Gefängniß hier apart für ihn?«

»Freilich. Ihr könnt die verschiedenartigsten Lokalitäten bekommen, klein, groß, hoch, niedrig, trocken, naß, ganz wie es Euch beliebt.«

»Na,« fiel da Sam ein, »gar zu bequem wollen wir es den Mesch'schurs nicht machen. Wir nehmen das niedrigste und feuchteste Gewölbe. Sie haben uns heiß machen wollen, und da wollen wir sie abkühlen. Und was die Verpflegung betrifft, so schlage ich vor, wir geben ihnen Austern, Trüffeln, indianische Vogelnester und Champagner, so viel ihr Herz begehrt. Vorher aber möchte ich ein Wort mit diesem allerliebsten Burkers sprechen.«

Er bückte sich nieder und nahm dem Genannten den Knebel aus dem Munde, ihn dabei fragend:

»Ihr kennt mich doch, nicht?«

Der Gefragte antwortete nicht. Da meinte Sam:

»Hört einmal, ich bin gewöhnt, eine Antwort zu erhalten, wenn ich frage. Gebt Ihr keine, so habe ich gewisse Mittelchen, Euch zur Sprache zu verhelfen. Also antwortet! Kennt Ihr mich?«

Er schnallte während dieser Worte den Lasso von der Hüfte ab und legte ihn mehrfach zusammen.

»Ja,« antwortete Burkers schnell.

»Schön so! Hättet Ihr nicht geantwortet, so hätte ich Euch diesen Riemen über das Gesicht gezogen. Mit solchen Leuten muß man nämlich vernünftig sprechen. Wer bin ich denn?«

»Sam Barth,« knirschte der Gefragte.

»Ja, und diese beiden Herren sind Jim und Tim Snaker, eine alte, gute Bekanntschaft von Wilkinsfield her, nicht? Ihr seid hierher gekommen, um die Schätze dieses Ortes zu holen?«

»Nein. Wir sind jetzt ehrliche Leute und wollten nur um Obdach bitten.«

»Und da steigt Ihr alle mit einander zum Fenster herein? Eine schöne Obdachbitterei! Und ehrliche Leute seid Ihr jetzt? Wunderbar! Was würde der Förster Rothe dazu sagen, wenn er es hörte!«

Es befand sich nämlich nur ein einziges Hirschtalglicht in der Kammer, so daß dieselbe nur ganz spärlich erleuchtet war. Wilkins, Steinbach, die beiden Indianer, Sam, Jim und Tim standen um die Gefangenen herum, der Förster mit seinem Sohne und seiner Frau nebst Schwägerin aber an der Thür. Diese Letzteren waren vom Lichte nicht getroffen, vom rothen Burkers also nicht gesehen worden.

Dieser Letztere aber wußte bereits durch die Mittheilungen des einstigen Derwisches, welche Steinbach ja belauscht hatte, daß Rothe mit seiner Familie anwesend sei. Er antwortete:

»Es war nur ein Scherz, welchen wir uns mit ihm machten.«

»Oho, ein Scherz!« rief Rothe, indem er sich herbeidrängte. »Giebt man ehrliche Leute zum Scherze dem Hungertode preis? Nimmt man ihnen nur zum Spaße ihr Geld und ihre ganze Habe? Wenn das ein Scherz war, gut, so mögt Ihr auch die Strafe, welcher Ihr nicht entgehen werdet, als Spaß betrachten. Uebrigens dürft Ihr nicht meinen, daß ich nur zufällig hier bin. Der »Fürst der Bleichgesichter« kennt Euren Schlupfwinkel und hat ihn uns verrathen. Wir sind im Thale bei den Wagen gewesen, haben sie verbrannt und das Geld unter dem linken Hinterrade des vorderen Wagens gefunden.«

»Verdammt!« entfuhr es dem rothen Burkers.

»Ja, und die beiden Wächter, die Ihr dort zurückgelassen habt, haben ihre Strafe bereits erhalten. Dann sind wir nach hier geritten, um das Wiedersehen mit Euch zu feiern. Ich hoffe, daß Ihr ganz entzückt darüber sein werdet.«

»Na, für das Entzücken werde ich schon sorgen,« sagte Sam, der Dicke. »Wie steht es denn eigentlich, Master Burkers, ist Euch nicht vielleicht ein ehrenwerther Sir bekannt, welcher sich Walker nennt?«

»Nein.«

»Hm! Er soll in Prescott wohnen?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Ah! Ihr kennt ihn nicht und empfangt doch Boten von ihm! Das ist doch sonderbar!«

»Ich weiß von keinem Boten Etwas.«

»Ist dieser Master Newton nicht von ihm zu Euch gesandt worden?«

»Nein.«

»Na, wir wissen das besser. Was Ihr nicht gesteht, werden uns Andere sagen. Ihr aber verschlimmert Euch durch Euer Verhalten nur Eure Lage. Wie steht es, Master Wilkins, wollen wir sie einstweilen einsperren, damit sie noch überlegen, ob sie mittheilsamer werden wollen oder nicht?«

»Ja,« antwortete Steinbach an Wilkins' Stelle. »Vorher aber möchte ich mir einmal die Gefängnisse betrachten.«

»Ihr? Hm! Das klingt ja gerade, als sei Euch hier der Oberbefehl zugefallen.«

Da sagte die »starke Hand« schnell:

»Man thue nach dem Willen meines weißen Bruders Steinbach. Ich will es so! Wir bleiben hier und er mag mit dem Vater der Taube gehen, um sich die Gewölbe anzusehen.«

Dieser Ausspruch des berühmten Häuptlings galt. Wilkins holte ein Licht und die Schlüssel und führte Steinbach nach den Kellerräumen.

»Der Häuptling scheint Euch ein großes Vertrauen zu schenken,« sagte er dabei. »Hat dies vielleicht einen besonderen Grund, Sir?«

»Nein; er will mir wohl, das ist Alles.«

»Darauf könnt Ihr stolz sein. Ein einfacher Holzfäller ist nicht leicht so glücklich, die Freundschaft eines solchen Helden zu erlangen.«

Da unten bei den eigentlichen Kellern, aber von diesen durch eine starke Thür getrennt, gab es mehrere verschieden hohe und verschieden große Räume, deren Wände ganz aus Quadern bestanden und deren mit Eisen beschlagene Thüren jedem Fluchtversuche den stärksten Widerstand entgegen setzten.

Der niedrigste dieser Räume war wie ein Loch. Ein Mensch konnte nicht stehen, sondern nur sitzen.

»Hier herein kommt Newton,« sagte Steinbach.

»Auf diesen müßt Ihr eine außerordentliche Pike haben, wie es scheint.«

»Er hat noch Schlimmeres verdient, als nur das. Ihr werdet es noch erfahren. Ich empfehle Euch in Beziehung auf ihn die allergrößte Strenge und Wachsamkeit an. Er darf auf keinen Fall entkommen. Als einstweilige Erklärung will ich, weil wir zu ausführlichen Erzählungen keine Zeit haben, Euch nur sagen, daß er als wahrhaft teuflischer Schurke an der Familie Eures früheren Oberaufsehers gehandelt hat.«

»Meint Ihr Adler?« fragte Wilkins erstaunt.

»Ja. Er hat dieser Familie ein wahrhaft höllisches Schicksal bereitet. Es ist ein außerordentlich glücklicher Fang, den wir mit ihm machen. Und daß er sich hier im Westen befindet, läßt mich hoffen, daß wir bald Etwas von Adler sehen oder wenigstens hören werden.«

»Mein Gott! Welch ein Zufall!«

»Es ist kein Zufall. Es thront über der Erde ein gerechter Gott, welcher die Gedanken und Füße der Menschen leitet. Er ist es, der diesen Schurken in unsere Hand gegeben hat. Jetzt aber weiter. Einen Raum für die Anderen.«

Wilkins schloß einige Thüren auf und Steinbach trat in die Gewölbe. Sie waren weit über Manneshöhe und boten nichts als die nackten Mauern. Auch der Boden bestand aus starken Steinen. Beim Scheine des Lichtes gewahrte Steinbach in der Mitte der Decke ein Loch. Er erkundigte sich:

»Dient dieses Loch der Ventilation?«

»Ja; es hat aber auch noch einen anderen Zweck. Es führt nämlich in ein kleines Parterregemach und ist dort durch einen Stein verdeckt. Hebt man denselben auf und legt das Ohr an das Loch, so hört man jedes Wort, welches hier gesprochen und selbst nur geflüstert wird.«

»Das ist von großem Vortheile für uns. Wir können da leicht erfahren, was sie uns verschweigen wollen. Eigentlich wollte ich Newton allein sperren, aber es kommt mir darauf an, zu erfahren, wo und wie ich Walker, der ihn geschickt hat, finden kann. Stecken wir ihn mit den Anderen zusammen, so werden sie davon sprechen und wir hören es. Also mag er mit ihnen hier eingeschlossen werden. Damit sie nicht errathen können, wo sie sich befinden, führen wir sie mit verbundenen Augen hierher. Aber da muß auch bereits ein Lauscher oben am Loche liegen.«

»Wer?«

»Hm! Es gilt heute, zu handeln. Zum Lauschen können wir nur Einen nehmen, der zu entbehren ist.«

»Den Förster oder seinen Sohn?«

»Nein. Beide sind des Englischen nicht recht mächtig und übrigens hier unbekannt. Die Gefangenen werden Namen bringen und über Verhältnisse sprechen, welche zu verstehen man Westmann sein muß. Ich werde den langen Tim an das Loch postiren.«

Sie begaben sich wieder nach oben. Dort fanden sie den dicken Sam noch dabei, die Gefangenen auszufragen. Er wollte soeben wissen, wo sie ihre Pferde stehen hätten. Sie sagten es ihm nicht.

»Mögen sie schweigen,« meinte der Häuptling. »Die »starke Hand« ist hinter ihnen her und weiß Alles. Sie haben einen Mann mit den Pferden bei den vier Cedern zurückgelassen, welche jenseits des Felsenrandes stehen. Ich werde sie holen und der »dicke Bauch« und die beiden Itseh werden mich begleiten.«

»Itseh? Was bedeutet das?« fragte Sam.

»Es bedeutet so viel wie Hölzer,« antwortete Steinbach lachend.

»Hölzer? Wen meint er damit?«

»Natürlich Jim und Tim.«

»Sapperment! Darauf könnt Ihr Euch viel einbilden, Ihr Zwei. Also Hölzer seid Ihr! Hm! Nicht übel! Gut, wir gehen mit.«

»Tim wird hier bleiben, ich brauche ihn.«

»Wozu? Ihr spielt wirklich den Kommandanten, Master Steinbach. Uebrigens, wie kommt Ihr denn dazu, zu wissen, was Itseh und Entschar-til bedeutet? Ich wußte es nicht, trotzdem ich mich gut auf Indianerdialect verstehe, und Ihr als Neuling wißt es. Das kann ich nicht begreifen!«

»Es hat mir einmal davon geträumt.«

»So! Also ein altes Traumbuch seid Ihr? Na, meinetwegen. Jetzt aber fort mit den Gefangenen!«

Tim wurde an seinen Posten placirt. Er entfernte den Stein, legte sich lang ausgestreckt auf den Boden hin und hielt das Ohr an das Loch. Dann wurden die Buschheaders in das Gewölbe geschafft und dort eingeschlossen.

Als Diejenigen, welche dies besorgt hatten, nach oben zurückkehrten, fanden sie Almy, die »Taube des Urwaldes«, ihrer wartend. Diese war gewöhnt, bereits früh am Abende die Ruhe zu suchen. Sie hatte dies auch heute gethan, war aber durch das in der Einsamkeit der Mission ungewöhnliche Geräusch wieder erweckt worden. Jetzt wollte sie sich nach der Ursache desselben erkundigen. Sie hatte erfahren, daß der rothe Burkers mit seinen Buschheaders kommen wolle, hatte aber, gerade wie die Anderen, nicht geglaubt, daß dies bereits heute geschehen werde. Darum war sie ganz sorglos zur Ruhe gegangen und zeigte sich nun nicht wenig erstaunt, als sie erfuhr, was geschehen sei.

Nun sollten die Pferde der Gefangenen geholt werden. An Tim's Stelle ging Steinbach mit. Es dauerte nicht lange, so brachte man die Thiere und den Mann dazu, welcher bei ihnen zurückgelassen worden war. Er wurde natürlich sogleich zu den Anderen eingesperrt.

Jetzt glaubte Wilkins alle Gefahr vorüber und erschrak nicht wenig, als er von Steinbach hörte, daß dreihundert Maricopa-Indianer im Anzuge seien. Steinbach mußte erzählen, wie er dies erfahren hatte. Als Sam das hörte, sagte er erstaunt:

»Wie? Was? Höre ich recht? Ihr, Master Steinbach, habt es gewagt, Euch unter das Fenster zu legen?«

»Wie Ihr hört, ja.«

»Und Ihr habt gewußt, daß die Kerls kommen würden?«

»Natürlich.«

»Seid Ihr denn bei Troste! Ihr, ein Neuling, wagt so Etwas! Wenn sie Euch nun kapanirt hätten!«

»So gefährlich war es doch nicht!«

»Nicht? Ja, da sieht man wieder einmal, wie dreist und unvorsichtig so ein Muttersöhnchen ist. Wenn ich es gethan hätte, so ließe ich es mir gefallen, ich bin doch der Kerl dazu, aber Ihr, da muß –«

»Na, beruhigt Euch! Es ist gelungen und damit wollen wir uns zufrieden geben.«

»Daß es gelungen ist, habt Ihr lediglich Eurem guten Glück zu verdanken. Ich werde aber dafür sorgen, daß so Etwas nicht wieder vorkommt. Erst müßt Ihr noch Vieles lernen, ehe man Euch solche verantwortliche Posten anvertrauen darf. Also die Maricopa's kommen! Mir soll es recht sein. Ich fürchte mich nicht vor ihnen. Aber, was wollen sie?«

»Sie wollen Zweierlei. Erstens haben sie eine Absicht auf die »Taube des Urwaldes« und auf die Schätze, welche sich am Silbersee befinden, und zweitens –«

Sam unterbrach ihn, sich an Wilkins wendend:

»Man spricht und hört so viel von diesen Schätzen. Ist denn etwas Wahres daran?«

»Man täuscht sich außerordentlich,« antwortete der Gefragte ausweichend.

»Nun, so mögen die rothen Herren kommen und sich holen, was nicht da ist. Und zweitens?«

»Zweitens wollen sie eine weiße Frau auf den Gräbern der Häuptlinge opfern.«

»Habt Ihr das wirklich gehört?« fragte Wilkins rasch.

»Jawohl.«

»Das kommt mir sonderbar vor. Der Silbersee ist der Friedens- und Begräbnißplatz berühmter Häuptlinge der Apachen und Comanchen. Die Krieger dieser beiden sich stets bekämpfenden Stämme sollen in Frieden hier neben einander ruhen. Ein Maricopa ist hier niemals begraben worden; also kann auch auf seinem Grabe nicht geopfert werden.«

»So opfern sie auf dem Grabe eines Apachen oder Comanchen,« meinte Sam.

»Unmöglich. Kein Indianer bringt dem todten Häuptlinge eines anderen Stammes irgend ein Opfer, zumal eines feindlichen Stammes. Die Maricopa's jagen am Gila und sind Blutsfeinde der Apachen und Comanchen. Das mit der weißen Frau muß einen anderen Grund und einen anderen Zweck haben.«

Da sagte die »starke Hand«:

»Die Hunde der Maricopa's sind aus ihren Löchern gekrochen, um die Gräber der Apachen zu besudeln und zu entehren. Das ist die größte Schande, welche man einem Stamme anthun kann. Die »starke Hand« wird diese Hunde mit der Peitsche zurücktreiben und ihrer so viele erschlagen, daß der Gila überfließen soll von ihrem Blute und von den Jammerthränen ihrer Weiber und Töchter. Ich gehe sogleich, ihnen entgegen zu reiten und zu sehen, wo sie ihr Lager aufgeschlagen haben.«

»Im Dunkeln!« sagte Sam erstaunt.

»Dem Häuptlinge der Apachen ist die Nacht wie der Tag,« sagte der Indianer stolz.

»Aber Du kennst ja die Richtung gar nicht, aus welcher sie kommen!«

»Blamirt Euch nicht, Master Sam!« meinte Steinbach.

»Blamiren? Ich? Mich? Was fällt Euch ein? So ein in Herlasgrün ausgebrütetes Ei kommt als grünes Küchlein herüber in das Felsengebirge und sagt zu so einem alten, erfahrenen Kampf- und Streithahne, daß er sich nicht blamiren solle. Das ist mir doch noch mehr als stark, das ist stärker, nein, das ist sogar am Stärksten, am Allerstärksten!«

»Nicht gar so sehr, wie Ihr denkt. Ihr kennt doch wohl die Maricopa-Indianer?«

»Jedenfalls besser als Ihr!«

»Nun, was sind sie denn für Leute?«

»Wollt Ihr mich etwa examiniren, oder soll ich Euch unterrichten, Sir?«

»Ich will unterrichtet sein, Master Sam.«

»Das will ich mir gefallen lassen. Wäre es das Erstere gewesen, so hättet Ihr keine Antwort erhalten, sondern etwas ganz Anderes. Also die Maricopa's werden mit zu den Pueblo-Indianern gerechnet, sind ein höchst kriegerischer Stamm und wohnen mit den ebenso gefährlichen Papago-Indianern am Gilaflusse. So, jetzt wißt Ihr es.«

»Ich danke Euch,« sagte Steinbach ernst. »Ihr seid wirklich der Mann, von dem man Etwas erfahren und lernen kann. Wenn nun die Maricopa's am Gila wohnen, so kommen sie also jetzt vom Gila her?«

»Natürlich! Das ist überhaupt eine höchst geistreiche Frage, mein bester Master Steinbach. Der Regen steckt in den Wolken, also muß er auch aus den Wolken kommen. Man merkt nicht, daß Ihr aus Herlasgrün stammt. So sehr dumm sind die Leute dort doch nicht!«

»Sehr verbunden! Ich meine nur, daß wir uns hier nördlich von den Quellen des Gila befinden, und darum denke ich, daß sich die Maricopa's nicht an der Südseite des Flusses gehalten haben werden.«

»Jedenfalls nicht, Herr Professor der Geographie. Da kämen sie nach Mexiko, nicht aber zu uns herauf.«

»Schön. Aber auf dieser Route liegt ihnen doch wohl Silver-City im Wege, wo sie sich nicht sehen lassen dürfen.«

»Das lassen sie rechts liegen.«

»Dann kommen sie ja nach Fort West, wo man ihnen sogleich den Garaus machen würde.«

»So weit gehen sie natürlich nicht. Sie lassen das Fort links liegen. Ihr freilich würdet entweder nach Silver-City oder nach Fort West rennen, um Euch dort die Nase einzustoßen; diese rothen Leute aber sind klüger als Ihr, sie reiten zwischen beiden hindurch.«

»Ja, ja, das ist wahr. Aber Ihr seid doch noch viel klüger als sie. Ihr seid ein Mann, von dem man sehr viel lernen kann. Doch, mein lieber Master Sam, sagtet Ihr nicht soeben noch zu der »starken Hand«, daß man nicht wissen könne, woher sie kommen?«

»Ja.«

»Und nun habe ich es doch aus Euch herausexaminirt, daß sie zwischen Silver-City und Fort West kommen werden! Wer ist da der Dumme und der Kluge, der Schüler und der Lehrer?«

Jetzt erkannte Sam, daß er übertölpelt worden sei. Er öffnete den Mund, blickte Steinbach ganz betroffen an und sagte:

»Heiliges Pech! Jetzt weiß ich wirklich nicht, woran ich bin! Das habt Ihr gut gemacht, wirklich sehr gut! Aber es ist ja eben nur ein Zufall. Dennoch will ich gern gestehen, daß ich ohne Eure dummen Fragen nicht darauf gekommen wäre. Es ist ganz richtig, daß die Rothen aus der angegebenen Richtung kommen müssen. Südlicher oder nördlicher können sie sich gar nicht wenden.«

»Ich freue mich, daß Ihr einseht, welche guten Erfolge einmal auch die Dummheit haben kann. Nun habe ich aber belauscht, daß die Maricopa's bereits morgen hier sein können. Sie sind also keinen Tagesmarsch mehr entfernt. Wo werden sie da während der Nacht wohl lagern?«

»Hm! Ich bin sonst nicht auf den Kopf gefallen, aber allwissend bin ich doch nicht.«

»Aber nachdenken kann man, ohne allwissend zu sein. Werden sie vielleicht hier in der Nähe liegen?«

»Nein, fällt ihnen gar nicht ein.«

»Oder in der Nähe der beiden genannten Orte?«

»Gewiß nicht. Sie liegen rückwärts von diesen.«

»Schaut, wie richtig Ihr zu antworten versteht, wenn man Euch nur richtig fragt! Wann werden sie zwischen den Orten hindurchpassiren?«

»Heute, wenn es dunkel geworden ist. Wir müssen »heute« sagen, weil Mitternacht vorüber ist.«

»Ich bin ganz Eurer Meinung. Sie werden also bis zu dieser Zeit hinter der Linie, welche man von Silver-City nach West Fort zieht, liegen bleiben. Das giebt uns Muße, sie des Tages über zu beobachten.«

»Das klingt nicht übel. Aber das Anschleichen ist schon des Nachts eine schwierige Sache, bei Tage also doppelt und zehnfach schwer. Es dürfen also nur die gewandtesten Männer dazu genommen werden. Wer soll gehen?«

»Ehe wir das bestimmen, ist es nothwendig, über den Ort nachzudenken, wo die Rothen sich lagern werden. Kennt Ihr die Gegend, Master Sam?«

»So leidlich. Als ich damals hier am Silbersee war, bin ich da hinunter geritten.«

»Macht nicht der Gila hinter der Silver-City einen ziemlichen Bogen nach Süden?«

»Ja. Woher wißt Ihr das?«

»Nebensache. Er ist dort seicht und schmal und kann sehr leicht überritten werden. Das Wasser reicht den Pferden nicht bis an den Leib. Das Land, welches innerhalb dieses Bogens liegt, trägt einen dichten Urwald. Am Ufer steht Schilf und dichtes Gestrüpp, dazwischen Gras, genug für viele Pferde. Dort werden die Rothen gehalten haben.«

»Verflucht! Ich werde freilich ganz irre an Euch! Ja, es giebt kein besseres Versteck für sie, als jene Stelle. Mitten im Urwalde, vorn vom Flusse bedeckt, sind sie so sicher wie in Abrahams Schooß. Dort und nirgends anderswo sind sie zu suchen und zu finden. Hin müssen wir, um zu sehen, woran wir sind. Wer geht?«

»Die »starke Hand« geht,« sagte der Häuptling.

»Und ich auch!« meinte Sam.

»Die »starke Hand« wird allein reiten. Wenn der »dicke Bauch« auch gehen will, so mag er es thun. Aber ich rathe ihm, einen starken Beschützer mitzunehmen.«

Sam war ganz sprachlos vor Erstaunen. Es dauerte fast eine Minute, ehe er, den Häuptling anstarrend, die Antwort fand:

»Ich? Einen Beschützer? Donnerwetter! Wen denn?«

»Meinen weißen Bruder Steinbach.«

»Den? Na, das wäre ja lustig! Der würde mir das ganze Geschäft verderben, anstatt mich beschützen!«

»Na, versucht es doch einmal,« bat Steinbach ironisch.

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Ich denke, Ihr wollt mein Lehrer sein!«

»Hm! Das wohl! Aber Ihr macht mir Albernheiten und bringt uns in Gefahr!«

»Ich werde mir die möglichste Mühe geben.«

»Wirklich? Na, Ihr habt Euch jetzt nicht ganz so unklug benommen, wie ich es Euch zugetraut hatte. Darum will ich es einmal mit Euch versuchen.«

»Aber ich!« fiel Jim ein. »Soll ich etwa dableiben?«

»Ja,« erklärte Sam. »Die halbe Welt braucht nicht mitzugehen. Pflege Dich, Langer. Du hast die Aufgabe, die Mission und die »Taube des Urwaldes« zu beschützen.«

Da fiel der junge Apache schnell ein:

»Der »flinke Hirsch« beschützt die »Taube«. Er braucht keinen Zweiten.«

Es klang wie eifersüchtiger Ehrgeiz aus seinen Worten. Aber sein Oheim, der Häuptling, wies ihn zurecht:

»Es nahen viele Feinde, da ist ein Arm zum Schutze nicht genug. Die weißen Freunde mögen das Haus mit hüten. Die »starke Hand« reitet jetzt fort. Er wird nach Norden gehen, um an Fort West vorüber den Maricopa's in den Rücken zu kommen.«

»So halten wir Beide, Master Sam, uns nach Süden,« sagte Steinbach. »Wir reiten um Silver-City herum und kommen den Indsmen von der anderen Seite in den Rücken. Dort treffen wir vielleicht mit der »starken Hand« zusammen.«

»Ich habe eine andere Ansicht,« meinte Sam. »Mit diesem Umwege vergeuden wir eine kostbare Zeit, und so halte ich es für besser –«

Da aber fiel ihm der Häuptling in die Rede:

»Der »dicke Bauch« wird es für besser halten, zu thun, was unser weißer Bruder Steinbach gesagt hat. Ich erwarte das ganz bestimmt. Howgh!«

Er drehte sich um und ging hinaus.

Das indianische Wort Howgh ist fast allen verschiedenen Stämmen gemein. Es wird von allen Nationen gebraucht und hat eine sehr veränderliche Bedeutung. Meist aber heißt es so viel wie eine Bekräftigung, also »Pasta, abgemacht! So ist es und anders wird es nicht.«

Die »starke Hand« hatte das mit Nachdruck gesprochen. Sam sah nach der Thür, hinter welcher der Häuptling verschwunden war, und sagte, den Kopf schüttelnd:

»Na, Herr Jesses! Ich darf doch auch wohl eine Meinung haben! Aber meinetwegen, wir wollen es so machen, wie er es angegeben hat. Wann reiten wir?«

»Jetzt noch nicht. Erst muß ich hinunter zu Tim,« antwortete Steinbach.

»Ist das denn so nothwendig?«

»Mehr als alles Andere.«

»Aber wir versäumen eine kostbare Zeit.«

»Wir holen sie wieder ein.«

»Inzwischen wird es Tag!«

»Das ist desto besser für uns. Wir sehen, wo wir uns befinden und wer in der Nähe ist. Uebrigens wird Euch Master Wilkins eins seiner guten Pferde geben, da das Eurige ermüdet ist.«

»So tauscht nur das Eurige ebenso um! Euer Ziegenbock würde bald zusammenbrechen.«

Steinbach begab sich hinunter nach der Parterrekammer, wo beim Scheine eines Lichtes Tim an der Erde lag. Als er Steinbach eintreten sah, erhob er sich und sagte:

»Verdammte Aufgabe! Soll ich etwa die ganze Nacht so liegen bleiben?«

»Nein, Master Tim. Das verlange ich nicht.«

»Will mir es auch verbitten. Ich steche mir ja alle Knochen durch die Haut!«

»Schafft Euch Fett zwischen Haut und Knochen an! Wie steht es, haben die Kerls gesprochen?«

»Nur leise geflüstert. Sie glaubten, es sei Jemand draußen an der Thür stehen geblieben, um zu horchen. Erst als der Letzte gebracht worden, hörten sie Wilkins, der ihn brachte, fortgehen, und seitdem reden sie lauter. Aber es ist nichts für uns Wichtiges. Erst jetzt fing der Eine, der sich Newton nannte, von der Türkei an.«

»Das muß ich hören.«

Steinbach legte sich nieder und horchte. Aber das Gespräch hatte bereits eine andere Wendung erhalten. Er hörte den früheren Derwisch sagen:

»Wenn sie nur wenigstens Dich nicht erwischt hätten. Du hättest nach Prescott reiten können, um Walker zu unserer Rettung herbei zu holen.«

»Vielleicht hätte ich ihn gar nicht gefunden!«

Der dieses sagte, war jedenfalls Derjenige, welcher bei den Pferden zurückgeblieben gewesen war.

»Freilich,« antwortete der Derwisch. »Er nennt sich natürlich dort nicht Walker. Er heißt Zennort und wohnt in einer Cottage in den Mogollon Bergen.«

»Das ist doch nicht in Prescott!«

»Nein. Man hat von dort aus noch vier Stunden zu reiten. Aber in diesem Lande wird das gar nicht so genau gerechnet. Uebrigens würde Dich jeder Besitzer einer Kneipe zu ihm weisen. Nun aber erzählt mir, wie es eigentlich gekommen ist, daß man Euch abgefangen hat, wie die Krammetsvögel!«

Das wußte Steinbach natürlich ganz genau. Er brauchte es nicht zu hören. Darum gab er seinen Lauscherposten auf. Uebrigens hatte die Minute, welche er bei dem Loche zugebracht hatte, reichliche Frucht gebracht. Er wußte jetzt Walker zu finden.

Er legte den Stein auf das Loch und entfernte sich mit Tim, um seinen Ritt anzutreten.

Er fand Sam, den Dicken, im Hofe, beschäftigt, einen ihm von Wilkins anvertrauten Braunen zu satteln.

»Was für ein Pferd werdet Ihr nehmen?« fragte Barth.

»Das meinige.«

»Zu einem solchen Ritte?«

»Ja.«

»Aber bedenkt, daß es müde ist, daß wir recognosciren reiten, daß wir dabei in Gefahr kommen können und es wohl einen Ritt auf Tod und Leben geben kann.«

»Da wären wir sehr dumme Kerls!«

»Wieso?«

»Gäbe es einen Ritt auf Tod und Leben, so hätte man uns bemerkt, und wir hätten unsere Sache also höchst unklug angefangen.«

»Nun, wollen hoffen, daß ich Euch klüger finde, als ich jetzt denke. Vorwärts also!«

Sie wollten aufbrechen. Da kam aber Wilkins nach, um ihnen Adieu zu sagen.

»Fürchtet Euch nicht,« meinte Sam. »Wir werden für Euch wachen. So lange wir nicht zurück sind, hat es keine Gefahr für Euch.«

»Danke, Sir! Uebrigens verlasse ich mich auch ein Wenig auf mich selbst. Sobald Ihr fort seid, werde ich das Wasser los lassen, dann sind bis zum Mittag wenigstens hundert tüchtige Krieger der Apachen hier am See beisammen.«

»Laßt sie aber nicht sehen,« sagte Steinbach, »sondern nehmt sie in das Haus herein. Es steht nämlich zu erwarten, daß die Maricopa's Kundschafter senden.«

Jetzt brachen die Beiden auf.

Der Morgen dämmerte, und als sie die Schlucht, welche Steinbach heute herauf gekommen war, hinab geritten waren und dann die Vorberge hinter sich und die Ebene vor sich hatten, war es vollends Tag geworden.

Steinbach lenkte nach Süden, um einen weiten Bogen zu schlagen. Sam machte Einwendungen, aber wunderbarer Weise war Steinbach's alter Gaul dem Pferde des Dicken immer acht bis zehn Längen voraus. Sam konnte gar nicht recht zu Worte kommen.

Nach zwei Stunden hatten sie Silver-City zur Rechten und lenkten nun nach West ein, dann mehr nach Nord zurück, bis sie auf den Fluß trafen.

»Aber, Master, was fällt Euch denn ein, in dieser Weise mit mir – Donnerwetter!«

Steinbach hatte nämlich von der Klage des Dicken gar keine Notiz genommen, sondern sein Pferd in einem kühnen Satze in den Fluß getrieben. Erst am anderen Ufer hielt er an. Als Sam dort ankam, keuchte er:

»Mensch, ich bin ganz außer Athem! Ihr reitet ja wie der Tod, und Euer Vieh rennt wie der Teufel! Laßt mich doch endlich einmal reden! Wir befinden uns viel zu weit nordwärts. Wir müssen weiter nach Süd!«

»Meint Ihr? Hm! Wollt Ihr nicht absteigen?«

»Warum?«

»Weil ich die Pferde hier in dieses famose Dickicht verstecken will.«

»Was fällt Euch ein! Ich meine, daß –«

*

46

»Pst! Schreit nicht so! Die Indsmen brauchen uns nicht zu hören. Macht übrigens, was Ihr wollt. Laßt Euch meinetwegen scalpiren, wenn Ihr Spaß daran findet! Ich thue, was ich will.«

Er drängte das Buschdickicht auseinander und führte sein Pferd hinein, um es da anzubinden. Sam sah sich gezwungen, dasselbe zu thun. Als das geschehen war, wurden alle Spuren entfernt und möglichst verwischt. Sam wollte eine Rede halten, aber Steinbach schnitt sie ihm durch eine energische Handbewegung ab und schritt voran, immer den Fluß entlang und zwischen Büschen hindurch, dabei sorgfältig vermeidend, eine Fährte zurück zu lassen. Sam folgte natürlich seinem Beispiele.

Als Steinbach einmal zögernd stehen blieb und der Dicke ihn also einholte, sagte er:

»Aber, Sir, ich begreife Euch nicht! Warum sollen die Indsmen denn gerade hier sein? Warum rennt Ihr so? Uebrigens habt Ihr kein Gewehr mit, keine Pistole, keine Schußwaffe! Ihr dauert mich!«

»Schußwaffe? Beim Anschleichen? Nein, Ihr dauert mich! Schießt man denn, wenn man ein Indianerlager belauschen will?«

»Wenn man sich vertheidigen muß, ja.«

»Ich schieße nur im Nothfalle.«

»Womit denn? Etwa aus dem Nasenloche? Ihr habt ja gar nichts Anderes als Euer Beil und das Messer. Und dazu steckt dieses unförmliche Beil in einem Lederfutterale. Ein Beil ist es überhaupt gar nicht; es ist größer als eine Axt. Und dazu der Ranzen auf dem Rücken, grad wie ein Herlasgrüner Knabe, der in die dritte Knabenklasse gehört.«

Steinbach antwortete nicht, sondern schritt weiter, je länger, desto vorsichtiger werdend. Eben bog er zwei Büsche auseinander, um zwischen ihnen hindurchzuschreiten, da fuhr er zurück, schob die Zweige wieder zusammen und ließ einen leisen Ruf der Ueberraschung hören.

»Was giebt es?« fragte Sam.

»Indsmen.«

»Sapperment! Sollten sie wirklich hier sein? Solltet Ihr wirklich so eine Nase besitzen? Ihr hättet sie ja gradezu stundenweit in der Luft gerochen!«

Beide kauerten sich nieder, um durch das Buschwerk zu lauschen. Der Fluß hatte hier eine Einbuchtung. Am selben Ufer, aber jenseits dieser Bucht, erschienen drei Gestalten, zwei männliche Indianer und eine Frauengestalt, nach Art der Weißen gekleidet. Sie hatte das Gesicht verhüllt und schritt nach dem Wasser, während die Indianer zurückblieben. Aber diese Letzteren hatten zwei Lasso's um den Leib der Weißen geschlungen und hielten die Enden derselben fest, indem sie mit dem Rücken nach dem Wasser zu standen.

»Verteufelt zart und rücksichtsvoll!« kicherte Sam. »Sie soll sich waschen, dabei aber nicht entweichen und sich auch nicht ersäufen. Sie muß sich entblößen, was die Rothen nicht sehen dürfen. Um da einen Ausweg zu finden, drehen sie sich zwar um, haben sie aber an die Lasso's gebunden, um mit Hilfe derselben eine jede unerlaubte Bewegung sofort zu fühlen.«

»Es muß die Gefangene sein, welche geopfert werden soll!«

»Jedenfalls. Paßt auf, Master! Sie nimmt das Tuch vom Kopfe.«

Diejenige, von welcher sie sprachen, war nach der Tracht der mexikanischen Provinz Sonora gekleidet. Sie trug ein leichtes, kurzes, rothes Röckchen, ein ebensolches vorn offenes Jäckchen und auf dem Kopfe einen spanischen Rebozo, einen Schleier, welcher zwar in Falten hoch genommen werden konnte, aber so lang war, daß er die ganze Gestalt wie ein leichter, durchsichtiger Mantel zu umhüllen vermochte.

Diesen Rebozo nahm sie jetzt ab und legte ihn an das Ufer. Als sie die oberen zwei Schlingen des Jäckchens geöffnet und die Aermel weit zurückgeschlagen hatte, um die Stellen zu entblößen, welche mit dem Wasser in Berührung kommen sollten, stieß selbst Sam einen Laut des Entzückens aus.

Das Röckchen ließ ein kräftiges, wohlgerundetes Unterbein und ein außerordentlich zierliches Füßchen sehen. Unter dem geöffneten Jäckchen rundete sich das weiße Untergewand über der Fülle eines herrlichen Busens. Die weißen Arme glänzten wie Alabaster. Bei Entfernung des Schleiers war eine Fülle reichen, langen, kostbar blonden Haares über die ganze Gestalt fast bis zum Boden herabgefallen. Und nun erst dieses Gesicht!

»Mein Gott! Mein Gott! Ist das möglich!« sagte Steinbach.

»Daß ein Mädchen so schön ist? Natürlich! In Herlasgrün giebt es ganz ähnliche.«

Aber Steinbach hörte diese Worte gar nicht. Sein Blick wollte das herrliche Mädchen verschlingen.

»Tschita!« hauchte er erschrocken.

»Meine Gustel in Ruppertsgrün war damals fast noch hübscher.«

»Tschita! Wie kommt sie hierher?«

»Tschita? Wer ist Tschita?« fragte Sam.

»Eine junge Dame, welche ich in Constantinopel, in Tunis und dann in Egypten sah.«

»Und die soll hier sein? Unsinn!«

Die Breite der Bucht betrug vielleicht fünfzig Ellen. In vollständiger, untrüglicher Schärfe waren also die Züge des Gesichtes nicht zu erkennen. Aber Gestalt, Haar und Alles war wie bei Tschita, der geretteten Tochter der unglücklichen Familie Adlerhorst.

Es war Steinbach zu Muthe, als ob er sich im Traume befinde. Und als sie nun die Arme, sich bückend, in das Wasser tauchte, sich wusch und sich dann mit dem eigenen Haar abtrocknete, waren ihre Bewegungen ganz genau so rund, so zierlich, so harmonisch wie diejenigen von Tschita, der Blume des Harems, der deutschen Sultana.

Sie befestigte das Haar wieder und den Schleier darüber; dann trat sie langsam zu den Indianern zurück, mit denen sie hinter den Büschen des Ufers verschwand, wie eine Erscheinung aus dem Feenreiche, gehütet von häßlichen Bewohnern nordischer Felsenklüfte.

»Nicht übel!« brummte Sam. »Die müssen wir herausangeln! Nicht?«

Steinbach erhob sich und holte tief Athem. Er antwortete:

»Sam Barth, hört, was ich Euch sage!«

Seine Stimme klang ernst, und sein Gesicht hatte den Ausdruck kühner, ja verwegener, todesmuthiger Entschlossenheit.

Sam fragte, dies bemerkend:

»Was denn? Doch keine Dummheit!«

»Ich gehe nicht eher hier vom Platze, als bis ich mit diesem Mädchen gesprochen habe!«

»Herr, meine Seele! Seid Ihr überspannt? Uebergeschnappt? Verrückt? Albern? Wahnsinnig? Nicht bei Troste? Ein Rädchen zu wenig oder zu viel im Kopfe? Oder habt Ihr ein Volk von Bienen oder ein ganzes Nest von Ameisen unter dem Schädel, daß Ihr auf den Gedanken kommt, hier in den sicheren Tod zu gehen?«

»Ich habe es gesagt, und ich thue es!«

»Da hat man es! Ich habe es gleich und stets gesagt, daß Ihr kein Westmann seid und nie ein Westmann werdet! Wenn Ihr solche Unvernünftigkeiten begehen wollt, so konntet Ihr getrost daheim in Herlasgrün bleiben und – – –«

»Ach was! Herlasgrün! Geht mir mit Eurem Neste!«

»Nest? Wie? Was? Wo?«

»Ich bin gar nicht aus Herlasgrün!«

»Nicht? Woher denn? Etwa aus einem Dorfe, welches daneben liegt oder dort in der Nähe?«

»Auch nicht. Ich bin gar kein Sachse.«

»Alle Teufel! Was denn? Ein Kossake?«

»Ein Preuße.«

»Ja, das glaube ich! Wenigstens jetzt kommt Ihr mir ganz preußisch vor!«

Er blickte ihn forschend an, als ob er wirklich an seinem Verstande zweifle. Steinbach sah das, zuckte lächelnd die Achseln und meinte:

»Ihr habt mich dumm genannt, aber Ihr seid es selbst, und zwar in hohem Grade! Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß ich nur meinen Scherz mit Euch getrieben habe?«

»Scherz? Wie? Das will ich mir verbitten!«

»Daß ich Alles besser wußte als Ihr?«

»Besser als Sam Barth? Das ist stark!«

»Daß mich sogar die »starke Hand« viel höher achtete als Euch, Sir?«

»Als mich? Donnerwetter!«

»Mich sogar zu Eurem Beschützer erklärte?«

»Hole mich der Teufel! Wenn Ihr, Ihr mich beschützen solltet, so wäre ich verloren.«

»Nun, wer befand sich denn bei der »starken Hand«? Wer hat Euch im Lager belauscht und Euch den Zettel geschrieben?«

»Davon könnt Ihr gut sprechen; ich habe Euch Alles ja erst erzählt.«

»Nun, wer?«

»Der Fürst der Bleichgesichter.«

»Nun, wo ist er jetzt?«

»Irgendwo. Er wird sich schon blicken lassen, wenn es nöthig ist, und wenn man es gar nicht denkt. Das ist ja so seine Art und Weise, seine Angewohnheit.«

»Na, grad jetzt denkt Ihr es doch nicht!«

»Nein.«

»Und er ist da.«

Sam blickte sich schnell um. Als er keinen Menschen bemerkte, sagte er kopfschüttelnd:

»Wo denn? Ihr müßtet es sein.«

»So ist es auch. Ich bin Tan-ni-kay.«

»Tan-ni-kay! Ihr? Ihr?«

Der Dicke fuhr um einige Schritte zurück, starrte Steinbach an und fuhr dann fort:

»Ihr der Fürst der Bleichgesichter? Das ist lustig!«

»Mag es Euch jetzt lustig erscheinen. In einigen Minuten wird es um so ernsthafter werden. Denkt an unser Zusammentreffen, an mein Pferd; es ist das beste der Prairie; die »starke Hand« hat es mir geschenkt. Denkt daran, wie ich Tim und Jim belehrt habe und dann auch Euch. Denkt ferner daran, daß ich mit nur den beiden Apachen gestern Abend den rothen Burkers mit seiner ganzen Bande gefangen genommen habe. Denkt endlich daran, daß ich in einer selbst für Euch wunderbaren Schnelligkeit und Sicherheit den Lagerplatz dieser Maricopa's entdeckte. Wenn Ihr nun noch zweifelt, so ist Euch nicht zu helfen.«

»Alle neunundneunzigtausend Himmelelementers. Soll ich es denn wirklich glauben?«

»Ja doch!«

»Na, ich möchte wohl! Aber es fehlt mir so Verschiedenes an Euch.«

»Was denn zum Beispiele?«

»Euer berühmtes Gewehr.«

»Das habe ich ja bei mir.«

Er schlug dabei mit der Hand an die Axt, welche im Lederfutteral in seinem Gürtel hing.

»Etwa hier, die Axt?«

»Ja. Es ist Axt und Gewehr.«

»Donnerwetter! Wer hätte Das gedacht!«

»Also fragt nicht erst viel weiter! Ich möchte keine Zeit verlieren. Hier meine Hand und mein Wort darauf, daß ich der Fürst der Bleichgesichter bin!«

Er streckte ihm die Hand entgegen. Sam schlug ein und meinte, indem seine Aeuglein leuchteten und sein ganzes Vollmondgesicht vor heller Freude glänzte:

»Bei Gott, jetzt ist es mir, als ob ich mit Blindheit geschlagen gewesen sei und als ob mir jetzt die Schuppen von den Augen fallen. Ihr habt ganz die Gestalt und das Wesen des Fürsten, wie man ihn mir beschrieben hat. Also topp, topp, ich glaube es! Aber wollt Ihr denn wirklich mit diesem Mädchen sprechen?«

»Ich muß! Ich habe viel von Euch gehört; ich schätze Euch sehr. Ihr seid der Mann, mit dem man so Etwas unternehmen kann. Zwar sollt Ihr Euch nicht mit in das Wagniß stürzen, aber Ihr sollt doch mit teilnehmen, nämlich als Wächter. Ihr bleibt hier verborgen. Kehre ich zurück, ist es gut. Hört Ihr aber sechs Schüsse schnell hintereinander fallen, das ist meine Büchse. Dann bin ich gefangen – todt wohl nicht, denn ich nehme mich in Acht. Ihr reitet dann zurück nach der Mission, um es zu melden. Die »starke Hand« wird dann schon wissen, was zu thun ist.«

»Ich weiß es schon jetzt. Hier soll ich bleiben? Euch allein gehen lassen? Fällt mir gar nicht ein! Da kennt Ihr freilich den dicken Sam Barth schlecht! Er ist nicht der Mann, einen Gefährten in irgend einer Gefahr stecken oder gar umkommen zu lassen. Ich gehe mit!«

»Vielleicht wird durch Eure Begleitung die Gefahr grad vermehrt anstatt verringert.«

»Oho! Haltet Ihr mich für einen Kindskopf?«

»Nein. Fehler werdet Ihr doch wohl nicht machen. Aber ein Einzelner vermag sich jedenfalls leichter anzuschleichen als Zwei.«

»Und wenn Ihr wirklich in Gefahr kommt, so ist es eben sehr gut, wenn Ihr einen Begleiter habt. Nein! Ich habe mich förmlich gesehnt, den ›Fürsten der Bleichgesichter‹ einmal zu treffen. Da nun nicht nur dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, sondern ich sogar einen gefährlichen Streifzug mit Euch unternehme, will ich diese Gunst des Schicksales auch gehörig ausnützen und mich mit Euch ins Wasser stürzen. Ich gebe Euch nicht nur mein Ehren-, sondern sogar mein Savannenwort, daß ich keinen Fehler machen werde. Sam Barth ist als ein guter Westmann bekannt und wird sich doch heut, wo er die Ehre hat, zum ersten Male mit Euch einen Coup auszuführen, nicht etwa blamiren. Das werdet Ihr mir wohl glauben.«

»Ich sage Euch dennoch aufrichtig, daß ich lieber allein gehe und Euch, so zu sagen, als Reserve zurücklasse; aber ich will Euch nicht wehe thun. Ihr könntet denken, daß ich kein Vertrauen zu Euch habe, und das will ich doch vermeiden. Einen Rath muß ich Euch aber trotz allen Wohlwollens, welches ich für Euch empfinde, doch geben. Nämlich den: Achtet niemals einen Mann gering, den Ihr noch nicht genau kennt. Wenn ich einen anderen Character gehabt hätte, so wäre es leicht zu einem Zusammenstoße zwischen uns Beiden gekommen, bei welchem Ihr wohl den Kürzern gezogen hättet. Ihr habt Eure Ausdrücke zwar stets halb scherzhaft gemeint; fünfzig Procent Ernst aber waren dabei, und die hätte Euch jeder Andere übel genommen.«

»Das ist wahr,« gestand Sam aufrichtig. »Ihr habt eben gewußt, wie sehr überlegen Ihr mir seid, und so habt Ihr Euch so großmüthig gegen mich verhalten wie der Löwe gegen das kleine Hündchen, welches man zu ihm in den Käfig steckt. Er frißt es nicht, obgleich es nur eines Schluckes bedarf. Das Kerlchen ist ihm eben zu gering und zu klein. Aber wir versäumen hier unsere beste Zeit – – –!«

»Ja. Solche langen Plaudereien in der Nähe eines solchen Feindes zu wagen, das können eben nur solche Männer, wie wir Zwei sind. Jetzt aber haben wir lange genug gesprochen. Wir wollen nun auch handeln.«

»So macht mir Eure Vorschläge.«

»Die werden nicht sehr complicirter Natur sein. Die Indsmen scheinen gerade hinter der Einbuchtung zu campiren. Wir schlagen also einen Bogen, indem wir dorthin zurückkehren, wo wir die Pferde gelassen haben, und kommen dann von hinten an die Rothen. Aber ich bitte Euch sehr, vermeidet jedes, auch das kleinste Geräusch, und vertilgt jede Spur hinter dem einen Fuße, ehe Ihr den andern vorwärts bewegt. Hat man den Fuß emporgehoben, so fährt man, zurückblickend, mit der Spitze desselben über die Stelle, auf welcher er geruht hat. Kein Zweig, kein Aestchen darf zertreten und zerknickt werden. Dieses unbedeutende Geräusch kann bei dem scharfen Gehör der Indianer zum Verräther werden.«

»Und wenn wir dennoch bemerkt werden, wenn man auch nur Einen von uns sieht, was thun wir da?«

»Mich werden sie nicht sehen; das weiß ich sehr genau.«

»Mich auch nicht.«

»Wollen aber das Schlimmere annehmen. Werden wir Beide bemerkt, so können wir nichts Anderes thun, als schleunigst unsere Pferde aufsuchen, um uns aus dem Staube zu machen. Wird nur Einer gesehen, so entfernt sich nur dieser, aber nicht nach den Pferden zu, weil dann dem Andern der Ritt abgeschnitten wird. Uebrigens bleiben wir wohl zusammen oder wenigstens uns so nahe, daß wir uns auf alle Fälle ein Wort sagen können, wie wir uns im betreffenden Falle verhalten. Kommt jetzt!«

Sie schlichen wieder zurück, an ihren Pferden vorüber und in einem großen Bogen um die Bucht herum. Dabei waren sie sorglich darauf bedacht, alle ihre Spuren auf das Sorgfältigste zu verwischen.

Am Wasser stand zunächst ein nicht sehr breiter Raum von Buschwerk, dann gab es hohen Wald. Dieser bestand ganz ausschließlich aus solchen Bäumen, welche im Westen Deepbranch oder Greatleafbäume genannt werden. Zuweilen heißt man sie auch Straightwoods. Diese drei Ausdrücke bedeuten in der hier angegebenen Reihenfolge Tiefast-, Großblatt- und Geradeholzbäume. Aus diesen Namen läßt sich auch ohne weitere Beschreibung auf den Bau dieser Riesen des Lauburwaldes schließen. Sie sind von bedeutender Höhe und Stärke. Ihre Zweige beginnen bereits zwei Fuß über dem Boden. Die Hauptäste sind oft über mannesstark und stehen schnurgerade im rechten Winkel vom Stamme ab, so daß man leicht auf ihnen wie ein Seiltänzer laufen kann. Die Blätter gleichen beziehentlich der Gestalt denen unserer Wallnußbäume, sind aber bedeutend größer und bilden ein sehr dichtes Laubwerk. Diese Art Bäume stehen zwar niemals sehr nahe bei einander; aber die Aeste erreichen eine sehr ansehnliche Länge; das Astwerk des einen Baumes reicht darum in dasjenige des anderen hinein, und so bildet ein solcher Wald mit seinen verschiedenen Astlagen ein dichtes, grünes, aus vielen Etagen bestehendes Dach, unter welchem man der Niedrigkeit der Aeste wegen zwar nicht gut gehen kann, aber sehr gut Schutz vor Regen und – vor Entdeckung findet.

Ein guter Kletterer oder vielmehr Einer, welcher es versteht, sich gut im Gleichgewicht zu erhalten, kann da oben in den Laubetagen auf den starken Aesten von Baum zu Baum sich balanciren, ohne unten bemerkt zu werden, wenn er nämlich die starken Aeste zu seinem Fortkommen wählt. Die dünneren würden sich unter seiner Last biegen und ihn also verrathen. Freilich muß er sich hüten, einen Zweig zu knicken oder ein anderes Geräusch zu verursachen, sonst ist er, falls sich Indianer unten befinden, verloren.

Steinbach und Sam hatten den Saum der Büsche durchdrungen und wollten nun in den Wald, unter dessen Dach die Rothen zu stecken schienen. Da ließ sich das Schnauben eines Pferdes vernehmen.

»Halt, Master!« flüsterte Steinbach. »Wahrscheinlich haben sie ihre Thiere in der Nähe. Es ist immer besser, zu wissen, wie es mit diesen beschaffen ist. Sehen wir uns also erst diese an. Ich möchte gern wissen, ob sich Wache dabei befindet.«

Sie krochen am Boden hin, in der Richtung weiter, aus welcher das Schnauben gehört worden war. Zwischen dem Buschsaume und dem eigentlichen Walde gab es da eine ziemlich große, mit Gras bewachsene Blöße, auf welcher eine große Anzahl Pferde weideten. Indem die Beiden die Blöße vorsichtig, immer von den Sträuchern gedeckt, umschlichen, zählten sie dreihundert und einige Thiere, welche an den Vorderfüßen gefesselt waren, so daß sie nicht entfliehen konnten.

»Ich sehe keine Wache,« meinte Sam.

»Ich auch nicht. Die Rothen fühlen sich hier vollständig sicher. Sapperment! Seht Ihr dort die beiden Goldfüchse?«

»Ja. Prächtige Thiere. Die werden sicher nicht von gewöhnlichen Indsmen geritten.«

»Nein, gewiß nicht. Ich bin kein Pferdedieb, aber wenn ich Verwendung für diese beiden Pferde hätte, so holte ich sie mir heraus, wenn ich nicht berücksichtigen müßte, daß dadurch unsere Anwesenheit verrathen würde.«

»Machen wir vorwärts, in den Wald hinein!«

Als sie sich zwischen den hohen, starken Stämmen befanden, sehr gut versteckt von den unteren Zweigen, welche fast den Boden berührten, schnoberte Sam mit der Nase rundum und sagte:

»Riecht Ihr nichts, Sir?«

»O doch! Sie haben ein Feuer und braten.«

»Aber was?«

»Fische.«

»Ja. Ihr habt eine ebenso gute Nase wie ich. Fisch hat einen weichlichen, characterlosen Duft; ich mag ihn nicht leiden und ebenso wenig das Fleisch. Es hat keinen Saft und giebt keine Kraft. Aber woher kommt der Geruch? Hier mitten im Blätterwerke täuscht man sich.«

»Dort vom Flusse her.«

»Scheint mir auch so. Dahin müssen wir also.«

»Ja. Hm! Wenn ich wüßte!«

Er richtete dabei den Blick prüfend empor und dann auf die Gestalt des Dicken.

»Was?« fragte dieser.

»Ob Ihr klettern könnt.«

»Wie ein Eichkätzchen.«

»Na! Das ist bei Eurem Körperbau nicht leicht zu glauben.«

»Pshaw! Der Bär ist auch nicht gebaut wie ein Bandwurm und klettert doch ausgezeichnet. Ich versichere Euch, daß Ihr Euch in dieser Beziehung wirklich auf mich verlassen könnt, Sir.«

»Ich halte es nämlich für gerathener, hinaufzusteigen und da oben von Ast zu Ast weiter zu klettern.«

»Ich bin dabei.«

»Aber wenn Ihr stürzt – –!«

»Unsinn! Das zu denken ist gerade so dumm, als wenn Ihr nicht glauben wolltet, daß der Aal schwimmen kann oder der Falke fliegen. Paßt auf!«

Es gab in Manneshöhe einen starken Ast. Sam warf das Gewehr über die Schulter, ergriff denselben und saß im nächsten Augenblicke oben. Eine halbe Manneshöhe weiter empor ragte ein zweiter und dann ein dritter Ast in das Zweigwerk des nächsten Baumes hinein. Ein Schwung und noch einer – Sam saß oben in der zweiten Laubetage, so daß Steinbach ihn gar nicht mehr sehen konnte.

Dieser Letztere nickte befriedigt vor sich hin und saß in zwei Secunden oben bei Sam.

»Na, was meint Ihr dazu?« fragte dieser.

»Gut gemacht, was das Emporkommen betrifft. Aber ob das Vorwärtsklettern auch so gut gelingt, das müßt Ihr erst beweisen.«

»So paßt auf!«

Er wollte vorwärts. Steinbach aber hielt ihn fest und sagte in warnendem Tone:

»Halt! Keine Unvorsichtigkeit! Hier stecken wir hinter dem Stamme. Ehe wir diese Deckung verlassen, müssen wir uns überzeugen, daß wir sicher sind. Es können auch andere Leute auf den Gedanken gekommen sein, hier oben herum zu spazieren.«

»Wie ich die Indsmen kenne, so sind sie nicht sehr große Freunde vom Klettern.«

»Das ist wahr. Zudem wohnen die Maricopa's in den offenen Ebenen am Rio Gila, wo es außer Cactus keine Pflanzen giebt. Viel Uebung im Klettern ist ihnen also nicht zuzutrauen. Aber dennoch müssen wir vorsichtig sein. Wir machen es in der Weise, daß ich stets vorangehe. Am nächsten Stamme angekommen, sehe ich mich genau um. Bemerke ich nichts Verdächtiges, so winke ich, und Ihr kommt nach. Hier sehe ich keinen Menschen, wir können also weiter.«

Er stellte sich aufrecht auf den über mannesstarken Ast und schritt auf demselben vorwärts, bis er einen gleichen Ast des nächsten Baumes erreichte, auf welchem er dann, ebenso gerade aufgerichtet, nach dem Stamme desselben schritt. Hinter diesem kauerte er sich nieder und musterte die Umgebung. Dann gab er den Wink. Sam folgte ihm, und zwar mit einer Gewandtheit und Sicherheit, welche Steinbach vollkommen zufrieden stellte.

Auf diese Weise bewegten sie sich von Baum zu Baum vorwärts. Doch je weiter sie kamen, desto größere Vorsicht wendete Steinbach an, und Sam that desgleichen. Es war wirklich ein Kunststück, welches diese Beiden vollbrachten. Sie verursachten nicht das mindeste Geräusch. Kein Zweiglein, kein Blatt fiel herab. Ihre Bewegungen waren so continuirlich, daß die Aeste sich gar nicht bewegten, obgleich Beide eine ziemliche Schwere besaßen.

Da plötzlich hörte der Wald auf. Es gab da einen Hurricana. So heißen die Stürme, welche schmal aber mit desto größerer Kraft durch die Wälder gehen und auf ganze Flächen die Bäume niederreißen. Eine solche verwüstete Waldfläche heißt dann ebenso Hurricana.

Hier war der Sturm dem Laufe des Flusses gefolgt und hatte an dem einen Ufer desselben weithin die stärksten Bäume entwurzelt und über einander gestürzt. Es war ein vollständig undurchdringliches Chaos entstanden, und am Rande desselben hatten sich die Indianer gelagert.

Von dem hohen Standpunkte der beiden Jäger aus konnten dieselben sehen, daß die Rothen den Hurricana auf der einen Seite umgangen hatten, um an den Fluß zu kommen. Dort saßen Viele von ihnen am Ufer, eine lange Reihe bewegungsloser Gestalten, mit Angeln beschäftigt. Diejenigen, welche bereits Etwas gefangen hatten, waren nach diesseits zurückgekehrt und brieten ihre Beute. Sie machten sich mit den Kriegsbeilen Löcher in den Boden, dann Feuer darüber und legten die Fische, ohne sie vorher auszunehmen, in die glühende Asche.

Eben nahm Einer ein großes Exemplar heraus und biß hinein.

»Pfui Teufel!« kicherte Sam leise. »So einen Fisch mit sämmtlichen Eingeweiden zu fressen, das bringt eben auch nur so ein rother Kerl fertig!«

»Pah! Wir Weißen essen noch andere Dinge.«

»Was denn?«

»Ist nicht Käse verfaulte Milch?«

»Hm! Schmeckt aber fein!«

»Indianische Vogelnester!«

»Kenne ich nicht.«

»Schnecken! Schnepfendreck.«

»Brrrr! Ja es giebt auch unter den Weißen so richtige Schweinigel, welche – – Donnerwetter!«

»Was giebt es?«

»Dort ist das Mädchen.«

»Wo?«

»Seht Ihr den starken Baum, da der zweite? Sein Stamm liegt über einem andern. Das giebt ein Schlupfloch, und da hat die Miß gesteckt. Seht, sie tritt hervor.«

»Ah! Ja! Aber sie ist gebunden.«

»Leider! Verdammte Geschichte! Man hat sie an das eine Ende des Lasso festgemacht; das andere Ende aber hat sich dort der Rothe Kerl, welcher an seinem Fischkopfe schnabbert, um den Arm gebunden. Es ist also unmöglich, unbemerkt mit ihr zu sprechen.«

»Vielleicht doch.«

»Wenn Ihr das Leben riskirt, ja.«

»Hm! Das Lasso ist lang, fünfundzwanzig bis dreißig Ellen. Die Miß hat also ziemlich weiten Spielraum. Wenn wir auf den Baum gelangen können, welcher ihr am nächsten steht, und wir ihr einen Wink geben, so – – –«

»So wird sie vor Schreck schreien, und man nimmt uns beim Schopfe.«

»So schnell geht das nicht. Versuchen wir es!«

»So müssen wir eine Strecke zurück. Hier am Rande des Hurricana können wir nicht hinklettern. Da würde man uns bald bemerken.«

Sie kehrten eine kurze Strecke zurück, und es gelang ihnen, Aeste zu finden, welche in die angegebene Richtung führten. Sam blieb auf dem vorletzten Baume zurück; Steinbach aber kletterte, sein Leben allerdings wagend, nach demjenigen, welcher am Rande stand. Seitwärts desselben, etwa zwanzig Ellen entfernt, saß der Indianer am Feuer. Die Gefangene, welche mit ihm zusammengebunden war, stand um Vieles näher. Das Lasso war so lang, daß sie noch näher kommen konnte, bis unter das Gezweig.

Steinbach hätte, um von ihr gehört zu werden, ein ziemlich lautes Zeichen geben müssen. Lieber wagte er ein Anderes. Er stieg einen Ast tiefer herab, legte sich lang auf denselben und kroch so weit nach außen, als es möglich war, ohne daß der Ast sich senkte. Dies hätte ja gefährlich werden können. Jetzt war er höchstens acht Ellen von ihr entfernt.

Er konnte ihr Gesicht ganz deutlich sehen, sehr natürlich bei einer solchen Nähe. Sie besaß allerdings eine gradezu wunderbare Ähnlichkeit mit Tschita, war es aber nicht selbst. Ihr schönes Gesichtchen war bleich, sehr bleich, wohl bleich vor Gram, vor Angst und jedenfalls auch vor körperlicher Anstrengung und Entbehrung. Sie blickte, in traurige Gedanken versunken, zu Boden. Ein schwerer Seufzer nach dem andern hob den schönen, vollen Busen. Steinbach sah, daß sie jünger war als Tschita. Sie stand mit dem Gesicht von dem Indianer abgewendet. Darum glaubte Steinbach, es wagen zu können.

»Pst!« machte er.

Sie hörte es nicht; er hatte natürlich nicht so laut sein dürfen, daß der Indianer es vernehmen konnte.

»Pst!«

Jetzt fuhr sie zusammen und drehte sich nach dem Indianer um. Aber sogleich zuckte es wie eine plötzliche Erkenntniß über ihr Gesicht. Ein Indianer gebraucht niemals das Pst. Daran dachte sie.

Sie hatte sich wieder herumgedreht und lauschte.

»Sennorita!«

Steinbach bediente sich dieses spanischen Wortes, weil sie die Tracht von Sonora trug, wo spanisch gesprochen wird. Sie hob das Köpfchen ein Wenig und blickte nach oben. Es schoß roth und bleich über ihre Wangen.

»Sennorita!« wiederholte Steinbach.

Jetzt hatte sie es deutlich verstanden. Sie wußte auch, wo der Sprecher sich befand. Sie zuckte mit beiden Händen nach dem Herzen; sie wankte; fast hatte es den Anschein, als ob sie umfallen werde. Aber sie kämpfte den freudigen Schreck nieder und besann sich.

Wie um sich ein Sträußchen des flockigen Mooses zu sammeln, bückte sie sich nieder und kam langsam näher, soweit das Lasso reichte. Der Indianer merkte es. Er blickte finster nach ihr her; aber als er sah, daß sie das Moos ausraufte, wendete er sein scharf geschnittenes Gesicht wieder dem Feuer zu. Sie war ihm ja sicher. Sie konnte den Knoten des Lasso, der sich auf ihrem Rücken befand, nicht lösen, und hatte auch kein Messer, das Lasso zu durchschneiden.

Jetzt erhob sie sich aus ihrer gebückten Lage und raunte vor sich hin, Steinbach hörbar, aber ohne daß sie den Kopf nach oben hob:

»
Quién habla – wer spricht?«

»
Soi tu amigo – ich bin ein Freund von Dir.«

Da hauchte es in ihren schönen, hellen Augen wonnig auf.

»
Sennor Carlos?« fragte sie.

»
No.«

»
O, aymé!«

»
Pero soi un hombre blanco – aber ich bin ein Weißer!«

Hatte sie erst einen Ruf des Bedauerns geflüstert, als sie vernahm, daß Steinbach nicht Sennor Carlos war, jedenfalls ein Bekannter von ihr, so sagte sie jetzt:

»
Bendito sea Dios – gelobt sei Gott!«

»
Soé un aleman – ich bin ein Deutscher.«

Hatte er vielleicht erwartet, daß sie ihm hierauf in deutscher Sprache antworten werde? Wohl schwerlich. Aber dennoch sagte sie deutsch, indem ihr ganzes Gesichtchen vor Wonne leuchtete:

»Mein Gott! Ist es möglich!«

»Sie sprechen Deutsch? Sind Sie eine Deutsche?«

»Von Geburt.«

»Wie heißen Sie?«

»Magdalena Hauser. Man nennt mich Magda.«

»Wo wohnen Sie?^

»Ich weiß es nicht; weit von hier.«

»Sie müssen doch den Namen Ihres Wohnortes kennen!«

»Ich kenne ihn nicht. Es ist ein Quecksilberbergwerk und liegt in einer entsetzlichen Einöde.«

»Haben Sie Verwandte?«

»Vater und Mutter.«

»Was ist Ihr Vater?«

»Er arbeitet unten im Bergwerke und Mutter auch. Sie kommen nie an das Tageslicht.«

Bei diesen Worten flossen ihr sofort die Thränen aus den Augen.

»Um Gottes willen, bücken Sie sich! Der Indianer blickt hierher. Bücken Sie sich!«

Sie that, als ob sie Moos abpflücke. Der Rothe beruhigte sich und drehte sich wieder um.

»Wie kommen Sie unter die Indianer?« erkundigte Steinbach sich weiter.

»Roulin hat mich ihnen übergeben.«

»Wer ist das?«

»Der Besitzer des Quecksilberwerkes.«

»Was sollen Sie bei den Rothen?«

»Mein Gott! Ich soll geopfert werden, verbrannt!«

»Warum?«

»Weil ich nicht Roulins Weib werden will.«

»Ah! So! Wo sollen Sie verbrannt werden?«

»Am Silbersee.«

»Dorthin also wollen die Maricopa's?«

»Ja. Heut Abend wollen sie dort sein. O mein Heiland! Mein Herr und Gott! Wäre ich doch schon todt!«

»Beruhigen Sie sich! Ich werde Sie retten.«

»Können Sie das denn?«

»Ich hoffe es.«

»Was sind Sie?«

»Ich bin Jäger. Es sind Mehrere bei mir, droben am Silbersee. Wir wissen, daß die Maricopa's kommen wollen, und ich bin als Kundschafter hierher gegangen. Ich sah Sie am Wasser und habe mich herbei geschlichen, um womöglich mit Ihnen zu sprechen.«

»O, wie danke ich Ihnen. Gott wird es vergelten.«

»Wie viele Häuptlinge sind da?«

»Nur einer.«

»Wie heißt er?«

»Der eiserne Mund. Er hat seine beiden jungen Söhne mit, welche die Kriegsprobe ablegen sollen.«

»Ah! Ich vermuthe, diese beiden Kerls haben auf zwei Goldfüchsen gesessen?«

»Ja, das sind ihre Pferde.«

»Wo befindet sich der Häuptling?«

»Dort nach rechts. Sie haben ihm eine Hütte gebaut. Roulin ist bei ihm.«

»Ah! Dieser Mann ist anwesend?«

»Ja. Er hat, als ich seine Hand ausschlug, Vater und Mutter in das Bergwerk gesteckt. Das half ihm nichts, und nun soll ich verbrannt werden.«

»Hm! Es ist mir das unerklärlich; aber ich kann nicht lange fragen. Ich werde jedenfalls noch Weiteres erfahren, droben am See. Mein Zweck ist erreicht. Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie retten werde. Also haben Sie keine Sorge, und vertrauen Sie Gott, dem Herrn. Nur Eins noch: Woher stammen Ihre Eltern?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber Sie müssen mit ihnen doch davon gesprochen haben!«

»Das darf ich nicht.«

»Haben Sie keine Geschwister?«

»Nein.«

»Auch keine gehabt?«

»Auch nicht.«

»Welchen Vornamen hat Ihr Vater?«

»Friedrich.«

»Und wie nennen Sie Ihre Mutter?«

»Ich sage nur Mama zu ihr.«

»Wie aber sagt Ihr Vater zu ihr?«

»Sind Leute dabei, so nennt er sie Anna; sind sie aber allein, so sagt er ›gnädige Frau‹ zu ihr.«

»Hm! Ah! Aber Ihr Vater muß doch Etwas sein? Er muß doch gearbeitet haben?«

»Er ist nichts; er hat nicht gearbeitet; jetzt nur arbeitet er, im Bergwerke. Mein Gott, er wird bald sterben und Mutter auch!«

Ihre Thränen begannen von Neuem zu fließen. Der Indianer wendete den Kopf zu ihr. Er sah sie in der auffälligen Haltung stehen und erhob sich langsam. Er schien Verdacht zu fassen.

»Um Gotteswillen!« flüsterte Steinbach. »Er kommt! Gehen Sie hin! Wir sehen uns wieder! Gott sei mit Ihnen!«

Sie war geistesgegenwärtig genug, seinem Rathe sofort zu gehorchen. Wie in trübe Gedanken versunken, ging sie nach dem umgestürzten Baume zurück, unter welchem sie vorher gesessen hatte, und setzte sich dort wieder nieder. Der Indsman blickte ihr scharf nach, trat näher und betrachtete den Boden, wo sie Moos gepflückt hatte. Sodann erhob er den Blick nach oben, in die Zweige. Steinbach lag im höchsten Falle fünf Ellen über ihm. Es war ein böser Moment, aber er ging glücklich vorüber. Der Rothe kehrte an sein Feuer zurück.

Steinbach kroch rückwärts bis zu dem Stamme und erhob sich dort. Er konnte das Mädchen sehen. Sie blickte auch empor, doch war es ihr unmöglich, ihn zu erkennen. Es war ihm so weh um das Herz. Eine zweite Tschita, fast noch schöner und herrlicher, schien sie doch geistig völlig entwickelt zu sein. Sie wußte von nichts, von gar nichts, nicht was ihr Vater war, und nicht, wie ihr Wohnsitz hieß. Aber Etwas war höchst auffällig: daß ihr Vater ihre Mutter ›gnädige Frau‹ nannte, wenn sie unbeobachtet waren. Das gab zu denken. Dahinter mußte irgend ein Geheimniß stecken. Und dazu diese wunderbare Ähnlichkeit mit Tschita, mit den Familienzügen der Adlerhorst!

Diese Gedanken drängten sich Steinbach in aller Schnelligkeit auf, doch hatte er keine Zeit, ihnen nachzuhängen, da es nun galt, sich ebenso glücklich wieder zurückzuziehen, wie sie sich herbei geschlichen hatten. Er fand Sam hinter dem Stamme des zweiten Baumes auf dem Aste zusammengekauert. Der Dicke sagte:

»Die Situation war gar nicht so übel. Der Rothe witterte Unrath. Wie gut, daß das Laub so dicht ist und daß die Blätter so schief sitzen, daß man zwar von oben hinab, nicht aber von unten herauf durch das Laub blicken kann! Habt Ihr Wichtiges erfahren?«

»Darüber bin ich noch im Unklaren. Eins hat mich überrascht: Sie ist eine Deutsche.«

»Sapperment! Das ist doch wunderbar! Abermals deutsch! Wir haben da die doppelte Verpflichtung, sie heraus zu angeln. Meint Ihr nicht?«

»Ja. Als ich sie so unter mir stehen sah, kam mir für einen Augenblick der Gedanke, sie sofort zu entführen – – –«

»Das wäre Tollheit gewesen!«

»Nicht Tollheit grad, aber unendlich verwegen. Ich habe aber noch Gefährlicheres vollbracht. Ich hätte sicher zugegriffen; aber sie war ja mit dem Rothen zusammengebunden. Sie wird also noch bis heut Abend gefangen bleiben müssen. Jetzt haben wir nicht Zeit zu einem langen Diskours. Kommt, Master!«

»Wohin? Gleich fort? Wollen wir nicht noch weiter suchen!«

»Allerdings noch ein klein Wenig nur. Ich möchte einmal den Häuptling sehen. Er steckt da unten in der Hütte.«

»Wie heißt er?«

»Der ›eiserne Mund‹«

»Tausend Donner! Von dem habe ich gehört. Er ist ein berüchtigter Kerl, grausam, falsch und treulos sowohl gegen Weiße wie auch gegen Rothe, und ein Dieb, wie es keinen zweiten geben soll. Ich freue mich königlich darauf ihm eine Ladung auf den rothen Pelz zu brennen.«

»Wenn es möglich ist, machen wir diese Sache ganz ohne Blutvergießen ab.«

»Das wäre jammerschade. Solches Ungeziefer muß man ausrotten, Sir!«

»Sie sind auch Menschen!«

»Na, meinetwegen! Ich weiß freilich nicht, wie Ihr es anfangen wollt, ohne Kampf zu Eurem Ziele zu kommen.«

»List ist oft besser als Gewalt. Ihr wißt das ebenso gut wie ich, denn Ihr seid ja grad als ein sehr durchtriebener Schlaukopf bekannt.«

»Bin ich das? Hm! Freut mich, Sir!«

»Ja, das seid Ihr. Darum freue ich mich. Euch bei mir zu haben. Euer Rath kann uns von großem Nutzen sein. Also kommt jetzt da links hinüber. Vielleicht gelingt es uns, den ›eisernen Mund‹ von Angesicht zu sehen.«

Sie bewegten sich in der bereits beschriebenen Art und Weise nach der angegebenen Richtung hin. Da sie sich dabei in unmittelbarer Nähe der Indianer befanden, mußten sie ihre Vorsicht jetzt nicht nur verdoppeln, sondern verzehnfachen. Sie schritten nicht mehr stehend über den Aesten hin, sondern sie gingen auf Händen und Füßen, grad wie die Affen, auf denselben fort. Der dicke Sam entwickelte dabei eine Gewandtheit, welche man ihm bei seiner Leibesbeschaffenheit gar nicht zugetraut hätte.

Da, bereits nach kurzer Zeit, hörten sie Stimmen, denen sie sich näherten. Zwei Männer sprachen in jenem Gemisch von Spanisch und Indianisch, dessen sich die Weißen am Rio Gila bedienen, wenn sie mit den Rothen sprechen.

Bald hielten die beiden Jäger oben auf dem Baume, unter welchem das Gespräch geführt wurde. Sie konnten die Sprechenden zwar nicht sehen, aber es war ihnen möglich, ein jedes Wort zu verstehen. Dicht am Stamme auf je einem Aste niedergekauert, lauschten sie.

»Welchen Plan aber hat der ›eiserne Mund‹ entworfen?« fragte Einer, der seiner Aussprache nach nicht ein Indianer, sondern ein Weißer war. »Wäre es nicht gerathen, List anzuwenden?«

»Welche List meint mein weißer Bruder Sonataka?«

Der dies sagte, war der Häuptling selbst. Er nannte den Andern Sonataka; das heißt so viel wie ›silberner Mann.‹ Der Betreffende war also höchstwahrscheinlich jener Roulin, Besitzer des Quecksilberbergwerkes, von welchem Magda gesprochen hatte. Er wurde, da er Quecksilber grub, von den Indianern der ›silberne Mann‹ genannt. Auf die letzte Frage des Häuptlings antwortete er:

»Wir sollen voranreiten und sagen, daß wir den Gräbern der Häuptlinge unsere Verehrung bringen wollen.«

»Mögen sie sitzen im finstersten Winkel der ewigen Jagdgründe! Es sind lauter verdammte Apachen und Comanchen!«

»Wir sagen ja nur so! Man würde uns als Gäste in der Mission aufnehmen. Des Nachts kämen unsere Leute, und wir öffneten ihnen Thor und Thüren.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht? Es ist ja sehr leicht.«

»Es ist nicht leicht; es ist sogar sehr gefährlich. Man kennt den ›eisernen Mund‹ und man würde uns sogleich gefangen nehmen. Ich käme an den Marterpfahl zu Ehren der Gräber der Häuptlinge. Nein, dieser Plan taugt nichts, gar nichts.«

»So sage einen andern!«

»Was ich thun werde, das weiß ich längst. Es wohnen wenig Leute in der Mission, und ihre Beschützer, die Apachen, sind auf der Jagd entfernt. Wir zählen zehn mal drei mal wieder zehn. Wir werden des Nachts das Thal des Silbersees erreichen und die Mission umzingeln. Die Bewohner ahnen nichts. Sie werden überrascht und von uns niedergemacht, ehe es ihnen einfallen kann, sich zu vertheidigen. Wir werden sie dann am Marterpfahle verbrennen, wie sie uns verbrennen würden.«

»Und die Schätze, welche sich dort befinden?«

»Sie sind Dein, wie wir besprochen haben. Du wirst sie aber erst dann bekommen, wenn Du uns das Pulver und Blei dafür gegeben hast, wie zwischen uns ausgemacht worden ist.«

»Aber wenn wir das Gold und Silber nicht finden?«

»Wir werden die ›Taube des Urwaldes‹ so lange peinigen, bis sie uns den Ort sagt.«

»Und sie dann tödten?«

»Ob ich sie tödten werde, weiß ich noch nicht,« klang die Stimme des Häuptlings unwirsch. »Ich bin der Anführer der Maricopas, und thue was ich will!«

»Du vergissest, daß ich nicht Dein Untergebener bin!«

»Und Du vergissest, daß ein Häuptling niemals sagt, wie er mit dem Feinde kämpfen werde. Ich rathe Dir, Dein Mahl zu halten und dann zu schlafen, damit Du heut in der Nacht nicht ermüdest.«

Man hörte einen nicht ganz unterdrückten Fluch, und dann entfernte sich der ›silberne Mann‹. Die Lauscher blickten durch das Blätterdach. Als er aus dem Schutze des Baumes getreten war, konnten sie ihn sehen. Er war nicht alt und mochte wenig über dreißig Jahre zählen. Sein Gesicht war nur für wenige Augenblicke zu sehen.

»Wer ist denn dieser Ehrenmann?«

Steinbach sagte ihm, was er von Magda erfahren hatte.

»Hm! Schätze rauben, Menschen tödten und ein armes, weißes Mädchen verbrennen, weil es ihn nicht leiden kann! Das ist allerliebst. Dem Kerl wollen wir einmal das Vaterunser beten lernen, daß es ihm beim Amen angst und bange wird. Was nun? Der Häuptling scheint noch unten zu sitzen.«

»Jedenfalls. Ich werde mich einen Ast tiefer hinablassen, um ihn einmal anzusehen.«

»Wenn er Euch aber bemerkt!«

»Das geschieht hoffentlich nicht! Wartet hier!«

»Fällt mir nicht ein! Ich will mir den rothen Kerl doch auch einmal betrachten.«

Sie schwangen sich also eine Astetage tiefer hinab. Da sahen sie, daß aus Buschwerk für den Häuptling eine kleine Hütte errichtet worden war. In ihrem Dache steckte eine Lanze, an welcher ein Scalp hing. Er saß vor dem Eingange und hatte zwei kleine Farbentöpfe vor sich stehen, in welche er abwechselnd den Pinsel tauchte, um sich das Gesicht zu bemalen.

»Gelb und schwarz,« sagte Sam flüsternd. »Das sind die Kriegsfarben. Der Kerl meint es also sehr ernst und wird keinen Pardon geben. Wer kommt da?«

Es kamen längst des Hurricana zwei junge Indianer herbei, denen man es ansah, daß sie Brüder waren. Sie waren vielleicht siebzehn und achtzehn Jahre alt. Als sie ihren Vater bei seiner Beschäftigung sahen, blieben sie in ehrfurchtsvoller Entfernung stehen. Das Bemalen mit den Kriegsfarben ist nämlich stets eine heilige Handlung und darf nicht gestört werden.

Da sie nicht fremd, sondern seine Söhne waren, winkte er sie endlich herbei.

»Was wollen die »beiden Finger« hier?« fragte er.

Der Aeltere antwortete:

»Der »rechte Finger« und der »linke Finger« kommen zu ihrem Vater, dem Häuptling, um ihm eine Bitte zu sagen.«

»Sagt sie!«

»Warum sollen wir hier sitzen unter den Bäumen, wenn wir uns auf dem Kriegspfade befinden? Sind nicht unsere Pferde frisch und muthig? Wir kennen das Ziel des Zuges. Wir wollen Krieger werden. Wir stehen im Begriff, unsere Proben abzulegen. Die Jünglinge, welche sich einen Namen verdienen wollen, werden stets als Kundschafter ausgesandt. Warum sendet unser Vater, der »eiserne Mund«, keine Kundschafter aus? Warum gönnt er uns nicht den Ruhm, mit den Scalps zweier Feinde zurückkehren zu können.«

Diese beiden Indsmen hatten noch keine Namen; sie wurden einstweilen »rechter und linker Finger« genannt. Den Namen, welchen er für das ganze Leben trägt, bekommt der Indianer erst dann, wenn er seine Probe bestanden hat. Der alte Häuptling ließ ein wohlgefälliges Grinsen sehen, welches sich auf seinem halbbemalten Gesicht scheußlich ausnahm. Er fühlte sich von der Unternehmungslust seiner Sprößlinge sehr befriedigt, antwortete aber:

»Wollen die zwei Fliegen dem Adler Befehle geben? Was versteht Ihr von dem Kriege, welchen wir jetzt führen? Wozu bedarf ich der Botschafter? Ich kenne den Ort genau, an welchen wir gelangen werden. Durch Botschafter würden wir uns verrathen. Die »beiden Finger« werden beim nächsten Morgengrauen Gelegenheit finden, sich die Scalps der Weißen zu holen. Sie sollen die Ersten sein, welche in das Gebäude eindringen.«

»Wir sind ihrer so viele und der Bleichgesichter sind so wenige. Die »zwei Finger« werden keine Scalps bekommen, wenn sie warten. Sie werden voranreiten.«

»Ihr bleibt hier!« gebot er.

»Der »eiserne Mund« ist streng mit seinen Söhnen. Wir haben hier unsere Messer, und wir haben Köcher, Pfeile und Bogen. Sollen wir damit nichts schießen als Nisch-yuknovan?«

Dieses letztere Wort bedeutet Schmetterlinge. Der Falter ist wegen seines unregelmäßigen Zickzackfluges außerordentlich schwer zu schießen. Darum üben sich die Indianerknaben mit ihren kleinen Pfeilen auf dieser Jagd. Später aber, wenn sie mannbar geworden sind, schämen sie sich ihrer.

»Schießt so lange Nisch-yuknovan, bis Ihr gelernt habt, dem Häuptling zu gehorchen!«

Sie blickten einander fragend an, wendeten sich dann rasch ab, um sich in den Wald zu entfernen. Es war ihren trotzigen Mienen anzusehen, daß sie gewillt waren, ihm nicht zu gehörten, sondern irgend Etwas zu thun, was ihnen Ruhm und Ehre brachte.

Der Alte dachte das gewiß. Er brummte wohlgefällig vor sich hin. Die beiden Lauscher verstanden das eine Wort »Okameka,« welches so viel wie »junge Löwen« bedeutet.

»Die begehen irgend eine Dummheit!« flüsterte Sam.

»Das werden wir sehr klug benutzen. Folgt mir! Aber etwas langsamer als ich, und macht Euer Lasso los, Master Barth.«

»Warum?«

»Werdet es sogleich sehen.«

Steinbach eilte mit wahrhaft unbegreiflicher Leichtigkeit von Ast zu Ast, von Baum zu Baum, in der Richtung, in welcher die beiden jungen Indsmen gegangen waren. Sam folgte, so schnell er konnte.

Der Erstere erreichte die beiden Rothen. Er befand sich oben im Gezweig; sie schritten langsam neben einander vorwärts. Er legte sich auf den Ast und hielt den Kopf unter die Zweige hinab, um Umschau zu halten. Kein Mensch war in der Nahe.

Schnell schwang er sich hinab. Ein leiser Sprung, und er befand sich hart hinter den Beiden. Seine Arme ausstreckend, ergriff er hüben den Einen und drüben den Anderen beim Halse, natürlich von hinten, und drückte seine Finger fest zusammen. Sie verloren den Athem und die Besinnung. Sie hatten nicht den geringsten Laut ausgestoßen.

»Donnerwetter, Sir!« klang es gedämpft von oben herab. »Ich dachte mir so Etwas! Sieht es denn Niemand?«

»Jetzt nicht, aber es kann in jedem Augenblicke Einer kommen. Schnell, nehmt Einen hinauf!«

Er hob den einen der Gefangenen empor, und Sam zog diesen zu sich hinan.

»Und diesen nun. Ich komme nach.«

Sam stand oben auf dem ersten Aste, an den Stamm gelehnt, und hielt die beiden Indianer fest. Steinbach schwang sich zu ihm empor, band sie mit Sams Lasso zusammen, stieg dann einen Ast höher und zog sie da hinauf. Sam folgte. Sie konnten unten nicht mehr bemerkt werden.

»Ein Geniestreich! Ein Geniestreich!« kicherte Sam.

»Hoffentlich leben sie noch! Es wäre jammerschade, wenn Ihr den süßen Kinderchens wehe gethan hättet!«

»Sie sind nicht todt. Sie sollen mir dazu dienen, die Geschichte ohne Blutvergießen zu beendigen.«

»Ah! Als Repressalien oder Geißeln?«

»Ja. Jetzt nun zu den Pferden!«

»Unsinn! Wir haben ja die unserigen. Die tragen diese beiden Puppen auch noch mit.«

»Nein. Wir nehmen die Goldfüchse. Der alte Häuptling muß denken, daß sie aus Verlangen, sich auszuzeichnen, dem Stamme als Kundschafter vorangeritten sind.«

»Hm! Nicht übel! Auf diese Weise bekommen wir auch die Goldfüchse. Und Euch habe ich für dumm gehalten, Sir! Ich habe geglaubt, daß Ihr ein Herlasgrüner seid! Das ist der größte Schwabenstreich, den ich begangen habe.«

»Macht ihn heut wieder gut! Vorwärts!«

»Könnt Ihr denn alle Beide tragen?«

»Natürlich! Kommt nur!«

Er balancirte voran, die zwei zusammengebundenen Gefangenen in den Armen. Es war das höchst schwierig, sogar gefährlich; bei diesem riesenstarken und so außerordentlich gewandten Manne aber sah es aus, als ob er nur so spiele.

So gelangten sie schnell an den Rand des Waldes, da wo derselbe an den Weideplatz stieß. Dort mußte Sam sich von Ast zu Ast zur Erde niederschwingen. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Niemand zugegen sei, ließ ihm Steinbach die Gefangenen am Lasso herab und folgte dann selbst nach.

»Jetzt zunächst Knebel in den Mund,« sagte er.

»Von was sie machen?«

»Von Gras. Wir haben nichts Anderes. Wenn wir es fest zusammenballen, wird es wohl dazu zu verwenden sein. Schnell, Master Barth.«

Nachdem den Gefangenen diese Knebels in den Mund geschoben worden waren, so daß sie beim Erwachen nicht zu sprechen oder gar nach Hilfe zu rufen vermochten, wurden sie zu der Stelle getragen, an welcher sich ihre beiden Goldfüchse befanden. Diese waren gesattelt, ein Umstand, welcher den beiden Jägern sehr zu statten kam. Die beiden dreißig Ellen langen Lasso's reichten mehr als zu, die Jünglinge auf den Pferden fest zu binden. Ihre Füße wurden unter dem Bauche des Pferdes weg von den Riemen festgehalten.

Während dies geschah, wachten sie auf. Ihre Gesichter zeugten von der Größe ihres Schreckes. Sie konnten nichts thun, als eine Art Röcheln auszustoßen, und waren gezwungen, sich widerstandslos in ihr Schicksal zu ergeben.

Die beiden Weißen hatten die Pfeile der Rothen mitgenommen. Wären diese liegen geblieben, so hätten sie als Verräther dienen können.

»Jetzt werde ich diese Pferde eine Strecke flußaufwärts führen,« sagte Steinbach. »Ihr geht zu den unserigen, reitet sie in das Wasser und schwimmt in derselben Richtung aufwärts, damit man keine Spuren findet.«

Das geschah. Als Steinbach den Fluß erreichte, hatte er nicht lange zu warten, so kam der Dicke herbei.

»Ihr habt doch die Spuren im Gebüsch verwischt?«

»Meint Ihr wirklich, daß ich so dumm bin, und dieses nicht gethan? Ich will den Indsmen sehen, welcher auf den Gedanken kommt, daß die Herren Maricopa's so hohen und excellenten Besuch gehabt haben.«

»Schön! Man wird die Spuren dieser beiden Pferde sehen und ihnen ein Stückchen folgen. Auf eine Fährte von vier Pferden darf man da nicht stoßen, sonst sind wir verrathen. Wir trennen uns also jetzt. Ihr nehmt einen Gefangenen und setzt über den Fluß. Ich nehme den anderen, schwimme noch eine Strecke hinauf, reite im Uferwasser weiter, bis es mir genügend erscheint, setze dann auch über und reite einen Bogen, um unsere beiden Fährten so weit wie möglich aus einander zu bringen.«

»Wo treffen wir uns?«

»Am letzten Vorberge, an welchem wir früh vorüber gekommen sind. Könnt Ihr Euch besinnen, daß am Fuße desselben das ausgetrocknete Bett eines Baches zu sehen war?«

»Sehr genau, Sir.«

»Dort treffen wir zusammen. Wer zuerst dort ankommt, der wartet.«

»Das werde ich sein, da Ihr einen Bogen reitet.«

»Wollen sehen. Ihr wollt noch immer nicht glauben, daß mein Rapphengst Etwas werth ist.«

»Hm! Sollte mich wundern, wenn ich später käme als Ihr. Aber erlaubt vorher, Sir! Ich meine nämlich gerade so wie Ihr, daß die Rothen hier diese beiden Waisenknaben vermissen und nach ihnen suchen werden. Sie finden, daß die Goldfüchse fehlen, und folgen ihren Spuren. Hier gehen die zwei Thiere in das Wasser; am jenseitigen Ufer aber steigt nur ein Goldfuchs nebst meinem Braunen heraus. Wenn sie das nun bemerken? Wenn sie nun sehen, daß eins der Pferde umgewechselt worden ist!«

»Das werden sie nicht, denn die Goldfüchse sind auch beschlagen, was mich sehr wundert. Ich vermuthe daher, daß sie gestohlen worden sind. Bei den Maricopa's soll es keine Schmiede geben. Euer Brauner wird keine andere Spur machen als das Indianerpferd. Uebrigens könnt Ihr Euch darauf verlassen, daß die Indsmen gar kein Mißtrauen haben werden. Sie werden sich die Spuren nur flüchtig ansehen und dabei erkennen, daß die »zwei Finger« auf ihren Pferden das Lager verlassen haben, über den Fluß gesetzt sind und höchst wahrscheinlich die Absicht verfolgt haben, nach dem Silbersee voranzureiten, um sich als Kundschafter ihre Rittersporen zu verdienen. Das ist eigentlich eine Unbotmäßigkeit, die aber von jungen Leuten, welche sich sehnen, den Namen eines Kriegers zu erlangen, sehr oft begangen wird. Es kann das freilich zu irgend einer Unzuträglichkeit führen, und darum wird der alte »eiserne Mund« ein Wenig ungehalten auf seine »beiden Finger« sein; im Stillen aber wird er sich doch über ihren Muth und Unternehmungsgeist freuen. Keinesfalls jedoch wird er auf den Gedanken kommen, daß sie inmitten des Lagers gefangen genommen, aus demselben entführt und dann in aller Gemächlichkeit nach dem Silbersee gebracht worden sind.«

»Hm, ja! Das leuchtet allerdings ein! Der Alte sagte zu ihnen, daß sie die Ersten sein sollten, die Mission zu betreten. Wir thun ihm den Gefallen, sein Wort in Erfüllung gehen zu lassen, und zwar viel schneller, als er es für möglich gehalten hat. Er wird es uns höchst wahrscheinlich Dank wissen! Das ist ein Streich, Sir, den uns nicht so leicht Einer nachmachen wird. Man wird lange Zeit von dem Fürsten der Bleichgesichter und dem dicken Sam erzählen und über das Schnippchen lachen, welches wir den Rothen heute geschlagen haben. Na, bringt mir den einen Monsieur herein! Holen darf ich ihn mir doch nicht, sonst findet man die Spuren dreier Pferde am Ufer.«

Steinbach folgte dieser Aufforderung. Er führte beide Indianerpferde in das Wasser, gab das eine dem dicken Jäger und schwang sich, das andere am Leitzügel behaltend, auf sein eigenes Pferd. So befanden sich nun alle Vier im Flusse, während an dieser Stelle nur die Spuren zweier Thiere in denselben führten.

»So, Master!« meinte Sam. »Jetzt sind wir in Ordnung, und der Ritt kann beginnen. Wir werden uns am angegebenen Orte wiederfinden. Gehabt Euch wohl!«

Er lenkte um und trieb die beiden Pferde dem jenseitigen Ufer entgegen, welches er ganz wohlbehalten erreichte, um dann im Galopp in der ihm vorgeschriebenen Richtung davonzureiten.

Steinbach hingegen suchte mit seinen beiden Pferden das tiefere Wasser und schwamm da eine ziemliche Strecke stromaufwärts, ehe er sich dem Ufer, und zwar natürlich dem jenseitigen, näherte. Dort war der Fluß seichter, und er ritt nun längs des Ufers im Wasser weiter, bis er von der Stelle aus, an welcher er sich von Sam getrennt hatte, ungefähr eine halbe Wegsstunde zurückgelegt hatte.

Bis hierher, hoffte er, würden die Maricopa's nicht kommen, und darum lenkte er aus dem Wasser heraus an das Ufer. Dieses Letztere machte hier eine scharfe Krümmung, so daß er mit dem Blicke dem Flusse nicht weiter aufwärts zu folgen vermochte.

Er wollte nun weiter reiten, landeinwärts, der Gegend von Silber-City zu, um wo möglich trotz des Umwegs, welchen er zu machen hatte, noch vor dem Dicken am Orte des Stelldicheins einzutreffen. Aber sein Pferd weigerte sich, fortzugehen. Es wendete den Kopf stromaufwärts, spielte in höchst verdächtiger Weise mit den Ohren und schnaubte leise, zum Zeichen, daß in der angegebenen Richtung irgend Etwas nicht in Ordnung sei. Er kannte sein Pferd zu gut, als daß er diese Warnung hätte unberücksichtigt lassen mögen. Darum führte er die beiden Pferde nach einem Baume, wo sie von einem nebenan stehenden Gebüsch verdeckt wurden, band sie an den Stamm desselben und stieg ab. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Fesseln des jungen Indianers sich noch in Ordnung befanden, so daß dieser sich nicht zu befreien vermochte, legte er sich auf den Boden nieder und kroch längs des Ufers hin, dem Strome entgegen.

Er wußte, daß sein vortreffliches Pferd ohne genügenden Grund kein Warnungszeichen gebe, und wollte nun sehen, worin dieser Grund bestand.

Nur wenige Schritte weit war er gekommen, so weit, daß er mit dem Auge der vorhin angegebenen Krümmung des Flusses zu folgen vermochte, als er den Gegenstand erblickte, den er suchte: Ein Reiter kam den Fluß herabgeschwommen.

Das Pferd desselben schien ein vortreffliches Thier zu sein. Es schwamm außerordentlich schnell und doch so ruhig und leicht, wie es schien ganz ohne alle Anstrengung. Das Gesicht des Reiters war noch nicht zu erkennen. Er trug einen sehr breitrandigen Sombrero. Seine Kleidung war aus Büffelleder gefertigt und hatte den Schnitt, welchen man bei den mexikanischen Rinderhirten zu finden pflegt. Der Mann hatte die hohen Stiefeln, an welchen Paar gewaltige Sporen befestigt waren, ausgezogen, um sie nicht naß werden zu lassen, und sie sich zusammengebunden über den Nacken gehängt. Mit der Rechten das Pferd lenkend, trug er mit der Linken die Büchse, deren Schaft mit silbernen Nägeln beschlagen war, welche im Sonnenlichte glänzten. Als er bei der Schnelligkeit, mit welcher sein Pferd schwamm, jetzt näher kam, wurden auch seine Züge deutlicher. Er konnte nicht viel über drei- oder vierundzwanzig Jahre alt sein. Sein nordisch weißes Gesicht war außergewöhnlich hübsch zu nennen. Der kleine Schnurrbart, welchen er trug, machte es pikant. Seine dunklen, scharfen Augen hielt er suchend auf das linke Flußufer gerichtet. Am rechten aber befand sich Steinbach.

Dieser vermochte sich die Anwesenheit dieses jungen Mannes nicht zu erklären. Er ließ ihn so weit heran kommen, daß er ihn anrufen konnte, ohne die Stimme sehr laut erheben zu müssen. Dann richtete er sich aus seiner liegenden Stellung auf.

»Hallo, Sennor! Wollt Ihr nicht ein Wenig näher kommen?« redete er ihn an.

Der Fremde fuhr erschrocken zusammen. Doch schien er eine sein Alter übersteigende Geistesgegenwart zu besitzen, denn zugleich mit seinem Blicke richtete er auch den Lauf seines Gewehres auf Steinbach.

»Macht keine Dummheit, Sennor!« sagte dieser. »Ich bin kein Feind von Euch, Euer Schuß würde mich übrigens nicht treffen, Euch aber Denjenigen verrathen, die es nicht so gut mit Euch meinen wie ich.«

»Caramba, ein Weißer!« antwortete der Andere. »Das ist etwas Anderes. Ich werde also hinüber zu Euch kommen, Sennor.«

Er ließ das Gewehr sinken und lenkte sein Pferd zu Steinbach herüber.

»Wer seid Ihr?« fragte er, als er das Ufer erreicht hatte. Doch blieb er vorsichtig im Wasser halten und ließ seinen Blick scharf herumschweifen, ob sich vielleicht etwas Verdächtiges sehen lasse.

»Ich bin ein ehrlicher Prairiejäger. Ihr braucht kein Mißtrauen zu haben.«

»Hm! Euer Gesicht gefällt mir freilich. Aber der Teufel traut zuweilen seiner eigenen Großmutter nicht, und wie man sagt, soll er alle Ursache dazu haben. Seid Ihr allein?«

»In diesem Augenblicke, ja.«

»Grad das befremdet mich.«

»Warum?«

»Weil ein erfahrener Jäger, wie Ihr sein wollt, nicht allein in eine so gefährliche Gegend geht.«

»Ah so! Seid Ihr allein?«

»Ja.«

»Nun, das könnte mich doch auch befremden. Ich will aber Eurem jungen, ehrlichen Gesichte trauen. Darf ich vielleicht Euern Namen erfahren?«

»Warum nicht! Ich heiße Carlos Cuartano.«

»Carlos – Carlos – hm! Dieser Vorname wurde mir vor ganz kurzer Zeit genannt. Es wäre freilich mehr als eigenthümlich, wenn ich richtig vermuthete; aber hier und in der Welt ist ja Alles möglich. Ist Euch vielleicht ein anderer Vorname bekannt, ein Mädchenname – – – Magda meine ich?«

Der junge Mann richtete sich schnell in den Steigbügeln empor und antwortete überrascht:

»
Valgame Dios! Magda! Habt Ihr sie etwa gesehen, Sennor?«

»Ja.«

»Himmel! Ist's wahr?«

»Nicht nur gesehen, sondern sogar gesprochen.«

»Das ist unmöglich!«

»Warum?«

»Weil sie von diesen verdammten Indianos bewacht wird.«

»Pah! Ich habe mich dennoch zu ihr geschlichen.«

»Wann?«

»Vor nicht viel mehr als einer Stunde.«

»Also am hellen, lichten Tage?«

»Ja.«

Der Andere zog die Brauen zusammen, fixirte Steinbach mit finsterem Blicke und meinte:

»Sennor, ich bin zwar noch jung, habe aber keineswegs die Gewohnheit, mich an der Nase fassen zu lassen.«

»Das ist auch nicht meine Absicht. Ich sage Euch nichts als die reine Wahrheit.«

»Dann werde der Teufel klug aus Euch. Euer Gesicht ist dasjenige eines ehrlichen Mannes; aber Das, was Ihr mir sagt, klingt so unglaublich, daß ich an der Wahrheit zweifele. Ich bin kein Kind und habe bereits Vieles erfahren und Vieles gewagt und durchgemacht; doch daß sich Einer am hellen Tage inmitten einer Indianerbande schleicht, um die Gefangene derselben zu sehen und zu sprechen, das ist verwegen.«

»Und dennoch ist es wahr. Wenn Ihr Euch aus dem Wasser herausbemühen wollt, will ich Euch erzählen, wie es zugegangen ist.«

»Danke, Sennor! Es wird besser sein, wenn ich es gar nicht erfahre. Wer so wenig Zeit hat wie ich, der darf die kostbaren Minuten nicht vergeuden, um ein Märchen anzuhören.«

»Ganz wie Ihr wollt. Ich vermuthe, daß Ihr es so eilig habt, weil Ihr die Maricopa's sucht?«

»Das ist allerdings der Fall.«

»Nun, so schwimmt in Gottes Namen weiter; so werdet Ihr sie in einer Viertelstunde finden, sie Euch aber auch. Adios, Sennor!«

Er wendete sich um und that, als ob er fortgehen wolle. Das lag aber nicht in der Absicht des jungen Mannes. Dieser hatte bisher mit seinem Mißtrauen gekämpft. Er besiegte es und bethätigte dies durch die Bitte:

»Halt, Sennor! Es wird doch besser sein, wenn ich Euch anhöre. Vorher aber sagt mir Euern Namen, da Ihr auch den meinigen gehört habt.«

Steinbach hemmte seinen Schritt und antwortete:

»Gern. Ich heiße Steinbach.«

»Wie? Steinbach? Das ist ja ein germanischer Name!«

»Allerdings. Ich bin ein Deutscher.«

»Ein Deutscher! Hurrah! Das ist prächtig!«

Er gab seinem Pferde Schenkeldruck, daß es in einem riesigen Satze aus dem Wasser aus das Ufer sprang, so daß er beinahe Steinbach umgeritten hätte.

»Vorsicht, Vorsicht!« lachte dieser. »Wollt Ihr mich etwa caput reiten, Sennor!«

»Ach was Sennor! Laßt dieses spanische Wort bei Seite! Ich bin auch ein Deutscher.«

»Ihr? Aber Ihr heißet ja Cuartano!«

»Nun, wie heißt dieses Wort auf Deutsch?«

»Zimmermann.«

»Richtig! Und so heiße ich eigentlich: Zimmermann, Karl Zimmermann, oder vielmehr Karl von Zimmermann. Ich bin also sogar adelig, wie Sie hören, mein bester Herr Steinbach.«

Er sagte das lachend. Er war vom Pferde gesprungen. Am ganzen Gesichte vor Freude glänzend streckte er Steinbach beide Hände zum Gruße entgegen. Dieser drückte sie ihm herzlich und antwortete:

»Das ist freilich eine höchst angenehme Ueberraschung. Als ich Sie den Fluß herabkommen sah, hielt ich Sir für einen verirrten Vaquero, konnte aber nicht ahnen, daß Sie ein Landsmann von mir sind.«

Natürlich gebrauchten sie jetzt ihre Muttersprache. Zimmermann blickte suchend umher und meinte dann:

»Jetzt aber sind Sie über mich im klaren; doch ich habe Sie noch als Räthsel vor mir stehen. Bitte, bekennen Sie es, daß Sie mir vorhin nicht die Wahrheit gesagt haben. Sie wollten mich ein Wenig foppen?«

»Ist mir nicht eingefallen.«

»So hätten Sie also wirklich Magda gesehen und sogar mit ihr gesprochen?«

»Gewiß.«

»Ich kann es nicht glauben. Ich begreife es nicht. Sie haben nicht einmal ein Pferd.«

»O doch. Kommen Sie mit. Es steht ganz in der Nähe.«

»Gut! Aber erlauben Sie, daß ich vorher meine Stiefel anziehe. Ich habe mich Ihnen leider als Barfüßler vorgestellt.«

*

47

Und während er hastig mit den Füßen in die Stiefeln fuhr, konnte er doch seine Zweifel nicht zurückhalten. Er sagte:

»Sie kennen den Vornamen des Mädchens. Etwas Wahres muß doch an Ihren Worten sein. Wäre dies nicht der Fall, so würde ich doch als sicher annehmen, daß Sie mich utzen wollen. Wird denn Magda so schlecht bewacht, daß es Ihnen so leicht geworden ist, zu ihr zu gelangen?«

»Hm! Leicht ist es mir freilich nicht geworden. Ich werde es Ihnen erzählen. Vor allen Dingen aber kommen Sie zu meinem Pferde.«

Zimmermann warf die Büchse über, ergriff sein Pferd am Zügel und folgte Steinbach. Als Beide hinter das Buschwerk an den Baum gelangten, blieb der Erstere im höchsten Grade erstaunt stehen und rief:

»Alle Teufel! Sehe ich recht?«

Sein Blick war auf den Gefangenen gerichtet.

»Nun?« meinte Steinbach lächelnd.

»Der ›linke Finger‹!«

»Allerdings.«

»Und zwar gefangen?«

»Wie Sie sehen! Kennen Sie ihn?«

»Mehr als zur Genüge. Haben Sie selbst ihn gefangen genommen?«

»Natürlich. Sie werden wohl nicht annehmen, daß die ›beiden Finger‹ sich aus eigenem Antriebe gefangen gegeben haben.«

»Höre ich denn recht? Auch der andere Bruder ist gefangen?«

»Auch er.«

»Und Sie sprachen in der Mehrzahl? Sie sind also nicht allein hier?«

»Ich hatte einen Gefährten, welcher mit dem anderen Gefangenen vorausgeritten ist. Er ist ein sehr wackerer Westmann und heißt Sam Barth, ein Deutscher.«

»Donner und Doria! Ist es etwa der dicke Sam, von dem man so viel erzählen hört?«

»Ganz derselbe.«

»Nun, wenn dieser bei Ihnen gewesen ist, so glaube ich es, daß Sie sich bei hellem Tage unter die Rothen gewagt haben. Der Dicke ist ebenso pfiffig wie verschlagen. Ihm ist so Etwas zuzutrauen. Was aber werden Sie mit den beiden Gefangenen machen?«

»Wir bringen sie hinauf nach dem Silbersee.«

»Sogleich? Direct?«

»Ja. Und ich lade Sie ein, mich zu begleiten.«

»Das ist leider unmöglich. Ich freue mich zwar königlich, einen Landsmann getroffen zu haben, auch würde ich die Gelegenheit, den berühmten Dicken kennen zu lernen, sehr gern ergreifen; aber meine Pflicht gestattet mir dies nicht. Ich darf nicht von den Fersen der Maricopa's weg. Ich habe mir geschworen, Magda zu befreien.«

»Weiter nichts?«

»Weiter nichts! Ist das nicht genug? Fragen Sie den Dicken. So ein Westmann wie er weiß ganz genau, was es heißt, eine Gefangene aus der Mitte von hundert Indianern heraus zu holen.«

»Nun, ich kann es mir, auch ohne ihn zu fragen, denken, daß so Etwas nicht leicht ist. Sie könnten Ihren Vorsatz sehr leicht mit dem Leben bezahlen.«

»Das kann mich nicht abschrecken. Bitte, Herr Steinbach, erzählen Sie mir, wie Sie zu der Gefangenen gekommen sind, wie es Ihnen gelungen ist, mit dem Mädchen zu sprechen, und wo ich überhaupt die Indianer zu suchen habe. Dann werde ich mich von Ihnen verabschieden.«

»Sie werden sich nicht von mir verabschieden, sondern mit mir nach dem Silbersee reiten.«

»Unmöglich.«

»Es ist nicht nur möglich, sondern es bleibt Ihnen sogar keine andere Wahl. Bereits in diesem Augenblicke werden die Maricopa's die Söhne des Häuptlings vermissen und nach ihnen suchen. Gehen Sie stromab, so gehen Sie also grad in Ihr Verderben. Sie wollen Magda befreien; ich beabsichtige ganz dasselbe. Ich bin überzeugt, daß sie heut Abend frei sein wird. Sie soll nämlich von den Indianern nach dem Silbersee gebracht werden. Dort erwarten wir sie.«

Zimmermann blickte den Sprecher ganz erstaunt an. Er schüttelte den Kopf und meinte:

»Ich verstehe Sie nicht. Wollen Sie mir erklären.«

»Jetzt haben wir zu einer Erklärung keine Zeit. Steigen Sie in den Sattel und kommen Sie mit mir!«

»Hm! Wissen Sie genau, daß die Kerls nach dem Silbersee wollen?«

»Ganz genau. Wenn Sie meinem Rathe folgen, werden Sie schneller und gefahrloser Ihr Ziel erreichen, als wenn Sie hinter den Rothen bleiben. Ich will Ihnen, um Sie zu beruhigen, drei Namen nennen, welche Ihnen vielleicht Garantie bieten, daß Sie mir trauen können. Magda, welche Sie befreien wollen, steht unter dem Schutze dieser drei Männer. Ich meine den dicken Sam, den Apachenhäuptling ›starke Hand‹ und endlich den Fürsten der Bleichgesichter.«

»Ist es möglich! Diese beiden Letzteren befinden sich auch hier?«

»Sie werden sie am Silbersee sehen. Grad jetzt sind sie im Begriff, bei den Rothen zu recognosciren.«

»Wann dies der Fall ist, so kann ich allerdings mit Ihnen reiten. Was ich niemals fertig brächte, diese drei berühmten Männer machen es möglich. Ich werde mich also an sie wenden. Sie, lieber Landsmann, sind sehr zu beneiden, daß Sie das Glück gehabt haben, diese drei Koryphäen des fernen Westens kennen zu lernen. Wie ist denn das geschehen?«

»Ganz zufällig. Sie kennen ja wohl das deutsche Sprüchwort, daß die dümmsten Bauern die größten Kartoffeln haben. So habe auch ich mehr Glück gehabt, als ich eigentlich verdiene. Wir können später davon sprechen. Jetzt aber wollen wir uns hier fortmachen. Der Boden brennt mir unter den Füßen.«

Der gefangene, junge Indianer hatte so gethan, als ob er Zimmermann gar nicht bemerkt habe. Auch nun, als die beiden Weißen aufstiegen und im Galopp mit ihm über die Ebene ritten, verzog er keine Miene. Er blickte starr auf den Hals seines Pferdes nieder und glich einer leblosen, auf das Thier gebundenen Bildsäule.

»Sie kennen ihn,« sagte Steinbach zu Zimmermann. »Kennt er Sie vielleicht auch?«

»Ja. Er hat mich öfters gesehen.«

»Wo?«

»Im Todesthale, wo er mit seinem Vater und Bruder zuweilen bei Roulin verkehrte.«

»Ist dieser Roulin der Besitzer der Quecksilbergruben?«

»Ja. Auch ich war einige Male bei ihm. Haben Sie von ihm gehört und erfahren?«

»Nichts weiter, als was Magda mir vorhin sagte.«

»Ach bitte, jetzt haben wir Zeit und brauchen die Rothen nicht mehr zu fürchten. Haben Sie die Güte, mir zu erzählen, wie Sie mit Magda zusammengetroffen sind, Herr Steinbach.«

Der Genannte erzählte ihm seine Erlebnisse, aber so, daß der dicke Sam als Derjenige erschien, welchem das ganze Verdienst zufiel. Als er geendet hatte, sagte Zimmermann, tief Athem holend:

»Gott sei Dank! Sie nehmen die größte Sorge von mir. Ich hatte nämlich Angst, daß die Dame viel gequält und gemartert werde.«

»Aeußerliche Noth habe ich ihr nicht angesehen. Aber, wollen wir aufrichtig sein, lieber Freund! Ist Magda vielleicht Ihre Verlobte?«

»Leider nein.«

»Aber Geliebte?«

»Auch nicht – oder doch!«

Er erröthete und blickte eine kleine Weile schweigend vor sich hin. Dann fuhr er fort:

»Sie sind mir als Landsmann, Freund und Helfer begegnet; ich darf Sie über Das, was ich mittheilen kann, nicht im Unklaren lassen. Meinen Namen kennen Sie. Ueber meine übrigen Verhältnisse habe ich zu schweigen. Ich kam aus gewissen Gründen in dieses Land und in die Gegend von Palmetto. Ich hörte von dem berüchtigten Todesthale reden, Death Valley nennt es der Amerikaner, und beschloß, es zu besuchen. Dort angekommen, war ich für einige Tage der Gast Roulins, den die Indianer den ›silbernen Mann‹ nennen. In seinem Hause sah ich Magda. Sie machte einen Eindruck auf mich, den ich unmöglich beschreiben kann. Roulin bemerkte es und wies mir die Thür. Ich mußte gehen, kam aber wieder, um sie heimlich zu sehen. Es gelang mir, einige wenige Worte mit ihr zu wechseln. Von Liebe aber haben wir nicht gesprochen. Als ich zum letzten Male kam, war Roulin fort und sie mit ihm. Ich bekam Angst um sie und erkundigte mich. Ich erfuhr nach großer Mühe, daß er mit ihr unter der Begleitung der Maricopa's nach Osten geritten sei. Das konnte nur eine für sie gefährliche Veranlassung haben; daher zögerte ich keinen Augenblick, dem Zuge zu folgen. Ueber den Colorado bis hierher habe ich die Spuren der Rothen verfolgt. Weiteres zu erreichen aber ist mir unmöglich gewesen.«

»So kennen Sie also den eigentlichen Zweck dieser Reise des silbernen Mannes gar nicht?«

»Nein.«

»Hm! Er will sich die Schätze des Silbersees holen.«

»Also die Taube des Urwaldes berauben?«

»Ja. Dabei soll Magda auf einem der Häuptlingsgräber geopfert werden.«

»Herrgott im Himmel! Er will sie tödten?«

»Es scheint so. Sie hat seine Werbung abgewiesen, und nun will er sich rächen.«

»Vielleicht ist es nur eine Drohung. Er will sie wohl nur einschüchtern.«

»Möglich. Jedenfalls aber ist er ein Mensch, mit dem wir einige ernste Worte sprechen werden.«

»Er ist mir seit dem ersten Augenblicke unheimlich vorgekommen. Kein Mensch kennt sein Herkommen, seine Vergangenheit. Auch sein gegenwärtiges Treiben liegt im tiefsten Geheimnisse. Er bewohnt eine fürchterliche Gegend; er fördert Massen van Quecksilber, ohne daß man weiß wie. Man sieht zwar die Gruben, niemals aber einen einzigen Arbeiter. Die abergläubigen Bewohner der Nachbarschaft sagen, daß er mit dem Teufel einen Pakt geschlossen habe und daß die bösen Geister ihm das giftige Metall aus der Erde holen. Ich bin bestrebt gewesen, in dieses Dunkel einen Blick zu werfen; es ist mir aber nicht gelungen.«

»Er hat Arbeiter. Magda's Eltern befinden sich ja im Schacht, wie sie mir gesagt hat.«

»Mir hat sie dasselbe gesagt; aber es ist das wohl ein Irrthum von ihr. Die Arbeiter müssen doch, wenn die Schicht vorüber ist, zu Tage fahren.«

»Hm! Vielleicht bringen wir noch mehr zu Tage, als nur die Arbeiter. Ist Ihnen über Magda's Verhältnisse Näheres bekannt?«

»Nein. Sie heißt Magdalene Hauser, hat also einen deutschen Namen. Zwischen ihren Eltern scheint ein sehr eigenthümliches Verhältniß obzuwalten. Doch habe ich viel zu wenig mit ihr verkehren und sprechen können, als daß es mir möglich gewesen wäre, mir ein klares Bild zu machen. Sie hat also meinen Namen genannt?«

»Ja. Jedenfalls hat sie mich im ersten Augenblicke für Sie gehalten.«

Das Gesicht Zimmermanns strahlte vor Glück. Er sagte:

»Also hat sie doch gehofft, daß ich ihr folge, um sie zu retten. Sie soll sich nicht getäuscht haben. Ich werde mein Leben wagen und es gern hingeben, um sie aus der Hand dieses Roulin zu erlösen.«

»Gewagt haben Sie es bereits, indem Sie den Maricopa's nachgefolgt sind. Hinzugeben aber brauchen Sie es hoffentlich nicht. Sie haben jetzt Verbündete, und Mehreren wird das leichter gelingen, was Ihnen allein wohl kaum möglich gewesen wäre. Aber wir wollen unsere Pferde jetzt besser ausgreifen lassen. Ich werde erwartet und möchte die Geduld des Dicken nicht zu sehr auf die Probe stellen.«

Zimmermanns Pferd war ein ausgezeichnetes Thier, dasjenige des Indianers nicht minder; und so flogen die drei Reiter mit größerer Schnelligkeit als derjenigen des Windes über die Prairie dahin. Silber-City blieb ihnen zur Linken liegen. Dann bauten sich die Berge in der Ferne auf. Sie rückten denselben sehr schnell näher. Bald erreichten sie die erste Vorhöhe und auch das ausgetrocknete Bett des betreffenden Baches. Dort hielt Sam mit seinen Gefangenen.

»Hallo!« rief er bereits von Weitem. »Wer ist denn eher da, Sie oder ich, Master Steinbach?«

»Na, Sie, wie es scheint.«

»Ja. Ihr Pferd ist also – – – Sapperment, Sie bringen ja noch Einen mit!«

»Das ist der Grund, daß ich mich verspätet habe. Sie werden Freude haben, einen Landsmann begrüßen zu können, Master Barth.«

»Einen Landsmann? Einen Deutschen?«

»Ja. Dieser Herr heißt Zimmermann. Sie können deutsch mit ihm sprechen.«

»Prächtig! Herrlich! Aber es ist doch wahr! Hier in diesem Amerika stolpert man heut' zu Tage nur so über die Deutschen hinweg. Sogar in diesem entlegenen Winkel schießen sie herum wie die Fliegen. Also grüß Gott, Landsmann! Darf ich wissen, in welcher Gegend Sie Ihre ersten Zähne erhalten haben?«

»In Bayern,« antwortete Zimmermann, dem Dicken die Hände schüttelnd.

»Sakkerment! Da sind wir ja Nachbarn! Ich bin nämlich ein Sachse. Kennen Sie vielleicht Herlasgrün?«

»Dem Namen nach.«

»Na, da bin ich her. Wenn Sie mit uns reiten, so werden Sie da oben am See noch mehr Landsleute sehen, auch meine Auguste sogar. Aber wie haben Sie zwei Beide sich denn eigentlich gefunden?«

Es wurde ihm in Kürze erklärt, und dann setzten die drei Weißen mit ihren beiden indianischen Gefangenen den Ritt fort.

Je höher sie kamen, desto mehr Apachenindianer erblickten sie, welche langsam denselben Weg verfolgten. Sie alle waren gut bewaffnet, aber zu Fuße. Sie hatten das Zeichen, welches Wilkins ihnen gegeben hatte, bemerkt. Es galt, das Missionsgebäude gegen einen Ueberfall zu vertheidigen, und dazu konnten sie keine Pferde gebrauchen. Sie traten, wenn die Reiter an ihnen vorüberkamen, still zur Seite, um sie vorüber zu lassen, und stießen höchstens beim Anblicke der Gefangenen ein halblautes und verwundertes ›Uff‹ aus.

Oben am See war kein Mensch zu sehen; aber als sie dann in den Hof des Missionsgebäudes gelangten, erblickten sie wohl gegen hundert Apachen, welche ruhig und wortlos da am Boden saßen, bereit, die Taube des Urwaldes gegen die Feinde zu vertheidigen.

Draußen aber ließen sie sich nicht sehen. Es war ja möglich, daß die Maricopa's Späher ausgesandt hatten, und diese sollten Alles still und leblos finden, um denken zu müssen, daß man von ihrer Annäherung keine Ahnung habe. –

Als Wilkins, Jim und Tim herbeikamen, gab es freilich ein Hallo beim Anblick der Gefangenen. Steinbach hatte Sam heimlich gebeten, noch zu verschweigen, daß er der Fürst der Bleichgesichter sei, und so kam es, daß man dem Dicken den Löwenantheil des Ruhmes zusprach.

Dann wurde Kriegsrath gehalten. Steinbach gab den Rath, erst die Rückkehr der ›starken Hand‹ zu erwarten. Wilkins ging darauf ein. Er hielt es überhaupt für das Allerbeste, die Feinde ruhig herbeikommen zu lassen, um sie dann desto sicherer vernichten zu können.

»Vernichten?« sagte Steinbach. »Das ist meine Absicht nun freilich nicht. Auch die Rothen sind Menschen, und man soll nicht ohne die größte Noth Menschenblut vergießen.«

»Pah!« antwortete Sam. »Was Ihr da sagt, das klingt freilich sehr human und civilisirt, ist aber trotzdem nicht viel werth. Diese Maricopa's sind gekommen, um zu rauben und zu plündern. Sie werden jeden Scalp mitnehmen, den sie sich überhaupt verschaffen können. Wir haben uns unserer Haut zu wehren. Falsch angedrohte Nachsicht kann uns nur Schaden bringen. Ich habe mir ganz besonders diesen weißen Roulin ausgelesen. Er ist ein Schurke, der uns die Rothen auf den Hals hetzt; er wird ganz sicher meine Kugel bekommen.«

»Wenn Ihr mir und uns Allen einen Gefallen thun wollt, so unterlaßt Ihr das!«

»Warum?«

»Wenn Ihr ihn tödtet, so kann er mir keine Auskunft geben. Ich habe die Ahnung, daß bei ihm der Schlüssel zu einem Räthsel steckt, welches uns Alle, besonders aber Master Wilkins interessirt. Der Mann muß leben bleiben, um uns Auskunft geben zu können.«

»Meint Ihr? Na, ich will Euch nicht widersprechen, und hoffe, daß Ihr Euch nicht irrt. Er mag sich aber dennoch in Acht nehmen, daß er meiner Büchse nicht zu nahe kommt, sonst könnte es ihr einfallen, auch ohne meinen Willen loszugehen.«

Die Vorbereitungen, welche getroffen wurden, bestanden zunächst in Anfertigung von Leuchtgegenständen, welche auf das platte Dach des Missionsgebäudes geschafft wurden, um da beim Nahen der Feinde angebrannt zu werden. Es war Petroleum, Pech und Harz genug vorhanden zu einem Feuer, mit welchem man das ganze Thal des Sees beleuchten konnte.

Die beiden gefangenen Indianer waren eingeschlossen worden. Zimmermann hatte sich schnell mit den Bewohnern des Hauses bekannt gemacht. Man saß in verschiedenen Gruppen im Hofe, um sich die Erlebnisse früherer Zeiten zu erzählen und sich in Vermuthungen über den Verlauf des zu erwartenden Abenteuers zu ergehen.

Als es dunkel geworden war, hatten sich wohl an hundertfünfzig Indianer eingefunden, welche wohlbewaffnet des Angriffsaugenblickes harrten. Der Häuptling hatte sich noch nicht eingefunden. Wilkins wollte in Sorge um ihn gerathen. Er befürchtete, daß ihm ein Unglück geschehen sei; aber Steinbach beruhigte ihn.

»Habt keine Sorge, Sir! Wie ich die ›starke Hand‹ kenne, so kommt er nicht eher, als die Feinde selbst, um sie uns anzumelden. Mir ist nicht im Geringsten bange um ihn.«

Es zeigte sich später, daß er Recht hatte.

Es war gegen Mitternacht. Draußen herrschte dichte Finsterniß. Ruhig und dunkel lag auch das Gebäude da. Keins der Fenster, welche nach Außen führten, war erleuchtet. Da klopfte es leise an das Thor; die alte Indianerin öffnete den Schieber und fragte, wer draußen sei. Es war der Apachenhäuptling. Er ging, als sie ihn einließ, wortlos an ihr vorüber. Sein Pferd hatte er nicht mit; er hatte es an irgend einer sicheren Stelle untergebracht, um besser lauschen und beobachten zu können. Im Hofe brannte ein Feuer, dessen Schein aber nicht nach Außen dringen konnte. Es beleuchtete die Gestalten der Apachen. Er rief ihnen nur einige kurze Worte zu. Sie verschwanden sofort, um sich auf die Plattform des Hauses und in diejenigen Stuben zu vertheilen, deren Fenster nach auswärts gingen. Und als er in das Gemach kam, in welchem die Weißen versammelt waren, sagte er nichts als:

»Die Hunde der Maricopa's sind da.«

»Endlich!« meinte Sam. »Nun kann das Theater losgehen. Dieses ewig lange Warten ist das Unangenehmste, was es nur geben kann. Werden sie sogleich angreifen.«

»Sie sind hart hinter mir her und nahen sich jetzt dem Hause, welches sie umzingeln werden. Haben meine weißen Brüder dafür gesorgt, daß ein Feuer angebrannt wird?«

Er erhielt natürlich eine bejahende Antwort, und nun begab sich ein Jeder auf seinen Posten. Der dicke Sam ließ es sich nicht nehmen, hinter das Eingangsthor placirt zu werden. Er glaubte da, am ersten zum Schusse zu kommen.

Draußen war nicht das leiseste Geräusch zu vernehmen. Sam stand am Guckloche und blickte hinaus, konnte aber nichts, gar nichts sehen. Dennoch wußte er, daß die Angreifer nur wenige Schritte entfernt seien. Erkennen konnte er sie nicht; es war mehr Instinct, welcher es ihm sagte.

Verwundert horchte er auf, als er dann den Schritt eines Pferdes hörte, welcher langsam näher kam und draußen am Thore anhielt. Man klopfte. Er wartete eine Weile, um dem Klopfenden glauben zu machen, daß man bereits im Schlafe sei, und erst nach wiederholtem Klopfen schob er den Schieber zurück und fragte laut hinaus:

»Wer ist da?«

»Ein Bote,« antwortete der Betreffende. Er war seiner Ausdrucksweise nach ein Indianer.

»An wen?« fragte Sam.

»An die Taube des Urwaldes.«

»Von wem?«

»Von der ›starken Hand‹.«

»Wer bist denn Du?«

»Ich bin der ›fliegende Pfeil‹ vom Volke der Apachen.«

»Wunderbar! Wo befindet sich denn der große Häuptling, welcher Dich sendet?«

»Er jagt den Büffel an den Ufern des Gila.«

Jetzt vernahm Sam ein leises Schleichen. Es kamen mehrere der Angreifer herbei. Der Plan war, sich öffnen zu lassen und mit Demjenigen, der sich für einen Boten ausgab, zugleich einzudringen. Sam hatte mit demselben so laut gesprochen, daß man es oben auf dem Dache hören konnte. Er antwortete:

»Er jagt? Hm! Mein rother Bruder irrt sich wohl!«

»Der ›fliegende Pfeil‹ irrt sich nicht.«

»Und dennoch. Der berühmte Häuptling ›starke Hand‹ befindet sich jetzt hier in diesem Hause. Und Derjenige, welcher sich den ›fliegenden Pfeil‹ nennt, ist auch hier.«

»Uff!« erklang es draußen im Tone des Schreckes.

»Ja,« lachte Sam. »Wer einen Andern übertölpeln will, der muß natürlich klüger sein, als dieser Andere. Ihr albernen Maricopa's aber seid die dümmsten Kerls, welche es nur geben kann. Ich war heut bei Euch in Eurem Lager und habe die Söhne des ›eisernen Mundes‹ aus Eurer Mitte geholt und als Gefangene hierher gebracht. Jetzt nun wißt Ihr, woran Ihr seid. Dir aber will ich auf die Lügen, welche Du uns machst, mein Ja und Amen geben.«

Er hatte den Lauf seines Gewehres durch das Guckloch gesteckt. Sein Schuß krachte. Bei dem Blitz desselben sah man den Indianer vom Pferde sinken. Zugleich aber sah man eine Anzahl seiner Genossen, welche sich herbei geschlichen hatten, um mit ihm ins Haus zu dringen.

Ein wüthendes Geheul antwortete auf den Schuß; dann trat eine momentane tiefe Stille ein. In diesem Augenblicke loderte oben auf der Plattform des Hauses eine riesige Petroleumflamme auf, so daß die ganze Umgebung fast tageshell erleuchtet war. Die Belagerten sahen, daß die Maricopa's das Haus rundum umgaben. Da ertönte von oben eine tiefe, mächtige Stimme:

»Hier steht ›starke Hand‹, der Häuptling der Apachen, um seinen Feind, den ›eisernen Mund‹, zu empfangen. Gebt Feuer!«

Von oben herab und aus allen Fensteröffnungen erschallten Schüsse. Jede Kugel traf, da die Flamme die Angreifer hell beleuchtete und ein genaues Zielen ermöglichte. Die Maricopa's erhoben ein Wuthgeschrei, welches noch weit gräßlicher klang, als das Brüllen von hundert wilden Thieren. Während desselben rannten sie davon, um außer Schußweite zu kommen. Diejenigen, welche nur verwundet waren, hinkten oder krochen auch davon. Die Apachen wollten sie niederschießen; Steinbach aber gab dies nicht zu.

Als dann einige der Maricopa's sich vorsichtig wieder näherten, um zu versuchen, ob man ihnen erlauben werde, ihre Leichen zu holen, war Steinbach der Ansicht, daß man es ihnen gestatten solle; aber ›starke Hand‹ sagte in entschiedenem Tone:

»Die Scalpe der Todten gehören meinen Leuten. Man soll sie uns nicht nehmen. Mein weißer Bruder sammelt nicht die Scalpe seiner Feinde; wenn ich den Apachen verbieten wollte, sich die Zeichen des Sieges zu nehmen, so würden sie mir niemals wieder gehorchen. Howgh!«

Dieses letztere Wort, welches wie ›Hau‹ ausgesprochen wird, hat die Bedeutung, daß es bei der Bestimmung, welche er getroffen hatte, verbleiben werde. Die herbei schleichenden Maricopas wurden durch einige Kugeln vertrieben; die Leichen blieben also im Bereiche des Hauses liegen.

Der Feind hatte einen solchen Empfang erfahren, daß er es nicht wagte, einen Angriff zu unternehmen. Er hatte sich in sichere Entfernung zurückgezogen. Die Flamme auf dem Hause wurde bis zum Anbruch des Morgens unterhalten; dann verlöschte sie. Als der Tag heller wurde, konnte man die Todten zählen. Es waren ihrer über vierzig.

Die Maricopas lagerten unweit des Seeufers unter den Bäumen. Sie verhielten sich vollständig ruhig; es war also anzunehmen, daß sie irgend einen Entschluß gefaßt hatten.

Steinbach saß auf dem platten Dache und hatte sein Fernrohr in der Hand, durch welches er die Feinde betrachtete. Wilkins befand sich bei ihm und ließ sich das Rohr auch geben. Als er eine Weile hindurchgeblickt hatte, stieß er einen Ruf aus, dem man es nicht anhörte, ob er ein Zeichen der Freude oder des Schreckes sei.

»Was giebt es?« fragte Steinbach.

»Eine Ueberraschung, eine ungeahnte Ueberraschung. Arthur ist dabei.«

»Arthur? Ist das nicht der Name Ihres verschwundenen Neffen?«

»Ja.«

»Der sollte bei ihnen sein!«

»Ja. Ich sehe ihn sitzen.«

»Wo?«

»Neben dem Häuptlinge, zur linken Seite desselben.«

»Verzeihung, Sir! Der, den Sie meinen, ist jener Roulin, von dem ich erzählte.«

»Wissen Sie das genau?«

»Sehr genau.«

»Ich kann es nicht glauben. Es muß Arthur sein.«

»Jedenfalls nur eine Aehnlichkeit!«

»O nein. Eine solche Aehnlichkeit ist gar nicht glaubhaft. Er ist es.«

»Wollen Sie bedenken, daß dieser Mann nicht etwa der Gefangene der Maricopas ist! Er ist frei; er ist Herr seines Thuns. Wäre er Der, für den Sie ihn halten, so würde er längst in die Heimath zurückgekehrt sein.«

»Das sollte man denken. Aber wer weiß, was ihn daran hindert. In diesem Lande geschehen unbegreifliche Dinge. Arthur hat die Pflanzung verkauft; der Grund mag sein, welcher es wolle; nun aber getraut er sich nicht wieder zurück; er schämt sich, mir unter die Augen zu treten.«

»Hm! Ich kann mich nicht mit dem Gedanken befreunden, daß der Besitzer der Quecksilberwerke im Todesthale ein Verwandter von Ihnen sein solle. Vielleicht erhalten wir sehr bald Aufklärung. Sehen Sie! Es kommt einer der Rothen.«

Sie sahen einen Maricopa, welcher sich langsam dem Hause näherte. Er trug ein weiß gegerbtes Fell in der Hand und schwenkte es zum Zeichen, daß er in friedlicher Absicht komme.

»Ein Parlamentair,« sagte Wilkins. »Ich werde gleich sehen, was er will.«

»Bitte, überlassen Sie das mir!«

Wilkins sah ihn einigermaßen befremdet an. Den Parlamentair zu empfangen, das war doch Sache des Hausherrn. Da trat der Apachenhäuptling herbei. Er hatte auf der Plattform auf seiner Decke gelegen und das Nahen des Maricopas auch bemerkt. Auf denselben deutend, sagte er:

»Ein Bote des ›eisernen Mundes‹.«

»Ich werde ihn empfangen,« meinte Wilkins.

Der Apache aber schüttelte den Kopf, zeigte auf Steinbach und bestimmte:

»Mein weißer Bruder mag zu ihm hinabgehen. Er ist klug, zu thun, was am Besten ist.«

Steinbach ging. Wilkins schüttelte verwundert den Kopf und schmollte:

»Eigentlich ist es doch aber meine Sache, einen Parlamentair zu empfangen.«

»Ja, aber Du weißt nicht, was er will und wenn er eine schnelle Antwort verlangt, mußt Du Dich rasch entscheiden und kannst dabei sehr leicht das Falsche treffen.«

»Ah! Meint mein rother Bruder etwa, daß Steinbach leichter als ich das Richtige treffen werde?«

»Mein Bruder darf sich nicht beleidigt fühlen. Er wird Steinbach bald besser kennen lernen.«

Steinbach ließ sich unten das Thor öffnen und trat hinaus, da der Maricopa durch Zeichen zu verstehen gab, daß er nicht näherkommen wolle. Er schritt also auf ihn zu und fragte ihn nach seinem Begehr.

»Ich bin gesandt von dem »eisernen Munde« und soll sprechen mit der ›starken Hand‹.«

»Der Häuptling der Apachen hat jetzt keine Zeit. Du wirst also mit mir sprechen.«

Der Indianer betrachtete Steinbach mit einem langen, keineswegs ehrfurchtsvollen Blicke und sagte:

»Du bist kein Häuptling. Ich spreche nur mit Kriegern, welche Häuptlinge sind.«

»Lüge nicht! Es schmückt keine Feder Dein Haupt. Du bist ein gewöhnlicher Krieger und mußt stolz darauf sein, wenn ich mit Dir rede.«

»Sende mir die ›starke Hand‹. Mit Dir habe ich nichts zu schaffen.«

»So trolle Dich von dannen! Aber ich sage Dir, daß wir einen Boten des ›eisernen Mundes‹ nun nicht wieder empfangen werden.«

Er wendete sich scharf ab, um zu gehen. Sein entschiedenes Wesen verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht.

»Uff!« rief der Indsman. »Mein Bruder bleibe noch! Die rothen Männer wollen ihre Todten holen. Die weißen Krieger werden ihnen das erlauben.«

»Nein, wir erlauben es nicht. Die Scalpe der Maricopas gehören den siegreichen Apachen.«

»Sind deren Viele im Hause?«

»So viele, daß die Hälfte von ihnen genügt, die Maricopas in das Wasser des Sees zu stürzen.«

»Mein weißer Bruder nimmt den Mund so voll Wasser, daß er überläuft. Wie kommt es, daß so viele Krieger der Apachen hier sind?«

»Um Euch zu empfangen.«

»Kein Apache hat gewußt, daß wir kommen.«

»Alle haben es gewußt. Der Häuptling hat Euch am Gila umschlichen, und ich selbst bin mitten in Eurem Lager gewesen, habe gehört, was der ›eiserne Mund‹ mit Roulin sprach, und dann seine beiden Söhne gefangen genommen.«

»Sie sind auf ihren Pferden davongeritten.«

»Ich habe sie gefesselt und auf ihre Pferde gebunden. Die Maricopas sind keine Krieger. Sie stellen nicht einmal während eines Kriegszuges Wache zu ihren Pferden.«

»Wird mein weißer Bruder die Söhne des Häuptlings tödten?«

»Ja.«

Der Rothe erschrak und meinte:

»Warum soll dies geschehen? Kein Tapferer tödtet Einen, den er nicht im Kampfe besiegt hat.«

»Ich habe die Beiden besiegt und Ihr Leben gehört mir; ich kann mit ihnen thun, was mir beliebt.«

»Ihr habt unsere Krieger getödtet. Wir müssen die Todten rächen.«

»Thut das, wenn Ihr könnt.«

»Ihr habt sie nicht besiegt, sondern ermordet. Wir kamen im Frieden zu Euch. Ihr aber habt uns sofort mit Kugeln empfangen.«

»Mein rother Bruder denkt, ich habe keinen Verstand. Er gehe und lasse erst den seinigen wachsen. Ihr kommt als Räuber und Diebe und wir haben Euch demgemäß empfangen. Hast Du mir noch Etwas zu sagen, so mache es kurz!«

»Der Häuptling der Maricopas verlangt eine Unterredung mit dem Häuptling der Apachen.«

»Und wo soll diese stattfinden?«

»Nicht im Hause, sondern hier, wo wir stehen.«

»Gut. Er soll diese Unterredung haben. Er mag Roulin mitbringen und noch Einen.«

»Bringt der Häuptling der Apachen auch Leute mit?«

»Auch zwei.«

»Aber es ist Regel, daß keinem Abgesandten ein Leid geschehen darf.«

»Das wissen wir. Ihr dürft alle Waffen mitbringen. Keiner aber wird sie gebrauchen. Melde, was ich Dir gesagt habe. Ich habe keine Zeit weiter!«

Er wendete sich ab und schritt dem Hause zu, wo man ihn neugierig erwartete. Er theilte den Zweck und das Resultat der Unterredung mit. Wilkins fragte:

»Also sie kommen zu Dreien. Wer aber wird von uns zu ihnen gehen?«

»Sie, der Apache und ich. Ich bitte, mir das Wort zu überlassen, da Sie mir leicht meine Absichten verderben könnten.«

»Absichten? Was für Absichten können Sie haben?«

»Das werden Sie bald erkennen. Von Ihnen erbitte ich mir weiter nichts, als das Eine: Sehen Sie sich diesen Roulin genau an und sagen Sie mir baldigst so unbemerkt wie möglich, ob Sie in ihm Ihren Neffen erkennen. Das Uebrige überlassen Sie mir.«

»Master Steinbach, Sie sind ein räthselhafter Mann!«

»Vielleicht, ja! Da aber diesen Wilden niemals recht zu trauen ist, so müssen wir auf Alles gefaßt sein. Es ist möglich, daß sie auf Verrath sinnen und uns überfallen wollen, um uns so in die Hand zu bekommen, wie wir die beiden Söhne des Häuptlings haben. Lassen Sie also das Dach mit den besten Schützen besetzen, welche mit ihren Kugeln den Berathungsplatz bestreichen können!« –

Es dauerte wohl über eine Stunde, ehe man den Anführer der Maricopas mit seinen beiden Begleitern kommen sah.

Der Indianer ist ein ganz anderer Mann, als er gewöhnlich beurtheilt wird. Er ist vor allen Dingen ein guter Sprecher und läßt keine Gelegenheit, eine Rede zu halten, unbenützt vorübergehen. Eine solche bot sich jetzt. Da mußte denn Alles auf das Feierlichste eingeleitet und angeordnet werden.

Der ›eiserne Mund‹ nahte sich in einem Aufzuge, welcher nach indianischen Begriffen geradezu überwältigend war. Er hatte seinen besten Kriegsstaat angelegt. Von seinem kunstvoll zusammengeflochtenen Haarschopfe wehten vierundzwanzig Federn des Kriegsadlers herab. Als Mantel trug er das Fell eines Jaguars, welches mit zahlreichen Büffelschwänzen und Klapperschlangenhäuten geschmückt war. Bewaffnet war er mit allem Möglichen, so daß man sich eigentlich zu wundern hatte, wie er Alles fortbringen konnte: Büchse, Messer, Tomahawk, Lanze, Köcher, Bogen und Munitionsbeutel. Ueber die Brust hingen mehrere zusammengedrehte Lassos herab. Das Hauptstück aber trug ihm sein Begleiter voran, derselbe Indianer, mit welchem Steinbach vorhin gesprochen hatte. ES war das eine überaus lange Lanze, an deren Spitze drei Medicinsäcke hingen. Sie war mit mehreren Querleisten versehen. An diesem und an dem Schafte hingen zahlreiche Scalpe, wohl über dreißig Stück, von Weißen und von Indianern. Da auch sein ganzer Anzug mit den Scalphaaren getödteter Feinde ausgeputzt war, so konnte man auf die Anzahl von Menschen schließen, welche von der Hand des ›eisernen Mundes‹ gefallen waren.

Roulin ging an seiner Seite, aber um einen halben Schritt zurück.

Auf dem bestimmten Platze angekommen, steckte der rothe Begleiter des Häuptlings die Lanze in den Boden, nahm dem Letzteren den Mantel ab und breitete ihn auf dem Boden aus. Der ›eiserne Mund‹ ließ sich in wohl bewußter Würde darauf nieder. Nun setzten sich auch die beiden Andern, doch etwas nach rückwärts, wie es die ihm zu zollende Achtung erforderte. Sie warteten.

Erst nach längerer Zeit öffnete sich das Thor des Missionsgebäudes. Wilkins, Steinbach und der Apache kamen herbei.

Der Letztere stach in seinem Aeußeren auf das Auffälligste von dem feindlichen Häuptlinge ab. Er trug als Schmuck nur eine einzige Feder und als Waffe nur ein Messer im Gürtel. Aber diese Feder war aus dem Schwanze des weißen Kriegsadlers, die höchste Seltenheit, welche es giebt, und hatte einen Werth von wenigstens sechzig Pferden.

Wilkins hatte nichts als einen Revolver bei sich und Steinbach trug nur sein Beil an der Seite. Diese drei Männer traten so einfach, so anspruchslos auf, und doch war ihre Haltung eine so Ehrfurcht gebietende, daß Roulin sich bei ihrem Nahen unwillkürlich von seinem Sitze erhob. Er wurde aber von dem Indianer ergriffen und wieder niedergezogen.

Die drei Zuletztangekommenen setzten sich ohne ein Wort der Begrüßung den Andern gegenüber. So saßen die Sechs wohl eine Viertelstunde lang wie Statuen, ohne sich zu regen, ohne ein Wort zu sagen. Es kam jetzt darauf an, wer das Schweigen und damit seine Würde am längsten wahrte.

Dem Maricopa dauerte dies denn doch zu lange. Er erhob sich endlich und begann zu sprechen. Er zählte die Thaten seines Stammes und die Tugenden desselben auf und berichtete dann auf das Ausführlichste von seinem eigenen Heldenthum. Von seinen gegenwärtigen Absichten aber erwähnte er kein einziges Wort. Dieser bombastische Wortschwall erforderte über eine halbe Stunde Zeit.

Jetzt nun mußte der Häuptling der Apachen reden. Er erhob sich, legte die Hand an den Griff seines Messers und sagte einfach:

»Ich bin die ›starke Hand‹. Man kennt mich und wer mich noch nicht kennt, der kann mich kennen lernen. Ich spreche durch die That. Mein weißer Bruder hier mag an meiner Stelle das Wort führen.«

Er deutete auf Steinbach und setzte sich wieder nieder. Der Maricopa richtete sein Auge verächtlich auf Steinbach und sagte:

»Ich bin ein Häuptling. Soll ich mit einem Manne sprechen, der unter mir steht!«

»Woher weißt Du, daß ich unter Dir stehe?« fragte Steinbach in ruhiger Weise.

»Welches Häuptlingszeichen trägst Du an Dir?«

»Bedarf es eines solchen? Du trägst Deine Zeichen auf dem Körper und sie hindern Dich. Die Bleichgesichter aber tragen ihre Häuptlingszeichen hier hinter der Stirn. Habe ich nicht Deine Söhne mitten aus dem Lager geholt? Habe ich nicht auf dem Baume gestanden, unter welchem Du saßest und mit ihnen sprachst? Du versprachst ihnen, daß sie die Ersten sein sollten, dieses Haus zu betreten. Ich habe Dein Versprechen erfüllt. Sie sind die Ersten gewesen, aber als Gefangene. Ist das nicht ein Beweis, daß ich Dir ebenbürtig bin?«

»Du bist listig, aber nicht tapfer!«

»So stehe auf, um mit mir zu kämpfen. Du darfst Dich aller Deiner Waffen bedienen; ich aber nehme nur die bloße Hand und werde Dich besiegen!«

»Der große Geist hat Deinen Verstand verdüstert. Welche Waffe hättest Du auch! Du hast nur ein Beil. Mit ihm vermagst Du nicht einmal den Vogel zu treffen, der da oben auf dem Aste sitzt!«

Er deutete nach einem Baume, auf welchem eine Rabenkrähe sich niedergelassen hatte. Anstatt aller Antwort stand Steinbach auf und zog das Beil aus dem Gürtel. Es einige Male um den Kopf schwingend, schleuderte er es fort, scheinbar gar nicht gegen den Baum. Es flog eine Strecke wagerecht fort, stieg dann plötzlich in die Höhe und beschrieb einen wirbelnden Bogen nach dem Baume hin. Ein Schrei der Bewunderung entfuhr dem Maricopa. Das Beil hatte die Krähe getroffen und getödtet. Es kam im Bogen zurückgeflogen und fiel nur wenige Schritte von Steinbach zur Erde nieder.

Das war ein Meisterstück, viel, viel größer als der meisterhafteste Schuß aus einem Gewehre. Der australische Bumerang kann so geworfen werden, daß er zurückkehrt. Auch das indianische Schlachtbeil wird von Meistern so geschleudert, daß es auf- und niedersteigt und sein Opfer im Bogen, beinahe im Zickzack verfolgt. So ein Wurf aber wie hier hatte der Maricopa für eine Unmöglichkeit gehalten. Auch Wilkins sagte:

»Welch eine Geschicklichkeit! Man entdeckt an Ihnen immer neue Seiten!«

Steinbach steckte das Beil wieder in den Gürtel und setzte sich wieder nieder. Dann fragte er:

»Wirst Du nun mit mir sprechen?«

»Du bist listig und geschickt, aber doch kein Häuptling,« antwortete der Maricopa.

»Du irrst. Ich bin ein größerer Häuptling als Du. Ich bin der Häuptling der Bleichgesichter.«

Alle außer dem Apachen fuhren erschrocken auf.

»Ist das wahr?« fragte Wilkins.

»Uff!« antwortete die ›starke Hand‹ bestätigend.

»Dann ist Alles erklärt. Jetzt, jetzt begreife ich Alles. Aber wer, wer hätte das gedacht!«

»Beruhigen Sie sich,« lächelte Steinbach. »Ich nenne den Titel, welchen man mir gegeben hat, nicht gern. Geben Sie mir lieber jetzt die erwartete Nachricht.«

Wilkins neigte sich ihm zu und flüsterte:

»Die Aehnlichkeit ist bedeutend, aber mein Neffe ist er nicht; nun ich ihm so nahe sitze, sehe ich es.«

Dieser kleine Gedankenaustausch war so schnell erfolgt, daß er den Maricopas gar nicht aufgefallen war. Sie starrten Steinbach noch immer wortlos an, so daß dieser seine vorherige Frage, ob der Häuptling mit ihm sprechen wolle, abermals wiederholte.

»Wenn Du der König der Bleichgesichter bist, werde ich Deine Fragen beantworten.«

»Das erwarte ich freilich. Du wirst von mir gehört haben; ich habe keine Zeit zu unnützen Worten. Ich liebe die That, gerade so wie hier der tapfere Häuptling der Apachen. Sage mir, ob das Bleichgesicht, welches da neben Dir sitzt, Dein Freund ist!«

»Es ist mein Freund und Bruder.«

Da wendete sich Steinbach ganz unerwartet an den Weißen, und zwar in französischer Sprache:

»Sie heißen Roulin?«

»Ja.«

»Sind Sie Franzose?«

»Von Geburt, ja.«

»Wie kommt Magda Hauser mit ihren Eltern in eine so traurige Abhängigkeit von Ihnen?«

Das hatte Roulin nicht erwartet. Er stotterte:

»Was wissen Sie davon?«

»Vielleicht genug. Wie lange bewohnen Sie den Westen der Vereinigten Staaten bereits?«

»Warum fragen Sie?«

Er begann, Verdacht zu schöpfen. Steinbach's Blick war so scharf und durchdringend, daß der Franzose irgend eine unheimliche Gefahr für sich nahen fühlte.

»Weil ich jedenfalls Veranlassung dazu habe. Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, mir zu antworten. Also wie lange Zeit befinden Sie sich bereits im Westen?«

»Seit einer Reihe von Jahren.«

»Ist Ihnen ein Mann Namens Walker bekannt?«

Der Gefragte erbleichte sichtlich.

»Nein,« antwortete er.

»Aber dieser Sir ist Ihnen bekannt?«

Er deutete auf Wilkins.

»Vermuthlich ist er der Vater der ›Taube des Urwaldes‹.«

»Ganz richtig. Kennen Sie seinen Namen?«

»Nein.«

»Er heißt Wilkins und kam aus Wilkinsfield hierher.«

Roulin schluckte und druckte, um ein Wort zu sagen; endlich stieß er hervor:

»Kenne ich nicht.«

»O doch! Ganz gewiß! Besinnen Sie sich nur!«

»Das ist vergebens.«

»Nun, so will ich Ihnen auf die Spur helfen: Haben Sie die Legitimationen von Arthur Wilkins vielleicht noch in Ihrem Besitz?«

Jetzt spielte die Blässe Roulin's geradezu in das Leichenfahle. Er hustete und gab sich die größte Mühe, seine Beherrschung zu behaupten. Dann antwortete er:

»Ich verstehe Sie nicht; ich weiß wirklich ganz und gar nicht, wen und was Sie meinen.«

»Verstehen Sie mich auch nicht, wenn ich Sie frage, wohin der Oberaufseher Martin Adler aus Wilkinsfield gekommen ist?«

»Kein Wort begreife ich!«

»Nun, es wird die Zeit kommen, in welcher es mir gelingen wird, Ihr Gedächtniß aufzufrischen. Jetzt haben wir einstweilen Anderes zu besprechen.«

Und sich an den Maricopa wendend, fuhr er fort:

»Also weshalb ist der ›eiserne Mund‹ gekommen, um mit uns zu sprechen?«

»Er verlangt die Leichen der Gefallenen zurück!«

»Er soll sie bekommen, nachdem die tapferen Apachen ihnen die Scalpe genommen haben.«

»Der König der Bleichgesichter spricht nicht wie ein Vermittler des Friedens. Weiß er nicht, daß ein rother Mann, dem die Scalplocke fehlt, nicht in die ewigen Jagdgründe gelangen kann?«

»Ich weiß es.«

»Warum sollen da unsere Todten die Scalpe einbüßen? Warum soll das tapfere Volk der Maricopas beleidigt und geschändet werden?«

»Dieses Volk hat sich gegen uns nicht tapfer, sondern verrätherisch benommen. Wäre Euch der Ueberfall geglückt, so hättet Ihr uns Allen die Scalpe genommen. Nun aber haben wir die Eurigen. Der große Geist hat es so gewollt.«

»Wenn Ihr unsere Todten scalpirt, werden wir zur Strafe auch Euch die Scalpe nehmen.«

»Das könnt Ihr versuchen. Wenn Du uns weiter nichts zu sagen hattest, so brauchtest Du Dich nicht zu bemühen. Wir sind fertig.«

»Noch nicht. Ich habe noch Eins. Du hast mir meine Söhne geraubt. Du hast zu diesem Manne hier gesagt, daß sie sterben müssen. Ist das wahr?«

»Ja.«

»Was haben sie Dir gethan, daß Du sie tödten willst?«

»Was hatten Dir die Bewohner dieses Hauses gethan, daß Du sie überfallen wolltest?«

»Sie sind meine Feinde, weil sie Freunde der Apachen sind.«

»Und Deine Söhne sind aus demselben Grunde meine Feinde. Ich werde sie vertilgen aus dem Lande der Lebendigen.«

»Ich habe gehört, daß der Fürst der Bleichgesichter den Frieden liebt und das Blutvergießen haßt.«

»Das ist wahr. Aber grad aus diesem Grunde tödte ich Deine Söhne, damit sie nicht später das Blut meiner Freunde vergießen können.«

»Du ladest eine fürchterliche Schuld auf Dich. Wir werden wenigstens so viele Apachen tödten, wie Ihr von den Unserigen getödtet habt. Das sind bis jetzt mehr als vier mal zehn.«

»Die Apachen sind tapfer. Sie werden sich zu vertheidigen wissen.«

Der Maricopa liebte natürlich seine Kinder. Er fand Steinbach scheinbar unerbittlich. Darum griff er zum letzten Mittel, welches ihm übrig blieb:

»Ich will Dir ein Lösegeld geben.«

»Ich brauche kein Geld.«

»Ich gebe Dir Pferde.«

»Das meinige genügt mir.«

»Du bekommst die Pferde aller meiner Krieger, welche heute in der Nacht gefallen sind!«

»Ich brauche nicht vierzig Pferde, sondern nur eins, und das habe ich.«

»Du kannst sie verkaufen.«

»Ich bin kein Pferdehändler. Es giebt nur einen einzigen Preis, gegen den ich Dir Deine Söhne zurückgebe, einen einzigen, sonst keinen.«

»Nenne ihn!«

»Du giebst mir für jeden Sohn eine andere Person.«

»Wen meinst Du da?«

»Diesen weißen Mann hier, der sich Roulin nennt, und das weiße Mädchen, welches Ihr gefangen bei Euch führt.«

Der Franzose sprang erschrocken auf. Der Maricopa aber sagte in beruhigendem Tone zu ihm:

»Fürchte Dich nicht. Du stehst unter meinem Schutze. Ich kann Dich nicht opfern.«

»Also nicht? Auf keinen Fall?« fragte Steinbach.

»Nein. Lieber magst Du meine Söhne tödten. Man soll nicht von mir sagen, daß ich einen Freund geopfert habe, um meine Kinder zu retten.«

»Aber Der, welchen Du Deinen Freund nennst, ist ein Verbrecher, ein Schurke.«

»Oho!« rief Roulin, in seinen Gürtel greifend.

Der Maricopa warf ihm einen ernsten, warnenden Blick zu und sagte dann:

»Nach Euren Gesetzen mag er vielleicht Unrecht gethan haben, nach den unserigen aber bin ich sein Beschützer und muß mein Wort halten.«

»So müssen Deine Söhne sterben.«

Es glitt ein trotziges, siegesgewisses Lächeln über das broncene Gesicht des Maricopa, als er antwortete:

»So schnell geht das nicht. Du wirst Dich vielmehr sehr besinnen, ehe Du sie tödtest.«

»Keinen Augenblick.«

»Ich werde es Dir beweisen.«

»Das kannst Du nicht.«

»Sehr schnell sogar. Passe auf!«

Er gab dem Franzosen einen Wink. Dieser entfernte sich, jedenfalls um einen bereits früher erhaltenen Auftrag auszuführen.

»Was mag er vor haben?« flüsterte Wilkins.

»Wir werden es ja erfahren.«

»Wollen Sie die beiden Jungens wirklich tödten?«

»Fällt mir gar nicht ein. Es ist nur eine Drohung, um Roulin und das Mädchen in die Hand zu bekommen. Da, schauen Sie! Man drängt nach dem See hin.«

Die Maricopas hatten während der Nacht eines der Boote in ihre Gewalt bekommen. Auf dieses schien sich das Augenmerk Aller zu richten. Der ›eiserne Mund‹ zögerte nicht mit der Erklärung:

»Man wird jetzt das Mädchen, von welchem Du sprachst, hinüber auf die Insel schaffen, um sie dort an den Marterpfahl zu binden. Sie behält ihr Leben nur dann, wenn Du meine Söhne frei giebst und uns unsere Todten unscalpirt überantwortest.«

Da zuckte es schnell über Steinbachs Gesicht. Er antwortete:

»So grausam wirst Du nicht sein. Sie ist unschuldig.«

»Meine Söhne sind auch unschuldig.«

»Sie folgten freiwillig; das Mädchen aber habt Ihr gezwungen, mitzugehen.«

»Das ist gleich. Besinne Dich! Siehe, das Boot stößt bereits vom Lande.«

»Ich werde mit meinem Gefährten sprechen.«

Das war nur zum Schein gesagt. Er wendete sich in deutscher Sprache, welche der Maricopa jedenfalls nicht verstand, leise an Wilkins:

»Spracht Ihr nicht von einem Gange nach der Insel?«

»Ja.«

»Ist er passabel?«

»Das versteht sich.«

»So entfernt Euch unter dem Vorwande einer Berathung und begebt Euch nach der Insel.«

»Um das Mädchen zu holen?«

»Ja.«

»Das wird blutig hergehen. Ich sehe, daß sie vier Begleiter hat. Und das Rasenthürchen, durch welches ich muß, hat nur für einen einzigen Mann Raum. Sie stechen mich nieder, ehe ich heraus bin.«

»Keine Sorge! Ich schieße alle Vier nieder.«

»Womit?«

»Mit meiner Büchse.«

»Ihr habt ja gar keine mit!«

»Pah! Macht nur, daß Ihr fortkommt. Ihr tretet nicht eher auf die Insel, als bis Ihr hört, daß ich schieße.«

»Aber Ihr wagt Euer Leben!«

»Unsinn! Während ich die Augen nach der Insel habe, ist der Apache Mann genug, diese beiden angeputzten Maricopas in Zaum zu halten. Uebrigens liegt unser Dach voller Schützen. Also vorwärts!«

Wilkins entfernte sich. Anstatt Argwohn zu schöpfen, war dies dem Maricopa lieb. Er glaubte, daß Wilkins jetzt die beiden Knaben holen werde. Als dieser aber nach einiger Zeit nicht zurückkehrte, sagte der ›eiserne Mund‹:

»Nun, erhalte ich meine Söhne?«

»Nur gegen die beiden Personen, welche ich Dir bereits genannt habe.«

»Nein.«

»So sterben sie!«

»Und das Mädchen stirbt auch. Siehst Du, daß meine vier Krieger sich mit ihr bereits auf der Insel befinden. Sie errichten schon den Pfahl.«

»Ich sehe es. Aber sie dürfen ihr jetzt kein Leid thun.«

»Wer will es ihnen untersagen?«

»Ich. Wir unterhandeln hier. So lange dies währt, darf nichts Feindseliges geschehen.«

»Es wird geschehen, denn ich habe es befohlen.«

»Und es wird nicht geschehen, denn ich dulde es nicht!«

»Was willst Du dagegen thun?«

»Ich tödte Deine vier Krieger.«

»Womit? Mit Deinem Beile? Dorthin reicht selbst die Kugel des besten Gewehrs nicht.«

»Vergiß nicht, daß ich der Fürst der Bleichgesichter bin. Jetzt binden sie das Mädchen an. Gieb Gegenbefehl, sonst schieße ich!«

»Mit dem Beile?« höhnte der Maricopa.

»Ja.«

»So schieß!«

»Du willst es!«

Der Apachenhäuptling hatte unbemerkt in seine Tasche gegriffen, um zwei kleine Revolver herauszuziehen. Das genügte, um für Steinbach freie Hand zu machen. Dieser Letztere zog sein Beil aus dem Gürtel. Der ›eiserne Mund‹ lachte dazu. Vorhin, als das Beil geworfen worden war, hatte der Besitzer desselben es gar nicht für nöthig gehalten, erst die lederne Scheide zu entfernen, in welcher es steckte. Jetzt aber zog er sie ab. Zwei schnelle Griffe, ein Druck an einen Hebel, und der Stiel des Beiles hatte sich in die Läufe eines Doppelgewehres verwandelt. Der eigentliche Beilkörper bildete einen Kolben in Axtgestalt, mit welchem man einen Büffel den Kopf spalten konnte.

»Also giebst Du den Befehl, sie nicht anzurühren?« fragte Steinbach.

»Nein. Sie wird gemartert! Schieße doch!«

»Du höhnst? Paß auf, wie der Fürst der Bleichgesichter schießt!«

Im Nu war geladen – den Kolben an die Backe – zwei Knalle – zwei neue Patronen in die Kammern – noch zwei Knalle – die vier Maricopas, welche das Mädchen nach der Insel gerudert hatten, lagen lang ausgestreckt am Boden. – Einer wie der Andere durch den Kopf geschossen, wie sich später zeigte. Und zu gleicher Zeit tauchte aus dem Boden der Insel Wilkins' Gestalt auf, welcher Magda's Stricke durchschnitt und mit ihr wieder im Boden verschwand, grad so schnell, wie er da erschienen war.

Dieser ganze Vorgang hatte sich in Zeit von einer einzigen Minute abgewickelt. Darum herrschte zunächst die Stille starren Erstaunens, droben auf dem Dache des Gebäudes, drüben bei dem Haufen der Maricopas und auch an dem Berathungsorte, wo der Häuptling der Letzteren offenen Mundes dastand und ebenso wie sein Begleiter mit weit aufgerissenen Augen nach der Insel starrte.

Außer Steinbach und dem Häuptling der Apachen gab es nur Einen, welcher trotz der kurzen Minute, welche der Vorgang in Anspruch genommen hatte, sofort voller Geistesgegenwart handelte. Das war Sam, der Dicke.

Die Thür des Missionsgebäudes öffnete sich und Sam kam in langen Sprüngen, welche man ihm bei seiner außerordentlichen Wohlbeleibtheit gar nicht zugetraut hätte, herbeigeeilt.

»Master Steinbach, was ist geschehen?« rief er. »Haben die rothen Kerls vielleicht trotz der Verhandlung den Parlamentairfrieden gebrochen? Da soll sie sofort Alle zusammen der helle, lichte Teufel holen! In Beziehung auf das Völkerrecht verstehen wir Herlasgrüner nämlich gar keinen Spaß.«

»Es ist so etwas Aehnliches. Ich habe aber dafür vier von ihnen todtgeschossen.«

»So ist es recht! Wenn sie nicht Verstand annehmen, bringe ich die Andern auch noch um!«

Er trat drohend vor den ›eisernen Mund‹ hin und schwang sein Gewehr in einer Weise, als ob er ihm mit dem Kolben den Kopf einschlagen wolle. Dieses Verhalten weckte den Häuptling aus seinem starren Erstaunen. Er wendete sich zornig an Steinbach:

»Was hast Du gethan! Du hast vier meiner besten Krieger getödtet!«

»Ganz recht!« lautete die ruhige Antwort.

»Das ist eine That, welche ich rächen muß!«

»Du scherzest!«

»Blicke mich an! Sehe ich so aus, als ob ich über die Ermordung meiner Krieger scherzen möchte?«

»Du siehst sehr ernst aus, machst aber dennoch Spaß. Wie kannst Du eine That rächen wollen, zu welcher Du selbst mich vorher aufgefordert hast!«

»Das habe ich nicht gethan!«

»Hast Du nicht gesagt, daß ich schießen solle?«

»Aber nicht sie tödten!«

»Ah! Meinst Du, daß der Fürst der Bleichgesichter sein Gewehr nur bei sich trägt, um in die Luft zu schießen? Wehe Demjenigen, auf welchen es gerichtet wird! Er ist unbedingt des Todes!«

»Ich wußte nicht, daß dieses Beil ein Gewehr sei.«

»Das ist nur allein Deine Schuld.«

»Und daß Du so weit schießen könntest.«

»Ich habe es Dir gesagt. Warum glaubst Du es nicht.«

»Deine Flinte ist verzaubert. Das konnte kein Mensch vorher wissen.«

»Ich habe Dir gesagt, daß ich schießen werde. Du hast mich höhnisch aufgefordert, es zu thun. Du selbst bist also der Mörder Deiner Leute. Du bist es aber auch noch aus einem andern Grunde. Du kamst zu uns, um mit uns zu verhandeln. Während der Verhandlung muß jede Feindseligkeit unterbleiben. Du aber hast ein weißes Mädchen vor unseren Augen und während unserer Berathung martern und tödten lassen wollen. Du hast also den Frieden gebrochen. Ich habe Dir Sicherheit und ungefährdete Rückkehr zu den Deinen versprochen, ich brauche Dir dieses Versprechen nicht zu halten. Was willst Du dagegen thun, wenn ich Dich jetzt gefangen nehme, Dich und Deinen Begleiter, welcher sich so vornehm dünkte, daß er gar nicht mit mir sprechen wollte?«

Der Maricopa richtete sich zu seiner vollen Höhe auf und antwortete in stolzem Tone:

»Das wirst Du nicht wagen!«

»Warum nicht?«

»Ich bin der ›eiserne Mund‹, der oberste und berühmteste Häuptling meines Volkes.«

»Und ich bin der Fürst der Bleichgesichter! Verstanden!«

Da erhob sich auch der Apache und sagte ruhig:

»Und hier steht die ›starke Hand‹. Wer will sagen, daß er ihr widerstehen könne?«

Auch der dicke Trapper that einen Schritt näher, warf sich stolz in die Brust und sprach:

»Und ich bin Samuel Barth aus Herlasgrün in Sachsen. Ich mache Knöpfe und zerhaue Köpfe. Verstanden!«

Der Maricopa war im vollsten Häuptlingsstaate herbeigekommen. Fühlte er auch innerlich Besorgnisse, so ließ er sich dies doch nicht merken. Einmal wollte er sich vor seinem Begleiter nicht blamiren, und sodann war er es den Emblemen, mit denen er geschmückt war, schuldig, daß er keine Furcht zeigte. Er sagte:

»Seht hier die Scalpe, welche ich erbeutet habe, so kann ich mir auch die Eurigen holen!«

»Versuche es!« lachte Sam. »Ihr Beide gegen uns Drei. Das ist lächerlich!«

»Hier an der Lanze hängen meine Medizinsäcke. Sie werden mir den Sieg geben!«

»Und hier an meinem Gürtel hängt mein Kugelsack; auf ihn kann ich mich eher verlassen!«

»Blickt dorthin zu meinen Leuten! Sie harren nur meines Winkes. Es sind nur vier Krieger getödtet worden. Ich brauche nur die Hand zu erheben, so fallen die Meinigen über Euch her, um die ermordeten Brüder zu rächen.«

Er zeigte auf die Maricopas, welche sich zusammengezogen hatten, und, ihre Waffen in Bereitschaft haltend, allerdings drohend genug aussahen. Aber Sam fuhr mit seiner Hand auf eine geringschätzige Weise durch die Luft und antwortete:

»Du machst uns nicht bange. Du hast den Frieden gebrochen und bist also der schuldige Theil. Du magst meinetwegen ein berühmter Mann sein, stehst aber drei noch viel berühmteren gegenüber, die sich auch vor hundert Maricopas nicht fürchten würden. Du mußt also sehr froh sein, wenn wir Dir erlauben, mit heiler Haut zu entkommen. Anspruch auf Rache aber kannst Du auf keinen Fall machen. Das wäre ein sehr lächerliches Verhalten. Du sagst, daß Du nur den Arm zu erheben brauchst, so fallen Deine Krieger über uns her. Ich aber sage Dir: Ich brauche nur die Hand auszustrecken, so bist Du mein Gefangener, oder, wenn es mir beliebt, schicke ich Dich gar in die ewigen Jagdgründe, wo Du dann meinetwegen Dein Wort brechen kannst, so oft Du nur immer willst.«

Das war eine sehr lange Rede, die der Dicke gehalten hatte. Er meinte es keineswegs bös mit dem Rothen, aber er ärgerte sich darüber, daß dieser so stolze Worte im Munde führte, trotzdem er es mit drei solchen Gegnern zu thun hatte. Der feindliche Häuptling hätte nun vielleicht so gehandelt, wie es für ihn am Besten war, aber sein Begleiter war ergrimmt über die Art und Weise, mit welcher Steinbach über ihn gesprochen hatte und sagte:

»Ist das dicke Bleichgesicht wirklich ein solcher Held, daß er dergleichen Worte zu uns sprechen darf?«

Der Apache sah ein, was da kommen werde. Er wendete sich nach dem Gebäude um, unter dessen geöffnetem Thore sein Neffe, der ›flinke Hirsch‹ stand. Er gab ihm ein Zeichen und sofort verschwand der junge Indianer im Innern des Hauses.

Es muß hier gesagt werden, daß die Indianer eine sehr ausgeprägte Zeichensprache ausgebildet haben. Bei den vielen unter ihnen herrschenden Sprachen und Dialecten, welche unter einander oft nicht die geringste Aehnlichkeit besitzen, ist die Pantomimik von sehr großer Bedeutung. Mit Hilfe derselben unterhalten sich zwei Männer, welche ihrer mächtig sind, ganz gut, ohne ein Wort zu sprechen, ohne nur einen Begriff ihres wechselseitigen Dialectes zu haben. Die ›starke Hand‹ hatte einen Strich durch die Luft gemacht, hinten einen kleinen, abwärts gehenden und vorn zwei noch kleinere, aufrecht stehende. Das bedeutete einen Leib mit einem Schwanze und zwei Ohren: er verlangte ein Pferd. Und die hastige Weise, in welcher er diese Bewegungen gemacht hatte, bedeutete, daß das Pferd sehr schnell herbeigebracht werden solle. Dabei hatte er eine solche Stellung eingenommen, daß die beiden Maricopas nicht sehen konnten, daß er ein Zeichen gab.

Der feindliche Häuptling fühlte sich durch die Worte seines Begleiters ermuthigt. Er antwortete ihm:

»Meinst Du etwa, daß ich diese Männer fürchte? Sie nennen sich berühmt, aber wenn sie mich nicht um Verzeihung bitten, werde ich mit ihren Scalpen doch mein Wigwam schmücken!«

»Dasjenige des Dicken nehme ich!« stimmte der Maricopa bei, indem er nach seinem Messer griff.

Sam lachte laut auf und sagte:

»Vortrefflich! Der Einfall gefällt mir gar nicht übel. Du hängst meinen Scalp in Deinem Wigwam auf und dann besuche ich Dich, um zu sehen, wie er sich ausnimmt. Darauf gebe ich Dir zu Deiner Sicherheit mein Wort und auch noch als Handschlag diesen Nasenstüber.«

Er that einen schnellen, behenden Schritt und schlug dem Rothen die Faust von unten herauf mit solcher Wucht an das Kinn und an die Nase, daß er sofort zu Boden stürzte, von wo er sich nicht so bald wieder zu erheben vermochte. Blut drang ihm aus Mund und Nase.

In demselben Augenblick aber kniete Sam bereits über ihm, zog sein Messer und rief:

»Tödten will ich den Hallunken nicht, scalpiren auch nicht, denn ich bin kein Wilder. Aber die Locke nehme ich ihm. Das brandmarkt ihn Zeit seines Lebens. Warum hat er es gewagt, uns zu verhöhnen!«

Er zog die Scalplocke des Rothen scharf an, schnitt sie ab und warf sie weit von sich.

Dabei muß erwähnt werden, daß einige Indianerstämme das volle Haar tragen, selbst diejenigen aber, welche sich scheeren, auf dem Scheitel eine Locke stehen lassen. Sie wird die Scalplocke genannt. Wollte ein Indianer diese Locke nicht stehen lassen, damit, wenn er ja einmal von einem Feinde besiegt werde, dieser ihn nicht scalpiren könne, so wäre das ein Zeichen der Feigheit, wodurch er sich die Verachtung Aller zuziehen würde.

Diese Locke nun hatte Sam dem Maricopa abgeschnitten. Dies gilt für ganz dasselbe wie das Scalpiren; ja, es ist noch mehr als dieses, es entehrt den Betreffenden für die ganze Zeit seines Lebens. Während selbst der Tapferste seinen Feinden unterliegen und scalpirt werden kann, ist es eine große Schande, nur die Locke zu verlieren. Der Feind hat dann den Besiegten für so verächtlich gehalten, daß er sogar von seiner Scalphaut nichts wissen mag.

Auch dies war so schnell geschehen, daß der Häuptling der Maricopas gar keine Bewegung hatte machen können, seinem Gefährten beizustehen. Als er aber die Locke fliegen sah, stieß er einen lauten Wuthschrei aus und machte Miene, sich auf Sam zu stürzen. Das ging aber nicht so schnell, wie er es sich vorgenommen hatte. Sein Häuptlingsstaat hinderte ihn und Steinbach trat ihm entgegen.

»Halt!« sagte dieser. »Du hast meine Warnung und Ermahnung mißachtet. Ich werde Dir zeigen, daß der Fürst der Bleichgesichter nie umsonst warnt. Du bist mein Gefangener!«

»Dein – – Gefangener – –?« stieß der Maricopa hervor, mehr erstaunt, als erschrocken.

»Ja. Folge mir gutwillig!«

Er griff nach dem Mantel des Häuptlings. Dieser stieß die Hand, welche ihn erfassen wollte, zurück und rief:

»Weißer Hund! Eher stirbst Du!«

Er riß sein Schlachtbeil aus dem Gürtel, um sich zu vertheidigen, kam aber nicht zum Hiebe. Es passirte Etwas, was ihn vollständig verblüffte.

Nämlich in dem Augenblicke, als Sam auf dem Maricopa niederkniete, um ihm die Locke zu nehmen, und also die ganze Aufmerksamkeit des Häuptlings auf diesen blitzschnellen Vorgang concentrirt war, kam der ›flinke Hirsch‹ aus dem Thore des Missionsgebäudes geritten. Er parirte im vollen Galopp sein Pferd vor der Gruppe, so daß der Häuptling ihm den Rücken zukehrte, und sprang vom Pferde. Im nächsten Augenblick saß sein Oheim, die ›starke Hand‹, im Sattel, faßte mit der Linken den Zügel und ergriff mit der Rechten den ›eisernen Mund‹ hinten am Kragen seines ledernen Jagdhemdes. Er riß ihn mit einem gewaltigen Rucke zu sich auf das Pferd herauf, zog dieses herum und jagte davon, dem Hause entgegen.

Natürlich entfielen dem Häuptling Mantel, Schild, sein Schmuck und alle seine Waffen. Dabei schrie er laut um Hilfe. Es half ihm nichts. Er verschwand mit dem muthigen, riesenstarken Apachen in dem Innern des Gebäudes.

Es versteht sich ganz von selbst, daß sämmtliche Maricopas, als sie das sahen, ein fürchterliches Geheul erhoben und herbeigeeilt kamen.

»Zurück!« warnte Sam. »Zu viele Hunde sind selbst des Bären Tod.«

*

48

»Geht Ihr, wenn Ihr Lust habt,« sagte Steinbach. »Ich aber bleibe.«

»Seid Ihr bei Sinnen!«

»Ja.«

»Nein, verrückt seid Ihr!«

»Ich weiß, was ich thue.«

»Nun gut, so bleibe ich auch. Ich habe noch niemals einen Kameraden im Stich gelassen.«

Dabei warf er einen Blick auf den am Boden liegenden Feind, ob dieser etwa bereits im Stande sei, an Rache zu denken. Glücklicher Weise aber war der Rothe noch ohnmächtig.

Steinbach bückte sich nieder und hob das weißgegerbte Fell auf, welches vorher als Friedenszeichen gegolten hatte. Es leicht schwingend, schritt er muthig und ohne das geringste Zeichen von Furcht den Maricopa's entgegen.

Diese stutzten. Die Vordersten blieben ganz erstaunt halten und zwangen so die ihnen Folgenden, auch stehen zu bleiben. Sie konnten Steinbachs Verhalten ganz unmöglich begreifen.

War dies Wahnsinn, Todesmuth? Oder hatten sie sich geirrt? War das, was man an dem Häuptling gethan hatte, gar nichts Feindseliges gewesen? Hatte es nur so geschienen, und kam jetzt das Bleichgesicht, um es ihnen zu erklären?

Sam blieb stehen und hielt die Büchse, welche er »Auguste« nannte, bereit, um Steinbach zu beschützen und den Ersten, welcher die Waffe gegen diesen erheben sollte, sofort niederzuschießen.

Auch die Besatzung des Missionshauses konnte sich Steinbachs Vorhaben nicht erklären. Das, was er that, war mehr als Verwegenheit. Hatte der Häuptling des Apachen mit seiner gelungenen Entführung des Feindes verwegen gehandelt, so war Das, was der Fürst der Bleichgesichter jetzt unternahm, gradezu tollkühn zu nennen. Ein Glück war es für ihn, daß die Leute in und auf dem Gebäude den Ort, an welchem sich jetzt die Maricopa's befanden, noch mit ihren Kugeln erreichen konnten.

Steinbach fühlte seinerseits nicht die geringste Sorge. Er wußte, was er wollte; das hatte er ja gesagt. Zudem kannte er die Wilden genugsam, und das Vertrauen, welches er zu sich selbst hatte, pflegte in allen Lagen sein bester Wegweiser zu sein. Er schritt also stolz und aufrecht auf die Feinde zu, blieb hart vor ihnen stehen und fragte:

»Wohin wollen meine rothen Brüder so eilig gehen?«

Diese Frage verblüffte sie noch mehr, so daß die Antwort vollständig ausblieb.

»Der »eiserne Mund« hat meine rothen Brüder hierher geführt. Befindet sich außer ihm vielleicht noch ein Häuptling bei ihnen?«

»Nein,« antwortete ein alter Krieger, indem er ein Wenig hervortrat.

»Mit wem kann ich da jetzt sprechen, da der »eiserne Mund« abwesend ist?«

»Mit dem »scharfen Beil«. Er ist der Aelteste unter den gegenwärtigen Kriegern der Maricopa's.«

»Wo ist er?«

»Ich selbst bin es.«

»So höre meine Rede, und antworte mir!«

»Ich werde Deine Worte hören; ob ich Dir aber antworte, das weiß ich noch nicht. Mein Haupt ist grau, und meine Thaten sind unzählig. Du aber bist jung und hast noch nicht viel gethan. Das Alter soll nur mit dem Alter sprechen.«

»Woher weißt Du, daß ich noch nichts gethan habe? Man nennt mich den Fürsten der Bleichgesichter. Ist Dir dieser Name nicht bekannt?«

»Uff! Uff! Uff!« riefen die Wilden.

Der Alte aber betrachtete Steinbach mit ungläubigem Blicke und sagte:

»Ich kenne den Namen, aber nicht den Helden, dem er gehört. Auch ein Anderer kann sagen, daß er so heiße. Die Zungen der Bleichgesichter lügen.«

»Die meinige nicht. Laß fünf oder sechs Deiner Krieger hervortreten. Sie alle zugleich sollen mit mir kämpfen. Sie mögen ihre Schlachtbeile nehmen oder ihre Messer, ganz wie es ihnen gefällt. Ich aber wehre mich nur mit der nackten Hand. Dennoch werde ich sie alle erschlagen, ohne daß sie mich verletzen.«

»Uff!« rief der Alte.

»Uff, uff, uff!« ertönte es im Kreise.

Und Mehrere legten ihre Schießgewehre weg, bereit, sich der Probe zu unterwerfen und die vermeintliche Prahlerei zu bestrafen. Steinbach sah dies und warnte:

»Sie mögen sich aber vorher wohl überlegen, was sie thun. Es geht auf Leben und Tod.«

»Sie werden siegen; Du aber wirst sterben!« sagte der Sprecher.

»Du irrst. Ich war in Eurem Lager und habe die Söhne des Häuptlings mitgenommen. Kann dies ein gewöhnlicher Krieger?«

»Nein.«

Der Indianer erkennt die Vorzüge selbst seines Todfeindes an; daher diese ehrliche Antwort.

»Ich habe mit meinem Beile dort jenen Vogel getroffen. Habt Ihr es gesehen?«

»Ja.«

»Vermag das ein gewöhnlicher Mann?«

»Nein.«

»Und ich habe jene vier Krieger erschossen, welche drüben auf der Insel liegen – –«

»Du wirst ihren Tod mit dem Deinigen bezahlen!« fiel ihm das »scharfe Beil« in die Rede.

»Ich bin bereit, Euch Rechenschaft zu geben. Aber sage mir, ob Einer von Euch vier solche Schüsse gethan hätte!«

»Nein. Du hast unsere Krieger getödtet, aber ich muß die Wahrheit bekennen; Du bist ein großer Schütze, und Dein Gewehr ist eine große Medizin.«

Der Indianer nennt nämlich Alles Medizin, was ihm geheimnißvoll und unbegreiflich ist.

»Du giebst also zu, daß ich kein gewöhnlicher Jäger bin?« fuhr Steinbach fort.

»Jawohl.«

»Warum aber glaubst Du nicht, daß ich der Fürst der Bleichgesichter bin?«

»Weil Du kein Zeichen Deines Ranges an Dir trägst.«

»Ich verachte solche Zeichen. Ich bedarf ihrer nicht. Meine Thaten sind meine Zeichen.«

»Nun wohl! Ich werde sogleich sehen, ob Du wirklich der Häuptling der Bleichgesichter bist. Du wolltest fünf oder sechs der Unserigen mit der nackten Hand besiegen. Das kann nur der Fürst der weißen Jäger.«

»Der bin ich, und ich kann es.«

»Er hat den Tod und den Blitz in der Faust.«

»Das ist meine Faust.«

»Wo er hinschlägt, da sitzt eine Kugel, grad so, als ob er mit einem Feuergewehre geschossen hätte.«

»Du bist ganz genau berichtet.«

»Kein Zweiter hat den Blitz des Schießgewehres in der Faust. Hast Du ihn, so bist Du der Fürst der Bleichgesichter. Das soll die Probe sein.«

»Ich habe ihn.«

»In welcher Hand?«

»In welcher Du willst. In der rechten oder in der Linken. Ganz nach Deinem Wohlgefallen.«

»Zeige mir Deine Hände!«

Steinbach streckte sie ihm entgegen. Das »scharfe Beil« betrachtete sie genau und schüttelte den Kopf.

»Uff!« rief er. »Diese Hände sind grad so und nicht anders wie die Hände eines Mannes. Willst Du sie auch meinen Kriegern zeigen?«

»Sie mögen herbeitreten, sie zu besehen.«

Die Indianer kamen Einer nach dem Andern, sich die beiden Hände Steinbachs genau zu betrachten.

»Uff!« rief der Erste, und »uff!« riefen nach ihm alle Andern, da sie nicht begreifen konnten, daß ein Mann mit so naturgemäßen Händen den Blitz des Feuergewehres in denselben haben solle.

Während dieser eigenthümlichen und beinahe spaßhaften Local- und Ocularinspection trat auch Sam herbei. Er hielt die Sache für eine Posse, welche Steinbach nur Schaden bringen könne, wenn entdeckt werde, daß er nur Unsinn treibe. Darum sagte er zu ihm, aber deutsch, daß die Rothen ihn nicht verstehen konnten:

»Master, macht keinen Hokuspokus! Er könnte Euch übel ausfallen!«

»Es ist keiner.«

»Eure Hände werden doch nicht anders sein, als diejenigen anderer Menschenkinder.«

»Vielleicht doch.«

»Sind sie denn geladen?«

»Ja.«

»Etwa gar mit Kugeln?«

»Natürlich! Ihr habt es ja von den Rothen gehört.«

»Unsinn und tausendmal Unsinn!«

»Pah! Ihr habt Euch gestern so viel in mir geziert, und so gebt es Euch auch jetzt wieder.«

»Na, daß Hände geladen sind und losgehen werden, das kann man doch nur in einem Irrenhause sagen. Aber glauben werden es selbst die Insassen eines solchen Hauses nicht. Darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Wartet es ab!«

»Ich warne Euch noch einmal. Ihr lacht zwar so ganz zuversichtlich dazu; aber Ihr werdet diese Leute kopfscheu machen, und dann wird es unmöglich sein, sie wieder in die gehörige Ordnung zu bringen.«

»Habt nur einige Augenblicke Geduld, Master Sam. Ihr seht, daß jetzt der Letzte meine Hand betrachtet hat. Nun kann es losgehen.«

Die Rothen sahen einander ungläubig an. Das »scharfe Beil« theilte ihren Zweifel. Er sagte:

»Der rothe Mann wettet niemals mit einem Bleichgesichte, weil er weiß, daß er von dem Weißen betrogen wird; aber mit Dir möchte ich doch wetten, daß Du nicht das Feuer und die Kugel in Deinen Händen hast.«

»Du würdest die Wette verlieren.«

»Beweise es!«

»Ich bin bereit dazu. In welcher Hand soll ich den Blitz haben? Bestimme Du es!«

»In der Rechten.«

»Und welchen von Euch soll meine Rechte treffen?«

Diese Frage war nicht erwartet worden. Die Rothen machten sehr verlegene Gesichter.

»Ach so!« lachte Sam. »Hier steckt des Pudels Kern. Wenn Ihr wirklich den Blitz in den Fingern habt, muß Derjenige sterben, welchen Ihr trefft. Also wird sich Keiner zu der Probe hergeben, und Ihr behaltet natürlich Recht. Sehr pfiffig ausgesonnen!«

»Und Ihr täuscht Euch abermals. Ich täusche diese Leute ganz gewiß nicht.«

»Dann bin ich von Blech, oder ich habe einen Hopfenklos zwischen den Schultern anstatt des Kopfes.«

Die Rothen sprachen leise mit einander. Dann erkundigte sich das »scharfe Beil«:

»Muß denn Deine Hand einen Menschen berühren?«

»Nein.«

»Es kann auch ein Thier sein?«

»Ja.«

»Oder ein anderer Gegenstand?«

»Auch das.«

»Warum sollen wir da Einen von uns tödten lassen!«

»Ah, Ihr fürchtet Euch bereits! Ihr gebt schon im Stillen zu, daß ich der Fürst der Bleichgesichter bin!«

»Wir zweifeln, daß Du es bist; dennoch aber kannst Du es sein. Sieh hier diesen Schild. Er ist aus vierfachem, geräuchertem Büffelleder gemacht und hat noch kein Loch. Es sind viele Pfeile mit ihm abgewehrt worden, und noch keiner derselben hat ihn durchdrungen. Willst Du uns den Beweis an diesem Schilde liefern?«

»Gern. Ich bitte Dich, ihn zu halten!«

»O nein, nein!« wehrte der Maricopa ängstlich ab. »Wenn Du wirklich der Fürst der Bleichgesichter bist, so wäre ich verloren. Erlaube, daß wir ihn hier an diesen Baum aufhängen!«

»Meinetwegen.«

Der Alte schlug mit seinem Kriegsbeile einen Ast des Baumes los und hing den Schild an den Stumpf.

»So!« sagte er. »Jetzt kannst Du es thun.«

Steinbach wollte zum Baume treten; der dicke Sam aber ergriff ihn beim Arme und sagte bittend:

»Hört, wenn Ihr Etwas auf meine Bitte gebt, so thut mir den Gefallen und treibt es nicht zu weit!«

»Nur so weit, wie es geht!«

»Bedenkt, daß sich selbst ein Wilder nicht gern foppen läßt, zumal hier, wo es wohl auf Tod und Leben geht.«

»Ich weiß ganz genau, was ich thue.«

»Nun meinetwegen!« sagte Sam unwillig. »So mögt Ihr Feuer in den Händen haben oder Schnaps im Kopfe, mir ist es egal. Aber wenn sie nachher über Euch herfallen, dann werde ich es sein müssen, der Euch herauszuhauen hat.«

»Das werde ich schon selbst besorgen, lieber Sam. Paßt einmal auf, was jetzt geschieht!«

Er trat zu dem Baume hin. Niemand hatte es beachtet, daß er vorher die rechte Hand einen Augenblick lang in den Gürtel gesteckt hatte. Er stellte sich zur Seite, so daß er einen bequemeren Hieb hatte, holte aus und schlug auf die Mitte des Schildes – ein Blitz und ein Krach, als ob Jemand mit einem Gewehre geschossen habe – er trat zurück und sagte:

»Seht her!«

Das »scharfe Beil« trat näher und betrachtete den Schild. Er nahm ihn vom Baume weg und betrachtete sodann die Stelle des Stammes, über welcher der Schild gehangen hatte.

»Uff, uff!« rief er verwundert.

Die Maricopa's kamen herbei, um ganz Dasselbe wie er zu thun. Auch sie stießen laute Rufe der Verwunderung aus. Da ging Sam auch hin. Er griff nach dem Schilde.

»Verdammt!« rief er. »Ein Kugelloch!«

»Und seht den Baum an!« lachte Steinbach.

Sam that es.

»Wollt Ihr mir einen Storch braten, Sir?« meinte er. »Hier sitzt die Kugel im Holze. Sie ist durch den Schild gedrungen und im Baume stecken geblieben.«

»Na, also!«

»Woher ist sie gekommen?«

»Vom Himmel hoch, wie es im alten Gesangbuchsliede heißt, mein bester Sam Barth.«

»Macht keinen Unsinn! Das kann doch nur von einem Schießgewehre sein!«

»Pah! Seht hier meine Hand!«

Sie war wie vorher, nackt und unbewaffnet.

»Etwas müßt Ihr doch in den Fingern gehabt haben!«

»Ja, ich will es gestehen.«

»Aber was? Eine Pistole oder ein Revolver war es nicht. Beides hätte man gesehen.«

»Natürlich.«

»Was war es denn?«

»Später. Jetzt muß ich mit diesen Leuten reden.«

Das »scharfe Beil« war nämlich herbeigekommen und hatte seine rechte Hand ergriffen. Er betrachtete sie auf das Aufmerksamste, drehte sie nach beiden Seiten, befühlte sie und sagte endlich:

»Ja, Du hast es bewiesen; Du bist der Fürst der Bleichgesichter. Ich glaube es.«

»Glauben es auch Deine Gefährten?«

»Ja, alle.«

»So hoffe ich, daß Ihr den Worten, welche ich Euch zu sagen habe, Eure Aufmerksamkeit schenken werdet.«

»Sprich! Wir werden Dich hören.«

»Warum seid Ihr nach dem Silbersee gekommen?«

»Frage den »eisernen Mund«. Er wird es Dir sagen.«

»Er ist nicht hier, und Du bist der Sprecher.«

»Gehe hinein in das Haus, und rede mit ihm. Ich darf nicht von Dem sprechen, was Du wissen willst.«

»Nun, Du brauchst es mir nicht zu sagen. Ich weiß es bereits. Als ich bei Euch gestern in dem großblätterigen Walde war, stand ich auf dem Baume, unter welchem der »eiserne Mund« wohnte und hörte ihn mit dem »hölzernen Manne« sprechen. So erfuhr ich Alles, was Du mir nicht sagen darfst. Ich nahm die beiden Söhne des Häuptlings und eilte hierher zurück. Hättet Ihr uns einen Boten gesandt, um uns den Angriff ehrlich zu verkündigen, so wäre Keiner der Eurigen gefallen, und wir säßen jetzt beisammen, um die Pfeife des Friedens zu rauchen. Ihr habt es anders gewollt. Ihr wolltet das weiße Mädchen opfern – –«

»Uff! Wer sagt das?«

»Ich weiß es. Es ist Euch nicht gelungen. Die Arme befindet sich jetzt in unserer Mitte. Sie ist gerettet. Ihr wolltet die Schätze des Silbersees haben für den »silbernen Mann«, aber – –«

»Man hat Dich getäuscht!«

»Der Häuptling selbst sagte es. Habt Ihr sie erhalten? Nein! Ihr wolltet die Gräber der hier ruhenden Häuptlinge der Apachen und Comanchen entweihen. Ihr habt noch kein einziges berührt, und Ihr werdet auch kein einziges entheiligen.«

»Wir werden es dennoch thun!«

»Ihr werdet es unterlassen. Es ist Euch von Allem, was Ihr thun wolltet, gar nichts gelungen. Im Gegentheil befindet sich Euer Häuptling mit seinen zwei Söhnen in unserer Gewalt.«

»Wir werden sie befreien.«

»Wie wollt Ihr das anfangen?«

»Wir stürmen das Haus!«

»Ihr wolltet in der Nacht stürmen. Ist Euch das gelungen? Nein. Blicke in die Fenster, und schaue empor zum Dache! Siehst Du nicht so viele Gewehrläufe auf Euch gerichtet, wie Ihr Krieger seid? Wir haben Euch bisher geschont. Wenn wir ein Zeichen geben, so kommen die Apachen von allen Richtungen herbei; Ihr könnt nicht aus dem Thale hinaus und müßt Alle Eure Scalpe geben. Hast Du einige Male von mir sprechen gehört?«

»Sehr oft.«

»Hat man gesagt, daß ich ein Feind der rothen Männer bin?«

»Nein. Du bist ihr Freund. Du liebst sie, wie Du die Weißen liebst. Du bist keines Menschen Feind.«

»Man hat die Wahrheit gesagt. Ich bin Euer Freund. Euer großer Geist ist auch mein großer Geist. Er ist Euer Vater und unser Vater. Er ist der Herr und König aller Menschen. Darum sind wir Alle Brüder, und es thut mir Leid, wenn ich einem Bruder Schmerz bereiten soll. Ich möchte Frieden mit Euch schließen. Ihr seid in unserer Hand, dennoch möchte ich es so weit bringen, daß Ihr nach Eurem Jagdgebiete zurückkehren könnt, ohne noch mehrere Eurer Brüder zu verlieren. Der »silberne Mann« hat es bös mit Euch gemeint; ich aber meine es gut mit Euch. Er war begierig auf die Schätze, welche hier aufbewahrt sein sollen; er aber ist zu feig, und darum hat er Euch verleitet, sie für ihn zu holen. Es bereitet ihm keinen Schmerz, daß dabei Eure tapfern und edlen Männer erschossen werden. Ich aber beklage das vergossene Blut meiner rothen Brüder. Jetzt sage mir, was ist besser? Daß Ihr auf ihn hört oder auf mich?«

Der Alte senkte das Auge lange zu Boden. Als er es wieder erhob, glühte es unheimlich in demselben auf.

»Deine Worte sind gut, und ich glaube an sie,« sagte er. »Ich habe noch nie gehört, daß der Fürst der Bleichgesichter eine Lüge sagt. Versicherst Du uns, daß Du die Unserigen, welche gefallen sind, bedauerst, so ist es auch wahr. Die Apachen und Comanchen sind unsere Feinde; darum wollten wir die Gräber ihrer Häuptlinge beschimpfen. Diese Schande wäre die größte Strafe für sie gewesen.«

»Ihr habt Euren Vorsatz aber nicht ausführen können. Sie sind wachsamer gewesen als Ihr.«

»Es wäre uns gelungen, wenn Du nicht gewesen wärst.«

»Ja, ich habe sie gewarnt. Nun will ich auch Euch warnen, damit Ihr nicht ausgerottet werdet. Du bist ein großer Krieger. Die Zahl der Scalpe, welche Du erbeutet hast, ist eine bedeutende. Darum wirst Du meine Frage begreifen. Wer ist muthiger von Beiden: Wer heimlich über die Gräber der Todten, welche sich nicht vertheidigen können, herfällt, oder wer seinen Feind offen und ehrlich bekämpft, Angesicht gegen Angesicht?«

Wieder blickte der Alte zu Boden. Als er den Blick erhob, richtete er ihn vorwurfsvoll auf Steinbach und sagte:

»Du bist unser Freund, wie Du sagst; aber Deine Worte klingen wie diejenigen eines Feindes, welcher uns kränken und beleidigen will.«

»Ich will Euch nicht beleidigen. Ich will Euch nur erklären, warum die Krieger der Apachen neben dem Zorne auch noch etwas Anderes für Euch fühlen. Dennoch aber will ich mit ihnen sprechen. Vielleicht sind sie bereit, die Pfeife des Friedens mit Euch zu rauchen.«

»Sie sind nicht bereit und wir auch nicht.«

»Warum nicht.«

»Warum nehmen sie unsern Anführer gefangen?«

»Weil er als ihr Feind handelte. Ich wollte Frieden mit ihm schließen; er aber beabsichtigte, meine junge, weiße Schwester zu tödten, obgleich er uns das weiße Fell des Friedens gezeigt hatte.«

»Was werden sie mit ihm thun?«

»Sie haben das Recht, ihn an den Marterpfahl zu binden.«

»Er wird sterben wie ein Mann.«

»Es ist besser, als Mann zu leben als wie ein Mann zu sterben. Ich werde mit dem Häuptlinge der Apachen sprechen und ihn bitten, den »eisernen Mund« und dessen Söhne frei zu geben.«

»Das wird er nicht thun. Kein rother Häuptling wird sich einer solchen Unklugheit schuldig machen.«

»Ich halte es für keine Unklugheit, sondern vielmehr für eine Klugheit. Wer an einem Feinde edel handelt, der darf von ihm auch wieder Edelmuth erwarten.«

Das »scharfe Beil« schüttelte langsam den Kopf.

»Mein weißer Bruder spricht Worte, welche so gut und fromm sind, als ob sie aus dem Munde des großen Geistes kämen. Warum sind nicht alle weißen Männer so. Die rothen Männer lebten in Frieden und Eintracht, da kamen die Bleichgesichter und brachten die Blattern und das Feuerwasser, den Haß, die Feindschaft und das Verderben.«

»Es giebt gute und böse Männer bei Euch und bei uns. Heut spricht ein guter zu Euch, und ich hoffe, daß Ihr seine Stimme hören werdet. Ich wünsche den Frieden und die Versöhnung zwischen Euch und den Apachen.«

»Du wünschest das Unmögliche.«

»Warum solltet Ihr nicht Freunde werden können?«

»Weil sie nicht thun werden, was Du von ihnen forderst, und weil auch wir nicht thun dürfen, was Du von uns verlangst.«

»Bisher habe ich noch nichts von Euch verlangt.«

»Nein; aber wir kennen im Voraus die Worte, welche Du sagen wirst. Selbst wenn sie uns den Frieden anbieten, dürfen wir ihn nicht annehmen.«

»Warum solltet Ihr das nicht dürfen?«

»Weil sie viele unserer Krieger getödtet haben.«

»Nicht sie tragen die Schuld daran, sondern Ihr tragt dieselbe selbst. Ihr seid als Feinde gekommen, und sie mußten sich vertheidigen.«

»Du selbst hast Viere von uns erschossen!«

»Der »eiserne Mund« forderte mich auf, zu schießen. Er warf mir diesen Hohn in das Gesicht. Er glaubte nicht, daß meine Kugel so weit reichen würde. Ihr seht also, daß die Schuld nur auf Eurer Seite ist.«

»Das kann nichts ändern. Du scheinst die Gesetze der rothen Männer nicht genau zu kennen.«

»Ich kenne sie. Blut erfordert wieder Blut oder wenigstens den Blutpreis, mag Schuld an der Tödtung sein, wer da wolle.«

»So ist es. Du siehst also, daß wir Blut fordern müssen, und das werden die Apachen uns verweigern.«

»Vielleicht gewähren sie es Euch.«

»Das ist unmöglich!«

»Vergiß nicht, daß ich der Fürst der Bleichgesichter bin, der bereits Vieles möglich gemacht hat, was vorher unmöglich zu sein schien! Welche Absicht hattet Ihr, als Ihr vorhin auf mich und meinen Gefährten hier eingestürmt kamt?«

»Wir wollten Euch tödten, Euch und den jungen Apachen, welcher nun zurückgewichen ist.«

»Er hätte sich vertheidigt wie ein Mann. Er ist der »flinke Hirsch«, der Bruderssohn der »starken Hand«. Es ist gut, daß Ihr Euren Vorsatz nicht ausgeführt habt; denn aus den Fenstern und von dem Dache des Hauses wären so viele Kugeln gekommen, daß ein großes, monatelanges Klagen in Euren Dörfern entstanden wäre. Laßt Euch ruhig nieder. Ich und mein Gefährte, wir werden in das Haus gehen und für Euch sprechen.«

»Ihr redet diese Worte, um zu entkommen. Ihr habt den »eisernen Mund« gefangen genommen und befindet Euch nun an seiner Stelle in unserer Gewalt.«

»Ich bin zu Euch mit dem weißen Felle gekommen!«

»Er auch zu Euch.«

»Er hat das Friedenszeichen nicht geachtet; er hat den Frieden gebrochen.«

»Und Du hast vier Krieger von uns dafür getödtet. Auch Du hast den Frieden gebrochen und befindest Dich jetzt in unserer Gewalt. Wir geben Dich nur gegen den Häuptling und dessen Söhne frei.«

»Du meinst wirklich, der Fürst der Bleichgesichter sei Dein Gefangener?«

»Ja.«

»Und dieser weiße Mann hier auch?«

»Auch er.«

»Er ist ein berühmter Jäger. Hast Du einmal von den Thaten des »dicken Bauches« gehört?«

»Ich habe von ihm gehört. Er kennt alle Wege des Westens und ist ein listiger und verwegener Mann.«

»Nun, mein weißer Gefährte ist der »dicke Bauch«. Seht ihn Euch an!«

»Uff, uff, uff!« erklang es aus Aller Munde.

»Verdammt!« lachte Sam. »Das habt Ihr sehr gut gemacht, Master Steinbach. Das ist eine Vorstellung wie auf dem Theater. Jetzt bin ich neugierig, ob sie uns gefangen nehmen werden.«

»Fällt mir nicht ein, mich festhalten zu lassen!«

»Wollen wir uns gegen sie wehren?«

»Nein. Das würde ein wahres Massacre werden. Sie schießen; wir schießen, die vom Gebäude her schießen. Wir würden vollständig durchlöchert werden.«

»Hm! Ja! Sie reden leise mit einander. Sie berathen. Der alte, brave Kerl, der sich das »scharfe Beil« nennt, scheint Euch doch nicht gern feindlich behandeln zu wollen.«

»Ich hoffe es.«

»Wenn sie uns aber doch festhalten wollen.«

»So gehen wir dennoch.«

»Dann kommt es zum Kampfe.«

»Sicherlich nicht.«

»Meint Ihr etwa, daß wir hier rechts hinter die Bäume springen und uns da weiter fortpürschen? Da holen sie uns sofort ein.«

»Das meine ich nicht. Ich habe so meine kleinen Mittel und Kunstgriffe. Eine Kleinigkeit kann Einen aus der größten Gefahr erretten. Diesen Sachen habe ich wohl zum Meisten mir meinen Titel als Fürst der Bleichgesichter zu verdanken.«

»Hm! Ich möchte doch die Kleinigkeit wissen, welche im Stande wäre, uns aus dieser Patsche zu helfen.«

»Von Bomben habt Ihr gehört?«

»Natürlich!«

»Und von Granaten auch?«

»Auch. Ich fluche sogar zuweilen alle möglichen Bomben und Granaten.«

»Habt Ihr auch von der Mephistopholesgranate gehört?«

»Niemals. Was für ein Ding ist das?«

»Sie gehört zur Gattung der Handgranaten. Wenn man sie wirft, so zerplatzt sie und entwickelt einen entsetzlichen Qualm, welcher genau so riecht, wie der Teufel riechen soll, wenn er vor einer Seele Reißaus nehmen muß.«

»Verdammt! Das ist interessant! So ein Ding sollten wir hier haben!«

»Habe es!«

»Wirklich?«

»Ja. Im Ranzen, welchen ich auf dem Rücken zu tragen pflege, befinden sich mehrere solcher Raritäten. Ich steckte vorhin eine solche Granate ein.«

»Ist der Qualm dick?«

»So dick, daß sie nicht hindurchsehen können.«

»Prächtig! Bin neugierig, was sie dazu sagen werden!«

Diese Mitteilung in deutscher Sprache hatte vor sich gehen können, weil auch die Maricopa's sich unter einander besprochen hatten. Dabei aber waren ihre Blicke fest auf Steinbach und Sam gerichtet gewesen, damit es diesen ja nicht gelingen möge, sich durch eine schnelle, unerwartete Flucht zu retten. Jetzt war ihre Berathung zu Ende, und das »scharfe Beil« wendete sich wieder an Steinbach:

»Der »dicke Bauch« ist auch kein Feind der rothen Männer, aber wir müssen ihn dennoch mit gefangen nehmen, weil er sich bei unseren Feinden befindet.«

»Ihr thut Unrecht. Ich habe Euch den Frieden bringen wollen, und Ihr nehmt uns gefangen!«

»Dadurch werden wir den Frieden erlangen.«

»Nein!«

»Ja. Um Euch Beide frei zu sehen, werden die Apachen auf alle unsere Bedingungen eingehen. Aber wir werden Euch nicht behandeln wie Feinde. Wir werden Euch Wasser und Fleisch geben, so viel Ihr braucht, und Euch bis zu unserm Aufbruche nur an einen Baum binden.«

Da lachte Sam laut auf.

»Du lachst?« fragte der Alte.

»Ja, ich lache. Hast Du einmal gehört, daß der »dicke Bauch« der Gefangene der rothen Männer gewesen ist?«

»Nein, aber Du wirst es jetzt sein.«

»Und glaubst Du wirklich, daß sich auch der Fürst der Bleichgesichter an einen Baum binden lassen wird?«

»Er wird es. Ihr seid Beide kluge Männer und werdet einsehen, daß Gegenwehr Euch verderben würde.«

»Seht Ihr nicht die Gewehre da oben?«

»Man kann nicht auf uns schießen, da man ja auch Euch treffen würde. Hier ist mein Riemen. Der Fürst der Bleichgesichter mag mir seine Hände gutwillig geben, daß ich sie binde!«

Er trat auf Steinbach zu. Dieser streckte ihm die Hände entgegen und sagte:

»Hier sind sie. Binde sie. Aber nimm Dich in Acht, daß der Blitz nicht losgeht, den ich in den Händen habe!«

Daran hatte der alte Rothe nicht gedacht. Er trat zurück und machte ein sehr betroffenes Gesicht.

»Geht er denn los?« fragte er.

»Ja.«

»Aber er ist doch vorhin nicht losgegangen, als ich sie berührte und untersuchte!«

»Da hielt ich ihn zurück, weil ich glaubte, daß Du mein Freund seist. Jetzt aber ist das anders. Also hier sind meine Hände. Binde sie!«

Das »scharfe Beil« trat noch um einen weitern Schritt zurück und blickte höchst rathlos um sich.

»Uff!« sagte er. »Wer will ihn binden?«

Keiner seiner Leute antwortete. Da aber zuckte es über sein scharfes, wetterhartes Gesicht. Es war ihm ein guter Gedanke gekommen. Er hielt nämlich Sam den Riemen hin und sagte:

»Der »dicke Bauch« mag ihn binden. Er ist sein Freund, da wird der Blitz nicht losgehen.«

Sams Gesicht glänzte vor Vergnügen über diesen wahrhaft genialen Einfall des Indianers. Er ergriff auch wirklich den Riemen, trat zu Steinbach und sagte:

»Gut, ich werde ihn binden. Aber obgleich ich sein Freund bin, kann der Blitz doch losgehen, denn er ist zornig auf Euch, weil Ihr ihn gefangen nehmen wollt. Nehmt Euch also in Acht, daß die Kugel nicht Euch trifft.«

Das wirkte augenblicklich. Sie wichen um mehrere Schritte weiter zurück. Sam that, als ob er Steinbach binden wolle. Dieser hatte einen kleinen, kugelrunden Gegenstand aus der Tasche gezogen und meinte zu dem Dicken:

»Das ist die Granate. Gut, daß die Rothen Etwas gewichen sind. Da bekommen wir den Gestank nicht auch mit. Paßt einmal auf! Aber sobald ich werfe, lauft Ihr so schnell, wie Ihr könnt, nach dem Hause zu.«

»Ihr denkt, sie schießen, wenn wir fliehen?«

»O nein; daran ist nicht zu denken. Es ist nur des Gestankes wegen.«

»Ist Der denn gar so groß?«

»Werdet sehen!«

»Mach schnell!« gebot der Indianer, dem die Sache zu lange dauerte.

»Ja, ja! Aber ich glaube doch, der Blitz geht los. Reiß aus, Alter!«

Der Indianer that wirklich einen schnellen Sprung nach rückwärts, denn er sah, daß Steinbach mit der rechten Hand zum Wurfe ausholte. Die Granate flog auf den Boden und zerplatzte – ein Krach, ein buntes Zischen und Prasseln – ein Augenblick tiefer Stille, dann aber ein Heulen und Brüllen, als ob hundert böse Geister losgelassen worden seien.

Steinbach und Sam sprangen dem Hause zu. Sie hatten es noch nicht erreicht, so hörten sie ein lautes vielstimmiges Gelächter vom Dache und aus den Fenstern schellen.

»Halt, Sam! Umblicken!« gebot Steinbach.

Beide hielten im Laufe inne und sahen zurück. Da bot sich ihnen ein Anblick, welcher allerdings ganz und gar nicht zum Weinen war.

Die Granate hatte bei ihrem Zerplatzen einen gradezu undurchdringlichen Qualm entwickelt, so daß die Maricopa's die beiden Flüchtigen gar nicht sehen konnten. Jetzt jedoch hatte ein Windstoß diesen Dampf gelichtet und zur Seite gefegt. Nun sah man die Wirkung, welche die Granate hervorgebracht hatte.

Die meisten Indianer liefen, was sie laufen konnten, davon, sich mit den Händen die Nasen zuhaltend. Viele sprangen wie besessen hin und her, brüllten wie die Stiere und warfen die Arme in die Luft. Andre wieder hatten sich auf den Boden gelegt, steckten die Nase in den Sand und strampelten dabei wie verrückt mit Händen und Füßen. Einige waren direct in das Wasser des See's gesprungen. Um dem höllischen Gestank zu entgehen, tauchten sie unter. Er kam ihnen aber, so oft sie den Kopf über die Wasserfläche erhoben, um zu athmen, wieder in Mund und Nase, so daß sie schleunigst wieder verschwanden. Unglücklicher Weise für sie trieb der Windhauch den Qualm nach dem Wasser hin, in welchem sie herumpaddelten. Ihre einzige Rettung bestand also in Flucht. Sie sprangen an das Ufer und rannten zu gleichen Beinen den Andern nach, dabei schreiend und heulend, als ob sie von der Hölle verfolgt würden.

Das Gelächter der Missionsbesatzung brauste wie ein Sturm auf den See hinaus.

»Himmelelement!« hörte man die gradezu wiehernde Stimme des langen Jim. »Welcher Teufel ist denn in die Kerls gefahren? Was ist das für ein Rauch? Wo kommt er her?«

Sam stand nicht etwa mehr neben Steinbach, sondern er hatte sich einfach gleich in das Gras gesetzt und brüllte förmlich vor Lachen. So Etwas hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

»Seht Ihrs? Seht Ihrs, Master Steinbach?« fragte er. »Seht Ihr den Kerl dort, der wie ein Affe auf den Baum klettert, weil er denkt, daß es oben nicht so stinken werde, wie unten? Die Beine, die Beine, die er macht! Er kann gar nicht klettern, aber dieser verdammte Parfüm treibt ihn hinauf. Oh, oh, oh! Hahahaha! Er verliert das Messer, den Gürtel, Alles, Alles! Schaut, da hat sich ein Fetzen von Qualme losgerissen und wird nach dem Baume getrieben. Jetzt – jetzt erwischt er ihn! Jetzt steckt der Kerl grad mit der Nase drin! Prosit, prosit! Wohl bekomm es! Prieschen gefällig, mein Herr? Ah, hahahaha! Jetzt rutscht er herunter! Droben ists noch schlimmer als unten! Er rutscht nicht, er fällt – reckt alle Viere in die Luft – springt auf und rennt ins Wasser – wieder heraus und fort! Oh, so Etwas, nein, so Etwas! Da ist doch selbst Herlasgrün nichts dagegen! So Etwas habe ich noch nicht erlebt, nein, so Etwas noch nicht! Hahahaha!«

Steinbach war trotz dieser Scene ernst geblieben. Er hatte das Experiment schon einige Male gemacht und kannte die Wirkung desselben.

»Kommt, Sam!« sagte er. »Wir haben unsern Zweck erreicht und müssen auch an das Weitere denken.«

»An das Weitere? Was könnte das sein? Zunächst muß ich mir die Indsmen betrachten. Diesen Anblick muß man bis zu Ende genießen, denn so Etwas erlebt man wohl nicht sogleich wieder.«

Als er aber sah, daß Steinbach nach der Thür ging, folgte er ihm doch nach. Man hatte sie für sie offen gelassen. Hinter ihnen wurde sofort geschlossen. –

Vorhin, als Wilkins den Ort der Berathung so schnell verlassen hatte und nach dem Hause geeilt war, traf er hinter der Thür auf Karl Zimmermann, welcher sich die Scene durch das Guckloch betrachtet hatte.

»Was giebt es? Was ist geschehen?« fragte der junge Mann. »Warum seid Ihr so eilig davon?«

»Um die Miß zu retten.«

»Welche Miß?«

»Die Weiße, welche bei den Indsmen ist.«

»Meint Ihr etwa Magda?«

»Ja. So heißt sie, wie mir Master Steinbach sagte.«

»Was ist mit ihr? Schnell, schnell!«

»Habe keine Zeit. Es eilt!«

Er wollte fort. Zimmermann aber hielt ihn am Arme fest und sagte:

»Bei Gott, ich lasse Euch nicht fort! Ihr müßt mir sagen, was mit ihr ist!«

»Was geht Euch das an! Laßt mich!«

»Was es mich angeht? Bin ich ihr nicht durch Prairien, Wälder und Wüsten gefolgt, um – –?«

Nun besann sich Wilkins.

»Ah, richtig!« sagte er. »Ihr habt sie ja erretten wollen. Na, einen Begleiter kann ich brauchen. Habt Ihr Waffen bei Euch?«

»Die Büchse nicht, aber Messer und Pistolen.«

»Das genügt, kommt!«

Er zog ihn durch den Gang bis in den Hof. Dort hatten sie gar keine Augen für die wenigen Apachen, welche sich da befanden. Es ging zu einer Thür hinein und eine Treppe hinab. Da stand eine Laterne, welche Wilkins anbrannte. Noch eine Treppe tiefer erreichten sie einen schmalen, niedrigen Gang, ganz aus dicken, festen Quadern gemauert.

»Hier hinein! Aber schnell!« sagte Wilkins.

Sie mußten gebückt gehen, das erschwerte den Weg; dennoch eilten sie sehr rasch weiter. Es schien Zimmermann, als ob dieser unterirdische Gang gar kein Ende nehmen wolle, als ob er meilenlang sei. Endlich endete er an Stufen, welche in die Höhe führten, sehr schmal und sehr eng.

Beide nahmen sich nicht die Zeit die Stufen zu zählen. Als sie oben ankamen, so daß ihre Köpfe fast an eine steinerne Platte stießen, fragte Zimmermann:

»Wo sind wir jetzt? Wo kommen wir hin?«

»Wir stehen im Innern der kleinen Insel im See. Diese Platte ist sehr dünn und mit Gras bewachsen, so daß man sie von ihrer Umgebung nicht unterscheiden kann. Horch! Hören Sie Etwas?«

»Ja, menschliche Stimmen.«

»Es sind Indianer. Und da! Horch!«

»Eine Frauenstimme.«

»Das ist Magda Hauser.«

»Herrgott! Was wollen sie mit ihr?«

»Sie soll an den Marterpfahl.«

»Oho! Hinaus, hinaus! Ich muß sie retten!«

Er wollte die Platte heben. Wilkins aber hinderte ihn daran und sagte:

»Halt, junger Mann, nicht zu hitzig. Jetzt warten wir!«

»Bis sie todt ist!«

»Nein, sondern bis die Indsmen todt sind.«

»Pah! Wer wird sie tödten? Von den Unserigen kann doch Keiner auf die Insel, und für eine Kugel ist es viel, viel zu weit.«

»Steinbach schießt.«

»Bis hierher nicht.«

»Ihm ist Alles zuzutrauen.«

»Dann trifft er wohl gar auch Magda mit.«

»Er ist ein sicherer Schütze.«

»Darauf verlasse ich mich nicht. Wie viele Indianer sind bei ihr?«

»Vier.«

»Vier? Nur vier? Und ich soll hier warten? Das fällt mir nicht ein! Ich trete hinaus!«

Er wollte abermals die Decke entfernen. Wilkins hielt ihn zurück und warnte in ernstem Tone:

»Wenn Sie voreilig handeln, werden Sie die Dame nur verderben und sich selbst auch mit. Sie haben es nicht nur mit diesen Vier zu thun, sondern mit allen Andern auch. Sie können vom Ufer aus mit ihren Kugeln und Pfeilen die Insel sehr leicht bestreichen.«

»Dann ist überhaupt an eine Rettung der Dame gar nicht zu denken. Sobald man hinaustritt, wird man erschossen.«

»Das ist nicht der Fall. Steinbach wird vier Schüsse abgeben. Ich begreife allerdings nicht, wie er das anfangen wird, da er kein Gewehr bei sich hat. Auch erscheint es wirklich unglaublich, daß eine Kugel von dort aus die Insel erreichen kann. Aber nach dem, was ich von ihm gehört habe, muß ich ihm vertrauen. Hält er Wort, so stürzen die vier Kerls draußen. Es entsteht eine Verwirrung, welche ich benutze. Ich eile blitzschnell hinaus und hole das Mädchen herein.«

»Und ich?«

»Sie bleiben hier. Sie strecken den Kopf höchstens bis an die Augen hinaus, um zu sehen, ob alle Vier gut getroffen sind. Demjenigen, welcher noch lebt, geben Sie eine Kugel in den Kopf.«

»Auch wenn er sonst wehrlos ist?«

»Ja. Es darf nicht bekannt werden, woher wir gekommen sind. Also, horchen wir!«

Die bittende, ja flehende Stimme des Mädchens war noch einmal zu hören; aber Zimmermann beherrschte sich. Da, endlich, war ein scharfer Knall zu hören.

»Horch, jetzt!« flüsterte Wilkins.

Noch ein Knall, ein dritter und vierter. Wilkins stieß augenblicklich die Decke auf und sprang hinaus. Zimmermann trat eine Stufe höher. Einiges Gebüsch hinderte ihn, das Ufer zu sehen; aber vor sich erblickte er die vier Indsmen, alle todt, durch die Köpfe geschossen, neben und über einander liegend.

Magda hatte die Augen geschlossen. Sie hatte beim ersten Schusse geglaubt, daß er ihr gegolten habe, und also die Augen zugemacht. Darum wußte sie gar nicht, daß ihre Peiniger todt seien.

»Sennora, Fräulein, kommen Sie! Schnell!« sagte Wilkins, indem er ihre Bande durchschnitt.

Sie öffnete die Augen und erblickte ihn. Er hatte deutsch gesprochen, da er ja von Steinbach wußte, daß sie eine Deutsche sei.

»Herrgott! Wer sind Sie?« fragte sie.

»Sennora Magda! Sennorita!« sagte Zimmermann.

Sie warf ihren Blick auf ihn.

»Sennor Carlos!«

»Kommen Sie! Rasch, rasch!«

Jetzt bedurfte es nicht eines zweiten Rufes. Sie sprang auf die Oeffnung zu und kam herein.

»Schnell weiter hinab, daß auch ich Platz habe,« bat Wilkins.

Die Beiden stiegen hinab; das heißt, er stieg, sie aber fiel mehr als daß sie stieg. Die Angst, die Anstrengung und Entbehrung der letzten Tage und Stunden machte sich endlich geltend. Er mußte sie stützen, und als sie unten die letzten Stufen erreichten, brach sie ohnmächtig zusammen.

»Mein Gott, sie stirbt!« klagte Zimmermann.

Wilkins achtete nicht auf die Worte. Er hatte den Deckel wieder zugezogen und lauschte, was nun draußen geschehen werde.

»Haben Sie es gehört? Sie stirbt!« rief es von unten.

»Schweigen Sie!«

»Wenn sie stirbt? Schweigen?«

»Fällt ihr nicht ein!«

»Herr, mein Heiland! Sie ist ja schon todt!«

»Wollen Sie still sein! Ich habe hier zu horchen. Unsere Sicherheit hängt davon ab.«

»Was geht mich unsere Sicherheit an, wenn Magda stirbt. Haben Sie denn kein Herz?«

»Und ich sage Ihnen nochmals, daß Sie schweigen sollen, sonst haben Sie es mit mir zu thun! Sind Sie denn ein Kind?«

Das half. Zimmermann war ruhig. Erst nach einer längeren Pause, während welcher ein dumpfes Heulen und Schreien von draußen hereingedrungen war, kam Wilkins herabgestiegen. Er meinte:

»Ich glaube, daß wir sicher sind.«

»Sicher! Das ist das Wenigste!«

»Oho! Wenn sie nun nach der Insel kämen, die Oeffnung entdeckten und uns folgten!«

»So würde ich den Gang gegen Hunderte vertheidigen.«

»Ja, Sie sind ein großer Held, besonders wenn es sich um die Ohnmacht einer Dame handelt. Glücklicher Weise liegt das Boot an der Insel, und ein zweites haben die Hallunken nicht. Wir dürfen also annehmen, daß sie wenigstens jetzt noch am Ufer bleiben. Steinbach wird sie beschäftigen. Wie steht es denn mit der Sennorita?«

»Todt! Ich glaube, Steinbach hat sie geschossen.«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht.«

»So leuchten Sie. Ich werde nachsehen.«

Die Rücksicht auf das Geschlecht der Ohnmächtigen hinderte ihn, die Kleider zu entfernen, aber auch so kam er zu der Ueberzeugung, daß sie nicht verwundet worden sei. Es war kein Tropfen Blutes am ganzen Gewande zu bemerken.

»Erschossen!« lachte er. »Vier Schüsse sind gefallen, und vier Leichen liegen oben; das giebt vier Kugeln in die Köpfe. Woher sollte die Kugel gekommen sein, welche die Sennorita getödtet hätte?«

»So meinen Sie wirklich, daß sie nur ohnmächtig ist?«

»Ja.«

»Was ist da zu thun?«

»Nichts. Wasser haben wir nicht. Wir müssen warten.«

»Tragen wir sie fort!«

»Pst! Junger Mann, bedenken Sie! Eine alte Negerin oder Indianerin könnte man in die Arme nehmen und forttragen. Bei einer jungen, hübschen Lady aber darf man sich so Etwas nicht erlauben.«

»Aber wenn sie nicht wieder erwacht!«

»Unsinn! An einer Ohnmacht ist noch keine Fliege gestorben, viel weniger eine Dame.«

»Ich habe solche Angst.«

»Und Sie wollen ein Jäger sein und diesen Haufen Maricopa's verfolgt haben!«

Da blickte Zimmermann ihn ernst an und antwortete:

»Das ist etwas Anderes. Um mich habe ich niemals Angst, um einen andern Menschen aber kann und darf ich sie haben, ohne eine Memme zu sein. Vielleicht verstehen Sie das nicht, Master Wilkins.«

»Na, bitte, verzeihen Sie! So war es freilich nicht gemeint. Wenn man Jemand lieb hat, so ist die Angst begreiflich, welche selbst der Beherzte empfindet. Ich kenne das. Ich habe ja eine Tochter. Und diese Dame ist Ihre – – hm! – Ihre Verwandte?«

»Nein. Ich sah sie nur zweimal, ganz vorübergehend, so daß ich kaum einige Worte mit ihr wechseln konnte. Dennoch aber habe ich die Pflicht –«

Er hielt inne. Magda hatte sich bewegt. Er legte den Mund an ihr Ohr und sagte:

»Magda! Sennorita Magda!«

»Was?« hauchte sie, ohne aber die Augen zu öffnen.

»Sehen Sie mich! Ich bin da.«

»Wer?«

»Karl! Karlos! Sie sind gerettet!«

»Gerettet – Karlos!« flüsterte sie.

Ein glückliches Lächeln glitt über ihr schönes Gesicht; aber die Augen blieben doch geschlossen. Es war, als ob sie in einen Schlaf versinken wolle.

»Wir dürfen sie nicht hier liegen lassen,« sagte Wilkins. »Tragen – das möchte ich auch nicht. Sie scheint auf Sie zu hören. Versuchen Sie es, sie munter zu machen!«

Zimmermann näherte seine Lippen abermals ihrem Ohre und sagte in bittendem Tone:

»Magda! Hören Sie mich?«

»Ja,« antwortete sie, aber erst als er seine Frage wiederholt hatte.

»Bitte, sehen Sie mich an!«

Jetzt schlug sie die Augen auf, richtete den Blick auf ihn, hielt denselben einige Augenblicke auf ihn geheftet und ließ dann die Lider wieder sinken.

»Er ist es,« lispelte sie. »Schöner Traum!«

»Es ist kein Traum. Sie wachen. Bitte, sehen Sie mich noch einmal an, Sennorita!«

Sie schlug die langen Wimpern abermals empor. Ihr Blick wurde belebter, selbstbewußter.

»Kein Traum?« fragte sie, umherblickend.

»Nein. Es ist Wirklichkeit.«

»Wirklichkeit?«

Sie richtete sich auf und blickte abermals um sich. Ihr Gesicht war blaß gewesen. Jetzt aber schoß eine glühende Röthe in dasselbe.

»Mein Gott, hier habe ich gelegen. Sennor Karlos! Wo bin ich denn? Wer ist dieser Sennor?«

»Sennor Wilkins, Ihr Retter.«

»Mein Retter? Also bin ich wirklich gerettet?«

»Ja. Sie befinden sich in Sicherheit.«

»Wo sind die Indianer?«

»Draußen am See. Sie befinden sich im Innern der Insel. Wir haben Sie herein geholt.«

»Ich dachte, man wolle mich erschießen.«

»Die Kugeln waren auf Ihre Peiniger gerichtet, welche nun todt sind.«

»Todt!« schauderte sie zusammen. »Schrecklich, schrecklich! Aber Gott sei ewig Dank, wenn ich mich wirklich in Sicherheit befinde! Was habe ich ausgestanden!«

Sie schlug die Hände vor das Gesicht, und nun kamen ihr die Thränen. Sie weinte.

Die Beiden ließen sie gewähren; dann sagte Wilkins:

»Beruhigen Sie sich jetzt, Sennorita! Sie haben nichts mehr zu befürchten. Der Schutz, unter welchem Sie sich jetzt befinden, ist stark genug, Sie gegen jedes fernere Weh zu bewahren.«

»Mein Vater! Meine Mutter!«

»Hoffentlich werden Sie Beide wiedersehen. Bitte, ermannen Sie sich! Es ist nicht gut möglich, daß wir uns länger hier verweilen.«

»Wohin gehen wir? Wohin führen Sie mich!«

»In das große Haus am See, welches Sie gesehen haben werden.«

»In die Mission, wo die Apachen sind? Werden sie mich nicht feindlich behandeln?«

»O nein. Die Apachen sind Ihre Freunde. Wir haben ja bereits seit gestern auf Sie gewartet, um Sie zu retten.«

»Seit gestern? Ah! Es war ein Sennor im Walde, welcher heimlich mit mir von Rettung sprach.«

»Er ist hier. Er ist es, welcher die vier Indianer erschossen hat, welche Sie an den Marterpfahl gebunden haben. Sie finden lauter Freunde, lauter Leute, welche es sehr gut mit Ihnen meinen. Ich werde Sie zu meiner Tochter bringen, von der Sie einen sehr freundlichen Empfang zu erwarten haben, zumal Sie einer Person sehr ähnlich sehen, welche wir so lieb gehabt haben. Glauben Sie, daß Sie nun wieder gehen können?«

»Ich glaube es. Versuchen wir es!«

Wilkins schritt mit dem Lichte voran; Magda folgte, und Zimmermann machte den Beschluß. Das abgemattete Mädchen kam nur langsam vorwärts; es dauerte sehr lange, ehe sie in den offenen Hof des Gebäudes traten. Soeben erscholl von dem Dache herab ein lautes, vielstimmiges, braußendes Gelächter.

»Was ist das?« fragte Magda befremdet. »War dies ein Lachen oder ein Indianergeheul?«

»Es ist unbedingt ein Gelächter,« antwortete Wilkins, »und doch kann ich es nicht glauben. Worüber sollte man so lachen? Unsere Lage ist ernst. Kommen Sie!«

Er führte sie eine Treppe hoch hinauf, öffnete eine Thür und sagte in das dahinter liegende Zimmer:

»Hier, Almy, ist die Dame. Wir haben sie gerettet. Ich muß gleich wieder fort. Entschuldige mich bei ihr! Sobald ich kann, komme ich wieder.«

Magda trat ein. Er machte die Thür hinter ihr zu und eilte auf die Plattform des Daches empor. Er kam grad noch zur rechten Zeit, um die letzte Scene des lächerlichen Intermezzos zu sehen.

Am hinteren Ende des Sees wuschen sich die Maricopas, welche sich dorthin retirirt hatten. Mehrere tanzten und schrieen noch im Mittelgrunde herum, und weiter im Vordergrunde, wälzte sich noch Der im Grase, welcher auf dem Baume und im Wasser vergebens Schutz vor den mephitischen Dünsten gesucht hatte.

»Was ist denn geschehen?« fragte er.

»Das will ich Euch wohl sagen,« antwortete Jim. »So Etwas ist ebenso unglaublich wie außerordentlich. Zwar weiß ich nicht, wie es eigentlich zugegangen ist, aber – ah, da kommen die beiden Mesch'schurs selbst, welche dieses Lustspiel gedichtet haben. Wendet Euch also an sie, Master Wilkins.«

Steinbach und Sam waren von der anderen Seite auf das Dach getreten. Sie wurden sofort umringt und mußten erklären. Steinbach that dies in kurzen Worten. Sam war mit dabei gewesen, zeigte sich aber dennoch von dieser Erklärung nicht zufriedengestellt. Er sagte:

»So weit ist Alles sehr leicht begreiflich. Wie aber steht es mit dem Blitze in der Hand, Master Steinbach?«

»Habt Ihr schon einmal von einem Schlagring gehört?«

»Ja. Man soll dergleichen drüben in den Alpen haben, um bei Prügeleien einen guten Hieb zu führen.«

»Auch von einem Schießringe?«

»Schießring? Nein. Was ist das?«

»Hier ist er. Seht ihn Euch an!«

Er zog den Ring aus der Tasche. Dieser ging natürlich von Hand zu Hand und wurde höchlichst bewundert.

»Die Construction ist sehr einfach. Der Ring hat fünf Schüsse,« erklärte Steinbach. »Bei jedem Hiebe geht einer los. Nach dem fünften Hiebe aber muß man natürlich wieder laden. Die Indianer haben nicht bemerkt, daß ich vor dem Hiebe diesen Schießring anlegte, den ich dann natürlich sogleich wieder in die Tasche steckte. Doch das ist Nebensache. Wie ist es mit der Dame gelungen, Master Wilkins?«

»Sehr gut. Sie befindet sich bei meiner Tochter. Hoffentlich werden die Maricopa's nicht entdecken, wie – – Sapperment! Schwimmen da nicht Einige auf die Insel zu? Ich sehe die Köpfe.«

»Ja,« meinte Steinbach. »Sie werden die vier Leichen holen wollen.«

»Leiden wir dies?«

»Warum nicht?«

»Sie werden unser Geheimniß entdecken.«

»Vielleicht nicht.«

»O, ganz gewiß. Wenn die Thür einmal geöffnet gewesen ist, legt sich das Gras nicht wieder so genau wie vorher um den Umriß derselben. Man muß sich erst nach der Insel begeben, um die Spur zu vertilgen. Diese Leute werden sofort entdecken, daß sich eine Fallthür da befindet. Sie machen die Anderen darauf aufmerksam; diese steigen hinab – –«

»Nun, daran wollen wir sie hindern.«

Als Steinbach diese Worte sagte, zog er die Axt aus dem Gürtel und nahm sie aus dem Futterale. Man hatte vorhin von hier oben seine Meisterschüsse gesehen und sie nicht begreifen können, zumal es von hier aus erschienen war, als ob er mit der Axt geschossen habe. Darum waren Aller Augen jetzt auf diese eigenthümliche Waffe gerichtet. Als er sie zum Schusse anlegte, wendeten sich die Blicke hinaus auf das Wasser des Sees. Dort stand in diesem Augenblicke der vorderste der Schwimmer im Begriff, an das Ufer der Insel zu springen. Steinbach legte die Hand an den Mund und stieß einen schrillen, durchdringenden Schrei aus, wie die Indianer zu thun pflegen, wenn sie einander warnen wollen.

Der Rothe verstand den Laut und wendete sich, um herüber zu blicken. Steinbach winkte ihm mit dem Arme vom Ufer ab. Der Mann besann sich einen Augenblick, ob er es thun solle oder nicht, stieg aber dann doch auf die Insel.

»Gut! Wer nicht hört, der muß fühlen,« sagte Steinbach.

»Werden Sie ihn erschießen?« fragte Wilkins.

»Nein. Er hielt einen Spieß in der Hand, grad wie die andern Schwimmer auch. Jedenfalls wollen sie die Leichen an die Lanzen befestigen, um sie an das Land zu schaffen. Ich werde ihm die eine Hand lahm schießen.«

Er zielte, und der Schuß krachte. Der Wilde warf die Hand hoch empor und stieß einen lauten Schrei aus. Da stieg der Zweite ans Land, auch eine Lanze in der Hand. Der zweite Schuß blitzte auf, und der Getroffene machte dieselbe Handbewegung. Im nächsten Augenblicke sprangen Beide wieder in das Wasser und kehrten nach dem Ufer zurück. Sie hatten gemerkt, daß diese Schüsse genau so beabsichtigt gewesen waren, wie sie getroffen hatten.

»Donnerwetter!« sagte Tim. »Welche Meisterschüsse!«

»Esel! Da wunderst Du Dich?« antwortete Sam.

»Natürlich! Ein Flößer, der so schießt!«

»Dreifacher Esel! Ein Flößer! Pah! Der Fürst der Bleichgesichter ists.«

»Alle Teufel! Ists wahr?«

»Natürlich!«

»Von wem weißt Du es?«

»Von ihm selbst. Kann es auch anders sein? Ich habe es sofort gemerkt.«

»Du? Laß Dich nicht auslachen! Grad Du bist Derjenige gewesen, der sich am Allermeisten über ihn moquirt hat.«

»Das war zum Spaße.«

»Gehe mir mit Deinem Spaße! Wer da weiß, daß er es mit dem Fürsten zu thun hat, der wagt es nicht, Spaß mit ihm zu treiben. Nun aber ist mir Alles erklärlich. Sapperment! Welche Ehre, mit so einem Meister zusammenzutreffen! Hört Ihr es, wer er ist?«

Das Wort »Fürst der Bleichgesichter« ging von Mund zu Mund der Weißen und der Name »Tan-ni-kay« von Mund zu Mund der Apachen. Es waren ganz andere Blicke, welche jetzt auf ihn gerichtet wurden.

Er aber that, als ob er dies gar nicht bemerke, und wendete sich an den Häuptling der Apachen:

»Wo ist der Anführer der Maricopa's?«

»Mein Bruder komme, ihn zu sehen!«

Der Apache führte ihn hinab in ein Zimmer, in welchem sich der »eiserne Mund« befand, gefesselt an Händen und Füßen, entwaffnet und bewacht von zwei bewaffneten Apachen. Der Gefangene lag stolz und bewegungslos am Boden. Er that, als ob er die Eintretenden gar nicht bemerke.

»Warum hat mein rother Freund ihn gefesselt?«

»Weil er gefangen ist.«

»Er wird bald wieder frei sein.«

»Frei?«

Es war der Ausdruck eines ganz außerordentlichen Erstaunens, mit welchem die »starke Hand« dieses Wort sprach. Steinbach zog ihn mit sich fort an das Fenster, wo sich zwischen Beiden ein leise geführtes aber höchst angeregtes Gespräch entwickelte. Der Weiße wollte den Rothen zum Frieden, zur Versöhnung bewegen. Er hatte einen schweren Kampf, ging aber endlich doch als Sieger aus demselben hervor.

»Mein Bruder thue, was ihm beliebt,« sagte der Apache. »Er mag mich rufen lassen, wenn er mich braucht.«

Er verließ das Zimmer, jedenfalls in der Absicht, seine Apachen auf die von ihnen ungeahnte Wendung der Verhältnisse vorzubereiten. Steinbach trat zu dem Gefangenen und löste ihm die Fesseln.

»Stehe auf,« gebot er ihm.

Der Maricopa blieb liegen.

»Warum thust Du nicht, was ich Dir sage?«

»Die »eiserne Hand« kann auch liegend sterben!«

»Du wirst nicht sterben.«

»Nicht?«

»Nein, sondern Du wirst leben.«

»Als Diener und Sclave der Apachen?«

»Als freier Mann.«

Da fuhr der Maricopa mit einem Satze empor.

»Sagst Du die Wahrheit?«

»Hat der Fürst der Bleichgesichter jemals gelogen?«

»Nein. Aber Du hast nicht über mich zu bestimmen.«

»Wer sonst? Ich bin hier Gebieter.«

»Der Apache hat mich gefangen genommen.«

»Er hat Dich in meine Hand gegeben. Wo hast Du Deine Waffen?«

»Man hat sie in die Stube getragen, welche nebenan liegt.«

»So komm mit!«

Er trat mit ihm in das betreffende Gemach. Dort lag Alles, was man ihm abgenommen hatte, auf dem Tische.

»Nimm es Dir wieder! Es ist Dein Eigenthum.«

Der Rothe blickte den Weißen mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke an. Nach seinem Begriffe war der Letztere gradezu verrückt.

»Du wunderst Dich über mich,« lächelte Steinbach. »Ich bin nicht Dein Feind. Wenn Du mir Dein Wort giebst, dieses Haus nicht ohne meine Erlaubniß zu verlassen, wird Dir nicht das Geringste geschehen.«

»Ich gebe es Dir.«

»So lege Deine Waffen an, und komm dann in das erste Gemach zurück.«

Steinbach ging voran und gab den beiden Wachen, die sich noch da befanden, den Befehl, die gefangenen Söhne des Häuptlings herbeizuholen.

Dieser Letztere kam bald nach. Er erhielt eine Decke, um sich nach seiner Manier setzen zu können. Als gleich darauf seine Söhne eintraten, ungefesselt und mit ihren Messern und Bogen und Köchern bewaffnet, schien sein Erstaunen gradezu in das Maßlose zu gehen. Zwar war er zu sehr Indianer, als daß er sich zu einer Freudenscene hätte hinreißen lassen; er blieb vielmehr scheinbar gleichgiltig und gab den beiden Jünglingen einen Wink, sich hinter ihm niederzusetzen, aber in seinem Auge glänzte doch ein nicht ganz zu verbergendes Etwas, und seine Stimme zitterte leise, als er sagte:

»Du selbst hast sie gefangen?«

»Ja.«

»Und giebst sie wieder frei?«

»Sie können gehen, wenn sie wollen.«

Da, erst jetzt, holte er tief Athem, wie um sich von einem schweren Alp zu befreien, und sagte, grad wie das »scharfe Beil« vorhin gesagt hatte:

»Warum sind nicht alle weißen Männer so wie Du!«

»Und nicht alle rothen so wie Du.«

»Das kommt von Deiner Zunge, nicht aber aus Deinem Herzen!«

»Es kommt aus dem Herzen.«

»Wie nun, wenn Du Dich in mir verrechnest.«

»So werde ich es sehr bedauern, Dich für edler gehalten zu haben, als Du wirklich bist, trotzdem aber werde ich ein Freund der rothen Männer bleiben.«

Da blickte der »eiserne Mund« lange schweigend vor sich hin. Ob wohl eine innere Wandlung mit ihm vorging? Endlich sagte er:

»Du bist der Häuptling der Bleichgesichter, und Du bist werth, diesen schönen Namen zu führen. Komm her zu mir, und setze Dich an meine Seite!«

Steinbach folgte natürlich dieser Aufforderung.

»Sage mir, was Du von mir verlangst!« forderte ihn der Rothe auf.

»Ich bitte Dich um Das, um was ich Dich bereits gebeten habe. Das weiße Mädchen hast Du mir verweigert; wir haben es uns selbst geholt. Nennst Du den »silbernen Mann« auch ferner Deinen Freund?«

»Ich habe ihn vorhin so genannt; aber er ist es niemals gewesen. Ich habe ihm mein Wort gegeben, ihn zu schützen, und dieses Wort kann ich nicht brechen.«

»So darf ich Dich nicht weiter bitten. Wirst Du ihn auch später beschützen, wenn Du von diesem Zuge nach Deinem Dorfe zurückkehrst?«

»Dann bin ich meiner Verbindlichkeit ledig.«

»Wie kommt es, daß er Dein Gefährte geworden ist?«

»Er ist das einzige Bleichgesicht in unserer Nähe. Die Maricopa's kaufen Gewehre, Pulver, Kugeln, Messer und alles Andere bei ihm im Todesthale. Daher kennen wir ihn, und daher zogen wir mit ihm, weil er uns die Gräber unserer Feinde versprach, während er die Schätze erhalten solle, welche wir nicht brauchen und nicht achten.«

»So mag er noch so lange unbelästigt bleiben, wie er sich unter Deinem Schutze befindet. Dann aber werde ich ihn heimsuchen.«

»Hast Du eine Rache an ihn?«

»Ja.«

»So nimm Dich in Acht. Er ist schlau und gewaltthätig. Ich habe mehrere Männer gekannt, welche eine Rache an ihn hatten. Sie kamen zu ihm, sind aber niemals wieder von ihm fortgegangen.«

»Kennst Du vielleicht ihre Namen?«

»Nein.«

»Du hast sie nicht gehört?«

»Ich habe sie gehört; aber die Namen der Bleichgesichter sind dem Ohre des rothen Mannes Das, was der Sand dem Auge ist; er thut ihm wehe. Ich habe Zwei gesehen. Erst kam Einer, welcher jung war. Wenn er alt geworden wäre, hätte er das Gesicht Deines Freundes, welchem dieses Haus gehört, erhalten.«

»Wie! Meinst Du, daß er Wilkins ähnlich gesehen habe?«

»Heißt der Herr dieses Hauses Wilkins?«

»Ja.«

»So hat jener junge Mann Wilkins ähnlich gesehen.«

»Herrgott! Endlich wird Licht! Und den Zweiten hast Du auch gesehen?«

»Einige Male.«

»Wie hieß er?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, wem auch er so sehr ähnlich gesehen hat.«

»Nun wem?«

»Dem bleichgesichtigen Mädchen, welches wir hierher gebracht haben, um sie zu opfern.«

*

49

Steinbach wäre beinahe aufgesprungen; er besann sich noch, daß der Indianer zu stolz ist, seine Erregung merken zu lassen. Er als »Fürst der Bleichgesichter« durfte also nicht weniger Selbstbeherrschung zeigen.

»Willst Du mir wohl sagen, wie, wann und wo Du diese beiden Männer gesehen und getroffen hast?«

»Jetzt nicht, aber wenn der »silberne Mann« nicht mehr unter meinem Schutze steht. Jetzt bin ich sein Schirm und Schild; ich darf nicht von ihm erzählen.«

»Ich sehe ein, daß Du nicht anders kannst. Ich habe mit dem Häuptling der Apachen gesprochen. Er ist bereit, die Friedenspfeife mit Dir zu rauchen. Es ist besser, wenn Friede und Freundschaft zwischen den rothen Männern herrscht. Soll ich ihn rufen?«

»Nein.«

»Warum nicht? Wünschest Du nicht auch den Frieden?«

»Ich wünsche ihn, aber ich kann ihn jetzt noch nicht haben. Die Apachen haben mir in letzter Nacht meine Krieger getödtet. Blut um Blut, Leben um Leben, Mensch um Mensch. Wenn sie mir ebenso viele ihrer Leute geben, werde ich das Calummet rauchen.«

»Das werden sie nicht thun. Aber ich werde Dir für Deine rothen Krieger einige Bleichgesichter geben.«

Das electrisirte den Maricopa. Dieses Anerbieten war eigentlich ein unglaubbares, ein ungeheuerliches. Ein Bleichgesicht wollte seine Brüder hergeben. Aber ein weißer Gefangener ist dem Indianer lieber als zehn rothe. Darum fragte »der eiserne Mund«:

»Mein Ohr ist scharf; aber ich glaube, daß es jetzt geträumt hat. Was sagtest Du?«

»Wir haben mehrere weiße Gefangene unten im Keller; diese will ich Dir geben an Stelle der Apachen, welche Du verlangst.«

»Wie viele sind ihrer?«

Steinbach gab die Zahl an. Da rief der Rothe erstaunt:

»Und die willst Du mir geben, damit ich sie scalpiren kann!«

»Nein. Das sollst Du nicht. Du sollst sie mit Dir nehmen in die Wohnungen Deines Stammes, damit sie Dir dienen und Deine Befehle erfüllen. Sind sie Dir untreu, und begehen sie Verbrechen, dann, ja dann magst Du machen mit ihnen, was Dir beliebt.«

»So sind es nicht Freunde von Dir?«

»Nein.«

»Was haben sie Dir gethan?«

»Mir nichts. Sie sind Räuber und Mörder. Wenn sie nicht wären, so wäre auch Dein jetziger Kriegszug nicht verunglückt.«

»Willst Du mir das erklären?«

»Sie sind schuld, daß wir von Deiner Ankunft erfuhren. Einer ihrer Verbündeten sandte ihnen die Botschaft, daß Du mit einem weißen Mädchen nach dem Silbersee kommen werdest. Von ihnen haben wir es erfahren. Sonst hätten wir nichts gewußt, und Dein Ueberfall wäre Dir gelungen.«

Da glühten die Augen des Maricopa grimmig auf. Er sagte zornig:

»Und diese Männer giebst Du mir mit?«

»Alle. Nur Einen behalte ich für mich zurück.«

»Sie sollen meine Diener sein, ja, meine Diener und es soll ihnen an nichts fehlen, an gar nichts!«

Das hieß natürlich, daß sie seine Sclaven sein würden und daß es ihnen an Allem fehlen werde.

»Rufe den Häuptling der Apachen herbei!« fuhr er fort. »Ich bin bereit, mit Euch die Pfeife des Friedens zu rauchen.«

Kurze Zeit später saßen die beiden Häuptlinge mit Wilkins, Sam und Steinbach rund um ein Feuerbecken und besprachen die Grundlagen eines ewigen Friedens zwischen den Kriegern der Apachen und denjenigen der Maricopa's. Dieser Frieden wurde abgeschlossen, mit kräftigen Handschlägen besiegelt und aus dem Calummet beraucht.

Dann machte sich eine Prozession von rothen und weißen Männern auf, um den Maricopa's die Nachricht der Versöhnung zu bringen. Sie wurde von ihnen mit aufrichtiger Freude aufgenommen; Keiner aber freute sich so sehr, wie das alte, ehrliche »scharfe Beil«. Dieser Indianer ruhte nicht eher, als bis Steinbach mit ihm eine Extra-Friedenspfeife geraucht hatte.

Dabei fiel es Steinbach ein und auf, daß er Roulin, den silbernen Mann, gar nicht mehr zu sehen bekam. Als er den Alten nach ihm fragte, antwortete dieser mit einem spöttischen Achselzucken:

»Der silberne Mann ist wie der Thau.«

»Wieso?«

»Wenn die Sonne des Friedens kommt, vergeht er.«

»Meinst Du etwa, daß er nicht mehr da sei?«

»Das meine ich. Als Dein Gewehr unsere vier Krieger getödtet hatte, sah er, daß das weiße Mädchen in Eure Hände gerieth. Dann nahmt Ihr unsern Häuptling gefangen, er glaubte nun, daß unser Kriegszug verunglückt sei und daß wir uns an ihm, der der Anstifter war, rächen würden. Er ist ganz unbemerkt auf seinem Pferde davongeritten.«

Jetzt, da er das erfuhr, dachte Steinbach gar nicht daran, seine Erregung unter der Maske des Gleichmuthes zu verbergen. Er sprang von seinem Sitze empor und suchte den Häuptling der Maricopa's auf, welcher mit Sam, Wilkins und dem Häuptling der Apachen unter einem Baume saß, wo eine wiederholte Friedenspfeife den neu geschlossenen Bund zum wievielten Male bekräftigte.

Der »eiserne Mund« wollte es zunächst gar nicht glauben, daß sein weißer Verbündeter sich ohne Abschied entfernt habe. Weitere Nachforschungen ergaben aber die Richtigkeit dieser Aussage.

»Steht er nun noch unter Deinem Schutze?« fragte ihn Steinbach.

»Nein. Er hat sich aus demselben entfernt. Als er mich gefangen sah, ist er entflohen. Der Feigling ist mein Gefährte gewesen, wird es aber niemals wieder sein.«

»Wir müssen ihm schleunigst nach.«

»Warum?« fragte Wilkins.

»Weil er uns Auskunft über Ihren Neffen und auch über Adler geben kann.«

»Ist das möglich?«

»Ganz gewiß. Ich gehe sofort zu Magda Hauser, um zu versuchen, etwas Näheres über ihn zu erfahren.«

Als er bei den beiden Mädchen eintrat, machte seine Gestalt einen gewaltigen Eindruck auf Magda. Wieder hätte er bei ihrem Anblicke den Namen Tschita ausrufen mögen, so sehr ähnlich sah sie der einstigen Sultana. Leider konnte sie ihm nicht die gewünschte Auskunft geben, weder über ihre Eltern, noch über Roulin. Das Porträt ihrer Mutter aber besaß sie. Sie hatte es an einem goldenen Kettchen an ihrem Halse hängen. Als sie das Medaillon öffnete und er den Kopf sah, fuhr er mit der Hand zum Herzen.

»Anna von Adlerhorst!« hätte er beinahe ausgerufen. Doch drängte er die Worte noch zeitig genug zurück. Es konnte ja eine Täuschung möglich sein.

Da machte Almy ihn auf ein Anderes aufmerksam. Sie fragte ihn:

»Sie suchen Herrn Adler, den einstigen Oberaufseher meines Vaters. Haben Sie ihn einmal gesehen?«

»Nein.«

»So sehen Sie sich hier meine neue Freundin an. Magda sieht ihm außerordentlich ähnlich. Als er nach dem Westen ging, ließ er mir seine Photographie als Andenken zurück. Ich werde sie Ihnen zeigen.«

Sie brachte das heilig gehaltene Bild herbei. Als er einen Blick auf dasselbe warf, war es ihm ganz so, als ob er das Porträt Hermann von Adlerhorsts erblicke, welcher sich in Constantinopel Wallert genannt hatte. Doch ließ Steinbach sich auch hiervon nichts merken.

Er begab sich wieder hinaus an den See, um mit dem »eisernen Mund« zu sprechen. Dieser war nicht mehr vorhanden. Er hatte mit der »starken Hand« und einem Apachen den Silbersee verlassen, um der Fährte des »silbernen Mannes« nachzufolgen.

So thatkräftig und schnell entschlossen war der Häuptling der Apachen. Der »eiserne Mund« hatte sich ihm sogleich angeschlossen, um ihm einen Freundschaftsbeweis zu geben und sich zugleich an Roulin zu rächen.

Jetzt nun gab es große Berathung. Nun Wilkins wußte, wo er von den beiden Verschwundenen Nachricht erhalten konnte, litt es ihn nicht länger am Silbersee. Auch er wollte Roulin nach. Steinbach hatte natürlich dieselbe Absicht. Sam, Tim, Jim und Zimmermann erklärten, daß sie sich anschließen würden.

So verging der Nachmittag, der Abend und die Nacht unter dem Schmieden verschiedener Pläne. Am Morgen erhielten die Maricopa's die ihnen zugesagten Buschheaders ausgeliefert. Diese waren nicht wenig erschrocken, als sie erfuhren, welches Schicksal ihrer wartete. Sie hatten es verdient. Sie wollten sich beschweren; sie klagten, zankten, fluchten; es half ihnen nichts. Die Maricopa's zogen am Nachmittage mit ihnen ab. Natürlich nahmen sie die unscalpirten Leichen ihrer gefallenen Krieger mit.

Gegen Abend kehrte der Apache, welcher die beiden Häuptlinge begleitet hatte, auf schweißtriefendem Pferde zurück und meldete, daß die beiden Genannten der Fährte Roulin's bis nach dem Campo grande gefolgt seien; dorthin sollten die Andern nachkommen.

Nun gab es kein Halten mehr. Magda wollte zu ihren Eltern in das Todesthal. Almy wollte nicht zurückbleiben, da es sich um das Auffinden Adlers handelte. Es wurde beschlossen, die beiden Mädchen nach San Marcial zu bringen, wo sie mit der Südbahn bis nach Mohawk-Station fahren sollten, um unter dem Schutze Jims und Tims und Zimmermanns dort die Andern zu erwarten.

Von den Gefangenen war nur Einer zurückgeblieben, nämlich der einstige Derwisch, welchen Steinbach für sich behalten wollte. Er sollte von dem Förster Rothe verpflegt und bewacht werden, welcher mit seinen Verwandten am Silbersee blieb, um Sams Rückkehr daselbst abzuwarten. Natürlich war der Förster nicht allein. Es blieb eine Anzahl der Apachen da, um das Missionsgebäude zu hüten, und diese Leute schienen zuverlässig genug zu sein, so daß man ihnen Alles anvertrauen konnte, zumal kein Grund vorhanden war, irgend ein störendes oder gar feindseliges Ereigniß zu erwarten.

Am frühen Morgen bereits wurde aufgebrochen. Dann lag der Silbersee, an dessen Wasser es in der letzten Zeit so lebhaft hergegangen war, still und einsam an seinen Ufern. Gab es in seiner Nähe oder im Missionsgebäude denn wirklich solche Schätze, wie man vermuthete – –?

Bereits am Nachmittage wurde diese Einsamkeit unterbrochen. Durch den vom Norden in das Thal führenden Paß kamen drei Reiter langsam herbeigetrabt. Zwei trugen abgeschabte Jägerkleidung. Der Dritte hatte ein weniger mitgenommenes Gewand an. Auch sein Pferd war frischer und rüstiger als die Thiere, er deutete auf das Wasser und sagte:

»Das ist der Silbersee, Sennor, von welchem ich sagte, daß wir vorüber müßten. Hat Eure Reise Eile?«

»Warum fragt Ihr?«

»Weil mir scheint, daß wir bald einen Regen haben werden, und ich möchte die Nacht lieber in einem Zimmer zubringen, als unter dem Himmel. Trocken bleiben ist auf alle Fälle besser, als im Regen im Walde campiren.«

»Ihr sprecht vom Zimmer. Giebt es denn hier irgend einen bewohnten Ort?«

»Natürlich. Das ist die alte, berühmte Mission am Silbersee.«

»Ah! Mönche! Das ist mein Geschmack nicht.«

»Die waren früher einmal da, sind nun aber schon längst zu den andern frommen Vätern versammelt. Was Ihr da finden werdet, sieht gar nicht nach Mönch aus, nicht einmal nach Nonne.«

»Doch nicht etwa eine junge Sennorita?«

»Grad das und nichts Anderes. Und was für Eine! Schön wie ein Engel, fromm wie eine Heilige und verführerisch wie eine Venus.«

»Wer ist sie denn, und wie heißt sie?«

»Die eine Frage kann ich beantworten, die andere aber nicht. Sie wird allgemein die Taube des Urwaldes genannt und wohnt mit ihrem Vater unter dem Schutze der Apachen in der alten, verlassenen Mission.«

»Sie muß doch einen Namen haben.«

»Hoffentlich. Ich kenne ihn leider nicht.«

»Ist sie reich?«

»Läßt sich denken. Hier um den See herum soll mancher Schatz vergraben liegen.«

»Ist es noch weit bis zu der Mission?«

»Gar nicht. Hier biegen wir um den Felsen, und da liegt sie. Seht Ihr, da links.«

»Hm! Nicht übel. Und Ihr denkt, daß wir heut Regen bekommen?«

»Ganz gewiß. Wir haben Euch nichts zu befehlen. Ihr habt uns als Führer gemiethet und bezahlt uns gut. Wir müssen uns also nach Euern Befehlen richten. Aber wir haben doch auch auf Euer Wohl zu sehen, und wenn Ihr auf einen guten Rath hören wollt, so bleiben wir heut Nacht in der Mission.«

»Wird man uns dort aufnehmen?«

»Sehr gern. In solcher Gegend ist man froh, einen Weißen zu sehen.«

»Na, wollen es versuchen.«

Den beiden Führern war es um ein gutes Quartier, dem Herrn aber wohl meist um das Mädchen zu thun, welches man ihm als eine solche Schönheit beschrieben hatte, noch dazu unter so poetisch-geheimnißvollen Namen.

Es schien sich kein Mensch in der Nähe des Sees zu befinden. Die drei Reiter bemerkten freilich nicht die Apachen, welche hinter den Felsen saßen und den Eingang der Mission im Auge hatten. Der eine Führer klopfte. Er mußte dies wiederholt thun, ehe das Guckloch geöffnet wurde.

»Wer seid Ihr?« fragte die alte Indianerin.

»Reisende, wir kommen von Isleta und wollen nach Prescott hinab.«

»Weshalb klopft Ihr an?«

»Wir bitten um ein Quartier für die Nacht.«

»Schlaft unter den Bäumen!«

»Es wird heut regnen.«

»Hm! Seid Ihr Yankees?«

»Nein. Wir sind gute Neu-Mexikaner. Dieser Sennor aber ist aus dem Norden.«

»Ich werde fragen.«

Sie machte das Loch wieder zu.

»Sapperment!« lachte der Yankee. »War das etwa Eure Taube des Urwaldes?«

»Spottet nicht! So häßlich dieses alte Weib ist, so schön ist die Taube.«

»Wenn sie nur auch gastfreundlicher ist!«

»Keine Sorge. Wir erhalten sicherlich aufgemacht.«

Er hatte Recht. Bereits nach kurzer Zeit öffnete die Alte das Thor und sagte:

»Reitet hier herein, geradeaus bis in den Hof!«

Sie folgten dieser Weisung. Im Hofe saß ein Indianer zu Pferde. Er that so, als ob er sich gar nicht um sie bekümmere, nahm sie aber heimlich sehr scharf in die Augen. Als sie abgestiegen waren, sahen sie einen Mann aus dem Treppeneingang treten.

»Ist das der Vater der Taube?« fragte der Yankee.

»Nein. Ich kenne ihn nicht. Habe ihn noch niemals gesehen.«

»Ja. Dieser Kerl aber war niemals da.«

Der betreffende Mann kam langsam auf sie zu, grüßte und fragte in ziemlich schlechtem Englisch:

»Ihr wollt hier übernachten, Sennores?«

»Ja.«

»Darf ich vielleicht um Euern Namen bitten?«

Diese Frage war an den Yankee gerichtet. Derselbe gab zur Antwort:

»Ich heiße Leflor.«

»Woher?«

»Hm! Ihr scheint die Manieren eines Polizeimannes zu haben.«

»Ist hier auch nothwendig, zumal jetzt. Also bitte!«

»Aus Wilkinsfield, drüben in Arkansas.«

»Sapperment! Ist das möglich?«

»Möglich? Wieso? Es ist sogar wirklich. Wie kommt es, daß Ihr Euch so sehr darüber wundert, daß ich aus diesem Orte bin?«

»Weil der Herr dieses Hauses von ebenda her ist.«

»Alle Teufel! Wie heißt er?«

»Wilkins.«

Der Yankee erbleichte. Er war ja jener Leflor, welcher Wilkins aus seiner Pflanzung vertrieben, später nach ihm gesucht, ihn aber niemals gefunden hatte. Er beherrschte sich möglichst und meinte in scheinbar gleichgültigem Tone:

»Hoffentlich fallen wir diesem Herrn nicht beschwerlich.«

»O nein. Er ist verreist.«

»Ah! Auf wie lange?«

»Auf unbestimmte Zeit.«

»Seine Familie ist aber doch zurückgeblieben?«

»Leider nicht. Er hat nur Miß Almy, und diese ist mit ihm fort.«

»Wie schade. Ich hätte die Beiden gern begrüßt. Sind noch andere Personen aus jener Gegend da?«

»Keine einzige.«

»Das thut mir wirklich herzlich und aufrichtig leid. Lieber möchte ich da gleich wieder fort.«

»Oho! Wenn Ihr Master Wilkins kennt, so würdet Ihr ihm willkommen sein. Darum ist es meine Pflicht, Euch ebenso willkommen zu heißen. Kommt mit herauf zu uns! Eure Diener mögen sich dort an den Indianer wenden, der für sie sorgen wird.«

»Oho, Diener!« knurrte der eine Führer, hielt es aber doch für gut, sich in die Anordnung zu fügen.

Leflor war außerordentlich erschrocken gewesen; jetzt aber freute er sich königlich, hier eingekehrt zu sein. Er hatte den Aufenthalt des so lange Gesuchten kennen gelernt und hoffte, auch außerdem von dieser Entdeckung zu profitiren. Es kam nun, da er einmal seinen Namen und Wohnort genannt und beide unmöglich wieder ableugnen konnte, darauf an, daß sich Niemand hier befand, der sein Verhältniß zu Wilkins genau kannte.

Er folgte dem Manne nach oben in eine Stube, wo zwei Frauen und ein junger Bursche saßen.

»Ich bringe Euch hier einen guten Freund von Master Wilkins,« sagte er zu ihnen, »der gekommen ist, ihn zu besuchen.«

»Noch heut Morgen, Herr Leflor, hättet Ihr ihn angetroffen. Das läßt sich aber nun nicht ändern. Ich selbst bin eigentlich Gast hier. Ich heiße Rothe und war Förster drüben in Deutschland. Hier ist mein Sohn, meine Frau und meine Schwägerin, welche – ah, da fällt mir ein, daß Sam Barth ja auch in Wilkinsfield gewesen ist. Kennt Ihr ihn?«

»Ja,« antwortete Leflor erschrocken.

»Nun, das freut uns. Er ist nämlich der Bräutigam meiner Schwägerin.«

»Jedenfalls befindet er sich hier?«

»Nein. Er war hier, ist aber heut mit Master Wilkins, Jim und Tim und Steinbach fort.«

»Jim und Tim –?« entfuhr es Leflor.

»Ja. Kennt Ihr auch die?«

»Sehr gut. Nanntet Ihr da nicht auch einen Steinbach?«

»Ja. Er kam hierher, um einen gewissen Adler zu suchen, der in Wilkinsfield Oberaufseher gewesen ist. Vielleicht habt Ihr auch diesen gekannt?«

»Er war mein bester Freund.«

»Seht, seht! Wie sich das so trifft. Na, setzt Euch nieder und macht es Euch bequem. Wir werden den Abend recht gemüthlich verplaudern.«

Leflor nahm Platz und erfuhr nach einigen Fragen, daß er eine Entdeckung nicht zu fürchten habe. Es befand sich kein Mensch hier, der ihm hätte gefährlich werden können. Nun erst überkam ihm ein außerordentliches Wohlbehagen. Er kam sich vor wie ein Dieb, welchem der Hausherr nicht nur alle Schätze zeigt, sondern auch den Ort, an welchem sich die Schlüssel dazu befinden.

Die Frauen entfernten sich, um das Abendessen zu bereiten. Indessen ergingen die drei Andern sich in einem sehr animirten Gespräche, im Verlaufe dessen Leflor ganz unauffällig den Förster examinirte und dessen ganze Erlebnisse erfuhr. Ebenso bekam er die Erlebnisse der letzten Tage erzählt.

»Aber wo sind denn diese Leute alle hin, welche heute abgereist sind?« fragte er schließlich.

»Das weiß man nicht. Nur die beiden Häuptlinge, welche voran sind, wissen die Richtung. Die jungen Damen sind nach Mohawk-Station, wo sie warten, bis die Männer zu ihnen stoßen. Diese aber sind eben jenem Musjöh Roulin nach. Man hat mich nicht eingeweiht. Ich weiß nur das, was ich ganz zufällig gehört habe. So viel aber ist sicher, daß sie einen jungen Wilkins und jenen Adler suchen.«

Jetzt wurde das Essen aufgetragen. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der ehrliche Förster, ob auch das Essen für den Gefangenen fertig sei. Die Frage wurde bejahend beantwortet.

Für Leflor konnte jede Kleinigkeit hier von Nutzen werden. Ein Gefangener hier, das war sehr auffällig. Er fragte also wie nur so nebenbei:

»Es giebt hier Gefangene? Wohl Indianer?«

»O nein; er ist ein Weißer.«

»Doch nicht. Hat er eine Strafe abzusitzen?«

»Was Sie meinen! Als ob wir hier ein Bezirksgericht oder so Etwas hätten! Nein, nein! das ist sehr einfach Privatangelegenheit. Der Kerl wollte hier mit einbrechen und wurde mit den Andern festgehalten.«

»Ich denke, sie sind Alle den Maricopa's ausgeliefert worden, wie Ihr vorhin erzähltet?«

»Alle, nur dieser Eine nicht. Mit ihm scheint Steinbach etwas ganz Besonderes vorzuhaben, vielleicht weil er ein Bote jenes Walker gewesen ist.«

»Walker?«

Er wollte es blos fragen, schrie aber den Namen in seiner Erregung laut auf. Dabei fuhr er mit der Hand unwillkürlich nach seiner Brusttasche. Dort steckte ein Brief, welcher folgendermaßen lautete:

»Macht Euch sofort auf und kommt zu mir. Ich habe Euch Wichtiges zu sagen. Ich nenne mich jetzt Robin und wohne bei Prescott, Arizona, in den Mogollon-Bergen. Jedermann weißt Euch zu mir.

Walker.«

Der Förster blickte Leflor erstaunt an. Er fragte:

»Das klang ja, als ob es Euch erschreckt hätte.«

»O nein. Warum?«

»Weil Ihr so laut riefet.«

»Davon habe ich keine Ahnung. Wer mag denn wohl dieser Walker sein, der solche Spitzbuben hierher schickte?«

»Ein schöner Kerl!«

Und nun erzählte er Alles, was er von Sam Barth, Jim und Tim über den Genannten erfahren hatte. Zuletzt bemerkte er noch: »Und denkt Euch nur, der Kerl, den Walker geschickt hat, ist noch dazu ein alter Bekannter von mir!«

»Unmöglich! Das wäre ja ein reines Wunder.«

»Beinahe. Der Kerl nannte sich hier Bill Newton, ist Derwisch und Mörder in der Türkei gewesen, und war vorher unter dem Namen Florian, Kammerdiener, dessen Förster ich war.«

»Wunderbar! Dieser Mann ist interessant. Er mag wohl ein rechtes Spitzbubengesicht haben?«

»So ziemlich. Seid Ihr vielleicht so Etwas, was man einen Psycholog nennt?«

»Jawohl.«

»Nun, wenn Ihr ihn Euch einmal ansehen wollt, so kann es ja geschehen.«

»O, sehr gern!«

»Ich werde ihm das Essen hinuntertragen. Ihr könnt mitgehen, wenn es Euch beliebt.«

Er nahm einen großen Schlüssel vom Nagel und ging mit Leflor nach der Küche, wo er ein Stück Fleisch und ein Gefäß mit Wasser holte. Dann stiegen Beide die zwei Treppen in den Keller hinab. Es verstand sich ganz von selbst, daß Leflor sich die Oertlichkeit auf das Genaueste einprägte. Der Schlüssel, welchen der Förster trug, schloß die Thür. Rothe öffnete diese und trat hinein. Als er das Essen hingelegt hatte, sagte er zu dem Gefangenen:

»Bursche, stehe einmal auf! Dieser Herr will Dich ansehen.«

Der Gefangene gehorchte nicht, erhielt aber einige derbe Stöße, so daß er endlich aufstand.

»Da, Master Leflor, guckt Euch einmal das Gesicht an. So sieht ein Hallunke aus, der Spitzbube, Derwisch, Mörder und Kammerdiener gewesen ist.«

»Wie war sein eigentlicher Name?«

»Florin.«

»So ist er wohl ein Franzose?«

»Freilich.«

»Sprecht Ihr auch französisch, Förster?«

»Kein Wort.«

»Schade darum! Sonst könntet Ihr ihm in seiner Muttersprache die Meinung sagen; ungefähr so: Tu seras sauvé!«

Diese Worte bedeuten ›Du wirst gerettet werden‹. Der gute Förster ahnte das nicht. Er hatte die Aussprache dieser drei Worte »tu seras soweé« ein Wenig verstanden und antwortete:

»A Sauvieh? Ja, das ist er. Da drückt sich der Franzose ganz richtig aus. Na, sein Brod ist ihm gebacken. Er wird vergiftet und ausgestopft wie ein Uhu, wenn Steinbach wiederkommt. Ich mag nicht in seiner Haut stecken.«

Er schloß wieder zu und kehrte mit Leflor in die Stube zurück. Dort hing er den Schlüssel wieder an denselben Nagel, was Leflor sehr wohl bemerkte.

Dieser Letztere ließ es sich nun angelegen sein, Etwas über die Art und Weise, in welcher das Haus bewacht wurde, zu erfahren. Der Förster theilte ihm aufrichtig mit, daß im Hofe zwei Indianer, im Hause selbst aber Keiner postirt seien. Draußen, grad gegenüber dem Thore hatten drei Apachen ihren Posten. Hiermit konnte sich der Yankee zufrieden geben. Er schützte bald Müdigkeit vor und bat, ihm sein Zimmer anzuweisen.

»Zimmer anweisen!« lachte der Förster. »Ihr redet, als ob Ihr Euch in einem Hotel befändet. Hier giebt es zwar viele Räumlichkeiten, aber äußerst wenig Möbels. Eigentlich könnte ich Euch nur eine leere Stube geben; da Ihr aber ein guter Freund von Master Wilkins seid, so sollt Ihr hier bleiben. Ihr könnt da auf dem Kanapee schlafen. Das ist ein seltener Genuß im fernen Westen.«

»O, ich will Euch nicht berauben oder vertreiben!«

»Das thut Ihr gar nicht. Wir schlafen nicht hier, sondern in zwei Kammern am Ende des Corridors.«

Auch das war beruhigend. Die Förstersfamilie verabschiedete sich, und nun befand Leflor sich allein. Es konnte nicht besser passen. Der Förster schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, ihm Alles ganz und gar mundrecht zu machen.

Zunächst unternahm er nichts. Aber als Mitternacht nahe war und draußen ein Sturm sich erhob, welcher ein leises Geräusch im Innern des Hauses gar nicht hörbar werden ließ, da nahm er den Schlüssel von der Wand und schlich sich hinaus und hinab in den Keller. Natürlich ging dies nicht sehr schnell. Er hatte die Indianer zu fürchten, traf aber glücklicher Weise auf kein Hinderniß. Auch die Thür, hinter welcher der Gefangene steckte, öffnete sich geräuschlos. Er trat ein.

»Wollt Ihr mich befreien?« fragte der Gefangene.

»Ja, kommt heraus. Ihr geht mit mir hinauf in meine Stube.«

»Sind wir da sicherer?«

»Ich denke es.«

Der Derwisch kam heraus und Leflor schloß die Thür wieder zu. Dann nahm er den Andern bei der Hand, um ihn zu führen. Sie gelangten unbemerkt und glücklich oben in der Stube an, wo Leflor natürlich kein Licht brannte. Er hing den Schlüssel wieder an seinen Ort, führte den Gefangenen nach dem Kanapee und setzte sich neben ihn.

»Gewiß sendet Euch Walker?« fragte der Derwisch.

»O nein. Ich rette Euch aus freien Stücken.«

»Wie käme das? Ich kenne Euch nicht. Wenigstens schien es mir bei dem geringen Lichtscheine, als ob ich Euch noch niemals gesehen habe.«

»Ich Euch auch nicht. Aber doch interessire ich mich sehr lebhaft für Euch. Ich lernte vor Jahren Walker, den Ihr nanntet, kennen; ich machte ein Geschäft mit ihm und jetzt will ich ihn wieder aufsuchen. Hier einkehrend, hörte ich, daß man Euch eingesperrt habe, weil Ihr ein Bote Walkers seid. Darum beschloß ich, Euch zu retten.«

»Gott sei Dank oder meinetwegen auch allen Teufeln! Ihr befreit mich da aus einer verzweifelten Lage. Ich hatte hier nichts als den Tod zu hoffen, und zwar was für einen! Ich werde Euch ewig dankbar sein. Diesem Steinbach aber werde ich es heimzahlen und zwar baldigst.«

»Ihr liebt ihn wohl nicht?«

»Kein Mensch kann so gehaßt werden wie er von mir!«

»Hm! Auch ihm habe ich meine Liebe gewidmet!«

»Ists möglich! Auch Ihr?«

»Ja; dieser Mensch scheint sich um Alles zu bekümmern, was ihm nichts angeht. Er kam in meine Gegend und schnüffelte da herum, bis er einen Grund fand, hierher zu gehen und mich in ungeheuren Schaden zu bringen.«

»So sind wir also Gesinnungsgenossen?«

»Leidensgefährten.«

»Und können Verbündete werden, wenn es Euch recht ist. Ihr scheint ein gut situirter Mann zu sein und ich bin arm, aber ich versichere Euch, daß meine Hilfe nicht zu verachten ist.«

»Glaube es gern und nehme sie an. Wir wollen uns über diesen Steinbach hermachen, wie die Meute über den Wolf. Wüßte ich nur, wo er hin ist!«

»Er wird Walker aufsuchen. Es ist ihm verrathen worden, daß ich Walkers Bote bin; das ist für ihn Grund genug dazu.«

»Auf alle Fälle muß er vor Steinbach gewarnt werden. Ich muß fort, dies zu thun.«

»Nicht so schnell. Wie wollt Ihr nach Prescott?«

»Alle Teufel! Ich habe kein Pferd.«

»Und ich kann Euch keins verschaffen, wenigstens hier nicht. Wir reiten von hier aus über Silber-City nach Casa grande und Phönix –«

»O weh! Und nach Prescott wollt Ihr?«

»Freilich. Ich habe zwei Führer.«

»Schöne Kerls! Die betrügen Euch um wenigstens drei Tagereisen. Oder sollten sie den Weg über das Gebirge wirklich nicht kennen! Ah, wenn Ihr mit mir gehen könntet! Wir haben ja das gleiche Ziel.«

»Vielleicht läßt es sich möglich machen.«

»Warum nicht? Ich habe da einen Gedanken. Wann reitet Ihr ab?«

»Kurz nach Tagesanbruch.«

»Und ich gehe natürlich eher fort. Vor dem Spätvormittag wird man mein Verschwinden gar nicht bemerken. Ich gehe also ganz gemüthlich nach Silber-City zu. Ihr kommt später nach. In zwei Stunden werdet Ihr einen Bergsturz erreichen, welcher interessant anzusehen ist. Ihr steigt ab, um ihn Euch zu betrachten, und Eure Führer werden auch absteigen. Ich halte mich versteckt, ergreife den günstigen Augenblick und reite mit den beiden Pferden der Führer davon. Ihr werft Euch natürlich sofort auf Euer Pferd, um mich zu verfolgen. Dann werden diese braven Kerls auf Euch warten; wir Beide aber reiten in aller Gemüthlichkeit nach Prescott zu Walker. Wie gefällt Euch dieser Plan?«

»Er ist ausgezeichnet. Ich erhalte einen besseren Wegweiser und Ihr kommt nicht nur zu einem Pferde, sondern sogar zu zweien.«

»So möchte ich mich jetzt aufmachen. Es ist gar nicht mehr lange bis zum Tagesgrauen.«

»Wie wollt Ihr hinaus?«

»Durch das Thor jedenfalls nicht.«

»Das ist ja verschlossen und im Hofe halten zwei Indianer Wache.«

»Also muß ich hier zum Fenster hinab.«

»Ganz gut. Ich gebe Euch mein Lasso dazu.«

»Und könntet Ihr mir nicht ein Messer borgen? Es ist möglich, daß ich mich meiner Haut zu wehren habe.«

»Ihr sollt es erhalten. Nehmt Euch aber auch da draußen in Acht, daß Ihr nicht erwischt werdet. Dem Thore gegenüber steht auch ein Indianerposten.«

»Keine Sorge! Bin ich einmal außerhalb des Gebäudes, so soll mich nicht so leicht Jemand ergreifen. Also bitte, binden wir das Lasso hier an das Tischbein, damit nicht Ihr Euch unnöthig anzustrengen habt. Und nun das Fenster auf!«

Er ließ sich hinab. Leflor zog sein Lasso zurück und machte das Fenster wieder zu.

Des andern Morgens früh punkt neun Uhr geschah zweierlei: Als der Förster um diese Zeit in den Keller kam, war der Gefangene fort – und dort am Bergsturze warteten die beiden armen Führer, daß Leflor ihnen die Pferde zurückbringen werde. Sie warteten vergebens. –


2. Capitel
Im Thale des Todes
Fortsetzung 49

Prescott, der Hauptort von Yavahai County im nordamerikanischen Staate Arizona war zur Zeit, da die uns bekannten Personen dort handelnd auftraten, noch Sitz der Territorialbewegung. Man hatte in der Nähe reiche Gold- und Silberlager entdeckt, und durch diese Entdeckung war, wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt, eine Menge fraglicher und fraglichsten Existenzen herbeigezogen worden.

Diese problematischen Subjecte waren sehr schwer zu überwachen, unmöglich aber zu regieren, obgleich, wie gesagt, die Regierung ihren Sitz im Orte hatte. Es kamen fast täglich Dinge vor, welche sich mit dem Gesetze nicht in Einklang bringen ließen. Die Gewalt ging vor Recht und die Verschlagenheit und Verworfenheit siegte noch über die Gewalt. Wer sich erhalten wollte, mußte Eins von Beiden sein, gewaltthätig oder hinterlistig.

Es versteht sich ganz von selbst, daß an einem Minen- oder Goldgräberorte die Schnapsschänken und Spielhäuser wie Pilze aus dem Boden wuchsen. Sie alle, alle waren verrufen. Eine einzige nur erfreute sich eines einigermaßen guten Leumundes, und der Wirth dieser Venta war – nicht einmal ein Wirth, sondern eine Wirthin, eine Frau oder, die Wahrheit zu sagen, eine alte Jungfer.

Eine bedeutende Strecke vor der Stadt lag diese Venta, und zwar an dem Wege, welcher nach Cerbat und Fort Mohave führte. Das Gebäude war aus unbehauenen Steinen aufgeführt, bestand aus dem Parterre und dem Dachraume mit zwei kleinen Giebelstuben und hatte hinten einen Stall, an der Giebelseite nach Norden aber einen sogenannten Corral, eine starke Plankenumzäunung für allerhand Thiere, meist Pferde und Maulthiere.

Ueber der Thür zu dem Hause war ein breites, hohes Schild angebracht. Es zeigte eine weibliche Figur mit Büchern, einer Weltkugel, einer Palette und einem Winkelmaße in den Händen und darunter war in großen Buchstaben zu lesen:

»
Venta zur gelehrten Emeria.«

Nämlich die Wirthin hieß Emeria, Sennorita Emeria. Sie hatte ihren Kopf in die Wissenschaften gesteckt und ihr Herz an den Branntwein gehängt; Beide waren da stecken und hängen geblieben. Trotz dieser letzteren Liebhaberei war sie ein resolutes, respectirtes Frauenzimmer. Sie trank nämlich sehr oft, nie aber zu viel, und da ihr Kopf nur der Kunst und Wissenschaft gehörte, so fand der Schnaps in demselben keinen Platz, sie war nie betrunken. Desto öfters aber setzte er sich in ihrem Herzen fest. Geschah dies, so dachte sie an ihre erste und einzige Liebe und weinte ihr bittere, nach Branntwein duftende Thränen nach.

Außer vielen anderen Eigenthümlichkeiten hatte sie besonders die eine, daß sie jeden Gast auf seinen gelehrten Standpunkt prüfte; nach diesem richtete sich ihr Verhalten. Sie hatte früher einmal Erzieherin werden wollen und zwei Jahre lang über drei oder vier Büchern gesessen. Aus diesen hatte sie sich eine ihrer Meinung nach beispiellose Weisheit geschöpft, und nun war sie stets bereit, mit Jedwedem ein gelehrtes Tournier einzugehen. Wie es eigentlich um ihr Wissen stand, das ahnten Wenige; noch Wenigere wußten es; sie aber ahnte es selbst nicht einmal.

Heute saß ihre sehr lange, sehr dürre, scharf und spitz gezeichnete Gestalt am Tische, eine große Klemmbrille auf der Nase, ein Buch vor sich, daneben rechts ein Stück Thon zum Modelliren und links die Zeichnung einer oberschlächtigen Oel- und Getreidemühle. Sie studirte. Das heißt, sie nickte halb im Traume vor sich hin und that zuweilen einen Schluck aus dem kleinen Fläschchen, welches in einer Höhlung des Modellirthons steckte.

Sie war bisher allein gewesen; jetzt aber öffnete sich die Thür und ein junger, hübscher, muthwillig dreinblickender Bursche trat ein. Das war Petro, ihr Peon oder Reitknecht, der aber nebenbei auch alles Andere war. Und das war er, weil er sich ihre ganz besondere Zuneigung erworben hatte. Und diese hatte er erlangt, weil er alle ihre gelehrten und verblüffenden Fragen sofort, ja blitzschnell auf eine noch viel gelehrtere und verblüffendere Weise beantwortete. Er hatte sich da ihre ganz besondere Anerkennung erworben und – stand sich sehr wohl dabei. Sie merkte gar nicht, daß er sich nur lustig über sie machte.

»Was befehlen Sennorita zum Abendessen?« fragte er.

»Jetzt noch nichts, ich will erst abwarten, welche Temperatur wir am Abende haben. Die Temperatur steht nämlich in innigster Wechselbeziehung zu der menschlichen Bauchspeicheldrüse –«

»Leberwürmern, schneidenden Winden und schleimigem Stuhlgange,« fiel er sofort mit der Sicherheit eines Professors der Pathologie ein.

Sie blickte überrascht auf.

»Das ist sehr richtig, besonders das von den Winden. Diese hängen ganz besonders von der Temperatur ab. Sie stehen in umgekehrtem Verhältnisse zur Außenwelt. Wind muß ja sein, ist draußen keiner, so geht er im Innern des Menschen. Wie viele Grade haben wir heute?«

»Zwanzig nach Reaumur.«

»Wieviel macht das nach Celsius?«

»Fünfundzwanzig.«

»Stimmt! Und nach Fahrenheit?«

»Siebenundsiebzig.«

»Stimmt wieder. Ich finde, daß Du eine sehr gute Lebensanschauung hast und Dir die Zahlen sehr gut merkst. Doch gehe jetzt. Dort kommt ein Gast, den ich noch nicht kenne. Ich muß ihn prüfen, ob er würdig ist, in meinem Hause eine Erquickung zu genießen.«

Petro ging. Draußen schüttelte er lächelnd den Kopf und murmelte:

»Jetzt hat sie die halbe Flasche leer und ist liebesselig. Wehe dem Gaste, welcher da kommt.«

Der Betreffende schien keine Ahnung von dem Empfange zu haben, welcher seiner wartete. Er kam mit rüstigen Schritten herbei. Noch in jugendlichem Alter stehend, machte er einen sehr guten Eindruck. Kräftig gebaut, gab er seinen Bewegungen eine unbewußte Eleganz, welche in dieser Gegend wohl selten zu sehen war. Doch trug er ganz gewöhnliche Kleidung von dunkelblauem Tuche, Jacke, Hose und Weste, dazu bis an die Knie reichende Schaftstiefel und einen breitrandigen schwarzen Filzhut. Die Uhr, welche sich in der Weste befand, war an einer einfachen Gummischnur befestigt, was auf den einfachen Sinn des jungen Mannes schließen ließ, doch trug er an dem kleinen Finger der rechten Hand einen massiven Goldring mit einem höchst werthvollen Diamanten. Ein Kenner hätte es seinen Augen vielleicht angesehen, daß er gewohnt sei, eine Brille zu tragen. Die Stiefel waren beschmutzt und der Anzug sah staubig aus. Der Mann hatte wohl einen weiten Fußweg zurückgelegt.

Er grüßte Petro kurz aber leutselig und blieb dann vor dem Eingange stehen, um für einige Augenblicke das sonderbare Schild zu studiren. Dann trat er in die Gaststube.

»
Buenos dias – guten Tag!« grüßte er.

Emeria saß wieder auf ihrem Stuhle. Sie that, als ob sie den Eintretenden weder bemerkt, noch gehört habe.

»
Buenos dias!« wiederholte er.

Auch jetzt antwortete sie nicht. Er setzte sich an einen Tisch. Da er glauben mochte, daß sie schwer höre, so sagte er zum dritten Male und zwar mit sehr erhobener Stimme:

»
Buenos dias, Sennora!«

Da erhob sie sich langsam, drehte sich ebenso langsam nach ihm um, rückte ihre Klemmbrille zurecht, betrachtete den jungen Mann eine ganze Weile und sagte dann in verweisendem Tone:

»Ihr wißt wohl nicht, in welcher Weise man zu grüßen hat, Sennor?«

Er lächelte leise und antwortete ruhig:

»Bisher habe ich geglaubt, es zu wissen.«

»Nein, Ihr wißt es nicht!«

»So werde ich Euch sehr dankbar sein, wenn Ihr die Güte haben wolltet, es mich zu lehren.«

»Warum laßt Ihr meinen Titel weg?«

»Ach so! Verzeiht! Aber als ich zum dritten Male grüßte, habe ich es wieder gut gemacht, indem ich den Titel hinzufügte:

»Er war falsch.«

»Das sollte mir leid thun.«

»Ich bin nicht Sennora, sondern Sennorita.«

»Da seht Ihr mich ganz trostlos. Aber ich konnte wirklich nicht wissen, daß Ihr nicht Frau, sondern noch Jungfrau seid.«

»Ihr konntet Euch erkundigen!«

»Da habt Ihr Recht und ich bitte abermals um Entschuldigung.«

»Ich kann es nicht anhören, wenn das starke Geschlecht um Verzeihung und Entschuldigung bittet. Es ist das so unmännlich.«

»Ich glaube nicht, daß unsere Stärke darin bestehen soll, rücksichtslos und grob zu sein!«

»Und doch seid Ihr Beides selbst jetzt noch!«

»Wieso?«

Er hatte bisher freundlich und heiter gesprochen, jetzt aber zeigte sich auf seiner Stirn eine kleine Falte.

»Ihr sprecht mit einer Dame und bleibt doch auf Eurem Stuhle sitzen, obgleich Ihr seht, daß ich, die Dame, vor Euch aufgestanden bin!«

»Aber erst, nachdem ich dreimal gegrüßt hatte!«

»Ihr hattet falsch gegrüßt; da mußte ich sitzen bleiben, um Euch zu strafen.«

Jetzt stand er langsam auf und griff wieder nach seinem Hute.

»Mich zu strafen?« sagte er. »Sennorita, Ihr scheint Eure Stellung ganz zu mißverstehen. Ihr seid in keiner Weise meine Vorgesetzte; auch komme ich nicht, um Euch zu begrüßen, sondern um Euch eine Erquickung abzukaufen, die ich genießen will und bezahlen werde.«

»Das ist ganz gut, aber wer mir nicht gefällt, der bekommt nichts.«

»Nun, ich muß annehmen, daß ich Euch nicht gefallen habe und also nichts bekommen werde. Adios, Sennorita!«

Er wendete sich nach der Thür; aber bereits in demselben Augenblicke stand sie zwischen derselben und ihm. Sie streckte ihm abwehrend alle ihre langen, weit auseinandergespreizten Finger entgegen und gebot ihm:

»Halt! Ihr habt zu bleiben! Noch habe ich Euch nicht entlassen. Erst muß ich erfahren, ob Ihr würdig seid, eine Erquickung von mir einzunehmen.«

»Wie wollt Ihr das erfahren?«

»Indem ich Euch examinire.«

»Und Ihr meint, daß ich mir dies gefallen lasse?«

»Ja, Ihr müßt! Seht her!«

Sie drehte den Schlüssel um und zog ihn ab, so daß er durch das offene Fenster hätte springen müssen. Dann stemmte sie die eine Hand auf den Tisch, die andere in die Seite und fragte ohne alle Einleitung:

»Wie kann man sich mittels eines Garnknäuels aus der Quadratur des Zirkels herausfinden?«

»Ihr meint wohl aus dem Labyrinth?«

»Nein. Ihr wißt es also nicht. Weiter! Warum liegt die Sahara in Afrika?«

»Alle Wetter!« lachte er. »Wer das beantworten könnte!«

»Ihr nicht, wie ich bemerke. Weiter! Welcher Unterschied ist zwischen der Madonna von Rafael und dem großen Einmaleins?«

Er trat einen Schritt zurück. Es begann, ihm angst zu werden. Sie nickte verächtlich und sagte:

»Auch das nicht. Also noch die letzte Frage: In welchem Verhältnisse steht Kants Philosophie zu den Eisenbahnfahrplänen der neueren Zeit?«

»Hoffentlich in gar keinem!«

»Seht, nicht einmal eine so tief in das Verkehrsleben einschneidende Frage könnt Ihr beantworten. Ich kann Euch nichts verkaufen, weder Porter noch Schnaps, noch sonst Etwas.«

»Das habe ich doch bereits gesagt. Darum bitte ich Euch, wieder aufzuschließen.«

Sie blickte ihn lange an. Ihr ernstes Auge wurde immer milder, der sonst so eigenthümlich irre Blick lebensvoller. Dann sagte sie freundlich:

»Und doch kann ich Euch nicht so von mir gehen lassen. Ihr habt die Probe nicht bestanden; aber in Eurem Gesichte ist so etwas Gutes und Liebes. Es ist mir, als ob wir liebe und gute Bekannte wären, und darum sollt Ihr haben, was Ihr verlangt. Emeria Garezzo examinirt zwar streng, richtet aber voller Nachsicht.«

Als sie diesen Namen nannte, zuckte ein undefinirbares Etwas über das Gesicht des Fremden. Er fuhr sich mit der Hand nach der Stirn, als ob er sich auf irgend Etwas besinnen müsse; sein Schnurrbart kräuselte sich unter einem leisen Lächeln, dann ging sein Auge in einem tiefen, fast pietätvollen Blicke über die Gestalt der Wirthin weg und nun antwortete er:

»Ja, Sennorita, gebt mir ein Glas Wasser mit Zucker darin.«

»Das ist Kindertrank, aber nicht für Männer!«

»Mir aber heut das Allerliebste!«

»Gut, Ihr sollt es haben; ich gebe es sonst keinem Menschen; aber weil Ihr das – das – das Unbeschreibliche im Gesicht habt, so sollt Ihr das Zuckerwasser bekommen.«

Sie schloß die Thür wieder auf, ging hinaus und brachte bald das Zuckerwasser herein. Als sie es vor ihn hinsetzte, erklärte sie:

»Wasser und Zucker verhalten sich nämlich zu einander wie ein Hydrooxygengasmikroskop zu einem Faß voll saurer Gurken; einzeln für sich sind Beide zu gebrauchen, thut man aber das Erstere in das Letztere, so ist nichts zu gebrauchen. Was seid Ihr?«

»Goldsucher,« antwortete er zögernd, als ob er sich vorher überlegen müsse, welche Antwort er geben solle.

»Das habe ich mir gedacht. Die Goldsucher sind stets ohne Wissenschaft und Schule. Ihr seid ein so junger, hübscher Sennor. Schade um Euch! Habt Ihr denn gar nichts gelernt?«

Es zuckte fast schalkhaft über sein Gesicht, als er antwortete:

»Nur ein Bischen zeichnen.«

»So! Was zeichnet Ihr denn?«

»Köpfe nach dem Leben und nach der Phantasie.«

»Nun, ich bin Künstlerin, nämlich Dichterin, Componistin, Malerin und Bildhauerin; auch mime ich. Ich werde sehen, was Ihr leistet. Da habt Ihr Bleistift und Papier. Zeichnet mir einmal einen Kopf.«

Er zog das Blatt zu sich heran und griff zum Bleistift. Fast in demselben Augenblick gab er Beides wieder zurück. Es war, als habe er nur einen Strich gemacht, so schnell war er fertig. Sie ergriff das Blatt, warf einen Blick darauf, ließ es sinken und starrte den Fremden sprachlos an. Erst nach einer langen, langen Weile kam es mühsam über ihre Lippen:

»Mein Gott! Das ist Er – Er – Er, so, wie er vor mir stand, als er mich in die Geheimnisse des Dalai Lama und des Melonenpflanzens einweihte. Ja, das ist er, wie er leibt und lebt. Das ist seine Stirn, seine Nase, sein edles Profil. Er ist so gut, so genau getroffen, daß er sprechen könnte, wenn er wollte. Sagt einmal, Sennor, ist diese Zeichnung ein Phantasiestück oder nicht?«

»Nein. Die Phantasie hat mir nicht den Stift geführt. Ich habe nach dem Leben gezeichnet.«

»Nach dem Leben! Also doch! Ihr kennt ihn?«

»Ich habe das Original dieses Portraits gesehen.«

»Mein Gott, welch ein Zufall! Endlich, endlich werde ich Etwas von ihm zu hören bekommen!«

»Macht Euch keine allzu großen Hoffnungen, Sennorita. Ich habe ihn gesehen; weiter aber kann ich doch auch nichts von ihm sagen.«

»Aber seinen Namen kennt Ihr?«

»Ja.«

»Er heißt Heulmeier?«

»Nein.«

»Nicht? So wäre er es nicht? So wäre es nur ein wunderbares Naturspiel, eine außerordentliche Aehnlichkeit!«

»Vielleicht ist er es dennoch.«

»Aber wenn er anders heißt!«

Der junge Mann schien nicht ganz genau zu wissen, wie er antworten solle. Gar zu sehr mit ihrem Gegenstande beschäftigt, bemerkte sie dies gar nicht. Auch beachtete sie den Blick nicht, den er auf sie warf. Es lag viel Bedauern, Mitleid und Theilnahme in demselben. Endlich, erst nach einer Pause, antwortete er:

»Wenn auch die Namen verschieden sind, so ist doch vielleicht die Person dieselbe.«

»Schwerlich. Ist Derjenige, den Ihr gesehen habt, Professor?«

»Nein. Er ist Minister.«

»Und wie heißt er?«

»Er ist ein Graf von Langendorff.«

»So ist er es nicht. Heulmeier und von Langendorff ist zu verschieden, und mein Geliebter ist Professor geworden, nicht aber Minister. Wie ist denn Euer Name?«

»Günther.«

»Ist dies nicht ein Vorname?«

»Ja. Er wird aber auch oft als Familienname gebraucht.«

»Und Ihr seid ein Deutscher?«

»Gewiß.«

»So seid Ihr ein Landsmann von ihm und könnt bei mir so viel Zuckerwasser trinken, wie Ihr nur wollt. Die Goldgräber haben nicht viel Geld übrig. Entweder finden sie nichts oder sie vergeuden das Gefundene schnell, wenn sie im Geschäft glücklich gewesen sind. Habt Ihr Geld?«

»Nun, ich besitze so viel, daß ich einstweilen wohl nicht Noth zu leiden brauche.«

Er sagte das lächelnd.

»Einstweilen, ja, das sagt genug. Ich will Euch ein kleines Honorar zuwenden. Wollt Ihr mir dieses Portrait ablassen?«

»Sehr gern.«

»Wie viel verlangt Ihr dafür?«

»Nichts. Ich schenke es Euch.«

»Oho! Ihr redet da aus einem großen Geldbeutel!«

»Ich sage ja, daß es einstweilen zureicht.«

»Nun, ich will mich nicht mit Euch zanken. Ich nehme also den Kopf an und danke Euch für das Geschenk. Hoffentlich ist es mir erlaubt, Euch einen Gefallen dafür zu erweisen. Ihr kommt doch öfters zu mir?«

»Möglich.«

»Bei wem wohnt Ihr denn?«

»Ich wohne noch gar nicht. Ich stehe erst im Begriff, mir ein Logis zu suchen.«

»Ihr werdet schwerlich eins finden, wo Ihr allein wohnen könnt. Diese Gegend ist jetzt so von Goldsuchern überfüllt, daß man froh ist, mit Mehreren sein Bett zu theilen.«

»Das bin ich freilich nicht gewöhnt. Auch wollte ich nicht gern in der Stadt selbst wohnen.«

»Außerhalb derselben? Wo denn?«

»Nun, aufrichtig gestanden, kam ich in der Hoffnung zu Euch, hier ein Logement zu finden.«

»Da habt Ihr Euch getäuscht. Ich habe keine Wohnung für Fremde. Und selbst wenn ich ein Zimmer übrig hätte, so würde ich es meinen Grundsätzen zu Folge nur an Einen vermiethen, welcher meine Fragen beantworten kann. Ihr aber habt mir auf alle vier nicht eine einzige Antwort gegeben. Dies ist die Venta zur gelehrten Emeria und ich darf meinem Hause und meiner Firma keine Schande machen.«

»So muß ich mich fügen, obgleich ich dachte, daß ich vielleicht in einem Giebelstübchen bei Euch Platz finden könnte.«

»Nein; da habt Ihr Euch getäuscht. Von wem wißt Ihr überhaupt, daß ich ein Giebelstübchen habe?«

»Von Sennor Robin.«

Sie machte eine Bewegung der Ueberraschung.

»Robin?« sagte sie. »Es giebt nur einen Sennor dieses Namens und dieser wohnt draußen in den Mogollon-Bergen. Meint Ihr vielleicht diesen?«

»Ja.«

»Er ist ein Bekannter von Euch?«

»Ich traf ihn zufällig; aber er schickte mich zu Euch. Er meinte, ich brauche Euch nur seinen Namen zu nennen, so würdet Ihr mir das Giebelstübchen geben.«

»Hm! Das ist etwas Anderes. Ich habe Rücksichten auf ihn zu nehmen, und wenn er Euch zu mir geschickt hat, so werde ich Euch allerdings nicht fortweisen. Wollt Ihr Euch das Logis einmal ansehen, ob es Euch gefällt?«

»Ich bitte um die Erlaubniß dazu.«

»So kommt!«

Sie schritt voran und führte ihn eine Treppe empor, wo sie eine Thür öffnete. Da gab es einen kleinen, zwar dürftig ausmöblirten, aber ziemlich traulichen Raum. Günther sah ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, einen Spiegel und einen Schrank. Dies war Alles, was man hier inmitten eines wilden Landes verlangen konnte. Er erklärte, daß ihm das Stübchen gefalle und daß er es behalten werde, wenn sie es ihm vermiethen wolle. Sie meinte: »Um Robins willen und weil Ihr mir den Kopf gezeichnet habt, sollt Ihr es haben. Beabsichtigt Ihr vielleicht, bald einzuziehen?«

»Wenn Ihr erlaubt, so bleibe ich gleich da.«

»Hm! Wo habt Ihr Eure Sachen?«

»Ich habe einstweilen nur das, was ich auf dem Leibe trage, Sennorita.«

»Na, da werdet Ihr vielleicht so ein Luftikus sein, wie sie jetzt hier gang und gäbe sind. Ihr werdet mich doch nicht etwa in Unannehmlichkeiten bringen?«

»Nein, gewiß nicht. Ihr dürft Vertrauen zu mir haben. Die Miethe zahle ich Euch pränumerando und was ich genieße, berichtige ich stets sofort.«

»So mag es gelten. Ein Goldsucher ist kein Graf oder Herzog; Bedienung werdet Ihr also nicht verlangen. Uebrigens, wenn Ihr trotzdem eine Frage oder sonst ein Bedürfniß habt, so wendet Euch an meinen Peon Petro oder an die Magd Henriettina. Ich habe keine Zeit. Eine so vielseitige Gelehrte und Künstlerin, wie ich bin, hat jede Minute den Musen und den Göttern der vielen Wissenschaften zu widmen.«

Es wurde nun noch der Betrag der Miethe festgesetzt und da Günther sich mit demselben sofort einverstanden erklärte und ihn auch gleich bezahlte, so war diese Angelegenheit zur beiderseitigen Zufriedenheit sehr schnell geordnet. Die Wirthin kehrte in das Gastzimmer zurück und Günther begann, es sich im Zimmer wohnlich zu machen.

Er zog eine dicke Brieftasche hervor und breitete den Inhalt derselben auf dem Tische aus. Hätte Sennorita Emeria dabei stehen und mit zählen können, so würde sie den Besitzer einer so außerordentlich hohen Summe wohl anders als bisher beurtheilt haben.

Sie hatte sich wieder auf ihren Platz gesetzt und ein Gefäß mit Wasser und einen Hader zu sich genommen. Sie wollte nach der Zeichnung, welche sie von Günther erhalten hatte, den Kopf des Geliebten aus Thon formen. Sie arbeitete sehr fleißig. Ein Kopf wurde fertig, aber was für einer! Dabei wischte sie sich die mit Thon beschmierten Hände sehr oft ab und zwar nicht an den Hader, welcher doch dazu dienen sollte, sondern an das schwarze Kleid, welches sie trug. In dem Eifer und der Anstrengung fuhr sie sich mit den Fingern auch in das Gesicht, in das Haar, und so kam es, daß sie in kurzer Zeit einen Anblick bot, der auch einen ernsthaften Mann zum Lachen gebracht hätte.

Da ging die Thür auf und es trat Jemand ein. Sie nahm sich nicht die Zeit, sich umzusehen; sie glaubte, daß es ihr Peon sei, bis endlich eine heisere, unangenehme Stimme sagte:

»Na, was ist denn das für ein Verhalten! In einer Venta hat man sich doch um die Gäste zu bekümmern!«

Jetzt drehte sie sich um. Der Mann hatte sich gleich auf den ersten, besten Stuhl gesetzt. Sein Aussehen war nicht sehr Vertrauen erweckend.

»Was höre ich!« sagte sie. »Ihr raisonnirt?«

»Ja. Ich habe das Recht dazu!«

»Das Recht? Wieso?«

»Ich komme als Gast und kein Mensch bekümmert sich um mich.«

»Seid froh, daß dies so ist, denn wenn ich mich um Euch bekümmern wollte, so wäre es doch nur in der Weise, daß ich Euch aus dem Hause werfen ließ.«

»Oho! Das geschieht nicht so leicht! Ehe Ihr mich hinauswerft, will ich erst ein Glas Branntwein trinken!«

»Könnt Ihr ihn bezahlen?«

»Das geht Euch nichts an!«

»Nichts? So! Wenn Ihr das denkt, so macht nur gleich, daß Ihr hinauskommt. Ich werde mich wohl überzeugen können, ob ich auch Zahlung erhalte.«

»Na, so überzeugt Euch! Hier!«

Er zog einen Silberpeso aus der Tasche und warf ihn auf den Tisch.

»Das ist etwas Anderes,« sagte sie. »Zahlen könnt Ihr also. Dennoch aber fragt es sich, ob Ihr den Branntwein erhaltet.«

»Warum denn?«

»Erst müßt Ihr beweisen, daß Ihr es werth seid.«

Er verstand sie nicht und blickte sie erstaunt an. Sie aber trat näher und stemmte beide Hände in die Seiten. Dabei beachtete sie gar nicht, daß sie eben in jeder Hand ein Stück gekneteten Thon hielt, den sie nun an die schwarze Taille schmierte. Sie warf sich in eine möglichst imponirende Positur und fragte:

»Wie viele Nebenmonde hat der Uranus?«

Der Gefragte blickte sie an, als ob er sagen wollte, daß er sie für übergeschnappt halte.

»Na, Antwort!« drängte sie.

»Donnerwetter! Wer ist denn dieser Krinus oder Urimus oder Urian?«

»Das wißt Ihr nicht?«

»Nein. Ich kenne weder ihn noch seine Monde. Jedenfalls geht mich der Kerl auch gar nichts an.«

»Gut! Weiter! Wie alt wurde der größte Feldherr der Karthager, ehe er starb?«

»Unsinn! Wie alt ist er denn wohl nachher noch geworden, als er gestorben war?«

»Sennor,« sagte sie in verweisendem Tone, »beleidigt meine Würde nicht! Ich stehe vor Euch als Dame, Gelehrte, Künstlerin und Examinatorin. Sagt mir jetzt weiter, in welcher Beziehung die Planimotrie mit der Witterungskunde verwandt ist!«

»Mir ganz gleich. Auf diese Verwandtschaft gebe ich nicht das Geringste!«

»Also auch nicht! Nun viertens: Warum nennt man eine gewisse Klasse der Affen Meerkatzen?«

Da fuhr er von seinem Sitze auf und rief:

»Himmeldonnerwetter! Wollt Ihr mich etwa auch zum Affen machen? Was weiß ich von Meerkatzen! Jedenfalls sehe ich jetzt in diesem Augenblicke die allererste und die seid Ihr selbst!«

Das war eine Beleidigung, welche sie nicht dulden durfte. Sie fuhr mit ihren thonigen Fingern auf ihn zu und schrie:

»Was sagt Ihr? Ich eine Meerkatze? Hat man bereits einmal so Etwas gehört? Die geehrte Emeria eine Meerkatze! Das muß ich bestrafen!«

»Na, habe ich denn Unrecht?« lachte er. »Wenn die Gelehrtheit darin besteht, daß man sich mit Lehm beklext, so kann ich das auch. Uebrigens weiß ich gar nicht, wie ich dazu komme, von Euch nach Dingen gefragt zu werden, von denen ich gar keine Ahnung habe. Gebt mir meinen Schnaps! Weiter verlange ich nichts.«

»Ihr bekommt keinen!«

»Warum nicht?«

»Ihr seid ein Ignorant und ein solcher bekommt von mir keinen Tropfen Wasser, viel weniger Schnaps.«

»Ignorant? Was ist das? Meint Ihr etwa Elephant? Wenn Ihr Eure Gäste in dieser Weise beschimpfen wollt, so könnt Ihr lange feil halten, ehe sie wieder bei Euch einkehren. Hätte ich das gewußt, so wäre ich sicher nicht zu Euch gekommen; aber da Sennor Robin mir sagte, daß ich zu Euch gehen solle, so habe ich es gethan, natürlich ohne alle Ahnung, daß Ihr mich erst für einen Affen und dann sogar für einen Elephanten halten würdet!«

Das beruhigte sie.

»Von Sennor Robin redet Ihr? Der hat Euch geschickt?«

»Ja.«

»Das ist etwas Anderes. Da sollt Ihr einen Schnaps erhalten, obgleich Ihr mir den Beweis schuldig geblieben seid, daß Ihr als Gast in die Venta der gelehrten Emeria paßt.«

Sie holte den Schnaps. Als sie ihm das Glas hinsetzte, bemerkte sie:

»Uebrigens ist es eigen. Während einer Stunde seit Ihr der Zweite, den mir Sennor Robin schickt.«

»So? Ist der Erste bereits da?«

»Ja.«

»Das wollte ich erfahren. Deshalb komme ich her. Ich soll Euch nämlich fragen, ob ein gewisser Sennor Günther, ein Deutscher, bei Euch vorgesprochen habe.«

»Das hat er.«

»Und habt Ihr ihm ein Logis gegeben?«

»Ja, auf die Empfehlung von Sennor Robin.«

»Schön! So ist Alles in Ordnung. Ich glaube, Sennor Robin wird bald selbst kommen, um sich für die Aufmerksamkeit zu bedanken, welche Ihr ihm erweiset. Es ist wahr, ein Wirth oder eine Wirthin muß sich die Gäste durch Gefälligkeit verbinden. Daher kann ich mich nicht begreifen, daß Ihr die Eurigen in der Weise empfangt, wie Ihr es mit mir gemacht habt. Thut Ihr das etwa mit einem Jeden?«

»Ja.«

»Unmöglich!«

»Ich werde Euch gleich zeigen, daß es wirklich so ist. Seht Ihr den Reiter, der auf meine Venta zukommt?«

Der Gast blickte zum Fenster hinaus und antwortete:

»Ja, ich sehe ihn. Dieser Mann muß einen langen und beschwerlichen Ritt hinter sich haben. Er ist ganz bestaubt und sein Pferd hinkt und kann kaum mehr fort.«

»Er wird bei mir einkehren und Ihr sollt sehen, daß ich ihn ebenso scharf examinire wie Euch.«

»Na, das ist drollig! Warum aber thut Ihr das?«

»Im Interesse meines Rufes.«

»So bin ich neugierig, wie er es aufnehmen wird.«

Er setzte sich in erwartungsvoller Haltung wieder auf seinen Platz nieder.

Der neue Ankömmling war kein Anderer als Roulin, von den Indianern der »silberne Mann« genannt. Er kam von dem Silbersee, wo er entflohen war. Er band sein Pferd draußen an, kam herein und grüßte. Der andere Gast erwiderte den Gruß. Die Sennorita saß wieder an ihrem Tische und modellirte. Sie nahm von ihm keine Notiz.

»Seid Ihr der Wirth oder ein Gast?« fragte Roulin den Mann.

»Ich bin ein Gast. Die Sennorita dort ist die Wirthin.«

»Bitte, Sennorita, ist hier Wein zu bekommen?«

»Ja, der ist zu bekommen,« nickte sie, ohne sich aber nach ihm umzudrehen.

»Bringt mir eine Flasche!«

Jetzt stand sie auf, drehte sich ihm zu und betrachtete ihn aufmerksam. Dann antwortete sie:

»Zu bekommen ist er; wer ihn aber bekommt und wer nicht, darüber behalte ich die Entscheidung natürlich mir vor.«

Er blickte sie ganz erstaunt an und fragte dann:

»Bin ich denn nicht in einer Venta?«

»Ja, da seid Ihr.«

»Da bekommt man doch wohl, was man bezahlt?«

»Gewöhnlich. Meine Venta aber ist eine ungewöhnliche. Ich bin die gelehrte Emeria und bediene nur solche Leute, welche mir bewiesen haben, daß sie in den Wissenschaften und Künsten zu Hause sind.«

Er tippte sich mit dem Finger an die Stirn und meinte:

»Bei Euch ist es wohl hier nicht richtig?«

»Das laßt nur meine eigene Sorge sein! Jetzt werde ich Euch einige Fragen vorlegen.«

»Wie es Euch beliebt! Nur bitte ich, es kurz zu machen. Ich habe Durst und Hunger!«

»Dem Geiste ist Nahrung noch nothwendiger als dem Körper. Also sagt mir gefälligst, wer die meisten egyptischen Pyramiden erbaut hat!«

»Das kümmert mich wenig!«

»Ach so! Welche Sprache hat man wohl vor der Erbauung des Thurmes zu Babel gesprochen?«

»Spanisch und Englisch jedenfalls nicht!«

»Nein. Da habt Ihr Recht. Aber ich will nicht eine negative, sondern eine positive Antwort und die könnt Ihr mir doch nicht geben. Also weiter! Welche Aehnlichkeit ist zwischen der Buchdruckerkunst und einem neuen, amerikanischen Bratofen?«

»Donnerwetter! Das scheint lustig zu werden!«

»Ist aber sehr ernst gemeint. Also nun die letzte Frage, Sennor! Warum giebt der Karpfen keinen Fischthran?«

»Das ist seine Sache, nicht aber die meinige!«

»So mag es auch nicht Eure Sache sein, wem ich meinen Wein einschänke. Ihr bekommt also nichts!«

»Hört, Sennorita, Ihr seid jedenfalls verrückt! Ich lasse mir wohl Etwas gefallen, aber was zu toll ist, das ist zu toll. Es wird doch wohl nicht von Eurem Examen abhängen sollen, wer bei Euch Etwas bekommt oder nicht!«

»Grad darauf kommt es an!«

»Hat denn dieser Sennor hier auch ein Examen gemacht?«

»Natürlich!«

»Und hat er es bestanden?«

»Leider nicht. Er hätte nichts erhalten, aber da er von Sennor Robin geschickt worden ist, so habe ich eine Ausnahme gemacht und ihm gegeben, was er verlangte.«

»Sennor Robin? Ah, meint Ihr den, welcher da draußen in den Bergen wohnen soll?«

»Ja; es giebt keinen Zweiten hier.«

»Nun, so könnt Ihr mir auch meinen Wein geben. Ich bin ein Freund und Geschäftsverbündeter von ihm.«

»Das müßt Ihr beweisen.«

»Ich gebe Euch mein Wort darauf.«

»Das genügt mir nicht. Ihr seid hier fremd und ich kenne Euch nicht.«

»Donnerwetter! Wollt Ihr mich für einen Lügner erklären?«

»Nein. Ich verlange nur Beweise. Wie ist Euer Name?«

»Roulin.«

»Den habe ich noch nicht gehört.«

»Aber ich!« sagte da der andere Gast. »Sennor, seid Ihr der Roulin, der da unten im Todesthale wohnt?«

»Ja.«

*

50

»Nun, so bezeuge ich, daß Ihr wirklich ein Geschäftsfreund von Sennor Robin seid. Nun wird sich Sennorita Emeria wohl nicht länger weigern, Euch zu bedienen.«

»Nein,« antwortete sie. »Auf Euer Zeugniß hin will ich jetzt nun eine abermalige Ausnahme machen. Er soll also seinen Wein erhalten.«

Sie ging hinaus. Der erste Gast sagte zum zweiten:

»Da Ihr ein Freund von Sennor Robin seid, darf ich Euch wohl bitten, bei mir Platz zu nehmen.«

»Gewiß Sennor,« meinte Roulin, indem er sich zu ihm setzte. »Es ist stets gut, wenn man sich zu nennen weiß. Meinen Namen habe ich Euch gesagt, darf ich Euch wohl nach dem Eurigen fragen?«

»Warum nicht. Man nennt mich Alfonzo. Das genügt. Der Familienname ist nicht nothwendig.«

»Das ist richtig. Also, Sennor Alfonzo, was ist denn das eigentlich für eine Wirthin?«

»Sie ist übergeschnappt. Sie muß sich einmal in einen lustigen Kerl vergafft haben, der ihr außerordentlich viele Raupen in den Kopf gesetzt hat. Er hat sie mit gelehrten Brocken vollgestopft, wie man eine Gans nudelt. Sie hat nichts davon verdaut. Nun stecken diese Brocken ihr noch im Leibe und sie kann sie nicht los werden. Das schädigt natürlich das Gehirn. Sie hat die Marotte, einen jeden Gast zu examiniren. Sonst ist sie aber ganz ungefährlich und sogar ein sehr achtbares Frauenzimmer.«

»Schön! Das ist das Eine. Jetzt das Andere, welches aber viel nothwendiger ist. Steht Ihr mit Robin vielleicht in Geschäftsverbindung?«

»Sogar sehr.«

»In welcher?«

»Hm! Darüber läßt sich nichts sagen, wenn man sich nicht ganz genau kennt!«

»Ich denke, Ihr kennt mich!«

»Nur so vom Hörensagen. Was mich betrifft, so könnt Ihr vollständig Vertrauen zu mir haben.«

»Das werde ich sofort sehen. Es giebt nämlich ein Mittel, genau und untrüglich zu erfahren, wie weit Ihr das Vertrauen Robins genießt.«

»Ich genieße es vollständig.«

»Wirklich? Nun, so sagt mir doch einmal, wie sein eigentlicher Name lautet!«

»Früher nannte er sich Walker.«

»Richtig! Da Ihr das wißt, so bin ich überzeugt, daß ich Euch vertrauen darf. Es droht mir und Robin ein großes Unheil. Ich werde verfolgt. Die mich Verfolgenden wissen jedenfalls, daß ich zu ihm will. Sie wollen auch ihn verderben.«

»Himmelelement! Wer ist das?«

»Einige verdammte Kerls, welche hart hinter mir her sind! Der Eine läßt sich den Fürsten der Bleichgesichter schimpfen, der Andere ist der dicke Sam Barth.«

»Heiliges Pech! Dieser berühmte Jäger!«

»Ja. Sodann die ›starke Hand‹, der Häuptling der Apachen-Indianer.«

»Hört, das sind drei ganz verdammte Kerls!«

»O, es sind ihrer noch mehr. Ich konnte sie nur nicht wegkriegen.«

»Und sie sind hart hinter Euch?«

»Leider! Ich habe sie heute früh noch einmal tüchtig irre geführt, indem ich einen Kreis ritt. Sie mußten also zurück, wenn sie meiner Spur gefolgt sind. Dennoch können sie jeden Augenblick kommen.«

»Was habt Ihr denn mit ihnen?«

»Davon später. Ich kann Euch nur sagen, daß es sich nicht nur um Hab und Gut, sondern auch um Tod und Leben handelt.«

»Dann ist die Geschichte allerdings höchst gefährlich.«

»Ich muß zu Walker, um mit ihm zu sprechen. Wohnt er noch draußen in seinem Waldhause?«

»Ja. Pst! Die Sennorita kommt.«

Die Wirthin trat ein und setzte Roulin Flasche und Glas hin. Dann nahm sie wieder auf ihrem Stuhle Platz, um weiter zu modelliren. Es fiel ihr gar nicht ein, auf die Unterredung der Beiden zu achten; dennoch sprachen diese nur leise weiter. Später aber entfuhr Roulin doch ein so lauter Ausruf, daß sie ihn hörte:

»Verdammt! Da drüben kommt der Dicke!«

»Wo?« fragte Alfonzo.

»Ganz drüben am Stadtende.«

»Das kann man ja noch gar nicht erkennen!«

»O, den Kerl kenne ich noch aus viel weiterer Entfernung. Wir müssen fort.«

»Na, so bezahlt! Ich führe Euch.«

Während Roulin sein Geld auf den Tisch warf, sagte der Andere zur Wirthin:

»Hört, Sennorita! Der Mensch, welcher da draußen geritten kommt, ist ein Feind von Sennor Robin. Er darf nicht erfahren, daß wir hier gewesen sind. Von diesem Sennor hier dürft Ihr überhaupt nicht zugeben, daß wir hier gewesen sind. Verstanden?«

Sie nickte bejahend, blickte zum Fenster hinaus und antwortete:

»Er sieht Euch aber doch fortgehen. Dieser Sennor hat gar ein Pferd mit; das muß ja gesehen werden!«

»Wir ziehen es durch den Hausflur in den Hof, und von da zur hinteren Thür hinaus. Da kommt das Gebäude zwischen uns und ihm und er kann uns nicht bemerken.«

»So macht schnell und grüßt Sennor Robin von mir!«

Beide eilten hinaus und zogen das Pferd in das Haus.

Roulin hatte sich allerdings nicht geirrt. Es war der dicke Sam, welcher langsam die Straße herbeigeritten kam, die Gestalt vornüber gebeugt und das Auge scharf auf die Erde gerichtet. Draußen in der Wildniß ist es nicht sehr schwer, eine deutliche Spur zu verfolgen; in einer Stadt und deren Nähe, zumal auf einer viel betretenen Landstraße aber ist es fast eine Unmöglichkeit. Für den listigen Sam aber konnte es in dieser Beziehung eine absolute Unmöglichkeit gar nicht geben. Er hielt vor der Thür an, stieg ab und band sein Pferd an den Pfahl, deren mehrere zu diesem Zwecke draußen angebracht waren. Er untersuchte den Boden sehr genau und schüttelte dann brummend den Kopf.

Petro, der Peon, hatte an der Ecke des Hauses gestanden und ihn ankommen sehen. Das Gebahren dieses fremden, kleinen, absonderlich dicken Kerls kam ihm sehr lächerlich vor. Er befand sich bei guter Laune und beschloß, den Kleinen ein Wenig zu foppen. Darum trat er hinzu und fragte:

»Habt Ihr etwas verloren, Sennor?«

»Ja,« antwortete Sam, ohne ihn anzusehen.

»Was denn? Vielleicht die vorige Woche?«

»Nein, sondern die übernächste.«

»So will ich wünschen, daß Ihr sie bald findet!«

»Ich hab sie schon!«

Sam hatte nämlich auf der Schwelle der Hausthür und im Flur die Spuren bemerkt, welche er suchte.

»Die übernächste?« lachte Petro. »Da seid Ihr uns Andern also um zwei Wochen voraus?«

»Ja, mein Junge, Dir speciell aber um einige Jahrhunderte, denn wie es scheint, bist Du so weit in der Entwickelung zurück, daß Dir noch gar kein Gehirn gewachsen ist!«

»Oho!«

»Und grün und gelb bist Du auch noch hinter den Ohren. O weh! Aus Dir wird einmal ein recht alberner und vorlauter Gänserich werden. Nimm Dich dann in Acht, daß man Dir nicht auf den Schnabel klopft!«

Dies ärgerte den Peon. Der Dicke trug eine Kleidung, welche während des angestrengten, schnellen Rittes viel gelitten hatte. Er sah nicht sauber aus und da sein Pferd scheinbar auch nichts taugte, so hatte Petro gemeint, einen Menschen vor sich zu haben, mit welchem er sich einen Spaß machen könne. Er wollte die Beleidigung nicht dulden und sagte darum:

»Für wen oder was haltet denn Ihr Euch wohl? Wenn ich ein Gänserich bin, so gehört Ihr wohl unter diejenige Klasse von Menschen, welche man Staare nennt?«

»Jawohl, mein Sohn! Ich bin nämlich der Staar, welchen ich Dir stechen werde, wenn Du nicht höflicher wirst. Gehe ein Wenig auf die Seite, damit man hinein kann!«

Der Peon hatte sich nämlich mitten unter die Thür gestellt. Er antwortete nun grob:

»Wartet noch ein Wenig! Hier hat nämlich nicht der erste Beste Zutritt. Wir sehen uns unsere Leute an.«

»Ich mir die meinigen auch. Und da Du hier nicht in der rechten Beleuchtung stehest, um einen guten Eindruck auf mich zu machen, so will ich Dich ein Wenig an das Licht und in die Luft stellen.«

Er faßte ihn blitzschnell bei dem Leibe, hob ihn hoch empor, drehte sich um, setzte ihn außerhalb des Einganges wieder nieder und trat in das Haus. Der Peon hatte so Etwas nicht erwartet. Ein so resolutes Benehmen und eine solche Körperstärke war dem scheinbar unbehilflichen Dicken ja gar nicht zuzutrauen gewesen. Darum blieb Petro eine Weile ganz erstaunt auf derselben Stelle und als er sich dann umdrehte, um sich zu rächen, war Sam bereits in das Gastzimmer getreten.

Dort saß die Wirthin an ihrem Tische und klatschte mit den nassen Händen an dem Thone herum.

»
Good day, Mistress!« grüßte Sam.

Sie antwortete nicht. Er setzte sich nieder und wiederholte seinen Gruß. Auch jetzt erhielt er keine Antwort. Darum rief er nun sehr laut:

»Seid Ihr taub, Mistreß?«

Jetzt erhob sie sich, betrachtete ihn mit verächtlichem Blicke und meinte: »Hier spricht man nicht englisch, sondern spanisch!«

»Ah so! Also buenos dias, tia!«

Das hieß also: Guten Tag, Tante!

Sie fuhr erschrocken zurück.

»Was? Tante nennt Ihr mich?«

»Ja.«

»Wie kommt Ihr zu dieser Bezeichnung?«

»Soll ich etwa Großmutter sagen? Ganz wie Ihr wollt! Mir ist es egal!«

»Ich bin weder Eure Tante noch Eure Großmutter. Habt Ihr nicht meine Firma gelesen?«

»Nein.«

Er hatte seine Augen auf der Fährte gehabt, sich also das Schild gar nicht angesehen.

»So geht hinaus und betrachtet es Euch!«

»Das kann ich nachher thun, wenn ich gehe.«

»Ihr könnt gleich jetzt gehen!«

»Jetzt werde ich mich erst ein wenig ausruhen, meine sehr theure Lady.«

»Lady? Am Schilde ist zu lesen, daß ich die gelehrte Sennorita Emeria bin.«

Er betrachtete sie mit seinen kleinen, listigen Aeuglein. Sie war von Kopf bis zu Fuß mit nassem Thone beschmiert und bildete einen nicht sehr zum Ernste veranlassenden Anblick. Dennoch that er sehr ernst.

»So, so! Sennorita Chimärea! So also heißt Ihr! Wer konnte das wissen!«

»Chimärea? Welch ein Name! Was bedeutet er?«

»Chimäre ist ein Hirngespinnst. Eure Mama hat Euch also keinen sehr hübschen Namen gegeben.«

»Ich heiße nicht so. Ihr habt mich falsch verstanden. Emeria ist mein Name.«

»Ach so! Entschuldigung, Sennorita Amerika! Ich bin nämlich so weit – –«

»Emeria, nicht Amerika!« rief sie ihn an.

»Immer wieder anders! Na, meinetwegen. Habt Ihr Bier?«

»Ja. Habt Ihr Geld?«

»Ja.«

»Ich habe nur Porter und Ale. Beides ist theuer.«

»Das ist mir sehr gleichgiltig. Gebt mir Porter!«

»Ihr thut ja, als ob Ihr Herr dieses Hauses wäret!«

»Nicht ganz. Aber ich habe Durst und werde bezahlen, was ich bestelle. Ihr werdet also doch wohl nicht meinen, daß ich viele gute Worte geben soll!«

»Es wäre besser für Euch, höflich zu sein. Bei mir bekommt nämlich nur Der etwas, der sein Examen bestanden hat.«

»Examen? Sapperment! Wieso? Warum?«

»Weil mein Haus die Venta zur gelehrten Emeria ist, bediene ich nur gelehrte Leute.«

Er gab sich Mühe, ernsthaft zu bleiben und antwortete:

»Das ist allerliebst. Das gefällt mir von Euch. Ihr examinirt also einen jeden Unbekannten?«

»Ja.«

»Das wollt Ihr bei mir auch thun?«

»Natürlich.«

»So freue ich mich darauf. Ich bin nämlich auch ein Gelehrter, sogar ein ziemlich berühmter.«

»Ihr?« fragte sie, ihn mit einem ungläubigen Blicke betrachtend. »In welchem Fache denn?«

»In der Astronomie.«

»Habt Ihr denn da bereits Ansehnliches geleistet?«

»Und ob!«

»Was denn?«

»Ich habe das Mondkalb entdeckt. Man kann es seitdem ganz ohne Fernrohr sehen.«

Da stemmte sie die Fäuste in beide Seiten, trat ihm näher und rief zornig:

»Sennor, wollt Ihr Euch etwa über mich lustig machen? Zwar habe ich auch bereits von dem bekannten Mondkalbe gehört, aber entdeckt ist es noch nicht worden! Das macht Ihr mir nicht weiß. Ihr mögt meinetwegen ein Astronom sein, aber wie ein berühmter seht Ihr mir denn doch nicht aus. Was wollt Ihr denn hier in dieser Gegend als Astronom?«

»Ich suche einen Kometen, welcher mir durchgebrannt ist. Ich hatte ihn bereits vor dem Rohre, plötzlich aber war er fort.«

»So ist seine Umlaufgeschwindigkeit eine ganz außerordentliche. Wenn Ihr mir diesen Fall genauer vortragt, kann ich Euch vielleicht einen guten Rath geben.«

»Ich hoffe es. Ich suche den Kometen nämlich nirgends anders als bei Euch.«

»Vielleicht finden wir ihn. Ich bin gern bereit, Euch mit meiner Wissenschaft zu unterstützen. Auch Euren Porter sollt Ihr haben; aber ich setze voraus, daß Ihr das Examen bestehen und meine Fragen beantworten werdet!«

»Na, so fragt einmal los!«

Er kreuzte die Arme über der Brust und legte das eine Bein über das andere wie Einer, welcher sagen will: Jetzt kann es beginnen. Sie trat zu ihrem Tische, ergriff das Thonstück, an welchem sie nun bereits so lange herumgeklitscht und herumgeklatscht hatte, hielt es ihm hin und fragte:

»Was ist das?«

Er betrachtete den Gegenstand von allen Seiten, brummte nachdenklich vor sich hin und antwortete:

»Das soll jedenfalls ein Kopf werden.«

»Ja, aber was für einer?«

»Ein Schafskopf!«

Sie schlug beide Hände zusammen. Um das thun zu können, hatte sie natürlich vorher das Modell fallen lassen müssen. Darauf achtete sie aber zunächst gar nicht. Sie war so empört, daß sie in den ersten Augenblicken gar keine Worte finden konnte. Dann aber brach sie los:

»Was? Wie? Ein Schafskopf? Hört, hört, ein Schafskopf! Ihr selbst seid Schafskopf und zwar ein doppelter und zehnfacher Schafskopf, Ihr Esel Ihr! Ein Astronom wollt Ihr sein? Ich glaube, Ihr seid aus einem Irrenhause entsprungen. Und dabei setzt Ihr Euch in Positur, mit einer Geberde, als wenn Ihr die schwersten Fragen beantworten und die schwierigsten Probleme lösen könntet! Nicht eine Frage könnt Ihr beantworten, nicht eine einzige! Ich werde es gleich beweisen. Sagt mir doch einmal, welcher Unterschied ist zwischen einem Dampfschiffe und anderthalb Meilen Urwald?«

»Das Dampfschiff spukt Euch hinter der Stirn, den Urwald aber habt Ihr unter der Nase.«

»Wie? Wo? Was?«

»Nun, Ihr gebt doch wohl zu, daß Ihr einen ganz ansehnlichen Schnurrbart habt?«

»Ich – einen – – Schnurr – –!«

Sie sank auf den nächsten Stuhl nieder, ächzte und stöhnte eine Weile, sprang dann empor und rief:

»Das wagt Ihr, mir zu sagen, mir, der gelehrten Emeria! Ich einen Schnurrbart! Ich, ich, ich! Und der Kopf meines angebeteten Heulmeier soll ein Schafskopf sein! Man sollte – –«

»Heulmeier?« fiel Sam ihr in die Rede. »Ja, das stimmt, das stimmt sehr genau. Dieser Kopf war ganz gewiß ein Heulmeierkopf!«

Er hatte das gesagt, um sie noch mehr in Harnisch zu bringen, darum war er sehr erstaunt, daß seine Worte eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervorbrachten. Ihr Gesicht glättete sich plötzlich und nahm den Ausdruck freudigster Spannung an; ihre Hände, welche sie bereits geballt hatte, wie um auf ihn einzuschlagen, sanken wieder herab, und in einem Tone, dessen freundlicher Klang gegen den vorigen wunderbar abstach, sagte sie zu ihm:

»Ein Heulmeierkopf meint Ihr?«

»Ja; das ist das richtige Wort. Der Kopf sieht ganz und gar heulmeierlich aus.«

»Kennt Ihr denn Heulmeier?«

»Ja, freilich,« antwortete er, da ihm sonst eine andere Antwort nicht gleich auf die Lippen wollte.

»Meinen Geliebten?«

»Ist er Euer Geliebter?«

»Ja, er war es und er ist es noch. Er ist die Sonne meiner Tage und der Mond meiner Nächte, das Brod meines Hungers und das Wasser meines Durstes. Ihr kennt ihn? Wo habt Ihr ihn denn kennen gelernt?«

Heulmeier ist ein deutsches Wort. Darum antwortete Sam dreist:

»Drüben in Deutschland.«

»Ah! So wart Ihr drüben?«

»Ich bin ja ein Deutscher.«

»Ihr ein Germano, ein Allemanneo?«

»Natürlich.«

»Ein Deutscher! Und ich bin so zornig auf Euch gewesen. Das thut mir leid!«

»Ja, freilich! Ihr habt mich sehr beleidigt und ich meinte es doch so gut mit Euch.«

»Das glaube ich. Ihr kennt meinen Heulmeier, also müßt Ihr es sehr gut mit mir meinen. Nicht wahr, er ist Professor?«

»Ja.«

»Der Zoologie?«

»Natürlich, der Zoologie, und zugleich Rector der Universität meiner Vaterstadt.«

»Wie heißt diese Stadt?«

»Herlasgrün.«

»Diesen Namen habe ich noch nie gehört.«

»Nicht? Nie? Das ist zu verwundern! Ihr, die gelehrte Emeria, habt den Namen dieser berühmten Haupt- und Residenzstadt noch nicht gehört?« Da hört freilich das Hören auf, denn das ist unerhört.«

So durfte sie sich doch nicht blamiren, darum that sie, als ob sie sich jetzt eben erst besinne:

»Ach, richtig! Jetzt fällt es mir ein! Diese berühmte Stadt Her – her – – her – –«

»Herlasgrün!«

»Ist die Haupt- und Residenzstadt von – von – von –«

»Von Ober-, Mittel- und Niederoderwitz.«

»Richtig! Eine spanische Zunge kann diese deutschen Namen nicht gut aussprechen. Also Professor und Rector der Universität! Ja, das stand zu erwarten. Ist er verheirathet?«

»Nein.«

»Nicht? Oh, oh!«

»Er heirathet nie. Wenn ich ihn ja einmal fragte, ob er sich nicht nach einer weiblichen Xantippe umsehen wolle, so schüttelte er stets den Kopf und sagte mir, daß er sein Herz in Amerika gelassen habe.«

»In – – Amerika!« flötete sie. »Sein Herz! Hat er Euch keinen Namen genannt?«

»Sehr oft, ich habe ihn mir aber nicht gemerkt. Es war wie Emeritus oder Emerenzia oder Emaille!«

»Emeria?«

»Ja, ja, Emeria!«

»O, Ihr zehntausend Nothhelfer! Das bin ich! Seine Emeria! Er hat sein Herz bei mir gelassen! Also Ihr kennt ihn genau? Wirklich?«

»Natürlich! Wir sind ja Collegen! Ich bin Professor der Astronomie an derselben Universität. Wir theilen uns in das Geschäft. Er hat die zoologische Himmelsgegend: Widder, Stier, Krebs, Löwe, Schlange, Scorpion und so weiter. Die anderen Sterne aber bearbeite ich. Und wie!«

»Ja, ja, das stimmt! Er war ein Thierfreund.«

»Ja, die Wissenschaft darf nicht stehen bleiben; sie muß immer vorwärts schreiten.«

»Ganz recht. Auch ich bin vorwärts geschritten, genau auf dem Wege, welchen er mir einst vorgezeichnet hat. Aber, konnte er denn nie wieder nach Amerika?«

»Nein, das war nicht möglich.«

»Warum?«

»Er hat ein Leiden, welches zwar an und für sich nichts zu sagen hat, zur See aber gefährlich wird. Es ist die Bauchwassersucht. Während der Seereise würde er, ringsum von Wasser umgeben, so viel Wasser in sich hineinziehen, daß er zerplatzte, ehe er nach Amerika käme. Zu Lande hat es nichts auf sich. Da wird das Wasser wöchentlich abgezapft. Man nennt das Aqua destillate und braucht es bei der Syrupfabrikation.«

»So konnte er wenigstens einmal schreiben.«

»Das hat er gethan und das thut er noch. Er hat aber so ungeheuer viel zu sagen, daß er mit seinem Briefe bis dato noch nicht fertig geworden ist. Darum bat er mich, mich nach Euch zu erkundigen.«

»Hat er Euch darum gebeten? Wirklich?«

»Gewiß, Sennorita.«

»Und was sollt Ihr mir sagen, falls Ihr mich findet?«

»Daß er jetzt eine Papierfabrik gebaut hat, um genug Papier für die Gedichte zu haben, welche er nächtlicher Weile auf Euch macht.«

»Er dichtet?«

»Und wie! Wie ein Herkules.«

»Und auf mich, auf mich! Sennor, wie nenne ich Euch?«

»Barth ist mein Name.«

»Also Sennor Professor Barth.«

»Ja, das genügt, obgleich ich noch verschiedene andere Titel besitze, auf welche ich mir aber nicht viel einbilde, zum Beispiele auf diejenigen, welche vorhin Ihr mir gabt, Sennorita.«

»Welche meint Ihr?«

»Schafskopf und Esel.«

»Ihr vergeßt, daß Ihr die Büste meines Heulmeier mit einem Schafskopfe verwechselt habt.«

»So war es nicht gemeint. Ich hätte nicht Schafskopf sondern ›Widder‹ sagen sollen. Weil Heulmeier Zoologe ist, hat man ihm diesen zoologischen Namen gegeben.«

»So habe ich Euch also vollständig mißverstanden?«

»Ja, vollständig. Desto bessere Freunde aber sind wir nun jetzt, wie ich hoffe.«

»Ja, Freunde sind wir! Nur der Tod soll uns trennen, mein bester Sennor Barth!«

»Nein, nein! So lange darf ich mich hier doch wohl nicht verweilen, meine theure Sennorita. Ihr vergeßt ganz, daß ich doch meinen Kometen suchen muß.«

»Ich werde Euch ja dabei helfen. Bis wir ihn gefunden haben, bleibt Ihr bei mir!«

»Darauf könnte ich eher eingehen, wenn ich nicht gezwungen wäre, die Zustimmung Anderer einzuholen.«

»Seid Ihr denn noch von Anderen abhängig?«

»Freilich. Ich habe Reisegefährten.«

»Wer sind sie?«

»Einige sehr ehrenwerthe Herren, welche ich Euch nachher vorstellen werde.«

»Kommen sie denn hierher?«

»Ich hoffe es, denn sie suchen auch nach dem betreffenden Kometen. Aber wir vergessen ganz das Porterbier, welches ich trinken wollte.«

»Das will ich sogleich holen, schnell, schnell!«

»Aber habe ich denn das Examen bestanden?«

»Ganz vortrefflich!«

Sie eilte fort.

»Die ist verrückt und obendrein auch noch übergeschnappt,« murmelte Sam. »Das Frauenzimmer dauert mich. Mit einer so unglücklichen Person soll man keinen Unsinn treiben. Aber erst überraschte es mich und sodann kam mir der Gedanke, daß sie uns nützlich sein kann. Jedenfalls steckt der Kerl hier im Hause. Sein Pferd ist erst draußen angebunden gewesen, und dann hat er es hereingeschafft. Werden sehen!«

Sie brachte ihm die Flasche Porter und er trank sie gleich auf einen Zug aus. Als er nach dem Preise fragte und das Geld hinlegte, wollte sie es nicht nehmen. Er mußte sie fast dazu zwingen.

»Nehmt es nur,« sagte er. »Ich lasse mir nicht gern Etwas schenken, und ein Professor der Astronomie bezieht ein solches Einkommen, daß er sein Bier schon noch bezahlen kann. Wenn Ihr mir einen Gefallen thun wollt, so kann das ja auf andere Weise geschehen.«

»Sehr gern. Sagt mir nur, wie!«

»Nun, würdet Ihr mir wohl Auskunft ertheilen, wer sich jetzt in diesem Augenblicke in Eurem Hause befindet?«

»Natürlich!«

»Nun, wer ist es?«

»Ich, Petro, mein Peon, und Henriettina, meine Magd.«

»Kein Gast, der erst vor Kurzem gekommen ist?«

»Doch, doch! An ihn dachte ich gar nicht. Ein deutscher Sennor ist da; er heißt Sennor Günther.«

»Günther? Deutsch? Hm! Wann kam er?«

»Vor zwei Stunden.«

»Das wäre möglich. Zu Pferde?«

»Nein, sondern zu Fuß.«

»Hm! Das stimmt nicht. Wo ist er?«

»Er hat sich bei mir eingemiethet, droben eine Treppe hoch in dem Giebelstübchen.«

»Wunderlich! Ich dachte, er wäre zu Pferde gekommen?«

»Nein. Er hatte weder Thier noch Gepäck.«

»Ist denn nicht auch ein Reiter dagewesen?«

»O doch. Er kam vor ungefähr dreiviertel Stunden und ging kurz bevor Ihr kamt.«

»Sein Pferd war draußen angebunden?«

»Ja.«

»Dann zog er es in das Haus?«

»Ja, wie ich glaube; er befürchtete nämlich, als Ihr kamt, daß Ihr ihn – –«

Sie hielt inne. Es fiel ihr jetzt ein, daß sie ja nichts sagen solle.

»Nun, er befürchtete, als ich kam – was denn?«

»Daß Ihr ihn sehen würdet.«

»Hm! Sehr gut! Wo steckt er jetzt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hört, Sennorita, macht mir keine Flausen! Er hat das Pferd hereingezogen und wird also wohl auch selbst in dem Hause sein.«

»Ich glaube nicht.«

»Ich aber glaube es. Es wäre viel besser, wenn Ihr mir ganz aufrichtig die Wahrheit sagtet.«

»Ich sage sie ja. Er ist nicht mehr hier.«

»Sapperment! Wohin denn?«

»Ich darf nicht sprechen.«

»Dann sind wir allerdings gute Freunde gewesen!«

»Nehmt es mir nicht übel, Sennor! Die Beiden waren Freunde eines Mannes, dem ich sehr verpflichtet bin. Sie gingen, als sie Euch kommen sahen, und haben mir verboten, von ihnen zu sprechen.«

»Zwei waren es?«

»Ja. Einer war bereits da, als der Reiter kam.«

»Heißt der Sennor, welchem Ihr so sehr verpflichtet seid, vielleicht Robin?«

»Ja.«

»Das genügt. Aber Ihr erlaubt mir vielleicht, mich einmal in Eurem Hofe umzusehen?«

»So viel es Euch beliebt.«

»Schön! Holt mir inzwischen noch eine Flasche Porter. Die Sache scheint warm werden zu wollen, da ist es besser, man stärkt sich vorher als hinterher.«

Er verließ das Zimmer und sie ging auch hinaus, um das Bier zu holen. Eben als sie es gebracht hatte und auf den Tisch stellte, kam abermals ein Reiter. Es war der Häuptling der Apachen. Er war auf einem andern Wege als Sam aus der Stadt gekommen. Ihm genügte es, das Pferd des Dicken vor der Thür zu sehen. Er band das seinige daneben an und kam in die Stube.

»
Dios!« grüßte er kurz.

Dann setzte er sich an den Tisch, an welchem auch Sam gesessen hatte.

Die Sennorita sah natürlich, daß sie es mit einem Indianer zu thun hatte. Das ist aber in jener Gegend keine Seltenheit. Darum empfand sie auch nicht etwa Angst vor ihm. Sie gab ihm einen verweisenden Wink und erklärte:

»Dort sitzt bereits ein Sennor.«

Der Rothe nickte schweigend.

»Ich bitte Euch also, Euch an einen anderen Tisch zu setzen.«

Der Rothe schüttelte schweigend.

»Habt Ihr es gehört?«

Er nickte.

»So thut doch auch, was ich Euch sage!«

Er ergriff die Flasche, deren Stöpsel die Sennorita bereits für Sam geöffnet hatte.

»Halt!« rief sie. »Die gehört dem anderen Gaste.«

Er führte trotzdem die Flasche an den Mund.

Da sprang sie herbei und wollte sie ihm nehmen. Sie ergriff seine beiden Hände, um sie mit der Flasche von seinen Lippen wegzuziehen. Er setzte die Flasche langsam ab, stellte sie auf den Tisch, schüttelte die Hände der Sennorita von sich, ergriff diese Letztere bei den Schultern und drückte sie, ohne aber ein einziges Wort dabei zu sagen, mit solchem Nachdrucke auf den Boden nieder, daß sie grad und direct auf den Thonklos zu sitzen kam, welcher noch an derselben Stelle lag, wo er ihr entfallen war, als Sam den Kopf ihres Angebeteten einen Schafskopf genannt hatte. Dann griff der Apache wieder nach der Flasche, führte sie an die Lippen und trank sie aus.

Der Sennorita schien die Fähigkeit, sich bewegen zu können, ganz und gar abhanden gekommen zu sein. Sie blieb mit ausgespreizten Armen und Beinen eine ganze Weile sitzen, hatte den Mund offen und hielt die Augen entsetzt auf den Häuptling gerichtet, welcher sich ganz ruhig auf den Stuhl wieder niedergelassen hatte und gar nicht mehr auf sie zu achten schien.

Dann aber kam es plötzlich über sie, als ob sie auf einer Spannfeder gesessen habe. Sie schnellte empor, streckte ihm die geballten Fäuste entgegen und rief mit vor Zorn bebender Stimme:

»Mir das? Mir?«

Er nickte.

»Mir, der gelehrten Sennorita Emeria! Ist das nicht unerhört, nicht schändlich?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nicht? Was? Also nicht? Wißt Ihr, wer und was ich bin? Ich, eine Künstlerin, eine Gelehrte, soll mich von einem Menschen, der nur ein wilder Indianer ist, in dieser Weise – ooooh! Brrrrr!«

Sie konnte nicht weiter. Der Apache war mit blitzartiger Schnelligkeit an ihrem Tische, ergriff das Wassergefäß, in welches sie den Hader beim Modelliren getaucht hatte, und goß ihr den ganzen weißgrauen, thonigen und schlammigen Inhalt über den Kopf. Das Gefäß selbst stülpte er ihr dann noch oben darauf.

»Abkühlen!« sagte er.

Im nächsten Augenblick saß er wieder ruhig auf dem Stuhle, als ob gar nichts vorgefallen sei.

War sie vorhin ihrer Sprache beraubt gewesen, so dauerte dies jetzt noch länger, ehe sie dieselbe wiederfand. Ihr Anblick war freilich zum Malen. Erst schon voller Thonflecke, tropfte sie jetzt von oben bis unten von der triefenden Brühe. Diese war ihr in die Augen, den Mund und die Nase gedrungen. Sie pustete, hustete, nießte und schüttelte sich. Um die Nässe wenigstens aus dem Gesichte schnell los zu werden, hob sie das schwarze Kleid empor und wischte sich damit Kopf, Stirn, Wangen, Kinn und Hals ab. Jetzt nun bekam sie die Augen frei. Jetzt konnte sie sehen und nun vermochte sie auch wieder zu sprechen:

»So Etwas! So Etwas!« keuchte sie. »Ein Ueberfall! Eine schändliche Beleidigung und Behandlung! Ich werde meinen Peon herein rufen. Und dann, wenn erst mein Freund, der Professor Barth kommt, so werden Beide mich rächen. Noch weiß ich nicht einmal, ob Ihr das Bier bezahlen könnt, welches – –«

»Pst!«

Es war nur dieser eine Laut, mit welchem er sie unterbrach; aber dies geschah in einer solchen Weise, daß ihr die Zunge sofort stille stand. Der Apache hatte so etwas Eigenes an sich. Ein einziger Blick von ihm wirkte mehr, als die lange Rede eines Andern.

Er griff in die Gürteltasche, zog einen kleinen gelben Gegenstand, der fast die doppelte Größe einer Erbse hatte, hervor und hielt ihr denselben hin.

»Bezahlen,« sagte er.

Sie warf einen Blick darauf und sofort erhellten sich ihre soeben noch so finsteren Gesichtszüge.

»Ein Nugget! Ah, von dieser Größe! Ich werde es sogleich wiegen und Euch das Uebrige nachher herausgeben. Das Bier kostet einen halben Dollar.«

An Orten, wo Goldgräber verkehren, bezahlen dieselben meist mit Goldstaub und Goldsand. In Folge dessen befindet sich jeder Geschäftsmann im Besitze einer Goldwaage. Das war auch bei der Wirthin der Fall. Sie wog das Nugget, zog den halben Dollar von dem Werthe des Goldes ab und zählte dem Apachen das Uebrige auf den Tisch.

»Dreck!« sagte er verächtlich und strich mit dem Arme das Geld vom Tische herab, daß es auf die Diele fiel.

»Herrgott! Ihr werft es herunter!« rief sie.

Er nickte.

»So viel! Es sind vier und ein halber Dollar!«

Er zuckte geringschätzig die Achsel.

»Wollt Ihr es denn nicht haben?«

Er schüttelte den Kopf.

»Darf ich es für mich nehmen?«

»Für das Abkühlen!«

Das war ihr natürlich sehr lieb. Sie hob das Geld auf und steckte es ein. Sie hatte gar nicht bemerkt, daß abermals ein Reiter angekommen war, der draußen sein Pferd angebunden hatte und jetzt hereintrat. Steinbach war es.

Heute Morgen hatten die Verfolger bemerkt, daß Roulin eine Finte geritten war, um sie irre zu führen. Um ihn ganz sicher zu bekommen, hatten sie sich getrennt. Ein Ort, an welchem sie dann wieder zusammentreffen wollten, war gar nicht bestimmt worden. Es verstand sich ja ganz von selbst, daß sie, die Fährte eines Mannes suchend, auf derselben sich wieder finden würden. Sam war der Glückliche von ihnen gewesen, welchen der Zufall zuerst auf diese Fährte geführt hatte, sodann der Apache und jetzt nun Steinbach.

Dieser hatte die Pferde Sams und der ›starken Hand‹ bereits von Weitem vor dem Hause stehen sehen und einen ihm begegnenden Mann gefragt, was für ein Haus dies sei. Der Gefragte hatte ihm eine sehr ausführliche Antwort ertheilt und ihm die Eigenthümlichkeiten der Wirthin so beschrieben, daß er genau wußte, woran er war.

Als er sie jetzt erblickte, hätte er am Liebsten laut auflachen mögen. Dennoch zwang er sich, ernst zu bleiben und grüßte im höflichsten Tone:

»
Buenos dias, estimada Donna Emeria – guten Tag, hochverehrte Donna Emeria!«

Sofort glänzte ihr Gesicht vor hellem Entzücken.

»
Buenos dias!« antwortete sie. »Willkommen, willkommen, Sennor! Wollt Ihr Euch nicht einen Platz suchen? Nicht hier bei dem Indianer, sondern dort auf dem Divan, welcher nur für Dons vorhanden ist!«

»Danke! Ich will nicht lange bleiben und werde mich doch zu diesem rothen Sennor setzen. Ich sehe, daß Ihr Porter habt. Darf ich um eine Flasche bitten?«

»Gewiß, gewiß! Gleich hole ich sie!«

Sie wollte hinaus, blieb aber an der Thür stehen. Es fiel ihr ein, daß dies das erste Mal sei, daß sie ohne Examen bedienen wolle. Durfte sie dies thun? Durfte sie von ihren Grundsätzen abweichen? Nein. Dieser Sennor hatte sie durch sein Aeußeres und seine Höflichkeit sofort für sich eingenommen, aber er mußte auch erfahren, daß er sich in der Venta der gelehrten Sennorita Emeria befand. Sie kehrte noch einmal um.

»Verzeiht vorher, Sennor!« sagte sie. »Ich pflege gern zu erfahren, weß Geistes Kind mein Gast ist. Ich bediene keine ungebildeten Leute. Obgleich nun in Beziehung auf Euch ein Zweifel gar nicht möglich ist, möchte ich Euch doch vier Fragen vorlegen.«

»Viere? Das ist viel. Wenn ich sie nicht beantworten kann, erhalte ich nichts?«

»Leider ist es so.«

»Nun, so muß ich mir Mühe geben. Bitte, zu fragen!«

»Schön! Also, welcher Diplomat der Jetztzeit ist wohl der geschickteste?«

»Sennorita Emeria.«

»Ich? Wieso?«

»Ihr zwingt Jedermann, Euch Rede und Antwort zu stehen, was andern Diplomaten nicht stets gelingt.«

»Sehr gut, sehr gut! Sogar ausgezeichnet! Ich will Euch aufrichtig gestehen, daß ich eine so überaus treffende und geistreiche Antwort noch auf keine meiner Fragen erhalten habe. Diese eine Antwort ist so schwer wie vier gewöhnliche gute Antworten. Ich verzichte also auf weitere Fragen. Ihr seid würdig, mein täglicher Stammgast zu sein. Was habt Ihr mir für Befehle zu ertheilen?«

»Ich bitte, wie bereits vorhin, um einen Porter.«

»Er kommt, er kommt! Er soll förmlich herbei fliegen!«

Sie eilte fort.

»Krank im Kopf!« sagte der Apache.

»Wo ist Sam?«

»Draußen.«

»Was thut er?«

»Werden es hören.«

Die Wirthin kehrte wirklich schnell zurück. Es war ihr unterwegs eingefallen, daß ihr Aeußeres jetzt eigentlich ein etwas ungewöhnliches sei, und sie hielt es für nöthig, einem so höflichen Gaste gegenüber sich zu entschuldigen. Sie that das in ihrer eigenartigen Weise. Sie stellte sich vor ihn hin und fragte:

»Sennor, wie gefalle ich Euch?«

Er betrachtete sie mit ernster Miene und antwortete:

»So stelle ich mir eine Künstlerin vor, die –«

»Bin ich auch, bin ich auch,« fiel sie schnell ein.

»Die das Genie besitzt, einem Stücke spröder Erde geistiges Leben einzuhauchen.«

»Das thue ich, ja, das thue ich!«

Sie bückte sich zum Boden nieder und hob den Thonklos auf, welcher, seit sie darauf gesessen hatte, dem beabsichtigten Kopfe noch viel unähnlicher geworden war. Ihn Steinbach hinhaltend, fuhr sie fort:

»Seht hier eine Probe, Sennor. Was ist das?«

Er kam in die allergrößte Verlegenheit. Zum Glücke fiel sein Blick auf ihren Tisch. Er bemerkte, daß sie modellirt haben müsse und sah den gezeichneten Kopf dabei liegen. Darum wagte er die Antwort:

»Ein feiner Kopf von scharfer, geistreicher, seltener Zeichnung. Die Rundung noch Etwas zarter und das Profil ein Wenig ausgearbeiteter, dann wird es ein bewundernswerthes Meisterstück sein.«

»Seht, seht, wie Recht Ihr habt,« jauchzte sie förmlich auf. »Endlich, endlich finde ich einen Mann, der mich versteht! Einen gab es, Einen, der mich ebenso verstand. Der kann aber nie wieder zu mir, denn er leidet an der Bauchwassersucht!«

Steinbach hätte laut auflachen mögen, dennoch sagte er ernsthaft:

»Der Arme!«

»O nein! Nennt ihn nicht arm! Er ist von der Natur überschüttet mit Vorzügen des Geistes und des Körpers. Er ist mein Freund, mein Einziger, mein Ewiger! O Heulmeier, Heulmeier!«

Sie drückte den Klos an ihre Lippen.

»Heulmeier?« fragte Steinbach verwundert.

»Ja, Heulmeier! Er war Euch so ähnlich an Talent. Wundert Euch nicht, daß es Euch schwer fällt, diesen Namen auszusprechen! Heulmeier war ein Deutscher und alle diese Deutschen sind berühmte Zoologen.«

»Dann bin ich auch ein Zoolog. Ich bin Deutscher.«

»Ihr, auch Ihr? Ists möglich?«

»Ja, ich bin ein Germano.«

»Welch ein Tag! Ihr seid heute bereits der dritte Deutsche, den ich bei mir sehe. Wie ist Euer Name?«

»Steinbach.«

»Ein schöner Name, aber doch noch nicht so wohlklingend wie Heulmeier. Seid Ihr in Deutschland bekannt?«

»So ziemlich.«

»Kennt Ihr die dortigen Residenzen?«

»Alle.«

»So kennt Ihr auch wohl Her – her – – her – o, ich besinne mich nicht gleich. Die letzte Silbe war ›grün‹.«

Jetzt ging Steinbach ein Licht auf. Hier hatte jedenfalls der lustige Sam die Hand im Spiele.

»Herlasgrün etwa?« fragte er.

»Ja. Es ist die größte Haupt- und Residenzstadt, nicht wahr, Sennor?«

»Ja.«

»Und hat eine Universität?«

»Hm! Ja.«

»Dort ist – – aber wart Ihr dort?«

»Sehr oft.«

»So müßt Ihr auch Heulmeier gesehen haben.«

Er setzte sich den Fall zusammen. Zoolog, Universität – er war so kühn, zu fragen:

»Ihr meint den berühmten Professor Heulmeier, Professor der Zoologie?«

»Ja, und Rector der Universität. Sennor Professor Barth kennt ihn auch. Welch ein glücklicher Tag heute. Werdet Ihr einige Zeit in Prescott bleiben?«

»Vielleicht.«

»Wollt Ihr nicht bei mir logiren?«

»Habt Ihr Platz?«

»Für Euch gewiß. Ich habe zwar bereits einen Deutschen da, einen armen Goldsucher, welcher Günther heißt, aber für Euch ist auch noch Raum vorhanden.«

»Ich werde es mir überlegen. Wo befindet sich der Professor Barth, von welchem Ihr spracht?«

»Er ist im Hofe und sucht nach einem Reiter, welcher vorhin bei mir eingekehrt war.«

»Ist dieser Reiter noch da?«

»Nein. Er ist zu Sennor Robin, meinem Freunde, geritten.«

»Dieser Sennor ist Euer Freund?«

»Ja, ich bin ihm sehr verbunden.«

»Darf ich erfahren, warum?«

»Wegen einer Sennorita, einer nahen Verwandten von mir. Sie war ihren Eltern davongegangen, kam nach San Franzisko, dann nach Cincinnati und gar nach New-York. Sie wurde bei ihrer Rückkehr verstoßen und fand ein Asyl bei mir. Dann nahm Sennor Robin sie zu sich. Er hat ihr eine Existenz geboten. Darum schulde ich ihm großen Dank.«

»So ist sie seine Frau?«

»Nein, er heirathet nicht. Aber sie ist die Directrice seines Hauswesens. Sie ist eine große Schönheit. Sie hat mehrere Male Gelegenheit gehabt, eine ausgezeichnete Parthie zu machen; aber sie liebt die Freiheit. Sie hat mir viele Sorge gemacht, diese gute Donna Miranda; aber ich habe sie dennoch sehr lieb. Wenn Ihr bei mir bleibt, werdet Ihr sie wohl auch noch kennen lernen.«

»Wißt Ihr vielleicht, ob Sennor Robin heute in seinem Hause ist?«

»Ich glaube es. Er war gestern hier und hat von einer Reise nichts erwähnt. Wollt Ihr zu ihm?«

»Vielleicht. Kann man einen Führer finden?«

»Ihr braucht keinen. Ihr reitet die Straße fort, bis ein Weg rechts abgeht. Der Weg führt ganz untrüglich in die Berge und bis an Robin's Haus. Hoffentlich aber bleibt Ihr heute hier und reitet erst morgen zu ihm hinaus.«

Jetzt kam noch ein Vierter an, nämlich Wilkins. Damit die Wirthin nicht auch diesen ins Examen nehmen möge, erklärte Steinbach ihr, daß sie alle Vier Gefährten seien und daß er nur auf den Professor Barth warte, um bestimmen zu können, ob sie heute weiter zu reiten hätten oder sich ausruhen könnten. Sie war von dieser Aufklärung einigermaßen betroffen. Sie begann zu ahnen, daß es sich um eine für Robin nicht freundliche Angelegenheit handle, aber sie wagte es nicht, eine Bemerkung zu machen. Der wortkarge, ernste Apache hatte ihr nicht imponirt, wenn sie aber in das stets so freundliche Gesicht Steinbachs und auf seine imposante Gestalt blickte, so war es ihr, als ob sie einen Souverän vor sich habe, den man nur mit dem tiefsten Respecte behandeln dürfe.

Sie ließ darum die Gäste allein. Sie zog sich zurück, um ein anderes Gewand anzulegen und damit zu zeigen, daß sie so vornehmer Gäste auch wohl würdig sei.

Bald kam Sam zurück.

»Was habt Ihr denn eigentlich dieser armen Wirthin weiß gemacht?« fragte Steinbach. »Habt Ihr denn nicht bemerkt, daß sie schwachsinnig ist?«

»Sogar verrückt ist sie! Wer das nicht sofort bemerkt, der ist selbst verrückt.«

»Nun, über so unglückliche Menschen macht man sich doch nicht etwa lustig!«

»Habe ich das gethan?«

»Ja. Ihr habt Euch für einen Professor ausgegeben.«

»Das bin ich auch, wenn es auch der Vereinigten-Staaten-Congreß unterlassen hat, mir den betreffenden Titel zu geben. Ich bin Professor des ›Fernen Westens‹. Jim und Tim und viele Andere sind meine Schüler, meine Studenten gewesen. Aber auch davon abgesehen. Ich habe mich über die Wirthin keineswegs lustig gemacht. Ich bin nur einfach auf ihre Idee eingegangen, damit wir von ihr profitiren können.«

»War es dazu nothwendig, zu sagen, daß Herlasgrün eine Haupt- und Residenzstadt ist?«

»Ja.«

»Von welchem Reiche denn?«

»Von Ober-, Mittel- und Niederoderwitz.«

Jetzt mußte Steinbach selbst lachen. Dennoch meinte er, noch zürnend:

»Ihr seid ein lockerer Vogel, Sam!«

»Nagelt mich fest, dann bin ich nicht mehr locker. Uebrigens, laßt Euch erzählen!«

Er berichtete, was er hier erfahren hatte, und fuhr dann fort:

»Ich ging also nach dem Hofe, um das Pferd und auch den Reiter zu suchen. Beide sind aber nicht mehr da. Sie sind zu einer hinteren Thüre hinaus.«

»Der Kerl hat Euch wohl kommen sehen?«

»Jedenfalls. Der Kerl, welcher mit ihm ist, muß ein Verbündeter Walkers sein und unsere Wirthin steht mit ihnen im Bunde.«

»Nein. Sie weiß nicht, was für ein Schurke Walker ist. Er hat sie sich zu Dank verpflichtet.«

»Werden sehen. Uebrigens wäre ich beinahe wieder mit diesem Peon Petro in Prügelei gerathen; wir sind aber doch noch einig geworden. Er ist ein lustiger, braver Kerl. Der Magd Henriettina ist aber nicht zu trauen. Sie hat ein dickes, von Blatternarben zerrissenes Kürbißgesicht und einen falschen Blick. Hoffentlich legt sie mir nichts in den Weg, sonst kann es leicht werden, daß ich ihr die Schutzpocken impfe.«

»Jedenfalls haben wir mit diesen Leuten hier nichts mehr zu thun. Wir folgen Roulins Spuren und nehmen ihn und Walker fest. Die hiesige Venta geht uns nichts mehr an.«

»Ja, wenn nicht Einer sich hier befände, für den man sich interessiren möchte.«

»Wer ist das?«

»Jener Goldsucher Günther. Er kommt mir verdächtig vor. Warum miethet er sich hier ein? Ich hatte eigentlich die Absicht, ihn mir einmal anzusehen, aber da ich so viel Zeit versäumt hatte, um die Fährte ein Stück weit in's Feld zu verfolgen, so habe ich davon abgesehen.«

»So ganz Unrecht habt Ihr nicht. Ein Deutscher hier in Prescott! Jedenfalls ist das interessant genug, um ihn einmal zu begrüßen. Ich werde doch zu ihm gehen. Schaden kann es nichts.«

Er begab sich hinaus, stieg die Treppe hinan und klopfte an die Thür.

»Wer da?« fragte es erst nach einer Weile.

»Seid Ihr Sennor Günther?«

»Ja.«

»Bitte, öffnet doch einmal.«

»Was wollt Ihr? Kommt Ihr von Zimmermann?«

»Nein. Aber ich bin ein Deutscher und da ich höre, daß Ihr ein Landsmann seid, so wollte ich die Gelegenheit, Euch zu begrüßen, nicht vorübergehen lassen.«

»Vortrefflich! Ich öffne sogleich!«

Der Riegel wurde zurückgeschoben und die Thür aufgemacht. Günther stand unter derselben und sagte:

»Also ein Landsmann! Das freut mich, das – alle tausend Teufel! Oskar, Du!«

»Günther, Du?«

Sie standen sich einige Augenblicke vollständig betroffen gegenüber, dann aber lagen sie sich in den Armen.

»Herein, mein lieber, lieber Freund!« bat Günther, indem er Steinbach hineinzog. »Welch eine Ueberraschung! Wer hätte so Etwas für möglich gehalten!«

»Ich auch nicht. Zwar weiß ich, daß Du in Mittelamerika reisest, aber mit Dir zusammenzutreffen, daran habe ich nicht gedacht.«

»Laß Dich nur zunächst nieder! Ich werde sofort der Wirthin sagen, daß sie – –«

Er wollte rufen. Steinbach wehrte ihm.

»Halt! Nicht rufen! Die Wirthin soll lieber gar nicht merken, daß wir uns kennen.«

»Warum nicht?«

»Ich habe meine triftigen Gründe. Also Du reisest incognito?«

»Natürlich. Ich habe mich meines Vor- als Zunamens bedient. Und Du?«

»Ich heiße Steinbach.«

»Wie in Afrika. Hast Du diplomatische Mission?«

»Halb und halb. Gedenkst Du, hier Rast zu machen?«

»Ja. Du doch auch?«

»Schwerlich. Ich habe hier in der Nähe ein Rencontre, welches mich zur schnellen Abreise veranlassen wird.«

»Kann ich Dir dienen?«

»Danke! Ich Dir vielleicht?«

»Schwerlich.«

»Bitte, nicht so wegwerfend! Du bist hier fremd!«

»Du doch ebenso!«

»Vielleicht nicht,« lächelte Steinbach. »Hast Du vielleicht einmal von dem berühmten Fürsten der Bleichgesichter gehört?«

»Ja, öfters.«

»Nun, der bin ich.«

»Was Du sagst! Nun ja, zu glauben ist es. Du bist eben ein ganz und gar außerordentlicher Mensch und hast dazu das Glück, daß Deine Verhältnisse sich ebenso außerordentlich gestalten. Wir Durchschnittsmenschen laufen nur so geradeaus.«

»Bedauerst Du das?«

»Gewiß. Ich ging aus, um Abenteuer zu erleben. Habe ich ein einziges gehabt? Nicht eins!«

»Du Aermster!«

»Ja. Ich habe gar nichts, gar nichts erlebt. Denn daß ich in San Franzisko mit einem Oelprinzen zusammentraf und ihm einige Dollars im Spiele abnahm, das ist doch nicht zu nennen.«

»Wenn es keine bedeutende Summe war!«

»Gar nicht! Lumpige Hundertzwanzigtausend!«

Er sagte das in kläglichem Tone. Steinbach lachte:

»Glückskind! Immer stets der Alte. Dein Glück ist wirklich bange machend.«

»Pah! Ich verzichte gern auf dasselbe. Ich bin ja reich genug. Glück im Spiele und Unglück in der Liebe. Ein altes aber wahres Wort. Ich wünsche wirklich sehr, daß es umgekehrt wäre.«

»Glück in der Liebe?«

»Ja.«

»Soll ich etwa glauben, daß Du endlich Feuer gefangen hast, Alter?«

»Feuer gefangen? Pah! Dieses Bild sagt nichts, sagt viel zu wenig für das, was ich da drin empfinde.«

Er schlug sich dabei an die Brust.

»Ich condolire!« lachte Steinbach.

»Lache immerhin! Du freilich bist gefeit gegen den Pfeil des Schalkes Amor. Du wirst niemals in die Lage kommen, Dich eines weiblichen Wesens wegen auf das Pfarramt zu bemühen.«

»Von Dir dachte ich ganz dasselbe.«

»Denken! Des Menschen Gedanken sind nichts, gar nichts. Sprechen wir nicht davon. Erzähle mir lieber Etwas von Deinen Erlebnissen!«

»Dazu habe ich wirklich keine Zeit!«

»Was? Dein bester, treuester Kamerad soll nichts erfahren von – –«

»Nein, ganz und gar nichts, wenigstens jetzt nicht. Meine Zeit ist mir so knapp zugemessen, daß ich mit Dir nur das Allernothwendigste besprechen kann, und das besteht doch wohl darin, daß wir uns sagen, was uns nach Prescott führt, was wir hier wollen. Ich wiederhole, daß ich Dir sehr gern meine Hilfe anbiete, wenn sie Dir genehm ist.«

»Danke! Mir kann keine Hilfe helfen.«

»Ich habe einige famose Kerls bei mir, berühmte Prairiejäger und Westläufer.«

»Ist mir Alles Schnuppe.«

»Hm! Du scheinst um Vieles anders geworden zu sein. Seit wann bist Du hier?«

»Seit gestern.«

»Erst? Woher kamst Du?«

»Von Yuma, da unten an der Süd-Pacificbahn.«

»Ah, das ist interessant. Was wolltest Du dort?«

»Ich wollte sie suchen.«

»Sie? Wen?«

»Na, sie natürlich! Bedarf es weiterer Worte?«

»Nein, nun nicht. Ist sie Dir abhanden gekommen?«

»Leider! Ich will nicht von ihr sprechen und Du bringst mich doch immer wieder auf sie.«

»Ich biete Dir Rath und That an.«

»Danke! Habe Dir bereits gesagt, daß mir Niemand helfen kann. Ueberhaupt feiern wir unser so unerwartetes Wiedersehen auf eine verteufelt triste Weise: keinen Wein, keine Cigarre, rein gar nichts.«

»Ist auch nicht nöthig. Wir treffen für einen Augenblick unterwegs, wie der wilde Jäger den ewigen Juden. Da bedarf es keiner großen Tafeleien. Also, wie lange bleibst Du?«

»Bis ich sie finde.«

»Sie und wieder sie!«

»Das ist einmal mein jetziges Schicksal. Ich sehe schon, daß ich Dir wenigstens eine Erklärung geben muß. Weißt Du, ich war bereits schon einmal nahe daran, mein altes Herz überrumpeln zu lassen. Du hast allerdings nichts geahnt, obgleich Du dabei warst.«

»Wann?«

»Kannst Du Dich noch jenes Malers Normann erinnern?«

»Sehr gut.«

»Du stelltest ihn mir vor. Ich besuchte ihn.«

»Ich war mit Dir.«

»Der Kerl war prächtig, aber er hatte einen Fehler, den ich ihm nicht verzeihen konnte.«

»Da bin ich neugierig.«

»Er hatte eine Verlobte. Das war sein Fehler.«

»Ah!«

»Ja. Sie hieß eigentlich wohl anders, aber er nannte sie mit dem türkischen Namen Tschita. Ich will sie nicht beschreiben. Du kennst sie ja. Mir schien es sogar, als hättest Du bei diesen Beiden ein Wenig Vorsehung gespielt; wenigstens brachten sie Dir eine sehr auffällige Zuneigung entgegen. Ich war Feuer und Flamme für diese wunderbare Tschita, durfte es mir aber nicht merken lassen, sie hatte ja einen Verlobten, und – was für mich noch weit schlimmer war – sie liebte ihn.«

»Und sogar von ganzem Herzen.«

»Das sah ich. Ich fühlte mich elend, so elend wie eine ganze Welt voll Katzenjammer. Es gefiel mir nichts mehr; es schmeckte mir nichts mehr, und es ging mir nichts mehr. Das mußte anders werden; ich wäre sonst zu Grunde gegangen. Ich ließ mir Urlaub geben und ging auf Reisen. Wohin, das war gleich. Zunächst aber dampfte ich nach Amerika.«

Steinbach schüttelte sehr ernst den Kopf und meinte:

»Also deshalb die damalige Störung Deines sonst so heiteren, selbstbewußten Wesens. Hm!«

»Ja, der von den Frauen umsonst umworbene Rittmeister Günther von Langendorff war verliebt, war liebeskrank! Lächerlich, brutal lächerlich! Na, ich glaubte, die Reise solle mich zerstreuen, hatte mich aber bedeutend geirrt. Die Liebe ist ein ganz eigenartiges Ding und nebenbei die dümmste Seelenerregung, die es nur geben kann. So hinkte und jammerte und klagte ich weiter und weiter, bis ich nach San Franzisko kam. Ich ließ mich nach dem Unionhotel fahren. Als ich die Treppe hinabstieg, kam Eine die Treppe herab – Tschita.«

»Unmöglich!«

»Das sage ich mir jetzt auch. Damals aber hielt ich sie für Tschita. Eine größere und wunderbarere Aehnlichkeit habe ich noch nie gesehen. Du kannst Dir denken, was passirte. ›Diese und keine Andere!‹ So heißts in Romanen und auf der Bühne und so hieß es auch bei mir. Lache mich aus!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Schön, so lache mich nicht aus, sondern weine um mich!«

»Auch das thue ich nicht.«

»So laß Beides bleiben und thue ganz nach Deinem Wohlgefallen.«

»Wie wurde es weiter?«

»Triste und immer trister. Ich begegnete ihr am Abende im Treppenzuge. Es war mir, als ob ihr Auge auf mir ruhe. Ich redete sie an. Sie erröthete, antwortete aber nicht. Am nächsten Morgen war sie weg.«

»Fatal!«

»Ich fand ihre Spur und reiste ihr bis Sakramento nach. Dort sah ich sie. Alle Teufel! Am nächsten Tage war sie abermals fort!«

»Hm!«

»Ja, hm! Ich machte nicht blos hm! sondern ich fluchte ganz gehörig. Aber die Liebe ist beinahe allwissend. Ich kam noch einmal auf ihre Fährte und traf sie dann in Carson City. Da haben wir neben einander im Hotel gespeist. Ein Kerl saß bei ihr, der sie bewachte, wie der Teufel die Seele. Am Allerliebsten hätte ich ihn ausgehauen, aber nicht in Marmor, sondern mit der Reitpeitsche. Es gelang mir nur, heimlich um ihren Namen zu bitten.«

»Erfuhrst Du ihn?«

»Ja. Sie flüsterte ihn mir zu, erröthend, so lieblich, so unschuldig verlegen! Aber was half es! Am andern Morgen war sie abermals fort.«

»Das ist Pech!«

»Dieser verdammte Kerl hat Lunte gerochen!«

»Möglich. Hast doch den Namen gemerkt?«

»Besser wie meinen eigenen! Es war nur ein einfacher, bürgerlicher Name, aber er wird mir in die Ohren klingen, so lange ich lebe: Magda Hauser.«

Steinbach machte eine schnelle Bewegung.

»Was hast Du?« fragte Günther.

»Nichts weiter. Ich wundere mich nur, daß es ein deutscher Name ist.«

»Das gab und giebt auch mir zu denken. Jene Tschita war auch eine Deutsche. Ich habe mich gefragt, ob es Schwestern sind. Doch das nützt ja nichts. Sie ist fort, verschwunden.«

»Hast Du keine Spur gefunden?«

»Zwei für eine. Beide führten nach Süden. Da ich mich aber nicht theilen konnte, so engagirte ich einen Zweiten. Ich hatte einen jungen Deutschen kennen gelernt, der längere Zeit hier im Lande gelebt hat und dasselbe genau kennt, einen guten, braven Jungen, aber arm. Ihn schickte ich auf die eine Spur und ich selbst nahm die andere. Wir machten aus, uns nach Prescott Nachricht zu geben.«

Steinbach lächelte seit einiger Zeit vergnügt vor sich hin. Günther bemerkte dies gar nicht, sondern fuhr in mißmuthigem Tone fort:

»Ich bin der Fährte wie ein Hund gefolgt, bis hinab nach Yuma. Da hörte sie auf.«

»Ohne Alles?«

»Nein, sondern mit Brillantfeuerwerk und Tableau. Sie endete nämlich im Hause eines alten Spaniers, der sich eine junge Erzieherin für seine holden Rangen geholt hatte. Diesen Beiden war ich nachgelaufen. Hole sie der Teufel für jetzt und in alle Ewigkeit. Amen!«

»Und Dein Compagnon?«

»Der steckt irgendwo und läßt nichts von sich hören.«

»Vielleicht war seine Fährte auch eine falsche.«

»Möglich. Das kann mich aber nicht abhalten, weiter zu suchen. Ich höre nicht eher auf, als bis ich sie finde. Ich steige hinunter in den Krater des Vesuves und hinauf auf die Spitzen des Hymalaja. Ich renne nach Spitzbergen und laufe Schlittschuhe bis nach der Sahara. Ich schlage die ganze Menschheit todt, bis endlich mir Einer Auskunft gibt, wo ich sie finde.«

»War sie denn wirklich so schön?«

»Pah! Was nützen Worte? Ein Jeder hält eben die Seinige für die Schönste und Herrlichste.«

»Aber bürgerlich!«

»Ich heirathe sie und wenn sie im Bezirksarmenhause geboren wäre.«

»Ich kenne Dich nicht mehr.«

»Ich mich auch selbst nicht. Von Yuma bin ich mit der Diligence bis hierher. Ich dachte, den Kameraden zu treffen, und habe seit gestern nach ihm gesucht, aber vergebens. Er ist noch nicht hier.«

»So willst Du ihn also hier erwarten?«

»Natürlich.«

»Und quartierst Dich außerhalb der Stadt ein!«

»In der Stadt selbst würde er mich freilich leichter finden, wenn er kommt; aber die Venta dieser verrückten Emeria ist die anständigste. Hier trifft man das abenteuernde, spitzbübische Gesindel nicht, welchem man in den andern Häusern begegnet. Die Wirthin wurde mir von einem Bekannten empfohlen, einem Sennor Robin hier in der Nähe.«

»Was? Robin heißt er?«

»Ja. Welch ein Gesicht machst Du?«

»Er wohnt draußen in den Bergen?«

»Ja. Kennst Du ihn?«

»Ein Wenig. Wie ist er denn eigentlich Dein Bekannter geworden?«

»Durch seine Wirthschafterin.«

»Etwa Miranda?«

»Ja. Auch sie kennst Du?«

»Ich habe sie noch nicht gesehen. Auf welche Weise hast Du denn die Bekanntschaft dieser Donna gemacht?«

»Sie war in Yuma gewesen und fuhr mit mir bis hierher. Wir kamen miteinander an. Da wir die einzigen Passagiere waren, so waren wir aufeinander angewiesen. Aus Höflichkeit begleitete ich sie nach unserer Ankunft hinaus nach ihrer Wohnung, wo sie mich Sennor Robin vorstellte.«

»Wie gefällt er Dir?«

»Er war außerordentlich höflich. Weiter weiß ich freilich nichts.«

»Und sie?«

»Hm! Mein Herz war bereits engagirt.«

»Das heißt, daß diese Miranda Dir hätte gefährlich werden können?«

»Meiner Ansicht nach wird sie einem Jeden gefährlich werden, wenn sie will.«

»So ist sie schön?«

»Wunderbar. Aber sie ist von einer Schönheit, die ich eigentlich nicht liebe. Sie ist sinnberückend, bethörend. Ihre Reize sind, wie drücke ich mich doch nur bezeichnend aus, sind aufdringlich. Interessirst Du Dich vielleicht für sie?«

»Ja.«

»Sapperment! Doch nur vorübergehend?«

»Jedenfalls.«

»Also Liaison! Wünsche Glück!«

»Danke, obgleich es nicht so ist, wie Du es meinst. Mein Interesse ist von ganz anderer Art. Diese Miranda ist nämlich Courtisane.«

»Alle Teufel! Wirklich?«

»Ja.«

»Woher weißt Du das?«

»Von ihrer Verwandten, der famosen Sennorita Emeria, welche es mir vorhin sagte.«

»Wie kann sie von einer Verwandten so Etwas sagen?«

»Sie hat es eben doch gethan. Diese Miranda ist ihren Eltern durchgebrannt.«

»Ich danke! Und da lud dieser Monsieur Robin mich ein, bei ihm zu bleiben, in seinem Hause zu wohnen. Das hätte einen Affront gegeben!«

»Einen Affront?« lachte Steinbach. »Hier? Wo denkst Du hin! Hier fragt kein Mensch nach so Etwas. Wer Geld hat und Geld verdient, der ist ein gesuchter Mann, seine anderen Verhältnisse gehen keinen Menschen Etwas an. Aber diese Angelegenheit hat eine andere Seite. Weiß dieser Robin vielleicht, daß Du im Besitze einer bedeutenden Summe bist?«

*

51

»Es ist möglich. Ich habe unterwegs meine Brieftasche einige Male geöffnet. Die Miranda hat es gesehen und kann es ihm gesagt haben.«

»So war es mit der Einladung nicht eigentlich auf Dich, sondern auf Dein Geld abgesehen.«

»Was Du sagst! Ist er ein Spieler?«

»Wenn er nur das wäre! Er ist ein raffinirter Bösewicht. Er scheut vor Nichts zurück, vor keinem Morde, vor keinem andern Verbrechen.«

»Donnerwetter! Solltest Du Dich nicht irren?«

»Gar nicht. Ich bin eben nur dieses Menschen wegen hier. Ich habe sine Rechnung mit ihm quitt zu machen, bei welcher es sich um viel, sehr viel handelt. Ich kann Dir jetzt nur so viel sagen, daß der Name Robin ein falscher ist. Der Mann heißt Walker und war früher professioneller Mörder und Spitzbube. Einen meiner Begleiter hat er beraubt und die Nase abgeschnitten. Einem reichen Pflanzer, welcher mit unten in der Gaststube sitzt, hat er um seine Plantage gebracht, wobei zwei brave Menschen verschollen sind, die man höchst wahrscheinlich ermordet hat.«

»Donner und Doria. Da muß ich mir diesen Menschen doch einmal genauer ansehen.«

»Thue es lieber nicht. Es könnte zu Deinem Schaden ausfallen. Er ist gewaltthätig. Ich werde Dir noch mehr erzählen, habe aber jetzt keine Zeit. Ich muß hinaus zu ihm. Wir haben einen anderen Spitzbuben bis hierher verfolgt, welcher hinaus zu ihm ist, um dort Zuflucht zu suchen. Da dürfen wir keine Zeit verlieren. Uebrigens bist Du bei dieser Angelegenheit auch mit betheiligt. Hast Du nicht den Namen des Menschen erfahren können, in dessen Gesellschaft sich jene Magda Hauser befand?«

»Er stand im Fremdenbuche. Sie war als seine Schwester bezeichnet. Das war aber jedenfalls eine Lüge, denn er hieß nicht Hauser, sondern –«

»Sondern Roulin?« fiel Steinbach ein.

Günther sprang erstaunt auf.

»Roulin, ja, so hieß er. Kennst Du ihn etwa?«

»Ja.«

»Herrgott, welch eine Fügung! Endlich eine Spur! Und zwar durch Dich! Wer hätte so Etwas gedacht! Weißt Du, wo der Kerl wohnt?«

»Im Todesthale. Jetzt aber ist er nicht dort, sondern hier. Er war vor zwei Stunden unten in der Gaststube und ist hinaus zu Robin. Er ist eben jener Schurke, den wir verfolgen.«

»Alle Teufel!«

»Er war jetzt mit einer Indianerhorde droben in den Bergen am Silbersee, wo er Magda Hauser umbringen lassen wollte. Sie sollte von den Indianern am Marterpfahle getödtet werden.«

»Das muß ein gräßlicher Irrthum sein.«

»Es ist Wahrheit. Ich selbst habe sie gerettet. Sie war bereits an den Pfahl gebunden. Sie wurde von vier Indianern bewacht, welche ich erschossen habe.«

»So ist das Gräßliche also wahr, wirklich wahr?«

»Ja, wirklich.«

»Herrgott! Und dieser Kerl war da, war hier, war in diesem Hause?«

»Und ist nun hinaus zu Robin.«

»Und Du willst hinaus?«

»Ja.«

»Oscar, ich begleite Dich!«

»Das muß ich ablehnen. Ich kann Dich nicht gebrauchen.«

»Aber ich muß diesen Menschen haben!«

»Keine Sorge! Auch ich will ihn haben, und ich werde ihn bekommen. Ich weiß jetzt noch nicht einmal, ob ich meine Begleiter mitnehme. Begleitung kann mir unter Umständen die ganze Sache verderben.«

»Und dennoch gehe ich mit. Du mußt mich mitnehmen!«

Es hatte sich Günthers eine außerordentliche Erregung bemächtigt. Steinbach antwortete beschwichtigend:

»Beruhige Dich! Zunächst hast Du gar keine Veranlassung, mit einzugreifen, später magst Du das thun. Es versteht sich nämlich ganz von selbst, daß Du Dich uns anschließest.«

»Ganz natürlich. Ich möchte mich auch beruhigen, wenn ich nur wüßte, daß Magda außer Gefahr ist.«

»Das ist sie. Sie befindet sich unter sichrem und hinreichendem Schutze in Mohawk-Station.«

»Ah, das ist doch ganz nahe von Yuma!«

»Freilich!«

»Und dort war ich! Hätte ich das gewußt.«

»Um Dich noch weiter zu beruhigen, theile ich Dir mit, daß Dein Kamerad sich bei ihr befindet.«

»Wie kannst Du das wissen?«

»Hast Du nicht den Namen Zimmermann vorhin genannt?«

»Ja.«

»Carl von Zimmermann. Nicht wahr, er ist es?«

»Er ist es. Aber, Mensch, Du erscheinst mir jetzt grad wie eine Gottheit, welche zur rechten Zeit vom Himmel herniedersteigt, um den Bedrängten zu erretten!«

»Ich habe Dir ja meine Hilfe angeboten; Du aber hast sie abgewiesen.«

»Wer konnte das denken!«

»Am Besten ist es, Du gehst einmal mit hinab und siehst Dir meine drei Begleiter an. Wir werden dann berathen, was zu thun ist. Willst Du?«

»Natürlich. Komm!«

Als sie aus dem Stübchen traten, musterte Steinbach mit einem eigentlich ganz unabsichtlichen Blicke die Wände des Bodenraumes. Dabei zog er rasch den Fuß zurück und brummte bedenklich:

»Hm! Sonderbar.«

»Was hast Du?«

»Schau, hier ist eine Thür.«

»Jedenfalls zu einem eingemauerten Schranke.«

»Die Mauer ist nicht so dick, daß sie Platz für einen Schrank böte. Ich denke mir vielmehr – hm, Du hast auch einen Schrank in Deiner Stube. Ich besinne mich, daß er jenseits dieser Mauer an ganz derselben Stelle steht. Mach Deine Stube noch einmal auf.«

»Hast Du vielleicht Mißtrauen?«

»Eine so sonderbare Vorrichtung muß stets Mißtrauen erregen.«

»Gegen die Wirthin?«

»Die halte ich nicht für gefährlich. Aber ihr Zustand kann sehr leicht von Anderen benutzt werden.«

Sie kehrten in das Zimmerchen zurück. An dem Schranke stak der Schlüssel. Sie öffneten und fanden, daß der Schrank keine Hinterwand hatte. Diese bestand vielmehr in der Thür, welche hinaus auf den Vorplatz führte. Sie konnte sowohl von Innen als auch von draußen geöffnet werden. Und als sie nun die Schrankthür untersuchten, fand es sich, daß diese kein Schloß, sondern nur einen Riegel besaß, welcher zwar mittelst des Schlüssels aber auch von Innen zurück- und wieder vorgeschoben werden konnte.

»Da siehst Du es!« meinte Steinbach. »Eine sehr bequeme Einrichtung für Einbrecher. Man liegt im Schlafe, und die Kerls kommen durch den Schrank herein. Hat Dir Robin dieses Logis empfohlen?«

»Ja.«

»Speciell dieses Stübchen?«

»Er hat mich besonders darauf aufmerksam gemacht.«

»Hm! Komm mit hinab. Wir wollen auch diese Angelegenheit besprechen.« – –

Wenn man den Weg verfolgte, von welchem die Wirthin gesprochen hatte, so kam man an mehreren Block- und Steinhütten vorüber, in denen Goldsucher hausten, und dann in den Wald. Dieser zog sich auf die Berge hinauf und zwischen dieselben hinein. Der Weg wand sich von Thal zu Thal, einzelne kleine Seitenpfade abzweigend, und endete schließlich an dem Vorplatze eines ziemlich großen, steinernen Bauwerkes, welches in Folge seiner massiven Bauart früher jedenfalls als Bollwerk gegen die Indianer gedient hatte.

Jetzt waren die schießschartenähnlichen Fensteröffnungen vergrößert worden. Man hatte sie mit Glasscheiben versehen. Der erweiterte Eingang bildete ein geräumiges Thor. Wilder Wein und Hopfen zog sich bis zum Dache hinauf, und vor der Erkerstube an der einen Ecke stand eine riesige Eiche, welche bestrebt zu sein schien, mit ihren gewaltigen Aesten das ganze Haus zu umarmen.

Man hätte denken sollen, daß die Räume des Hauses dunkel seien, aber sie waren im Gegentheile sehr hell, da man die nach dem Hofe gehenden Mauern durchbrochen und da ein Söllerwerk angebracht hatte, welches dem Lichte freien Eintritt gestattete.

Auf diesem Söller saß eine junge Dame, welche vielleicht vierundzwanzig Jahre zählen mochte. Sie war ganz in Weiß gekleidet, als ob sie sich in irgend einer Großstadt und nicht in einem abgelegenen Walde von Arizona befinde. Da die Aermel fehlten und die Taille auf Brust und Rücken sehr tief ausgeschnitten war, und da ferner der Rock des Kleides keine Falten hatte, sondern sich eng und innig an die Hüften und Beine schmiegte, so waren die Körperformen ganz genau zu sehen.

Und schön war sie, wunderbar schön, aber von jener herausfordernden Schönheit, welche den moralisch reinen Character eher abstößt als anzieht. Das Gesicht war edel gezeichnet, aber diese edlen Konturen verliefen in Linien, deren Gesammtwirkung eine ganz entgegengesetzte war. Die stark entwickelten, äußerst üppigen Lippen, das Kinn und der etwas kurze, starke Hals ließen vermuthen, daß das Naturell dieser Dame mehr auf physischen als auf geistigen Genuß gerichtet sei.

Das war Donna Miranda, die Directrice des Hauses. Sie saß bei einer Stickerei, aber sie stickte nicht. Sie hielt die Augen halb geschlossen und schien zu träumen.

Sie wurde durch leise Schritte gestört. Eine junge Negerin kam herbei und blieb wartend stehen. Miranda öffnete die Augen. Der Blick, welchen sie auf die Dienerin warf, war kein guter. Es war, als wenn eine Bulldogge aus ihrer Ruhe gestört wird. Auch ihre Stimme klang scharf und unsympathisch, als sie kurz fragte:

»Was willst Du?«

»Missus gut sein mit Milly,« antwortete die Schwarze, welche Milly hieß. »Milly hat zerbrochen einen Teller. Hier sein die Scherben.«

Sie hatte die Hände auf den Rücken gehalten. Jetzt nahm sie sie nach vorn und zeigte die drei Stücke, in welche der Teller zerbrochen war. Mirandas Gesicht röthete sich stark. Sie mußte außerordentlich jähzornig sein.

»Was hattest Du mit dem Teller zu schaffen?« fragte sie.

»Milly wollte darauf legen Brod für Missus, da fiel Teller aus Hand.«

»Kannst Du nicht aufpassen, verdammte Creatur! Wo hast Du Deine Augen und Deinen Verstand? Her mit den Scherben!«

Die Schwarze reichte sie ihr hin und bat:

»O, Missus, nicht schlagen arme Milly!«

»Nicht schlagen? Siehst Du nicht, daß es einer von den guten Tellern ist? Ich will Dich lehren, aufzupassen. Hier hast Du die Stücken!«

Sie holte aus und warf sie ihr mit aller Gewalt in das Gesicht. Die Negerin stieß einen Schrei aus und fuhr sich mit den Händen nach dem Auge. Der eine Scherben hatte ihr eine tiefe Wunde in die Wange gerissen, und die Spitze des andern war ihr verletzend in das Auge gedrungen.

»O, o, mein Auge!« rief die Arme. »Milly nicht sehen können. Milly nun blind werden. Missus nicht gut sein mit arm Milly!«

»Was? Nicht gut? Das wagst Du zu sagen, verdammte Kröte? Hier hast Du noch Etwas!«

Sie schlug ihr den an den Ecken mit Silberblech beschlagenen Stickrahmen in das Gesicht, daß die Arme vor Schmerz zum zweiten Male aufkreischte.

Da öffnete sich hinten eine auf den Söller gehende Thür. Ein junger Neger trat heraus. Als er Milly weinen sah, kam er schnell näher.

»Was sein mit gut Milly?« fragte er.

»Missus mir Teller in Augen werfen und Stickrahmen in Gesicht schlagen.«

»Milly herzeigen!«

Er zog ihr die Hände vom Gesicht und betrachtete die Verletzung. Dann wendete er sich an Miranda:

»Missus nicht schlagen sollen. Milly vielleicht blind werden an einem Auge. Wenn Milly zerbrochen den Teller, dann ihn bezahlen, aber nicht wieder sie schlagen und werfen!«

Das war freilich zu viel für den Character der weißen Dame. Sie griff nach der Glocke, welche auf dem kleinen Tischchen lag und schellte heftig mehrere Male, dabei nach Sennor Robin rufend.

Unten ließen sich mehrere dienstbare Geister sehen, welche sich aber beim Anblicke der zornigen Herrin sofort wieder zurückzogen. Oben aber kam der Gerufene aus seinem Zimmer heraus auf den Söller.

»Was giebt es, liebe Miranda?« fragte er.

»Ich bitte Dich, mich gegen diese Bestien zu beschützen.«

»Was haben sie gethan?«

»Das Frauenzimmer hat mir eine ganze Masse Geschirr zerbrochen, jetzt nun zum so und so vielsten Male. Geht das so fort, so können wir aus dem Pantoffel trinken und vom Stiefelknechte speisen. Und als ich sie bestrafte, kam der schwarze Mensch herbei, stellte mich zur Rede und wagte es sogar, mir zu drohen.«

»Was? Drohen?«

»Nein, Zeus hat nicht drohen, hat nur bitten,« erklärte der Schwarze.

»Lügner!« rief die Herrin. »Hast Du nicht gedroht, Dich zu rächen, wenn ich Deine Liebste nochmals bestrafe?«

»Nein, nicht rächen gesagt.«

Wer dem Schwarzen in das ehrliche Gesicht blickte, der konnte wohl sehen, daß er die Wahrheit sagte. Robin aber gab sich gar nicht die Mühe, ihn zu betrachten.

»Ah, drohen!« rief er. »Das fehlte noch. Da, Du schwarzes Viehzeug, will ich Dir zeigen, wie man eine solche Drohung aufnimmt!«

Er schlug ihn mit der Faust zweimal in das Gesicht, daß der Neger zu Boden stürzte und ihm das Blut aus Mund und Nase drang. Die Negerin warf sich auf ihn, Zeus aber schob sie weg, stand auf und ging fort, ohne ein Wort zu sagen. Aber als er sich mit der Geliebten in der Dienerstube befand, sagte er:

»Jetzt alle sein! Jetzt nicht mehr leiden diese Behandlung. Jetzt mich rächen. Sein Herr noch bei Missus draußen.«

»Ja,« antwortete Milly.

»Jetzt ich gehen und nehmen Geld, viel Geld.«

»Um Gott und Jessus! Nicht stehlen, Zeus!«

»Nein, nicht stehlen, sondern nur wiedergeben armen Mann, dem es gehört. Missus nicht wird gehen in ihr Zimmer. Zeus nicht sein werden erwischt.«

Ein jedes Zimmer war mit dem Söller durch eine Thür verbunden; die ganze Zimmerreihe hing aber auch unter sich zusammen. Daher gelang es Zeus, nach der Stube zu gelangen, welche Miranda bewohnte, ohne daß er von der Herrschaft, welche sich noch auf dem Söller befand, gesehen worden wäre.

Dort gab es einen kleinen Damenschreibtisch, in welchem das Geld lag, welches er haben wollte. Er kannte das Fach genau, in welchem er es gesehen hatte. Aber als er hinzutrat, fand er zu seiner Enttäuschung, daß der Schlüssel abgezogen war.

»Zeus muß warten, bis Schlüssel wieder da!« flüsterte er sich selbst zu.

Er wollte zurückschleichen. Da drang durch die offene, nach dem Söller führende Thür ein Wort herein, welches ihn stutzen machte:

»Er muß sterben!«

»Wer? Soll Zeus etwa sterben?« dachte der Neger. »Muß horchen!«

Er schlich sich katzenleise näher, bis hinter die Thür. Robin und Miranda befanden sich kaum drei Fuß weit von ihm entfernt. Er hörte jedes Wort.

Robin hatte das Vorige gesprochen. Miranda meinte in nachdenklichem Tone:

»Eigentlich ist es schade um ihn. Er ist ein sehr hübscher und wohlgebildeter Mann.«

»Hübsch und wohlgebildet! Das ist Dir an einem Manne wohl die Hauptsache?«

»Ja, ich gestehe es offen. Was nützt es mir, wenn ein Herr ein Wunder von Berühmtheit und Klugheit ist, wenn ich mich nicht mit Appetit und Genuß von ihm küssen lassen kann!«

»Das ist sehr aufrichtig.«

»Ich bin stets offenherzig.«

»Also auch Reichthum fällt bei Dir nicht in's Gewicht?«

»Doch, obgleich ich gestehe, daß mir ein armer aber hübscher Liebhaber weit angenehmer ist als ein reicher aber häßlicher.«

»Wie steht es da mit mir?«

»Hm! Du bist weder reich, noch jung, noch hübsch.«

»Dennoch darf ich Dich umarmen!«

»Nur Deinetwegen. Weil es Dir Genuß bereitet. Körperlich habe ich gar keine Zuneigung zu Dir; ja, offen gestanden, ich muß mir Mühe geben, Deine Liebkosungen ohne Unmuth zu ertragen. Uns verbindet aber ein anderes, ein geistiges Band; das ist fester als der sinnliche Genuß.«

»Welches Band wäre das?«

»Die Gleichheit unserer Seelen. Wir sind zwei ausgeprägte, diabolische Naturen. Nicht?«

»Hm!«

»Oder giebst Du nicht zu, daß Du ein Teufel bist?«

»Bist Du einer?«

»Ja, und ein ganzer! Ich kann mich an der Qual und an dem Unglücke eines Andern förmlich weiden.«

»Hm! Auch ich weine nicht, wenn Andere um Hilfe rufen. Dennoch ist mir nicht die Freude am Unglücke Anderer die Hauptsache, sondern der Gewinn, welcher dabei für mich abfällt.«

»Natürlich, mir auch. Wie viel wird heut Abend für mich abfallen?«

»Das ist jetzt schwer zu beantworten. Wie viel meinst Du, daß er in seiner Brieftasche hat?«

»Neunzig- bis hunderttausend Dollars.«

»Alle tausend Teufel! Wenn Du Dich nicht geirrt hast, so wäre das ein Fang. Ich möchte wissen, woher er es hat. Als Goldgräber kann er es nicht verdient haben.«

»Pah! Goldgräber! Dieser Sennor Günther ist kein Goldgräber; er ist etwas ganz Anderes als er scheint. Seinen Diamantring will ich gar nicht erwähnen; aber sein Auftreten ist dasjenige eines Cavaliers. Darum beklage ich es, daß er sterben muß.«

»Er hat Dir wohl unterwegs seine Zärtlichkeiten gewidmet?«

»Eben nicht, obgleich ich mir große Mühe gegeben habe, wie ich offen gestehe. Er ist, wie bereits gesagt, ein schöner Mann, und ich wäre mit dem größten Vergnügen einmal für eine Stunde lang die Seinige gewesen. Aber er war kalt wie Eis.«

»Du hast ihm nicht gefallen!«

»Pah! Du willst mich ärgern; das aber soll Dir nicht gelingen. Ich gefalle einem Jeden, nämlich wenn ich will. Mir scheint, daß sein Herz bereits anderweit engagirt ist. Vielleicht gehört er zu denjenigen ehrbaren Männern, welche denken, eine Sünde zu begehen, wenn sie einmal eine Andere küssen. Meiner Ansicht nach ist jedes Weib für jeden Mann und jeder Mann für jedes Weib da. Das liegt ja im richtigen Wesen der Liebe, welche keine Schranken kennt. Doch, wir kommen von der Hauptsache ab. Wie wollt Ihr ihn denn fassen?«

»Durch den Schrank.«

»Durch den Schrank? Das verstehe ich nicht.«

»Ach so! Du hast noch nichts davon gehört. Seit Du bei mir bist, hat sich kein solcher Fall zugetragen. In das Giebelstübchen bei Sennorita Emeria kann man nicht nur durch die Thür gelangen, sondern auch durch einen Kleiderschrank, welcher eine Thür im Zimmer hat und eine außerhalb desselben auf dem Vorplatze. Wir warten ab, bis er schläft, und dringen dann durch den Schrank in die Stube. Das Uebrige ist bald abgemacht.«

»Hast Du denn den Schlüssel zum Schranke?«

»Ja.«

»Emeria weiß davon?«

»Nein. Es ist ein Nachschlüssel.«

»Aber was in dem Zimmer geschieht, das weiß sie.«

»Auch nicht.«

»Laßt Ihr denn die Leiche liegen?«

»Gott bewahre! Die wird fort geschafft.«

»Aber wenn früh der Miether fehlt, muß es doch der Wirthin auffallen.«

»Sie hat stets geglaubt, er sei ihr durchgebrannt.«

»Ach, so sind derartige Fälle bereits dagewesen?«

»Oft schon,« lachte er. »Wir vergießen niemals Blut. Der Mann wird erwürgt. Das hinterläßt keine Spur.«

»Wann geschieht es heut?«

»Nicht vor Mitternacht.«

»Und Du bist selbst dabei?«

»Natürlich! Meinst Du etwa, daß ich fremde Leute hinaufschicke, die ihm das Geld abnehmen und mir ganz gemüthlich damit verschwinden? Ich – – horch!«

Die Thorglocke wurde geläutet. Jetzt war es für den Neger Zeit, zu verschwinden. Er eilte so schnell wie möglich zurück. Als er zu Milly kam, fragte sie:

»Hast Du das Geld?«

»Nein. Schlüssel war weg.«

»Dank Jessus! Du nun nicht bist Dieb.«

»Nein, aber Master und Missus sein Mörder.«

»O, was Du sagen.«

»Ja. Wollen morden gut Master Günther, der hab geben so gut Trinkgeld an Zeus.«

»Du hast träumen!«

»O, Zeus nicht träumen; Zeus hören. Zeus wohl auch noch mehr hören. Zeus nicht bleiben bei Herrschaft, die sein Mörder. Zeus wieder horchen.«

Im Hofe wurde Pferdegetrappel vernehmbar. Es waren zwei Reiter gekommen. Diese Beiden waren – Leflor aus Wilkinsfield und Bill Newton, der einstige Derwisch. Als Walker-Robin sie erblickte, stieß er einen Ruf der Ueberraschung aus.

»Ihr, Master Leflor?« sagte er vom Söller hinab. »Schnell herauf, und willkommen! Ich werde Euch gleich Eure Zimmer anweisen lassen.«

»Das laßt nur bleiben. Wir reiten gleich wieder fort.«

»Unsinn!«

»O doch! Ich komme gleich hinauf.«

Die Pferde waren außerordentlich abgetrieben, und auch den beiden Reitern sah man die Anstrengung an. Sie ließen den Thieren Wasser und Futter geben und kamen die Stiege herauf, welche zum Söller führte. Walker bot Leflor die Hand und wollte sprechen. Dieser aber warnte leise:

»Pst! Still! Gehen wir in ein Zimmer, wo uns Niemand hören kann!«

»Ihr thut ja recht geheimnißvoll!«

»Habe auch Ursache dazu.«

»O, die Angelegenheit, wegen welcher ich Euch den weiten Weg machen ließ, ist zwar wichtig und heimlich, hat aber nicht solche Eile, wie Ihr zeigt.«

»Es giebt noch andere Angelegenheiten. Also, bitte, ein Zimmer, Master Walker!«

»So kommt.«

Er führte sie in seine Stube. Miranda ging auch mit. Die beiden Angekommenen sanken vor Müdigkeit auf die Sitze. Leflor fragte:

»Ist Euch in den letzten Tagen etwas Unangenehmes widerfahren?«

»Nein.«

»Dann waren sie also noch nicht da, und wir kommen zur rechten Zeit, Euch zu warnen.«

»Warum? Das klingt ja bedenklich.«

»Ist es auch in hohem Grade. Wir kommen directen Weges vom Silbersee.«

»So, so! Seid Ihr also da droben mit Bill zusammengetroffen, Sir?«

»Ja. Er war dort gefangen, und es glückte mir, ihn herauszuangeln.«

»Gefangen? Verdammt! Das ist doch nicht möglich! Wie ist es denn gekommen, Bill?«

Der einstige Derwisch zuckte die Achseln und sagte:

»Daran war dieser verfluchte rothe Burkers schuld. Der Streich ist nämlich vollständig mißglückt.«

»Seid Ihr des Teufels?«

»Die Kerls sind alle gefangen. Jetzt wird wohl Keiner mehr leben. Die Maricopa's haben Alle umgebracht.«

»Das sind doch unsere Verbündete!«

»Jetzt nicht mehr. Sie haben mit den Apachen Frieden geschlossen.«

»Diese Nachricht ist freilich verteufelt schlecht.«

»Es kommt noch schlechter. Ihr sollt nämlich überrumpelt werden.«

»Von wem?«

»Von Wilkins.«

»Welchen Wilkins meint Ihr?«

»Nun, aus Wilkinsfield.«

»Alle Donner und Wetter! Ist dieser Mensch etwa wieder aufgetaucht?«

»Ja freilich. Wir selbst sind ihm dazu behilflich gewesen.«

»Wo denn?«

»Am Silbersee. Er ist ja der Vater der berühmten Taube des Urwaldes.«

»Höre ich denn recht? Da schlage doch der Teufel hinein! Und er will mich überrumpeln?«

»Ja, mit Apachen, mit Sam Barth – – –«

»Dem Dicken?«

»Ja, und Jim und Tim – – –«

»Denen ich damals entkommen bin?«

Er war aufgesprungen und ging in der Stube auf und ab. Sein Gesicht war leichenblaß geworden.

»Sie Alle kommen, Alle!« sagte Leflor. »Und noch Andere dazu. Da ist ein Jäger, den sie den Fürsten der Bleichgesichter nennen – – –«

»Habe von ihm gehört. Kommt der auch mit?«

»Freilich. Auch Roulin wird kommen.«

»Seid Ihr verrückt?«

»Nein. Er, der Weiße, welcher mit den Maricopa's zum Silbersee kam, um ein Mädchen abschlachten zu lassen, der Esel. Er ist an Allem schuld. Die Verfolger sind hinter ihm her, und es steht zu erwarten, daß er in seiner Dummheit sich hierher wenden wird.«

»Er sollte einen vortrefflichen Empfang haben, wenn er käme!« grollte Walker. »Wer hätte das gedacht, Alles, Alles stand und ging so gut, und jetzt bricht es auf einmal mit Macht herein. Kann man denn nichts Ausführliches hören?«

Leflor, dem der gesprächige Förster Rothe Alles erzählt hatte, machte den Berichterstatter und theilte ihm mit, was er wußte. Als er geendet hatte, ging Walker abermals nachdenklich im Zimmer auf und ab. Dann blieb er stehen und sagte:

»Der Stoß läßt sich pariren.«

»Möchte wissen, wie!«

»In der Weise, daß ich dem Gegner einstweilen meine Höhle überlasse und in die seinige einbreche. Dadurch werde ich zum Angreifer. Und Ihr wißt, daß der Angreifer stets im Vortheile ist.«

»Hm! Der Gedanke ist nicht übel. Also nach der Höhle des Gegners wollt Ihr? Nach dem Silbersee?«

»Fällt mir gar nicht ein! Sagtet Ihr nicht, daß Almy Wilkins und jene Magda Hauser nach Mohawk-Station geschafft worden seien?«

»Ja.«

»Nun, so gehen wir dorthin.«

»Donnerwetter!« rief Leflor wie electrisirt. »Ihr wollt die Mädels abfassen?«

»Freilich.«

»Herrlich! Was thut Ihr mit ihnen?«

»Das weiß ich noch nicht; es wird sich später finden. Ich habe das Gefühl, als ob wir die Herren der Situation sein werden, wenn wir die Mädchens in unserer Gewalt haben.«

»Das ist gewiß! Ich will Euch sagen, Master Walker, daß ich einst um Almy's Hand angehalten habe. Sie aber wies mich ab. Jetzt endlich hätte ich eine günstige Gelegenheit, mich zu rächen.«

»Ihr wollt also mit?«

»Auf alle Fälle!«

»Ist mir lieb. Je mehr Kräfte bei einem solchen Unternehmen, desto eher und sicherer glückt es. Aber habt Ihr denn auch Zeit dazu?«

»Bin ich so weit hergekommen, kann ich auch noch einige Meilen machen.«

»Sehr gut. Nur befürchte ich, Ihr werdet von dieser Parthie doch noch absehen.«

»Warum?«

»Ich habe Euch kommen lassen, um Euch Etwas mitzutheilen, was Euch wohl nicht sehr gefallen wird.«

»Wohl in Beziehung auf Wilkins und Wilkinsfield?«

»Ja, freilich.«

»Nun, wir werden ja sehen! Wer kommt?«

Walker war an das Fenster getreten, welches nach dem Wege zu führte. Von dort her hatte man den Hufschritt eines Pferdes gehört. Er berichtete an Miranda:

»Alfonzo, unser Bote kehrt zurück. Er wird uns sagen, ob Günther bei der Sennorita Quartier gefunden hat. Zugleich bringt er Einen mit, von dem wir soeben gesprochen haben – Roulin.«

Unten klingelte es, und dann hörte man das Thor öffnen und wieder schließen.

»Master Leflor, habt Ihr Sennor Roulin bereits einmal gesehen?« fragte Walker.

»Niemals.«

»So werdet Ihr Euch wundern. Paßt auf!«

Nach wenigen Augenblicken trat Roulin und Bill herein. Es geschah, wie Walker gesagt hatte. Leflor sprang entsetzt von seinem Stuhle auf, streckte die Hände abwehrend aus und rief:

»Herrgott! Stehen die Todten auf? Arthur Wilkins, Du bist es, Du!«

»Habe nicht die Ehre!« lächelte Roulin, indem er sich ironisch verbeugte.

»Nicht? Du mußt mich doch noch kennen!«

»Habe den Sennor noch nie gekannt.«

»Wäre das möglich?«

»Gewiß!«

»Dann giebt es hier eine Aehnlichkeit, welche ganz beispielslos dasteht!«

»Diese Aehnlichkeit,« lachte Walker, »hat Euch so sehr billig zu Wilkinsfield geholfen.«

»Wieso?«

»Davon später. Jetzt zu Herrn Roulin.«

Seine Miene veränderte sich. Sie wurde finster, zürnend. Seine Stimme klang hart wie die Stimme eines Vorgesetzten, welcher einem Untergebenen die Thür zeigt:

»Sagt mir doch einmal, Sennor Roulin, was Ihr für Dummheiten macht! Ich höre, daß – – –«

»Dummheiten?« fiel Roulin ihm ein. »Welche?«

»Ich höre, daß Ihr nach dem Silbersee gegangen seid?«

»Ja. Ist das ein Fehler?«

»Ganz gewiß.«

»Ihr habt denselben Fehler begangen, da Ihr den rothen Burkers mit seinen Leuten hinaufgeschickt habt. Wir sind also quitt, und Ihr habt mir wohl nichts vorzuwerfen.«

»Ihr gingt hinauf einer Dummheit wegen.«

»Welche Dummheit meint Ihr?«

»Ein Mädchen abzuschlachten.«

»Dummheit ist es, das zu glauben. Ich wollte sie nur einschüchtern, um sie mir gefügig zu machen. Dummheit aber war es, die Schätze stehlen zu wollen. Ihr seht, wir sind wenigstens quitt.«

»Euer Unternehmen mißlang!«

»Das Eurige auch. Wir sind abermals quitt, und ich kann nicht ersehen, aus welcher Ursache Ihr mir Vorwürfe machen wollt.«

»Ich glaube, Ihr wollt mich schulmeistern!«

»Fällt mir nicht ein. Von uns Beiden hat keiner das Recht, den Andern zu hofmeistern.«

»Meint Ihr? Da irrt Ihr Euch. Ich bin es, dem Ihr Alles zu danken habt.«

»Ganz richtig! Und Ihr habt hingegen Alles mir zu verdanken. Wir sind quitt. Wir haben uns Dienste geleistet. Aber mir scheint, Ihr seid bei schlechter Laune. Da werde ich gehen. Ich bin nicht gewohnt und habe auch heut nicht die Absicht, mich so von oben herab behandeln zu lassen. Adieu, Sennores!«

Er spielte seine Rolle sehr gut, so gut, daß Walker sich gezwungen sah, nachzugeben und einzulenken. Er ergriff ihn beim Arme und sagte:

»Unsinn! Fortlaufen! Das fehlte noch! Es stürmt jetzt Alles auf mich ein, so daß es kein Wunder ist, wenn ich einmal die gute Laune verliere. Setzt Euch, und laßt mit Euch reden!«

»Na, meinetwegen. Darf man denn auch reden?«

»Warum nicht?«

»Ich meine, ob alle Anwesenden von unserer Angelegenheit hören dürfen?«

»Alle,« antwortete Walker, warf aber einen bedeutungsvollen Blick auf Bill, den früheren Derwisch. Er wollte diesen nicht dadurch beleidigen, daß er sagte, Bill dürfe es nicht hören.

Roulin verstand den Wink und meinte:

»So werde ich Euch zunächst bitten, einige Wachen zu Pferde gegen Prescott zu senden, um uns schleunigst Nachricht zu geben, wenn unsere Feinde kommen.«

»Kommen sie bereits heut?«

»Sam der Dicke kam nur zwei Minuten später als ich zu Sennorita Emeria, und ich täusche mich nicht, wenn ich annehme, daß er nicht lange auf die Andern gewartet hat.«

»Sapperment! Da können sie ja an jedem Augenblicke hier sein!«

»Natürlich!«

»Bill Newton, wie ists? Wollt Ihr diese Wache mit thun? Ihr und Alfonzo?«

»Ja, Sennor.«

Er stand auf und ging. Nur wenige Augenblicke später sah man die beiden Genannten davonreiten.

»Er ist fort,« meinte Walker, »folglich können wir nun über Alles sprechen. Sennorita Miranda ist meine Vertraute. Sie darf Alles hören. Also, Sennor Roulin, zuerst Eure Flucht und Verfolgung und sodann die Wilkinsfield'sche Angelegenheit, bitte!«

»Nun, die Sache ist folgende: Ich lernte eine junge Dame kennen, eine wirkliche Schönheit. Sie betrug sich im höchsten Grade kopfscheu gegen mich. Ich gab mir die größte Mühe, ihr irgend einen Beweis von Zuneigung zu entlocken, doch vergebens.«

»Sie hatte ihr junges Herz wohl bereits an einen Andern verschenkt?« lachte Donna Miranda.

»O nein. Sie gestand mir, daß sie bisher nur ihre Eltern geliebt habe, mir aber trotzdem nicht das kleinste Plätzchen in dem Herzen, welches Ihr da erwähnt habt, einräumen könne. Ich gestehe aufrichtig, daß ich ernstlich vergafft war. Ich beschloß, Alles anzuwenden, sie zu der Meinigen zu machen. Half Liebe nichts, so wollte ich Strenge anwenden. Die Maricopa's hatten einen Zug nach dem Silbersee beschlossen. Ich machte diesen Zug mit und nahm auch Magda mit, indem ich ihr eröffnete, daß sie auf dem Grabe eines Häuptlings geopfert werden solle. Ich erwartete, daß die Furcht sie gefügig machen werde.«

»Wer ist denn eigentlich diese interessante Dame?«

»Sie heißt Magda. Mehr darf ich nicht sagen.«

Er erzählte nun von dem Zuge hinauf in die Berge und von dem Mißlingen seiner Absicht. Er hatte Magda nichts zu Leide thun wollen, wie er behauptete. Man hatte sie nach der Insel geschafft und an den Pfahl gebunden, einestheils um sie gegen ihn gefügiger zu machen und anderntheils aus Rücksicht auf sie von der Besatzung des Missionshauses günstige Bedingung zu erlangen, und wie sie auf der Insel auf eine geradezu unbegreifliche Weise verschwunden waren.

»Verdammt!« rief Roulin. »An dem Allen ist dieser sogenannte Fürst der Bleichgesichter schuld. Was hat sich dieser Kerl in die Angelegenheiten Anderer zu mischen?«

»Mit ebenso wenig Recht, wie Ihr und wir dieses thun,« lachte Walker.

»Uebrigens hätte ich an Eurer Stelle den Silbersee nicht so schnell verlassen.«

»Oho! Ich merkte, wie es stand. Die Maricopa's machten mit den Apachen gemeinsame Sache. Es stand mit Gewißheit zu erwarten, daß man über mein Fell herfallen werde. Wenn Fuchs und Wolf Freundschaft schließen, so ist das Schaf stets übel daran.«

»Wart in diesem Falle etwa Ihr das Schaf?« fragte Donna Miranda.

»So ziemlich. Darum machte ich mich von dannen. Ich glaubte freilich nicht, daß man so schnell und auch so hitzig hinter mir her sein werde. Ich merkte bereits am folgenden Morgen, daß ich verfolgt wurde und habe mein Pferd fast todt geritten, um in Distanz zu bleiben. Noch vor der Stadt Prescott habe ich eine Finte geritten, um die Kerls von der Spur abzubringen. Sie haben sich aber, wie es scheint, nicht irre machen lassen.«

»So albern sind die Männer, die Euch verfolgten, freilich nicht. Ihr reitet vom Silbersee in schnurgerader Richtung auf Prescott zu. Das ist genug für sie. Ihr könnt zehn Bogen oder Kreise oder Umwege reiten, sie wissen doch, welches Euer Ziel ist. Ihr habt Euch in dieser Angelegenheit nicht sehr geistreich gezeigt. Den größten Fehler aber habt Ihr dadurch begangen, daß Ihr zu uns kommt. Ihr bringt dadurch Eure Verfolger uns auf den Hals.«

»Ihr werdet sie schon wieder los werden.«

»Auf welche Weise denn?«

»Das ist lediglich Eure Sache. Ihr habt mich jetzt schon einige Male so getadelt, daß ich es nun einmal Euch überlasse, zu beweisen, daß Ihr klüger seid als ich.«

»Das Unsrige werden wir freilich thun, trotzdem aber befinden wir uns natürlich in Verlegenheit. Ihr konntet jede andere Richtung einschlagen, nur nicht diejenige, welche zu uns führt.«

»Wie klug! Erstens verlieren solche verfluchte Kerls niemals eine Spur, und zweitens wissen sie ja nun, wer ich bin, und von den Maricopa's und dem Mädchen werden sie erfahren haben, wo ich wohne. Sie brauchten also nur nach dem Todesthale zu reiten, um mich dort zu erwarten.«

»Was könnten sie Euch thun? Gar nichts! Daß das Mädchen geopfert werden solle, war ja nur ein Scherz.«

»Ihr vergeßt, daß Wilkins dabei ist!«

»Pah! Fürchtet Ihr etwa diesen?«

»Natürlich!«

»Warum denn?«

»Das fragt Ihr mich? Ihr? Ihr habt wohl Alles vergessen, Master Walker?«

»O, mein Gedächtniß ist sehr gut, und ich wüßte auch gar nicht, was ich in Beziehung auf diesen Wilkins vergessen haben sollte. Aber die Botschaft, welche Ihr mir vor einigen Monaten schicktet, war allerdings so befremdend, daß ich augenblicklich hier Monsieur Leflor benachrichtigt habe, schleunigst zu mir zu kommen. Wollt Ihr jetzt vielleicht sagen, was der Brief, welchen Ihr mir schriebt, eigentlich zu bedeuten hatte. Er war so geheimnißvoll abgefaßt.«

»Er konnte in falsche Hände gerathen; darum durfte ich nicht deutlich sein. Master Leflor weiß doch, in welcher Weise er zu der Plantage in Wilkinsfield gekommen ist?«

»Ja. Durch Kauf natürlich.«

»Aber durch was für einen Kauf! Er hat ja kaum die Hälfte des Werthes bezahlt. Er mußte sich also denken, daß es mit dieser Angelegenheit eine wohl nicht ganz gewöhnliche Bewandtniß habe. Weiß er, wie Ihr in die Besitztitel der Plantage getreten seid?«

»Nein. Werde mich hüten, das den Leuten auf die Nase zu hängen. Jetzt wird er es aber wohl erfahren müssen. Nicht?«

»Ja, es ist das sehr nothwendig.«

»Mir aber höchst unangenehm. Uebrigens finde ich gar keinen Grund, davon zu sprechen. Die Sache wurde seiner Zeit zwischen uns Beiden abgemacht, Master Roulin, und ich sehe nicht ein, warum sie nicht auch nur bei uns bleiben soll.«

»Wie denn, wenn jener Arthur Wilkins sich in Wilkinsfield einstellt?«

»Seid Ihr des Teufels!« rief Walker erschrocken.

»Und der Oberaufseher Adler auch?«

»Das ist ja gar nicht möglich. Beide sind ja todt!«

»Todte stehen zuweilen auf!«

»Unsinn! Macht keine dummen Witze!«

»Es ist mein Ernst. Beide leben noch.«

»Wie? Sie leben?«

Walker sprang auf und stellte sich im höchsten Grade betroffen vor Roulin hin. Auch Leflor fühlte sich nicht etwa freudig überrascht, obgleich er die Angelegenheit in ihrem ganzen Umfange nicht kannte. Er sagte:

»Es kann mir eigentlich sehr gleichgiltig sein, ob die beiden Männer noch leben oder nicht, denn – – –«

»Langsam, langsam!« fiel Walker ihm in die Rede. »Ihr wißt nicht Alles. Wenn Arthur Wilkins wirklich noch lebte, würdet Ihr ihm Wilkinsfield abtreten müssen.«

»Wieso? Ich habe es ja bezahlt.«

»Aber nicht an ihn, sondern an mich.«

»Was ändert das?«

»Sehr viel. Er hat mir nämlich die Pflanzung nicht verkauft.«

»Macht keine dummen Witze!«

»Es ist nicht Spaß, sondern es ist Ernst. Ich traf diesen Wilkins in Santa Fé und war erstaunt über die ungeheure Ähnlichkeit, welche er mit meinem Bekannten Roulin hier hatte. Ich schloß mich ihm mehr an und erfuhr von ihm seine ganzen Angelegenheiten. Er zeigte mir sogar seine Papiere. Da war ein sehr guter Fang zu machen. Ich verführte ihn zu einer Reise in das Todesthal, wo Roulin damals eben begonnen hatte, eine alte Quecksilbergrube neu zu bebauen, und trug diesem meinen Plan vor. Er ging darauf ein. Roulin jagte Wilkins eine Kugel durch den Kopf, brachte seine Leiche bei Seite und bemächtigte sich seiner Papiere. Wir ritten nach Santa Fé, wo Roulin nun als Wilkins galt; seine Aehnlichkeit unterstützte das. Er verkaufte mir Wilkinsfield und auch die Schuldforderung an seinen Oheim. Ich ging nach Wilkinsfield und verkaufte meine Ansprüche an Euch. Auf diese Weise seid Ihr in den Besitz der Pflanzung gekommen, Master Leflor.«

Der soeben Genannte machte ein Gesicht, als ob er aus einem Traume erwache.

»Soll ich das wirklich glauben?« fragte er wie abwesend.

»Ich ersuche Euch darum!«

»Ihr seid ein – ein – – Mörder?«

»Wenn Ihr es so nennt, ja,« lachte Walker.

»Und – und – – Betrüger?«

»Auch das. Aber das ficht Euch doch nichts an. Wie ich Euch kenne, ist Euer Gewissen nicht so zart, daß es bei so einer Angelegenheit in Krämpfe oder gar in Ohnmacht fallen möchte.«

»Das ist hier Nebensache. Ihr könnt Euch denken, daß ich ganz starr vor Erstaunen bin!«

»Das wird nicht sehr lange dauern.«

»Ich bin also eigentlich Euer Mitschuldiger!«

»Bis jetzt noch nicht, doch werdet Ihr es werden.«

»Dazu habe ich verdammt wenig Lust!«

»So verliert Ihr Wilkinsfield.«

»Da wäre ich ruinirt. Ihr müßt wissen – na, ich will es nicht beschönigen – ich habe ein Wenig flott gelebt. Meine Pflanzung ist zum Teufel. Ich besitze nur noch Wilkinsfield.«

»So seid Ihr ja ein Bettler, wenn es an den Tag kommt, daß der Kauf keine Rechtskraft besitzt.«

»Eine verfluchte Geschichte! Hört, Ihr seid zwei Patrone! Es ist nicht grad eine große Ehre, Bekannter von Euch zu sein!«

»Nein,« lachte Walker. »Dennoch will ich nicht hoffen, daß Ihr aus moralischem Schmerz in das Wasser lauft, um Euch zu ersäufen. Bis jetzt hat die Sache gar keine Gefahr. Es wittert nur von Weitem. Ich weiß nicht, was dieser Roulin will. Arthur Wilkins ist todt und Adler, sein Oberaufseher, auch. Dieser Letztere kam nämlich nach dem Westen, um nach Wilkins zu suchen. Er fand unglücklicher Weise seine Spur und gelangte nach dem Todesthale. Dort aber fiel er natürlich in Roulins Hände, welcher sehr kurzen Prozeß mit ihm machte.«

»Ihn tödtete?« fragte Leflor.

»Natürlich!«

»Nun, so ist die That zwar ein Verbrechen, aber es steht doch für mich nichts zu befürchten.«

»Mehr, als Ihr denkt,« fiel hier Roulin ein. »Es ist nämlich in Wirklichkeit so, wie ich bereits vorhin sagte: Wilkins und Adler leben noch.«

»So habt Ihr sie nicht getödtet?« rief Walker.

»Nein.«

»Donnerwetter! Seid Ihr verrückt?«

»Verrückt wohl nicht. Ich hatte zwei sehr gute Gründe, den Beiden das Leben zu lassen.«

Walker war vor Erregung leichenblaß geworden. Er starrte Roulin an und rief:

»Gründe – Gründe! Also doch! Sie leben noch?«

»Wie ich schon sagte! Ja!«

»Dann seid Ihr der größte Dummkopf und Erzesel, den es nur geben kann!«

»Vielleicht doch nicht!«

»Sie leben! Sie leben! Noch kann ich es nicht glauben! Es ist mir unmöglich! Könnt Ihr einen Schwur ablegen, daß es wahr ist?«

»Jeden Schwur, den Ihr nur wollt.«

Da faßte er Roulin an beiden Armen und schrie:

»Verdammter Narr! Ich sollte Euch sogleich mein Messer in die Gurgel stoßen! Wißt Ihr, daß Ihr nicht nur mich und diesen Sennor, sondern auch Euch selbst in die allergrößte Gefahr bringt!«

»Das weiß ich!« antwortete Roulin sehr ruhig. »Aber ich bitte Euch, nehmt Eure Hände von mir weg! Ich bin kein Knabe, mit dem man machen kann, was Einem beliebt. Droht Ihr mir mit Eurem Messer, so habe ich auch das meinige und die Pistolen dazu!«

»Was! Wollt Ihr auch noch aufbegehren!«

»Ich verlange, daß man mich höflich behandle.«

»Soll ich einem Menschen, der so kopflos handelt, auch noch Höflichkeiten sagen?«

»Das ist nicht nöthig. Ihr sollt weder sehr höflich, noch aber so grob wie bisher sein. Das Letztere verbitte ich mir allen Ernstes! Ich pflege zu wissen, was ich thue.«

»Als Ihr die Beiden am Leben ließet, habt Ihr nicht gewußt, was Ihr thatet.«

»Sehr genau habe ich es gewußt!«

»Ah! Meint Ihr die beiden Gründe, von denen Ihr vorhin spracht?«

»Jawohl, diese meine ich.«

»Nun, so habt doch einmal die Gewogenheit, sie uns zu sagen, mein bester Sennor Roulin!«

Er sprach höhnisch und im höchsten Grimme. Roulin hingegen antwortete in ruhigem, wie geschäftlichem Tone:

»Ihr wißt doch, daß es in einem Quecksilberbergwerk nicht sehr gesund ist – –?«

»Da« weiß ich. Was aber soll das?«

»Die Ouecksilberdünste zerfressen die menschlichen Eingeweide, darum ist es so sehr schwer, Arbeiter zu bekommen. Und bekommt man ja welche, so hat man einen geradezu horrenten Arbeitslohn zu zahlen – –«

»Das geht mich gar nichts an und das gehört ja auch ganz und gar nicht hierher!«

»Es gehört sehr wohl hierher. Ich fand keine Arbeiter. Da brachtet Ihr mir diesen Arthur Wilkins. Ich sollte ihn tödten. Ich war nicht so dumm, ihn zu erschießen, sondern ich steckte ihn in meine Quecksilbergrube, wo er arbeiten mußte.«

»Alle Teufel! Wenn er nun entfloh?«

»Pah! Er ist gefangen und kann nicht heraus. Er arbeitet für mich, und wenn er faullenzt, so bekommt er Prügel und Kostentziehung.«

»Und Adler, der deutsche – –?«

»Genießt ganz dasselbe Glück.«

Da trat Walker einen Schritt von ihm zurück und sagte unter einem sichtbaren Grauen:

»Roulin, Ihr seid ein Teufel!«

»Ah! Gefalle ich Euch jetzt?«

»Ihr seid wirklich ein Teufel! Ich tödte die Leute, welche mir im Wege find, aber ich lasse sie nicht eines so langsamen, entsetzlichen Vergiftungstodes sterben.«

»Jeder thut, was ihm beliebt. Ich habe noch mehr solcher Arbeiter, welche nie mehr das Tageslicht sehen werden. Die Hoffnung auf Erlösung erhält sie dennoch ziemlich bei Kräften.«

Es war ein wirklich teuflisches Lächeln, unter welchem er dies sagte. Auch Leflor graute es vor ihm. Die schöne Miranda aber nickte ihm zu und sagte:

»Sennor, Ihr seid ein tüchtiger Kerl. Entweder muß der Mensch sehr gut oder sehr schlecht sein. Einen Mittelweg kennt der Charakter gar nicht. Ich gestehe Euch, daß Ihr mir gefallt!«

»Sehr viel Ehre! Ich hatte, wie ich bereits erwähnte, noch einen zweiten Grund. Wenn ich Euch denselben auch noch mittheile, so könnt Ihr daraus ersehen, daß ich nicht nur sehr aufrichtig, sondern auch ebenso furchtlos bin. Spitzbuben dürfen einander niemals ganz trauen. Auch ich traute Master Walker nicht ganz. Wenn ich Wilkins und Adler nicht tödtete, so hätte ich in ihnen zwei sehr gute Waffen gegen ihn in den Händen gehabt. Darum blieben sie leben.«

»Verdammter Kerl!« fuhr Walker auf.

»Pah! Ich war vorsichtig! Das ist Alles!«

»Aber ein Zufall konnte oder kann die Beiden befreien!«

»Das ist unmöglich.«

»Sprecht Ihr denn mit ihnen?«

»Darüber mache ich keine Bemerkung. Ich erinnere Euch überhaupt daran, daß ich verfolgt werde und daß die Verfolger jeden Augenblick hier sein können. Wir dürfen nur das Nöthigste sprechen.«

»Leider, leider,« stimmte Walker zornig bei. »Wenn dies nicht wäre, so würde ich mit Euch anders reden. Wie nun, wenn die Verfolger nach dem Todesthale gehen, he?«

»Ich bin überzeugt, daß die Apachen und Maricopas hingehen werden. Diese Magda wird sie hinführen. Und das ist der Grund, daß ich zu Euch komme. Ihr sollt mir helfen.«

»Ah so! Ihr macht die Dummheiten und wir sollen diese Fehler wieder gut machen! Horch!«

Man hörte Hufschlag. Die beiden Sicherheitswächter kehrten zurück. Alfonzo kam herauf in das Zimmer und meldete, daß zwei Reiter binnen einer Stunde hier sein würden. Aus seiner Beschreibung ging hervor, daß Steinbach und Sam Barth im Anzuge seien.

»Was thun wir?« fragte Roulin.

»Es bleibt uns nichts Anderes übrig, als ihnen das Feld einstweilen zu überlassen,« antwortete Walker.

»Unsinn! Wir machen sie sogleich unschädlich!«

»Unvorsichtiger könnten wir gar nicht sein. Diese Beiden kommen, um zu recognosciren. Kehren sie nicht zurück, so haben wir die Andern auf dem Pelze. Man weiß in der Stadt, daß sie hier sind. Hier im Hause dürfen sie also nicht verschwinden. Ich habe heut Abend in der Stadt zu thun. Wir reiten jetzt hin, natürlich auf einem Umwege. Für Euch Beide, die Sennores Leflor und Roulin, habe ich eine Venta, wo Ihr Euch verbergen könnt und – –«

»Doch nicht etwa diejenige der Sennorita Emeria?« fiel Roulin ein.

»Nein, denn dort sind ja Eure Verfolger abgestiegen.«

»Und was thue ich?« fragte Miranda.

»Du behandelst die Beiden, wenn sie ja Eintritt verlangen, auf das Freundlichste.«

»Was antworte ich aber auf ihre Fragen?«

»Sie müssen Vertrauen zu Dir fassen, denn durch Dich sollen sie gefangen werden. Darum mußt Du ihnen scheinbar die Wahrheit sagen. Du weißt nur, daß ich Robin heiße. Ein Fremder, nämlich Sennor Roulin, dessen Namen Du aber nicht kennst, ist gekommen, und ich bin mit ihm sogleich spazieren geritten, werde aber nach Mitternacht oder gegen Morgen mit ihm wieder zurückkehren. Wende Deine ganze Liebenswürdigkeit auf, um besonders diesen Fürsten der Bleichgesichter an den Angelhaken zu bekommen!«

»Soll ich ihn einladen, unser Gast zu sein?«

»Ja, gewiß. Eine weitere Auskunft giebst Du ihm aber nicht. Jetzt kommt, Sennores! Alles Uebrige können wir während des Rittes besprechen.«

Sie gingen hinab in den Hof, wo die Pferde standen. Dasjenige Walkers wurde aus dem Stalle geholt und schnell gesattelt. Die Dienerschaft erhielt die nothwendig erscheinenden Befehle und dann ritten die Männer Walker, Leflor Roulin, Alfonzo und der einstige Derwisch durch eine Hinterthür hinaus in das Freie und in den Wald hinein, wo sie einen weiten Bogen machten, um Steinbach und Sam nicht zu begegnen.

Walker hatte zwar gesagt, daß sie während des Rittes sprechen könnten; dies war aber nicht gut möglich. Der Abend nahte und unter den Waldbäumen war es bereits fast dunkel. Ein Jeder hatte also seine ganze Aufmerksamkeit auf sich und sein Pferd zu richten. Darum verlief der Ritt sehr langsam und unter Schweigen. Es dauerte lange, sehr lange, ehe sie das Ende des Waldes erreichten und nun war es auch nicht Zeit zu langen Verhandlungen.

Walker befand sich an der Spitze. Er ritt nicht direct auf die Stadt zu, sondern er machte einen Bogen, bis sie auf der anderen Seite die ersten Häuser erreichten. Dann blieb er halten und schickte Alfonzo nach der betreffenden Venta voran; er sollte dafür sorgen, daß sie nicht gesehen würden.

Erst nach einer Weile forderte Walker die Anderen auf, ihm nun weiter zu folgen. Sie gelangten an eine niedrige, aus rohen Steinen aufgeführte Mauer, in welcher sich eine Pforte befand. Sie war geöffnet und da stand Alfonzo.

»Ist Alles in Ordnung?« fragte Walker.

»Alles, Sennor. Die Pferde bleiben hier im Garten.«

Sie stiegen ab und zogen die Pferde durch die Pforte in den Garten, wo die Thiere im Grase werden konnten. An der jenseitigen Seite desselben öffnete sich ein Hof. Walker schritt auf ein Nebengebäude zu und da durch eine kleine Thür. Dahinter lag ein Stübchen, in welcher sich ein alter Tisch und einige roh gezimmerte Stühle befanden. Eine Lampe brannte, und ein Mann, der nicht sehr Vertrauen erweckend aussah, erwartete die Angekommenen. Er schien solche Besuche sehr oft zu bekommen, denn er grüßte ganz vertraulich und fragte:

»Also nicht in das Gastzimmer?«

»Nein,« antwortete Walker. »Auch wollen wir hier ungestört sein.«

»Sehr wohl! Was trinken die Sennores?«

»Wein.«

Der Wirth ging und brachte bald das Verlangte, worauf er sich entfernte.

»So! Jetzt endlich können wir wieder sprechen,« sagte Walker. »Setzt Euch also und schenkt Euch ein!«

Dieser Aufforderung wurde natürlich Folge geleistet. Roulin war der Erste, welcher sprach:

»Was aber gedenkt Ihr denn nun mit dem Fürsten der Bleichgesichter und mit dem dicken Jäger zu thun?«

»Unschädlich werden sie natürlich gemacht.«

»Wann, wie und wo?«

»Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich werde später einmal nach der Venta der Sennorita Emeria gehen, dort erfahre ich, was zu thun ist.«

»Dort wird man Euch einfach festnehmen.«

»Oho!«

»Bedenkt, daß die Gefährten der Beiden sich dort befinden.«

»Die bekommen mich gar nicht zu sehen. Emeria ist meine Freundin. Sie giebt mir Auskunft.«

Er wollte natürlich nicht sagen, daß ihn ein noch ganz anderer Zweck nach der Venta führte. Jetzt nun wurde erzählt und berathen. Roulin fühlte sich sehr befriedigt darüber, daß Magda Hauser sich in Mohawk Station befand. Dort wollte er sich ihrer wieder bemächtigen.

»Und ich beanspruche die ›Taube des Urwaldes‹ für mich!« erklärte Leflor. »Nur unter dieser Bedingung will ich Euch nicht nachtragen, daß Ihr mich eigentlich betrogen habt.«

»Wir werben die Papago-Jndianer an,« sagte Walker, »und überfallen mit ihnen die Maricopa's. Vielleicht erretten wir da unsere Leute mit dem rothen Burkers vom Martertodte.«

»Den haben sie wohl bereits erlitten,« meinte Leflor.

»Wohl nicht. Der Indianer nimmt seine Gefangenen am Liebsten mit in sein Dorf, damit die Bewohner desselben das Schauspiel auch mit genießen. Darum denke ich, daß noch Rettung möglich ist.«

»Wann reiten wir?«

»Vielleicht schon morgen früh. Aber ich mache zur Bedingung, daß, wenn wir nach dem Thale des Todes kommen, Wilkins und Adler sterben müssen.«

Ueber diese Punkte wurde noch lange hin und her verhandelt. So kam Mitternacht heran, und Walker verließ mit Alfonzo und dem einstigen Derwische die Venta.

Steinbach war mit Sam in der Nähe von Walkers Wohnung angekommen, als es bereits dunkel war. Sie hatten nichts mehr zu besprechen, da ihr Plan bereits beschlossen war. Die ganze Fronte des Hauses war finster, ein Fenster ausgenommen, welches sich erleuchtet zeigte.

Die Beiden stiegen von ihren Pferden und Steinbach zog an der Klingel. Bald wurde das Thor geöffnet, aber nicht ganz, sondern nur ein Wenig. Man konnte nicht sehen, wer es war, aber eine männliche Stimme fragte:

»Wer ist da?«

»Zwei Fremde. Wohnt hier Sennor Robin?«

»Ja.«

»Ist er daheim?«

»Nein.«

»So ist er verreist?«

»Nein. Er ist ausgeritten und wird wiederkommen. Was wünschen die Sennores?«

»Wir wollten mit ihm sprechen. Ist Donna Miranda auch mit fort?«

»O nein; die ist zu Hause.«

»Können wir nicht wenigstens mit ihr sprechen?«

»Jawohl. Kommt in den Hof.«

»Habt Ihr nicht ein Corral am Hause?«

»Gewiß, hier links.«

»So werden wir lieber unsere Pferde dort unterbringen.«

»Warum Sennores? Wir haben ja Hof und Stall.«

»Unsere Thiere sind das Freie gewöhnt.«

Er hatte seine bestimmte Absicht, daß er die Pferde lieber im Corral unterbrachte. Nachdem dies geschehen, traten sie ein. Der dienstbare Geist schloß die Thüre hinter ihnen zu und führte sie in den Hof. Erst dort sagte er:

»Ich muß der Donna Eure Namen nennen, Sennores.«

»Wir heißen Steinbach und Bart.«

»Und was seid Ihr?«

»Reisende.«

»Es giebt so verschiedene Arten von Reisenden – –?«

»Das ist sehr richtig, mein Lieber, aber die Art, zu welcher wir gehören, werden wir der Donna selbst mittheilen.«

»So folgt mir jetzt.«

Er war nicht befriedigt worden. Nur Miranda wußte, wer die beiden Erwarteten seien. Die dienstbaren Geister wußten es nicht, hätten es aber so gern erfahren, da sie der Beiden wegen so eigenthümliche Verhaltungsmaßregeln erhalten hatten.

Die zwei Jäger wurden nach oben geführt; wo die Dame in größter Neugierde ihrer wartete. Sie war ganz begierig, die beiden berühmten Jäger, deren Todesurtheil bereits unterzeichnet war, kennen zu lernen. Als diese eintraten, saß sie in dem besten Zimmer des Hauses auf einer rothen Sammet-Ottomane, aus deren weichen Polstern ihre helle Gestalt mit dem lichten Gewande eigenartig hervorleuchtete. Sie stand nicht auf, sondern nickte nur vornehm, als sich die beiden grüßend verbeugten und fragte:

»Was wünschen die Sennores?«

»Wir kamen, um mit Sennor Robin zu sprechen,« antwortete Steinbach.

Erst bei dem vollen, sonoren Klange seiner Stimme nahm sie ihn in das Auge. Ihr Blick hatte sich im ersten Moment mehr mit Sam beschäftigt. Sie hatte noch nie eine so zum Lachen reizende Gestalt wie diejenige des kleinen Jägers gesehen.

Als nun ihr Auge an der hohen, mächtigen Figur Steinbachs emporstieg, röthete sich ganz unwillkürlich ihre Wange. Ein solches Beispiel männlicher Schönheit und Vollkommenheit war ihr noch nie begegnet. Ganz ohne daß sie es eigentlich beabsichtigte, erhob sie sich von ihrem Sitze.

»Sennor Robin ist leider nicht daheim.«

»Das hörte ich bereits. Darf ich fragen, wann er wohl wiederkehrt?«

»Er hat nichts gesagt, kann also in jedem Augenblicke wieder hier sein. Wollen die Sennores vielleicht auf ihn warten?«

»Es ist dazu zu spät.«

»O, Ihr könnt doch unmöglich in der Nacht wieder durch den Wald nach der Stadt zurück.«

»Noch weniger aber dürfen wir hier incommodiren. Uebrigens ist der Wald uns nicht fürchterlich.«

»Das glaube ich Euch gern. Ihr seht gar nicht so aus, als ob Ihr Euch überhaupt fürchten könntet. Ich bitte Euch, Platz zu nehmen.«

»Wenn Ihr es erlaubt!«

»Na, natürlich erlaubt sie es!« meinte Sam treuherzig. »Sie hat es ja gesagt.«

Bei diesen Worten setzte er sich in den nächsten Sammetsessel, lehnte sich behaglich in das Polster zurück, streckte die kurzen, dicken Beine möglichst weit von sich ab und stöhnte vergnügt:

»Ah! Oh! Das sitzt sich gut! Sennorita, Ihr habt gar keinen Begriff, wie gemüthlich es bei Euch ist.«

»Also es gefällt Euch?« lachte sie.

»Außerordentlich. Am Besten und Meisten gefallt aber Ihr mir.«

»Das ist ein Compliment!«

»Unsinn! Das ist die Wahrheit. Ich denke, Ihr habt Euch doch bereits einmal im Spiegel gesehen?«

»Zuweilen!«

»Na, also! Da müßt Ihr Euch doch über Euch selbst gefreut haben. Die Backen wie Milch, die Stirn wie Schnee, die Augen wie Kohlen und die Lippen wie frisch angeschnittenes Rindfleisch! Appetitlich, verdammt appetitlich! Ich habe Euch übrigens zu grüßen.«

»Von wem?«

»Von Eurer Tante, der Sennorita Emeria.«

»So wart Ihr bei ihr?«

»Ja. Sie hat uns zu Euch gewiesen.«

»Dann seid Ihr mir desto willkommener. Ich ersuche Euch, bei uns zu bleiben. Sennor Robin kann vielleicht auch erst spät zurückkehren. Wenn Ihr mir erlaubt, werde ich Euch Zimmer anweisen.«

»Wir dürfen Eure Güte nicht mißbrauchen,« antwortete Steinbach höflich.

»Unsinn! Mißbrauchen!« entgegnete Sam. »Man sieht es ihr an, daß sie es gern thut. Nicht wahr?«

»Sehr gern!« antwortete sie lächelnd.

»Das steht Euch im Gesicht geschrieben. Aber sagt mir doch einmal, ist Sennor Robin allein ausgeritten?«

»Nein.«

»Wer noch?«

»Ein fremder Sennor, welcher sein Gast ist.«

»Seit wann?«

»Seit heute Nachmittag.«

»Kommt auch dieser wieder zurück?«

»Gewiß. Ich habe ihm sein Zimmer bereiten müssen.«

»Wer ist er?«

»Ich habe den Namen nicht gehört. Ich war nicht hier, als er kam. Er hat sich nur sehr kurze Zeit hier aufgehalten, dann sind Beide fort. Ich glaube, es handelte sich um einen Pferdekauf. Also, darf ich erwarten, daß Ihr meine Einladung annehmt?«

Dieses Mal antwortete Steinbach:

»Ich befürchte. Euch zu beleidigen, wenn ich Euren Wunsch nicht als Befehl betrachte.«

»So kommt für einige Augenblicke mit mir! Ich werde Euch die Gemächer zeigen.«

Sie schritt voran und führte die Beiden nach dem linken Flügel des Gebäudes, wo sie ihnen zwei nebeneinander liegende kleine Stuben anwies. Diese Letzteren waren sauber, aber höchst einfach möblirt. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Matratze als Bett mit einer Pferdedecke zum Zudecken, ein Krug mit Wasser und eine Waschschüssel, das war Alles – aber genug für jene Gegend und jenes Klima.

»Jetzt können sich die Sennores einstweilen ein Wenig vom Staube reinigen,« sagte sie. »Ich werde dann senden, wenn das Abendmahl bereitet ist.«

Sie brannte für jeden eine bereitstehende Kerze an und entfernte sich dann.

»Himmeldonnerwetter!« fluchte Sam, als sie fort war. »Die ist schön!«

»Meint Ihr, Dicker?«

»Ja, ganz wie gemalt! Ich bin förmlich weg in sie!«

»O weh! Was soll da aus der Auguste werden?«

»Heirathen thu ich sie.«

»Wenn Ihr weg in diese hier seid?«

»Na, wenn ich auch einmal weg bin, ich komme doch sicherlich auch wieder. Aber, daß wir die Hauptsache nicht vergessen: er ist da, dieser Roulin. Und daß auch wir eingeladen würden, zu bleiben, das hätte ich nun freilich nicht vermuthet.«

»Ich auch nicht. Mir kommt diese Einladung sogar ein Wenig verdächtig vor. Wenn ich mich hier umsehe, so bin ich im Zweifel darüber, ob wir erwartet wurden oder unerwartet gekommen sind.«

»Hm! Weil man sichtlich auf Besuch vorbereitet gewesen ist.«

»Ja. Ihr seht hier Alles so in Stand gesetzt, als ob man gewußt habe, daß Gäste kommen würden. Sogar frisches Wasser ist hergestellt worden.«

»Na, uns konnte man doch nicht erwarten. Jedenfalls handelt es sich da um andere Ankömmlinge.«

»Meint Ihr? Denkt doch einmal daran, daß dieser Roulin uns hat irre führen wollen.«

»Wäre daraus Etwas zu schließen?«

»Natürlich. Er hat gewußt, daß er verfolgt wird. Er durfte annehmen, daß Diejenigen, welche im Stande waren, den Weg vom Silbersee herab hinter ihm zu bleiben, seine Fährte auch bis hierher festhalten würden. Er war also sehr wohl im Stande, unsere Ankunft hier anzumelden.«

»Verteufelt! Am Ende ist er mit Walker fort, um Spießgesellen zu holen, welche über uns herfallen sollen.«

»Das ist sehr leicht möglich.«

»So wären wir in eine Falle gegangen!«

*

52

»Ich fürchte mich nicht. Bei einiger Vorsicht kann uns nichts geschehen. Ich werde mich sehr vorsehen.«

»Habt Ihr nicht vielleicht noch so eine Mephistopheles-Granate bei der Hand?«

»Ich habe noch welche. Eure Büchse könnt Ihr nicht gut zum Abendessen mitnehmen; das würde auffallen. Die kleinen Waffen aber legen wir nicht ab.«

»Euer Schießbeil aber könnt Ihr im Gürtel stecken lassen, nicht?«

»Jawohl. Geht jetzt hinüber in Euer Zimmer, um Euch zu waschen. Wir können recht bald geholt werden.«

»Ja, ich muß mich sauber machen. Die Donna soll sehen, daß der dicke Sam kein unübler Gentleman ist. Vielleicht mache ich Eindruck auf sie.«

Er ging. So weit die mehr als einfache Reiseausstattung es ermöglichte, machten die beiden Jäger Toilette. Die dadurch hervorgebrachte Veränderung war aber gar nicht der Rede werth.

Miranda war in das Empfangsgemach zurückgekehrt und hatte sich dort vor den Spiegel gestellt, um ihre Gestalt einer Prüfung zu unterwerfen.

»Ich soll so liebenswürdig wie möglich gegen sie sein,« sagte sie zu sich selbst. »Ob dies mir leicht oder schwer fällt, darnach fragt Walker nicht. Ich bin wie seine Sclavin. Mein Wille, meine Reize, sie müssen ihm zur Erreichung seiner Zwecke dienen. Das ist mehr als ärgerlich. Diesem kleinen, dicken Kerl möchte ich nicht einmal die Hand, viel weniger aber den Mund zum Kusse geben. Jener Andere jedoch – –!«

Sie wendete sich vom Spiegel ab, ging einige Male hin und her und fuhr dann fort:

»Er ist der schönste Mann, den ich je gesehen habe So stolz und stark, dabei so mild und freundlich. Ah, seine Geliebte zu sein, welche Wonne – welche Seligkeit! Mir ist es zu Muthe, wie noch niemals im Leben. Was habe ich von Walker? Unehre, Selbstverachtung und Gefahr. Könnte ich die Liebe dieses Fremden erringen, so würde ich ihm treu sein wie eine Hündin! Seine Liebe? Hm! Er macht nicht den Eindruck eines gewöhnlichen Mannes. Wer weiß, was er eigentlich ist. Bin ich denn schön genug, um auf einen solchen Mann einwirken zu können?«

Sie trat wieder vor den Spiegel.

»Ja, ich denke es. Ich habe noch keine Dame gesehen, welche bei einer solchen Ueppigkeit der Reize eine solche Taille und eine solche Knappheit der Formen besessen hätte. Mein Teint ist unvergleichlich. Diese herrlichen Arme! Ich werde es versuchen. Mache ich Eindruck auf ihn, so ist es zu seinem Glücke. Zeit habe ich nicht viel übrig, mir seine Liebe zu erwerben. Es muß sehr schnell gehen. Hoffentlich stoße ich mit dieser Hast nicht bei ihm an.«

Sie änderte noch Einiges an ihrer Toilette, um den beabsichtigten Eindruck zu verstärken; dann ließ sie das Abendessen auftragen und die beiden Jäger holen.

Steinbach sah, als er eintrat, auf den ersten Blick, daß sie sich bemüht hatte, ihre Schönheit noch mehr in das Licht zu stellen, that aber, als ob er dies gar nicht bemerke. Er erhielt den Platz zu ihrer Rechten; Sam saß ihr zur Linken.

Das Mahl bestand aus einfachen Speisen, dem dort gewöhnlichen Maiskuchen und Fleisch in verschiedener Zubereitung. Die beiden Männer aßen fleißig. Die Dame genoß fast gar nichts; sie legte ihnen vor und suchte besonders für Steinbach das Beste heraus.

Dabei gab sie sich Mühe, wie zufällig seinen Arm, seine Hand einmal zu berühren oder seine Wange mit ihrem Athem zu streifen. Als Dame vom Fache wußte sie, wie elektrisirend dies zu wirken pflegt.

Er ließ sich dies ruhig gefallen und that so, als ob er es gar nicht bemerke. Sam sagte zunächst auch nichts dazu. Er ließ ein Fleischstück nach dem andern zwischen seinen Zähnen verschwinden. Dann aber, als er satt war, sagte er:

»Jetzt, Sennorita, bitte ich, mich doch auch einmal anzusehen. Ihr widmet Euch ganz meinem Kameraden und ich schmachte nach einem Lächeln von Euch wie der Frosch nach der Fliege.«

»Ist das so schlimm?« fragte sie lächelnd.

»Schlimmer als Ihr denkt. Uebrigens richtet Ihr Eure Freundlichkeit ganz an den Unrechten.«

»Wieso?«

»Mein Freund hat bereits die zweite Frau. Von der Ersten ist er mit vier Kindern geschieden und die Zweite hat ihn auch bereits mit einem Jungen und zwei Mädels beglückt. Ich aber bin noch Jüngling und mein Herz ist frei geblieben von dem verführerischen Schall der Küsse und dem athemraubenden Drucke süßer Umarmungen.«

Sie fühlte sich ein Wenig betroffen, ließ sich aber nichts merken, sondern erkundigte sich bei Steinbach:

»Mir scheint, Sennor Barth scherzt?«

»Ja. Er ist ein Spaßvogel.«

»Ihr habt also nicht die zweite Frau?«

»Nein.«

»Aber die Erste?«

»Auch nicht. Solche Bande, wie Master Barth erwähnt, haben mich leider noch nicht umschlungen.«

»Dafür aber ist wohl er selbst verheirathet?«

»Nein. Ich will mich nicht an ihm rächen und Euch dies nach der Wahrheit sagen.«

Sie lehnte sich leicht an seine Schulter und fragte:

»Ist es Eure Schuld, daß Ihr noch ledig seid?«

»Schuld? Vielleicht nicht.«

»Oder Euer Wille?«

Er zuckte die Achseln und antwortete:

»Darüber habe ich nun freilich nicht nachgedacht.«

»Sind denn die Damen Eurer Heimath – ah, ich weiß ja noch gar nicht, wie dieselbe heißt. Euer Name klingt sehr fremdländisch.«

»Ich bin ein Deutscher, ebenso wie mein Gefährte.«

»Ein Deutscher. Ich habe von Deutschland und seinen Bewohnern oft gehört. Sind sie Alle so groß, stark und kräftig wie Ihr?«

Steinbach wollte antworten, aber Sam kam ihm zuvor:

»Entweder so groß wie mein Freund oder so dick wie ich. Es liegt das an der Kindererziehung.«

»Wieso?«

»Die deutschen Frauen geben ihren Kindern im ersten Jahre nur Leberklöse mit Gurkensalat zu essen. Das treibt in die Länge und stopft zugleich so außerordentlich, daß ein Junge von drei Jahren bei uns so kräftig ist, wie bei Euch ein Sechsjähriger.«

»Welch einen Magen müssen diese deutschen Kinder haben!«

»Pah! Sie kommen so auf die Welt, aus purer, reiner Gewohnheit.«

»Und wie ist es mit den Mädchen?«

»Ganz ebenso. Wir lieben überhaupt starke, vollgliederige Frauen. Eine, welche uns fesseln will, muß so gebaut sein, wie zum Beispiel Ihr.«

»Sehr verbunden!«

»Bitte! Ich habe zwar bis jetzt noch nicht sehr darüber nachgedacht. Man nimmt eben die Liebschaften mit, wie sie kommen, nun ich aber neben Euch sitze, kommt es ganz eigenartig über mich. Ich möchte es Euch gern beschreiben, was ich fühle, aber ich finde die rechten Worte nicht. Man ist eben noch viel zu sehr Jüngling und unerfahren in der Liebe.«

»Und doch möchte ich so gern wissen, was Ihr jetzt fühlt. Macht es doch möglich, es in Worte zu kleiden!«

»Nun, ich will es versuchen. Es ist halb Appetit und halb Angst, gerade wie beim Vogelfang, wo der Vogel die Lockspeise sieht, aber dem Dinge doch nicht ganz traut. Ich komme mir hier neben Euch vor wie – wie, hm, ja, wie ein Gimpel, und Ihr seid die Leimruthe, an der ich hängen bleiben soll.«

Er rückte seinen Stuhl dem Ihrigen näher. Sie aber wehrte ihm ab und sagte:

»Bitte, behaltet Eure Position, Sennor. Eine Leimruthe ist ein sehr unliebenswürdiges Ding. Euer Vergleich ist keineswegs schmeichelhaft für mich.«

»Das dürft Ihr mir nicht übel nehmen. Ich habe Euch ja gleich vorher gesagt, daß ich die rechten Worte nicht finde. Vielleicht gelingt es meinem Kameraden besser, seine Gefühle zu beschreiben.«

»Wie?« wendete sie sich an Steinbach. »Habt auch Ihr Gefühle?«

»Hat nicht jedes menschliche Wesen solche?«

»Gewiß. Aber Eure Frage faßt nur das Allgemeine, nicht aber das Besondere und Augenblickliche. Wir sprechen von jetzt, von den Gefühlen, welche ich bei Sennor Barth erweckt habe. Bei Euch scheint mir dies nicht gelungen zu sein.«

»Ich bin nicht leicht zu erregen.«

»Das ist ein großer Vorzug. Wer von irgend einem Affecte nur schwer und langsam ergriffen wird, der hat einen beharrlichen, treuen Charakter. Ich glaube, Ihr würdet Eurer Geliebten wohl niemals untreu werden!«

»Nein, ganz gewiß nicht!«

»Auch nicht bei starker Verführung?«

»Auch da nicht.«

»Ah, traut Euch nicht zu viel zu! Auch Ihr seid ja nur ein Mensch.«

»Jede absichtliche Verführung hätte nur den Erfolg, mich mehr abzustoßen.«

»Es kommt vielleicht auf die Persönlichkeit an. Gesetzt, Ihr wärt Ehemann und – und – ich liebte Euch. Sagt einmal aufrichtig: Wenn ich mir Mühe geben wollte, Euch zu verführen, würde es mir gelingen?«

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, so daß ihre üppigen Reize an seinen Arm zu liegen kamen und sah ihn mit einem verheißungsvollen, verführerischen Blick in die Augen.

»Nein,« antwortete er kalt. »Es gelänge Euch nicht.«

»Seid Ihr denn gar so stark?«

»Nein, aber ich hasse das Böse und das Unrecht.«

»Ist die Liebe ein Unrecht?«

»Die unerlaubte Liebe, ja. Um befriedigt zu werden, muß sie zur Verführung greifen. Dieses letztere Wort bezeichnet sehr deutlich die Verwerflichkeit eines solchen Gefühles.«

Zugleich mit diesen Worten machte er eine Bewegung, ihre Berührung von sich abzuweisen. Sie wich langsam zurück, warf ihm einen langen, finstern Blick zu und sagte im Tone des Gekränktseins:

»Ihr nehmt meine Worte ganz anders, als sie gemeint waren. Ich gab nur ein Beispiel, von persönlichen Absichten aber war keine Rede.«

»Ganz auf diese Weise habe ich Eure Worte ja auch genommen. Ich wüßte nicht, welche Veranlassung zu persönlichen Absichten vorhanden sein könnte.«

Er sagte das so stolz, so selbstbewußt und abweisend, daß sie überzeugt war, er wisse sehr genau, daß sie solche Absichten eigentlich doch hegte. Sie wollte sich darüber ärgern, brachte dies aber doch nicht fertig. So wie er da vor ihr saß, ein Bild männlicher Stärke und Schönheit, fühlte sich die für physischen Genuß angelegte Donna fast berauscht von seiner Persönlichkeit. Sie sollte seine Feindin sein, sie sollte mit helfen, ihn zu verderben, und doch sagte sie sich im Stillen, daß es nur eines guten Wortes seinerseits bedurft hätte, um sie zu seiner Helferin, seiner Beschützerin zu machen. Sie wollte ihm zürnen, konnte es aber nicht. Ihr weiblicher Instinkt sagte ihr, daß er sie verachte. Das empörte sie; aber sie brachte es nicht fertig, ihm darüber bös zu sein. Aber wenn er sie verachtete, so mußte er sie kennen. Und woher kannte er sie? Es gab nur eine Person, welche ihm hatte Auskunft geben können. Darum sagte sie:

»Also Ihr wart heute bei Sennorita Emeria. Sie hat wohl von mir gesprochen?«

»Sie sagte, daß wir uns an Euch wenden sollten.«

»Sie ist eigentlich nicht eine gute Freundin von mir.«

»Wieso? Sie ist doch Eure Verwandte.«

»Allerdings. Aber man macht gerade an Verwandten sehr oft bittere Erfahrungen.«

»Hat sie Euch beleidigt?«

»Direct nicht. Aber ich habe von Anderen gehört, daß sie in einer Weise von mir spricht, welche mir nicht lieb sein kann. Hat sie das gegen Euch auch gethan?«

»Nein. Sie scheint es im Gegentheile sehr gut mit Euch zu meinen. Sie ist Sennor Robin sehr dankbar, daß er Euch eine so gute Stellung bei sich gegeben hat.«

»Ah! Meint sie etwa, daß ich diese Stellung nicht verdiene?«

»Davon hat sie nicht das Mindeste verlauten lassen.«

»Aber von früheren Zeiten hat sie gesprochen?«

»Sie hat nur gesagt, daß Ihr viel gereist seid.«

»O, nun weiß ich Alles. Sie hat mich verleumdet.«

»Nicht mit einem Worte.«

»Ihr leugnet es. Ihr wollt es mir nicht sagen. Ihr seid nicht aufrichtig gegen mich.«

»Ich kann doch nicht Euch zu Liebe eine Unwahrheit sagen, welche Euch noch dazu, wie ich vermuthe, kränken würde. Lassen wir also dieses unerquickliche Thema fallen, Sennorita!«

»Ja, lassen wir es fallen. Ich weiß doch nun, woran ich bin.«

Sie wendete sich ab. Sie schien erzürnt zu sein. Steinbach machte sich nichts daraus. Er gab sich auch gar keine Mühe, sie in eine bessere Stimmung zu bringen. So kam es, daß der übrige Theil des Abendmahles sehr wortkarg eingenommen wurde. Zudem waren die beiden Jäger ermüdet. Als Steinbach eine darauf bezügliche Bemerkung machte, stand Sam auf und sagte:

»Ja, gehen wir zur Ruhe. Ich sehe an der Uhr, daß es bereits zehn ist. Ich will nur noch einmal nach den Pferden sehen, das ist so meine Angewohnheit.«

Er ging. Unten fand er das Thor verschlossen. Der Schlüssel steckte nicht. Er kehrte also durch den Hausgang in den Hof zurück, um nach dem Letzteren zu fragen. Da traf er auf den Neger Zeus.

»Wo ist der Schlüssel zum Thore?« fragte er.

»Was wollen mit Schlüssel?«

»Ich habe mein Pferd im Corral und will nach ihm sehen.«

»Werde holen Schlüssel.«

Er ging und brachte ihn bald. Nachdem er aufgeschlossen hatte, ging er auch mit nach dem Corral. Die beiden Pferde hatten sich gelegt. Sam liebkosete sie, wie er das stets zu thun pflegte, und wollte in das Haus zurückkehren. Da aber berührte der Neger seinen Arm und sagte:

»Massa noch warten! Wie heißen Massa?«

»Ich heiße Barth.«

»Sein Massa Barth gut Freund mit Massa Robin?«

»Warum fragst Du so?«

»Weil ich haben guten Grund.«

Sam wußte nicht, wie er antworten sollte. Einem Diener konnte er doch nicht verrathen, daß er als Robins Feind gekommen sei, und doch ließ das Verhalten des Schwarzen vermuthen, daß er Etwas auf dem Herzen habe, was er einem Freunde seines Herrn wohl schwerlich mittheilen werde. Darum antwortete Sam unbestimmt:

»Ich bin weder Freund noch Feind von Master Robin. Ich kenne ihn nicht.«

»Wollen aber werden Freund von ihm?«

»Auch das nicht. Ich will gar nichts von ihm werden. Er ist mir sehr gleichgiltig.«

»Sein Massa Barth Mexikaner?«

»Nein.«

»Yankee?«

»Auch nicht. Ich bin ein Deutscher.«

»Ein Deutscher? O Jessus! Massa Günther sein auch ein Deutschmann.«

»Welcher Günther?«

»Welcher sein gewesen hier und wohnen jetzt bei Sennorita Emeria.«

»Den kenne ich.«

»Massa sein Landsmann von ihm also?«

»Ich bin sein Landsmann und sein Freund.«

»Sein Freund! O, wenn ich wissen, ob Massa mich vielleicht nicht verrathen – –!«

»Was ist es? Ich verrathe keinen ehrlichen Kerl.«

»Ich sein ehrlich, sehr ehrlicher Kerl.«

»Das glaube ich. Wie es scheint, willst Du mir Etwas sagen, was diesen Günther betrifft?«

»Ja, sehr diesen Massa Günther.«

»So sage es mir!«

»Erst mir versprechen, daß mich nicht verrathen!«

»Ich verrathe Dich nicht.«

»Es mir schwören!«

»Gut, ich beschwöre es. Hier ist meine Hand darauf.«

Er gab ihm die Hand. Der Schwarze nahm sie und sagte:

»So, nun ich sicher bin, daß ich reden können. Massa Günther soll werden todt – –«

»Alle Teufel! Etwa ermordet?«

»Ja, Mord.«

»Wann?«

»Heut, Mitternacht.«

»Von wem?«

»Von Massa Robin.«

»Bist Du toll?«

»O, ich nicht sein toll. Ich sehr klug sein.«

»Woher weißt Du es denn?«

»Ich haben gelauscht. Massa Robin sprechen davon mit Sennorita Miranda.«

»Erzähle mir es!«

»Wollen retten arm Massa Günther?«

»Ja, das versteht sich, wenn es möglich ist.«

»O, es noch sehr möglich, sehr gut möglich.«

»Wie aber kommt es, daß Du es mir sagst, daß Du Deinen Herrn verräthst?«

»Ich schon bereits sagen, daß ich sein sehr gut ehrliches Kerl. Massa Günther mir haben gegeben Geschenk. Massa Robin mir aber geben Prügel.«

»Aha? Du willst Dich rächen.«

»Ja, ich mich rächen.«

»Sehr gut, sehr gut! Ich will Dir in Deiner Rache behilflich sein. Nun es so steht, will ich Dir sagen, daß ich gar kein Freund Deines Massa Robin bin. Er ist ein Schurke und wir sind gekommen, ihm auf die Finger zu klopfen.«

»Klopfen! Ah, schön, sehr schön! Aber nicht blos klopfen auf Finger, sondern auch an Kopf und auf Buckel. Er sein Mörder und Dieb. Er will haben sehr viel Geld von Massa Günther.«

»Jetzt begreife ich. Aber wie will er es denn anfangen?«

»Durch Schrank gehen.«

»Alle Teufel! Das ist ja ganz und gar Steinbachs Ahnung! Du meinst doch den Schrank bei Sennorita Emeria?«

»Ja. Massa haben Schlüssel dazu.«

Er erzählte ihm nun ausführlicher, was er erlauscht hatte und fügte dann hinzu:

»Ich noch mehr hören vielleicht, da aber kommen Reiter, zwei weiße Massa, nämlich Massa Newton und noch ein ander Reiter.«

»Newton? Das wird doch nicht etwa Der sein, den auch ich kenne!«

»Ich nicht wissen.«

»Wo kam er her?«

»Auch das nicht wissen. Waren verreist. Hat holen den ander Massa. Darauf auch kommen Alfonzo mit Massa Roulin. Haben viel gesprochen drüben im Zimmer. Aber als später kommen Ihr, sie alle fort durch kleine Thür hinten.«

»Wohin?«

»Mir nicht sagen, jedenfalls aber nach Stadt.«

»Ihrer wie viele waren es?«

»Es sein ein – drei, vier, fünf Personen; sie haben Pferd auch fünf und machen Umweg nach Stadt.«

»Das sind sehr wichtige Nachrichten, welche ich da durch Dich erfahre. Wir werden Dir dankbar sein.«

»O, Massa, mir nur helfen hier fort, mir und Milly.«

»Wer ist Milly?«

»Meine Braut, meine Verliebste.«

»Ach so, Du gehst auf Freiersfüßen?«

»Sehr! Ich sein ein sehr gut Freiersfuß.«

»Das freut mich. Solchen Leuten helfe ich gern. Ist Deine Milly hübsch?«

»Sehr viel stark hübsch. Beinahe viel hübscher als ich.«

»Das will ich hoffen. Höre, sage mir einmal, ob es nicht möglich ist, daß ich oder mein Kamerad das Haus verlassen kann, ohne daß es Jemand bemerkt.«

»Das sein sehr leicht.«

»Wieso?«

»Ich wachen ganze Nacht und öffnen das Thor.«

»Schön, mein Lieber. So wollen wir es machen. Du wachst, um uns hinaus zu lassen und dann vielleicht auch wieder herein. Jetzt aber muß ich fort. Es könnte Verdacht erregen, daß ich so lange weg bleibe.«

Sie kehrten jetzt in das Haus zurück. Als Sam die Treppe erstiegen hatte, kam Steinbach soeben aus dem Speisezimmer. Er hatte ein Licht in der Hand. Miranda stand unter der Thür und bot ihm ›gute Nacht‹. Sie sah sehr erregt aus. Sam verabschiedete sich auch von ihr und ging mit Steinbach zunächst in dessen Stübchen.

»Das Frauenzimmer machte ein ganz eigenthümliches Gesicht,« bemerkte der Dicke. »Ist Etwas vorgekommen?«

»Ja. Sie hat mir eine ziemlich unverblümte Liebeserklärung gemacht.«

»Sapperment! Warum mir nicht!«

»Ihr seid ihr vielleicht nicht appetitlich genug.«

»Na, so appetitlich wie Ihr bin ich auch. Habt Ihr sie abgewiesen?«

»Natürlich.«

»Das arme Wurm! Sie dauert mich.«

»Ein höchst sinnliches, feuriges Frauenzimmer. Sie ist im Stande, mich heute Nacht zu besuchen.«

»Mir wäre sie willkommen.«

»Aber nicht mir.«

»So laßt sie nicht herein und schickt sie zu mir.«

»Nicht hereinlassen? Habt Ihr noch nicht bemerkt, daß an der Thür nicht einmal ein Schloß oder Riegel sich befindet? Man kann nicht zuschließen.«

»Verdammt! Das kann unter Umständen gefährlich werden. Es ist da sehr leicht gemacht, wenn uns irgend wer überfallen und abmurksen will.«

»Das wird man bleiben lassen.«

»Oho! Ihr wißt noch gar nicht, wie gefährlich dieses Haus ist. Ich habe es soeben erst erfahren.«

»Was giebt es für eine Neuigkeit? Ihr wart so lange bei den Pferden.«

»Ich sprach mit einem Neger. Wir müssen fort.«

»Wohin?«

»In die Venta der Sennorita Emeria.«

»Dazu müßte die Veranlassung eine sehr dringliche sein.«

»Das ist sie. Günther soll ermordet werden.«

»Was höre ich!«

»Ja, man will durch den Schrank zu ihm, ganz so, wie Ihr vermuthet hattet.«

»Sollte das wahr sein?«

»Natürlich. Der brave Schwarze wird sich doch keine solche Lüge aussinnen.«

»Der Mord lebt wohl nur in seiner Einbildung!«

»Von dieser falschen Ansicht will ich Euch sofort befreien.«

Er erzählte Alles, was er von Zeus erfahren hatte. Steinbach war natürlich dann der Ueberzeugung, daß von einem Irrthum des Negers keine Rede sein könne.

»Seht Ihrs!« meinte Sam. »Wir müssen fort.«

»Wir? Beide nicht. Einer genügt.«

»Soll der Andere zurückbleiben?«

»Ja. Einer muß unbedingt hier bleiben. Man weiß nicht, was hier geschehen kann.«

»Meinetwegen. Wer aber geht?«

»Ich.«

»So bleibe ich gleich hier in Eurer Stube, damit Ihr bei Eurer Rückkehr nicht erst hinüber zu mir zu kommen braucht.«

»Mir ganz gleich. Also der Neger wird mir aufmachen?«

»Sicher. Ihr findet ihn am Thore unten. Natürlich aber darf Niemand erfahren, daß Ihr Euch entfernt.«

»Habt um mich keine Sorge und macht auch Ihr Eure Sache gut, Master Sam!«

»Werde meine Pflicht thun. Habt Ihr vielleicht Verhaltungsmaßregeln für mich?«

»Nein. Ich kann nicht wissen, was geschieht, also kann ich auch nicht sagen, was Ihr thun oder lassen sollt. Die Hauptsache ist, daß wir Florin und Walker bekommen. Darnach habt Ihr Euch zu richten. Hoffentlich komme ich noch zur rechten Zeit.«

»Es ist erst halb elf. Freilich ist der Weg nach der Stadt des Nachts sehr schlecht; aber die Sterne leuchten. Ihr werdet um Mitternacht dort sein.«

»Wie aber, wenn dieses Frauenzimmer unterdessen hierher kommen sollte!«

»Sie wird doch nicht!«

»Die Scene, welche ich mit ihr hatte, giebt mir die Ueberzeugung, daß es ihr zuzutrauen ist.«

»Na, wenn sie so verrückt ist, mir soll es nur recht sein.«

»So habe ich nichts weiter zu bemerken. Schlafen dürft Ihr auf keinen Fall; Ihr müßt wachen, um Alles zu hören und zu erfahren, was im Hause geschieht.«

Er trat leise zur Thür hinaus und schlich sich fort. Die Bewohner des Hauses waren noch nicht schlafen gegangen; darum erforderte es große Vorsicht von ihm, unbemerkt an das Thor zu kommen. Es gelang ihm doch. Der Neger lag dort an der Erde, stand aber schnell auf, als er im Dunkel des Hauses Jemand herbeischleichen hörte.

»Massa Barth?« fragte er.

»Nein. Ich bin sein Kamerad.«

»Ah, der groß stark Massa?«

»Ja.«

»Suchen mich?«

»Ja. Massa Barth hat mir gesagt, was Du ihm erzählt hast. Ist das Alles wahr?«

»Sehr viel wahr. Ich können schwören.«

»So muß ich fort. Kannst Du öffnen?«

»Ich haben Schlüssel.«

»Schön! Mach auf und hier, nimm!«

Er hatte ein Goldstück bereit gemacht, welches er dem Neger in die Hand drückte.

»Jessus! Massa geben Gold! O, was ein sehr viel gut und splendid Massa! Ich für ihm thun Alles, was er verlangen von mir.«

»Kannst Du hier am Thore bleiben?«

»Ja. Ich hier liegen und warten.«

»Wenn ich zurückkehre, so klopfe ich dreimal leise. Du lassest mich dann wieder herein.«

Zeus öffnete das Thor geräuschlos und Steinbach trat in die sternenhelle Nacht hinaus. Er begab sich leise nach dem Corral und zog sein Pferd aus demselben. Er führte es langsam, damit man den Huftritt nicht hören sollte, so weit fort, bis er sich in genügender Entfernung befand, dann stieg er auf.

Der Weg, welcher vor ihm lag, war nicht etwa ein Reitweg nach europäischen Begriffen; aber Steinbach hatte ihn sich eingeprägt, und die Sterne leuchteten so ziemlich hell, so daß der Reiter es wagen konnte, sein Pferd in Trab zu setzen.

Es lagen zuweilen Steine im Wege, auch gab es zahlreiche Wurzeln, welche hätten gefährlich werden können. Steinbach aber und sein Rappe waren solche Hindernisse gewöhnt; die Schnelligkeit des Rittes wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Es war kaum eine Stunde vergangen, so lag der Wald hinter und die Stadt vor ihm.

An der Venta stieg er ab und führte sein Pferd in den Corral, wo sich auch die Thiere von Wilkins und dem Apachenhäuptlinge befanden. Diese Beiden hatten sich bei Emeria einquartirt.

Das Fenster des Giebelstübchens, welches Günther von Langendorff bewohnte, war noch erleuchtet. Steinbach überzeugte sich, ehe er das Haus betrat, daß sich im Flur Niemand befand, dann schritt er schnell durch diesen nach der Treppe und diese Letztere hinauf. Die Thür der Stube war von Innen verschlossen und er mußte in Folge dessen klopfen.

»Wer ist da?« fragte Günther.

»Steinbach.«

»Alle Teufel! Herein!«

Er öffnete und wollte mit lauter Stimme seinem Erstaunen, den Freund zu sehen, Worte geben, aber dieser Letztere fiel sofort zwar leise, aber eindringlich ein:

»Pst! Still! Ich komme heimlich.«

Günther zog die Thür hinter ihm wieder zu, schob den Riegel vor und sagte dann:

»Heimlich? Giebt es irgend ein Geheimniß?«

»Ja. Man will Dich ermorden.«

»Unsinn!«

»In Wahrheit. Höre mich an!«

Er berichtete ihm von der Absicht Walkers. Günther hörte ihn ruhig an und sagte dann:

»Ich danke Dir, mein lieber Oskar! Du rettest mir das Leben. Natürlich bleibst Du bei mir?«

»Das versteht sich. Ich gehe erst dann, wenn wir die Kerls festgenommen haben.«

»Wir werden sie empfangen. Hoffentlich wird es nicht zu einem wirklichen Kampfe kommen.«

»Wir müssen uns aber doch auf einen solchen gefaßt machen. Ehe sie sich widerstandslos gefangen nehmen lassen, vertheidigen sie sich bis aufs Blut.«

»Wie viele Personen sind es?«

»Fünf.«

»Da sind wir zwei zu wenig.«

»Eigentlich nicht. Aber ich will Dir nicht zu viel zumuthen. Ich werde den Apachen holen.«

»Das sind immer nur Drei. Ah, da habe ich einen Gedanken. Ich war bis vor wenigen Minuten unten im Gastzimmer. Der Aldermann (Richter) befand sich da. Er wird noch unten sitzen. Soll ich ihn holen?«

»Wenn es geschehen könnte, ohne daß es auffällig ist, so wäre es mir sogar sehr lieb.«

»Ich werde es so einrichten, daß kein Mensch bemerkt, daß er zu mir geht. Warte einige Augenblicke!«

Er ging hinab. Wilkins und der Apache hatten sich das im andern Giebel liegende Stübchen geben lassen. Steinbach begab sich dorthin. Sie schliefen bereits. Als Wilkins hörte, weshalb der Häuptling geholt werde, wollte er nicht zurückbleiben, sondern sich auch mit betheiligen. Steinbach wollte ihn abweisen, mußte ihm aber doch den Wunsch erfüllen.

Als die Drei in Günthers Stube traten, befand dieser sich bereits wieder in derselben und gleich darauf kam auch der Aldermann. Er hatte unten gethan, als ob er nach Hause gehe und sich dann unbemerkt heraufgeschlichen. Als er erfuhr, um was es sich handle, war er ganz Feuer und Flamme.

»Durch diesen Schrank wollen sie kommen?« sagte er. »Den wollen wir uns doch einmal betrachten.«

Er öffnete und untersuchte ihn, dann meinte er:

»Ihr glaubt gar nicht, was für einen großen Gefallen Ihr mir erzeigt. Es sind in der Umgegend zahlreiche Missethaten begangen worden, ohne daß der Thäter zu entdecken war. Ich will aufrichtig gestehen, daß ich auf diesen Robin ein scharfes Auge gehabt habe. Es war mir Manches von ihm unbegreiflich oder gar verdächtig; aber eine Handhabe konnte ich leider nicht entdecken. Nun läuft er uns so prächtig ins Garn. Also fünf Personen sind es. Wir sind auch fünf. Das ist genug. Wann will er kommen?«

»Nach Mitternacht,« antwortete Steinbach.

»Das ist sehr unbestimmt. Jedenfalls kommt er nicht eher, als bis unten keine Gäste mehr vorhanden sind und auch hier oben das Licht ausgelöscht ist.«

»Auslöschen dürfen wir ja nicht.«

»Warum?«

»Wir brauchen das Licht, um die Kerls sehen zu können, sonst vergreifen wir uns aneinander selbst,« antwortete Wilkins.

»Das ist freilich richtig. Vereinigen wir also Beides. Wir lassen das Licht zwar brennen, verstecken es aber. Ich sehe, daß die Sennores Lassos haben. Das ist sehr gut, denn da brauchen wir uns nicht erst nach Stricken umzusehen, um die Kerls zu binden.«

Zunächst war die Ankunft der Mörder noch nicht zu erwarten. Aber eine halbe Stunde nach Mitternacht ging der letzte Gast der Sennorita fort, und sie verschloß die Thür. Jetzt nun stellte der Aldermann das Licht hinter das Bett und verhing die Stelle so, daß es wohl brennen, aber nicht bemerkt werden konnte. Nun wartete man.

Keiner sprach ein Wort, selbst flüsternd nicht. Jeder lauschte mit angestrengtem Gehör. Endlich ließ sich ein leises Knacken hören.

»Horcht!« flüsterte Wilkins.

»Pst! Vorsicht! Schweigt!« antwortete Steinbach ebenso leise.

Jetzt knarrte es kaum hörbar. Die Außenthür des Schrankes wurde geöffnet. Ein kühler Luftzug strich von draußen herein. Dann hörte man, daß der Riegel der inneren Thür zurückgeschoben wurde. Der Augenblick des Handelns schien gekommen zu sein; wenigstens griff Wilkins, welcher dem Bette am nächsten stand, hinter sich, um die Umhüllung des Lichtes zu entfernen. Der Gedanke, diesen Walker zu ergreifen, hatte ihn in eine bedeutende Aufregung versetzt.

Leider aber war Walker vorsichtiger, als man gedacht hatte. Er hatte Roulin und Leflor in der anderen Venta gelassen und nur Alfonzo und den einstigen Derwisch bei sich. Die beiden Erstgenannten sollten ja nicht wissen, welche That er vor hatte. Die Drei hatten die Venta umschlichen, um sich zu überzeugen, daß die Bewohner desselben zur Ruhe gegangen seien. Sie bemerkten, daß kein Licht mehr brannte, und stiegen über die Mauer des Hofes. An dem Eingange, welcher aus diesem Letzteren in den Hausflur führte, gab es keine Thür, so daß die Drei also ohne Schwierigkeit in das Haus gelangten. Dort blieben sie einige Zeit lang lauschend stehen. Es herrschte überall die tiefste Ruhe. Also stiegen sie leise die Treppe empor und schlichen sich zu dem Schranke. Dort lauschten sie abermals. Es war nichts zu hören. Walker zog seinen Nachschlüssel hervor, steckte ihn leise in das Schloß und öffnete. Ein eigenthümlicher, würzig scharfer Geruch drang ihm entgegen. Er kannte diesen Geruch. Es war der Duft von Kinnikinnik. So heißt nämlich das Gemisch von Tabak und wilden Sumachblättern, welches die Indianer zu rauchen, pflegen. Zuweilen nehmen sie auch Blätter des wilden Hanfes dazu.

Nun kommt es zwar auch vor, daß der Weiße dieses Kinnikkinnik raucht; das thut er aber nur in der Wildniß, wo reiner Tabak nicht zu haben ist. Hier aber in Prescott wurde nicht nur Tabak gebaut, sondern der Gebrauch war da so allgemein, daß selbst Frauen und Kinder ihre Cigarittos zu rauchen pflegten. Der Geruch von Kinnikinnik ließ also auf die Anwesenheit eines Indianers schließen. Günther rauchte jedenfalls diese Mischung nicht. Dazu kam, daß Walker sehr wohl wußte, daß heute der Häuptling der Apachen sich in Prescott befand. Jedenfalls war dieser auch, wie der dicke Sam, in der Venta der Sennorita Emeria eingekehrt. Vielleicht befand er sich noch da, und die Umstände konnten es so gefügt haben, daß er jetzt drinnen bei Günther steckte.

Was war zu thun? Vorsicht war gerathen, die größte Vorsicht.

Zwar fiel es Walker nicht ein, seine Bedenken den beiden Genossen mitzutheilen. Sie hätten sonst auf den Gedanken kommen können, auf den Raubüberfall ganz zu verzichten. Aber sich selbst wollte er wenigstens nicht in eine directe Gefahr bringen. Er beschloß also, einen der andern Beiden voran zu schicken.

Seine Vermuthung war nicht unrichtig. Der Häuptling der Apachen hatte drinnen im Zimmer der Verhandlung der Andern schweigend zugehört, wie das so seine Angewohnheit war, und, um doch eine Beschäftigung zu haben, seine kurze Pfeife hergenommen und in Brand gesteckt. Weder ihm noch den Anderen war es in den Sinn gekommen, daß dies zum Verräther an ihnen werden könne. Zwar hatte er, als das Licht versteckt wurde, die Pfeife wieder ausgehen lassen, aber der scharfe Geruch des Kinnikkinnik war doch bemerkbar geworden.

»Nun, gehen wir hinein?« fragte draußen Bill Newton, der einstige Derwisch.

»Natürlich!« antwortete Walker. »Aber Ihr habt ein besseres Gehör als ich; darum lasse ich Euch den Vortritt. Geht also voran!«

Bill fühlte sich geschmeichelt. Er erkundigte sich:

»Ist denn der Schrank leicht aufzumachen?«

»Ja. Es ist nur ein kleiner Riegel an der Innenthür; er geht ganz unhörbar auf und die Thür kreischt nicht. Seid nur recht vorsichtig, so geht Alles gut!«

»So will ich voran.«

»Schön! Aber merkt Euch dabei Eins. Man muß auf alle Fälle gefaßt sein. Ist da drinnen Etwas nicht in Ordnung, so kommt Ihr rasch zurück, ich schließe hier zu und wir begeben uns schnell hinab und über die Mauer hinaus. Sollten wir uns dabei verlieren, so treffen wir bei unseren Pferden zusammen.«

»In diesem Falle würde der Verfolger sehr schnell hinter uns sein.«

»O nein. Dieser Günther kann uns nicht durch den Schrank nach, weil ich denselben ja gleich verschließe, und auf den Gedanken, zur Thür hinaus zu gehen, wird er nicht gleich kommen. Ah, wartet noch einen Augenblick! Ich will sehen, ob man die Stubenthür nicht von Außen verschließen kann.«

Er schlich sich hin und fühlte den Schlüssel, welcher außen steckte. Leise, ganz leise drehte er ihn um, so daß die Thüre nun verschlossen war, dann kehrte er zum Schranke zurück und bedeutete Bill, nun hinein zu treten. Er selbst blieb mit Alfonzo erwartungsvoll zurück und behielt die äußere Schrankthür und den Schlüssel so in den Händen, daß er sie augenblicklich zuschließen konnte.

Der Schrank war fest gebaut, so daß der Boden nicht unter Bill's Körpergewicht knarrte. Dieser Letztere tastete mit der Hand nach dem Riegel. Er fand ihn und schob ihn zurück. Es gab das doch ein wenn auch kaum hörbares Geräusch. Er wartete noch einige Augenblicke, dann schob er die Thür auf. Er lauschte in die Stube hinein. Alles war still. Er war überzeugt, daß Günther schlafe. Schon hob er den Fuß, um aus dem Schranke in die Stube zu treten, da ward es plötzlich hell. Wilkins hatte in diesem Augenblicke, allerdings zu vorzeitig, das Licht enthüllt.

Bill war für den ersten Augenblick so erschrocken, daß er regungslos stehen blieb. Im Rahmen des geöffneten Schrankes stehend und von dem Lichte hell beschienen, war er ganz deutlich zu erkennen.

»Alle Teufel! Unser Gefangener!« rief Wilkins.

»Drauf! Schnell!« gebot Steinbach.

Er war über Wilkins' Voreiligkeit ergrimmt und that das, was jetzt allein zu thun noch übrig blieb. Er sprang auf Bill ein. Dieser aber hatte sich bereits wieder besonnen und die Thür zugezogen und den Riegel von innen vorgeschoben. Er trat hinaus. Walker schloß schleunigst die Außenthür zu, und nun eilten die Drei, so schnell es im Dunkel möglich war, hinunter in den Hof und nach der Mauer zu, über welche sie springen wollten.

Als Steinbach sah, daß ihm die Schrankthüre vor der Nase zugemacht wurde, ließ er sich keineswegs dadurch verblüffen. Er hatte sich die Construction des Schrankes angesehen und kannte sie also. Der von der Zimmerseite ansteckende Schlüssel öffnete ja den inneren Riegel. Er drehte ihn also schnell um. Die innere Thür ging in demselben Augenblicke auf, in welchem Walker die Hinterwand von Außen verschloß. In diesem Augenblicke ertönte die Stimme Günthers im Zimmer:

»Verdammt! Man hat die Stubenthür von draußen verschlossen!«

Er hatte die Geistesgegenwart gehabt, sogleich nach der Thür zu eilen, um durch dieselbe hinauszuspringen und die Kerls da abzufassen. Steinbach hörte diesen Ruf und antwortete:

»Alle hierher zu mir! Ich mache auf.«

Er stemmte seine mächtige Gestalt gegen die Hinterwand des Schrankes, welche als Thür hinausführte. Ein Prasseln, ein Krachen – sie war aufgesprengt.

Das war so schnell gegangen, daß Steinbach noch die Schritte der Flüchtlinge auf der Treppe hörte. Er zog den Revolver aus dem Gürtel und eilte ihnen nach – die Treppe hinab, durch den Hausgang in den Hof.

Dort angekommen, erkannte er bei dem Schimmer der Sterne die drei Gestalten, welche die Mauer überspringen wollten. Zwei befanden sich bereits an derselben. Einer oben und der Andere unten. Der Dritte war um mehrere Schritte zurück.

Ein genaues Zielen gab es in dieser Dunkelheit und während des Springens nicht; dennoch richtete Steinbach den Revolver auf die beiden Ersten und gab schnell alle sechs Schüsse auf sie ab. Dennoch kamen sie, ehe er sie erreichen konnte, über die Mauer hinüber.

Steinbach hatte sich durch das Schießen gar nicht aufhalten lassen. In weiten, mächtigen Sätzen schnellte er über den Hof hinüber und kam grad noch früh genug, den Dritten bei den Beinen zu ergreifen, als dieser sich bereits auf der Höhe der Mauer befand.

»Komm herab, Bursche! Wir wollen ein Wörtchen mit Dir sprechen.«

Bei diesen Worten gelang es ihm, den Flüchtling von der Mauer herab zu reißen, obgleich dieser sich an dieselbe festzuklammern versuchte. Jetzt waren auch die Andern zur Stelle.

»Hier habt Ihr ihn,« sagte Steinbach, indem er ihnen den Ergriffenen zuschleuderte. »Aber seid ganz still, damit ich die Schritte der beiden Andern hören kann. Ich muß wissen, wohin sie gehen.«

Er stieg gar nicht auf die vielleicht sieben Fuß hohe Mauer, sondern er trat zurück, nahm einen Anlauf und sprang mit einem einzigen Satze über dieselbe.

Draußen blieb er einen Augenblick lang lauschend stehen. Da, rechts, hörte er eilige, sich entfernende Schritte. Er sprang in möglichster Schnelligkeit in dieser Richtung davon. Das Geräusch seiner eigenen Schritte verhinderte ihn, diejenigen der Flüchtigen zu hören. Er blieb also stehen und horchte. Es war kein Geräusch mehr zu vernehmen. Er eilte weiter und blieb abermals stehen. Er hörte nichts. So auf das Geradewohl hinaus war die Verfolgung natürlich nutzlos; es blieb ihm nichts übrig, als umzukehren. Ein Gefangener war ja gemacht. Mit Hilfe von dessen Aussagen ließ sich jedenfalls mehr erreichen, als durch ein nutzloses Herumsuchen in unbekannter Gegend.

Als er die Mauer wieder erreichte, gab es innerhalb derselben einen bedeutenden Lärm. Die Stimme von Sennorita Emeria war zu hören. Dazu ertönte des Aldermanns kräftiges Fluchen. Steinbach machte nicht den Umweg nach der Hausthür, sondern er sprang wieder über die Mauer, in den Hof hinein.

Alfonzo war Derjenige, welchen man ergriffen hatte. Die beiden Andern waren über die Mauer entkommen. Sie rannten mit einander davon, der Stadt zu. Dabei erreichten sie Grasboden. Da verursachten ihre Schritte kein Geräusch und so kam es, daß sie Steinbach hörten, welcher sich noch auf steinigem Wege befand.

»Schnell links ab! Wir müssen einen Winkel laufen! Die Verfolger werden gradeaus rennen,« sagte Walker, vom Laufen und von der Aufregung ganz athemlos.

Sie brachen also im rechten Winkel von ihrer bisherigen Richtung ab. Als sie vielleicht fünfzig Schritte zurückgelegt hatten, blieb Walker stehen und hielt Bill am Arme an.

»Nieder auf die Erde! Horchen wir!«

Sie warfen sich platt auf den Boden und lauschten. Steinbach ging jetzt zwar auch auf Rasenboden, da aber die Beiden ihre Ohren hart an die Erde hielten, konnten sie seine Schritte hören. Sie vernahmen, daß er stehen blieb. Jedenfalls horchte er nach ihren Schritten in die Nacht hinaus.

»Jetzt hat er uns verloren!« flüsterte Bill.

»Soll uns auch nicht finden.«

»O, es kann ihm auch einfallen, hierher zu kommen.«

»Das wäre nicht nur ein Ein-, sondern auch zugleich ein Zufall. Aber still, sonst hören wir nicht, was er thut.«

Nach einiger Zeit hörten sie seine langsamen Schritte in der Richtung hin, aus welcher sie und auch er gekommen waren.

»Ah, er kehrt zurück. Er giebt die Verfolgung auf,« meinte Bill.

»Es scheint so. Wer mag es sein?«

»Habe ihn nicht gesehen.«

»Ich auch nicht. Der Kerl hat sogar geschossen. Hat er Euch vielleicht getroffen?«

»Nein.«

»Mich auch nicht. Ein Glück, daß er nicht zielen konnte. Hoffentlich ist Alfonzo auch entkommen.«

»Das glaube ich nicht. Er war weit zurück. Er war noch hinter mir.«

»Sapperment! Wenn sie ihn ergriffen hätten!«

»Er wird doch nichts gestehen!«

»Ich glaube, daß er leugnen wird. Aber dennoch möchte ich Gewißheit haben, ob er erwischt worden ist. Kehren wir nach der Mauer zurück!«

»Das ist gefährlich!«

»Pah! Wir werden vorsichtig sein. Nur ganz leise auftreten. Kommt!«

Sie schlichen auf den Fußspitzen zurück und erreichten die Mauer ohne Hinderniß. Hinter derselben im Hofe ging es laut zu. Eine Stimme sagte vernehmlich:

»Das machst Du uns nicht weiß, Schurke.«

»Ich sage die Wahrheit, Sennor!«

»Das ist Alfonzo's Stimme,« flüsterte Walker. »Sie haben ihn also doch ertappt!«

Die vorige Stimme fuhr fort:

»Was Du wahr nennst, ist doch erlogen!«

»Fragt sie selbst. Sie ist meine Geliebte!«

»Gut, ich werde sie kommen lassen, obgleich ich überzeugt bin, daß Deine Anwesenheit mit dieser Liebschaft nichts zu schaffen hat. Sennorita Emeria, wo befindet sich Henrietta, Eure Magd?«

So weit hörte Walker die Verhandlung an. Dann nahm er Bill beim Arme und zog ihn mit sich fort.

»Kommt! Ich weiß genug.«

»Was war das mit der Henrietta, der Magd?«

»Eine famose Ausrede Alfonzo's. Ja, der Kerl ist nicht dumm. Er hat jedenfalls gesagt, daß er zu der Magd wollte, sie sei seine Geliebte.«

»Ist sie das?«

»Na, dieses Frauenzimmer ist die Geliebte von Jedermann. Alfonzo hat also nicht gerade eine Unwahrheit gesagt. Straft ihn das Mädchen nicht Lügen, so wird man ihn entlassen müssen.«

»Ja, er ist ja nicht gesehen worden, droben in der Stube. Mich aber haben sie genau erkannt.«

»Nicht wahr, sie hatten Licht?«

»Leider!«

»Vorher aber haben wir ja keines bemerkt!«

»Sie hatten es hinter dem Bette versteckt.«

»Donnerwetter! Hast Du das genau gesehen?«

»Natürlich. Als ich den Schrank öffnete, war es noch finster; dann aber wurde plötzlich die Decke weggenommen, welche das Licht verhüllte.«

»So ist es gewiß und sicher, daß sie uns erwartet haben!«

»Anders kann es gar nicht sein.«

»Woher aber können sie von unserer Absicht Etwas erfahren haben?«

»Das ist auch mir unbegreiflich. Ich habe nichts gesagt und Alfonzo jedenfalls auch nichts.«

»Außer mir und Euch weiß nur noch Donna Miranda von der Sache. Die nun hat am Allerwenigsten davon gesprochen.«

»Ja. Aber – Jemand muß doch Etwas gesagt haben.«

»Du zweifelst? Hältst Du sie für eine Verrätherin?« fragte Walker fast zornig.

»Für eine Verrätherin nicht; aber sie kann ja vielleicht unvorsichtig gewesen sein.«

»Auch das nehme ich nicht an. Uebrigens ist sie ja daheim. Sie ist nicht aus dem Hause gekommen. Wie also sollten Diejenigen, welche hier auf uns warteten, es von ihr erfahren haben?«

»Es ist ja Einer da, welcher – – Sapperment, davon haben wir ja noch gar nicht gesprochen. Das habe ich Euch ja noch nicht gesagt. Sagt mir doch einmal, wer sind die beiden Reiter gewesen, welche heute zu uns gekommen sind?«

»Der Fürst der Bleichgesichter und der dicke Sam.«

»Nun, der Erstere, dieser verfluchte Steinbach, war mit droben in der Stube. Und wie ich ihn kenne, so ist er auch Derjenige gewesen, welcher der Erste hinter uns gewesen ist, auf uns geschossen, Alfonzo ergriffen und dann uns noch weiter verfolgt hat.«

»Verdammt! Hast Du richtig gesehen?«

»Ja. Ich habe Alle erkannt, welche sich im Zimmer befanden. Es war ja hell genug dazu.«

»Nun, wer war denn Alles da?«

»Zunächst der Aldermann, sodann – – –«

»Der Aldermann?« fiel Walker ein. »Man hat also sogar die Behörde requirirt! Dann ist es unumstößlich sicher, daß unser Vorhaben verrathen gewesen ist. Das ist eine heillose Geschichte. Weiter!«

»Sodann waren noch da Master Günther, Steinbach, der Apachenhäuptling – – –«

»Ah, deshalb also der Geruch nach Kinnikkinnik!«

»Und zuletzt Wilkins. Er war es, welcher den Vorhang vom Lichte nahm.«

»Himmeldonnerwetter! Sollte mich dieser Günther betrogen haben? Sollte er zu dieser Bande gehören?«

»Das ist sehr leicht möglich.«

»War der dicke Sam dabei?«

»Nein.«

»So ist er noch draußen bei uns. Nun ist mir Alles klar. Steinbach und der Dicke haben in unserer Wohnung von dem Anschlage gehört. Von wem und auf welche Weise, das ist mir freilich noch ein Räthsel. Jedenfalls aber wird sich dies aufklären. Der Dicke ist als Wächter zurückgeblieben; Steinbach aber ist nach der Stadt geritten, um uns abzufassen. Wir Beide sind ihnen entkommen. Nun weiß ich, was geschehen wird. Sie werden sich schleunigst in meine Wohnung begeben, um uns abzufangen.«

»Himmelelement! Was ist da zu thun?«

»Es giebt nur Eins: Wir gehen ihnen aus dem Wege.«

»Das ist auch mir das Liebste und auf alle Fälle das Klügste, was wir thun können.«

»Ja. Ergreifen lassen darf ich mich nicht, sonst klopfen sie mir so viel Motten aus dem Pelze, daß ich daran ersticken muß.«

»Mir würde es ebenso ergehen. Freilich muß es Euch um Eure schöne Wirthschaft leid thun, welche Ihr nun verlassen müßt.«

»Pah! Ich gebe sie ja nicht für immer auf. Ich bin seit heut Mittag verreist. Man hat mich ja nicht gesehen. Wie lange wird es dauern, so sind Wilkins, Sam, Steinbach und sie Alle nicht mehr da. Wer will mich dann anklagen? Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter. Ich werde Donna Miranda meine Instructionen geben. Die ist zuverläßlich und wird sich so verhalten, daß ich ohne Sorgen später zurückkehren kann.«

»Hm! Ich traue keinem Frauenzimmer!«

»Alles mit Ausnahme.«

»Ich habe keine Ausnahme gefunden. Ihr könnt mir glauben, daß ich an Frauenzimmern wohl mehr trübe Erfahrungen gemacht habe als Ihr.«

»Möglich. Zunächst bin ich aber gezwungen, mich auf Miranda zu verlassen. Uebrigens thut es mir gar nicht etwa leid, daß ich hier für einige Zeit verschwinden muß. Wir müßten ja so auch fort. Wir wollen ja zunächst nach Mohawk-Station, um die Mädchens zu holen, und sodann nach dem Thale des Todes. Leflor und Roulin warten auf uns.«

»So suchen wir sie jetzt gleich auf?«

»O nein. Wir gehen nur in den Garten der Venta, um unsere Pferde zu holen. Dann reiten wir schnell hinaus nach dem Waldhause. Ich muß Miranda meine Instruction ertheilen und das verrätherische Geld zu mir stecken.«

»Daran handelt Ihr sehr klug,« lachte Bill.

»Erstens brauchen wir zu unserem Ritte Geld, und zweitens werde ich es doch nicht liegen lassen, um es dieser Bande oder der Obrigkeit zu ermöglichen, es an sich zu nehmen. – Hier ist der Garten der Venta, und da stehen unsere Pferde. Steigen wir auf!«

»Hm! Ist es nicht besser, wenn ich hier bleibe?«

»Warum? Ich befinde mich in Gefahr, und da ist mir ein zuverlässiger Begleiter nur erwünscht.«

»Dieser Begleiter aber kann Euch unter Umständen mehr schaden, als nützen.«

»Wieso?«

»Einer kommt stets besser und leichter durch als Zwei. Steinbach ist ein kluger und thatkräftiger Mensch. Er wird darauf dringen, schnellstens nach dem Waldhause zu reiten. Wir können diesen Sennores sehr leicht begegnen. Euch allein würden sie nicht bemerken, als wenn ich mit dabei wäre.«

Der frühere Derwisch war ein Bösewicht, keineswegs aber ein sehr muthiger Mann. Er sprach also nicht aus Klugheit so, sondern es war ihm angst, daß er erwischt werden könne. Dennoch ging Walker darauf ein, indem er nachdenklich meinte:

»So unrecht ist das freilich nicht.«

»Und Ihr müßt bedenken, daß Leflor und Roulin bereits so lange auf uns gewartet haben. Ehe wir vom Waldhause zurückkehren, vergehen vielleicht vier Stunden. Da können sie leicht die Geduld verlieren und ohne uns aufbrechen.«

»Sapperment! Das ist ihnen freilich zuzutrauen. Sie können allerdings leicht auf den Gedanken kommen, ihre Angelegenheit ohne mich zu ordnen. Da würden sie das Schaf scheeren, ohne mir ein einziges Flöckchen Wolle zukommen zu lassen. Du hast sehr Recht, Bill. Ich reite allein. Gehe Du hinein und halte sie bei Geduld. Ich werde mich so sehr wie möglich sputen.«

Er zog sein Pferd aus dem Garten, stieg auf und ritt davon. Natürlich hütete er sich dabei, der Venta der gelehrten Emeria zu nahe zu kommen. Er machte einen Umweg in das Feld hinein und bog erst in der Nähe des Waldes in den richtigen Weg ein.

Dort blieb er halten. Er hatte ein Geräusch hinter sich gehört. Nachdem er einige Sekunden lang aufmerksam gelauscht hatte, bemerkte er, daß er sich nicht getäuscht habe. Es war der Hufschlag mehrerer Pferde hinter ihm. Er war also den Verfolgern doch noch zuvorgekommen.

Jetzt setzte er sein Pferd in Trab. Es kannte den Weg noch genauer als sein Herr, und strauchelte nicht ein einziges Mal. Der Boden des Waldweges war, einzelne daliegende Steine abgerechnet, weich, und so gaben die Hufe keinen lauten Schall. Walker nahm an, daß die Verfolger viel langsamer reiten mußten als er; sie waren schon durch ihre Anzahl dazu gezwungen. Er hatte also genug Zeit vor sich zu Dem, was er thun wollte.

In der Nähe des Hauses angelangt, zog er es vor, sein Pferd nicht mitzunehmen. Er führte es seitwärts in den Wald und band es dort an. Dann ging er nach dem Thore. Er führte den Schlüssel zu demselben stets bei sich und schloß leise auf.

Als er eintrat, bemerkte er, daß Jemand da am Boden saß.

»Wer ist da?« fragte er.

»Ich es sein, Massa,« antwortete der Neger. »Wo Ihr auf einmal Schlüssel – – –«

Er hatte Walker für Steinbach gehalten und wollte ihn fragen, wo er auf einmal den Schlüssel her habe. Mitten im Satze aber fiel es ihm ein, daß Derjenige, welcher vor ihm stand, sein Herr sein müsse, grad weil dieser den Schlüssel hatte. Daher brach er so schnell in seiner Rede ab.

»Was ists mit dem Schlüssel?« fragte Walker, in welchem ein Mißtrauen aufstieg.

»Ich nicht wissen. Mir träumen von Schlüssel.«

Die Angst gab ihm diese Ausrede ein. Glücklicher Weise fand sie bei Walker Glauben.

»Altes Traumbild! Was hast Du überhaupt hier zu schlafen!«

»Ich müde sein; hier nicht heiß sondern kühl.«

»Du bist doch nur ein Vieh wie jeder Niggro. Schläft der Kerl hier auf den Steinen! Wie lange liegst Du bereits hier?«

»Nicht sehr ein einzig Viertelstunde.«

»Und hast Du vorher geschlafen?«

»Nein.«

»So hast Du Alles gehört, was im Hause geschehen ist?«

»Ja.«

»Nun, was ist geschehen?«

»Nichts. Alles schlafen.«

»Sind Fremde da?«

»Ja. Zwei.«

»Wie heißen sie?«

»Ich nicht wissen. Ein Massa sein dick und klein, und anderer Massa sein lang und stark.«

»Sind Beide noch da?«

»Ja, Beide noch sehr ganz da.«

»Es ist keiner fort? Nicht der Lange, Starke?«

»Nein. Ich nicht hab sehen.«

»Hm! Wo logiren sie?«

»Droben hinter Söller in zwei kleinen Stube an Hausecke.«

»Wo haben sie gegessen?«

»Bei Missus Miranda.«

»Ah! Hm! Du kannst hier bleiben, sagst aber keinem Menschen, daß Du mich gesehen hast. Verstanden?«

»Ich sehr verstehen.«

»Gehorchst Du nicht, so bekommst Du morgen die Peitsche, daß die Haut platzt.«

»O, Massa, ich nicht haben wollen Peitsche, sondern ich lieber behalten wollen Haut!«

»So schweige also!«

Dieses Gespräch war so leise geführt worden, daß es für Andere gar nicht zu hören war. Jetzt nun schlich Walker sich hinauf in sein Zimmer. Dort öffnete er im Dunkeln sein Pult und steckte alles Geld zu sich, welches sich in demselben befand. Auch Waffen und Munition nahm er zu sich. Eine gewisse Summe behielt er in der Hand. Sie war für Miranda bestimmt, damit diese während seiner Abwesenheit nicht ohne Mittel sei.

Deshalb begab er sich nun leise nach dem Zimmer der Donna, um diese zu wecken.

»Miranda!«

Keine Antwort.

Er wiederholte den Ruf, und als auch das ohne Erfolg war, trat er an das Lager. Es war leer.

Da stieg ein Verdacht in ihm auf. Sie hatte mit den beiden Fremden gegessen. Jetzt befand sie sich nicht in ihrer Stube. Einer der Beiden war in der Stadt. Sollte sie die Verrätherin sein?

Er schlich sich weiter, aus einem Zimmer in das andere. Er fand die Gesuchte nicht. Nun trat er hinaus auf den Söller und ging leise nach der Seite, wo die Fremden einquartirt waren. Er lauschte an der einen Thür. Er hörte nichts. Er horchte an der anderen. Auch da war es ruhig.

Schon wollte er zurücktreten, als er einen tiefen Seufzer hörte und dann die Worte:

»Sennor, laßt Euch doch erbitten!«

Das war Miranda's Stimme.

»Ruhig,« gebot eine männliche Stimme.

»Gebt mich doch frei!«

»Sprecht nicht so laut, sonst gebe ich Euch zu den Fesseln auch noch einen Knebel!«

Walker erschrack. Miranda war gefangen. Von wem? Jedenfalls von dem dicken Sam. Wie war das gekommen? Hatten Steinbach und Sam sie vergewaltigt, um ihr ihre Geheimnisse zu entlocken, und hatte sie dabei gestanden, was für heute Abend in der Venta der gelehrten Emeria beabsichtigt worden sei? Das ließ sich doch wohl nicht gut denken. Wie aber kam es, daß sie sich hier bei dem Dicken im Stübchen befand?

Das war sehr einfach.

Steinbach hatte einen viel tieferen Eindruck auf Miranda gemacht, als sie sich merken ließ. Während Sam mit dem Schwarzen draußen bei den Pferden sprach, hatte sie es gewagt, einige deutlichere Andeutungen zu geben, war aber streng zurechtgewiesen worden. Als sie sich trotzdem zu einer abermaligen Bemerkung hinreißen ließ, stand Steinbach von seinem Stuhle auf und bat um ein Licht, da er müd sei und schlafen wolle. Sie mußte ihm seinen Wunsch erfüllen.

Aber als er sich dann mit Sam zurückgezogen hatte und sie sich allein befand, überkam es sie mit leidenschaftlicher Gewalt, diesen Mann entweder zu besitzen, oder ihn zu verderben. Sie schritt erregt im Zimmer auf und ab. Sie betrachtete sich im Spiegel. Sie konnte gar nicht glauben, daß sie keinen Eindruck auf ihn gemacht habe. Sie sagte sich, er sei als Feind Walkers gekommen, und so halte er es für seine Pflicht, kein süßes Gefühl in sich aufkommen oder gar bemerken zu lassen. Er war vielleicht verliebt in sie, von ihren Reizen besiegt und hingerissen, aber seine Feindschaft zu Walker erlaubte es ihm nicht, diesen Regungen Folge zu leisten.

In diesen trügerischen Gedanken arbeitete sie sich immer weiter hinein. Sie hielt es zuletzt für unmöglich, daß sie sich täusche. In ihren Wünschen standen Zwei sich einander gegenüber: Walker und Steinbach. Wem gab sie den Vorzug? Ihm, ihm und wieder ihm! Wenn sie sich auf seine Seite stellte, so durfte er auch bekennen, daß er sie liebe.

Dieser Gedanke berauschte sie. Sie glaubte gar nicht, irren zu können; sie war im Gegentheile ihrer Sache so gewiß, daß sie beschloß, unverzüglich zu handeln. Sie prüfte noch einmal ihr üppiges, zum Besitz aufforderndes Spiegelbild, verlöschte dann das Licht und schlich sich nach dem Stübchen, welches sie Steinbach angewiesen hatte.

An der Thür desselben angekommen, horchte sie. Es war ganz still darin. Sollte er schlafen?

Sie öffnete leise, trat ein und machte hinter sich zu. Ruhige, regelmäßige Athemzüge gaben ihr die Gewißheit, daß Steinbach wirklich schlafe.«

Sie irrte doppelt. Nicht Steinbach, sondern Sam befand sich hier, und dieser schlief nicht, sondern er war im Gegentheile sehr munter. Er mußte ja wachen. Um das Thun und Alles, was passirte, hören zu können, hatte er sein Stübchen verlassen und sich hinaus auf den Söller gesetzt. Er hatte das leise Geräusch der Thür gehört. Der Schein der Sterne erleuchtete den Söller genugsam, daß es den Luchsaugen Sams leicht war, die weißgekleidete, halb aber unverhüllte Gestalt Miranda's nahen zu sehen. Er zog sich also schnell und unhörbar in das Stübchen zurück, machte die Thür zu, legte sich auf die Matratze und kicherte in sich hinein:

»Also hatte dieser Steinbach doch Recht: Sie kommt, sie naht. Na, freue Dich, Mirandchen! Es wird sehr schön werden! O, Sam, alter Junge, jetzt kannst Du beweisen, daß Du unwiderstehlich bist und daß Du das Maul grad noch so spitzig machen kannst wie damals bei der Auguste auf dem Schweinestalle in Ruppertsgrün!«

Jetzt wurde die Thür geöffnet, und sie trat ein. Nachdem sie dieselbe wieder zugeklinkt hatte, verging eine Pause. Er athmete so, daß sie glauben mußte, er schlafe.

»Sennor!« flüsterte sie.

Er antwortete nicht.

»Sennor!«

Er schlief scheinbar fest.

Da trat sie zu ihm herbei und berührte ihn mit der Hand.

»Sennor Steinbach!«

»Uuuu – – aaaah!«

Er streckte sich aus.

»Sennor! Wollt Ihr nicht erwachen?«

»Verdammte Ratte!«

Sie hatte ihn wieder berührt, und er schlug mit der Hand nach dieser Stelle.

»Es ist keine Ratte. Ich bin es!«

Jetzt schien er ganz zu erwachen und sich zu besinnen.

»Sennor Steinbach, erschreckt nicht!«

»Sapperment! Wer ist da?«

»Ich bin es!«

»Ich? Nein, ich bin es eben nicht!«

»O doch, ich, Miranda.«

»Himmel! Ihr!«

Sie hatte nur geflüstert, er seine ersten Worte auch. Die letzteren aber sagte er Etwas lauter; darum warnte sie erschrocken:

»Bitte, leise, leise! Sennor Barth liegt neben Euch, und es ist nur eine dünne Holzwand dazwischen. Er darf uns nicht hören.«

»Warum nicht?«

»Was ich Euch zu sagen habe, ist nur für Eure Ohren, nicht aber für andere.«

Er gab sich Mühe, Steinbachs Stimme nachzuahmen. Ueberdies war dies gar nicht so schwierig. Beim Sprechen im Flüstertone klingen auch sonst sehr verschiedene Stimmen einander sehr ähnlich. Etwas Anderes aber war das Uebrige. In nähere Berührung mit seinem Körper durfte er sie nicht kommen lassen, sonst mußte sie unbedingt fühlen, daß sie an eine etwas zu dicke Adresse gerathen sei. Ein Kuß – hm, ein Kuß konnte vielleicht gewagt werden. Sam trug ebenso Vollbart wie Steinbach; aber die dicken Backen, das kleine Näschen – ein Wagniß blieb es immerhin.

So überlegte Sam hin und her. Das dauerte nicht etwa lange Minuten, sondern diese Erwägungen zuckten mit der Schnelligkeit des Blitzes durch sein Gehirn. Er hielt den gegenwärtigen Augenblick für sehr wichtig. Wenn sie ihn auch ferner für Steinbach hielt und er liebenswürdig zu ihr war, so ließen sich ihr vielleicht Geständnisse entlocken, die sie sonst nicht gegeben hätte. Aber ob er, Sam, gescheidt genug sei, es in dieser Beziehung mit einem so vielerfahrenen und in der Liebe raffinirten Frauenzimmer aufzunehmen, darüber befand er sich nicht ganz in Klarheit. Doch antwortete er auf ihre letzten Worte:

»Gut! Master Barth braucht nichts zu hören. Was aber ists, das Ihr mir mittheilen wollt?«

»Das läßt sich nicht so schnell sagen. Es spricht sich hier so schlecht. Wir dürfen nur flüstern; ich stehe, und Ihr liegt; das ist unbequem. Wenn ich mich wenigstens setzen könnte!«

»Ihr habt sehr Recht, setzt Euch da neben mir auf die Matratze. So!« sagte er. »Jetzt können wir uns gemüthlich unterhalten.«

»Darf ich vielleicht erfahren, was für einen Eindruck ich auf Euch gemacht habe?« begann sie leise.

»Da müßte ich sehr aufrichtig sein.«

»Das wünsche ich ja eben.«

»Nun gut. Ihr kommt mir so zutraulich, so sanft, so zart, so weich, so mollig, so liebenswürdig – – –«

»O bitte!« fiel sie sehr geschmeichelt ein. Dabei rückte sie ihm ein Wenig näher. Sie glaubte, daß er jetzt beginnen werde, liebenswürdig zu sein.

»Ah! Laßt mich nur aussprechen, Donna Miranda! Also Ihr kommt mir so weich, so mollig, so anschmiegend vor wie – wie – na, grad wie eine Cyperkatze.«

»Himmel!« fiel sie ein. »Cyperkatze!«

Dabei rückte sie schnell wieder von ihm weg.

*

53

»Ja, und zwar wie eine dreifarbige. Die sind nämlich selten und werden zu den Schönheiten des Katzengeschlechts gerechnet. Schön seid Ihr, ja, sogar sehr schön!«

»Aber eine Katze!«

»Na, ein Vergleich!«

»Aber kein schmeichelhafter!«

»Es fiel mir kein anderer ein. Und vielleicht ist er zwar nicht schmeichelhaft, aber doch sehr richtig.«

»Wollt Ihr mich beleidigen?«

»O nein. Ihr habt sicherlich ein so schönes, warmes, weiches Fell. Aber wenn man es streichelt, kommen die Funken geflogen.«

»Versucht es doch einmal!« sagte sie ärgerlich.

»Jetzt noch nicht. Und die Aeuglein, die sind so mild und freundlich; aber – brrr!«

»Sennor! Ihr kennt mich nicht!«

»Wollen sehen. Das miaut so zart, so liebenswürdig. Und wenn man so ein süßes Viehzeug liebkost, da schnurrt und summt es behaglich, aber in demselben Augenblick zeigt es die Zähne und Krallen und beginnt zu pfauchen, daß, daß – –«

»Pfauchen? Was ist das?«

»Habt Ihr es noch nicht gehört? Wenn ein Hund einer Katze zu nahe kommt, so macht sie einen Buckel, ringelt den Schwanz wie eine Klapperschlange und – – ppppchchchchchcht, fährt sie auf ihn los und haut ihm mit den Krallen die Augen aus.«

Jetzt war das schöne Weib wirklich erzürnt. Sie rückte noch weiter ab und stieß den Athem so schnell und gewaltsam aus, daß es halb wie ein unterdrücktes Pfeifen und halb wie ein leises Zischen klang.

»Hört Ihrs!« sagte er. »Das, grad das habe ich gemeint. Ihr fangt schon an zu pfauchen. Ja, da habt Ihr es! Habe ich es nicht gleich gesagt! Wenn so ein alter Hund, wie ich es bin, einer Katze zu nahe kommt, so geht der Krawall los. Aber ich bin ja gar nicht zu Euch gekommen, sondern Ihr zu mir; schuld bin ich also nicht.«

»Aber Ihr seid grob!«

»Nein, sondern nur aufrichtig. Ihr habt von mir wissen wollen, welchen Eindruck Ihr auf mich gemacht habt. Ich habe es Euch ehrlich gesagt. Gefällt es Euch nicht, so habt Ihr Euch den Aerger selbst zuzuschreiben.«

»Gegen eine Dame ist man doch nicht in dieser Weise aufrichtig, Sennor Steinbach.«

»Leider habe ich nur eine einzige Sorte von Aufrichtigkeit, also kann ich Euch auch nicht mit einer andern dienen. Uebrigens ist es ja möglich, daß ich mich in Euch geirrt habe. Wir brauchen uns also nicht sogleich zu beißen.«

Sein Verhalten kam ihr sonderbar vor. Steinbach war kalt, abweisend und wortkarg gegen sie gewesen, nicht aber so grob und rücksichtslos wie jetzt. Sie sagte sich, daß er ermüdet gewesen und von ihr im Schlafe gestört worden sei. Das macht manche Menschen grillig, ohne daß sie es sein wollen. Sie nahm sich in Folge dessen vor, ihm nicht zornig zu sein und sagte:

»Gut, Sennor, ich will Euch also nicht beißen.«

»Na, Eure Zähne würden an meinen Knochen auch nicht viel Delicates gefunden haben. Es hat mir schon Manche gesagt, daß aus mir nichts Gutes heraus zu schmoren ist.«

»Manche? Habt Ihr so viele Bekanntschaften gehabt?«

»Na und ob!«

»Da habe ich mich in Euch getäuscht.«

»So ist es! Ihr habt keine Ahnung von meinen Vorzügen. Als ich zwanzig Jahre zählte, hatten mich schon drei Bertha's, vier Anna's, fünf Emilien, sechs Auroren, sieben Rosalien, acht Karolinen, neun Wilhelminen und zehn andere Minen angebetet. Die Hälfte von ihnen ist an unerwiderter Liebe zu Grunde gegangen. Ich habe sie auf meinem Gewissen; aber ich mache mir nichts draus, denn ich bin doch nicht schuld, daß ich so anziehend und unwiderstehlich bin.«

Sie antwortete nicht. Sie schwieg eine ganze Weile. Sie wußte nicht, wie sie sich sein Verhalten deuten sollte. Es konnte zwei Gründe geben. Sie hatte ihm den Eindruck, den er auf sie gemacht hatte, merken lassen; nun wies er sie mit dieser Ironie, mit diesem Sarkasmus ab, indem er sie mit diesen Karolinen, Wilhelminen und Rosalien in einem Topfe kochte. Oder er hatte wirklich einmal geliebt, aber unglücklich und sagte nun in seinem Galgenhumor das gerade Gegentheil. Sie fühlte sich in der Stimmung, das Letztere anzunehmen. Darum sagte sie endlich in beruhigendem Tone:

»Erinnert Euch nicht mehr an jene Zeit! Sie ist vorüber. Man soll für die Gegenwart leben und die Rosen pflücken, wo man sie findet.«

»Hm! Wo fände ich eine?«

»Seht Euch um!«

»Es ist ja finster!«

»Sennor, ich begreife Euch nicht!«

Sie tastete nach ihm hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er fühlte den leichten, warmen Druck und lachte leise zu ihr herüber:

»Da, jetzt kommt das Schmeichelkätzchen!«

»Die Cyperkatze!« schmollte sie, indem sie die Hand wieder zurückzog.

»Na, in dieser Weise lasse ich mir das kleine, allerliebste Krallchen schon gefallen. Hoffentlich ist es auch ehrlich gemeint.«

»Ganz gewiß.«

»Nun gut! So thut endlich auch das kleine Mäulchen auf und miaut mir einmal vor, welche Angelegenheit Euch zu mir geführt hat.«

»Das werde ich doch lieber nicht thun.«

»O wehe!«

»Ja, es wird das Beste sein.«

»Warum?«

»Ihr befindet Euch nicht in der Stimmung, in welcher ich Euch zu finden hoffte.«

»Welche wäre das?«

»Ich glaubte, Ihr würdet ernst und theilnehmend sein.«

»Bin ich das nicht?«

»Nein. Ihr seid das strikte Gegentheil. Von Theilnahme ist keine Spur und mit dem, was ich Euch sage, scheint Ihr Scherz oder gar Spott zu treiben.«

»Keineswegs. Ihr irrt Euch da ganz gewaltig. Ihr habt mir ja noch gar nichts gesagt, also kann ich weder Theilnahme dafür haben, noch meinen Spott damit treiben. Ich erwarte noch immer vergebens, Eure Mittheilungen zu empfangen.«

»O, wenn Ihr nur wolltet, so würdet Ihr wissen, was ich Euch sagen will!«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich nur die allermindeste Ahnung davon habe.«

»Sennor, zart drückt Ihr Euch in Gegenwart einer Dame nicht aus!«

»Nicht? Gut, so soll mich der Teufel nicht holen! Seid Ihr damit zufrieden, Sennorita?«

»Ja. Also Ihr errathet nichts?«

»Vielleicht doch.«

»Nun? Rathet einmal!«

»Ihr kommt wegen Sennor Robin. Ihr wollt mir irgend eine Mittheilung machen, welche sich auf ihn bezieht.«

»Errathen!«

»Schön! Also redet, Sennorita!«

»Errathet Ihr denn nicht vielleicht, was ich Euch von ihm sagen möchte, Sennor Steinbach.«

»Vielleicht, wenn ich mir nämlich Mühe gebe.«

»Nun, so denkt einmal darüber nach.«

»Ich denke mir nämlich, daß Ihr nämlich mit Sennor Robin nicht mehr so content seid, wie es eigentlich sein sollte. Habe ich Recht?«

»Ja. Aber wie kommt Ihr auf diesen Gedanken. Ihr müßt doch einen Grund haben!«

»Meinetwegen, ja. Wenn Ihr Euch mit ihm so ständet, wie es sein sollte, so wäret Ihr doch wohl nicht hier bei mir. Nicht wahr, Sennorita?«

»Allerdings. Aber warum glaubt Ihr denn, daß ich hier bei Euch bin aus Gegnerschaft zu ihm?«

»Pah! Ihr seid doch seine Geliebte?«

»Hierauf habe ich keine Antwort.«

»Damit gebt Ihr zu, daß ich das Richtige getroffen habe. Hättet Ihr ihn lieb, so wäret Ihr ihm treu, so würde es Euch gar nicht einfallen, einem seiner Gäste einen verstohlenen nächtlichen Besuch zu machen.«

»Ihr scheint ein sehr scharfsinniger Mann zu sein.«

»O nein. Ich habe nur den gewöhnlichen, hausbackenen Menschenverstand. Was gefällt Euch denn an ihm nicht mehr?«

»Diese Frage könnte ich Euch nur dann beantworten, wenn ich Eurer Verschwiegenheit sicher wäre.«

»Ich bin keine Plaudertasche.«

»Und ich müßte wissen, wie Ihr zu ihm steht.«

»Ich stehe mich gar nicht zu ihm.«

»Was soll das heißen?«

»Ich bin weder sein Freund noch sein Feind.«

»Er ist Euch also gleichgiltig.«

»Ja, sehr.«

»Warum kommt Ihr da zu ihm?«

»Eines kleinen Geschäftes wegen, welches aber mit seiner oder meiner Gesinnung gar nichts zu thun hat.«

»Kennt Ihr ihn von früher?«

»Nein.«

»Welch ein Geschäft ist es, das ihr mit ihm machen wollt?«

»Ich habe Lust, mich hier niederzulassen und möchte ihn fragen, ob er vielleicht sein Haus verkauft.«

»Lüge!« dachte sie.

»Ich hörte, daß Ihr unverheirathet seid. Wenn Ihr ein eigenes Haus besitzt, so müßt Ihr doch eine Person haben, welcher Ihr die Führung der Wirthschaft anvertraut.«

»Natürlich.«

»Kennt Ihr schon eine Dame?«

»Leider nicht.«

»So brauchtet Ihr Euch eigentlich nach gar keiner umzusehen. Ich würde mich freuen, wenn ich hier wohnen bleiben könnte, Sennor.«

»Dieser Gedanke ist gar nicht übel. Leider aber habe ich das Haus noch nicht und kann Euch also auch noch keine Zusage geben.«

Das Gespräch stockte eine kurze Weile. Miranda sah ein, daß sie auf diesem Wege nicht zu ihrem Ziele komme. Sie wollte ihn besitzen oder ihn verderben; welches von Beiden zu geschehen habe, das mußte sich noch vor Walkers Rückkehr entscheiden. Sie durfte also nicht zögern. Sie mußte die gegenwärtigen Augenblicke benutzen. Darum sprach sie in zutraulichem Tone:

»Fast möchte ich annehmen, daß Ihr mir nicht die Wahrheit gesagt habt.«

»Warum sollte ich das?«

»Weil es Euch an Vertrauen zu mir fehlt.«

»Ihr irrt Euch.«

»Das bezweifle ich.«

»Nun, was glaubt Ihr denn nicht?«

»Daß Ihr unser Haus kaufen wollt. Ihr seid jedenfalls in einer ganz anderen Absicht hier.«

»Ich habe keine andere Absicht, als ich Euch bereits sagte, Sennorita.«

»Pah! Ihr täuscht mich nicht!«

»Das will ich gar nicht!«

»Ich könnte Euch beweisen, daß Ihr mich täuscht.«

»Bitte, beweist es mir!«

»Sennor Robin ist Euch nicht gleichgiltig.«

»O, außerordentlich gleichgiltig.«

»Lügt nicht! Ihr seid sein Feind.«

»Fällt mir nicht ein.«

»Ihr seid sogar gekommen, ihn zu verderben.«

»Ich wüßte nicht, weshalb und auf welche Weise.«

»Das sagt Ihr, um mich zu täuschen. Aber das ist unrecht von Euch. Es wäre viel vortheilhafter für Euch, wenn Ihr aufrichtig sein und mir die Wahrheit sagen wolltet, Sennor.«

»Vortheilhaft? Hm!«

»Ja, gewiß. Ihr würdet an mir eine Verbündete gewinnen, welche Euch von großem Nutzen sein würde.«

»Alle Teufel! Das ist mir interessant. Ich habe doch richtig vermuthet, daß Ihr eine Katze seid, denn Ihr streichelt diesen Robin mit den Sammetpfötchen und mir bietet Ihr an, ihm die Krallen zu geben.«

»Er hat es verdient.«

»Womit?«

»Er ist mir untreu, er ist falsch, es ist gefährlich, bei ihm zu wohnen. Er thut Dinge, welche vom Gesetze verboten sind und wenn er dabei ergriffen wird, muß auch ich darunter leiden. Weil ich bei ihm wohne, wird man mich für seine Verbündete halten, obgleich ich das ganz und gar nicht bin.«

»Ganz und gar nicht? Wirklich?«

»Ja, ich kann es beschwören.«

»Nun, was sind denn das für gesetzeswidrige Dinge, von denen Ihr redet?«

Jetzt hatte sie ihn auf dem Punkte, auf welchen sie ihn hatte bringen wollen. Jetzt konnte sie genau nach ihrem Vortheile handeln. Der schlaue Sam hingegen dachte:

»Jetzt wird sie denken: Nun schnappt der Hecht zu! Prosit die Mahlzeit. Er beißt nicht an. Sie will mich übertölpeln, mich, den alten, dicken Sam. Da kommt sie an den Rechten. Ich werde ihr mit aller Gemüthlichkeit die heimlichen Mitesser aus der Nasenspitze quetschen. Darauf kann sie sich verlassen.«

Sie antwortete auf seine Frage:

»Ihr fragt mich da in einer Weise, welche mir ganz unbegreiflich ist.«

»Wieso unbegreiflich?«

»Ich soll Euch verrathen, was Robin für Verbrechen begangen hat.«

»Na, na! Von Verbrechen ist noch gar keine Rede gewesen. Ein Vergehen ist noch kein Verbrechen. So schlimm habe ich mir Eure Worte ja gar nicht ausgelegt.«

»Ich weiß besser, was Ihr denkt. Aber Mittheilungen, wie Ihr sie von mir verlangt, die macht man doch nicht dem ersten besten Fremden, die macht man doch nur einem Freunde, einem Verbündeten.«

»Nun, so wollen wir Beides sein. Es fragt sich nur, zu was wir uns verbünden wollen.«

»Ich meine Zweierlei. Erstens will ich mich an Robin rächen. Wollt Ihr mir dabei helfen?«

»Ja. Wollen wir ihn mit einem Stricke abmurxen, oder schlagen wir ihn einfach mit einem Knüppel todt?«

»Sennor, nicht so dumme Witze! Sie gehören nicht hierher. Wenn Ihr nicht ernster werdet, so kann ich kein Vertrauen zu Euch haben. Ich gehe dann und lasse Euch sehr einfach hier sitzen.«

»Hm, doppelt werde ich wohl auch nicht dasitzen. Aber Spaß bei Seite, was ist das Zweite, zu was wir uns verbünden wollen, meine liebe Sennorita?«

»Meine liebe Sennorita!« Das klang ihr wie mit silbernem Glockentone in die Ohren. Sollte er denn vielleicht doch von ihrer Schönheit bezaubert sein? Sollte sich nur seine rauhe Jägernatur gegen die angebotenen Zärtlichkeiten sträuben? Sie hoffte es. Darum legte sie ihm abermals die Hand auf die Schulter und flüsterte in innigem Tone:

»Schließen wir den süßesten Bund, den es auf Erden geben kann.«

»Süß? Sapperment! Da mache ich mit. Welchen Bund meint Ihr denn, Madonna Miranda?«

»Den Bund unserer Seelen.«

»Unserer Seelen? Alle Wetter. Ich habe keine Ahnung, wie man zwei Seelen zusammenschweißen kann. Ich bin mir überhaupt über meine Seele noch recht im Unklaren. Zuweilen denke ich, ich habe eine; zuweilen bin ich inwendig so leer, daß ich darauf schwören möchte, keine zu haben, und manchmal rumort es da drinnen auf eine solche Weise, daß ich es mit Siegel und Unterschrift bestätigen könnte, daß vierzig bis fünfzig Seelen in mir stecken.«

»Ihr seid und bleibt ein Spaßvogel! Ich habe mich freilich falsch ausgedrückt. Ich meinte nicht einen Seelen-, sondern einen Herzensbund.«

»Das ist etwas Anderes! Aber sagtet Ihr nicht, daß dieser Bund der süßeste sei?«

»Jawohl.«

»Hm! Das möchte ich bestreiten.«

»Warum?«

»Weil ein Herzensbund das Allerarmseligste ist, was es nur geben kann.«

»Das ist mir ganz neu!«

»Mir ist es aber eine alte Weste. Ich habe schon als Schulknabe gewußt, daß bei einem Herzensbunde nichts herauskommt, als nur die größte Armethei.«

»Ich verstehe und begreife Euch nicht.«

»Weil Ihr von spanischer Abstammung seid. Wäret Ihr eine Deutsche, so würdet Ihr mir sofort zustimmen. Wir Deutschen sind nämlich nüchtern und sehen beim ersten Blicke, was an einer Sache ist.«

»Solltet Ihr Deutschen wirklich glauben, daß aus einem Herzensbunde nur Elend folge?«

»Ja, nur Elend und Armethei. Einer unserer größten deutschen Dichter, den man deshalb auch Alexander den Großen von Macedonien genannt hat, der hat darüber folgendes rührende Gedicht gemacht:

Mein Herz und Dein Herz,
Das ist ein Klumpen;
Mein Rock und Dein Rock,
Das ist ein Lumpen!«

Sie zog die Hand schnell zurück. Am Allerliebsten wäre sie ihm mit den Nägeln in das Gesicht gefahren. Sie war jetzt überzeugt, daß er sie nur foppte. Oder sollte dies doch vielleicht nicht der Fall sein? Sie fühlte sich sofort besänftigt, als er in freundlichem Tone fortfuhr:

»Also von einem Herzensbunde mag ich nichts wissen. Was nützt mir das Herz eines Menschen, wenn nicht der ganze Kerl mein sein kann!«

»Ah, verstehe ich Euch recht?«

»Habt Ihr mich denn anders verstanden?«

»Ihr wollt nicht nur das Herz, sondern die ganze Person, das ganze Wesen?«

»Natürlich, Sennorita.«

»Das meine ich ja auch!«

»Pah! Ihr habt mir ja blos Euer Herz angeboten.«

»Unter dem Worte Herz verstehe ich doch meine Liebe, mein ganzes Fühlen.«

»Unsinn! Was nützt mir Eure Liebe und was thue ich mit allen Euren Gefühlen, wenn ich nicht die ganze Miranda bekommen kann! Kann ich Euer Gefühl umarmen? Kann ich Eure Liebe küssen? Kann ich mit Eurem Herzen spazieren reiten? Kann mir Eure Seele Kaffee kochen?«

»Nein, da habt Ihr sehr Recht,« kicherte sie leise. »Ihr nehmt die Sache freilich auf eine ganz und gar gegenständliche Weise.«

»Natürlich! Ich will Euer Gegenstand sein und Ihr sollt der meinige sein. Einen Gegenstand aber muß ich doch beim Schopfe fassen können, den muß ich fühlen, den muß ich unter Umständen vor lauter Liebe zerquetschen können. Das nenne ich einen Gegenstand. Aber, wohl gemerkt, Sennorita! Ich will Euer einziger Gegenstand sein! Ihr sollt nicht noch fünf Schock andere Gegenstände haben!«

»Ihr aber auch nicht!«

»Nein. Ihr genügt mir.«

»Also, das Bündniß ist geschlossen?«

»Ja, Sennorita.«

»Gut. Besiegeln wir es mit einem Handschlage und mit dem Kusse, welchen ich – –«

»Noch nicht!« rief Barth.

»Ihr seid nicht aufrichtig. Ich habe Euch so lieb, so sehr, so unendlich lieb; ich will Euch gehören, ich will die Eurige sein, Eure Wirthschafterin, Euer Weib, Eure Geliebte, ganz wie und was Ihr wollt, aber ich verlange, daß Ihr mir die Wahrheit sagt.«

»Kind, Du täuschest Dich!«

Er sprach das in freundlichem, besänftigendem Tone und ergriff dabei ihre Hand. Sie war überzeugt, er sei Steinbach. Die Berührung seiner Hand durchfluthete sie mit einem elektrischen Strome, welcher ihr ganzes Innere durchzitterte. Es war finster in dem Zimmerchen, dennoch aber bemerkte sie die Augen feuerroth auf den Augäpfeln liegen, so schoß ihr das Blut nach dem Kopfe. Sie mußte sich bezwingen, ihm nicht um den Hals zu fallen; aber sie glaubte, die ersehnte Stunde ihrer Wünsche sei gekommen; dieser Gedanke, dieses Bewußtsein machte alle ihre bisherige Vorsicht zu schanden. Sie drückte seine Hand mit den ihrigen beiden und sagte unter fliegendem Athem:

»Nein, ich täusche mich nicht, ich weiß es genau. Soll ich es Dir beweisen?«

»Ja, beweise es!«

»Du kennst Robin. Du weißt sogar, daß er eigentlich anders heißt!«

»Oho! Was ich nicht Alles wissen soll.«

Sie befand sich in hochgradiger Erregung. Der herrliche Mann, der so plötzliche Heißgeliebte saß neben ihr; sie hielt seine Hand in ihren Händen; alle ihre Pulse klopften; alle ihre Sinne waren erregt. Es gab für sie kein Bedenken, kein Zurückhalten, keine Vorsicht mehr. Sie mußte ihm beweisen, daß sie ihn durchschaue und damit mußte sie ihn zwingen, ihr sein Vertrauen zu schenken. Das war ihr einziges Trachten, ihr einziges Denken; einen anderen Gedanken zu haben, das war ihr jetzt unmöglich. Sie fuhr fort:

»Ja, das weißt Du!«

»Sapperment, so hat er einen anderen Namen?«

»Ja. Er heißt Walker.«

»Davon habe ich keine Ahnung.«

»Lüge nicht! Mit wem bist Du hier?«

»Mit meinem Gefährten Barth.«

»Mit keinem Andern?«

»Nein.«

Ihr Athem flog heiß zu ihm hinüber. Ihr Busen stürmte, er fühlte es am dem Arme, dessen Hand sie ergriffen hatte. Sie hätte beinahe laut gerufen, aber das durfte sie nicht; sie raunte ihm mit heiserer Stimme zu:

»Lügner! Kennst Du einen gewissen Wilkins?«

»Ja.«

»Wer ist das?«

»Ein Methodistenprediger in New-York.«

»Den meine ich nicht, sondern einen ganz anderen. Kennst Du die ›starke Hand‹, den Häuptling der Apachen?«

»Ich habe von ihm gehört.«

»Kennst Du Roulin, Bill Newton und Magda Hauser?«

»Wetterhexe! Bist Du allwissend?«

»Was Dich betrifft, ja.«

»Das ist gefährlich!«

»Ja, gefährlich kann ich Dir werden.«

»Wird Dir nicht einfallen! Wir haben uns versprochen, zwei gute Kameraden zu sein, und so will ich denn zugeben, daß ich diese genannten Personen alle kenne.«

»Diese Personen sind jetzt hier in Prescott, um sich der Person Walkers zu vergewissern?«

»Ich will Dir gestehen, daß wir beabsichtigen, ihn beim Zopfe zu nehmen.«

»Das wird Euch nicht gelingen. – Ihr werdet nur den Zopf erhalten. Er läßt Euch die Perrücke in der Hand und entflieht.«

»Pah! Wir haben auch Beine. Wir laufen ihm nach!«

»Wohin?«

»Grad dahin, wohin er auch gegangen ist.«

»Woher wißt Ihr das?«

»Wir erfahren es von ihm selbst. Er wird uns seine Spur zurücklassen.«

»Es mag sein, daß so berühmte Jäger jede Spur zu finden und zu lesen verstehen; aber er ist auch aller Ränke voll.«

»Wir werden ihm diese Ränke austreiben!«

»Wenn Ihr ihn bekommt. Aber ohne mich werdet Ihr ihn nicht ergreifen!«

»Nun, warum denn?«

»Weil er weiß, daß Ihr da seid.«

»Deine Mittheilung kann mich nicht überraschen. Du weißt Alles, also muß doch er auch Alles wissen. Du kannst es doch nur von ihm erfahren haben.«

»Das ist richtig. Aber von wem hat er es erfahren?«

»Das weiß ich freilich nicht.«

»Soll ich es Dir sagen?«

»Natürlich, Mirandchen!«

»Mirandchen! Schau, daß Du zärtlich sein kannst!«

»O, mehr als Du denkst. Du wirst staunen, welche Fülle von Zärtlichkeit ich entwickeln kann.«

»Bis jetzt merke ich davon noch nichts.«

»Das hat seine Gründe. Wenn ich lieben soll, dann will ich auch geliebt sein.«

»Ich liebe Dich!«

»Ja, ein Wenig, ein klein Wenig, für diesen Augenblick!«

»Nein nein, sondern für ewig und mit aller Macht meiner Seele!«

»Pah, Kind! Ereifere Dich nicht. Ich habe bis jetzt unser Gespräch ziemlich gleichgiltig genommen und dabei einige schlechte Witze gemacht. Ich weiß, daß Du mich eine Stunde nach meiner Abreise vergessen haben wirst.«

»Mann! Mensch! Denkst Du das wirklich?«

»Ja, wirklich!«

»So schwöre ich Dir beim Himmel und bei der Hölle, daß ich niemals, niemals – – –«

»Halt, nicht weiter! Schwöre nicht! Ich kenn Euch Frauen zu genau. Du hast ein liebesbedürftiges Gemüth. Die Natur ist ein klein Wenig freundlich gegen mich gewesen; ich gefalle Dir, so wie Du mir gefällst – das ist aber auch Alles.«

»Nein, nein! Ich fühle es. Ich gehöre Dir mit Leib und Seele; ich bin Dein im Leben und im Tode!«

»Mädchen, sage das nicht! Wüßte ich, daß ich mich wirklich auf Dich verlassen könnte, so würde ich ganz anders mit Dir sprechen; so aber bist Du Walkers Maitresse.«

»Weißt Du das so gewiß?« fiel sie ihm in die Rede.

»Das singt hier jeder Spatz vom Dache!«

»Nun gut, ich bin es gewesen, aber ich will und werde es nicht mehr sein.«

»Von welcher Zeit an.«

»Von heute oder vielmehr von dem Augenblicke an, an welchem ich die Ueberzeugung habe, daß ich Dein Eigenthum bin.«

»Du sollst es sein, wenn Du willst.«

»So nimm mich hin! Ich bin Dein!«

Sie wollte die beiden Arme um ihn schlingen. Er aber wehrte sie ab.

»Halt, halt. Nicht so schnell, liebe Miranda! Bis jetzt weiß ich noch nicht, wie weit ich Dir glauben und vertrauen darf. Wie nun, wenn Walker Deine Schönheit nur als Falle gestellt hat – – –!«

»Wo denkst Du hin!«

»Wie nun, wenn Du nur in der Absicht, mich auszuhorchen, hierher gekommen bist!«

»Das kannst Du doch nicht denken!«

»Nicht? Besinne Dich! Denke nach! Ich komme als Fremder in dieses Haus. Ich behandle Dich kühl und abweisend; ich werde schließlich beinahe grob. Dennoch kommst Du bei nächtlicher Weile im Dunkeln zu mir an mein Lager. Du sagst mir, daß Du mir von Walker mitzutheilen habest, aber Du theilst mir nichts mit, sondern Du suchst so viel wie möglich aus mir heraus zu locken. Muß mir das nicht verdächtig vorkommen?«

»Du magst Recht haben.«

»Wie kann ich also Deinen Zärtlichkeiten trauen?«

»Du kannst es. Du darfst es.«

»Das darf ich leider nicht. Ich bin stark; aber im Augenblicke der Erregung ist auch ein Weib stark. Du umarmst mich; Du hältst mich fest und Walker tritt ein, mich zu ermorden!«

»Gott! Das traust Du mir zu?«

»Ich muß an Alles denken.«

»Schrecklich! Aber ich gebe zu, daß Du Recht hast. Wer sich so wie Du in der Höhle des Löwen befindet, der muß doppelt vorsichtig sein. Aber sage mir, was muß ich thun, um Dein Vertrauen zu gewinnen?«

»Aufrichtig sprechen.«

»Ich will es.«

»So sage mir, wo Walker ist!«

»In der Stadt.«

»Was will er da?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sollte er es Dir, seiner Vertrauten, nicht gesagt haben?«

»In diesem Grade bin ich seine Vertraute nicht. Er ist mit Roulin fort und Beide werden noch im Laufe der Nacht wiederkommen.«

»Sie wissen aber, daß wir hier sind?«

»Sie wissen es. Roulin hat bemerkt, daß ihr ihn verfolgt. Heut war er bei Sennorita Emeria und hat den dicken Barth kommen sehen.«

»Was will er denn eigentlich hier bei Walker?«

»Das weiß ich nicht. Ich war gar nicht dabei als die Beiden mit einander sprachen.«

»Walker weiß also auch, daß Wilkins bei uns ist?«

»Ja.«

»Ist er darüber nicht erschrocken, als Roulin es ihm sagte?«

»Er wußte es schon, ehe Roulin kam.«

»Unmöglich, und von wem hatte er es erfahren?«

»Von Bill Newton.«

»Himmeldonnerwetter. Ist der auch da?«

»Ja. Er kam mit Leflor aus Wilkinsfield.«

Sam fuhr von seinem Lager empor. Was er hörte, war ihm unbegreiflich. Sein Verhalten, sein Erstaunen brachte Miranda zur Besinnung. Erst jetzt bemerkte sie, welchen Fehler sie begangen hatte. Sie hatte in ihrer Aufregung weit mehr gesagt, als sie hatte sagen wollen.

»Du kennst Bill Newton?«

»Ja.«

»Was thut er hier?«

»Er ist Walkers Factotum.«

»Passen sehr gut zu einander. Seit wann ist er hier?«

»Ich weiß es nicht. Als ich hier antrat, war er bereits da. Was er war und was er mit Walker eigentlich treibt, das kann ich nicht sagen. Beide hüten sich, mich zur Vertrauten zu machen.«

»Aber kürzlich war er fort?«

»Ja. Ich wußte nicht, weshalb und wohin. Aber heut kam er am Nachmittage zurück. Er brachte einen andern Mann mit, einen Pflanzer Namens Leflor aus Wilkinsfield.«

»Was wollte dieser da?«

»Walker hat ihn herbei gerufen.«

»Hm. Hat Newton erzählt, wo er gewesen ist?«

»Ja. Ihr hattet ihn am Silbersee gefangen genommen und eingesperrt. Dann ist Leflor dort eingekehrt. Er hat sich vor dem deutschen Förster als der Freund von Wilkins ausgegeben, und darauf hin hat ihm dieser Alles mitgetheilt. Auch in das Gefängniß hat er ihn mitgenommen. Leflor hat in der Nacht Newton das Loch geöffnet und ist mit ihm fort.«

»Verdammt! Welch ein Zusammentreffen! Hat der eine Hund den andern herausgebissen. Weshalb aber hat Walker diesen Leflor kommen lassen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Miranda, gehe fort!«

»Fort? Warum?«

»Du weißt es! Gehe fort, sonst werfe ich Dich hinaus. Ich halte stets mein Wort.«

Er stand, um seiner Drohung Nachdruck zu geben, von der Matratze auf. Sie merkte es und lenkte in Folge dessen sofort um.

»Bitte, bitte,« sagte sie schnell. »Da fällt es mir ein. Sie sprachen von der Plantage Wilkinsfield, von dem Oberaufseher Adler und von dem Neffen des vorigen Besitzers.«

»Auch von ihm und wo sind diese beiden Verschwundenen?«

»Roulin sagte, daß diese beiden sich in seiner Quecksilbergrube als Arbeiter befinden.«

»Herr, mein Gott! Das wäre ja schrecklich, ganz entsetzlich. Wie sind sie denn in seine Hand gerathen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Höre, Aufrichtigkeit!«

»Ich sage wirklich die Wahrheit. Robin und Leflor fragten ihn auch darnach; aber er gab ihnen keine Auskunft. So konnte also auch ich es nicht erfahren.«

»Also Leflor weiß, wo sie sich befinden?«

»Ja.«

»Und daß sie noch leben? Ha, jetzt begreife ich Alles. Nicht wahr, sie wollen zu Roulin, nach dem Thale des Todes?«

»Ja. Vorher aber erst noch nach Mohawk-Station!«

»Nicht wahr, sie wollen sich dort zweier Mädchens bemächtigen? Ihr seid eine schöne allerliebste Bande!«

»Ich gehöre nicht dazu!«

»Was thut Walker heut Abend in der Stadt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich bin vollständig überzeugt, daß Du genau den Zweck dieses Stadtbesuches weißt.«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Stelle Dich nicht dumm! Es handelt sich um Sennor Günther. Habe ich Recht?«

Sie war jedenfalls erschrocken, sie antwortete erst nach einer Pause und zwar mit hörbar gepreßter Stimme:

»Meinst Du, daß Walker ihn besuchen will?«

»Ja freilich meine ich das. Und zwar ist seine Weise, eine solche Visite zu machen, eine sehr eigenartige.«

»Wieso?«

»Nun, macht man nach Mitternacht Visiten?«

»So spät will er ihn besuchen?«

»Du unschuldiges Lamm! Du natürlich hast keine Ahnung davon! Auch eilt Walker nicht durch die Thür sondern durch den Kleiderschrank.«

»Heilige Maria!«

Sie stieß diesen Ausruf fast laut aus. Der Schreck hatte ihn ihr ausgepreßt. Sie hörte, daß selbst auch das heutige Vorhaben verrathen war.

»Nicht so laut, Mirandchen!« warnte er. »Du darfst Dich vom Entzücken nicht so weit hinreißen lassen, die Bewohner dieses Hauses darauf aufmerksam zu machen, daß Du bei mir bist.«

»Ich war verwundert. Ich weiß nicht, was Du mit dem Kleiderschrank meinst.«

»Ja, Du weißt heut leider gar nichts. Es ist nur gut, daß ich Alles weiß. Sobald nämlich Dein Freund Walker durch den Schrank in Günthers Stube tritt, wird er arretirt.«

»Herr, mein Gott! Der arme Günther.«

»Höre, sorge Dich nicht um ihn; er steht unter unserm Schutz. Sorge lieber um Dich selbst. Es ist sehr leicht möglich, daß man auch Dich für mehrere Jahre an einen Ort bringt, wo es Dir nicht gefallen dürfte.«

»Du sagst, Du liebst mich, und sprichst solche Worte!«

»Du sagst, Du liebst mich, und machst Lüge auf Lüge!«

»Deine letzte Vermuthung ist wahnsinnig!«

»O nein. Wir waren von ihrer Richtigkeit so überzeugt, daß mein Gefährte nach der Stadt ist.«

»Wie aber hat denn Barth fort gekonnt?«

»Barth? Der ist ja gar nicht fort.«

Bei diesen Worten schnallte er leise seinen Lasso los und legte ihn in eine Doppelschlinge.

»Du sagtest es doch!«

»Gott bewahre! Steinbach ist nach der Stadt.«

»Der bist Du doch!«

»Himmeldonnerwetter! Das wird mir nun zu toll! Jetzt sitzest Du bereits fast ein paar Stunden bei mir, hast mir sechzig Liebeserklärungen und neunzig Lügen gemacht und weißt nicht einmal, wer ich bin! Das ist doch unbegreiflich!«

»Himmel! Ich werde ganz confus! Redest Du denn vielleicht irr?«

»Ich? Irre reden? Na, das niemals! Aber Du scheinst vor Liebe verrückt geworden zu sein. Du mußt doch wahrhaftig wissen, bei wem Du bist!«

»So wäret Ihr – – – Sennor Barth?«

»Ja. Ich bin der dicke Sam Barth.«

»Unmöglich, ganz unmöglich!«

»Unsinn! Bei Sam Barth ist nichts unmöglich.«

Jetzt stieß sie einen wirklichen, lauten Schrei aus und sprang auf. Sie wollte sich entfernen. Er aber hielt sie fest.

»Betrüger!« knirrschte sie.

»Spitzbuben! Verliebte Mörderin!«

»Laßt mich los!«

»O nein. Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch liebe, und wem ich mein Herz schenke, den halte ich fest.«

»Ich muß fort!«

»Bitte, laßt es Euch noch ein Wenig bei mir gefallen!«

»Nicht einen Augenblick!«

»Jetzt, da wir uns nun endlich kennen gelernt haben, wollt Ihr fort! Das ist nicht recht. Ich denke, nun soll erst das Küssen und Schnäbeln losgehen!«

»Häßlicher! Laßt mich los!«

»Pst, nicht so laut! Man könnte bemerken, daß Ihr bei mir seid und das kann Euch doch nicht recht sein.«

»Mag man es bemerken! Man wird mich befreien.«

»Dabei würde auch ich ein Wort mitsprechen.«

»Soll ich um Hilfe rufen?«

»Thut dies ja nicht! Es wäre Euer letzter Ruf in diesem Leben!«

»Wollt Ihr mich etwa morden?«

»Mit Leichtigkeit! Es soll mir ein Vergnügen sein.«

»Schrecklicher Mensch!«

»Pah! Ein solcher Mord hat nichts Schreckliches. Es ist vielmehr eine Pflicht, eine solche Katze in der ersten, besten Pfütze zu ersäufen. Uebrigens will ich Euch jetzt zum letzten Male warnen! Ich befinde mich hier in einem feindlichen Hause. Ich muß vor allen Dingen für meine Sicherheit sorgen. Gebt Ihr ohne meine Erlaubniß einen einzigen Laut von Euch, so stoße ich Euch die Klinge dieses Messers irgend wohin, wo sie Euch Schaden macht, nämlich in das Herz. Fühlt Ihr die Klinge?«

Er hielt sie ihr an den nackten Arm, welchen er am Handgelenk gepackt hatte.

»Das ist doch Euer Scherz.«

»Mein vollster Ernst.«

»Wer sollte so Etwas glauben! Laßt mich!«

Sie versuchte, sich loszureißen; aber sofort hatte sie die Lassoschlinge um die Arme und um den Leib, so daß sie sich nicht bewegen konnte.

»Da habt Ihr es! Nun seid Ihr gefesselt. Jetzt braucht Ihr nur um Hilfe zu rufen, wenn mein Messer Euch dahin senden soll, wo man keine Lügen mehr machen kann.«

»Herrgott! Was beabsichtigt Ihr eigentlich mit mir?«

»Gar nichts. Ich binde Euch noch ein Wenig fester und lege Euch auf die Matratze. Da bleibt Ihr liegen, bis Sennor Steinbach zurückkehrt. Der mag bestimmen, was geschehen soll. Jedenfalls bringt er Euren lieben Walker nebst Bill Newton, Alfons und auch die Andern mit. Wir werden dann so eine kleine Art Jury bilden und ein strenges Gericht halten.«

»Schrecklich! Warum kam ich auf den Gedanken, hierher zu gehen!«

»Es war die Liebe. Die hat schon Manchen umgebracht, liebe Sennorita.«

Er schlang den Lasso fester um sie, legte sie auf die Matratze und setzte sich auf die Ecke der Letzteren. Sie wagte es nicht, um Hilfe zu rufen; aber schweigen konnte sie auch nicht; dazu war sie zu aufgeregt, und das lag auch gar nicht in ihrem Temperament.

»Sennor, ich will Euch einen Vorschlag machen.«

»Wohl zum Zwecke, daß ich Euch losbinde?«

»Ja.«

»Behaltet ihn für Euch! Es wird nichts daraus.«

»Versucht es nur, Ihr sagtet, ich sei schön?«

»Leider schöner, als Ihr es werth seid.«

»Aber die Schönheit ist doch ein Gut!«

»Sogar ein – hm, ein schönes!«

»Rückt doch näher zu mir heran, Ihr sollt mich küssen dürfen!«

»Ich habe meine Auguste und brauche Euch nicht. Und nun seid still, sonst stecke ich Euch die ganze Matratze als Knebel in den Mund.«

Sie schwieg eine Weile, machte dann aber doch wieder einen Versuch, ihn durch Bitten zu rühren. Das waren die Worte, welche Walker gehört hatte, als er, leise herangekommen, an der Thür lauschte.

Er hatte die Thür mit der äußersten Vorsicht aufgeklinkt. Er war noch unentschlossen, was er thun solle. Der Gedanke aber, daß sie Vieles, Vieles von ihm wisse und daß sie Alles verrathen werde, wenn er sie in ihrer jetzigen Lage belasse, brachte ihn zu dem Entschlusse, sie zu erlösen. Vielleicht war gar kein Kampf nöthig – ein Messerstich im Dunkeln, in die Brust des Jägers – pah!

Walker zog also sein Messer heraus und öffnete die Thür so weit, daß er hinein konnte. Er legte sich lang auf den Boden und kroch über die Schwelle langsam hinein. Um die Hände zum Tasten frei zu haben, nahm er das Messer in den Mund. Er war fest entschlossen, Sam zu tödten, um Miranda frei zu bekommen.

Aber er hatte den dicken Jäger sehr falsch beurtheilt. Sam hatte genug erfahren und erlebt; er war gewohnt, auf den kleinsten, geringfügigsten Umstand zu achten, da im wilden Westen sehr oft das Leben von einer Kleinigkeit abhängt, welcher ein Unerfahrener gar keine Aufmerksamkeit schenken würde.

Das Zimmerchen war klein und das Fenster desselben nicht geöffnet. Zwei Personen strahlen ein ziemliches Quantum Eigenwärme aus; darum hatte es eine fühlbar hohe Temperatur in dem Raume gegeben. Jetzt nun, da die Thür geöffnet worden war, drang die Kühle der Nacht vom Söller herein. Walker hatte diesen Umstand gar nicht in Berechnung gezogen; Sam aber fühlte die frische Luft. Die Thür war zugeklinkt gewesen; sie mußte jetzt geöffnet worden sein, leise und heimlich. War etwa Steinbach bereits wieder da? Dieser hatte zwar alle Veranlassung, sich von den Bewohnern des Hauses nicht bemerken zu lassen; hier aber hätte er nichts mehr zu befürchten gehabt und konnte also ganz ohne Sorgen hereinkommen. Derjenige, welcher die Thür geöffnet hatte, mußte also ein Anderer sein, jedenfalls ein Feind.

Sam saß auf der Matratze. Er glitt von derselben herab, so daß er den Kopf und in Folge dessen auch die Augen möglichst tief an den Boden brachte. Es ist ja eine alte und allgemeine Erfahrung, daß man im Dunkel von unten nach oben blicken muß, wenn man Etwas sehen will.

Dazu kommt noch ein weiterer Umstand. Das Auge eines erfahrenen Jägers ist gewöhnt worden, sich auch des Nachts anzustrengen; er ist also im Stande, im Dunkeln Gegenstände wahrzunehmen, welche ein Anderer schwerlich bemerken würde. Wer es noch nicht beobachtet hat, der möchte es kaum glauben; das Auge eines Menschen ist für einen scharfen, geübten Blick selbst des Nachts zu sehen; es hat einen phosphorähnlichen, matten Glanz, und dieser Glanz wird desto stärker, je mehr es sich anstrengt, Etwas zu sehen. Dazu ist die Wärme, welche ein menschlicher Körper ausstrahlt, für einen guten Beobachter auf mehrere Schritte weit zu fühlen. Auch die Nase kommt in Thätigkeit. In jenen Gegenden ist von einem öfteren Wechsel der Kleider und Wäsche nicht die Rede. Die Kleidung ist in Folge dessen von dem Schweiße des Besitzers durchtränkt und riecht nach demselben. Alle diese Umstände machen es möglich, daß man selbst im Dunkeln das heimliche Nahen einer Person bemerken kann.

Sam machte seine Augen nicht etwa weit auf. Der Feind hätte sie ja sehen können. Er hielt vielmehr die Lider halb geschlossen; doch verlor sein Blick dadurch gar nichts von der gewohnten Schärfe. Er fühlte einen eigenartigen Wärmehauch, welcher von der Person des Nahenden ausging, ebenso einen Geruch nach Kleidern, und da – kaum eine Elle von seinem Kopfe entfernt, leuchteten jetzt zwei Augen auf. Es war ganz dasselbe Glänzen, welches zum Beispiel auch die Augen eines Haifisches in tiefster Nacht und im dunkelsten Wasser sichtbar werden läßt.

»Sennor, Ihr seid so still. Seid Ihr fort?« fragte jetzt Miranda.

Sam erhob sich schnell und antwortete:

»Fort? Ihr denkt, Ihr seid allein? Da irrt Ihr Euch. Wir haben sogar Besuch bekommen.«

»Besuch? Wen?«

Es ertönte ein Geräusch wie von einem Sprunge; dann war es still. Aber nach einigen Augenblicken war ein lautes Athmen und unterdrücktes Stöhnen zu vernehmen wie von Männern, welche kämpfen und dabei nicht laut werden wollen.

»Herrgott! Was geht hier vor?« fragte Miranda.

»Donnerwetter!«

Diesen Fluch hatte Sam ausgestoßen. Er hatte sich auf Walker geworfen und ihn am Halse gepackt. Der so unerwartet Ueberfallene gab sich Mühe, frei zu kommen; es gelang ihm aber nicht. Sam umschloß mit beiden Händen die Luftröhre des Feindes, um ihm den Athem abzuschneiden. In seiner Angst strengte Walker seine ganzen Kräfte an und bäumte sich empor. Sam mußte mit einer Hand fahren lassen, um sich zu stützen und nicht zu Fall zu kommen. Als er dann wieder zugriff, fuhr er mit der Hand in die Klinge des Messers, welches Walker noch immer im Munde hatte. Der Griff war so kräftig gewesen, daß das Messer aus dem Munde geschlagen wurde, Sam aber einen fürchterlichen Schnitt in die Hand erhielt. Das war der Grund des Ausrufes, welchen er ausgestoßen hatte.

Er ließ auch die andere Hand von der Gurgel des Feindes, nur einen einzigen Augenblick lang; aber dieser Augenblick genügte. Walker riß sich auf und wollte nun seinerseits Sam fassen. Dieser aber war zu erfahren und zu geistesgegenwärtig, als daß er seinem Gegner eine solche Chance eingeräumt hätte. Er that einen Sprung nach der Ecke, wo seine Büchse lehnte, ergriff dieselbe beim Laufe und führte einen Hieb nach Walkers Kopf. Da im Dunkeln ein Zielen nicht möglich war, so traf er nicht den Kopf, sondern die Achsel.

Der Getroffene stieß einen Weheruf aus, zog die Pistole aus dem Gürtel und feuerte. Der Schuß erklang dröhnend durch das ganze Haus; sein Blitz erleuchtete das kleine Zimmer für einen Moment tageshell.

»Walker!« rief Miranda. »Rette mich!«

»Walker! Ah, Bursche, Du kommst mir selbst in das Garn!« rief Sam. »Das ist sehr schön von Dir!«

Auch Walker hatte nicht zielen können, und darum war die Kugel glücklicher Weise an Sam vorüber gegangen. Dieser Letztere mußte nun vor allen Dingen den zweiten Schuß aus der Doppelpistole verhüten. Er griff also nach Walkers Faust, welche diese Waffe gefaßt hielt. Es begann ein abermaliges Ringen. Die beiden Männer zogen und rissen einander hin und her. Dabei war Sam im Nachtheile, weil er sich der verwundeten Hand nicht zu bedienen vermochte.

Natürlich hatte der Schuß alle Bewohner des Hauses alarmirt. Es wurde hell.

»Hierher, hier herauf!« gebot Walker.

Die Leute kamen herbei, mit Lampen und Lichtern in den Händen.

»Packt den Kerl! packt den Mörder!« rief Walker.

Sam wurde ergriffen. Er mußte Walker fahren lassen und machte eine Anstrengung, sich von diesen neuen Gegnern zu befreien.

»Er ist der Mörder, er!« rief er. »Ergreift doch ihn, den Hallunken, nicht mich!«

»Ich ein Hallunke, ich?« brüllte Walker. »Da hast Du es, Hund!«

Er richtete den Lauf der Pistole auf Sam und drückte ab. Der kleine Dicke hatte eine gewaltige Anstrengung gemacht und sich von seinen Bedrängern losgerissen. Eben als Walker zielte, griff er nach der Pistole desselben – zu spät! Der Schuß krachte. Sam fuhr mit beiden Händen nach seinem Herzen.

»Herrgott! Ich bin – bin – –«

Er konnte nicht weiter sprechen. Er wankte, drehte sich einmal langsam um sich selbst und stürzte dann auf den Boden nieder.

»Todt! Erschossen!« tönte es im Kreise.

»Ihm geschieht ganz recht!« antwortete Walker. »Seht hier die Sennorita liegen. Er hat sie überfallen und gefesselt. Er wollte sie ermorden. Er hat nur seine gerechte Strafe gefunden.«

»Was thun wir mit ihm?«

»Pah! Laßt ihn liegen!«

»Wo ist sein Kamerad?«

»Das geht Euch Nichts an. Macht, daß Ihr fortkommt! Wir haben Anderes zu thun, als uns um diese Hunde zu bekümmern.«

Er band Miranda los und führte sie fort, nach ihrem Zimmer. Dort sagte er kein Wort. Er riß einen Mantel vom Nagel, warf ihn ihr über und zog sie dann weiter fort, durch die Zimmer bis zur hinteren Treppe, welche nach der Pforte führte.

»Wohin?« fragte sie.

»Wir müssen fliehen. Die Verfolger sind vielleicht jetzt schon an der Thüre!«

»Kann ich nicht bleiben?«

»Dummheit!«

»Sie dürfen mir ja nichts thun. Sie können mir gar nichts beweisen.«

»Aber sie können Dich zwingen, mich zu verrathen. Das will ich nicht ermöglichen.«

Sie zögerte doch noch. Eine nächtliche Flucht mit Zurücklassung von Allem, was ihr lieb und angenehm war, erschien ihr nicht sehr vortheilhaft. Er aber hielt ihre Hand fest, zog sie die Treppe hinab und durch das hintere Pförtchen, welches er wieder verschloß. Dann führte er sie nach dem Orte, an welchem er sein Pferd zurückgelassen hatte.

Er war noch nicht dort angekommen, so hörte er das Getrappel von Pferdehufen.

»Horch, da kommen sie wirklich schon!« sagte er. »Es war die höchste Zeit.«

»Mein Gott, was wird daraus! Sie werden die Leiche Barth's finden!«

»Ganz recht so! Sie mag ihnen als Warnung dienen.«

»Sie werden uns augenblicklich verfolgen.«

»Jedenfalls.«

»Und uns natürlich ereilen.«

»Schwerlich! Mich bekommen sie nicht und Dich natürlich auch nicht.«

»O, diese Leute verstehen es, Spuren zu finden.«

»Das Wasser hat keine Spur.«

»Wieso?«

»Wie jetzt die Sache steht, verzichte ich auf einen Ritt. Das wäre allerdings gefährlich. Diese verdammten Kerls würden unsere Fährte bereits am Morgen finden und dann nicht wieder von ihr lassen. Nein, wir fahren den Fluß hinab. Unser Langboot ist schneller als das schnellste Pferd.«

»Aber wenn sie es erfahren?«

»Wer soll es ihnen sagen? Uebrigens können sie doch keine Ahnung davon haben, daß ich nach Mohawk-Station will. Auch giebt es zur Zeit hier nur ein einziges Boot. Zu Wasser also können sie uns gar nicht verfolgen.«

Miranda hütete sich wohl, ihm zu entdecken, daß sie Sam Alles gesagt habe. Warum auch davon sprechen? Er war nun todt und konnte nichts verrathen.

Walker stieg auf sein Pferd und nahm Miranda zu sich hinauf. Er brauchte nicht durch den ungebahnten Wald zu tappen. Der Weg war nun frei. Die Verfolger befanden sich bereits im Hause, und er brauchte nicht zu befürchten, ihnen zu begegnen. Er trabte von dannen in der sicheren Erwartung, daß er bald zurückkehren werde, gerächt an Allen, vor denen er jetzt das Feld zu räumen hatte. –

Steinbach wunderte sich, so viele Fenster des Hauses erleuchtet zu sehen, als er mit seinen Begleitern vor demselben ankam. Er stieg ab und klopfte leise, wie er es mit Zeus, dem Schwarzen, verabredet hatte.

Dieser hatte gut Wache gehalten, war aber natürlich über die Anwesenheit seines Herrn in Sorge gewesen. Als dann der Schuß ertönte, war er mit den andern Allen mit hinaufgeeilt in die betreffende Stube. Er erschrak nicht wenig, als er Sam todt am Boden liegen sah. Auf Befehl seines Herrn mußte er mit den Anderen den Ort der Mordthat verlassen und kehrte zum Thore zurück. Dort stand Milly, seine Geliebte.

»Was sein?« fragte sie. »Wer haben schießen?«

»O Gott, sehr guter Gott!« antwortete er. »Massa Walker hat erschießen gut klein dick Massa.«

»Jessus, Jessus! Todt?«

»Ja, ganz todt.«

»Warum erschießen?«

»Ich nicht genau wissen. Missus Miranda liegen in Stube, gefesselt mit Lasso. Massa Walker kämpfen mit Massa Dickbauch, schießen ihm Kugel in Herz.«

»O Unglück, o Mallör, Mallör! Was nun wir thun, Zeus und Milly?«

»Ich nicht wissen. Warten, bis groß, stark Massa kommen aus Stadt zurück.«

»Ihn Massa Walker vielleicht auch erschießen!«

»Nein, nein. Groß stark Massa nicht aussehen, als ob sich schnell erschießen lassen von Massa Walker. Horch! Du Etwas hören?«

»Es klopfen leise an Thor.«

»Er kommen vielleicht. Ich öffnen.«

Er machte das Thor auf. Draußen hielt Steinbach mit seinen Begleitern. Sie waren von den Pferden gestiegen.

»O, Massa, sehr gut, daß Ihr kommen!« sagte der Neger.

»Warum?« fragte Steinbach.

»Sehr viel passiren, viel Schlimmes.«

»Erzähle schnell!«

»Leise sprechen. Massa Robin sei hier, Massa Walker.«

»Ich weiß es. Wo ist er?«

»In seinem Zimmer.«

»Allein?«

»Missus Miranda sein bei ihm.«

»Dann schnell hinauf zu ihm. Wo ist Master Barth?«

»Jessus, Jessus! Massa sein todt!«

»Todt? Unmöglich!«

»Ja, ja, sein todt. Massa Walker ihn erschießen.«

»Herrgott! Ist es wahr?«

»Ja, sehr ganz wahr.«

»Dann wehe diesem Menschen! Wo ist die Leiche?«

»Im Gastzimmer, wo haben gekämpft.«

»Dann soll Sam sofort gerächt werden. Führe mich schnell hinauf zu Walker. Günther, Du gehst mit mir. Die Andern bleiben hier zurück und lassen Niemand entkommen. Diese Negerin mag für Licht sorgen, daß der Thorgang erleuchtet wird.«

Er sagte das in fliegender Eile und schob den Neger vor sich her. Die Geliebte des Letzteren sprang fort, um Licht zu holen. Unten an der Treppe stand einer der Diener mit einer Lampe in der Hand. Steinbach entriß sie ihm und eilte die Stufen hinauf.

»Wo ist Walkers Zimmer?« fragte er den Neger.

»Da, links es sein!«

Steinbach trat hinein. Er hatte die feste Absicht, Walker keine Zeit zu einem Worte zu lassen, sondern ihn sofort zu Boden zu schlagen. Das Zimmer aber war leer.

»Hier ist Niemand. Wo suchen wir ihn?«

Der Neger, von Natur nicht eben sehr kühn, fühlte sich in der Nähe des gewaltigen Deutschen voller Muth. Er antwortete:

»Vielleicht er bei Missus sein, da rechts.«

»So kommt!«

Günther von Langendorff folgte ihm eilig. Aber sie fanden auch dort Niemand. Die weitere Untersuchung ergab, daß in der ganzen langen Zimmerreihe kein Mensch vorhanden sei.

»Er ist nicht zu sehen. Vielleicht ist er wieder fort!«

»Er ist nicht fort; ich doch stehen am Thor und ihn nicht gehen sehen.«

»Giebt es keine andere Thüre?«

»Eine Pforte hinten.«

»So wird er dort hinaus sein.«

»Nein; er gehen durch Thor.«

»Ist er denn auch durch das Thor gekommen?«

»Ja, sehr durch das Thor.«

»Mit dem Pferde?«

»Nein, er nicht haben Pferd.«

»Ah, so hat er es draußen versteckt gehalten. That er heimlich, als er kam?«

»Sehr. Er leise sprechen und hinaufgehen in sein Zimmer, dann aber sehr laut schießen.«

»Hm! Führe uns zu der Leiche.«

Der Neger schritt voran. Die Thüre des Gastzimmerchens war zugemacht worden, als Alle es verließen. Jetzt stand sie offen. Zeus trat ein, sprang aber mit einem lauten Schrei sofort wieder zurück.

»O Jessus, Jessus! O Himmel, Himmel!«

»Was giebt es denn?«

»Was ich habe sehen!«

»Nun, was denn?«

»Ein Gespenst.«

»Unsinn!«

»Ein Gespenst! Es leben; es sein da; ich es sehen! Es sein ein Geist!«

»Du bist verrückt!«

Steinbach wollte eintreten; aber der Neger ergriff ihn am Arme und bat in flehendem Tone:

»Nicht hineingehen, Massa! Ihr sonst sterben. Es sein der Geist von Massa Barth!«

»Du träumst!«

»Nein, ich nicht träumen, sondern sehen. Geist sitzen auf Matratze und rauchen Tabak.«

»Das ist der erste Geist, welcher Tabak raucht. Ich will doch sehen, ob er eine gute Sorte hat.«

Er schüttelte den Neger von sich ab und ging hinein. Günther folgte natürlich. Dadurch gewann auch Zeus Muth und trat hinter ihnen auch in das Zimmer.

Wirklich, Sam Barth saß in aller Ruhe auf der Matratze und rauchte eine Cigarre. Um die eine Hand hatte er sich sein Taschentuch gewunden. Das Gewehr hielt er schußfertig im Arme.

»Sam, Ihr?« sagte Steinbach erstaunt.

»Ja, ich! Wer sonst?« antwortete der Dicke ruhig.

»Ich bin ganz erstaunt!«

»Warum denn? Bin ich etwa ein Wunderthier?«

»Nein; aber Ihr sitzt in aller Gemüthlichkeit hier und raucht Cigarre!«

»Na, was soll ich denn thun vor lauter Langeweile? Ich habe Euch doch gesagt, daß ich hier auf Euch warten will. Die Cigarre habe ich mir in der Venta der gelehrten Emeria gekauft. Als es mir hier zu langweilig wurde, habe ich sie mir angebrannt. Das ist Alles, und da macht Ihr solch Aufhebens davon?«

»Ich denke, Ihr seid todt?«

»Todt? Ich? Sam Barth todt?«

»Ja, erschossen.«

»Ich erschossen? Donnerwetter! Davon müßte ich doch auch Etwas wissen!«

»Also nicht! Gott sei Dank! Ich suche Walker.«

»Den findet Ihr nicht.«

»Warum nicht?«

»Er ist fort, mit seiner schönen Miranda.«

»Wohin?«

»Weiß es nicht – da hinten zu dem Pförtchen hinaus.«

»Habt Ihr es gesehen?«

»Ja. Ich habe ihn belauscht. Als ich todt war, gingen sie Alle fort. Er führte die Schöne in das Zimmer, in welchem wir gespeist haben. Ich schlich mich an die Thüre und lauschte. Sie gingen im Innern aus einem Zimmer in das andere, und ich folgte ihnen von Außen auf den Söller. Dann sah ich sie zur Treppe hinabgehen und zur Pforte hinaus.«

»Warum habt Ihr sie nicht angehalten?«

»Danke sehr! Zweimal lasse ich mich nicht todtschießen; einmal ist auch genügend.«

»So ist er entkommen.«

»Nein; ich kenne seine Fährte.«

»Dennoch mußtet Ihr ihn unbedingt festhalten!«

»Fällt mir nicht ein! Alle seine Leute helfen ihm. Dieser brave Neger, welcher mich anstaunt wie ein Gespenst, ist der Einzige, auf den man noch rechnen kann.«

»Ja,« antwortete Zeus, indem er noch immer voller Furcht die großen, weißen Augen rollte, »ich immer noch darauf schwören, daß Ihr ein Gespenst!«

»Komm her und greife mich an!«

Sam stand auf und schritt auf ihn zu. Der Schwarze aber wich zurück und schrie laut auf:

»Nein, o nein! Massa Geist stehen bleiben!«

»Ich thue Dir nichts.«

»Aber Ihr sein todt.«

»Ueberzeuge Dich doch.«

»Ich schon bin überzeugt. Ich haben sehen erschießen Massa – – Kugel in Herz hinein.«

»Das ist der Kugel gar nicht eingefallen. Greife doch nur einmal her an mein Herz.«

»Nein, ich nicht greifen. Ich sehen Blut an Herz. Es sein Loch in Herz. Massa sein ein Gespenst. Ich nicht will angreifen Gespenst. O Jessus, nein, nein!«

Er streckte beide Hände von sich, um anzudeuten, daß der Geist ihm ja nicht nahe kommen solle. Steinbach verstand so viel, daß auf Sam geschossen worden war. Er erkundigte sich, und der Dicke antwortete:

»Das habe ich nämlich nicht übel gemacht. Er hatte bereits einmal auf mich geschossen, mich aber nicht getroffen, weil es finster war. Seine Leute kamen herbei. Gegen so Viele konnte ich nichts machen. Daß er mich ermorden würde, konnte ich mir denken. Es war am Allerbesten für mich, mich todt zu stellen. Ich brauchte dazu den zweiten Schuß, welchen er auf mich abgab.«

»So hat er nicht getroffen?«

»Nein. Ich war rascher als er. Als er das Pistol erhob, fiel ich ihm in den Arm und lenkte es zur Seite. Die Kugel ging vorüber, ich aber that so, als ob ich in das Herz getroffen sei und fiel in aller Grazie zu Boden. Die Brust bedeckte ich mit den Händen, und da ich mir die eine derselben an seinem Messer verwundet hatte, so strömte das Blut aus der Hand über die Brust, und es sah ganz darnach aus, als ob ich in das Herz sei getroffen worden.«

Da schlug der Schwarze erfreut die Hände zusammen und rief:

»Also nicht Geist, wirklich nicht Gespenst! Noch leben! Sich verstellen! Welch ein klug klein dick Massa! O wie gescheidt, welch pfiffig Mann! Beinahe so klug und pfiffig wie Zeus, welcher ich selber bin!«

»Wie aber kam denn Walker zu Euch hinein, Sam?« erkundigte sich Steinbach.

»Er hat jedenfalls nach Donna Miranda gesucht und hier reden hören.«

»Sie war also hier?«

»Freilich. Sie wollte zu Euch.«

»So war sie wohl sehr enttäuscht, als sie sah, daß Ihr hier waret?«

»Das hat sie gar nicht bemerkt.«

»Unmöglich!«

»Es war ja dunkel.«

»So hat sie Euch für mich gehalten?«

»Natürlich! Das war ja eben die Lust. Wir haben hier auf der Matratze neben einander gesessen, und sie hat mir eine Liebeserklärung nach der anderen gemacht. Es war eine Wonne!«

»Gratulire!«

»Danke! Angreifen durfte ich mich leider nicht lassen. Sie versuchte es einige Male, eine Umärmelung zu Stande zu bringen; da aber meine Leibesbeschaffenheit sie sofort zur Erkenntniß gebracht hätte, daß sie an den Unrechten gekommen sei, so mußte ich mir leider solche Vertraulichkeiten verbitten.«

»Habt Ihr denn nichts erfahren können von Walkers Vergangenheit, von seinem gegenwärtigen Leben und seinen Absichten in Beziehung auf uns?«

»Kein Wort!«

»Wie dumm!«

»Hm! Ihr hättet es wohl gescheidter angefangen?«

»Natürlich.«

»Hättet aber auch nichts erfahren können.«

»Pah! Wenn das Frauenzimmer so verliebt war, so wäre es wohl nicht sehr schwer gewesen, ihr Einiges zu entlocken.«

»Dazu habe ich kein Talent.«

»Oho! Ihr seid pfiffig genug, die dazu nöthige Rolle zu übernehmen und auch glücklich durchzuführen.«

»Meint Ihr? Na, das söhnt mich wieder mit dem ehrenrührigen Ausdrucke aus, dessen Ihr Euch soeben bedientet. Ich will Euch also sagen, daß ich meine Rolle sehr gut gekannt und wohl auch nicht übel durchgeführt habe.«

»Ah, sehr gut! Erzählt also!«

»Hier? Pah! Seid Ihr allein gekommen?«

»Nein. Es sind Alle mit. Sogar der Aldermann hat sich uns angeschlossen.«

»Nun, so wollen wir zu ihnen gehen. Dann hören Alle, was ich sage, und ich brauche es nicht mehrere Male zu erzählen.«

Als sie aus dem Zimmerchen traten, vernahmen sie laute Klagen. Der Aldermann hatte sämmtlichen Bewohnern des Hauses erklärt, daß er sie arretiren müsse. Sie wurden Alle gebunden. Eine Ausnahme wurde nur mit Zeus und Milly gemacht. Diese Beiden waren es ja, welchen man Dank schuldete.

Als sie dann in dem Speisezimmer zusammensaßen, wurde Sams Verletzung untersucht. Der Schnitt war sehr tief und sehr schmerzhaft, aber nicht von gefährlichen Folgen für die Hand. Es war zu hoffen, daß sie ihre frühere Beweglichkeit nach der Heilung wieder erlangen werde. Die Wunde wurde natürlich auf das Sorgfältigste verbunden.

Sam erfuhr nun auch, daß der Ueberfall auf Günther vereitelt und Alfonzo gefangen genommen worden sei. Er hatte die Ausrede vorgebracht, daß er von gar nichts wisse. Die Magd der Sennorita Emeria sei seine Geliebte, und er habe sich auf den Hof geschlichen, nur um mit dieser zu sprechen. Da sei plötzlich Lärm entstanden, mehrere Männer seien über den Hof und die Mauer gesprungen. Er habe gemeint, daß es eine Schlägerei gebe, und um nicht in diese verwickelt und lieber gar nicht gesehen zu werden, habe auch er die Flucht ergriffen.

*

54

Natürlich war das Mädchen gefragt worden. Henrietta hatte vielleicht ein kleines Verhältniß mit ihm und sagte zu seinen Gunsten aus; dennoch aber war er nicht freigelassen, sondern in der Gefangenschaft behalten worden.

Nun begann Sam seinen Bericht, für welchen Alle natürlich das größte Interesse fühlten. Sie hörten da, daß der frühere Derwisch mit Hilfe Leflor's entkommen sei, und sie erfuhren mit genügender Deutlichkeit, was die Kerls eigentlich vorhatten – nach Mohawk Station zu gehen, um da zunächst Almy und Magda Hauser in ihre Gewalt zu bringen.

»Das sollen sie bleiben lassen!« fuhr Günther von Langendorff auf. »Wer diese Magda nur falsch ansieht, der hat es mit mir zu thun.«

»Was wollt Ihr dagegen machen?« fragte Sam.

»Oho! Ich reise sofort ab.«

»Hoffentlich nehmt Ihr uns mit?«

»Natürlich! Ich hoffe sogar, daß Ihr uns begleitet.«

»Aber Walker wird doch eher hinkommen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Er hat Vorsprung. Während wir hier sitzen und berathen, reitet er bereits.«

»Aber sagtet Ihr nicht, daß diese Miranda sich bei ihm befinde.«

»Ja.«

»Nun, sie wird ihm sehr hinderlich sein. Mit einer Dame reitet man nicht so rasch.«

»Es fragt sich, ob er sie mitgenommen hat.«

»Jedenfalls,« antwortete Steinbach.

»Das wäre höchst unsinnig.«

»Nicht so sehr, wie Ihr denkt, Master Sam. Zwar versäumen wir, indem wir hier sitzen, einige Zeit. Was wir aber dabei verlieren, gewinnen wir mehr als reichlich an Klarheit. Wir müssen wissen, was sie wollen, und was wir in Folge dessen zu thun haben. Ohne Absicht nimmt Walker diese Miranda nicht hier aus dem Hause.«

»Natürlich. Er fürchtet, daß sie irgend Etwas verrathen könne.«

»Das hat sie Euch gegenüber bereits gethan.«

»Das weiß er nicht. Uebrigens hält er mich für todt, und Todte können nicht plaudern. Er wird sie irgendwo hinbringen, wo sie von dem Richter einstweilen nicht erreicht werden kann.«

»Dazu hat er keine Zeit. Er muß schnell und direct nach Mohawk-Station, um seinen Streich auszuführen, ehe wir die Bedrohten benachrichtigen können. Und er wird Miranda mit dorthin nehmen, weil er sie da sehr gut gebrauchen kann.«

»Wozu?«

»Ich denke, daß er ihr eine Rolle zugedacht hat. Sie ist schön; sie hat Erfahrung und Umgangsformen. Wenn sie will, so fällt es ihr gewiß sehr leicht, das Vertrauen der beiden Damen rasch zu gewinnen. In welcher Weise dieses Vertrauen dann ausgebeutet werden soll, das kann ich freilich nicht sagen.«

»Du scheinst Recht zu haben,« meinte Günther. »Wir müssen die Damen sofort benachrichtigen.«

»Hm! Wie denn?«

»Telegraphiren!«

»Du vergissest, daß es noch keine Drahtverbindung zwischen hier und dort giebt.«

»Das ist höchst beklagenswerth. Wie gelangt man am Schnellsten hin?«

»Der dritte Weg ist der längste und unsicherste. Er führt über die Eureka-Gila-Berge. Der kürzeste Weg ist viel länger. Man reitet von hier aus nach der nächsten Station der Südpazifikbahn und telegraphirt von dort nach Mohawk-Station, damit die Freunde gewarnt sind. Mit dem nächsten Zuge fährt man nach.«

»Welche Station wäre das?«

»Gila Bend, in zwei Tagen zu erreichen, wenn man zwei gute Pferde hat.«

»Ich denke, wir sind sehr gut beritten?«

»Das wohl, aber – – hm! Wenn man den Fluß benutzen könnte. Er mündet ja gerade bei Gila Bend in den Gilafluß.«

»Das ist nicht möglich,« sagte der Aldermann.

»Giebt es keine Kähne? Ist er nicht fahrbar?«

»Es giebt leider nur einen Segler, und der gehört – – – Himmeldonnerwetter! Welch' ein Gedanke!«

»Was giebt es?«

»Man hat zwar einige Kähne, aber die taugen nichts; sie dienen nur, eine Gondelfahrt zu machen. Es giebt, wie ich eben sagte, ein Langboot, einen guten Segler, und der gehört eben – Sennor Walker.«

»Alle Teufel! So wird er fahren!«

»Vermuthlich.«

»Dann ist er nicht einzuholen.«

»Schwerlich.«

»Aber ich denke, daß er nicht so sehr schnell aufbrechen kann. Er hat seine Genossen irgendwo stecken und muß sie erst holen. Miranda hat hier förmlich fliehen müssen. Sie ist ganz ohne Kleider und wird sich alles Nöthige besorgen müssen. Wenn wir uns beeilen, ist es möglich das Boot zu finden, ehe sie es erreichen. Ich mache den Vorschlag, sofort aufzubrechen, damit wir ihnen zuvorkommen.«

»Ja, thut das, Sennores. Ich freilich kann nicht mit. Ich muß wegen der gefangenen Bewohner dieses Hauses hier bleiben, bis meine Polizisten kommen, welche leider ganz unverantwortlich lange auf sich warten lassen.«

»Hat das Boot einen bestimmten Platz?«

»Ja. Ihr reitet von hier in die Stadt. Die Straße entlang um die erste linke Ecke kommt Ihr an den Fluß. Eine Brücke führt hinüber nach der Venta des Mattheo Abranzo. Unter dieser Brücke hängt das Boot stets. Ihr findet es ganz bestimmt.«

»Gut! Brechen wir auf. Alles Andere können wir auch später besprechen.«

Einige Augenblicke später jagten sie dem Waldweg entlang der Stadt entgegen. Es ging an der Venta der gelehrten Emeria vorüber, in die Hauptstraße der Stadt hinein und dann links in die erste Seitengasse. Die Brücke war erreicht. Sie sprangen vom Pferde und suchten. Es war kein Boot vorhanden.

In der Venta des Sennor Mattheo Abranzo gab es noch Licht. Die Thür war noch offen. Sie traten ein. Es saß nur noch ein einziger schläfriger Gast am Tische bei einem halb ausgetrunkenen Schnapsglase. Der Wirth war eingenickt. Er erwachte von dem Geräusch der Eintretenden und stand höflich auf.

»Seid Ihr Sennor Abranzo?« fragte Steinbach.

»Der bin ich, Sennor!«

»Hattet Ihr noch spät Gäste?«

»Die habe ich sogar noch.«

»Ah! Wo?«

»Hier. Dieser Mann ist es, und Ihr seid es.«

»Daß ich uns nicht meine, versteht sich ganz von selbst. Beantwortet mir meine Frage!«

»Darf ich fragen, ob Ihr Etwas trinkt?«

»Steht erst Rede und Antwort!«

Der Wirth machte eine ironische Verbeugung und sagte lächelnd:

»Sennor, wer kann einen Mann zwingen, zu sprechen, wenn er nicht sprechen will?«

»Ich!«

»Hm! Wer seid Ihr?«

»Das werdet Ihr dann erfahren, wenn ich Gelegenheit habe, es Euch von Amts wegen mitzutheilen. Bald wird der Aldermann erscheinen, um meinen Worten Nachdruck zu geben.«

»Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr eine amtliche Persönlichkeit seid?«

»Ja.«

»Wenn Ihr das beweisen könnt, so werde ich Euch antworten.«

»Warum nicht eher. Ein jeder Wirth hat seine Gäste höflich zu behandeln.«

»Ein jeder Wirth aber hat sich auch zu hüten, mit seinen Gästen in Conflict zu gerathen. Ihr wollt wissen, wer hier gewesen ist. Diejenigen, welche da waren, wünschen vielleicht gar nicht, daß von ihnen gesprochen werde.«

»So haben sie ein böses Gewissen!«

»Deshalb noch nicht.«

»Nun, ich werde Euch zeigen, wer ich bin.«

Er zog eine Brieftasche hervor, in welcher sich sehr viele Schreiben und anderes Private befand. Er wählte einen Bogen, auf welchem sich ein großes Siegel befand, und hielt ihn dem Wirthe hin.

Dieser trat damit zum Lichte und gab sich den Anschein, als ob er lese. Jedenfalls war er nicht im Stande, ein einziges Wort zu entziffern. Das Document war in russischer Sprache verfaßt und mit dem Siegel der Geheimcanzlei des Czaaren versehen. Als er scheinbar zu Ende war, legte er das Papier zusammen, gab es unter einer ehrfurchtsvollen Verbeugung zurück und sagte:

»Verzeihung, Sennor! Ich konnte nicht wissen, daß Ihr ein so hoher Beamter seid.«

»Criminalbeamter, wollt Ihr sagen! Also waren viele Gäste hier?«

»Ja.«

»Hiesige?«

»Lauter Hiesige.«

»Ich meine; es seien auch Fremde dagewesen.«

Steinbach sagte das in einem Tone, als ob er seiner Sache ganz und gar sicher sei.

»Ha! Ich müßte mich besinnen,« meinte der Wirth.

Die imposante Gestalt und das dominirende Auftreten Steinbach's verfehlte den beabsichtigten Eindruck nicht.

»So besinnt Euch schnell! Ich habe keine Zeit!«

»Es waren wohl einige Fremde hier. Ich weiß aber nicht, ob ich von ihnen sprechen darf.«

»Warum nicht?«

»Sie thaten so heimlich.«

»Ah, so! Worin bestand diese Heimlichkeit?«

»Sie gingen nicht in dieses Zimmer, sondern ich mußte ihnen einen Raum im Hofe geben. Ihre Pferde hatten sie im Garten.«

»Wie viele waren es?«

»Nun, fremd waren eigentlich nur Zwei. Die Anderen kannte ich. Das waren Hiesige.«

»Wer waren sie?«

»Ihre Namen sind Sennor Alfonzo, Sennor Newton und Sennor Robin.«

»Schön! Diese suchen wir.«

»Diese Drei gingen nach einer Welle wieder fort. Alfonzo ließ sich nicht mehr sehen. Newton kam bald wieder, und Robin kam sehr spät mit einer Dame.«

»Sennorita Miranda?«

»Ja. Kennt Ihr sie?«

»Sehr gut. Wo sind sie jetzt?«

»Abgereist.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich vermuthe, daß ihr Ziel ein entferntes ist, denn sie fragten mich, ob ich ihnen ihre Pferde abkaufen möchte.«

»Ihr thatet das?«

»Natürlich. Sie machten Preis. Ihr wißt, daß ein Wirth jedem Gaste gefällig sein muß.«

»Dies scheint Euer erster Grundsatz zu sein. Wenn sie keine Thiere mehr hatten, wie können sie da reisen?«

»Im Segelboote von Sennor Robin.«

»Also gefahren! Schön! Seit welcher Zeit sind sie fort?«

»Es sind bis jetzt schon drei Viertelstunden verflossen, Sennor.«

»Hatte die Sennorita viel Gepäck?«

»Gar nicht. Sie trug ein weißes Kleid und einen dunklen Mantel darüber. Im Zimmer ist sie gar nicht mit gewesen.«

»Aber gut bewaffnet waren die Sennores?«

»Bis an die Zähne.«

»Zeigt mir einmal das Zimmer, in welchem sie gewartet haben!«

Der Wirth führte die Herren in den Hof und von da in den Raum, wo die Betreffenden gesessen hatten. Steinbach hatte es für möglich gehalten, irgend Etwas zu finden, was ihm nützlich werden könne. Seine Erwartung war aber vergebens. Es war bei allem Glücke heute doch ein unglücklicher Abend gewesen.

– – – – – – – – –

Der von Tucson über Gila Bend kommende Personenzug nahte sich der Mohawk-Station. Die Maschine gab mit ihrem schrillen Pfiffe das Zeichen, und die Stationsbeamten standen neugierig, ob Passagiere hier aussteigen würden.

Auf der Plattform des einen Personenwagens stand – – Roulin. Er hielt sich sein Taschentuch vor das Gesicht, scheinbar als ob er Zahnschmerzen habe, in Wirklichkeit aber, um nicht sofort erkannt zu werden, während er die an der Station Anwesenden musterte, um zu erfahren, ob man ohne Gefahr aussteigen könne.

Der Zug fuhr ein.

»Mohawk-Station!« ertönte der laute Ruf.

»Ist Jemand von ihnen da?« fragte es zur Coupeethür heraus.

»Nein,« antwortete Roulin. »Wir können aussteigen.«

Er sprang von der Plattform. Walker, Leflor, Bill Newton und Miranda folgten ihm.

Die Letztere trug einen außerordentlich eleganten Reiseanzug, welchen Walker ihr in Gila Bend gekauft hatte. Ihre Erscheinung erregte Aufsehen.

Zwei junge Männer standen am Eingange des Telegraphenbureaus. Es war der Telegraphist und der Sohn des Stationers.

»Alle Wetter!« sagte der Erstere. »Seht Ihr diese Venus, Sennor Balzer?«

»Ja. Wer sollte sie nicht sehen. Hier in dem traurigen Neste findet man eine alte Hexe schön, vielmehr noch eine Dame, welche in New-York oder New-Orleans Aufsehen erregen würde.«

»Das wäre Etwas für Euch! Ich kenne ja Eure Passion.«

»Hm. Die Lady sieht mir nicht so aus, als ob sie eine Männerfeindin sei. Augen wie die ihrigen stecken zwar in Brand, löschen ihn aber auch. Ich möchte doch wohl – – Teufel! Wer ist denn das? Der Eine ihrer Begleiter kommt mir bekannt vor. Wenn mich nicht Alles täuscht, so ist es Roulin, welcher mit mir im Alabama-College auf einer und derselben Bank gesessen hat. Der bei ihr! Das ist ja eine Avance, welche ich mir gar nicht besser wünschen kann.«

Er nickte dem Telegraphisten einen kurzen, triumphirenden Gruß zu und schritt auf die Gruppe zu, welche sich der Thür des Wartesaales näherte.

»Sehe ich recht?« fragte er. »Verzeiht, Sennor, seid Ihr nicht – – oder vielmehr, bist Du nicht – – ja, Du bist es! Roulin!«

Roulin fühlte sich nicht freudig überrascht, als er sich plötzlich so öffentlich angeredet und beim Namen genannt hörte. Er machte in Folge dessen ein ziemlich finsteres Gesicht. Aber als er in das Gesicht des Anderen blickte, heiterte sich seine Miene sofort auf. Er erkannte den Studiengenossen und wußte, daß er gerade diesen Mann nicht zu fürchten habe.

»Balzer, Du?« antwortete er.

»Ja, ich in Lebensgröße. Was schneit denn Dich hierher nach Mohawk-Station, alter Swalker?«

»Der Zufall, mein Bester. Ich bin ihm übrigens nun gern dankbar, da er mir die Gelegenheit geboten hat, Dich wiederzusehen. Was bringt Dich hierher? Wohl auch der Zufall?«

»Nein, das Geschick.«

»Das klingt so ernst.«

»Ist es auch.«

»Hast doch nicht etwa unglücklich nach hier geheirathet?«

»Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Ich kenne Deine Passion: Ein Paar schöne Augen, und Du bist Feuer und Flamme.«

»Gerade aus diesem Grunde hüte ich mich vor der Heirath. Ich flattere und nasche, mag mich aber nicht binden. Nein, denke Dir, mein Vater hat eine Menge Actien der Bahngesellschaft. Um einen Einblick in gewisse Angelegenheiten zu gewinnen, ist er auf den Gedanken gekommen, Stationer zu werden. Sie haben ihn hierher auf Mohawk-Station gebracht. Ich mußte natürlich mit ihm. Nun sitze ich da! Ein Talent, ein Genie, im trocknen Sande, angeklotzt von stinkenden Apachen.«

»Du hast Langeweile?«

»Riesig, massenhaft. Dein Anblick ist mir wie das Licht eines Sternes in finsterer Nacht. Hoffentlich kaufst Du Dich mir zu Liebe hier für immer und ewig an, um mir im Kampfe gegen das Ungeheuer »Langeweile« beizustehen. Ich werde es Dir Dank wissen.«

»So sehr aufopferungsfähig bin ich leider nicht,« lachte Roulin. Einige Tage aber kann ich Dir vielleicht widmen.«

»Goldjunge, komm an mein Herz!«

Er breitete die Arme aus.

»Laß das! Sage mir lieber, ob Du hier bekannt bist?«

»Außerordentlich, sage ich Dir! Wie der Floh im Bette oder der Frosch im Teiche bin ich hier bekannt. Was willst Du wissen? Brauchst Du einen Pfarrer oder einen Blutegelhändler, eine Hebamme oder einen Advocaten. Sage mir aber vor allen Dingen, wer ist die Dame, die sich bei Dir befindet?«

»Gefällt sie Dir?«

»Welch' eine Frage! Für einen Kuß von ihr springe ich in's Meer und schlage zehn Wallfische todt. Ist sie spröde oder empfänglich?«

»Je nach der Person des Betreffenden.«

»Verheirathet?«

»Nein!«

»Schön! Verlobt?«

»Auch nicht.«

»Wie ist Ihr Name?«

»Donna Miranda.«

»Höchst poetisch! Kannst Du mich ihr vorstellen?«

Roulin machte ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Wohl schwerlich; außer – – hm! Sie ist sehr wählerisch. Vielleicht aber könntest Du Dich ihr verbindlich erweisen.«

»Riesig gern! Gieb mir nur Gelegenheit dazu.«

»Wollen es versuchen. Natürlich giebt es hier ein Hotel?«

»Versteht sich.«

»Ist es sehr besetzt?«

»Jetzt nicht. Die neuesten Gäste sind zwei Sennores, Namens Wilkins und Cuartano, nebst ihren Damen.«

»Ah! Hm! Schön! Kannst Du nicht erfahren, ob diese Herrschaften in letzter Zeit eine Depesche erhalten haben?«

»Wer will es wissen? Es handelt sich hier um das Amtsgeheimniß. Verstanden?«

»Du würdest gerade unsere Donna Miranda zu großem Danke verpflichten.«

»Donnerwetter! Sie soll es erfahren. Der Telegraphist ist mein Freund. Er trinkt aus meiner Flasche und bezahlt aus meiner Börse. Er sagt es mir gern. Wartest Du hier?«

Er begab sich in das Telegraphenbureau. Roulin aber schritt nach dem Wartesaale zu, an dessen Eingange die Anderen stehen geblieben waren.

»Tretet ein!« sagte er. »Ich traf da einen Jugendgenossen, einen leichtlebigen Menschen, der uns hier von großem Nutzen sein wird, wenn Sennorita ein Wenig freundlich mit ihm sein will. Er ist ein außerordentlicher Freund hübscher Gesichter und Sohn des hiesigen Stationers. Soeben habe ich ihn nach der Depesche gefragt. Er will uns Auskunft ertheilen. Das ist von großem Vortheile für uns, da wir gewärtig sein müssen, daß Steinbach nach hier telegraphirt, um zu warnen. Durch meinen Freund könnten wir, wenn wir ihn verliebt machen, die betreffende Depesche abfangen. Da kommt er bereits. Ich bringe ihn hinein und stelle ihn Euch vor.«

Balzer kam aus dem Bureau und schwenkte bereits von Weitem einen langen, schmalen Zettel, auf welchem sich jedenfalls die Urschrift der Depesche befand.

»Ich habe sie,« sagte er, »da lies!«

Er gab Roulin den Zettel, indem er überlegen lächelte. Der Letztere wollte den Inhalt lesen, konnte es aber nicht, denn die wenigen Zeilen bestanden nur aus Strichen und Punkten, welche ungleich weit von einander entfernt waren. Er gab also das Telegramm mit den Worten zurück:

»Mach' keine dummen Witze, alter Junge! Ich bin kein Telegraphenbeamter und habe also nicht gelernt, solche Hieroglyphen zu entziffern.«

»Was ist da zu thun!«

»Wir müssen eben zum Telegraphisten gehen.«

»Na, ich will Dich nicht so lange unter die Folter nehmen. Ich habe hier nicht viel oder besser gesagt, gar nichts zu thun, und um mir nur einigermaßen die Zeit zu vertreiben, bin ich beflissen gewesen, Telegramme lesen zu lernen. Es ist das zwar kein sehr amüsanter Sport; aber in der Noth frißt der Teufel Fliegen, und der Telegraphist fand es selbst interessant, mich zu unterrichten. Das Ding ist übrigens zwar langweilig aber nicht schwer. Ich habe dabei nicht gedacht, daß ich dadurch in den Stand gesetzt werden würde, einem so alten, guten Bekannten einen Dienst zu erweisen.«

»Sehr verbunden! Also, bitte, lies vor!«

»Die Depesche lautet: »Sofort im Augenblicke per Bahn nach Dos Palmas abreisen. Wir sind dort. Steinbach!« Genügt Dir das?«

»Vollständig. Ich danke Dir!«

»Nun aber hoffe ich auch, daß Du mich Deiner schönen Sennorita Miranda vorstellen wirst.«

»Das versteht sich. Aber vorher noch Eins. Es ist nämlich möglich, daß noch eine Depesche kommt. Wann ist diese hier angekommen?«

»Vor fünf Stunden.«

»Vielleicht kommt heute oder auch erst morgen eine zweite. Könnte ich auch diese lesen?«

»Versteht sich!«

»Aber bevor sie an den Adressaten geschickt wird.«

»Verdammt! Das geht nicht.«

»Warum?«

»Sobald das Telegramm ankommt, muß es an den Adressaten gesandt werden.«

»Pah! Wenn ich sie vorher lese, so nimmt das ja nur einen Augenblick, nicht einmal eine einzige Minute in Anspruch.«

»Hm! Dennoch wird es nicht gehen. Es handelt sich da um das Amtsgeheimniß.«

»Das ist doch hier bei diesem Telegramm auch nicht so genau genommen worden.«

»Aus zwei Gründen. Erstens befindet es sich bereits in den Händen des Adressaten – –«

»Ist ganz gleich! Ich habe es doch gelesen.«

»Und zweitens hat der Beamte es mir nur aus ganz besonderer persönlicher Gefälligkeit gegeben.«

»Nun, ganz dieselbe Gefälligkeit könnte er doch zum zweiten Male haben.«

»Er wird mich fragen, was ich damit beabsichtige.«

»Bist Du etwa um eine Ausrede verlegen?«

»Allerdings.«

»Dann kannst Du mich dauern, alter Knabe. Du warst doch früher nie verlegen, besonders wenn es sich um ein hübsches Mädchen handelte.«

»Das ist aber hier nicht der Fall.«

»Sogar doppelt. Erstens thust Du Donna Miranda einen Gefallen, den sie Dir jedenfalls vergelten wird, und zweitens – ah, ich habe da den richtigen Gedanken! Der Adressat ist zwar ein gewisser Wilkins, aber er hat zwei außerordentlich hübsche, junge Damen bei sich. Weiß das der Telegraphist vielleicht?«

»Ebenso gut wie ich.«

»Nun, so ist die Sache ja sehr einfach. Du bist in Eine von den Beiden verliebt, willst Dich ihr nähern, und die beste Gelegenheit dazu ist Dir geboten, indem Du den Telegraphenboten machst und ihrem Begleiter die Depesche selbst bringst.«

»Diese Ausrede ist gar nicht übel. Und Du meinst, daß ich die Depesche erst Dir zeige, ehe ich sie an die Adresse befördere?«

»Sehr richtig.«

»Das könnte freilich möglich gemacht werden, wenn es nicht dabei ein großes Hinderniß gäbe.«

»Ich wüßte keins.«

»Die Depesche ist verschlossen.«

»Nur mit einer Papieroblate. Laß es meine Sorge sein, das Dings zu öffnen.«

»Verdammt! Das ist strafbar.«

»Geht Dich nichts an, sondern nur mich.«

»Ich bin Mitschuldiger.«

»Höre, nimm es mir nicht übel, aber Du scheinst ein ganz Anderer geworden zu sein, seit wir uns nicht gesehen haben. Früher gingst Du eines hübschen Gesichtes wegen durch zehn Feuer.«

»Jetzt auch noch.«

»Warum also bist Du so sehr bedenklich?«

»Es ist keinesfalls angenehm, mit der Justiz in Conflict zu gerathen. Ueberdies ist mein Vater hier Stationer und darauf habe ich Rücksicht zu nehmen.«

»Nimm lieber Rücksicht darauf, daß Du Dir Donna Miranda zur Dankbarkeit verpflichtest!«

»Ob sie diese Dankbarkeit auch abtragen wird?«

»Jedenfalls. Ich garantire Dir dafür. Und außerdem kannst Du sicher sein, daß kein Mensch etwas bemerken oder gar erfahren wird.«

»Ja, wenn ich das wüßte!«

»Ich gebe Dir mein Ehrenwort.«

»Ehrenwort? Hm? Das ist Etwas, dem ich doch wohl trauen darf?«

»Ja, wenn Du mich nicht beleidigen willst.«

»Das fällt mir nicht ein.«

»Na also, darf ich auf Dich rechnen?«

»Gut, ich will es thun. Ich werde sogleich dies Telegramm zurücktragen und dabei den Telegraphisten unterrichten, daß ich selbst ein zweites, welches an die zweite Adresse gerichtet sein sollte, dem Adressaten übermitteln will. Dafür aber hoffe ich, daß Du mich dieser Donna Miranda auf eine Weise empfiehlst, mit der ich zufrieden sein kann.«

»Das versteht sich von selbst. Eine Liebe ist doch der anderen werth. Hier gebe ich Dir meine Hand darauf.«

Balzer kehrte in das Bureau zurück und Roulin trat nun in den Passagierraum, in dessen Abtheilung für erste Fahrklasse sich seine Gefährten befanden. Sonst war kein anderer Mensch zugegen.

»Es dauert lange,« meinte Leflor.

»Weil er es schon gebracht hat.«

»Ah! War es das unserige?«

»Ja, es war ganz dasselbe, welches wir in Gila Bend aufgegeben haben, um die Gesellschaft schleunigst von hier fortzubringen.«

»Ein anderes ist noch nicht angekommen?«

»Nein. Und wenn es ankommen sollte, so wird mein Freund es uns bringen, bevor es an den Adressaten geht. Dafür verlangt er einige Chancen bei Sennorita Miranda. Wie steht es, meine wertheste Donna?«

»Was versteht Ihr unter dem Ausdrucke Chancen?« lächelte Miranda.

»Dasselbe, was auch Ihr jedenfalls darunter verstehen werdet. Der arme Junge findet Euch schön. Für unser Vorhaben ist es sehr vortheilhaft, daß er Euch nachgiebig findet.«

»Das wird sie sein!« sagte Walker in einem Tone, als ob es sich ganz von selbst verstehe, daß Miranda ihre Liebe in seinen Dienst und Nutzen stelle. Sie schien von diesem Tone nicht sehr angenehm berührt zu werden, denn sie antwortete:

»Und wenn ich es nun nicht sein will?«

»Pah! Wir haben einen gemeinschaftlichen Zweck und ein Jeder von uns muß das Seine thun, damit wir ihn erreichen.«

»Sogar, wenn mir dieser Sennor nicht gefällt?«

»Sogar dann!«

Er sagte das in beinahe drohendem Tone. Dieser Letztere rief ihren Widerspruch wach:

»Ich glaube, daß ich das Meinige bereits gethan habe.«

»Daß ich nicht wüßte!«

»Ist es nicht ein Opfer, daß ich meine Bequemlichkeit verlassen habe und Euch hierher gefolgt bin?«

»Das ist etwas ganz Selbstverständliches. Du gehörst zu mir. Uebrigens, so weit ich diesen Sennor betrachtet habe, halte ich ihn nicht für häßlich. Es ist gar kein Opfer für eine Dame, wenn sie sich von ihm den Hof machen läßt. Streiten wir uns nicht. Da kommt er!«

Balzer trat herein und wurde von Roulin den Anderen vorgestellt. Er zog Miranda's Händchen galant an seine Lippen und verschlang ihre üppig schöne Gestalt mit seinen Augen. Sie beantwortete diesen Blick mit einem Lächeln, welches so verheißungsvoll war, daß es ihn heiß überlief. Sie hatte vorhin opponirt, aber Balzer war wirklich ein hübscher Kerl, hübscher als die Andern alle; das söhnte sie mit ihrer Aufgabe, welche ihr zugefallen war, aus, und sie nahm sich vor, seiner Freundlichkeit nicht mit dem Gegentheile zu begegnen.

Ihr Lächeln electrisirte ihn. Es kam ihm ein Gedanke. Jedenfalls wollte die Gesellschaft sich hier in Mohawk-Station verweilen. Wie nun, wenn er sie nicht in das Hotel gehen ließ, sondern sie einlud, bei ihm zu bleiben! Kaum hatte er diesen Gedanken gefaßt, so gab er ihm auch Ausdruck:

»Es ist mir ein außerordentlich lieber Zufall,« sagte er, »Sennor Roulin zu treffen. Wir haben mit einander studirt und sind stets die besten Freunde gewesen. Ich möchte dieses Wiedersehen möglichst ausnützen. Wie lange gedenken die Herrschaften hier in Mohawk-Station zu bleiben?«

»Das ist unbestimmt,« antwortete Roulin. »Vielleicht fahren wir bereits morgen fort.«

»O weh! So schnell darf ich Dich nicht fortlassen.«

»Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.«

»Es giebt auch eine Freundschaftspflicht. Hast Du Dich bereits entschieden, wo Du hier wohnst?«

»Nein. Ist nur ein Hotel da?«

»Hoffentlich fragst Du gar nicht nach dem Hotel. Zunächst bin ich da, und ich erwarte, daß Du meine Gastfreundschaft nicht von Dir weisest.«

»Würde sehr gerne geschehen, aber unser Reisezweck ist ein solcher, daß ich mich von meinen Gefährten unmöglich trennen kann.«

»Wer sagt das oder wer verlangt das?«

»Willst Du Dir etwa die ganze Gesellschaft auf den Hals laden?«

»Sogar mit dem allergrößten Vergnügen!«

»So viele Personen!«

»Und wenn es noch mehr wären. Wir haben hier Raum genug. Freilich auf die Bequemlichkeit des Nordens müßtet Ihr verzichten. Hier im Süden können wir weit anspruchsloser sein. Das Klima erlaubt uns, auf Vieles zu verzichten, was droben in den alten Staaten unumgänglich nöthig ist. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Hängematte, das ist Alles, was wir hier von Mobiliar verlangen. Ist Euch das nicht zu wenig, so kann ich Euch einige Zimmer anbieten.«

»Wir werden Dir beschwerlich fallen.«

»Nicht im Mindesten.«

»Aber Dein Vater?«

»Hat die sehr angenehme Eigenschaft, sich um mein Thun und Treiben gar nicht zu bekümmern. Die Stationsgebäude sind sehr weitläufig, für die Zukunft und einen weit bedeutenderen Verkehr eingerichtet, als der gegenwärtige ist. Zimmer giebt es also in Menge. Ihr könnt bei mir wohnen, ohne daß nur ein Mensch Eure Gegenwart beachtet. Also, sage ja!«

»Nun, aufrichtig gestanden, kommt mir Deine Einladung außerordentlich gelegen. Wir haben Grund, uns von Wilkins und seinen Damen nicht sogleich sehen zu lasten.«

»Dann müßt Ihr eben bei mir bleiben. Mohawk-Station ist kein New-York. Sobald Ihr den Ort betretet, bemerkt Euch Jedermann.«

»So bleiben wir also bei Dir, hoffen aber, daß wir Dir keine Sorge bereiten.«

»Sorgen? Wo denkst Du hin, alter Junge! Vergnügen, ungeheures Vergnügen bereitest Du mir. Darf ich hoffen, Sennorita, daß meine Einladung Euch nicht ganz unangenehm ist?«

»Im Gegentheil, Sennor. Ihr zwingt uns, Euch den größten Dank zu zollen.«

Sie schlug die Augen mit einem Blicke zu ihm auf, in Folge dessen er sofort ihre Hand zum zweiten Mal an seine Lippen drückte.

»So bitte ich, mir zu folgen, meine Herrschaften. Hier durch diese Thüre!«

Eben wollten sie gehen, da fiel Walkers Blick zum Fenster hinaus. Er zuckte zusammen und sagte:

»Ja, gehen wir schnell. Dort kommt Wilkins.«

Der Genannte kam auf das Stationsgebäude zugeschritten.

»Das also ist er,« sagte Balzer. »Er darf Euch nicht sehen. Tretet einstweilen hier durch die Thür. Jedenfalls werde ich selbst fragen, was er will.«

»Recht so! Aber uns ja nicht verrathen!«

»Unsinn! Also hier durch die Thür.«

Er ging zum Ausgange und stellte sich draußen so, daß Wilkins zu ihm und zu keinem Andern kommen mußte. Der Letztere lenkte auch grad auf ihn ein, grüßte höflich und fragte:

»Bitte, Sennor, wann ist der letzte Zug nach Dos Palmas hier fort?«

»Vor einer kleinen halben Stunde.«

Es war derjenige Zug, mit welchem Walker und seine Begleiter gekommen waren.

»Höchst angenehm. Eine Depesche, welche vor vier oder fünf Stunden an mich gekommen ist, ruft mich nach Dos Palmas; leider aber bin ich nicht anwesend gewesen und habe sie also erst jetzt geöffnet. Wann geht denn der nächste Zug?«

»Morgen um dieselbe Zeit.«

»Erst?«

»Ja. Die Bahn ist neu, der Betrieb noch nicht im Gange. Es wird bis jetzt täglich nur ein Zug abgelassen.«

»Unangenehm, höchst unangenehm! So muß ich also wirklich bis morgen warten?«

»Leider, Sennor.«

»Giebt es keine andere Gelegenheit?«

»Es giebt hier keine Post, würde auch nichts helfen. Dos Palmas liegt jenseits des Colorado. Die Tour ist beschwerlich und langweilig. Ihr kämt überdies später hin als mit dem Zuge, obgleich dieser erst morgen von hier fortgeht.«

»Und zu Wasser?«

»Hm! Wir befinden uns am Rio Gila. Dieser ist nur zwanzig Meilen oberhalb seiner Mündung in den Colorado für Kähne fahrbar. Und diese Kähne sind nicht empfehlenswerth. Ich kann Euch nur rathen, bis morgen zu warten.«

»Dann muß ich wohl. Danke sehr.«

Er entfernte sich. Balzer kehrte zu seinen Gästen zurück und berichtete ihnen den Gegenstand des Gespräches mit Wilkins.

»Das hast Du recht gemacht,« sagte Roulin.

»O, ich hätte auch nicht anders gekonnt. Die einzige Wassergelegenheit wäre mein Seelenverkäufer; aber erstens gebe ich den nicht für Reisende her und zweitens würde Master Wilkins damit nur bis Gila City und Yuma kommen, dann aber immer noch auf den Zug warten müssen, um die Landstrecke, welche übrig bleibt, zurückzulegen.«

»Wie, Du hast einen Seelenverkäufer?«

»Ja, ganz Sant-Louiser Modell. Ein prächtiges Fahrzeug. Ich liebe den Wassersport und da ich hier, wie bereits gesagt, an langer Weile leide, so habe ich die gute Gelegenheit, welche sich mir zum Ankaufe des Fahrzeuges bot, natürlich benutzt. Ich habe es noch dazu außerordentlich billig. Doch bitte, kommt mit!«

Walker wäre gern noch stehen geblieben, um weiter über da« Fahrzeug zu sprechen. Es war ihm ein sehr guter Gedanke gekommen. Da er sich aber sagte, daß zum Ausspruche desselben ja noch Zeit sei, so folgte er den Anderen, welche von Balzer eine Treppe emporgeführt wurden und zwar nach drei Zimmern, welche neben einander lagen und noch ein wenig besser meublirt waren, als Balzer vorhin gesagt hatte. Eines derselben wurde für die Sennorita bestimmt, während die beiden anderen den Sennores als Wohnung dienen sollten.

Balzer sorgte zunächst für Wasser zum Waschen und sodann für eine Mahlzeit. An der Letzteren nahm er selbst Theil. Noch aber hatte man kaum mit dem Essen begonnen, so wurde er zum Telegraphisten gerufen. Er ging, und die Anderen warteten mit großer Spannung auf seine Rückkehr. Als er kam, zeigte er mit triumphirender Miene eine verschlossene Depesche vor.

»Da ist sie, meine Herrschaften!«

»An Wilkins?«

»Ja. Da steht: Sennor Wilkins vom Silbersee. Zu erfragen in Mohawk-Station.«

»Prächtig! Zeig einmal her!« sagte Roulin.

»Hier! Aber Vorsicht!«

»Natürlich!«

Roulin befeuchtete den Verschluß so lange von außen, bis die Feuchtigkeit durch das Papier drang und die Klebmasse auflöste. Dann konnte er leicht öffnen. Ohne daran zu denken, daß er sich durch den Inhalt vor Balzer blamiren könne, las er laut vor:

»Walker und Genossen suchen Euch. Sie kommen noch vor uns hin. Ergreift Eure Maßregeln. Leider geht kein Zug mehr. Wir können erst morgen Nachmittag kommen. Gila-Bend. Steinbach.«

»Sapperment! Das ist doch dieselbe Unterschrift: Steinbach!« sagte Balzer.

Erst jetzt fiel es Roulin ein, daß er seinen Studiengenossen ganz absichtslos in das Vertrauen gezogen hatte, doch war er um eine Ausrede gar nicht verlegen. Er erklärte ihm:

»Ja, Steinbach, mein Nebenbuhler.«

»Nebenbuhler? So handelt es sich um eine Dame?«

»Ja, um meine Geliebte.«

»Alter Kerl! Was höre ich? Du bist verliebt?«

»Bis über die Ohren.«

»Ich auch. Darum entschuldige ich Dich. Darf man erfahren, wer die Süße ist?«

»Eben eines der beiden Mädchen, welche sich bei Wilkins hier befinden!«

»Ah! Jetzt errathe ich!«

»Nicht wahr? Die Sennorita liebt mich; ihr Vater aber ist gegen mich. Ich bin ihr nachgereist, um sie zu treffen. Nun reist dieser dumme Steinbach mir nach, um das zu verhindern. Ein Glück, daß er noch einen Tag auf den Zug warten muß.«

»Aber in welchem Verhältnisse steht denn dieser Wilkins zu Deiner Geliebten?«

»Er ist ihr Oheim,« log Roulin. »Er steht auch auf der Seite dieses Steinbach.«

»Ein deutscher Name.«

»Der Kerl ist auch ein Deutscher.«

»Hole ihn der Teufel! Ich habe diese Nation nie leiden können. Ich würde mich freuen, wenn ich Dir dienen könnte.«

»Das kannst Du. Und da Du sagst, daß auch Du verliebt bist, so ist es mir vielleicht möglich, auch Dir beizustehen.«

Balzer warf einen vielsagenden Blick auf Miranda und antwortete:

»Das ist möglich, sogar sehr leicht möglich. Schließen wir also einen Bund miteinander. Was kann ich für Dich thun?«

»Jedenfalls nur eins: Sorge gefälligst dafür, daß Wilkins diese Depesche nicht bekommt!«

»Das ist unmöglich!«

»Nichts ist unmöglich!«

»Ich würde bestraft werden.«

»Du hast sie verloren.«

»Das müßte ich melden.«

»So gieb sie wenigstens nicht vor morgen Mittag ab.«

»Auch darauf darf ich nicht eingehen. Es thut mir sehr leid, unendlich leid. Ich möchte Dir sehr gern zu Diensten sein.«

Miranda saß neben ihm. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, blickte ihm siegreich in die Augen und sagte:

»Sennor, würdet Ihr auch mir diesen Gefallen nicht thun?«

»Euch?«

Er schlug die Augen nieder und gab weiter keine Antwort. Die Pflicht rang in seinem Innern mit dem Gefühle, welches ihm das reizende Mädchen eingeflößt hatte. Miranda bog sich ihm noch näher und sagte:

»Fällt es Euch so schwer?«

»Unendlich schwer, Sennorita. Ich möchte für Euch Alles thun, was menschenmöglich ist. Hier aber handelt es sich um meine Ehre.«

»Das sehe ich nicht ein.«

»Was Ihr von mir verlangt, ist ein ganz gemeines Verbrechen und wird als solches bestraft.«

»Das wollen wir nicht so schnell beurtheilen. Sprechen wir nachher davon, Sennor, nachher, wenn wir gegessen haben.«

»Ja,« fiel Walker ein. »Ich habe da eine viel wichtigere Frage an Euch zu richten. Ihr spracht vorhin von einem Schiffe. Ihr nanntet es einen Seelenverkäufer. Was ist das?«

»Es ist ganz dieselbe Art von Boot, welche auf dem Mississippi Chikenthief, Hühnerdieb, genannt werden, einmastig, schmal, scharf auf dem Kiel gebaut mit einer verdeckten Cajüte.«

»Woher der Name?«

»Ein solches Boot segelt ungeheuer schnell und wird daher, früher wohl noch mehr als heute, zu Fahrten gebraucht, welche nicht ganz im Sinne des Gesetzes liegen. Die Schnelligkeit eines solchen Seelenverkäufers machte es dem Besitzer leichter, seinen Verfolgern zu entkommen.«

»Und wie kommt Ihr zu einem solchen Boote?«

»Auf die einfachste Weise von der Welt. Einige Meilen oberhalb unseres Ortes war eine Militärstation, der Apache-, Papago-, Yuma- und Maricopa- Indianer wegen, deren Gebiete hier zusammenstoßen. Der Commandant hatte sich das Boot bauen lassen, um besser hinter den Indianercanots her sein zu können. Als die Station einging, brauchte er es nicht mehr und verkaufte es mir um eine wirklich sehr geringfügige Summe.«

»Wie viel Bemannung hat es?«

»Fünf Mann. Vier Matrosen und den Steuermann, welcher zugleich Capitän ist.«

»Zwanzig, wenn man bequem fahren will. In der Cajüte können acht Personen sehr gemüthlich beisammen wohnen. Sie ist beinahe elegant eingerichtet. Wenn es Euch Spaß macht, kann ich Euch das Fahrzeug zeigen.«

»Und Ihr verleiht es nicht?«

»Nein.«

»Schade, jammerschade!«

»Warum?«

»Ihr hättet un« einen Gefallen thun und Euch dabei eine hübsche Summe verdienen können.«

»Wieso? Meint Ihr etwa, daß Ihr das Boot benutzen wolltet?«

»Ja.«

»Wozu?«

»Das sollte Euch sofort einleuchten, nachdem Sennor Roulin von seiner Liebe gesprochen hat.«

»Sapperment! Da geht mir das Verständniß auf! Wilkins muß bis morgen auf den Zug warten. Ihr wollt, er soll mein Boot benutzen?«

»Ja.«

»Und Ihr wollt mitfahren?«

»Natürlich. Sennor Roulin will ja bei seiner Geliebten sein.«

»Das wäre ja ein verdammt schlauer Streich!«

»Freilich! Wenn morgen dann dieser dumme Steinbach kommt, findet er uns nicht mehr. Er braucht es überhaupt nicht zu erfahren, wohin wir sind.«

»So wollt Ihr nicht nach Dos Palmas?«

»Fällt uns gar nicht ein.«

»Wohin sonst?«

»Hm! Das ist eigentlich ein Geheimniß. Wir könnten und müßten es Euch erst dann mittheilen, wenn Ihr Euch entschließen könntet, uns Euer Boot zu dieser Fahrt zu leihen.«

Balzer wurde nachdenklich. Er blickte Miranda an und sagte dann endlich:

»Vielleicht ist es möglich. Wer von Euch fährt mit?«

»Wir alle.«

»Auch Donna Miranda?«

»Natürlich.«

»Ich werde es mir überlegen.«

»Das darf aber nicht lange dauern, Sennor. Wir haben Eile!«

»Es hat nur ein Hinderniß. Natürlich müßte ich als Eigentümer des Bootes mit.«

»Das versteht sich doch ganz von selbst.«

»So will ich unten einmal anfragen, ob meine Gegenwart nothwendig ist oder ob und wie lange ich hier abkommen kann.«

Er stand vom Tische auf und verließ das Zimmer.

»Das ist ein prächtiger Einfall, den Ihr da gehabt habt, Sennor Walker,« sagte Roulin. »Hoffentlich geht er darauf ein.«

»Ganz gewiß, nämlich wenn Miranda es klug anfängt. Er bekommt da Gelegenheit, mehrere Tage mit ihr beisammen zu sein. Wie weit würden wir fahren?«

»Von hier in den Colorado und dann diesen hinauf bis in die Gegend von Aubrey. Dort lagern die Papagoindianer, unter deren Schutz wir mit unsern Gefangenen bis nach dem Todesthale gelangen würden. Es frägt sich nur, ob wir diesen Wilkins in das Boot bekommen würden.«

»Ohne allen Zweifel.«

»Wie denn?«

»Das ist Sennorita Miranda's Sache. Sie würde sich nach dem Hotel begeben. Meine Instructionen kann sie erhalten, nachdem dieser gute, verliebte Balzer sich bereit erklärt hat.«

Der Genannte kam erst zurück, nachdem die Gesellschaft mit dem Essen fertig war. Miranda hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen, nicht aus Bedürfniß sondern aus Berechnung. Dies machte Balzer sich zur Veranlassung, oder vielmehr er ging in die ihm gestellte Falle und fragte:

»Wo ist die Donna?«

»In ihrem Zimmer.«

»Dort ist ja noch nicht Alles in Ordnung. Ich war auf Gäste heut gar nicht eingerichtet. Darum muß ich gleich zu ihr, um nach ihren Wünschen zu fragen.«

Er ging.

»Angebissen!« lachte Walker leise hinter ihm her.

»Die Maus geht auf den Speck!« fügte Roulin hinzu. »O Liebe, was bist Du doch für ein albernes, dummes, kurzsichtiges Ding!«

Er beurtheilte Balzer falsch. Was dieser fühlte, war ja nicht die Liebe, die Himmelstochter, sondern es war jenes irdische Wesen, welches sich am liebsten im Schmutze herumwälzt. Als Balzer bei der Donna eintrat, lag sie in der Hängematte. Sie hatte mit Sicherheit darauf gerechnet, daß er kommen werde und sich also eine Lage gegeben, welche ihren Eindruck nicht verfehlen konnte.

Sie hatte Hut und Mantel abgelegt. Das Haar war ihr aufgegangen und fiel nun in langer Fluth hernieder. Wie um sich das Athmen zu erleichtern, hatte die Donna das Kleid aufgeknöpft, so daß durch das ebenso geöffnete Hemde die marmorne Weiße des Busens leuchtete. Das eine Bein hing herab; das Andere lag hoch in der Hängematte. Dadurch war das Kleid in der Weise drapirt, daß man nicht nur die Füße, sondern den größten Theil des unteren Beines unverhüllt sehen konnte.

Als er eintrat, heuchelte sie, erschrocken zu sein.

»Mein Gott! Wer kommt! Ihr!«

Sie wollte emporfahren. Leider aber hatte sie es so eingerichtet, daß mehrere Strähnen ihres Haares durch die Maschen der Matte hingen und sich nun verfitzten. Sie konnte mit dem Kopfe nicht empor; sie konnte sich nicht erheben.

»Geht, geht!« rief sie. »Ich dachte, hier allein sein zu können!«

Sie wehrte mit den Händen ab. Dabei aber fielen die weiten Aermel ihres Kleides zurück, so daß ihre weißen, fleischigen Arme bis hinter die Ellbogen zu sehen waren. Bei diesem Anblicke durchzuckte es ihn glühend heiß. Er eilte auf sie zu, ergriff ihre Hand und sagte:

»Verzeiht, Madonna, daß ich störe!«

Sie entriß ihm die Hand und antwortete:

»Nein, nein! Fort, fort!«

»Gnade! Laßt mich hier!«

»Unmöglich, unmöglich!«

»Ich schwöre Euch, daß – – –«

»Geht, geht!« fiel sie ihm in die Rede. »Ihr seht doch, daß ich nicht in der Situation bin, einen Besuch zu empfangen.«

»Aber, bei allen Himmeln, ich bin auch nicht in der Situation, Euch zu verlassen!«

Er ergriff abermals ihre Hand. Sie that, als wolle sie ihm dieselbe entreißen, hütete sich aber sehr wohl, die dazu nöthige Kraft anzuwenden. In der Bemühung, sich aufzurichten, verschob sie ihr Gewand nur noch mehr, so daß ihre Reize sich seinem Blicke nur noch deutlicher boten. Darüber gerieth sie scheinbar in Zorn, in schamhafte Aufregung und machte dabei die Sache desto schlimmer.

»O, könnte ich doch auf! Mein Haar, mein Haar hält mich zurück! Seht Ihr es denn nicht!«

»Wohl sehe ich es.«

»So helft mir doch! Macht mich los aus diesen Maschen!«

Sein Angesicht war vor Aufregung ganz bleich geworden. Seine Augen glühten. Halb verhüllte Reize machen ja bekanntlich einen weit größern Eindruck als ganz unverhüllte. Er hätte um Alles in der Welt den gegenwärtigen Anblick nicht hingegeben.

»Ich werde mich hüten!« antwortete er, ohne daß er eigentlich wußte, was er sagte.

»Wie? Euch hüten? Wißt Ihr nicht, was Ihr einer Dame schuldig seid, die noch dazu Euer Gast ist?!«

»Sennorita, daran denke ich nicht. Ihr seid nicht eine Dame; Ihr seid nicht mein Gast. Ihr seid ein Engel, eine Huri aus Muhammeds Paradies, eine Venus, eine Göttin. Ich bete Euch an!«

Er legte den einen Arm unter die Hängematte, den andern um die Donna und drückte diese fest, fest an sich.

»Nennt Ihr das Anbetung!«

Sie that, als ob sie ihm widerstehe, als ob sie diese Worte keuchend vor Anstrengung hervorstoßen müsse. Dabei aber drückte sie den vollen, üppigen Busen mit Absicht nur desto fester an seine Brust.

»Schweigt, schweigt, Sennorita!«

Er suchte mit seinem Munde ihre Lippen.

»Nein, rufen will ich! Hören soll man mich!«

Sie that, als wolle sie ihm mit dem Munde ausweichen, traf aber desto sicherer den seinigen. Dabei ergriff sie ihn mit beiden Händen am Kopfe, als ob sie ihn zurückstoßen wolle, hielt ihn aber im Gegentheile so fest, daß der Kuß ein langer, langer und verführerischer wurde.

»Nein, nein! Nicht so, nicht so!« stöhnte sie dann.

»Laßt mich doch; laßt mich doch! Ich hasse Euch!«

Er aber hielt sie fest und antwortete:

»Haßt mich, ja haßt mich! Aber küssen werde ich Euch dennoch, küssen, küssen, küssen, bis Ihr mir sagt, daß Ihr auch lieben wollt!«

»Niemals, nie!«

»Und doch, doch, dennoch!«

Er hielt sie so fest, daß sie sich nicht mehr zu bewegen vermochte. Wenigstens schien es so. Aber wenn sie nur ernstlich gewollt hätte, so wäre es ihr jedenfalls nicht schwer geworden, sich von ihm zu befreien.

Er küßte, küßte und küßte bis – – die Hängematte die Last zweier Personen nicht mehr zu tragen vermochte. Einer der in den Wänden befestigten Haken, an welchen sie hing, gab nach. Er wurde aus der Mauer gerissen. Die Hängematte fiel mit Beiden zu Boden.

»Himmel! Wir fallen! Da, da – liegen wir!«

So rief sie erschrocken. Aber in ihrem Schrecke hielt sie sich doch so an ihm fest, als glaube sie, daß sie sonst noch viel tiefer fallen werde. Jetzt aber machte er sich aus ihrer Umschlingung los.

»Verzeihung, Madame! Hat es Euch wehe gethan?«

»Wehe? Der Fall wohl nicht aber – Euer Benehmen! Seht Ihr denn nicht, daß mein Haar noch immer in den Maschen hängt! Helft mir doch! Macht mich doch los!«

»Gleich, gleich! Zeigt her!«

Erst jetzt gehorchte er ihr. Während er bemüht war, ihr Haar und somit sie selbst von der Hängematte zu befreien, zitterten seine Hände, so aufgeregt war er. Er mußte ja Alles berühren, ihr Haar, ihren Kopf; er streifte ihren Nacken, ihre Arme, ihren Busen. Und das bemerkte sie gar nicht; das litt sie so ruhig. Sie sah gar nicht, daß in Folge des Falles sich das Kleid noch mehr vom Fuße herauf geschoben hatte. Sie hielt so still, damit ja keins ihrer Haare bei seinem Bemühen, sie zu befreien, verloren gehe. Aber das dauerte lange, sehr lange. Dabei wurde er ruhig, und auch sie schien in eine andere Stimmung gekommen zu sein.

»Da, endlich! Jetzt seid Ihr frei, Sennorita.«

»Ich danke Euch!«

»Also der Fall hat Euch nicht wehe gethan?«

»Ich hoffe es. Gewiß weiß ich es freilich noch nicht.«

Sie wollte sich vom Boden erheben. Es schien ihr nicht zu gelingen!

»O wehe! So helft mir doch!«

Sie hielt ihm beide Arme hin. Er ergriff den einen, legte seinen andern um ihre Taille und hob sie empor. Als ob erst jetzt die weibliche Schwäche über sie komme, zuckte sie zusammen und stützte sich auf ihn.

»Was ists? Habt Ihr Schmerzen?« fragte er.

Sie deutete nach dem Herzen.

»Doch nicht! Sollte etwa eine Rippe – – –?«

»Mir wird ganz übel!«

Sie legte plötzlich beide Arme um seinen Hals und hing sich schwer an ihn.

»So kommt zum Sopha!«

Er führte sie hin und ließ sie in das Kissen gleiten. Sie legte den Kopf hintenüber, schloß die Augen und flüsterte, obgleich sie saß:

»Haltet mich!«

»Habt Ihr Schwindel?«

»Ja.«

»Herrgott! Ein Arzt – ein Arzt – – –!«

»Nein, nein! Auf keinen Fall!«

»Es ist auch keiner da. Ich hatte im Schreck ganz vergessen, daß es hier in Mohawk-Station gar keinen Doctor giebt. Aber wollt Ihr vielleicht an Stelle des Arztes ein Glas Wasser?«

»Nein; geht nicht fort!«

»Aber Etwas muß doch geschehen!«

Sie holte mehrere Male tief und ängstlich Athem und antwortete dann:

»Ich habe – habe – keinen Athem. Luft, Luft!«

Er eilte an das Fenster und machte dasselbe, welches bereits offen stand, noch weiter auf.

»So nicht. Das hilft nicht.«

»Was denn?«

»Hier!«

Sie deutete mit der Hand auf das Corset.

»Soll ich aufmachen?« fragte er.

»Ja, schnell!«

Er gehorchte diesem Befehle weit lieber als jedem andern. »Schnell« hatte sie gesagt, dennoch aber brachte er sehr lange zu, ob mit Absicht oder ohne dieselbe, das war nicht zu sagen; aber als es ihm endlich gelungen war, seufzte sie langsam und tief auf und flüsterte, indem ihre Wangen Farbe bekamen:

»Dem Himmel sei Dank! Ich wäre erstickt!«

»So ist es Euch jetzt besser?«

»Viel – viel besser.«

»Und schmerzt es hier noch?«

Er legte ihr seine Hand auf das Herz.

»Nein, auch nicht mehr,« antwortete sie, indem sie die Berührung gar nicht zu fühlen schien.

Auch bemerkte sie gar nicht, daß er seine Hand an der angegebenen Stelle liegen ließ und daß er den andern Arm um ihren Nacken legte und ihren Kopf an sein Herz zog.

»So scheint es doch, daß Ihr Euch keinen Schaden gethan habt?«

»Nein; nur schwach bin ich.«

»Legt Euch fest an mich. Ich stütze Euch.«

Sie rückte fester an ihn heran und schloß die Augen. Sein Blick glitt langsam, langsam über ihre Gestalt, so langsam, daß ihm nicht die geringste ihrer Schönheiten entgehen konnte. Es fragt sich, ob er aufgestanden wäre, wenn der Blitz in diesem Augenblicke in der Nähe des Stationsgebäudes eingeschlagen hätte. Eine solche Fülle von Reizen hatte er noch nie, noch nie gesehen. Er bog sich nieder und küßte ihr Haar, ihre Stirn, ihre Wangen, ihren Nacken, bis endlich sein Mund an ihren Lippen hangen blieb. Und jetzt hatte sie nichts dagegen. Sie sträubte sich nicht. Sie lag still und bewegungslos an seinem Herzen und hielt die Augen geschlossen.

War sie etwa ohnmächtig? Wohl nicht. Ihr Busen hob und senkte sich regelmäßig, und seine Hand, welche grad auf ihrem Herzen lag, fühlte die regelrechten, ruhigen Schläge desselben.

»Sennorita!« flüsterte er.

Sie antwortete nicht.

»Donna Miranda!«

Jetzt bewegte sie sich leise.

»Miranda, meine Miranda!«

Sie öffnete die Augen und richtete den Blick auf ihn, und was für einen Blick, so still, so tief, so ergeben und doch so glühend, so verlangend.

»Hört Ihr mich?«

»Ja.«

»Zürnt Ihr mir?«

»Nein.«

»Und doch waret Ihr vorhin so bös auf mich!«

»Ich kannte es noch nicht.«

»Was?«

»Die – die Liebe.«

»Und jetzt kennt Ihr sie?«

»Ja.«

»So habe ich sie Euch kennen gelehrt? Ich, ich!«

»Ja, Ihr!« hauchte sie.

»Ist das wahr?«

»Gewiß und wahrhaftig?«

»Ich beschwöre es.«

»Ihr habt nie geliebt?«

»Niemals.«

»Nie geküßt?«

»Nie, außer meinen Vater und meine Mutter.«

Dabei sah sie so fromm und kindlich aus!

»Und Ihr seid also nie verlobt gewesen, habt niemals geliebt, wirklich wirklich?«

»Wirklich nicht.«

»Wer das glauben könnte!«

»Warum wollt Ihr es nicht glauben?«

»Ihr seid zu schön dazu.«

»Ich bin arm, so arm und habe stets so einsam leben müssen. Da denkt man nicht an Liebe.«

»Aber die Männer, welche Euch sahen, müssen daran denken, wenn sie nicht von Stein sind.«

»Ich habe es Ihnen nicht geglaubt.«

»Auch mir nicht?«

»Auch nicht.«

»Vorhin nicht, aber jetzt doch wohl?«

»Auch jetzt nicht? Wie?«

»Nein.«

»Du glaubst es nicht, daß ich Dich liebe?«

»Wie sollte ich das glauben!«

»Aber Du siehst es ja! Du liegst an meinem Herzen; Du fühlst meine Küsse!«

»Das ist nur für diese Stunde.«

»Nein, für immer, für ewig.«

»Das glaube ich nicht.«

»Ebenso brauche ich Dir nicht zu glauben, wenn Du sagst, daß Du noch nie geliebt habest. Wie sträubtest Du Dich vorhin, und jetzt bist Du so duldsam!«

»Muß ich denn nicht? Ist das eine Sünde?«

»Nein, eine Sünde ist es nicht, aber es widerspricht Deinem vorherigen Verhalten.«

»Ich weiß nicht, wie das ist und wie das kommt. Ich begreife mich ja selbst nicht. Es hat mich niemals ein Mann berühren dürfen. Auch Ihr solltet es nicht. Ich habe mich gewehrt. Aber als Ihr mich küßtet, da – – –«

Sie hielt inne.

»Was war da?«

»Ich kann es nicht sagen.«

»Sage es getrost. Zwei Personen, welche sich lieb haben, dürfen und müssen sogar sich Alles sagen.«

»Ich schäme mich.«

»Unsinn! Schäme ich denn mich, zu Dir von Liebe zu reden? Also, bitte, was war da, als ich Dich küßte?«

»Da kam ein Gefühl – – ein – – –«

»Ein Gefühl über Dich?«

»Nein, nicht über mich sondern durch mich. Es ging durch und durch, als wenn ich electrisirt worden wäre! es war wie allmächtig; ich konnte Euch nicht länger widerstehen.«

»Das ist die Liebe!«

»Ja, das ist die Liebe. Ich habe einmal in einem Buche gelesen. Es betitelte sich: Die Liebe, ihr Wesen, ihre seelischen Eigenschaften und ihre körperlichen Folgen. Darinnen stand geschrieben, daß – – –«

»Wie?« fiel er ihr erstaunt in die Rede. »In diesem Buche hast Du gelesen?«

»Ja.«

»Auch von den körperlichen Folgen der Liebe?«

»Ja. Es stand ja da, und so mußte ich es lesen.«

»Du warst eine Dame; Du hattest nie geliebt. Wie kommst Du zu diesem Buche?«

»Eine Freundin besaß es. Sie lobte es sehr; da wurde ich neugierig, und sie borgte es mir.«

»Waren etwa auch Abbildungen dabei?«

»Ja.«

»Donnerwetter! So ein Buch sollte niemals in weibliche Hände kommen.«

»Warum nicht? Muß das Weib dumm und unwissend sein? Darf das Mädchen nichts lernen? Darf es nicht wissen, welche Ansprüche später an ihren Körper gemacht werden? Fällt das Mädchen nicht viel leichter in Versuchung und Stricke, wenn es nicht weiß, was es nothwendig wissen muß?«

»Du magst Recht haben. Also was stand in dem Buche geschrieben?«

Er merkte gar nicht, daß die Schlaue, welche so vertrauensvoll und hingebend, so zart, so heilig und rein in seinen Armen lag, eine raffinirte Courtisane war und nur mit ihm spielte. Sie antwortete:

»Es stand darin: Wenn es bei einem Kusse so wie tausend Seeligkeiten durch den Körper schauert, das ist die Liebe. Und Derjenige, der so einen Kuß giebt, der ist der Richtige.«

»Dich hat es bei meinem Kusse so durchschauert?«

»Ja.«

»Wie oft aber schon vorher?«

»Es war zum allerersten Male. So ein Gefühl habe ich noch niemals gehabt.«

»So bin ich der Richtige?«

»Wenn das Buch die Wahrheit gesagt hat. Das Mädchen muß beim Kusse fühlen, daß es unmöglich ist, dem Küssenden zu widerstehen.«

»Zu widerstehen? Worin?«

»In Allem.«

»Ah! In Allem. Weißt Du, was Du sagst?«

»Ist es falsch? Habe ich vielleicht etwas Unrechtes gesagt, Sennor?«

»Nein. Im Gegentheile macht mich Das, was Du gesagt hast, außerordentlich glücklich. Ich ersehe daraus, daß Du mich liebst.«

Da schlang sie die Arme um seinen Hals, küßte ihn innig und antwortete:

»Ja, ich liebe Euch. Das muß ich gestehen; das kann und darf ich nicht verschweigen.«

»So nenne mich Du!«

»Nein.«

»Warum nicht.«

»Sich lieben, das giebt noch kein Recht dazu.«

»Was sonst?«

»Mann und Weib, Braut und Bräutigam sollen und dürfen sich Du nennen. Andere aber nicht.«

»Du wirst ja auch mein Bräutchen sein.«

»Noch bin ich es nicht. Noch ist es erst bewiesen, daß ich Euch liebe. Daß Ihr mich auch liebt, das habt Ihr mir zwar versichert, bewiesen aber nicht.«

»Ah! Beweise ich es denn nicht, indem ich Dich umarme und küsse?«

»Nein.«

»Du hast mir Deine Liebe ja durch ganz Dasselbe bewiesen!«

»Das ist etwas Anderes. Wenn ein Mädchen solche Umarmungen und Küsse duldet, so liebt es sicherlich; ein Mann aber ist, wenn er darf, mit Jeder zärtlich. Seine Küsse beweisen zwar sein Wohlgefallen, nicht aber seine Liebe. Er muß ganz andere Beweise bringen.«

»Nun, welche denn?«

»Thaten. Das Weib beweißt seine Liebe durch das Dulden und Leiden: das Weib ist passiv; es duldet die Liebkosungen, die Umarmungen, die Küsse des Geliebten. Der Mann aber muß handeln.«

»Nun, was müßte denn ich thun, um Dir zu beweisen, daß ich Dich wirklich liebe?«

»Es fällt mir nicht gleich Etwas ein – und doch. Soll ich Euch Eins sagen, was Ihr thun sollt?«

»Ja, sage es!«

»Vernichtet das Telegramm!«

»Das ist zu gefährlich.«

»Ist es nicht auch für mich gefährlich, Eure Liebkosungen zu erdulden?«

»Es kann mir an die Ehre gehen!«

»Kann es mir nicht auch an die Ehre gehen, wenn ich Euch glaube. Euch vertraue, mich Euch hingebe?«

*

55

»Ich kann nicht und kann nicht. Ich muß das Telegramm an den Adressaten abgeben.«

»So gebt es ab und macht diesem Adressaten Eure Liebeserklärung!«

Sie wand sich von ihm los.

»Miranda!« bat er.

»Was noch?«

»Bleib bei mir!«

»Es hat keinen Zweck.«

Er wollte sie fest halten. Jetzt aber zeigte sie eine geradezu überlegene Körperkraft. Es war ihm unmöglich, sie zu hindern. Sie stand vom Sopha auf und brachte ihren Anzug in Ordnung. Sie that das mit einer Ruhe, aus welcher der festeste Entschluß sprach, daß sie nichts mehr von ihm wissen wolle. Ihre Füße verschwanden unter dem Saume des Gewandes, ihr Busen unter dem Corset, ihr üppiger Arm unter den Aermeln. Als sie nun begann, auch das aufgelöste Haar in Ordnung zu bringen, überkam es ihm wie eine Angst die Liebe dieses herrlichen Wesens zu verlieren, diese Liebe, welche er soeben noch in so hohem Maße besessen hatte, daß Miranda in seinen Armen gelegen hatte, wie eigentlich nur das Weib in den Armen des angetrauten Gatten liegen soll. Er stand auf und sagte:

»Es ist viel, sehr viel, was Du verlangst!«

»Ist meine Liebe weniger?«

»Vielleicht!«

»So scheiden wir. Der Erste, den ich liebte, ist meiner Liebe nicht würdig. Ich werde wieder einsam durch das Leben gehen wie vorher; aber das ist besser als ein kurzes Glück genießen, welches sich später als Trug und Täuschung erweist.«

»Miranda, ich bitte Dich. Laß von Deiner Bedingung und Du sollst sehen, daß unser Glück die reine Wahrheit und nicht eine Täuschung ist!«

»Ich kann nicht verzichten.«

»Auf keinen Fall?«

»Auf keinen, zumal ich weiß, daß die Erfüllung meiner Bedingung keine üblen Folgen bringt.«

»Wie willst Du das wissen?«

»Ich weiß es, das ist genug. Jetzt bitte ich Euch, mich zu verlassen.«

»Du scherzest!«

»Es ist mein Ernst. Ich bedarf der Ruhe.«

»Und ich der Liebe!«

Et trat auf sie zu. Sie aber wich zurück und sagte in strengem Tone:

»Habt Ihr uns Eure Gastfreundschaft etwa nur angeboten, um uns zu belästigen? Draußen sitzen die Herren. Was sollen sie von mir denken?«

»Laß sie denken, was sie wollen, nur liebe mich!«

»Ich liebe keinen Unwürdigen.«

Sie hatte sich verhüllt; aber als sie stolz und drohend vor ihm stand, traten ihre vollen, herrlichen Formen so plastisch hervor, daß sie ihm fast noch schöner vorkam als vorher. Sollte er sie denn wirklich verloren geben?

»Miranda, habe Mitleid!«

»Mitleid? Den Mann, welchem meine Liebe gehören soll, will ich achten, nicht aber bemitleiden. Schämt Euch, Sennor, das von mir zu verlangen.«

»Ich meine ja nur in diesem Falle!«

»Schon gut! Ich wiederhole es: Verlaßt mich!«

»Es ist mir unmöglich!«

»So muß ich mich selbst von Euch befreien. Die Sennoras werden mir beistehen.«

Sie schritt nach der Thür. Kam es so weit, daß sie dieselbe öffnete, so war dieses reizende Weib für ihn verloren. Es gab keine Wahl mehr für ihn. Er ergriff ihren Arm, hielt sie zurück und sagte:

»Halt! Bleib da, Sennorita!«

»Nun?«

Sie blieb stehen und blitzte ihn mit stolzen, fangenden, herausfordernden Augen an.

»Ich will es thun!«

»Her damit!«

Er zog das Telegramm aus der Tasche und gab es ihr. Sie steckte es ein.

»Seid Ihr nun zufrieden?«

Sein Blick war beinahe angstvoll auf sie gerichtet. Es ist wahr: Ein schönes Weib hat mehr Einfluß auf den Mann als der beste Mann auf seine Frau. Die Augen Miranda's blickten milder, und ihre Züge nahmen ein freundliches Lächeln an. Sie reichte ihm die Hand und antwortete:

»Ganz zufrieden wohl noch nicht.«

»Warum? Was soll ich noch thun?«

»Das sage ich vielleicht später. Für jetzt aber halte ich es für meine Pflicht, Euch zu beruhigen. Es schadet Euch nichts, wenn dieses Telegramm verschwindet. Der Adressat hat eins erhalten.«

»Er soll doch zwei empfangen!«

»Eigentlich nur eins. Steinbach hat nur ein einzig Mal an ihn telegraphirt, das andere Mal sind wir selbst es gewesen.«

»Ah! Also ein Geniestreich!«

»Ja.«

»Aber der Inhalt! Der stimmt nicht!«

»Das geht Euch nichts an. Ueberdies wird kein Mensch das Telegramm auch nur erwähnen. Morgen, wenn Steinbach kommt, ist Wilkins mit den Damen fort. Wer soll dann fragen. Setzt Euch wieder zu mir. Es soll Versöhnung zwischen uns Beiden herrschen.«

Er nahm an ihrer Seite Platz. So, wie sie in den letzten zwei Minuten vor ihm gestanden hatte, wagte er kaum, sie wieder zu berühren. Sie war ein Dämon, aber ein reizender, süßer Dämon, der Einen in die Gefahr bringen konnte, aus lauter Liebe den Verstand zu verlieren.

»Was werdet Ihr mit der Depesche thun?« fragte er.

»Ich werde sie vernichten.«

»Können wir dies nicht sofort vornehmen?«

»Erst muß ich sie meinen Begleitern zeigen. Aber wie kommt es, daß Ihr nicht mehr Du zu mir sagt?«

»Darf ich denn?«

»Ich denke, Ihr habt mich lieb!«

»Unendlich!«

»Kaum möchte ich es glauben.«

»Blickt doch einmal in den Spiegel!«

»Das habe ich oft gethan,« lächelte sie.

»So müßt Ihr gesehen haben, wie schön Ihr seid.«

»Das sind Ansichten.«

»Ihr seid schön, unendlich schön.«

»O, man sagt, daß es sehr viele Arten von Schönheiten gebe!«

»Das ist wahr, und Ihr gehört zur herrlichsten Art derselben. Ihr gehört zu den herrlichen, üppigen, überwältigenden Schönheiten, die Einen um den Verstand bringen können!«

»Sehr gut! Aber ich hoffe, daß Ihr Euch noch in dem Besitze des Eurigen befindet!«

»Jetzt allerdings. Solche Auftritte wie vorhin aber dürfte ich nicht viele erleben.«

»So würdet Ihr ihn verlieren?«

»Ich befürchte es.«

»So wollen wir uns in Zukunft vor ähnlichen Scenen in Acht nehmen!« Sie blickte ihn dabei so zärtlich, so gewinnend an, daß er den Arm um sie legte und ausrief:

»Miranda, welch ein Wesen bist Du!«

»Ein überirdisches?«

»Fast möchte man es glauben.«

»Und doch sagtest Du, ich sei so sehr irdisch.«

»Wann hätte ich das gesagt?«

»Vorhin. Du nanntest mich üppig, überwältigend.«

»Das bist Du auch in hohem Grade.«

»So besitze ich also recht irdische Gaben. Ich weiß, baß ich keine ätherische Schönheit bin, und das ist mir sehr lieb. Die Liebe will leben und genießen. Was sie verlangt, muß man ihr gewähren.«

Er fühlte sich wie berauscht. Sie nannte ihn jetzt sogar Du.

»Wirst Du Wort halten?«

»Gewiß.«

»Also Alles gewährst Du mir?«

»Diese Lippen sind mein? Ich darf sie küssen?«

»Du darfst.«

»Dieser herrliche Nacken, dieser Busen – –?«

»Alles, Alles! Gehe nicht weiter! Ich bin Dein, wenn Du so bist, daß ich an Deiner Liebe nicht zu zweifeln brauche.«

»Du sollst an Sie glauben jetzt und in alle Ewigkeit.«

»Diese Ewigkeit bedeutet aber wohl nur den heutigen Tag, vielleicht gar nur wenige Stunden.«

»Warum?«

»Weil wir abreisen.«

»Ja, daran habe ich in meiner Liebe gar nicht mehr gedacht. Ihr wollt ja fort.«

»Und Du bleibst hier?«

Er blickte ihr voll und verlangend in die Augen und fragte:

»Soll ich denn bleiben?«

»Du hast zu bestimmen.«

»Oder soll ich mit?«

»Wie Du willst.«

»Sprich nicht so. Das klingt, als ob es Dir sehr gleichgiltig sei. Welches ist Dir lieber.«

»Frage doch nicht! Hier hast Du die Antwort!«

Sie nahm seinen Kopf in ihre Hand, drückte ihn an sich und küßte ihn dann ein-, zwei-, dreimal auf die Lippen. Diese drei Küsse sandten ein Feuer in seine Adern, welches ihn zu Allem fähig hätte machen können. Er rief entzückt:

»Also ich soll mit?«

»Ja freilich, freilich!«

»Und wenn ich es thue?«

»Kannst Du denn? Hast Du Zeit?«

»Ich habe Zeit mehr als eine ganze Woche.«

»So bin ich sehr, sehr glücklich darüber.«

»Wirklich? Wirst Du mir für dieses Opfer ein klein Wenig dankbar sein?«

»Ein klein Wenig? Lerne mich kennen! Ich hasse das Kleine, das Winzige. Wenn ich liebe, so ist meine Liebe eine Gluth, welche jedes Bedenken verschluckt, und bin ich dankbar, so ist meine Dankbarkeit ein Quell, welcher nicht fragt, von wem und wozu sein Wasser gebraucht und verwendet wird.«

»Ja, Du bist groß. Du bist herrlich. Wann reisen wir ab?«

»Das ist noch unbestimmt. Das kommt auf Zweierlei an. Zunächst müssen wir wissen, ob wir Deinen Seelenverkäufer erhalten können.«

»Natürlich.«

»Ist er ausgerüstet?«

»Für kurze Fahrten, ja. Wo wollt Ihr hin?«

»Wohl bis nach Aubrey hinauf?«

»Das ist sehr weit. Da muß ich für Proviant sorgen.«

»Ist die Bemannung bei der Hand?«

»Stets. Wenn ich die Leute nicht brauche, sind sie hier an der Bahn beschäftigt.«

»Kann man sich auf sie verlassen?«

»Unbedingt. Sie verstehen ihr Fach.«

»Das meine ich nicht. Du wirst bereits bemerkt haben, daß unsere Reise einen Zweck hat, den nicht ein Jeder zu kennen braucht. – – –«

»O, sie sind verschwiegen und nicht sehr wißbegierig.«

»Das ists nicht allein. Es ist möglich, daß wir von ihnen einen Dienst verlangen, welcher eigentlich nicht in ihr Fach schlägt. – – –«

»Sie sind gefällig.«

»Das ist auch nicht genug. Der Dienst kann der Art sein, daß er bedenklich erscheint.«

»Hm! Du weißt, daß die Bevölkerung des Südwestens nicht sehr wählerisch ist.«

»Wir wollen diesem Steinbach und seinem Wilkins einen Streich spielen, der wohl etwas derb angelegt ist. Er soll auf das Schiff gelockt werden und mit uns bis Aubrey fahren. Wie nun, wenn er nicht will, wenn er sich dagegen sträubt?«

»Wird er das?«

»Voraussichtlich.«

»So müßt Ihr ihn an das Land lassen.«

»Das liegt nicht in unserer Absicht. Dieser Wilkins ist ein Flüchtling. Er ist mit dem Gesetz zerfallen und wurde jahrelang von der Polizei vergebens gesucht.– – –«

»Aha! Warte, Hallunke!«

»Wir haben bisher Nachsicht mit ihm gehabt. Da er aber jetzt gar dem Sennor Roulin seine Geliebte entführt, so haben wir beschlossen, kurzen Prozeß zu machen. Wir locken ihn auf Dein Schiff, schaffen ihn nach Aubrey und übergeben ihn der dortigen Polizei.«

»Das ist das Klügste und Einfachste.«

»Er wird sich aber wehren.«

»Sich auf das Schiff schaffen zu lassen?«

»Nein, nein. Ich sage Dir ja, daß wir ihn an Bord locken werden. Aber wenn er sich dort befindet und unsere Absichten merkt, so wird er voraussichtlich Widerstand leisten. Es fragt sich nun, was Du in diesem Falle zu thun gedenkst.«

»Ich kann ihm weder helfen noch ihn unterdrücken. Ich habe nichts mit ihm zu thun.«

»Aber Deine Leute.«

»Auch ihnen geht das Dings nichts an.«

»Aber vielleicht werden wir ihrer Hilfe bedürfen.«

»Hm, das ist dumm. Man soll sich nicht in anderer Leute Angelegenheit mischen. Am Allerbesten ist es, Ihr miethet mir Beides, Schiff und Leute ab und wir unterschreiben einen Vertrag. Die Leute müssen Euch dann gehorchen, und die Verantwortung habt allein Ihr.«

»Geht das denn an?«

»Ganz gewiß. Aber was geschieht dann in Aubrey?«

»Mit wem?«

»Mit Dir? Bleibst Du dort?«

Da legte sie ihre Wange an die seinige und antwortete:

»In Aubrey werde ich frei! Ich werde da wissen, ob Deine Liebe keine Täuschung ist. Frage mich dann wieder, was ich zu thun gedenke.«

»Meine Miranda! Welch ein süßes, entzückendes Wesen bist Du! Aber bis dahin, während der Fahrt, da werde ich wohl recht schmachten und recht dürsten müssen?«

»Wer soll Dir das Trinken wehren?«

»Du! Verstehe wohl, ich meine nicht das profane Trinken, das Wasser trinken. Ich spreche von der Liebe.«

»Soll ich das Wasser sein, welches Du trinkst? Dann trinke in Gottes Namen, so viel Du vermagst.«

»Bis auf den Grund?«

»Bis auf den Grund,« nickte sie.

»Die Andern dürfen sehen und wissen, daß Du meine Geliebte bist?«

»Warum nicht?«

»Wie glücklich wäre ich, wenn Du nicht nur meine Geliebte sein wolltest. Meine Verlobte, meine Braut.«

»Wenn es Dich glücklich macht, dann gern.«

»Oder gar mein Weibchen, mein süßes, liebes Weibchen? Willst Du, Miranda?«

»Verstehe ich recht? Wir wollen während der Fahrt so leben wie Mann und Frau?«

»Ja.«

»Du verlangst zu viel!«

»Sagtest Du nicht, ich solle austrinken bis auf den Grund?«

»Ich dachte nicht, daß Du diesen Worten eine solche Deutung geben wirst. Aber beunruhigen wir uns jetzt nicht mit solchen Fragen. Genießen wir den gegenwärtigen Augenblick. Der morgende Tag mag für uns und sich selber sorgen.«

Sie zog ihn an sich, und er legte die Arme fest und warm um sie. So saßen sie, aneinander gepreßt, Lippe an Lippe. Sie küßten nicht, sondern sie tranken von Mund zu Mund. Er fühlte das sehnsuchtsvolle Wallen ihres Busens. Er schloß die Augen. Es war ihm, als ob die ganze Umgebung sich mit ihm rund um drehe.

Auf den Gedanken aber kam er nicht, daß eine solche Virtuosin der Liebe doch wohl nicht zum ersten Male lieben müsse. Er genoß den Augenblick, und dieser schien ihm ein Meer voller Entzücken zu sein. –

Wilkins war, als er sich bei Balzer erkundigt hatte, langsam nach Mohawk in sein Hotel zurückgekehrt. Er hatte freilich bereits vom Wirthe erfahren gehabt, daß der nächste Zug erst den künftigen Tag abgehe, es aber nicht glauben wollen. Nun hatte er sich Gewißheit geholt, eine Gewißheit, die nicht nach seinem Wunsche war und auch nicht nach dem Wunsche Derjenigen, welche ihn im Hotel erwarteten.

Sie saßen beisammen, Zimmermann, Magda Hauser, Almy Wilkins und waren wenig erbaut von dem, was sie erfuhren.

»Und doch telegraphirt Steinbach, daß wir augenblicklich aufbrechen sollen,« sagte Zimmermann. »Er muß seinen guten Grund zu dieser Aufforderung haben, sonst hätte er sie ja nicht an uns ergehen lassen. Was thun wir?«

»Wir müssen eben geduldig warten,« meinte Wilkins.

»Leider habe ich nicht sehr viel Geduld. Uebrigens scheint es mir auch, als ob Geduld ein Kraut sei, welches ganz im Stande ist, in unserm Falle giftig zu wirken. Sollte es wirklich keine andere Gelegenheit geben, schnell von hier fortzukommen?«

»Der Bahnbeamte, welchen ich frug, wußte keine.«

»Pah! Das kennt man. Ihm kommt es natürlich darauf an, so viel wie möglich Passagiere zu bekommen, damit die Bahn Etwas verdient. Es muß doch Pferde geben. Ich werde einmal gehen und Nachfrage halten.«

»Bleibt nur da, junger Freund. Ich werde das selbst besorgen!«

Wilkins ging, und Zimmermann befand sich mit den beiden jungen Damen wieder allein. Nach kurzer Zeit entfernte sich Almy, um irgend etwas Notwendiges vorzunehmen, und sofort stand auch Magda auf, um ihr zu folgen. Da aber bat er:

»Bitte, bleibt, Sennorita!«

Sie drehte sich unentschlossen um. Ihre Wangen hatten sich leicht geröthet, und an ihrem schönen wunderbar aufgesetzten Halse sah er, daß sie einige Male hinter einander schluckte. Das ist immer ein Zeichen von Verlegenheit

»Ihr flieht mich, Sennorita!« sagte er in vorwurfsvollem Tone.

»Ich, Euch?«

»Ja. Was habe ich Euch gethan?«

»Nichts, gar nichts!«

»So weiß ich nicht, warum Ihr Euch immer von mir wendet. Habt Ihr kein Vertrauen zu mir?«

»Sennor, ich weiß gar nicht, was ich Euch antworten soll. Ihr selbst wißt ja am Besten, daß ich Vertrauen zu Euch habe. Ihr habt es verdient.«

»Meint Ihr?«

»Ja. Ihr seid meinetwegen den Maricopa's nachgeschlichen und habt dann am Silbersee mit ihnen gekämpft. Ihr habt Euch für mich in Gefahr begeben. Warum sollte ich Euch nicht vertrauen?«

»Und dennoch fürchtet Ihr mich?«

»Ich Euch fürchten? Nein!«

»So fürchtet Ihr mich nicht selbst, sondern vielmehr meine Worte.«

»Ich verstehe Euch wirklich nicht.«

»Dann bitte, setzt Euch einmal zu mir! Wir wollen recht offen zu einander reden. Kommt her!«

Er ergriff ihr kleines, feines Händchen und zog sie zu dem Stuhle, welcher neben dem seinigen stand. Dabei wich die Farbe aus den Wangen und ihr Auge zeigte jene Feuchte und Unsicherheit, welche man nur bei Sorge oder Verlegenheit beobachtet. Er bemerkte das wohl und sagte in beruhigendem Tone zu ihr:

»Fürchtet Euch nicht, Sennorita! Ich werde die Worte, welche Ihr jetzt von mir zu hören erwartet, nicht sprechen. Ich habe Euch schon längst beobachtet und bin der Meinung, daß es zwischen uns Beiden zur Richtigkeit kommen muß.«

Sie ließ einen tiefen, ängstlichen Seufzer hören.

»Wolltet Ihr Etwas sagen?« fragte er, als er diesen Seufzer vernahm.

»Nein.«

»O doch! Seid aufrichtig! Was war es?«

»Ich fürchte, daß Ihr doch sagen werdet, was ich nicht hören mag.«

»Warum befürchtet Ihr es?«

»Weil Ihr davon spracht, daß es zwischen uns Beiden zur Richtigkeit kommen muß.«

»Darf ich rathen, was Ihr meint?«

»Nein, nein,« antwortete sie schnell.

»Ich werde es freilich gegen Euren Willen sagen müssen. Ihr meint, daß ich von Liebe zu Euch sprechen werde. Ist es nicht so?«

Sie senkte verlegen und verschämt das kleine Köpfchen, antwortete aber nicht.

»Ist es nicht so?« wiederholte er dringend.

Jetzt nickte sie. Ihre Wangen hatten sich glühend roth gefärbt.

»Nicht wahr, ich hatte Recht. Ihr habt stets gefürchtet, daß ich zu Euch von Liebe sprechen werde, und davor habt Ihr eine außerordentliche Angst gehabt. Ich habe Euch das so oft angemerkt. Ich habe diese Angst oft zertheilen wollen, aber stets wenn ich begann, floht Ihr von mir. Ich konnte niemals einen Augenblick allein mit Euch sein. Länger aber als bis heute habe ich doch nicht warten wollen.«

Da hob sie schnell den Kopf. Die Röthe wich aus ihren Wangen; ihre Augen bekamen neuen Glanz, und ihre Stimme klang viel fester als vorher:

»So habe ich mich getäuscht?«

»Ja, sehr, meine liebe Sennorita.«

»Gott sei Dank!«

Das kam so tief und freudig aus dem Herzen heraus, daß Zimmermann in vorwurfsvollem Tone sagte:

»Ihr müßt mich aber doch sehr, sehr hassen!«

»Hassen?« frug sie verwundert.

»Ja.«

»Warum meint Ihr das?«

»Weil Ihr gar so froh seid, daß ich nicht beabsichtige, Euch einen Heirathsantrag zu machen.«

Sie fiel abermals in peinliche Verlegenheit. Das süße Gesichtchen wurde wieder dunkelroth.

»Sennor Zimmermann!«

»O bitte, ich meine es nicht bös. Seid aufrichtig. Nicht wahr, Ihr seid froh?«

»Ihr zürnt mir doch, wenn ich antworte!«

»O nein. Wir müssen doch aufrichtig mit einander sein. Oder etwa nicht?«

»Ganz gewiß!« antwortete sie schnell vor Angst, daß er doch thun werde, was sie befürchtete.

»Nun also, seid Ihr froh?«

»Ja.«

»Da hat man es!« sagte er im Tone des Aergers.

»Seht Ihrs! Nun zürnt Ihr mir!«

»Nein, ich zürne Euch nicht.«

»Also liebt Ihr mich nicht?«

»Soll ich denn nicht?«

»Nein.«

Sie blickte ihn dabei so aufrichtig und ehrlich an, daß er doch lachen mußte.

»O wehe! Ich soll Euch nicht lieben und liebe Euch doch.«

»Herrgott! Da, da kommt es also doch!«

»Ja, es kommt; es muß ja kommen, Sennorita. Oder kann es einen einzigen Menschen geben, der Euch nicht liebt, sobald er Euch kennen lernt?«

»Es soll mich aber keiner lieben!«

»Warum nicht?«

»Ich will es nicht!«

Sie warf dabei das Köpfchen trotzig in den Nacken.

»Also auch ich nicht? Und doch kann ich Euch nicht gehorchen. Ich liebe Euch dennoch!«

»Da gehe ich schleunigst fort!«

Sie stand schnell auf und wollte sich entfernen. Er aber ergriff rasch ihr Händchen und sagte:

»Bitte, nicht so hastig! Es muß ja klar werden. Wißt Ihr denn nicht, daß es verschiedene Arten von Liebe giebt?«

»Verschiedene? Ja, ich habe davon gehört.«

Seine letzte Frage hatte sie sofort wieder beruhigt, und zwar so, daß sie ihm sogar ihre Hand ließ.

»Nun, welche Arten zum Beispiel?«

»A – a – – affenliebe!« platzte sie lachend heraus.

»Die giebt es freilich; aber ich habe sie nicht gemeint.«

»Vaterlandsliebe?«

»Auch nicht.«

»Stille Liebe?«

»Ja, ja!«

»So seid ja recht still davon!«

»Ich meine sie leider nicht, also darf ich auch nicht schweigen.«

»Elternliebe oder Kindesliebe.«

»Ihr kommt schon näher.«

»Bruder- oder Geschwisterliebe?«

»Jetzt, jetzt habt Ihr das Richtige getroffen! Bruderliebe, die ist es, welche ich für Euch hege. Darf ich Euch so lieb haben, wie ein Bruder seine Schwester?«

Sie schwieg einige Augenblicke. Sie blickte ihm fragend in die Augen; dann antwortete sie in hellem, fröhlichem Tone:

»Gern, o wie gern!«

»Also ich darf Euer Bruder sein?«

»Mein Bruder Carlos!«

»Und Ihr seid mein Schwesterchen?«

»Aus vollem Herzen!«

»So bitte, gebt mir zur Bekräftigung Euer kleines, allerliebstes Patschchen her!«

Er hielt ihr die Hand entgegen.

»Hier ist sie!« lachte sie, indem ihr Gesicht vor lauter Glück strahlte.

»So, ich danke Euch, Sennorita! Das ist Alles, was ich erreichen wollte, weil ich nicht mehr erreichen konnte. Ich habe eine Schwester, und Ihr habt einen Bruder, auf welchen Ihr Euch in jeder Lebenslage verlassen könnt. Nun ist Alles klar. Ist's so recht?«

»Ganz und gar recht.«

»Und Euer Herz ist leicht.«

»So leicht, so leicht! Ich hatte wirklich immer so große Angst, daß Ihr von Anderem sprechen würdet.«

Sein Auge zeigte einen feuchten Schimmer und seine Miene war sehr ernst, als er antwortete:

»Sennorita, Ihr hattet doch wohl ein Wenig Grund zur Sorge. Wenn ich nur eine Ahnung des Gelingens gehabt hätte, so wäre es doch wohl so geworden, wie Ihr befürchtet habt. Ihr seid ein helles, lichtes, reines Wesen, als hätte Euch der Herrgott vom Himmel gesandt und die Klarheit des Aethers wollte selbst auf der Erde nicht von Euch lassen. Mein Leben aber ist dunkel und traurig. Wenn nun am Horizonte eines solchen Lebens plötzlich ein Wesen erscheint, umstrahlt von der Aureole eines bessern Seins, dann ist es kein Wunder, wenn das Herz in Liebe und Anbetung klopft. Das sage ich Euch in aller Aufrichtigkeit. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, mein Herz zu bezwingen; ich habe es bezwungen, aber leicht ist es mir nicht geworden. Es hat vielleicht gar hier und da im Stillen geblutet; aber der Gedanke, daß ich ein Schwesterlein lieben darf, wird sich wie Balsam auf diese Wunden legen.«

Er senkte den Kopf und schwieg. Auch ihr Auge war feucht geworden. Sie trat leise einen Schritt näher. Wollte sie, oder folgte sie nur der Regung des Augenblickes – sie legte ihm beide Händchen auf den Kopf und sagte:

»Verzeiht mir! Ich kann ja nicht dafür. Der liebe Gott wird Eurem Herzen Frieden schenken!«

»Ja, ja, das mag er thun!« antwortete er, indem er sich erhob.

Da fielen ihre feuchten Blicke in einander. Der ihrige, vorher so zaghaft, wich dieses Mal dem seinigen nicht aus, sondern blieb fest an ihm hangen.

»Magda!«

»Karl!«

Er legte langsam und leise den Arm um sie und zog sie an sich heran. Eine tiefe Gluth flammte über ihr Gesicht; noch tiefere Blässe folgte darauf. Hatte sie schon wieder die bereits erwähnte Angst vor ihm? Sie floh aber nicht. Sie duldete, daß er ihr Köpfchen an sein Herz legte und dann mit seinen Lippen ihre reine, weiße Stirn berührte.

»Gott segne Dich, lieb Schwesterlein!
Mög stets ein Engel bei Dir sein,
Der Dich auf seinen Händen trage
Durch helle und durch trübe Tage!«

Er sagte dies langsam und aus tiefster Seele heraus, strich ihr noch einige Male liebkosend über das weiche Haar und schob sie dann von sich zurück.

Sie weinte leise. Das rührte ihm die tiefste Tiefe seines Herzens auf. Als er jetzt wieder sprach, hörte sie es seiner Stimme an, daß auch er mit einem Schluchzen rang, welches er kaum zu bezwingen vermochte:

»Weine ja nicht, Magda! Ich kann das nicht hören. Ich allein hab Thränen im Innern. Hast Du einmal gehört, daß Einer sich selbst begräbt?«

»Nein. Das ist doch unmöglich.«

»O, es ist im Gegentheile sehr möglich. Wenn ein tief angelegtes Gemüth so eine echte, richtige Herzensliebe fühlt, so hängt das Leben an dieser Liebe. Muß man der Liebe entsagen, so entsagt man dem Leben, denn leben heißt lieben. Heut habe auch ich eine solche Liebe zu Grabe getragen. Mein Leben wurde mit hinabgesenkt.«

»Das verhüte Gott!«

Sie war wirklich erschrocken.

»O, ich meine nicht mein körperliches, mein leibliches Leben,« tröstete er sie. »Das bleibt mir übrig, und das kann vielleicht sogar prächtig gedeihen, daß kein Mensch, der mich erblickt, es merkt, daß ich eigentlich todt bin. Mein Leben ist in das Deinige hinübergeflüchtet. Dort hat es eine heiligere, eine bessere Stelle als bei mir. Und das ist es, was mich tröstet.« Und in munterem Tone fuhr er fort: »Nun aber wollen wir die Köpfe nicht hängen. Geschwister sollen sich das Dasein nicht schwer sondern leicht machen. Und da habe ich Euch, Sennorita, Etwas mitzutheilen, was Euch veranlassen wird, Euer Köpfchen recht getrost und froh aufzurichten.«

»Was wäre das?«

»Er denkt an Euch.«

»Er? Wer?«

Es war ihrer unbefangenen Miene anzusehen, daß sie wirklich bei dieser Frage an keinen Menschen dachte.

»Nun, er!« antwortete er mit Nachdruck.

»Das verstehe ich nicht.«

»So muß ich durch eine andere Thür in die Kirche gehen. Nicht wahr, die Angst, daß ich von Liebe sprechen werde, hatte einen Grund?«

Sie dachte nach, aber vergebens. Darum antwortete sie:

»Welchen Grund sollte sie gehabt haben?«

»Einen Grund, der wohl nicht in mir lag, denn Ihr selbst habt mir gesagt, daß Ihr mich nicht haßt. Der Grund lag an einem Andern.«

»Wen meint Ihr?« fragte sie, noch immer ganz und gar unbefangen.

»Einen, den Ihr liebt.«

»Ich?«

»Ja, dem Euer kleines, liebes Herz gehört.«

»Da giebt es keinen!«

Er zog sie auf den Stuhl zurück und setzte sich neben sie. Trotz der Entsagung, welche er hatte leisten müssen, lag sein Auge mit aufrichtiger, tiefer Freundlichkeit auf ihrem sinnenden Gesichte.

»Ihr kennt wirklich keinen?«

»Nein,« antwortete sie, ihm ehrlich und offen in das Auge blickend.

Da glitt ein überlegenes und zugleich gerührtes Lächeln über sein Gesicht, und er rief:

»Welch ein unerklärliches Ding ist doch das kleine Menschenherz! Es beherbergt eine ganze Welt, ohne daß es selbst Etwas davon weiß. Wir sind Geschwister und wollen als Geschwister mit einander sprechen, aufrichtig, ohne Rückhalt und falsche Scham. Sagt mir, bin ich häßlich?«

»O nein,« lachte sie. »Ihr seid sogar ganz hübsch.«

»Alt?«

»Wer das behaupten wollte, wäre blind.«

»Habe ich einen schlechten Character?«

»Den allerbesten von der Welt!«

»Welche schlechten Eigenschaften besitze ich?«

»Ich kenne keine einzige.«

»Ein Glück, daß ich nicht auch mich für einen solchen Engel halte. Aber wenn ich wirklich so wäre, dann müßte ich doch eine höchst liebenswerthe Person sein.«

»Die seid Ihr auch in Wahrheit.«

»Und doch habt Ihr Furcht gehabt, daß ich von Liebe sprechen könnte!«

Sie wurde verlegen und antwortete nicht.

»Seht, Sennorita, das ist die Falle, in welcher ich Euch gefangen habe. Ich bin kein so seltener Kerl, wie Ihr meint; aber ich habe keine äußern Fehler; ich gefalle Euch; Ihr glaubt mir zu Dank verpflichtet sein zu müssen, und doch liebt Ihr mich nicht. Was ist der Grund?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich kenne ihn. Es ist der einzige, den es nur geben kann. Ihr liebt einen Andern.«

Sie schrak sichtlich zusammen.

»Einen Andern?« fragte sie, ihn ganz rathlos anblickend.

»Ja.«

»Mein Himmel! Welch ein Gedanke! Ihr irrt.«

»O nein. Ihr liebt einen Andern, und ich kenne ihn sogar sehr gut.«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Ich bin überzeugt, daß ich Eure Liebe errungen hätte, wenn Euer Herz überhaupt noch frei gewesen wäre. Daß mir das nicht gelungen ist, das ist der sicherste Beweis, daß ein Glücklicherer vor mir gekommen ist.«

»Aber Ihr irrt, Ihr irrt wirklich!« entgegnete sie im Tone tiefster Wahrheit.

»Laßt einmal sehen! Ich halte es für meine Pflicht, das Medaillon zu öffnen, aus welchem sein Bild Euch entgegenlächeln wird. Seid Ihr vielleicht einmal in San Franzisco gewesen?«

»Ja.«

»Dann auch in Carson-City.«

»Ja.«

Aber dieses Ja kam langsamer über die Zunge. Ihre Augen blickten wie forschend in das Weite, und ihre Wangen begannen, sich zu färben.

»Seid Ihr da nicht einem fremden Sennor begegnet?«

»Ich habe da sehr viele Männer gesehen.«

»Ich meine den, welchem Ihr auf der Treppe begegnetet, neben dem Ihr an der Tafel saßt und dem Ihr endlich Euren Namen sagtet.«

Jetzt fuhr sie vom Stuhle empor, blickte ihm starr in das Gesicht und fragte:

»Den? Den soll – soll – ich – ich lieben?«

»Ja, Schwesterchen.«

Sie legte sich die Hände vor die Augen, wie um gar nichts zu sehen und nur allein in die Vergangenheit zurückzublicken. Als sie dieselben dann rasch wieder herabnahm, war ihr Gesicht mehr als glühend roth.

»Gott, mein Gott!«

Diesen Ruf stieß sie aus, dann eilte sie so schnell wie möglich zur Thür hinaus.

Er blieb zurück und stützte den Kopf in die Hand. Sein Gesicht hatte einen trüben, beinahe gramvollen Ausdruck. Er flüsterte für sich hin:

»Welch ein Mädchen! Da kann eigentlich nur der Psycholog glauben. Sie hat geliebt, ohne es selbst zu wissen. Erst ich öffne ihr jetzt die Augen. Warum aber thue ich das? Könnte ich nicht ein Schurke sein und so lange um sie werben, bis sein Bild aus ihrer Seele verschwunden ist und sie dann mein werden könnte? Nein, hebe Dich weg, Satanas! Für den Preis eines solchen Verrathes möchte ich nicht einmal den Himmel erkaufen. Für Langendorff bin ich hier, und für ihn muß ich handeln, ob mir gleich das Herz blutet und ich mein Leben in immer enger und öder werdender Perspective verschmachten sehe, bis es zum kleinen Punkte wird, der dann in Nichts zerfließt.«

So saß er lange, lange in tiefer Trauer. Er hörte nicht, daß die Thür leise geöffnet wurde, daß Jemand eintrat und zu ihm herbeikam. Selbst den leisen Druck der Hand, welche sich auf seinen Arm legte, fühlte er nicht, bis endlich Magda's zagende Frage erklang:

»Ihr kennt ihn also?«

Er fuhr aus seinem Grübeln empor.

»Kennen? Wen?« fragte er, als ob er sich erst auf das Vorhergegangene besinnen müsse.

»Jenen Sennor in San Franzisco und Carson-City.«

»Ach, den!«

Er strich sich mit den Fingern durch das Haar. Sein irrer Blick bekam erst nach und nach Leben, und dann fragte er:

»Wolltet Ihr nicht etwas wissen, Sennorita?«

»Ja. Ich fragte, ob Ihr ihn kennt.«

»Ich kenne ihn.«

»Auch seinen Namen?«

»Er ist ein Deutscher und heißt Langendorff.«

»Ein Deutscher, ein Deutscher!« wiederholte sie, die kleinen Händchen in freudiger Verwunderung zusammenschlagend. Also doch!«

»Er hatte es Euch ja gesagt.«

»Jawohl aber – – – mein Gott, was ist Euch?«

Es fiel ihr erst jetzt sein ziemlich verstörtes Aussehen auf.

»Nichts, gar nichts. Ich habe plötzlich Zahn – – – Magen – – – wollte sagen, Kopfschmerzen bekommen.«

»Und sehr stark, wie es scheint?«

»Thut nichts; desto schneller gehen sie vorüber. Bitte, sprecht getrost weiter, wenn Ihr etwas erfahren wollt!«

»Ich möchte gern wissen, was er ist,« sagte sie mit liebenswürdiger Offenheit.

»Er ist – jetzt – jetzt – hm, er reist.«

»Als was?«

»Als Geograph oder Geolog oder Geognost oder Geometer oder Geodäter, ich weiß nicht mehr genau, aber ein Geo ist dabei.«

»Kennt Ihr seinen Vornamen?«

»Günther.«

»Gün – – ther!« sagte sie langsam und mit liebevoller Betonung. »Ein echt deutscher Name, hübsch, vollklingend und kräftig.«

»Der Name gefällt Euch also?«

»Sehr! Und wo wohnt er?«

»Er wohnt nicht, sondern er reist, wie ich bereits sagte. Er sucht nämlich – hm, etwas höchst Kostbares, was er verloren hat.«

»Verloren? O weh! Etwa eine bedeutende Summe?«

»Nein: daraus würde er sich wohl auch weniger machen. Er sucht eine Person, welche er bereits schon einige Male verloren hat.«

»Das ist noch schlimmer. Ist es ein Herr oder eine Dame?«

»Eine Dame.«

»Wohl gar Mutter oder Schwester?«

»Nein; es ist seine Geliebte.«

Er blickte sie dabei forschend an. Sie erbleichte sichtlich, trat einen Schritt zurück und stieß hervor:

»Geliebte? Er hat eine Geliebte?«

»Ja. Warum sollte er nicht!«

Sie hielt sich mit der Hand an der Lehne des Stuhles an.

»Mein Gott! Wer – hätte – das gedacht!«

»Nun er ist ja kein Knabe mehr.«

»Al – aller – – allerdings. Kennt Ihr vielleicht auch diese Geliebte?«

»Ja, freilich.«

»Ist sie etwa auch eine Deutsche?«

»Das zu entscheiden, fällt mir jetzt noch zu schwer.«

»Ihr Name?«

»Wollt Ihr den Vor- oder den Familiennamen erfahren, Sennorita?«

»Beide, beide!«

»Magda Hauser.«

Sie starrte ihn einige Augenblicke vollständig verständnißlos an. Dann aber kam die volle Erkenntniß plötzlich über sie. Sie schien mit einem Male größer zu werden.

»Magda Hauser! Das bin ja ich! Mich sucht er?«

»An allen Ecken und Enden.«

»Herrgott! Mich, mich sucht er, mich!« jubelte sie. »Und er hat keine Ahnung, daß ich hier bin?«

»Nicht die mindeste.«

»O, wo ist er, wo ist er? Sagt es mir, damit ich ihm Nachricht geben kann!«

Er hatte jetzt sich selbst ganz wiedergefunden. Er schüttelte lächelnd den Kopf, erhob warnend den Finger und sagte:

»Ich begreife Euch nicht, Sennorita. Er ist Euch völlig fremd; Ihr habt kaum zwei Worte mit ihm gesprochen, und Ihr behauptetet vorhin, daß Ihr kein Interesse für ihn hättet; nun aber jubelt Ihr wie eine Lerche über – –«

»Kein Interesse?« fiel sie ihm in die Rede. »Er ist es ja, den ich – den – den, nein, oder ja, den Ihr vorhin meintet!«

»Ich? Ich hätte ihn gemeint? Wann denn?«

»Als Ihr von dem spracht, wegen dem – dem – dem – mein Gott, wie mache ich es Euch nur deutlich!«

»Nun, nehmt Euch nur Zeit! Ich habe Geduld.«

Sie war vollständig in Feuer gerathen. Ihre Augen strahlten; ihr Gesicht glühte, und ihre Bewegungen und Gestikulationen waren so voller Seele und Leben, wie er es noch nie an ihr bemerkt hatte. Es schien ihr ganz gleich zu sein, ob sie nach den Regeln der Déhors handele oder nicht. Sie fuhr fort:

»Ihr spracht von dem, wegen dem ich von Euch – von Euch nichts – nichts – – –«

»Nichts wissen wollte?« ergänzte er lachend.

»Ja, so ist es.«

»Weiter!«

»Nun, er ist es; er ist derjenige wegen dem, er, Günther, kein Anderer.«

»Sapperment! Günther! Also bereits beim Vornamen! Ihr seid in diesen wenigen Minuten sehr vertraut mit ihm geworden!«

Sie bemerkte jetzt erst, wie weit sie sich hatte fortreißen lassen. Schon wollte sie sich ein Wenig schämen, da aber kam sie auf das beste Rettungsmittel. Sie wendete sich halb von ihm ab und antwortete in schmollendem Tone:

»Habt Ihr mich nicht erst vorher um Aufrichtigkeit gebeten? Habt Ihr Euch nicht meinen Bruder genannt? Und nun ich Euch den Willen thue und offenherzig spreche und handle, macht Ihr Euch über mich lustig!«

»Lustig? Da sei Gott vor! Mir ist ja überhaupt nicht allzu lustig zu Muthe.«

»Also er sucht mich wirklich?«

»Mit Schmerzen. Er hat Euch bereits monatelang gesucht, er und ich.«

»Wie? Auch Ihr?« fragte sie erstaunt.

»Ja. Wir haben Südcalifornien in zwei Hälften getheilt. Die eine durchwandere ich, und die andere durchstöbert er, um Euch zu finden.«

»Ist das möglich!« rief sie aus in heller Verwunderung die Hände zusammenschlagend. »Ich werde gesucht, ich, ich, von zwei Sennores, welche nicht wissen wo ich bin!«

»Freilich, freilich! Wüßten wir, wo Ihr seid, so hätten wir wahrhaftig nicht gesucht.«

»Aber Ihr wißt es ja!«

»Jetzt ja, früher aber nicht.«

»Habt Ihr ihm nicht Nachricht gegeben?«

»Noch nicht.«

»Warum nicht? So eilt doch, eilt!«

»Langsam, langsam, liebes Schwesterchen! Ich weiß ja selbst nicht wo er ist.«

»Ihr wißt es nicht? Lieber Gott! Was soll daraus werden! Erst habt Ihr mich gesucht, und nun müssen wir ihn suchen; schließlich geht dann Ihr uns verloren, und wir müssen auch Euch suchen. Die reinste Sucherei!«

»Ja, so kann es werden; nur meine ich, wenn Ihr ihn habt, so wird es Euch nicht einfallen, nach mir zu suchen. Ihr laßt mich einfach laufen.«

»Was denkt Ihr von mir! Aber wollen uns nicht über Unnöthiges ereifern und lieber an das Nothwendigste denken!«

»Ja. Das Nothwendigste ist natürlich – er, Günther.«

»Das versteht sich!« gestand sie in fröhlicher Aufrichtigkeit. Also, Ihr habt ihn verloren?«

»Nein. Wir können natürlich nicht an jedem Tage genau wissen, wo wir beiderseitig uns aufhalten. Darum haben wir uns ein Rendez-vous bestimmt, an welchem wir uns zur festen Zeit treffen.«

»Wo ist das?«

»In Prescott.«

»Ah! Wo Sennor Steinbach sich befindet mit den andern Sennores. Wie herrlich, wenn sie ihn träfen und gleich mitbrächten!«

»Langsam, langsam! Man darf sich nie das Unmögliche wünschen. Die Herren kennen einander ja gar nicht.«

»Aber sie können sich doch kennen lernen!« behauptete sie.

»Das hilfe zu gar nichts. Wie kann Sennor Steinbach ihm sagen, daß Ihr Diejenige seid, welche –? Er weiß ja gar nichts davon.«

»Sennor Steinbach? O, da kennt Ihr ihn schlecht. Der Fürst der Bleichgesichter ist zwar nicht allwissend, aber er durchschaut auf den ersten Blick gleich Alles. Er wird auch mich und Günther – – –«

»Ja, Günther, Günther!« nickte er lachend.

Sie aber ließ sich durch seine freundschaftliche Ironie nicht irre machen, sondern fuhr fort:

»Und Günther dort schauen und ihn gleich mitbringen.«

»Schön! Dann fliegen wir Beide dem lieben Günther mit ausgebreiteten Armen entgegen und – – –«

Er hielt inne.

»Bösewicht!« hatte sie gerufen und war aus der Stube geeilt.

Er blieb noch lange allein, kämpfend mit seiner Selbstsucht, doch gelang es ihm, die Stimme derselben zum Schweigen zu bringen.

Nachher kehrte Wilkins zurück. Er berichtete, daß nichts übrig bleibe, als bis auf morgen zum Zuge zu warten. Die einzige Reisegelegenheit sei ein »Hühnerdieb«, welcher unten am Ufer liege. Er gehöre aber dem Sohne des Stationers, welcher ihn nie als Transportmittel hergebe.

Später noch wurden die Stühle hinaus auf den Balcon geschafft, welcher sich längs der ganzen Gebäudefront hinzog und in verschiedene Abtheilungen getheilt war, je eine für ein jedes Zimmer. Man hatte von da aus eine reizende Aussicht über den Fluß hinüber nach den Eureka-Bergen.

In der Nebenabtheilung saß eine junge, reizende Dame, welche auch ihr Zimmer verlassen hatte, um die frische Luft und die Aussicht zu genießen. Sie hatte den Rücken halb herüber gewendet und schien sich um die Andern nicht zu bekümmern. Die beiden Mädchen, Zimmermann und Wilkins sprachen mit einander. Dabei wurden die Namen genannt, Sennor Wilkins, Sennor Zimmermann, Sennorita Magda und Sennorita Almy. Da plötzlich erhob die Unbekannte sich vom Sessel und drehte sich zu den Vieren herum. Sie verbeugte sich und sagte:

»Entschuldigung, Sennoritas und Sennores! Ich höre da Namen, für welche ich ein großes Interesse empfinden muß. Ist nicht ein Sennor Wilkins mit seiner Tochter Almy unter Euch?«

»Gewiß! Ich heiße Wilkins,« antwortete der frühere Pflanzer.

»Kommt Ihr vom Silbersee herab?«

»Ja,« antwortete er einigermaßen erstaunt.

»Dann seid Ihr es; ja, dann seid Ihr es! Welch ein Zufall! Ich bin ganz glücklich, Personen so unerwartet kennen zu lernen, deren Schicksal mir eine so lebhafte Theilnahme eingeflößt hat.«

»Wie? Ihr kennt unsere Schicksale?«

»Ziemlich genau. Aber erlaubt, mich Euch vorzustellen. Der Name meines Mannes ist Howk. Ich reise, um mit ihm zusammenzutreffen. Ich bin aus Baltimore.«

Man verbeugte sich gegenseitig, und dann fuhr die Dame fort:

»Ihr verfolgt einen gewissen Walker?«

»Ja.«

»Und Roulin?«

»Gewiß. Woher wißt Ihr das, Mis'siß?«

»Ihr kennt einen Master Steinbach?«

»O, sehr gut.«

»Sam Barth, Jim und Tim?«

»Ihr scheint gleich gut bekannt wie wir mit diesen Sennores zu sein?«

»Sehr gut. Wir trafen uns in Prescott.«

»In Prescott! Also vor ganz kurzer Zeit!«

»Ja. Ich komme von dort her, direct von dort. Ich logirte mit den Sennores in einer und derselben Venta, nämlich bei der sogenannten gelehrten Emeria, und hatte das Vergnügen, nicht nur mit ihnen zu verkehren sondern auch Theilnahme an ihren intimen Unterhaltungen zu nehmen. Das war die Folge eines kleinen Dienstes, welchen ich ganz zufällig den Sennores leistete. Ich hatte nämlich Bill Newton getroffen.«

»Der ist ja am Silbersee gefangen!«

»Nein, er ist von dort geflohen, und zwar mit Hilfe eines gewissen Leflor, welcher aus Wilkinsfield dahin gekommen war.«

»Leflor? Um Gotteswillen! der am Silbersee?«

»Ja. Ich hätte Euch eigentlich sehr viel zu erzählen; aber jedenfalls wißt Ihr bereits Alles. Wenigstens hörte ich, daß Sennor Steinbach einen Eilboten nach Gila Bend gesandt hat, um Euch von dort aus zu telegraphiren.«

»Das hat er freilich gethan, aber von den Ereignissen in Prescott ist da gar nichts erwähnt.«

»Er will nach Dos Palmas.«

»Das eben hat er telegraphirt, sonst nichts. Warum aber will er dorthin? Wir erwarteten ihn hier.«

»Weil Walker und Alle aus Prescott entkommen sind. Sie haben den Weg über Mineral-City nach Dos Palmas eingeschlagen. Dort wollen sie – ich weiß nicht was. Die Verfolger sind gleich hinterher, auf guten, ausgeruhten Pferden. Die Verbrecher werden sicher eingeholt werden. Ich bin überzeugt, daß die Sennores sich bereits in Dos Palmas befinden und auf Euch warten.«

»Verteufelt! und wir sitzen hier!«

»Und die Sennores können ohne Euch nicht weiter.«

»Das ist höchst unangenehm. Wir müssen leider bis morgen Nachmittag warten; dann erst kommt der nächste Zug.«

»Wie? So lang wolltet Ihr warten? Das ist doch nicht nöthig.«

»Es giebt keine andere Gelegenheit.«

»O doch. Ich biete Euch die meinige an. Ich segle nach Gila-City und Yuma. Von dort aus könnt Ihr auf Pferden die übrige Strecke in der kürzesten Zeit zurücklegen.«

»Habt Ihr ein Schiff?«

»Den Hühnerdieb, welchen mir der Sohn des hiesigen Stationers zur Verfügung gestellt hat. Ich komme per Boot von Prescott herab und will nun auch zu Wasser vollends bis Yuma, wo ich mit meinem Manne zusammentreffe. Ich wollte zwar erst morgen weiter, aber wenn Euch an einem schnellen Fortkommen gelegen ist, bin ich an jedem Augenblicke bereit, mit Euch aufzubrechen.«

»Euer Anerbieten ist ein ebenso großmüthiges wie uns höchst willkommenes, Mis'siß!«

»O bitte! Ich interessire mich für Euch und da versteht es sich ganz von selbst, daß ich mich Euch zur Verfügung stelle. Uebrigens bin ich es, die den Vortheil davon hat. Ich brauche nicht allein zu reisen und bekomme im Gegentheile sehr interessante Gesellschaft.«

»Wie viele Plätze habt Ihr frei?«

»Ich könnte über zehn Personen bei aller Bequemlichkeit mitnehmen.«

»Wir nehmen an, unter der Bedingung natürlich, daß wir unsern Theil an der Bezahlung des Bootes tragen dürfen.«

»Das sei Euch unbenommen.«

»Abgemacht! Ihr nehmt uns wirklich eine große Sorge vom Herzen. Könnten wir Euch nur dankbar sein! Dürfen wir eine Einladung aussprechen? Bitte! Wir möchten doch gar zu gern erfahren, was in Prescott geschehen ist.«

»Bitte, bitte! Vor allen Dingen praktisch sein! Ich bin eine Yankeese. Zeit ist Geld. Das Nothwendigste voran. Erzählen kann ich später. Ihr fahret mit?«

»Ja.«

»So heißt die Frage, wann?«

»O, am liebsten gleich jetzt!«

»Nun, so schnell geht es freilich nicht. Wir haben bereits halbe Dämmerung. In einer Stunde aber können wir segelfertig sein. Wollt Ihr Euch dann an den Fluß bemühen?«

»Gewiß. Bleibt Ihr bis dahin nicht hier?«

Miranda hatte sich nach ihrer Thür gewendet. Sie antwortete:

»Nein; ich muß fort, um dem Schiffer meine Weisungen zu ertheilen. Er hatte ja gemeint, daß ich erst morgen reise. Auch habe ich noch einige Einkäufe zu besorgen.«

»Aber werden wir des Nachts segeln können?«

»Ganz gut. Das Wasser ist frei und ungefährlich, und der Schiffer kennt den Fluß genau, wie er mir versicherte. Zum Anlegen ist es ja immer noch Zeit, wenn es sich herausstellt, daß das Segeln während der Nacht nicht als rathsam erscheint. Also, Adieu bis nach einer Stunde! Ich freue mich königlich, Euch einen kleinen Dienst erweisen zu können, und ebenso freue ich mich darauf, Euch an Bord über die Ereignisse in Prescott Bericht erstatten zu dürfen.«

Sie verschwand hinter der Balconthür, in ihr Zimmer zurücktretend, und kam kurze Zeit darauf aus dem Hause, um den Weg nach der Station einzuschlagen, wo sie natürlich zu erzählen beabsichtigte, daß der Anschlag gegen Wilkins bis zu diesem Stadium gelungen sei.

Wilkins hatte vom Balcon aus eine offene Aussicht nach dem Flusse und konnte den Seelenverkäufer liegen sehen. Er konnte ihn also nicht verfehlen, obgleich die Dunkelheit des Abends herein zu brechen begann und es dann, wenn der Aufbruch da war, vollständig finster sein mußte.

Die Gelegenheit, welche sich ihm bot, bereits heute bis hinunter an den Colorado zu kommen, war ihm außerordentlich willkommen. Es wurde natürlich sofort Alles eingepackt. Sie hatten sich nicht viel mit unnützem Gepäck beschwert, und als die Stunde verflossen war, sahen sie sich zum Aufbruche bereit. Ein dienstbarer Geist des Hotels trug ihnen ihre Sachen nach dem Ufer und stieg ihnen auf dem Brete, welches von dem Letzteren nach dem Segelboote gelegt war, voran, entfernte sich aber sofort wieder, nachdem er sich seiner Last entledigt hatte.

Da, wo sie an Bord stiegen, stand Donna Miranda, die vermeintliche Mistreß Howk, um sie zu empfangen. Sie bot ihnen die Hand und sagte:

»Herzlich willkommen, Ladies und Gentlemen! Wollen hoffen, daß wir eine gute Reise machen. Kommt herein in die Cajüte!«

»Wo sind denn die Bootsleute?«

»Sie sind vorn am Vordertheile. Wir haben nichts mit ihnen zu thun. Nun Ihr hier seid, werden sie sofort vom Land stoßen.«

»Und der Capitän?«

»Giebt es nicht. Bei einem solchen Boote genügt ein Steuermann. Er ist vorn bei ihnen, um ihnen die nöthigen Befehle zu ertheilen. Kommt herein!«

Sie folgten dieser Aufforderung.

Das Boot hatte ein Verdeck. Der Raum unter demselben war für Waaren bestimmt und in mehrere verschließbare Räume getheilt. Das Oberdeck hatte ein leichtes Dach und ebensolche Seitenwände und besaß zwei Abtheilungen, die vordere für die Bootsleute und die hintere für Passagiere bestimmt. Hinter dieser letzteren Abtheilung gab es einen freien Platz, von welchem aus die Treppe nach dem unteren Raume führte. Noch hinter dem Treppeneingange stand der Steuermann während der Fahrt am Steuerruder.

Als die Passagiere die Cajüte betraten, erblickten sie einen wirklich recht comfortabel eingerichteten Raum. Ein schmaler Tisch zog sich in der Mitte hin, und zu beiden Seiten, an den Wänden gab es bequeme Rohrsitze. Ueber dem Tische, in der Mitte der Cajüte, hing eine brennende Lampe von der Decke herab.

Sie nahmen Platz auf den Sitzen, und kaum war dies geschehen, so vernahmen sie die laute, befehlende Stimme des Steuermannes:

»Holla! Herein mit der Kette! Stoßt vorn ab. Die Raa in die Höhe! Fangt den Wind!«

Das Boot begann sich zu bewegen.

»Es wird doch nicht gefährlich sein!« meinte Almy, welcher die Dunkelheit Sorge machte.

»O nein,« antwortete Miranda. »Ihr dürft keine Angst haben.«

»Aber bei Nacht, auf dem Gila!«

»Glaubt Ihr, daß ich mich diesem Boote anvertrauen würde, wenn ich nicht ganz gewiß wüßte, daß ich es thun darf?«

Selbst Wilkins konnte sich einer leichten Beängstigung nicht erwehren. Er sagte:

»Wäre es auf dem breiten Wasser des Missisippi, wo die gefährlichen Ufer weit auseinander treten, so wollte ich es gelten lassen. Der Rio Gila aber ist ein heimtückischer Gesell. Nun ich auf seinen Fluthen schwimme, kommen mir Bedenken, welche ich vorher nicht hatte. Ich werde denn doch einmal hinausgehen, um zu sehen, ob Alles in Ordnung ist.«

»Ihr würdet jetzt vielleicht nur im Wege sein.«

»O nein! Ich werde mich in Acht nehmen. Geht Ihr mit, Sennor Zimmermann?«

»Ja.«

Zimmermann wollte der Aufforderung Folge leisten. Er saß neben Miranda. Diese ergriff ihn beim Arme und sagte:

»Bleibt, Sennor! Ihr seht, daß die beiden Damen ängstlich sind, und da ist es gut, wenn wenigstens einer der Herren bei uns bleibt.«

Sie wollte, daß nur einer hinausgehen solle. Sie wußte natürlich auch, weshalb. Er aber hatte keine Ahnung davon. Da auch Magda ihm einen bittenden Blick zuwarf, so blieb er. Wilkins aber ging hinaus.

Im ersten Augenblicke konnte er nichts sehen, als die jetzt noch matt strahlenden Sterne des Himmels. Als sich aber seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er das große Segel über sich hängen, drohend und schwer. Der Wind, welcher ein günstiger war, hatte sich hineingelegt. Das Fahrzeug hatte bereits das Ufer verlassen und die Mitte des Flusses gewonnen. Dort glitt es still und lautlos abwärts. Nur vorn vom Buge her ertönte ein leises Rauschen. Es kam vom Wasser, welches dort am Kiele emporstieg und rechts und links wieder niederfloß.

Der Steuermann stand am Ruder. Er sagte kein Wort. Mehr nach vorn zu bewegten sich mehrere dunkle Gestalten. Wilkins trat zu dem Steuermanne und fragte diesen:

»Glaubt Ihr, daß wir eine glückliche Fahrt haben werden, Sennor?«

»Warum sollte sie unglücklich sein?« antwortete der Gefragte rauh, fast grob.

»Weil wir des Nachts segeln.«

»Pah! Ihr sagt mir da eigentlich eine Beleidigung. Glaubt Ihr, daß ich mein Fach nicht verstehe!«

»Das wollte ich nicht sagen.«

»So schweigt lieber! Es ist besser, gar nichts zu sagen, als Dinge zu reden, welche man nicht versteht oder die wenigstens mißverstanden werden können.«

»Hm! Uebermäßig höflich scheint Ihr nicht zu sein, mein bester Sennor!«

»Ich bin Beides, höflich und unhöflich. Jedes zu seiner Zeit und an seinem Orte. Von mir hängt die Fahrt ab. Ich darf keinen Fehler machen; ich muß aufpassen und habe also keine Zeit zum Plaudern. Laßt mich also in Ruhe! Wenn Ihr Euch unterhalten wollt, so geht nach vorn. Da sind Leute, welche mehr Muse haben als ich.«

»Donnerwetter! Das ist deutlich!«

»Es wäre Unsinn, undeutlich zu sprechen.«

»Ihr scheint zu denken, einen Mann vor Euch zu haben, mit dem man in dieser Weise umspringen muß.«

»Ich weiß gar nicht, wen ich vor mir habe. Ich weiß nur, daß ich Augen und Ohren offen zu halten habe. Laßt mich also endlich in Ruhe!«

Wilkins ärgerte sich über den Mann.

»Flegel!« brummte er, aber laut genug, um von dem Steuermann verstanden zu werden, dann ging er langsam nach dem Vordertheile.

Er irrte sich. Der Steuermann war nicht grob. Sein Verhalten, seine vermeintliche Grobheit war berechnet. Wilkins sollte nach vorn gehen; das bezweckte er.

Die wenigen Lichter der kleinen Stadt waren verschwunden. Dunkel lag rechts und links, vorn und hinten, auf allen Seiten. Hier und da sah man eine Welle, welche sich an irgend einem Gegenstande brach, matt glänzen; das war die einzige Unterbrechung der Finsterniß, welche auf der Erde ruhte.

Wilkins ging langsamen Schrittes nach vorn, zwischen der Cajüte und der Regeling hindurch. Regeling wird die Brustwehr genannt, welche sich rund um den Rand des Schiffes zieht.

Als er den Mast passirt hatte und nun das Vorderdeck erreicht hatte, sah er die Männer, welche er ausschließlich für die Bemannung des Schiffes hielt. Er wunderte sich, daß es ihrer so viele waren. Er zählte neun oder zehn Personen. So viele waren bei der geringen Größe des Fahrzeuges doch nicht nothwendig. Einer stand an der Brustwehr und blickte in das Wasser. Er schien sich um gar nichts zu kümmern. Zu ihm trat Wilkins.

»Guten Abend!« grüßte er.

»Guten Abend!« dankte der Andere, indem er mit der Hand an die Krämpe seines Hutes griff.

»Ihr gehört mit zur Besatzung?«

»Natürlich.«

»Wie viele Personen sind es?«

»Zählt sie! Da stehen Alle.«

»So viele!«

»Ja. Meint Ihr, daß wir nicht gebraucht werden?«

»Das meine ich.«

»Hm! So versteht Ihr von unserm Handwerke nichts.«

»Vier bis fünf Bootsleute würden genügen.«

»Ihr seid gewiß ein Nordländer?«

»Allerdings.«

»Dachte es! Eure Ströme sind zahm. Unser Rio Gila aber ist ein heimtückischer Kerl. Ihn zu zähmen, bedarf es stellenweise vieler Hände. Ich habe den Missisippi und den Arkansas befahren; dort hat man es freilich leichter als hier.«

»Den Arkansas? Wie weit seid Ihr da gekommen?«

»So ziemlich bis in das Indianerterritorium.«

»So kennt Ihr vielleicht Van Buren?«

»Sehr gut.«

»Und Gibson?«

»Ebenso.«

»Das freut mich; das ist mir interessant. Ich habe dort gewohnt. Ich war Pflanzer.«

»Was Ihr sagt! Ich habe dort einige kleine Abenteuer erlebt. So zum Beispiel war uns einer unserer Leute ausgerissen. Wir mietheten an seiner Stelle einen Andern, der mit uns bis New-Orleans ging. Erst als er uns verlassen hatte, hörten wir, daß er ein tüchtiger Schuft gewesen sei. Er hatte einen Pflanzer Namens Wilkins betrogen.«

»Ach! Wie hieß der Mann?«

»Walker.«

»Sapperment! Ihr müßt wissen, daß ich dieser Wilkins bin, Sennor.«

»Alle Teufel! Ist das wahr? So trifft man sich in der Welt. Hat dieser Walker nichts wieder von sich hören lassen?«

»Lange Zeit nicht. Jetzt aber hoffe ich, einige Worte mit ihm sprechen zu können.«

»Wirklich?«

»Ja; er befindet sich in der Nähe.«

»So haltet ihn fest, Sennor!«

»Das werde ich freilich thun.«

»Ich würde mich freuen, wenn auch ich ihm einen guten Tag bieten könnte. Wo steckt er denn?«

»Irgend hier herum. Er hatte sich in Prescott niedergelassen, ist aber von dort entflohen.«

»Und Ihr wollt ihn etwa fangen?«

»Ja.«

»Nehmt Euch in Acht! Wie ich ihn kenne, ist es sehr möglich, daß er Euch fängt anstatt Ihr ihn.«

»Oho!«

»Meint Ihr nicht?«

»Schwerlich!«

»Ich wollte wetten.«

»Ich wette mit.«

»So habt Ihr verloren, denn seht, er hat Euch ja schon. Paßt auf.«

Wilkins hatte gar wohl bemerkt, daß noch zwei Andere herangetreten waren. Sie standen hinter ihm. Er hatte aber gar nicht darauf geachtet. Jetzt aber griff ihm derjenige, mit welchem er gesprochen hatte, mit beiden Händen nach dem Halse und die beiden Andern umschlangen seinen Leib.

Im ersten Augenblicke war er vor Schreck unbeweglich, dann aber wollte er mit beiden Händen ausschlagen, um sich zu befreien; er konnte nicht. Der Eine drückte ihm die Kehle fest zu. Er war dem Ersticken nahe. Die Todesangst verdreifachte seine Kraft; es gelang ihm, sich den Hals für einen kurzen Augenblick frei zu machen. Er schrie:

»Zimmermann! Zimmermann, Hil – – –«

Er wollte um Hilfe rufen, konnte aber nur die erste Sylbe des Wortes hervorbringen, dann wurde ihm ein Knebel in den geöffneten Mund gesteckt, und zu gleicher Zeit schlang man ihm einige Stricke um den Leib und die Arme und band ihm ein dickes Tuch um den Mund und die Nase, so daß nicht einmal sein angstvolles Röcheln zu hören war.

Zimmermann hatte in der Cajüte mit den drei Damen gesprochen. Er hatte den Ruf gehört.

»Was ist das?« fragte er, von seinem Sitze emporspringend.

»Der Steuermann gab einen Befehl,« antwortete die falsche Mistreß Howk.

*

56

»Nein, das war die Stimme meines Vaters!« sagte Almy besorgt. »Rief er nicht Euren Namen, Sennor Zimmermann?«

»Ja, wenigstens habe ich so verstanden.«

»Nun, so wird er Euch vielleicht irgend Etwas zeigen oder sagen wollen,« bemerkte Miranda ruhig.

»Nein, das klang, als ob er sich in Gefahr befände. O bitte, Sennor, eilt hinaus zu ihm!«

»Gefahr, pah! Wir müßten es doch auch bemerken, wenn eine Gefahr für das Boot vorhanden wäre. Bleibt nur da, Sennor.«

»Er hat meinen Namen gerufen, und ich gehe auf alle Fälle hinaus.«

Er ging. Draußen sah er den Steuermann.

»Habt Ihr Sennor Wilkins gesehen?« fragte er diesen.

»Wilkins? Kenne keinen Wilkins.«

»Ich meine den Sennor, welcher vor mir aus der Kajüte trat. Er hat mich gerufen.«

»Habe nichts gehört.«

»Wo ist er?«

»Er ging nach vorn.«

»Er hat meinen Namen Zimmermann gerufen. Ihr müßt es unbedingt gehört haben.«

»Ich muß meine Ohren wo anders haben als beim ersten besten Zimmermann. Laßt mich in Ruhe!«

Der Deutsche ging nach vorn. Er erblickte mehr Leute als er auf dem Boote erwartet hatte. Das fiel ihm auf. Dazu der ängstliche Ruf. Er war ein tüchtiger Jäger, trotz seiner Jugend erfahrener als mancher Andere. Er begann Verdacht zu schöpfen. Wenigstens hielt er es am Platze, vorsichtig zu sein.

»Sennor Wilkins!« rief er laut.

Die Nacht war still; trotzdem antwortete der Gerufene nicht.

»Sennor Wilkins!«

Der Ruf klang weit über das Wasser hin, blieb aber unbeantwortet. Aber als er den Namen zum dritten Mal nannte, sagte Einer, der langsam herbeigekommen war:

»Zum Teufel! Was habt Ihr denn zu schreien?«

»Ich suche Sennor Wilkins.«

»Der ist spazieren gegangen.«

»Hier auf dem Flusse!«

»Unsinn! Er ist hinunter in das Unterdeck.«

»Was will er da unten?«

»Weiß ichs? Der Botsmann ist mit ihm hinab.«

»Er rief mich doch!«

»Ja. Ihr solltet mitgehen.«

»Gut! Führt mich hinab!«

»So kommt!«

Aber anstatt nach hinten, wo doch die Treppe in das Unterdeck hinabführte, schritt er ihm nach vorn voran. Da stand eine Gruppe von mehreren Männern, welche auseinander traten, wie um ihm Platz zu machen, ihn aber sofort anpackten und festhielten.

»Halloh! So schnell geht das nicht!« rief er.

Er hatte einmal Mißtrauen gefaßt gehabt und war also nicht so leicht zu überrumpeln wie vorhin Wilkins. Er schleuderte den Einen, welcher seinen rechten Arm gefaßt hatte, von sich, brachte aber den linken nicht frei.

»Was wollt Ihr, Hallunken?« fragte er zornig, indem er mit ihnen rang.

»Dich!« antwortete Einer, indem er sich bemühte, Zimmermanns rechten Arm wieder in seine Gewalt zu bekommen.

»Das ist nicht so leicht, wie Du denkst. Nimm aber einstweilen das!«

Er holte mit der Faust aus, in welcher er das Messer hatte und stach zu. Der Getroffene stieß einen lauten Schrei aus; zugleich aber erhielt Zimmermann mit einer schweren Handspeiche, wie sie auf Booten gebraucht werden, einen Hieb über den Kopf, daß ihm das Messer entfiel und er zu Boden stürzte.

»Der hat genug,« sagte Walker. »Bindet und knebelt ihn. Seid Ihr getroffen, Newton?«

»Ja, ich blute,« antwortete der einstige Derwisch.

»Wo?«

»Hier in der Brust.«

»Donnerwetter! Es ist doch nicht etwa gefährlich!«

»Ich weiß es nicht. Ich bin ganz matt.«

»Laßt Euch hinabschaffen und verbinden. Ich will zunächst zu den Mädchen gehen; die machen ja einen Heidenscandal!«

Er hatte Recht. Almy und Magda hatten die Worte Zimmermanns genau verstanden. Sie wußten, daß er sich in Gefahr befand, daß an Bord Etwas passirte, was gegen ihre Sicherheit war.

»Herrgott, was ist es!« sagte Almy. »Man ermordet Zimmermann.«

Sie sprang auf und wollte hinaus; aber Miranda trat ihr in den Weg und sprach:

»Es ist nichts. Die Bootsleute scherzen.«

»Das nennt Ihr einen Scherz! Erst rief mein Vater um Hilfe, und nun fällt man über Sennor Zimmermann her! Ich muß hinaus!«

»Ich auch!« rief Magda.

Sie schloß sich der Freundin an. Miranda aber stellte sich vor die Thür, daß sie nicht hinaus konnten, und drohte ihnen:

»Schweigt! Was fällt Euch ein! Wenn Ihr solchen Lärm macht, wird man Euch einsperren müssen!«

»Einsperren! Gott, was hat man mit uns vor?«

Almy faßte Miranda und wollte sie von der Thür wegziehen; Magda half, aber die Spanierin blieb fest auf ihrem Platz und erklärte:

»Wenn Ihr nicht ruhig sitzen bleibt, geschieht Etwas, was Euch nicht lieb ist! Still! Kein Wort!«

»Hilfe! Zu Hilfe!« riefen aber die Beiden, ohne auf die Drohung zu achten.

Da trat Walker ein. Er hatte ein Messer in der Hand, schob Miranda zur Seite und fragte zornig:

»Wer schreit hier um Hilfe? Was ist geschehen?«

»Wir rufen!« antwortete Almy, welche ihn nicht kannte.

»Warum denn?«

»Wo ist mein Vater?«

»Im Unterdeck.«

»Und Sennor Zimmermann?«

»Auch.«

»Was ist mit ihnen geschehen?«

»Nichts, gar nichts. Was soll mit ihnen geschehen sein?«

»Ich will sie sehen; ich muß mit ihnen sprechen! Warum habt Ihr das Messer in der Hand?«

»Seid Ihr denn bei Sinnen, Sennorita? Ein Schiffer wird wohl ein Messer haben dürfen! Er braucht es ja an jedem Augenblick!«

»Ich glaube Euch nicht. Bringt mich zu meinem Vater! Ich will und muß zu ihm!«

»Ich begreife Euch nicht. Ihr macht ja einen Lärm, daß er weit über die Ufer hinein zu hören ist. Ihr könnt uns dadurch in verdammte Unannehmlichkeiten bringen! Seid doch ruhig!«

»So bringt mich zum Vater oder führt ihn herbei.«

»Na, wenn Ihr nicht anders wollt, so kommt!«

Wilkins und Zimmermann waren mittlerweile hinabgeschafft worden. Walker führte die beiden Mädchen auch hinunter. Er hatte sie beruhigen wollen, damit sie still sein sollten, wenigstens so lange sie sich noch oben befanden. Sobald sich aber die Deckluke über ihnen schloß, konnten ihre Stimmen nicht mehr weit dringen.

Er öffnete, als sie die Stufen hinabgestiegen waren, eine verriegelte Thür und ließ die Beiden vorantreten. Es war dunkel in dem Raume.

»Wo ist der Vater?« fragte Almy sich umdrehend.

»Da drin.«

»Ich sehe nichts.«

»Nur hinein, hinein!«

Er schob sie vorwärts und dann Magda auch; dann riegelte er schnell zu, stieg nach oben und machte die Luke wieder zu. Er hörte einen unterdrückten Schrei, noch einen; weiter gab er nicht Achtung. Als er wieder an das Deck trat, kam Balzer auf ihn zu, ergriff ihn beim Arme, zog ihn zur Seite und sagte:

»Ich verstehe Euch nicht. Ich will doch nicht hoffen, daß ich mich in Euch geirrt habe!«

»In wie fern solltet Ihr Euch geirrt haben?«

»Ihr spracht von einem Liebesverhältnisse zwischen der einen Sennorita und meinem Freunde Roulin?«

»So ist es auch.«

»Ihr behandelt ja die beiden Männer ganz in der Weise, als ob Ihr Räuber wärt!«

»Gar nicht.«

»O doch! Und die Mädchen auch.«

»Das liegt in unserm Plane.«

»Wieso? Zu einem Bubenstücke gebe ich mein Boot nicht her!«

»Pah! Wenn wir wirklich unehrliche Leute wären, was wolltet Ihr machen?«

»Ich würfe Euch über Bord.«

»Oho!«

»Jawohl!«

»Das sollte Euch schwer fallen!«

»Nicht so schwer, wie Ihr wohl denkt. Meine Bootsleute sind kräftige Kerls, auf die ich mich verlassen kann. Versteht Ihr mich?«

»Freilich verstehe ich Euch,« lachte Walker. Und ihn beruhigend auf die Schulter klopfend, fuhr er fort: »Macht Euch nur ja keine Sorgen. Wir müssen mit diesen vier Personen ein Wenig unzart umspringen; das ist sehr nothwendig, wenn Roulin in den Besitz seiner Braut gelangen will.«

»Das sehe ich nicht ein.«

»Und doch ist es sehr leicht einzusehen. Er soll nämlich den Retter spielen. Aus purer Dankbarkeit muß man ihm dann ja das Mädchen zur Frau geben. Leuchtet Euch das nicht ein?«

»Hm! Es ist ein starkes Stück.«

»Führt aber sicher zum Ziele.«

»Was sollen denn die beiden Sennores denken? Etwa, daß sie in die Hände einer Räuberbande gerathen sind?«

»So ungefähr.«

»Donnerwetter! So gehöre auch ich mit zu dieser Bande? Das ist mir viel zu gefährlich.«

»Ich sehe keine Gefahr, für uns nicht einmal, viel weniger aber für Euch.«

»Oho! Ihr habt ja mein Boot zum Piratenschiffe gemacht, Sennor!«

»Wer weiß es, daß dies Boot Euer ist?«

»Alle Welt.«

»Die vier Gefangenen wissen es aber nicht.«

»Da dürftet Ihr Euch sehr irren. Sie haben im Hotel jedenfalls gesagt, daß sie mit meinem Seelenverkäufer fahren. Uebrigens hat der Hoteldiener ihr Gepäck gebracht, und der kennt mein Fahrzeug ganz genau.«

»Nun, so giebt es ein einfaches Mittel, Euch aus aller Schuld zu bringen. Wir sagen, wir haben Euch auch überwältigt und gefangen genommen.«

»Das glaubt kein Mensch. Ihr und mich nebst meinen fünf Bootsleuten gefangen nehmen!«

»Nun, nehmt die Sache wie Ihr wollt. Glaubt Ihr denn, daß wir als Räuber gelten wollen? Für den Augenblick, ja, da spielen wir ein Bischen Theater – hat aber Sennor Roulin das Jawort bekommen, so erklären wir Alles; wir sagen, daß wir nur einen Scherz gemacht haben, um ihn zu seiner Geliebten zu verhelfen, und ich gebe Euch mein Wort, daß wir Alle dann sogar zur Hochzeit geladen werden.«

»Gott gebe es!«

»Das geschieht sicherlich. Ich sehe übrigens gar nicht ein, welche Ursache Ihr zum Raisonniren habt. Ihr seid doch der zweite, welcher durch diesen kleinen Schwabenstreich zu einer Braut kommt.«

»Ihr meint Miranda?«

»Wen sonst?«

»Hm! Wenn Ihr mit solchen Gründen kommt, so lasse ich mich gern überreden«

»Endlich nehmt Ihr Verstand an! Miranda befindet sich in der Kajüte. Sie wartet auf Euch. Geht zu ihr. Sie mag Euch die unnnützen Grillen vertreiben.«

»Schön! Sucht uns aber so wenig wie möglich zu stören, Sennor Walker!«

»Ganz wie Ihr wollt. Es wird kein Mensch die Kajüte bis morgen Früh betreten. Wünsche Euch beiden sehr viel Vergnügen! Stört uns aber auch im Uebrigen nicht.«

Er war nur aus dem Grunde wieder an das Oberdeck gekommen, um Balzers etwaige Bedenken zu zerstreuen. Da ihm dies gelungen war, gab er Leflor und Roulin einige leise Anweisungen und stieg wieder zu den Gefangenen hinab.

Balzer folgte dem ihm ertheilten Rathe und begab sich in die Kajüte. Dort hatte Miranda, welche den ganzen Feldzugsplan kannte, das Licht der Lampe möglichst niedergeschraubt und sich in höchst malerischer Stellung auf die Sitze niedergelassen. Als er sie so erblickte, blieb er stehen und sagte:

»Sennorita, der Teufel soll mich holen, wenn Ihr nicht das kostbarste Weib seid, welches ich gesehen habe. Glaubt Ihr das?«

»Ich muß es glauben, denn Ihr sagt es.«

Sie erhob sich und verschloß die Thüre. –

Als Almy und Magda in die Abtheilung des Unterdeckes traten, war, wie bereits gesagt, dieselbe vollständig finster. Sie hätten lieber wieder zurück gewollt; aber die Thüre war hinter ihnen wieder verschlossen worden.

»Um Gotteswillen, wo sind wir?« flüsterte Magda angstvoll.

»Bei meinem Vater? Ich will sehen, ob es wahr ist. Vater!«

Sie erhielt auf diesen Ruf keine Antwort.

»Lieber Vater!«

Jetzt erklang ein eigenthümliches, beängstigendes Schnaufen, und zugleich hörte man das Rasseln einer Kette.

»Herrgott! Vater, bist Du hier?«

Die Kette rasselte stärker. Almy bückte sich nieder und betastete den Boden. Erst als sie mehrere Schritte vorwärts gethan hatte, fühlte sie eine Gestalt, welche in einer Ecke festgeschlossen war. Sie untersuchte dieselbe und rief erschrocken:

»Magda, man hat ihn geknebelt! Gott, er erstickt! er erstickt!«

Sie band schnell das Tuch ab und entfernte auch den Knebel aus seinem Munde. Da holte er tief, tief Athem und sagte unter einem langen, schweren Seufzer:

»Dem Himmel sei Dank! Nur eine Minute länger, so wäre ich erstickt gewesen!«

»Also Du bist es! Du bist es wirklich, Vater! O Gott, was hat man mit uns vor!«

»Davon später. Jetzt müssen wir vor allen Dingen an Sennor Zimmermann denken, damit dieser nicht erstickt.«

»Wo ist er?«

»Ich weiß es nicht genau. Das Tuch, welches mir um das Gesicht gebunden war, verhinderte mich auch, zu hören. Aber es war mir, als sei er mit herunter geschafft und in die andere Ecke gekettet worden.«

»Kannst Du nicht los von der Kette?«

»Schwerlich.«

»So will ich hinüber zu ihm.«

Sie tastete sich hinüber und fühlte Zimmermanns Körper, welcher bewegungslos am Boden lag, auch von einer Kette gehalten. Sie entfernte auch seinen Knebel, aber er bewegte sich nicht.«

»Herr, mein Heiland! Er ist todt, Vater; er ist todt!«

»Wirklich?«

»Er liegt ganz starr.«

»Vielleicht nur ohnmächtig.«

»Gott gebe es! Wer hätte gedacht, daß dieser Tag ein so schreckliches Ende nehmen werde. Was will man von uns? Warum thut man das?«

»Still, mein Kind! Jammern wir nicht; das nützt uns nichts. Es gilt jetzt, besonnen zu sein. Ich denke, daß wir in Walkers Hände gefallen sind.«

»Sollte dieser Teufel es sein?«

»Vermuthlich. Ich sprach mit Einem, welcher mir sagte, daß Walker mich eher haben werde als ich ihn. Wie das zugeht, das weiß ich freilich nicht.«

»So wäre diese schöne Mistreß Howk jedenfalls seine Verbündete?«

»Gewiß.«

»Und der Besitzer des Bootes auch?«

»Vielleicht nicht; es ist möglich, daß er getäuscht oder gezwungen worden ist. Bleiben wir besonnen in unserer Lage. Du bist nicht gefesselt?«

»Nein, Magda auch nicht.«

Sie erzählte, wie sie mit der Freundin nach unten gebracht worden sei.

»Wir müssen Geduld haben. Ich denke, man wird uns nicht sehr lange warten lassen. Wir erfahren sodann, welche Absichten man mit uns hegt.«

»Ich glaube, es ist auf unser Geld abgesehen.«

»Das hat man mir bereits abgenommen.«

»So wird man uns vielleicht bei Tagesanbruch an das Land setzen. Meinst Du nicht?«

»Es ist möglich.«

Er sagte das nur, um den beiden Mädchen die Herzen nicht noch schwerer zu machen, als sie bereits waren. Daß es nicht nur auf sein Geld abgesehen war, das wußte er zu genau. Befand er sich wirklich in Walkers Gewalt, so hatte man ihm jedenfalls ganz dasselbe Schicksal zugedacht, welches auch seinen Neffen Arthur und Adler, den deutschen Oberaufseher, getroffen hatte, ein Schicksal, welches um so schrecklicher war, da auf alle Fälle es auch für seine Tochter bestimmt sein werde. Ihr durfte er diese Gedanken freilich nicht mittheilen.

»Was thun wir dann aber ohne Geld?« fragte sie besorgt.

»Wir werden gute Menschen finden, mein Kind. Jetzt denke ich noch nicht daran. Jetzt macht mir vor allen Dingen Zimmermanns Zustand Sorge. Er scheint sich gewehrt, also gekämpft zu haben. Ob er vielleicht verwundet ist?«

»Ich werde ihn untersuchen.«

Sie betastete den ganzen Körper des Bewußtlosen, konnte aber nichts Nasses fühlen. Blut war also nicht geflossen. Eben theilte sie dies ihrem Vater mit, als von draußen der Riegel zurückgeschoben wurde. Walker trat ein, mit einem Lichte in der Hand. Er blickte sich um und zog dann die Thür hinter sich zu.

Es lagen einige Ballen und volle Säcke an der Wandung. Auf einen der Ersteren hatte Magda sich niedergelassen. Walker setzte das Licht auf den Boden nieder und nahm dann auf einem Sacke Platz. Er betrachtete die Anwesenden mit höhnischer Miene.

Zimmermann lag wie todt in der einen Ecke, Wilkins in der andern. Er hatte das Auge scharf und finster auf Walker gerichtet. Almy hatte sich jetzt neben Magda gesetzt. Beide Mädchen betrachteten den bösen Mann mit ängstlichen Augen.

»Kennt Ihr mich?« fragte Walker endlich.

Niemand antwortete.

»Wenn Ihr nicht antwortet, werde ich Euch dazu zwingen. Seht Ihr hier dieses Messer, Master Wilkins! Es wird Euch den Mund öffnen. Also sagt, ob Ihr mich kennt!«

»Nein!«

Dennoch wußte er sehr wohl, wen er vor sich hatte.

»So muß ich mich Euch vorstellen. Leider habe ich heut zufällig keine Visitenkarten bei mir; ich kann also nicht so höflich sein, wie ich gern sein möchte; aber ich denke, es wird für dieses Mal genügen, wenn ich Euch einfach meinen Namen sage. Ich heiße Walker.«

»Danke!«

»Kennt Ihr diesen Namen?«

»Er kommt häufig vor.«

»Hm! Es giebt aber doch wohl für Euch einen ganz bestimmten Walker. Nicht?«

»Allerdings.«

»Der bin ich. Ich hoffe, daß Ihr Euch über dieses unser Zusammentreffen freuen werdet.«

»Außerordentlich.«

»Schön! Ich kann Euch – jedenfalls zu Eurem Entzücken – sagen, daß wir längere Zeit beisammen bleiben werden.«

»Ich bin ganz begeistert dafür.«

»Nicht wahr? Ja, gute Freunde müssen sich freuen, wenn sie einander für längere Zeit angehören können. Unsere Freundschaft ist übrigens keine sehr junge. Sie besteht eine Reihe von Jahren. Könnt Ihr Euch besinnen, wann wir sie geschlossen haben?«

»Sehr gut!«

»Es war an jenem Tage, an welchem ich bei dem versoffenen Neger in Wilkinsfield ausgeräuchert werden sollte. Es gelang Euch nicht. Monsieur Leflor rettete mich. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Er ist ein prachtvoller Mensch. Meint Ihr nicht?«

»Ja, sehr.«

»An jenem Tage schlich ich früh durch Euern Garten. Die Sennorita hatte sich wohl soeben erst von ihrem jungfräulichen Lager erhoben. Sie stand in der Veranda, noch ziemlich unbekleidet. Ich stand hinter einem Baume und betrachtete sie. Sie machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich beschloß, daß sie meine Frau werden sollte.«

»Scheusal!« stieß Wilkins hervor.

Almy verhüllte ihr Gesicht, um den Menschen gar nicht ansehen zu müssen. Dieser fuhr fort:

»Da damals meine Abreise eine sehr schnelle und heimliche war, so konnte leider aus unserer Verlobung und Vermählung nichts werden; aber ich habe den Plan immer fest gehalten und ihn niemals aufgegeben. Heut führt uns der Himmel wieder zusammen, und da ist es also gleich das Erste, was ich thue, daß ich Euch um die Hand Eurer Tochter bitte, Master Wilkins.«

Der Genannte sagte kein Wort!

»Nun, antwortet!«

»Lieber gebe ich sie dem Teufel als Euch.«

»Sehr schmeichelhaft! Ihr habt also vor mir noch viel mehr Angst, als vor dem Teufel. Ich hoffe also, desto schneller fertig zu werden, nämlich mit Euch und mit ihr. Also Ihr wollt sie mir nicht geben?«

»Ich antworte gar nicht!«

»Wenn ich mir nun erlaube, sie mir zu nehmen!«

»Lieber stirbt sie!«

»O, es stirbt sich nicht so leicht! Ihr glaubt übrigens gar nicht, wie gut ich es meine. Ich muß Euch das erklären. Es gab damals Einen, welcher sie auch gern haben wollte, Monsieur Leflor. Ihr weist ihn ab. Wenn der nun heut um sie anhielt. Was würdet Ihr ihm antworten?«

»Dasselbe, was ich damals antwortete.«

»Nun, das würde Euch nicht viel nützen. Ich habe ihn zwar seit jener Zeit nicht wieder gesehen, aber ich denke, wenn ich ihm – – –.«

»Gebt Euch keine Mühe,« fiel Wilkins ein. »Er ist hier bei Euch.«

»Sapperment! Woher wißt Ihr das?«

»Von Mistreß Howk.«

»Von der? Die hat es Euch verrathen?«

»Sie sagte, daß er Bill Newton errettet habe.«

»Alle Teufel! Ja, so sind diese Frauenzimmer. Sie können nie den Schnabel halten. Diese Mistreß hat mir eine große Freude verdorben. Ich wollte Euch heut unsern Leflor und auch Freund Bill vorstellen. Nun Ihr es aber bereits wißt, ist das nicht nöthig. Außer Ihr habt große Sehnsucht nach diesen Sennores?«

»Verschont mich!«

»Besonders Leflor freut sich. Euch wieder zu sehen. Er hat Sennorita Almy nicht vergessen. Damals erhielt er zwar einen Korb; jetzt aber beabsichtigt er dennoch, seine Werbung zu wiederholen. Ihr wollt ihn wieder abweisen. Das freut mich, denn das giebt mir Gelegenheit, Euch zu beweisen, daß ich Euer bester Freund bin, und auch der Eurige, Sennorita Magda. Kennt Ihr einen gewissen Roulin?«

Sie schauderte zusammen, antwortete aber nicht.

»Ihr schüttelt Euch?« Nun ja, sehr liebenswerth hat er sich freilich nicht gegen Euch betragen; aber er liebt Euch dennoch von ganzem Herzen und will heute seine Werbung wiederholen.«

»Der Schreckliche!« stieß sie hervor.

»Schrecklich? Ihr liebt ihn nicht.«

»Ich – verachte ihn.«

»O wehe! Es ist schade, daß grad die schönsten Mädchen keine Liebhaber haben wollen. Jammerschade! Wenn man Euch so betrachtet, wie ich jetzt – diese Augen und Wangen – – – –.«

»Schweigt!«

»Ruhig, alter Sünder!« höhnte Walker. »Du bist in Deiner Jugend wohl auch Kenner und Liebhaber von dieser Art gewesen! Heut freilich mußt Du die Hand vom Apfel lassen. Darum thust Du fromm und gottesfürchtig. Hoffentlich ist Deine Tochter zufriedener mit uns als Du. Wir sind nämlich überein gekommen, so liebenswürdig wie möglich gegen die beiden jungen, hübschen Damen zu sein. Sie sollen reihum gehen. Ein Jeder soll sie einen Tag lang haben, als Frau natürlich, in allen Ehren, wenn auch ohne Trauung und vorheriges Aufgebot. Ordnung muß die Sache haben.«

»Schweig, Scheusal!« donnerte Wilkins.

»Mache keine Complimente, Alter, sonst gebe ich Dir Anstandsunterricht, und zwar so, daß Du eine Verbeugung machst, von welcher Du sicher Dich nicht wieder erheben wirst!«

»Vergifte den reinen Sinn dieser Mädchen nicht!«

»Reiner Sinn! Mache Dich nicht lächerlich! Deine reine Tochter hat zwar Leflor abgewiesen, aber mit jenem verdammten Deutschen, Deinem Oberaufseher in so inniger Beziehung gelebt, daß ich es ein Wunder nennen muß, daß sie nicht bereits Großmutter ist!«

Wilkins stemmte sich in die Ketten, um sie zu zersprengen. Sie hielten fest.

»Vater, still! Ich bitte Dich!« flehte Almy.

»Und die Andere hier,« fuhr der Freche fort, »wollte zwar von Roulin nichts wissen, ist aber die Maitresse des Kerls gewesen, der dort besinnungslos in der Ecke liegt.«

»Welch eine schändliche Lüge!« rief Magda.

»Schweig, Lügnerin! Läge er nicht in einer Ohnmacht, so würde er es bezeugen müssen!«

Er irrte sich. Zimmermann war nicht mehr ohnmächtig. Das Bewußtsein war ihm zurückgekehrt; er that aber so, als ob er noch besinnungslos sei. Er hielt dies für das Allerbeste, was er unter den gegenwärtigen Umständen thun konnte. Sein Kopf schmerzte ihn und schien das Gewicht von Zentnern zu haben; aber dennoch zog er leise die Kette an, um deren Festigkeit zu erproben. Er veränderte seine Lage langsam und unmerklich so, daß er, in der Ecke liegend, die Schulter an die eine und die Kniee an die andere Mauer stemmte. So konnte er die meiste Kraft entwickeln.

»Also Ihr wißt, was Euch bevorsteht,« fuhr Walker fort. »Ihr werdet die Weiber der ganzen Schiffsbemannung. Ich will Euch aber ein Mittel sagen, wie Ihr diesem Schicksale entgehen könnt. Wenn Almy verspricht, meine Frau zu werden, so will ich sie vor jeder Berührung mit Andern bewahren. Was sagt Ihr dazu, Wilkins?«

Der Gefragte antwortete nicht. Der Antrag war zu ungeheuerlich, als daß ein Wort darüber hätte gesagt werden können. Walkers Augen ruhten auf Almy; Sie hatte bereits damals einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Seit jener Zeit hatte sich ihr Körper aber noch reicher entwickelt. Seine Augen glühten vor Begierde bei dem Anblick ihrer Schönheit. Er hielt es wirklich für möglich, durch Drohung in ihren Besitz zu kommen. Und sollten die Drohungen doch noch unzureichend sein, nun, so gab es ja noch einen andern Weg. Er versuchte, denselben jetzt einzuschlagen, indem er fortfuhr:

»Als Euer Schwiegersohn, Master Wilkins, würde ich mich auch um Eure Familie bekümmern. Es giebt da Einiges, was klar gemacht werden könnte. Ihr habt doch Euern Neffen nicht vergessen?«

»Arthur! Was wißt Ihr von ihm?«

»O, sehr viel!«

»Nun so redet.«

»Das kann ich Euch erst dann sagen, wenn ich Euer Schwiegersohn bin.«

»Pah! Lüge! Ihr wißt nichts!« sagte Wilkins, um ihn durch diesen Widerspruch zum Reden zu bringen.

»Oho! Ich weiß mehr von ihm, als ihr denkt!«

»Was kann man von einem Todten wissen!«

»Ihr meint, er sei todt?«

»Sicher!«

»Wenn ich nun sage, er lebt?«

»So ist das eine Lüge!«

»Wie klug Ihr seid!«

»Wäre er unter den Lebenden, so würde auch Adler noch leben.«

»Auch dieser lebt.«

»Schwindler!«

»Ich beschwöre es!«

»Lüge, Lüge und abermals Lüge! Ihr seid der Kerl nicht dazu, Todte in das Leben zurückzurufen!«

»Und Ihr seid der Kerl nicht dazu, Lebendige todt zu machen!«

»Während der vielen Jahre müßte ich ein Lebenszeichen von ihnen erhalten haben!«

»Wie klug! Wenn sie nun keins geben können!«

»Wer wollte sie hindern?«

»Der, bei welchem sie – – – Donnerwetter, ich gehe zu weit! Ich verrathe ja Alles. Ja, ich habe ein zu gutes Gemüth, ein zu mitleidiges Herz. Ich sage Euch nochmals: Gebt mir Almy zum Weibe, und ich wecke die beiden Todten auf.«

»Mich betrügt Ihr nicht. Ist Almy Eure Frau, so wißt Ihr nichts von den Beiden.«

Diese Worte waren darauf eingerichtet, Walker glauben zu lassen, daß er auf diesem Wege in den Besitz Almy's kommen könne. Er ging auch wirklich, wenn auch langsam, in die Falle, denn er antwortete:

»Ich würde Wort halten, bei Gott und allen Teufeln! Ihr könntet Euch auf mich verlassen!«

»Welche Garantie könnt Ihr mir geben?«

»Garantie? Mein Wort!«

»Euer Wort? Das Wort eines Lügners, Betrügers und Mörders. Pah!«

»Meinen Schwur!«

»Der ist nicht mehr werth als Euer Wort.«

»Zum Donnerwetter, welche Garantie verlangt Ihr denn?«

»Etwas Sichtbares, Greifbares.«

»Das verstehe der Teufel! Sagt es mir einmal ehrlich: Würdet Ihr mir Almy zur Frau geben, wenn ich Euern Neffen und Euern frühern Oberaufseher lebendig wiederbrächte?«

»Diese Frage ist eine müßige. Beide sind todt.«

Für Almy hatte dieses Gespräch natürlich das allergrößte Interesse. Sie verstand die Absicht ihres Vaters nicht; sie fühlte eine ungeheure Angst, unter welcher sie so schwer athmete, daß ihr Busen sichtbar sich hob und senkte. Auf diese Bewegungen waren Walkers Blicke gerichtet. Sie entzündeten seine Begierden in vollstem Maße. Er hätte Alles, Alles thun können, um das herrliche Mädchen zu besitzen, selbst Roulin verrathen. Er antwortete:

»Sie leben; bei Gott, sie leben!«

»Und wo befinden sie sich?«

»Diese Frage darf ich nicht beantworten.«

»Da habt Ihr es! Beide befinden sich bereits längst unter der Erde.«

Walker ließ sich durch diesen Widerspruch zu der Aeußerung hinreißen:

»Ja, unter der Erde befinden sie sich, aber todt sind sie nicht!«

Wilkins zuckte zusammen. Er hatte viel erreicht, mehr als er hatte ahnen dürfen. Er wußte nun, daß die beiden so sehnlichst Gesuchten lebten und daß sie sich unter der Erde befanden, wohl in einem Schachte. Dennoch that er, als glaube er es nicht.

»Ihr widersprecht Euch selbst!«

»Pah! Wenn Ihr mich nicht versteht, so kann es mir nur lieb sein. Ich habe bereits mehr gesagt, als ich verantworten kann. Ich habe auch keine Zeit, mich ohne Resultat mit Euch zu streiten. Ich will es vielmehr kurz machen. Ich lasse Euch allein. Ueberlegt Euch meinen Vorschlag. Gebt Ihr mir Almy zum Weibe, so – – –

Er hielt inne, schritt zur Thür, öffnete dieselbe und blickte und horchte hinaus. Als er sich überzeugt hatte, daß kein Lauscher vorhanden sei, fuhr er fort:

»So rette ich die beiden Männer, und – – hm! es ist möglich, daß Ihr auch wieder zu Eurer Plantage kommt. Verstanden!«

»Das ist der pure Unsinn!«

»Denkt das, oder denkt das nicht; ich stelle Euch dennoch vor die Alternative.«

»Und wenn ich nicht darauf eingehe?«

»So wird Eure Tochter und so auch Sennorita Magda die Geliebte der ganzen Bootsbesatzung.«

»Warum habt Ihr uns eigentlich gefangen genommen?«

»Um eben zwei Mädchen zu haben, welche unsere Frauen sein können, ohne daß wir sie uns antrauen zu lassen haben.«

»Nur aus diesem Grunde?«

»Nur!«

»Der ist scheußlich genug, doch bin ich überzeugt, daß Ihr noch andere Gründe habt.«

»Haben wir sie, so erfahrt Ihr sie doch nicht, wenigstens nicht auf eine andere Art, als daß Ihr mir Eure Tochter zur Frau gebt.«

»Schrecklich!«

»Ihr dürft das nicht für gar so schrecklich halten, Sennor. Ich bin auch ein Mensch und habe als solcher meine guten Seiten. Ich liebe Sennorita Almy. Wäre sie mein Weib, so würde ich sie auf den Händen tragen.«

»Und sie würde sich mit Euch vor den Augen der Polizei und aller gesetzlich gesinnten Menschen verstecken müssen. Das wißt Ihr ja ebensogut wie ich.«

»Ihr irrt. Was ich that, ist wieder gut zu machen.«

»Nein. Nur was Ihr an mir gethan habt, das ist bereits schon so straffällig, daß es Euch für die Zeit Eures ganzen Lebens in das Zuchthaus bringt.«

»Zugegeben, daß es so sei, würde es doch nur auf den Ankläger ankommen, und ich denke, Ihr würdet Euch wohl hüten, Euren eigenen Schwiegersohn vor die Schranken des Gesetzes zu citiren. Uebrigens weiß ich gar nicht, was ich Euch gethan haben soll.«

»Soll ich es Euch etwa erst sagen?«

»Ich bitte Euch darum. Ich weiß nichts.«

»Ihr habt meinen Neffen um seine Papiere gebracht.«

»Ich habe ihn nie gesehen.«

»Auf diese Papiere habt Ihr Eure Ansprüche auf Wilkinsfield begründet und sie nachher an meinen Nachbar Leflor verkauft.«

»Ich habe diese Papiere vom Eigenthümer gekauft.«

»Und doch sagtet Ihr, daß Ihr ihn niemals gesehen hättet. Ihr widersprecht Euch also selbst. Ihr habt darauf meinen Neffen verschwinden lassen und dann auch Master Adler, der ausgegangen war, ihn zu suchen.«

»Ich weiß kein Wort davon.«

»Leugnet es nicht!«

»Was nicht wahr ist, kann ich nicht eingestehen.«

»Es ist aber wahr.«

»Nun, wenn es wahr wäre, so hättet Ihr ja doppelten Grund, mir Eure Tochter zu geben, denn dann würde ich vielleicht aus Dankbarkeit Alles wieder gut machen. Wie gesagt, überlegt Euch diese Sache.«

»Sie ist überlegt.«

»Nun, wie lautet Euer Entschluß?«

»Ihr bekommt sie nicht.«

»Das könnte Euch das Leben kosten?«

»Gut, so sterbe ich!«

»Ihr aber auch, Almy Sennorita!«

»Sie wird ebenso zu sterben wissen.«

»Aber welch einen Tod! Sie ist ja in unserer Gewalt. Sie wird nicht eher sterben, bis wir Alle sie besessen haben. Wie will sie sich dagegen wehren?«

»Ihr seid ein Teufel!«

»Pah! Ich kann auch ein Engel sein. In Eurer Hand liegt es, welches von Beiden ich sein soll, ein Engel oder ein Teufel. Wählt also klug!«

Da stand Almy auf, stellte sich in stolzer Haltung vor ihn hin und sagte:

»Nicht mein Vater ist es, der zu wählen hat, sondern ich bin es. Er könnte mir hundertmal und tausendmal befehlen, ich würde ihm nicht gehorchen. Selbst wenn Ihr ein Engel wärt, so würde es mir vor Euch grauen wie vor einem giftigen, häßlichen Reptil. Eine Berührung von Euch würde mein Tod sein!«

Ihre Augen blitzten; ihr Busen wogte vor Zorn. Sie stand so schön da vor ihm, daß er aufsprang und, den Blick gierig auf sie richtend, antwortete:

»O, Sennorita, so leicht stirbt es sich nicht. An einem Kusse oder einer Umarmung ist noch kein einziger Mensch gestorben!«

»Eure Berührung aber ist Gift. An ihr würde ich sicher sterben.«

»Ah! Wollen doch einmal sehen!«

Er stand von seinem Sitze auf und trat auf sie zu. Sie wich schaudernd zurück, streckte die Arme zur Abwehr aus und rief:

»Zurück, Ungeziefer! Rühre mich nicht an!«

»O, nicht nur anrühren werde ich Dich! Du sollst meine Geliebte sein, jetzt gleich, in Gegenwart Deines Vaters, des alten Narren!«

Er stand da, ein Bild der widerwärtigsten Geilheit. Seine Lippen wetzten sich an den Zähnen. Der Speichel stand ihm aus der Zunge. Er griff nach ihr. Sie wich abermals zurück, so weit es ihr möglich war.

»Hund, laß von ihr!« rief Wilkins. »Ich zermalme Dich sonst!«

»Du? Der Du in Ketten liegst!« hohnlachte Walker. Versuche es doch!«

Schon wollte er Almy erfassen.

»Her zu mir! Nieder!« gebot ihr der Vater.

Sie hauchte sich nieder, zwischen ihm und die Wand, blitzschnell, so daß Walker in die Luft griff.

»Verdammt!« rief dieser enttäuscht.

Wilkins war auf dem Verdeck gebunden worden, ebenso wie Zimmermann. So hatte man sie nach dem untern Räume geschafft. Dort gab es an der Wand eiserne Oesen, an welche man die Ladung zu befestigen pflegte, damit sie beim Schaukeln des Fahrzeuges nicht aus der Lage gerathe. An solche Oesen hatte man die Beiden mit Ketten befestigt. Da man ihnen auch die Taschen geleert hatte, so besaßen sie kein Instrument, sich zu befreien. Mit bloßen Händen war es ihnen unmöglich, die Ketten zu zerbrechen oder zu lösen, und daher hatte man ihnen die Fesseln abgenommen und einstweilen nur die Knebels gelassen, damit sie in der Nähe von Mohawk-Station, wo man sich ja noch befand, nicht schreien konnten. Beide befanden sich also im freien Gebrauche ihrer Hände und Arme. Zudem war Wilkins Kette so lang, daß Almy sich zwischen dem Vaters und der Wand niederkauern konnte. Wollte Walker jetzt zu ihr, so mußte er sich in die Gefahr begeben, von Wilkins erfaßt zu werden. Die Tochter befand sich plötzlich unter dem Schutze des Vaters, welcher trotz seiner Fesseln sich, wenigstens so weit diese reichten, vertheidigen konnte.

»Nun, komm her, Hallunke!« rief Wilkins.

»Damit Du Deine Krallen mir um den Hals legst, alter Aasgeier!«

»Das werde ich freilich thun. Du kämst nicht lebendig aus meinen Händen!«

»Ich habe auch Arme, verstanden!«

»Versuche ihre Kraft!«

»Daß ich ein Thor wäre! Erst werde ich Dich zahm machen. Wir haben ja die Mittel dazu.«

»Wer mir naht, ist ein Kind des Todes!«

»Wollen sehen! Zunächst aber will ich noch einmal in Güte zu Dir sprechen. Ueberlege Dir meinen Vorschlag. Ich gebe Dir Zeit, bis wir anlegen. Ich gehe jetzt. Damit Ihr aber keine lange Weile habt, will ich für Unterhaltung sorgen und Euch einen guten Freund herab schicken.«

Er warf einen bezeichnenden Blick auf Magda, ergriff das Licht und entfernte sich, vergaß aber dabei nicht, die Thür von außen zuzuriegeln.

Jetzt erhob Almy sich wieder aus ihrem schützenden Versteck. Sie wollte sprechen, da aber ertönte Zimmermanns Stimme:

»Sennor rückt einmal so weit wie möglich zu mir herüber!«

»Ah, Ihr lebt! Ihr seid erwacht! Gott sei Dank!«

»Schon längst. Ich habe Alles gehört.«

»Was sagt Ihr zu diesem Schurken?«

»Jetzt gar nichts. Ich habe keine Zeit dazu. Nach den Worten dieses Menschen wird sogleich ein Anderer kommen. Wir müssen eilen, das Nothwendigste zu thun. Wollen sehen, ob unsere Ketten so weit reichen, daß wir uns berühren können! Bitte, rückt herüber!«

Sie thaten es. Sie fanden leider, daß sie sich nur mit den Füßen berühren konnten.

»Jammerschade!« sagte Wilkins.

»O, ich bin auch damit für jetzt zufrieden. Wer uns zu nahe kommt, den werden wir mit den Stiefeln zerstampfen. Uebrigens will ich – – ah, nicht weiter! Man kommt.«

Die Thür wurde wieder geöffnet. Roulin trat ein, auch mit einem Lichte in der Hand, welches er auf den Boden niedersetzte. Er blickte sich um, Almy hatte sich wieder zu dem Vater gesetzt, um in seinem Schutze zu sein. Zimmermann lag wie todt am Boden, und Magda saß auf ihrem Waarenballen wie vorher. Sie schrak beim Anblicke des Eintretenden voller Angst zusammen.

»Willkommen, Sennorita!« sagte dieser. »Es ist einige Zeit her, daß wir uns nicht gesehen haben. Darum denke ich, daß wir uns sehr viel zu erzählen haben. Erlaubt, daß ich mich niederlasse!«

Er setzte sich ihr gegenüber auf den Sack, auf welchem Walker vorher gesessen hatte. Sie mit funkelnden, verlangenden Augen betrachtend, schwieg er eine Weile, dann sagte er:

»Ich vermuthe, daß Ihr Euch unsers plötzlichen Wiedersehens herzlich freut?«

Sie antwortete nicht.

»Nun?«

Sie wendete sich zur Seite, um ihn gar nicht zu sehen und schwieg.

»Das Entzücken über meinen Anblick hat Euch die Sprache geraubt. Ich habe gehört, daß man sogar vor Freude sterben kann. Hoffentlich geschieht das nicht bei Euch; wenigstens bitte ich Euch, Eure Freude möglichst zu mäßigen. Es sollte mir leid thun, wenn ich dadurch um das Glück käme, welches ich in Euren Armen zu finden hoffe, in diesen schönen, weißen Armen, welche sich mir niemals öffnen wollten!«

Sie hüllte sich so tief wie möglich in ihr Gewand und sagte kein Wort.

»Sollte Euch die Freude für immer sprachlos gemacht haben, Sennorita? Bitte, sprecht nur ein Wort, damit ich mich beruhige!«

Sie schwieg auch jetzt.

»Nun, so muß ich mich praktisch überzeugen, woran ich mit Euch bin.«

Er stand auf und wollte zu ihr hin. Da fuhr sie von ihrem Sitze auf und rief:

»Laßt mich! Zurück!«

Er that, als ob er erschrecke, setzte sich wieder nieder und meinte lachend:

»Alle Teufel, habt Ihr einen Ton! So schnauzt eine Herrin ihren Sclaven an. Haltet Ihr Euch vielleicht mir überlegen?«

»Euch ist selbst der niedrigste Mensch überlegen!«

»Das ist sehr gut ausgedrückt. Ihr habt, wie es mir scheint, Talent zur Schauspielerin. Nur in diesem Augenblicke solltet Ihr von dem hohen Kothurn herabsteigen. Ihr macht Euch lächerlich. Ihr seid ja gefangen.«

»Ich werde es nicht lange sein.«

»Ah! Wer wird Euch befreien?«

»Gott!«

Er lachte laut auf.

»Der bekümmert sich nicht um Euch. Wenn er das thun wollte, hätte er dafür gesorgt, daß Ihr nicht in unsere Hände geriethet. Er hätte Euch auch gerathen, klüger zu sein. Ihr erhieltet die telegraphische Anweisung, augenblicklich nach Dos Palmas abzureisen; Ihr glaubtet, das Telegramm sei von Steinbach; es war aber von uns.«

»Donnerwetter!« entfuhr es Wilkins.

»Ja, Sennor, Ihr müßt sagen, daß wir unsere Sache sehr klug angefangen und sehr gut ausgeführt haben. Dieser verdammte Steinbach hat Euch zwar auch telegraphirt; er sagte Euch, daß wir kommen würden, und gab Euch den Rath, auf Eurer Hut sein. Morgen Mittag kommt er selbst nach Mohowk –Station; wir aber haben sein Telegramm aufgefangen. Was sagt Ihr dazu?«

»Daß Ihr die größten Schurken seid, welche von der Sonne beschienen werden. Aber so klug, wie zu sein Ihr Euch einbildet, seid Ihr doch nicht!«

»Wieso?«

»In Eurem Eifer, uns zu ärgern, sagt Ihr uns Dinge, welche ein Klügerer als Ihr verschweigen würde.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Daß Sennor Steinbach kommen werde.«

»Das soll ich Euch nicht sagen?«

»Nein. Es ist gegen Eure Zwecke. Ihr werdet nun gar keine Hoffnung haben, uns einzuschüchtern.«

»Von einschüchtern ist gar keine Rede. Ihr befindet Euch in unsern Händen. Einschüchtern kann man nur einen Menschen, den man noch zu fürchten hat. Das aber ist bei Euch gar nicht der Fall!«

»So ganz, wie Ihr meint, sind wir doch noch nicht in Eurer Macht!«

»Ihr befindet Euch in Ketten und sprecht solchen Unsinn!«

»Kommt einmal her! Versucht es mit uns!«

»So dumm bin ich nicht. Mit Euch habe ich überhaupt gar nichts zu Waffen. Ich komme zu Sennorita Magda, welche hoffentlich gescheidter sein wird als Ihr. Sie wird einsehen, daß Widerstand der allergrößte Unsinn ist.«

»Sie wird im Gegentheile überzeugt sein, daß wir gerettet werden.«

»Von wem?«

»Eben von Sennor Steinbach.«

»Laßt Euch nicht auslachen! Wie will er erfahren, wohin wir sind!«

»Der Fürst der Bleichgesichter wird bereits nach einer Viertelstunde wissen, woran er ist.«

»Nennt ihn immerhin den Fürsten der Bleichgesichter. Schwatzt den unsinnigen Titel nach, welchen er sich selbst gegeben hat. Wir fürchten ihn nicht!«

»Und doch seid Ihr in Prescott vor ihm ausgerissen?«

»Da seid Ihr falsch berichtet. Er mag sich vor uns in Acht nehmen. Kommt er uns zu nahe, so erwartet ihn eine Kugel. Auch Ihr mögt von Eurem hohen Tone lassen. Wir haben Mittel, Euch höflicher und gefügig zu machen.«

»Ich fürchte Euch nicht, nun ich weiß, daß Steinbach kommt. Wir werden gerettet.«

Er sagte das im Tone festester Ueberzeugung. Das reizte Roulin. Dieser ging in seinem Aerger weiter, als für ihn eigentlich gerathen war:

»So hofft nur immerhin! Desto größer wird dann Eure Enttäuschung sein.«

»Es wird sich finden, wer enttäuscht wird, wir oder Ihr.«

»Es ist wirklich stark, in Eurer Lage so zu sprechen. Ihr seid in unserer Gewalt; Ihr liegt sogar in Ketten. Wir können Euch in das Wasser werfen oder Euch in irgend einer andern beliebigen Weise den Garaus machen. Was Ihr da sagt, das ist nichts als der reine Wahnsinn.«

»Es ist die Ueberzeugung eines ehrlichen und unschuldigen Menschen. Ich prophezeihe Euch, daß Euch die Strafe schneller ereilen wird, als Ihr ahnt.«

Er verfolgte mit diesem Widerspruch einen bestimmten Zweck. Er wußte, daß unvorsichtige Leute durch solche Wortfechtereien zu Aeußerungen hingerissen werden, welche sie später bereuen. Es war ja möglich, daß Roulin auch die nöthige Vorsicht vergaß. Er hatte sich nicht verrechnet. Was er erwartet hatte, das geschah. Roulin antwortete zornig:

»Noch viel sicherer kann ich Euch Euer Schicksal voraussagen! Ich kenne es bereits.«

»Ihr? Ihr wärt der Kerl, unser Schicksal zu kennen!«

»Ich bin es sogar, der es zu bestimmen hat!«

»Prahler!«

»Was? Ich werde es Euch beweisen. Wißt Ihr vielleicht, welche Worte über dem Eingang zu Dantes Hölle stehen?«

»Besser als Ihr!«

»Sie lauten: ›Ihr, die Ihr hier eingeht, laßt alle Hoffnung schwinden!‹ Dieses Wort rufe ich auch Euch zu. Es erwartet Euch eine Hölle, grad so und noch schlimmer, als wie Dante sie beschrieben hat.«

»So werdet Ihr wohl unser Teufel sein?«

»Ja, Euer Satan!«

»Sehr interessant!«

»Sagt mir doch einmal später, ob Ihr es dann noch so interessant findet. Ihr werdet wirklich in die Unterwelt hinabsteigen müssen.«

»Klaftertief!« lachte Wilkins.

»Klaftertief?« fragte Roulin erbost. »Stellt es Euch nicht besser vor, als es ist. Wer einmal dort unten ist, der bekommt in seinem Leben die Sonne nicht wieder zu sehen.«

»Löscht Ihr sie etwa aus?«

»Für Euch wird sie ausgelöscht sein. Ihr werdet arbeiten müssen Tag und Nacht, Jahr aus, Jahr ein, ohne Ruhe, ohne Aufhören, getrieben von der Peitsche Euers Aufsehers.«

»Den Mann werde ich mir genau ansehen!«

»Meint Ihr, Euch gegen ihn empören zu können? Ihr werdet an Händen und Füßen gefesselt sein, und das Quecksilbergift wird Eure Knochen zerfressen, daß sie weich werden wie Binsenmark. Ihr werdet widerstehen wollen und nicht können. Ihr werdet auf Rettung hoffen, aber immer tiefer sinken. Ihr werdet beten wollen, aber Euer Gebet wird ein Fluch, eine Lästerung sein. Ihr werdet sinnen und grübeln nach einen Weg aus dieser Hölle, aber dieses Grübeln wird Euer Gehirn verzehren, bis Ihr wahnsinnig seid. Und selbst noch als Wahnsinniger werdet Ihr arbeiten müssen, getrieben vom Hunger, vom fürchterlichen, ungestillten Durste und von der Peitsche des Aufsehers.«

Er hatte jedenfalls eine solche Mittheilung gar nicht machen wollen; er hatte sich zu ihr hinreißen lassen, getrieben durch Wilkins Widerspruch.

»Ah! Ich danke Euch!« sagte dieser.

»Wofür? Für die Wohlthaten dieser Hölle?«

»Nein, für diese Mittheilung. Wir wissen ja nun, woran wir sind. Weiter brauchen wir nun nichts mehr zu wissen. Ihr könnt also gehen!«

»Mensch!« fuhr Roulin auf. »Reize mich nicht!«

»Pah! Thut nicht so gefährlich! Ihr seid ein Schurke, sonst aber ein ganz gewöhnliches Subject, welches man gar nicht zu fürchten braucht.«

»Soll ich Dich zusammentreten?«

Er ging einen Schritt vorwärts und hob drohend den Fuß. Als er aber sah, daß Wilkins auch sein Bein anzog, um sich durch einen kräftigen Tritt zu wehren, zog er sich wieder zurück.

»Am besten ist es, man läßt den alten Sünder schimpfen. Er wird es bereuen. Ich habe ja hier einen viel interessanteren Gegenstand, mit dem ich mich beschäftigen kann. Wie steht es, Sennorita Magda, habt Ihr Euch vielleicht unterwegs mit Sennor Zimmermann verlobt?«

»Sennor,« antwortete sie, »ich sollte Euch gar keiner Antwort würdigen; aber ich will Euch dennoch ein paar Worte sagen.«

»Ah, schön!« Ich hoffe, daß es Worte der Liebe sein werden!«

»Nichts weniger als das! Von dem, was Ihr schon früher gegen mich und die Eltern verbrochen habt, will ich nicht sprechen; aber was Ihr heut wieder gethan habt, das ist freilich höllisch, teuflisch. Wenn Ihr glaubt, dadurch meine Zuneigung zu gewinnen, so irrt Ihr Euch außerordentlich.«

»Ist das Alles, was Ihr mir zu sagen habt?«

»Alles. Nur füge ich die Warnung hinzu, daß Euch die Strafe ganz sicher ereilen wird.«

»Danke! Ich habe Geduld; die Strafe braucht nicht sogleich zu kommen; ich kann ja warten. Bis dahin aber will ich das Leben genießen, und einer der verlockendsten Genüsse, welche ich kenne, heißt Sennorita Magda.«

»Schweigt!«

»Wie stolz und gebieterisch das klingt! Ihr sprecht davon, daß es mir nicht gelingen werde, Eure Zuneigung zu erwerben. Das glaube ich Euch gern. Ich bin einige Zeit lang der Meinung gewesen, daß Ihr noch verständig werden könntet, habe aber dieser Ansicht Abschied gegeben. Was kann mir schließlich auch an Eurer Zuneigung liegen. Eure Schönheit, Euer Körper ist ja die Hauptsache. Ihr befindet Euch in meiner Gewalt; Ihr seid mein – – –«

»O, noch nicht!«

»Vollständig, vollständig, Sennorita!«

»Ich wollte Euch nicht rathen, mich zu berühren!«

»Das werde ich thun, und zwar gleich heute, gleich jetzt. Ich will Euch nur vorher klar machen, was Ihr zu erwarten habt. Wenn Ihr Euch mir ohne Widerstand ergebt, so könnt Ihr es ziemlich gut bei mir haben; seid Ihr aber so unsinnig dumm, bei Eurem bisherigen Verhalten zu bleiben, so lasse auch ich jede Rücksicht fallen. Ich will Euch besitzen; Ihr sollt mein sein; Ihr befindet Euch bereits in meiner Gewalt. Was hilft Euch das Sträuben? Ich fessele und binde Euch so, daß Ihr kein Fingerglied bewegen könnt, und dann mache ich, was ich will. Dann aber behandle ich Euch nicht etwa als eine menschliche Person oder gar als meine Geliebte, sondern als eine Waare, eine Sache, einen Gegenstand, den man benutzt, um ihn später wegzuwerfen, so ungefähr wie ein Kind eine Puppe liebkost und küßt und ihr dann den Kopf zerbricht und den Balg ausreißt, um die Sägespäne heraus zu kratzen. So werde ich Euch genießen, und werde ich Euch wegwerfen. Das wird Euer Schicksal sein. Und nun entscheidet Euch, ob Ihr mir freiwillig gehören wollt, oder ob ich als Euer Herr und Gebieter Besitz von Euch ergreifen soll!«

Von der Ecke her, in welcher Zimmermann lag, erklang das leise, strenge Knirrschen der Kette. Die Wuth kochte förmlich in ihm; er stemmte sich mit aller Gewalt gegen die Wand, um seine Kette zu zersprengen und sich auf den frechen Menschen zu stürzen. Roulin aber bemerkte es nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf Magda gerichtet, welche hoch aufgerichtet vor ihm stand, bleich wie der Tod vor Aufregung über das, was sie hatte anhören müssen. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie, die Reine, Keusche, hatte Worte vernehmen müssen, bei denen sich das verworfenste Frauenzimmer auf das Tiefste verletzt, auf das Schwerste beleidigt hätte fühlen müssen. Und doch gab es keinen Rächer da, unter dessen Schutz sie sich hätte begeben können.

Keinen? Wirklich keinen?

Aus der Ecke glühten Zimmermanns Augen fast so hell wie glühende Kohlen. Er liebte dieses herrliche Wesen mit aller Gewalt seiner Seele, mit jedem seiner Gedanken, mit jeder Faser und Fiber seines Innern. Seine Liebe war unerwidert; er wußte, daß ihr Herz einem Andern gehörte; aber dennoch war es ihm, als habe ein jedes Wort und jede Drohung Roulins ihn selbst getroffen. Seine Muskeln waren ebenso zum Zerreißen angespannt wie die Kette. Noch eine weitere Beleidigung und entweder mußte die Kette brechen oder seine Lunge zerplatzte unter der fürchterlichen Anstrengung, mit welcher er los zu kommen suchte, das fühlte er deutlich.

»Nun, Antwort!« sagte Roulin.

»Ja, die sollt Ihr haben,« antwortete jetzt Magda.

»Gebt Diejenige, welche zu Eurem Heile dient.«

»Es giebt nur eine Antwort für Euch, und die ist folgende: Wäre ich ein Mann, so würde ich Euch jetzt in das Gesicht spucken; da sich dies aber für eine Sennorita nicht schickt, so nehmt an, daß es geschehen sei. Ihr seid das ekelhafteste Geschöpf, welches es auf dem Erdboden geben kann, der Abschaum der Allerschlechtesten unter den Gottlosen. Thut, was Ihr wollt. Gott wird mir helfen!«

»Ah! So sprichst Du, so? Ich werde Dir sofort zeigen, was ich thue. Du sollst meine Geliebte, mein Weib sein vor den Augen dieser drei Personen. Sie sollen sehen, daß Du mir Alles, Alles gewähren wirst, was ich mir von Dir erwünsche. Komm her!«

Er streckte die Arme nach ihr aus. Sie wich zurück. Er trat rasch weiter vor.

»Helft mir, Sennor Zimmermann!« rief sie.

Sie wollte schnell zu diesem hin, um sich so unter den Schutz seiner Fäuste zu begeben wie vorhin Almy in denjenigen ihres Vaters; aber es war zu spät; Roulin hatte sie bereits gepackt.

»Hilfe!« rief sie, sich gegen seine Umarmung sträubend.

Die Kette in der Ecke Zimmermanns knirrschte; die hölzerne Wand prasselte.

Roulin drückte die sich wehrende an sich und versuchte, sie zu küssen.

»Hilfe, Hilfe! Um Gotteswillen!« rief sie in ihrer höchsten Angst.

»Gleich, gleich, Sennorita!« schrie Zimmermann. »Alle – alle – Teufel! Will denn – ah, ah, endlich, endlich!«

Es that einen schrecklichen Krach. Nicht die Kette war zerrissen, aber die eiserne Oese war aus der Wand gerissen worden, und zwar mit solcher Gewalt, d«ß Zimmermann mehrere Fuß weit in den Raum hinein rollte.

»Donnerwetter!« schrie Roulin. »Er ist frei!«

»Ja, frei, frei! Und nun komm her, Bursche!«

Bei diesen Worten raffte sich Zimmermann auf, um sich auf Roulin zu stürzen; aber er trat mit dem einen Fuße auf die Kette und stolperte in Folge dessen nieder. Zwar sprang er schnell wieder auf, aber es war zu spät; Roulin, der zu feig war, um sich in einen Ringkampf einzulassen, hatte das Mädchen schleunigst frei gegeben, war zur Thür hinaus geeilt und hatte diese hinter sich verriegelt.

Magda sank nieder, legte das Gesicht in beide Hände und weinte laut. Zimmermann stand mitten im Raume und hatte die Fäuste geballt. So starrte er nach der Thür.

»Fort, fort ist er!« rief er. »Ich eile ihm nach und zermalme ihn!«

Er wollte es thun. Da warnte Wilkins:

»Halt das geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Die Thür ist zu.«

»Pah! Ich sprenge sie mit Leichtigkeit durch einen Fußtritt auf.«

»Aber dann oben die Lücke. Die ist so eng. Wenn Ihr nur den Kopf hindurch steckt, erhaltet Ihr einen Hieb darauf, an dem Ihr genug habt.«

»Das ist wahr. Was aber thun?«

»Jetzt keine Gewalt! Muthig wollen wir sein, aber nicht tollkühn. In unserer Lage gilt List und Ueberlegung mehr als die größte Tapferkeit. Wäre es möglich, auch mich frei zu machen, so wären wir zwei Personen, und ich wollte sehen, wer es dann wagen wollte, zu uns herein zu kommen, um die Damen zu beleidigen.«

»Richtig, richtig! Habt keine Sorge, Sennor. Ist es mir allein gelungen, mich zu befreien, so wird es uns Zweien bei Euch wohl auch gelingen. Wollen einmal sehen.«

Er kniete sich neben Wilkins hin. Beide begannen zu arbeiten. Die Kette klirrte und knirrschte: die Wand prasselte; dann gab es einen lauten Krach, und auch Wilkins war frei.

Er stand vom Boden auf und streckte seine Arme.

»Gott sei Lob und Dank! Das ist der Anfang zur Freiheit und zur Rache!«

»Mein Vater, mein lieber Vater!« rief Almy, ihn umarmend.

Und Magda streckte Zimmermann ihre beiden Händchen entgegen und sagte:

»Sennor, ich bin Euch viel, sehr viel schuldig. Was heut geschehen ist, werde ich Euch nie, niemals vergessen!«

Er drückte ihre Hände an sein Herz und antwortete:

»Vergessen wir es lieber diesem Roulin nicht, Sennorita! Ich werde mit ihm abrechnen, daß es ihm schwarzblau vor den Augen werden soll. Die Hölle, welche er uns so deutlich beschrieben hat, soll er selbst bewohnen müssen! Jetzt aber müssen wir vor allen Dingen einen Plan fassen. Wir müssen wissen, was wir zu thun und wie wir uns zu verhalten haben.« – –

Als man vorhin auf dem Verdecke Zimmermann und Wilkins überfallen und überwunden hatte und dann auch die beiden Mädchen hinunter in den Raum geschafft worden waren, hatte man zunächst eine Besprechung für nothwendig gehalten. Es schien gerathen zu sein, der Bootsmannschaft irgend eine Erklärung zu geben, da diese Männer sonst leicht auf den Gedanken kommen kennten, die Gefangenen für unschuldig zu halten und sich derselben anzunehmen.

Auch Miranda war mit Balzer aus der Kajüte geholt worden, um an dieser Besprechung Theil zu nehmen. In Folge dessen hatte die Kajüte für kurze Zeit offen und leer gestanden.

Einer der Bootsleute kam, wie zufällig, langsam herbei geschlendert, blickte hinein, und da er Niemand drin erblickte, so trat er ein. Das Handgepäck der Damen lag auf den Rohrsitzen. Magda hatte in dem Augenblicke, als die Katastrophe eintrat, ein kleines Ledertäschchen geöffnet in den Händen gehabt, um Etwas darin zu suchen, und es, als sie aufsprang, fallen lassen. Es lag noch da und war weder von Miranda noch von Balzer beachtet worden, da diese zu sehr mit ihren Zärtlichkeiten beschäftigt gewesen waren.

Auf dieses Ledertäschchen fiel der Blick des Bootsmannes. Eine länglich viereckige Karte war herausgefallen. Er hob sie auf. Es war eine Photographie. Sie enthielt Magdas Bildniß.

»Ah!« murmelte er. »Die schöne, junge Sennorita! Sollte sie wirklich ein so böses Frauenzimmer sein, wie Sennor Balzer sagt? Ich glaube es nicht. So ein Gesicht ist nicht dasjenige eines schlechten Mädchens. Ich habe noch niemals ein so prächtiges Wesen gesehen. Warte, das Bild behalte ich!«

Er steckte die in San Franzisko angefertigte Photographie zu sich; dann schlich er sich wieder aus der Kajüte hinaus.

Der gute Mensch beabsichtigte keinen Diebstahl. Er sagte sich, daß, wie die Dinge standen, die Gefangenen wohl so wie so ihre Habseligkeiten verlieren würden. Magda hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; ihr Bild war ein Schatz für ihn, und überdies ist die Photographie einer so reizenden Dame für einen armen Schiffer an den wilden Ufern des Rio Gila etwas so ungeheuer Seltenes, daß er sich nicht lange mit Bedenken herumschlägt, ehe er sie an sich nimmt.

Später sah er Walker hinabsteigen. Was wollte dieser unten? Er kam nach längerer Zeit wieder und dann ging Roulin hinab. Dem ehrlichen Bootsmann hatten die Gesichter Walkers und Genossen nicht gefallen; er traute ihnen nicht viel Gutes zu. Wie nun, wenn hier ein Verbrechen begangen wurde, kam da die Mitschuld nicht auch auf die Bootsleute? Er wollte, er mußte sich überzeugen. Darum schlich er sich heimlich nach der Lücke, stieg die Treppe hinab und lauschte. Er hörte Wort für Wort, was in dem Raume gesprochen wurde.

Als dann Roulin vor Zimmermann floh und die Thür zugeriegelt hatte, konnte sich der Bootsmann nicht schnell genug zurückziehen. Beide stießen auf der Treppe zusammen.

»Wer da?« fragte Roulin zornig.

»Bootsmann Forner.«

»Was hast Du hier unten zu suchen gehabt?«

»Gehabt? Ich will ja erst hinunter.«

»Lüge nicht! Du hast gehorcht!«

»Alle Teufel! Wer hat mir schon einmal sagen dürfen, daß ich ein Lügner bin!«

»So sage ich es!«

»Das kann Euch einige blaue Augen kosten! Wer seid denn Ihr?«

»Ein Passagier.«

»So kann ich Euch viel eher fragen, was Ihr hier unten zu suchen habt. Verstanden? Ich gehöre auf das Boot und will nach dem Kielwasser sehen. Macht, daß Ihr hinauf kommt!«

»Mensch, laß Dir nicht etwa einfallen, zu den Gefangenen zu gehen!«

»Die gehen mich nichts an. Uebrigens habt Ihr mir gar nichts zu sagen. Sennor Balzer ist mein Patron. Nach Eurer Pfeife hat hier kein Mensch zu tanzen.«

Er stieg in den Kielraum hinab, um scheinbar nach dem Brakwasser zu sehen. Als er wieder zurückkam, stand Roulin noch da, um ihn zu beobachten.

»Potz, Bomben und Granaten, was lehnt Ihr denn noch hier!« fluchte der Bootsmann. »Die Passagiere gehören in die Kajüte, nicht aber in alle Winkel, wo sie Einem im Wege stehen!«

»Rede anders, Bursche, sonst sage ich es Deinem Patron, der mag Dich fortjagen!«

Das kam dem guten Schiffer sehr gelegen. Er antwortete nun mit absichtlicher Grobheit:

»Hole Euch der Teufel! Denkt Ihr, daß sich der Bootsmann Forner vor dem ersten besten Hans Narr fürchtet? Ihr wärt mir grad der Rechte. Lauft, zu wem Ihr wollt, aber kommt nicht etwa mir zwischen die Fäuste, sonst könntet Ihr bald mit einem von den Mäusen angefressenen Chocoladenpudding verwechselt werden!«

Er schob Roulin zur Seite und stieg an Deck. Dort lehnte er sich an die Brustwehr und dachte nach.

»Eine verdammte Geschichte!« brummte er. »Sennor Balzer hat sich da in ein Ding eingelassen, welches ihm viel Schaden machen und wohl gar den Kopf kosten kann. Auch über uns kann es kommen. Ich bin ein ehrlicher Kerl und mache mich aus dem Staube. Aber wie? Gehe ich im Zorne fort, so glauben sie, ich verrathe die Geschichte und verändere ihren Plan. Sie dürfen also gar nichts ahnen, daß ich davon sprechen will. Wie fange ich das Ding nur klug genug an? Ah, da kommt mir ein prachtvoller Gedanke! Ich ersaufe ein bischen. Ja, ich ersaufe; das ist das Allerbeste, was ich thun kann. Meine Sachen habe ich alle bei mir, und das Bild der schönen Sennorita thue ich in meinen Tabaksbeutel; der ist aus einer Rehbocksblase gemacht und läßt kein Wasser durch. Auf diese Weise wird das Bild nicht naß. Den Sennoritas muß ich beistehen, ohne daß der Verdacht auf mich kommt. Der Kerl, welchen ich auf der Treppe traf, wird mich bei Sennor Balzer verklagen, und dieser wird mich suchen, um mir einen Verweis zu geben. Er soll mich auf dem Achterdeck finden. Ich vertheidige mich mit einigen Redensarten, mache einige Gesticulationen und thue einen Fehltritt – plumps, liege ich im Wasser; ich ersaufe und bin am Morgen in Gila-City, wo es sich finden wird, was ich zu thun habe. Ja, ja, so wird es gemacht! Es ist doch nichts so schön und gut, als wenn der Mensch ein gescheidter Kerl ist! Und ausnahmsweise bin ich das heute einmal!«

Er war ein armer Teufel und hatte nicht das mindeste Gepäck bei sich. Ein Wenig Geld, ein halbvoller Tabaksbeutel, sein Messer, seine Pfeife und das Bild der Sennorita, aus diesen Gegenständen bestand sein ganzes Vermögen. Er steckte das Bild in den wasserdichten Tabaksbeutel, und darin bestand seine ganze Reisevorbereitung.

Nun stieg er langsam auf das Achterdeck hinauf, da wo der Steuermann stand, die Ruderpinne in der Faust. Da der Seelenverkäufer schmal gebaut war, so gab es hier oben nicht viel Platz. Höchstens drei Personen konnten da stehen. Er begann eine ziemlich einsilbige Unterhaltung mit dem Steuermanne und lauschte dabei aufmerksam nach vorn. Er hatte sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht, denn bald wurde sein Name gerufen. Er that, als ob er nichts höre.

»Bootsmann Forner!« ertönte jetzt die Stimme Balzers.

»Hier, auf dem Achterdeck,« antwortete er.

Balzer kam heraufgestiegen.

»Höre, was hast Du denn mit Signor Roulin gehabt?« fragte er.

»Roulin? Kenne ich gar nicht.«

»Ich meine den Sennor, welchen Du unter der Raumlucke so grob behandelt hast!«

»Ich ihn? Das ist grad umgekehrt. Er hat mich grob behandelt.«

»Er sagte, Du habest gehorcht.«

»Das sagte er mir auch. Wo aber soll ich denn gehorcht haben? Ich besann mich, daß wir seit der letzten Fahrt das Brakwasser nicht ausgeschöpft haben, und wollte hinabsteigen, um nachzusehen, ob es vielleicht so hoch stehe, daß wir uns noch während der Nacht dranmachen müssen. Eben steige ich die Treppe herab, so kommt er aus dem Raume gesprungen und rennt an mich an. Dabei schreit er mich an, ich hätte gelauscht. Nun möchte ich wissen, was ich da hätte belauschen sollen. Ich bitte Euch, Sennor, bedenkt die Räumlichkeit da unten. Hier ist die Treppe – –«

Er zeigte dabei über sich.

»Hier kommt dieser Sennor aus diesem Raume gestürzt, in aller Eile – – –«

Er zeigte dabei vor sich hin, wie um die Situation recht anschaulich zu machen.

»Und hier komme ich gestiegen, die Treppe herab, so – nein, noch weiter zurück.«

Er trat dabei einen – zwei Schritte zurück.

*

57

»Halt, Kerl! Du fällst ja hinab!« schrie Balzer.

»Herrgott! Hilfe, Hilfe!«

Da das Achterdeck hoch war, so hatte es nur eine sehr niedrige Brustwehr, nur eine Art Geländer, mehr bestimmt, einem Gepäckstück als einem Menschen Schutz vor dem Falle zu bieten. Der Bootsmann war zu weit zurückgetreten und stürzte rücklings hinab in die dunklen Fluthen des Stromes, in denen er auch sogleich verschwand.

»Mann über Bord!« ertönte der laute Ruf.

Man ließ sofort das Segel fliegen, um das Fahrzeug beizudrehen, und machte die kleine Barke los. Lichter wurden angebrannt; laute Rufe erschollen – vergebens!

»Der arme Forner!« sagte Balzer.

»Er kann ja schwimmen!« brummte der Steuermann.

»Er ist dennoch todt, sonst hätte er ja auf unsere Zurufe geantwortet. Es kam zu schnell. Der Schlag hat ihn getroffen!«

Drüben aber stieg der Gesuchte am Ufer aus dem Wasser, schüttelte sich und brummte lachend:

»Gelungen! Sucht nur immerhin. Wenn es mir später paßt, komme ich ganz von selber. Jetzt nun will ich mir das Wasser aus dem Habite ringen, und dann geht es eilig nach Gila City. Vielleicht komme ich dort an, ehe der Seelenverkäufer vorüber ist.«

Leider gab es keinen gebahnten Weg. Er mußte sich durch wildes Buschwerk arbeiten, bei dunkler Nacht eine beschwerliche Sache und hatte den vielfach sich krümmenden Fluß als einzigen Wegweiser. So kam es, daß er beim Anbruche des Morgens nur wenig vorwärts gekommen war. Nun aber konnte er ausschreiten.

Als er gegen Mittag Gila-City erreichte, sah er soeben den Seelenverkäufer in einer Krümmung des Flusses jenseits der Stadt verschwinden. Das Fahrzeug war ihm zuvorgekommen.

»Verdammt! Ich komme zu spät! Was ist da nun zu thun? Alle Teufel! Was für ein nettes, schmuckes Ding liegt denn da am Ufer?«

Das, was er meinte, war eine elegant gebaute Dampfyacht, die zum gelegentlichen Segeln auch mit einem Maste und Bugspriet versehen war – hier am Rio Gila gewiß eine Seltenheit. Wunderbar aber war die Auszeichnung des kleinen Dampfers. Nämlich vorn über dem scharfen Bug befand sich ein riesengroßes Bild. Es stellte einen langen, unendlich langen Mann vor, mit einem außerordentlich gutmüthigen, auch lang gezogenen Gesichte, in welchem sich eine kleine, nach oben gerichtete Stumpfnase recht eigenthümlich ausnahm. Der Kopf dieses Gemäldes trug einen riesigen, breitrandigen Filzhut. In der einen Hand hielt der Mann eine Doppelbüchse, in der andern einen großen Jagdspeer. Im Gürtel stecken zwei Tomahawks, zwei Messer, zwei Pistolen und zwei Revolver. Auf dem Rücken trug er einen indianischen Schild und auf der Nase eine riesige Klemmbrille. Gekleidet war die Gestalt genau wie ein Indianer, in Moccassins, Leggins und ledernes Jagdhemde nebst dito Jagdrock. Unter diesem sonderbaren Bilde war in großen, goldenen Lettern zu lesen:

»Lord Eagle-nest,
the Wood-loafer.«

das heißt zu deutsch: Lord Eagle-nest, der Waldläufer.

Wäre die Yacht erst jetzt angekommen, so hätten sicher sämmtliche Bewohner des Ortes am Ufer gestanden, um sie zu betrachten und ihre Bemerkungen darüber zu machen. Da sich aber kein Mensch in der Nähe befand, so war anzunehmen, daß sie bereits seit geraumer Zeit hier vor Anker liege.

»Wunderbar!« brummte der Bootsmann. »Ein so selten nettes Schiff und ein so unbegreifliches Avis. Der Mann ist ganz sicher ein Engländer und hat den Spleen nicht nur im Kopfe, sondern auch in allen Gliedern. Ob der den Gila befahren will? Hm!«

Er schlenderte langsam weiter, am Flusse hin, wo die Gebäude standen, einige von Stein, die meisten aber nach Blockhüttenart gebaut. Gila-City war noch klein, gab aber, da es am Einflusse des Gila in den Colorado liegt, die Bürgschaft eines schnellen Emporkommens.

Um irgend einen Schritt in Angelegenheit des Seelenverkäufers zu thun, wollte der Bootsmann eine kleine Herzstärkung zu sich nehmen. Er trat also in eine ihm bereits bekannte Schänke, in welcher er zu verkehren pflegte, wenn er nach Gila-City kam. Kaum aber hatte er die Thür geöffnet, so blieb er ganz erstaunt unter derselben stehen. Da saßen zwei Männer am Tische, ein junger und ein alter, und dieser Letztere war ganz genau das Original des Gemäldes, welches er am Bug des kleinen Dampfers gesehen hatte. Die kleine Nase, der große Hut, die Klemmbrille, Alles war da außer der fürchterlichen Armirung, denn der Mann trug jetzt nur ein Messer im Gürtel.

Der Jüngere war ähnlich gekleidet, von seinem Gliederbau und trotz seiner Prairiekleidung von vornehmem Aussehen. Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, daß der Aeltere der Beiden der englische Lord Eagle-nest war. Der Jüngere war sein Verwandter, Hermann von Adlerhorst, welcher damals, als er sich mit dem Maler Paul Normann in Constantinopel befand, den Namen Wallert geführt hatte.

Die Dampfyacht war ganz dieselbe, welche der Lord während seiner Reise nach Constantinopel, Tunis und Egypten benutzt hatte. Nur war an Stelle des Bildes ein anderes gekommen, und zwar in Folge einer neuen, eigenthümlichen Marotte des Lords, nachdem er seinen Lieblingswunsch, eine Entführung aus dem Serail, aufgegeben hatte.

Beide Männer saßen bei einem Glase Brandy, mit Zucker gesüßt und mit Wasser verdünnt.

Der Bootsmann setzte sich an einen andern Tisch und ließ sich eben so einen Brandy geben, welchen der Wirth einschänkte, der sich augenscheinlich in einem Gespräche mit den beiden ersteren Gästen befunden hatte. Jedenfalls war ihm kurz vor dem Eintreten des Bootsmannes von dem Lord die Frage vorgelegt worden, oder Englisch verstehe, denn als er Forner das Glas hingesetzt hatte, wendete er sich mit der Antwort an den Engländer:

»Freilich spreche und lese ich englisch. Das muß ich als Wirth doch wohl verstehen.«

»Und kennt Ihr den Rio Gila so, daß man von Euch Auskunft erhalten kann?«

»Ich habe mich bereits seit einer ganzen Reihe von Jahren am Flusse aufgehalten. Welche Auskunft meint Ihr denn?«

»Seht Euch einmal diesen Titel an. Kennt Ihr ihn?«

Er zog ein Buch aus der Tasche, dessen Ueberschrift, ins Deutsche übersetzt, folgendermaßen lautete: Der Waldläufer von Gabriel Ferry. Erster Band. Der Wirth warf einen Blick darauf und sagte:

»Natürlich kenne ich es. Dieses Buch wird außerordentlich viel gelesen. Die Geschichte spielt in der Apacheria und am Rio Gila. Sie ist sehr interessant.«

»Ja, ungemein interessant. Ich habe sofort, als ich sie gelesen hatte, den Entschluß gefaßt, auch Waldläufer zu werden, und bin aus England herüber gekommen, um ähnliche Abenteuer zu erleben.«

Der Wirth musterte den Lord mit einem Blicke, in dem sich freilich keine große Bewunderung aussprach.

»Seid Ihr denn Jäger?« fragte er.

»Und ob!« lautete die stolze Antwort.

»Verzeiht! Was habt Ihr denn geschossen?«

»Hasen und Rebhühner bisher.«

»O wehe!«

»Was o wehe? Wenn ich einen Hasen schieße, so werde ich wohl auch einen Bären oder einen Büffel treffen. Diese Thiers sind größer als ein Hase und laufen nicht so schnell. Es ist also gar keine Kunst, sie zu erlegen.«

»Täuscht Euch nicht! Ein Hase wehrt sich nicht, ein Bär aber stellt seinen Mann.«

»Nun, ich bin auch ein Mann. Ich will den Gila hinaufdampfen. Wie weit ist er denn fahrbar?«

»Das weiß ich nicht genau. Wendet Euch mit Eurer Frage lieber an diesen Sennor hier. Er heißt Forner und ist ein viel befahrener Bootsmann, der Euch bessere Auskunft ertheilen kann, als ich.«

Der Lord betrachtete sich Forner genau, nickte ihm zufrieden gestellt zu und sagte zu ihm:

»Ein Bootsmann auf dem Gila? Habt Ihr jetzt Stellung und Arbeit, Master?«

»Augenblicklich nicht, Sennor.«

»Kennt Ihr den Fluß?«

»So gut wie ein jeder Anderer.«

»Habt Ihr nicht Lust, in meine Dienste zu treten? Ich bezahle Euch gut.«

»Ich bin nicht abgeneigt, falls Ihr nicht mehr verlangt, als ich zu leisten vermag.«

»Die einzige Leistung, welche ich verlange, besteht darin, daß Ihr unsern Führer macht, so weit es Eure Kenntniß des Flusses und der Umgegend erlaubt.«

»Da schlage ich ein, Sennor, und ich bin überzeugt, daß Ihr zufrieden sein werdet.«

»Sehr schön! Einen Lohn mache ich nicht aus. Ich werde Euch nach Euren Leistungen bezahlen. Hier aber will ich Euch zehn Peso's Draufgeld bezahlen. Da, nehmt!«

Zehn Peso's sind gleich zehn Dollars. Ein so reichliches Draufgeld hatte Forner nicht erwartet. Er bedankte sich auf das Eifrigste und versicherte, daß er sich alle Mühe geben werde, seinen neuen Patron zufrieden zu stellen. Der Lord meinte:

»Das hoffe ich. Du bist jetzt in meinen Dienst getreten und ich werde Dich also Du nennen. Das Master oder Sennor ist zu unbequem. Denkst Du, daß wir Wild finden werden?«

»Ganz gewiß.«

»Und Indianer?«

»Noch gewisser, wenn Ihr es wünscht.«

»Natürlich wünsche ich es. Ich will mir einige Scalphäute mit nach Hause nehmen.«

»Da wollen wir nur hoffen, daß wir dabei nicht unsere eigenen verlieren.«

»Pah! Meine Haut sitzt fest. Du kannst doch sofort antreten und mit auf die Yacht kommen?«

»Ja. Ich habe zwar vorher ein kleines Geschäft, aber das wird nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich will nur zum Alcalden, um eine Anzeige zu machen.«

»Eine Anzeige beim Alcalden? Sapperment! Da wird man Dich vielleicht festhalten, des Zeugnisses wegen.«

»Das ist freilich möglich.«

»So unterlaß die Sache lieber. Ist sie denn so nothwendig. Kannst Du es nicht aufschieben?«

»Eigentlich nicht. Es handelt sich nämlich um eine Entführung, die ich hintertreiben will.«

Der Lord fühlte sich durch dieses Wort sofort electrisirt. Er rief schnell:

»Eine Entführung! Sapperment! Ein Mädchen wohl?«

»Zwei Mädchen und zwei Männer.«

»Verteufelt, verteufelt! Eine vierfache Entführung! Sind die Mädels hübsch?«

»Sehr!«

»So müssen wir Ihnen helfen!«

»Ihr? Wie wollt Ihr das anfangen?«

»Das kann ich natürlich nicht eher wissen, als bis ich erfahren habe, wie es bei der Entführung zugegangen ist, und wohin die vier Personen gebracht werden sollen.«

»Sie sollen in die Gegend von Aubrey gebracht werden.«

»Liegt dieser Ort nicht am Ufer des Colorado?«

»Freilich.«

»Da können wir ja mit unserer Yacht hin!«

»Das wäre ein Glück. Wir werden diese Kerls bald einholen. Sie sind auf einem Segelboote vor kaum einer halben Stunde hier vorüber.«

»Schön! Sehr schön! Welchem Hallunken gehört denn dieses Seegelboot?«

»Der Besitzer ist kein Hallunke, sondern ein Ehrenmann, Sennor. Man hat ihn betrogen, getäuscht. Er ist der Sohn des Stationers in Mohawk-Station.«

»Ah, Sennor Balzer etwa?« fragte der Wirth.

»Ja.«

»Den kenne ich sehr gut und sein Boot auch. Ich sah es vorhin vorübersegeln und wunderte mich, daß er nicht hier anlegte, was er doch gewöhnlich thut. Der also ist mit in eine Entführung verwickelt? Wie ist denn das zugegangen?«

Der Bootsmann erzählte, was er erfahren und erlauscht hatte. Als er geendet hatte, sagte der Wirth:

»Da wird Euch eine Anzeige wenig oder wohl auch gar nichts fruchten, Sennor Forner.«

»Warum nicht?«

»Meint Ihr etwa, daß man sie verfolgen werde?«

»Ich hoffe es.«

»Nein. Der Alcalde und überhaupt eine jede obrigkeitliche Person wird sich hüten, sich mit dieser Angelegenheit zu befassen. Auch Euch, Sennor Lord, rathe ich, Euch nicht in die Sache zu mischen. Es könnte fehl schlagen und sogar für Euch ein schlechtes Ende nehmen.«

»Worin sollte das schlechte Ende bestehen?«

»In einigen Kugeln, welche man Euch auf den Pelz brennt.«

»Meint Ihr, daß ich meinen Pelz hinhalte? Soll ich diese Leute ohne Hilfe lassen, da ich ihnen doch so leicht Hilfe bringen kann!«

»Da irrt Ihr Euch gewaltig. Ihr könnt ihnen nicht helfen.«

»Das Gesetz ist für mich. Man hat sie auf ungesetzliche Weise ihrer Freiheit beraubt.«

»Das Gesetz wird gegen Euch sein. Bedenkt, daß der Colorado die Grenze bildet zwischen hier und drüben, zwischen Arizona und Californien. Die That ist in Arizona geschehen; legt das Boot an das andere Ufer, welches kalifornisch ist, so hat kein Bewohner und keine Obrigkeit aus Arizona das Recht, sich an den Insassen desselben zu vergreifen.«

»Nun, ich habe mich weder um Arizona noch um Californien zu bekümmern. Ich thue, was mir gefällt. Und da es mir grad eben gefällt, mich der Bedrängten anzunehmen, so will ich Den sehen, der es mir verbieten will. Was meinst Du, Hermann?«

»Daß es zwar Pflicht ist, sich der Unglücklichen zu erbarmen, daß aber ein Jeder zunächst auf sich zu sehen hat.«

»Das habe ich gethan. Ich pflege täglich vierundzwanzig Stunden lang auf mich zu sehen. Jetzt habe ich nun einige Stunden Zeit für Andere übrig.«

»Die Leute gehen uns nichts an!«

»Nicht? Sie sind Menschen und unsere Brüder.«

»ES ist gefährlich!«

»Hast Du Angst?«

»Angst nicht, aber keine Lust. Man weiß es ja gar nicht, ob die Leute es auch werth sind, daß man sich für sie in Gefahr begiebt.«

»Wir werden es erfahren, ob sie es werth sind.«

»Sie sind es werth,« sagte der Bootsmann.

»Woher weißt Du das?« fragte Hermann.

»Ich habe es ihnen angesehen. Der alte Herr ist sehr ehrwürdig, und wenn Ihr die beiden jungen Sennorita's gesehen hättet, so – ah, daß ich das vergessen konnte! Ich habe ja das Bild der Einen.«

»Du? Wie kommst Du dazu?«

Diese Frage brachte ihn so ziemlich in Verlegenheit. Er blickte eine Weile zaudernd vor sich nieder, antwortete aber dann in aller Aufrichtigkeit:

»Ich habe es wegstiebizt.«

»Ah, so bist Du ein Spitzbube?«

»Nein, das bin ich dennoch nicht. Als sie die Sennorita eingesperrt hatten, fand ich ihre Photographie am Boden liegend, und weil ich dachte, daß das Bild mir nützen könne, habe ich es an mich genommen.«

»Hm, der Gedanke war nicht so gar übel. Zeige es doch einmal her!«

»Hier ist es.«

Er zog den Tabaksbeutel hervor, öffnete denselben und gab dem Lord das Bild. Kaum hatte er einen Blick auf dasselbe geworfen, so rief er aus:

»Himmel! Wer ist das! Hermann!«

»Was?« fragte der Genannte.

»Das ist Tschita!«

»Unmöglich!«

»Ja, Tschita, die Sclavin aus Constantinopel.«

»Meine Schwester? Zeig her, Vetter!«

Er nahm ihm das Bild aus der Hand und betrachtete es.

»Ich lasse mich verkehrt aufhängen, wenn sie es nicht ist,« versicherte der Lord.

Auch Hermann von Adlerhorst war betroffen.

»Man sollte allerdings glauben, daß sie es sei,« sagte er.

»Natürlich ist sie es! Wer soll es denn sein?«

»Wüßte ich nicht, daß wir die Schwester drüben in Freund Normanns Obhut zurückgelassen haben, so würde ich geneigt sein, dieses Bild für ihre Photographie zu halten. Aber, wenn ich es genauer betrachte, so sehe ich doch, daß wir uns täuschen.«

»Täuschen? Unsinn!«

»Und doch! Es ist eine Andere. Die Ähnlichkeit ist ungeheuer groß.«

»Natürlich! Grad so, wie ich mir selbst auch ähnlich bin. Wie kommt ihr Bild nach Amerika!«

»Blicke hier auf die Rückseite! Es ist in San Francisco angefertigt.«

»Da kann sie freilich nicht gewesen sein.«

»Nein. Sie ist es nicht; es ist eine Andere, und diese Andere muß ihr so ähnlich sehen wie eine Zwillingsschwester der andern. Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll.«

»Zwillingsschwester! Herrgott! Weißt Du, was für eine Gedanke mir da kommt?«

»Nun.«

»Es könnte wohl eine Schwester sein.«

Hermann blickte ihm beinahe erschrocken in das Gesicht.

»Welch eine Vermuthung!« sagte er.

»Nun, ist sie etwa wahnsinnig, diese Vermuthung?«

»Nein, gar nicht. Eine solche Ähnlichkeit kann zwischen sich fremden Personen fast gar nicht möglich sein.«

»Ganz richtig.«

»Aber ich habe ja keine weitere Schwester.«

»Nicht? Hm! Dann ist sie allerdings nicht eine Schwester von Tschita. Aber, hm!«

Er sah Hermann nachdenklich ins Gesicht und fragte dann:

»Wie alt war Tschita, als damals das Unglück geschah?«

»Wenig über ein Jahr.«

»So! Nun, da wäre es doch möglich, daß –«

»Weiter!«

»Na, es läßt sich schlecht über so Etwas sprechen.«

»So rede doch nur!«

»Ich meine, es könnte damals doch bereits ein jüngeres Schwesterchen vorhanden gewesen sein.«

»Davon müßte ich doch wissen!«

»O nein! Das Kindchen war wohl noch nicht geboren.«

»Bist Du unsinnig, Vetter?«

»Nein.«

»Noch ungeboren! Welcher Gedanke!«

»Ich meine, daß er gar nicht so dumm ist. Mag es sein, wie es will, ich interessire mich ganz ungeheuer für dieses Mädchen.«

»Ich auch,« meinte Hermann, die Augen forschend auf das Bild heftend.

Es war ihm beim Anblicke dieses Gesichtes so ganz und gar eigenthümlich zu Muthe.

»Nun, wenn Du Dich ebenso für sie interessirst wie ich, so wirst Du wohl nichts mehr dagegen haben, daß ich sie retten will.«

»Es ist mir allerdings so, als ob ich Dir jetzt zustimmen müßte.«

»Schon! Also werden wir – – –«

Er wurde unterbrochen. Die Thür ging auf und es trat ein Mann herein, dessen Aeußeres so in die Augen fallend war, daß dem Lord das Wort im Munde stecken blieb. Der neu Angekommene war außerordentlich dick, fast hätte man sagen mögen, kugelrund. Seine nicht hohe Gestalt steckte in einem echten, richtigen Trapperanzuge, und der Hutrand, unter welchem seine kleinen Aeuglein lustig und listig hervorblinzelten, war so breit wie ein Regenschirm.

»Guten Morgen, Sennores!« grüßte er.

Die andern dankten, nur der Lord nicht. Er hatte den Mund offen und blickte den Dicken mit einem Befremden an, welches diesem auffallen mußte. Der Letztere trat dann auch auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte:

»Bruderherz, mach das Maul zu, so bekomme ich Angst, weil ich denke, Du willst mich fressen.«

Das brachte den Lord zu sich. Er antwortete:

»Na, nur keine Brüderschaft, Mann!«

»Mir auch recht,« lachte dieser, indem er sich an einen andern Tisch setzte. »Darf ich wissen, warum Ihr mich so anguckt?«

»Weil ich noch keinen so dicken Kerl gesehen habe, wie Ihr seid.«

»Und ich keinen so dürren wie Euch; dennoch aber bleibt mir das Maul nicht aufstehen.«

»Pah! Die Dickheit ist es nicht allein. Aber Ihr scheint Jäger zu sein?«

»Ja, Sennor.«

»Wohl gar Prairiejäger?«

»Das will ich meinen.«

»Also ein Waldläufer?«

»Natürlich.«

»Himmeldonnerwetter! Ich will auch einer werden!«

»Seid Ihr es nicht?«

»Leider nein.«

»Hm, konnte es mir denken. Ihr habt Euch zwar in die richtige Kleidung gesteckt, aber sie ist funkelnagelneu und hängt Euch von den Achseln, wie dem bekannten Esel die Löwenhaut.«

»Alle Wetter! Macht keine so dummen Vergleiche! Ich kann das nicht leiden.«

»Aber ich kann es leiden, und was ich gern leiden mag, das mache ich. Wirth gebt mir einen Schnaps.«

Der Wirth folgte dieser Aufforderung. Der Dicke griff in den Gürtel und legte ihm die Bezahlung hin.

Der Lord erblickte den Gegenstand, sprang auf, trat hin, ergriff denselben, betrachtete ihn und sagte:

»Das ist ja ein Goldkorn, ein Nugget!«

»Allerdings.«

»Von wem habt Ihr es?«

»Von mir selbst.«

»Also gefunden.«

»Gestohlen nicht!«

»So seid Ihr nicht nur Jäger, sondern auch Goldsucher?«

»Habt es errathen.«

»Sapperment! Kennt Ihr den Gila?«

»So ziemlich.«

»Giebt es in seiner Nähe auch Gold?«

»Ja, besonders für Denjenigen, der es findet.«

»Ich dachte es mir. Ich habe da ein Buch, in welchem erzählt wird, daß in der Nähe des Gila Gold gefunden wird. Da ist ein Kerl erwähnt, der hat im Wasser einen Klumpen gesehen, welcher wohl so groß wie ein Kürbis war.«

»Wollt Ihr etwa auch Gold suchen?«

»Nein; ich habe es nicht nöthig. Aber jagen will ich, durch die Urwälder laufen, Bären und Büffel schießen. Meint Ihr nicht?«

»O, was mich betrifft, so habe ich ganz und gar nichts dagegen, Sennor.«

»Es würde Euch auch wohl nichts nützen, Etwas dagegen zu haben. Habt Ihr Zeit?«

»Ja.«

»Und seid Ihr ein guter Jäger?«

»Ein leidlicher.«

»Schön! Ihr gefallt mir. Wollt Ihr mit mir jagen?«

Der Dicke blickte den Lord von der Seite an und antwortete lachend:

»Danke!«

»Warum?«

»Weil ich noch keine Lust habe, dieses Jammerthal mit dem Himmel zu vertauschen.«

»Wie meint Ihr das?«

»Ihr seht mir ganz so aus, wie Einer, der allemal den Nachbar trifft, wenn er auf den Hasen zielt.«

»Mann, nehmt Euch in Acht! Ich könnte Euch sonst sofort beweisen, daß ich zu treffen verstehe.«

Er machte dabei die Bewegung einer Ohrfeige.

»Na, so schlimm war es nicht gemeint,« lachte der Dicke. »Ich bin freilich breit und rund genug, um getroffen zu werden. Was seid Ihr denn für ein Landsmann, he? Ihr kommt mir halb wie ein Engländer und halb wie ein Russe vor.«

»In wiefern halb und halb?«

»Nun, Eure Gestalt ist diejenige eines Engländers; Eure Nase aber ist echt russisch. Solche Vumsnäschen trifft man eigentlich nur in Rußland vor.«

»Sapperment, laßt meine Nase in Ruhe! Ich bin ein Engländer und nenne mich Lord Eagle-nest.«

»Schön, Euer Lordschaft! Ich bin ein Deutscher und nenne mich Sam Barth.«

»Ein Deutscher? Welcher Zufall! Woher seid Ihr?«

»Aus Herlasgrün in Sachsen.«

»Sam Barth!« rief der Wirth. »Ist das wahr, Sennor?«

»Soll ich Euch etwa den Geburts- und Impfschein zeigen?«

»So wärt Ihr der berühmte, dicke Jäger, welcher sich vor fünfzig Feinden nicht fürchtet?«

»So? Bin ich wirklich berühmt?«

»Freilich, o freilich. Ich habe sehr viel von Euch gehört, Sennor. Bei Unsereinen verkehren ja allerlei Leute, auch Jäger, und da hört man Mancherlei. Ihr gehört zu den Berühmtesten. Voran steht freilich der Fürst der Bleichgesichter, nach welchem dann gleich die ›starke Hand‹, der Apachenhäuptling kommt. Ich freue mich außerordentlich, Euch kennen zu lernen.«

»So, freut Ihr Euch wirklich? Nun, den Apachenhäuptling und den Fürsten der Bleichgesichter kennt Ihr vielleicht schon?«

»Nein. Ich würde einige Dutzend Flaschen Brandy gratis geben, wenn ich einen von diesen Beiden einmal sehen könnte.«

»So macht die Stöpsel locker. Die beiden Jäger kommen.«

»Macht keinen Scherz.«

»Sie kommen. Ich belüge Euch nicht. Ich bin ihnen nur voraus. Wir treffen uns hier bei Euch.«

»Sennor, wenn das wirklich wahr ist, so gehört dieser Tag zu den schönsten meines Lebens, und ich werde Wort halten von wegen des Brandy.«

»Das laßt nur sein! Leute, wie wir sind, lassen sich keinen Schnaps schenken. Wir haben Geld und Gold genug, um ihn bezahlen zu können.«

Der Lord hatte dieser Unterredung mit der größten Spannung zugehört. Er betheiligte sich jetzt mit an derselben, indem er die Bemerkung machte:

»Ich will Euch sagen, daß auch ich vor Freude Etwas zum Besten geben möchte. Wir kommen von San Francisco. Dort haben wir auch von dem dicken Sam gehört, von der ›starken Hand‹ und von dem Fürsten der Bleichgesichter. Wir hatten keine Ahnung, daß der berühmte Sam Barth ein Deutscher ist.«

»O, ein Knopfmachergesell sogar.«

»Und die beiden Andern kommen wirklich?«

»Ja, wie ich sagte.«

»Aber wohl spät?«

»Nein; sie können an jedem Augenblick hier sein.«

»Vortrefflich! Ich muß sie sehen! Wir müssen zwar bald fort von hier, aber so viel Zeit haben wir noch, die Bekanntschaft solcher Leute zu machen. Wo kommt Ihr her, Master Barth?«

»Zunächst von Mohawk-Station.«

»Sapperment! Per Schiff?«

»Per Bahn!«

»Und wohin wollt Ihr?«

»Nach der Gegend von Aubrey.«

»Nochmals Sapperment! Das paßt gut! Wollt Ihr mit mir?«

»Danke!«

»Warum nicht?«

»Erstens habe ich keine Lust, mit einem Anhänger herum zu laufen, und zweitens habe ich auch gar keine Zeit dazu. Zwar sagte ich vorhin, ich hätte Zeit, doch dachte ich, Ihr meintet mit Eurer Frage nur die jetzige Viertelstunde.«

»Was so Nothwendiges habt Ihr denn vor?«

»Eine Jagd.«

»In Aubrey.«

»Nicht in sondern bis Aubrey.«

»Doch nicht auf Bären oder Büffel!«

»Nein, auf Menschen.«

»Was Ihr sagt! Aber da könnt Ihr ja mit mir fort!«

»Danke! Wir müssen uns sputen.«

»Ich auch. Ich habe gar keine Zeit zu verlieren. Ich lasse heitzen, und in einer Stunde können wir fort.«

»Heitzen? Doch nicht eine Locomotive?«

»Nein, meinen Dampfkessel. Habt Ihr meine Dampfyacht nicht am Ufer liegen sehen?«

»Nein. Ich bin noch gar nicht am hiesigen Ufer gewesen. Ich komme von landeinwärts. Aber, wie ich höre, hättet Ihr wirklich eine Dampfyacht?«

»Ja, und was für eine.«

»Donnerwetter! Ihr wollt auch nach Aubrey und uns mitnehmen?«

»Mit geküßten Händen.«

»Dann ist es etwas Anderes. Euch sendet uns Gott. Wir fahren mit, notabene, wenn Ihr Euch nicht an dem Zweck unserer Reise stoßt.«

»Welcher ist das?«

»Eben die erwähnte Jagd.«

»Das ist mir ja nur lieb. Ich jage mit.«

»Hört erst, was für eine Jagd es ist: eine Menschenjagd.«

»Verteufelt! Auf Indianer?«

»Nein, sondern auf ein Segelboot, welches vor ganz kurzer Zeit hier vorbeigekommen sein muß.«

Der Lord blickte erst den Dicken und dann auch die Andern an. Dann fragte er erwartungsvoll:

»Ein Segelboot aus Mohawk-Station etwa?«

»Ja.«

»Es gehört dem Sohn des Stationers?«

»Ja, dasselbe.«

»Es befinden sich zwei gefangene Mädchen darauf?«

Da fuhr Sam von seinem Sitze empor und rief:

»Herr, was wißt Ihr von diesen Mädchen?«

»Daß sie eben gefangen sind.«

»Habt Ihr etwa dabei geholfen?«

»Nein.«

»Ein Glück für Euch! Ich hätte Euch bei der Parabel genommen, daß Ihr vor lauter Angst Syrup und Buttermilch hättet schwitzen müssen!«

»Oho! Aber kennt Ihr diese Mädchens?«

»Ja.«

»Habt Ihr diese hier gesehen?«

Er zeigte ihm die Photographie hin, welche er bis jetzt dem Bootsmanne noch nicht wiedergegeben hatte. Sam warf einen Blick darauf und rief überrascht:

»Alle Wetter! Das ist sie; das ist ja Magda Hauser!«

»Also Ihr kennt sie? Wirklich?«

»Und ob! Sie ist entführt worden. Wir wollen ihr nach.«

»Ich ja auch!«

»Wie kommt Ihr zu diesem Bilde?«

»Ich habe es von diesem Bootsmanne. Er hat sich auf dem Segelboote befunden, ist aber davongegangen, als er bemerkte, daß es sich um ein gefährliches Unternehmen handelte.«

»Wie? Ihr wart Bootsmann auf demselben Fahrzeuge? Ist es so, dann kennt Ihr die zwei Sennores und die zwei Sennorita's?«

»Natürlich muß ich sie kennen,« antwortete Forner.

»Welch ein Zufall! Ein größeres Glück kann es gar nicht geben. Ihr müßt mir sofort erzählen, was droben in Mohawk-Station geschehen ist.«

Der Bootsmann kam der an ihn ergangenen Aufforderung nach und erzählte sein Erlebniß zum zweiten Male. Natürlich hörte Sam Barth mit der allergrößten Spannung zu. – – –

Nämlich als Steinbach mit seinen Begleitern von Prescott aus Gila Bend erreichten, erfuhren sie zu ihrem Leidwesen, daß heut kein Zug mehr abgelassen werde. Sie mußten warten bis morgen.

Steinbach erkundigte sich und erfuhr, daß Walker mit seinen Gefährten den letzt abgegangenen Zug benutzt habe. Zwar hatte ihn Niemand gekannt, aber die Beschreibung paßte ganz genau auf ihn und seine Spießgesellen. Darum ließ Steinbach die Depesche abgehen, freilich ohne zu ahnen, daß dieselbe am Orte ihrer Bestimmung unterschlagen werden sollte.

Glücklicher Weise langte am Spätabende ein Bahnzug aus Tucson an, welcher noch nach Mohawk-Station abgehen sollte. Es wurden noch einige Güterwagen angehängt, in welchem Steinbachs Gesellschaft nebst den Pferden Platz hatten. Vor Mitternacht langten sie in Mohawk-Station an.

Der Stationer war bereits schlafen gegangen. An seiner Stelle expedirte der Telegraphist. Zu diesem begab sich Steinbach sofort und frug:

»Sennor, sind Sie Stationsvorstand?«

»Nein, sondern Telegraphist.«

»Ah, da können Sie mir sagen, ob heut eine Depesche an einen Sennor Wilkins angekommen ist?«

»Zwei sogar.«

»Zwei? Sie irren.«

»Ich weiß es genau. Ich habe beide empfangen und dann expedirt. Sie waren von einem und demselben Absender.«

»Und doch müssen Sie sich irren. Ich habe nur eine einzige abgesandt.«

»Sie? Heißen Sie vielleicht Steinbach?«

»Ja.«

»Von wo telegraphirten Sie?«

»Von Gila Bend.«

»Der Inhalt?«

»Eine Warnung vor einem gewissen Walker.«

»Alles stimmt. Ich sehe daraus, daß es nicht eine Verletzung des Amtsgeheimnisses ist, wenn ich auf Ihre Erkundigung eingehe. Es kam nämlich bereits vorher eine Depesche von Demselben an Denselben.«

»So handelt es sich um ein Verbrechen.«

»Doch nicht!«

»Ganz bestimmt. Ich sage Ihnen, daß wir eine Gesellschaft verfolgen, welche bereits eine ganze Reihe von Verbrechen begangen haben und jetzt wieder im Begriffe stehen, eine Schandbarkeit auszuführen.«

»Sollte es möglich sein! Können Sie mir vielleicht diese Personen beschreiben oder wenigstens die Zahl derselben angeben?«

»Vier Männer und eine Dame; die Letztere ist jung und sehr reizend.«

»Stimmt, stimmt! Sapperment! Wer hätte das für möglich gehalten!«

»Was?«

»Daß diese Sennorita eine verbrecherische Persönlichkeit ist. Armer Balzer! Vielleicht, vielleicht!«

Er sagte das nachdenklich und im Tone des Bedauerns.

»Wer ist dieser Balzer?«

»Der Sohn des hiesigen Stationers. Er fand – – doch, ich weiß nicht, ob ich davon sprechen darf!«

»Sprechen Sie immerhin!«

»Es geht nicht. Sie verzeihen! Aber als Beamter muß ich vorsichtig sein. Eine der beiden Depeschen ist in böser Absicht aufgegeben. Wer aber ist der Absender derselben?«

»Derjenige, welcher sich auf unrechtmäßige Weise des Namens Steinbach angemaßt hat.«

»Der können auch Sie sein!«

»Ganz richtig. Sie kennen ja mich nicht.«

»Leider! Ja, wenn Sie sich legitimiren könnten!«

»Das kann ich.«

»Dann bitte ich Sie, sich mit in mein Bureau zu bemühen.«

Sie begaben sich, während Steinbachs Begleiter warteten, in das Telegraphenbureau. Letzterer zog die Brieftasche heraus und gab dem Telegraphisten aus derselben ein Document zu lesen. Nachdem der Beamte den Inhalt desselben überflogen hatte, machte er eine tiefe, respectvolle Verbeugung und sagte:

»Ich bitte um Entschuldigung, gnädiger Herr, daß ich meine Pflicht thun mußte!«

»Eine Entschuldigung ist nicht am Platze, wenn man seine Pflicht thut. Aber nun sind Sie wohl überzeugt, daß Sie mir vertrauen dürfen?«

»Vollständig.«

»Darf ich die Telegramme sehen?«

»Hier sind die beiden Originale. Ich werde sie Ihnen vorlesen.«

Er that es.

»Ah, nach Dos Palmas hat er sie bestellt,« sagte dann Steinbach. »Aber aus welchem Grunde? Hm! Diese Depesche ist eher angekommen, als die meinige. Er hat gewußt, daß ich hinter ihm her bin. Er hat gewünscht, daß Wilkins diesen Ort hier schnell verläßt, damit ich ihn nicht finde und seine Spur verliere. Hat der Adressat meine eigene Depesche auch bekommen?«

»Ja.«

Er sprach dieses Wort gedehnt aus, als ob er eigentlich nicht mit Sicherheit bejahend antworten könne.

»Sie zweifeln daran?«

»Hm! Ich muß ehrlich sein. Der Sohn des Stationers, welcher mein Freund ist, bat mich, die Depesche befördern zu dürfen.«

»Warum er?«

»Er interessirte sich für eine der Damen, welche der Adressat bei sich hatte. Freilich interessirte er sich auch für das schöne Mädchen, von welchem Sie vorhin sprachen.«

»Wo wohnt Sennor Wilkins?«

»Im Hotel.«

»Und wo wohnen die Zuletztgekommenen?«

»Sie sind fort.«

»Ah! Wohin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Kann ich eine Person haben, welche mich nach dem Hotel führt? Ich kenne es nicht.«

»Ich selbst bin bereit dazu.«

»Sehr gütig. Meine Begleiter werden hier warten.«

Die Beiden begaben sich vom Stationsgebäude nach dem Orte selbst, in das Hotel, wo man noch nicht schlafen gegangen war. Der Wirth empfing sie sehr höflich, da der Stationer ihm durch einen Wink und die sehr hoch gezogenen Augenbrauen zu verstehen gab, daß Steinbach ein sehr vornehmer Gast sei. Der Letztere fragte ihn:

»Ist Sennor Wilkins zu sprechen?«

»Leider nein.«

»Er schläft?«

»Nein; er ist abgereist.«

»O wehe! Wißt Ihr, wohin?«

»Nein.«

»Auch seine Begleitung?«

»Alle vier Personen.«

»Wann?«

»Beim Anbruch des Abends. Ich weiß nur, daß sie mit Sennor Balzers Segelboot gefahren sind.«

»Wie ist das so schnell gekommen?«

»Wohl in Folge einer Depesche, in welcher der Sennor aufgefordert wurde, nach Dos Palmos zu reisen. Dann kam eine junge, sehr schöne Sennorita und nahm sich ein Zimmer neben Sennor Wilkins. Ich sah sie dann mit ihm auf dem Balkon sprechen. Sie ging und kam nicht wieder. Dann mußte meine Bedienung Sennor Wilkins und Zimmermann mit den Damen nach dem Segelboote bringen.«

Das war Alles, was Steinbach erfuhr. Er war sehr ernst und nachdenklich geworden. Als er sich dann mit dem Telegraphisten wieder draußen befand, sagte er zu diesem:

»Es handelt sich hier um ein Verbrechen. Sie haben mir nicht Alles gesagt, was Sie wissen. Seien Sie aufrichtig. Sie können damit wohl mehrere Menschenleben retten.«

»Herrgott! Ists so gefährlich?«

»Ja.«

»Ich habe nichts verschwiegen, als daß der Mann, den Sie Walker nennen, bei meinem Freunde Balzer sich aufgehalten hat.«

»Mit seiner Begleitung?«

»Ja. Die schöne Sennorita ging fort. Sie ist es wohl gewesen, welche sich im Hotel ein Zimmer hat geben lassen.«

»Ah! Sie hat die Verführerin spielen müssen. Ist Balzer dann mit ihnen fort?«

»Ja, zu gleicher Zeit. Wohin, das weiß ich nicht.«

»Was ist Ihr Freund für ein Character?«

»Er ist jung und lebenslustig. Zu einem Verbrechen aber wird er nie die Hand bieten.«

»Man hat ihn betrogen. Kennen Sie das betreffende Segelboot?«

»Ich bin mit demselben gefahren.«

»Welche Bemannung hat es?«

»Steuermann und vier oder fünf Bootsleute.«

»Ist der Steuermann von hier?«

»Ja. Er ist verheirathet. Er wohnt in dem Häuschen, durch dessen offenes Fenster Sie dort das Licht noch schimmern sehen.«

»Gehen wir einmal hin.«

Sie fanden die Frau des Steuermannes noch wach. Auf Steinbachs Fragen, welche er mit einem kleinen Geldgeschenk unterstützte, gestand sie, daß ihr Mann kurz vor der Abfahrt die Bemerkung gemacht habe, daß die Reise dieses Mal bis in die Nähe von Aubrey gehen werde.

Weiteres vermochte Steinbach nicht zu erfahren. Für ihn war es aber genug. Wenn Magda Hauser auf dem Segelboot gegen Roulin gesagt hatte, daß Steinbach ihre Fährte ganz sicher finden werde, so hatte sie sehr Recht gehabt. Er hatte sie nun. Freilich galt es, keine Zeit zu verlieren. Unglücklicher Weise ging vor morgen Mittag kein Personenzug. Jetzt hatte das Segelboot bereits über fünf Stunden Vorsprung. Was thun?«

Steinbach fragte, ob er Extrazug bis Yuma haben könne.

»Jetzt nicht gleich. Die einzige vorhandene Maschine wird noch zum Rangiren gebraucht. Um drei Uhr aber kann Ihnen das Gewünschte zur Verfügung stehen.«

Er mußte sich also gedulden. Doch Punkt drei Uhr setzte sich der Extrazug mit den Reisenden und den Pferden in Bewegung nach Yuma.

Das war ein Umweg. Während der Rio Gila von Mohawk-Station nach Gila City geht, wo er in den Colorado fällt, führt die Südpazificbahn von derselben Station aus südlicher nach Yuma, welches weit unterhalb der Einmündung des Gila liegt. Freilich war es immer noch nicht gewiß, welches Ziel das Segelboot habe.

Wollte Walker nach Aubrey, so steuerte er in Gila City in den Colorado und fuhr diesem hinauf. Wollte er aber, wie seine Depesche vermuthen ließ, nach Dos Palmas, so mußte er von Gila City den Colorado hinab nach Yuma, wo die Eisenbahn den Colorado überfährt und dann nach Dos Palmas geht.

Das war der Gegenstand der Berathung, als die Männer im Wagen saßen. Es läßt sich denken, daß sie alle sich um Wilkins und seine Gesellschaft in Sorge befanden.

»Ich bin überzeugt,« sagte der dicke Sam, »daß er sie auf das Boot gelockt hat, nur um sie zu ermorden, sie vielleicht einfach in das Wasser zu werfen.«

Günther von Langendorf knirrschte.

»Wenn er das thut, so soll er eines hundertfachen Todes sterben. Krümmt er Magda nur ein einziges Haar, so werde ich mich rächen, wie nur ein wilder Indianer sich rächen kann!«

»Sorge Dich nicht!« tröstete Steinbach. »Ich habe, ganz entgegengesetzt von Sam, die Ansicht, daß er das Leben der vier Personen schonen werde.«

»Hast Du Gründe zu dieser Ansicht?«

»Ja. Sie werden die Mädchen nicht tödten, sie verfolgen ganz andere Zwecke.«

»Verdammt! Er mag sie nur anrühren!«

»Am Leben unseres Master Wilkins werden sie sich, wenigstens jetzt, noch nicht vergreifen. Ich denke vielmehr, daß sie ihn mit nach dem Thale des Todes schleppen werden, damit er sehen kann, wie sein Neffe dort leidet und Adler, der einstige Oberaufseher dazu.«

»Und Zimmermann?«

»Was haben Sie davon, wenn sie ihn sofort tödten? Allerdings werden sie auch ihn auf die Seite schaffen wollen, weil er nun ihre Thaten kennt; aber sie werden sich Zeit nehmen.«

»Wie aber wird es ihnen bis dahin ergehen!«

»Ob schlecht, das weiß man nicht. Wilkins ist ein erfahrener Mann. Und Zimmermann ist zwar noch jung, aber ein tüchtiger Jäger, kräftig und kühn. Vielleicht erfahren oder ahnen sie, was ihnen droht, und wehren sich ihrer Haut.«

»Dann tödtet man sie sofort!«

»Wir müssen bedenken, daß der Besitzer des Bootes mit seinen Leuten da ist. Er wird ein Verbrechen nicht begehen lassen.«

»Was aber wollen sie in Dos Palma's?«

»Nichts. Ich bin überzeugt, daß dieser Ort in der Depesche nur genannt worden ist, weil überhaupt ein Ort angegeben werden mußte. Man wollte Wilkins von Mohawk-Station fortbringen, damit wir ihn dort nicht finden sollen.«

»Und warum gehen sie nach Aubrey?«

»Nicht nach Aubrey gehen sie sondern nur bis in die Nähe der Stadt. Dort treiben sich die Papago-Jndianer herum, in deren Schutz sie sich begeben wollen. Sie bleiben so lange auf dem Wasser des Colorado, bis sie die Papago's bemerken, dann landen sie und reiten mit ihnen nach dem Todesthale.«

»Wie gut, daß Du auf den Gedanken gekommen bist, unsere Apachen und auch die nun mit ihnen verbündeten Maricopas in jene Gegend zu dirigiren!«

»Ich folgte meiner Ahnung, welche mich selten in Stich zu lassen pflegt.«

Der Zug hielt kurz nach Tages Anbruch in Yuma. Die Pferde hatten während der Fahrt Futter erhalten. Jetzt wurden sie getränkt, und dann hätte man aufbrechen können. Vorher aber fand noch eine kurze Besprechung statt.

»Hier in Yuma kann das Boot noch nicht sein, wenn Yuma überhaupt das Ziel ist,« sagte Steinbach. »Wenn wir also am Ufer aufwärts reiten, werden wir dem Seelenverkäufer ganz sicher begegnen.«

»Wie aber kommen wir an Deck?«

»Das läßt sich jetzt noch nicht sagen.«

»Sie kennen uns ja. Sie werden vorüberfahren und uns auslachen.«

»Das nehme ich nicht an. Ich habe meine Büchse mit. Ich rufe sie an. Halten sie nicht, so schieße ich den Steuermann nieder und lasse keinen Zweiten an das Steuer. Das Boot wird dann unbedingt an das Ufer getrieben.«

»Oder an das jenseitige, wo wir nicht hin können!«

»Pah! So dumm werde ich es doch nicht anfangen. Ich schieße den Steuermann da nieder, wo die Strömung nach dieser Seite führt. Uebrigens ist es ja möglich, daß sie es gar nicht gewagt haben, während der Nacht zu segeln. In diesem Falle befinden sie sich jedenfalls noch weit oberhalb von Gila City. Um schnell zu erfahren, ob das Boot bereits an Gila City vorüber ist, muß Einer von uns jetzt direct nach diesem Orte reiten.«

»Wer soll das thun?«

»Einer, welcher erfahren, listig und verschlagen ist. Ich denke, wir schicken unsern Sam Barth hin.«

»Einverstanden!« erklärte der Dicke. »Was aber habe ich dort zu thun?«

»Sehr viel oder sehr wenig, je nach den Umständen. Ist das Boot noch nicht vorüber, so sucht Ihr es aufzuhalten, wenn es angesegelt kommt. Ist es bereits vorüber, so habt Ihr nichts zu thun, als auf uns zu warten.«

»Wo?«

»Ja, wo! Wir alle sind dort unbekannt. Sagen wir, in demjenigen Gasthause, welches dem Flusse am Nächsten liegt.«

»Da kommt Ihr hin?«

»Ja, falls wir dem Boote hier nicht begegnen. Findet dies aber statt, so sind wir bis Mittag nicht bei Euch, und Ihr habt uns hier in Yuma zu suchen. Werdet Ihr Euch nach Gila City finden?«

»Leicht. Es liegt ja hier am Flusse, und ich brauchte nur längs des Ufers weiter zu reiten. Da ich aber rasch sein muß, so schlage ich die gerade Linie ein, nach Nordnordost über die Prairie weg. In zwei Stunden bin ich dort.«

»Wir müssen den Umweg am Ufer hin machen und werden in drei Stunden dort sein, falls wir dem Segelboote nicht begegnen. Also, eine ausführliche Instruction brauche ich Euch wohl nicht zu geben?«

»Nein. Das fehlte noch! Ich bin aus Herlasgrün, wo man immer weiß, was man zu machen hat, wenn nichts zu machen ist. Adieu, Sennores.«

Er ritt im Galopp davon. Wie er es sich gedacht hatte, war er in zwei Stunden in Gila City. Er ritt nach dem Flusse, sah die Schänke, in welcher sich der Lord befand, band sein Pferd hinter dem Hause an und begab sich dann in die Stube, wo er auf so eigenthümliche Weise erfuhr, daß das Boot bereits vorüber sei. – –

Als der Bootsmann seinen Bericht abstattete, erwähnte er einen Namen, welchen er vorher, als er das Ereigniß dem Lord erzählt hatte, nicht mit genannt hatte, den Namen Steinbach.

»Also sie sind an Ketten gebunden?« fragte Sam.

»Ja, aber der Eine hat sich losgerissen.«

»Sehr gut. Er kann also seine Hände gebrauchen und wird dafür sorgen, daß das Allerschlimmste nicht geschehen kann. Er wird sich halten können, bis wir Hilfe bringen.«

»Es scheint, daß sie ganz sicher auf Hilfe rechnen. Es muß Einen geben, welcher das Boot verfolgen wird.«

»Wer ist das?«

»Die Sennorita nannte den Namen. Sie sagte, daß der Mann ihre Spur finden und derselben folgen werde. Er hat einen fremden Namen und heißt Steinbach.«

»Steinbach?« fragte der Lord schnell.

»Ja.«

»Hast Du diesen Namen wirklich und deutlich gehört?«

»Sehr deutlich. Er ist fremd; aber ich hatte früher einmal droben in Sakramento einen Bekannten; er war aus Deutschland und hieß Steinbach. Darum kann ich dieses Wort aussprechen und habe mir den Namen auch heute sehr gut gemerkt.«

»Steinbach! Sapperment! Hermann, Vetter, sollte das etwa unser Steinbach sein?«

»Das wäre die herrlichste Ueberraschung, welche es nur geben könnte!«

»Zuzutrauen ist's ihm. Weißt Du nicht, wo er sich jetzt ungefähr befindet?«

»Nein. Ich kenne ja nicht einmal seinen wirklichen Namen. Er ist uns damals verschwunden, ohne die geringste Spur zurückzulassen.«

»So ist es möglich, daß wir jetzt nicht nur die Spur von ihm, sondern ihn selbst finden.«

»Was sollte er hier am Rio Gila machen?«

»Was thun wir hier? Er könnte ja ganz auf unseren Gedanken gekommen sein, nämlich Waldläufer zu werden. Es ist ja leicht möglich, daß er das Buch von Gabriel Ferry gelesen hat. Und wer dieses liest, dem kommt ganz sicher der Wunsch, nach dem Rio Gila zu gehen.«

»Nicht alle Menschen sind wie Du, Vetter,« meinte Hermann von Adlerhorst ein Wenig ironisch.

Sam Barth hatte diesem Wortwechsel nachdenklich zugehört. Jetzt fragte er den Lord:

»Auch Ihr kennt einen Steinbach. Könnt Ihr mir vielleicht seine Person beschreiben?«

»Jawohl. Ungewöhnlich groß und stark; prächtiger Vollbart; sehr hübscher Kerl.«

»Hm? Das ist nicht Derjenige, von welchem hier die Rede ist.«

»Wieso?«

»Der ist klein und dürr. Er ist es, welcher der Fürst der Bleichgesichter genannt wird.«

»Also habe ich mich umsonst gefreut. Aber klein und dürr? Und heißt der Fürst der Bleichgesichter? Ist ein so berühmter Jäger? Unmöglich!«

»Warum unmöglich?«

»Ich kann mir einen berühmten Waldläufer nur als groß und stark vorstellen.«

»Da irrt Ihr Euch. Das Leben der Prairie, die Entbehrungen und Strapazen desselben dorren den Körper aus. Die berühmtesten Jäger sind dürr, haben aber Muskeln wie Eisen und Sehnen wie Stahl.«

»Ihr selbst seid aber dick!«

»Ich bin eine Ausnahme. Also Ihr habt Euch entschlossen, dem Segelboote nachzujagen?«

»Ja. Wäre ich noch zweifelhaft gewesen, so würde das Zusammentreffen mit Euch mich bestimmen, es zu thun.«

»Das ist sehr gut. Das Boot wird nicht weit kommen. Euer Dampfer holt es ein.«

»Das versteht sich. Wir werden also Kameraden sein, und so – – hurrjeh, was sind das für Kerls?«

Es hatte sich nämlich draußen Pferdegetrappel hören lassen, und jetzt traten Jim und Tim ein, bei deren Anblick der Lord die letztere Frage aussprach.

»Es sind meine Kameraden,« antwortete Sam.

»Und der da? Alle Wetter, eine Rothhaut!«

»Das ist die »starke Hand«, der Häuptling der Apachen.«

»Der berühmte Kerl? Ah, den muß ich begrüßen.«

Er stand auf, streckte dem Apachen die Hand entgegen und sagte in englischer Sprache:

»Guten Morgen, Master! Wie geht es Euch?«

Der Häuptling war der englischen Sprache mächtig. Er blieb trotz der Eigenthümlichkeit der Frage ernsthaft und antwortete:

»Danke! Sehr gut! Und Euch?«

»O, mir geht es auch nicht übel. Ich freue mich riesig, Euch kennen zu lernen. Hoffentlich schießen wir einige Büffel und Bären zusammen. Nicht? Aber ich denke, Ihr bringt den kleinen Fürsten der Bleichgesichter mit?«

»Den kleinen – –?« fragte Jim.

»Na, ja. Er ist doch von sehr winziger Statur.«

»So? Seht ihn Euch an. Da ist er.«

Steinbach trat mit Günther von Langendorf ein. Er sah den Lord und machte eine Bewegung ungeheuren Erstaunens. Der Engländer aber riß die Augen und den Mund so weit auf, wie es überhaupt möglich war, fuhr zurück, so daß er seinen Stuhl umwarf, und rief:

»Alle guten Geister – – Steinbach!«

»Lord Eagle-nest!«

»Ihr hier! Das ist erstaunlich!«

»Was treibt denn Ihr hier am Gila?«

»Allerlei Geschäfte. Und Ihr?«

»Ich bin Waldläufer!«

»Ah so! Hier meine Hand. Willkommen im Westen!«

»Ja, willkommen! Aber, sagt einmal, seid Ihr es, den man den Fürsten der Bleichgesichter nennt?«

»Ja.«

Da wandte sich der Lord zu dem feixenden Sam und zürnte!

»Warum sagt Ihr da, er sei klein und dürr?«

»Es war Scherz.«

»Aber ich verbitte mir solchen Scherz! Ich lasse mir Master Steinbach nicht klein und dürr machen! Na, setzt Euch! Wirth, gebt das Beste her, was Ihr zu trinken habt! Ja, ja, Master Steinbach, Ihr wundert Euch, daß ich hier bin. Ihr fragt nach der Ursache? Seht Euch doch einmal diesen Titel an!«

Er zeigte ihm das Buch hin.

»Der Waldläufer, von Ferry! Hat der Euch Lust gemacht?«

»Natürlich.«

»Gerade also wie damals die Entführung aus dem Serail.«

»Ja; nur daß ich nicht so glücklich war, Eine zu entführen. Dieses Mal aber soll es anders gehen. Ich will Bären schießen und Büffel. Ich habe Alles mit, was ich dazu brauche, Waffen, Munition, einen ganzen Centner Pulver, Lasso's, kurz und gut, Alles.«

»Wollen hoffen, daß Ihr mit dem Centner Pulver nicht in die Luft geht!«

»Das thue ich nicht. Vor allen Dingen will ich diese famose Magda Hauser retten und ihre Freundin.«

»Ah! Wißt Ihr davon.«

»Der Dicke hat mich unterrichtet, und hier ist ein Bootsmann, welcher auf dem Segelboote gewesen ist. Ihr kommt Alle mit auf meinen Dampfer. Wir spritzen hinter diesem Walker her und nehmen ihn beim Schopfe.«

»Habt Ihr die Yacht mit?«

»Natürlich!«

»Das ist stark, wirklich stark! Eine Dampfyacht auf dem Rio Gila. Uns aber ist das ungeheuer lieb. Nichts könnte uns gelegener kommen. Ist das Segelboot hier vorüber?«

»Seit länger als einer Stunde,« antwortete Forner.

»Und Ihr seid Bootsmann darauf gewesen?«

»Ja. Ich habe mich aber davon gemacht, weil ich merkte, daß irgend Etwas nicht richtig sei.«

Er mußte jetzt zum dritten Male erzählen. Als er geendet hatte, fragte Steinbach den Lord:

»Könnt Ihr unsere Pferde mit unterbringen?«

»Hoffentlich. Sie werden an Deck alle Platz haben.«

»Und Ihr wollt uns wirklich die Yacht zu unserer Verfügung stellen?«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»So wollen wir schleunigst an Bord gehen und die Anker lichten, Sir.«

»O, so schnell geht das nicht. Da fällt mir nämlich ein, daß mir gerade die Hauptsache fehlt. Hier in diesem Lande giebt es keine Kohlen; ich muß also den Kessel mit Holz feuern und ich habe keines mehr. Hoffentlich ist hier welches zu haben?«

Diese Frage richtete er an den Wirth, welcher ihm antwortete:

»Ich selbst werde Euch so viel davon besorgen, wie Ihr nur haben wollt.«

»So macht schnell! Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Bis jetzt waren Frage und Antwort einander in großer Schnelligkeit gefolgt, wie das bei einem so unerwarteten Zusammentreffen stets der Fall zu sein pflegt. Steinbach hatte sich nicht einmal niedergesetzt. Er that es jetzt, und nun begannen erst die Erklärungen, welche bei einer solchen Gelegenheit selbstverständlich sind.

Der Wirth war höchst stolz auf die berühmten Gäste, welche heute sein Haus beherbergte. Er versorgte sie mit Getränk und ging dann hinaus, um das bestellte Holz anzuweisen und nach der Yacht bringen zu lassen. Dabei hatte er Gelegenheit, einem Nachbar zu sagen, wer bei ihm sei. Dieser trug die Kunde weiter, und bald stand eine Menge Volk vor dem Hause, um die großen Jäger zu sehen, wenn sie gehen würden.

Nach Verlauf einer Stunde kam von dem bekannten Steuermanne Smith die Botschaft, daß der Kessel geheizt sei, und nun brach die Gesellschaft nach dem Flusse auf. Als sie dort den kleinen Dampfer liegen sahen, zeigte der Lord triumphirend auf das Bild und fragte:

»Kennt Ihr diesen da, Master Steinbach?«

»Sehr gut. Es fehlt ihm aber Zweierlei.«

»Der Regenschirm und das Fernrohr, vielleicht auch das Rasirzeug in der Brusttasche.«

»Das war beim vorigen Bilde. Jetzt fällt es weg. Als Waldläufer werde ich doch nicht mit dem Regenschirm auf die Bärenjagd gehen. Nur immer praktisch muß man sein. Na, kommt an Bord!«

Das Unterbringen der Pferde machte zwar einige Beschwerde, doch gelang es nach einiger Anstrengung. Dann stieß der kleine Dampfer vom Ufer ab. Der Bootsmann Forner nahm vorn an dem Buge Platz, da er die Wasserbahn kannte und Ausguk halten mußte. Als der Einfluß des Gila in den Colorado erreicht war, bog der Dampfer in den Letzteren rechts ein und steuerte gegen den Strom nach Norden. Da Steinbach das Seegelboot von Auma bis nach Gila City nicht gesehen hatte, so verstand es sich ganz von selbst, daß es stromaufwärts nach Aubrey zu gesegelt war. Da es nun gegen zwei Stunden Vorsprung hatte, so ließ sich annehmen, daß die Yacht ebenso lang brauchen werde, um es einzuholen. –

Das Boot hatte bereits während der Nacht sehr guten Wind gehabt, und nun es in den Colorado lief und nach Nord wendete, drehte sich auch der Wind so günstig, daß es war, als ob alle Umstände zusammenwirkten, die Fahrt zu einer glücklichen zu machen.«

Etwas Unangenehmes war freilich vorgekommen. Im Vorbeisegeln hatte man am Ufer die Yacht bemerkt. Sie war von Allen angestaunt worden, denn so ein Schiff hatte man hier noch niemals gesehen.

Der einstige Derwisch, jetzt Bill Newton genannt, saß verwundet auf dem Verdeck. Seine Wunde war, wie sich herausstellte, nicht so gefährlich, wie es erst den Anschein gehabt hatte. Auch er erblickte die Yacht. Er fuhr sogleich von seinem Sitze auf.

»Himmeldonnerwetter! Was ist das?« rief er.

»Na, ein Lustdampfer,« antwortete Walker.

»Das weiß und sehe ich. Aber – sollte es möglich sein! Den Kerl kenne ich.«

»Der da vorn angemalt ist?«

»Ja, der ist ein englischer Lord.«

»Kann es mir denken. Nur so ein Kerl kann auf die Idee kommen, per Dampfyacht nach dem Rio Gila zu gehen. Es ist eine Verrücktheit!«

»Aber eine sehr überlegte Verrücktheit, welche für uns höchst verhängnißvoll werden kann!«

»Wieso?«

»Ich lege jeden Schwur darauf ab, daß dieses Schiff wegen uns hier liegt.«

»Unsinn!«

»Wahrheit. Der Besitzer heißt Eagle-nest und ist ein Verbündeter Steinbach's.«

»Das wäre!«

»Ja. Ganz denselben Dampfer sah ich in Constantinopel; nur war das Bild ein anderes. Die Yacht hat mich nach Tunis verfolgt und ist dann auch nach Egypten gegangen, um einen Verbündeten von mir in das Verderben zu bringen. Ja, dort sehe ich den Steuermann stehen, diesen verdammten Engländer. Ich kenne sein Gesicht sehr genau.«

»Irrt Ihr Euch nicht?«

»Ist gar nicht möglich. Nehmt Euch in Acht. Wenn die Yacht sich hinter uns her macht, sind wir verloren.«

»Hm! Wenn! Bis jetzt denke ich, daß man da drüben an Bord noch gar keine Ahnung hat, was geschehen ist. Wir können ruhig sein.«

»Aber Steinbach wird nach Gila-City kommen und die Yacht zu unserer Verfolgung benutzen.«

»Es fragt sich, ob er erfährt, daß wir uns hier auf diesem Boote befinden.«

»Der? Da kennt Ihr ihn schlecht. Ich wette, daß er bereits fünf Minuten nach seiner Ankunft in Mohawk-Station Alles weiß.«

»Von dort geht erst nach Mittag ein Zug nach hier ab. Wir haben einen genügenden Vorsprung.«

»Ich rathe trotzdem zur größten Vorsicht.«

»Mir scheint, daß Ihr diesen Fürst der Bleichgesichter doch etwas mehr fürchtet, als nöthig ist.«

»Er hat eine ganz besondere Rechnung mit mir zu begleichen; ich weiß, daß ich keine Schonung finde.«

»Schießt ihn nieder!«

»Das ist schneller gesagt als gethan. Ich warne Euch und rathe Euch die größte Vorsicht. Diese Yacht macht mir große Sorge.«

»Mir jetzt noch nicht. Dennoch aber werde ich Euren Rath befolgen.«

»Ich werde mir das Fernrohr Sennor Balzer's geben lassen, um die Gegend hinter uns nicht aus dem Auge zu lassen.«

»Das heißt doch, die Vorsicht zu weit treiben.«

»Besser zu vorsichtig als zu wenig. Ich wehre mich meiner Haut, und da dies jetzt mit keiner anderen Waffe geschehen kann, so nehme ich das Fernrohr dazu.«

Von jetzt an saß er mit dem Perspectiv da und betrachtete die Strecke des Stromes, welche hinter ihnen lag, mit größter Sorgfalt.

So vergingen einige Stunden. Das Boot segelte sehr gut gegen den Strom, welcher hier sehr breit war und also offene Bahn bot. Es war beinahe Mittag geworden, als Newtons lauter Ruf erschallte:

»Sennor Walker, kommt her! Schnell!«

Walker eilte herbei.

»Was giebt es denn?«

»Die Yacht ist hinter uns.«

»Zeigt her!«

Er nahm das Rohr und suchte den Horizont ab.

»Man sieht sie noch nicht,« bemerkte Newton, »aber man sieht ihren Rauch.«

»Ja, ich sehe sie jetzt. Was meint Ihr? Sollte der Engländer wirklich gefährlich sein?«

»Ohne alle Frage. Laßt Euch rathen!«

»Verdammte Geschichte! Wenn man nur wüßte, wer sich da an Bord befindet! Doch wohl nur dieser alberne Lord allein. Und den fürchte ich nicht.«

»Ich wette mit, daß Steinbach an Bord ist. Die Yacht hat auf ihn gewartet und würde ohne ihn Gila-City nicht verlassen haben. Davon bin ich überzeugt.«

»Aber er kann doch erst am Nachmittage in Gila-City ankommen!«

»Giebt es nicht Extrazüge?«

»Sollte er das Geld an so einen gewendet haben?«

»Er scheint sehr reich zu sein.«

»Dann – hm! Fatal, höchst fatal. Ich beginne. Euch Recht zu geben. Aber wie wollen wir uns unsichtbar machen? Ich weiß nicht, wie!«

*

58

»Redet mit Sennor Balzer und dem Steuermanns aber schnell, ehe es zu spät wird!«

Walker begab sich nach dem Achterdeck, wo jetzt der Sohn des Stationers neben dem Steuermanne stand.

»Sennor,« sagte er. »Der Dampfer ist hinter uns her.«

»Schon! Meint Ihr wirklich, daß er uns gefährlich werden kann?«

»Ja. Er hat es nicht nur auf mich und die Gefangenen, sondern auch auf Donna Miranda abgesehen.«

»Sapperment! Da müssen wir vorbeugen. Steuermann, was rathet Ihr?«

»Hm!« antwortete dieser. »Sieht man den Körper der Yacht durch das Fernrohr?«

»Nein, nur den Dampf. Und jetzt auch diesen nicht, da wir eben eine Krümmung hinter uns gelegt haben.«

»So hat er vielleicht auch unser Segel noch nicht gesehen. Lassen wir ihn an uns vorüber.«

»Da sieht er uns ja!«

»Schwerlich! Wir spielen ein Wenig Versteckens. Ist er vorbei, so segeln wir hinter ihm her, während er glaubt, uns vor sich zu haben, dieser wunderbare Salondampfer. Ich kenne ein Bayou, welches gleich hier vor uns mündet.«

Unter einem Bayou versteht man nämlich eine Stelle, an welcher das Wasser des Stromes lang und schmal in das Ufer einschneidet. Es sieht das so aus, als ob ein Flüßchen oder ein Bach sich in den Strom ergieße, doch enthält ein Bayou nur Stauwasser.

»An die Leine, Jungens!« rief der Steuermann. »Wir gehen ins Bayou.«

Der Befehl fand sofort Gehorsam. Zugleich ergriffen zwei von den Bootsleuten die langen, starken Staken, mit denen man das Boot vom Lande stößt.

Der Steuermann beobachtete das User mit scharfen Blicken, nahm das Steuer plötzlich scharf senkrecht auf den Wasserlauf und rief:

»Laßt gehen!«

Die Leute ließen die Leine los, und das Segel fiel aus dem Winde schlaff, von der Raa hernieder.

»Nieder den Mast! Schnell, schnell!«

Im Augenblicke senkte sich der Mast mit der Raa. Das Boot richtete den Schnabel gegen das Ufer. Man sah dort keinerlei Einbuchtung.

»Um aller Welt willen! Ihr stoßt doch grad an das Ufer!« rief Walker.

»Wollen sehen!« brummte der Steuermann. »Legt Euch nieder, damit Ihr von den Zweigen nicht vom Deck geschnellt werdet.«

Sie gehorchten. Das Ufer war von dichten, weißblumigen Dogwoodbäumen bestanden, welche ihre Zweige bis ins Wasser hängen ließen. In diese Zweige fuhr das Boot hinein. Es gab kein festes Ufer, sondern ein Bayou schnitt schmal, scharf und tief in dasselbe ein. Jetzt, wo das Boot nicht mehr vom Segel getrieben wurde, stand es unter den Zweigen, welche sich aber bereits hinter ihm geschlossen hatten, still. Es wurde mit Hilfe der Staken weiter in das Bayou hinein geschoben und dann an das Ufer befestigt.

»So,« sagte der Steuermann. »Ist das nicht ein sehr hübsches Plätzchen, Sennores?«

»Herrlich!« antwortete Walker. »Draußen vom Flusse aus kann man nichts von demselben bemerken. Ein besseres Versteck kann es gar nicht geben.«

»Nun lassen wir die Yacht vorüber und folgen erst dann, wenn sie verschwunden ist. Geht an das Land, Sennores, und verbergt Euch unter den Räumen; da könnt Ihr die Yacht passiren sehen und Euch ganz gemächlich die Personen betrachten, welche sich drauf befinden.«

Das wurde gethan. Walker, Roulin, Leflor und trotz seiner Verwundung auch Bill Newton sprangen an das Land, krochen unter den Zweigen bis an den Eingang des Bayous zurück und setzten sich dort an einer Stelle nieder, wo sie den Dampfer deutlich sehen konnten, ohne daß es möglich gewesen wäre, sie vom Borde desselben aus zu bemerken.

Newton hielt das Fernrohr stromabwärts gerichtet. Nach bereits fünf Minuten meldete er:

»Er kommt: Soeben erscheint er um die Biegung.«

»Ja, ich sehe ihn mit bloßem Auge,« meinte Walker. »Das Fahrzeug läuft riesig geschwind.«

»Das Deck ist voller Menschen!«

»Das kann ich mit unbewaffnetem Auge nicht sehen.«

»Es sind ihrer Viele. Ach, nein! Es sind Pferde dabei. Sie stehen auf dem Vorderdeck und – alle tausend Teufel! Werden Todte wieder lebendig!«

»Was ists?«

»Ganz vorn am Bug steht der Bootsmann Forner, der während der Nacht ertrunken ist.«

»Unsinn!«

»Seht selbst durch das Rohr!«

Walker nahm es, blickte hindurch und gab es mit den Worten zurück:

»Ja, er ists. Der Kerl hat uns verrathen! Er mag sich hüten, in unsere Hände zu kommen!«

»Hinten neben dem Steuermanne steht der Lord mit seinen langen Beinen und seiner Hagebuttennase.«

Die Yacht kam schnell näher. Jetzt erkannte man die Gesichter der an Bord befindlichen mit dem bloßen Auge.

»Alle Teufel!« sagte Walker. »Ihr habt Recht gehabt, Bill. Dort steht er, am Cajüteneingange!«

»Steinbach!«

»Ja. Neben ihm der Apache und dieser verdammte Sennor Günther, den – – den der Satan holen möge. Weiter rückwärts sehe ich den dicken Jäger und noch zwei, die ich nicht kenne.«

»Zwei Brüder, Jim und Tim. Sie sind Alle beisammen. Sie haben auch Pferde mit, ganz zu unserer Verfolgung bereit. Eine verfluchte Geschichte. Da, jetzt sind sie grad vor uns. Ich wollte, sie rennten an irgend einer Untiefe auf und ersöffen Alle mit einander!«

Dieser Wunsch ging freilich nicht in Erfüllung; die Yacht dampfte fleißig weiter, wurde immer kleiner und kleiner und verschwand endlich vor den Augen Derer, welche sie doch erreichen wollte.

Die Lauscher kehrten jetzt an Bord des Bootes zurück. Nur Walker blieb noch ein kleines Weilchen stehen, um sich zu vergewissern, daß die Yacht auch wirklich verschwunden sei. Nur der Rauchstreifen war noch zu sehen, den sie zurückgelassen hatte, und welcher sich langsam in der Luft zertheilte und auflößte.

Aber es gab noch etwas Anderes, was die Aufmerksamkeit Walkers jetzt auf sich zog: Ein schwarzer Punkt, welcher sich langsam und stetig vom anderen Ufer her bewegte, ragte über dem Wasser auf und nieder, so wie sich der Kopf eines Schwimmers zu bewegen pflegt. Bereits nach einer Weile konnte Walker die Gesichtszüge eines Indianers erkennen, dessen Haarschopf nach Art der Apachen geordnet war.

»Ein Apache kommt!« raunte er nach dem Boote hin. »Kommt herbei, ihn zu fangen, sonst sind wir verrathen.«

Sofort kamen einige der Bootsleute und nahmen hinter den Baumstämmen Posto. Sie verhielten sich ruhig, bis der Indianer in ihre Nähe gekommen sein werde. Er schwamm ausgezeichnet, und es stellte sich heraus, daß er das Bayou genau kannte, denn er hielt grad auf dasselbe zu, schwamm unter den Aesten herein und trat an das Land.

Seine wildlederne Kleidung war mit Bärenöl eingerieben, damit sie das Wasser nicht aufnehmen solle. Bewaffnet war er nur mit einem Messer, ein Zeichen, daß er sich als Kundschafter auf dem Wege befunden habe. Er schüttelte sich ab und schritt dann weiter, am Rande des Bayou hin, indem er die Zweige auseinander schob. Plötzlich blieb er starr stehen. Er hatte das Boot gesehen.

»Uff!« entfuhr es leise seinen Lippen.

Er wollte sich zur Seite wenden, um nicht bemerkt zu werden, wurde aber in demselben Augenblicke von vier, sechs, acht kräftigen Armen ergriffen, so daß er sich gar nicht zu wehren vermochte.

Trotz dieser Ueberraschung bewegte sich kein Zug seines jugendlichen, broncefarbenen Gesichtes. Er wurde augenblicklich gebunden und nach dem Boote gebracht. Dort musterte er die ihn umstehenden Männer mit finsterem Blicke, sagte aber kein Wort. In seinem Gesichte prägte sich der Stolz eines tapfern Kriegers aus, welcher nur durch Uebermacht und Ueberrumpelung besiegt worden ist und es nicht der Mühe für werth hält, ein Wort an seine Feinde zu richten.

Es wurden ihm verschiedene Fragen vorgelegt. Er beantwortete keine einzige, bis endlich Walker sagte:

»Was hast Du hier zu suchen, Apache?«

»Apache?« fragte er. »Der ›beißende Hund‹ ist doch kein Apache.«

Also sein Name war der ›beißende Hund‹. Da die Indianer sich Namen beizulegen pflegen, womit sie ihre Thaten oder Charactereigenschaften bezeichnen, so war zu vermuthen, daß dieser Mann sich bereits durch Tapferkeit ausgezeichnet habe.

»Du trägst doch den Schopf eines Apachen!« meinte Walker.

Der Rothe machte eine Bewegung der Geringschätzung und antwortete:

»Der Scharfsinn des weißen Mannes ist wie das Licht des Mondes zur Zeit des Neumondes. Es leuchtet nicht. Sieht das Bleichgesicht denn nicht, daß der ›beißende Hund‹ ein Kundschafter ist?«

»Woraus soll ich das erkennen?«

»Wenn der rothe Mann allein und unbewaffnet aus seinem Wigwam geht und sogar über Flüsse schwimmt, ohne seinen Medicinsack bei sich zu haben, so ist er ganz sicher ein Kundschafter. Ein kluger Krieger trägt dann die Abzeichen Derer, welche er überlisten will, damit sie ihn nicht für einen Feind, sondern für einen der Ihrigen halten.«

»Wenn Du kein Apache bist, wessen Stamm gehörst Du denn an?«

»Hat der weiße Mann noch nicht den Namen des ›beißenden Hundes‹ gehört?«

»Nein.«

»So ist das Bleichgesicht wohl noch nie am Colorado oder im Süden, des Rio Gila gewesen?«

»Nein.«

»Ich bin ein Papago.«

»Ein Papago?« rief Walker erfreut. »Wir sind hier am Colorado, um die Papago-Indianer zu suchen.«

»Wozu?«

»Das könnte ich einstweilen nur dem Häuptling derselben sagen.«

»Der ›beißende Hund‹ ist der Häuptling der Papago.«

»Was! Wirklich?«

»Der rothe Mann sagt niemals eine Lüge!« antwortete der Wilde in stolzem Tone. »Frage hier an den Ufern des Flusses, so wird man Dir sagen, daß der ›beißende Hund‹ der Anführer der Papagos ist.«

»Seit wann gehen die Häuptlinge selbst auf Kundschaft?«

»Seit immer, wenn es sich um eine wichtige Sache handelt.«

»Willst Du mit den Apachen Krieg beginnen?«

»Das Bleichgesicht hat meine Frage vorhin nicht beantwortet; ich werde die seinige auch nicht beantworten.«

»So wirst Du mir später Antwort geben. Ich bin ein Freund der Papago.«

»Beweise es!«

»Ich weiß, womit ich es beweisen soll. Versprichst Du mir, nicht zu entfliehen, wenn ich jetzt Deine Banden löse?«

»Ich werde nicht entfliehen, wenn Du mir wirklich beweisest, daß Du ein Freund der Papagos bist.«

»Der Beweis soll Dir geliefert werden.«

Er band den Indianer los. Dieser stand langsam auf, streckte seine Glieder und setzte sich dann ebenso langsam wieder nieder. Alle standen um ihn herum. Walker sagte zu ihm:

»Wir sind gekommen, um die Pfeife des Friedens mit Deinem Stamme zu rauchen.«

»Die Pfeife des Friedens ist vergraben. Die Papagos haben das Beil des Krieges aus der Erde gegraben.«

»Auch gegen die Weißen?«

»Gegen alle ihre Feinde.«

»So dürfen wir ruhig sein. Wir sind Eure Freunde; wir kommen, um Euch Eure Feinde in die Hand zu geben.«

Der Indianer betrachtete ihn langsam vom Kopf bis zu den Füßen herab und antwortete:

»Kann das Pferd den Bären in die Hand des Büffels geben?«

»Du glaubst mir nicht?«

»Nein. Die Papagos werden mit den Apachen und den Maricopas kämpfen. Wie willst Du Beide in unsere Hände liefern?«

»Indem ich Dir ihre Häuptlinge übergebe.«

»Kennt das Bleichgesicht diese Häuptlinge?«

»Ja. Wenn Du Deine Krieger in der Nähe hättest, so könntest Du die feindlichen Anführer sehr bald in Deiner Gewalt haben.«

Der Rothe bohrte seinen Blick in das Angesicht des Sprechers und betrachtete sich dann auch die anderen Umstehenden. Er mochte ihnen ansehen, daß an Walkers Worten doch etwas Wahres sei, denn er bequemte sich zu dem vielleicht etwas gewagten Geständniß:

»Die Krieger der Papagos befinden sich nicht weit von hier.«

»Sapperment! Das könnte sich gar nicht bester treffen!«

»Hast Du das Dampfschiff gesehen, welches vorhin hier vorüber fuhr?«

»Der ›beißende Hund‹ hat es gesehen. Er mußte ja warten, bis es vorüber war, ehe er über den Fluß herüberschwimmen durfte.«

»Nun, auf demselben befinden sich Freunde der Apachen und Maricopas, Männer, durch deren Fang Du großen Ruhm ernten würdest.«

»Wer?«

»Zunächst die ›starke Hand‹, den Du ja kennst.«

»Der Hund der Apachen?« fuhr der Rothe auf.

»Ja. Ferner der Fürst der Bleichgesichter und der dicke Bauch.«

»Tan-ni-kay und Entschar-til? Sagst Du die Wahrheit?«

»Ich belüge Dich nicht Außerdem sind auf dem Schiffe noch mehrere berühmte weiße Jäger.«

»Was wollen sie hier auf dem Flusse?«

»Sie wollen mich fangen.«

Der Papago ließ den Blick umherschweifen, nickte mit dem Kopfe und meinte:

»Du sagst die Wahrheit. Du hast Dich hier verbergen müssen. Ich glaube Dir. Aber was hast Du ihnen gethan, daß sie Dich fangen wollen?«

»Ich habe das größte Kleinod der Apachen geraubt, die Taube des Urwaldes.«

»Palomo-nakana, die Taube des Urwaldes?«

Diese Worte stieß der Indianer in einem Tone hervor, welcher sein größtes Erstaunen ausdrückte. Er hatte sogar eine Bewegung gemacht, als ob er vor Verwunderung aufspringen wollte, besann sich aber noch, daß es mit der Würde eines Häuptlings nicht zu vereinigen sei, seine Gefühle in solcher Weise zu verrathen.

»Wo ist sie?« fragte er.

»Hier in unserm Boote.«

»Uff!«

»Willst Du sie sehen?«

»Ja.«

»Nachher, wenn ich ausgesprochen habe.«

Er erzählte ihm nun, daß die Maricopas nach dem Silbersee gezogen seien, um die Taube des Urwaldes zu entführen und die Gräber der Apachenhäuptlinge zu entweihen, daß sie aber ihren Zweck verfehlt und mit den Apachen Frieden geschlossen hätten. Er ließ ihm auch von den späteren Ereignissen so viel wissen, als er für nöthig hielt, und fügte hinzu:

»Die Apachen und Maricopas werden bereits in der Nähe sein, um nach dem Thale des Todes zu gehen. Heut kannst Du die ›starke Hand‹ und die berühmten weißen Jäger ergreifen.«

»Das thue ich nicht,« sagte der Häuptling.

»Warum nicht.«

»Der ›beißende Hund‹ will nicht den Häuptling der Apachen und die weißen Jäger allein haben, sondern alle Apachen und Maricopas. Er läßt also die Ersteren heut entkommen, um im Thale des Todes Alle zusammen zu verderben.«

»Das ist sehr klug gehandelt. Ich stimme Dir bei.«

»Will das Bleichgesicht nun die Taube des Urwaldes zeigen?«

»Gern wollte ich es thun; es ist aber nicht gut möglich.«

Er erzählte ihm nun, welche Gefangenen er unten im Raume habe, und daß Zimmermann frei sei, vielleicht wohl auch bereits die Kette des andern männlichen Gefangenen zerbrochen habe, so daß man einen ernstlichen Widerstand zu erwarten habe.

Der Häuptling dachte einen Augenblick nach und sagte dann:

»Du kamst, um Dir den Schutz der Papagos zu erbitten?«

»Ja.«

»Wenn Alles, was Du gesagt hast, wahr ist, so sollst Du ihn erlangen. Aber Du wirst jetzt mit mir gehen.«

»Wohin?«

»Zu meinen Kriegern.«

»Ich kann das Boot nicht verlassen. Wir werden verfolgt und sind vielleicht schon in einer Viertelstunde gezwungen, uns unserer Feinde zu erwehren.«

»Die Krieger der Papagos halten nahe hier bei. In einigen Minuten sind wir bei ihnen.«

»Darf ich Dir trauen?«

»Es wird Dir nichts geschehen. Wenn Du nicht gelogen hast, so ist der ›beißende Hund‹ Dein Freund.«

»Gut, ich gehe mit.«

Die Gefährten wollten Gegenvorstellung machen, aber er war froh, bereits jetzt auf die Papagos gestoßen zu sein, und erklärte, daß er dem Häuptlinge sein volles Vertrauen schenke. Er verließ also das Boot und verschwand mit dem Häuptlinge hinter den Bäumen.

Wenn der Indianer wirklich der Häuptling der Papagos war, so durften die Insassen des Bootes sich zu dieser unerwarteten Begegnung allerdings gratuliren. Sie hatten in diesem Falle den gesuchten Schutz schneller gefunden als man vorher erwarten konnte, und brauchten nun auch das Dampfboot nicht mehr zu fürchten. Vorhin noch so voller Sorge, konnten sie sich jetzt vollständig sicher fühlen.

Dies wurde zwischen den Zurückbleibenden besprochen, die keine andere Sorge mehr hatten, als daß der Indianer sie betrogen haben könne.

Aber bereits nach kurzer Zeit kehrte Walker zurück. In seiner Begleitung befand sich der Häuptling mit vielleicht zwanzig seiner Krieger, welche alle sehr gut bewaffnet waren. Sie blieben am Ufer des Bayou zurück, während Walker allein an Bord kam.

Sein Gesicht zeigte den Ausdruck allergrößter Zufriedenheit. Nach dem Ergebnisse gefragt, antwortete er:

»Es geht Alles ausgezeichnet, viel besser, als ich es nur ahnen konnte. Es sind drei Häuptlinge vorhanden – – –«

»Drei!« unterbrach Roulin ihn erstaunt. »So sind sie auf einem Kriegszuge begriffen!«

»Ja. Der ›beißende Hund‹ ist selbst jenseits des Wassers gewesen, um zu kundschaften, und hat nicht viel Gutes mitgebracht. Sein Zusammentreffen mit uns aber ist für die Papagos ein Glück, wie sie es sich größer gar nicht denken können. Die Häuptlinge haben die Friedenspfeife mit mir geraucht und werden sie auch mit Euch rauchen.«

»Schön! Aber welche Bedingungen bist Du eingegangen.«

»Befreiung von allen unsern Feinden.«

»Das klingt sehr gut. Was aber sollen wir ihnen dafür bieten?«

»Sie beanspruchen alle Gefangenen für sich. Diejenigen, deren Tod wir wünschen, werden sie vor unsern Augen ermorden.«

»Darin muß ja eben die Befreiung von unsern Feinden bestehen. Aber, wollen sie auch die Gefangenen haben, welche sich bereits jetzt in unsern Händen befinden?«

»Verdammt! Das paßt mir nicht.«

»Warum nicht?«

»Wilkins und diesen Zimmermann könnten sie sich immerhin nehmen; aber die Mädchens möchte ich nicht hergeben.«

»Pah! Immer fort mit ihnen!«

»Nur langsam! Ich habe es auf Magda Hauser abgesehen. Die möchte ich wenigstens einige Tage lang als Frau besitzen.«

»Und ich,« fiel Leflor ein, »habe bereits in Prescott gesagt, daß ich Almy Wilkins haben will. Ich will nicht von den Ufern des Arkansas hierher gekommen sein, um mir eine Geliebte nehmen zu lassen, deren Besitz mir von Euch versprochen worden ist.«

»Nun, beruhigt Euch! Die Rothen wollen die Mädels Euch wohl auch nicht nehmen. Sie verlangen sie nur jetzt, sozusagen als Unterpfand, daß wir sie nicht belogen und betrogen haben.«

»Da mag es gehen. Wie aber bringen wir unsere vier Gefangenen herauf. Die beiden Kerls werden sich wehren.«

»Der Häuptling ist auf einen schlauen Gedanken gekommen. Diese rothen Kerls sind so listig, daß sie sich selbst aus der schlimmsten Verlegenheit zu helfen wissen. Er will thun, als ob er uns überfällt.«

»Ah! Sehr schön! Wenn er es nur nicht auch in aller Wirklichkeit thut.«

»Was fällt Euch ein!«

»O, wir haben ihm Alles gesagt; er weiß also Alles, was er wissen muß, und braucht uns nicht mehr. Er kann also sehr leicht auf den Gedanken kommen, uns einfach nieder zu stechen, um seine Verbindlichkeiten gegen uns los zu werden.«

»Ihr vergeht, daß er mit mir die Pfeife des Friedens geraucht hat.«

»Aber mit uns nicht.«

»Das ist ganz gleichgiltig. Ihr steht doch wohl unter meinem Schutz.«

»Wenn Ihr so fest an ihn glaubt, nun, so sind wir gezwungen, ihm auch zu vertrauen. Also mag er uns überfallen. Meine Waffen werde ich aber doch in Bereitschaft halten.«

»Pah! Es wird nur ein Wenig geschrieen und mit den Füßen auf das Deck gestampft; dann begeben sich die Rothen hinab und erklären den Gefangenen, daß sie uns überfallen und getödtet haben. Diese Letzteren folgen den Rothen willig auf das Deck und werden, da sie ja keine Waffen haben und den Indianern also auch nicht gefährlich werden können, leicht übermannt. Dann haben wir sie gerade ebenso und vielleicht noch mehr in der Gewalt als vorher.«

»Und mein Boot?« fragte Balzer.

»Euer Boot? Fürchtet Ihr vielleicht für dasselbe?«

»Natürlich. Ich traue diesen Rothen nicht.«

»Ihr habt gar nichts zu befürchten. Euch und an Eurem Eigenthume geschieht gar nichts.«

»Was wird mit Sennorita Miranda?«

»Die nehmen wir natürlich mit.«

»Warum? Was kann sie Euch nützen?«

»Sie gehört zu uns.«

»Ihr habt mir versprochen, daß sie bei mir sein soll.«

»So lange unsere Fahrt dauert, also bis Aubrey. Da wir aber nicht bis dorthin zu segeln brauchen, weil wir die Papago's schon jetzt getroffen haben, so hat unser Vertrag natürlich bereits hier ein Ende.«

Miranda stand dabei und hörte also, was gesprochen wurde. Balzer hatte ihr gefallen. Sie glaubte, er sei so sehr in sie verliebt, daß sie wohl für immer bei ihm bleiben, vielleicht sogar seine Frau werden könne, während sie an Walker's Person viel weniger Wohlgefallen fand. Auch mußte sie sich sagen, daß das Zusammenleben mit dem Letzteren ihr nicht nur weniger Garantie für ihre Zukunft biete, sondern ihr sogar gefährlich werden könne. Darum sagte sie jetzt:

»Und ich werde gar nicht gefragt, bei wem ich zu bleiben wünsche?«

»Wozu die Frage?« antwortete Walker. »Ich habe gesagt, daß wir zusammen gehören. Das ist doch selbstverständlich.«

»Nicht so sehr, wie Du meinst.«

»Aber mehr, als Du denkst.«

»Ich kann Dir keinen Nutzen bringen.«

»Aber Du kannst mir schaden, wenn Du nicht bei mir bist.«

»In diesem Falle würde ich mir doch selbst schaden.«

»Das ist sehr richtig. Aber ich habe Dich doch gern bei mir.«

»Was soll ich im Todesthale! Diesen vier Personen, die ich nach dem Boote locken mußte, mag ich nicht wieder unter die Augen treten. Macht mit ihnen, was Ihr wollt; ich mag nichts davon wissen. Ich würde doch nur mein Gewissen beschweren, und auch für Euch ist es besser, wenn Ihr so wenig Zeugen wie möglich habt.«

»Was Du da sagst, ist gar nicht ohne Grund; aber ich habe Dir versprochen, für Dich zu sorgen.«

»Mir ist es lieber, Du läßt mich für mich selbst sorgen.«

»Und wenn Du keine Lust hast, mit uns nach dem Todesthale zu gehen, so mußt Du bedenken, daß wir nicht ewig dort bleiben, sondern bald wieder zurückkehren.«

»Dann könntest Du nach Mohawk-Station kommen, um mich dort abzuholen.«

»Hm! Weißt Du denn so genau, daß Sennor Balzer Dich mit nach dort nehmen will?«

»Natürlich nehme ich sie mit!« antwortete Balzer.

»Na, wenn Ihr Beide so sehr einverstanden seid, so will ich Euch nicht im Wege stehen, hoffe aber auf Eure beiderseitige Verschwiegenheit. Es darf kein Mensch erfahren, wer sich auf dem Boote befunden hat und was am Bord desselben geschehen ist.«

»Meiner Verschwiegenheit könnt Ihr sicher sein, Sennor.«

»Auch darf Niemand erfahren, daß ich mit den Papagi's von hier fort bin.«

»Ich schweige.«

»Gesetzt aber den Fall, daß die Dampfyacht zurückkehrt und Euch sieht. Ihr werdet dann gefragt werden.«

»Meint Ihr, daß ich dann von Dingen reden werde, welche im Stande sind, auch mir Unannehmlichkeiten zu bereiten?«

Walker blickte schnell auf. Er hatte allerdings Balzer zum Theil mit in seine Karten blicken lassen.

»Unannehmlichkeiten?« fragte er. »Welche Unannehmlichkeiten meint Ihr wohl?«

»Ich kenne sie natürlich noch nicht.«

»Es kann keine geben. Ihr habt mir Euer Boot vermiethet. Was ich an Bord gethan habe, das ist doch meine Sache. Euch trifft keine Verantwortung. Oder meint Ihr etwa, daß ich strafbare Handlungen begangen habe?«

Sein Auge war tückisch forschend und mit einem hinterlistigen Blicke auf Balzer gerichtet.

»Ja,« wollte dieser antworten. Er hatte das Wort schon auf der Zunge; aber ein warnender Blick Miranda's machte ihn auf die Gefahr aufmerksam, welche über seinem Haupte hing. Darum sagte er:

»Wer spricht von strafbaren Handlungen! Ihr habt ein unglückliches Liebespaar vereinigen wollen. Das ist doch nicht strafbar.«

Walker's Gesicht verlor seinen drohenden Ausdruck. Er bemerkte in zufriedenem Tone:

»Das ist's, was ich von Euch hören wollte, und es ist ja auch die Wahrheit. Also mag Miranda bei Euch bleiben, bis ich nach Mohawk-Station komme und sie abhole. Ich hoffe, sie wird Euch so liebenswürdig unterhalten, daß Euch die Zeit nicht lang werden kann. Die Miethe für Euer Boot werde ich Euch dann bezahlen. Oder verlangt Ihr sie vielleicht jetzt gleich?«

Bei dieser Frage richtete sich sein Blick lauernd und drohend auf Balzer. Dieser bemerkte es und antwortete:

»Das hat ja Zeit. Wir sehen uns wieder.«

Und mit dem Lächeln eines Raubthieres, welches einmal in guter Laune seine Beute fahren läßt, meinte Walker:

»Schön! Ich sehe, Ihr habt Verstand und seid ein sehr coulanter Mann. Das muß man anerkennen. Es soll also weder Euch, noch Euren Leuten ein Uebel geschehen. Jetzt will ich die Indianer holen und instruiren.«

Er sprang vom Bord hinaus auf das Ufer. Sennorita Miranda zog Balzer hinter die Erhöhung der Cajüte und sagte dort in eindringlichem Tone zu ihm:

»Um Gotteswillen! Fast hättest Du zwei Unvorsichtigkeiten begangen.«

»Welche denn?«

»Erstens wolltest Du ihm sagen, daß Du sein Thun und Treiben für strafbar hältst, und zweitens sah ich Dir an, daß Du die Miethe von ihm verlangen wolltest.«

»Ich wollte allerdings beides thun.«

»Eins war so gefährlich wie das Andere.«

»Oho! Was kann er mir thun?«

»Meinst Du etwa, nichts? Du kennst ihn nicht. Er mag keinen Mitwissenden haben, dessen er nicht versichert ist. Es hätte Dich das Leben gekostet.«

»Da hätte er mir kommen sollen. Ich vermag, mich zu wehren.«

»Er ist Dir überlegen, denn Du bist kein Todtschläger, er aber fürchtet einen Mord nicht.«

»Ich habe meine Bootsleute, welche mir helfen würden.«

»Und er hat die Indianer und seine Freunde.«

»Roulin ist mein Freund und Studiengenosse.«

»Der? Er ist der größte Schuft, den ich kenne, ein Betrüger, Dieb und Mörder.«

»Alle Teufel!«

»Ich kann es beweisen!«

»Und das sagst Du mir jetzt erst? Ich hätte mich mit diesen verwegenen und gewissenlosen Menschen ja gar nicht eingelassen, wenn Du mir nur einen Wink gegeben hättest. Anstatt dieses zu thun aber hast Du mich beredet, ihnen zu Willen zu sein.«

»Ich mußte, ich war gezwungen, ich befand mich in ihren Händen. Zürne mir nicht. Ich konnte nicht anders und werde Alles wieder gut machen. Verzeihst Du mir?«

Sie schmiegte sich an ihn, schlang den Arm um ihn, gab ihm einen Kuß und blickte ihm dann so lange zärtlich und bittend in die Augen, bis er antwortete:

»Liebst Du mich denn wirklich?«

»Ueber Alles.«

»Ich möchte eher glauben, daß Du mich getäuscht und betrogen hast.«

»Wie könnte ich das!«

»Ich hätte sehr triftigen Grund, anzunehmen, daß Du nur aus dem Grunde liebenswürdig zu mir gewesen bist, daß ich diesen Menschen zu Willen sein soll.«

Sie streichelte ihm die Wange und sagte:

»Ich will aufrichtig mit Dir sein. Erst war ich allerdings nur aus dem Grunde freundlich mit Dir, daß Du uns die Depeschen verschaffen und Dein Boot geben solltest; aber dann, als ich Dich näher kennen lernte, wurde Wirklichkeit aus der Täuschung. Ich fühlte, daß ich Dich lieb hatte.«

Sie sagte dies im Tone der vollen Wahrheit, und dabei waren ihre Augen mit einem solchen Blicke voller Aufrichtigkeit auf ihn gerichtet, daß er, sie an sich ziehend, antwortete:

»Schau, daß Du mir dies gestehst, ist besser, als wenn Du versucht hättest, mich zu täuschen. Indem Du Dich anklagst, zwingst Du mich, Dir zu vergeben.«

»Ich danke Dir! Wirst Du es mir aber auch wirklich nicht nachtragen?«

»Nein, Miranda.«

»Und immer an mich glauben?«

»Vollständig!«

»So sollst Du Dich nicht in mir täuschen. Sind wir nur erst fort von hier und aus der Nähe dieser gefährlichen Menschen, so sollst Du sehen und erfahren, daß Du Dich ganz auf mich verlassen kannst.«

Jetzt kam Walker wieder an Bord. Er sprach einige Worte mit Roulin und ging dann nach der Luke, unter welcher die Treppe hinunter nach den Gefangenen führte.

Die Lage dieser Letzteren hatte sich seit dem Augenblicke, an welchem Zimmermann und Wilkins sich von ihren Ketten befreit hatten, nicht geändert. Sie durften es nicht wagen, an Deck zu gehen. Sie mußten eben ruhig abwarten, was geschehen werde und in welcher Weise man sie hinauf zu bringen versuchen werde.

So war unter Warten und Fürchten die Zeit vergangen. Obgleich sie nichts sehen konnten, so bemerkten sie doch an dem Aufhören des Rauschens des Wassers an den Bootswänden, daß das Fahrzeug jetzt still liege. Lange war zwischen ihnen kein Wort gefallen, jetzt aber meinte Wilkins:

»Sie haben an das Ufer gelegt. Jedenfalls wollen sie uns hier an das Land bringen.«

»Sie mögen es versuchen!« zürnte Zimmermann.

»Ihr wollt nicht gehorchen?«

»Nein, gehorchen werde ich freilich nicht.«

»Ich denke, es wird uns nichts Anderes übrig bleiben.«

»Und ich meine, daß uns noch ganz Anderes übrig bleibt. Es versteht sich ganz von selbst, was unserer wartet, sobald wir ihnen den Willen thun, an Deck zu gehen. Sie werden, da wir nur einzeln durch die Luke können, über uns herfallen und uns wieder fesseln.«

»Ich dulde es nicht, ich wehre mich.«

»Was wollt Ihr gegen eine solche Uebermacht ausrichten? Ja, wenn wir Waffen hätten! Nein, ich bleibe unten.«

»Das ist auch unmöglich.«

»Warum? Sie mögen es doch versuchen, mich durch Zwang hinauf zu bringen.«

»Sie haben auf alle Fälle ein sehr gutes Mittel. Sie werden uns einfach hier stecken lassen, bis uns der Hunger und der Durst zwingen, gute Worte zu geben.«

»Eher verschmachte ich! Wenn Sie darauf warten wollen, so müssen Sie lange Zeit hier liegen.«

»Hm! Eure Standhaftigkeit giebt auch mir meine Zuversicht zurück. Wir dürfen doch hoffen, daß Steinbach nach uns sucht.«

»Das thut er sicherlich. Und ebenso sicher ist es, daß er in Mohawk-Station erfährt, daß wir mit diesem Boote gefahren sind. Er wird es verfolgen.«

»Womit? Es giebt ja dort kein zweites.«

»So ein Mann wie er wird Mittel und Wege finden. Er kommt hierher. Meine Ahnung sagt es mir. Wenn sie hier liegen bleiben, findet er sie. Schon aus diesem Grunde dürfen sie nicht daran denken, uns auszuhungern. Sie müssen vielmehr trachten, uns baldigst an das Land zu bringen, und dann werden wir – horch! hört Ihr Etwas?«

»Ja. Die Treppe knarrt.«

»Es kommt Jemand.«

»Was thun wir?«

»Wenn man zu uns herein kommt, dann wehe dem Betreffenden! Ich erschlage ihn mit der eisernen Kette!«

Die Schritte waren sehr vernehmlich. Walker war es, welcher herabkam, und zwar mit Absicht mit so lauten Schritten, daß man ihn hören mußte. Er ging an der Thür vorüber nach der zweiten Abtheilung des Raumes, in welcher er sich zu schaffen machte. Die Lauschenden hörten, daß er irgend einen Gegenstand hin und her schob. Dann ertönte die Stimme Roulin's laut und ängstlich zur Luke herab:

»Sennor Walker! Sennor Walker!«

»Was giebt es?«

»Kommt schnell heraus, schnell!«

»Habe keine Zeit.«

»Kommt doch! Schnell!«

»Warum? Was giebt's?«

»Indianer kommen, Apachen.«

»Unsinn!«

»Kein Unsinn! Sennor Leflor hat sie gesehen, als er sich vom Ufer entfernte. Sie kommen leise herbei geschlichen. Er ist sofort zurück gerannt, um uns zu warnen.«

»Verdammt!«

»Also schnell, schnell!«

»So hat man uns entdeckt. Stoßt rasch vom Land!«

Die Gefangenen hörten, daß er nach der Treppe rannte und nach oben stieg. Er konnte aber kaum aus der Luke getreten sein, so erschallte oben ein vielstimmiges Geheul und dann erbebte das Verdeck unter den Füßen der Kämpfenden.

»Nun, hatte ich nicht Recht?« jubelte Zimmermann. »Steinbach ist mit den Apachen da.«

»Gott sei Dank!« stimmte Wilkins ein.

Auch die beiden Mädchen jubelten laut auf.

»Man schießt aber nicht!« bemerkte Zimmermann.

Er war Prairiejäger, ihm mußte also dieser Umstand auffallend erscheinen. Der Scheinangriff auf das Boot geschah freilich, ohne daß dabei geschossen wurde. Man mußte das verhüten, denn durch die Schüsse wären Andere, vielleicht gar die Dampfyacht herbei gerufen worden. Schon der Kriegsschrei der Indianer, auf den, wenn die Gefangenen wirklich getäuscht werden sollten, nicht verzichtet werden konnte, war ganz geeignet, zufällig in der Nähe Befindliche auf das Segelboot aufmerksam zu machen.

»Die Apachen greifen eben nach ihrer Art an,« sagte Wilkins. »Sie schießen nicht. Sie schleichen sich still an und lassen nachher das Messer und den Tomahawk arbeiten. Ich bin überzeugt, daß wir in wenigen Augenblicken befreit sein werden.«

Es war, als ob er Recht hätte. Das Fußgestampfe hörte auf. Es kam Jemand die Treppe herab und rief:

»Sind noch Menschen hier?«

»Ja, hier, hier!« antwortete Wilkins.

»Bleichgesichter?«

»Ja.«

»Den Namen sagen!«

»Die Taube des Urwaldes.«

»Uff! Uff! Hier die Apachen!«

Die Thür wurde geöffnet. Das halbe Licht, welches von oben herab durch die Luke fiel, beleuchtete zur Genüge die Gestalt eines bewaffneten Indianers.

»Meine weißen Brüder und Schwestern mögen hinaufkommen. Sie sind frei,« sagte er freundlich.

Es war der ›beißende Hund‹.

Zimmermann war doch nicht so recht befriedigt. Er sagte sich, daß Steinbach, wenn er zu ihrer Rettung herbeigeeilt sei, auch der Erste sein werde, der ihren Kerker öffnen würde.

»Wo ist der Fürst der Bleichgesichter?« fragte er.

»Am anderen Ufer. Er sucht dort, wir hier. Wir haben die guten Bleichgesichter zuerst gefunden.«

»So kommen wir hinauf.«

Er ließ Wilkins den Vortritt. Dieser stieg voran und Zimmermann folgte. Wilkins war von dem Gedanken, frei zu sein, so entzückt, daß er vergaß, sich die auf Deck wartenden Indianer genau anzusehen. Er stieg hinaus und that einige Schritte vorwärts. Zimmermann folgte. Da Wilkins vor ihm stand, hatte er keinen freien Umblick; er zauderte und blieb auf der vorletzten Stufe stehen. Sein Leib befand sich aber bereits außerhalb der Luke.

Jetzt hatte Wilkins einige Schritte vorwärts gethan und Zimmermann konnte die Indianer sehen. Er erblickte sie und rief sofort:

»Zurück, Wilkins! Wieder hinunter! Es sind keine Apachen! Es sind Feinde!«

Er wollte schnell wieder in die Luke hinein. Da aber sauste die Schlinge eines Lasso durch die Luft und legte sich ihm um den Hals. Ein Ruck – er war bezwungen. Und zugleich wurde Wilkins von vielen braunen Händen ergriffen und niedergerissen.

Zimmermann wurde natürlich aus der Luke emporgezogen. Die beiden Mädchen hatten zwar seinen Ruf vernommen, aber die Worte nicht verstanden. Sie stiegen auch herauf und wurden von den Papago's in Empfang genommen, erst Almy und dann Magda.

Zimmermann's Warnungsruf war der erste und auch der letzte gewesen. Die Papago's hatten so zugegriffen, daß weder Wilkins, noch die Mädchen einen Schrei auszustoßen vermochten.

Jetzt lagen die vier Gefangenen wieder gefesselt auf dem Verdeck. Es waren ihnen auch Knebel in den Mund gesteckt worden. Sie konnten keinen Laut von sich geben.

Da trat Walker hinzu und sagte höhnisch zu Wilkins:

»Nun, Sennor, wie gefällt Euch das? Sind die Apachen nicht tüchtige Kerls?«

Roulin versetzte Zimmermann einen Fußtritt und sagte:

»Dieser Kerl hatte es übel mit mir vor. Jetzt aber soll er stillhalten müssen. Die schöne Magda wird meine Geliebte und er soll zusehen dürfen und sich die Finger dabei lecken!«

Und Leflor grinste verächtlich:

»Ihr glaubtet uns wohl schon verloren, Nachbar Wilkins? Aufgefressen von den Apachen? Na, so schnell geht das freilich nicht. Wir müssen leben bleiben, damit Ihr Zeuge sein könnt, wenn ich mit Mademoiselle Almy Verlobung und Hochzeit halte. Schafft diese Personen fort! Wir folgen mit.«

Die Indianer ergriffen die Gefangenen und deren Eigenthum und schleppten sie fort. Die Weißen folgten. Walker gab Balzer die Hand, erhob warnend den Finger und sagte zu ihm:

»Merkt Euch, was ich Euch gesagt habe! Von Allem, was seit gestern geschehen ist, darf kein Mensch etwas erfahren. Solltet Ihr das Geringste verrathen, so habt Ihr es mit mir zu thun. Anstatt das Miethsgeld für das Boot würdet Ihr etwas ganz Anderes erhalten. Fragt Sennorita Miranda nach mir! Sie wird Euch sagen, daß ich in solchen Angelegenheiten keinen Spaß verstehe. Also ich hole sie von Euch in Mohawk-Station ab. Lebt wohl, auf Wiedersehen!«

Er sprang an das Ufer und folgte den Anderen nach.

»Gott sei Dank!« seufzte Miranda auf.

»Der Mensch hat wirklich ein außerordentlich schuftiges Gesicht. Leider bemerke ich das erst jetzt.«

»Ich bin froh, daß er fort ist.«

»Ich auch. Er sah mir ganz darnach aus, als ob er mir am Liebsten zum Abschiede noch einen tüchtigen Messerstich versetzen wolle. Nach Mohawk-Station mag er aber nicht kommen. Das erste Mal ist es ihm geglückt. Beim zweiten Male aber könnte er sich verrechnen.«

»Er kommt sicher.«

»So werde ich für einen ordentlichen Empfang sorgen. Ich will diesem Volke jetzt einmal nachschleichen, um zu sehen, was sie mit den armen gefesselten Leuten thun.«

Er machte Miene, von Bord zu gehen. Sie aber hielt ihn fest und bat:

»Thue es nicht! Bleib hier!«

»Warum? Jetzt bin ich doch nicht mehr in Gefahr.«

»Noch immer. Wenn sie bemerken, daß Du ihnen folgst, schießen sie auf Dich.«

»Ich werde mich hüten, mich von ihnen sehen zu lassen!«

»Sie haben sicher Wachen ausgestellt.«

»Nun nicht mehr.«

Der Steuermann sah, was sein Principal vorhatte und kam herbei.

»Verzeiht, Sennor! Ihr wißt, daß ich Euch stets und gern zu Willen bin, dieses Mal aber glaube ich, daß wir eine große Dummheit begangen haben.«

»Warum?«

»Diese Liebesgeschichte war eine Erfindung.«

»Wirklich?«

»Natürlich! Das muß doch ein jedes Kind sehen. Der alte Sennor Wilkins kam mir wie ein Ehrenmann vor. Sennor Zimmermann hat sich brav gehalten, und die beiden Sennoritas sahen mir mehr aus, als ob sie zu bedauern seien, als daß sie sich freuten, den heimlich Geliebten in der Nähe zu haben. Was hatten überhaupt die Rothen mit dieser Angelegenheit zu thun?«

»Hm! Ich weiß es nicht.«

»Ich auch nicht; aber das weiß ich, daß wir wegen dieser Fahrt unter Umständen in Teufels Küche gerathen können. Wißt Ihr, was ich für das Allerbeste halte?«

»Nun?«

»Daß wir uns auch jetzt nicht vor der Dampfyacht sehen lassen. Wir müssen sie vermeiden.«

»Ich gebe das zu.«

»Wenn sie uns dennoch erwischt, was sagen wir?«

»Die Wahrheit.«

»Das ist mir lieb. Lügen würden uns nur schaden. Es wäre dann von Vortheil für uns, wenn wir über den Verbleib der Gefangenen einige Auskunft ertheilen könnten. Darum schlage ich vor, wir Beide, nämlich Ihr und ich, spaziren den Rothen eine kleine Strecke nach, um zu sehen, wie sich die Sache anläßt.«

»Gut! Ich gehe mit.«

»Um Gotteswillen nicht!« bat Miranda.

»Warum nicht?« fragte der Steuermann.

»Es ist zu gefährlich.«

»Gefährlich? Donnerwetter! Ich bin Steuermann und weiß mein Messer zu führen, Sennorita. Ich wollte den Rothen sehen, der es unternehmen möchte, im Spaße mit mir anzubinden. Im Ernst aber erst recht nicht. Uebrigens werden wir wohl nicht so dumm sein, es ihnen auf die Nase zu binden, daß wir sie belauschen. Also kommt in Gottes Namen, Sennor Balzer!«

Balzer konnte nicht weniger Muth zeigen als sein Untergebener; das sah Miranda doch ein. Darum gab sie ihren Widerstand auf. Die Beiden gingen.

Sie folgten dem Bayou, so weit es sich in das Land hineinzog. Dann stieg das Ufer steil an. Es war wie am Eingange des Bayou mit dichtstehenden Dogwoodbäumen besetzt. Die beiden Männer verstanden nicht, eine Fährte regelrecht aufzusuchen und zu verfolgen; hier aber brauchten sie diese Fertigkeit auch gar nicht. Die Papago's hatten sich keine Mühe gegeben, ihre Fährte zu verbergen.

Diese Letztere führte vom Wasser aufwärts bis zur Höhe des Ufers und dann in gerader Richtung nach einer lichten Stelle, welche von zahlreichen Pferdehufen zerstampft war. Von hier aus gingen die Pferdespuren in ganz derselben Richtung weiter durch den Wald, bis dieser nach bereits kurzer Zeit aufhörte, denn eine Prairie schob sich hier tief in ihn hinein.

Draußen auf der Grasfläche sahen die Beiden eine sehr bedeutende Reiterschaar galoppiren.

»Das sind sie,« sagte der Steuermann. »Wir haben natürlich das Nachsehen.«

»O, ich wünsche auch nichts Anderes.«

»Ja, Gott Lob und Dank, daß sie fort sind! Könnt Ihr die Gefangenen erkennen?«

»Nein?«

»Sie haben sie natürlich in der Mitte. Gott sei den Armen gnädig! Es mögen wohl an die vierhundert Rothe sein. Was diese Kerls hier gewollt haben?«

»Geht uns nichts an.«

»O, das geht uns gar wohl was an! Wenn sich die Papago's hier am Colorado zeigen, so haben sie stets etwas Schlimmes vor, einen Ueberfall oder so etwas Aehnliches. Mir scheint, der Kundschafter hat nichts Passendes gefunden, und nun sind sie froh, mit dem Fange; den sie bei uns gemacht haben, in ihre Wigwams zurückkehren zu können. Ich wollte, ich könnte ihnen das Vergnügen verderben. Na, kommt, Sennor! Wir können nichts ändern. Ein anderes Mal aber sehe ich mir den Kerl, mit dem ich segeln soll, erst einmal genauer an, als ich es gestern mit diesem Walker gethan habe. Diese Fahrt wird mir noch lange im Gedächtnisse liegen.«

Sennorita Miranda war froh, als sie die Beiden zurückkommen sah. Sie bat, daß sofort aufgebrochen werde.

Der Steuermann antwortete:

»Auch mich zieht es von dieser Stelle fort. Aber wir sind gezwungen, vorsichtig zu sein. Ich wünsche nicht, daß unser Boot hier von irgend Einem gesehen werde. Von der Mündung des Gila bis hierher hat uns Niemand bemerkt. Bleiben wir auch zurück, ungesehen, so können wir nach Yuma segeln und dann sagen, daß wir nur dorthin gewollt haben und auch dort gewesen sind. Gehen mir also erst einmal vor an die Mündung des Bayou, um zu sehen, ob wir allein auf dem Flusse sind.«

Er kroch mit Balzer nach der Stelle, von welcher der schwimmende Häuptling der Papago's aus dem Wasser gestiegen war. Dort hielten sie Ausschau nach rechts und nach links.

»Alle Teufel!« fluchte da der Steuermann. »Wie gut, daß wir das Boot noch im Bayou haben und uns erst umblickten! Seht einmal da hinauf!«

Er deutete stromaufwärts. Die Wasserbahn schien aber ganz frei zu sein.

»Ich sehe nichts,« meinte Balzer.

»Ja, Ihr seid kein Bootsmann. Unsereiner aber hat schärfere Augen. Seht Ihr nicht einen kleinen, schwarzen Punkt ganz oben, wo das Wasser des Flusses mit dem Horizonte eine Linie bildet?«

»Ja. Es sieht aus wie eine wilde Ente, die auf dem Wasser schwimmt.«

»Ja, Ente! Hat sich was! Wenn diese Ente nicht die Dampfyacht ist, so lasse ich mich fressen!«

»Da müßte man doch den Dampf sehen?«

»Aus dieser Entfernung?«

»Ja. Der Streifen, welchen der Rauch bildet, ist länger als die Yacht; darum muß er auch eher gesehen werden als das Fahrzeug selbst.«

»Das habt Ihr Euch gar nicht so übel ausgesonnen. Aber wie nun, wenn der Dampfer gar nicht dampft?«

»So hat er Anker geworfen.«

»Entweder das, oder er treibt ohne Dampf mit dem Strome abwärts. Und dieses Letztere ist ganz sicher der Fall, denn der Punkt, welchen ich für die Yacht halte, wird langsam größer und bewegt sich auf uns zu.«

»So müssen wir warten, bis er vorüber ist.«

»Natürlich. Vielleicht kehrt er nach Gila-City zurück. Dort segeln wir heut am Abend vorüber, heimwärts, und werden gar nicht bemerkt.«

»Hm! Warum aber kehrt die Yacht zurück?«

»Wer weiß es.«

»Sie verfolgt uns. Sie wird eingesehen haben, daß sie uns verfehlt hat.«

»Vielleicht meint sie, daß wir nicht aufwärts, sondern abwärts sind, nach Yuma. Das wäre noch bester für uns. Warten wir es ab.«

Die Beiden behielten ihren Lauscherposten inne. Je näher der betreffende Punkt kam, desto größer wurde er, bis man ihn endlich wirklich als die Yacht erkannte. Die Maschine stand. Der kleine Dampfer trieb langsam, ganz langsam mit dem Strome abwärts, und zwar ganz nahe am jenseitigen Ufer.

»Möchte wissen, warum er sich nicht in der Mitte, im sicheren Fahrwasser hält,« sagte Balzer.

»Das weiß ich gar wohl.«

»Nun, weshalb?«

»Wenn sich ein Schiffer so nahe am gefährlichen Ufer hält, so hat er ganz sicher einen wichtigen Grund dazu. Die guten Sennores, welche sich auf der Yacht befinden, sind hinter unsere Schliche gekommen. Sie dampfen schneller, als wir segeln können, und haben uns trotzdem nicht eingeholt. Da sind nur zwei Möglichkeiten vorhanden: Entweder sind wir von der Mündung des Gila aus im Colorado gar nicht auf-, sondern abwärts gegangen, oder wir haben uns hier irgendwo am Ufer versteckt.«

»Sollten sie das vermuthen?«

»Natürlich. Sie suchen uns ja drüben am Ufer. Darum halten sie sich so nahe an dasselbe. Und darum lassen sie sich vom Wasser treiben. Das geht langsam, und dabei kann man das Ufer genau betrachten.«

»So ist es ein Glück, daß sie drüben fahren und nicht hier auf unserer Seite.«

»Nun, ein Unglück wäre es auch nicht, wenn sie sich hier hüben befänden. Ich möchte den Menschen sehen, welcher unser Bayou findet, wenn er nichts von demselben weiß. Der Eingang ist ja dermaßen vom Gesträuch verdeckt, daß gar kein Mensch ahnen kann, daß sich hier eine solche Einbuchtung befindet. Schaut! Jetzt ist die Yacht uns beinahe gerade gegenüber. Seht Ihr die Pferde auf dem Verdecke? Und die Kerls, wie sie alle starr und steif hinüber nach dem Ufer gucken! Prosit die Mahlzeit! Sie mögen suchen, aber finden werden sie nichts!«

Er war so weit an den Rand des Wassers getreten, daß er sein Bild in demselben sehen konnte. Er nahm den Hut ab und schwenkte denselben ironisch grüßend hinüber nach der Yacht zu. Er that das, weil er ganz genau wußte, daß er von dort aus gar nicht gesehen werden konnte.

»Sie mögen suchen, aber finden werden sie nichts!« wiederholte er lachend.

Der gute Mann ahnte nicht, daß er bereits gefunden worden war. Er kannte Steinbach nicht und Sam, den dicken, listigen und verschlagenen Westmann.

Die Dacht war mit voller Dampfkraft stromauf gefahren. Nach einer Fahrt von zwei Stunden, von Gila-City aus gerechnet, konnte man erwarten, das Segelboot eingeholt zu haben, und dennoch war es nicht zu sehen. Es verging noch eine halbe, noch eine ganze Stunde – vergebens.

Die Passagiere standen alle auf dem Deck und richteten ihre Blicke vorwärts. Steinbach und der Lord, die Beiden, welche sich im Besitze eines Fernrohres befanden, blickten von Minute zu Minute durch dasselbe – ebenso vergebens. Steinbach ließ noch eine halbe Stunde vergehen, als auch da das Boot noch nicht zu sehen war, rief er die Gefährten zu sich heran.

»Eine ganz ärgerliche Geschichte!« brummte der Lord. »Meine Yacht ist eine Schnellläuferin ersten Ranges. Es ist doch nicht anzunehmen, daß ein Boot noch schneller gegen den Strom segelt!«

»Nein; das ist nicht anzunehmen,« nickte Steinbach.

»Aber da müßten mir doch das Boot schon längst eingeholt haben!«

»Das haben wir auch.«

Der Lord öffnete den Mund und blickte den Sprecher ganz verblüfft an.

»Wir sind also schon über dasselbe hinaus?«

»Ja.«

»Warum habt Ihr das nicht früher gesagt! Habt Ihr denn das Boot gesehen?«

»Nein.«

»Sapperment! Wie könnt Ihr denn da wissen, daß wir bereits über dasselbe hinaus sind?«

»Sehr einfach daher, daß wir es nicht sehen. Wir dampfen fünfmal so schnell als das Boot segelt. Wir müßten es haben. Wir haben es aber nicht, also haben wir es schon längst überholt.«

»Wir müßten es doch gesehen haben.«

»Setzen wir den Fall, es hätte uns kommen sehen.«

»So hätten wir es auch gesehen.«

»Nein. Unser Schornsteinranch ist weiter zu sehen als die Yacht selbst. Man hat vom Boote aus diesen Rauch gesehen und sich sofort versteckt.«

»Wohin aber? So ein Boot kann sich doch nicht wie ein Fisch oder ein Krebs auf den Grund des Flusses niederlassen!«

»Das hat es auch nicht nöthig. Habt Ihr schon einmal das Wort Bayou gehört?«

»Donnerwetter! Bayou!« stimmte Sam Barth jetzt ein. »Jetzt begreife ich es. Es muß da hinter uns irgendwo so ein Bayou geben, welches so versteckt liegt, daß man es vom Wasser aus gar nicht bemerken kann.«

»Das ist eben meine Ansicht, lieber Sam.«

»Seht Euch die Ufer an. Sie sind mit dichtem Dogwoods besetzt, deren Neste und Zweige bis in das Wasser niederhängen, besonders das rechte Ufer. Diese Zweige können sehr leicht den Eingang eines solchen Bayou verdecken. Wir sind vom Boote aus gesehen worden. Die Kerls haben ein Bayou in der Nähe gehabt und sind da in Versteck gegangen, um uns in aller Gemüthlichkeit vorüber zu lassen.«

»Kehren wir um!« rief der Lord kurz entschlossen. »Maschinist, holla, wenden!«

»Halt!« fiel Steinbach ein, »Nicht so schnell, Sir! Ehe wir wenden, haben wir uns zu überlegen, was geschehen soll.«

»Was geschehen soll? Nun, wir kehren um und suchen das Bayou.«

»An welchem Ufer sollen wir es suchen?«

»Das werden wir schon sehen wo es ist.«

»Nein, denn wir haben es aufwärts auch nicht gesehen. Es liegt eben so versteckt und verdeckt, daß es ganz besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Sam, was meint Ihr, an welchem Ufer wird sich das Bayou befinden?«

Der Dicke betrachtete sich die rückwärts liegenden Ufer.

»Auf dem rechten,« antwortete er.

»Ich bin ganz derselben Ansicht. Aber welche Grunde habt Ihr zu Eurer Annahme?«

»Ich habe mehrere. Erstens ist dieses Ufer viel dichter bebuscht als das andere; ein Versteck ist also da eher möglich. Zweitens liegt es am Außenbogen der Flußkrümmung; das Wasser schneidet da also mehr ein und kann ein Bayou bilden. Drittens ist es nicht so felsig als das andere, folglich kann das Wasser eine kleine Bucht ausnagen. Und viertens haben sich unsere Flüchtlinge jedenfalls mehr an das rechte Ufer gehalten, weil dieses die Grenze bildet, welche sie überschreiten wollen.«

Bei dieser Begründung des pfiffigen Dicken kratzte sich der Lord hinter dem Ohre und sagte:

»Verteufelt, verteufelt! Das ist scharfsinnig! Wer kommt auf solche Gedanken!«

»Ich, wie Ihr gehört habt,« lachte Sam.

»Aber ich nicht!«

»Nein. Ich glaube Euch sehr gern, daß Ihr an einer solchen Berechnung ganz unschuldig sein würdet, trotzdem Ihr einen Waldläufer vorn am Buge des Dampfers habt.«

»O bitte, Master Sam! Wir befinden uns auf dem Wasser. Damit hat ein Waldläufer nichts zu thun.«

»Meint Ihr? Da befindet Ihr Euch in einem sehr bedeutenden Irrthum. In der Prairie und im Urwalde giebt es zuweilen Wasser genug, mehr als Ihr jetzt hier seht. Ein Waldläufer muß sich auf dem Wasser ebenso zurecht finden wie auf dem Lande. Also, Master Steinbach, stimmt Ihr mir bei?«

»Ja. Ich wette, daß sich das Segelboot am rechten Ufer versteckt hat.«

»Also kehren wir um und fahren wir rechts stromab!«

»Nein, mein guter Sam. Das wäre verkehrt.«

»Ah! Warum?«

»Wir müssen am linken Ufer abwärts.«

»Wo sich das Versteck nicht befindet?«

»Ja.«

»Da entdecken wir es doch gar nicht!«

»Grade dann entdecken wir es. Aber wenn der Dampfer rechts fahren wollte, so würden wir nichts entdecken.«

»Also ganz verkehrt. Ich verstehe das nicht.«

»Das würden sie wohl selbst in Herlasgrün nicht begreifen?« lächelte Steinbach.

»Sicher nicht. Und dort giebt es doch Leute, welche Haare auf den Zähnen haben.«

»So seht Ihr eben, daß auch gescheidte Leute einmal eine falsche Ansicht haben können.«

»Könnt Ihr mir beweisen, daß die Eurige richtig ist?«

»Ich werde es Euch erklären, und der Erfolg wird es beweisen und bestätigen. Ihr meint doch, daß das Bayou ganz versteckt liegt?«

»Ja.«

»Daß sich die Flüchtlinge drin verborgen halten?«

»Natürlich.«

»Wenn wir wiederkommen, und sie sehen uns nahe bei sich, was werden sie thun?«

»Gar nichts. Sie werden sich nur mäuschenstill verhalten.«

»Richtig.«

»Aber wenn wir auf der verkehrten Seite fahren – –?«

»Sapperment, wird sie das freuen! Da werden sie uns sicher auslachen!«

»Also nicht so mäuschenstill sein?«

»Wohl nicht.«

»Na also! Da habt Ihr meine Gründe.«

Sam machte ein ganz verzweifeltes Gesicht und sagte:

»Ich bin sonst nicht auf den Kopf gefallen, dieses Mal aber langt mein Schädel nicht zu. Ich verstehe Euch nicht.«

»Und doch ist es so leicht.«

»Ich bleibe dabei, daß wir das Versteck, welches am rechten Ufer liegt, nicht sehen, wenn wir uns am linken halten. Ihr müßt bedenken, daß der Strom beinahe eine halbe Stunde breit ist!«

»Ihr sollt es leicht begreifen. Der Dampfer schwimmt links; wir Beide aber, nämlich Ihr und ich, wir schwimmen rechts.«

Da machte Sam ein Gesicht wie jedenfalls diejenigen Sennores auch machten, welche damals anwesend waren, als Columbus das Ei auf den Tisch stellte.

»Alle Teufel!« rief er aus. »Ist das so!«

»Natürlich! Soll es etwa anders sein?«

»Nein, nein. Das ist des Beste und Klügste, was wir thun können. Sennor, ich habe gewußt, daß Ihr ein verdammt kluger Kerl seid; aber so ein richtiger, eingefleischter Pfiffikus zu sein, das beweist Ihr mir erst heute. Also wir Beide rechts.«

»Ja.«

Der Apachenhäuptling hatte regungslos dabei gestanden und zugehört. Jetzt sagte er einfach:

»Nicht zwei, sondern drei Männer. Die »starke Hand« wird das Steuerruder sein.«

Sam wendete sich ihm zu und fragte:

»Das Steuerruder? Wieso?«

Der Apache zuckte nur die Achsel, als hätte ein Kind nicht verstanden, daß zwei mal zwei vier ist.«

»Habt Ihr etwa begriffen, was er meint?« fragte Sam Steinbach.

»Sehr gut.«

»Ja, Ihr Beide begreift Euch eben so gut, daß der Eine auf dem Monde nur zu niesen braucht, so ruft der Andere auf der Sonne auch schon helf Gott!«

»Er denkt nämlich an ein Floß.«

»So? Wir haben doch das Boot.«

»Auch das können wir nehmen; aber das Steuer können wir da nicht gebrauchen. An Stelle desselben will sich der Häuptling hinten anhängen.«

»Warum? Auch das begreife ich nicht.«

»Sam, Sam! Wenn sie das in Herlasgrün wüßten! Bedenkt doch, daß diejenigen, welche sich vor uns versteckt haben, uns gar nicht kommen sehen dürfen.«

»Das denke ich auch. Aber das Floß oder Boot werden sie doch sehen.«

»Wir müssen es maskiren.«

Da fuhr Sam einen Schritt zurück, schlug sich mit der Faust an die Stirn und rief:

»O Du ewiger Dummkopf, der Du bist! Jetzt, ja jetzt geht mir ein Licht auf, an welchem ich den größten Ochsen braten könnte!! Sapperment, ist diese Idee gut, Master Steinbach! Ausgezeichnet! Wir nehmen das Boot, welches zur Yacht gehört, und maskiren es mit Schilf und Binsen und allerlei ähnlichem Zeug. Es muß aussehen wie ein Haufen losgerissener Uferwuchs. Solche Haufen schwimmen ja oft vorüber. Da drüben sehe ich ja gleich einen. Unter diesem Haufen aber stecken wir Beide, und hinten am Boote hängt der Apache und steuert es.«

»So meine ich es allerdings,« stimmte Steinbach bei. »Nach dem Ufer zu ist das Boot so weit verdeckt, daß nur zwei kleine Oeffnungen bleiben, durch welche wir unbemerkt unsere Beobachtungen machen können. Nach dem Wasser zu aber muß es offen sein, damit wir nach der Yacht hin Zeichen geben können.«

»Wozu Zeichen?«

»Daß sie uns zu Hilfe kommt, wenn wir sie brauchen. Nämlich, sobald wir das Bayou entdecken, lassen wir das Boot an das Ufer treiben, wo wir es befestigen. Es ist das gar nicht gefährlich, weil Diejenigen, welche wir suchen, es nicht für ein Boot, sondern für ein losgerissenes Stück Ufervegetation halten werden. Wir geben das Zeichen, und die Yacht kommt herüber zu uns, aber nicht direct, sondern sie macht einen Bogen, damit die Gesuchten es gar nicht bemerken. Was da noch zu erklären ist, können wir ja bei der Arbeit besprechen Laßt uns jetzt an das Ufer legen, um das Boot zu der Fahrt herzurichten.«

Die Yacht steuerte nach dem Ufer und legte an. Die Passagiere stiegen aus, um Aeste, Zweige, Schilf, Binsen, Gras und Moos zu sammeln. Mit diesem Materials wurde das Boot so mascirt, daß es wirklich und ganz genau das Aussehen hatte, welches von Steinbach beabsichtigt worden war.

Während dieser Arbeit lag die Yacht lang am Ufer hin, im tiefen Schatten der Bäume, welche ihre Aeste weit über das Verdeck hin streckten. Sie konnte vom entgegengesetzten Ufer gar nicht gesehen werden.

Alle waren bei der angegebenen Beschäftigung. Nur der Maschinist befand sich an Bord. Er war aus dem Maschinenraums herauf an Deck gestiegen, um sich einen Mund voll frische Luft zu holen. Sein Blick schweifte über das Wasser nach dem anderen Ufer hinüber, wo soeben – ah, er sprang auf und rief:

»Hallo, hallo! Was kommt von da drüben? Etwa eine Seeschlange?«

Aller Augen richteten sich gegen das linke Ufer. Eine schmale, dunkle Schlange, aus einzelnen, deutlich sichtbaren, dunkel gefärbten Gliedern bestehend, bewegte sich in verschiedenen Windungen in den Fluß hinein, dem diesseitigen Ufer entgegen. Der Kopf des Thieres hatte bereits den vierten Theil der Breite des Stromes zurückgelegt.

»Sollten das Menschen sein? Reiter?« fragte Sam.

»Es scheint so,« antwortete Steinbach. »Wollen sehen.«

Der Lord hatte sein Fernrohr zur Hand genommen und blickte hindurch.

»Ich weiß nicht, was das ist,« sagte er. »Diese Schlange besteht aus lauter einzelnen Gliedern, welche dunkel sind und wie angemalte Kürbisse aussehen.«

»Indianer!« rief Sam.

»Ja, Indianer,« stimmte Steinbach bei, indem er sein Rohr vom Auge nahm und die »starke Hand« anblickte.

Dieser, der Häuptling betrachtete die Schlange mit bloßen Augen und sagte:

»Howgh! Die Apachen und Maricopa's!«

»Was, die Apachen schon?« fragte Sam.

»Ja, sie sind es,« antwortete Steinbach.

»Sapperment! Die kommen uns gelegen! Und daß wir sie so prächtig treffen!«

»Wir befinden uns ja beinahe in der Höhe von Olive-City, welches ich ihnen als Uebergangspunkt angegeben habe. Sie sind sehr fleißig geritten.«

In diesem Augenblicke hörte man dreimal schnell hinter einander den Schrei der weißköpfigen Möve. Sofort stockten die Bewegungen der Schlange. Noch dreimal dieser Schrei und der Kopf der Schlange wendete sich zurück.

»Der Kundschafter,« sagte Steinbach. »Er hat uns bemerkt, weiß nicht, daß wir es sind, da er die Yacht nicht kennt, und giebt nun das Warnungszeichen. Die »starke Hand« mag die Leute beruhigen.«

*

59

Zum Verständnisse muß gesagt werden, daß die Indianer, ehe sie über einen Fluß setzen, stets erst einen Mann oder mehrere Männer hinüberschicken, um das Terrain zu recognosciren. Es ist das eigentlich ganz selbstverständlich und wird auch bei uns bei einem jeden Flußübergange gemacht, den das Militair unternimmt. Die Apachen und Maricopa's hatten es auch gethan. Der Kundschafter hatte die Gegend sicher gefunden und das Zeichen gegeben. Mittlerweile aber war die Yacht gekommen und hatte angelegt. Erst dann war sie vom Kundschafter bemerkt worden, und nun gab er durch den wiederholten Mövenschrei den Seinigen das Zeichen, schleunigst umzukehren, welches sie auch augenblicklich befolgten.

Der Häuptling, die ›starke Hand‹, hielt sich zwei Finger an den Mund und ahmte den Schrei des Kriegsadlers nach.

Der Kopf der Schlange stockte abermals. Noch ein solcher Schrei und er wendete sich wieder zurück in die vorige Richtung. Zu gleicher Zeit aber ertönte ein lautes, schrilles ›Hi-Hi!‹ aus dem Uferwalde heraus.

»Hi-Hi!« antworte der Häuptling.

Wenige Augenblicke später trat ein bis an die Zähne bewaffneter Apache zwischen den Bäumen hervor. Es war der ›flinke Hirsch‹, der Neffe des Häuptlings, welcher erst mit der ›Taube des Urwaldes‹ nach Mohawk-Station hatte gehen wollen, sich aber doch lieber den Kriegern angeschlossen hatte. Beide, er und der Häuptling hatten sich an dem ›Hi-Hi‹ erkannt.

Der junge Apache hatte noch kein Dampfschiff gesehen; aber er würdigte es scheinbar keines Blickes; er kam näher, die Augen auf den Häuptling gerichtet, um ihn zu begrüßen, und reichte dann auch Steinbach die Hand.

»Etwas passirt?« fragte der Letztere.

»Nein.«

»Seid Ihr gesehen worden?«

»Nein. Aber wir haben einen Kundschafter der Papago's gesehen.«

»Wo?«

»Jenseits des Wassers, beim Anbruche des Tage». Er ritt an uns vorüber, ohne uns zu bemerken.«

»Was muß das zu bedeuten haben? Ob die Papago's einen Ueberfall beabsichtigen? Wahrscheinlich will Walker zu ihnen. Sie können sich leicht zufälliger Weise treffen. Wie viele Apachen kommen?«

»Zehn mal zehn mal zwei Krieger.«

»Und Maricopa's?«

»Ebenso viele.«

»Also zusammen vierhundert Krieger. Das genügt auf alle Fälle. Sie gehen hier über den Fluß. Also hast Du einen lichten Platz entdeckt, wo sie sich versammeln können?«

»Er liegt ganz nahe von hier. Soll ich Dich führen?«

»Ja, führe uns!«

Der flinke Hirsch geleitete die ganze Gesellschaft nach dem betreffenden Orte. Man hatte von demselben einen freien Blick auf den Fluß. Der Lord stand da, beobachtete die Indianer, schüttelte den Kopf und sagte zu Steinbach:

»Das ist ein starkes Stück. Der Strom ist eine englische Meile breit, und diese Kerls schwimmen durch ihn. Das muß man bewundern.«

»Ihr werdet sie noch oft bewundern.«

»Freilich, zu Pferde wäre es noch schwieriger.«

»Zu Pferde? Ihr meint, sie sind als Fußgänger gekommen?«

»Ja. Ich sehe doch keine Pferde.«

»Nicht? Sir, seid Ihr blind?«

»Nein. Gott segne meine Augen! Sie sind sehr gut.«

»Es hat aber doch ein Jeder sein Pferd bei sich.«

»Oho! Macht keine Flunkerei! Ob ein Mann schwimmt, oder ob er zu Pferd durch den Fluß geht, das kenne ich.«

»Ah, Ihr meint, der Mann sitzt dabei auf dem Pferde?«

»Dann würden die Thiere freilich nicht einen so breiten Strom bewältigen können. Nein, seht hin. Ein Jeder hat den Schwanz seines Pferdes gepackt und schwimmt hinter demselben her.«

Der Lord nahm sein Fernglas zu Hilfe, überzeugte sich, daß Steinbach Recht hatte und sagte:

»Bei Gott, es ist wahr! Die Kerls halten den Schwanz des Pferdes fest. Aber wenn sie nun von dem Pferde geschlagen und verletzt werden!«

»Habt keine Sorge! Das geschieht niemals. Der Apache weiß, sich zu hüten.«

»Was haben denn die Kerls auf den Köpfen?«

»Ihre Waffen. Sie sind in ein Bündel geschnürt und auf den Kopf befestigt, damit sie nicht naß werden.«

Jetzt erreichte der erste Schwimmer das Ufer. Im nächsten Augenblicke saß er auch bereits auf dem Pferde und kam im Galopp herbeigesaust. So Einer nach dem Andern. Keinem Einzigen war die Anstrengung des Schwimmens anzusehen, und auch die Pferde schienen durch das Wasser nicht ermattet, sondern erfrischt zu sein.

Hinter den Apachen kamen die Maricopa, geführt von dem ›eisernen Mund‹, ihrem Häuptlinge.

Diese stattliche Schaar von vierhundert Kriegern nahm sich sehr gut aus. Die Augen des Lords leuchteten vor Freude; dennoch aber flüsterte er Sam zu:

»Denen im Walde begegnen – allein!«

»Weiter nichts!«

»Als Feind, meine ich.«

»Ist auch weiter nichts.«

»Wie? Meint Ihr, daß man entkommen könne?«

»Nein. Sie schinden Einen zu Tode und nehmen den Scalp.«

»Und das nennt Ihr weiter nichts?«

»Ja. Denn so Etwas kommt hier täglich vor.«

»Danke sehr!«

»Hm! Ihr wollt Büffel und Bären jagen? So ein Thier ist gefährlicher als ein Indianer.«

»Das will mir nicht einleuchten. Aber sagt, was wollen alle diese Krieger hier?«

»Einen Rachezug nach dem Todesthale.«

»Rachezug! Todesthal? Brrrr! Das klingt ja wie eine Scene aus dem Freischütz, wo Bleikugeln gegossen werden und Teufel und Ungethüme durch die Lust fliegen. Ich glaube, der ewige Jäger und der wilde Jude sind auch dabei. Aber trotzdem gehe ich mit.«

»Zum Freischütz?«

»Nein, ins Todesthal. Warum trägt das Thal diesen Namen?«

»Gewiß weiß ich es nicht; aber ich glaube, daß der Tod auf irgend einer Geschäftsreise dort verunglückt und den Hals gebrochen hat. Man hat ihn gleich an der Unglücksstelle begraben. Es ist ein Thal und heißt also das Todesthal.«

Der Lord sah den Dicken einen Augenblick lang in die lustig blinzelnden Aeuglein.

In diesem Augenblick ruft Steinbach die Beiden und die Häupter der Rothen zu einer Berathung zusammen.

Die Leute erfuhren, daß Wilkins mit seinen Begleitern in Gefangenschaft gerathen sei und sich auf dem Segelboote befänden. Die Apachen geriethen in einen unbeschreiblichen Zorn darüber. Die Taube des Urwaldes war ihnen nicht nur lieb, sondern sie galt ihnen sogar für unantastbar, für heilig. Hätte sich jetzt das Boot auf dem Wasser sehen lassen, so hätten sie alle sich sofort in den Strom gestürzt, um die Schmach zu rächen.

Das Resultat der nun folgenden Unterredung war, daß Steinbach seinen bereits begonnenen Plan ausführen solle, um das Boot aufzufinden. Die Indianer wollten unterdessen so nahe am Wasser, als der dichte Wuchs der Pflanzen ihnen erlaubte, stromabwärts reiten und möglichst mit dem Dampfer Fühlung behalten, um, falls das Boot entdeckt werde, sofort zur Bestrafung der Schuldigen bei der Hand zu sein. Sie ritten sofort ab.

In Kurzem war der Kahn so weit fertig gestellt, daß er ganz täuschend das Aussehen einer schwimmenden Pflanzeninsel hatte. Ein weißgegerbtes Stück Leder, welches die Häuptlinge stets bei sich zu haben pflegen, um es im Kriegsfalle als Friedens- oder Parlamentairflagge zu gebrauchen, sollte dem Dampfer als Zeichen dienen, daß man das Segelboot entdeckt habe und daß die Besatzung der Dacht herbeieilen möge.

»Es ist nur zu verwundern, daß das Segelboot ein Bayou gefunden hat. Man sollte meinen, daß dieser Master Forner, welcher doch als Bootsmann zu dem Fahrzeuge gehört, das Bayou auch kennen müsse.«

»Was das betrifft,« antwortete Forner, »so müßt Ihr beherzigen, daß wir uns nicht in Altengland oder Deutschland befinden. Das Geringste wird dort sofort veröffentlicht, und wenn Einer ein Hühnerauge, welches sich ein Anderer hat operiren lassen, auf der Straße findet, so läßt er es sogleich in allen Blättern bekannt machen. Hier bei uns ist es anders. Ein gutes Versteck kann Jeden von großem Nutzen sein. Wer ein solches findet, der sagt keinem Menschen Etwas davon. Ich kenne mehrere Bayoux, von denen kein Anderer eine Ahnung hat, und benutze sie unter Umständen, was nicht möglich wäre, wenn Andre auch davon wüßten. Jedenfalls hat sich, als man uns bemerkte, ein Bayou grad in der Nähe gefunden, welches der Steuermann oder einer der Bootsleute kannte. Ich zweifle leider sehr, daß wir es finden werden.«

»Wollen sehen,« lachte Sam. »Ich bin nicht blind und habe nicht die Gewohnheit, an Leuten vorüber zu gehen, mit denen ich reden möchte. Vorwärts jetzt!«

Das Boot war, wie bereits erwähnt, auf der Backbordseite ziemlich offen gelassen worden. Dort krochen Steinbach und Sam unter die Decke hinein. Sie bereiteten ihre Decken aus, um es bequemer zu haben, und legten sich lang darauf. Sie konnten ja nicht sitzen. So hoch hatte man die Maskirung des Bootes nicht machen können. In Folge dessen und weil sie nach vorn keinen Ausschau hatten, konnten sie das Steuer nicht bedienen.

Der Häuptling stieg in das Wasser, kroch unter die Pflanzendecke und ergriff den hinteren Rand des Bootes. So konnte er, unter der Decke schwimmend, dem Fahrzeuge die gewünschte Richtung geben. Da, wo sich sein Kopf befand, wurde die künstliche Insel ein Wenig erhöht und in dieser Erhöhung eine genügend große Oeffnung angebracht, so daß er nach vorn einen guten Ausguck hatte. Daß er ermatten würde, war gar nicht zu befürchten; er besaß große Körperkraft und Ausdauer, war ein ausgezeichneter Schwimmer und konnte sich ja nöthigenfalls von dem Boote treiben lassen.

Jetzt gingen die Andern an Bord des Dampfers.

»Aber Vorsicht!« rief ihnen Steinbach aus seinem Verstecke zu. »Ihr müßt auf Deck so stehen, als ob Eure ganze Aufmerksamkeit gegen das andere Ufer gerichtet sei.«

»Wir müssen doch aber Euch beobachten!«

»Dazu genügt Einer. Er legt sich auf das Deck, um nicht leicht gesehen zu werden, und folgt unserm Boote mit dem Fernrohre. Wenn wir mit dem weißen Leder das Zeichen geben, fahrt Ihr noch eine kurze Strecke stromab und kommt dann an die Stelle herüber, an welcher wir angelegt haben. Nun vorwärts!«

Der Dampfer wendete und steuerte quer über den Fluß nach dem linken Ufer hinüber, zu dem er sich in möglichster Nähe hielt. Nun setzte sich auch das Boot in Bewegung.

Es ist schwer, ein unbekanntes Bayou zu entdecken, dessen Eingang durch Pflanzen verhüllt ist. Es muß da auf die geringste Kleinigkeit Achtung gegeben werden, und dabei ermüdet sehr leicht auch das schärfste Auge.

Leise sich ihre Bemerkungen zuflüsternd, verwendeten sie keinen Blick von ihrem Ufer. Es verging eine lange Zeit, welche ihnen doppelt lang wurde, weil alle ihre gespannte Aufmerksamkeit ohne Resultat blieb. Zweige und Blätter, welche bis an und in das Wasser reichten, das war Alles, was sie sahen. Wer hatte ein Auge von solcher Schärfe und Ausdauer, um aus diesem unendlichen Gewirr ein vielleicht verschwindend kleines Zeichen heraus zu finden.

»Leider haben wir das Boot nicht gesehen,« meinte Sam, ein Wenig gähnend. »Ich möchte wissen, wie groß und hoch es ist.«

»Bei der Zahl seiner Insassen vermuthe ich, daß es verdeckt ist und eine erhöhte Cajüte hat.«

»Dazu der Mast. Hm! Wollt Ihr vielleicht annehmen, daß die Kerls in das Bayou gesegelt sind?«

»Nein. Sie wären hängen geblieben. Sie haben auf alle Fälle den Mast niederlegen müssen.«

»Und sich also mit Stangen in das Versteck geschoben. Aber dennoch kann das bei einem Boots mit hohem Deck und Cajüte nicht anders geschehen, als daß einige Aeste oder Zweige abgebrochen werden. Auf solche haben wir besonders Acht zu geben.«

»Natürlich. Wo die Bruchstellen der Aeste so sind, daß der Bruch vor kurzer Zeit geschehen ist, da haben wir unser Wild zu suchen. Halten wir die Augen offen!«

So schwammen sie weiter und weiter. Es war, als ob die Zeit kleinere Flügel hatte. Keiner sprach ein Wort. Da, ganz unerwartet, raunte Steinbach dem lenkenden Apachen zu:

»Näher an das Ufer und langsamer, viel langsamer!«

Der Apache folgte der Weisung. Er hatte ziemlich wagerecht im Wasser gelegen, ließ aber den Körper nun sinken, so daß derselbe eine senkrechte Stellung einnahm und das Boot so in der Bewegung hinderte, daß es zu stehen schien und nur ganz und gar unmerklich vorwärts kam.

»Was giebt es?« flüsterte Sam.

»Abgebrochene Zweige.«

»Wo?«

»Ungefähr zwei Fuß über dem Wasser ist ein ziemlich starker Ast abgebrochen.«

»Ach ja, ich sehe es und – Donnerwetter! Seht, den Fuß am Rande des Wassers!«

»Ja.«

»Wir haben sie!«

»Hier steckt das Segelboot.«

Der Fuß gehörte dem Steuermanne des Letzteren. Es war jetzt der Augenblick, an welchem er mit Balzer unter den Bäumen stand und sich über die Yacht lustig machte. Die Lauscher hörten ganz deutlich Balzers Worte:

»So ist es ein Glück, daß sie drüben fahren und nicht hier auf unserer Seite!«

Die Antwort des Steuermannes war unverständlich. Deutlich wurden erst seine letzten Worte:

»Prosit die Mahlzeit! Sie mögen suchen, aber finden werden sie nichts!«

»Hat ihm aber schon!« lachte Sam leise vor sich hin. »Oh Ihr Esels Ihr! Schreien da in die Luft hinaus, daß man es in New-York hören kann. Uns halten sie für dumm, und sind doch selbst die allergrößten Dummköpfe, welche ich jemals gefunden habe.«

»Sie beachten unsern schwimmenden Haufen gar nicht,« meinte Steinbach befriedigt. »Sie sind uns so gut wie sicher. Jetzt schneller, schneller!«

Der Apache gehorchte. Er begann, zu schwimmen, und so bewegte sich das Boot rascher vorwärts. Dabei flüsterte er den beiden Weißen zu:

»Die Bleichgesichter haben keine Augen zum Sehen und kein Hirn zum Denken. Sie müßten sonst auf uns aufmerksam werden.«

»Ja,« nickte Sam. »So eine Insel schwimmt doch nicht immer grad und stracks weiter, sondern sie dreht sich sehr oft um ihre eigene Achse. Daß wir das nicht thun, müßte den Kerls eigentlich auffallen. Wollen das Zeichen geben.«

Steinbach hielt das weiße Leder an der linken Seite des Bootes hinaus und schwenkte es. Vom rechten Ufer aus konnte es nicht gesehen werden, vom Dampfer aus aber hatte man es bemerkt, denn er hielt sofort etwas mehr vom Ufer ab, ließ sich aber immer noch abwärts treiben, um nicht den Insassen des Segelbootes seine Absicht merken zu lassen. Erst nach einer Weile, als er den Letzteren aus den Augen war, steuerte er dem rechten Ufer zu.

Bereits vorher hatte der Apache das Boot an das Ufer getrieben und an dasselbe befestigt. Er stieg an das Land, und Sam und Steinbach folgten ihm.

»Was nun zunächst?« fragte der Dicke.

»Recognosciren.«

»Richtig! Aber wer?«

Der Apache sagte:

»Wir suchen Bleichgesichter. Also mögen meine beiden weißen Brüder gehen. Die ›starke Hand‹ wird hier bleiben, um die Jacht zu empfangen.«

In Folge dessen schlichen Steinbach und Sam, die natürlich ihre Waffen zu sich genommen hatten, unter den dichten, niedrigen Zweigen vorwärts, nothgedrungen auf allen Vieren kriechend. Sie erreichten glücklich das Bayou und erblickten das Segelboot.

»Guten Tag, meine Herren!« kicherte Sam in sich hinein. »Ihr bekommt ungeladene Kirmeßgäste!«

Die wenigen Bootsleute lagen auf dem Verdecke. Sonst war nichts zu sehen. Vom Flußufer her hörte man die unterdrückten Stimmen Balzers und des Steuermannes.

Die Lauscher lagen so nahe an dem Fahrzeuge, daß sie dasselbe mit einem Sprunge zu erreichen vermochten. Sam flüsterte:

»Von Wilkins und den Andern keine Spur!«

»Werden sich im Raume befinden.«

»Etwa gefesselt?«

»Wahrscheinlich.«

»Dann soll der Teufel diese Kerls reiten! Aber wo sind Walker und Consorten?«

»Schlafen vielleicht in der Cajüte.«

»Schön! Sam Barth wird ihnen im Traume erscheinen. Dick genug bin ich, um sie als Alp zu drücken, bis ihnen das Leben aus dem Leibe fährt.«

»Warten wir. Vielleicht hören wir einige Worte. Die beiden Kerls, die da vorn mit einander sprechen, müssen doch auch einmal wieder an Bord kommen.«

Er hatte richtig vermuthet. Sie kamen bereits nach kurzer Zeit.

»Wer ist der Kerl?« fragte Sam, auf Balzer deutend.

»Weiß es nicht. Zu Walkers Bande gehört er nicht.«

»Vielleicht der Besitzer des Segelbootes, dieser liebenswürdige Master – wie hieß er doch nur gleich – Balzer, glaube ich.«

»Er kann es sein. Der Andere ist ein Bootsmann, das sieht man ihm sofort an. Horch!«

»Vorüber! Sie sind vorüber!« rief der Steuermann seinen Leuten zu. »Sie waren klug genug, einzusehen, daß sie uns überholt haben, uns aber zu finden, sind sie zu dumm. Sie suchen uns drüben auf der andern Seite.«

»Verdammter Kerl!« meinte Sam. »Ich werde Dich nachher ein Wenig mit der Faust zwischen den Rippen oder unter der Nase kitzeln, bis Du erkennst, wer eigentlich der Dumme ist.«

»Pst!« erklang es hinter ihnen.

Sie drehten sich um und sahen die Gefährten von der Yacht, welche mit dem Apachenhäuptling sich herbei geschlichen hatten.

»Schön!« sagte Steinbach leise. »Wir überrumpeln sie so, daß sie gar nicht an Gegenwehr denken können. Aber kein Blutvergießen. Wir sind Mann genug, sie mit den Fäusten zu zwingen.«

Er hatte Recht, denn auch die Bemannung der Dacht war mitgekommen, sogar der Steuermann Smith. Er lag neben dem Lord an der Erde und flüsterte diesem zu:

»Endlich, Mylord, giebt es einmal Arbeit für diese da! Habe mich lange gesehnt.«

Dabei betrachtete er seine beiden Riesenfäuste.

»Ja, nur fest zugreifen!«

»Natürlich! So wie damals, als wir den famosen Ibrahim Pascha in Stambul besuchten und ich mit seinem Verschnittenen Ball spielte.«

»Still!« gebot Steinbach.

Auf dem Boote wurde laut gesprochen. Balzer sagte:

»Es ist sehr möglich, daß sie nachher, wieder aufwärts kommend, auch dieses Ufer absuchen.«

»Wird ihnen nichts nützen,« antwortete der Steuermann. »Kein Mensch findet dieses Versteck.«

»Hm! Es soll ein Kerl bei ihnen sein, Namens Steinbach, den sie den Fürsten der Bleichgesichter nennen.«

»Meinetwegen den Herzog der Schwarzgesichter.«

»Oh, er ist der berühmteste der Jäger. Ich hörte, daß die Gefangenen gesagt hatten, er werde uns nachfolgen und das Segelboot sicher finden.

»Er mag nur kommen! Ich werde ihn empfangen!«

»Ist schon da!« erschallte es.

Steinbach schnellte sich vom Ufer aus grad vor ihn hin und schlug ihn mit der Faust nieder. Im nächsten Augenblicke hatte er Balzer gepackt.

Die Bootsleute waren so erschrocken, daß sie, grad wie Balzer und der Steuermann, gefesselt am Boden lagen, ehe sie nur an Gegenwehr gedacht hatten.

Steinbach eilte nach der Cajüte und riß die Thür derselben auf. Dort lag Miranda leichenblaß in einem Stuhle. Sie hatte sich hier zurückgezogen gehabt und, die Bootsleute durch das Cajütenfenster beobachtend, den Ueberfall gesehen. Steinbach stand vor ihr, ehe sie nur Zeit gehabt hatte, sich von ihrem Sitze zu erheben.

»Ah, Donna Miranda!« sagte er. »Erlaubt, daß ich Euch begrüße! Ihr wart so schnell von Prescott fort und ich hatte Euch noch so viel zu sagen, daß ich beschloß. Euch nachzureisen. Wie es scheint, finde ich Euch nicht so wohl wie früher. Was fehlt Euch?«

»Mein Gott, mein Gott!« hauchte sie.

»Herzbeklemmung?«

»Ja.«

Sie hielt beide Hände auf die Herzgegend.

»Das ist sonderbar. Ihr habt sonst doch ein so weites Herz, daß von einer Beklemmung eigentlich keine Rede sein kann. Aber bitte, sagt mir gütigst, wo sich Sennor Walker befindet!«

»Fort!«

»Schwerlich. Sennor Wilkins?«

»Auch fort.«

»Das macht Ihr mir nicht weiß! Wo sind Eure Spießgesellen und wo befinden sich Eure Gefangenen?«

»Sie sind fort. Alle fort.«

Ihre Augen waren vor Angst stier auf ihn gerichtet. Ihr Gesicht hatte eine graugrüne Färbung angenommen.

»Ich verstehe! Ihr wollt mich überraschen, indem Ihr Diejenigen, von denen Ihr behauptet, daß sie fort seien, mir nachher unverhofft zeigt.«

»Nein, Sennor, sie sind fort.«

»Wirklich?«

»Ich schwöre es!«

Steinbachs Gesicht, bisher ironisch freundlich, nahm jetzt rasch einen sehr ernsten Ausdruck an.

»Seit wann?«

»Seit zwei Stunden ungefähr.«

»Wohin?«

»Mit den Papago's.«

»Ah! Gab es hier Papago's?«

»Wir trafen zufällig auf sie.«

»Hört, Sennorita, ich wünsche Euch nichts Böses, aber wehe Euch, wenn ich Ursache finde, mit Euch eine ernste Rechnung zu machen!«

Er verließ die Cajüte und stieg in den Raum hinab. Es befand sich kein Mensch mehr in demselben.

»Sie sind fort!« beantwortete er, als er auf das Deck zurückkehrte, die fragend auf ihn gerichteten Blicke seiner Gefährten.

»Fort?« rief Günther von Langendorf. »Auch Magda?«

»Ja. Die Papago's sind hier gewesen.«

»Herr mein Gott! Also wieder Gefangene unter den Indianern! Wir müssen nach, sofort, sofort! Vorher aber werden wir diese Schurken hier lynchen!«

Alle, Alle waren enttäuscht und geriethen darüber in Grimm. Der Eine rieth, man solle die Bootsleute aufhängen; ein Anderer wollte, daß Miranda todtgeprügelt werde. Ein dritter meinte gar, man solle Alle an Bord festbinden und das Segelboot dann anzünden. Steinbach und der Apachenhäuptling waren die Einzigen, welche ihre Ruhe bewahrten, wenigstens äußerlich.

»Gemach, Gemach!« sagte der Erstere. »Wir dürfen weder voreilig noch ungerecht handeln. Zunächst mag der Häuptling der Apachen das Boot verlassen und an das Land gehen, um seine Krieger zu erwarten. Und sodann werden wir uns bei diesen Leuten hier nach dem, was geschehen ist, erkundigen. Dann erst werden wir wissen, was zu thun ist.«

Der Häuptling ging schweigend fort. Die Andern stimmten Steinbach bei:

»Ja, ins Verhör mit ihnen, ins Verhör! Heraus mit dem Frauenzimmer!«

Miranda wurde aus der Cajüte geholt. Günther trat an sie heran und raunte ihr voller Grimm zu:

»Wenn Ihr Schuld tragt, daß die Damen wieder verschwunden sind, dann sei Euch Gott gnädig!«

Der Steuermann war von dem Schlage, welchen er von Steinbach erhalten hatte, wieder zu sich gekommen. Sam nickte ihm grinsend zu und sagte:

»Na, wie gefällt Euch das?«

Und auf des Andern finster fragenden Blick fuhr er fort:

»Ihr lachtet über die Yacht, daß sie Euch da drüben suchte. Dummkopf! Wir waren bereits da. Selbst der Fürst der Bleichgesichter solle Euch nicht finden, so meintet Ihr. Na, Ihr habt ja seine Faust gefühlt. Bedankt Euch bei ihm! Da steht er.«

Er deutete auf Steinbach. Dieser fragte die Sennorita Miranda, auf Balzer zeigend:

»Wer ist dieser Mann?«

»Der Besitzer des Bootes; die Andern sind der Steuermann und die Bootsleute. Weiter befindet sich Niemand hier.«

»Niemand? Ihr seid auch hier. Wer seid Ihr?«

Sie blickte ihn fragend an, denn sie verstand ihn nicht. Er fuhr deutlicher werdend, fort:

»Ihr seid doch wohl seine Geliebte?«

Sie erröthete. Balzer hatte den moralischen Muth, an ihrer Stelle zu antworten:

»Ja, sie ist meine Geliebte und wird bald meine Braut sein.«

»So richtet Euch darauf ein, die Verlobung im Zuchthause zu feiern.«

»Oho!«

»Ganz, wie Ihr denkt! Ich lasse einen Jeden seinen Glauben und behalte mir den meinigen. Dieser aber besteht in der Ueberzeugung, daß ich hier eine Anzahl von Schuften vor mir habe, mit denen Nachsicht zu haben, die größte Sünde ist.«

»Sennor, ich bin ein ehrlicher Mann!«

»Man hat es mir gesagt; aber ich glaube es nicht. Es würde Euch wohl auch sehr schwer werden, es mir zu beweisen.«

»Wenn ich einen Fehler begangen habe, so ist es wahrhaftig nicht in böser Absicht geschehen. Und diese Leute stehen in meinem Dienst; sie mußten mir gehorchen und sind also unschuldig, grad wie der Bootsmann Forner, welcher hier neben Euch steht.«

»Wollen es sehen. Aus besonderer Rücksicht will ich Euch losbinden lassen. Ich will Euch einstweilen als Leute behandeln, welche getäuscht worden sind. Dafür hoffe ich aber, daß ich von Euch Allen ein aufrichtiges Geständniß erhalte.«

»Ich werde die Wahrheit sagen.«

Sie wurden von ihren Banden befreit und durften sich setzen. Ihre Richter bildeten einen Kreis um sie. Unter diesen gab es wenige Gesichter, welche vermuthen ließen, daß sie bereit seien, die Angeklagten mit Schonung zu behandeln.

»Jetzt sprecht zunächst Ihr, Sennorita!« sagte Steinbach zu Miranda.

Sie erschrak. Ein Geständniß ablegen, vor diesen vielen Menschen? Unmöglich!«

»Erlaßt mir das, Sennor!« bat sie.

»Ich kann es Euch nicht erlassen.«

»Und ich kann nicht erzählen.«

»Pah! Mein Verhalten zu Euch wird sich ganz darnach richten, wie Ihr Euch zu uns verhaltet. Wenn Ihr Euch verstockt zeigt, so dürft Ihr auf keine Schonung rechnen.«

»Ja, Sennorita,« fiel Sam ein. »Ihr konntet so sehr gut sprechen, als Ihr mich in Sennor Steinbachs Schlafstube aufsuchtet. Wißt Ihr noch! Da wurde ich von Walker erschossen. Warum wollt Ihr jetzt nicht sprechen können? Könnt Ihr vielleicht nur reden, wenn Ihr irgend Jemandem eine Liebeserklärung macht. Seht Euch hier den Mast an! Wir richten ihn auf und hängen Euch an die äußerste Spitze, wenn Ihr Euch weigert, zu erzählen.«

»Laßt sie in Ruhe, Sennores!« bat Balzer. »Ich will an ihrer Stelle sprechen.«

»Das könnt Ihr nicht,« antwortete Steinbach.

»Ihr wißt nicht, was sie weiß. Aber um es ihr leichter zu machen, soll sie nicht erzählen, sondern ich will sie fragen. Legt ein aufrichtiges Geständniß ab, Sennorita; das ist das einzige Mittel, Schonung zu erlangen!«

Da faltete sie bittend die Hände und sagte:

»Nicht hier, nicht hier. Euch allein will ich Alles, Alles sagen, Sennor Steinbach!«

Ihre Augen waren so herzlich flehend auf sie gerichtet und schweiften von da mit einem schnellen Blicke auf Balzer hinüber. Steinbach verstand sie.

»Gut!« antwortete er. »Ich will Euch Euren Wunsch erfüllen. Vielleicht irre ich mich in Euch und Ihr seid nicht so schuldig, wie ich denke. Kommt herein in die Cajüte, Sennorita!«

Sie folgte ihm. Dort angekommen, sank sie vor ihm in die Kniee, ergriff seine Hand, küßte sie und sagte:

»Sennor, ich danke Euch! Lieber wäre ich gestorben, als daß ich vor diesen Leuten gesprochen hätte, vor so vielen Männern und vor – – –^

Sie stockte.

»Vor Balzer?« fragte er.

»Ja, vor Sennor Balzer.«

»Ihr liebt ihn?«

»Ja.«

»Und er Euch?«

»Ich hoffe es.«

»Sennorita, Ihr werdet auch ihn betrügen!«

»Nein, nein, und tausendmal nein!«

»Eure Liebe ist ein vorübergehender Rausch. Sie wird bald vorüber gehen.«

»Dieses Mal wird sie bestehen; ich weiß es; ich fühle es deutlich.«

»Ihr täuscht nicht nur ihn sondern auch Euch. Dieser Walker hat sich Eurer Schönheit nur bedient, um Andere für seine ruchlosen Zwecke zu gewinnen. Ihr habt auch Balzer verführt!«

»Das habe ich ihm gestanden.«

»Was sagte er dazu?«

»Er hat mir vergeben.«

»Dann besitzt er nicht nur ein edles Herz, sondern er liebt Euch aufrichtig.«

»Ich wünsche, daß Ihr Recht habt. Ihr verurtheilt mich und müßt mich verurtheilen, nach Allem, was Ihr von mir gesehen und erfahren habt. Aber beurtheilt mich nicht zu streng. Von Jugend auf ohne Aufsicht gelassen, ist mir die Erziehung des Elternhauses nicht das gewesen, was sie dem Kinde, besonders der Tochter, sein soll, eine Führerin auf dem Wege der Tugend. Ich fand nur charakterlose Menschen, deren Zweck war, das Leben zu genießen. Die einzige Person, welche mir eine moralische Stütze hätte bieten können, vermochte das nicht. Ich meine meine Verwandte, Sennorita Emeria in Prescott, welche Ihr ja kennt. Ihre Schrullen hinderten sie, mir eine Mutter zu sein. Ich stieg immer weiter bergab, ohne es zu bemerken. Ich verführte durch die Gaben, welche mir die Natur verliehen hat, aber im Grunde genommen war ich selbst die Verführte. Auch Walker hielt ich erst für einen ehrlichen Mann. Ich täuschte mich; aber als ich zu dieser Kenntniß kam, war ich bereits Mitwisserin mehrerer seiner Geheimnisse, und er gab mich in Folge dessen nicht wieder frei. Jetzt habe ich Balzer kennen gelernt. Seine Hand kann mich vielleicht wieder emporheben; darum möchte ich nicht vor ihm als eine so tief Gefallene erscheinen. Ihr habt meine Zukunft in der Hand. Erbarmt Euch meiner, Sennor Steinbach!«

Die Thränen liefen ihr über die Wangen herab.

»Ich bedaure Euch aufrichtig, Sennorita. Ich mag keinem Gefallenen, der sich erheben will, meine Hand verweigern; ich biete sie auch Euch – – –«

»Sennor!« unterbrach sie ihn jubelnd.

»Freilich kann ich Euch nicht verschweigen, daß ich nicht an Eure Besserung glaube. Ihr habt vielleicht den Willen dazu; aber sie ist unendlich schwer. Der festeste Vorsatz kann vom leisesten Hauche umgeworfen werden, wenn dieser Hauch aus der rechten Richtung weht. Dennoch verweigere ich Euch meine Hilfe nicht. Ich will nicht haben, daß Ihr später vielleicht sagt: »Ich wäre keine Verlorene, ich hätte mich retten können, wenn Steinbach damals nicht so hart und unerbittlich gewesen wäre.« Ihr habt Alles, was dazu gehört, glücklich zu sein und glücklich zu machen, herrliche Gaben des Geistes und des Körpers. Wendet diese Gaben in Zukunft dazu an, wozu sie Gott Euch verliehen hat, dann werdet Ihr die jetzige Stunde segnen, in welcher ich Euch hier diese meine Hand zur Hilfe biete.«

Sie hielt den Kopf gesenkt und weinte, weinte bitterlich. Es war ihr anzusehen, daß sie es, wenigstens in diesem Augenblicke, aufrichtig meinte.

»Sennor, Ihr seid mein Engel, welcher mich vom Rande des Abgrundes zurückreißt,« schluchzte sie.

»Als Mitwisserin von Walkers Thaten bin ich vor Gericht strafbar. Wenn Ihr mich aus dieser Noth, aus dieser Angst errettet, so werde ich stets an Euch als einen Mann denken, welcher mein Erlöser war.«

»Ich weiß noch nicht, wie schwer Eure Schuld ist. Erzählt mir Alles, und zwar aufrichtig. Ist es mir dann möglich, so will ich das Meinige thun, Euch vor den Folgen des Geschehenen zu bewahren. Bereits jetzt will ich Euch als Trost und Ermunterung mittheilen, daß ich, was meine Person betrifft, nicht mehr die Absicht hege, als Euer Ankläger vor Gericht aufzutreten.«

»Ich danke Euch, Sennor! Euer Versprechen erleichtert mein Herz und giebt mir den Muth und die Kraft, Euch Alles, Alles zu sagen, selbst auf die Gefahr hin, daß Walker sich blutig an mir rächt.«

»Das wird er nicht thun.«

»Er thut es, sobald er erfährt, daß ich es bin, welcher geplaudert hat.«

»Er wird es niemals erfahren, und sollte es ja nicht zu vermeiden sein, daß er es erfährt, dann hört er es ganz sicher erst kurz vor seinem letzten Augenblicke. Das verspreche ich Euch mit meinem Worte.«

»So will ich meine Beichte beginnen.«

»Ja. Setzen wir uns. Habt keine Scheu vor mir, Sennorita. Ich meine es gut mit Euch, und Ihr werdet empfinden, welch ein glückliches Gefühl es ist, wenn man durch ein offenes Geständniß eine Schuld von der Seele gewälzt hat. Es ist wie die Erlösung aus dem Fegefeuer. Beginnen wir. Wie seid Ihr mit Walker bekannt geworden?«

Sie theilte es ihm mit. Sie beantwortete alle, alle seine Fragen. Es dauerte lange, ehe ihre Unterredung zu Ende war. Dann als sie Beide aus der Cajüte traten, sah Steinbach sehr ernst und gerührt aus. Donna Miranda's Augen waren zwar noch von Thränen geröthet; aber auf ihrem Gesichte lag ein frohes, zuversichtliches Lächeln, und ihr Auge blickte fast heiter und schelmisch zu Balzer hinüber, welcher mit Schmerzen auf ihr Wiedererscheinen gewartet hatte und sie mit besorgten Augen anblickte.

Natürlich waren auch die Augen aller anderen Personen auf die Beiden gerichtet. Steinbach nickte beruhigend zu und sagte:

»Sennores, ich weiß, was ich wissen wollte. Diese Dame hat einen gottlosen Menschen kennen gelernt und einige Zeit mit ihm verkehrt, zu dem löblichen Zweck, ihm seine nichtswürdigen Geheimnisse abzulauschen. Das ist ihr gelungen, und nun hat sie mir Alles mitgetheilt. Ich hielt sie für mitschuldig, habe mich da aber geirrt. Auch Sennor Balzer und alle seine Leute sind unschuldig. Sie mögen ungehindert nach Mohawk-Station zurückkehren.«

In Folge dieser mehr als menschenfreundlichen Ehrenrettung hing Miranda's Auge mit einem unendlich dankbaren Blicke an Steinbachs männlich schönen, ernsten Zügen. Die Jäger aber fühlten sich sehr enttäuscht.

»Verdammt!« brummte Sam Barch. »Wollte ich doch diesen Steuermann mit der Faust zwischen die Rippen oder unter der Nase kitzeln. Nun soll nichts daraus werden. Jammerschade!«

Und Günther von Langendorf trat an Steinbach heran und fragte in unwilligem Tone:

»Hoffentlich handelst Du nicht voreilig?«

»Hast Du mich vielleicht als einen Menschen kennen gelernt, welcher zur Voreiligkeit geneigt ist?« fragte Steinbach.

»Nein; sagen wir also weichherzig anstatt voreilig.«

»Auch das ist nicht der Fall. Auch der strengste Richter kann unter Umständen ein mildes Urtheil fällen, ohne gradezu weichherzig, das heißt doch, schwachherzig zu sein.«

»Wo ist Magda?«

»Nach dem Thale des Todes.«

»Mit den Papago's?«

»Ja.«

»Jedenfalls durch Schuld dieser Menschen. Und Du verzeihst ihnen?«

»Ich verzeihe ihnen, weil sie diese Verzeihung verdienen und weil ein strenges Gericht, wenn wir es statuiren wollten, nichts an der Sache zu ändern vermag. Das ist es, was Du bedenken mußt.«

»Du handelst schwach gegen diese Menschen, aber rücksichtslos gegen Deinen Freund, gegen mich!«

Steinbach ließ sich auch durch diese Worte nicht zum Zorn hinreißen. In mildem Tone antwortete er:

»Ich sage Dir nur das Eine: Ohne mich hättest Du Magda's Spur nie gefunden, und – – –«

»O, sage das nicht. Zimmermann kannte Magda bereits. Er hatte sie entdeckt und hätte mich über ihren Aufenthalt unterrichtet.«

»Er hätte das nicht gethan, denn heut wäre er schon längst ein todter Mann. Hätte er mich nicht da eben am Rio Gala getroffen, als ich mit Sam Barth die Maricopa's belauschte, so wäre er ihnen direct in die Arme geritten oder vielmehr geschwommen, und Du suchtest noch heute vergeblich nach der Verlorenen. Du hast mich aber unterbrochen. Ich wollte sagen: Ohne mich hättest Du Magda's Spur nie gefunden, und ohne mich wird es Dir auch jetzt unmöglich sein, die Geliebte zu retten.«

Das klang nicht stolz, aber eindringlich und wie eine herzliche Ermahnung. Günther fühlte dies. Er gestand dies und bat:

»Du kannst Recht haben. Ich ließ mich von meiner Liebe zu Magda und von meiner Sorge um sie fortreißen. Ich nehme mein Wort zurück.«

»So ist es recht, lieber Günther! Gott wird es wollen, daß wir zum glücklichen Ziele gelangen.«

In diesem Augenblicke kam der Häuptling der Apachen herbei, trat zu Steinbach und meldete:

»Die Krieger der Apachen und Maricopa's sind hier. Was sollen sie thun?«

»Sie werden in wenigen Augenblicken nach dem Thale des Todes aufbrechen.«

»Die ›starke Hand‹ hat bereits dreißig seiner Krieger vorangesandt, um die Papago's und deren Gefangene zu verfolgen.«

Er sagte das so ruhig, als ob es nicht ein ungeheuerer Scharfblick von ihm gewesen sei, diese vortreffliche Veranstaltung zu treffen.

»Warum?« fragte Steinbach lächelnd.

Er wußte Alles, wollte aber den Gefährten abermals zeigen, welch ein ausgezeichneter Krieger und Gefährte die ›starke Hand‹ sei.

»Die Hunde der Papago's sind hier gewesen und haben die Gefangenen dieses Bootes und Alle, die wir ergreifen wollten, mitgenommen nach dem Thale des Todes. Die ›starke Hand‹ hat die Spuren gesehen und gelesen. Es sind drei mal zehn mal zehn Papago's. Sie werden sterben unter den Tomahawks der Apachen und Maricopa's.«

»Ja. Sie wissen, daß sie verfolgt werden, und wollen uns im Todesthale empfangen. Es soll ihnen sehr versalzen werden. Wie steht es, Sennor Balzer, wann fahrt Ihr ab?«

»Sobald Ihr es erlaubt.«

»Ihr seid ja frei. Werdet Ihr Sennorita Miranda mitnehmen?«

»Mit größter Freude.«

»So will ich sie Euch übergeben. Falls ich von dem Thale des Todes zurückkehre, werde ich in Mohawk-Station absteigen, um Euch zu besuchen. Ich hoffe, daß ich Euch dann froh und glücklich finde!«

Er schüttelte ihm die Hand. Sam trat zu dem Steuermann und raunte ihm ins Ohr:

»Und ich komme dann mit. Wir werden da so eine kleine Bootsfahrt zu Zweien machen, um zu untersuchen, welcher von uns Beiden der Esel und welcher der Ochse ist. Wenn Ihr wieder einmal nach Sam Barth sucht, so steckt die Nase nicht in die Lust sondern in das Wasser, wo allerlei nützliche Gräser und Kräuter schwimmen! Verstanden!«

Er versetzte ihm einen Puff in die Seite, welcher mehr kräftig als liebevoll war, und trat dann zu Steinbach, um welchen sich die Gefährten geschaart hatten wie die Generale um den Oberfeldherrn. Dieser erklärte kurz:

»Es giebt keine Zeit, Euch mitzutheilen, was ich erfahren habe, Sennores. Wir dürfen den Papago's keinen großen Vorsprung lassen, damit sie die Zeit nicht benutzen können. Darum müssen wir augenblicklich aufbrechen. Ich selbst werde mit meinem Freunde Günther nach Yuma gehen, um per Bahn das Todesthal zu erreichen. Ich komme dort eher an als Roulin mit seinen Leuten, und werde das Meinige thun, uns zum endlichen Siege zu verhelfen. Ihr greift die Feinde nicht eher an, als bis ich wieder zu Euch gestoßen bin. Ihr habt nichts zu thun, als sie nur stets zu drängen, damit sie keine Ruhe finden.«

»Und ich?« fragte der Lord. »Ich und mein Vetter?«

»Thut, was Euch beliebt.«

»Heißt das etwa: Packt Euch fort! Oder heißt es wohl gar: Scheert Euch zum Teufel!«

»Keins von Beiden, Mylord.«

»Schön! Ich reite also mit nach dem Todesthale, mein Vetter natürlich auch.«

»Aber Pferde?«

»Pah! Die Apachen hatten Packpferde bei sich. Ich kaufe ihnen zwei davon ab.«

»Und Euer Schiff?«

»Das übergebe ich dem Steuermann. Er mag es durch den Colorado in den Meerbusen und dann nach San Franzisko bringen. Er weiß, wo er mich dort zu erwarten hat.«

»Das ist mir sehr lieb. Ich kann da mit der Yacht nach Yuma gehen und komme noch zur rechten Zeit, um den nächsten Zug benutzen zu können.«

»Giebt es nach dem Todesthale hin Bären?«

»Zuweilen.«

»Und Büffel?«

»Vereinzelt.«

»Ausgezeichnet! Solche vereinzelte Thiers sind mir lieber als eine ganze Heerde von tausend Stück.«

»Bären?«

»Nein, Büffel! Sieht man nur einen, so weiß man, wohin man zu schießen hat. Kommt aber eine ganze Heerde, so wählt und quält man sich so lange, bis die Thiere vorüber sind und man gar nicht zum Schusse gekommen ist.«

»Ihr kennt das wohl?«

»Nein, aber ich denke es mir. Der hauptsächlichste Grund, mit nach dem Todesthale zu gehen, liegt natürlich in dem Wunsche, die armen Gefangenen mit befreien zu helfen. Ich werde, wenn wir die Papago's erwischen, dreinschlagen, daß die Fetzen fliegen. Jetzt aber muß ich nach dem Schiffe, um mich auf den Ritt vorzubereiten.«

Es wurden nun nicht viele Worte gemacht. Steinbachs Weisung war klar gewesen. Nach Verlauf einer halben Stunde dampfte er mit Günther mach Yuma, und zu gleicher Zeit ritten die Apachen und Maricopa's mit ihren weißen Begleitern ab, den Ebenen zu, welche sich an den Ausläufern der Sierra Nevada entlang zwischen Californien und Nevada hinstrecken.

Balzer war der Letzte, welcher mit seinem Segelboote das Bayou verließ. Als das Boot den Colorado mit geschwelltem Segel hinabglitt und seine Leute sich an ihren Posten befanden, saß er mit Donna Miranda eng verschlungen in der Cajüte.

»Fast hätte ich an Dir gezweifelt,« sagte er. »Du mußtest Vorwürfe anhören, welche mir um so tiefer in das Herz schnitten, als Du sie nicht bekämpfen zu können schienst.«

»Vor so vielen Menschen wollte ich nicht sprechen.«

»Das war stolz und edel.«

»Aber Sennor Steinbach hat meine Verteidigung gehört. Er war der Einzige, dem ich mich anvertrauen wollte und auch konnte.«

»Ja, ein außerordentlicher Mann! Er hat auch auf mich einen mächtigen Eindruck gemacht. Glücklicher Weise hat er Dich vollständig gerechtfertigt, und ich bin ganz glücklich, Dich nun bei mir haben zu können.«

»Wer das glauben könnte!«

»Zweifelst Du?«

»Ihr Männer seid unbeständig.«

»Vielleicht, dann aber nur, bis die Richtige kommt.«

»Und wäre ich vielleicht die Richtige?«

»Ja, die bist Du. Ich will aufrichtig sein und Dir gestehen, daß ich bisher für einen Damenherrn gegolten habe. Es ist freilich nicht so schlimm, wie Manche es machen. Ich habe eben Keine gefunden, welche es verstanden hätte, mich zu fesseln. Aber gleich als ich Dich gestern sah, sagte ich mir: Die mußt Du haben oder Keine!«

»Sage: Die oder Zehne!«

»Nein; glaube mir. Du gehst mit nach Mohawk-Station, wo ich für Dich sorgen werde. Du sollst mich da beobachten und wirst die Erfahrung machen, daß ich nur für Dich leben werde.«

»Und ich für Dich!«

»Immer?«

»Ja, immer. Glaube es mir!«

»Ich will es glauben um meinet- und auch um Deinetwillen. Das heutige Abenteuer soll das letzte sein, auf welches ich so leichten Sinnes eingegangen bin. Von heut an will ich nach einem soliden, ehelichen Glücke trachten, und ich bin überzeugt, daß ich es an Deiner Seite finden werde.«

Einander innig umschlingend, versanken sie nun in ein Schweigen, welches dann und wann von dem leisen Laute eines Kusses unterbrochen wurde.

– – – – – – – – – –

Beide, sowohl Steinbach als Günther von Langendorff hatten ihre Pferde auf der Yacht mit nach Yuma genommen. Als sie sich dort von dem Steuermanne verabschiedet hatten, fanden sie, daß ihnen bis zum Abgange eine ganze Stunde Zeit blieb.

Dies war Steinbach sehr lieb. Der Rolle gemäß, welche er im Todesthale spielen wollte, wünschte er, seinen Trapperanzug mit einem andern zu verwechseln. Glücklicher und ganz unerwarteter Weise fand er in einem Laden ein reich gesticktes mexikanisches Habit, gerade wie für seine mächtige Gestalt gemacht, und sodann einen zweiten Anzug, welcher für Günther paßte.

Beide kleideten sich um, packten ihre alten Anzüge in Taschen, welche sie kauften, und ritten dann nach dem Bahnhofe. Kurze Zeit später ging der Zug ab, mit welchem sie über Dos Palmas, Los Angelos und Sumner nach Visalia gelangten.

Hier stiegen sie aus und erkundigten sich zunächst nach einem Hause, in welchem sie über Nacht bleiben konnten, denn der Nachmittag war beinahe vorüber.

Visalia war ein kleines, ödes Nest und bestand aus wenigen ganz niedrigen Häusern, deren weißer Kalkanstrich in der Hitze jenes Klimas das Auge schmerzte. Nackte Kinder wälzten sich im Staube. Zerlumpte Gestalten lehnten an den Mauern. Kein Brunnen, kein grünender Baum war zu sehen. Der Ort war ja die Eisenbahnpforte zu dem berüchtigten Thale des Todes.

Leben brachten nur die zahlreichen wilden Hunde, welche sich überall herumbissen, in die Staffage. Draußen, weit draußen gegen den Horizont zu, sah man auch einzelne Coyoten, das sind Prairiewölfe, über die graslose Ebene schleichen, vor Hunger zitternd. Diese Coyoten treibt der nagende Hunger gar nicht selten in das Weichbild bewohnter Ortschaften. Oder es wird so ein Thier vor Hunger, Durst und Hitze toll und kommt dann herbei, um schreckliches Unheil unter den Bewohnern anzurichten.

Die beiden Reisenden wurden in ein Haus gewiesen, mit welchem sie, den hiesigen Verhältnissen angemessen, ziemlich zufrieden sein konnten.

Es hatte einen umzäunten Corral für die Pferde, eine Stube für die Menschen, ein fensterloses Loch, welches Küche genannt wurde, einen Hof, in welchem sich eine Cysterne mit stinkendem Wasser befand, und daran einen Garten mit dem größten Stolze des ganzen Ortes: Es stand ein Kirschbaum da, fünf Fuß hoch, mit drei fingerdünnen Aesten, ganz ohne Blätter und dafür überall mit spitzen Dornen versehen.

Einen Wirth gab es nicht, sondern eine Wirthin, welche den beiden Gästen den verlangten Wein brachte. Etwas Anderes zu trinken, wäre ihnen vollständig unmöglich gewesen. War dieser Wein auch noch so raffinirt gefälscht und noch so oft getauft, so sah er doch hell aus, und es schwammen keine Thiere darinnen herum wie in dem Wasser der famosen Cysterne im Hofe.

Auf einem breiten Holzstuhle in der Ecke hockte zusammengekauert die Gestalt eines jungen Menschen, welcher still und bewegungslos vor sich hinstierte. Als die Wirthin die Blicke der beiden Gäste, welche auf ihr ruhten, bemerkte, sagte sie in stolzem Tone:

»Mein jüngerer Sohn, Sennores. Er hat die Gabe der Weissagung.«

»Was meint sie damit?« fragte Günther leise Steinbach.

»Er ist blöd- oder irrsinnig.«

»Aha, eine Uebertragung indianischer Anschauung!«

»Ja. Der Wahnsinnige gilt hier in diesen Gegenden beinahe als heilig. Er ist vom Geiste inspirirt, und allen seinen verworrenen Reden legt man einen tiefern Sinn unter. Siehst Du, mit welcher Liebe das Auge dieser Mutter an ihrem blödsinnigen Kinde hängt, welches gar keine Ahnung von dieser Liebe hat.«

Die Mutter merkte, daß sie von ihm sprachen.

»Er ruhet jetzt,« sagte sie. »Später, wenn der Geist wieder über ihn kommt, könnt Ihr ihm Eure Fragen vorlegen, welche er Euch alle beantworten wird. Santa Madonna! Was ist das!«

Draußen im Orte erhob sich ein entsetzlicher Lärm. Laute Schritte laufender Menschen und angstvolle Rufe wurden hörbar. Es kam näher.

»Was mag geschehen sein!« sagte die Frau. »Vielleicht wieder ein Mal ein Mord. Ein Menschenleben gilt jetzt gar nichts mehr.«

Jetzt hörte man die Rufe deutlicher:

»Flieht, flieht! Macht die Thüren zu.«

»Heilige Mutter Gottes! Vielleicht gar wieder ein toller Wolf! Das wäre in diesem Sommer bereits der Dritte.«

Die beiden Männer traten an das zweite Fenster. Jetzt hörten sie ganz deutlich rufen.

»Der Coyote, der tolle Coyote! Schützt Euch! Macht die Thüren zu!«

»Wir können sicher sein,« meinte die Frau. »Meine Thüre ist fest zu. Wehe dem Beklagenswerthen, den der Zahn des Wüthenden trifft!«

Ein guter Prairiejäger ist stets Das, was er sein muß. Kaum hatte Steinbach von dem tollen Wolfe gehört, so langte er sein Beil aus der Scheide und schraubte die Büchse zusammen.

Von dem Fenster aus konnte man einen kleinen Platz überblicken, auf welchen zwei Wege von verschiedener Seite ausmündeten. Eben jetzt kam von der Seite rechts her ein Reiter angetrabt. Er schien das Schreien gehört, aber nicht verstanden zu haben, denn er ließ sein Pferd ganz sorglos im Schritte gehen und blickte neugierig dorthin, woher der Lärm ertönte.

Als die Wirthin ihn erblickte, rief sie ganz entsetzt aus:

»Hilf Himmel! Mein Sohn, mein Sohn!«

Und das kleine Fenster aufreißend, schrie sie, so laut sie konnte:

»Juanito, mein Sohn! Der tolle Wolf, der tolle Wolf! Schnell, schnell!«

Er schien es nicht genau verstanden zu haben, denn er hielt die Hand an das Ohr. Der Lärm von der Seite und das Schreien seiner Mutter machten, daß er Beides nicht verstand. Plötzlich aber begriff er es, auch ohne es verstanden zu haben. Von der Seite her, aus welcher die Rufe erschallten, kam ein großer, grauer Coyote gestürzt. Sein scheußlicher Anblick bewies sofort, daß er toll sei. Er schleifte den vor Schmutz starrenden, zottigen Schwanz an der Erde. Sein Fell war räudig, seine Augen lagen in tiefen Höhlen, seine Knochen und Rippen schienen das Fell durchbohrt zu haben, und die triefende Zunge hing ihm lang und weit aus der schäumenden Schnauze. Er rannte grad auf den Reiter zu.

»Juanito, flieh, flieh! Um Gottes und aller Heiligen willen!« schrie die Frau.

Er erblickte den fürchterlichen Feind, welcher ihn bedrohte, gab seinem Pferde die Sporen, daß es grad empor in die Lust ging, und zog den Revolver aus der an seinem Gürtel hängenden Pistolentasche. Vielleicht wäre der Wolf an ihm vorüber gesprungen, aber durch diese hastige Bewegung von Reiter und Pferd wurde das wüthende Thier auf die Beiden aufmerksam gemacht. Es hielt einen Augenblick inne, richtete die tückisch glühenden Augen auf den jungen Mann und setzte dann zum Sprunge an.

Er drückte los. Die Kugel traf nicht. Der Wolf schien vor dem Schusse zu erschrecken. Er sprang zur Seite, zog den Schwanz ein und stieß einen heiseren Ton aus. Heulen konnte er nicht, da die Krankheit ihm die Kehle zugeschnürt hatte. Diesen Augenblick benutzte der Reiter, noch zwei Schüsse abzugeben, der erste war wieder ein Fehlschuß, und der zweite streifte nur den Pelz des Thieres. Dieses schickte sich jetzt zum verderblichen Sprunge an, wurde aber daran verhindert.

Aus der Gasse, aus welcher der Wolf gekommen war, kamen zwei große Hunde gestürzt. Ihr Fell war zerzaust und zerbissen. Sie bluteten aus mehreren Wunden. Jedenfalls hatten sie bereits mit dem Wolfe gekämpft und den Kürzeren gegen ihn gezogen. Sie kamen gerade zum rechten Augenblick. Sie stürzten sich auf ihn, als er sich auf den Reiter werfen wollte.

Dieser Letztere benutzte diese Gelegenheit, feuerte noch einen Schuß, welcher aber leider auch nicht traf, auf den Wolf ab und lenkte sein Pferd im Galopp auf das Haus seiner Mutter zu, um sich in das Innere desselben zu retten.

»Schnell, schnell!« rief seine Mutter voller Angst zum offenen Fenster hinaus. »Herrgott! Der Wolf kommt! Mach schnell, schnell!«

Sie eilte hinaus, um die Thür zu öffnen. Sie hatte ganz recht gewarnt: Der Wolf kam hinter dem Reiter her. Er hatte dem einen Hunde das Bein zerbissen und mit einem zweiten Bisse in die Gurgel des andern auch diesen für den Augenblick kampfunfähig gemacht. Dann sprang er dem Reiter nach.

Dieser letztere Umstand war schuld, daß Steinbach nicht zum Schusse kommen konnte. Der Wolf befand sich hart hinter dem Pferde, dieses Letztere also zwischen ihm und dem Hause, so daß Steinbach gar nicht auf das wüthende Thier zielen konnte.

Die beiden Hunde hatten sich aufgerafft und setzten dem Wolfe wieder nach, der Eine freilich nur auf drei Beinen. Vor dem Hause parirte Juanito sein Pferd und warf sich herab. In demselben Augenblicke öffnete seine Mutter die Hausthür. Er sprang hinein und eilte sofort in die Stube, die Wirthin ihm nach. Beide vergaßen in ihrer Angst, die Thür zu schließen.

»Gerettet! Gott sei Dank!« rief Juanito.

»Ja, gerettet! Die heilige Jungfrau sei gebenedeiet! Wenn Du nicht – – Herr, mein Gott! Da ist er!«

Ihre Augen waren in diesem Augenblicke auf den Eingang gefallen, wo der Wolf erschien. Er erblickte den Reiter, welcher ihm entkommen war, und that einen hohen, weiten Sprung auf ihn.

Da krachte es, daß das ganze Haus zu zittern schien. Ein Blitz durch, zuckte die Stube, Pulverdampf erfüllte dieselbe. Juanito war, als er den Sprung des Thieres sah, zur Seite gewichen und dabei zu Boden gestürzt.

»O Himmel!« schrie er. »Hilfe, Hilfe!«

»Hat er Dich?« rief seine Mutter. »Hilfe, Hilfe!«

Von der Thür her antwortete ein lautes, zweistimmiges Heulen.

»Die Hunde!« schrie Günther von Langendorf. »Sie sind gebissen worden. Nehmt Euch vor ihnen in Acht!«

Da klang Steinbachs Stimme ruhig durch Lärm und Pulverdampf:

»Wird besorgt. Keine Angst!«

Zwei Schüsse krachten so schnell auf einander, als ob er sie zu gleicher Zeit abgefeuert habe. Ein brüllendes Hundegeheul, noch lauterer Jammer von Mutter und Sohn, dann frug Steinbach mit seiner mächtigen, durchdringenden Stimme:

»Wurde Jemand gebissen?«

»Ich nicht,« antwortete Juanito.

»Ich auch nicht,« fügte seine Mutter bei.

»So schreit doch auch nicht so, als ob Ihr scalpirt werden solltet.«

»Aber mein Söhnchen, mein Kleiner!« antwortete sie.

»Seht nach ihm!«

Sie eilte hin, untersuchte ihn und rief erfreut:

»Die Heiligen haben ihn beschützt. Ich werde noch heut dem Patron dieses Tages eine neue Kerze anzünden.«

»Ja, die Heiligen haben Wolf und Hunde erschossen,« meinte Günther ironisch.

»Erschossen?« fragte Juanito. »Ist der Wolf todt?«

»Natürlich! Sonst hätte er Euch ja zerfetzt. Seht her! Da liegt er.«

Der Pulverdampf begann, sich zu verziehen, und nun konnte man das Thier sehen. Es lag, mitten durch den Kopf getroffen, am Boden. Die Zunge hing ihm weit aus dem Rachen. Die Zähne schimmerten gelb aus dem blutigen Schaume. Ein penetranter Geruch ging von der scheußlichen Bestie aus.

»Todt! Wahrhaftig todt!« bestätigte die Frau, indem sie sich furchtsam zu dem Thiere niederbeugte.

»Und die Hunde auch,« fügte Juanito hinzu. »Das ist schade, jammerschade!«

»Warum schade?« fragte Steinbach.

»Weil es so prächtige Thiere sind und weil sie nicht uns oder Euch gehören. Ihr werdet den Besitzern ganz gewiß Schadenersatz leisten müssen, Sennor.«

»Das werde ich auf keinen Fall thun.«

»Man wird Euch zwingen. Es läßt sich Niemand einen so werthvollen Hund ungestraft niederschießen.«

»Auch nicht, wenn der Hund von einem tollen Wolfe gebissen worden ist und in das Zimmer fremder Leute eindringt?«

»Hm!«

»Diese Hunde waren gebissen worden. Hier sind die Wunden. Sie befanden sich in grimmigster Aufregung, in Wuth. Sie drangen hier ein. Es lag die Gefahr nahe, von ihnen gebissen zu werden. Ein Biß von ihnen aber war so gefährlich wie von dem Wolfe selbst. Ich schoß sie nieder, um Euch und uns Alle zu retten. Ihr seid mir Dank schuldig, anstatt mir Vorwürfe zu machen.«

»Das ist wahr,« sagte die Frau. »Ihr habt uns nicht nur das Leben gerettet, sondern Ihr habt uns Alle vor einem fürchterlichen Tode bewahrt, vor dem entsetzlichsten, den es nur geben kann. Wir vermögen gar nicht, Euch den Dank abzutragen, welchen wir Euch schuldig sind, Sennor. Das mußt Du doch wohl auch einsehen, Juanito.«

»Freilich,« gestand der junge Mann, indem er Steinbach die Hand entgegenstreckte. »Nehmt meinen Dank, Sennor! Kann ich Etwas für Euch thun, so bin ich mit Freuden bereit dazu. Ihr habt eine ausgezeichnete Geistesgegenwart und eine außerordentliche Schußfertigkeit an den Tag gelegt. Wie war es nur möglich, drei Schüsse abzugeben, ohne zu laden?«

»Meine Büchse ist ein Magazingewehr. Das ist die ganze Erklärung. Aber seht, welche Menschenmenge sich draußen angesammelt hat. Wollen wir die Leute hereinlassen? Ah, sie kommen schon!«

Erst vorsichtig, dann aber unverzagter traten die Leute in das Haus und in das Zimmer, welches sich bald so füllte, daß kein Einziger mehr Platz finden konnte. Als sie den Hergang erfuhren, wurde Steinbachs schnelles Handeln allseitig anerkannt und bewundert. Selbst die Eigenthümer der beiden Hunde, als sie sich eingefunden und die Bißwunden ihrer Thiers gesehen und untersucht hatten, gaben zu, daß sie kein Recht hatten, einen Schadenersatz zu fordern. Er hatte im Gegentheile vielleicht auch sie vor einem schlimmen Schicksale behütet.

Der Fall wurde noch des Längeren und Breiteren besprochen, und dann schaffte man die erlegten drei Thiere fort, um sie einzuscharren. Die Menge verzog sich nach und nach.

Nun war die Wirthin mit ihren beiden Söhnen und den zwei Gästen wieder allein.

Juanito hatte sich eine Schnapsflasche genommen und sich mit derselben an den Tisch gesetzt. Erst jetzt konnte Steinbach ihn genau betrachten. Er war noch nicht dreißig Jahre alt. Sein Gesicht hatte ein eigenthümliches, graugelbes Aussehen. Eins seiner Augen schielte. Dieser Umstand in Verbindung mit dem breiten, lippenlosen Munde und den sehr hervorstehenden Backenknochen wirkte abstoßend. Es war eine Physiognomie, zu welcher man nicht leicht Vertrauen fassen konnte.

Er hatte seinen Dank mit einem Händedrucke und den bereits erwähnten Worten abgetragen und verhielt sich übrigens kalt. Daß seine Mutter und sein Bruder sich in Gefahr befunden hatten, erwähnte er gar nicht. Er schien gar nicht daran zu denken. Jedenfalls war er ein herzloser Mensch, wenn nicht etwas noch Schlimmeres.

Er trank einige Gläser, welche er sich einschänkte, schnell hinter einander aus. Seine Mutter machte sich mit dem jüngeren, geistesschwachen Sohne zu schaffen und fragte dabei den Aelteren:

»Wie kommt es, daß Du heut herüber geritten bist, Juanito?«

»Die Zeit wurde mir zu lang.«

»Ist Dein Herr noch nicht wieder da?«

»Nein.«

»Wann kehrt er zurück?«

»Weiß es nicht. Er hat mir Alles überlassen. Die ganze Sorge und Last ruht auf mir, und ich bekomme nichts dafür. Wenn das noch oft wiederkehrt, so werde ich ihm sagen müssen, daß ich es nicht dulde. Lieber gehe ich ab.«

»Wie? Du denkst doch nicht etwa daran. Deine Stellung zu verlassen!«

»Ich denke sehr wohl daran.«

»Du wirst niemals wieder einen so hohen Lohn erhalten. Das mußt Du berücksichtigen.«

»Ich werde aber auch nie wieder mich in solcher Gefahr befinden, mich zu vergiften.«

»Du, Dich vergiften? Du hast ja im eigentlichen Werke gar nichts zu thun.«

»O, ich muß doch überall sein, auch bei den Retorten. Siehe mich an! Meine Hautfarbe muß Dir doch sagen, daß ich Quecksilber einathme.«

»Das Wenige wird wohl nicht schaden!«

»Du verstehest das nicht, wovon Du sprichst. Ja, ich werde gut bezahlt. Ich hatte die Absicht, mir meinen Lohn zu sparen und dann ein eigenes Geschäft anzufangen. Aber über meine Kräfte mag ich nicht arbeiten, während der Herr faullenzt und wochenlange Spaziertouren macht.«

»Wohin ist er eigentlich?«

»Hinauf nach dem Silbersee.«

Waren Steinbach und Günther bereits aufmerksam geworden, als vom Quecksilber die Rede war, so steigerte sich diese Aufmerksamkeit jetzt bei Erwähnung des Silbersee's.

»Um Gottes willen!« sagte die Frau. »Was will er dort? Das ist doch im Gebiete der feindlichen Apachen.«

»Vor denen fürchtet er sich nicht. Er hat die Maricopa's mit. Er will da oben – na, das ist nichts für Dich und nichts für Andere.«

Er streifte dabei die beiden Fremden mit einem mißtrauischen Blicke.

»Vielleicht will er das Silber holen, welches da oben vergraben sein soll?« meinte die Alte.

»Hm! Weiß es nicht.«

»Er muß Dir doch gesagt haben, zu welchem Zwecke er ein so gefährliches Unternehmen ausführen will.«

»Natürlich hat er es mir gesagt. Ich bin sein Vertrauter. Ohne mich kann er ja überhaupt nichts machen. Aber was ich weiß, brauchen Andere doch nicht zu wissen.«

»So hast Du jetzt das ganze Werk, das ganze Geschäft allein zu führen?«

»Ganz allein. Darum sage ich ja, daß ich mich zu sehr anstrengen muß. Wenn man da nicht nebenbei so ein kleines Vergnügen – hm!«

Er streifte die beiden Gäste abermals mit einem vorsichtigen, mißtrauischen Blicke und fuhr fort:

»Und nicht einmal das hat man, ein kleines, kleines Vergnügen. Es ist ein Leben wie in der Hölle. Felsen, nichts als Felsen, Sonnengluth und Giftdunst. Der Teufel mag es holen. Aber lassen wir Das. Sprechen wir von etwas Anderem. Woher seid denn Ihr, Sennores?«

»Von jenseits der Grenze,« antwortete Steinbach.

»Also Mexikaner?«

»Ja.«

»Dachte es mir sogleich, als ich Eure Kleidung sah. Was aber treibt Euch hierher in dieses Nest?«

»Das Geschäft.«

»Das Geschäft? Ich verstehe Euch nicht. Hier in dem armseligen Loche sind doch keine Geschäfte zu machen.«

»Vielleicht doch.«

»Ich halte Euch für einen sehr wohlhabenden Haziendaro. Habe ich recht gerathen?«

»Ihr habt allerdings das Richtige getroffen.«

»Nun, so weiß ich nicht, was ein reicher Großgrundbesitzer hier für Geschäfte machen wollte.«

»Ich habe auf meinem Grund und Boden eine sehr gute Bonanza entdeckt.«

Unter Bonanza versteht der Mexikaner den Fundort edler Metalle.

»Alle Teufel!« fuhr Juanito empor. »Ist sie wirklich so gut?«

»Sehr ausgiebig.«

»Gold oder Silber?«

»Beides.«

»Das ist selten, sehr selten! Ich gratulire Euch, Sennor! In welcher Gegend ist es denn?«

»Drüben auf der Halbinsel, in der Nähe von Jacinto.«

»Dort! Habe mir doch stets gedacht, daß die Gegend von Jacinto gold- oder silberreich sein müsse. Da steht wohl diese Bonanza mit Eurer Reise im Zusammenhang?«

»Ja. Ich finde das Silber nämlich nicht in reinen Stufen, ich muß es aus dem Erze ziehen, und dazu ist, wie Ihr wohl wissen werdet – – –«

»Quecksilber nöthig,« fiel Juanito ein.

»Natürlich.«

»Ah, jetzt weiß ich, welches Geschäft Ihr machen wollt.«

»Nun, welches?«

»Ihr wollt Quecksilber kaufen?«

»Ja.«

»Wohl bei Sennor Roulin?«

»Ja. Warum rathet Ihr auf ihn?«

»Weil er hier der Einzige ist, bei dem man es bekommen kann.«

*

60

»Kennt Ihr ihn vielleicht?«

»Natürlich. Ich bin sein Angestellter. Ich bin Bergmeister in seinem Dienste.«

»Bergmeister? Ist das etwa so viel wie Obersteiger?«

»Noch mehr. Steiger haben wir gar nicht. Ich beaufsichtige Alles, das Fördern des Quecksilbers und auch die Reinigung desselben in den Retorten.«

»War er es, von dem Ihr vorhin spracht?«

»Ja.«

»So ist er nicht daheim, wie ich hörte?«

»Nein. Er ist verreist.«

»Und wann kommt er zurück?«

»Das weiß ich nicht. Er ist auf unbestimmte Zeit verreist. Er kann bereits heut wiederkommen, aber auch erst nach Wochen.«

»Das ist mir sehr unlieb. Ich kann nicht so lange warten.«

»Das ist auch nicht nöthig. Ich bin ja da.«

»Habt Ihr denn Vollmacht, Geschäfte abzuschließen?«

»Ja. Ich habe von ihm auch den Verkauf übernommen.«

»Sehr gut. Nicht wahr, die Werke liegen in dem sogenannten Thale des Todes?«

»Ja.«

»Wann kehrt Ihr dorthin zurück?«

»Noch heut.«

»So werden wir mit Euch reiten.«

»Das geht nicht, Sennor.«

»Warum nicht?«

»Roulin sieht es nicht gern, daß Fremde in das Thal kommen.«

»Das begreife ich nicht. Wer von ihm kaufen will, der muß doch zu ihm gehen?«

»Ist nicht nöthig. Wir haben einen Vorrath hier bei meiner Mutter liegen. Hierher kommen also Diejenigen, welche Quecksilber zu haben wünschen.«

»Das wußte ich nicht. Aber sonderbar kommt es mir doch vor, daß Niemand nach dem Thale des Todes kommen soll!«

»Warum sonderbar? Es hat doch Jedermann das Recht, sein Eigenthum betreten oder nicht betreten zu lassen.«

»Freilich. Ist das Thal des Todes groß?«

»Ziemlich.«

»Ich hörte doch, daß es nicht ausschließlich das Eigenthum von Sennor Roulin sei.«

»Das mag sein. Zunächst aber wohnt nur er ganz allein dort.«

»So kann er den Besuch desselben nicht verbiete«.«

»Er hat mir die stricte Weisung ertheilt, keinen Menschen dort zu dulden.«

»Sapperment! Welchen Grund hat er dazu?«

»Jedenfalls einen geschäftlichen.«

»Keinen andern?«

Juanito blitzte Steinbach mit hinterlistigen Augen an und fragte:

»Welchen andern meint Ihr etwa?«

»Nun, es kann ja verschiedene Gründe geben. Nehmen wir zum Beispiel an, er habe einen familiären Grund. Vielleicht hat er eine schöne Frau oder eine hübsche Tochter, die Niemand sehen soll. Er ist wohl eifersüchtig?«

»Dazu hat er keine Veranlassung. Er ist nicht verheirathet und hat auch keine Kinder. Uebrigens ist das unnütze Rederei. Ihr braucht nicht nach dem Todesthale zu kommen, denn Ihr findet hier bei meiner Mutter Alles, was Ihr braucht.«

»Hm! Wie viel habt Ihr hier liegen?«

»Einen vollen Centner.«

»Nicht mehr?«

»Braucht Ihr etwa mehr?«

»Das Vierfache.«

»Donnerwetter! Könnt Ihr denn so viel brauchen?«

»Ja, sonst würde ich es nicht kaufen.«

»Und könnt Ihr zahlen?«

»Ich borge nie.«

Die Augen Juanito's wurden größer. Er blickte Steinbach und Günther langsam vom Kopfe bis zu den Füßen an, als ob er ihre Körperkräfte messen wolle, und sagte dann:

»Ich denke nur, das Ihr Euch wohl verrechnet habt. Habt Ihr schon einmal Quecksilber gekauft?«

»Ja.«

»So kennt Ihr die Preise?«

»Sehr genau.«

»Und Ihr behauptet, so viel Geld mit zu haben, daß Ihr vier Centner bezahlen könnt?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Welche Münze habt Ihr?«

»Gute Banknoten der Bank von England.«

»Das ist das beste Geld, welches es giebt.«

»Wie steht es? Wollt Ihr ein Geschäft mit mir machen oder nicht?«

»Allemal.«

»Aber die fehlenden drei Centner?«

»Werde ich Euch hierher schicken.«

Er blickte dabei Steinbach lauernd von der Seite an. In seinen Augen lagen für den Menschenkenner mit größter Deutlichkeit die Worte zu lesen:

»Gehe nicht mit darauf ein! Vorhin habe ich Dir verboten, das Thal des Todes zu besuchen, jetzt aber, da ich weiß, daß Du so viel Geld bei Dir hast, wünsche ich es sehr, daß Du mit mir kommst.«

Steinbach bemerkte das. Er ging auf diesen heimlichen Wunsch Juanito's ein, indem er antwortete:

»Meint Ihr etwa, ich soll die Katze im Sacke kaufen? Das bin ich nicht gewillt.«

»Mein Quecksilber ist rein.«

»Mag sein; aber untersuchen will ich es dennoch.«

»Ihr? Wie wollt Ihr das anfangen?«

»Das ist meine Sache. So viel Chemie, wie zur Untersuchung des Quecksilbers gehört, habe ich im Kopfe. Ich reite mit Euch.«

»Und wenn ich nicht mit darauf eingehe?«

»So wird aus unserm Handel nichts, und außerdem habe ich dann das Recht, zu denken, daß – – –«

Er hielt stockend inne, und zwar mit Absicht.

»Nun, daß – – –?« fragte Juanito.

»Daß es bei Euch im Todesthale irgend einen Punkt giebt, den Ihr verheimlichen müßt.«

»Pah! Wir stellen das Quecksilber in einer neuen Weise dar, von welcher wir Niemandem Etwas merken lassen wollen. Wir wollen unsere neue Erfindung für uns behalten. Das ist das ganze Geheimniß, Sennor.«

»Ihr braucht es mir ja nicht zu zeigen!«

»Hm! Es scheint Euch sehr viel daran zu liegen, das Thal des Todes zu sehen!«

»Zunächst liegt mir daran, das Quecksilber zu untersuchen. Sodann aber will ich aufrichtig sein und Euch gestehen, daß ich allerdings einigermaßen neugierig bin. Der Ort hat einen so eigenartigen Namen, daß man wohl den Wunsch einmal hegen kann, dieses Thal in Augenschein zu nehmen.«

»Was habt Ihr davon? Ihr erblickt eine öde Felsenschlucht, in welcher die Luft in der Sonnengluth kocht. Es ist da einmal ein ganzer Indianerstamm niedergemetzelt worden. Die Knochen liegen noch zerstreut umher. Darum wird die Schlucht das Thal des Todes genannt.«

»Interessant, sehr interessant! Nun möchte ich es erst recht sehen.«

»Hm!« meinte Juanito nachdenklich. »Ich möchte Euch wohl den Wunsch erfüllen; aber wenn Sennor Roulin dazu kommt, so – – –«

»So ist auch weiter nichts,« daß Ihr uns hier getroffen und mit Euch genommen habt, sondern daß wir direct nach dem Thale des Todes gekommen seien und Euch dort aufgesucht haben.«

»Das wäre freilich eine Ausrede, gegen welche er gar nichts sagen könnte.«

»Zumal wir ihm einen so hohen Posten Waare abkaufen, für welche er eine so bedeutende Summe Geldes erhält.«

»Nun gut, so will ich es versuchen.«

»Also, Ihr nehmt uns mit?«

»Ja.«

Die Wirthin hatte bisher schweigend zugehört. Jetzt aber trat sie näher und sagte in bittendem Tone:

»Sennor, steht ab von Eurem Begehren. Ihr bringt meinen Sohn in Gefahr, seine Stelle zu verlieren.«

»O nein. Ihr habt ja gehört, welch eine gute Ausrede er hat.«

»Sennor Roulin wird es nicht glauben.«

»Er muß. Er kann ja gar nicht daran zweifeln.«

»Ihr kennt ihn nicht. Er ist äußerst mißtrauisch.«

»Er hat aber keinen Grund, unsere Abwesenheit zu wünschen.«

»Und wenn er auch zunächst glaubt, daß Euch mein Sohn nicht mitgenommen habe, so wird er es doch erfahren.«

»Auf welchem Wege? Werdet etwa Ihr es verrathen und es ihm sagen?«

»Nein, aber er wird die Geschichte von dem tollen Wolfe erfahren, daß Ihr Juanito gerettet habt, und dann mit ihm nach dem Thale des Todes geritten seid.«

»Dann sind wir wieder fort.«

»Aber Juanito ist noch da, ihm geht es schlecht, nicht Euch.«

»Das ist meine Sache,« meinte ihr Sohn. »Schweig Du!«

»Nein, Du wirst die Sennores nicht mitnehmen!«

»Ich nehme sie mit!«

Das Gesicht der Frau drückte jetzt eine Angst aus, welche noch einen andern Grund haben mußte, als die blose Sorge um ihren Sohn. Sie trat noch einen Schritt näher zu Steinbach heran und sagte:

»Ihr würdet nicht gehen, wenn Ihr wüßtet – – –«

»Schweig, Alte!« fiel Juanito in strengem Tone ein.

»Was soll ich wissen?« fragte Steinbach. »Sprecht!«

»Nein, Du schweigst!« rief der Sohn gebieterisch.

»Ich würde schweigen, wie stets, um Dir und Deiner Stellung nicht zu schaden; aber diese Sennores haben uns gerettet; ich bin es ihnen schuldig, zu reden.«

»Es sind doch blos Ammenmärchen!«

»Nein, es ist die Wahrheit! Ihr müßt nämlich wissen, Sennores, daß das Thal des Todes gefährlich ist.«

»Wieso? Wegen der Hitze, die dort herrscht?«

»Nein, sondern wegen des bösen Geistes, welcher dort zwischen den Felsklüften wohnt.«

»Ah, ein Geist wohnt dort?«

»Ja, der böseste, den es giebt. Wer nach dem Thale des Todes geht, der ist verloren.«

»Schwerlich!«

»Ganz gewiß! Er kommt niemals zurück.«

»Das glaube ich nicht! Euer Sohn wohnt doch auch dort und kommt zu Euch auf Besuch.«

»Ich habe ihm ein wunderthätiges Amulet gegeben, welches ihn beschützt.«

»Ach so! Und Sennor Roulin, der Besitzer des Thales? Ihm thut der böse Geist auch nichts?«

»Vielleicht hat er auch so ein Amulet.«

»So macht Euch auch um uns keine Sorge. Ich und mein Gefährte hier sind auch mit solchen wunderthätigen Amulets versehen.«

»Aber ob sie wirklich helfen!«

»Ganz gewiß.«

»Darf ich sie sehen?«

»Ja, hier und hier.«

Er deutete dabei auf sein und auf Günthers Gewehr.

»Herrgott, Ihr treibt Scherz! Glaubt Ihr, gegen den Geist mit Pulver und Blei Etwas machen zu können?«

»Sicher.«

»Die Kugeln gehen durch ihn hindurch!«

»Natürlich! Und davon bekommt er ein Loch, an welchem er sterben muß.«

»Nein, nein! Es sind schon Andere da gewesen, welche das auch geglaubt haben, ein Sennor Wilkins, ein Sennor Adler, ein – – –«

»Zum Donnerwetter! Schweigst Du nun!« brüllte Juanito sie zornig an.

»Nein, heut schweige ich nicht! Dann sind noch mehrere Personen nach dem Thale gegangen, Männer, Frauen und Mädchen. Man hat niemals wieder nur das Allergeringste von ihnen gehört.«

»Nun, so werden wohl wir Etwas von ihnen erfahren. Ich werde den Geist nach ihnen fragen.«

»Versündigt Euch nicht! Treibt keinen Spott!«

»Ich spotte nicht. Ich habe längst gewünscht, einmal einen Geist zu sehen. Vielleicht geht mein Wunsch heut in Erfüllung.«

»Ja, Ihr werdet ihn sehen; aber der Augenblick, an welchem es geschieht, wird auch Euer letzter sein.«

»Mutter, Du bist verrückt!«

»Wollen gleich sehen! Ich habe Euch bereits gesagt, Sennores, daß hier mein jüngster Sohn in die Zukunft zu sehen vermag. Ihn wollen wir fragen. Kommt einmal her zu ihm!«

Sie zog Steinbach am Arme hin zu dem Stuhle, auf welchem der Irrsinnige saß. Günther folgte. Sie stellte Beide vor den Kranken hin und fragte diesen, auf Steinbach deutend:

»Henrico, siehst Du diesen Sennor?«

Der Kranke hob leise den schweren Kopf, starrte Steinbach an und murmelte:

»Ihn sehen, ihn sehen, ja.«

»Ist er ein guter Mann?«

»Gut, sehr gut. Henrico ihn lieb haben.«

Er sagte das vielleicht, weil er trotz seiner Stupidität doch gemerkt hatte, daß Steinbach der Retter der Familie sei.

»Er will nach dem Thale des Todes gehen. Soll er?«

»Soll gehen.«

»Wird ihm nichts Uebles geschehen?«

»Soll gehen! Ihm nichts geschehen.«

»Gott sei Dank! Was er sagt, das trifft ein.«

Sie legte ihm ganz dieselben Fragen in Betreff Günthers vor und erhielt ganz dieselben Antworten. Juanito war aufgestanden und hatte mit grimmigen Blicken zugeschaut. Jetzt sagte er:

»Na, da hast Du es! Da sind einige Reisende von hier nach dem Todesthale gegangen, haben es quer durchritten, um hinüber nach Nevada zu kommen, und weil sie in Folge dessen ganz selbstverständlich hier nicht wieder gesehen wurden, hat man den Unsinn gehabt, sie für verloren zu halten. Ein böser Geist im Thale! Es ist mehr als lächerlich! Ihr glaubt doch nicht etwa daran, Sennores?«

»Fällt uns nicht ein!« antwortete Steinbach. »Das müßt Ihr doch bereits aus meinen Worten gehört haben.«

»Ja. Freilich ganz ungefährlich ist der Weg nicht; aber nicht eines Geistes wegen, sondern weil dort zuweilen sich feindliche Indianer sehen lassen. Ihr seid doch gut bewaffnet?«

»Ja.«

»Habt Ihr nur Eure Büchsen?«

Beide, sowohl Steinbach wie auch Günther hatten anstatt der Gürtel breite mexianische Schärpen um die Taillen gewickelt, in denen die Revolver so steckten, daß sie nicht gesehen werden konnten. Der Blick, mit welchem Juanito nach den Waffen forschte, war so wenig Vertrauen erweckend, daß Steinbach die Revolver verheimlichte. Er antwortete:

»Wir haben die Büchse und ein Messer. Das genügt doch wohl?«

»Vollständig, da Ihr so ausgezeichnete Schützen seid, wie ich gesehen habe. Wollen wir aufbrechen?«

»Wir sind bereit. Wie weit ist es?«

»Wir brauchen zwei Stunden, bis wir unser Ziel erreichen. Habt Ihr gute Pferde?«

»Sie sind besser als das Eurige.«

»So sind wir wohl noch eher dort. Kommt!«

Steinbach bezahlte das Wenige, was er mit Günther genossen hatte, und ging dann mit diesem hinaus. Juanito wurde von seiner Mutter noch für einen Augenblick zurückgehalten.

»Mein Sohn,« sagte sie, »wache über die Sennores!«

»Ja, ja! Du aber hast in Zukunft das Maul zu halten. Verstehst Du!«

»Unsere Retter mußte ich warnen. Ob sie es glauben oder nicht, ein böser Geist ist doch da.«

»Hole Dich der Teufel, alte Klatschbase!«

Damit riß er sich von ihr los und ging hinaus, um sein Pferd zu besteigen.

Als sie den Ort verlassen hatten, dehnte sich eine weite, steinigte Ebene vor ihnen aus. Es gab weder Weg noch Steg. Auch war keine Spur von irgend welcher Vegetation zu sehen. Dagegen glühte, obgleich es bereits nicht mehr früh am Nachmittage war, die Sonne auf dem trockenen, unfruchtbaren Boden, daß Einem die Augen schmerzten.

Die Drei ritten schweigend neben einander her.

Juanito beobachtete seine beiden Begleiter heimlich von der Seite her; sie aber thaten, als ob sie es gar nicht bemerkten. Später fragte Steinbach, um das lästige Schweigen zu beenden:

»Wie findet Ihr das Quecksilber, Sennor? Wohl gediegen?«

»Nein, sondern als Schwefelquecksilber.«

»Also als Zinnober. Wohl tief?«

»Ziemlich.«

»Habt Ihr viele Arbeiter?«

»Nein. Der Zinnober liegt so reichlich, daß wir nur wenige Kräfte brauchen, das Quantum zu fördern, welches nöthig ist, unsere Kunden zu bedienen.«

»So muß Sennor Roulin ein reicher Mann sein.«

»Vielleicht.«

»Besitzt er das Werk schon lange Zeit?«

»Weiß es nicht.«

»Hat er keine Lust, es zu verkaufen?«

»Habe ihn noch nicht gefragt.«

»Wer versorgt ihm denn die Wirtschaft, da er unverheirathet ist?«

»Eine alte Wirthschafterin. Doch, schweigen wir davon. Solche Privatverhältnisse gehen mich gar nichts an.«

»Sapperment, thut Ihr geheimnißvoll! Da könnte es Einem ja angst und bange werden.«

»So kehrt um!«

»Auch noch grob seid Ihr! Na, das gefällt mir grade. Ihr seid ein Original. Solche Leute habe ich gern. Ich bin überzeugt, daß wir Wohlgefallen an einander finden werden, wenn wir uns nur erst ein Wenig näher kennen gelernt haben.«

»Mag sein!«

Er gab seinem Pferde die Sporen, daß es in Galopp fiel. Die Beiden mußten also Dasselbe thun. Sie waren aber vorsichtig und verriethen durch keinen Blick, welche Gedanken sie hegten.

Von nun an wurde kein Wort mehr gesprochen. Juanito hielt sich immer ein Wenig voran, um ihnen die Lust, ein Gespräch zu beginnen, zu benehmen. Er wußte ja nicht, wie er ihre Fragen beantworten sollte. Seine Mutter, die Wirthin, hatte keine Ahnung, welche Stellung er eigentlich bei Roulin einnahm, und wer eigentlich der böse Geist war, von welchem sie erzählt hatte.

Nach Verlauf einer Stunde erhob sich die Ebene. Es zeigten sich Berge, nackt, kahl, mit scharfen Umrissen. Sie ritten näher an einander, und eben als die Sonne den westlichen Horizont erreichte, gelangten die Reiter in eine enge Schlucht, welche tief zwischen zwei hohen, steilen Felswänden einschnitt.«

»Der Eingang,« sagte Juanito wortkarg.

»Zum Todesthale?«

»Natürlich!«

Es war, als ob ein jedes Wort, welches er sprechen mußte, ihm wehe thäte.

Die Schlucht war ziemlich lang. Später erweiterte sie sich, nachdem sie ziemlich steil abwärts geführt hatte, zu einem weiten Thalkessel, bei dessen Anblick Steinbach unwillkürlich sein Pferd anhielt.

»Ja, das ist das Todesthal; man sieht es,« sagte er.

Der Thalkessel hatte einen Durchmesser von vielleicht zwei englischen Meilen. Er wurde von schwarzen Felswänden gebildet, welche beinahe lothrecht abfielen und von schmalen, tiefen Klüften zerrissen waren. Diese Wände machten einen beängstigenden, unheimlichen Eindruck. Es war, als ob hier einmal ein großer Brand gewüthet habe, der die Felsen schwarz färbte, oder als ob hier der Eingang in das glühende Innere der Erde sei, der sich mit Felstrümmern vor Kurzem erst verschlossen habe.

Die Sonne war nicht mehr zu sehen, aber die Gluth, welche sie hier in der Tiefe zurückgelassen hatte, fand keinen Ausweg und benahm Einem beinahe den Athem. Die Pferde schnauften ängstlich.

Keine Spur eines Baumes, eines Grashalmes! Todt, todt und abermals todt war Alles rings umher. Nur eine einzige Spur von Leben zeigte sich.

Nämlich gerade in der Mitte des öden Kessels erhob sich ein steiler Berg, dessen Felswände senkrecht in die Höhe stiegen. Es war keine Spur eines Gebäudes da zu sehen; aber hoch oben stieg zwischen den Felsenzacken ein dünner, durchsichtiger, bläulich grauer Rauch langsam empor.

»Was raucht dort oben?« fragte Steinbach.

»Es ist ein Krater,« antwortete Juanito.

»Ah! Ein feuerspeiender Berg hier! Das hätte ich freilich nicht vermuthet. Ist er gefährlich?«

»Nein.«

»Aber in Thätigkeit?«

»Die einzige Spur, daß er noch thätig ist, besteht in eben jenem Dunst, welchen er ausstößt. Rauch oder Dampf kann man es doch nicht nennen.«

»Kann man den Krater sehen?«

»Nein. Der Felsen ist gar nicht zu besteigen.«

»Nicht? Wunderbar!«

Steinbach schüttelte den Kopf, indem er scharf nach oben blickte.

»Was findet Ihr wunderbar?« fragte Juanito.

»Daß der Felsen nicht zu besteigen ist.«

»Das ist doch sehr natürlich. Er ist zu steil. Es führt kein Weg hinauf.«

»Aber dennoch sind Menschen oben!«

»Das müßte ich wissen!«

»Ja. Seht Ihr nicht den dunklen Punkt dort an der Ecke? Ich wette, das ist ein Mensch.«

Ueber Juanito's Gesicht blitzte es zornig.

»Ein Mensch? Nein. Ein Vogel wird es sein. Wollen gleich einmal sehen.«

Er legte beide Hände an den Mund und stieß einen schrillen Schrei aus. Die Gestalt da oben zog sich gehorsam aber langsam zurück.

»Da seht Ihr es, es war ein Vogel,« sagte er.

»Ein Vogel wäre fortgeflogen. Diese Gestalt aber konnte laufen; sie flog nicht, sondern sie ging zurück.«

»Sennor, ich bin hier daheim. Wenn Ihr dem, was ich sage, nicht glauben wollt, so sagt lieber gar nichts!«

»Na, so war es ja gar nicht gemeint. Aber wo ist denn Eure Wohnung?«

»Kommt! Ihr werdet sie bald sehen.«

Sie ritten weiter. Er hielt sich so scharf voran, daß er nicht hören konnte, was sich die Beiden leise zuraunten. Günther flüsterte:

»Es war ein Mensch.«

»Natürlich.«

»Und wenn dieser Fels ein Vulkan ist, so lasse ich mich braten.«

»Und ich mich fressen. Ich denke, sehr genau zu wissen, wer der böse Geist ist, von welchem die Wirthin sprach.«

»Wir werden ihn bannen!«

»Aber äußerst vorsichtig müssen wir dabei sein. Ich bin vollständig überzeugt, daß dieser Kerl uns nach dem Leben trachtet. Jetzt nicht weiter sprechen! Er darf nicht ahnen, daß wir ihn durchschauen.«

»O, er ahnt es vielleicht bereits. Du hast ihm schon zu sehr widersprochen.«

»Ja, es war unklug von mir; aber es wurde mir zu schwer, bei den Dummheiten dieses Menschen zu schweigen.«

Sie ritten jetzt um den Fuß des angeblichen Vulkans und gelangten auf die andere Seite desselben. Sie konnten also den hinteren Theil des Todesthales überblicken. Aber so weit ihr Auge reichte, war keine Spur einer menschlichen Wohnung zu erkennen. Und doch, da links befand sich ein Mauerwerk.

Es waren drei Steinmauern, welche rechtwinklich auf einander stießen, an der Felswand errichtet, so daß sie mit dieser letzteren ein ziemlich großes Quadrat bildeten.

»Was ist das?« fragte Steinbach.

»Meine Wohnung,« antwortete Juanito.

»Ohne Fenster!«

»Die Fenster befinden sich im Inneren.«

»Ah, die Mauern umschließen also einen spanischen Patio. Aber eine Thür muß es doch geben, sonst können wir ja gar nicht hinein.«

»Die ist da. Kommt nur!«

Er ritt um die erste und dann um die zweite Ecke, und hier gab es eine Thür, nicht hoch, so daß man vom Pferde steigen mußte, und so schmal, daß eben nur ein Pferd oder ein Mann passiven konnte. Die Thür war von starkem Holze gefertigt und mit Eisenblech beschlagen. Ein Schloß, ein Schlüsselloch, ein Drücker, eine Klinke, von Alledem war gar nichts zu bemerken.

Juanito stieg ab. Die beiden Anderen thaten dasselbe. Er zog seine Pistole aus dem Gürtel und klopfte sehr stark und sehr lange an. Nach einiger Zeit wurde die Thür von innen ein klein Wenig geöffnet. Man sah ein rothes, verschossenes Kopftuch, unter demselben eine sehr lange, sehr hagere Nase und unter dieser einen sehr welken, sehr breiten und zahnlosen Mund, und aus demselben ertönte die Frage:

»Wer da?«

»Ich. Siehst Du mich denn nicht, alte Hexe?«

»Ach, Ihr! Und Gäste! Das ist doch verboten!«

»Geht Dich aber nichts an!«

»Sennor Roulin wird zanken!«

»Das ist meine Sache. Willst Du endlich aufmachen!«

»Na, wenn Ihr es auf Euch nehmt! Mir kann es ja gleichgiltig sein.«

Sie stieß die Thür vollends auf und trat heraus. Sie hatte ganz das Aussehen jener alten Hexe im Kindermärchen, welche im tiefen Walde wohnte und die Kinder fraß, welche sich zu ihr verliefen.

Sie war barfuß und hatte nichts als einen alten, zerrissenen Rock und ein Hemd an, welches wohl niemals gewaschen worden war. Ihre Füße sahen vollständig schwarz, ebenso ihre nackten Arme und Hände. Diese Alte sah genau so aus, als ob sie soeben aus der Räucherkammer komme, in welcher sie Monate lang gehangen habe und nun zur Mumie eingetrocknet sei. Sie richtete ihre wimperlosen, triefenden Augen auf die beiden Fremdlinge und sagte:

»So geht hinein und seid willkommen! Es wird Euch bei uns gefallen, hihihihi!«

Dieses Lachen klang wie das Gekrächz eines Raben oder eines nächtlichen Raubvogels, welcher triumphirt, weil er seine Beute bereits in den Krallen hält.

Juanito trat ein und zog sein Pferd hinter sich her. Steinbach und Günther thaten dasselbe.

Sie gelangten durch einen finsteren Hausgang in den Hof, dessen drei Seiten das Mauerwerk des Gebäudes bildete, während die vierte an den senkrechten Felsen des vermeintlichen Vulkans stieß.

Hier im Hofe gab es allerdings einige Fenster. Von Glas und Rahmen oder war keine Spur. Die Fenster bestanden nur in schmalen, schießschartenähnlichen Maueröffnungen.

»Bringt Eure Pferde in den Stall,« meinte Juanito.

Er schritt ihnen voran nach einem offenen, thürlosen Raume, welcher die Vermuthung, daß er der Stall sei, nur durch einige eiserne Haken unterstützte, an welche die Pferde angebunden wurden.

»Giebt es hier im Thale denn Futter für die Thiere?« fragte Günther.

»Keinen Halm. Wir füttern Mais, den wir natürlich sehr weit her holen müssen.«

»Und Wasser?«

»Auch sehr wenig. Es giebt im Thale keine Quelle und keinen lebendigen, fließenden Tropfen. Wir müssen den Regen dort in der Cysterne sammeln, um Wasser zu haben. Leider aber regnet es hier so selten.«

Steinbach trat an die Cysterne. Das war ein tiefes, viereckiges Loch. Er konnte nicht auf den Grund blicken, aber es kam ihm ein Geruch von fauligem Wasser entgegen, welcher ihm allen Appetit sofort verleidete. Er wendete sich wieder ab und bemerkte nur noch, daß neben der Cysterne eine lange und sehr starke Leiter lag.

»Jetzt kommt, Sennores,« meinte Juanito. »Wir wollen nach dem Saale gehen.«

Er ging auf eine ziemlich breite, steinerne Treppe zu, welche er emporstieg. Die Anderen folgten natürlich. Droben öffnete er eine Thür. Sie war nur angelehnt gewesen und bestand ganz aus Eisen. Das war der Eingang in den Raum, den er Saal genannt hatte. Dieser war nur eine Stube, in welcher ein alter Tisch nebst einigen eben solchen Stühlen stand. Zwei Mauerscharten bildeten die Fenster, boten jetzt aber gar kein Licht, da die Dämmerung hereingebrochen war. Darum brannte Juanito eine Kerze an, welche auf dem Tische stand. Der Leuchter bestand aus einer großen Kartoffel, in welche für das Licht ein Loch geschnitten war.

»So!« sagte er. »Willkommen also, Sennores! Setzt Euch und macht es Euch bequem. Ich gehe für einen Augenblick fort, werde aber schnell wiederkommen.«

Er entfernte sich und schob die Thür heran. Die beiden Deutschen blickten sich fragend an und brachen dann in ein unterdrücktes Lachen aus.

»Das ist der Saal!« sagte Günther. »Verteufelt comfortabel ist er! Eine solche Pracht habe ich hier gar nicht erwartet.«

»Ich glaube, wir werden noch auf das Verschiedentlichste überrascht werden. Eigentlich ist es nicht zum Lachen.«

»Nein, gar nicht. Was sagst Du zu der Alten?«

»Des Teufels Ur-Ur-Urgroßmutter.«

»Wenigstens. Und dann der Eingang. Als ich das Pferd hinter mich hereinzog, kam ich mir vor, wie der Gimpel, der in die Falle geht.«

»Ich mir ebenso. Und in der Falle stecken wir, das unterliegt gar keinem Zweifel.«

»Du meinst wirklich, daß er uns nach dem Leben trachtet?«

»Gewiß.«

»Wir sind doch seine Retter.«

»Das ist dem Kerl höchst gleichgiltig. Er fragte so angelegentlich nach unserem Gelde. Er wollte uns auf keinen Fall mitnehmen, aber als er hörte, daß wir englische Noten einstecken haben, da war er sofort bereit, da verbot er sogar seiner Mutter das Wort.«

»Und wie er nach den Waffen fragte!«

»Jedenfalls nicht ohne Absicht. Wir müssen auf der Hut sein. Zunächst gilt es, zu erfahren, wie viele Personen sich hier befinden. Ich bin überzeugt, daß wir den Aufenthalt – pst! Man kommt!«

Juanito war aus dem Zimmer getreten und in dem jetzt dunklen Gang, in den verschiedene eiserne Thüren mündeten, fortgegangen bis zu einer Thür, welche nur anlehnte und hinter welcher sich Licht befand. Er trat ein. Die Alte saß da auf einem Schemel und stand im Begriff, sich einen alten, abgebissenen Pfeifenstummel mit Tabak zu stopfen.

»Ist während meiner Abwesenheit Etwas passirt?«

»Nein.«

»Auch mit Annita nicht?«

»Sie hat sich sehr ruhig verhalten. Ich denke, Ihr wollt heute fortbleiben!«

»Ich traf die beiden Kerls und mußte mit ihnen hierher zurück.«

»Was wollen sie?«

»Quecksilber kaufen.«

»Die Waare liegt ja bei Eurer Mutter!«

»Ganz richtig. Ich weigerte mich auch, die Leute mit nach dem Thale zu nehmen. Aber zuletzt dachte ich doch – hm! Ich muß Dir Etwas sagen.«

»Heraus damit!«

Sie hielt den Stummel an das Licht, setzte den Tabak in Brand und begann zu qualmen.«

»Weißt Du noch damals, der Engländer –«

»Hm, ja,« nickte sie, indem sie ihn verständnißinnig angrinste. »War er nicht ein fetter Braten?«

»Sehr fett.«

»Es sollte doch wieder einmal so Einen geben!«

»Lieber Zwei, anstatt nur Einen!«

»Wie meint Ihr das? Zielt das etwa auf die Zwei, die da jetzt gekommen sind?«

Ja.«

»Haben sie Geld?«

»Mehrere hundert Dollars.«

»Sapperment! Wie viel soll ich bekommen?«

»Volle hundert.«

»Und die Kleider, die Kleider?«

»Meinetwegen.«

»Da mache ich mit. Der Anzug des Großen ist so gut, daß ich mir aus demselben den kostbarsten Staat nähen kann. Roulin darf natürlich nichts wissen?«

»Gott bewahre! Also Du bekommst hundert Dollars und die Anzüge und ich das Uebrige und die Pferde?«

»Einverstanden! Aber wie?«

»Hast Du noch Gift für das Fleisch?«

»Ja. Davon fraß damals der Engländer auch. Hei, wie er sich krümmte und wand, als das Gift ihm die Gedärme zerriß!«

Sie kicherte leise vor sich hin. Ihr Gesicht war jetzt in wirklich teuflischer Weise verzerrt. Dieses alte Weib war jedenfalls eine noch viel schlimmere und gefährlichere Creatur als Juanito selbst.

»So richte es zu,« sagte dieser. »Die Sennores werden Hunger haben.«

»Ihr wohl auch? Eßt aber ja nicht davon!« lachte sie. »Sonst beerbe ich Euch alle Drei.«

»Fällt mir nicht ein! Ich werde das Fleisch holen.«

Er trat hinaus. Draußen blieb er stehen. Es war ihm gewesen, als ob ihn ein leiser Lustzug treffe, so wie als wenn Jemand heimlich an Einem vorüberhuscht. Er lauschte. Da er aber weder Etwas sah, noch hörte, ging er weiter, die Treppe hinab und in den Hof, wo sich die Vorrathskammer befand.

Und doch hatte er sich nicht getäuscht. Eine weibliche Person hatte an der Thür gestanden und gelauscht. Als er so schnell herausgekommen war, war sie schnell einige Schritte zurückgewichen und dann bewegungslos stehen geblieben, bis er beruhigt seinen Weg fortsetzte.

Da huschte sie auch weiter. Sie hatte es eilig. Sie durfte keine Minute Zeit verlieren. Darum wurden ihre Schritte lauter, als sie sich ihrem Ziele näherte. Das war es, was Steinbach gehört hatte. Er horchte nach der Thür hin, und da trat sie ein. Der Schein des Lichtes fiel auf sie.

Ihre Kleidung zeigte nicht von auf sie verwendete Sorgfalt, sie sah vielmehr abgerissen und schmutzig aus; dennoch aber machte die Person keinen üblen Eindruck. Man sah ihr auf den ersten Blick die Spanierin an. Voll und üppig gebaut, war sie jetzt noch voller und üppiger als wohl gewöhnlich. Sie hatte ganz das Aussehen einer jungen Frau, die der Stunde entgegensieht, in welcher sie dem Gatten das köstlichste Geschenk geben will, welches eine Frau ihrem Manne nur geben kann – sie war schwanger.

»Was wollt Ihr, Sennora?« fragte Steinbach, als sie einige Secunden lang wortlos an der Thür stehen blieb.

Da legte sie die Hand an den Mund und raunte ihm ängstlich zu:

»Leise, leise, Sennor! Man darf nicht wissen, daß ich zu Euch komme.«

»Gut, mein Kind,« sagte er nun leise. »Also was habt Ihr mir zu sagen?«

»Ich will Euch warnen.«

»Vor wem?«

»Vor Juanito und der Alten. Sie wollen Euch Beide vergiften.«

»Alle Teufel!«

»Ja, mit Fleisch, er holt es eben.«

»Dachte mir so Etwas! Weißt Du es genau?«

»Ja. Ich sah Euch kommen. Ich dachte, Ihr könntet mich retten. Darum schlich ich mich aus meiner Stube und horchte. Da hörte ich, daß sie schon einen Engländer vergiftet haben –«

»Das wird immer besser!«

»Und daß sie auch Euch tödten wollen, weil Ihr einige hundert Dollars bei Euch habt. Das alte Weib soll hundert Dollars und Eure Anzüge bekommen.«

»Du sagst, daß Du Rettung von uns erwartest? Wer bist Du denn, Kind?«

»Ach Gott, ich bin ein armes, unglückliches Mädchen –«

Sie hielt inne und drückte die Hände an die Augen, aus denen sofort die Thränen geschossen kamen.

»Ein Mädchen? Hm –«

Sie erröthete, unterdrückte mit Gewalt ihr Schluchzen und fuhr fort:

»Ja, Sennor, ich bin keine Frau, sondern ein Mädchen. Ich kann nichts dafür. Ich sollte seine Frau werden, und da – da –«

»Wessen Frau?«

»Roulin's.«

»Ach, von ihm ist die Rede! Sprich weiter! Ich werde Dir helfen, wenn ich kann.«

»Ich war arm und hatte keinen Menschen auf der Welt, zu dem ich gehörte. Ich diente in San Franzisco. Ich suchte eine andere Stellung und las eine Anonce, welche mir gefiel. Ich ging nach dem bezeichneten Orte und traf da Roulin. Ich gefiel ihm und er miethete mich für seine Frau. Als er mich hierher brachte, merkte ich erst, daß er gar keine Frau hatte. Er beruhigte mich. Er sagte mir, daß er mich liebe und daß ich seine Frau sein werde. Ich glaubte es ihm.«

»Armes Kind!«

»Ich wurde hier die Herrin. Aber das dauerte nicht lange. Es gab da noch eine Andere, der ich weichen mußte. Ich wurde eingesperrt, damit sie mich nicht sehen solle. Ich erfuhr aber doch ihren Namen.«

»Wie hieß sie?«

»Magda. Den anderen Namen habe ich vergessen.«

»Magda Hauser?«

»Ja, so war er. Sie sollte an meine Stelle treten. Sie war nicht so leichtgläubig wie ich. Sie wehrte sich. Er hat sie fortgeschafft. Seitdem darf ich meine Kammer wieder verlassen.«

»Auch das Haus?«

»O nein. Wer dieses Haus einmal betreten hat, der kommt nicht wieder hinaus. So wird es wohl auch mit mir werden. Ach, mein Gott! Ich ahne, was man mit mir vor hat.«

»Darf ich das wissen?«

»Ich weiß es selbst nicht genau, und es ist auch so schrecklich, daß ich es lieber nicht glauben möchte. Ich möchte gern denken, daß ich falsch gehört habe. Aber das ist doch auch nicht möglich. Ich habe Alles ganz genau verstanden, was Roulin und Juanito mit einander sprachen.«

»Was war das?«

»Roulin hat mehrere Mädchen in der Weise betrogen wie mich. Wenn er sie nicht mehr lieb hat, steckt er sie in das Bergwerk.«

»Alle Teufel!«

»Ja, dort müssen sie arbeiten, bis sie eines elenden, jammervollen Todes sterben.«

»Das ist satanisch!«

»Sie bekommen das Tageslicht niemals zu sehen.«

»Wo ist das Bergwerk?«

»Ich weiß es nicht. Der Eingang zu demselben aber muß hier im Hause sein.«

»Ah! Warum denkst Du das?«

»Juanito hat sich einmal versprochen. Ihr müßt nämlich wissen, daß – daß –«

Sie stockte erröthend.

»Sprich getrost weiter!« sagte Steinbach in freundlichem, ermunterndem Tone.

»Es ist so, daß man es kaum sagen kann!«

»Sage es trotzdem! Hier ist falsche Scham nicht am Platze. Hier handelt es sich vielleicht um mehr, als nur um Leben und Tod.«

»Da habt Ihr Recht, Sennor. Nämlich wenn Roulin von einem Mädchen nichts mehr wissen will, so wird Juanito sein Nachfolger. Dann, wenn dieser – dann, dann steckt er sie in das Bergwerk.«

»Schrecklich, schrecklich!«

»Juanito verlangte von mir, ich solle freundlich mit ihm sein. Ich weigerte mich, und da sagte er zu mir, daß er mich, wenn ich ihm ungehorsam sei, hinunterschaffen wolle. Aus diesem Worte schließe ich, daß der Eingang zum Bergwerke hier im Gebäude sein muß.«

»Hinunter? Also im Parterre?«

»Nein. Die Parterreräumlichkeiten liegen an den drei Mauerseiten. Die vierte ist der Berg.«

»Meinst Du, daß das Quecksilber hier im Berge gegraben wird?«

»Ja. Man hört zuweilen des Nachts von oben herab Stimmen ertönen.«

»Schön, schön! Sollte der Eingang im Keller sein?«

»Einen Keller giebt es hier nicht.«

»So! Ah, ich habe da einen Gedanken! Etwa in der Cysterne. Neben dieser ist die Leiter.«

»Die ist oftmals weg.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht. Ich darf mich ja um gar nichts bekümmern. Ich darf auf nichts aufpassen. Wenn man so Etwas bemerkte, würde ich sogleich wieder eingesteckt werden.«

»Wie viele Personen bewohnen dieses Haus?«

»Jetzt nur Drei: Juanito, die Alte und ich.«

»Sehr gut. Also Du wünschtest Dich fort von hier?«

»Ja. Ich will lieber todt sein, als hier bleiben.«

»So verspreche ich Dir, daß ich Dich mit mir von hier fortnehme, mein Kind.«

»Wann, o Sennor?«

»Sobald ich selbst gehe. Das kann schon in dieser Nacht sein. Wo ist Deine Kammer?«

»Ganz hinten, wo der linke Flügel an den Felsen stößt. Neben der Treppe, welche empor zum platten Dach führt.«

»Deine Thür ist offen?«

»Ja, seit diese Magda fort ist.«

»Wie unvorsichtig von diesem Juanito! Da kannst Du doch leicht entfliehen.«

»O nein. Fenster nach außen giebt es ja nicht.«

»Aber die Thür!«

»Ist stets verschlossen. Und den Schlüssel giebt die Alte nicht aus der Hand.«

»Wo hat sie ihn?«

»Stets auf der Brust, auf dem bloßen Leibe unter dem Hemde. Zur Thür hinaus kann ich also nicht.«

»Vom Dache hinab?«

»Das ist mir zu hoch. Ich würde – – – um Gottes willen! Er kommt!«

Sie huschte hinaus und versteckte sich in die nächste Ecke. Da es draußen auf dem Gange dunkel war, konnte Juanito sie nicht sehen. Er trat ahnungslos, was während seiner Abwesenheit geschehen war, in den »Saal«.

»Sennores,« sagte er, »ich habe den Befehl ertheilt, daß Euch ein Abendmahl bereitet werde.«

Jetzt, da Steinbuch erfahren hatte, daß nur drei Personen dieses Haus bewohnten, war er überzeugt, daß er seinen Plan mit Leichtigkeit ausführen könne; er brauchte sich also gar nicht zu geniren. Darum nahm er sich kein Blatt vor den Mund und sagte:

»Worin wird dieses Mahl bestehen?«

»In Braten.«

»Wer bratet ihn?«

»Die Schließerin.«

»Danke sehr! Brrr!«

»Wie meint Ihr das?«

»Daß wir nichts essen werden, was diese Person berührt hat.«

»O, sie ist sehr sauber!«

»Das habe ich gesehen. Sie starrt vor Schmutz.«

»Ihr müßt bedenken, daß Ihr Euch nicht in New-York oder San Franzisko befindet, Sennor!«

»Meint Ihr, daß man nur an diesen beiden Orten reinlich sein könne?«

»Nun gut! Ihr seid meine Gäste, und so muß ich Euch jeden Gefallen thun. Ich werde Euch eine andere Köchin besorgen.«

»Habt Ihr denn eine andere?«

»O, mehrere. Es wohnen noch einige junge Sennores und Sennorita's hier. Verwandte von Sennor Roulin, welche hier auf Besuch sind. Diese Damen werden mir gern den Gefallen thun.«

Das war eine Lüge. Dennoch that Steinbach, als ob er es glaube. In zutraulichem Tone fuhr Juanito fort:

»Aber macht es Euch doch bequem. Legt Eure schweren Waffen fort.«

»Werden wir auch während der Nacht in diesem Saale bleiben?«

»Nein.«

»So legen wir die Waffen hier nicht ab. Ein guter Jäger ist gewohnt, sich nur an der Ruhestelle von seinen Waffen zu trennen.«

»So werde ich Euch sofort Eure Zimmer anweisen.«

»Unsere Zimmer? Wir brauchen nur eins.«

»Es soll Jeder eins bekommen.«

»Wir danken! Wir sind gewohnt, bei einander zu schlafen.«

Juanito zog die Stirne kraus, beherrschte sich aber doch und sagte:

»Ich kann Euch die Bequemlichkeiten freilich nicht aufzwingen. Bleibt also meinetwegen beisammen, wenn Ihr es nicht anders wollt! Erlaubt mir nun nur, Euch nach Eurem Zimmer zu bringen.«

Er ergriff das Licht und schritt, den sogenannten Saal verlassend, ihnen voran, nach dem rechten Flügel des Gebäudes. Dort schloß er eine ebenso eiserne Thür auf und ließ die Beiden eintreten.

Die Stube war klein. Sie hatte nicht einmal eine Mauerscharte als Fenster. Wer hier eingeschlossen wurde, der war gefangen, ohne nur einen Mund voll frische Luft athmen zu können. Dieser Gedanke kam Steinbach. Darum warf dieser sofort einen Blick nach der Decke empor. Was er da sah, das beruhigte ihn sehr. Die Decke war nämlich nicht sehr hoch und bestand sehr einfacher Weise nur aus der einfachen Dachpappe, welche man von Mauer zu Mauer gelegt hatte. Hier in diesem regenarmen Klima genügte dies vollständig.

Ein Tisch stand in der Mitte des Raumes und dabei gab es zwei alte Stühle.

»So, setzt Euch, Sennores!« sagte Juanito. »Ich werde Euch Decken für das Lager besorgen. Ihr seid nun hier wie daheim und könnt Eure Waffen ablegen. Ich komme gleich wieder.«

Er ging.

»Dieser Kerl muß doch rechte Angst vor unseren Büchsen haben!« sagte Günther von Langendorff.

»Er fängt es darauf an, daß wir sie partout weglegen müssen. Der Esel macht dies aber doch ein Wenig zu auffällig.«

»Es behagt mir hier nicht so recht.«

»Warum?«

»Es giebt nicht einmal ein Fenster. Schließt man uns hier ein, so können wir uns nicht einmal unserer Haut wehren.«

»O doch! Wir können durch das Dach.«

»Ist das so dünn?«

»Ja. Ich werde gleich einmal probiren.«

Steinbach stieg auf den Tisch. Er selbst war so lang, daß er nun mit dem Kopfe fast die Decke erreichte. Er untersuchte sie mit den Händen. Sie gab nach. Es war gewiß, daß man es nur mit der einfachen Steinpappe zu thun hatte.

»Siehst Du!« sagte er, wieder vom Tische steigend. »Da hinaus bleibt uns für alle Fälle ein Weg.«

Sie hatten gar nicht lange Zeit, sich zu besprechen, denn Juanito kehrte sehr schnell zurück. Er breitete einige Decken in der Ecke aus, die ihnen zum Lager dienen sollten. Dabei sagte er:

»So, Sennores. Nun wacht es Euch bequem. Legt ab!«

»Es scheint Euch sehr viel daran zu liegen, daß wir es uns bequem machen!«

»Mir? Nein. Ich sage das nur um Euretwillen. Ich bin das eben so gewöhnt. Ich lege die Waffen stets ab, sobald ich der Gast eines Andern bin. Wer das nicht thut, der beleidigt den Gastgeber, indem er sagt, daß er ihm nicht traue.«

»Legt denn der Gastgeber auch seine Waffen ab?«

»Ja. Ich habe nur den Revolver im Gürtel. Seht, da liegt er.«

Er zog ihn aus dem Gürtel und legte ihn auf den Tisch. Darum zog Steinbach nun sein Beil aus dem Futterale und stellte es in die Ecke. Günther that dasselbe mit seiner Büchse. Nun schien Juanito befriedigt zu sein. Er sagte:

»So lasse ich es mir eher gefallen. Nun werde ich nachschauen, ob der Braten fertig ist. Ihr erlaubt vielleicht, daß ich selbst Euch bediene, Sennores?«

»Gern.«

Juanito ging wieder fort. Schnell trat Steinbach zum Tisch, auf welchem der Revolver noch lag.

»Man kann nicht wissen, was passirt. Vielleicht kommt es zum Schießen. Da wollen wir dieses Ding doch lieber unschädlich machen.«

»Ist er geladen? Er hatte doch vier oder fünf Schüsse auf den Wolf abgegeben.«

»Hier sehe ich, daß er wieder geladen hat.«

»So mach schnell, ehe er zurückkehrt.«

Er zog die Patrone aus der Trommel und legte die Waffe wieder hin. Er hatte das kaum gethan, so kehrte Juanito zurück, in den Händen eine Platte mit frischen Tortillas und appetitlich riechenden Bratenstücken.

»So, Sennores, habt Ihr Euer Essen,« sagte er, indem er die Sachen auf den Tisch legte.

Steinbach setzte sich auf den Stuhl und sagte, nachdem auch Günther seinem Beispiele gefolgt war:

»Giebt es nicht einen dritten Stuhl?«

»Für wen? Etwa für mich?«

»Ja, natürlich.«

»Ich brauche keinen.«

»Ihr könnt doch nicht im Stehen essen!«

»Danke! Ich esse nicht. Das ist für Euch. Ich habe bereits gegessen.«

»Das wäre doch recht schnell gegangen! Wann denn?«

»Vorhin, als ich zehn Minuten von Euch fort war.«

»Was könnt Ihr während dieser kurzen Zeit genossen haben? Nichts. Nein, wenn Ihr nicht mit uns eßt, so essen auch wir nicht. Wir sind Eure Gäste und Ihr müßt mit Theil nehmen.«

»Nun gut! Ich will Euch auch hierin Euren Willen thun, Sennores.«

Er ging und kehrte bald mit einem Stuhle und einem Stücke kalten Fleisches zurück.

»So ists recht!« lachte Steinbach. »Ihr werdet sehen, daß es zu Dreien besser schmeckt als zu Zweien. Ich bitte, greift zu!«

Juanito nahm sich eine der Tortillas und biß hinein. Das sind flache Maiskuchen. Sie waren also nicht giftig, sonst hätte er sich gehütet, sie zu kosten.

»Nun hier Fleisch! Bitte!«

Steinbach zog sein Messer hervor, schnitt ein Stück des Bratens ab und legte es Juanito hin.

»Danke, danke!« sagte dieser schnell. »Ich esse nicht warm sondern lieber kalt.«

»Wir Beide auch. Da wir aber Warmes und Kaltes haben, so theilen wir. Nehmt nur Braten!«

»Behaltet ihn immer für Euch! Ich bin nicht ein großer Freund davon.«

Steinbach drang in ihn. Juanito kam in allergrößte Verlegenheit. Ohne ganz und gar unhöflich zu sein, konnte er sich nicht länger weigern, und doch war es unmöglich, von dem vergifteten Fleische zu essen. Er versuchte alle möglichen Ausreden und Entschuldigungen, bis Steinbach endlich zornig rief:

»Ich möchte den Mann sehen, der nicht gebratenes Rind essen kann! Ihr seid selbst schuld, wenn Euer Verhalten mir verdächtig vorkommt.«

»Verdächtig? Wieso verdächtig?«

»Weil Ihr Euch so hartnäckig weigert, zu essen. Was ist mit diesem Braten?«

»Was soll mit ihm sein? Nichts!«

»So eßt also auch selbst davon!«

»Ich habe aber heut keinen Appetit dazu!«

»Das muß aber einen Grund haben. Ekelt Ihr Euch etwa? Ist es vielleicht doch die Alte gewesen, welche geschmoort hat, he?«

»Nein, sondern eine der jungen Sennorita's.«

»Bitte, holt sie mir doch einmal her!«

»Das geht nicht. Sie hat sich sofort zur Ruhe gelegt, nachdem sie fertig war.«

»So? Es ist jedenfalls Euer Wunsch, das wir Beide uns auch zur Ruhe legen, wenn wir das Fleisch gegessen haben?«

»Allerdings.«

»Aber zu welcher Ruhe!«

»Natürlich hier auf diese Decken.«

»Ja, auf welchen wir liegen bleiben, ohne jemals wieder aufzuwachen.«

Jetzt stutzte Juanito.

»Wie meint Ihr das?« fragte er.

»Ganz so, wie ich es sage. Euer Verhalten erregt meinen Verdacht. Es hat mit diesem Fleische irgend eine Bewandtniß. Ich esse nicht davon.«

»Ich auch nicht,« stimmte Günther bei.

»Donnerwetter! Wollt Ihr mich beleidigen, Sennores?«

»Nein. Wir haben dasselbe Recht wie Ihr. Ihr eßt nicht, und wir essen nicht. Jeder hat seinen Willen. Dagegen kann Niemand Etwas sagen.«

Aber ich bin der Wirth. Ihr weist mein Fleisch zurück; das ist eine Beleidigung.«

»Ihr eßt nicht mit uns; das ist ebenso Beleidigung. Wir wollen da gar nicht viele Worte machen. Ich bin ein Mexikaner, aber nicht ein Engländer. Ich will nicht wie ein Engländer sterben sondern wie ein Mexikaner.«

Das Gesicht Juanito's wurde aschfarben.

»Sennor, was meint Ihr?« fragte er.

»Nun, ist hier nicht einmal ein Engländer gestorben?«

»Nein.«

»Nachdem er Fleisch von Euch gegessen hatte?«

»Nein.«

»Welches von der Alten vergiftet worden war?«

»Seid Ihr toll!«

Er war von seinem Stuhle aufgesprungen. Seine Augen blitzten, mehr aber vor Schreck als vor Zorn.

»Toll? Nein. Ich bin im Gegentheil so sehr bei Sinnen, daß mein Ohr Alles gehört hat, was Ihr mit Eurer alten Hexe ausgemacht habt.«

»Ausgemacht? Was denn?«

»Daß sie hundert Dollars und unsere Anzüge bekommen soll!«

»Himmeldonnerwetter!«

»Ihr wollt das Andere nehmen und die Pferde!«

Steinbach war in ganz gleichgiltiger Haltung sitzen geblieben und sprach diese Worte mit lächelndem Munde. Juanito hingegen war förmlich zurückgefahren.

»Sennor!« stieß er mit aller Anstrengung hervor. »Ich begreife Euch nicht!«

»Desto besser begreife ich Euch, Mörder! Ihr, Ihr seid der böse Geist im Todesthale, von welchem Eure Mutter erzählt hat. Ihr wollt uns heut morden, um zu meinen englischen Banknoten zu kommen; aber es soll Euch das nicht so glücken, wie Eure früheren Schandthaten!«

»Nicht?« knirrschte der Entlarvte. »Ach, dennoch soll es glücken, dennoch und nun erst recht. Fahrt mit einander zur Hölle!«

Er riß den Revolver vom Tische an sich, schlug auf Steinbach an und drückte ab. Die Waffe versagte. Er drückte in aller Schnelligkeit noch zweimal ab, aber wiederum vergebens.«

»Gebt Euch keine Mühe!« lachte Steinbach. »Wir haben dafür gesorgt, daß die Wespe nicht mehr stechen kann. Nun aber wollen wir selbst einmal unseren Stachel zeigen. Hier ist er. Wie wird Euch jetzt, Sennor?«

Er zog seinen Revolver aus dem Gürtel. Günther that desgleichen.

Juanito war fast erstarrt gewesen. Jetzt, als er die beiden feindlichen Waffen erblickte, kam wieder Leben über ihn.

»Wie mir wird?« sagte er. »Sehr wohl. Ich wünsche, daß es Euch ebenso wohl werde.«

Ehe ihn einer der Beiden hindern konnte, war er zum Eingang hinausgesprungen und hatte die Thür hinter sich zugeschlagen. Der Schlüssel schrillte im Schlosse und der Riegel klirrte.

»Gefangen!« hohnlachte der Entkommene draußen mit lauter triumphirender Stimme.

»Ja, gefangen,« sagte Günther von Langendorff. »Gefangen sind wir! Und daran sind wir selbst schuld!«

»Was schadet es?« lachte Steinbach.

»Was es schadet? Jedenfalls sehr viel!«

»Das sehe ich nicht ein.«

»Wir hatten ihn so fest! Und ließen uns dennoch von ihm übers Ohr hauen.«

»Lieber Günther, lamentire nicht. Du befindest Dich in einem großen Irrthume, wenn Du meinst, daß dieser dumme Kerl mich etwa beluxt habe. Er ist mir nur zu sicher; das weiß ich, und darum spiele ich mit ihm wie die Katze mit der Maus. Auf ihn zu schießen, das wäre eine Dummheit gewesen. Ich darf ihn doch nicht erschießen, weil er mir sehr viel sagen soll, was ich erfahren will. Hätte ich gewollt, so wäre er mir sicherlich nicht entgangen. Du kennst mich noch nicht. Ich bin schneller als er; aber das brauchte ich ja gar nicht zu sein. Ich brauchte mich ja nur zwischen ihn und die Thür zu stellen, so hätte er nicht fortgekonnt.«

»Aber warum hast Du ihn denn entkommen lassen? Das ist es, was ich nicht begreife.«

»Entkommen ist er ja gar nicht! Er ist noch hier in dem Hause. Es fällt ihm gar nicht ein, fortzugehen. Er bleibt mir also sicher und gewiß. Ich habe ihn einstweilen gehen lassen, um ihn vielleicht belauschen zu können. Ich denke, daß ich auf diesem Wege mehr erfahre als er sich auspressen läßt. Jetzt gehen wir durch die Decke.«

»Das ist schwerer, als Du denkst.«

»Warum?«

»Je leichter wir durch die Decke kommen, desto dünner ist sie und desto weniger trägt sie uns. Wir brechen ja bei jedem Schritte durch!«

»Wenn wir so dumm sind, auf der Pappe gehen zu wollen, ja.«

»Auf was denn sonst?«

»O wehe! Mein Lieber, ich begreife Dich nicht. Wir laufen auf der Umfassungsmauer.«

»Alle Teufel! Das ist ja richtig! Wo habe ich doch nur meine Gedanken!«

»Nicht wahr? Na, tröste Dich! Wenn Du keine Gedanken hast, so habe ich desto bessere. Du bist ein ausgezeichneter Cavallerieofficier; aber ein Fürst der Bleichgesichter zu sein, das vermag nicht ein Jeder.«

Er sagte das nicht aus Ueberhebung sondern im Scherz. Er lachte dazu. Dann fuhr er fort:

»Löschen wir also jetzt das Licht aus. Es könnte uns verrathen. Und setzen wir den Tisch an die Außenwand. Komm!«

Er blies das Licht aus und steckte es ein. Er konnte es vielleicht später gebrauchen. Dann stieg er auf den Tisch, welcher an die Umfassungsmauer gestellt worden war, nahm sein starkes, scharfschneidiges Bowiemesser und begann einen langen Riß in die getheerte Dachpappe zu schneiden. Als dieser Riß lang genug war, stieg er hinaus auf den Rand des Daches, welcher eben von der Umfassungsmauer des Gebäudes gebildet wurde. Da konnte er nicht durchbrechen.

»Nun gieb mir meine Schießaxt herauf,« flüsterte er zurück, »und komm mit Deiner Büchse nachgestiegen. Ich helfe Dir dabei. Ich ziehe Dich herauf.«

Das geschah. Einige Minuten später befand Günther sich neben Steinbach auf dem Dache.

»Bist Du schwindelig?« fragte der Letztere.

»Zuweilen.«

»So gehe nicht aufrecht sondern krieche auf allen Vieren. Wir befinden uns auf dem rechten Flügel und müssen über den Mitteltheil hinüber nach dem linken Flügel, wo sich die Treppe befindet, wie wir von dem Mädchen erfahren haben. Dabei aber müssen wir so leise als möglich verfahren. Es ist ja möglich, daß dieser Juanito oder die Alte sich in einer Stube unter uns befinden. Sie dürfen uns auf keinen Fall hören.«

Jetzt bewegten sie sich vorsichtig weiter, Steinbach aufrecht, Günther aber in kriechender Stellung. Das ging nicht sehr schnell, dennoch aber erreichten sie bald den linken Flügel. Dieser war, wie es sich zeigte, nicht mit der bloßen Pappe gedeckt, sondern unter derselben befand sich eine feste Bretterlage. Nun konnten sie von der Umfassungsmauer weichen und getrost auf der Mitte des Daches gehen.

So gelangten sie ganz an das Ende des Seitenflügels. Sie bemerkten keine Oeffnung im Dache. Darum untersuchten sie dasselbe, indem sie es mit den Fingern betasteten. Auf diese Weise bemerkten sie die Spalten, durch welche sich die Fallthür von ihrer Umgebung abhob. Sie versuchten, sie empor zu heben, und das gelang sehr leicht.

Unter der Thür führte eine schmale Brettertreppe abwärts. Sie stiegen hinab und ließen hinter sich die Thür des Daches unhörbar wieder niedersinken.

Noch aber hatten sie die unteren Stufen der Treppe nicht erreicht, so blieb Steinbach, welcher voranschritt, lauschend stehen.

»Pst! Horch! Ich höre Stimmen.«

Als Günther nun seinerseits auch lauschte, vernahm er auch dasselbe.

»Es scheint Juanito's Stimme zu sein,« sagte er.

»Ja.«

»Wo mag er sein?«

»In der Stube nebenan. Weißt Du, bei wem?«

»Nun?«

»Bei dem braven Mädchen, welches uns warnte.«

»Ja. Sie sagte doch, daß sie neben der Treppe wohne.«

»Die Thür scheint offen zu stehen. Steigen wir vollends hinab. Vielleicht hören wir Etwas, was uns Nutzen bringt. Aber leise, damit er es nicht bemerkt.«

Als sie die letzten Stufen hinter sich hatten, sahen sie an dem Scheine des Lichtes, welcher aus der betreffenden Thür drang, daß dieselbe wirklich offen stand. Leise und unhörbar huschten sie hin.

Juanito befand sich bei Annita. Sie hörten jedes Wort, welches von diesen Beiden gesprochen wurde. Nach kurzer Zeit aber näherten sich die Schritte einer dritten Person, welche von rechts her kam. Auf dieser Seite stand Steinbach. Er trat schnell auf die Treppenstufe zurück. Die nahende Person glitt an ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken, und trat zu Juanito und Annita in die Stube. Es war das alte Weib.

Als Juanito aus dem Zimmer, welches er seinen beiden Gästen angewiesen hatte, gesprungen war, hatte er es verschlossen, den Schlüssel abgezogen und den großen eisernen Riegel, mit welchem hier eine jede der eisernen Thüren versehen war, vorgelegt. Dann eilte er zu der Alten.

»Haben sie davon gegessen?« fragte dieselbe.

»Keinen Bissen!«

»Warum?«

»Diese Hallunken wollten, ich solle mit ihnen essen. Das konnte ich natürlich nicht, und da schöpften sie Verdacht. Denke Dir! Sie wissen es von dem Engländer damals!«

»Unmöglich!«

»Sie haben es mir ja gesagt!«

»Außer uns Beiden weiß doch kein Mensch davon!«

»Das habe ich auch gedacht, bin aber nun eines Andern belehrt worden. Ich habe nichts gesagt!«

»Ich natürlich auch nicht!«

»Unbegreiflich! Sind sie allwissend?«

»Unsinn!«

»Aber sie wissen auch, daß das Fleisch vergiftet ist!«

»Verdammt! Aber sie errathen es nur; wissen können sie es nicht.«

»Sie rathen es nicht, sondern sie wissen es; sie wissen es sehr genau.«

»Das ist nicht wahr!«

»Sie haben es mir ja selbst gesagt! Ja, sie wissen sogar, daß Du hundert Dollars bekommen sollst und die Kleidungsstücke.«

»Wirklich?« fragte die Alte erschrocken.

»Ja.«

»So haben sie unser Gespräch hier belauscht.«

»Das ist sehr wahrscheinlich. Als ich von Dir fortging, war es mir, als ob Jemand in den Gang hineinhusche. Ich blieb auch stehen, hörte aber weiter nichts.«

»So ist es gewiß, daß sie gehorcht haben.«

»Das ist sicher, zumal, wenn ich an das Weitere denke. Ich hatte den Revolver bei ihnen liegen. Da haben sie mir die Patronen weggenommen. Ich wollte auf sie schießen, aber es ging nicht los.«

»Sapperment! Was geschah da?«

»Ich sprang aus der Stube, ehe sie mich daran hindern konnten, und habe sie nun eingeschlossen.«

»Recht so! Da wird mir das Herz wieder leicht. Ich war sehr erschrocken. Sie können aber doch wohl nicht heraus?«

»Nein, kein Gedanke daran!«

»Was machen wir da nun?«

»Ich erschieße sie.«

»Ihr könnt doch nicht hinein!«

»Ist auch gar nicht nöthig. Ich gehe, wenn der Tag anbricht, auf das Dach, schneide, ohne daß sie es merken, in die Dachpappe ein Loch und schieße sie durch dasselbe nieder.«

»Sehr gut, sehr gut! Es wird zwar Blut geben, aber das wasche ich weg. Die Leichen scharren wir ein wie damals diejenige des Engländers. Roulin darf natürlich nichts davon erfahren.«

*

61

»Kein Wort. Aber wir müssen uns sputen, daß er uns nicht etwa dabei überrascht. Er kann bereits morgen kommen.«

»Und Annita ist noch im Hause?«

»Ja. Sie muß unbedingt noch diese Nacht fort. Roulin hat es befohlen; er mag sie nicht wieder sehen, wenn er zurückkehrt.«

»Dann weg mit ihr!«

»Ich dachte – – hm! Ein renitentes Frauenzimmer!«

»Will sie denn nicht Verstand annehmen?«

»Nein. Sie ist hübsch und jung. Zeigte sie sich gutwillig, so würde auch ich gut sein und ihr später manchen Gefallen thun.«

»Hört, Juanito, Ihr seid kein Mann!«

»Warum?«

»Ich würde sie gar nicht fragen. Sie befindet sich ja in Eurer Gewalt.«

»Das versteht Ihr nicht. Was man gern und gutwillig bekommt, schmeckt hundertmal besser als das, was man sich erzwingen muß.«

»Das bestreite ich. Ein Apfel, welchen ich stehle, schmeckt grad ebenso wie wenn ich mir ihn gekauft hätte.«

»Vielleicht, doch dieser Vergleich ist nicht zutreffend.«

»Versucht Euer Heil noch einmal!«

»Gut! ich werde zu ihr gehen und zum letzten Male mit ihr reden.«

»So macht! Ich bin neugierig, was sie sagen wird.«

Ihre Augen leuchteten tückisch auf. Er sah das und bemerkte:

»Alte Kupplerin! Ich begreife Dich nicht. Es kann Dir ja ganz gleich sein, ob ich von dieser Annita einen Kuß bekomme oder nicht!«

»Gleich? Nein, gleich ist es mir ganz und gar nicht. Ist es dem Zughunde gleich, wenn er sieht, daß eine Dame ihr Seidenspitzchen spazieren führt? Ich war stets häßlich und habe niemals Einen gehabt, der mir hätte gut sein mögen. Die Anderen, welche hübscher waren, nahmen mir Jeden fort. Seitdem hasse ich alle hübschen Larven; seitdem macht es mich glücklich, so eine Zierpuppe unglücklich zu sehen. Das ist meine Rache. Geht nur hin zu dieser Annita; preßt sie in die Arme, quetscht und drückt sie nach Herzenslust, sie mag wollen oder nicht: Je mehr sie sich vor Euch ekelt, desto größer ist mein Gaudium. Und wenn Ihr nichts über sie vermögt, so werde ich nachkommen und Euch helfen. Geht nur, geht!«

Sie schob ihn zur Thür hinaus.

»Gut, ich gehe,« sagte er. »Und Ihr könnt Euch indessen einmal nach der Thür schleichen, hinter welcher die beiden Gefangenen stecken. Horcht einmal, ob Ihr vielleicht hören könnt, was sie machen oder wovon sie sprechen! Sagt es mir dann wieder!«

Er begab sich nach dem linken Flügel des Gebäudes und fand Annita bei einem brennenden Lichtstumpfchen in ihrer kleinen Stube sitzen. Als er eintrat, erhob sie sich und wich vor ihm scheu in die Ecke zurück. Auf ihrem Gesicht lag der Ausdruck der Furcht und des Grauens.

»Bleib sitzen,« sagte er. »Warum weichest Du vor mir zurück?«

»Was wollt Ihr hier?« fragte sie bange.

»Soll ich es Dir nochmals sagen? Weißt Du es wieder nicht?«

»Wenn Ihr mir keine Arbeit oder irgend einen Auftrag bringt, so geht wieder fort. Ich habe mit Euch nichts zu schaffen.«

»Aber ich will mit Dir zu schaffen haben.«

Er trat auf sie zu. Sie wollte an ihm vorüber und zur Thür hinaus huschen: er aber ergriff sie und hielt sie fest.

»Halt! So schnell entkommst Du mir nicht! Heut, jetzt komme ich zum allerletzten Male; da soll es sich entscheiden, ob ich in Zukunft Dein Freund oder Dein Feind sein werde.«

»Ich mag von Euch weder jetzt noch in Zukunft Etwas wissen. Das habe ich Euch bereits gesagt, und das sage ich jetzt abermals.«

»Ja, das hast Du freilich gesagt; aber es wird die Zeit kommen, in welcher Du gern Etwas von mir wissen möchtest, ich aber bin dann nicht bereit dazu.«

»Nie, nie wird diese Zeit kommen!«

»O, sie wird im Gegentheile sehr bald da sein!«

Er lehnte sich mit über die Brust gekreuzten Armen neben die Thür an die Wand, damit sie ihn nicht entwischen möchte, und fuhr fort:

»Meinst Du etwa, daß Du die Erste bist, welche so gesprochen hat wie Du?«

Sie schwieg.

»Sie haben es Alle, Alle baldigst bereut. Es ist besser, für eine Nacht die Geliebte eines Mannes zu sein den man nicht liebt, als dem Leben, dem Lichte entsagen zu müssen, um langsam und bei lebendigem Leibe zu verfaulen.«

»Mein Gott!« seufzte sie erschrocken.

»Dieses Schicksal wartet Deiner!«

»Unmöglich! Ich habe ja keinem Menschen Etwas zu Leid gethan!«

»Auch ich habe Dir nichts zu Leid gethan und dennoch lassest Du mich schmachten.«

»Es giebt doch andere Mädchen, welche Euch gern erhören werden.«

»Aber hier nicht. Und ich will grad Dich haben. Oder meinst Du, daß Du bei Roulin wieder zu Gnaden ankommen werdest? Da irrst Du Dich.«

»Er hat mich doch geliebt!«

»Der? Niemals!« hohnlachte er. »Er braucht hier in dieser todten Einsamkeit einen Zeitvertreib. Darum geht er von Zeit zu Zeit nach San Franzisko und miethet sich ein hübsches Mädchen, welches erst wenn es hier ankommt, erfährt, daß es seine Maitresse sein soll. Eine Jede muß dann einwilligen. Zum Rücktritt ist es zu spät, und Flucht ist unmöglich. Er heuchelt in der ersten Zeit Liebe, dann aber giebt er ihr den Abschied. Alle diese Mädchen sind dann in das Ouecksilberbergwerk gekommen, wo sie Tag und Nacht arbeiten müssen. So wird es auch Dir ergehen, wenn Du mich von Dir weisest.«

»Was verlangt Ihr denn?«

»Liebe, Liebe, nichts als Liebe.«

»Unmöglich!«

»Dummheit! Ein Kuß von mir, eine Stunde in meinen Armen ist wenigstens ebenso schön wie bei Roulin.«

»Schweigt! Um Gotteswillen schweigt!«

»Nein. Es ist meine Pflicht, Dich aufmerksam auf Das zu machen, was Deiner wartet, wenn Du halsstarrig bleibst. Roulin ist verreist. Er mag nichts mehr von Dir wissen. Er hat mir den strengen Befehl ertheilt, Dich in das Quecksilberbergwerk zu stecken. Wenn er zurückkehrt, mag er Dich hier nicht wiedersehen. Ich muß gehorchen, sonst verliere ich meine Stellung, dennoch habe ich Dich noch hier gelassen, weil ich Dir gut bin. Heut aber ist der letzte Tag. Heut muß ich gehorchen.«

»Mein Herr und mein Gott! Womit habe ich das verschuldet! Ich bin ja doch nicht seine Sclavin! Laßt mich doch los! Laßt mich frei!«

»So dumm sind wir nicht. Wer einmal sich hier befindet, der kommt nie wieder los. Und weißt Du, was es heißt, im Quecksilberbergwerk zu arbeiten?«

»Nein.«

»Aber Du weißt, daß das Quecksilber giftig ist?«

»Ja.«

»Nun, Du wirst in das Bergwerk geschafft und mußt da, mit Eisen an Händen und Füßen, so daß jede Flucht und jeder Widerstand unmöglich ist, arbeiten. Dich wie ein Wurm in die Erde bohren und bekommst niemals das Licht der Sonne wieder zu sehen oder einen frischen Lufthauch zu fühlen. Du athmest das Quecksilber unausgesetzt ein. Dein Mund entzündet sich; die Zähne fallen aus; der Athem stinkt wie ein verfaulendes Aas. Das Zahnfleisch zerfällt, weil es von bösen Geschwüren zerstört wird, und der Speichel geifert Dir unausgesetzt aus dem Munde wie bei einem tollen Hunde. Deine Hautfarbe wird grau und immer schmutziger; das Gesicht fällt ein; die Augen verlieren ihre Kraft zum Sehen, und der Magen kann weder Essen noch Trinken mehr vertragen.«

Er malte diesen Zustand mit sichtbarem Behagen aus. Leider übertrieb er nicht. Was er sagte, war wirklich wahr. Annita war von Dem, was sie hörte, so entsetzt, daß sie matt auf den Stuhl niedersank und das Gesicht mit den Händen verhüllte.

»Aber dieser Mangel an Hunger und Appetit,« fuhr er fort, »ist eigentlich kein Unglück, denn die Nahrung der Leute da drin besteht nur in stinkendem Wasser, in welches ein Bischen schlechtes Mehl eingerührt wird. Das bekommen sie kalt zu essen. Es wird später noch schlimmer. Das Quecksilber durchdringt den ganzen Leib; es frißt sich in die Knochen ein und macht sie weich und mürbe. Der Knochenfraß tritt ein. Ganze Stücke schwären aus. Wir haben ein Mädchen unten,, welches durch solche Geschwüre das eine Schienbein verloren hat. Sie kann sich nur noch auf einem Beine fortschleppen und muß dennoch arbeiten.«

»Einen Arzt, einen Arzt!« stöhnte Annita.

»Das sollte uns einfallen! Da wäre ja Alles sofort verrathen. Einer Andern ist der Kinnbacken ausgeschworen. Sie sieht wie der Teufel aus. Vor einigen Jahren war sie eine berühmte Schönheit. Später kann die Lunge nicht mehr athmen; es stellt sich ein Husten mit fürchterlichem Auswurf ein, und es ist nur ein Glück für die betreffende Person, wenn sich aus diesem Husten die galoppirende Schwindsucht entwickelt. Dann ist es rasch aus. Die beiden sind vorüber.«

»Haltet ein; haltet ein!«

»Nein, ich halte nicht ein, denn ich bin ja noch gar nicht fertig. Natürlich werden auch die Nerven von dem Quecksilber angegriffen und zerstört. Die betreffende Person verliert den Schlaf; sie hat keine Ruhe, sie hat ihr Elend stets vor Augen; kein einziger Schlummer erlaubt ihr, es für auch nur eine Stunde zu vergessen. Und stellt sich ja einmal ein kurzer Schlaf ein, so ist er mit entsetzlichen Träumen verbunden, welche noch mehr quälen als die Wirklichkeit. Der Kopf wird schwer wie Eisen, und das Herz klopft unaufhörlich. Die Muskeln sitzen nicht still an den Knochen; sie zittern und beben immerfort; die Kranke kann kein Glied still halten und geht schließlich unter fürchterlichen Krämpfen oder Lähmungen zu Grunde. Stets aber ist der Körper bereits vor dem Tode mehr als zur Hälfte verfault.«

»Wer kann sich das ausdenken! O Ihr Teufels, Ihr!«

»Ja,« lachte er höhnisch, »ein Engel hat das nicht erfunden. Aber was willst Du denn! Das Quecksilber liegt da; es kann den Besitzer zum reichsten Manne machen; aber er findet keine Arbeiter. Selbst zu arbeiten, das fällt ihm natürlich auch nicht ein, und so holt er sich dann Arbeiter auf etwas gewaltsamem Wege.«

»Mich könnte nichts zwingen, zu arbeiten!«

»Oho!«

»Lieber würde ich sterben!«

»Meinst Du? Ich habe da in meiner Stube ein sehr hübsches Instrument, eine Peitsche mit vielen Riemen, welche ganz blutig sind. Verstanden. Schon bei dem dritten Hiebe geht das Fleisch in Fetzen, und selbst die ungehorsamste Dirne arbeitet sich lieber die Hände wund, als daß sie sich zum zweiten Male prügeln läßt. Man weiß die Leute zu behandeln!«

»Und dabei wollt Ihr ein Mensch heißen!«

»Sehr!«

»Und verlangt Liebe von mir!«

»Freilich!«

»Geht! Ich verabscheue Euch. Ihr seid ein Satan!«

»Gegen Dich möchte ich kein Satan sein. Du kennst nun Dein Schicksal. Du kannst es Dir verbessern, wenn Du jetzt für diese einzige Stunde meine Frau sein willst!«

»Lieber sterben!«

»Ja, langsam sterben! Dieser Wunsch kann Dir erfüllt werden.«

»Mich ekelt vor Euch!«

»Vor Roulin aber hat Dich nicht geekelt.«

»Ich stürbe vor Scham, mich von Euch nur berühren zu lassen!«

»Aber er hat Dich so berührt, das Du jetzt bald die Mutter eines Bastards sein wirst!«

»Herrgott! Mein Kind!« schluchzte sie.

»Ja. Weißt Du, was mit diesem Kinde wird? Es kann uns nichts nützen. Es wird Dir nach der Geburt genommen und dort draußen den Geiern vorgeworfen. Man macht da kurzen Proceß.«

»Wagt es! Wagt es einmal!«

Sie war aufgesprungen und trat mit geballten Fäusten auf ihn zu, als ob sie bereits jetzt in der Lage sei, ihr Kind zu vertheidigen.

»Pah!« lachte er. »Du wirst gar nichts dagegen sagen. Die Peitsche wird Hebamme und Geburtshelferin sein; da wirst Du schweigen lernen. Ich will Dir jetzt fünf Minuten Bedenkzeit geben. Thust Du mir meinen Willen, so werde ich trachten, Dir Deine Lage möglichst zu erleichtern, wo nicht, so darfst Du Dich darauf verlassen, daß Du einem Schicksale und einer Marter entgegengehst, wie noch keine Andere sie hat erdulden müssen.«

»Ich brauche keine Bedenkzeit!« sagte sie.

»Nun, was beschließest Du?«

»Tu sollst mich nie berühren, Schurke!«

Sie stand stolz und zornig vor ihm. Er aber lachte laut auf und antwortete:

»Albernes Geschöpf! Ich Dich nicht berühren dürfen! Das kommt ja nur auf mich an!«

»Ich werde nicht mit nach dem Bergwerke gehen!«

»Ach! Nicht? Wirklich nicht?«

»Nein.«

»Auch nicht, wenn wir Dich zwingen?«

»Auch dann nicht. Ich wehre mich so lange, bis ich todt bin!«

»Laß Dich nicht auslachen! Was willst Du thun gegen meine Kräfte! Und selbst, wenn Du stärker wärst als ich, müßtest Du Dich fügen. Ich würde Dich zum Beispiel hier einschließen, bis der Hunger und der Durst Dich so abgemattet hätten, daß Du kein Glied bewegen könntest.«

»Ich würde nicht vor Hunger sterben. Ihr bringt mich nicht lebendig von hier fort.«

»Das laß nur meine Sorge sein! So wie Du jetzt, hat bisher noch eine Jede gesprochen. Sei also keine Närrin! Du bist hübsch: Du gefällst mir. Es ist Dein Schaden nicht, wenn Du die Meine sein willst.«

»Was würde es mir nützen! Die Freiheit könntet Ihr mir doch nicht geben.«

»Nein, aber die Gefangenschaft könnte ich Dir erleichtern.«

»Ich danke Euch! Ich bedarf dieser Erleichterung nicht.«

»So zu sprechen, ist der reine Wahnsinn!«

»Ich weiß, was ich will und was ich thue!«

»Nun, was denn?«

»Ich habe mich von Roulin täuschen und verführen lassen, ich habe ihm jeden Wunsch erfüllt, ihn nie betrübt, nie beleidigt. Er ist meiner überdrüssig; ich glaubte, das Schlimmste, was er mir anthun könne, sei, daß er mich fortjage. Jetzt höre ich es anders. Jetzt weiß ich, was meiner wartet. Ich sehe, daß ich mich nicht bei Menschen, sondern bei Teufeln befinde. Ich war stets eingeschlossen; ich habe die freie Luft nicht einathmen können, ich ertrug es still, weil ich hoffte, daß ich einst doch wieder frei sein werde. Jetzt weiß ich, daß diese Hoffnung nicht in Erfüllung gehen wird. Die Freiheit kann mir nur der Tod geben, und ich schwöre Euch, daß ich frei sein werde. Bei Gott und allen Heiligen, bei allen Himmeln und meiner ewigen Seligkeit schwöre ich Euch, daß Ihr mich nicht unrecht anrühren sollt und daß Ihr mich auch nicht in Euer entsetzliches Quecksilberbergwerk bringen werdet!«

In diesem Augenblicke war die Alte herbeigekommen. Sie hatte diesen Schwur gehört.

»Ist die Dirne toll?« fragte sie, in die Stube tretend.

»Es scheint so,« antwortete Juanito.

»Was glaubt sie denn? Meint sie denn, uns widerstehen zu können?«

»Eben das meint sie.«

»Na, da zeigt Ihr doch das Gegentheil! Soll ich etwa Eure Peitsche holen?«

»Nein, laß sie. Die bekommt sie noch zeitig genug zu kosten.«

»Aber ich begreife keins von Euch Beiden! Ihr zwei Menschen seid nicht recht bei Sinnen, die hier nicht, weil sie's wagt, Widerstand zu leisten, und Ihr nicht, Sennor, weil Ihr Euch das nicht mit Gewalt nehmt, was sie Euch verweigert. Greift doch zu! Ich helfe Euch. Ich halte sie!«

Sie trat auf Annita zu.

»Rührt mich nicht an!« rief diese, empor springend und sich in die Ecke flüchtend.

»Freilich werde ich Dich anrühren, und zwar ein Bischen derb!«

Sie trat auf das Mädchen zu und streckte die Arme aus, fuhr aber mit einem Schmerzenslaute zurück.«

»Hölle und Teufel! Sie schlägt wirklich!«

Annita hatte ihr einen Faustschlag in das Gesicht versetzt. Sie hielt die Fäuste zur ferneren Verteidigung geballt.

»Das sollst Du mir büßen!« schrie die Alte.

Sie sprang auf Annita zu, die Finger zu Krallen geformt; aber das tapfere Mädchen ließ sie gar nicht nahe kommen; sie fiel aus und schlug ihr die Faust zum zweiten Male in das Gesicht.

»Wieder, schon wieder!« zeterte die Megäre.

»Sennor, seht Ihr es denn nicht, daß sie mich schlägt? Was steht Ihr da! Helft mir!«

»Laßt sie, Alte! Menge Dich nicht in meine Angelegenheiten!«

»Sie hat mich aber geschlagen!«

»Sie wird ihre Strafe empfangen. Wenn ich sie angreife, wird sie es wohl nicht wagen, nur die Fäuste zu zeigen.«

Dabei wendete er sich gegen Annita.

»Nehmt Euch in Acht!« mahnte diese. »Ich schone auch Euch nicht!«

Sie zitterte vor Aufregung; aber in ihrem Tone lag eine Entschlossenheit, welche zeigte, das das muthige Mädchen zum äußersten Widerstande bereit sei. Juanito lachte abermals laut und höhnisch auf und antwortete:

»Dumme Katze! Ein Griff von mir genügt, und Du bist machtlos!«

»Versucht doch diesen Griff!«

»Pah! Ich habe keine Lust, mich mit Dir herum zu balgen. Du kriechst ganz von selbst zu Kreuze. Es muß Dir irgend Etwas den Kopf verdreht haben. Du trittst ja so zuversichtlich auf, als ob Du hier ganz sichere Hilfstruppen erwartetst.«

»Die habe ich auch!«

»Ach! Wen?«

»Die beiden Sennores, welche mit Euch gekommen sind.«

»Ach! Ist es das! Jetzt begreife ich! Aber da hast Du Dich sehr geirrt. Diese beiden Männer sind die besten Freunde von uns.«

»Ihr lügt!«

»Oho!«

»Vergiftet man etwa Freunde?«

Juanito machte eine Bewegung der Ueberraschung und antwortete rasch:

»Vergiften? Mädchen, was meinst Du?«

»Daß Ihr Beide einen Engländer vergiftet habt und nun heut auch diese beiden fremden Sennores vergiften wollt.«

»Donnerwetter! Jetzt geht wir ein Licht auf! Mädchen, Du hast uns belauscht!«

»Ja,« gestand sie muthig.

»Und diese Beiden gewarnt!«

»Ja.«

»Verdammte Bestie!«

»Sie werden mich retten. Sie werden meinen Hilferuf hören und herbei eilen!«

Juanito nickte, den Mund weit öffnend, langsam mit dem Kopfe und sagte:

»Daher also dieser Widerstand, daher? Nun ist mir Alles klar! Aber Du hast Dich sehr verrechnet. Diese sehr braven und sehr guten Sennores, von denen Du Rettung erwartest, haben trotz Deiner Warnung das Gift genossen. Ihre Leichen liegen eingeschlossen in dem Zimmer, in welchem sie ihre letzte Mahlzeit hielten.«

Annita erbleichte.

»Ihr lügt!« sagte sie.

»Soll ich Dir die Leichen etwa zeigen?«

»Macht doch nicht so unnöthige Rederei mit ihr!« fiel die Alte ein.

»Ja, Du hast Recht! Sie ist es nicht werth. Und damit sie erkennt, daß alle Hoffnung vergebens sei, will ich sie gleich jetzt unschädlich machen. Komm her, Mädchen! Ich will doch sehen, ob Du Dich auch gegen mich wehren wirst.«

Er trat auf sie zu.

»Zurück!« rief sie.

Ihre Augen funkelten und der Athem kam pfeifend aus ihrer Brust.

»Pah! Ich werde Dich sogleich haben.«

Er streckte die Arme nach ihr aus und faßte sie mit beiden Fäusten. Zu seiner großen Ueberraschung ließ sie dies ruhig geschehen. Er hatte ganz sicher auf einen allerdings vergeblichen Widerstand gerechnet; statt dessen aber stand sie bewegungslos da und starrte nach der Thür.

»Nun, so wehre Dich doch!« höhnte er.

Er achtete nicht auf die Richtung ihres Blickes. Die Alte war aufmerksamer. Sie drehte sich nach der Thür um und sah Steinbach unter derselben stehen.

»Himmel!« schrie sie entsetzt auf.

Juanito drehte sich auch jetzt noch nicht um. Er sagte zu Annita:

»Nun, wo bleibt Dein Schwur, Dich nicht übermannen zu lassen?«

Jetzt erhielt sie ihre Sprache wieder. Sie antwortete:

»Gott hat diesen Schwur gehört. Ich bin gerettet!«

»Du? Ich möchte wissen, wie?«

»Um das zu erfahren, brauchst Du Dich blos einmal umzudrehen,« sagte Steinbach.

Jetzt freilich wendete sich Juanito blitzschnell nach der Thür.

»Alle Donner! Was ist das!« rief er aus.

»Das ist Hilfe in der Noth; aber nicht für Dich, Du Schurke und zehnfacher Bösewicht.«

»Ihr seid nicht todt, nicht vergiftet?« fragte Annita.

»Nein, mein liebes Kind – – –«

»Aber sterben sollt Ihr doch!« brüllte Juanito.

Er stürzte sich auf Steinbach, um ihn bei der Gurgel zu fassen, hatte sich aber in seinem Gegner verrechnet, denn dieser sagte kaltblütig:

»Knabe, was fällt Dir ein! Soll ich Dich mit einer Hand zermalmen?«

Er empfing ihn mit einem so gewaltigen Fauststoße vor die Brust, daß Juanito hintenüber und zu Boden flog. Ehe er nur den Gedanken fassen konnte, sich aufzuraffen, knieete Steinbach bereits auf ihm und band ihm mit dem schnell herbei genommenen Lasso die Arme an den Leib.

Die Alte wollte sich diesen Augenblick zu Nutzen machen und entfliehen, aber unter der Thüre trat ihr Günther entgegen. Sie fuhr mit einem Schrei in die Stube zurück.

»Bleib da, schöne Sennora!« lachte Günther. »Ich hatte so große Sehnsucht nach Dir, daß ich nicht länger warten konnte. Ich bin zu Dir geeilt, um Dich zu umarmen und an mein Herz zu drücken.«

Auch er hatte sein Lasso in Bereitschaft gehalten und schlang es der Alten, die keine Miene machte, sich zu vertheidigen, so oft um den Leib, daß sie kein Glied zu rühren vermochte. Dann lehnte er sie lang in die Ecke.

Der Hieb Steinbachs hatte Juanito so kräftig und so an der richtigen Stelle getroffen, daß ihm der Athem ausgegangen war. Er schnappte förmlich nach Luft. Jetzt, nachdem er aber bereits gefesselt war, hatte seine Lunge sich wieder vollgesogen, so daß er zu reden vermochte. Er rief zornig:

»Was ist das? Ihr überfallt mich in meiner eigenen Wohnung! Wißt Ihr, was das bedeutet?«

»Ja, das bedeutet, daß es mit Dir zu Ende ist.«

»Wagt es nicht, Hand an mich zu legen!«

»Pah! Wie Du siehst und wohl auch fühlst, habe ich bereits Hand an Dich gelegt. Spiele ja nicht den Großen, den unrechtmäßiger Weise Verletzten, sonst lasse ich eine Verschärfung eintreten, mit welcher Du noch weniger einverstanden sein wirst!«

»Ich verlange, augenblicklich freigelassen zu werden.«

»Du kannst sehr gut pfeifen, wie ich höre. Hier ist meine Antwort.«

Er zog das Lasso so scharf an, daß der Gefangene vor Schmerzen laut aufschrie.

»So! Und wenn Du noch nicht zufrieden bist, kommt es noch besser!«

Annita knieete am Boden und hatte die Hände gefaltet.

»Gott, o Gott, wie danke ich Dir!« betete sie. »Nie in meinem Leben werde ich diesen Tag und diese Stunde vergessen. Du machst Deine Engel zu Winden und Deine Diener zu Feuerflammen. Diese beiden Männer sind Engel, welche Du mir in der höchsten Noth und Angst gesandt hast, mir und Allen, welche hier schmachten und durch sie befreit sein werden. Lob und Preis sei Dir in Ewigkeit!«

Das sagte sie mit solcher Inbrunst, daß Steinbach und Günther die Thränen in die Augen traten. Die Alte aber kicherte:

»Jetzt singt die Bachstelze. Aber der Stößer wird über sie und ihre Retter kommen, ehe sie es für möglich halten!«

Und Juanito knirrschte voller Grimm:

»Ja, bete nur, Dirne! Du glaubst, gerettet zu sein, aber Du bist es noch lange nicht. Es wird Einer kommen, der wenig Federlesens mit Euch machen wird!«

Diese beiden Auslassungen machten einen um so empörenderen Eindruck, als Annita's Gebet so vom Herzen gegangen war. Steinbach versetzte in tiefster Entrüstung dem Menschen einen Fußtritt und sagte:

»Kerl, Du bist schlimmer als das ärgste Viehzeug. Uns, die wir Dich von dem tollen Wolfe befreit haben, wolltest Du zum Danke dafür vergiften. Und hier hast Du – aber ich will mich nicht aufregen. Es ist schade um ein jedes Wort, welches man eines solchen schlechten Menschen halber verliert. Sennorita Annita, Ihr werdet die Güte haben, uns im Hause herum zu führen. Wir müssen zunächst recognosciren. Es ist nothwendig, die Räumlichkeiten kennen zu lernen, damit man weiß, was man gegebenen Falles zu thun hat.«

»Geht der andere Sennor auch mit?« fragte sie.

»Ja.«

»Aber da bleiben doch diese beiden gefährlichen Personen ganz allein und ohne Aufsicht!«

»Das können wir immerhin wagen. Sie sind so fest gebunden, daß sie unmöglich loskommen können. Ich will mir den Schlüssel nehmen.«

Er griff der Alten nach der Brust und zog den Schlüssel hervor, von welchem Annita gesagt hatte, daß er dort stets versteckt sei. Dann fragte er:

»Giebt es einen Hauptschlüssel?«

»Zwei,« antwortete Annita. »Den einen hat Sennor Roulin selbst, und den anderen trägt Juanito stets in der Hosentasche.«

»Wollen sehen, ob wir ihn finden.«

Er wurde gefunden, und nun begannen die Drei ihren Rundgang. Sie fanden Alles verschlossen, auch den Eingang des Gebäudes. Steinbach schob da noch extra den großen Riegel vor, damit er ja nicht etwa durch Roulin überrascht werden konnte. Die Vorsicht gebot dies, obgleich an die Ankunft Roulins nicht zu denken war.

In der Küche fanden sie neben anderen Vorräthen einen Sack voll dumpfigen Maismehles, in welchem Mehlwürmer und Käfer ihr Wesen trieben.

»Dieses Zeug, mit kaltem, stinkendem Wasser angerührt, bekommen die Bergarbeiter als einzige Nahrung,« erklärte Annita.

»Doch nicht mit den Maden!«

»Anders nicht. Die Alte nimmt sich nicht Zeit, das Ungeziefer zu entfernen. Einst sagte sie zu mir, daß die Mehlwürmer sehr gut für die Gefangenen seien, welche nach diesem Genusse besser zu ihrer Arbeit singen und pfeifen könnten.«

»Ah, warte! Sie selbst soll einmal pfeifen!«

In der Stube, welche Juanito bewohnte, fand man eine Peitsche, an deren Stiel zwölf geflochtene Riemen befestigt waren. Jeder dieser Riemen hatte an seinem Ende einen großen Knoten. Ein Hieb mit dieser Peitsche auf den bloßen Leib mußte augenblicklich das Fleisch aufreißen. In Wahrheit waren die Riemen rünstig von Menschenblut.

Sodann wurden verschiedene Fußeisen, Handschellen und Armketten gefunden. Die Letzteren waren so eingerichtet, daß, wenn sie angelegt worden waren, die Hände sich eng bei einander befanden. An jeder dieser Kette hing ein breitschneidiger Hammer und eine kleine, kurzstielige Schaufel. Mit Beiden konnte der Gefangene arbeiten, ohne die Hände aus einander zu bringen.

Steinbach betrachtete diese Werkzeuge und meinte:

»Es scheint, die Gefangenen sind sowohl an den Füßen wie auch an den Händen gefesselt. An einen Fluchtversuch oder gar an einen thätlichen Widerstand ist da freilich nicht zu denken. Sie sollen noch im Laufe dieser Nacht frei sein. Alle, Alle!«

»Gott im Himmel, welch ein Entzücken für sie!« sagte Annita.

»Leider ahnt mir, daß für viele von ihnen der Tod besser sein würde als die Freiheit. Gehen wir zu unseren Leuten zurück!«

Diese Zwei hatten, als Steinbach mit Günther und Annita ging, gewartet, bis die Schritte derselben nicht mehr zu hören waren. Dann sagte Juanito im Tone des größten Grimmes:

»Wie mögen diese Hunde frei geworden sein!«

»Wer weiß es!«

»Durch die Thür keinesfalls!«

»Nein. Uebrigens ist es mir sehr gleichgiltig, auf welche Weise sie losgekommen sind. Jetzt ist es für mich die Hauptsache, auf welche Weise ich die Fesseln los werde.«

»Bist Du scharf gefesselt?«

»Ich kann mich nicht regen. Und Du?«

»Mir schneiden die Riemen in's Fleisch. Ich kann nicht einen einzigen Finger bewegen.«

»Ich auch nicht. Wenn wir doch einander helfen könnten. Mit den Zähnen vielleicht.«

»Auch das geht nicht. Erstens liege ich am Boden, während Du an der Mauer lehnst, und zweitens sind diese Lassos vom festesten Leder geflochten. Zum Zerbeißen brauchte man da längere Zeit als wir zur Verfügung haben.«

»Aber wir müssen doch daran denken, uns zu befreien.«

»Das thue ich auch. Hoffentlich kehrt Roulin bald zurück.«

»Er kann nicht herein.«

»Er wird sich schon einen Weg bahnen. Ich denke übrigens, daß sie uns nicht lange Zeit in diesen strengen Fesseln lassen werden. Wenn sie die Riemen lockern, dann wird sich wohl eine Gelegenheit zum Entschlüpfen finden. Bis dahin aber wollen wir standhaft sein. Alte!«

»Na, ich lamentire nicht. Es fällt mir gar nicht ein, ihnen diese Freude zu machen.«

»Das meine ich nicht allein. Ich wollte vorzugsweise sagen, daß wir verschwiegen sein wollen.«

»Ich gestehe nichts.«

»Ich auch nicht, kein Wort. Wenn sie den geheimen Eingang entdecken und drüben die Arbeiter finden, so sind wir verloren.«

»Also schweigen wir lieber. Ich weiß von nichts. Sie mögen noch so viel gute Worte mir geben, ich sage ihnen keine Silbe.«

»Gute Worte? Hm, das werden sie wohl bleiben lassen. Eine verdammte Geschichte! Ich war vor Schreck auf einen Augenblick ganz weg, als ich diesen Kerl erblickte. Doch wir stecken nun in der Falle. Das Lamentiren hilft uns nicht heraus. Schweigen wir also lieber, und denken wir desto sorgsamer nach, wie wir uns befreien können. Der erste Schritt zur Freiheit ist unbedingt ein furchtloses Auftreten. Sie dürfen nicht denken, daß wir Angst vor ihnen haben. Wir müssen so thun, als ob wir uns in unserem Rechte befänden und als ob sie ein Verbrechen an uns begingen.«

»Das ist ja auch der Fall.«

»Pah, Alte! Wir Beide brauchen nicht schauzuspielen. Wir brauchen uns nichts weiß zu machen. Wir kennen uns und Das, was wir thun. Ich bin ein Hallunke, und Du bist die echte, richtige Höllenkröte. Wenn es noch keinen Teufel gäbe, so würdest Du die Großmutter desselben werden. Schweigen wir lieber!«

Bald kehrten die drei Anderen zurück. Steinbach hatte die Peitsche in der Hand.

»Jetzt wollen wir uns mit diesen beiden braven Leuten ein Wenig unterhalten,« sagte er. »Dazu aber ist es hier zu enge; gehen wir also nach dem famosen »Saale«, in welchem wir zuerst untergebracht worden sind.«

»So müssen wir den Beiden die Füße frei machen, damit sie gehen können,« meinte Günther.

»So wohl soll es ihnen nicht werden. Die Sache wird viel einfacher und praktischer besorgt.«

Er ergriff Juanito und warf ihn wie einen Sack sich über die Schulter. Günther nahm die Alte auf, und Annita griff nach dem Lichte. So begaben sie sich nach dem Saale, wo die beiden Gefesselten wieder auf den Boden gelegt wurden.

Juanito benutzte diese Gelegenheit zur Einsprache:

»Ihr schleppt uns herum, als ob wir Schafe oder Waarenballen wären. Ich verlange, daß man mir die Fesseln abnimmt.«

»Verlangst Du das?« lachte Steinbach. »Das ist sehr klug von Dir. Ich werde Dir gehorchen.«

Er bückte sich nieder, um das Lasso wirklich zu lösen. Dies machte Juanito bereits so übermüthig, daß er ungeduldig ausrief:

»Nicht so langsam! Sputet Euch!«

»Warte nur, warte! Geduld! Alles hat seine Zeit, auch diese Arbeit will gemacht sein.«

Juanito merkte bald, daß er sich getäuscht hatte. Er wurde nicht von den Banden befreit, sondern nur anders gefesselt, nämlich so, daß seine hintere Seite von dem Lasso nicht berührt wurde.

»Was soll das heißen!« zürnte er.

»Das wirst Du sehr bald zu Deinem größten Entzücken erfahren, mein Lieber.«

»Ich brauche keine Erfahrung. Ich verlange, befreit zu werden. Sennor Roulin kommt noch heute. Er wird mich rächen.«

»Es wäre mir sehr lieb, wenn er käme! Leider aber ist er noch abgehalten.«

»Was wißt Ihr von ihm?«

»Sehr viel. Er ist mit Sennorita Magda hinauf zum Silbersee. Dort hat er seine Absicht aber nicht erreicht; er hat fliehen müssen. Magda ist frei, und Roulin ist flüchtig. Er wird verfolgt, und ich bin den Verfolgern vorausgeeilt, um Eure liebe Bekanntschaft so schnell als möglich zu machen.«

»So wolltet Ihr gar nicht Quecksilber kaufen?«

»Nein. Ihr habt Euch da einen ganz gehörigen Bären aufbinden lassen.«

»Verdammt!«

»Ja. Eure Lage ist nicht die beste. Ich habe so eine Ahnung, daß man Euch bald ein neues Halstuch machen werde, und daß Ihr an irgend einem Orte sterben werdet, der sich mehrere Fuß hoch über dem Erdboden befindet.«

»Meint Ihr etwa, daß ich gehangen werden soll?«

»So ähnlich. Ihr und diese süße Donna hier.«

»Darüber lache ich!«

»Thut das in Gottes Namen!«

»Ich kann sehr ruhig sein. Wer will mich irgend eines Vergehens beschuldigen?«

»Ihr selbst.«

»Ich?«

»Ja. Ihr werdet mir Alles sagen, was Ihr auf dem Gewissen habt.«

»Das laßt Euch nicht träumen!«

»Nein, träumen lasse ich es mir allerdings nicht, da es in voller Wirklichkeit geschehen wird. Uebrigens kann auch ich als Euer Ankläger auftreten. Ihr habt uns vergiften wollen.«

»Lüge!«

»Wir werden das Fleisch untersuchen lassen.«

»Und vorher Gift daran thun, nicht? Damit die Schuld auf uns komme!«

»Mensch, Du bist wirklich ein ganz und gar höllischer Bösewicht. Von Dir kann selbst Satanas noch viel lernen. Aber ich will mich bei solchen psychologischen Betrachtungen nicht unnöthig aufhalten. Wir haben mehr zu thun. Ich werde mich nach Verschiedenem erkundigen, und Du wirst mir meine Fragen der Wahrheit gemäß beantworten.«

»Fällt mir nicht ein. Ihr seid mein Vorgesetzter nicht. Ich bin Euch keine Antwort schuldig. Uebrigens werde ich nicht eher wieder sprechen, als bis Ihr mich losgebunden habt.«

»Das hat noch Zeit. Wie lange bist Du bereits in Roulins Diensten?«

Er antwortete nicht, selbst dann noch nicht, als Steinbach seine Frage wiederholte.

»Nun,« sagte dieser Letztere, »so will ich mich an die Donna wenden. Damen pflegen höflicher zu sein. Also, Sennora, wie lange befindet sich dieser Mann im Geschäfte Eures Herrn?«

Auch sie antwortete nicht.

»Ah, Ihr wollt ein Wenig Komödie spielen! Ich bin einverstanden. Euer Debüt wird aber wohl kläglich genug ausfallen. Ich habe nämlich die Absicht, Euch die Zungen zu lösen.«

Und zu Annita gewendet, fuhr er fort:

»Verzeiht, Sennorita, wenn ich Euch einen höchst peinlichen Anblick nicht ersparen kann. Ich achte selbst in meinem Feinde den Menschen, und selbst der Verbrecher ist noch das Ebenbild Gottes, welches man nicht schänden soll. Diese beiden Kreaturen hier aber sind aller Menschlichkeit bar. Ich werde sie so behandeln müssen, wie ich noch nie einen Menschen behandelt habe. An dieser Peitsche klebt das Blut unschuldiger Menschen. Ich handle nur ganz gerecht, wenn ich sie als Mittel benutze, diesen Leuten den Mund zu öffnen.«

Das gab Juanito sofort die Sprache.

»Wollt Ihr etwa schlagen?« fragte er.

»Jawohl, und zwar ganz gehörig.«

»Das sollt Ihr nur wagen!«

»Ich werde es wagen. Für jede Antwort, welche Ihr mir schuldig bleibt, bekommt Ihr einen Hieb. Kommt her! Ihr sollt sofort sehen, daß es mir Ernst mit dem Spaße ist.«

Er drehte ihn um, so daß er auf den Bauch zu liegen kam und schnitt ihm mit dem Messer die Hose und die Jacke auf, so daß der nackte Rücken zum Vorschein kam.

»So! Und jetzt frage ich: Wie lange befindet Ihr Euch in Eurer gegenwärtigen Stellung?«

Keine Antwort.

Da sauste die Peitsche hernieder und ein entsetzlicher Schrei Juanito's machte die Stube erzittern. Von Steinbachs Riesenkraft geführt, hatten die Riemen sich sofort bis auf die Knochen in das Fleisch gewühlt. Der Getroffene biß sich auf die Lippe, um nicht abermals zu schreien, aber er holte pfeifend Athem. Selbst die Alte hatte mit ihm ausgebrüllt.

»Nun, Antwort!« sagte Steinbach.

Juanito biß die Zähne zusammen, antwortete aber nicht. Anstatt dessen aber brüllte er im nächsten Augenblicke wie ein angeschossener Stier und krümmte sich wie ein Wurm am Boden, so weit dies die Fesseln zuließen. Steinbach hatte ihm den zweiten Hieb gegeben.

»Zum dritten Male Antwort! Sonst bekommst Du drei Hiebe, anstatt nur einen!«

»Es – es – es sind – sind nun fünf Jahre,« erklang es mit vor Schmerz und Grimm bebender Stimme.

»Ihr schlagt ihn ja todt!« rief die Alte. »Aber laßt Euch lieber erschlagen, als daß Ihr eine Antwort gebt, Sennor Juanito!«

Ihre triefenden Augen leuchteten haßerfüllt zu Steinbach herüber. Dieser wendete sich sofort an sie und sagte:

»Wollen sehen, ob Du Deinen eigenen Rath auch selbst befolgen kannst! Verachtung dem Manne, der ein Weib schlägt. Du aber bist kein Weib, sondern eine Furie, und verdienst noch weniger Schonung, als Dein Spießgeselle. Wollen also einmal sehen, ob auch Du singen und pfeifen kannst, freilich ohne Mehlwürmer. Wie lange stehest Du in Deinem gegenwärtigen Dienst?«

»Haut mich tod, aber antworten werde ich nicht!« schrie sie.

»Also wie lange?«

Sie schwieg. Da sauste die Peitsche nieder. Ihr Rücken war nicht entblößt, wie derjenige Juanito's, und auch noch durch das ihn umwindende Lasso geschützt; aber dennoch schnellte sie trotz ihrer Banden sogleich ellenhoch empor und schrie:

»Feurio, Feurio! Hilfio, Hilfio! O wehe, o wehe! Es sind nun über sechs Jahre, zu Weihnacht werden es sieben! Hilfio! Zetrio! Mordio!«

»So ist es Recht!« mahnte Steinbach. »Antwortet nur, dann erhaltet Ihr keine Hiebe!«

»Hilfio, Hilfio!«

»Schreie nicht gar zu sehr, Alte, sonst komme ich wirklich zu Hilfe!«

»Gott strafe Euch! Gott verfluche Euch! Gott verdamme Euch, Ihr Mörder!«

Aber ein zweiter Hieb brachte sie zum Schweigen. Steinbach wendete sich nun wieder an Juanito mit der Frage:

»Habt Ihr einen gewissen Wilkins gekannt?«

»Nein.«

Die Schläge hatten gewirkt. Er antwortete, wenn er auch nicht die Wahrheit sagte.

»Oder einen gewissen Adler?«

»Nein.«

»Ihr lügt.«

»Ich kann nur sagen, was ich weiß.«

»Selbst Eure Mutter nannte diese Namen.«

»Das geht doch mich nichts an. Sie hat diese Namen gehört, ich aber nicht.«

»Kennt Ihr einen Sennor Hauser?«

»Nein.«

»Also auch seine Frau nicht?«

»Auch nicht.«

»Ich sehe, wenn ich Euch bei einer jeden Lüge einen Hieb geben wollte, so wäret Ihr in fünf Minuten todt. Ich will es also anders machen und mich kurz fassen. Wo ist die Quecksilbergrube?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wo befinden sich die Arbeiter?«

»Auch das weiß ich nicht.«

»Ihr seid doch der Bergmeister.«

»Das, wonach Ihr mich fragt, sind die Geheimnisse Sennor Roulins.«

»Ihr selbst habt Euch seinen Vertrauten genannt.«

»Der bin ich auch, nur in dieser Beziehung nicht.«

»Hm! Ich möchte auch gern Vertrauter sein, nämlich der Eurige. Ihr hüllt Euch aber in Schweigen. Um Euch nun Vertrauen zu mir zu machen, werde ich wieder zur Peitsche greifen. Ich will Euch nicht mit Fragen belästigen, das wird sich Alles von selbst beantworten. Nur das Eine verlange ich: Wo ist der Eingang zum Quecksilberbergwerke?«

»Ich weiß es nicht.«

Er mochte geglaubt haben, mit dieser Lüge wegzukommen; aber er erhielt sofort einen solchen Hieb über den Rücken, daß das Blut aufspritzte.

»Ich weiß es! Ich weiß es!« brüllte er.

»Nun, wo?«

»In der Cysterne.«

»Sind Schlüssel nothwendig?«

»Ja, mein Hauptschlüssel.«

»Schweigt doch, schweigt!« rief die Alte. »Dieser Fremde ist ein Mörder, ein Schinder, ein Unmensch, ein böser Geist und Antichrist.«

»Still, Alte!« sagte Steinbach, indem er mit der Peitsche ausholte.

Sofort brüllte sie, sich zusammenzuckend:

»Feurio, Feurio! Mordio! Brandio! Giftio! Hilfio! Rette-rette-rettio!«

»Jeder Augenblick, den wir die unschuldigen Opfer noch länger schmachten lassen, ist ein Verbrechen. Darum greife ich mit Ueberwindung zur Peitsche, um Das, was ich wissen muß, so schnell wie möglich zu erfahren. Sennorita Annita, fürchtet Ihr Euch vielleicht, wenn ich Euch mit dieser Alten eine Stunde lang allein lasse?«

»O nein, Sennor. Ihr seid ja in der Nähe.«

»Lockert ihr die Bande nicht. Antwortet ihr am Besten gar nicht. Für alle Fälle lasse ich Euch meinen Revolver hier. Unterdessen begeben wir uns nach dem Bergwerke, um die Elenden zu befreien. Ihr, Juanito, werdet uns führen. Glaubt aber ja nicht, durch irgend welche Hintergedanken Rettung zu finden! Ihr habt es mit Leuten zu thun, welche Euch überlegen sind. Komm, Günther!«

Nachdem er Annita noch mehrere Verhaltungsmaßregeln gegeben hatte, trug er Juanito nach dessen Stube, legte ihm die beschriebenen eisernen Hand- und Fußschellen an und befreite ihn erst dann, als dies geschehen war, von dem Lasso.

Es waren zwei Laternen vorhanden, welche mit Lichtern versehen wurden, um mitgenommen zu werden. Es wurden alle Vorbereitungen getroffen, welche zu dem Unternehmen erforderlich waren. Vor allen Dingen sah Steinbach darauf, daß Juanito durch die Fesseln vollständig unschädlich gemacht worden war. Dann wurde der schauerliche Gang angetreten.

Steinbach hatte die Absicht, sich sofort nach der Cysterne zu begeben; aber als sie an der Thür vorüber kamen, hinter welcher, wie er aus Annita's Mittheilungen entnommen hatte, Roulins Zimmer lagen, kam ihm ein Gedanke. Er ließ Langendorf mit Juanito warten und schloß mit dem Hauptschlüssel, welchen er dem Letzteren genommen hatte, auf.

Eine der mitgenommenen Laternen gab ihm das nöthige Licht. Er wollte nämlich sehen, ob er nicht ein Verzeichniß derjenigen Personen finden könne, welche er jetzt befreien wollte. Es war ja sehr leicht möglich, daß Juanito ihn nicht überall hinführte; es konnte in dem Innern des Berges Schächte, Fährten oder Gänge, überhaupt Räume geben, welche ohne Juanito's Führung nicht aufzufinden waren. Es ließ sich mit Gewißheit vermuthen, daß Roulin über sein Geschäft Buch führte, und da mußten wohl die Namen aller Derjenigen, welche Steinbach suchte, vorhanden sein.

In der einen Stube sagte die Einrichtung, daß sie als Wohn- und Schlafzimmer benutzt werde. Schreibereien schienen nicht vorhanden zu sein. Hieran aber stieß ein zweiter Raum, wo auf einem Tische verschiedene Bücher, Hefte und Scripturen lagen. Steinbach öffnete dieselben. Eines der Hefte führte den Titel: ›Arbeiter-Controle.‹ Dies war das Gesuchte. Es enthielt einen genauen Nachweis, wie viel eine jede Person täglich gearbeitet hatte. Natürlich standen die Namen dabei. Es waren weibliche und männliche. Die Ersteren lauteten: Rosa, Mercedes, Christina, Paulina, Augusta und Frau Hauser. Neben einigen andern männlichen Namen waren genannt: Adler, Wilkins, Hauser und ›der Indianer‹.

Steinbach freute sich, dieses Verzeichniß gefunden zu haben. Es gab ihm ja die Gewißheit, endlich die Beiden entdeckt zu haben, nach denen so lange Zeit und doch so vergeblich gesucht worden war, nämlich die beiden Erstgenannten, Adler und Wilkins.

Da bei jedem Namen die Beschäftigung angeführt war, so erhielt Steinbach auch über diesen Punkt die erforderliche Klarheit. Er kehrte also befriedigt zu Langendorf und Juanito zurück.

Jetzt begaben die Drei sich in den Hof und nach der Cysterne.

»Wie kommt man da hinab?« fragte Steinbach.

»Mit der Leiter dort,« antworte Juanito.

»Gut! Ich werde erst recognosciren. Du siehst, daß ich die Peitsche mitgenommen habe. Bei einem jeden Worte und bei einer jeden Bewegung, die mir nicht paßt, erhältst Du Deine Hiebe. Versuche es also ja nicht, mich über irgend Etwas zu täuschen oder gar uns in eine Falle zu locken. Günther, warte einstweilen mit ihm hier oben!«

Er nahm die Leiter und ließ sie hinab. Sie reichte vom Rande der Cysterne bis auf deren Grund hinab. Er stieg hinunter. Das Licht der Laterne genügte, ihm Alles zu zeigen.

Das Wasser glänzte ihm trübe und tückisch entgegen. Es hatte einen fauligen Geruch. Das war also das Getränk für die im Quecksilberbergwerke Gefangenen!

Die Cysterne war aus schweren Steinen aufgeführt und hatte einen ziemlich bedeutenden Durchmesser. In ihrer halben Höhe bemerkte Steinbach eine niedrige, schmale, mit starkem Eisenblech beschlagene Thür. Sie war durch ein Hängeschloß verschlossen, in dessen Loch der Hauptschlüssel paßte.

Steinbach schloß auf. Der Eingang war so groß, daß nur ein Mann in gebückter Haltung hinein konnte. Tiefe Dunkelheit gähnte ihm entgegen. Ein Geruch nach Moder und Fäulniß machte, daß er fast zurückwich. Natürlich aber drang er jetzt in den dunklen Stollen ein, einstweilen nur, um sich von dessen Beschaffenheit zu überzeugen.

Einige Schritte von der Thür an gerechnet, wurde der Gang höher, so daß man in aufrechter Haltung gehen konnte. Steinbach zählte über dreißig Schritte, dann gelangte er an eine zweite Thür, welche genau so wie die vorige beschaffen war. Nun erst kehrte er nach der Cysterne zurück.

»Kommt herab!« gebot er. »Juanito natürlich voran. Wenn er sich weigern sollte, wird die Peitsche ihn gutwillig machen.«

Der Gefangene leistete indeß keinen Widerstand. Die Schmerzen, welche er auf seinem Rücken empfand, sagten ihm, daß es für ihn am Gerathensten sei, Gehorsam zu zeigen. Freilich konnte er nicht in gewöhnlicher Weise herabsteigen. Die eisernen Schellen, welche er an den Füßen trug, erlaubten ihm nicht, von Sprosse zu Sprosse zu treten. Er mußte sich mit den gefesselten Händen anhalten, um beide Füße zu gleicher Zeit je auf die nächste Sprosse zu setzen. Günther folgte und half dann dem Gefesselten in den Gang hinein. Der Letztere konnte natürlich sich nur in ganz kurzen Schritten vorwärts bewegen. Er war leichenblaß und schwitzte vor Angst. Aber dennoch funkelten seine Augen heimtückisch, und um seine zusammengekniffenen Lippen hatte sich ein Zug wilder Entschlossenheit gelegt. Steinbach sah dies und beschloß, so vorsichtig wie möglich zu sein. Er voran und Günther hinterher. Beide mit je einer brennenden Laterne versehen, hatten sie den Gefangenen in der Mitte. Als sie dann an die zweite Thür gelangten, fragte Steinbach:

»Wohin kommen wir jetzt?«

»In die Vorrathskammer.«

»Giebt es vielleicht hier im Unterirdischen gefährliche Passagen, so daß das Leben bedroht ist?«

»Nein.«

»Ich hoffe, daß Du die Wahrheit sagst. Das Gegentheil würde Dir eine Züchtigung eintragen, welche Deiner Haut nicht sehr wohl bekommen dürfte.«

Er öffnete die Thür. Hinter derselben erweiterte sich der Stollen zu einer kleinen, niedrigen Kammer. Auf steinernen Unterlagen war da in Flaschen aus starkem Glase das gräulichweiße, flüssige Metall zu sehen. Zahlreiche mit Quecksilber gefüllte Thierblasen lagen da. Es war ein Vorrath im Werthe von vielen tausend Dollars.

Trotzdem konnte dies für jetzt das Interesse Steinbachs nicht erregen. Er suchte Menschen aber keine Reichthümer. Eine zweite Thür führte weiter. Auf seine Erkundigung hörte er von Juanito, daß man durch dieselbe in einen zweiten Vorrathsraum gelange. Dieser war bedeutend größer als der vorherige. In hölzernen Kästen und Fässern lag da der Zinnober aufgespeichert, theils in Rhomboedern mit abgestumpften Endspitzen, cochenillroth und ins Blaugraue fallend, theils in gepulvertem Zustande, durchscheinend und diamantartig glänzend.

In einer Ecke lagen allerlei Instrumente und Werkzeuge, wie sie in einem Schachte gebraucht werden.

Auch hier hielt Steinbach sich nicht auf. Zu der nächsten, ebenfalls verschlossenen Thür tretend, wollte er den Schlüssel in das Loch stecken; da sprang Juanito schnell zur Seite. Das fiel Steinbach natürlich auf. Er zog die Hand, in welcher er den Schlüssel hielt, zurück und erkundigte sich:

»Warum thust Du das?«

»Was?« fragte Juanito, eine möglichst unbefangene Miene zeigend.

»Du wichst ja zur Seite!«

»Zufällig!«

»So! Hm! Einen Grund hast Du nicht gehabt?«

»Nein.«

»Sinne nicht etwa auf eine Hinterlist. Sie würde Dir schlecht bekommen!«

»Welche Hinterlist sollte ich haben? Ich bin ja doch gefesselt und kann Euch nichts thun.«

»Werden sehen, ob Du die Wahrheit sagst.«

Er hielt die Laterne an die Thür, um dieselbe genauer zu betrachten. Sie war wie die vorigen Thüren mit starkem Eisenblech beschlagen und hatte in der Mitte zwei knopfähnliche eiserne Erhöhungen, deren Zweck eigentlich nicht einzusehen war.

»Sind das etwa Rosetten?« fragte Steinbach.

»Ich weiß nicht, was Ihr unter einer Rosette versteht.«

»So will ich Dich anders fragen: Lassen diese Knöpfe sich vielleicht bewegen?«

»Nein. Es sind Nägel.«

Aber Steinbach war nun einmal mißtrauisch geworden. Er untersuchte die Knöpfe. Er schob nach allen Richtungen; er versuchte auch, sie zu drehen, aber vergebens. Sie ließen sich nicht bewegen.

Auch Langendorf trat hinzu und machte einen Versuch, mit demselben Mißerfolge. Dennoch meinte er:

»Diese Rosetten kommen mir verdächtig vor. Sollte es hier eine geheimnißvolle Vorrichtung geben, etwa ein Vexirschloß oder dem Aehnliches?«

»Wozu Vexirschloß, da doch ein genügend festes Schloß vorhanden ist und sicher kein Dieb hier zu erwarten ist. Ich habe da eine ganz andere Vermuthung. Ich habe feuerfeste Geldschränke kennen gelernt, welche eine Vorrichtung hatten, um Einbrecher abzuhalten. Das Schloß derselben enthielt Selbstschüsse und wird durch ähnliche Rosetten, wie wir hier sehen, gestellt. Giebt es etwa hier auch Selbstschüsse?«

Diese Frage war an Juanito gerichtet.

»Nein,« antwortete er. »Wozu auch? Es kommt ja kein Fremder und am Allerwenigsten ein Einbrecher hier herab.«

»Und dennoch sprangst Du trotz Deiner Fesseln zur Seite? Mich sollst Du nicht überlisten.«

Er ging in die Ecke, wo er bei den Werkzeugen ein Bund ziemlich starken Drahtes erblickte. Er brach ein langes Stück davon ab und bog das Ende desselben mit einer vorhandenen Zange in der Weise um, daß es einen rechten Winkel bildete. Dann forderte er Langendorf, sich mit ihm neben der Thür eng an die Mauer zu lehnen. Nun streckte er den Draht nach der Thür aus und brachte das umgebogene Ende desselben an das Schlüsselloch. Er steckte es hinein und – – in demselben Augenblicke zuckten Blitze auf, Krach auf Krach erscholl; es waren fünf oder sechs Schüsse gefallen. Der Raum war mit Pulverdampf erfüllt.

»Also doch! Verdammter Kerl!« schrie Günther.

»Das galt uns!« sagte Steinbach in gelassenem Tone. »Er sprang zur Seite; ich stand an der Thür und Du hinter mir. Hätte ich den Schlüssel in das Loch gesteckt, so wären wir Beide von den Kugeln durchbohrt worden. Sieh, dort sind sie in die Mauer geschlagen! Hier haben sich die beiden Rosetten seitwärts bewegt; es sind also zwei runde Oeffnungen entstanden, durch welche die Schüsse fielen, grad in Brusthöhe. Ohne meinen Argwohn und meine Vorsicht wären wir jetzt todt.«

»Und dieser Hallunke hätte sich befreien können. Warte, Bursch! Ein Draufgeld für Späteres sollst Du sogleich erhalten!«

Langendorf nahm Steinbach die Peitsche aus der Hand und hieb Juanito über den Rücken herüber.

»Gnade, Gnade! Erbarmen!« schrie der Gezüchtigte.

»Hund! Du verlangst Erbarmen! Und uns trachtest Du nach dem Leben! Wer Dir nur eine Spur von Mitleid zeigte, würde die größte Sünde begehen.«

Er hieb fort auf den Bösewicht ein. Steinbach nahm ihm die Peitsche aus der Hand und sagte:

»Genug jetzt! Er hat mehr verdient als diese Schläge; auch soll er seine Strafe erhalten; jetzt aber wollen wir mit seiner Züchtigung nicht die kostbare Zeit versäumen. Hier, Schurke, nimm den Schlüssel, und schließe auf. Die Gefahr ist wohl vorüber, aber dennoch könnte noch eine zweite Ladung vorhanden sein.«

Juanito erhielt den Schlüssel und schloß auf. An der andern Seite der Thür war ein eisernes Kästchen angebracht, welches jedenfalls den Mechanismus enthielt, mittelst dessen die Schüsse losgingen, falls ein mit dem Apparate Unbekannter das Schloß öffnen wollte.

Nun gab es abermals einen ziemlich langen Gang, welcher an einer Thür endete. Auch diese mußte Juanito selbst öffnen; dann befanden sie sich in einem ziemlich kreisrunden, gemauerten Räume, aus welchem mehrere Löcher nach verschiedenen Richtungen führten.

»Was ist das hier?« fragte Steinbach.

»Die Kammer, aus welcher sich die Gänge verzweigen,« antwortete Juanito stöhnend.

Die Löcher befanden sich am Boden. Sie waren so groß, daß grad ein Mann hineinkriechen konnte. Neben einem jeden stand ein Faß. Diese Fässer enthielten Zinnober, eins mehr, das andere weniger.

Steinbach bückte sich nieder und blickte in eins dieser Löcher. Er sah weit, weit hinten einen blassen, verschwimmenden Lichtschimmer.

»Wer arbeitet da drin?« fragte er den Gefangenen.

»Mercedes.«

»Also ein Mädchen. Wie alt ist sie?«

»Vierundzwanzig Jahre.«

»Wie lange befindet sie sich schon hier?«

»Zwei Jahre.«

»Ohne an die freie Luft gekommen zu sein?«

»Sennor Roulin erlaubt das nicht!«

»Fürchterlich! Zwei Jahre lang in diesem Loche zu stecken, ohne Luft, ohne Sonne, ohne den Unterschied zwischen Tag und Nacht zu kennen! Das ist das Fegefeuer; das ist die Hölle!«

Er wäre in das Loch gekrochen, wenn er nicht lieber auf seinen Anzug Rücksicht genommen hätte. Er glaubte, das beklagenswerthe Mädchen mit seiner Stimme erreichen zu können. Darum rief er mit möglichst lauter Stimme ihren Namen in die niedrige Oeffnung hinein. Als er nun horchte, hörte er einen dumpfen Laut als Antwort.

»Kommt heraus!«

In gebückter Stellung blickte er in das Loch hinein, um zu sehen, ob diese Aufforderung verstanden worden sei. Er bemerkte, daß der Lichtschein sich jetzt näher bewegte.

»Sie kommt,« sagte er, sich erhebend.

Ja, sie kam, aber langsam, erst nach einiger Zeit und in verkehrter Stellung, mit den Beinen zuerst, da sie in dem engen Orte sich nicht hatte umdrehen können. Als sie sich dann müd aufrichtete, bot sich den beiden Männern ein Anblick, welcher ihnen die Thränen in die Augen trieb.

Das Mädchen war nackt, nur mit einem ledernen Schurze bekleidet. Ihre Glieder waren zum Entsetzen abgemagert. Das Gesicht machte den Eindruck eines Todtenkopfes, aus dessen Höhlen die Augen glanzlos blickten. Der ganze Körper war mit Geschwüren und Eiterungen bedeckt.

Sie starrte die Drei an und flüsterte dabei:

»Habt Erbarmen! Ich kann nicht dafür!«

»Wofür?« fragte Steinbach mit stockender Stimme, da ihm die schlechte Luft den Athem versetzte.

»Ich habe mein Maaß nicht voll. Ich bin zu matt. Ich kann vor Durst nicht mehr.«

»Mein Gott, mein Gott! Zwei Jahre sind im Stande, aus einem Menschen so ein Bild zu machen!«

»Zwei Jahre? Ich bin länger hier, viel, viel länger.«

»Nein. Ihr irrt Euch.«

»Ich irre mich nicht. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, als man mich band und hier herunterschleppte. Ich habe keine Sonne gesehen; ich habe nicht gewußt, wenn und ob ein Tag vorüber sei, aber dreißig Jahre bin ich wenigstens alt; acht Jahre habe ich wenigstens in dieser Höhle gesteckt. Gott, mein Gott! Laßt mich frei! Ich will Euch ja nicht verrathen! Ich werde keinem Menschen ein Wort sagen!«

»Euer Wunsch ist erfüllt, Sennorita. Ihr seid von diesem Augenblicke an frei.«

Sie stierte ihn an, als ob sie etwas ganz und gar Unbegreifliches gehört habe.

»Frei?« sagte sie. »Sennor, treibt keinen Scherz mit einer Elenden!«

»Es ist mein Ernst.«

»Ich glaube es Euch nicht. Hier herab kommen nur Teufel und Satane. Ihr lügt!«

»Seht Euch diesen Mann an! Kennt Ihr ihn?«

»Unser Peiniger!« sagte sie, auf Juanito blickend.

»Nun, Ihr bemerkt doch, daß er gefesselt ist! Er ist unser Gefangener. Wir sind gekommen, um Alle zu befreien, welche sich hier befinden.«

»Ihr – Alle – – frei – frrr – – –!«

Sie konnte nicht weiter sprechen. Sie fuhr sich mit den zusammengefesselten Händen nach dem Herzen, holte tief, tief Athem und glitt dann auf den Boden nieder. Sie war ohnmächtig geworden.

»Sie stirbt. Die Freude tödtet sie!« rief Günther.

»Nein. Was sie fühlte, war keine Freude. Sie hat in ihrem Zustande den Gedanken, frei zu sein, gar nicht richtig ausdenken können. Es ist mehr die Erschöpfung als die Freude schuld.«

Er kniete zu ihr nieder und zog eine Flasche aus der Tasche, welche er vorhin in der Küche zu sich gesteckt hatte. Als die kühlenden Tropfen zwischen die Lippen drangen, öffnete die Ohnmächtige die Augen und sog das erquickende Naß mit Begierde ein.

»Habt Dank!« flüsterte sie.

»Trinkt, trinkt! Ihr dürft nicht wieder bewußtlos werden. Ich brauche Euch.«

»Wozu?« fragte sie matt.

»Ihr sollt die Andern aus den Löchern holen. Wir können nicht hinein.«

»Die Andern?«

Sie sah mit irrem Blicke von Steinbach zu Günther hinüber. Doch gewann dieser Blick bald einen andern Ausdruck. Es kam Leben in das Auge.

»Die Andern soll ich holen?« fragte sie.

»Ja. Könnt Ihr zu ihnen?«

»So ist es wahr, was Ihr sagtet? Ich soll frei sein?«

»Ja, Ihr und auch alle Andern.«

Da richtete sie sich in sitzende Stellung auf, legte die gefesselten Hände an ihr Gesicht und begann laut und herzbrechend zu schluchzen.

Steinbach störte sie nicht; er weinte mit. Auch Langendorf trocknete sich die Augen. Sein Blick fiel auf Juanito, welcher an der Wand lehnte und regungslos vor sich niederblickte. Es war ihm keine Rührung anzusehen. Dieser Mensch war gefühl- und gottlos im allerhöchsten Grade.

Nach mehreren Minuten nahm Mercedes die Hände wieder vom Gesicht weg, richtete die Augen mit unbeschreiblichem Ausdrucke auf Steinbach und sagte:

»Sennores, Ihr kommt als Engel zu uns! Für den jetzigen Augenblick wird Euch Gott Alles, Alles vergeben, selbst wenn Ihr tausende der ärgsten Sünden begangen hättet. Wie aber kommt es, daß Roulin einverstanden ist?«

»Er weiß nichts. Wir befreien Euch in seiner Abwesenheit.«

»Das kann ich mir denken. Desto größer aber ist der Dank, welchen ich Euch schulde. Dieser Roulin ist viel schlimmer als der Satan. Wie konnte ich doch seinen Worten glauben!«

»Er hat Euch betrogen?«

»Mich wie alle Andern. Er miethete mich in San Franzisko. Dann, als ich ihm hierher gefolgt war, sprach er von Liebe; ich sollte seine Frau werden. Ich zweifelte nicht an der Wahrheit seiner Worte; die Folge seht Ihr ja. Könnt Ihr Euch denken, was wir hier dulden? Könnt Ihr Euch ausmalen, was wir zu leiden haben? Reue, Haß, Verzweiflung fressen in unserm Hirn; das Quecksilber wüthet in unsern Leibern; wir verfaulen lebendig. Und warum? Was haben wir verschuldet? Der Hunger frißt an unserm Leben, und der Durst dörrt unser Blut. Wenn wir zu schwach sind, unser Pensum fertig zu bringen, wird unsere Haut von der Peitsche zerfetzt! Ich habe zu Gott gebetet; es half nichts. Ich habe geflucht und gelästert; es half auch nichts. Dann bin ich still geworden, still, aber nicht etwa aus Ergebung, sondern weil ich nicht die Kraft mehr hatte, zu beten oder zu fluchen. Hätten diese Menschen uns getödtet, schnell, mit einer Kugel, mit einem mitleidigen Messerstiche, so wären wir todt gewesen, und unsere Seelen hätten bei Gott für unsere Mörder um Mitleid gefleht, denn wir hätten sie doch noch zu den menschlichen Wesen rechnen können. So aber werden wir langsam zu Tode gemartert. Jeder einzelne Augenblick wird uns zu einem endlosen Todestage. Wir wissen und fühlen, daß wir sterben; wir ersehnen den Tod; er streckt seine Hand immer, immer nach uns aus; aber wenn wir glauben, daß er uns ergreifen und endlich Erlösung bringen werde, weicht er wieder zurück und zeigt uns in fürchterlicher Entfernung seine hohnlächelnde Fratze. Seht hier diese Kästen. Neben jedem Loche steht einer. Sobald dieser Mensch hier, welcher sich Juanito nennt, der aber Beelzebub heißen sollte, zu uns in den Schacht kommt, muß eine Jede ihren Kasten gefüllt haben, sonst erhält sie die Peitsche anstatt des Wassers, welches unsern ausgetrockneten Mund erfrischen, unsere fiebernden Glieder kühlen sollte. Ich bin – oh – oh, mein Gott!«

Sie wurde von einem außerordentlich heftigen und beängstigenden Hustenanfalle unterbrochen.

Steinbach war zu ihr niedergekniet und hatte ihren Kopf, um welchen die langen Haare wirr und verfitzt hingen, in seinen Arm genommen. Jetzt blickte sie ihn matt und lächelnd an und flüsterte:

»Mir ist jetzt leicht. O Gott, so wohl wie jetzt ist es mir lange, lange nicht gewesen.«

»Ihr werdet nicht nur frei sein sondern auch wieder gesund werden, Sennorita!«

»Wenn das möglich wäre!«

»Es ist möglich. Das Gift wird aus Euerm Körper weichen müssen.«

»Es giebt kein Mittel gegen dasselbe.«

»O doch. Der Arzt wird Euch Jodkali geben. Ihr dürft an Eure sichere Rettung glauben.«

»Wenn ich das dürfte! Meine Eltern, meine Eltern!«

»Ihr habt die Eltern noch?«

»Ja. Ich bin ihr einziges Kind. Sie wissen nicht, wo ich bin. Sie werden mich zu den Todten zählen. Könnte ich sie wiedersehen, ihnen die Hände drücken, Gott, wie gern wollte ich dann sterben! Und dann – – aber, sagtet Ihr nicht, daß ich die Andern holen solle? Ich vergesse sie und denke nur an mich!«

»Wie viele befinden sich hier?«

»Wir sind hier vier; aber hinter jener Thür sind noch Andere, wie wir vermuthen. Gesehen haben wir sie nicht.«

»So holt diese Drei! Vorher aber will ich Euch Eure Fesseln abnehmen!«

Er hatte den dazu nöthigen Schlüssel bei sich. Er hatte ihn in Juanito's Stube gefunden, als er diesem die eigenen Fesseln anlegte. Er schloß auf und nahm dem armen Mädchen die Hand- und Fußschellen ab.

Sie verschwand in dem nächsten Loche, um dann auch noch in zwei andere zu kriechen. Bald kamen ihre drei Leidensgefährtinnen zum Vorscheine. Auch sie trugen nichts als nur den Lederschurz. Die Kleidungsstücke, welche sie noch besessen hatten, waren ihnen ja vom Leibe gefault. Sie boten einen wo möglich noch gräßlicheren Anblick als Mercedes. Sie befanden sich noch länger als diese an diesem schauervollen Orte.

Der Eindruck, den die Botschaft, daß sie frei seien, auf sie machte, läßt sich gar nicht beschreiben. Steinbach mußte Alles aufbieten, sie zum Schweigen zu bringen. Es hätte ja der Zeit von Wochen bedurft, um anzuhören, was sie alles erduldet hatten. Er aber hatte nicht einmal Stunden zu verschenken.

Nachdem er sie von ihren Fesseln befreit hatte, wies er sie an, hier auf ihn zu warten, und öffnete die nächste Thür. Ein Gang führte nach einer andern Thür; aber bevor man diese erreichte, gab es rechts und links je ein Loch, ganz ähnlich denen, aus welchen die vier bereits Geretteten geholt worden waren. In diesen beiden Orten arbeiteten noch zwei weibliche Wesen, ein Mädchen, Namens Christina, und eine Frau – – Frau Hauser.

*

62

Als diese Letztere sich vor Steinbach aufrichtete, war sein Auge mit außerordentlicher Spannung auf sie gerichtet.

Sie war bekleidet; aber der Moder begann auch bereits, ihren Anzug zu zerfressen. Geschwüre waren bei ihr noch nicht zu bemerken; aber das größte körperliche und seelische Elend sprach aus ihren eingefallenen Zügen.

Diese Frau mußte einst von großer Schönheit gewesen sein. Sie mochte fünfzig Jahre zählen; aber weder dieses Alter noch die Erfahrungen der letzten Zeit hatten vermocht, die Spuren einstiger körperlicher Vorzüge zu zerstören. Aus einem herrlichen, blauen Auge blickte sie Steinbach fragend und zögernd an, als dann ihr Blick zu Juanito hinüberschweifte, rief sie aus:

»Gefesselt? Er? Was bedeutet das?«

»Daß ihn seine Strafe ereilt, Sennora. Seine und Roulins Verbrechen sind entdeckt worden. Ihr seid frei.«

Ein lauter Jubelruf erscholl aus ihrem Munde.

»Herr, mein Gott, ich danke Dir! Du hast mein inbrünstiges Gebet erhört! O, nun werde ich sie doch wiedersehen, meine Magda, mein Kind, mein einziges Kind. Sennor, sagt mir schnell, schnell: Habt Ihr sie gesehen?«

»Ja.«

»Wie befindet sie sich?«

»Sie ist wohlauf. Ihr braucht keine Sorge zu haben.«

»Ich danke Euch; ich danke Euch, sehr, sehr! Hat dieser Roulin –«

Sie stockte. Eine tiefe Röthe flog über ihr Gesicht, wich aber sofort wieder und machte dem Ausdrucke deutlichster Angst Platz.

»Sennor, wißt Ihr, weshalb man mich hier unten eingesperrt hat?«

»Nein; aber ich kann es mir denken.«

»Nein; Ihr könnt es Euch nicht denken; es ist zu schrecklich und zu gottlos. Roulin verlangte die Liebe meiner Tochter; Magda versagte sie ihm, und da sperrte er mich ein, jedenfalls damit sie, um mich zu retten, seine Werbung erhören möge. Gott, welche Angst habe ich ausgestanden! Ihr sagt, daß sie sich wohl befinde! Aber – – Roulin! Er ist so gewalttätig, und Ihr könnt ja nicht wissen, was geschehen ist. Sie befindet sich ganz allein und schutzlos in seinen Händen, in seiner Gewalt.«

»Und ich wiederhole Euch, daß Ihr Euch gar nicht um sie zu ängstigen braucht, Sennora.«

»So führt mich zu ihr! Bitte, bitte.«

»Das ist für jetzt unmöglich. Sie befindet sich gegenwärtig nicht im Thale des Todes.«

»Wo sonst? Wo dann?«

»Sie ist auf einer Reise begriffen. Doch davon später. Es möge Euch für jetzt genügen, daß Roulin keine Macht über sie haben wird.«

»Gott sei Dank! Und nun – ach, ihn vergesse ich ganz, den guten, treuen Hauser« – – und sich verbessernd, fügte sie hinzu: »Meinen Mann meine ich nämlich. Wo befindet er sich?«

»Auch hier unten.«

»Auch! Also auch ihn hat man von ihr entfernt. Sie hat ganz hilflos und verlassen sein sollen. Sennor, rettet, rettet auch ihn!«

»Das versteht sich ja ganz von selbst. Zunächst aber will ich für die Damen sorgen. Die Männer welche sich hier unter der Erde befinden, können noch einige Minuten warten. Die Frauen aber sollen keinen Augenblick länger, als unbedingt nöthig ist, hier unten bleiben. Ich werde sie hinauf geleiten.«

»Und Juanito hier?« fragte Langendorf.

»Du wartest mit ihm hier, bis ich zurückkehre.«

Die vier Mädchen, welche zuerst befreit worden waren, hatten es sich doch nicht versagen können, Steinbach und Langendorf heimlich durch den Gang zu folgen. Sie konnten das leicht, da ja die Thür offen geblieben war. Sie kamen jetzt herbei, und nun sollte ein ergreifender Gedankenaustausch beginnen; Steinbach aber ließ es nicht dazu kommen. Er forderte sie alle auf, ihm zu folgen. Und da fiel es dann Keiner ein, ihn um Aufschub zu ersuchen. Eine Jede sehnte sich von ganzem Herzen nach der so lange entbehrten Freiheit.

Er führte sie bis vor an die Cysterne und ließ Eine nach der Andern die Leiter emporsteigen. Er folgte nach. Als er aus der Cysterne stieg, saßen Mehrere ganz ermattet auf der Erde. Ihre Lungen waren die frische Luft nicht mehr gewöhnt.

Er ließ ihnen einige Zeit und führte sie dann in das Haus und zwar in das Zimmer, in welchem Annita sich mit der Alten befand.

Diese Letztere stieß einen lauten Fluch aus, als sie die Geretteten erblickte, doch hatte Steinbach keine Zeit, dies zu beachten oder sich überhaupt viel um sie zu bekümmern. Er bat Annita, möglichst für Kleidungsstücke für die Andern zu sorgen, aber in der Aufmerksamkeit auf die Alte nicht nachzulassen; dann kehrte er in den Schacht zurück.

Als er wieder bei Langendorf und Juanito eintraf, sah er es den Beiden an, daß es während seiner Abwesenheit wohl eine Scene gegeben habe. Günther hatte wohl seinen Gefühlen Luft gemacht und zwar vielleicht nicht nur in Worten.

Juanito erhielt den Schlüssel abermals und mußte die nächste Thür öffnen. Als sie dieselbe hinter sich hatten, befanden sie sich in einem größeren Raume, aus welchem eine Fahrt senkrecht in die Höhe führte. Diese Fahrt aber war nicht etwa aus Holz, sondern aus Eisen gefertigt. Zu ihrer Seite führte eine starke Eisenstange empor, und an dieser Stange war mittelst einer Kette eine männliche Gestallt befestigt, welche jetzt an der Erde lag. An der Fahrt brannte eine Lampe …

Beim Scheine derselben sahen Steinbach und Günther, daß die Gestalt nur mit einigen Fetzen bekleidet war, kaum vermögend, die Blöße zu bedecken. Sie hob, als die Drei eintraten, langsam den Kopf empor, ließ ihn aber sofort wieder sinken.

»Wer ist dieser Mann?« fragte Steinbach.

»Ein Indianer,« antwortete Juanito gezwungener Maßen.

»Von welchem Stamme?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es! Antworte!«

Er holte mit der Peitsche aus, und nun wußte der Gefangene sofort Bescheid:

»Ein Apache.«

»Wie ist er in Eure Gewalt gekommen?«

»Roulin brachte ihn mit. Wie er ihn getroffen hat, das weiß ich nicht.«

»Wie lange Zeit befindet er sich bereits hier?«

»Gegen drei Jahre.«

»Warum redet er nicht?«

»Jedenfalls weil er nicht will. Er ist nämlich ein höchst störriger, renitenter Kerl!«

»Mensch, wer soll bei Euch nicht störrisch sein!«

Er trat zu dem Indianer und redete ihn in seiner Sprache an. Der Mann erhob langsam den Kopf, ließ ihn jedoch sofort wieder sinken und antwortete nicht.

»Kannst Du nicht sprechen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Warum nicht?«

Er deutete mit der Hand nach dem Munde und machte die Bewegung des Trinkens.

Steinbach hatte, als er jetzt oben gewesen war, sich noch eine Flasche aus der Küche geholt. Jetzt ließ er den Indianer trinken. Dieser schien bereits nicht mehr schlingen zu können; es dauerte einige Zeit, ehe er es vermochte; dann aber trank er auf einmal die ganze Flasche leer, konnte aber noch immer nicht sprechen, sondern nur stöhnen.

»Mensch,« wendete Steinbach sich an Juanito. »Du hast diesen Mann wohl verdursten lassen wollen!«

»Er ist selbst schuld.«

»Warum?«

»Er arbeitete nicht; er war faul.«

»Und da gabt Ihr ihm kein Wasser?«

»Roulin hat es befohlen. Prügel halfen nichts.«

»Einen Indianer prügeln! Bist Du toll! Seit wann hat er nicht getrunken?«

»Seit sechs Tagen.«

»Herrgott im Himmel! Und bereits vorher erschöpft! Drei Jahre gefangen gewesen! Es giebt keine Strafe auf Erden, welche, selbst hundertfach angewendet, nicht hart genug für Euch sein könnte. Welche Arbeit hat dieser Indsman zu thun?«

»Er ist der Fördermann. Er hat den Zinnober von hier empor zu tragen und das fertige Quecksilber herab zu schaffen.«

»So befinden sich da oben wohl die Destillirapparate?«

»Ja.«

»Da, wo der Vogel sein sollte, welcher aber doch ein Mensch war?«

»Ihr hattet richtig gesehen.«

»Und wer arbeitet da oben?«

»Lauter Männer.«

»Wer befindet sich noch hier unten?«

»Keiner.«

»Wahrscheinlich belügst Du uns da; aber die Strafe wird folgen.«

»Ich sage die Wahrheit. Mir ist nun Alles gleich. Etwa Roulins wegen lasse ich mich nicht wieder schlagen.«

»Das ist sehr klug von Dir. Roulins Herrschaft ist hier doch zu Ende. Also geschlagen hast Du den Indianer. Siehe Dich vor! Wenn er wieder zu sich kommt, so bist Du verloren.«

»Ihr werdet mich schützen!«

»Das ist ein sonderbares Verlangen. Du trachtest uns wiederholt nach dem Leben und meinst doch daß wir Dich aus Dankbarkeit dafür vertheidigen sollen. Entweder bist Du maaßlos unverschämt oder aber geradezu verrückt. Sieh her, wie raffinirt Ihr den Armen gefesselt habt.«

Der Apache war nämlich nicht im Stande, ausgestreckt am Boden zu liegen; er lag vielmehr krumm, wie ein Hund zu liegen pflegt, und das hatte einen zwingenden Grund. Da er zum Auf- und Niedertragen von Lasten verwendet wurde und doch Fesseln tragen müßte, auch der Möglichkeit beraubt sein sollte, sich von der Fahrtleiter zu entfernen, so hatte man eben neben der Fahrt die erwähnte Eisenstange angebracht, welche von unten emporführte. An dieser staken zwei Ringe; an dem einen derselben waren die Hände und an dem andern die Füße des Apachen mittelst Ketten befestigt. So konnte er mit einer Last auf- und absteigen und doch gefesselt bleiben, denn die Ringe liefen ja neben der Leiter an der Eisenstange mit empor. Wollte er sich aber zur Ruhe legen, so waren die Ketten zu kurz, und er mußte rund liegen wie ein Hund, so daß Hände und Füße einander an der Stange berührten.

»Das hat Roulin sich erdacht,« entschuldigte sich Juanito.

»Und Du bist sein Henkersknecht. Du hast den Apachen geschlagen; diese Beleidigung kann nur Dein Tod sühnen, wenn nicht etwas noch Schlimmeres geschieht. Jetzt mag er sich vollends erholen. Wir steigen indeß einmal nach oben.«

Da richtete sich der Indianer auf. Er warf einen unendlich dankbaren Blick auf Steinbach und sagte:

»Nimm mein Leben. Du bist mein Retter!?«

Die Stimme klang pfeifend und heiser. Steinbach öffnete mit Hilfe des Schlüssels die beiden Schlösser, die ihn an die Kette befestigten. Der Apache war frei. Er dehnte und reckte und streckte sich. Seine Augen begannen zu funkeln. Sie richteten sich auf Juanito, und dann – wie war es doch möglich, daß es so schnell geschah – der Apache riß mit einer blitzschnellen Bewegung Langendorf das Messer aus den Gürtel, warf sich auf Juanito, riß ihn zur Erde, faßte mit der Linken dessen Haar, trat ihm mit einem Fuße auf die Brust – dick kurze, rasche Schnitte, ein Ruck am Haare, ein entsetzlicher Schrei Juanito's – der Apache sprang von seinem Feinde auf, stieß ein triumphirendes Geheul aus und schwang die abgerissene Kopfhaut in der Linken – Juanito war scalpirt, bei lebendigem Leibe scalpirt.

Steinbach hatte an der Fahrt emporgeblickt. Er war ja bereit gewesen, hinauf zu steigen. Darum war er auf das sich mit so rapider Schnelligkeit abspielende Ereigniß erst aufmerksam geworden, als der Apache bereits auf Juanito kniete und ihm mit dem Messer rund um das Haar die Schnitte machte. Das Uebrige geschah so schnell, daß, trotzdem Steinbach sofort zusprang, er den Apachen doch erst packte, als dieser bereits die Kopfhaut in der Hand hatte.

Juanito brüllte natürlich wie ein Rasender. Er lag am Boden und peitschte denselben mit Händen und Füßen. Sein Geschrei hatte nichts Menschenähnliches.

»Was hast Du gethan!« sagte Steinbach zum Apachen.

»Rache!« antwortete dieser kurz.

»Das war jetzt nicht an der Zeit!«

»Die Marter war auch nicht an der Zeit.«

»Lieber solltest Du ihn tödten!«

»Tödten? Mein weißer Bruder weiß nicht, was ich erduldet habe. Andere haben noch mehr erlitten. Ein schneller Tod ist keine Strafe dafür. Ich habe ihm den Scalp genommen. Er mag heulen, bis ihm eine andere Kopfhaut wächst. Ich werde hier bei ihm wachen, wenn mein Bruder emporsteigen will.«

»Gut! Aber quäle ihn nicht!«

Er stieg mit Günther an der Fahrt empor. Sie hatten noch nicht viele Sprossen zurückgelegt, so hörten sie den Apachen sagen:

»Mach den Mund zu, sonst schließe ich ihn Dir!«

Der Scalpirte aber brüllte fort.

»So werde ich Dich zum Schweigen bringen.«

Ein Röcheln erfolgte.

»Um Gotteswillen, er erwürgt ihn!« sagte Langendorf, indem er im Steigen inne hielt.

»Nein,« antwortete Steinbach.

»Du hörst es ja. Das ist ein Todesröcheln!«

»Habe keine Sorge. Der Apache will nicht den Tod seines Peinigers; er will ihn am Leben lassen, damit derselbe die Schmerzen durchkosten muß, welche die entsetzliche Kopfhautwunde verursacht. Er erdrosselt ihn sicherlich nicht, sondern er preßt ihm nur die Gurgel zusammen, damit er nicht länger so schreien und brüllen soll. Komm!«

Sie stiegen weiter. Es ging bedeutend hoch hinauf. Endlich, als sie das Ende der Fahrt erreichten, befanden sie sich, unter einem Dache, welches, nur an den vier Ecken von Holzsäulen getragen, der Luft freien Zutritt gestattete. Die Sterne des Himmels leuchteten von den vier offenen Seiten herein. Und beim Scheine dieses Sternenschimmers und der Laterne erkannten sie eine männliche Person, welche am Ausgange der Fahrt saß und, als Steinbach, welcher voranstieg, am Ausgange der Fahrt erschien, diesen fragte:

»Was geschieht da unten, Apache? Wer schreit so?«

Die Frage war in Indianersprache gethan worden. Steinbach antwortete spanisch:

»Juanito ist scalpirt worden.«

»Von wem?«

»Von dem Apachen.«

»Donnerwetter!«

Der Mann sprang empor, wobei Steinbach Ketten klirren hörte, und sagte, als nun auch Langendorf herausstieg:

»Ihr seid nicht der Apache! Ihr seid Weiße! Der Hund von Juanito ist scalpirt! Der Apache hat sich längst befreien und rächen wollen? Ist das geschehen? Wirklich? O, dann dürfen vielleicht auch wir hoffen!«

»Nein, hoffen dürft Ihr nicht!« sagte Steinbach in munterem Tone.

»Nicht? Wenn Juanito scalpirt ist?«

»Nein. Hoffen kann man doch nur Etwas, was noch nicht eingetroffen ist.«

»Freilich richtig.«

»Nun, so dürft Ihr auch nicht hoffen, frei zu werden. Ihr habt ja die Freiheit nicht erst zu erwarten, zu erhoffen, sondern sie ist bereits da.«

»Da? Jetzt? Hier?«

»Ja. Ich komme, um Euch zu sagen, daß Ihr frei seid, Sennor.«

»Herrgott! Ist es möglich?«

»Ja.«

»So sei dem Himmel Dank! Ich stand bereits in fürchterlicher Angst, daß es mir so gehen würde wie den Andern, die sich hier oben befinden.«

»Wie denn?«

»O, das läßt sich gar nicht beschreiben. Ich bin erst seit kurzer Zeit hier.«

»Ah! Heißt Ihr etwa Hauser?«

»Ja, Sennor.«

»So habe ich Euch zu grüßen.«

»Von wem?«

»Von Magda.«

»Ah! Ist sie – ist sie – ist – – –«

»Nun, sprecht weiter!«

»Bin ich etwa frei, weil sie diesem Roulin zu Willen gewesen ist?«

»Nein. Sie ist gar nicht hier; sie ist fort, wird aber bald zurückkehren, um Eure Befreiung mit Euch zu feiern. Und sodann habe ich Euch noch von einer andern Dame zu grüßen, nämlich von Eurer – –«

»Frau? Von meiner Frau?« fragte Hauser.«

»Nein.«

»O weh! Ich freute mich bereits.«

»Wie könnte ich Euch von Eurer Frau grüßen? Ihr habt ja gar keine Frau?«

»Ich? Freilich habe ich eine! Und leider ist sie hier ebenso gefangen wie ich!«

»Macht keinen Spaß!«

»Es ist mein Ernst. Ich kenne Euch nicht: ich weiß nicht, wie Ihr hierher und hier heraufgekommen seid; ich werde es aber wohl erfahren. Wie kommt es, daß Ihr meiner Versicherung, daß ich eine Frau habe, keinen Glauben schenkt?«

»Weil ich weiß, daß Ihr da nur flunkert. Seid Ihr getraut?«

»Ja.«

»Das wundert mich sehr.«

»Wieso? Warum?«

»Das wäre doch eine Mesalliance.«

»Ich verstehe Euch noch immer nicht.«

»Eine solche Dame heirathet doch nicht so leicht unter ihren Stand.«

»Stand? Welchen Stand meint Ihr?«

»Sollte die Frau Baronin Anna von Adlerhorst wirklich ihren Diener geheirathet haben?«

»Herr, mein Heiland – – –!«

»Seht, wie Ihr erschreckt!«

»Was redet Ihr!«

»Die Wahrheit! Aber fürchtet Euch nicht, mein lieber Hauser. Ich suche die Frau Baronin seit langen Jahren und fühle mich unendlich glücklich, daß ich sie nun gefunden habe.«

»Sennor, Ihr irrt Euch! Ihr irrt Euch ganz gewaltig!«

»Schon gut! Sprechen wir nicht davon. Nur das Eine will ich Euch sagen: Ich bin ganz ebenso ein Deutscher wie Ihr.«

»Ein Deutscher! Woher?«

»Das ist gleichgiltig. Wenn Ihr geheimnißvoll thut, kann ich es auch. Wie viele Männer giebt es hier oben?«

»Sechs.«

»Kennt Ihr sie?«

»Ja.«

»Habt Ihr mit ihnen gesprochen?«

»Nein. Ich kann nur Einen sehen. Nämlich es hat ein Jeder seinen Apparat zu versorgen und ist an diesen so gefesselt, daß er sich nicht über denselben hinaus bewegen kann. Aber die Namen kennen wir. Außer mir sind da ein gewisser Adler, der deutscher Abkunft sein muß, Wilkins, Groota, Helmers und Baring.«

»Habt Ihr nichts über die Lebensschicksale dieser Männer erfahren?«

»Nein. Man ist gegen mich noch sehr mißtrauisch, weil ich noch nicht lange Zeit hier bin.«

»Gebt Eure Fesseln her. Ich will sie lösen.«

»Also wirklich? Frei, frei! Hier sind meine Hände und Füße, Sennor – – ah, wie heißt Ihr?«

»Steinbach. Erst kommt Ihr daran; dann gehen wir weiter.«

Da der Schlüssel, welchen Steinbach besaß, in alle diese Schlösser paßte, so war es leicht, Hauser von den Schellen zu befreien. Und nun wurden die Andern aufgesucht.

Sie befanden sich oben auf der Kuppe des Felsenberges. Es waren da mehrere kleine Gebäude errichtet, in denen sich Oefen und Retorten befanden. In jedem dieser Gebäude stand ein Mann in Fesseln.

Man kann sich das Glück dieser Männer denken, als sie die Kunde von ihrer Befreiung vernahmen. Außer Hauser hatten sie Alle ein höchst beklagenswerthes Aussehen. Beim Reinigen des Quecksilbers waren sie der Einwirkung dieses Metalles sehr ausgesetzt; glücklicher Weise aber gab es hier oben einen fast immerwährend über die Kuppe streifenden Luftzug, welcher die giftigen Dünste zum größten Theile mit sich fort nahm.

In Beziehung auf ihre Kleider waren sie nicht viel besser daran als die Frauenzimmer vorhin. Ebenso hatten sie vom Hunger und Durst zu leiden gehabt. Es erschien ihnen unglaublich, jetzt plötzlich frei zu sein, mitten in der Nacht, so unerwartet. Sie befanden sich in Folge dessen in einem leicht erklärlichen, taumelartigen Zustande.

Meist aus diesem Grunde sah Steinbach davon ab, sofort mit Wilkins und Adler über ihre Familienverhältnisse zu sprechen. Er hielt es für besser, damit noch zu warten, und forderte die Männer auf, ihm nach unten zu folgen. Sie konnten dieser Aufforderung Folge leisten, da er ihnen natürlich auch die Fesseln gelöst hatte.

Es verlor da Keiner ein Wort. Sie fragten auch Steinbach nicht, wie er dazu komme, ihr Retter zu sein. Sie wußten, daß sie das auf alle Fälle erfahren würden.

Als sie unten bei dem Apachen anlangten, saß dieser neben Juanito und hielt ihm das Messer auf die Brust. Er hatte ihm gedroht, ihn augenblicklich zu erstechen, wenn er wieder zu schreien und zu klagen beginne. Das hatte geholfen. Juanito biß die Zähne zusammen und gab sich Mühe, seine Schmerzen zu überwinden. Trotzdem aber hatte er nicht Selbstbeherrschung genug, ein pfeifendes Stöhnen zu unterdrücken, welches der Indianer mit verächtlichen Worten beantwortete.

Dem Verwundeten wurden jetzt die Fußfesseln abgenommen. In seinem Zustande und bei der zahlreichen Begleitung war an einen Fluchtversuch, welcher unbedingt verunglückt wäre, gar nicht zu denken, und nun, nachdem man sich durch eifriges und aufmerksames Nachforschen vorher überzeugt hatte, daß keine Gänge und also in Folge dessen auch keine Gefangenen mehr vorhanden seien, wurde der Weg nach oben angetreten. Juanito mußte trotz seiner Verwundung laufen.

Oben angekommen, führte Steinbach die Männer zunächst in Roulins Zimmer, wo dieser Letztere seinen Kleidervorrath hatte, welcher vollauf zureichte, sie mit Anzügen zu versehen. Ob dieselben auch für die verschiedenen Figuren passend seien, darnach konnte freilich nicht gefragt werden.

Während die Halbnackten sich also ankleideten, suchten Steinbach und Langendorff nach Nahrungsmitteln für sie. Und als dann die Männer aßen und tranken, ging Steinbach zu den Frauen, welche aus Annitas Vorrathe und demjenigen der Alten auch nun bereits ihre Blößen bedeckt hatten.

Die Alte wurde mit Juanito in eine fensterlose Stube eingeschlossen. Die Bewachung der Beiden erhielt der Apache. Da konnte man sicher sein, daß es ihnen weder zu gut gehen noch gar der Gedanke an eine Flucht aufkommen werde.

Dann wurden die Männer und Frauen zusammengeführt. Es war im höchsten Grade rührend, als sich die Unglücklichen begrüßten, welche Jahre lang Leidensgefährten gewesen waren und einander in die Hände gearbeitet hatten, ohne sich nur gesehen zu haben.

Es bildeten sich bald Gruppen. Man frug und gab Antwort; man erzählte und berichtete.

Steinbach lehnte am Fenster und beobachtete die Einzelnen. Hauser hatte mit seiner angeblichen Frau im Schatten gestanden und sehr angelegentlich mit ihr gesprochen. Jetzt kamen Beide zu ihm heran, angeblich, um sich nochmals und ausdrücklich bei ihm zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sagte Hauser:

»Die Meinung aber, welche Ihr vorhin von uns hattet, ist eine irrige, Sennor. Ist es wahr, daß Ihr ein Deutscher seid?«

»Ja. Ihr auch?«

»Auch ich und meine Frau.«

»Nun, so können wir ja in unserer Muttersprache mit einander reden, gnädige Frau.«

Er hatte das zu ihr gesagt und dabei die letzten zwei Worte ganz besonders betont. Sie fuhr zusammen und sagte:

»Bitte, Herr Steinbach, nicht diese Anrede. Ich verdiene sie nicht.«

»Ganz wie Sie wünschen. Ich gebe freilich nicht gern zu, daß ich mich geirrt habe, muß aber doch nun einsehen, daß meine Vermuthung unbegründet war.«

»Darf ich Sie um die Freundlichkeit ersuchen, mir Nachricht von meiner Tochter zu geben?«

»Gern. Sie ist verreist und kann binnen vierundzwanzig Stunden hier wieder eintreffen.«

»Wohin ging die Reise?«

»Hinauf in die Berge nach dem Silbersee. Roulin nahm sie mit. Er hatte ihr angedroht, sie dort an den Gräbern der Apachenhäuptlinge zu opfern, wenn sie sich weigere, seine Liebe zu erwidern.«

»Herrgott! Ich erschrecke!«

»Sie haben keine Veranlassung zur Sorge. Ich befand mich mit einigen wackern Freunden am See, und es gelang uns, sein Vorhaben zu durchkreuzen. Fräulein Magda wurde gerettet. Sie befindet sich bereits auf dem Rückwege.«

Daß sie in Mohawk-Station wieder geraubt worden war, wollte er nicht mittheilen, um der armen Mutter keine Sorge zu bereiten. Diese sagte:

»So haben wir Ihnen nicht nur unsere sondern auch die Rettung unserer Tochter zu verdanken.«

»O, ich selbst habe wenig dabei gethan; es waren Andere da, einige amerikanische Jäger, einige Deutsche, darunter zum Beispiel ein gewisser Rothe, welcher drüben im Vaterlande im Dienste eines Herrn von Adlerhorst gestanden hatte.«

Als er diesen Namen nannte, zuckte sie leicht zusammen. Hauser fragte:

»Ist das nicht auch der Name, welchen Sie bereits vorhin oben auf dem Berge nannten?«

»Ja. Sie haben ihn noch nicht gehört?«

»Nein.«

»Es ist sonderbar, daß er mir während meiner Reise so oft begegnet. So traf ich zum Beispiel einen englischen Lord Eagle-nest, nicht weit von hier, in Gila-City, welcher – –«

»Eagle-nest?« fragte sie schnell und unvorsichtig.

»Ja. Dieses Wort heißt wunderbarer Weise zu deutsch auch Adlerhorst. Bei ihm befand sich ein deutscher Verwandter, welcher sich Hermann von Adlerhorst nannte.«

»Hermann, Hermann! O mein Gott, ich – – –«

Hauser gab ihr einen Wink, und sie schwieg erschrocken. Steinbach that so, als ob er ihren Ausruf gar nicht beachtet habe, und fuhr fort:

»Und sodann gab es irgendwo einen jungen Deutschen, welcher Oberaufseher oder Verwalter einer Pflanzung war und sich abgekürzt Adler nannte, eigentlich aber wohl Martin von Adlerhorst hieß.«

»Martin!« entfuhr es ihr.

»Diese beiden Adlerhorsts werden nächstens hier im Todesthale zu sehen sein.«

»Wann, wann?«

»Das ist unbestimmt. Es scheint mir, wie bereits gesagt, beschieden zu sein, allüberall auf diesen Namen zu treffen. So lernte ich in Constantinopel eine Sclavin kennen, ein wunderbar schönes Mädchen mit denselben blauen Augen und goldenem Haare wie Sie, Frau Hauser. Ich befreite sie aus der Sclaverei, und da stellte es sich heraus, daß sie eine Adlerhorst sei, als kleines Kind mit der Amme einer entsetzlichen Katastrophe entronnen. Die Amme lernte ich auch kennen.«

Die Frau stützte sich schwer auf Hausers Arm.

»Lebt sie noch?« fragte sie.

»Ja, Beide, das Kind und die Amme.«

»Wo?«

»In Deutschland.«

»Gott, wie gefährlich!«

»Gefährlich? Wie so?«

»Nun,« erklärte sie unter Zögern und Stocken, »ich will gestehen, daß ich den Namen Adlerhorst bereits einmal gehört habe. Es wurde drüben in der Heimath von einer Familie dieses Namens gesprochen, auf welcher ein großer, schwerer Fluch ruhen soll.«

»Ein unverdienter!«

»Denken Sie?«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich vermuthe es aus Allem, was ich gehört habe.«

»Diese Adlerhorsts sollen sehr reich und glücklich gewesen sein, bis einst ein plötzlicher, jäher Wetterstrahl dieses Glück vernichtete und die Glieder des Hauses auseinander warf.«

»So ist es. Der Wetterstrahl kam aus der Türkei.«

»Wirklich?« hauchte sie.

Sie wankte. Hätte Hauser sie nicht gehalten, so wäre sie wohl umgesunken, dennoch fuhr Steinbach, fort:

»Und der Türke, welcher diesen Strahl schleuderte, hieß Ibrahim Pascha.«

»Wie, Sie kennen diesen Namen!«

»Ich kenne den Mann sogar persönlich. Er scheint unterstützt worden zu sein von einem Subjecte, welches sich unter den Namen Osman für einen Derwisch ausgab, eigentlich aber Florin hieß und Kammerdiener des Herrn von Adlerhorst gewesen war.«

»Ich bin im höchsten Grade erstaunt. Woher wissen Sie das Alles, Herr Steinbach?«

»Ich erfuhr es zufällig. Ich lernte auch diesen Derwisch kennen. Es ist mir Eins nur unklar, nämlich die Art und Weise, in welcher es möglich war, die sämmtlichen Glieder dieser Familie dazu zu bewegen, ihrem Namen für immer zu entsagen und nie und gegen Jemanden einzugestehen, daß sie ein Recht besitzen, sich Adlerhorst zu nennen.«

»Das wird wohl Geheimniß bleiben.«

»Vielleicht nicht. Ich vermuthe, daß es sich dabei um irgend eine Drohung handelt.«

»Das ist möglich,« seufzte sie.

»Wie aber nun, wenn das Object dieser Drohung in Wegfall kommt?«

»Schwerlich!«

»Oder wenn derjenige, welcher diese Drohung aussprach, sie nicht ausführen kann?«

»Er wird stets die Macht dazu haben.«

Steinbach legte lächelnd den Kopf zur Seite und sagte:

»Die Glieder dieser Familie, deren Schicksal meine innigste Theilnahme erregt, wissen vielleicht gar nicht, was indessen geschehen ist. Ibrahim Pascha ist gestürzt, und der Derwisch hat sich als Mörder in das Ausland flüchten müssen. Ich habe allen Grund, anzunehmen, daß er nächstens an irgend einem Stricke hängen wird.«

»Herr im Himmel! Wenn dies wahr wäre!«

Sie hatte die Hände zusammengeschlagen und blickte dem Sprecher groß und erwartungsvoll in das Gesicht.

»Sie meinen,« lächelte er, »wenn dies wahr wäre, so dürfte sich eine gewisse Frau Hauser auch endlich wieder Frau von Adlerhorst nennen?«

»Wieder Ihre Vermuthung!«

»Nicht Vermuthung, gnädige Frau. Ich weiß, wer Sie sind, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie Ihren richtigen, ehrenhaften Namen mit vollem Rechte und ohne alle Besorgniß tragen dürfen.«

»Sie vergessen, daß Frau von Adlerhorst todt ist!«

»Sie lebt.«

»Selbst wenn sie noch lebt, ist sie die Unglücklichste der Frauen, arm, elend und verstümmelt. Sie hat keine Hände und keine Zunge mehr.«

»O, man verstümmelte glücklicher Weise nur die Amme, welche man für die Mutter hielt.«

»So wissen Sie Alles, wirklich Alles!«

»Daraus können Sie entnehmen, daß Sie mir vertrauen dürfen, gnädige Frau.«

Ihre Augen standen voller Thränen. Sie blickte ihm unschlüssig in das Angesicht. Sie kämpfte zwischen der bisherigen Vorsicht und dem Eindrucke, welchen seine ganze Erscheinung auf sie machte. Da streckte er ihr die Hände entgegen und sagte in herzlichster, unbedingt gewinnender Weise:

»Hier meine Hand! Haben Sie Vertrauen zu mir!«

Da konnte sie nicht anders; sie reichte ihm die ihrige und antwortete:

»Ich weiß nicht, wie mir ist, wenn ich Ihnen in das Gesicht sehe, Es ist mir, als ob ich Sie schon lange, lange Zeit kenne, als ob ich viel, sehr viel Gutes von Ihnen erfahren habe und auch fernerhin nur Glück und Segen von Ihnen zu erwarten hätte.«

»So ist es recht. So habe ich es gewünscht. Ich weiß, warum in meinen Zügen etwas Ihnen Sympathisches, Bekanntes liegt. Wir werden darüber noch anderweit sprechen. Nun aber endlich, nicht wahr, Sie sind Frau von Adlerhorst?«

»Ja.«

Sie mußte alle ihre Beherrschung zusammen nehmen, um nicht in lautes Weinen auszubrechen. Sie, die vornehme, reiche, einst so schöne Frau, jetzt arm, krank, verfolgt, soeben erst aus der elendesten Lage errettet!

Er reichte ihr den Arm und bat:

»Kommen Sie mit. Die gegenwärtige Umgebung paßt nicht für Ihre jetzige Stimmung. Sie dürfen Ihr Geheimniß zwar mir mittheilen, es aber nicht Jedermann verrathen. Ich führe Sie in ein Zimmer, wo Sie sich von den körperlichen und seelischen Strapazen ausruhen und erholen können. Später, wenn Sie sich kräftiger fühlen, werde ich Ihnen ausführlichere Mittheilungen machen.«

Er führte sie nach Roulins Zimmer, weil dies das am besten ausgestattete war. Er sprach weiter kein Wort mit ihr. Sie sank auf das Bette, und er kehrte zu den Anderen zurück.

Was er so ziemlich als gewiß erwartet hatte, das geschah: Adler, der einstige Oberaufseher Wilkins' kam auf ihn zu, zog ihn an das Fenster, wo sie von den Andern nicht gehört werden konnten, und sagte:

»Herr Steinbach, eine Frage. Nicht wahr, dieser Mann, welcher sich soeben dort in der Ecke niedersetzt, heißt Hauser?«

»Ja.«

»Was ist er?«

»Was er gegenwärtig ist, weiß ich leider nicht.«

»Aber früher?«

»Herrschaftlicher Diener.«

»Er ist ein Deutscher?«

»Ja.«

»Kennen Sie die Familie, welcher er servirte?«

»Es ist eine Familie Adlerhorst.«

»Himmel! Also doch!«

»Sie erschrecken?«

»Nein. Ich kannte nämlich zufälliger Weise früher einige Glieder dieser Familie.«

»So, so!« nickte Steinbach mit feinem Lächeln.

»Ist die Dame, welche Sie fort geleiteten, die Frau dieses Hauser?«

»Er giebt sie dafür aus.«

»Es scheint mir, als ob ich sie einst unter einem andern Namen kennen gelernt hätte.«

»Vielleicht unter dem Ihrigen?«

Adler blickte rasch empor. Er sah Steinbachs großes, klares Auge freundlich auf sich ruhen und antwortete:

»Unter dem meinigen? Wie könnte das sein?«

»Nun, zunächst ist es auch mir so, als ob Sie sich nur vorübergehend des Namens Adler bedienten.«

»Ich wüßte keinen Grund dazu. Der Name, welchen ich trage, ist kein falscher; das kann ich Ihnen mit meinem Ehrenworte versichern.«

»Ganz gewiß! Er ist kein falscher; er besteht ja in der ersten Hälfte des richtigen. Warum aber lassen Sie das »Horst« und das adelige »von« weg?«

»Sie scherzen!«

»Mein lieber Freund, ich mache eine Wette, daß Sie eigentlich Martin von Adlerhorst heißen!«

»Sie bringen mich in Verlegenheit!«

»Und daß Sie mit dieser Frau Hauser verwandt sind. Sie sehen ihr außerordentlich ähnlich.«

»Das dürfte Zufall sein. Ich habe überhaupt das Gesicht der Dame gar nicht genau gesehen. Dieses Talglicht brennt sehr trübe, und zudem stand Frau Hauser stets im Schatten.«

»Und doch ist sie Ihnen aufgefallen! Sie sehen aber ferner auch einem meiner Freunde so ähnlich wie ein Bruder dem andern. Er heißt Hermann von Adlerhorst.«

»Sie kennen ihn?« entfuhr es Adlern.

»Ja. Ich habe sogar seine Photographie mit.«

»Ah! Darf ich sie sehen?«

»Wenn ich sie Ihnen zeigen soll, so muß ich Sie ersuchen, sich mit in mein Zimmer zu verfügen.«

»Sehr gern.«

»So bitte, kommen Sie!«

Er führte ihn hinaus und in das Parterregeschoß, wo Roulins Zimmer lagen. Dort that er, als ob ihm plötzlich ein Einfall käme, und sagte:

»Treten Sie durch die dritte Thür dort rechts. Ich komme gleich nach, muß nur schnell erst nach der Leiter in der Cysterne sehen.«

Er trat in den Hof und huschte dann mit weiten, schnellen Schritten nach der schießschartenähnlichen Oeffnung, welches dem Zimmer, in dem Frau Hauser sich befand, als Fenster diente. Er konnte die Stube übersehen. Die Frau ruhte noch auf dem Bette, den Kopf in die Hand gestützt. Ihr bleiches, eingesunkenes Gesicht wurde von einem Lächeln erfüllt, jedenfalls hervorgezaubert durch Das, was sie von Steinbach gehört hatte.

»Gott wird mir verzeihen, daß ich hier den Lauscher mache,« flüsterte dieser vor sich hin. »Ich muß ja sehen und wissen, ob meine Absicht gelingt.«

Jetzt wurde die Thür geöffnet, und Adler trat ein. Ohne sich vorher umzusehen, zog er die Thür hinter sich zu und that einige Schritte vorwärts. Als er dann aber eine Wendung machte, erblickte er die jetzige Inhaberin des Raumes, welche sich aus ihrer liegenden Stellung emporgerichtet hatte und ihn mit weit geöffneten Augen anstarrte.

Das brennende Licht reichte in dieser kleinen Stube zu, Beider Züge genügend zu beleuchten. Adler fuhr zurück.

»Herr, mein Gott!« rief er aus.

Auf seinem Gesichte kämpfte das Entzücken mit der Angst, daß er sich irren könne.

»Heiliger Himmel!« rief sie mit ihm zu gleicher Zeit. »Täusche ich mich?«

Sie breitete die Arme aus, wie um ihn zu umfangen, ließ sie aber wieder sinken. Beide waren so viele Jahre getrennt gewesen und hatten da und auch unter den Leiden der letzten Zeit ihr Aussehen verändert. Aber die Stimme des Herzens sprach lauter als aller Zweifel:

»Mutter!«

»Martin!«

»Mutter, meine liebe, liebe Mutter!«

Er stürzte hin zu ihr und sank vor dem Bette in die Kniee. Sie bog sich nieder, zog seinen Kopf an ihr Herz und rief wonneschluchzend:

»Du, Du bists! Dich habe ich wieder, Dich! Endlich, endlich! Dieser einzige Augenblick macht mich gesund. Gott ist doch barmherzig; fast wollte ich zweifeln!«

Sie glitt langsam vom Bette herab und auf ihre Kniee nieder. So knieten sie eng verschlungen bei einander, still, ohne ein Wort zu sagen; aber die Thränen flossen. Und als doch endlich gesprochen wurde, da war es die Mutter, welche sich den Armen des weinenden Sohnes entwand und unter Schluchzen sagte:

»Martin, vergessen wir Den nicht, der uns wieder zusammenführt. Den, der dort über den Sternen thront! Ja, Herr und Gott, Du Vater der Elenden und Erretter der Bedrängten, Dein Auge ist allsehend, und Deine Barmherzigkeit lenkt jeden Schritt der Zaghaften und Irrenden. Dein sind wir im Leben und im Tode. Du führst uns durch Trübsal zur Herrlichkeit. Dank, Ehre, Ruhm und Preis sei Dir jetzt und in alle Ewigkeit!«

Draußen aber vor dein Fenster drehte Steinbach sich um und wischte sich die fließenden Thränen vom Angesichte. Dann schlich er sich fort. Bereits nach wenigen Schritten blieb er wieder stehen, drehte sich gegen Osten, als ob sich dort Jemand befinde, der es hören werde, und sagte in innigem Tone:

»Ja, Gott sei Dank! Dies ist gelungen. Mein lieber, lieber Vater, wenn Du es erfährst, wirst Du zufrieden sein mit Deinem Sohne. Bald, bald wird Deine Schuld glänzend abgetragen sein!«

Wäre der Lauscher nun noch vorhanden gewesen, so hätte er drinnen im Zimmer ein liebevolles Flüstern und Fragen, ein eiliges Berichten und Erzählen hören können. Mutter und Sohn saßen Hand in Hand bei einander und ließen die Vergangenheit an sich vorüber gehen.

Darüber verging die Zeit. Der grauende Tag begann seinen Schein durch die enge Mauerspalte herein zu senden. Das Licht war zu einem Stümpfchen zusammengeschmolzen und verlöschte.

»Es ist Tag,« sagte Martin von Adlerhorst. »Du bedarfst der Ruhe. Schlafe, meine liebe Mutter, und dann, wenn Du erwachst, sprechen wir weiter.«

»Ja mein Sohn. Dann mag Steinbach, dieser geheimnißvolle Mann, welcher die Räthsel unsers Lebens besser zu lösen weiß als wir selbst, uns die Schleier lüften, hinter welche wir jetzt noch nicht blicken können. Gute Nacht, Martin!«

»Schlafe wohl, Mutter! Ich werde jetzt nachsehen, ob Steinbach vielleicht noch wach ist. Nach Ereignissen wie die heutigen, denkt man nicht so leicht und schnell an Schlaf. Ich suche ihn auf, und finde ich ihn, so soll er meinen Bitten wohl nicht widerstehen.«

Er ging.

Was den ersten Theil seiner Worte betraf, so hatte er ganz richtig vermuthet: Die Geretteten hatten trotz ihres Schwächezustandes noch nicht an den Schlaf gedacht. Sie saßen noch beisammen, Männer und Frauen, und erzählten sich, wie sie nach und nach, eine Person nach der andern, in die Hand Roulins gefallen waren und was sie von da an hatten erdulden müssen.

Steinbach saß abseits von ihnen auf einer Matte und hörte ihnen zu. Er war dabei beschäftigt, sich Patronen zu machen. Adler, oder vielmehr nun Martin von Adlerhorst, trat sofort zu ihm, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Herr Steinbach, ich fühle mich Ihnen zum innigsten, allerinnigsten Dank verpflichtet. Ich habe zwar nicht die versprochene Photographie gesehen, dafür aber eine Person, welche mir theurer sein muß als ein bloses Bild, welches Sie übrigens wohl gar nicht besitzen.«

»Sie errathen es,« antwortete Steinbach. »Ich habe keine Photographie. Ich benützte diesen Vorwand, Sie zu Ihrer Mutter zu schicken, und hoffe, daß Sie nun nicht mehr meinen werden, es sei nothwendig, Ihren Stand und Namen zu verleugnen.«

»Und doch bin ich gezwungen, dies auch noch fernerhin zu thun.«

»Ich sehe keinen Grund dazu.«

»Ich habe einen Schwur ablegen müssen, einen fürchterlichen Schwur.«

»Gegen wen?«

»Leider darf ich das nicht sagen.«

»Hat Ihre Mutter auch geschworen?«

»Auch, ganz ebenso wie ich und wie alle meine Geschwister.«

»Doch nur die älteren. Magda hat zum Beispiel doch unmöglich schwören können.«

»Sie nicht, sie war noch gar nicht geboren.«

»Und Sie kennen aber die Einzelnheiten jener gewaltsamen Katastrophe, in Folge deren Ihre Familie getrennt und Ihre Existenz vernichtet wurde?«

»So weit sie meine Person betrifft, ja.«

»Hat Ihre Mutter Ihnen jetzt nichts erzählt?«

»Nein. Sie darf von jener Angelegenheit nicht sprechen, eben in Folge jenes Schwures.«

»Nun, so will ich Sie auch nicht mit Fragen belästigen, obgleich ich eigentlich die Absicht hatte, Mehreres zu erfahren. Ihre Angelegenheit interessirt mich im höchsten Grade.«

Martin blickte ihn forschend an und fragte:

»Sie scheinen sich sehr eingehend mit derselben beschäftigt zu haben?«

»Allerdings.«

»Würde ich wohl den Grund erfahren können, wegen dessen Sie uns eine solche Theilnahme widmen?«

»Hm! Es ist vielleicht nur derselbe allgemeine Grund, welcher einen jeden Menschen bewegt, sich mit Personen zu beschäftigen, deren Schicksale keine gewöhnlichen sind.«

»Aber Sie haben gewußt, daß wir Adlerhorst heißen?«

»Ich vermuthete es.«

»So müssen Sie unsere Familie gekannt haben.«

»Ein Wenig.«

»Woher?«

»Mein lieber Freund, Sie schweigen meinen Fragen gegenüber und wollen doch von mir Alles wissen!«

»Das darf Sie doch nicht überraschen. Nicht nur Ihre Person, sondern auch Ihr ganzes Auftreten und Handeln ist ein solches, daß man wißbegierig wird, Näheres zu erfahren. Sie nennen sich Steinbach. Sollte dies Ihr richtiger, wirklicher Name sein?«

»Zweifeln Sie daran?«

»Aufrichtig gestanden, ja. Sie erwecken die Vermuthung, daß Sie nicht Der sind, für welchen Sie sich ausgeben.«

»O wehe! Halten Sie mich etwa für einen verkappten Polizisten?«

»Nein, das nicht. Sie machen einen andern Eindruck. Ich möchte Sie für einen höheren Officier, für den Angehörigen einer ausgezeichneten Familie halten.«

»Das klingt mir schmeichelhaft.«

»Bitte, seien Sie aufrichtig!«

»Aber Sie sind es nicht!«

»Mein Schwur verhindert mich, über meine Verhältnisse zu sprechen.«

»Nun gut, so nehmen Sie an, daß ich einen ähnlichen Schwur habe ablegen müssen. Warten wir also mit den von uns gegenseitig gewünschten Eröffnungen, bis wir die Erlaubniß haben, uns dieselben zu machen. Jetzt nimmt uns die Gegenwart vollständig in Anspruch. Sie sind aus einer schrecklichen Lage befreit worden, aber Sie befinden sich noch nicht außer aller Gefahr.«

»Leider!«

»Wie? Kennen Sie die Gefahr, von welcher ich spreche?«

»Ja. Sie meinen doch unsern Gesundheitszustand. Wir sind vergiftet, und selbst wenn wir ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, ist es sehr fraglich, ob wir die eingebüßte Gesundheit wieder erlangen werden.«

»Was das betrifft, so möchte ich Sie bitten, die Hoffnung nicht fallen zu lassen.«

»Das thue ich ja auch nicht. Glücklicher Weise befanden sich die Retorten und Destillirapparate auf der Höhe des Felsens, wo die Luft ungehinderten Zutritt hatte und die schädlichen Dünste fortführte.«

»Das war allerdings ein glücklicher Umstand. Aber als ich von einer Gefahr sprach, in welcher Sie sich noch befinden, dachte ich nicht an Ihren Gesundheitszustand, sondern an etwas Anderes. Nämlich Roulin kehrt von seinem Ausfluge zurück und bringt einige Hundert Papago Indianer mit.«

»Mein Gott! So lassen Sie uns fliehen, so lange es noch Zeit ist!«

»Fliehen? Es wäre dies das erste Mal im Leben, daß ich vor irgend Jemand die Flucht ergriffen hätte.«

»Pardon! Es war nicht meine Absicht, eine Feigheit zu begehen, oder gar Sie zu einer solchen zu bereden. Ich meine nur, daß wir ja verloren sind, wenn wir uns hier von ihm und den Indianern antreffen lassen. Wir gehen von hier fort und kommen mit polizeilicher Begleitung wieder, um uns seiner Person zu bemächtigen.«

»Sie sind ein großer Schlauberger!« lächelte Steinbach.

»Hat mein Vorschlag Ihren Beifall nicht?«

»Nein, gar nicht. Meinen Sie, daß wir Roulin später hier antreffen würden? Wenn er bei seiner Rückkehr findet, daß seine Gefangenen befreit worden sind, so wird er sich ganz gewiß in aller Eile unsichtbar machen und dem strafenden Arm der Gerechtigkeit entgehen. Wir bleiben hier, um ihn zu erwarten.«

»Das wäre meiner Ansicht nach tollkühn. Bedenken Sie unsern Zustand! Sie und Herr Günther sind die einzigen Gesunden. Wir andern sind zu einer Gegenwehr unfähig.«

»Wir haben aber Helfer. Nämlich hinter Roulin und seinen dreihundert Papago's kommen einige Freunde von mir mit vierhundert Apachen und Maricopa's. Sie folgen ihnen auf dem Fuße.«

Soeben trat Günther von Langendorff herbei. Er hörte die letzteren Worte und sagte:

»Werden unsere Verbündeten sich während des Rittes vor den Papago's sehen lassen?«

»Gewiß. Ich habe ihnen dies überhaupt angeordnet. Sie sollen die Papago's treiben, ihnen keine Ruhe lassen, damit die Feinde keine Zeit finden, irgend welche Anschläge auf Magda und Almy auszuführen.«

»Magda?« fiel da Adler schnell ein. »Meinen Sie etwa Magda Hauser, Schwester?«

»Ja.«

»Was hat sie mit den Papago's zu schaffen?«

»Sie befindet sich in der Gewalt derselben.«

»Herrgott!«

»Ich habe das Ihnen und Ihrer Mutter bisher verschwiegen; jetzt aber müssen Sie es doch erfahren.«

»Wie ist sie in die Hände der Papago's gekommen?«

»Herr von Langendorff mag es Ihnen nachher erzählen; ich habe jetzt keine Zeit dazu. Uebrigens habe ich die Ueberzeugung, daß den beiden jungen Damen nichts geschehen werde.«

»Wer ist die Andere? Sie nannten sie Almy.«

»Ein Ihnen bekannter Name. Nicht?« fragte Steinbach lächelnd.

»Ja.«

»Nicht nur bekannt, sondern wohl auch lieb?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Der vollständige Name der Dame ist Almy Wilkins.«

»Wilkins?« rief Adler laut. »Mein Himmel! Sie meinen doch nicht etwa – – –?«

Er sprach seine Vermuthungen nicht aus, aber sein Auge war mit größter Spannung auf Steinbach gerichtet.

»Ich meine Almy Wilkins aus Wilkinsfield, wo Sie einst Oberaufseher waren.«

»Also doch, doch! Almy ist hier! Almy! Und zwar in der Gewalt der Indianer?«

»Ja. Und ihr Vater ist bei ihr.«

»Welch ein Ereigniß! Ich weiß nicht, was ich vor Erstaunen sagen soll. Wie aber kommt Wilkins mit seiner Tochter in diese Gegend?«

»Herr von Langendorff mag auch das Ihnen erzählen. Ich habe, wie bereits gesagt, keine Zeit dazu. Ich muß aufbrechen, und zwar bereits in wenigen Minuten.«

»Aufbrechen?« fragte Langendorff. »Du willst von hier fort?«

»Ja.«

»Und wir Alle natürlich mit?«

»Nein. Ihr bleibt hier, bis ich wiederkomme.«

»Warum? Weshalb? Wohin willst Du reiten, so bei Nacht und Nebel?«

»Den Papago's entgegen.«

»Bist Du toll?«

»Nein, mein Lieber. Ich reite fort, um Unterstützung zu holen. Unsere Freunde folgen den Feinden auf dem Fuße. Ich suche die Ersteren auf, um mir eine Schaar Apachen geben zu lassen, welche ich hierher führe, in aller Eile, ohne daß Roulin Etwas davon bemerkt. So bringen wir ihn und seine Papago's zwischen zwei Feuer.«

»Der Gedanke ist ausgezeichnet. Aber weißt Du denn, wo Du die Apachen treffen wirst?«

»Nein, aber treffen werde ich sie.«

»Viel eher glaube ich, daß Du auf die Papago's stoßen wirst, welche ja voran sind.«

»Natürlich werde ich diese zuerst sehen.«

»Und in ihre Hände fallen!«

»Pah! Mein Lieber, Du hältst mich für sehr befangen und unerfahren. Der Fürst der Bleichgesichter weiß ganz genau, was er zu thun hat, was er wagen darf und was nicht.«

»So reite ich mit!«

»Das geht nicht. Willst Du diese schwachen und hilfsbedürftigen Leute hier allein lassen? Einer von uns Beiden muß bei ihnen zurückbleiben.«

»Was aber thue ich, wenn Roulin mit seinen Papago's hier eintrifft, ehe Du zurückkehrst?«

»Du lässest ihn sehr einfach nicht herein. Das Andere ist dann meine Sache. Während meiner Abwesenheit hast Du dann Zeit, Herrn Adler hier Alles zu erklären und zu erzählen.«

»Aber Du begehst ein großes, großes Wagniß!«

»Nein. Mein Pferd ist kräftig. Es hat eine Parforcetour zu machen, wird sie aber aushalten. Das ist die Hauptsache.«

»Kennst Du denn die Gegend?«

»Nein. Aber das darf Dir keine Sorge machen. Ich habe Augen, um zu sehen, und einen Kopf, um nachdenken zu können. Ueberdies besitzt ein jeder Westmann einen eigenartigen Instinct, auf welchen er sich selbst in den schwierigsten Lagen verlassen kann.«

»Es ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, daß Du die Gesuchten verfehlst, daß Du sie gar nicht antriffst, daß also Roulin mit seinen Indianern hier eintrifft, während Du die Zeit verbrauchst, indem Du ihn vergeblich suchst.«

»Ich finde ihn. Darauf kannst Du Dich verlassen.«

»In der Wildniß, wo es keine Wege giebt!«

»Die Papago's werden von dem Punkte aus, an welchem sie den Ritt begonnen haben, also vom Colorado unterhalb Aubrey an, den kürzesten Weg eingeschlagen haben. Sie kommen über die Berge herüber. Ich brauche diese Höhen nur von Weitem zu sehen, um zu wissen, welches Defilé am bequemsten ist, und also von ihnen gewählt wurde. Da sie die Gefangenen bei sich haben, können sie nicht allzu sehr eilen. Es ist möglich, daß sie bereits heute Abend hier ankommen, wahrscheinlicher aber dürfen wir sie erst morgen erwarten. Da habe ich mir neue Patronen gemacht, falls ich gezwungen bin, mich der Waffe zu bedienen. Du siehst, daß ich auf Alles gefaßt bin, und brauchst Dich nicht um mich zu sorgen. Uebrigens habe ich unten in Roulins Zimmer Gewehre, Blei und Pulver gesehen. So schwach die Leute sind, bei denen Du hier zurückbleibst, ein Gewehr können sie im Nothfalle abschießen. Und wenn Du ganz einfach das Thor nicht öffnest, wird kein Mensch Euch ein Leid zufügen können. Ich will jetzt mein Pferd tränken, und dann kann ich aufbrechen.«

Er ging nach dem Hofe. Adler wendete sich an Günther von Langendorff:

»Ein ganz und gar eigenartiger Mann, dieser Herr Steinbach! Er macht einen gewaltigen Eindruck. Sie nennen sich Du mit ihm; also kennen Sie ihn?«

»Sehr genau sogar.«

»Nicht wahr, er heißt eigentlich nicht Steinbach?«

»Hm!«

»Ich weiß wohl, daß meine Frage zudringlich ist, aber Sie begreifen – ich vermuthe, daß er der Sohn einer adeligen Familie ist.«

»Ich mag Sie in Ihren Vermuthungen weder stören noch bestärken. Steinbach spricht nicht gern von sich, und ich habe nicht die Erlaubniß erhalten, von seinen Verhältnissen zu reden.«

»Also Geheimniß! Gut, ich werde nicht wieder unbescheiden sein.«

»Von einer Unbescheidenheit ist gar keine Rede. Man will den Mann, für welchen man sich interessirt, kennen lernen. Das ist doch sehr natürlich. Steinbach ist Ihr Retter. Es ist also nicht zu tadeln, daß Sie sich nach ihm erkundigen.«

»Nicht er allein ist der Retter. Sie sind es auch mit.«

»Ich? Da irren Sie sich freilich. Ich bin mit ihm geritten; das ist Alles. Mir haben Sie gar nichts zu verdanken. Seine Erfahrung, sein Muth, seine Umsicht sind es, die Ihnen Ihre Befreiung verschafft haben. Ich wäre nicht der Kerl dazu gewesen, nach dem Todesthale zu gehen und da Ihren Aufenthalt zu entdecken. Er hat, noch ehe er hierher kam, gewußt, daß Sie sich hier befinden.«

»Wie konnte er es wissen?«

»Wohl in Folge jenes außerordentlichen Instinctes, von welchem er vorhin sprach. Er besitzt eine geradezu erstaunliche Divinationsgabe. Lassen Sie ihm die kleinste Feder sehen, so weiß er sofort, wo er den Vogel fangen wird.«

»Da ich nicht nach ihm fragen darf, so erlauben Sie mir wenigstens, mich nach Ihnen zu erkundigen. Ihr Name ist mir nicht unbekannt. Ich erinnere mich, daß die Langendorff eine alte, in Preußen begüterte Familie sind.«

»Ihre Erinnerung hat Sie nicht falsch geführt. Ich bin der einzige Sohn meiner Eltern. Jetzt bin ich Tourist, eigentlich aber Soldat und zwar Rittmeister.«

»Ah! Jetzt kann ich weiter schließen. Sie theilen mir also doch mit, was Sie eigentlich nicht sagen wollten.«

»Was denn?«

»Wenn Sie Rittmeister sind und sich mit Steinbach Du nennen, so kann man vermuthen, daß er ein Kamerad von Ihnen ist, also wohl auch Officier.«

»Ja, da habe ich mich freilich verplempert,« lachte Langendorff.

»Habe ich recht gerathen?«

»Ja. Da ich einmal A gesagt habe, will ich auch B sagen, dann aber keine Silbe weiter. Es ist das Alles, was ich Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit verrathen darf: Ja, er ist Officier, und zwar was für einer! Er ist Oberst.«

»Oberst? Bei seinen Jahren!«

»Ja. Sie sehen daraus, daß er ein tüchtiger Kerl ist.«

»Ein tüchtiger Kerl und jedenfalls auch aus einer sehr vornehmen Familie!«

»Ja. Ich will Ihnen anvertrauen, daß er eigentlich »Durchlaucht« genannt wird. Weiter aber erfahren Sie nun nichts mehr. Meine Person aber möchte ich Ihnen sehr dringend empfehlen.«

»Das ist nicht nöthig. Als unser Retter sind Sie mir so empfohlen, wie Sie nur wünschen können.«

»Das ist mir lieb. Ich habe nämlich einen sehr persönlichen und auch egoistischen Grund, mich zu freuen, mit Ihnen bekannt worden zu sein. Vielleicht erkläre ich mich Ihnen bereits in kurzer Zeit noch deutlicher. Für jetzt muß ich noch schweigen, hätte auch keine Zeit zum Sprechen, da, wie ich sehe, Sie jetzt anderweit in Anspruch genommen werden.«

Er trat zurück. Er hatte gesehen, daß Hauser langsam und zaghaft näher kam.

Dieser brave Mann hatte bis jetzt noch kein Wort mit Adler gesprochen, ihn aber von Weitem beobachtet. Jetzt endlich wagte er es, sich ihm zu nähern.

»Herr Adler,« sagte er, sich devot verneigend, »ich weiß nicht, ob ich es wagen darf – – –«

»Alles, Alles darfst Du wagen,« fiel Adler ein, indem er ihm die Hand entgegenstreckte.

»Herr Adler – gnädiger Herr!«

Daß er Du genannt wurde, war ihm der Beweis, daß Adler sich ihm gegenüber nicht in's Geheimniß hüllen wolle. Er ergriff die ihm dargebotene Hand und zog sie an seine Lippen. Die Thränen standen ihm dabei in den Augen.

»Braver Kerl!« sagte Adler. »Ich habe Dir viel, sehr viel zu verdanken, mein lieber Friedrich.«

»Gott, Sie erkennen mich?«

»Bereits vorhin habe ich Dich erkannt.«

»Nach so langer Zeit! Ich Sie aber auch, mein lieber, gnädiger Herr. Herrgott, wie freue ich mich, Sie zu sehen, Sie am Leben zu treffen.«

»Ich mich nicht minder darüber, daß wir uns hier begegnet sind. Du bist – ah, eigentlich sollte ich Dich wohl Vater nennen?«

Er sagte dies in scherzhaftem Tone. Hauser erröthete vor Verlegenheit und antwortete:

»Verzeihung! Es ging nicht anders!«

»Oder noch genauer: Stiefvater. Du bist ja der Mann meiner Mutter.«

»Die gnädige Frau wollte es so haben; ich mußte sie für meine Frau ausgeben. Da konnte sie unbeobachteter und verborgener bleiben.«

»Sie hat es mir vorhin gesagt. Sie hat mir auch erzählt, daß sie Dir ihre Rettung zu verdanken hat. Und diese langen, langen Jahre hast Du für sie gesorgt, unter Entbehrungen und Aufopferungen, die ich Dir nicht hoch genug anrechnen und auch niemals vergelten kann.«

»O, bitte, gnädiger Herr, beschämen Sie mich nicht! Ich habe meine Pflicht gethan. Vielleicht erhört Gott mein tägliches Gebet und giebt Ihnen das Glück zurück, auf welches Sie seit einer so langen Zeit haben verzichten müssen. Hat die gnädige Frau Ihnen von jenen fürchterlichen Tagen erzählt?«

»Nein. Sie darf nicht sprechen; sie hat geschworen, zu schweigen.«

»Ich ebenso. Darum muß auch ich bitten, mich nicht zu fragen. Vielleicht kommt einmal die Zeit, in welcher dieser Schwur von uns genommen wird. Ist Ihnen dieser Herr Steinbach bekannt, welcher soeben eintritt?«

»Nein.«

»Mir fällt seine Gestalt und sein Gesicht auf. Beides kommt mir vor, als hätte ich es bereits einmal gesehen, vor Jahren aber schon.«

»Wo?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe mir darüber den Kopf zerbrochen. Es ist mir, als müsse diese hohe, breite Gestalt in einer glänzenden Uniform stecken. Verzeihung, da kommt er!«

Hauser zog sich respektvoll zurück, weil Steinbach näher kam und seine Worte an Adler richtete:

»Bevor ich fortreite, möchte ich gern erfahren, wie Sie in Roulins Gewalt gekommen sind, Sie und Herr Wilkins.«

»Mein Freund Wilkins ist ihm natürlich weit eher in die Hände gefallen, als ich. Er hat in Santa Fé einen gewissen Walker kennen gelernt, welcher ihn hierher lockte. Er wurde als Gast von Roulin, welcher ihm auf eine wahrhaft wunderbare Weise ähnlich sah, sehr freundlich aufgenommen, erhielt aber einen Schlaftrunk. Als er erwachte, befand er sich als Gefangener hier im Quecksilberbergwerke. Da mußte er arbeiten Tag und Nacht, wenn er sich nicht einer mehr als grausamen Behandlung aussetzen wollte.«

»Ich an seiner Stelle wäre lieber gestorben!«

»Das sagen Sie. Aber bedenken Sie, daß der Mensch selbst in der größten Noth noch an Hilfe denkt und die Rettung für möglich hält. Der Gedanke, vielleicht doch wieder zur Freiheit zu gelangen und sich dann rächen zu können, ist von großer Kraft und giebt den Muth, selbst ein solches Leben weiter mit sich herum zu schleppen. Ich habe das an mir selbst erfahren.«

»Wie aber haben Sie dann seine Spur gefunden?«

»Das war eigentlich nicht schwer. Wir wohnten nämlich auf Wilkinsfield – – –«

»Ich weiß es. Ich war dort.«

»So! Dann kennen Sie vielleicht auch unsern Nachbar, einen gewissen Leflor?«

»Ja. Er ist jetzt Besitzer von Wilkinsfield und wird mit Roulin hierher kommen.«

»Ist das wahr? Hierher kommen? Jetzt?«

»Ja. Er befindet sich mit Walker in Roulins Gesellschaft.«

»Welch eine Fügung! Gott sei Dank, die Rache naht! Aber, sagten Sie nicht, daß Almy bei ihnen sei?«

»Ja.«

»O wehe, wehe! Leflor hatte bereits damals Absichten auf Almy und wurde von ihr abgewiesen. Jetzt befindet sie sich in seiner Gewalt. Welch eine Gefahr für sie!«

»Aengstigen Sie sich nicht. Man wird ihr unterwegs nichts thun. Ich bin freilich überzeugt, daß man irgend welche Scheußlichkeiten mit ihr beabsichtigt. Die Ausführung aber wird man verschieben bis nach der Ankunft hier. Und dann sind wir ja da!«

»Hoffentlich haben Sie Recht. Wenn dieser Mensch, dieser Leflor, es wagen sollte, Almy nur anzurühren, so werde ich mit ihm in einer Weise zusammenrechnen, daß ihm die Haare zu Berge stehen.«

»Und ich würde Ihnen dabei behilflich sein. Almy ist ein sehr schönes Mädchen. Ich gönne Ihnen das Glück, ihre Liebe zu besitzen. Jetzt aber bitte ich Sie, in Ihrer Erzählung fortzufahren.«

»Vielleicht wissen Sie, daß Walker damals nach Wilkinsfield kam. Er hatte die Besitztitel der Pflanzung in den Händen. Er gab vor, Wilkinsfield von dem jungen Wilkins gekauft zu haben, und verkaufte es weiter an Leflor. Arthur Wilkins sollte mit ihm in Santa Fé den Kauf abgeschlossen haben. Das war für mich ein Fingerzeig. Ich ging nach Santa Fé.«

»Sehr klug und richtig!«

»Ich trieb mich dort eine lange Zeit vergebens herum. Bei der Behörde erfuhr ich auf meine Erkundigungen, daß der Kauf wirklich und in giltiger Weise dort abgeschlossen worden sei. Der junge Wilkins war selbst mit Walker vor der Behörde erschienen.«

»Das war Täuschung. Nicht Wilkins ist es gewesen, sondern Roulin, der ihm so ähnlich sah.«

»So ist es. Damals aber wußte ich es nicht. Roulin hat Wilkins die Papiere genommen und sich dann für ihn ausgegeben. Einen Monat ungefähr war ich in Santa Fé und Umgegend gewesen. Ich hatte fleißig nach Walker geforscht, aber vergebens. Da lernte ich einen spanischen Kreolen kennen. Er hieß Alfarez und war Gastwirth in Visalia.«

»Hier, ganz in der Nähe?«

»Ja.«

»Ich war gestern dort. Ich traf da Juanito, dessen Mutter Wirthin ist.«

»Ah! Wunderbar! Kennen Sie Juanito's Familiennamen, Herr Steinbach?«

»Nein.«

»Er heißt eben Alfarez.«

»Wie? Ist er vielleicht Derjenige, den Sie damals in Santa Fé trafen?«

»Nein, aber sein Vater war es. Er war ein Verbündeter von Walker, was ich aber leider nicht wußte. Er hütete sich natürlich sehr, es mir zu sagen. Ich gestehe, daß er keinen üblen Eindruck auf mich machte. Nachdem ich ihn einige Male getroffen hatte, bemerkte ich, daß er in der Gegend sehr gut bekannt sei. Namentlich besaß er eine bedeutende Bekanntschaft. Ich nannte Walkers Namen und erfuhr zu meiner Freude, daß er ihn kannte.«

*

63

»Zu Ihrer Freude, aber auch zu Ihrem Unglücke!«

»Leider. Alfarez sagte mir, wenn ich Walker treffen wolle, müsse ich mit nach Visalia gehen. Walker wohnt in der Nähe und verkehre häufig in Alfarez' Gasthause. Das war die Leimruthe. Ich ging darauf und blieb daran hängen. Hier in Visalia angekommen, hatte ich Alfarez, dem ich einfältiger Weise mein ganzes Vertrauen schenkte, Alles erzählt. Er erfuhr, daß ich Arthur Wilkins suchte und gegen Walker Verdacht hege. Er lockte mich hierher in's Todesthal.«

»Auf welche Weise?«

»Auf die einfachste Weise von der Welt. Er hatte bei dem Besitzer des Quecksilberbergwerkes zu thun, sagte er mir, und nahm mich mit. Der Name »Todesthal« reizte mich. Ich wollte es sehen und kennen lernen. Ich kam hier an, wurde freundlich aufgenommen und erhielt einen Schlaftrunk, welcher mich betäubte, gerade wie Wilkins. Als ich erwachte, stak ich im Bergwerke, in Eisen gefesselt. Und nun erfuhr ich auch, welcher Art die Bekanntschaft dieses Alfarez mit dem Besitzer des Werkes sei: Alfarez war nämlich Bergmeister.«

»Wie jetzt sein Sohn.«

»Ja, dieser Letztere ist der Nachfolger seines Vaters.«

»Wo steckt der Vater?«

»Irgendwo unter der Erde. Er ist todt.«

»Schade, sehr schade!«

»Warum?«

»Es würde mich sehr freuen, wenn wir ihm jetzt seinen Lohn geben könnten, wie ihn sein Sohn bereits bekommt.«

»Der Vater hat ihn eben auch erhalten. Er ist keines natürlichen Todes gestorben.«

»Wohl verunglückt?«

»Wie man es nimmt. Ja, er ist verunglückt, nämlich zwischen meinen Fäusten.«

»Ah! Sie haben ihn getödtet?«

»Ja. Ich weigerte mich natürlich, zu arbeiten, und erhielt die Peitsche. Sie wissen nicht, was das heißt. Gleich bei dem ersten Hiebe, den er mir gab, unterschrieb ich im Stillen sein Todesurtheil. Aber ich war ja an eine Eisenstange gefesselt; er hütete sich, mir zu nahe zu kommen, und so konnte ich ihn nicht fassen. Er trat nur so weit zu mir heran, daß er mich mit der Peitsche erreichen konnte. Ich erhielt öfters Schläge. Das verzehnfachte meinen Grimm. Eines schönen Tages stellte ich mich ohnmächtig; ich fiel um. Er war so unvorsichtig, herbei zu treten, um mich zu untersuchen; und da hatte ich ihn. Zwar staken meine Hände in eisernen Schellen, zwar wehrte er sich wie ein wildes Thier, aber ich besaß noch alle meine Kräfte, welche übrigens durch die Wuth noch verdoppelt wurden, ich war ihm überlegen; er starb unter meinen Fäusten.«

»Ich habe nicht Lust, ihn zu bedauern.«

»Pah! Er hatte seinen Lohn. Juanito, sein Sohn, wurde sein Nachfolger.«

»Das war schlimm für Sie!«

»Versteht sich. Der Sohn gab sich natürlich alle Mühe, den Tod seines Vaters an mir zu rächen. Was ich ausgestanden habe, spottet einer jeden Beschreibung. Roulin hatte die Stirn, mir hohnlachend zu erzählen, daß auch Arthur Wilkins bei ihm gefangen sei.«

»Warum mag er Sie Beide nicht lieber getödtet haben? Für seine Sicherheit wäre das sehr vortheilhaft gewesen.«

»Für sein Geschäft aber war es weit vortheilhafter, wenn er uns leben ließ und uns zwang, für ihn zu arbeiten. Für sein Gift fand er keinen Arbeiter. Er machte mir kein Hehl daraus, daß er sich in Santa Fé für Wilkins ausgegeben und die Pflanzung an Walker verkauft habe. So, da haben Sie die erbetene Erzählung, Herr Steinbach.«

»Wie aber ist Ihre Mutter nach dem Todesthale gekommen?«

»Wie die anderen Alle auch. Sie hat mit dem Diener Hauser und Magda in San Franzisko gewohnt, aber unter sehr ärmlichen Verhältnissen. Roulin ist auch dort gewesen, hat Magda gesehen und sich in sie verliebt. Er hat sie miethen wollen, aber sie hat erklärt, sich nie von ihren Eltern zu trennen. Da hat er Hauser zum Scheine als Aufseher seines Bergwerkes engagirt und ihm ein sehr gutes Gehalt geboten. Die Versuchung ist zu groß gewesen; die Drei sind ihm nach dem Todesthale gefolgt. Das Uebrige können Sie sich denken.«

»Ich bin überzeugt, daß Magda noch unberührt ist. Gott hat sie sichtlich beschützt.«

»Mutter sagte mir, daß Magda einen ganz eigenthümlichen Einfluß auf diesen Menschen geübt habe. Er hat es nicht gewagt, sie zu berühren. Was gedenken Sie mit ihm zu thun, sobald wir ihn ergreifen?«

»Diese Frage lege ich mir jetzt noch gar nicht vor.«

»Man muß aber doch an sie denken.«

»Wir werden ihn dem Richter übergeben.«

»Sie sagen das als Deutscher. Ich bin da bereits mehr Amerikaner als Sie. Was wird der Richter für ein Urtheil fällen?«

»Jedenfalls ein Todesurtheil.«

»Ja, man wird ihn hängen. Aber ist das eine genügende Strafe für seine Verbrechen? Bedenken Sie, was seine Opfer ausgestanden haben. Er sollte eines hundertfachen Todes sterben. Ich werde dafür stimmen, ihn zu lynchen.«

»Und ich bin dagegen. Es muß vor Gericht nachgewiesen werden, daß Wilkinsfield von ihm unrechtmäßiger Weise verkauft wurde. Leflor muß die Besitzung ohne alle Entschädigung herausgeben, und nicht nur die Besitzung, sondern auch sämmtliche Erträge derselben während der Zeit, in welcher er der Besitzer gewesen ist. Können Sie aber dies erreichen, wenn Sie Roulin lynchen?«

»Sie haben Recht. Die Klugheit gebietet, ihn dem Ankläger zu übergeben. Verdient hat er weit mehr.«

»Nun, ich meine, daß es gerade auch kein großes Vergnügen ist, aufgehenkt zu werden. Noch aber haben wir ihn nicht. Ich muß jetzt aufbrechen, damit wir ihn und seine sauberen Gesellen bekommen.«

Steinbach gab Günther von Langendorff noch einige Verhaltungsmaßregeln und schickte sich dann zum Aufbruche an. Als er hinunter in den Hof kam, stand der Apache bei dem Pferde. Es war zwar ziemlich sternenhell, aber dennoch dunkel. Trotzdem sagte der Indianer, das Pferd an den Hals klopfend:

»Mein weißer Bruder hat ein gutes Thier.«

»Ja. Es ist vortrefflich.«

»Hast Du es gekauft?«

»Nein. Ich erhielt es geschenkt.«

»So bist Du ein sehr großer Krieger.«

»Warum vermuthest Du das?«

»Sonst hättest Du es nicht geschenkt erhalten. Ich habe dieses Pferd als Füllen gesehen. Es gehörte der ›starken Hand‹, dem großen Häuptling der Apachen.«

»Ja, von ihm habe ich es.«

»Du mußt ihm große Dienste geleistet haben, und darum sage ich, daß Du ein großer Krieger bist. Einem Anderen würde der Häuptling sein Pferd nicht schenken. Wo hast Du ihn zuletzt gesehen?«

»Am Wasser des Colorado.«

»Wann?«

»Gestern.«

»Und wann wirst Du ihn wiedersehen?«

»Vielleicht morgen bereits.«

»Und wo?«

»Hier. Er kommt mit vielen Kriegern der Apachen hierher, um Dich zu rächen.«

»Uff!« sagte der Indianer erstaunt und erfreut.

»Ich reite jetzt zu ihm.«

»Mein weißer Bruder hat noch ein Pferd. Ich reite mit.«

Das sagte er in einem so bestimmten Tone, als ob ein Einspruch gar nicht möglich sei. Steinbach antwortete:

»Du scherzest. Wie kannst Du mit mir reiten? Die Qualen, welche Du ausgestanden hast, haben Deine Kräfte zerstört. Du mußt Dich erst erholen.«

»Seit ich dieses Pferd gesehen habe und an den großen Häuptling erinnert worden bin, habe ich meine Kräfte wieder erlangt.«

»Das ist Täuschung. Selbst wenn Du gesund wärest, dürfte ich Dich nicht mitnehmen. Ich reite jetzt als Kundschafter fort; da muß ich allein sein und kann keinen Zweiten gebrauchen.«

»So will ich gehorchen und hier bleiben. Aber sage mir, von wo aus die Krieger der Apachen ihren Ritt begonnen haben.«

»Vom Silbersee aus.«

»Und Du warst auch dort?«

»Ja, ich war der Gast der Taube des Urwaldes.«

»So hat der große Häuptling Dich sehr lieb. Mit einem Fremden geht er nicht nach dem Silbersee. Hast Du dort einen jungen Krieger gesehen, welcher sich den ›flinken Hirsch‹ nennt?«

»Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Er ist noch sehr jung, aber er hat das Herz eines bewährten Mannes. Er hat mir bewiesen, daß er klug und sehr tapfer ist.«

»Er ist mein Bruder, der Sohn meines Vaters.«

»Wie? Dein leiblicher Bruder?«

»Ja; er ist fünf Frühlinge jünger als ich.«

»So bist auch Du ein Verwandter der ›starken Hand‹?«

»Die ›starke Hand‹ ist mein Oheim, der Bruder meines Vaters, der bereits in den ewigen Jagdgründen weilt.«

»So freut es mich sehr, Dich hier getroffen zu haben. Wie aber ist es denn gekommen, daß Du Dich als Gefangener hier befunden hast?«

»Ein Maricopa hatte mich beleidigt und ich ritt aus, ihm den Scalp zu nehmen. Die Maricopa's waren Freunde des Mannes, welcher sich Roulin nennt und Besitzer dieses Bergwerkes ist. Der, welchen ich suchte, befand sich hier bei ihm im Todesthale. Ich ging hierher und schlich mich um das Haus. Man hatte Senkgruben bereitet, um Prairiewölfe zu fangen. Diese Gruben sind oben so zugedeckt, daß man sie nicht sehen kann. Ich trat auf die dünne Decke und stürzte hinab. Unten waren spitze Pfähle eingeschlagen. Ich fiel in dieselben und stach mir einen durch den Schenkel. Da lag ich einige Tage, bis man mich entdeckte. Das Wundfieber war gekommen. Mein Geist war in Folge dessen abwesend, darum konnte man mich ohne Gegenwehr gefangen nehmen. Hätte ich nicht das Fieber gehabt, so hätte ich mich gewehrt und die Feinde getödtet, bevor ich an meiner Wunde gestorben wäre. Man schaffte mich in das Bergwerk. Die große Wunde heilte, ich aber war gefangen. Jetzt hast Du mich befreit und ich werde mich rächen.«

»So wissen die Deinen gar nicht, wo Du Dich befindest?«

»Sie wissen gar nichts. Der rothe Krieger geht sehr oft zur Rache, ohne einem Menschen davon zu sagen. Hätten die Krieger der Apachen gewußt, wo ich mich befinde, so wären sie gekommen, um mich zu befreien. Sie glauben schon längst an meinen Tod.«

»Desto mehr werden sie sich freuen, Dich wieder zu sehen.«

»Du reitest jetzt zu dem Häuptlinge?«

»Ja.«

»So sage der ›starken Hand‹, daß der ›schnelle Wind‹ noch lebt und sich heute den Scalp seines Peinigers geholt hat.«

Steinbach nahm nun sein Thier am Zügel und führte es zum Thore hinaus, welches hinter ihm verschlossen wurde. Draußen stieg er auf und ritt in östlicher Richtung davon. –

Die Papago-Indianer hatten vom Colorado aus die westliche Richtung eingeschlagen, welche sie nach Rock Spring und von da über Bitter Spring nach dem Todesthale bringen mußte. Natürlich hüteten sie sich wohl, diese beiden Orte zu berühren.

Der Ritt ging erst durch eine weite Grasprairie und dann durch eine wüste, steinige Ebene. Später, als sich die Berge erhoben, welche dort von Dos Palmas aus nach Nordwest streichen, gab es wieder Waldung. Die Rothen kannten die Gegend sehr genau; darum konnten sie die geradeste Linie einhalten.

Die Gefangenen waren gefesselt, doch gewährte man den beiden Mädchen insofern eine Erleichterung, als man ihnen später die Hände frei gab und sich damit begnügte, sie auf die Pferde fest zu binden. Wilkins aber und Zimmermann blieben auch an den Händen gefesselt.

Bill Newton, der einstige Derwisch, war zwar verwundet worden, doch stellte es sich heraus, daß seine Wunde nicht gefährlich und nicht einmal sehr schmerzhaft sei. Sie hinderte ihn keineswegs, zu Pferde zu sitzen und mit den Anderen gleichen Schritt zu halten.

Gleich als er auf dem Segelboote Magda erblickt hatte, war ihm ein sonderbarer Umstand aufgefallen, nämlich ihre große Aehnlichkeit mit Tschita. So, genau so hatte einst Frau von Adlerhorst ausgesehen; sie war eine genau so helle, sonnige Erscheinung gewesen. Er hatte diese Frau, welche seine Herrin war, geliebt, mit jener unlauteren Liebe, welche zum schlimmsten Mittel greift, sich Erhörung zu erzwingen. Er hatte es gewagt, mit dem Geständnisse seiner Liebe vor die Herrin zu treten und ward fortgejagt. Er hatte sich gerächt, mit Hilfe von Ibrahim Pascha, welcher sich auf dieselbe Liebe auch dieselbe Abweisung geholt hatte.

Später, als er in Constantinopel Tschita erblickte, vermuthete er in Folge ihrer Aehnlichkeit mit Frau von Adlerhorst, daß sie deren Tochter sei, und es fand sich, daß er sich nicht getäuscht hatte. Die alte Liebe erwachte mit neuer Gewalt, nur daß sie sich jetzt gegen die Tochter richtete. Durch Steinbach's Erscheinen und Eingriff wurden des Derwischs Absichten vereitelt; er mußte sogar fliehen und hielt sich, der überall gesucht wurde, in Amerika für am Sichersten.

Hier nun traf er ganz dasselbe characteristische Adlerhorst'sche Gesicht wie vorher in Constantinopel. Es kam ihm der Gedanke, daß Magda eine Adlerhorst sei. Warum auch nicht? Die Glieder dieser Familie waren ja in alle Welt zerstreut worden. Dazu kam der Name, den sie trug, Magda Hauser. Der Derwisch hatte einen Diener der Adlerhorst, Namens Hauser, sehr gut gekannt. Konnte nicht dieser mit Magda nach Amerika gegangen sein und sie nun für seine Tochter ausgeben?

Bill Newton wollte Gewißheit haben. Er wollte mit Magda sprechen, doch war es gar nicht sehr leicht, dies unbemerkt zu thun.

Ihre Aehnlichkeit, für die er sich außerordentlich interessirte, auch abgerechnet, machte das Mädchen ganz denselben Eindruck auf ihn, den er früher schon beim Anblicke der Frau von Adlerhorst und von Tschita gefühlt hatte. Er entbrannte trotz seines vorgerückten Alters in Liebesgluth und beschloß, Magda zu besitzen. Das jetzt voraussichtliche Schicksal dieses Mädchens war, von Roulin entehrt zu werden, um dann irgend einem Papago-Indianer überlassen zu werden. Sie konnte das wissen, ja, sie mußte sich dies mit aller Bestimmtheit sagen. Wie nun, wenn Bill Newton sie vor diesem Schicksal bewahrte, wenn er sie jetzt rettete und mit ihr entfloh! Abgesehen davon, daß er sich dann mit ihr allein befand und er die Erhörung seiner Liebe sich also leicht erzwingen konnte, hatte er sie zugleich zur Dankbarkeit verpflichtet, und die Dankbarkeit ist oft, wie man weiß, der Uebergang zur Liebe.

Je länger und je mehr er mit sich zu Rathe ging, desto fester wurde sein Entschluß, sie den Papago's zu entführen. Er wollte mit ihr sprechen.

Aus diesem Grunde hielt er sich in ihrer Nähe. Und es gelang ihm durch sein schlaues Manövriren, die Führerschaft ihres Pferdes zu erhalten.

Es war zwar den Gefangenen verboten, mit einander zu sprechen, aber wenn sie einen Anderen, einen ihrer Feinde anredeten, so konnte es nicht auffallen, wenn er antwortete. Bill lenkte sein und Magda's Pferd so, daß er wenigstens von Walker, Roulin und Leflor nicht beobachtet werden konnte. Die Rothen machten ihm weniger Sorgen. Er beschloß, sich der deutschen Sprache zu bedienen. Erstens wurde diese von den Papago's nicht verstanden und zweitens war dies zugleich ein Prüfstein für Magda. Verstand sie deutsch, so ließ sich fast mit Bestimmtheit annehmen, daß sie eine Adlerhorst sei.

Er hielt sein Pferd ganz nahe an das ihrige und sagte, ohne den Mund zu bewegen und ganz leise, daß nur sie es hören konnte.

»Sennorita, versteht Ihr deutsch?«

Sie blickte freudig überrascht zu ihm herüber und antwortete, freilich lauter als ihm lieb war:

»Herrgott! Sind Sie vielleicht ein Deutscher?«

»Ja. Aber bitte, sprecht leiser! Ich habe gute Absichten mit Euch, aber Niemand darf es ahnen. Blickt mich nicht an und sprecht nur so laut, daß es kein Anderer hört als ich. Auch müssen wir in möglichst langen Pausen reden. Da fällt es am Allerwenigsten auf.«

Also ansehen sollte sie ihn nicht. Und doch war es ein langer, langer, ungläubig forschender Blick, den sie auf ihn warf.

»Zweifelt Ihr?« fragte er.

»Ja,« antwortete sie aufrichtig.

»Warum?«

»Ich kenne Euch, wenn ich auch noch nicht gewußt habe, daß Ihr ein Deutscher seid.«

Das frappirte ihn. Sollte sie Alles wissen? Aber woher denn? Von wem? Er mußte sich sogleich die Gewißheit holen:

»Woher kennt Ihr mich?«

»Von Almy. Sie hat von Euch gesprochen.«

»Ah, diese! Was kann sie von mir wissen?«

»Ihr seid am Silbersee gefangen gewesen. Das habe ich ja selbst gesehen.«

»Ich war nur zum Scheine Gefangener.«

»Wieso?«

»Ihr werdet das später erfahren.«

»Ihr seid dann entflohen?«

»Nein. Man hat mich freiwillig fort gelassen.«

»Leflor hat Euch befreit.«

»Das bildet er sich nur ein. Ihr kennt doch wohl Herrn Steinbach, den Fürsten der Bleichgesichter?«

»Ja doch.«

»Nun, ich bin sein heimlich Verbündeter.«

»Warum heimlich?«

»Um Leflor's und Walker's Absichten zu erkunden. Wir wußten, daß Leflor nach dem Silbersee kommen werde. Ich wurde scheinbar gefangen genommen. Es wurde so eingerichtet, daß er mich befreien mußte. Natürlich nahm er mich mit sich und ich wurde sein Vertrauter. Ich bin bis jetzt bei ihm geblieben, damit er desto sicherer in die Falle geht.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Ich kann es beschwören.«

»Warum aber habt Ihr Euch da von Sennor Zimmermann verwunden lassen?«

»Weil dieser nicht eingeweiht worden ist. Er hat mich wirklich für Euren Feind gehalten. Wenn er die Wahrheit hört, wird er es sehr bedauern, die Waffe gegen mich gebraucht zu haben. Ich muß Euch sehr ersuchen, Vertrauen zu mir zu haben.«

»Ich möchte wohl, aber –«

»Was? Sprecht weiter!«

»Es ist zu gefährlich.«

»Gefährlich? Das begreife ich nicht. In eine größere Gefahr, als diejenige ist, in welcher Ihr Euch jetzt befindet, könnt Ihr ja gar nicht kommen.«

»Wollt Ihr mich retten?«

»Ja.»

»Wohl mich allein?«

Diese Frage kam ihm sehr unpassend. Wahrscheinlich wollte sie sich ihm nicht allein anvertrauen. Darum antwortete er:

»Ich werde mich nach Euren Wünschen richten.«

»Ich mag nicht allein frei sein.«

»Ah! Die Anderen auch mit?«

»Ja; Almy, ihr Vater und Sennor Zimmermann.«

»Das wird sehr schwierig sein.«

»So bleibe ich auch gefangen.«

»Bedenkt, was Eurer wartet!«

»Gott wird mich schützen.«

»Bereits morgen Abend kommen wir im Thale des Todes an. Bis dahin muß Alles geschehen sein, und um alle Vier zu befreien, dazu ist diese Zeit doch viel zu kurz.«

»Ich wiederhole, daß ich nicht allein gehe.«

Er schwieg eine lange Weile. Diese Weigerung hatte er nicht erwartet. Endlich that er, als ob er auf ihre Intention eingehen wolle:

»Gut, Ihr sollt nicht allein mit mir gehen. Ich werde Alles wagen, auch die Anderen zu befreien. Nur müßt Ihr mir versprechen, meinen Weisungen zu folgen und Alles genau so zu machen, wie ich es Euch sage.«

»Dazu bin ich bereit.«

»Die Flucht muß natürlich heute während der Nacht, wenn wir lagern, geschehen!«

»In welcher Weise?«

»Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich muß die Wächter täuschen, muß sie von Euch entfernen. Wie das anzufangen ist, kann ich jetzt noch nicht wissen.«

»Wohin werdet Ihr uns bringen?«

»Wohin Ihr wollt.«

»Wilkins wird wünschen, nach dem Silbersee zu gehen. Ich aber will nach dem Todesthale.«

»Warum denn nach diesem für Euch so äußerst gefährlichen Orte?«

»Weil sich meine Eltern dort befinden.«

»Da lauft Ihr Denen, welchen wir entfliehen wollen, doch gerade wieder in die Hände.«

»Ich will Vater und Mutter auch frei haben.«

»Dieser Wunsch ist sehr erklärlich, aber dadurch, daß Ihr wieder gefangen werdet, macht Ihr doch nicht Eure Eltern frei! Das müßt Ihr bedenken.«

»So weiß ich nicht, was ich thue.«

»Ich weiß es desto besser.«

»Nun.«

»Ich bringe Euch nach einem sicheren Orte, nach einer Stadt, vielleicht nach Sumner oder Goshen. Dort nehmen wir gerichtliche Hilfe in Anspruch.«

»Können wir dort leben?«

»Hm! Ja, Geld freilich gehört dazu.«

»Wir haben nichts. Ihr wißt ja, daß man Wilkins und Zimmermann Alles abgenommen hat.«

»Ich bin auch arm; aber ich werde mir Geld verschaffen. Walker hat welches. Er hat eine beträchtliche Summe in seinem Gürtel stecken.«

»Wollt Ihr stehlen?«

»Nennt Ihr das stehlen, wenn ich ihm nehme, was er erst selbst zusammengeraubt hat? Er hat Euch Eure Freiheit genommen. Wer kann uns verdammen, wenn wir ihm Das nehmen, was wir nothwendig brauchen, um wieder frei zu sein? Uebrigens will ich Euch sagen, daß wir nicht ganz so verlassen sind, wie Ihr denkt. Die Apachen sind hinter uns.«

»Ich weiß es.«

»Und bei ihnen befindet sich Steinbach.«

»Ist das wahr? Wißt Ihr das gewiß?«

»Ganz gewiß. Es ist das ja eben der Plan, welchen ich mit ihm verabredet habe.«

»Warum aber überfällt er die Papago's nicht? Das wäre ja der sicherste und kürzeste Weg zu unserer Befreiung!«

»Nein. Das wäre für Euch der sicherste Weg in den Tod. Sobald die Papago's überfallen würden, schlachteten sie Euch ab, damit Ihr nicht wieder in die Hände Eurer Feinde gelangt.«

»Herr Gott im Himmel! Warum kommt das über uns! Wir haben ja nichts Böses gethan!«

»Leider! Wir dürfen nicht Gewalt, sondern nur List anwenden. Dann, wenn Ihr erst in Sicherheit seid, können wir über Eure Peiniger herfallen. Ich werde Euch heut Nacht während des Lagerns die Fesseln lösen. Und dann wird es am Allerbesten sein, daß ich Euch zu Steinbach bringe.«

»Ja, ja, zu ihm. Bei ihm sind wir gut geborgen!«

Sie sagte das in frohem Tone. Sie rief es laut, so daß es den Indianern auffiel. Der Häuptling der Papago's lenkte sein Pferd herbei, fixirte Bill mit scharfem Blicke und sagte:

»Warum läßt das Bleichgesicht nicht seine Zunge ruhen?«

»Warum setzt der rothe Mann jetzt die seinige in Bewegung?«

»Weil ich wissen will, was Du mit dem Mädchen sprichst.«

»Ist es verboten, zu antworten, wenn ich gefragt werde?«

»Niemand hat es verboten, weil es sich von selbst versteht, daß man es unterläßt. Was habt Ihr zu sprechen.«

»Alle Teufel! Bin ich etwa Dir Antwort oder gar Rechenschaft schuldig?«

Das Auge des Rothen blitzte zornig auf.

»Ja; ich bin der Häuptling!« sagte er.

»Aber nicht mein Häuptling!«

»Du bist nichts, gar nichts. Du bist der Diener Deines Herrn. Du hast zu gehorchen. Ich aber mag nun gar kein Wort von Dir hören.«

Er wendete sich ab. Es verging eine lange Zeit, ehe Bill zu flüstern wagte:

»Ihr seid zu unvorsichtig. Ihr habt ja ganz laut gerufen. Und dabei glänzte Euer Gesicht, daß auch der dümmste Mensch bemerken mußte, daß ich Euch eine frohe Botschaft gegeben habe. Dadurch macht Ihr meinen schönen Plan zu schanden.«

»Verzeihung! Ich werde vorsichtiger sein.«

»Ich bitte Euch sehr darum. Ich hatte Euch noch viel zu sagen; nun aber muß ich mich sehr hüten, es merken zu lassen, daß ich mit Euch spreche. Eins aber muß ich noch wissen: Euer Name ist Hauser. Das ist ein deutscher Name.«

»Mein Vater ist ein Deutscher.«

»Ist er schon lange in Amerika?«

»So lang ich lebe.«

»Was war er drüben in der Heimath?«

»Herrschaftlicher Diener.«

»Bei wem?«

»Bei einer vornehmen Familie, welche den Namen Adlerhorst führte.«

»Sapperment! Ist Eure Mutter wirklich seine Frau?«

»Ja. Warum sollte sie es nicht sein?«

»Wißt Ihr es gewiß?«

»Ja.«

»Wie nennt er sie?«

»Anna.«

Er stieß vor Ueberraschung einen leisen Pfiff aus und sagte sich im Stillen:

»Anna von Adlerhorst! Das stimmt. Sie ist es. Mutter und Tochter bei dem einstigen Diener. Die, welche man für die Mutter hielt, war nur die Amme. Warum habe ich doch damals die Rache andern Leuten überlassen! Es war sehr dumm von mir. Aber nun kann ich das Versäumte nachholen.«

Und zu Magda gewendet, fuhr er fort:

»Und wo befinden sich Eure Eltern?«

»Im Todesthale, im Bergwerke.«

»Sind viele Leute dort?«

»Ich weiß es nicht. Sie sind alle gefangen.«

»Auch Eure Eltern?«

»Ja.«

»Wie viele Wächter sind da?«

»Ein einziger. Er heißt Juanito.«

»Genügt denn eine einzige Person?«

»Ja. Die Gefangenen sind ja eingeschlossen. Sie können sich nicht wehren.«

Er wollte sich noch weiter erkundigen; aber er fing einen Blick des Häuptlings auf, der ihm nichts Gutes verhieß; und darum schwieg er. Der Häuptling aber lenkte sein Pferd nach der Spitze des Zuges, wo die Weißen ritten und fragte, sich an Walker wendend:

»Besitzt das Bleichgesicht, welches Bill genannt wird, Dein Vertrauen?«

»Hm! Bisher hat er mir keine Veranlassung gegeben, ihm zu mißtrauen.«

»Er hat kein gutes Gesicht.«

»Ja, er hat allerdings das Gesicht eines Fuchses.«

»Warum reitet er neben dem weißen Mädchen?«

»Kann er das nicht so gut wie jeder Andere?«

»Warum aber spricht er mit ihr?«

»Sie wird ihm eine Frage vorgelegt haben.«

»Eine Antwort ist kurz; er aber redet mit ihr eine sehr lange Zeit.«

»Laß ihn!«

»Warum aber redet er so leise, daß nur sie allein es hören soll?«

»Das ist allerdings verdächtig.«

»Warum bewegt er nicht den Mund beim Sprechen? Man soll nicht bemerken, daß er mit ihr redet.«

»Alle Teufel! So hat er Heimlichkeiten!«

»Und warum spricht er in einer fremden Sprache, welche ich nicht verstehe.«

»Sie ist eine Weiße. Warum sollte er mit ihr in der Sprache der Rothhäute reden?«

»So mag er sich der Sprache der Yankee oder der Spanier bedienen!«

»Das wird er wohl auch gethan haben.«

»Nein. Er spricht in einer Sprache, welche ich noch niemals gehört habe.«

»Wie kannst Du das wissen, da Du doch vorhin sagtest, daß er leise spreche?«

»Das Mädchen that einen Ausruf. Ich hörte die Worte. Sie gehörten einem Volke an, welches ich nicht kenne.«

»Hm! Hast Du Dir diese Worte gemerkt?«

»Ja, denn es war sehr wichtig, sie nicht zu vergessen. Ich weiß nicht, was sie zu bedeuten haben, aber den Klang kenne ich noch. Das Mädchen rief: ›gut geborgen!‹ Das waren die besten Töne. Was vorher war, weiß ich nicht.«

Walker blickte Roulin und Leflor erstaunt an. Er schüttelte bedenklich den Kopf und meinte:

»Er spricht Deutsch mit ihr. Das ist freilich sehr dazu angethan, Verdacht zu erwecken. Gut geborgen! Will er sie bergen? Das heißt, will er sie etwa befreien?«

Roulin antwortete:

»Ich habe dem Kerl gleich von Anfang nicht weiter getraut, als ich sehen konnte. Habt Ihr nicht bemerkt, daß sein Auge stets an dieser Anna Hauser hängt? Es ist mir ganz so vorgekommen, als ob er sie kenne.«

»Da wollen wir uns denn doch in Acht nehmen. Hat mein rother Bruder ihm denn nicht gesagt, daß er nichts mit dem Mädchen zu sprechen habe?«

»Ich habe es ihm gesagt,« antwortete der Häuptling. »Aber er meinte, daß ich ihm nichts zu befehlen habe.«

»Ah, er respectirt Dich nicht! Uns aber soll er den Gehorsam nicht verweigern. Es ist am Besten, wir nehmen die Gefangenen unter unsere eigne Obhut.«

Das war aber nicht nach dem Sinne des Papago. Er sagte:

»Wem gehören die Gefangenen?«

»Nun, doch uns.«

»Du irrst. Hast Du uns nicht die Taube des Urwaldes und ihren Vater versprochen?«

»Ja. Aber ich habe Euch noch nicht gesagt, zu welcher Stunde ich sie Euch abtrete. Jetzt sind sie noch mein Eigenthum.«

»Nein, sie gehören mir. Sie sind der Preis für den Schutz, den ich Euch gewähre.«

Walker wollte zornig werden; aber er besann sich. Er war mit seinen Gefährten zu schwach den Papago's gegenüber, deren Schutz er jetzt noch nicht missen konnte. Darum antwortete er in ruhigem Tone:

»Wir wollen uns nicht streiten. Die Gefangenen gehören mir und Euch. Wir werden uns verständigen, wenn wir im Thale des Todes angekommen sind.«

»Ich weiß bereits jetzt, wer ein Recht auf sie hat,« entschied der Häuptling kurz.

Er kehrte sein Pferd um und ritt zu Bill Newton. Ohne ein Wort zu sagen, zog er ihm den Zügel zu Magda's Pferd aus der Hand, drängte ihn fort und winkte seinen Leuten zu, die Gefangenen nun besser in ihre Mitte zu nehmen als vorher. Bill hielt es für das Beste, nachzugeben, da jeder Zank nur zu seinem Nachtheile ausfallen mußte. Aber er behielt Magda scharf im Auge und benutzte jede Gelegenheit, ihr einen aufmunternden Wink zu geben oder ihr tröstlich zuzunicken.

Er glaubte, daß dies sehr im Verborgenen geschehe, und doch wurde er dabei streng beobachtet, sowohl von dem Häuptlinge als auch von den Weißen.

Als der Abend hereinbrach, hatte man in einer grasigen Ebene, aus welcher sich zahlreiche Bauminseln erhoben, eine Stelle erreicht, wo ein Haufen von Felsentrümmern von Gesträuch und Brombeerranken durchzogen wurde. Dies war ein ganz ausgezeichneter Platz zum Lager. Das Gestein gewährte im Falle eines Angriffes Schutz, und da die Gegend eben war, so konnte man von den Apachen und Maricopa's nicht leicht beschlichen werden.

Daß diese Letzteren folgten, das wußten die Papago's; aber wie viele Köpfe die Verfolger zählten, das wußten sie nicht. Sie glaubten, es nur mit einer kleinen Kundschafterheerde zu thun zu haben, und wären gern über sie hergefallen. Aber der Häuptling war dagegen. Er kannte das Todesthal, welches nur zwei Eingänge hatte. Gelang es ihm, die Verfolger dort hinein zu locken, so konnte er sie mit einem Schlage vernichten.

Als sich die Truppe gelagert hatte, unterließ man es, Feuer anzuzünden; die Apachen wären ja da auf den Platz aufmerksam gemacht worden. Es wurden mehrere Posten ausgestellt, welche unausgesetzt die Peripherie des Ruheplatzes abzupatroulliren hatten. Die Gefangenen wurden von den Indianern bewacht. Seitwärts lagen die Weißen, welche gewöhnt waren, sich in stolzer Entfernung von den Rothen zu halten.

Nur Bill Newton stand einige Male auf, um sich mit den Rothen zu schaffen zu machen. Er brannte vor Begierde, mit Magda ein Wort zu wechseln, und da ihm dieser Wunsch nicht erfüllt wurde, so begann er, die nöthige Vorsicht immer mehr aus dem Auge zu lassen.

Mitternacht war bereits nahe, als er abermals zu den Rothen ging und in Magda's Nähe zu kommen suchte. Es mißlang abermals, und voll innerer Wuth kehrte er zu der Gruppe der Weißen zurück. Wenn sein Vorhaben in dieser Nacht nicht ausgeführt werden konnte, so war die Ausführung überhaupt unmöglich. Er setzte sich so, daß er das Mädchen und die rothen Wächter desselben mit dem Blicke erreichen konnte.

Walker hatte zu diesem Gebahren bisher geschwiegen. Jetzt aber konnte er sich nicht länger halten. Er sagte in höhnischem Tone:

»Thun Dir die Beine nicht wehe, Bill?«

»Warum sollten sie mir wehe thun?«

»Von dem immerwährenden Hin- und Herlaufen. Bleib doch liegen.«

»Seit wann ist es verboten, sich Bewegung zu machen?«

»Du hast heut während des Rittes Bewegung genug gehabt. Hoffentlich fällt es Dir nicht ein, auf die Freit zu gehen!«

»Wie meint Ihr das?«

»Magda scheint es Dir angethan zu haben.«

»Pah!«

»Leugne es nicht! Denkst Du, wir bemerken nicht, daß Du ihr zuwinkst und zunickst!«

»Ist mir nicht eingefallen.«

»Leugne es nicht!«

»Donnerwetter! Was geht mich das Frauenzimmer an! Ich habe nichts mit ihm zu schaffen.«

»Und dennoch redest Du deutsch mit ihr!«

»Wer behauptet das?«

»Ich!«

»Das ist eine Lüge!«

»Hüte Dich, mich einen Lügner zu nennen! Warum hat sie ausgerufen, daß sie gut geborgen sein wird?«

Bill erschrak. Seine Absicht war durch dieses einzige Wort verrathen. Aber es wäre ja Wahnsinn gewesen, es einzugestehen.

»Wer Euch diesen Bären aufgebunden hat, der hat die Weisheit nicht grad mit dem Löffel gegessen.«

»Der Häuptling war es.«

»Wunderbar! Versteht der etwa Deutsch?«

»Das ist gar nicht nothwendig. Er hat sich dieses eine Wort gemerkt, und das genügt vollständig. Wenn Du Dich etwa hinter unserm Rücken der Gefangenen annehmen willst, so wahre Deine eigene Haut. Ich laß nicht mit mir spaßen. Wenn Du mich da vielleicht noch nicht kennst, so kannst Du mich kennen lernen!«

Diese Worte empörten Bill. Er hatte früher ganz andere Rollen gespielt und war mit ganz anderen Leuten verkehrt. Die Drohung fuhr ihm, wie man zu sagen pflegt, in die Nase. Es wäre von ihm klüger gewesen, sich zu beherrschen; aber er vermochte dies nicht. Er gab vielmehr seinem Zorne Worte:

»Ich glaube gar, Ihr wollt mir drohen?«

»Allerdings.«

»Das könnt Ihr unterbleiben lassen.«

»Oho! Willst Du etwa aufmucken?«

»Pah! Aufmucken! Dieses Wort ist hier ganz und gar am unrechten Platze. Aufmucken nennt man es doch wohl, wenn ein Untergebener sich unterfängt, seinem Vorgesetzten zu widersprechen.«

»Das thust Du ja!«

»Gott bewahre! Meint Ihr etwa, daß ich Euer Untergebener bin?«

»Was sonst?«

»Diesen Gedanken laßt ja schleunigst fahren. Wir Alle, wie wir hier sitzen, sind einander vollständig gleich und ebenbürtig.«

»Sapperment, ist das stark! Mensch, was fällt Dir ein! Bist Du toll!«

»Toll ist nur Der, welcher eine andere Ansicht hat als die meinige.«

»Du stehst in meinem Lohn und Brod!«

»Wo ist mein Lohn, und wo ist mein Brod? Laßt Euch nichts weiß machen. Wir Alle wandeln auf einem Wege, der gesetzlich verboten ist. Wir sind Alle Spitzbuben. Wenn Ihr nun sagt, daß Ihr mein Vorgesetzter seiet, so sagt Ihr damit nichts Anderes, als daß Ihr Euch für einen größeren Spitzbuben haltet, als ich bin.«

Walker stieß, anstatt aufzubrausen, ein lautes, heimliches Lachen aus und sagte dann:

»Da hast Du freilich ganz meine Gedanken und meine eigene Ansicht. Ich bin freilich der größte Spitzbube unter Euch; ich bin Euer Anführer und also habt Ihr Euch nach meinem Willen zu richten. Mein Wille aber ist es keineswegs, daß Du mit dieser Magda liebäugelst, um heut Nacht in aller Gemüthlichkeit mit ihr zu verschwinden.«

»Ihr seid nicht bei Troste! Wie könnte ich auf diesen Gedanken kommen!«

»Wie Du darauf gekommen bist, weiß ich auch nicht; aber daß Du ihn hast, das weiß ich.«

»Nun, wenn Ihr Euch in dieser Ueberzeugung so sehr glücklich fühlt, so will ich Euer Glück nicht stören. Denkt, was Ihr wollt!«

»Das thue ich auch. Aber ich warne Dich! Sehe ich noch einmal, daß Du den Versuch machst, Dich an das Mädchen zu schleichen, so ist es um Dich geschehen.«

»Das klingt doch ganz, als ob Ihr mir den Garaus machen wolltet.«

»Den mache ich Dir allerdings, wenn ich Dich ertappe!«

»Donnerwetter! Seid Ihr ein gefährlicher Kerl!«

Er sagte das in höhnischem Tone. Dabei stand er auf und entfernte sich, als ob er einmal nach den ausgestellten Posten schauen wolle. Doch ging er gar nicht weit. Bald duckte er sich wieder und kroch auf allen Vieren zurück. Hinter einem Steine versteckt, befand er sich nur höchstens vier Ellen von den Dreien entfernt. Es kam ihm darauf an, sie zu belauschen. Es verstand sich ganz von selbst, daß sie jetzt sprechen würden.

Seine Vermuthung erwies sich als ganz richtig. Die Drei blickten einander kopfschüttelnd an, und Walker fragte:

»Was sagt Ihr dazu?«

»Der Kerl ist renitent,« antwortete Leflor.

»Er fühlte sich getroffen. Das sah man ihm an.«

»Auch ich bin überzeugt, daß er Etwas vor hat. Wir müssen den Häuptling warnen.«

»Das wird ihm lieb sein, denn dadurch bekommt er Gelegenheit, die Gefangenen ganz unter seine Obhut zu nehmen.«

»Das paßt mir schlecht,« brummte Roulin. »Ich verlange Magda für mich.«

»Und ich Almy Wilkins!« sagte Leflor. »Das ist so ausgemacht worden, und dabei muß es bleiben!«

»Nicht so hitzig, Ihr Leute! mahnte Walker. »Wir brauchen die Papago's noch. Darum wollen wir sie einstweilen dabei lassen, daß sie die Gefangenen bekommen.«

»Was wollen wir dann aber dagegen machen? Sie werden sie nicht wieder herausgeben.«

»Pah!« lachte Roulin. »Haben wir sie nur erst im Todesthale, in meinem Hause. Was ich da nicht herausgeben will, das soll mir Keiner abnehmen. Ich bin überhaupt überzeugt, daß ich von jetzt an einige Quecksilberarbeiter mehr haben werde als vorher.«

»Wen?«

»Wilkins und Zimmermann.«

»Lieber ganz fort mit ihnen – todt!«

»Pah! Wer in meinem Schachte ist, der ist mehr als todt, der ist todter und am todtesten.«

»Hört, da kommt mir ein prachtvoller Gedanke!« fiel Walker ein. »Nämlich in Beziehung auf diesen obstinaten Bill Newton.«

»Nun.«

»Er ist mir eigentlich schon längst unbequem gewesen. Jetzt bin ich nun gar überzeugt, daß er im Stande ist, uns zu verrathen. Wir müssen ihn unschädlich machen.«

»Das ist sehr leicht gethan. Geben wir ihm eine Kugel!«

»Nein; die ist er nicht werth. Er mag für Euch arbeiten, Sennor Roulin.«

»Sapperment! Das ist günstig!«

»Ausgezeichneter Gedanke!«

»Einträglich für Euch und sehr belehrend für ihn. Wer weiß, was der Kerl Alles auf seinem Gewissen hat. Wir müssen ihm Gelegenheit geben, bereits auf Erden Einiges abzubüßen, damit er nach dem Tode nicht gar so lange im Fegefeuer stecken muß. So sorgen wir in christlicher Weise für seine Seele und zugleich auch für uns. Ihr bekommt einen Arbeiter, und ich bin einen Faullenzer los.«

»Gut! Ich bin einverstanden. Also abgemacht?«

»Abgemacht und topp! Aber laßt Euch nichts gegen ihn merken. Wir wollen freundlich sein. Haben wir ihn erst im Todesthale, so wird er merken, welche Uhr es geschlagen hat.«

Jetzt richtete sich die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand. Bill kroch also weiter fort und stand dann vom Boden auf.

»Schurken!« knirrschte er, die geballte Faust gegen sie ausstreckend. »Das soll Euch nicht gelingen. Ich werde eher im Todesthale sein, als Ihr, um eine Karte auszuspielen, gegen welche Ihr keinen Trumpf finden sollt! Mich in das Quecksilberbergwerk stecken! Ah, Euch soll der Teufel holen, und zwar sehr bald!«

Als er nach einiger Zeit langsam nach dem Platze zurückgeschlendert kam und sich unbefangen niedersetzte, sagte er lachend:

»Warum fragt mich denn jetzt Niemand, ob ich müde bin?«

»Jetzt hatte Euer Spaziergang keinen für uns gefährlichen Zweck,« antwortete Roulin.

»Na, ich sage Euch, daß die vorigen Gänge noch weit ungefährlicher waren. Aber gegen so scharfsinnige Leute ist nichts zu machen. Jetzt will ich meinen Aerger verschlafen. Wir haben noch einen weiten Ritt vor uns. Da braucht man Kraft.«

»Später könnt Ihr Euch bei mir ausruhen.«

»So? Nehmt Ihr mich auf, Sennor Roulin?«

»Mit Vergnügen!«

»Wie gütig von Euch! Doch habe ich nicht die Absicht, Euch zur Last zu fallen.«

Roulin antwortete nicht weiter; aber im Stillen sagte er sich:

»Esel! Du wirst mir gar nicht zur Last fallen, sondern brav für mich arbeiten!«

Scheinbar war das gute Verhältniß wieder hergestellt. Die Männer streckten sich lang aus, um zu schlafen. Sorge um ihre Sicherheit brauchten sie nicht zu haben, da die Papago's wachten.

Es verging vielleicht eine halbe Stunde. Alle lagen ruhig. Da bewegte sich Bill Newton. Er lag neben Walker; er hatte dies mit Absicht so eingerichtet. Er erhob den Kopf, näherte sich Walker und hielt das Ohr an dessen Mund. Der Athem ging regelmäßig und hörbar wie bei Einem, der sehr fest schläft.

Jetzt griff Bill nach Walkers Gürtel. Dieser bestand in einem feinen, seidenen Shawl, der um die Hüften geschlungen war. In demselben steckte das Messer, der Revolver und die Brieftasche, in der sich, wie Bill gesehen hatte, das Papiergeld befand. Er fühlte die Brieftasche, zog sein haarscharfes Messer und schnitt die Stelle, unter welcher die Tasche steckte, auf. Ein leiser Griff, und er hatte, was er haben wollte. Er steckte das Portefeuille zu sich, legte sich für einige Augenblicke wieder in seine vorige Stellung zurück und blickte nach der Stelle hinüber, wo sich die Gefangenen befanden.

Dort saß eine Anzahl Indianer, welche in einer leisen Unterhaltung begriffen waren.

»Verdammt!« fluchte er im Stillen. »Diese Schufte sehen sich vor. Es sind die Wächter. Sie werden gar nicht schlafen, und es ist mir also unmöglich, das Mädchen loszubringen. Ich muß allein fort, werde sie aber im Todesthale erwarten. Das muß ich ihr sagen, noch ehe ich gehe.«

Jetzt stand er auf und schritt langsam auf die Wächtergruppe zu. Sie wunderten sich darüber, daß er noch nicht schlief, gaben ihm aber auf seine unbefangenen Fragen, welche er ihnen vorlegte, Antwort.

Dabei bemerkte er, daß auch die Gefangenen munter waren. Es durfte dies kein Wunder genannt werden, da die Sorge sie nicht schlafen ließ. Magda sah ihn und bewegte sich, um ihm zu zeigen, daß sie nicht schlafe. Da sagte er schnell in deutscher Sprache:

»Es geht nicht. Aber ich reite jetzt direct nach dem Todesthale, um dort vorzuarbeiten. Ihr sollt gerettet werden.«

Sofort sprang einer der Wächter auf, zog sein Messer, ergriff ihn am Arme, riß ihn fort und drohte:

»Sage noch ein Wort zu ihr, und ich stoße Dir hier dieses Eisen in das Herz!«

»Was fällt Dir ein!« antwortete Bill ruhig. »Wenn ich nicht mit ihr sprechen soll, so kann ich ja gehen!«

Und er ging, aber nicht nach dem Lagerplatze zurück, sondern nach derjenigen Richtung, in welcher die Pferde standen, welche die Weißen geritten hatten.

Walker hatte ein sehr gutes indianisches Thier geborgt erhalten. Es war an dem Pflocke angebunden, welcher in der Erde steckte. Er band es los und stieg auf. Eben wollte er das Pferd in Bewegung setzen, da trat einer der Posten auf ihn zu, reckte sich hoch empor, um sein Gesicht zu erkennen, und fragte:

»Wohin will der weiße Mann?«

»Auf Kundschaft.«

»Weiß es das Bleichgesicht, welches Ihr Walker nennt?«

»Ja. Er selbst ist es, der mich fortsendet. Sage ihm morgen früh, daß ich ihm für das Geld danke!«

Er ritt fort. Der Hufschlag war nicht zu hören, da an dieser Stelle der Boden grasig war.

Der Posten lauschte ihm bedenklich nach. Es kam ihm vor, als ob diese Sache nicht ganz geheuer sei. Darum ging er nun nach der Lagerstelle der Weißen und weckte sie. Er fragte Walker:

»Hast Du einen Kundschafter ausgesandt?«

»Nein.«

»Der Weiße ist fort, welcher so viel mit dem Mädchen sprach. Ich soll Dir sagen, daß er sich für das Geld bedankt. Ich soll es Dir aber erst am Morgen sagen.«

Sofort griff Walker nach dem Gürtel. Dieser war zerschnitten und die Brieftasche fort. Natürlich verbreitete sich die Kunde von dem Diebstahle sofort im ganzen Lager. Walker hörte nun auch, daß Bill vor seiner Entfernung mit Magda gesprochen habe. Voller Wuth zog er sein Messer, faßte sie am Arme, riß sie empor und sagte:

»Gestehe, was er zu Dir gesprochen hat! Sonst stoße ich Dich augenblicklich nieder!«

Sie zitterte vor Schreck am ganzen Leibe.

»Schnell! Aber sag die Wahrheit!«

»Er wollte mich retten!« stöhnte sie vor Schmerz unter dem Drucke seiner Finger.

»Dachte es mir! Aber wie?«

»Heute Nacht wollte er mich fortführen; aber es ging nicht.«

»Weiter!«

»Jetzt ist er nach dem Todesthale, um dort die Rettung vorzubereiten.«

»Alle Teufel!« rief da Roulin. »Juanito ist ganz allein dort. Den wird er bethören! Wir müssen augenblicklich fort, um ihm zuvorzukommen!«

»Was hat er noch gesagt?« rief Walker Magda an.

»Nichts.«

»Gut! Wir eilen ihm nach. Der Häuptling mag mir dreißig Mann auf den schnellsten Pferden geben, damit wir eher hinkommen, als er. Ich werde ihn empfangen, anstatt er mich!«

Es gab für einige Zeit lang nun rege Bewegung im Lager. Als zehn Minuten vergangen waren, standen dreißig Mann bereit. Walker und Roulin hatten ihre Gewehre da liegen lassen, wo sie geschlafen hatten. Sie fanden sie auch dort liegen; aber Walker drehte sich einmal im Kreise um und sagte:

»Sonderbar! Lag vorhin nicht hier ein großer, dunkler Stein?«

»Mir ist es ganz so.«

»Er ist weg.«

»Hm! Steine laufen doch nicht fort!«

»Ich möchte wetten, daß ich mich nicht irre. Er lag hier, wo ich jetzt den Fuß hinsetze.«

»Und doch ist's nicht gut möglich. Wo sollte er denn hingekommen sein.«

»Allerdings! Ich irre mich. Aber bei einem solchen Ritte kommt Einem Alles verdächtig vor, und dieser verdammte Bill Newton hat mich ganz confus gemacht. Wehe ihm, wenn ich ihn erwische! Für jeden Dollar, den er gestohlen hat, schneide ich ihm eine Wunde.«

Jetzt stiegen sie auf, die drei Weißen mit den dreißig Indianern. Der Häuptling sollte mit den Anderen und den Gefangenen sich noch einige Ruhe gönnen und dann nachkommen.

Walker kam, obgleich ihm die Sache mit dem plötzlich verschwundenen Steine unerklärlich war, doch nicht auf den Gedanken, daß dieser Stein ein Mensch gewesen sei. Eine solche Verwegenheit, sich mitten in das feindliche Lager zu schleichen, sich dort bewegungslos hinzukauern und das lederne Jagdhemde so über sich wegzulegen, daß das Ganze einem Steine glich, schien eine Unmöglichkeit zu sein.

Und doch lief dieser Stein auf zwei sehr dicken, fleischigen Beinen jetzt außerhalb des Postenkreises auf ein Gebüsch zu, hinter welchem die lange, hagere Gestalt Jims hervortrat.

»Gott sei Dank! Endlich!« sagte er. »Schon glaubte ich, sie hätten Dich erwischt.«

»Mich?« lachte Sam Barth. »Hihihihi! Mich erwischen! Dazu bin ich viel zu dick!«

»Hast Du Etwas erlauscht?«

»Viel, sehr viel!«

»Was?«

»Habe jetzt keine Zeit. Wir müssen laufen. Soeben sind dreißig Mann aufgebrochen, um dem ausgerissenen Bill Newton nach dem Todesthale zu folgen. Steinbach ist mit Günther ganz allein dort. Wir müssen ihnen Hilfe bringen. Wir brechen sofort auf, Alle zusammen. Wir müssen eher dort sein als die Papago's.«

»Aber die andern zweihundertundsiebzig Feinde, welche noch hier liegen?«

»Die kommen nach, und wenn sie dann im Thale eintreffen, heißen wir sie herzlichst willkommen und brauen ihnen einen Punsch auf dem Feuer unserer Büchsen.«

»Aber wird Steinbach mit diesem Arrangement einverstanden sein?«

»Unsinn! Welche Frage! Was Sam der Dicke thut, das billigt Steinbach allemal. Ich habe mein Lebtage noch nicht gehört, daß in Herlasgrün ein dummer Kerl geboren worden wäre. Komm! In fünf Minuten müssen wir im Sattel sitzen. Es wird ein Parforceritt, aber so Etwas thut Einem gut. Das schüttelt Fleisch und Knochen unter einander. Dir wird das ganz besonders wohl bekommen, lange Hopfenstange!« – –

Steinbach hatte, wie bereits berichtet, das Todesthal noch während der nächtlichen Dunkelheit verlassen. Er suchte während seines Rittes, als es dann Tag geworden war, alle Stellen zu vermeiden, wo sein Pferd Spuren zurücklassen mußte. Immer in scharfem Trabe strebte er den bereits erwähnten Bergen zu. Um die Mittagszeit lagen die Höhen vor ihm. Er hielt bei einem dichten Buschwerke, welches ihm Schatten bot, und musterte die Gestalt und Lage der einzelnen, sich an einander schiebenden Berge. Es galt jetzt, das Querthal zu errathen, durch welches Freund und Feind wohl kommen werde. –

Da erblickte er einen schwarzen Punkt, welcher sich von einer sanften, unbewachsenen Berglehne herab bewegte. Dieser Punkt wurde schnell größer. Nach fünf Minuten erkannte Steinbach, daß es ein einzelner Reiter sei, welcher ganz hier in der Nähe vorüberkommen werde.

Der Deutsche zog sich noch mehr hinter den Busch zurück und erkannte zu seinem Erstaunen – den einstigen Derwisch, welcher schwitzend vor Anstrengung herbei gejagt kam. Wohl ahnend, daß es eine kleine Hetze geben werde, wand Steinbach sich das Lasso von der Hüfte, legte es in regelmäßige Schlingen und hielt es bereit zum Wurfe.

Jetzt war Bill Newton da. Er hatte einen scharfen Ritt hinter sich und war ganz erhitzt. Voll Schreck fuhr er zusammen, als Steinbach jetzt sein Pferd hinter dem Busche hervortrieb.

»Willkommen, Osman Derwisch!« erklang es laut. »Woher und wohin so schnell?«

Der Angeredete hielt unwillkürlich sein Pferd an.

»Steinbach!« entfuhr es ihm vor Schreck.

»Ah, Du kennst mich noch? Ja, wir sind alte Bekannte, die sich nicht so leicht vergessen. Sei doch so gut und steige einmal ab. Ich habe so zwei oder drei kleine Wörtchen mit Dir zu reden!«

Diese Aufforderung gab Bill Newton seine Geistesgegenwart wieder.

»Verdammt will ich sein, wenn ich es thue!« rief er aus.

Er gab dem Pferde die beiden Sporen, ließ ihm die Zügel schießen und galoppirte davon.

Steinbach war ihm schon bis auf einige Schritte nahe gewesen. Er schnalzte nur mit der Zunge. Das verstand sein Rapphengst nur zu gut. Das edle Thier schoß dem flüchtigen Reiter so schnell nach, daß für diesen keine Möglichkeit zum Entkommen war.

»Halt, Hallunke!« rief Steinbach.

»Stirb, Hund!« antwortete der Derwisch.

Bill riß sein Pistol aus dem Gürtel und drehte sich im Sattel um, um zu schießen. Er hatte aber die Hand mit der Waffe noch nicht erhoben, so sauste Steinbachs Lasso durch die Luft, und die Schlinge desselben schlang sich um seinen Oberkörper, seine Arme ihm an den Leib schließend. Die Waffe ging zwar los, doch traf die Kugel nicht, denn Steinbach hatte nach echter Cow-boy-Art schnell sein Pferd herumgerissen. Das Lasso war ebenso schnell abgelaufen und, da das andere Ende am Sattelknopf befestigt war, so wurde Bill mit unwiderstehlicher Gewalt vom Sattel herunter auf die Erde gerissen. Sein Pferd rannte zwar noch eine kurze Strecke fort, blieb aber sodann aus freien Stücken stehen.

Jetzt sprang Steinbach aus den Bügeln und trat zu dem Gefangenen, welcher mit den Füßen strampelte und sich alle Mühe gab, mit den eingeengten Armen die Schlinge zu erweitern, um aus derselben schlüpfen zu können.

»Wehre Dich nicht!«, rief Steinbach. »Du ziehst nur die Schlinge weiter zusammen. Warum hast Du mir nicht gehorcht und bist halten geblieben? Ich wollte mich sehr gemüthlich mit Dir unterhalten, nun aber hast Du es nur Dir zuzuschreiben, wenn das Gespräch ein Wenig ungemüthlich für Dich wird. Vorher aber will ich dafür sorgen, daß Du Niemandem mehr gefährlich werden kannst.«

Er nahm ihm sämmtliche Waffen ab; dann wand er ihm das Lasso noch fester um die Arme und den Leib; die Beine aber ließ er ihm frei.

»So! Und nun sage mir vor allen Dingen, woher Du kommst!«

Der Gefragte warf ihm einen wüthenden Blick zu, antwortete aber nicht.

»Und wohin Du gehst!«

Auch jetzt erfolgte keine Antwort.

»Nun, wenn Du vielleicht die Sprache verloren haben solltest, so werde ich dafür sorgen, daß sie Dir augenblicklich wiederkommt. Also, woher?«

Der Gefragte schwieg.

»Nun gut. Du willst es nicht anders. Wenn Du meinst, daß ich etwa sehr zart und sanft mit Dir umgehen werde, so irrst Du Dich gewaltig. Du hast mir keine Ursache dazu gegeben. Ich werde mit Dir verfahren, ganz nach dem Brauche des Landes, in welchem wir uns befinden. Paß' also einmal auf. Du kannst nicht reden und bist also wohl todt. Wenn es Dir dennoch wehe thut, so bist Du selbst schuld. Warum thust Du, als ob Du kein Leben mehr hättest!«

Er zog sein Bowiemesser, knieete Bill, welcher seinen Hut während des Sturzes verloren hatte und also barhäuptig war, auf die Brust, faßte dessen Haar mit der Linken und erhob mit der Rechten das Messer.

Da erhielt Bill allerdings sofort die Sprache zurück.

»Um Gotteswillen!« rief er erschrocken. »Ihr wollt mich doch nicht etwa scalpiren?«

»Gewiß werde ich das!«

»Ihr, ein Christ?«

»Das ist hier sehr gleichgiltig.«

»Bei lebendigem Leibe?«

»Du bist ja todt!«

»Ihr seht und hört doch, daß ich am Leben bin!«

»Vorhin warst Du sehr todt. Ich sage Dir, daß ich Dich unbedingt scalpire, wenn Du mir die Fragen, welche ich Dir jetzt vorlege, nicht beantwortest.«

Er hielt ihn bei den Haaren fest, blieb ihm auch auf der Brust knieen, ließ die blanke Messerklinge vor seinen Augen leuchten und fragte:

»Also woher?«

»Von Prescott.«

»Das weiß ich. Ich meine heute?«

»Von den Papago's.«

»Schön! Wo lagern oder wo lagerten sie?«

»Ungefähr zwanzig englische Meilen von hier gegen Osten.«

»Warum bleibst Du nicht bei ihnen?«

Bill wollte natürlich nicht sagen, daß er Walker bestohlen habe und Flüchtling sei. Er antwortete:

»Ich sollte auf Kundschaft gehen.«

»Wohin?«

»In die Clover-Berge hinauf.«

»Kerl, Du lügst. Du willst mich irre führen. Was hätten die Papagos in den Clover-Bergen zu suchen!«

»Es befinden sich feindliche Indianer dort, welche sie überfallen wollen.«

»Balzer, Leflor und Roulin wollen diese feindliche Rothen auch mit überfallen?«

»Ich weiß von den Dreien gar nichts.«

»Auch nicht von den gefangenen Mädchen?«

»Nein.«

»Und doch bist Du bei ihrer Gefangennahme verwundet worden!«

»Nein.«

»Lüge nicht! Ich habe mit Balzer, dem Besitzer des Segelbootes gesprochen und weiß Alles. Ueberhaupt würde Dich Dein Weg unmöglich hierher führen, falls Du wirklich nach den Cloverbergen wolltest. Sage die Wahrheit.«

»Ich habe sie gesagt.«

»Nun, so will ich mir Dein Fell mitnehmen als Andenken an den wahrheitsliebenden Menschen, den ich kennen gelernt habe.«

Er zog den Haarschopf Bills scharf an und setzte ihm das Messer an die Kopfhaut. Als Bill die Spitze der Klinge fühlte, schrie er schnell und laut:

»Halt, halt! Ich will Alles sagen!«

»Schau, welche Wirkung das Scalpiren hat! Also wenn Du Dir Deine Kopfhaut erhalten willst, so lüge nicht wieder. Wohin willst Du?«

»Nach dem Todesthale.«

»Was willst Du dort?«

»Almy und Magda erretten.«

Bill glaubte, durch diese Angabe sich selbst retten zu können. Steinbach aber zog die Stirn in Falten und drohte:

»Lüge nicht abermals!«

»Ich sage die Wahrheit; das schwöre ich Euch bei Gott zu. Ihr könnt es von Magda selbst erfahren.«

»Wiese von ihr?«

»Ich habe mit ihr gesprochen, obgleich dies verboten war. Ich habe ihr gesagt, daß ich nach dem Thale des Todes voranreiten werde, um ihre Rettung einzuleiten.«

»Was verstehst Du unter dieser Einleitung?«

»Irgend Etwas, was ich thun werde, aber jetzt noch nicht weiß. Ich habe Roulin belauscht, daß sich im Todesthale gefangene Menschen befinden, welche nur von einem einzigen Manne, Namens Juanito, bewacht werden.«

»Das ist wahr.«

»Wie? Auch Ihr wißt es?«

»Ja, sehr genau.«

»Nun, so seht Ihr also, daß ich Euch nicht belüge. Ich wollte diese Gefangenen befreien und –«

»Wie wolltest Du das anfangen?«

»Vor dem Einen, Juanito, brauchte ich mich doch nicht zu fürchten. Ich hatte mich ihm gegenüber für einen Boten Roulins ausgegeben und ihn dann unschädlich gemacht. Mit Hilfe der dann von mir erlösten Gefangenen hoffte ich die beiden Mädchen befreien zu können.«

»Hm!« machte Steinbach nachdenklich. »Warum wolltest Du sie denn eigentlich befreien? Du hast sie doch selbst vorher mit gefangen genommen!«

»Aus reiner Menschlichkeit.«

»Ah! An Deine Menschlichkeit glaube ich im ganzen Leben nicht, und Du weißt ebenso wie ich, daß ich allen Grund dazu habe. Welchen Lohn erwartetest Du?«

»Keinen.«

»Schau, was für ein prächtiger Kerl Du bist!«

»Seid nicht höhnisch! Ich habe mich geändert.«

»Aus einer Hyäne kann niemals ein lieber Kanarienvogel werden. Mich täuschest Du nicht. Wie bist Du denn von Deinen verbündeten Weißen und Rothen fortgekommen?«

»Ich fing es darauf an, als Kundschafter von ihnen fortgeschickt zu werden.«

»Pah! Wenn sie eines Kundschafters bedurften, so hätten sie sich ganz gewiß nicht Deiner, sondern eines Papago's bedient. Der einfachste Indianer ist dazu tauglicher als Du. Sinne Dir die scharfsinnigsten Ausreden aus, und ich werde dennoch baldigst hinter Deine Schliche kommen. Vor allen Dingen sage mir, wie Wilkins und Zimmermann sich befinden.«

»Den Umständen angemessen, gut.«

»Und die Damen?«

»Ebenso.«

»Sind sie etwa mit – mit unerlaubten Liebenswürdigkeiten belästigt worden?«

»Nein.«

»Ich hoffe, daß Du wenigstens hierin nicht lügst!«

»Es ist wahr. Leflor und Roulin haben allerdings Absichten, aber sie konnten sie nicht ausführen, weil der Häuptling der Papago's die Mädchen für sich in Anspruch nimmt. Er behauptet, daß sie ihm gehören.«

»Das ist ein sehr glücklicher Umstand. Wenn sich Adler und Geier um eine Taube streiten, ist es ihr möglich, während des Streites zu entkommen.«

»Ich wollte in vergangener Nacht Magda erretten –«

»Nur Magda?« fiel Steinbach ein.

»Nicht nur sie, sondern alle vier Gefangenen.«

»Nun, warum hast Du es nicht gethan?«

»Weil es unmöglich war. Mein heimliches Gespräch mit Magda war belauscht worden, und so beobachtete man sie und mich auf das Schärfste.«

»Sie und Dich – sie und Dich! Nicht auch die drei Anderen mit?«

»Auch diese.«

»Hm! Und dennoch hatte man das große Vertrauen zu Dir, Dich als Kundschafter voran zu senden?«

»Ja.«

»Höre, Du verräthst Dich selbst. Wenn Du den Fürsten der Bleichgesichter täuschen willst, so sage Dir doch ja vorher, daß Du nicht der Kerl dazu bist. Das gelingt Keinem, den ich noch nicht kenne; Du aber bist mir als ein Kerl bekannt, der aus lauter Lügen und Verbrechen zusammengesetzt ist.«

»Ihr werdet erfahren und es mir dann auch selbst sagen, daß ich jetzt aufrichtig mit Euch gewesen bin!«

»So will auch ich aufrichtig mit Dir sein und Dir ohne allen Rückhalt sagen, was ich mir denke.«

»Ihr werdet mir nichts Anderes sagen können, als was ich Euch jetzt gesagt habe.«

»Doch nicht. Du hast Dich versprochen. Du hast nur mit Magda heimlich geredet, und sie und Du, Ihr seid dann scharf beobachtet worden. Das hast Du soeben selbst gesagt, und daraus schließe ich Folgendes: Du hast nur Magda befreien wollen –«

»Nein, nein!« betheuerte er schnell.

»Schweig! Du bist in sie verliebt!«

»Ich? Ich so alt und sie so jung?«

»Sie ist Tschita's Ebenbild. Ich kenne Dich. Also Du hast sie nur befreien, sie mit Dir fortlocken wollen, zu ihrem größten Verderben.«

»Ist mir nicht eingefallen!«

»Leugne es oder leugne es nicht, ich weiß doch sehr genau, woran ich mit Dir bin. Man ist aufmerksam auf Dich geworden; man hat Dir auf die Finger gesehen. Die Luft ist Dir zu schwül vorgekommen. Ich bin nicht allwissend und kann natürlich nicht sagen, was sich begeben hat, aber ich nehme als ganz gewiß an, daß Du Dich aus dem Staube gemacht hast. Nun willst Du nach dem Todesthale, um Dich an Roulin, Walker und Leflor zu rächen und bei dieser Gelegenheit auch Magda zu befreien.«

Dieser Scharfsinn frappirte Newton ungemein. Er ließ es sich aber nicht merken, sondern er entgegnete in einem möglichst treuherzigen Tone:

»Wie könnt Ihr so Etwas von mir denken?«

»Ich? Von Dir? Mensch, wenn das nicht ganz und gar unverschämt von Dir wäre, hätte ich Lust, es für spaßhaft zu erklären. Ich habe Dir gesagt, was ich denke, und ich bin überzeugt, daß ich Dir bereits in kurzer Zeit sagen kann, daß diese meine Vermuthung zur Gewißheit geworden ist. Wann werden die Papago's in das Thal des Todes kommen?«

»Voraussichtlich bereits heute Abend.«

»Auf welchem Wege?«

*

64

»Das weiß ich nicht genau.«

»Und giebst doch an, ihr Kundschafter zu sein! Jetzt zappelst Du abermals in Deiner eigenen Schlinge. Ich werde einmal mit eigenen Augen nachsehen, wo sie sich jetzt befinden.«

»Wie? Ihr wollt den Papago's entgegen?«

»Ja.«

»Das ist gefährlich.«

»Pah! Du allein bist zehnmal gefährlicher als sämmtliche Papago's. Ich hatte Dich bereits fest, droben am Silbersee. Der alte Förster hat Dich entkommen lassen. Wäre das nicht geschehen, so hätten wir in Prescott Walkern mit seiner ganzen Clique gefangen genommen; das bin ich überzeugt. Du aber bist eher zu ihm gekommen als wir und hast ihn gewarnt. Jetzt, da ich Dich abermals ergriffen habe, wird es Dir weder durch List, noch durch Gewalt gelingen, abermals zu entwischen.«

Es wurde Bill himmelangst, doch sagte er mit einer sehr zuversichtlichen Stimme:

»Unter den gegenwärtigen Umständen kann eine Flucht gar nicht in meiner Absicht liegen. Ich bin vielmehr ganz froh, Euch getroffen zu haben.«

»Unsinn!«

»Ihr könnt mir helfen, die Gefangenen zu retten.«

»Das werde ich auch ohne Dich thun.«

»Ohne mich kann es Euch ja gar nicht gelingen.«

»Wieso denn?«

»Das werde ich Euch dann sagen, wenn Ihr mir erst die Fesseln abgenommen habt.«

Da lachte Steinbach wirklich herzlich auf und antwortete, sehr gut gelaunt:

»Schlauberger!«

»Herr, ich meine es ehrlich!«

»Nun, wenn Du es wirklich so sehr ehrlich meinst, so dürfen die Fesseln Dich gar nicht kränken und beunruhigen. Uebrigens würde es Deine Absichten gar nicht etwa fördern, wenn ich Dir die Hände jetzt frei gäbe; Du könntest dennoch weder fliehen, noch irgend Etwas gegen mich unternehmen. Ich würde natürlich auf meiner Hut sein. Und auf einen Kampf zwischen mir und Dir dürftest Du es erst recht nicht ankommen lassen. Du giebst doch wohl zu, daß ich Dir überlegen bin.«

»Natürlich. Ihr habt ja auch meine Waffen.«

»Die habe ich – nur sie. Ich habe nur Deinen Gürtel leer gemacht und werde Dir doch lieber einmal auch in die Taschen gucken.«

»Es ist gar nichts drin!« beeilte sich Bill zu sagen.

»Na, so ganz leer sind sie doch bei keinem Menschen. Und bei einer Reise, wie Du sie machst, hat man immer so viel einstecken, daß die Taschen oft gar nicht einmal ausreichen wollen. Ich kenne das. Laß also einmal sehen!«

Er untersuchte zunächst die Hosentaschen, welche einige werthlose Kleinigkeiten enthielten. Dann lockerte er das Lasso so weit, daß er ihm auch in die Taschen der Weste und des Rockes greifen konnte. In den Ersteren steckte eine Uhr nebst einigen anderen Bedürfnissen; aus der Brusttasche aber zog er das Portefeuille, welches Bill Newton Walkern gestohlen hatte.

»Ah, eine Brieftasche! Wem gehört sie?«

»Mir natürlich!«

»Und was enthält sie?«

»Einige Notizen und ein wenig Reisegeld.«

»Nun, das Reisegeld wirst Du wohl nicht brauchen, denn Du wirst unter meinem Schutze und auf meine Kosten reisen. Dennoch werde ich mich nicht an demselben vergreifen. Die Notizen aber werde ich mir doch einmal genau ansehen. Vielleicht kommen da alte bekannte Thatsachen und Namen vor.«

»Nein, gar nicht.«

»Nicht Ibrahim-Pascha?«

»Nein.«

»Oder Mohammed es Sadak Bey von Tunis?«

»Auch nicht.«

»Oder Tschita, Gökala?«

»Kein einziger von diesen Namen.«

»Will mich doch selbst überzeugen!«

Es wurde Bill himmelangst. Er hatte, sobald der Tag angebrochen war, die Brieftasche geöffnet und Alles gelesen. Es stand nicht nur der Name des rechtmäßigen Besitzers darin, sondern noch viel Anderes, wofür Steinbach sich höchlichst interessiren mußte.

Dieser hatte jetzt den Verschluß geöffnet und die erste Seite aufgeschlagen.

»Sapperment!« rief er aus. »Da steht ja der Name Edmond Robin! Das ist der Name, welchen Walker angenommen hatte. Gehört die Tasche etwa ihm?«

»Nein.«

Steinbach schlug weiter auf. Er überflog Seite um Seite. Sein Gesicht wurde immer gespannter. Als er auch die letzte Seite des in die Brieftasche eingebundenen Notizbuches gelesen hatte, sagte er:

»Welch ein Fund! Und welch eine Dummheit von diesem Walker, alle seine Missethaten nebst den Summen, die sie ihm eingetragen haben, hier zu verzeichnen! Eine Brieftasche kann man verlieren, und in diesem Falle mußte Walker sich sagen, daß es ihm an Kopf und Leben gehen werde. Ihm, nicht Dir gehört die Brieftasche?«

»Ja, ich will es gestehen.«

»Du hast sie ihm gestohlen?«

»Nein. Er verlor sie, und ich fand sie.«

»Auch Diebstahl, wenn auch nur Funddiebstahl! Warum hast Du sie ihm nicht wiedergegeben?«

»Eben dieser Notizen wegen.«

»Ah! Du wolltest ihn verderben?«

»Zunächst hatte ich nur die Absicht, ihm die Tasche nur gegen Magda's Freiheit wieder zu geben.«

»Kein übler Gedanke! Aber auch wieder nur Magda! Du siehst, daß Du Dich immer wieder selbst verräthst. Was aber steckt nun hier in der Seite?«

Er zog die Banknoten heraus, zählte sie, machte ein sehr erstauntes Gesicht und fragte:

»Wem gehört dieses Geld?«

»Mir.«

»Eine so bedeutende Summe?«

»Ja.«

»Woher hast Du sie?«

»Verdient.«

»Womit?«

»Mit verschiedenen Speculationen, welche mir glückten.«

»Höre, ich denke mir, daß Du dieses Geld nur in Folge einer einzigen Speculation besitzest, nämlich in Folge eines sehr heimlichen, aber speculativen Griffes in Walkers Tasche!«

»Ich werde doch keinen Freund bestehlen!«

»Unsinn! Du hast ja eingestanden, ihm die Brieftasche gestohlen zu haben! Das Geld war drin, und es wird Dir nicht eingefallen sein, es ihm wieder zu geben. Ist es nicht so?«

»Nein.«

»So ist es anders; nämlich Du hast Dir die Tasche nicht der Notizen wegen zurückbehalten, als er sie verlor, sondern Du hast sie ihm gestohlen, weil Du wußtest, daß sich dieses Geld darin befand.«

»Ihr irrt Euch da sehr!«

»Pah! Du hast ihm in der Nacht das Geld entwendet und Dich dann schleunigst aus dem Staube gemacht. Jetzt weiß ich Alles; ich werde Dich gar nicht weiter fragen. Natürlich behalte ich die Tasche.«

»Mit dem Gelde etwa?«

»Ja.«

»Das gehört mir.«

»Und Du selbst gehörst jetzt mir, folglich ist auch das Geld mein Eigenthum. Ich werde diesen braven Sennor Walker fragen, ob er Herr desselben gewesen ist oder nicht.«

»Natürlich wird er Euch belügen und Ja sagen. Uebrigens werdet Ihr Walkern ohne mich nicht fragen, wie ich Euch bereits gesagt habe. Es liegt in Eurem Interesse, mich jetzt frei zu lassen. Wir reiten nach dem Todesthale, befreien die dortigen Leute –«

»Ist bereits geschehen, mein Lieber.«

»Wie? Wer hat es gethan?«

»Ich.«

»Ihr? Ihr seid schon dort gewesen?«

»Ja. Alles, was thun zu wollen, Du mir gesagt hast, ist bereits geschehen, und jedenfalls besser, als Du es zu Wege gebracht hättest. Monsieur Juanito ist eingesperrt, und Du wirst das Vergnügen haben, ihm Gesellschaft zu leisten. Ihr seid zwei Prachtkerls, welche sehr gut zu einander passen. Jetzt aber muß ich weiter.«

Er steckte die Brieftasche ein und sah sich nach Newtons Pferd um.

»Wo wollt Ihr hin?« fragte dieser.

»Zu Deinen Papago's.«

»Ich denke, Ihr wollt mich nach dem Thale des Todes schaffen!«

»Allerdings, aber nicht sofort. Erst habe ich Anderes zu thun. Ich werde Dich auf Dein Pferd binden und mit mir nehmen.«

»Zu den Papago's?«

»Ja.«

Da machte Bill ein höchst erschrockenes Gesicht und sagte:

»Herr, wenn sie Euch erwischen!«

»Sorge Dich nicht um mich! Aber wenn sie mich erwischen, so erwischen sie natürlich auch Dich, und dann geht es Dir nicht gut. Nicht wahr, das wolltest Du nur sagen? Ich könnte ja immerhin von ihnen ergriffen werden. Du würdest Dich sogar herzlich darüber freuen.«

»Ihr sagt so, weil Ihr mich nach den früheren, alten Vorkommnissen beurtheilt; aber ich bin wirklich anders geworden.«

»Du hast Dich also gebessert?« lachte Steinbach.

»Ja. Ich bin in mich gegangen.«

»In Dich? Das war keine schöne Gegend.«

»Nein; aber sie ist seitdem erfreulicher geworden. Ich versichere Euch, daß ich es gut mit Euch meine.«

»Das ist ja außerordentlich!«

»Aber wahr. Ich kann Euch sehr, sehr viel nützen.«

»Wieso?«

»Denkt an Vergangenes zurück!«

»Das thue ich ja eben jetzt.«

»Denkt an die Familie Adlerhorst!«

»An sie erinnere ich mich ganz besonders.«

»Ich bin bereit, Euch Alles mitzutheilen, Euch eine jede gewünschte Auskunft zu geben.«

»Schön! Ich kenne Dich, und darum frage ich: Was verlangst Du dafür?«

»Meine Freiheit.«

»Nur? Weiter nichts?«

»Natürlich auch Straflosigkeit.«

»Und das ist Alles, was Du verlangst?«

»Alles.«

»Außerordentlich wenig.«

»Meint Ihr das im Ernste?«

»Mensch, bist Du verrückt! Wie könnte ich im Ernste so sprechen! Frei und straflos willst Du sein! Du, der an Allem schuld ist!«

»Nicht ich war es, sondern Ibrahim-Pascha, welcher die ganze Schuld trug!«

»Laß Dir nicht einfallen, mir das weiß zu machen! Denke auch nie daran, Deine Freiheit wieder zu erlangen. Du wirst überhaupt wohl nicht lange Zeit gefangen sein. Man wird Dich im Gegentheile sehr bald in das Jenseits befördern.«

»Es liegt in Eurem Interesse, dies zu verhüten.«

»Das bilde Dir nicht ein!«

»Ich allein bin es, der Euch Auskunft geben kann.«

»Ich brauche Dich nicht. Ich weiß Alles.«

»Unmöglich!«

»Und was ich ja noch nicht weiß, werde ich ohne Dich erfahren.«

»Wißt Ihr denn, wo sich die Glieder der genannten Familie alle befinden?«

»Weißt Du es etwa?«

»Nun, wo denn?«

»Das sage ich Euch eben erst dann, wenn Ihr mir die Freiheit und Straflosigkeit garantirt.«

»Nun, Du wirst eben weder frei, noch straflos sein.«

»Dann mögen die Adlerhorsts in Elend umkommen. Ihr seid schuld daran!«

»Ich will das gern auf mein Gewissen nehmen. Wenn ich Einen suche, so pflege ich ihn zu finden. Ich werde auch die Adlerhorsts finden. Dich brauche ich aber nicht dazu.«

»So kann ich Euch doch wenigstens Auskunft geben, wie und warum damals Alles geschehen ist.«

»Auch das erfahre ich ohne Dich. Die Adlerhorsts werden es mir erzählen.«

»Sie wissen nicht Alles.«

»Das Uebrige weiß Ibrahim-Pascha.«

»Wo ist er? Und wenn Ihr wüßtet, wo er sich befindet, so würdet Ihr ihn doch nicht zwingen können, Geständnisse zu machen, welche ihm das Leben kosten.«

»Du bist wirklich ganz außerordentlich besorgt um unser Wohl; ich muß das anerkennen, aber ich kann für dasselbe sorgen ohne Dich. Ohne Dich wäre es überhaupt gar nie gestört worden.«

»Ihr werdet es bereuen, meine Vorstellungen jetzt nicht beachtet zu haben.«

»Pah! Kennst Du mich?«

»Ja.«

»Nun, wer bin ich?«

»Das weiß ich freilich nicht genau.«

»Nun, so mache Dir auch keine Sorge um uns! Ich bin der Mann, auch ohne Dich fertig zu werden.«

»So schont Euch wenigstens jetzt!«

»Wieso schone ich mich denn nicht?«

»Ihr wollt mit mir reiten, um die Papago's zu erkunden. Seht Ihr denn nicht ein, daß Ihr da so außerordentlich leicht erwischt werden könnt, da die Gegenwart eines Gefangenen, den Ihr mit Euch schleppt, Eure Bewegungen erschwert.«

»Da hast Du freilich Recht.«

»Ich will Euch einen Vorschlag machen.«

»Laß ihn hören! Er wird sehr gut sein, vielleicht sogar ausgezeichnet.«

»Laßt mich hier zurück!«

»Ah! Natürlich frei?«

»Nein. Bindet mich an. Auf dem Rückwege bindet Ihr mich wieder los und nehmt mich mit.«

»Und Dein Pferd –?«

»Das hängt Ihr hier in die Büsche.«

Steinbach lachte ihm in das Gesicht:

»Du bist ein famoser Kerl! Zwar sollte ich Dir den Wunsch erfüllen, und zwar nach meiner Art. Dann würden in einigen Minuten die Geier Dir das Fleisch von den Knochen fressen. Meinst Du etwa, daß ich Dich so fesseln würde, daß Du an Flucht denken dürftest?«

»Nein, das denke ich nicht.«

»Oder daß Jemand kommen und Dich befreien könne?«

»Wer sollte kommen! Nein, ich bleibe sicher da, bis Ihr zurückkehrt.«

Sein Vorschlag war ein unsinniger; aber der Grund, weshalb er ihn gemacht hatte, war weniger unsinnig. Er hatte eine entsetzliche Angst, in Walkers Hände zu fallen. Die Gefahr dazu war nahe, wenn Steinbach ihn mit sich nahm. Wurde Steinbach von den Rothen bemerkt, so gelang es ihm wohl, zu entkommen, Bill aber wäre sicherlich in die Hände der Papago's gefallen. Und dann, welches Schicksal erwartete ihn bei Walker! Entweder wurde er unter den fürchterlichsten Qualen hingerichtet oder – – er wollte den Gedanken lieber gar nicht ausdenken.

Ließ Steinbach ihn aber einstweilen gefesselt hier zurück, so war es ihm vielleicht doch möglich, sich zu befreien. Vielleicht kam Jemand vorüber geritten! Auf alle Fälle aber war es besser, Steinbachs Gefangener zu sein, als sich von Walkern ergreifen zu lassen, der ja nicht einmal sein Geld wieder bekommen konnte. Steinbach war ein edler Charakter. Er quälte seinen Gefangenen sicherlich nicht aus Lust, während ebenso sicher Walker jedenfalls bedacht sein dürfte, sich die raffinirtesten Martern für den Dieb seines Geldes auszusinnen.

Das sagte sich Bill im Stillen. Steinbach aber ging auf den Vorschlag nicht ein. Er entschied:

»Es ist überhaupt eine ganz ungeheure Dreistigkeit von Dir, mir Vorschriften machen zu wollen. Du scheinst mich entweder für einen Schwachkopf, oder Deine Lage für viel ungefährlicher zu halten, als sie ist. Nein, Dein Schicksal ist besiegelt. Und bis es Dich ereilt, gehe ich nicht von Deiner Seite. Du reitest also mit mir.«

»Wie Ihr wollt. Ihr werdet es aber bereuen!«

Steinbach ging, um Bills Pferd herbei zu holen. Als er, es am Zügel führend, zurückkam, fiel sein Auge auf die Berglehne, von welcher er vorhin Bill hatte herabkommen sehen.

Sonderbar! Auch jetzt wieder war ein solcher Punkt zu erblicken, welcher sich näherte. Schnell schaffte Steinbach die beiden Pferde hinter die Büsche, hinter welchen er Bills Annäherung abgewartet hatte, und führte auch diesen selbst hin.

»Dort kommt Jemand,« sagte er, mit der Hand nach dem Berge hin deutend.

Bill folgte mit seinem Blicke der angedeuteten Richtung und sagte, zusammenfahrend:

»Walker!«

»Möglich!«

»Er verfolgt mich, den Anderen voran! Er will der Erste sein, der mich ergreift!«

»Du fürchtest Dich?«

»Herr, er ist entsetzlich!«

»So gestehest Du ein, ihm das Geld genommen zu haben?«

Bill holte tief Athem. Das Geständniß wurde ihm doch schwer; aber er gab es doch zu:

»Ja. Ich will lieber aufrichtig sein, als ihm in die Hände fallen. Flieht, Herr, flieht!«

»Fliehen? Fällt mir nicht ein!«

»So seid Ihr verloren!«

»Meinst Du?«

»Ja. Seht weiter oben auf dem Berge. Seht Ihr die Lanzenspitzen flimmern?«

»Ja.«

»Das sind die Papago's. Sie kommen. Sie kommen über den Berg herüber.«

»Vielleicht sind sie es doch.«

»Vielleicht? Nein, nicht vielleicht, sondern ganz gewiß sind sie es. Jetzt sehen sie uns noch nicht. Jetzt können wir ihnen noch entkommen.«

»Pah! Ich würde ihnen entkommen, und wenn sie bereits hier vor dem Busche hielten!«

»Seid nicht zu verwegen! Ihr kennt sie nicht!«

»Und sie mich nicht!«

Er trat zu seinem Pferde und zog das Fernrohr aus der Satteltasche. Als er durch dasselbe blickte, hielt Bill den voran eilenden Reiter im Auge. »Er reitet Galopp,« sagte er. »Er nähert sich schnell. Jetzt ist es bereits zu spät. Er muß uns sehen, wenn wir den Busch verlassen wollen!«

Das klang voller Angst. Steinbach nahm das Rohr vom Auge. Er antwortete lächelnd:

»Dieser Mann mag uns immer sehen! Er ist uns keineswegs gefährlich.«

»Ist es nicht Walker?«

»Nein.«

»Gott sei Dank!«

Doch einsehend, daß dieser Freudenausruf ganz unbegründet sei, fügte er hinzu:

»Aber die Papago's da hinten!«

»Sie sind es nicht.«

»Wer sonst?«

»Es sind meine Apachen und Maricopa's.«

»Herrgott!«

Er war leichenblaß geworden. Mit zitternder Stimme fragte er:

»Haltet Ihr das denn für möglich?«

»Sogar für gewiß.«

»Sie können doch nicht hier sein! Sie waren ja noch weit hinter uns! Sie wären doch jetzt vor den Papago's, und das werden sie nicht wagen.«

»Sie wissen jedenfalls, was sie thun. Und seht den vorderen Reiter! Er ist ein alter Bekannter von Euch. Ihr werdet Euch freuen, ihn wiederzusehen.«

»Woher soll ich ihn kennen?«

»Vom Silbersee aus. Jetzt könnt Ihr ihn bereits deutlich sehen. Bemerkt Ihr, wie dick er ist.«

»Ja. Alle Teufel! Sollte das Sam Barth sein?«

»Ja, er ist es.«

Da blickte Bill sich schnell nach seinem Pferde um; zugleich aber überzeugten ihn die Schmerzen, welche ihm von den Fesseln verursacht wurden, daß der Gedanke an Flucht geradezu ein Wahnsinn sei.

»Wollt Ihr fort?« fragte Steinbach, welcher den Blick bemerkt hatte. »Es wäre jammerschade, wenn Ihr der Gesellschaft, welche da kommt, Euern Anblick entziehen wolltet!«

Bill achtete gar nicht darauf, daß er wieder Ihr anstatt Du genannt wurde. Er fühlte nur die Schmach, sich von diesen Leuten ansehen zu lassen, vor ihnen als Gefangener zu erscheinen. Er wendete alle seine Kräfte an, die mit dem Lasso an den Leib gebundenen Arme zu bewegen – es gelang nicht. Er knirrschte grimmig mit den Zähnen, mußte sich aber nachgedrungen in sein Schicksal ergeben.

Je näher der dicke Sam kam, desto deutlicher konnte man sehen, daß sein Auge während des schnellen Rittes am Boden hing. Er verfolgte jedenfalls Bills Fährte. Er ritt an dem Busch vorüber und kam an die Stelle, wo Bill überwältigt worden war. Da hielt er sein Pferd an, stieg ab und untersuchte den Boden. Plötzlich blickte er nach dem Busch herüber, konnte aber weder die Pferde, noch die beiden Männer sehen, welche ganz auf der anderen Seite standen.

Steinbach hatte sich niedergekniet und blickte durch das Gezweig. Er wollte gern sehen, wie Sam sich verhalten werde.

Der Dicke hatte die Spur bemerkt, welche von jener Stelle aus nach dem Busche herüberführte. Er mußte erkennen, daß sie ganz neu sei, daß sich vielleicht der Betreffende noch hinter dem Busche befinde.

Im Nu stand er hinter seinem Pferde, lenkte dieses in weitere Entfernung hinüber und dann in einer Kreislinie um den Busch herum. Auf diese Weise mußte eine auf ihn gerichtete Kugel wohl eher sein Pferd als ihn treffen.

Da plötzlich blieb er halten. Er hatte Steinbach gesehen, welcher an der Erde saß und gar nicht so that, als ob er ihn bemerke. Bill blickte schon gar nicht hin zu ihm.

»Heiliger Strohsack!« rief er aus. »Was ist denn das?«

Jetzt drehte Steinbach sich langsam um.

»Sam! Ihr seid es?«

»Ja. Wer denn sonst? Haltet Ihr mich etwa für eine Kirchthurmspitze? Die würde um ein Weniges dünner sein als ich. Was treibt Ihr denn hier?«

»Allerlei Kurzweil.«

»Wir vermuthen Euch im Todesthale!«

»Ihr seht, daß ich nicht dort bin.«

»Freilich. Ihr seid ausgerückt. Und zwar nicht allein, sondern in Begleitung eines – – –«

Er hielt erstaunt inne. Erst jetzt konnte er, da er näher gekommen war, Bill, welcher hinter seinem Pferde gestanden, deutlicher sehen.

»Ein Gefangener!«

»Ja, wenn Ihr erlaubt, lieber Sam.«

»Wer ist es denn? Wollen uns einmal seine vordere Seite betrachtend

Er trat zu Bill, welcher ihm den Rücken zugekehrt hatte, sah ihm in das Gesicht und rief sogleich:

»Alle guten Geister – – fressen Schusterkleister! Ist das denn nicht jener famose Schlingelschlangel?«

»Welchen meint Ihr?«

»Den wir droben am Silbersee festgenagelt hatten, der aber nach unserm Fortgange höchst undankbar davongelaufen ist.«

»Ja, er ist es.«

»Wie heißt er gleich?«

»Bill Newton.«

»Und war früher Derwisch! Ja, jetzt besinne ich mich. Na, Bursche, freue Dich, daß wir den Derwisch derwischt haben! Es soll Dir bei uns so wohl gehen, daß Du denkst, die lieben Engel im Himmel spielen Ziehharmonika! Wie ist er denn da in Euer Lasso gelaufen, Master Steinbach?«

»Er begegnete mir hier. Er kam von den Papago's und wollte nach dem Todesthale.«

»Na, wo er herkommt, das weiß ich ja. Der Kerl hat Geld gemaust.«

»Wie? Das wißt Ihr?«

»Ich war doch dabei!«

»Als er es mauste?«

»Ja. Er schnitt Walkern die Brieftasche aus dem Gürtel. Der Kerl ist ein blaues Spitzbubenwunder. Der hat es weg! Aber der Aufruhr nachher, als er fort war!«

»So nahe waret Ihr, Sam?«

»Und wie! Ich saß so, daß Walker mich gleich mit der Hand erreichen konnte. Sie hielten mich in der Dunkelheit für einen Stein. Hihihihi! Sam Bart ein Stein! Das kann nur hier vorkommen, drüben in Herlasgrün aber niemals. Ich hörte die ganze Unterhaltung. Dieser liebe Bill Newton oder vielmehr der frühere Borstwisch – oder Flederwisch, ich weiß nicht so genau, wie es heißen muß, aber wischen thut es sich – hatte es nämlich auf unsere liebe, kleine Miß Magda abgesehen – – –«

»Also doch!«

»Leugnet er es etwa?«

»Ja.«

»Pah! Alle Leute in Amerika wissen es ja! Er wollte mit ihr in das Kraut und sie dann natürlich irgendwo sitzen lassen. Jetzt sitzt er freilich selber, und zwar in der Patsche!«

Er klopfte Bill vertraulich auf die Achsel und sagte im freundlichsten Tone zu ihm:

»Na, alter Schwammberger, bei uns wirst Du es gut haben! Zu jeder Mahlzeit gekochte Hiebe, gebackene Ohrfeigen und in Butter geschmoorte Maulschellen. Das legt Fleisch an, sage ich Dir! Ja, bei uns lebt man gut, das kannst Du zum Beispiel mir da gleich ansehen! Bist uns leider da oben am See durchgegangen, hier aber wieder eingegangen, und so wirst Du von uns wohl nicht übergangen werden.«

Und zu Steinbach gewendet, fuhr er in seinem von ihm selbst unterbrochenen Berichte fort:

»Also er hatte es auf Miß Magda abgesehen; das aber merkten die Andern und legten sich dazwischen. Sie wollten ihn nach dem Todesthale in das quecksilberne Bergwerk schaffen, als Gefangenen nämlich. Er aber belauschte sie, und ich wiederum belauschte ihn und sie. Er salvirte sich heimlich und nahm sich das Reisegeld mit. Er muß es irgendwo stecken haben.«

»Es steckt hier,« meinte Steinbach, mit der flachen Hand an seine Tasche klopfend.

»Hat ihm schon? Das ist sehr gut! Theilen wir?«

»Nein.«

»Pfui Teufel! Da riecht es müffig! Der Diebstahl wurde sofort entdeckt, und Walker ist gleich mit dreißig Papago's auf den besten Pferden hinter ihm her. Da bekam ich Sorge um Euch, Master Steinbach, und habe mich mit den Freunden aufgemacht, um den Papago's zuvorzukommen.«

»Mit allen?«

»Ja, mit allen Vierhundert.«

»Und seid Ihr ihnen wirklich vor?«

»Bis jetzt nur um einige hundert Pferdelängen, denke ich mir.«

»Habt es ihnen doch nicht merken lassen?«

»Fällt uns nicht ein! Meint Ihr etwa, daß wir Eiergräubchen im Kopfe haben oder Pflaumenmus?«

»So habt Ihr einen Bogen um sie geritten?«

»Natürlich. Sie gehen etwas weiter unten über die Berge und werden gar nicht auf unsere Fährte kommen. Die »starke Hand« kennt die Gegend. Er macht den Führer. Nur als ich die Spur dieses famosen Strohwisches – wollte sagen Derwisches bemerkte, bin ich vorausgeritten, um zu sehen, ob ich über sie klug werden könne. Ich dachte freilich nicht, daß ich dabei schon auf Euch treffen würde.«

»Wo sind denn die Gefangenen?«

»Noch bei den andern Papago's. Sie werden wohl heute gegen Abend in das Todesthal kommen. Wie aber kommt Ihr hierher?«

»Das will ich aufheben bis nachher. Ich muß es doch den Andern erzählen, und da könnt Ihr es ja auch mit anhören.«

»Schön! Sagt mir nur einstweilen das Eine, ob Ihr Erfolg gehabt habt?«

»Ich bin sehr zufrieden.«

»So bin ich es auch. Seht, da kommen sie schon. Sie haben mein Pferd stehen sehen und also gemerkt, daß es Etwas hier giebt.«

Die bei den Apachen befindlichen Weißen hatten sich von den Rothen getrennt und waren im Galopp voraus geritten. Die beiden Häuptlinge waren bei den Ihrigen geblieben. Sie hatten es nicht Ihrer Würde gemäß gehalten, neugierig zu sein.

Der Lord war der Vorderste.

»Ah, Master Steinbach!« rief er. »Ihr hier! Das ist ein gutes Zeichen. Wir kamen, um Euch zu retten.«

»Danke, Sir! War nicht so dringend.«

»Desto besser. Ihr seid nicht allein? Wer ist denn dieser – – ah, gefesselt!«

»Wie Ihr seht!«

»Wer ist denn der Kerl?«

»Seht ihn Euch einmal an!«

Er ritt um Bills Pferd, hinter welchem dieser stand, herum und sah ihn an. Die Beiden erkannten sich. Der Lord riß den Mund sperrangelweit auf, konnte erst vor Erstaunen kein Wort hervorbringen und sagte dann im Tone des größten Erstaunens:

»Ist das möglich, Master Steinbach? Oder täusche ich mich vielleicht?«

»Was meint Ihr denn?«

»Ists der Derwisch?«

»Ja.«

»Allah il Allah! Allüberall Allah! Hätte ich doch meinen Regenschirm mit nach Amerika genommen!«

»Warum?«

»Wißt Ihr nicht mehr, daß ich diesem Menschen, als er mir in Constantinopel nachlief, mit dem Schirm in's Gesicht gefahren bin? O Du Haupthallunke! Und dann in Tunis hat er uns solche Mühe gemacht! Na, gut, daß wir Dich haben! Laßt ihn um Gotteswillen nicht wieder entwischen! Der Kerl ist für uns die Hauptperson. Komm doch einmal her, lieber Hermann!«

Sein Cousin lenkte sein Pferd herbei. Als Bill Newton ihn erblickte, zuckte er zusammen. Er erkannte ihn. Hermann von Adlerhorst entfernte sich wieder. Er war zu stolz, einen Gefangenen mit Worten zu quälen. Der Lord aber deutete auf ihn und fragte Bill:

»Kennst Du ihn noch?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Den Du verderben wolltest! Weißt Du noch, daß Du ihn nach dem Kirchhofe von Stambul locken ließest? Er sollte Zykyma dort sehen. Er war aber klüger als Ihr und entkam Euch. Wir werden mit Dir zusammenrechnen!«

»Laßt ihn jetzt!« meinte Steinbach. »Da kommen die Indianer. Hebt ihn auf das Pferd und bindet ihn an. Paßt aber gut auf ihn auf!«

»Das werde ich besorgen, ich und Tim,« sagte Jim.

Die beiden Brüder nahmen den einstigen Derwisch auf ihre Arme, setzten ihn auf das Pferd und banden ihm unter dem Bauche desselben die Beine zusammen. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, Jim rechts und Tim links von dem Gefangenen, welcher das Auge nicht ein einziges Mal erhob, um einen der Männer anzusehen.

Er erkannte jetzt, wie schnell sein Schicksal sich geändert hatte. Vor wenigen Minuten im Besitz einer so großen Summe und voller Hoffnung, in den Besitz Magda's zu gelangen, war er jetzt der Gefangene seiner Todfeinde. Das Allerschlimmste aber war die Erkenntniß, daß er an eine Rettung nicht denken dürfe. Die Apachen und Maricopa's waren den Papago's weit überlegen und kannten auch deren Absichten. Und selbst wenn die Papago's gesiegt hätten, wäre Bill in ihre Hände gefallen, und dann harrte seiner ein Schicksal, welches er sich gar nicht schlimm genug ausmalen konnte.

Er fluchte in seinem Innern; er dachte an Gott und den Teufel. Von dem Ersteren hatte er keine Rettung zu erwarten, aber der Teufel – ach, wenn es doch einen Teufel gäbe! Wenn die Geschichte von Doctor Faust doch keine bloss Sage wäre! Er hätte gern und willig dem Satan Leib und Seele unter der Bedingung verschrieben, ihn heute zu befreien und dann Gelegenheit zu geben, sich an Denen, deren Gefangener er jetzt war, rächen zu können.

Der Ritt wurde in ungeminderter Eile fortgesetzt. Jetzt konnte auch Steinbach den Führer machen. Er ritt mit allen Denjenigen, welche sich für seine jüngsten Erlebnisse interessirten, voran, und erzählte ihnen, was er in dem Thale des Todes gethan und erfahren hatte.

So verging ein großer Theil des Nachmittages, ehe man in die Gegend des Thales kam.

»Die Papago's werden doch nicht bereits da sein!« meinte er.

»Seit Ihr besorgt?« fragte Sam.

»Besorgt? Mit vierhundert tapferen Kriegern gegen dreißig Feinde?«

»Na also!«

»Angst habe ich nicht, so weit meine Person und Ihr Alle in das Spiel kommt. Aber Günther ist der einzige kampffähige Mann im Hause Roulins. Wenn die Papago's schon hier wären, so könnte leicht Etwas geschehen sein, was uns einen Strich durch die Rechnung macht.«

»Hm! Ich glaube nicht, daß sie schneller geritten sind als wir. Freilich, nach Spuren brauchen wir uns gar nicht umzuschauen. Der Boden besteht aus nacktem, glattem Fels, wo es keine Spur giebt. Treiben wir unsere Pferde noch recht an!«

Im Galopp ging es auf den östlichen Eingang zu und in das Thal hinein. Bald war das Gebäude zu erkennen, und dann hielten sie vor dem Thore desselben.

Steinbach klopfte laut an. Bereits nach kurzer Zeit wurde geöffnet. Günther von Langendorff erschien.

»Gott sei Dank!« jubelte er, als er die Freunde erblickte.

»Gott sei Dank!« seufzte auch Steinbach erleichtert auf.

Er hatte mehr Sorge gehabt als man ihm angemerkt hatte. Günthers Auge schweifte über die stattliche Schaar der Apachen hinweg und blieb auch auf dem gefangenen Bill Newton heften. Steinbach erklärte ihm in kurzen Worten, wie er sich dieses Mannes bemächtigt habe, und fragte:

»Wie steht es in dem Hause?«

»Alles wohl. Es ist nicht die mindeste Störung vorgekommen. Die armen Teufel essen und trinken in Einem fort und haben sich bereits ganz sichtlich erholt.«

»Niemand dagewesen?«

»Kein Mensch.«

»So wollen wir jetzt hinein; das heißt wir Bleichgesichter und die beiden Häuptlinge. Wir haben zu berathen. Die rothen Krieger bleiben einstweilen hier. Einige von ihnen aber, welche die schnellsten Pferde haben, mögen zurückkehren, eine ziemliche Strecke vor das Thal hinaus, um uns zu melden, wenn die Papago's kommen. Unsere Pferde aber lassen wir auch vor dem Hause.«

»Warum?« fragte der Lord.

»Ich habe meine Absicht. Später davon.«

Sie stiegen ab und schritten durch den engen Eingang in den Hof. Dort stand der ›schnelle Wind,‹ der Apache, welcher im Quecksilberwerke gefangen gewesen war. Die ›starke Hand,‹ der Häuptling, war sein Oheim. Steinbach hatte ihn grüßen sollen, hatte es aber nicht gethan. Er wollte einmal ein so unverhofftes Wiedersehen mit beobachten. Der Indianer läßt Fremden nie seine Gefühle ahnen. Die ›starke Hand‹ hatte seinen Neffen, den ›schnellen Wind,‹ für todt gehalten; hier sollte er ihn lebend wiedersehen. Wie würde er sich wohl dabei verhalten?

Er trat gleich hinter Steinbach in den Hof. Steinbach that einen Schritt zur Seite und richtete den Blick auf den Häuptling. Dieser sah seinen Neffen und erkannte ihn trotz seines fürchterlich leidenden Aussehens. Keine Muskel seines Gesichtes zuckte; nicht die Wimper bewegte sich. Er schritt würdevoll auf den Neffen zu, reichte ihm ebenso würdevoll die Hand und sagte:

»Der ›schnelle Wind‹ ist nicht in die ewigen Jagdgründe gegangen, wie die Krieger der Apachen glaubten. Er sei gegrüßt und mag mit nach unsern Wigwams zurückkehren.«

Auch der Neffe behielt seine Würde bei. Er fragte den Onkel nur:

»Hat Dir das Bleichgesicht nicht gesagt, daß ich hier sei?«

»Nein. Er brauchte es nicht zu sagen; er wußte ja, daß ich ohnedies kommen werde.«

Steinbach wendete sich an Günther:

»Sind die beiden Gefangenen noch in demselben Raume eingesperrt?«

»Ja. Sie haben sich vollständig ruhig verhalten.«

»So will ich hier diesen noch zu ihnen schließen.«

Er deutete auf Bill Newton. In diesem Augenblicke aber sah er Adler aus einer Thür des Hofes kommen. Er mußte ein vorschnelles Zusammentreffen desselben mit Hermann von Adlerhorst, welcher doch Adlers Bruder war, verhüten, zog den Schlüssel, welcher die Handschellen öffnete, aus der Tasche, gab ihn an Günther und sagte:

»Hier, übernimm Du es. Ich muß zu Adler. Nimm Bill das Lasso ab und lege ihm Arm- und Beinschellen an. Aber sorgfältig.«

Dann eilte er Adlern entgegen und bat ihn, in die Stube, aus welcher er gekommen war, zurückzutreten. Adler that es, und dann führte Steinbach Hermann von Adlerhorst zu ihm.

Es stand kaum zu erwarten, daß diese Beiden sich gleich im ersten Augenblicke wieder erkennen würden; dennoch mußte man bei diesem Wiedersehen vorsichtig sein, weil Adler so sehr geschwächt war und seine Mutter erst vorbereitet werden mußte, sie also keinen Freudenlaut hören durfte, der ihr Kunde von der Anwesenheit eines ferneren Sohnes gegeben hätte und ihrer fast zerstörten Constitution ganz sicher höchst gefährlich geworden wäre. Sie fühlte sich doch bereits durch das gestrige Wiedersehen mit Adler höchst angegriffen.

»Wohin führen Sie mich?« fragte Hermann von Adlerhorst.

»Ich will Ihnen eine Person zeigen, für welche Sie sich interessiren werden.«

»Wer ist es?«

»Versuchen Sie, es selbst zu errathen, nachdem Sie ihn gesehen haben.«

»Es ist also ein Herr?«

»Ja. Bitte, warten Sie!«

Er ließ ihn vor der Thür stehen und trat erst selbst in die Stube.

»Wie beruhigend, daß Sie wiedergekehrt sind,« meinte Adler. »Wir hatten Sorge um Sie. Warum schickten Sie mich hierher zurück?«

»Zunächst um Sie zu fragen, ob Sie sich schon stärker fühlen, als Sie gestern waren.«

»Bedeutend. Wir Alle haben gegessen, gegessen und immer wieder gegessen. Der kleine Weinvorrath, welcher vorhanden ist, wird rasch aufgezehrt sein, wenn wir so fort machen.«

»Das ist nur sehr recht!«

»Es ist unglaublich, was ein Mensch, der Jahre lang nur gehungert und gearbeitet hat, verzehren kann. Wir wollen vorsichtig sein – – –«

»Das ist schön,« lächelte Steinbach.

»Aber es ging wirklich nicht. Wenn wir glaubten, satt zu sein, so erwachte beim Anblicke der Speisen der Hunger von Neuem und noch stärker, als er vorher gewesen war. Ich fühle mich stark genug, mit einem Löwen zu kämpfen.«

»Auch seelisch?«

»Ja.«

»Sie bringen eine böse Nachricht?«

»Im Gegentheile eine sehr gute.«

»Dann schnell her damit. An der Freude sterbe ich nun nicht erst.«

»O, auch die Freude kann gefährlich werden!«

»Mir nun nicht! Die größte Freude meines Lebens, das größte Entzücken war es gestern Abend, mich frei und erlöst zu sehen. Es hat mich nicht getödtet. Nun bin ich geharnischt gegen alles Andere.«

»Wollen es versuchen. Aber halten Sie sich tapfer!«

Er öffnete die Thür.

»Bitte, kommen Sie herein!«

Hermann von Adlerhorst trat ein. Da die Dämmerung noch nicht angebrochen war, gab es selbst an diesem fensterarmen Orte Licht genug, daß die beiden Brüder sich sehen konnten.

Martins Auge fiel auf Hermann. Gleich in demselben Augenblicke schrie er auf:

»Hermann! Ists möglich!«

Er streckte die Arme aus, doch hielt ihn die freudige Ueberraschung oder vielmehr der freudige Schreck die Füße fest. Er hatte in der langjährigen Zeit des Leidens sein Aussehen verändert; darum wurde er von dem Bruder nicht erkannt. Aber sein Ausruf, seine Stimme ließen diesem ahnen, wen er vor sich habe. Hermann trat einen Schritt näher und fragte in staunendem Jubel:

»Welch eine Stimme! Martin, wärst Du es?!«

»Ja, ich bin es.«

»Herr, mein Gott! Du hier!«

Sie stürzten sich in die Arme und hielten sich fest umschlungen. Dann ließen sie sich los, traten von einander zurück, fielen sich, nachdem sie einander angeblickt hatten, wieder in die Arme, um sich innig zu küssen.

So ging es eine Weile fort, bis sie endlich wieder Worte fanden.

»Welch ein Tag! Welch eine Wonne!« rief Hermann. »Du hier, Du! Wer hätte so Etwas ahnen, auch nur träumen können!«

»Und ich von Dir! Freilich erfuhr ich bereits gestern Abend, daß Du in Amerika seiest.«

»Von wem?«

»Von Steinbach.«

»Ah, von ihm!«

»Du kamst mit ihm. Du mußt also mit ihm gesprochen haben. Hat er Dir nicht gesagt, daß Du mich hier finden würdest?«

»Nein.«

»So hat er Dich überraschen wollen.«

»Gewiß! Mich und den Lord.«

»Welchen Lord?«

»Eagle-nest, unsern englischen Cousin.«

»Ja, ja! Er ist ja auch hier, wie Steinbach sagte. Du befindest Dich bei ihm, in seiner Gesellschaft?«

»Ja, ich reise mit ihm. Er ist mit hier.«

»Soll ich ihn denn holen?«

»Sofort, sogleich!«

»Nicht später? Wir Beide haben uns ja kaum nur zwei Augenblicke gehabt! Wir haben uns so viel, so sehr viel zu erzählen.«

»So viel, daß wir in Monaten nicht fertig werden. Darum wollen wir lieber jetzt noch nicht beginnen. Ich bin gefangen gewesen, habe Jahre lang kein Menschengesicht gesehen. Jetzt ist ein Freund da, gar ein Verwandter. Warum soll ich ihn nicht sofort begrüßen?«

»Wie Du willst. Du sollst ihn sofort sehen.«

Er öffnete die Thür, um hinaus zu eilen. Da erblickte er den Lord, welcher über den Hof herüber kam und schon von Weitem meldete:

»Was mir nur dieser Steinbach zumuthet!«

»Ist es denn etwas gar so Schlimmes?«

»Eigentlich nicht schlimm, aber doch sehr sonderbar.«

»Nun, was denn?«

»Ich soll Dich fragen, von welchem Dichter die Worte sind:

Getheiltes Leid ist doppelt Leid,
Getheilte Freud' ist doppelt Freud'.«

»Das hat er anders gemeint. Soeben habe ich eine ganz außerordentliche Freude erlebt. Er schickt Dich zu mir, damit ich diese Freude mit Dir theilen soll, lieber Vetter.«

»Nun, so schneide sie auseinander, und gieb mir meine Hälfte!«

»Sogleich! Komm herein!«

Er führte den Lord in die Stube, zeigte auf Martin und sagte:

»Hier steht die Freude, von welcher ich spreche, verkörpert, Cousin.«

Der Lord betrachtete Martin und sagte dann:

»O wehe!«

»Warum o wehe?«

»Den können wir ja nicht zerschneiden.«

»Nein, aber haben dürfen wir ihn alle Beide.«

»Weißt Du denn, ob ich ihn haben will?«

»Ich hoffe es zuversichtlich.«

»Na, wer ist er denn?«

»Rathe einmal!«

Martin's bleiches, eingesunkenes Gesicht blickte ihm freudig lächelnd entgegen. Der Lord legte den Kopf leise auf die Seite und sagte:

»Hm! Kenne ihn nicht. Scheint kein übler Kerl zu sein, muß aber vorher tüchtig herausgefüttert werden.«

»Er hat hier unendlich viel gelitten. Er war einer der Gefangenen, welche hier im Quecksilberbergwerke arbeiten mußten.«

»Das ist freilich schlimm! Quecksilber soll man weder essen noch trinken. Es soll etwas schwer verdaulich sein. Wie heißt der Sir?«

»Das eben sollst Du errathen!«

»Unsinn! Wer kann unter den vielen Millionen Namen, welche es giebt, den richtigen finden!«

»Nun, er heißt Adler.«

»Wie? Was? Adler? Also Der, welchen Steinbach so lange Zeit gesucht hat?«

»Ja.«

»Verteufelt, verteufelt! Das freut mich ungeheuer, ungeheuer! Willkommen, Master Adler. Hoffe, daß wir gute Freunde sein werden!«

Er streckte ihm die Hand entgegen. Martin schlug ein und sagte:

»Das sind wir bereits.«

»Bereits? So? Schön! Ist mir lieb.«

»Wir sind sogar Verwandte!«

»Verwandte? Hm! Doch nicht!«

»Doch! Ich heiße nicht nur Adler, sondern in früheren Jahren fügte ich meinem Namen noch eine Sylbe bei, welche so viel wie ›Nest‹ bedeutet.«

»Doch nicht etwa ›Adlerhorst‹?«

»Ja, genau so heiße ich.«

Da riß der Lord nach seiner bekannten Weise vor Erstaunen den Mund auf, daß man ihm beinahe bis in den Schlund hinabsehen konnte, fuchtelte einige Male mit den langen Armen in der Luft herum und sagte sodann:

»Ich platze vor Freude auseinander!«

»Es scheint wirklich so,« lachte Hermann. »Wenigstens schnappst Du ganz bedeutend nach Luft.«

»O, nicht nur nach Luft, sondern nach allem Möglichen, besonders nach dem Verständniß dafür, daß ein Adlerhorst hierher kommen und sich so aushungern lassen kann.«

»Auch Du, ein Adlerhorst, bist ja hier.«

»Nun freilich, ja.«

»Und gar so sehr wohlgenährt siehst Du auch nicht aus.«

»Mach keine dummen Witze in dieser ernsten Angelegenheit! Also wirklich ein Adlerhorst! Aber mit welchem Vornamen?«

»Ich heiße Martin.«

»Schön! So weiß ich wenigstens, wie ich Dich zu nennen habe. Alles Andere später; jetzt hast Du mich vor allen Dingen regelrecht zu umarmen, damit ich es auch fühle und nicht nur sehe, daß Du da bist!«

»Mit dem allergrößten Vergnügen!«

Er folgte der Aufforderung, welche in so eigenartiger Weise an ihn gerichtet war. Dann meinte der Lord:

»Und nun erzähle, wie Du eigentlich hierher hast kommen können!«

»Davon später. Ebenso könnte ich Euch vor allen Dingen fragen, wie Ihr Beide nach dem Thale des Todes gekommen seid; aber jetzt giebt es etwas viel Wichtigeres. Hat Steinbach Euch gesagt, wen Ihr hier finden würdet?«

»Ja.«

»Nun, wen?«

»Arme Menschen, welche mit Gewalt und List in den Berg gebracht und dort angeschmiedet worden sind.«

»Hat er Namen genannt?«

»Nein; nur den einen – Hauser.«

»Gerade diesen Meine ich. Von welchen Personen hat er da gesprochen?«

»Von Vater, Mutter und Tochter.«

»Euch aber nicht gesagt, in welchem Verhältnisse sie zu uns Dreien stehen?«

»Nein.«

»So hat er es auch hier auf eine Ueberraschung abgesehen. Du wirst Dich des Namens Hauser wohl noch aus früheren Zeiten erinnern, lieber Hermann?«

»Ja. Meinst Du etwa den Lieblingsdiener unserer Mama?«

»Ja, gerade ihn meine ich.«

»Du willst doch nicht sagen, daß er und der Hauser, um welchen es sich hier handelt, identisch sind?«

»Er ist es.«

»Herrgott! Wie ist das möglich!«

»Hauser ist seit damals verschwunden. Er ist nach Amerika gegangen.«

»Weißt Du das gewiß?«

»Natürlich!«

»Mutter ist doch mit ihm verschwunden!« bemerkte Hermann hastig.

»Er hat sie in seinen Schutz genommen, indem er sie für seine Frau ausgab.«

»So wäre Frau Hauser vielleicht –«

Er wagte es nicht, diese freudige Vermuthung auszusprechen, Martin fiel schnell ein:

»Unsere Mutter, ja!«

»So ist sie hier?«

»Jawohl.«

»Du hast sie gesehen?«

»Sogar mit ihr gesprochen, an ihrem Herzen gelegen!«

»Sie hat sich zu erkennen gegeben?«

»Das war gar nicht nöthig; ich habe sie erkannt.«

»Dann hin zu ihr! Schnell, schnell! Führe mich! Zeige mir, wo sie sich befindet!«

»Gemach, gemach, lieber Bruder! Sie hat viel, viel erduldet und ist so schwach, daß wir sie schonen müssen. Sie muß vorbereitet werden.«

»So thue das, thue es schnell!«

»Gleich. Aber vorher muß es mir auffallen, daß Du Dich nicht nach der Tochter Hauser's erkundigst.«

»Ist auch sie etwa nicht seine eigene Tochter?«

»Nein.«

»Aber eine Adlerhorst kann sie doch nicht sein.«

»Wir hatten keine solche Schwester. Die einzige, Tschita, ist gefunden.«

»O, wir haben zwei Schwestern, jene Tschita und Magda.«

»Magda unsere Schwester! Unbegreiflich!«

»Sie wurde erst nach jener Zeit geboren. Wir haben sie also nicht gesehen, nicht gekannt, gar nichts von ihr gewußt. Jetzt ist sie leider nicht da. Sie befindet sich bei Roulin und schwebt in ziemlicher Gefahr, wie Steinbach mir sagte.«

»Was das betrifft, so kann ich Dich beruhigen. Sie schwebte in Gefahr, doch wird diese Gefahr in einigen Viertelstunden, vielleicht bereits in Minuten vorüber sein. Sie kommt nach hier.«

»Ah, nun begreife ich diesen Steinbach. Er ist aus lauter Geheimnissen zusammengesetzt. Wer mag er sein? Sicher ist er nicht das, was er scheint. Herr von Langendorff sagte mir, er sei eine Durchlaucht und Offizier – Oberst.«

»Ja, ja, doch das liegt uns jetzt fern. Ich will Mutter aufsuchen und sie auf Dich vorbereiten.«

Er ging. Nach einiger Zeit kehrte er zurück, um Martin zu Frau von Adlerhorst zu führen. Später wurde auch der Lord geholt. Die Scene dieses Wiedersehens kann nicht beschrieben werden. Solche Augenblicke dürfen nur Engel sehen. Das Auge eines Sterblichen entweiht die Heiligkeit derselben.

Während auf diese Weise die beiden Brüder mit ihrer Mutter und dem Lord so vollauf beschäftigt waren, daß sie keine Minute für die Anderen übrig behielten, hatte Langendorff den gefangenen Bill in das fensterlose Gemach geschafft, in welchem sich Juanito und die Alte in Fesseln befanden.

Er legte ihm Hand- und Fußschellen aus Eisen an und nahm ihm dann das Lasso ab. Keiner sprach ein Wart dabei. Die Thür war von Langendorff offen gelassen worden, damit er in dem sonst finsteren Raume sehen könne.

Da ließ sich ein fürchterliches Stöhnen in der einen Ecke hören. Der scalpirte Juanito war es.

»Sie kommen! Wehe, wehe! Hier liegt es!« schrie er auf.

Er lag im Wundfieber. Langendorff legte den kleinen Schlüssel, mit welchem er die Handschellen zugeschlossen hatte, auf den neben ihm an der Wand stehenden Tisch und trat zu dem Scalpirten, um sich seinen Kopf zu besehen. Er hätte den Schlüssel ebenso gut in die Tasche stecken können, es war eine ganz unwillkürliche, gedankenlose Handlung. Natürlich hatte er gar nicht etwa die Absicht, ihn liegen zu lassen, und während seiner Anwesenheit konnte er doch auch gar nicht weggenommen und mißbraucht werden. Langendorff bückte sich zu dem Verwundeten nieder, der sich trotz seiner Fesseln von einer Seite auf die andere warf. Er befühlte ihm die Stirn, sie glühte vor Hitze. Der haarlose Kopf bot in seiner Blutrünstigkeit einen schauderhaften Anblick.

Bill Newton brannte vor Begierde, sich zu befreien und zu rächen. Er hatte bereits unterwegs jede Kleinigkeit genau beobachtet und war gewillt, auch hier die Augen offen zu halten. Er sah, daß Langendorff den Schlüssel auf den Tisch legte.

»Teufel! Wenn er ihn liegen ließ!« dachte er.

Sein Blick hing begierig an dem Instrument. Dabei bemerkte er, daß an dem Kasten des Tisches auch ein kleiner Schlüssel steckte von derselben Größe. Ein Gedanke durchzuckte ihn. Wenn der Schlüssel liegen blieb, so konnte man die Schlösser der Fesseln öffnen. Aber das durfte nicht gleich geschehen, sondern erst dann, wenn ein Weg zur Flucht sich öffnete. Darum mußte man es so einrichten, daß man den Schlüssel bis dahin doch in den Händen hatte. Ein vorzeitiges Oeffnen der eisernen Schellen hätte Alles verderben können; jedenfalls wurden die Fesseln untersucht. Wie es aber anfangen, den Schlüssel behalten zu können? Das konnte nur mit Hilfe des anderen Schlüssels möglich gemacht werden.

Jetzt erhob Langendorff sich aus seiner gebückten Stellung. Bill verfolgte seine Bewegungen mit glühenden Blicken; er vermochte vor Spannung kaum zu athmen – da, er holte tief, tief Athem, Langendorff ging an dem Tisch vorüber und zur Thür hinaus, welche er hinter sich verschloß.

Es war mit größter Bestimmtheit zu erwarten, daß er sich auf den Schlüssel besinnen und schleunigst zurückkehren werde, ihn zu holen.

Bill trat zu dem Tische, zog den Kastenschlüssel aus dem Schlosse, legte ihn hin und nahm statt seiner den wirklichen Schlüssel an sich. Er steckte ihn jn den Mund und kauerte sich dann in die Ecke nieder.

Richtig! Es erschallten kaum einige Secunden später draußen eilige Schritte. Die Thür wurde aufgeschlossen, Langendorff kam herein und nahm den Schlüssel an sich, natürlich den falschen, den Tischkastenschlüssel.

Als sich dann hinter ihm die Thür wieder schloß, war es Bill zu Muthe, als ob er sich bereits mit einem Fuße in Freiheit befinde.

Nun war es still in dem dunklen Raume. Nur zuweilen ließ sich das schmerzhafte Stöhnen oder ein unbewußter Ausruf des Fiebernden hören. Die Alte hatte in der Ecke gesessen, in welche von der Thür aus kein Licht zu dringen vermochte; darum war sie nicht zu sehen gewesen. Juanito's Gestalt aber war trotz der schlechten Beleuchtung von Bill gesehen worden. Diesem wurde bei dem Stöhnen ganz bang zu Muthe. Er fragte laut:

»Wer ist hier?«

Da antwortete die Stimme der Alten:

»Wir sind Zwei.«

»Ah, noch Jemand. Wer seid Ihr?«

»Sagt mir zuvor, wer Ihr seid, ob ein Feind von Sennor Roulin.«

Die Fragerin war eingesperrt, mußte also eine Freundin Roulin's sein; darum antwortete Bill:

»Ich bin sein bester Freund und Genosse.«

»So müßt Ihr auch mich kennen.«

»Ich sehe Euch aber ja nicht. Eurer Stimme nach müßt Ihr eine ältere Dame sein.«

»Ja. Ich bin Sennora Arabella.«

»Kenne ich nicht.«

»Man nennt mich abgekürzt Sennora Bella.«

»Es giebt viele Damen, welche Bella heißen, und ich bin leider nicht allwissend.«

»Ich führe den Haushalt Sennor Roulin's.«

»Ach so! Wer ist denn der Mann, welcher so stöhnt?«

»Das ist Juanito.«

»Ah, dieser! Was ist mit ihm? Ist er krank?«

»Der Indianer hat ihn scalpirt.«

»Sapperment! Wo denn?«

»Auf dem Kopfe natürlich! Wo denn sonst!«

»Das weiß ich. Ich meine aber, an welchem Orte er überfallen wurde.«

»Ueberfallen wurden wir von den beiden Schurken, welche als Freunde kamen, uns aber als Feinde behandelten. Sie haben alle unsere Gefangenem befreit.«

»Wie ist das zugegangen?«

Sie erzählte ihm so viel, wie sie für gerathen hielt, und fragte ihn dann, wie er in Steinbach's Hände gefallen sei. Er antwortete:

»Roulin schickte mich hierher, um seine Ankunft zu melden; da wurde ich überfallen.«

»Dem Himmel sei Dank! Er kommt! Aber wann?«

»Heute Abend.«

»So wird er uns befreien!«

»Das bildet Euch nur ja nicht ein. Draußen vor dem Hause halten vierhundert Apachen und Maricopa's, welche ihn empfangen werden. Er selbst wird also gefangen genommen.«

»Mein Gott! Wie werden wir frei!«

»Das weiß ich auch nicht.«

»Es ist schrecklich! Ich glaube, diese Menschen werden uns tödten!«

»Ich bin sehr überzeugt davon.«

»Laßt uns zur Madonna beten, daß sie uns einen Erlöser sendet!«

»Treibt keinen Spott! Die Madonna wird sich um unsere Befreiung bekümmern! Wir haben so viel auf dem Gewissen, daß sie, ganz im Gegentheile, Gott bitten muß, uns mit ewiger Verdammniß zu bestrafen.«

»Ihr seid ein sonderbarer Tröster!«

»Ich will damit nur sagen, daß wir weder von Menschen, noch von Engeln Hilfe zu erwarten haben. Wir können uns nur auf den Teufel und auf uns selbst verlassen.«

»Redet nicht so schaurig!«

»Ihr seid im Hause bekannt; ich war noch niemals hier. Denkt einmal nach, auf welche Weise wir uns helfen könnten!«

»Wären wir nur erst die Fesseln los?«

»Was dann? Wißt Ihr Etwas?«

»Noch nicht.«

»So nützt es uns auch nichts, wenn wir nicht gefesselt sind.«

»Wir könnten hier ausbrechen –«

»Und uns wieder festnehmen lassen.«

»Wir tödten Alle.«

»Ihr und ich? Vierhundert Mann tödten? Pah! Ja, wenn es möglich wäre, sich heimlich fortzuschleichen. Wie viele Ausgänge giebt es hier?«

»Nur einen.«

»Verdammt! So können wir selbst durch List nicht hinaus. Es muß doch wenigstens aus dem Bergwerk ein Stollen in das Freie führen.«

»Nein, das weiß ich ganz gewiß.«

»Nun, so ist es aus mit uns. Wir werden in sehr kurzer Zeit im Himmel sein, wenn man es nicht vorzieht, uns einen glühenden Schaukelstuhl in der Hölle anzuweisen.«

»Hu! Redet nicht so! Schweigt lieber!«

Und er schwieg, sie auch. Der Gedanke, daß es ihm unmöglich sei, sich zu befreien, machte ihm im Augenblicke nicht so viel zu schaffen, wie der andere, daß er noch heute mit Roulin und Walker zusammengesteckt werden könne. Er war ein Bösewicht ersten Ranges, aber es graute ihm doch vor diesem Wiedersehen. Er fragte sich, ob er es sagen solle, daß er den Schlüssel besitze, doch bereits nach kurzer Ueberlegung kam er zu dem Entschlusse, sein Geheimniß wenigstens jetzt noch für sich zu behalten.

Unterdessen hatte Langendorff Steinbach aufgesucht, um ihm den Schlüssel zurückzugeben. Der ›schnelle Wind‹ wurde an die Thür der Gefangenen beordert, um sie zu bewachen. Dann berieth man sich über den Plan, welchen man gegen Walker und die Papago's anwenden wolle.

»Sie müssen Alle sterben!« sagte die ›starke Hand‹.

»Ein Jeder soll sein Verbrechen büßen!« antwortete Steinbach. »Wer aber kein Verbrecher ist, soll geschont werden. Die Papago's sind an den Verbrechen der Bleichgesichter unschuldig.«

»Sie helfen ihnen aber!«

»Sie ahnen nicht, daß sie es mit so bösen Menschen zu thun haben. Vor allen Dingen werden wir Menschenblut schonen. Vielleicht gelingt es uns, diese dreißig Papago's ohne Kampf zu überwältigen.«

»Wie will mein weißer Bruder dies anfangen?«

»Meine rothen Brüder werden sich draußen verbergen, so daß sie von den Feinden nicht gesehen werden. Diese Letzteren kommen ungehindert in das Haus und werden eingelassen. Da aber stecken hundert Apachen, welche sie sofort in Empfang nehmen.«

»Das ist sehr gut!«

»Ich werde sogleich den Befehl dazu geben. Der Häuptling der Maricopa's mag mich begleiten. Er ist ein kluger Krieger und wird einen Ort finden, wo er mit den rothen Kriegern von den Papago's nicht gesehen wird.«

Er ging mit dem Häuptling ›scharfes Beil‹ vor das Haus hinaus, wo die Rothen hielten. In diesem Augenblicke kamen die Kundschafter angesprengt und meldeten, daß die dreißig Papago's in wenigen Minuten hier sein würden. Steinbach ließ hundert Apachen absitzen und in das Haus treten. Die Andern aber sprengten alle davon, von dem ›scharfen Beil‹ angeführt und die Pferde der Hundert mit sich nehmend, tiefer in das Thal hinein, wo sie in gedeckter Stellung Posto nahmen, aber einige der Ihrigen vorschickten, um die ankommenden Papago's heimlich beobachten zu lassen.

Die hundert Apachen versteckten sich in den Parterreräumlichkeiten, welche von dem Eingange am Entferntesten lagen, und die Weißen wurden so postirt, daß sie nicht sofort bemerkt werden konnten. Ihre Pferde waren von den Indianern mit fortgenommen worden, so daß Roulin also in den ersten Minuten gar nichts Auffälliges bemerken konnte. Selbst die Leiter wurde aus der Cysterne gezogen, um nicht etwa sein Mißtrauen zu erregen. Da kam der dicke Sam herbei und fragte Steinbach schmunzelnd:

»Jetzt sind wir wohl bereit?«

»Ja.«

»Ihr habt nichts mehr zu thun, nichts mehr anzuordnen, Master Steinbach?«

»Nein.«

»Hm! Ihr wollt doch die Kerls in den Hof locken?«

»Natürlich.«

»Sie werden sich hüten, hereinzukommen. Wenn sie es thäten, wären sie werth, verkehrt aufgehangen zu werden, immer Einer an den Andern.«

»Warum?«

»Na, wer soll ihnen denn aufmachen?«

»Ich.«

»Donnerwetter! Da sehen sie Euch ja!«

»Im Hausgange befindet sich eine Nische, in welche ich trete, um sie vorüber zu lassen. Dann befinde ich mich hinter ihnen und decke den Ausgang, während Ihr über sie herfallt.«

»Das geht nicht! Ihr seid der Anführer und dürft Euch nicht allzusehr blosstellen. Die Alte ist Pförtnerin, sie ist gefangen, aber kann denn nicht an ihrer Stelle das Mädchen öffnen, die Annita?«

»Schwerlich. Roulin erwartet ja, daß sie bereits gefangen ist und im Bergwerk arbeitet.«

»Sie mag eine Ausrede machen.«

»Hm! So ganz Unrecht habt Ihr nicht. Wir müssen Alles vermeiden, was vorzeitigen Verdacht erwecken könnte. Ich will mit Annita reden, ob sie es unternehmen will, sich als Erste von Roulin sehen zu lassen.«

Nun kamen einige Minuten erwartungsvoller Stille; dann hörte man draußen Pferdegetrappel. Es wurde an das Thor gepocht. Annita hatte sich bereit finden lassen. Sie ging, um zu öffnen. Als sie das that, sah sie Roulin und Leflor, Walker und die dreißig Papago's draußen halten.

Als Roulin sie erblickte, zog sich seine Stirn in Falten. Er fragte:

»Du? Du bist hier? Ah! Warum öffnet denn Bella nicht?«

»Sie ist gefallen und kann nicht gehen.«

»Donnerwetter! Wann fiel sie denn?«

»Einige Tage nach Eurer Abreise.«

Das war sehr gut ausgesonnen; es erklärte ihr Hiersein. Wenn die Alte krank lag, so konnte Juanito doch Annita nicht einsperren; sie mußte die Stelle der Kranken vertreten. Darum meinte Roulin in milderem Tone.

»Gut! Kannst gehen. Ich werde selbst zuschließen. Kommt Alle herein! Ah, warte erst noch, Annita! Ist Jemand dagewesen?«

»Nein.«

»Auch heute nicht? Ein gewisser Bill Newton?«

»Nein.«

»Schön! So kommt er noch. Er soll sich wundern!«

Annita ging, sie zog sich in Sicherheit zurück. Sie war herzlich froh, daß es so gut abgelaufen war.

Die Reiter stiegen ab und zogen ihre Pferde hinter sich in den Hof. Roulin blieb bis zuletzt, verschloß die Thüre und steckte den Schlüssel ein. Er gebot den Rothen, es sich einstweilen im Hofe bequem zu machen, führte die beiden Weißen in das Zimmer, welches zum Empfange diente, und sagte ihnen:

»Habt einen Augenblick Geduld. Ich muß zunächst einige Worte mit Bella und Juanito sprechen. Ich komme gleich wieder.«

*

65

Wie Steinbach vorausgesehen hatte, begab Roulin sich zunächst in sein Zimmer. Dort befand sich Steinbach mit dem Apachenhäuptling, Jeder an einer Seite der Thür, im Inneren. Er bemerkte sie im Eintreten nicht gleich. Kaum hatte er die Thür zugezogen, so legten sich Steinbachs Hände so fest um seinen Hals, daß er keinen Laut auszustoßen vermochte und, nach Luft schnappend, den Mund weit, weit aussperrte. Sofort steckte ihm der Apache einen Knebel zwischen die Zähne und schlang ihm Stricke um Beine, Arme und den Körper. Dann legte ihn Steinbach auf den Boden nieder.

Das war im Laufe einer Viertelminute geschehen, ohne das geringste Geräusch. Der Ueberfallene befand sich wie im Traume. Er war nicht besinnungslos geworden, eben weil es so schnell gegangen war. Er starrte die Beiden mit blöden Augen an.

»Willkommen Sennor, in Eurem eigenen Hause,« sagte Steinbach. »Wir sind da, wie Ihr seht. Ich hoffe, daß Ihr Euch gut mit uns vertragen werdet. Das Gegentheil würde Euch nur Schaden bringen. Zunächst wollen wir einmal sehen, was Ihr in Eurem Gürtel und in Euren Taschen habt.«

Im Gürtel befanden sich seine Waffen. In den Taschen hatte er Geld und zwei Schlüssel – den Hauptschlüssel und den kleinen Schlüssel für die Hand- und Fußschellen – welche Juanito auch besessen hatte. Steinbach steckte diese beiden Schlüssel zu sich. Das war der Grund, daß später der Umtausch von Juanito's Schlüssel nicht zur richtigen Zeit bemerkt wurde.

Während der Untersuchung seiner Taschen machte Roulin eine gewaltige Anstrengung, die Stricke zu zerreißen; es gelang ihm natürlich nicht.

Unterdessen hatten Leflor und Walker ihre Büchsen in die Ecke neben der Thür gelehnt – dummer Weise, und sich dann an dem Tische niedergelassen. Da klopfte es an.

»Herein!« sagte Walker verwundert.

Sam, der Dicke, trat ein, von Jim und Tim gefolgt, den beiden Langen. Bei dem Anblicke dieser drei Männer sprangen Walker und Leflor im höchsten Grade betroffen von ihren Sitzen auf. Sam verbeugte sich sehr höflich und sagte:

»Entschuldigung, Mesch'schurs, wenn wir stören. Wir hörten, daß neue Freunde von Sennor Roulin angekommen seien, und da wir dessen Gäste sind, so wollten wir Euch begrüßen.«

»Ihr? Seine Gäste?« stieß Walker hervor.

»Ja.«

»Unmöglich!«

»Das klingt ja gerade, als ob Sennor Roulin kein Freund der Gastlichkeit sei. Beleidigt ihn nicht!«

»Weiß er, daß Ihr hier seid?«

»Noch nicht.«

»Ach!«

»Er wird es aber sogleich erfahren. Es ist soeben ein sehr ehrenwerther Master bei ihm, der ihn darüber verständigen wird. Hoffentlich kennt Ihr mich?«

»Habe nicht die Ehre!«

»O, ich bin der dicke Sam Barth!«

»Kenne Euch nicht.«

»Aber Ihr kennt hier meine beiden Kameraden?«

»Auch nicht.«

Da trat Tim zu ihm heran und fragte:

»Erinnert Ihr Euch nicht des Tages, an welchem Ihr bei der Plantage von Monsieur Leflor Fische fingt?«

»Nein. Habe niemals dort Fische gefangen.«

»Möglich; aber geangelt habt Ihr. Ihr hattet damals ein sehr schwarzes Gesicht. Nicht?«

»Bin niemals schwarz gewesen.«

»Damals aber habt Ihr Euch doch wohl ein Wenig für einen Neger ausgegeben.«

»Ist mir nicht eingefallen!«

»Ich ließ mich täuschen und Ihr entkamt.«

»Donnerwetter! Ich glaube gar, Ihr haltet mich für einen ganz andern Mann, als ich bin!«

»Nun, wer seid Ihr denn?«

»Ich heiße Palmora und bin ein spanischer Kreole aus Los Angelos.«

»Hm! Und wer ist dieser Sennor hier?«

»Mein Vetter. Er heißt ebenso.«

»Wunderbar! Ich hielt Euch für einen gewissen Walker, der sich zuweilen auch Robin nennt.«

»Da irrt Ihr Euch gewaltig.«

»Und Euren Vetter hielt ich für einen gewissen Leflor aus der Gegend der Arkansansufer.«

»Auch da täuscht Ihr Euch.«

»Sollte man meinen, daß es solche frappante Aehnlichkeiten geben könne! Noch dazu gleich zwei Beispiele neben einander! Erlaubt Ihr, uns mit zu Euch zu setzen, Mesch'schurs?«

»Setzt Euch! Wir werden Euch aber leider nicht Gesellschaft leisten können. Wir müssen zu Sennor Walker gehen.«

»Das thut uns leid; aber wir wollen Euch auch nicht halten. Hoffentlich sehen wir uns wieder!«

Die Beiden schritten nach der Thür zu, zunächst um ihre Gewehre mit guter Manier an sich zu bringen. Fast hatten sie die Ecke erreicht, da traten – Steinbach und der Apache ein.

Leflor und Walker fuhren zurück.

»Ah, seid Ihr hier, Sennors!« lächelte Steinbach. »Nicht wahr, uns habt Ihr so bald nicht vermuthet? Ihr glaubtet uns hinter Euch.«

»Nein, wir sind hinten und vorne von ihnen,« sagte Sam. »Nämlich so!«

Er legte Walker die Hände um den Hals und riß ihn nieder. In demselben Augenblicke wurde auch Leflor von Tim und Jim gepackt. Steinbach sprang zu und der Apache ebenso. Binnen einer Minute wurden die Beiden so fest gebunden, daß sie kein Glied zu rühren vermochten. Man schaffte sie hinab zu Roulin, nachdem man sie auch noch geknebelt hatte.

Jetzt ging Steinbach hinab unter die Thür und winkte demjenigen der Papago's, dessen Federschmuck ihn vor den Andern auszeichnete. Er hatte Steinbach noch nie gesehen, kannte ihn also nicht, hielt ihn aber ganz natürlich für einen Freund Roulins. Er legte also Speer, Schild und Büchse ab und kam herbei.

»Mein rother Bruder soll heraufkommen,« sagte Steinbach.

Der Indianer glaubte, er solle mit Roulin sprechen, und folgte ihm ahnungslos. Oben ließ Steinbach ihn zuerst eintreten und zog hinter sich die Thür zu.

»Uff!«

Diesen einen Laut stieß der Indianer aus, dann war er still, denn vor ihm standen zwanzig bewaffnete Apachen nebst den weißen Männern. Zurück konnte der Papago nicht, weil Steinbach hinter ihm stand und Jim und Tim ihn sofort in die Mitte genommen hatten, und ebenso wie die Flucht war auch der Widerstand unmöglich gegen eine solche Ueberzahl. Darum verhielt er sich vollständig passiv, um den günstigen Augenblick zum Handeln zu erspähen.

»Mein Bruder fürchtet sich nicht,« sagte Steinbach. »Hier steht der Häuptling der Apachen, Lata-nalga, die ›starke Hand‹; hier ist Entschar-til, der ›große Bauch‹, und ich bin Tan-ni-kay, der Häuptling der Bleichgesichter.«

»Uff, uff!« entfuhr es dem Papago.

»Ich lebe mit Euch in Frieden. Ihr habt mir kein Leid gethan und ich Euch nicht. Jetzt aber habt Ihr Euch mit weißen Männern verbunden, welche Diebe und Räuber sind. Ich will Dir mittheilen, was sie gethan haben.«

Er erzählte ihm in Kürze, was vorzubringen war, und fuhr dann fort:

»Es thut mir leid, daß ihr die Freunde dieser Verbrecher geworden seid. Wir sind gekommen, sie zu bestrafen. Wollt Ihr uns hinderlich sein?«

Der Indianer blickte ganz erstaunt in das milde Gesicht Steinbachs. So freundlich hatte er sich diesen berühmten Krieger, Jäger und Pfadfinder doch nicht vorgestellt. Er fühlte sich zu ihm hingezogen und antwortete:

»Was der Fürst der Bleichgesichter sagt, ist die Wahrheit. Er spricht niemals eine Lüge. Die Männer, von denen Du redest, sind bös. Sie verdienen Strafe. Aber ich bin kein Häuptling; ich kann nicht anders; ich muß sie beschützen. Nur der Häuptling kann einen andern Befehl ertheilen.«

»So warte, bis er kommt!«

»Ich darf nicht.«

»So wirst Du untergehen. Wir sind viermal hundert, und Ihr seid nur dreimal zehn.«

»Kannst Du mir das beweisen?«

»Ja. Komm!«

Er führte ihn nach der Treppe und von da aus auf das platte Dach. Von hier aus konnte man die Apachen und Maricopa's erblicken.

»Uff!« rief der Indianer.

»Hundert sind hier im Hause versteckt.«

»Zeige sie uns!«

»Sie würden mit den Deinen kämpfen!«

»Sage es ihnen, und ich sage es den meinigen, daß einstweilen Friede zwischen ihnen sein soll!«

»Gut, so soll es sein!«

Sie stiegen hinab. Bald standen sich die Apachen und Papago's im Hofe gegenüber. Diese Letzteren erstaunten nicht wenig, hier einen so übermächtigen Feind vorzufinden. Ihre Verwunderung, ja Bestürzung aber wuchs auf das Höchste, als sie erfuhren, daß sie es hier mit dem Fürsten der Bleichgesichter und dem ›dicken Bauch‹ zu thun hatten. Die ›starke Hand‹ kannten sie längst.

»Jetzt will ich Dir meine Vorschläge machen,« sagte Steinbach zu dem Papago. »Du sollst wählen zwischen Krieg und Frieden, zwischen Leben und Tod.«

»Sage mir vorher, wo die drei Bleichgesichter sich befinden, mit denen wir gekommen sind!«

»Ich habe sie gefangen genommen.«

»Wirst Du sie wieder frei lassen?«

»Nein.«

»Was für ein Schicksal werden sie haben?«

»Sie werden sterben. Und Ihr werdet das gleiche Schicksal haben, wenn Ihr Euch uns nicht ergebt.«

»Du vergissest, daß wir noch nicht Deine Gefangenen sind und uns also noch nicht in Deiner Gewalt befinden. Tödten kannst Du uns nicht so leicht. Wir würden uns wehren. Wir haben Waffen.«

»Wir auch. Zähle, wie viel wir sind! Sobald einer Deiner Krieger die Waffe erhebt, schießen wir unsere Büchsen ab, und Ihr Alle seid todt.«

Die Apachen erhoben, um diesen Worten Nachdruck zu geben, ihre Gewehre und richteten sie auf die Papago's.

»Du magst richtig gesprochen haben,« sagte deren Anführer; »aber Du darfst nicht vergessen, daß wir den Tod nicht fürchten.«

»Das weiß ich, denn Ihr seid tapfere Männer. Aber ist es nicht besser zu leben als zu sterben, selbst wenn man das Letztere nicht fürchtet? Habt Ihr nicht Brüder und Schwestern, Frauen und Kinder in Euren Wigwams? Sie warten auf Euch. Sie wollen Fleisch essen, welches Ihr ihnen schießen sollt. Müßt Ihr nicht für sie leben? Wenn Ihr Euch nicht ergebt, sondern unter unsern Kugeln sterbt, so wird unter ihnen ein großes Wehklagen sich erheben, und sie werden sagen: ›Unsere Krieger hatten uns vergessen. Sie hatten kein Herz für uns. Um als tapfere Männer zu gelten, welche den Tod nicht fürchten, haben sie sich erschießen lassen, und wir sind Sclaven der Apachen und Maricopa's geworden, von denen wir unser Fleisch wie eine Gnadengabe nehmen müssen.‹«

Das Letztere wirkte. Das Wort Sclave ist das allerschrecklichste Wort, welches der Indianer kennt. Ein leises Gemurmel ging durch die Reihen der Papago's. Ihr Anführer sagte:

»Werden wir denn nicht die Sclaven der Sieger, wenn wir uns Euch ergeben?«

»Nein.«

»Was werdet Ihr denn mit uns thun?«

»Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich werde mit meinen Gefährten sprechen und auch mit Eurem Häuptlinge verhandeln. Was da bestimmt wird, das soll geschehen. Für jetzt verlange ich nur, daß Ihr Eure Waffen niederlegt.«

»Ihr werdet sie nehmen?«

»Ja.«

»Was ist ein Krieger ohne Waffe! Selbst wenn Ihr uns frei gebt, sind wir ohne Waffen später ein Spott unserer Feinde und fallen mit allen den Unserigen dem Hungertode anheim.«

»Ich will diese Waffen einstweilen nur aufbewahren. Es soll dann besprechen werden, was geschehen soll. Du kennst doch meinen Namen. Hast Du denn noch nichts von mir gehört?«

»Sehr oft und viel.«

»So sage mir, ob ich gegen die rothen Männer bereits einmal unbillig gewesen bin!«

»Noch nie. Du bist ihr Freund.«

»So werde ich auch heute in der Versammlung für Euch sprechen, und ich weiß, daß man da auf meine Worte hören wird.«

»Wenn wir die Waffen abgeben, so wirst Du uns binden und einschließen?«

»Nein. Ihr sollt hier in diesem Hofe bleiben und Essen und Trinken bekommen, gerade wie wir. Nur versprechen sollt Ihr mir, daß Ihr nichts Feindseliges unternehmen werdet, bevor ich mit Eurem Häuptlinge verhandelt habe.«

Der Anführer wendete sich leise an seine Leute. Nach einer kurzen Verhandlung mit ihnen trat er vor und sagte:

»Ich gehe Deine Bedingungen ein, weil Du der Fürst der Bleichgesichter bist, welchem wir Vertrauen schenken. Du wirst uns nicht betrügen.«

Er zog den Tomahawk aus dem Gürtel, legte ihn hin und fügte dazu auch alle andern Waffen, welche er bei sich trug. Seine Leute thaten dasselbe. Einer nach dem Andern trat vor und legte die Waffen ab, welche Steinbach nun durch einige Apachen in eines der Gemächer bringen ließ. Dann kauerten sich die Papago's längs der Mauer auf den Boden hin, um das Commando zu erwarten.

»Nun aber sind uns die Pferde im Wege,« sagte Günther von Langendorff. »In den Hof können wir sie nicht nehmen, draußen aber stehen lassen dürfen wir sie auch nicht; sie würden uns den heranziehenden Papago's verrathen.«

»Warum? Gerade wenn wir sie stehen lassen, wird der Häuptling der Feinde beruhigt herbeikommen, weil er denken muß, seine Leute befinden sich ganz wohl im Innern des Hauses.«

»Hm, ja! Aber man muß sie füttern und auch tränken!«

»Wasser giebt es hier in der Cysterne. Es ist schlecht, für die Pferde aber genügt es. Und Futter – ja, da werden sie freilich hungern müssen.«

»Wer soll hungern?« fragte Sam, welcher soeben hinzugetreten war.

»Die Pferde, vielleicht auch wir.«

»Warum?«

»Weil nichts da ist.«

»Wer sagt denn das?«

Seine kleinen Augen blinzelten bei dieser Frage Steinbach lustig und listig an.

»Ich sage es.«

»So sagt Ihr eine große Unwahrheit. Es sind ganz im Gegentheile große Vorräthe hier vorhanden.«

»Woher wißt Ihr das?«

»Ja, woher ich es weiß! Der dicke Sam ist gar kein so übler Kerl. Wenn Andere an nichts denken, muß er sein Gehirn anstrengen. Seht Euch doch einmal dieses liebliche Todesthal an! Kein Baum, kein Strauch, kein Halm. Dennoch leben Menschen und Thiere hier. Man muß also einen Vorrath von Proviant besitzen.«

»Der ist ja da; aber für so Viele reicht er nicht.«

»Meint Ihr? Hm! Seht Euch dieses Häuschen an! Sieht es nicht wie eine kleine Festung aus? Kann es nicht ganz gut eine Belagerung abhalten? Und zu einer Belagerung brauchen die Belagerten Vorräthe, nicht für zwei, drei Mäuler und nur einen Tag, sondern für viele Esser und Fresser und für viele Tage.«

»Dieses Argument ist nicht unrecht, kann uns aber wohl nicht viel helfen.«

»Warum nicht?«

»Es sind eben keine Vorräthe da. Ich habe das ganze Haus durchsucht.«

»Das ist zwar sehr schön von Euch, Sir, aber gefunden habt Ihr nichts. Ich habe gar nicht gesucht, aber doch gefunden.«

»Wo?«

»Auf dem Rücken des Besitzers dieses gebenedeiten Hauses. Ihr sagtet, daß mein Argument nicht übel sei. Nun, während Ihr hier mit den Papago's unterhandeltet, bin ich mit diesem Argumente zu Roulin gegangen. Er aber wollte nichts davon wissen. Da habe ich ihm die Jacke geöffnet und ihm das Argument in Gestalt meines Lasso um das Fell geschlagen, bis er gestand. Es ist ein Keller hier.«

»Wo?«

»In der Küche. Man hebt eine der Steinplatten auf; da ist der Eingang.«

»Warst Du dort?«

»Ja.«

»Und unten?«

»Nein. Ich habe nur versucht, die Platte zu heben. Es ging, und so lief ich gleich her zu Euch.«

»Das ist prächtig!«

»Roulin findet es nicht so prächtig. Sein Rücken hat das Aussehen einer Landkarte, auf welcher die Länder braun und die Meere blau gefärbt sind. Hätte er nicht gestanden, so wäre ganz sicher auch noch etwas Rothes dazu gekommen. Ich will Euch den Keller zeigen.«

So stolz wie ein Sieger von zehn Schlachten schritt der kleine Dicke voran. Steinbach und Langendorff folgten ihm. Als sie in die Küche traten, sahen sie, daß ein sehr umfangreicher Stein aus dem Fußboden gehoben war. Er war freilich sehr dünn im Verhältnisse zu seiner Länge und Breite, sonst hätte er nicht von einem einzelnen Menschen von der Stelle bewegt werden können. Eine steinerne Treppe führte hinab.

Lampen gab es in der Küche mehrere. Es wurde eine derselben angebrannt, und dann stiegen die Drei hinab. Was sie da sahen, erregte ihr Erstaunen. Der Keller war nicht klein und enthielt Fässer mit Mehl, Eiern, in Kleie gelegte Schinken, lange Reihen gefüllter Bier- und andere Flaschen. Kurz, es gab einen Vorrath an Proviant, welcher allerdings darauf schließen ließ, daß Roulin sich auf eine Belagerung vorbereitet habe.

Steinbach wunderte sich jetzt über sich selbst, daß er nicht auch auf Sams Gedanken gekommen sei. Auf allen Seiten von verschieden gesinnten Indianern umgeben, war es für Roulin an jedem Augenblicke möglich, von einem dieser Stämme feindselig behandelt und in seinem Hause eingeschlossen zu werden. Er mußte sich also auf solche Fälle vorbereitet haben.

»Nun, wie gefällt Euch das?« lachte Sam.

»Ausgezeichnet!«

»Bin ich nicht ein gescheidter Kerl?«

»Zuweilen.«

»Zuweilen nur? Hm, da ist es also sehr gut, daß ich gerade heute eine meiner gescheidten Stunden gehabt habe. Aber ich glaube, Andere sind auch nicht immer klug. Es hat ein Jeder einmal seine dumme Zeit, in welcher der Kopf Feierabend macht. Donnerwetter! Hier giebt es auch Tabak und Cigarren! Erlaubt, daß ich mir eine anbrenne.«

Es gab wirklich mehrere Fässer voller Tabak und auch Cigarren. Sie konnten hier untergebracht werden, weit der Keller außerordentlich trocken zu sein schien.

Während Sam sich eine der Letzteren ansteckte, suchte Steinbach weiter. Da der Boden nur aus festgestampfter Erde bestand, so fiel ihm ein viereckiger Stein auf, welcher sich, wie er bei dem Versuche sofort bemerkte, entfernen ließ. Ein feuchter Duft drang ihm entgegen.

»Sam, bringt die Lampe her! Ich glaube, daß es hier einen Brunnen giebt.«

»Das wäre ein Glück. Wasser ist für die Indianer besser als Bier.«

»Wohl weil Ihr es für Euch behalten wollt, nämlich das Bier?«

»Ja. Was nützt der Kuh Muskate!«

Der Dicke leuchtete mit der Lampe hinein. Richtig, ein kleiner, heller Wasserspiegel glänzte ihnen entgegen, und als sie nun kosteten, zeigte es sich, daß das Wasser einer sehr guten Qualität sei.

»Das ist das Beste von Allem, was wir hier gefunden haben,« sagte Steinbach. »Jetzt können nicht nur die Menschen, sondern auch die Pferde trinken. Das Schöpfen freilich wird uns viele Arbeit machen.«

»O nein,« sagte Langendorff. »Hier in der Ecke liegt eine kleine, eiserne Pumpe mit einigen Schläuchen. Wir brauchen also nicht zu schöpfen.«

Steinbach ging hin, um Pumpe und Schläuche zu untersuchen. Da fiel ein kleiner, dünner Schein in sein Auge. Er sah nach und erkannte, daß aus diesem Keller ein kleines, vielleicht drei Zoll im Durchmesser haltendes Loch durch die Mauer aus dem Keller in das Freie führte. Dieser Umstand war ein sehr willkommener. Man konnte den Schlauch durch dieses Loch führen, und auf diese Weise den draußen im Freien stehenden Pferden Wasser geben.

Sofort wurden Vorbereitungen getroffen. Die Apachen mußten von den Vorräthen so viel, wie augenblicklich gebraucht wurde, aus dem Keller schaffen. Annita wurde als Köchin angestellt. Die im Hintergrunde des Todesthales versteckten Krieger wurden herbeigeholt und bekamen ihre Rationen, konnten auch ihren Pferden Wasser geben.

Natürlich war das nicht in kurzer Zeit gethan, sondern es vergingen Stunden darüber. Zwar wurden die anrückenden Papago's jetzt noch nicht erwartet, dennoch sendete Steinbach Posten aus, ihm ihr Nahen sofort zu verkünden. Auf diese Weise konnte man nicht überrascht werden.

Auch die Papago's, welche die Waffen abgelegt hatten und im Hofe saßen, fühlten sich sehr wohl. Sie hatten ebenso wie die Anderen ihre vollen Portionen erhalten.

Das Haus war eigentlich zu eng für so viele Gäste. Darum machte Langendorff den Vorschlag, Roulin und Konsorten lieber in das Quecksilberwerk zu bringen und dort einzuschließen. Dadurch wurde der Raum gewonnen, in welchem sich diese Gefangenen befanden.

Steinbach ging auf diesen Vorschlag ein. Die Leiter wurde wieder in die Cysterne hinabgelassen; man führte die Uebelthäter herbei.

Juanito war jetzt wieder bei Besinnung. Er warf einen ängstlichen Blick auf Roulin, wurde aber von diesem scheinbar gar nicht beachtet.

Die Gefangenen waren natürlich alle gefesselt. Sie konnten sich gegen Das, was man mit ihnen vor hatte, nicht wehren und mußten gehorchen.

Steinbach stieg mit Langendorff voran; die Gefangenen folgten, und hinter diesen kamen die beiden langen Brüder Tim und Jim. Die vier Genannten waren natürlich bereit, ihre Waffen zu gebrauchen. Steinbach führte den Schlüssel.

Er öffnete die Thüren und schritt im Lichte zweier mitgebrachter Laternen durch alle die bereits beschriebenen unterirdischen Räume. Keiner von diesen Letzteren als nur allein der hinterste bot Raum genug für die Gefangenen, welche dort gerade ebenso an die in der Wand befestigten eisernen Ringe geschlossen wurden wie vorher die unglücklichen Opfer Roulins an dieselben gefesselt waren.

Ein Wächter erschien überflüssig zu sein. Die Verbrecher waren an den Händen geschlossen und auch überdies an die Mauer befestigt. Wozu ihnen also eine Wache geben!

Zufälliger Weise hatte Steinbach, als er die Gefangenen an die Mauer schloß, sich des Schlüssels bedient, welcher Roulin abgenommen worden war. Hätte er den andern, von dem einstigen Derwisch verwechselten aus der Tasche gezogen, so hätte er den Umtausch merken müssen.

Er kehrte, die Thüren hinter sich verschließend, mit seinen Gefährten sorglos an die Oberwelt zurück. Für ihn konnte es ja für die Gefangenen keine Möglichkeit zur Flucht geben.

Sam machte doch eine Bemerkung:

»Haben wir nicht einen Fehler gemacht, Master Steinbach?«

»Welchen wohl?«

»Wir hätten diese Kerls einzeln unterbringen sollen. Jetzt stecken sie bei einander und können mit einander reden. Da ist es sehr leicht möglich, daß sie auf einen Plan gerathen, welcher uns Schaden bringt.«

»Keine Sorge, Sam! Heraus können sie nicht.«

»Das sollte man freilich denken. Aber wenn der Teufel sein Spiel hat, so schlüpft ein Elephant durch ein Astloch.«

»Hier giebt es keine Astlöcher.«

»Ja, und Elephanten auch nicht. Das ist wahr.«

»Uebrigens habe ich eine Absicht verfolgt, als ich sie in einem Raume zusammen unterbrachte. Sie werden sich entsetzlich zanken. Das ist eine Strafschärfung, welche jedem Einzelnen sehr zu gönnen ist.«

»Das ist richtig. Wie mögen sie über diesen Juanito schimpfen, welchem sie alle Schuld geben werden. Hätte er sich nicht von uns übertölpeln lassen, so wäre es uns wohl schwer gefallen, unsern Zweck zu erreichen.«

»Wir hätten ihn auch erreicht, wenn auch nicht so schnell wie jetzt.«

Steinbachs Vermuthung, daß die Gefangenen mit Vorwürfen über einander herfallen würden, war ganz richtig. Die Drei: Juanito, die Alte und der frühere Derwisch waren bisher von den Anderen getrennt gewesen. Jetzt befanden sie sich alle in demselben Raume. Es war selbstverständlich, daß der Grimm im Innern Roulins kochte und wohl bald zum Ausbruch kommen mußte.

Zunächst aber war er ruhig. Nur das leise Stöhnen Juanitos ließ sich hören.

»Thut es wehe?« fragte endlich Roulin mit gut nachgemachtem teilnahmsvollen Tone.

»Schrecklich!« stieß der Gefragte hervor.

»Wie ist denn das gekommen, mein lieber Juanito?«

»Verflucht sei dieser Steinbach!«

»Da theile ich ganz Deine Meinung. Verflucht noch mehr aber sei Deine Albernheit!«

»Ich war nicht albern!«

»Ist es vielleicht eine Klugheit, sich die Haut vom Kopfe ziehen zu lassen?«

»Kann ich dafür?«

»Wer sonst!«

»Der Kerl gab sich für einen mexikanischen Minenbesitzer aus und wollte Quecksilber kaufen.«

»Warum gabst Du ihm nicht von dem Vorrathe, welcher bei Deiner Mutter liegt?«

»Der war unzureichend. Er brauchte mehr, wie er mir sagte.«

»Wie er Dir weiß machte! Du konntest das Fehlende holen, ihn aber bei Deiner Mutter warten lassen! Warum nahmst Du ihn mit?«

»Der Kerl – – ah! Oh!«

Der Schmerz kam wieder mit aller Gewalt über ihn. Es war ihm, als ob sein Kopf in flüssigem Metall liege.

»Nun, warum?« wiederholte Roulin nach einer kleinen Weile.

»Weil – weil – – –«

»Sinne Dir keine Lüge aus! Sie könnte Dich doch nicht retten.«

»Ich will auch gar nicht lügen. Es ist ja nun Alles gleich. Umgebracht werden wir einmal. Der Kerl hatte eine ungeheure Summe Geldes bei sich. Und da wollte, wollte – – –«

»Und diese Summe wolltest Du haben, ohne ihm Quecksilber geben zu müssen?«

»Ja.«

»Das heißt. Du wolltest ihn umbringen?«

»So ungefähr.«

»Hallunke!«

»Pah! Wir Alle sind Hallunken, und Ihr seid der allergrößte unter uns!«

»Danke sehr! Es ist gut für Dich, daß ich gefesselt bin, sonst würde ich Dir für Dein Compliment auch noch die Haut herabziehen, welche Du auf dem Leibe hast. Steinbach hat Dich doch nicht etwa scalpirt?«

»Nein, sondern der verdammte Apache, welchen wir hatten.«

»Eine ganz höllische Geschichte! Erzähle aber doch, wie es ihnen gelungen ist, Dich zu übertölpeln und die Gefangenen zu befreien.«

»Ich kann nicht. Meine Schmerzen sind zu gräßlich. Das lange Reden ist mir unmöglich. Die Alte mag sprechen. Mein Kopf, mein Kopf!«

»Kerl dieser Schmerz ist Dir zu gönnen; ja er ist als Strafe noch viel zu klein für Dich. Dir müßte täglich die Haut wieder wachsen, damit Du alle Tage scalpirt werden könntest. Jetzt, Alte rede Du!«

Die Wirthschafterin hatte bereits auf diese Aufforderung gewartet. Sie war voller Ingrimm gegen Alle, auch gegen Juanito, welcher, weil er Steinbach mitgebracht hatte, die Schuld an dem ganzen Unglücke trug. Sie begann zu erzählen, und zwar in einer Weise, daß sie nicht vom geringsten Theile der Schuld betroffen wurde. Als sie geendet hatte, sagte Roulin:

»Du kannst nicht dafür. Wäre ich frei, ach, was würde ich thun!«

Da nahm Walker das Wort:

»Ist denn keine Möglichkeit vorhanden, uns zu befreien?«

»Könnt Ihr Eure Ketten sprengen?«

»Nein.«

»Habt Ihr einen Schlüssel?«

»Auch nicht. Welche Frage überhaupt!«

»Nun, so können wir auch nicht auf Rettung hoffen. Wir sind verloren.«

»Ich bin das überzeugt. Diese Schurken werden kein Federlesens mit uns machen.«

»Meint Ihr?« lachte Roulin grimmig.

»Sicher!«

»Das wäre sehr gut.«

»Gut? Wieso?«

»Ein schneller Tod ist unter Umständen das Beste. Ich denke nur, daß wir dieser Gunst nicht theilhaftig werden. Dieser Steinbach ist ein Kerl, welcher nichts gegen das Gesetz thut. Ich bin überzeugt, er schafft uns Alle im Triumphzuge nach San Franzisko, um uns dort auf gesetzliche Weise den Proceß machen zu lassen.«

»Verdammt! Welch ein Aufsehen! Lieber todt als dieses!«

»Er wird es sicher thun.«

»So ermorde ich mich!«

»Wie denn? Ihr seid gefesselt.«

»Es wird sich schon eine Art und Weise finden. In San Franzisko lasse ich mich nicht von den Leuten begaffen.«

»Ja, es würde freilich ein Prozeß sein, wie es noch keinen zweiten gegeben hat.«

In dieser Weise wurde das Gespräch zwischen Walker, Roulin und Leflor fortgeführt. Sie ergingen sich in Verwünschungen gegen Gott und die Menschen. Es war schrecklich anzuhören. Es wurde aller Scharfsinn aufgeboten, um einen Weg zur Flucht zu entdecken – vergebens. Es gab keine Möglichkeit.

Da begannen die Schmähungen gegen Juanito von Neuem. Dieser antwortete gar nicht. Also überhäuften die Drei nun sich gegenseitig selbst mit Vorwürfen. Jeder schob die Schuld auf den Andern, bis endlich Leflor sagte:

»Ich bin der Unschuldigste von Euch allen. Ich habe Euch die Pflanzung abgekauft; das ist Alles. An Euren anderen Thaten habe ich mich nicht betheiligt. Man wird mir nicht viel anhaben können.«

»Oho!« sagte Walker. »Aus der Pflanzung wird man Euch treiben.«

»So gehe ich. Das Leben muß man mir aber doch jedenfalls lassen.«

»Meint Ihr?« Ihr habt einen Gefangenen befreit und Euch mit an der Festnahme von Wilkins, Zimmermann und den Mädchens betheiligt. Das ist wohl genug, Euch den Hals zu brechen.«

»Ich muß es eben darauf ankommen lassen. Daß ich droben am Silbersee Bill Newton befreite, das ist – – –«

Da unterbrach ihn Walker schnell:

»Bill Newton. Gut, daß Ihr den Namen nennt. Der Kerl verhält sich so schmauchend. Er sagt gar kein Wort. Mensch, Spitzbube, wo hast Du mein Geld?«

Er hatte erwartet, daß Bill entweder leugnen oder gar nicht antworten werde. Entgegen dieser Vermuthung sagte Bill:

»Euer Geld? Hm, das ist futsch.«

»Wohin, Schurke?«

»Steinbach hat es.«

»Verdammt! Er hat es Dir wieder abgenommen?«

»Leider!«

»Alles, alles thut dieser Kerl, und Alles, Alles thut ihm gelingen. Will es der Teufel, daß ich frei werde, so wird es das Erste sein, mich so an diesem Menschen zu rächen, wie sich noch niemals ein Mensch gerächt hat.«

»Glück auf dazu!« lachte Bill.

»Kerl, lache nicht! Ich hasse diesen Steinbach fürchterlich; dennoch aber freut es mich, daß er Dir nicht nur das Geld abgenommen, sondern daß er auch Dich selbst festgenommen hat. Wie kommst Du auf den Gedanken, mich zu bestehlen?«

»Weil Ihr auf den Gedanken kamt, mich hier einzusperren wie die Anderen.«

»Unsinn!«

»Pah! Ich habe Eurer Unterhaltung gestern zugelauscht. Nun macht mir noch Vorwürfe, daß ich Euch bestohlen habe!«

»Du wolltest Magda retten!«

»Ist mir nicht eingefallen! Für ein Mal zur Frau haben wollte ich sie, weiter nichts.«

»Hallunke!«

»Ihr seid ganz dieselben Hallunken, wie ich einer bin. Gescheidter aber bin ich als Ihr.«

»Ach! Siehe doch einmal an! In wiefern bist Du denn gescheidter als wir, he?«

»Weil Ihr dümmer seid!«

»Nicht übel! Zeige uns doch Deine Klugheit!«

»Ihr werdet mir wohl erlauben müssen, sie zunächst für mich in Anwendung zu bringen.«

»Thue es! Sie wird Dir auch nicht aus dieser verdammten Patsche helfen!«

»Vielleicht doch!«

»Schneide nicht auf!«

»Pah! Während Ihr Euch zankt und ganz unnütz Einer die Schuld auf den Andern wirft, habe ich über unsere Rettung nachgedacht!«

»Aber natürlich keinen Weg gefunden!«

»Ihr freilich wäret viel zu dumm, auf einen gescheidten Gedanken zu kommen.«

»Hört doch, wie dieser Kerl jetzt auf einmal die Klugheit mit Löffeln gefressen hat! Wie willst Du denn frei werden?«

»Das ist meine Sache.«

»Schön! Deine Antwort ist der vollgiltigste Beweis, daß Du keine Rettung weißt.«

»Den Anfang der Rettung habe ich.«

»Welcher ist der?«

»Uns zunächst hier los zu machen.«

»Das geht nicht.«

»Pah! Wenn ich will, bin ich in zwei Minuten von meinen Fesseln frei.«

»Das sagst Du nur, um uns zu ärgern.«

»Was hätte ich davon? Uebrigens könnte es uns nichts nützen, die Fesseln abzustreifen. Wir können doch nicht hinaus. Ja, wenn mir diese verteufelten Irrgänge und Stollen bekannt wären!«

Er hatte bisher so im Tone fester Ueberzeugung gesprochen, daß jetzt Roulin, tief aufathmend, zu ihm sagte:

»Bill, treib keinen Scherz! Wenn es wahr ist, was Du sagst, so werden wir den Streich, welchen Du uns gespielt hast, gern vergessen!«

»Schön! Und weiter?«

»Und Dich belohnen.«

»Das klingt sehr hübsch. Was werdet Ihr mir denn geben?«

»Zunächst erhältst Du doch die Freiheit.«

»Die erhalte ich auch ohne Euch. Ich brauche Geld.«

»Ich gebe Dir tausend Dollars!« sagte Leflor.

»Habt Ihr sie etwa mit?«

»Nein. Es ist mir ja Alles abgenommen worden. Aber Du gehst mit nach Wilkinsfield. Dort zahle ich sie Dir aus.«

»Ihr werdet Euch hüten, es zu thun. Ich kenne Euch. Wilkinsfield gehört Euch überhaupt gar nicht mehr.«

»Ich lege den heiligsten Schwur ab, daß ich sie Dir zahle!«

»Wollen sehen! Was bieten die Anderen?«

»Ich gebe auch tausend,« meinte Walker.

»Wann?«

»Wenn ich wieder nach Prescott zurückkehre.«

»Ihr werdet Euch dort in Eurem ganzen Leben nicht wieder sehen lassen dürfen. Und Ihr, Sennor Roulin? Was wendet Ihr daran?«

»Auch so viel.«

»Auch tausend? Habt Ihr sie?«

»Ja.«

»Etwa droben im Hause, wo jetzt Steinbach schaltet und waltet, wie es ihm beliebt?«

»Nein. Ich habe sie hier.«

»Donnerwetter! Etwa in der Tasche?«

»Nein.«

»Wo denn?«

»In einem Verstecke.«

»Wo ist das?«

»Das ist natürlich mein Geheimniß.«

»So behaltet dieses Geheimniß in aller Teufels Namen für Euch! Ich behalte das meinige, nämlich wie wir loskommen, auch für mich!«

»Nur nicht so hitzig!«

»Schließlich brauche ich Euch gar nicht. Uebrigens wenn Ihr tausend Dollars habt, so habt Ihr wohl auch noch mehr. Könntet Ihr mir vielleicht die zwei Tausend geben, welche mir die beiden Andern versprochen haben?«

Roulin zögerte eine Weile; dann antwortete er:

»Ja, ich könnte es.«

»Gut! So ist die Flucht möglich. Nur muß ich vorher Einiges wissen.«

»Was?«

»Daß ich das Geld auch sicher erhalte und daß es uns möglich ist, von hier fort zu kommen, falls es mir gelingt, mir und Euch die Fesseln abzunehmen.«

»Was diesen letzteren Punkt betrifft, so kann ich Dich beruhigen. Bin ich nicht mehr gefesselt, so kann ich in jedem Augenblicke fort.«

»Ihr, aber ob auch wir Andern?«

»Wir alle.«

»Auf welche Weise denn? Giebt es vielleicht einen verborgenen Stollen?«

»Nein. Habt Ihr Euch dieses Gewölbe angesehen, als vorhin die Laternen brannten?«

»Ja.«

»Es führt eine Leiter empor.«

»Ich habe sie gesehen.«

»Mit ihrer Hilfe gelangt man auf die Zinne des Felsens.«

»Und wie von dort hinab?«

»Mit Hilfe des Seiles.«

»Das müßte man aber haben.«

»Ich habe es. Es befindet sich hier.«

Juanito hatte geschwiegen. Theils verhinderten ihn seine Schmerzen am Sprechen und theils wollte er die Aufmerksamkeit und somit den Zorn der Andern nicht abermals auf sich lenken. Er ärgerte sich gewaltig über die Vorwürfe, welche Roulin ihm gemacht hatte; darum fiel er diesem jetzt zornig in die Rede:

»Macht keine Lüge, Sennor! Ihr habt kein Seil.«

»Weißt Du das so genau?«

»Ja. Wenn eins hier wäre, müßte ich es eben so genau wissen wie Ihr.«

»Es ist aber hier!«

»Unsinn! Ihr wollt nur Master Bill betrügen. Er soll Euch den Weg zur Freiheit sagen; aber ein Seil von der Länge, welche nöthig ist, um von der Zinne bis hinab an den Fuß des Felsens zu kommen, ist nicht vorhanden.«

»Gut!« sagte Bill. »Ich sehe, daß man mich täuschen will, und werde also mich allein retten.«

»Laß Dich nicht irre machen!« sagte Roulin.

»Obgleich es nicht nöthig ist, daß ein Herr auf die Beleidigung seines Dieners antwortet, will ich doch aufrichtig sein, damit Du siehst, daß ich nicht die Absicht habe, Dich zu betrügen.«

»Soll mir sehr lieb sein!«

»Bei der Art und Weise, wie ich hier mein Geschäft betreiben und mir die Arbeiter förmlich zusammenrauben mußte, lag der Gedanke nahe, daß ich einmal ganz unvorhergesehen in Ungelegenheiten kommen könne. Ich mußte mich für solche Fälle vorbereiten. Auch für eine heimliche Flucht mußte ich meine Einrichtungen treffen. Ich legte mir also hier unten eine verborgene Kasse an und hielt auch ein Seil bereit, von dessen Dasein nur ich allein weiß.«

»Nun, so sagt doch endlich, wo es ist,« drängte Bill ungeduldig.

»Neben der Leiter führt eine eiserne Stange empor. Hast Du sie gesehen?«

»Ja.«

»Diese Stange ist nicht massiv, sondern sie ist eine Röhre, von welcher man oben den Knopf abschrauben kann. In ihrem Innern steckt das Seil. Es ist grade so lang wie die Röhre, welche von hier bis hinaufgeht, also reicht es auch von der Zinne bis zum Fuße des Felsens herab.«

»Ist das wahr?«

»Was könnte mir hier eine Lüge nützen?«

»Das ist richtig.«

»Oben an dem hintersten Schmelzofen befindet sich ein starker eiserner Haken, an welchem das Seil befestigt wird.«

»Aber draußen wachen die Apachen. Sie werden es sofort bemerken, wenn sich Jemand von oben an einem Seile herabläßt.«

»Sie bemerken es nicht. Grad an der betreffenden Seite geht ein ziemlich tiefer Riß von oben bis unten durch das Gestein. Er ist so breit, daß ein Mann gut Platz darin hat. Er läßt sich also in diesem Risse hinab, und kein Mensch kann ihn sehen. Bist Du nun zufrieden gestellt, Bill?«

»In Beziehung des Seiles, ja, in Beziehung des Geldes aber nicht.«

»Du erhältst es ganz gewiß.«

»Das Versprechen genügt mir nicht. Ich muß die vollständige Gewißheit haben, daß das Geld auch wirklich vorhanden ist.«

Roulin schwieg eine ganze Weile. Es wurde ihm doch nicht leicht, sein kostbares Geheimniß zu verrathen. Da aber sagte Bill, im höchsten Grade ärgerlich:

»Gut! Behaltet es für Euch. Ich mag es nun gar nicht wissen. Ich habe bereits die eine Hand frei.«

»Wie? hat man Dich so schlecht gefesselt?«

»Ja. Jetzt weiß ich, wo das Seil ist und werde also allein fliehen.«

»Donnerwetter!« rief Walker. Seid doch nicht so spröde, Roulin! Beweißt ihm, daß Ihr das Geld wirklich habt.«

»Nun wohl,« sagte der Angeredete. »Gefahr hat es ja nicht, denn er kann es sich doch nicht nehmen ohne unsere Hilfe. So will ich Dir denn sagen, daß oben, wo der Schacht zu Tage steigt grad hinter der fünften Leitersprosse von oben, ein Stein locker ist. Hat man ihn herausgezogen, so sieht man ein eisernes Thürchen, hinter welchem ein Kästchen steht, worinnen sich das Geld befindet.«

Bills Herz hüpfte vor Freude, dennoch sagte er in kaltem Tone:

»Na, warum sagt Ihr das erst jetzt! Wer soll denn das Geld stehlen!«

»Freilich! Das Schloß der Kassete ist nur mit demselben Schlüssel zu öffnen, mit welchem man die Handschellen aufmachen kann. Ich habe diese Einrichtung getroffen, weil ich diesen Schlüssel unbedingt bei mir habe, wenn ich in die Schächte steige.«

»Jetzt aber hat man ihn Euch abgenommen. Wie wollt Ihr zu dem Gelde kommen?«

»Unserer vereinten Hilfe wird es wohl gelingen, die Thüre heraus zu wuchten.«

»Hoffentlich.«

»Also bist Du nun bereit?«

»Ja. Wohin aber wenden wir uns?«

»Zunächst zu Juanitos Mutter, welche meine Verbündete ist. Bei ihr müssen wir uns mit andern Kleidern versehen, denn man wird uns jedenfalls verfolgen, natürlich auch steckbrieflich.«

»Hat sie denn für uns passende Kleider?«

»Für Einige von uns auf alle Fälle.«

»Wo wohnt sie?«

»In Visalia. Sie heißt Juana Alfarez und hat eine Venta.«

»Nicht wahr, Visalia liegt grad im Westen von hier an der Eisenbahn?«

»Ja. Jetzt aber gieb Dir Mühe, auch die andere Hand loszubringen.«

»Das wird gleich geschehen sein.«

»Aber die Fessel, welche Dich an der Mauer festhält?«

»Die drehe ich ab.«

»Das ist fast unmöglich.«

»Ich bin stark.«

Er hatte vorher den Schlüssel im Munde gehabt und ihn nur während des Sprechens aus demselben genommen. Jetzt steckte er ihn wieder hinein, und zwar so, daß er ihn fest mit den Zähnen hielt, den Bart nach außen gerichtet. Er hob die gefesselten Hände so hoch, daß er mit den Zähnen den Schlüssel in das Loch stecken konnte, und drehte. Seine Zähne waren gut. Sie hielten die Anstrengung aus; das Schloß wurde geöffnet, und seine Hände waren frei.

Er warf die Handschelle zur Erde. Nun brauchte er sich nur zu bücken, um auch das Schloß zu öffnen, welches ihn am Mauerhaken fest hielt. Daß er diese Fessel zerdrehen müsse, hatte er nur gesagt, um nicht wissen zu lassen, daß er sich im Besitze des Schlüssels befand.

Jetzt endlich war er frei; die Kette klirrte nieder. Die Anderen hörten es.

»Bist Du los?« fragte Roulin.

»Ja.«

»Gott sei Dank. Wir brauchen Licht. Brenne eins an!«

»Wie denn?«

»Du hast doch wohl die Lampe am Boden stehen sehen. Es sind dieselben, mit denen die Arbeiter sich leuchteten. Zunder, Stein, Stahl und Schwefelfaden liegen in dem Mauerloche gegenüber von mir.«

Bill fand das Genannte, und bald brannte das Flämmchen einer der primitiven Lampen.

»So ist es gut!« sagte Roulin. »Jetzt gehe dort in die Ecke. Hinter dem Fuße der Leiter liegen einige kurze Eisenstäbe, mit denen Du nun unsere Fesseln zersprengen kannst.«

Bill lachte lustig vor sich hin und sagte:

»Ihr meint, daß ich nun auch Euch frei mache?«

»Natürlich!«

»Hm! So sehr natürlich ist das doch nicht.«

»Warum?«

»Erst muß ich wissen, ob Ihr mir auch wirklich die Wahrheit gesagt habt oder nicht. Ich will das Seil sehen und auch das Geldversteck.«

»Es ist wahr. Mit dem unnützen Nachschauen verlieren wir nur die kostbare Zeit.«

»Möglich! Aber ich gehe sicher. Wartet also, bis ich wiederkomme!«

Sie gaben ihm gute Worte, und sie wurden zornig; es half ihnen nichts; er kehrte sich nicht daran, sondern stieg empor, sie im Finstern zurücklassend.

Es ging sehr hoch empor. Es dauerte lange, ehe er an die betreffende Leitersprosse gelangte. Er untersuchte den Stein hinter derselben. Richtig, er war heraus zu ziehen. Dahinter war die eiserne Thüre und dahinter das Kästchen. Er öffnete es mit Hilfe des Schlüssels, zog das Schubfach heraus und prüfte den Inhalt.

Er hätte vor Entzücken laut aufschreien mögen, denn das Kästchen enthielt fünftausend Dollars in guten Noten und verschiedene Ringe und Kostbarkeiten, welche er funkelnden Auges betrachtete, ehe er alles in seine Tasche steckte.

Nun brachte er, nachdem er wieder zugeschlossen hatte, den Stein wieder in die Oeffnung und stieg vollends empor.

Da oben endete die Eisenstange in einen ziemlich großen Knauf. Er versuchte, denselben zu drehen. Nach einiger Anstrengung gelang es ihm. Er schraubte ihn los und erblickte wirklich das obere Ende des Seiles, welches er augenblicklich aus der Röhre zog, indem er es rund aufrollte. Als er damit zu Ende war, suchte er am Schmelzofen den erwähnten Eisenhaken, welchen er auch fand. Es war wirklich Alles in Ordnung. Mit dem Lichte ging er dabei so vorsichtig um, daß der Schein desselben von unten gar nicht bemerkt werden konnte, falls es den wachenden Apachen ja einfiel, den Blick herauf nach der Spitze des Berges zu richten.

Nun stieg er wieder hinab in den Stollen, wo seine Rückkehr mit größter Ungeduld erwartet worden war.

»Endlich, endlich!« sagte Roulin. »Du bist ja wohl über zwei Stunden außen gewesen. Was hast Du gemacht?«

»Luft geschnappt,« sagte er, indem er sich behaglich auf die unterste Leitersprosse setzte.

»Hast Du das Seil gefunden?«

»Ja.«

»Und die Kasse?«

»Auch, Sennor.«

»So siehst Du, das ich die Wahrheit gesagt habe. Jetzt wollen wir an das Werk gehen.«

»Bitte, wollen noch ein Bischen warten!«

»Warum?«

»Ich habe Zeit.«

»Aber wir nicht, dummer Kerl!«

»Hm! So ein dummer Kerl ist manches Mal klüger als der größte Schlaukopf. Wie wäre es denn, wenn ich allein abreise, meine Herren?«

»Das wirst Du nicht thun.«

»Oho! Warum denn nicht?«

»Du würdest dreitausend Dollars verlieren.«

»Nein, sondern ich würde zweitausend verlieren, wenn ich Euch hier los machte. Vielleicht erhielt ich gar nicht einmal einen Dollar.«

»Ich verstehe Dich nicht!«

»Nun, Ihr habt doch fünftausend Dollars in der Kasse. Nicht?«

»Donnerwetter.«

»Gehe ich allein, so nehme ich sie mit. Nehme ich aber Euch mit, so muß ich entweder zweitausend herausgeben oder gar die ganze Summe. Euch ist ja nicht zu trauen.«

»Kerl, woher weißt Du, wie viel Geld in dem Kästchen ist?«

»Nur Geld? Ist nicht auch Geschmeide drin?«

»Alle Teufel!«

»Zum Beispiel der große Diamantring des Sennors aus Sacramento, welcher so plötzlich verschwand, nachdem er Euch besuchte!«

Roulin wurde todesbleich. Er stammelte:

»Du hast das Kästchen geöffnet?«

»Natürlich!«

»Wie?«

»Mit dem Schlüssel.«

»So hast Du ihn?«

»Ja. Hier!«

Er hielt ihn in der Hand empor.

Als sie das kleine Instrument erblickten, stießen Alle einen Ruf der Freude aus, Roulin aber einen Wuthschrei.

»Du hast mich bestohlen!« knirrschte er.

»Schließe auf! schließe auf!« drängten die Andern, mit ihren Ketten klirrend und ihm die gefalteten Hände entgegenstreckend.

Er blieb auf seiner Sprosse sitzen und machte eine Bewegung der Abwehr.

»Still!« sagte er. »Ich kann nicht zu gleicher Zeit mit Allen sprechen. Zunächst also zu Euch, Sennor Roulin. Ihr seid ein Dieb, ein Gauner und Mörder erster Größe. Alles, was Ihr besitzt, habt Ihr geraubt und gestohlen. Wenn ich mir fünftausend Dollars von Euch nehme, so ist das kein Verbrechen gegen Euch. Ich thue nur Das, was Ihr selbst erst gethan habt. Ich nehme Euch Das, was Euch nicht gehört, was Ihr geraubt habt.«

»Hallunke!«

»Nennt mich, wie Ihr wollt. Ihr könnt mich nicht beleidigen, denn Ihr nennt nur Euern eigenen Namen. Und was Euch Andere betrifft, so gehört Ihr, grad so wie ich, unter das menschliche Ungeziefer, welches ausgerottet werden muß. Ich habe viele Sünden auf meinem Gewissen; es kann mir gar nicht einfallen, auch noch die Schuld, Euch dem Arme der Gerechtigkeit entzogen zu haben, auf mich zu laden. Ihr bleibt hier!«

»Hund, Du willst allein gehen?« brüllte Walker.

»Ja, Sennor.«

»Ich zermalme Dich!«

Er riß an seinen Ketten, daß sie knirschten.

»Gebt Euch keine Mühe! Zwar hasse ich diesen Steinbach, und ich denke, daß ich mich an ihm rächen werde; aber das Vergnügen, Euch hängen zu lassen, will ich ihm doch nicht rauben. Ihr wolltet mich hier einschließen, um mich hier arbeiten und nie wieder die Sonne erblicken zu lassen. Die Vergeltung ist da. Jetzt habe ich Euch in meiner Hand. Ich könnte Euch befreien; aber Ihr sollt da bleiben, wo ich bleiben sollte.«

»Bill, das werdet Ihr nicht thun!« krächzte die Alte.

»Warum nicht? Etwa aus Liebe zu Euch? Ihr seid nicht weniger schlimm als die Andern, ja vielleicht noch schlimmer als sie.«

»Nein, nein! Ich habe Euch so sehr lieb!« jammerte sie voller Angst. »Soll ich Dich etwa heirathen, altes Scheusal? Du hast die jungen Mädchens hier in das Bergwerk geliefert und Deine Freude an ihrem Unglücke gehabt. Du hast wie eine wahre Teufelin gehandelt. Der Teufel soll Dich dafür holen! Heirathe ihn, aber mich nicht!«

Jetzt wendete Leflor das letzte Mittel an.

»Bill, bedenke, daß ich Dich droben am Silbersee aus der Gefangenschaft errettet habe!«

»Das habt Ihr nicht meinetwegen, sondern Walkern zu Liebe gethan. Ihr seid nicht besser als er. Ich mag von Euch auch nichts wissen. Ich gehe jetzt und nehme Abschied von Euch mit der Bitte, meiner in treuer Liebe zu gedenken, wenn man Euch am Galgen den Strick um den Hals legt. Es muß das ein so wonnevolles Gefühl sein, daß ich es Euch Allen von ganzem Herzen gönne. Lebt also wohl und laßt Euch die Zeit hier nicht lang werden!«

Er erhob sich und setzte den Fuß auf die Leiter.

»Satan!« brüllte Walker. »Mach uns los! Es ist Deine Pflicht!«

»Bill, lieber Bill, guter Bill!« riefen und baten die Andern.

»Immer bettelt, Ihr Hunde!« lachte er höhnisch. »Ihr hättet auf mein Betteln auch nicht gehört.«

Er stieg empor.

»Bill, mein Liebling!« kreischte die Alte.

»Bill, nimm nur mich mit!« rief Leflor. »Ich gebe Dir zehntausend Dollars!«

»Nicht für das Zehnfache.«

»Zwanzigtausend!«

»Ihr habt nicht mehr zwei Pfennige!«

Er ließ das Licht unten stehen und stieg schnell weiter. Er hörte das Toben, Fluchen, Heulen, Bitten und Kettengerassel noch einige Zeit unter sich, bis es nur noch einen verworrenen Lärm bildete, welcher nach und nach verhallte.

»Das war Rache! Ah!« murmelte er befriedigt. »Fünftausend Dollars, einundzwanzigtausend Mark ohne die Kostbarkeiten! Ich bin von allen Sorgen frei, wenn nur heut diese Flucht gelingt.«

Oben angekommen, trat er an den Rand des Felsens und blickte hinab. Das Todesthal lag in nächtlichem Dunkel unter ihm. Er konnte nichts erkennen. Im Sternenscheine bemerkte er aber wenigstens den obern Theil der Felsspalte, von welcher Roulin gesprochen hatte.

Jetzt befestigte er das eine Ende des Seiles an dem erwähnten Eisenhaken und ließ das andere Ende desselben langsam und vorsichtig hinab. Es hing ziemlich, schlaff, als es abgelaufen war, ein Beweiß, daß es lang genug sei und unten den Erdboden berührt habe.

»Nun Kraft genug zum Aushalten! Wenn auch das Fell von den Händen geht!«

Immer mit einer Hand unter die andere greifend, begann er, sich hinabzulassen. Es ging viel besser, als er gedacht hatte. Die Spalte, in welcher er sich befand, war nicht etwa glatt, sondern sie hatte Unebenheiten und kleine Vorsprünge, auf denen er hier und da den Fuß setzen konnte, um sich auszuruhen.

So kam es, daß er sich gar nicht etwa übermüdet fühlte, als er endlich den Boden erreichte. Auch seine Hände hatten nicht gelitten.

Er blieb noch eine ganze Weile in der Spalte stecken, um zu lauschen. Kein Lüftchen regte sich, kein verdächtiges Geräusch war zu hören, kein auffälliger Gegenstand zu sehen. Er schien vollständig sicher zu sein.

»Nun wohin?« fragte er sich. »Weiter hinein in das Thal? Fällt mir nicht ein! Ich gehe dahin, wo wir hergekommen sind. Dort werden zwar die Schildwachen der Apachen stehen, um auf das Kommen der Papago's zu lauschen; aber ich nehme mich in Acht. Es ist leichter, sich durch diese Wachen zu schleichen, als durch die ganze Schaar, welche sich jedenfalls im Thale befindet. Bin ich durch, so biege ich nach Westen ein, um nach Visalia zu jener Juana Alfarez zu kommen. Andere Kleider muß ich haben, wenn ich entkommen will.«

Er legte sich auf den Boden und kroch langsam vorwärts, immer an dem Felsen hin. Jetzt hatte er denselben hinter sich. Da hörte er einen halblauten Ruf:

»Uff!«

Von weiter links wurde derselbe Ruf als Antwort ausgestoßen, dann sprangen blitzschnell mehrere dunkle Gestalten an ihm vorüber, ohne ihn zu sehen, denn er hatte sich ganz eng hinter einige größere Steinbrocken geschmiegt.

So an der Erde liegend, vernahm er aus der Ferne ein Geräusch, welche nur von den Hufen vieler Pferde hervorgebracht worden sein konnte.

»Die Wächter sind fort, und die Papago's kommen,« sagte er sich. »Schnell weiter, damit ich nicht noch im letzten Augenblick gesehen werde!«

Er sprang auf und rannte, so schnell er konnte, dem Geräusch entgegen. Jetzt hatte er den Eingang des Thales erreicht, welcher aber für ihn der Ausgang war. Er sprang hinaus und bog nach rechts ein. Nur noch wenige Schritte, dann mußte er sich abermals niederlegen und verstecken, denn die Papago's waren da.

Hätte er den Ausgang des Thales nur wenige Secunden später erreicht so wäre er ihnen begegnet und natürlich von ihnen ergriffen worden.

Kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt, ritten sie an ihm vorüber, zwischen den Felsen hinein, wo er herausgekommen war.

Als der letzte Rothe verschwunden war, erhob Bill sich von der Erde.

»Allah illa Allah!« sagte er. »Oder auf gut deutsch: Himmeldonnerwetter! Jetzt konnte es mir noch schlimm ergehen! Nun aber bin ich gerettet! Reisegeld habe ich. Lebt wohl, Ihr Schufte da drinn im Bergwerke! Leb wohl auch Du, Hund von Steinbach! Wir treffen uns wieder, und dann halte ich Abrechnung mit Dir. Meine Rache soll schrecklicher sein, als der Zorn sämmtlicher Teufel in der Hölle!«

Er wendete sich nach Westen und verschwand in dem nächtlichen Dunkel – ein Teufel in Menschengestalt.

Die Papago's, welche an ihm vorübergeritten waren, ohne zu ahnen, daß der ihnen gestern entflohene Dieb ihnen jetzt so nahe sei, ritten um die Ecke des Felsenberges hinum und hielten vor dem Hause. Da sahen sie die Pferde der Ihrigen stehen. Es schien also Alles in Ordnung zu sein.

Der Häuptling stieg vom Pferde, trat an die Thür und klopfte. Nach einiger Zeit wurde geöffnet. Annita trat heraus, welche von Steinbach ihre Instruction empfangen hatte. Der Häuptling warf einen forschenden Blick auf sie und sagte:

»Warum öffnet eine Tochter der Bleichgesichter?«

»Ich bin die Pförtnerin.«

»Wo ist der Herr dieses Hauses?«

»Er sitzt beim Essen.«

»Und wo sind die Krieger der Papago's, deren Pferde vor dem Hause stehen?«

»Sie sitzen bei ihm, um an seinem Mahle Theil zu nehmen.«

Das war keine Unwahrheit. Steinbach hatte die Papago's zum Mahle geladen, um sie aus dem Hofe zu entfernen.

»Führe mich zu ihm!«

»So komm!«

Sie verschloß die Thür von Innen und schritt ihm voran, über den Hof hinüber und zur Treppe empor. Dort ließ sie ihn durch eine Thür in ein leeres Zimmer treten, in welche eine Lampe brannte. Der Häuptling blickte sich um, zog die Brauen finster zusammen und sagte:

»Was soll ich hier?«

»Hier pflegt der Herr seine Gäste zu empfangen und zu begrüßen.«

»Soll ich etwa hier warten, bis er kommt? Ich bin kein Bleichgesicht und mag von diesen Sitten nichts wissen. Ich gehe zu ihm!«

Er wendete sich um, die Stube zu verlassen, trat aber erstaunt zurück, denn unter der geöffneten Thür stand Steinbach. Er hatte geahnt, daß der Häuptling nicht warten werde, darum war er so schnell herbeigekommen. Das Mädchen huschte hinaus.

»Wo sind meine Krieger?«

Das war die erste und rasche Frage, welche der Häuptling ausstieß, als er einen ihm völlig unbekannten Mann vor sich erblickte. Er hatte die Hand an den Tomahawk gelegt. Steinbach hatte nur das Messer im Gürtel stecken.

»Sie essen bei mir.«

»Ich will zum Besitzer dieses Hauses. Wer aber bist denn Du?«

»Ich bin jetzt der Besitzer. Man nennt mich den Fürsten der Bleichgesichter. Vielleicht hast Du diesen Namen bereits einmal vernommen.«

Obgleich es bei den Indianern für eine Ehrensache gilt, niemals, besonders einem Fremden oder gar einem Feinde gegenüber, merken zu lassen, von welchen Gefühlen man bewegt wird, war die Ueberraschung des Häuptlings, als er diesen Namen hörte, so groß, daß er es vergaß, die erwähnte Zurückhaltung auszuüben.

»Uff!« rief er aus, indem er einige Schritte zurücktrat. »Du willst der weiße Krieger sein, welchen man den Fürsten der Bleichgesichter nennt?«

Er musterte Steinbach mit großen, weit geöffneten Augen. Dieser antwortete lächelnd.

»Du hast es gehört, daß ich es sagte, ich sei es.«

»Was thust Du in dem Thale des Todes, hier in diesem Hause?«

»Ich befinde mich hier, um Dich und Deine Krieger zu empfangen.«

»So hast Du gewußt, daß wir kommen?«

»Ja.«

»Wo befindet sich Derjenige, dem das Haus gehörte, den wir den ›silbernen Mann‹ nennen?«

»Er befindet sich auch hier.«

»Warum kommt er nicht, mich zu empfangen?«

»Er ist verhindert, und ich habe es an seiner Stelle gethan.«

Es lag etwas in Steinbachs Wesen, was dem Rothen zu denken gab. Sein Gesicht legte sich in Falten, und er fragte im Tone des Mißtrauens:

»Bist Du hier als unser Freund oder als unser Feind?«

»Das wird nur allein auf Dich ankommen.«

»Uff! Der Fürst der Bleichgesichter ist bekannt als Freund der rothen Männer.«

»Ja, ich liebe sie alle, die Comanchen und Apachen, die Maricopa's und Papago's.«

»Die Apachen, Comanchen und Maricopa's sind meine Feinde. Wenn Du sie liebst, so kannst Du nicht mein Freund sein.«

»Ich kann nicht, nur allein um Dir zu gefallen, der Feind Anderer werden. Ich beschütze alle braven Männer, gleich viel, ob sie weiß oder roth sind. Warum aber bist Du der Feind von Bleichgesichtern, welche Dir nichts gethan haben?«

»Wer sagt Dir, daß ich gegen Bleichgesichter feindselig handle?«

»Führst Du nicht welche als Gefangene bei Dir?«

»Woher weißt Du das?«

»Der Fürst der Bleichgesichter weiß Alles. Der ›silberne Mann‹ ist ein Schurke, ein Mörder, Dieb und Räuber. Du bist sein Verbündeter. Das kann Dir großes Unglück bringen.«

Da legte der Häuptling die Hand abermals an den Tomahawk, zog ihn halb heraus und rief:

»Jetzt hast Du gestanden, daß Du mein Feind bist!«

»Ich bin Dein Feind nur dann, wenn Du mir durch Dein Verhalten Veranlassung giebst, es zu sein. Ich verlange die Freiheit Deiner Gefangenen!«

»Sie werden meine Gefangenen bleiben, so lange es mir gefällt.«

»Oder vielmehr so lange es mir gefällt,« rief Steinbach.

»Hast Du mir zu befehlen?«

»Ja, denn Du bist mein Gefangener.«

»Nein, Du der meinige!«

Bei diesen Worten holte der Häuptling zu einem blitzschnellen Schlage aus. Steinbach war darauf vorbereitet. Er hatte ihn scharf im Auge behalten, fiel ihm in den Arm, entriß ihm den Tomahawk und schleuderte den Rothen an die Wand, daß ihm alle Glieder krachten.

»Wie!« sagte er lachend. »Du wagst es, die Waffe gegen den Fürsten der Bleichgesichter zu ziehen! Willst Du von meiner Hand sterben!«

Aber der Rothe hatte sich schnell gefaßt. Er zog sein Messer, stieß einen lauten Ruf aus und drang abermals aus Steinbach ein. Dieser holte aus und versetzte ihm einen so gewaltigen Hieb auf die Achsel, daß der Indianer den Arm sinken ließ. Das Messer entfiel seiner Hand.

»Schau, ich habe Dich zweimal entwaffnet!« sagte Steinbach. »Und doch habe ich dazu nicht eine Waffe gebraucht, sondern nur meiner Hand bedurft. Wenn Du mich noch einmal angreifst, wirst Du eine Leiche sein!«

Der Papago sah die Wahrheit dieser Drohung ein. Er mußte von einer augenblicklichen Fortsetzung der Feindseligkeit absehen, gab sich aber nicht verloren, sondern sagte in drohendem Tone:

»Meine Krieger werden es blutig rächen, daß Du Dich an mir vergriffen hast!«

»Ich fürchte sie nicht!«

»Hast Du gezählt, wie viel ihrer sind?«

»Ich kenne Eure Zahl. Aber Du weißt nicht, wie viele Krieger sich bei mir befinden. Die Leute, welche Du voransandest, sind entwaffnet. Sie befinden sich in meiner Gewalt.«

»Du lügst!«

»Pah! Der Fürst der Bleichgesichter ist kein Lügner. An seiner Seite befinden sich die berühmtesten Jäger der Prairie. Du sollst sie sehen.«

Er öffnete die Thür. Günther von Langendorff trat ein, gefolgt von Sam Barth, Jim und Tim. Draußen standen die Apachen und Maricopa's, so viele ihrer Platz gefunden hatten.

»Uff!« rief der Papago erschrocken.

»Siehst Du nun ein, daß Du mein Gefangener bist?« fragte Steinbach.

Der Gefragte zögerte eine Weile mit der Antwort; dann sagte er:

»Wo befinden sich meine Krieger, welche mir vorangeritten sind?«

»Sie sind in meiner Gewalt.«

»Hast Du ihrer welche getödtet?«

»Keinen einzigen.«

»Aber Ihr habt gekämpft?«

»Nein. Sie haben sich freiwillig ergeben.«

»So sind sie feige Hunde, welche wir aus dem Stamme stoßen werden!«

»Sie waren nicht feig, sondern klug. Sie sahen ein, daß Widerstand vergeblich sein werde; da ergaben sie sich.«

*

66

»Sie konnten sich zurückziehen, anstatt sich zu ergeben.«

»Die Flucht war ihnen unmöglich.«

»Einem tapfern und klugen Krieger ist die Flucht niemals unmöglich!«

»So! Glaubst Du wohl, ein tapferer Mann zu sein?«

»Zweifelst Du daran?«

»Nein. Aber nun versuche doch einmal, mir zu entkommen!«

»Du hast mich herein gelockt. Ich bin von Apachen, Maricopa's und Bleichgesichtern umgeben. Wie soll ich da entkommen können!«

»Ganz dasselbe war der Fall bei Deinen Leuten. Ich lockte sie herein und umgab sie mit einer weit überlegenen Anzahl unserer Leute. Sie waren klug genug, auf einen Kampf zu verzichten. Bist Du ebenso weise, so wirst Du Dich ergeben.«

»Das thue ich nicht!«

»So wirst Du sterben!«

»Du redest ohne Ueberlegung. Weißt Du nicht, daß Du Dich in meiner Gewalt befindest und ich nicht mich in der Deinigen? Das Haus ist von meinen Kriegern umgeben.«

»Wir haben nicht sie zu fürchten, wohl aber sie uns. Sie umzingeln zwar, das Haus, aber sie selbst sind wieder von meinen Apachen und Maricopa's umzingelt. Keiner von ihnen kann entkommen.«

»Ich glaube es nicht.«

»Ich werde es Dir beweisen.«

Er gab Sam Barth einen Wink. Dieser entfernte sich und kehrte dann mit dem Anführer der gefangenen Abtheilung der Papago's zurück. Als derselbe eintrat, empfing ihn der Häuptling mit finstern, verächtlichen Blicken.

»Du bist ein Feigling!« rief er ihm entgegen.

Das ist der größte Schimpf, welcher einem Indianer angethan werden kann. Der Beleidigte beherrschte sich aber und antwortete:

»Gieb mir ein Messer, nimm Du das Deinige, und laß uns mit einander kämpfen! Dann werde ich Dir zeigen, daß ich kein Feigling bin!«

»Du hast Dich und die Dir anvertrauten Krieger gefangen gegeben!«

»Um unser Leben nicht nutzlos hinzugeben!«

»Ihr hättet lieber sterben sollen!«

»Ist es klug, in einen sichern Tod zu gehen, wenn es keinen Nutzen bringt!«

»Es ist ein Ruhm, zu sterben, aber eine Schande, zu leben, als Gefangener von Leuten, gegen die man nicht einmal gekämpft hat!«

»Deine Rede ist bitter. Ich antworte Dir dennoch ohne Zorn. Hätte es sich nur um mich selbst gehandelt, so hätte ich gekämpft bis zum Tode. Aber ich durfte das Leben Derer, welche mir anvertraut waren, nicht zwecklos dahin geben. Jetzt befindest Du Dich selbst hier. Wünschest Du, daß wir sterben sollen, so werden wir sterben. Thue, was Du willst!«

Er wendete sich ab und lehnte sich an die Mauer, die Arme über die Brust kreuzend und stolz und kalt vor sich niederbückend. Der Häuptling mochte einsehen, daß er doch vielleicht zu weit gegangen sei. Er schritt nach der entfernten Ecke des Zimmers und sagte:

»Komm, und erzähle mir!«

Der Andere folgte, unwillig und langsam zwar, aber doch. Nun standen sie in der Ecke und sprachen leise mit einander. Erst waren die Bewegungen des Anführers zornig, rasch. Nach und nach wurde er ruhiger. Er hörte den Bericht des Andern an, ohne ihn mehr zu unterbrechen, stand zuletzt sinnend eine Weile da und kam dann zu Steinbach zurück.

»Was gedenkt der Fürst der Bleichgesichter nun zu thun?« fragte er.

»Ich gedenke, mein Benehmen ganz nach dem Deinigen einzurichten. Gestehst Du ein, daß Du Dich in meiner Gewalt befindest?«

»Nein. Noch habe ich eine große Anzahl meiner Krieger draußen vor dem Hause halten.«

»Sie können Dir keinen Nutzen bringen.«

»Beweise mir es!«

»So komm!«

Er schritt ihm voran, und der Andere folgte ihm. Er führte ihn hinauf auf das Dach und zeigte von da hinab.

»Schau, hier halten die Deinigen. Nun will ich Dir auch meine Leute zeigen.«

Es war dunkel. Zwar leuchteten die Sterne vom Himmel herab, aber ihr Licht war nicht ausreichend, die im Hintergrunde haltenden Apachen und Maricopa's erkennen zu lassen. Darum zog Steinbach seinen Revolver und feuerte einen Schuß ab.

Sofort ertönte ein vielstimmiges Kriegsgeheul; Pferdegetrappel ließ sich vernehmen, und dann sah der Häuptling eine dunkle Linie von Reitern, welche sich im Halbkreise um seine Leute zog, so daß die Letzteren nun eingeschlossen waren.

Natürlich wußten die Papago's nicht, was das zu bedeuten hatte. Sie waren überzeugt gewesen, hier auf keinen Feind zu stoßen. Leicht hätten sie glauben können, mit der vorausgerittenen Abtheilung ihrer eigenen Krieger zu thun zu haben; aber die Reiter hinter ihnen waren viel zahlreicher als diese, und das Kriegsgeschrei war doch ein sicheres Zeichen, daß es Feinde seien. Ohne Anweisung ihres Häuptlings aber wollten sie nichts unternehmen. Darum begab sich einer von ihnen an das Thor und klopfte an dasselbe.

»Sie rufen Dich,« sagte Steinbach zu dem Häuptling. »Was gedenkst Du zu thun?«

»Wir werden lieber kämpfen, als uns ohne Gegenwehr gefangen geben.«

»Wer hat Dir gesagt, daß Du mein Gefangener sein sollst?«

»Bin ich es denn nicht bereits?«

»Jetzt bist Du es. Aber wenn Du auf meine Forderungen eingehst, so wirst Du Deine Waffen und Deine Freiheit wieder erlangen.«

»Und was soll mit meinen Leuten geschehen?«

»Auch sie werden frei sein.«

»Nun gut! Was forderst Du?«

»Ich verlange, daß Du mir die weißen Gefangenen giebst, welche bei Dir sind, und daß Du mit den Apachen und Maricopa's Frieden schließest.«

»Was noch?«

»Weiter nichts.«

Der Häuptling hatte sehr wohl eingesehen, daß er sich ganz in den Händen Steinbachs befinde. Selbst angenommen, daß seine vor dem Hause befindlichen Krieger zur Gegenwehr geschritten wären, so konnte von ihrer Seite kein Sieg erwartet werden. Entkommen konnten sie nicht, denn es war als sicher zu erwarten, daß die Eingänge zum Todesthale besetzt seien. Vielleicht wurde eine Anzahl der Feinde niedergemacht, aber die Papago's wurden dabei ganz bestimmt aufgerieben.

Das sagte sich der Häuptling. Er hatte das nicht erst jetzt, sondern bereits unten, als er die im Corridore befindlichen Apachen erblickte, erkannt. Aber er war schlau genug, es sich nicht merken zu lassen. Darum hatte er sich eines selbstbewußten Wesens befleißigt.

Er als Indianer, der gewöhnt war, den Feind so streng wie möglich zu behandeln und aus einer jeden Lage den größtmöglichen Vortheil zu ziehen, war natürlich überzeugt gewesen, daß Steinbach sehr schlimme und harte Bedingungen machen werde. Als er nun hörte, wie wenig dieser verlangte, ja, daß dieser vielmehr Etwas verlangte, was den Papago's von größtem Vortheil war, nämlich der Friedensschluß mit den Feinden, da traute er seinen Ohren kaum. Um aber ganz sicher zu gehen und ja nicht in die Falle zu gerathen, fragte er:

»Kannst Du auf dieses Versprechen die Pfeife des Schwures rauchen?«

»Ja.«

»Werden auch die Anführer der mit Dir verbundenen rothen Krieger damit einverstanden sein?«

»Sie werden thun, was ich will.«

»So bin ich bereit, mit Dir und ihnen zu berathen.«

»Gut! Rufe Deinen Leuten zu, daß sie sich ruhig verhalten mögen, und ich will den meinigen denselben Befehl ertheilen!«

Beide gaben ihren Untergebenen die betreffende Weisung vom Dache herab und begaben sich dann wieder hinunter in das Gemach, wo die Weißen ihrer warteten. Der Häuptling ging auf den Papago zu, welchen er vorher so ausgescholten hatte, und sagte:

»Mein Bruder hat sehr klug gehandelt. Er mag die Worte nicht gehört haben, welche ich vorhin zu ihm sagte!«

»Ich habe sie gehört,« antwortete der Mann in düsterer Ruhe, »und diese weißen Krieger haben sie auch vernommen. Du hast mich einen Feigling genannt; das kann nur durch Blut oder Abbitte ungeschehen gemacht werden. Wenn Du mich nicht um Verzeihung bittest, werde ich mit Dir kämpfen, bis Einer von uns Beiden todt ist.«

Es war viel verlangt, daß ein Häuptling um Verzeihung bitten sollte. Unter andern Verhältnissen halte der Beleidiger jedenfalls den Kampf vorgezogen; bei der Schwierigkeit der gegenwärtigen Lage aber sagte er:

»Ich fürchte den Kampf nicht; aber warum soll ich Dich auch noch tödten, nachdem ich Dich vorher beleidigte, oder warum solltest Du mich tödten und die Blutrache auf Dich laden! Du wirst mir meine Worte verzeihen, denn ich weiß, daß Deine Hand stark und tapfer ist und daß Du keinen Feind fürchtest. Wirst Du nun meine Worte vergessen?«

»Ja. Ich denke nicht mehr an sie. Du hast nichts zu mir gesagt.«

»So magst Du jetzt an der Berathung theilnehmen, welche beginnen wird. Vorher aber muß ich meine Krieger sehen, welche von dem Fürsten der Bleichgesichter gefangen genommen worden sind. Ich muß mich überzeugen, wie sie behandelt worden sind.«

»Komm, folge mir. Du sollst sie sehen,« sagte Steinbach.

Er führte sie dahin, wo die Papago's saßen, mit dem Abendessen beschäftigt. Als sie ihren Häuptling eintreten sahen, erhoben sie sich Alle und richteten die Augen auf ihn, in der sicheren Erwartung, zornige Worte von ihm zu hören zu bekommen. Aber ganz im Gegentheile sagte er in freundlichem Tone:

»Meine Brüder haben klug gehandelt. Wir werden mit den Apachen und Maricopa's Frieden schließen.«

Dann zogen sich alle vorhandenen Bleichgesichter mit den anwesenden Häuptlingen in eine abgelegene Stube zurück, wo unter den vorgeschriebenen Formalitäten die Berathung vorgenommen wurde.

Die in den Gängen und anderswo befindlichen Indianer hörten die lauten Stimmen der Redner, und als schließlich ein durchdringender Tabaksgeruch durch die Räume zog, war Jedermann überzeugt, daß der Friede wirklich geschlossen worden sei.

Das bestätigte sich auch sofort, denn Steinbach trat mit den Häuptlingen und Weißen aus dem Berathungszimmer und gab den Befehl, daß die Papago's die ihnen abgenommenen Waffen wieder erhalten sollten.

Damit war die Ehre Derer, welche sich ohne Gegenwehr gefangen gegeben hatten, wieder hergestellt, und es herrschte allgemeiner Jubel unter den Leuten. Natürlich nahm diese frohe Stimmung nicht diejenigen Dimensionen an, wie es bei Weißen der Fall gewesen sein würde. Es wurde nur mit unterdrückter Stimme gesprochen, und alle Bewegungen waren ruhig und gemessen, aber die Gesichter glänzten vor Freude, und Maricopa's, Papago's und Apachen gingen durcheinander hin und her und zeigten sich so erfreut und gesellig, wie es Indianer unter solchen Verhältnissen eben sein können.

»Jetzt mag mein weißer Bruder mit mir kommen,« sagte der Häuptling der Papago's zu Steinbach. »Ich will ihm die Gefangenen ausliefern.«

Beide gingen mit einander hinaus vor das Gebäude. Dort hielten die Papago's in tiefster Ruhe. Das Erscheinen ihres Anführers erfüllte sie mit Freude. Jetzt konnten sie überzeugt sein, daß die von ihnen erwartete Feindseligkeit nicht ausbrechen werde. Sie hatten gar wohl gesehen, wie eng sie eingeschlossen waren, und sich gesagt, daß es nur durch einen heißen Kampf möglich sei, sich eine Bahn zum Rückzuge zu brechen.

»Meine Brüder mögen unbesorgt sein,« sagte der Häuptling. »Sie befanden sich in sehr großer Gefahr, denn sie waren, ohne daß sie es ahnten, von sehr übermächtigen Feinden umringt. Hier, dieser weiße Krieger aber hat uns den Frieden gegeben. Er ist der Fürst der Bleichgesichter und hat zwischen den Papago's und Maricopa's und Apachen einen Waffenstillstand abgeschlossen, welcher voller Ehren für uns ist.«

»Uff! Uff!« rief es rundum, und Diejenigen, welche fern hielten, drängten ihre Pferde herbei, um in die Nähe des berühmten Mannes zu gelangen.

Dieser aber bekümmerte sich nur so weit um sie, als es nöthig war, sie auseinander zu schieben, um zu ihren Gefangenen zu gelangen. Diese hatten die Worte des Häuptlings nicht genau verstanden, da dieselben im Dialecte der Papago's gesprochen worden waren. Als aber die hohe Gestalt Steinbachs, welche trotz des nächtlichen Dunkels gar nicht zu verkennen war, vor ihnen auftauchte, rief Wilkins voller Freude:

»Master Steinbach! Ihr hier! Gott sei Dank! Das ist ein gutes Zeichen!«

»Ja, Sir, Ihr seid frei.«

»Wirklich, wirklich?«

»Ich sage es Euch ja!«

»Es ist kann, zu glauben!« jubelte der vielgeprüfte Mann auf. »Wie habt Ihr das aber fertig gebracht?«

»Durch ein Wenig Klugheit, mein lieber Sir. Bitte, steigt vom Pferde!«

»Das geht nicht so schnell, wie Ihr denkt, denn ich bin fest angebunden.«

Aber schon traten einige Papago's herbei, um auf den Befehl ihres Anführers die Fesseln zu lösen. Steinbach wendete sich an Almy, die ›Taube des Urwaldes‹, welcher man keine Bande angelegt hatte, und half ihr vom Pferde.

»Gott, wie sollen wir Ihnen danken, Sir!« hauchte sie. »Welche Angst und Sorge haben wir ausgestanden!«

Sie war so ergriffen, daß sie sich auf seinen Arm stützen mußte.

»Aber, vor allen Dingen, wie steht es hier im Thale des Todes?« fragte Wilkins.

»Ganz leidlich, Sir. Es erwarten Euch einige Ueberraschungen, von denen ich hoffe, daß Ihr sie nicht schwer ertragen werdet.«

»Also nichts Gutes?«

»Nun, bös möcht ich es gerade nicht nennen. Bitte, kommt herein. Leider kann ich der Miß nicht den Arm geben, weil der Eingang so eng ist, daß man einzeln gehen muß.«

Er hatte dem dicken Sam Barth bereits eine Instruction ertheilt, welche von diesem ausgeführt worden war. Er führte Wilkins und dessen Tochter zunächst in ein Zimmer, in welchem sich jetzt Niemand als nur Arthur, der Neffe des Pflanzers, befand. Er schob Beide hinein und machte die Thür hinter ihnen zu.

Die Drei standen sich gegenüber, wortlos für einige Secunden. Sie blickten einander forschend an. Arthur hatte in den vergangenen Jahren ungeheuer gelitten. Sein Aussehen war in Folge dessen kein erfreuliches. Es war selbst für seine Verwandten sehr schwer, ihn zu erkennen. Wilkins hatte sehr gealtert. Sein Haar war ergraut und sein Gesicht von einem schneeweißen Bart umgeben, welcher demselben einen ganz veränderten Ausdruck gab. Darum war auch er nicht leicht zu erkennen. Und Almy hatte sich auch verändert. Zu der Zeit, als Arthur sich von ihr und dem Oheim verabschiedet hatte, war sie noch ein Backfisch gewesen, mit wenig entwickelten Zügen. Diese hatten nun eine feste Prägung erhalten, und das war es, was Arthur für kurze Zeit zweifeln ließ, wen er vor sich habe.

Er war von dem dicken Sam hierher geführt worden mit der Weisung, hier zu warten, da Jemand ihn ungestört sprechen wolle. Darum fragte er jetzt:

»Sir, Miß, seid Ihr es, welche mich hierher beordert haben?«

Wilkins wollte antworten, brachte aber vor Aufregung kein Wort hervor. Wer war dieser Mann, dessen Aussehen auf furchtbare Leiden deutete? Ein gewisses Etwas zog ihn zu demselben hin. Eine Ahnung stieg in ihm auf. Er wollte sprechen, wollte die Arme heben, sie um ihn schlingen, aber er war in diesem Augenblicke weder eines Wortes noch einer Bewegung fähig.

»Wir haben Niemand bestellt, Sir,« antwortete Almy. »Vielleicht ist ein Irrthum vorhanden.«

Da trat Arthur rasch einen Schritt weiter vor, hob den Arm, wie um das schöne Mädchen zu ergreifen und rief:

»Welch eine Stimme! Diesen Klang kenne ich! Wer – wer – –! Miß, um Gotteswillen, sagt mir schnell – – heißt Ihr Almy?«

»Ja.«

»Und das ist Euer Vater?«

»Er ist es.«

»Onkel, Onkel, mein lieber Onkel!«

Laut aufschluchzend warf er sich an die Brust des alten Mannes. Dieser erhielt jetzt die Sprache wieder.

»Arthur, Arthur! Bist Du es wirklich!« rief er aus. »Mein Gott, welch ein Wiedersehen!«

»Arthur, Arthur!« schrie Almy in ausbrechenden Thränen auf. »Du! Du! O, großer Gott! Was mußt Du gelitten haben!«

Sie schlang ihre Arme um ihn, und was nun zwischen ihnen gesprochen wurde, das waren keine eigentlichen Worte, das waren Laute, Töne und Ausrufe, welche kein Anderer verstanden hätte, die aber eine Sprache bildeten, welche den Dreien vollständig deutlich war.

Arthur, durch jahrelange Leiden bereits geschwächt, wurde durch dieses Wiedersehen außerordentlich angegriffen, so daß er sich setzen mußte. Aber hüben von seinem Oheim und drüben von Almy umarmt, sollte er erzählen. Er konnte es nicht. Er konnte jetzt nur weinen und zu den liebevollen Worten der beiden Andern still nicken. So selig ihn dieses Wiedersehen machte, er bemerkte es doch wie eine Erlösung, als jetzt Steinbach wieder eintrat. Den Dreien freundlich zunickend, sagte er:

»Nun, ich bemerke, daß Ihr einander erkannt habt, und gratulire von ganzem Herzen zum frohen Wiedersehen.«

»Sir,« sagte Wilkins, seine Hand ergreifend, »welch eine Schuld haben wir gegen Euch! Es ist ganz unmöglich, auch nur einen Theil derselben abzutragen!«

»Pah! Das Wenige, was ich für Euch thun konnte, bringt mir solche Freude, daß ich es bin, der Euch Dank schuldet, aber nicht Ihr mir.«

»Ihr seid in Wirklichkeit ein Werkzeug der Vorsehung gewesen. Ohne Euch hätte das heutige Wiedersehen niemals stattgefunden.«

»Glaubt das ja nicht. Gott wollte Euch wieder vereinigen, und da war nicht ich es, dessen Mitwirken unbedingt nothwendig war. Aber ich bitte, laßt Master Arthur ein Wenig Ruhe. Er hat es hier nicht sehr beneidenswerth gehabt und bedarf der Schonung. Ihr, Master Wilkins, sollt noch bei ihm bleiben dürfen; die Miß aber nehme ich für kurze Zeit mit mir fort. Ich habe sie um einen Rath zu fragen, den mir keine andere Person geben kann.«

Er führte sie fort, zwischen Indianern hindurch, welche beim Anblicke der Beiden ehrfurchtsvoll auseinander traten, um ihnen Platz zu machen. Vor einer Thür blieb er halten und sagte:

»Ihr werdet da drin einen alten Papago-Indianer finden, welcher die ›Taube des Urwaldes‹ gern einmal unter vier Augen sehen möchte. Ich wollte ihm seinen Wunsch nicht abschlagen, weil das eine Beleidigung gewesen wäre.«

»Ein Papago? Was will er denn von mir?« fragte sie bedenklich.

»Er mag es Euch selbst sagen. Bitte!«

Er öffnete, schob sie hinein und machte dann hinter ihr die Thür wieder zu.

Zu ihrem Befremden befand sich gar kein Indianer drin. Der Mann, vor dem sie jetzt stand, war ein Weißer, bleich, todtesbleich, mit eingefallenen Wangen, tief liegenden Augen, hageren Gliedern und wachsglänzender Haut.

Stumm stand sie ihm gegenüber, den Blick fast entsetzt auf ihn gerichtet. Es war Martin Adler, der einstige Aufseher ihres Vaters. Er war von Steinbach hierher beschieden worden, ohne zu wissen, zu welchem Zwecke. Sein Blick fiel auf das schöne Mädchen. Das Auge der Liebe ist scharf; er erkannte Almy sofort. Aber es ging ihm gerade so wie ihrem Vater, als dieser seinen Neffen wiedersah: Seine Gemüthsbewegung ließ ihn verstummen. Seine Augen leuchteten entzückt aus ihren tiefen Höhlen; seine Lippen bebten; er wollte und wollte sprechen, konnte aber nicht. Nur ein unarticulirtes Murmeln war es, was er über seine Lippen brachte.

Da plötzlich ging es wie ein Blitz über Almy's Gesicht.

»Martin – – Martin – –« schrie sie auf.

Aber selbst in diesem Augenblicke des Entzückens fiel es ihr ein, daß sie ihn früher ja nie bei seinem Vornamen genannt habe. Darum fügte sie erröthend hinzu:

»Master Adler! Sehe ich recht oder nicht? Seid Ihr es? Seid Ihr es wirklich?«

Ein Strom von Thränen stürzte aus seinen Augen. Es war, als ob sein Inneres, sein Herz, seine Seele, sein ganzes Leben sich in Thränen auflösen müsse, um in Jammer und Entzücken zu zerfließen. Er wollte antworten, wollte ein Wort sagen, nur ein einziges, ein einziges, aber es war ihm unmöglich.

Es kam wie ein Schwindel über ihn. Die Wände schienen sich um ihn zu drehen. Er wankte. Da sprang Almy auf ihn zu, ergriff seinen Arm, legte den ihrigen um seinen Leib und sagte erschreckt:

»Gott, das war zu plötzlich! Ich bin zu unvorsichtig gewesen und habe Euch erschreckt. Verzeiht, verzeiht! Kommt, setzt Euch nieder!«

Sie führte ihn zu dem primitiv zusammengenagelten Stuhl, welcher an der Wand stand und zog ihn auf denselben nieder. Dann kniete sie vor ihn hin und ergriff seine eine Hand, während er sein Gesicht in die andere verbarg.

»Verzeihung!« bat sie. »Ich hatte keine Ahnung, wen ich hier treffen würde. Man hätte mich und Euch vorbereiten sollen.«

Seine Hand leise zärtlich streichelnd, blickte sie in liebevoller Besorgniß zu ihm empor.

»Soll ich Jemand rufen?« fragte sie. »Ihr seid zu angegriffen.«

Er schüttelte den Kopf. Dann, endlich, brachte er es doch zu Worten:

»Ihr – Ihr hier! Im Todesthale! Wer hätte dieses Wunder ahnen können!«

»Ja, es ist fast ein Wunder zu nennen.«

»Welch eine Freude nach solchem Leid!«

»Gott, was müßt Ihr ausgestanden haben. Wir können es gewiß nicht ahnen!«

»Nein, kein Mensch kann es ahnen! Es war eine Hölle; nein, in der Hölle kann es nicht so fürchterlich sein!«

»Jetzt aber ist's zu Ende! Ihr seid errettet, erlöst von aller Pein –«

»Und – – durch Euch!«

Der Schlag seines Herzens trieb ihm das Blut in das erbleichte Angesicht.

»Nein, nicht durch mich. Andere sind es, denen Ihr Eure Rettung zu verdanken habt. Andern. Aber ich bin namenlos glücklich, daß es mir vergönnt ist, mit dabei sein zu können.«

»Ist es – – wirklich – – ein Glück für Euch, Miß Almy?« flüsterte er.

»Ja,« gestand sie, ihm aufrichtig in das Auge blickend.

»Wegen Arthur, nicht wahr?«

»Ja, aber noch mehr wegen eines Andern.«

»Wer ist das?«

Er erwartete unter stockendem Athem ihre Antwort. Sie wußte, daß er sie geliebt hatte und jedenfalls noch liebe. Sie war überzeugt, daß nur die Rücksicht auf seine Armuth und untergeordnete Stellung ihn abgehalten hatte und noch abhielt, seinem Herzen Berechtigung zu gestatten, und sie hielt es gradezu für ihre Pflicht, ihm nach so langer, qualvoller, dunkler Nacht den hellsten Strahl der Sonne scheinen zu lassen. Darum antwortete sie unter holdem Erröthen:

»Das seid Ihr.«

»Ich? Treibt Ihr Scherz?« stammelte er.

»Scherz an einem solchen Augenblicke? O nein. Ich fühle mich glücklich, zu sehen, daß Arthur gerettet ist. Aber noch viel glücklicher macht es mich, Euch frei zu sehen.«

»Miß Wilkins! – – – Almy!«

»Martin!«

Er schaute zu ihr nieder, zaghaft, am ganzen Körper vor Schwäche und Aufregung lebend. Sie blickte ruhig und glücklich lächelnd zu ihm auf. Es überkam sie neben ihrer Liebe ein unendliches Mitleid. Es war ihr, als ob sie all ihr Lebelang stets und unausgesetzt besorgt sein müsse, ihm die ausgestandenen Leiden vergeben zu machen.

»Verzeiht,« bat er, »daß ich Euern Vornamen nannte!«

»Nannte ich nicht auch den Eurigen!«

»Darf ich es denn, darf ich?«

»O gern, unendlich gern!«

»Mein Gott! Almy! Ists wahr, ists wahr! Das ist mehr als Glück; das ist Seligkeit!«

»Du hast sie verdient, nach so langer Qual! O Martin, mein lieber, lieber Martin, ich habe so viel, so viel wieder gut zu machen an Dir!«

»Du?« fragte er in liebevollem Erstaunen.

»Ja ich, grad ich!«

»Davon weiß ich nicht das Mindeste.«

»Du weißt es, aber Dein Edelmuth verhindert Dich, es einzugestehen. Ich allein bin schuld an Allem, was Du erduldet hast!«

»Nein und abermals nein! Du machst Dir da ganz unverdiente Vorwürfe.«

»Ganz verdiente! Du gingst von Wilkinsfield fort, um nach Arthur zu forschen. Hättest Du das gethan, wenn Du mich nicht geliebt hättest?«

Er gestand sich gar wohl ein, daß sie Recht habe, sagte aber doch:

»Ich hätte es auch gethan ohne meine Liebe zu Dir. Ich war der Beamte Deines Vaters, und es war meine Pflicht, für ihn die Reise zu unternehmen. Ich hatte freilich keine Ahnung, wie verhängnißvoll sie für mich enden werde!«

Da blickte sie ihm mit strahlenden Augen ins Angesicht und fragte in scherzendem Tone und doch dabei ein hervorbrechen wollendes Schluchzen unterdrückend:

»Verhängnißvoll? Wirklich?«

»Nun ja!« antwortete er, da er sie nicht sogleich verstand.

»Hat sie wirklich so verhängnißvoll für Dich geendet?«

»Nennst Du es vielleicht nicht so?«

»Nein. Denn das Ende Deiner Reise ist doch erst heut eingetreten. Morgen erst beginnt die Rückkehr. Und ist das heutige Ende denn ein verhängnißvolles?«

»Nein, nein, sondern vielmehr ein unendlich beseligendes, wenn Du es so meinst. Almy, meine Almy, wie habe ich Dich geliebt, und wie liebe ich Dich noch jetzt, noch heut!«

»Und ich Dich ebenso!«

»Mich, den kranken, todesähnlichen Mann!«

»Grad umsomehr!«

Sie, die noch immer vor ihm Knieende hob die Arme zu ihm empor, schlang sie um seinen Nacken, zog seinen Kopf zu sich herab und küßte ihn innig, innig auf die bleichen, farblosen Lippen.

»Wer – – was – –? Almy, Almy!« rief da eine erstaunte Stimme von der Thür her.

Die Beiden fuhren auseinander. Am Eingange stand Wilkins mit seinem Neffen. Der Erstere war ganz betroffen, seine Tochter in einer so zärtlichen Umarmung zu überraschen.

»Vater, Vater,« rief sie, auf ihn zueilend und die Arme um ihn schlingend. »Siehe ihn Dir an! Kennst Du ihn? Erkennst Du ihn nicht wieder?«

Wilkins warf einen scharf forschenden Blick auf seinen einstigen Untergebenen, welcher vom Stuhle aufgestanden war und sich ihm langsam näherte.

»Ob ich ihn erkenne?« antwortete er. »Mit den Augen nicht, aber mit der Ahnung. Adler, Master Adler! Seid Ihr es?«

»Ja, ja, er ist es, lieber Vater!« antwortete Almy an Stelle des Gefragten.

»Dann kommt an mein Herz! Daß auch Ihr wiedergefunden und gerettet seid, das vollendet mein Glück. Ohne Euch hätte ich nie wieder meine Ruhe gefunden. Jetzt endlich können die Vorwürfe schweigen, welche mich so manche schlaflose Nacht hindurch gemartert haben.«

Sie umarmten sich. Almy fragte, halb neckisch und halb schüchtern:

»Du umarmest ihn! Mir war es aber wohl verboten?«

»Dir? Nein, Kind. Wie kann ich Dir und ihm verbieten, glücklich zu sein!«

»Aber, Sir,« fiel Adler ein, »ich bin jetzt ein kranker und blutarmer Mensch!«

»Pah! Desto reicher bin ich. Ich hoffe, daß das Gericht mich wieder in den mir geraubten Besitz einsetzen werde, und ist dies nicht der Fall, nun, so kann ich es leicht verschmerzen, zumal Wilkinsfield eigentlich unserm Arthur gehört. Ich habe droben am Silbersee, wo die Apachen mich in das Geheimniß eines reichen Silberlagers einweihten, so viel Metall gesammelt, daß ich zu den reichen Leuten gehören werde und mir den Luxus eines armen Schwiegersohnes sehr gut gönnen kann. Also, wie es scheint, habt Ihr Euch lieb, Kinder?«

»Unendlich!« rief Adler.

»Von ganzem Herzen, schon längst, schon damals!« antwortete Almy.

»So ist mein Glück umso größer. Eure Liebe wird Euch entschädigen für das vergangene Leid, und ich kann also mit größerer Ruhe an das denken, was Ihr in meinem Interesse erdulden mußtet. Gott segne Euch, Ihr lieben Kinder! Er lasse Eure Zukunft so freudenvoll sein, wie Eure Vergangenheit leidvoll gewesen ist!«

»Und,« bemerkte Arthur, »da Freund Adler sich für so hilflos und arm ausgiebt, lieber Onkel, so will ich Dir, wenn auch einstweilen ohne seine Erlaubniß, verrathen, daß es gar nicht so schlimm ist, wie er es gemacht hat. Er ist der Sohn einer sehr vornehmen Familie drüben im alten Lande und – – –«

»Pst! Schweig doch!« bat Adler.

»Nein, ich werde nicht schweigen! Denke Dir, Onkel, dieser Mensch, der sich bei Dir als Aufseher anstellen ließ, ist eigentlich ein Baron oder gar ein Graf. Und – was eigentlich kaum zu glauben ist – seine Mutter und Schwester befinden sich auch mit hier. Kommt, kommt, ich werde Euch zu ihnen führen, sonst ist es fast zu schwer, so eine Thatsache zu glauben!«

Er schob die Drei zur Thür hinaus, um sie zu den beiden genannten Personen zu führen.

Steinbach war, nachdem er diese zwei Erkennungsscenen eingeleitet hatte, wieder hinaus vor das Thor gegangen, um dort die nöthigen Anordnungen zu treffen. Es wurde von dem Brennmateriale, mit welchem Roulin sich vorsorglicher Weise versehen gehabt hatte, so viel herbei geschafft, daß mehrere Feuer vor dem Hause angebrannt werden konnten. Um dieselben versammelten sich die Indianer. Die Mundvorräthe wurden aus dem von Sam Barth entdeckten Keller herbei geschafft und vertheilt. Die Rothen, bisher zu drei einander sehr feindlich gesinnten Stämmen gehörend, hatten alle Feindseligkeit vergessen. Sie saßen in den buntesten Gruppen beisammen, Maricopa's, Papago's und Apachen bei einander, ließen sich die Vorräthe, besonders den Tabak, ausgezeichnet bekommen und erzählten von den Ereignissen und Erlebnissen der letzten Tage.

Durch diese Erzählung wand sich wie ein unzerreißbarer Faden der Ehrfurcht, mit welcher sie von dem Fürsten der Bleichgesichter sprachen. Es gab für sie kein Ende, und noch niemals hatte das Thal des Todes eine solche Versammlung wohlgelaunter und friedfertig gesinnter Indianer gesehen.

Ganz dieselbe und eine noch viel glückseligere Stimmung herrschte unter den Weißen. Die Erretteten und die Retter derselben saßen froh beisammen und wurden nicht müd, zu fragen und zu antworten, zu erzählen und zu berichten. Und dabei bemerkte dennoch ein Jeder, daß er sehr wenig gesagt und noch sehr viel zu erzählen habe.

So verging Stunde um Stunde, und Niemand dachte an den Schlaf, obgleich Alle ohne Ausnahme der Ruhe gar wohl bedurften.

Im Verlaufe des Gespräches wurde ausgemacht, die gefangenen Verbrecher, sowie diese es auch vermuthet hatten, nach San Franzisko zu bringen, um sie dem Arme der Gerechtigkeit zu übergeben. Sam Barth, Jim und Tim waren freilich dagegen. Diese Drei bestanden darauf, gleich auf der Stelle Lynchjustiz zu üben; aber besonders Steinbach war auf das Strengste gegen die Ausführung dieses Vorschlages.

»Aber, Master,« sagte Sam, »Ihr lauft Gefahr, daß Euch unterwegs der Eine oder der Andere entkommt!«

»Wir werden schon sorgen, daß ihnen die Flucht zur Unmöglichkeit wird.«

»Hm! Der Teufel hat gar oft sein Spiel, und dieser fatale Satanas pflegt Die, die es mit ihm halten, sehr gern aus der Patsche zu bringen. Aber ich habe Euch ja nichts zu befehlen. Macht also, was Ihr wollt. Ich gehe mit nach Franzisko, nur um die Kerls unter meine ganz spezielle Aufsicht zu nehmen. Nachher, wenn sie abgeliefert worden sind, reite ich nach dem Silbersee zurück. Ihr wißt ja, wen ich da oben zurückgelassen habe. Hoffentlich mache ich den Weg nicht allein.«

»Nein, ich und Tim reiten natürlich mit,« erklärte Jim.

»Und ich auch,« sagte Wilkins. »Ich habe dort noch Einiges zu schaffen, bevor ich nach dem Osten zurückkehre. Uebrigens denke ich, daß wir Veranlassung haben werden, von San Franzisko aus noch einmal hierher nach dem Todesthale zu gehen. Die Behörde wird sich natürlich diesen hübschen Ort genau ansehen wollen, und da müssen wir als Zeugen jedenfalls zugegen sein. Dann aber soll keine Macht der Welt mich abhalten, eine Gegend zu verlassen, in welcher solche ruchlose Thaten geschehen und von Unschuldigen so viel erduldet wurde.«

Steinbach gab ihm Recht. Er ging, was er nun wiederholt gethan halte, hinaus vor das Haus, um nach dem Thun und Treiben der Indianer zu sehen. Sie saßen noch immer munter beisammen, hatten aber die Feuer ausgelöscht, weil der Tag zu grauen begann. Man konnte schon ziemlich gut sehen.

Steinbach ging zwischen den einzelnen Gruppen hindurch und schlenderte dann langsam noch ein Stück weiter. Er freute sich des Glückes, welches, wie er sich ohne Stolz sagte, heut so viele durch ihn gefunden hatten, und dachte an das Glück, welchem er nachjagte, ohne es bisher gefunden zu haben.

Würde es ihm gelingen, es noch zu ergreifen? Wo befand sich Gökala, die herrliche Blume im Sultansgarten zu Constantinopel? Sollte er an sie nur als an etwas Vergangenes, Unerreichbares denken? Warum sollte er nicht glücklich sein können, er, der so viele Andere glücklich gemacht habe.

»Und ich finde sie, ich muß und muß und werde sie finden!« murmelte er für sich hin.

Er war, so in diese Gedanken versunken, um die Felsenecke gebogen und hatte fast die halbe Entfernung bis zum Eingange des Todesthales zurückgelegt. Jetzt wollte er wieder umkehren. Da fiel sein Blick auf einen dunklen Strich, welcher fast senkrecht sich von der Höhe des Felsens herab zur Thalsohle zog. Neugierig ging er noch die wenigen Schritte weiter, um zu sehen, was das sei.

Es war eine Spalte, welche von oben bis herab durch das Gestein lief. Und in dieser Spalte hing – ein Seil. Das war nicht nur auffällig, sondern sogar höchst verdächtig. Das Seil hing ganz gewiß nicht für immer hier. Es konnte nur zu einem gewissen Zweck herabgelassen worden sein. Welches aber war dieser Zweck?

Steinbach bückte sich zu Boden nieder und untersuchte die Stelle, an welcher Seil und Spalte die Erde berührten. Dort lag dünner, von den Winden hineingewehter Sand, und in diesem Sande gab es ganz deutliche Spuren eines Fußes. Als Steinbach dieselben schärfer in Augenschein nahm, erkannte er, daß sie nur wenige Stunden alt sein konnten. Hier war Jemand während der Nacht gewesen, vielleicht gar von oben herabgeklettert.

Schnell eilte er zurück und gab mehreren Indianern, welche er zuerst traf, Auftrag, sich sogleich nach der Stelle zu begeben und darüber zu wachen, daß nicht etwa Jemand dort von oben herab kommen könne. Dann begab er sich in das Innere des Hauses, rief Sam, Jim, Tim und Wilkins herbei und begab sich mit ihnen durch die Cysterne in das Innere des Bergwerkes.

Natürlich hatten sie Lampen mit sich genommen. Als sie den Hinteren Raum erreichten, hörten sie, noch ehe sie dort eintraten, die Gefangenen sich in lauten, zornigen Ausrufungen ergehen. Als ihr Nahen von diesen Letzteren bemerkt wurde, schrie Roulin mit vor Anstrengung und Wuth heiserer Stimme:

»Endlich, endlich! Konntet Ihr nicht eher kommen, Ihr Dummköpfe, die Ihr seid!«

Das war in seiner Lage eine sehr eigenthümliche Anrede. Jim gab sofort die geeignete Antwort:

»Kerl, laß diese Grobheiten sein, sonst nehme ich Dich her und haue Dir das Leder ein Wenig von dem Leibe!«

»Habt Ihr ihn denn erwischt?«

»Wen?«

»Donner und Teufel! Er ist also wirklich entkommen! Sie wissen nichts davon!«

»Wer denn?«

Jim stand nämlich noch am Eingange und vermochte also nicht zu sehen, daß einer der Gefangenen fehlte. Steinbach aber war bereits weiter vor gegangen und bemerkte die leeren Ketten.

»Kerls!« rief er aus. »Bill Newton ist fort! Wie ist das möglich?«

Da lachte Walker höhnisch auf.

»Gebt uns einen Schlüssel, der hier in die Schlösser paßt, und wir gehen auch fort!« sagte er.

»Einen Schlüssel hätte er gehabt? Das ist eine Lüge!«

»Pah! Glaubt es, oder glaubt es nicht! Mir kanns sehr gleichgiltig sein.«

Es sind nur zwei Schlüssels da. Und die – – –«

Er griff in die Tasche und zog – wie er sofort erkannte, einen falschen Schlüssel hervor. Er wußte, daß er den richtigen gehabt habe; es fiel ihm ein, daß er ihn nur auf eine Minute aus der Hand gelegt habe, in Bills Gegenwart; dieser mußte ihn sofort verwechselt haben.

»Wie lange ists her, seit er fort ist?« fragte er.

»Viele Stunden!« krächzte die Alte.

»Da hinauf und am Seile draußen hinab?«

»Ja.«

»Und Ihr habt es gewußt?«

»Er sagte es uns ja!«

Und Walker fügte unter höhnischem Grinsen hinzu:

»Meint Ihr etwa, daß es unsere Pflicht gewesen wäre. Euch von seinem Vorhaben unterthänigst zu benachrichtigen? Wir hätten es gern gethan, bei allen Teufeln, sehr gern! Da Ihr aber die verdammte Güte gehabt habt, uns hier in Eisen anzuschließen, so konnten wir Euch leider die interessante Meldung nicht machen.«

»Kerl!« rief Sam Barth in drohendem Tone. »Befleißige Dich einer höflicheren Sprache, sonst nehme ich mein Lasso her und ziehe es Dir über den Rücken.«

»Das ist kein Kunststück. Wäre ich nicht angefesselt, so solltet Ihr das nicht wagen!«

Steinbach hatte, so überrascht er für den Augenblick gewesen war, seine Kaltblütigkeit sofort wieder erlangt. Er wendete sich an Roulin:

»Wenn der Kerl den Schlüssel gehabt hat, warum hat er nicht auch Euch befreit?«

»Aus Rache. Der Schurke wußte, daß wir ihm nicht grün gewesen sind. Nun ist er fort, und noch dazu mit meinem Gelde!«

Das war ihm in seiner Wuth entfahren.

»Ah! Ihr hattet noch Geld?«

»Geht Euch nichts an!«

»Sehr viel! Wenn er Euch hier so schmählich verlassen hat, obgleich er Euch Rettung bieten konnte, so muß es Euch doch freuen, wenn ich ihn ergreife und Euch wiederbringe.«

»Alle Teufel! Das ist richtig!«

»Es liegt also in Eurem eigenen Interesse, mir Alles zu sagen. Dann weiß ich, woran ich bin, und werde meine Maßregeln darnach treffen.«

Roulin antwortete doch nicht gleich und fragte nach einer kurzen Pause des Nachdenkens:

»Was meint Ihr, Master Walker?«

»Ich bin der Ansicht, Alles zu sagen,« antwortete der Gefragte. »Diese Sennors hier verdienen es zwar nicht an uns, aber es soll mich freuen, wenn sie ihn fangen und wiederbringen.«

»Das ist auch meine Meinung. Das Geld ist nun einmal weg; es liegt also gar nichts daran, die Sache zu verschweigen.«

Roulin erzählte nun, auf welche Weise es Bill Newton gelungen war, zu entkommen, und sich sogar in den Besitz einer so bedeutenden Geldsumme zu setzen, welche ihm das Fortkommen erleichterte oder vielmehr ermöglichte.

Steinbach stieg an der Leiter empor, um sich zu überzeugen, ob man ihm die Wahrheit gesagt habe. Er fand Roulins Aussage vollständig bestätigt, wand das Seil auf, um es in Sicherheit zu bringen, und kehrte dann nach unten zurück.

»Habt Ihr eine Ahnung, wohin er sich gewendet hat?« fragte er die Gefangenen.

»Ja, antwortete Leflor. »Er ist so dumm gewesen, sich vorher bei uns nach der betreffenden Adresse zu erkundigen. Jedenfalls ist er nach Visalia in die Venta der Juana Alfarez, der Mutter dieses guten Juanito hier neben mir, dem wir unser gegenwärtiges Glück zu verdanken haben. Dorthin will er, um sich andere Kleider zu verschaffen.«

»Dann schnell fort von hier! Jim mag da bei den Leuten zurückbleiben, bis ich ihn ablösen lasse. Von jetzt an halten zwei Indianer hier Wache, damit wir dieser Sennores sicher sind. Vorwärts!«

Die Andern außer Jim kehrten zurück. Im Hofe oben angekommen, ertheilte er sofort die auf die Bewachung der Gefangenen bezüglichen Befehle.

»Aber, Sir,« bemerkte Wilkins, »Ihr befindet Euch ja in einer fast fieberhaften Aufregung. Es ist glücklicher Weise doch nur Einer, der uns entkommen ist!«

»Unglücklicher Weise ist es grad Derjenige, an dessen Person mir am Meisten gelegen ist. Er ist mir bereits einigemale entkommen, und doch ketten sich Interessen an ihn, welche für mich von allerhöchster Wichtigkeit sind. Fragt nur Master Adler; der wird es Euch erklären. Ich muß schleunigst fort, nach Visalia. Ich habe keine Zeit, viele Worte zu machen. Sam mag mich begleiten. Wenn ich nicht zurückkehre, so sende ich Euch wenigstens ihn wieder her, und er wird Euch von mir sagen, was Ihr thun sollt, Sir. Vielleicht gehe ich schleunigst nach San Franzisko, ganz allein, und Ihr bleibt hier, bis ich mit Gerichtsbeamten zurückkehre. Ich werde Alles in Bewegung setzen, selbst die Privatgeheimpolizisten, um möglicher Weise den Entflohenen wieder einzufangen.«

Bereits fünf Minuten später jagte er mit dem dicken Sam im Galoppe davon.

Die erwähnte Venia aufzufinden, das wurde ihm nicht schwer, da er ja bereits dort eingekehrt gewesen war. Die Wirthin schuldete ihm sogar die Rettung ihrer Söhne. Trotzdem erwartete er nicht, freundlich von ihm empfangen zu werden, denn er vermuthete mit Recht, daß Bill Newton der Alten erzählt habe, daß ihr Sohn durch ihn in Gefangenschaft gehalten werde.

Ganz unerwarteter Weise aber zeigte es sich, daß er Alles verschwiegen hatte. Die Frau empfing Steinbach, den sie sofort wieder erkannte, auf das Freundlichste. Er erfuhr von ihr, daß der Beschriebene in Wirklichkeit bei ihr gewesen sei und einen alten Anzug gekauft und sehr gut bezahlt habe. Zufälliger Weise hatte sie dann erfahren, daß er mit dem ersten Morgenzuge in der Richtung nach San Franzisko fortgefahren sei.

Natürlich begab Steinbach sich sofort nach der Station, um sich zu erkundigen. Er hatte sich den Anzug, welchen Bill gekauft hatte, beschreiben lassen und Alles genau notirt. Er erfuhr, daß Einer, der ganz genau so gekleidet gewesen war, sich ein Billet bis Franzisko genommen habe, und ließ sofort den Telegraphen spielen.

Es war noch eine halbe Stunde, so ging der nächste Zug in gleicher Richtung ab. Steinbach war entschlossen, ihn zu benutzen, und versah den dicken Sam mit den nöthigen Instructionen. Alle, welche sich jetzt im Todesthale befanden, sollten dort bleiben. Bis morgen am Vormittage würden die Criminalbeamten dort erscheinen, um die Untersuchung einzuleiten: mit ihnen würde auch Steinbach zurückkehren, falls es sich thun lasse. So ritt also Sam mit Steinbachs Pferd, welcher dasselbe jetzt nicht brauchte, am Zügel fort. Der Letztere aber saß eine halbe Stunde später im Waggon, eifrig wünschend, daß seine gegenwärtige Jagd eine erfolgreiche sein möge.

Es befanden sich nur wenige Passagiere in dem Wagen. Nach amerikanischer Sitte bekümmerte sich Keiner um den Anderen. Aber in Fresno stieg Einer ein, welcher gleich im ersten Augenblicke errathen ließ, daß er kein Yankee sei, denn er grüßte Steinbach höflich und bat diesen un die Erlaubniß, sich zu ihm setzen zu dürfen.

Er schien ein Nordländer zu sein und sprach das Englische nicht sehr geläufig. Er schien an Steinbach je länger desto größeren Gefallen zu finden und wurde schließlich so gesprächig, daß er von seiner Vergangenheit zu sprechen begann. Diese war denn allerdings eine ziemlich interessante, denn er war – Verbannter in Sibirien gewesen, und nur durch eine wirklich seltene Kühnheit war es ihm gelungen, über die chinesische Grenze zu entkommen. Von da war er zu Schiffe nach Amerika gegangen, um da sein Glück zu versuchen. Es war ihm nicht ungünstig gewesen, denn er kam jetzt aus der Sonora, und hatte, wie er aufrichtig mittheilte, dort als Goldsucher ein recht gutes Geschäft gemacht.

Steinbach interessirte sich für die Erlebnisse dieses Mannes, und als derselbe das merkte, begann er noch mittheilsamer zu werden als vorher.

»Ja, Herr,« sagte er, »man darf ja nicht denken, daß alle Gefangenen Verbrecher sind. Es giebt sehr Viele unter ihnen, welche ein besseres Schicksal verdienen. Ich habe Leute kennen gelernt, Leute von hohem Adel, sogar aus fürstlichem Stande, welche in den Bergwerken arbeiten oder auf den Flüssen Schiffe schleppen mußten. Sogar ein indischer Prinz oder Fürst oder gar König war dabei.«

»Das ist doch unmöglich!«

»Warum?«

»Weil ein Indier, zumal wenn er einen so hohen Rang bekleidet, unmöglich in Rußland verurtheilt werden kann.«

»Meint Ihr? Da seid Ihr nicht in Sibirien gewesen. Es kann gar Vieles möglich gemacht werden, was sonst unmöglich ist. Dieser Fürst war von einem Feinde aus seinem Lande gelockt worden, von einem russischen Grafen Namens Polikeff.«

Steinbach horchte auf. Polikeff hieß ja Gökala's Peiniger.

»Habt Ihr Euch den Namen auch richtig gemerkt?« fragte er.

»Natürlich! Der Indier hat ihn mir wohl mehr als hundertmal gesagt. Sogar seinen Vornamen Alexei dazu.«

»Sonderbar, den Mann kenne ich!«

»Das wäre freilich ein seltener Zufall. Ist er ein Ehrenmann?«

»Nein, sondern das Gegentheil.«

»Ganz richtig! Nun werdet Ihr meinen Worten wohl Glauben schenken! Der Indier nämlich hatte eine Tochter, welche von großer Schönheit war. Polikeff sah sie, verliebte sich in sie und wurde abgewiesen. Um sich zu rächen, lockte er den Vater über die Grenze seines Landes nach Rußland, und zeigte ihn dort als Aufrührer an. Er wurde nach Sibirien geschafft.«

»Das klingt unglaublich!«

»Ist aber wahr. Er war der Fürst von Nubrida und hieß Vanda.«

Steinbach fuhr wie von einer Otter gestochen von seinem Sitze auf.

»Hat er Euch den Namen seiner Tochter vielleicht einmal genannt?«

»Ja. Sie hieß Semawa.«

Gökala ist türkisch, Semawa arabisch. Beides bedeutet Himmelblau.«

»Sir,« rief Steinbach, »wo habt Ihr den Indier kennen gelernt?«

»Unter den Zobeljägern. Er führt unter den Verbannten die Nummer ›Fünf‹.«

»Nicht im Bergwerke also?«

»Nein. Er jagt in den Wäldern des ihm zugewiesenen Districtes und kommt nur zuweilen nach Platowa, um das, was er braucht, einzutauschen.«

»Ist die Flucht ihm denn unmöglich?«

»Ja. Ihr habt keine Ahnung, was es heißt, aus Sibirien zu entkommen.«

»Aber Euch ist es doch geglückt!«

»Weil ich gelegentlich zu einem Transporte gehörte, welcher in die Nähe der Grenze kam. Sonst wäre ich heute noch Verbannter.«

»Wie kommt es, daß der Verbannte mit Euch so aufrichtig über seine Verhältnisse gesprochen hat?«

»Er sprach niemals über dieselben; aber ich hatte Vertrauen zu ihm und theilte ihm eines Tages mit, daß ich fliehen werde über China oder Indien, und da bat er mich denn, falls ich nach dem letzteren Lande käme, solle ich nach Nubrida gehen und dort sagen, wo der verschwundene Fürst des Landes sich befinde.«

»Wunderbar! Ich kenne nämlich die Tochter dieses indischen Fürsten.«

»Ist das möglich?«

»Ja. Es ist mir wirklich von allerhöchster Wichtigkeit, den Aufenthaltsort des Gefangenen zu erfahren. Kann ich Euch irgendwie dankbar sein?«

»Danke sehr! Ich habe was ich brauche. Wenn es Euch aber recht ist, werde ich gern Alles erzählen, was ich von dem Indier weiß.«

»Ich bitte herzlich darum!«

»Gut! Aber welche Station haben wir da erreicht?«

»Das ist schon Molesto. Wir werden bald in San Franzisco sein.«

Der Zug hielt eine kurze Zeit. Da ließ sich hinten am Eingange eine fragende, laute Stimme vernehmen:

»Verzeihung, Sennores! Befindet sich hier wohl ein Sennor Steinbach?«

»Hier!« antwortete der Genannte, indem er sich vom Sitze erhob und sich dem Frager näherte.

Dieser Letztere trug Civilkleidung, stellte sich aber mit leiser Stimme als Polizeibeamter vor.

»Ihr sucht einen gewissen Bill Newton, wie aus Eurer Depesche zu ersehen ist,« sagte er. »Wir haben ihn schon.«

»Wo?«

»Im Gewahrsam hier. Wenn Ihr aussteigen wollt, so könnt Ihr ihn in Empfang nehmen. Die Belohnung, welche Ihr ausgesetzt, ist verdient.«

»Gleich, gleich komme ich, Sennor!«

Er wendete sich an den einstigen Verbannten:

»Sir, ich muß hier nothwendig aussteigen; es liegt mir aber sehr viel daran, Euch in San Franzisco wiederzusehen. Könnt Ihr mir sagen, wo Ihr da zu treffen seid?«

»Nein. Ich will eine Woche oder zwei dort verweilen, weiß aber noch nicht, wo ich absteigen werde. Nennt Ihr mir also lieber einen Ort, an welchem ich Euch finden kann!«

»Schön! Das Palaco-Hotel hat Platz für elf Hundert und zehn Gäste; da werden wohl auch wir Beide ein Plätzchen finden. Meinen Namen habt Ihr von diesem Sennor gehört.«

»Ja. Der meinige lautet Michael Kiroff. Ich werde in dem genannten Hotel wohnen. Habt also die Güte, nach mir zu fragen!«

Sie verabschiedeten sich, und Steinbach folgte dem Polizisten. Er war natürlich außerordentlich gespannt, Bill Newton zu sehen, sollte aber leider in seiner Erwartung getäuscht werden. Er fand nur – den Anzug, welchen Bill sich heute Nacht in der Venta gekauft hatte. Der Mann aber, welcher ihn trug, war ein vollständig Fremder.

Er war mit Bill im Bahnwagen zusammengetroffen und hatte sich von diesem überreden lassen, gegen ein gutes Entgeld die Anzüge umzutauschen. Er hatte ein Cow-boy-Habit getragen welches Bill so sehr gefallen hatte. Der Mensch schien recht wenig Intelligenz zu besitzen, war von dem raffinirten Bill geschickt überredet und dann hier in Molesto arretirt worden.

Natürlich telegraphirte Steinbach nun abermals jetzt nach beiden Richtungen, und benutzte dann den Abendzug, um nach San Franzisco zu kommen. Im Stillen sagte er sich, daß jetzt die Person des einstigen Verbannten für ihn viel mehr Werth besitze als diejenige des flüchtigen Bill Newton. Endlich war ein Theil des Schleiers gehoben, welcher sich über die Person der Geliebten breitete. Vielleicht war es möglich, ihren Vater zu retten und sie wieder zu finden. – – –


Dritte Abtheilung
Der Engel der Verbannten

1. Capitel
Unter den Zobeljägern
Fortsetzung 66

In der ostsibirischen Kreisstadt Platowa war der Tag des Herbstjahrmarktes.

Platowa hat zwei berühmte Jahrmärkte. Der eine fällt in die Zeit des Frühjahres. Da kommen die Jäger, um ihre Felle, welche sie im Winter in den schneebedeckten Wäldern oder in den öden, einsamen Tundrasümpfen erjagt haben, zum Verkauf zu bringen. Zum Herbstmarkte aber versehen sie sich mit den Vorräthen, deren sie während der winterlichen Pelzjagd bedürfen.

In jenen unendlichen Ebenen, welche mit dem Namen Tundra bezeichnet werden, kann nur im Winter gejagt werden, weil man sie nur beschreiten kann, wenn sie zugefroren sind. Im Frühjahr tauen sie auf, und ein Jeder, der es wagen wollte, den Fuß auf sie zu setzen, würde sofort in ihren unergründlichen, bodenlosen Sümpfen untersinken und verschwinden.

Aber wenn der Winter eine feste Decke gefroren hat, dann thun sich die Zobel- und auch andere Jäger zusammen, um in Gesellschaften von zehn bis zwanzig Mann dem Fange derjenigen Thiere obzuliegen, deren kostbarer Pelz auf den russischen und chinesischen Märkten so sehr gesucht ist.

Diese Jäger sind entweder Eingeborene, welche jagen müssen, da sie dem russischen Herrscher ihren Tribut und ihre Abgaben nur in Pelzwerk bringen dürfen, oder sie sind Deportirte, Verbannte, welche gezwungen sind, jährlich eine gewisse Menge dieser köstlichen Felle zu bringen, wenn sie nicht schwere Strafe erleiden wollen.

Sie thun sich zu Gesellschaften zusammen, weil ein Einzelner in jenen Gegenden verloren sein würde. In der Tundra sind fünfundvierzig bis fünfzig Grad Kälte nach Réaumur gar keine Seltenheit; fürchterliche Schneestürme sausen über Sibirien dahin und belasten die Bäume mit Schneemassen, welche den Wald meilenweit niederbrechen und zusammendrücken. In milden Tagen steigen Nebel auf, durch deren dicke, greifbare Massen man kaum zwei Schritte weit zu sehen vermag, und bleiben wochenlang auf der Ebene liegen, es dem Jäger geradezu unmöglich machend, seiner schwierigen Beschäftigung obzuliegen. Darum müssen sich die Zobelnick (Zobeljäger) zu Gesellschaften vereinigen, damit bei hereinbrechender Gefahr Einer dem Andern zu helfen vermag. Hört man, daß einmal Einer eine Woche oder gar vierzehn Tage lang allein in den Urwald oder auf die Tundra gegangen ist, so schütteln selbst kühne Männer den Kopf und sagen:

»On esstj szalony – er ist wahnsinnig!«

Und sie haben Recht. Wenigstens gehört eine sehr gute Portion Verwegenheit dazu, so etwas zu unternehmen.

Freilich fragt es sich, ob ein amerikanischer Trapper sich fürchten würde, in grimmigster Kalte ebenso gut im sibirischen Urwalde herum zu spazieren wie in den Wäldern des Missisippi und Missouri. Der Trapper ist ja aus einem ganz andern Zeuge gemacht, als der russische Verbannte oder gar der Ostjacke, Tunguse und Buräte.

Heute nun waren diese soeben genannten und noch andere sibirische Völker auf dem Jahrmarkte zu Platowa vertreten.

Da gab es Russen, Kossaken, Kirgisen, Chinesen, sogar einige Japaner, ferner Wogulen, Samojeden, Sojoten, Kalmücken, Tataren, Karakirchisen, Kirgis-Kaisaken, Bucharen, Jakuten, Tschuktschen, Korjäken, Kamtschadalen, Ainos, Giljaken, Jukahiren und Jenissei-Ostjaken.

Das ist gewiß ein richtiges Völkerragout, bei dem es selbst dem Kenner aller dieser Elemente angst und bange werden kann. Aber es ist nicht so schlimm, wie es den Anschein hat.« Es giebt unter all' diesen Leuten wohl einzelne Individuen, vor deren Berührung man sich hüten muß; im Ganzen genommen aber zeichnen sich diese sibirischen Völkerschaften mehr durch ihren friedlichen Sinn als durch gefährliche Eigenschaften aus.

Platowa ist keine Stadt nach unseren landläufigen Begriffen. Eine Anzahl bretterne Häuser bilden den Grundstock derselben, um welchen sich mehr oder weniger Filz- oder Felljurten lagern, je nach der Anzahl der halbnomadischen Bewohner, welche grade anwesend sind. Eine ebenso aus Balken und Brettern gebaute Kirche liegt auf der kleinen Erhöhung, welche stolzer Weise »der Stadtberg« genannt wird. Nach ihr ist das bedeutendste Haus dasjenige, welches dem Kreishauptmann zur Wohnung dient. Es hat nur die Parterreräumlichkeiten, über welche das Dach gelegt ist, und besteht aus zahlreichen Wohnlocalen, mehreren Arrestlocalen, einigen Vorrathskammern und den in der Nähe liegenden Hütten und Ställen, in denen die hier stationirenden Kossaken und deren Pferde untergebracht sind.

Gewöhnlich lag in Platowa nur ein geringes Kommando Militair. Gegenwärtig aber war eine ganze Ssotnie her verlegt worden. Ssotnie heißt bei den Kossaken eine Schwadron.

Es waren nämlich aus den fiskalischen Bergwerken in Nertschinsk, wo fast lauter Verbannte unter der Erde arbeiten, eine Anzahl dieser Unglücklichen entwichen. Man hatte erfahren, daß sie sich nach der Gegend von Platowa gewendet hatten, und aus diesem Grunde waren die Kossaken hierher commandirt worden, um die ganze Umgegend abzusuchen und die Flüchtigen zu ergreifen und zu verschärfter Strafe abzuliefern. Der Rittmeister dieser Ssotnie war zufälliger Weise der Sohn des Kreishauptmannes von Platowa. Vielleicht war dies auch nicht ganz allein Zufall, sondern man hatte ihn dazu gewählt, weil er Platowa genau kannte und also wohl mehr als ein Anderer geeignet war, die Verfolgung der Deportirten zu leiten.

Er war als ein strenger, unfreundlicher Offizier bekannt und gefürchtet, und es gab in seiner ganzen Schwadron keinen einzigen Mann, dessen Zuneigung er besessen hätte.

Außer dem Gebäude des Kreishauptmannes gab es noch ein zweites, welches sich durch seine Größe auszeichnete. Es war das Domzajezdny (Wirthshaus), dessen Besitzer, der Gospodarz (Gastwirth) zu den wohlhabendsten Leuten der Stadt gerechnet werden mußte.

Dieses Wirthshaus bestand aus drei Theilen. Rechts lag der Gastraum und das Wohnzimmer des Wirthes, links die große, geräumige Stallung, für viele Pferde berechnet, und dazwischen ein langer, breiter aber niedriger Raum, welcher Miejsce do tanza geschimpft wurde. Das ist russisch und heißt auf deutsch Tanzplatz oder Tanzsaal. Von einer Diele war da keine Rede. Der Fußboden bestand aus hart geschlagenem Lehm, doch hatte derselbe durch den fleißigen Gebrauch eine Glätte erhalten, welche eine Vergleichung mit dem besten Parquetboden aushalten konnte. Erleuchtet wurde dieser Tanzsaal des Abends durch einige Oellampen, welche von der Decke herunterhingen. Die Tagesbeleuchtung besorgte die Sonne, welcher man den Eingang durch die geöffneten Läden verschaffen konnte. Der Saal und überhaupt das ganze Gebäude hatte zwar Fenster, welche mit Läden verschlossen werden konnten, aber nur ein einziges dieser Fenster war mit Glastafeln versehen.

Hier in Ostsibirien ist Fensterglas eine große Seltenheit. Es giebt da zum Beispiel eingeborene Fürsten, deren Heerden nach Zehntausenden zählen, in deren Wohnung aber nicht ein einziges Glasfenster ist. Die sehr Reichen befestigen vor den Fensteröffnungen ein Stück Glimmerschiefer, was schon für vornehm, für Luxus gilt. Die Armen begnügen sich mit einem Stück Rinderblase, welche sie vor ein kleines Loch spannen. Das nennen sie auch Fenster und sind stolz darauf, durch dasselbe ein Stück Dämmerung hereinfallen zu sehen, welches sie Sonnenlicht benamsen.

Natürlich ging es heute in dem erwähnten Wirthshause hoch her. Die Russen haben die eingeborenen Völkerschaften Sibiriens natürlich vor allen Dingen mit dem Branntwein bekannt gemacht. Der Sibirier aber kann nicht viel vertragen. Er wird sehr schnell betrunken. Und eigenthümlicher Weise ist seine Betrunkenheit nicht eine schwere, aber eine dafür desto längere. Von einem kleinen Glase Wodka wird er für zwei Tage lang betrunken, ohne jedoch den Verstand so zu verlieren, wie es bei der Betrunkenheit eines Anderen der Fall ist. Er springt und reitet dann doppelt selig allüberall herum und trinkt, wenn er nüchtern geworden ist – gleich wieder ein Gläschen.

In der Wirthsstube gab es weder Tische noch Stühle. Rund um die Wände lagen Schilfmatten und auf diesen saßen mit untergeschlagenen Beinen die schlitzäugigen Gäste mit ihren weit hervorstehenden Backenknochen. Sie tranken alles Mögliche, was vorhanden war – saure Milch, Wodka, Mehlwasser oder auch einen Topf voll Ziegelthee. Und dabei standen ihre Zungen nimmer still.

Wer sie schreien hörte, der hätte denken mögen, daß es hier sogleich Mord und Todschlag geben werde, und doch war es nur eine höchst freundliche und nach ihren Begriffen auch höchst anständige und noble Unterhaltung, welche sie führten.

Plötzlich standen alle Zungen still. Es war ein ›Herr‹ eingetreten. Unter ›Herr‹ versteht der Eingeborene jeden Mann, welcher kaukasische Gesichtszüge zeigt und eine gute Kleidung trägt.

Der Eingetretene war von nicht zu hoher und nicht zu breiter Gestalt. Er hatte weite, blaue Pumphosen an, welche in den Schäften der hohen Stiefeln verliefen. Ueber den Hosen trug er einen langschößeligen Schnurenrock und darüber einen leichten Ziegenpelz. Auf dem Kopfe saß eine Lammfellmütze, wie sie gern in Persien und den Kaukasusländern getragen wird.

Sein Gesicht war unter einem dichten, schwarzen Vollbarte fast ganz versteckt. Nur die Augen konnte man deutlich sehen. Aber ihr Blick war stechend und unruhig; er machte keinen Vertrauen erweckenden Eindruck. Ein russisches Gesicht hatte dieser Mann nicht. Seinen Zügen nach mußte man ihn eher für einen Franzosen oder Mittelasiaten halten.

Er grüßte vornehm und überflog die Anwesenden mit einem stolzen, verächtlichen Blicke.

Der Gospodarz kam eilig herbeigerannt, stieß mehrere der Gäste über den Haufen, verbeugte sich beinahe bis zur Erde und sagte:

»Willkommen, Herr, willkommen in meinem armen Hause! Was befiehlst Was wünschest Du? Was ist Dir recht?«

»Kann ich bei Dir wohnen?«

»Ja, jawohl, Herr! Aber doch nicht etwa nur Du allein?«

»Nein. Ich habe meinen Diener mit.«

»Wo befindet er sich?«

»Draußen bei der Kibitka.«

»O heiliger Gott von Astrolenka! Du hast eine Kibitka? Du bist mit einem Wagen gekommen? Und ich habe es nicht bemerkt? Verzeihe, Herr! Ich werde meinem Hauspatron, dem heiligen Nicodemus, ein neues Bilderbuch schenken, damit er mir diese Nachlässigkeit nicht nach meinem Tode anrechnet. Ich werde gleich nach Deinem Fuhrwerke sehen.«

»So komm!«

Sie gingen Beide hinaus. Dort stand eines jener leichten, zweispännigen Fuhrwerke, welche man mit dem Namen Kibitka bezeichnet. Mehrere Koffer waren aufgeladen. Der bärtige Kutscher stand bei den Pferden. Auch er machte mit seinem finsteren Gesichte keinen sehr guten Eindruck und musterte den Wirth mit einer Miene, wie zum Beispiel ein Bandit einen Menschen darauf hin geprüft hätte, ob derselbe genügend Geld bei sich habe, daß ein Raubanfall lohnend sei.

»Ich werde sofort Alles hereinschaffen lassen,« sagte der Wirth. »Wie lange willst Du hier bei mir wohnen?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich weiß nicht, wie lange ich von meinen Geschäften hier festgehalten werde. Ich habe gehört, daß Jahrmarkt hier ist?«

»Ja, Herr, ja.«

»Ich sehe doch nichts davon! Wo ist der Markt?«

»O, einen Marktplatz giebt es hier in Platowa nicht. Der Markt wird draußen vor der Stadt im Freien abgehalten. Darf ich erfahren, woher Du kommst?«

»Aus Irkutsk.«

»Also aus Westen. Da konntest Du freilich nichts von dem Jahrmarkte sehen. Er wird im Osten vor der Stadt abgehalten.«

»Kommen da auch Zobeljäger her?«

»Viele, Herr, sehr viele.«

»Ich möchte mir eine Anzahl derselben engagiren.«

»Du willst Zobeljäger in Deinen Dienst nehmen? Hm, Herr, das ist gefährlich, aber auch lohnend. Du kannst da eine sehr große Summe Geldes gewinnen und auch verlieren.«

»Wer gewinnen will, muß auch wagen.«

»Es fragt sich auch, welche Männer Du engagiren willst.«

»Nun, Zobeljäger! Ich habe es ja gesagt!«

»Sehr wohl. Aber es giebt da verschiedene Leute. Man hat freie Männer, welche meist Alles schießen, was ihnen begegnet. Die sind wohl mehr oder weniger Sonntagsjäger. Sodann giebt es Verbannte, welche an jedem Frühjahre gezwungen sind, eine bestimmte Anzahl Felle abzuliefern. Die haben in Folge dieses Zwanges ihr Handwerk gelernt und wissen ihr Wild zu treffen und in ihren Besitz zu bringen.«

»Solche will ich haben.«

»Ich rathe Dir auch dazu, wenn Du einmal den Jagdherrn machen willst. Freilich riskirst Du einen bedeutenden Verlust.«

»Aber ich kann auch gewinnen.«

»Es kommt darauf an, welche Art Leute Du bekommst. Du hast für ihre ganze, vollständige Ausrüstung zu sorgen, sie zu commandiren und, wenn Ihr eine schlechte Jagd macht, an die Regierung den Werth der Felle zu bezahlen, welche sie eigentlich in Natura abliefern müssen.«

»Ich werde nur Leute engagiren, welche ihr Fach gut verstehen.«

»Da mußt Du auch mehr zahlen.«

»Das versieht sich ganz von selbst. Kannst Du mir vielleicht einige gute Jäger nennen? Ich würde mir aus ihnen meine Gesellschaft bilden.«

»Das würdest Du nicht fertig bringen, Herr.«

»Warum nicht?«

»Diese Leute suchen sich ihren Umgang selbst. Keiner von ihnen würde sich von Dir einen Kameraden geben lassen, den er sich nicht selbst gewählt hat. Du mußt Dir einen tüchtigen Jäger suchen, mit ihm abschließen und es ihm selbst überlassen, sich die nöthige Anzahl von Gefährten zu suchen.«

»Ich werde diesen Rath befolgen. Vielleicht kannst Du mir nun einen solchen Jäger nennen.«

»O, mehrere, Herr. Der Allerberühmteste ist – ja, Herr, wenn Du den bekommen könntest!«

»Wen denn?«

»Nummer Fünf.«

»Nummer Fünf? Wie ist sein Name?«

»Das weiß Niemand, als nur seine Vorgesetzten, welche ihn verurtheilt haben. Nicht einmal die hiesige Behörde kennt seinen Namen. Jeder Verbrecher bekommt eine Nummer. Der, den ich meine, ist Nummer Fünf.«

»Läßt er sich denn bei dieser Nummer anreden?«

»Natürlich. Sie ist ja sein gegenwärtiger Name. Er ist der beste Jäger weit und breit. Er spricht nicht viel. Jeder will ihn zum Gefährten haben. Er wählt sich seine Leute stets selbst und bringt mit seiner Gesellschaft immer die reichste Beute heim.«

»Ist er noch jung?«

»Nein; er mag wohl fünfzig Jahre zählen. Er ist auch nicht groß und stark, wie man von einem solchen Jäger denken sollte, sondern klein. Sein Gesicht ist fein und weißgelb. Ich habe einmal zufälliger Weise gehört, daß der Kreishauptmann sagte, Nummer Fünf habe ein Gesicht wie ein vornehmer Indier.«

»Vielleicht ist er ein Indier?«

»Wohl kaum. Wie könnte ein vornehmer Mann aus Indien von den Zaaren nach Sibirien deportirt werden? Und wie könnte Einer, der aus dem heißen Indien stammt, das sibirische Klima so gut vertragen, wie Nummer Fünf es verträgt?«

»Das ist wahr? Ist er schon hier?«

»Ich habe ihn noch nicht gesehen. Gehe hinaus und frage nach ihm. Jeder kennt ihn und Jeder wird Dir ihn zeigen. Vorher aber mußt Du dem Kreishauptmanne einen Besuch machen.«

»Vorher? Hat das solche Eile?«

»Ja. Erstens darfst Du ohne seine Erlaubniß keine Stunde lang in meinem Hause oder überhaupt in Platowa verweilen. Sodann darfst Du ohne seine Genehmigung nicht den Jahrmarktsplatz besuchen, und drittens kannst Du keinen Menschen engagiren oder überhaupt mit irgend Einem einen Vertrag abschließen, ohne daß der Kreishauptmann ihn unterzeichnet und besiegelt.«

»Und eine Abgabe dafür empfängt?«

»Natürlich! Und diese Abgabe wird zur Strafe desto höher bemessen, je länger Du, nachdem Du hier angekommen bist, zögerst, Dich ihm pflichtschuldigst vorzustellen. Ich kann Dir wirklich keinen besseren Rath geben, als augenblicklich zu ihm zu gehen.«

»Ich muß mich doch wenigstens erst umziehen!«

*

67

Der Wirth schüttelte lächelnd den Kopf und sagte:

»Warum?«

»Weil er es mir übel nehmen wird, wenn ich in Reisekleidern zu ihm komme.«

»O nein; Du irrst. Deine Kleider sind bereits vornehm. Du mußt bedenken, je besser Dein Anzug ist, desto mehr Geld wird er fordern.«

»Desto mehr? Es muß doch eine Taxe geben!«

»Die giebt es. Aber der Kreishauptmann macht sie selbst.«

»Aha! Der Himmel ist hoch und Zaar ist weit!«

»Um Gotteswillen, Herr, sage das nicht so, daß Jemand es hört! Du könntest sehr streng bestraft werden. Der Zaar ist weit, aber das Gefängniß ist nahe!«

»Verdammtes Ruß–«

Er sprach das Wort nicht aus, murmelte einen Fluch in den Bart und fuhr dann laut fort:

»Gut, so werde ich gehen. Bis ich zurückkehre, werdet Ihr wohl mein Zimmer in Ordnung gebracht haben.«

Er brauchte gar nicht zu fragen, wohin er sich wenden solle. Der Wirth hatte, als er vorhin den Kreishauptmann nannte, mit der Hand auf das große Gebäude gezeigt, in welchem der Genannte residirte. Der Fremde schritt auf dasselbe zu und trat durch die Hauptthür ein. Da war über einer Stubenthür das wunderliche Wort »Prissutstwije« zu lesen. Das heißt auf deutsch so viel wie »Amtsstube«.

Er mußte natürlich glauben, daß er sich in dieses Zimmer zu wenden habe. Er klopfte an und trat ein. Auf einem alten Sopha saß ein langer, dürrer Mann mit einer ebenso langen, dürren Frau. Der Mann musterte den Eingetretenen, erwiderte dessen Gruß nur mürrisch und fragte:

»Zu wem willst Du?«

»Zum Kreishauptmann.«

»Schön! Was ist Dein Wunsch?«

»Meinen Paß vorzeigen.«

»Gieb ihn her!«

Der Fremde gab den Paß. Der Dürre öffnete und las denselben, faltete ihn wieder zu, streckte die Hand aus und sagte:

»Kostet fünf Rubel.«

Der Fremde zog den Beutel, zahlte das Geld und erhielt den Paß zurück. Dann erkundigte er sich:

»Darf ich im Gasthause wohnen?«

»Kostet zwei Rubel.«

Dieses Mal aber streckte die Frau die Hand aus und erhielt das Geld von dem Fremden, welcher dabei die Frage aussprach:

»Darf ich mir eine Gesellschaft Zobeljäger engagiren?«

»Kostet vier Rubel,« sagte die Frau, indem sie schnell die Hand wieder ausstreckte. Der Fremde gab ihr die vier Rubel. Ihr Mann aber entriß ihr rasch einen davon und sagte:

»Ich habe erst fünf und Du nun sechs. Ich bin der Zasjedatel, Du aber nur die Zasjedatela. Der Mann muß mehr haben als die Frau.«

Zasjedatel heißt so viel wie Beisitzer. Also war dieser Mann gar nicht der Kreishauptmann. Der Fremde schluckte seinen Aerger hinab und sagte im Tone leichten Vorwurfes:

»Du könntest mir eher sagen, daß Du nur der Beisitzer bist!«

»Warum? Auch ich habe meinen Zoll von Dir und Jedem zu verlangen. Gehe da hinein!«

Er zeigte auf eine zweite Thür, über welcher dasselbe famose Wort »Prissutstwije« zu lesen war. Der Fremde folgte diesem Gebote und trat dort ein. Als er grüßte, wendete der Herr, welcher schreibend an einem Tische saß, ihm das Gesicht zu und fragte kurz und streng:

»Zu wem?«

»Zum Isprawnik (Kreishauptmann).«

»Gut. Was willst Du?«

»Hier mein Paß!«

Er gab ihn hin. Der Beamte las und sagte:

»Zehn Rubel!«

»Herr, ich habe bereits im Vorderzimmer fünf gegeben!«

»Geht mich nichts an. Zehn Rubel, oder der Paß bleibt hier liegen!«

Wohl oder übel zählte der Fremde das Geld hin und fragte dabei:

»Ich kann doch im Gasthofe logiren?«

»Vier Rubel!«

»Ich habe da vorn schon zwei bezahlt!«

»Vier Rubel!«

Das wurde in einem so drohenden Tone gesagt, daß der Supplicant sofort zahlte, dann aber sich weiter erkundigte:

»Ich beabsichtige, eine Gesellschaft von Zobeljägern zu engagiren, um mit ihnen in –«

»Acht Rubel!« unterbrach ihn der Beamte sehr schnell.

Der Andere wollte eine zornige Bemerkung machen, erhielt aber einen solchen Blick zugeschleudert, daß ihm das Wort stecken blieb. Er bezahlte. Der Beamte gab ihm jetzt seinen Paß zurück, zeigte auf eine andere Thür und sagte:

»Geh da hinein!«

Ueber dieser Thür stand das Wort »Perednjaja«. Das heißt nämlich Vorzimmer. Jetzt konnte der Fremde sich nicht enthalten, zu fragen:

»Das ist erst das Vorzimmer? Bist Du denn nicht der Isprawnik?« »Nein,« antwortete der Gefragte in jetzt sehr freundlichem Tone. »Ich bin nur der Obschtschestnik von Platowa, und Der, bei dem Du erst warst, ist mein Beisitzer.«

»Aber, zum Teufel, ich will ja nicht zu Euch, sondern zu ihm!«

»Mein Söhnchen, zu ihm kannst Du nur, wenn Du bei uns gewesen bist. Sei ruhig und ärgere Dich nicht! Es ist Jahrmarkt, an welchem ein Jeder sein Geschäft machen will. Du und ich und alle Anderen auch.«

»So werde ich auch noch bei dem Isprawnik zu bezahlen haben?«

»Ja, und zwar mehr als bei uns.«

»Höre, ist das recht von Euch?«

»Sehr recht! Niemand kann auf Erden Etwas umsonst erhalten. Und nun frage nicht weiter, sonst lasse ich Dich nicht hinein zu dem Kreishauptmanne, und Du wirst ganz im Gegentheile nach Irkutsk zurückgeschickt.«

Der Fremde hielt es für gut, diesem Rathe Folge zu leisten. Er ging durch die bezeichnete Thür. Dort stand ein junger Mann in der Uniform eines gewöhnlichen Kosaken. Er schenkte ihm keine weitere Aufmerksamkeit und fragte nur:

»Wo finde ich den Isprawnik?«

Er erhielt nicht gleich eine Antwort. Der Kosak hielt das Auge wie erschrocken auf ihn gerichtet, trat zurück, fixirte ihn abermals und sagte dann:

»Florin! Ist das möglich! Du in Sibirien!«

Als der Angeredete diesen Namen hörte, erbleichte er. Das sah man sogar trotz seines Vollbartes ganz deutlich. Vor Schreck fuhr er um einige Schritte zurück, faßte sich aber sehr schnell wieder und sagte in dem gleichgiltigsten Tone, welcher ihm jetzt möglich war:

»Du verkennst mich!«

»O nein!«

»O doch! Ich kenne Dich nicht.«

»Das ist möglich. Aber desto besser kenne ich Dich. Es sind zwar Jahre vergangen, seit wir uns gesehen haben, und es mag sein, daß mein Gesicht sich verändert hat, aber Deine Züge sind so, daß man sie nie vergessen kann, wenn man sie einmal gesehen hat.«

»So, so! Wer soll ich denn sein?«

»Der Kammerdiener Florin.«

»Kammerdiener? Bei wem denn?«

»Bei dem Baron Alban von Adlerhorst.«

»Diesen Namen habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört!«

»Verstelle Dich nicht!«

»Warum sollte ich mich verstellen!«

»Vielleicht hast Du Ursache, Deine frühere Existenz zu verleugnen.«

»Höre, ich will nicht hoffen, daß Du die Absicht hast, mich zu beleidigen!«

»Das kann mir nicht einfallen.«

»Ich würde es mir auch auf das Strengste verbitten. Du trägst das Abzeichen eines Deportirten, bist also zur Strafe in ein sibirisches Regiment gesteckt worden. Es würde mich nur ein einziges Wort kosten, Deine Strafe verschärfen zu lassen. Du könntest leicht aus der zweiten Classe in die fünfte versetzt werden!«

Die russischen Verbannten sind nämlich in fünf Classen vertheilt. Diese folgen auf einander: Aufenthalt unter Aufsicht in einer Stadt, Dienst in einem sibirischen Regiments, Colonisation, öffentliche Arbeiten, namentlich in den Bergwerken, und endlich Einstellung in eine Straf- oder Arrestantencompagnie. Die erstere Strafe ist die leichteste, die letztere aber die härteste.

Als der Fremde diese Drohung aussprach, blieb der Kosak dennoch nicht ruhig. Er antwortete:

»Und trotzdem möchte ich wetten, daß ich mich nicht irre. Es können unmöglich zwei Menschen eine solche Aehnlichkeit besitzen.«

»Was soll es anders sein, als eine Aehnlichkeit! Ich habe nicht nöthig, mit einem Strafkosaken eine Unterhaltung anzuknüpfen, aber Du bist, so zu sagen, doch auch ein Mensch, und darum will ich Dir beweisen, daß Du Dich irrst. Hier ist mein Paß. Lies ihn!«

Er zog den Paß hervor und reichte ihn dem Kosaken hin, welcher ihn öffnete, ohne auf die Beleidigung, welche die soeben ausgesprochenen Worte enthielten, zu antworten. Der Paß lautete auf den Namen Peter Lomonow, Kaufmann aus Orenburg, und war von der dortigen Behörde ausgestellt und außerdem von dem militärischen Gouverneur contrasignirt. Es konnte keinen Zweifel geben. Dennoch begann der Kosak das Signalement mit der vor ihm stehenden Person zu vergleichen.

»Hier steht ›zwei Vorderzähne fehlen‹, und Du hast keine Zahnlücke,« sagte er. »Wie stimmt das?«

Der angebliche Kaufmann, welcher wirklich kein Anderer als der ehemalige Derwisch war, riß ihm den Paß aus der Hand und antwortete:

»Weil ich sie mir habe einsetzen lassen. Sie sind natürlich falsch. Uebrigens bist Du nicht der Kreishauptmann und hast den Paß nicht zu beurtheilen. Ich bin mit Dir fertig und frage Dich nur, ob der Isprawnik zu sprechen ist.«

»Er ist da drin. Gehe hinein!«

Das Vorzimmer hatte drei Thüren. Eine, durch welche der Kaufmann gekommen war, eine, durch welche er jetzt eintrat, und eine dritte, welche direkt in das Freie führte.

»Und er ist es dennoch! Er ist es!« sagte der Kosak für sich hin. »Was will er hier? Wo hat er sich während dieser Jahre befunden und warum verleugnet er sich?«

Er hatte keine Zeit, weiter über diesen Gegenstand nachzudenken, denn die eben erwähnte dritte Thür wurde geöffnet und es traten drei Personen ein, welche eine Beschreibung verdienen.

Voran kam ein kleiner, dicker Kerl mit schief geschlitzten Augen, hervortretenden Backenknochen und einer riesigen Bärenmütze auf dem Kopfe. Er hatte Pelzstiefel an, das Haar nach Außen gekehrt, Hosen auch aus Pelz und einen langen Rock ebenso aus Pelz. Ueber diesen hatte er einen schweren Sarras geschnallt und in der rechten Hand hielt er eine gewaltige Reitpeitsche. Diese Peitsche aber schien bei ihm nicht sehr gefährlich zu sein, denn sein kleines Näschen zuckte außerordentlich naiv in die Welt und um seinen breiten Mund lag ein Lächeln, welches gar nicht gutmüthiger hätte sein können.

Hinter ihm trat eine Frau ein, welche ganz genau ebenso gekleidet war wie er. Auch sie hatte eine Peitsche in der Hand. Nur die Bärenmütze fehlte. Sie trug das schlichte Haar in zwei dünnen Zöpfen über den Rücken hinab, in den Ohren zwei seht große goldene Ringe und über der Brust eine schwere, silberne Kette. Ihr Gesicht war womöglich noch gutmüthiger als dasjenige ihres Mannes. Auch war sie noch dicker als er, so daß sie sich nur mit Mühe zur Thüröffnung hereinzwängen konnte.

Hinter diesen Beiden kam oder vielmehr leuchtete und glänzte, blitzte und flimmerte es herein, so rein, so zart, so schön und herrlich wie die Morgenröthe, wenn sie mit Gold und Purpur das jungfräuliche Weiß eines Gletschers bestrahlt.

Ein Mädchen war es hoch und stolz gewachsen, wie es unmöglich unter den eingeborenen Völkern und Stämmen Sibiriens ein weibliches Wesen geben kann.

Diese wunderbar schöne, schlanke und doch so üppig volle Gestalt trug eine ganz eigenartige Kleidung. Die kleinen Füßchen staken in langen, feingearbeiteten Schnürstiefeletten aus rothgegerbtem Leder vom Bauche des Elennthieres. Blendend weiße Strümpfe umschlossen die drallen Waden, welche man sehen konnte, weil das Röckchen nur wenige Zolle über die Kniee herabreichte. Dieses Röckchen aber bestand aus dem kostbarsten Zobel, jener seltenen und darum so theuren Art, deren glänzend schwarzes Fell sich nach jeder Richtung streichen läßt, ohne struppig zu werden, mit silberweiß glänzenden Grannenspitzen. Dieses silbernen Glanzes wegen werden die Thierchen Silberzobel genannt.

Ueber diesem Röckchen, dessen enger Schnitt die herrlichen, voll gerundeten Hüften deutlich erkennen ließ, umschloß ein Mieder von demselben Pelzwerk die seine Taille, vorn geöffnet und oben so weit ausgeschnitten, daß die Fülle des Busens, vom feinsten, schneeweißen Linnen bedeckt, zur verführerischen Geltung kam. Die langen Aermel dieses Mieders waren, nach orientalischer Art, nach den Händen zu immer weiter gehalten und bis oben in die Nähe der Achsel aufgeschnitten. Goldene Spangen hielten den Aufschnitt so weit zusammen, daß der weiße, verführerisch gerundete Arm wie Schnee aus dem glänzenden Dunkel des Pelzwerkes hervorleuchtete.

Um den nackten, schlank und doch kräftig auf die üppigen Schultern gesetzten Hals flimmerte ein Schmuck von viereckigen Goldplatten. Das schwarze, lange, schwere Haar war mit eben solchen Goldplatten und silbernen Ketten durchflochten, sonst aber unbedeckt. Die kleinen, rosig angehauchten Ohren waren ohne Schmuck. Dafür aber lagen um die hohe, schön gewölbte Stirn mehrere Lagen von Goldmünzen, von silbernen Kugeln zusammen gehalten, auf deren jeder ein Diamant funkelte.

Doch über das Alles blickte man gern hinweg, um das Gesicht zu schauen, ein Gesicht, wie die schaffende Natur es einem Menschenkinde nur unter der allerglücklichsten Constellation der Sterne einmal verleiht.

Das waren Augen, schwarz und groß, von einem mächtigen und doch dabei so milden Blicke! Es glänzte so kindlich rein aus denselben hervor, als habe noch nie ein Hauch des Zornes und des Hasses die Seele dieses außerordentlichen Mädchens getrübt. Und doch machten diese Augen auf den Beschauer den Eindruck, als ob sie so zornig und gewaltig aufleuchten könnten, daß selbst die personificirte Kühnheit von ihrem Blitze vernichtet werden müsse.

Die Wangen waren voll und doch nicht so sehr fleischig, daß dem herrlichen Profile dadurch ein Eintrag geschehen wäre. Es war, als sähe man es ihnen an, daß noch kein fremder Mund sie geküßt, nicht einmal die Spitze eines fremden Fingers sie nur leicht liebkosend berührt hätte.

Das Kinn, so zart gezeichnet, war doch kräftig geformt, auf einen kräftigen Character schließen lassend. Dazu paßte das leicht gebogene, aber nicht etwa zu scharfe, energische Näschen, welches in kein anderes, als nur in dieses Gesicht zu passen schien.

Ueber den Mund hätte selbst Correggio nichts zu sagen gewußt, aber er hätte es als ein Glück angesehen, ihn immer und immer wieder studiren zu dürfen. Es schienen Götter und Menschen zu gleicher Zeit an demselben gezeichnet und geformt zu haben, so himmlisch und so irdisch schön schlossen die vollen, ganz eigenartig gebogenen Lippen die kleinen, prächtigen Zähnchen als köstliche Kleinode ein. Wer diesen Mund sah, dem kam ganz unwillkürlich die Ueberzeugung, daß wohl der würzigste Athem demselben entströmen, nie aber ein absichtlich böses Wort ihm entfliehen könne.

Die kleine und dabei doch kräftige Hand hielt auch eine Reitpeitsche. Diese und die beiden kleinen Sporen, welche an den Stiefelchen klirrten, konnte man einem Mädchen nicht übel nehmen, welches gewöhnt ist, nur zu Pferde den heimathlichen Heerd zu verlassen.

Der Schmuck, welchen dieses entzückende Wesen trug, ließ auf einen außerordentlichen Reichthum schließen. In Sibirien circulirt fast nur papierenes Geld und noch dazu ist ein bedeutender Theil desselben gefälscht. Selbst kleinere Silberstücke sind im gewöhnlichen Verkehre selten. Man kann mit einer Silbermünze, die einen Werth von nur wenigen Kopeken hat, bei den Eingeborenen schon ziemlich viel bezahlen. Diese Leute nehmen niemals Papiergeld. Sie können meist nicht lesen, weshalb sie sehr leicht betrogen werden könnten. Darum ziehen sie lieber den Tauschhandel vor, Waare gegen Waare, dann sind sie sicher, nicht übervortheilt zu werden.

Aus diesem Grunde repräsentirte der Schmuck des Mädchen ein Capital, welches auf einen ganz bedeutenden Reichthum schließen ließ.

Aber nun vor allen Dingen die Frage: War dieses Mädchen mit den beiden dicken Leuten verwandt? Jeder hätte sofort mit einem schnellen »Unmöglich!« geantwortet, und doch –

Der kleine Mann wälzte sich lächelnd auf den Kosaken zu und sagte:

»Hast Du hier die Wache, mein Söhnchen?«

»Ja, mein Väterchen.«

Es muß hier erwähnt werden, daß alle Völker, welche sich der russischen Sprache bedienen, gern den höflichen, freundlichen Diminutiv gebrauchen, also Väterchen, Mütterchen, Brüderchen, Schwesterchen, anstatt dem kälteren Vater, Mutter, Bruder und Schwester. Zuweilen wird diese Ausdrucksweise zu oft angewendet, wobei oft sehr spaßhafte Ausdrücke zum Vorschein kommen.

»Kennst Du mich?« fragte der Dicke weiter.

»Nein, doch werde ich wohl die Freude haben, zu erfahren, wer Du bist.«

Das Gesicht des Dicken glänzte noch freundlicher, als er bereitwillig antwortete:

»Ja, mein liebes Söhnchen, diese große Freude werde ich Dir gern machen. Ich bin nämlich Bula, der Tejsch der Tungusen. Kennst Du mich nun, mein Herzchen?«

Tejsch heißt so viel wie Fürst.

»Ja, Väterchen, jetzt kenne ich Dich.«

»Und nun, mein Liebling, will ich Dir auch mein Frauchen zeigen, die Fürstin. Sie heißt Kalyna. Findest Du nicht, daß dieser Name sehr richtig ist?«

Kalyna heißt ›die Dicke‹. Darum antwortete der Kosak:

»O, er ist sehr richtig, mein liebes Väterchen. Darf ich dem Mütterchen die Hand küssen?«

Da erglänzte das Gesicht der Fürstin vor heller Wonne. Sie wälzte sich näher, streckte ihm die Finger entgegen, welche so fett waren, daß sie dieselben gar nicht mehr zusammen bringen konnte, und flötete mit ihrem lieblichsten Tone:

»Ja, hier, mein Söhnchen, hast Du meine Hand. Drücke immerhin ein Küßchen darauf. Oder möchtest Du lieber alle Beide küssen?«

»Ja, gönne mir dieses Vergnügen!«

»Warum denn nicht, wenn man einem so netten Bürschchen so ein kleines Vergnügen machen kann, so soll man es ihm auch machen. So, mein Kindlein! Und nun wird Dir der Fürst, mein gutes Männchen, eine Frage vorlegen.«

Der Kosak hatte beide Hände der Dicken geküßt und dabei gar nicht gethan, als ob er auch die dritte Person gesehen habe. Jetzt fragte ihn der Anführer der Tungusen:

»Weißt Du vielleicht, ob das gute Kreisamtmännchen zu Hause ist?«

»Ja, Väterchen. Er ist drinnen in seinem Zimmer.«

»So werden wir einmal hineingehen. Wir sind nämlich gekommen, ihm ein Visitchen zu machen.«

»Ich muß Dich bitten, noch einen Augenblick zu warten, gutes Väterchen.«

»Warum?«

»Weil Jemand bei ihm ist.«

»Wer?«

»Ein fremder Kaufmann, welcher seinen Paß vorzeigen will.«

»Nun gut, so warten wir. Doch hoffe ich, daß sich der Kreishauptmann nicht allzu lange mit dem Päßchen des Kaufmännchens beschäftigen werde. Ich bin zum Jahrmarkt gekommen und habe viel einzukaufen.«

»Der Isprawnik wird sich beeilen. Soll ich Dich vielleicht anmelden?«

»O nein. Stören will ich ihn nicht. Gar so eilig habe ich es nicht. Und damit uns die Zeit nicht so lang wird, werde ich Dir einmal hier mein Töchterchen zeigen, mein Herzchen, mein Juwelchen, mein weißes Lämmchen. Siehe sie Dir einmal an! Sie heißt Karparla. Ist das recht?«

Die Tungusen haben von allen Turk-Völkern die Sprache am reinsten erhalten. Kar heißt der Schnee, und parlamak heißt leuchten, glänzen. Der Name Karparla also bedeutet: wie Schnee leuchten.

Die Naturvölker geben die Namen sehr oft nach in die Augen fallenden Eigenschaften der betreffenden Person. Der Fürst hätte für seine Tochter keinen bezeichnenderen Namen finden können als Karparla.

Jetzt war der Kosak gezwungen, seine Augen voll auf sie zu richten. Seine kräftige, wohlgegliederte Gestalt schien sich in die Höhe zu richten, sein Auge glänzte und seine Wangen rötheten sich. Er antwortete:

»Ja, dieser Name ist bezeichnend wie kein anderer. Du hast ihn sehr gut gewählt, Väterchen.«

Der Fürst war über dieses Lob so sehr erfreut, daß er, auf seine Tochter deutend, sagte:

»Hast Du nicht Lust, auch ihr die Händchen zu küssen?«

»Du bist voller Güte, mein Väterchen; aber was Du mir da erlaubst, das darf ich doch nicht wagen.«

»Warum nicht?«

»Das kann ich Dir nicht erklären. Ich würde die Worte nicht finden, welche nöthig wären, Dir zu sagen, warum ich es nicht darf.«

Da trat Karparla schnell auf ihn zu, reichte ihm die Rechte entgegen und sagte mit einer Stimme, deren reiner, sonorer, kräftiger Klang ihm in die tiefste Seele drang:

»Du darfst es. Aber nicht küssen sollst Du meine Hand. Das würde wie eine Unterwürfigkeit erscheinen. Sondern reichen wollen wir uns die Hände wie Bekannte, welche einander nicht vergessen haben.«

Sie ergriff seine Hand und drückte sie herzlich. Vater und Mutter blickten erstaunt auf die Tochter. Der Erstere sagte:

»Wie Bekannte? Habt Ihr Euch denn schon einmal gesehen?«

»Ja, ja,« antwortete sie, bedeutungsvoll mit dem Kopfe nickend.

»Nun, was thut das, mein Seelchen! Er kann Dir trotzdem die Hand küssen, wenn es auch wie eine Unterwürfigkeit aussieht. Er ist ein gemeiner Kosak, ein Deportirter, und Du bist eine reiche, vornehme Fürstentochter. Er muß Dir also unterthänig sein, und es ist eine sehr große Ehre und Gnade für ihn, daß ich ihm erlaube, Dir das Händchen zu küssen.«

Diese Worte hätten aus jedem andern Munde eine Beleidigung enthalten; er aber sagte das so unbefangen, so freundlich und lächelnd, und dabei blickte er so wohlwollend zu dem Kosaken hinüber, daß dieser, welcher übrigens diese unbeleckten Naturmenschen bereits kennen gelernt hatte, ihm gar nicht bös sein konnte.

Prinzessin Karparla aber sagte in einem sehr ernstem Tone:

»Er mir unterthan? Nein. Er steht mir gleich. Er ist mein Bruder.«

»Dein Bruder? Machst Du vielleicht ein kleines Scherzchen, mein Engel?«

»Nein. Ich habe mich lange, lange darnach gesehnt, ihn wieder zu sehen. Ihn heut hier zu treffen, konnte ich nicht ahnen. Höre es, Väterchen, und höre es, Mütterchen! Er ist mein Retter!«

Da stemmten Beide ihre Hände in die Seiten und riefen zu gleicher Zeit:

»Dein Retter?«

»Ja.«

Da schlugen sie zu gleicher Zeit die Hände vor Verwunderung zusammen, daß beide Peitschen auf den Boden fielen.

»Der Dich aus dem Eise gezogen hat?« fragte der Fürst im Tone des größten Erstaunens.

»Ja, er,« antwortete sie.

»Ist das nicht ein kleines Irrthumchen?«

»Nein. Ich habe ihn sogleich erkannt, als ich hier eintrat und ihn erblickte.«

»Es war doch ein Arbeiter, welcher Dich errettete, nicht aber ein Kosak!«

»So ist er indessen Kosak geworden.«

»Welch ein Wunder. Ist es denn wahr, daß Du ihr Retter bist, mein liebes Kosakchen?«

»Ja, ich bin es,« antwortete der Gefragte.

»So ist es also keine Täuschung! Du bist es! Laß Dich umarmen!«

Er zog den Kosaken an sich und schob ihn dann der Fürstin zu, mit den Worten:

»Mütterchen, drücke ihn auch an Dein Herzchen! Er hat es verdient, daß Du Dich bedankst!«

»Ja,« antwortet« sie. »Komm in meine Arme mein Söhnchen, mein Retterchen! Ich bin bereit.«

Sie öffnete die dicken Arme. Der Kosak trat hinzu und duldete es, daß sie ihm die Hände auf die Arme legte. Sie wollte ihn im überquellenden Gefühl umarmen, brachte aber die Hände nicht weiter; sie war eben zu corpulent dazu. Sie hatte sogar die Absicht, ihn auf die Wange zu küssen, da aber ihre Gestalt einen zu großen Durchmesser hatte, so konnte sie ihn mit ihren Lippen nicht erreichen und der schallende Schmatz explodirte wie eine Wurfgranate in der Luft.

Der Fürst war mit großem Vergnügen Augenzeuge dieser außergewöhnlichen Zärtlichkeit seiner Gattin, meinte aber jetzt in verwahrendem Tone:

»Nun darfst Du aber nicht denken, daß auch mein Töchterchen Dich umarmen und küssen soll. Das ist verboten. Sie ist ein Mädchen und eine Prinzessin. Und dazu ist sie die Verlobte des Rittmeisters, welcher der Sohn meines Freundes, des Kreishauptmännchens ist. Beide würden es nicht dulden, daß sie Dich umarmt. Sage uns lieber, wie Du so plötzlich Kosak geworden bist!«

Bei der letzteren Eröffnung hatte Karparla sich unwillkürlich abgewendet, und die Wangen des Kosaken waren blaß geworden.

»Ach! Also darum!« sagte er halblaut.

»Was?«

»Ich hatte einen Fehler begangen,« fügte er schnell und lauter hinzu. »Zur Strafe dafür wurde ich in die Sotnie gesteckt.«

»Du Armer! Aber da bist Du selber schuld. Ich werde indeß Fürbitte für Dich einlegen. Meinst Du nicht?«

»Nein. Thue es nicht.«

»Warum nicht?«

»Es würde mir nichts nützen sondern nur schaden, mein Väterchen.«

»Glaube das nicht, mein Söhnchen. Ich gelte sehr viel bei dem Rittmeister.«

Da trat Karparla auf den Kosaken zu, gab ihm die Hand und sagte:

»Willst Du auch mir nicht erlauben, für Dich zu bitten.«

»Nein.«

»Meinst Du, daß er mir, seiner Braut, die erste Bitte abschlagen werde?«

Da zog er rasch seine Hand aus der ihrigen und antwortete in beinahe schroffem Tone:

»Auf diese Weise nun gar nicht! Ich mag von ihm keine Gnade haben!«

»Das ist mir sehr unlieb. Aber vielleicht kann ich Dir eine andere Liebe erweisen, welche Du von mir annimmst. Jetzt erlaube mir, Dir einstweilen das hier zum Andenken zu geben!«

Sie zog einen Ring vom Finger und ergriff seine Hand, um ihm denselben anzustecken.

In diesem Augenblicke trat der einstige Derwisch aus dem Nebenzimmer. Er öffnete dabei die Thür so weit, daß man sehen konnte, wer sich in dem Letzteren befand, nämlich der Kreishauptmann, sein Sohn der Rittmeister, und außer ihnen noch ein Kosakenlieutenant.

Alle Drei erblickten die Gruppe.

»Bula, der Fürst!« rief der Kreishauptmann.

Während der Derwisch sich schnell entfernte, trat der Rittmeister ebenso schnell heraus und fragte:

»Was geht hier vor?«

»Ich habe meinen Retter gefunden,« antwortete das schöne Mädchen.

»Ja, ihr Retterchen!« fiel der Fürst ein. »Freust Du Dich nicht auch darüber, Rittmeisterchen?«

Der Genannte fragte, anstatt zu antworten:

»Und was ist da geschehen? Was ists mit diesem Ringe?«

»Ich habe ihm denselben geschenkt.«

»Wie? Ihm, einem Deportirten einen Brillant geschenkt? Das muß ich mir denn doch verbitten. Komm, Bursche!«

Er ergriff die Hand des Kosaken, zog ihm den Ring vom Finger, steckte denselben sich selbst an und sagte, zu Vater, Mutter und Tochter gewandt:

»Kommt herein! Hier ist kein Ort für Euch!«

Der Kosak stand vollständig regungslos da, ein Bild eiserner Disciplin, aber auch eiserner Selbstbeherrschung. Keins seiner Glieder bewegte sich. Nur um dem Schnurrbart zuckte es kaum bemerkbar, und die Lider senkten sich nieder, damit der Blick seines Auges nicht verrathen möge, was in seinem Herzen vorging.

Im Vorübergehen flüsterte Karparla ihm zu:

»Gräme Dich nicht! Ich sehe Dich wieder.«

Die Thür schloß sich hinter ihr.

Jetzt kam Bewegung in den Kosaken. Er ballte die Faust und erhob sie drohend.

»Meine Stunde wird auch schlagen!« knirrschte er. »Die Ketten werden fallen, und dann – – –! Welch ein Tag! Zuerst dieser Diener der Adlerhorst! Er war es. Ich schwöre darauf! Und nun Karparla – die Verlobte des Rittmeisters! Das habe ich nicht geahnt! Welch eine Schönheit! Wie erhaben, wie rein, wie stolz und doch wie mädchenhaft! Schon glaubte ich, ihr Bild sei aus meiner Seele gewichen, und nun – nun – – o Zykyma, arme Zykyma! Wartest Du vielleicht immer noch auf den Hauptmann Orzeltschasta, welcher seinen guten deutschen Namen Adlerhorst in dieses russische Wort verwandeln mußte? Vielleicht wartest Du vergebens.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn.
Und das hat mit ihrem Singen
Die – – Karparla gethan!

Als der Fürst mit seiner Frau und Tochter bei dem Isprawnik eingetreten war, hatte der Letztere die Drei sehr freundlich begrüßt. Aber der Menschenkenner hätte sofort bemerkt, daß diese Freundlichkeit keine wirklich aus dem Herzen kommende sei.

Er war ein ächter Russe, lang, breitschulterig, mit niedriger Stirn, stumpfer Nase, dicken Lippen und struppigem Vollbarte. Sein Sohn war ihm sehr ähnlich. Der Rittmeister mußte seiner Hünengestalt nach eine ungemeine Körperkraft besitzen.

Der Lieutenant hatte Miene gemacht, sich zurückzuziehen, war aber durch einen Wink des Rittmeisters bedeutet worden, zu bleiben.

»Du störst gar nicht,« flüsterte ihm der Letztere zu. »Sollst sogar Zeuge sein, wie ich diesem dicken Fürsten meinen Standpunkt klar mache.«

Und sich zu dem Fürsten wendend, fuhr er laut fort:

»Höre, Väterchen, wie kannst Du denn eigentlich Karparla erlauben, einem Verbrecher ihren Ring zu schenken?«

»Er ist ja ihr Retter!« antwortete der Gefragte erstaunt.

»Du bist wohl sehr froh, ihn gefunden zu haben?«

»Sehr! Und das Mütterchen auch. Wir haben ihn vor Freude umarmt.«

»Umarmt? Auch das Mütterchen?«

»Natürlich!«

»Und Karparla wohl auch?«

»Nein, das habe ich ihr verboten.«

»So war dieses Verbot wohl nothwendig? Ohne dasselbe hätte auch sie ihn umarmt?«

Er sagte das in einem so höhnischen Tone, daß er sogar diesen kindlichen Gemüthern auffallen mußte. Der Fürst wollte antworten, doch Karparla that es rasch an seiner Stelle:

»Hättest Du Etwas dagegen gehabt?«

Sie stand stolz und hoch aufgerichtet vor ihm. Er verschlang ihre Schönheit förmlich mit seinem Blicke, ließ sich aber durch dieselbe doch nicht besiegen.

»Sehr viel sogar!«

»Mit welchem Rechte?«

»Du bist meine Braut!«

»Ich wußte kein Wort davon und habe es erst heut erfahren.«

»Es ist so zwischen uns und Deinen Eltern ausgemacht worden. Dein Väterchen hat dem Schamanen seinen Schwur gegeben und darf ihn nun nicht brechen.«

Die Schamanen sind die Priester der Tungusen und haben mehr Einfluß auf die Gewissen der Laien und selbst der Fürsten als unsere christlichen Priester auf die Glieder ihrer Gemeinden.

Das Mädchen wendete den Blick auf den Fürsten und fragte mit leiser, stockender Stimme:

»Ist das wahr, Väterchen?«

»Ja, meine Seele, mein Liebchen.«

»Warum hast Du das gethan?«

»Ich werde Dir den Grund sagen, wenn Du das Weib Deines Männchens geworden bist.«

»Und nun kann es nicht anders sein?«

»Nein. Du mußt! Du weißt, daß es ganz unmöglich ist, einen solchen Schwur zu brechen.«

»Ich weiß es und werde gehorchen.«

Ihre Wimpern sanken nieder, als ob eine Thräne zu verbergen sei, und sie selbst auch sank auf einen Stuhl. Sie fühlte sich plötzlich so schwach und fuhr mit beiden Händen nach dem Herzen, als ob sie dort einen großen Schmerz empfinde.

Der Rittmeister trat einen Schritt näher herbei und sagte in zärtlich sein sollendem Tone:

»Du siehst also, Schätzchen, daß Du mir gehörst und daß schon der Blick eines solchen Hundes, wenn er ihn auf Dich richtet, ein Verbrechen ist.«

Da blickte sie schnell und zornig zu ihm auf.

»Du nennst meinen Retter einen Hund?«

»Er ist noch schlimmer als ein Hund; er ist ein Verbrecher, welcher bestraft ist.«

»Was hat er begangen?«

»Das weiß ich nicht. Niemand erfährt die That, wegen deren Einer nach Sibirien verbannt wird. Aber er ist auch bereits hier wieder in Strafe gefallen.«

»Weshalb?«

»Wegen einer Frechheit, welche ihres Gleichen sucht: Er hat Dich geküßt.«

Sie erglühte über und über.

»Mich – geküßt.«

»Ja. Schau, wie zornesroth Du wirst!«

»So ist er unschuldig bestraft worden!«

»Nein.«

»Ich weiß nichts davon, daß er mich geküßt hat.«

»Er hat es gethan. Es war ein Zeuge da.«

»Wer?«

»Ich selbst.«

Er blickte sie triumphirend an, erreichte aber grad das Gegentheil. Sie erhob sich langsam von ihrem Sitze, trat einen Schritt näher zu ihm heran und sagte:

»Du warst Zeuge, daß er mich küßte. So warst Du wohl auch in der Nähe?«

»Natürlich.«

»Als ich über den Fluß ritt und das Eis unter mir und dem Pferde brach?«

»Ja.«

»Ich hatte die Besinnung verloren. Als ich wieder zu mir kam, lag ich hier bei Euch.«

»Ich habe Dich hergetragen.«

»Wer aber hat mich aus dem Flusse, unter dem Eise hervor geholt.«

»Dieser Nummer Zehn.«

»Du kanntest ihn?«

»Genau.«

Er hatte ihre schnellen Fragen ebenso rasch beantwortet, ohne zu fragen, was nun darauf folgen werde. Jetzt richtete sie sich höher vor ihm empor.

»Er rettete mich und Du sahst zu?«

»Nun, er war ja da. Ich rief ihn herbei.«

»Ah, Du riefst ihn erst herbei; er hatte mich gar nicht gesehen. Und weil Du keinen Muth hattest, weil Du für Dein Leben fürchtetest, mußte er das seinige wagen?«

»Pah! Ein Deportirter!«

»Und als ich mich dann nach meinem Retter erkundigte, verleugnetest Du ihn. Du sagtest, Du hättest ihn nicht gekannt?«

»Was konnte es Dir nützen ihn kennen zu lernen! Du hattest, als er Dich an das Ufer brachte, die Augen aufgeschlagen und ihn angesehen. Damit konnte er sich begnügen.«

»Mit diesem einzigen Blick! Ich wußte nicht, daß ich ihn angesehen hatte, aber sein Bild blieb doch in meiner Seele. Ich kannte meinen Retter. Ich gab Euch Auftrag, nach ihm zu forschen. Ihr aber habt, anstatt das zu thun, ihn von mir fern gehalten. War das recht von Euch?«

»Es war ganz richtig gehandelt. Der Hund wagte es, Dich zu berühren. Er hatte Dich an das Ufer gerettet. Dort saß er im starren Schilfe. Er mochte glauben, daß er unbeobachtet sei. Er hatte Dein Mieder geöffnet, der freche Schuft – –!«

»Damit ich Athem finden möge!«

»Nein, sondern um sein verdammtes Auge an Deinem Körper zu weiden. Lieber hätte er Dich sterben lassen sollen. Es ist besser für Dich, todt zu sein, als von einem solchen Vieh begafft zu werden!«

»Nun, ich ziehe es doch vor, am Leben geblieben zu sein.«

»Das aber war noch nicht Alles. Grad als ich hinzutrat, ohne daß er es hörte, hatte er Dich auf dem Schooße und küßte Dich auf die Lippen. Ich habe ihm die Peitsche über sein Gesicht gezogen, daß sofort die Haut aufsprang. Er schnellte sich empor und sah mich einen Augenblick lang an, als ob er mich verschlingen wolle. Dann aber wendete er sich um und entfloh.«

»Er entfloh?« fragte sie. »Er, der sich zwischen die thürmenden Eisschollen stürzte, um ein unbekanntes Mädchen zu retten, welche zu retten Du zu feig warst, obgleich Du bereits damals wußtest, daß sie Deine Braut sei?«

Sie hatte das mit sehr erhobenem Tone gesagt. Sein Gesicht röthete sich, und die Adern seiner Stirn schwollen an.

»Hüte Dich, mich feig zu nennen!«

»Bist Du es etwa nicht gewesen?«

Sie standen einander gegenüber, sie mit einem Blicke voll deutlich ausgesprochener Verachtung, er mit wuthblitzenden Augen. Der Kreishauptmann wollte sie trennen; sein Sohn aber wies ihn mit einer heftigen Armbewegung zurück. Der Fürst hatte Angst bekommen. Er bat:

»Kinderchens, vertragt Euch! Noch seid Ihr nicht Männchen und Weibchen. Warum wollt Ihr also jetzt bereits zanken! Das kommt später ganz von selbst!«

Und seine dicke Frau schob sich zu der Tochter heran und sagte:

»Komm zu mir, mein Liebchen! Sei doch nicht zornig. Er liebt Dich ja!«

»Er mag mir antworten!« bestand Karparta auf ihrem Willen.

»Ja, ich werde antworten,« meinte der Rittmeister zornig. »Ich soll feig gewesen sein! Ich hätte Dich gerettet, hatte es aber doch gar nicht nöthig. Dir konnte es ganz egal sein, wer Dich herauszog. Jener Mensch war da. Er konnte sich an meiner Stelle naß machen!«

»So kann er auch an Deiner Stelle auf die Belohnung Anspruch erheben!«

»Beim heiligen Andreas, meinem Schutzpatron, welche Belohnung meinst Du?«

»Hierauf brauche ich Dir nicht zu antworten.«

»Oho! Ich befehle es Dir!«

»Mir? Einer fürstlichen Prinzessin?«

»Ja, Dir! Und Du wirst mir gehorchen!^

»Nie!«

»So werde ich Dich zwingen!«

Der rohe Mensch erhob den Arm.

»Willst Du mich etwa schlagen!« rief sie, keinen Zoll breit zurückweichend.

Sie blickte ihm furchtlos in die Augen. Er besann sich, ließ den Arm wieder sinken und antwortete in höhnischem Tone:

»Nein, Dich nicht. Es giebt ja einen Prügeljungen. Vielleicht thun Dir die Hiebe weh, wenn er sie bekommt.«

Er ergriff die Glocke, läutete und rief zugleich:

»Nummer Zehn!«

Der Kosak trat ein. Er zog die Thür hinter sich zu, blieb in demüthiger Haltung stehen, und kein Zug seines Gesichtes zeigte, was er dachte oder fühlte.

»Die Prinzessin hat Dir einen Ring schenken wollen?« fragte der Rittmeister.

»Ja, Herr.«

»Du hast ihn nicht zurückgewiesen?«

»Nein, Herr.«

»Hund! Kennst Du Deine Pflicht nicht besser! Da hast Du den Lohn!«

Er nahm die Peitsche vom Tische und schlug auf den Armen los. Dieser zuckte nicht mit der Wimper; nur drehte er sich seitwärts und hielt den Arm empor, damit die Hiebe nicht sein Gesicht treffen möchten.

Die Andern standen da, ohne sich zu rühren.

Dem Kreishauptmann fiel es gar nicht ein, das Verhalten seines Sohnes vor den Ohren des Kosaken zu tadeln. Der Fürst und die Fürstin getrauten sich nicht, ein Wort fallen zu lassen. Dem Lieutenant war es sehr gleichgiltig, ob ein Kosak Prügel bekam oder nicht, und Karparla – sie hatte die Arme über die Brust gekreuzt und sah ebenso zu wie die Andern. Was in ihrem Innern vorging, ließ sie nicht merken.

Jetzt war der Arm des Rittmeisters müde geworden. Er warf die Peitsche von sich und schrie:

»So! Jetzt hast Du den Lohn, und nun packe Dich hinab in den Stall!«

»Zu Befehl, Herr!« antwortete der Geschlagene demüthig und ging.

Der Rittmeister drehte sich zu Karparla um und fragte sie voller Hohn:

»Nun, wie hat es gethan?«

»Wehe nicht,« antwortete sie, ihm kalt in die Augen blickend.

»Ah! Wirklich?«

»Nein. Nur Du warst der Theil, dem es in meinen Augen schaden konnte. Sollte mir das wehe thun, so müßtest Du mir nicht so verächtlich sein, wie Du es bist. Er aber ist der Held.«

»Alle Teufel! Ein Held!«

»Ja, ein Held und ein Märtyrer. Ein Held, weil er nicht nur die Schmerzen verbiß sondern weil er sich trotz der tödlichen Beleidigung beherrschte und sein Herz zur Ruhe zwang. Ein Märtyrer aber, weil er unschuldig für mich litt.«

Der Rittmeister stampfte mit dem Fuße auf, daß Alles erdröhnte.

»Eine tödtliche Beleidigung! Als ob ein Offizier einen Verbrecher beleidigen könnte! Und unschuldig für Dich gelitten! Er muß froh sein, daß er für Dich leiden darf. Das nächste Mal schlage ich ihn todt! Und Du sollst mich nicht daran hindern!«

»Ich hindere Dich an nichts. Was Du thust, ist mir so gleichgiltig, daß ich sogar jetzt gehe, obgleich ich weiß, daß jetzt über den Kalym verhandelt werden soll. Macht was Ihr wollt. Ich bin nicht nöthig dabei. Der einzige Kalym (Aussteuer), welchen ich ihm mitbringen sollte, ist eine Peitsche, um sie ihm alle Tage kräftig fühlen zu lassen!«

Sie hieb mit ihrer Peitsche dem Rittmeister am Gesicht vorüber und ging, ohne von Jemand zurückgehalten zu werden. Vor dem Hause standen die drei Pferde, auf denen sie mit ihren Eltern gekommen war. Sie stieg auf das ihrige, gab ihm die Sporen und jagte davon.

Als sich die Thür hinter ihr geschlossen hatte, sagte der Kreishauptmann zu seinem Sohne:

»Iwan, Du hast Dich zu sehr von Deinem Zorne hinreißen lassen. Du brauchtest den Kerl nicht zu peitschen.«

»Pah! Er hat es verdient!«

»Meinetwegen! Aber so Etwas tut man nicht in Gegenwart einer Dame. Sie lernt Dich hassen anstatt lieben!«

»Ich werde schon dafür sorgen, daß sie Liebe zu mir findet!«

»Wie nun, wenn sie zurücktritt!«

»Zurücktreten? Das ist unmöglich.«

»Weiber sind unberechenbar!«

»Denke an den Schwur, welchen der Fürst vor dem Schamanen abgelegt hat!«

»Er hat geschworen, sie aber nicht!«

»Und dennoch ist dieser Eid auch bindend für sie. Sie muß dem Vater gehorchen. Oder meinst Du, Väterchen, daß sie Dir den Gehorsam aufsagen werde?«

Diese Frage war an den Fürsten gerichtet. Er antwortete:

»Karparla ist eine gehorsame Tochter. Sie wird thun, was ich geschworen habe. Freilich ist es mein Wunsch, daß sie nicht nur Deine Strenge sondern auch Deine Milde kennen lernt.«

»Das soll sie, denn ich hoffe, daß sie einsieht, wem das Weib Gehorsam zu leisten hat. Jetzt ist sie fort, und ich bin unnütz hier. Ihr könnt Euch besprechen auch ohne mich. Komm, Lieutenant, wir wollen einen Ritt machen!«

Die beiden Offiziere entfernten sich. Als sie draußen vor dem Hause angekommen waren, sagte der Rittmeister:

»Sie hegt ein solches Interesse für den Schuft, daß man meinen möchte, er könne einem gar gefährlich werden.«

»Du meinst doch nicht etwa in Beziehung auf Dein Leben!«

»Fällt mir gar nicht ein. Dazu hat dieser Mensch den Muth gar nicht. Ich sage Dir, wenn ich geschlagen würde wie er, ich – – ah!«

»Nun, was würdest Du machen?«

»Ich würde den Betreffenden erschießen oder auch niederstechen, ganz wie es eben paßte.«

»Auch wenn er Dein Offizier wäre?«

»Auch dann.«

»Das wäre Dein sicherer Tod!«

»Natürlich. Aber lieber todt als eine solche Schande auf mir ruhen lassen!«

Der Lieutenant blickte ihn ungläubig von der Seite an. Er mochte seinen Rittmeister besser kennen als dieser sich selbst und sagte:

»Wenn Du an seiner Stelle wärst, so würdest Du diese Beleidigung eben gar nicht als Beleidigung empfinden. Also wenn nicht in Beziehung auf Dein Leben, in welcher Weise soll er Dir dann gefährlich werden?«

»In Beziehung auf Karparla.«

»Sapperment! Du denkst – –?«

»Daß sie im Stande sei, sich in ihn zu verlieben.«

»Sie, eine Prinzessin!«

»Eine Prinzessin ist eben auch nur ein Weib. Und was hat überhaupt der Titel einer Prinzessin der Tungusen zu bedeuten!«

»Du solltest nicht so von Deiner Braut sprechen.«

»Nun ja. Ich sage es auch nur gegen Dich. Sie ist außerordentlich reich. Ich würde sie schon um dessenwillen heirathen, selbst wenn sie häßlich wäre. Aber sie ist außerdem eine vollendete Schönheit, eine Schönheit, mit welcher man selbst den kaiserlichen Hof in Entzücken versetzen könnte.«

»Hm! Du hast also wirklich Feuer gefangen?«

»Ich brenne; ich glühe!«

»Davon zeigt Dein Verhalten gegen sie gar nichts.«

»Ich gehöre nicht zu denjenigen Männern, welche aus Liebe in einen kleinen, hübschen Pantoffel kriechen. Ich kann lieben und doch dabei herrschen. Ich halte es, wie gesagt, für möglich, daß sie sich für diesen Nummer Zehn zu interessiren beginnt. Ich werde da gleich vorbeugen. Ich muß mir ihn aus dem Wege schaffen.«

»Auf welche Weise? Etwa durch – – –?«

Er deutete dabei auf seinen Säbel.

»Mord? Nein. Dieser Kerl ist kein Mensch mehr sondern nur noch eine Nummer. Dennoch könnte eine solche Gewaltthätigkeit mir von großem Nachtheile sein.«

»Also ihn irgendwo anders hin versetzen?«

»Auch nicht. Das dauert zu lange; das bedarf der Genehmigung des Obersten, und ehe die Berichte hin und her gegangen sind, kann mir der Kukuk längst das Ei in das Nest gelegt haben.«

»So weiß ich nicht, wie Du es anfangen willst.«

»Hm! Es giebt so kleine Zufälligkeiten, kleine Unfälle, an denen eigentlich kein Mensch schuld ist, obgleich sie sich doch ereignen. Da habe ich zum Beispiel den neu eingefangenen Hengst aus dem Tabun. Er hat noch niemals einen Menschen getragen. Was meinst Du?«

»Nicht übel!« lachte der Lieutenant.

»Wollen wir einen Spazierritt machen?«

»Um Gotteswillen! Soll ich mich etwa auf die Bestie setzen? Ich danke sehr!«

»Du natürlich nicht, aber er!«

»Schön! Setze darauf, wen Du willst, aber nur mich nicht. Ich reite mit. Es giebt das ein ganz famoses Vergnügen.«

»So komm!«

Sie schritten dem Stalle zu. Dort hatten Beide ihre Pferde. Der Kosak befand sich bei denselben. Er war zur persönlichen Bedienung des Rittmeisters kommandirt. Dieser fuhr ihn an:

»Wir reiten spazieren. Sattle Dir den neuen Tabunhengst!«

Unter einem Tabun versteht man eine Heerde halb wilder Pferde. Ein solches Pferd zu reiten, welches noch niemals eine Last auf dem Rücken gefühlt hat, ist lebensgefährlich. Der Kosak verzog keine Miene, spitzte aber die Lippen leicht und ließ einen leichten Pfiff hören.«

»Warum pfeifst Du!« donnerte der Rittmeister.

Er stellte sich in ehrfurchtsvolle Positur und antwortete in demüthigem Tone:

»Weil ich begreife.«

»Was begreifst Du denn?«

»Warum die Herren spazieren reiten.«

»Nun, warum?«

»Weil so gutes Wetter ist. Ich glaube, es wird trotz des Hengstes nicht schlimmer werden.«

Er wollte dem Pferde seines Herrn den Sattel auflegen; dieser aber gebot ihm:

»Ich thue das selbst. Mach schnell, daß wir nicht zu warten brauchen!«

Als der Kosak fort war, lachte der Lieutenant:

»Er merkt den Braten!«

»Und ist frech genug, es uns wissen zu lassen. Ich werde so reiten, daß er den Hals bricht.«

»Pah, er wird ihn brechen, noch ehe wir die Stadt verlassen haben. Ich bin neugierig, wie er den Sattel auf das Thier bringt. Schon das allein ist lebensgefährlich.«

Und der Kosak meinte unter einem stillen Lächeln vor sich hin:

»Sollen sich verrechnet haben. Wie gut, daß mir jener alte Schamane das Kraut entdeckt hat, mit dessen Geruch man selbst das wildeste Pferd sofort gefügig macht! Und wie gut, daß ich es bereits bei diesem Hengste versucht habe und schon dreimal des Nachts mit ihm ausgeritten bin, ohne daß es Jemand bemerkte. Der Rittmeister will mich umbringen! Nun wohl er oder ich!«

Drüben saßen die Kosaken vor ihren Hütten. Als sie sahen, daß er nach dem Stalle ging, in welchem sich das wilde Pferd befand, kamen sie eiligst herbei.

»Willst Du füttern, Brüderchen?« fragte Einer.

»Nein, sondern mit dem Rittmeister ausreiten.«

»Auf diesem Hengste?«

»Ja. Er hat es befohlen.«

»So ist er – oh oh, er ist der Herr und man muß ihm gehorchen. Aber, Brüderchen, ich glaube, wir werden zwar Dich wiedersehen, Du aber uns nicht.«

Das hieß natürlich, daß man ihn todt zurückbringen werde. Er aber antwortete lächelnd:

»Man muß gehorchen. Du selbst hast es gesagt.«

Er öffnete den Stall und trat hinein. Keiner folgte. In einer Ecke zwischen zwei Brettern steckte ein kleines Büschelchen derjenigen Moosart, welche von den Tungusen Lepta genannt wird. Der Kosak nahm ein Wenig davon in den Mund, kaute es, trat zu dem Pferde, welches angebunden und an allen vier Beinen gefesselt war und blies ihm den Odem in die Nüstern. Die Augen des Thieres, welche zuvor wild gefunkelt hatten, wurden sofort sanfter. Es schnaubte wohlgefällig durch die Nüstern. Jetzt nahm er den Sattel und trug ihn hinaus vor den Stall.

»Du sattelst nicht drin?« wurde er gefragt.

»Nein. Wer von Euch hat den Muth, hinein zu gehen und das Thier loszubinden?«

Sie blickten einander zögernd an. Endlich erklärten sich Zwei bereit dazu und gingen hinein.

Eben nahm der Kosak die Nogaika, welche an der Außenwand des Stalles hing, vom Nagel, als auch bereits die beiden Offiziere herbeikamen. Sie saßen auf ihren Pferden.

Die Nogaika ist die schwere, aus starken Riemen zusammengeflochtene und mit kurzem Stiele versehene Peitsche der Tabuntschiks (Hirten wilder Pferdeheerden). Ein gewandter Tabuntschik schlägt mit dieser Peitsche den stärksten Wolf mit einem einzigen wohlgezielten Hiebe todt.

»Kerl!« donnerte der Rittmeister. »Bist Du noch immer nicht im Stalle! Was lungerst Du da herum? Hinein mit Dir!«

»Darf ich nicht hier satteln?«

»Hier? Bist Du wahnsinnig!«

Da aber kam der Hengst schon aus der Thür gebraust, daß alle Anwesenden angstvoll aus einander stoben. Er galoppirte einmal rundum, bis der Kosak ihm entgegen trat. Dieser Letztere hatte das gekaute Moos unbemerkt aus dem Munde genommen und hielt es dem Thiere hin, indem er so that, als ob er es am Kopfe liebkosen wolle. Der Hengst schnaubte zwar noch einige Male unheimlich, als aber der Kosak ihm die Hand auf das Maul legte, nahm er das Moos aus derselben mit den Lippen auf und ließ sich geduldig den Sattel auf- und die Zügel anlegen. Laute Rufe der Verwunderung erschallten. So Etwas war noch niemals gesehen worden. Auch die Offiziere trauten ihren Augen kaum, als der Kosak jetzt so ruhig in den Sattel stieg, als ob er eine alte Mähre reiten wolle. Der Rittmeister trieb sein Pferd vorsichtig herbei und sagte:

»Mensch ist das auch der Hengst?«

»Herr, siehe Dir ihn an!« antwortete der Gefragte unterwürfig.

»Und er ist so lammfromm!«

»Ein Anderer dürfte es nicht wagen.«

»Warum aber darfst Du es?«

»Weil ich einen jeden Feind zu bezähmen weiß, gleichviel ob Mensch oder Thier.«

»Unverschämt! Was soll die Peitsche?«

»Ich nehme sie mit, um, wenn ich auf diesem Ritte verunglücken sollte, noch in letztem Augenblicke Dem, der daran schuld ist, mit der Nogaika das Rückgrat einzuschlagen.«

Er sagte das im höflichsten Tone und indem er seinen Vorgesetzten ganz unterwürfig anblickte. Dieser aber merkte gar wohl, wem diese Drohung galt und fragte zornig:

»Wen meinst Du?«

»Den Wolf natürlich.«

»Ah, das ist Dein Glück! Ich dachte. Du hättest irgend ein menschliches Wesen gemeint. Wirf die Peitsche fort und folge uns!«

Er wendete sein Pferd dem Flusse zu. Der Kosak gehorchte. Er warf die Nogaika von sich und ritt hinter den beiden Offizieren her. Alle blickten ihm nach. Einer bekreuzigte sich und sagte:

»Herr führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von allem Uebel! Er hat den Teufel. Der wilde Hengst gehorcht wie ein krankes Lamm!«

Platowa liegt an der Amgha, welche sich in den Altan, einen Nebenfluß der Lena ergießt. Unweit der Stadt ist eine Furth, durch welche die Offiziere ritten. Das Wasser ging jetzt, zum Herbste, den Pferden nicht bis an den Leib. Drüben auf dem andern Ufer angekommen, setzten sie ihre Thiere erst in Galopp und dann in Carrière. Der Kosak folgte in demselben Tempo, ohne daß ihm der Hengst die geringste Schwierigkeit bereitete.

Der Rittmeister, welcher sich zuweilen nach ihm umblickte, bemerkte dies.

»Der Kerl hat den Satan im Leibe!« knurrte er. »Wie er es nur angefangen hat!«

»Auch mir ist es unbegreiflich,« meinte der Lieutenant.

»Und hast Du seine Drohung gehört?«

»Die mir galt!«

»Dir das Rückgrat einzuschlagen! Der Mensch scheint also doch nicht so unbefangen zu sein, wie Du bisher angenommen hast.«

»Ich werde ihm Mores lehren. Wollen doch einmal sehen, ob der Hengst auch im Wasser so geduldig ist.«

»Wie, Du willst wieder durch den Fluß?«

»Ja, dort!«

Er deutete nach dem Ufer, welches in ziemlicher Entfernung von ihm lag.

»Dort ist der Fluß am tiefsten und am reißendsten. Du meinst doch nicht etwa, daß wir da hindurchreiten wollen!«

»O nein, wir nicht, sondern nur er.«

»Unter welchem Vorwande?«

»Da drüben, weit jenseits des andern Ufers, sehe ich einen Wagenzug, welcher nach der Stadt zum Jahrmarkte fährt. Er soll fragen, woher diese Leute kommen.«

»Er kommt nicht hinüber. Es ist zu gefährlich!«

»Eben deshalb! Weißt Du, es ist grad der Ort, an welchem er im vorigen Frühjahre, als das Eis zu gehen begann, Karparla aus dem Wasser holte. Sie hatte geglaubt, noch über den Fluß reiten zu können; aber das Eis brach, und sie versank zwischen die Schollen. Er mag jetzt versuchen, ob er nochmals glücklich herauskommt.«

Er lenkte nach dem Ufer ein, blieb aber sehr bald wieder halten und sagte, vorwärts deutend:

»Weidet dort nicht ein Pferd am Wasser?«

»Ja.«

»Und dabei liegen Frauenkleider!«

»Ein Röckchen und ein Leibchen aus Zobel! Ach!«

»Doch nicht etwa Karparla! Sollte sie baden?«

»Warum nicht? Der Ort ist abgelegen, und das Ufer ist hoch und von Büschen eingefaßt; da kann es selbst ein Frauenzimmer wagen zu baden.«

»Aber grad an diesem gefährlichen Orte!«

»Hm! Die Tungusinnen sind ausgezeichnete Schwimmerinnen. Sie bewohnen ein Land, welches reich an Wasser, an Flüssen und Morästen ist. Es ist für sie gradezu eine Nothwendigkeit, Schwimmen zu lernen. Uebrigens ist der Fluß hier hüben nicht so reißend wie drüben.«

»Wollen einmal hin!«

»Wie? Du willst sie beobachten?«

»Ja. Ist sie schon in den Kleidern reizend, welch eine Venus muß sie erst im Bade sein! Komm!«

»Bedenke, ein Weib beobachten!«

»Sei kein Thor! Sie sieht uns nicht. Wir bleiben hinter den Büschen. Und es gewährt mir ein Vergnügen, Dir zeigen zu können, welch eine entzückende Frau ich bekomme.«

Sie ritten also dem Ufer entgegen, gar nicht daran denkend, daß der Kosak ihnen folgte, ja ihnen sogar folgen mußte, weil er gezwungen war, eine ganz bestimmte Distanz einzuhalten.

Hinter den Büschen versteckt, erblickten sie bald die schwanenweisse Gestalt der Badenden, welche sich gewandt und angstlos in entzückenden Bewegungen in der Fluth tummelte.

Auch sie war durch die Furth geritten. Sie wollte durch einen Parforceritt den Gefühlen, mit denen sie die Wohnung des Kreishauptmannes verlassen hatte, das Gleichgewicht halten.

So jagte sie über die Ebene dahin. Sie wollte den widerwärtigen Gedanken, daß sie die Braut eines rohen Menschen sei, von sich werfen. Es gelang ihr nicht. Ein heiliger, jungfräulicher Zorn erfüllte ihre Seele. Die Frau dieses Mannes! Sich von ihm liebkosen lassen! Bis zum Tode bei ihm zu sein! Niemals!

Aber der Eid des Vaters, welchen er dem Schamanen gegeben hatte! Er mußte erfüllt werden. Wie war dieser Zwiespalt auszugleichen? Sie wußte es nicht. Sie sann und sann und fand doch kein Mittel.

Sie dachte an den Kosaken. Sie erkannte noch gar nicht, welchen tiefen Eindruck er auf ihre Seele, auf ihr Herz gemacht hatte; aber sie wurde innerlich ruhig bei dem bloßen Gedanken an ihn. Sie fühlte ein seelisches Wohlbehagen, ein Etwas, was sie bis jetzt noch nicht gekannt hatte. Sie hätte laut aufjubeln mögen. Unwillkürlich erklang es freudig von ihren Lippen:

»Nummer Zehn! Nummer Zehn!«

Sie, die Fürstentochter, rief die Nummer eines Verbrechers, eines namenlosen, verachteten Menschen aus, und – sie schämte sich dessen nicht. Ja, sie wurde sich vielleicht gar nicht einmal genau bewußt, daß sie den Lüften diese zwei Worte anvertraut hatte.

Da winkten ihr rechts die glänzenden Wasser des Flusses. Dort hatte er sie gerettet. Sie lenkte hin und betrachtete sich die Stelle. Da hatte er mit ihrer erstarrten Gestalt im Schilfe gelegen, ihr die Brust geöffnet – bei diesem Gedanken legte sie sich erröthend die Hand an den vollen, herrlichen Busen. Doch zugleich zitterte ein mädchenhaftes glückliches Lächeln um ihre Lippen. Wenn auch sein Blick in dieses Heiligthum ihrer Schönheit eingedrungen war, sie brauchte sich dessen nicht zu schämen; sie war sich ihrer Vollkommenheit bewußt, ohne sich erst fragen zu müssen, ob sie auch wirklich vollkommen sei.

Und dann hatte er ihr den Odem eingehaucht und sie auf den Mund geküßt. Ihre Hand klopfte bei diesem Gedanken ganz absichtslos den Hals ihres Pferdes, als ob sie grad jetzt ein Wesen haben müsse, welches sie liebkosen dürfe.

Da aber war der Rittmeister dazu gekommen, dieser unbeschreiblich widerwärtige Mensch! Sie schlug kräftig mit der Peitsche durch die Luft. Sie hätte das gethan, wenn der Rittmeister jetzt neben ihr gehalten und also ihr Hieb ihn getroffen hätte. Sie schüttelte energisch den Kopf, daß das goldene Haargeschmeide laut erklang. Gar nicht an ihn denken! Lieber an den Andern, der für sie das Leben gewagt und sich in die eiskalte Fluth gestürzt hatte, um sie zwischen und unter den wirbelnden Eisschollen hervorzuholen.

Das hier war derselbe Fluß, dieselbe Stelle, dasselbe Wasser. Aber es war nicht ein kalter Vorfrühlings- sondern ein warmer Herbsttag, ein Tag, wie ihn nur Sibirien im Herbste zeigt, wenn die Sonne noch einmal ihre ganze Wärme herniederstrahlt, um bald, vielleicht morgen schon für die Zeit der langen Wintermonate zu erkalten. In jenen Gegenden jagen sich die Jahreszeiten mit rapider Schnelligkeit.

In diesem Wasser hatte der Retter um ihr Leben gekämpft. Wie schön, sich einmal von denselben Finthen umspülen lassen zu können! Sollte sie? Ihr Blick schweifte forschend umher. Die Stadt lag weit, weit oberhalb jener Stelle. Ringsum war kein Mensch zu sehen. Bebautes Feld, welches Menschen angezogen hätte, gab es nicht. Die Ufer lagen hoch, das Wasser tief. Sie war eine gute Schwimmerin.

Noch während ihr diese Gedanken kamen, war sie vom Pferde gesprungen und hatte begonnen, das Gewand und den Schmuck abzulegen. Bald schwamm sie in der Fluth.

Sie hatte keine Ahnung, daß indessen die beiden Offiziere herbeigekommen waren. Ganz in Vertrauen, daß sie sich mutterseelenallein hier befinde, gab sie sich der Wonne des Bades hin. Die Augen des Rittmeisters glühten förmlich zwischen den Zweigen hindurch.

»Nun?« fragte er. »Was sagst Du dazu?«

»Mensch, ich beneide Dich!«

»Nicht wahr! Sie ist herrlich!«

»Aber bemerkst Du denn nicht, daß der Kosak hinter uns hält und Alles ebenso sehen kann!«

Der Rittmeister blickte sich um und sagte dann:

»Der? Erstens ist es ganz ebenso, als ob er gar nichts sehe; ein Deportirter ist kein Mensch. Und sodann hat er sich ja umgedreht. Dieser Hallunke thut wirklich, als ob er uns eine Lehre geben wolle. Schau, er reitet sogar zurück! Warte, Bursche, Du sollst mir schon selbst noch in das Wasser heut!«

»Natürlich aber jetzt noch nicht!«

»Nein. Erst muß sie heraus, denn sie darf nicht ahnen, daß – – Donnerwetter! Da kommen noch andere Lauscher! Sie kommen jedenfalls von dem erwähnten Wagenzuge.«

Er deutete nach dem jenseitigen Ufer, welchem sich drei Reiter langsam näherten, nicht ahnend, welcher unerwartete Anblick sich ihnen bieten werde. Es waren zwei dürre, unendlich lange Kerls und ein kleiner, aber außerordentlich dicker Mensch. Sie ritten auf kleinen, hagern, schwerköpfigen burätischen Pferden welche wohl müde oder durstig geworden waren. Darum hatten sie für einige Augenblicke den Wagenzug verlassen, um den Fluß aufzusuchen und dort ihre Pferde zu tränken.

»Paß auf, was sie thun werden!« lachte der Rittmeister.«

»Jedenfalls bleiben sie und lauschen!«

»Natürlich. Schau, jetzt sind sie da!«

Die drei Reiter erblickten jetzt die Schwimmerin. Sie stutzten einen Augenblick, schienen sich einige Worte zu sagen und zogen sich dann zurück.

»Ah, die kennen das sechste Gebot!« höhnte der Lieutenant.

»Ja. Aber Sie haben auch uns gesehen. Schau, was der Dicke wollen mag?«

»Er winkt nach uns herüber.«

»Ich glaube gar, er meint, daß auch wir uns entfernen sollen!«

»Natürlich! Das ist ja aus der Art und Weise, wie er winkt, zu ersehen.«

»Laß ihn winken so lange er will!«

»Jetzt droht er gar mit der Faust!«

»Mag er!«

Der kleine dicke Reiter jenseits des Flusses hob wirklich die Faust drohend empor. Dann winkte er abermals, und als auch das keinen Erfolg hatte, sah man, daß er aus dem Sattel stieg und einen langen Gegenstand von dem letzteren losschnallte.

»Donnerwetter! Eine Flinte!« sagte der Rittmeister.

»Er wird doch nicht schießen wollen!«

»Er soll es wagen!«

Aber der fremde Reiter schien das für gar kein Wagniß zu halten. Er winkte noch einmal sehr energisch. Als das nichts half, legte er das Gewehr an! der Schuß krachte. Der Rittmeister fuhr zusammen, sich nach dem Kopfe greifend. Er hatte dort einen Ruck verspürt.

*

68

»Bei Gott, der Hund schießt!« rief der Lieutenant. »Bist Du verwundet?«

»Getroffen wurde ich irgendwo.«

»Ah, hier in den Kalpak. Die Agraffe mit der Feder ist verschwunden.«

Da ertönte es in sehr gebrochenem Russisch von drüben herüber:

»Der erste Schuß in die Mütze zur Warnung, der zweite aber sicher in den Kopf.«

»Hund, wer bist Du?« brüllte der Rittmeister voller Wuth hinüber.

»Sam Barth ist mein Name. Lauf, mein Junge, sonst treffe ich Dich!«

Er erhob das Gewehr zum zweiten Male.

»Komm, komm!« warnte der Lieutenant. »Er schießt ganz gewiß!«

Er zog den Rittmeister schleunigst mit sich fort, hin zu den Pferden. Während sie diese bestiegen und schnell davonritten, polterte der Genannte:

»Auf mich zu schießen. Nicht blind, sondern mit einer wirklichen Kugel. Hast Du den Namen auch verstanden?«

»Ja.«

»Der Kerl war also noch frech genug, uns zu sagen, wie er heißt!«

»Wenn er nicht einen falschen Namen gesagt hat.«

»Selbst in diesem Falle ist er leicht zu finden. So dick wie er, giebt es hier Niemand, meine zukünftigen Schwiegereltern ausgenommen.«

»Der Sprache nach war er kein Russe.«

»Nein. Sam Barth. Barth ist deutsch.«

»Sam aber Englisch oder Amerikanisch. Die beiden Anderen waren echte Yankeegestalten. Reiten wir, um über die Furth zu kommen. Dann können wir diese drei Gesellen sofort empfangen und arretiren.«

Sie drückten den Pferden die Sporen in die Weichen und jagten der Stadt entgegen.

Karparla war natürlich sehr erschrocken, als sie den Schuß hörte und aus demselben erkannte, daß sie sich nicht allein an dieser einsamen Stelle befinde. Dann, als der Dicke seine Drohung herüber rief, hörte sie aus seinen Worten, daß sie vom linken Ufer aus belauscht worden sei. Und wer dieser freche Mensch gewesen war, das hörte sie aus dem Rufe des Rittmeisters, dessen Stimme sie sofort erkannte.

Sie war gleich bei dem Schusse so weit untergetaucht, daß nur der Kopf aus dem Wasser hervorblickte. Jetzt war es ihr, als ob sie Pferdegetrappel höre, welches sich entfernte. Und vom rechten Ufer herunter ertönte dieselbe Stimme, welche sie vorher gehört hatte:

»Töchterchen, wir haben uns so gestellt, daß wir Dich nicht sehen können. Hörst Du uns?«

»Ja,« rief sie beherzt zurück.

»Steig in Gottes Namen aus. Sie sind fort.«

»Aber Du?«

»Wir sind drei fremde Männer und wollen unsere Pferde tränken. Wir sitzen mit dem Rücken gegen den Fluß und werden uns nicht umdrehen, bis Du es uns erlaubst.«

»Ist das wahr?«

»Wir geben Dir unser Ehrenwort!«

Der Fluß war nicht sehr breit, so daß sich die Sprechenden sehr leicht verstehen konnten.

»So haltet Wort!«

Im Vertrauen auf die Ehrlichkeit dieser Fremden, stieg sie an das Ufer. Ein schneller Blick nach hinüber überzeugte sie, daß der Mann die Wahrheit gesagt hatte. Die drei Männer saßen unbeweglich, mit dem Rücken dem diesseitigen Ufer zugewandt. Sie kleidete sich schnell an. Dann rief sie:

»Jetzt könnt Ihr Euch umdrehen.«

Die Fremden thaten es.

»Wer seid Ihr?« fragte sie, nun auch ihren Schmuck mit mehr Muße anlegend.

»Ich bin ein Deutscher, meine Kameraden aber sind Amerikaner.«

»Habt Ihr Denjenigen gesehen, welcher mich belauschte?«

»Ja; ich habe ihm dafür eine Kugel durch die Mütze geschossen. Es waren Mehrere. Zwei Offiziere und ein Diener.«

»Hat auch der Diener mich gesehen?«

»Nein. Er war so weit zurückgeblieben, daß dies unmöglich war.«

»Der Brave! Aber Euch wird es schlimm ergehen.«

»Warum?«

»Der, nach welchem Du geschossen hast, ist der Sohn des Kreishauptmannes.«

»Welch ein vornehmer Kerl!«

»Ja. Er wird davon geritten sein, um Euch sofort arretiren zu lassen.«

»Wunderschön!«

»Spotte nicht! Er ist mächtig hier. Man wird Euch wegen Mordes anklagen.«

»Wegen des Mordes einer Mütze.«

»Du hast auf ihn geschossen; das ist genug. Ich aber will Euch retten.«

»Du? Wieso?«

»Tränkt Eure Pferde nicht. Ihr dürft keine Zeit verlieren. Reitet im Galopp nach dem Jahrmarktslager und fragt nach dem Fürsten der Tungusen, welcher Bula heißt. Kommt Ihr dort vor den Offizieren an, so wird er Euch nicht ausliefern.«

»Kennt er Dich denn?«

»Ich bin seine Tochter.«

»Ich danke Dir! Du meinst es gut, aber wir fürchten uns nicht vor einem Kosaken.«

»Ihr sollt Euch aber fürchten, mir zu Liebe!«

»Dir zu Liebe? Alle Wetter, ja. Dir zu Liebe wollen wir uns gern einmal fürchten.«

»So reitet also schnell! Ich komme gleich nach. Ich will versuchen, die Offiziere zu überholen.«

»Gut, mein Töchterchen. Auf Wiedersehen!«

Die Drei stiegen auf und trabten davon. Karparla war jetzt auch fertig. Sie setzte sich auf und jagte im Carrière dem diesseitigen Ufer entlang, der Stadt entgegen. Ihr Pferd war weit besser als diejenigen der Offiziere. Aus diesem Grunde holte sie die Letzteren an der Furth ein. Sie trieb ihr Pferd in einem weiten Sprunge in das Wasser.

»Plutja, Lejdak – Schuft, Schurke!« rief sie dem Rittmeister zu, an ihm vorüberschießend, so daß seine ganze Gestalt mit Wasser bespritzt wurde.

Er antwortete nicht, hieb aber sein Pferd auf das Aeußerste an, ohne sie jedoch einholen zu können.

Als sie das Lager erreichte, waren die Drei noch nicht da. Ihre Eltern waren bereits wieder von dem Isprawnik zurückgekehrt und befanden sich in ihrer großen, sehr geräumigen Jurte. Sie stieg gar nicht ab, rief ihnen nur einige erläuternde Worte zu und eilte weiter, den Erwarteten entgegen.

Sie fand dieselben schon nach wenigen Secunden, sich nach dem Zelte des Fürsten erkundigend. Sie brachte sie zu demselben, noch ehe der Rittmeister eingetroffen war.

»Steigt schnell ab und geht hinein!« gebot sie.

Selbst auch abspringend, führte sie die Drei in das Innere des Zeltes. Kaum war dies geschehen, so kamen auch die Offiziere angeritten. Sie warfen sich von den Pferden und betraten das Zelt. Der Rittmeister vergaß, zu grüßen. Er erblickte den Dicken und sagte:

»Da ist er! Mensch, Du bist mein Gefangener!«

»Oder Du der meinige!« lachte Sam in seinem gebrochenen Russisch.

Wie er das erlernt hatte, wird man später hören.

»Ich der Deinige?« rief der Offizier erstaunt.

»Ja, denn ich habe Dich und Du hast mich. Oder vielmehr, es hat noch Keiner den Anderen.«

»Keine Frechheit! Ich dulde sie nicht! Ich bin der Sohn des Kreishauptmannes von Platowa!«

»Und ich der Sohn des Knopfmachers von Herlasgrün!«

»Ich bin der Befehlshaber der hiesigen Militärmacht!«

»Und ich bin der Oberstcommandirende dieser beiden Armee-Corps!«

Er deutete dabei auf Jim und Tim, welche zu seiner Rechten und Linken standen.

»Du scheinst wahnsinnig zu sein!«

»Und Du nicht recht gescheidt! Ich befinde mich unter dem Schutze eines tungusischen Fürsten!«

»Aber auf russischem Boden! Er muß Dich an uns ausliefern.«

Da sagte Karparla in festem Tone:

»Er ist mein Gast und wird nicht ausgeliefert.«

»So hole ich meine Kosaken!«

»Hole sie. Es sind fünfmal mehr Tungusen bei uns. Sie werden es nicht dulden, daß Du ihre Prinzessen entehrst und deren Beschützer beschimpfest und arretirst.«

»So wird es zum Kampfe kommen!«

»Jawohl! Waffe gegen Waffe!«

»Bedenke, was Du thust!«

»Hast Du bedacht, was Du thatest?«

»Du bist meine Braut und hast mir zu gehorchen.«

Der Fürst und die Fürstin saßen auf ihren Polstern. Sie befanden sich in einer ziemlich heiklen Lage und hielten es für das Beste, weder für ihre Tochter, noch für den Offizier Partei zu nehmen. Das lag so in ihrem friedlichen Character und langsamen Naturell.

Sam bemerkte das gar wohl. Er kannte die einschlagenden Verhältnisse gar nicht, aber sein Scharfblick brachte ihn auf das Alleinrichtige. Er fürchtete den Kosaken nicht und hatte auch nicht die Absicht, die braven Tungusen in Schaden zu bringen. Darum sagte er jetzt:

»Zankt Euch nicht, Kinder. Wir werden freiwillig mit zu dem Kreishauptmann reiten.«

»Freiwillig?« meinte der Rittmeister. »Ihr müßt. Ihr seid meine Gefangenen. Ich werde Euch binden lassen und in das Gefängniß bringen.«

»Nein,« lachte Sam; »das wirst Du bleiben lassen, mein Söhnchen.«

»Wer will es mir verbieten?«

»Wir Drei. Wir würden einen Jeden erschießen, welcher es wagen sollte, uns anzurühren. Aber wir werden jetzt unsere Pferde besteigen und freiwillig dem Isprawnik, Deinem Vater, unseren Besuch machen.«

»Das klingt lustig!«

»Es ist auch lustig. Laß es ja dabei, sonst wird es Ernst! Siehe her!«

Er zog zwei Revolver hervor, hielt sie drohend vor sich hin und schritt dem Zeltausgange zu. Jim und Tim folgten, ebenso bewaffnet. Die Offiziere wichen zur Seite.

»Ich verlasse Euch nicht. Ich reite mit Euch,« sagte Karparla und stieg in den Sattel.

Es hatte sich vor dem Zelte eine große Menge Volkes versammelt, besonders Tungusen vom Stamme des Fürsten. Karparla erklärte ihnen mit lauter Stimme:

»Hört, Ihr Krieger! Diese beiden Offiziere haben sich nicht gescheut, mich zu belauschen, als ich vorhin im Flusse badete. Diese wackeren Fremden kamen dazu und haben sie vertrieben. Dafür sollen sie in das Gefängniß geworfen werden. Duldet Ihr diese Beschimpfung Eurer Herrscherin und ihrer Beschützer?«

»Nein, nein!« erklang es rund umher. »Bestraft die Kosaken und belohnt die Fremden!«

Den Offizieren, welche sich inmitten der Menge befanden, wurde es ziemlich schwül. Karparla wollte jetzt keine Gewaltthätigkeit. Darum mahnte sie:

»Ich werde diese drei Freunde der Tungusen zum Kreishauptmann begleiten. Wartet meine Rückkehr ab. Dann wird sich finden, was zu thun ist.«

Die gehorsamen Leute machten Platz, so daß die sechs Personen das Zeltlager verlassen konnten. An ein formelles Arretiren der drei Fremden dachten die Offiziere unter diesen Umständen nun allerdings nicht mehr.

Es ging im Galopp der Stadt entgegen. Vor dem Regierungsgebäude wurde abgestiegen. Der Rittmeister flüsterte dem Lieutenant einige Worte zu und dieser ging, um die Ausgänge des Gebäudes von seinen Kosaken besetzen zu lassen.

Karparla mußte mit ihren drei Schützlingen im Vorzimmer warten. Der Rittmeister ging allein zu seinem Vater, um diesem vorher Bericht zu erstatten. Bald trat er unter die Thür, um die Anderen herein zu rufen.

»Ich bleibe hier,« sagte das Mädchen. »Ich habe mit Euch nichts zu schaffen. Ich will nur erfahren, was Ihr mit diesen Männern thun werdet.«

»Sie werden eingesteckt und nach Irkutsk transportirt, wo man ihnen zeigen wird, was es heißt, auf einen Offizier zu schießen.«

»Das wird sich finden, mein Liebling!« lachte Sam, indem er ihn zur Seite schob, um eintreten zu können.

Der gestrenge Herr Kreisrichter empfing die drei Delinquenten mit seinem finstersten Blicke.

»Du hast auf diesen Offizier geschossen?« herrschte er Sam an.

»Nein.«

»Leugne nicht!«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Er behauptet es!«

»So lügt er.«

»Mensch, wahre Deine Zunge, sonst lasse ich Dir die Knute geben.«

Da stellte sich Sam in Positur und antwortete:

»Du? Mir die Knute? Mir? Du wärst mir der richtige Kerl dazu. Wenn Du es noch einmal wagst, die Knute zu erwähnen, so haue ich Dir ein Dutzend Ohrfeigen herunter, daß Du denken sollst, unter Deinem alten Schädel ritten zehn Millionen Kirgisen spazieren! Ich weiß ganz genau, was des Kaisers Rock bedeutet; ich würde nie mich an einem braven Offizier vergreifen, aber kann ich einen Menschen, der sich hinter die Büsche steckt, um ein badendes Mädchen zu belauschen, für einen Offizier halten? Ein Flegel ist er, ein neugieriger Affe und unverschämter Bengel! Wenn Du das nicht zugiebst, so mag der Generalgouverneur von Sibirien und der Zaar darüber entscheiden!«

»Du hast hier zu schwei–«

»Halte das Maul!« brüllte Sam ihn nun erst recht an. »Jetzt rede ich, und dann kommst erst Du daran! Du bist der Isprawnik von Platowa, ich aber bin Samuel Barth aus Herlasgrün! Kennst Du das?«

»Nein,« entfuhr es dem Eingeschüchterten.

»So rede auch nicht drein, wenn ich Dir die Ehre gebe, mit Dir zu reden! Wenn Du Deinem famosen Sohne helfen willst, so bist Du noch famoser als er selbst, Du – Du – Du Isprawnikel Du! Du scheinst überhaupt gar nicht zu wissen, daß man sich erst erkundigt, was für Leute man vor sich hat. Der heilige Zaar in Petersburg wird sich freuen, wenn er von mir erfährt, was es hier für Hornissen giebt. Da hast Du meinen Paß. Siehe Dir ihn an! Und kannst Du nicht lesen, so will ich Dir das ABC mit Kreide auf den Stuhl schreiben; wenn Du Dich drauf setzest, so hast Du es an den Hosen kleben und es wird dann gehen!«

Er zog seine Brieftasche hervor, nahm den Paß heraus und legte denselben dem Isprawnik vor. Er hatte seine Rede so schnell und in einem Kauderwelsch vorgebracht, daß der Beamte wohl nicht viel mehr als die Hälfte der Höflichkeiten, welche sie enthielt, verstand. Es wäre dem guten Sam aber ebenso lieb gewesen, wenn Alles verstanden worden wäre. Furcht kannte er ja gar nicht.

Der Isprawnik öffnete den Paß, las ihn langsam durch, rieb sich die Augen und begann wieder von vorn. Sein Gesicht wurde immer länger. Auf einen Wink Sam's legten auch Jim und Tim ihre Legitimationen vor, welche ebenfalls von dem Beamten geprüft wurden.

Diesem Letzteren begann es zu schwitzen. Sein Sohn bemerkte seinen Zustand, trat hinzu und nahm auch Einsicht in die Pässe. Da meinte Sam:

»Diese Pässe sind eigentlich nicht ausgestellt, um von Leuten geprüft zu werden, welche solche Jugendstreiche begehen. Ich befinde mich aber gegenwärtig in guter Stimmung und will es erlauben, daß vier Augen hinein sehen, anstatt nur zwei.«

Weder Vater noch Sohn gaben eine Antwort. Der Erstere legte die Documente sorgfältig wieder zusammen und stellte sie den Eigenthümern wieder zurück.

»Und nun?« fragte Sam.

»Ihr seid frei!«

»Frei? Das sind wir bis jetzt gewesen. Ich hoffe, eine andere Antwort zu erhalten.«

»Was geschehen ist, beruht auf Mißverständnissen –«

»Oho! Ich habe auf die Mütze gezielt und sie auch getroffen; das ist kein Mißverständniß. Dein Sohn hat ein badendes Mädchen sehen wollen und es auch gesehen; ist da etwa ein Mißverständniß vorhanden?«

»Du hast kein Recht zu schießen!«

»Und er kein Recht, zu lauschen. Dennoch hat er mich arretiren wollen. Ich hoffe, daß er sich entschuldigt, sonst melde ich es dem Gouvernement, was mich veranlaßt hat, eine Kugel nach einer Mütze zu senden.

Sam stand erwartungsvoll da. Vater und Sohn blickten einander an. Da drehte sich der Letztere mit einem gewaltsamen Ruck zu dem Dicken um und sagte:

»Ich gebe zu, daß ich zu schnell handelte.«

»Und? Weiter –«

»Und bitte um Entschuldigung!«

»So ist es recht, mein Söhnchen! Wer den Muth hat, Fehler zu begehen, muß auch den Muth haben, sie einzugestehen. Hoffentlich giebt es keine ferneren Mißverständnisse. Eigentlich hatten wir die Absicht, hier im Gebäude um Gastfreundschaft zu bitten –«

»Gern, sehr gern sind wir bereit!« beeilte sich der Kreishauptmann zu bemerken.

»Danke! Wir sind nun bereits Gäste des Tungusenfürsten und werden ihm treu bleiben. Leb wohl, Väterchen! Leb wohl, Brüderchen! Wir wollen den Tag nicht vergessen, an welchem wir uns so schön kennen gelernt haben!«

Er trat mit Jim und Tim ab.

Die Zurückbleibenden blieben noch eine ganze Weile stumm. Dann brach der Vater los:

»Welch eine Blamage!«

»Oder vielmehr, welch ein Aerger!«

»Nein, es ist Blamage. Und nur Du bist daran schuld.«

»Ich? Nur ganz allein Nummer Zehn ist schuld. Wäre ich nicht mit ihm ausgeritten, so – so – aber er soll seine Strafe finden. Aber konnte man das diesen drei Kerls ansehen!«

»Ihrem Aeußeren war nichts davon zu entnehmen. Eigenhändig vom Zaaren unterzeichnet, ebenso von dem Großfürsten-Thronfolger als obersten Hetman der sibirischen Kosaken.«

»Und ihnen auf Verlangen sogar militärische Hilfe zur Verfügung stellen!« »Ja, wenn es diesem dicken Barth beliebte, Dich noch heute mit Deinen Kosaken in die Sümpfe zu schicken –«

»So müßte ich gehorchen!«

»Also vorsichtiger in Zukunft sein! Es ist ja bei solchem Verhalten wohl gar möglich, daß Du die reiche, schöne Braut verlierst. Und Du kennst unsere finanziellen Calamitäten.«

»Pah! Die verlieren! Dazu sind ihre Alten zu gutmüthig und pflichtgetreu. Die werden ihr Wort niemals brechen.« –

Es war eine Art Triumphzug, als Karparla mit ihren Gästen zurückkehrte. Als sie ihren Eltern erzählte, daß sich diese selbst vertheidigt hätten, ohne eines anderen Schutzes zu bedürfen, wuchs die Achtung des dicken Fürstenpaares bis in das Unendliche.

Der Tungusenherrscher reichte den Dreien seine Hände dar und sagte:

»Erst jetzt ist es mir vergönnt, Euch bei mir willkommen zu heißen. Vorher war keine Zeit dazu. Sagt mir, bei welchem Namen ich Euch nennen soll!«

»Ich heiße Sam Barth. Dieser ist Jim Snaker und Jener Tim Snaker.«

»Ich – Dieser – Jener! Samahrt – Jimscheker – Timscheker! Das ist zu schwer für meine alte Zunge, meine lieben Brüderchens. Erlaubt, daß ich Euch mit bekannteren Worten nenne, wie es mir beliebt!«

»Thue es!«

»So wird Dein Name Tjikwa sein.«

»Sapperment! Das heißt Kürbis, wohl weil ich so ein rundes Bäuchlein habe.«

»Und die beiden anderen Brüderchen werde ich Planka und Rogatjina nennen.«

»Was heißt das?« fragte Jim.

»Latte und Stange,« erklärte Sam.

»Da bin ich nicht einverstanden!«

»Ich auch nicht,« stimmte Tim bei.

In Folge dessen wurde es dem dicken Tungusen klar gemacht, daß er die Familiennamen weglassen könne und nur die drei einsylbigen Worte Sam, Jim und Tim zu merken habe. Das leuchtete ihm mehr ein. Von Familiennamen ist bei jenen Völkern nicht die Rede.

Jetzt bewirthete der Fürst seine Gäste, wobei die schöne Tochter dieselben bediente. Sam ließ das Auge nur selten von ihr und flüsterte den beiden langen Brüdern wiederholt zu:

»Beinahe noch schöner als meine Auguste!«

Dann wurde ausgegangen, um den Markt zu besehen und Einkäufe zu machen. Dabei stieß Jim Sam plötzlich so kräftig an, daß der Dicke beinahe auf die Erde gekollert wäre.

»Was giebt es denn?«

»Bill Newton!

»Unsinn!«

»Freilich, er war es.«

»Wie sollte der hierher nach Sibirien kommen!«

»Wer kann das sagen. Komm schnell!«

Er zog Sam zwischen mehreren Zelten hindurch, blickte nach allen Seiten, konnte die betreffende Persönlichkeit aber nicht wieder entdecken.

»Es hat Jemand dem früheren Derwisch ähnlich gesehen, das ist Alles,« meinte Sam.

»Und ich möchte fast darauf schwören, daß er es gewesen ist. Er hatte das ganze Gesicht voller Bart; das war der einzige Unterschied.«

Und er hatte Recht. Bill Newton war es gewesen. Als dieser in die Expedition des Kreishauptmannes getreten war, hatte dieser ihn ebenso ausgefragt wie die beiden Unterbeamten vorher:

»Was willst Du?«

»Meinen Paß vorzeigen.«

Bei diesen Worten legte er ihn hin. Der Beamte nahm das Document, legte es, nachdem er es durchgesehen hatte, zur Seite und sagte:

»Zwanzig Rubel!«

»Herr, ich habe bereits zweimal bezahlt!«

»Mir nicht. Zahlst Du nicht, so erhältst Du den Paß nicht zurück.«

Er bezahlte also mit stillem Ingrimme.

»Willst Du noch Etwas?«

»Darf ich im Wirthshause wohnen?«

»Ja. Kostet acht Rubel.«

»Bei dem Wirthe doch?«

»Bei mir. Der Wirth mag für sich selbst verlangen. Ich bin sein Diener nicht.«

»Noch ein Anliegen?« fragte der Kreishauptmann, als die acht Rubel auch auf dem Tische lagen.

»Ich möchte mir eine Anzahl Zobeljäger engagiren. Darf ich?«

»Kostet sechzehn Rubel.«

»Ein- für allemal?«

»Ja. Ich nehme es nicht in Raten.«

Er bezahlte auch diese Summe und erhielt dann den Paß zurück. Da fragte er:

»Herr, bedarf es eines Contractes, wenn ich mir die Pelzjäger engagire?«

»Nein.«

»Ich denke, Du hast ihn zu unterschreiben!«

»Nein. Eure Sache ist Eure Sache, aber nicht die meinige.«

»So hätte ich wohl auch ganz gut im Gasthofe wohnen können, ohne Dich zu belästigen?«

»Ja.«

»Und habe doch dreimal bezahlen müssen! Ich war am Ende auch nicht gezwungen, meinen Paß vorzuzeigen?«

»Auch nicht. Ich habe nicht die Zeit, um mich um die Reiseangelegenheiten aller Welt zu bekümmern.«

»Und doch habe ich an Dich, den Gemeindeältesten und seinen Beisitzer nun in Summa siebenundsiebzig Rubel bezahlt, ohne das Geringste dafür zu erhalten!«

»Ja, aber Du mußt Dich trösten. Die Siebenundsiebzig ist stets eine unglückliche Zahl.«

»Der Wirth hat mich zu Dir gewiesen. Das war gar nicht nöthig.«

»Das war sehr nöthig. Meinst Du, daß ich von der Luft leben kann! Wenn er Niemand zu mir sendet, so verdiene ich nichts – er aber auch nicht! Verstanden! Damit Du aber das Geld nicht allzu sehr bereust, will ich Dir das Blanket eines Contractes ausfertigen. Es hat doch vielleicht mehr Gewicht, wenn ich mich mit unterzeichne.«

»Vielleicht!« Der Derwisch hätte diesen Mann am Liebsten beohrfeigen können.

Ehe der Kreishauptmann den Bogen fand und unterzeichnete, kam dessen Sohn aus einem inneren Gemache zu ihm herein und holte nachher, als der Derwisch ging, die fürstliche Tunjusenfamilie aus dem Vorzimmer herbei, wie bereits erwähnt worden ist.

Der Derwisch, oder vielmehr Peter Lomonow, wie er sich jetzt nannte, begab sich zunächst nach dem Gasthofe, wo er aß und dem Wirthe einige Grobheiten dafür sagte, daß dieser ihn zu dem Kreishauptmann geschickt hatte.

Sodann begab er sich nach dem Markte, wo er so glücklich war, den berühmten Jäger Nummer Fünf sehr bald anzutreffen. Dieser war, da Lomonow sehr gute Preise bot, bereit, aus den Vorschlag einzugehen und machte sich sogleich daran, Gefährten zu einer Gesellschaft zu vereinigen, was ihm bei dem Rufe, in welchem er stand, in kürzester Frist gelang. Nun waren nur noch die nöthigen Einkäufe zu machen.

Während dies geschah, spielte sich die Scene mit Sam, Jim und Tim vor dem Zelte des Tungusen ab. Da sich dort viele Neugierige versammelten, wurde Lomonow auch mit dorthin gezogen. Zu seinem Erstaunen oder vielmehr gradezu zu seinem Entsetzen erkannte er die drei Jäger, denen er in dem Thale des Todes mit so großer Mühe und noch größerem Glücke entgangen war. Er glaubte natürlich nicht anders, als daß sie von jenem Tage an auf seiner Spur geblieben seien, und beschloß die schleunigste Abreise.

Die Einkäufe waren gemacht und verpackt. Ein gutes Geldgeschenk machte den Jägern die schnelle Abreise plausibel, und so wurde aufgebrochen. Grad als Lomonow sich nach dem Versammlungsplatz begeben wollte, wurde er von Jim gesehen, den er glücklicher Weise selbst auch erblickt hatte. Er wand sich schlau zwischen mehreren Zelten hindurch und entkam, herzlichst froh, Platowa, wo er hatte länger verweilen wollen, so rasch hinter sich zu haben. Jetzt senkte sich die Dämmerung hernieder, und der Abend brach herein. In dem Tanzsaale der Schankwirthschaft wurden die wenigen Lampen angebrannt, denn es verstand sich ganz von selbst, daß es heut am ersten Tage des großen Marktes einen Ball gab.

Im hintern Theile des Saales wurde durch eine bretterne Scheidewand ein separater Raum abgeschlossen, welcher für die »Herrschaften« bestimmt war. Es herrschte der Gebrauch, daß diese Honorationen jeden zehnten Tanz für sich allein hatten.

Kaum hatte eine alte Trompete das Zeichen gegeben, so strömten die Tanzlustigen in Menge herbei. Der Ball begann. Die ersten »Herrschaftstänze« fielen aus, weil die »Herrschaften« noch nicht eingetroffen waren. Bald aber stellten sie sich ein.

Den obersten Platz nahm natürlich der Kreishauptmann mit seinem Sohne ein; dann folgten die anderen Offiziere, der Pope und die Unteroffiziere. Nach nicht gar langer Zeit gesellten sich angesehene Häuptlinge der umwohnenden Völker hinzu, und endlich kam auch der Vornehmste derselben, Fürst Bula mit seiner Frau und seiner Tochter.

Sein Erscheinen erregte allgemeines Aufsehen, nicht allein der Schönheit seiner Tochter wegen, sondern weil Sam und Jim und Tim sich bei ihm befanden. Sie waren die Helden des Tages geworden. Daß Sam nach dem Rittmeister geschossen hatte und doch die Freiheit genoß, verlieh ihm in den Augen dieser einfachen Leute ein außerordentliches Relief.

Der Rittmeister, sein Vater und die Offiziere erhoben sich, um Karparla Platz zu machen. Als sie sich setzen wollten, machten sie die verblüfftesten Gesichter, welche man sich nur denken kann. Ihre Sitze waren nicht mehr leer. Sam saß auf des Kreishauptmanns, Jim auf des Rittmeisters und Tim auf des Oberlieutenants Platz. Und dabei machten sie Mienen, als ob dies so ganz und gar selbstverständlich sei.

»Unverschämt!« brummte der Jsprawnik.

Sein Sohn stimmte bei. Sam hörte es ziemlich deutlich, nickte dem Ersteren freundlich zu und sagte gelassen:

»Nenne es nicht unverschämt, daß man uns keine Kissen hergelegt hat. Wir verzichten gern darauf und sind zufrieden, daß Du uns unsere Plätze bis zu unserm Kommen bewahrt hast. Ich wünsche, daß Karparla sich zwischen mich und Jim und Kalyna, die Fürstin, sich zwischen mich und Tim setzt. Mein Freund Bula, der tapfere Fürst der Tungusen, wird dann zwischen Jim und Dir sitzen, liebes Väterchen.«

Der einstige Knopfmachergeselle machte dabei ein Gesicht, als ob er in seinem ganzen Leben nur Hofrangslisten studiert habe. Innerlich thaten sich die drei Jäger freilich eine außerordentliche Güte.

Zu essen gab es nichts, zu trinken nur Thee, Schnaps, Mehltrank und saure Milch. Die Musik wurde erzeugt von einer Trompete, einer alten Guittarre mit nur drei Seiten und einer Posaune, deren einst so grade und einfache Züge jetzt verwickelt waren wie ein Kalbsgekröse. Es war, wie der Dichter sagt, ein Concert, welches Steine erweichen und Menschen rasend machen kann.

Den Vorzug hatten nationale Tänze, wie Balalaika und ähnliche. Trotz des schlechten Getränkes und der noch schlechteren Musik begann sich bald eine ausnehmende Fröhlichkeit zu entwickeln, selbst auf dem Herrschaftsplatze.

Der Rittmeister war finster und wortkarg. Er erhielt von Karparla nicht einen einzigen Blick. Da, während eines Herrentanzes, stand er auf und trat zu ihr, um sie zu engagiren. Sie schüttelte den Kopf, ohne ihn nur anzusehen.

»Du tanzest nicht?« fragte er.

»Nein.«

»Heut gar nicht?«

»Weiß noch nicht.«

»Oder nur mit mir nicht?«

»Niemals!«

Er wurde bleich wie der Tod. Aller Blicke hatten an ihm gehangen; er war öffentlich blamirt.

»Wohl mit der Nummer Zehn etwa!« zischelte er ihr ergrimmt in das Ohr.

»Vielleicht.«

Natürlich nahm er diese Antwort des schönen Mädchens nicht für Ernst. Es schien ja eine Unmöglichkeit zu sein, daß die Tochter eines reichen Anführers mit einem armen Kosaken, der noch dazu ein Verbannter war, tanzen könne. Dennoch warf er einen wüthenden Blick über die Schranken hinweg, dorthin, wo im niedern Range der Kosak an der Mauer lehnte und dem Tanze zuzusehen schien, heimlich aber mit dem Blicke an Karparla hing.

Später verkündigte ein Trompetenstoß wieder einen Herrschaftstanz. Da stand Karparla auf, ging hinaus in den vorderen Raum und reichte dem Kosaken die Hand.

»Komm, tanze mit mir!«

Er fuhr bei diesen Worten zusammen, als ob ihn ein Hieb getroffen habe. Aber rasch richtete er sich hoch auf. Seine Augen leuchteten, und seine Wangen glühten. Er hatte gar wohl, bemerkt, daß der Rittmeister von ihr abgewiesen worden war. Jetzt kam sie, die Tänzerin zu ihm! Er machte sich auch augenblicklich die möglichen Folgen dieses ihres Schrittes klar; doch kümmerten ihn dieselben in diesem Augenblicke sehr wenig. Er legte ihr kleines, weißes Händchen auf seinen Arm und führte sie in die Mitte des Saales.

Ein allgemeines »Ah!« des Staunens war erschollen. Jetzt richteten sich aller Augen auf den Rittmeister. Die Farbe seines Gesichtes glich derjenigen einer getünchten Wand.

Die Musik begann. Nur dieses eine Paar tanzte. Die Untergeordneten durften nicht theilnehmen, und die »Herrschaften« wollten sich nicht blamiren, neben einem Deportirten sich zu drehen. Dieser aber schien an nichts zu denken, als an seine Tänzerin. Den Arm um ihre herrliche Taille geschlungen, dirigirte er sie in leichten, zierlichen Windungen hin und zurück. Sie gab sich ihm hin, den schönen Kopf leise an seine Schulter gelehnt. Ihre Augen waren halb geschlossen; ihr Gesicht hatte einen innigen Ausdruck angenommen. Zwischen den leise geöffneten Lippen glänzten die Zähnchen küßlich hervor. Wegen der Kürze und Enge des Zobelröckchens konnte man den rythmischen Bewegungen ihres Körpers in allen seinen Theilen verfolgen. Die prächtige Tungusin war ein Bild der Reinheit, Unberührtheit und doch wollustathmend zugleich.

Ihre Eltern schienen den Schritt, den sie gethan hatte, nicht übel zu deuten, denn sie blickten dem Paare fröhlich und unbefangen zu.

Jetzt war der Tanz zu Ende.

»Komm!« sagte Karparla.

Sie wollte ihn dorthin zurückführen, wo er vorhin gestanden hatte.

»Nein,« flüsterte er, »Du bist die Dame. Ich führe Dich.«

»Darfst Du denn hinauf?«

»Ich will sehen, wer es mir verbieten möchte. Ich will nicht oben bleiben, sondern nur Dich zurückbringen. Wer da mich beleidigen wollte, würde auch Dich beleidigen.«

Sie waren während dieser leisen Reden langsam bis an die Scheidewand gekommen und traten nun in den abgegrenzten Raum. Da schnellte der Rittmeister von seinem Sitze empor.

Hatten seine Augen vorher die Tanzenden mit glühendem Blicke verfolgt, so sprühten sie jetzt förmlich Feuer. Er trat auf die Beiden zu. Der Kosak that, als ob er ihn gar nicht bemerke; er aber stellte sich ihm in den Weg und rief so laut, daß seine Worte von allen im Saale Anwesenden deutlich verstanden werden konnten:

»Du wagst es, hierher zu kommen, Hund! Was willst Du da?«

Der Angeredete antwortete furchtlos und in ruhigem Tone:

»Meine Dame an ihren Platz führen. Dann aber gehe ich wieder.«

»
Deine Dame? Welch eine unerhörte Frechheit. Wie kann die Prinzessin die Dame eines hundsgemeinen Verbrechers sein! Sie ist meine Verlobte. Packe Dich! Sonst werfe ich Dich hinaus und lasse Dir die Knute geben und Dich dann krumm schließen.«

Er griff nach der Knute, welche er wie gewöhnlich an seiner Seite hängen hatte.

Ein lautloses Schweigen herrschte rund umher. Alle waren gespannt, was der Kosak thun würde. Die meisten, natürlich gewöhnliche, Leute glaubten, er werde in tiefster Demuth und Unterwürfigkeit dem an ihn gerichteten Befehle Gehorsam leisten. Niemand sprach vor Erwartung ein Wort. Nur Einer, nämlich der dicke Sam, flüsterte Jim leise zu:

»Das ist stark. Wir werden uns des armen Teufels von Kosaken annehmen.«

Dieser Letztere, nämlich der Kosak, zeigte aber weder Demuth noch Unterwürfigkeit. Aufrecht vor dem Offizier stehend, antwortete er, allerdings in einem gemessen höflichen Tone:

»Ich werde thun, was die Dame mir befiehlt.«

Er blickte Karparla fragend an. Diese fürchtete ihrerseits den Rittmeister nicht. Sie glaubte, dem Kosaken eine Ehrenrettung schuldig zu sein. Darum legte sie ihren Arm fester in den seinigen und sagte:

»Du hast mit mir getanzt, darum mußt Du mich nach meinem Platze bringen. Dann kannst Du ja wieder zu Deinem Orte zurückkehren.«

»So komm!«

Er wollte mit ihr weiter. Da aber hielt der Rittmeister ihn beim Arme fest und rief:

»Halt! Laß sie augenblicklich los!«

»Du siehst, daß sie nicht will. Wenn sie wirklich Deine Verlobte ist, so solltest Du ihr Deine Achtung dadurch beweisen, daß Du sie nicht beleidigest indem Du mich blamirst.«

»Räudiger Hund! Gehorchst Du oder nicht!«

Er erhob den Arm mit der Knute. Der Kosak entgegnete furchtlos:

»Ich bin weder ein Hund noch ein hundsgemeiner Verbrecher, wie Du mich vorhin nanntest. Ich bin wegen eines politischen Verbrechens angeklagt und ohne Untersuchung nach Sibirien gesandt worden. Uebrigens bin ich ebenso wie Du Offizier und außerdem ein Edelmann. Ich traue Dir den Verstand zu, zu überlegen, ehe Du handelst. Ein Mann wie ich läßt sich nicht die Knute geben!«

»Nicht? Ah, Schurke, da hast Du sie!«

Er holte mit dem bereits erhobenen Arme zum Schlage aus, konnte aber den Hieb nicht ausführen. Sam war herbeigetreten, ergriff seinen Arm und sagte in freundlichem Tone:

»Beruhige Dich, Brüderchen! Wir sind hier, um uns zu freuen, nicht aber, um Zank zu hören.«

Der wüthende Rittmeister aber brüllte ihn an:

»Hast etwa Du mir Etwas zu befehlen?«

»Diese Frage will ich nicht beantworten; bisher habe ich nicht befohlen, sondern nur gebeten. Achte Deine Verlobte, indem Du es schweigend geschehen lässest, daß ihr Tänzer die Pflicht der Höflichkeit gegen sie erfüllt! Es kann Dir ganz gleichgiltig sein, daß er für einen Augenblick hierher kommt!«

»Nein, es ist mir nicht gleichgiltig! Er darf nicht dahin, wo ich bin!«

»Schön! So darf er aber dahin, wo ich bin. Ich bin der Gast des Fürsten, und ich will sehen, ob Du mich auch beleidigst, indem Du mir versagst, was ich thun will!«

Und sich zu dem Kosaken wendend, sagte er:

»Brüderchen, führe Deine Dame an ihren Platz und trinke mit mir ein Gläschen auf ihr Wohl. Dann kannst Du wieder gehen!«

Er trat an den Tisch, um die Gläser zu füllen; also mußte er den Arm des Offiziers wieder fahren lassen. Dieser Letztere benutzte diese Gelegenheit. Abermals zum Hiebe ausholend, rief er aus:

»Zurück! Fort mit Dir, Kerl! Sonst zeichne ich Dich für das ganze Leben!«

Sam wollte schnell wieder Einrede erheben; aber der Anblick, welchen der Kosak jetzt bot, ließ ihn nicht zu Worte kommen. Stolz wie ein Fürst richtete sich der Verbannte vor dem Rittmeister empor. Sein Blick funkelte wie derjenige eines Löwen, den ein armseliger Schakal anzukläffen wagt. Er sagte nur zwei Worte:

»Versuche es!«

Das rief er nicht laut und drohend; er sprach es beinahe freundlich aus; aber seine Stimme klang belegt und zitterte leicht.

»Jawohl thue ich es! Da!«

Bei diesen Worten wollte der Rittmeister zuschlagen. Bereits sauste die Knute durch die Luft. Da aber ließ der Verbannte Karparla's Arm, den er selbst jetzt noch festgehalten hatte, fahren und griff blitzschnell nach der Faust des Offiziers, in welcher dieser die Knute hielt. Ein Ruck, und er hatte sie ihm entrissen. Dann aber donnerte er ihm zu:

»So! Und nun laß es aber genug sein. Ich schone Dich nicht mehr! Setze Dich, und gieb Ruhe!«

Da fuhr der Offizier einen Schritt zurück. Er fand für den Augenblick gar keine Worte für seinen Grimm. Dann aber brüllte er pfeifend:

»Wie! Du gebietest mir Ruhe. Du entreißest mir die Peitsche! Her damit, daß ich Dich haue, bis die Fetzen fliegen!«

Er sprang auf den Verbannten ein; dieser aber trat schnell zur Seite und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige, so kräftig, daß der Rittmeister an die Barriere flog und, diese umreißend, mit ihr in den Saal stürzte. Freilich raffte er sich sofort wieder auf, um den Gegner zu fassen; dieser aber packte ihn noch schneller, hob ihn empor und schleuderte ihn so gegen die Wand, daß er an derselben zusammen knickte und da für einige Secunden am Boden liegen blieb.

Das war so schnell geschehen, daß es keinem Menschen möglich gewesen war, es zu verhindern. Jetzt nun bot der Kosak der schönen Fürstentochter die Hand und sagte so ruhig, als ob gar nichts geschehen sei:

»Bitte, komm zu Deinem Platze!«

Er führte sie hin. Sie ließ sich nieder. Sie war blaß wie eine Leiche; sie konnte kein Wort sagen; auch alle Anderen schwiegen. Nur der Verbannte wandte sich zu Sam:

»Brüderchen, wolltest Du nicht ein Gläschen mit mir auf ihr Wohl trinken?«

»Ja, komm! Bei Gott, Du bist ein tüchtiger Kerl. Es ist mir ein Vergnügen, mit Dir anzustoßen! Komm!«

Er goß ein, war aber noch nicht fertig damit, so ertönte des Rittmeisters Stimme durch den Saal:

»Auf! Hin! Arretirt ihn! Augenblicklich!«

Er hatte sich wieder aufgerafft und bot ein Bild ungezügelten Grimmes. Sein Gesicht war dunkelroth, und die Adern seiner Stirn schienen zerspringe zu wollen. Natürlich war kein Mensch sitzen geblieben. Auch in dem Herrschaftsraume hatten Alle sich erhoben. Es waren zahlreiche Kosaken vorhanden, welche natürlich meinten, ihrem Vorgesetzten gehorchen zu müssen. Sie thaten dies freilich nicht gern, vielmehr gönnten Alle ihm die erhaltene Züchtigung von Herzen, aber doch befolgten sie sein Gebot, indem sie sich dem Verbannten näherten, freilich langsam und zögernd.

»Schnell, schnell, Ihr Canaillen!« donnerte der Rittmeister.

Da tippste Jim dem dicken Sam in die Seite und fragte ihn in seinem amerikanischen Englisch:

»Wollen wir das dulden? Wollen wir nicht vielleicht diesen Rittmeister ein wenig lynchen?«

»Ja, wir wollen ihn theeren oder federn!« fügte Tim hinzu.

»Wartet es ab!« antwortete Sam.

Er näherte sich dem Verbannten. Dieser erkannte die wohlwollende Absicht, machte aber eine abwehrende Handbewegung und sagte:

»Keine Unvorsichtigkeit, Brüderchen! Es giebt hier Gesetze, welche Du als Ausländer doppelt respectiren mußt.«

Das sah Sam freilich ein. Er flüsterte Jim zu:

»Wollen es einstweilen gehen lassen. Schleiche Dich immer vorher hinaus, um zu erfahren, wohin sie ihn schaffen.«

»Warum Du nicht?«

»Weil ich ein kleines Wörtchen mit diesem Herrn Offizier reden will.«

»Ein Wörtchen? Pah! Mit solchen Leuten redet man am Besten mit der Faust. Schreibe ihm mit den zehn Fingern das chinesische A B C in das Gesicht; das wird ihm bester bekommen, als alle Worte!«

Er ging, ohne daß seine Entfernung auffiel, da die Aufmerksamkeit Aller auf den Kosaken gerichtet war, welcher die Knute, die er seinem Vorgesetzten abgenommen hatte, von sich warf und seinen Kameraden entgegen ging.

»Hier habt Ihr mich,« sagte er. »Euch leiste ich keinen Widerstand.«

»Bindet ihn! Fesselt ihn! Legt ihn in Ketten!« gebot der Offizier.

Es war nur ein einziger Kosakenunteroffizier anwesend, welcher als nächster Vorgesetzter des Verbannten die Arretur vorzunehmen hatte. Dieser zupfte ganz verlegen an den silbernen Tressen seiner blauen Jacke und meinte zu dem Offizier:

»Binden? In Ketten legen?«

»Ja.«

»Womit, Väterchen? Hast Du einen Strick? Hast Du vielleicht Ketten?«

»Der Wirth hat Stricke!«

Da gebot der Unteroffizier einem seiner Leute:

»Lauf, Brüderchen, laß Dir vom Wirthe Stricke geben, etwa zwanzig oder dreißig! Wir wollen diesen Kerl fesseln, daß ihm das Blut aus allen Adern spritzt!«

Zu dem Arrestanten aber sagte er leise:

»Glaube es nicht! Habe keine Sorge! Ich binde Dich so, daß Du denken sollst, ich hätte Dich in Watte eingeschlagen. Mach aber ja ein recht schlimmes Gesicht dazu!«

Und laut fragte er wieder den Rittmeister:

»Wohin schaffen wir ihn?«

»Auf die Hauptwache, in das Verließ der allerschlimmsten Verbrecher.«

Der fortgesandte Kosak kam zurück, mit allen Stricken, welche er vorgefunden hatte, beladen. Sie hätten ausgereicht, ein halbes Schock wild gewordener Stiere zu fesseln. Man umschlang den Verbannten so damit, daß er unmöglich entfliehen konnte. Dann wurde er fortgeführt.

Karparla hatte das mit angesehen. Sie hatte sich vom Stuhle erheben wollen, um Fürbitte für ihn einzulegen; aber Sam war ihr rasch mit den Worten zuvorgekommen:

»Was willst Du thun. Töchterchen? Etwa diesem Menschen gute Worte geben? Das wird Dir doch nicht einfallen!«

»Ich muß doch! Ich bin schuld an Allem!«

»Grad deshalb mußt Du schweigen. Hast Du den Muth gehabt, mit dem Verbannten zu tanzen, nicht aber mit dem Rittmeister, so darfst Du Dich nun nicht erniedrigen, indem Du zu dem Letzteren als Bittende kommst.«

»Aber es wird dem armen Teufel schlecht ergehen!«

»Das hättest Du Dir vorhin sagen sollen, bevor Du ihn zum Tanze einludest. Uebrigens braucht es Dir gar nicht sehr angst um ihn zu sein.«

»Wenn Du das sagst, so kennst Du den Rittmeister und die Gesetze nicht.«

»O, die Gesetze gehen mich nicht viel an, und den Rittmeister brauche ich nicht zu kennen. Er soll vielmehr ja nicht wünschen, mich kennen zu lernen.«

»Man wird den Kosaken schlitzen.«

Um schwere Verbrecher zu zeichnen, damit ihnen die Flucht erschwert werde, pflegt man sie nämlich an der Nase zu schlitzen; das heißt, man schneidet ihnen rechts und links aus jedem Nasenflügel ein Stückchen heraus.

»Wer das wagt, den schlitze ich auch, und wie!«

»Und ihn in die Bergwerke stecken.«

»So weit kommt es nicht.«

»Nein, so weit dürfen wir es gar nicht kommen lassen. Er muß fliehen.«

»Das soll aber außerordentlich schwierig sein!«

»O, ich helfe ihm!«

»Ist Dir das möglich?«

»Keiner kann entfliehen ohne unsere Hilfe. Wenn ich will, daß er entkommen soll, so werden ihn alle Tungusen unterstützen. Es fragt sich nur, wie wir ihn aus dem Gefängnisse bringen.«

»Na, das wird nicht so sehr schwer sein. Ich bin bereit, ihm und Dir beizustehen. Aber jetzt still davon! Der Rittmeister kommt.«

Der Genannte war mit bis zur Saalthür gegangen, um sich zu überzeugen, daß die Arretur in gehöriger Weise vor sich gehe. Jetzt kehrte er an seinen Platz zurück, konnte aber, noch ehe er sich setzte, es nicht unterlassen, Sam einen wüthenden Blick zuzuwerfen und dabei zu sagen:

»Der Kerl hat das Leben verwirkt. Ein Kriegsgericht wird ihm den Prozeß machen. Wie aber ein Fremder es wagen kann, ihn in Schutz zu nehmen, das begreife ich nicht; das ist nur dadurch zu erklären, daß dieser Fremde wahnsinnig ist.«

»Meinst Du mich, Väterchen?« fragte Sam.

»Ja.«

»Und Du denkst, ich bin verrückt?«

»Ich denke es nicht nur, sondern Du bist es ganz gewiß. Das behaupte ich.«

»Nun, Du giebst doch zu, daß es eine sehr große Beleidigung ist. Jemand verrückt zu nennen?«

»Einen Verrückten kann man nicht beleidigen.«

»Bis jetzt ist es noch nicht erwiesen, daß ich wirklich wahnsinnig bin. Du wirst also die Güte haben, mich jetzt noch als einen Mann zu behandeln, welcher bei vollem Verstände ist. Ich habe vorhin mit dem Kosaken trinken wollen. Das hast Du nicht zugegeben. Auch das ist eine Beleidigung. Weißt Du vielleicht, wie man solche Beleidigungen beantwortet, mein Brüderchen?«

»Verklage mich!«

»Pah! Das fällt mir nicht ein. Ein Mann muß für das, was er sagt und thut, mit der Waffe einstehen können.«

»Heiliger Andreas! Meinst Du ein Duell?«

»Ja.«

Sam sagte das sehr ernst. Der Rittmeister aber stieß ein schallendes Gelächter aus und antwortete:

»Schau, das ist der Beweis, daß Du verrückt bist. Ich – und mich mit Dir duelliren!«

»Nun, warum denn nicht?«

»Donnerwetter! Ich bin Offizier! Ich bin sogar Rittmeister! Verstanden!«

»Rittmeister, das ist auch etwas Rechtes!«

»Bist Du etwa mehr?«

»Jedenfalls.«

»Was denn?«

»Knopfmacher aus Herlasgrün!«

»Hole Dich der Teufel!«

»Ich danke! Hoffentlich hält er Dich für schmackhafter als mich.«

Die Scene war sehr ernst geworden. Der Kreishauptmann hatte bisher geschwiegen, selbst zu der Züchtigung, welche sein Sohn erhalten hatte. Innerlich aber kochte die Wuth. Er war Willens, an dem Verbannten ein Exempel statuiren zu lassen. Sein Grimm wurde durch das Verhalten Sams gesteigert. Es war ihm unmöglich, länger zu schweigen. Darum wendete er sich an den Dicken:

»Ich befehle Dir, zu schweigen! Du hast hier gar nicht zu sprechen!«

Sam lachte ihm ganz freundlich in das Gesicht und antwortete:

»Aber Du wohl?«

»Ja. Ich bin der Kreishauptmann!«

»Na, da bist Du nicht etwa ein sehr großes Thier. Es giebt noch viel bedeutenderes Viehzeug.«

»Was sagst Du? mit einem Thiere vergleichest Du mich.«

»Ich bin bereit. Dich mit jedem Vieh zu vergleichen, welches Dir gefällig ist. Du bist hier anwesend, ich bin es auch. Ich habe hier grad so viel oder so wenig zu sprechen wie Du. Du hast in Deiner Amtsstube vor mir die Flagge gestrichen; hier im Saale, wo ein Jeder gleiches Recht mit dem Andern hat, lasse ich mir von Dir den Mund erst recht nicht schließen. Ich sage Dir vielmehr, liebes Väterchen, Du bist ein ganz bedeutender Dummkopf, und Dein Sohn ist ein rücksichtsloser, grober Flegel, dem es gar nichts schadet, wenn er tüchtige Hiebe bekommt!«

Da fuhren die beiden Genannten von ihren Sitzen empor, die anwesenden Offiziere mit ihnen.

»Mensch!« rief der Kreishauptmann. »Ach, lassen wir ihn! Er ist wirklich verrückt!«

»Höre Väterchen, laß Dich warnen! Ich bin ein ganz gemüthlicher Kerl und kann wochenlang Sauerkraut mit Dir essen, ohne daß ich Dich dabei verschlinge. Wenn Du es mir aber zu dumm treibst, so verschlinge ich Dich mit Haut und Haar! Den Bauch habe ich dazu: Schau her! Dein Sohn hat mich beleidigt. Ich verlange Genugthuung. Und wenn er sie mir verweigert, so ist er ein Feigling. Verstanden?«

Einige blickten ihn vor Erstaunen steif an; den Andern wurde angst und bange. Im Saale war Alles mäuschenstill. Die Musikanten hatten noch gar nicht wieder begonnen. Tim saß auf seinem Platze, lächelte vergnügt vor sich hin und streckte die langen, dürren Beine aus, um mit freundlichen Fußstößen Sam aufzumuntern, sich ja nichts gefallen zu lassen.

Was dieser Letztere gesagt hatte, war dem Kreishauptmann noch nie gesagt worden. Darum gebot er in seinem strengsten Tone:

»Ich befehle Dir, zu schweigen. Wenn Du nicht gehorchst, so wirst auch Du arretirt!«

»Ach! Von wem?«

»Von mir!«

»Hoffentlich hast Du noch nicht vergessen, was in meinem Passe steht.«

»Nein; ich weiß noch jedes Wort genau. Aber steht etwa darinnen, daß wir zu Deinen Grobheiten schweigen sollen?«

»Nun, steht etwa darinnen, daß ich mich von dem ersten besten Kosakenrittmeister beleidigen lassen muß? Er hat mich zweimal beleidigt, und ich fordere ihn!«

»Er schlägt sich nicht mit Dir. Und selbst wenn er es wollte, würde ich es ihm verbieten.«

»Warum?«

»Du bist ihm nicht ebenbürtig und kein Offizier.«

»Donnerwetter! Das ist stark. Denkst Du denn, ich wisse nicht, welche Offiziere man hier bei Euch anstellt? Frage an, ob man Dein Söhnchen bei der Linie oder gar bei der Garde dulden würde. Keinen Augenblick. Ebenbürtig! Wenn er zur ebenen Erde geboren ist, so darf er sich gar nichts einbilden. Ich bin in einem Luftballon zur Welt gekommen, und der Chimporasso und der Dawalagiri haben bei mir Pathe gestanden; der Mond ist mein Onkel und die Sonne meine Tante. Nun zeigt mir einmal Eure Verwandtschaft! Uebrigens ist vor einigen Tagen ein kaiserlicher Kurier hier durchgekommen. Oder nicht?«

Der Kreishauptmann machte bei dieser letzteren Frage sofort ein ganz anderes Gesicht.

»Was weißt Du von einem Kurier?«

»Alles, Alles weiß ich!«

»Er war ja geheim!«

»Und doch redest Du von ihm? Du giebst zu, daß er da war? Du verräthst sogar, daß er ein geheimer Kurier war? Das muß ich dem Zaar erzählen, wenn ich mit ihm wieder einmal Kaffee trinke und Scat spiele.«

Aller Augen richteten sich mit fragendem Ausdrucke auf den Sprecher, welcher seine Worte im größten Ernste vorbrachte.

»Kaffee? Scat? Du mit dem Zaar?«

»Ja, ich! Du freilich nicht! Und da sagst Du, ich sei Euch Preußelbeerkreaturen nicht ebenbürtig! Ist der Kurier nicht dagewesen, um Dir zu melden, daß ein sehr vornehmer Herr kommen werde, welcher einstweilen nur bei dem Namen Steinbach genannt werden will?«

Da machte der Kreishauptmann eine Bewegung des größten Erstaunens.

»Ja, das ist so,« stieß er stotternd hervor.

»Ihr sollt ihm die Ehre eines Ministers, eines Freundes des Zaaren erweisen?«

»Herr, das weißt Du?«

Der Beamte zeigte ein vollständig verblüfftes Gesicht, und die anderen Anwesenden beeilten sich, den Ausdruck der Hochachtung in ihre Mienen zu legen.

»Natürlich weiß ich es!«

»So kennst Du ihn?«

»Ja. Ich bin sein Secretair!«

»Mein Gott! Ist das wahr, Blagorodië?«

Dieses Wort bedeutet Ew. Hochwohlgeboren.

»Ich bin sogar sein Geheimsecretair!«

»Das wußte ich nicht, Wasche Wysoko Blagorodië!«

Das heißt Ew. Sehrhochgeboren.

»Oder vielmehr, ich bin eigentlich sein geheimer, sein ganz und gar geheimer Haus-, Hof- und Leibsecretair!«

»Warum hast Du mir das denn nicht schon längst gesagt, Prewoskoditelstvo?«

Dieses russische Wort heißt so viel wie Ew. Excellenz. Während der Höflichkeitssteigerung Hochwohlgeboren, Sehrhochgeboren und Ew. Excellenz hatte sich die Gestalt des Kreishauptmannes immer strammer emporgerichtet. Zuletzt machte er nun eine tiefe, tiefe Verneigung, als ob er ein gekröntes Haupt vor sich sehe.

»Warum ich es Dir nicht gesagt habe?« fragte Sam. »Weil es mir so gefällig war. Unsereiner thut nur das, was Einem beliebt, nicht aber das, was Andern erwünscht ist. Du wirst uns schon noch besser kennen lernen. Und nun frage ich Dich, ob ich Dir und Deinem Sohne ebenbürtig bin?«

»O verzeihe! Du stehst hoch über uns.«

»Jawohl! Es ist eine große Ehre für ihn, daß ich ihn fordere.«

»Darum meine ich, daß Du nicht auf Deiner Forderung bestehen wirst.«

»Warum nicht? Wohl weil er Angst hat?«

»O nein. Er ist sehr tapfer. Du könntest Schaden davon haben.«

»Donnerwetter! Meinst Du etwa, daß ich nicht auch tapfer bin?«

»O nein, o nein! Dir ist ja die größte Tapferkeit anzusehen. Aber einer Kugel gegenüber hilft alle Tapferkeit nichts.«

»Pah! Auch ich verstehe es, mit Kugeln umzugehen. Das habe ich heute bewiesen, als ich ihm ein Loch in seine Pelzmütze schoß.«

»Aber der Säbel ist noch gefährlicher!«

»Für mich nicht. Er ist hager; ich zerhaue ihm beim ersten Hiebe einige Knochen, die er dann nicht wieder zusammenbringt. Ich aber bin fett. Er kann mir höchstens eine Fleischwunde machen – ein Bischen Heftpflaster darauf, und es ist gut!«

Dem Beamten war es angst geworden. Er machte noch einen Versuch, indem er meinte:

»Könnte es Dir nicht in Deiner Stellung schaden, wenn Du Dich bei einem Duell betheiligtest?«

»Nein. Ich befinde mich doch im Auslande und kann also nicht bestraft werden. Uebrigens ist der hohe Herr, dessen Liebling ich bin, selbst ein sehr großer Freund des Duells. Er hat an jedem Monate wenigstens eins auszufechten und geht allemal als Sieger hervor. Nein, Schaden kann ich gar nicht haben; denn wenn ich Deinen Sohn tödte, so kräht kein Hahn nach ihm; wenn er aber mich auch nur leicht verwundet, so mag er sehen, wo er bleibt. Ich stehe unter dem ganz besondern Schutz des Zaaren.«

Der Kreishauptmann blickte seinen Sohn an und dieser ihn. Die Offiziere sahen vor sich nieder. Keiner wollte in diese Angelegenheit verwickelt werden. Sie sehnten sich weit fort, um die Aufforderung, Secundant zu sein, vermeiden zu können. Da hielt der Rittmeister es für gerathen, ein Wort zu sagen:

»Ich hoffe demnach um Deinetwillen, daß Du nur Scherz gemacht hast.«

»Warum?«

»Ich bin ein Meister im Gebrauche aller möglichen Waffen.«

»Grad das ist mir außerordentlich lieb. Mit einem Stümber duellire ich mich nie. Es bleibt dabei. Ich fordere Dich!«

Der Offizier antwortete nicht. Er war sehr blaß geworden.

»Nun? Weigerst Du Dich etwa?«

»Nein. Ich bin Offizier und muß es annehmen.«

»Gut. Machen wir es kurz. Hier mein Freund, welcher mich immer mit dem Fuße stößt, wird mein Secundant sein. Er stößt mich, weil er darauf brennt, einige Maaß Blut fließen zu sehen. Wer bestimmt die Waffen?«

»Der Beleidigte.«

»Also ich. Schießen wir uns mit Büchse auf fünfhundert Schritte!«

Der Rittmeister athmete ein Wenig auf. Fünfhundert Schritte ist doch immerhin eine Entfernung. Sam bemerkte das und fügte schnell hinzu:

»Oder wollen wir sagen tausend Schritte? Ich schieße nämlich noch auf fünfzehnhundert Schritte ganz gut eine Fliege von der Nase weg.«

»Wie Du willst!« stieß der Geängstigte hervor.

»Lassen wir es bei Fünfhundert. Der Schuß ist doch sicherer, und es ist besser, man ist sofort gleich todt, als wenn man sich noch eine Stunde oder zwei mit dem Tode plagen muß. Morgen früh sechs Uhr draußen vor dem Jahrmarktsplatze auf der Grasebene.«

»Herr, warum so öffentlich?«

»Weil doch wohl ein Jeder gern einmal ein Duell sehen will. Die guten Leute werden noch lange Zeit von uns erzählen; das giebt mir Spaß. So! Jetzt ist das geordnet. Und nun will ich nur noch bemerken, daß ich mich in sehr guter Stimmung befinde. Es sollte mich herzlich freuen, wenn ich noch Einen oder Einige für morgen früh fordern könnte. Vielleicht geben sich die Herren Offiziere Mühe, mir eine kleine Veranlassung dazu zu bieten; sie braucht nicht so gar groß zu sein. Also lustig! Die Musikanten mögen nun endlich wieder beginnen!«

Der Kreishauptmann gab das Zeichen, und der Tanz fing von Neuem an. In der Herrschaftsabtheilung wollte die Musik keine erheiternde Wirkung hervorbringen. Der Kreishauptmann sprach kein Wort. Verlegenheit, Angst um das Leben seines Sohnes und verborgener Grimm nagten in ihm. Der Rittmeister sprach kein Wort. Seine Kameraden machten einige kurze Bemerkungen und fielen dann immer wieder in ihr Schweigen zurück.

Nur Sam und Jim und Tim waren bei guter Laune. Jim war nämlich wieder zurückgekehrt. Er konnte nicht viel berichten. Auf Sams Frage antwortete er:

»Er ist in einem eigenthümlichen Gebäude untergebracht worden, welches hinter den Wohnungen der Kosaken liegt. Es ist auf sechs Pfählen errichtet und hat ein Dach aus Schilf. Ich konnte natürlich nicht nahe heran, und viele Menschen liefen mit, welche mir die Aussicht nahmen.«

»Wird er bewacht?«

»Ja; es stehen zwei Posten dort.«

»Hoffentlich bleiben sie auch stehen, wenn er davonläuft.«

»Holen wir ihn dann heraus?«

»Ja.«

»Eigentlich geht er uns gar nichts an!«

»Nein. Aber unserer Karparla zu Gefallen und diesem Rittmeister zu Liebe müssen wir ihm zur Freiheit verhelfen. Oder habt Ihr keine Lust? So thue ich es allein.«

»Pah! Wir sind allemal dabei!«

Drei Personen gab es, welche nicht wußten, ob sie sich freuen oder sich ärgern sollten: Karparla und ihre Eltern.

Das schöne Mädchen hatte selbst keine Ahnung von dem, was in seinem Herzen vorging. Ihr Inneres war engagirt; darum war sie äußerlich still. Ihre Eltern ärgerten sich über das ganze Vorkommniß, freuten sich aber auch wieder über den braven Sam. Außerdem nahmen sie es für eine außerordentliche Ehre, einen solchen Gast zu haben.

Bereits nach kurzer Zeit brach der Kreishauptmann auf. Sein Sohn begleitete ihn ganz natürlich, und seine Kameraden folgten bald. Nun konnten die Andern ungestört und unbeobachtet sprechen.

»Brüderchen,« fragte der Fürst, »bist Du wirklich der Haus-, Hof- und Leibsecretair eines so hohen Herrn?«

»Ja. Und ich bin noch viel mehr.«

»So sei der Tag gesegnet, welcher Dich in unsere Jurte geführt hat. Bemitleidest Du diesen guten Kosaken nicht auch?«

»Natürlich. Das hast Du doch gemerkt.«

»Ja. Du wirst Dich sogar seinetwegen duelliren. Das würde ich nicht thun.«

»Warum?«

»Eine Kugel ist ein sehr überflüssiges Ding, wenn sie in den Körper fliegt.«

»Das ist sehr richtig, mein Brüderchen.«

»Und es sollte mir sehr leid thun, wenn Du erschossen würdest.«

»Da sei nur nicht bange. Ich werde morgen um die jetzige Abendzeit wenigstens ebenso munter sein wie heut.«

»Das will ich herzlich wünschen. Was meinst Du wohl, was sie mit dem Kosaken machen werden?«

»Nach Vorschrift und Gesetz werden sie ihn nach Irkutsk transportiren, wo er vor ein Kriegsgericht gestellt wird.«

»Und wie wird seine Strafe lauten?«

»Erschossen oder einige hundert Hiebe mit der Knute, was ganz dasselbe ist.«

Da fiel Karparla schnell ein:

»Das darf nicht sein!«

»Was können wir dagegen thun?« fragte ihr Vater.

»Wir retten ihn.«

»Wie denn?«

»Wir bringen ihn über die Grenze.«

»Ja, das können wir; aber er steckt ja in dem Gefängnisse!«

»Da holen wir ihn heraus.«

»Das ist unmöglich.

»Warum denn?«

»Erstens müßte es noch heut geschehen.«

»Natürlich!«

»Da haben wir keine Gelegenheit. Er wird bewacht. Und bedenke, mein Kind, was ich für Folgen zu tragen hätte, wenn es ruchbar würde, daß ich einen Gefangenen befreit hätte. Mein Väterchen, der Zaar, würde sehr bös auf mich werden. Ueber die Grenze kann ich Jemanden bringen; dabei ist nicht viel gewagt. Aber in das hiesige Gefängniß dringen, das ist etwas ganz Anderes.«

»Ja, das geht nicht,« meinte auch Kalyna, die dicke Fürstin, bedächtig.

»Aber, Mütterchen, er ist doch mein Retter!«

»Leider, mein Töchterchen!«

»Er hat mich aus dem Wasser geholt!«

»Ja, das hat er gethan, das gute Söhnchen.«

»So müssen wir ihn aus dem Gefängnisse holen.«

»Mein Liebling, das Gefängniß ist kein Wasser. Retten wir ihn; aber es darf nicht gefährlich sein und keine große Mühe machen.«

Die gute Frau legte die Arme gemächlich in einander und blickte um sich wie Eine, welche mit Gott und der Welt zufrieden ist und sich in ihrem Glücke nicht stören lassen will.

»Rathe Du uns, Väterchen!« bat Karparla, zu Sam gewendet.

»Kindchen,« antwortete er, »ich kann Dir da wirklich nicht rathen.«

»Nicht? Ich hatte auf Dich gerechnet. Gut! Wenn Ihr Alle mich verlaßt, so handle ich allein!«

Der zornige Trotz kleidete ihr schönes Gesichtchen ganz vorzüglich. Es war ihr anzusehen, daß sie wirklich Etwas unternehmen werde.

»Allein?« sagte Sam. »Nein; das geben wir Drei nicht zu. Wir helfen.«

»Du wolltest ja nicht!«

»Einen Rath geben wollte ich nicht. Mit einer That aber ist es ein ganz anderes Ding. Also Ihr haltet es für möglich, ihn über die Grenze zu bringen?«

»Ja, nach China hinein. Er muß sich die Haare scheeren, damit man ihn für einen Kirgisen hält. Aber vorher muß er doch aus dem Gefängnisse!«

»Das wird er auch.«

»Wie denn?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht, mein Töchterchen. Dir braucht das indeß keine Sorge zu machen. Wir Drei werden ihn holen.«

»Aber es wird ungeheuer schwer sein!«

»Für uns nicht so sehr, wie Du denkst.«

»Ja, Ihr seid ganz andere Männer als diejenigen, welche ich bisher kennen gelernt habe – einen Einzigen ausgenommen.«

»Welchen?«

»Den Kosaken. Er stürzte sich sofort in die Fluthen, um mich zu retten. Wenn Ihr ihn befreit, werde ich Euch sehr dankbar sein.«

»So? Was wirst Du uns denn geben?«

»Was Du verlangst – wenn ich es habe.«

»Du hast es, mein Kindchen.«

»Was denn?«

»Einen recht herzlichen Händedruck.«

»Den sollst Du jetzt schon haben. Hier! Aber sag, wann Du ihn befreien willst?«

»Du hast es sehr eilig!«

»Ja. Man darf reine Zeit versäumen.«

*

69

»Nun, wir werden jetzt aufbrechen. Die Zeit, wenn es uns gelingen wird, können wir natürlich nicht angeben. Wir gehen jetzt mit Euch hinaus in Eure Jurte; damit die Leute denken, wir seien schlafen gegangen. Sodann schleichen wir uns fort und bringen ihn, wenn es uns gelingt, ihn zu befreien, mit zu Euch.«

»Nein, nicht zu uns. Man könnte Euch mit ihm bemerken. Es soll möglichst Niemand wissen, daß wir die Hand bei dieser Sache im Spiele haben. Seine Spur darf nicht aufgefunden werden. Führt ihn lieber an einen verborgenen Ort, um uns dann zu benachrichtigen. Ich lasse ihn dann sogleich durch einige unserer Reiter sofort in Sicherheit bringen.«

»Gut, so soll es geschehen. Gehen wir jetzt?«

»Ja. Batjuschka und Matuschka (Väterchen und Mütterchen) haben ausgetrunken. Kommt!«

Sie bezahlten ihre kleine Zeche und gingen.

Der Kosakenunteroffizier, welcher den Verbannten Nummer Zehn arretirt hatte, war indessen wiedergekommen. Er hatte Karparla mit den Augen fixirt, als ob er ihr Etwas zu sagen hätte. Jetzt, als sie mit ihren Eltern und den drei Jägern aufbrach, ging er hinaus, eine Strecke weit fort, wo es dunkel und einsam war, und wartete dort. Als sie kamen und an ihm vorüber wollten, trat er an sie heran und sagte:

»Verzeihe mir, Schwesterchen, daß ich Dich störe! Ich habe Dir Etwas zu sagen.«

»Was?«

»Einen Gruß.«

»Von wem?«

»Von Nummer Zehn. Eigentlich darf ich das nicht, denn er ist Verbannter und Gefangener. Aber wir Alle haben ihn lieb, und der Rittmeister ist ein böser Mann. Es wird nicht gefährlich sein, wenn ich Dir seinen Gruß ausrichte.«

»O nein. Ich danke Dir, Brüderchen.«

»Ich soll Dir Dank sagen, daß Du so gut mit ihm gewesen bist. Er würde noch tausendmal in das Wasser springen, wenn er Dir damit einen Gefallen thun könnte. Auch bei dem guten, dicken Väterchen läßt er sich bedanken. Er bittet Euch aber, Euch seinetwegen nicht in Schaden zu bringen.«

»Wie meint er das?«

»Er meint, daß Ihr für ihn bitten werdet, und das will er nicht. Er ist nur Kosak, aber ein stolzer Mann, der es sehr bedauern würde, wenn Ihr die Absicht hättet, Euch durch eine Fürbitte bei dem Rittmeister zu erniedrigen.«

»Kommst Du wieder mit ihm zusammen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Morgen am Vormittag. Ich habe ihn da nach Irkutsk zu transportiren.«

»So sage ihm dann, daß ich seinen Wunsch erfüllen werde.«

»Ich werde es ihm gern sagen. Hast Du vielleicht noch Etwas auszurichten?«

»Nein.«

»So schlafe wohl, Schwesterchen!«

Er wollte sich entfernen. Sam aber hatte in die Tasche gegriffen und ein Geldstück hervorgezogen. Er reichte es ihm hin und sagte:

»Hier hast Du Etwas für Wodka (Schnaps).«

In einem Lande, wo ein Pfund besten Rindfleisches drei Kopeken, also vier Pfennige kostet, ist das Baargeld sehr selten. Der Unteroffizier war also über ein so rares Geschenk hoch erfreut.

»Väterchen,« sagte er, »Du bist ein sehr nobler Herr. Man merkt es, daß Du der Haus-, Hof-, Leib- und Geheimsecretär eines berühmten Mannes bist. Ich bin nun bereits achtzehn Jahre Soldat und habe noch kein Trinkgeld erhalten. Du aber bist noch nicht achtzehn Jahre lang hier, sondern erst einen halben Tag und giebst mir doch bereits Etwas für Wodka. Der Himmel schenke Dir dafür so viel Fässer voll Wodka, daß Du täglich von früh bis abends trinken kannst. Du und Deine Nachkommen, bis in das hundertste und tausendste Glied!«

»Da müßte der Himmel eine Schnapsbrennerei für meine Familie anlegen, zu welcher mehrere Millionen Rubel Anlagecapital erforderlich wären. Ich bin zufrieden mit täglich nur einem Faß. Der Gefangene hat wohl nichts zu trinken.«

»Welche Frage! Er bekommt weder zu essen, noch zu trinken.«

»Und er steckt im schlimmsten Gefängnisse?«

»Ja, im allerschlimmsten. Eigentlich ist es besser als alle anderen, weil er auf dem Werg sehr weich ruhen kann. Das Schlimmste aber ist es deshalb, weil eine Flucht unmöglich ist.«

»Wieso?«

»Weil er in der Ognie sztuczna steckt.«

»Was ist das?«

»Das Feuerwerkshaus, in welchem die Stoffe aufbewahrt werden, welche zur Beleuchtung dienen: Talg, Oel, Dochte und auch Pech, Theer, Sägespäne und Werg zu Fackeln. Es ist nur auf sechs Holzsäulen gebaut. Man kann also unten hindurchblicken. Da würde die Wache die Flucht sofort bemerken.«

»Sie würde ihn wohl nicht entlaufen lassen?«

»Nein. Es stehen zwei Mann dort, welche den Befehl haben, scharf aufzupassen und ihn sofort zu erschießen, wenn er einen Fluchtversuch wagen wollte.«

»Das wird nicht geschehen. Das Gefängniß ist ja verschlossen.«

»Ja. Es hat eine Thür mit einer Krampe und einem Vorstecker. Leider aber ist daneben ein Loch, so daß man also auch herauslangen und von innen öffnen kann. Damit er das nicht benutzen soll, haben wir ihn an einen Balken angebunden. Jetzt aber muß ich fort. Ich habe ein kleines Täubchen im Saale, welches auf mich zum Tanze wartet.«

Er ging und auch die Anderen setzten ihren Weg fort. Sam konnte besser russisch verstehen als sprechen. Er mußte Jim und Tim die Worte des Unteroffiziers übersetzen.

»Nun, was meinst Du?« fragte dann Jim.

»Daß es gelingen wird.«

»Ja, das denke ich auch.«

»Trotz der scharf geladenen Gewehre der beiden Wächter!«

»Pah! Auf solche Blasrohre gebe ich nicht das Geringste. Mit einem Dutzend solcher Kerls würden wir fertig werden, und es sind doch nur Zwei. Freilich wäre es weit besser, wenn wir List anwenden könnten. Unsere Gestalten verrathen uns. Du bist zu dick und wir sind zu lang.«

»Wir werden zunächst recognosciren und dann sehen, was zu machen ist.«

Sie erreichten das Jahrmarkts-Zeltlager und traten in die Jurte des Tungusen. Es brannte rundum kein Feuer mehr, und da die Nacht stockfinster war, machte es den drei gewandten und erfahrenen Jägern gar keine Mühe, sich heimlich wieder aus dem Lager zu entfernen.

Jim machte den Führer, weil er wußte, wo das Feuerwerksgebäude lag. Es war glücklicher Weise vor dem Orte, hinter den Wohnungen der Kosaken im Freien errichtet, und zwar, wie der Unteroffizier gesagt hatte, auf sechs hölzernen Säulen. Doch konnte man den Boden leicht mit der ausgestreckten Hand erreichen.

Als die Drei in die Nähe des Gebäudes gekommen waren, ließ Sam die beiden langen Brüder zurück, um zu recognosciren. Er legte sich auf den Boden nieder und kroch auf das Gebäude zu. Es war so dunkel, daß man einen Menschen auf zehn Schritte hin kaum noch erkennen konnte.

Die beiden Wächter hatten es sich bequem gemacht. Sie saßen unter dem Gebäude und sprachen mit einander so laut, daß man sie bereits von Weitem hören konnte. Und von wem sprachen sie? Von dem Gefangenen, obgleich dieser sich gerade über ihnen befand und jedes Wort verstehen mußte.

Sam kroch ganz nahe an sie heran. Unter dem Gebäude war es womöglich noch finsterer als im Freien. Sie hätten ihn nicht sehen können, selbst wenn sie sich nach ihm umgedreht hätten. Dennoch bemerkte er, daß eine kurze Leiter angelegt war. Er hatte eben die Augen eines nordamerikanischen Trappers.

Im Verlaufe ihres Gespräches hatte er einige Male Mühe, das Lachen zu verbeißen. Zwar verstand er nicht ein jedes einzelne Wort, aber der Sinn war ihm vollständig begreiflich.

Man muß wissen, was für ein treuherziger, gutmüthiger, kindlicher, abergläubischer und auch – dummer, einfältiger Mensch der sibirische Kosak ist, um sich in seine Anschauungen hineindenken zu können.

»Ja, wenn es ihm gelänge, auszureißen, so würden wir Jeder hundert Knutenhiebe erhalten,« sagte der Eine.

Der Andere langte mit der Hand nach hinten, um sich bei dem Gedanken an die Hiebe den Rücken zu reiben – vielleicht wußte er aus Erfahrung, wie so Etwas schmeckt – und antwortete:

»Glücklicher Weise kann er nicht fort. Er ist angebunden.«

»Wenn er aber die Stricke zerreißt!«

»So erschießen wir ihn.«

»Er sollte mir freilich leid thun.«

»Mir auch. Ich würde vorher zu ihm sagen: ›Brüderchen, bleib da und binde Dich wieder an, wir müssen sonst auf Dich feuern. Entkommen lassen dürfen wir Dich nicht wegen der Knute, die wir erhalten würden. Also nimm Verstand an, bedenke, was Du thust, und kehre wieder um!‹ So würde ich sagen und –«

»Und ehe Du damit fertig wärst, wäre er bereits verschwunden!«

»Meinst Du? Er wird doch wahrhaftig stehen bleiben, wenn ich mit ihm spreche!«

»Ein Flüchtling bleibt nicht stehen, selbst wenn der Zaar mit ihm spräche.«

»Das ist schlimm, sehr schlimm! Wir müßten also schießen, ohne ihn vorher warnen zu dürfen.«

»Freilich!«

»Hoffentlich bleibt er ruhig stecken.«

»Das denke ich auch. Er ist ja ein verständiger Kerl, der sich nicht um das Leben oder uns unter die Knute bringen wird. Freilich – hm, da wäre noch viel schlimmer, hm!«

»Was?«

»Wenn er nicht selbst ausriß, sondern wenn es Anderen einfallen sollte, an –«

»An seiner Stelle auszureißen?«

»Brüderchen, Du bist ein Dummkopf! Es kann kein Mensch für einen anderen ausreißen. Ich meine vielmehr, daß es irgend Jemandem einfallen könnte, ihn zu befreien.«

»Himmel! Welch ein Gedanke!«

»Nicht wahr!«

»Ja. Es wird doch Keiner –«

»Das wäre sehr bös. Was sollten wir da thun!«

»Das weiß ich nicht, Brüderchen.«

»Ich auch nicht. Sollten wir es dulden?«

»Auf keinen Fall. Wir sind ja hier, den Gefangenen zu bewachen.«

»Also sollen wir uns wehren?«

»Dazu haben wir keinen Befehl.«

»Oder sollen wir gar Denjenigen erschießen, welcher ihn befreien will?«

»Kein Mensch hat das gesagt. Der Befehl, welchen wir erhalten haben, lautet, den Gefangenen zu erschießen, wenn er einen Fluchtversuch machen sollte. Das ist klar.«

»Aber wenn Andere den Fluchtversuch machen und ihn fortschleppen –«

»So muß Einer von uns Beiden sofort zum Rittmeister laufen und ihn wecken, um zu erfahren, was geschehen soll.«

»Könnten wir das nicht jetzt schon thun?«

»Brüderchen, auch Du bist ein großer Dummkopf! Es ist ja noch gar Niemand hier, um den Gefangenen zu befreien!«

»Ah, das ist wahr. Du hast Recht. Machen wir uns also keine Sorgen. Ich bin überhaupt sehr überzeugt, daß Alles sehr gut ablaufen wird.«

»Warum?«

»Weil heute der glücklichste Tag im Jahre ist. Weißt Du schon, daß es glückliche und unglückliche Tage giebt?«

»Das habe ich schon als Kind gewußt. Es giebt besondere Tage, an denen man nichts unternehmen darf, weder säen, noch ernten, keine Reise antreten, keinen Kauf abschließen, keinen Proceß beginnen – gar nichts, gar nichts.««

»Richtig! Die drei unglücklichsten Tage sind der erste März, weil da Sodom und Gomorrha untergegangen ist, der erste August, weil da der Teufel vom Himmel heruntergeworfen wurde, und der erste December, weil an diesem Tage sich Judas Ischarioth erhenkt. Ebenso giebt es drei glücklichste Tage; der allerglücklichste aber ist der heutige, der Tag des heiligen Iwan Wassiljewitsch.«

»Warum ist der der glücklichste?«

»Das weißt Du nicht?«

»Nein.«

»Nun sehe Einer an! Brüderchen, Du bist wirklich kein gewöhnlicher Dummkopf, sondern ein sehr ausgezeichneter. Heute ist doch der Tag des Schatzhebens!«

»Was Du sagst!«

»Ja, ich weiß es genau. Meine Großmutter hat einen gehoben.«

»War er groß?«

»Ungeheuer groß! Es waren viele tausend Millionen Rubel.«

»Und dennoch bist Du ein so armer Kosak!«

»Dummkopf! Sie hat ihn nicht ganz heraus gebracht. Sie ist so unvorsichtig gewesen, zu sprechen. Es sind gewisse Worte vorgeschrieben. Etwas Anderes darf man bei Leibe nicht sagen, sonst verschwindet Alles wieder mit einem furchtbaren Donnerschlag.«

»Kennst Du diese Worte?«

»Ja, sehr genau. Meine Großmutter hat sie mir gesagt und ich lernte sie auswendig. Aber nur Sonntagskinder sind im Stande, Schätze zu heben.«

»Ich bin an einem Sonnabende geboren!«

»Ich auch!«

»Du, wenn wir einen Schatz fänden!«

»O heilige Theodosie! Ich würde ihn nicht lange liegen lassen!«

»Ich auch nicht.«

»Würdest Du Dich nicht fürchten?«

»Fällt mir gar nicht ein! Wer kann sich denn vor einem Schatz fürchten!«

»Aber vor den Geistern?«

»Auch nicht. Ein Geist, der mir einen Schatz zeigt, der ist jedenfalls ein sehr guter Geist.«

»Richtig! Ich habe niemals in der Nacht des Tages Iwan Wassiljewitsch geschlafen, sondern ich habe stets im Freien gesessen bis zum Anbruch des Morgens. Man kann ja nicht wissen, ob man einen Schatz sieht. Darum habe ich mich auch heute sofort zur Wache gemeldet. Meine Großmutter hat mir das anbefohlen. Weil ihr Schatz wieder verschwunden ist, wird mir einmal einer erscheinen, da ich ein Sonntagskind bin.«

»O, das sollte etwa heute passiren, da auch ich eins bin!«

»Das ist immerhin möglich.«

»Wie aber geht es denn dabei her, wenn Einem ein Schatz erscheint?«

»Das hat mir meine Großmutter deutlich beschrieben. Zuerst läßt sich ein Licht sehen –«

»Von welcher Farbe?«

»Das ist sehr verschieden. Je dunkler das Licht, also zum Beispiel dunkelgrün, desto weniger beträgt der Schatz. Ein helles, gelbes Licht ist das Beste, weil gelb auf Gold deutet. Sodann erscheint der Geist.«

»In welcher Gestalt?«

»Auch dies ist sehr verschieden. Meiner Großmutter ist er als Bjaguschka (Frosch) erschienen. Je größer das Thier ist, desto größer ist der Schatz. Der Bjaguschka meiner Großmutter war zweimal so groß wie meine Pelzmütze und hat gequakt, daß man es sehr weit hören konnte. Sie meint, daß mir der Geist auch einmal als Frosch erscheinen werde. Die Thierart pflegt nämlich sich bei Familiengliedern gleich zu bleiben.«

»Ah! Wenn uns heute ein Bjaguschka erschiene!«

»Am Liebsten ein recht großer!«

»Weiter!«

»Nun muß man dem Geiste langsam nachgehen, bis zur Stelle, an welcher er verschwindet.«

»Aber sprechen darf man nicht?«

»Jetzt darf man noch reden. Man kann sogar den Geist nach verschiedenen Dingen fragen.«

»Und er antwortet?«

»Ja, natürlich mit der Stimme desjenigen Thieres, in dessen Gestalt er erscheint. Zuweilen aber, wenn man nämlich ein recht sehr glückliches Sonntagskind ist, spricht der Geist auch in menschlichen Worten. Auf der Stelle, wo er verschwindet, findet man die Erde bereits aufgegraben. Das hat der Geist gethan, zum Zeichen, daß hier der Schatz liegt.«

»Und da muß man graben?«

»Natürlich!«

»Und wohl sogleich?«

»Sofort, weil mit Tagesanbruch der Schatz wieder verschwindet. Aber von dem Augenblicke an, daß man zu graben anfängt, darf kein anderes Wort als nur allein die Beschwörungsformel gesagt werden, mag auch passiren, was da wolle, sonst geht der Schatz verloren. Bei meiner Großmutter war der Schatz bereits aus dem Erdboden heraus, da wurde sie gerufen; sie vergaß sich und antwortete; da versank der Kasten mit einem Gekrach, als ob die Erde auseinander bräche.«

»Also Du kennst die Formel?«

»Ja.«

^O, wenn ich sie hören könnte.«

»Ich habe darüber geschwiegen. Dir aber will ich sie mittheilen, denn es ist ja möglich, daß uns heute ein Geist erscheint. Man hat, während man hackt und schaufelt, immer halb laut vor sich hin zu sagen:

An diesem Platz
Da liegt ein Schatz.
Ich hol' ihn 'raus,
Schaff ihn nach Haus.
Ihr lieben Geister, steht mir bei;
Ich halte Euch mit Wodka frei!

Das hat man immerfort zu sagen, bis der Schatz heraus ist; dann fällt das Loch ganz von allein wieder zu, so daß kein Mensch sehen kann, was hier geschehen ist. Von diesem Augenblicke an kann man wieder alles Mögliche sprechen.«

»Trinken denn die Geister Wodka?«

»Natürlich!«

»Das habe ich noch gar nicht gewußt.«

»Eben weil Du ein so großer Dummkopf bist, Brüderchen. Die Geister
stecken doch in der Erde, wo sie den Schatz bewachen. In der Erde ist es
kalt und feucht. Ist es da ein Wunder, wenn sie sich erkälten und den
Schnupfen kriegen?«

»Das ist wahr.«

»Darum muß man ihnen den Schatz mit Wodka bezahlen.«

»Wie bekommen sie ihn denn?«

»Man muß sieben mal sieben Tage lang gerade um Mitternacht eine Maaß voll Schnaps auf die Stelle gießen, wo sich der Schatz befand.«

»Hat das Deine Großmutter auch gethan?«

»Nein, weil ihr Schatz wieder niedersank.«

»Ich wäre bereit, alle Nächte ein ganzes Faß des besten Wodka zu opfern, wenn mir heute ein Geist erschiene.«

»So viel darf man nicht geben, denn auch die Geister werden betrunken und zwar viel leichter als der Mensch, weil sie nicht so oft Branntwein bekommen. Im Rausche dann könnten sie allerlei Dummheiten machen, vielleicht gar den Schatz wieder holen, um abermals Wodka zu verdienen. Man muß sie also kurz halten und ihnen nur so viel geben, daß sie sich den Magen erwärmen.«

Mehr wollte Sam nicht anhören. Sein Plan stand fest. Er kroch zu den Gefährten zurück und sagte:

»Laßt Euch nicht stören, wenn Ihr das Licht eines Streichholzes aufflammen seht und einen Frosch quaken hört!«

»Was ist es mit dem Frosche?«

»Ich habe keine Zeit zu einer langen Erklärung. Die beiden Wächter sollen einen Schatz graben. Sie sitzen unter dem Gebäude. Schleicht Euch vorsichtig hin. Sobald sie fort sind, komme ich, und dann holen wir den Gefangenen heraus.«

Er ging fort und machte einen Bogen, bis er sich in einer Entfernung von ungefähr dreihundert Schritten, das Gesicht den Wächtern zugekehrt, dem Gebäude gegenüber befand. Dort zog er sein Messer und begann, die Erde in einem ungefähr drei Ellen langen und zwei Ellen breiten Vierecke einige Zoll tief aufzugraben. Dann kroch er auf das Gebäude zu, zog ein Streichholz hervor und nahm die Mütze ab. Wenn er die Mütze nahe an die Erde hielt und das Hölzchen unter ihr entzündete, konnte man ihn selbst nicht sehen, und es hatte den Anschein, als ob der Lichtschein aus der Erde empordringe.

Jim und Tim hatten ihn nicht recht begriffen, doch merkten sie gar wohl, daß er die Wächter von ihrem Posten fortlocken wolle, indem er ihnen einen Schatz in Aussicht stelle. Wie er auf diesen Gedanken gekommen sei und auf welche Weise er ihn ausführen wolle, das wußten sie nicht. Sie konnten nichts Anderes thun, als seiner Weisung Folge zu leisten.

Darum näherten sie sich, gerade so wie er kriechend, dem Gebäude und blieben beinahe genau an derselben Stelle liegen, an welcher Sam vorher gelegen hatte. Aus diesem Grunde verstanden auch sie jedes Wort des Gespräches, welches die Kosaken führten.

»Zu welcher Zeit pflegen denn die Geister zu erscheinen?« fragte der Eine.

»Beinahe stets um Mitternacht.«

»Du, das wäre jetzt so ziemlich die richtige Zeit. Ich glaube, es ist Mitternacht.«

»Das meine ich auch. Also Du würdest Dich nicht fürchten?«

»Keinen Augenblick!«

»Ich auch nicht. Ich würde dem Geiste nachgehen, wie man einem jungen, hübschen Mädchen nachläuft, welches man küssen will. Darum wollte ich, daß – Du, da – da – da – da – i – i – i – i – ist ein Li – li – li– li – licht!«

Er hatte den Arm des Anderen ergriffen, hielt ihn krampfhaft fest und brachte die letzten Worte nur stotternd hervor. Trotz seiner Versicherung, daß er sich nicht fürchten würde, lief es ihm kalt wie Eis auf dem Rücken hinab.

Dem Anderen ging es ebenso. Er starrte erschrocken in den scheinbar unterirdischen Lichtschein und sagte, indem auch seine Stimme stockte:

»I – i – ist das et – et – etwa der Ge – gei – geist?«

»Wahr – sche – sche – schein – lich.«

»Heiliger Iwan Wassiljewitsch! Dort hockt ein mächtiger Frosch!«

»Ein Fro – ro – ro – ro – rosch!«

»Der Fro – ro – ro – ro – rosch De – De – De – Deine« Gro – ro – ro – ro – roßmutter!«

»Ja, das i – i – i – ist er.«

»Aber viel grö – rö – rö – rößer!«

»Er ist gewa – wa – wa – wachsen. Das sind nun fast achtzig Jahre her. Die Geisterfrö – rö – rösche wachsen doch a – a – auch!«

»Das ist mö – mö – mö – möglich.«

»Quaaaaäk!« ertönte es da vor ihnen.

»Horch! Hörst Du es?«

»Ja.«

»Er quakt.«

»Er ruft uns.«

»Sollen wir ihm folgen?«

»Fürchtest Du Dich etwa?«

»Nein. Du?«

»Keine Spur!«

»So komm!«

Sie standen auf. Aber Jeder von ihnen bemerkte, daß ihm die Kniee zitterten, hütete sich aber natürlich, es zu sagen. Vielmehr schnitt der Enkel jener berühmten Großmutter ganz bedeutend auf, indem er versicherte:

»Ich bin so kaltblütig, als wenn es ein ganz gewöhnlicher Frosch wäre.^

»Und ich bin so ruhig, als sähe ich eine Kröte da vor mir.«

»Ich folge ihm, und wenn er mich eine Meile weit fortführen sollte!«

»Und ich liefe hinterher, selbst wenn es in die Hölle ginge!«

»Lästere nicht! Das darf man nicht. Komm!«

Sie ergriffen einander bei den Händen.

»Du, Du zitterst ja!«

»Unsinn! Du zitterst, und da denkst Du, ich bin es. Warum sollte ich zittern? So ein Geist ist mir ganz Schnuppe, ist mir ganz Frosch. Vorwärts!«

Der Geist sprang mit froschähnlichen Bewegungen zurück. Sie folgten langsam.

»Quaaaak!« machte er es und blieb halten.

Sofort hielten auch sie an.

»Schau, wie groß er ist und wie dick!«

»Desto besser. Der Schatz muß ungeheuer sein! Wollen wir auf ihn sprechen?«

»Ja.«

»Du natürlich!«

»Nein, versuche Du es!«

»Nein, Du! Es ist ja der Frosch Deiner Großmutter!«

»Meinetwegen.«

Und einen kleinen Schritt vortretend, fragte er mit bebender Stimme:

»Bist Du ein Thier?«

»Quaaaak!« antwortete es, indem dieses gedehnte »aaaa« in die Höhe gezogen wurde, als ob Einer Nein sage und dabei den Kopf schüttele.

»Nicht. Wohl ein Geist?«

»Quack!« klang es kurz, wie ein festes Ja.

»Willst Du uns einen Schatz zeigen?«

»Quack!«

»Sollen wir Dir folgen?«

»Quack!«

»Wird es uns vielleicht schaden?«

»Quaaaaak!« antwortete es verneinend.

Dann sprang die Erscheinung weiter, und sie folgten ihr weiter und immer weiter. Endlich blieb er wieder halten. Der Enkel der Großmutter hatte jetzt Muth gewonnen. Er fragte:

»Wo liegt der Schatz?«

»Quack!«

Das klang wie ein kategorisches »Hier«. Und zur Bekräftigung that der Frosch einen hohen Satz in die Luft und dann einen sehr lauten Plumps auf die Erde zurück.

»Sollen wir da nachgraben?«

»Quack!«

»Und wir werden den Schatz finden?«

»Quaaaak – quak – quack – quack – quarrrrk!«

Das klang, als ob ein Frosch, der am Teichesrande sitzt, zum Abschied seine Stimme noch einmal hören läßt und dann in dem Wasser verschwindet. So auch hier: Der Geisterfrosch verschwand im Dunkel der Nacht.

Sie gingen langsam vorwärts. Ihre Pulse klopften fast hörbar. Als sie die Stelle erreichten, wo sie ihn zum letzten Male gesehen hatten, bückten sie sich nieder, um die Erde zu untersuchen.

»O Du heiliger Stanislaus Theophilus! Es ist ein Loch!«

»Ja, ein großes Loch!«

»Graben wir?«

»Natürlich!«

»Womit?«

»Mit den Säbels?«

»Nein; das dauert zu lange. Gleich da drüben ist das Gärtchen des jungen Alex Philippowitsch, in dessen hinterster Ecke Hacke und Schaufeln liegen, wie ich genau weiß. Ich gehe, sie zu holen.«

»Wo bleibe ich? Hier?«

»Ja, Du darfst nicht von der Stelle weichen, sonst fällt das Loch wieder zu. Bete, wenn ich fort bin, den Spruch. Und wenn ich zurückkehre, wird kein anderes Wort gesprochen, als eben nur dieser Spruch.«

Er ging, und der Andere begann, den Spruch zu murmeln. Bald kam der Erstere zurück. Er brachte die erwähnten Werkzeuge, und nun begannen die Beiden zu arbeiten, daß ihnen der Schweiß von den Stirnen troff.

Bereits war das Loch eine Elle tief oder wohl gar noch tiefer, da bemerkten sie in der Richtung der Stadt einen Lichtschein, welcher sich ihnen näherte. Sie begannen, bange zu werden. Das Licht kam näher und näher. Zwei Männer waren es, deren einer eine Laterne trug. Da Glas dort selten ist, so war die Laterne aus geöltem Papier gemacht.

Unglücklicher Weise kamen diese Männer gerade auf die Stelle des Schatzes zu. Jetzt standen sie vor den beiden Arbeitenden, welche jetzt nicht nur vor Anstrengung, sondern auch vor Angst schwitzten, denn die zwei Männer waren – der Kreishauptmann und sein Sohn, der Rittmeister.

»Donnerwetter!« rief der Letztere. »Was geht hier los?«

Keine Antwort.

»Was Ihr hier macht, frage ich!«

»Ich hol' ihn 'raus!« murmelte es.

»Wen denn?«

»Ihr lieben Geister, steht mir bei!«

»Alle Teufel! Ich selbst werde Euch beistehen!«

»Ich halte Euch mit Wodka frei!«

Dabei arbeiteten sie im Schweiße ihres Angesichtes weiter. Sie waren Beide der Meinung, daß diese zwei Männer nicht wirklich ihre Vorgesetzten, sondern Truggebilde seien, hervorgebracht von den bösen, neidischen Geistern, welche ihnen den Schatz nicht gönnten.

»Wodka?« sagte der Rittmeister. »Ja, den sollt Ihr bekommen. Aber nicht aus der Flasche, sondern auf diese Weise.«

Er zog die Knute und begann, die Rücken der in dem Loche Arbeitenden aus allen Kräften zu bläuen. Diese aber nahmen die Hiebe geduldig hin, hackten und schaufelten weiter, und murmelten ihre Beschwörung dazu. So wehe ihnen die kräftigen Hiebe auch thaten, die Beiden ertrugen die Schmerzen und hörten nicht auf, zu arbeiten, bis der Arm des Rittmeisters erlahmte. Er ließ ihn sinken und donnerte sie zornig an:

»Habt Ihr denn kein Gefühl, Ihr Hallunken? Wollt Ihr heraus aus dem Loche!«

»Schaff sie heraus!« murmelte der Eine.

»Ja, heraus sollt Ihr, und zwar sofort!«

»An diesem Platz –« sagte der Andere.

»Kerl, was faselst Du!«

»Da liegt ein Schatz –«

»Ein Schatz? Ja, den sollt Ihr bekommen, nämlich mit der Knute, vollwichtig ausgezahlt und dazu – ah! Beim heiligen Cyprianus, jetzt wird es mir klar, was sie thun. Ahnst Du es, Vater?«

»Nein,« antwortete der Kreishauptmann.

»Nicht? Der Schuft hat es ja soeben gesagt. Ein Schatz soll hier liegen. Einen Schatz wollen sie heben! Dazu graben sie hier ein Loch, anstatt auf ihrem Posten zu bleiben. Kerls, wer hat Euch denn das weiß gemacht? Ihr seid ja so dumm, daß es Einen eigentlich erbarmen müßte!«

Das war dem Einen doch zu viel. Für dumm wollte er nicht gelten. Er fiel aus seiner Rolle. Er dachte nicht daran, daß er nicht sprechen dürfe, und antwortete:

»Dumm? Nein, Väterchen, dumm sind wir nicht, sondern im Gegentheile sehr klug.«

Da stieß der Andere einen Laut des Schreckes aus und rief:

»O heilige Veronica! Nun ist Alles verloren. Dieser Mensch hat gesprochen.«

Jetzt erkannte sein Kamerad, welch einen Fehler er begangen hatte. Er ließ die Hacke, welche er in der Hand gehabt hatte, sinken und meinte in jammerndem Tone:

»Mein Himmel! Was habe ich gethan?«

»Geplaudert hast Du! Kannst Du Dein Maul denn nicht halten! Du sagst, Du seiest nicht dumm, sondern sehr klug, und nun hast Du bewiesen, daß es keinen alberneren Menschen giebt, als Du bist!«

»Hast Recht, Brüderchen, sehr Recht!«

»Ich wollte, daß der Teufel käme und führte Dich durch alle Lüfte! Heute war der richtige Tag. Jahrelang habe ich auf den Frosch meiner Großmutter vergeblich gewartet. Heute endlich erschien er uns, und wie groß, wie groß war er! Millionen liegen hier, ganz gewiß, ganz gewiß, denn je größer der Frosch, desto größer der Schatz. Ich habe mir den Rücken wund schlagen lassen, ohne zu muksen, und nun war's doch vergeblich. Du hast geschwatzt und der Schatz ist wieder gesunken.«

»Vielleicht kommt er über's Jahr wieder in die Höhe!«

»Er wird sich hüten. So bald erscheint mir der Frosch nicht wieder. Was bin ich doch für ein unglückseliger Mensch. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich das viele, viele Geld erhalten, denn Nichts auf der Welt hätte mich zum Reden gebracht.«

»Vielleicht doch, Brüderchen.«

»Nein, nein! Da aber mußt Du Kameel bei mir sein, und nun ist Alles, Alles aus!«

Die beiden Vorgesetzten hatten dieses kurze Zwiegespräch nicht unterbrochen; jetzt aber sagte der Rittmeister:

»Du irrst Dich! Es ist noch nicht Alles aus, sondern die Hauptsache wird nun erst beginnen, nämlich die Strafe für Euer Verhalten. Ich werde Euch in Fesseln legen lassen. Spießruthen müßt Ihr laufen, Ihr Hallunken!«

Da sprangen die Beiden aus der Grube heraus und knieten vor ihm nieder.

»Väterchen, das wirst Du nicht thun!« rief der unglückliche Enkel der ebenso unglücklich gewesenen Großmutter.

»So? Ich werde es nicht thun? Wer oder was soll mich denn davon abhalten?«

»Wir haben unsere Strafe ja bereits erhalten. Mein Rücken ist von Deiner Knute so wund, daß die Kleider ankleben.«

»Das freut mich, das freut mich sehr. Aber es ist noch nicht genug, 's ist nur ein kleiner Vorgeschmack von dem, was noch kommen wird.«

»Du lieber Heiland! Das werden wir nicht aushalten, mein gutes Väterchen!«

»Das sollt Ihr auch nicht. Ich lasse Euch peitschen, bis Ihr todt zusammenbrecht. Ihr seid Deserteure.«

»Nein, das sind wir nicht. Wir sind noch da, wir sind nicht fort. Es ist uns gar nicht eingefallen, zu entweichen.«

»Aber Euern Posten habt Ihr verlassen. Und wenn ich Euch das aus übergroßer Barmherzigkeit verzeihen wollte, so müßte ich Euch doch wegen Eurer Dummheit bestrafen. Schatzheben wollen sie! Sollte man so Etwas denken! Sie glauben an einen Schatz! Vielleicht sogar an Geister, welche ihn bewachen!«

»Ja, daran glauben wir, Väterchen.«

»So! Also wirklich! Ihr Strohköpfe Ihr! Es giebt keine Geister und keine Schätze.«

»Es giebt welche. Wir haben diesen Schatz brennen sehen, ganz deutlich.«

»In Eurem Hirn hat es gebrannt! Eure Dummheit ist in Flammen aufgegangen.«

»O nein. Das kannst Du glauben. Und den Geist haben wir nicht nur gesehen, sondern wir haben mit ihm gesprochen, und er antwortete uns auf unsere Fragen.«

»Ah, einen Geist haben sie gesehen! Es wird immer toller! Und gesprochen haben sie mit ihm! Wie sah er denn aus?«

»Wie ein Frosch.«

»Ein schöner Geist! Und was sagte er denn?«

»Er sagte Quaaaak.«

»Ein sehr geistreicher Geist! Natürlich konnte er als Frosch nichts Anderes sagen. Wo habt Ihr Kerls denn Eure Gewehre?«

»Sie liegen dort, wo wir standen.«

»Schön, sehr schön! Also auch die Waffen habt Ihr von Euch geworfen! Das macht den Fall doppelt strafbar. Ich werde Euch prügeln lassen, bis Ihr gerade auch so geistreich redet wie Euer Geisterfrosch! Wir kommen, um uns zu überzeugen, daß der Gefangene sich in festem Gewahrsam befindet; Ihr sollt das Gefängniß bewachen, und anstatt dies zu thun, grabt Ihr nach einem Schatze. Indessen kann der Gefangene über alle Berge sein!«

»Das kann er nicht, mein gutes Väterchen. Er ist ja angebunden!«

»Das wäre noch ein Glück für Euch. Wir werden jetzt nach ihm sehen. Wehe Euch, wenn nicht Alles in Ordnung ist. Ihr bleibt hier stehen, bis wir wiederkommen. Dann werde ich bestimmen, was mit Euch zu geschehen hat. Also keinen Schritt weicht Ihr von hier! Verstanden?«

»Keinen Schritt, Väterchen, bis Du wiederkommst. Wir werden Dir gehorchen.«

Der Rittmeister ging mit seinem Vater nach dem Feuerwerkshause. Dort sahen sie die Gewehre liegen.

»Entflohen ist er also nicht,« meinte der Kreishauptmann. »Wäre er herabgestiegen, so hätte er sich sicherlich der Gewehre bemächtigt, denn für ihn als Flüchtling wären sie vom allerhöchsten Werthe gewesen. Wir brauchen also gar nicht hinauf.«

»O doch! Sehen muß ich ihn. Weiden will ich mich an seinem Anblicke!«

»Was hast Du davon?«

»Das ist eine Seelenqual, welche wir ihm bereiten, eine Verschärfung seiner Strafe. Er hat gesagt, daß er Offizier gewesen sei, daß er ein Edelmann sei. Wenn das wahr ist, so wird ihm unser Anblick Schmerzen bereiten. Also komm!«

Sie hatten nicht laut gesprochen, damit der Gefangene sie nicht hören könne. Jetzt nun stiegen sie die Leiter empor, voran der Rittmeister und hinter ihm sein Vater, welcher die Papierlaterne trug. Der Erstere befühlte, als er oben angekommen war, den Verschluß der Thür.

»Ist Alles in Ordnung?« fragte der Kreishauptmann.

»Ja; aber das beweist noch nichts. Er kann trotzdem entflohen sein.«

»So mach auf.«

Der Rittmeister zog den Vorstecker aus der Krampe, schob die Thür auf und trat hinein. Ein kleines Geräusch erscholl, fast wie das unterdrückte Aufstöhnen eines Menschen.

»Was hast Du? Was giebt es?« fragte der Vater des Offiziers.

»Nichts. Komm nur!« antwortete es von innen.

Er bemerkte nicht, daß es nicht die Stimme seines Sohnes sei, und folgte diesem. –

Während die beiden Wachtposten nach dem Schatze gegraben hatten, hatte der dicke Sam Bart sich auf einem Umwege zu seinen beiden Gefährten geschlichen, welche unter dem Feuerwerkshause auf ihn warteten.

»Was spielst Du denn für eine Comödie mit ihnen?« fragte ihn Jim, als er bei ihnen ankam.

»Eine höchst scherzhafte. Die Kerls glauben nämlich, ich sei ein Geist gewesen, noch dazu ein Geisterfrosch. Habt Ihr das famose Quaken nicht gehört?«

»Freilich. Und das Licht haben wir auch gesehen.«

»So dumm wie diese Menschen kann man wirklich nur in Sibirien sein. Wir haben vollkommen Zeit, den Gefangenen in aller Ruhe und Gemächlichkeit heraus zu holen.«

»Wenn Du Dich nur nicht etwa täuschest!«

»O nein. Sie werden graben, bis zum frühen Morgen. Sie werden Schweiß vergießen literweise und natürlich nichts finden. Indessen ist der eigentliche Schatz, den sie zu bewachen haben, verschwunden.«

Er erzählte ihnen nun das Gespräch, welches er belauscht hatte, und nun waren auch sie überzeugt, daß sie sich gar nicht zu beeilen brauchten.

»Steigen wir alle Drei hinauf?« fragte Tim.

»Das ist nicht nöthig,« antwortete Sam. »Ihr bleibt unten und haltet Wache. Man weiß niemals, was geschehen kann. Ich bin ganz sicher, daß keine Störung eintreten wird, aber wenn der Teufel sein Spiel hat, so kann doch eine Ueberraschung über uns kommen. Also paßt scharf auf.«

Er stieg empor, zog den Vorstecker heraus, machte die Thür auf und trat hinein.

»Nummer Zehn!« sagte er halblaut.

»Hier,« antwortete es aus ziemlicher Entfernung.

»Wo steckst Du?«

»Hier an der Wand. Wer ist's?«

»Dein Freund. Weißt Du, der kleine Dicke, der Dich in Schutz genommen hat.«

»Das ist eine große Ueberraschung. Ich bin hier an den Balken festgebunden.«

»Werde Dich gleich losmachen. Aber es ist so dunkel hier, wie in einem Bärenmagen. Es liegt mir doch nichts im Wege, worüber ich stolpern und fallen könnte?«

»Nein. Der Weg ist frei.«

»Schön. Ich komme.«

Er ging der Richtung nach, aus welcher er die Stimme des Kosaken gehört hatte, und hielt die Hände vor, bis er den Gesuchten fühlte.

»So, hier bin ich. Und nun will ich Dich sogleich losbinden.«

»Nein, das darfst Du nicht.«

»Nicht? Warum?«

»Man würde morgen merken, daß Jemand bei mir gewesen ist.«

»O nein. Man wird nur bemerken, daß Du nicht mehr hier bist.«

»Wie? Meinst Du etwa, daß ich fliehen soll?«

»Natürlich!«

»So bist Du gekommen, mich zu befreien. Das ist äußerst lobenswert von Dir, aber ich darf von dieser Güte keinen Gebrauch machen.«

»Donnerwetter! Du machst doch Spaß?«

»Nein. Es ist mein Ernst.«

»So bist Du der größte Esel, den ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Nimm mir das nicht übel, aber wahr ist es.«

»Nenne mich, wie Du willst. Dir werde ich es nicht übel nehmen, denn ich weiß, daß Du es gut mit mir meinst.«

»Ja, ich meine es gut, und darum hoffe ich, daß Du mit mir gehen wirst.«

»Ich kann nicht.«

»Warum?«

»Aus mehreren Gründen. Zunächst würde der Verdacht, mich befreit zu haben, auf Dich fallen und Du hättest die Folgen zu tragen.«

»Aus diesen Folgen würde ich mir gar nichts machen. Euer braver Kreishauptmann ist ein Schafskopf ersten Ranges. Er kann mir nicht den mindesten Respect einflößen. Uebrigens kann mir kein Mensch nachweisen, daß ich hier gewesen bin.«

»Hm! Werden die beiden Posten nicht auf den Gedanken kommen? Du bist dick und der Frosch war auch so dick.«

»Sapperment! So weißt Du also, wie ich sie überlistet habe?«

»Ja. Sie sprachen doch so laut, daß ich ein jedes Wort verstand. Und als sie sich entfernt hatten, hörte ich es unter mir flüstern. Ich glaube, Deine beiden Gefährten sind unten.«

»Sie sind es.«

»Das dachte ich mir. Ich hörte einige Worte, welche sie halblaut sagten, als die Wächter fort waren. Es war englisch.«

»Verstehst Du denn das?«

»Ja.«

»Alle Teufel! Ein sibirischer Kosak, welcher englisch versteht! Alle Achtung vor Dir!«

»Es ist kein Wunder. Ich bin kein Kosak, überhaupt kein Asiat und auch kein Russe.«

»So? Was denn?«

»Ein Deutscher.«

»Himmeltausend – pst, pst! Jetzt hätte ich beinahe so laut geschrieen, daß die Posten es hören konnten. Ist's möglich, ist's möglich! Ein Deutscher!«

Da er das in deutscher Sprache sagte, fiel der Kosak in entzücktem Tone ein:

»Mein Gott! Du bist auch einer?«

»Ja. Wofür hast Du mich gehalten?«

»Für einen Engländer oder Amerikaner.«

»Dummheit! Amerikaner mit so einem Bäuchlein, wie ich habe, sind verteufelt selten. Nein, nein! Sollte man so Etwas für möglich halten! Und ein Deportirter bist Du? Wie kann man einen Deutschen nach Sibirien verbannen!«

»Ich war russischer Offizier.«

»Das ist etwas Anderes. Also Offizier! Da werde ich mir das Du sofort abgewöhnen. Und nun, da Sie mein Landsmann sind, müssen Sie los! Sie dürfen sich nicht weigern, jetzt mit mir zu gehen.«

»Wie gern möchte ich, wie unendlich gern! Aber es ist kaum daran zu denken. Ich lechze nach Erlösung, nach Befreiung, aber ich kenne die Verhältnisse Sibiriens. Wenn ich fliehe, so muß ich in den unwegbaren Sümpfen dieses Landes ersticken, wenn man mich nicht ergreift, in welchem Falle mein Loos ein doppelt schreckliches sein würde.«

»Pah! Sie werden weder ersticken noch wieder ergriffen werden.«

»O doch. Jetzt ist noch Herbst. Eine Flucht aus Sibirien kann nur im Winter gelingen, wenn der Frost die unendlichen Einöden wegsam gemacht hat.«

»Das weiß ich auch. Aber Sie werden bis dahin ein Asyl finden.«

»Vielleicht. Aber – aber – hm! Ich sehne mich, wie bereits gesagt, nach Erlösung, und doch giebt es Etwas, was mich hier festhält.«

»So? Sonderbar! Was ist das?«

»Fast schäme ich mich, es Ihnen zu sagen.«

»So! Nun, so will ich es Ihnen ersparen, denn ich kann mir ohnedies denken, was Sie meinen.«

»Wirklich?«

»Ja. Sie meinen nämlich – Karparla. Habe ich richtig gerathen?«

»Ja. Lachen Sie mich aus!«

»Fällt mir gar nicht ein. Auch ich habe so eine Karparla, nur daß sie einstweilen Auguste oder Gustel heißt. Uebrigens ist diese Karparla ein so entzückendes Geschöpf, daß ich es wohl begreife, wie selbst ein Deutscher um ihretwillen hier in dieser unglücklichen Gegend verbleiben könnte. Aber meinen Sie wirklich, daß Sie Etwas davon haben werden?«

»Ja.«

»Aber was? Meinen Sie, die sie Ihre Frau werden könne?«

»Nein. Ein Verbannter darf sich ohne die Einwilligung seiner Aufsichtsbehörde nicht verheirathen. Und diese Erlaubniß würde ich niemals bekommen.«

»Besonders, da der Rittmeister sie heirathen wird.«

»Der wird sie nicht bekommen.«

Er sagte dies im Tone so fester Ueberzeugung, daß Sam warnend meinte:

»Sie können sich da doch vielleicht irren.«

»Nein. Ehe ich zugäbe, daß er diesen Engel bekäme, würde ich ihn tödten.«

»Was hätten Sie davon? Den Tod! Keinesfalls aber dürfte dadurch die Hoffnung wachsen, daß sie die Ihrige werden könne.«

»Das ist richtig. Ich will aber in Ihrer Nähe sein, so lange es möglich ist.«

»Sapperment, das sollen Sie doch auch! Die schöne Prinzessin will Sie durch Ihre Tungusen über die Grenze bringen lassen.«

»Hat sie das gesagt?«

»Ja.«

»Sie kommen also nicht aus Ihrem eigenen Antriebe, mich zu befreien?«

»Aus eigenem Antriebe und zugleich auf Karparla's Wunsch.«

»Dann wäre also eine Hoffnung vorhanden, daß ich glücklich entkommen kann. Wenn die Tungusen sich meiner annehmen, so ist mir geholfen.«

»Gut, daß Sie das einsehen. Fort also von hier! Wo sind Ihre Fesseln?«

»Halt! Noch einen Augenblick! Ich mochte doch lieber hier bleiben und erst später entweichen.«

»Warum denn?«

»Wegen der beiden Kameraden, welche mich zu bewachen haben. Wenn ich ihnen entfliehe, geht es ihnen traurig.«

»Das darf Sie nichts kümmern.«

»O doch. Ich mag sie nicht unglücklich machen.«

»Sie sind ein wunderlicher Heiliger. Und das läßt sich sehr gut begreifen, da Sie ein Deutscher sind. Auch ich habe so ein dummes, weiches Gemüth. Heute aber dürfen Sie nicht auf die Stimme Ihres Herzens hören, denn eine solche Gelegenheit zur Flucht bietet sich Ihnen nicht wieder.«

»Sehr bald, sehr bald sogar. Ich werde dem Rittmeister entfliehen, ihm selbst, so daß er sich nicht an einem Andern rächen kann. Ich ergreife die erste Gelegenheit, wenn ich auf dem wilden Tabunhengste sitze. Da holt mich kein Verfolger ein.«

»Diese Hoffnung ist vergebens. Sie werden dieses Pferd wohl niemals wieder reiten, denn morgen werden Sie forttransportirt.«

»Gott! Transportirt? In die Bergwerke vielleicht! Ists wahr?«

»Ja. Ich weiß es genau.«

»Dann freilich bleibt mir keine Wahl. Ich gehe also jetzt mit Ihnen, obgleich ich die beiden armen Teufel herzlich bemitleide, denn –«

Er hielt inne, denn vom Eingange her ertönte es leise in englischer Sprache:

»Pst! Macht doch rasch! Es kommen Leute. Keine Minute ist zu verlieren.«

»Jim, Du bists,« antwortete Sam. »Warte.«

Er eilte nach der Thür. Dort stand Jim auf der Leiter. Sam sah dort, wo die beiden Posten bisher gehackt und geschaufelt hatten, den Schein der Laterne, und zugleich ertönte die laute, zornige Stimme des Rittmeisters.

»Sapperment, das ist der Rittmeister,« sagte er.

»Ja. Er kommt jedenfalls, um nach dem Gefangenen zu sehen. Schnell also herab mit demselben.«

»Fällt mir nicht ein. Das geht gar nicht an.«

»Warum denn nicht?«

»Wenn seine Flucht schön jetzt entdeckt würde, so könnte man ihn sehr leicht ergreifen. Nein. Mir kommt ein prachtvoller Gedanke. Hole schnell Tim herauf!«

»Unsinn! Soll man uns hier erwischen?«

»Frage nicht, sondern mach rasch, rasch!«

»Na, wenn Du es partout haben willst, so wollen wir unsere Köpfe mit in diese Schlinge stecken.«

Er stieg rasch hinab und kam dann mit Tim wieder herauf.

»So!« meinte Sam. »Schnell herein. Ich will die Thür verschließen.«

Wie bereits erwähnt, befand sich neben der Thür ein Loch, durch welches man hinausgreifen und den Vorstecker in die Haspe schieben konnte. Sam that dies. Dann lachte er leise vor sich hin und sagte:

»Welch eine Ueberraschung, wenn sich, anstatt daß der Gefangene fort ist, vier hier befinden. Das giebt einen Jux.«

»Den wir aber dann bezahlen müssen,« brummte Jim.

»Fällt uns nicht ein.«

»Nun, so sag, was Du eigentlich vor hast!«

»Das erräthst Du nicht? Wenn der Rittmeister, wie zu erwarten steht, heraufgestiegen kommt, so nehme ich ihn bei der Parabel. Ein tüchtiger Griff um seinen Hals und er wird besinnungslos sein. Dann binden wir ihn hier an Stelle des Gefangenen fest.«

»Tausend Donner! Das ist allerdings ein famoser Streich. Ja, wenn Du das beabsichtigst, so mache ich sehr gern mit.«

»Zuvor aber will ich erst den Gefangenen losmachen.«

Während er das that, hörte man deutlich die Knutenhiebe, mit denen der Rittmeister die beiden Posten regalirte. Sodann vernahmen sie seinen lauten Befehl:

»Ihr bleibt hier stehen, bis wir wieder kommen!«

»Er sagt ›wir‹. So ist er also nicht allein!« meinte Sam. »Das ist fatal!«

Er trat an das Loch und blickte hinaus. Dann wendete er sich mit der Meldung zurück:

»Der Kreishauptmann ist mit dabei. Das freut mich ungeheuer. So bekommen wir sie alle Beide.«

»Ist das nicht zu gefährlich?« fragte der Kosak.

»O nein, mein Lieber. Wir Drei sind solche Dinge gewöhnt. Den Ersten nehme ich; den zweiten nehmt Ihr Beide. Aber Keiner darf Zeit haben, uns genau anzusehen. Aufgepaßt! Sie kommen.«

Er trat seitwärts. Der Vorstecker klirrte und die Thür wurde geöffnet. Der Rittmeister stieg herein. Er wollte sich nach seinem Vater zurückdrehen; da aber legte ihm Sam die Hände um den Hals. Ein kraftvoller Druck, ein kurzes, halblautes Stöhnen und der Offizier war besinnungslos.

Der Kreishauptmann hörte dieses leichte Stöhnen und fragte von der Leiter her. Der geistesgegenwärtige Kosak gab die bereits erwähnte Antwort, wobei er die Stimme des Rittmeisters nachzuahmen suchte. Es gelang. Der Kreishauptmann trat herein. Jim riß ihm sofort die Laterne aus der Hand. Das war höchst nothwendig, denn wenn sie ihm entfallen wäre, so konnte leicht ein Unglück geschehen. Tim aber hatte ihn bei der Gurgel gefaßt und zwar so kräftig, daß der Beamte sofort die Arme herabfallen ließ. Er röchelte einmal auf und war dann ebenso bewußtlos wie sein Sohn.

Beide wurden nebeneinander auf den Fußboden gelegt. Sam ergriff die Laterne, leuchtete ihnen in die Gesichter und sagte dann:

»Sie werden wohl Taschentücher einstecken haben. Bindet ihnen diese vor allen Dingen über die Augen, daß sie uns nicht sehen können, wenn sie erwachen.«

»Das ist nicht nothwendig,« antwortete Jim. »Wir werden uns doch nicht herstellen, bis sie erwachen. Das wäre eine Thorheit.«

»Bist Du wieder einmal klüger als ich? Ich habe große Lust, mich noch ein Viertelstündchen hier zu verweilen.«

»Wozu aber?«

»Um dieser Angelegenheit einen lustigen Anstrich zu ertheilen. Ihr kennt Euren alten Sam Barth und müßt also wissen, daß er ein lustiger Kerl ist.«

»Hier aber haben wir wohl keine Zeit zu lustigen Streichen.«

»Warum nicht?«

»Wenn die beiden Posten uns überraschen.«

»Das fällt ihnen gar nicht ein. Ihr habt ja eben so deutlich wie ich gehört, daß der Rittmeister ihnen befahl, nicht von der Stelle zu weichen, bis er zurückkehren werde. Sie werden also gehorsam stehen bleiben und sich sehr hüten, hierher zu kommen.«

»Aber nachher, wenn die Ablösung kommt!«

»Sind wir jedenfalls fertig.«

Dieses kurze und leise Gespräch war in englischer Sprache geführt worden. Jetzt sagte der Kosak im reinsten Englisch:

»Die Ablösung haben wir nicht zu fürchten. Es kommt gar keine. Die beiden Posten unterhielten sich nämlich so laut, daß ich jedes Wort verstehen konnte und da hörte ich, daß sie die ganze Nacht hier bleiben würden. Sie hatten das mit dem Unteroffizier, welcher mich arretirte, ausgemacht.«

»Alle Teufel!« meinte Tim erstaunt. »Ihr sprecht englisch! Ein Kosak!«

»Er ist ein Landsmann von mir, ein Deutscher,« erklärte Sam.

»Wer hätte das denken mögen!«

»Ja, es passiren oft seltsame Dinge. Doch davon können wir später reden. Jetzt wollen wir uns beeilen. Ich werde zunächst einmal hier umherleuchten, um zu sehen, was Alles zu finden ist.«

»Aber Vorsicht mit der Laterne,« warnte der Kosak. »Es befinden sich lauter Feuerwerksrequisiten hier.«

»Weiß schon. Habs gehört.«

Er schritt von einem Ende des Raumes bis zum andern und sah sich dabei ganz genau um. Dann lachte er:

»Vortrefflich, ganz vortrefflich! Wir werden sie lynchen.«

»Was fällt Dir ein?« sagte Tim.

»Nun, nicht eigentlich lynchen; aber eine echt amerikanische Procedur werden wir an ihnen vornehmen. Ihr seid doch schon öfters dabei gewesen, wenn Einer getheert und gefedert wurde.«

»Alle Teufel, dieser Gedanke ist freilich gar nicht übel.«

»Nicht wahr? Ja, Sam Barth hat überhaupt keine üblen Ideen. Federn können wir sie nicht, denn hier giebt es keine Federn, dafür aber ist Werg genug vorhanden. Und dort steht ein Kübel voller Theer. Das paßt ganz vortrefflich. Schnell, zieht sie aus, bevor sie wieder zu sich kommen.«

»Da bin ich gern dabei. Das soll morgen eine Lust sein.«

»Diese Blamage! Die beiden stolzen, eingebildeten Kerls haben es reichlich verdient.«

Er hing die Laterne an einen Nagel und nun waren acht Hände eifrig beschäftigt, die Beiden ihrer Oberkleider zu entledigen. Das geschah sehr schnell. Dann erhielten sie aus Werg geformte Knebels in den Mund. Die Augen waren ihnen bereits zugebunden. Stricke gab es reichlich hier. Sie wurden mit denselben gefesselt. Dann tauchte man sie bis an den Hals in den Theerkübel, worauf sie in kurz gezupftes Werg gerollt wurden. Dieses Letztere klebte in Folge des Theers sofort fest an, und nun wurden Beide an den Balken festgebunden, an welchem der Kosak vorher angefesselt gewesen war.

»Jetzt sind wir fertig,« schmunzelte Sam. »Seht Ihr es, daß der Rittmeister sich bewegt?«

»Ja, der Alte auch.«

»Wir wollen uns überzeugen, daß sie genug athmen können, denn ersticken sollen sie nicht. Ein Mörder mag ich doch nicht sein.«

Die beiden Gefesselten machten krampfhafte Bewegungen loszukommen, doch konnte ihnen das unmöglich gelingen, da sie zu fest angebunden waren. Zu athmen vermochten sie durch die Nase ganz gut, wenn ihnen der Mund auch zugestopft war.

»So!« flüsterte Sam. »Sie mögen sich abmühen an ihren Stricken. Ich möchte freilich nicht an ihrer Stelle sein. Eine ganze Nacht in diesem Zustande zuzubringen, das ist Etwas, was man im ganzen Leben nie vergessen kann. Es mag ihnen eine Lehre sein. Kommt nun! Wir sind fertig.«

Sie stiegen hinab, nachdem die Laterne verlöscht worden war. Sam als der Letzte verschloß die Thür. Sie verließen den Ort natürlich so, daß sie von den beiden Posten nicht bemerkt werden konnten. Dann schlugen sie die Richtung nach dem Lager ein, indem sie in einem Halbkreise um die Stadt schritten.

»Wohin führt Ihr mich nun?« erkundigte sich der Kosak. »In das Lager darf ich ebenso wenig wie in die Stadt.«

»Wir halten in der Nähe des Lagers an,« antwortete Sam. »Von da aus benachrichtigen wir Bula, den Tungusenfürsten. Der wird dann bestimmen, was geschehen soll.«

»Das ist freilich das Allerbeste. Ich bin überzeugt, daß er mir einen Vorschlag machen wird, welcher genau mit meinen eigenen Ansichten stimmt. Er wird mir ein verborgenes und sicheres Asyl anweisen, in welchem ich, ohne Furcht, entdeckt zu werden, den Anbruch des Winters erwarten kann.«

»Vielleicht wird es auch noch anders. Ich habe so meine Gedanken.«

»Welche?«

»Hm! Ich soll nicht davon sprechen. Aber da Sie ein Deutscher sind, so werde ich es wagen, mich Ihnen anzuvertrauen.«

»Seien Sie überzeugt, daß ich Ihr Vertrauen nicht mißbrauchen werde.«

»Ich hoffe das. Doch nicht jetzt werde ich reden, sondern sodann, wenn wir an Ort und Stelle angekommen sind.«

Es gelang ihnen, unbemerkt um die Stadt zu kommen. Dann schritten sie am Ufer des Flusses entlang noch eine Strecke vorwärts, bis sie an ein Buschwerk gelangten, wohin bis jetzt wohl kein anderer Mensch kam.

»Hier bleiben wir,« sagte Sam. »Ihr Beiden, Jim und Tim, begebt Euch nun in das Lager, doch möglichst so, daß Ihr nicht bemerkt werdet, und macht dem Fürsten Eure Meldung. Er mag dann thun, was ihm beliebt. Wir Beiden sind auf alle Fälle hier zu finden.«

Das Brüderpaar entfernte sich und die beiden Zurückbleibenden setzten sich nebeneinander nieder.

»So, da haben wir uns,« meinte Sam Barth. Wir sind auf eine gar seltsame Weise zusammengetroffen. Zwei Deutsche finden sich hier im Innern Sibiriens. Der Eine ist ein Verbannter und der Andere – hm!«

»Nun, bitte, sprechen Sie weiter. Was sind Sie? Es versteht sich ganz von selbst, daß ich gern wissen möchte, wer der Mann ist, welcher mich aus der Gefangenschaft befreit und sich dabei so unerwartet als ein Landsmann entpuppt hat. Sie glauben gar nicht, welches Entzücken es für mich ist, die Laute meiner Muttersprache zu hören.«

»O, ich glaube es gern. Ich weiß auch, wie es ist, wenn man in der Fremde auf Einen trifft, welcher aus der alten lieben Heimath stammt. Wer ich bin, das sollen Sie gern erfahren. Freilich, einen werthvollen Fang haben Sie an mir nicht gemacht. Für was halten Sie mich wohl?«

»Das weiß ich nicht. Sie sind mir ein Räthsel.«

»Und zwar ein sehr dickes.«

»Ja. Ihr Auftreten ist ein außerordentlich selbstbewußtes und sicheres.«

»Und mein Aeußeres stimmt damit ganz und gar überein. Nicht wahr, das wollten Sie doch wohl sagen?«

»So ähnlich, ja.«

»Nun, das Räthsel soll gelöst werden. Ich bin weder von Adel noch war ich Offizier. Eines schönen Tages wurde ich in Herlasgrün geboren. Das ist keine Metropole, aber es liegt in Sachsen und darauf bin ich stolzer, als ob ich in Paris oder London das erste Licht der Welt erblickt hätte. Einige Zeit später widmete ich mich derjenigen Kunst, deren Jünger zu Deutsch Knopfmacher genannt werden. Noch etwas später verliebte ich mich. So Etwas kommt nämlich sogar auch in Sachsen vor. Die betreffende Auguste wurde mir untreu und ich ging aus Gram und Aerger nach Amerika, wo ich Prairiejäger wurde.«

»Ah, das erklärt Alles.«

»Nicht wahr?«

»Ja. Ihr Auftreten ist das eines Mannes, welcher gelernt hat, alle Furcht und Angst zu vergessen.«

»Fürchten kann ich mich freilich nicht, nicht einmal in Sibirien.«

»Wie aber kommen Sie aus den Vereinigten Staaten hierher?«

»Als Jäger.«

»Ah, Sie wollen Zobel fangen?«

»Nebenbei auch wohl mit, nämlich wenn mir einer grad so über den Weg läuft. Eigentlich befinde ich mich auf der Menschenjagd.«

»Wieso?«

»Wir suchen einen Verbannten.«

»Sonderbar! Ein amerikanischer Jäger, ein geborener Sachse, kommt nach Sibirien, um einen Verbannten zu suchen.«

»Das mag freilich sonderbar sein, aber das Leben ist eben der beste Romanschriftsteller. Kein Dichter kann sich die wunderlichen Sachen aussinnen, welche im wirklichen Leben geschehen.«

»Was wollen Sie denn bei diesem Verbannten?«

»Das ist eine Frage, welche sich eigentlich ganz von selbst beantwortet. Befreien wollen wir ihn.«

»Was? Befreien? Ist er unschuldig verurtheilt worden?«

»Darüber kann ich keine Auskunft ertheilen, da ich es selbst nicht weiß.«

»Aber Sie wollen ihn doch von der Behörde zurückfordern.«

»Vielleicht. Vielleicht aber fragen wir die Behörde gar nicht, sondern wir schaffen ihn ohne Erlaubniß derselben über die Grenze.«

»Das dürfte Ihnen wohl nicht gelingen.«

»Warum nicht?«

»Weil ein solches Unternehmen bereits von vornherein aussichtslos ist.«

»Das schadet gar nichts. Grad das, was Andere nicht fertig bringen, das macht uns die allergrößte Freude. Wir haben schon ganz andere Sachen glücklich hinausgeführt. Ich möchte Den sehen, der unseren Steinbach hindern wollte, Das zu thun, was ihm beliebt.«

»Steinbach? Sind Sie das?«

»Ich? Wo denken Sie hin? Ich heiße mit meinem Namen Samuel Barth, werde aber gewöhnlich kurzweg Sam genannt. Die beiden Kameraden, welche ich bei mir habe, heißen Jim und Tim Snaker. Steinbach aber ist, so zu sagen, unser Anführer, unser Hauptheld, unser Oberst, welcher alle Abenteuer leitet, welche wir bestehen wollen. Er ist es, welcher den betreffenden Gefangenen sucht.«

»Was für ein Mann ist dieser Verbannte gewesen?«

»Das weiß ich nicht. Steinbach schweigt sehr beharrlich darüber. Vielleicht hängt es mit der Geschichte der Adlerhorst zusammen.«

Der Kosak machte eine schnelle Bewegung.

»Adlerhorst?« fragte er. »Wer heißt so?«

»Eine adelige Familie, welche unter höchst seltsamen und traurigen Schicksalen leidet. Steinbach interessirt sich für dieselbe so sehr, daß er bereits in Afrika und Amerika gewesen ist, um die zerstreuten Mitglieder derselben zusammenzusuchen.«

»Herr Barth, ich bin ganz –«

»Halt! Ich bin kein Herr Barth. Nennen Sie mich Sam und damit Punktum. Ich bin diesen Namen einmal gewöhnt. Und sagen Sie mir, wie ich Sie rufen soll!«

»Mein hiesiger Name ist Nummer Zehn.«

»Unsinn! Sie werden doch von mir nicht verlangen, daß ich Sie mit dieser Ziffer bezeichne. Sie müssen doch einen Namen gehabt haben.«

»Ein Verbannter verliert denselben und wird ihn wohl auch nicht sogleich einem Andern nennen. Mein Vorname ist Georg. Nennen Sie mich bei diesem.«

»Georg, gut! Uebrigens ists grad noch ein Georg, welcher uns fehlt und den wir suchen.«

»Mit welchem Familiennamen?«

»Adlerhorst.«

»Einen Georg von Adlerhorst suchen Sie? Sam, Sam, ist das wahr?«

Er war aufgesprungen. Er stand vor dem Dicken mit allen Zeichen einer plötzlichen und großen Aufregung.

»Was haben Sie? Warum fragen Sie so?« erkundigte sich Sam.

»Weil es mir so wunderbar vorkommt, daß Sie alle Erdtheile durchsuchen, um die zerstreuten Glieder einer Familie zusammenzusuchen.«

»Ja, unglaublich ist es fast, aber gelungen ist es bisher ganz ausgezeichnet. Wir haben Alle, Alle, nur der Georg fehlt uns noch.«

»Und Sie wissen, daß er sich hier in Sibirien befindet?«

»Nein. Wir haben nicht die mindeste Ahnung, wo er zu suchen ist.«

»Aber weshalb sind Sie denn da? Nicht seinetwegen?«

»Schwerlich. Es wird wohl ein ganz Anderer sein, welchen Steinbach hier sucht. Aber sagen Sie mir doch, was Sie plötzlich so aufregt?«

»Das will ich Ihnen nachher sagen, wenn Sie mir vorher mitgetheilt haben, wie Sie dazu kommen, nach jener Familie zu suchen.«

»Das ist sehr einfach. Ich lernte drüben in Amerika diesen Steinbach kennen und durfte mich ihm anschließen. Warum er nach den Adlerhorsts sucht, das hat er mir nicht gesagt, aber gefunden haben wir sie.«

»Wirklich? Wirklich? Welche Personen?«

»Die Mutter, eine nachgeborene Tochter, welche Magdalene heißt, und dann einen Sohn Namens Martin. Eine andere Tochter hatte Steinbach bereit vorher in Constantinopel entdeckt, wo sich ein Hermann Adlerhorst mit seinem englischen Vetter Lord Eagle-nest befand.«

»Herr, mein Gott! Da ist ja die ganze Familie genannt und nur der Vater fehlt!«

»Ja freilich, der Vater und jener Georg, dessen Aufenthalt nicht zu entdecken ist. Aber woher wissen Sie, daß dies die ganze Familie ist?«

»Ich – ich – ich habe einmal einen Adlerhorst getroffen und glaube, daß sein Vorname Georg war.«

»Sapperment! Welch ein Zufall! Jetzt entdecke ich eine Fährte. Sagen Sie mir schnell, wo Sie ihn getroffen haben!«

*

70

»Am Kaukasus. Er stand in russischen Diensten und bekleidete den Rang eines Hauptmanns.«

»Wie lange Zeit ist das her?«

»Fünf Jahre.«

»Thut nichts, thut nichts! Und wenn es zehn Jahre wären, die Spur ist nun da und Steinbach wird ihn nun ganz sicher finden. Wer hätte das gedacht, hier in Sibirien auf die Fährte des Gesuchten zu gerathen! Wie wird Steinbach sich freuen, wenn er es erfährt.«

»Wo ist dieser Steinbach?«

»Er ist noch in Irkutsk, wird aber sehr bald nachkommen.«

»Und wer ist er?«

»Das weiß der Kuckuck. Er nennt sich Steinbach, aber ich will gleich gelyncht sein, wenn er nicht ein ganz vornehmer Kerl ist. Und unermeßlich reich muß er auch sein. Wäre uns der verdammte Derwisch nicht entschlüpft, so wären wir längst fertig.«

»Welcher Derwisch?«

»Hm, ich vergesse, daß Sie ja von alledem gar nichts wissen. Dieser Derwisch hat sich nämlich unter den verschiedensten Namen in der Welt herumgedrückt. Er ist von Steinbach oft verfolgt worden, aber allemal glücklich entronnen. Er heißt eigentlich Florin und war Diener der Familie Adlerhorst.«

»Florin! Florin!«

Er rief diesen Namen laut in die Nacht hinaus, so aufgeregt war er.

»Leise, leise!« warnte Sam. »Bedenken Sie, daß Sie Flüchtling sind. Ist Ihnen denn dieser Name bekannt?^«

»O, nur zu gut.«

»Woher?«

»Jener Georg Adlerhorst hat ihn mir genannt.«

»Ah so! Sonderbarer Weise glaubte heute mein alter Tim, den Kerl gesehen zu haben.«

»Wo?«

»Hier zwischen den Zelten. Das ist aber doch gar nicht möglich.«

»Warum nicht? Es giebt bei Gott keine Unmöglichkeit.«

»Das ist wohl wahr. Aber was wollte der Kerl hier in Sibirien?^

»Was wollen Sie hier? Ebenso wie es zu verwundern ist, daß Sie sich hier befinden, kann sich seine Gegenwart auch erklären lassen.«

»Freilich, freilich. Vielleicht ist er es doch gewesen. Das wäre eine ganz verteufelte Geschichte, wenn er uns entkommen wäre. In seinen Händen liegt nämlich der Schlüssel zu den Geheimnissen der Familie Adlerhorst. Wenn wir ihn ergreifen könnten, so wäre es mit aller Noth zu Ende.«

»So muß und soll er ergriffen werden. Er ist nämlich wirklich hier.«

»Was? Was?« rief Sam, indem nun auch er aufsprang.

»Ja.«

»Kennen Sie ihn denn?«

»Persönlich sogar.«

»Sapperment! Sie – Sie – –«

Er hielt inne, trat nahe an den Kosaken heran, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte:

»Herr – Herr Georg, wollen Sie aufrichtig mit mir sein?«

»Was soll ich sagen?«

»Daß Sie – ja, daß Sie jener Georg von Adlerhorst sind!«

Der Gefragte zögerte einige Augenblicke, dann antwortete er:

»Dieser Name sollte nie wieder über meine Lippen kommen. Da es aber so steht, wie Sie mir sagen, so sollen Sie die Wahrheit hören: Ja, ich bin es.«

Da holte Sam tief, tief Athem und seufzte:

»Gott sei Dank! Wahrhaftig, es geschehen noch immer Zeichen und Wunder! Georg Adlerhorst als Verbannter in Sibirien! Und ich finde ihn, ich, Sam Barth aus Herlasgrün! Herr, hier, nehmen Sie meine Hand. Für Sie hat alle, alle Noth ein Ende.«

»Wenn mir die Flucht gelingt, ja.«

»Auch ohne dies. Verstecken Sie sich nur so lange, bis Steinbach kommt. Dann brauchen Sie gar nicht zu fliehen.«

»Sie denken viel zu sanguinisch. Ich bin ohne Untersuchung und Urtheil, nur allein auf den Befehl des Kaisers verbannt worden. Das kann Ihr Steinbach nicht rückgängig machen, selbst wenn er so ein vornehmer Herr ist, wie Sie denken.«

»Wessen waren Sie beschuldigt?«

»Davon später. Jetzt vor allen Dingen möchte ich von den Meinigen erfahren; das können Sie sich denken. Also erzählen Sie mir, aber nur ganz kurz und in Umrissen. Zu einem ausführlichen Berichte haben wir keine Zeit.«

Er setzte sich wieder nieder. Sam that dasselbe und berichtete nun in weiten Conturen, was er wußte. Er war damit noch nicht zu Ende, als sich Pferdegetrappel vernehmen ließ. Die Pferde wurden in der Nähe angehalten, und sodann kamen zwei menschliche Gestalten heran. Karparla war es mit einem Tungusen.

»Du bist frei,« sagte sie, als er ihr entgegentrat. »Ich erfuhr es von den beiden fremden Männern. Vater sendet mich. Er will Dir wohl, mag aber nicht selbst kommen, da der Kreishauptmann dies erfahren könnte. Er ist der Treueste unter unsern Männern. Er wird Dich an einen Ort bringen, wo Du von keinem Verfolger gefunden werden kannst. Später kommen wir nach und führen Dich über die Grenze.

Er reichte ihr die Hand und antwortete:

»Ich danke Dir! Vielleicht mache ich Gebrauch von Deiner Güte, vielleicht auch nicht. Setze Dich eine kurze Zeit zu uns her! Dieser Fremdling hat mir noch Etwas zu erzählen. Wenn er fertig ist, werde ich Dir sagen können, was ich thue.«

Sie folgte schweigend seiner Aufforderung, und Sam brachte nun seinen Bericht vollends zu Ende.

»Was werden Sie nun thun?« fragte er sodann.

»Fort gehe ich, in die Heimath, zu den Meinen. Etwas Anderes giebt es nicht. Mein Herz treibt mich mit aller Macht zu ihnen.«

»Aber Karparla?«

»Fragen Sie nicht! Diese Frage geht mir wie ein tödtlicher Stich in die Seele. Die Liebe zu diesem Mädchen hält mich mit allen Banden hier fest; aber die Meinen haben größere und heiligere Ansprüche auf mich. Weiß ich denn überhaupt, ob sie meine Liebe jemals erwidern würde? Und wenn sie mich liebte, müßte ich sie nicht dennoch aufgeben? Ich bin ein Flüchtling, geächtet und vogelfrei. Hier könnte ich auf keinen Fall bleiben.«

»Sie haben Recht. Nehmen Sie also das Anerbieten des Mädchens an. Bleiben Sie in dem Ihnen von ihr gebotenen Asyle, bis Steinbach kommt. Dieser wird diejenigen Maßregeln ergreifen, welche am geeignetsten sind, Ihnen die Heimkehr zu ermöglichen.«

»Und Florin, der Derwisch?«

»Der geht Sie jetzt nichts an.«

»Und doch. Soll er abermals entkommen?«

»Steinbach wird ihn zu finden wissen.«

»Aber wo?«

»Hier. Der Mensch wird sich doch wohl noch einige Zeit hier aufhalten.«

»Glauben Sie das nicht. So wie Ihr Kamerad ihn gesehen hat, ebenso gut kann er auch Sie gesehen haben. In diesem Falle ist er bereits fort, und wir müssen wissen, wohin er sich gewendet hat. Er ist jedenfalls im Wirthshause abgestiegen. Dort bleibt man heut wegen des Marktes und Tanzes die ganze Nacht wach. Wir müssen uns sofort nach ihm erkundigen.«

»Sie mögen Recht haben; aber das darf doch an Ihrem Entschlusse nichts ändern.«

»Vielleicht doch. Ich werde hier den Tungusen hinschicken. Er mag den Wirth fragen.«

»Das ist mir nicht sicher genug. Lieber gehe ich selbst.«

»Aber wissen Sie, wie er sich hier genannt hat?«

»Nein.«

»Er war beim Kreishauptmanne, wo ich ihn mir genau betrachtet habe. Ich will ihn Ihnen beschreiben, und darnach kann Ihnen der Wirth Auskunft geben.«

Er beschrieb den einstigen Derwisch ganz genau, und dann eilte Sam fort. Er hatte nur fünf Minuten bis an das Wirthshaus zu gehen.

Nun saß der Kosak mit Karparla beisammen. Der Tunguse hatte sich discret zurückgezogen.

»Wo ist der Ort, nach welchem Du mich bringen lassen willst?« fragte er.

»Er liegt am Mückenflusse zwischen Felsen, in welche ein Unbekannter keinen Weg findet. Der Fluß heißt so wegen den vielen Mücken, die zur Zeit des Frühjahres dort so schrecklich sind, daß sich kein Rennthier da aufzuhalten vermag. Jetzt aber zur Herbstzeit giebt es keine dort.«

»Wie weit ist es bis dorthin?«

»Man reitet zwei Tage lang. In einigen Tagen kommen wir nach.«

»Ich werde mich sehr freuen, Dich dort zu sehen, und dennoch wird mich Dein Anblick schmerzen.«

»Warum?«

»Du wirst als die Braut des Rittmeisters kommen.«

Sie senkte das Köpfchen und antwortete nicht. Darum fragte er:

»Habe ich nicht Recht?«

Anstatt ihm direct mit Ja oder Nein zu antworten, sagte sie:

»Das würde Dich also schmerzen?«

»Ja.«

»Warum?«

»Weil ich überzeugt bin, daß Du an der Seite dieses Mannes sehr unglücklich sein würdest.«

»Wer den Eltern gehorcht, wird stets glücklich.«

»Nicht immer. Die Eltern haben nur dann Gehorsam zu verlangen, wenn sie für das Wohl ihres Kindes bedacht sind. Warum wünschen die Deinigen, daß Du die Frau dieses Russen werden sollst?«

»Weil der Schamane es ihnen geboten hat.«

»Aus welchem Grunde aber hat er dieses Gebot ausgesprochen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hast Du denn den Rittmeister lieb?«

»O nein. Ich hasse ihn. Er hat mich heute sogar schlagen wollen.«

»So bitte Deinen Vater, daß er mit dem Schamanen reden möge!«

»Er hat es bereits versucht; aber der Schamane bleibt bei seinem Befehle.«

»Und Du wirst gehorchen?«

»Noch weiß ich es nicht. Aber wenn man mich zwingt, so wird der Rittmeister mich ganz anders finden, als er jetzt denkt. Ich werde sein Weib sein, aber berühren dürfen wird er mich nie.«

»Sollte das wahr sein?«

»Ja. Ich kann es beschwören.«

»Aber er ist stärker als Du. Er wird Dich zwingen.«

»Das kann er nicht. Ich bin die Tochter eines Fürsten. Ich trage meine Waffen. Wollte er mich zwingen, so wäre es sein Tod. Berühren darf mich nur Derjenige, den ich liebe.«

»Und wer ist das?«

Sie antwortete nicht. Er fuhr fort:

»Du bist ja bereits berührt worden von Einem, den Du nicht liebst.«

»Nein, nie!«

»O doch!«

»Wer soll das sein? Wie kannst Du das sagen? Weißt Du nicht, daß dies eine große Schande für mich sein würde.«

»U»d doch ist es so!«

»Wer Dir das gesagt hat, der ist ein sehr großer Lügner.«

»O nein; er ist ein Mann, welcher niemals eine Unwahrheit sagt. Du warst in das Wasser gefallen, weil das Eis unter Deinen Füßen und unter den Hufen Deines Pferdes zerborst. Da holte Dich Einer heraus. Du hattest das Bewußtsein verloren. Weißt Du das noch?«

»Ja,« antwortete sie mit leiser Stimme.

»Er legte Dich am Ufer nieder und nahm Dich an seine Brust. Du warst so unendlich schön, so schön selbst im Scheintode, so daß es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt erfaßte. Er küßte Dich. Habe ich also nicht Recht? Ist es eine Lüge, was ich vorhin sagte?«

»Es ist nicht die richtige Wahrheit. Ich war ja ohne Besinnung. Ich konnte mich nicht wehren, als ich in Deinen Armen lag.«

»Ja, das ist wahr. Aber wenn Du das Bewußtsein gehabt hättest, hättest Du Dich da auch gewehrt?«

»Ja,« antwortete sie, aber erst nach einer Pause des Nachsinnens und in einem halb und halb neckischen Tone.

»Ist das wahr, Karparla?«

»Ja, Du kannst es glauben; ich hätte mich gewehrt.«

»Aber wie lange?« fragte er, seinerseits nun auch in scherzendem Tone.

»So lange, wie es nöthig gewesen wäre.«

»Das wäre sehr unrecht und grausam von Dir gewesen. Also zürnest Du mir wohl, daß ich Dich damals ohne Deine Erlaubniß geküßt habe?«

»Nein. Du hattest mir ja das Leben gerettet. Da hast Du Dir den Lohn gleich selbst genommen, und nun bin ich Dir nichts mehr schuldig.«

»Darüber freust Du Dich wohl sehr?«

»Ja. Eine Fürstin soll keinem Menschen Etwas schuldig sein.«

Diese kindlich neckische Hin- und Gegenrede wurde gestört. Sam kehrte zurück.

»Nun, haben Sie Etwas erfahren?« fragte der Kosak.

»Ja. Er ist dort abgestiegen, aber er befindet sich nicht mehr hier in Platowa. Er nennt sich Peter Lomonow, Kaufmann aus Orenburg, und ist gekommen eines Jagdunternehmens wegen. Er hat eine Gesellschaft Zobeljäger engagirt und ist bereits heut mit ihnen aufgebrochen.«

»Wohin?«

»Der berühmte Zobeljäger Nummer Fünf ist der Anführer der Gesellschaft. Er ist kurz vor dem Aufbruche bei dem Wirthe gewesen und hat diesem mitgetheilt, daß der Zug zunächst nach dem Mückenflusse gehe.«

»Dorthin? Das ist mir ungeheuer lieb, denn dorthin führt mich auch mein Weg.«

»Wirklich? Das wäre ja ein überaus günstiger Zufall. Der Derwisch, kennt Sie natürlich?«

»Nein. Ich bin so viel älter geworden und habe mich so viel verändert, daß ich nicht glaube, daß er mich erkannt hat.«

»Wenn das der Fall wäre, so könnten Sie sich und uns einen sehr großen Gefallen thun.«

»Recht gern, natürlich. Welchen Gefallen meinen Sie aber?«

»Sie könnten jene Jagdgesellschaft unter irgend welchen Vorwänden verhindern, den Mückenfluß zu verlassen, damit Steinbach den Derwisch dort antrifft.«

»Sie meinen, daß er hinkommen werde?«

»Unbedingt. Es muß ihm ja Alles, Alles daran liegen, diesen gefährlichen Menschen zu ergreifen. Freilich, wenn nur eine Ahnung vorhanden wäre, daß der Derwisch weiß, wer Sie find, so müßten Sie sich hüten, sich von ihm sehen zu lassen.«

»Ich bin überzeugt, daß er nicht weiß, wer ich bin.«

»Seien Sie trotzdem äußerst vorsichtig. Dieser Mensch hat sich ganz außerordentlich in der Gewalt. Er wird nur selten merken lassen, was er denkt.«

»Kommen Sie auch mit?«

»Auf alle Fälle. Ich würde gleich jetzt mit Ihnen reiten, aber ich habe die strengste Weisung von Steinbach, ihn hier zu erwarten.«

»Dieser Weisung müssen Sie natürlich Folge leisten.«

»Aber Sie reiten ohne allen Schutz.«

»Es fragt sich, ob Sie, wenn Sie mich begleiten würden, mir Schutz gewähren könnten.«

»Hm!« lächelte der Dicke. »Ich möchte mich rühmen, daß meine Begleitung noch keinem Menschen Etwas geschadet hat.«

»Das glaube ich sehr gern. Unter Umständen aber ist es zuweilen vortheilhafter, man reist nicht in zu großer Anzahl. Und meine gegenwärtige Lage ist vielleicht eine solche, für welche dieser Ausspruch paßt.«

»Mag sein. Im Uebrigen beruhigt mich der Umstand, daß Sie doch nicht ganz allein sind. Sie haben ja einen Tungusen bei sich.«

»Und zwar einen treuen, wie Karparla mir sagte. Ich kann Ihnen mittheilen, daß diese Tungusen zwar sehr friedlich gesinnte Leute sind, aber wenn es nöthig ist, so stellen sie ihren Mann. Sie glauben also, daß Steinbach mir nachfolgen werde?«

»Ich bin vollständig überzeugt davon.«

»So wünsche ich, daß er recht bald hier eintreffen möge. Nur fragt es sich, ob er mich auch finden wird.«

»Warum sollte er nicht?«

»Ich werde also am Mückenflusse sein. Das ist eine so allgemeine und unsichere Ortsbezeichnung, daß es ja fast unmöglich ist, mich auf dieselbe hin aufzusuchen.«

Der dicke Sam stieß ein lustiges Lachen aus und antwortete:

»Mein lieber Freund, ich will Ihnen sagen, daß Sie keine Ahnung von dem Spür- und Scharfsinne eines Prairiejägers haben. Reiten Sie jetzt nach dem Mückenflusse und geben Sie sich Mühe, sich dort zu verstecken. Ich komme in einer Woche nach und werde Sie doch ganz sicher auffinden. Und Steinbach ist ein noch ganz anderer Kerl als ich. Uebrigens können Sie ja dazu beitragen, daß wir Ihre Spur leicht finden. Sie brauchen uns doch nur ein Zeichen zurückzulassen.«

»Welches?«

»Legen Sie heimlich, so daß es von Niemandem bemerkt wird, überall, wo Sie sich befinden und so oft es Ihnen paßt, zwei Steine über einander und daneben einen dritten in derjenigen Richtung, in welcher Sie den Ritt fortsetzen.«

»Das wird doch auffallen, besonders dem einstigen Derwisch, der ja auch in Amerika gewesen ist und also diese Jägergebräuche kennt.«

»Pah! Sie denken wohl, wenn ich von Steinen spreche, so müssen es Mauerquadern sein?«

»Groß genug müssen sie doch jedenfalls sein, damit sie leicht bemerkt werden.«

»Es genügt, wenn sie die Größe eines Pfennigs haben.«

»Wirklich?«

»Ja. Zwei über einander und einer daneben, das ist für ein Prairieauge vollständig hinreichend.«

»Schön! Aber da, wo es keine Steine giebt?«

»Da stecken Sie drei Aestchens in die Erde. Dorthin, wohin die Spitzen zeigen, sind Sie geritten. Haben Sie noch eine Frage, eine Erkundigung?«

»Nein.«

»So brechen Sie auf. Mit Allem, was wir heut gethan und gesprochen haben, ist die Nacht beinahe vergangen. Bald wird der Morgen grauen, und Sie müssen doch einen genügenden Vorsprung vor etwaigen Verfolgern haben.«

»Die fürchte ich nicht. Der Fürst hat jedenfalls zwei der schnellsten Pferde für uns ausgesucht. Und meine Flucht wird wohl erst spät entdeckt werden. Ein einziger Umstand macht mir Bedenken. Ich bin nämlich ohne alle Waffen. Und deren bedarf ich doch auf alle Fälle.«

»Das ist freilich beklagenswerth. Ich kann Ihnen da nicht helfen. Und in die Kaserne können Sie sich nicht wagen?«

»Auf keinen Fall.«

»Vielleicht helfen Ihnen die Tungusen aus.«

»Ich werde Karparla fragen.«

Als er diese Frage aussprach, antwortete das Mädchen:

»Ich habe für Alles gesorgt, denn ich wußte, daß Du keine Waffen hattest und sie doch brauchen würdest. Dort am Sattel findest Du eine gute Flinte, und in der Tasche steckt ein Messer und auch Munition. Mundvorrath für viele Tage liegt hinter dem Sattel quer über das Pferd.«

Sam verstand diese in russischer Sprache gesagten Worte. Er dachte sich, daß der Kosak vielleicht noch einen Augenblick mit dem schönen Mädchen allein zu sein wünsche, darum meinte er:

»So sind Sie ja mit allem Nöthigen versehen, und wir können uns verabschieden. Ich will nicht mit Karparla nach dem Lager gehen. Man braucht uns nicht bei einander zu sehen. Es würde das Veranlassung zu dem Verdachte geben, daß wir an Ihrer Flucht betheiligt seien. Also leben Sie wohl! Reiten Sie glücklich, und seien Sie überzeugt, daß wir uns bald wiedersehen werden! Aber nehmen Sie sich vor diesem sogenannten Peter Lomonow, dem angeblichen Kaufmanne aus Orenburg, in Acht. Er ist nicht nur gewaltthätig, sondern auch schlau. Ihn zu täuschen, dazu gehört viel.«

»Haben Sie keine Sorge! Ich fürchte ihn nicht.«

»Und noch Eins, woran ich soeben denke. Machen Sie da ja keinen Fehler! Was sagen Sie, wenn er Sie fragt, was Sie bei ihm wollen?«

»Hm! Darüber muß ich vorher nachdenken.«

»Sie müssen sich bald klar werden, denn Sie können von einem jeden Begegnenden gefragt werden.«

»Leider trage ich die Uniform und muß also eingestehen, daß ich Kosak bin.«

»Vielleicht ist dieser Umstand grad mehr von Vortheil als von Nachtheil.«

»Schwerlich. Trüge ich einen Civilanzug, so hätte ich weniger zu befürchten.«

»Nun, können Sie nicht zum Beispiel sagen, daß Sie mit Andern ausgeschickt worden seien, um den verborgenen Aufenthalt eines entflohenen Verbannten auszukundschaften?«

»Da haben Sie sehr Recht. Das ist eine sehr gute Erklärung. Wenn ich dies vorgebe, so ist ein Jeder geradezu verpflichtet, mir alle mögliche Unterstützung angedeihen zu lassen.«

»Freut mich, Sie bemerken also bereits jetzt, daß so ein alter Prairiejäger kein übler Junge ist. Könnte ich bei Ihnen sein, so würde ich für Sie nicht das Allermindeste befürchten. Nun jetzt ein Lebewohl!«

»Adieu, und baldiges Wiedersehen!«

Sam schritt von dannen. Der Kosak wendete sich an Karparla:

»Wann werdet Ihr nach dem Mückenflusse kommen?«

»Wir bleiben hier, bis der Markt zu Ende ist. Ich würde gern noch eher aufbrechen, aber das könnte auffallen. Man wird uns so im Verdacht haben, Dir bei Deiner Flucht behilflich gewesen zu sein.«

»Hoffentlich bereitet man Dir keine Unannehmlichkeiten. Ich würde das sehr beklagen.«

»Ich fürchte mich nicht. Ich werde mir alle Mühe geben, die Verfolger irre zu leiten.«

»So freue ich mich auf die Stunde, an welcher ich Dich wiedersehen werde.«

»Freust Du Dich wirklich auf dieselbe?«

»Du darfst nicht daran zweifeln.«

»Aber dieses Wiedersehen wird ein sehr kurzes sein, denn sobald wir kommen, werden Dich einige unserer Leute über die Grenze schaffen. Dann gehst Du in Deine Heimath und kehrst dann wieder.«

Sie sagte das in traurigem Tone, so daß er ihre Hand ergriff und sie fragte:

»Thut Dir das Scheiden denn leid?«

»Ja, von ganzem Herzen leid. Du bist ja mein Retter. Den Ring, welchen ich Dir gegeben habe, hat Dir der Rittmeister abgenommen. Nun hast Du nicht einmal ein Andenken an mich.«

»Du ja auch keins an mich!«

»O doch. Ich werde immer an Dich denken. Du hast mir das verlorene Leben zurückgegeben. Ist das nicht genug? Ist das nicht das werthvollste Andenken, was man sich zu geben vermag? Ich möchte Dir gern einen anderen Ring geben, wenn ich wüßte, daß Du ihn annehmen würdest.«

»So sind zwei Ringe für Dich verloren.«

»Das ist mir gleich. Du weißt ja, daß wir reich sind. Darf ich?«

»Ja, aber unter einer Bedingung.«

»Sage sie. Wenn ich kann, werde ich sie erfüllen.«

»Laß Dir den ersten Ring von dem Rittmeister zurückgeben.«

»Das werde ich thun. Noch heut muß er ihn mir wiedergeben.«

»Wird er es thun?«

»Er muß. Wenn ich es will, so setze ich es auch durch. Er soll einen Ring, den ich für Dich bestimmt habe, nicht tragen dürfen. Und nun nimm diesen hier!«

Sie zog ihn vom Finger und gab ihn dem Kosaken hin. Dieser steckte ihn an, zog ihre Hand an sein Herz und sagte:

»Karparla, es mag kommen, was da wolle, dieses Andenken werde ich so heilig halten wie kein zweites. Du sagst, daß Du oft an mich denken werdest, und ich versichere, daß mein Sinnen gar nicht von Dir lassen wird.«

»So sagst Du jetzt. Ich wohne auf der weiten, stillen einsamen Ebene; da stört mich nichts an Dich zu denken. Du aber gehst in ein Land, wo es ganz anders ist als hier. Da wirst Du bald keine Zeit haben, Dich an Karparla zu erinnern, und gar bald wird es geschehen sein, daß Du mich vergessen hast.«

»Nie, nie werde ich Deiner vergessen.«

»Wenn Dein Heimathland doch nicht gar so weit von hier läge, so daß man einmal hinreiten könnte!«

»Würdest Du kommen?«

»Ganz gewiß. Wie lang müßte man reiten, um es zu erreichen?«

»Viele, viele Monate lang.«

»Das ist traurig. So kann ich nicht zu Dir, und Du kannst nicht zu mir. Warum mußt Du fort von hier?«

Sie sagte das in wirklich aufrichtiger Trauer. Es überwallte ihn heiß. Er antwortete:

»Was könnte es nützen?«

»Wir würden uns täglich sehen.«

»Meinst Du, daß uns das erfreuen könnte? Du wärst das Weib des Rittmeisters. So oft ich Dich erblickte, würde mich der Grimm übermannen.«

»Nein, ich wäre nicht sein Weib. Wenn Du hier bliebst, würde ich ihn abweisen.«

»Aber weil ich fortgehe, wirst Du ihm seinen Wunsch erfüllen.«

Sie entzog ihm ihre Hand, drückte dieselbe gegen ihr klopfendes Herz und sagte:

»Ich habe bis jetzt es für möglich gehalten, daß ich ihm angehören kann, in diesem Augenblicke aber fühle ich es, daß das ganz und gar unmöglich ist.«

»Darf ich das glauben?«

»Ich sage es Dir, und so ist es wahr. Ich werde lieber sterben, als daß ich ihm nur einen freundlichen Blick gebe.«

Da beugte er sich zu ihr nieder und fragte:

»Warum merkst Du es erst jetzt, in diesem Augenblicke?«

»Warum? Das weiß ich nicht. Ich fühle es deutlich; aber woher diese Erkenntniß kommt, das kann ich nicht sagen. Ich möchte – ich möchte am Liebsten – –«

Sie hielt inne. Es klang, als ob sie mit Thränen kämpfe.

»Was möchtest Du? Sage es!« bat er in innigem Tone.

»Das darf ich nicht.«

»Du darfst es! Warum wolltest Du Dich scheuen, es zu sagen?«

»Weil – weil – – weil Du wohl gar darüber lachen würdest.«

»Ich darüber lachen. Karparla, wie kannst Du mir mit diesen Worten so wehe thun!«

»Wenn es Dir wirklich wehe thut, so könnte ich es doch vielleicht sagen.«

»Ja, theile es mir mit! Ich bitte Dich recht herzlich darum.«

»Ich wollte sagen: Wenn der Vater nicht wäre und die Mutter nicht, – so –«

»Nun? Weiter, bitte, bitte!«

»So möchte ich am Allerliebsten mit Dir fortgehen in Deine Heimath.«

Sie sagte das langsam, traurig; er hörte es ihr an, daß es ihr Ernst mit diesen Worten sei.

»Mit mir gehen? Und dort bleiben?«

»Ja«

»Für immer? Nie wieder nach hier zurückkehren?«

»Nie wieder. Wo Du wärst, da würde ich gern bleiben.«

Da legte er seinen Arm um sie und zog sie leise, leise an sich. Sie duldete es, aber nicht ganz. Sie hielt ihre Arme so, daß dieselben sich zwischen ihnen befanden.

»Wenn Du wüßtest, wie glücklich Du mich durch diese Worte machst!« flüsterte er.

»Freut es Dich wirklich?«

»Unendlich. Es hat mich, so lange ich lebe, noch nichts so sehr gefreut wie das.«

»So denke daran, wenn Du daheim bist. Du wirst Dir dann sagen können, wie traurig ich sein werde.«

»Du wirst doch bald Trost finden.«

»Nein. Es giebt da keinen Trost.«

»Du wirst einen Mann haben, mit welchem Du glücklich bist.«

»Ich werde allein bleiben, so lange ich lebe, und mir nie einen Mann nehmen. Das weiß ich nun.«

»Wenn ich nun kein Verbannter wäre und dafür reich und vornehm, und ich bät um Deine Hand bei Deinem Vater, würdest Du da Ja sagen, Karparla?«

»Ich würde Ja sagen, wenn Du auch nicht reich und vornehm wärst.«

»Aber ein Verbannter!«

»Du bist trotzdem besser als alle Andern. Ich fürchte mich nicht, das Weib eines solchen Verbannten zu werden.«

»Karparla, ist das wahr!«

»Soll ich es Dir beweisen?«

»Wie könntest Du das?«

»Bleib hier, so werde ich Deine Frau!«

»Ich bin ein Flüchtling!«

»Ich fliehe mit, an einen Ort, wo Niemand Dich findet. Aber nicht so weit fort, wo ich den Vater und die Mutter nicht mehr sehen kann.«

»Du liebes, liebes Mädchen! Es treibt mich mit aller Gewalt, Dir diesen Wunsch zu erfüllen. Welche Seligkeit wäre es, Dich besitzen zu dürfen! Und doch ist es unmöglich.«

»Warum?«

»Weil es ein Verbrechen an Dir wäre, wenn ich Dein ganzes, bisher so lichtes und ungetrübtes Dasein an das Leben eines Verfehmten binden wollte, der sich vor Niemand sehen lassen darf.«

»Wir Beide würden uns ja sehen, und dies wäre genug, um glücklich zu sein.«

»Das denkst Du jetzt, weil Du das Leben nicht kennst. Bald würde das Unglück die gierigen Krallen nach uns ausstrecken, ohne daß wir uns zu wehren vermöchten. Du wirst erst später einsehen, wie Recht ich jetzt habe.«

»Ich glaube, daß Du Recht hast, denn Du sagst nur die Wahrheit und bist klüger als ich.«

»Mich würden bittere Vorwürfe peinigen, welche ich Dir verbergen müßte. Ich hätte Dich um eine schöne Zukunft gebracht und die Sehnsucht nicht gestillt, welche die Meinigen nach mir empfinden.«

»Hast Du Viele, die Dich erwarten?«

»Eine Mutter und mehrere Brüder und Schwestern. Wir sind seit langen Jahren getrennt gewesen, und erst heut habe ich erfahren, daß die Anderen nun vereinigt sind und heißes Verlangen nach mir empfinden.«

»Dann darfst Du sie nicht warten lassen, wenn diese Trennung, auch eine so traurige für mich ist. Ich möchte nicht von meinen Eltern fort. Wie könnte ich da verlangen, daß Du bei mir bleiben sollst.«

»Ja, wir müssen scheiden, auf ewig und auf immerdar. Aber nicht schon heut. Wir sehen uns erst noch wieder. Jetzt aber will ich aufsteigen. Mein Begleiter sitzt schon im Sattel. Damit will er mich mahnen.«

»Ja, Du mußt fort. Im Osten beginnt schon der Horizont sich zu lichten. Vertraue diesem Begleiter. Er ist ein Mann, auf den Du Dich verlassen kannst.«

»Wie heißt er?«

»Gisa. Er gehört zu den Tapfersten und Klügsten unseres Stammes.«

»So laß uns scheiden, Karparla. Nicht wahr. Du hast mich lieb?«

Sie blickte still vor sich nieder und zögerte mit der Antwort. Sie hatte ihm so aufrichtig gesagt, daß sie ihm angehören möchte, trotzdem er ein Verbannter sei, daß sie mit in seine Heimath gehen würde, wenn ihre Eltern nicht wären, und nun er diese directe Frage an sie richtete, fiel es ihr schwer, das erwartete Wort zu sagen.

»Magst Du mir nicht antworten?« fragte er zärtlich.

»Warum soll ich das? Muß es sein?«

»Nein. Ich weiß, daß Deine Seele mir gehört, aber es erhöht das Glück, von Deinen Lippen zu hören, daß Du mich lieb habest.«

»So meinst Du, daß das, was ich fühle, die Liebe ist?«

»Ganz gewiß.«

»O, dann ist die Liebe freilich etwas unbeschreiblich Herrliches. Wenn meine Freundinnen davon sprachen, so hörte ich ihnen zu, ohne es begreifen zu können. Wenn ich einen Mann erblickte, blieb mein Herz so ruhig wie vorher. Ich konnte mir gar nicht denken, daß die Liebe etwas so Außerordentliches sei, bis – bis – bis –«

»Sprich weiter, sprich weiter!« bat er.

»Bis ich damals die Augen öffnete,« fuhr sie leise fort.

»Und –?«

»Und ich an Deinem Herzen lag.«

»Das war wohl sehr bös und schlimm?«

»O nein, nein!«

»Aber ich war Dir fremd. Du kanntest mich doch gar nicht. Fürchtetest Du Dich denn nicht vor mir?«

»Gar nicht. Es war mir gar nicht so, als ob ich mich in den Armen eines fremden Mannes befände. Deine Augen hatten mich so – so – so gut angeblickt. Ich kann es nicht sagen, wie das in meinem Herzen war.«

»Und da mußte dieser Rittmeister dazwischen kommen. Eben wollte ich Dich wieder küssen, als er hinzutrat. Er schlug mich mit der Peitsche, daß ich die Schwiele noch lange Zeit im Gesicht trug.«

»Du Armer, Lieber, Guter!«

Sie schlang die Arme um ihn und drückte sich innig an seine Brust. Das Mitleid siegte über die mädchenhafte Scheu, mit welcher sie vorhin seine Umarmung zu einer nur halben gemacht hatte.

»Wohl war und bin ich ein Armer!« seufzte er tief, tief auf. »Karparla. Du hast keine Ahnung von den Leiden, welche ich zu tragen gehabt habe. Nur wenn Du mein Weib werden und mit mir in meine Heimath ziehen könntest, würdest Du nach und nach begreifen können, was es bedeutet, ein Verbannter zu sein, ohne Recht, ohne Willen, ohne Namen und ohne Schutz.«

»Wie oft bist Du geschlagen worden!«

»Das ist nicht das Allerschlimmste. Was den Körper schmerzt, das ist leicht zu ertragen; aber es giebt Seelenqualen, welche unbeschreiblich sind. Doch fort mit solchen finstern Gedanken! Jetzt habe ich Dich, Dich, Dich, Du Liebe, Du Einzige. Dieser Augenblick macht Vieles, Vieles wieder gut.«

»Ich wollte, ich könnte Alles, Alles von Dir nehmen und an Deiner Statt tragen.«

»Das wolle Gott verhüten, daß Du jemals nur eine einzige Stunde erlebst, wie ich tausende hinter mir habe. Doch schau, Gisa reitet fort, langsam zwar, aber doch so beredt, daß ich ihn verstehe. Leb wohl, meine liebe, liebe Karparla!«

»Leb wohl, mein lieber, lieber –«

Sie sagte das, indem sie ihr Köpfchen fest und innig an seine Brust drückte; nun aber blickte sie schnell zu ihm auf und fuhr fort:

»Wie soll ich Dich nennen?«

»Nummer Zehn!« antwortete er in plötzlich überquellender Bitterkeit.

»Nein, nicht bei diesem häßlichen Wort.«

»Ich habe ja keinen Namen mehr?«

»Auch für mich nicht, für Deine Karparla nicht. Du Böser?«

»O ja. Du sollst mich so rufen, wie Vater und Mutter und Brüder und Schwestern mich genannt haben. Ich heiße Georg.«

»Georgi heißt es bei uns. Georgi – Georgi – Georgi – –

Sie sagte den Namen in einer Weise hin, als ob sie kosten und schmecken wolle, ob er ihr angenehm sei oder nicht.

»Gefällt er Dir nicht?« fragte er.

»Er gefällt mir sehr. An Dir gefällt mir ja Alles, Alles. Nun werde ich Dich nennen können, wenn ich an Dich denke.«

»Bisher hast Du keinen Namen für mich gehabt.«

»O doch, einen hatte ich, und zwar einen sehr schönen.«

»Darf ich ihn erfahren?«

»Ja. Oft, wenn ich allein war und an Dich dachte, wie Dein Auge damals in das meinige geleuchtet hatte, da habe ich die Arme ausgebreitet und gerufen: Mein Retter, komm, komm, mein Retter! Ist dies nicht auch ein schöner Name?«

»Ja, ein sehr schöner.«

»Aber Georgi ist mir noch lieber. Ich werde, wenn ich mich nach Dir sehne. Dich sehr oft bei demselben rufen.«

»So nimm an, daß ich in demselben Augenblicke auch an Dich denke. Jetzt leb nochmals wohl, meine herrliche Karparla!«

Er zog sie an sich und küßte sie. Sie hielt ihm ihre frischen, vollen Lippen still entgegen und duldete es, daß er seinen Mund wieder und immer wieder auf dieselben legte. Dann aber ließ er sie plötzlich los, eilte zum Pferde und sprang in den Sattel.

»Auf Wiedersehen, mein Leben!«

Er wandte sein Pferd herum und jagte davon, dem vorausgerittenen Gisa nach.

»Auf Wiedersehen, mein Georgi, mein – lieber – lieber – Georgi!«

Sie rief er laut und breitete dabei die Arme aus, wie sie vorhin es beschrieben hatte. Dann ließ sie dieselben sinken und blickte ihm nach, so lange es die beginnende Morgendämmerung gestattete. Als er verschwunden war, ging sie langsam nach dem Lager.

Dort lagen die Schläfer noch auf ihren Filzdecken, aber nicht mehr lange. Hunde bellten bereits, und Pferde wieherten. Das Leben begann zu erwachen.

Als sie das väterliche Zelt erreichte, öffnete sich dasselbe und ihre Mutter trat heraus. Die gute, dicke Kalyna sah ein Wenig übernächtig aus. Sie pflegte, ebenso wie ihr Mann, der Fürst, zur frühen Stunde schlafen zu gehen. Die vergangene Nacht aber war so sehr unruhig gewesen.

»Ist er fort?« fragte sie leise.

»Ja. Soeben.«

»Und Du warst bei ihm?«

»Ja.«

»Eine so lange Zeit. Was habt Ihr da gethan und gesprochen.«

Karparla erröthete zwar, antwortete aber der Wahrheit gemäß:

»Das haben wir gethan.«

Dabei umschlang sie die Mutter und küßte sie. Freilich eine regelrechte Umarmung und ein richtiger Kuß war das nicht. Selbst der mit den längsten Armen begabte Mann hätte nicht vermocht, die Taille der Tungusenfürstin zu umspannen. Und der Kuß kam anstatt auf den Mund auf den untern Theil der Wange zu sitzen. Die Mama war selbst für die Tochter unnahbar, wenigstens in Beziehung auf solche körperliche Zärtlichkeiten.

Sie schlug die festen Hände zusammen, daß es schallte, blickte ihre Tochter fast fassungslos an und sagte:

»Das – das habt Ihr gemacht?«

Ja.«

»Geküßt habt Ihr Euch?«

»Du ihn oder er Dich?«

»Ich ihn und er mich. Beide zugleich.«

»Kind, Kind, was fällt Dir ein! Das ist ja verboten!«

»War es dem Vater auch verboten?«

»Nein, denn ich war keinem Andern versprochen. Du aber wirst die Frau des Rittmeisters.«

»Nein, die werde ich nicht!«

Sie sagte das in einem so bestimmten Tone, daß ihre Mutter ganz bestürzt zurücktrat.

»Nicht? Hast Du Dich denn anders besonnen?«

»Nein. Ich bin gleich erst so gesonnen gewesen wie jetzt.«

»Aber wir haben es ihm versprochen!«

»Ich nicht.«

»Denke an den Schamanen!«

»Gebt ihm ein Geschenk, so giebt er Euch Euer Wort zurück.«

»Was denkst Du! Ein Schamane thut für Geschenke nichts, gar nichts.«

Das glaubte die gute Fürstin in Wahrheit, obgleich jeder Schamane Geschenke nehmen muß, wenn er nicht verhungern will. Ja, es ist grad das Schamanenthum durch die Raffineri berüchtigt, mit welcher seine Angehörigen die Laien auszubeuten wissen.

»So behaltet die Geschenke, und ich thue doch, was ich will!« antwortete die Tochter.

»Was höre ich! Du bist plötzlich eine ganz Andere geworden. Dich kenne ich gar nicht mehr wieder.«

»Ja, ich weiß, daß ich anders geworden bin, plötzlich, in einem einzigen Augenblick! Weißt Du wer daran schuld ist?«

»Wer denn?«

»Die Liebe.«

Die Fürstin riß die Augen weit auf und vermochte dabei auch nicht, den Mund geschlossen zu halten.

»Die – Liebe!« stöhnte sie förmlich. »Was ist das? Was verstehst. Du von der Liebe, Du kleines Mädchen!«

»O, ich kenne sie, ich kenne sie!«

Wie kam es doch nur, daß die Tochter so ohne alle Zurückhaltung zu ihrer Mutter sprach. Eine »civilisirte« Tochter hätte das für höchst unweiblich, ja noch für viel schlimmer gehalten. Dieses Naturkind aber sagte, was es fühlte und dachte.

Zur Seite der Zeltjurte lagen mehrere Sattels auf einander, eine Art Bank bildend. Darauf setzte sich die Fürstin. Die Gute war von Dem, was sie sah und hörte, ganz schwach geworden, so schwach, daß sie nicht mehr stehen konnte.

»Du kennst sie? Du kennst sie?« fragte sie, höchst nachhaltig den Kopf schüttelnd. »Wie ist sie denn eigentlich?«

»So süß, so köstlich, so – ich kann es gar nicht sagen.«

»Die Heiligen alle mit einander mögen Dir gnädig beistehen. Du willst etwas verstehen, was Deine Mutter nicht kennt!«

»Du, Du kennst die Liebe nicht?«

»Nein. Ich habe niemals Etwas davon gefühlt.«

»Aber Du hast doch einen Mann!«

»Was hat das bei der Liebe zu thun?«

»Man muß ihn doch lieben?«

»Das verstehst Du nicht. Gehorchen muß man ihm. Speise und Trank bereiten muß man ihm. Angenehm muß man sich ihm machen. Und widersprechen darf man ihm nicht. Trotzdem kann man hinter seinem Rücken machen, was man will. Das ist die Liebe, die richtige Liebe.«

»O, Mutter, wie falsch denkst Du!«

Bei diesen Worten leuchteten die Augen des schönen Mädchens vor lauter Glück und Wonne auf. Die Mutter machte ein möglichst noch erstaunteres Gesicht als vorher.

»Willst Du klüger sein als ich?« fragte sie.

»Nein. Du bist viel klüger als ich. Aber vielleicht ist grad Deine Klugheit daran schuld, daß Du die wirkliche Liebe nicht kennen gelernt hast.«

»Die meinige ist die wirkliche.«

»So? Könntest Du für den Vater sterben?«

»Ja, wenn die Todesstunde einmal nahe gekommen ist, so hilft kein Weigern.«

»Das meine ich nicht; ich meine, ob Du Dein Leben mitten in vollster Gesundheit hingeben könntest, wenn es zum Wohle des Vaters diente?«

»Kind, wie redest Du! Das würde ich gewiß niemals thun. Es kann doch unmöglich zu seinem Wohle dienen, wenn ich sterbe. Vielmehr, je länger ich lebe, desto besser ist es für ihn.«

»So hast Du die richtige Liebe nicht. Ich könnte mich für Georgi gleich jetzt tödten lassen.«

»Herrgott! Gleich jetzt! Du hast doch nicht etwa Etwas vor! Kind, sei aufrichtig mit Deiner Mutter, denn Du hast keine andere. Willst Du Dich ermorden?«

»O nein, das fällt mir gar nicht ein!« lachte Karparla laut auf.

»Gott sei Dank! Welch einen Schreck hast Du mir eingejagt! Den werde ich nur sehr schwer überwinden. Du wolltest Dich doch jetzt gleich tödten lassen für diesen, diesen – wie nanntest Du ihn?«

»Georgi. Ist das nicht ein wunderschöner, ein einziger Name?«

»Ich finde, daß er grad ebenso klingt wie ein jeder andere auch. Aber wer heißt denn so?«

»Das weißt Du noch nicht?«

Sie fragte das wirklich im Tone des größten Erstaunens. In den wenigen Minuten war der Name ihr so vertraut geworden, als ob er ihr bereits seit Jahren geläufig gewesen sei.

»Ich weiß es nicht. Mir ist kein einziger Georgi bekannt.«

»Nun, Er heißt doch so!«

»Er? Welcher Er?«

»Georgi! Ach so, da weißt Du es ja noch immer nicht. Den Kosaken meine ich.«

»Der heißt doch Nummer Zehn!«

»Bei mir nicht mehr. Er hat mir seinen Namen anvertraut; denke Dir, seinen Namen!«

»Das ist wohl etwas sehr Großes?«

»Ja, denn einer Anderen hätte er ihn gewiß nicht gesagt.«

»Vielleicht hat er ihn schon Vielen mitgetheilt.«

»Keiner Einzigen! Da kennst Du meinen Georgi schlecht! Du darfst mir meinen Georgi nicht verleumden! Ich dulde das nicht.«

»Deinen – Deinen Georgi! Kind, mit Dir ist Etwas geschehen, was ich gar nicht begreifen kann. Ich weiß nur, daß Ihr Euch geküßt habt und daß Du ihn lieb haben willst. Laß ja Deinem Vater davon nichts merken. Du wirst den Rittmeister zum Mann erhalten, und da ist es verboten. Einen zu haben, den man meinen Georgi nennt!«

»Den Rittmeister mag ich nicht!«

»Rede nicht so unverständig! Er wird Dein Mann, und Denjenigen, welcher der Mann wird, den muß man doch nehmen!«

»Er wirds ja aber nicht!«

»So? Wer sagt es denn?«

»Ich!«

»Da siehst Du, daß Du die richtige Liebe doch nicht kennst. Man darf seinem Manne niemals widersprechen; Du aber widerstehst dem Rittmeister, noch ehe er Dein Mann ist! Wie soll das erst später werden?«

»Ich mag ihn nicht; ich nehme ihn nicht, und folglich kann ich ihm ungehorsam sein.«

»So, ach so meinst Du es! Jetzt verstehe ich Dich endlich! Dem Georgi aber würdest Du wohl gehorchen?«

»Ja, gern und allezeit.«

»Wunder über Wunder! So soll wohl gar er Dein Mann werden?«

»Das wäre mein größtes Glück, und ich wollte mir weiter gar nichts wünschen. Aber er kann mein Mann nicht werden.«

»Gott sei Dank! Jetzt wird sie wieder vernünftig. Ich hatte wirklich eine ganz entsetzliche Angst in mir, als ich Dich so reden hörte. Der Kosak ist fort, und das, was Du Liebe nennst, wird auch bald fort sein. Komm herein und trinke Deinen Thee.«

»Heut nicht. Ich habe keine Ruhe. Ich muß hinaus, fort, fort. Geh weg!«

Sie schob ihre Mutter von dem Sitze empor, nahm einen der Sättel weg und begann ihr Pferd, welches neben der Jurte angebunden war, zu zäumen und zu satteln. Dann stieg sie auf.

»Fort willst Du?« fragte die Mutter. »Mir wird schon wieder Angst! Du hast vom Sterben gesprochen. Du willst Dir doch kein Leid anthun?«

»Daran ist nicht zu denken. Sehe ich etwa wie Eine aus, welche sterben will?«

»Nein. Du siehst viel eher wie Eine aus, welche Fliegenpilzwasser getrunken hat. Du wirst mir doch nicht etwa krank werden?«

»Nein. Ich will nur einen tüchtigen Ritt machen, dann komme ich wieder.«

Sie ritt davon und trieb, als sie das Lager hinter sich hatte, ihr Thier zur größten, fast halsbrechenden Schnelligkeit an. Sie war eine echte Jakutin. Der inneren Erregung mußte durch etwas Aeußerliches das Gleichgewicht gehalten werde», und dazu war ein kühner Ritt am Allertauglichsten.

Die ersten Strahlen der Sonne umflutheten den östlichen Horizont und kamen in glühenden Garben über die weite Ebene herbeigeschossen. Als sie die Reiterin mit klarem, warmem Golde umwebten, breitete diese die Arme aus und rief jubelnd:

»Georgi, mein Georgi – Georgi!«

Drüben, vom Süden her, näherten sich einige kleine Punkte. Karparla bemerkte dieselben und lenkte nach dieser Richtung hin. Je näher sie ihnen kam, desto deutlicher sah sie, daß es vier Wagen waren, welche in scharfem Trabe auf Platowa zuhielten. Die beiden vorderen waren Troika's, mit drei Pferden bespannt, deren mittelstes, zugleich das größte und kräftigste, einen Bogen über dem Kopfe trug, an welchem ein Glöckchen hing. Die beiden anderen Wagen waren leichte Kibitken, nur mit zwei Pferden bespannt.

In der vorderen Troika saß ein Herr, in der zweiten eine verschleierte Dame. Die beiden Kibitken waren mit Gepäck gefüllt, welches von einem Diener und einer Dienerin bewacht wurde.

Die Wagen flogen ganz – eng hinter einander her. In ihrer rosigen Stimmung war Karparla zu einem Scherze geneigt, wie er eben nur einer Jakutin oder Tungusin in den Sinn kommen kann. Sie trieb ihr Pferd zu noch größerer Eile an, ritt rechtwinklich auf die Wagen ein und schoß im Carriére zwischen dem ersten und zweiten hindurch, obgleich der Zwischenraum zwischen der vorderen Troika und den Pferden des zweiten Wagens kaum eine Elle betrug.

Ein lauter Angstschrei erscholl aus dem Munde der Dame. Karparla hatte ihn gehört. Sie riß ihr Pferd auf den Hachsen herum und dirigirte es zu der erschrockenen Reisenden, welche ihre Troika hatte anhalten lassen.

»Bist Du über mich erschrocken, mein Schwesterchen?« fragte sie, am ganzen Gesicht lachend und dabei ihre köstlichen Zähnchen zeigend.

»Sehr,« ertönte die Antwort von einer sonoren Stimme.

»Verzeihe mir! Ich thue es nicht wieder.«

»Das möchte ich Dir rathen. Du kannst doch einmal zu Falle kommen!«

»O nein; das ist ja ganz unmöglich! Wie sollte das geschehen?«

»Wenn Du nun am Wagen oder an meinen Pferden hängen geblieben wärest!«

»Auch das war unmöglich. Ich sah doch, daß ich durchkommen konnte, sonst wäre ich über Deine Pferde weggeritten.«

»Hilf Himmel! Bist Du toll!«

»O nein! Wir reiten hier gern so!«

»Ich reite auch; aber so Etwas würde ich doch niemals wagen.«

»So bist Du keine Tungusin?«

»Nein.«

»Wo bist Du her?«

»Ich komme aus weiter Ferne, aus Indien.«

»Und wohin willst Du?«

»Nach Irkutsk wollen wir. Vorher aber werden wir einen Tag in Platowa rasten.«

»Hast Du da Bekannte?«

»Nein.«

»So bitte ich Dich, bei uns abzusteigen. Du wirst uns sehr willkommen sein. Mein Vater ist Bula, der Fürst der Tungusen.«

»Ich danke Dir! Es ist bereits beschlossen, daß wir bei dem Kreishauptmann bleiben.«

»Schade, sehr schade! Aber wenn Ihr bei diesem bleibt, so seid Ihr wohl sehr vornehme Leute?«

»Der dort ist ein Graf.«

Sie deutete dabei nach der vorderen Troika, welche nicht angehalten, sondern ihren Weg fortgesetzt hatte. Dann befahl sie dem Kutscher, die Fahrt fortzusetzen. Als der Wagen wieder in den früheren scharfen Trab gekommen war, blieb Karparla an der Seite desselben, als ob sich das ganz von selbst verstehe.

»Ein Graf?« sagte sie. »Da bin ich doch noch vornehmer. Nicht?«

»Ja, wenn Du eine Fürstentochter bist, eine Tungusenprinzessin, so hast Du Recht.«

»Geh! Was bedeutet bei Euch ein Tunguse! Gar nichts! Ich weiß das wohl; ich habe es gehört und auch gesehen. Dein Graf aber ist wohl ein Russe?«

»Ja.«

»Da steht er, obgleich er nur Graf ist, viel, viel höher als mein Vater, und Du bist eine vornehmere Dame als ich. Da möchte ich gar gern einmal Dein Gesicht sehen.«

»Das sollst Du gern.«

Die im Wagen Sitzende legte den Schleier zurück. Karparla machte eine ganz unwillkürliche Bewegung des Erstaunens. Ein Paar solcher Augen, wie ihr jetzt in diesem Augenblicke entgegenstrahlten, so mild und doch so mächtig, hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen.

»Wie schön bist Du! Wie wunderbar schön!« entfuhr es ihr.

»Du scherzest!«

»O nein! Du bist schöner noch als ein Engel!«

»Nun, Du bist wohl nicht minder schön als ich. Das kannst Du mir glauben.«

»Meinst Du wirklich?«

»Ja. Wie glücklich wird Derjenige sein, welchem Du Dein Herz schenkst!«

»O, er hat es bereits!« antwortete die Tungusin, indem sie über das ganze Gesicht lachte.

»Liebt er Dich sehr?«

»Unendlich!«

»Das gönne ich Dir. Bitte, wie ist Dein Name?«

»Karparla.«

»Das heißt, die wie Schnee Glänzende. Du trägst ihn mit vollem Rechte. Du gleichst dem Schnee, auf welchem das Morgenlicht seinen leisen, zarten Purpur wirft. Es ist oft wunderbar, wie genau der Name zur Person paßt.«

»Wie ist der Deinige?«

»Gökala.«

»Das heißt, die Himmelblaue. Auch Du trägst ihn mit vollem Rechte. Ob es wohl noch ein zweites Paar so herrlich blauer Augen giebt, wie die Deinigen sind? Ich glaube es nicht.«

»Wie es scheint, finden wir Wohlgefallen an einander,« lächelte die Dame.

»Ja, ich habe Dich bereits sehr lieb. Wenn Du mich auch ein Wenig leiden könntest, so hätte ich große Freude. Dann könntest Du mich in unserem Lager besuchen, welches vor der Stadt liegt.«

»Oder Du könntest auch zu mir kommen.«

»Nein; das ist unmöglich.«

»Warum?«

»Weil Du beim Kreishauptmann wohnen wirst. Zu diesem komme ich nicht.«

»Warum nicht? Bist Du ihm feindlich gesinnt? Hat er Dich etwa beleidigt?«

»Ja, ganz entsetzlich!«

Sie machte dabei ein so grimmiges Gesicht, daß Gökala ein Lachen vernehmen ließ.

»Du lachst mich aus!« sagte Karparla. »Ich habe allen Grund, ihn zu hassen!«

»Ist die Beleidigung denn gar so groß?«

»Die größte, welche es geben kann. Willst Du es errathen?«

»Ich bitte Dich, es mir lieber zu sagen.«

»Denke Dir, er will mich zwingen, seinen Sohn zu heirathen!«

»Und Du magst ihn nicht?«

»Nein.«

»Das ist allerdings eine ganz ungeheure, eine eigentlich ganz undenkbare Beleidigung,« stimmte Gökala bei, indem sie sich Mühe gab, ein verrätherisches Lächeln zu verbergen. »Aber er kann Dich doch nicht zwingen!«

»Er hat meine Eltern auf seine Seite gebracht.«

»O wehe! Was ist denn sein Sohn?«

»Blos Rittmeister. Weiter gar nichts.«

»Nicht schön?«

»Pfui!«

Sie machte eine sehr sprechende Bewegung des Abscheues.

»Wohl auch nicht sehr klug?«

»Sehr dumm sogar.«

»Aber tapfer?«

»Höchst feig. Nur seine Untergebenen prügelt er. An Andere wagt er sich nicht.«

»So ist er aber doch wohl reich?«

»Auch nicht. Er ist meinem Vater bereits sehr viel schuldig!«

»So nehme ich es Dir gar nicht übel, daß Du ihn nicht lieben kannst und daß Du Dein Herz weiter verschenkt hast.«

»Ja. Weißt Du, wann ich es verschenkt habe?«

»Natürlich nicht.«

»Erst heute.«

»So früh am Tage?«

»Je früher, desto besser! Und weißt Du, wie er heißt?«

»Da ich fremd bin, ist es mir unmöglich, es zu wissen.«

»Georgi. Wie gefällt Dir dieser Name?«

»Er ist nicht übel.«

»Nicht wahr? Wir Beide passen sehr gut zusammen. Schade, daß Du nur einen Tag hier bleiben willst. Du solltest länger verweilen. Dann könnte ich Dir vielleicht einmal meinen Georgi zeigen.«

»Er ist wohl ganz das gerade Gegentheil von dem Rittmeister?«

»Ganz und gar.«

»Sehr reich?«

»Blutarm.«

»Nun, das ist kein Gegentheil. Klug aber?«

»O, ungeheuer!«

»Hübsch und liebenswürdig?«

»Natürlich! Sonst würde ich ihn nicht lieben.«

»Hochgestellt und vornehm?«

»Beileibe nicht! Er ist ein – Verbannter.«

Sie sagte dieses letzte Wort mit gesenkter Stimme und nickte Gökala traurig zu.

»Ein Verbannter?« sagte diese. »Armes, armes Kind! Ist er denn wenigstens in einer guten Situation?«

»Gar nicht. Er war gemeiner Kosak und hat gestern Abend den Rittmeister geohrfeigt. Nun ist er auf der Flucht.«

»Mein Himmel! Kind, Du bist unglücklich!«

»Ach ja! Ich bekomme ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen; dann geht er in seine Heimath.«

»Oder man greift ihn auf, und dann ist sein Schicksal ein sehr trauriges.«

»Aufgegriffen wird er nicht, denn er steht unter meinem Schutze,« sagte sie, indem sie sich stolz im Sattel emporrichtete.

»So bist Du ihm zur Flucht behilflich gewesen?«

»Ja, und ich werde ihn über die chinesische Grenze bringen.«

»Um Gotteswillen, sage das keinem Andern! So aufrichtig darf man mit keiner unbekannten Person sein. Wie nun, wenn ich Dir schaden wollte?«

»Du mir? Das kannst Du ja gar nicht!«

»Meinst Du? Du könntest Dich da doch sehr leicht getäuscht haben.«

»Gewiß nicht! In Deinen Augen und Deinen Zügen ist nicht eine Spur von Unwahrheit oder Hartherzigkeit zu lesen.«

»Gut, ich danke Dir! Aber wie nun, wenn ich die Frau eines Beamten wäre?«

»Um Gotteswillen! Das bist Du doch nicht etwa?«

»Glücklicher Weise nein. Hast Du schon Anderen davon erzählt?«

»Kein Wort.«

»So schweig auch fernerhin darüber. Du kannst sonst nicht nur Dich und Deine Familie, sondern Deinen ganzen Stamm in Schaden bringen. Weiß vielleicht der Rittmeister, daß Du diesen armen Georgi liebst?«

»Vielleicht denkt er es sich, denn gestern habe ich dem Rittmeister den Tanz abgeschlagen und dann Georgi selbst aufgefordert.«

»Karparla! Das hättest Du gethan?«

»Ja.«

»Wie kühn!«

»O, ich fürchte mich nicht!«

»Aber auch ebenso unvorsichtig. Ich nehme an, daß Du grad dadurch Deinen Geliebten zur Flucht getrieben hast.«

»Meinst Du?«

»Ich möchte es behaupten.«

Die Tungusin blickte vor sich auf den Sattelknopf nieder und sagte dann kleinlaut:

»Du hast wohl Recht. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Ja, ich bin sehr, sehr unvorsichtig gewesen, und nun hat er es zu tragen.«

»Schau, nun kannst Du es an ihm gut machen. Was ist er denn ursprünglich?«

»Bevor er dem Rittmeister die Ohrfeige gab, warnte er ihn und sagte, er sei auch Officier und Edelmann.«

»Und woher ist er?«

»Nicht aus Rußland, sondern aus einem anderen Lande, viel weiter als Rußland.«

»Wie heißt dieses Land?«

»Ich weiß es nicht.«

»Er hat es Dir nicht sagen wollen?«

»Ich habe ihn gar nicht gefragt.«

»Wieder unvorsichtig!«

»Und Du hast wieder Recht. Aber ich komme ja noch einmal mit ihm zusammen, und da werde ich ihn fragen.«

»Dann kann es Dir auch nichts mehr nützen. Dein Schicksal interessirt mich sehr. Wir werden heut noch mehr mit einander sprechen. Eine unglückliche Liebe ist das Schlimmste und Schwerste, was dem Menschenherzen auferlegt werden kann.«

Sie zeigte während dieser Worte ein sehr ernsthaftes Gesicht. Karparla warf einen forschenden Blick auf sie und fragte:

»Hast Du das selbst auch erfahren?«

»Zur Genüge, mein liebes Kind.«

»Und bist die Frau eines Grafen! So bist Du wohl unglücklich verheirathet?«

»Nein. Ich bin nicht seine Frau. Ich reise nur unter seinem Schutze. Ich habe Niemand auf der weiten Welt, der sich in Liebe meiner annehmen darf. Und Diejenigen, mit denen zu verkehren ich gezwungen bin, sind meine ärgsten Feinde.«

»Jage sie doch fort!«

»Das kann ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Darüber darf ich nicht sprechen.«

»So bist Du ebenso unglücklich wie ich. Laß diesen Grafen allein weiter reisen und bleibe bei mir. Wenn Du das wolltest, so solltest Du es sehr gut haben, und wir könnten den ganzen Tag von meinem Georgi reden. Das wäre doch schön! Nicht?«

»Ja,« antwortete Gökala, indem sie ein Lächeln unterdrückte. »Hat denn der Kreishauptmann eine Frau?«

»Ja.«

»Was ist das für eine Dame?«

»Sie ist die Schlimmste von Allen, hochmüthig, giftig; ich mag nicht mit ihr sprechen.«

»So habe ich ja die Gastfreundschaft einer sehr interessanten Familie zu genießen. Ist das Platowa?«

»Ja, links die Stadt und rechts unser Lager. Es ist eben Markt hier.«

Sie waren in der Nähe der Stadt angekommen, und der Graf hatte seinen Wagen langsamer fahren lassen, damit die drei anderen ihn einholen möchten.

»Soll ich Euch führen?« fragte Karparla ihre neue Freundin.

»Ich danke Dir! Der Graf wird die Wohnung des Kreishauptmanns schon selbst finden. Uebrigens gehst Du doch nicht gern hin.«

»Ja freilich. Wie aber kommen wir da zusammen?«

»Ich komme zu Euch oder sende Dir, wenn ich verhindert sein sollte, einen Boten.«

»Das ist mir lieb, sehr lieb. So laß uns nun scheiden. Ich freue mich außerordentlich. Dich kennen gelernt zu haben, meine liebe, prächtige Gökala!«

»Und ich verschweige Dir nicht, daß ich Dich in den wenigen Minuten bereits recht lieb gewonnen habe, meine gute Karparla. Lebe wohl, wir sehen uns also wieder!«

Die Tungusin ritt nach rechts hinüber und wendete sich aber einige Male um, um grüßend mit der Hand zu winken. Gökala dankte auf dieselbe Weise. Der Graf, welcher das bemerkte, machte ein sehr finsteres Gesicht dazu.

Er fragte keinen Menschen nach der Wohnung des Ortsoberhauptes. Er war bereits früher in Platowa gewesen, und wenn damals auch das Regierungsgebäude noch nicht gestanden hatte, so verstand es sich doch ganz von selbst, daß der Kreishauptmann in dem ansehnlichsten Hause des Ortes wohnen müsse. –

Als er vor dem Eingange halten ließ, kam ein Untergebener herbei.

»Der Kreishauptmann wohnt hier?« fragte er in hochmüthigem Tone.

»Wie Du befiehlst, Väterchen.«

»Ist er zu sprechen?«

»Er wird wohl noch schlafen.«

»Wecke ihn und führe uns einstweilen nach der Expedition!«

»Das darf ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Es ist mir verboten. Du mußt warten, bis er aufgestanden ist. Du wirst doch wohl im Gasthause wohnen. Fahre hin. Ich werde Dich benachrichtigen, wenn er ausgeschlafen hat.«

»So! Hat er Familie?«

»Ja. Eine Frau, unser Mütterchen, und einen Sohn, unseren Rittmeister.«

»So ist der Rittmeister wenigstens zu sprechen, wie ich vermuthe?«

»Nein. Auch dieser schläft.«

»Donnerwetter! So schläft ja die ganze Familie! Die Frau wohl auch.«

»Nein. Das Mütterchen ist wach. Ich habe ihr vorhin den Thee vorsetzen müssen.«

»So lauf zu ihr und melde uns!«

»Das darf ich nicht.«

»So! Nun werde auch ich Dir bald mittheilen, was Du darfst und was nicht. Wenn Du nicht augenblicklich gehorchest, lasse ich Dich peitschen! Sage diesem guten Mütterchen, der Graf Alexei Polikeff wünsche, sich ihr vorzustellen, und habe keine Zeit, lange auf Bescheid zu warten!«

Jetzt rannte der Diener davon. Der Graf reichte Zykyma seinen Arm und führte sie in das Gebäude. Ein kurzer Blick über den Flur belehrte den Grafen, wo die Wohngemächer zu suchen seien. Sein Scharfsinn führte ihn ganz richtig, und eben, als er an der betreffenden Thür angekommen war, trat der Diener heraus und wendete sich sogleich wieder rückwärts, um ihn anzumelden.

*

71

Als die Beiden eintraten, stand die Frau Kreishauptmann in der Mitte des Zimmers und empfing sie mit einer tiefen Verneigung. Dann aber, als sie das Gesicht wieder erhob, war es nicht etwa ein freudiger Blick, den sie auf die Ankömmlinge warf. Gökala machte eine sehr frostige Verneigung. Der Graf aber grüßte gar nicht, sondern er fixirte die Frau mit einem scharfen, stechenden Blicke, und dann glitt ein Lächeln über sein Gesicht, dessen Bedeutung sehr schwer zu enträthseln war.

»Sie sind die Frau des Kreishauptmannes?« fragte er hochmüthig.

»Zu Ihrem Befehl,« antwortete sie, ihrerseits nun auch stolz.

»Ihr Name?«

»Rapnin.«

»Jedenfalls früher in Irkutsk?«

»Allerdings.«

»Wo ist Ihr Mann?«

»Er pflegt noch der Ruhe.«

»Und Ihr Sohn?«

»Ebenso.«

Der Graf hatte ganz die Miene und Haltung eines Examinators angenommen. Gökala, welche ihn mehr als genau kannte, sah es ihm an, daß er hier von etwas ganz Unerwartetem und für ihn Angenehmem überrascht worden sei, dies aber zu verbergen suchte. Er fuhr fort:

»Die Herren schlafen wohl immer so lange?«

»Sie schlafen natürlich, wenn es ihnen beliebt!« antwortete die Frau pikirt.

»Habe eigentlich auch nichts dagegen. Ich wollte mir für heut Ihre Gastfreundschaft erbitten und morgen früh weiterfahren, habe mich indessen anders entschlossen. Ich werde längere Zeit bei Ihnen wohnen.«

Die Frau machte ein Gesicht, in welchem der Ausdruck des Erstaunens sich mit demjenigen des Aergers stritt. Sie antwortete:

»Ich meine, daß dazu das Gasthaus vorhanden sei.«

»Ich ziehe das Ihrige vor.«

»Sind Sie in Ihrem Passe ermächtigt, Ihr Logis in den Regierungshäusern aufzuschlagen?«

»Nein, sondern ich thue das nur in Folge einer langjährigen Gewohnheit.«

»Auch wir haben unsere Gewohnheiten und Bequemlichkeiten, welche einem Fremden zu opfern wir nicht verpflichtet sind.«

»Das ist unhöflich, Madame!«

»Ihr Auftreten und Ihre Ansprüche sind nicht nur unhöflich, sondern mehr als das!«

»Wollen Sie immerhin das Wort aussprechen, welches Sie meinen?«

»Sie sind Graf. Ich schweige.«

»O, sprechen Sie immerhin! Ich will mich keineswegs unter den Schutz meines Ranges begeben.«

»Nun wohl. Ich finde Ihr Verhalten nicht nur unhöflich, sondern geradezu unverschämt.«

»Das nehme ich Ihnen nicht übel. Die Ansichten einer Frau Rapnin sind aber freilich nicht maßgebend.«

»Bitte, der Name meines Mannes ist Rapnin, aber er ist der Herr und ich bin also die Frau Kreishauptmann!«

»Ich zweifle nicht daran.«

»Sie scheinen mich nicht zu verstehen. Ich nenne Sie Graf und bitte mir meinen Titel auch aus. Uebrigens haben Sie sich noch nicht einmal als Graf legitimirt.«

»Und Sie sich ebenso wenig als Frau Rapnin!«

Die Augen des Grafen funkelten vor Vergnügen. Die Kreishauptmännin, deren Aerger immer größer wurde, fügte zornig hinzu:

»Bei mir bedarf es keiner Legitimation. Wir wohnen hier. Sie aber sind fremd. Es ist leicht, sich für einen Grafen auszugeben und dabei die Ansprüche eines Kaisers zu machen.«

»Vielleicht ist es ebenso leicht, sich für eine Frau Rapnin auszugeben und doch eigentlich eine Frau Saltikoff zu sein.«

Diese Worte waren mit einer geradezu beißenden Schärfe gesprochen, und die Wirkung, welche der Graf beabsichtigt hatte, trat augenblicklich ein. Die Frau fuhr zurück, maß den Grafen mit dem Blicke einer Schlange und fragte:

»Wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich meine, daß es sich baldigst als sehr nothwendig erweisen könne, daß Sie sich wieder Frau Saltikoff nennen.«

Jetzt zog eine tiefe, leichenhafte Blässe über ihr Gesicht. Ihre Nase wurde zusehends spitz.

»Ich verstehe Sie noch immer nicht,« stammelte sie.

»Desto besser wird mich der jetzige Herr Kreishauptmann verstehen. Ich bitte dringend, ihn zu wecken. Sie können wenigstens ahnen, daß ich nicht nur zum Scherze mich zu Ihnen einlade.«

Jetzt knickte sie förmlich zusammen; doch raffte sie sich fester auf, verbeugte sich und sagte in plötzlich höchst freundlichem Tone:

»So nehmen Sie Platz! Mein Mann wird sogleich die Ehre haben, zu erscheinen.«

Sie verließ das Zimmer.

Der Graf strich sich in höhnischem Vergnügen den Schnurrbart und fragte:

»Wie gefiel Dir die Alte, Gökala?«

Die Gefragte antwortete nicht.

»Willst Du etwa auch Comödie mit mir spielen wie sie? Du würdest ganz denselben Mißerfolg haben. Also, wie gefällt sie Dir?«

»Immer noch besser als Sie!«

Gökala nannte den Grafen noch immer Sie, während er stets Du zu ihr gesagt hatte.

»Sehr hübsch ausgedrückt!« lachte er. »In kurzer Zeit werde ich Dir aber ausnehmend gut gefallen.«

»Schande über Sie, Schande!«

»Warum wohl?«

»Wer sich fremden Leuten in solcher Weise aufdringen kann, ist nicht werth, daß man nur ein Wort mit ihm spricht!«

»So schweig! Ganz nach Belieben.«

»Und hier soll ich mit wohnen! Welch eine Scham! Und als wen werden Sie mich wohl vorstellen?«

»Ich werde sehr rücksichtsvoll sein. Du bist eine Cousine von mir.«

»Da muß ich doch bestens danken. Wenn einmal gelogen sein soll, so geben Sie mich für Ihre Nichte aus.«

»Weil bei diesem Grade von Blutsverwandtschaft eine gewisse nähere Berührung weniger denkbar ist? Gut, ich bin wie immer. Du bist also meine Nichte, und ich junger Mensch bequeme mich, als Dein Oheim zu gelten. Aber ich hoffe, daß Du das dankbar anerkennst!«

Sie antwortete nicht, sondern trat an das Fenster und kehrte ihm den Rücken zu. Er zog das Etui aus der Tasche und brannte sich ungenirt eine Cigarre an, ganz so, als ob er sich in seiner eigenen Behausung befände.

Wohl über zehn Minuten vergingen, und weder kehrte die Frau zurück, noch kam ihr Mann herbei. Dafür aber wurden laute Stimmen und hin und her, auf und ab eilende Schritte hörbar. Endlich wurde die Thür aufgerissen, und die Frau trat herein. Sie hatte ein sehr echauffirtes, ja sogar erschrockenes Aussehen.

»Verzeihung!« sagte sie. »Soeben bemerken wir erst jetzt, daß weder mein Mann noch mein Sohn ihre Betten berührt haben. Sie sind nicht zu sehen und nicht zu finden. Es muß ein Unglück geschehen sein.«

»Ja,« lachte der Graf, »ein Unglück ist geschehen, ein sehr großes.«

»Herrgott, Sie wissen es? Welches, welches? Was ist geschehen?«

»Der Graf Alexei Polikeff ist angekommen.«

Sie blickte ihn verständnißlos an.

»Verstellen Sie sich nicht!« rief er.

»Verstellen? Es ist keine Rede davon, daß ich mich verstelle.«

»Pah! Mir machen Sie nichts vor! Ich durchschaue Sie!«

»Aber ich bitte ganz unterthänigst; es ist wirklich so, wie ich sage.«

»So? Nun, ich will mich herablassen, Sie über sich selbst aufzuklären. Ich komme ganz plötzlich und unerwartet zu Ihnen; Sie wissen, was ich will, und um sich der betreffenden Schlinge wenigstens für einstweilen zu entziehen, wird mir gemeldet, daß die beiden Herren nicht daheim sind. Inzwischen aber haben sie sich heimlich aus dem Staube gemacht.«

»Daran ist nicht zu denken. Was Sie von meinem Manne wollen, weiß ich nicht. Ich kenne Sie nicht und habe auch niemals Ihren Namen gehört. Ich weiß nur, daß Sie die beiden Namen Rapnin und Saltikoff genannt haben. Daraus läßt sich freilich vermuthen, daß Sie über eine unserer Familienangelegenheiten unterrichtet sind, aber einen Grund für meinen Mann und meinen Sohn, sich heimlich aus dem Staube zu machen, wie Sie sich auszudrücken beliebten, kenne ich nicht und kann auch keinen einsehen oder errathen!«

Es war ihr anzusehen, daß sie die Wahrheit sprach. Auch der Graf erkannte das. Er fragte in weniger strengem Tone:

»So sind Sie nicht mit in jenes Geheimniß gezogen worden?«

»Ich weiß nicht, von welchem Geheimnisse Sie sprechen.«

»Hm! Ich will annehmen, daß Sie sich unmöglich so meisterhaft verstellen können und daß Sie also jetzt die Wahrheit sagen. Wann sahen Sie die beiden Herren zum letzten Male?«

»Gestern Abend, als wir vom Abendvergnügen heimkamen, begaben Beide sich nach der Expedition meines Mannes. Ich aber ging zur Ruhe. Ich habe natürlich angenommen, daß sie dasselbe auch gethan haben. Da nun in den beiden Schlafzimmern keinerlei Bewegung wahrgenommen worden ist, haben wir geglaubt, daß sie noch schlafen. Erst auf Ihre Weisung hin wurden die Zimmer betreten. Sie waren leer und während der Nacht unbenutzt.«

»Eigenthümlich! Ich glaube an kein Unglück, sondern an einen Zufall, welcher sich bald aufklären wird. Werden Sie mir erlauben, die Schlafzimmer einmal zu betreten? Ich spreche diesen Wunsch in Ihrem eigenen Interesse aus.«

Diese Worte sprach er in einem höflicheren Tone als vorher. Dennoch gab sie nicht sogleich die gewünschte Antwort. Darum fuhr er fort:

»Ich müßte sonst wirklich denken, daß hier eine Absicht vorliege, mich zu täuschen.«

Das nahm sie als eine halbe Beleidigung auf. Sie erwiderte:

»Ich bin natürlich bereit, mich einer jeden berechtigten; das heißt obrigkeitlichen Haussuchung zu unterwerfen. Sie aber sind mir leider vollständig fremd.«

Er lächelte beinahe impertinent, machte ihr eine ironische Verbeugung und sagte:

»Ganz wie Sie wollen! Ich kann mich natürlich nicht ohne Ihre gütige Erlaubniß in Ihre Gemächer drängen, bin also auch nicht im Stande, den für Sie unangenehmen Ereignissen, vor denen wir stehen, eine friedliche Lösung zu geben. Sie stellen sich auf den Kriegsfuß zu mir; gut, so mag der Kampf beginnen. Ich weiß vorher, daß Sie die Unterliegende sein werden.«

Das machte sie freilich besorgt.

»Von einem Kampfe ist keine Rede,« erklärte sie. »Ich wünsche mit Allen, mit denen ich zu verkehren habe, in Frieden zu leben. Sie aber haben mir den Verkehr mit Ihnen aufgezwungen, also trage nicht ich die Schuld, wenn Sie hier anders empfangen wurden, als Sie es beanspruchen zu wollen scheinen.«

»Sie sagen, daß von einem Kampfe keine Rede sei, und dennoch befinden wir uns bereits im schönsten Plänkler- oder Vorpostengefechte. Sie sollen, wie bereits gesagt, Ihren Willen haben. Der Sieg wird mir gehören, und Sie werden ihn mit der Absetzung des Herrn Kreishauptmannes bezahlen.«

Das erschreckte sie natürlich sehr.

»Was sagen Sie?« fragte sie. »Mein Mann abgesetzt?«

»Ja, wenn nämlich Ihr Mann früher Saltikoff hieß und sich jetzt Rapuin nennt.«

»Das ist allerdings der Fall.«

»So befinde ich mich also an der richtigen Adresse. Dennoch bin ich galant genug, Ihnen meine Gegenwart nicht aufzuzwingen. Ich verzichte auf Ihre Gastfreundschaft und ziehe mich zurück. Im Gasthofe werde ich bereitwilligere Aufnahme finden als hier, und Sie werden dann auch keine Berechtigung besitzen, irgend eine Bereitwilligkeit von mir zu erwarten. Leben Sie wohl!«

Er that, als ob er gehen wolle. Da aber stellte sie sich ihm in den Weg und sagte:

»Bitte, Graf, warten Sie noch. Ich ängstige mich bereits über das unerklärliche Verschwinden meines Mannes und Sohnes, und Sie verzehnfachen diese Angst durch die Drohungen, welche Sie gegen mich aussprechen. Erlauben Sie mir einige kurze Fragen?«

»Gern!«

»Sie kennen meinen Mann?«

»Ja.«

»Haben Sie in geschäftlicher oder auch amtlicher Beziehung zu ihm gestanden?«

»Beides.«

»Hat er dabei einen Fehler begangen?«

»Einen sehr bedeutenden sogar.«

»Doch nicht einen strafbaren?«

»Einen solchen, welcher mit dem Tode oder wenigstens lebenslänglicher Zwangsarbeit in den Bergwerken von Nertschinsk bestraft wird.«

»Herr, mein Gott!« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Täuschen Sie mich nicht?«

»Ich sage Ihnen die Wahrheit.«

»Hängt das, wovon Sie sprechen, mit der Veränderung unseres früheren Namens zusammen?«

»Sehr innig sogar.«

»Und sind die Folgen dieses Fehlers nicht noch zu umgehen?«

»Nur ganz allein mit meiner Hilfe. Ich bin der Einzige, der Ihren Mann retten kann, so daß er sogar in seiner jetzigen amtlichen Stellung verbleibt.«

»Dann bitte ich Sie dringend, sich ja nicht nach dem Gasthofe zu begeben. Unser ganzes Haus steht Ihnen zur Verfügung. Sie werden sehen, daß Sie uns höchst willkommen sind. Ich hoffe, daß Sie mir meine bisherige Aufregung verzeihen!«

Sie war plötzlich ungeheuer liebenswürdig geworden. Er machte ihr eine zustimmende Verbeugung und antwortete:

»Ich bin viel zu versöhnlichen Gemüthes, als daß ich nicht auf Ihren freundschaftlichen Vorschlag eingehen sollte. Ich nehme also Ihre Gastfreundschaft an.«

»So bemühen Sie sich mit mir nach den Gemächern, welche ich Ihnen anweisen werde. Freilich befinden wir uns hier in Sibirien, und ich kann Ihnen also nicht den Comfort bieten, den Sie sicherlich gewöhnt sind.«

Sie wollte aus der Thür schreiten; da wurde an dieselbe geklopft und ein Lieutenant trat ein. Er hatte es so eilig, daß er den Gruß vergaß, und erkundigte sich!

»Der Herr Rittmeister?«

»Ist nicht hier,« antwortete die Kreishauptmännin.

»Oder der Kreishauptmann?«

»Auch nicht anwesend.«

»Alle Teufel! Da befinde ich mich in einer schauderhaften Verlegenheit. Da draußen am Gefängnisse stehen zwei Posten, welche ich nicht ablösen kann, ohne den Herrn Kreishauptmann und den Herrn Rittmeister um die Erlaubniß dazu gebeten zu haben. Die beiden Herren haben den Posten den strengen Befehl ertheilt, nicht von der Stelle zu gehen, bis sie wiederkommen.«

»Gott sei Dank! Das giebt eine Spur!« rief die Frau. »Wann ist es gewesen, daß mein Mann und Sohn mit den Posten gesprochen haben?«

»Das weiß der Teufel! Ich habe die beiden Kerls ausfragen wollen, aber keine Antwort erhalten. Sie stehen vor einem neu ausgegrabenen Loche und sprechen nur immer von einem großen Frosche.«

»Und wo sind die beiden Herren hingegangen?«

»Auch das kann ich nicht erfahren.«

»Sie sind nämlich seit gestern Abend fort, und ich befinde mich in großer Angst um sie.«

»So wird doch nicht etwa ein Unglück geschehen sein. Haben Sie keine Ahnung, wohin sie sich begeben haben können?«

»Nicht die mindeste.«

»So muß man suchen.«

»Ich bitte sehr, dies sofort zu thun, und mich über das Resultat schnell zu benachrichtigen.«

Der Offizier entfernte sich, und die Frau führte den Graf und Gökala nach den für sie bestimmten Gastzimmern.

Als der Lieutenant unten aus dem Hause trat, waren drei Männer grad im Begriff, zur Thür herein zu kommen. Er machte ein finsteres Gesicht, denn Sam, Jim und Tim waren es. Er war gestern mit auf dem Tanz gewesen und hatte also auch Alles mit gesehen und gehört, was geschehen war.

»Was wollen Sie?« fuhr er sie an.

Der dicke Sam blickte ihm lächelnd in das Gesicht und fragte nun seinerseits:

»Wohnen Sie in diesem Hause?«

»Nein. Antworten Sie!«

»Ich pflege nur solchen Leuten zu antworten, welche eine Berechtigung zu der Frage haben oder wenigstens mich höflich fragen.«

»Ich habe die Berechtigung.«

»Das bezweifle ich. Sie wohnen nicht hier, und so kann es Ihnen sehr gleichgiltig sein, was wir hier wollen.«

»Ich bin Offizier!«

»Ich auch!«

»Dies ist das Regierungsgebäude!«

»Das weiß ich.«

»Und ich bin Regierungsbeamter. Also habe ich zu fragen.«

»So fragen Sie meinetwegen, so viel Sie wollen! Thun Sie sich diese Güte; eine Antwort aber werden Sie nicht erhalten.«

»Wissen Sie, daß ich sie mir erzwingen kann!«

»Hm! Sind hier die Offiziere zugleich Polizisten und Nacht- und Tagewächter?«

»Das geht Sie nichts an! Also ich verlange Antwort!«

Da machte nun Sam auch ein ernstes Gesicht und fuhr ihn an:

»Mensch, denkst Du vielleicht, wir seien gekommen, uns von einem Kosaken schulmeistern zu lassen! Das bilde Dir ja nicht ein! Wenn Du noch ein einziges unhöfliches Wort sagst, so schreibe ich meinem Freunde, dem Gouverneur von Ostsibirien. Der wird dann dafür sorgen, daß Du höflicher wirst!«

Das war die richtige Art und Weise, sich in Respect zu setzen. Der sibirische Kosak will angeschnauzt sein.

»Verzeihung, Väterchen!« bat der Lieutenant sogleich. »Ich habe nicht gewußt, daß der mächtige Gouverneur Dein Freund sei!«

»Du sollst auch ohnedies höflich sein. Wir wollen zum Kreishauptmann.«

»Den kannst Du nicht antreffen, denn er ist verschwunden, und wir müssen ihn uns erst suchen.«

»So gehen wir zu seinem Sohne, dem Rittmeister.«

»Der ist bei seinem Vater.«

»Also auch verschwunden?«

»Ja.«

»Wohin denn?«

»Das weiß kein Mensch. Wir werden es aber bald erfahren.«

»Hm! Vielleicht weiß ich, warum der Rittmeister verschwunden ist.«

»So! Das würde mir vielleicht einen Anhalt bieten.«

»Ja. Du wirst wissen, daß er mich beleidigt hat, und ich forderte ihn auf Flinten in einer Entfernung von fünfhundert Schritten. Das Duell sollte jetzt in der Frühe stattfinden. Alle Bewohner der Lagers draußen sind begierig, diesem Duelle als Zuschauer beizuwohnen. Sie befinden sich an Ort und Stelle, und auch ich habe gewartet, aber der Rittmeister ist nicht gekommen. Sollte er sich vielleicht aus Angst versteckt haben?«

»Angst? Ein Offizier hat keine Angst!«

»So! Nun er aber nicht kommt, denken die Leute, er habe Angst. Also ist es in seinem Interesse, daß wir ihn suchen, damit er sich von seinem Verdachte reinigen kann.«

»Du brauchst nicht zu suchen. Du würdest ihn doch nicht finden, denn Du bist hier ja nicht bekannt.«

»Das thut nichts. Ein Fremder hat oft ein schärferes Auge als ein Einheimischer. Was sind denn das für zwei Kerls, welche da drüben so steif stehen, als ob sie Spazierstöcke verschlungen hätten?«

Man konnte nämlich hier von der Thür aus die beiden Schatzgräber stehen sehen.

»Das sind die Wachtposten vor dem Gefängnisse.«

»Seit wann stehen sie da?«

»Seit gestern Abend.«

»Wer hat sie hingestellt?«

»Der Rittmeister selbst.«

»Nun, so wissen sie vielleicht, wohin er sich begeben hat. Sie können ja ganz gut bis hierher sehen. Vielleicht haben sie ihn bemerkt, als er das Regierungsgebäude verließ.«

»Ich habe sie bereits gefragt. Sie wissen es nicht.«

»Vielleicht hast Du nicht richtig gefragt. Ich war einst ein hochgestellter Gerichtsbeamter und habe gelernt, die Fragen so zu stellen, daß die Antworten, welche ich haben will, unbedingt kommen müssen.«

»So wollen wir hingehen.«

Sein Respect vor dem kleinen Dicken war plötzlich außerordentlich gewachsen. Ein Freund des Gouverneurs, dazu hoher Gerichtsbeamter gewesen! Das war sehr viel für das kleine sibirische Städtchen. Er ließ also die Drei vorausschreiten und ging höflich hinter ihnen her. Als sie bei den Posten ankamen, fragte Sam:

»Meine lieben Söhnchens, wißt Ihr, wo der Herr Rittmeister steckt?«

»Nein,« antwortete der Eine.

»Das ist schlimm, denn wenn Ihr es nicht sagen könnt, werdet Ihr die Knute bekommen. Ich rathe Euch also, Eure Köpfchen anzustrengen. Wer hat Euch denn hier hergestellt?«

»Unser Väterchen, der Rittmeister.«

»Dann ging er fort?«

»Ja.«

»Ist er wiedergekommen und brachte er Jemanden mit?«

»Ja, unser Väterchen, der Kreishauptmann.«

»Was wollten sie da?«

»Wir wissen es nicht.«

»Sie haben doch mit Euch gesprochen?«

»Allerdings.«

»Was denn?«

»Das wissen wir nicht mehr.«

Die beiden Posten standen in Achtung vor dem Kleinen. Sie befanden sich in der größten Verlegenheit, denn sie wußten nicht, ob es besser sei, zu schweigen anstatt zu erzählen. Um dies unterscheiden zu können, dazu reichten ihre armen Verstandeskräfte nicht aus. Sam fragte weiter:

»Sie müssen doch irgend Etwas gesagt haben, was Ihr Euch habt merken können! Uebrigens, zeig doch einmal her! Deine Jacke hat eine Menge Striemen und Schwielen. Du hast also Prügel erhalten. Von wem denn wohl?«

»Von dem Väterchen, dem Rittmeister.«

»Wann?«

»Gestern Abend.«

»Also als er mit seinem Vater hier war?«

»Ja.«

»Gut! So wissen wir doch wenigstens Einiges von Dem, was sie mit Euch gesprochen haben. Warum haben sie denn die Knute reden lassen?«

»Wegen dem Frosch.«

»Welchen Frosch?«

»Dem dicken.«

»Kinderchens, so kommen wir nicht weiter. Ich muß Euch ein jedes Wort abkaufen, und das erfordert doch gar zu viele Zeit und Geduld. Ich werde die Sache einmal anders anfangen.«

Er nahm die Peitsche, welche er hier in Sibirien bei sich trug, aus dem Gürtel, hob sie drohend empor und fragte:

»Was wollte der Frosch?«

»Er wollte uns den Schatz zeigen.«

»Schön! Seht Ihrs, die Peitsche macht Euch gesprächiger. Also einen Schatz hat er Euch zeigen wollen. Der hat wohl hier an dieser Stelle gelegen?«

»Ja.«

»Ihr habt ihn ausgraben wollen?«

»Und da kamen wohl gar die beiden Väterchen dazu?«

»Sie kamen dazu. Dann befahl uns das junge Väterchen, diesen Ort nicht eher zu verlassen, als bis er zurückgekehrt sei und es uns erlaubt habe. Wir stehen noch hier.«

»Ja, das sehe ich freilich. Er ist also gar nicht wiedergekommen?«

»Nein.«

»Wo mag er also sein?«

»Dort, wo er hingegangen ist.«

»Wißt Ihr das nicht?«

»Nein.«

»Alle Teufel! Ihr müßt doch die Richtung kennen, in welche die beiden Väterchen gegangen sind. Habt Ihr ihnen denn nicht nachgeblickt?«

»Nein. Wir mußten ja grad so stehen bleiben, wie wir standen.«

Da konnte Sam sich nicht mehr halten. Er brach in ein wieherndes Gelächter aus. Die dummen Gesichter dieser beiden Kerls, das nicht viel intelligentere des Lieutenants, die ganze Situation,, das war doch viel zu lächerlich, als daß man dabei hätte ernst bleiben können! Das waren ächt russische Soldaten: reine Maschinen, welche nicht denken können und grad da stehen bleiben, wohin sie gestellt worden sind. Dort lassen sie sich niederschießen, ohne zu muxen. Diese beiden Kerls hatten mit dem Rücken nach dem Gefängnisse gerichtet gestanden, als der Rittmeister mit seinem Vater von ihnen gegangen war, und weil sie den Befehl erhalten hatten, hier stehen zu bleiben, so hatten sie die ganze Nacht wie angenagelt ausgehalten, ohne sich zu bewegen. Sie hatten sich nicht ein einziges Mal umgedreht und also gar nicht gesehen, daß ihre Vorgesetzten zur Leiter emporgestiegen waren.

Jetzt nun sehen Sie den Dicken in starrer Verwunderung an, denn sie konnten sich sein Lachen gar nicht erklären. Es war doch gar nichts Lustiges hier geschehen oder geredet worden. Ueber diese Gesichter aber mußte er wieder und, wieder lachen, so daß es eine ziemliche Weile dauerte, ehe er seine nächste Frage aussprechen konnte.

Uebrigens war der Platz nicht mehr leer. Es hatten sich Leute eingefunden, zumeist Kosaken, welche neugierig waren, was hier verhandelt werde. Sie bildeten einen Kreis um die kleine Gruppe.

»Ihr wißt also nicht, wohin die Väterchen gegangen sind,« fuhr Sam fort. »Aber vielleicht werdet Ihr es uns doch sagen können, ohne daß Ihr es wollt. Spazieren sind sie nicht gegangen. So viel ist gewiß. Sie müssen einen bestimmten Zweck verfolgt haben. Wer einen Zweck hat, der hat auch die Mittel. Hatten sie denn irgend Etwas bei sich?«

»Ja, die Knuten.«

»Weiter nichts?«

»Die Laterne.«

»Ah, schön! Das ist von großer Wichtigkeit. Wer eine Laterne hat, der geht damit nicht über Land, sondern er will sich in der Nähe umsehen, sicherlich in einem Gebäude. Welches Gebäude aber liegt hier in der Nähe?«

Diese Frage war an den Lieutenant gerichtet. Er antwortete:

»Das Gefängniß.«

»Sie haben also in das Gefängniß gewollt. Ist Jemand darinnen?«

»Kosak Nummer Zehn.«

»So haben sie zu ihm gewollt. Sie sind inspiciren gegangen. Aber sie sind nicht zurückgekehrt. Das ist sehr auffällig. Es wird ihnen doch nichts geschehen sein! Ist der Kosak ein böser Kerl?«

»Er ist gut; aber der Rittmeister hatte ihn nicht lieb.«

»Das klingt gefährlich. Es steigt ein Verdacht in mir auf.«

»Heilige Katharina! Er wird sie doch nicht ermordet haben!«

»Es ist Alles möglich. Man muß sofort hin, um nachzuschauen.«

»Das darf man nicht.«

»Warum nicht?«

»Der Rittmeister hat es verboten. Er hat sich vorbehalten, ganz allein zu dem Gefangenen zu gehen. Kein Anderer darf zu ihm.«

Das war jedenfalls in einer bestimmten Absicht geschehen. Er hatte den Kosaken quälen wollen, ohne einen Zeugen bei sich zu haben.

»Aber hinein muß doch Jemand!« meinte Sam. »Die Väterchen sind zu dem Gefangenen gegangen und nicht zurückgekehrt. Sie sind also noch bei ihm. Wer weiß, was geschehen ist. Wenn sie sich in Noth und Gefahr befinden, und es kommt Niemand zu ihrer Rettung, so kannst Du sehr leicht eine Strafe erhalten. Wenn der Rittmeister abwesend ist, muß Du das Commando übernehmen.«

Dies leuchtete dem Lieutenant ein. Aber er bequemte sich nur zögernd und widerwillig, einen Schritt zu thun.

»Allein gehe ich nicht hin!« erklärte er. »Willst Du nicht lieber mit? Du bist doch der Freund des Gouverneurs!«

»Ja, ich werde mitgehen, und meine beiden Kameraden auch.«

Sie setzten sich in Bewegung, die Menge der Zuschauer hinter ihnen her. An dem Feuerwerksgebäude hielten sie an. Der Offizier überlegte es sich noch einmal, ob er es wagen dürfe, selbstständig zu handeln. Sam redete ihm zu, und nun stieg der Lieutenant langsam die Leiter empor.

Man muß hier bedenken, daß ein sibirischer Kosakenlieutenant in keiner Beziehung mit einem deutschen Offizier gleichen Ranges verglichen werden kann. So ein Kosak zeichnet sich aus durch den Mangel aller und jeder Bildung. Hat er es zu einem nothdürftigen Lesen gebracht, so ist es schon sehr gut. Versteht er nun gar einige unleserliche Zeilen zu schreiben, so gilt er bereits für einen gescheidten und sehr brauchbaren Menschen. Nur die Stabsoffiziere müssen eine Schule besucht haben. Von ihnen verlangt man freilich mehr, gar zu viel aber auch nicht.

Die Zuschauer standen in lautloser Erwartung von ferne. Einmal interessirten sie sich Alle außerordentlich für den Kosaken Nummer Zehn, den die fürstliche Prinzessin gestern so ausgezeichnet hatte und der so muthig gegen den Rittmeister gewesen war. Und nun kam dazu das geheimnißvolle Verschwinden der beiden bedeutendsten Männer der Stadt. Man stand jetzt vor der Aufklärung dieses Geheimnisses und war begierig, Zeuge derselben zu sein.

Der Lieutenant zog, als er die sechs oder sieben Sprossen hinaufgestiegen war, den Vorstecker heraus und öffnete die Thür, aber höchst vorsichtig und langsam, um ja nicht von irgend einem Unglücke überrascht zu werden. Er blickte hinein.

»Alle Heiligen!« schrie er auf.

»Was giebts?« fragte Sam.

Anstatt der Antwort sprang der Offizier mit einem einzigen Satze von oben herunter. Sein Gesicht war kreideweiß geworden, und er zitterte am ganzen Körper.

»Nun, was ist denn los?« fragte Sam.

Der Lieutenant stammelte etwas Unverständliches, als ob der Schreck ihm die Sprache geraubt habe.

»Deutlicher, deutlicher!« sagte Sam.

»De – de – der Teu – teu – teufel!« brüllte jetzt der Gefragte.

Sam that, als ob er so ein Ereigniß gar nicht für unmöglich halte.

»Ists wahr?« fragte er.

»Ja ja ja! Da da da oben!«

Dabei deutete der tapfere Offizier mit zitternder Hand hinauf nach der offenstehenden Thür. Die Menge drängte sich näher, um Alles deutlich zu hören.

»Irrst Du Dich nicht?« fragte der Dicke.

»Nein, nein! Ich seh es ganz deutlich. Es ist der Teufel, das Väterchen, mit dem Mütterchen, seiner Großmutter!«

»O Himmel! Es sind Zwei?«

»Ja, er und sie!«

»Der Teufel, das Väterchen, und das Mütterchen, seine Großmutter!« ertönte es im Halbkreise der neugierigen Zuschauer, und sofort zogen sie sich weit zurück.

»Fast möchte ich es nicht glauben,« meinte Sam.

»Sie sinds, sie sinds! Ich kann sogleich einen Schwur ablegen, daß sie es sind!«

»Leibhaftig?«

»Ja, grad aus der Hölle heraus!«

»Alle guten Geister – – –!«

»Loben ihren Meister! Gott schütze uns vor dem Verderben und der Verdammniß!«

»Wo befinden Sie sich denn?«

»Sie lehnen ganz gemächlich an den beiden Balken und schauen nach der Thür.«

»Thaten oder machten sie Etwas?«

»Nein. Sie bewegten die scheußlichen Körper, als ob sie Leibschneiden hätten, waren aber ganz still dabei.«

»Warum kommen sie da nicht vor die Thür oder gar herab zu uns?«

»Das weiß ich nicht. Wir wollen es aber auch nicht wünschen.«

»Vielleicht ist es gar nicht der Teufel!«

»O, es giebt gar keinen Zweifel!«

»Wie sehen sie denn aus?«

»Gräßlich! Ihre Haut war mit langen, stinkigen Haaren bewachsen. Es war schrecklich, es zu sehen.«

»Und sie haben Dir nichts gethan?«

»Nein, sonst ständ ich nicht hier.«

»Ich möchte sie mir auch ansehen.«

»Thue das nicht, um Gotteswillen nicht,« warnte der Offizier. »Es hat nicht Jeder einen solchen Muth wie ich. Du könntest sehr leicht vor Schreck sterben.«

»O, ich habe ein sehr zähes Leben, und den Teufel habe ich schon einige Male gesehen.«

»Und er hat Dir nichts gethan?«

»Nein. Aber er stank allemal ganz gehörig.«

»Der da droben auch.«

»Nach was roch er denn?«

»Nach Höllenstank und Schwefelpfuhl.«

»Sapperment, das muß ich mir auch einmal anriechen!«

Er setzte den Fuß an die Leiter.

»Halt! Hüte Dich!« rief der Lieutenant erschrocken. »Willst Du Deine ewige Seligkeit auf das Spiel setzen!«

»Die kann er mir nicht nehmen, denn ich bin in der Christnacht geboren worden.«

»Ja, wenn das ist, so bist Du freilich gefeit gegen alle Angriffe der Hölle. Also steig hinauf und siehe ihn Dir an!«

Sam kletterte empor. Der Anblick, welcher sich ihm bot, war allerdings ein derartiger, daß auch ein Anderer als ein ungebildeter und abergläubischer Kosak sich über denselben hätte entsetzen können. Zu seiner Beruhigung bemerkte er, daß die Beiden sich bewegten. Sie machten krampfhafte Anstrengungen, von den Stricken loszukommen. Sie hatten also an Leib und Leben keinen Schaden genommen.

Der Dicke that natürlich auch ganz so, als ob er außerordentlich erschrocken sei. Er stieß einen lauten Schrei aus und sprang von der Leiter herab.

»Ist Alles in Ordnung?« fragte Jim, und zwar in englischer Sprache, um von dem Offizier nicht verstanden zu werden.

»Alles. Sie bewegen sich. Schaden genommen haben sie also nicht.«

»Ich kann das Russische nicht verstehen. Was meint denn dieser Kosakenoffizier dazu. Er macht doch ein Gesicht, als ob er den Teufel gesehen hätte.«

»Das denkt er auch. Er hält sie für den Teufel und seine Großmutter.«

»Nicht übel! Sehen sie denn gar so schrecklich aus?«

»Zum Anbeißen allerdings nicht.«

»Aber er muß sie doch gleich erkennen, wenn er genau hinsieht. Wir haben ihnen ja die Gesichter frei gelassen.«

»Das macht der Schreck. Ich habe sie sogleich erkannt, wenn die Gesichter auch nicht vor allzu großer Reinlichkeit erglänzten; Ihren Theil von dem Theer und Werg haben sie doch wegbekommen.«

»Ich möchte sie mir doch auch einmal betrachten. Du nicht auch, Tim?«

»Natürlich! Der Meister wird sich doch sein Werk besehen dürfen. Oder sollen wir es lieber lassen, Sam?«

»Schaut immerhin einmal hinauf. Aber Ihr müßt auch so thun, als ob Ihr erschrocken wäret.«

Beide stiegen nach einander hinauf und kamen mit allen Anzeichen eines heftigen Schreckes wieder herab.

»Deine Freunde sind ebenso muthig wie Du und ich,« sagte der Kosak. »Was meinen sie dazu?«

»Sie meinen auch, daß es der Teufel ist mit seiner Großmutter.«

»Du mußt sagen Väterchen und Mütterchen, denn das hören sie gern und bekommen gute Laune. Wer aber nicht höflich mit ihnen ist, dem werden sie gehässig und spielen ihm allerlei Schabernack. Was aber ist nun zu thun?«

»Das ist Deine Sache. Der Kreishauptmann fehlt, sein Sohn auch, und so bist Du wohl nun auch der Gebieter dieser Stadt.«

»Jawohl!« antwortete der Lieutenant stolz. »Ich bin aber bereit, Deinen Rath anzuhören.«

»Es fragt sich hier nur um Zweierlei: Willst Du sie drin lassen oder sollen sie heraus?«

»Am Besten ists, sie müssen fort.«

»Ja, das ist richtig. Aber wie willst Du das anfangen?«

»Darüber zerbreche ich mir den Kopf nicht. Ich laß den Popen kommen. Der ist der Geistliche und wird schon wissen, wie man dem Teufel einen Schreck einjagt.«

»Ja, Du hast sehr Recht. Wir sind Laien, und wenn wir uns auch selbst vor dem Teufel nicht fürchten, so wissen wir doch nicht, was wir mit ihm anfangen sollen. Wir könnten leicht einen Fehler machen, und dann hätten wir ihn für immer auf dem Halse. Also sende schnell nach dem Popen, und sage den guten Leuten hier, um was es sich handelt. Ist es wirklich der Satanas mit seiner Großmutter, so weiß ein Geistlicher am Allerbesten, wie er herauszubekommen ist und wie wir uns seiner entledigen können. Also schicke schnell fort, damit nicht indessen ein Unheil geschieht. Der Bote mag laufen, so schnell wie er kann.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen und auch sofort ausgeführt. Der Kosakenunteroffizier mußte eiligst den Popen aufsuchen und ihm mittheilen, was geschehen war. Dann kehrte er zurück und meldete, daß der geistliche Herr sofort erscheinen werde.

Die Anwesenden erwarteten den Genannten mit ungeheurer Spannung. Die anwesenden Griechischkatholischen waren, wohl mit alleiniger Ausnahme des Grafen, wirklich überzeugt, daß es sich um den bösen Geist der Hölle handele. Viele von ihnen waren mit dem Boten fortgelaufen, doch nicht zum Popen, sondern um den Ihrigen und auch Anderen, die noch nichts von dem Vorkommnisse wußten, die große und ebenso erschreckende wie hochinteressante Nachricht zu bringen, daß der leibhaftige Satanas sich mit seiner ebenso leibhaftigen Großmutter im Feuerwerksgebäude befinde.

Diese Kunde wurde mit ungeheurer Schnelligkeit weiter getragen. Sie verbreitete sich auch rasch draußen auf dem Jahrmarktsplatze, und so kam es, daß Russen, Kosaken, Ostjaken, Wogulen, Samojeden, Tungusen, Sojoten, Kalmüken, Buräten, Tataren, Karakirgisen, Kirgiskaisaken, Bucharen, Jakuten, Tschuktschen, Korjäken, Giljaken, Jukahiren und wie die Völkerschaften, zu diese Leute gehörten, alle heißen mögen, in höchster Aufregung nach dem Platze vor dem Feuerwerksgebäude strömten, um bei der Teufelsbannung zugegen zu sein.

Da kam eine solche Menge Volkes zusammen, daß diese Leute Brust an Rücken gedrängt eng zusammen standen. Kein Apfel hätte zur Erde fallen können. Selbst diejenigen unter ihnen, welche keine Christen waren, obgleich sie officiel zum Christenthume gehörten, auch die Anhänger des Lamaismus und Buddhaismus, waren von einer heiligen Furcht erfüllt. Sie theilten sich ihre verschiedenen Ansichten darüber mit, was der Teufel thun werde. Höchst wahrscheinlich fuhr er in Einen von ihnen. Auch stand mit Gewißheit zu erwarten, daß seine Großmutter in eine der anwesenden alten Frauen fahren werde. Jeder aber dachte, daß er der Betreffende nicht sein werde, und so wurde die Ankunft des Popen zwar mit scheuer Spannung aber doch in frommer Ruhe erwartet.

Der geistliche Herr hatte es für nothwendig gehalten, zu dem schwierigen Werke gewisse ebenso nothwendige wie umfassende Vorbereitungen zu treffen. Er selbst hatte zwar während seiner ganzen langjährigen Amtsthätigkeit den Teufel noch nicht ein einziges Mal gesehen, aber in alten, vergilbten Büchern und Handschriften war er Anweisungen über das Austreiben und Bannen des Satanas begegnet. Jetzt schlug er nach und fand, was er suchte, eine kurze Anweisung, wie der Teufel zu zähmen sei wie ein wildes Thier, welches dein Bändiger Gehorsam leistet, obgleich diese Folgsamkeit ganz und gar gegen seine ursprüngliche Natur ist.

Er las diesen Aufsatz einige Male durch, steckte dann das Buch in die Tasche seines geistlichen Gewandes, griff zu Bibel und Crucifix und machte sich auf den Weg.

Gar sehr wohl zu Muthe war ihm freilich nicht. Wer kann sich auf den Teufel verlassen, zumal wenn derselbe seine Großmutter bei sich hat, von welcher in dem Buche gar nichts stand. Man kann dabei Leben und Seligkeit riskiren. Und darum nahm der Pope sich vor, mit der außerordentlichsten Vorsicht zu verfahren.

Als er auf dem Platze ankam und die Menschenmenge erblickte, welche ihm ehrfurchtsvoll Platz machte, hatte er das Gefühl, als ob er die Seekrankheit habe. Und je weiter er sich dem Feuerwerkshause näherte, desto schlimmer wurde es ihm im Sinne. Der Teufel hole den Teufel!

Seine Beine begannen zu zittern; es sauste ihm vor den Ohren, und vor den Augen war es ihm, als ob er lauter rothe Wolken sähe, durch welche stechende Blitze zuckten.

So kam er bei der Gruppe an, welche von dem Grafen, dem Offizier und den drei Prairiejägern gebildet wurden. Diese drei Letzteren hatten sich in einer kleinen Entfernung von den beiden Erstgenannten gehalten. Der Graf kam ihnen so wenig sympathisch vor, daß sie es für besser hielten, nicht mit ihm in ein Gespräch verwickelt zu werden.

Auch er hatte ihnen keine große Beachtung geschenkt, so schien es wenigstens. Jetzt trat er dem nahenden Popen entgegen, freilich nicht in der Art eines Mannes, welcher vor einem Geistlichen und dessen Amte große Ehrfurcht empfindet, und sagte in einem mehr strengen als höflichen Tone:

»Warum kommst Du so spät?«

Der Pope war gewohnt, hier mit größter Hochachtung behandelt zu werden. Er blickte den Frager erstaunt an und antwortete:

»Wer bist Du?«

»Einer, dem Du zu gehorchen hast.«

»Ich kenne Dich nicht.«

Da erklärte ihm der Lieutenant:

»Dieser hohe Herr ist der Graf von Polikoff, welcher die Liebe des Zaren genießt, den Gott segnen möge.«

Darauf entschuldigte sich der Pope, nachdem er eine tiefe Verneigung gemacht hatte:

»Verzeihung, mein hohes Väterchen! Das habe ich leider nicht gewußt.«

Der Graf nahm eine stolze, selbstbewußte Haltung an und meinte

»Dir soll für dieses Mal verziehen sein; aber wir haben bereits vor weit über drei Viertelstunden zu Dir gesandt, und ich will wissen, warum Du erst jetzt kommst.«

»Ich hatte noch Vorbereitungen zu treffen.«

»Du hattest Deinen Talar umzulegen, weiter nichts. Das konnte in fünf Minuten geschehen sein.«

»Meinst Du, daß der Teufel nur vor meinem Talare weicht?«

»Ich hoffe es.«

»O nein!«

»Er ist doch geweiht!«

»Das genügt nicht. Ich habe mich zu reinigen, um ohne Fehl vor ihm zu erscheinen.«

»Warst Du so schmutzig?«

Der Pope hatte freilich noch jetzt ganz das Aussehen, als ob er sich seit einigen Monaten nicht gewaschen habe. In Sibirien verhält man sich leider so, als ob das Wasser Gift sei und ein Pfund Seife eine ganze Million koste. Dennoch antwortete der Geistliche im Tone der tiefsten Kränkung:

»Wie kannst Du so fragen, Väterchen. Ich wasche mich täglich zu sieben Malen, denn sieben ist eine heilige Zahl.«

»Ja, das sieht man Dir an. Aber wann Du Dich so sehr oft wäschest, so konnte Deine jetzige Reinigung unmöglich eine so lange Zeit erfordern.«

»Ich hatte außerdem in alten Büchern nachzuschlagen, um die richtige Beschwörungsformel zu finden.«

»Hast Du sie denn nun?«

»Ja, ich habe sie!«

»Nun, so kannst Du ja beginnen.«

»Gleich. Aber wo befindet sich der Teufel mit seiner Großmutter? Wie sehen Beide aus, und wie haben sie sich bisher verhalten?«

Es wurde ihm Alles ausführlich mitgetheilt, und dann sagte der Graf:

»Du wirst ihn Dir natürlich erst einmal ansehen müssen.«

Der Pope machte eine schnelle Bewegung des Schreckes und der Abwehr.

»Welch ein Gedanke! Welch ein Gedanke! Das ist nicht nöthig; nein, das ist nicht nöthig!«

»Warum nicht?«

»Das weiß ich nicht, aber ebenso wenig weiß ich, warum es nothwendig sein sollte.«

»Weil man den Feind sehen muß, gegen den man kämpft.«

»O nein, nein! Ich mag ihn nicht sehen. Ich kann mir denken, daß er ein gräuliches Aussehen haben muß?«

»So fürchtest Du Dich?«

»Wer sollte sich nicht vor dem Teufel fürchten, Väterchen!«

»Ein Diener Gottes darf den Satan nicht scheuen, und wenn er ihn scheut, so ist er nicht würdig, sein Amt zu bekleiden!«

»Du sprichst zu streng.«

»Nein. Christus hat sich auch nicht gescheut, weder vor dem Tode noch vor dem Teufel. Er ist Euer Vorbild, dem Ihr nachzufolgen habt. Wenn Du Dich fürchtest, so werde ich Dich anzeigen. Der Protopope mag dann kommen, um Dich schimpflich Deines Amtes zu entsetzen.«

»Heiliger Martinius! Eine solche Strenge habe ich nicht verdient!«

»Lamentire nicht! Wirst Du Dir den Teufel ansehen oder nicht?«

»Zwinge mich nicht dazu! Er geht ja umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge, so steht es in dem Buche der Bücher geschrieben.«

»Und in den Verordnungen des Zaren steht nicht nur geschrieben, sondern sogar gedruckt, daß ein unwürdiger Diener seines Amtes enthoben werden muß!«

Dem Popen trat der Angstschweiß auf die Stirn. Der Offizier versuchte, ihm Muth zu machen, indem er in aufmunterndem Tone sagte:

»Fürchte Dich nicht, frommes Väterchen! Auch wir haben ihn uns angesehen.«

»Ohne Schaden zu nehmen an Eurem Leibe?«

»Er hat uns nichts gethan. Versuche es nur!«

»Ja, ich! Das ist etwas ganz Anderes. Ihr könnt ihm nichts anhaben. Darum hat er Euch gar nicht beachtet. Ich aber bin sein persönlicher Feind. Ich soll ihn bannen. Ich soll ihn in die Hölle zurücktreiben. Darum wird er sich gegen mich ganz anders verhalten als gegen Euch. Ihr habt gut reden!«

»Gut, so werden wir nicht mehr reden, sondern handeln,« sagte der Graf. »Mag also der Teufel in dem Hause bleiben. Wir wollen fortgehen; ich aber werde diesen ungetreuen Diener der christlichen Kirche sofort zur Anzeige bringen.«

Er wendete sich um, als ob er gehen wolle. Da wurde dem Popen angst. Er rief:

»Bleib, bleib, hohes Väterchen! Wenn Du denkst, daß es meine Pflicht ist, so werde ich ihn mir ansehen.«

»Natürlich ist es Deine Pflicht. Aber stelle meine Geduld nicht länger auf die Probe! Ich entferne mich, wenn Du nicht augenblicklich beginnst.«

»Ich gehe ja schon!«

Er nahm die lange Mütze vom Kopfe, um sich den Schweiß vom kahlen Schädel zu trocknen, setzte sie dann wieder auf und schritt langsam und zagend auf die Leiter zu.

Leise Gebete murmelnd trat er auf die erste Stufe. Es dauerte fast eine Minute, ehe er den Fuß auf die zweite setzte.

»Vorwärts! Schnell!« rief der Graf.

»Ich steige ja schon! Ich steige!«

»Aber rascher! Sonst helfe ich!«

Der Graf trat näher, und das trieb dem Popen eine solche Bangigkeit ein, daß er gleich mehrere Stufen emporstieg. Seine Stirn befand sich jetzt in gleicher Höhe mit der unteren Thürlinie. Jetzt hob er die Bibel empor, um sie dem Teufel zu zeigen.

»Siehst Du das heilige Buch?« fragte er.

Ein stöhnendes Röcheln antwortete.

»Es ist mein Schutz und Schirm. Denke nicht etwa, daß Du mir Etwas anhaben kannst, wenn ich die Bibel bei mir habe!«

Es grunzte drinnen, was er für eine zustimmende Antwort nahm. Das gab ihm so viel Muth, daß er noch eine Stufe höher stieg. Jetzt nun konnte er in das Innere des Raumes blicken. Er sah hinein erkannte die beiden Gestalten.

»Helft mir, Ihr Engel des Himmels, helft!«

Mit diesem lauten Angstschrei ließ er die Bibel fallen und rutschte von der Leiter herab, so daß er mit breit ausgestreckten Beinen auf den Erdboden zu sitzen kam.

»Memme!« rief der Graf.

»Schrecklich, schrecklich!« stöhnte der Pope.

»Du bist ein Hase!«

»Nein, ich bin ein muthiger Mann: aber so Etwas ist entsetzlich!«

»Wirst Du sofort wieder hinaufsteigen! Aber gleich!«

Da raffte sich der Pope vom Boden auf, ergriff die neben ihm liegende Bibel und antwortete in flehendem Tone:

»Verlange nicht zu viel von mir, Väterchen! Du hast mir befohlen, daß ich mir den Teufel ansehen soll, und das habe ich doch auch gethan!«

»Hat er auch Dich gesehen?«

»Ja.«

»Was sagte er?«

»Er macht mir eine höllische Grimasse, ließ einen infernalischen Gestank fahren und brummte mich drohend an.«

»Das hat er bei uns auch gethan. Damit kommen wir aber nicht weiter!«

»O doch! Ich werde ja nun meine Beschwörung beginnen.«

»So siehe zu, daß sie von gutem Erfolge sei, sonst helfe ich nach!«

Er trat mit den Anderen zurück.

Der Pope versuchte, sich zu fassen. Er nahm die Bibel unter den Arm und schlug das alte Zauberbuch auf. Halblaut aus demselben vorlesend, schritt er dreimal um das Haus und machte, so oft er an eine Ecke desselben kam, das Zeichen des Kreuzes. Gegenüber der offenen Thür aber schlug er drei Kreuze.

Als er dann nach der dritten Runde wieder vor der Treppe stand, begann er mit lauter Stimme die Beschwörungsformel zu sprechen.

Die anwesende Menge hörte mit frommem Schauder zu. Was würde nun geschehen? Der Pope hatte geendet.

»Komm heraus!« gebot er jetzt.

Aber er wich sehr vorsichtig eine ganze Strecke zurück. Der Teufel kam nicht, seine Großmutter noch weniger.

»Ich befehle Dir: Komme heraus!«

Auch dieser Ruf blieb ohne Erfolg.

»Ich befehle Dir zum dritten und letzten Male: Komme heraus!«

Es schien der höllischen Mutter sammt ihrem Sohne in dem Hause zu gefallen.

»Frommes Väterchen, warum soll er denn herauskommen?« fragte der Kosakenoffizier den Popen.

»Damit ich ihm dann befehlen kann, zu verschwinden.«

»Das kannst Du doch auch jetzt, ohne ihn vorher erscheinen zu lassen.«

»Es steht aber so in meinem Buche hier. Und schau – – Herrgott! Er gehorcht! Er kommt!«

Die beiden Gefangenen hatten natürlich eine geradezu entsetzliche Nacht gehabt. Als es Tag wurde, hofften sie, aus ihrer Lage befreit zu werden, doch vergebens. Dann später hörten sie endlich Leute kommen. Sie sahen Diejenigen, welche die Thür öffneten und hereinblickten. Aber diese verschwanden wieder, ohne Hilfe zu bringen.

Da bemächtigte sich des Rittmeisters eine fürchterliche Wuth. Er zerrte an seinen Fesseln, daß seine Flechsen und Muskeln zu zerreißen drohten. Die Stricke lockerten sich.

Da blickte der Pope herein, die Bibel in der Hand, stürzte aber auch vor Schreck von der Leiter herab. Jetzt wurde die Wuth des Rittmeisters zum fast wahnsinnigen Grimme. Er zerrte, zog und riß mit aller Gewalt – es gelang; er bekam doch wenigstens einen Arm frei.

Nun riß er sich vor allen Dingen den Knebel aus dem Munde, damit er athmen konnte. Die frische Luft gab ihm neue Lebenskraft. Er brachte auch den anderen Arm frei, und nun war es nicht sehr schwer, auch die anderen Stricke zu entfernen.

Er reckte und dehnte seine Glieder, die ihm in Folge der Fesselung wie gelähmt waren.

»Himmeldonnerwetter!« fluchte er. »Das war eine Nacht, eine – –«

Er hielt inne. Ein lautes Stöhnen machte ihn darauf aufmerksam, daß auch sein Vater frei sein wolle.

»Gleich, gleich!« sagte er.

Er begann, ihm die Fesseln zu lösen, nachdem er ihm den Knebel aus dem Munde gezogen hatte.

»Endlich, endlich!« stöhnte der Kreishauptmann. »Fast wäre ich erstickt!«

»Ich auch. Komm!«

Er ergriff ihn beim Arme.

»Wohin?«

»Nach Hause.«

»Das ist ja unmöglich.«

»Warum?«

»Man sieht uns ja!«

»Aber hier können wir auch nicht bleiben. Vielleicht giebt es nicht viel Menschen draußen.«

Er trat einige Schritte vor, um hinaus zu lugen, fuhr aber erschrocken zurück.

»Alle Millionen Teufel! Sind sie verrückt?«

»Wer?«

»Die ganzen Bewohner der Stadt und des Zeltdorfes stehen draußen.«

»Wer hat sie hergerufen?«

»Das weiß der Satan!«

»Ich werde ihnen befehlen, sich nach Hause zu scheeren.«

Er wollte vor an die Thür, aber sein Sohn hielt ihn zurück.

»Halt! Wo denkst Du hin! Da merken sie es ja, daß wir es sind.«

»Das werden sie auf jeden Fall erfahren.«

»Nein. Wenn wir es klug anfangen, können wir es vielleicht noch vertuschen.«

»Daran glaube ich nicht. Dieses verdammte Volk wird nicht eher von dannen weichen, als bis man weiß, wer wir sind.«

»Nein. Rufen wir einen Bekannten herauf!«

Er trat wieder vor, aber vorsichtig, von der Seite, um nicht gesehen zu werden. Da lugte er hinaus.

»Dort steht der Lieutenant,« sagte er, »neben den drei verfluchten Fremden und – – es ist noch ein Vierter dabei, der mir außerordentlich bekannt vorkommt. Alle Wetter! Ists möglich!«

»Was?« fragte sein Vater, indem er auch näher trat.

»Siehe den Herrn, welcher neben dem Lieutenant steht! Kennst Du ihn?«

Der Kreishauptmann blickte in die angedeutete Richtung.

»Der Graf!« sagte er erschrocken.

»Ja, es ist Polikeff.«

»Was will der hier?«

»Wer kann das wissen!«

»Gerad heut, in diesem Augenblicke! Er darf uns in einer solchen Lage nicht sehen!«

»Unmöglich.«

»Aber wie fortkommen! Durch diese Menschenmenge! Und keiner von diesen Hallunken wird sich entfernen, bevor er erfahren hat, wer wir sind!'«

»Wir bleiben am Besten hier bis – – ah, wer kommt da?«

»Der Pope.«

»Er bleibt stehen und macht drei Kreuze. Alle Teufel! Man hält uns für böse Geister!«

»Vielleicht gar für den Teufel selbst!«

»Natürlich! Daran ist gar kein Zweifel. Der Pope soll uns beschwören, also ist es gewiß, daß man uns für Höllengeister hält.«

»Wir sehen allerdings auch ganz darnach aus! Aber das bringt mich auf einen Gedanken.«

»Wenn es nur einer ist, der uns Hilfe giebt.«

»Ein solcher ist es allerdings.«

»Dann heraus damit!«

»Ich denke nämlich, wenn wir jetzt hinaussteigen und gerad auf das Volk losrennen, so reißt Alles aus.«

»Du, das ist möglich. Wollen wir?«

»Wenn Du denkst?«

»Es bleibt uns nichts Anderes übrig. Sind wir einmal daheim in unserem Hause, so können wir den Leuten ein X für ein U vormachen.«

»Schön! Also vorwärts?«

»So komm!«

Er trat vor, und der Andere folgte ihm.

Sie hatten geglaubt, während der Beobachtung, welche sie angestellt hatten, nicht bemerkt worden zu sein. Das war aber ein Irrthum. Der dicke Sam hatte doch den Theil des Gesichtes gesehen, welches ein Jeder, der um eine Ecke blicken will, bloß geben muß.

Ueberhaupt hatte er noch außerdem eine für ihn sehr wichtige Beobachtung gemacht. Der Lieutenant hatte dem Popen den Namen des Grafen gesagt, und Sam hatte das gehört.

»Der Kerl heißt Polikeff und ist ein Graf,« flüsterte er seinen beiden Gefährten zu. »Ist dieser Name Euch bekannt?«

»Hm!« antwortete Jim. »Gehört habe ich diesen Namen schon.«

»Ich auch,« meinte Tim.

»Aber wo?«

»Ich glaube, Steinbach hat ihn genannt.«

»Ja, ganz gewiß!« nickte Sam. »Ich erinnere mich, daß er mit Herrn Adlerhorst von Konstantinopel sprach. Da kam dieser Name vor.«

»Ganz richtig! Polikeff! Der Kerl hatte eine Gefangene bei sich. Wie war doch nur ihr Name?«

»Gökala, wenn ich mich nicht irre.«

»Ja, Gökala. Nena, der Indier, hat den Namen auch genannt. Sie soll eine Herzogstochter sein, und Steinbach sucht ja ihren Vater hier. Donner und Doria! Wenn das dieser Graf wäre! Das wäre ja ein Fund, der gar nicht werthvoller sein könnte!«

»Natürlich! Lassen wir den Kerl also nicht aus den Augen!«

»Er soll mir nicht entgehen. Aber schaut! Ich glaube, der Teufel hat sich seiner Fesseln entledigt. Da oben guckt er heimlich herab.«

»Wahrhaftig!«

»Ist mir lieb. Nun wird das Theater beginnen. Ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß die beiden Kerls herabkommen.«

»Werden sich hüten,« meinte Jim.

»Und Du wirst Dich irren.«

»Sie werden doch nicht so dumm sein und dieser Menschheit wissen lassen, wer sie sind!«

»Das wird man gerad dann erfahren, wenn sie oben bleiben. Kommen sie aber herab, so reißt voraussichtlich Alles aus. Ich wette – – – hm! Hört, ich will Euch Etwas sagen: Ich trolle mich fort.«

»Wohin.«

»Ins Regierungsgebäude.«

»Ich möchte wissen, wozu und weshalb.«

»Ich habe so meine eigenen Gedanken. Dort in diesem Gebäude wird das Theater zum Abschlusse kommen, und ich möchte das Ende belauschen. Die Anwesenheit dieses Grafen giebt mir zu denken.«

»Aber wie willst Du es anfangen, dort den Lauscher zu machen?«

»Das weiß ich noch nicht. Also, ich drücke mich.«

Gerad jetzt stellte sich der Pope vor die Treppe hin und gebot dem Teufel, zu erscheinen.

Sam schlich sich fort, um die dicht zusammengedrängte Menge herum und ging schnell nach dem Regierungsgebäude. Kein Mensch achtete auf ihn. Er gelangte ganz unbemerkt an sein Ziel.

Wenn seine Vermuthung richtig war, nämlich daß die beiden Teufels aus dem Feuerwerkshause kommen würden, so stand zu erwarten, daß sie ganz natürlich nach ihrer Wohnung laufen und da die Thür hinter sich verschließen würden, damit kein Unberufener hereindringen könne. Also galt es für Sam zunächst, im Hause einen Ort zu finden, an welchem er wenigstens vorerst nicht bemerkt werden konnte.

Als er eingetreten war, sah er sich um. Da gab es ihm zur Rechten eine Thür, an welcher das russische Wort für den deutschen Ausdruck ›Keller‹ zu lesen stand.

In diesem Augenblicke aber erhob sich auch bereits ein fürchterliches Geschrei draußen.

»Ah!« schmunzelte der Dicke. »Sie kommen. Meine Ansicht war also doch richtig. Ich habe nicht einmal Zeit, mich nach einem anderen Verstecke umzusehen. Ich muß in den Keller.«

Es steckte glücklicher Weise der Schlüssel im Schlosse. Er schloß auf und trat hinein. Eine Reihe Stufen führte hinab. Er blieb auf der ersten stehen und untersuchte das Schloß. Es bestand nur in einem eisernen Riegel, welcher durch den Schlüssel hin und her bewegt wurde. Man konnte also auch von innen aufschließen.

»Schön! Das ist beruhigend,« nickte er.

Er schob den Riegel zu und lauschte.

Das Geschrei schien sich zu nähern. Zugleich aber ertönten eilige Schritte, und die Hausthür wurde aufgerissen. Eine keuchende Stimme sagte:

»Schließ zu! Es darf kein Mensch herein!«

Der Riegel der Hausthür knarrte, und eine andere Stimme sagte:

»Aber hinauf in die Stube können wir doch auch nicht.«

»Warum?«

»In diesem Aufzuge! Das Gesinde darf uns ja nicht sehen.«

»Hast Recht. Ich muß die Mutter rufen.«

Er eilte nach der Treppe und rief:

»Natalia, Natalia!«

Der Ruf war oben gehört worden, denn es antwortete von oben:

»Was giebts?«

»Schnell herab! Ich bin es. Aber kein Gesinde darf kommen!«

»Gleich, gleich!«

Trotz des Lärmens, welcher draußen auf der Straße tobte, hörte Sam doch bald Schritte, welche zur Treppe herab nach dem Flur kamen. Dann ertönte ein Schrei des Schreckes.

»Alle heiligen Nothhelfer! Der Teufel!«

»Unsinn! Ich bin es. Ich und Iwan!«

»Mein Heiland! Ihr! Was ist mit Euch!«

»Wirst es nachher erfahren. Wir können uns so nicht sehen lassen. Wir müssen in den Keller.«

»Kommt doch herauf!«

»Das geht nicht. Den Theer bringen wir nur mit Petroleum oder Kienöl weg, und Beides befindet sich im Keller. Bring zwei andere Anzüge herab und Wasser, auch Licht. Aber lasse keinen Menschen ins Haus!«

»Auch den Grafen nicht? Er sucht Euch.«

»Der Teufel soll ihn holen!«

»Was habt Ihr mit ihm? Er sprach davon, daß er Dich absetzen lassen will.«

»Der Hund!«

»Hat er denn eine Macht über Euch?«

»Nein. Aber weißt Du, es ist besser, Du bist höflich gegen ihn und lässest ihn herein. Aber ja nicht zu uns in den Keller. Also Licht, Wasser und Anzüge! Schnell! Wir warten hier! Hast Du uns denn nicht kommen sehen?«

»Nein. Ich war einen Augenblick lang in der Küche. Ich hörte freilich, daß der Teufel – – ah! Seid Ihr etwa diese Teufels gewesen?«

»Ja. Aber nun lauf, lauf!«

»Wartet! Ich komme gleich!«

Sie eilte wieder die Treppe empor.

»Alle Wetter!« dachte Sam. »Da sitze ich in der Patsche! Was thue ich? Na, vielleicht ists grad gut. Ich muß hinab. Ein Glück ists für mich, daß sie da warten wollen, bis die Lady zurückkehrt.«

Er tappte sich leise die Stufen des Kellers hinab. Unten angekommen, brannte er einige Hölzchen nach einander an, um sich zu orientiren.

Der Keller war nicht groß. Er enthielt eine Anzahl Fässer von verschiedener Größe, wahrscheinlich auch verschiedenen Inhaltes, mehrere andere Gegenstände, wie man sie im Keller aufzubewahren pflegt, und vorn, der Thüre gegenüber eine hölzerne Stellage, auf welcher Weinflaschen lagen.

Diese Stellage stand nicht direct an der Mauer, sondern quer vor der Ecke, in welcher ein kleines Fäßchen lag.

»Dort hinein!« lachte Sam. »Besser kann es ja gar nicht passen.«

Er huschte trotz seiner Dickheit hinter die Stellage und setzte sich auf das kleine Faß. Er konnte da gar nicht gesehen werden, außer wenn man geradezu in den Winkel kroch, um das Faß herausholen zu wollen.

Kaum hatte er dort Platz genommen, so wurde oben die Thür geöffnet. Der Kreishauptmann und der Rittmeister kamen herab, gefolgt von der Kreishauptmännin, welche ihnen leuchtete. Sie trug außerdem einen großen Wasserkrug, während die beiden Männer die verlangten Kleidungsstücke in den Armen hatten und auf die Fässer legten, als sie unten angekommen waren.

Sie setzte das Licht in eine Mauernische, den Krug auf den Boden und fragte:

»Aber was habt Ihr nur um Gotteswillen gemacht? Das ist ja fürchterlich!«

»Schweig jetzt!« gebot ihr Mann. »Du wirst es schon erfahren.«

»Wo habt Ihr seid gestern gesteckt?«

»Frag jetzt nicht. Geh lieber nach oben, und sorge dafür, daß wir hier nicht gestört werden. Marsch fort!«

Sie ging jammernd die Treppe hinan, die Thür oben verschließend.

Nun begannen die Beiden, sich ihrer stinkenden Hüllen zu entledigen, wobei es freilich nicht an Flüchen und Schimpfreden fehlte.

»Daß mir Das passiren muß!« sagte der Kreishauptmann. »Wenn man es erfährt, so bin ich blamirt in alle Ewigkeit!«

*

72

»Ich ebenso!«

»Wenn man nur wüßte, wie es zugegangen ist!«

»Auch ich kann es mir nicht erklären.«

»Ich weiß nur, daß ich beim Halse gepackt wurde und einen Hieb bekam. Als ich aus der Ohnmacht erwachte, war ich angebunden, hatte einen Knebel im Munde und die Nase voller Theergestank.«

»Gerad so war es auch bei mir.«

»Wer ists gewesen?«

»Ja, wenn ich das wüßte! Ich wollte den Kerl todtknuten!«

»Jedenfalls der Kosak!«

»Nummer Zehn? Ich kann es nicht begreifen! Er war ja angebunden!«

»So hat er sich losgemacht.«

»Aber er allein kann doch mit uns Beiden nicht fertig werden.«

»Das ist gewiß. Es müssen unbedingt Mehrere gewesen sein.«

»Vielleicht einer von diesen verteufelten Fremden.«

»Wenn ich das wüßte!«

»Wir müssen es erfahren.«

»Haben sie ja die Hand im Spiele, so sollen sie sehen was geschieht!«

»Vor allen Dingen nehmen wir die beiden Wachen vor!«

»Die tragen die Hauptschuld. Schatzheben zu wollen! Sie sollen einen Schatz bekommen, an den sie Zeitlebens denken werden! Na, vor allen Dingen habe ich jetzt das Werg herab. Nun den Theer wegwaschen.«

»Dort steht das Petroleum. Aber nimm Dich in Acht, daß kein Unglück geschieht, da wir Licht hier haben.«

Sie hatten sich vollständig ausgezogen und gossen aus einem großen Thongefäß Petroleum in ein hölzernes kleineres Gefäß. Sie rieben sich mit dem Oele ein. Einander helfend, befreiten sie sich von dem schwarzen Theer, doch indem sie sich von dem Geruchs desselben befreiten, sorgten sie dafür, daß sie nun desto mehr nach Petroleum stanken.

Da kam die Frau wieder herab. Sie brachte einige Handtücher und meldete zugleich;

»Es steht eine ungeheure Menge Volks vor dem Hause. Sagt mir nur um Gotteswillen, was ich machen soll!«

»Laß sie stehen!«

»Aber dieser Lärm!«

»Sie werden schon aufhalten.«

»Alles schreit, daß der Teufel bei uns sei!«

»Laß uns nur erst hier fertig sein, so will ich ihnen das Schreien schon verbieten.«

»Und an die Thür klopft dieser Graf Polikeff. Er will herein.«

»So mach ihm auf. Aber nur er allein darf herein, kein Anderer.«

»Er hat eine Dame mit.«

»Jetzt? Ich habe keine gesehen.«

»Er ließ sie bei mir, ehe er fort ging. Er will bei uns wohnen.«

»Das fehlt nun grad noch. Was für ein Frauenzimmer ist es denn?«

»Sie ist jung und außerordentlich schön.«

»Blond etwa?«

»Ja, herrlich blond mit himmelblauen Augen.«

»Ah! Kenne sie!«

»Wer ist sie? Seine Frau?«

»Ob sie es schon ist, das weiß ich nicht; aber sie wird es jedenfalls werden. Aber geh jetzt hinauf und laß ihn herein. Nur zu uns herab darf er nicht! Auf keinen Fall!«

Sie stieg wieder nach oben und ging zur Hausthür, um diese zu öffnen. Der Graf trat ein. Mit ihm wollten sich Andere hereindrängen, er aber schob sie zurück und verschloß nun selbst die Thür.

»Wo ist Ihr Mann?« fragte er.

»Ich weiß es noch nicht,« antwortete sie.

»Und Ihr Sohn?«

»Auch das kann ich nicht sagen.«

Er lächelte sie überlegen an.

»Meinen Sie, daß ich ebenso dumm bin wie Ihre Jakuten und Ostjacken? Sagen Sie nur wenigstens, wo die beiden Teufels sind!«

Sie bemühte sich, eine erstaunte Miene zu zeigen.

»Die beiden Teufels?«

»Na freilich.«

»Welche denn?«

»Die hier hereingesprungen sind.«

»Ich weiß von keinem Teufel Etwas.«

Da nahm er eine strenge Miene an und warnte:

»Hören Sie, ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich keinen Spaß verstehe. Wenn Sie mir nicht augenblicklich die Wahrheit sagen, so öffne ich die Thür und laß das Volk herein. Dann wird man die beiden Gespenster wohl sehr bald finden!«

Diese Drohung brachte sie in große Verlegenheit, zumal er sich der Thür wieder näherte und so that, als ob er sie öffnen wolle.

»Um Gotteswillen! Lassen Sie zu!« bat sie.

»So antworten Sie! Wer sind die beiden Gestalten, welche hier herein kamen?«

»Mein – Mann und mein Sohn,« antwortete sie zögernd.

»Wo befinden Sie sich?«

»Hier im Hause.«

»Natürlich! Das weiß ich. In welchem Raume?«

»Oben.«

»Schön! Führen Sie mich zu ihnen!«

»Das ist leider unmöglich.«

»So? Warum?«

»Sie befinden sich in einem Zustande, in welchem – –«

»Pah! Grad in diesem Zustande will ich sie sehen.«

»Erlaucht! Das geht doch nicht!«

»Und ich sage Ihnen, daß es geht! Also bitte, führen Sie mich!«

Er schritt vorwärts, und sie folgte ihm in größter Verlegenheit. Als er an der Kellerthür vorüber kam, blieb er stehen und sog die Luft durch die Nase.

»Ah! Das riecht ja prächtig nach Theer und nach Petroleum! Wo befinden sich die beiden Herren?«

»Oben in ihren Zimmern.«

»So? Hm!«

Er blickte sie scharf an. Sie schlug die Augen nieder. Da drehte er schnell den Schlüssel der Kellerthür auf. Er gewahrte den Lichtschein unten und hörte auch sprechende Stimmen.

»Ah – –! Hm – –! Wer ist da unten?« fragte er flüsternd.

»Es ist – es ist – –«

»Es sind die Teufels! Nicht?«

»Ja,« antwortete sie, da es ihr nun unmöglich war, ihn zu täuschen.

»Lügnerin!«

»Es war mir verboten!«

»So! Sie können gehen. Ich aber steige hinab.«

»Um Gotteswillen, Herr Graf!«

»Pst! Still! Sie schweigen. Gehen Sie jetzt! Daß uns kein Mensch da unten stören kann, dafür will ich sorgen.«

Er zog den Schlüssel ab und steckte ihn ein. Dann schob er die Frau zurück, trat auf die Kellertreppe, machte die Thür von innen zu und schlich sich so leise wie möglich die Stufen hinab. Er hörte, was die Beiden sprachen. Sie hatten keine Ahnung, daß er sie belauschte.

»Allemal, wenn er kommt, passirt uns ein Unglück,« sagte soeben der Kreishauptmann. »Jetzt ist er da, und wir werden eingetheert.«

»Wäre er doch an unserer Stelle gewesen!« zürnte der Rittmeister.

»Was mag er heut wieder wollen?«

»Das wirst Du schon erfahren. Er wird kein Geheimniß daraus machen. Wir sind von seiner Gnade und Barmherzigkeit abhängig. Wenn ich ein gutes Mittel wüßte, ihn für immer los zu werden, es käme mir nicht auf – –«

»Nun, auf was käme es Dir nicht an?«

»Auf eine Dosis Gift oder einen guten Schuß Pulver.«.

»Das wäre das Allerbeste. Freilich ist er ein zu großer Schlaukopf, als daß wir ihm Etwas anhaben könnten. Und daß er uns jetzt erkannt hat, das ist sicher. Dadurch gewinnt er wieder eine Macht über uns. Ich möchte wissen, ob er wirklich so angesehen beim Zaaren ist.«

»Ich bezweifle es nicht; sein Auftreten ist ganz darnach. Aber trotz seiner Schlauheit ist er doch ein großer Esel. Er schleppt diese Gökala überall mit sich herum. Ich an seiner Stelle hätte sie längst gezwungen, meine Frau oder meine – Maitresse zu werden. Wenn ich – – na, ich werde ja erfahren, was er will. Verlangt er zu viel, so bekommt er Fliegenschwamm.«

»Die Völkerschaften Sibiriens genießen nämlich den Fliegenschwamm in verschiedenen Gestalten als Reiz- und Betäubungsmittel. Ebenso wissen sie ein langsam aber sicher tödtendes Mittel aus demselben zu bereiten. Auf dieses Mittel spielte der jetzige Sprecher an. Er erschrak freilich fürchterlich, als jetzt von der Treppe her die Frage ertönte:

»Wird er denn auch so albern sein, Euern Fliegenschwamm zu fressen?«

Die Beiden schrieen laut auf. Er trat von der letzten Stufe herab und auf sie zu.

»Der Graf!« meinte der Kreishauptmann.

»Ja, ich bin es. Leider höre ich, daß ich Euch nicht willkommen bin.«

»O – o – oh! Sogar außerordentlich!«

»Wirklich?«

»Bei allen Heiligen!«

»Schwöre nicht, Kerl! Ich habe ja gehört, was Ihr jetzt gesprochen habt!«

»Es war ja gar nichts Unrechtes?«

»Was? Daß Ihr mir Fliegenschwamm geben wollt, das ist nichts Unrechtes?«

»Erlaucht, Sie waren nicht gemeint.«

»Schweig! Es hat kein anderer Mensch eine Gökala bei sich. Ihr seid zwei Schufte, wie sie größer gar nicht geboren werden können, und doch auch wieder so große, so gewaltige Dummköpfe, daß man vor lauter Mitleid die bittersten Thränen vergießen möchte.«

Durch diese höchst aufrichtigen Worte fühlte sich der Kreishauptmann auf das Tiefste beleidigt. Darum antwortete er in zornigem Tone:

»Ueber uns zu weinen, das haben Sie nun doch wohl nicht nöthig!«

»Doch, denn ich habe ein menschlich fühlendes Herz,« spottete der Graf. »Seht Euch nur an! Wer da keine Thräne des Mitleides für Euch vergießt, der ist gar kein Mensch. Was habt Ihr denn nur gemacht, Ihr albernen Kerls!«

Die Beiden hatten in diesem Augenblicke nämlich nichts als nur die Hemden an. So weit und nicht weiter waren sie in ihrer Toilette gediehen. Desto köstlicher sah sich der Zorn an, mit welchem der Kreishauptmann, einen Schritt auf den Grafen zutretend, diesem antwortete:

»Herr, wer giebt Ihnen das Recht, uns in solcher Weise zu beleidigen?«

»Ich! Ich selbst gebe mir es.«

»Das muß ich mir verbitten!«

»Ich lasse mir nicht verbieten, die Wahrheit zu sagen!«

»Alberne Kerls sind wir nicht!«

»So! Was denn?«

»Wir sind – –«

Er stockte und kam nicht weiter. Er wußte wirklich nicht, was er sagen wollte.

»So rede doch!« sagte sein Sohn. Und sich zu dem Grafen wendend, fuhr er fort: »Ich bin Offizier, kaiserlich russischer Offizier, Herr, und mein Vater ist Kreishauptmann!«

»Ah, so! Und wer hat Euch zu dem gemacht, was Ihr seid?«

»Der Kaiser!«

»Pah, dem Grafen Polikeff, nämlich mir habt Ihr es zu verdanken! Doch streiten wir uns nicht. Wir kennen einander doch zu gut, um nicht zu wissen, woran wir mit einander sind. Machen wir es uns lieber gemüthlich. Wir haben mit einander zu sprechen.«

Er setzte sich auf eins der Fässer, nachdem er vorher sein Taschentuch untergelegt hatte, um sich nicht schmutzig zu machen.

»Das können wir oben auch thun,« bemerkte der Kreishauptmann.

»So gut nicht wie hier.«

»Sie sehen, daß ich nicht in der Fassung bin, eine Conferenz zu halten.«

»Warum nicht?« lachte der Graf. »Ziehen Sie sich nur an!«

»Das pflegt man nicht in Gegenwart Anderer zu thun.«

»O, genirt Euch nicht. Wir sind ja Männer. Ich möchte hier bleiben, denn erstens können wir hier weniger beobachtet werden als oben, und zweitens gefällt mir die hiesige Atmosphäre. Ich liebe den Petroleumgeruch. Ich beneide Euch sogar um das Glück, Euch mit dieser angenehmen Essenz gewaschen zu haben. Ich wollte, mir könnte dieser Genuß auch einmal zu Theil werden. Ist schon der Geruch belebend und erfrischend, wie wonnig muß es erst sein, wenn es Einem erlaubt ist, den ganzen Körper in einem solchen Aether zu baden.«

»Gnädiger Herr, wir sind wirklich nicht hier, um Ihnen als Zielscheibe schlechter Witze zu dienen.«

»Das glaube ich ganz gern. Ihr seid, wie ich ja ganz deutlich rieche, zu andern Zwecken hier; aber um gute Witze wäre es jammerschade; Ihr würdet sie nicht verstehen, und so muß ich eben schlechte machen.«

»Machen Sie lieber gar keine! Wir sind zwar in diesem Augenblicke nicht grad salonfähig; aber wir können es in einer Viertelstunde sein, wenn es uns beliebt. Einem Jeden seine Ehre. Sie sind Graf, und so nenne ich Sie. Ich bin Kreishauptmann, und mein Sohn ist Rittmeister. Wir müssen dieses Sie auch für uns in Anspruch nehmen. Was Sie bezwecken, indem Sie uns Ihr und im Einzelnen gar Du nennen, das kann ich mir wirklich nicht denken.«

»Nicht?« lachte der Graf. »Es geschieht, weil wir alte Bekannte sind.«

»Nun wohl, ich bin gern einverstanden. Die Bekanntschaft ist eine gegenseitige, und so mag das Du und Euch auch gegenseitig sein.«

»Das müßte ich mir verbitten!« sagte der Graf, indem er die Stirn runzelte.

»So verbitten wir uns das Dutzen ebenfalls.«

»Vergeßt nicht, wer und was Ihr seid!«

Bei diesen Worten sprang er von seinem Fasse auf und stand in drohender Haltung vor dem Kreishauptmanne. Dieser ließ sich keineswegs erschrecken; er fuhr gemächlich mit dem Beine in die Hosen und antwortete:

»Wir wissen das sehr genau.«

»Nun, wer?«

»Ich habe es Ihnen bereits gesagt: Bezirkshauptmann und Rittmeister.«

»Aber was seid Ihr eigentlich?«

»Hm! Nun, was denn?«

»Spitzbuben!«

»Oho!«

»Ja. Oder habt Ihr das vergessen?«

»Ich weiß wirklich nichts davon.«

Er lachte bei diesen Worten dem Grafen höhnisch in das Gesicht. Dieser fühlte sich dadurch auf's Höchste geärgert und sagte:

»Haben Sie nicht vielleicht einen gewissen Saltikoff gekannt?«

»Nein.«

»Ah, nicht? Schön! Dieser Saltikoff war ein Verbrecher.«

»Geht mich nichts an.«

»Zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien verurtheilt.«

»Das ist seine Sache.«

»Er fand einen Freund oder vielmehr einen Gönner, der ihn errettete.«

»Das wird ihn gefreut haben.«

»Dieser Freund besorgte ihm Legitimationspapiere, welche auf einen ganz andern Namen lauteten, nämlich auf den Namen Rapnin.«

»So heiße ich ja auch.«

»Ganz natürlich! Dieser Saltikoff entging nicht nur mit Hilfe dieser Papiere der lebenslänglichen Verbannung, sondern er machte auch eine gute Carrière, so daß er jetzt Kreishauptmann ist.«

»Grad wie ich!«

»Allerdings. Sie selbst sind ja dieser Mann.«

»Wirklich? Freut mich sehr! Es ist so selten, daß aus einem Verbannten ein Kreishauptmann wird.«

»Sagen Sie lieber, es ist niemals vorgekommen; es ist ganz unmöglich, weil es gegen die Gesetze ist.«

»Desto stolzer kann ich auf meine Stellung sein.«

»Aber diese Stellung ist eine sehr precäre. Es kostet mich ein Wort, so werden Sie ja abgesetzt. Sie befinden sich in meiner Hand.«

»Und Sie sich in der meinigen!«

Der Graf hatte drohend gesprochen und der Kreishauptmann ihm in ruhiger Ironie geantwortet.

»Was? Das wagen Sie mir zu sagen?« rief der Erstere.

»Ja, denn es ist die Wahrheit.«

»Das denken Sie ja nicht. Sie sind ein – ein Wurm gegen mich. Ich kann Sie zertreten!«

»Pah! Treten Sie doch einmal zu!«

»Ich brauche ja nur zu sagen, wer Sie sind!«

»Sie können das, was Sie sagen, nie beweisen.«

»Wirklich? Ah, jetzt verstehe ich Sie! Ich habe gewisse Papiere von Ihnen in den Händen!«

»Das glaube ich nicht.«

»Sie wollen sagen, Sie meinen, daß ich mich nicht im Besitze derselben befinde?«

»Ja.«

»Da irren Sie sich freilich sehr. So oft ich nach Sibirien komme, trage ich alle Papiere bei mir, von denen sich vermuthen läßt, daß ich sie brauche.«

»Ich weiß wirklich von keinen Papieren.«

»Sie sagen das, weil sie wirklich fest glauben, daß ich sie nicht mehr besitze. Aber ich trage sie sogar in dieser Tasche bei mir.«

Er klopfte an die linke Seite der Brust, wo sich die Tasche befand. Der Kreishauptmann richtete sein Auge funkelnden Blickes auf diese Stelle und meinte:

»Das können Sie zwar behaupten aber nicht beweisen.«

Der Graf lachte höhnisch auf.

»Ich verstehe Sie wirklich sehr gut. Sie wollen mich so weit bringen, die Papiere heraus zu nehmen. Dann fallen Sie über mich her, um sie mir zu entreißen. Sie sind ja Ihrer Zwei, während ich allein bin, und so steht zu erwarten, daß ich unterliegen würde.«

»Fällt mir nicht ein!«

»O, ich habe Ihren gierigen Blick wohl gesehen. Aber ich fürchte mich doch nicht vor Ihnen. Ich werde Ihnen das beweisen.«

»Das werden Sie bleiben lassen!«

»Oho! Ich bin keine Memme, und ich bin vorsichtig. Ich werde Ihnen beweisen, daß ich die Papiere bei mir habe, aber ich werde doch zugleich dafür sorgen, daß dieselben nicht in Ihre Hände gerathen können.«

»Thun Sie das, Graf!«

Der Graf zog ein elegantes Doppelterzerol aus der Tasche, spannte beide Hähne und sagte:

»Sie kennen mich! Sie wissen, daß ich in solchen Dingen Wort halte. Ich werde Ihnen die Papiere von Weitem zeigen. Aber sobald Sie nur die geringste Bewegung machen, sie mir zu entreißen, schieße ich Sie nieder.«

»Vater!« sagte der Rittmeister in warnendem Tone.

»Was willst Du?« fragte der Kreishauptmann.

»Keine Gewaltthat!«

»Pah! Unsinn!«

»Er schießt wirklich!«

»Das weiß ich. Es ist ihm zuzutrauen. Es fällt mir auch gar nicht ein, ihm eins der Papiere abzunehmen. Er mag sie behalten. Sie können mir nichts schaden.«

»Nicht?« lachte der Graf höhnisch.

»Gar nichts!«

»Nun, so sehen Sie einmal!«

Er zog eine Anzahl Papiere aus der Brusttasche und trat mit denselben an das brennende Licht. Er nahm jedes einzelne und sagte, welches der Inhalt sei, hielt aber dabei das Terzerol schußbereit.

»Hier zum Beispiel ist Ihr Geburts- und auch Ihr Taufschein!«

»Der meinige? Pah!«

»Ich meine den Geburts- und Taufschein Saltikoff's.«

»Das geht mich nichts an.«

»Hier die Legitimationen Ihrer Frau, einer geborenen Karanin, der Trauschein dabei.«

»Ist nicht meine Frau.«

»Hier der Geburts- und Taufschein von Iwan Saltikoff, Ihrem Sohne.«

»Ist ja gar nicht mein Sohn! Ich heiße eben Rapnin.«

»Diese Behauptung werden Sie nicht lange aufrecht erhalten. Hier ist ein Document, in welchem Sie amtlich bescheinigen, daß Sie eigentlich Saltikoff heißen.«

»Das wäre wunderbar!«

»So hören Sie doch!«

Er faltete das Papier auseinander und las:

»Bekenntniß.

Auf Verlangen des Herrn Grafen Alexei von Polikeff bescheinige und gestehe ich der Wahrheit gemäß, daß ich eigentlich jener Wassilai Saltikoff bin, welcher zur lebenslänglichen Deportation und Zobeljagd verurtheilt worden ist. Meine auf den Namen Rapnin lautenden Legitimationen sind gefälscht.

Parankow, den 11. October 1879.

Wassilai Rapnin.
Kreishauptmann.«

Er faltete das Papier wieder zusammen und steckte es mit den übrigen in die Brusttasche zurück. Dann fragte er in triumphirendem Tone:

»Sind Sie nun zufrieden gestellt?«

»Ja,« lachte der Kreishauptmann.

»Sie geben also zu, daß Sie sich ganz und gar in meiner Hand befinden?«

»Das fällt mir nicht im Traume ein.«

»Ich brauche nur diese Papiere bei der Behörde zu deponiren!«

»Sie würden sofort erfahren, wie ungeheuer Sie sich irren.«

»O bitte, denken Sie das ja nicht!«

»Ich denke es nicht, sondern ich bin überzeugt davon. Sie freilich treten ganz so auf, als ob mein Leben und meine Seligkeit von Ihrer Gnade abhingen. Sie haben meiner Frau gedroht. Dies kann meine Frau erschrecken aber mich nicht. Sie befinden sich noch mehr in meiner Hand als ich mich in der Ihrigen.«
»Das kann nur ein Wahnwitziger behaupten.«

»Oder nur ein Wahnwitziger kann es bezweifeln.«

»Wollen Sie etwa leugnen, daß die Papiere die Ihrigen sind und daß das Bekenntniß von Ihnen niedergeschrieben wurde?«

»Vor Gericht würde ich es freilich leugnen; hier aber unter sechs Augen gebe ich es Ihnen offen zu. Aber mit diesen Schreibereien haben Sie nicht die geringste Macht über mich erhalten.«

»Das ist lächerlich.«

»Ich kann es Ihnen beweisen.«

»Beweisen Sie es!«

»Schön! Wer hat das Bekenntniß, welches Sie soeben vorgelesen haben, geschrieben und auch untersiegelt?«

»Sie selbst.«

»Wer hat es entworfen, ich meine, dem Wortlaute nach?«

»Sie.«

»Ja. Sie hätten auch eine große Dummheit begangen, wenn Sie das entworfen hätten. Aber ebenso dumm waren Sie, daß Sie sich mit diesem Wortlaute einverstanden erklärten.«

»Schneiden Sie nicht auf!«

»Das thue ich nicht.«

»O doch! Ich möchte doch wissen, worinnen die Dummheit zu suchen sei.«

»In den Anfangsworten. Sie lauten ja doch ›Auf Verlangen des Herrn Grafen Alexei von Polikoff.‹ Ist's nicht so?«

»Ja.«

»Nun, diesen Anfang habe ich sehr mit Berechnung niedergeschrieben. Wenn ich auf Ihr Verlangen meine Sünde bekenne, so müssen Sie doch von derselben gewußt haben und auch heut noch wissen. Sie sind also der Mitschuldige von mir.«

Der Graf machte ein etwas undefinirbares Gesicht.

»Donnerwetter!« fluchte er.

»Ja,« lachte der Andere. »Sie sind überlistet. Sehen Sie das ein?«

»Den Teufel sehe ich ein!«

»Uebrigens habe ich meine Handschrift verstellt.«

»Das schadet nichts. Ich beschwöre, daß Sie es geschrieben haben.«

»Damit beschwören Sie Ihre Mitschuld. Und nun komme ich, nachdem Sie vorhin mit so viel Selbstbewußtsein mir meine Armseligkeit vorgeworfen haben. Ich kann Ihnen alle Ihre Trümpfe überstechen.«

»Das bilden Sie sich wirklich ein?«

»Ja.«

»Lassen Sie das bleiben!«

»Nicht doch! Ich bilde es mir übrigens nicht ein, sondern es ist eine unumstößliche Gewißheit. Warum haben Sie mir die auf Rapnin lautenden Papiere verschafft?«

»Aus Mitleid, um Sie zu retten.«

»Ja, Sie sind so eine grundgütige, mitleidige Seele! Ihre Barmherzigkeit ist gradezu unendlich. Ist Ihnen nicht vielleicht ein kleines indisches Ländchen Namens Nubrida bekannt?«

»Das geht Sie nichts an!«

»Vielleicht doch. Der Fürst dieses Landes hieß Banda. Er wurde von Ihnen über die Grenze gelockt und für mich ausgegeben, für Wassilai Saltikoff. Sie wollten seine Tochter haben, und darum mußte der Alte an meiner Stelle in die Wälder, um den Zobel zu jagen. Wenn er aber Saltikoff sein sollte, so mußte Saltikoff einen andern Namen erhalten. Darum brachten Sie mir die auf Rapnin lautenden Papiere. Sie haben nur Ihre Pläne verfolgt, aber keineswegs aus Mitleid gehandelt.«

»Und doch. Ich hätte den Maharadscha für einen jeden andern Verbrecher ausgeben können. Ich wählte grad Sie, weil ich mich für Sie interessirte.«

»Nun, so wünsche ich, daß Sie sich nicht mehr für mich interessiren. Es würde mir lieb sein, wenn Sie mich vergäßen, ganz vergäßen, mich niemals wieder aufsuchten.«

Der Graf war kleinlaut geworden. Er blickte vor sich nieder und meinte:

»Ich habe Sie auch keineswegs gesucht.«

»Aber Sie sind doch zu mir gekommen.«

»Zufall!«

»Das glaube ich nicht.«

»Fragen Sie Ihre Frau!«

»Wie kann die das wissen?«

»Sie hat erkennen müssen, daß ich nur gekommen bin, mir bei dem hiesigen Kreishauptmanne Gastfreundschaft zu erbitten. Das Sie es sind, habe ich nicht gewußt. Erst als Ihre Frau den Namen Rapnin nannte, erfuhr ich es. Ich habe stets geglaubt, daß Sie sich noch immer in Parankow befinden. Ihre Versetzung hierher war mir völlig unbekannt.«

»Wenn das wahr ist, warum treten Sie dann so feindselig gegen mich auf?«

»Habe ich nicht gute Gründe?«

»Keineswegs!«

»Sogar zwei!«

»Lassen Sie hören!«

»Erstens verhielt Ihre Frau sich feindselig und abweisend gegen mich.«

»Sie werden ihr Ursache dazu gegeben haben. Ich kenne ja die Art und Weise, in welcher Sie Andre behandeln. Und nun den zweiten Grund?«

»Sagten Sie nicht vorhin, daß Sie Lust hätten, mich mit Fliegenschwamm zu vergiften?«

»Nun ja. Ich will es nicht leugnen. Ich habe es gesagt.«

»Und da soll ich etwa herzlich zu Ihnen sein?«

»Herzlich? Das verlangt kein Mensch, der Sie kennt, ich aber am Allerwenigsten. So oft Sie sich bei uns sehen ließen, hat es stets ein Unheil gegeben. Wir sind also sehr wohl berechtigt, Ihren Besuchen mit Mißtrauen entgegen zu blicken. Es würde jedenfalls für beide Theile von Vortheil sein, wenn sie so thäten, als hätten sie einander niemals gekannt.«

»Ich würde darauf eingehen, wenn es mir möglich wäre.«

»Warum sollte es nicht möglich sein?«

»Weil ich Sie vielleicht noch brauchen kann.«

»Als Werkzeug Ihrer Pläne? Denken Sie nicht daran! Ich thu nicht wieder mit. Der Gebrannte scheut das Feuer. Was für einen Plan verfolgen Sie denn gegenwärtig?«

Die beiden Rapnin hatten ihre Anzüge nun angelegt. Sie rochen schrecklich nach Petroleum, sonst aber war ihnen keine Folge des nächtlichen Abenteuers mehr anzumerken. Der Graf schien ein ganz Anderer geworden zu sein. Er sah ein, daß er von Rapnin überlistet worden war. Er befand sich im Nachtheile gegen den Bezirkshauptmann, den er bisher für seine Kreatur gehalten hatte. Das machte ihn nachdenklich. Er durfte seinen Gegner ja nicht noch mehr herausfordern.

Still saß er wieder auf seinem Fasse, die Arme über die Brust verschränkt. Er überlegte. Dann nach einer kleinen Weile antwortete er:

»Nun wohl, ich will aufrichtig mit Ihnen sein. Wir können in Frieden auseinander kommen.«

»Das wäre ganz nach meinem Wunsche. Sie brauchen mir nur die Papiere herauszugeben, welche Sie vorhin vorzeigten.«

»Warum das? Ich denke, Sie fürchten diese Papiere nicht?«

»Ich fürchte sie auch nicht; aber unbequem können sie mir doch werden. Erst wenn sie vernichtet sind, kann ich ruhig und sicher sein.«

»Das glaube ich wohl. Aber meinen Sie, daß man solche Papiere aus der Hand giebt, ohne irgend welche Gegenleistungen dafür zu erhalten?«

»Ah! Sie spekuliren?«

»Natürlich!«

»Nun, so bedenken Sie, daß mein Bekenntniß Ihnen selbst gefährlich wird, falls Sie einen mir feindseligen Gebrauch davon machen wollen.«

»Hierin irren Sie sich höchst wahrscheinlich.«

»Ich glaube nicht.«

»O doch! Sie vergessen dabei Zweierlei. Erstens bin ich kein Kind, auch kein unvorsichtiger Mensch, welcher sich nicht reiflich überlegt, was er thut. Und zweitens giebt mein Rang mir volle Sicherheit, mich auf das Leichteste derjenigen Unannehmlichkeiten, an welche Sie wohl denken mögen, zu erwehren.«

»Wenn wir gegen einander aufrichtig sein wollen, so kann ich Ihnen einigermaßen, wenn auch nicht ganz Recht geben. Es ist immer am Allerbesten, wenn wir uns friedlich zu einander stellen.«

»Daran thun Sie sehr wohl. Ich bin unter Umständen bereit, Ihnen die Papiere auszuhändigen.«

»Welche Umstände sind dies?«

»Zunächst die Mittheilung, daß ich Gökala bei mir habe – –«

»Ich weiß es.«

»Ah! Von wem?«

»Von meiner Frau.«

»Die darf und soll aber doch Gökala gar nicht kennen!«

»Sie kennt sie auch nicht. Sie sagte mir, daß sich eine Dame in Ihrer Begleitung befinde. Ich ließ mir dieselbe beschreiben und erkannte aus dem Signalement natürlich sofort, wer sie ist.«

»Das stellt mich zufrieden. Also nun die weitere Mittheilung, daß ich den Maharadscha, ihren Vater, suche.«

Es glitt ein sehr befriedigtes Lächeln über das Gesicht des Kreishauptmannes, doch zeigte er dann sofort ein bedenkliches Kopfschütteln und meinte:

»Ein sehr schwieriges Beginnen.«

»Ich weiß das auch.«

»Wie wollen Sie ihn finden? Selbst Beamte wie ich, haben keine Kenntniß der Namen vieler ihrer Aufsicht unterstehenden Verbannten.«

»So muß man sich sofort an den obersten Beamten direct wenden.«

»An den Gouverneur? Er darf keine Mittheilung machen.«

»Ich hoffe, daß er gegen mich nicht zurückhaltend sein werde.«

»Möglich, aber nicht wahrscheinlich.«

»Mein Rang – – –«

»Bitte, bitte! Ihr Rang kann wohl einem Unterbeamten imponiren, nicht aber dem Gouverneur, welcher bei der Entfernung, die den Czaren und Petersburg von uns trennt, fast als ein unbeschränkter Herrscher bezeichnet werden kann.«

»So greift man zur List.«

»Der Gouverneur wird sich schwerlich überlisten lassen.«

»Ich meine natürlich die Bestechung. Irgend ein Unterbeamter wird die betreffenden Bücher zu führen haben. Einige Hundert oder meinetwegen auch Tausende von Rubeln reichen sicherlich aus, einen solchen Mann zu veranlassen, einmal nachzuschlagen.«

»Zugestanden. Aber bestenfalls erfahren Sie da, in welcher Gegend der Maharadscha aufzusuchen ist, und welche Nummer er führt. Sie erfahren das Jrkutsk und wissen dann, daß der Gesuchte droben in Kamtschatka sein Jagdgebiet hat. Dorthin können Sie nur, wenn die Sümpfe zugefroren sind, also im Winter. Sie müssen bis dahin warten. Dann unternehmen Sie die monatelange, gefährliche Reise. Bei Ihrer Ankunft dort erfahren Sie, daß er auf die Jagd ausgezogen ist. Wohin, das weiß Niemand. Nun können Sie ihn in den dichten Urwäldern und endlosen Mooren suchen.«

»Das Alles habe ich mir auch bereits gesagt; aber es muß eben unternommen werden. Ich muß ihn haben, falls er noch lebt.«

»Sie müssen? Warum?«

»Hm! Das zu beantworten, hieße wohl, meine Aufrichtigkeit zu weit treiben.«

»Nein, es hieße nur, klug gehandelt zu haben. Vielleicht bin ich im Stande, Ihnen irgend welche Auskunft zu ertheilen.«

»Wirklich?« fragte der Graf schnell.

»Ich habe nur gesagt, vielleicht,« antwortete der Kreishauptmann zurückhaltend.«

»Ich sehe es Ihnen aber an, daß Sie Etwas wissen!«

»Hm! Wenn es Ihnen an Aufrichtigkeit mangelt, habe ich auch keine Verpflichtung mittheilsam zu sein.«

»Wollen Sie mich etwa ausquetschen wie eine Citrone?«

»O nein; aber ich selbst soll, wie es scheint, ausgequetscht werden.«

»So sagen Sie mir vorher, ob ich in Wirklichkeit eine Mittheilung von Ihnen erwarten darf!«

»Nun, ich bin vielleicht im Stande, Ihnen eine Auskunft zu ertheilen, mit deren Hilfe Sie den Gesuchten bald zu finden vermögen.«

»So will ich reden. Ich befinde mich auf dem Wege nach Irkutsk. Gökala ist starr wie Eis. Ich habe mir bisher vergebliche Mühe gegeben, sie nachgiebig zu stimmen.«

»So ist sie noch immer nicht Ihre Frau?«

»Nein.«

»Donnerwetter! Nach so langer Zeit!«

»Sie ist wie Eisen.«

»Aber Sie haben sie doch in Ihrer Gewalt! Wenn Sie keine Liebe erhalten, so können Sie sich doch die erwünschten Zärtlichkeiten erzwingen.«

»Dasselbe habe ich mir auch gedacht. Aber ich habe mich ebenso in ihr geirrt, wie Sie sie falsch beurtheilen. Sie umhüllte sich mit solchen Vorsichtsmaßregeln, daß an einen Zwang gar nicht zu denken ist.«

»Pah! Ein Mann bezwingt ein Mädchen stets.«

»Dieses Mädchen nicht.«

»Sie sind ja tausendmal mit ihr allein!«

»Nein. Sie ist keinen Augenblick ohne Dienerschaft.«

»So jagen Sie diese dienstbaren Geister zum Teufel!«

»Das kann ich nicht. Sie ist bewaffnet. Sie würde sich wehren und dann unter keinem Umstände eine Minute länger bei mir bleiben.«

»Sie haben sie aber doch bisher gezwungen, bei Ihnen zu sein!«

»Nur dadurch, daß ich ihr zugeschworen habe, daß ihr Vater sterben muß, sobald sie mich verlassen sollte. Aus Liebe zu ihm, um ihm am Leben zu erhalten, bleibt sie bei mir. Aus keinem andern Grunde.«

»Nun, wenn sie ihm ein so schweres Opfer bringt, so sagen Sie ihr doch, daß er sterben muß, wenn sie sich länger weigert, die Ihre zu werden.«

»Das habe ich bereits oft versucht, aber vergeblich. Ihr Haß gegen mich ist doch noch stärker als ihre Kindesliebe.«

»Welche Dummheit!« lachte der Kreishauptmann. »Die Liebe eines Mannes von Ihren Qualitäten von sich zu weisen!«

»Spotten Sie nicht! Uebrigens würde ich es dennoch mit dem Zwang versuchen. Es ist ja gar nicht so unmöglich, sie zu isoliren und dann zu bezwingen; aber ich habe noch andere Rücksichten zu hegen als Diejenigen, welche mir die Liebe zu ihr gebietet.«

»Darf man erfahren, welche Rücksichten das sind?«

»Eigentlich nicht. Aber wir sind ja in diesem Falle Verbündete. Also hören Sie: Ich will Maharadscha von Banda werden.«

Der Kreishauptmann fuhr um einige Schritte zurück.

»Donnerwetter! Das wäre kühn!« rief er aus.

»Ja, kühn, aber doch zu erreichen.«

»Ein Maharadscha ist ja so viel wie ein Großherzog, ein souverainer Herrscher!«

»Meinen Sie etwa, ich hätte nicht das Zeug dazu?«

»Ganz von dieser Frage abgesehen. Wie aber wollen Sie das anfangen?«

»Dadurch, daß ich Gökala zwinge, freiwillig meine Frau zu werden.«

»Zwingen und freiwillig! Hahahaha!«

»In diesem Falle ist dies kein Widerspruch. Werde ich kirchlich mit ihr verbunden, mit ihr, der einzigen Erbin ihres Vaters, so muß ihr, also auch mir, die Herrschaft zufallen.«

»Er ist nicht daheim. Wie kann er da herrschen!«

»Ich erlöse ihn aus der Verbannung.«

»Ach so! Aber das Land hat ja bereits einen andern Herrscher!«

»Es ist ein entfernter Verwandter, ein Schwachkopf. Er behandelt seine Unterthanen mit solcher Härte und Grausamkeit, daß sie die Rückkehr des verschollenen Herrschers mit Jubel begrüßen würden.«

»Es scheint, daß Sie sich genau unterrichtet haben. Was aber hat dieser diplomatische Plan mit Ihrer jetzigen Anwesenheit hier zu thun?«

»Sehr viel. Ich will den Maharadscha aufsuchen, um mit ihm zu sprechen. Ich verheiße ihm Freiheit und Rettung, falls er einwilligt, mir seine Tochter zur Frau zu geben.«

»Sie denken, daß er Ja sagen wird?«

»Unbedingt! Er muß ja die Freiheit, in welcher er Herrscher ist und sein Kind bei sich hat, der Verbannung vorziehen.«

»Hm! Man kann einen Menschen sehr falsch beurtheilen und sich grad dann in ihm irren, wenn man seine Rechnung auf das Sicherste gestellt hat.«

»Auch daran habe ich gedacht. In diesem Falle appellire ich an Gökala's Kindesliebe.«

»An die Sie sich bereits vergebens gewendet haben, um die ersehnten Zärtlichkeiten zu erlangen!«

»Weil sie nicht genau weiß, wo sich ihr Vater befindet. Erfährt sie, daß er als verbannter Pelzjäger auf den eisumstarrten Ebenen Sibiriens friert und hungert, so wird sie wohl gern meine Frau werden, um ihn zu retten.«

»Sehr schön gedacht. Aber wenn sie sich dennoch weigert?«

»Nun, so greife ich zum letzten Mittel: Er muß sterben, und sie wird mein durch Gewalt. Haben muß ich sie, und wäre es nur für die kurze Zeit eines Tages.«

»Sie sind ja ganz und gar desperat verliebt in dieses Frauenzimmer!«

»Diese Liebe ist die einzige Schwäche, welche ich besitze, freilich eine geradezu ungeheure und verhängnißvolle Schwäche. Ich bin der Herr, der Peiniger Gökala's, und dennoch bin ich ihr Sclave. Es ist der Satan selbst, der mich dieses herrliche Wesen erblicken läßt. Ich trage, seit ich sie zum ersten Male sah, eine Hölle in mir herum.«

Er ballte die Fäuste und knirrschte mit den Zähnen. Der Kreishauptmann lachte!

»Wenden Sie sich an unsern Popen. Der wird Sie von dieser Hölle befreien. Sie haben ja heut erfahren, welch ein gewaltiger Teufelsbanner er ist.«

»Lassen Sie solchen Scherz! Mir ist sehr ernst zu Muthe. Ich erkenne, daß ich selbst mein größter Feind bin, und doch kann ich gegen diesen Feind nichts machen.«

»So rufen Sie doch um Hilfe! Vielleicht finden Sie Einen, der Sie von diesem Feinde befreit.«

»Wer sollte das sein?«

»Nun, ich zum Beispiel.«

»Sie? Sie wären der Kerl!«

»Ja, Sie halten mich für einen Schwachkopf. Na, ich habe nichts dagegen; wenigstens will ich darüber nicht mit Ihnen streiten. Aber wenn der kleine David den riesigen Goliath erlegte, so kann es vielleicht auch einmal einem notorischen Schwachkopf gelingen, Ihnen die erwartete Hilfe zu bringen.«

»Worin soll diese Hilfe bestehen?«

»Darin, daß ich Ihnen den Weg zum Maharadscha zeige.«

»Alle Wetter! Wissen Sie, wo er ist?«

»Ja.«

»Aber Sie haben doch keine Liste!«

»Ist auch nicht nothwendig.«

»Doch, doch! Wie können Sie seine Nummer und den Ort kennen, an welchem er lebt?«

»Die Nummer brauche ich nicht zu kennen, da ich ihn selbst kenne, wie Sie ja wissen.«

»Oh! Sie haben ihn gesehen?«

»Ja.«

»Wann? Wo? Schnell, schnell!«

»Nur Geduld! So augenblicklich, wie Sie meinen, ist die Angelegenheit doch nicht zu erledigen.«

»Warum nicht? Sie brauchen mir doch nur seine Nummer zu nennen und seinen Aufenthaltsort zu sagen!«

»Da muß ich Ihnen ganz so antworten wie Sie vorhin mir: Glauben Sie, daß man eine solche Mittheilung ohne eine entsprechende Gegenleistung macht?«

»Und ich antworte Ihnen ebenfalls so, wie Sie vorhin mir: Sie wollen speculiren?«

»Natürlich!«

»Er lebt also noch?«

»Er lebt und ist gesund.«

»Befindet er sich weit von hier?«

»Ich habe keinen Grund, diese Frage zu beantworten.«

»Kreuzmillionendonnerwetter! Reden Sie doch!«

Er befand sich in einer bedeutenden Aufregung. Er hatte den Kreishauptmann am Arme gepackt und schüttelte denselben.

»Lassen Sie mich los!« lachte der Beamte. »Sie befinden sich doch ganz in Exstase!«

»Ist das ein Wunder? Also reden Sie schnell, damit ich ruhiger werde.«

»Werde mich hüten! Was habe ich davon?«

»Was verlangen Sie?«

»Die Papiere.«

»Gut. Sie sollen sie haben.«

»Wann?«

»Sobald ich den Gesuchten gefunden habe.«

»Danke sehr! Auf diese Weise werden Sie ihn niemals finden.«

»Wieso?«

»Weil ich mich hüten werde, Ihnen zu sagen, wo er ist. Ich mißtraue Ihnen.«

»Zum Teufel! Das sagen Sie mir so grad in das Gesicht!«

»Ich habe Ursache dazu.«

»Ich halte mein Wort!«

»Das sagen Sie jetzt. Aber Ihr Versprechen bietet mir keine Garantie.«

»Herrrrrr!« brauste der Graf auf. »Ich bin Edelmann!«

»Meinetwegen! Es haben tausende von Edelmännern ihr Wort gebrochen.«

»Aber ich noch nicht!«

»Darüber habe ich kein Urtheil. Ich gehe sicher.«

»Was verlangen Sie denn?«

»Ich muß gewärtig sein, Sie suchen und finden den Maharadscha und gehen fort, ohne mir die Papiere auszuhändigen. Darum – – –«

»Ich halte mein Wort!« unterbrach ihn der Graf.

»Vielleicht haben Sie wirklich jetzt den besten Willen dazu. Aber wenn Sie den Gesuchten zum Beispiele im fernen Urwalde finden, wie erhalte ich dann die versprochenen Papiere?«

»Ich bringe sie Ihnen.«

»Aus solcher Ferne her? Pah!«

»Ist mirs zu weit, so sende ich sie Ihnen.«

»Danke sehr! Da können sie geöffnet werden, und ich sitze in der Tinte. Nein, das ist mir zu gefährlich. Wir machen einen ehrlichen Tauschhandel, bei welchem der Grundsatz gilt, Waare gegen Waare.«

»Schön! Aber welche Waaren sollen umgetauscht werden?«

»Die Papiere gegen meine Mittheilung, wo der Maharadscha zu finden ist.«

»Das ist für mich ein sehr schlechter Tausch.«

»Ein sehr guter.«

»O nein, denn Sie erhalten die Papiere, also etwas Reales, etwas Greifbares; ich aber empfange eine blose Mittheilung und habe nicht die mindeste Garantie, daß sie sich bewähren werde.«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Welche Bürgschaft haben Sie? Ich spreche jetzt so wie vorhin Sie. Ich traue Ihnen nicht.«

»Nun, so haben Sie mich doch immer in Ihrer Hand. Selbst wenn Sie die Papiere nicht mehr besitzen, können Sie anzeigen, daß ich nicht Rapnin, sondern Saltikoff heiße und eigentlich ein Verbannter bin.«

»Recht haben Sie da freilich. Sie können dann abgesetzt und bestraft werden.«

»Gewiß! Wenn es auch längere Zeit dauern wird, bis man mir beweisen kann, daß Sie die Wahrheit gesagt haben. Sie riskiren also gar nichts.«

»Hm! Verdammte Geschichte! Sagen Sie mir nur das Eine vorher: Habe ich mich weit von hier zu entfernen?«

»Werden wir jetzt gleich einig, so können Sie ihn in zwei Tagen einholen. Entschließen Sie sich aber nicht rasch, so schweige ich auch später. Dann können Sie ihn unten am Eismeere suchen.«

»War er etwa hier?«

»Ja.«

»So mache ich den Handel mit! Sagen Sie mir, was ich wissen muß. Hier sind die Papiere dafür zurück.«

Er zog sie aus der Tasche und hielt sie ihm hin, mußte sich aber nicht wenig wundern, daß der Kreishauptmann nicht schnell zugriff, sondern abwehrend sagte:

»Gemach, gemach! Noch sind wir nicht fertig.«

»Was denn noch?«

»Ich würde sofort zugreifen; aber eine Bemerkung, welche Sie machten, hindert mich daran. Ich muß vorher mit meinem Gewissen zu Rathe gehen.«

»Der Teufel hole Ihr Gewissen!«

»O nein. Vielleicht wüßte er gar nicht, was er damit anfangen sollte.«

»Das glaube ich wohl, denn es ist so durchlöchert wie ein Sieb.«

»Sie scheinen mein Inneres sehr eingehend betrachtet zu haben, dennoch aber bin ich zu gewissenhaft, als daß ich einen Mord auf meine Seele nehmen möchte.«

»Wer spricht denn von einem Morde?«

»Sie doch!«

»Oho!«

»Vorhin. Oder sagten Sie nicht, daß Sie im letzten Falle den Maharadscha tödten würden?«

»Aber nur im letzten Falle!«

»Nun, dieser Fall kann ja doch eintreten, und dann hätte ich Antheil an diesem Morde.«

»Das wird Sie wenig geniren. Seit wann sind Sie denn gar so zartfühlend geworden?«

»Seit ich mich in Verhältnissen befinde, welche nicht die zartesten sind.«

Der Graf blickte ihn forschend an und fragte sodann:

»Aha! Geldnoth?«

»Leider.«

»Aus welcher ich Ihnen helfen soll?«

»Hoffentlich!«

»So verlangen Sie nicht nur die Papiere, sondern auch noch Geld?«

»Versteht sich!«

»Das ist unverschämt!«

»So brauchen Sie sich ja gar nicht mit mir zu unterhalten. Als unverschämt zu gelten, dazu habe ich keine Lust. Komm, Iwan!«

Er nahm seinen Sohn bei der Hand. Der Graf trat ihnen schnell in den Weg und sagte:

»Macht keine Dummheiten! Wir brauchen unsere Ausdrücke doch wahrlich nicht auf die Goldwage zu legen. Ich bin bereit, eine Summe zu bezahlen.«

»Schön! Das giebt der Sache eine andere, eine bessere Wendung.«

»Wie viel verlangen Sie?«

»Wie viel geben Sie?«

»Ich zahle – sagen wir fünfhundert Rubel.«

»Fünftausend Ru – – –«

»Hundert, nicht tausend!« fiel der Graf schnell ein.

Der Kreishauptmann aber fuhr unbeirrt fort:

»Fünftausend Rubel? Hm, bei so einem Angebote läßt sich die Sache wenigstens überlegen. Ich denke jedoch, daß – – –«

»Hole Sie der Teufel!« unterbrach ihn der Graf. »Wer hat denn von fünftausend Rubeln gesprochen?«

»Sie doch!«

»Ist mir nicht eingefallen. Ich habe fünfhundert geboten, keine Kopeke mehr.«

»Fünfhundert? Schämen Sie sich, Graf! So bezahlt man einen Bettler, nicht aber mich. Lassen wir da lieber unser Thema fallen und gehen wir endlich hinauf nach der Wohnung. Die Luft behagt mir hier nicht mehr.«

Er wollte gehen. Der Graf aber hielt ihn zurück.

»Mann! Bedenken Sie doch! Fünftausend Rubel!«

»Eine Kleinigkeit für Sie.«

»Sie sind ein Gurgelabschneider!«

»Es steht ja ganz in Ihrem Belieben, mit mir zu verkehren oder nicht.«

»Sapperment! Seien Sie doch verständig.«

»Das bin ich ja.«

»Reden Sie ernsthaft. Wie viel wollen Sie haben?«

»Ich habe es bereits gesagt: Bei fünftausend Rubel läßt sich die Sache überlegen.«

»Auch noch blos überlegen?«

»Natürlich! Was denn sonst?«

»Ich verlange eine feste Forderung. Auf das Ueberlegen kann ich mich nicht einlassen. Ich habe keine Zeit dazu.«

»Nun gut. Ich will auch nicht unbillig sein und also nur fünftausend verlangen.«

»Hole Sie der Teufel!«

»Das haben Sie mir heut schon einige Male angewünscht. Er scheint aber Ihre Befehle nur ungern zu vollziehen.«

»Ich will Ihnen sagen, daß wir die Sache kurz machen wollen. Sind Sie mit dreitausend zufrieden? Ja oder nein?«

»Nein!«

»So sind wir mit einander fertig.«

»Schön! Gehen wir. Das Licht wird sogleich heruntergebrannt sein.«

Er wendete sich zum dritten Male nach der Treppe. Der Graf befand sich in äußerster Verlegenheit.

»Noch einen Augenblick!« sagte er.

»Was noch?«

»Sie gehen nicht herab?«

»Nein, keine Kopeke.«

»Spitzbube!«

»Bitte, keine Komplimente! Sie sind bei mir nicht angebracht.«

»Sie wissen, daß ich nothwendig erfahren muß, was ich wissen möchte. Darauf pochen Sie und stellen nun einen so horrenden Preis.«

»Ein Jeder sucht das Seine.«

»Sie handeln Unrecht an mir.«

»Pah! Streiten doch wir Beide uns ja nicht darüber, was Recht oder Unrecht ist. Wir sind Beide gleich hart gesotten. Also machen Sie mit oder nicht.«

»Ich bin ja gezwungen.«

»Gut, so sind wir einig.«

»Unter einer Bedingung.«

»Auch noch Bedingungen. Welche?«

»Wissen Sie wirklich genau, daß ich den Maharadscha binnen zwei Tagen haben werde?«

»Ganz gewiß.«

»Ich muß aber schleunigst aufbrechen?«

»Natürlich, denn er hat Eile, und je weiter er sich entfernt, desto später holen Sie ihn ein, vielleicht auch gar nicht.«

»Das giebt also einen Parforceritt.«

»Allerdings.«

»Da kann ich Gökala unmöglich mitnehmen.«

»Das ist wahr. Lassen Sie sie hier. Sie können sie ja abholen.«

»Ist sie mir aber auch bei Ihnen sicher?«

»Vielleicht sicherer als bei Ihnen.«

»Sie lassen sie natürlich nicht aus dem Hause.«

»Ganz nach Ihrem Wunsche.«

»Und kein Mensch darf zu ihr, ausgenommen Sie, Ihre Frau und Ihr Sohn.«

»Einverstanden.«

»So breche ich gleich auf und gebe Ihnen die Papiere. Nach meiner Rückkehr erhalten Sie das Geld.«

»Warum erst dann?«

»Auch ich will einige Sicherheit haben. Sie sind doppelt gedeckt und geschützt. Sie haben die Papiere und auch Gökala.«

»Hm! Ich will nicht unbillig sein und gehe auf Ihren Vorschlag ein. Aber zweitausend zahlen Sie jetzt, die andern dreitausend nach Ihrer Rückkehr.«

»Sind Sie denn gar so geldhungrig.«

»Nein, aber geldbedürftig.«

»Wenn das ist, so sollen Sie Ihren Willen haben. Sie sehen, wie anständig ich bin. Ich hoffe, Sie werden sich ebenso gegen mich verhalten.«

»Natürlich. Also bitte, zahlen Sie!«

»Nur nicht gleich. Erst will ich Ihre Mittheilung hören.«

»Gut! Der Maharadscha hat die Nummer Fünf. Er war bis gestern zum Jahrmarkt hier und hat sich einer Jagdgesellschaft angeschlossen, welche von einem Kaufmanne gegründet wurde, der aus Orenburg ist und Peter Lomonow heißt. Nummer Fünf ist als der beste Zobeljäger bekannt und wird in Folge dessen als Anführer der Gesellschaft fungiren.«

»Auf diese Mittheilung kann ich mich wirklich verlassen?«

»Ich beeide sie, wenn Sie wollen.«

»Gut! Wohin hat sich die Gesellschaft gewendet?«

»Sie hat die Richtung nach dem Mäckenflusse eingeschlagen. Er ist von hier aus in zwei Tagen zu erreichen.«

»Werden sich die Leute dort verweilen?«

»Sie müssen auf alle Fälle einen Tag dort Rast halten.«

»So reite ich sofort ab. Können Sie mir frische Pferde besorgen?«

»Wenn Sie gut zahlen, ja.«

»Ich geize nicht. Eine Bedeckung muß ich aber auch haben.«

»Ich gebe Ihnen zehn Kosaken mit, die Sie allerdings zu bezahlen und auch zu unterhalten haben.«

»Einverstanden! Hoffentlich kennen diese Leute die Gegend, durch welche wir kommen?«

»Ich gebe Ihnen Einen mit, auf dessen Ortskenntniß Sie sich verlassen können.«

»Wann kann ich da aufbrechen?«

»Bereits in einer Stunde, wenn es Ihnen so angenehm ist.«

»Ich bin mit dieser Schnelligkeit einverstanden.«

»So besprechen wir das Uebrige oben. Jetzt aber bitte ich um die Papiere und die Zweitausend Rubel.«

»Taugenichts! Damit könnten Sie doch auch warten, bis wir oben sind. Aber sie sollen es auch hier haben. Da, nehmen Sie!«

Er gab ihm die vielfach erwähnten Papiere und dann aus einer wohlgefüllten Brieftasche zwei Tausendrubelscheine. Der Kreishauptmann prüfte Alles genau, steckte dann das Empfangene in die Außentasche seines Rockes und sagte:

»Abgemacht! Jetzt sind wir Beide unsere Sorge los und können hoffentlich in Zukunft in Freundschaft an einander denken.«

»Wenigstens mich haben Sie nicht zu fürchten. Es ist das letzte Mal, daß ich in Sibirien bin. Ich mag keine Fliegenpilze essen.«

»Pah! Reden mir nicht mehr davon, denn – – Sapperment! Da ist das Licht verlöscht, grad im letzten Augenblicke.«

»Na, wir brauchen es glücklicher Weise nicht mehr. Wir sind ja fertig.«

Kein Umstand konnte dem verborgenen Lauscher so willkommen sein, wie das Auslöschen des Lichtes. Er zitterte fast vor Begierde, die betreffenden Papiere an sich zu bringen. Er war mit sich zu Rathe gegangen, auf welche Weise dies am Besten zu erreichen sei, hatte aber keinen ausführbaren Gedanken finden können.

Von seinem Verstecke aus hatte er ganz deutlich gesehen, wohin die Papiere von dem Kreishauptmanne gesteckt worden waren. Jetzt nun, da das Licht verlöschte, kam ihm mit einem Male die richtige Idee.

Er huschte hinter der Flaschenstellage vor und stellte sich auf die Lauer.

»Ja, fertig sind wir,« stimmte der Kreishauptmann bei. »Gehen wir also!«

»Vorher aber die Bemerkung, daß kein Mensch erfahren darf, was hier vorgegangen und verhandelt worden ist!«

»Diese Bemerkung ist sehr überflüssig.«

»Ich machte sie wegen Gökala. Diese darf am Wenigsten eine Ahnung haben.«

»Verlassen Sie sich auf uns! Wir sind verschwiegen wie geräucherte Sardinen. Nun aber fort von hier. Werden Sie den Weg finden?«

»Ganz leicht.«

»Iwan mag vorangehen, Sie in der Mitte und ich hinterher.«

Die Drei setzten sich in Bewegung. Sie hatten sich jenseits der Treppe, Sam aber sich diesseits derselben befunden. Jetzt huschte er hin und streckte die Hand aus, aber nur so weit, wie die Mauer reichte, so daß die Röcke der sich Entfernenden seine Finger streifen mußten.

Auf diese Weise fühlte er erst den Rittmeister, dann den Grafen und endlich auch den Kreishauptmann. Hinter dem Letzteren stieg er leise mit empor. Man konnte ihn nicht hören, da die Drei stark auftraten.

Er langte nach der Tasche, vorsichtig, außerordentlich vorsichtig. Es glückte prächtig. Bereits auf der vierten Stufe hatte er den Inhalt der Tasche in seiner Hand. Nun fiel es ihm natürlich nicht ein, ihnen zu folgen, sondern er huschte zurück, wieder in den Keller hinab. Dort unten an der Treppe blieb er lauschend stehen.

Die Drei öffneten oben die Thür und blieben dort ebenfalls stehen. Sam hörte den Kreishauptmann sagen:

»Das Volk da draußen habe ich ganz vergessen. Mach einmal die Thür ein Wenig auf, Iwan, und schau nach, ob die Leute noch draußen sind.«

Der Sohn folgte dieser Aufforderung und gab eine Antwort, welche Sam nicht verstand.

»Habe es mir gedacht,« meinte der Kreishauptmann. »Die gehen nicht eher fort, als bis sie Prügel bekommen. Was thun wir da?«

»Was hat es denn eigentlich gegeben?« fragte der Graf. »Wie sind sie in die fatale Lage gekommen?«

»Durch einen Schurkenstreich, den wir uns jetzt noch nicht zu erklären vermögen. Wir werden aber die Sache untersuchen, und wehe dann dem Schuldigen!«

»In Werg mit Theer eingewickelt zu werden! Das ist doch ungeheuerlich. Wie ist das eigentlich möglich gewesen?«

»Das wissen wir, wie gesagt, jetzt noch nicht.«

Er erzählte in kurzen Worten das Vorkommniß. Als er geendet hatte, sagte der Graf:

»Das ist freilich ungeheuer geheimnißvoll. Der Kosak ist also fort?«

»Natürlich. Er ist entkommen.«

»So haben ihm einige Kameraden geholfen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Die wagen das nicht.«

»Oho! Unter den Kosaken herrscht ein ganz besonderer Corpsgeist.«

»Er ist ja gar kein Kosak.«

»Was denn?«

»Ein Verbannter, dem erlaubt war, Soldat zu werden. Das müssen Sie ja bereits aus seiner Nummer ersehen.«

»Welcher Nationalität?«

»Russe. Wenigstens ist sein Name russisch.«

»Ich denke, den wissen Sie gar nicht, sondern nur die Nummer.«

»Sobald ein Verbannter in das Militär treten darf, kommt sein Name, obgleich er nur bei der Nummer genannt wird, mit in die Liste.«

»Wie hieß er?«

»Orzeltschasta.«

Der Graf mochte nur gefragt haben, ohne eine besondere Absicht dabei zu hegen. Er interessirte sich für den jungen Mann, dem die Flucht auf eine so eigenartige Weise gelungen war. Als er aber diesen Namen hörte, ergriff er den Arm des Kreishauptmannes, zog ihn wieder auf die Kellertreppe zurück und sagte:

»Orzeltschasta! Wissen Sie das gewiß?«

»Ja.«

»Sie irren sich wirklich nicht?«

»Nein. Sein Name ist ein so seltener, daß man ihn sich leicht einprägt. Nicht wahr, Iwan, er heißt so?«

»Ja,« antwortete der Rittmeister, welcher von der Hausthür wieder herbeigekommen und zu ihnen getreten war.

»Alle Teufel! Orzeltschasta! Das ist doch wohl eigentlich gar kein russischer Name.«

»Wieso?«

»Haben Sie ihn schon einmal gehört?«

»Nein, nie.«

»Ich auch nicht. Vielleicht ist es eine Uebersetzung aus einer anderen Sprache. Kennen Sie seinen Vornamen?«

»Ich nicht. Iwan, kennst Du ihn?«

»Sehr genau. Der Kerl hat sich stets in der Weise gegen mich verhalten, daß ich mich mehr um ihn kümmerte, als um jeden Anderen. Er heißt Jurji.«

»Donnerwetter! Sollte das möglich sein. Welch ein Zufall wäre das!«

»Was?«

»Ich kenne eine deutsche Familie, eine ganz verdammte Sippe, der ich Tod und Rache geschworen habe. Ihr Name ist Adlerhorst. Das heißt auf russisch Orzeltschasta. Ein Sohn dieser Familie heisst Georg, also Jurji Orzeltschasta. Sollte das dieser Kerl sein.«

»Hm!« brummte der Rittmeister. »Was war dieser Georg?«

»Offizier.«

»Das stimmt, das stimmt!«

»Wieso?«

»Als ich gestern mit ihm zusammengerieth, rühmte er sich, Offizier und Edelmann zu sein.«

»Verflucht! Die Sache wird immer wahrscheinlicher. Wissen Sie nicht, ob er Deutsch versteht?«

»Er hüllte sich in dieser Beziehung in das tiefste Geheimniß, aber ich habe doch entdeckt, daß er Französisch, Englisch und Deutsch verstand.«

»So ist er es, so ist er es! Seine Spur führte damals nach Rußland. Weshalb wurde er mit der Verbannung bestraft?«

»In der Liste steht, wegen Aufwiegelung.«

»Das hat nichts zu sagen. Er wird sich bei einem seiner Oberen mißliebig gemacht haben. Da sind die Herren gleich mit der Verbannung da. Also wenn ist er desertirt?«

»Heut Nacht.«

»Ah, wäre ich doch gestern schon gekommen! Ich hätte ihn erkannt.

»Kennen Sie ihn denn?«

»Ich habe ihn noch niemals gesehen. Aber die Glieder dieser Familie haben eine solche Aehnlichkeit unter einander, daß man sich gar nicht irren kann. Haben Sie eine Ahnung, wohin er ist!«

»Nein.«

»Aber Sie haben bereits Maßregeln zu seiner Ergreifung getroffen?«

»Auch nicht.«

»Donnerwetter! Warum nicht? Das ist doch Ihre Pflicht.«

»Das weiß ich auch. Aber sagen Sie mir gefälligst, wenn ich diese Maßregel, hätte treffen können.«

»Natürlich sofort nach seiner Flucht.«

»Da steckte ich doch angebunden in diesem verteufelten Feuerwerksgebäude.«

»Ah ja! Richtig!«

»Und bin erst jetzt wieder frei und dispositionsfähig.«

»Bitte um Entschuldigung! Daran habe ich gar nicht gedacht.«

»Ueberhaupt habe ich mich noch gar nicht überzeugen können, ob er auch wirklich fort ist.«

»Na, hier geblieben wird er nicht sein.«

»Das denke ich auch. Er sollte in eine härtere Klasse versetzt und heut früh forttransportirt werden.«

»Hat er das gewußt?«

»Schwerlich. Aber er konnte es sich gar wohl denken.«

»So ist er fort.«

»Ich werde mich sofort überzeugen.«

»Schön! Thun Sie das aber schnell, noch ehe ich abreise, damit ich das Resultat erfahre.«

»Dieses kann ich Ihnen sagen. Ich wette, daß er echappirt ist.«

»Sie werden ihn aber verfolgen lassen?«

»Das versteht sich doch ganz von selbst. Es ist meine Pflicht, wie Sie vorhin sagten. Uebrigens hat er mich tödtlich beleidigt und ich werde schon aus diesem Grunde, ja ganz besonders aus diesem Grunde nicht eher ruhen, als bis ich ihn ergriffen habe.«

»Es frägt sich, ob er sich mit Hilfsmitteln versehen hat.«

»Was verstehen Sie darunter?«

»Nun, Proviant, Munition, ein Pferd und so weiter.«

»Das kann ich sehr leicht erfahren.«

»Rapportiren Sie mir auch das. Ich verlange es nicht umsonst. Ergreifen Sie ihn, und ich finde, daß er der betreffende Georg Adlerhorst ist, so zahle ich Ihnen freiwillig eine Prämie von tausend Rubeln.«

»Heiliger Bastian! Wirklich?«

»Ja, ich halte Wort.«

»Nun, so lasse ich alle Mienen springen, und es ist bereits jetzt so gut, als ob er schon wieder eingefangen sei.«

»Nur nicht zu sanguinisch!«

»Pah! Ich kenne mich und meine Leute. Aus Pflicht, aus Haß und Rache und um tausend Rubel zu verdienen, werde ich alle Kräfte anstrengen.«

*

73

»So eilen Sie! Versäumen Sie keine Minute. Selbst eine Secunde kann unter solchen Verhältnissen kostbar sein.«

»Daß weiß ich gar wohl. Drum werde ich sofort meine Maßregeln treffen. Aber draussen wartet das Volk noch. Was soll ich sagen, Vater, wenn ich hinaus trete.«

»Das weiß ich nicht. Sinne Dir irgend eine Ausrede aus!«

»Ja, welche?«

»Strenge Deinen Kopf nur selbst an!«

»Das ist leicht gesagt. Nach der Ansicht dieser Dummköpfe ist der Teufel mit seiner Großmutter hier ins Haus herein. Wohin sind sie da?«

»Machen Sie ihnen doch Etwas weiß,« lachte der Graf. »Haben Sie keinen Schwefel in Ihrer Hauswirthschaft?«

»Schwefelfaden genug.«

»Nun, Sie wissen ja, daß der Teufel nach Schwefel stinkt!«

»So sagt man!«

»Brennen Sie in irgend einem Kamine oder vor einem Ofen Schwefel an, so daß es darnach stinkt. Dann sagen Sie, der Satan sei mit seiner Großmutter durch die Feueresse verschwunden.«

»Schön! Diese albernen Leute werden das ganz gern glauben. Aber soll ich das ganze Volk herein lasten, damit es sich überzeugen kann, daß es hier nach Schwefel riecht?«

»Das geht nicht. Ist vielleicht der Pope noch mit draußen?«

»Er steht ganz in der Nähe der Thür.«

»Nun, so holen Sie den herein. Wenn er es riecht und es glaubt, so glauben es die Andern auch. Also kommen Sie. Wir haben genug geschwätzt und müssen nun handeln. Ich muß mit Gökala sprechen, um ihr zu sagen, wie sie sich nach meiner Abreise zu verhalten hat. Und dann treffe ich meine Reisevorbereitungen. Sie aber mögen sich zunächst um Schwefel bekümmern.«

»Der ist droben in der Küche. Wir gehen hinauf.«

»So kommen Sie!«

Sie verließen die Kellerstufen, traten in den Hausflur und schlossen die Thür von draußen zu. Im Nu war Sam auf der obersten Stufe und lauschte. Er hörte deutlich, daß die hölzerne Treppe unter den Schritten dreier Männer knarrte.

Der Hausflur war leer. Sam schob den Riegel auf, trat hinaus und zog die Thür hinter sich zu, so daß der Riegel wieder einschnappte. Dann wendete er sich zur Flucht.

Aber wohin? Zur Hausthür hinaus konnte er nicht, denn da sah man ihn. Also nach der Hinterthür! Als er diese geöffnet hatte, befand er sich in einem kleinen, schmalen, von Planken eingefaßten Hof. Die Planken waren alt, aber über mannshoch. Schon dachte er daran, diesen Zaun zu überspringen oder einige Planken auszureißen, wobei er aber leicht gesehen oder gehört werden konnte, da bemerkte er glücklicher Weise eine Pforte in dem Zaune, und zwar ganz am Hause liegend, so daß er sich bis zu ihr an der Mauer hinschleichen konnte.

Das war ihm natürlich hoch willkommen. Er huschte hin zu ihr und öffnete. Er befand sich auf einem größeren freien Platze, welcher als Küchengarten benutzt wurde. Das war ihm außerordentlich willkommen.

Ein Rundblick, den er hielt, zeigte ihm links eine zweite Pforte, welche aus diesem Garten weiter führte. Wohin, das wußte er freilich nicht; aber es kam ihm vor allen Dingen darauf an, aus der Nähe des Hauses zu kommen. Darum schlich er sich an der andern Seite des Plankenzaunes nach dieser Pforte hin. Sie war nur mit einem hölzernen Riegel verschlossen. Er schob ihn zurück und lugte vorsichtig hinaus. Er befand sich in einer Art engen Gasse, welche von ähnlichen Plankeneinfassungen gebildet wurde. Kein Mensch war zu sehen.

»Gott sei Dank!« seufzte er erleichtert auf. »Das Abenteuer hat ein glückliches Ende gefunden!«

Jetzt eilte er weiter, bog um mehrere Ecken und Häuser und gelangte nun von einer ganz andern Seite auf den Platz, auf welchem das Publikum versammelt war, um zu erfahren, welch ein Unheil der Teufel im Regierungsgebäude angerichtet habe.

Bemerkt muß werden, daß Sam sich nie von seiner alten Büchse zu trennen pflegte. Er hatte sie auch jetzt mit gehabt, und dadurch war ihm die Ausführung seines Vorhabens nicht wenig erschwert worden.

Seitwärts standen einige Pfähle, zu irgend einem Zwecke in die Erde gerammt. An zweien derselben lehnten Jim und Tim, welche mit besorgten Mienen die Fronte des Regierungsgebäudes beobachteten. Sie wußten ihren Freund Sam im Innern desselben und glaubten ihn in einer Lage, in welcher er wahrscheinlich ihrer Hilfe bedurfte. Darum heiterten sich ihre Gesichter sofort auf, als sie ihn kommen sahen.

»Aber, alter Sam, wo kommst Du her?« fragte Jim. »Wir meinen. Du seist dort links in dem alten Wigwam des hiesigen Regenten, und da kommst Du von rechts her herbeigeschlichen. Wir haben beinahe Angst um Dich gehabt.«

»Angst? Was fällt Euch ein! Bin ich denn ein Grünschnabel, daß Ihr Euch um mich ängstigen müßt?«

»Das nicht. Du hast ja da drüben in der Prairie so oft gezeigt, welch ein verfluchter Junge Du bist. Aber hier sind wir weder im Urwalde noch in der Savanne, sondern in dem schönen Sibirien, wo man eine Sprache redet, die kein Teufel versteht und Alles so ganz anders ist. Wie ist es denn in dem Palaste?«

»Sehr gut! Sogar ausgezeichnet, sage ich Euch.«

»Das läßt sich hören!«

»Es ist so gut gegangen, daß ich sogar zwei solche Zettel mitbringe.«

Er zog sie heraus und zeigte sie ihnen.

»Was sind das für Liebesbriefe? Etwa gar Dollarsnoten?«

»Beinahe. Es sind zwei Tausendrubelscheine.«

»Heiliger Bimbam! Wie bist Du zu diesem vielen Gelde gekommen?«

»Wie jeder Spitzbube.«

»Alle Teufel! Hast Du sie etwa gemaust?«

»Ja.«

»Und wem denn?«

»Dem Herrn Kreishauptmann.«

»Doch nicht etwa direct aus seinem Geldkasten?«

»Nein, ein Einbrecher bin ich nicht, sondern ein grundehrlicher Kerl. Ich habe sie ihm nur aus der Tasche genommen.«

»Tim, hörst Du es?«

»Well!«

»Aus der Tasche genommen! Und da nennt sich dieser Mensch einen grundehrlichen Kerl! Aber, Sam, eine besondere Bewandtniß hat es mit dem Gelde. Nicht?«

»Natürlich.«

»Ein Spitzbube bist Du nicht; also denke ich, daß diese Banknoten Dir bei einer Gelegenheit in den Fingern kleben geblieben sind.«

»Hasts errathen.«

»Welche Gelegenheit war es?«

»Ich mauste etwas Anderes, und da steckten sie mit dabei.

»Also dennoch gemaust!«

»Ja. Wenn ein ehrlicher Kerl einmal auf das Zuchthaus lossteuert, so greift er gleich mit vollen Händen zu. Ich will lieber wegen einer Million als wegen lumpigen zwei Dollars bestraft werden.«

»Weiß Gott, der Kerl redet wie der reine Räuberhauptmann!«

»Bin es auch, und Ihr Beiden seid meine Räuberbande.«

»Danke für die Ehre! Habe keinen Appetit, eines schönen Tages am Galgen vorüber zu laufen und mich zu meinem großen Schrecke daran baumeln zu sehen.«

»So weit ist es noch nicht. Dazu sind wir zu klug. Erwischen lassen, das ist nicht unsere Gewohnheit. Freilich war ich jetzt nahe daran und bin froh, so heiler Haut davon gekommen zu sein.«

»Was gab es denn?«

»Allerlei, was ich Euch erzählen werde. Aber schaut, da wird die Thür geöffnet. Der Herr Rittmeister tritt heraus. Er hat wahrhaftig die Kosakenuniform an. Soeben war er noch in Civil.«

»Du meinst in Theer und Werg?«

»Nein, das hatte er sich mit Petroleum weggewaschen; dann zog er ganz gewöhnliches Zeug an, Rock, Hose und Weste. Er hat sich also, seit er aus dem Keller ist, in einen andern Gottfried Adam gesteckt.«

»Keller? War er im Keller?«

»Ja, er, zwei Andere und auch ich. Seht, er ruft den Popen hinein, diesen frommen Master Teufelsbanner. Er wird ihm eine famose Anecdote aufbinden.«

»Das weißt Du?«

»Ja. Ich habe Alles gehört. Er wird sagen: ›Sir, kommt einmal her und riecht an dieses Kamin! Stinkt es nicht nach Schwefel?‹« Und der gottselige Sir wird antworten:›Verdamm mich, wenns nicht so ist! Es stinkt ganz gewaltig nach Hölle und Schwefel!‹« Und darauf wird man ihm erklären: »›Das kommt davon, daß der Teufel mit seiner ehrwürdigen Großmutter hier durch diese Esse gefahren ist!‹« Das lügenhafte Volk hat nämlich Schwefelfäden angebrannt.«

»Ah! Um die guten Leute hier irre zu führen? Kein Indianer würde sich damit täuschen lassen.«

»Ja, aber diese Heiden hier haben alle ein solches Brett vor dem Kopfe, daß man sie bemitleiden möchte. Aber da schaut nur einmal nach rückwärts! Sind das nicht die beiden Posten, welchen wir gestern Abend einen so riesigen Frosch aufgebunden haben?«

»Ja. Die beiden armen Teufel stehen jetzt noch da.«

»Das ist ganz russisch. Der Rittmeister hat ihnen befohlen, Wache zu stehen, bis er selbst sie ablösen läßt. Und da er sie nicht hat ablösen lassen können, stehen sie jetzt noch da. In einem andern Lande kann so Etwas nicht vorkommen. Schaut, jetzt kommt der Pope wieder. Er wird das Volk zerstreuen. Horcht!«

Wirklich erhob der Pope seine Stimme. Jim und Tim verstanden zu wenig Russisch, als daß sie hätten wissen können, was er sagte. Sie fragten also Sam. Er antwortete:

»Ganz so, wie ich Euch prophezeite. Er sagt, der Teufel sei mit seiner Großmutter in Folge der glücklichen Beschwörung in das Regierungsgebäude geflohen und dort vor Angst zur Esse hinaus gefahren, und alle Gefahr sei vorüber. Man solle sich nun ruhig und getrost nach Hause begeben. Seht, die Leute schlagen drei Kreuze und trollen sich von dannen. So wird es in Sibirien gemacht. In Amerika würde der Pope todt geschlagen oder an den nächsten Laternenpfahl aufgehängt.«

»Gehn wir auch?«

»Nein. Der Herr Rittmeister wird gleich kommen. Wahrscheinlich geht er zunächst zu den beiden Posten. Ich möchte gern hören, was er sagt.«

»Warum?«

»Davon nachher!«

Er schritt mit seinen beiden Gefährten so nahe zu den Posten heran, daß er ein mit ihnen gehaltenes Gespräch belauschen konnte, ohne gradezu als Lauscher zu gelten, zumal er sich den Anschein gab, als ob er mit den beiden Andern in ein sehr angelegentliches Gespräch vertieft sei.

Er hatte ganz richtig gerechnet. Noch war die Menge nicht ganz verlaufen, so trat der Rittmeister wieder aus dem Hause. Er kam herbei und sah die drei Fremden stehen, welche ihm gestern Abend so viel Anlaß zu Aerger gegeben hatten. Sie waren ihm den verlangten Respect schuldig geblieben; darum glaubte er, sich jetzt bei ihnen in Respect setzen zu müssen. Aber da er sich an sie selbst nicht getraute, so bediente er sich zu diesem Zwecke der beiden Posten.

Er erhob die Peitsche, welche er als sibirischer Officier bei sich führte, zog sie jedem der beiden Kosaken einige Male über den Rücken herüber und schnauzte sie an:

»Da, Ihr Hunde, habt Ihr eine Abschlagszahlung! Anstatt Eure Pflicht zu thun, habt Ihr Allotria getrieben, und nun ist der Teufel mit seiner Großmutter gekommen und hat den Gefangenen befreit, der mit ihm im Bunde stand. Daran seid Ihr ganz allein schuld, und so sollt Ihr Eure Strafe haben!«

»Väterchen,« sagte einer der Beiden, »es war gestern der Tag, an welchem – – –«

Er wollte Etwas zu seiner Entschuldigung sagen, aber der Rittmeister versetzte ihm einen wuchtigen Hieb und schrie ihn an:

»Schweig, Bube! Willst Du Dein Maß noch voller machen! Eigentlich sollte ich Euch in Eisen legen lassen; aber das ist noch viel zu wenig. Ihr habt die ganze Nacht hier gestanden, und Ihr sollt noch bis gegen Abend hier stehen, ohne Essen und Trinken. Das ist schlimmer als Arrest. Und nachher erhält Jeder vor der Front hundert Knutenhiebe auf den nackten Rücken.«

»Väterchen, da müssen wir ja sterben,« sagte der Andere. »So lange stehen und dann hundert Hiebe, das hält Keiner aus.«

»Ihr sollt es auch gar nicht aushalten. Ich werde Euer verdammtes Fleisch dann den Wölfen vorwerfen lassen.«

»Väterchen, übe Gnade! Fünfzig sind auch genug!«

»Schweig, sonst gebe ich Euch noch extra eine Verschärfung und lasse Euch eine Stunde vor der Execution binden und dann Pfeffer in die Augen streuen.«

Das war eine fürchterliche Drohung. Sie schwiegen, und er schritt erhobenen Hauptes von dannen.

Als Sam den beiden Andern erklärte, was der Rittmeister gesagt hatte, meinte Tim voller Grimm:

»Hundert Knutenhiebe! Mein guter Sam, wie wäre es, wenn er sie selbst bekäme?«

»Wollen sehen!«

»Und Pfeffer in die Augen! Ich würde mich sehr freuen, wenn er einmal an sich selbst erführe, wie das thut.«

»Vielleicht läßt es sich machen, wenigstens so ähnlich. Ich will einmal hin zu den beiden armen Kerls.«

»Darfst Du denn mit ihnen reden?«

»Weiß es nicht, doch will ich es immerhin darauf ankommen lassen.«

Er ging langsam auf sie zu und fragte:

»Hört, Ihr guten Leute, darf man mit Euch sprechen, wenn Ihr auf Posten steht?«

»Nein.«

»Wenn ich Euch nun etwas Nothwendiges zu sagen oder zu fragen habe?«

»Das ist erlaubt. Zum Beispiel nach dem Wege fragen oder sonst um eine kurze Auskunft bitten, das darfst Du, aber eine lange Unterredung ist verboten. Die wird bestraft.«

»An Euch oder auch an mir?«

»An uns und an Dir.«

»Schade! Ich hätte Euch gern über Einiges gefragt, was sich nicht so schnell beantworten läßt.«

»So! Wir würden uns da nichts draus machen, denn wir werden ja so wie so gegen Abend todtgeschlagen. Aber auch Du würdest die Knute bekommen.«

»Ich fürchte mich nicht. Und es ist ja jetzt Niemand hier, der es sieht.«

»Nun, wenn Du die Strafe nicht fürchtest, so haben wir gar nichts dagegen, daß Du mit uns sprichst. Was willst Du denn von uns wissen, Väterchen?«

»Ich habe Alles gehört, was der Rittmeister zu Euch gesagt hat. Wird er das wirklich wahr machen?«

»Er wird es thun. Darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Alle Teufel! Das ist ja Euer Tod!«

»Wir wissen das und müssen es uns doch gefallen lassen.«

»Ist denn die Charge eines Rittmeisters hoch genug, daß er Euch so mir nichts, Dir nichts das Todesurtheil sprechen darf?«

»Wer will ihn hindern?«

»Giebts denn kein Kriegsgericht?«

»Eigentlich, ja. Aber wenn wir ohne Kriegsgericht todtgepeitscht worden sind, so sind wir eben todt, und Niemand wird es wagen, ihn darüber zur Rede zu stellen.«

»Auch keiner seiner Vorgesetzten?«

»Es ist ja keiner hier. Er ist der Höchste hier in Platowa, und sein Vater ist der Kreishauptmann. Da ist nichts zu machen.«

»Mensch, das sagst Du so ruhig!«

»Soll ich etwa heulen? Das würde doch nichts ändern. Ich bin Soldat und weiß zu sterben.«

»Giebt es denn keinen Menschen, der um Euch weinen wird?«

Da nahm das Gesicht des Kosaken einen ganz andern, einen sehr betrübten Ausdruck an, und er antwortete:

»Ich habe ein altes, gutes Mütterchen daheim, die wird sich todt weinen. Und meine Marianka wird sterben vor lauter Herzeleid.«

»Marianka ist Deine Geliebte?«

»Ja. Ich bin nun zwei Jahre Soldat im activen Dienst. Ich hätte noch volle acht Jahre activ zu dienen gehabt, und so lange wollte Marianka warten. Dann wäre sie mein gutes Weibchen geworden. Nun ist das Alles aus. Ich werde erschlagen wie ein Wolf.

Auch der andere Kosak fuhr sich mit der Hand nach den Augen.

»Und Du?« fragte ihn Sam. »Hast Du auch ein Liebchen?«

»Ja,« nickte er. »Sie heißt Ruschinka und wollte auch auf mich warten. Sie ist arm und ernährt meine zwei kleinen Geschwister, weil meine Eltern gestorben sind.«

»So ist sie ein sehr braves und gutes Mädchen.«

»Sie ist besser als eine Seele. Mein Kamerad kennt sie, denn er und ich, wir sind aus einem und demselben Dorfe. Nun muß ich sterben, und sie wird den Waisen eine Mutter sein.«

Es war rührend, diese einfachen Menschen in dieser Weise reden zu hören. Ein heiliger Grimm erfaßte Sam. Er fragte:

»Aber warum wollt Ihr die Ausführung dieses ungerechten, unmenschlichen Urtheiles so widerstandslos über Euch ergehen lassen?«

»Was sollten wir dagegen thun?«

»Euch Eurer Haut wehren!«

»Väterchen, das geht ja nicht.«

»Warum nicht?«

»Wir sind Soldaten.

»Pah! Das ist kein Grund.«

»So bist Du wohl nicht Soldat gewesen?«

»Nein.«

»Siehst Du, das kann ich mir denken. Der Soldat muß gehorchen.«

»Aber die Vorgesetzten müssen die Gesetze achten!«

»Sie sind es ja, welche die Gesetze machen. Was sollte unser Väterchen in Petersburg, der Czar anfangen, wenn selbst seine Kosaken nicht mehr gehorchen wollten!«

»So sagt Ihr? Alle Wetter. Wenn mich ein solcher Kerl wie der Rittmeister todtpeitschen lassen wollte, so würde ich ihm eine Kugel durch den Kopf jagen.«

»So wärest Du ein Mörder!«

»Besser, ich tödte ihn als daß er mich ermordet!«

»Was hättest Du davon? Du würdest dann erst recht zu Tode geknutet.«

»Nein, denn ich würde fliehen.«

»Desertiren? Väterchen, das verstehst Du nicht. Man würde Dich wieder einfangen, und dann wäre Deine Lage schrecklicher noch als vorher.«

»Ihr seid verdammt ehrliche und treue Kerls. Ich wollte, ich könnte Euch helfen.«

»Das ist unmöglich.«

»Pah! Ich werde es doch versuchen.«

Der Kosak betrachtete ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. Ein kleines Lächeln glitt über sein Angesicht, als er antwortete: »Verzeihe mir, Väterchen! Du siehst nicht so aus, als ob Du uns helfen könntest!«

»Meinst Du? Hm!«

»Ja. Bist Du denn etwa ein General?«

»Nein.«

»Oder wenigstens ein Oberst?«

»Auch nicht.«

»Dann kannst Du gar nichts für uns thun.«

»Möglich aber nicht wahrscheinlich. Wird denn ein Jeder bei Euch Soldat?«

»Nein. Nur Derjenige, den das Loos trifft. Und wer Geld besitzt, der kann einen Stellvertreter bezahlen.«

»Habt Ihr denn keins?«

»Väterchen, wie kannst Du so fragen! Ich habe einmal zehn Rubel in der Hand gehabt; das war die größte Summe, die ich zwischen meinen Fingern gefühlt habe, und diese Rubel waren – nicht einmal mein Eigenthum. Und mein Kamerad hier ist ebenso arm.«

»Wie viel würde Euch denn jetzt ein Stellvertreter kosten?«

»Das ist gar nicht mehr möglich, weil wir todtgeknutet werden.«

»Ich setze aber den Fall, daß der Rittmeister sein Urtheil zurücknimmt. Wie viel Geld müßtet Ihr haben?«

»Er nimmt es nicht zurück. Das ist gewiß. Aber weil Du so fragst, will ich Dir antworten. Für zweihundert Rubel fänden wir welche, für dreihundert Rubel aber so viele, daß man die Wahl hätte.«

»So billig!«

»Ist das billig, dreihundert Rubel?«

»Ja.«

»O, das ist doch ein richtiger Reichthum.«

»Mag sein, hier bei Euch zu Lande. Wie fängt man es denn an, wenn man einen Stellvertreter sucht?«

»Man sagt es dem Polizisten. Wenn man dem Polizisten von Platowa hier fünf Rubel schenkt, so bringt er in einer halben Stunde gleich zehn Ratniki.«

»Was sind das für Leute.«

»Das sind junge, militärtaugliche Männer, welche sich aber freigeloost haben.«

»Und bei wem würde der Stellvertretungscontract abgeschlossen?«

»Beim Rittmeister.«

»Wenn er nun die Ratniki zurückwiese?«

»Das kann er nicht, weil sie eben tauglich sind.«

»So! Ich danke Euch für die ertheilte Auskunft. Nun sagt mir noch Eure Namen. Ich will sie mir aufschreiben.«

»Warum?«

»Das werdet Ihr vor Eurem Tode noch erfahren.«

Sie nannten sie ihm. Er notirte sich dieselben und ging dann fort, während sie ihm kopfschüttelnd nach blickten. Eben als er bei den Gefährten anlangte, wurde der Seitenhof des Regierungsgebäudes geöffnet, und es kamen zwei gut bespannte Wagen hervor.

»Wer mag da verreisen?« fragte der lange Jim.

»Graf Polikeff.«

»Der? Ich denke, er bleibt hier.«

»Nein. Kommt! Laßt uns bei Seite treten, dort hinter jenen Plankenzaun Ich will Euch erzählen, was ich vorhin erlauscht habe.«

Sie folgten ihm nach dem angegebenen Orte, und als sie sich dort überzeugt hatten, daß sie unbeobachtet seien, erstattete er ihnen ausführlichen Bericht. Sie hörten ihm mit der größten Spannung zu, und als er geendet hatte, meinte Tim in ziemlicher Erregung:

»Also Kosak Nummer Zehn ist ein Adlerhorst; das wußten wir bereits. Aber der Vater von Gökala ist da, und der Graf will ihm nach! Das müssen wir natürlich verhüten.«

»Auf welche Weise.«

»Wir halten ihn fest.«

»Womit?«

»Dumme Frage! Wir lassen ihn einfach arretiren.«

»Etwa durch den Kreishauptmann?«

»Ja.«

»Dumme Ansicht! Der ist ja sein Verbündeter. Der würde uns betrügen.«

»So willst Du Dich also seiner Abreise gar nicht widersetzen?«

»Nicht im Geringsten.«

»Sam, das ist ein großer Fehler!«

»Ich glaube nicht.«

»Weißt Du denn, was geschehen kann, wenn er den Maharadscha erreicht. Sie sind Todfeinde, und er hat ja gesagt, daß er ihn im äußersten Falle tödten werde.«

»Pah! So schnell geht das nicht!«

»Und Nummer Zehn, nämlich Georg Adlerhorst, ist ganz desselben Weges geritten. Er hat Gisa, den Tungusen, als einzigen Begleiter bei sich. Wie nun, wenn der Graf diesen erreicht!«

»Das kann ich nicht hindern.«

»Es wird Mord und Todtschlag geben!«

»Schwerlich! Wir dürfen uns nicht von unsern augenblicklichen Gefühlen hinreißen lassen. Steinbach hat uns streng befohlen, nicht von Platowa fortzugehen, sondern ihn hier zu erwarten. Schon morgen trifft er hier ein. Das ist zeitig genug. Er mag dann selbst bestimmen, was geschehen soll.«

Jim und Tim waren zunächst nicht mit ihm einverstanden. Aber als er sich ihnen näher erklärte, gaben sie ihm doch noch Recht. Dann meinte der Erstere:

»Also dieser famose Kreishauptmann ist selbst ein Verbannter! Den werden wir beim Schopf nehmen?«

»Natürlich! Auch das überlassen wir unserm Steinbach. Der hat so eine eigene Art und Weise, mit solchen Leuten umzuspringen. Wir haben das Geschick gar nicht dazu. Aber ich werde ihnen doch bereits heut einen kleinen Vorgeschmack beibringen.«

»Was willst Du thun?«

»Das – werdet Ihr gleich sehen. Dort kommt grad Derjenige, den ich dazu brauche.«

»Wer ist das?«

»Ein Polizist, wie ich an der Kleidung sehe.«

»Was hast Du mit ihm?«

»Ihr werdet es hören. So viel Russisch versteht Ihr schon, um unser Gespräch leidlich zu verstehen.«

Der Polizist war aus einem nahen Hause getreten und kam so herbei, daß er an ihnen vorüber mußte. Er hatte eine echt russische Physiognomie, einen mächtigen Vollbart und ein kleines Stumpfnäschen, welches höchst naiv unter den beiden treuherzigen Augen hervor blickte. Dieses Näschen hatte eine intensive blaurothe Farbe, vielleicht weniger davon, daß es einmal erfroren worden war, sondern davon, daß der Besitzer einen guten Wutky liebte.

Er grüßte und wollte vorüber.

»Halt, Väterchen!« sagte Sam. »Hast Du Zeit, um mir eine Frage zu beantworten?«

Der Mann blieb stehen, betrachtete den Dicken eine Weile, fühlte ihm dann an die beiden Seitentaschen und antwortete:

»Hast Du ein Fläschchen bei Dir, Väterchen?«

»Was für ein Fläschchen?«

»Nun, aus welchem man trinkt.«

»Nein.«

»So habe ich auch keine Zeit!«

Er wendete sich um und wollte weiter. Sam aber erwischte ihn noch am Arme und sagte:

»Du hast wohl Appetit auf einen Schluck?«

»Stets.«

»Den sollst Du haben.«

»Wann und wo?«

»Wann und wo es Dir beliebt.«

»So komm mit mir!«

Er wollte abermals fort, aber Sam hatte ihn fest, griff in die Tasche, hielt ihm einen Rubel entgegen und fragte:

»Wie viel Wutky wirst Du wohl dafür bekommen?«

»Heilige Katinka! Mehr als ich in einer ganzen Stunde zu trinken vermag.«

»Hier! Er ist Dein.«

Der Wächter des Gesetzes griff schnell nach dem Geldstück, versenkte es in seine weite Hosentasche und sagte:

»Väterchen, Du bist ein Prachtkerlchen. Womit kann ich Dir ein Vergnügen machen?«

»Damit, daß Du mir einen Auftrag ausrichtest.«

»Sehr gern. Aber welchen?«

»Sind hier Ratniki zu finden?«

»Genug. Es giebt Viele, welche sich freigeloost haben, und ich kenne sie alle.«

»Sind unter ihnen welche, die man als Stellvertreter ankaufen könnte?«

»Jawohl! Willst Du fünf oder zehn oder zwanzig?«

»Nur zwei.«

»Doch nicht etwa für Dich oder diese beiden langen Väterchens?«

»Nein, sondern für zwei Bekannte von mir.«

»Wie lange haben diese noch zu dienen?«

»Acht Jahre. Wie viel hätte ich da für die Stellvertretung zu bezahlen?«

»Wenn Du sehr nobel sein willst, so zahlst Du zweihundertundfünfzig Rubel.«

»Die will ich gern bezahlen.«

»So kann ich Dir die zwei tüchtigsten aussuchen. Soll ich zu ihnen gehen?«

»Ich bitte Dich darum.«

»Gut. Aber soll ich auch gleich gehen?«

»Natürlich!«

»Das kann ich nicht.«

»Warum?«

»Weil Du die Hauptsache vergessen hast.«

»Die Hauptsache? Was wäre das?«

Der Polizist machte ein sehr würdevolles Gesicht, zeigte mit dem Spitzfinger gegen sich selbst und antwortete:

»Mich!«

»Ja, Du hast Recht,« lachte Sam. »Du bist die Hauptsache oder vielmehr der Hauptkerl dabei. Wieviel verlangst Du, vorausgesetzt, daß der Handel zu Stande kommt?«

»Er kommt zu Stande, denn ich bin dabei!«

»Schön! Also wie viel?«

»Du bist ein nobles Väterchen, und so will auch ich nobel sein. Du bezahlst mir für den Mann drei Rubel, zusammen also sechs.«

»Die gebe ich nicht.«

»Ist es Dir zu viel? Du bist wohl aus einer weiten Fremde gekommen und kennst die Verhältnisse nicht.«

»Nein, es ist mir nicht zu viel sondern zu wenig. Ich gebe Dir für den Mann fünf, zusammen also zehn Rubel.«

Da ergriff der Polizist Sams Hand, küßte sie inbrünstig und rief:

»Ja, ja, Väterchen, ich dachte es gleich. Du bist ein coulanter Herr. Ich werde Dich fein bedienen.«

»Und außerdem bezahle ich noch, was Du mit den beiden Stellvertretern heut trinken wirst.«

Der Mann sperrte das Maul weit auf, starrte dem Dicken eine Weile in das lächelnde Gesicht und fragte dann:

»Ist das Dein Ernst?«

»Ja.«

»Aber ich bin ein ehrlicher Mann und muß Dich also fragen: Weißt Du, wie viel drei solche Männer, wie ich bin, trinken können?«

»Ich kann es mir denken.«

»Nun, wie viel denkst Du denn?«

»Ich denke, Ihr trinkt so viel, bis Ihr unter dem Tische liegt.«

»Siehst Du, daß Du es nicht weißt! Wir trinken auch unter dem Tische noch.«

»Das soll mich freuen.«

»Und Du willst das wirklich bezahlen?«

»Ja.«

Da breitete der Polizist voller Entzücken seine Arme aus, zog den Dicken an seine Brust, schmatzte ihn, daß es laut klatschte, und schrie:

»Väterchen, Herzchen, Liebchen, Du bist ein Engel unter den Menschen, ein Erlöser aus aller Trübsal, ein Tröster der Traurigen, ein Retter aller –«

»Schon gut, schon gut!« beschwichtigte Sam den Wonnetrunkenen, indem er sich von ihm losriß. »Ich zahle, und damit Punktum! Aber ich mache eine Bedingung.«

»Sage mir nur, welche! Ich hoffe, daß ich auf dieselbe eingehen kann.«

»Ganz leicht. Ihr trinkt nicht eher einen Schluck, als bis wir beim Rittmeister gewesen sind und den Vertrag zu Ende gebracht haben.«

»Das nennst Du sehr leicht?« fragte der Mann im Tone größten Erstaunens.

»Natürlich!«

»O nein! Das ist vielmehr schwer, sehr schwer. Das wird wohl kaum auszuhalten sein!«

»Ich muß aber darauf bestehen!«

»Wenn Du es befiehlst, so müssen wir freilich gehorchen. Aber mir wirst Du doch erlauben, vorher meinen Rubel zu vertrinken?«

»Nein. Du könntest mir betrunken werden.«

Da zog der Polizist ein betrübtes Gesicht und klagte in vorwurfsvollem Tone:

»Väterchen, wie beleidigst Du mich! Für einen Rubel bekomme ich nur fünf Flaschen voll Wutky. Wie kann ich davon betrunken werden! Das ist ja kaum genug, den Durst eines Säuglings zu stillen.«

»Donnerwetter! Ihr scheint da allerliebste Säuglings zu haben.«

»Bekommen Sie bei Dir daheim keinen Schnaps?«

»Nein.«

»Die armen Kinder!«

»Es ist sogar gesetzlich verboten.«

»Welch eine Regierung. Nicht wahr, der Zaar regiert nicht bei Euch?«

»Nein.«

»Das kann ich mir denken. Er würde Mitleid mit den armen Würmchen haben, die ja massenhaft sterben müssen, wenn sie keinen Wutky bekommen! Also ich darf den Rubel vertrinken?«

»Nein. Du würdest die Zeit versäumen, welche mir kostbar ist.«

»Du irrst. Ich brauche nur eine Viertelstunde dazu.«

»Herr meines Lebens! Fünf Flaschen Wutky in einer Viertelstunde! Mensch, bist Du denn bei Troste?«

»Bei Trost? Dann noch lange nicht. Wenn ich ganz voll Trost sein soll, so mußt Du verschiedene Rubels bezahlen.«

»Bitte, zeig mir mal den Deinigen her!«

»Den Du mir soeben gegeben hast?«

»Ja. Hast Du noch anderes Geld bei Dir?«

»Keine Kopeke. Hier ist er. Warum willst Du ihn noch einmal sehen?«

Er zog den Rubel aus der Tasche und hielt ihn dem Dicken hin. Dieser nahm ihn schnell weg, steckte ihn ein und antworteten

»Weil ich ihn doch lieber behalten will.«

»Väterchen, was machst Du! Willst Du mich betrügen?«

»Nein; ich bin ein ehrlicher Mann; aber ich liebe Nüchternheit beim Geschäft. Bringe zwei Ratniki, und dann kannst Du meinetwegen saufen, daß Dir der Wutky aus allen Poren läuft.«

»Ist das wahr? Wirst Du mir dann den Rubel wiedergeben?«

»Natürlich. Ich halte Wort.«

»So will ich Dir glauben. Aber wohin soll ich die Ratniki bringen?«

»Bringe sie nach dem Gasthofe. Ich werde in einer halben Stunde dort sein.«

»Gut, Väterchen, ich eile!«

»Halt! Noch eine Frage! Wirst Du denn Deine Pflicht nicht versäumen, wenn Du nachher so viel trinkst?«

»Nein. Wenn ich trinke, bin ich nicht mehr Polizist.«

»Aber wenn Du gebraucht wirst!«

»Das ist unmöglich, denn dann bin ich zu nichts Anderem zu gebrauchen.«

»Das glaube ich! Also vorwärts!«

»Ja, ich eile.«

Er ging schnell fort, blieb aber dann stehen, wendete sich um, kam zurück und fragte:

»Also nur ich und die beiden Ratniki dürfen trinken, so viel wir wollen?«

»Ja.«

»Schön! Ich eile!«

Er eilte, aber nur einige Schritte weit, dann kehrte er abermals um und sagte:

»Verzeihe, Väterchen! Ich habe ein Weibchen, ein gutes, folgsames Weibchen. Sie liebt den Wutky sehr. Darf sie nicht mittrinken? Ich möchte sie gern mitbringen.«

»Meinetwegen!«

»So viel sie will?«

»Ja.«

»Ich danke Dir! Du bist die Sonne der Gnade und Freigebigkeit. Jetzt eile ich!«

Aber er kam abermals zurück.

»Mein gutes Väterchen. Dein gutes Herz wird nicht wollen, daß eine Unschuldige leer ausgehe. Ich habe ein Töchterchen. Ihre Wangen sind wie Syrup und ihre Augen wie wilde Schlehen so rund. Darf sie auch mittrinken?«

»Wie alt ist sie?«

»Fünfzehn Sommer und sechzehn Winter.«

»Trinkt sie etwa für jeden Sommer eine Flasche und auch für jeden Winter eine?«

»Wenn sie Durst hat, mag sie es fertig bringen.«

»Alle Wetter! Aber ich sehe, man muß sehr vorsichtig sein. Erst Du, dann die Frau; nachher die Tochter! Hast Du etwa noch eine Person, welche eine so durstige Leber hat.«

»Noch eine.«

»Wirklich noch eine nur?«

»Ja, dann weiter Niemand.«

»Wer ist diese Einzige?«

»Meine Schwiegermutter, die Mutter meines Weibchens.«

»Nicht übel! Kann sie das Trinken?«

»O die trinkt mich unter den Tisch.«

»Saubere Brut! Na, bring die Beiden mit, nämlich die Tochter und die Schwiegermutter. Für die Frau hast Du meine Erlaubniß bereits.«

»Väterchen, mir fehlt die Sprache, Dir zu sagen, wie lieb ich Dich habe!«

»Schon gut!«

»Meine Frau wird Dich achten – – –«

»Sehr schön!«

»Meine Tochter Dich lieben – –«

»Noch schöner!«

»Und meine Schwiegermutter an Deinem Halse hängen – – –«

»Alle Wetter! Das will ich mir verbitten! Mach Dich von dannen! Wenn Du noch einmal umkehrst, so ziehe ich meinen Auftrag zurück, und es wird aus der ganzen Sache nichts!«

»Das mögen alle achthundert Heiligen verhüten. Ich laufe, ich eile, ich renne! In einer halben Stunde ist Alles besorgt.«

Er rannte davon, als ob er um sein Leben zu rennen habe.

»Habt Ihrs verstanden?« fragte Sam lachend die beiden Freunde.

»Ja, wenn auch nicht jedes Wort,« antwortete Tim. »Donnerwetter, was ist das hier für eine Gesellschaft!««

»O ich habe gelesen, daß die Russen, als sie im Napoleonischen Kriege nach Deutschland kamen, allerorts im Nu den sämmtlichen Branntwein weggetrunken hatten. Und als dann keiner mehr vorhanden war, erstürmten sie die Apotheken und tranken verdünntes Scheidewasser, in welches sie noch extra Pfeffer thaten.«

»Das geht ja über alle Begriffe!«

»Ja. Wir müssen uns den Spaß machen und die Sippschaft besuchen, wenn sie bei den Flaschen sitzt.«

»Aber zahlen wirst Du müssen!«

»Das kann ich. Ich habe ja Geld, sehr billiges Geld – zweitausend Rubel!«

»Willst Du das wirklich als Dein Eigenthum betrachten?«

»Nun, wem gehört es denn eigentlich?«

»Dem Grafen.«

»Der hat es ja weggegeben.«

»Dem Kreishauptmann?«

»Nein, denn er hat es erhalten für ein Vergehen, welches er begangen hat.«

»So hat es gar keinen rechtmäßigen Herrn!«

»Allerdings nicht.«

»Was willst Du aber denn damit machen?«

»Ich will diesen zwei Scheinen zwei rechtmäßige Herren verschaffen. Ahnt Ihr denn noch nicht, was ich vorhabe?«

»Hm! Die beiden Ratniki – – –?«

»Die sind nur Stellvertreter und erhalten ja ihre zweihundertfünfzig Rubel.«

»Kannst nicht rathen, alter Tim!« meinte Jim. »Ich weiß, wer die Rubel erhalten soll. Der Sam ist ein Schlaukopf und ein seelensguter Kerl. Die beiden Posten dort am Feuerwerksgebäude sollen losgekauft werden. Habe ich recht, Dicker?«

»Hast getroffen.«

»Aber sie sollen doch erschlagen werden!«

»Das will ich mir verbitten. Ich werde mit dem Herrn Rittmeister ein Wort sprechen, daß ihm die Haare zu Berge stehen sollen. Er wird mir – horch, Wagengerassel! Da müssen wir nachschauen!«

Sie traten um die Ecke und zwar noch zur rechten Zeit, um zu sehen, daß der Graf mit seinen zwei Wagen abfuhr, begleitet von zehn gut berittenen Kosaken. Die Wagen enthielten die Requisiten, welche er zu dieser Reise für nothwendig gehalten hatte. Bei seiner Ankunft hatte er, wie bereits erwähnt, drei Wagen gehabt. Den dritten hatte er zurückgelassen, einestheils weil er ihn nicht brauchte und anderntheils weil es derjenige war, dessen sich Gökala bediente. Er war nicht für Männer eingerichtet.

»Da ist er also fort,« sagte Jim. »Weißt Du, wohin?«

»Ja,« antwortete Sam. »Wir werden später noch darüber sprechen. Jetzt aber wollen wir zu diesem Herrn Rittmeister gehen.«

»Wir alle Drei?«

»Natürlich.«

»Wohl wegen dieses famosen Duelles?«

»Ich. Ich werde es ihm natürlich nicht schenken.«

»Du, Dicker, ist das nicht vielleicht etwas zu übermüthig?«

»Pah! Meinst Du, daß ich mich vor ihm fürchten soll?«

»Das nicht. Furcht ist ja weder Deine noch auch unsere Schwäche. Aber er ist Offizier, und es steht zu erwarten, daß er schießen kann.«

»Na, ein Kosakenoffizier in Sibirien und zum Beispiel ein deutscher Lieutenant, das ist ein himmelweiter Unterschied. Ich lasse mich auffressen, wenn dieser Rittmeister etwas Anderes schießen kann als nur ein Loch in die Luft.«

»Möglich; aber weißt Du, alter Sam, daß zuweilen auch der Dumme etwas Gescheidtes thut, freilich ohne es zu wissen?«

»Ja, das habe ich an Euch beobachtet.«

»Pfui, Teufel! Beleidige Deine besten Freunde nicht! Wenn Du Dich mit diesem Kosaken duellirst, so kann es doch passiren, daß er Dich ausnahmsweise trifft, grad weil er albern zielt.«

»Wird sich finden. Ich hoffe, daß er mir in diesem Falle ein Loch, welches sich bald wieder verstopfen läßt, durch den Leib schießt. Ich habe so eine Ahnung, daß er eher sich selbst treffen wird als mich. Ihm aber werde ich eine heilsame Lehre ertheilen.«

»Willst Du ihn verwunden?«

»Natürlich!«

»Wo?«

»Hm! Darüber bin ich mir noch nicht klar. Es soll auf sein Verhalten ankommen. Zeigt er sich so, daß er eine Züchtigung verdient, so mache ich ihn einfach unschädlich für seine Untergebenen, indem ich dafür sorge, daß er dienstuntauglich wird. Also kommt!«

Die drei Männer schritten langsam und gravitätisch dem Regierungsgebäude zu. Waren sie schon anderwärts, drüben in Amerika, geeignet, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wie viel mehr erst hier im Osten von Sibirien. Sie, der kleine Dicke mit den zwei baumlangen, dünnen Beinen stachen von aller Welt so sehr ab, daß sie die Blicke aller ihnen Begegnenden auf sich zogen. Sie machten sich nicht nur nichts daraus, sondern fanden sogar ein sehr großes Vergnügen daran.

Als sie die Thür des Gebäudes erreicht hatten, trat ihnen ein Bediensteter entgegen und fragte sie nach ihrem Begehr.

»Ich möchte den Rittmeister sprechen,« antwortete Sam.

»Den Herrn Rittmeister, meinst Du wohl!«

»Meinetwegen.«

»Was willst Du von ihm?«

»Etwas, was Du nicht zu wissen brauchst, mein Brüderchen.«

»So melde ich Dich nicht.«

»Das magst Du machen, ganz wie es Dir beliebt; aber ich werde doch zu ihm gehen.«

»Unangemeldet darfst Du das nicht.«

»Wer will es mir verbieten?«

»Ich.«

»So! Nun, so verbiete es mir doch einmal.«

»Das will ich hiermit gethan haben.«

»Schön! So kannst Du nun abtreten.«

Er nahm ihn und warf ihn zur Thür hinaus, so daß er sich draußen niedersetzte. Dann ging er mit den beiden Anderen nach der Treppe und stieg dieselbe empor.

Der Diener raffte sich auf und kam ihnen nach. Er faßte Sam beim Arme und rief:

»Halt! Ihr bleibt!«

»Natürlich bleiben wir hier. Du aber kannst Dich fort machen, sonst thust Du noch einen solchen Sprung wie soeben.«

»Du hast Dich an mir vergriffen.«

»Und Du vergreifst Dich eben jetzt an mir. Laß mich los, sonst passirt Etwas.«

»Ich darf Dich nicht hinauf lassen.«

»So lasse ich Dich hinunter. Da!«

Er gab ihm einen Stoß, so daß er die Treppe hinunterflog. Der Mann fiel zu Boden, stand aber wieder auf und kam ihnen nach, wagte es aber nicht wieder, Sam zu berühren, erhob aber dafür ein überlautes Geschrei.

Droben wurde eine Thür aufgerissen. Der Kreishauptmann trat heraus.

»Was giebts denn zu lärmen?« fragte er zornig.

»Diese Männer wollen zum Herrn Rittmeister,« antwortete der Diener.

»Der ist nicht zu sprechen.«

»Das habe ich den Herren auch schon gesagt. Sie aber haben mich dafür erst zur Thür hinaus- und sodann auch zur Treppe heruntergeworfen.«

»Donnerwetter! Das wagt man in meinem eigenen Hause!«

»Rede keinen Unsinn, theures Väterchen!« lachte Sam. »Das ist gar nicht Dein Haus.«

»So! Wessen denn?«

»Das gehört dem guten Czaren, und wenn Du Deine Pflicht nicht thust, so wirst Du ganz ebenso an die Luft gesetzt, wie ich diesen braven Mann hinausgesetzt habe. Also Dein Sohn ist nicht zu sprechen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Er hat keine Zeit.«

»So werde ich ihm gleich Zeit machen. Wo befindet er sich?«

»Das geht Euch nichts an.«

Sam hatte seine alte Prairiebüchse im Arme. Jetzt ließ er sie fallen, so daß ihr Kolben dröhnend auf den Fußboden schlug.

»Mensch, ich frage, wo er ist.«

Der Dicke rief ihm diese Worte so drohend ins Gesicht, daß der Beamte ganz erschrocken zurückfuhr.

»In seiner Stube,« antwortete er.

»Zeige sie uns.«

»Kommt!«

Er wagte nicht, noch einmal zu widersprechen, sondern öffnete eine Thür und trat mit ihnen ein. Der Rittmeister saß, eine Cigarette rauchend, behaglich auf dem Sopha.

»Ah!« sagte Sam. »Man sieht, daß er keine Zeit hat. Guten Morgen, Herr Rittmeister.«

Der Genannte stand auf, musterte ihn mit zornigen Blicken und fragte, ohne ihren Gruß zu erwidern:

»Hat man Euch nicht gesagt, daß ich keine Zeit habe?«

»Allerdings.«

»Warum drängt Ihr Euch trotzdem herein?«

»Weil auch wir keine Zeit haben. Wir müssen mit Dir reden.«

»Kommt später wieder.«

»Das geht nicht, denn die Angelegenheit erleidet keinen Aufschub.«

»Was ists?«

»Das Duell.«

»Donnerwetter! Geht zum Teufel!«

»Auch dazu haben wir keine Zeit. Aber wenn Du meinst, daß der Teufel Gesellschaft braucht, so werde ich Dich zu ihm senden.«

»Ich duellire mich nicht.«

»So! Ist das Dein Ernst?«

»Ja.«

»So nimmst Du die Beleidigung ruhig hin?«

»Ihr könnt mich nicht beleidigen.«

»Bist Du ein so vornehmer Herr? Das hätte ich Dir wirklich nicht angesehen. Na, Du magst es halten wie Du willst; aber Du hast auch uns beleidigt, und das lassen wir nicht auf uns sitzen. Schau Dich also nach einem Secundanten um.«

»Fällt mir nicht ein!«

»So zwinge ich Dich.«

»Versucht es!«

»Pah! Wir können das gleich hier machen. Versucht wird es gar nicht erst. Es geht auch ohne alle Vorbereitung.«

»Was denn?«

»Wenn Du mir die Genugthuung verweigerst, so bist Du ein ehrloser Kerl, und ich behandle Dich als solchen. Wo und wann ich Dich sehe, bekommst Du Ohrfeigen.«

Der Rittmeister erbleichte.

»So lasse ich Euch knuten!« rief er aus.

»Pah! Wir sind nicht Unterthanen des Czaren. Wir stehen unter dem Schutze des amerikanischen Gesandten und haben weder Dich noch Deine Knute zu fürchten. Also entschließe Dich. Schießest Du Dich mit mir?«

»Nein.«

»So bist Du ein ehrloser Bube und mußt als ein solcher gezüchtigt werden. Da!«

Er holte aus und gab ihn, eine solche Ohrfeige, daß der Getroffene gegen die Wand flog. Sein Vater wollte zur Thür hinaus, um nach Beistand zu rufen; aber Jim und Tim hielten ihn fest.

Der Rittmeister war zunächst wie sprachlos. Er hielt sich mit der Hand die getroffene Backe; dann stieß er einen Schrei der Wuth aus, griff nach der Knute, welche auf dem Tische lag und holte zum Schlage aus. Sam aber stieß ihm den Kolben des Gewehres an den Leib, daß er zurücktaumelte und sagte lachend:

»Laß die Peitsche, mein Brüderchen! Sobald Du mich mit derselben zu berühren wagst, schieße ich Dir eine Portion Blei ins Gehirn. Mir bist Du nicht gewachsen.«

»Vater, Vater, laß sie einsperren, und zwar sofort, sofort!« schrie der Rittmeister.

»Laß Dich doch nicht auslachen,« antwortete Sam. »Uns einsperren! Dazu seid Ihr alle Beide die Kerls nicht.«

»Meinst Du, daß wir Euch nicht bändigen?« brüllte der Offizier.

»Ja, das meine ich.«

»Vergiß nicht, daß ich der Commandant der hiesigen Militärmacht bin.«

»Na, diese Macht gleicht ganz ihrem Commandanten. Versuche es doch einmal mit ihr gegen uns.«

»Das soll sogleich geschehen.«

Er trat an das Fenster.

»Halt!« gebot Sam. »Was willst Du?«

»Meine Leute rufen.

»Sobald Du das Fenster öffnest, schieße ich Dir eine Kugel durch den Kopf.«

Er legte das Gewehr an. Der Rittmeister fuhr angstvoll zurück und rief:

»Bist Du toll!«

»Nein. Aber bei mir heißt es: Wie es in den Wald schallt, so schallt es wieder heraus. Ich bin ganz so gegen Euch, wie Ihr es verdient.«

»Poche ja nicht so viel auf Deinen Consul.«

»Ein anderer Kerl ist er als Du. Verstanden! Du hast keine Ehre. Wo ich Dich sehe, werde ich Dich durch Ohrfeigen zwingen. Dich mit mir zu schießen. Das merke Dir. Und dann sollen auch Alle erfahren, wer vorhin er Teufel und wer seine Großmutter gewesen ist.«

»Ah! Wer denn?«

»Ihr Beide.«

»Ah! Wer sagt das?«

»Ich.«

»Wer hat Dir diese Lüge aufgehängt?«

»Lüge? Glaubt Ihr, daß wir Amerikaner so dumme Kerls find wie Eure Tungusen?«

»Wie können wir es gewesen sein?«

»Wir haben Euch erkannt.«

»Das ist unmöglich. Wir waren daheim.«

»So! Und der Graf hat Euch hier so ganz vergeblich gesucht.«

»Was weißt Du von dem Grafen!«

»Mehr als Ihr. Wer sich in Werg wickeln und mit Theer beschmieren läßt, mit dem machen wir kein langes Federlesen. Also merkt Euch, was ich gesagt habe. Jetzt gehen wir; aber sobald Du Dich vor mir sehen lässest, erhältst Du die versprochenen Ohrfeigen. Ich halte Wort.«

»Und ich lasse Dich einstecken und prügeln.«

»Ihr habt unsere Legitimationen gesehen. Wagt es. Der Gouverneur soll es erfahren, was für einen Militaircommandanten er hier in Platowa hat.«

Er ging. Jim und Tim folgten ihm. Die beiden Russen blickten sich an. Sie waren ganz rathlos.

»Schreckliche Kerls!« stieß der Vater hervor, indem er mit der Faust drohte.

»Mich zu ohrfeigen!«

»Und noch ohrfeigen zu wollen!«

»In Deiner Gegenwart!«

»Ich bin ganz überzeugt, daß dieser Kerl seine Drohung ausführt.«

»Aber, müssen wir es uns denn so ruhig gefallen lassen?«

»Was wollen wir machen!«

»Sie arretiren.«

»Das geht nicht. Nach den Regeln der Ehre hast Du Dich mit ihm zu schießen.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Warum nicht?«

»Ich werde in den sichern Tod rennen.«

»Ist das so ausgemacht?«

»Ganz gewiß. Der Mensch schießt wie ein Teufel.«

»Du kannst ihn aber auch treffen.«

»Er hat den ersten Schuß.«

»Sapperment! Das wäre freilich schlimm. Am Allerbesten ist es, Du lässest Dich, so lange sie hier sind, gar nicht sehen.«

»Eine verdammt langweilige Geschichte!«

»Vielleicht reisen sie bald wieder ab.«

»Was wollen sie eigentlich hier?«

»Jenen geheimnißvollen Steinbach erwarten. Wenn Der uns nur nicht auch noch Unannehmlichkeiten bringt!«

»Woher wissen sie es, daß wir die Teufels gewesen sind!«

»Das frage ich auch.«

»Vielleicht liegt die Antwort sehr nahe. Ich habe meine Gedanken.«

»Wie?«

»Sollten – – sollten sie es sein, welche die Nummer Zehn befreit haben?«

»Donnerwetter!«

»Zu vermuthen ist es. Sie haben sich schon gestern seiner angenommen. Sie sind äußerst gewaltthätige Leute. Kennst Du irgend einen hiesigen Menschen, dem es zuzutrauen ist, uns in dieser Weise zu behandeln?«

»Nein.«

»Ich auch nicht. Und das Theeren eines Menschen ist eine ganz amerikanische Manipulation. Ich wette, sie sind es gewesen.«

»Wenn ich das gewiß wüßte – –!«

»Was würdest Du da thun?«

»Da würde ich sie allerdings arretiren lassen. Sie stehen zwar unter dem Schutze ihres Gesandten; aber wenn sie sich gegen unsere Gesetze vergehen, so sind sie strafbar.«

»Aber da käme es sicher heraus, was für eine klägliche Rolle wir gespielt haben.«

»Leider! Eine ganz verdammte Geschichte!«

»Und wer ist schuld daran? Die Nummer Zehn und die beiden Kosaken, welche Posten standen. Ich habe ihnen hundert Knutenhiebe versprochen.«

»Sie sollen sie erhalten!«

»Auf alle Fälle. Jetzt aber laß mich in Ruhe. Ich muß ein Wenig schlafen. Ich habe natürlich während der ganzen Nacht kein Auge zugethan.«

»Ich ebensowenig. Auch ich lege mich nieder.«

Er ging. Beide sollten indeß die gewünschte Ruhe nicht lange genießen.

Sam war nämlich mit den beiden Brüdern nach dem Wirthshause gegangen. Dort saß der Polizist mit zwei jungen, kräftigen Kerlen. Zwei Frauenzimmer, eine jüngere und eine ältere waren dabei. Jedenfalls war daß seine Frau und Tochter, welche auf den versprochenen Schnaps wartete.

Als er die Eintretenden erblickte, stand er auf, kam ihnen entgegen und sagte:

»Väterchen, hier sind die beiden Männer, die ich Dir versorgt habe. Du wirst mit ihnen und also auch mit mir sehr zufrieden sein.«

»Wollen sehen. Haben sie ihre Freischeine mitgebracht?«

»Ja. Sie müssen Dir doch beweisen, daß sie wirklich Ratniki sind.«

»Zeigt einmal her!«

Sie gaben ihm die Scheine, und er überzeugte sich, daß Alles stimmte. Sie wurden handelseins. Er versprach ihnen einen anständigen Preis und forderte sie auf, sich sofort mit ihm nach dem Rittmeister zu verfügen.

»Aber, Väterchen,« meinte der Polizist. »Wie steht es denn mit dem Wutky, den Du uns versprochen hast?«

»Den erhaltet Ihr.«

»Und auch mein Geld?«

»Ja«

»So gieb es und bestelle den Branntwein.«

»O, so haben wir doch nicht gehandelt. Noch weiß ich nicht, ob der Herr Rittmeister diese beiden Ratniki annimmt.«

»Was soll er gegen sie haben?«

»Vielleicht sehr viel. Zahlen werde ich erst dann, wenn die Sache in Ordnung ist.«

»Du hast Recht. Aber wir dürsten. Sollen wir so lange warten. Das können wir nicht aushalten.«

»So laßt Euch einstweilen eine Flasche geben!«

»Eine – eine einzige?«

Er machte dabei ein Gesicht, als ob er die größte Unbegreiflichkeit der Welt gehört habe.

»Ja, eine.«

»Soll mein Weib verdursten und meine Tochter mit ihr!«

»Ich denke, Ihr habt genug, bis wir wiederkommen. Die Flaschen sind ja groß.«

Er deutete nach einem Tische, auf welchem eine ganze Anzahl gefüllter Bouteillen stand.

»Groß!« rief der Polizist. »Soll ich Dir einmal zeigen, wie groß sie sind?«

»Ja.«

»Du bezahlst sie?«

»Natürlich.«

Er nahm eine der Flaschen vom Tisch, entkorkte sie, setzte sie an den Mund und trank sie vollständig leer. Dann schnalzte er mit der Zunge, verdrehte die Augen und rief:

»Das ist ein Trank. Zwanzig solcher Flaschen in einer Stunde! Das wäre grad, als ob man sich im Himmel befände!«

»Ja, selig würdest Du wohl dann sein. Aber ich will nicht grausam gegen Euch sein. Nimm Dir noch eine Flasche und gieb auch Deiner Frau und Tochter jeder eine!«

Das ließ sich der Mann nicht zweimal sagen. Die Flaschen waren im Augenblick entkorkt. Er leerte seine zweite. Die beiden Frauenzimmer nahmen sich mehr Zeit; aber sie hatten auch ein solches Gefälle, daß sie voraussichtlich 'n fünf Minuten keinen Tropfen mehr hatten.

Sam machte sich mit den Ratniki und Jim und Tim auf den Weg.

Im Regierungsgebäude angekommen, sahen sie denselben Diener wieder Er saß auf einer der Treppenstufen und aß Knoblauch. Als er sie erblickte, stand er auf. Ihnen einen haßerfüllten Blick zuwerfend, fragte er:

»Was wollt Ihr schon wieder?«

»Dir eine Ohrfeige geben.«

Bei diesen Worten holte Sam aus. Der Mann that einige Sprünge und verschwand durch die Hinterthür. Er hatte erfahren, daß mit diesen fremden Männern nicht zu scherzen sei.

Das Kommen derselben wurde doch anderweit bemerkt. Die Frau des Kreishauptmannes trat eben zufälliger Weise aus ihrem Zimmer. Sie sah die Männer und erfuhr auf ihre Frage von denselben, daß sie zu ihrem Sohne wollten.

»Der ist nicht zu sprechen,« sagte sie.

»Ist er fort?«

»Nein. Er schläft.«

»So bitte ich, ihn zu wecken.«

Sie war ganz entrüstet über diese Zumuthung. Den Militärcommandanten wecken, falls er schlief! Das klang ja geradezu wie Hochverrath!

»Ihn wecken!« sagte sie im Tone des tiefsten Erstaunens. »Weißt Du vielleicht auch, was Du sagst?«

»Sehr gut, liebes Mütterchen.«

»Du verlangst das Unmögliche.«

»Ich habe noch nie gehört, daß es unmöglich sei, einen Menschen zu wecken.«

»In diesem Falle, ja. Ich darf es nicht wagen. Bedenke, einen Rittmeister im Schlafe zu stören, was das zu bedeuten hat!«

»Nun, was hat es zu bedeuten?«

Sie blickte ihm so verblüfft in das Gesicht, daß er sie fast ausgelacht hätte.

»Das weißt Du nicht?« fragte sie.

»Freilich weiß ich es. Es bedeutet, daß er aufstehen soll.«

»Das wird er aber nicht thun.«

»Ich glaube doch. Wenn Du nicht den Muth hast, ihn zu wecken, so werde ich es selbst thun.«

Er wendete sich nach der Seite, in welcher die Stube des Rittmeister lag. Da ergriff sie ihn beim Arme und rief:

»Halt! Das darfst Du nicht! Was fällt Dir ein. Er würde Dich bestrafen.«

»Pah! Das soll er versuchen.«

»Komm später wieder!«

»Fällt mir gar nicht ein! Ich bin einmal da und kann nicht eher wieder gehen, als bis ich mit dem Herrn Rittmeister gesprochen habe. Also muß ich sehr bitten, ihn sofort aus den Federn zu holen.«

Er liegt nicht im Bette, sondern auf dem Sopha. Dennoch aber darf ich es unmöglich wagen, ihn zu stören. Er würde mich – –«

»Was denn?« donnerte er sie an. »Etwa fressen? Dazu siehst Du mir doch nicht appetitlich genug aus.«

So Etwas war ihr noch niemals passirt! Das mußte gerochen werden. Sie stemmte beide Hände in die Hüften, pflanzte sich vor ihm auf und öffnete die Schleußen ihrer Beredtsamkeit. Ihre Strafrede floß so laut und ununterbrochen wie ein Platzregen. Die drei Männer lachten aus vollem Halse. Das verzehnfachte ihren Grimm und verwandelte den Platzregen in ein schauerliches Hagelwetter. Das prasselte, dröhnte, zischte, schnatterte, kreischte und donnerte so laut auf, daß es durch das ganze Haus zu hören war. Daher war es nicht zu verwundern, daß eine Thür aufgerissen wurde, aus welcher der Kreishauptmann ganz erschrocken hervorstürzte.

»Was – was ist denn las!« rief er. »Das ist ja ein – – ah, diese Drei wieder!«

Er machte Augen, als ob er sie mit einem einzigen Blicke erstechen wolle. Der dicke Sam aber sagte, laut lachend:

»Höre, Väterchen, giebt es vielleicht einen tüchtigen Arzt hier in Platowa?«

»Wa – rum?«

»Schicke sofort zu ihm. Es ist Deinem Mütterchen auf die Sprache gefallen. Wenn Du nicht schleunige Hilfe holst, wird sie nie wieder reden können.«

Das war zu viel. Die Schleußen öffneten sich abermals. Der Beamte aber unterbrach seine Frau, indem er ihr Ruhe gebot und schrie voller Wuth den Dicken an:

»Eine solche Frechheit ist geradezu unerhört! Was wollt Ihr denn wieder bei mir?«

»Bei Dir? O, auf Dich haben wir es dieses Mal gar nicht abgesehen; das kommt später. Wir wollen zu Deinem Sohne.«

»Der ist für Euch nicht zu sprechen.«

»Das sagte auch Dein Weibchen; aber wir glauben es nicht.«

»Er schläft.«

»Na, wenn er bei diesem Skandale schlafen kann, so muß ihn die Teufelsgeschichte heute Nacht sehr kaput gemacht haben! Er schläft da so fest, daß zu befürchten ist, er werde gar nie wieder aufwachen. Darum muß er augenblicklich geweckt werden.«

Er schritt auf die betreffende Thür zu; aber der Kreishauptmann hielt ihn fest und rief:

»Halt! Keinen Schritt weiter. Ihr macht Euch schleunigst fort, sonst –!«

»Sonst –?« fuhr Sam ihn drohend an. »Was ist sonst?«

»Sonst weiß ich, was ich zu thun habe!«

»Gott sei Dank! Endlich weißt Du einmal Etwas. Du siehst nämlich ganz so aus, als ob Du ganz und gar nichts wissest. Und bisher habe ich gefunden, daß sich das bestätigt.«

»Willst Du mich beleidigen?«

»Dich? Du bist gar nicht der Kerl, mit dem ich mir die Mühe geben möchte, ihn extra zu beleidigen. Mach, daß Du mir aus dem Wege kommst!«

*

74

Er ließ den Gewehrkolben auf den Boden fallen, daß es krachte. Jim und Tim stießen ebenso wie er ihre langen Büchsen nieder. Jim war dabei einen Schritt näher getreten und traf in Folge dessen – wohl mehr absichtlich als zufällig, den Fuß des Kreishauptmannes so kräftig, daß dieser einen lauten Schmerzensschrei ausstieß und einen Luftsprung machte, den ein Bajazzo gar nicht besser hätte fertig bringen können.

Nun riß der Rittmeister seine Thüre auf und stürzte hervor, grimmig fragend;

»Was ist denn das für ein Höllenspektakel? Hat man denn keine – – Donnerwetter! Wieder diese Kerls!«

»Ja, wir sind es wieder,« lachte Sam. »Hoffentlich sind wir willkommen?«

»Ihr? Was wollt Ihr abermals?«

»Dieses Mal kommen wir nicht wegen des Duells, sondern in einer rein militärischen Dienstangelegenheit.«

»Dazu ist jetzt keine Zeit. Jetzt wird nichts expedirt.«

»So! Wann denn? Des Nachts steckst Du im Feuerwerksgebäude und des Tages schläfst Du. Wann soll man da seine Angelegenheit erledigen? Ich sage Dir: Wenn Du uns nicht sofort anhörst, so geht ein Brief nach Irkutsk an den Gouverneur. Ich werde mir schon Gehör verschaffen!«

»Ihr seid ja soeben hier gewesen!«

»Thut nichts. Das war eine Privatsache; jetzt aber kommen wir dienstlich!«

»Ihr seid keine Soldaten. Dienstlich habe ich mit Euch gar nichts zu schaffen.«

»Aber wir mit Dir. Machen wir es kurz. Hast Du Zeit, oder soll ich den Brief schreiben?«

Das Auftreten des kleinen Dicken war so selbstbewußt und imponirend, daß der Rittmeister es nicht wagte, Nein zu sagen.

»Kommt herein!« befahl er.

In diesem Augenblicke ging eine andere Thür auf, aus welcher Gökala trat. Sam blieb unwillkürlich stehen, um sie zu betrachten. Sie war so gekleidet, daß man ihr ansah, sie wolle ausgehen. Der Dicke sagte sich, daß er noch niemals ein so herrliches Mädchen gesehen habe. Er ahnte sogleich, wer sie sei.

»Was willst Du, mein Töchterchen?« fragte sie der Kreishauptmann, dessen Gesicht noch immer schmerzlich verzogen war von dem Kolbenstoße, den er erhalten hatte.

»Ich gehe aus,« antwortete sie.

»Wohin?«

»Ich will Karparla, die Prinzessin der Tungusen besuchen.«

»Kennst Du sie denn?«

»Wir trafen uns heute früh draußen auf der Steppe. Sie hat mich eingeladen.«

»Du kannst nicht zu ihr.«

»Warum?«

»Der Graf hat es verboten. Du darfst das Haus nicht verlassen.« Sie blickte ihm hoheitsvoll in das Gesicht und antwortete:

»Mir hat Niemand Etwas zu befehlen, weder der Graf, noch Du. Ich gehe.«

Sie that einige Schritte vorwärts. Er aber stellte sich ihr in den Weg und antwortete:

»Ich bin gezwungen, die Befehle des Grafen auszuführen. Ich bitte Dich, in Dein Stübchen zurückzugehen, sonst muß ich Gewalt anwenden.«

Sie erbleichte vor innerer Erregung.

»So bin ich eine Gefangene?«

»Ja.«

»Dann bitte ich Dich, zu Karparla zu senden. Sie mag die Güte haben, zu mir zu kommen.«

»Auch das geht nicht an. Du darfst keine Besuche empfangen.«

»Ah! Also vollständig isolirt!«

»Ja.«

»Nun, so sage ich Dir, daß ich mich als frei betrachte und ganz nach meinem eigenen Ermessen handeln werde.«

»Ich mache Dich auf die Folgen aufmerksam. Ich habe Dich unter strenger Wacht zu halten und wundere mich, daß der Graf Dir nichts darüber mitgetheilt hat. Handelst Du unüberlegt, so hast Du die Folgen zu tragen. Gehe jetzt wieder in Dein Zimmer!«

Er öffnete die Thür desselben. Sie wendete sich mit einer stolzen Bewegung derselben zu, um einzutreten. Da aber stand auch schon Sam an ihrer Seite. Er fragte in deutscher Sprache, während bis jetzt natürlich nur russisch gesprochen worden war:

»Verzeihung! Ihr Name ist Gökala?«

Bei diesen Lauten machte sie eine Bewegung des größten Erstaunens.

»Welche Ueberraschung!« sagte sie, auch deutsch. »Sie sind ein Deutscher?«

»Ja.«

»Und kennen meinen Namen?«

»Wie Sie hören.«

»Woher?«

»Davon später! Bitte, gehen Sie einstweilen in Ihr Zimmer. Sie sollen Karparla sehen und auch sprechen.«

»Haben Sie hier solchen Einfluß?«

»Ich denke es.«

Da rief der Kreishauptmann:

»Was ist das für eine Sprache? Was habt Ihr mit einander zu verkehren und zu sprechen? Ich darf das nicht dulden.«

»Das war die Hottentottensprache,« lachte Sam. »Und die solltest Du doch kennen, alter Kaffer! Uebrigens kannst Du mit uns kommen. Es schadet nichts, was wir mit Deinem Sohne zu verhandeln haben.«

Gökala war in ihr Zimmer getreten. Der Kreishauptmann schloß die Thür desselben hinter ihr zu und folgte dann den Andern.

Im Zimmer des Rittmeisters angekommen, setzte Sam sich sofort nieder. Jim und Tim thaten dasselbe.

»Ihr habt zu warten, bis ich Euch die Erlaubniß zum Sitzen ertheile,« zürnte der Officier.

»Bitte, mein Junge,« antwortete Sam, »gieb Dir kein höheres Aussehen, als Du hast. Die Hosen, auf welche ich mich setze, gehören mir; also habe ich ganz allein zu bestimmen, in welcher Weise ich sie strapaziren will.«

»Und was wollen diese beiden Männer mit Euch?«

»Es sind Ratniki.«

»Das weiß ich. Ich kenne sie.«

»Freut mich! Da wird sich unser Geschäft vereinfachen. Sie wollen nämlich für zwei Andere eintreten. Darum kommen wir jetzt zu Dir.«

»So! Wer bezahlt?«

»Ich.«

»Ah! Bist Du hier so bekannt, daß Du zwei Kosaken freikaufen kannst?«

»Ja. Und hoffentlich werde ich auch noch bekannter werden. Ich bitte, die nöthigen Formalitäten vorzunehmen.«

»Wer sind Diejenigen, für welche diese Zwei eintreten wollen?«

»Bitte, sieh erst zu, ob sie als Ersatzmänner angenommen werden können.«

»Ich kenne sie. Sie sind tüchtig.«

»Du weisest sie also nicht zurück?«

»Ich könnte; aber damit Ihr seht, daß ich gefällig bin, will ich sie acceptiren. Aber ich hoffe, daß auch Ihr gefällig seid.«

»Gern. Welche Gefälligkeit erwartest Du von uns?«

»Schweigen über die Teufelsgeschichte.«

»Wenn Du nicht selbst uns die Veranlassung giebst, werden wir gern schweigen.«

»Ich weiß nicht, wie Ihr hinter diese Angelegenheit, gekommen seid. Habt Ihr Euch etwa gestern Abend im Feuerwerksgebäude befunden?«

»Wüßte nicht, was wir da zu suchen haben sollten.«

»Gut! Lassen wir also die ganze Angelegenheit für immer ruhen.«

»Ist das wirklich Dein Wille?«

»Ja.«

»Das ist mir sehr recht. Lassen wir sie also ruhen. Ich hoffe also, daß Du nicht selbst wieder davon anfängst.«

»Gut! Wir sind einig. Nun wollen wir die Stellvertretungscontracte ausfertigen. Sie sind von beiden Theilen zu unterschreiben und von mir zu bestätigen.«

Er entnahm einem Kasten zwei Formulare, griff zum Schreibzeuge und begann, die Rubriken auszufüllen. Dabei richtete er die dazu nöthigen Fragen an die beiden Ratniki. Bei der Erkundigung, für wen sie eintreten wollten, zeigte der Eine auf Sam und antwortete:

»Das wissen wir selbst noch nicht. Hier unser Väterchen wird es Dir sagen.«

»Schön! Also die Namen!«

Dabei schaute er auf den Dicken. Dieser antwortete:

»Die wirst Du selber wissen. Es sind die beiden Posten, welche heute Nacht am Feuerwerksgebäude gestanden haben.«

Da sprang der Rittmeister schnell auf.

»Diese!« rief er. »Das geht nicht!«

»So! Warum nicht?«

»Die kann ich nicht losgeben.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil sie frei sind, sobald ich diesen Contract unterzeichne.«

»Natürlich. Sie sollen ja eben frei sein.«

»Aber dann kann ich sie nicht bestrafen!«

»Sehr schön!«

»Und bestraft müssen sie werden. Ich habe Jedem von ihnen hundert Knutenhiebe zugesprochen.«

»Das ist sehr viel! Wofür willst Du sie denn eigentlich bestrafen?«

»Weil sie ganz allein schuld sind an dem, was heute Nacht geschehen ist.«

»Ah! Du wolltest doch nicht wieder davon sprechen!«

»Donnerwetter! Wer konnte denken, daß Du gerade diese Beiden meinst!«

»Ganz wie Du willst! Giebst Du sie frei?«

»Nein.«

»So soll ganz Platowa in einer halben Stunde wissen, wer die beiden Teufels gewesen sind, und auch der Gouverneur soll es erfahren!«

»Mensch, Du bist selbst auch ein Teufel!«

»Aber ein sehr guter! Ob ein Mann, der sich in dieser Weise blamirt hat, fernerhin noch Officier bleiben kann, das mag ein Ehrengericht entscheiden.«

»Sie müssen, müssen und müssen aber bestraft werden!«

»Ich habe gar nichts dagegen. Da behalte ich mein schönes Geld; Du aber verlierst ganz gewiß Deine Stelle!«

Der Rittmeister schritt erregt im Zimmer auf und ab. Er blieb endlich vor seinem Vater stehen und fragte:

»Was soll ich machen?«

»Thue, was Du willst!«

»Sollen die Kerls straflos ausgehen?«

»Sie haben die Knute verdient.«

»Aber soll ich mir selbst Unannehmlichkeiten bereiten?«

»Denke auch an das Duell!« warnte Sam. »Giebst Du die beiden Posten frei, so will ich so thun, als ob gar nichts geschehen sei. Es wird dann weder von heute Nacht, noch von dem Duell die Rede sein.«

Der Rittmeister besann sich. Er konnte lange zu keinem Entschlusse kommen, bis Sam endlich ungeduldig aufstand und in künstlichem Zorne sagte:

»So lange kann ich nicht warten. Entweder, oder! Zu was bist Du entschlossen?«

»Mag Dich der Teufel holen! Mit Dir ist nichts anzufangen!«

»Ganz recht! Darum wollen wir es lieber gleich beim richtigen Ende anfassen. Fertigst Du die Contracte aus?«

»Ja.«

»Und den beiden Posten geschieht nicht das Mindeste?«

»Nein.«

»Sie können ungehindert in ihre Heimath gehen?«

»Wohin sie wollen, am liebsten gleich in die Hölle!«

»Da dürfte es ihnen zu heiß sein. Eine solche Hitze ist ein sibirischer Kosak nicht gewöhnt. Sei so gut und laß sie rufen.«

»Das können wir kürzer haben. Sie stehen noch auf ihrem Posten und können mich sehen und hören.«

Er öffnete das Fenster und rief sie herbei. Sie kamen mit Zittern und Zagen, denn sie waren überzeugt, daß sie jetzt ihre Strafe empfangen würden. Als sie eintraten und den Dicken erblickten, dämmerte eine Spur von Hoffnung in ihnen auf.

»Kommt her, Ihr Hunde!« knurrte der Officier sie grimmig an. »Ich habe Euch die Knute versprochen, will aber Gnade für Recht ergehen lassen und sie Euch schenken!«

Da stürzten sie sich auf ihn und küßten knechtisch den Saum seines Rockes.

»Väterchen, ist's wahr?« sagte der Eine, während der Andere ganz wortlos vor Glück war. »Das mögen Dir sämmtliche Heiligen des Himmels danken.«

»Ihr seht, welch einen milden, nachsichtigen Officier Ihr habt. Ein Anderer würde Euch hauen lassen, bis – – –«

»Dummheit!« rief Sam dazwischen. »Schmücke Dich nicht mit falschen Federn! Dir haben sie die Straflosigkeit nicht zu danken. Wenn es auf Dich ankäme, so wären sie todte Männer. Mach, daß die Contracte fertig werden, und sage nicht mehr, als was auf Wahrheit beruht!«

Der Rittmeister würgte einen Fluch hinab. Hätte er den Dicken zerreißen können, er hätte es mit tausend Freuden gethan. So aber war er gezwungen, seinen Grimm zu verbergen. Er griff wieder zur Feder und schrieb weiter, hie und da die nothwendigen Fragen aussprechend.

Die beiden Kosaken hatten keine Ahnung, um was es sich handelte. Sie schwammen bereits in Seligkeit darüber, daß ihnen die Strafe erlassen war.

»So! Nun unterschreibt!« gebot der Officier. »Hier ist die Feder. Und welcher Hund nicht schreiben kann, der macht ein Kreuz anstatt seines Namens.«

Vom Schreibenkönnen war allerdings keine Rede, doch hatten sie unter großer Mühe gelernt, ihre Namen leidlich auf das Papier zu kritzeln. Sie thaten es, wobei ihnen vor Anstrengung der helle Schweiß auf die Stirnen trat. Der Rittmeister contrasignirte die beiden Documente und wendete sich dann an Sam:

»Fertig! Bist Du endlich nun zufrieden?«

»Bis jetzt, ja.«

»Nur bis jetzt? Hoffentlich hast Du weiter keine Schmerzen!«

»Gegenwärtig juckt mich noch nichts.«

»Ich meine, wir sind für immer mit einander fertig.«

Und sich an die Kosaken wendend, fragte er sie:

»Ihr wißt natürlich, was Ihr unterzeichnet habt?«

Sie schüttelten die Köpfe.

»So!« sagte er verwundert. »Ihr wißt nichts? Man hat Euch also noch gar nichts gesagt?«

»Väterchen,« antwortete der Eine, »wir haben keine Ahnung, was wir hier sollen. Du hast uns befohlen, unsere Namen zu schreiben, und wir haben das gethan, weil wir Dir Gehorsam schuldig sind.«

»Das ist stark! Ja, es ist wahr: Den Dummen schickt es der liebe Gott im Schlafe! Kerls, Ihr seit vom Militäre frei. Ihr braucht nicht weiter zu dienen!«

»Heilige Mutter Gottes von Kasan, ist das auch wahr?«

»Ja. Ich sage es Euch ja.«

»Wem hätten wir das zu verdanken?«

»Hier diesem Manne.«

Er zeigte dabei auf Sam.

Die Beiden blickten Sam eine Weile starr und ungläubig an. Sein Habitus war freilich gar nicht derjenige eines reichen Mannes, welcher Geld genug übrig hat, zwei ihm stockfremde Leute vom Militär loszukaufen.

»Du, Du bist es?« fragte der Enkel jener berühmten Großmutter, welche den Geisterfrosch zum ersten Male gesehen hatte.

»Ja,« lachte der Dicke. »Oder hast Du keine Lust, es zu glauben?«

»Das geht über mein Vermögen.«

»Nun, liebes Brüderchen, so viel Gehirn wirst Du doch haben, einzusehen, daß Du nun frei vom Militär bist. Hier habt Ihr Eure Freischeine, und so lange Ihr diese in den Händen haltet, könnt Ihr nicht wieder zum Dienste eingezogen werden!«

Als Sam diese Worte sagte und die beiden Kosaken ihre Freischeine fürsorglich in die Tasche steckten, machte der Rittmeister ein ganz eigenthümliches, schadenfrohes Gesicht dazu. Es sah ganz so aus, als ob er sagen wolle:

»Dummer Kerl, Du bist doch im Irrthume. Es kommt doch nur ganz auf mich an, ob diese Kerls ihre Freiheit genießen sollen oder nicht.«

Sam bemerkte das sofort. Seinen scharfen Augen konnte so Etwas nicht entgehen. Darum sagte er zu ihm:

»Jedenfalls giebst Du zu, daß ich mich da nicht irre?«

»Das werde ich mir überlegen!« lachte der Gefragte.

»Ja, Du hast wohl die Zeit zum Ueberlegen, aber ich nicht. Darum werde ich handeln. Ich sehe Dir an, daß Du gewisse Hintergedanken hegest; aber ich glaube, Du hast Dich verrechnet.«

»Ah! Welche Gedanken sollte ich hegen?«

»Du meinst, Du könntest mich und in Folge dessen diese braven Burschen betrügen, weil ich fremd bin und die hiesigen Gesetze nicht kenne.«

»Was! Du willst mich zu einen Betrüger stempeln!«

»Sei still! Ich stemple Dich nicht. Ich brauche aus Dir nicht Etwas zu machen, was Du bereits bist. Aber Du hast Dich in mir geirrt. Du wirst so freundlich sein, mir einige Fragen der Wahrheit gemäß zu beantworten.«

»Ich stehe aber nicht da, um Dir Auskunft zu geben.«

»Gut! Du kannst thun, was Dir beliebt. Dann aber rede ich auch, was ich will.«

»Donnerwetter! Du drohst schon wieder!«

»Ja. Wenn Dir das nicht gefüllt, so ist es sehr leicht für Dich, Dich sicher zu stellen. Du brauchst nur zu thun, was ich wünsche.«

»Nun, was willst Du wissen?«

»Ein Ratnik ist ein Freigelöster, welcher nicht activ zu dienen braucht, aber doch zur Reserve gehört?«

»Ja.«

»Als Reserve kann er eingezogen werden?«

»Natürlich.«

»Und wenn kann der Fall eintreten?«

»Wann er gebraucht wird?«

»Und wer hat darüber zu urtheilen, ob ein Reservemann gebraucht wird oder nicht?«

»Es geht natürlich nach dem Aufgebot und der Reihenfolge.«

»Aber diese Reihenfolge kann unterbrochen werden?«

»Ja, wenn der Oberst es will.«

»Schön! Und der Oberst will natürlich, wenn Du willst.«

»Was meinst Du damit?«

»Ich meine, daß diese beiden Kosaken jetzt frei sind; aber wenn es Dir beliebt, so machst Du dem Obersten die Sache plausibel und er zieht sie sofort als Reservemänner wieder ein.«

Der Rittmeister war kurzsichtig genug, diese Gelegenheit zu benutzen, mit seinem Einflusse zu prahlen.

»Ja, das kann ich thun,« antwortete er lachend. »Jetzt sind sie dienstfrei, aber wenn ich will, so werden sie wieder einberufen.«

»Und dann können sie natürlich auch wegen früherer Vergehen im Dienste bestraft werden?«

»Natürlich.«

»Hm! Brüderchen, ich durchschaue Dich. Du bist ein schlauer Patron, aber Du hast es leider mit einem Schlaukopfe zu thun, dem Du nicht gewachsen bist. Ich werde dafür sorgen, daß die guten Leute ruhig daheim bleiben können.«

»Wie willst Du das anfangen?«

»Zufälliger Weise weiß ich, daß die Ratniki in zwei Aufgebote eingetheilt werden. Zum ersten Aufgebote gehören die vier ersten Jahrgänge. Du wirst also so freundlich sein, jedem der Beiden eine Bescheinigung ausstellen, daß er zum zweiten Aufgebote gehört.«

»Das thue ich nicht.«

»Ganz wie Du willst,« lachte Sam. »Dann rede ich aber, und das Duell findet statt.«

Der Rittmeister stieß einen grimmigen Fluch aus und sagte:

»Mann, mit Dir ist kein verständiges Wort zu reden!«

»Ja, mit dem geringen Maße Deines Verstandes kommst Du freilich bei mir nicht aus. Also wie wird es? Ja oder nein?«

Der Rittmeister besann sich, lachte dann grimmig vor sich hin und sagte:

»Gut! Sie sollen diese Bescheinigung haben.«

»Dann bitte, schnell!«

Der Officier setzte sich hin, schrieb die beiden Documente nieder, unterzeichnete sie, setzte das Siegel darauf und gab sie sodann dem Dicken.

»Da! Lies! Bist Du nun zufrieden?«

Der Dicke prüfte die Papiere, gab sie ihren Eigenthümern und antwortete:

»Ja, so weit bin ich nun vollständig zufrieden gestellt. Aber was machst Du da für ein schlaues Gesicht?«

»Schlau? Ich denke eben daran, daß Du Dich vorhin einen Schlaukopf genannt hast.«

»Und Du hältst mich nicht für einen solchen?«

»Nein.«

»Schau, mein Herzchen, da irrst Du Dich abermals. Oder solltest Du wirklich gescheidter sein als ich?«

»Das wird sich finden!«

»Ja, später, wenn ich fort bin. Nicht?«

»Das ist meine Sache!«

»Ganz richtig. Jetzt aber bin ich noch da. Und so lange ich hier bin, werde ich dafür sorgen, daß Deine große Schlauheit später keinen Schaden mehr anrichten kann.«

»Wie wolltest Du das anfangen?«

»Wirsts gleich sehen. Deine Gedanken kenne ich. Sie stehen Dir so deutlich auf der Stirn geschrieben, daß man sie sehr leicht errathen kann. Du kannst meine beiden Schützlinge nun zwar nicht sogleich einziehen; aber später können sie als zweites Aufgebot einbeordert werden, wenn Du die Sache richtig anfassest. Dann stehen sie wieder unter den militärischen Strafgesetzen und können für das büßen, was sie früher im Dienste verbrochen haben. Oder ist es nicht so?«

»Hm!« brummte der Rittmeister verlegen.

»Schau, ich sehe es Dir an, daß ich Dich errathen habe, und werde dafür sorgen, daß sie nicht in Schaden kommen. Du wirst Dich abermals an den Tisch setzen und zwei Zeugnisse schreiben.«

»Alle Teufel! Was für welche?«

»Du wirst bezeugen, daß sie sich tadellos geführt haben.«

»Das fällt mir nicht ein.«

»O doch! Du wirst mit Deiner Unterschrift und dem Siegel bescheinigen, daß sie sich so geführt haben, daß Du sie bei nächster Gelegenheit zum Avancement vorgeschlagen hättest.«

»Das sollte mir einfallen!«

»Na, zwingen werde ich Dich nicht.«

»Das brächtest Du auch nicht fertig.«

»Nein. Aber etwas Anderes bringe ich desto sicherer fertig.«

»So! Was?«

»Ich schieße Dich im Duell über den Haufen. Wer die Mütze trifft, der trifft auch den Kopf.«

»Ich schieße mich nicht mit Dir!«

»Papperlapapp! Werde Dich schon zwingen. Und sodann werde ich jetzt gleich aller Welt verkündigen, wer heut Nacht die Teufels gewesen sind. Es wird ein famoses Hallo geben, wenn der Gouverneur erfährt, was der Kreishauptmann und der Rittmeister für Streiche spielen.«

»Mensch!« brauste der Offizier auf.

»Bleib ruhig! Der Zorn hilft Dir gar nichts. Also, soll ich gehen, oder willst Du die Zeugnisse anfertigen?«

»Lauf zum Teufel!«

»Gut! Leb wohl, Brüderchen!«

Er stand vom Stuhle auf und that, als ob er sich entfernen wolle. Da bekam der Kreishauptmann Angst. Er sagte zu seinem Sohne:

»Iwan, schreib die Zeugnisse.«

»Nein!«

»Was liegt uns daran, ob die beiden Kerls straflos ausgehen oder nicht.«

»Sehr viel!«

»Nein, gar nichts. Wollen wir uns blamiren lassen? Schreib die paar Zeilen, so ist Alles gut.«

»Aber eine verdammte Geschichte ists! Soll ich mir von einem fremden Menschen Befehle ertheilen lassen!«

»Pah!« lachte Sam. »Wenn es mir einfällt, ertheile ich Dir noch ganz andere Befehle.«

»So! Bist Du etwa gar der Generalgouverneur oder gar der heilige Beherrscher von Moskau und Petersburg?«

»Ich bin Sam Barth aus Herlasgrün. Das genügt.«

»Wo liegt dieser Ort? Ich kenne ihn nicht.«

»Er liegt an der jenseitigen Grenze von China. Wenn Du unhöflich und ungefällig gegen mich bist, so kann Rußland in einen Krieg mit China verwickelt werden, und der Zaar wird es Dir dann natürlich Dank wissen.«

»Spotte nicht!«

»Was soll ich sonst mit Dir thun? Wer nicht einmal weiß, wo die gewaltige Haupt- und Residenzstadt Herlasgrün liegt, welche fast zwei Millionen Einwohner hat, dem ist überhaupt nicht zu helfen.«

»Liegt sie denn bei London?«

»Grad zwischen London und Paris. Diese beiden Orte sind nur Vorstädte von Herlasgrün.«

»Donnerwetter! Davon habe ich nichts gehört.«

»Du wirst noch Manches hören, was Dir bisher unbekannt gewesen ist. Also meine Zeit ist abgelaufen. Ich gehe. Lebt wohl!«

»Warte noch!«

»Wozu?«

»Ich werde die beiden Zeugnisse schreiben.«

»Dachte es mir!«

»Oho! Ich schreibe sie nicht etwa, weil Du mich zwingst, sondern weil es mir so beliebt. Zwingen lasse ich mich nicht.«

»Schön!« nickte Sam. »So schreibe sie also freiwillig. Mir ist das sehr egal.«

Der Rittmeister schrieb. Sam prüfte dann auch diese beiden Schriftstücke, gab sie den beiden Kosaken und sagte zu ihnen:

»Jetzt hat Jeder von Euch drei Papiere. Wißt Ihr denn auch, was jedes einzelne von ihnen zu bedeuten hat?«

»Ja, Brüderchen,« antwortete Einer.

»So merkt es Euch! Solltet Ihr es aber ja vergessen, so zeigt sie daheim Euerm frommen Popen vor und fragt ihn um guten Rath, falls dieser Herr Rittmeister Euch ja noch an den Kragen will. Der Pope wird Euch dann gern sagen, was Ihr zu thun habt. Wie weit habt Ihr nach Hause?«

»Einige Tagesritte.«

»Ritte? Habt Ihr Pferde?«

»Leider nein. Und es geht durch ganz unbewohnte Gegenden.«

»So müßt Ihr Euch Pferde kaufen und Fourage und Proviant, damit Ihr glücklich nach Hause kommt.«

»Väterchen, das kannst Du wohl sagen, aber thun können wir es nicht.«

»So! Warum nicht?«

»Weil wir kein Geld haben?«

»Das ist freilich schlimm. Könnt Ihr denn keins bekommen? Sagt es doch hier dem guten Herrn Rittmeister. Der muß Euch ja geben, was Ihr braucht!«

»Ja, das werde ich,« lachte dieser. »Sie werden laufen. In drei Tagen sind sie daheim, wenn sie sich beeilen. Darum will ich meiner Pflicht gemäß ihnen drei Tageslöhnungen und für drei Tage Kommisbrod geben lassen.«

»Weiter nichts?«

»Mehr haben sie nicht zu verlangen.«

»Das ist sehr väterlich für sie gesorgt. Da ist es freilich gut, daß der Frosch mehr Verstand gehabt hat.«

»Welcher Frosch?«

»Der Geist. Ihr wißt doch, wen ich meine?«

Diese Frage war an die beiden Kosaken gerichtet. Der Eine antwortete:

»Sprichst Du etwa von demjenigen Frosche, welcher den Schatz behütet?«

»Ja.«

»Dann, Väterchen, rede schnell! Was weißt Du von ihm?«

»Sehr wenig; aber das Wenige, was ich weiß, das will ich Euch sagen. Nämlich heut in der Nacht wurde es mir im Zelt zu warm und dunstig. Darum trat ich heraus und ging nach dem Flusse, wo eine bessere und frischere Luft war. Die Nacht war schön, und die Frösche quakten, indem sie die Köpfe aus dem Wasser steckten. Sobald ich aber einem nahe kam, tauchte er unter. Plötzlich aber vernahm ich ein so tiefes, kräftiges »Quaaaak«, wie ich es noch nie in meinem Leben gehört habe. Ich schritt darauf zu und gewahrte nun einen Frosch, welcher grad so groß und dick war, wie ich selbst.«

»Heilige Kathinka! War das etwa der Geisterfrosch?«

»Ja. Das wußte ich freilich nicht, jetzt aber weiß ich es.«

»Was that er?«

»Er klotzte mich zunächst mit großen Augen starr und steif an.«

»Hast Du Dich nicht gefürchtet?«

»Nein. Ich dachte, wenn ich recht höflich wäre, so würde er mir nichts thun. Darum entblößte ich mein Haupt, machte eine tiefe Verneigung und sagte: Guten Abend, mein liebes Väterchen. Wie geht es Dir?«

»Antwortete er?«

»Ja.«

»Was sagte er?«

»Er meinte: ›Guten Abend, mir geht es sehr schlecht.‹«

»Weiter!«

»Was nun weiter geschah, das ist so abenteuerlich, daß man es kaum glauben sollte. Ich muß es Euch erzählen. Ich fragte ihn natürlich sogleich:

»›Warum geht es Dir schlecht.‹

»›Weil ich mich geärgert habe.‹

»›Kann sich denn ein Frosch ärgern?‹

»›Und wie! Wenn man gern erlöst sein will und immer kommt eine so verdammte Störung darein, da könnte man gleich aus der Haut fahren.‹

»›Erlöst? Bist Du denn etwa gar ein verzauberter Frosch?‹

»›Natürlich,‹ antwortete er, indem er das breite Maul aufriß und einen Seufzer ausstieß, welcher klang, als ob die Räder eines Wagens nicht geschmiert sind. ›Ich bin ein verwünschter Prinz.‹

»›Ja, das sieht man Dir an. Wer hat Dich denn verzaubert?‹

»›Dem hiesigen Kreishauptmann seine Urgroßmutter. Die war eine Hexe. Nun sitze ich Tag und Nacht unter der Erde und habe einen Schatz zu bewachen.‹

»›Sapperment! Sage mir, wo er liegt, so will ich ihn heben.‹

»›Oho! Das geht nicht so schnell und leicht, wie Du denkst. Den Schatz, welchen ich bewache, dürfen nur Kosaken heben, und Du bist ja keiner.‹

»›So will ich es einigen Kosaken sagen, damit Du erlöst wirst.‹

»›Das thut auch nicht gut, denn die Nachkommen jener verfluchten Hexe kommen allemal dazu, um die Hebung des Schatzes zu hintertreiben. Vorhin haben sie es wieder gethan.‹

»›Wo denn?‹

»›Da drüben am Feuerwerkshaus. Da liegt der Schatz. Es waren zwei brave Burschen da, die ihn heben wollten. Ich erschien ihnen, um ihn ihnen zu zeigen, und sie begannen auch zu graben. Da aber kamen eben jene Abkömmlinge der Hexe und störten sie. Der Schatz sank wieder nieder bis in den Mittelpunkt der Erde, und nun muß ich wieder hundert Jahre warten, ehe ich Jemandem erscheinen darf. Ist das nicht gradezu zum Todtärgern?‹

»›Freilich! Das glaube ich wohl. Trink einen Wutki darauf!‹

»›Ja, wenn man einen hätte! Um meinen Aerger hinabzuspülen, sitze ich hier im Flusse und saufe Wasser. Die beiden guten Kosaken meinten es gut mit mir. Sie wollten mir einen Wutki bringen. Darum möchte ich ihnen gern eine Freude machen. Du scheinst mir ein guter Kerl zu sein. Willst Du mir einen Gefallen thun?«

»›Sehr gern, liebes Väterchen.‹

»›So warte einen Augenblick. Ich will nach dem Mittelpunkte der Erde hinabtauchen. Ich hole Etwas. Es dauert gar nicht lange. Ich komme gleich wieder.‹

»Er plumpste in das Wasser und verschwand. Fünf Minuten lang stand ich allein und dachte darüber nach, was für eine Strafe so einer Hexe gehöre, die einen braven Geist als Frosch erscheinen läßt. Dann fuhr er wieder empor.

»›Pfui Teufel!‹ sagte er, indem er sich schüttelte wie ein Pudel. ›Erst die glühende Hitze da drin in der Erde, und nun das kalte Flußwasser. Werda nicht ganz fest auf den Nerven ist, der kann sich den allerschönsten Schnupfen holen. Hast Du eine Prise?‹

»›Nein. Aber ein Prieschen Schießpulver thuts vielleicht auch.‹

»›Ja, mußts aber anbrennen.‹

»Ich schüttete ihm den ganzen Inhalt meines Pulverhornes in die beiden Nasenlöcher, hielt ein Streichholz daran, und als das Pulver aufzischte, nieste er einige Male und sagte dann:

»›Ich danke Dir! Jetzt wird mir wieder wohl. Man muß sich vorsehen, wenn man bei guter Gesundheit bleiben soll. Und nun komm her! Siehst Du, was ich da habe?‹

»›Das sind wohl Papiere?‹

»›Ja, aber was für welche. Ich bin unten beim Schatz gewesen und hab einen kleinen Griff hinein gethan, um den beiden Kosaken eine Freude zu machen.‹

»›Du, das freut mich von Dir! Du hast ein sehr gutes Herz!‹

»›Ja, das habe ich. Wir Geister wissen auch, was ein gutes Gemüth zu bedeuten hat. Schau, das sind lauter Fünfzigrubelscheine. Ich hoffe, daß Du ein ehrlicher Kerl bist.‹

»›Natürlich.«

»›So will ich sie Dir anvertrauen. Aber Du darfst mich nicht bemausen.‹

»›Fällt mir nicht ein!‹

»›Ich würde Dir alle Tage um Mitternacht erscheinen und Dir keine Ruhe lassen!‹

»›Das ist nicht nöthig. Eine solche Arbeit und Unbequemlichkeit will ich Dir nicht bereiten. Ich bin ehrlich. Sage mir nur, was ich mit den Scheinen beginnen soll?‹

»›Du suchst zwei kräftige Ratniki, welche für die Kosaken eintreten wollen, und bezahlst sie. Was dann übrig bleibt, das vertheilst Du unter die beiden guten Kerls, damit sie sich Pferde kaufen und heimreiten können, um dort ihre Mädels zu heirathen.‹

»›Prächtig! Das werde ich sehr gern thun. Hast Du sonst noch Etwas auszurichten?‹

»›Nein. Höchstens kannst Du ihnen sagen, daß sie sparsam sein und nicht zu viel Wutki trinken sollen. Wenn sie etwa meinen, daß sie das schöne Geld vertrinken können, so irren sie sich. Ich würde kommen und es mir wiederholen. Es würde verschwinden und sie wären so arm wie vorher.‹«

Sam war mit seiner Fabel zu Ende. Er hatte sie im größten Ernste vorgetragen. Der Kreishauptmann und der Rittmeister hatten ihn nicht unterbrochen. Ihre Augen ruhten befremdet auf ihm. Sie waren keineswegs frei vom Aberglauben; sie sahen seine ernste Miene und wußten nicht, was sie denken sollten.

Die Ratniki und Kosaken aber hingen mit ihren Blicken an seinem Munde. Besonders die letzteren Beiden waren ganz starr und unbeweglich vor Aufmerksamkeit. Jetzt, als er geendet hatte, sagte jener Enkel der mehrfach erwähnten Großmutter:

»O, Ihr Heiligen alle! Sollte das wirklich unser Frosch gewesen sein!«

»Jedenfalls!« nickte Sam ihm zu.

»Du redest doch die Wahrheit?«

»Natürlich! Du siehst ja, daß ich Euch losgekauft habe!«

»So hat er Dir wirklich Geld für uns mitgegeben?«

»Lauter Fünfzigrubelscheine. Dann stieß er wieder einen Seufzer aus, sagte ›gute Nacht‹ und tauchte in das Wasser zurück, um in das Innere der Erde niederzufahren.«

»Mein Himmel! Wie viel ist es?«

»Das werden wir gleich sehen. Aber da fällt mir noch Eins ein. Er machte nämlich eine Bedingung, die ich beinahe vergessen hätte.«

»Welche?«

»Ich selbst soll Euch die Pferde, den Proviant und die Fourage kaufen, damit Ihr nicht betrogen werdet.«

»Das ist ja sehr gut.«

»Und sodann sollt Ihr Euch keinen Augenblick hier aufhalten, sondern sofort aufbrechen.«

»O, wie gern werden wir das thun!«

»So kommt her an den Tisch und seht, wie viel ich Euch aufzähle!«

Er legte zunächst so viel hin, wie der Betrag für die beiden Ratniki war. Diese steckten das Geld schmunzelnd ein.

»So,« lachte Sam. »Ihr seid bezahlt. Euch hat der Frosch keine Bedingung gemacht. Ihr könnt also Wutki trinken und, wenn es Euch beliebt, das ganze Geld versaufen.«

Sie sahen sich an und dann ihn, blickten auf das Geld, lachten mit weit gezogenen Mäulern und dann sagte der Eine:

»Meinst Du, Väterchen, daß dieses Geld nicht verschwindet, wenn wir trinken?«

»O ja, das meine ich.«

»Der Frosch holt es?«

»Nein; aber ich befürchte, Ihr werdet so lange trinken, bis Ihr kein Geld mehr habt. Dann ist es natürlich verschwunden.«

»Heiliger Pablo! So ein Geld! Wie viel Wutki man dafür bekommt! Ganze Fässer voll! Willst Du nicht mit uns gehen?«

»Nein.«

»So gehen wir. Im Wirthshause sind wir zu finden.«

Sie sprangen schleunigst zur Thür hinaus. Wenn der Rittmeister sie nicht eher zur Einkleidung holen ließ, so hörten sie gewiß nicht eher auf zu trinken und dazwischen hinein die Räusche zu verschlafen, als bis das Geld alle sein werde.

Nun zählte Sam das weitere Geld in zwei gleichen Theilen auf, so daß es in Summa gerade so viel machte, wie er aus der Tasche des Kreishauptmannes genommen hatte. Er zählte es in kleineren Scheinen auf, denn hätte er einen Tausendrubelschein sehen lassen, so würde der Kreishauptmann wahrscheinlich Verdacht geschöpft haben. Uebrigens hatte der Letztere seinen Verlust noch gar nicht bemerkt.

»So. Hier liegt's,« sagte er. »Das ist Dein und das ist Dein. Nun zählt einmal nach! Jeder muß gleich viel haben.«

Die beiden Kosaken hingen mit trunkenen Blicken an den Scheinen. Sie fanden keine Worte für ihr Entzücken.

»Wir – wir – wir können – das ja gar nicht – zählen!« stammelte der Eine.

»Warum nicht! Seht es Euch nur richtig an.«

»Ja, wir sehen es. Aber so weit zu zählen, das haben wir gar nicht gelernt. Wie viel ist es denn?«

Sam nannte die Summe.

Beide stießen laute Rufe aus, sanken, vor ihm in die Kniee und ergriffen seine Hände, um sie zu küssen.

»Unsinn!« sagte er gerührt. »Steht auf! Ihr habt es doch nicht mir zu verdanken, sondern dem wackeren Frosch! Schmatzt doch dem die Pfoten!«

»Der ist doch nicht da. Und Dir haben wir es ja auch zu danken. Du hättest es doch behalten können.«

»Fällt mir nicht ein. Der Frosch wäre mir zu jeder Mitternacht erschienen.«

»Aber wenn Du nicht an den Fluß gegangen wärst, so hättest Du ihn nicht getroffen; also schulden wir Dir auf alle Fälle unseren Dank.«

»Na, meinswegen! Wenn Ihr danken wollt, so dankt mir dadurch, daß Ihr jetzt aufsteht und Euch verständig betragt. Steckt Euer Geld ein!«

»Dürfen wir denn?«

»Natürlich.«

»O Gott, welch ein Glück, welch ein Glück!«

Sie wollten zugreifen; da aber trat der Kreishauptmann schnell hinzu, schob sie zurück und sagte:

»Halt! So schnell geht das nicht. Hier habe auch ich ein Wort zu sprechen.«

»Wieso?« fragte Sam.

»Dieses Geld entstammt einem Schatze?«

»Ja«

»Welcher in der Nähe des Feuerwerksgebäudes begraben lag?«

»Ja.«

»So habt Ihr kein Recht darauf.«

»Ah! Wieso?«

»Alle Schätze gehören der Regierung.«

»Meinst Du?«

»Ja, dem Zaaren. Ich lege also Beschlag auf dieses Geld.«

Er wollte zugreifen; da aber legte Sam die Mündung seiner Büchse auf den Tisch und zog den Hahn auf.

»Pst!« meinte er. »Nimm Dich in Acht! Die Hand, welche ohne meine Erlaubniß einen dieser Scheine berührt, schieße ich entzwei!«

»Wage es!« rief der Kreishauptmann, indem er aber doch schnell zurücktrat.

»Da giebt es gar nichts zu wagen. Bestehlen lasse ich mich nicht.«

»Das ist kein Diebstahl, sondern meine Pflicht, welche ich thun muß.«

»Mache Dich nicht lächerlich! Du hast hier gar nichts zu befehlen und gar nichts zu confisciren oder in Beschlag zu nehmen!«

»Doch. Das Gesetz gebietet es mir.«

»Wie heißt denn dieses Gesetz?«

»Alles unter russischer Erde Vergrabene ist Eigenthum des Zaaren.«

»Schön. Also geht Dich dieses Geld gar nichts an und dem Zaaren auch nicht.«

»Es lag doch unter russischer Erde!«

»Beweise das!«

»Nun, wir befinden uns doch hier in Rußland?« fragte der Beamte erstaunt. »Oder ist Sibirien nicht ein russisches Reich?«

»Das ist es.«

»Also habe ich Recht.«

»Nein, sondern Du hast Unrecht.«

»Das zu beweisen, wird Dir unmöglich sein!«

»Es ist sogar sehr leicht. Ein jedes Kind kann den Beweis führen.«

»Oho! Führe ihn doch einmal!«

»Mit Vergnügen! Freilich ist es für Dich keineswegs eine Ehre, daß ich Dir erst noch beweisen muß, daß ich Recht habe. Also sage mir, wo der Schatz gelegen hat?«

»Bei der Feuerwerkerei.«

»Nein.«

»Nicht? Du hast es ja vorhin selbst gesagt!«

»Du mußt mich nur richtig verstehen. Bei der Feuerwerkerei ist er zur Oberfläche der Erde gekommen. Eigentlich aber liegt er im Innern der Erde.«

»Das ist doch gerade unter uns, also russisch.«

»Hm! Welche Gestalt hat denn die Erde?«

»Sie ist eine Kugel.«

»Schön. Also haben alle Länder der Erde das gleiche Eigenthumsrecht am den Mittelpunkt derselben. Nicht?«

»Hm! Verdammt!«

»Nicht der Zaar allein darf als Eigenthum verlangen, was da unten liegt.«

»Ja. Aber der Geist hat es nach Sibirien gebracht!«

»Um es mir für diese beiden Männer zu geben. Der Schatz gehört dem Geiste. Er kann damit machen, was er will.«

»Höre. Dein Geist existirt gar nicht!«

»Meinst Du?«

»Ja. Es ist Schwindel.«

»Von wem sollte ich das Geld haben?«

»Wer weiß es!«

»Was ziehst Du für ein Gesicht? Meinst Du etwa, daß ich es gestohlen habe!«

»Nein. Ich – ich – ich denke, daß Du es aus Deiner eigenen Tasche genommen hast, um uns zum Aerger diese beiden Menschen loszukaufen.«

»Nun, wenn dies so wäre, so hättest Du noch viel weniger Recht, es zu confisciren. Uebrigens fällt es mir gar nicht ein, eine solche Summe auszugeben, nur um Euch zu ärgern. Wenn ich Euch ärgern will, so kann ich es thun, ohne eine solche Summe auszugeben.«

»So ist sie also nicht von Dir?«

»Nein.«

»Von wem denn?«

»Von dem Frosche.«

»Mensch, hältst Du uns denn wirklich für so alberne Kerle, daß wir das glauben?«

»Ja. Und es wäre gar nicht gut für Euch, wenn Ihr es nicht glaubtet! Ihr werdet wahrscheinlich heut von diesem Frosche noch viel mehr erfahren, was Euch gefährlich wäre, wenn es nicht nur das Gequake eines Frosches wäre.«

»Was denn?«

»Wartet es ab! Jetzt muß ich fort. Wir haben mehr zu thun, als uns darüber zu streiten, wem der Mittelpunkt der Erde gehört.«

»Fahre Du selbst hinab.«

»Danke! Ich kann kein Schießpulver schnupfen und könnte mich also leicht erkälten. Nehmt getrost Euer Geld und kommt mit mir!«

Diese Worte wurden an die beiden Kosaken gerichtet. Sie ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie griffen zu und im Nu waren die Scheine in ihren Taschen verschwunden. Der Kreishauptmann wagte es nicht mehr, dieses zu verhindern.

»So!« nickte Sam. »Nun sind wir fertig. Lebt wohl!«

»Lebt wohl!« knirschte der Beamte. »Ich hoffe, daß ich Euch nicht so bald wiedersehe.«

»Und ich denke, wir kommen heut noch einmal.«

»Für Euch bin ich nie mehr da.«

»Wird sich finden!«

Er schritt hinaus. Die Kosaken folgten. Jim und Tim standen auch langsam von ihren Stühlen auf.

»Good day, alter Schelm!« sagte der Erstere, indem er dem Kreishauptmann im Vorübergehen einen Rippenstoß versetzte.

»Fare well, Hallunke!« grinste der Letztere den Rittmeister an und fuhr ihm mit der Faust in die Seite.

Dann schloß die Thür sich hinter ihnen.

Die beiden Zurückbleibenden befanden sich in einer unbeschreiblichen Stimmung. Sie, die den ganzen Kreis fast verantwortungslos beherrscht hatten, mußten jetzt plötzlich so fremden, hergelaufenen Leuten zu Diensten sein.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich diesem Kerl nicht noch Eins anhänge!« zürnte der Rittmeister, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug.

»Auf meine Beihilfe kannst Du rechnen,« stimmte sein Vater bei.

»Mich mit der Faust in die Seite zu stoßen! Welch eine Frechheit!«

»Der Eine von den langen Kerls stieß mich ebenfalls!«

»Und das Schlimmste ist, daß wir uns nicht zu wehren vermögen.«

»Eine verdammte Geschichte! Was sagst zu dem Gelde?«

»Wie es mit demselben zugeht, das weiß der Teufel.«

»Glaubst Du an Geister?«

»Hm!«

»Oder an Gespenster?«

»Es soll welche geben.«

»Ja, es giebt welche, und allemal ist auch ein Schatz dabei. Es wäre doch möglich –«

»Hier nicht. Das hat eine andere Bewandtniß.«

»Meinst Du? Es wäre doch möglich, daß es sich wirklich um einen vergrabenen Schatz handelt.«

»So? Aller wie viele Jahre darf der Geist wiederkommen, wie dieser verdammte Dicke sagte?«

»Aller hundert Jahre.«

»Wie lang also ist der Schatz wenigstens vergraben?«

»Wenigstens grad so lange Zeit, also hundert Jahre.«

»Gut! Hast Du Dir die Scheine angesehen?«

»Ja.«

»So hast Du doch wohl bemerkt, daß auch ganz neue dabei waren?«

»Gewiß.«

»Nun, können die von einem Schatze sein, der vor so langer Zeit vergraben worden ist?«

»Nein.«

»Also ist das mit dem Schatze ein Schwindel. Ich weiß, woran ich bin.«

»Nun, was denkst Du denn?«

»Das Gold ist aus des Dicken Tasche.«

»Er gab es doch nicht zu!«

»Natürlich! Er steckt mit den beiden Hunden von Kosaken unter einer Decke.«

»Denkst Du?«

»Ja; es ist nicht anders zu erklären.«

»Und ich halte die beiden Kerls für zu dumm, als daß sie dem Dicken von Nutzen sein könnten.«

»Pah! Es kommt nur darauf an, was von ihnen verlangt wird. Es giebt ja Tausenderlei, was selbst der dümmste Mensch ganz leicht zu Stande bringt, zum Beispiel das Schweigen.«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Das wundert mich, da Du doch sonst nicht so langsam von Begriffen bist. Ich meine, daß der Dicke mit seinen beiden langen Zaunslatten die Nummer Zehn befreit hat.«

»Ah! Dieser Gedanke ist nicht übel.«

»Ich treffe damit ganz gewiß das Richtige. Und die beiden Kosaken haben geholfen. Sie haben das Versprechen erhalten, daß sie losgekauft werden und auch noch Geld dazu erhalten.«

»Das glaube ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Dazu sind sie denn doch zu pflichtgetreu.«

»Traue diesen Hunden nicht zu sehr! Ich sage, daß ein Hiesiger es nimmermehr gewagt hätte, in die Feuerwerkerei zu gehen, um den Gefangenen zu befreien.«

»Hm! Vielleicht doch.«

»Und sich in dieser Weise auch an uns zu vergreifen?«

»Da weiß ich allerdings Keinen, dem ich das zutrauen möchte!«

»Uns in Theer und Werg zu wickeln! Das kann nur solchen verfluchten Amerikanern einfallen.«

»Ich möchte wirklich annehmen, daß sie es gewesen sind. Woher weiß dieser dicke Kerl denn gar so genau, daß wir es gewesen sind! Aber wehe ihm!«

»Ich bin im Stande, sie alle Drei heimlich niederzuschießen.«

»Nur nicht zu hitzig! Wir rächen uns. Es wird sich schon eine Gelegenheit dazu finden. Die beiden losgekauften Kosaken aber sind unschuldig.«

»Unsinn!«

»Du meinst wirklich, daß sie erkauft sind? Das stelle ich entschieden in Abrede. Sie gruben so eifrig nach ihrem Schatze, daß man annehmen muß, sie haben es wirklich ernst damit gemeint.«

»Das schien freilich so.«

»Und vorhin die Freude, als sie das Geld sahen! War die etwa nur geheuchelt?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Ihre Ueberraschung war ganz aufrichtig und natürlich. Man sah es ihnen deutlich an, daß sie vorher nicht das Mindeste gewußt hatten.«

»Nun, wenn sie nicht wissentlich Verbündete dieser Amerikaner waren, so sind sie es ohne ihr Wissen gewesen. Sie haben nicht aufgepaßt.«

»Es ist allerdings stark, sich vom Posten zu entfernen, um einen Schatz zu heben.«

»Ich bin überzeugt, daß der Amerikaner ihnen das Märchen von dem Schatze aufgebunden hat, um sie von dem Gefängnisse zu entfernen.«

»Warum aber zahlt er ihnen ein solches Geld, wenn er ihnen nichts versprochen hat?«

»Das weiß freilich nur der Teufel. Er hat auf alle Fälle dabei eine Absicht und wir wollen uns nur vor ihm in Acht nehmen. Er hat noch irgend Etwas gegen uns, da er vorhin sagte, er werde wahrscheinlich wiederkommen.«

»Der Frosch hätte ihm Etwas gesagt.«

»In die Hölle mit diesem verdammten kindischen Frosche! Es ist Etwas gegen uns im Werke. Daß ich diese zwei Kosaken frei lassen muß, das wurmt mich gewaltig.«

»Eigentlich ist mir das sehr gleichgiltig, aber es kann mich doch ärgern, daß sie anstatt der Strafe eine solche Summe Geldes erhalten haben.«

»Ich möchte sie ihnen doch noch abnehmen.«

»Wie und wo? Es giebt keinen rechtlichen Grund dazu.«

»Was thue ich mit rechtlichen Gründen! Ich nehme ganz einfach ein paar meiner Leute mit, laure die Beiden ab, wenn sie die Stadt verlassen und nehme ihnen Alles weg, das Geld und auch die Papiere, welche ich ihnen gezwungener Weise habe ausstellen müssen.«

»Das geht nicht!«

»Sogar sehr leicht. Ich bin ihr Vorgesetzter und werde leicht Mittel finden, mein Verhalten beim Obersten zu rechtfertigen.«

»O, das wäre das Wenigste. Aber dieser dicke Mensch aus – aus – wie hieß die große Stadt?«

»Her– Her– Herlas– weiter weiß ich es nicht; geht mich auch nichts an. Was ists denn mit ihm?«

»Wenn er erfährt, daß Du seinen Schützlingen Alles abgenommen hast, so kommt er uns wieder auf den Hals.«

»Muß er es denn erfahren?«

»Hm! Ja! Nothwendig ist es nicht.«

»Ich muß ja doch meine ganzen Leute aussenden, um nach den Spuren von Nummer Zehn zu suchen!«

»Was! Das hast Du noch nicht gethan?«

»Hatte ich bisher Zeit, um mich in eingehender Weise damit zu befassen? Ich war von heut Nacht so kaput, daß ich unbedingt schlafen mußte. Freilich ists mit dem Schlafe auch nichts geworden. Ich denke, die beiden Lieutenants werden an meiner Stelle bereits die nöthigen Maßregeln getroffen haben. Zwei Pferde zu kaufen, das dauert nicht lange. Dann sollen die Kerls sofort aufbrechen. Also könnte das in allerhöchstens zwei Stunden sein. Den Weg, welchen sie einschlagen, kenne ich auch. Ich kann sie sehr leicht draußen an dem Weidensteine ablauern. Und das werde ich thun. Dort müssen sie vorüber.«

»Es wäre freilich erwünscht, die Papiere zurückzuerhalten.«

»Und das Geld dazu. Der Dicke denkt, sie sind fort, und bekümmert sich nicht weiter um sie. Sobald er dann Platowa verlassen hat, lasse ich sie wiederkommen und sie erhalten die hundert Knutenhiebe, welche ich ihnen versprochen habe. So wird von mir ganz dasselbe erreicht, was Du mit dem Grafen erreicht hast.«

»Ja. Ich habe meine Papiere wieder und auch das Geld dazu.«

»Hast Dir doch Beides gut aufgehoben?«

»Ja. Eingeschlossen habe ich es nicht.«

»Sapperment! Warum nicht?«

»Konnte ich denn? Erst die Besprechung mit dem Grafen, dann mit seiner Gökala. Nachher überkam mich die Müdigkeit. Aber schlafen konnte ich nicht wegen diesen drei amerikanischen Hallunken, die uns ja keine Ruhe gelassen haben.«

»So muß es jetzt Dein Erstes sein. Alles gut aufzubewahren, daß es in keine falschen Hände kommt.«

»Unsinn, aufbewahren!«

»Etwa nicht?«

»Die Papiere nicht. Wozu soll ich sie aufheben? Was können sie mir noch nützen? Sie können mir nur schaden, wenn sie von Jemandem entdeckt werden. Ich muß sie einfach vernichten. Aber das Geld werde ich einschließen, denn wenn Deine Mutter es bemerkte, so hätte sie sofort tausenderlei Bedürfnisse, so daß es in einigen Tagen alle wäre.«

»Wo hast Du es denn? Etwas muß ich freilich auch davon bekommen.«

»Du? Wozu denn?«

»Meinst Du, daß ich ohne Geld leben kann?«

»Du verbrauchst zu viel.«

»Nicht weniger als Du, nämlich im Verhältnisse.«

»So! Hm! Wieviel willst Du?«

»Nun, wieviel giebst Du?«

»Das möchte ich lieber von Dir hören, und ich hoffe, daß Deine Forderung nicht allzusehr unbescheiden sein wird. Das Geld und die Papiere habe ich da in – – –«

Er schlug mit der Hand nach der Brusttasche seines Rockes. Als er da nichts fühlte, machte er ein höchst erschrockenes Gesicht.

»Was hast Du? Was ists?« fragte sein Sohn.

»Alle – – alle – Teu – – Teufel!«

»Donnerwetter! Was machst Du für ein Gesicht? Ich will doch nicht fürchten, daß Du das Geld – – –!«

»Es ist weg!«

»Unmöglich!«

»Weg, weg ist es!«

»So sieh doch nach!«

Der Kreishauptmann hatte voller Schreck beide Hände starr auf die Stelle seines Rockes gehalten, an welcher sich die Brusttasche befand. Er drückte und drückte darauf, aber er fühlte nichts darin.

»Hölle und Teufel! Es ist wirklich fort.«

»So greif doch nur hinein.«

»Ja – – ja – – –!«

Er öffnete den Rock und steckte die Hand in die Tasche. Sein Gesicht wurde länger und immer länger.

»Nun? So rede doch!«

»Leer – – leer!«

»Das ist doch unglaublich.«

»Da – da, greif herein!«

Der Rittmeister griff auch hinein und fand die Tasche leer.

»Himmeldonnerwetter!« fluchte er. »Das ist doch ganz und gar unmöglich. Du mußt Dich irren.«

»Nein, nein.«

»Hast Du vielleicht die Röcke gewechselt?«

»Habe gar keine Zeit dazu gehabt.«

»So hast Du diesen hier unten im Keller angezogen?«

»Freilich!«

»Und das Geld hineingesteckt?«

»Ja, das Geld und die Papiere.«

»Auch wirklich in diese Innentasche auf der Brust?«

»Ja, denn ich stecke niemals Geld oder Werthsachen in eine andere. Es war noch dazu – –ah, Sapperment! Da fällt mir ein: Ich hatte doch den Rock gleich zugeknöpft. Also habe ich das Geld nicht in diese Tasche stecken können. Er legte es mir hin, und ich nahm es und – – – oh, ich Esel, ich gewaltiger Esel!«

Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

»Was denn?«

»Erschrecke ich mich und Dich so unnöthiger Weise. Es ist nicht verloren; es ist ja da!«

»Wo denn?«

»Ich weiß es ganz genau. Ich nahm es und steckte es hier in diese Seitentasche. Da ist es noch.«

»Gott sei Dank, daß – – Himmelsakkerment! Etwa auch nicht?«

Der Alte war, vor Freude im ganzen Gesichte strahlend, mit der Hand in die Seitentasche gefahren. Jetzt ließ er die Hand drin und stierte dem Sohne ins Gesicht. Er war ein Bild des Schreckes. Er vergaß, zu antworten.

»Nun! Rede doch!« rief der Rittmeister.

»Auch da ists nicht!« stammelte der Kreishauptmann.

»Mensch! Vater! Du bist wohl toll!«

»Fort – fort – fort.«

»Oder irrst Du Dich?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Hasts vielleicht in die Tasche auf der andern Seite gesteckt?«

»Nein. Jetzt weiß ich es ganz genau. Ich steckte es hier hüben hinein und nicht da drüben.«

»So sieh doch wenigstens nach.«

»Nützt nichts. Da, da hast Du.«

Er zog auf beiden Seiten das Futter aus den Taschen. Beide waren leer.

»Oder hast Du es in den Hosentaschen?«

»Nein. Will nachsehen.«

Seine Hände zitterten, so aufgeregt war er. Er suchte und suchte, fand aber nichts.

»Vater, es muß dennoch ein Irrthum vorliegen. Du hast das Geld wohl gar nicht eingesteckt!«

»Natürlich hab ichs eingesteckt.«

»Du täuschest Dich.«

»Nein. Ich weiß es sehr genau.«

»Es muß noch unten im Keller liegen. Sehen wir einmal nach.«

»Ja, sehen wir nach.«

Sie brannten eine Laterne an und gingen hinab. Trotz alles Suchens und trotzdem sie in jeden Winkel und hinter jedes Faß und Gefäß leuchteten, es war keine Spur des Verlorenen zu finden.

»Bei Gott! Es ist Alles weg!« rief der Rittmeister zornig.

»Ich – ich kanns – kanns nicht begreifen!« stammelte sein Vater.

»Ich noch viel weniger. Das schöne Geld und solche wichtige Papiere hebt man doch heilig auf.«

»Ich hab Alles eingesteckt. Alles! Hier ist es nicht aus meiner Tasche gekommen.«

»Wo aber denn?«

»Nur oben kann es geschehen sein.«

»So denke nach.«

»Ja, nachdenken.«

»Denke nach, wo Du überall gewesen bist.«

»Wo soll ich gewesen sein! Nur in der Wohnung. Aus dem Haus hinaus bin ich gar nicht gekommen.«

»Das weiß ich auch. Aber in welchen Stuben bist Du gewesen?«

»Bei Dir, bei mir und in derjenigen, welche Gökala erhalten hat.«

»So müssen wir dort suchen. Wir müssen auch die Mutter fragen.«

»So erfährt sie ja, daß ich Geld habe.«

»Wir fragen nur, ob sie nichts gefunden hat.«

Das geschah. Sie suchten und fragten überall. Selbst Gökala's Thür wurde wieder aufgeschlossen, um das Zimmer zu durchsuchen. Sie saß am kleinen Fenster und blickte traurig hinaus auf die an Abwechslung so arme Ebene. Als die Beiden eintraten, fragte der Kreishauptmann höflich:

»Töchterchen, ich war hier bei Dir und habe Etwas verloren. Hast Du es vielleicht gefunden?«

»Nein.«

»Sage mir die Wahrheit.«

Er blickte ihr mit angstvollen Augen in das Gesicht. Sie bemerkte das; darum antwortete sie:

»Du scheinst etwas sehr Wichtiges verloren zu haben, darum will ich Dir verzeihen, daß Du mich aufforderst, die Wahrheit zu sagen. Ich bin keine Diebin.«

»Das weiß ich, das weiß ich, das glaube ich gern. Du hast ja gar nicht nothwendig, zu stehlen. Der Herr Graf, der Dich so lieb hat, sorgt ja für Dich. Du hast Alles, was Dein Herz nur wünschen mag, aber – –«

Er hielt inne und blickte ihr forschend und sichtlich mißtrauisch in das Gesicht.

»Was aber?« fragte sie daher ernst.

»Verzeihe mir. Töchterchen! Du willst mich nicht bestehlen, ganz gewiß nicht; aber Du könntest es doch behalten haben.«

»Das wäre ja eben Diebstahl.«

»Nein. Du willst es gar nicht behalten. Du willst mich nur ein Weilchen erschrecken, aus Rache.«.

»Aus Rache? Wofür?«

»Daß ich Dich eingeschlossen habe.«

»Das wäre eine sehr niedrige Gesinnung. Ich bitte Dich sehr, anders von mir zu denken. Ich räche mich nie, und am Allerwenigsten an solchen Personen, wie Ihr seid.«

»So hast Du also wirklich nichts gefunden?«

»Nein. Das sage ich nun zum letzten Male.«

»Mein Gott! Welch ein großes, großes Unglück.«

Als er so fassungslos und jammernd vor ihr stand, fühlte sie trotz seiner Schlechtigkeit doch Mitleid mit ihm.

»Was hast Du denn verloren?« fragte sie ihn.

»Ein wichtiges Papier.«

»Was betraf es denn?«

»Es betraf – den – – den Grafen und mich.«

»Ah! Darf ich den Inhalt erfahren?«

»Nein, unmöglich.«

»So enthielt es den Beweis einer Schlechtigkeit, welche Ihr gemeinschaftlich begangen habt.«

»Nein, o nein! Du irrst. Und sodann war viel, viel Geld dabei.«

»Wohl in Scheinen?«

»Ja.«

»So hast Du es bei mir nicht verloren.«

»Nicht! Was soll ich thun! Auf Dich hatte ich meine letzte Hoffnung gesetzt. Ich war überzeugt, daß ich es hier bei Dir verloren hätte. Nun ist auch das vorbei.«

»Komm, Vater!« mahnte der Rittmeister, welcher still hinter ihm gestanden hatte.

»Ja, aber wohin?«

»Nur heraus jetzt.«

Sie traten hinaus und verschlossen die Thür wieder.

»Glaubst Du ihr?« fragte der Alte.

»Ja.«

»Sie lügt aber doch vielleicht.«

»Nein, die macht keine Lüge. Was sie sagte, das war die volle Wahrheit.«

»Das kannst Du doch nicht wissen.«

»O doch! Der sieht man es an, daß sie keiner Unwahrheit fähig ist. Und wenn sie eine Lüge sagte, so würde dieselbe deutlich auf ihrem Gesicht geschrieben stehen. Sie würde vor Scham über sich flammend erröthen.«

»Meinst Du? Ich traue keinem Menschen, einem Weibe am Allerwenigsten. Sie sind alle falsch und heuchlerisch. Aber, was thun wir nun?«

»Weiß ich es?«

»Weiter suchen!«

»Aber wo?«

»Ueberall!«

*

75

»Dazu habe ich keine Zeit. Wie man eine solche Summe und solche wichtige Papiere verlieren kann, das ist mir gradezu unfaßbar. Du bist doch kein kleines Kind mehr! Und sollte es Altersschwäche sein!«

»Keins von Beiden! Ich weiß ganz genau, daß ich es gut eingesteckt habe.«

»So wäre es doch da!«

»Es ist mir gestohlen worden!«

»Pah! Von wem denn?«

»Das weiß der Teufel, ich aber nicht. Jemand hat es mir aus der Tasche genommen. Es ist nicht anders möglich.«

»Ist Dir denn Jemand so nahe gekommen?«

»Weiß nicht.«

»Sinne nach. Einer, der Dich auf solche Weise bestiehlt, muß doch ganz nahe bei Dir gestanden haben.«

»Natürlich.«

»Und es darf Niemand dabei gewesen sein, der den Diebstahl hätte bemerken können.«

»Das ist sehr richtig.«

»Nun, so besinne Dich! Wer könnte das gewesen sein?«

»Hm!«

Indem er diesen Brummlaut ausstieß, nahm sein Gesicht einen Ausdruck eigenartiger, höhnischer Spannung an.

»Wer hat so nahe und ganz allein bei Dir gestanden?« wiederholte der Rittmeister.

»Nur Einer, ein Einziger.«

»Na, wer denn?«

»Du.«

»Ich – – –?« rief der Offizier, indem er seinen Vater erstaunt ansah.

»Ja, Du!«

»Was willst Du damit sagen?«

»Deine Frage will ich beantworten.«

Der Offizier errieth die Gedanken seines Vaters.

»Du denkst doch nicht etwa – – –?«

»Was?«

»Daß ich Dich bestohlen habe!«

Jetzt war auf dem Gesichte des Alten das deutlichste Mißtrauen zu lesen. Sein Blick wurde stechender und seine Miene finsterer, als er fragte:

»Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Dein Verhalten ist grade so, als ob Du mir mißtrauest.«

»Ich habe ja gar kein Wort gesagt.«

»Aber es steht Dir klar und deutlich im Gesicht geschrieben!«

»Das denkst Du nur, das böse Gewissen macht mißtrauisch.«

»Vater!« brauste der Rittmeister auf.

»Iwan!« donnerte der Alte noch stärker.

»Ich – Dich bestehlen!«

»Warum nicht?«

»Das ist Wahnsinn!«

»Pah! Du selbst bringst mich auf diesen Gedanken!«

»Aber er ist ein ganz und gar verrückter.«

»Wohl nicht!«

»Vater, ich verbitte mir denn doch allen Ernstes eine solche Beleidigung!«

»Spiele nicht Komödie! Zwischen Vater und Sohn kann keine Beleidigung fallen. Bist Du etwa ein solcher Engel, daß man Dir so Etwas nicht zutrauen dürfte?«

»Ein Engel bin ich nicht, aber auch kein Dieb!«

»Lächerlich.«

»Nu ja! Aber Dich werde ich nicht bestehlen.«

»Pah! Denke zurück, wie oft Du mir über mein Casse gegangen bist!«

»Das waren nur Bagatellen, hundert Rubel, zuweilen auch zweihundert höchstens, mehr aber nie!«

»Die Summe beträgt doch Tausend.«

»Aber Tausend auf einmal, das habe ich niemals gethan!«

»Bisher. Aber heut hast Du es wohl einmal versucht!«

»Himmeldonnerwetter! Vater, bringe mich nicht auf!«

»Nein, sondern bleiben wir ruhig. Du befindest Dich in Noth. Du brauchst Geld!– – –!«

»Was soll das?«

»Wer Geld braucht, hilft sich leicht auf eine ungesetzliche Weise. Und den Vater zu bestehlen, daß ist doch eine Handlung, welche das Strafgesetzbuch nicht direct bedroht.«

»Ja, nur auf Antrag des Vaters wird der Sohn bestraft. Das ist sehr richtig. Also bitte ich, diesen Antrag gegen mich zu stellen.«

Er drehte sich scharf auf dem Absätze um und ging fort

»Iwan!« rief sein Vater.

Er erhielt keine Antwort.

»Iwan!«

»Was?« fragte der Sohn, stehen bleibend.

»Wo will Du hin?«

»Fort, um die beiden, Kosaken aufzulauern.

»Das ist jetzt Nebensache.«

»Nein, sondern Hauptsache!«

»Wir müssen über dieses Geld sprechen!«

»Ich bin fertig mit dem, was ich darüber zu sagen habe.«

»Also, aufrichtig! Ich verspreche Dir, nicht zu zürnen. Hast Du es?«

»Nein.«

»Wirklich nicht?«

»Donnerwetter! Mach mir es nicht zu bunt! Ich habe es nicht, und damit pasta!«

Der Alte hatte wirklich Hoffnung gehabt, daß der Rittmeister es heimlich zu sich gesteckt habe. Jetzt verschwand auch diese seine letzte Hoffnung.

»Daß Gott erbarm!« seufzte er tief und schmerzlich auf. »Also verloren, wirklich verloren!«

Da legte der Rittmeister dem Vater die Hand auf die Achsel und fragte:

»Du, spielst Du etwa Komödie mit mir?«

»Komödie? Wieso?«

»Wieso? Das brauchst Du gar nicht zu fragen. Du wirst mich schon verstehen.«

»Keine Ahnung!«

»Du thust nur so, als ob das Geld verloren sei.«

»Was? Ich thue nur so?«

»Ja, um mir nichts davon geben zu brauchen. Verstanden!«

»Himmel! Wenn ich es nur hätte, Du solltest sofort Deinen Theil erhalten.«

»So! Nun, ich will glauben, daß Du es verloren hast; glaube Du aber auch, daß ich es nicht gefunden habe! Wir können nichts thun, als nur suchen.«

»Das ist vergeblich.«

»Fang dennoch von vorn an, und such das ganze Gebäude durch! Ich will indessen dafür sorgen, daß wir Geld bekommen.«

»Ach, ja! Wir brauchen es!«

»Und zwar höchst nothwendig. Wenn das Deinige wirklich verloren ist, was ich aber gar nicht begreifen kann, so ist es desto nöthiger, uns anderes zu verschaffen. Und da muß ich schnell machen. Es ist bereits zu viel Zeit vergangen.«

Er stand während dieser Worte am Fenster und warf einen Blick hinaus.

»Siehst Du, wie Recht ich habe!« sagte er. »Da vor dem Gasthofe stehen zwei Pferde. Kennst Du sie?«

Der Alte trat herbei, blickte auch hinaus und antwortete:

»Die Schwarzen des Gastwirthes.«

»Er hat sie den Kosaken verkauft.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich vermuthe es. Schau! Da tritt der Dicke aus der Thür. Er betrachtet die Pferde! Es ist gewiß, daß sie jetzt den Kosaken gehören. Die werden bald aufbrechen, und ich muß ihnen doch zuvorkommen.«

Er eilte fort, hinüber nach den Pferdestellen, ließ schnell satteln und ritt nach kaum einer Viertelstunde mit noch sechs Kosaken davon – unbemerkt, wie er meinte.

Aber er wurde nur gar zu wohl bemerkt. Sam Barth hatte scharfe Augen.

Dieser Letztere war mit den beiden frei gewordenen Kosaken nach dem Gasthofe gegangen. Der Wirth desselben hatte, wie sie ihm sagten, zwei kleine, schwarze, kräftige Steppenpferde zu verkaufen.

Als sie dort eintraten, bot sich ihnen ein sehr unpoetischer Anblick dar.

Der Polizist lag unter dem Tische und schnarchte wie eine Lokomotive. An diesem Tische aber saßen die beiden Ratniki; der Eine hatte die Frau und der Andere die Tochter des Polizisten auf dem Schooße. Sie herzten und küßten sich und gossen sich dabei große Gläser von Wutki ein und tranken.

Die fünf Eintretenden wurden von Ihnen mit Jubel bewillkommnet. Sie sollten sich gleich zu ihnen setzen. Sam aber schlug es ab, es gab mehr zu thun.

Vor Allem mußten die beiden Kosaken fort. Kamen die einmal zum Schnapstrinken, so gab es sicher sobald kein Aufhören. Darum mußte der Wirth gleich seine Pferde vorführen. Sie gefielen und wurden billig gekauft.

Proviant und Anderes, was nöthig war, wurde auch sogleich vom Wirthe besorgt. Als die Thiere dann vor dem Gasthof geführt worden waren, trat Sam einmal hinaus, um sie nochmals zu betrachten. Da gewahrte er den Rittmeister, welcher eiligen Schrittes aus dem Regierungsgebäude kam und nach den Stallungen ging. Er warf dabei einige so eigenthümliche Blicke nach den beiden Pferden, daß Sam aufmerksam wurde.

Eine einzige kleine, ganz unscheinbare Bewegung, ein einziger Blick kann die innerste, verborgenste Absicht eines Menschen verrathen. Sam war ein Menschenkenner.

»Sapperment!« sagte er sich. »Das sah gefährlich aus! Fast, als ob es auf uns abgesehen sei. Werde mal aufpassen lassen.«

Er ging weiter hinein und sandte die beiden Kosaken heraus. Sie sollten heimlich spähen, wohin der Rittmeister sich wenden werde.

Bereits nach ziemlich kurzer Zeit kamen sie wieder zurück. Der Eine von ihnen war stets schweigsam; der Andere hatte bisher immer den Sprecher gemacht. Er meldete auch jetzt:

»Väterchen, der Rittmeister ist fort.«

»Wohin?«

»Nach Westen, in die Steppe hinein.«

»Wohin geht Euer Weg?«

»Auch dorthin.«

»So! Hm!«

Er redete einige Worte in englischer Sprache mit Jim und Tim und frug dann weiter:

»Traut Ihr dem Rittmeister?«

»Warum sollten wir ihm jetzt trauen oder nicht? Er geht uns nichts mehr an. Wir sind frei.«

»Ja, einstweilen. Wie nun, wenn er Euch vorangeritten ist, um Euch Euer Geld abzunehmen?«

»Heiliger Himmel. Du erschreckst mich!«

»Und Eure kostbaren Papiere!«

»Das wäre doch Unrecht.«

»Ja, aber er hat sich nie vor dem Unrecht gefürchtet. Ihr hättet kein Geld und könntet nicht fort, denn vielleicht nähme er Euch gar auch die Pferde.«

»Das wolle die heilige Jungfrau verhüten!«

»Die kommt nicht vom Himmel herab, um es zu verhüten.«

»O ja, Väterchen. Die Gottesmutter kommt, wenn man sie nur recht inbrünstig bittet.«

»Wenn sie aber doch nicht kommt?«

»So hat sie nicht gewollt.«

»Sehr gut! Ich denke, sie wird bereits von vornherein nicht wollen. Ihr selbst müßt wollen, aber nicht nur wollen, sondern auch handeln. Nimmt Euch der Rittmeister die Papiere ab, so werdet Ihr wieder eingezogen und erhaltet die Knute.«

»Herr, behüte uns vor allem Uebel.«

»Ja. Aber Ihr selbst müßt Euch zunächst behüten. Kennt Ihr die Gegend genau, in welche Ihr reiten müßt?«

»Ja.«

»Wie ist sie? Bergig?«

»Nein, sondern ganz eben.«

»Giebt es nicht eine Unterbrechung?«

»Keinen Wald und gar nichts. Nur eine gute Stunde von hier liegen viele Felsen wirr durch einander. Es ist eine feuchte Gegend; darum wachsen zahlreiche Weiden dort. Aus diesem Grunde heißen die Steine die Weidensteine.«

»Sind die Weiden Bäume oder Büsche?«

»Beides.«

»Haben die Felsen einen großen Umfang?«

»Man reitet wohl zehn Minuten, ehe man an ihnen vorüberkommt.«

»Wie hoch sind sie?«

»Es sieht aus, als ob ein großes Gebäude, in welchem Riesen gewohnt hätten, eingestürzt wäre. Es giebt Haufen, welche hoch sind wie ein Thurm; andere aber sind niedriger.«

»Wer sich dort befindet, kann einen Jeden sehen, der von der Stadt her kommt?«

»Nein. Wenn Du dort bist, so kannst Du mich nicht sehen, wenn ich hier durch die Furth reite und einen Bogen nach rechts schlage, so daß ich dann anstatt von hier aus von Norden nach den Weidensteinen komme.«

»Das ist sehr gut, sehr gut. Diese Richtung werde ich einschlagen.«

»Wie? Willst Du nach den Felsen hin, Väterchen?«

»Ja, mein Söhnchen.«

»Warum? Willst Du uns vielleicht eine Strecke begleiten?«

»O nein. Das fällt mir gar nicht ein. Das wäre die größte Dummheit, welche ich in meinem Leben gemacht hätte.«

»Warum willst Du denn aber hin?«

»Um Euch zu beschützen.«

»Gegen wen?«

»Gegen den Rittmeister.«

»So denkst Du wirklich, daß er uns aufhalten wird?«

»Ja, und zwar dort bei den Weidensteinen. Er ist ja Offizier und muß als solcher wissen, daß sich dieser Ort zur Ausführung seines Planes am allerbesten eignet. Also ich schlage den erwähnten Bogen, und meine zwei Gefährten begleiten mich. Ihr Beide aber reitet einige Minuten nach uns von hier fort und grad auf die Weidensteine zu, aber langsam, nur im Schritt, wie man reitet, wenn man viel Zeit übrig hat.«

Es gab einen sehr triftigen Grund, diese Männer zum langsamen Reiten zu veranlassen. Während z. B. der Indianer das Pferd nur dann anstrengt, wenn die Veranlassung dazu vorhanden ist, strengt der Orientale es ohne alle Noth so an, daß es sehr schnell altert und zu Schanden wird. Das Pferd des Indianers ist dessen Gefährte, dessen Leben von seinem Thiere abhängt; das Pferd des Asiaten aber ist sein Sclave. Wie wunderlich Sams Weisung den Beiden vorkam, zeigte gleich die außerordentlich verwunderte Frage:

»Wie? Langsam sollen wir reiten? Im Schritt?«

»Ja.«

»Warum denn?«

»Weil Ihr sonst eher hinkommt als wir, die wir einen bedeutenden Umweg zu machen haben. Und doch müssen wir eher dort sein als Ihr!«

»Was schadet es, wenn wir eher hinkommen als Ihr?«

»Sehr viel. Ihr werdet von dem Rittmeister angehalten, ohne daß wir Euch dann beistehen können.«

»Ach so! Wir werden also thun, was Du uns sagst.«

»Gut! So wartet jetzt bis ich unsere Pferde geholt habe.«

Er ging hinaus in das Zeltdorf, wo in der Nähe vom Zelte des Tungusenfürsten sein Pferd nebst den Thieren Jims und Tims weideten.

Karparla stand vor der Thür. Als sie ihn kommen sah, kam sie ihm entgegen. Sie fragte ihn:

»Mann, wirst Du Dich mit dem Rittmeister schießen?«

»Jetzt nicht und vielleicht gar nicht.«

»Warum nicht.«

»Er fürchtet sich.«

»O, das ist sehr gut!«

»Warum?«

»Weil er Dich treffen könnte.«

»So! Das soll er wohl nicht?«

»Nein. Du bist mein Freund, und ich müßte bitterlich weinen, wenn Du verwundet würdest. Woher kommst Du jetzt?«

»Vom Kreishauptmanne.«

»Ach! Kannst Du mir sagen, ob ein Besuch bei ihm ist?«

»Ja. Die Dame, welche Du heut getroffen hast.«

»Wer sagte das?«

»Sie selbst.«

»Sie wollte zu mir kommen.«

»Sie kommt nicht.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Sie darf nicht. Der Mann, mit welchem Sie angekommen ist, hat es ihr verboten.«

»Weißt Du vielleicht, aus welchem Grunde?«

»Ich weiß es, doch ist die Zeit zu kurz, es Dir zu erklären.«

»Sie braucht sich aber doch an dieses Gebot gar nicht zu kehren, denn er ist nicht mehr da.«

»Das weißt Du?«

»Ja. Er ist mit zehn Kosaken fort nach dem Mückenflusse.«

»Das weißt Du also auch und zwar gewiß?«

»Ja. Sie mußten hier bei uns vorüber, und einer der Kosaken hat es einem unserer Leute gesagt.«

»Sie muß ihm dennoch gehorchen, denn der Herr hat dem Kreishauptmann den Befehl ertheilt, sie in strenger Wacht zu erhalten.«

»Mein Gott! So ist sie ja ganz und gar wie eine Gefangene!«

»Leider ja!«

»Nun gut! Wenn Sie nicht zu mir darf, so gehe ich zu ihr. Wir haben das so mit einander verabredet.«

»Auch das ist verboten. Es darf kein Mensch zu ihr.«

»Sam, lieber Sam, was ist da zu thun? Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen, aber ich habe sie bereits so lieb gewonnen, als ob sie meine Schwester sei. Ich vermuthe, daß sie zu einem Manne in einem Verhältnisse stehe, welches sie sehr unglücklich macht.«

»Das ist freilich der Fall.«

»So muß ich ihr helfen!«

Sie sagte das in sehr energischem Ausdrucke. Sam überflog das schöne gute Mädchen mit einem wohlgefälligen Blicke und antwortete:

»Du? Du willst ihr Hilfe bringen?^«

»Ja, ich! Ich muß!«

»Wie willst Du das anfangen?«

»Wie? Das weiß ich freilich noch nicht. Ich werde mit Vater und Mutter darüber sprechen.«

»Die werden auch keinen Rath wissen, denn um ihr helfen zu können, muß man natürlich mit ihren Verhältnissen vertraut sein.«

»So werde ich mich nach denselben erkundigen?.«

»Bei wem?«

»Bei – bei – ja, das weiß ich freilich auch nicht.«

»Schau, da wirst Du Dich doch wieder einmal auf einen verlassen müssen, dem es ein großes Vergnügen ist, Dir einen Gefallen zu erweisen.«

»Wer ist denn das?«

»Der alte, gute, dicke Sam.«

»Du, Du also! Ja, Du bist ein Mann, der alles fertig bringt, wie es scheint. Zu Dir habe ich das allergrößte Vertrauen. Du hast gleich gestern, als Du kamst und dann auch am Abende, gezeigt, daß Du den Rittmeister und auch den Kreishauptmann nicht fürchtest. Du hast dann den Nummer zehn befreit. Ich glaube, Dir müßte es auch gelingen, es möglich zu machen, daß ich Gökala besuchen darf.«

»Wenn Du es befiehlst, so werde ich es freilich möglich machen.«

»Befehlen, befehlen werde ich es nicht, aber ich bitte Dich recht dringend darum.«

Sie reichte ihm ihr kleines, volles, quatscheliges Händchen hin. Er drückte es an seine Lippen und antwortete:

»Na, diese Bitte soll ganz gewiß erfüllt werden, schon um dieses Händchens willen. Weißt Du, liebe Karparla, es ist für so einen alten Esel, wie ich bin, eine wahre Wonne, so ein appetitliches Händchen küssen zu dürfen. Und weil Du mir diese Seligkeit bereitet hast, so sollst Du mit Gökala reden dürfen.«

»Ich danke Dir! Aber wenn? Doch sogleich?«

»Sachte, sachte! So schnell geht das nicht, denn ich möchte Dir sogar die Freude machen, daß Sie Dich besuchen darf.«

»So viel Macht traust Du Dir zu?«

»Ja.«

Sie blickte ihn mit Erstaunen an.

»Höre, so bist Du ein viel vornehmerer Herr als es scheint.«

»Meinst Du? Ja, es steckt etwas dahinter! Oder vielmehr, es steckt inwendig in mir, und darum bin ich auch so dick. Habe nur ein Wenig Geduld. Ich muß erst einen Ritt machen, doch werde ich in zwei Stunden wieder hier sein.«

»Wohin willst Du?«

»Hinaus in die Steppe. Der Rittmeister hat, wie es scheint, eine Schlechtigkeit vor, und diese will ich verhüten.«

»Sam, Du bist wirklich ein Held, ein ganz gewaltiger Held!«

»Na, es giebt noch ganz andere Helden! Morgen zum Beispiel kommt Einer hier an, der ist noch ein ganz anderer Kerl als ich. Gegen den bin ich, was ein dummer Ochse gegen ein Vollblutpferd ist.«

»Wer ist er?«

»Das wirst Du später erfahren. Er kommt auch wegen Nummer Zehn.«

»Wirklich?«

»Ja. Er will ihn befreien.«

»Das ist gut! Das ist sehr schön! Ich habe solche Angst, Nummer Zehn will nach dem Mückenflusse. Jener Herr, mit welchem Gökala gekommen ist, will auch hin, und denke Dir, der Oberlieutenant ist auch mit zwanzig Mann bereits nach dort unterwegs.«

»Donnerwetter! Der Oberlieutenant? Was fällt dem ein?«

»Ich bin so sehr erschrocken, als ich es erfuhr. Es ist heut früh, nachdem Du fort warst, ein jakutischer Händler hier angekommen, welcher sehr oft hier ist und die Nummer Zehn sehr gut kennt. Beide sind einander begegnet. Der Jakute hat hier erfahren, daß Nummer Zehn gesucht wird, weil er entflohen ist, und ist sofort zum Oberlieutenant gelaufen, um ihm zu sagen, daß der Flüchtling die Richtung nach dem Mückenflusse eingeschlagen hat. Darum ist dieser Offizier mit zwanzig Mann schleunigst hinterher.«

»Davon weiß ich doch gar nichts, obgleich ich zweimal beim Rittmeister war, welchem doch so Etwas gemeldet werden muß!«

»Du kennst die Verhältnisse nicht. Der Oberlieutenant ist der eigentliche Commandant. Der Rittmeister ist zu träge und zu feig. Er trachtet nur darnach, den Rang zu besitzen. Der Oberlieutenant läßt sich von ihm auch nicht viel sagen.«

»So, so! Das hätte ich wissen sollen.«

»Du kannst Dir also denken, welche Angst ich habe.«

»Nun, beruhige Dich, mein Kind. Angst brauchst Du nicht zu haben. Ich bin auch noch da.«

»Ja. Du bist da. Das ist freilich wahr, aber das ist eben auch der Fehler. Du solltest am Mückenflusse sein.«

»Dort werde ich auch sein!«

»So! Wirklich? Wann?«

»Morgen geht es hin.«

»Gewiß?«

»Ja. Ich erwarte nur die Ankunft jenes Helden, den ich vorhin erwähnte.«

»Aber das ist zu spät. Der Oberlieutenant kommt einen ganzen Tag eher dort an.«

»Das ist gleichgültig. Ich komme doch noch zur rechten Zeit. Und übrigens weißt Du gar nicht, was für Reiter wir sind. Wir werden an einem Tage wenigstens achtzig Werst zurücklegen.«

»Das ist unmöglich!«

»Nein.«

»Unsere besten Reiter bringen das nicht fertig, und die haben doch von Kind auf im Sattel gesessen.«

»Ja, die sind auch keine Prairiejäger.«

»Was sind das für Leute?«

»Davon ein anderes Mal. Auch haben wir Pferde – ah, Pferde!«

Er schnippste mit den Fingern, als ob er an etwas ganz Außerordentliches denke.

»Nun,« lächelte sie, die sollen wohl so ganz seltene Exemplare sein?« Dabei deutete sie auf die drei Thiere, welche Sam, Jim und Tim gehörten.

»Ja.«

»Sie sehen aber nicht darnach aus. Sie scheinen sogar halb verhungert zu sein.«

»Denkst Du, daß man mit einem solchen Bauche, wie ich habe, gut laufen kann?«

»Nein. Du bist jedenfalls ein sehr schlechter Läufer.«

»O, wenn es sich nur um zehn Minuten oder eine Viertelstunde handelt, so nehme ich es wohl mit einem Jeden auf. Zu einem Dauerlauf aber habe ich kein Geschick.«

»Und das Reiten hältst Du aus?«

»Das ist meine Wonne. Also habe keine Angst um Nummer Zehn. Er ist so gut wie in Sicherheit.«

»Du machst mir das Herz sehr leicht. Ich vertraue ganz auf Dich.«

»Du wirst Dich sicherlich nicht täuschen.«

Ich glaube es, und darum – – –« .

Sie blickte vor sich hin. In ihrem Gesichtchen war eine gewisse Verlegenheit zu erkennen.

»Was wolltest Du sagen?« fragte er.

»Etwas, was ich doch nicht wagen darf.«

»Mir gegenüber darfst Du Alles.«

»O nein. Es ist zu viel verlangt. Du hast bereits so viel gethan und noch zu thun.«

»Darum eben bin ich ganz der richtige Mann, auch Anderes zu übernehmen. Also sage mir Deinen Wunsch!«

»Jetzt nicht. Erst muß ich wissen, wie Du über die Sache denkst.«

»Ganz wie Du.«

»Du weißt doch noch gar nicht, wovon ich sprechen will.«

»Das freilich! Aber wenn ich Dir in das Gesicht und in die Augen gucke, so kann ich gar keine andere Meinung als die Deinige haben.«

»Wenn das auch wahr wäre!«

»Du kannst es glauben.«

»Nun, so sage einmal, wie Du über die armen Verbannten denkst.«

»Eben grad so wie Du!«

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Grad so wie ich? Du weißt doch meine Gedanken gar nicht.«

»O, ich kenne sie sehr gut.«

»Woher?«

»Du hast sie mir ja mitgetheilt.«

»Wann denn?«

»Soeben, jetzt.«

»Ich weiß kein Wort davon!«

»Hast Du nicht gesagt, die ›armen‹ Verbannten?«

»Ja.«

»Du bedauerst sie also; Du fühlst Mitleid mit ihnen. Ist das nicht so?«

»Ja, wenn Du so scharfsinnig bist, so habe ich Dir allerdings meine Ansicht mitgetheilt. Du bemitleidest sie also auch?«

»Ja.«

»Es sind arme, gute, bedauernswerthe Menschenkinder?«

»Hm! Es mag wohl auch viele sehr schlimme Subjecte darunter geben; aber im Großen und Ganzen habe ich Sympathie für sie. Genügt Dir das?«

»Ja. Und nun sage mir, ob Du vielleicht einmal von dem Engel der Verbannten gehört hast.«

»Ja, und zwar erst in den letzten Tagen. In Irkutsk wurde von ihm gesprochen und unterwegs auch.«

»Weiß man, wer er ist?«

»Nein.«

»Und wo er sich befindet?«

»Auch nicht. Man ergeht sich da in verschiedenen Vermuthungen. Die Ungebildeten glauben, es sei wirklich ein Engel, der vom Himmel herabkommt oder wenigstens ein guter Geist, eine Fee oder so etwas Aehnliches. Die Klügeren wissen natürlich, daß es ein Mensch ist, sind aber nicht einig darüber, ob er männlichen oder weiblichen Geschlechtes ist.«

»So! Und was sagt man von ihm?«

»Daß er jeden Verbannten befreit, welcher in seine Nähe kommt, nämlich, wenn der Mann der Hilfe werth ist. Unwürdige liefert der Engel sogar an die Behörden zurück.«

»Ja, das ist wahr.«

»Das weißt auch Du?«

»Ja,« nickte sie.

»Woher?«

»Nun, man spricht doch überall davon. Eine gewisse Röthe der Verlegenheit hatte sich über ihr Gesicht verbreitet. Er bemerkte dies, sagte aber kein Wort darüber, sondern meinte:

»Für gar Manchen mag ein solcher Engel wirklich als ein Himmelsbote erscheinen. Es giebt wohl viele, viele Verbannte, welche ihr trauriges Loos nicht verdient haben.«

»O, Hunderte, Tausende!« rief sie schnell und in begeistertem Tone. »Eben darum hat der Engel es sich zur Aufgabe gestellt, einen jeden Würdigen sicher über die Grenze zu geleiten.«

»Man sagt, daß das Militair sehr dahinter ist, ihn einmal kennen zu lernen.«

»O, das wird nie geschehen.«

»Meinst Du?«

»Ja. Nur die eigenen Leute kennen ihn und würden lieber sterben als ihn verrathen.«

»Nur die eigenen Leute? Hm! Ich weiß einen sehr fremden Menschen, der diesen Engel ganz genau kennt.«

»Das ist unmöglich!«

»O doch!«

»Nein, nein! Ein Fremder kann ihn nicht kennen.«

»Wollen wir wetten?«

»Ja.«

»Um was?«

»Sage Du es. Ich weiß mit voller Gewißheit, daß ich gewinnen werde, darum sollst Du den Preis unserer Wette bestimmen.«

Man sah es ihr an, daß sie ihrer Sache sicher war. Es war ein Blick liebenswürdiger Ueberlegenheit, mit welchem sie die Gestalt Sams überflog. Dieser begegnete diesem Blicke seinerseits auch mit einem selbstbewußten Lächeln und antwortete:

»Aber Du mußt auch darauf eingehen, wenn ich den Preis nenne.«

»Ja, wenn ich kann.«

»Du kannst.«

»Nun, so sage ihn!«

»Wir wetten um einen Kuß. Gewinne ich, giebst Du mir einen, und verliere ich, bekommst Du von mir einen.«

Sie lachte lustig auf.

»Auf diese Weise gewinnst Du natürlich allemal.«

»Warum?«

»Ob Du den Kuß von mir bekommst oder ihn mir giebst, es ist doch immer ein Kuß.«

»Natürlich! Was weiter?«

»Also ein – ein – Glück für Dich.«

»Sapperment! Und da soll ich es sein, der auf alle Fälle am Besten wegkommt?«

»Ja.«

»O nein. Du bist es!«

»Wieso?«

»Ob Du mir den Kuß giebst oder ob Du ihn von mir empfängst, es ist doch immer und immer ein Kuß von mir. Denke Dir! Ein Kuß von dem dicken Sam! Tausende von Mädchens und Frauen würden viel für diese Seligkeit geben, nach der sie bisher vergebens gelechzt haben.«

»Du bist ein Spaßvogel!«

»Es ist mein völliger Ernst. Also, machst Du mit?«

»Nein. Ich will diesen tausend Frauen das Glück, nach welchem sie sich so sehr sehnen, nicht verkümmern.«

»Donnerwetter! Und grad Dich hätte ich am Allerliebsten einmal glücklich gemacht. So wird also aus unserer Wette nichts?«

»Nein.«

»Schade! Ich hätte sie ganz sicher gewonnen.«

»Im Gegentheile, ich!«

»Du irrst Dich.«

»O, ich weiß ganz genau, daß Du den Engel der Verbannten nicht kennen kannst.«

Sie sagte das außerordentlich eifrig. Sams Lächeln wurde immer siegesgewisser. Er sagte:

»Nichts weißt Du, gar nichts weißt Du, mein Töchterchen.«

Da stampfe sie in ihrem Eifer mit dem Füßchen auf und antwortete:

»Ich wüßte nichts? Grad ich, grad ich muß es am Allerbesten wissen!«

»So! Aber ich kann es Dir ja beweisen, daß ich den Engel kenne.«

»Nun, so beweise es!«

»Schön! Er ist weiblichen Geschlechtes. Ist das richtig?«

»Ja.«

»Er ist unverheirathet, also ein Mädchen.«

»Auch richtig.«

»Er ist kein gewöhnliches Mädchen, sondern die Tochter eines sehr angesehenen Anführers.«

»Ja.«

»Er hat auch einen sehr hübschen Namen.«

»Wie lautet der?«

»Karparla.«

Sie trat um einige Schritte zurück.

»Kar – – –! Wen meinst Du?«

»Dich natürlich.«

»Mich? Du denkst, ich sei der Engel der Verbannten?« fragte sie im Tone des größten Erstaunens.

»Ja, mein Herzchen.«

»Woher weißt Du das?«

»Von Dir selbst.«

»Kein Wort habe ich Dir gesagt.«

»O doch!«

»Keine Silbe!«

»Ausführlich, ganz ausführlich hast Du es mir eingestanden.«

»Wenn denn?«

»Während unserer Unterhaltung. Hast Du nicht bereits vorhin meinen Scharfsinn anerkannt? Hörbare Worte hast Du allerdings darüber nicht gesprochen, aber Dein Verhalten, Deine Ausdrucksweise war sprechend. Du hast Dich eben verrathen.«

»Sam, Du bist ein gefährlicher Mensch!«

»O nein. Ich bin ein selensguter Kerl.«

»Alles, Alles kannst Du errathen.«

»Ja, errathen, das thue ich gern; aber verrathen, das thue ich niemals. Also sage mir, habe ich Recht?«

Sie antwortete nicht sogleich.

»Oder traust Du mir nicht?«

»Sam, Dir traue ich. Du wirst es nicht weiter sagen.«

»Eher beiße ich mir den Kopf ab!«

»Ja, ich bin Diejenige, die man so nennt.

»Siehst Du, Kindchen. Na, hier nimm meine Hand. Dein Geheimniß ist bei mir sehr gut aufgehoben. Ich will Dir ehrlich sagen, daß ich ganz erstaunt über Dich bin.«

»Warum?«

»Dieser Engel der Verbannten zu sein, dazu gehört ein außerordentlicher Muth. Und den habe ich Dir nicht zugetraut.«

Sie nickte leise vor sich hin und antwortete:

»Ja, wir Frauen haben einen anderen Muth als Ihr. Ihr habt den Muth der Vernichtung und wir den Muth der Errettung, der Befreiung.«

Ihr Gesicht hatte einen tiefernsten Ausdruck angenommen. Sie schien jetzt eine ganz Andere geworden zu sein. Um den weichen, vollen Mund ging ein kurzes, energisches Zucken, und aus den Augen blitzte eine Entschlossenheit, der man schon etwas Ungewöhnliches zutrauen konnte.

»Karparla, ich erstaune nicht nur, sondern ich bewundere Dich,« sagte Sam. »Du kannst doch keinen Gefangenen befreien, ohne Dich in die eigene, größte Gefahr zu begeben.«

»Ja, gefährlich ist es,« lächelte sie.

»Und ich habe Dich für ein Wesen gehalten, welches vor so Etwas zurückschreckt.«

»Nun, gar so schlimm ist es freilich mit meinem Muthe nicht. Du müßt nämlich wissen, daß ich viele, viele Verbündete habe. Alle Stämme der Tungusen helfen mir.«

»Ah, ist es so!«

»Ja. Wir nehmen die entflohenen Verbannten bei uns auf, verbergen sie einzeln an verschiedenen Orten und holen sie dann zusammen, wenn wir nach der Grenze ziehen. Sie sind dann als Tungusen verkleidet und können nicht erkannt werden.«

»Hm! Das ist kein Lob für die hiesige Polizei.«

»Aber weißt Du, so ganz leicht ist es dennoch nicht. Wir begegnen sehr oft Militair, welches sich auf einem Streifzuge nach Geflohenen befindet. Da ist es oft sehr schwierig, der Entdeckung zu entgehen.«

»So wissen auch Deine Eltern um die Sache?«

»Natürlich. Das ganze Volk weiß es. Ich sollte ja grad aus diesem Grunde die Frau des Rittmeisters werden.

»Ah! Wie hängt das zusammen?«

»Das ist so: Mein Vater und der Schamane haben einst verschuldet, daß ein großer Trupp von Flüchtlingen, welcher sich bereits ganz nahe an der chinesischen Grenze befand, vom Militair umzingelt wurde. Die Aermsten beschlossen, sich nicht zu ergeben, sondern lieber zu sterben. Sie stürzten sich in das Wasser des Flusses und ertranken Alle.«

»Schrecklich!«

»Ja. Dies hat einen solchen Eindruck auf die Beiden gemacht, daß sie das Gelübde ablegten, fortan einen jeden würdigen Flüchtling zu retten. Seit jener Zeit sind von ihnen Hunderte glücklich über die Grenze gebracht worden. Jetzt nun vor einiger Zeit kam der Schamane auf den Gedanken, daß das Alles für uns leichter sein würde, wenn ich die Frau eines russischen Offiziers wäre, und so mußte mein Vater ihm versprechen, daß ich das Weib des Rittmeisters werden solle, um Alles, was gegen die Verbannten unternommen wird, sofort zu erfahren.«

»Wie kurzsichtig!«

»Meinst Du?«

»Ja. Es fragt sich, ob Dein Mann Dich in seine dienstlichen Geheimnisse und Angelegenheiten eingeweiht hätte. Es fragt sich, ob er selbst bei seinen Vorgesetzten ein solches Vertrauen besessen hätte, daß ihm Alles eröffnet worden wäre. Und endlich wärst Du ja für immer an seine Person gefesselt gewesen und hättest direct nichts mehr für Deine Schützlinge thun können.«

»Das ist wahr.«

»Und wenn es einmal entdeckt worden wäre, daß Du die verächtliche Rolle einer Spionin, einer Verrätherin gespielt hättest, was wäre Dein Loos und dasjenige Deines Mannes geworden? Lebenslängliche, unterirdische Arbeit in den Bergwerken von Nertschinsk.«

Sie schauderte.

»Ich? Eine Fürstentochter?«

»Pah! Diese Würde gilt nichts mehr, sobald Du die Frau eines russischen Soldaten wirst. Du wärst Frau Rittmeister gewesen, weiter nichts.«

»So ists wahrhaftig ein großes Glück, daß ich mich so gegen diesen Plan gesträubt habe.«

»Ganz gewiß. Du wärst einem Elende verfallen, aus welchem es keine Rettung gegeben hätte. Jetzt kannst Du für die Unglücklichen viel mehr thun als wenn Du die Frau dieses brutalen, feigen, ordinären Menschen wärst.«

»Ja, ich gebe Dir Recht. Grad jetzt haben wir einen Zug nach der Grenze vor. Aber es fehlt uns Etwas, was wir uns hier holen wollten. Leider aber bekommen wir es nicht.«

»Was?«

»Das möchte ich Dir lieber nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nicht weiß, wie Du darüber denkst.«

»O, wie vorhin: ganz wie Du!« lachte er.

»Hier vielleicht nicht.«

»O, ganz gewiß.«

»Nein, nein; das ist ja etwas ganz Anderes.«

Da ergriff er ihre Hand und versicherte ihr in überzeugendem Tone:

»Kindchen, ich habe Dich lieb. Dir zu Gefallen kann ich Alles thun.«

»Wirklich Alles?«

»Ja, Alles!«

»Auch – – auch stehlen?«

»Ja stehlen, das – das – hm, das ist nun eigentlich nicht meine Passion.«

»Siehst Du, daß ich ganz richtig zweifelte!«

»Hm! Es kommt auf die Verhältnisse an. Aufrichtig gestanden, halte ich Dich für keine Diebin.«

»Die bin ich nicht.

»Also muß es sich um einen Diebstahl handeln, zu dem es Veranlassung und Entschuldigung giebt.«

»Wir bekommen einen sehr großen Trupp Flüchtlinge zusammen. Wir können nicht länger warten; wir müssen nach der Grenze, weil wir die Unglücklichen in solcher Anzahl nicht mehr verbergen können. Aber zugleich haben wir gehört, daß grad jetzt die Grenze scharf und eng besetzt ist und daß dort zahlreiche Truppen herumschweifen. Es wird sicher zum Kampfe kommen, und uns fehlen die Waffen.«

»Sapperment! Das ist dumm! Aber ich habe geglaubt, daß Ihr gut bewaffnet seid!«

»Mit Pfeil und Bogen, Schild und Lanze, ja. Viele haben auch Flinten, aber es fehlt Pulver und Blei.«

»So kauft Euch welches!«

»Wo?«

»Ah, ja! Munition kann man hier ja nur von der Regierung erhalten.«

»Und die sorgt natürlich in ihrem eigenen Interesse dafür, daß wir nichts erhalten. Und sodann denk an die armen Flüchtigen. Für sie ist es ja die Hauptsache, daß sie bewaffnet sind. Sie müssen sich mit Hilfe der Waffen ihrer Verfolger erwehren und ihre Nahrung schießen. Ohne Waffen sind sie dem Hungertode preisgegeben. Wir brauchen also Flinten für sie und Pulver und Blei für sie und auch uns.«

»Ich könnt das Alles nicht im Kauf bekommen.«

»Man verweigert es uns.«

»So wollt Ihr es Euch stehlen?«

»Ja.«

»Nicht übel! Das Ding kann mir gefallen. Die Geschichte fängt an, mich zu interessiren.«

»Das freut mich, lieber Sam!«

»Natürlich, denn ich soll Euch mit mausen helfen.«

»O, das ists, was ich Dir nicht gut sagen konnte. Nun hast Du es selbst errathen.«

»Prächtig! Höre, Karparla, habe ich denn wirklich so ein fürchterliches Spitzbubengesicht?«

»O nein, eben gar nicht! Du hast das ehrlichste Gesicht, welches mir jemals vorgekommen ist.«

»Donnerwetter! Und dennoch muthet Ihr mir zu, daß ich mit Euch mausen soll!«

»Ja,« lachte sie.

»Vielleicht gar einbrechen!«

»Einbrechen müssen wir, ganz richtig, sonst kommen wir nicht dazu.«

»Na, Ihr seid mir ein schönes Volk!«

»Ihr? Wen meinst Du?«

»Euch Tungusen, Euch alle, die Ihr daran denkt, mich mit in diese famose Spitzbüberei zu verwickeln.«

»O, das ist ja nur eine einzige, allereinzige Person, die das thut. Sonst weiß Niemand Etwas davon.«

»Also Du allein?«

»Ja.«

»Weiter weiß kein Mensch Etwas davon?«

»Nein. Ich habe ein so unendliches Vertrauen zu Dir, daß – – –«

»Ja,« unterbrach er sie, »ein so unendliches Vertrauen, daß ich ein ganz verfluchter Einbrecher bin! Danke sehr!«

Er sagte das aber keineswegs in einem zornigen Tone. Sie sah es ihm an, daß er gar nicht abgeneigt war, ihr auch hierin zu helfen.

»Sam, lieber Sam!« bat sie.

»Karparla, liebe Karparla! Ich will es thun; ich will einbrechen und stehlen; aber nur unter einer Bedingung!«

»Gut, gut! Welche ists?«

»Du mußt meine Frau werden!«

»O, Sam, was wolltest Du mit mir anfangen!«

»Oder Du mit mir! Einbrechen thäten wir!«

»Das können wir auch, wenn wir ledig bleiben. Aber sprechen wir im Ernste! Kein Mensch weiß von meinem Plane Etwas. Ich allein habe daran gedacht, und ich bin es auch, die sich an Dich wendet, ohne daß ein Anderer eine Ahnung davon hat.«

»Hm! Warum grad an mich?«

»Eben meines Vertrauens wegen.«

»Hm! Giebt es denn unter Deinen lieben Tungusen keine Spitzbuben?«

»Genug.«

»Nun also!«

»Aber die sind zu dumm, einen solchen Streich auszuführen. Und – und – dann möchte ich auch nicht, daß ein Verdacht auf uns fiele.«

»Ja, auf mich soll er aber fallen!«

»O, Du bist viel zu klug dazu!«

»Verdammt zweifelhaftes Lob!«

»Also, bitte, bitte, willst Du?«

»Kind, wie soll ich diese Frage beantworten? Ich weiß doch noch gar nicht, um was es sich handelt.«

»Nicht? Habe ich es Dir denn noch gar nicht gesagt?«

»Kein Wort.«

»Nun, der Kreishauptmann hat Pulver und Blei in Menge.«

»Das läßt sich denken, von wegen der Garnison.«

»Und auch Gewehre.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja, ganz neue, mit passenden Formen zum Gießen der Kugeln.«

»So! Wo befindet sich denn die Niederlage?«

»Im Regierungsgebäude, neben seiner Schlafstube.«

»Sapperment! Da schläft er also neben dem Pulvermagazin! Wie gefährlich!«

»O nein! Es darf kein Mensch hinein, nicht einmal seine Frau. Und er geht natürlich nur am Tage hinein, nicht des Abends, wenn er Licht brauchen würde.«

»Hm! Ueberdies mag er die Sachen auch aus Vorsicht gleich neben seinem Bette aufbewahren. Es kann da kein Spitzbube dazu.«

»Das sagte er auch.«

»Nicht wahr? Ja, der Kerl ist schlau. Und Du meinst, mein Liebchen, daß ich da in das Cabinet einbrechen soll?«

»Ja.«

»Und Alles ausräumen?«

»Ja, möglichst Alles.«

»Sapperment! Ich muß doch ein verfluchter Einbrecher sein! Mir zuzumuthen, ein ganzes Gewehrcabinet nebst Pulverkammer auszuräumen, woneben der Kreishauptmann schläft! Netter Kerl, der dicke Sam!«

»O, Du bringst es fertig. Du mit Deinen beiden Freunden.«

»Also die haben auch solche Galgengesichter?«

»Scherze nicht! Willst Du, Sam? Du rettest dadurch viele Verbannte vom Untergange.«

»Hm! Wenn das Steinbach wüßte!«

»Wer ist das?«

»Der Mann, welcher morgen kommen wird.«

»O, der würde Dir zureden!«

»Da irrst Du Dich sehr! Er kommt in halb officieller Eigenschaft. Da darf er nichts thun, was gegen die Gesetze verstößt. Grad er würde mir auf das Strengste verbieten, mich in so eine Spitzbubengeschichte einzulassen.«

»So darfst Du ihm um Gotteswillen nichts sagen! Hörst! Du?«

»Ich höre schon.«

»Aber wenn er da ist, so ist es mir unmöglich, die Sache zu Stande zu bringen. Und morgen kommt er bereits. Es müßte also bereits heute geschehen.«

»Um so besser! Also, willst Du?«

»Wetterhexe! Ja, ich will für Dich zum Spitzbuben, Schinderhannes und bayrischen Hiesel werden. Ich will!«

»Du guter, lieber Sam!«

Sie drückte ihm die Hand mit inniger Dankbarkeit. Er aber sagte:

»Kind, Du bist ein ganz gefährliches Geschöpfchen. Jetzt lasse ich die Bedingung, welche ich vorhin machte, mit Freuden fallen. Ich mag Dich nicht zur Frau.«

»Warum?«

»Weil Du aus Einem Alles machen kannst. Zuletzt würde man Dir zu Liebe gar noch morden und plündern.«

»So schlimm ist es nicht. Das verlange ich nicht.«

»Nicht? Wie nun, wenn ich erwischt würde?«

»O, das ist nicht der Fall. Dazu bist Du eben viel zu klug.«

»Oho! Auch der Gescheidteste ist nicht sicher. Also ich setze den Fall, daß ich erwischt würde. Denkst Du, daß ich mich ergreifen ließe?«

»Nein.«

»Ich würde mich wehren.«

»Natürlich!«

»Von meinen Waffen unter Umständen Gebrauch machen. Also ist es doch sehr leicht möglich, daß ich um Deinetwillen zum Mörder werden kann.«

»Ich halte Dich eben für viel zu schlau, als daß Du Dich erwischen lässest. Und selbst dann, wenn man Dich entdeckte, würdest Du in Deiner Klugheit Mittel und Wege finden, zu entkommen ohne Mörder zu werden.«

»Du hast wirklich ein Vertrauen zu mir, welches belohnt werden muß! Also heut wird im Regierungsgebäude eingebrochen! Aber, es hat nur einen Haken, einen sehr dummen Haken.«

»Welchen?«

»Man wird den Einbruch natürlich entdecken, da wir Gewalt anwenden müssen. Dann wird sofort gesucht werden. Wie leicht kann das gestohlene Gut bei Euch gefunden werden.«

»Es wird ja gleich fortgeschafft.«

»Das kann herauskommen.«

»O nein!«

»O ja! Man darf kein gar zu großes Vertrauen haben. Auch Vorsicht ist von Nöthen. Ja, wenn wir die Sachen durch List herausbrächten, ohne daß der Kreishauptmann es merkt! Wenn man die Schlüssels zum Beispiel hätte!«

»O, wo der Schlüssel zur Pulverkammer steckt, das weiß ich.«

»So? Wo?«

»Ueber dem Bette des Kreishauptmanns hängt ein hölzerner Kasten. Da drinnen liegt der Schlüssel.«

»Woher weißt Du das?«

»Er zeigte mir und dem Vater einmal die neuen Gewehre. Da nahm er den Schlüssel heraus.«

»Hm! Da weiß man aber doch nicht, ob dieser Schlüssel sich immer an dem angegebenen Orte befindet.«

»Wahrscheinlich doch!«

»Ja, zu vermuthen ist es, da das Kästchen sich über dem Bette befindet. Aber wie gelangt man in die Schlafstube. Sie ist doch verschlossen.«

»Nein. Man kommt durch die Wohnstube, aber diese Letztere ist verschlossen, wenn die Leute schlafen und wenn sie ausgehen.«

»Verfluchte Geschichte. Der Schlüssel wird also mitgenommen, und die Fenster sind zu eng und niedrig zum Einsteigen. Hm! Aber da fällt mir ein: Ich habe gestern Abend während des Concertes gesehen, daß die Kreishauptmännin einen Pompadour bei sich hatte.«

»Was ist das?«

»Ein kleiner Sack oder Beutel, mit Verzierungen versehen, den man am Arme oder in der Hand trägt, um allerlei Sachen darinnen aufzubewahren.«

»O, diesen Beutel kenne ich. Sie hat, wenn sie des Abends fortgeht, immer auch die Schlüssels darin.«

»Famos! Da könnte es sich machen!«

»Wieso?«

»Weißt Du, wir müssen das Volk aus dem Hause locken.«

»Herrlich! Aber wie?«

»Deine Eltern müssen den Kreishauptmann nebst Frau und Sohn einladen und sie heut Abend möglichst lange festhalten. Wird das gehen?«

»Sehr leicht. Wenn ich mit dem Rittmeister ein Wenig freundlich thue, so sind alle Drei so entzückt, daß sie ganz sicher das Nachhausegehen vergessen.«

»Gut. Während ihrer Abwesenheit wird der Einbruch ausgeführt. Wenn wir nur das Volk los werden könnten, welches noch im Regierungsgebäude wohnt, die Diener.«

»Das sind nur drei. Das wird mir auch leicht werden. Ich sende zwei meiner Tungusen hin, welche sie nach dem Wirthshause holen müssen. Die Drei werden denken, daß sie auch einen Wutki trinken können, wenn ihre Herrschaften sich in unserm Lager lustig machen.«

»Schön! So weit wäre Alles recht gut und schön. Nun handelt es sich nur noch um die Schlüssels.«

»Das ist das Schwierigste.«

»Freilich! Ja, wenn man wüßte, daß sie sich wirklich im dem Beutel befänden!«

»Ganz gewiß. So oft ich hier in Platowa gewesen bin, sind die Glieder der Familie Abende lang unsere Gäste gewesen, und stets hat die Frau die Schlüssels in dem Beutel gehabt.«

»Schön! So werden wir sie ihr heut Abend herausnehmen.«

»Aber wie? Das ist ungeheuer schwer!«

»O nein, gar nicht. Die Alte wird doch den Beutel nicht stets in der Hand behalten!«

»Nein. Sie legt ihn gleich weg oder hängt ihn auf.«

»Nun gut! Da ist uns ja geholfen. Du thust, wenn sie kommt, sehr diensteifrig mit ihr und nimmst ihr Alles ab, was sie von sich legen will, das Tuch, die Haube, den Beutel. Den Letzteren hängst Du aber nicht etwa an einen Zeltpflocke auf, sondern Du legst ihn ganz nahe an der Zeltwand auf eine Decke oder einen Teppich, welchen wir dorthin gelegt haben.«

»Warum?«

»Daß ich zu ihm kann.«

»Bist Du denn mit in dem Zelte?«

»O nein. Erstens würde man es doch bemerken, daß ich mir mit dem Beutel zu schaffen mache, und zweitens wollen wir uns gar nicht sehen lassen.«

»Aber Ihr seid unsere Gäste. Ihr müßt doch mit dabei sein!«

»Wir thun, als hätten wir einen Ritt unternommen. Darum müssen unsere Pferde so weit vom Zelte fortgeschafft werden, daß sie nicht gesehen werden können. Wenn der Einbruch gelingt, so kommen wir heim und thun ganz so, als ob wir soeben von dem Ritte zurückkehrten.«

»Aber wie willst Du zu dem Beutel kommen?«

»Auf die leichteste Weise von der Welt. Es kommt dabei ganz darauf an, daß Du klug handelst. Die Stelle, an welcher Du den Beutel niederlegst, muß schon vorher ganz genau bestimmt sein. Dort lockern wir die Zeltwand unten am Boden, so daß ich unten hereingreifen kann.«

»Ach so! Wie klug!«

»Du setzest die drei Gäste natürlich so, daß keiner von ihnen direkt nach der betreffenden Stelle blicken kann. Dann, wenn der geeignete Augenblick gekommen ist, giebst Du mir ein Zeichen, welches wir genau verabreden.«

»Ich werde eine Melodie trällern.«

»Gut! Sobald Du das thust, greife ich herein und ziehe den Beutel hinaus.«

»So befindest Du Dich draußen vor dem Zelte?«

»Natürlich. Und es ist ja Alles finster, so daß Niemand sehen kann, was ich thue.«

»O, alle unsere Leute, alle Tungusen dürfen es sehen. Keiner wird Dich verrathen.«

»Gut! Aber dennoch ist es mir lieber, wenn Niemand mich beobachtet. Es ist mir überhaupt erwünscht, wenn keiner von Euren Leuten es weiß, daß ich und meine Gefährten die Hand im Spiele haben.«

»Das geht nicht.«

»Warum?«

»Ihr müßt ihnen doch, falls Alles gelingt, die Sachen übergeben.«

»Nein. Höre nur! Natürlich ladest Du die Drei nur erst für den Abend ein. Sie werden es Dir doch nicht abschlagen?«

»Auf keinen Fall. Sie sind froh, wenn ich sie einlade, denn sie denken, daß ich meine Gesinnung gegen den Rittmeister geändert habe. Sie brauchen mein Vermögen, denn sie sind ärmer als Bettler, da sie nichts als Schulden haben und doch nicht betteln dürfen.«

»Es wird sehr bald dafür gesorgt werden, daß sie ihr regelmäßiges Unterkommen finden, ohne betteln zu müssen.«

»Wieso? Willst Du ihnen zu etwas Besserem behilflich sein?«

»Behilflich, ja, aber zu etwas Besserem freilich nicht. Noth werden sie nicht leiden, denn jeder Gefangene bekommt, was er zum Leben bedarf.«

»Gott! Ins Gefängniß sollen sie?«

»Ja.«

»Was haben sie verbrochen?«

»Davon später! Also ich ziehe den Beutel hervor und nehme die Schlüssel heraus. Dann schiebe ich ihn wieder an seine Stelle zurück und eile mit Jim und Tim nach dem Regierungsgebäude.«

»Aber wenn nun die Frau indessen den Beutel braucht? Dann würde sie entdecken, daß die Schlüssel fehlen.«

»So mußt Du gewandt sein. Bedarf sie zum Beispiele des Taschentuches, welches sich wohl auch im Beutel befindet, so mußt Du dienstfertig eilen, es ihr zu holen. Da bekommt sie den Pompadour gar nicht in die Hand.«

»Ja, so wird es gehen. Ich werde meine Sache sehr gut machen.«

»Nun nehme ich an, daß Alles gelingt, so schaffen wir die Waffen und die Munition hinten nach den Garten hinaus, wo eine Plankenthür nach der Gasse führt. Wir kehren dann, nachdem wir Alles gehörig wieder verschlossen haben, nach hier zurück, und ich stecke die Schlüssel heimlich in den Beutel. Dann suchen wir unsere Pferde auf und kehren von unserem Spazierritte heim. Bei der Verwirrung, welche dadurch im Zelte hervorgerufen wird, ist es Dir leicht, hinaus zu gehen und den Deinigen einen Wink zu geben. Sie verfügen sich mit Packpferden nach der Plankenthür und laden Alles auf.«

»Dann können sie sofort aufbrechen und die Sachen in Sicherheit schaffen.«

»Wohin?«

»Ich habe einen sehr sicheren Ort, den Du auch noch kennen lernen wirst.«

»Schön! Wenn also Deine Leute an die Planke kommen, so finden sie Alles dort, ohne zu wissen, wer es hingelegt hat. Das wünsche ich.«

»Werden sie nicht bemerkt werden?«

»Es giebt nur Zäune und Gärten dort. Kein Mensch wohnt in der Nähe. Ich bin heut bereits dort gewesen, ohne daß mich Jemand gesehen hat. Und im Hause selbst, da befindet sich auch Niemand, da Du die Diener fortlocken willst. Also ist Alles so sicher, daß – – – ah, und doch ist Jemand da! Donnerwetter!«

»Wer?«

»Gökala.«

»Die wird Dich nicht verrathen.«

»Nein, ganz gewiß nicht. Aber für mich und vor allen Dingen auch für sie selbst wäre es besser, wann sie sich nicht im Hause befände.«

»Ja, wenn sie eingeschlossen ist, so kann sie nicht fort.«

»Hm! Sie wird dennoch fortgehen.«

»So? Wohin?«

»Mit dem Kreishauptmann zu Euch.«

»Das wäre herrlich, prächtig! Aber wie wolltest Du das so weit bringen?«

»Das laß nur meine Sache sein! Du wirst es sehen. Jetzt nun denke ich, ist Alles besprochen. Hast Du noch einen Wunsch oder eine Bemerkung?«

»Nein. Uebrigens, falls mir noch Etwas einfällt, so sehen wir uns doch vorher noch einmal?«

»Natürlich. Jetzt reiten wir fort. Wenn wir zurückkehren, steigst Du zu Pferde, reitest nach dem Regierungsgebäude, ladest den Kreishauptmann nebst Familie ein und begehrst, Gökala zu sehen, um auch sie mit einzuladen.«

»Das wird man mir verwehren.«

»Ja. Ich bin indessen zu Fuße nachgekommen, und Du trittst ganz wie zufällig an das Fenster, damit ich sehe, daß der Augenblick da ist, an welchem man Dir verweigert hat, Gökala zu sehen. Dann komme ich hinauf.«

»Wozu?«

»Um sie zu zwingen, Gökala Dir zu zeigen und Abends mitzubringen.«

»Mann, Sam, wie willst Du sie zwingen? Welche Macht hast Du über sie?«

»Hm! Auch davon später. Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Man wartet auf mich, und ich habe hier eine bereits zu lange Weile verplaudert.«

Karparla trat in das Zelt, und Sam sattelte die drei Pferde.

Obgleich diese Unterredung ziemlich lang gewährt und vor den Augen so vieler Leute stattgefunden hatte, war sie doch Niemandem aufgefallen. Der Fremde konnte natürlich mit der Tochter seines Gastfreundes reden, und Beide thaten dabei, als ob es sich um etwas ganz Gewöhnliches und Unverfängliches handle.

Dann bestieg Sam sein Pferd, nahm die beiden anderen am Zügel und ritt nach dem Gasthofe, wo er schon längst mit Ungeduld erwartet worden war.

»Wo steckst Du denn?« fragte Jim. »Schau uns an! Wir sind vor langer Weile noch einmal so lang geworden, als wir vorher waren. Da ist es kein Wunder, daß wir dünner werden.«

»Gebt Euch nur zufrieden. Es gab etwas Wichtiges, was ich Euch unterwegs erzählen werde. Steigt auf, damit wir vorwärts kommen!«

Sam befahl den beiden Kosaken, nun auch aufzubrechen, aber so langsam zu reiten, wie er ihnen bereits angerathen hatte. Dann brachen die Drei auf.

Bis über die Furth hinüber ritten sie im Schritt, sodann gingen sie in Trab über und endlich in gestreckten Galopp.

Die Gegend war eben und die Luft so rein und frei von Dunst, daß man sehr weit sehen konnte.

Nach der vorausgesehenen Zeit wurden zu ihrer Linken Dunstwolken sichtbar.

»Obs dort ist?« fragte Jim.

»Jedenfalls,« antwortete Sam. »Wo es Weiden giebt, da giebt es Feuchtigkeit, und wo es Feuchtigkeit giebt, da giebt es Dunst. Folglich haben wir nun die Weidensteine fast erreicht. Lenken wir darauf zu!«

»Diese Dunst ist sehr vortheilhaft für uns, denn wir können von dem Rittmeister nicht gesehen werden.«

»Dafür sehen aber auch wir ihn und seine Leute nicht.«

»Hat nichts zu sagen. So alte Savannenmänner wie wir werden seine Fährte schon zu finden wissen.«

Jetzt hatten sie die Weiden von Norden her erreicht. Es gab da Busch- und Baumformen. Sie ritten ein Stück hinein und banden dann ihre Pferde an die Bäume. Abgestiegen, nahmen sie ihre Waffen in die Hand und schlichen sich leise vorwärts.

Vor ihnen stiegen wirre Steinmassen in die Höhe. Weidengestrüpp und zahlreiche Wasserlachen hinderten sie am schnellen Vorwärtskommen. Endlich erreichten sie die zerbröckelte Felsmasse. Sie sahen, wie lang dieselbe war und daß sie sich gerad in der Mitte der Ausdehnungslinie befanden.

»Das ist sehr gut,« sagte Sam. »Jenseits hält der Rittmeister mit seinen Leuten, um den beiden Kosaken aufzulauern. Jedenfalls hat er sich hinter Felsen versteckt. Steigen wir hinauf und drüben wieder hinab. Aber nehmen wir uns in Acht, daß wir nicht von ihm bemerkt werden können!«

Jetzt kletterten sie empor, doch nur in den Ruinen, die sich ihnen boten. Sie gelangten oben an. Sogleich bemerkten sie einen Kosaken, welcher drunten in der Steppe stand und die nach der Stadt sich erstreckende Ebene musterte.

»Das ist der Wachtposten,« meinte Tim. »Da wird der Rittmeister nicht weit davon sein.«

»Sehe ihn schon,« sagte Sam.

»Wo?«

»Links da unten, hinter dem großen, viereckigen Quader sitzt er mit den Andern. Seht Ihr ihn?«

»Ja, deutlich. Die Pferde stehen dabei.«

»Also habe ich mich doch nicht getäuscht. Er will den beiden armen Teufels an den Leib, soll sich aber verrechnet haben!«

»Steigen wir auch hinab?«

»Natürlich. Hier rechts führt eine Rinne hinab. Da können wir nicht gesehen werden und kommen doch so nahe, daß wir nachher wahrscheinlich jedes Wort hören werden. Und schaut! Seht Ihr den Punkt da draußen?«

Er deutete in der Richtung nach der Stadt.

»Ja,« meinte Jim. »Das sind nun unsere Kosaken.«

»In zwei Minuten werden aus diesem einen Punkte zwei, und in fünf Minuten sind die Beiden da. Schaut, der Posten hat sie auch bereits bemerkt. Er kommt herbei, es zu melden, und nun steigen sie zu Pferde, um wie Strauchdiebe aus ihrem Hinterhalte hervorzubrechen. Famoses Land, dieses Sibirien, und allerliebste Verhältnisse! Aber nun rasch hinab! Je eher wir unten sind, desto besser ist es.«

*

76

Sie kletterten und stiegen abwärts. Es ging sehr steil hinunter, und das Gestein war loskörnig und locker. Dennoch löste sich nicht ein einziges Steinchen unter ihren Stiefeln, um zur Tiefe zu kollern und ihre Anwesenheit zu verrathen.

Andere Personen hätten eine ganze Lawine von Steinen hinabgetreten. Diese drei Prairiejäger aber verstanden es vortrefflich, auf jeder Art von Boden so zu gehen, daß sie sich nicht verrathen konnten.

Endlich kamen sie unten an. Sie standen eng an einander gedrängt an einem ganz dünnen Felsenstück, welches eine, kaum eine Elle dicke und vielleicht acht Ellen hohe Wand bildete, auf deren anderer Seite sich der Rittmeister mit seinen Leuten befand. Wie Sam vorausgesagt hatte, konnte man jedes Wort der Stegreifritter hören.

Einer der Kosaken war so weit vorgeritten, daß er die Ebene überblicken konnte, anstatt selbst gesehen zu werden.

»Nun, wie weit noch?« fragte ihn der Rittmeister.

»Halbe Werst,« lautete die Antwort.

»Schön! Ich steige wieder ab. Es ist viel besser, die Sache hier zu erledigen als draußen auf der Ebene. Sobald sie kommen, umringt Ihr sie und bringt sie hierher zu mir. Aber, wenn Ihr sie etwa entkommen laßt, so erwartet Euch die Knute, Ihr Hunde!«

»Der Schuft!« flüsterte Sam. »Sogar gegen diese Zwei sendet er nur seine Leute.«

»Wird sich fürchten!« wisperte Jim.

»Natürlich! Die Beiden könnten sich doch wehren und ihm ein Haar krümmen. Na, warte Bursche.«

»Jetzt still! Es wird gleich losgehen.«

Es dauerte kaum noch eine Minute, dann ertönte jenseits des Steines Pferdegetrappel. Einige Flüche wurden laut, ein Schrei, dann kamen die Pferde zurück.

»Sie haben sie!« flüsterte Tim.

»Pst, still! Wir müssen nun Alles hören,« warnte Sam.

Drüben ertönte die Stimme des Rittmeisters:

»Herunter von den Pferden, Ihr Hunde!«

»Aber, Väterchen, warum denn? Warum hältst Du uns hier auf?« fragte der Eine der Angefallenen in höflichem Tone.

»Still! Herab vom Pferde, oder ich helfe nach.«

»Wir haben ja nichts begangen!«

Der Hieb der Peitsche war zu hören.

»Da, das hast Du für das Schwatzen, Kerl! Also herab, sonst setzt es Hiebe.«

»Wir müssen gehorchen, Väterchen – – –«

»Das versteht sich ganz von selber.«

»Weil Du es befiehlst und weil Ihr in der Mehrzahl seid.«

»Ah! Sonst würdest Du wohl nicht gehorchen?«

»Nein.«

»Warum?«

»Ich bin jetzt nicht mehr im Dienst, und Niemand hat mir Etwas zu sagen.«

»Schön! Ich werde Dir zeigen, ob und wer Dir Etwas zu sagen hat. Zählt ihm Zehne auf, aber kräftig!«

Man hörte, daß der Mann ergriffen wurde.

»Wollen wir das dulden?« fragte Jim leise.

»Warum nicht?« meinte Sam.

»Der arme Bursche!«

»Pah! Zehn Knutenhiebe thun einem Kosaken nichts. Desto hübscher sitzt er dann zu Pferde. Uebrigens bekommt der Rittmeister sie zurück. Horcht!«

Drüben erklang die Stimme des Offiziers:

»Eins, zwei, drei, vier – sechs – acht – zehn! Gut für jetzt! Für jedes widersetzliche Wort aber setzt es abermals zehn.«

»Väterchen,« sagte der Geschlagene, »das dürfte der Fremde wissen.«

»Welcher, Du Hund?«

»Der kleine Dicke.«

»Was wäre da?«

»Ich weiß nicht, was er thun würde, aber er würde uns in seinen Schutz nehmen.«

»Meinst Du? Für dieses Wort bekommst Du nachher Zwanzig. Jetzt aber gieb einmal die Papiere heraus, welche ich Dir heut ausgestellt habe!«

»Die gehören ja mir, mein gutes Väterchen!«

»Schweig, Hund! Heraus damit, oder ich lasse Dich schlagen, bis Du sie giebst.«

»Da gebe ich sie doch lieber her. Hier sind sie.«

»So! Und nun das Geld!«

»Väterchen, das habe doch ich geschenkt bekommen.«

»Habe ich nicht bereits heut gesagt, daß es dem Czaren gehört?«

»Das sagte Dein Vater.«

»Ganz gleich!«

»Aber der gute, dicke Fremde hat es doch bewiesen, daß es uns gehört.«

»Schweig! Heraus, oder – – –«

»Nun, wenn Du mich zwingst, so muß ich es geben. Hier!«

Der Rittmeister schien zu zählen, denn erst nach einer Weile sagte er:

»So! Und nun zu dem Andern. Aber damit er gleich von vorn herein gefügig ist, zählt ihm auch Zehne auf.«

Man hörte die Peitsche knallen und den Offizier bis Zehn zählen wie vorher. Dann sagte er:

»Also gieb auch Du das Geld und die Papiere heraus.«

»Mein liebes Väterchen, laß es mir doch. Es ist ja Beides mein Eigenthum.«

»Will der verfluchte Hallunke etwa auch Widerstand leisten. So soll er Zwanzig erhalten. Also, rasch.«

»Aber wie soll ich leben und mir ein Weibchen nehmen, wenn ich kein Geld und keinen Freischein habe.«

»Heirathe Du des Teufels Großmutter. Dann kannst Du Pech und Schwefel fressen. Her mit dem Gelde und den Papieren. Ich gebiete Dir zum letzten Male!«

Er sagte das in so drohendem Tone, daß der Bedrängte willig antwortete:

»So muß ich es geben. Hier, Väterchen, mag es Dir mehr Segen bringen als mir. Mir hat es nur Prügel eingebracht.«

»O, die sind noch nicht zu Ende. So, da seid Ihr nun wieder leer. Ihr Kanaillen freutet Euch wohl gewaltig, als ich diesem fremden Schufte scheinbar nachgab. Nun müßt Ihr einsehen, daß doch ich es bin, der zu befehlen hat. Jetzt sollt Ihr heimreiten dürfen; aber zum Lohne für Eure Freundschaft mit diesem dicken, fremden Fasse erhaltet Ihr vorher ein Kommisbrod und zwanzig Knutenhiebe dazu, damit es besser schmeckt. Und in zwei Wochen werdet Ihr wieder eingezogen, habt diese Pferde mitzubringen und erhaltet die hundert Hiebe, welche ich Euch heut früh zugesprochen habe.«

»Väterchen, wir sind frei. Es ist ja für uns bezahlt worden.«

»Beweist es doch.«

»Es steht auf den Papieren, welche Du uns abgenommen hast.«

»Nun, die gehören mir aber nicht Euch. Jetzt aber werft sie nieder und zählt die Hiebe auf, zwanzig für Jeden. Sie sollen vor Schmerz quacken wie der Riesenfrosch, der ihnen das Geld geschickt hat.«

»Und Du wirst es ihnen erst einmal vormachen!« erklang es hinter ihm.

Er fuhr herum. Da standen Sam, Jim und Tim, alle Drei auf ihre Büchsen gestützt und die gespannten Revolver in den rechten Händen.

»Donnerwetter!« fluchte er, todtesbleich werdend.

»Schau, schau!« höhnte Sam. »Das ist ja eine saubere Geschichte! Ganz so, wie der Geisterfrosch es mir heut Nacht vorhergesagt hat. Dem trifft doch wirklich Alles zu. Darum muß ich nun auch die Befehle ausführen, welche er mir gegeben hat.«

Die Kosaken wußten nicht, wie ihnen geschah und wie sie sich zu verhalten hatten. Sie richteten ihre Augen fragend auf den Rittmeister. Sam aber bedeutete sie:

»Steigt ab, Kinderchens, von den Pferden, aber etwas rasch, sonst helfe ich!«

Bei diesem Tone und dem Anblicke des Revolvers sprangen sie von den Pferden.

»So, meine Lieblinge. Und nun setzt Euch da auf den Stein.«

Auch jetzt gehorchten sie augenblicklich.

»Schön, ich sehe, Ihr seid gehorsam und gutwillig. Darum soll Euch auch gar nichts geschehen, wenn Ihr ruhig sitzen bleibt und kein Wort sprecht und kein Glied bewegt. Sonst aber erhaltet Ihr sofort die Kugel. Es wird Euch wehe gethan haben, daß Eure guten Kameraden so beraubt und noch dazu geprügelt worden sind. Nun sollt Ihr auch Zeuge sein, daß ihnen ihr Recht zugesprochen wird.«

Der Rittmeister stand noch ganz fassungslos da. Er konnte es nicht begreifen, sondern er hielt es geradezu für ein Wunder, daß diese drei Menschen sich hier befanden.

Er hatte den Säbel umgeschnallt und eine Pistole im Gurt, sonst weiter keine Waffen. Jetzt legte er die Hand an die Pistole und schrie:

»Was wollt Ihr hier! Hier bin ich der Gebieter. Weg mit Euch, oder –«

Er wollte die Pistole ziehen.

»Du,« meinte Sam, »laß dieses Ding stecken, es könnte sonst losgehen, und ich dulde so Etwas nicht.«

»Frecher Hund! Ich schieße – – –!«

Er hatte die Pistole gezogen, erhielt aber von Sam einen so blitzschnellen Kolbenschlag auf den Arm, daß dieser herabsank und die Pistole seiner Hand entfiel.

»Was willst Du sein? Herr hier und Gebieter? Lump und Schurke bist Du! Ein Wegelagerer und Straßenräuber! Heraus mit dem Raube!«

»Das Alles, gehört mir!« schrie der Rittmeister erbost.

Er war kein Held, aber er wollte sich vor seinen Leuten denn doch nicht gar so sehr blamiren, und das, was er sagte, war mehr ein Produkt der Angst als des Muthes und der Tapferkeit.

»Wem es gehört, darüber werden wir jetzt berathen. Dabei werden wir uns ganz nach Deinem eigenen Verfahren richten. Du hast diesen beiden guten Menschen Jedem zehn Hiebe geben lassen, um sie von vorn herein gefügig zu machen. Das Mittel ist, wie wir gehört und gesehen hatten, probat. Wir werden es nun bei Dir versuchen. Ehe wir die interessante Verhandlung beginnen, erhältst Du grad so viel Hiebe aufgezählt, wie Du selbst vorhin dictirt hast, zweimal zehn, macht zwanzig.«

Der Rittmeister wurde bleich wie Kalk.

»Wagt es einmal!« knirschte er.

»O, da giebt es nichts zu wagen!«

»Ich trage den Rock des Czaren!«

»Du bist ein Räuber. Was geht mich Dein Rock an. Schnalle den Säbel ab. Er könnte während der Execution Schaden erleiden.«

Jetzt sah der Rittmeister ein, daß es dem Dicken wirklich Ernst mit dem Prügeln war.

»Mensch,« schrie er auf, »wage es nicht, mir um einen Schritt näher zu treten.«

»So. Was würde denn geschehen, wenn ich es wagte?«

»Meine Leute hier würden Euch auf der Stelle niederschießen.«

Sam lachte laut auf.

»Diese guten Leute werden es nicht wagen, mit uns anzubinden. Sie sehen, daß wir nicht mit uns scherzen lassen. Und im Inneren werden sie sich herzlich freuen, daß ihr sauberer, grausamer und gefühlloser Rittmeister endlich einmal an den rechten Mann gekommen ist. Also, den Säbel ab!«

Der Offizier gehorchte nicht.

»Willst nicht? Nun, so müssen wir nachhelfen. Jim! Tim!«

Er hatte die beiden Namen kaum ausgesprochen, so befand sich der Rittmeister auch bereits zwischen den langen, muskulösen Armen Jims, die ihn umspannten wie ein Schraubstock, so daß er sich nicht rühren konnte. Tim schnallte ihm den Säbel ab und wickelte ihm dann das Lasso so um die fest an den Leib gedrückten Arme und um die Beine, daß er sich nicht zu bewegen vermochte.

»So recht, Kinderchens,« lachte Sam. »Legt ihn herum, so daß die Claviatur, auf welcher wir ihm sein Ständchen spielen wollen, nach oben kommt!«

Das wurde gethan. Dann zogen Jim und Tim ihre Knuten aus dem Gürtel, spuckten sich in die Hände und standen nun, Sam's Commando erwartend, rechts und links neben dem Gefesselten.

»Seht, Brüderchens,« wendete Sam sich an die Untergebenen des Offiziers »so kommt Jeder einmal an die Reihe. Ich würde ihn nicht knuten lassen, aber er hat sich aus Angst nicht mit mir duellirt; er ist also ehrlos, und so soll er fühlen, wie die Knute thut. Ihr Alle habt das bereits gefühlt und werdet es ihm gönnen.«

Der Rittmeister schrie und tobte wie ein Verrückter. Er erging sich in allen Schimpfworten, die ihm geläufig waren.

»Mann, sei still!« rief Sam. »Sonst bekommst Du Vierzig anstatt Zwanzig. Jetzt, Jim und Tim, wollen wir beginnen. Macht es ordentlich und gefühlvoll und legt die richtige Melodie hinein. Also eins – – –!«

Jims Hieb sauste nieder – ein Schrei erscholl – Tims Hieb – abermals ein Schrei – – dann war der Executirte still. Er hatte die Zähne zusammengebissen und strengte alle seine Kräfte an, nicht mehr zu schreien.

Natürlich waren die Streiche der beiden Amerikaner von richtigem Gewicht. Als der zwanzigste Hieb gefallen war, sagte Sam:

»So, nun nehmt ihm die Fessel wieder ab und schießt die Ladung aus seinem Pistol, damit er keinen Unfug mit demselben treiben kann.«

Das geschah. Der Rittmeister stand starr vor Schmerz und Grimm. Er blickte auf keine der anwesenden Personen, sondern in die Weite hinaus.

»Jetzt ist die Einleitung vorbei,« sagte Sam. »Die Verhandlung kann beginnen. Vielleicht ist sie in kurzer Zeit vorüber. Das wäre nur gut für ihn. Zeig mal das Geld und die Papiere her!«

Er trat an ihn heran, öffnete die Knöpfe der Uniform und untersuchte die Taschen. Er fand, was er suchte, zählte das Geld durch und prüfte die Papiere. Es war Alles unbeschädigt, und die beiden Kosaken erhielten ihr Eigenthum zurück.

»So!« lachte Sam; sich wieder an den Rittmeister wendend. »Wir sind nun fertig, und ich wünsche, daß Dir der Spazierritt wohl bekommen möge. Schnalle den Säbel wieder um, und stecke die Pistole ein. Du kannst nach Hause reiten.«

Der Rittmeister that, als hörte er es nicht. Mochte er etwa denken, daß die drei Männer sich nun entfernen würden? Dann wehe den Kosaken.

»Nun, vorwärts, schnell!« gebot Sam.

Auch das hatte keinen Erfolg. Da zog der Dicke seine Knute, hieb sie ihm über den Rücken und sagte:

»Dich mache ich schon lebendig. Zur Bildsäule sollst Du mir hier nicht werden!«

Da griff der Rittmeister nieder. Gedankenschnell riß er den Degen auf und schnallte ihn um, steckte die Pistole in den Gürtel, eilte zu seinem Pferde, sprang in den Sattel, drückte dem Thiere die Sporen in die Weichen und sprengte wie ein Rasender davon.

»Der hat genug!« lachte Jim.

»Aber nun die Rache!« meinte Tim.

»Wir könnens abwarten und ruhig mit ansehen,« sagte Sam.

Die beiden Kosaken, welche auf so ungewöhnliche Weise von und dann wieder zu ihrem Eigenthume gekommen waren, bedankten sich mit fast kriechender Demuth bei den Dreien und ritten sodann davon. Die Anderen erhielten von Sam ein Geldgeschenk für Wutki und kehrten heim. Es war ganz so, wie der Dicke gesagt hatte. Sie freuten sich über die wohlverdiente Züchtigung, welche ihr Peiniger erhalten hatte.

Die Exekutoren kehrten zu ihren Pferden zurück. Auf dem Heimwege theilte Sam ihnen mit, was er heut Abend vor habe. Das war ihnen eben recht. Je mehr Abenteuer desto besser. Sie erklärten sich mit Freuden bereit, die Pulverkammer auszuräumen.

Als dann die Häuser der Stadt und besonders das Regierungsgebäude vor ihren Blicken auftauchte, meinte Jim:

»Da drin sitzt er nun und zählt die Schwielen. Bin wirklich neugierig, ob er heut der Einladung folgen wird.«

»Auf alle Fälle!« antwortete Sam.

»Meinst Du?«

»Ja. Er brennt ja vor Verlangen, der Mann der Tungisin zu werden. Da wird der Schmerz der Schwielen leicht überwunden.«

»Verdammt! Das ist nun auch ein Offizier.«

»Ists am längsten gewesen.«

»Natürlich! Und jetzt willst Du nun sogleich zu seinem Vater?«

»Ja.«

»Dicker, wagst Du nicht zu viel?«

»Pah! Solchem Volke gegenüber wagt man eher zu wenig als zu viel.«

»Bin neugierig, wie es ablaufen wird.«

Als sie im Lager ankamen, hatte Karparla schon längst auf Sams Rückkehr gewartet. Sie fragte ihn, wo er gewesen sei, und er erzählte ihr ganz aufrichtig und ausführlich das Abenteuer.

»Das ist recht!« belobte sie ihn. »Aber es wird Dir großen Schaden bereiten!«

»Nicht die Spur!«

»Ich will es hoffen und wünschen. Aber getraust Du Dich denn auch jetzt noch zum Kreishauptmanne?«

»Nun erst recht.«

»Sein Sohn darf mir die Einladung nicht abschlagen. Er muß mitkommen. Da ist er gezwungen, mit seinen Schwielen still zu sitzen und wird entsetzliche Schmerzen leiden, ohne sich dieselben merken lassen zu dürfen. Ich reite.«

»Und ich komme gleich nach. Ich werde mich so stellen, daß ich Dich am Fenster deutlich sehen kann.«

Die Prinzessin stieg in den Sattel und ritt nach der Stadt. Vor dem Regierungsgebäude sprang sie ab, band das Pferd an einen dazu angebrachten Pfahl und trat ins Haus.

Sie kannte das Innere desselben genau. Sie stieg die Treppe hinan und ging nach dem Wohnzimmer des Kreishauptmannes. Die drei Familienglieder befanden sich darin. Sie hörte ihre Stimmen.

»Blutige Rache! Tod, Tod!« schrie der Rittmeister. »Noch heute, spätestens morgen.«

»Das ist entsetzlich! So ein Wagniß gegen uns!« erklang die Stimme seines Vaters.

Und seine Mutter klagte:

»Welche Schmerzen mußt Du leiden! Geh doch in Dein Zimmer und entkleide Dich. Ich will Schnaps und Salbe besorgen.«

Da klopfte Karparla laut an. Man hörte es drinnen. Das Mädchen vernahm jenes Streichen, Rücken und Rascheln, welches man gewöhnlich hört, wenn eine von einem Besuche überraschte Familie sich schnell zum Empfange desselben ordnen muß.

Sie klopfte abermals.

»Herein!« erklang nun erst die Stimme des Kreishauptmannes.

Sie trat ein. Ihr Kommen erregte die größte Ueberraschung, die ganz gewiß eine freudige war.

Der Rittmeister wollte sich stramm von dem Sopha erheben, auf welches er sich seitlich hingehaucht hatte, sank aber mit einem nur halb unterdrücken Schmerzenslaute wieder zurück. Er halte nicht in Betracht gezogen, daß die Beinkleider an den Schwielen klebten.

»Karparla!« sagte der Kreishauptmann. »Wer hätte das vermuthen können!«

»Karparla!« rief seine Frau. »Willkommen, tausendmal willkommen!«

»Hast wohl lange klopfen müssen, ehe wir es gehört haben?«

»O nein. Du kennst ja mein Klopfen. Ich bediene mich dabei der Reitpeitsche. Es ist so kräftig, daß es sofort gehört wird.«

»Und Du, Rittmeister, sagst gar nichts? Bin ich Dir denn nicht auch willkommen?«

Sie lächelte ihn freundlich an. Das ließ ihm alle Schmerzen vergessen. Er stand langsam auf und ergriff ihre Hand, zog aber, da es ihm einen plötzlichen Stich in den Schwielen gab, eine schmerzliche Grimasse.

»Was hast Du? Was fehlt Dir?« fragte sie. »Hast Du Schmerz?«

»O nichts, gar nichts, nur ein Wenig Zahnschmerz,« antwortete er. »Natürlich bist Du mir auch willkommen, wenigstens eben so sehr wie den Anderen.«

»Allen gleich, ganz gleich willkommen!« erklärte seine Mutter, indem sie der schönen Besucherin einen Stuhl hinschob.

Karparla setzte sich, ließ ihren lächelnden Blick heiter von einer Person auf die andere schweifen und sagte sodann:

»Wollt Ihr nicht einmal rathen, weshalb ich jetzt zu Euch komme?«

»Wer sollte das rathen?« sagte die Frau.

»Ich komme, Euch einzuladen, um einen Abend heut bei uns gesellig zu verbringen. Mir werden dieses Mal nicht so lange hier bleiben, wie wir uns eigentlich vorgenommen hatten, und wollen doch gern so viel wie möglich mit Euch beisammen sein. Darum habe ich mich ausgemacht, um Euch diese Einladung zu bringen.«

Die Augen des Rittmeisters leuchteten vergnügt auf.

»Karparla!« rief er. »Von wem ist – – o Du Himmeldonnerwetter!«

Er hatte in seiner Freude eine schnelle, unvorsichtige Bewegung gemacht. Die Hose spannte fest an dem von der Knute getroffenem Theile und bereitete ihm einen solchen Schmerz, daß er seine Frage nicht ganz aussprach den kräftigen Fluch ausstieß.

Sie kannte gar wohl den Grund dieses Verhaltens. Sie hatte beinahe aufgelacht; aber sie bezwang sich doch und fragte in ernstem, verwundertem Tone:

»Was? Was wolltest Du fragen? Warum fluchest Du mich an?«

»Meine – meine Zahnschmerzen! O Himmelelement!«

Er zog ein höchst schmerzliches Gesicht.

»Zahnschmerzen?« lachte sie. »Das ist doch gar nichts!«

»Wie? Gar nichts? Ich möchte Dir, wenn dieses nicht zu unhöflich wäre, wünschen, welche zu haben.«

»Ich habe auch zuweilen Zahnschmerzen!«

»Du? Bei Deinen gesunden Zähnen?«

»Die Deinigen sind, doch auch gut. Wenigstens sehen sie ganz so aus.«

»O sie sind hohl.«

»Ach so!«

»Also wenn Du auch zuweilen Zahnweh hast, so wirst Du wissen, wie da« thut.«

»Angenehm ist das freilich nicht; aber ich lasse es mir nie merken. Man muß sich beherrschen. Ich halte es für unmännlich, zu jammern, besonders von einem Offizier, zu dessen Berufe es doch unbedingt gehört, Schmerzen ertragen zu können. Also, was wolltest Du mich fragen?«

»Ich wollte gern wissen, von wem Deine Einladung ausgeht.«

»Nun, natürlich von uns Allen.«

»Und wer hat die eigentliche, die Veranlassung dazu gegeben?«

»Ich.«

»Wie bist Du darauf gekommen?«

»Sonderbare Frage! Ich bin darauf gekommen, wie man überhaupt auf Etwas kommt, was man gern thut oder gern hat.«

»So hast Du uns also gern bei Dir?«

»Natürlich.

Das heißt, meine Eltern!«

Sein Blick ruhte mit Spannung auf ihn. Sie antwortete lächelnd:

»Warum nur Deine Eltern?«

»Also auch mich hast Du gern bei Dir?«

»Gewiß.«

»Das – das kann mich ungeheuer freuen. Ich sage Dir, ich möchte vor Freude Dir gleich mittheilen das – – alle Teufel!«

Er zog wieder eins seiner Gesichter.

»Was hast Du?«

»Diese – verteufelten Zahnschmerzen!«

Er hielt die Hand an die Wange, um ihr glaubhaft zu machen, daß wirklich einer seiner Zähne schmerze.

»Mache Dich doch nicht lächerlich!« sagte sie. »So ein kräftiger Mann wie Du, ein Rittmeister, wird sich doch nicht von einem Zahne bewältigen lassen!«

»Es ist aber zu schlimm. Es giebt mir solche plötzliche Stiche.«

»So kannst Du mir freilich leid thun. Ists denn ein Backzahn?«

»Ja, da hier, auf der linken Seite.«

»Zeig doch mal her!«

Sie stand auf und trat zu ihm. Er wich zurück und hielt ihr beide Hände abwehrend entgegen.

»Nein, nein! Ich kann ihn Dir nicht zeigen.«

»Warum nicht?«

»Ich kann mir doch nicht von einer Dame in den Mund sehen lassen.«

»Ach Unsinn! Erstens bin ich keine Dame nach Euern Begriffen, und zweitens brauchen doch grad wir Beiden uns nicht in dieser Weise vor einander zu geniren!«

Er lachte wieder im ganzen Gesichte.

»Warum grad wir Beide?«

»Nun,« meinte sie in gut gespielter mädchenhafter Verlegenheit, »Du weißt es doch.«

»Was denn?«

»Wenn wir bald Frau und Mann sein wollen, so ist so eine Zurückhaltung doch nicht am rechten Platze.«

»Mann und Frau! Ich denke, Du willst nicht?«

»Ach so! Hm! Hast Du noch nicht gehört, daß die jungen Mädchens zuweilen nur aus Muthwillen gleichgiltig thun?«

Da rief er ganz glücklich:

»Karparla! Du gestehst also, daß auch in Deinem Herzens ein – heiliges Donnerwetter!«

Er fuhr sich mit beiden Händen nach dem betreffenden Körpertheile, zog sie aber schnell wieder zurück und griff an die Wange, um sich nicht zu verrathen.

Sie machte sehr erstaunte Augen, schüttelte den Kopf und sagte:

»Was soll ich in meinem Herzen haben? Ein heiliges Donnerwetter! Danke sehr. Ein solches Gewitter im Herzen! Davon habe ich noch nie Etwas gespürt oder gehört.«

»Ach geh! Es war eben wieder nur mein armseliges Zahnweh.«

»Wenn es so armselig ist, so unbedeutend, so brauchst Du seiner doch gar nicht zu achten. Ich bin wirklich neugierig, diesen schlimmen Zahn einmal zu sehen. Zeig doch her!«

»Nein, nein!«

»Sei nicht so zurückhaltend! Du thust ja, als ob wir uns ganz fremd seien.«

»Das sind wir jetzt auch noch, nämlich so zu sagen.«

»Aber ich denke, wir sollen so bald zu einander gehören. Wenn das der Fall ist, so kann ich nicht dulden, daß Du Dich genirst. Also her damit. Ich will den Zahn sehen!«

»Höre,« lachte er, »Du entwickelst da eine Energie, die ich Dir nicht zugetraut hätte!«

»Ja, meinen Willen habe ich auch. Also her mit dem Zahne! Mach den Mund auf!«

Sie faßte ihn bei den Achseln und gab ihm eine solche Stellung, daß er grad vor einem Holzstuhle zu stehen kam.

»Laß doch, laß!« wehrte er ab.

»Nein, ich will ihn sehen. Also zeig her!«

»Na, wenn Du nicht anders willst! Da, guck ihn Dir an!«

Er machte den Mund halb auf.

»Weiter!« befahl sie.

Er öffnete ihn ein Wenig mehr.

»Immer weiter!«

Die Eltern hatten ihre Freude an dieser Scene. Sie nahmen dieselbe als Beweis, daß das schöne Mädchen sich doch viel mehr für ihren Sohn interessire, als bisher anzunehmen gewesen war. Sie warfen sich verstohlene Blicke der Befriedigung zu und lachten im Stillen darüber, daß Karparla nach einem Zahn suchte, welcher doch nicht krank war.

Der Rittmeister öffnete den Mund noch weiter, aber immer nicht weit genug.

»Mußt weiter aufsperren!« sagte sie. »Wie kann ich so nach den Backzähnen sehen!«

Jetzt riß er die Kinnladen möglichst weit auseinander.

»So ist's recht!« lachte sie.

Sic blickte ihm in den Mund, that, als ob sie vergebens suche, und sagte dann:

»Ich bin kleiner als Du. Du bist mir viel zu lang. Ich kann also nicht hinter sehen. Setze Dich doch einmal!«

Bei diesen Worten faßte sie ihn fest an und drückte ihn plötzlich und aus allen Kräften auf den Stuhl nieder. Das kam ihn, so unerwartet, daß er einen ganz tüchtigen Plumps auf den harten Holzsitz that.

»O heiliges Element!« brüllte er auf. »Das – das – das halte der Teufel aus!«

Er sprang ebenso schnell, wie er auf den Stuhl gekommen war, von demselben wieder auf, hielt die beiden Hände auf die beiden, hinteren Erdkugeln und sprang rund in der Stube herum.

»Was – was giebts denn?« fragte sie.

»Meine – meine Zahnschmerzen!« wimmerte er.

»Zahnschmerzen? Hast Du denn die Zähne hinten anstatt vorn?«

»Nein, nein! Aber bei diesem Zahnweh thut Einem eben Alles weh.«

»So, so! Man sollte gar nicht glauben, daß der Schmerz von hier aus – –«

Sie hatte, wie eine jede Tungusin, stets die Reitpeitsche mit, sobald sie zu Pferde war. Sie hatte dieselbe noch gar nicht aus der Hand gelegt. Jetzt war sie zu dem Rittmeister heran getreten und zeigte bei den Worten »von hier aus« mit der Peitsche auf seinen Mund und fuhr fort: »von hier aus bis hierher gehen kann.«

Bei den Worten »bis hierher« gab sie ihm einen freundlich sein sollenden, aber ziemlich derb ausfallenden Peitschenhieb auf die bereits erwähnte sehr empfindliche Himmelsgegend.

Er that einen Satz in die Luft, fuhr mit beiden Händen abermals nach hinten und schrie:

»Au! Teufel! Du schlägst mich ja!«

»Pah! Nur eine Liebkosung!«

»Verflucht! Solche Liebkosungen – – oh, wehe, o wehe!«

»Aber, Iwan!« meinte sie in schmollendem Tone.

Iwan! Noch niemals hatte sie ihn bei diesem seinen Vornamen genannt. Er war ganz entzückt davon.

»Karparla!« flötete er, die Hände noch immer hinten.

»Du nennst das schlagen! Ich habe Dich doch nur ganz leise berührt!«

»Ja, leise, ganz leise!« nickte er.

»Und Du thust, als ob ich Dich förmlich geknutet hätte.«

»Nein, gar nicht!«

»O doch! Sieh nur mal in den Spiegel, was für ein Gesicht Du machst!«

»Eben nur wegen diesen niederträchtigen Zahnschmerzen!«

»Und da hältst Du die Hände noch immer hinten drauf?«

Sofort nahm er sie wieder nach vorn.

»Das – das – ist nur so eine alte, dumme Angewohnheit von mir,« versuchte er sich zu entschuldigen.

»Das mußt Du Dir abgewöhnen. Man denkt sonst wirklich, daß Du die Schmerzen gar nicht im Munde, sondern ganz anders wo hast. Setze Dich doch!«

Sie ergriff seinen Arm und wollte ihn zu dem harten Holzstuhle ziehen.

»Bitte, nein!« wehrte er ab. »Ich setze mich lieber hier auf das Kanapee.«

Er setzte sich. Natürlich mußte er sich dabei beugen. Die Hosen spannten und verursachten ihm die peinlichsten Schmerzen; aber er biß die Zähne zusammen und versuchte, sie zu überwinden.

»Hier auf dem Stuhle hättest Du neben mir gesessen!« schmollte sie.

»Aber hier sitze ich Dir gegenüber und kann Dich viel besser sehen,« vertheidigte er sich in zärtlichem Tone.

»Ach so! Da mag es geschehen. Deine Zahnschmerzen müssen wirklich bedeutend sein.«

»Warum denkst Du das?«

»Weil sie Dir einen förmlichen Angstschweiß austreiben. Die Tropfen stehen Dir auf der Stirn.«

»Ja, ich habe noch niemals so heftige Schmerzen gehabt. Aber wir sind ganz von unserm ursprünglichen Thema abgekommen.«

»Ja, wovon sprachen wir eigentlich?«

»Von der Einladung.«

»Richtig! Ihr kommt doch?«

»Gern, sehr gern! Ich freue mich – – oh, da denke ich aber doch daran, das es wohl nicht gehen wird.«

»Nicht? Warum?«

»Weil – hm – wegen diesen drei fremden Kerls.«

»O, die können Dich doch nicht stören.«

»Im Gegentheile stören sie mich sehr. Du weißt ja, wie sie mich gestern beleidigt haben.«

»Ganz recht. Es sollte doch ein Duell stattfinden. Oder nicht?«

»Ja freilich,« antwortete er verlegen.

»Nein.«

»Nun? Ist das bereits ausgefochten?«

»Warum nicht?«

»Weil – weil – ich kann es Dir eigentlich gar nicht sagen.«

»So? Nicht sagen? Mir, die ich doch Deine Frau werden will, und die eigentlich die Ursache dieses Duelles ist?«

»Das ist ganz richtig. Du bist schuld. Hättest Du nicht mit diesem verdammten Kosaken getanzt, so wäre das Alles nicht vorgekommen. Nimm es mir nicht übel, aber ich kann Dich nicht begreifen.«

»Es war so ein schneller Gedanke, der mich überkam.«

»Hast Du oft solche schnelle Gedanken?«

»Nicht oft, sondern nur zuweilen.«

»So muß ich Dich bitten. Dir das abzugewöhnen! Ein Duell ist kein Kinderspiel!«

»Das weiß ich wohl. Darum habe ich mir später die größten Vorwürfe gemacht, und darum möchte ich so gern wissen, wann es stattfinden soll.«

»Es findet gar nicht statt.«

»Das freut mich natürlich ungemein. Aber warum wird es nicht abgehalten?«

»Weil – weil – na, ich will es Dir sagen – weil der dicke Kerl heut früh bei mir war.«

»So! Was wollte er?«

»Er bat mich um Verzeihung und gab gute Worte, daß das Duell nicht stattfinden solle.«

»Ah! Wirklich? Er sieht doch so beherzt aus.«

»Pah, beherzt! Solche Menschen renommiren blos. Denke doch daran, daß ich Offizier bin! Wie will so ein Mensch sich mit mir schießen! Sein Tod wäre gewiß!«

»Und ich habe mich so sehr um Dich geängstigt, Iwan!«

»Das war sehr überflüssig, liebe Karparla. Um ihn hättest Du Dich ängstigen sollen, nicht um mich!«

»Warum um ihn? Er geht mich doch gar nichts an; ich habe ja nur Dich lieb.«

»Wirklich, wirklich mich?«

»Das fragst Du noch? Also gute Worte hat er gegeben? Das muß ich ihm vorhalten, damit er sich schämt. Ich werde ihn auslachen.«

»Das darfst Du nicht!« sagte er schnell.

»Warum nicht?«

»Er hat mich um Verschwiegenheit gebeten, und ich mußte ihm mein Ehrenwort geben, nichts zu sagen.«

»Und trotz dieses Ehrenwortes sagst Du es mir!«

»Das ist etwas Anderes. Wir Zwei, Du und ich, wir sind ja wie Eins. Du wirst doch meine Frau. Also darum wird das Duell nicht stattfinden.«

»So bin ich beruhigt. Ich habe wirklich geglaubt, daß es bereis stattgefunden. habe und daß Du dabei verwundet worden seiest.«

»Warum dachtest Du das?«

»Weil es ganz so aussieht, als ob Du einen Schuß, eine Kugel bekommen hättest.«

»Ich? Wohin?«

»Hinten. Du hast, trotzdem Du sitzest, schon wieder beide Hände dort.«

Er zog die Hände sofort vor.

»Unsinn,« lachte er verlegen. »Aber, was ich sagen wollte, ich habe dem Kerl zwar großmüthig vergeben und auch verzichtet, ihn zu bestrafen, aber daß ich wieder in seine Hände kommen soll, das kann doch Niemand von mir verlangen.«

»Wer verlangt es denn?«

»Du.«

»Dessen bin ich mir nicht bewußt.«

»Und doch. Du ladest uns ja zu Euch ein!«

»Aber nicht zu ihm.«

»Er ist doch Euer Gast!«

»Was thut das?«

»Er wird heut Abend zugegen sein.«

»Nein. Er will mit seinen beiden Gefährten einen weiten Spazierritt machen, von welchem sie erst spät Abends, vielleicht gar erst in der Nacht, zurückkehren.«

»Wenn das so ist, so komme ich.«

»Und die Eltern natürlich mit?«

»Ja, ja, wir kommen ganz gewiß,« nickte der Kreishauptmann eifrig.

»So verlasse ich mich darauf und kann nun wieder gehen.«

»Willst Du denn nicht noch ein Stündchen bleiben, liebes Kind?«

»Habe keine Zeit dazu. Ihr wißt es ja, wenn man Gäste zu erwarten hat, so giebt es vorher gar Mancherlei zu thun.«

Es wurden noch einige höfliche Redensarten gewechselt; dann nahm Karparla einen beinahe herzlichen Abschied und wendete sich nach der Thür.

Der Rittmeister beeilte sich, ihr dieselbe zu öffnen. Dabei gab es wieder einige höchst schmerzhafte Bewegungen; er verbiß aber die Empfindung, welche sie ihm verursachten.

Bereits stand Karparla unter der Thür, da wendete sie sich wieder zurück und sagte:

»Da hätte ich beinahe eine Hauptsache vergessen. Ich muß wieder umkehren.«

Sie zog die Thür hinter sich wieder zu.

»Was hast Du noch, Kind?« fragte der Kreishauptmann.

»Ihr bringt heut Abend doch auf alle Fälle auch Euern Gast mit?«

»Gast? Wer ist das?«

»Nun, Gökala.«

Er erschrak.

»Gökala? Kennst Du sie?«

»Ich traf sie kurz vor ihrer Ankunft hier.«

»So! Das habe ich allerdings gehört.«

»Von ihr? Hat sie von mir gesprochen?«

»Ja.«

»Was sagte sie?«

»Sie wollte zu Dir.«

»Aber sie war nicht bei mir.«

»Ganz recht. Sie durfte nicht fort.«

»Durfte? Wer verbietet es ihr?«

»Ihr Herr, mit dem sie gekommen ist.«

»Der ist ihr Herr? Und doch hat sie mir gesagt, daß sie vollständig frei sei.«

»Das ist eine Unwahrheit. Sie hat ihm zu gehorchen, und weil er es ihr verboten hat, auszugehen, so konnte sie natürlich auch nicht zu Dir kommen.«

»Sie darf also nicht ausgehen?«

»Es ist ihr verboten, das Haus zu verlassen.«

»Das ist hart. So werde ich also jetzt einmal zu ihr gehen.«

»Auch das geht nicht. Sie darf auch keine Besuche empfangen.«

»Auch das nicht! Aber warum denn?«

Sie trat bei diesen Worten an das Fenster und sie sah, daß er sich sofort in der Richtung nach der Hausthür in Bewegung setzte.

»Warum, das kann ich freilich nicht sagen,« antwortete der Kreishauptmann. »Ihr Begleiter hat alle Veranlassung, sie unter strenger Controlle zu halten. Vielleicht ist sie eine Verbannte. Ich darf keinen Menschen zu ihr lassen.«

»Aber doch wohl mich!«

»Leider auch Dich nicht. Es ist mir sehr streng anbefohlen worden, ja keine einzige Ausnahme zu machen.«

»Aber ich habe ja gar nichts Verdächtiges mit ihr vor.«

»Das ändert nichts an dem Verbote.«

»Du kannst mitgehen und Alles hören, was ich zu ihr spreche. Ich will sie nur begrüßen.«

»Auch das darf ich nicht.«

»O ich habe immer gedacht, daß Du gut und höflich mit mir seiest!«

»Das bin ich auch, so weit ich darf. Meine Pflicht aber darf ich nicht verletzen.«

Da klopfte es an die Thür. Der Kreishauptmann ging hin, um nachzusehen, wer draußen sei. Er öffnete, fuhr aber sofort ganz erstaunt zurück – Sam trat ein.

»Du wieder!« rief der Beamte zornig.

»Ja,« lachte Sam. »Ich habe Euch ja bereits gesagt, daß ich heut wohl noch einmal kommen werde.«

Der Rittmeister streckte den Arm gebieterisch aus, nach der Thür zeigend.

»Hinaus!« schrie er.

»Hinaus willst Du?« fragte Sam freundlich. »Na, so geh doch!«

»Nein, Du!«

»Ich? Ich komme ja soeben erst herein.«

»Aber hinaus packest Du Dich augenblicklich wieder!«

»Nein, mein Brüderchen. Wenn ich einmal gekommen bin, so will ich auch sagen, weshalb ich komme.«

»Wir mögen nichts wissen. Fort mit Dir!«

Da zog Sam die Stirn in Falten und antwortete:

»Du! Soll ich etwa sprechen? Soll ich erzählen, was da draußen bei den Weidensteinen geschehen ist?«

»Willst Du auch noch drohen?«

»Nein. Aber ich will nicht hinausgewiesen sein. Ich dächte, Ihr wüßtet es nun beinahe, daß ich mich nicht in's Bockshorn jagen lasse.«

Es lag nicht in der Absicht des Kreishauptmanns, in Gegenwart Karparla's seinen Sohn blamiren zu lassen. Darum sagte er zu Sam:

»Wenn Du mit mir reden willst, so komm!«

Er wendete sich nach der Thür.

»Wohin?«

»In mein Zimmer.«

»Warum? Ich kann auch hier mit Dir reden.«

»Amtliche Angelegenheiten habe ich in meiner Expedition auszumachen.«

»Wer hat denn gesagt, daß ich in einer amtlichen Angelegenheit komme!«

»Jedenfalls ist es doch so. Familiär haben wir ja nichts mit einander zu thun.«

»Und grad etwas Familiäres oder wenigstens Privates ist es. Das können wir hier abmachen.«

»So rede.«

»Ich komme einfach auf Besuch.«

»Donnerwetter! Doch nicht etwa zu uns?«

»Nein, sondern zu Gökala.«

Der Kreishauptmann trat einige Schritte zurück und fragte im Tone der Bestürzung:

»Kennst Du sie?«

»Ja.«

»Woher?«

»Nur dem Namen nach.«

»Sie geht Dich nichts an.«

»Mehr als Dich. Wo wohnt sie?«

»Bei mir.«

»Das weiß ich natürlich. Ich will aber das Zimmer wissen.«

»Das erfährst Du nicht.«

»Oho! Ist sie etwa Deine Gefangene?«

»Ja.«

»Auf wessen Befehl?«

»Das geht Dich nichts an.«

»Wenn Du wüßtest, wie sehr mich das angeht, so würdest Du ganz anders reden. Du hast kein Recht, irgend Jemand der berechtigten Freiheit zu berauben.«

»Der berechtigten, ja. Aber ihr ist mit vollem Rechte ihre Freiheit abgesprochen worden.«

»So ist sie verurtheilt?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Natürlich vom Gerichte.«

»Das ist eine Lüge.«

»Frecher Kerl!« schrie der Rittmeister voller Wuth.

Er wollte sich vom Kanapee erheben, sank aber wieder zurück und stieß ein schmerzliches Stöhnen aus.

»Bleib ruhig sitzen!« warnte Sam. »Es thut so wehe, wenn die Schwielen aufplatzen.«

»Schweig!« herrschte ihn der Officier an. »Gökala ist unsere Gefangene, und Du hast darüber Dir gar kein Urtheil anzumaßen!«

»Sie ist nicht Eure Gefangene. Kein Richter hat sie verurtheilt.«

»So! Wer denn?« fragte der Kreishauptmann höhnisch.

»Nur allein der Graf.«

»Welchen Grafen meinst Du?«

»Graf Alexei von Polikeff.«

»Donnerwetter!« entfuhr es dem bestürzten Beamten.

»Meinst Du etwa, ich kenne ihn nicht?« lachte der Dicke.

»Woher kennst Du ihn?«

»Das kann Dir sehr gleichgiltig sein. Ich sage Dir nur, daß ich ihn kenne; das genügt. Und Gökala habe ich zwar noch nicht gesehen, aber desto mehr habe ich von ihr gehört. Ich muß mit ihr sprechen.«

»Das geht nicht.«

»Es muß gehen!«

»Muß! Was muß! Redest Du in diesem Tone mit mir!«

»Pah! Ich habe in noch keinem anderen Tone mit Euch gesprochen, und vielleicht wird mein Ton noch ganz anders. Wenn Du mir nicht sagst, wo Gökala sich befindet, so suche ich sie mir.«

»Wage es!«

»Wagen? Pah! Bei Euch ist nichts zu wagen. Jedenfalls bewohnt sie das Zimmer, aus welchem ich sie treten sah, als ich vorhin zum letzten Male bei Euch war. Dahin werde ich also jetzt gehen.«

Er wollte gehen.

»Du bleibst!« gebot der Kreishauptmann.

Sam blickte ihn mit großen Augen geringschätzend an.

»Pah, gar nichts!«

»Das denke ja nicht. Ich habe bisher Deine Frechheiten mit Geduld ertragen; aber nun wird es mir denn doch zu toll!«

Da sagte Karparla, scheinbar in begütigendem Tone, zu Sam:

»Beruhige Dich! Du wirst nicht mit ihr reden dürfen. Ich wollte sie zu mir einladen; aber es ist mir auch abgeschlagen morden.«

»Einladen? Wozu?«

»Uns heute Abend zu besuchen. Diese drei lieben Leute werden heute Abend zu uns kommen. Sie sollten Gökala mitbringen; aber sie können nicht; es ist unmöglich. Darum wirst auch Du Dich fügen müssen.«

»Niemand braucht sich zu fügen, ich nicht und Du auch nicht!«

»Warum?«

»Weil ich ganz genau weiß, was ich will und was ich sage. Wenn Du wünschest, heute Abend Gökala bei Dir zu sehen, so soll Dir Dieser Wunsch in Erfüllung gehen.«

»Du thust ja, als ob Du hier bei uns zu gebieten hättest!« rief der Kreishauptmann.

»Zu gebieten habe ich nicht, aber erwarten darf ich, daß meine Wünsche erfüllt werden, wenn sie auf gesetzlichem Wege zu erfüllen sind, und das ist hier der Fall.«

»Nein.«

»Ja! Ich verlange, daß Gökala heute Abend Karparla mit Euch besuchen darf. Zwar werde ich abwesend sein und voraussichtlich nicht sehen, ob sie mitkommt; aber erfahren werde ich es. Wehe dann Euch, wenn der Wunsch Karparlas nicht erfüllt wird!«

Das war freilich stark. Der Kreishauptmann blickte seinen Sohn an und dieser ihn. Sie befanden sich einigermaßen in den Händen des Dicken; aber hätten sie sich denn wirklich gar so viel gefallen zu lassen?

Am meisten ergrimmt war der Rittmeister. Er erhob sich mühsam vom Kanapee und sagte:

»Wehe uns? Hältst Du uns denn für gar so armselige Geschöpfe, daß Du uns in dieser Weise zu drohen wagst? Du pochst auf einige kleine Vortheile, welche Du über uns erlangt hast. Es wäre sehr klug von Dir, Dich mit dem Bisherigen zu begnügen. Wenn Du aber den Bogen zu straff anspannst, so zerreißt die Schnur. Nimm Dich in Acht!«

»Ich habe mich nicht in Acht zu nehmen. Ich weiß, was! ich will!«

»Nein, Du weißt es nicht. Du übertreibst Deine Frechheit. Du meinst, daß wir uns Alles gefallen lassen sollen aus Angst, daß Du erzählen werdest, was heute Nacht geschehen ist. Bisher haben wir auch wirklich darauf Rücksicht genommen; nun aber hört es auf. Erzähle meinetwegen von uns, was Du willst. Kein Mensch aber wird es Dir glauben!«

»Keiner?« fragte Sam. »Alle, Alle werden es glauben!«

»Nicht Einer!«

»Ich beweise es!«

»Das sollte Dir schwer werden!«

»Federleicht!«

»So versuche es! Jetzt aber sind wir fertig. Mache Dich hinaus!«

»Du, nimm Dich in Acht! Wenn ich einmal hinausgehe, so folgt Ihr auch bald nach.«

»Was soll das heißen?«

»Daß dann Eure Rolle hier ausgespielt ist.«

Er sagte das so leicht hin, als ob er von etwas höchst Einfachem spreche, was sich ganz von selbst verstehe. Das empörte den Officier noch mehr. Nicht nur die Worte waren es, die ihn beleidigten, sondern in noch viel höherem Maße der Ton, in welchem sie gesprochen wurden. Er schlug mit der Hand an den Griff seines Säbels und rief:

»Hinaus, hinaus, oder – – –!«

»Was denn? Oder – –?« fragte Sam, zwei Schritte vortretend.

»Oder ich gebe meinem Befehle Nachdruck.«

»Womit?«

»Mit diesem da!«

Er schlug abermals an den Säbel.

»Du, da machst Du Dich doch nur lächerlich. Dieser Degen würde dabei ganz dieselbe Rolle spielen wie draußen an den Weidensteinen: Ich würde ihn Dir abschnallen.«

»Hund, weißt Du, mit wem Du sprichst?«

»Ja.«

»Nein, Du weißt es nicht. Ich will es Dir sagen. Ich bin der Rittmeister Iwan Rapnin, Commandant von Platowa!«

Sam schüttelte den Kopf und antwortete:

»Iwan Rapnin? Ja, wenn Du der wirklich wärst, so wäre das etwas ganz Anderes.«

Der Rittmeister konnte diese Worte nicht begreifen. Er war beinahe das, was man verduzt nennt.

»Was?« sagte er. »Ich wäre es nicht?«

»Nein.«

»So sage mir doch einmal, wer ich bin?«

»Sehr gern. Rittmeister bist Du und Commandant auch. Aber Rapnin, Rapnin? Das stimmt nicht.«

»Wieso?«

»Dein Name ist doch Iwan Saltikoff.«

Die Kreishauptmännin stieß einen Schrei des Schreckes aus. Ihr Mann machte eine Bewegung des Entsetzens, und der Rittmeister fuhr auch erschrocken zurück. Doch war er schnell wieder gefaßt. Er zwang sich zu einem lauten Lachen und sagte:

»Dieser Mensch träumt bei offenen Augen, und was er träumt, das hält er für Wahrheit und plaudert es aus!«

»Ja, wenn es nur ein Traum wäre, so würdet Ihr froh sein. Rapnin! Das kenne ich besser!«

»Nichts, gar nichts kennst Du!«

»Oho! Ich kenne sogar Saltikoff.«

»Nun, was ist er?«

»Nichts. Frage lieber, wer er war! Er war ein Verbrecher, ein Verbannter. Da kam Graf Polikeff und gab ihm den Rath, seinen Namen umzuändern und den Namen Saltikoff zu verschenken.«

»Ah! Wahnsinn.«

»Nein, Wahrheit! Der Name Saltikoff ward verschenkt, oder vielmehr, er wurde Einem aufgezwungen. Und weißt Du vielleicht wem?«

»Nein,« antwortete der Officier.

Er war leichenblaß geworden und zitterte am ganzen Leibe.

»So will ich es Dir sagen. Der Name Saltikoff wurde aufgezwungen dem Maharadscha Banda von Nubrida. Damals –«

»Halt!« gebot der Kreishauptmann, der sich in einer Verlegenheit befand wie noch niemals im ganzen Leben. »Halte auf! Wir wollen nichts mehr hören.«

»Das glaube ich wohl! Aber wenn ich das nicht erzählen soll, so will ich wenigstens eine Frage aussprechen: Wird Gökala heute mit in das Zelt Karparlas kommen?«

»Ja,« erklang es zögernd und gedrückt.

»Schön! Und zwar verlange ich, daß Karparla jetzt zu Gökala geht, um sie selbst einzuladen. Darf sie?«

»Ja. Aber ich muß dabei sein.«

»Nein. Du wirst hier bleiben. Karparla geht allein. Sie braucht keinen Begleiter, der sie beaufsichtigt. Ich werde mich hier niedersetzen und warten, bis sie wiederkommt. Dann begleite ich sie heim.«

Niemand widersprach ihm.

»Darf ich?« fragte das Mädchen, von dem Einen zum Andern blickend.

Weder der Kreishauptmann noch sein Sohn antwortete. Darum sagte Sam:

»Geh getrost! Kein Mensch hat Etwas dagegen.«

»Wie lange darf ich bleiben?«

»So lange es Dir beliebt. Ich habe Zeit.«

Sie ging.

Sam hatte sich auf einen Stuhl gesetzt. Er machte es sich bequem auf demselben, zog eine Cigarre heraus und brannte sie an.

»Geh in die Küche!« befahl der Beamte seiner Frau.

Sie ging. Sie war ganz voller. Angst. Dieser schreckliche Mensch, der Dicke, hatte ganz gewiß etwas sehr Gefährliches vor.

Der Rittmeister hatte sich wieder auf das Sopha niedergelassen. Er starrte fassungslos vor sich hin. Sein Geheimniß in den Händen dieses Mannes, dieses Menschen, der sich ihm bis jetzt nur gefährlich gezeigt hatte. Der Kreishauptmann schritt im Zimmer auf und ab. Er wußte nicht, was er denken und sagen solle. Er war der festen Ueberzeugung gewesen, daß außer ihm selbst und seinem Sohne nur der Graf der Rittmeister sei, und nun trat dieser fremde Kerl hier auf und zeigte, daß er vollständig eingeweiht sei.

Sam selbst that, als ob gar nichts vorgefallen sei. Er blies kunstvolle Ringeln aus dem Munde und gab sich dieser Beschäftigung mit einem Eifer hin, als ob es gelte, bei derselben eine Million zu verdienen.

Da endlich blieb der Kreishauptmann vor ihm stehen, schlug die Hände über der Brust zusammen und fragte:

»Wer bist Du eigentlich?«

Sam schnippste die Asche von der Cigarre und antwortete:

»Ein ehrlicher Kerl.«

»Unsinn! Darnach habe ich nicht gefragt. Wie ist Dein Name?«

»Samuel Barth. Du hast ihn ja bereits gelesen.«

»Was bist Du?«

»Knopfmacher.«

»Das ist nicht wahr!«

»So? Nun, dann brauchst Du es nicht zu glauben. Ich zwinge meine Meinung Keinem auf.«

»Du bist etwas Anderes!«

»Auch möglich!«

»Was denn?«

»Höre, mein lieber Freund, schiebe mir nicht solche unnütze Fragen unter die Nase! Ich bin da sehr kitzlich und könnte Dich etwas derb annießen! Stimmt etwa meine Legitimation nicht?«

»Sie ist richtig.«

»So laß mich in Ruhe!«

»Aber ich muß wissen, wie Du dazu kommst, uns von jenem Saltikoff zu erzählen.«

»Ja, ein Unsinn ist es eigentlich von mir gewesen. Da Du selbst jener Saltikoff bist, so hatte ich gar nicht nöthig, eine Geschichte zu erzählen, die Du doch auf alle Fälle viel besser weißt als ich.«

»Du befindest Dich in einem großen Irrthum.«

Sam legte das eine Bein über das andere und antwortete lächelnd:

»So würde ich Dir sehr dankbar sein, wenn Du mir den Gefallen thun wolltest, mich eines Besseren zu belehren.«

»Ich bin nicht Saltikoff. Ich habe niemals einen Menschen dieses Namens gekannt.«

»Wunderbar.«

»Dabei giebt es gar nichts Wunderbares.«

»O doch! Ein Mensch, der sich selbst nicht kennt und niemals Etwas von sich gehört hat, das ist doch wunderbar!«

»Beweise mir doch, daß ich Saltikoff bin!«

»Pah! Beweise es mir doch, daß Du es nicht bist.«

»Das kann ich dadurch beweisen, daß ich den Beweis führe, daß ich Rapnin bin.«

»Sehr schön! Aber ich würde mir dann sofort das Vergnügen machen, zu beweisen, daß Du Saltikoff bist.«

»Wie wolltest Du diesen Beweis führen?«

»Mündlich und auch schriftlich, ganz wie es verlangt wird.«

Da lachte der Kreishauptmann laut auf und sagte:

»Jetzt hast Du Dich verraten. Ich weiß ganz genau, daß über jene Angelegenheit gar nichts Schriftliches existirt. Wie willst Du also einen schriftlichen Beweis bringen!«

Sam blickte ihm mit fast übermüthig schlauem Ausdruck in das Gesicht.

»So? Ich habe mich verrathen? Ist das nicht eine Täuschung?«

»Nein.«

»O doch! Du selbst hast Dich verrathen, nicht ich. Wenn Du so genau weißt, daß über jene Angelegenheit nichts Schriftliches existirt, so muß sie Dir doch näher bekannt sein.«

Jetzt sah der Kreishauptmann ein, daß er sich vergallopirt habe. Er wurde verlegen und versuchte, sich durch eine Lüge aus der Schlinge zu befreien.

»Ich hörte davon sprechen.«

»So! Die Sache wurde heimlich abgemacht, nur zwischen dem Grafen und Saltikoff. Beide haben alle Veranlassung, nicht von ihr zu sprechen. Wenn Du also davon weißt, so bist Du entweder der Graf, oder Saltikoff. Der Graf bist Du nicht, folglich bist Du Saltikoff.«

»Dein Schluß ist ganz falsch.«

»Oho, mein Brüderchen!«

»Ja. Du weißt doch auch von dieser Angelegenheit, wie Du sagst!«

»Ja.«

»Also könntest Du ebenso gut Saltikoff sein wie ich.«

»Höre, dieser Einwand ist gar nicht so albern. Ich habe wirklich nicht gedacht, daß Du so klug bist, denn aufrichtig gestanden, Dein Gesicht ist kein sehr geistreiches. Aber wie nun, wenn der Graf mir Alles mitgetheilt hätte?«

»Das hat er nicht!« !

»Nun, hast Du etwa Etwas verrathen?«

»Nein.«

»Also muß doch er es mir gesagt haben!«

»Allerdings. Das ist richtig. Niemand hat es weiter gewußt als er und ich.«

Der Rittmeister hustete stark, um seinen Vater auf die Dummheit aufmerksam zu machen, die er jetzt gesagt hatte. Sam aber brach in ein herzliches Gelächter aus und rief lustig:

»Das war nun nicht so schlau wie vorher. Jetzt hast Du zugegeben, daß nur der Graf und Du allein die Wisser gewesen sind, folglich bist Du Saltikoff.«

»Donnerwetter!«

Er schlug sich vor den Kopf.

»Na, zu ohrfeigen brauchst Du Dich deshalb nicht. Du wärst auch ohne dieses Zugeständnisses gar nicht weit gekommen. Ich weiß sogar, daß Du dem Grafen eine Unterschrift, sagen wir, einen Revers gegeben hast.«

»Wer sagt das?«

»Der Graf.«

»Er lügt!«

»Nein.«

»Er mag diesen Revers vorzeigen!«

»Hat er ihn vielleicht verloren?«

»Er kann ihn nicht verlieren, da er gar keinen hat!«

»Hm! Werde ihn fragen lassen.«

»Durch wen?«

»Durch das Gericht.«

»Das Gericht wird sich hüten, einen so hochgestellten Herrn zu beleidigen.«

»Meinst Du? Wenn nun gerade ich vom Gerichte den Auftrag hätte, mir Auskunft von ihm geben zu lassen?«

»Bist Du ein verkappter Polizist?«

»Das wollen wir einstweilen dahingestellt sein lassen.«

»Er ist viel zu stolz, Dir Antwort zu geben.«

»O, was seinen Stolz betrifft, so macht mir derselbe keine Sorge. Ich habe schon manchen Stolzen demüthig gemacht.«

»Nur keine Solchen!«

»Noch ganz andere Kerle. Mein ganzes hiesiges Auftreten muß Dir beweisen, daß ich nicht mit mir spielen lasse. Ihr Beide habt das ja zur Genüge erfahren.«

»Du wirst den Grafen nicht finden.«

»Meinst Du?«

»Ja. Wo ist er denn?«

»Am Mückenflusse, wo er den Nummer Fünf, den Maharadscha, aufsuchen will.«

»Alle Teufel! Woher weißt Du das.«

»Ich weiß eben Alles.«

»Du bist falsch berichtet!«

»So? In diesem Falle werde ich dennoch den Grafen finden. Ich brauche ja nur hier zu bleiben. Er kommt ja zurück, um Gökala zu holen.«

Der Kreishauptmann sah ein, daß er nichts Stichhaltiges vorbringen konnte. Seine Verlegenheit wuchs von Sekunde zu Sekunde. Er begann, wieder im Zimmer hin und her zu laufen.

Sam folgte ihm mit den Augen und lächelndem Blicke. Er fuhr fort:

»Nun wirst Du wohl einsehen, daß es sehr fraglich ist, wer der Herr Kreishauptmann hier ist.«

»Ich! Und ich bleibe es auch!«

»Und wer der Herr Rittmeister und Commandant ist.«

»Der bin ich!« sagte der Officier in stolzem Tone. »Und ich will Den sehen, der das ändern will!«

»Na, ich nicht. Mich geht Ihr gar nichts an. Mir soll es ganz gleichgiltig sein, ob hier zwei Saltikoffs oder zwei Rapnins ihr Wesen treiben. Aber wenn sie mir das Leben sauer machen, dann freilich haben sie es mit mir zu thun. Das mögt Ihr Euch gütigst hinter die Ohren schreiben!«

Da blieb der Kreishauptmann wieder vor ihm stehen.

»Also Du sagst, daß Dir die Sache ganz gleichgiltig sei?« fragte er.

»Ja.«

»Du hast also eigentlich gar keine Ursache, feindlich gegen uns aufzutreten?«

»Nein.«

»Warum thust Du es dennoch?«

»Weil Ihr Euch so brutal gegen mich benommen habt.«

»Das ist nicht wahr. Du selbst bist es, welcher angefangen hat.«

»Da muß ich Dir bemerken, daß, wenn Ihr einen Schützling von mir beleidigt, es ganz genau so ist, als ob Ihr mich selbst beleidigt hättet. Ich lasse mir das eben nicht gefallen.«

»Du nimmst die Sache zu streng. Wenn Du uns besser kanntest, so würdest Du ganz anders von uns denken.«

»Ich glaube das nicht.«

»Ich will es Dir beweisen.«

»Dieser Beweis wird Dir wohl nicht gar zu leicht werden!«

»Sehr leicht. Du brauchst Dich nur einigermaßen gutwillig zu zeigen.«

»Inwiefern?«

»Insofern, als Du den Vorschlag annimmst, den ich Dir machen werde.«

»So laß ihn hören.«

»Du kennst unser Geheimniß. Ich kaufe es Dir ab.«

»Hm! Nicht übel!«

»Nicht wahr? Machst Du mit?«

»Wenn Du gut zahlen könntest, so wäre ich vielleicht bereit dazu.«

»Ich zahle fein.«

»Laß hören!«

»Wieviel verlangst Du?«

»Wieviel bietest Du?«

»Fünfhundert Rubel.«

»So! Fünfhundert Rubel für ein Geheimniß, dessen Enthüllung Dich und Deinen Sohn zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den Bergwerken von Nertschinsk bringt, wo ihr unter die Erde geschafft werdet und das Tageslicht niemals wieder zu sehen bekommt? Bist Du gescheidt?«

»Also tausend?«

»Tausend Rubel? Das ist eine solche Bagatelle, daß ich sie gar nicht in den Mund nehme.«

»Donnerwetter! Ich dächte, daß tausend Rubel eine schöne Summe seien.«

»Für Euch vielleicht.«

»Für Jedermann hier.«

»Gut, aber ich bin eben nicht so ein Jedermann. Und nun sage mir doch vor allen Dingen, wie Du tausend Rubel bezahlen willst.«

*

77

»Sofort!«

»Zeige sie mir!«

»Das habe ich nicht nöthig. Nach abgeschlossenem Geschäfte wird bezahlt. Wer da fragt, ob ich zahlungsfähig bin, der beleidigt mich.«

»Nun, so muß ich Dich freilich sehr beleidigen, denn ich traue Dir nicht einmal tausend Kopeken, viel weniger tausend Rubel zu.«

»Da irrst Du Dich freilich sehr in uns.«

»O nein. Wenn man den Räuberhauptmann spielt, um zwei armen Kosaken ihr Geld abzunehmen, so muß es mit der Kasse schlecht stehen. Nicht?«

»Das ist nicht des Geldes wegen geschehen, sondern um den Leuten die Macht zu zeigen, vor der sie sich zu beugen haben.«

»Nun, es hat sich ja gezeigt, wer die Macht hatte und wer sich beugen mußte, um die Knute zu empfangen!«

Der Rittmeister rasselte mit dem Säbel, wagte aber nicht, ein zorniges Wort zu sagen. Darum bemerkte sein Vater:

»Was Du da gethan hast, könnte Dich um den Kopf bringen, wenn wir wollen!«

»So bitte ich Euch, doch einmal zu wollen! Mein Kopf ist ein ganz verfluchter Kerl. Er allein ist es ja, der das Alles ausgeheckt hat. Ich glaube, es würde Demjenigen, der ihn mir nehmen wollte, nicht gut ergehen. Bei mir gilt der Wahlspruch: Kopf gegen Kopf. Darum trage ich hier mein Gewehr zu jeder Zeit mit mir herum.«

»Schweigen wir darüber und sprechen wir lieber von unserm Handel! Wieviel willst Du eigentlich haben?«

»Mehr, viel mehr, als Du bietest, überhaupt wohl viel mehr, als Du bezahlen kannst.«

»Bist Du denn gar so unersättlich?«

»Das nicht. Nur pflege ich mit ganz anderen Ziffern zu rechnen als Ihr, denn ich bin sehr reich. Und sodann bin ich ja gezwungen, das Geld, welches ich von Euch erhalte, in drei Theile zu theilen.«

»Warum denn?«

»Weil meine beiden Gefährten auch Alles wissen. Sie wollen also ebenso bezahlt sein wie ich.«

»Donnerwetter! Wer hat es ihnen denn gesagt?«

»Ich natürlich.«

»Bist Du so ein Schwätzer?«

»O nein. Ich bin im Gegentheile sehr verschwiegen. Aber wenn mir diese Beiden helfen sollen, so muß ich ihnen natürlich sagen, was sie wissen müssen.«

»Werden sie denn schweigen, wenn man sie bezahlt?«

»Ja.«

»Nun, so sage, wieviel Du verlangst!«

»Für Jeden fünftausend Rubel, in Summa also fünfzehntausend Rubel.«

»Heiliges Wetter!« schrie der Rittmeister. »Du bist verrückt!«

Er fuhr vom Sopha empor, fiel aber stöhnend wieder zurück. Sein Vater zeigte sich keineswegs so erschrocken über diese hohe Forderung. Er sagte in aller Ruhe:

»Billig seid Ihr nicht.«

»Habens auch nicht nöthig.«

»So ein Heidengeld habe ich freilich nicht daliegen.«

»Habs mir gedacht. Versuche nur, ob Du es beschaffen kannst.«

»Hoffentlich geht Ihr mit Eurer Forderung noch Etwas zurück?«

»Keine Kopeke!«

»Nun, was mich betrifft, so bin ich gar nicht abgeneigt. Euch diese Summe zu bezahlen; aber Du wirst wohl zugeben, daß ich es nicht allein auf mich nehmen kann.«

»Meinst Du den Grafen?«

»Ja. Mit ihm muß ich natürlich erst sprechen.«

»Das sehe ich freilich ein.«

»Du wirst also seine Rückkehr erwarten müssen.«

»Ich bin bereit dazu.«

»Schön! So sind wir also so weit einig?«

»Ja. Und nun will ich gehen, um Karparla zu holen.«

»Warte nur! Sie wird wohl kommen.«

»Du willst nicht haben, daß ich sie bei Gökala hole? Fürchtest Du Dich davor, daß ich mit dieser Letzteren spreche?«

»Wenigstens nöthig hast Du das nicht.«

»Nein. Aber wenn Du mich nicht zu ihr lässest, so ist das ein Beweis, daß Du mir trotz unserer jetzigen Abmachung feindlich gesinnt bist. Meinst Du, daß mich das gefügiger gegen Euch macht?«

»Nein. Gehe meinetwegen zu ihr.«

»Schön! So ist es recht!«

Er ging.

Draußen sah er, daß die Nebenthür offen stand. Es war die Thür der Schlafstube. Schnell huschte er hinein und zog die Thür hinter sich zu. In der Küche klirrte das Geschirr. Die Kreishauptmännin war also beschäftigt. Von ihr hatte er wohl keine Störung zu erwarten.

Eine Seitenthür führte von hier aus nach der Wohnstube, in welcher sich Vater und Sohn befanden. Er hatte dieselbe schon vorhin von drüben aus bemerkt. Er schlich sich zu derselben hin und horchte. Er hörte die Stimme des Rittmeisters:

»Und Du erschrakst nicht einmal über diese Unverschämtheit! Fünfzehntausend Rubel!«

»Erschrecken? Fällt mir gar nicht ein!«

»So! Sind Dir fünfzehntausend Rubel eine solche Kleinigkeit?«

»Nein; aber dennoch war mir gerade das willkommen, daß sie so viel verlangten.«

»Das begreife ich nicht.«

»Weil Du nicht schlau genug bist.«

»So erkläre es mir.«

»Hätten sie nur einige Hundert verlangt, so hätten sie natürlich sofortige Zahlung beansprucht. Bei dieser Höhe der Summe aber mußte ich sie auf den Grafen verweisen. Dadurch haben wir Zeit gewonnen.«

»Wird uns nicht viel nützen.«

»O, sehr viel.«

»Der Graf zahlt das nicht. Und wenn er sich doch dazu bereit finden lassen sollte, so wird er uns dann das nicht geben, was er uns versprochen hat.«

»Er wird uns bezahlen, und sie bekommen keinen Pfennig.«

»Wieso?«

»Dummkopf! Wir brauchen unser Geld selbst so nothwendig, daß es mir gar nicht einfallen kann, auch nur eine einzige Kopeke für Etwas auszugeben, was ich ganz umsonst erlangen kann.«

»Umsonst erlangst Du ihr Schweigen aber keineswegs.«

»Ganz umsonst.«

»So? Wie willst Du das anfangen?«

»Sehr einfach. Meinst Du überhaupt, daß diese drei Menschen wirklich einen ehrlichen Handel beabsichtigen? Ich bin ganz vom Gegentheile überzeugt.«

»Ich freilich auch.«

»Sie werden das Geld einstecken und uns nachher dennoch verrathen.«

»Fast möchte ich darauf schwören.«

»Du würdest keinen Meineid thun. Denke an Das, was sie bereits gegen uns unternommen haben! Denke nur an die Knutenhiebe, die Du erhalten hast.«

»Alle Teufel! Ich werde mich rächen.«

»Natürlich. Wir nehmen Rache und richten diese der Art ein, daß wir uns dabei ihres ewigen Schweigens versichern.«

»Du meinst –?«

»Ja, das meine ich.«

»Sie müssen sterben?«

»Ja. Es bleibt uns nichts Anderes übrig.«

»Das soll mir ein Gaudium sein. Aber wie fangen wir das an?«

»Ich habe es bereits gesagt, daß es sehr einfach ist. Wir haben doch die Flasche mit dem Schnaps von Fliegenpilzen.«

»Hm! Der wirkt in drei Minuten ganz sicher tödtlich.«

»Den müssen sie trinken.«

»Aber wann und wo? Wir müssen es natürlich so einrichten, daß wir nicht in Verdacht kommen.«

»Versteht sich ganz von selbst. Der Dicke wird mit den beiden Andern ausreiten. Er hat noch nicht Abschied von uns genommen und kommt also, bevor er sich mit Karparla entfernt, jedenfalls noch einmal herein. Wir sind da sehr freundlich mit ihm und suchen zu erfahren, welche Richtung sie einschlagen werden. Dann begegnen wir ihnen draußen in der Steppe.«

»Ich auch mit? Ich soll reiten? Bei meinem Zustande!«

»Es geht nicht anders. Du darfst Dich nicht ausschließen. Schmiere Dich mit Schnaps ein und lege ein Kissen auf den Sattel. Da wirst Du es wohl aushalten können».«

»Nun, versuchen will ich es wenigstens. Aber Du stellst Dir die Sache so leicht vor.«

»O nein, gar nicht.«

»Doch! Wenn wir ihnen begegnen, können wir ihnen doch nicht so mir nichts Dir nichts, so ohne weiteres die Giftflasche anbieten.«

»Wer hat denn das gesagt! Wir reiten ein Stück mit ihnen. Da giebt es schon Gelegenheit zu einem Trunke.«

»Sie werden sich aber hüten, allein zu trinken. Wir müssen auch einen Schluck nehmen.«

»Natürlich.«

»So meinst Du, daß auch wir Gift saufen sollen!«

»Kerl, was fällt Dir ein. Wir nehmen noch eine andere, ganz gleiche Flasche mit, welche guten Wutki enthält. Von dieser trinken wir Beide. Ich stecke sie wieder ein. Das siehst Du und machst mich darauf aufmerksam, daß ich ganz unhöflich gegen die Drei gewesen sei, da ich ihnen nicht einen Schluck angeboten habe. Daraufhin nehme ich die Giftflasche heraus und gebe sie ihnen.«

»Sapperment, so wird es gehen!«

»Und zwar sehr leicht.«

»Und was dann?«

»Sobald sie getrunken haben, müssen wir uns natürlich schleunigst verabschieden. Denn wenn wir bei ihnen bleiben wollen, bis das Gift beginnt, in ihren Eingeweiden zu wühlen, so bin ich gewiß, daß sie uns über den Haufen schießen werden.«

»Natürlich! Das würden sie sicher thun. Aber wenn es ihnen nun gelänge, noch vor ihrem Tode im Galoppe die Stadt zu erreichen und uns anzuzeigen!«

»Bei wem denn? Bei mir selbst?«

»Oder beim Kreissekretär. Er ist zwar verreist, wollte aber heute wieder zurück sein.«

»Er ist mein Untergebener und würde über eine solche Anzeige doch nur lachen.«

»Das fragt sich sehr. Ich traue ihm nicht. Der Kerl ist viel zu ehrlich. Er will avanciren. Ihm käme die Anzeige gerade recht.«

»Ich habe gar keine Sorge. Wir müssen uns mit den Fremden eben so weit von der Stadt entfernen, daß es ihnen unmöglich ist, sie in den drei Minuten, nach denen sie der sichere Tod erfaßt, zu erreichen.«

»Gelingt uns das, so sind wir allerdings vollständig des Gelingens sicher.«

Sam hatte genug gehört. Uebrigens war das Risico, welches er auf sich genommen hatte, als Lauscher ertappt zu werden, ein ziemlich großes gewesen. Er brauchte weiter nichts zu erfahren und konnte nun seinen Posten verlassen.

Er ging aus dem Schlafzimmer – – aber doch nur bis zur Thür, denn ihm fiel ein, was er für heute vor hatte. Er blickte sich daher noch einmal genauer um. Dort links gab es eine Thür, gleich neben dem Bette, welches also voraussichtlich dasjenige des Kreishauptmannes war. Ueber demselben befand sich ein kleines Schränkchen. Es hing an einem Nagel und konnte abgenommen werden.

Sam huschte schnell hin. Das Schränkchen war nicht verschlossen. Er machte die Thür auf. Es enthielt verschiedene kleine, unwichtige Gegenstände, einige Fläschchen und dergleichen; aber dabei hing an einem Häkchen ein Schlüssel. War dies der gesuchte?

Sam nahm ihn und steckte ihn in das Schloß der Thür. Der Schlüssel paßte ganz genau, und Sam öffnete. Er sah einen nicht sehr kleinen, zweifenstrigen Raum vor sich. Die Fenster waren mit Läden verschlossen, doch drang durch die geöffnete Thür genug Licht hinein, um sehen zu können, was der Raum enthielt.

Eine nicht unbedeutende Anzahl kleiner Fässer enthielten jedenfalls Pulver. Ungefähr ein Dutzend leicht gezimmerter Kisten schienen Patronen oder Patronenhülsen zu enthalten. Zündhütchenschachteln und Kugelformen waren vorhanden, und neue Gewehre, an der Zahl vielleicht zweihundert, füllten fast die Hälfte des ganzes Raumes.

Das war es, was Sam hatte sehen wollen. Er schloß die Thür wieder zu und hing den Schlüssel in das Schränkchen zurück. Selbst wenn dieses Letztere heute Abend von dem Kreishauptmanne verschlossen werden sollte, konnte es sehr leicht durch das Aufsprengen seiner hinteren Wand, welche aus dünnem Holze bestand, geöffnet werden. Es war also nicht schwer, des Schlüssels habhaft zu werden.

Jetzt nun endlich konnte Sam die Schlafstube verlassen. Sein Lauschen und die Untersuchung des Schränkchens und der Vorrathskammer hatten ihm mehr eingebracht, als er vorher hatte denken können. Er wendete sich nun nach der Thür, aus welcher er heute hatte Gökala treten sehen. Er mußte natürlich annehmen, daß sich da ihre Wohnung befinde.

Sie war von Dem, was sie von dem Kreishauptmanne erfahren hatte, nämlich daß sie wie eine Gefangene behandelt werden solle, sehr niedergeschlagen gewesen, wenn sie es sich auch nicht hatte merken lassen. Von den Worten Sams, welche derselbe gegen den Willen des Hausherrn, und zwar in deutscher Sprache, an sie gerichtet hatte, war sie einigermaßen getröstet und wieder aufgerichtet worden.

Sam war ihr natürlich ein Räthsel. Ein Deutscher hier in Sibirien! Der ihren Namen kannte und auch noch Weiteres von ihr zu wissen schien, das war ihr etwas ganz Unbegreifliches.

Er hatte ihr die Vermuthung gegeben, daß sie noch mehr von ihm hören werde, und so war es kein Wunder, daß sie eine große Wißbegierde hegte, zu erfahren, wer dieser Mann sei, und was er von ihr wolle.

Sie hatte die Zeit bisher ganz allein in ihrem Zimmer verbracht. Die Kreishauptmännin war zwar auf einige Minuten bei ihr gewesen, um ihr Thee und Gebäck zu bringen, von ihr aber so kurz und zurückhaltend behandelt worden, daß sie keine Lust gespürt hatte, länger als unumgänglich nöthig zu verweilen.

Da klopfte es leise an ihre Thür.

»Herein!« sagte sie in ziemlich mürrischem Tone, da sie annehmen mußte, daß der Klopfende eine der zur Familie des Kreishauptmannes gehörigen Personen sei.

Der Thürdrücker wurde bewegt, aber die Thür öffnete sich nicht.

»Ich kann ja nicht hinein,« sagte draußen eine weibliche Stimme.

Das konnte nur eine Person sein, welche nicht im Hause wohnte.

»Wer ist denn draußen?« fragte Gökala.

»Ich bin es, Karparla.«

Also die Prinzessin der Tungusen, welche Gokala nicht hatte besuchen dürfen! Wie kam das? Gökala eilte an die Thür und sagte:

»Ich bin eingeschlossen. Schließ auf; dann kannst Du herein.«

Jetzt schloß Karparla auf. Sie zog dann von außen den Schlüssel ab und kam herein. Die Beiden begrüßten sich auf das Herzlichste. Sie hatten sich nur erst einmal und zwar auf so kurze Zeit gesehen; aber sie fühlten bereits so freundschaftliche Gefühle für einander, als ob ihre Bekanntschaft bereits eine sehr langjährige sei.

»Willkommen, herzlich willkommen!« sagte Gökala, indem sie das schöne Mädchen herzlich umarmte. »Das hätte ich nicht erwartet.«

»Karparla küßte sie schwesterlich auf den Mund und antwortete:

»Weil man Dich gefangen hält, nicht wahr, meine liebe Gökala?«

»Ja. Hast Du das gewußt?«

»Gewiß.«

»Auch daß Niemand mich besuchen darf?«

»Auch das hat man mir gesagt.«

»Und dennoch bist Du zu mir gekommen!«

»Ja. Sam hat nur versprochen, daß ich dennoch mit Dir reden darf.«

»Wer ist das, dieser Sam?«

»Ein Fremder, von welchem wir wohl noch sprechen werden. Jetzt vor allen Dingen nimm diesen Schlüssel. Ich habe ihn abgezogen.«

»Warum?«

»Damit man Dich nicht wieder einschließen kann. Wenn Du den Schlüssel bei Dir hast, bist doch Du die Herrin der Wohnung. Du kannst Dich einschließen und brauchst Niemanden, den Du nicht sehen willst, zu Dir zu lassen. Auch kannst Du öffnen und fortgehen, wenn und wann es Dir beliebt.«

»Fortgehen werde ich trotzdem nicht können, denn man wird mich bewachen und es zu verhindern wissen.«

»So wende Dich nur an diesen Sam. Er wird es nicht dulden, daß man Dich noch länger Deiner Freiheit beraubt.«

»Das klingt ja ganz so, als ob er ein ganz mächtiger Mann sei!«

»Das ist er auch.«

»So bin ich sehr begierig, Näheres über ihn zu erfahren. Komm, setze Dich. Wir werden uns wohl viel zu erzählen haben.«

»Ja, ich möchte gar viel von Dir wissen. Aber schließe vorher die Thür zu, damit Niemand herein kann. Auch wollen mir uns hüten, laut zu sprechen. Es ist leicht möglich, daß man herbei schleicht, um uns zu belauschen.«

»Weiß man denn, daß Du bei mir bist?«

»Natürlich.«

»Und ich wurde bedeutet, daß Niemand zu mir kommen dürfe.«

»Auch ich nicht?«

»Sogar Du nicht. Darum wundere ich mich sehr, Dich nun dennoch bei mir zu sehen.«

Sie verschloß, die Thür von innen, setzte sich dann zu Karparla und nahm deren Hand in die ihrige. Die junge Tungusin blickte liebevoll und bewundernd zu ihrer Freundin auf, welche eine bedeutend höhere Gestalt besaß.

»Wie schön Du bist!« flüsterte sie zärtlich.

»Das hast Du mir bereits einmal gesagt,« lächelte Gökala.

»Ja, aber nun, da Du nicht mehr so verhüllt bist wie im Wagen, sehe ich es noch viel deutlicher als vorher. Du bist nicht nur sehr schlau, sondern auch – auch – auch – –«

Sie sann über den Ausdruck nach, den sie in Anwendung bringen wollte.

»Nun?« fragte Gökala. »Was bin ich denn noch?«

»Ich finde das richtige Wort gar nicht. Du hast auch noch ein so – so – so vornehmes Aussehen.«

»Wirklich?«

»Ja. So habe ich mir immer eine Königin vorgestellt, oder die Kaiserin, die Frau des gewaltigen Zaaren von Rußland.«

»Das sagst Du doch nur aus Freundschaft und Zuneigung zu mir!« meinte Gökala, indem sie Karparla mit freundlichem Blicke musterte, so wie eine erfahrene, weltgewandte Dame ein gutes, schönes, junges Mädchen anblickt, welches in überquellender Bewunderung eine nicht salonfähige aber schmeichelhafte Wahrheit ausspricht.

»O nein!« widersprach Karparla schnell. »Es ist nicht die Freundschaft, die mir diese Worte in den Mund legt. Du hast so ein Etwas an Dir, in Folge dessen man doppelt glücklich ist, in Deiner Nähe sein zu dürfen.«

»Nun,« antwortete Gökala, sie an sich drückend, »Du bist nicht weniger schön. Und zudem strahlt aus Deinen Augen eine Herzensgüte, welche einen Jeden, der Dir begegnet, sofort für Dich gewinnen muß.«

»O, so sehr gut bin ich doch nicht!« lachte die Tungusin. »Lerne mich nur erst näher kennen. Da wirst Du dann wohl ganz anders über mich urtheilen.«

»Das befürchte ich nicht.«

»O doch! Ich bin ein gar tolles und muthwilliges Geschöpfchen.«

»Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht, nun, das ist nichts Schlimmes. In Deinen Jahren ist es gern erlaubt, ein Wenig muthwillig zu sein.«

»So sehr muthwillig wie ich? Das glaube ich nicht. Ich bin zuweilen eine gar grausame Tyrannin. Wenn die Eltern nicht so sehr gut wären, so könnte es mir zuweilen sehr bös ergehen.«

»Du entwirfst ja ein ganz erschreckliches Bild von Dir.«

»Es ist aber sehr zutreffend. Weißt Du, wenn Du meine Eltern erblickst, so wirst Du mich sofort beneiden.«

»Das nicht. Ich gönne es Dir, daß Du so gute Eltern besitzest.«

»Ich meine nämlich. Du wirst sehen, daß mein Vater sehr, sehr dick ist, und meine gute Mutter ist noch viel, viel dicker. Und weißt Du, Eltern, welche so dick sind, das sind stets sehr nachsichtige und liebevolle Eltern.«

»Du scheinst in dieser Beziehung viel Erfahrung gesammelt zu haben.«

»Ich habe es an Andern beobachtet.«

»Leider befürchte ich, Deinen Vater und Deine Mutter gar nicht kennen zu lernen.«

»Warum?«

»Weil es mir ja verboten ist, dieses Haus zu verlassen. Da werde ich also nicht zu ihnen gehen können. Oder meinst Du, daß sie zu mir kommen dürfen, so wie Du jetzt?«

»Ja, das dürfen sie jedenfalls, und sie würden sich sehr freuen, Dich besuchen zu dürfen, aber das ist ja gar nicht nöthig, da Du zu ihnen gehen darfst.«

»Ich darf? Wer hat das gesagt?«

»Der Kreishauptmann.«

»Und mir verbot er doch, das Haus zu verlassen!«

»Er ist ja gezwungen worden, diesen Entschluß zu ändern.«

»Von wem?«

»Eben von diesem Sam, von welchem wir bereits gesprochen haben.«

»Wie? Dieser Mann hat es so weit gebracht, nicht nur daß Du zu mir kommen darfst, sondern auch, daß ich hinaus zu Euch gehen kann?«

»Ja. Ich kam hierher, um den Kreishauptmann mit den Seinen für heute Abend zu uns einzuladen. Ich bat sie, auch Dich mitzubringen, aber diese Bitte wurde mir abgeschlagen. Da kam Sam dazu und brachte es schnell so weit, daß sie mir erfüllt werden mußte.«

»Das ist herrlich, herrlich!«

»So kommst Du gern zu uns?«

»Wie gern, wie sehr gern. Erstens ists ja schon Deinetwegen, daß ich diesen Abend gern bei Euch bin, und zweitens bin ich so lange Zeit meiner Freiheit verlustig gewesen, daß ich mich ganz glücklich fühle, einmal Herr meiner selbst zu sein. Dieser Sam muß ein außerordentlicher Mann sein.«

»Ja, er sieht aber gar nicht so aus.«

»Allerdings nicht.«

»Hast Du ihn denn schon gesehen?«

»Ja, heute, bevor der Kreishauptmann mich hier einschloß. Da kam er her und sprach einige Worte zu mir. Er ist eine kleine, dicke Person.«

»Und trägt sich so eigenartig gekleidet. Waren seine beiden Genossen dabei?«

»Ob sie seine Genossen waren, das weiß ich nicht, aber es waren zwei lange, hagere Personen bei ihm, welche beinahe ein noch fremdartigeres Aussehen hatten als er.«

»Das sind sie. Sie heißen Jim und Tim und haben mit geholfen, meinen – meinen –«

Sie hielt erröthend inne.

»Nun, was haben sie mitgeholfen?«

»Meinen Kosaken zu befreien.«

»Ah, Deinen Jurgi, von welchem Du mir bereits erzählt hast?«

»Ja. Die Drei haben ihn heute in der Nacht aus seinem Gefängnisse geholt.«

»Da möchte ich doch gern wissen, wie das zugegangen ist.«

»Soll ich es Dir erzählen?«

»Ich bitte Dich sehr darum.«

Jetzt erzählte Karparla, was seit gestern, seit der Ankunft der drei Amerikaner geschehen war. Natürlich erwähnte sie dabei, daß sie eigentlich die Verlobte des Rittmeisters sei, daß er sie damals beinahe habe ertrinken lassen und daß der Kosak Nummer Zehn sie vom Tode errettet habe. Sie malte das in den ihr eigenthümlichen, hellen Farben, so daß ihr Abscheu gegen den Rittmeister und ihre Zuneigung zu dem verbannten Kosaken aus einem jeden ihrer Worte leuchtete.

»So hast Du diesen Unglücklichen wohl recht sehr lieb?« fragte Gökala, als sie geendet hatte.

»O, so sehr!«

»Aber, Du armes Kind, diese Liebe ist keine glückliche zu nennen.«

»Warum?«

»Du wirst ihn niemals besitzen können.«

»Leider. Aber daran mag ich noch gar nicht denken. Unglücklich zu sein, dazu habe ich später genugsam Zeit. Jetzt muß ich nur dafür leben, ihn zu retten.«

»Und so ist er nach dem Mückenflusse?«

»Ja.«

»Da wird ihn vielleicht der Graf treffen.«

»Dein Graf? Ist der hin?«

»Ja. Er sagte es mir, bevor er abreiste.«

»Hat denn der Flüchtige diesen Grafen zu fürchten?«

»Vielleicht. Zwar kennen sie einander nicht, sie gehen einander gar nichts an, aber der Graf ist des Kreishauptmannes und des Rittmeisters Freund. Wenn er den Kosaken trifft und ihn als den Flüchtling erkennt, so wird er ihn sofort festnehmen.«

»O, mein Geliebter wird sich vertheidigen.«

»Bedenke, daß der Graf zehn Kosaken mitgenommen hat!«

»Ja, das ist wahr. Mein Gott, was ist da zu thun?«

»Nichts, gar nichts. Du mußt einstweilen die Dinge gehen lassen, wie sie eben gehen wollen.«

»Nein, das werde ich nicht thun. Ich werde eine Schaar meiner Tungusen nachsenden.«

»Vielleicht wäre gerade dies ein sehr großer Fehler, den Du begehen würdest.«

»In wiefern denn?«

»Weil Du durch diese Maßregel die Kosaken erst recht auf ihn aufmerksam machen würdest.«

»Das wäre nicht schlimm. Meine Leute würden mit dem Grafen und seinen Kosaken kämpfen.«

»Und sich dadurch die Rache der russischen Behörde zuziehen!«

»Das ist wahr. Aber was soll ich thun?«

»Was ich Dir gesagt habe – abwarten.«

»Das kann ich nicht. Ich würde vor Angst um Jurgi vergehen. Oder – ah, da fällt mir Etwas ein! Ich werde mit Sam sprechen.«

»Meinst Du denn, daß sein Einfluß sogar bis zum Mückenflusse reicht?«

»Sein Auftreten ist ganz darnach.«

»Hm. So versuche es. Erzähle ihm Alles und höre dann, was er sagen wird.«

»So muß ich gleich zu ihm. Es ist keine Zeit zu verlieren.«

Sie wollte aufstehen, wurde aber von Gökala zurückgehalten.

»Nicht so schnell, liebe Karparla,« bat diese. »Dein Sam befindet sich jetzt wohl noch beim Kreishauptmann?«

»Ja.«

»Nun, dort kannst Du ja gar nicht mit ihm über diese Angelegenheit sprechen. Also ist es besser, wenn – horch!«

»Es hat geklopft.«

Gökala begab sich hin nach der Thür.

»Wer ist da?« erkundigte sie sich.

»Ist Karparla noch da?« fragte die Stimme des Dicken von außen.

»Ja.«

»Dann erlaube mir, einzutreten!«

»Wer bist Du?«

»Sam ists, Sam!« antwortete Karparla anstatt seiner. »Ich kenne seine Stimme. Laß ihn herein!«

Gökala öffnete die Thür und der Dicke trat herein. Er sah auf den ersten Blick, daß der Schlüssel innen steckte und verschloß die Thür, bevor er noch grüßte. Sodann zog er seinen alten Hut vom Kopfe, lehnte das Gewehr an die Wand und sagte, natürlich in russischer Sprache, da sein Deutsch von Karparla nicht verstanden worden wäre:

»Gott grüße Dich, Gökala! Nimmst Du es mir übel, daß ich hier eingetreten bin?«

»Nein, gar nicht. Du bist mir im Gegentheile sehr willkommen.«

»Ja, Du kommst eben gerade zur richtigen Zeit,« fügte Karparla hinzu. »Ich wollte zu Dir.«

»Du? Du wolltest zu mir, um nach Hause zu gehen?«

»Nein. Ich wollte Dir etwas sagen.«

»Ah!« lächelte er. »So laß hören!«

»Setze Dich nur erst!«

Sie ergriff ihn beim Arme und führte ihn zu einem Stuhle. Erst als er sich niedergelassen hatte, erklärte sie ihm:

»Jurgi befindet sich nämlich in der allergrößten Gefahr.«

»Ah! Wieso denn?«

»Der Graf ist ihm nach.«

»Das glaube ich nicht. Sie wissen vielleicht gar nichts von einander. Der Graf ist aus einem ganz anderen Grunde nach dem Mückenflusse.«

»Aber wenn er Jurgi dort trifft, so ist dieser verloren.«

»Hm! Das glaube ich nicht.«

»Wirst es schon glauben lernen. Ich will Tungusen nachsenden.«

Er schüttelte, überlegen lächelnd, den Kopf.

»Ist nicht nothwendig,« meinte er.

»Warum nicht?«

»Weil ich morgen selbst hin reite.«

»Wirklich? Gewiß?« fragte sie erfreut. »Was willst Du denn dort?«

»Ich will Dir Deinen Jurgi wiederholen.«

»Um Gotteswillen! Der darf sich hier ja gar nicht sehen lassen.«

»Oho! Ich möchte den Mann sehen, vor dem er sich zu scheuen hätte!«

»Vor Allen! Er ist ja Deserteur!«

»Das ist ja gar nicht so schlimm, wie Du denkst!«

»So kennst Du die hiesigen Verhältnisse nicht. Wenn man ihn ergreift, so wird er zu Tode geknutet.«

»Pah! Wer soll ihn knuten lassen?«

»Der Rittmeister.«

»Nun, Du weißt ja, daß ich diesem Menschen heute selbst die Knute habe geben lassen. Ich möchte ihm nicht rathen, seine Hand an den Kosaken zu legen, obgleich auch der Graf tausend Rubel auf die Wiederhabhaftwerdung desselben gesetzt hat.«

»Der Graf! Und zu uns sagtest Du vorhin, daß dieser ihn gar nicht kennt!«

»Er hat ihn allerdings noch nicht gesehen, aber es giebt Verhältnisse, die es ihm als wünschenswerth erscheinen lassen, daß der Kosak wieder ergriffen wird. Doch brauchst Du keine Sorge zu haben. Selbst wenn man den Flüchtigen erwischt, kann man ihm doch nichts thun. Er steht unter einem sehr mächtigen Schutze.«

»Unter dem Deinigen?«

Sam machte ein eigenthümliches Gesicht, nickte aber und antwortete:

»Ja. Meinst Du vielleicht, daß mein Schutz nicht ausreichend sei?«

»Nach Allem, was ich von Dir gesehen und erfahren habe, genügt Dein Schutz vollständig. Aber Du wirst nicht zugegen sein, wenn Jurgi ergriffen wird.«

»Das ist auch nicht nöthig. Hoffentlich aber werde ich dabei sein, wenn dieser Fall in Wirklichkeit eintreten sollte. Komme es, wie es wolle, so viel ist gewiß, daß sie ihm nichts thun werden.«

»Das sagest Du wohl nur, um mich zu trösten?«

»Nein. Einen Officier knutet man nicht zu Tode!«

»Er ist keiner mehr!«

»Er war einer, und ein Edelmann dazu.«

»Ein Edelmann? Weißt Du das genau?«

»Sehr genau. Ich kenne sogar seine ganze Familie. Er nannte sich Orzeltschasta, war aber eigentlich ein Deutscher und hieß Georg von Adlerhorst.«

Er legte einen besonderen Nachdruck auf diesen Namen, wobei er seinen Grund hatte. Er wußte, daß Steinbach Gökala in Constantinopel getroffen hatte, aber es war ihm unbekannt, ob zwischen diesen Beiden von Adlerhorst gesprochen worden war oder nicht. War es geschehen, so mußte jetzt Gökala von diesem Namen überrascht werden. Aber als er sie jetzt anblickte, zeigte sich nur ein ganz gewöhnliches Erstaunen. Sie fragte:

»Wie? Ein Deutscher ist dieser unglückliche Kosak?«

»Ja, ein deutscher Edelmann.«

»Das ist doch kaum denkbar? Wie kann ein Deutscher, der sogar von Adel ist, als Verbannter nach Sibirien geschafft werden?«

»Er hat in russischen Diensten gestanden.«

»Ach so! Dann ist es freilich möglich. Und Sie kennen seine Familie?«

»Alle Glieder derselben. Es ist ein ganz eigenartiges Unglück, welches auf dieser Familie ruht. Die Mutter war mit einem Bruder und einer Schwester in Amerika gefangen und die andere Schwester ward als Sclavin nach Constantinopel an Ibrahim Pascha verkauft.«

»Ibrahim Pascha! Ah! Kennst Du diesen?«

»Nein.«

»Aber Du weißt von ihm?«

»Ja. Ich hatte einen Bekannten, welcher ihn gekannt hat und sie aus seinen Händen rettete.«

Jetzt wurde ihr Gesicht bleich.

»Wie hieß dieser Bekannte?« fragte sie.

»Oskar Steinbach.«

Sie griff sich mit beiden Händen nach dem Herzen, als ob sie dort einen Stich, einen Schmerz empfunden hätte…

»Steinbach! Oskar Steinbach!« sagte sie. »Ob er es ist?«

»Wer?« fragte Sam, sie scharf beobachtend.

Sie versuchte, eine gleichgiltige Miene zu zeigen, doch zitterte ihre Stimme, als sie jetzt antwortete:

»Ich kannte einen Mann dieses Namens.«

»Vielleicht ists derselbe. War er ein Deutscher?«

»Ja. Kannst Du mir seine Gestalt beschreiben?«

»Sehr gut.«

Er that es und fügte die Bemerkung hinzu:

»Er war damals in Constantinopel, um, glaube ich, mit einer Tochter des Sultans zu sprechen.«

»Das stimmt. Das stimmt! Er ists, er ist es!«

Sie stand auf und that einige Schritte vorwärts. Er machte ein überraschtes Gesicht und sagte:

»Es ist wirklich wunderbar, was für Menschen man in der Fremde trifft. Wer hatte denken sollen, daß ich hier im fernen Sibirien mit einer Dame zusammenkommen würde, welche meinen Herrn Steinbach kennt!«

»Gott führt die Menschen wunderbar!«

»Und an welche er stets, stets und immer denkt!«

»Woher weißt Du das?«

»Ich bin monatelang mit ihm beisammen gewesen und weiß, daß er eine Dame mit Namen Gökala kennen gelernt hat, welche er im Leben nie vergessen kann.«

»Sagt er das selbst?«

»Nein, seine Begleiter sprachen davon, welche damals mit ihm in Egypten gewesen sind.«

»Auch von Egypten weißt Du?«

»Nur oberflächlich.«

»Und wo hast Du ihn getroffen?«

»Das zu erzählen, dazu brauchte ich Wochen. Ich kann nur sagen, daß ich ihn zum ersten Male in Amerika sah.«

»Was that er dort?«

»Er wollte jene drei Personen befreien, von denen ich vorhin sagte, daß sie in Amerika gefangen gewesen seien.«

»Ist ihm das gelungen?«

»Ja.«

»Wo ist er jetzt?«

»Hm! Wer weiß das! Von Amerika ging er nach Indien.«

Sie blickte schnell auf.

»Was wollte er dort?« fragte sie.

»Ich glaube, er wollte einen dortigen Fürsten suchen, welcher vor langer Zeit verschwunden sein soll.«

»Weißt Du, wie dieser Fürst heißt?«

»Er heißt Banda und war Maharadscha von Nubrida.«

»Herrgott! Meinen – den, den will er suchen! Was kann er denn von ihm wissen? Wie kann er diesen Namen erfahren haben?«

»Von einem Diener jenes Maharadschah.«

»Weißt Du, wie dieser Diener hieß?«

»Nena war sein Name.«

Auf ihrem Gesicht wechselte die glühendste Röthe mit der tiefsten Blässe. Sie erkundigte sich mit beinahe heiserer Stimme:

»Wie hat er denn diesen kennen gelernt?«

»Er hat ihn in Egypten gefunden.«

»Wunderbar, wunderbar!«

Er schüttelte den Kopf, betrachtete sie mit erstauntem Blicke und sagte:

»Verzeihe mir! Du selbst kommst mir wunderbar vor. Weißt Du vielleicht Etwas von jenem Nena und von seinem Herrn, dem Maharadscha?«

Sie zwang sich, gleichgiltig zu erscheinen, und antwortete:

»Ich habe einmal über das Schicksal des Maharadscha sprechen hören. Erzähle mir doch von jenem Steinbach!«

»Dazu giebt es leider jetzt keine Zeit. Aber heute Abend, wenn Du in dem Zelte des Tungusen bist, da werde ich Dir erzählen.«

»Aber gewiß!«

»Jawohl.«

»Und ganz ausführlich!«

»So ausführlich, wie Du es nur zu wünschen vermagst.«

»So meinst Du also, daß er jetzt in Indien ist?«

»Sagen kann ich es nicht. Ich vermuthe es nur. Er sucht den Maharadscha.«

»Das ist vergebliche Mühe. Dieser Fürst ist verschwunden und wird verschwunden bleiben für alle Zeit.«

»Das glaube ich nicht,« meinte Sam, indem er ein listiges Lächeln zeigte.

»So? Hast Du einen Grund zu dieser Annahme?«

»Ja. Dieser Grund heißt eben – Steinbach. Was dieser Mann will, das bringt er auch fertig. Er hat jene Tochter der Adlerhorst's in Constantinopel gesucht – er fand sie. Er suchte sodann die drei anderen zu dieser Familie gehörigen Personen in Amerika – er fand sie. Er gab mir den Auftrag, nach Sibirien zu gehen, um den letzten noch fehlenden Adlerhorst zu suchen – ich habe ihn hier gefunden. Er ist nach Indien gegangen, um den Maharadscha zu suchen – er wird ihn finden, und zwar so sicher, wie ich Sam Barth heiße.«

»Was sagst Du! Du bist in seinem Auftrage hier?«

»Ja.«

»Wo sollst Du ihn treffen?«

»Allüberall, wo es mir beliebt.«

»Was soll das heißen?«

»Wir haben einen Ort ausgemacht, nach welchem wir uns gegenseitig unsere Briefe oder Depeschen schicken. Dahin telegraphire ich sofort, wenn ich hier Georg Adlerhorst fest habe. Die Depesche wird ihm dort, wo man seinen gegenwärtigen Aufenthalt kennt, nachgesandt und er bestimmt sodann, wohin ich den Adlerhorst bringen soll.«

»Aha, so ist die Sache.«

Sie setzte sich wieder nieder, aber so schwer, als ob sie jetzt gegen vorher ein doppeltes Gewicht besitze. Da sie aber ihre große, innere Erregung nicht bemerken lassen wollte, so führte sie die Rede von dem Thema, für welches sie sich eigentlich interessirte, auf eine andere Person hinüber:

»Ist denn dieser Steinbach mit der Familie Adlerhorst verwandt?«

»O nein,« antwortete Sam sehr ernsthaft. »Er ist ja nicht von Adel.«

»Nicht? Wenn er aber mit Missionen betraut ist, wie diejenige in Constantinopel, so sollte man vermuthen, daß –«

»Daß – Was? Gerade zu solchen Heimlichkeiten werden gewöhnlich Männer genommen, welche sonst keine hervorragende Bedeutung haben.«

»Möglich. Du hast also wirklich im Sinne, Dich dieses Georg Adlerhorst anzunehmen?«

»Auf alle Fälle. Ich werde ihm morgen nach dem Mückenflusse nachreiten.«

Karparla hatte sich natürlich an dem letzteren Theile des Gespräches nicht betheiligt. Jetzt aber, da von dem Flüchtlinge die Rede war, fiel sie ein:

»Gehen Deine beiden Gefährten mit?«

»Ja.«

»So kannst Du doch auch einen Trupp unserer Tungusen mitnehmen!«

»Wollen sehen. Ich kann Dir für jetzt die feste und bestimmte Versicherung geben, daß Nummer Zehn nichts zu befürchten hat. Nun aber ist unsere Zeit hier abgelaufen.«

Er erhob sich von seinem Sitze.

»Bleibe noch!« bat Gökala.

»Es geht nicht. Wenn ich so lange Zeit hier verweile, wird der Kreishauptmann mißtrauisch, und das möchte ich verhüten. Wollen überhaupt einmal sehen, ob wir nicht vielleicht belauscht werden.«

Er schlich ganz leise zur Thür, drehte ebenso leise den Schlüssel um und schob dann die Thür mit aller Gewalt auf. Es gab einen ganz gehörigen Prall.

»Au! Donnerwetter!« schrie draußen Einer.

Sam trat hinaus. Draußen stand der Kreishauptmann mit seinem Sohne. Der Letztere war von der Thür getroffen worden. Er hielt sich mit beiden Händen den Kopf.

»Ah,« lachte Sam. »So geht es, wenn man horcht!«

»Wir haben nicht gehorcht,« erklärte der Vater.

»So! Was sonst?«

»Wir gingen nur zufällig vorüber.«

»Ach so! Warum hat da die Thüre gerade blos den Kopf getroffen! Uebrigens, wer Heimlichkeiten erlauschen will, der muß es gescheidter anfangen als Ihr. Ihr habt da kein Geschick dazu. Komm, Karparla, wir wollen gehen.«

Die Tungusin verabschiedete sich von ihrer neuen Freundin und forderte sie auf, heute ja zu kommen. Gökala sagte bestimmt zu und Sam bemerkte, um ganz sicher zu sein, daß sie kommen werde:

»Wenn Du nicht kommst, so hole ich Dich. Und jetzt nun lebe wohl!«

Er stieg mit Karparla die Treppe hinab. Der Kreishauptmann that, als ob er sie aus Höflichkeit begleite. Unten vor der Thür angekommen, war er Karparla behilflich, in den Sattel zu steigen und sagte dann, als sie fortritt, zu dem nun noch allein dastehenden Sam:

»Also Ihr seid heute Abend nicht mit in dem Zelte?«

»Nein.«

»Das ist schade!«

»Warum?«

»Ich hätte Euch so gern dabei gesehen.«

»Wie kommt das? Bisher hast Du gar nicht bewiesen, daß Du uns so gern hast.«

»Ihr habt uns nur falsch verstanden. Heute Abend hättest Du Dich überzeugen können, daß wir Dir nicht feindlich gesinnt sind.«

»So! Dann thut es mir wirklich leid, daß wir nicht dabei sein können. Vielleicht aber seid Ihr noch da, wenn wir zurückkehren.«

»Wann werdet Ihr kommen?«

»Vor Mitternacht nicht.«

»Das ist zu spät. Da sind wir wohl nicht mehr da. Wo reitet Ihr denn eigentlich hin?«

»Einmal gerade nach Ost in die Steppe hinein. Wir wollen die Abendeinsamkeit derselben genießen.«

»Und wann brecht Ihr auf?«

»Jetzt sogleich. Der Tag ist ja vergangen und in einer halben Stunde wird es schon Abend sein. Lebewohl.«

Er ging.

Der Kreishauptmann theilte seinem Sohne das Ergebniß dieser Erkundigung mit. Sie ließen satteln, steckten die beiden Flaschen ein und stiegen auf. Dann ritten sie heimlich aus dem Orte hinaus, um hinter einem Gebüsche die Reiter aufzulauern und ihnen dann zu folgen.

Sam war inzwischen zu Fuße nach dem Lager zurückgekehrt. Er theilte den zwei Freunden zunächst mit, daß er den Kreishauptmann gezwungen habe, Karparla zu Willen zu sein. Jim lachte und sagte dann:

»Der Kerl wird Dich außerordentlich lieb haben.«

»Und Euch natürlich mit!«

»Er mag beginnen, was er will, so sind wir ihm im Wege. Er muß eine ganz beispiellose Wuth gegen uns empfinden.«

»Das versteht sich. Ich habe den Beweis.«

»Die Grobheit, deren er sich gegen Dich bedient hat?«

»O nein. Wenn es nur das wäre! Er will uns an den Kragen.«

»Oho! Doch nicht etwa so!«

Er machte die Pantomime des Schießens.

»Erschießen? Nein. Dazu haben diese beiden Kerls weder den Muth, noch das Geschick. Vergiften wollen sie uns.«

»Sam, das glaube ich Dir doch nicht.«

»So erstick an Deinem Zweifel! Dann ists freilich nicht nöthig, daß Sie Dir Gift geben.«

»Das wäre doch gar zu toll!«

»Fragen solche Kerls nach der Tollheit?«

»Nein. Das ist freilich wahr.«

»Ich habe es ja mit diesen meinen eigenen Ohren erlauscht.«

»So erzähls!«

Sam erzählte. Die beiden Brüder blickten einander ganz ernsthaft und mit großen Augen an und brachen sodann in ein lautes Gelächter aus.

»Uns vergiften!«

»Mit Fliegenpilzen! Als ob wir Fliegen oder Mücken wären!«

»Lacht nicht!« meinte Sam. »Ich habe nicht nur gehört, sondern auch gelesen, was für ein fürchterliches Gift das ist.«

»So schlimm kann es doch nicht sein. Die halb wilden Völkerschaften hier essen ja den Fliegenschwamm und trinken den Absud davon, um sich zu berauschen.«

»Ja, die sind das Zeug gewöhnt, grad wie der Tabakraucher das Nikotin.«

»Wenn auch. Tödten kann uns das Zeug doch nicht, wenn wir nur einen einzigen kleinen Schluck nehmen.«

»Da irrst Du. Dieser Branntwein ist mit außerordentlicher Sorgfalt bereitet, und außer dem Fliegenpilze sind auch noch andere giftige Stoffe dabei.«

»Hm! Wenn das ist, dann wäre es freilich, so bald wir tränken, Matthäi am Letzten mit uns. Eine ganz verfluchte Geschichte! Wenn Du nicht gelauscht hättest, so wäre es um uns geschehen!«

»Wohl noch nicht.«

»Wie so?«

»Hättet Ihr denn getrunken?«

»Doch vielleicht.«

»Ich aber nicht. Darauf könnt Ihr Euch verlassen. Ich traue diesen beiden Kerls viel zu wenig, als daß ich einen Schluck Branntwein von ihnen nehmen möchte.«

»Und wenn auch! Ein Mordversuch bleibt es doch jedenfalls. Was thun wir mit diesen Kerls?«

»Lynchen!« sagte Tim kurz.

»Ist hier nicht Mode,« lachte Sam.

»Was denn? Geben wir ihnen eine Kugel?«

»Nein.«

»Einen Messerstich, oder hauen wir ihnen den Kolben über die Schädel!«

»Keins von den Allen.«

»Willst Du ihnen vielleicht gar eine Extragratification dafür geben, daß sie uns kalt machen wollen?«

»Ja, aber nicht von uns sollen sie dieselbe erhalten, sondern von Steinbach.«

»Hm! Hast vielleicht auch Recht.«

»Auf alle Fälle. Wir drei alte Burschen sind zwar drüben in der Prairie an unseren richtigen Platze, hier aber können wir grad dann, wenn wir am Klügsten zu sein vermeinen, die allergrößten Dummheiten begehen. Hier können wir, ohne es zu ahnen, ins Zappeln gerathen wie der Karpfen im Syrup, für den er doch nicht geschaffen ist. Darum ist es am Allerbesten, der Nachtwächter giebt sich gar nicht mit der Diplomatie ab.«

»Ganz richtig, denn Nachtwächter sind wir jetzt hier.«

»Wie so?«

»Wir haben verschiedene Personen in Obacht zu nehmen. Wir halten das Netz über sie, damit es Steinbach dann später zuziehen kann.«

»Hast wirklich Recht, alter Bursch! Hätte Dir einen solchen Modus wirklich kaum zugetraut. Also wir lassen die beiden Kerls für dieses Mal noch entschlüpfen.«

»Ja. Aber Eins sage ich Dir: So ganz mit einem blauen Auge, wie Du denkst, dürfen sie nicht davon kommen.«

»So! Einverstanden, wenn Du einen guten Vorschlag machen kannst.«

»Vorschlag? Vorgeschlagen wird da gar nicht, sondern vielmehr tüchtig zugeschlagen.«

»Ach so! Du willst ihnen die Knute geben?«

»Natürlich. Wir haben ja unsere Peitschen hier am Gürtel hängen. Wozu wären dieselben da? Als Zahnstocher können wir sie nicht gebrauchen.«

»Der Rittmeister hat aber schon seine tüchtige Portion bekommen.«

»Er soll noch zehn Hiebe aus dem ff erhalten und dann sein Alter das gleiche Maß wie er, also dreißig. Wenn sie heut im Tungusenzelte sitzen, sollen sie vor Wonne hin und her rutschen und Gesichter schneiden wie die Nußknacker. Uns vergiften zu wollen! Dieser Gedanke ist so verrückt, daß man ihn gar nicht für möglich halten sollte. Wenn sich diese Kerl einbilden, wir seien so dumm, uns von ihnen wie schmutzige Ratten vergiften zu lassen, so müssen sie eben bestraft werden, und zwar durch eine ganz gehörige Tracht Prügel. Nicht die Gerechtigkeit für ihren Mordversuch, sondern die Bestrafung für ihre Einbildung erfordert das.«

»Ja,« stimmte Sam bei. »Drei solchen alten, erfahrenen Prairieläufern, wie wir sind, noch dazu nachdem ich ihnen in allen Stücken den Rang abgelaufen habe, wie räudige Hunde vom Leben zum Tode bringen zu wollen, ohne uns zuzutrauen, daß wir den vergifteten Köder riechen, das ist freilich stark!«

»Darum Prügel! Nicht wahr, alter Jim? Habe ich Recht?«

»Ja, Haue müssen sie haben, daß die Schwarte knackt!« stimmte Jim bei.

»Nun gut! Das ist also abgemacht. Jetzt aber, Sam, wie packen wir sie eigentlich?«

»Das ist sehr einfach. Ich wette, daß sie schon jetzt zu Pferde sitzen und irgendwo stecken, um aufzupassen, wenn wir aufbrechen. Wir reiten fort, ohne uns um sie zu bekümmern. Sie werden uns schon folgen. Draußen auf der ebenen Steppe werden sie zu uns stoßen. Da sind wir natürlich sehr freundlich mit ihnen. Sie bieten uns den Trunk an, und mir nehmen ihn. Das laßt nur mir über. Dann aber machen wir kurzen Proceß. Wir streiten uns gar nicht lange mit ihnen. Wir halten ihnen keine langen Reden, sondern mir werfen ihnen unsere Lasso über, so daß sie sich nicht bewegen können und zählen ihnen das Einmaleins mit der Knute auf. Dann mögen sie weiter spazieren reiten, wohin sie wollen.«

»Schön! Also steigen wir nun in den Sattel.«

Sie ritten fort. Als sie das Lager hinter sich hatten, ließ Sam seine scharfen, kleinen Aeuglein umher schweifen. Es war nicht vergeblich, denn bereits nach kurzer Zeit sagte er:

»Schaut ja nicht hinüber, damit sie nicht denken, daß wir sie bemerkt haben! Aber da rechts im Gebüsch stecken sie. Ich will mich erst fressen und dann auch noch räuchern und braten lassen, wenn ich mich irre.«

Er hatte ganz Recht. Sie steckten drin. Die Drei gaben ihren Pferden die Sporen und ließen sie zunächst derb ausgreifen. Aber bald fielen sie wieder in langsameren Gang, um den Beiden Zeit zu lassen, ihnen nachzukommen.

Dieses Manöver hatte den beabsichtigten Erfolg. Eben als es dunkelte, kamen von rechts her zwei Reiter.

»Sie sind es,« meinte Sam.

»Ja,« stimmte Tim bei. »Sie haben einen Umweg gemacht, ganz natürlich, damit wir nicht denken sollen, daß sie es auf uns abgesehen haben. Sie werden irgend eine Ausrede machen, irgend einen Grund sagen, wegen dessen sie so schnell, ohne es vorher zu wissen, ausreiten mußten.«

Der Kreishauptmann kam mit seinem Sohne schnell näher. Sie ritten Galopp. Als sie fast heran gekommen waren, parirten sie ihre Pferde und der Erstere rief:

»Ah, Ihr seid hier? Hier in unserer Richtung? Wer hätte das gedacht!«

»Habe ich Dir nicht gesagt, daß wir grad nach Osten reiten wollten?« antwortete Sam.

»Nein, nach Westen sagtest Du!«

Das war eine Lüge; aber der Dicke sagte:

»So! Da habe ich mich freilich versprochen und das grade Gegentheil gesagt.«

»Kehrt Ihr nicht mit in das Lager zurück?«

»Nein. Unser Ritt beginnt erst jetzt.«

»Ist Euch nicht zu verdenken. Die Luft ist mild, wie selten hier. Sie thut der Lunge ordentlich wohl. Erlaubt Ihr uns, einige Minuten mit Euch zu reiten?«

»Ich denke, Ihr wollt nach der Stadt.«

»Eine Minute Versäumniß ist ja wie nichts. Das holen wir rasch wieder ein.«

»Aber Ihr seid geladen!«

»Erst für später. Oder ists Euch nicht lieb, daß wir Euch noch ein oder zwei Werst begleiten?«

»Nicht lieb? Warum? Wir sehen das im Gegentheile ganz gern. Wir könnest da sehen, wer bessere Pferde hat, wir oder Ihr.«

»Schön! Lassen wir sie laufen.«

Das Rennen begann. Der dicke Sam gewann bald die Spitze und behielt dieselbe, bis er nach zehn Minuten freiwillig hielt und, zurück nach Westen deutend, sagten

»Mit diesem Spaße verderben wir uns ein viel größeres Vergnügen. Da haben wir den Sonnenuntergang versäumt. Seht, das herrliche Abendroth!«

Die Anderen hielten neben ihm und blickten ganz so wie er nach Westen. Verschiedene Fragen und Antworten wurden ausgesprochen. Da zog der Kreishauptmann die Flasche aus der Satteltasche und sagten:

»So ein Abendroth muß jetzt begossen werden, sonst bringt es später Regen. Prosit, Iwan!«

Er trank.

»Prosit!« antwortete sein Sohn und trank auch. Dann gab er die Flasche zurück.

»Jetzt!« flüsterte Sam seinen beiden Gefährten zu.

Der Alte steckte die Flasche wieder in die Satteltasche. Der Junge aber bemerkte in vorwurfsvollem Tone:

»Aber, Vater! Sind wir denn allein?«

»Was denn?« sagte der Erstere, als ob er nicht verstehe, was sein Sohn wolle.

»Du bist doch sonst nicht so unhöflich und rücksichtslos. Du trinkst allein!«

»Ach so! Na, die Herren werden mir verzeihen, daß ich in Gedanken vergaß, meine Pflicht zu thun. Ihr trinkt doch auch einen Schluck Wutki mit?«

»Nein, danke!« antwortete Sam.

»Warum nicht?«

»Wir sind Besseres gewöhnt.«

»Was denn?«

»Einen guten, tüchtigen Brandy, der Leib und Seele beisammen hält.«

»O, das thut dieser Wutki auch.«

»Wohl schwerlich!«

»Er ist wirklich vortrefflich. Versucht es nur einmal!«

Er hatte natürlich nun die andere Flasche hervorgezogen, welche den Giftschnaps enthielt, und streckte sie dem Dicken entgegen.

»Habe ihn bereits versucht,« antwortete dieser.

»Wo?«

»Im Gasthause.«

»Ach, dort! Da taugt er freilich ganz und gar nichts. Nehmt nur einmal von diesem hier, aber einen tüchtigen Schluck. Ihr werdet es nicht bereuen!«

»Die Lasso los!« raunte Sam seinen Gefährten zu.

Diese gehorchten sofort und legten die bereit gehaltenen Lassos in wurffertige Schlingen. Zum Kreishauptmann aber sagte er laut:

»Du machst uns wirklich Appetit!«

»Ist mir lieb, wenn Ihr welchen bekommt. Bessern Wutki giebts im ganzen heiligen Rußland nicht. Also, trinkt in Gottes Namen. Es ist kein Fusel.«

»Na, so gieb mal her!« Er nahm die Flasche aus den Händen des Kreishauptmannes. Dieser fragte, auf die Lassos zeigende:

»Was sind das für Riemen?«

»Sie werden Lasso genannt.««

»Wozu dienen sie?«

»Um wilde Kanaillen zu fangen, Pferde, Ochsen, Wölfe, Giftmischer und anderes Raubzeug.«

»Giftmischer? Was für Thiere sind das? Ich habe diesen Namen noch niemals für ein Thier anwenden hören.«

»Das glaube ich wohl. Es ist auch nicht von Thieren, sondern von Menschen die Rede. Ein Thier, selbst das grimmigste und wildeste, besitzt nicht genug Schlechtigkeit, ein Lebensgeschöpf durch Gift aus der Well zu bringen.«

»O doch!«

»So! Welches Thier denn?«

»Die Schlange.«

»Auch diese nicht. Die Schlange ist keine Giftmischerin. Sie kennt nichts vom Gift, denn der für andere Geschöpfe tödtliche Saft, den sie besitzt, ist kein Gift für sie. Giftmischer können nur Menschen sein. Meist findet man sie unter Beamten und Officieren.«

»Was? Unter Beamten und Officieren?!«

»Du verstehst mich nicht? So muß ich es freilich deutlicher sagen. Meist findet man die Giftmischer unter Kreishauptmännern und Rittmeistern.«

»Ich verstehe Dich nicht.

»Desto besser habe ich Dich verstanden. Gebt ihnen die Lassos!«

Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so sausten die beiden Riemen der langen Brüder durch die Luft und schlangen sich um die zwei Russen. Ein Aufbäumen der Pferde Jims und Tims – und die Gefesselten wurden von ihren Pferden gerissen. Sie stießen laute Schreie des Schreckes aus.

Im gleichen Augenblicke standen Jim und Tim neben ihnen und schlangen die Lassos noch mehr und fester um sie, so daß sie sich nicht zu rühren vermochten.

Sam seinerseits stieg gemächlicher aus dem Sattel.

»So!« sagte er. »Die haben wir.«

»Donnerwetter! Was fällt Euch ein!« rief der Kreishauptmann. »Dürft Ihr Männer, wie wir sind, in dieser Weise behandeln!«

»Ja, grad so und nicht anders dürfen solche Leute behandelt werden!«

»Wenn das etwa nur ein dummer Witz ist, so will ich ihn mir streng verbitten!«

»Ein Witz ist es allerdings, aber ein so guter, daß wir ihn uns gar nicht verbitten lassen können. Ich hoffe, daß Du noch lange Zeit recht herzlich über ihn lachen wirst.«

»Laß uns augenblicklich los?«

»Nur Geduld, Brüderchen! So schnell geht das nicht. Los werdet Ihr gelassen, aber erst dann, wenn Ihr die Knute gekostet habt.«

»Die Knute? Was fällt Dir ein.«

»Hm! Der Einfall ist jedenfalls gar nicht so übel, wie Du meinst. Dein Söhnchen hat heut bereits zwanzig Hiebe erhalten. Er soll jetzt nur noch zehn bekommen. Es ist wegen Auffrischung der Schwielen, die sonst zu schnell verheilen würden.«

»Hiebe! Weshalb!«

»Das fragst Du noch!«

»Natürlich muß ich fragen!«

»Nun, ich will höflich sein und es Dir sagen, obgleich ich das gar nicht nothwendig hätte. Was ist denn da in dieser Flasche?«

»Wutki.«

»Solcher, wie Du getrunken hast?«

»Ja.«

»Natürlich hast Du ganz aus derselben Flasche getrunken?«

»Das versteht sich ganz von selbst! Aus welcher sonst? Denkt Ihr denn, ich habe mehrere Bouteillen mit?«

»Ja.«

»Ich bin kein Süffel!«

»Aber ein Giftmischer, und solche Leute kommen zuweilen in die Lage, zwei verschiedene Bouteillen gebrauchen zu müssen.«

Der Kreishauptmann erschrak. Das klang ja ganz so, als ob sein Anschlag verrathen worden sei.

»Ich weiß nicht was Du meinst,« sagte er.

»Ich meine, daß Du noch eine andere Flasche mit hast, in welcher sich wirklicher und unschädlicher Wutki befindet. Aus der habt Ihr getrunken.«

»Nein.«

»So! Da paß mal auf!«

Er trat zum Pferde, welches der Kreishauptmann geritten hatte, griff in die Satteltasche und zog die Flasche heraus.

»Nun, habe ich Recht?« sagte er.

»Ah! Von der habe ich gar nichts gewußt,« erklärte der gefesselte Beamte.

»So! Sonderbar!«

»Die steckt noch vom vorigen Ritte drin.«

»Und Du hast sie nicht gefühlt, als Du die Andere vorhin herausnahmst?«

»Nein. Sie steckte wohl tiefer als die Andere.«

»Kann sein. Ich würde mich ärgern, wenn ich Dich in einem unberechtigten Verdachte hätte. Also hier in dieser ist Wutki?«

»Ja.«

»Wirklich? Bedenke Deine Antwort wohl!«

»Was sollte sonst drin sein!«

»Gift.«

»Was Du da sagst, das ist der reine Wahnsinn. Wir haben ja vorhin Beide aus derselben getrunken.«

»Nein, aus der Andern.«

»Nein, aus dieser.«

»Schön! Kannst Du es mir beweisen?«

»Auf welche Weise könnte ich es?«

»Auf eine sehr einfache. Paß auf!«

Er kniete zu ihm nieder, öffnete den Kork der Giftflasche, hielt ihm dieselbe nahe an den Mund und sagte:

»Trink, Brüderchen, trink!«

Der Gefesselte antwortete erschrocken:

»Was fällt Dir ein!«

»Daß ich nicht eher trinken werde, als bis Du vorher getrunken hast.«

»Ich danke!«

»Ah! Warum?«

»Weil ich schon getrunken habe. Ich habe keinen Appetit mehr.«

»Ein Russe hat immer Appetit.«

»Aber ich nicht. Ich habe Dir bereits gesagt, daß ich kein Süffel bin.«

»Trotzdem kannst Du noch einen Schluck hier trinken.«

»Nein.«

»So ist also Gift darinnen!«

»Es ist Wutki!«

»Nun, versuchen wir es einmal bei Deinem lieben Söhnchen.«

Er hielt auch diesem die Flasche hin. Der Rittmeister hatte bis jetzt kein Wort gesprochen; jetzt aber schrie er auf:

»Fort! Komm mir nicht zu nahe!«

»Warum nicht, mein Brüderchen?«

»Ich mag nicht mehr.«

»Sonderbar! Gestern Abend im Saale habt Ihr saufen können wie die Bürstenbinder, und heut bringt Ihr keinen Schluck über die Lippen. Habt Ihr etwa ein frommes Gelübde gethan?«

»Ja,« antwortete der Kreishauptmann schnell.

»Was denn für eins?«

»Davon darf man ja nicht sprechen.«

»Warum nicht?«

»Weil man von einem Gelübde nichts verrathen darf.«

»Ach so! Aber auf das Schnapstrinken bezieht es sich doch. Nicht wahr?«

»Ja.«

»Und dennoch habt Ihr vorhin getrunken!«

»Einen Schluck. Einmal des Tages zu trinken, ist uns erlaubt.«

»Schön! So werdet Ihr also morgen aus dieser Flasche trinken.«

»Fällt uns gar nicht ein. Wir trinken, was und wann es uns beliebt.«

»Ganz recht. Fliegenpilz zum Beispiel trinkt Ihr nicht?«

»Kann uns nicht einfallen!«

»Wir aber sollen ihn trinken, Ihr Himmelhunde!«

»Schimpfe nicht! Kein Mensch wird Dich zwingen, Fliegenschwammthee zu trinken wie ein Jakuze oder Ostjake.«

»Ihr aber habt uns so lange zugeredet, bis ich die Flasche nahm.«

»Das war die Wutkiflasche.«

»Glaubt nur nicht, daß Ihr uns täuschen könnt. Wir wissen Alles ganz genau.«

»Was könntet Ihr wissen! Gar nichts.«

»Oho! Was habt Ihr denn heut mit einander gesprochen, als ich von Euch fort und zu Gökala gegangen bin?«

»Nichts.«

»So! Da habt Ihr stumm in der Stube gesessen?«

»Wir haben von so ganz und gar gleichgiltigen Dingen gesprochen, daß ich es ganz vergessen habe, was es eigentlich gewesen ist.«

»Ist ein dreifacher Mord hier in Eurer Gegend eine so gleichgiltige Sache?«

»Ich weiß nicht, wie Du von Mord sprechen kannst.«

»Du bist wirklich sehr unwissend. Einmal hast Du vergessen, wovon Ihr gesprochen habt, und wenn ich es Dir sodann in das Gedächtniß zurückrufe, so begreifst Du nicht, wie ich davon sprechen kann. Ich werde Deiner Denkkraft ein Wenig zu Hilfe kommen.«

Er zog die Knute aus der Tasche.

»Schlagen willst Du?« schrie der Kreishauptmann auf.

»Ja.«

»Wage es!«

»Da giebts nichts zu wagen.«

»Ich bin hier der oberste Beamte!«

»Pah!«

»Das Organ der Regierung!«

»Mir sehr egal!«

»Wer mich beleidigt, der beleidigt auch den Czar.«

»Rede nicht so albern! Glaubst Du, daß Du Kinder vor Dir hast? Willst Du leugnen, daß Du mit Deinem Sohne ausgemacht hast, uns zu vergiften?«

»Ich weiß kein Wort, keinen Laut davon.«

»Du wolltest zwei Flaschen mitnehmen.«

*

78

»Nur eine. Die Andere steckte zufälliger Weise noch in der Satteltasche.«

»Du wolltest diese beiden Flaschen vertauschen. Ihr wolltet Wutki trinken, und wir sollten den Fliegenpilz bekommen.«

»Das ist nicht wahr!«

Da holte Sam aus und gab ihm einen kraftvollen Hieb mit der Knute.

Der Getroffene brüllte vor Schmerz laut auf.

»Mensch!« schrie er. »Merke Dir, was Du thust! Du wirst Deine Strafe bekommen!«

»So bin ich neugierig, wie sie ausfallen wird. Zunächst aber ist nur von Deiner Bestrafung die Rede. Sobald Du wieder ein Wort sagst, welches eine Beleidigung enthält, bekommst Du die Knute! Kannst Du ferner leugnen, daß Ihr ausgemacht habt, so weit mit uns in die Steppe hineinzureiten, daß es uns unmöglich ist, in drei Minuten nach Platowa zu kommen?«

»Ich weiß ja gar nichts davon!«

»Habt Ihr nicht gesagt, daß dieses Gift hier in drei Minuten tödtlich wirkt?«

»Nein.«

»Nun, ich habe gar nicht die alberne Absicht, von Euch ein Geständniß zu erlangen. Es versteht sich ja ganz von selbst, daß Ihr leugnet, so lange und so weit Ihr nur könnt. Darum werden wir mit Euch gar nicht viel Federlesens machen und Euch von der Strafe, welche Euch treffen wird, gleich jetzt eine kleine Abschlagszahlung geben.«

»Das sollt Ihr nur thun!«

»Ah!« lachte Sam. »Du willst uns drohen?«

»Es würde Euch eine strenge, eine fürchterliche Strafe treffen!«

»Von wem denn?«

»Vom Gouverneur.«

»Der ist mein Freund.«

»So schreibe ich an den Czar.«

»Ich bin sein Schwiegersohn. Mir thut der also nichts, gar nichts. Uebrigens wie wollt Ihr Euch denn beschweren, Ihr Hallunken? Seid Ihr nicht Fälscher? Führt Ihr nicht einen Namen, welcher Euch gar nicht gehört?«

»Beweise es uns erst!«

»Du meinst also, ich kann das nicht?«

»Ich meine es. Es ist Alles Lüge!«

»Und doch hast Du mir Geld dafür geboten, daß wir schweigen sollen.«

»Nur, um Dich loszuwerden.«

»Ach so! Ja, das glaube ich wohl, daß Ihr uns loswerden wollt. Dazu war ja hier die Fliegenpilzflasche da. Aber Ihr werdet Eure Hiebe haben. Dein Sohn noch zehn und Du grad so viel, wie er bekommen hat, nämlich dreißig.«

»Heilige Madonna!«

»Bete nur! Das hilft Dir doch nichts. Jim und Tim, gebt einmal dem Herrn Rittmeister die richtige Lage. Er mag die Mutter Erde von vorn und den herrlichen Abendhimmel von hinten anschauen. Dann zeichne ich ihm die Astronomie so auf die Hosen, daß er alle Sterne flimmern sieht.«

»Gnade!« stöhnte der Rittmeister.

»Unsinn! Gnade einem Mörder! Macht schnell, daß wir fertig werden!«

Die beiden Brüder drehten den Officier so, wie Sam es geboten hatte. Dieser holte mit der Knute aus und meinte:

»So! Jetzt will ich ihn vorbereiten zu dem Schäferstündchen, welches er heute Abend mit Karparla halten wird!«

Der Rittmeister biß die Zähne zusammen; aber als der erste Hieb niederfuhr, stieß er doch einen lauten Weheschrei aus. Während der übrigen neun aber gelang es ihm, ruhig zu bleiben.

Als dieser Theil der Execution beendet war, meinte Sam:

»Der hat seine Geburtstagsgratulation. Nun zum Vater. Es soll Niemand von uns sagen können, daß wir partheiisch seien und dem Vater weniger gönnen als seinem Sohne.«

Jim sagte:

»Der Alte verdient wenigstens ebenso viel wie sein Junge. Halte Du ihn, Sam. Wir Beide wollen es ihm geben. Jeder fünfzehn. Das geht besser im Takte.«

»Recht so! Also will ich ihn herumdrehen.«

Als er den Kreishauptmann ergriff, um ihm die geeignete Lage zu ertheilen, sah dieser ein, daß er auf die bisherige Weise keine Vortheile erzielen könne. Er schlug einen anderen Ton an.

»Halt!« sagte er. »Ich bin wirklich unschuldig!«

»So wie die liebe Sonne, die jetzt am Himmel steht.«

»Ihr könnt's mir glauben!«

»Wir glauben es ja. Darum sollst Du ja als Belohnung Deines Wohlverhaltens zum Ritter der heiligen Knute geschlagen werden.«

Er faßte ihn fest an und drehte ihn um.

»O, Ihr guten Leute!« jammerte der Mensch, als er nun auf dem Bauche lag. »Habt doch Nachsicht mit einem armen, alten Manne.«

»Die haben wir auch!«

»Das sehe ich aber nicht.«

»O doch. Blos aus reiner Nachsicht geben wir Dir die Hiebe dahin, wo sie Dir Niemand wieder abnehmen kann.«

»Es wäre bester, Ihr gebt sie mir gar nicht!«

Alle Drei lachten aus vollem Halse.

»Schau,« meinte Sam, »was für ein kluger Kerl Du bist! Hast Du denn ebenso gedacht, wenn Du als Kreishauptmann Jemandem die Knute dictirt hast?«

»Ich bin stets sehr mild gewesen.«

»Das habe ich gehört. Selbst beim geringsten Vergehen hast Du die Armen bis auf das Blut schlagen lassen. Die Reichen kamen, da sie zahlen konnten, freilich besser weg.«

»Das ist nicht wahr!«

»Die reine, fürchterliche Wahrheit ist es! Erst vor einem Monate hast Du den Sohn einer Wittwe, welcher drei Rubel Zins nicht zahlen konnte, knuten lassen, daß er daran gestorben ist!«

»Der Schuft! Er hätte noch weiter leben können bis an sein seliges Ende; aber er ist nur mir zum Schure gestorben, damit ich in schlechten Ruf kommen soll.«

»Nun, so kannst Du Dich heute rächen und dafür uns zum Schur sterben, wenn Du Deine dreißig Hiebe erhalten hast.«

»Ich bitte Euch! Uebt doch Gnade!«

»Gnade gegen Dich wäre ein Verbrechen gegen Andere. Wollen beginnen.«

»Nein, nein!« schrie er. »Erlaßt mir die Hiebe! Ich bezahle sie Euch!«

»Hier wird keine Bezahlung angenommen. Das Vergnügen, welches wir dabei empfinden, kann gar nicht bezahlt werden.«

»Ich gebe viel Geld!«

»Wie viel denn?«

»So viel, wie Ihr verlangt!«

»Lump! Du hast keinen einzigen Rubel!«

»Hier nicht. Aber wenn der Graf kommt, so giebt er mir Geld!«

»Und von uns bekommst Du Hiebe, so hast Du Beides. Fangt an!«

»Nein, noch nicht!« rief er. »Bedenkt, daß der Graf mich rächen wird!«

»Der wäre der Kerl dazu.«

»Ihr habt die Wahl. Nehmt seine Rache oder sein Geld!«

»Wir brauchen keines von Beiden.«

»Aber Ihr wißt gar nicht, wie entsetzlich er ist in seinem Zorne!«

»Und er weiß gar nicht, wie fürchterlich wir sind in unserem Grimme. Der Kerl ist uns ganz so schnuppe wie Dein Fliegenpilz. Er bekommt ebenso gut seine Haue wie Du. Wir prügeln hier Alles. Deshalb sind wir hergekommen, und in diesem Vergnügen lassen wir uns nicht stören.«

Er knieete auf dem Rücken des Kreishauptmannes, um ihm jede Bewegung zur Unmöglichkeit zu machen. Der Beamte merkte daraus, daß die Execution jetzt beginnen werde.

»Meine Brüder, meine lieben Brüder, ich bitte Euch um Eurer Kinder willen!«

»Haben keine!« lachte Sam.

»Um Eures Seelenheiles willen!«

»Grad um dessenwillen dürfen wir Dir nichts schenken. Also los nun endlich!«

»Gut!« sagte Jim. »Wer hat den ersten Hieb?«

»Du?«

»So hat Tim den letzten. Die Musik kann also beginnen!«

Er holte aus. Die Knute fuhr mit einem förmlich pfeifenden Tone hernieder.

»O Himmel, o Hölle! O Gott, o Teufel!« schrie der Kreishauptmann. »War aber das ein Hieb!«

»Schau, ob ich auch so treffe!« lachte Tim.

Der seinige pfiff herab. Der Getroffene bäumte sich mit aller Kraft empor, wurde aber von Sam gehalten.

»Heilige Kathinka!« brüllte er. »Heiliger Severin! Laßt Feuer regnen auf diese Missethäter!«

»Und Hiebe auf diesen Schreihals!« lachte Sam. »Weiter!«

Die Züchtigung wurde fortgesetzt. Der Kreishauptmann vermochte nicht zu schweigen. Er brüllte, jammerte, zeterte und wimmerte in Einem fort, daß es weit, weit in die Steppenebene hineinschallte. Erst nach dem letzten Hiebe war er still.

»Nun, Brüderchen,« fragte Sam. »Bist Du zufrieden?«

Er antwortete nicht.

»Nein? Gebt ihm noch zwanzig, bis er zufrieden ist!«

»Gleich!« meinte Tim. »Ich habe wieder den ersten Hieb!«

»Halt, halt!« zeterte jetzt der Kreishauptmann. »Ich bin – bin zufrieden!«

»Die Hiebe waren also gut?^

»Ja, ja!«

»So bedanke Dich!«

»Himmeldonnerwetter! Auch noch bedanken! Das sollte mir –«

»Gebt ihm noch zwanzig! Er bedankt sich nicht. Er hat also noch nicht genug!«

»Halt, halt! Ich habe ja genug, vollständig genug!«

»So bedanke Dich!«

»Alle tausend Teufel! Das ist – ist –«

»Nun, ganz wie Du willst! Aber wenn ich zum dritten Male sage, daß Du noch zwanzig bekommen sollst, so erhältst Du sie auch!«

»Nun gut, so – so will ich mich bedanken.«

»Nun, so danke!«

»Ich – ich – sage Euch Dank! – Himmel und Hölle! Das halte der Teufel aus!«

»Was?«

»Die Knute erhalten und auch noch dafür bedanken!«

»Ist das bei Dir noch nie vorgekommen?«

»Niemals!«

»So merke es Dir für später. Wenn Du sie wieder einmal erhältst, so bedanke Dich hübsch dafür! Jetzt aber sind wir einstweilen mit einander fertig.«

»Gott sei Dank!«

Jim und Tim wanden ihre Lassos wieder los. Die beiden Geknuteten erhoben sich langsam von der Erde. Als sie aufrecht standen, war ihre erste Bewegung, die Hände schleunigst auf diejenige weiche Stelle zu legen, auf welche sie getroffen worden waren.

»Fffffffff!« machte es der Rittmeister.

»Fffffffff!« machte es auch sein Vater.

»Fffffffff!« lachte Sam. »Jetzt pfeifen sie aus F-dur. Nehmt Euch fein in Acht, daß Ihr nicht wieder in unsere Hände gerathet, sonst geht es so, daß Ihr nachher in Fis-dur pfeift. Jetzt könnt Ihr nach Hause!«

»Nach Hause!« seufzte der Vater. »Aber wie?«

»Zu Pferde natürlich.«

»Ich laufe lieber.«

»Nein, Ihr reitet! Das macht viel mehr Vergnügen, und ein Vergnügungsritt war es ja, den Ihr unternommen habt. Ihr könnt mit dem Resultate sehr zufrieden sein.«

»Danke ergebenst!«

»Bitte sehr! Also steigt auf!«

»Wird nicht gehen!«

»Werde helfen, geehrter Herr Kreishauptmann, und zwar sofort!«

Er hob die Peitsche empor.

»Sachte, sachte!« schrie der Bedrohte. »Ich steige ja schon auf.«

Er nahm sein Pferd beim Zügel, ergriff mit der Rechten den Sattelknopf und wollte den Fuß in den Bügel setzen, ließ ihn aber sogleich wieder nieder.

»Au!« schrie er auf.

»Was giebt's?« fragte Sam.

»Es geht nicht!«

»Paß auf, es geht!«

Er holte aus und versetzte ihm einen solchen Hieb, daß der Kreishauptmann mit einem einzigen schnellen Satze in den Sattel sprang.

»Alle Teufel!« schrie er auf. »Auch das noch!«

»Ja, und noch viel mehr, wenn Ihr Euch noch länger hier umher drückt.«

»Wir können ja noch nicht fort.«

»Warum?«

»Wir müssen erst unsere Flaschen wieder haben.«

»Ach so! Das ist gar nicht unklug von Dir. Wenn wir Dir die Flaschen wiedergeben, so haben wir kein Beweismittel in der Hand. Aber so klug wie Du sind wir auch.«

»Aber sie sind mein Eigenthum.«

»Sage das nur auch dann, wenn Du verhört wirst.«

»Ich verlange sie unbedingt zurück,« sagte er.

»Mache, daß Du fortkommst, sonst helfe ich nach!«

»Komm, Vater!« knirrschte der Rittmeister, welcher still aufgestiegen war.

»Nein,« beharrte dieser. »Meine Flaschen will ich haben!«

»Nun,« antwortete Sam, »Dich werden wir gleich fortbringen. Paß auf, und halte Dich fest an!«

Er versetzte dem Pferde einen kräftigen Hieb. Es schlug aus, ging mit allen Vieren in die Luft und rannte dann in rasendem Laufe davon.

Der Sohn versuchte, dem Vater zu folgen. Er holte ihn erst in der Nähe der Stadt ein, wo der Gaul freiwillig ein langsameres Tempo einschlug.

Da ritten sie eine kurze Zeit schweigend neben einander her. Sie rückten im Sattel nach hinten und vorn, nach rechts und links. Ihre Schwielen brannten wie höllisches Feuer.

»Tausend Donnerwetter!« fluchte der Alte. »Thut's Dir weh?«

»Meinst Du, daß es gut thut!« stieß der Sohn hervor.

»Wahrhaftig nicht! Ists bei Jedem so, welcher die Knute erhält?«

»Natürlich!«

»Alle Teufel! Da ists freilich nichts Gutes. Mir ists, als säße ich auf Nadeln!«

»So weißt Du, wie mirs heut Morgen war.«

»Diese verdammten Hallunken! Wenn man nur wüßte, wer sie sind.«

»Du hasts ja im Paß gesehen.«

»Pah! Sie treten ganz anders auf! Sie thun ja, als ob sie die Herren von ganz Sibirien seien.«

»Sie sollen es nicht mehr lange so treiben.«

Er knirrschte laut mit den Zähnen.

»Wie willst Du das anfangen?«

»Auf irgend eine Weise.«

»So kommen sie Dir wieder so entgegen wie jetzt.«

»Diese Hunde scheinen allwissend zu sein.«

»Sie erfahren Alles.«

»Und wir sind selbst schuld daran.«

»Wieso?«

»Weil wir zu unvorsichtig sind. Warum haben wir heut so laut gesprochen, daß der dicke Mensch Alles hat hören können!«

»Meinst Du, daß er gelauscht hat?«

»Natürlich! Wie hätte er sonst Alles so ganz genau wissen können!«

»Verdammt! Und wenn wir einmal lauschen, so haut er uns die Thüre in das Gesicht, noch dazu in unserem eigenen Hause! Ich bin ganz kaput! Mir zittern alle Glieder! Ich werde mich, wenn wir heimkommen, sofort mit Salbe einreiben.«

»Und dann?«

»Ins Bett legen, natürlich!«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Wir müssen doch zu Karparla.«

»O wehe! Das fehlt nun noch!«

»Geht aber nicht anders!«

»Können wir nicht absagen?«

»Unmöglich! Karparla sagte, daß sie dieses Mal nicht so lange dableiben werde, wie sonst. Vielleicht wollen Sie sehr bald fort. Da dürfen wir keine Zeit verlieren, die Sache in Ordnung zu bringen.«

»Hm! Was Du sagst, ist sehr richtig. Aber wenn ich in meinem Zustande stundenlang im Zelte sitzen soll! Ich bin ganz wund. Ich glaube nicht, daß ich einen Fetzen Haut mehr habe!«

»Geht mir ebenso!«

»Hoffentlich legt man uns weiche Kissen unter. Auf einem harten Sitze könnte ich es gar nicht aushalten.«

»Müßtest es aber doch aushalten. Es ist eine Beleidigung des Wirthes, wenn der Gast sich erhebt, bevor das Mahl vorüber ist.«

»Auch eine hundsföttische Sitte. Es muß aber gewagt werden. Wie aber rächen wir uns an diesen drei Amerikanern?«

»Fürchterlich!«

»Fürchterlich!« lachte der Kreishauptmann grimmig. »Das ist nur ein Wort, und so ein Wort ist leicht und bald gesagt. Mache lieber einen Vorschlag. Der ist mehr nütze, als ein bloses Wort.«

»Vorschlag! Meinst Du, daß man Entwürfe nur so aus den Aermeln zu schütteln braucht?«

»Hast Recht, zumal diesen Kerls gegenüber.«

»Am Klügsten ist es, man jagt ihnen eine Kugel durch den Kopf.«

»Wo aber?«

»Wo man sie nur erwischt, heimlich natürlich. Niemand darf es merken.«

»Aber Alle würden es ahnen, wer es gewesen ist.«

»Was thut das? Wenn man uns nur nichts beweisen kann.«

»Lassen wir es jetzt. Da ist die Stadt. Ueberlegen können wir später Alles. Jetzt wollen wir uns lieber so vorbereiten, daß wir trotz unserer Schwielen den Abend bei Karparla zubringen können. Vielleicht ist es uns möglich, diese drei Teufels heut noch bei ihrer Rückkehr abzulauern. Dann geben wir Jedem eine Kugel, und kein Hahn wird nach ihnen krähen.«

Das konnte ihnen freilich nicht gelingen, denn Sam befand sich mit Jim und Tim bereits jetzt schon auf dem Heimwege.

Die Drei hatten sich gleich nach dem Aufbruche der Gezüchtigten auch aufgemacht. Sie waren nur ein klein Wenig von der graden Richtung abgewichen, um ja nicht etwa auf ihre beiden Feinde zu stoßen.

»Vielleicht haben wir uns für heut Abend Alles verdorben,« sagte Jim.

»Warum?« fragte Sam.

»Wir haben sie gehauen, daß sie gar nicht sitzen können. Vielleicht kommen sie nun gar nicht.«

»O, die lassen Karparla nicht los. Da könnt Ihr Euch darauf verlassen!«

»Meinst Du?«

»Ja. Sie werden sich gehörig einreiben und sich dann draußen im Lager einstellen. Unser Plan wird unbedingt ausgeführt.«

»Sollte mich auch ärgern, wenn wir gestört sein würden. Es wird ja ganz gewiß ein Hauptjux, wenn der Kreishauptmann plötzlich entdeckt, daß seine Vorratskammer ausgeräumt ist.«

»Ja. Eigentlich ist es eine ganz verfluchte Spitzbüberei, eine Einbrechergeschichte, von welcher wir Herrn Steinbach um Gotteswillen nichts wissen lassen dürfen. Aber ich kann die Verbannten herzlich bedauern, und wenn wir einem Würdigen zur Freiheit verhelfen, so darf uns der Umstand nicht stören, daß vielleicht zwei Unwürdige mit dabei sind.«

Sie stiegen am Anfange des Lagers von ihren Pferden und gaben die Letzteren in die Obhut eines Tungusen. Er erhielt die Weisung, sie nicht bis an das Zelt des Fürsten kommen zu lassen.

Nun schickte Sam seinen Jim nach dem Regierungsgebäude, wo er recognosciren sollte. Er selbst aber begab sich mit Tim nach der hinteren Seite des erwähnten Zeltes, wo sie sich mit einander wartend in das Gras niedersetzten. Sie wollten sich von den Bewohnern desselben nicht sehen lassen.

Nach einiger Zeit kam Karparla zu ihnen. Sie wollte sich überzeugen, ob Sam sich bereits auf seinem Posten befinde.

»Da bist Du ja,« sagte sie. »Das ist gut. Ich denke, daß die Gäste bald kommen werden.«

»Hast Du das Zelt bereits gelockert?«

»Noch nicht.«

»Ich habe nach einer solchen Stelle gefühlt, aber keine gefunden.«

»Ich wollte bis zur allerletzten Zeit warten, weil ich dachte, daß Vater oder Mutter es sehen könne, und es ist doch wohl besser, wenn sie gar nichts davon wissen.«

»Ganz richtig. Du wirst Dich heute über die beiden Männer freuen. Ich glaube, daß sie recht wunderliche Gesichter machen werden.«

»Warum denn?«

»Sie haben die Knute erhalten.«

»Schon wieder?«

»Ja, alle Beide.«

»Du wagst zu viel! So Etwas ist noch niemals dagewesen. Bedenke, wenn es ihnen einfällt, sich zu rächen.«

»Sie müssen froh sein, wenn wir darüber schweigen.«

»Was haben Sie gethan?«

»Sie wollten uns vergiften.«

»Ist das möglich?«

»Ja, man sollte es gar nicht glauben. Ich würde daran zweifeln, wenn ich es nicht selbst mit angehört hätte, als sie davon sprachen.«

Er erzählte ihr die Episode. Als sie hörte, welche Hiebe die Beiden erhalten hatten, sagte sie:

»Sie sind gar nicht zu bedauern. Sie haben es reichlich verdient. Es giebt nicht einen einzigen Armen hier, welcher nicht die Knute erhalten hätte, und die Wohlhabenden haben nun auch nichts mehr zu geben, weil ihnen bereits Alles abgenommen worden ist. Bald wird also die Knute nun auch über sie kommen. Der Kreishauptmann hat seine Stellung nur dazu benutzt, sich Geld und immer wieder Geld zu verschaffen. Wer beim geringsten Vergehen nicht zahlen konnte, der erhielt die Knute. Jetzt nun weiß er selbst, wie thut. Ihm ist also ganz recht geschehen. Und ich werde dafür sorgen, daß er die Strafe ordentlich empfindet.«

»Wieso?«

»Ich werde ihn so hart setzen, ihn und seinen Sohn, daß sie denken sollen, sie sitzen auf glühendem Eisen.«

»Die Sitte aber erfordert doch, daß Du ihnen Kissen vorlegst.«

»Das werde ich auch thun. Aber wir haben heut einen ganzen Sack Kartoffeln gekauft. Ich werde die beiden besten Kissen ein Wenig öffnen, und so viele Kartoffeln hineinstecken, daß Derjenige, welcher darauf sitzt, selbst wenn er die Knute nicht erhalten hat, wünschen müßte, weit weg zu sein.«

»Karparla, Kindchen! Du bist ein ganz famoses, allerliebstes Wesen!«

»Meinst Du?«

»Ja. Du passest zum alten Sam Barth so gut, daß er Dich wirklich noch zu seiner Frau machen wird.«

»Nur nicht gleich!«

»Nein. Die Sache hat gar keine solche Eile. Wir warten, bevor wir Mann und Frau werden, bis wir verheirathet sind.«

»Einverstanden! Denn heirathen darfst Du mich doch nicht.«

»Warum?«

»Weil ich eine halbe Heidin bin, und Du bist doch Christ.«

»Pah! Ich wollte, ich hätte einen Harem von einigen Dutzenden halber Heidinnen. Es könnten sogar auch ganze Heidinnen sein. Ich glaube, daß ich mich ganz wohl bei ihnen befinden würde. Nun aber mach, daß Du wieder in das Zelt kommst, und Deine Vorbereitungen triffst, sonst bist Du noch nicht fertig, wenn die guten Herrschaften kommen.«

Sie ging hinein, und Sam fragte seinen Genossen:

»Hast Du verstanden, was sie sagte?«

»In der Hauptsache, ja,« antwortete Tim.

»Was sagt Ihr zu den Kartoffeln?«

»Ein ganz famoser Gedanke.«

»Nicht wahr? Ja, diese halbe Heidin hat ganz die Anlage, eine gute Christin zu werden. Ich wollte, ich könnte mit im Zelte sitzen und die Gesichter ansehen, welche die beiden Kerls schneiden werden.«

»Nun, darauf brauchen wir wohl nicht ganz zu verzichten. Wenn wie uns recht sputen, so kommen wir immer noch früh genug zurück, um noch einige zeitlang bei ihnen sitzen zu können. Da, schau, Sam! Das Zeug bewegt sich hier unten. Karparla macht Luft.«

Sie sahen, daß von innen der untere Zeltrand da, wo sie saßen, so gelockert wurde, daß man leicht hineingreifen konnte, und zu ihrer Befriedigung ließ sich bald darauf Pferdegetrappel vernehmen, ein Zeichen, daß die Gäste kamen.

In jenen Gegenden, wo selbst der Aermste ein Pferd besitzt, gilt es für eine Schande, Besuche zu Fuß zu machen. Darum kam auch der Kreishauptmann trotz der kurzen Strecke Weges, welchen er zurück zu legen hatte, mit den Seinen zu Pferde angeritten.

Sie stiegen ab und wurden von dem dicken Fürsten Bula und seiner noch umfangreicheren Gattin Kalyna auf das Freundlichste empfangen: Auch Karparla zeigte sich über den Besuch so erfreut, daß dem Rittmeister das Herz zu schwellen begann, trotzdem ein anderer Theil seines Leibes, der noch mehr als das Herz angeschwollen war, ihm die größten Schmerzen bereitete. Die Freude der schönen Tungusin galt natürlich nicht ihm, sondern Gökala, welche von Karparla schnell in das Zelt geführt wurde und dort den Ehrensitz erhielt.

Als dann auch die Andern eintraten, wies Karparla dem Kreishauptmanne und seinem Sohne die für sie bestimmten Plätze an. Beide waren innerlich erfreut, als sie bemerkten, daß sie auf sehr hohe, weicherscheinende Kissen plazirt werden sollten.

Stühle gab es nach derartiger Sitte nicht.

Die Kreishauptmännin hatte wirklich, wie zu vermuthen gewesen war, ihren Pompadour mit. Sie wollte, bevor sie sich setzte, ihn und ihr Tuch selbst ablegen, aber Karparla kam ihr zuvor, nahm ihr Beides ab und legte es dorthin, wo sie die Lücke gemacht hatte, tief auf den Boden nieder. Dabei schüttelte sie den Beutel ein Wenig und hörte zu ihrer Genugthuung Schlüssels in demselben klirren.

Nachdem auch ihre Eltern sich gesetzt hatten, begann sie, den Thee herum zu reichen. Als sie bemerkte, daß sämmtliche Gäste sehr eingehend mit demselben beschäftigt waren, machte sie sich noch auf kurze Zeit beim Theekessel zu schaffen und trillerte dabei einige Strophen eines kleinen tungusischen Liedchens.

Sie hielt indessen den Blick auf den Beutel gerichtet und sah Sams Hand erscheinen, welche ihn hinauszog. Nach wenigen Augenblicken wurde er wieder herein geschoben.

Nun war sie befriedigt. Sie setzte sich zu Gökala.

Da machte die Kreishauptmännin eine Bewegung, als ob sie aufstehen wolle.

»Was willst Du, Mütterchen?« fragte Karparla schnell.

»Meinen Strickbeutel. Ich habe das Taschentuch darin.«

»Ich werde es Dir holen.«

Sie stand auf, holte eilig das Tuch herbei, gab es ihr und setzte sich dann wieder nieder. Die Kreishauptmännin warf einen sehr befriedigten Blick auf ihren Mann und ihren Sohn und sagte:

»Welch ein gutes, aufmerksames Kind!«

»Sie wird voraussichtlich auch eine ebenso aufmerksame Frau und Schwiegertochter werden,« antwortete ihr Gatte.

Hätten Beide gewußt, aus welchem Grunde sie so aufmerksam war.

Das Gespräch drehte sich um gleichgiltige Dinge. Es wurde dabei sehr sorgfältig vermieden, die Verhältnisse Gökala's zur Sprache zu bringen. Das Auge des Rittmeisters hing bewundernd an Karparla, und sie gab sich Mühe, ihm zuweilen einen freundlichen Blick zuzuwerfen. Sein Gesicht erglänzte vor Freude. Leider aber hielt dieser freudige Ausdruck nie sehr lange an, sondern es machte sich allemal schnell darauf ein schmerzhaftes Zucken bemerklich.

»Was hast Du denn?« fragte sie ihn scheinbarer Theilnahme.

»Was soll ich haben?«

»Du ziehst so eigenthümliche Gesichter.«

»Ich? Davon weiß ich ja gar nichts.«

»O doch! Und Dein Vater macht es ganz ebenso.«

Der Kreishauptmann zeigte ein sehr erstauntes Gesicht und meinte:

»Ich? Ich soll Gesichter schneiden?«

»Ja.«

»Fällt mir doch gar nicht ein!«

»Ich sehe es ja! Es sieht ganz so aus, als ob Ihr von Zeit zu Zeit gestochen würdet.«

Der Rittmeister machte ein sehr verliebtes Gesicht und antwortete:

»Da müßten mich höchstens Deine schönen Augen stechen, und zwar tief ins Herz hinein.«

»O mir scheint, daß die Stiche viel, viel tiefer treffen.«

Und dann, als sich die Gelegenheit dazu bot und sie nicht bemerkt wurde, flüsterte sie Gökala zu:

»Beide haben wieder von Sam die Knute erhalten, und ich habe Kartoffeln in ihre Sitzkissen gesteckt.«

Beinahe hätte Gökala laut gelacht. Sie mußte sich alle Mühe geben, ihre Heiterkeit zu verbergen. Die Sache war sowohl vom ästhetischen als auch vom sittlichen Standpunkte keinesfalls zu billigen; aber die beiden Gemarterten waren Leute, denen eine solche Züchtigung gegönnt werden konnte. Darum war die heimliche Schadenfreude der beiden Mädchen zwar nicht ganz zu billigen aber doch wenigstens leicht zu begreifen.

Sie hatten im weiteren Verlaufe vielfach Gelegenheit, zu beobachten, daß die auf den Kartoffeln Sitzenden sich in einer keinesfalls angenehmen Situation befanden. Der Schweiß trat Beiden auf die Stirn. Sie rückten fleißig hin und her und zogen Gesichter, wie sie kein Comiker hätte tragikomischer fertig bringen können.

Unterdessen war Sam mit Tim draußen verschwunden. Sie schritten nach dem Regierungsgebäude zu.

»Hast Du die Schlüssel?« fragte Tim.

»Ja. Ich hoffe, daß es die richtigen sind. Karparla hat ihre Sache gut gemacht. Hier ist das Wirthshaus. Wir müssen einmal hinein gehen.«

»Dazu haben wir keine Zeit.«

»O nur eine Minute.«

»Man wird uns sehen, und doch soll es heißen, daß wir ausgeritten sind.«

»Schadet nichts.«

»Wenn dann der Diebstahl an den Tag kommt und der Kreishauptmann erfährt, daß wir anwesend gewesen sind, so wird er den Verdacht auf uns werfen.«

»Meinetwegen immer! Es soll ihm schwer werden, uns Etwas zu beweisen. Ich muß einmal ins Wirthshaus.«

»Um zu sehen, ob die Bediensteten des Kreishauptmannes drin sind?«

»Ja, und auch um nach dem Polizisten zu schauen. Wenn ich diesen Leuten nicht Einhalt thue, muß ich gewärtig sein, sie trinken sich zu Tode.«

»Na, dann komm!«

Sie gingen hinein. Es bot sich ihnen eine Scene, wie sie nur unter solchen Leuten vorkommen konnte.

Unter dem Tische lag die Frau des Polizisten, so vollständig betrunken, daß sie das Bewußtsein verloren hatte. Auf dem Leibe derselben saß ihre Tochter, ganz stieren Blickes und lallte immer nur die drei Worte vor sich hin:

»Ich bin Braut, ich bin Braut!«

Sie hatte ihre Jacke ausgezogen und sich wie einen Mantel um die Achseln gelegt. Von dem Stroh, welches wegen der übernachtenden Gäste auf dem Boden lag, hatte sie sich einen riesigen Kranz gewunden und auf den Kopf gesetzt.

Am Tische saß ihr Vater, das Gesicht in die Hände gestemmt und dabei immer nur mit sich selbst sprechend. Vor ihm standen nicht mehr und nicht weniger als siebzehn leere Schnapsflaschen.

An einem andern Tische saßen mehrere Tungusen mit einigen Kosaken, denen sie sehr fleißig zutranken. Diese Letzteren waren jedenfalls die Dienstleute des Kreishauptmannes, welche von den Ersteren in den Gasthof gelockt worden waren.

Der Polizist erkannte trotz seiner Betrunkenheit Sam sofort.

»Väterchen, Väterchen, liebes Väterchen,« lallte er. »Hier ist der Himmel!«

»So! Gefällt es Dir?« lachte Sam.

»Vorher war es schön. Jetzt nicht mehr.«

»Warum?«

»Vorher gabs im Himmel Wutki, jetzt aber ist er alle.«

»So habt Ihr Alles ausgetrunken?«

»O nein. Aber der dort, der! Der giebt keinen mehr her.«

»Warum?«

»Weil er meint, wir hätten genug.«

»Mir scheint es auch so.«

»Was? Ich habe doch erst nur gekostet, nur einmal an die Flasche geleckt. Nun sollte es losgehen; aber Der, Der giebt nichts mehr her!«

Er deutete auf den Wirth.

Dieser kam mit demüthig zusammengebogenem Oberkörper herbei, machte eine tiefe Verbeugung und sagte:

»Theures Väterchen, Deine Güte ist sehr groß. Du mußt auch sehr reich sein.«

»Warum?«

»Weil Du gesagt hast, daß Du bezahlen willst, was diese da trinken.«

»Das werde ich auch thun.«

»Aber schau hin, wie viel es ist. Er hat acht, seine Frau fünf und seine Tochter vier Flaschen getrunken.«

»Schadet es ihnen?«

Der Wirth machte ein so erstauntes Gesicht, als ob er etwas ganz und gar Unbegreifliches gehört habe. Er schüttelte den Kopf, riß die kleinen Augen weit auf und fragte:

»Was hast Du gesagt, Väterchen? Habe ich Dich richtig verstanden?«

»Ob der Wutki ihnen vielleicht schadet.«

»Ah, der! Jetzt verstehe ich Dich erst richtig. Was soll ihnen denn der Wutki schaden?«

»In solcher Menge!«

»Frage doch lieber, was das Wasser dem Fische schaden soll! Je mehr, desto wohler ist es ihm.«

»Ach so! Das ist freilich beruhigend.«

»Du bist wohl sehr weit von hier zu Hause?«

»Ja.«

»Das merkt man, denn sonst würdest Du wissen, daß der Wutki keinem Menschen Etwas anhaben kann. Und ein Polizist bei uns säuft doppelt so viel als ein jeder Andere.«

»Gratulire! Bei mir daheim haben sechs Mann an einer Flasche genug.«

»Was sind das für Menschen? Wohl so sehr klein?«

Er hielt die Hand bis an sein Knie hinab, um anzudeuten, welche geringe Höhe nach seiner Ansicht Menschen haben müssen, welche genug haben, wenn sechs Personen eine Flasche austrinken.

»O nein. Sie sind so groß wie ich, noch viel länger, so wie hier mein Begleiter.«

»So müssen sie einen außerordentlich kleinen Magen haben, vielleicht nur so groß wie eine Heringsblase!«

»Wo sind die Ratniki? Ich sehe sie nicht. Ich dachte, sie würden auch hier zu treffen sein.«

»Die wollten ihren Wutki mit Bequemlichkeit trinken, so daß sie nicht nach Hause getragen zu werden brauchen. Sie haben ihn sich mit heim genommen.«

»Ganz gescheidt. Wieviel denn wohl?«

»Jeder fünfzehn Flaschen.«

»Donnerwetter!«

»Meinst Du, daß dies zu viel ist?«

»Ja.«

»O da kennst Du uns schlecht. Unser Nachtwächter hat es einmal bis auf zwanzig gebracht.«

»Und dann hat er gewacht?«

»Wie konnte er das? Er hat fünf Tage und fünf Nächte ohne Unterbrechung geschlafen, und dann war er kräftiger und gesünder als vorher. Du siehst also, daß der Wutki ein wirkliches Himmelsgeschenk, ein großes Labsal ist. Willst Du nicht auch einige Flaschen trinken?«

»Nein. Gieb hier dem Polizisten auch eine oder zwei.«

Als das der Polizist hörte, richtete er sich mühsam auf, kam hinter dem Tische hervorgetaumelt, breitete seine Arme weit aus und rief:

»Väterchen, mein süßes Herzensväterchen, ich muß Dich küssen!«

Er wollte die Arme um Sam's Hals schlagen; der Dicke aber trat zurück.

»Laß das!« sagte er. »Ich bin kein Freund vom Geküßtwerden.«

»Aber von mir mußt Du es Dir gefallen lassen. Ich bin Dein bester Freund auf Erden. Komm, halte still!«

Er breitete die Arme wieder aus. Sam trat abermals zurück. Darum schlug der Polizist die Arme in der Luft zusammen, gab der Gegend, in welcher sich vorher Sam's Kopf befunden hatte, einen schallenden Schmatz, wurde von seinem Rausche einmal rundum gedreht, taumelte hin und her, griff mit beiden Armen um sich und setzte sich dann mit einem lauten Plumps auf den Boden nieder. –

»Schön! Schön! O wie schön!« lallte er. »Sitzen, sitzen, sitzen muß man beim Trinken!«

Sam ergriff ihn bei beiden Armen und sagte:

»Komm, ich werde Dir aufhelfen!«

»Aufhelfen? Nein, Väterchen, nein! Hier, hier, hier will ich trinken! Wutki her! Gebt mir meinen Wutki! Väterchen bezahlt Alles.!«

Der Wirth gab ihm in jede Hand eine Flasche. Er blickte erst die eine und dann die andere an, schüttelte den Kopf und, rief verlegen:

»Ja, welche denn? Aus allen Beiden zugleich?«

»Setze doch eine weg!« meinte der Wirth.

»Ja, daß Du sie fortnehmen und mir austrinken kannst!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Gut, gut! Aber hierher setze ich sie nicht. Da – da giebts Leute.«

Er gab sich große Mühe, eine Wendung zu machen, und setzte die Flasche hinter sich. Er glaubte, daß sie da für ihn sicherer sei. Dann ergriff er die andere mit beiden Händen, hob sie zum Mund empor und trank, trank, ohne abzusetzen und Athem zu holen die ganze Flasche aus, schnalzte dann mit der Zunge, stellte die leere Bulle neben sich und sagte:

»Das war gut, ah, sehr gut! Jetzt nun gleich auch die andere.«

Er langte hinter sich – er fühlte die zweite Flasche nicht. Erschrocken drehte er sich um. Sie war weg. Aber wohin sie gekommen war, das sah er.

Während er nämlich trank, hatten sich die bisher ausdruckslosen Augen seiner Tochter belebt. Sie sah die volle Flasche hinter seinem Rücken. Sie schob den Strohkranz nach hinten, beugte sich vor, nahm die Bulle weg und setzte sie an die Lippen – sie trank, trank grad so wie ihr Vater, ohne eher aufzuhören, als bis die Flasche leer war. Dann hielt sie dieselbe vor sich hin, betrachtete sie schmunzelnd und drückte sie dann mit warmer Innigkeit an ihren Busen.

Ihr Vater hatte sich zu ihr umgedreht. Er blickte sie ganz erstaunt an.

»Töchterchen!« lallte er. »Was thust Du?«

»Deinen Wutki habe ich getrunken, ha – ha –,« lachte sie.

»So! Ist das recht von Dir, daß Du Deinem alten Vater sein einziges Labsal stiehlst?«

»Warum sollte ich nicht. Das dicke Väterchen dort wird Dir eine andere Flasche dafür geben.«

Das leuchtete ihm sofort ein, denn seine betrübte Miene erheiterte sich sofort, und er sagte zu Sam:

»Hast Du es gehört, Väterchen? Nun mußt Du mir eine andere kaufen.«

»Gut,« antwortete der Dicke. »Aber nur noch eine!«

»Noch zwei, noch fünf, noch zehn!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Väterchen, willst Du zum Lügner werden? Willst Du so eine große Schande auf Deine Seele nehmen?«

»Eine Schande?«

»Ja. Du hast mir versprochen, so viel zu bezahlen, wie ich trinken kann.«

»Ja, aber wie viel kannst Du noch trinken?«

»Zehn, zwölf, fünfzehn noch. Ich weiß es nicht genau. Ich muß es erst probiren.«

»Alle Teufel! Höre, ich will mein Wort halten und mache Dir einen Vorschlag. Morgen kaufe ich Dir fünfzehn oder heut noch drei. Wähle!«

»Morgen fünfzehn – – oder heut noch drei – – o weh, o weh!«

Er kratzte sich mit beiden Händen in der allergrößten Verlegenheit den wirren Kopf, welchem vielleicht seit Monaten kein Kamm zu nahe gekommen war.

»Ja,« lachte Sam. »Wähle schnell, denn ich habe keine Zeit mehr.«

»Fünfzehn! Das ist gut!« brummte der Polizist. »Aber morgen, das ist nicht gut. Es schmeckt mir grad heute. So werde ich nicht dumm sein. Heute ist heute. Ich nehme also die drei Flaschen. Morgen ist auch ein Tag. Da werde ich Dich aufsuchen, und Du wirst mir noch einige Flaschen schenken, denn ich habe Dir zwei Ratniki verschafft, und Du darfst mich also nicht verdürsten lassen.«

Er erhielt seine drei Flaschen. Sam berichtigte seine nicht unbedeutende Zeche und ging dann mit Tim fort, bis hinaus, begleitet von dem Wirthe, welcher Complimente machte, als ob er allen Ernstes die Absicht habe, sich aus freier Hand das Genick zu brechen.

Nun gelangten sie zum Regierungshause. Es brannte keine Laterne. Im Dunkel des Abends konnte kein Mensch sie sehen. Vor der Thür des Hauses trat ihnen ein Mann entgegen, Jim war es.

»Nun?« fragte Sam. »Wie steht es?«

»Gut. Es ist kein Mensch da.«

»So wollen wir sehen, ob wir öffnen können.«

Er zog die Schlüssels hervor und probirte sie. Einer derselben öffnete. Sie traten ein und schlossen hinter sich zu.

Die hintere Thür hatte kein Schloß, sondern nur einen Innenriegel, welcher zurückgeschoben wurde. Sam führte die Beiden hinaus in den Garten, um sie mit dem Terrain vertraut zu machen. Dann postirte er sie. Tim kam an die Hinterthür zu stehen und Jim oben an die Treppe. Sam selbst schloß mit dem dazu passenden Schlüssel die Schlafstubenthür auf.

Jim war einstweilen zu ihm getreten und ging auch mit hinein in die Stube.

»Aber nun den Schlüssel zur Vorrathsthür her,« sagte er. »Das ist die Hauptsache.«

»Der steckt hier in dem Kästchen.«

»Wird verschlossen sein.«

»So wird es aufgesprengt.«

»Das merkt aber der Kerl gleich.«

»O nein. Ich sprenge die hintere Wand los und drücke sie nachher wieder fest an. Ah! Prachtvoll!«

»Was?«

»Das Kästchen ist auf. Ich habe den Schlüssel.«

»Der Esel! Konnte er nicht zuschließen!«

»Es hat heut so viel Malheur für ihn gegeben, daß er das vergessen hat. Geh jetzt an die Treppe. Ich trage Dir zunächst das Pulver zu.«

Er schloß die Thür auf und ergriff eins der Fäßchen, welches er hinaustrug und Jim übergab. Dieser brachte es bis zu Tim an die Hinterthür herab, und dieser trug es weiter bis hinaus in den Garten, an die Plankenpforte.

Jeder kehrte schleunigst an seinen Platz zurück. Die Drei waren kraftvolle und gewandte Leute, und so waren sie nach kaum einer halben Stunde mit dem Ausräumen vollständig zu Ende. Die Thüren wurden verschlossen der Schlüssel zum Lagerraume war natürlich wieder in das Kästchen gehängt worden, und so war das schwierige Werk sehr leicht und rasch vollbracht.

Am Lager angekommen, schlich sich Sam zunächst hinter das Zelt, zog den Strickbeutel heraus, steckte die Schlüssel hinein und schob ihn dann wieder in das Innere des Zeltes zurück. Dann begab er sich zu den Pferden, bei denen Jim und Tim seiner warteten. Sie stiegen auf und ritten bis vor das Zelt des Tungusenfürsten.

Da trat Karparla heraus, welche in großer Spannung auf sie gewartet hatte.

»Ists gelungen?« fragte sie.

»Ja.«

»Prächtig! Ich werde gleich meine Leute senden.«

»Werden dieselben die Pforte auch wirklich finden?«

»Ganz gewiß.«

»Aber Niemand darf den Raub sehen.«

»Habe keine Sorge. Die Leute reisen sofort mit demselben nach dem See ab. Kommt aber erst herein, damit ich Euch Euer Mahl vorsetze.«

Sie traten ein. Der Kreishauptmann und sein Sohn erschraken, als sie die Drei erblickten.

»Willkommen!« sagte der Fürst, indem er ihnen die fetten Hände reichte. »Seid Ihr weit fort gewesen?«

»Sehr weit.«

»So werdet Ihr hungrig sein. Setzt Euch zu uns her!«

Die Drei bekamen Fleisch vorgelegt und aßen, ohne sich um die Anderen zu bekümmern. Die Unterhaltung stockte. Karparla hatte das Zelt wieder verlassen, um den betreffenden Leuten die erwähnte Weisung zu ertheilen.

Als sie zurückkehrte, begann die Unterhaltung wieder; aber sie wurde nicht so lebhaft wie vorher. Bald stand der Kreishauptmann auf und sagte:

»Unsere Zeit ist verstrichen. Wir müssen nach Hause.«

Er hielt sich mit beiden Händen diejenige fleischige Gegend, mit welcher er auf dem Kartoffelkissen gesessen hatte. Sein Sohn stand auch mühsam auf, indem er einen lauten Seufzer des Schmerzes aber auch der Erleichterung ausstieß. Beide hatten geradezu unbeschreibliche Qualen ausgestanden.

Der Wirth und die Wirthin baten, doch noch zu bleiben, doch das fruchtete nichts. Auch die Kreishauptmännin stand auf und ließ sich Tuch und Pompadour geben.

»Komm, Gökala!« sagte sie.

Die Genannte schickte sich an, ihren Platz zu verlassen, doch war ihr anzusehen, daß sie dies nicht gern that. Sie wär viel lieber noch geblieben. Sam sah es und sagte in deutscher Sprache:

»Fräulein, Sie wünschen jedenfalls noch zu bleiben?«

»Ja,« antwortete sie. »Sie wollten mir ja so viel erzählen.«

»Ja. Also bleiben Sie ruhig da.«

»Das wird der Kreishauptmann auf keinen Fall dulden.«

»Wollen sehen.«

Der genannte Beamte ärgerte sich natürlich darüber, daß die Beiden in einer Sprache redeten, welche er nicht verstand. Darum nahm er eine strenge Miene an und sagte:

»Gökala! Hast Du es gehört. Wir müssen jetzt fort!«

Da antwortete an ihrer Statt Sam:

»Mir scheint. Du vergissest ganz, daß man mit Damen höflich zu sprechen hat.«

»Geht Dich das Etwas an?«

»Nein.«

»So schweige!«

»Wenn Dir meine Rede nicht gefällt, so gehe. Es hält Dich Niemand. Aber Gökala bleibt da.«

»Was? Wer hat darüber zu bestimmen?«

»Nur sie selbst.«

»Sie ist mir aber anvertraut.«

»Und sie selbst hat sich mir anvertraut. Also hast Du gar nichts zu bestimmen.«

»Sie wohnt bei mir!«

»Jetzt nicht mehr.«

»Oho! Will sie sich etwa ausquartieren?«

»Ja.«

»Zu wem?«

»Zu Karparla, deren Gast sie von diesem Augenblicke an ist. Sie bleibt hier.«

»Sie muß mit. Sie hat alle ihre Sachen noch bei mir.«

»Ich werde dieselben morgen holen lassen.«

»Ich kann mich auf keinen Fall mit diesem eigenmächtigen Verfahren einverstanden erklären!«

Die Beiden standen sich drohend gegenüber. Da sagte Gökala zu Sam:

»Bitte, ich werde bei dem Herrn Kreishauptmann wohnen bleiben.«

»So! Ich meine es gut mit Dir.«

»Das weiß ich. Aber ich werde Dir noch erklären, wodurch ich gezwungen werde, den jetzigen Aufenthalt beizubehalten.«

Er nickte lächelnd vor sich hin und sagte:

»Werden sehen. Jetzt aber bleibst Du noch ein Stündchen hier?«

Er wendete sich zum Kreishauptmann:

»Du hasts gehört. Sie geht auch nicht mit.«

»Was will sie hier?«

»Das geht Dich nichts an.«

»Soll ich etwa daheim auf sie warten?«

»Nein. Ich werde sie nach Hause begleiten und ein Diener kann ihr die Hausthür öffnen. Du kannst ruhig schlafen gehen.«

»Das thue ich nicht. Sie muß gleich jetzt mit mir fort.«

»Muß? Das klingt wie Zwang.«

»Den werde ich allerdings anwenden. Ich kann verlangen, daß sie mir gehorcht.«

»Ah, wie wolltest Du das anfangen, sie zu zwingen?«

»Das wirst Du gleich sehen.«

Er trat auf Gökala zu und streckte den Arm aus, sie anzufassen.

»Halt!« rief da Sam mit donnernder Stimme, daß er sofort den bereits erhobenen Arm wieder sinken ließ. »Sobald Du sie anrührst, bist Du eine Leiche!«

Er zog den Revolver heraus.

»Willst Du an mir zum Mörder werden?« fragte der Beamte grimmig.

»Nein, aber der Rächer! Mörder könnt nur Ihr sein. Wenn Du Dich nicht augenblicklich von dannen machst, so werde ich es laut erzählen, warum ich Euch jetzt Mörder nenne.«

»Du beleidigst uns. Wir sind Gäste des Fürsten hier. Er hat die Pflicht, jede Beleidigung unserer Personen zu rächen.«

»Macht Euch nicht lächerlich. Ihr seid eingeladen, weil ich es so haben wollte.«

»Ah! Ist das wahr?«

»Ja,« nickte Karparla.

Und Sam fügte hinzu:

»Ihr habt wohl gar gemeint, daß Ihr aus Freundschaft herbeigerufen worden seid? Solchen dummen Kerls ist es allerdings zuzutrauen, daß sie sich so Etwas einbilden. Ich will Euch einen Beweis von der Freundschaft geben, welche Ihr Euch eingebildet habt.«

Er hob die beiden Kissen empor und schüttelte sie so, daß die Kartoffeln herausfielen.

»Himmeldonnerwetter!« entfuhr es dem Rittmeister.

Zu gleicher Zeit griff er sich nach hinten, wo es brannte, als ob er auf einem glühenden Roste säße.

»Alle tausend Teufel!« schrie auch der Alte, indem auch er unwillkürlich die gleiche Stelle seines Körpers mit beiden Händen hielt.

Seiner Frau ging das gleiche Licht auf.

»Schrecklich, so betrogen zu werden,« rief sie aus. »Kommt von hinnen. Bei solchen Leuten kann unseres Bleibens keine Minute länger sein. Und Du, Du gehst natürlich mit uns!«

Diese letzteren Worte waren an Gökala gerichtet.

»Nein, sie bleibt da!« entgegnete Sam.

»So behaltet sie. Wenn sie jetzt nicht mit uns geht, darf sie unser Haus nicht wieder betreten!«

»Schön! Das ist uns sehr erwünscht. Und nun packt Euch fort. Morgen komme ich zu Euch, um noch Einiges mit Euch zu besprechen.«

»Wir werden Dich hinauswerfen lassen!« donnerte ihn der Rittmeister an.

Dann ging er fort. Die anderen Beiden folgten ihm. Nach wenigen Secunden hörte man den Hufschlag ihrer sich entfernenden Pferde.

Jetzt richtete sich Fürst Bula von seinem Sitze auf und sagte zu Sam:

»Verzeihe mir. Ich glaube, Du hast mich da in eine große Verlegenheit gebracht!«

»O nein. Du täuschest Dich.«

»Die Leute werden sich an mir rächen.«

»Diese Leute werden sich morgen bereits im Gefängnisse befinden.«

»Ich erschrecke!«

»Und ich sage doch die Wahrheit. Hättest Du Deine Tochter gezwungen, die Frau des Rittmeisters zu werden, so hättest Du namenloses Elend über sie und Euch gebracht. Ich werde es Euch beweisen.«

»Sie sind mir sofort als Leute erschienen, welche nicht werth sind, Vertrauen zu besitzen,« sagte Gökala. »Aber Du hast dennoch etwas zu schnell gehandelt.«

»Warum?«

»Ich muß bei ihnen wohnen bleiben.«

»Aus welchem Grunde?«

»Den kann ich Dir erst später erklären.«

»Ich kenne ihn bereits.«

»Unmöglich!«

»Soll ich Dir es beweisen?«

»Ja.«

»Du heißest eigentlich nicht Gökala, sondern Semawa.«

»Um Gott!« rief sie überrascht.

»Du bist die Tochter des Maharadscha von Nubrida.«

»Wer sagt das?«

»Ich.«

»Woher weißt Du es?«

»Davon später. Dein Vater ist der Verbannte Nummer Fünf. Der Graf ist aufgebrochen, ihn zu suchen. Du bist stets der Ueberzeugung gewesen, daß an Deinem Verhalten zum Grafen das Leben Deines Vaters hänge. Darum meinst Du, daß Du auch jetzt nicht mit ihm brechen darfst.«

»Du kennst ja alle, alle meine Geheimnisse. Was hat das zu bedeuten?«

»Das hat zu bedeuten, daß Deine Leiden nun ein Ende haben werden.«

»Das ist unmöglich.«

»Ich sage Dir die Wahrheit. Wenn Sam Barth so Etwas sagt, so ist es so gut, als ob ein Anderer es mit tausend Eiden beschworen habe.«

»Ach, könnte, könnte ich es glauben!«

»Der morgende Tag wird Dir die Beweise bringen. Jetzt bist Du der Gast des Fürsten. Oder will unsere Karparla die Freundin von sich weisen?«

»Nein, nein!« rief Karparla entzückt, indem sie die Arme um Gökala warf. »Sie ist uns willkommen, so willkommen, wie keine zweite Person der Erde. Komm, meine Freundin! Ich will Dir mein Zelt zeigen, welches ich ganz allein bewohne. Du sollst es mit mir theilen.«

Gökala wehrte sich freundlich gegen den liebevollen Zwang, welcher gegen sie ausgeübt werden sollte.

»Jetzt nicht. Theure, jetzt nicht, sondern nachher erst.«

»Warum nicht jetzt?«

»Weil ich vorher noch so viel mit Sam zu besprechen habe.«

»O, dazu haben wir auch später noch Zeit,« sagte dieser. »Geh in Gottes Namen jetzt mit ihr. Auch habe mich auf kurze Zeit zu entfernen.«

»Wohin?« fragte Karparla.

»Ich muß dem Kreishauptmanne nach, um zu sehen, ob Alles wohl abgelaufen ist. Du weißt, was ich meine.«

»Ja, gehe. Wenn Du zurück bist, so kannst Du die Erkundigungen Gökala's beantworten. Ich gehe jetzt mit ihr nach meinem Zelte, um es mit ihr für uns Beide einzurichten.«

Sam ging. Jim und Tim wollten mit; er aber bedeutete sie, daß er sie jetzt nicht bei sich brauchen könne.

Er gelangte, ohne einem Menschen zu begegnen, an das Regierungsgebäude. Die beiden Fenster der Wohnstube waren erleuchtet, sonst keins, also war es sicher, daß man noch nicht in das Schlafzimmer gekommen war. Jedenfalls wurde der Diebstahl heut nicht entdeckt.

Nun begab er sich nach der hinteren Seite des Gartens, längs des Plankenzaunes hin. Die Pforte war zu. Er griff durch eine Lücke hinein und öffnete sie. Als er in den Garten trat, war da, wo die gestohlenen Gegenstände hingelegt worden waren, gar nichts mehr vorhanden. Die Tungusen hatten also schnelle Arbeit gemacht und waren dem heimkehrenden Kreishauptmann nicht begegnet. Es hatte also Alles einen sehr günstigen Verlauf genommen.

Jetzt wollte Sam wieder nach dem Lager zurückkehren. Als er über den Platz ging und um das Gasthaus biegen wollte, hörte er die Huftritte zweier Pferde, welche ihm entgegen kamen. Er blieb stehen. Die beiden Reiter sprachen mit einander und zwar russisch.

»Nun grad aus, am Gasthofe vorbei,« sagte der Eine. »Dann sind es nur wenige Schritte bis zum Regierungsgebäude.«

»Ist es groß, so daß man als Gast aufgenommen werden kann?« fragte der Andere.

Das war eine kräftige, sonore, außerordentlich wohl und sicher klingende Stimme.

»Ja,« antwortete der Erstere. »Komm, Herr, da nach links.«

Aber da hatte Sam sich ihnen in den Weg gestellt und sagte in deutscher Sprache:

»Halt! Nicht nach links, sondern nach rechts führt der richtige Weg, Herr Steinbach.«

Auch dieser Letztere hatte sofort die Stimme des Dicken erkannt.

»Sam, Du?« fragte er erfreut. »Stehst Du etwa auf Posten hier?«

»Nein. Ich kam nur zufällig vorüber und hörte den Hufschlag. Ich erwartete Sie natürlich erst morgen.«

»Meine Geschäfte in Irkutsk waren einen halben Tag früher abgemacht, als ich vorher berechnen konnte. Darum komme ich heut Abend, anstatt morgen früh.«

»Und so allein in fremdem Lande, des Nachts!«

»Dieser Mann ist ein wegekundiger Kosak, welchen ich mir an der letzten Station mitgeben ließ.«

»Aber ohne Gepäck!«

»Das kommt morgen nach. Es befindet sich unter der Aufsicht des hiesigen Kreissecretärs, welcher von einer Urlaubsreise zurückkehrt. Ich traf ganz zufällig auf ihn.«

»Was ists für ein Mann?«

»Warum fragst Du?«

»Bitte erst um Antwort!«

»Er ist jedenfalls ein pflichtgetreuer und ebenso humaner wie unterrichteter Beamter.«

»So kann er morgen Kreishauptmann werden, Herr Steinbach.«

»Wieso? Wie kommst Du zu dieser Rede?«

»Weil wir den jetzigen morgen absetzen und ins Gefängniß stecken werden.«

»Sapperment! Du redest ja, als ob Du der Beherrscher dieses Ortes seiest!«

»Bin ich auch factisch!«

»Sam, Sam, keine dummen Witze!«

»Ich rede im Ernste. Herr Steinbach, wenn Sie wüßten, was wir hier erlebt haben!«

»Bedeutendes?«

»Bedeutender, als Sie denken können.«

»Mensch, hast Du Hoffnung, daß wir den Gesuchten finden können?«

»Mehr als Hoffnung.«

»Was?!«

»Ja! Ich muß Ihnen rasch berichten.«

»Aber natürlich nicht hier. Ich reite nach Deiner Wohnung, welche gewiß das Regierungsgebäude ist.«

»Nein, da wohne ich nicht. Ich bin Gast des Tungusenfürsten Bula, der sich mit einer bedeutenden Anzahl seiner Leute jetzt hier zum Markte befindet.«

»Warum das?«

»Weil mir die Familie des Kreishauptmannes bereits bei meiner Ankunft feindlich gegenübergetreten ist.«

»Sam, Du hast doch keine Dummheiten begangen!«

»Fällt mir nicht ein!«

»So soll ich nicht im Regierungshause logiren?«

»Wenigstens heut nicht.«

»Sondern bei Deinem Wirthe, dem Fürsten?«

»Vielleicht. Wollen es besprechen.«

»Aber ich kann doch mein Pferd nicht –«

»Lassen Sie,« fiel Sam ein, »den Kosaken mit den beiden Pferden hier im Gasthofe bleiben. Es ist noch auf. Sie sind da sehr gut aufgehoben.«

»Meinst Du. Du kennst den Wirth?«

»Ja. Seien Sie ohne Sorge. Wir gehen dann ein Wenig allein spazieren, und ich erzähle Ihnen, was ich zu erzählen habe.«

»Gut, ich befolge Deinen Rath.«

Er stieg ab und begab sich mit Sam in den Gasthof. Als der Wirth die hohe, ehrfurchtgebietende Gestalt des Deutschen erblickte, sank er vor Höflichkeit fast in sich zusammen. Er erhielt Steinbachs Befehle und beeilte sich, denselben augenblicklich nachzukommen.

Steinbach war noch immer der Alte. Seine Züge hatten sich nicht verändert. Die erlebten Strapatzen waren spurlos an demselben vorübergegangen. Anstatt des dunklen, langen Vollbartes, welcher in Constantinopel und später sein Gesicht umrahmt hatte, trug er jetzt nur einen kräftigen Schnurrbart, welcher einen wirklichen Schmuck seines männlich schönen und bedeutenden Gesichtes bildete.

Nun führte Sam ihn hinaus, seitwärts vom Lager und der Stadt. Sie schritten langsam neben einander hin.

»Jetzt kannst Du anfangen,« sagte Steinbach.

»Ehe ich erzähle, muß ich erst eine hochinteressante Neuigkeit melden. Nämlich es hat einen Verbannten hier gegeben, dessen Namen Jurgi Orzeltschasta war.«

»Alle Wetter! Das heißt zu Deutsch Georg Adlerhorst.«

»Er ist der Letzte der Gesuchten.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja.«

»Sam, diese Nachricht ist ja ein ganzes Vermögen werth!«

»Darum habe ich es Ihnen gleich gesagt.«

»Schon das allein ist eine Reise nach Sibirien werth. Wo ist er?«

»Entflohen.«

»O weh! So müssen wir ihm nach.«

»Natürlich!«

»Höchst unangenehm!«

»Ich weiß, wo er sich befindet.«

»Gewiß?«

»So gewiß, daß ich ihm morgen früh nach wollte.«

»Natürlich. Wir dürfen ihn uns nicht entgehen lassen. Es ist ja ein reines Wunder Gottes, ihn hier zu finden.«

»O, er kann uns nicht entgehen. Er ist nach ganz demselben Orte, nach welchem auch die Nummer Fünf ist.«

»Wer ist das?«

»Der Maharadscha.«

»Sam!« rief Steinbach.

»Nicht wahr, das zieht!« lachte der Dicke. »Und diese Nummer Fünf ist mit Peter Lomonow auf die Zobeljagd gegangen.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Ein Kaufmann aus Orenburg. Früher aber war er Derwisch und hieß Osman. Sodann nannte er sich in Amerika Bill Newton.«

»Sam, bist Du des Teufels! Der wäre hier?«

»Ja.«

»Du täuschest Dich!«

»Nein, gar nicht. Auch er ist nach demselben Orte, nämlich nach dem Mückenflusse. Und noch ein Anderer ist ebenfalls dahin.«

»Willst Du mich auf die Folter spannen? Du hast gewiß noch eine Neuigkeit in Petto. Wer ist ebenfalls hin?«

»Graf Alexei Polikeff.«

Da hielt Steinbach seinen Schritt ein, erfaßte Sam bei beiden Schultern, schüttelte ihn derb und sagte:

»Sam Barth, treib keine Comödie!«

»Herr Steinbach, der Teufel soll mich holen, wenn es Comödie ist!«

»Wahrheit kann es nicht sein!«

»Warum denn nicht?«

»Die Personen, welche wir nun in drei verschiedene Erdtheile gejagt haben, sollen sich hier im wilden, fernen Sibirien an einem Orte beisammen befinden!«

»So ists!«

»So Etwas bringt doch kein Romanschreiber zusammen!«

»Das hat er auch nicht nöthig. Das Leben bringt es selbst fertig!«

»Der Graf ist hier? Wirklich?«

»Ja.«

»Hast Du ihn gesehen?«

»Ja.«

»Aber Du kennst ihn nicht!«

»Er ist es dennoch. Der Kreishauptmann ist sein Verbündeter.«

»Sam, Sam! Rede weiter! Wo der Graf ist, muß – muß auch Gökala sein!«

»Leider dieses Mal nicht.«

»So muß er es mir sagen, wo sie sich befindet. Diesesmal soll er mir nicht entgehen. Ich brenne vor Ungeduld.«

»Der Graf sucht den Maharadscha!«

»Ah! Er soll ihn finden, aber mich dazu. Jetzt erzähle. Nach Dem, was Du mir jetzt bereits gesagt hast, mußt Du in der kurzen Zeit seit gestern höchst Merkwürdiges erlebt haben.«

»Das ist wahr. Sie können den Gedanken segnen, mich mit Jim und Tim vorausgesandt zu haben. Kamen wir um einen Tag oder zwei Tage später, so waren wir ganz umsonst nach Sibirien gekommen.«

»So schlimm wirds doch nicht sein!«

»Hols der Teufel, ja doch!«

»Nun, ich werde sehen. Also, erzähle!«

»Das geht freilich nicht so rasch, wie Sie denken. Der Fürst erwartet mich. Ich war eben jetzt fort, um Etwas für ihn auszurichten. Ich muß zu ihm. Gehen Sie mit, damit ich Ihnen den braven Kerl vorstelle!«

»Ists unumgänglich nothwendig?«

»Ja.«

»So komm!«

Sie richteten ihre Schritte nach dem Lager. An einer dunklen Stelle desselben meinte Sam:

*

79

»Bitte, Herr Steinbach, bleiben Sie mal hier stehen. Ich habe erst noch ein Wort mit einem Tungusen zu sprechen; dann führe ich Sie weiter.«

Er ließ Steinbach zurück und ging, aber nicht zu einem Tungusen, sondern nach dem Zelte des Fürsten. Dort saßen Alle wieder beisammen. Sie erwarteten seine Rückkehr.

»Ist es gut abgelaufen?« fragte Karparla.

»Ja,« antwortete er. »Zugleich bringe ich eine Neuigkeit mit.«

»So sage sie.«

»Sie ist blos ganz allein für Gökala.«

Die Genannte stand auf, trat auf ihn zu und sagte:

»Für mich? Ist es etwas Schlimmes?«

»O nein, sondern im Gegentheile etwas sehr Gutes.«

»Theile es mir mit!«

»Hier nicht.«

»Wo denn?«

»Im Zelte, in welchem Sie wohnen.«

»Warum das?«

»Weil wir da ganz, ganz allein sein müssen.«

»Das sind wir auch, wenn wir uns hinaus vor dieses Zelt begeben.«

»Nein. Es muß unbedingt in dem Zelte sein, welches ich bezeichnet habe.«

»Sam,« lächelte sie, »wenn ich nicht ein so großes Vertrauen zu Dir hätte, würde ich Dir jetzt mißtrauen.«

»Damit würdest Du die allergrößte Sünde Deines Lebens begehen.«

»Nun, ich weiß, daß Du niemals Etwas ohne triftigen Grund thust. Ich will Dir also Deinen Wunsch erfüllen.«

»Schön! Ist Licht dort?«

»Ja. Es brennt eine Lampe.«

Sie gingen nach dem kleinen Frauenzelt, welches neben dem großen Zelte des Fürsten lag, und traten dort ein. Es war aus Rennthierfell und inwendig mit schneeweißem Zeuge gefüttert. Ueber einander gelegte Teppiche bildeten zwei Ruhestätten. Von der Spitze hing an einer messingenen Kette eine brennende Oellampe herab.

Als Beide eingetreten waren, sagte Sam:

»Es will nämlich eine Tungusin heimlich mit Ihnen sprechen; darum führte ich Sie hierher. Darf ich sie holen?«

Er nannte Gökala Sie, wenn er deutsch und Du, wenn er russisch mit ihr sprach, je nach der Sitte des betreffenden Landes.

»Ist diese Unterredung denn so nothwendig?« fragte sie.

»Ja.«

»So bringen Sie sie mir.«

Er trat hinaus und eilte zu Steinbach.

»Kommen Sie!« sagte er.

»Du warst recht lange.«

»Ich traf den Kerl nicht gleich an.«

Er führte Steinbach bis an das große Zelt, trat dort allein ein sagte zu Jim und Tim:

»Steinbach ist nämlich da. Ich führe ihn zu Gökala. Beide haben keine Ahnung, daß sie sich jetzt sehen werden.«

Und zu Karparla sagte er:

»Hat Dir Gökala gesagt, daß sie ihr Herz einem Manne geschenkt hat?«

»Ja.«

»Dieser Mann steht jetzt draußen. Gökala wird ihn sehen.«

Alle eilten an den Eingang des Zeltes. Sam aber war schnell hinaus und sagte zu Steinbach:

»Der Fürst will sie allein empfangen. Er ist hier in diesem kleinen Zelte. Bitte, treten Sie also ein!«

Steinbach's hohe, majestätische Gestalt wurde von dem brennenden Feuer hell beleuchtet. Auch sein Gesicht war ganz deutlich zu erkennen. Karparla legte die Hände erstaunt zusammen und ließ einen halb unterdrückten Laut der Bewunderung hören. Sie sagte zu Sam, als Steinbach dann in das Frauenzelt getreten war:

»Welch ein schöner, imposanter Mann. Hat er Gökala lieb?«

»Ja, von ganzem Herzen.«

»Aber sie war doch so unglücklich! Warum hat er sich nicht bestrebt, sie glücklich zu machen?«

»Sie wurde ihm entrissen, und er hat sie lange, lange Zeit vergeblich gesucht. Nun aber findet er sie und wird keinen Augenblick mehr von ihr weichen.«

Das war so seine persönliche Ansicht, und er hatte damit auch wirklich das Richtige getroffen.

Steinbach hatte sich bücken müssen, um in das Innere des Zeltes zu gelangen. Er erwartete natürlich, den Fürsten der Tungusen zu sehen. Darum war er einigermaßen verwundert, als er bemerkte, daß sich nur eine weibliche Person in dem Zelte befand.

Gökala hatte sich niedergelassen. Bei seinem Eintritte erhob sie sich. Sie erkannte ihn auf der Stelle. Sie wollte sprechen; sie wollte ihrem freudigen Schrecke einen Ausdruck geben, aber sie vermochte nicht, auch nur einen einzigen Laut hervorzubringen. Wie eine Bildsäule stand sie da. Nichts bewegte sich an ihr, selbst die Augen nicht, deren Blick starr auf ihn gerichtet war.

Und er? Auch er erkannte sie sofort. Er griff mit beiden Händen nach seinem Herzen. Es war ihm, als ob dasselbe stille stehen wolle, gelähmt von der unendlichen Größe des Entzückens, welches ihn durchbebte.

»Gö–ka–la!« hauchte er.

Er konnte nicht laut sprechen. Er hatte den lieben, süßen Namen laut hinaus schreien wollen vor Freude; aber die Stimme versagte ihm. Nur leise und abgerissen kamen die drei kleinen Sylben über seine Lippen. Er trat einen Schritt – zwei Schritte auf sie zu, erhob die Arme und fragte, kurz und hörbar athmend:

»Ists möglich! Du – Du – Du – –!«

Da wich der Bann von ihr. Sie bewegte sich. Sie erhob ebenso die Arme wie er. Sie that einen Schritt auf ihn zu, mit vorgebeugtem Oberkörper, als ob sie sich in seine Arme werfen wolle, aber doch hielt der freudige Schreck ihren Fuß gefangen.

»Os–Os–Os–!«

Sie wollte seinen Namen Oscar rufen, doch brachte sie nur die erste Sylbe desselben hervor.

So standen sie einander gegenüber mit strahlenden Augen und leuchtenden Angesichtern. Endlich riß Steinbach sich von der Stelle los, an welcher sein Fuß wie festgebannt gewesen war und preßte die Heißgeliebte, längst Gesuchte an sein Herz.

»Gökala, mein Leben, meine Seligkeit!« jauchzte er auf. »Ists denn wahr, ists wahr, ists überhaupt möglich?«

Sie wollte antworten, konnte aber nicht. Sie brach in ein lautes, krampfhaftes Schluchzen aus, untermischt mit Lauten und einzelnen Sylben, welche nicht zu verstehen waren.

»Sei still, sei still, meine Gökala!« bat er. »Sprich nicht, sondern weine nur, weine Dich recht aus!«

So standen sie nun eng umschlungen, Brust an Brust, ohne ein Wort zu wechseln, eine lange, lange Zeit. Gökala schluchzte zum Erbarmen. Ihre ganze Gestalt erbebte. Und auch Steinbach weinte still, so daß ihm die Thränen immer über die Wangen rannen und sich mit den ihrigen vereinten.

All das Herzeleid, welches das schöne Mädchen bisher im Stillen ertragen, aller Kummer und Gram, den sie tief in ihre Seele verschlossen hatte, das ganze Elend, welches sie, ohne es zu zeigen, gefühlt und erduldet hatte, es stieg jetzt, in diesem Augenblicke empor um sich in den rinnenden Thränen den endlichen Ausweg zu suchen.

Nach und nach aber milderte sich der Ausbruch dieser Empfindungen. Das Schluchzen wurde leiser und leiser; das convulsivische Athmen beruhigte sich, und dann hing sie still und bewegungslos in seinen starken Armen, als ob mit den heißen Thränen nicht nur ihr Schmerz, sondern auch ihr Leben entflohen sei.

Aber das Leben war nicht dahin, denn er fühlte die magische Wärme, welche von ihrem schönen Körper zu ihm überfluthete, und das langsame, tiefe Wogen ihres herrlichen Busens, der sich an ihn schmiegte.

»Gökala, meine einzige Gökala, bist Du nun ruhiger geworden?« fragte er in einem unbeschreiblich liebevollen Tone.

»Ja,« antwortete sie leise.

»So wollen wir uns niedersetzen und uns mittheilen, was unsere Herzen einander zu sagen haben. Komm!«

Er entließ sie aus seiner Umarmung. Sie setzte sich, aber ohne dabei seine Hand los zu lassen, und er nahm neben ihr Platz.

»Es ist mir, als befände ich mich in einem tiefen, beglückenden Traume,« sagte er »Das Herz treibt mir das Blut empor, ich sehe Dich wie durch einen Nebel, und Deine Stimme klingt an mein Ohr wie aus seiner weiten Ferne. Meine ganze Seele ist so voller Seligkeit und mein Empfinden ist ein ganz überirdisches. Fast möchte ich glauben, daß ich mich gar nicht mehr auf der Erde befinde.«

Sie legte ihren Kopf an seine Brust, legte ihre beiden Arme um ihn und antwortete:

»Auch mir ist es so; ich fühle ganz dasselbe. Ich möchte fragen, ob ich der Erde entrückt und zum Himmel emporgetragen worden sei. Es ist mir, wie es mir noch nie im ganzen Leben gewesen ist. Ich möchte nachforschen, ob ich Flügel erhalten habe und aus all dem Jammer emporsteige in Regionen, in denen nur das Glück und die höchste Wonne ihre Wogen schlagen.«

»Ja, so ist es,« stimmte er bei. »Ich bin der Welt entrückt und befinde mich in ganz anderen Sphären. Es liegt Alles, Alles hinter mir. Nur Eins habe ich, Eins, und das bist Du!«

Er preßte sie an sich. Ihre Lippen fanden sich, und ihre Seelen verschmolzen in einem langen, langen Kusse. Dann nahm er ihr Köpfchen zwischen beide Hände, hielt es von sich ab und sagte, glücklich lächelnd:

»Gökala, bist Du es denn auch? Bist Du es wirklich? Irre ich mich nicht?«

»Es ist kein Irrthum. Ich bin es,« nickte sie, selig lächelnd.

»Fast kann ich es nicht glauben.«

»Ich auch kaum.«

»Dieser böse, böse, wunderliche Sam!«

»Sam? Was ists mit ihm?«

»Er hat mich ganz entsetzlich betrogen,« lachte er.

»Betrogen? Er? Das sollte man ihm gar nicht zutrauen.«

»Warum?«

»Er hat ein so aufrichtiges Gesicht, ein so treues, ehrliches Auge.«

»Ja, das hat er. Und doch ist er ein ganz gewaltiger Betrüger und Filou.«

»Inwiefern?«

»Er hat mir verschwiegen, wen ich hier finden werde.«

»Mir freilich auch.«

»Er sagte, daß der Fürst der Tungusen mich hier sprechen wolle.«

»Mich hat er durch eine ebensolche Unwahrheit hierher gelockt.«

»Und nun zürnest Du ihm wohl dafür?«

»Zürnen? O nein! Wie sollte ich! Er hat ja nur beabsichtigt, uns Beiden eine so große, glückliche Ueberraschung zu bereiten.«

»Ja, das war seine Absicht, und sie ist ihm vortrefflich gelungen. Nicht, meine Gökala?«

»Vielleicht besser, als er es erwartet hatte. Ist er ein Diener von Dir?«

»Nein, sondern ein Freund.«

»Wer ist er denn eigentlich?«

»Er ist nur ein einfacher Mann, ein geborener Deutscher, welcher später in Amerika Prairiejäger wurde. Er hat mit mir gekämpft, mich durch manches gefährliche Abenteuer begleitet, und ich verdanke ihm mein Leben mehr als nur ein einziges Mal.«

»Und mir ist er erschienen wie ein sehr bedeutender Charakter –«

»Der ist er auch.«

»Ich meine, wie ein hoch gestellter Mann, welcher incognito nach hier gekommen ist.«

»Hm! Eigentlich ist er auch wirklich im Incognito hier, ebenso wie ich.«

»Sein ganzes Auftreten hier zeugte von einer Sicherheit, wie sie nur Leuten eigen ist, welche sich in einer hervorragenden Stellung befinden und gewohnt sind, Befehle zu ertheilen, denen man unbedingt zu gehorchen hat.«

Steinbach lachte fröhlich auf.

»Ist er in dieser Weise aufgetreten? Ja, das traue ich ihm zu. Das hat er gelernt. Er ist in einer vortrefflichen Schule gewesen.«

»Wohl in der Deinigen?«

»Nun, eigentlich ist das Leben ihm zur Schule geworden. Es hat ihn selbstständig gemacht und ihm ein großes, unerschütterliches Selbstvertrauen gegeben. Den letzten Unterricht allerdings hat er von mir erhalten.«

»Wo?«

»In Amerika.«

»So warst Du da drüben, mein Geliebter?«

»Ja, lange Monate.«

»Wann?«

»Gleich nachdem ich von meinem Ritte in die Wüste zurückkehrte und Deine Zeilen erhielt, welche mich so unglücklich machten.«

»Haben sie Dich wirklich so unglücklich gemacht, mein Freund?«

»Sehr!«

»Ich war gezwungen, sie zu schreiben.«

»Wer zwang Dich dazu? Der Graf?«

»Nein. Der Zwang war ein anderer. Er ging von meinem Innern aus. Er war ganz derselbe, welcher mir in Constantinopel die Bitte an Dich dictirte, mich als eine Vergessene zu betrachten.«

»Und diese Bitte konnte ich Dir nicht erfüllen. Es war und ist mir ja eine Unmöglichkeit, Dich zu vergessen.«

»Und doch wirst Du dazu gezwungen sein!«

»O nein!«

»O gewiß. Wir sind uns hier so ganz unerwartet begegnet und ich fühle mich unendlich selig darüber; aber es darf dies doch nur vorübergehend sein.«

»Du meinst, daß ich Dich wieder verlassen soll?«

»Ja.«

»Das thue ich nicht!«

»So werde ich gezwungen sein. Dir wieder grad so zu entschlüpfen, wie damals in Stambul.«

»Das wolltest Du wirklich, Du Böse?«

Er blickte ihr ernst und forschend in das schöne Angesicht.

»Ich muß,« antwortete sie traurig.

»Wer zwingt Dich dazu?«

»Der Graf!«

»Wodurch?«

»Durch – durch – mein Gott, das ist es ja, was ich Dir nicht sagen durfte und auch jetzt nicht sagen darf!«

Ein Lächeln glitt jetzt über sein Angesicht. Er fragte in zuversichtlichem Tone:

»Aber einst wirst Du es mir doch wohl mittheilen?«

»Nie. Ich darf nicht.«

»O, mein süßes Herz, ich bin ganz überzeugt, daß Du mir sogar noch heut, schon jetzt, hier an diesem Orte dieses traurige Geheimniß enthüllen wirst.«

»Du irrst.«

»Gewiß nicht. Und wen Du es nicht enthüllen willst, so bin ich es, der es entdecken wird.«

»Du vermagst es nicht!«

»O doch! Es ist mir ja bereits seit langer Zeit bekannt.«

»Wirklich?« fragte sie beinahe erschrocken.

»Ja. Entsinnst Du Dich noch unseres Gespräches welches wir führten, als wir an jenem Abende in Constantinopel so selig vereint unter dem Baume am Wasser saßen?«

»Ich weiß noch Alles. Ich habe nur jedes Wort gemerkt. Jener Abend hat sich meinem Gedächtnisse so tief und unauslöschlich eingeprägt, und die Erinnerung an ihn war der erblickende Brunnen, aus welchem ich Trost und Beruhigung trank, wenn mein Herz unter der auf mir liegenden Last schier zusammenbrechen wollte.«

»Trost und Beruhigung nur? Nicht auch Hoffnung?«

»Nein.«

»So erwartetest Du nicht, mich jemals wiederzusehen?«

»Ich fürchtete ein solches Wiedersehen, obgleich mein Herz, mein ganzes Denken und Fühlen sich nach demselben sehnte.«

»Mein liebes, liebes Herz! Was mußt Du gelitten haben unter dem Zwiespalte, welcher zwischen Deiner Pflicht und Deiner Liebe erweckt worden war.«

»Ich bin tief, tief unglücklich gewesen bis zum heutigen Tage. Meine Seele gehörte Dir; sie sollte sterben, weil Du ihr Leben warst und ich Dir doch entsagen mußte. Meine Pflicht gebot mir, meine Liebe zu tödten. Derselbe Grund, welcher mich als Sclavin an den Grafen kettete, war mir ein trauriges Gesetz, jedes Zusammentreffen mit Dir fernerhin zu vermeiden. Unser damaliger Abschied sollte ein Abschied für das ganze Leben, für immer und ewig sein.«

»Und ists doch nicht gewesen!«

»Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder es tief beklagen soll.«

»Freuen, freuen sollst Du Dich darüber!« rief er aus, sie an sich ziehend.

»Oscar, ich freue mich nicht nur, sondern ich bin entzückt, hier an Deinem Herzen liegen zu dürfen; aber Du bringst dadurch nicht nur mich, sondern auch meine Lebensaufgabe in die größte Gefahr.«

»Du irrst. Hättest Du damals in Constantinopel aufrichtig mit mir sein können, hättest Du mir mittheilen dürfen, welcher Zweck, welche Absicht, welcher Zwang Dich an den Grafen kettete, so wären diese Ketten längst zerrissen.«

»O nein!«

»Ganz gewiß!«

»Es mußte Geheimniß bleiben!«

»Du sagtest dies schon damals; ich aber antwortete Dir, daß ich nicht eher ruhen würde, als bis es mir gelungen sei, dieses Räthsel zu lösen.«

»Das erschien mir als unmöglich.«

»Und doch ists gelungen.«

»Solltest Du wirklich –?«

»Ja. Jetzt kenne ich Dich.«

»Oscar!«

»Erschrickst Du darüber?«

»Sehr, denn ein theures Leben steht in großer Gefahr.«

»Dasjenige Deines Vaters?«

»Wie – Du weißt –?«

Sie blickte ihm forschend und erschrocken in das Gesicht.

»Ich weiß Alles,« nickte er.

»Mein Gott, so muß er sterben!«

»Nein, er wird leben.«

»Der Graf wird ihn tödten, sobald er erfährt, daß noch ein Anderer als er und ich um das Geheimniß weiß!«

»Beruhige Dich! Der Graf wird ihn nicht tödten. Ich bin vielmehr überzeugt, daß des Grafen letzte Stunde geschlagen hat.«

»Oscar!«

»Ja. Ich bin gekommen, um mit ihm abzurechnen.«

»Du wußtest, daß er sich hier befindet?«

»Ja.«

»Und ich mich mit ihm?«

»Nein, das wußte ich nicht; das dachte ich Mir auch nicht. Ich konnte nicht glauben, daß er Dich den Anstrengungen einer solchen Reise unterwerfen werde.«

»Er konnte mich nicht von sich lassen.«

»Ich glaubte, er würde Dich an einen sicheren Ort unter aufmerksamer Controle zurücklassen.«

»Dazu ist er viel zu mißtrauisch und zu vorsichtig. Du kennst ihn ja von Constantinopel und Egypten aus.«

»Er ist nicht nur das, sondern er ist auch listig und verschlagen wie ein Fuchs, heimtückisch wie eine Hyäne und gewissenlos wie ein Teufel. Und trotzdem wäre er mir nicht entgangen, wenn ich damals nicht jenen Hieb erhalten hätte.«

»Einen Hieb?«

»Ja. Als ich von Dir getrennt worden war und heimwärts fuhr, wurde ich von meinem eigenen Fährmanne, welcher jedenfalls von dem Grafen dazu gedungen worden war, mit dem Ruder von hinten niedergeschlagen. Ich stürzte ins Wasser und wäre, da ich besinnungslos war, ganz sicher ertrunken, wenn nicht ein Freund grad an diesem Augenblick mit seiner Jacht gekommen wäre und mich aufgefischt hätte.

»Herrgott! Du Aermster!«

»Das war auch der Grund, daß der Graf Zeit gewann, zu entfliehen. Ich folgte seiner Fährte. Ich traf mit ihm zusammen. Unglückliche Verhältnisse ermöglichten ihm abermals die Flucht. Als ich dann nach Kairo kam, war Deine Spur entdeckt worden. Du selbst aber warst abermals verschwunden.«

»Jener eigenthümliche Engländer hatte mich entdeckt.«

»Ja, es war derselbe, welcher mich auf seine Jacht gerettet hatte.«

»Dann suchtest Du nach mir?«

»Ja. Dann aber trat eine andere Aufgabe an mich heran, welche mich nach Amerika führte. Dort traf ich in Südkalifornien mit einem Manne zusammen, der mir vollständiges Licht in das Geheimniß brachte, welches mir Nena, Euer einstiger Diener, bereits halb enträthselt hatte.

»Nena! Ah, Sam sprach bereits von ihm.«

»Hat er Dir gesagt, daß ich diesen Nena in der Wüste getroffen habe?«

»Ja. Nena war ein Verräther.«

»Des Grafen Gold hatte ihn geblendet.«

»Er brauchte sich nicht verblenden zu lassen. Er litt keine Noth.«

»Dein Vater hatte ihn aus dem Dienste gejagt.«

»Weil er sich vergangen hatte.«

»Zum Glanze des Geldes trat nun die Rache. Er ist ein Verbrecher und hat eine schwere Strafe verdient. Als Mensch aber hat er ein Anrecht auf Verzeihung, wenn seine That auch nicht entschuldigt werden kann.«

»Oskar, wenn Du wüßtest, welches Elend er über uns gebracht hat!«

»Ich weiß es. Aber er hat es bereut und auch fürchterlich gebüßt. Der Graf hat ihn nicht belohnt, sondern ihn ganz entsetzlich betrogen. Er hat ihn an halb wilde Araber als Sclave verkauft. Ich traf und rettete ihn. Er hat mir den ersten, deutlichen Fingerzeig gegeben und es auf diese Weise mir ermöglicht, an Eurer Befreiung arbeiten. Ich werde Dir ihn vorstellen und Dich bitten, ihm zu verzeihen.«

»Wenn Du es willst, so wird er Gnade finden.«

»Sein Zeugniß ist von hohem Werthe für Dich und Deinen Vater.«

»So weißt Du, wer und wo mein Vater ist?«

»Ja.«

»Nena sagte es Dir?«

»Er konnte es mir nur andeuten, weil er selbst nicht Alles wußte. Aber jener Mann, welchen ich in Californien traf, hatte Deinen Vater getroffen.«

»Wo? Wo?«

»In Sibirien. Er war ein entflohener Verbannter und erzählte mir, daß Banda, der einstige Maharadscha von Nubrida sich unschuldig als Verbannter in Sibirien befinde. Von diesem Augenblicke an stand es bei mir fest, daß ich nach Sibirien gehen würde, um Deinen Vater zu befreien.«

»Du weißt also, wo er ist?«

»Ja. Das heißt, bis vor wenigen Minuten wußte ich es nicht genau: ich wollte es erfahren. Sam sagte es mir vorhin; er hatte es ausgekundschaftet.«

»Ah, nun erkläre ich mir die Reden Deines wunderlichen Freundes.«

»Der Graf kennt aber den Aufenthaltsort Deines Vaters auch.«

»Ich weiß es.«

»Er ist hin zu ihm.«

»Auch das weiß ich.«

»Wirklich? Weißt Du auch, was er dort bei ihm will?«

»Ja. Er will ihn befreien.«

»Hat er das gesagt?«

»Ja.«

»Hm! Mir klingt das nicht wahrscheinlich.«

»Es ist dennoch wahr.«

»Fast möchte ich daran zweifeln.«

»Er hat es mir versprochen.«

»So! Wenn er Deinen Vater befreien will, muß er sich selbst anklagen, denn er war es ja, welcher durch falsches Zeugniß und andere Verbrechen ihn zum Verbannten machte.

»Vielleicht weiß er einen Weg zur Befreiung des Vaters, ohne daß er sich selbst dabei schadet.«

»Das wäre nur dadurch möglich, daß er seine Schuld auf Andere wälzt und ich traue es ihm zu.«

»Ich auch.«

»Aber, Geliebte, wie kommt es, daß er jetzt Den befreien will, den er erst in das Verderben führte?«

»Er hat seine Absicht dabei.«

»Kennst Du diese Absicht?«

»Ja.«

»Darf ich sie erfahren?«

Sie schüttelte leise und langsam den Kopf.

»Gökala!« bat er.

Sie erröthete, antwortete aber nicht. Er zog sie an sich und fragte:

»Fällt es Dir gar so schwer?«

»Ja, mein Geliebter.«

»So hast Du kein vertrauen zu mir?«

»Mein Vertrauen zu Dir ist grenzenlos.«

»Und dies, die Hauptsache, willst Du mir verschweigen!«

»Ich muß, weil ich das Leben meines Vaters sonst gefährden würde.«

»Das ist abermals eine Täuschung, in welcher Du Dich befindest.«

»Seine Drohungen waren so schrecklich!«

»Natürlich! Aber grad durch eine offene Mittheilung würdest Du es mir ermöglichen, seine Drohungen zu schanden zu machen.«

»Meinst Du?«

»Gewiß. Ich ahne, daß Dein Zartgefühl sich sträubt, mir Alles zu sagen.«

Da ergriff sie seine beiden Hände, blickte ihm groß und aufrichtig in Gesicht und antwortete:

»Oskar, ich würde Dich nicht lieben, wenn Deine Vermuthung wahr wäre. Dir und nur Dir allein könnte ich mein ganzes Herz offenbaren, daß es vor Dir läge wie ein aufgeschlagenes Buch. Es ist nur allein die Angst um das Leben meines Vaters, welche mich zum Schweigen gezwungen hat und auch noch heute zwingt.«

Er lächelte.

»Und ich bin überzeugt, daß Du Dich gar sehr täuschest.«

»Gewiß nicht!«

»Und vielleicht doch. Mir ahnt vielmehr, daß Du Deinen Vater dadurch, daß Du schweigst und mir es unmöglich machst, ihn zu retten, in das Verderben bringst.«

»Mein Gott! Wenn das wäre!«

»Ich befürchte es!«

»Wirklich, wirklich?«

Aus ihren Augen sprach jetzt eine große Angst.

»Wirklich!« antwortete Steinbach. »Ich bin überzeugt, daß der Graf Dich ebenso betrügen will, wie er Andere betrogen hat.«

»Das wäre schrecklich!«

»Darum bitte ich Dich, sei aufrichtig!«

»Gott, was soll ich thun!«

»Folge dem Vertrauen zu mir!«

»Das möchte ich so gern.«

»Du wirst es nicht bereuen.«

»Weißt Du überhaupt, warum der Graf meinen Vater in das Verderben führte?«

»Ja. Er wollte Dich besitzen.«

»Mein Vater mußte verschwinden, damit ich in seine Hände fiele.«

»Ja. Du warst damals trotz Deiner Jugend bereits eine Schönheit, nach deren Besitz er lechzte. Die Sonne Indiens hatte Dich zeitig gereift. Er lockte Deinen Vater aus seinem Lande, ließ beschwören, daß er ein russischer Verbrecher sei, und so wurde Dein Vater nach Sibirien verbannt.«

»Und mich nahm der Graf mit sich fort.«

»Du solltest sein Weib werden.«

Sie senkte die Augen, während eine tiefe Gluth ihr Angesicht bedeckte.

»Sein Weib?« sagte sie leise. »Nein, sondern seine – – –«

Sie sprach das Wort nicht aus.

»Ah, das also!« fuhr Steinbach auf.

»Ja. Aber er hatte sich in mir verrechnet. Er hatte geglaubt, ich sei viel zu jung, als daß ich ihm Widerstand entgegensetzen werde.«

»Dieser Mensch! Ist er gewaltthätig gegen Dich gewesen?« fuhr Steinbach zornig auf.

»Ja.«

»Ah! Das soll er mir entgelten! Ich zermalme ihn langsam, so daß jedes einzelne seiner Glieder vor Schmerz laut aufbrüllen soll.«

Sie legte ihm die Hand begütigend auf den Arm und sagte:

»Oskar, sei ruhig! Auch da hatte er sich verrechnet. Er hat mich nicht anrühren dürfen.«

»Aber Du sprachst doch von Gewaltthätigkeit!«

»Diese bestand nicht in directen Angriffen gegen mich.«

»Worin denn?«

»Er sperrte mich ein; er entzog mir die Nahrung. Ich mußte hungern und dürsten. Er schleppte mich von Ort zu Ort, von Land zu Land und that Alles, mich so elend zu machen, daß es mir als eine Rettung erscheinen mußte, von ihm geliebt zu werden und seine Liebe zu erwidern.«

»Ah! Das erlöst ihn vom Tode. Aber büßen soll er dennoch schrecklich.«

»Es gelang ihm nicht, seine Absicht zu erreichen. Er liebte mich wirklich, mit unbesiegbarer, heißer Leidenschaft, und diese seine Liebe war meine Retterin.«

»Wieso?«

»Mein Tod wäre ihm die größte Strafe gewesen. Darum drohte ich ihm, so oft er Gewalt gegen mich anwenden wollte, mich sofort zu tödten.«

»Hättest Du es gethan?«

»Ja. Sicher, ganz sicher. Ich hätte mit dem Gedanken, von ihm nur berührt worden zu sein, nicht einen Augenblick zu leben vermocht.«

»Armes, armes Kind! Gelang es Dir denn niemals, Dich ihm zu entziehen?«

»Nein; ich konnte das nicht wagen. Er hatte mir gedroht, sobald ich ihn verließe, würde mein Vater sterben.«

»Der Hallunke! Du glaubtest es?«

»Mußte ich nicht?«

»Ja freilich. Bei seiner Gewissenslosigkeit war ihm Alles zuzutrauen.«

»So blieb ich also bei ihm, nur um den Vater am Leben zu erhalten. Was für elende Jahre das gewesen sind, das vermag ich nicht in Worte zu fassen.«

»Wußtest Du denn, wo Dein Vater sich befand?«

»Nein. Das sagte er mir nie.«

»Der Schurke! Er war schlau. Er handelte mit Berechnung. Wenn er Dir den Aufenthalt, das Schicksal Deines Vaters mittheilte, hättest Du doch vielleicht einen heimlichen Schritt zu dessen Rettung zu thun vermocht.«

»Ich hätte diesen Schritt gethan. Der Graf hatte mir nur gesagt, daß mein Vater in Gefangenschaft lebe und daß es nur auf ihn ankomme, ob er sterben müsse oder nicht. So verging eine lange, lange Zeit. Er mochte gehofft haben, daß das Elend mich gefügig machen werde; aber da hatte er sich verrechnet. Jetzt nun schleppte er mich nach Sibirien, und erst hier wurde er in seinen Mittheilungen aufrichtiger.«

»Was sagte er?«

»Das mein Vater verbannt sei.«

»Weshalb?«

»Weil er gegen Rußland conspirirt habe.«

»Glaubtest Du das?«

»Nein. Mein Vater war indischer Fürst. Eine politische Gegnerschaft gegen Rußland konnte ihn nicht in Strafe bringen. Darum lachte ich über seine Lüge.«

»Blieb er bei derselben?«

»Nein. Er sagte mir nun die Wahrheit, daß Nena meinen Vater verrathen habe, daß dieser Letztere nun als ein Verbrecher Namens Saltikoff gelte und zu lebenslänglicher Gefangenschaft in den Urwäldern Sibiriens verurtheilt sei.«

»Das ist nun freilich die Wahrheit.«

»Er schilderte mir die Qualen und Entbehrungen, welche mein Vater zu erdulden habe – –«

»Natürlich um Dich weich zu stimmen.«

»Und versprach mir die Rettung des Vaters – – –«

»Gegen welchen Preis?«

»Der Preis bin ich.«

Sie senkte das Haupt.

»Bist Du darauf eingegangen?«

»Ja.«

Sie schlug die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen. Steinbach blickte finster vor sich nieder. Es überkam ihn eine Regung des Unmuthes gegen die Geliebte, doch schon nach wenigen Augenblicken siegte sein besseres Gefühl. Er zog Gökala an sich und sagte:

»Das habe ich erwartet.«

Sofort ließ sie die Hände vom Gesicht fallen, blickte ihn unter Thränen an und fragte:

»Oskar, ist das wahr?«

»Ja.«

»Du hast es erwartet? Du zürnest mir nicht ob dieses Entschlusses?«

»Wie sollte ich! Du konntest ja gar nicht anders.«

»Das meinst Du wirklich, wirklich?«

»Ja. Um Deinen Vater zu retten, wolltest Du Dich hingeben.«

Sie schüttelte den Kopf wieder, ganz wie vorhin, und sagte:

»Hingeben? O nein. Von einer Hingebung könnte keine Rede sein. Ich wär sein Weib geworden, aber berühren hätte er mich nicht dürfen.«

»Mein tapferes, tapferes Mädchen!«

»Du darfst nicht denken, daß ich meine Einwilligung ohne Kampf gegeben habe.«

»Ich bin es überzeugt.«

»Nur als er mir erklärte, daß dies die letzte Bedingung sei, welche er mache, daß mein Vater unbedingt sterben müsse, falls ich nicht auf diesen Vorschlag eingehe, da erklärte ich mich endlich bereit.«

»Du hast ganz so gehandelt, wie es die Schuldigkeit der Tochter war, meine Gökala.«

»Du tadelst mich also nicht?«

»Wollte ich Dich tadeln, so wäre ich ein Unmensch.«

»Ich danke Dir! Ich danke Dir von ganzem, ganzem Herzen, mein Geliebter. Ich hatte eine entsetzliche Angst, daß Du mir zürnen würdest.«

»O nein. Ich begreife das Gefühl, nach welchem Du handeln mußtest. Und ebenso kann ich mir denken, welche Qualen es Dir bereitet haben muß, zu diesem für Dich fürchterlichen Entschlusse zu gelangen.«

Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte ihm zu:

»Gott sei Dank! Da Du so sprichst, ist die Angst vorüber und mein Herz ist vom Vorwurfe frei.«

»Ja, mein Engel, einen Vorwurf kann ich Dir nicht machen, ich muß vielmehr das Opfer bewundernd anstaunen, welches Du bereit warst, Deinem Vater zu bringen. Doch laß mich klar sehen! Was Du mit dem Grafen besprochen hast, ist nur mündlich geschehen?«

»Ja.«

»Eine Verlobung, wie er sie zu seiner Sicherheit ja leicht hätte fordern können, hat nicht vor dem Popen stattgefunden?«

»Nein.«

»Wann sollte die Hochzeit vorgenommen werden?«

»Sofort nachdem ich meinen Vater gesehen haben würde.«

»Ah! Also hier in Sibirien?«

»Ja.«

»Noch bevor Dein Vater frei war?«

»Ja. Er sagte mir, daß er mir nicht traue. Er glaubte, ich würde ihm nicht Wort halten, wenn er meinen Vater vor der Hochzeit befreie.«

»Hm!« brummte Steinbach nachdenklich.

»Vielleicht hat er diese Bedingung auch aus Angst gestellt,« meinte Gökala.

»Wieso?«

»Aus Angst vor der Rache meines Vaters. Es ist doch anzunehmen, daß dieser sich an ihm dann, wenn er sein Schwiegersohn wäre, nicht rächen werde.«

»Ja, und dennoch glaube ich nicht an diese Angst. Ich befürchte vielmehr, daß er irgend welche Hintergedanken hat. Hat er nicht noch andere Bedingungen gestellt?«

»Ich solle ein Document unterschreiben, in welchem ich ihm alle Rechte abtrete, welche mir, als dem einzigen Kinde des Maharadscha von Nubrida, zustehen.«

»Donnerwetter! Verzeihe mir dieses kräftige Wort, Gökala! Aber ich beginne, seine Absicht zu durchschauen.«

»Eine böse?«

»Ja. Sollte Dein Vater Zeuge Deiner Vermählung mit dem Grafen sein?«

»Nein.«

»Ach so! Hm!«

»Ich sollte überhaupt mit ihm gar nicht sprechen, bevor ich nicht Gräfin von Polikeff sei. Nur ihn einmal von Weitem zu sehen, das sollte mir erlaubt sein.«

»Ganz richtig, ganz richtig! Gökala, ich hatte Recht, als ich vorhin sagte, Dein Vater befinde sich in größter Gefahr, wenn Du zögertest, Dich mir mitzutheilen.«

»Herrgott! Wie meinst Du das?«

»Der Graf will ihn tödten.«

»Himmel! Doch nur, wenn ich mich weigere, seine Frau zu werden?«

»Unmöglich!«

»Ganz gewiß!«

»Das wäre doch teuflisch!«

»Er ist ja ein Teufel; das hast Du tausendmal erfahren. Er kann Deinen Vater nicht befreien, denn er könnte das nur dadurch, daß er seine eigenen Missethaten gestände, und dies zu thun, wird er sich hüten. Nein. Er will Dir Deinen Vater zeigen; das ist wahr. Durch den Anblick des alten, unglücklichen Mannes wird Dein Herz in Wehmuth zerfließen, und Du wirst bereit sein, dem Grafen Deine Hand zu geben. Ist das geschehen, so stirbt Dein Vater – – –«

»Glaubst Du das wirklich?«

»Ich bin es überzeugt. Wenn Dein Vater stirbt, natürlich in Folge seiner Anstrengungen und Entbehrungen, braucht der Graf ihn nicht zu befreien. Er ist seines Versprechens ledig, und Du bist doch sein Weib.«

»Das wolle Gott verhüten!«

»Er wird es verhüten, und zwar durch mich. Du hättest dann alle Rechte abgetreten. Weißt Du, was das heißt?«

»Nein.«

»Du bist das einzige Kind des Maharadscha, also seine Thronfolgerin.«

»Ah, ich ahne!«

»Nicht wahr? Du hättest das Recht der Thronfolge an den Grafen abgetreten, folglich gehörte ihm die Regierung.«

»Mein Vater würde einen Nachfolger gefunden haben.«

»Der aber weichen muß, wenn Jemand kommt, der ein größeres Recht besitzt.«

»Und wenn die Unterthanen sich weigern, den Grafen anzuerkennen?«

»So kommen die Russen und zwingen sie.«

Gökala machte eine Miene des Erstaunens, holte seufzend tief Athem und sagte:

»Jetzt, jetzt begreife ich Alles, Alles!«

»Nicht wahr. Der Graf handelt nicht nur aus wahnsinniger Liebe zu Dir, sondern auch aus Eigennutz und Politik. Du wirst die Bedeutung Deines Vaterlandes Nubrida gar nicht kennen?«

»O doch.«

»Nun?« fragte er, sie erwartungsvoll und lächelnd anblickend.

»Es liegt zwischen Rußland und England,« antwortete sie.

»Ah, Du triffst das Richtige!«

»Ja,« nickte sie in scherzendem Stolze. »Ich bin eine ganz bedeutende Politikerin.«

»Das höre ich allerdings.«

»Ich habe es dem Grafen zu verdanken.«

»Wieso? War er Dein Lehrer?«

»Ja.«

»Ah! Fast ahnte ich es.«

»Er bediente sich meiner Person zuweilen, um – – ah, erlaß mir das.«

»Ich verstehe. Du warst schön. Er fesselte durch Dich Herren an sich, welche er diplomatisch ausbeuten wollte.«

Sie gestand das, obgleich tief erröthend, zu.

»Du warst damals,« fuhr er fort, »auch nicht ohne Absicht in die Nähe der türkischen Prinzessin gebracht worden?«

»Du hast es errathen. Damals aber kamst Du und machtest die Absichten des Grafen zu schanden.«

»Das heißt, die Absichten Rußlands, denen Du dienen mußtest.«

»Ich sollte ihnen dienen, hätte es aber nicht gethan. Ich hatte die Prinzessin lieb gewonnen und hätte zu nichts, was gegen ihr Glück gewesen wäre, die Hand geboten.«

»Das freut mich von Dir. Ich habe allerdings damals einen Schachzug vermitteln müssen, durch welchen Rußland einen hohen Einsatz verlor. Ich liebe Rußland nicht, ebensowenig wie England. Keinen von Beiden kann ich eine besondere Theilnahme widmen. Sie stehen sich in ihren asiatischen Besitzungen gegenüber, jeden Augenblick bereit, gegen einander loszuschlagen. Zwischen diesen Besitzungen liegt Nubrida, das Land Deines Vaters. Zu wem der Herrscher desselben sich hinneigt, ob zu Rußland, ob zu England, das ist von allerhöchster Wichtigkeit. Dein Vater war ein Freund Englands. Daher verschwand er in Sibirien – – –«

»Gott! So ist das!« rief Gökola aus.

»Ja. Denke Dir nur, einen russischen Grafen als Beherrscher von Nubrida. Ist das nicht ein Triumph für Rußland?«

»Ja, ja! Also wäre ich das Opfer einer diplomatischen Berechnung geworden?«

»Nein, so weit will ich denn doch nicht gehen. Aber nachdem die Leidenschaft, welche der Graf für Dich fühlte, Euer Verderben geworden war, stand der russischen Diplomatie nichts im Wege, sich dieser Thatsachen zu ihrem Vortheile zu bemächtigen. Jetzt kennst Du Alles. Dein Vater ist dem Tode geweiht.«

Da ergriff sie seine Hand und sprach:

»Oscar, rette ihn, rette ihn!«

»Habe keine Sorge! Ich werde ihn retten.«

»Aber hast Du auch die Macht dazu?«

Er lächelte ihr beinahe ironisch zu und antwortete:

»Das wollen wir einmal versuchen. Bis jetzt habe ich noch nicht daran gezweifelt.

»Aber schnell muß es geschehen.«

»Natürlich.«

»Der Graf ist fort zu meinem Vater. Man muß ihm schleunigst folgen, damit er ihm nichts Böses thun kann.«

»In dieser Beziehung braucht Dir nicht bange zu sein. Er hat Dir ja versprochen, Dir Deinen Vater zu zeigen. Also kann er ihm nichts thun, wenigstens jetzt nicht.«

»Was bist Du entschlossen zu thun?«

»Das ist noch unentschieden. Ich habe nur erst wenige Worte mit meinem braven Sam wechseln können. Wie es scheint, hat er ganz bedeutende Entdeckungen gemacht. Ich muß erst ausführlicher mit ihm reden; dann wird es mir klar sein, welchen Weg ich einzuschlagen habe, um zum Ziele zu gelangen.«

»So sprich gleich mit ihm, sogleich!« drängte sie.

»Willst Du mich fortschicken?« lächelte er.

»Nein, nein, o nein!« antwortete sie, ihn schnell wieder umschlingend.

»Ueberhaupt,« fuhr er fort, seinen Blick mit innigem Glanze auf ihr Auge richtend, muß ich außer mit Sam auch noch mit Dir sprechen, bevor ich einen festen Entschluß fassen kann.«

»Mit mir? Wieso?«

»Ich habe Dich so unendlich lieb und darf also gegen den, welcher Dein Gemahl sein wird, nichts unternehmen.«

»Du meinst den Grafen?«

»Ja.«

»Oscar, ich denke nicht mehr an das Versprechen, welches ich ihm habe geben müssen. Es war ein erzwungenes.«

»Du willst also das Bündniß mit ihm aufgeben?«

»O, ganz gewiß!«

»Und nun mir Vertrauen schenken?«

»Wie gern, o wie so gern!«

»Glaubst Du denn nun, daß ich im Stande sein werde, die Absichten des Grafen zu Schanden zu machen?«

»Ich hoffe es nicht nur, sondern ich glaube es auch. Er kommt mir gar nicht mehr so gefährlich vor wie bisher.«

»Aber ich will aufrichtig sein,« sagte er mit einem feinen Lächeln, welches zu verbergen er sich Mühe gab. »Er ist ein Graf, also gehört er zu dem hohen Adel. Er begleitet außerdem am Hofe des Czaaren einen bedeutenden Rang. Vielleicht hat er Ermächtigungen und Vollmachten in der Tasche, gegen welche mein zwar guter aber schwacher Wille nicht aufkommen kann; mit einem Worte, er ist mir überlegen. Willst Du mich Dir dennoch anvertrauen?«

»Ja, von ganzem Herzen!«

»So werde ich alle Kraft aufbieten, ihn zu besiegen. Aber dann –«

»Dann –?« fragte sie.

»Dann, ja, was wird dann sein?«

»Das fragst Du, Oscar?«

»Muß ich nicht?«

»So kannst Du es Dir nicht denken?«

»O doch. Es ist so sehr einfach und selbstverständlich. Dann, wenn Dein Vater befreit ist und seine Heimath wieder aufsuchen kann, dann gehst Du mit ihm als Prinzessin Deines Landes und ich – – ich kehre nach Deutschland zurück, um als armer Assessor mich wieder unter die Akten zu vergraben.«

Sie blickte ihn forschend an und fragte:

»Assessor bist Du?«

»Ja.«

Da ließ sie ein glockenhelles, fröhliches Lachen hören und sagte:

»Nicht ein Assessor sondern ein Spaßvogel bist Du!«

»Ach! Wieso?«

»Seit wann werden deutsche Gerichtsassessoren nach Konstantinopel gesandt, um gegen das mächtige Rußland eine so schwierige Schachparthie zu gewinnen?«

»Seit wann? Seit gar nicht.«

»Nun also war es ein Scherz. Du bist kein Assessor.«

»Ein Gerichtsassessor allerdings nicht, sondern ein Assessor beim auswärtigen Amte.«

Da wurde ihr Gesicht ernster.

»Die giebt es freilich,« sagte sie.

»Du siehst also, daß ich Dich nicht täuschen wollte.«

»Aber Du hast gar nicht das Aussehen eines solchen Beamten.«

»Meinst Du?«

»Ja. Du siehst viel, viel vornehmer aus.«

»Mein liebes Kind, das sagst Du, weil Du zwar die deutsche Sprache sprichst, aber nicht unsere Verhältnisse kennst. Ein Subalternbeamter meines Vaterlandes braucht sich gar nicht zu scheuen, sich mit einem Oberbeamten Rußlands vergleichen zu lassen.«

»Aber Dein Auftreten!«

»Was meinst Du?«

»Du scheinst reich zu sein.«

»Liebes Kind, ein jeder Monarch sorgt dafür, daß diejenigen, denen er eine Aufgabe giebt, so auftreten können, wie es zur Lösung dieser Aufgabe nöthig ist. Von meinem damaligen Erscheinen darfst Du nicht auf Anderes schließen. Ich beziehe zum Beispiel als Assessor des auswärtigen Amtes ein Gehalt von viertausend Mark. Das sind achtzig Mark pro Woche.«

»Ists wahr?« fragte sie.

Dabei war sie so ernst, daß er fast laut aufgelacht hätte.

»Ja,« antwortete er ebenso ernst.

»Höre, dann könnte ich Deutschland beinahe hassen!« sagte sie.

»Warum?«

»Weil es Männer wie Dich so gar sehr schlecht besoldet. Wie willst Du leben, wenn Du nicht selbst Privatvermögen besitzest!«

»Das habe ich freilich nicht.«

»So ists traurig. Und nach diesem Lande willst Du zurückkehren?«

»Natürlich.«

»Nein, nein. Das dulde ich nicht, das darf nicht sein.«

»Es muß sein. Ich muß doch meine Pflicht erfüllen.«

»Das ist richtig. Deine Pflicht mußt Du erfüllen. Aber weißt Du denn auch, welches Deine größte Pflicht ist?«

»Nun, welche?«

Da legte sie die vollen, warmen Arme um ihn, schmiegte sich voller Zärtlichkeit an ihn und antwortete:

»Deine Gökala glücklich machen.«

Er küßte sie leise und innig auf das prächtige Haar und fragte:

»Denkst Du, daß ich das nicht will?«

»Ja, das denke ich.«

»So beurtheilst Du mich falsch.«

»O nein.«

»Ich befreie Dich und Deinen Vater von diesem Grafen. Ihr könnt Beide nach Rubrida zurückkehren. Euch erwartet der Glanz des Thrones, die Liebe Eurer Unterthanen. Werdet Ihr da nicht glücklich sein.«

»Ich nicht,« antwortete sie.

»Warum nicht?«

»Weil Du mir fehlen würdest. Ohne Dich giebts kein Glück, keinen Himmel, keinen Stern für mich. Soll ich glücklich sein, so mußt Du an meiner Seite weilen. Du mußt mit nach Nubrida. Nicht ich trachte nach der Herrschaft meines Vaters; ich bin ein Weib; ich will Dein Weib sein, und Du sollst als mein Gebieter und als der Gebieter meines Volkes auf dem Throne meiner Väter sitzen.«

»Ich?« fragte er, indem er auffuhr.

»Ja, Du!« antwortete sie.

»Ich, Dein Gemahl!«

»Ja. Liebst Du mich nicht?«

»Mehr als mein Leben! Ich bin ja Deinetwegen – – ah, Du weißt ja gar nicht, was ich um Deinetwillen Alles gethan habe.«

»Also liebst Du mich und willst mich dennoch nicht besitzen?«

»Gökala, Dich zu besitzen wäre die höchste Seligkeit der Erde. Aber es kann und darf nicht sein.«

»Warum denn nicht, warum?«

»Du, die Tochter eines Maharadscha, nach deutschem Vergleich eines Großherzoges, und ich ein armer, kleiner Assessor am Amte des Auswärtigen! Ist es nicht gradezu Wahnsinn, an die Vereinigung zweier so verschieden gestellter Personen zu denken?«

»Personen? Wer spricht von Personen? Hier ist nur allein von Herzen die Rede. Und das Herz fragt nicht nach Stand und Rang.«

»O doch, es muß!«

»Nein, nein. Hat Dein Herz darnach gefragt, als Du der Vertreter einer mächtigen Nation warst und ich eine gefangene Sclavin eines niederträchtigen, heimtückischen Russen? Hast Du nach diesem Unterschiede gefragt, als es galt, einen Verbannten Sibiriens, also einen überwiesenen Verbrecher zu befreien? Du wirst unser Retter sein und glaubst, dann tiefer zu stehen als die von Dir Geretteten. Ist nicht der Dank, welchen wir Dir dann schulden, ein Opfer, welches nach aufwärts steigt? Steht nicht der Retter also hoch über uns? Und wenn Dir das noch nicht genügt, so denke an das, was Dein Gott und Herr Dir für herrliche Geschenke und Vorzüge ertheilte. Wer kann sich mit Dir messen, wer sich mit Dir vergleichen? Mußt Du nicht Sieger sein im Kampfe mit Jedem, mag dieser Kampf nun auf geistiger oder auf physischer Arena ausgefochten werden? Wer wollte die Behauptung wagen, daß Du ihm nicht ebenbürtig seist? Und denke an mich, was ich gewesen bin! Denke an das, was ich erlitten habe! Denkst Du, daß ich, wenn ich endlich, endlich einmal das lang ersehnte Glück finden darf, darnach fragen werde, ob dasselbe mir von einem Fürsten oder von einem deutschen Assessor des auswärtigen Amtes geboten wird? Nein, ich liebe Dich. Du bist der Erste und Einzige, der sich meiner angenommen hat. Ohne Dich giebt es für mich kein Glück, keinen Segen, kein Heil. Dein will ich sein. Nur von Dir will ich die Seligkeit empfangen, nach welcher ich mich sehne, und auch nur Du sollst es sein, dessen Glück mein einziger Wunsch, mein ganzes Streben und Trachten sein soll in diesem Leben. Und willst Du nicht mit mir gehen, so gehen wir mit Dir. Ich bin Dein und Du bist mein; ich weiche niemals wieder von Deiner Seite.«

Sie stand hoch und stolz vor ihm, mit der Röthe der Begeisterung auf den Wangen. Es war nicht der Stolz des Standesvorrechts, des Reichthums sondern der Stolz der Liebe, der Stolz eines edlen, reinen Frauenherzens, welches tausend Mal lieber ein Opfer bringt als eins fordert.

»Gökala, meine Gökala!« sagte er. »Du, Du wolltest das Weib eines armen, niedrigen Beamten werden?«

»Arm? Du wirst vorher mit nach Nubrida gehen, und wenn Du nicht dort bleiben willst, so wirst Du das Land mit uns verlassen, überhäuft mit Schätzen, welche ich nicht achte, weil ich weiß, daß sie nicht glücklich machen, mit denen Du aber in Deinem Heimathslande Dir Verdienste erwerben kannst, welche zum Glücke vieler Anderer führen. Arm also wirst Du auf keinen Fall sein, mein Geliebter.«

Steinbachs Gesicht strahlte im Ausdrucke eines unendlichen Glückes, und doch ging es zugleich wie eine tiefe, tiefe Rührung über seine Züge.

»Aber weißt Du auch, was Du sagst, was Du versprichst?« fragte er.

»Ja,« antwortete sie in festem Tone.

»Du bestimmst über Deine und meine Zukunft, ja über all Dein Eigenthum, welches Du Dir jedenfalls erst zurückerkämpfen müßtest, und hast doch mit Deinem Vater noch kein Wort darüber sprechen können.«

»Mein Vater wird grad so denken wie ich.«

»Das bezweifle ich. Du hast ihn seit langen, langen Jahren nicht gesehen. Du weißt nicht, was und wie er denkt.«

»Ich weiß, daß all sein Denken und Sinnen darauf gerichtet sein wird, die Freiheit wieder zu erlangen.«

»Und wenn er sie erlangt, so wird er alle Kräfte aufbieten, die Herrschaft wieder zu erhalten, welcher zu entsagen er so gewaltsam gezwungen wurde!«

»Er wird dies nur in dem Falle thun, daß ich bereit bin, wieder mit nach Nubrida zu gehen. Das thu ich aber nur dann, wenn Du mich begleiten willst.«

»Selbst wenn ich dazu Ja sagen wollte, wird der jetzige Herrscher dem Throne nicht freiwillig entsagen.«

»Er muß!«

»Willst Du ihn zwingen?«

»Ja.«

»Womit?«

»Mit Hilfe unserer Unterthanen, welche über die Rückkehr ihres alten, rechtmäßigen und geliebten Herrschers beglückt sein werden.«

»Sie lieben den jetzigen ebenso.«

»Weißt Du das?«

»Ja.«

»So kennst Du den jetzigen Maharadscha?«

»Sehr genau. Ich habe mich natürlich nach allen Verhältnissen des Landes und der Regierung auf das Genaueste erkundigt. Es regiert der Stiefbruder meines Vaters; er hat zwei Söhne. Er wird nicht auf die Herrschaft und die Söhne nicht auf die Thronfolge verzichten wollen. Er regiert streng aber gerecht. Er hat sich die Liebe und das volle Vertrauen seiner Unterthanen errungen. Die Völker sind wankelmüthig. Die Bewohner von Nubrida werden sich hüten, einen Kampf hereinbrechen zu lassen. Ein friedlicher Vergleich ist das Höchste, wonach Dein Vater streben kann. Du mußt auch berücksichtigen, daß der jetzige Maharadscha ein Freund Rußlands ist. Im Falle eines Conflictes würde der Czaar sofort diese höchst willkommene Gelegenheit ergreifen, den Schiedsrichter zu machen und sich dabei des Landes zu bemächtigen suchen. Wird Dein Vater dasselbe unglücklich und von Rußland abhängig machen wollen?«

»Niemals.«

»So bleibt Euch nur der Verzicht.«

»Gut, so verzichten wir. Aber das Privateigenthum, auf welches wir unveräußerliche Rechte haben, werden wir auf keinen Fall aufgeben.«

»Ich hoffe allerdings, daß Euch dasselbe ausgeliefert werden muß.«

»Nun, das sind viele Millionen. Wir werden dann das Land verlassen!«

»Und – – –?«

»Und – – –? Mit Dir gehen, natürlich.«

»Gökala, wenn Du die Reichthümer vor Dir liegen hast, dann wirst Du ganz anders denken.«

»Nie, niemals! Mein einziger Reichthum bist nur Du. Alles Andere achte ich nicht. Du hast bereits in Constantinopel gehört, daß ich die Dichter Deines Vaterlandes kenne. Euer Schiller sagt so treffend:

»Raum ist in der kleinsten Hütte
Für ein glücklich liebend Paar.«

Eine solche Hütte wünsche ich mir und Dich als den Herrn derselben und auch als meinen Herrn. Dann bin ich zufrieden. Ist Dein Amt auch klein und bringt es uns auch wenig ein, so werden wir doch keine Noth leiden. Vater wird nicht mehr ein Verbannter sondern ein freier Mann sein und nichts weiter wünschen, als sich an dem Glücke seines Kindes freuen zu können. Meinst Du nicht auch, daß eine solche Zukunft wohl werth sei, sich auf sie zu freuen?«

Sie legte ihren Arm um ihn, preßte ihr Köpfchen liebevoll an seine Brust und blickte fragend zu ihm auf. Er küßte sie auf die reine, weiße Stirn und antwortete:

»Ja, meine Geliebte. Sie ist es werth, daß man mit allen Kräften nach ihr ringe.«

»Nun, so wollen wir es thun!«

»Du hast Recht. Thun wir es! Es ist ein so großes Opfer, welches Du Deiner Liebe zu mir bringen willst. Ich will es annehmen, falls auch Dein Vater einwilligt, und ich hoffe, daß Du nie bereuen wirst, es mir gebracht zu haben.«

»Bereuen? Ich werde Dich noch in meiner Todesstunde dafür segnen, daß Du mir erlaubt hast, mein Schicksal an das Deinige zu binden. Nie werde ich es glauben können, daß ich Dir ein Opfer gebracht habe. Ist es denn ein Opfer, ein so unendlich Glück am Herzen des Geliebten zu empfinden?«

»Gökala!« rief er aus, von seiner Liebe übermannt.

»Oskar, mein Oskar! Willst Du mich nicht einmal bei meinem richtigen Namen nennen?«

»Semawa, meine herrliche Semawa!«

Er preßte sie an sich, so daß es ihr fast Schmerzen verursachte. Sie blickte strahlenden Auges zu ihm auf und flüsterte:

»Ich danke Dir. So hat meine Mutter mich genannt, und so sollst auch Du mich fortan nennen. Es wird mir so klingen, als ob ihr Geist aus Deinem lieben Munde zu mir spräche, als ob jedesmal, wenn Du mich so nennest, dieser Name ein Segenswort sei, welches sie mir aus der Wohnung der Seligen sendet. Sag den Namen noch einmal, noch einmal!«

Er näherte seinen Mund ihren Lippen und antwortete:

»Meine heißgeliebte Semawa, ich bin namenlos glücklich, unaussprechlich glücklich. Es giebt auf Gottes weiter Erde keinen Menschen, mit dem ich tauschen möchte.«

»Für mich giebt es auch keinen. Oskar, wir werden eine Seligkeit erleben, wie sie nur wenig Sterblichen beschieden ist.«

Da wurde an den äußeren Zeltpfahl geklopft, und die Stimme des dicken Sam ließ sich vernehmen:

»Meine Herrschaften, ist die Conferenz noch nicht bald beendet? Es leben außer Ihnen auch noch andere Menschen in Sibirien und in Platowa.«

»Komm herein!« antwortete Steinbach.

Jetzt wurde das Thürtuch zurückgeschlagen und der Dicke trat herein. Er betrachtete die Beiden, welche eng verschlungen vor ihm standen, lachenden Angesichts und fragte:

»Nun, mein gnädigster Herr Steinbach, wie hat Ihnen denn dieser alte, dicke Fürst der Tungusen gefallen?«

»Ausgezeichnet!« lachte Steinbach. »Ich habe nie geglaubt, daß ein Tunguse so schön und so liebenswürdig sein kann.«

Sam kratzte sich unwirrsch hinter den Ohren und meinte:

»Ich hätte es freilich auch nicht geglaubt. Aber es ist doch eine verfluchte Geschichte, so etwas Vorzügliches entdeckt zu haben, ohne daß man irgend welchen Nutzen davon hat.«

»Nun, so ganz leer wirst Du doch wohl auch nicht dabei ausgehen.«

»Nicht? O doch! Oder soll ich sie etwa heirathen?«

»Nein; das würde ich mir freilich verbitten müssen.«

»Ja, da hat mans!«

»Du hast doch Deine Auguste!«

»Sapperment! Das ist wahr. Und weil ich kein Sultan bin, dem der Standesbeamte erlaubt, sich sechstausend Weiber zu nehmen, so werde ich hier wohl verzichten müssen.«

»Das rathe ich Dir. Mein Dank aber gehört Dir Zeit meines ganzen Lebens, mein lieber, wackerer Kamerad.«

Er reichte ihm die Hand. Sam schlug ein und meinten:

»Was einen so anhaltenden Dank betrifft, so habe ich ihn gar nicht verdient. Die Dame ist ja von mir nicht entdeckt worden sondern mir grad so über den Weg gelaufen, daß ich sie gar nicht habe übersehen können.«

»Das dictirt Dir Deine Bescheidenheit, mein guter Sam. Du hast bereits so viel für mich gethan, daß ich es Dir niemals recht vergelten kann.«

Indem Semawa diese Worte sprach, streckte sie ihm auch die Hand entgegen. Er ergriff dieselbe, zog sie ritterlich und tief gerührt an seine Lippen und antwortete, indem sein ehrliches Auge feucht zu glänzen begann:

»Mein guter Sam! Wenn man aus einem solchen Munde so genannt wird, so ists einem zu Muthe wie einem Bären, der aus Versehen in ein Honigfaß gefallen ist: Man möchte sich den ganzen Körper ablecken, und Haut und Haar dazu. Erst jetzt sehe ich ein, was für ein bedeutender Kerl ich bin. Hätte ich das früher gewußt, so wäre ich sicher nicht mit einer einfachen Herlasgrüner Auguste zufrieden gewesen, sondern ich hätte mich auch nach einer indischen oder chinesischen Prinzessin umgesehen. Aber nichts für ungut, daß mir da mein dummes Naturell wieder einmal mit der Höflichkeit davon läuft. Ich freue mich von ganzem Herzen, daß der liebe Herrgott Sie endlich einmal zusammengeführt hat. Kein Teufel soll sie wieder trennen, so lange ich noch einen Arm und eine Waffe besitze. Aber verträumen dürfen wir die Zeit doch nicht. Es giebt noch gar viel zu thun und zu besprechen. Drüben im großen Zelte sitzen die Anderen und platzen fast vor Verlangen, Herrn Steinbach zu sehen. Darum bin ich abgeschickt worden. Wenn ich als Gesandter dieser Leute Ihnen ungelegen komme, so bitte ich um Verzeihung und verspreche, es nicht wieder zu thun.«

Er sprach so herzlich und dabei auch so drollig, daß Beide ihm abermals die Hände boten.

»Nein,« sagte Steinbach, »ungelegen kommst Du uns nicht, mein guter Sam. Du hast vielmehr sehr Recht, wenn Du sagtest, daß wir nicht allein oder nur für uns in der Welt sind. Die Verhältnisse liegen so, daß wir handeln müssen und nicht träumen dürfen, und so ist es also ganz recht, wenn Du uns an unsere Pflicht erinnerst. Wir werden Dir sogleich folgen.«

Die drei verließen das Zelt und gingen nach demjenigen, in welchem sich der Fürst mit den Seinigen und seinen Gästen befand. Die guten Tungusen staunten nicht wenig, als sie die hohe, edle Gestalt des Deutschen erblickten. Jene sibirischen Stämme zeichnen sich durch Kleinheit der Gestalt aus. Karparla war bedeutend höher als ihre Eltern, eine große Ausnahme von der Regel. Das heldenhafte, imponirende Aeußere Steinbachs mußte also einen ganz ungewöhnlichen Eindruck auf sie machen.

Der Fürst und die Fürstin erhoben sich unwillkürlich respectvoll von ihren Sitzen, als ihr Auge auf sie fiel. Ganz verwundert aber waren sie, als er sie höchst freundlich begrüßte, und zwar, was sie von so einem Fremden gar nicht hatten erwarten können, in der Sprache ihres Landes und Volkes. Sie reichten ihm die Hände und hießen ihn willkommen. Der Fürst ließ ihm seinen eigenen Platz über.

»Rathe einmal, wer das ist, meine liebe Karparla,« sagte Semawa, indem ihr Angesicht vor Glück und Freude strahlte.

»Ich weiß es,« antwortete sie, indem sie ihr herzlich die Hand drückte.

»Wie könntest Du das wissen?«

»Von Sam.«

»Der Verräther! Hat er geschwatzt?«

»Bei Leibe nicht!« rief der Dicke. »Es ist mir gar nicht eingefallen, wer unser Herr Steinbach eigentlich ist. Ich weiß es ja selbst nicht.«

»Was er ist, meinst Du!« verbesserte Semawa.

»Ach so! Richtig!« gab Sam zu, obgleich er es so gemeint hatte, wie er gesagt hatte, denn er wußte weder was noch wer eigentlich Steinbach war.

»So will ich es Dir sagen,« meinte Semawa. »Er ist Assessor.«

Der Dicke machte ein höchst erstauntes Gesicht. Er guckte sie und Steinbach an und fragte:

»Assessor? Hm! Sonderbar! Wohl bei einem Gerichtsamte oder gar bei einem Bezirks- oder Landgerichte?«

»Nein, sondern bei dem auswärtigen Amte in Berlin.«

»Donnerw– – Verzeihung! In Gesellschaft schöner Damen soll man nicht fluchen. Aber Assessor! Beim auswärtigen Amte! In Berlin! Jim, was meinst Du dazu?«

»Hm!« brummte der lange Amerikaner, indem er verwundert den Kopf schüttelte.

»Und Du, Tim?«

»Ganz dasselbe, was mein Bruder gesagt hat, nämlich auch: Hm!« antwortete der andere Yankee.

»Du traust es ihm wohl nicht zu?«

»O, ich hätte ihm viel mehr zugetraut.«

»Ich auch,« bestätigte Jim. »So ein Gentleman, welcher in dieser Weise mit Wilden und Zahmen umspringt, sollte meines Erachtens etwas viel Besseres sein, als nur ein Assessor.«

»Nun, was denn zum Beispiel?«

»Ein Offizier.«

»Ja das habe ich mir auch gedacht. Aber da er eben nur Assessor ist, müssen wir es uns auch gefallen lassen.«

»Well,« brummte Jim.

»Well,« nickte auch Tim.

»Schau,« wendete Semawa sich an Steinbach, »diesen guten Herren ist es ganz so ergangen wie mir: Sie haben Dich viel höher taxirt, als Du in Wirklichkeit bist.«

*

80

»So muß ich, sobald ich die Heimath erreiche, sofort um Avancement bitten,« lachte Steinbach.

»Meinetwegen brauchst Du das nicht zu thun. Mir bist Du gerade so recht, wie Du bist. Aber, Karparla, ich muß dennoch meine Frage wiederholen: Kannst Du errathen, was er ist? Nämlich was er nur ist?«

»Ja,« antwortete die Gefragte. »Ich brauche ja nur in Dein glückstrahlendes Auge zu blicken, so weiß ich es. Er ist –«

»Nun, meine Liebe?«

»Dein – Bräutigam.«

»Ja, ja, das ist er, das ist er. Und Recht hast Du. Ich bin sehr, sehr glücklich.«

»Donnerwetter!« flüsterte Jim seinem Bruder zu. »Hast Du es gehört?«

»Freilich!« nickte Tim.

»Ihr Bräutigam!«

»Möchte ich auch sein!«

»Ein verteufelt passables Weibsbild. Ich gäb gleich einige tausend Dollars, wenn der Priester mir so eine famose Lady ankopuliren wollte!«

»Ich noch viel mehr!«

»Es wird bald Zeit, daß wir uns auch nach so Etwas umsehen.«

»Hm! Schau Dich um! Solche alte Swalker, wie wir sind, dürfen sich die Finger ablecken, aber so eine Frau bekommen sie nicht. Eine alte Mulattin ohne Zähne, ja, die vielleicht.«

»Oder gar eine Schwarze mit Wollhaar und weißen Blatternarben. Pfui Teufel!«

Während die Beiden sich diese Bemerkungen zuflüsterten, hatten die Anderen sich wieder niedergesetzt, Steinbach auf den Ehrenplatz, wie der Fürst es gar nicht anders zugegeben hatte.

»Jetzt, lieber Sam,« sagte er in russischer Sprache, damit die Anderen ihn alle verstehen könnten, »jetzt ist es vor allen Dingen nothwendig, daß Du mir erzählst, was nach unserer Trennung Du mit Jim und Tim Alles erlebt hast.«

»Hm,« meinte der Dicke. »Da kann ich sehr lange erzählen, denn das, was wir gethan und erfahren haben, könnte wohl beinahe ein ganzes Buch füllen.«

»So beginne gleich, damit Du desto eher fertig wirst.«

»Nein,« fiel der Fürst ein. »Meine Brüderchen sollen zunächst essen und trinken, damit ich unserem neuen Gaste beweisen kann, wie willkommen er mir ist.«

»Ich danke!« gegenredete Steinbach. »Ich glaube Dir gern, daß Du gewillt bist, mich freundlich bei Dir aufzunehmen, aber in dem Lande, aus welchem ich stamme, ißt man erst, nachdem man gearbeitet hat.«

»Das sollst Du ja auch hier. Du hast ja gearbeitet.«

»Was?«

»Du bist gereist. Das ist eine gar schwere Arbeit.«

»O nein. Die eigentliche Arbeit erwartet mich erst jetzt, wie Du bald sehen wirst. Ich bitte Dich dringend, erst erfahren zu dürfen, was meine drei Freunde hier erlebt haben. Nachher werde ich mich nicht weigern, von Deiner Freundlichkeit Gebrauch zu machen.«

»Du bist der Gast und ich habe also zu gehorchen.«

»Gut. Also erzähle jetzt, Sam!«

Der dicke Jäger kam dieser Aufforderung nach. Der Fürst, die Fürstin, Karparla und Semawa erfuhren jetzt erst den Zusammenhang alles Geschehenen. Sie unterbrachen den Redner oft mit lauten Ausrufen der Verwunderung.

Steinbach hingegen sagte kein Wort. Er hörte ruhig zu und gab nur hier und da durch ein Kopfnicken zu erkennen, daß der wackere Sam ganz nach seiner Ansicht, also sehr richtig gehandelt habe.

Diese schweigende Zustimmung gab dem Dicken den Muth, zuletzt sogar den Waffen- und Munitionsdiebstahl zu erzählen. Da aber verfinsterte sich das Gesicht Steinbach's.

»Halt!« sagte er, noch bevor Sam geendet hatte. »Ich mag es nicht bis zu Ende hören.«

»Warum?«

»Ich darf es nicht hören. Ich ahne, was geschehen ist. Ihr mögt Eure guten Gründe dazu gehabt haben, aber wenn Du es mir ausführlich erzähltest, so müßte ich Alles aufbieten, das, was Ihr gethan habt, ungeschehen zu machen.«

»Ich sehe aber keinen Grund dazu.«

»Es ist sogar ein sehr triftiger vorhanden, Sam.«

»Den kenne ich nicht.«

»Du wirst ihn sehr bald erfahren. Ich bin nämlich nicht als Privatmann hier.«

»Als was denn?«

»Davon später.«

»Etwa auch als Assessor?«

»Vielleicht.«

»Donnerwetter! Da laufe ich vielleicht gar Gefahr, arretirt zu werden, arretirt und processirt für meinen guten Willen.«

»Das ist sehr leicht möglich.«

»Also schweige ich lieber.«

»Ja, daran thust Du recht. Du hast so Vieles zu meiner vollsten Zufriedenheit gethan, wohl noch viel besser, als ich es selbst hätte thun können, daß ich aus Anerkennung dafür von Deinem letzten Besuche im Regierungshause gar nichts hören will. Du hast mich zum Lobe und zur Dankbarkeit verpflichtet, und so will ich keine Veranlassung kennen lernen, Dich zu tadeln.«

»Sakkerment! Das klingt freilich ganz wie Gerichtsassessor. Schweigen wir also davon. Die Hauptsache ist, daß wir Alle, die wir suchen, am Mückenflusse finden.«

»Ja. Wir müssen natürlich hin und dürfen keine Zeit verlieren. Am Allerliebsten möchte ich, wie die Angelegenheit steht, gleich jetzt aufbrechen und –«

»Nein, Herr Assessor, das darfst Du nicht,« fiel der Fürst schnell ein. »Du mußt, bevor Du von uns aufbrichst, erst meine Gastfreundschaft genießen. Sonst beleidigst Du mich.«

»Gemach, gemach!« lächelte Steinbach. »So schnell komme ich ja auch gar nicht von hinnen. Es ist nothwendig, vorher noch gar Manches zu besprechen und reiflich zu überlegen. Ferner scheint es nur, als ob ich auch noch Einiges genauer kennen lernen müsse und endlich habe ich meine Bagage noch nicht hier, deren Ankunft ich unbedingt abwarten muß. Also werde ich mich wohl wenigstens noch diese Nacht hier verweilen müssen.«

Bei den Worten, daß er Einiges näher kennen lernen müsse, fixirte er Karparla prüfend. Sie sah es und erröthete. Ihr Vater aber enthob sie einer Bemerkung, durch welche sie in große Verlegenheit gesetzt worden wäre, indem er sagte:

»Nicht nur diese Nacht wirst Du hier bei uns bleiben, sondern noch viel länger.«

»Das wird unmöglich sein.«

»O doch, denn Du gefällst mir sehr, mein liebes Söhnchen, Herr Assessor.«

Er wollte ihn nach seiner Weise, nach dem Gebrauche jenes Landes tituliren, welcher erfordert, daß man einen Aelteren Väterchen, einen Gleichalten Brüderchen und einen Jüngeren Söhnchen nennt, und doch wollte er ihm auch die Ehre geben, auf welche Steinbach als Assessor Anspruch hatte; darum nannte er ihn so naiv, aber wohl gemeint, mein liebes Söhnchen, Herr Assessor.

»Auch Du gefällst mir ganz außerordentlich, mein gutes Väterchen,« antwortete Steinbach. »Du hast ein prächtiges Mütterchen und ein reizendes Töchterchen. Darum würde ich von Herzen gern recht sehr lange bei Dir bleiben; aber ich bin gewohnt, vor allen Dingen meine Pflicht zu thun, und darum – horch!«

Er war von einem lauten Geräusch unterbrochen worden, welches sich draußen hören ließ, Pferdegetrappel, Räderrollen, Stimmengewirr, Willkommenrufe und Peitschengeknall.

»Da sind Fremde angekommen,« sagte der Fürst. »Man wird mir gleich melden, wer es ist.«

Er hatte ganz richtig vermuthet, denn einer seiner Tungusen trat ein und sagte:

»Der Kreissecretär ist angekommen und hat Begleitung mitgebracht. Er hat nach der Stadt gewollt, aber ehe er diese erreichte, von uns erfahren, daß der Fremde, den er dort treffen will, hier bei uns ist. Darum hat er die Pferde und Wagen hierher zu uns gelenkt.«

»Ah, da kommen meine Sachen,« rief Steinbach erfreut. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß der Secretär mir so schnell dienen könnte. Bring ihn herein, Brüderchen. Ich will mit ihm sprechen.«

Der Tunguse entfernte sich und gleich darauf trat der Secretär in das Zelt.

Er war ein noch ziemlich junger Mann mit intelligenten, energischen Gesichtszügen, in welchen sich trotzdem ein gewisses Wohlwollen aussprach. Seine Kleidung war die gewöhnliche russische und die Knute, welche an seiner Seite hing, deutete an, daß er ein kaiserlicher Beamter sei, welcher die Berechtigung hatte, seinen Worten durch gewichtige Hiebe Nachdruck zu geben. Er machte eine höfliche, dabei aber doch einigermaßen herablassende Verbeugung und sagte:

»Die heilige Jungfrau gebe Euch Allen einen guten Abend und eine süße Nachtruhe! Herr Steinbach, Du hast mich rufen lassen. Ich hörte, daß Du nicht im Regierungshause abgestiegen seist.«

»Der Fürst der Tungusen hat mir seine Gastlichkeit angeboten, und da meine Freunde bereits bei ihm wohnen, so habe ich mich gern entschlossen, sie anzunehmen.«

»Du hättest auch im Regierungshause Aufnahme gefunden, weil Du einen kaiserlichen Paß besitzest.«

»Die Störung wäre dem Kreishauptmanne doch vielleicht unlieb gewesen. Hier aber weiß ich, daß ich willkommen bin.«

Der Secretär zuckte die Achsel und fragte dann in geschäftsmäßigem Tone:

»Deine Effecten sind angekommen. Wo wünschest Du, daß sie abgeladen werden?«

»Hier vor dem Zelte.«

»Hast Du sonst noch eine Bit– einen Wunsch?«

Er verbesserte das Wort Bitte, welches er hatte aussprechen wollen. Er fühlte sich doch als Regierungsbeamter höher als Steinbach, welcher ihm nur als Privatreisender bekannt war. Desto anerkennungswerther war die Bereitwilligkeit, mit welcher er den sicheren Transport des Eigenthums Steinbach's übernommen hatte. Man erkannte daraus, daß er ein pflichtgetreuer und gefälliger Beamter sei.

»Nein, ich danke Dir,« antwortete Steinbach. »Aber wie ist es gekommen, daß Ihr so schnell angekommen seid?«

»Als Du kaum fort warst, kam ein Zug Jakuten mit frischen Pferden, die sie uns gegen Bezahlung gern überließen. So konnten wir Dir rascher folgen, als wir geglaubt hatten. Willst Du nicht heraus kommen und Dich überzeugen, daß Alles, was Du mir übergeben hast, sich in dem besten Zustande befindet?«

Steinbach mußte dieser Aufforderung Folge leisten. Sam und die beiden amerikanischen Brüder folgten ihm. Auch Semawa ging mit. Sie wollte ihn möglichst wenig verlassen, ihn, den sie so lange, lange Zeit hatte missen müssen.

Bula, der Fürst der Tungusen, wäre sehr gern auch mitgegangen, um zu sehen, wie die Reisebagage eines Europäers eingerichtet sei, doch verbot ihm dies seine fürstliche Würde. Da er jedoch zu sehr Naturmensch war, als daß er seine Wißbegierde hätte vollständig zu beherrschen vermocht, so trat er wenigstens vor sein Zelt hinaus und gab den Befehl, die Lagerfeuer so hell wie möglich zu machen.

Bei dem jetzt erfolgenden Auflodern derselben erblickte man vier Kibitken, das sind leichte Wagen, welche mit den Effecten Steinbachs beladen waren. Dabei wurden von einigen Kosaken eine Anzahl Pferde gehalten, welche auch Steinbach gehörten. Obgleich der Schein der Feuer nicht hinreichte, die Thiere vollständig tageshell zu beleuchten, standen doch bereits eine Menge Tungusen und andere sibirische Nomaden bei diesen edlen Thieren, um dieselben zu bewundern.

Steinbach überzeugte sich zunächst, daß er sein Eigenthum vollständig beisammen habe und ihm nicht das Geringste davon abhanden gekommen sei; dann bezahlte er die begleitenden Reiter und Fahrer in einer Weise, daß sie höchst erstaunt über eine solche Freigebigkeit waren und sich nach ihrer Weise in den überschwenglichsten Ausdrücken bei ihm bedankten. Sodann wendete er sich an den Kreissecretär:

»Du hast mir mein Eigenthum so wohl beaufsichtigt, daß ich Dir sehr dankbar sein muß. Bestimme Du selbst den Preis, welchen ich Dir zu bezahlen habe.«

Der Aufgeforderte schüttelte den Kopf und antwortete:

»Hältst Du mich für eine Dienstperson? Ich habe Dir einen Gefallen gethan, für welchen Du mir keine Bezahlung schuldig bist.«

»Das weiß ich; aber ein Geschenk wirst Du wohl nicht von mir zurückweisen, und da dies in Geld bestehen soll, so bitte ich Dich, mir anzugeben, mit wie viel ich Dir dienen kann.«

Er kannte den Gelddurst und die Bestechlichkeit dieser Art von Beamten und nur darum hatte er diese Aufforderung ausgesprochen. Es zeigte sich aber, daß er sich in dem Secretär geirrt habe, denn derselbe antwortete ihm:

»Herr, wenn Du mir Geld geben wolltest, so würdest Du mich sehr beleidigen. Es freut mich, daß ich Dir einen Gefallen erweisen konnte, und Du solltest mir diese Freude nicht dadurch verderben, daß Du mich mit Anderen, welche über ihre Pflicht hinausgehen, auf gleiche Stufe stellst.«

Da reichte Steinbach dem braven Manne die Hand und sagte:

»Du bist ein Ehrenmann, wie man ihn hier wohl nicht oft findet. Wohlan, ich will Dich nicht mit Geld belohnen; aber ich werde zu Dir kommen, und dann sollst Du sehen, daß ich Dir dankbar sein kann, auch ohne daß ich Dich wie einen Dienenden bezahle.«

Es glitt ein ungläubiges Lächeln über das Gesicht des Kreissecretärs, indem er jetzt antwortete:

»Ich muß jedes Geschenk zurückweisen.«

»Ich werde Dir nichts schenken, gar nichts, aber dennoch werde ich Dir eine Freude bereiten, welche größer sein wird, als Du Dir jetzt zu denken vermagst.«

»Eine Freude? Worüber?«

»Das wirst Du dann erfahren, wenn ich zu Dir komme. Ich werde Dir eine Botschaft bringen, von der Du jetzt noch nichts ahnen kannst.«

»Warum hast Du sie mir nicht bereits mitgetheilt?«

»Weil ich erst vor wenigen Augenblicken selbst davon erfahren habe.«

»So komm. Ich bin am heutigen Tage für Dich zu jeder Zeit zu sprechen, außer wenn ich mich beim Kreishauptmanne befinde, dem ich meine Rückkehr persönlich zu melden habe.«

Er setzte sich auf sein Pferd und ritt nach der Stadt. Es wäre, trotzdem dieselbe so sehr nahe lag, gegen seine Würde gewesen, zu Fuß nach derselben zu gehen.

Jetzt ergriff Sam Steinbachs Arm, zog ihn ein Wenig seitwärts und sagte:

»Ich habe gesehen, daß Sie vorhin Karparla so eigenthümlich anguckten, als Sie sagten, daß Sie noch Einiges erfahren müßten. Was meinten Sie da? Jetzt hört der Fürst es nicht und wir können also davon sprechen.«

»Als Du von dem Kosaken Nummer Zehn sprachst, bemerkte ich, daß Karparla mit größtem Interesse bei Deiner Rede war. Sie ist es auch gewesen, welche Euch gebeten hat, ihn zu befreien. Sollte er ihr etwa nicht ganz gleichgiltig sein?«

»Hm! Sie haben weiß Gott ein Auge, wie ein Adler.«

»Ich vermuthe also richtig?«

»Ja. Er hat sie einmal vom Tode des Ertrinkens gerettet, und nun ist sie ihm gut.«

»Also wirklich eine Liebe?«

»Und er?«

»Sapperment! Wenn er ihr nicht wieder gut wäre, so müßte er ja keine Augen im Kopfe haben!«

»Sind sie einig?«

»Es scheint so. Wenigstens habe ich noch nichts davon gehört, daß sie sich geprügelt haben.«

»Aber ihre Eltern?«

»Davon weiß ich freilich nichts.«

»Nummer Zehn ist ein Verbrecher. Er muß es in ihren Augen sein. Bula ist Fürst. Wird er Ja sagen zu dieser Liebe?«

»Ich weiß es nicht.«

»Nummer Zehn wird verfolgt. Unter gewöhnlichen Verhältnissen ist es ganz unmöglich, daß er der Mann Karparla's werden kann. Darum steht zu erwarten, daß ihre Eltern ganz gegen diese Herzensneigung sein werden.«

»Hm, ja! So müßte man eigentlich denken; aber Karparla besitzt einen sehr festen Character und einen bestimmten Willen. Und ihre Eltern haben sie so lieb und sind so gutmüthige Menschen, daß es dennoch möglich ist, daß sie ihr den Willen thun.«

»Aber wie sollen die beiden Liebenden Mann und Frau werden? Der Kosak darf sich doch nirgends sehen lassen, ohne eingefangen und bestraft zu werden.«

»Ich denke mir, daß der Fürst dennoch Mittel und Wege zu finden wissen wird. Haben Sie von dem Engel der Verbannung gehört?«

»Ja, bereits in Irkutsk.«

»Nun, Karparla ist dieser Engel.«

»Wirklich?« fragte Steinbach im Tone der Ueberraschung.

»Ja, sie ists.«

»Wer sagte es Dir?«

»Sie selbst.«

»So muß sie ein großes Vertrauen zu Dir haben.«

Sam lachte vergnügt auf und antwortete:

»Das meine ich. Ich bin auch ganz der richtige Kerl darnach. Oder etwa nicht?«

»Ja. Wer Dir in das Angesicht guckt, der kann keinen Argwohn gegen Dich haben. Also sie, sie ist der berühmte Engel der Verbannten! Ich habe es mir doch sogleich gedacht, daß dieser Engel über die Hilfe eines ganzen Stammes gebieten müsse, sonst hätte er nicht das ausführen können, was man von ihm erzählt. Natürlich wissen ihre Eltern davon? Das versteht sich. Und sonst noch Jemand?«

»Außer mir wohl schwerlich Einer.«

»Das ist sehr gut. Wenn sie die Beschützerin so vieler entflohener Verbannter ist, so glaube ich nun, daß Kosak Nummer Zehn mit ihrer Hilfe entkommen wird. Und da halte ich es auch für möglich, daß sie den Gedanken hat, sich mit ihm zu verbinden, trotzdem er sich vor den Russen nicht sehen lassen darf.«

»Das meine ich auch. Sibirien ist groß genug. Der Stamm könnte sich leicht eine Gegend wählen, in welcher die Russen nicht mehr zu fürchten sind.«

»Freilich wird nun Alles anders, als sie denkt. Da der Kosak kein Anderer als Georg Adlerhorst ist, so wird er jedenfalls nach Deutschland zurückkehren. Wird sie ihm folgen?«

»Hm! Wohl kaum!«

»Ich glaube auch nicht, daß sie um seinetwillen ihre Heimath und ihre Eltern verlassen wird.«

»Ja, sie kommt da in ein arges Dilemma. Das arme Mädchen dauert mich, denn ich bin ihr wirklich herzlich gut.«

»Das glaube ich. Welchem hübschen Mädchen, welches Sam Bart überhaupt gesehen hat, wäre er nicht gut gewesen!«

»Donnerwetter! Bin ich denn ein gar so ausgezeichnet hübscher Kerl?«

»Das nicht.«

»Ein Don Juan?«

»Ja, aber ein sehr unglücklicher. Es will Dich Keine. Verstanden, Dicker?«

»Na, so schlimm ist es doch nicht.«

»Wenn auch nicht ganz so, aber dennoch schlimm genug.«

»So muß ich mich zu trösten suchen. Aber, jetzt im Ernste gesprochen, ich fühle mich wirklich auf eine ganz ungewöhnliche Weise zu Karparla hingezogen. Ich bin ihr herzlich gut, nicht so, wie ein junger Bursche ein Mädchen lieb hat, sondern es ist eine mehr väterliche Regung, so ungefähr, als ob ich ein Verwandter von ihr sei.«

»Na, sie wird doch nicht etwa eine Cousine oder Nichte von Dir sein!« scherzte Steinbach.

»Das ist freilich unmöglich, obgleich ich in Rußland wohl auch Verwandte habe.«

»Wie kommt das?«

»Nun, ich war nicht der einzige Sohn meiner Eltern. Ich hatte einen Bruder. Sie werden gehört haben, daß vor einigen dreißig Jahren viele Deutsche nach Rußland auswanderten, besonders nach dem Kaukasus?«

»Ich weiß es. Es waren meist Schwaben.«

»Auch Sachsen gingen mit. Unter ihnen befand sich mein Bruder Carl. Er wollte sein Glück in der weiten Welt suchen. Er suchte es im Osten, in Rußland, ich im Westen, in Amerika. Welcher von uns Beiden es gefunden hat, ob er, ob ich? Hm! Aber ich möchte doch gern wissen, ob er noch lebt.«

»Hast Du denn niemals Etwas von ihm gehört?«

»Er hat mir einige Male geschrieben und ich antwortete ihm. Dann kam die Geschichte mit der Auguste! Sie wissen es, daß ich vor Wuth über ihre damalige Untreue nach Amerika ging. Da habe ich keinen Brief mehr bekommen. Ich schrieb ihm zwar noch einige Male, erhielt aber von der dortigen Behörde die Benachrichtigung, daß er nach der Ukraine gezogen sei, Wohin, das wußte man nicht. Seit jener Zeit weiß ich nicht, ob er noch lebt. Also, in Rußland kann ich ganz gut Verwandte haben.«

»Unter diesen Verhältnissen, ja. Aber Karparla geht Dich keineswegs etwas an.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Und doch, wenn ich sie mir näher betrachte, so ist in ihrem Gesichte Etwas, so Etwas – Etwas – wie sage ich doch gleich, so Etwas, als ob ich sie früher schon einmal gesehen und gekannt haben müsse.«

»Das kommt im Leben sehr oft vor. Mich freut es außerordentlich, daß sie der Engel der Verbannten ist, denn nun darf ich darauf rechnen, daß ihr Vater mir seine Unterstützung nicht versagen wird.«

»Wollen Sie sich dieselbe erbitten?«

»Ja.«

»Sie meinen also, daß wir die Tungusen brauchen werden?«

»Ganz gewiß. Um den Maharadscha und den Kosaken heraus zu bekommen, reicht zwar mein Einfluß aus, denn –«

»Obgleich Sie nur Assessor sind,« unterbrach Sam ihn lachend.

»Meinst Du etwa, daß ich mehr bin?«

»Hm!«

»Du irrst!«

»Na, so bleiben Sie in Gottes Namen Assessor! Ich habe ja gar nichts dagegen. Aber wenn mir Jemand heut sagte, daß Sie ein Fürst oder gar ein Herzog seien, so soll mich der Teufel holen, wenn ich es nicht auf der Stelle glaubte.«

»Das wäre Aberglaube. Also mein Einfluß reicht hier wohl aus, den Maharadscha und auch den Nummer Zehn frei zu bekommen. Aber wir wollen doch den Grafen und auch den früheren Derwisch ergreifen. Dazu bedürfen wir zunächst einer anderen als der russischen Hilfe.«

»Die tungusische?«

»Ja. Ich habe freilich nicht genau wissen können, wo der Maharadscha sich befindet. Noch weniger konnte ich ahnen, daß der Graf und der Derwisch in Sibirien seien. Aber ich hatte doch eine Ahnung, daß ich des Beistandes deiner hiesigen Völkerschaft bedürfe, und darum habe ich reichliche Geschenke mitgebracht, freilich ohne zu wissen, wer dieselben bekommen werde.«

»Ja, zum Beispiel die wunderbar schöne Uniform.«

Er lachte dabei. Steinbach lachte mit und antwortete:

»Nun, wenigstens habe ich mich in Beziehung auf diese Uniform nicht verrechnet. Ich berücksichtigte die Kleinheit der in Sibirien wohnenden Nomaden. Ich konnte mir auch denken, daß der Beherrscher eines hiesigen Stammes bei dem ruhigen, sitzenden Leben dick sein werde. Darum habe ich diese Uniform so zuschneiden lassen, daß sie jedem kleinen, dicken Menschen leidlich passen muß. Ich glaube, daß sie dem guten Fürsten der Tungusen wie angegossen auf dem Leibe sitzen wird.«

»Der soll sie bekommen?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Da werden wir freilich eine gewaltige Ehre einlegen, Aber die Fürstin darf nicht leer ausgehen!«

»Nein. Sie erhält Schmucksachen und Seidenstoffe, über welche der guten Dicken die Augen übergehen werden.«

»Bravo! Diese Leute werden ihr Leben für uns lassen.«

»Sodann giebt es Tabak und Tabakspfeifen für den ganzen Stamm. Tabak mehrere Zentner.«

»Das wird ein Jubel, welcher bis zum Himmel reicht!«

»Und Rum, echten, guten, starken Rum, mehrere Fässer.«

»Das ist die Krone der ganzen Geschichte. Rum ist noch nie da gewesen unter den Tungusen. Das ganze Volk wird geradezu verrückt vor Entzücken.«

»Wenn es auch nicht gar so schlimm ausfällt, so weiß ich doch, daß meine Geschenke große Befriedigung hervorrufen werden. Darum bin ich überzeugt –«

Er wurde durch einen lauten Schrei unterbrochen, welcher sich in der Nähe hören ließ.

Semawa war, als sie bemerkt hatte, daß Steinbach mit Sam unter vier Augen sprechen wolle, langsam bei Seite gegangen. Sie betrachtete sich die Pferde Steinbachs und sodann die Wagen. An einem derselben lehnte eine schlanke, hohe Gestalt, zwar in die Tracht des Landes gekleidet aber doch etwas Fremdartiges in der ganzen Haltung zeigend. Das scharf geschnittene Gesicht, von vielen Runzeln durchfurcht, hatte eine braune, hier in Sibirien ganz seltene Farbe. Der Mann bewegte sich nicht und blickte in das Feuer, dessen Flamme ihn beschien. Er glich einer Statue.

Da kam Semawa langsam herbei, leisen Schrittes, so daß sie kaum zu hören war. Dennoch bemerkte er ihr Nahen und wendete ihr das Gesicht zu.

Noch stand sie im Schatten, welchen der nächste Wagen warf. Nun aber trat sie aus demselben heraus und ihr Gesicht war deutlich zu erkennen.

Da war es, als ob eine unsichtbare Hand den Mann um einen Schritt vom Wagen wegreiße. Er erhob die Arme und stieß jenen lauten Schrei aus, durch welchen Steinbach in seiner Rede unterbrochen worden war.

Semawa erschrak. Sie blieb stehen und heftete ihre Augen auf den Mann.

»Allah il Allah!« schrie dieser auf, indem er sich der arabischen Sprache bediente, welche auch die Muselmänner Hochasiens sprechen und verstehen. »Ists ein Wunder? Stehen die Todten auf?«

»Welche Todten?« fragte Semawa.

Er ließ die Arme wieder sinken, behielt aber sonst die Stellung bei, welche sein Entsetzen ausdrückte und antwortete:

»Kalida!«

Semawa trat sofort einen Schritt näher, bohrte ihren Blick in sein Gesicht und fragte:

»Kalida? Kanntest Du sie?«

»Ob ich sie – ob ich Dich kannte? Du bist es ja selbst. O, Allah ist groß, Allah ist allmächtig. Die Todten stehen auf, um sich zu rächen!«

Er sank langsam in die Kniee.

»Ich lebe; ich bin keine Todte,« sagte Semawa.

»Nein, Du bist keine Lebende. Du kommst aus dem Jenseits, um Dich zu rächen. Gnade, o Gnade!«

»Wie heißest Du?«

»Weißt Du das nicht mehr? Ist mein Name Dir in den Herrlichkeiten jenes Lebens verloren gegangen?«

Sie trat ganz nahe zu ihm heran und beugte sich nieder zu ihm. Sie nahm ihm die Mütze vom Kopfe. Sie sah sein geschorenes Haupt, welches er noch heut nackt trug wie in seiner indischen Heimath. Sie sah nun deutlicher den Kopf, den sie in ihrer Kindheit so oft gesehen hatte. Er war alt geworden, sehr alt, dieser einstige Diener ihres Vaters, aber seine Züge waren so charakteristisch, daß sie dieselben jetzt erkannte.

»Nena!« rief sie aus, indem sie seine Mütze aus der Hand fallen ließ.

»Du kennst mich, o, Du kennst mich!« stieß er hervor.

»Verräther!«

»Gnade, Gnade!« bat er, die Arme zu ihr erhebend. »Du bist eine Selige, Kalida. Du kannst mich nicht verdammen. Bitte Allah, daß er sich meiner erbarmen möge!«

»Ich bin nicht Kalida,« antwortete sie.

»Nicht Kalida, das Weib meines Maharadscha? Wer wärst Du sonst?«

»Ich bin Semawa, ihre Tochter.«

Da sprang er, wie von einer Spannfeder geschnellt, vom Boden auf.

»Semawa, Semawa! Allah ist groß!« schrie er laut! »Semawa ist da! Semawa ist gefunden. Sidi, Sidi, öffne Deine Ohren und vernimm die Botschaft, daß – –«

»Still, ich weiß es bereits,« sagte Steinbach, welcher herbeigetreten war und ihm nun beruhigend die Hand auf den Arm legte.

»Du weißt es? Du weißt es?« fragte der Indier.

»Ja, noch eher als Du.«

»Und Du jubelst nicht laut auf, daß alle Welt es hört? Du springst nicht vor Freude und Wonne? Semawa ist gefunden, und Du stehst hier bei ihr, als ob sie nie verloren gewesen wäre!«

Es war ihm anzusehen, daß sein Entzücken ein wirklich aus dem Herzen kommendes sei. Semawa war gerührt davon, obgleich sie ihm so viel Böses zu verdanken hatte.

»Du lebst! Du bist hier!« fuhr er fort. Wo Du bist, muß auch Derjenige sein, der mir so viel zu verzeihen hat. Dein Vater, der Maharadscha. Weißt Du von ihm?«

»Ja,« antwortete sie.

»Lebt er noch?«

»Er lebt.«

»Als Gefangener?«

»Als Verbannter. Du weißt es ja. Du bist es ja gewesen, auf dessen falsches Zeugniß hin er fortgeschleppt und verurtheilt worden ist.«

»Ich habe es bereut, längst bereut und werde Alles, Alles wieder gut machen.«

»Das kannst Du nicht.«

»Ich kann es, ich kann es!«

»Nie!«

»Ich werde beschwören, daß er nicht Saltikoff heißt, sondern daß er der verschwundene Maharadscha von Nubrida ist.«

»Kannst Du ihm und mir die Jahre zurückgeben, welche wir in tiefem Elende verbracht haben? Kannst Du das?«

Bei dieser ernsten, vorwurfsvollen Frage schwand sein Entzücken. Er senkte den Kopf und antwortete:

»Das kann ich freilich nicht. Jetzt sehe ich ein, was ich verbrochen habe. Ich kann weder bei Dir noch bei Allah Gnade finden. Hier, nimm dies! Stoße mir den Stahl in das Herz.«

Er zog das lange Messer, welches er im Gürtel stecken hatte, und hielt es ihr hin. Ihr Blick war finster auf den Zerknirschten gerichtet, fiel aber nun auf Steinbach, welcher erwartungsvoll neben demselben stand. Sofort nahm ihr Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an. Sie schob die Hand mit dem Messer zurück und antwortete in mildem Tone:

»Es ist mir gesagt worden, daß Du bereut und gebüßt habest. Dir sei vergeben. Möge Allah Dir verzeihen, wie ich Dir verzeihe. Stehe auf.«

Da ergriff er ihr Gewand und zog es an seine Lippen.

»Du verzeihst! Du gewährst mir Gnade! So wird auch Allah nicht mit mir in's Gericht gehen!« rief er aus. »Ich bin meiner schweren Schuld ledig und werde Dir mein Leben weihen. Dir und der Befreiung dessen, dessen Gefangenschaft ich verschuldet habe.«

Alle, welche dieser Scene zugeschaut hatten, waren des Arabischen nicht mächtig. Sie wußten nicht, um was es sich handelte. Doch erkannten sie so viel, daß Nena ein Bittender sei, dessen Bitte Semawa erfüllt habe. Sie wurden gerührt von dem Ausdrucke tiefsten Dankes, mit welchem der Indier sich jetzt von der Erde erhob.

Steinbach nahm die Geliebte bei der Hand, um sie nach dem Zelte zu führen.

»Ich danke Dir!« flüsterte er ihr liebevoll zu. »Fast glaubte ich. Du würdest ihm die erbetene Gnade versagen.«

»Es war mir, als ob ich ihm nicht verzeihen dürfe; aber als ich Dein Auge so erwartungsvoll und ernst auf mich gerichtet sah, mußte ich ihm gnädig sein, ich konnte nicht anders. Möge er sehen, wie er mit seinem Gewissen fertig wird.«

Als sie an das Zelt gelangten, trat von der anderen Seite ein Tunguse heran, um mit dem Fürsten Bula, welcher noch immer vor dem Eingange stand, zu sprechen. Steinbach wollte sich rasch zurückziehen, aber Bula sagte:

»Bleibt hier! Was dieser Mann mir zu sagen hat, das dürft Ihr hören.«

Aber der Tunguse kam doch in Verlegenheit, denn er schüttelte den Kopf und meinte:

»Väterchen, Niemand darf es wissen.«

»So? Warum?«

»Weil es ein Geheimniß ist. Nur Du darfst es erfahren. Du und Karparla, die Prinzessin der Tungusen.«

Karparla stand mit ihrer Mutter dabei. Sie sagte dem Manne:

»Was ich wissen darf, dürfen diese Beiden auch wissen. Sie sind so gut wie meine Schwester und mein Bruder.«

»Aber weißt Du denn, was es betrifft?«

»Nein.«

»Wenn Du es wüßtest, würdest Du mich ganz allein hören wollen.«

»Nun, was betrifft es denn?«

»Die armen Leute.«

Unter dem in ganz Sibirien landläufigen Ausdrucke ›arme Leute‹ sind die Verbannten zu verstehen.

»Was ist mit ihnen?« fragte Karparla.

»Darf ich es Dir denn sagen?«

»Ja. Immer sprich!«

»Gestern kam die Botschaft, daß es einer ganzen Anzahl gelungen ist, aus den gräßlichen Bergwerken von Nertschinsk zu entfliehen.«

»Einer ganzen Anzahl? Wie ist das möglich? Das ist noch nie dagewesen.«

»Wie es ihnen gelungen ist, das weiß man jetzt auch noch nicht; aber sie haben der guten Mila Dobronitsch das Zeichen gegeben, und diese hat mich schleunigst zu Dir gesandt. Dich um Hilfe bittend.«

»Wenn Mila Dobronitsch Dich sendet, so muß ich helfen. Nicht wahr, Vater?«

Der dicke, gutmüthige Fürst zeigte in seinem Gesichte einige Verlegenheit. Es war ihm doch nicht ganz gleichgiltig, wissen zu lassen, daß er sich der entflohenen Verbannten anzunehmen pflege, doch nickte er seiner Tochter zu und antwortete:

»Ja, wir haben die Mila Dobronitsch ja dazu angestellt, daß sie uns stets benachrichtigen soll.«

»Sind die Flüchtigen denn bereits dort angekommen?« fragte Karparla den Tungusen.

»Nein, sie selbst nicht, sondern nur erst die Kunde von ihrer Flucht.«

»Wenn einmal die Kunde da ist, so werden sie auch nicht lange auf sich warten lassen. Wie steht es an der Grenze?«

»Sie ist alarmirt. Sowohl die russischen als auch die chinesischen Wächter sind auf ihren Posten. Es wird den ›armen Leuten‹ dieses Mal schwer werden, sehr schwer, die Freiheit zu erlangen.«

»So müssen wir ihnen eben helfen. Dazu sind wir da. Vater, gieb sogleich den Befehl zum Aufbruche. Wir dürfen nicht zögern!«

»Kindchen, Töchterchen, was fällt Dir ein!« antwortete er. »Wir müssen noch hier bleiben.«

»Warum?«

»Ist denn Alles geschehen, was wir hier zu thun haben?«

»Ja.«

»Hast Du vergessen, daß wir Gäste bei uns haben?«

»Ich habe es nicht vergessen, ich weiß es sogar sehr genau. Und grad weil wir diese Gäste haben, müssen wir baldigst aufbrechen, denn diejenigen Personen, denen sie nachstreben, befinden sich ja grad dort, wohin wir auch ziehen müssen, wenn wir den ›armen Leuten‹ Hilfe bringen wollen.«

»Wie?« fragte Steinbach. »Meinst Du etwa den Mückenfluß, Karparla?«

»Ja.«

»Dorthin werden die Flüchtigen kommen?«

»Ja, und darum müssen wir auch hin.«

»Ihr Alle, der ganze Stamm?«

»Alle Tungusen, welche meinem Vater zu gehorchen haben. Von den anderen Stämmen der Tungusen ist natürlich nicht die Rede.«

»So bitte ich allerdings um den schleunigsten Aufbruch.«

»Du willigst jetzt also ein, daß wir so schnell wie möglich hier fortreiten? Und vorhin warst Du doch dagegen!«

»Jetzt steht es anders als vor noch einer halben Stunde. Ich habe erfahren, was ich noch wissen wollte; meine Sachen sind angekommen und ich habe hier weiter nichts mehr zu thun, als dem Herrn Kreisdirector einen Besuch abzustatten.«

»Der wird bereits schlafen.«

»So wecke ich ihn.«

»Er wird Dir das gewaltig übel nehmen.«

»Darnach frage ich nicht. Er mag sich vorsehen, daß ich ihm nichts übel nehme.«

»Liebes Brüderchen, ich vermuthe, daß Du Dich in ihm verrechnest.«

»Inwiefern?«

»Bist Du ein Russe?«

»Nein, sondern ein Deutscher.«

»Haben die Deutschen dem Russen Etwas zu befehlen, Brüderchen?«

»Nein,« antwortete er, indem er sich Mühe gab, bei dieser naiven Frage des Naturkindes ernst zu bleiben.

»So hast Du also dem Kreisdirector auch nichts zu befehlen.«

»In meiner nationalen Eigenschaft als Deutscher freilich nicht.«

»Und was ist mehr, ein Assessor oder ein Kreishauptmann? Sage es mir doch!«

»Allemal steht der Kreishauptmann höher.«

»So ist er also mehr als Du?«

»Ja.«

»Und Du willst ihn wecken? Thue es nicht. Er könnte sehr zornig darüber werden. Er ist über Vieles, was jetzt geschehen ist, sehr aufgebracht, und es sollte mir leid thun, wenn Du die Thaten anderer Leute zu büßen hättest.«

»Ich danke Dir für Deine theilnehmende Warnung, liebes Schwesterchen; aber ich habe keine Lust, mich vor dem Kreishauptmanne in Acht zu nehmen. Schau, unser Freundchen Sam ist viel weniger als ich, er ist nicht Assessor, sondern nichts als ein einfacher Privatmann. Aber obgleich er nur ein Privatmann ist, also irgend einen Rang nicht besitzt, wirst Du nicht bemerkt haben, daß er sich vor dem Kreishauptmanne gefürchtet hat.«

»Das ist wahr. Auch Deine beiden anderen Freunde fürchteten sich nicht.«

»Du siehst daraus, daß Du in Beziehung auf mich ganz ruhig sein kannst. Ich muß zu ihm, und wenn er schläft, so werde ich ihn wecken. Will er sich das nicht gefallen lassen, so werde ich ja wohl erfahren, wie er die Störung aufnimmt.«

»So gehe wenigstens nicht allein, sondern nimm noch Jemand mit!«

»Das werde ich allerdings thun. Ich bitte sogar Euch Alle, mit mir zu kommen.«

»Alle, wirklich Alle?« fragte sie verwundert.

»Ja, Du, Deine Eltern, Semawa, Sam und auch Jim und Tim.«

»Warum so viele? Warum auch wir drei Frauen mit, die wir Dich doch wohl kaum werden beschützen können?«

»Es handelt sich nicht um meinen Schutz, sondern darum, daß Ihr erfahren sollt, was ich mit ihm zu verhandeln habe. Ich bitte also, Euch fertig zu machen. Ich werde mich nur für wenige Augenblicke entfernen und Euch dann abholen!«

Er ging hinaus zu einer der Kibitken. Er stieg auf den Wagen, öffnete einen darauf befindlichen Koffer, entnahm demselben verschiedene Sachen und stieg dann wieder ab. Nun begab er sich mit diesen Sachen nach dem Zelte, in welchem er vorhin sein Wiedersehen mit Semawa gefeiert hatte. Er band den Eingang von innen zu, um nicht überrascht zu werden.

Das Zelt war noch von vorhin erleuchtet. Die Sachen, welche er aus dem Wagen geholt hatte, bildeten einen vollständigen Militäranzug mit Säbel und allem Zubehör. Er legte seine bisherigen Kleider ab und den Anzug an. Niemand, selbst Sam nicht, hatte von dem Vorhandensein dieser Uniform eine Ahnung gehabt.

Er setzte anstatt des Hutes, welchen er vorher getragen hatte, eine hohe Lamafellmütze auf, welche aber mit einem Ueberzuge versehen war, den er darüber ließ. Dann zog er einen langen, weiten Ueberrock aus grauem Stoffe an, der ihn bis herab auf die Sporen reichte. Der Degen wurde angekoppelt, so daß auch dieser nicht zu sehen war.

Nun verließ er das Zelt wieder, die abgelegten Sachen in demselben zurücklassend.

Die Anderen warteten bereits auf ihn. Da sie vor dem Zelte standen und er also dasselbe, welches erleuchtet war, nicht zu betreten brauchte, und da auch die Lagerfeuer wieder nur noch nothdürftig klimmten, so fiel die Veränderung, welche mit seinem Aeußeren vorgegangen war, gar nicht auf. Alle die vorhin genannten Personen bestiegen die Pferde und ritten nun nach dem Regierungsgebäude.

Als sie dort angekommen waren, sahen sie noch Licht in dem Wohnzimmer. Der Hufschlag ihrer Pferde war gehört worden, denn es trat eine männliche Gestalt an das erleuchtete Fenster, um herabzuschauen.

»Der Kreissecretär,« sagte Steinbach. »Er ist noch beim Kreishauptmanne, bei welchem er sich jedenfalls gemeldet hat. Das ist mir sehr lieb, denn da brauche ich ihn nicht holen zu lassen. Es sind nun alle Personen beisammen, deren Anwesenheit ich wünsche.«

Der Kreissecretär öffnete das Fenster.

»Will Jemand herein?« fragte er.

»Ja,« antwortete Steinbach.

»Wer ists?«

»Steinbach.«

»Ah Du! Ists so nothwendig, daß Du noch in der Nacht kommst?«

»Ich habe morgen keine Zeit dazu.«

Der Secretär wendete sich vom Fenster ab und sprach in das Innere der Stube hinein. Dann rief er herab:

»Und der Herr Kreishauptmann hat jetzt keine Zeit. Das soll ich Dir sagen.«

»Das geht mich nichts an. Ich bitte, zu öffnen.«

»Er will nicht.«

»So ersuche ich Dich, es zu thun. Ich bringe Dir die frohe Botschaft, welche ich Dir versprochen habe. Morgen früh könnte es bereits zu spät dazu sein.«

Dies schien zu wirken, denn der Secretär wendete sich abermals in die Stube zurück, sprach eine Weile mit den in derselben befindlichen Personen und meldete dann herab:

»Auf meine besondere Fürsprache will der Herr Kreishauptmann es ausnahmsweise erlauben. Ich werde also hinabkommen, um Dir zu öffnen.«

Er schien anzunehmen, daß nur Steinbach allein zum Kreishauptmanne wollte. Daß er sich jetzt noch in so später Stunde bei demselben befand, war leicht erklärlich. Als er sich von Steinbach getrennt hatte, um heimzureiten, hatte er in dem Wohnzimmer seines Vorgesetzten Licht bemerkt. Da es eben das Wohn- und nicht ein anderes Zimmer war, so ließ sich mit Gewißheit annehmen, daß der Gebieter von Platowna noch wach sei und sich im Kreise seiner Häuslichkeit befinde. Da es für den Secretär Pflicht war, seine Rückkehr von der Reise so bald wie möglich zu melden, so zögerte er keinen Augenblick, noch jetzt zu seinem Vorgesetzten zu gehen. Er stieg also ab, band sein Pferd an und klopfte.

Der Kreishauptmann befand sich in Gesellschaft seiner Frau und seines Sohnes. Sie hatten noch nicht an's Schlafen gedacht. Sie Alle waren zu sehr erregt von dem Geschehenen.

Zwar waren sie dem Secretär nicht freundlich gesinnt, aber seine Ankunft war ihnen jetzt doch willkommen. Sie hofften von seiner Energie und Ueberlegenheit, von welcher sie innerlich sehr überzeugt waren, ohne dies freilich jemals hörbar auszusprechen und zuzugeben, daß er die Fremden, die ein so ungewöhnliches Benehmen gezeigt hatten, zu Paaren treiben werde. Darum wurde er sehr gern vorgelassen.

Natürlich ging es nun an ein Erzählen, wobei, wie leicht zu denken, Alles so gerichtet und gefärbt wurde, daß der Kreishauptmann Recht haben mußte. Alles, was nicht verändert dargestellt werden konnte, wurde verschwiegen.

Der Kreissecretär war kein Freund von unnöthigen Worten. Er hörte schweigend zu. Erst als die Drei sich vollständig ausgesprochen hatten, stand er auf und ging nachdenklich einige Male in der Stube auf und ab. Dann blieb er kopfschüttelnd stehen und sagte:

»Väterchen, was Ihr mir da erzählt habt, das kann ich nicht begreifen. So Etwas kann doch gar nicht geschehen.«

»Es ist aber doch geschehen!« raisonnirte der Kreishauptmann.

»So muß es anders sein, als Ihr es mir berichtet habt.«

»Gar nicht anders. Wir haben uns ganz genau an die Wahrheit und an die Thatsachen gehalten.«

»Da Du das versicherst, so muß ich es freilich glauben. Aber dennoch ist mir diese ganze Sache im höchsten Grade unklar. Es muß Etwas vorhanden sein, was ich noch nicht weiß, was Du mir verschwiegen hast.«

»Nichts, gar nichts. Ich habe Dir Alles gesagt.«

»So begreife ich Euch nicht. Warum habt Ihr Euch denn das Alles gefallen lassen?«

»Mußten wir nicht?«

»Warum mußtet Ihr?«

»Wegen dem verdammten Passe, den dieser dicke Hallunke hatte, und wegen dem Curier, welcher vorher angekommen war, um mir zu melden, daß ein Reisender Namens Steinbach ankommen werde, welcher mit ganz besonderer Rücksicht aufzunehmen sei.«

»So! Das ist ganz gut. Aber wenn mir ein Mensch noch so dringend empfohlen worden ist, sobald er mich kränkt und fortgesetzt beleidigt, sobald er sich sogar, wie es hier geschehen ist, gegen die von Gott eingesetzte Behörde, gegen den Vertreter des Czaren vergeht, dann nehme ich auf diese Empfehlung keine Rücksicht mehr. Es ist die Pflicht eines jeden Beamten, solche Menschen zu bestrafen. Warum habt Ihr das nicht gethan?«

»Eben wegen ihrer Legitimation, und weil sie keine Russen sind.«

»Das geht mich den Teufel an! Und wenn sie Hottentotten wären, würde ich sie unnachsichtlich bestrafen. Das Völkerrecht ist nicht dazu da, den Menschen die Erlaubniß zu geben, in jedem anderen Lande Thaten zu begehen, welche in ihrer Heimath bestraft werden. Wer gegen die Gesetze sündigt, gleichviel, ob er ein In- oder ein Ausländer ist, verfällt dem betreffenden Strafgesetzbuche.«

»Das klingt ganz gut. Aber diese Kerls machen sich aus dem Strafgesetzbuche so wenig, wie das Pferd aus dem Frosche.«

»Du hast Dich wohl falsch ausgedrückt?« fragte der Kreissecretair lächelnd.

»Wieso?«

»Du wolltest sagen, daß sie sich aus Euch nichts gemacht haben.«

»Oho!«

»Nun, aus dem Strafgesetzbuche müssen sie sich wohl Etwas machen, falls der Beamte die nöthige Energie besitzt, es zur Geltung zu bringen.«

»Meinst Du, daß wir es an Energie haben fehlen lassen?«

»Das meine ich freilich.«

»So irrst Du sehr.«

»Ich kann nicht irren, denn diese Männer laufen ja noch frei herum und müßten sich doch unbedingt in Gefangenschaft befinden.«

»Das ist leicht gesagt. Wer soll sie arretiren lassen?«

»Du natürlich!«

»Schön! Und wenn sie nicht gehorchen? Wenn sie sich nicht einstecken lassen?«

Der Kreissecretair fuhr einige Schritte zurück und machte ein Gesicht, wie es erstaunter gar keins geben kann.

»Was?« rief er aus. »Sich nicht einstecken lassen! Höre ich denn wirklich recht?«

»Jawohl hörst Du recht.«

»So zwingt man sie.«

»Womit?«

»Heiliger Iwan von Ostrowa! Giebt es denn keine Polizei hier!«

»Einige versoffene Hallunken, ja. Wenn man sie braucht, hocken sie in irgend einem Winkel, um ihren Rausch auszuschlafen.«

»So weckt man sie mit der Knute auf. Das werden sie sich merken. Aber auch davon abgesehen – giebt es denn kein Militair hier? Steht nicht hier in Platowa eine ganze Sotnie Kosaken?«

Eine Sotnie ist eine Schwadron oder Kompagnie von hundert Mann. Der Befehlshaber derselben ist der Sotnik oder Rittmeister. Der Kreishauptmann antwortete:

»Kosaken haben wir hier, ja; aber was kann das nützen?«

»Was es nützen könne, fragst Du? Nimm es mir nicht übel, aber ich weiß in diesem Augenblicke wirklich nicht, ob ich verrückt bin oder ob Du im Fieber redest. Um dem Gesetze Respect zu verschaffen, dazu sind sie da. Oder ist das etwa nicht der Fall?«

»Jawohl, dazu sollte das Militair eigentlich vorhanden sein; aber was vermögen unsere Kosaken gegen solche Menschen!«

»Was? Hundert Kosaken gegen drei Ausländer vermögen nichts?«

»Gegen diese Drei wirklich nicht. Die Kerls greifen bei jedem Worte, welches ihnen nicht gefällt, an die Gewehre.«

»Nun, so greifen die Kosaken auch zu den Waffen. Da wird man wohl sehen, wer der Sieger bleibt. Ich möchte diese Menschen, vor denen sich hundert Kosaken fürchten müssen, doch einmal sehen. Ist ihr Aussehen denn gar so schrecklich?«

»Sie sehen ganz so aus wie Straßenräuber und Mordbrenner. Einer von ihnen, der Schlimmste, ist kurz und dick. Die beiden Anderen sind sehr lang und dürr.«

»So! Da hab ich sie doch vielleicht bereits gesehen.«

»Wo?«

»Im Zelte des Tungusenfürsten.«

»Da warst Du bereits heut Abend?«

»Ja.«

»Bevor Du zu uns kamst? Was hattest Du dort zu thun?«

»Ich mußte jenem Steinbach, von welchem Du vorhin sprachst, seine Sachen übergeben.«

»Steinbach? Ah! Du hast den Mann gesehen?«

»Gesehen und auch mit ihm gesprochen.«

»Wo?«

»Auf der Station Boliwa. Er hielt dort mit seinen Wagen und Pferden, deren Beaufsichtigung er mir bittweise übergab, da ich in derselben Richtung reiste.«

»Wie? Du hast ihn bedient?«

»Bedient! Wer hat das gesagt?«

»Du selbst. Du hast seine Sachen beaufsichtigt, ihn also bedient.«

»O nein. Er mußte schnell vorwärts nach hier, nach Platowa, und war daher gezwungen, seine Begleitung, welche ihm nicht so schnell zu folgen vermochte, zurückzulassen. Er bat mich um die Erlaubniß, daß sich dieselbe mir anschließen dürfe. Das ist Alles. Habe ich also seinen Diener gemacht?«

»Nein, wenn Du es so nimmst.«

»Ich habe sogar das Vergnügen gehabt, nicht allein reisen zu müssen.«

»Warum rittest Du nicht sofort mit ihm anstatt mit seiner Begleitung?«

»Weil ein Kreissecretair bei seiner Besoldung sich keine solchen Rennpferde kaufen kann, wie dieser Steinbach besitzt.«

»So ist er reich?«

»Es scheint so.«

»Ist er auch so ein Kerl wie die Drei, welche vor ihm hier angekommen sind?«

»Ich habe an ihm eine wirklich prachtvolle, gebieterische Erscheinung bewundert. Er ist mir vorgekommen wie ein Mann, mit dem nicht zu spaßen ist.«

»Ah! Also doch auch!«

»Was? Ein rücksichtsloser Mensch ist er auf keinen Fall. Er hat mich mit aller Würde und Freundlichkeit behandelt.«

»So! Und jetzt ist er bei dem Tungusenfürsten und hat natürlich Alles erfahren, was hier geschehen ist?«

»Vermuthlich, obgleich er gegen mich kein Wort davon erwähnt hat.«

»Nun, so werden wir morgen jedenfalls Gelegenheit haben, uns ein Urtheil über ihn zu fällen. Gegen Dich ist er natürlich höflich gewesen, weil er Dich um eine Gefälligkeit bitten mußte. Ich vermuthe sehr, daß er morgen ganz andere Seiten anschlagen wird.«

»So schlage ich ganz denselben Ton an wie er. Und was diese drei Menschen betrifft, welche hier in einer so gradezu unbegreiflichen Weise aufgetreten sind, so sollen sie es nur unterlassen, dasselbe an mir zu versuchen.«

»Was würdest Du thun?«

»Ich würde sie festnehmen und auspeitschen lassen; ganz so, wie sie es verdienen.«

»Hm! Schau sie Dir nur erst an!«

»Das ist nicht nöthig. Ich kenne meine Pflicht und werde sie gegen einen Jeden erfüllen, er mag aussehen, wie er nur immer wolle. Aber horch, da höre ich Pferde. Wer mag kommen? Vielleicht ein Courier.«

Er trat an das Fenster und blickte hinab. Dann meldete er:

»Es sind mehrere Reiter. Sie bleiben hier halten. Soll ich fragen, was sie wollen?«

»Ja, frage sie!«

Nun erfolgte das bereits erwähnte Gespräch durch das Fenster. Sodann nahm der Kreissecretair ein Licht und ging hinab, um die Thür zu öffnen.

Als während dieser kurzen Zeit die andern Drei allein waren, sagte der Kreishauptmann:

»Der hat gut Reden. Er weiß nicht Alles.«

»Er wird es aber erfahren. Was thun wir dann?« fragte sein Sohn, der Rittmeister.

»Wir müssen dafür sorgen, daß er es nicht erfährt. Diese drei Kerls müssen verschwinden. Laßt nur den Morgen herankommen, dann werden wir handeln.«

»Und was mag dieser Steinbach wollen?«

»Quartier natürlich.«

»Giebst Du es ihm?«

»Ich muß.«

»Verdammt!«

»Ja, mir ist es ebenso unangenehm; aber es läßt sich nichts dagegen thun. Wehe ihm aber, wenn er etwa glaubt, ebenso rücksichtslos sein zu können wie seine drei Leute. Dann zeige ich ihm die Zähne!«

»Und ich ihm meinen Degen. Es ist gerathen, sich überhaupt gleich vom ersten Augenblicke an gegen ihn so zu benehmen, daß er Respect bekommt.«

»Richtig! Thun wir das!«

»Wir bleiben sitzen. Wir stehen gar nicht auf, wenn er eintritt. Er mag die Suppe ausessen, welche ihm seine drei Kerls eingebrockt haben. Still; er kommt! Sapperment! Das klingt nicht wie nur Einer. Das klingt grad so, als ob eine ganze Schwadron angestiegen käme.«

Ja, es war freilich nicht Steinbach allein. Auch der Kreissekretair hatte sich gewundert, als er anstatt einer volle sieben Personen vor der Thür stehen sah, als er öffnete, darunter sogar dreie weiblichen Geschlechtes.

»Hoffentlich wollen doch nicht diese alle herein?« fragte er erstaunt.

»Alle,« antwortete Steinbach, welcher voran stand und vorsichtig den Fuß auf die Schwelle setzte, damit die Thür nicht zugemacht werden könne.

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich habe nur die Erlaubniß für Dich allein erhalten.«

»Und ich kam nur in der Absicht, mit allen meinen Begleitern hier einzutreten.«

»Diese Absicht geht mich nichts an!«

»Und mich die Erlaubniß nicht, welche Du erhalten hast.«

»So bleibst auch Du draußen!«

Er wollte die Thür schließen, was jedoch nicht ging, weil Steinbach mit dem Fuße dazwischen stand.

»Geh weg!« gebot der Beamte.

»Ich weiche nicht.«

»So zerquetsche ich Dir den Fuß. Oder willst Du Dir den Eingang mit Gewalt erzwingen?«

»Unter Umständen, ja.«

»Also Haus- oder gar Landfriedensbruch!«

»Nenne es, wie Du willst!«

»Weißt Du, was darauf folgt?«

»Ja, nichts.«

»Oho! Du würdest sofort erfahren – – –«

»Unsinn!« rief da der dicke Sam. »Wir wollen von Dir gar nichts erfahren, sondern vielmehr Du sollst von uns hören. Meinst Du etwa, wir hätten große Lust, hier unter der Thür mit Dir einige Dutzend Strümpfe zu stricken? Dazu giebt es keine Zeit. Mach Platz!«

»Nicht einen Schritt! Wer will es wagen, hier einzudringen?«

Er rief diese Frage in drohendem Tone aus und stellte sich mitten in die Thüröffnung, damit Niemand eintreten könne.

»Ich,« antwortete Sam. »Geh zur Seite!«

»Nur über mich hinweg geht der Weg in das Haus.«

»Unsinn! Ueber Dich hinweg! Das fällt uns gar nicht ein. Wir machen uns schon auf andere Weise Platz. Gieb also Raum, liebes Brüderchen!«

»Nein!«

»Nun, so machen wir uns welchen. Komm, hopp Dich! Da, hier stehst Du! Nun schau zu, wie hübsch wir hinein gehen.«

Der Dicke hatte den Kreissecretair bei den Hüften hüben und drüben erfaßt, hoch empor gehoben, sich dann schnell umgedreht und ihn sodann außen vor dem Gebäude niedergelassen. Dort stand nun der Beamte und sah allerdings, daß die sieben Personen nunmehr ungehindert in das Haus traten.

»Donnerwetter!« fluchte er ergrimmt. »Das war der Dicke! Also so treibt er es! Jetzt kann ich fast begreifen, daß es ihm gelingt, die Leute einzuschüchtern. Aber in mir soll er sich im höchsten Grade geirrt haben. Ich arretire die ganze Gesellschaft, sperre sie ein und lasse sie am Morgen auspeitschen.«

Gesagt, gethan! Er rannte über den Platz hinüber nach dem Gebäude, welches als Kaserne diente. Im Wachtzimmer waren die Leute munter. Er ließ schnell noch Mehrere wecken, welche sich schleunigst bewaffnen mußten, und noch waren nicht zwei Minuten vergangen, seit Sam sich an ihm vergriffen hatte, als er auch bereits mit zehn Kosaken die Treppe emporstieg, um die Arretur auszuführen.

Der wackere Sam war, den Anderen voran, in das Wohnzimmer des Kreishauptmannes eingetreten. Steinbach hatte den Letzten gemacht, innerlich höchst belustigt über das resolute Vorgehen des dicken Deutschen.

Als diese sieben Personen eintraten, wollte der Kreishauptmann vor Schreck oder wohl auch vor Zorn aufspringen. Er besann sich aber noch rechtzeitig, daß er ja mit seinem Sohne übereingekommen sei, sitzen zu bleiben. Darum behielt er seinen Platz, machte aber die grimmigste Miene, die ihm möglich war.

»Was wollt Ihr?« fragte er.

»Dich besuchen,« antwortete Sam mit der größten Freundlichkeit.

»Das werde ich mir verbitten!«

»O nein. Du wirst berücksichtigen, daß ich Dir hier diesen Herrn vorzustellen habe.«

Er deutete dabei auf Steinbach.

»Wie heißt der Mann?«

»Sein Name ist Steinbach.«

»Ach so! Was will er von mir?«

Steinbach trat vor. Er hatte seine Mütze nicht abgenommen, sondern auf dem Kopf behalten.

»Was ich von Dir will,« sagte er langsam und mit schwerer Betonung. »Zunächst will ich, daß Du höflichst aufstehest, wenn Du von Leuten besucht wirst.«

»Ob ich daß thue, das kommt ganz auf meinen Gefallen an!« antwortete der Kreishauptmann, indem er das eine Bein gemächlich über das andere legte.

»Und auf die Personen, welche zu Dir kommen. Nicht?«

»Allerdings.«

»Nur wohlan! Ich gehöre zu den Personen, welche gewöhnt sind, höflich empfangen zu werden, folglich wirst Du Dich also erheben.«

»Oho!«

»Sofort!«

»Hast Du etwa die Mütze abgenommen?«

»Vor einem Menschen, wie Du bist, thue ich das freilich nicht. Du aber wirst meinem Befehle augenblicklich nachkommen!«

»Befehl? Mensch, was fällt Dir ein!«

Da trat Steinbach näher an ihn heran, blitzte ihn aus förmlich sprühenden Augen an und gebot:

»Auf!«

Es war nur dieses eine Wort, welches donnernd erklang, aber jetzt konnte der Beamte nicht widerstehen. Er fuhr vom Stuhle empor, als ob er durch einen Flaschenzug aufgerissen worden sei.

»Kreuzdonnerwetter!« knirschte sein Sohn, indem er Steinbach mit wüthigen Blicken musterte.

Dieser aber wendete sich ihm zu und fragte:

»Und wer ist der Laffe, welcher hier noch sitzen bleibt?«

»Laffe?« schrie der Rittmeister. »Das sollst Du mir entgelten. Ich bin Offizier, ich bin der Sohn des Kreishauptmannes, Rittmeister im Dienste des Czaren und Militaircommandant von Platowa.«

»So stehe auf!«

Diese drei Worte waren in einem Tone gesprochen, wie der Rittmeister ihn noch nie gehört hatte. Ohne es eigentlich zu wollen, fuhr er ebenso schnell vom Stuhle auf wie sein Vater.

Da ertönten draußen Schritte. Man hörte Gewehrkolben auf den Boden stoßen, und dann wurde die Thür geöffnet. Der Kreissecretair trat ein.

Er warf einen zornigen Blick in der Stube umher, trat auf Sam zu, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte:

»Mann, Du bist arretirt!«

»Von wem?« fragte der Dicke.

»Von mir!«

Sam machte das eine Auge zu und visirte ihn mit dem anderen vom Kopfe bis zu den Füßen herab, dann brach er in ein lautes, schallendes Gelächter aus.

»Mensch, was lachst Du!« rief der Kreissecretair. »Bist Du verrückt!«

Sam aber drehte sich zu den beiden langen Jägern um und fragte lachend:

»Tim, arretirt, hast Du es gehört?«

»
Well!« lachte der Gefragte mit.

»Und Jim, wie kommt Dir das vor?«

»Wundervoll,« antwortete Jim, indem er in das Lachen der beiden Andern aus voller Kehle einstimmte.

»Und zwar von Dem da!« rief Sam, mit dem Finger auf den Secretair zeigend.

»Von Dem da!« secundirte Jim.

»Von Dem da!« stimmte Tim ein.

So standen alle Drei, mit den Zeigefingern auf den Kreissecretair deutend und dabei so lachend, daß der dicke Fürst auch mit angesteckt wurde. In Folge dessen begann seine noch dickere Kalyna auch, zu lachen, daß ihr der Bauch noch mehr wackelte als ihm der seinige. Da konnte Karparla sich nicht zurückhalten; sie lachte mit, und ihre Lustigkeit ging nun auch auf die neben ihr stehende Semawa über, welche sich vergeblich bemühte, ernsthaft zu bleiben.

Draußen vor der offenen Thür standen die zehn Kosaken, die Gewehre bei Fuße. Sie konnten die ganze Stube übersehen. Sie erblickten den ihnen so wohl bekannten Tungusenfürsten und dessen Gemahlin, welche Beide sehr gut bei ihnen angeschrieben waren. Diese zwei dicken Personen lachten, daß ihnen die Thränen in großen Tropfen über die Wangen liefen. Der dicke Sam bildete ebenso wie sie ein urkomisches Bild, seine beiden Kameraden nicht minder. Kosaken sind äußerst gemüthliche Leute. Erst begann Einer von ihnen zu lachen, der Zweite folgte, sodann der Dritte, der Vierte, Fünfte und Sechste, und endlich brüllten alle Zehn aus vollen Hälsen.

So gab es eine Lachfuge, wie sie hier noch nie gehört worden war. Wenn Einer einmal alle Kraft zusammen nahm, um aufzuhören, so wurde er im nächsten Augenblicke wieder in diese Epidemie hineingerissen. Der Bauch that Jedem und Jeder weh, und endlich schrie der dicke Fürst in heller Angst aber immer dabei laut lachend:

»Um Gotteswillen, hört auf, hört auf. Ich kann nicht mehr! Ich zerplatze! Mein Bauch, mein Leib, mein Bauch!«

Er hielt sich den Bauch mit beiden Händen, machte ein beispiellos jammervolles Gesicht und lachte doch immer weiter.

Seine Gemahlin lachte, daß es förmlich pfiff. Sie blickte sich in ihrer Herzensangst nach einem Stuhle um, auf den sie sich setzen könne, denn sie war dem Krampfe nahe. Dort stand Einer, vier Schritte weit hinter ihr. Sie wollte hin; aber das verteufelte Lachen raubte ihr die Kraft. Zwei Schritte konnte sie noch fertig bringen; dann aber war es aus. Sie setzte sich mit einen kräftigen Plumps auf den Boden nieder, so dick und rund wie sie war; aber aus dem Lachen kam sie doch nicht heraus.

»Hilfe, Hilfe! Ich ersticke, ich zerplatze!« schrie sie, und doch lachte und lachte sie dabei immer weiter.

Steinbach wendete eine fast übermenschliche Selbstbeherrschungskraft an, um nicht mitzulachen. Es gab ihm einige derbe Stöße von innen heraus, aber es gelang ihm doch noch, möglichst ernst zu bleiben.

Der Kreishauptmann, sein Sohn und seine Frau standen da, als ob sie der Donner gerührt habe. Sie machten wahre Schafsgesichter.

Der Kreissecretair wußte gar nicht, wie ihm geschah. Es war ihm wie Lachen und Weinen, wie Fluchen und Beten, wie Zanken und Toben zu gleicher Zeit. Seine Mienen spielten in den Reflexen aller möglichen Gemüthsbewegungen. Er wurde bald blaß bald roth und wartete auf eine Lachpause, um dann fürchterlich loszudonnern. Aber diese Pause ließ außerordentlich lang auf sich warten.

Nach und nach, als der lustigen Gesellschaft die Kräfte vergingen und der Athem zu mangeln begann, wurde das Lachen leiser. Zuletzt kamen nur noch einzelne Salven und Stöße zum Vorscheine, und endlich war die allgemeine Abspannung so groß, daß sich nur hier und da noch ein tiefer, tiefer aber schwächlicher Seufzer hören ließ.

»Gott sei Dank!« pustete der Fürst. »Ich schwitze wie ein Braten! So Etwas ist mir noch nicht passirt. Wie ist Dir zu Muthe, meine gute Kalyna?«

»Ich – ich – ich – bin todt!« stöhnte sie als Antwort.

»Wärt Ihr doch Alle daran gestorben!« zürnte jetzt der Kreissecretair. »Ich arretire diesen Menschen hier und erhalte als Antwort ein Gelächter, welches die gröbste Beleidigung der Staatsgewalt enthält. Ich werde Euch dafür nach Noten fuchteln lassen.«

»Fuchteln! Fuchteln! Habt Ihrs gehört?« fragte Sam, indem er sich Mühe gab, nicht abermals in ein lautes Gelächter auszubrechen.

»Ja, gefuchtelt wirst Du, geknutet!« drohte der Secretair. »Und je lustiger Dir das jetzt vorkommt, desto mehr Hiebe wirst Du erhalten. Du hast Dich an mir vergriffen. Nehmt ihn hinaus zu Euch!«

*

81

Dieser Befehl war an die Kosaken gerichtet. Keiner derselben bewegte sich. Sam war ja Derjenige, welcher ihren Kameraden, Nummer Zehn, gegen den Rittmeister in Schutz genommen hatte. Jetzt sollten sie ihn arretiren? Hatte überhaupt der Kreissecretair ihnen Etwas zu befehlen?«

»Vorwärts!« schrie er sie an.

Sie bewegten dennoch kein Glied. Da aber commandirte ihr directer Vorgesetzter, der Rittmeister:

»Marsch, herein! Nehmt den Kerl fest!«

Nun erst trat der Unteroffizier, welcher sie anführte, zur Thür herein, und die Andern schickten sich an, ihm zu folgen.

»Halt!« rief da Sam, indem er mit dem Kolben seines Gewehres kräftig auf den Fußboden stampfte. »Wer mich anrührt, dem schieße ich eine Kugel in den Kopf! Nun versucht es, mich zu arretiren!«

Die Leute blieben augenblicklich wieder stehen.

»Vorwärts! Beim Teufel, vorwärts, Ihr Hallunken!« schrie der Rittmeister.

Aber vergebens. Er griff zur Knute, um sie mit Hieben anzuspornen. Da aber warnte Sam:

»Höre, Bürschchen, Du hast schon zweimal Deine eigene Knute geschmeckt. Willst Du zum dritten Male Hiebe haben?«

Da hielt es der »Commandant von Platowa« für das Beste, schleunigst zurückzutreten.

»Memmen!« rief der Kreissecretair den Kosaken zu. »Auch Ihr sollt bestraft werden. Darauf macht Euch gefaßt. Uebrigens gilt die Arretur nicht nur einer Person, sondern Alle, welche hier ohne Erlaubniß eindrangen, sind meine Gefangenen. Sie haben dem Militair sofort in vollstem Gehorsam nach dem Gefängniß zu folgen!«

Er hatte das in würdevollem, gebieterischem Tone gesprochen.

»Wir Alle also?« sagte Sam in höchst freundlichem Tone. »Weißt Du auch, Brüderchen, was Du thust?«

»Ich weiß es ganz genau.«

»Schön! Da laß uns abführen!«

»Sogleich. Vorwärts!«

Dieser Befehl galt den Kosaken, welche freilich keine Miene machten, ihn zu erfüllen.

»Siehst Du, Brüderchen,« lachte Sam, »daß es nicht so leicht ist, Leute zu arretiren, welche gekommen sind, Euch selbst zu arretiren!«

»Uns? Uns?«

»Ja.«

»Bist Du verrückt!«

»O nein, aber ein lustiger Kauz bin ich allerdings, wenn ich mit so vortrefflichen Männern zusammenkomme, wie Du bist.«

»Mensch, ich lasse Dich peitschen, bis Dir das Blut am Leibe niederläuft!«

»Thue das nicht, denn ich bin am ganzen Leibe so empfindlich, daß ich sehr leicht ungemüthlich werden könnte. Uebrigens wird mir da Herr Steinbach bestätigen, daß wir allerdings gekommen sind, eine Arretur vorzunehmen.« Als jetzt der Secretair Steinbach fragend anblickte, trat dieser, welcher bis jetzt hinter den Anderen gestanden hatte, hervor. Er sagte in sehr ernstem Tone:

»Wir haben jetzt eine Scene erlebt, welche man unerklärlich nennen könnte, wenn Einem nicht die hierbei giltigen Verhältnisse bekannt wären. Mein guter Sam hatte allerdings einiges Recht, zu lachen, da wir in Wirklichkeit gekommen sind, eine Arretur vorzunehmen.«

»So sag, wen Du arretiren willst!« forderte der Kreissecretair auf.

Es war ein halb ironischer und halb bedenklicher Blick, welchen er dabei auf Steinbach warf. Dieser antwortete, auf die drei Betreffenden zeigend:

»Den Kreishauptmann, seinen Sohn und seine Frau.«

»Was! Die ganze Familie?«

»Ja.«

»Weshalb?«

»Wegen verschiedener Verbrechen und Vergehen.«

»Wer bist Du denn, daß Du davon redest, einen Kreishauptmann und einen Offizier des Kaisers arretiren zu wollen? Bist Du ein Polizist oder Justizbeamter?«

»Nein, aber das bin ich.«

Er zog schnell den Ueberzug von der Mütze.

Der Kreissecretair wich schnell bestürzt einen Schritt zurück, denn das Lammfell war mit goldig glänzenden, militairischen Insignien geschmückt.

Als aber Steinbach gleich darauf auch den Ueberrock abwarf, so war keiner der Anwesenden mächtig, einen Ruf des Schreckes, der Angst oder der freudigen Ueberraschung zu unterdrücken, denn er stand da in der brillanten Uniform eines russischen Generals der Cavallerie, die breite, mächtige Brust mit zahlreichen, funkelnden Orden geschmückt.

»Alle Teufel!« schrie der Rittmeister und retirirte in den äußersten Winkel der Stube.

Die Kosaken unter der Thür und draußen vor derselben ließen sich demüthig auf ihre Kniee nieder.

Der Kreishauptmann konnte sich nicht aufrecht erhalten; er sank auf den Stuhl nieder, ebenso seine Frau. Beide ließen ein angstvolles Stöhnen hören, die Frau allerdings nicht im Bewußtsein einer eigenen Schuld, sondern in der Vorahnung, daß ihr Mann und Sohn nicht unschuldig seien.

»Sapperment!« stieß Sam hervor. »Und das wollte ein Assessor sein!«

Sein Auge suchte Semawa. Er fand bei ihr nicht die mindeste Beachtung, denn ihre Augen waren förmlich strahlend auf die glänzende Erscheinung des Geliebten gerichtet.

Der Kreissecretair stand da, als ob ihn der Schlag getroffen habe. Er starrte Steinbach an, als ob dieser eine ganz überirdische Erscheinung sei. Doch war er ein zu guter Beamter, als daß es ihm nicht rasch gelungen wäre, seine Fassung wieder zu erlangen.

»Herr, verzeihe Deinem demüthigen Diener! Das habe ich nicht gewußt!« Indem er diese Bitte und Entschuldigung aussprach, kreuzte er die Arme über die Brust und bückte sich so tief, daß sein Kopf fast den Boden berührte.

»Stühle für uns!« befahl Steinbach.

Sofort riß der Secretair alle vorhandenen Stühle herbei, und als dieselben nicht reichten, herrschte er die Kosaken an:

»Ihr Hunde, habt Ihr es nicht gehört! Lauft in die anderen Zimmer, und holt Sessel herbei! Schnell, schnell, sonst helfe ich nach!«

Sie sprangen von den Knieen auf und rannten davon. Nach einigen Secunden waren sämmtliche Stühle des Hauses herbeigeschleppt.

Steinbach setzte sich nieder; die Seinen nahmen hinter ihm Platz. Sein Auge ruhte ernst und schwer auf dem Kreishauptmann und dessen Sohne. Sie standen da mit tiefgebeugten Köpfen, als ob das Weltgericht über sie hereinbrechen wolle.

»Kreishauptmann!« sagte er endlich. »Weißt Du, weshalb der große Zaar einen seiner Generale zu Dir gesendet hat?«

»Nein,« hauchte der Gefragte.

»Du hast keine Ahnung davon?«

»Nein.«

»Ich will gnädig sein und Dich darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß Deine Strafe mildern würde. Willst Du die Wahrheit sagen?«

»Ja.«

»So gestehe!«

»Ich will die Wahrheit sagen, aber gestehen kann ich nichts, denn ich bin mir keines Unrechtes bewußt.«

Er gab sich Mühe, bei diesen Worten stolz den Kopf zu erheben und das Aussehen eines unschuldig gekränkten Mannes zu zeigen.

»Rittmeister,« wendete Steinbach sich jetzt an den Offizier, »willst auch Du nur die reine Wahrheit sagen?«

»Ja, Excellenz,« antwortete dieser.

»Hast Du Etwas zu gestehen?«

»Nein.«

Auch er gab sich Mühe, dasselbe Gesicht wie sein Vater zu zeigen.

»Nun wohl,« fuhr Steinbach fort. »Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Euch zunächst die Möglichkeit einer milden Beurtheilung Eurer Thaten zu öffnen. Nun Ihr Euch jedoch derselben unwürdig zeigt, mag die ganze Strenge des Gesetzes walten.«

»Excellenz,« fiel der Kreishauptmann ein, »ich weiß nichts, was ich gethan – – –«

»Schweig!« donnerte der General ihn an. »Welcher von Euch von jetzt an ein Wort spricht, ohne gefragt worden zu sein, erhält fünfzig Knutenhiebe! Merkt Euch das!«

Und sich an die Frau wendend, fragte er:

»Weißt Du vielleicht, von welchem Verbrechen ich mit den Deinen reden will?«

Sie zitterte am ganzen Leibe und vermochte nur kaum hörbar zu antworten.

»Ich ahne von nichts, Herr.«

»Ich möchte gern glauben, daß wenigstens Du Dich zu rechtfertigen vermögest; aber ich meine, daß Du dennoch nicht frei von aller Schuld sein wirst. Ich werde Dir nachher noch eine Frage vorlegen. Jetzt aber vor allen Dingen zu Deinem Manne, der mir kurz und bündig antworten mag.«

Der Kreishauptmann wischte sich den Angstschweiß von der Stirn, als er nun gefragt wurde:

»Wie heißest Du?«

»Wassilei Rapnin. Excellenz.«

»Ist dies Dein wirklicher Name?«

»Ja.«

»Du hast niemals anders geheißen?«

»Nie.«

»Ist Dir ein Graf bekannt, Namens Alexin Polikeff?«

»Nein – – – doch, ja,« fügte er schnell hinzu, nachdem er sich besonnen hatte, daß er ihn ja kennen müsse.

»Seit wann kennst Du ihn?«

»Seit einigen Tagen.«

»Früher hast Du ihn nicht gesehen?«

»Niemals.«

»Auch keine Geschäfte mit ihm gemacht?«

»Nein.«

»Ist Dir nicht vielleicht der Name eines Verbrechers bekannt, welcher Saltikoff hieß?«

»Nein, Excellenz.«

Der Kreishauptmann war selbst dieser Verbrecher Saltikoff. Die Angst trieb ihm das Blut nach dem Kopfe, so daß es ihm vor den Augen funkelte und vor den Ohren summte.

»Du hast niemals Etwas von ihm gehört?«

»Nein.«

»Schön! Aber vielleicht hast Du einmal von einer indischen Provinz gehört, welche Nubrida heißt?«

Der Gefragte antwortete mit erzwungen treuherzigem Tone:

»Ich glaube, so ein Land soll es geben.«

»Ja, es existirt. Hast Du Näheres davon gehört?«

»Nein.«

»Auch nicht den Namen seines letzten Fürsten?«

»Auch den nicht, Excellenz.«

»Hm! Banda ist doch ein sehr bekannter Name!«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Wohl auch nicht die Namen Nena und Semawa?«

»Auch nicht.«

»Ich bemerke, daß Du in allen Dingen, in denen ich Dich für sehr unterrichtet hielt, sehr unwissend bist. Ich werde nun einmal versuchen, ob ich an Deinem Sohne dieselbe eigenthümliche Beobachtung machen werde.«

Er blickte den Rittmeister scharf an und sagte zu diesem:

»Alle die Fragen, welche ich bisher Deinem Vater vorlegte, müßte ich eigentlich auch Dir zur Beantwortung geben. Da mich das aber zu lange mit Dir beschäftigte, wozu ich keineswegs Lust habe, so frage ich Dich lieber ganz einfach: Wirst Du mir dieselben Antworten geben wie Dein Vater, oder hast Du, der Wahrheit zur Ehre, Etwas an denselben abzuändern?«

Der Rittmeister antwortete schnell und ohne sich zu besinnen:

»Mein Vater hat die reine Wahrheit gesagt. Ich kann Etwas weder hinzufügen, noch davonnehmen.«

»Dabei verharrest Du?«

»Ja.«

»Weißt Du, wo der Graf sich jetzt befindet?«

»Nein.«

»Du kennst das Ziel seiner jetzigen Reise nicht?«

»Nein. Er hat nichts gesagt. Ich habe überhaupt wenig mit ihm zu sprechen gehabt. Mein Vater war es ja, an den er sich wenden mußte.«

»Das ist richtig. Vielleicht bist Du grad so unschuldig wie Dein Vater. Und Deine Mutter – – – Frau Kreishauptmann, was haben Sie zu den Antworten Ihres Mannes und Sohnes zu sagen?«

»Nichts,« antwortete sie gepreßt.

»Es war wirklich Wahrheit?«

»Ja«

»Wie ist Ihr Name?«

»Natalia Rapnin.«

»Sie haben nie anders geheißen?«

»O ja, als Mädchen.«

»Ich meine als Frau. Gab es da nicht eine Zeit, in welcher Sie anders hießen?«

»Nein.«

»Besinnen Sie sich! Bis zu diesem Augenblicke halte ich Sie nicht für eine wissentlich Mitschuldige der Ihrigen. Sobald Sie mir aber mit Absicht und Bewußtsein die Unwahrheit sagen, muß ich Sie ebenso streng beurtheilen, wie den Mann und den Sohn.«

Diese Worte machten einen um so tieferen Eindruck, als er die Frau nicht mehr mit dem gebräuchlichen Du, sondern mit dem harten, drückenden Sie anredete. Sie war todtesbleich.

»Sagen Sie aufrichtig,« fuhr Steinbach fort, »haben Sie nicht einst auch Natalia Saltikoff geheißen?«

Sie senkte den Kopf, so tief, daß man ihr Gesicht nicht mehr sehen konnte, aber sie antwortete nicht.

»Nun, antworten Sie!«

Da brach sie in lautes Weinen aus und rief in verzweiflungvollem Tone:

»Ich kann nicht antworten, ich kann nicht!«

Steinbach fühlte Mitleiden mit ihr. Er begnügte sich mit der Bemerkung:

»Ich glaube es Dir, daß Dir die Antwort schwer fällt, sehr schwer, und darum will ich sie Dir erlassen. Du sollst nicht gezwungen sein, als Zeugin gegen Dein eigen Fleisch und Blut aufzutreten.«

»Sie kann nichts gegen mich sagen, gar nichts, kein Wort!« rief der Rittmeister.

»Schweig, Mensch!« donnerte Steinbach ihn an. »Wenn Du noch ein einziges Wort sagst, ohne gefragt zu werden, so bekommst Du die Knute, grad so, wie ich es Deinem Vater auch gedroht habe.«

Der Rittmeister hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Jetzt wendete Steinbach sich in erklärendem Tone an den Kreissecretair:

»Du hast natürlich keine Ahnung, um was es sich handelt?«

»Nicht die mindeste.«

»So muß ich Dir eine kurze Erklärung geben. Der erwähnte Graf Polikeff wollte Banda, den Maharadscha von Nubrida verderben, weshalb, das ist jetzt gleichgiltig. Er lockte ihn auf einer Wallfahrt auf russisches Gebiet. Damals wurde ein großer Verbrecher, Namens Saltikoff, verfolgt. Durch List und falsche Zeugen brachte der Graf es dahin, daß der Maharadscha für jenen Saltikoff gehalten und in kurzer, summarischer Weise zu ewiger Verbannung in die Urwälder Sibiriens verurtheilt wurde. Der echte Saltikoff aber erhielt von dem Grafen Legitimationspapiere auf den Namen Rapnin und wurde dafür, daß er seinen berüchtigten Namen und die ihm geltende Strafe dem unschuldigen Herrscher von Nubrida überlassen hatte, auf die Räder der Beamtenlaufbahn gesetzt, auf welcher er jetzt bei der Station eines Kreishauptmannes angekommen ist. Kannst Du Dir vielleicht denken, wo dieser Herr Kreishauptmann zu suchen sein wird?«

Der Gefragte hatte der Verhandlung mit einer Miene und einer Aufmerksamkeit zugehört, in denen sich nicht nur sein größtes Interesse für diese Sache, sondern eine ebenso große Bestürzung kund gaben. Er antwortete mit stockender Stimme:

»Excellenz, ich bin vor ungeheurer Ueberraschung fast außer Stande, aus Dem, was ich bisher hörte, einen Schluß zu ziehen. Es kommt mir fast wie ein Frevel vor, meinen nächsten Vorgesetzten einer so ungeheuren Schuld zu zeihen, und doch ist es mir unmöglich, anders zu denken, als daß er es ist, von welchem Du gesprochen hast.«

»Natürlich ist er es.«

»Aber keiner der beiden Schuldigen hat ein Geständniß ablegen wollen. Beide sagen, daß sie von dieser Angelegenheit nichts wissen. Sie leugnen, den Maharadscha zu kennen, und behaupten, den Grafen zum ersten Male gesehen zu haben. Ihre Aussage giebt also keine genügende Unterlage zu ihrer Verurtheilung, wie Du zuzugeben die Einsicht und die Güte haben wirst.«

»Natürlich versteht es sich ganz von selbst, daß es solchen Menschen nicht einfallen kann, sofort ein offenes Geständniß abzulegen.«

»Aber ohne dieses Geständniß ist es in diesem Falle unmöglich, sie zu verurtheilen.«

Er sagte das in so bestimmtem Tone, daß Steinbach ironisch lächelnd fragte:

»Meinst Du wirklich?«

»Ja. Ich bin Jurist, und diese Angelegenheit ist eine rein criminelle. Du wirst mir verzeihen, wenn ich offen meine Meinung ausspreche, daß ein Offizier, selbst wenn er den allerhöchsten Rang bekleidet, in einer solchen Sache doch wohl nicht competent sein kann.«

»Und Du wirst mir zugeben, daß es schon oft Offiziere gegeben hat, welche auch eine juristische Vorbildung hatten. Auch ich bin Jurist, wohl ebenso gut wie Du, und so weiß ich, daß es nicht immer eines Geständnisses des Verbrechers bedarf. Vielleicht hast Du einmal von einer Art des Beweises gehört, welchen man den Indizienbeweis nennt?«

»Natürlich!«

»Nun, zu diesem können wir hier ja greifen, wenn diese beiden Männer es vorziehen, bei ihrem Leugnen zu bleiben.«

»Du hast bisher noch nicht gesagt, daß es hier solche Indizien giebt.«

»Bist Du etwa der Ansicht, daß der Jurist dem Verbrecher sofort den ganzen vorhandenen Beweisesapparat zu offenbaren hat?«

»Nein,« antwortete der Secretair verlegen, denn er bemerkte gar wohl, daß Steinbach ihm überlegen sei. »Du hast die Anklage ausgesprochen. Es entsteht nun die Frage, ob das genügend ist, gegen diese beiden Männer einzuschreiten.«

»Natürlich ist es genügend.«

»Ich kann diese Ansicht nicht zu der meinigen machen.«

»So!« meinte Steinbach in strengem Tone. »Wie es scheint, bemerkst Du gar nicht, wer und was ich bin!«

»Das weiß ich, Herr. Du willst, daß diese Zwei arretirt werden sollen?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von Dir natürlich.«

»Das ist es ja eben. Der Kreishauptmann ist mein Vorgesetzter, und der Rittmeister steht als Offizier ganz außerhalb meiner Machtsphäre. Du als General hast Gewalt über ihn. Wenn Du es mir befiehlst, so muß ich ihn gefangennehmen, aber des Kreishauptmannes könnte ich mich nur dann bemächtigen, wenn die Anklage wenn auch nicht den vollen Beweis, mir aber doch die persönliche Vermuthung bietet, daß er schuldig sei.«

»Ich sehe, wie sehr gewissenhaft Du bist, und freue mich darüber. Ich will Dir gestehen, daß ich die Absicht hatte, Dich zu prüfen. Du lässest Dich durch nichts verleiten, gegen Pflicht und Gewissen zu handeln, während die beiden Angeklagten sich durch fortgesetzte Gewissenslosigkeiten und Gewalthätigkeiten ausgezeichnet haben. Die hiesige Bevölkerung wird entzückt sein, einen so gerechten Kreishauptmann zu bekommen.«

»Wie? Mich etwa?«

Er machte ein höchst erstauntes Gesicht.

»Ja,« antwortete Steinbach.

»Das ist unmöglich. Selbst wenn ich gezwungen wäre, den Kreishauptmann zu arretiren und ihn also einstweilen seines Amtes zu entheben, könnte ich die Verwaltung desselben doch nur provisorisch übernehmen.«

»Ich übergebe sie Dir definitiv.«

»Herr – – –!«

»Ja, Du bist von dem gegenwärtigen Augenblicke an Kreishauptmann von Platowa.«

»Ich kann das nicht annehmen. Nur ein directer Vorgesetzter ist berechtigt, mir eine solche Verfügung mitzutheilen.«

»Muß es wirklich ein directer sein?« fragte Steinbach lächelnd.

»Ja.«

»Nun, dann muß ich allerdings meine Mittheilung wieder zurücknehmen, denn derjenige Beamte, welcher mich beauftragt hat. Dir dieses Amt zu übergeben, ist der indirecteste und entfernteste, den es nur geben kann.«

»Wer ist es?«

»Dieser hier.«

Er zog ein Papier aus der Tasche, faltete es auseinander und reichte es ihm hin. Der Secretair nahm es mit einer tiefen Verneigung in Empfang. Kaum aber hatte er einen Blick auf dasselbe geworfen, so drückte er es nach orientalischer Weise an sein Herz, verbeugte sich noch viel tiefer als vorher und sagte im Tone der größtmöglichsten Ehrerbietung:

»Mein Gott! Herr, das ist ja ein Ukas imennoj!«

Ein Ukas imennoj ist nämlich ein von dem russischen Kaiser höchst eigenhändig ausgestellter, von ihm selbst unterschriebener und besiegelter Befehl. Solche Ukasen sind eine hohe Seltenheit; sie gelangen nur in die Hände der hervorragendsten, wichtigsten und von der kaiserlichen Gunst getragenen Persönlichkeiten. Wer einen solchen Ukas imonnoj besitzt, ist ganz sicherlich ein sehr bevorzugter und bedeutender Mann, und darum mußte der Kreissecretair jetzt Steinbach unbedingt auch für einen solchen halten. Daher der Ton des Erstaunens oder vielmehr des Schreckes, in welchem er die letzten Worte ausrief.

»Lies ihn nur!« befahl Steinbach kurz.

Der Ukas war auf den Inhaber ausgestellt, ohne daß der Name desselben genannt wurde. Der Secretair konnte also aus demselben nicht erfahren, wer Steinbach eigentlich sei. Daß dieser aber nicht ein Privatmann sein könne, bewies zunächst seine Generalsuniform und sodann der Inhalt des Ukas, denn in demselben wurde gesagt, daß alle Befehle und Anordnungen Steinbach's, möchten sie lauten, wie sie nur wollten, gerade so zu befolgen seien, als ob sie von dem Zaren selbst ausgingen.

Der Kreissecretär trat zu ihm heran, beugte sein Knie, reichte ihm den Ukas hin und sagte:

»Excellenz, nimm meinen Respect in Gnaden an. Ich bin Dein gehorsamster Sclave und werde Alles thun, was Du mir befiehlst.«

Steinbach steckte das Papier wieder zu sich und antwortete:

»Das erwarte ich allerdings von Dir. Zunächst ernenne ich Dich zum Kreishauptmann von Platowa und werde dafür sorgen, daß die schriftliche Installirung Dir vom Gouverneur baldigst zugehe. Dein erstes Thun im neuen Amte soll die Arretirung dieser beiden Verbrecher sein.«

»Herr, wenn Du es wünschest, werde ich sie in Ketten legen lassen!«

Der Eifer, mit welchem der Mann diese Worte sprach, ließ erkennen, welchen großen Eindruck der Ukas auf ihn gemacht hatte.

»Ich muß allerdings die größte Vorsicht anrathen. Es giebt hier kein Gefängnißgebäude, welches die nöthige Sicherheit für solche Gefangenen bietet. Du wirst sie also gefesselt und unter gehöriger Bedeckung nach Irkutsk schaffen lassen. Das Begleitschreiben verfasse ich sofort und werde es Dir noch vor Anbruch des Morgens zustellen. Du haftest mir für die sichere Ablieferung der Gefangenen.«

»Excellenz, ich werde sie selbst hinschaffen.«

»Wenn Du glaubst, so lange hier abkommen zu können?«

»Ganz gewiß. Die laufenden Angelegenheiten können bis nach meiner Rückkehr warten.«

»Gut. Und noch Eins: Ich reise früh ab, um den Grafen Polikeff zu ergreifen. Sollte ich ihn verfehlen, so daß er vor mir hier wieder anlangt, so arretirst Du ihn sofort und transportirst ihn ebenfalls nach Irkutsk.

»Ich werde diesem Befehle auf das Allerstrengste nachkommen.«

»Aber nimm Dich in Acht mit ihm! Er ist ein gefährlicher und waghalsiger Mensch, der Alles daran setzen würde, Dir zu entkommen. Er wird seine ganze Schlauheit anwenden, diesen Zweck zu erreichen.«

»Und wenn er schlauer wäre, als ein Fuchs, mich soll er nicht überlisten.«

»Ich hoffe es. Was das Eigenthum dieser beiden Gefangenen betrifft, so vertraue ich es Deinen Händen an. Das über sie zu fällende Urtheil wird bald gesprochen werden, und dann wird auch bestimmt werden, was mit ihren Sachen geschieht. Und damit Du erkennst, daß ich nicht gegen unschuldige Leute so streng verfahre, will ich Dir die Beweise ihrer Schuld zeigen. Diese Menschen irren sich gewaltig, wenn sie denken, daß sie sich durch ihr Leugnen zu retten vermögen.«

Er gab Sam einen Wink und dieser zog nun den Schein hervor, welchen er dem Kreishauptmanne unten im Keller abgenommen hatte. Als der Secretär denselben gelesen hatte, sagte er erstaunt:

»Du siehst, wie die Sachen stehen. Ich übergebe Dir hiermit die Gefangenen. Thue Deine Pflicht!«

Er zog den Ueberrock wieder an, um sich zu entfernen. Da trat die Frau des Kreishauptmannes zu ihm, um für ihren Mann und Sohn zu bitten. Er hörte sie geduldig an und gab ihr den Bescheid:

»Ich will annehmen, daß Du von ihrem Verbrechen nichts gewußt hast, aber von der Aenderung Eures Namens hast Du gewußt. Das genügt eigentlich, um auch Dich mit anzuklagen. Dennoch will ich davon absehen, denn Du thust mir leid. Du sollst Deine Freiheit behalten und es mag auf Dich ankommen, ob Du hier in Platowa bleiben oder die Deinen nach Irkutsk begleiten willst. Frei werden sie aber niemals wieder werden.«

Diese letztere Bemerkung verfehlte ihre Wirkung auf die beiden Gefangenen nicht; aber sie war eine verschiedene. Der Kreishauptmann sank mit einen, dumpfen Weherufe in sich zusammen, sein Sohn aber wagte es, zornig zu rufen:

»Ich werde wieder frei sein, ja, ich werde mich gar nicht gefangen geben. Ich bin unschuldig. Und wenn Alle es bezweifeln, so giebt es doch ganz gewiß eine Person, welche für mich eintreten wird.«

»Wer sollte das sein?« fragte der Secretär.

»Hier, Karparla, meine Braut. Sie soll in Kurzem meine Frau werden, und mein Schwiegervater, welcher Fürst der Tungusen ist, wird nicht zugeben, daß ich wie ein Verbrecher behandelt werde. Karparla, ich verlange von Dir, daß Du mich gegen die Willkür vertheidigest, welcher ich unterliegen soll. Es ist Deine Pflicht.«

Er hatte sich bei diesen Worten direct an sie gewendet und war ihr mehrere Schritte näher getreten.

»Weiche von mir!« wehrte sie ihn ab. »Ich mag nichts von Dir wissen.«

»Du mußt! Ich fordere es!«

»Du hast kein Recht dazu! Ich habe Dich gehaßt und verabscheut, so lange ich Dich nur kenne. Es ist nie ein Wort davon, daß ich Dein Weib werden will, über meine Lippen gekommen. Und selbst wenn ich hätte gezwungen werden sollen, so hätte ich mich gewehrt. Von Dir auch nur angerührt zu werden, ist mir stets eine Pein gewesen. Was Dir geschieht, hast Du mehr als reichlich verdient. Ich habe nichts mit Dir zu schaffen.«

Sie hatte ganz anders gesprochen, als es sonst ihre Weise war. Ihre Augen hatten geblitzt und auf ihre Wangen war die dunkle Röthe des Zornes getreten. Es war, als ob ihre Züge ein ganz neues Gepräge bekommen hätten, als ob sie plötzlich eine ganz Andere geworden sei.

War bereits vorher von der characteristischen Gesichtsbildung der Tungusen bei ihr nichts zu bemerken gewesen, so trat jetzt dieser Umstand auf das Entschiedenste und Auffälligste hervor. Die schief geschlitzten Augen und hervortretenden Backenknochen der sibirischen Nationalitäten fehlten ihr ganz. Ihr Gesicht hatte vollständig europäischen Schnitt.

Das fiel jetzt Allen auf, besonders aber Steinbach, welcher ja gewöhnt war, stets auf Alles, selbst auf das Kleinste zu achten. Sein Blick glitt von ihr auf ihre Eltern; er ruhte still prüfend auf denselben und kehrte dann wieder zu dem schönen Mädchen zurück. Dann flog es hell über sein Gesicht, als ob er irgend einen Entschluß gefaßt habe; doch sagte er jetzt nichts.

Es gab überhaupt nichts mehr zu sagen. Die anwesenden Kosaken mußten sich ihrer beiden bisherigen Vorgesetzten bemächtigen und sie hinab in den Keller führen, um sie dort bis zum Aufbruche nach Irkutsk zu bewachen. Steinbach kehrte mit seinen Begleitern nach dem Lager vor der Stadt zurück.

Unterwegs waren sie Alle still; dennoch beschäftigten sich Alle mit nur dem einen Gedanken, daß Steinbach ein so hoch stehender Officier sei. Er hatte also doch endlich einmal sein Incognito ein Wenig gelüftet.

Als er vom Pferde steigen wollte, warf Sam sich schnell aus dem Sattel, hielt ihm demüthig den Steigbügel und sagte deutsch:

»Excellenz, der Teufel soll mich holen, wenn ich geahnt habe, daß ein deutscher Assessor ein russischer General der Cavallerie sein kann. Mir steht der Verstand still. Geben Sie mir eine tüchtige Backpfeife, daß er wieder in Bewegung kommt.«

»Still!« lachte Steinbach, indem er abstieg. »Laß die Excellenz bei Seite! Ich bleibe Steinbach nach wie vor.«

»Das geht nicht an. Jedem das Seine!«

»Pah!«

»Freilich! Einen General kann ich doch nicht so glatt weg Steinbach nennen. Das würde mir meine angeborene Höflichkeit keineswegs erlauben.«

»Weißt Du denn so genau, daß ich wirklich ein General bin?«

»Natürlich! Ihre Uniform sagt es ja.«

»Die kann ich ja angezogen haben, ohne daß ich ein Recht habe, sie zu tragen. Ich habe nur diesen Russen imponiren wollen.«

»Hm! Sie sind Derjenige, der sich so mit fremden Federn schmücken würde! Nein, hinter diesem Steinbach steckt etwas ganz Anderes.«

»So laß es einstweilen stecken, bis es später freiwillig und ganz von selbst zum Vorschein kommt.«

»Das will ich mir eher gefallen lassen. Freilich ist dabei ein Umstand, über den ich mich eigentlich riesig ärgern könnte, wenn ich überhaupt so ein ärgerliches Temperament hätte.«

»Welcher Umstand ist das?«

»Daß hinter dem Namen Sam Barth nicht auch etwas Vornehmes steckt. Ich kann mich begucken von welcher Seite ich will und noch so hoch an meinem Stammbaume in die Höhe klettern, so bleibe ich, der ich bin und der ich war, nämlich der Knopfmachergeselle Samuel Barth aus Herlasgrün im Königreiche Sachsen.«

»Der ist ein braver Kerl, auf den ich große Stücke halte. Sei also zufrieden, daß Du derselbe bleibst!«

Jetzt trat Semawa zu ihm. Darum zog Sam sich schnell zurück.

»Oscar,« sagte sie »Du hast Dir einen Scherz mit mir gemacht. Willst Du das eingestehen?«

»Du meinst in Beziehung auf den Assessor?«

»Ja.«

»Nun, ich will Dir gegenüber nicht leugnen, Geliebte. Ich bin nicht ein Subalternbeamter, wie ich gesagt habe.«

»Was denn?«

»Magst Du mir nicht erlauben, darüber zu schweigen?«

»Hast Du Gründe dazu?«

»Sehr triftige.«

»So werde ich freilich nicht in Dich dringen. Es genügt mir, daß ich Dich habe. Freilich wäre es mir lieber, wenn Du der kleine Assessor geblieben wärst.«

»Lieber? Warum?«

»Weil ich Dir dann hätte beweisen können, daß ich nur Dich zu besitzen wünsche, daß ich Dich nur um Deiner selbst liebe.«

»Meine Semawa, das hast Du mir bereits bewiesen, und ich bin ganz glücklich, daß ich meiner schönen indischen Prinzessin eine Stellung bieten kann, welche ihrem Stande angemessen und würdig ist. Da steht Karparla. Sie wartet auf Dich. Bitte, sage ihr, daß ich einige Worte ungestört mit ihr sprechen möchte.«

Während die Anderen sich bereits im Zelte befanden, hatte Karparla am Eingange desselben gewartet. Sie kam, als Semawa ihr den Wunsch Steinbachs mittheilte, zu diesem herbei.

»Du hast mich rufen lassen,« sagte sie. »Ist es etwas so Geheimnißvolles, was Du mir zu sagen hast?«

»Nein, aber doch Etwas, was kein Anderer zu hören braucht. Es betrifft nur Dich allein – ganz allein allerdings auch nicht, sondern einen Anderen mit – den Kosaken Nummer Zehn.«

»Ihn? Was hast Du mir von ihm zu sagen?«

»Nichts, vielmehr sollst Du mir Etwas von ihm sagen. Ich habe gehört, daß Du ihn lieb hast. Erlaubst Du mir, davon zu sprechen?«

»Du bist unser Gast, unser Freund; Du kannst mit uns von Allem sprechen, was Dir beliebt.«

»So sage mir einmal aufrichtig, ob Du ihn wirklich lieb hast?«

»Sehr, sehr lieb!«

»Wohl so lieb, daß Du ihm gehören möchtest?«

»Ja, das will ich Dir gestehen.«

»Hast Du denn auch daran gedacht, daß dies nicht gut möglich ist?«

»Ja, ich habe sogar mit ihm davon gesprochen.«

»So habt Ihr einen Plan für Eure Zukunft entworfen?«

»Nein. Es giebt da gar keinen Plan. Wir können einander nicht gehören; wir werden nie glücklich sein.«

Sie sagte das in so traurigem Tone, daß es Steinbach wehe that. Er ergriff ihr Händchen und meinte in tröstendem Tone:

»Vielleicht ist es doch möglich, daß Ihr vereinigt werdet.«

»Nein; das kann niemals geschehen.«

»Er ist freilich ein Flüchtling und wird als solcher verfolgt, aber Du könntest mit ihm in eine Gegend ziehen, viel weiter nach Osten, wo man ihn russischerseits nicht findet.«

»Das könnten wir freilich; aber er thut nicht mit und ich kann den Tungusen nicht zumuthen, meinetwegen die gewohnten Weideplätze zu verlassen.«

»Nun, so ist es mir vielleicht möglich, seine Begnadigung zu erlangen. Dann könnte er ja unangefochten bei Euch bleiben.«

»Herr, ich wäre unendlich glücklich und wollte es Dir Zeit meines Lebens danken, wenn Du es so weit brächtest, daß der Zaar ihn begnadigte; aber sein Weib könnte ich doch nicht werden, weil er in diesem Falle nicht bleiben würde.«

»Wo will er hin?«

»Nach seiner Heimath.«

»So liebt er Dich nicht genug?«

»O, er liebt mich nicht weniger als ich ihn; aber er hat daheim seine Familie und eine alte Mutter, die sich nach ihm sehnt.«

»Hat er Dir das selbst gesagt, oder hast Du es von Sam erfahren?«

»Er selbst sprach davon, und ich glaube wohl, daß Sam es ihm erzählt hat.«

»So hat er Dich ganz recht berichtet. Seine Familie ist auseinander gerissen worden. Die Glieder derselben haben sich seit langen Jahren nicht sehen können, und falls es ihm gelingt, frei zu werden, so ist es allerdings seine Pflicht, in die Heimath zurückzukehren, um sich mit den Seinigen zu vereinigen. Aber das ist doch noch kein Grund für Dich, unglücklich zu sein.«

»O doch! Wenn er mich verlassen muß!«

»Du kannst doch mit ihm gehen!«

»Das kann ich nicht. Auch ihm habe ich das bereits gesagt. So wie sein Herz und seine Pflicht ihn nach der Heimath rufen, so gebieten mir meine Pflicht und mein Herz, hier bei den Eltern zurück zu bleiben. Ich bin ihr einziges Kind.«

»So hast Du sie lieber als ihn?«

»Nein, ebenso wie auch er mich nicht weniger liebt als die Seinen. Er weiß, daß wir uns trennen müssen. Ich werde ihn befreien, damit er heimkehren kann. Ich werde dann sehr unglücklich sein; ich werde nie einem Manne gehören und mich nur mit dem Gedanken trösten, daß ich es ihm ermöglicht habe, seine Heimath wieder zu sehen.«

Sie sagte das so einfach, und doch lag eine tiefe Innigkeit in ihrem Tone. Sie fühlte, daß sie unglücklich sein werde, und doch wollte sie dem Geliebten den Weg nach der Heimath öffnen. Steinbach fühlte sich auf das Herzlichste zu dem einfachen, schönen und so braven Mädchen hingezogen. Er fragte weiter:

»So ist es also fest beschlossen, daß Ihr Euch trennen werdet?«

»Ganz fest.«

»Vielleicht würde es, wenn Du nicht das einzige Kind Deiner Eltern wärst. Dir leichter. Dich von ihnen zu trennen und mit ihm zu gehen?«

»Ich weiß das nicht, denn ich weiß nicht, wie es ist, wenn man Geschwister hat.«

Es entstand eine Pause, während welcher Steinbach nachsann, wie er die entscheidende Frage wohl formuliren möge. Er war nämlich vorhin, als Karparla so erregt zu dem Rittmeister sprach, auf den Gedanken gekommen, daß sie gar nicht die Tochter des Tungusenfürsten sei. Das konnte er ihr aber doch nicht so unmittelbar mittheilen. Darum fragte er:

»Du hast Dich stets auf den Weideplätzen der Tungusen befunden?«

»Ja. Wo sollte ich anders gewesen sein?«

»Kannst Du mir vielleicht sagen, wie weit Dein Gedächtniß zurückreicht?«

»Bis in meine früheste Kindheit.«

»Wessen kannst Du Dich da erinnern?«

»Ich erinnere mich an Alles, an unser Zelt, an meine Eltern, an unsere Heerden, kurz an Alles, Alles.«

»Hast Du in den ersten Jahren Deines Lebens nicht auch fremde Gesichter gesehen?«

»Nein.«

»Oder fremde Spielsachen gehabt?«

»Auch nicht.«

»Hm! Sonderbar!«

Er war am Ende seiner Weisheit angekommen. Jetzt erst fiel es Karparla auf, welche eigenthümlichen Fragen er ihr vorgelegt hatte.

»Warum willst Du das von mir wissen, Excellenz?« fragte sie ihn.

»Sage nicht Excellenz; ich heiße Steinbach und will nicht anders genannt werden. Warum ich Dir diese Fragen vorgelegt habe, das kann ich Dir jetzt noch nicht sagen. Vielleicht theile ich es Dir später mit. Morgen werden wir aufbrechen. Jetzt ist es bereits sehr spät, und da Semawa uns vielleicht begleiten wird, so bedarf sie der Ruhe. Ich bitte Dich also, sie in Dein Zelt zu führen.«

Karparla war viel zu sehr Naturkind, als daß sie in Folge dieser Aufforderung erkannt hätte, daß er wünsche, ohne ihre Gegenwart mit ihren Eltern zu reden. Sie sann gar nicht über den Grund zu dieser seiner Aufforderung nach; sie gehorchte derselben einfach und zog sich, nachdem Semawa von Steinbach Abschied genommen hatte, mit derselben in das Frauenzelt zurück.

Nun erst begab sich Steinbach in das Familienzelt, wo der Fürst mit seiner Gemahlin und den drei Jägern saß. Das gute, dicke tungusische Ehepaar hatte gar keine Ahnung von dem Blitze, welcher wie aus heiterem Himmel jetzt in ihr so friedliches Familienleben fahren sollte.

Der Fürst wollte davon sprechen, daß Steinbach ein so vornehmer Herr sei. Dieser aber schnitt dieses Thema mit einer kurzen Bemerkung durch:

»Lassen mir das! Wir haben jetzt Wichtigeres zu besprechen, und dann wollen mir zu einer kurzen Ruhe gehen, welche wir alle sehr nothwendig brauchen.«

»Recht hast Du,« stimmte der Fürst, welcher sehr gern schlief, ihm bei. »Wir müssen bei Zeiten aufbrechen und haben einen weiten Ritt vor uns.«

»Also bist Du wirklich fest entschlossen, mit Deinen Tungusen mit nach dem Mückenflusse zu reiten?«

»Ja, ich muß, denn Mila Dobtonitsch hat gesandt, und wenn diese uns eine Botschaft schickt, so ist es immer dringend.«

»Wer ist diese Frau?«

»Sie ist keine Frau, sondern ein junges Mädchen, eine Freundin von Karparla.«

»Ah, wohl ihre Verbündete? Sie ist dem Engel der Verbannten behilflich, den Flüchtlingen über die Grenze zu Helfen?«

»Ja.«

»Dann kann sie kein gewöhnliches Mädchen sein.«

»Das ist sie freilich nicht. Sie ist reich, schön und so muthig wie selten ein Mann ist.«

»Was ist ihr Vater? Dem Namen Dobronitsch nach scheint er ein Russe zu sein?«

»Er ist ein sehr reicher Heerdenbesitzer, dessen Wohnung am Ufer des Baikalsee's liegt, da, wo der Mückenfluß sich in den See ergießt, einige Werst nördlich von Werchnei Udinsk. Er ist ein alter Bekannter von mir und freut sich immer, wenn ich ihn einmal besuche.«

»Auf welche Weise trägt er denn zur Befreiung der Gefangenen bei?«

»Hm! Das ist ein Geheimniß, welches ich eigentlich nicht verrathen darf. Zu Dir aber kann ich davon sprechen. Er hat am Ufer des Sees, in den steilen Felsen ein sehr vorzügliches Versteck, in welchen er die Flüchtlinge verbirgt, bis sich eine gute Gelegenheit für sie findet, über die Grenze zu gelangen. Leider werde ich ihn verlieren. Er ist als armer Mann nach Sibirien gekommen und hier reich geworden. Nun will er wieder in die Gegend von Warschau, aus welcher er stammt, zurückkehren. So werden wir uns bald trennen, und ich bekomme ihn nie wieder zu sehen.«

»Das ist das Schicksal aller Menschen. Sie kommen und gehen. Oft ist man gezwungen, sich vom Allerliebsten, was man besitzt, zu trennen. Vielleicht wirst Du das auch noch erfahren.«

»Ich? Wieso?«

»Nun, ich denke, daß Du Dich einmal von Deiner Karparla wirst trennen müssen.«

»Niemals!«

»Vielleicht doch. Die Bestimmung des Weibes ist, dem Mann anzugehören.«

»Wenn Karparla einmal einen Mann nimmt, wird sie dennoch bei uns bleiben.«

»Ich habe gehört, daß sie den flüchtigen Kosaken liebt. Wenn sie ihm angehören will, wird sie ihm in seine Heimath folgen.«

»Das wird sie nicht thun. Sie bleibt bei uns, denn sie gehört ja zu uns.«

Steinbach ließ mit Fleiß eine Pause eintreten, während welcher er seinen Blick scharf und forschend auf das Gesicht des Fürsten gerichtet hielt. Dann fragte er mit schwerer Betonung:

»Gehört sie wirklich zu Euch?«

»Natürlich!«

»Aus welchem Grunde?«

»Das vermagst Du zu fragen? Sie gehört zu uns, weil sie unsere Tochter ist.«

»So! Ist – sie – das – wirklich?«

Er sprach jedes Wort dieser Frage langsam und einzeln aus. Der Fürst schien zu erschrecken. Er blickte Steinbach lange in das Gesicht und fragte:

»Wie kommst Du zu dieser Erkundigung?«

»Ich weiß, daß sie Eure Tochter nicht ist.«

Da sprang der Fürst trotz der Schwere seiner Gestalt blitzschnell von seinem Sitze auf. Die Fürstin stieß einen Schrei des Schreckes aus. Sie saß neben Steinbach, ergriff seinen Arm und rief:

»Herr, schweig, schweig! Das soll ja Niemand wissen. Sie ist unser Kind, obgleich ich sie nicht geboren habe.«

Steinbach fühlte eine innige Theilnahme für die beiden braven Menschen; aber wenn er es auch nicht grad für seine Pflicht gehalten hätte, diesen Fall aufzuklären, so gebot ihm doch die Rücksicht auf Georg Adlerhorst, den Kosaken, nach der Abstammung Karparla's zu forschen. Darum sagte er:

»Warum erschreckt Ihr? Niemand will Euch die Tochter nehmen.«

»O doch, doch!« rief die Fürstin. »Wenn Karparla erfährt, daß sie nicht unser wirkliches Kind ist, so folgt sie dem Kosaken in seine Heimath, denn diese – – –«

Sie hielt inne. Steinbach durfte ihr keine Zeit lassen, diese Pause zu verlängern. Darum sagte er schnell:

»Denn diese – – – was wolltest Du noch hinzufügen?«

»Diese Heimath ist ja auch die ihrige.«

»Wie? Was? Karparla ist eine Deutsche?«

»Ja.«

»Nein, das ist nicht wahr,« schalt der Fürst ein. »Sie ist eine Russin.«

»Ihr Vater war ja aus Deutschland,« entgegnete seine Frau.

»Aber ihre Mutter war eine Russin, und überdies ist sie in Rußland geboren.«

Das war für Steinbach freilich höchst interessant. Die beiden Eheleute befanden sich in einer bedeutenden Erregung, welche benutzt werden mußte, um von ihnen ein Geständniß zu erlangen.

»Bleibt ruhig, bleibt ruhig!« bat er. »Ihr werdet so gut sein, mir zu erzählen, wie Karparla Eure Tochter geworden ist.«

»Nein, das werden wir nicht thun,« antwortete der Fürst, indem er sich langsam wieder niedersetzte.

»Ihr seid es mir schuldig.«

»Nein, nein. Ich spreche von dieser Sache nicht. Karparla ist unsere Tochter, und das ist genug. Wie sie es geworden ist, das braucht Niemand zu erfahren.«

Steinbach machte mit Absicht ein möglichst enttäuschtes Gesicht und stieß in sehr bedenklichem Tone hervor:

»Schade, jammerschade! Ich habe Euch bisher für brave, ehrliche Leute gehalten.«

»Das sind wir auch.«

»Jetzt möchte ich daran zweifeln.«

»Herr, willst Du uns beleidigen? Willst Du uns kränken, uns, Deine Gastfreunde?«

»Nein. Ganz im Gegentheile kränkt es mich, denken zu müssen, daß Ihr, die ich so liebe, eine böse That auf dem Gewissen habt!«

Da rief der Fürst ganz entsetzt seiner Frau zu:

»Hörst Du, Kalyna, eine böse That!«

»Ich höre es,« antwortete sie ganz außer sich. »Eine böse That! Und doch ist es grad im Gegentheile eine sehr gute That gewesen, eine Wohlthat für das Kind!«

»Das sollte mich freuen,« meinte Steinbach. »Es erleichtert mir das Herz außerordentlich, überzeugt sein zu dürfen, daß Ihr an dem Mädchen kein Verbrechen begangen habt.«

»Ein Verbrechen! Ein Verbrechen! Für was hältst Du uns?« rief der Fürst.

»Jetzt weiß ich ja gar nicht, was ich von Euch halten soll. Ihr wollt mir ja Alles verschweigen, also kann ich eigentlich nichts Gutes, sondern nur Böses von Euch denken.«

»Ich erschrecke! Wer kann uns etwas Böses nachsagen!«

»Bis jetzt Niemand. Aber was werden die Leute dann sagen, wenn Ihr vor die Polizei und vor das Gericht gefordert werdet!«

»Vor die Polizei? Wir? Herrgott! Dazu giebt es doch gar keinen Grund.«

»O doch! Einen sehr triftigen.«

»Welchen denn?«

»Ihr habt ein fremdes Kind bei Euch und haltet es seinen Eltern zurück. Ihr sagt nicht, wem es gehört. Das ist ein Verbrechen, welches sehr schwer bestraft wird.«

»Ein Verbrechen? Wäre es wirklich eins?«

»Natürlich, ein sehr großes sogar.«

»Und es wird bestraft?«

»Mit Zuchthaus, mit lebenslänglicher Verbannung in die Bergwerke.«

»Mein Heiland!« schrie die Fürstin auf.

»Du Herr mein Gott!« rief auch der Fürst.

Er, ein Nommadenfürst, von Jugend auf an das freie, ungebundene Herumziehen gewöhnt, sollte in das Zuchthaus kommen oder gar lebenslänglich unterirdisch in den Bergwerken arbeiten, ohne jemals das Licht der Sonne wieder zu erblicken! Es konnte für ihn gar nichts Schrecklicheres, Entsetzlicheres geben.

»Ja, da erschreckt Ihr nun,« sagte Steinbach. »Es ist sicher, daß Ihr ein solches Verbrechen auf dem Gewissen habt, und grad ich muß es sein, es entdeckt und Euch der Polizei überliefert, ich, den Ihr als Euern Gast hier aufgenommen habt. Das ist mir sehr leid; es ist traurig für mich, aber ich kann es nicht ändern; ich muß leider meine Schuldigkeit thun.«

»Du, Du willst uns anzeigen!«

»Ja, ich muß.«

»Nein, Du mußt nicht!«

»O doch! Du bist ja selbst dabei gewesen, als ich den Kreishauptmann und den Rittmeister habe arretiren lassen. Ich bin als Beauftragter der Criminaljustiz gekommen und muß Alles, was ich auch nur zufällig entdecke, bestrafen lassen.«

Das Gesicht des armen Fürsten wurde ganz starr und bewegungslos. Das Blut war gänzlich aus demselben gewichen. Die gute Kalyna rang die Hände; sie brachte vor Entsetzen kein Wort hervor. Sie athmete schwer und vermochte nur, zu seufzen.

»Cri–mi–nal–ju–stiz! Gnade, Gnade! Es zwingt Dich ja Niemand, uns anzuzeigen!«

»O freilich doch!«

»Wer denn?«

»Ihr selbst.«

»Das fällt uns ja gar nicht ein! Wir wollen nicht angezeigt sein. Wie kannst Du da sagen, daß wir Dich zwingen!«

»Ihr zwingt mich dazu, indem Ihr Euch weigert, mir die Sache zu erzählen. Wenn Ihr die Wahrheit sagtet, könnte ich vielleicht eine Möglichkeit entdecken, die That ungeschehen zu machen.«

»Meinst Du, Herr? Meinst Du wirklich?«

»Ja. Ich bin gern bereit, Alles zum Besten zu kehren; aber wissen muß ich da natürlich, wie es zugegangen ist.«

»Ganz gesetzlich ist es zugegangen, ganz gesetzlich. Das kannst Du uns glauben!«

»Wenn ich es wirklich glauben soll, so müßt Ihr es mir erzählen.«

»Was soll ich thun! Kalyna, liebe Kalyna, sage mir, was ich thun soll!«

»Bula, bester Bula, erzähle es!« antwortete sie. »Das wird das Beste sein.«

»Aber dann kommts heraus!«

»Wenn Du es diesem Herrn nicht erzählst, wird es auch herauskommen, denn Du wirst es der Polizei sagen müssen.«

»Und die kennt nachher keine Rücksicht,« fügte Steinbach hinzu. »Ich aber kann die Sache freundschaftlich behandeln.«

»Wirst Du das wirklich thun?«

»Ganz gewiß.«

»Nun, so werde ich mich doch wohl entschließen, es Dir zu erzählen.«

»Das ist das beste, was Du thun kannst.«

»Du wirst erkennen, daß wir nichts Böses begangen haben.«

»Ich will das hoffen. Nun aber laß die Zeit nicht noch länger unnütz verstreichen. Sie ist mir zu kostbar, als daß ich sie mit leeren Reden verschwenden möchte.«

»Ja, ich will reden, Herr. Es war im Winter, in einem schweren, harten Winter, in welchem uns selbst die Rennthiere erfroren, weil sich so starkes Eis gebildet hatte, daß sie nicht durch dasselbe zu dem Moose gelangen konnten, welches ihnen zur Nahrung dient. Wir hatten unsere Zelte an der großen Straße aufgeschlagen, auf welcher die Verbannten nach dem Osten geschafft werden. Der Sturm pfiff schrecklich und wehte den Schnee in dichten Wolken vor sich her. Da kam ein Zug Gefangener und hielt bei uns an, um zu rasten – – –«

»Waren sie in Schlitten?«

»Nein. Damals gab es für sie diese Erleichterung noch nicht. Sie mußten laufen, selbst im Winter. Es waren über sechzig Personen, Verbannte und die Familienglieder, welche ihnen freiwillig gefolgt waren. Sie trugen ihre wenigen Habseligkeiten bei sich. Ein Mann hatte einen Knaben auf dem Arme, den er kaum gegen die grimmige Kälte bedecken konnte. Sein Weib trug ein ganz kleines Mädchen, welches noch nicht ein Jahr alt sein konnte. Die Frau hatte ihre Kleidung vorn geöffnet und hielt das Kind an den nackten Leib, damit es von demselben erwärmt werde. Aber es war doch unnütz gewesen, denn als ich aus Mitleid sie in mein Zelt führte und sie das Kind von ihrem Herzen nahm, war es todt.«

»Ja, todt, ganz starr und todt!« bekräftigte die gutherzige Kalyna, indem sie in ein lautes Weinen ausbrach.

Sie fühlte sich noch jetzt, nach so langer Zeit, aufs Tiefste gerührt, als sie an jene Stunde dachte. Der Fürst fuhr fort:

»Das Herz thut, mir noch heut weh, wenn ich mir das Weib vergegenwärtige. Sie stand ganz starr da, den Blick auf die kleine Leiche gerichtet. Dann stieß sie einen Schrei aus, den ich nie vergessen werde, und sank auf den Boden nieder.«

»Habt Ihr nicht versucht, das Kind wieder in's Leben zurückzubringen?« fragte Steinbach.

»Ja, natürlich haben wir es gethan.«

»Wie denn?«

»Wir haben es über das Feuer gehalten, um es zu erwärmen, und als das nichts half, haben wir es in den Kessel gelegt und mit warmem Wasser begossen; aber auch da blieb es todt.«

»Natürlich! Ihr habt es ganz verkehrt gemacht.«

»Wieso denn?«

»Einen Erfrorenen behandelt man doch nicht mit Wärme, sondern mit Kälte.«

»Herr, Du spaßest!«

»Nein. Ich spreche im Ernst.«

»Wer erfriert, dem geht doch die Lebenswärme verloren. Ist das nicht so?«

»Allerdings.«

»Also muß man ihm Wärme geben!«

»Ja, aber nicht durch Feuer und warmes Wasser; da tödtet man ihn vollends. Was machst Du denn, wenn Deine Nase weiß wird und erfrieren will?«

»Ich reibe sie schleunigst so lange mit Schnee, bis sie die Farbe wiederbekommt.«

»Und wenn Du den Fuß oder die Hand erfrierst, was thust Du dann?«

»Ich stecke sie in Schnee.«

»Warum denn nicht in warmes Wasser?«

»Das würde nichts helfen, sondern die Sache nur schlimmer machen.«

»Nun siehst Du. So hättet Ihr es auch mit dem Kinde machen sollen. Anstatt dessen aber habt Ihr es in's warme Wasser gebracht und es vollends getödtet, wenn es ja noch eine Spur von Leben gehabt hat.«

»Herr, ich denke, nur mit der Nase und Händen und Füßen darf man das machen. Da wird mir doch das Herz leicht, wenn ich daran denke, daß das kleine Mädchen nicht gestorben ist.«

»Ah, es ist wieder erwacht? Es war nicht ganz todt?«

»Nein. Könnte es da noch leben, wenn es ganz todt gewesen wäre. Es war ja unsere Karparla.«

»Ach so! Erzähle weiter!«

»Wir waren freilich Alle überzeugt, daß es todt sei. Der Vater war ganz untröstlich, und die Mutter hatte vor Jammer fast den Verstand verloren. Sie sagte nichts und ließ mit sich machen, was man wollte.«

»Das ist der höchste Grad des Schmerzes gewesen.«

»Die Leute konnten nicht bleiben, denn die Stationen sind ihnen ganz genau vorgeschrieben, und die Kosaken trieben bald zum Aufbruche. Der Mann wollte die Leiche seines erfrorenen Kindes mit sich nehmen; aber der Anführer litt es nicht; er verbot es ihm.«

»Welch eine Grausamkeit!«

»So dachte ich auch. Aber man kann eine Leiche doch nicht stets bei sich führen. Sie muß begraben werden. Darum hatte der Anführer doch vielleicht Recht. Er war auch nicht ganz so grausam, wie es scheinen mochte, denn er erlaubte dem Vater, das Kind noch schnell zu begraben. Es wurde der harte Schnee entfernt, gar nicht weit von meinem Zelte. Aber der Erdboden war so fest gefroren, daß man mit den vorhandenen Werkzeugen kein Grab machen konnte. So begrub man also die Leiche einstweilen nur in den Schnee, und ich versprach, sie später der Erde zu übergeben. Die Kosaken und Verbannten sprachen ein Gebet und zogen dann weiter.«

»Wie verhielt sich die Mutter des Kindes dabei?«

»Um sie war es mir eigentlich angst; aber sie war ganz still; sie that gar nicht so, als ob die Sache sie etwas angehe. Sie hielt die Arme immer so, als ob sie ihr Kind noch auf denselben trage, und sang leise vor sich hin, wie man singt, wenn man ein Kind in den Schlaf singen will.«

»Mein Gott! Sie ist wahnsinnig gewesen.«

»Das dachten wir auch. Aber konnten wir die Sache ändern?«

»Nein.«

»Also sie zogen fort, in den Schneesturm hinein. Es wurde kurze Zeit darauf Abend. Wir saßen um das Feuer und tranken heißen Thee. Wir sprachen natürlich von den ›armen Leuten‹ und bedauerten sie von ganzem Herzen; da – errathe einmal, was jetzt plötzlich geschah!«

»Was kann ich rathen? Erzähle es!«

»Wir hörten Etwas.«

»Nun, was denn?«

»Das wußten wir auch nicht. Erst dachte ich, es heule in der Ferne ein Hund, der sich verlaufen habe und nicht weiter könne; aber bald bemerkten wir, daß die Töne aus der Nähe kamen. Ich ging vor das Zelt. Woher denkst Du wohl, woher die Töne kamen?«

»Jetzt errathe ich es – von der Stelle her, an welcher das Kind begraben worden war.«

»Ja, so war es. Ich eilte hin, scharrte den Schnee gleich mit den Händen fort und sah dann, daß das Kind lebendig war. Es strampelte mit Armen und Beinen und schrie zum Entzücken. Sollte man so Etwas für möglich halten! Es war ein Wunder!«

»Nein, es war kein Wunder. Es läßt sich das sogar sehr leicht, erklären.«

»Da bist Du klüger als ich. Das Kind war todt und begraben. Es wurde wieder lebendig. Kann es ein größeres Wunder geben?«

»Das Kind war nicht todt – – –«

»Wir haben es doch begraben!«

»Ja, lebendig!«

»Heiliger Iwan! Wir werden doch keinen Lebendigen begraben!«

»Und doch habt Ihr es gethan. Es ist nicht erfroren, sondern nur erstarrt gewesen. Durch das warme Wasser habt Ihr es verhindert, daß es erwachen konnte, und das ist freilich ein Wunder, daß es nicht daran vollends gestorben ist. Dann, nachdem es in den Schnee verscharrt worden war, that dieser seine Schuldigkeit grad so, wie wenn Ihr Euch die Nase mit demselben einreibt – das Kind erwachte.«

»Wenn Du es so erklärst, möchte man freilich meinen, daß Du Recht habest.«

»Ich habe Recht. Erzähle weiter!«

»Ich habe ja nichts weiter zu erzählen. Das Kindchen war Karparla.«

»Ich meine im Gegentheile, daß Du nun erst noch die Hauptsache zu erzählen hast. Was thatest Du, als Du das Kind in das Zelt brachtest?«

»Ich gab es meinem guten Weibe Kalyna. Die nahm es an ihr Herz und gab ihm Thee zu trinken und Fleisch zu essen.«

»Einem Kinde von noch nicht einem Jahre! Nachdem es erst vom Scheintodte erwacht war!«

»Ja. Was sollten wir sonst thun.«

»Gab es keine Milch?«

»Rennthiermilch gab es; aber wir dachten, Fleisch sei für einen vom Tode Erstandenen kräftiger.«

»Ihr konntet es ja sofort wieder tödten.«

»O nein. Das Kindchen aß und trank wie ein Alter. Es sah erst ganz blauroth am ganzen Körper. Bald aber färbte sich die Haut wieder weiß, und als nachher auch noch die schönen, hell glänzenden Haare wuchsen, nannten wir das Mädchen Karparla – die wie Schnee Glänzende.«

»Aber die Eltern desselben? An diese mußtet Ihr doch denken.«

»Herr, haben wir auch gethan. Wir haben gedacht, wie sie entzückt sein würden, wenn sie erführen, daß ihr Kindchen noch lebte.«

»Ihr mußtet ihnen das Kind bringen. Ihr wart verpflichtet, es ihnen nachzuschaffen oder nachzusenden.«

»Das wollten wir auch.«

»Habt es aber doch nicht gethan!«

»Wir konnten nicht, denn während der Nacht stieg der Sturm zum Orkane welcher mehrere Tage wüthete. Und als er sich endlich legte, der Schnee viele, viele Werste weit so hoch, daß es ganz unmöglich war, fortzukommen. Wir waren Wochen lang eingeschneit, und als wir endlich wieder reiten konnten und nach jenem Gefangenentransport suchten, konnten wir nichts erfahren. Wir behielten das Kind bei uns und haben es wie unser eigenes Kind gehalten. Nun sage uns, ob wir ein Verbrechen begangen haben.«

»Ein Verbrechen nicht, vielleicht aber eine Unterlassungssünde. Habt Ihr Euch denn später keine Mühe gegeben, die Eltern zu entdecken?«

»O, viele; aber es war vergebens.«

»Wie habt Ihr das denn gemacht?«

»Wir haben alle Leute gefragt, welche uns begegneten.«

»O wehe! Das genügt nicht. Ihr mußtet die Sache bei der Behörde melden; die hätte die Eltern sicher gefunden.«

»Daran haben wir freilich nicht gedacht.«

*

82

»Wie hieß denn der Vater?«

»Das weiß ich nicht.«

»Darnach hättest Du Dich doch erkundigen müssen.«

»Ich hätte es gethan, wenn ich gewußt hätte, daß das Kindchen wieder lebendig wurde. So aber ging mich der Mann ja gar nichts an.«

»Du weißt aber doch, daß er ein Deutscher gewesen ist.«

»Das hörte ich von zwei Kosaken, welche von ihm sprachen. Er war verurtheilt worden, und die Frau war ihm mit den Kindern freiwillig gefolgt.«

»War er alt?«

»Nein.«

»Wie alt war der Knabe?«

»Er konnte drei oder vier Jahre zählen.«

»Und wo geschah das, was Du mir jetzt erzählt hast?«

»In der Tundra der kriechenden Birken. Sie ist weit bekannt unter allen Stämmen des Landes.«

»So könnte das wohl einen Anhaltepunkt geben.«

»Willst Du etwa nach den Eltern forschen?«

»Nein. Aber oft spielt der Zufall wunderbar, oder vielmehr Gottes Schickungen machen oft das Unmögliche möglich. Ich habe einen weiten Ritt zu machen. Zwar läßt es sich keinesweges denken, daß ich mit einem Verwandten von Karparla zusammentreffe, aber ich bin einmal gewohnt, einer jeden Sache möglichst auf den Grund zu gehen, und so will ich mir auch diese einzelnen Daten merken. Wer weiß wozu es gut ist.«

»Thue, was Dir gefällt, aber sage uns vor allen Dingen nun, ob wir bestraft werden können!«

»Nein. Ihr habt nichts Strafbares gethan.«

»Gott sei Dank! Karparla darf also unsere Tochter bleiben?«

»Ja, außer die Eltern derselben finden sich wunderbarer Weise. Denen müßtet Ihr sie allerdings abtreten.«

»Das wolle Gott verhüten! Sie haben sich ja längst in ihren Verlust gefunden; wir aber könnten es wohl nicht überwinden, wenn wir gezwungen wären, sie von uns zu geben!«



2. Capitel
Auf der Flucht
Fortsetzung 82

Mehrere der halbwilden, asiatischen Stämme, welche in der Nähe des Baikalsees wohnen, sind militärisch organisirt, und müssen unter dem Namen der Baikalkosaken den Grenzdienst versehen. Sie haben die Aufgabe, den Schmuggel zwischen Rußland und China zu verhindern, ganz besonders aber haben sie ihr Augenmerk darauf zu richten, daß die zur Deportation nach Sibirien Verurtheilten, sich nicht über die chinesische Grenze flüchten können.

Diese Kosaken sind theils Kavalleristen, theils unberittene Schützen, theils auch Artilleristen. Insbesondere ist ihnen der Schutz der reichen Erzgruben von Nertschinsk und die Bewachung der großen Karavanenstraße übertragen, welche von Pecking aus durch die Mongolenwüste, über Kolang und Kiachta nach dem russischen Gebiete führt.

Der eigentliche Grenzcordon besteht aus befestigten Dörfern, zwischen denen kleinere Schanzen errichtet sind. Von Schanze zu Schanze wird die Verbindung durch berittene Pickets aufrecht erhalten.

Die erwähnten Dörfer sind rundum durch spanische Reiter geschützt. In der Nähe eines jeden Dorfes und einer jeden Schanze befindet sich eine sogenannte Wischka. Das ist eine aus drei Baumstämmen errichtete hohe Pyramide, zu welcher eine Stufenleiter emporführt. Oben ist ein Fänal angebracht, aus Werg und Theer, oder gescheertem Reißig hergestellt. Stets sitzt dort oben ein Posten, welcher die ganze Gegend überblicken kann. Sobald er bemerkt, daß ein Flüchtling die Grenze überschreitet, brennt er das Fänal an, dessen Feuerschein bei Nacht weithin leuchtet und dessen Rauch bei Tag viele Werste weit zu sehen ist. Dadurch wird die Grenze alarmirt. Außerdem wird an jedem Morgen die Grenze beritten, um die Spuren etwaiger Flüchtlinge zu finden.

Jedem dieser russischen Posten gegenüber befindet sich ein chinesischer. Sie sind einander zur gegenseitigen Hilfe verpflichtet, und es ist also für einen flüchtigen Verbannten, selbst wenn es ihm gelungen sein sollte, aus seiner schweren Gefangenschaft im Innern des Landes zu entkommen, keineswegs leicht, den letzten, erlösenden Schritt zu thun und über die doppelt besetzte und scharf bewachte Grenze zu gelangen.

Und selbst wenn ihm dies mit Aufbietung allen Fleißes, aller List und allen Muthes glückt, so steht er allein und ohne alle Hilfsmittel da, hinter sich ein Land, in welchem ihn eine fürchterliche Strafe erwartet, falls er zurückkehrt, und vor sich eine unendliche Wüste, deren Schrecknisse und Gefahren nicht geringer sind als diejenigen der berüchtigten Sahara in Afrika.

Daher können Männer, welche aus Sibirien wirklich und glücklich entkommen, leicht an den Fingern herzgezählt werden.

Aber in Sibirien selbst giebt es viele, viele, welche entflohen sind, ohne daß es ihnen gelingen will, aus dem Lande zu entkommen. Ihr einziger Schutz ist die Weite, die Oede des Landes, wo sie tausend Verstecke finden können. Sie führen ein armseliges, elendes Leben und gehen meist, in die tiefen Sümpfe gehetzt, vom Hunger und Durst gepeinigt, von den fürchterlichen Mückenschwärmen bis auf den Tod geschröpft und zerstochen, auf ganz unbeschreibliche Weise zu Grunde.

Und doch sind auch sie nicht ohne allen Schutz. Wenn schon der Russe gutmüthig ist, so besitzen die sibirischen Völkerschaften diese lobenswerthe Tugend in noch weit höhrem Grade. Es fällt diesen Leuten nicht ein, den Verbannten zu verurtheilen. Sie wissen recht gut, daß bei der Weise, in welcher das unendliche Reich regiert und verwaltet wird, gar Mancher völlig unschuldig oder wohl nur wegen einer sehr zu entschuldigenden Ursache nach Sibirien verbannt wird. Der freie Bewohner schenkt sein Mitleid gern diesen Menschen und nennt die Verurtheilten nicht anders als »arme Leute«. Er darf sie zwar nicht direct beschützen, darf ihnen keine augenfällige Hilfe gewähren, desto mehr nun thut er dies indirect und heimlich.

In unzähligen Häusern giebt es ein gewisses Fenster, welches niemals durch einen Laden verschlossen wird. Es ist so eingerichtet, daß es sowohl von innen als auch von außen geöffnet werden kann, und des Nachts brennt stets ein kleines Lichtchen hinter demselben. Auf dieses Fenster setzt man Speise und Trank, auch Anderes, was der Flüchtige in seiner Lage gebrauchen kann. Dieser kommt dann heimlich herbeigeschlichen und nimmt weg, was er findet. Sind dann am Morgen die Gaben fort, so flüstern sich die Bewohner des Hauses erfreut zu:

»Die »armen Leute« waren da; sie haben es geholt.«

Es kommt oft auch vor, daß man ihnen in dem kleinen Gemache, zu welchem dieses Fenster führt, ein Lager bereitet, besonders im Winter, wenn der Schneesturm über die Ebenen heult. Findet man sodann am Morgen, daß so ein »Armer« dagewesen ist und einmal unter Dach und Fach geschlafen hat, so ist man ganz glücklich darüber.

Freilich müssen die Flüchtlinge gar vorsichtig sein. Es kommt auch vor, daß schlechte Menschen sie durch dieses Fenster anlocken und sodann festhalten, um sie der Polizei zu übergeben. Ein solcher Verräther wird aber dann so allgemein verachtet, daß es ihm in Zukunft nicht leicht wird, sich unter anderen Menschen sehen zu lasten.

– – – – – – – –

Da, wo der Mückenfluß, von Osten kommend, sich in den Baikalsee ergießt, treten die den See umgebenden Berge weit auseinander und bilden eine Ebene, welche, rings von Höhen eingeschlossen, vor den verderblichen Stürmen geschützt ist. Darum ist sie sehr fruchtbar, und es gedeihen da Pflanzen, welche sogar in südlicheren Gegenden nicht vorkommen.

Die Ebene bildet ein Dreieck, dessen Grundlinie nach dem Innern des Landes gerichtet ist, während die Spitze als enger Felsenpaß nach dem See führt.

Ungefähr einen halben Werst, also zehn Minuten weit vom Ufer entfernt, lag ein ansehnlicher Complex von Häusern, meist aus Holz gebaut und nur aus dem Erdgeschosse bestehend. Diese Gebäude hätte man in Deutschland als einen bedeutenden Meierhof bezeichnet. Ringsum breiteten sich Felder und saftige Grasflächen aus, auf denen Pferde, Rinder und Schafe weideten. Alles hatte den Anstrich einer in dieser Gegend seltenen Wohlhabenheit.

Das schmuckste dieser Gebäude war das Wohnhaus, dessen Fenster sogar mit Glasscheiben versehen waren. Einige hohe, dicht belaubte Bäume beschatteten das niedrige Dach.

Unter diesen Bäumen, im Schatten derselben, saßen mehrere Mädchen, fleißig die Räder drehend, um das landesübliche Gespinnst zu fertigen.

Blickte man sie aufmerksamer an, so kam man sehr bald zu der Ansicht, daß die Eine von ihnen, die hübscheste, die Herrin sei, während die Anderen jedenfalls zum Gesinde gehörten.

Dieses hübsche Kind, dessen Züge auf eine westliche Abstammung deuteten, war Mila Dobronitsch, die Freundin von Karparla.

Sie saß, wie gesagt, am Spinnrade. Hätte sie gestanden, so hätte man ihre hohe, schlanke und doch volle Gestalt besser betrachten können. Ihr rosiges Gesichtchen war von einer ganzen Fülle hellblonder Flechten umrahmt, wie man sie in dieser Färbung am häufigsten in Esthland findet. Sie trug einen rothen, kurzen Rock und ein schwarzes, mit Stahlschnallen versehenes Mieder, aus welchem der Brusttheil und die kurzen Aermel des Hemdes schneeig hervorblickten.

Trotz der Emsigkeit, mit denen diese Mädchen arbeiteten, war eine sehr angeregte Unterhaltung im Gange. Es schien, als ob die rothen Lippen sich ebenso fleißig bewegten wie die Spinnräder.

Mila saß etwas seitwärts von den Anderen. Sie als Herrin betheiligte sich an dem Gespräche nur in der Weise, daß sie hier und da eine an sie gerichtete Frage freundlich beantwortete. Sie war innerlich wohl ernster angelegt als die Anderen.

In einem Augenblicke, an welchem ganz zufällig das Summen der Räder verstummte, hörte sie zwei von den Mägden flüstern. Die Eine sagte:

»Bitte sie nur! Sie wird es thun.«

»Ja, aber bitte Du sie lieber,« antwortete die Andere.

»Fürchtest Du Dich denn vor ihr?«

»Nein; wie sollte sich Jemand vor der Guten fürchten. Aber sie ist heute so ernst.«

»Es ist aber ihr Lieblingslied, sie wird es also gern thun, und wir singen mit.«

Mila hatte das wohl gehört; sie wendete sich den Beiden zu, und nun mußte die Eine wohl oder übel bitten:

»Magst Du uns nicht das Spinnliedchen singen, Mila?« Wir hören es so gern und möchten mit singen.«

»Ja,« antwortete sie. »Beim Spinnen soll man ja singen, weil da die Arbeit doppelt schnell von Statten geht. Also hört!«

Sie sang mit einer schönen, schmelzenden Altstimme:

»Auf, tanze, mein Rädchen!
Noch fehlt im Gespinnst
Manch seidenes Fädchen
Zum vollen Gewinnst.
Noch fehlt es an Linnen
In Mütterleins Schrein;
Drum mußt Du lieb Rädchen.
Recht lustig heut sein.«

Die Anderen wiederholten zweistimmig die letzten vier Zeilen, und dann fuhr Mila fort!

»Dich drehet behende
Mein flüchtiger ritt;
Gedanken ohn' Ende,
Sie drehen sich mit.
Und lustige Liedchen
Verkürzen die Zeit –
So spinn ich mein Fädchen
Mein linnenes Kleid.

Auch hier wurden die letzten vier Zeilen wiederholt. Die nächste Strophe lautete:

»Ohn Unterlaß gleiten
Die Fädchen geschwind;
So eilen die Zeiten;
Die Sanduhr verrinnt.
Das Leben entschwindet
Im Fluge dahin,
Und nur für den Fleißigen
Bringt es Gewinn.«

Grad als die Wiederholung hier eintreten sollte, schrie eine der Mägde laut auf.

»Was giebts?« fragte Mila.

»Ich habe Etwas gesehen.«

»Was?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wo?«

»Dort an der Hecke.«

Sie deutete vorwärts nach dem Brunnen, welcher von drei Seiten von einer schattigen Buchenhecke umgeben war.

»Was giebt es denn da zu erschrecken?« sagte Mila. Am hellen Tage! Es wird ein Vogel gewesen sein.«

»Ein Vogel war es nicht. Es bewegte sich.«

»Nun, kann ein Vogel sich nicht bewegen?«

»Es war etwas Größeres.«

»So gehe hin und schaue nach.«

»Ich fürchte mich!«

»Und uns störst Du mit Deiner Furcht. Laß uns das Lied zu Ende singen!«

Sie begann die letzte Strophe:

Und zög auch manch Mädchen
Ein höhnend Gesicht
Und spräche: Ans Rädchen
Da setz ich mich nicht.
Mag immer sie spotten,
Doch treib ich es so,
Ich spinne und singe,
Bin lustig und! froh.«

Der Refrain fiel jetzt wieder ein. Als das letzte Wort gesungen war, erschallte ein beifälliges Klatschen hinter der Hecke hervor.

»Hört Ihrs?« sagte die Magd. »Ich hatte doch Recht. Es ist Jemand dort.«

»So mag er herkommen,« meinte Mila.

Ihr Blick war gespannt auf die Hecke gerichtet. Wer mochte die Person sein, welche da applaudirt hatte? Der Vater war fortgeritten; die Mutter befand sich im Hause, und die Knechte hüteten die Heerden. Nur ein Fremder konnte sich so heimlich herbeigeschlichen haben.

Bei diesem Gedanken fühlte sie eine Art von Unmuth darüber, daß man gewagt hatte, sie zu belauschen. Sie stand auf und machte Miene nach dem Brunnen zu gehen. Da aber trat der Störenfried hinter den Buchen hervor. Als sie ihn erblickte, schwand der Ausdruck des Unmuthes aus ihrem Gesichte. Es war ein Bild schöner, voller Manneskraft, welches ihr gegenüberstand. Dem konnte man nicht zürnen.

Der unberufene Lauscher war ein junger Mann im Alter von ungefähr zweiundzwanzig Jahren. Seine Kleidung zeichnete ihn gar nicht aus. Er trug einen linnenen Rock, eben solche Weste und dergleichen Hosen, welche in den hohen Schäften der Stiefeln steckten. Seine Mütze war alt und sehr abgegriffen. Der Anzug hätte also auf einen Arbeiter schließen lassen.

Aber diese hohe, ebenmüßige, stolze Gestalt, dieses Gesicht mit den großen, scharfen, dunklen Augen! Wer in dieses Gesicht und in diese Augen blickte, der mußte ahnen, daß er keinen gewöhnlichen Menschen vor sich habe.

Man sah keinen Stock und auch keinerlei Waffen an ihm. Aber auf dem Rücken hing eine Leinwandhülle, und ihre Form ließ errathen, daß sie ein Instrument umschließe.

»Ein Sänger!« rief eine der Mägde.

»Ein Sänger, ein Sänger!« fielen die Anderen ein, vor Freude in die Hände klatschend.

Gleich den alten Barden und den späteren Troubadours ziehen fahrende Sänger durch die bewohnten Gegenden Sibiriens. Sie sind hochwillkommen, theils durch ihre Lieder, denn der Russe singt außerordentlich gern, theils auch wegen der Neuigkeiten, welche sie von Ort zu Ort tragen.

Sie sind es fast allein, mit denen einsame Gehöfte mit der übrigen Welt in Verbindung stehen, und so ist es sehr erklärlich, wenn ihre Ankunft überall Freude hervorbringt.

»Verzeiht, daß ich Euch störte!« bat er. »Ich kam dort aus dem Walde. Die Hecke war schuld, daß Ihr mich nicht kommen saht, und weil Euer Lied mir so sehr gefiel, wollte ich Euch nicht unterbrechen. Darum blieb ich im Verborgenen stehen, bis Ihr fertig waret.«

»Du brauchst nicht um Verzeihung zu bitten,« antwortete Mila. »Du bist uns willkommen. Wie ist Dein Name? Damit wir wissen, wie wir Dich nennen sollen.

Sie reichte ihm ihre Hand. Er drückte dieselbe und antwortete.

»Ich heiße Alexius.«

»Weiter!«

»Weiter nicht!«

»Du mußt doch noch einen zweiten Namen besitzen?«

»Wozu braucht der Sänger zwei Namen? Einer ist genug. Und wie heißest Du?«

»Mila.«

»So bist Du Mila Dobronitsch, von der man mir so viel erzählt hat?«

»Ja.«

Sein Auge flog mit bewunderndem Blicke über ihre Gestalt. Sie erröthete. Sie hätte ihm zürnen mögen, daß er sie gar so aufmerksam betrachtete, und doch brachte sie es zu keinem Zorne, als sie an dem Glanze seiner Augen erkannte, daß sie ihm gefallen hatte.

»Kommst Du weit her?« erkundigte sie sich.

»Aus weiter Ferne.«

»Drum habe ich Dich nie gesehen. Du warst wohl noch niemals hier?«

»Ich war noch nicht bei Dir, und doch habe ich Dich längst gekannt.«

Es war ein eigenthümlicher, ein höflicher und doch zugleich inniger Ton, in welchem er diese Worte sagte.

»Wie ist das möglich?« fragte sie, die Augen niederschlagend.

»Auch ich weiß es nicht. Der Vogel, welcher noch nie im Süden gewesen ist, träumt von prächtigen Blumen, von goldenem Sonnenglanz. Er kennt das Alles nicht; er war noch niemals dort; er sehnt sich hin; er träumt davon, und wenn die Zeit gekommen ist, so rüstet er das Gefieder und eilt ohne Weg und Steg dem Ziele seiner Heimath entgegen. So, grad so bin ich zu Dir gekommen.«

Sie fühlte sich in diesem Augenblicke so verlegen wie noch niemals in ihrem Leben. Halb in Scherz und halb ärgerlich sagte sie:

»Das klingt ja ganz so, als ob Du Dich nach mir gesehnt hättest.«

»Das habe ich auch,« nickte er ernst.

»Gewiß bist Du in einer großen Stadt geboren, wo die Männer den Mädchen schöne Worte sagen und dann heimlich über dieselben lachen.«

»Nein. Ich habe die Wahrheit gesagt, denn ich habe mich wirklich nach Dir gesehnt.«

»Warum?«

Sie richtete den Blick jetzt fast trotzig auf sein Gesicht.

»Ich hörte so viel von Dir, daß ich wünschte, Dich einmal zu sehen.«

»Und was hast Du gehört.«

»Daß Du – – –«

Er beugte sich zu ihr vor und flüsterte ihr in das Ohr:

»Daß Du der Engel der Verbannten seist.«

Mila veränderte die Farbe ihres Gesichts. Sie legte, mit dem Rücken gegen die Mägde gewendet, so daß diese es nicht sahen, den Finger an den Mund, Zeichen, daß er vorsichtig sein solle. Dann antwortete sie laut:

»Da hat man sich geirrt. Der, welchen Du mir nanntest, ist ein ganz Anderer.«

»Aber Du kennst ihn?«

»Ja. Bedarfst Du seiner?«

»Bald, sehr bald.«

»So sei mir abermals willkommen! Willst Du mit herein ins Haus gehen?«

Er blickte sich um. Es lag fast wie Besorgniß auf seinem Gesichte. »Nein, nicht hinein!« bat eine Magd. »Wenigstens nicht sogleich. Erst muß er uns ein Lied singen.«

»Ja, ein Lied, ein Lied,« stimmte eine Zweite bei.

Er wurde von allen bestürmt, so daß er das Instrument herab nahm. Als er die Hülle geöffnet hatte, ertönte es froh aus dem Munde der Mädchen:

»Eine Balalaika, eine Balalaika! Das ist herrlich, herrlich!«

Er stimmte die Saiten und blickte dabei Mila ernst und forschend an. Sie verstand die stille Frage, welche in seinem Blicke lag, und beantwortete dieselbe, indem sie nahe zu ihm herantrat und ihm unbemerkt zuflüsterte:

»Du bist sicher.«

Da erheiterte sich sein Gesicht. Er blickte im Kreise umher und fragte:

»Nun, welches Lied wollt Ihr haben?«

Die Eine verlangte dies, die Andere das, Mila aber, an die sich zuletzt Alle wendeten, entschied:

»Singe kein bekanntes, sondern ein anderes. Oder bist Du kein wirklicher Sänger?«

»Ich bin einer.«

»So machst Du Dir auch selbst Lieder?«

»Ja.«

»Singe so eins. Vielleicht dasjenige, welches Dir am Liebsten ist.«

»Also mein Lieblingslied? Warum Mila?«

»Um Dich kennen zu lernen. Wenn man weiß, welches Lieblingslied ein Mensch hat, so kennt man sein Herz sofort.«

Er senkte zustimmend lächelnd den Kopf.

»So willst Du mich also kennen lernen?« fragte er halb laut.

»Ja.«

»Ich danke Dir, daß ich Dir bekannt werden darf. Wer Dich einmal gesehn hat, für den ist es eine Pein, Dir fremd bleiben zu müssen.«

Ihr Gesicht glühte. Sie erkannte erst jetzt, das sie ihm Etwas hatte wissen lassen, was er nicht wissen sollte – daß sie Wohlgefallen an ihm gefunden hatte.

Man bot ihm einen Sitz. Er lehnte denselben ab. Er trat zu dem nächsten Baume, stützte die Schulter leicht gegen denselben, ergriff die Balalaïka und – begann doch nicht, wie die Mädchen erwartet hatten.

Er blickte eine ganze Zeit lang wie träumend in die Ferne. Sein Auge hatte einen feuchten Glanz. Dann, als das erwartungsvolle Flüstern der Mädchen ihn in die Gegenwart zurückrief, sang er zur Begleitung des Instrumentes:

»Weit, ach weit in der Ferne
Liegt das Thal und der Hain,
Wo ich möchte so gerne
Heimisch und fröhlich sein.
Schaue sehnend hinüber
Ueber den Berg und das Thal.
Heimath, ach dürft ich Dich grüßen,
Ach, nur ein einziges Mal!«

Die Balalaïka der Russen hat einen ganz eigenartigen, elegisch weichen Ton. Zu derselben paßte der Text des Liedes und auch die Stimme des Sängers. Es war ihr gar wohl anzuhören, daß es ihr möglich sei, voll und kräftig aufzusteigen; jetzt aber besaß sie eine Zartheit, einen Schmelz, als ob sie geläutert durch ein heiliges Weh, aus dem tiefen Herzen emporklinge. So sang er auch die zweite Strophe:

»Kann das Plätzchen nicht finden
In dem unendlichen Raum,
Nimmer die Wehmuth ergründen.
Nimmer den sehnenden Traum.
Und doch deucht mir, ich habe –
Täuscht mich kein trügendes Bild –
Ehemals schon als Knabe
An diesem Plätzchen gespielt.«

Die letzten Worte klangen leise und leiser, und die Begleitung der Saiten schien sich in einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aufzulösen.

Er hatte geendet. Niemand sagte ein Wort. Kein Laut des Beifalls wurde hörbar. Er blieb noch einige Secunden stehen. Dann wendete er sich mit einer raschen Bewegung den Zuhörerinnen zu:

»Nicht wahr, so ein Lied kann nicht gefallen?«

Aber das Gegentheil stand Allen in den Gesichtern geschrieben.

»Wie schön, wie sehr schön!« sagte Mila.

Die Anderen stimmten bei.

»Ich dachte, ein lustiges Lied liebtet Ihr mehr.«

»O nein. Meinst Du, weil wir still waren, hätte es uns nicht gefallen?

Wer kann am Schlusse eines solchen Liedes lärmend rufen? Also das ist Dein Lieblingslied?«

»Ja.«

»Wie hast Du es überschrieben?«

»Verlorene Jugendzeit.«

Sie sah ihn forschend in die Augen. Dann fragte sie:

»Hast Du die Deinige verloren gehabt?«

»Leider. Ich habe weder Jugend noch Glück gekannt.«

»Auch heut noch nicht?«

»Bis heute nicht.«

»Dann bist Du zu bedauern. Aber ein jeder Mensch hat eine Jugend. Wie kannst Du allein keine haben?«

»Sie wurde mir geraubt, gewaltsam geraubt, o, wie gewaltsam!«

»So wird der gute Gott Dir dafür eine frohe Zukunft geben.«

»Ich bete darum. Möge dieses Gebet erhört werden, denn ich bitte nicht für mich, sondern –«

Er brach ab. Unter der Thür des Wohnhauses erschien eine behäbige Frauengestalt, welche nach den Mägden rief. Diese eilten ihr gehorsam zu, so daß Mila sich mit dem Fremden allein befand.

»Jetzt haben wir keinen Lauscher,« sagte sie. »Du suchst also den Engel der Verbannten?«

»Ja.«

»Für Dich?«

»Für mich und Andere.«

»Bist Du selbst ein Flüchtling?«

»Eigentlich nicht. Mein Vater ist ein Verbannter. Er hat lange Jahre hinten in Jakutzk geschmachtet. Die Mutter und ich, wir sind ihm freiwillig gefolgt. Ein Schwesterlein erfror auf der fürchterlichen Reise. Endlich, nach langen, langen Jahren ist es mir gelungen, den Vater zu befreien. Wir haben Monate gebraucht von Jakutzk bis hierher. Ich erfuhr von dem Engel der Verbannten. Ich hörte, daß Du es seist. Darum komme ich zu Dir. Ich habe viel, sehr viel von Dir sprechen hören. Was man mir sagte, ist nicht viel. Du bist ein Engel!«

Sie senkte das Auge und antwortete:

»Ich habe Dir bereits gesagt, daß ich der Engel nicht bin. Meine Freundin – den Namen sage ich jetzt noch nicht – ist die Retterin Vieler. Ich habe Dein Lob nicht verdient.«

»O doch. Sie kann unmöglich schöner sein als Du.«

Da sah sie mit neckischem Blicke zu ihm auf und antwortete:

»Wer spricht von Schönheit? Wir reden doch von der Rettung armer Leute. Was hat die Schönheit damit zu thun?«

»Ich kann mir keine Retterin ohne Schönheit denken. Ein Engel kann unmöglich häßlich sein.«

»Das ist wahr. Aber grad darum auch bin ich kein Engel. Ich bitte Dich – – – o weh! Da kommt – – verbirg Dich schnell!«

Eben jetzt war der Hufschlag eines Pferdes hörbar geworden. Hinter einem der Nebengebäude erschien der Reiter. Er kam in Galopp angesprengt, und bald sah man, daß ihm noch zwei Andere folgten.

Es war ein Kosakenwachtmeister von der Grenzmannschaft. Seine zwei Begleiter waren Gemeine. Er fegte herbei bis hart vor Mila, wo er sein Pferd parirte und so tief in die Hechsen riß, daß die Hinterhufe sich in den Boden gruben. Diese Leute wissen den Werth eines lebenden Wesens nicht zu taxiren.

Mila hatte dem Sänger zugerufen zu fliehen; aber es war dazu zu spät gewesen. Der Kosak hätte ihn gesehen. Grad durch die Flucht wäre der Verdacht des Wachtmeisters erregt worden. Darum war Alexius ruhig stehen geblieben.

Der Kosak warf ihm einen raschen, finstern Blick zu und wendete sich dann an das schöne Mädchen:

»Gott grüße Dich, Liebchen! Ich konnte unmöglich vorüber, ohne Dich gesehen zu haben. Wie geht es dem Väterchen?«

»Er ist in die Stadt geritten.«

»Das Mütterchen?«

»Sie befindet sich in der Küche.«

»Und Du, mein Täubchen, wie geht es Dir?«

»Sehr gut, am Allerbesten aber dann, wenn Niemand sich um mich bekümmert.«

»Ach! Gilt das mir?«

»Allen.«

Sie sprach jetzt außerordentlich kurz und abweisend. Der Wachtmeister war allerdings keine sympathische Erscheinung. Ein struppiger Vollbart bedeckte sein Gesicht so, daß nur die Augen zu sehen waren, und sein ruhelos und scharf umherschweifender Blick hatte nichts Vertrauenerweckendes. Er schien alles bemerken und alles durchdringen zu wollen.

»Allen?« lachte er. »Das glaube ich nicht. Warum sprachst Du denn mit diesem Burschen hier so freundlich?«

»Wohl nicht freundlicher als mit einem jeden Anderen.«

»So! Ich glaube das Gegentheil bemerkt zu haben. Und – ah, da bemerke ich ja noch Etwas, etwas höchst Interessantes!«

Er trieb sein Pferd mit einigen Sätzen an das Gebäude und unter ein einzelnes Fenster, welches offen stand. Er blickte aufmerksam hinein und kam dann wieder herbei.

»Gestern ritt ich hier vorüber,« sagte er. Es war spät am Abende, und Alles schlief. Darum konnte ich Euch nicht mehr begrüßen. Aber dort hinter den Scheiben brannte ein Licht, und als ich hineinblickte, sah ich ein Brod und einen Käse und auch Wurst, ein Stück Rolltabak und Streichhölzer. Wem gehörte das?«

»Da mußt Du den Vater fragen,« antwortete Mila. »Ich rauche nicht Tabak.«

»Aber daß Andere, Brod, Butter und Wurst, darüber wirst Du mir Bescheid sagen können.«

»Auch da wirst Du den Vater fragen müssen. Er ist der Herr. Ich bin noch nicht einmal mündig.«

»Donnerwetter!« fluchte er. »Meint Ihr etwa, ich wisse nicht, für wen das Alles bestimmt ist?«

»Ich brauche mir keine Mühe zu geben. Deine Gedanken zu errathen.«

»Weil Du sie natürlich kennst!«

»Nein, sondern weil es mir sehr gleichgiltig ist, was Du denkst.«

»Ist Dir auch das, was ich fühle, so gleichgiltig, mein Herzchen?«

»Ja.«

»Nun, dann ist Dir vielleicht wenigstens das, was ich schreibe, nicht gleichgiltig.«

»O, ganz ebenso.»

»Gewiß nicht. Wenn ich nun zum Beispiel ins Meldebuch eintrüge: Bei Peter Dobronitsch werden des Nachts die ›armen Leute‹ nicht nur gespeist, sondern sie bekommen sogar Tabak geschenkt. Was sagst Du dazu?«

»Gar nichts. Hast Du vielleicht die armen Leute gesehen, welche wir speisen?«

»Nein, noch nicht, denn ich habe nur Dir zu Liebe ein Auge zugedrückt. Nun aber, da ich Dir in Allem so gleichgiltig bin, werde ich beide Augen desto besser aufmachen.«

»Das ist sehr gut für Dich, denn dann wirst Du auch besser sehen können.«

»Willst Du meiner spotten?« brauste er auf.

»O nein. Es versteht sich ja ganz von selbst, daß derjenige, welcher die Augen richtig öffnet, besser sehen kann als derjenige, welcher eins zudrückt.«

»Dann, wenn ich also schärfer aufpasse, werde ich vielleicht noch ganz andere Meldungen eintragen können.«

»Schwerlich.«

»O Gewiß. Vielleicht werde ich da schreiben: Mila Dobronitsch ist der berüchtigte Engel der Verbannten.«

Das war natürlich nur ein Hohn, denn er konnte keine Ahnung haben von dem Verhältnisse Milas zu Karparla, aber dennoch war es dem schönen Mädchen gar nicht wohl zu muthe – um des Sängers willen, welcher scheinbar gleichgiltig am Baume lehnte und ganz so that, als ob außer ihm gar Niemand vorhanden sei. Sie gab sich Mühe, ein heiteres Lachen hören zu lassen und antwortete:

»Ich wollte, ich wäre dieser Engel.«

»Warum, he?«

»Nun, wer wollte nicht gern ein Engel sein?«

»Dieser Engel aber handelt gegen das Gesetz. Wenn er in unsere Hände geräth, so wird es ihm schlecht ergehen. Vielleicht hält dieser Bursch da Dich für einen Engel. Wenigstens standet Ihr vorhin, als ich kam, so eng bei einander, als ob ihr schon im Himmel wäret. Den habe ich noch gar nicht gesehen.«

»Ich auch nicht.«

»Was ist er denn?«

»Ein Sänger. Du siehst ja, daß er die Balalaika mit sich hat. Er ist eben hier angekommen.«

»So, so! Den muß ich mir doch etwas genauer betrachten. Ich kenne alle Sänger, fünfhundert Werst in der Runde; aber diesen hier habe ich noch nicht ein einziges Mal gesehen.«

Er wendete sich dem Genannten zu und nahm ihn mit einem langen, forschenden Blick in Augenschein. Dieser mißtrauische Blick machte dem Polizisten alle Ehre.

Der Sänger hielt denselben ruhig und gleichmüthig aus. Er lehnte still an dem Baume und that gar nicht, als ob er es wisse, daß er einer so scharfen, eingehenden Prüfung unterzogen werde.

Mila hingegen fühlte sich in diesem Augenblicke von schwerer, innerer Sorge bedrückt. Die Persönlichkeit, das ganze Wesen des jungen Mannes, über welches ein Hauch tiefer, stiller Schwermuth, ein unbestimmbarer Ausdruck wortlosen Leidens ausgebreitet lag, hatte sofort einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Und trotz dieser negativen Seelenstimmung, welche ihn beherrschte und ihm wohl zur zweiten Natur geworden war, sah man es ihm an, daß er keineswegs nur ein innerlich reich veranlagter Mensch sei. Seine kräftige Gestalt, sein scharfer Blick, seine kühngeschnittenen Gesichtszüge, sein weicher und doch fast trotzig aufgeworfener Mund, das Alles ließ errathen, daß mit ihm nicht leicht zu scherzen sei, daß er vielmehr Muth und Energie genug besitzen möge, einen Feind in die gehörigen Schranken zurückzuweisen.

Wie gesagt, Mila fühlte sich besorgt um ihn; er war ja ein Flüchtling; er war gekommen, um die Hilfe des Engels der Verbannten anzurufen. Und dennoch, als sie ihn so ruhig, so gleichgiltig dastehen sah; als ob die Rede des Wachtmeisters ihn gar nichts angehe, da war es ihr, als ob alle Sorge um ihn doch nur unnütz sei.

»Nun,« sagte der Kosak in strengem Tone zu ihm, »hörst Du nicht, daß ich von Dir rede? Kannst Du nicht antworten?«

Der Sänger warf ihm einen Blick zu, in welchem ebenso wohl Erstaunen wie auch Geringschätzung lag. Er antwortete nur dadurch, daß er leicht die Achsel zuckte.

»Nun, bist Du taub!« rief der Wachmeister zornig.

Jetzt nun hielt der Sänger es für gerathen, zu antworten:

»Man pflegt doch erst dann eine Antwort zu geben, wenn man von Jemand gefragt wird.«

Das klang so stolz, so zurückweisend, als ob er mit einem Untergebenen gesprochen habe. Der Wachtmeister fixirte ihn erstaunt und sagte dann in zornigem Tone!

»Ich habe Dich ja gefragt!«

»Nein.«

»Du hast selbst gesagt, daß Du nur von mir gesprochen hast, hörst Du, von mir aber nicht mit mir!«

»Nun, so hast Du zu antworten!«

»Es ist nicht meine Eigenthümlichkeit, Etwas dazu zu sagen, wenn der erste beste Mensch von mir redet.«

»Oho! Ich bin der erste beste Mensch. Schau mich an, so wirst Du gleich sehen, wer und was ich bin!«

Der Sänger that so, als ob er ihm erst jetzt einen Blick gönne. Er betrachtete ihn noch schärfer und forschender als vorhin und antwortete ihm!

»Ja, das sehe ich freilich. Du bist ein Kosak. Aber was ist das weiter?«

»Was das weiter ist? Heiliger Iwan! Weißt Du nicht, was wir Kosaken eigentlich zu thun haben?«

»Das weiß ich wohl.«

»Nun, was?«

»Ihr schlaft, reitet, eßt, trinkt und schlaft wieder. Weiter werdet Ihr wohl nichts thun.«

»Aber grad die Hauptsache hast Du vergessen.«

»So?«

»Ja. Wir bewachen die Grenze!«

»Meinetwegen! Mich geht das nichts an.«

»Sollte Dich das wirklich nichts angehen?«

»Gar nichts. Mir ist die Grenze ganz und gar gleichgiltig, ganz ebenso wie Dir.«

»Das will ich um Deinetwillen wünschen, mein stolzes Brüderchen. Denn stolz thust Du, grad so stolz, als ob Du ein großer Herr seist.«

»Das bin ich auch. Wir Sänger sind freie Leute. Uns hat kein Mensch Etwas zu befehlen.«

»Demjenigen freilich nicht, der wirklich ein Sänger ist. Wer sich aber nur für einen ausgiebt, dem kann es leicht schlecht ergehen. Wir müssen hier eine strenge Wache halten. Wo bist Du eigentlich her?«

»Aus Witinska.

»Das ist sehr weit oben im Norden. Da bin ich freilich nicht bekannt. Du wirst mir also sagen müssen, ob Du eine Legitimation bei Dir führst.«

»Die habe ich.«

»Du mußt als Sänger sogar zwei haben, nämlich einen Prochodj (Paß) und auch eine Zaswiadjeteljestbo, das ist eine Bescheinigung, daß Du die Erlaubniß hast, als Sänger im Lande umher zu reisen.«

»Ich habe Beides.«

»Zeige doch einmal her!«

»Ach, ich soll mich legitimiren?«

»Ja freilich,« lachte der Kosak höhnisch.

»Warum? Komme ich Dir etwa verdächtig vor?«

»Sogar sehr.«

»Inwiefern denn wohl?«

»Du siehst einem Manne sehr ähnlich, welchen wir mit Schmerzen suchen.«

»Wen?«

»Das brauche ich Dir eigentlich gar nicht zu sagen, aber weil ich grad bei guter Laune bin, so sollst Du es erfahren. Du siehst genau so aus wie Alexius Boroda, der berüchtigte Zobeljäger, welcher so viele Gefangene befreit hat.«

Fast hätte Mila einen Ruf des Schreckens ausgestoßen. Dieser Alexius Boroda war allerdings seit einiger Zeit in aller Munde. Er war hoch oben im Norden thätig gewesen. Man erzählte sich, daß er Verwandte in Jakutzk besessen habe, denen er ein kühner Retter geworden sei. Nachher sollte er auch eine ganze Anzahl Gefangener aus Nertschinsk befreit haben und sich nun mit all diesen Leuten auf dem Wege nach der Grenze befinden.

Wenn der Sänger wirklich dieser kühne Zobeljäger war, so stand jetzt Alles für ihn zu befürchten, denn der Wachtmeister war als ein strenger, schlauer und rücksichtsloser Mann bekannt.

Freilich, dem Gesicht nach, welches der Sänger zeigte, konnte er der Gesuchte nicht sein, denn er lachte sehr fröhlich und sagte:

»Brüderchen, da thust Du mir viel zu viel Ehre an. Ich wollte mich stolz fühlen, wenn ich so ein berühmter Mann wäre. Wir Dichter sind alle gern ein Wenig berühmt; aber leider bin ich nur ein armer, unbekannter Sängersmann.«

»So! Wie heißt Du denn?«

»Mein Name ist Peter Saltewitsch.«

Als er diesen Namen nannte, bemerkte er wohl, daß einer der beiden andern Kosaken ein sehr erstauntes Gesicht machte und sich im Sattel höher emporrichtete, als ob er ihn dadurch schärfer beobachten könne.

Auch der Wachtmeister hatte das gesehen. Er beachtete es aber jetzt noch nicht sondern forderte den Sänger auf:

»So beweise es mir! Zeige mir einmal Beides, nämlich den Paß und auch den Schein!«

»Hier hast Du sie.«

Er zog die beiden Papiere aus der Tasche und gab sie ihm hin. Der Kosak untersuchte sie sehr genau und schüttelte den Kopf.

»Sie sind richtig!« meinte er enttäuscht.

»Natürlich!« lachte der Sänger.

»Also kann ich Dich nicht hindern. Deine Kunst auszuüben; aber, hm – – – was hast Du denn? Was willst Du sagen?«

Diese Frage war nämlich an den bereits erwähnten Kosaken gerichtet. Dieser war ungeduldig im Sattel umhergerutscht. Man sah es ihm an, daß er gar zu gern eine Bemerkung gemacht hätte. Jetzt antwortete er auf die Frage seines Vorgesetzten:

»Brüderchen, ich will mit wetten, daß der Mann nicht Peter Saltewitsch ist.«

»Warum?«

»Ich kenne den Saltewitsch.«

»Ach! Genau?«

»Ganz genau freilich nicht; aber gesehen und gehört habe ich ihn einmal.«

»Wo?«

»Allerdings droben in Witimska, wo dieser Mann her sein will und woher Saltewitsch auch wirklich ist. Ich hörte ihn dort singen.«

»Und es war ein Anderer.«

»Ja«

»Ach so! Beschreibe ihn mir doch!«

»Er hatte lichtes Haar; dieser hier aber ist dunkel. Auch war er kleiner und untersetzter und hatte ganz die russischen Gesichtszüge. Dieser aber sieht gar nicht wie ein Russe aus.«

»Hm!« brummte der Wachtmeister wichtig. »Das ist freilich auffällig. Hier im Passe steht: Zähne gut, Gesicht gewöhnlich; dagegen ist gar nichts zu sagen, und auch das Andere stimmt. Aber Deine Rede darf auch nicht überhört werden. Wir müssen einmal diesen – – hm!«

Er betrachtete den Sänger abermals sehr genau. Dieser aber lachte laut auf und sagte:

»Was giebt es da zu überlegen? Die Sache ist ja außerordentlich einfach!«

»So einfach wie Du denkst, ist sie freilich nicht!«

»O doch. Dieser Kosak irrt sich und irrt sich auch nicht. Wir sind nämlich zwei Brüder; ich heiße Peter und mein Bruder heißt Paulo Saltewitsch. Ihn hat er gesehen und mich nicht. Er verwechselt die Vornamen.«

»O nein,« meinte der betreffende Kosak. »Ich habe viel von dem Peter sprechen hören; er hat keinen Bruder; er besitzt überhaupt keine Verwandten. Er ist ganz allein.

Der Wachtmeister nickte leise vor sich hin, zog ein sehr pfiffiges Gesicht, legte die beiden Legitimationspapiere zusammen, steckte sie in die Satteltasche und sagte:

»Die Sache kommt mir verdächtig vor. Ich werde sie genauer untersuchen.«

Da zog der Sänger die Brauen finster zusammen, trat ihm einen Schritt näher und antwortete:

»Dazu hast Du kein Recht!«

»Oho! Ich bin Polizist!«

»Grad weil Du das bist, hast Du das Gesetz zu respectiren!«

»Ich respectire es!«

»Nein. Meine Legitimationen sind richtig. Sie stimmen ganz genau; also mußt Du sie mir zurückgeben und darfst mich nicht in meiner Freiheit hindern.«

»Aber die Aussage meines Kameraden muß berücksichtigt werden. Er behauptet, daß derjenige Saltewitsch, welcher Du sein willst, gar keinen Bruder habe. Ich muß also den Paß und den Schein von meinem Officier prüfen lassen.«

»Ach so! Wo befindet sich dieser?«

»Auf Patrouille.«

»Wann kommt er zurück?«

»Heute Abend gelangt er wieder zur Station.«

»Und wo liegt diese?«

»Sechs Werst von hier.«

»Und so lange soll ich hier warten? Vielleicht gar bis morgen früh,, bis Du mir die Papiere wieder her bringst?«

Da lachte der Wachtmeister höhnisch auf. Er antwortete:

»Du meinst, daß Du hier warten willst?«

»Ja.«

»Das geht nicht. Du wirst uns begleiten müßen.«

»Das fällt mir nicht ein.«

»Das muß Dir einfallen. Wir können nicht fragen, ob Du Lust dazu hast. Du wirst gezwungen werden, wenn Du Dich weigerst.«

»Wie! Ihr wollte mich arretiren?«

»Ja.«

»Das dulde ich nicht.«

»Pah! Was willst Du dagegen thun?«

»Anzeige erstatten. Meine Papiere stimmen. Nach dem, was Dein Untergebener einmal von Leuten, welche meine Verhältnisse nicht kannten, gehört haben will, kann und darfst Du nicht gehen. Ich habe keine Zeit, mich arretiren zu lassen.«

»Ein Sänger hat immer Zeit.«

»Ich heute nicht.«

»Was hast Du denn so Nothwendiges zu thun?«

»Das geht Dich nichts an. Privatsachen brauche ich Dir nicht zu sagen. Wenn Du mich ohne genügende Veranlassung um meine Zeit bringst, werde ich mich beschweren.«

»Brüderchen, es ist gar nicht so schlimm, wie Du denkst. Du wirst uns auf der Station Etwas singen und dafür viel Wutki trinken und auch noch Geld erhalten.«

»Ich trinke keinen Wutki, und ich weiß auch, daß Ihr Soldaten niemals Geld übrig habt.«

»Willst Du mich beleidigen!«

»Nein; ich will mein Recht, weiter nichts.«

Die Art und Weise, in welcher er sprach, verfehlte nicht, den beabsichtigten Eindruck auf den Wachtmeister hervorzubringen. Er langte bereits mit der Hand wieder nach der Tasche, um die Legitimationspapiere aus derselben zu nehmen; da aber trieb der erwähnte Kosak sein Pferd ganz nahe an ihn heran und sagte leise:

»Brüderchen, laß Dich nicht irre machen. Er ist kein Sänger.«

»Meinst Du das wirklich?«

»Ja, gewiß. Ich glaube vielmehr, daß er der Zobeljäger ist; ich möchte darauf schwören.«

»Er scheint ihm allerdings ähnlich zu sein.«

»Du kannst Dich ja sofort überzeugen.«

»In welcher Weise?«

»Nun, gestern, als Du ausgeritten warst, las uns der Sotnik vor, daß der gesuchte Zobeljäger ein ganz besonderes Kennzeichen habe.«

»Davon weiß ich ja gar nichts!«

»Weil Du nicht anwesend warst. Es ist ihm nämlich einmal der linke Arm in eine Zobelfalle gerathen. Davon sieht man gleich unter der Hand noch die Spur.«

»Ach, das wäre ja wichtig!«

»Sehr sogar. Du brauchst Dir ja nur die Hand einmal zeigen zu lassen.«

»Ja, gleich, gleich!«

Er schien den guten Rath sofort befolgen zu wollen, besann sich aber schnell eines Besseren, denn er flüsterte dem Andern zu:

»Oder nein! Wenn er wirklich der Zobeljäger Alexius Boroda ist, so ist er ein sehr kühner und gefährlicher Kerl. Wenn ich offen seinen Arm untersuche, so merkt er, daß er entdeckt ist und greift zu Gewaltthätigkeiten. Er wehrt sich wie ein Löwe. Ich fürchte mich zwar nicht, aber so einem Menschen gegenüber ist List allemal besser als Gewalt. Ich untersuche ihn, ohne daß er es bemerkt. Hat er das Zeichen, so fallen wir ganz plötzlich über ihn her, so daß er sich gar nicht wehren kann. Er darf gar keine Zeit dazu finden.«

»Wie aber willst Du das Zeichen sehen?«

»Kannst Du Dir das nicht denken?«

»Nein. Der Aermel verdeckt es ja.«

»So fordere ich ihn auf, zu singen. Wenn er die Balalaika spielt, hält er den Hals derselben mit dem linken Arme empor, und da wird der Aermel so weit niederrutschen, daß man das Zeichen sehen kann. Das ist das Beste; meinst Du nicht auch.«

»Brüderchen, Du bist ein Schlaukopf!«

»Nicht wahr? Also paß einmal auf! Wenn ich Euch nachher winke, springt Ihr schnell vom Pferde, werft ihn nieder und bindet ihn, während ich im Sattel sitzen bleibe und mit der Wolfspeitsche schon dafür sorgen werde, daß er sich drein fügen muß.«

Das Flüstern der Beiden hatte allerdings nicht so lange gedauert, als Zeit zur Beschreibung nöthig ist. Sie hatten sehr schnell und eilig gesprochen, und nun wendete sich der Wachtmeister wieder an den Sänger:

»Ich habe mit meinem Kameraden hier gesprochen. Er sagt noch immer, daß Du nicht Peter Saltewitsch seist. Ich sollte Dich eigentlich arretiren; aber ich will mich in anderer Weise überzeugen, ob Du mich belogen hast oder nicht.«

»Wie willst Du das anfangen?« fragte der Andere.

»Wenn Du nicht Peter Saltewitsch bist, so bist Du also kein Sänger.«

»Natürlich.«

»Und kannst nicht singen.«

»Da hast Du sehr recht gesagt.«

Im Stillen lachte er über diesen sehr falschen Schluß.

»Du kannst mir also nur dadurch, daß Du uns Etwas vorsingst, beweisen, daß Du Der bist, für den Du Dich ausgegeben hast.«

»Ich stimme Dir bei.«

»Bist Du also bereit dazu?«

»Ja.«

»So singe!«

»Was wünschest Du, das ich Dir vorsingen soll?«

»Wenn Du wirklich Sänger bist, so muß Dir das schöne Sängerlied von der Laute bekannt sein. Es ist ja das allererste, welches Einer zu lernen hat.«

»Ich kenne es.«

»So singe es!«

Der Sänger tauchte den Blick tief forschend in das Auge des Wachtmeisters. Er bemerkte deutlich die Heimtücke, welche in der Tiefe desselben lauerte. Er ahnte, daß man ihn aus einer ganz besonderen Absicht zum Gesänge auffordere, aber er konnte diese Absicht nicht errathen. Er nahm sich natürlich vor, äußerst vorsichtig zu sein.

Mila war den bisherigen Verhandlungen mit der größten Spannung gefolgt. Sie war überzeugt, daß der interessante, junge Mann nicht der Sänger Saltewitsch sei. Er hatte ihr ja vorhin gesagt, daß er Alexius heiße, und der Name des berühmten Zobeljägers war ja Alexius Boroda. Sie bemerkte auch, daß der Wachtmeister irgend eine hinterlistige Absicht hegte, konnte sie aber auch nicht errathen. Darum fühlte sie noch immer die vorige Angst um den Gast, welchen sie so gern gerettet hätte. Sie nahm sich fest vor. Alles zu thun und selbst keine Gefahr zu scheuen, um ihn vor der ihm drohenden Gefangennahme zu bewahren.

Der Sänger lehnte sich wieder an den Baum, aber so, daß er keinen der drei Kosaken hinter sich hatte. Er that, als ob er nur mit der ihm zugestellten Aufgabe beschäftigt sei, war aber trotzdem darauf gefaßt, sich an jedem Augenblicke gegen eine etwaige Ueberrumpelung zu wehren.

Er erhob die Balalaika, schlug einige Accorde an und begann das Vorspiel. Die Blicke der Kosaken waren nach der linken Hand des Spielenden gerichtet. Dieser begann sein Lied:

»Meine Laute ist mein höchstes Gut;
Meine Laute ist mein Stolz, mein Muth,
Und sie laß ich nicht,
Denn ihr Klingen spricht
Wie ein Engel aus vergangnen Zeiten.
Meine Laute sah des Jünglings Glück,
Meine Laute seinen Thränenblick,
Sah ihn singend stehn,
Stolz wie Götter gehn
Durch des Lebens Frühlingsauen.
Meine Laute sah des Mannes Schmerz,
Sah auch schwellen das zufriedne Herz,
Und des Herzens Schlag
Sprach die Saite nach.
Laut verkündend Schmerz und Herzgefühle.«

So weit war er mit dem in Rußland sehr beliebten Liede gekommen, als er durch die vorsichtig niedergeschlagenen Wimpern bemerkte, daß der Wachtmeister den beiden Kosaken verstohlen zunickte.

Was meinte dieser Mann? Das war nicht das Nicken des Wohlgefallens über das Lied, sondern das war vielmehr das Zeichen der Uebereinstimmung; es sah aus, wie ein Befehl, den der Wachtmeister seinen Untergebenen ertheilte. Dennoch that der Sänger so, als ob er es gar nicht bemerkt habe, und fuhr fort:

»Meine Laute ziere noch den Greis
Mit dem Haupte zitternd einst und weiß.
Von des Lebens Harm
Mit der Laut' im Arm
Will ich auf zu reineren Chören schweben.«

Während dieser fünf gesungenen Zeilen hatte der Wachtmeister nach dem Griffe seiner Wolfspeitsche gelangt und dieselbe unter dem Halsriemen des Pferdes hervorgezogen. Er hielt sie jetzt so in der Hand, als ob er bereit sei, mit derselben zuzuschlagen. Dessenungeachtet sang der junge Mann die letzte Strophe:

»Meine Laute gebt mir in das Grab;
Meine Laute senkt mit mir hinab.
Denn der Klang verdirbt,
Wenn der Sänger stirbt,
Und der Fremde weiß sie nicht zu spielen.«

Jetzt sollte eigentlich noch das Nachspiel kommen, aber der Sänger wurde daran verhindert. Er hatte wohl bemerkt, daß die Drei nur seine linke Hand fixirten; aber er hatte nicht geahnt, was ihre Blicke dort suchten. Jetzt aber, gerade noch zur richtigen Zeit während der letzten Zeile sah er, daß ihm der Aermel zurückgerutscht war. Da war ganz deutlich eine dunkel gefärbte Stelle an der Handwurzel zu erkennen. Das war die Spur, welche die Zobelfalle zurückgelassen hatte. Er war also unbedingt erkannt und entdeckt worden.

Kaum hatte er die letzten Worte gesungen, und eben wollte er das Nachspiel beginnen, so erhob der Wachtmeister die Peitsche und rief in befehlendem Tone:

»Drauf! Er ists, Alexius Boroda!«

Die beiden Kosaken warfen sich aus dem Sattel und drangen auf den Sänger ein.

»Halt!« donnerte dieser ihnen entgegen.

Der Ton dieses Befehles klang so gebieterisch, daß sie unwillkürlich stehen blieben.

»Drauf!« wiederholte der Wachtmeister.

»Keinen Schritt weiter!« gebot der Sänger. »Was wollt Ihr thun?«

»Dich arretiren!« antwortete der Wachtmeister. »Du bist der Zobeljäger. Du hast uns schmählich belogen.«

»Wer sagt Dir, daß ich es bin?«

»Die Narbe an Deiner Hand.«

Mila stieß einen Schrei aus. Sie war überzeugt, daß der Muthige verloren sei, er, der Unbewaffnete gegen drei bis an die Zähne bewaffnete Kosaken. Er aber hatte ganz und gar nicht das Aussehen eines Mannes, der sich verloren giebt. Seine Wangen rötheten sich; seine Augen blitzten hell auf, und seine Gestalt schien zu wachsen, als er jetzt lachend antwortete:

»So! So! Also bin ich Boroda! Nun, ich will nichts dagegen haben. Ihr habt jetzt den berühmten Zobeljäger gesehen und könnt damit zufrieden sein. Reitet also ganz ruhig heim und sagt den Kameraden, wie schön ich singen kann.«

»Ja,« antwortete der Wachtmeister zornig. »Wir werden heimreiten, aber nicht ohne Dich. Ergieb Dich freiwillig!«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Mensch, Du hast doch keine Waffen!«

»Ich brauche keine. Ihr seid die Kerls nicht darnach, daß ich mich Euretwegen besonders nach Waffen umsehen müßte.«

»Hört Ihr's? Drauf!« rief der Wachtmeister den beiden Kosaken zu.

»Nehmt Euch in Acht, Brüderchen!« warnte Boroda.

»Drauf!« erklangt abermals der donnernde Befehl.

Nun gab es für die gehorsamen Kosaken freilich kein Zögern mehr. Sie drangen auf Boroda ein. Dieser lehnte noch immer am Baume, so daß er im Rücken gedeckt war. Er erhob seine Balalaïka und schlug sie dem Einen so an den Kopf, daß sie krachend in Splitter flog. Dem Andern versetzte er einen Fausthieb in die Magengrube, und das zwar so schnell, daß Beide auf dem Boden lagen, ehe der Wachtmeister Zeit gefunden hatte, ihnen beizustehen.

»Hund!« brüllte er auf. »Das will ich Dir bezahlen.«

Er spornte sein Pferd nach dem Baume und erhob die Peitsche zum Schlage. Ein solcher Hieb kann tödtlich sein. Die sibirischen Völkerschaften bedienen sich dieser Peitschen, die Wölfe mit einem einzigen Hiebe zu erschlagen.

»Mach Dich nicht lächerlich, Knabe!« lachte Boroda auf.

Er sprang blitzschnell zur Seite, so daß der Schlag fehl ging, ergriff den Wachtmeister beim Arme und riß ihn mit einem gewaltigen Rucke vom Pferde, so daß derselbe in einem weiten Bogen zur Erde flog. Er entriß ihm die Peitsche, sprang in den Sattel, ergriff die Zügel und rief in lustigem Tone:

»So! Jetzt wißt Ihr, wie Boroda zu handeln versteht. Erzählt es weiter! Lebt wohl, meine guten Brüderchen!«

Er versetzte den beiden andern Pferden ein paar kräftige Hiebe, so daß sie, vor Schmerz laut aufwiehernd, im Galopp davon sprangen, und jagte dann auch davon, schnell um die Ecke des Gebäudes hinum, um rasch Deckung gegen etwaige Schüsse zu haben.

Die Drei lagen noch am Boden. Es war Alles so blitzschnell gegangen, daß sie noch gar keine Zeit gefunden hatten, sich aufzuraffen.

Mila hatte beide Hände auf ihre erst vor Angst und nun vor Freude hochklopfende Brust gelegt.

»Gott sei Dank!« seufzte sie auf, indem sie ihm nachblickte, bis er hinter dem Hause verschwunden war. »Er ist gerettet! Wie stark, wie kühn und stolz er ist! Und zugenickt hat er mir auch noch einmal und mich dabei angelacht, als ob – als ob – als ob ich hoffen solle, daß er wiederkommen wolle. Das also, das war Boroda!«

Jetzt endlich bekam der Wachtmeister seine Stimme wieder, welche er vor Schreck verloren hatte.

»Heilige Petrowna Paulowitschina!« rief er aus. »Wo bin ich denn?«

Die beiden Kosaken saßen an der Erde. Der Eine hielt seinen Kopf, und der Andere betastete seine Magengegend.

»So möchte ich auch fragen, Brüderchen,« entgegnete einer der Kosaken.

»Mein Leib, mein Leib! Meine Rippen!«

»Und mein Kopf, mein Kopf! Diese verdammte Balalaïka! Da liegt sie neben mir in lauter Stücken und Splitter. So ein Ding ist doch zum Singen und Spielen da, nicht aber zum Todtschlagen.«

»Mein Magen brummt noch ärger als Dein Kopf!« klagte der Andere. »Mich hat er mit der Faust ermordet. Dich aber bloß mit der Musike!«

»Das ist egal, woran man stirbt, ob an einer Faust oder an einer Balalaïka.«

»Haltet die Mäuler!« schrie der Wachtmeister. »Kommt herbei und helft mir auf! Ich kann nicht allein aufstehen.«

»Ich auch nicht, ich auch nicht,« antworteten die Zwei, indem sie ruhig sitzen blieben.

»Aber, zum Donnerwetter! Ihr müßt mir doch helfen. Ihr seid meine Untergebenen!«

»Brüderchen, jetzt sind wir Alle gleich. Wir sitzen Alle in der Patsche.«

»Helft mir, ich muß einige Rippen gebrochen haben!«

»So schlimm wird es nicht sein. Versucht es nur einmal! Steht auf! Ich kann mich doch nicht einmal aufsetzen!«

Er lag lang ausgestreckt, versuchte aber gar nicht, sich aufzurichten.

»Wollen einmal sehen,« meinte Derjenige, an dessen Schädel die liebe Balalaïka zertrümmert worden war.

Er richtete sich empor, sank aber sofort wieder auf den breitesten Theil seines Körpers nieder und klagte:

»Es geht nicht. Ich fühle alle Knochen in meinem Gehirn.«

»Esel! Hast Du die Knochen denn im Hirn! Macht Euch auf, mir zu helfen.«

»Es geht nicht, Brüderchen!«

»Es muß gehen, sage ich Euch!«

»Es geht aber nicht.«

»Donnerwetter! So werde ich nachhelfen!«

Er sprang empor und kam herbei. Er hatte die beiden Fäuste erhoben, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben. Das sah so gefährlich aus, daß die Beiden sofort mit lautem Schreien emporsprangen.

»Brüderchen, es geht nicht!« riefen sie.

»Ich wußte es doch gleich!«

»Ja, aber bei Dir geht es ja auch!«

Jetzt erst sah er ein, wie weit er sich von seinem Zorne hatte hinreißen lassen. Er sank seufzend wieder nieder und sagte:

»Das war nur für einen Augenblick. Nun aber merke ich, daß ich kaput bin.«

»Ich auch!«

»Ich auch!«

Indem die beiden Andern das sagten, setzten sie sich neben ihm nieder. Sie bildeten eine so jammervolle Gruppe, daß ein Jeder über dieselbe in laut schallendes Gelächter hätte ausbrechen müssen. Die einzige Zeugin aber, welche nahe gewesen war, Mila nämlich, hatte sich schleunigst in das Innere des Hauses entfernt, damit sie vor Anforderungen an ihre Hilfsbereitschaft bewahrt sein möge. Drinnen aber an den Fenstern stand die Bäuerin mit ihrer schönen Tochter und sämmtlichen Mägden. Sie lachten herzlich über die jammervolle Gruppe da draußen vor dem Hause.

Die Kosaken sind im Grunde genommen höchst kindliche Leute. So auch diese Drei. Sie waren von einem Einzigen besiegt worden, jedenfalls eine unauslöschliche Schande. Wie war diese Schande zu bedecken? Nach ihrer Ansicht am Besten durch den Zustand vollständiger Hilfslosigkeit, welchen sie heuchelten. Dadurch wurde die Schlechtigkeit des berüchtigten Zobeljägers in das hellste Licht gestellt. Was waren drei Kosaken, selbst die Tapfersten, gegen so einen Menschen!

»Ich werde sterben müssen!« klagte der Wachtmeister. »Meine Rippen, die eigentlich oben angewachsen sind, liegen ganz unten im Bauche bei einander.«

»Und mein Kopf!« klagte der Zweite. »Er ist in ebenso viele Stücke gegangen wie die Balalaïka. Ich fühle es. Nur die Haut hält ihn noch zusammen!«

»Und mein Magen ist mir aufgelaufen als wolle er platzen!« jammerte der Dritte.

»Und die Pferde sind fort!«

»Er hat sie gestohlen!«

»Eigentlich müßten wir nach, müßten ihn verfolgen!«

»Können wir das? Ohne Pferde! Mit unsern zerbrochenen Gliedmaßen!«

»Was thun wir?«

»Wir brauchen einen Arzt.«

»Es dauert einen Tag, ehe einer kommen kann. Sollen wir so lange Zeit sitzen bleiben?«

»Nein. Das geht nicht.«

»Aber was denn?«

»Ah! Da kommt Peter Dobronitsch, der Bauer. Vielleicht kann er uns helfen.«

Ein Reiter war um die Ecke gebogen. Als er die Gruppe erblickte, hielt er erstaunt sein Pferd an.

»Was ist denn das?« fragte er. »Was thut Ihr hier?«

»Wir warten auf Dich,« antwortete der Wachtmeister in seinem allerkläglichsten Tone.

»So! Da habt Ihr Euch aber einen ganz eigenthümlichen Platz ausgesucht. Warum setzt Ihr Euch denn nicht hinein in die Stube oder vor die Thür auf die Bank?«

»Wir können nicht.«

»Nicht? Warum?«

»Wir sind verwundet.«

»Sapperment! Verwundet! Ich sehe aber doch nichts, nicht das Geringste.«

»Es ist innerlich.«

»Ach so! Alle Drei innerlich verwundet! Wie ist das denn zugegangen?«

»Mit dem Teufel!«

»So! Hört, ich glaube, Ihr Alle zusammen habt einen ganz gehörigen Klapps!«

»Ja, den haben wir erhalten.«

»Von wem denn? Etwa vom Teufel?«

»Ja, denn ein Teufel ist er, dieser verdammte Alexei Boroda.«

»Sapperment!« fuhr der Bauer auf. »War Boroda, der Zobeljäger, etwa da?«

»Ja.«

»Ihr wolltet ihn wohl fangen?«

»Ja.«

»Und da ists zum Kampf gekommen?«

»Zum förmlichen Kampfe!«

»Und Ihr habt ihn entwischen lassen?«

»Ging es anders? Er war als Sänger da, und da hat er seine Balalaika Diesem hier auf dem Kopfe zerbrochen; den Andern da schlug er mit der Faust zu Boden, und mich riß er vom Pferde, so daß ich alle zweiundsechzig Rippen gebrochen habe.«

Der Bauer gab sich Mühe, ernsthaft zu bleiben. Er sagte in bedauerndem Tone:

»O wehe! Das ist freilich schlimm! Wo ist er denn hin?«

»Wissen wir es!«

*

83

»Und wo sind Eure Pferde?«

»Zwei hat er mit der Peitsche fortgejagt, damit wir ihn nicht verfolgen könnten, und auf dem meinigen ist er davongeritten. Hast Du nicht einen Schluck Wotki da?«

»Den habe ich wohl, aber er wird Euch wohl schwerlich dienlich sein.«

»O doch! Er hilft ja gegen alle Schmerzen, also auch gegen die unserigen.«

»Zunächst wird es nöthiger sein, zu untersuchen, welchen Schaden Ihr genommen habt.«

»Das kann nur ein Arzt sehen.«

»Da könntet Ihr warten! Du weißt, daß ich mich auch ein wenig auf die Behandlung von Wunden verstehe. Willst Du erlauben, Euch einmal zu untersuchen?«

»Ja, aber wehe thun darf es uns nicht!«

»Ich werde mich in Acht nehmen. Also zeig einmal Deinen Kopf her!«

Er stieg vom Pferde und trat zunächst zu dem von der Balalaika »Getödteten«. Er legte ihm die Hand auf den Kopf, um denselben zu untersuchen. Aber da schrie der Mann sofort auf:

»Halt, halt! Nicht anrühren! Ich kann es vor Schmerzen nicht aushalten!«

Der Bauer war ein hochgewachsener Mann mit ernsten, energischen aber doch wohlwollenden Gesichtszügen. Sein kluges Gesicht blieb auch jetzt ernst, als er antwortete:

»Da steht es allerdings schlimm mit Dir.«

»Meinst Du?«

»Ja. Du wirsts nicht mehr lange machen.«

»Sterben? Sterben soll ich?«

»Ja. In einer Viertelstunde bist Du todt. Dein Kopf ist ganz zerschmettert.«

»Grad wie die Balalaika! Wußte ich es doch!« jammerte der Mann. »Nun muß ich in der Blüthe meiner Jugend sterben! Dieser verdammte Boroda! Wenn ich ihn droben unter den Seligen treffe, schlage ich ihm alle Knochen entzwei!«

»Schimpfe nicht! Im Himmel giebt es keine Prügelei! Bereite Dich lieber mit ernster Andacht auf Deine letzte Stunde vor!«

»Ist das denn wirklich so nöthig?«

»Ja. Deine Nase wird schon spitz und weiß.«

Da griff sich der Mann schnell mit beiden Händen an die Nase, befühlte sie sorgfältig und seufzte mit brechender Stimme:

»Ja, sie ist schon spitz, fast so spitz wie eine Stecknadel. Mit mir gehts zu Ende; mit mir ists aus. O heilige Kathinka!«

Er faltete die Hände und senkte das Haupt. Der Bauer aber trat zu dem zweiten Kosaken und griff nach dessen Magen.

»Nein, nein!« schrie derselbe auf. »Das kann ich nicht aushalten!«

»Thut es denn gar so wehe?«

»Ja, sehr!«

»Hm! Das kann ich mir wohl denken. Du hast unter der Haut ein so großes Loch, daß man mit der Faust hineinfahren kann.«

»Richtig, richtig! Ja, ich habe es ja gleich gefühlt. Er hat es mir ja mit der Faust hineingeschlagen. Ist das Loch vielleicht zu repariren?«

»Nein, da giebt es keine Reparatur!«

»O Himmel! Ists so gefährlich?«

»Ja. Einen Magen, wenn er ein Loch hat, kann man doch nicht ausbessern wie eine alte Pauke, welche ein Loch bekommen hat.«

»So muß ich auch sterben?«

»Unbedingt!«

»Vielleicht irrst Du Dich!«

»Nein. Ein Irrthum ist gar nicht möglich. Die Luft kann durch das Loch eintreten, und dadurch wird Dein Magen in ganz kurzer Zeit so sauer werden wie Milch, wenn man das Gefäß nicht ordentlich zugedeckt hat.«

»So muß ich also an einem sauren Magen sterben?«

»Ja. Innerhalb einer Viertelstunde. Gehe in Dich; bereue Deine Sünden, und bereite Dich, auf den letzten Gang vor!«

Der Mann streckte sich auf dem Boden aus und gab keinen Laut mehr von sich. Er war zu erschrocken, als daß er hätte viele Worte machen können.

»Nun zu mir!« gebot der Wachtmeister. »Ich werde wohl mit dem Leben davonkommen.«

»Meinst Du?«

»Ja. Mein Kopf ist gesund. Die Rippen liegen ja nicht im Kopfe.«

»Warte nur erst, bis ich Dich untersucht habe. Jetzt kannst Du noch jubiliren. Zeige einmal her!«

Er kniete zu ihm nieder und legte ihm die Hände an beide Seiten der Brust, um diese Letztere ein Wenig zu drücken.

»Donnerwetter!« brüllte der Wachtmeister. »Was fällt Dir denn eigentlich ein!«

»Untersuchen will ich Dich.«

»Aber doch nicht in dieser Weise! Das kann ich unmöglich aushalten. Du mußt doch bedenken, daß mir sämmtliche Rippen entzwei gebrochen sind!«

»Hm, ja. Ich wollte es nicht glauben, jetzt aber fühle ich, daß Du Recht hast.«

»Nicht wahr! Sie sind entzwei?«

»Leider, ja.«

»Alle?«

»Es ist keine einzige mehr ganz.«

»Hoffentlich aber kann ich curirt werden?«

»Nein.«

»Bist Du toll?«

»So viel verstehe ich von solchen Sachen daß ich Dir keine Hoffnung mehr geben kann. Was hilft es, wenn ich Dich tröste, und in einer halben Stunde bist Du todt!«

Der Wachtmeister sah den Sprecher mit großen, erschrockenen Augen an.

»In – einer – halben – Stunde – todt?« stieß er langsam hervor.

»Ganz gewiß!« nickte der Bauer sehr ernst.

»Aber mein Kopf ist doch noch ganz!«

»Pah! Wenn man sämmtliche Rippen gebrochen hat, das ist noch viel gefährlicher als ein Loch im Kopfe.«

»Das glaube ich nicht.«

»Wirst es schon glauben, wenn Du nachher todt hier liegst. Deine Rippen sind so spitz abgebrochen, daß sie in zehn Minuten Dir alle aus dem Leibe heraus stehen werden. Darauf kannst Du Dich verlassen. Fühlst Du es nicht schon jetzt vielleicht?«

Da fuhr der Wachtmeister sich mit den beiden Händen an den Leib, betastete sich voller Angst und bestätigte jammernd:

»Ja, ich fühle es!«

»Nicht wahr?«

»Ja, da sind sie schon. Sie wollen heraus. Rechte drei und links auch drei oder gar viere.«

»So mach Deine Rechnung mit dem Leben quitt! In kurzer Zeit wirst Du eine Leiche sein. Du darfst keinen Augenblick verlieren.«

»O, Ihr Seligen alle! Wer hätte das gedacht! Ich sterben! Der Teufel hole diesen verfluchten Boroda! Bauer, bringe mir Wotki, Wotki, Wotki!«

»Der ist zu nichts nutze.«

»O doch! Wenn ich Wotki trinke, fühle ich die gräßlichen Schmerzen nicht mehr.«

»Da hilft Wasser viel besser.«

»Wasser? Was fällt Dir ein!«

»Ja, Wasser stillt die Schmerzen.«

»Soll ich im Sterben Wasser trinken!«

»Trinken? Nein, trinken sollst Du es nicht. Das muthe ich keinem sterbenden Kosaken zu. Aeußerlich sollst Du es bekommen.«

»Aeußerlich? Wie denn?«

»Auf die Wunden. Es kühlt dieselben.«

»So mach schnell! Kühle sie mir. Dann aber bringst Du mir Wotki!«

»Mir auch!« bat der eine Kosak.

»Und ich will auch welchen!« winselte der Andere.

»Ihr sollt ein Jeder haben, was Euch gehört. Wartet nur wenige Augenblicke.«

Er trat zum Brunnen. Dort an demselben war eine Vorrichtung angebracht, die man im südlichen Sibirien sehr oft findet.

Da es dort nämlich verhältnißmäßig warm ist und die Häuser meist nur aus Holz bestehen, so liegt Feuersgefahr sehr im Bereiche der Möglichkeit. Die Gehöfte stehen sehr vereinzelt, und der einsame Besitzer darf nicht auf den Beistand einer Spritze rechnen, wenn bei ihm Feuer ausbricht. Er ist auf sich selbst angewiesen.«

Wo nun irgend ein Hochquell durch Röhren nach einem Gute geleitet wird, da errichtet man am Röhrtroge ein hohes Holzgestell, auf welches sich zwei Röhren stützen, in welchem das Wasser haushoch emporgeleitet wird. In der einen Röhre steigt es empor, in der anderen wieder nieder. Dadurch erhält es einen ungemeinen Druck, so daß es, wenn man ein Mundstück unten anschraubt, oder gar einen Schlauch anbringt, wie aus einer wirklichen Feuerspritze bis auf die Dächer der Gebäude geleitet werden kann. Der Strahl steigt dann natürlich fast zu derjenigen Höhe auf, welche die beiden Röhren besitzen.

Peter Drobonitsch hatte eine solche Vorrichtung am Brunnen stehen. Der Schlauch nebst Mundstück lag stets daneben im Wasser, damit er nicht austrocknen solle.

Jetzt ging der Bauer zum Brunnen und schraubte den Schlauch an.

»Mach schnell! Schaff Wasser herbei!« gebot der Wachtmeister. »Ich brauche Kühlung.«

»Gleich, gleich! Paß auf!« antwortete der Bauer.

Er richtete das Mundstück auf die drei Kosaken, schraubte den Hahn auf, und sofort schoß ein scharfer, starker, kalter Wasserstrahl mit großer Wucht auf sie ein. Im Verlaufe nur zweier Secunden waren sie fadennaß.

»Himmeldonnerwetter!« kreischte der Wachtmeister. »Hund, was fällt Dir ein!«

Er sprang natürlich auf. Die beiden Kosaken thaten ganz dasselbe, indem sie in kräftige Flüche ausbrachen.

»Seht Ihrs! Der Kerl spritzt uns an!« schrie der Wachtmeister. »Halt auf, halt doch auf, infamer Kerl!«

Aber der Bauer hielt nicht auf. Er ließ den Strahl auf sie treffen, und zwar hatte derselbe eine solche Gewalt, daß sie fast nicht zu stehen vermochten.

»Reißt aus!« rief der von der Balalaika Getroffene.

Er eilte fort, die beiden Anderen folgten. Sie rannten nach der Hausthür zu. Aber der Bauer hielt den Schlauch höher und überschüttete sie mit einer prasselnden Wasserfluth. Das war fast noch schlimmer als vorher.

»Bleibt stehen! So geht es nicht,« gebot der Wachtmeister. Die Hände vor das Gesicht haltend, um wenigstens dieses zu schützen, schrie er dem Bauer zu:

»Willst Du wohl aufhalten! Wir können nicht weiter.«

»Kühlung, Kühlung!« antwortete Peter Dobronitsch herzlich lachend.

Es fiel ihm gar nicht ein, aufzuhalten. Aus den Fenstern ertönte das Gelächter der Frauenzimmer. Das steigerte die Wuth der drei Kosaken auf das Höchste.

»Er gehorcht nicht!« brüllte der Wachtmeister. »Der Kerl ist toll geworden. Wir können uns nicht anders helfen, wir müssen ihn verjagen. Drauf auf ihn!«

Sie wendeten sich zurück und stürmten auf den Brunnen zu.

Einen Augenblick lang gönnte der Bauer ihnen Athem. Er hielt das Loch des Mundstückes mit dem Finger zu. Dann aber ließ er den Strahl mit verdoppelter Schärfe auf sie los. Er zielte grad nach ihren Köpfen.

Da war Widerstand unmöglich. Es gab nur Eins, was sie thun konnten, und das thaten sie. Sie warfen sich auf den Boden nieder, mit den Gesichtern der Erde zugekehrt, und ließen die Fluth in scheinbarer Gewalt über sich ergehen.

Aber diese Ergebung war eben nur eine scheinbare, wie sich bald zeigen sollte. Als der Bauer glaubte, sie nun sattsam gekühlt zu haben, hielt er den Finger wieder vor die Oeffnung, denn ganz zuschrauben und den Schlauch weglegen, das konnte er nicht risciren. Damit hätte er sich der Rache widerstandslos ergeben.

»Nun, ist's genug?« fragte er.

Sofort sprang der Wachtmeister vom Boden auf und schrie:

»Bist Du fertig? Ah, Hund, das sollst Du bezahlen müßen!«

Er sprang herbei, und seine beiden Kameraden folgten. Sie hatten die sechs Fäuste erhoben, um zuzuschlagen.

»Halt, zurück!« warnte der Bauer.

»Fällt uns nicht ein!«

»Nun, da habt Ihr es wieder!«

Er nahm den Finger von der Oeffnung weg, und nun wurden die Drei von dem wieder auf sie eindringenden Strahle förmlich zurückgeschleudert. Sie schnappten laut nach Athem und warfen sich wieder zur Erde nieder. Jetzt schloß der Bauer das Ventil wieder und fragte:

»Wie steht es? Wollt Ihr Frieden geben?«

»Verdammter Kerl!« knurrte der Wachtmeister. »Ich bin halb todt.«

Er wollte aufstehen, aber der Bauer gebot:

»Bleib liegen, sonst geht es wieder los!«

»Halt auf, halt auf!«

»So gebt Ruhe!«

»Gut! Ich verspreche Dir, daß wir Dir nichts thun werden.«

»Gewiß?«

»Ja. Ich gebe Dir mein Wort.«

»Gut. Ich will es glauben. Wenn Du es aber nicht hältst, so werde ich mich zu wehren wissen.«

Er schraubte den Hahn zu und schritt dann langsam hin, wo sie lagen. Sie standen auf und sahen ihn mit wuthblitzenden Augen an. Der Wachtmeister sagte:

»Peter Dobronitsch, das werde ich Dir gedenken!«

»Das hoffe ich natürlich auch!« antwortete der Bauer mit unverwüstlichem Ernste.

»Wie, Du hoffst es auch noch?«

»Natürlich!«

»Daß wir uns rächen?«

»Wer spricht davon? Von Rache ist doch gar keine Rede gewesen.«

»Wovon denn?«

»Von Belohnung doch!«

»Du bist wahnsinnig! Dafür, daß Du uns mit Deiner Spritze beinahe umgebracht hast, sollen wir Dich auch belohnen?«

»Natürlich!«

»Das wird uns freilich nicht einfallen. Ich werde Dich vielmehr anzeigen.«

»Das wirst Du unterbleiben lassen!«

»Oho! Du hast den Rock des Kaisers aufs Schändlichste beleidigt.«

»Was fällt Dir ein! An eine Beleidigung habe ich gar nicht gedacht. Ich habe im Gegentheile dreien tapferen Kosaken meines Herrn und Kaisers das Leben gerettet.«

»Gerettet? Meinst Du?«

»Ja, Ihr seid geheilt.«

»Wäre das möglich?«

»Es ist die Wirklichkeit. Befühle Deine Brust! Deine Rippen haben sich in Folge der Kälte wieder zusammengefunden.«

Der Wachtmeister betastete seine Brust und rief sodann voller Freude:

»Donnerwetter! Es thut mir ja gar nichts mehr wehe!«

»Du bist ein klügerer Kerl als ich dachte!« sagte der Wachtmeister.

»Nun aber kröne Dein Werk, und gieb uns einen kräftigen Wotki!«

»Den sollt Ihr haben!«

»Ja, den müssen wir haben, wenn wir uns nicht erkälten sollen.«

Der Bauer ging in das Innere des Gebäudes, um den gewünschten Labetrunk zu holen. Der Wachtmeister aber trat nahe zu seinen beiden Leuten heran und fragte sie mit pfiffiger Miene:

»Glaubt Ihr es ihm wirklich, daß er uns gerettet hat?«

»Na, meine Schmerzen sind weg!«

»Meine auch!«

»Ja, das glaube ich wohl, denn Ihr habt ja gar keine gehabt.«

»Oho! Sie waren sogar schrecklich!«

»Schweig! Meine Rippen – na – hm!«

»Waren die etwa auch nicht zerbrochen?«

»Nein. Sie waren ganz. Nur in der Ueberraschung haben wir geglaubt, so schwer verwundet zu sein.«

»Denkst Du? Da kannst Du Recht haben.«

»Freilich habe ich Recht. Dieser Hallunke hat das gewußt und sich einen Spaß mit uns gemacht. Wollen wir uns das gefallen lassen?«

»Nein. Wir sind brave und tapfre Kosaken.«

»Allerdings. Da kommt er. Ihr werdet gleich sehen, wie ich mich räche. Nur den Wotki wollen wir erst trinken. Seht, der Geizhals hat uns sogar nur eine einzige Flasche gebracht! Wart, Bursche!«

Jetzt kam der Bauer herbei und gab ihnen die volle Flasche.

»Hier trinkt!« meinte er lächelnd.

»Trinken?« fragte der Wachtmeister. »Wer soll davon trinken können?«

»Nun, Ihr.«

»Du irrst, Brüderchen. Wir sind ja drei Personen. Wenn Du uns nur so ein kleines Tröpfchen bringst, können wir nur nippen.«

»So nippt meinswegen!«

»Meinst Du denn wirklich, daß es für drei solche Männer genug sei?«

»Ja, das meine ich. Ich reiche mit allen meinen Leuten zum Frühstücke mit einer einzigen Flasche aus.«

»Das sind aber auch keine Kosaken! Das mußt Du bedenken!«

»Und Du mußt bedenken, daß ich für meine Leute zu sorgen habe, daß mich aber die Kosaken gar nichts angehen. Was diese von mir bekommen. das ist ein Geschenk.«

»Ach so! Ja, wenn Du es als ein Geschenk betrachtest, so müssen wir uns allerdings begnügen. Aber erwärmen können wir uns nicht daran.«

»So wendet andere Mittel an, um wieder warm zu werden.«

»Das ist Deine Sache. Du bist es ja, der uns erkältet hat.«

»Um Euch zu retten. Also trinkt oder trinkt nicht; mir soll es sehr gleichgiltig sein.«

»Na, wenn Du heut so geizig bist, so wollen wir nichts mehr sagen. Ich trinke also.«

Er setzte die Flasche an, und leerte sie bis über die Hälfte; seine beiden Untergebenen theilten den Rest, ohne sich über ihn beschweren zu dürfen. Dann erhielt der Bauer die leere Flasche zurück. Der Wachtmeister nahm nun, da er den Schnaps getrunken hatte, plötzlich eine ganz andere, viel strengere Miene an und sagte:

»Damit sind wir fertig, mit dem Anderen aber noch nicht.«

»Was meinst Du denn?«

»Den Zobeljäger Boroda.«

»Was hätten wir mit dem zu thun?«

»Das möcht ich eben gar zu gern wissen. Wir haben ihn hier bei Dir getroffen.«

»Er geht mich nichts an.«

»Oho! Er hat bei Euch gesungen!«

»Das ist wahr. Meine Tochter hat es mir soeben erzählt.«

»Sie hat mit ihm geplaudert!«

»Auch das.«

»Heimlich und leise!«

»Das ist nicht wahr.«

»Es ist wahr, denn wir haben kein Wort von dem, was sie gesprochen verstanden.«

»Weil Ihr Euch noch nicht in der Nähe befandet. Ihr habt, als Ihr gekommen seid, Eure Pferde sofort bei Boroda angehalten, und seit diesem Augenblicke hat meine Tochter kein Wort mehr mit ihm gesprochen.«

»Er hat Ihr aber zugelächelt.«

»Dafür kann sie nicht. Du hast ihr auch sehr oft zugelächelt.«

»Ich bin ein Kosak, er aber ist ein Flüchtling. Mein Lächeln darf jedes brave Mädchen glücklich machen. Wenn Deine Tochter gescheidt wäre, ließ sie sich viel öfters von mir anlächeln!«

»Sie dankt aber sehr dafür.«

»Das kann nicht zu ihrem Vortheile sein. Also die Sache ist sehr einfach. Wir haben den Boroda bei Dir gefunden. Bei Dir hat er uns überfallen, und so versteht es sich von ganz selbst, daß Du mit ihm einverstanden sein mußt.«

Der Bauer stieß ein lautes Lachen aus.

»Das ist freilich ein Schluß, welcher Deinem Gehirne alle Ehre macht, Boroda hat gesagt, daß er ein Sänger sei. Niemand von uns hat ihn gekannt. Also ist Niemand schuld, daß er zu uns gekommen ist. Und überfallen hat er Euch auch nicht, sondern Ihr seid es, die Ihr ihn angegriffen habt. Was daraus entstanden ist, das habt Ihr allein zu verantworten.«

»Oho! Denkst Du etwa, wir wüßten es nicht, daß Du stets ein Freund und Beschützer der »armen Leute« gewesen bist?«

»Ich weiß nichts davon.«

»Desto besser wissen wir es!«

»Das ist mir sehr gleichgiltig.«

»Willst Du es etwa leugnen?«

»Du hast mich überhaupt gar nicht nach diesen Sachen zu fragen.«

»So, also bin ich Dir nicht hoch genug?«

»Allerdings.«

»So kann ich dafür sorgen, daß Höhere Dich darnach fragen!«

Der Ton dieses Gespräches war immer spitziger und zorniger geworden. Der Bauer hatte sich, ohne daß die Kosaken auf diesen Umstand weiter achteten, langsam, Schritt auf Schritt bis in die Nähe des Brunnens zurückgezogen, natürlich nicht ohne besondere Berechnung.

»Willst Du mich anzeigen?« fragte er.

»Ja.«

»Weshalb?«

»Wegen Unterstützung der Flüchtigen.«

»Du kannst nichts beweisen.«

»Da irrst Du Dich. Wo kommen die Speisen und Getränke, der Tabak hin, welche Du dort an der Ecke auf das Fenster setzest, wenn es Nacht geworden ist?«

»Das stelle ich hin, damit es kühl bleibt. Des Morgens nehme ich es wieder weg.«

»So, so! Leere Ausflüchte! Wir wissen gar wohl, daß Du den Engel der Verbannten kennst. Nimm Dich nur in Acht!«

Da zog der Bauer die Brauen finster zusammen und antwortete drohend:

»Höre, Wachtmeister, in diesem Tone lasse ich nicht mit mir reden! Ich heiße Peter Dobronitsch, und kein Mensch hat bisher vermocht, mir eine Gesetzeswidrigkeit nachzuweisen. Wenn Du höflich bist, so will ich Dich nicht hindern, bist Du aber unhöflich, so hast Du bei mir hier nichts zu suchen. Das merke Dir!«

»Oho! Ich bin Grenzbeamter. Mir steht also Alles offen!«

»Nicht immer. Kommst Du in einer amtlichen Angelegenheit, so will ich still sein, sonst aber kannst Du getrost meinem Hause so fern wie möglich bleiben. Bist Du etwa auch jetzt amtlich hier?«

»Ja.«

»In wiefern?«

»Ich suche den Zobelfänger.«

»Er ist fort.«

»Er kann wiederkommen.«

»Willst Du etwa so lange hier bleiben?«

»So reite erst zurück und bringe mir den Befehl Deines Sotnik, aus welchem ich ersehen kann, daß der Hof des Bauers Peter Dobronitsch in Belagerungszustand erklärt worden ist. Ein Wachtmeister aber hat darüber nicht zu verfügen.«

»Du scheinst die Gesetze sehr gut zu kennen!«

»Allerdings. Wer mit solchen Leuten verkehren muß, wie Du bist, der muß stets gut unterrichtet sein. Also jetzt habe ich keine Zeit mehr für Euch. Ihr könnt gehen.«

»Oho! So schnell geht das nicht!«

»Das geht vielleicht schneller als Du denkst!«

»Ich habe Dich um Pferde zu bitten.«

»Die unserigen sind fort. Wir müssen sie wieder einfangen, wenigstens zwei von ihnen, denn das Dritte hat Boroda jedenfalls gestohlen. Du wirst uns also augenblicklich drei gesattelte Pferde geben.«

Er sagte das in einem befehlenden, sehr selbstbewußten Tone. Der Bauer aber antwortete ruhig:

»Nein, die werde ich Euch nicht geben.«

»Oho! Warum?«

»Weil ich nicht will.«

»Du mußt!«

»Sie gehören mir, nicht Euch.«

»So requirire ich sie.«

»Schön! Zeige mir den Schein her!«

»Verdammt!«

Er knirrschte mit den Zähnen. Der Bauer war ihm mehr als gewachsen.

»Schau,« sagte der Letztere, »in diesem Tone erreichst Du nichts bei mir. Ich thue gern Jedermann einen Gefallen; aber einem Spion oder Verräther gebe ich keine Krume Brodes und keinen Schluck Wutki mehr.«

»Nennst Du mich etwa einen Spion und einen Verräther?«

»Habe ich Dich genannt?«

»Nein, aber gemeint hast Du mich.«

»Denkst Du das? Hm! Du willst hier aufpassen? Du willst mich anzeigen, und doch verlangst Du Schnaps von mir und forderst sogar meine Pferde! Sage selbst, wie man das nennen muß! Wir sind fertig mit einander. Ihr könnt gehen.«

»Und wenn ich trotzdem nicht gehe!«

»So kenne ich schon Mittel, Euch fortzubringen. Ich gebrauche mein Hausrecht.«

Der Wachtmeister trat drohend einen Schritt auf ihn zu und fragte:

»Willst Du etwa Gewalt anwenden?«

»Ja, wenn Ihr nicht freiwillig geht.«

»Wage es!«

Er legte drohend die Hand an den Säbel.

»Laß Deine Klinge drin. Gegen meine Waffe hilft sie nichts. Also fort mit Euch, und zwar augenblicklich.«

»Fällt uns nicht ein!«

»Das ist Hausfriedensbruch!«

»Geht Dich nichts an.«

»Wollen sehen! Paßt auf, wie Ihr sogleich davonlaufen werdet!«

Er sprang schnell um sechs, sieben Schritte zurück nach dem Brunnen, drehte den Hahn des Rohres auf und richtete den Schlauch auf den Wachtmeister. Der gewaltige Strahl schoß mit mehr als dreifacher Manneskraft auf die Kosaken. Sie taumelten, wollten sich halten, rissen sich aber nieder, sprangen wieder auf und stolperten und stürzten abermals über einander weg und schrieen, brüllten, fluchten und scandalirten dabei in einer Weise, daß die Frauen aus der Thür gesprungen kamen.

»Laßt sie nicht in's Haus!« rief der Bauer.

Er hielt den Strahl so lange auf die Drei gerichtet, bis dieser sie nicht mehr zu erreichen vermochte. Dort aber blieben sie stehen. Der Wachtmeister erhob drohend die Faust und rief:

»Merke Dir das, Hund! Wir werden Dich noch weit mehr einweichen als Du uns jetzt!«

Der Bauer blieb an dem Spritzenschlauche stehen, um sie gleich wieder zu empfangen, falls es ihnen ja einfallen sollte, zurückzukehren, aber sie gingen jetzt davon, laut raisonnirend und oft nach dem Hofe zurückblickend, bis sie hinter einem Buschwerke verschwanden.

Nun erst verließ der Bauer den Brunnen und schritt nach dem Hause. Dort an der Thür standen seine Frau und Tochter. Die Mägde waren wieder nach der Küche gegangen.

Die Frau war eine behäbige Gestalt mit freundlichem Gesichte und mildem Blicke. Es war ihr leicht anzusehen, daß es ihr, wie man zu sagen pflegt, nicht möglich sei, ein Wässerlein zu trüben.

»Aber, Väterchen, bist Du nicht zu streng mit ihnen gewesen?« fragte sie.

»Nein. Es gehört ihnen nicht mehr.«

»Sie werden nun Feindschaft hegen.«

»Pah, diese Kerls sind niemals Freunde zu nennen. Sie kommen, machen freundliche Gesichter, essen und trinken sich toll und voll, ohne daß man Etwas davon hat, und dann, wenn es ihnen genehm und bequem ist, drohen sie Einem mit Verrath und Arretur. Es mußte einmal zum Ausbruche kommen. Dieser Wachtmeister ist mir stets verhaßt gewesen. Er ist frech, roh, feig und falsch. Mila, Du hast mir nur kurz sagen können, was geschehen ist. Erzähle es mir doch einmal ausführlich.«

Sie gehorchte, und die Eltern hörten ihr aufmerksam zu. Als sie geendet hatte, sagte der Bauer:

»Also das, das war Alexius Boroda! So habe ich ihn mir gedacht, jung, kühn, umsichtig, klug und verwegen, und dabei stark wie ein Bär. Wie war denn seine Gestalt, sein Aussehen?«

Mila beschrieb den Sänger so gut sie es vermochte – oder vielleicht noch besser als sie geglaubt hatte, es zu vermögen, denn ihr Vater fragte lächelnd:

»Er scheint also ein sehr hübscher, junger Mann zu sein?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete sie erröthend.

»Hat er Dir gefallen?«

»Ja.«

Das sagte sie doch aufrichtig. Hätte sie das Gegentheil gesagt, so wäre es eine Unwahrheit gewesen und hätte noch mehr aufgefallen.

»So, so! Weiter, als was Du erzähltest, hat er Dir nichts gesagt?«

»Kein Wort.«

»Hm! So wissen wir leider nichts Genaues.«

»Väterchen, er wird wiederkommen.«

»Meinst Du, Töchterchen?«

»Ja.«

Sie sagte das in einem Tone so fester Ueberzeugung, daß er sie abermals lächelnd fixirte und sodann fragte:

»Hat er es Dir versprochen?«

»Nein, aber ich denke es mir.«

»So müssen wir es abwarten.«

»Ich denke, er wird bereits heut wiederkommen.«

»Das glaube ich nicht. Dazu wird er wohl zu vorsichtig sein, da er hier erkannt worden ist. Man wird ja alle Vorkehrungen treffen, ihn zu fangen, falls er zurückkehrt.«

»Mein Gott! Denkst Du das?« .

»Natürlich denke ich es. Vielleicht umstellt man meine ganze Besitzung mit Wachtposten.«

»So ist er verloren!«

Sie sagte das im Tone innigster Angst. Eine solche Theilnahme hatte sie noch bei Keinem geäußert, obgleich sie schon gar Manchem mit zur Freiheit geholfen hatte. Ihr Vater bemerkte dies gar wohl, sagte aber nichts, sondern fuhr fort:

»Um ihn habe ich keine Sorge. Er hat sich noch in ganz anderen Fährlichkeiten befunden als diejenigen sind, welche ihm hier bei uns drohen. Aber um Andere ist es mir. Wie leicht kann grad heut irgend ein Hilfsbedürftiger zu uns wollen, der dann an Stelle Boroda's ergriffen würde. Und sodann steht alle Tage die Ankunft der großen Anzahl von Flüchtlingen zu erwarten, wegen denen wir zu Karparla gesandt haben. Ich wollte, die Tungusen wären schon da. Da hätten wir reichlichen Schutz.«

»Karparla wird sofort aufgebrochen sein,« meinte Mila.

»Natürlich. Aber in so bedeutender Anzahl reitet man nicht so rasch als alleine. Unser Bote wird erst heut bei ihr in Platowa ankommen. Es zwei Tagereisen her zu uns. Wenn nur nicht indessen Etwas geschieht. Man scheint so nach und nach hinter unser Geheimniß zu kommen. Der Wachtmeister behauptete auch so hämisch, er wisse, daß ich den Engel der Verbannten kenne – –«

»Das sagte er auch zu mir.«

»Ah! In welchen Worten? Es kommt bei solchen Sachen sehr oft auf die Worte an.«

»Ich habe sie mir nicht gemerkt; aber das weiß ich noch ganz genau, daß er gar behaupten wollte, ich sei der Engel.«

»So, so! Er hat da also nur auf den Strauch geschlagen; man weiß also nichts Genaues, aber in Verdacht hat man uns, und von heut an wird man ganz gewiß doppelt Obacht auf uns geben.«

»So nehmen wir uns doppelt in Acht.«

»Das ist nicht ausreichend. Wenn der Argwohn einmal erregt ist, so wird der Vogel gefangen, ob früher oder später, aber sicherlich gewiß. Es ist da sehr gut, daß wir nicht länger hier bleiben.«

Die Bäuerin hatte sich bis jetzt nicht an dem Gespräch betheiligt, jetzt aber fragte sie schnell:

»Nicht länger? Also gelingt es? Wirst Du verkaufen?«

»Ja,« nickte er.

»Und wohl bald?«

»Schneller als Ihr denkt,« antwortete er lächelnd. »Seht Euch einmal das Pferd an.«

Er deutete auf das Thier, von welchem er vorhin abgestiegen war, als er ankam. Es stand noch so fromm dort, wie er es stehen gelassen hatte. Zu beiden Seiten des Sattels hingen große Ledertaschen verheißungsvoll herab.

»Hast uns wohl Etwas mitgebracht aus der Stadt, liebes Väterchen?« fragte Mila.

»Ja, mein Kindchen.«

Er stieß einen Pfiff aus, und sogleich kam das Pferd herbei. Nun nahm er die beiden Taschen ab. Sie schienen ziemlich schwer zu sein. Er öffnete eine derselben. Sie enthielt kleine, viereckige Papierpackete und längliche Rollen, welche versiegelt waren.

»Was ist das?« fragte er.

»Geld; das ist Geld!« antwortete jetzt die Bäuerin.

»Ja, liebes Frauchen; das ist Geld, sehr viel Geld.«

»Von wem hast Du es denn?«

»Von dem Käufer.«

»So hast Du bereits schon verkauft?«

»Ja, schon bereits als ich zum letzten Male in der Stadt war.«

»Und uns hast Du nichts davon gesagt!«

»Weil Niemand es wissen darf.«

»Warum?«

»Aus gewissen Gründen, welche Euch schon noch einleuchten werden.«

»Dürfen wir sie nicht erfahren?«

»Natürlich dürft Ihr es wissen. Ihr seid ja als meine Vertrauten dabei betheiligt. Wenn man weiß, daß ich fortziehen will, so paßt man genau auf mich auf. Ich will aber ganz heimlich und plötzlich fort, damit ich recht viele Verbannte mitnehmen kann.«

»Das ist herrlich! Aber wie willst Du sie denn fortbringen.«

»Ich sage, es sind meine Verwandten und mein Gesinde, welche mich begleiten.«

»Und dazu brauchst Du so viel Geld?«

»O nein. Was ich für sie bezahle, ist ganz wenig. Dieses Geld ist der volle Preis für unsere Besitzung hier.«

»Wieviel ist es?«

»Ihr werdet staunen! Ja. Wir sind reicher, als Ihr denkt. Der gute Fürst Bula und seine liebe, dicke Kalyna haben mir damals ihren besten Boden abgelassen, ganz umsonst, nur unter der einzigen Bedingung, daß ich ihnen helfen soll, recht viele Gefangene zu retten. Ich habe gut gewirthschaftet und aus dem Lande Etwas gemacht. Ich hätte noch weit mehr dafür bekommen, wenn ich hätte eine bessere Gelegenheit abwarten können und wenn ich nicht die Bedingung gestellt hätte, daß der Kauf ganz im Geheimen geschehen soll. Erst wenn ich mehrere Wochen fort bin, wird man erfahren, daß mein Hof einen neuen Besitzer hat. Er hat mir rund hunderttausend Rubel dafür bezahlt.«

»Hundert – – –«

Dem erstaunten Mädchen blieb das Wort auf den Lippen schweben.

»Hun – – –!« rief die Bäuerin, die vor freudigem Schreck gar nur die erste Silbe hervorbrachte.

»Ja, hunderttausend Rubel!«

Er sagte das im Tone selbstbewußter aber keineswegs stolzer Befriedigung.

»Das ist doch gar nicht möglich!«

»Warum nicht?«

»Ich habe das nie geahnt.«

»O, ich habe es gewußt, aber nichts gesagt. Wir kehren in die liebe Heimath zurück und können dort nun ohne schwere Arbeit und ohne alle Sorge leben.«

»So laß es nur nicht hier stehen,« sagte seine Frau. »Schließe es fest ein.«

»Natürlich lasse ich es nicht hier stehen,« lachte er. »Es wird eingeschlossen. Wißt Ihr, wer sich am Allermeisten darüber wundern und ärgern wird?«

»Nun, wer?«

»Unser nächster Nachbar, Sergius Propow.«

»Ja, weil er nicht hat ahnen können, daß wir gar so reich sind.«

»O, da irrst Du Dich gar sehr!«

»Hätte er es gewußt?«

»Ganz genau. Er weiß recht gut, daß mein Gut eigentlich viel mehr werth ist als Hunderttausend. Er will es haben.«

»Kaufen?«

»O nein. Dazu ist er zu geizig und auch viel zu – klug.«

»Auf welche Weise soll er es sonst bekommen können? So Etwas wird doch nicht etwa verschenkt.«

»Eigentlich verschenkt nicht, und doch verschenkt. Man kann sich ein solches Gut ja erheirathen.«

»Erhei – – –!«

Jetzt blieb der Bäuerin das Wort grad so wie das vorige im Munde stecken.

»Vater!« rief Mila erschrocken.

»Nun, was meinst Du?«

»Dieser Sergius Propow sollte – sollte – sollte mich zur Frau haben wollen?«

»Ja, das ist sein Wunsch.«

»Das sagst Du erst jetzt?«

»Ich habe es erst heut erfahren.«

»In der Stadt?«

»Ja. Vom Schneider, bei welchem er sich einen neuen Rock hat machen lassen. Er hat dem Schneider unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, daß er diesen Rock braucht, um Dir einen Heirathsantrag zu stellen.«

»Heilige Maria!«

»Heut früh hat der Rock fertig werden müssen, und Sergius hat ihn sich geholt. Daraus schließe ich, daß er seinen Antrag baldigst machen will.«

»Etwa gar heut noch?«

»Man könnte nichts dagegen haben.«

»Aber Vater, was wirst Du dazu sagen?«

»Nun, was meinst Du wohl?«

»Du wirst ihm doch nicht etwa Deine Einwilligung geben!«

»Wie könnte ich das beabsichtigen. Ich habe ja verkauft. Wir ziehen fort. Daraus geht doch hervor, daß ich nichts von diesem Menschen wissen will. Kommt herein!«'

Er ergriff die beiden Taschen und ging in das Haus, um sein Vermögen in sichere Verwahrung zu bringen. Mutter und Tochter blieben noch für einige Minuten stehen. Mila wäre wohl beweglich genug gewesen, dem Vater gleich zu folgen; aber die Bäuerin legte die fetten Hände klatschend zusammen und seufzte.

»Mein Herr Jesus, ich kann nicht laufen!«

»Was ists, Mütterchen?«

»Was es ist? In die Beine geschlagen ist es mir, in beide Beine zugleich. Ich kann nicht von der Stelle!«

»Was ist Dir denn hineingeschlagen?«

»Die Neuigkeiten. Zunächst diese Hunderttausend. Kind, Töchterchen, weißt Du denn, wie viel das ist?«

»Ja. Ich habe es doch in der Schule gelernt.«

»Nun, wieviel ists denn?«

»Hundert mal tausend.«

»Herrgott! Giebts da wohl Nullen dabei?«

»Ja, sogar fünf.«

»Fünf! Fünf Nullen! Fünf ganze runde Nullen! O, ich habe immer gehört, daß diese Nullen viel zu bedeuten haben.«

»Ja, wenn eine andere Ziffer noch mit dabei steht.«

»Meinst Du? Ich denke, eine Null ist auf jeden Fall etwas Großartiges und Ehrwürdiges. So eine runde, dicke Null, wie eine Hausmutter! Die hat etwas zu bedeuten. Da mag der Mann als Ziffer dabei stehen oder nicht. Was thun wir nur mit dem vielen Gelde?«

»Wir heben es uns auf.«

»Natürlich! Und blos nach und nach kaufen wir uns Etwas davon. Dann aber kommt die zweite Neuigkeit, die von dem Sergius Propow. Das war eine sehr schlechte. Die hat mich außerordentlich erschüttert. Ich werde etwas Niederschlagendes trinken müssen. Hat sie Dich nicht auch ganz und gar elend gemacht?«

»Nein, elend nicht.«

»Nicht? Kind, hast Du Nerven!«

»Nur erschrocken bin ich erst.«

»Ich auch. Ich konnte den blassen, leibhaftigen Tod davon haben. Dieser Propow! Wenn ich an ihn denke! Diese lange, dürre Stange!«

»Mit dem Melonenkopfe!«

»Und der Sichelnase.«

»Den großen Händen!«

»Den krummen Beinen!«

»Ich kann ihn nicht ersehen. Es wird mir übel, wenn ich in sein Leichenbittergesicht nur blicke.«

»Seine Frömmigkeit und Salbung ist doch nur Lüge und Heuchelei.«

»Er trieft von Honig und ist doch innerlich voller Essig und Galle. Nein, nein! Lieber sterben! Da wäre mir doch – – –«

Sie hielt erschrocken inne. Fast hätte sie Etwas ausgesprochen, was ihr selbst noch nicht klar und bewußt in den Gedanken gekommen war.

»Was denn?« fragte ihre Mutter.

»Nichts, Mütterchen.«

Aber die Bäuerin konnte keinen halb ausgesprochenen Satz leiden. Sie pflegte nicht eher loszulassen, als bis er vollends ausgesprochen war.

»So rede doch!« drängte sie.

»Nein, nein!«

»Hast Du etwa kein Vertrauen zu mir?«

»O doch, Mütterchen. Aber ich weiß ja gar nicht mehr, was ich eigentlich habe sagen wollen.«

»So werde ich Dir über die Treppe helfen. Du hattest gesagt, daß es Dir schlimm wird, wenn Du den Propow nur zu sehen bekommst, und wolltest sodann hinzufügen, daß Dir ein Gewisser viel lieber sein würde.«

»Nein, nein!«

»O doch, gewiß. Ich kenne Dich. Du brauchst nur ein Wort zu sagen, so weiß ich den ganzen Satz. Also, wer ist denn wohl dieser Gewisse?«

»Das weiß ich nicht.«

»Kindchen, sei doch aufrichtig!«

»Ich weiß es wirklich nicht.«

»Hast Du etwa heimlich einen Geliebten?«

»Nein.«

»So hat Dir noch Keiner gefallen?«

»Bis heut nicht.«

Kaum war ihr dieses Wort entfahren, so wurde es von ihrer Mutter aufgegriffen:

»Also bis heut nicht, bis heut! Aber heut, heut hat Dir Einer gefallen?«

»Mutter!«

»So sprich doch!«

»Aber, Mütterchen, ich habe doch gar nichts sagen wollen!«

»Das weiß ich; das weiß ich gar wohl, nur zu wohl. Du willst nichts sagen, aber Du mußt. Ich lasse Dich nicht eher los!«

»Ich weiß gar nichts!«

»Geh, geh! Jedes Mädchen Deines Alters weiß Etwas!«

»Du wußtest wohl auch Etwas?«

»Daß ich Deinem Vater gut war, welcher aber natürlich damals Dein Vater noch nicht war. Ebenso gut könntest Du wissen, daß Du Einen gut bist, der auch noch nicht – – oh, ah, jetzt hätte ich fast etwas Falsches gesagt. Ich verspreche mich nur wegen Deiner großen Schweigsamkeit. Also sage doch, wer es ist, der Dir heut gefallen hat.«

»Ich kann doch nicht!« behauptete Mila.

»Nun warte, so muß ich es errathen. Wer war da, heut? Der Wachtmeister. Ists der etwa?«

»O nein!«

»Oder einer seiner Kosaken?«

»Nein, dann ist nur noch ein einziger da gewesen, nämlich der tapfere Zobelfänger Alexius Boroda. Meinst Du vielleicht diesen?«

Mila antwortete nicht.

»So rede doch!«

»Ich weiß ja gar nicht, was ich sagen soll!«

»Ja oder Nein hast Du zu sagen, weiter nichts. Das ist doch klar. Also sprich!«

»Mütterchen, ich bitte Dich, nicht so in mich zu dringen, denn – – Herrgott, wer kommt dort geritten?«

Sie deutete nach rechts, über das offene Feld hinaus, von woher man in sehr bedächtiger Eile einen Reiter nahen sah. Die Bäuerin beschattete die Hand gegen die fast untergehende Sonne.

»Er hat einen hohen Cylinderhut,« sagte sie.

»Schimmert es weiß an seinem Halse?«

»Ja.«

»Das ist die fromme, weiße Halsbinde. Mütterchen, dieser Reiter ist unser Nachbar Sergius Propow. Er kommt, mich von Euch zu verlangen. Ich lasse mich gar nicht sehen.«

»Kind, das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Du mußt ihm doch Deine Antwort sagen.«

»Das könnt Ihr auch thun.«

»Das geht nicht. Das wäre gegen die Sitte des Landes. Du mußt selber mit ihm reden.«

»Wenn ich es doch vermeiden könnte! Dieser steife, ungelenke und dabei heuchlerische Mensch ist mir so zuwider, daß ich eine Kröte lieber sehe als ihn. Komm herein! Wenigstens will ich nicht gleich die Erste sein, die er erblickt.«

Sie verschwanden im Innern des Einganges, und wenige Minuten später ritt der Betreffende vor.

Selbst wer sich aus der Beschreibung, welche die beiden Frauen von ihm entworfen hatten, ein Bild von ihm gemacht hätte, der wäre bald zu der Einsicht gekommen, daß er sich dasselbe nicht abstoßend genug gemacht habe.

Der Mann war spindeldürr. Sein Kopf hatte eine melonenartige, langrunde Form, so daß der hohe, schwarze, rauchhaarige Cylinderhut ganz eigenartig auf demselben saß. Unter einer schmalen Stirn trat zwischen zwei kleinen, grünlich gefärbten Aeuglein eine scharfe, fast sichelförmig gebogene Nase hervor, deren Löcher sich so weit aufblähten, daß man ziemlich weit Einsicht in sie nehmen konnte. Das Gesicht war bartlos, wie bei den meisten Frömmlern, die Lippen breit und der Mund voller schwarzer, moderiger Zähne.

Die langen, dürren Arme trugen Hände, aus denen man eigentlich welche für drei andere Menschen hätte schnitzen können, und die krummen Beine endeten in Füßen, welche für einen vorweltlichen Sohlengänger zugereicht hätten.

Diese Gestalt steckte in einem engen, schwarztuchenen Rock, dessen Taille oben zwischen den Schultern saß, während die faltenreichen Schöße bis zu den Knöcheln herab reichten. Der Hals steckte in einer so hohen, weißen Halsbinde, daß der Mann das Kinn genau wagerecht tragen mußte. An den Füßen trug er halb lange, mit Talg eingeriebene Stiefeln, an denen ein Paar mächtige, pfundschwere, eiserne Sporen befestigt waren.

Ueber die Hände hatte er ein paar schwarzlederne Handschuhe gezogen, die elegant sein sollten und daher so eng gewählt worden waren, daß er seine Finger nur nach stundenlanger Anstrengung hineingearbeitet hatte. Nun aber mußten alle zehn Finger steif gradaus stehen, denn wenn dieser Mann die Hände hätte zumachen wollen, so wären ihm sämmtliche Theile und Zwickel der Handschuhe zerplatzt.

Also dieser Adonis hielt sein Pferd vor der Thür an, stieg sehr, sehr langsam und sehr, sehr gravitätisch aus dem Sattel, band sein Pferd sehr vorsichtig an einen dazu in die Erde gerammten Pfahl und stieg dann die Stufen hinan, welche zur Thür führten. Dieses Steigen geschah so, wie es etwa ein Storch gemacht hätte, falls er verhindert gewesen wäre, mit beiden Füßen zugleich von Stufe zu Stufe zu springen.

An der Thür blieb er stehen.

»Sonderbar!« murmelte er. »Kein Mensch ist da! Man muß doch durch die Fenster gesehen haben, daß ich heut in meinem besten Staate komme! Der Rock ist beim Donnerwetter gradezu direct vom Schneider!«

Es geschah nämlich dem frommen Mann zu seinem eigenen Leidwesen zuweilen, daß ihm mitten in der salbungsvollsten Rede ein Fluch entfuhr. War er allein, so nahm er es nicht so genau.

Daß dieser Mann der nächste Nachbar von Peter Dobronitsch sei, das hieß hier nichts anderes, als daß er vielleicht zwölf Werst von ihm entfernt wohnte. Als Nachbar aber hatte er nach seiner Meinung ein für alle Mal das Recht, bereits an der Hausthür auf das Freundlichste bewillkommnet zu werden. Daß dies heut nicht geschehen, ärgerte ihn. Er schritt also mißmuthig und gravitätisch in das Haus hinein, aber so langsam, als ob er für einen jeden Schritt einen Rubel zu bezahlen habe, und klopfte an die Thür des Wohnzimmers.

Man antwortete nicht, und zwar aus dem einfachen Grunde, daß Mutter und Tochter schnell in die hintere Stube geeilt waren um wegen dieses Besuches ihren Anzügen noch irgend eine Kleinigkeit hinzuzufügen, während der Bauer von demselben gar nichts wußte und oben in seinem abgelegenen Giebelstübchen saß, um sein Geld in die Truhe zu zählen und dann fest zu verschließen. Die Mägde waren in der Küche, die Knechte aber bei den Heerden auf der Weide.

»Man antwortet nicht!« brummte er, nun noch mißmuthiger als vorher. »Ich will es zum zweiten Male versuchen.«

Er klopfte wieder, natürlich aber mit ganz demselben Mißerfolge.

»Kreuzhimmeldonnerwetter!« fluchte er. »Wenn ich komme, da muß es klappen. Was ist denn das für eine hochsträfliche Unachtsamkeit! Ein Mann wie ich ist natürlich einen ganz anderen Empfang gewöhnt. Ich werde das diesen Leuten deutlich erklären!«

Er klopfte zum dritten Male, und als auch da sich keine Stimme vernehmen ließ, welche ihn zum Eintreten aufforderte, so sagte er höchst zornig zu sich selbst:

»Nun, so lasse auch ich jede Rücksicht bei Seite und gehe hinein!«

Er öffnete und trat ein.

»Ah! Kein Mensch da!« brummte er. »Ein Anderer würde sagen, da sei es zu entschuldigen, daß Niemand auf mein Klopfen geantwortet habe: ich aber kenne das besser und sage, daß es höchst ungezogen ist gar nicht zu merken, daß ich komme. Ich werde, wenn Mila meine Frau ist, ein strengeres Regiment einführen. Sie ist zwar ein leckerer Bissen, an dem man sich eine Güte thun kann, aber Zucht und Ordnung, Aufmerksamkeit und Sorgfalt muß sein. Ich werde es ihr angewöhnen, jedem meiner Winke zu gehorchen. Was thue ich nun?«

Er blickte sich noch einmal aufmerksam im Zimmer um. Dabei hörte er, daß in der Nebenstube Jemand vorhanden sei.

»Ah, da drinnen sind sie! Von dort gehen auch Fenster nach der Front des Hauses hinaus. Man muß mich also unbedingt gesehen haben. Ich werde diesen Leuten einen Verweis geben.«

Er griff dabei in die Schooßtasche seines Rockes, zog eine riesige, aus Birkenrinde gefertigte Schnupfdose hervor, öffnete sie, roch lüstern hinein und fütterte dann seine Sichelnase mit einem Geräusch, welches dem Zischen einer Locomotive zu vergleichen war. Die beiden Frauen hörten das. Die Mutter öffnete die Thür und trat herein.

»Ach, Sergius Propow!« sagte sie. »Willkommen bei uns!«

Sie reichte ihm die Hand entgegen.

Er steckte sehr langsam seine Dose ein, sog den Tabak schnaubend in das hinterste Heiligthum seiner Nase und verbeugte sich schweigend, ohne ihre Hand zu ergreifen.

»Willkommen, Nachbarchen!« wiederholte sie.

Er verbeugte sich abermals ohne Antwort und ohne ihre Hand anzurühren.

»Ich habe gar nicht gewußt, daß Du da bist!«

Sie zog während dieser Worte ihre ausgestreckte Hand zurück. Jetzt nun endlich ließ er seine Stimme hören:

»Maria Petrowna Dobronitscha, wer steht höher, ein Heiliger, der bei den Seligen weilt, oder ein sündhafter und sterblicher Mensch?«

Sie war von ihm dergleichen Auslassungen gewöhnt. Darum antwortete sie ihm:

»Der Heilige natürlich.«

»Was bist Du?«

»Ein sterbliches Weib?«

»Und wo hast Du Deinen Heiligen?«

»Dort in der Ecke.«

Sie deutete nach der Ecke Stube, wo wie in jeder griechisch-katholischen, also auch russischen Familie, das eingerahmte Bild des Hausheiligen hing, unter demselben ein kleines Gefäß voller Weihwasser. Man pflegt diesen Heiligen beim Kommen und Gehen zu grüßen.

»Nun,« sagte der Nachbar salbungsvoll, »so erlaube, daß ich erst den Heiligen begrüße, ehe ich mit Dir spreche. Du solltest wissen, daß ich das zu thun habe.«

»Ich weiß es ja.«

»Warum störst Du mich da in der Ausübung meiner frommen Pflichten! Soll ich Deinetwegen mein Seelenheil verscherzen!«

Er näherte sich dem Bilde, machte drei sehr langsame und möglichst tiefe Knixe, bekreuzigte sich und nahm dann einige Tropfen geweihten Wassers, um dieselben sich mit den Fingerspitzen auf die Brust zu spritzen. Erst dann wendete er sich wieder zu der Frau.

»Nun,« sagte diese freundlich. »Jetzt wirst Du wohl nun Zeit haben, mir die Hand zu reichen?«

Er schüttelte sehr streng den Kopf.

»Warum nicht? Du hast sie mir doch stets gegeben, wenn Du zu uns gekommen bist!«

»Du verdienst diese löbliche Auszeichnung nicht mehr von mir, Maria Petrowna.«

»So? Aus welchem Grunde?«

»Du hast mich beleidigt, gröblich beleidigt, ja, so sehr beleidigt, daß ich es Dir gar nie vergeben könnte, wenn mir nicht die ewige Liebe geböte, Barmherzigkeit zu üben.«

»So sage mir schnell, womit ich eigentlich gegen Dich gesündigt habe!«

»Du hast mich nicht empfangen.«

»Ich konnte nicht. Ich wußte ja gar nicht, daß Du heut gekommen bist!«

»Wo hast Du Dich denn befunden?«

»Da im Nebenzimmer.«

»Führen von dort nicht Fenster hinaus nach dem Vorplatze des Hauses?«

»Ja.«

»So hättet Ihr mich sehen sollen.«

»Wir hatten viel zu thun und konnten keine Achtung auf das haben, was draußen vor dem Hause geschah.«

»So Etwas sieht man ganz unwillkürlich. Ich bin ein sehr treuer Freund von Euch, aber wenn solche Dinge geschehen, dann schüttelt man den Staub von den Füßen und geht weiter.«

»Du bist sehr streng, Sergius Propow!«

»Das muß man sein, wenn man erfährt, daß man auf diese Weise mißachtet wird.«

»Von einer Mißachtung ist keine Rede. Wir können unmöglich wissen, wenn es Dir beliebt, zu uns zu kommen. Wie kannst Du von uns verlangen, daß wir uns aufs Gradewohl an das Fenster stellen sollen, um aufzupassen, wenn Du uns Deinen Besuch machen wirst. Dazu haben wir keine Zeit. Wir müßten täglich von früh bis spät am Fenster stehen und Du mußt ja wissen, daß wir mehr zu thun haben.«

Diese Worte waren in einem ziemlich unwilligen Tone gesprochen. Anstatt aber zuzugeben, daß sie Recht habe, nahm er den Einwurf übel. Er zog seine Dose hervor, nahm höchst geräuschvoll eine gewaltige Prise, zog die Stirn in tiefe Falten und sagte:

»Maria Petrowna, es ziemt sich nicht für ein Weib, zu einem Manne in dieser Weise zu sprechen. Ein Weib muß stets bescheiden und höflich sein; aber Beides bist Du jetzt nicht gewesen. Ich habe also große Ursache mich über Dich zu beklagen.«

»So kann ich es nicht ändern, und bin wirklich neugierig zu erfahren, bei wem Du Dich über mich beklagen willst.«

»Bei Deinem Manne natürlich!«

»Daran will ich Dich nicht hindern. Wenn Du es für ehrenhaft hältst, eine Frau gegen ihren Mann schlecht zu machen, so thue es. Du wirst ja wohl erfahren, ob Dir das Nutzen bringt oder nicht.«

»Mir kann es nichts schaden, für Dich aber wird es sehr vortheilhaft sein, denn Du wirst Dir dann mehr Bescheidenheit aneignen.«

»Es kann auch Männern nichts schaden, bescheiden zu sein. Hier kommt mein Mann, Du kannst also Deine Beschwerde gleich anbringen.«

Dobronitsch war eingetreten. Er sagte dem Besuche einen freundlichen Gruß und bot ihm die Hand. Propow aber ergriff dieselbe nicht. Er machte eine sehr gemessene Verbeugung und antwortete auf die freundliche Anrede des Bauers in strengem Tone:

»Peter Dobronitsch, Du kennst mich. Du weißt, daß ich einer der wohlhabendsten und geachtetsten Bewohner dieser Gegend bin; außerdem bin ich Dein nächster Nachbar. Ich habe zu verlangen, daß ich mit Achtung behandelt werde. Warum ist das nicht geschehen?«

»Hat man Dich denn mißachtet?« fragte der Bauer ruhig.

»Ja.«

»In wiefern?

»Ich habe geklopft und Niemand war in der Stube um mich zu empfangen.«

»So ist meine Frau beschäftigt gewesen.«

»Wenn ich komme, darf das sein?«

»Können wir wissen, wenn Du kommst? Keins von uns ist allwissend.«

»Aber ich verlange, daß man mich nicht stehen und warten läßt.«

»Wenn wir vorher wissen, daß Du zu uns kommst, wirst Du Dich nicht zu beklagen haben. Wünschest Du, sofort empfangen und begrüßt zu werden, so brauchst Du uns doch nur einen Boten zu senden, durch welchen Du uns von Deiner Ankunft benachrichtigest. Unterlässest Du das aber, so hast Du auch kein Recht, Dich zu beklagen. Setze Dich nieder!«

»Er schob ihm einen Stuhl hin. Propow aber nahm denselben nicht an. Er blieb stehen, griff sich mit den großen, eng behandschuhten Fingern an der Halsbinde herum und antwortete:

»Kein Mensch kann verlangen, daß ich mir bei jedem Besuche eine Stafette vorausreiten lasse. Man kann Achtung geben, wenn ich komme!«

Da war es mit dem Gleichmuthe des Bauern zu Ende. Er sagte:

»Es scheint, ich kenne Dich gar nicht!«

»Ja, daß scheint ganz so!«

»So wäre es mir lieb, zu erfahren, wer Du eigentlich bist.«

»Ich verstehe Dich nicht. Ich bin Sergius Propow, Besitzer großer Heerden und Dein Nachbar.«

»Nun, das stimmt ja. Grad dafür habe ich Dich auch gehalten. Du bist also weiter nichts als was ich auch bin. Ich bin wohl noch viel reicher als Du. Du aber thust ganz so, als ob Du Generalgouverneur von ganz Sibirien seist. Selbst der Czar wird nicht verlangen, daß wir für ihn bereit stehen, wenn er kommt, ohne daß wir vorher davon gewußt haben; Du aber verlangst das. Du bildest Dir da zu viel ein.«

»Und zu mir hat er gesagt, daß ich in Zukunft höflicher und bescheidener sein möge,« warf die Bäuerin ein.

»So! Dann will ich Dir sagen, Sergius Propow, daß Du selbst bescheidener sein möchtest. Wir sind nicht nur für Dich allein vorhanden. Dein Verhalten ist nicht höflich, sondern grob und rücksichtslos. Ich hoffe, daß Du das in Zukunft ändern wirst.«

Propow machte ein Gesicht, als ob er etwas ganz Unbegreifliches vernommen habe. Er starrte den Bauer mit großen Augen an und fragte:

»Das – das ist – Dein Ernst?«

»Ja.«

»So hast Du gar keine Ahnung, was ich eigentlich bei Dir will. Oder weißt Du es?«

»Wie könnte ich das wissen!«

»So schau mich doch nur an!«

Er drehte sich einige Male um sich selbst, so daß die beiden Andern ihn von allen Seiten betrachten konnten.

»Nun,« fragte er, »bemerkt Ihr nichts?«

»Nein, etwas besonderes nicht.«

»Hm! Daß ich Handschuhe trage!«

»Ja, das sehe ich freilich.«

»Und einen neuen Rock anhabe, einen funkelnagelneuen Rock!«

»Was ist das so außerordentliches!«

»Etwas sehr außerordentliches. Wenn ich in einem solchen Staat zu Euch komme, muß der Zweck meines Besuches ein ungewöhnlicher sein.«

»Ach! Jetzt begreife ich! Ist Jemand gestorben?«

»Gestorben? Bist Du toll!«

»Nun, ich denke, Du kommst als Leichenbitter.«

»Fällt mir nicht ein! Da hätte ich einen Flor um den Hut, wie das der Brauch erheischt. Sehe ich denn wie ein Leichenbitter aus?«

»Die Miene hast Du ganz genau dazu, und die Laune auch. Man möchte sich vor Dir fürchten.«

»Das könnte ich nun wieder fast als eine Beleidigung ansehen. Ich bin im Gegentheile überzeugt, daß ich ein ganz festliches und frohes Aussehen habe.«

»Davon bemerke ich gar nichts.«

»Hm! Ich kann das nicht begreifen. Ich habe um meines heutigen Besuches Willen mir sogar diesen neuen Rock machen lassen. Die Angelegenheit, in welcher ich komme ist eine sehr glückbringende für Euch.«

»So! Das soll mich freuen. Darf ich also erfahren, was Dich zu uns führt?«

»Ja. Eigentlich freilich sollte ich gleich wieder gehen, ohne es Euch gesagt zu haben; aber ich besitze einen so versöhnlichen Charakter; ich bin ein Christ und weiß, daß es die Pflicht eines solchen ist, zu verzeihen. Darum will ich Euch die Unaufmerksamkeit gegen mich nicht anrechnen. Ihr sollt erfahren, welche Freude Euch durch mich bescheert sein wird.«

Er setzte sich langsam und gravitätisch nieder, allerdings nur auf die äußerste Ecke des Stuhles, um dadurch anzudeuten, daß er sich beleidigt fühle und eigentlich mit solchen Leuten keine innige Freundschaft zu hegen brauche.

Er zog seine Dose heraus, nahm eine gewaltige Prise und hielt die Dose dann auch dem Bauer hin.

»Danke!« sagte dieser abwehrend.

»Du schnupfest nicht?«

»Nur zuweilen, aus Gefälligkeit.«

»So kannst Du doch mir diese Gefälligkeit jetzt erweisen!«

»Du scheinst es nicht als eine Gefälligkeit meinerseits, sondern deinerseits zu betrachten!«

»Wieso?«

»Gewöhnlich nimmt sich der Besitzer der Dose zuletzt die Prise, nicht vorher.«

»Die Dose ist mein Eigenthum. Ich habe das erste Recht auf den Tabak. Merke Dir das!«

»Schön!« lachte der Bauer. »Also wir sind bereit; Du kannst Deine Mittheilung beginnen.«

Er setzte sich auf das Kanapee, und seine Frau nahm neben ihm Platz. Propow wirbelte die Dose zwischen seinen steifen Fingern, machte eine sehr feierliche Miene und begann:

»Weißt Du, was im ersten Buche Mosis zu lesen ist?«

»Die Schöpfungsgeschichte.«

»Richtig. Man kann da lesen, daß Gott den Menschen erschaffen hat, den Mann natürlich zuerst. Dann sah Gott ein, daß es nicht gut sei, daß der Mensch allein sei; er schuf auch die Frau, nachträglich nur, woraus eine jede Frau deutlich ersehen kann, daß der Mann weit höher steht als sie. Trotzdem ist es wirklich wahr, daß der Mann, bei Licht besehen, eine Frau braucht. Meinst Du nicht auch?«

»Einverstanden!«

»Ich habe das auch eingesehen und bin entschlossen, mir ein Weib zu nehmen.«

»Daran thust Du sehr recht.«

»So etwas bedarf natürlich der reiflichen Ueberlegung. Es ist kein Spaß, seine schöne Freiheit einem Wesen zu opfern, welches nach Gottes unerforschlichem Rathschlusse so tief unter Einem steht. Fast hätte ich ganz davon abgesehen; aber ich bin ein frommer Mann und fühle die Verpflichtung, einen Hausstand zu gründen, um die Glieder desselben dem Reiche Gottes entgegen zu führen. Ich handle also als Christ, wenn ich mich verheirathe. Eine jede nehme ich freilich nicht. Das wirst Du begreiflich finden!«

»Ja. Jede kannst Du nicht nehmen, denn dann würdest Du ja Alle nehmen. Da blieb für Andere Keine übrig.«

»Peter Dobronitsch!« brauste er auf. »Willst Du scherzen?«

»Nein.«

»So schweig! Ich habe meinen Blick umhergeworfen und mir nach langem Zögern und Ueberlegen endlich Eine erwählt, von welcher ich denke, daß sie es einsehen werde, welch ein Heil ihr widerfährt, wenn sie so einen Mann bekommt, wie ich bin.«

»So! Hm! Wer ist sie?«

»Kannst Du Dir das nicht denken?«

»Die Person freilich nicht; aber im Allgemeinen kann ich es doch errathen, was für Eine Du Dir nehmen willst.«

»Nun?«

»Eine Tungusin, Ostjakin oder Kirchisin.«

Propow machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»So Eine! Ach! Ist das Dein Ernst?«

»Natürlich! Nach Deinen Reden kann ich doch gar nicht anders denken.«

*

84

»Wieso?«

»Du sprachst von dem Heile, welches ihr widerfahren soll; also muß sie tief unter Dir stehen!«

»Jede Frau steht tiefer als der Mann.«

»Und in das Reich Gottes willst Du sie einführen. Da muß sie eine Heidin sein.«

»Das habe ich nicht so gemeint.«

»Aber ich habe es so nehmen müssen.«

»Peter Dobronitsch, ich habe nicht geglaubt, daß Du so wenig Verständniß für die Erfordernisse des Reiches Gottes hast. Wie kannst Du glauben, daß ich eine Heidin nehme! Ich habe das Recht, unter den Töchtern des Landes die Beste zu wählen. Oder zweifelst Du daran?«

»Nein. Ich hoffe sogar, daß Du Dir die Allerbeste heraussuchen werdest.«

»Natürlich. Du kennst meinen Besitz, und Du kennst auch meine Person. Bin ich nicht ein stattlicher Mann?«

»Ja,« antwortete der Bauer, indem er sich Mühe gab, ein Lachen zu unterdrücken.

»Ich habe Bildung und Kenntnisse!«

»Das weiß Jedermann.«

»Ich kann mich getrost einem jeden Andern zur Seite stellen und brauche den Vergleich mit ihm nicht zu scheuen!«

»Das ist freilich wahr.«

»Es ist also über allen Zweifel erhaben, daß Diejenige, welche ich erwähle, von einem großen Glück zu reden hat.«

»Ich will es nicht bestreiten.«

»So sind wir also einverstanden?«

»Bis jetzt vollständig.«

»Das freut mich. Ich habe nicht etwa meine Wahl aus Rücksichten getroffen, wie man sie bei den Kindern der Welt findet. Ich will ein gottseliges Leben führen und mit meiner Frau den Herrn loben mit Harfen, Zymbeln und Psalter. Aber dennoch will ich auch meine Augenweide an ihr haben. Darum bin ich besorgt gewesen, mir eine zu suchen, welche nicht häßlich ist.«

»Daran hast Du sehr wohl gethan.«

»Auch soll sie nicht arm sein, damit sie wohl thun kann, wenn Jemand sie bittet.«

»Auch das ist löblich von Dir gehandelt.«

»Und ferner soll sie wirthschaftlich sein. Und diejenige, welche ich meine, ist es.«

»So gratulire ich Dir!«

»Ich danke! Gieb mir Deine Hand!«

»Hier hast Du sie.«

Sie schüttelten sich die Hände, und dann reichte Propow auch der Bäuerin die Hand entgegen, indem er freundlich bemerkte:

»Die Frau hat zwar keineswegs das Recht, mit in solche Angelegenheiten zu reden; aber ich habe meine Bildung und will darum doch auch fragen, ob Du Dich freust.«

»Natürlich freue ich mich darüber, daß Du eine solche Frau bekommst,« antwortete sie. »Ich gratulire Dir ebenso. Wann wirst Du denn die Verlobung haben?«

»Natürlich heut.«

»Schön! Und die Hochzeit?«

»So bald wie möglich.«

»Hoffentlich ladest Du uns auch dazu ein?«

»Euch – Euch – –?« fragte er.

Er machte dabei ein Gesicht, welches gar nicht dümmer sein konnte.

»Natürlich!« meinte der Bauer. »Wir als Deine nächsten Nachbarn möchten diesen Freudentag doch auch mit Dir feiern.«

»Das – das – versteht – sich ja – – ganz von – – selbst!« stieß er hervor.

»Freut mich, freut mich!«

»Die Eltern müssen doch unbedingt mit dabei sein. Das könnt Ihr Euch doch denken!«

»Natürlich. Hoffentlich dürfen wir bereits heut erfahren, wer die Eltern sind?«

»Heut – erfahren – wer – –«

Er sprang von seiner Stuhlecke auf. Der Mund war ihm vor Erstaunen so weit auf, daß man ihm bis hinter sehen konnte.

»Natürlich, mein liebes Nachbarchen. Die Eltern, die Eltern! Wer sie sind, möchten wir natürlich gern wissen.«

»Donnerwet – –! Ah, das wißt Ihr wohl noch gar nicht?«

»Woher sollen wir es wissen? Du hast es uns ja noch gar nicht gesagt.«

»Aber Ihr habt mir doch Eure Hände gegeben!«

»Ja, um Dir zu gratuliren.«

»Um mir – zu gratuliren! Wegen weiter nichts?«

»Was weiter? Wir wüßten nicht, was wir weiter zu thun hätten. Ein kleines Hochzeitsgeschenk wirst Du erhalten. Das versteht sich ganz von selbst. Aber ist es denn gar ein so großes Geheimniß, wen Du erwählt hast? Sage es uns doch!«

Da ließ Propow seinen Hut fallen, schlug die Hände zusammen und rief:

»Herr, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!«

»Was soll das heißen, Nachbar? Ich verstehe Dich nicht.«

»So? Du verstehst mich nicht! Du weißt nicht, wen ich heirathen will? Und doch habe ich nun bereits eine volle Stunde davon gesprochen.«

»Aber den Namen, den Namen!«

»Himmeldonnerwetter! Du wirst doch Deinen eigenen Namen kennen!«

»Meinen – meinen eigenen Namen? Den kenne ich freilich. Aber der hat ja mit dieser Angelegenheit ganz und gar nichts zu thun.«

»Nicht? Ich denke, daß er im Gegentheile sehr viel damit zu thun hat.«

»Ich glaube nicht.«

»Und ich glaube es sehr. Du sollst ja mein Schwiegervater sein!«

Der Bauer machte ein erstauntes Gesicht.

»Ich? Dein Schwiegervater?«

»Natürlich!«

»Davon aber hast Du ja kein einziges Wort gesagt!«

»War es denn nothwendig, daß ich Deinen Namen nannte?«

»Freilich!«

»O nein. Es verstand sich ja ganz von selbst, daß ich Dich meinte!«

»Nein. Das verstand sich nicht so ganz von selbst. Wir beide haben gemeint, daß Du gekommen seist, uns zu Deiner Hochzeit oder vielleicht zunächst zur Verlobung einzuladen.«

»Da hört aber doch Alles auf!«

»Ja, da hört freilich Vieles auf. Wenn man von einem Schwiegervater redet, muß man doch wenigstens sagen, wer derselbe sein soll!«

»Peter Dobronitsch, Du bist doch sonst nicht so dumm!«

»Bin ich es denn jetzt?«

»Ja.«

»Sapperment! Das ist ja eine Beleidigung!«

»An welcher Du allein schuld bist. Meinst Du, ich kaufe mir einen neuen Rock, nur um Dich einzuladen?«

»Also so ists, so! Du hast unsere Tochter Mila gemeint?«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Die soll Deine Frau werden?«

»Ja.«

»Das geht aber doch nicht.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Du hast gesagt, daß Du Dir die Würdigste erwählt hättest. Das ist sie nicht. Es giebt noch viel Würdigere.«

»Das möchte ich bestreiten.«

»Ja, es giebt noch viele, viele Andere, welche noch würdiger sind. Deine Frau zu werden. Ich will nicht so unbescheiden sein, meine Tochter für die Beste zu halten. Mila ist demüthig. Sie hält sich ganz und gar nicht für das vorzüglichste Mädchen dieser Gegend.«

»Aber ich halte sie dafür!«

»Du täuschest Dich!«

»Mag ich mich immerhin täuschen. Sie hat ihre Fehler, ihre großen Fehler; aber mit Gottes Hilfe werde ich ihr dieselben sehr bald austreiben. Ich werde, wie es in der heiligen Schrift steht, den Stab über sie schwingen, und sie wird durch Trübsal geläutert werden und an meiner Seite zur ewigen Seligkeit gelangen.«

»Weißt Du denn, ob sie grad an Deiner Seite selig werden will?«

»Ob ich es weiß? Darüber giebt es ja gar keine Frage und gar keinen Zweifel! Oder könntest Du denken, daß sie sich einen andern Mann wünscht?«

»Warum nicht?«

»Wa– wa– was? So verrückt wird sie doch nicht sein!«

»Weißt Du denn so genau, daß sie Dich will?«

»Natürlich!«

»So hast Du bereits mit ihr gesprochen?«

»Kein Wort!«

»Aber, Sergius Propow, man pflegt doch zunächst mit dem Mädchen zu sprechen! Man pflegt sich zuerst zu vergewissern, daß sie Einen lieb hat!«

»Meinst Du, daß ich sie hatte fragen sollen?«

»Ja.«

»Nein. So vergebe ich mir meinen Respect nicht. Das fällt mir nicht ein. Ich bin Mann. Sie muß mich lieb haben. Sie wird gar nicht darnach gefragt.«

»Da hast Du freilich ganz andere Ansichten als ich.«

»Hast Du denn damals Deine Frau auch gefragt, ob sie Dich haben wollte?«

»Gewiß habe ich das!«

»Donnerwetter! Das könnte mir freilich nicht passiren!«

»So könnte Dir dafür etwas Anderes passiren.«

»So? Was?«

»Das sie Dich nicht mag.«

»Das kann mir nie passiren. Einen Mann wie mich – nicht mögen! Undenkbar! Und wenn sie nicht wollte, so müßte sie. Man würde sie schon zu zwingen wissen!«

»Du irrst. Ich werde mein Kind niemals zu so einem Schritte zwingen.«

»Das ist Deine Sache. Gieb mir nur Dein Jawort; das Uebrige thue ich selbst.«

»Mein Jawort werde ich nur dann geben, wenn Mila Denjenigen, welcher sie zur Frau begehrt, auch wirklich lieb hat.«

»Peter Dobronitsch, Du bist kein Vater, kein Mann!«

Da stand der Bauer von dem Kanapee auf. Er legte die Hände auf den Rücken, ging langsam in der Stube auf und ab, um seines Aergers Herr zu werden, und sagte:

»Nachbar, wir haben da ganz verschiedene Ansichten. Ein Mädchen ist kein willenloses Thier, welches man verkaufen kann.«

»Sollst Du Mila etwa verkaufen?«

»Nein; aber ich soll sie Dir geben, ohne nach ihrem Willen zu fragen.«

»Nun gut, so frage sie!«

»Und wenn sie Nein sagt?«

»So wirst Du als Vater ein befehlendes Wort sprechen. So ein Frauenzimmer kann unmöglich erkennen, was zum Glücke dient. Der Vater ist der Gebieter. Er hat zu befehlen, was geschehen soll.«

Die Bäuerin war eine außerordentlich sanfte und gutmüthige Frau; dennoch hatte sie kaum mehr die Kraft, ihren Zorn zurückzuhalten. Ihr Gesicht war geröthet, und ihr Athem flog. Peter Dobronitsch bemerkte das und sagte in beruhigendem Tone:

»Sei still, Mütterchen. Ich werde schon selbst mit dem Nachbar sprechen. Hole Mila herein. Er mag ihr selbst sagen, was er von ihr begehrt, und sie soll ihm ihre Antwort geben.«

Die Frau ging hinaus und holte die Tochter herein. Die Thür zu der Nebenstube war nur angelehnt gewesen, so daß Mila Alles gehört hatte, was gesprochen worden war. Sie ließ sich das aber nicht merken.

»Willkommen, Sergius Propow,« sagte sie kalt, ohne ihm die Hand zu bieten.

Er betrachtete einige Secunden lang das schöne Mädchen schweigend, dann sagte er:

»Mila, Du wirst den heutigen Tag noch im späten Alter segnen, denn er ist ein sehr glücklicher für Dich.«

In ihrem Gesichte lag ein Ausdruck, welchen er nicht zu deuten verstand. Es war ein Zorn, welcher sich mit einer gewissen unüberwindlichen Schalkhaftigkeit paarte.

»In wiefern ist er glücklich?« fragte sie.

»Weil er der Tag Deiner Verlobung ist.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Es ist ja eben eine herrliche Ueberraschung für Dich, mein Täubchen.«

»Und wer ist es, der mich überraschen will?«

»Ich bin es.«

»Du? Das glaube ich nicht.«

»Du hörst es aber doch, denn ich sage es.«

»Und dennoch glaube ich es nicht. Ich kenne Dich so genau, daß Du mich gar nicht zu überraschen vermagst.«

»Meinst Du? Das ist sehr schön von Dir! Also Du kennst mich genau. Nun, so sage mir einmal, was Du von mir denkst?«

»Nichts Sonderliches.«

»So! Schau, was für ein kleines Spaßvögelchen Du bist. Hast Du denn wohl geahnt, daß ich Dich heirathen werde?«

»Nein, das habe ich nicht geahnt.«

»Also siehst Du, daß ich Dich gar wohl sehr überraschen kann.«

»Nein, Sergius Propow, überraschen kannst Du mich doch nicht.«

»Ganz gewiß, denn ich werde Dich ja heirathen, ohne daß Du dies geahnt hast.«

»Nein, mein gutes Nachbarchen, Du wirst mich nicht heirathen!«

»O doch!«

»O nein. Das weiß ich ganz genau.«

»Wie so?«

»Du wirst mich nicht heirathen, weil ich Dich nicht mag.«

»Das ist wieder nur ein Scherz von Dir!«

»Es ist mein Ernst.«

»Kein Mensch wird es Dir glauben.«

»Du vielleicht nicht, aber alle anderen Leute werden es sofort begreifen.«

Sie sagte das in einem so ernsten Tone, daß es ihn doch frappirte. Er war wirklich ganz und gar siegesgewiß. Er zog die Brauen zusammen und sagte:

»Höre, mein Kindchen, das ist eine sehr wichtige und sehr ernste Sache. Da darf man keinen Scherz treiben.«

»Wer sagt Dir, daß ich scherze?«

»Nun, wenn Du es wirklich wagtest, zu mir im Ernste in dieser Weise zu reden, so müßte ich Dir das auf das Strengste verbieten!«

»Daraus würde ich mir gar nichts machen.«

»Nicht? Ah!«

»Ja, denn Du hast mir gar nichts zu verbieten. Du gehst mich gar nichts an.«

»Du irrst. Ich werde Dich bald sehr viel angehen, wenn ich erst Dein Männchen bin.«

»Das wirst Du niemals sein. Ich mag Dich nicht, wie ich Dir ja bereits gesagt habe.«

»Donnerwetter! Sollte es wirklich Dein Ernst sein, Mädchen!«

»Er ist es.«

»So nimm Dich in Acht! Einen Mann, wie ich bin, beleidigt man nicht so ungestraft.«

»Aber uns glaubst Du, ungestraft beleidigen zu dürfen!«

»Euch? Das ist mir gar nicht eingefallen.«

»O doch. Ich habe Alles gehört, was Du mit Vater und Mutter gesprochen hast.«

»So? Das ist sehr gut. Nun weißt Du doch, woran Du bist, und ich brauche nicht mehr viele Worte zu machen.«

»Ganz richtig! Du brauchst überhaupt gar kein Wort mehr zu verlieren.«

»Freut mich, freut mich! Wir sind also fertig und einig? Du willigest ein?«

»Ja, wir sind fertig. Ich willige nicht ein.«

»Kreuzhimmel – –! Mache mich nicht zornig!«

»Ich bin nicht schuld, wenn Du zornig wirst.«

»O doch! Du thust ja so obstinat, als ob Du eine Königin wärst.«

»Die bin ich nicht; aber Dich mag ich deshalb doch noch nicht.«

»So! Und warum denn eigentlich?«

Sie nahm ihn beim Arme und schob ihn zu dem Spiegel, welcher an der Wand hing. Er blickte hinein und schüttelte den Kopf.

»Wozu soll ich mich denn ansehen?« fragte er.

»Um mir zu sagen, wie Du Dir gefällst.«

»Ganz gut natürlich!«

»So hast Du einen sehr schlechten Geschmack. Du hast ein Gesicht, als ob es zehn Jahre lang in Sauerkraut gelegen hätte. Deine Gestalt ist wie gemacht, um die Krähen zu vertreiben. Deine Stimme klingt wie das Knarren eines Wagenrades und Deine – – Hände! Da, schau sie nur einmal an! Das sind wahre Bärentatzen. Ohren hast Du wie ein Elephante, dafür aber keine Zähne. Du bist der häßlichste Kerl, den ich nur kenne. Wie kannst Du da denken, daß ich Dich zum Manne haben will! Geh, und laß Dich nicht auslachen! Da sieht doch ein jeder Korjake oder Tunguse hübscher als Du!«

So Etwas hatte ihm noch Niemand gesagt. Er war ganz steif vor Schreck und vor Entrüstung. Er wollte sprechen, brachte aber zunächst gar nichts hervor.

»Väterchen, Mütterchen, habe ich nicht recht?«

Der Bauer zuckte die Achsel, und seine Frau antwortete:

»Der Nachbar Propow wird Dir freilich Unrecht geben, denn es versteht sich ganz von selbst, daß er sich für einen schönen Mann hält.«

Das gab dem Freiersmann seine Sprache wieder. Er rief:

»Habe – habe ich – recht gehört?!«

»Jedenfalls, denn ich habe doch sehr deutlich zu Dir gesprochen,« antwortete Mila.

»So! So! Ein solches Scheusal bin ich also?«

»Scheusal habe ich Dich nicht genannt. Aber sehr häßlich bist Du. Das würde noch zu überwinden sein, denn nicht der Körper, sondern die Seele ist die Hauptsache – – –«

»Die taugt wohl auch nichts?«

»Gar nichts!«

»Alle tausend Teufel! Das wagst Du mir zu sagen!«

»Ja, es muß Dir einmal gesagt werden, damit Du nicht länger glaubst, das Meisterstück der Schöpfung zu sein. Dich hat Gott in einer sehr zornigen Stunde geschaffen. Was Du Dir einbildest, das bist Du freilich nicht!«

»Maria Petrowna, hört Ihr es, was Eure Tochter sagt?«

»Wir hören es,« antwortete der Bauer.

»Und Ihr duldet das!«

»Ich erlaube gern Jedermann, ungescheut seine Meinung zu sagen. Ich habe es auch geduldet, als Du uns vorhin die Deinige mittheiltest.«

»Das ist etwas Anderes! Das, was Eure Tochter sagt, ist eine fürchterliche Beleidigung für mich, eine Beleidigung, welche bestraft werden muß!«

»So!« antwortete das Mädchen. »Und was haben denn Deine Worte enthalten? Du glaubst, schön zu sein, und bist häßlich. Du hältst Dich für fromm und bist doch ein Heuchler. Du thust, als ob Du Gottes bester Diener seist, und hast doch alle Fehler an Dir, die ein Mensch nur haben kann. Du verlangst, daß man Dich fast wie ein höheres Wesen behandle, und bist doch ein ganz ordinärer Kerl. So stolz Du bist, so dumm bist Du auch. Wie kannst Du Dir einbilden, daß ich Dich zum Manne haben möchte! Lieber würde ich mich tödten. Du würdest nur der Henker Deines Weibes sein. Der ärmste Mensch ist mir tausendmal lieber als Du. Wie Du jetzt so vor mir stehst, wundert es mich eigentlich, daß man Dich für einen Mann halten kann. Du siehst grad aus wie ein Pavian. Gehe hin, und heirathe eine Meerkatze! Die paßt für Dich. Aber ein junges, sauberes Mädchen, das bilde Dir ja nicht ein! So, da hast Du meine Antwort! Nun bin ich mit Dir fertig. Lebe wohl, Dummkopf!«

Sie ging hinaus in die Nebenstube und riegelte die Thür hinter sich zu. Er aber machte ein Gesicht, welches die Bezeichnung Dummkopf vollständig rechtfertigte.

Die Bäuerin freute sich königlich über die Zurechtweisung, welche ihm geworden war, und auch der Bauer schien ganz zufrieden mit dem Verhalten seiner Tochter zu sein.

Der abgewiesene Freier rang nach Athem. Er verdrehte die kleinen Augen, als ob er ermordet werden solle.

»O – heiliges – Himmeldonn – –!« stieß er hervor. »Mir das! Mir das! Habt Ihr es denn gehört?«

»Natürlich haben wirs gehört,« antwortete der Bauer.

»Und die Erde öffnet sich nicht!«

»Wird sich hüten!«

»Um das Lästermaul zu verschlingen!«

»Das fällt ihr nicht ein.«

»Und Ihr, Ihr steht so ruhig dabei!«

»Was sollen wir denn sonst thun?«

»Sie bestrafen mit der Ruthe, mit der Knute!«

»Nachbar, das kannst Du nicht verlangen!«

»So gebt Ihr ihr wohl gar Recht?«

»Ich werfe mich nicht zum Richter meiner Mitmenschen auf. Du hast gesagt, was Dir beliebte, und sie hat Dir ihre Ansicht dann auch mitgetheilt. Ihr seid quitt. Was habe ich dabei zu schaffen?«

»So fehlt es hier an Zucht und Ordnung.«

»Schwerlich.«

»Die Bibel sagt, daß ein Vater die Ruthe nicht schonen soll, wenn er sein Kind lieb hat!«

»Dazu ist hier keine Veranlassung.«

»Was! Keine Veranlassung! Hat sie mich nicht einen Pavian, einen Dummkopf genannt?«

»Dem guten Kinde ist wohl nicht gleich ein besseres Wort eingefallen. Du kannst es ihr nicht übel nehmen, denn Dein Gesicht hat große Aehnlichkeit mit einem Pavian.«

»Wie? Was? Wo befinde ich mich denn? Etwa in Sodom und Gomorrha! Dann werde ich sofort Feuer vom Himmel regnen lassen. Hast Du denn schon einmal einen Pavian gesehen?«

»Nein.«

»Wie kannst Du da wissen, daß ich einem solchen ähnlich sehe?«

»Ich kann mir nicht denken, daß ein solcher Kerl ein anderes Gesicht hat als Du.«

»Mensch! Und Du willst mein Nachbar sein!«

»Der bin ich doch!«

»Ein Christ, ein Christ willst Du sein!«

Er ballte vor Wuth die Hände, so daß die Handschuhe zersprangen, worauf er aber in seinem Grimme gar nicht achtete.

»Rege Dich nicht auf!« meinte der Bauer. »Was Mila gesagt hat, ist sehr wahr. Du thust, als ob es eine Barmherzigkeit von Dir und ein wahres Himmelsglück sei, wenn Du meine Tochter zur Frau nimmst. Frage doch erst einmal Andere! Ich glaube nicht, daß Dich so leicht Eine nehmen wird. Wie kannst Du Dir da einbilden, daß das reichste Mädchen der ganzen Gegend Dir vor Freude darüber, daß Du sie heirathen willst, demüthig die Hand küsse! Meine Mila kann wählen. Dich aber braucht sie auf keinen Fall!«

»So habe ich mich allerdings in Euch fürchterlich getäuscht. Ich habe Euch für fromme und gottselige Menschen gehalten, aber – – –«

»Nun, sprich nur weiter! Was sind wir denn, wenn wir nicht fromm und gottselig sind?«

»Der Antichrist bist Du!«

»Sapperment! Also der Teufel?«

»Ja. Die Schlange, welcher ich den Kopf zertreten werde. Ihr habt mich beleidigt; aber Ihr kennt mich noch nicht!«

»O, keine Sorge! Wir kennen Dich!«

»So! Nun, Ihr werdet mich aber noch viel besser kennen lernen. So eine Beleidigung fordert Rache, blutige Rache!«

»Willst Du uns ermorden?«

»Nein, aber verderben werde ich Euch, die beiden Alten mit sammt ihrer jungen Brut!«

»Versuche es!«

»Oho! Meint Ihr, daß Ihr mich nicht zu fürchten hättet!«

»Ja, zu fürchten bist Du; das wissen wir schon längst. Grad solche Menschen, welche den Honigseim der Frömmigkeit Anderen um die Lippen schmieren, sind die gefährlichsten Creaturen. Zu fürchten bist Du wohl; aber Angst haben wir dennoch nicht vor Dir, denn Du kannst uns nicht gefährlich werden.«

»So, so! Nun, sehr gut, daß Ihr das denkt. Ihr werdet bald erleben wie sehr Ihr Euch da irrt. Ich werde mich fürchterlich rächen.«

»Das ist wohl Deine Frömmigkeit? Das ist wohl die Liebe, welche Du stets im Munde führst? Du bist ein Dummkopf sonder Gleichen! Aber trotzdem habe ich es nicht für nöthig gehalten, daß Du Dir einbilden konntest, meine Tochter zu bekommen. Daß Du aber gemeint hast, sie soll das sogar als eine große Ehre, ja als ein Himmelsglück betrachten, das läßt mich vermuthen, daß Du mit dem Verrücktwerden umgehest. Eine größere Bornirtheit ist doch gar nicht zu denken!«

»So, so, ah, oh! Ich könnte die ganze Welt zerreißen! Aber ich bin ein Christ und will mich in Geduld fassen. Ich werde meine Stunde erwarten, und sie wird kommen, viel eher noch, als Ihr denkt. Darauf könnt Ihr Euch verlassen. Dann aber werdet Ihr heulen und schreien vor Entsetzen und wünschen, niemals geboren worden zu sein.«

»Du sprichst ganz wie die Bibel!«

»Ja, ich bin ein Prediger in der Wüste und verkündige Euch das Strafgericht, welches über Euch hereinbrechen wird wie ein gewappneter Mann, gegen welchen es keinen Widerstand giebt. Jetzt verlasse ich Euch. Ich schüttele den Staub von meinen Füßen. Ihr seid das Antheil des Teufels. Ich mag mit Euch nichts mehr zu schaffen haben.«

»Ja, gehe! Auch uns wird es lieb sein, gar nichts mehr von Dir zu sehen und zu hören.«

»O, Ihr werdet mich sehen, und Ihr werdet von mir hören, wenn ich Gericht über Euch halten werde. Ich kenne bereits den Strick, an welchem ich Euch aufhängen werde. Denkt nur an die ›armen Leute‹, denen Ihr gegen das Gesetz Euern Beistand gewährt! Ich werde es so weit bringen, daß Ihr selbst nach Nertschinsk verbannt werdet, um in den unterirdischen Bergwerken zu arbeiten, bis der Tod Euch in die Hölle sendet!«

Er eilte hinaus, so schnell es seine Gravität und fromme Würde erlaubte, die er auch jetzt noch möglichst beibehielt. Die Bäuerin faltete die Hände und seufzte:

»Sollte man so Etwas denken?«

»Ich hatte es längst erwartet.«

»So! Konntest Du es nicht verhüten?«

»Wie hätte ich das anfangen sollen?«

»Du konntest ihm eine Andeutung geben.«

»Dem! Ich habe es ja versucht, oft versucht; aber er hat es gar nicht verstanden. Ein so von seinen eigenen Vorzügen überzeugter Mensch wird niemals eine solche Andeutung verstehen. Mit welchem Hochmuthe hat er uns behandelt!«

»Mich noch mehr als Dich, bevor Du dazu kamst. Er wird sich rächen.«

»Wenigstens will er es; aber er soll keine Gelegenheit dazu finden. Wir verlassen ja die Gegend.«

»Vielleicht findet er bis dahin eine Handhabe.«

»O nein. Ich werde das zu verhüten suchen.«

»Auch er redete von den ›armen Leuten‹. Man scheint uns also allgemein im Verdacht zu haben.«

»Es hat freilich ganz den Anschein dazu. Wir müssen uns in Acht nehmen.«

Jetzt kam Mila herein.

»Gott sei Dank, daß er fort ist!« sagte sie. »Väterchen, Mütterchen, habe ich recht gehandelt?«

»Ja, mein Kind,« antwortete der Bauer.

»Ich bin nicht zu deutlich gewesen?«

»Nein. Es war ganz recht, daß Du ihm endlich einmal die Augen geöffnet hast. So einem Menschen muß man einmal die volle Wahrheit sagen. Er hatte uns beleidigt, und so verdiente er diese kräftige Zurechtweisung vollständig.«

»Und Du fürchtest seine Rache nicht?«

»Nein. Ich hoffe, daß er uns nichts wird anhaben können.«

Der abgewiesene Freier freilich dachte ganz anders. Er brütete, indem er langsam von dannen ritt, darüber, wie er wohl am Besten und Sichersten Rache nehmen könne. Und zufälliger Weise schien sich ihm sehr schnell eine vortreffliche Gelegenheit dazu zu bieten.

Er hatte das Gut bereits weit hinter sich. Sein Pferd trabte auf grasigem Boden dahin. Rechts und links standen Büsche, welche sich hinab nach dem Mückenflusse zogen. Da hörte er von der Seite her das Schnauben eines Pferdes, und gleich darauf kam ein Reiter zwischen den Büschen hervor. Es war der Kossakenwachtmeister.«

Beide, Propow und der Kosak, kannten natürlich einander, aber sie liebten sich nicht. Sie hatten noch niemals ein Wort über den Gegenstand verloren, aber sie wußten, daß sie Rivalen seien – Beide trachteten nach Mila's Hand.

Daher machte der Wachtmeister keineswegs ein sehr freundliches Gesicht, als er seinem Nebenbuhler begegnete. Er ergriff vielmehr sofort die Gelegenheit, ihn zu ärgern. Er parirte sein Pferd gerade vor demjenigen Propows, so daß dieser nicht vorüber konnte.

»Was soll das?« fragte der Russe.

»Was?« schnauzte der Kosak ihn an.

»Du stellst Dich mir in den Weg!«

»Wo ist hier ein Weg? Jeder kann reiten und anhalten, wo es ihm beliebt.«

»Aber nicht gerad da vor meiner Nase.«

»Wer will es mir verbieten?«

»Ich!«

»Oho! Und wenn es mir einfiele, mich auf Deine Nase zu setzen, würde ich Dich nicht erst um die Erlaubniß dazu fragen. Mit einem so guten Freunde von Peter Dobronitsch mache ich kein Federlesens.«

Diese letztere Bemerkung kam dem Russen sehr gelegen.

»Was?« fragte er. »Was soll ich sein? Ein Freund von Peter Dobronitsch?«

»Kannst Du es leugnen?«

»Ich leugne es! Ich möchte Den sehen, der es mir beweisen kann, daß ich der Freund dieses Menschen bin.«

»Nun, da schau mich an! Ich beweise es.«

»Gut! Wo ist der Beweis?«

»Der ist sehr leicht. Bist Du nicht fast täglich bei ihm?«

»Das beweist nichts. Man kann auch einen Feind besuchen. Freilich braucht man es ihm nicht gerade zu sagen, daß man sein Freund nicht ist.«

»So! Aber seine Tochter möchtest Du!«

»Mann, wer hat Dir das weiß gemacht?«

Der Wachtmeister betrachtete ihn mit mißtrauisch forschenden Blicken. Ein schadenfrohes Lächeln glitt über sein Gesicht.

»Das braucht mir Niemand weiß zu machen. Das sehe ich ja!«

»So täuschen Dich Deine Augen.«

»O, meine Augen sind scharf!«

»Sie haben Dich aber doch betrogen.«

»Nein. Denkst Du, ich habe die Blicke nicht gesehen, mit denen Du das Mädchen verschlingst, wenn Du bei ihr bist?«

»Das hast Du Dir doch nur eingebildet. Es fällt mir gar nicht ein, an diese Dirne zu denken. Ihr Vater könnte sie mir anbieten, ich möchte sie doch nicht.«

Er sagte das in zornigem Tone, und seine Miene war dabei so aufrichtig grimmig, daß der Wachtmeister erkannte, daß der Mann jetzt die Wahrheit sprach. Er nickte leise vor sich hin, betrachtete ihn abermals lächelnd und sagte:

»Sergius Propow, Du hast ja einen neuen Rock an?«

»Warum sollte ich nicht?«

»Und Handschuhe dazu!«

»Wie Du siehst.«

»Es scheint heute ein sehr feierlicher Tag für Dich zu sein, ich glaube gar. Du bist auf der Brautschau gewesen?«

»Ich denke gar nicht daran.«

»Leugne nicht! Oder soll ich Peter Dobronitsch fragen? Er würde es mir sofort sagen, was Du bei ihm gewollt hast.«

»Donnerwetter! Was geht es Dich an, was ich bei ihm will und bei ihm suche!«

»Nichts, gar nichts, mein Brüderchen. Aber es ist eine Dummheit von Dir, es mir verschweigen zu wollen. Ich erfahre es doch, und dann habe ich ein Recht, Dich auszulachen!«

»Es giebt da nichts auszulachen!«

»Und ich bin ganz überzeugt davon. Du hast die Mila haben wollen und hast sie nicht bekommen!«

»Was geht es Dich an. Wenn Du mir nicht Platz machen kannst, suche ich mir einen anderen Weg.«

Er wollte den Wachtmeister umreiten; dieser aber ergriff ihn beim Arme und hielt ihn fest.

»Halt! So schnell kommst Du nicht fort von mir!«

»Was willst Du, so rede!«

»Hier nicht. Wie leicht könnte Jemand dazu kommen. Wo willst Du hin?«

»Ueber den Fluß hinüber, nach Hause.«

»Ich reite mit. Ich begleite Dich bis zum Flusse. Du erlaubst es mir doch?«

»Es liegt mir nichts daran!«

»Weil Du mich für Deinen Feind hältst?«

»Bist Du es etwa nicht?«

»Nein. Auch ich habe Dich für meinen Gegner gehalten. Jetzt aber sehe ich ein, daß ich mich getäuscht habe. Komm, zögere nicht.«

Jetzt ritten sie neben einander in der Richtung, welche Propow ursprünglich verfolgt hatte. Der Wachtmeister beobachtete ihn verstohlen von der Seite und fragte nach einer Weile:

»Hatte ich Recht? Du warst bei Peter Dobronitsch?«

»Ja.«

»Er hat Dir seine Tochter abgeschlagen?«

»Was soll ich es leugnen. Er wird es doch allüberall erzählen.«

»Also doch! Was hat er denn eigentlich für Gründe, Dich abzuweisen, angegeben?«

»Gründe? Er hat keine.«

»Das machst Du mir nicht weiß!«

»Keinen einzigen!«

»So hätte er Dir die Mila doch gegeben!«

»Er wollte einfach nicht.«

»So muß er doch eine Ursache haben! Und die muß er Dir doch auch wohl nennen!«

»Ist ihm nicht eingefallen.«

»Sapperment! Was bist Du da für ein Kerl! Wenn ein Vater meine Werbung zurückweist, so muß er mir sagen, warum!«

»Und wenn er aber nicht will!«

»So zwinge ich ihn dazu.«

»Du, ja. Du bist ein Krieger, ich aber bin ein Mann des Friedens, ein Sohn des Glaubens, der keinem Wurm gern wehe thut.«

»Lassen wir das! Ich kenne Dich, und Du hast nicht nöthig, mir Etwas weiß machen zu wollen, was ich doch nicht glaube. Gründe hat er gehabt. Das ist sicher. Aber welche? – Du bist doch ein reicher, und noch dazu ein reputirlicher und angesehener Mann.«

»Ich möchte allerdings wissen, wer gegen meinen guten Ruf Etwas einzuwenden hätte.«

»Auch von Gestalt und Ansehen gut und sehr wohl erhalten.«

Der Russe warf einen mißtrauischen Blick auf den Kosaken, antwortete aber, als dieser Letztere eine sehr ernste Miene zeigte:

»Wenigstens denke ich, daß ich kein Scheusal bin.«

»Nein, das bist Du nicht. Du kannst mit Deinem Aeußeren vollkommen zufrieden sein. Und was Dein Gemüth und Deinen Verstand betrifft, so kannst Du Dich getrost mit einem Jeden vergleichen. Ein Dummkopf bist Du nicht.«

»Aber grad einen Dummkopf hat mich der Peter Dobronitsch genannt.«

»Ah! Wirklich?«

»Ja. Und seine Tochter auch!«

»Und das hast Du gelitten?«

»Was sollte ich dagegen machen?«

»Hm! Ja, da Du ein Mann des Friedens bist, so mußtest Du schweigen. Ich aber hätte ihm den Säbel über den Kopf gehauen!«

»Verdient hätte er es!«

»Einen Mann von den Geistesgaben, welche Du besitzest! Hält er sich etwa für gescheidter und klüger als Du?«

»Das versteht sich natürlich!«

»Der Esel!«

Propow glaubte wirklich, daß der Kosak es aufrichtig meine. Darum gestand er in seinem Grimme:

»Ich könnte Dir noch viel mehr sagen. Wenn ich nicht ein treuer Sohn der Kirche wäre, dem Demuth und Vergebung als schöne Tugenden gelten, so hätte ich alle Veranlassung, diesem Menschen Rache zu schwören.«

»So! Was haben sie Dir denn noch gethan?«

»Geschimpft haben sie mich, entsetzlich geschimpft! Einen Pavian haben sie mich genannt.«

Der Kosak stieß ein lautes Gelächter aus.

»Was giebt es da zu lachen? Meinst Du, daß Sie Recht haben?«

»O nein, nein! Ich lache nur, weil Dobronitsch selbst so ein Pavian ist. Der Kerl sollte sich doch um sich selbst kümmern!«

»Da hast Du Recht. Jetzt könnte er mir sein Mädchen an den Hals werfen, ich möchte es nicht. Ich bereue es überhaupt, um die Hand dieses eingebildeten Dinges angehalten zu haben. Ich weiß, daß Du ihr auch gut bist –«

»So! Da täuschest Du Dich gewaltig!«

»Gewiß nicht. Jetzt stehe ich Dir nicht mehr im Wege. Ich will sie Dir überlassen.«

»Ah, das ist sehr freundlich von Dir! Wie kommst Du denn dazu?«

»Nun, Du erkennst wenigstens daraus, was für ein gutes Gemüth ich habe.«

»Ja. Du überlässest mir Etwas, was Dir ein für alle Mal versagt worden ist!«

»Oho! Wenn ich sie wirklich ernstlich wollte, so würde ich sie ganz gewiß bekommen!«

»Desto freundlicher von Dir, daß Du sie mir freiwillig abtrittst.«

»Ja. Du kannst nun um sie anhalten.«

»Das werde ich freilich bleiben lassen.«

»So! Warum?«

»Weil ich sie nicht mag.«

»Das sagst Du nur.«

»Es ist mein Ernst.«

»Wirklich? So hättest Du keine Absicht auf sie gehabt? Da habe ich mich freilich getäuscht.«

Der Kosak warf ihm einen verstohlenen, höhnischen Blick zu und antwortete:

»Ich will aufrichtig mit Dir sein. Ich hatte allerdings mein Auge auf sie geworfen.«

»Dachte es mir! Bist wohl meinetwegen zurückgetreten?«

»Deinetwegen? Das wäre mir im ganzen Leben nicht eingefallen.«

»Nun, warum denn?«

»Weil – nun, weil sie mir gesagt hat, daß sie mich nicht mag.«

»Donnerwetter!« rief Propow mit schlecht verhehlter Schadenfreude. »Ist das wahr?«

»Würde ich es sonst erzählen? Es ist ja eine Schande für mich!«

»Allerdings!«

»Allerdings? So! Dann ists auch für Dich keine Ehre, abgewiesen worden zu sein. Daß ich es Dir freiwillig erzähle, mag Dir beweisen, daß ich ein aufrichtiger Kerl bin und es gut mit Dir meine.«

»So! Gut meinst Du es mit mir? Davon habe ich freilich noch nichts gewußt.«

»Wir sind Beide abgewiesen worden, folglich sind wir eigentlich Schicksalsgenossen. Wir sollten uns verbinden, um gemeinschaftlich Rache zu nehmen.«

»Rache? Nein, die fühle ich nicht. Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr!«

»Ich sage Dir abermals, daß Du mir nicht mit solchen Flausen kommen sollst. Bei mir ist diese Mühe vergeblich.«

»Flausen? Die sind es nicht, nein gewiß nicht. Ein guter Christ ist nicht rachsüchtig; aber er wird der Gerechtigkeit Gottes auch nichts in den Weg legen. Das kann ich sagen.«

»Nun, das ist ganz dasselbe. Vielleicht wird ein guter Christ es für seine Pflicht halten, die Gerechtigkeit Gottes nach Kräften zu unterstützen?«

»Natürlich!«

»Und was verstehst Du unter dieser Gerechtigkeit Gottes?«

»Jede Gelegenheit, den Sünder zu strafen.«

»So sind wir ja einig, nur daß Du das ganz anders nennst, was ich Rache heiße.«

»Streiten wir uns nicht über leere Worte! Ich will eingestehen, daß ich auf diese Menschen ein strenges Strafgericht herabwünsche.«

»Dieser Wunsch kann ja erfüllt werden.«

»So, inwiefern meinst Du das?«

»Hm! Willst Du mich etwa nur ausfragen? Und es dann dem Dobronitsch verrathen?«

»Was fällt Dir ein!«

»Du könntest denken, daß Du dafür dann vielleicht die Mila zur Frau bekämst!«

»Was für einen Unsinn schwatzest Du da! Ich sage Dir, daß die Mila mich abgewiesen hat. Sie mag mich nicht. Dafür soll sie bestraft werden. Willst Du sie etwa dafür, daß sie auch Dich beleidigt hat, belohnen?«

»Fällt mir doch nicht ein!«

»So brauchst Du mir auch nicht zu mißtrauen. Hier, hast Du meine Hand. Wollen von heut an Freunde sein und fleißig nachdenken, wie wir uns rächen können!«

Er hielt dem Russen die Hand hin. Dieser schlug ein und sagte:

»Recht hast Du. Nachsicht wäre hier nur eine Sünde. Wir wollen uns verbinden, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht einen Weg entdeckten, auf welchem wir zum Ziele gelangen.«

»Ich denke mir immer, daß Dir ein solcher Weg bereits bekannt sein wird.«

»O nein.«

»Wirklich? Hm! Ich habe bisher geglaubt, daß er aufrichtig mit Dir gewesen ist, und zwar in Bezug der armen Leute.«

»Da giebt es freilich nichts.«

Der Kosak warf einen seiner durchdringenden Blicke auf den Russen. Dieser lachte:

»Meinst Du, daß Peter Dobronitsch mich etwa zu seinem Vertrauten gemacht habe?«

»Das habe ich allerdings geglaubt.«

»Da kennst Du ihn schlecht.«

»Du giltst für einen frommen Mann. Es steht zu erwarten, daß ein guter Christ seine Frömmigkeit und Nächstenliebe dadurch bethätigt, daß er die ›armen Leute‹ unterstützt.«

»Und dadurch mit der Polizei in Conflict geräth? Sollte mir einfallen!«

»Also nicht! Ich dachte mir wirklich, daß Du ein heimlicher Helfershelfer von Peter seist.«

»Das ist mir niemals eingefallen.«

»So weißt Du in dieser Beziehung wirklich nichts, gar nichts von ihm?«

»Nichts. Ich ahne zwar, daß er den Flüchtlingen Hilfe gewährt, etwas Sicheres darüber aber habe ich niemals erfahren können.«

»So so! Ich glaubte. Du seist besser als ich unterrichtet, da Du so überzeugt sprachst.«

»Ueberzeugt bin ich auch, aber beweisen kann ich leider nichts. Es soll aber gar nicht lange dauern, so werde ich den Kerl fangen. Heut zum Beispiel war Alexius Boroda, der berüchtigte Zobeljäger, bei ihm.«

»Sollte man es glauben!«

»Hast Du den Boroda gefangen?«

»Leider nein. Der Kerl hat den Teufel im Leibe.«

Er erzählte jetzt den Vorgang, natürlich so, daß kein schlechtes Licht auf ihn selbst fiel.

»Er ist,« fuhr er dann fort, »gar nicht weit geritten, denn ich fand mein Pferd bereits nach einer Viertelstunde. Das kluge Thier war ganz einfach dahin zurückgelaufen, wo es mich verlassen hatte. Ob meine beiden Leute ihre Thiere auch wiederhaben, weiß ich nicht. Wir haben uns getrennt, und ich habe sie noch nicht wieder getroffen.«

»Hm! Da kommt mir ein Gedanke, welcher vielleicht nicht übel ist. Der Boroda hat Dein Pferd nur so weit benutzt, als es nöthig war, aus Deiner Nähe zu kommen. Was folgt daraus?«

»Nun?«

»Daß er gar nicht die Absicht gehabt hat, diese Gegend zu verlassen. Er ist noch hier.«

»Das denke ich auch.«

»Willst Du ihn nicht fangen?«

»Welche Frage! Es sind tausend Rubel auf sein Ergreifen gesetzt.«

»Die kannst Du Dir verdienen.«

»Ich will es versuchen.«

»Aber klug mußt Du es anfangen.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Mein Plan ist bereits schon fertig.«

»Darf ich ihn erfahren?«

»Ich habe nun einmal Vertrauen zu Dir gefaßt; darum will ich nicht hinter dem Berge halten. Ich weiß, das Boroda bei Peter Dobronitsch zu finden ist.«

»Sapperment! Das ist auch mein Gedanke.«

»Siehst Du! Er ist gekommen, um sich von Dobronitsch Hilfe zu holen; dabei hast Du ihn erwischt und vertrieben. Er kommt wieder.«

»Ganz gewiß!«

»Aber nicht am Tage.«

»Das wird ihm einfallen! Er schleicht sich in der Nacht herbei; das ist gewiß.«

»Richtig! Und das giebt eine vortreffliche Gelegenheit, Dobronitsch zu bestrafen.«

»Wir haben die gleiche Ansicht, und so denke ich, daß unsere Vermuthung uns nicht täuschen wird.«

»Ganz gewiß nicht. Er kommt.«

»Er soll auch kommen. Ich werde ihn empfangen. Meine Maßregeln werden gut getroffen.«

»Wie willst Du es anfangen?«

»Ich lege meine Kosaken in den Hof. Wenn er dann kommt, ergreifen wir ihn.«

»Deine Kosaken? Wie viele stehen Dir zur Verfügung?«

»So viele, wie der Sotnik mir giebt.«

»Du wirst ihn nicht fangen, weil der Sotnik das Geld selbst wird verdienen wollen.«

»Donnerwetter! Da hast Du Recht.«

»Er wird, wenn Du ihm die Meldung machst, sich selbst in das Gut legen.«

»Daran habe ich gar nicht gedacht. Da komme ich um das schöne, schöne Geld.«

»Du würdest auch so drum kommen, denn Du würdest den Boroda nicht fangen.«

»Ich würde ihn fangen, wenn er überhaupt käme.«

»Das ists ja! Er würde nicht kommen.«

»Warum?«

»Wenn Du Dich mit zwanzig oder dreißig Kosaken in das Gut legtest und Posten ausstelltest, denkst Du, daß er das nicht merken würde?«

»Nein.«

»Da kennst Du so einen Zobeljäger schlecht. Der kommt eben ganz so wie ein Zobel, wie ein Raubthier herbeigeschlichen.«

»Wir würden höchst vorsichtig sein!«

»Er ist noch schlauer. So ein Kerl hat durch die Uebung Augen, mit denen er auch des Nachts sehen kann. Nein, sobald Du den Hof förmlich besetzest, wirst Du ihn nicht fangen.«

»Wie soll ich es aber denn thun?«

»Heimlich, mit größter Heimlichkeit. Wenn Du Dich mit so viel Leuten in den Hof legest, so wird Peter Dobronitsch ihm sicherlich ein Zeichen geben, daß Gefahr vorhanden ist. Dobronitsch darf also selbst nicht wissen, daß sein Hof bewacht ist.«

»Du, dieser Gedanke ist nicht übel!«

»Siehst Du! Ich denke mir, daß Boroda heimlich sich herbeischleichen wird. Kennst Du die kleine Kammer, hinter deren Fenster das Licht zu brennen pflegt?«

»Ja. Er stellt Essen und Trinken hin.«

»Dafür sollte er bestraft werden!«

»Das geht nicht. Jedermann kann seine Vorräthe aufbewahren, wo es ihm beliebt. Wer sie wegnimmt, nun, das ist eben seine Sache. Also weiter!«

»Natürlich wird Boroda mit Dobronitsch reden wollen. Wie aber kommt er zu ihm?«

»Hm! Vielleicht durch eine offene Thür?«

»O nein, sondern oben durch das offene Fenster.«

»Du kannst Recht haben.«

»Boroda steigt durch das Fenster in das Kämmerchen. Befindet er sich dann einmal im Innern des Hauses, so ist es ihm leicht, Dobronitsch zu wecken und mit ihm zu sprechen.«

»Ah, dabei sollte ich sie erwischen, aber wie es anfangen!«

»Du brauchst nur vorher einzusteigen.«

»Richtig. Ich verstecke mich! Aber, da fällt mir ein: Wenn Boroda in das Kämmerchen steigt und ich befinde mich bereits dort, so sieht er mich doch! Zwar kann ich ihn sogleich ergreifen, und die tausend Rubel sind mein; aber dem Dobronitsch können wir nichts anhaben. Er wird sagen, daß er von dem Boroda gar nichts wisse.«

»Da laß mich sorgen! Ich kenne das Haus. Neben dem Kämmerchen, auf dessen Fenster die Nahrung für die »armen Leute« gestellt wird, liegt die Räucherkammer, in welcher alles Fleisch und die Fischvorräthe für den Winter geräuchert werden. Da hinein stecken wir uns.«

»Uns? Du auch mit?«

»Natürlich, Du mußt doch bedenken, daß Du den Boroda nicht allein bezwingen kannst.«

»Ich würde einige Kosaken mit hinein in das Räucherkämmerchen nehmen.«

»Es ist nur für zwei Personen Platz, und Du müßtest mit ihnen theilen. Wir Zwei aber sind Manns genug, ihn zu überwältigen; wir werden uns so gut bewaffnen, und dann gehört die ganze Summe Dir.«

»Wenn es so ist, so bin ich vollständig einverstanden. Ich sehe ein, daß Du ein tüchtiger Kerl bist. Ich freue mich, Vertrauen zu Dir gefaßt zu haben!«

»O, Du wirst mich noch viel besser kennen lernen, Wachtmeister! Vor allen Dingen müssen wir uns besprechen, wann und wo wir uns treffen.«

»Wann? Natürlich heut Abend.«

»Das versteht sich ganz von selbst, denn bereits heut Abend, nicht aber später, wird dieser Boroda zurückkehren.«

»Ja, und zwar denke ich, daß er nicht warten wird, bis die Nacht so ziemlich vergangen ist. Wer weiß, wie lange er mit Peter Dobronitsch sprechen will und was er Alles bei ihm zu thun hat. Er wird also so zeitig wie möglich kommen. Darum dürfen auch wir uns nicht zu spät einstellen.«

»Ich bin kurz nach Eintritt der Dunkelheit bereit.«

»Ich auch.«

»Aber wo finden wir uns?«

»Hm, an einem Orte natürlich, wo wir nicht gesehen werden können, also nicht zu nahe an der Wohnung des Bauers.«

»Das denke ich auch. Es muß an einer Stelle sein, welche leicht zu finden ist, die aber auch ein gutes Versteck bietet.«

»Die riesige Pechtanne, welche am Felsen steht, wenn man von hier hinab nach dem See geht, würde sich am besten dazu eignen. Kennst Du sie?«

»Natürlich! Es ist der größte Baum wohl hundert Werst in der Runde.«

»Also dort, eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit. Das wird also ungefähr neun Uhr sein, wollen wir uns treffen.«

»Und ich werde keinem meiner Kosaken diesen Plan verrathen, auch keinem Vorgesetzten.«

»Aber zwei der Kosaken wissen doch, daß Boroda da ist. Sie waren vorhin bei Dir und haben ihn gesehen.«

»Ich werde sie täuschen. Ich sage Ihnen, daß dieser Kerl gar nicht Boroda gewesen ist.«

»Sehr gut! Dann wirst Du Dir das Geld allein verdienen.«

»So laß uns scheiden. Da ist der Fluß. Ich muß hinüber. Ich hab zu Hause noch Mehreres zu besorgen und kann mich sputen, wenn ich zur rechten Zeit bei der Tanne sein will.«

»Laß mich nicht warten! Kommst Du zu Pferde?«

»Ja. Ich kann doch den weiten Weg nicht gehen, das wäre zu viel verlangt.«

»So bring aber Dein Pferd nicht mit zur Tanne, sondern binde es vorher irgendwo an. Es könnte uns verrathen.«

Sie waren am Ufer des Stromes angekommen. Der Mückenfluß hatte hier, kurz vor seiner Vereinigung mit dem Baikalsee, eine ziemliche Tiefe und Breite. Ein Sibirier fürchtet sich zwar keinesweges durch einen Fluß zu reiten, immerhin aber wird man naß dabei, was man möglicher Weise zu vermeiden sucht. Eine Brücke war hier in dieser wenig belebten Gegend nicht anzubringen; darum hatte Peter Dobronitsch, welchem der Grund und Boden gehörte, eine Fähre gebaut. Sie bestand aus einem kräftigen, fest zusammen gezimmerten Flosse, welches an einem Seile von einem Ufer zum andern lief. Dieses Seil war hüben und drüben an dem hohen, felsigen Ufer befestigt.

Der Russe ritt auf dieses Floß und stieg dann vom Pferde, um sich am Seile hinüber zu ziehen. Er hatte die Mitte des Stromes noch nicht erreicht, so erschienen drüben zwei Reiter, welche, wie es schien, die Fähre benutzen wollten, um herüber zu kommen.

Der Kosak war noch nicht umgekehrt, sondern er hielt noch am linken Ufer des Flusses, um Achtung zu geben, wie sein Verbündeter das rechte Ufer erreichen werde. Er sah die beiden Reiter. Als Grenzwächter hatte er die Verpflichtung, auf Alles zu achten. Das Mißtrauen war ihm zur zweiten Natur geworden. Darum war er sofort gewillt, zu warten, bis die beiden Reiter herüberkommen würden.

Jetzt langte Sergius drüben an. Er kannte den einen der Reiter sehr gut.

»Gisa, Du bist es?« sagte er. »Wie kommst Du hierher?«

Es war wirklich Gisa, welchen Karparla ihrem Geliebten als Führer nach dem Mückenflusse mitgegeben hatte. Der Andere war Georg Adlerhorst, der flüchtige Kosak Nummer Zehn. Er trug jetzt nicht die Uniform, sondern ein tungusisches Gewand, welches Eisa ihm unterwegs verschafft hatte.

»Ja, ich bin es,« antwortete der Tunguse. Wie geht es Dir, Sergius?«

»Sehr gut. Dir auch?«

»Ich befinde mich wohl.«

»Und was willst Du so allein oder vielmehr zu nur Zweien hier am Mückenflusse?«

»Ich will zu Peter Dobronitsch.«

»Ihn besuchen?«

Bei dieser Frage überflog sein Auge prüfend die Gestalt Georgs.

»Nein, nicht zum Besuch. Ich führe diesen Herrn zu ihm.«

»Ah, ein Herr ists? Er trägt doch die Kleidung der Tungusen!«

»Weil er meint, daß dies bequemer ist.«

»So so! Was will er denn bei Dobronitsch?«

»Brüderchen, wir haben nicht viel Zeit zum Verplaudern. Du wirst es noch erfahren, wenn Du zu Peter Dobronitsch kommst. Du bist ja ein guter Freund von ihm.«

»Gewesen!«

»Brüderchen, Brüderchen! So hast Du Dich mit ihm veruneinigt?«

»Nein, sondern er sich mit mir.«

»O wehe! Weshalb denn?«

»Das wirst Du erfahren, wenn Du zu ihm kommst. Auch ich habe keine Zeit zum Schwatzen übrig. Lebe wohl Brüderchen!«

»Sage mir erst, wer da drüben am andern Ufer hält! Meine alten Augen sind schwach. Es ist ein Reiter. Er sieht aus wie ein Kosak.«

»Er ist auch einer, und zwar der Wachtmeister Wassilei von der oberen Stanitze.«

»So so!«

»Fürchtest Du ihn?«

Diese Frage war in mißtrauischem Tone ausgesprochen worden. Gisu hatte sein Gesicht nicht in der Gewalt gehabt. Als er den Namen des Wachtmeisters hörte, war es wie ein kleiner Schreck über seine Züge gegangen; das hatte Propow bemerkt.

»Fürchten?« fragte Gisa. »Warum soll ich mich vor diesem Wachtmeister fürchten?«

»Weiß ich es? Es war mir ganz so, als ob es Dir nicht lieb sei, daß er sich da drüben befindet.«

»O, es ist mir sogar sehr lieb.«

»Bist Du ein Freund von ihm?«

»Du weißt, daß ich überhaupt keines Menschen Feind bin.«

»Ja, aber der allerbeste Freund bist Du wohl den »armen Leuten«, Brüderchen.«

»Wer hat das gesagt?«

»Alle Leute sagen es.«

»Da irrt man sich sehr.«

»O nein. Dein Herz ist zu weich und zu gut. Nimm Dich in Acht, und lebe wohl!«

Er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, aber nicht ohne vorher Georg Adlerhorst noch einmal genau betrachtet zu haben.

»Ein gefährlicher Mensch!« sagte Gisa.

»Was ist er?«

»Ein Bauer, ein sehr frommer Christ.«

»Ah, diese Sorte kennt man; sie ist stets die allergefährlichste.«

»Dieser ganz besonders. Aber er macht mir keine Sorgen. Wenn ich Bedenken hege, so ist es wegen des Kosaken da drüben.«

»Ist er zu fürchten?«

»Leider. Es ist ein tüchtiger Grenzer. Tag und Nacht im Sattel, unermüdlich, listig, falsch, heimtückisch und dabei sehr freundlich in's Gesicht.«

»Hm! Warten wir etwa, bis er da drüben fort ist?«

»Wie Du denkst.«

»Ich halte es nicht für gut. Wenn wir hier warten, glaubt er, wir haben Veranlassung, ihn zu fürchten. Da wird er gerade erst recht nicht weichen.«

»Das ist wahr. Aber er wird mit Dir sprechen und Dich ausfragen, mein Söhnchen!«

»Immerhin.«

»Er sieht an Deinem Gesichte, daß Du kein Tunguse bist. Was willst Du antworten?«

»Ich bin ein Bauer aus der Gegend von Jekaterinburg und will mich hier ankaufen.«

»Hast Du eine Reise-Erlaubniß?«

»Das laß meine Sorge sein.«

»Ganz wie Du willst! Also Du meinst, daß wir hinüberfahren?«

»Auf alle Fälle.«

Sie stiegen von ihren Pferden und führten dieselben auf das Fährfloß, mit welchem sie sich an den Seilen nach dem jenseitigen Ufer zogen. Dort hielt der Kosak noch immer. Er betrachtete die beiden Ankommenden mit argwöhnischen Augen.

Gisa hatte zu Propow gesagt, daß seine Augen schwach geworden seien.

Das war nicht wahr. Er sah sehr scharf. Er hatte den Wachtmeister erkannt und sich durch die Erkundigung nur überzeugen wollen, ob er wirklich richtig gesehen habe. Er nahm, als sie jetzt die Fähre angebunden, ihre Pferde wieder bestiegen hatten und nun die Uferböschung hinanritten, eine möglichst unbefangene Miene an. Auch Georg von Adlerhorst zeigte nicht die mindeste Spur von Besorgniß oder gar Angst in seinem Gesicht. Selbst wenn entdeckt würde, daß er ein entflohener Gefangener sei, befürchtete er nicht, ergriffen zu werden. Er getraute sich, es mit einer ganzen Zahl von Verfolgern aufzunehmen. Vor diesem Einen, dem Wachtmeister, war ihm aber gar nicht bange.

Das Gesicht dieses Letzteren schien freilich nichts Gutes verheißen zu wollen. Sein Blick, den er auf Georg richtete, war so spitz, so scharf und forschend, daß kein gutes Resultat dieser Betrachtung zu erwarten war. Er wendete sich an Gisa:

»Du hier?« sagte er. »Was suchest Du schon wieder hier am Mückenflusse?«

»Was ich hier suche?« antwortete der Gefragte in scherzhaftem Tone. »Mücken natürlich. Was soll man sonst am Mückenflusse suchen?«

»Hm! Vielleicht befinden sich die Mücken, welche Du finden willst, nur in Deinem Kopfe.«

»So? Na, ein Jeder hat einige Mücken in seinem Kopfe. Dir wird es auch nicht daran fehlen.«

»Schweig!« herrschte der Wachtmeister ihn an. »Mit einem Kosakenunterofficier seiner Majestät des Zaren von Rußland spricht man nicht in einem solchen Tone!«

»Brüderchen, hast Du nicht selbst erst diesen Ton angeschlagen? Scherz bringt wieder Scherz.«

»Ich habe keine Lust zum Scherzen.«

»So sprich auch nicht von Mücken in meinem Kopfe! Was Dir recht ist, ist mir billig.«

»Du hast ja heute einen sehr strengen Ton!«

Er sagte das höhnisch. Der Tunguse antwortete ihm in dem ernsthaftesten Tone:

»Ich pflege so zu reden, wie man vorher zu mir spricht. Laß Dir das gefallen!«

»Ich lasse mir von Dir gar nichts gefallen. Ich befinde mich als Grenzwächter hier.«

»Wir sind aber nicht an der Grenze.«

»Aber im Grenzbezirke. Ich frage Dich, was Du am Mückenflusse willst. So viel ich weiß, lagert Ihr jetzt bei Platowa.«

»Meine Stammesgenossen sind dort; ich aber befinde mich hier, wie Du siehst. Oder bin ich etwa kein freier Mann? Darf ich nicht dahin reiten, wohin es mir beliebt?«

»Das darfst Du, Du nämlich. Aber Andere sind nicht frei. Sie dürfen nicht thun, was ihnen beliebt.«

»Das geht mich nichts an!«

»Es geht Dich doch Etwas an. Wer mit verdächtigen Menschen reitet, macht sich selbst verdächtig.«

»Davon weiß ich gar nichts. Es befindet sich doch nur dieser Herr bei mir. Ist er verdächtig?«

»Herr? Ein Herr soll er sein?« lachte der Wachtmeister höhnisch. »Willst Du mich täuschen?«

»Fällt mir nicht ein!«

»Nun, so hat er Dich selbst getäuscht.«

»Ich möchte wissen, inwiefern.«

»Wirst es gleich hören.«

Er drängte sein Pferd an dasjenige Georgs heran, so daß dieser sich nur nach dem Flusse zu wenden konnte; er schnitt ihm also den Fluchtweg nach dem Lande ab und fragte ihn:

»Darf ich vielleicht erfahren, wer Du bist?«

»Warum nicht? Ich bin ein Kaufmann und Ackerbauer.«

»Woher?«

»Bei Jekatarinburg.«

»Wie ist Dein Name?«

»Skobeleff.«

»Donnerwetter! Da hast Du ja einen sehr berühmten Namen!«

»Allerdings.«

»Bist wohl gar der General Skobeleff!«

»So sehe ich nicht aus. Verwandt bin ich mit ihm; das ist Alles. Er ist mein Vetter.«

»So bist Du wohl auch Soldat?«

»Nein.«

»Und was willst Du hier in dieser Gegend?«

»Wir möchten uns hier gern ankaufen.«

»Wir? Wer ist das?«

»Meine Eltern und Geschwister, überhaupt sämmtliche Glieder meiner Familie.«

»Ach so! Hast Du einen Paß?«

»Ich nicht.«

»Schön! Dachte es mir! Weißt Du es denn nicht, daß man ohne Paß nicht reisen darf?«

»Das weiß ich; wir haben einen Paß; er lautet auf meinen Vater nebst Familie. Darum hat er ihn natürlich bei sich.«

»Ach so! Wo befindet er sich?«

»In Platowa zum Jahrmarkte.«

»So ist es sehr unvorsichtig von ihm. Dich ohne Paß fortzulassen. Du hättest Dir von dem dortigen Kreishauptmanne eine Legitimation ausstellen lassen sollen.«

»Das wollte ich; aber der Kreishauptmann sagte, daß es dessen nicht bedürfe.«

Der Kosak lachte laut auf.

»Das soll ich glauben!«

»Glaube es oder nicht; mir ist das egal!«

»Oho, mein Brüderchen, das kann Dir nicht so gleichgiltig sein, wie Du Dir den Anschein giebst! Ein Paß muß bezahlt werden, und ich kenne den Kreishauptmann. Eine Gelegenheit, Geld einzunehmen, läßt er nicht unbenützt vorübergehen. Wenn Du also sagst, daß er Dir keinen Paß hat geben wollen, so lügest Du.«

»Ich will Dir dieses Wort verzeihen. Du bist ein Kosak, und Kosaken sind nie höflich.«

»Donnerwetter! Wahre Deine Zunge!«

*

85

»Dann schimpfe mich nicht einen Lügner.«

»Du bist einer! Oder meinst Du, daß ich Dich nicht kenne und da täuschest Du Dich.«

»Es ist möglich, daß Du mich einmal in Jekatarinenburg gesehen hast.«

»Dort? O nein. In Platowa habe ich Dich gesehen. Verstanden, mein gutes Brüderchen?«

»Da irrst Du Dich!«

»Ich irre mich nie. Du wurdest mir ganz besonders gezeigt. Ich habe mir Dein Gesicht so genau gemerkt, daß ich es nie vergessen werde. Du trägst zwar jetzt Civilkleider, aber ich weiß, daß Du eigentlich in die Uniform gehörst.«

»In die Uniform?« fragte Georg erstaunt.

»Da verkennst Du mich freilich außerordentlich.«

»So! Kennst Du vielleicht Karparla, die Tochter des Fürsten Bula der Tungusen?«

»Nein.«

»Besinne Dich!«

»Ich brauche mich nicht zu besinnen.«

»Hast Du sie nicht einmal aus dem Wasser gezogen?«

»Nein.«

»Gestehe es nur ein!«

»Ich habe noch nie ein Mädchen aus dem Wasser gezogen, am Allerwenigsten eine Prinzessin.«

»So! Da muß ich Deinem schwachen Gedächtnisse doch ein Wenig zu Hilfe kommen.«

»Das ist vergeblich. Mein Gedächtniß ist gut.«

»Es scheint nicht so. Ich wurde vor einiger Zeit von meinem Sotnik nach Platowa gesandt, um dem Rittmeister dort einen Brief zu überbringen. Da habe ich Dich gesehen. Ich saß in der Schänke, und Du gingst vorüber. Man zeigte Dich mir und erzählte mir, daß Du Karparla errettet hättest.«

»Das ist ein Irrthum.«

»Ich habe Dir bereits gesagt, daß ich mich niemals irre. Du bist ein Kosak.«

»Ich – ein – Kosak!« rief Georg im Tone des größten Erstaunens. »Du mußt es mir doch gleich ansehen, daß dies unmöglich ist.«

»So? Inwiefern denn?«

»Habe ich die Gesichtszüge eines sibirischen Kosaken?«

»Nein.«

»Meine Züge sind europäisch, und Europäer werden bei Euch nur als Offiziere eingereiht. Wäre ich ein Kosak, so müßte ich also ein Offizier sein. Und wenn das der Fall wäre, so würde ich mich nicht so geduldig von Dir verhören und einen Lügner nennen lassen.«

»Brüderchen, ereifere Dich nicht. Es giebt noch andere Leute, welche Europäer sind, ohne Offizier zu sein. Kennst Du sie?«

»Nein.«

»Es sind die Verbannten, welche zum Dienst eingereiht werden. So einer bist Du.«

»Darüber möchte ich fast lachen!«

»Das Lachen wird Dir schnell vergehen. Du trägst nicht einmal einen Namen, sondern Du hast nur eine Nummer.«

»Das wird ja immer romantischer!«

»Ja. Du bist Nummer Zehn.«

Bis jetzt hatte Georg in gleichgiltigem Tone gesprochen. Jetzt aber brauste er auf:

»Ich habe geglaubt, daß Du Dir einen Scherz machen willst. Nun aber sehe ich, daß es wirklich Dein Ernst ist. Das verbitte ich mir!«

»Oho! Verbitten! Was fällt Dir ein! Wenn Du mir so kommst, so spreche ich nun auch in einem anderen Tone. Du bist mein Gefangener. Ich arretire Dich.«

Ueber das Gesicht Georgs flog ein Lächeln.

»Ah,« sagte er, »ich habe mich wirklich geirrt.«

»Nicht wahr! Gestehst Du nun ein?«

»Das meine ich nicht. Ich habe mich geirrt, als ich dachte, daß Du im Ernst redest. Mich zu arretiren, kann nur ein Spaß sein, und zwar ein schlechter, wie ich nebenbei bemerke.«

»Es ist ein sehr guter Witz. Aber das Lachen darüber wirst Du bald sein lassen. Ich erkläre Dir nochmals, daß Du mein Arrestant bist und mich nach der Stanitza begleiten wirst.«

Stanitza werden die befestigten Dörfer der Grenzkosaken genannt. War Georg einmal dort, so war eine Fortsetzung seiner Flucht unmöglich. Er griff nach seiner Waffe in die Tasche. Gisa, der Tunguse, bemerkte das. Er wollte den Versuch machen, den ihm anvertrauten Mann lieber durch List als durch eine Gewaltthätigkeit frei zu machen. Darum sagte er zu dem Kosaken:

»Brüderchen, Du irrst Dich wirklich. Ich kann es versichern.«

»Du? Auf Deine Versicherung kann ich gar nichts geben.«

»Nicht? Nun, so will ich Dir einen andern Mann nennen, dessen Wort mehr gelten wird.«

»Wen?«

»Peter Dobronitsch.«

»Ah, Der! Was ists mit ihm?«

»Er kennt diesen Herrn.«

»So? Woher denn?«

»Ich weiß es nicht. Frage meinen jungen Begleiter selbst. Er hat es mir gesagt.«

Das war ein Fingerzeig, welchen er Georg gab. Dieser sah sofort ein, daß er sich auf Peter Dobronitsch berufen solle. Was aber würde der Bauer sagen, der von gar nichts wußte?

Der Kosak lachte höhnisch auf und sagte:

»Dieser Peter Dobronitsch kann ihn freilich kennen. Jedenfalls hat er ihn in Platowa gesehen. Er wird aussagen müssen, daß er der Kosak Nummer Zehn ist.«

»Er wird mich legitimiren als den Kaufmann Skobeleff aus Jekatarinenburg,« sagte Georg.

»Schweig! Was geht mich Dobronitsch an! Ich habe keine Zeit. Du reitest mit mir direct nach der Stanitza.«

Da richtete Georg sich im Sattel auf, blickte den Kosaken drohend an und fragte:

»Kennst Du die Gesetze und Deine Instructionen?«

»Natürlich!«

»So handle auch darnach.«

»Das thue ich!«

»Nein, das thust Du eben nicht! Wenn ich Dir sage, daß Peter Dobronitsch mich legitimiren werde, so hast Du mich zu ihm zu begleiten. Verstanden!«

»Wenn es mir gefällig ist. Da es mir aber nicht beliebt, so werde ich es nicht thun.«

»So magst Du die Folgen tragen.«

»Sehr gern! Vorwärts!«

Er ergriff die Zügel von Georgs Pferd.

»Weg mit der Hand!« gebot dieser.

»Oho, Bürschchen! Wenn Du mir so kommst, werde ich Dich fesseln.«

»Versuche es! Siehe da!«

Er zog eine Pistole aus der Tasche und hielt sie ihm entgegen. Die beiden Hähne knackten. Der Wachtmeister ließ sofort die Zügel los und wollte nach seinem Gewehre greifen; da aber donnerte Georg ihn an:

»Halt! Keine Bewegung, sonst schieße ich!«

Da ließ der Kosak die erhobene Hand schnell wieder sinken und rief erschrocken:

»Mensch, was fällt Dir ein!«

»Das, was einem jeden Andern auch einfallen würde. Ich habe keine Lust, mir Dir spazieren zu reiten, wohin es Dir beliebt.«

»Du bist aber ja mein Arrestant!«

»Noch nicht. Wir reiten zu Peter Dobronitsch.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Nun, so reite, wohin es Dir beliebt, mich aber laß in Ruhe!«

»Du hast die Waffe gegen mich erhoben! Weißt Du, was das heißt?«

»Jawohl! Das heißt, daß ich Dich sofort niederschießen werde, wenn Du es wagst, nochmals nach Deinem Gewehre zu greifen.«

Das imponirte dem Kosaken. Er fluchte:

»Himmeldonnerwetter! Das kann Dich den Kopf kosten.«

»Meinetwegen! Also vorwärts, zu Dobronitsch!«

»Na, ermorden lasse ich mich nicht; ich reite also mit; aber die Folgen werden sicher über Dich kommen.«

»Das geht Dich nichts an! Gisa, wie weit ist es noch bis zu dem Hofe?«

»Zwei Werst ungefähr.«

Die Drei setzten sich in Bewegung, der Kosak neben Georg vorneweg und der Tunguse hinterher. Dieser Letztere blieb absichtlich immer mehr zurück. Der Wachtmeister sah es und rief ihm zu:

»So beeile Dich doch, wenn Du mit uns fortkommen willst. Ich habe keine Zeit.«

»Ich kann nicht so schnell fort. Mein Pferd ist lahm.«

»So komm langsam nach. Ich habe keine Lust, auf Dich zu warten.«

Das hatte Gisa beabsichtigt. Seine List war ihm gelungen. Er ließ die beiden Voranreitenden hinter einem Buschwerk verschwinden und wendete sich dann schnell zur Seite, von der bisherigen Richtung ab.

Nun zeigte es sich, daß sein Pferd keinesweges lahm sei, denn in gestrecktem Karrière ritt er einen Bogen und jagte sodann auf das Gut zu, bei welchem er vor den Beiden ankam.

Peter Dobronitsch stand vor dem Wohnhause. Er erblickte den Reiter und rief:

»Gisa, Du? Willkommen! Was führt Dich sobald wieder zurück?«

»Wirsts erfahren,« antwortete der Tunguse.

»Höre jetzt, ich habe keine Zeit, und Niemand darf verrathen, daß ich jetzt hier war.«

»Was giebt es denn?«

»Ich bringe Dir einen Flüchtling, den Kosaken Nummer Zehn aus Platowa. Karparla sendet ihn. Am Flusse hat der Wachtmeister Wassilei ihn arretirt – – –«

»Der? Ah!«

»Da hat der Kosak sich für einen Kaufmann und Ackerbauer aus der Umgegend von Jekatarinenburg ausgegeben und gesagt, daß Du ihn kennst.«

»Schön! Wie soll er denn heißen?«

»Skobeleff, ein Verwandter des Generales.«

»Auch noch!« lachte der Bauer. »Und sein Vorname?«

»Den hat er gar nicht genannt.«

»So kann ich ihn heißen, wie ich will?«

»Ja.«

»Ich werde ihn Iwan nennen.«

»Wie es Dir gefällt. Nun aber muß ich wieder fort.«

»Du bist nicht mit arretirt?«

»Nein. Ich habe gesagt, mein Pferd gehe lahm; darum bleibe ich zurück. Nun reite ich wieder fort und komme später nach.«

»Gut. Hat der Arretirte gesagt, ob er bereits einmal hier gewesen ist?«

»Nein.«

»So weiß ich, was ich zu thun habe. Also laß Dich nicht erblicken!«

»Nein. Ich reite einen Bogen. Aber, fast hätte ich es vergessen. Der Flüchtling ist ein Edelmann. Karparla liebt ihn.«

Er jagte wieder von dannen. Der Bauer wollte schnell in das Haus treten. Da stand Mila hinter ihm. Sie hatte die letzten Worte gehört.

»Karparla liebt ihn? Wen?« fragte sie verwundert.

»Einen Gefangenen, welchen der Wachtmeister jetzt bringen wird!«

»Mein Gott! Ist das möglich! Sie liebt! Karparla liebt! Und zwar einen Gefangenen! Väterchen, liebes Väterchen, den müssen wir retten!«

»Natürlich!«

»Du willst, Du willst?« rief sie froh.

»Ja. Deshalb war Gisa hier. Komm schnell herein! Ich muß Dich und die Mutter instruiren.«

Nach kurzer Zeit kam der Wachtmeister mit Georg geritten. Der Letztere hatte noch immer das gespannte Pistol in der Hand. Hätte er es eingesteckt, so wäre der Kosak sicher so klug gewesen, nun seinerseits zur Waffe zu greifen und ihm zuvorzukommen.

»Heda!« rief der Wachtmeister. »Peter Dobronitsch! Heraus mit Dir!«

Anstatt des Genannten aber kam Mila, seine Tochter.

»Was willst Du?« fragte sie.

»Ist Dein Vater daheim?«

»Ja, er ist in seinem Stübchen.«

»Rufe ihn! Ich habe mit ihm zu reden.«

»Gleich! Aber kann ich – – –«

Sie hielt inne und machte ein sehr erstauntes Gesicht. Sie that, als ob sie Georg erst jetzt richtig betrachte. Dann rief sie aus:

»Heilige Antonia! Ists möglich! Sehe ich recht? Das ist ja unser guter Iwan Skoweleff. Oder irre ich mich?«

Georg war ganz erstaunt, sie in dieser Weise sprechen zu hören. Doch ließ er seine Verwunderung nicht merken. Er sprang vom Pferde, eilte auf sie zu, gab ihr die Hände alle beide und antwortete:

»Natürlich bin ich es, liebes Schwesterchen, natürlich! Du kennst mich also noch?«

»Ja. Wie könnte ich Dich vergessen haben! Und auch Du erkennst mich sogleich?«

»Das versteht sich. Wer das schöne Gesichtchen von Mila Dobronitsch einmal gesehen hat, der kann es nie vergessen.«

Er kannte ihren Namen, da Gisa von ihr gesprochen hatte. Auch hatte er es ihr sofort angesehen, daß sie die Tochter sei, und der Kosak hatte nach ihrem Vater gefragt, also war kein Irrthum möglich.

»So komm nur gleich herein, komm!« sagte sie und wollte ihn mit sich fortziehen.

Da aber sagte der Wachtmeister, welcher mit finsterem Blicke zugesehen hatte:

»Halt! So schnell geht das nicht.«

»Warum?« fragte sie.

»Dieser Mann ist mein Gefangener.«

»Dein Gefangener? Warum?«

»Er ist ein Flüchtling.«

»Was fällt Dir ein!«

»Ja, ich kenne ihn.«

»Schweig! Ich kenne ihn viel besser! Er ist unser liebes Freundchen Iwan Skoweleff. Das weiß ich ganz genau.«

»Beweise es!«

»Beweisen? Wie soll ich das beweisen? Komm her, Mütterchen. Kennst Du ihn?«

Jetzt war die Bäuerin aus der Thür getreten. Sie spielte ihre Rolle auch gut. Sie streckte Georg die Hände entgegen und sagte, indem ihr gutes Gesicht vor Freude glänzte:

»Iwan Skobeleff, mein Herzchen, mein Söhnchen. Du bist hier! Welch eine Ueberraschung! So Etwas konnte sich kein Mensch vermuthen. Wo ist denn mein Väterchen, mein Männchen? Ich muß ihn holen!«

Sie eilte in das Haus zurück und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem Bauer wieder, den sie hinter sich herzog.

»Da ist er, da! Nun wirst Du es wohl glauben, mein Peterchen!« sagte sie.

Der Bauer machte ein freudig erstauntes Gesicht und sagte:

»Den Anderen allen?«

»Ebenso. Sie sind in Platowa.«

»Was! In Platowa? Was thun sie dort?«

»Bei Gott, er ist es! Ich wollte es nicht glauben. Iwan Iwanowitsch, mein Söhnchen, komm in meine Arme, komm!«

Er umarmte ihn und küßte ihn nach der dortigen Sitte Stirn und Wangen und fragte dabei in stürmischer Weise:

»Wie geht es Deinem Väterchen?«

»Gut!«

»Dem Mütterchen?«

»Sehr gut.«

»Sie wollen den Jahrmarkt mit abwarten, um Manches einzukaufen. Mich aber haben sie vorausgesandt, um Euch über ihre Ankunft zu benachrichtigen.«

»Was sagst Du, Herzchen? Ueber ihre Ankunft? Wollen sie zu uns kommen?«

»Ja.«

»Welche Freude, welche Freude das ist. Da sind also alle zusammen aufgebrochen, um uns zu besuchen?«

»Nicht eigentlich zu besuchen.«

»Was denn?«

»Väterchen will sich hier niederlassen.«

»Wie herrlich! Will er sich ein Gut kaufen, eine Besitzung erwerben?«

»Ja. Er meint, daß Du ihm dabei mit Rath und That beistehen werdest.«

»Natürlich! natürlich! Wie mich das freut. Wir sind entzückt, ganz entzückt. Komm aber nur herein, komm schnell.«

»Ich darf nicht.«

»Nicht? Warum? Warum solltest Du nicht in mein Haus treten dürfen?«

»Der dort hat es mir verboten.«

»Der?« fragte der Bauer.

Er blickte nach dem Kosaken hin, auf welchen Georg gezeigt hatte, und that so, als ob er diesen erst jetzt bemerkte.

»Ja. Er duldet es nicht, daß ich mit Dir in das Haus trete.«

»Warum nicht?«

»Ich bin sein Gefangener. Er hat mich arretirt.«

Auf Mila hatte der bildschöne, junge Mann einen sehr guten Eindruck gemacht. Besonders interessirte er sie, weil sie gehört hatte, daß Karparla ihn liebe. Sie fiel sehr schnell ein:

»Ja, denke Dir! Arretirt ist er.«

Der Bauer zog die Stirne kraus.

»Weshalb denn?« fragte er.

»Ich soll ein Flüchtling sein, ein entflohener Kosak Nummer Zehn aus Platowa.«

»Wer hat ihm denn das weiß gemacht.«

»Er selbst.«

»Sapperment! Bist Du toll, Wachtmeister!«

Der Wachtmeister wußte nicht, was er antworten solle. Die Art und Weise, in welcher der angebliche Skobeleff empfangen worden war, bewies zur Evidenz, daß er wirklich Derjenige sei, für den er sich ausgegeben hatte. Vielleicht war er dem Kosaken Nummer Zehn nur ähnlich. Ueberhaupt wußte der Wachtmeister ja gar nicht, daß der Letztere entflohen sei. Er kannte ihn, hatte ihn vorhin in der Kleidung eines Tungusen gesehen und natürlich daraus geschlossen, daß er aus Platowa entflohen sei. So stand die Sache. Es war klar, daß hier nur eine Aehnlichkeit obwalte. Aber auslachen lassen wollte er sich doch nicht. Es gab noch immer einen Grund, den Mann festzuhalten. Darum sagte er, indem er die Brauen finster zusammenzog:

»Von einer Tollheit ist keine Rede. Solche Fragen muß ich mir verbitten!«

»Pah! Nimm es mir nicht übel, mein Freundchen Iwan Skobeleff für einen Flüchtigen zu halten. Das ist mir denn doch zu viel.«

»Kannst Du mir das Gegentheil beweisen?«

»Kannst Du mir beweisen, daß er jener Kosak Nummer Zehn ist?«

»Ich kenne ihn.«

»Und ich kenne ihn als Iwan Skobeleff. Wer hat nun Recht von uns Beiden?«

»Ich!«

»Oho! Er ist mein Verwandter!«

»Aber ich bin Polizei, und was ich da sage, das gilt. Er ist ein flüchtiger Kosak.«

»Und er ist der Sohn meines Freundes aus Jekatarinenburg. Dabei bleibt es. Du wirst ihn mir hier lassen müssen.«

»Und wenn ich ihn dennoch mitnehme?«

»So werden wir uns beschweren, er und ich.«

»Davor fürchte ich mich nicht.«

»Du wirst schon anders reden, wenn Du Deine Strafe erhältst. Ich garantire dafür, daß er Iwan Skobeleff ist, folglich hast Du ihn bei mir zu lassen. Das Uebrige ist nicht Deine Angelegenheit, sondern Sache Deines Sotnik. An den kannst Du Dich wenden. Er mag, wenn er meinen Worten nicht glaubt, seine Befehle geben. Du aber bist nur der Wachtmeister und hast hier nun nichts mehr zu sagen.«

»Da dürftest Du Dich doch irren!«

»O nein! Ueberhaupt werde ich baldigst einmal ein Wort mit der Behörde über Dich sprechen. Du wirst mir zu gewaltthätig. Erst vorhin habe ich wegen einem Anderen, welcher der Zobeljäger Boroda sein sollte, einen Auftritt mit Dir gehabt, und jetzt willst Du mir da meinen Herzensverwandten arretiren. Das ist mir zu viel!«

»Ich werde ihn arretiren. Ich will es aus purer Freundlichkeit einmal gelten lassen, daß er Dein Verwandter ist und daß ich mich geirrt habe; aber er hat die Waffe gegen mich gezogen; er hat gedroht, auf mich zu schießen, auf mich, den Vertreter der kaiserlichen Polizeigewalt. Da muß ich ihn arretiren, und er wird seine Strafe erleiden.«

Der Bauer wendete sich an Georg:

»Hast Du ihm wirklich gedroht?«

»Ja.«

»Hattest Du Ursache dazu?«

»Natürlich. Er wollte Gewalt anwenden, und das durfte er nicht. Ich hatte ihm gesagt, daß Du mich legitimiren werdest, er aber wollte nicht mit hierher zu Dir. Er wollte mich zwingen, mit ihm direct nach der Stanitza zu reiten.«

»So hat er freilich seine Befugnisse überschritten. Hat er sich an Dir vergriffen?«

»Ja.«

»Nein!« behauptete der Kosak.

»Hast Du nicht mein Pferd beim Zügel ergriffen?«

Jetzt schwieg der Gefragte.

In diesem Augenblicke kam Gisa. Er war zu Fuße und zog sein Pferd hinter sich her. Auch jetzt spielte der Bauer seine Rolle gut. Er that einige Schritte auf den Nahenden zu und fragte:

»Was ist das? Wer kommt denn da? Ist das nicht Gisa, unser Freundchen?«

»Ja, ich bin es,« nickte der Genannte. »Ich hoffe, daß ich Euch kommen bin.«

»Natürlich bist Du uns sehr willkommen. Aber Ihr seid erst so kurze Zeit fort von hier. Wie kommt es, daß Du bereits wieder hier am Mückenflusse bist?«

Er reichte ihm die Hand und drückte sie ihm herzlich. Auch Frau und Tochter bewillkommneten den Tungusen freundlich.

»Frage den da,« sagte dieser, indem er auf Georg von Adlerhorst deutete.

»Den?«

»Ja. Mit ihm bin ich gekommen.«

»Mit ihm? Wie meinst Du das?«

»Ich bin sein Wegweiser gewesen. Aber als er arretirt war, konnte ich nicht so schnell folgen, weil mein Pferd lahm ist.«

»Ach, so ist es! Also bist Du der Wegweiser meines Freundchens gewesen? Das freut mich sehr. Dafür muß ich Dir dankbar sein. Kommt nun herein. Alle herein in das Haus, damit ich Euch Speise und Trank vorsetzen kann!«

Sie folgten ihm Alle. Nur der Wachtmeister blieb. Er wußte, daß die Einladung ihm nicht mit gegolten habe. Als Gisa sein Pferd angehängt hatte und an ihm vorüber ging, sagte er zum Wachtmeister:

»Nun, wie steht es mit der Arretur?«

»Schweig!« schnauzte der Gefragte ihn an.

»Nimmst Du ihn mit nach der Stanitza?«

»Schweig, sage ich Dir! Oder soll ich Dir das lose Maul etwa stopfen?«

Er griff nach der Peitsche. Gisa hatte die seinige auch anhängen. Er antwortete lächelnd, aber in drohendem Tone:

»Weißt Du etwa nicht, daß die Tungusen geschickter im Gebrauche ihrer Peitschen sind, als Du?«

»Drohst Du mir?«

»Ganz so wie Du mir! Wenn ich morgen wieder nach Platowa zurückkehre, kannst Du mich begleiten, um dort den Kosaken Nummer Zehn zu finden, den Du ja gern haben willst.«

Er trat in das Haus. Der Wachtmeister aber gab seinem Pferde die Sporen und ritt von dannen. Unterwegs brummte er:

»Verdammtes Volk! Da habe ich mich wieder blamirt! Aber wartet nur! Heut Abend werde ich Euch alle mit dem Boroda erwischen, und dann arretire ich Euch Alle mit einander!«

Peter Dobronitsch hatte seine Gäste in die Stube geführt und bot ihnen den Willkommentrunk. Georg von Adlerhorst konnte sich nicht erklären, wie der Bauer Alles so schön hatte wissen können. Er fragte ihn:

»Aber sage mir doch einmal, ob Du allwissend bist! Fast möchte ich Dich dafür halten.«

»Warum?«

»Weil Du mich Iwan Skobeleff nanntest, und doch konntest Du nicht wissen, daß ich mir diesen Namen zugelegt hatte.«

»O doch, denn Gisa hatte es mir gesagt.«

»Gisa? Der blieb doch zurück!«

»Ja,« lachte der Tunguse. »Ich blieb zurück, aber nur, um hinter dem Rücken des Wachtmeisters schnell zu Peter Dobronitsch zu reiten und ihm seine Rolle zu sagen.«

»Ach so! Drum wunderte ich mich, daß Dein Pferd so schnell lahm geworden sein sollte. Ich konnte es nicht begreifen. Aber, Ihr lieben Leute, Ihr begebt Euch in eine große Gefahr meinetwegen.«

»Wieso?« fragte der Bauer.

»Wenn nun der Kosak Anzeige macht?«

»Er wird sich hüten, es zu thun.«

»Und thut er es dennoch – –!«

»Nun, so kommt man, Dich zu suchen, findet Dich aber natürlich nicht.«

»So werdet Ihr bestraft!«

»O nein. Um uns brauchst Du keine Sorge zu haben. Wer will beweisen, daß der wirkliche Kosak Nummer Zehn bei uns gewesen ist? Du warst Iwan Skobeleff und bist wieder fort. Wer will uns bestrafen.«

»Hm! Es sollte mich freuen, wenn wirklich Alles so gut ablaufen sollte.«

»Natürlich wird es gut ablaufen. Karparla sendet Dich – ah, weißt Du, wer sie ist?«

»Der Engel der Verbannten.«

»Richtig! Der Engel sendet Dich, und so stehst Du unter unserem Schutze. Wir werden Alles thun, Dich frei zu machen. Hier meine Hand!«

Sie schüttelten einander die Hände herzlich, und dann wurde den Beiden, nämlich Georg und Gisa, ein sehr reichliches Mahl vorgesetzt. Während des Essens fragte der Erstere besorgt:

»Glaubst Du, daß ich hier sicher bin?«

»Für eine Stunde oder zwei ganz gewiß. Essen kannst Du ohne Sorgen; dann aber werde ich Dir einen Ort zur Wohnung anweisen, an welchem Dich kein Mensch finden kann.«

»Ist das Versteck so sehr gut?«

»Es kann kein besseres geben. Hunderte haben bereits dort gewohnt, und Keiner von ihnen ist entdeckt worden.«

»So fühle ich mich freilich beruhigt. Hoffentlich werde ich Euch nicht lange Zeit zur Last fallen.«

»Deine Stunde wird bald schlagen, denn der Engel wird kommen. Ich habe ihm einen Eilboten nach Platowa gesandt.«

»Er ist uns begegnet.«

»So! Hat er Euch gesagt, was für eine Botschaft er auszurichten hat?«

»Wir erwarten eine ganze Schaar von Flüchtlingen. Um diese über die Grenze zu bringen, muß der ganze Stamm des Fürsten helfen. Die Tungusen werden sich hoffentlich bereits in diesem Augenblicke unterwegs befinden.«

»Dann bringen sie jedenfalls auch die drei fremden Männer mit, welche mich befreit haben.«

»Wer sind diese?«

Georg erzählte in kurzen Umrissen, was sich bis zu seinem Fortritte in Platowa ereignet hatte. Sie hörten ihm aufmerksam zu und erkannten, daß er ein muthiger, hochbegabter Mann sein müsse, da er es gewagt hatte, es in dieser Weise mit dem Rittmeister und dem Kreishauptmanne aufzunehmen.

Als er seine Erzählung beendet hatte, war er auch mit dem Essen fertig. Peter Dobronitsch gab ihm nochmals die Hand und sagte:

»Ich verspreche Dir, daß Du sicher über die Grenze kommen wirst, so viel an uns liegt, natürlich. Du wirst Dich dabei in zahlreicher Gesellschaft befinden, und der Anführer, dem Ihr zu folgen habt, ist ein berühmter Mann. Schon sein Name reicht hin, überzeugt zu sein, daß der Zug gelingen wird.«

»Wie heißt er?«

»Alexius Boroda, der Zobeljäger.«

»Von dem habe ich gehört. Er soll ein so berühmter Jäger sein wie unsere Nummer Fünf.«

»Das ist er ganz gewiß.«

»Wann wird er kommen?«

»Er ist bereits schon da.«

»Ah! Wo?«

»Das weiß ich für den Augenblick leider nicht. Er mußte fliehen vor demselben Kosakenwachtmeister, welcher auch Dich arretirt hat.«

Er erzählte, was vorhin geschehen war.

»Du glaubst also, daß er wiederkommen werde?«

»Ganz gewiß, doch heut erwarte ich ihn nicht. Er wird sich bis morgen oder übermorgen verstecken, da er annehmen kann, daß der Wachtmeister heut seine Augen hier offen halten wird.«

»Möglich! Aber noch wahrscheinlicher ist es mir, daß er dennoch heut kommt.«

»Das wäre zu gefährlich.«

»Ja, aber vielleicht ist es noch gefährlicher für ihn, länger zu warten. Wenn er der Anführer einer so großen Anzahl von Flüchtlingen ist, müssen wir annehmen, daß sie sich gar nicht weit von hier befinden. Er ist ihnen vorangegangen, um Dir ihre Ankunft zu melden.«

»Das denke ich auch.«

»Wie aber will er seine ganze Schaar in der Nähe warten lassen, bis man nicht mehr nach ihm sucht?«

»Ich glaube ganz bestimmt, daß er sie nicht gar so nahe herangeführt hat. Dazu ist er viel zu schlau und vorsichtig. Er hat uns bereits durch einen Boten von Allem unterrichtet, worauf ich natürlich schleunigst Karparla die Botschaft zugesandt habe. Das einzige Bedenkliche dabei ist, daß den ›armen Leuten‹ die Waffen fehlen. Sie können sich nicht vertheidigen. Und wie wollen sie sich jenseits der Grenze in den wilden Steppen ernähren, wenn sie keine Waffen haben, um sich Wild zu schießen!«

»Das ist freilich ein sehr bedenklicher Umstand. Aber vielleicht kommt doch noch Hilfe. Ich denke da an Etwas, was mir einer von den drei Männern, die mich aus dem Feuerwerkshause befreiten, gesagt hat. Es wird nämlich ein fremder Herr nach Platowa kommen, welcher außerordentlich mächtig zu sein scheint. Diese Drei gehören zu ihm, und da sie mir für ganz gewiß versprochen haben, hierher zu kommen, so bringen sie ihn vielleicht mit.«

»Was ist er?«

»Das weiß ich auch nicht. Aber aus Allem, was ich über ihn gehört habe, läßt sich vermuthen, daß er sehr einflußreich ist. Vielleicht leiht er dem Zobeljäger Boroda seine Hilfe.«

»Das glaube ich nicht. Wenn dieser Herr eine solche Macht besitzt, so ist er ein hoher Beamter des Czaren, und als solcher darf er nicht einer ganzen Schaar von flüchtigen Verbannten behilflich sein, zu entkommen. Nun aber wirst Du mir verzeihen, wenn ich Dich bitte, Dich in Dein Versteck zu begeben. Es sind fast zwei Stunden vergangen, seit der Wachtmeister fort ist. Er könnte doch Anzeige gemacht haben und mit Kosaken zurückkommen, um Dich zu holen.«

»Was sagst Du da zu ihm?«

»Daß Du nach der Stadt geritten seist.«

»Mein Pferd wird mich verrathen.«

»O nein. Ich sattele es ab und treibe es auf die Weide zu meinen Heerden. Da möchte ich den Mann sehen, welcher es herausfinden wollte.«

Georg begann, sich von den Anwesenden zu verabschieden. Da sagte Mila in bittendem Tone:

»Liebes Väterchen, willst Du mir nicht erlauben, daß ich den Herrn führe?«

»Warum Du?«

Sie flüsterte ihm in das Ohr:

»Karparla liebt ihn, und ich möchte so gern mit ihm von ihr sprechen.«

»So gehe mit ihm. Du weißt ja Alles so genau wie ich.«

Natürlich verabschiedete sich Georg mit ganz besonderer Herzlichkeit von seinem Führer Gisa, welchem er so sehr zu Dank verpflichtet war, und erhielt von diesem die Zusicherung, daß er ihn in seinem Verstecke besuchen werde. Dann brach er mit Mila auf.

Sie gingen mit einander an dem Brunnen vorüber und dann zwischen Büschen immer weiter, dem See entgegen. Hier stiegen die Berge höher an. Nach und nach traten sie immer enger zusammen. Sodann gab es eine Art von Schlucht, deren Wände kaum mehr als fünfzig bis sechszig Fuß aus einander steil emporstiegen.

Hier blieb Mila stehen:

»Wir sind am Ziele,« sagte sie.

»Hier? Hier ist das Versteck?«

»Ja. Versuche ob Du es erblickst!«

Er schaute sich auf das Aufmerksamste um; aber es war nichts zu bemerken, was einem Verstecke ähnlich sah. Rechts und links ragten die senkrechten Felsenwände himmelan. An der einen, links, stand eine Tanne, wie Georg kaum jemals eine in seinem ganzen Leben gesehen hatte. Sie war ganz gewiß über hundert Fuß hoch, eine sogenannte Pechtanne, und von einem ungeheuren Umfange. Ihre untersten Aeste waren nur fünf Fuß vom Boden entfernt. Ueberhaupt war sie so dicht beästet, daß man den Stamm gar nicht sehen konnte.

»Nun!« sagte Mila. »Siehst Du Etwas?«

»Nein.«

»So suche nur!«

»Hinter dem kleinen Gesträuch da rechts und links am Felsen kann sich kein Versteck verbergen.«

»Nein, da ist's nicht.«

»Und in den Felsenwänden sehe ich auch nicht das kleinste Loch, in welches ein Mensch kriechen könnte.«

»Da ist's auch nicht. Das Versteck ist überhaupt so groß, daß mehrere hundert Personen darinnen ganz gemüthlich Platz haben.«

»Hm! Giebt es vielleicht eine verborgene Felsenthür?«

»Auch nicht.«

»Oder eine Höhle mit Fallthüre im Erdboden?«

»Das wäre ein sehr unsicherer Ort!«

»So kann ich weiter nicht rathen.«

Sein Auge fiel jetzt auf den Stamm des Baumes. Darum erkundigte er sich:

»Oder ist die Tanne vielleicht hohl?«

»Nein. Sie ist kerngesund.«

»Ja, selbst wenn sie hohl wäre, fänden nicht mehrere hundert Personen Platz in ihr. Ich bin zu Ende mit meiner Weisheit. Und doch ist es sehr wahrscheinlich, daß diese riesige Pechtanne zu dem Verstecke in irgend einer Beziehung stehen muß.«

»Das ist freilich der Fall. Jetzt hast Du es errathen. Wir müssen hinaufklettern.«

Sein Blick stieg bis zur Spitze des thurmhohen Baumes empor.

»Geht das?« fragte er.

»Sehr leicht.«

»Aber der Stamm ist ja so dick, daß man ihn gar nicht kletternd umspannen kann!«

»Das ist auch nicht nöthig. Der Stamm hat so viele Aeste und Zweige, und diese stehen so nahe über einander, daß man wie auf einer viel verzweigten Leiter emporsteigt. Komm also!«

Sie blickte sich vorsichtig um, um zu sehen, ob vielleicht ein heimlicher Beobachter sich in der Nähe befinde. Als sie sich überzeugt hatte, daß dies nicht der Fall sei, trat sie zum Baume.

»Aber Du, Du wirst doch nicht auch da hinaufklettern wollen!« sagte Georg.

»Warum nicht?« fragte sie unbefangen, indem sie mit den beiden Händen nach einem der untersten Aeste emporgriff.

Jetzt fiel es Georg ein, daß die Frauen jener Gegend, da sie sehr viel reiten und grad so wie die Männer im Sattel sitzen, unter ihren Röcken stets Männerhosen tragen. Daran hatte er nicht gedacht. Er hatte mit seiner Frage eine Dummheit ausgesprochen. Als er nicht antwortete, sagte sie:

»Meinst Du etwa, daß ich nicht die Kraft dazu habe? Paß auf!«

Sie schwang sich mit einem kräftigen Rucke wie ein Turner hinauf auf den Ast. Er folgte ihr.

Nun gab es ein so enges Gezweig, daß man wie auf Stufen oder Leitersprossen emporsteigen konnte. In der Nähe des Stammes hatten die Aeste keine Nadeln, so daß es also auch in dieser Beziehung keine Hindernisse gab. Die Tanne war jetzt mit einem riesigen, grün ausgeschlagenen Thurme zu vergleichen, in dessen Innern es anstatt der Treppe unzählige übereinander gefügte und sich vielfach durchkreuzende Aeste gab.

So stieg Mila voran, und Georg folgte ihr, höher und immer höher. Einige Male ruhten sie, denn der Aufstieg war freilich nicht so bequem wie auf einer Treppe.

Sie mochten wohl gegen siebenzig Fuß emporgestiegen sein; da hielt Mila an.

»Jetzt sind wir fast da,« sagte sie. »Nun schau Dich einmal um!«

Er folgte dieser Aufforderung, doch vergebens. Er sah nichts als den Stamm der Tanne, aus welchem die Aeste in zahlreichen Quirlen standen, und dann rundum das dichte, undurchdringlich erscheinende Nadelgrün des Baumes.

»So folge mir!«

Nach dieser Aufforderung schritt sie auf einem starken Aste von dem Stamme rechtwinklich ab nach außen hin. Das war nicht gefährlich, denn in Schulterhöhe gab es einen zweiten Ast, an welchem man sich halten konnte. Beide Aeste waren trotz der Höhe noch immer fast so stark wie ein Mannesbein.

Dann knieete Mila nieder, balancirte sich auf dem Aste, steckte beide Arme in die grüne, dichte Nadelwand und schob dieselbe auseinander.

»Nun, siehst Du es nun?« fragte sie.

»Nein.«

Er sah wirklich nichts als eine dunkle Stelle und wußte nicht, was aus derselben zu machen sei.

»So folge mir, aber vorsichtig!«

Sie drang durch das mit Nadeln dicht besetzte Gezweig hindurch. Er schritt noch drei Schritte auf dem Aste vorwärts und drang dann auch in die Nadeln ein. Es war vollständig dunkel um ihn. Er schritt ja grad vom Stammende des Baumes ab auf dem Aste fort, immer weiter und weiter hinaus, durch Tannengezweig, welches ihn um das Gesicht schlug. Jeden Augenblick konnte der Ast alle sein, und er stürzte in die grausige Tiefe hinab.

Da fühlte es sich von Milas Hand ergriffen.

»Halt!« sagte sie. »Jetzt ists genug. Ich will Licht machen. Warte ein Wenig!«

Er hörte ein Streichholz anstreichen. Ein Flämmchen flackerte auf, und dann – brannte ein Talglicht, welches in einem Leuchter steckte, den Mila in der Hand hielt. Ihr hübsches, rosiges Gesicht blickte ihm lachend entgegen!

Er stand noch immer auf dem untersten Aste, welcher allerdings schwächer geworden war, und hielt sich mit den Händen an dem oberen fest. Rechts und links, über sich und unter sich erblickte er die Zweige der Tanne.

»Mein Gott!« rief er. »Was – was –!«

»Nun, was denn?« lachte sie.

»Worauf stehest Du denn?«

Sie stand nämlich seitwärts von ihm, nicht auf dem Aste. Es sah aus, als ob sie in der Luft stehe.

»Auf festem Boden,« antwortete sie.

»Unmöglich!«

»Gewiß! Versuche es nur auch! Taste mal mit den Füßen! Du brauchst Dich nicht mehr festzuhalten.«

Er kam ihrer Aufforderung nach und versuchte, ob er neben dem Aste mit seinem Fuße einen Halt bekomme. Es gelang. Er fühlte steinigen Boden.

»Was ist denn das?« fragte er. »Hat man denn auf die Aeste Treppenstufen gelegt?«

»O nein! Von Treppenstufen ist keine Rede. Du befindest Dich in unserem Verstecke. Kannst Du Dir es denn nicht denken, wie dasselbe beschaffen ist?«

»Nein.«

»Nun, so muß ich es Dir erklären. In der senkrechten Felsenwand, an welche sich die Tanne dicht und fest anlehnt, befindet sich hier oben eine Höhle. Zwei Aeste des Baumes sind in dieselbe hineingewachsen, derjenige, auf welchem Du stehst, und derjenige, an welchem Du Dich festgehalten hast. Mit Hilfe dieser beiden Aeste bist Du in die Höhle gekommen. Du kannst Dich ruhig auf den steinigen Grund stellen!«

»Ach, das ist allerdings einzig! Das ist wirklich hochinteressant!«

»Ja. Nun sage mir, ob ein Mensch, welcher nach unserm Versteck suchen wird, es finden kann?«

»Niemals!«

»Gewißlich nicht. Nur durch Zufall ist diese Höhle zu entdecken.«

»Aber wie habt Ihr sie denn kennen gelernt? Natürlich auch durch einen Zufall?«

»Ja. Ein Tunguse hat sie entdeckt, als er einen Bären verfolgte. – Das Thier kletterte auf die Tanne und verschwand hier in der Höhle. Aber komm weiter!«

Sie schritt mit dem Licht voran und er folgte ihr. Der Gang in welchem sie sich befanden, war vielleicht eine drei Ellen lange Felsenspalte, welche sich nach oben immer mehr zuspitzte. Sie schien mehr als doppelte Manneshöhe zu haben.

Dann blieb Mila stehen und – setzte sich auf einen Stuhl, auf einen wirklichen Stuhl.

Sie hatte die Hand so vor das Licht gehalten, daß er hinten sehen konnte aber nicht sah, was sich vorn befand. Jetzt bemerkte er, daß die Spalte plötzlich weiter wurde. Er schaute sich um und sah, daß er sich in einem Felsengemache befand. In dem Letzteren stand – – ein Tisch mit fünf oder sechs Stühlen.

»Nun, wie gefällt es Dir?« fragte sie.

»Wunderbar,« antwortete er. »Wer hätte das gedacht!«

»Du wirst noch mehr sehen. Jetzt aber vor allen Dingen muß ich wissen, wer Du bist.«

Sie griff in eine Nische und nahm ein Buch, ein Tintenfaß und ein Gestelle für Stahlfederhalter heraus, welche Gegenstände sie auf den Tisch stellte oder legte.

»So! Bitte, schreibe Deinen Namen ein!«

»Was? Meinen Namen? Ist das etwa gar ein Fremdenbuch?«

»Ja. Väterchen hat diesen Brauch eingeführt. Er hat die Theile dieser Möbels heraufgeschafft und hier zusammengezimmert. Seit dieser Ort als Versteck für Flüchtlinge benutzt wird, hat ein Jeder, der hier Schutz fand, seinen Namen eingetragen. Wenn einer nicht schreiben konnte, so schrieb mein Vater den Namen, und der Besitzer desselben machte ein Zeichen dazu. Ich bitte Dich, den Deinigen auch hineinzuschreiben!«

»Gern! Zeig her!«

Er setzte sich auf den Stuhl, öffnete das Buch, zog das Licht näher herbei und begann, in dem Buche zu blättern. Welche Namen standen da! Fürsten und Grafen, Gelehrte und Ungelehrte, Künstler und Handwerker hatten sich da eingetragen.

Dabei standen Bemerkungen und Reime in den verschiedensten Sprachen.

»Georg von Adlerhorst,« schrieb der junge Mann unter den letzten der Namen.

Mila nahm das Buch und blickte hinein.

»Georg von Adlerhorst,« las sie.

»Wie? Du kannst Deutsch lesen?« fragte der Flüchtling erstaunt.

»Ja.«

»Wer hat es Dich gelehrt?«

»Meine Mutter. Sie ist eine Deutsche, bei Königsberg geboren.«

»Das erklärt die Sache freilich!«

»Sie wird sich wundern und herzlich freuen, wenn sie erfährt, daß Du ein Landsmann von ihr bist. Aber jetzt sind wir hier fertig. Folge mir weiter!«

Sie ergriff das Licht und führte ihn weiter in den Gang hinein. Nach einer kleinen Weile verbreiterte sich derselbe abermals. Dieses Mal schien er ein bedeutend größeres Gelaß zu bilden.

»Ich werde die Lampe anbrennen,« sagte Mila.

»Auch eine Lampe! Diese Höhle scheint ja ganz artig eingerichtet zu sein!«

»Nach unsern Kräften. Bitte, mache einmal die Augen zu!«

Er that ihr den Willen. Er hörte abermals, daß sie ein Hölzchen anstrich. Ein Glascylinder klangt dann sagte sie:

»Jetzt mach sie wieder auf!«

Er öffnete die Augen. Was sah er?

Er befand sich in einer – Bibliothek! Ja, wirklich in einer Bibliothek! Der Raum war ziemlich genau viereckig. An den vier Seiten ragten die gefüllten Büchergestelle fast bis zur hohen Decke empor! Mehrere Tische und Bänke boten zahlreichen Lesern bequemen Raum zur Benutzung der Bücher. In der Mitte hing eine große Petroleumlampe von der Decke hernieder, deren Licht den Raum so erleuchtete, daß man überall lesen konnte.

»Aber Mila!« rief Georg. »Ist denn so Etwas möglich! Oder träume ich?«

»Gefällt es Dir?« fragte sie.

»Gefallen? Ich bin ganz entzückt.«

»Ja, Du siehst, daß wir uns Mühe geben, es unsern heimlichen Gästen so angenehm wie möglich zu machen. Väterchen hat das Alles zusammengezimmert und in den einzelnen Theilen vorher heraufgeschleppt.«

»Aber von wem sind die Bücher?«

»Vater hat sie gesammelt. Er hat keine einzige Reise gemacht, ohne welche mitzubringen. Oft bekam er sie geschenkt, oft zu einem billigen Preise, besonders von Offizieren, welche weit fort mußten und die Bücher nicht mit schleppen wollten. Zuweilen brachten die Verbannten selbst welche mit und ließen sie da. Kurz die Sammlung ist immer gewachsen. Viele Verbannte, welche Geld hatten, schenkten dem Väterchen welches, damit er Bücher und Schriften kaufen könne. Es giebt welche in russischer und englischer Sprache. Auch einige chinesische sind dabei. Willst Du den Katalog sehen?«

»Was! Auch einen Katalog giebt es?«

»Ja. Ein Flüchtling, welcher ein Gelehrter war, hat ihn angefertigt. Es kommt vor, daß so ein armer Mann Monate lang hier verbringen muß, bevor sich eine sichere Gelegenheit zum Entkommen findet. Da kannst Du Dir denken, welchen Werth da diese Bücher für ihn haben.«

»Natürlich kann ich es mir denken. Aber wer ernährt so einen Mann?«

»Wir natürlich! Er erhält täglich mehrere Male Besuch von uns. Wenn die Tungusen sich in der Nähe befinden, ist Karparla die Königin dieser Höhle. O, die ist klug! Die hat viel gelernt von den gelehrten Herren, welche bereits hier gewesen, sind!«

»Mir ists, als ob ich mich im Traume befände!«

»So will ich Dir gleich zeigen, daß Du wachest. Komm! Wir wollen weiter gehen!«

»Löschest Du das Licht aus?«

»Die Lampe? Nein, die bleibt brennen. Wir kehren wieder nach hier zurück. Folge mir jetzt weiter!«

Sie führte ihn weiter in den Gang hinein, indem sie ihm mit dem Lichte leuchtete. Nur wenige Schritte hatten sie zu gehen, so gelangten sie abermals in einen Raum. Die Größe desselben war nicht bedeutend, desto interessanter aber für Einen, der gezwungen war, hier längere Zeit im Verborgenen zu verweilen.

Es roch hier sehr nach Rauchfleisch und als Mila nun an den Wänden herumleuchtete, sah Georg, daß diese alle ebenso wie die Decke voller Würste, Schinken, Fleisch und geräucherter Fischwaaren hingen. Besonders viel riesige Lachse, ein Fisch, welcher sich im Baikalsee sehr häufig findet.

Unten standen Fässer, welche mit Mehl und anderen zur Speise verwendbaren Dingen gefüllt waren.

»Du siehst, das unsere Gäste keineswegs gezwungen sind, Hunger zu leiden,« sagte sie. »Ein Jeder kann sich nehmen, was ihm beliebt.«

»Und das Alles schafft Dein Väterchen an?« fragte er.

»Nicht Alles. Karparla ist Diejenige, welche für das Meiste sorgt. Komm weiter!«

Von hier aus kamen sie in einen weiten, breiten und hohen Raum.

»Ach,« sagte er, »das ist ja ein wirklicher und gut eingerichteter Schlafsaal!«

»Das ist er. Hier können viele Flüchtlinge schlafen. Die Temperatur ist im Sommer kühl und im Winter warm genug.«

Der ganze Boden war mit Lagerstätten bedeckt, welche aus trockenem Laub bestanden, worauf Felle ausgebreitet waren.

»Das ist Alles ja ganz vortrefflich!« sagte er. »Jetzt fehlt nur noch eine Küche.«

»Auch diese ist da, doch diese wird nur benützt, wenn so viele Gäste hier vorhanden sind, daß es für uns beschwerlich sein würde, sie aus dem Hause her mit warmen Speisen zu versehen. Wohnen nur Wenige hier, so kochen wir für sie daheim.«

»Und wie bringt Ihr die Speisen herauf?«

»Das werde ich Dir nachher zeigen. Jetzt werden wir in das Freie kommen.«

Sie schritt ihm wieder voran, in den Gang hinein. Bald sah er Tageslicht schimmern, und dann öffnete sich die Spalte auf einen ziemlich großen, freien Platz. Dieser Platz hatte ganz die trichterförmige Gestalt eines vulkanischen Kraters. Er war unten vielleicht fünfzig Meter im Durchmesser, während der Letztere oben am Rande vielleicht das Fünffache betrug. Die Wände gingen steil an, doch konnte man sie ersteigen, und waren mit Bäumen und Sträuchern dicht bestanden.

Unten am Boden kam links ein kleiner, klarer Quell aus dem Felsen heraus und verschwand dann rechts wieder in dem porösen Gestein.

»Wunderbar!« rief Georg. »Es ist, als ob Gott diesen Ort grad nur zum verborgenen Aufenthalt für Flüchtige geschaffen hätte.«

»So ist es. Besser könnte es gar nicht passen. Es giebt keinen zweiten Ein- oder Ausgang als nur denjenigen, durch welchen wir gekommen sind, und ich glaube nicht, daß ein unberufenes Auge ihn so leicht entdecken wird!«

»Sicherlich nicht!«

»Von Außen sieht man keine Spur von diesem Verstecke. Aber wer hier wohnt, der kann die ganze Umgegend überblicken.«

»Wohl vom Rande dieses Kraters aus?«

»Ja. Wenn Du hier emporsteigst und Dich oben im Gesträuch verbirgst, siehst Du weit in das Land hinein. Unten am Berge liegt unser Haus, und in der Ferne erblickst Du die Stadt. Auf der andern Seite aber schaust Du weit in den See hinein, welchen man von der großen Tanne aus in fünf Minuten erreichen kann. Du bist also im Stande jeden Feind zu sehen, welcher sich Deinem Aufenthaltsorte nähert.«

»Vortrefflich, außerordentlich vortrefflich!«

Nun zeigte sie auf ein niedriges Steingemäuer, indem sie erklärte:

»Hier ist der Heerd, auf welchem Du kochen, braten und backen kannst. Das Geschirr steht hinter demselben.«

»Und womit feuert man?«

»Mit Holz. Ich will es Dir zeigen.«

Sie führte ihn hinter ein dichtes Gebüsch, wo er eine ganz bedeutende Menge trockene Holzscheite aufgestapelt sah. Eine Axt und eine Säge lagen dabei.

»Da ist doch Alles vorhanden, was man braucht,« sagte er, auf das Angenehmste erstaunt. »Aber wie bringt Ihr das Alles herauf?«

»Komm, ich zeige es Dir.«

Sie führte ihn wieder ganz denselben Weg zurück, auf welchem sie gekommen waren. Unterwegs zeigte sie ihm, daß sich in jedem der Räume eine Klingel befand. Sie alle waren durch einen Draht verbunden.

»Schau,« sagte sie, »dieser Draht führt draußen am Felsen hin bis unten an eine Stelle, wo nur ein Eingeweihter ihn zu finden vermag. Wenn wir an demselben ziehen, so ertönen alle diese Klingeln. Das mußte so eingerichtet werden, weil wir doch nicht wissen können, in welchem Gemache sich der Gast befindet, welchem wir das Zeichen geben wollen. Wenn es aber überall klingelt, so muß er es unbedingt merken. Er weiß dann, daß wir ihm Etwas heraufgeben wollen und hat dann den Korb herabzulassen.«

Sie waren während der Erklärung, die sie ihm gab, am Eingange angekommen. Dort zeigte sie ihm eine Seitennische des Ganges. In dieser stand ein Korb, welcher an einem festen Stricke angebunden war. Dieser Strick lief um eine Art hölzerne Rolle.

»Man hat den Korb hier hinaus zu lassen und dreht dann die Rolle ab. Den Strick behält man, wenn er abgeleiert ist, in der Hand, um fühlen zu können, wenn von unten an demselben gezogen wird. Das ist das Zeichen, daß man den Korb wieder heraufwinden soll. Im Falle, daß Eins von uns in die Höhle kommt, so steigen wir am Baume herauf und ziehen hier an dem Klingeldraht. Derjenige, welcher hier verborgen ist, hört das Klingeln und wird also über unser Erscheinen nicht erschrecken, weil es ihm auf diese Weise angekündigt worden ist.«

»Schwesterchen, ich muß Dir eingestehen, daß Ihr Alles auf das Vortrefflichste eingerichtet habt!«

»Es hat freilich Mühe gekostet.«

»Das glaube ich gern. Hier also werde ich wohnen. Aber wie lange Zeit wohl?«

»Das kann ich nicht wissen. Erst wenn Deine Freunde gekommen sind und wir auch etwas Näheres über Boroda wissen, läßt sich das Weitere bestimmen. Sicher bist Du hier, ganz sicher; aber die Zeit wird Dir sehr lang werden.«

»O nein. Ich befürchte doch nicht, monatelang hier bleiben zu müssen. Die Bibliothek ist ja da. Sie wird mir hinreichend Beschäftigung geben.«

»O nein, Monate lang wirst Du nicht warten müssen. Ich hoffe vielmehr, daß die Angelegenheit sich recht bald erledigen wird. Und wir werden so oft zu Dir kommen, wie es uns möglich ist. Vielleicht bekommst Du recht bald Gesellschaft; dann kannst Du Dir durch Unterhaltung die Zeit vertreiben.«

»Aber die Höhle darf ich nicht verlassen?«

»Wieso verlassen?«

»Nun, ich meine hinabsteigen, um Euch zu besuchen?«

»Ich bitte Dich, das nicht zu thun. Du könntest Dich verrathen, und das würde auch uns in Unannehmlichkeiten bringen.«

»Ich habe auch keineswegs die Absicht, es zu thun, wollte mich aber auch über dieses genau unterrichten. Ist Euer Gesinde in dieses Geheimniß eingeweiht?«

»Nicht alle Personen wissen es, sondern nur diejenigen, welche wir für treu und verschwiegen halten. Eben darum mußt Du Dich in Acht nehmen, da Du die Betreffenden ja noch nicht kennst. Wir müssen uns aber auf alle Fälle einrichten und uns auch auf Zufälligkeiten gefaßt machen. Es kann doch der Fall eintreten, daß Du die Höhle einmal ohne unser Wissen verlassen mußt. Getraust Du Dich, ohne Unfall hinabzukommen?«

»Sicher!«

»Und auch dann wieder emporzusteigen und den Eingang zu finden?«

»Hm! Ob ich den betreffenden Ast gleich erkennen würde, das bezweifle ich.«

»Das kann ich mir denken. Ich habe vergessen, Dich darauf aufmerksam zu machen. Mein Vater hat in den betreffenden Ast, nämlich denjenigen, auf welchen Du die Füße setzen mußt, ganz in der Nähe des Stammes, einen großen Nagel eingeschlagen, den man unbedingt fühlen muß. Wenn Du Dir dann noch irgend ein anderes Zeichen anbringst, wenn Du zum Beispiel Etwas um den Ast wickelst, so kannst Du gar nicht fehlen. Aber schwer ist es, des Nachts auf- oder abzusteigen.«

»Allzuschwer doch nicht.«

»Man sieht nichts. Selbst wenn der Mond hell scheint, ist die Krone der Tanne so dicht, daß keine Helligkeit hindurchdringen kann.«

»Man fühlt aber doch die Aeste.«

»Das ist richtig. Auf alle Fälle wird Väterchen Dir heut noch einen Besuch machen, um zu sehen, wie Du Dich befindest. Dem kannst Du es sagen, wenn Du einen Wunsch hast.«

»Es wird nichts zu wünschen geben, denn es ist ja alles da, was ich gebrauche.«

»Ja. Die Lampe brennt. Petroleum befindet sich in einem offenen Fäßchen im Vorrathsraume, und dort giebt es auch ein Kästchen voller Lichte und Zündhölzer. Für Alles, was noch nicht vorhanden ist, werde ich Sorge tragen. Du bist uns von Karparla empfohlen, und so werden wir Dir so viele Bequemlichkeiten bieten, wie uns möglich ist.«

»Thut Ihr das nicht bei einem Jeden?«

»Nein. Das wäre zu viel verlangt. Wohnung, Speise und Trank, das bieten wir ihm gern. Auch für ein sicheres Fortkommen sorgen wir; aber es ihm so bequem zu machen, daß er sich wie daheim fühlt, das können wir nicht. Bei Dir aber ist das etwas Anderes. Für Dich wollen wir sehr gern mehr als gewöhnlich thun.«

»Warum? Warum ist es grad bei mir etwas Anderes, mein gutes Schwesterchen?«

»Weil – weil – –«

Sie stockte.

»Nun, willst Du es mir nicht sagen?«

»Ich darf vielleicht nicht.«

»Wer verbietet es Dir?«

»Du könntest mir zürnen.«

»Dir? Ich bin vollständig überzeugt, daß ich Dir niemals zürnen könnte. Du bist so lieb und gut, daß auf Dich kein Mensch zornig werden kann.«

»O, da täuschest Du Dich!«

»Gewiß nicht!«

»Ganz gewiß!«

»Ich glaube nicht!«

»O doch. Zum Beispiel der Kosakenwachtmeister ist sehr, sehr ungehalten auf mich.«

»Der! Das ist nicht zu verwundern. Er scheint mir ein ganz roher Mensch zu sein.«

»Das ist er.«

»Es ist aber jedenfalls der einzige Mensch, der nicht freundlich zu Dir gesinnt ist.«

»O, es giebt noch einen Zweiten.«

»Wer ist das?«

»Unser Nachbar Sergius Propow.«

»Warum zürnt denn dieser Dir?«

»Weil – weil – grad aus demselben Grunde, aus welchem mir auch der Wachtmeister zürnt.«

»Ach! Ich errathe, sie haben Dich zur Frau begehrt.«

»Das ist es.«

»Und Du hast ihnen einen Korb gegeben?«

»Ja, und zwar ohne Henkel.«

»Nun, es ist kein Wunder, daß sie das nicht gleichgiltig hinnehmen, denn wer so ein hübsches Schätzchen haben will und es nicht bekommt, der muß sich freilich ärgern.«

»Hübsch? Ach geh!«

»Du kannst es getrost glauben!«

»O nein. Karparla ist ganz gewiß tausendmal hübscher als ich. Findest Du das nicht auch?«

»Hm! Warum fragst Du so?«

»Weil ich weiß, daß sie Dir gefällt.«

»So? Wer hat Dir das gesagt?«

»Gisa.«

»Der weiß es ja gar nicht!«

»O, er weiß es sogar sehr genau. Er weiß auch noch mehr, noch viel mehr.«

»Was weiß er denn noch?«

»Daß – daß sie Dich liebt.«

»Ach, wirklich? Sie liebt mich? Wer hat ihm das denn eigentlich mitgetheilt?«

»Das weiß ich nicht.«

»So, das weißt Du nicht, und doch weiß er, daß Karparla mich liebt? Das ist sonderbar.«

»Vielleicht hat sie es ihm selbst gesagt.«

»Meinst Du?«

»Ja, als sie Dich ihm anvertraute. Oder hat er es ihr nur angemerkt. Er hat Dich uns empfohlen, weil sie Dich liebt und weil Du sogar ein Edelmann bist!«

»Kindchen, Du machst mich ganz stolz.«

»Ich sage, was ich denke. Oder ist es Dir so gleichgiltig, wenn Karparla Dich gern hat?«

»O nein, gar nicht.«

»Sie ist eine Fürstentochter; aber das ist das Wenigste. Die Hauptsache ist vielmehr, daß sie ebenso gut wie schön ist.«

»Ja, das ist sie. Glücklich wird einst der sein, der sie zum Weibe bekommen wird.«

»Nun, wirst denn Du es nicht sein?«

»Leider nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich zurück in meine Heimath muß, und sie kann mich nicht begleiten. Sie muß natürlich hier bei ihren Eltern bleiben.«

»Ja, das ist freilich traurig! Nicht wahr. Du liebst sie auch von ganzem Herzen?«

»Von ganzer Seele! Ich werde nun niemals ein Weib nehmen, sondern allein durch das Leben gehen.«

»Könntest Du denn nicht hier bleiben?«

»Nein. Ich muß den Meinigen dieses schwere Opfer bringen, grad so, wie sie auch den Ihrigen dasselbe Opfer bringen muß.«

»So glaube ich, daß auch sie niemals einem Andern angehören wird.«

»O, vielleicht wird sie mich bald vergessen.«

»Karparla? Die vergißt Dich niemals. Ich kenne sie. Ihr Herz ist treu wie Gold. Ach, wie oft haben wir beisammen gesessen und davon gesprochen, wer einst der sein wird, dem wir unsere Herzen schenken! Sie hat niemals geglaubt, daß es ein Ausländer, ein Gefangener sein werde.«

»So wie auch Du gewiß nicht geglaubt hast, daß Du Deinen Nachbar Sergius Propow heirathen wirst,« scherzte er.

»Dem? Geh! Lieber möchte ich todt sein!«

»Ist er denn gar so häßlich?«

»Häßlich wie die Sünde.«

»Das ist freilich schlimm.«

»O darauf kommt es nicht so sehr an. Man kann wohl auch einen Häßlichen lieb haben, wenn er nur recht brav und gut ist.«

»Und das ist er wohl nicht?«

»Nein. Er ist ein Heuchler, ein Frömmler, der stets Gottes Wort im Munde führt, aber grad das Gegentheil von demselben thut.«

»Ein frommer Heuchler also! Ach, da fällt mir ein – vielleicht kenne ich ihn.«

»So! Hast Du ihn gesehen?«

»Vielleicht. Ich bin heut Einem begegnet, welcher ganz das Aussehen hatte, als ob er ein Wolf im Schafskleide sei.«

»Wo ist er denn Dir begegnet?«

»Drüben am Mückenflusse.«

»Ueber den Fluß muß der Nachbar allerdings. Wie sah er aus?«

»Er war ein sehr langer, hagerer Mensch. Er trug eine weiße, hohe Halsbinde.«

»Das ist er gewesen. Hat er mit Dir gesprochen? Und war er allein?«

»Ja. Er kam auf der Fähre über den Fluß. Da war er freilich allein. Aber am diesseitigen Ufer hielt der Kosakenwachtmeister, der mich nachher arretirte. Mit ihm schien er an den Fluß gekommen zu sein.«

»Ach, so haben sie sich unterwegs getroffen und auch mit einander gesprochen. Vielleicht hat er ihm gar erzählt, daß – daß ich ihm einen Korb gegeben habe, und weil sie alle beide bös auf mich sind, so haben sie ein Bündniß gegen uns geschlossen.«

»Meinst Du?«

»Ja. Vielleicht hat ihm der Wachtmeister erzählt, daß der Boroda dagewesen ist.«

»Das ist möglich.«

»Und da haben sie irgend einen Plan gegen ihn und uns verabredet. Hast Du nicht so etwas bemerkt?«

»Nein.«

»Aber es steht zu erwarten. Da müssen wir sehr vorsichtig sein. Ich muß gleich zu meinem Vater, um es zu melden.«

»Wann kommst Du wieder?«

»Morgen früh.«

»Ich freue mich sehr darauf.«

»Hat Karparla Dir nicht gesagt, wann sie kommen wird?«

»Nein. Aber sie kommt.«

»Auf ihre Ankunft freue ich mich von ganzem Herzen. Also leb wohl, Freundchen, leb wohl für heut! Morgen sehen wir uns wieder.«

»Ja, behüt Dich Gott für morgen!«

Sie reichten einander die Hand, und dann gab sie ihm das Licht, welches sie bisher gehalten hatte, und verschwand draußen im dunklen, dichten Geäst des Baumes.

Er kehrte in das Innere zurück.

Hier hielt er genau Inspection über alle Räume. Er fand noch Vieles, was Mila ihm nicht gezeigt hatte. Es war wirklich für jedes Bedürfniß nach Kräften auf das Trefflichste gesorgt.

Im Lesezimmer löschte er die noch immer brennende Lampe aus, um das Oel zu sparen. Dann begab er sich hinaus in den Krater. Er stieg an der steilen Wand desselben empor. Die Höhe betrug weit über hundert Fuß.

Als er oben angekommen war, befand er sich auf der Zinne des Felsens. Niemand konnte von Außen ahnen, daß sich hier im Innern des Felsens ein so geräumiges und vortreffliches Versteck befand. Unter den Sträuchern verborgen, hielt er Umschau in die Ferne.

*

86

Er konnte links bis hinüber zum Flusse sehen. Rechts lag in weiter Entfernung die Stadt. Weiterhin schlossen sich Stanitza an dieselbe an, befestigte kleine Kosakendörfer, zwischen denen die einzelnen Wachtposten mit ihren Feuerzeichen angebracht waren.

Dann ging er langsam oben auf dem Kamme des Kraters weiter, rund um denselben herum.

Er sah das Baikalgebirge und konnte zwischen den Lücken desselben erkennen, wie die mongolische Wüste sich starr und leer nach Süden zog. Weiter westlich lag der See. Seine Wasser schimmerten wie flüssiges Silber im Sonnenstrahle, und aus dieser silberglänzenden Fluth stiegen grüne, bewachsene Inseln auf.

Dort im Westen, aber weit – weit lag die Heimath, das liebe, herrliche deutsche Vaterland. Sein Auge wurde feucht. Wie lange, o wie so lange war er demselben fern gewesen, ein Flüchtling, ein Verbannter!

Er setzte sich nieder, lehnte sein Haupt an einen Felsen und – weinte. Er dachte an jenes herrliche Gedicht des deutschamerikanischen Dichters, welcher auch die Heimath lassen mußte und dann im fernen Lande sein Leid mit seinem Herzblute niederschrieb, jenes Gedicht, dessen letzte Zeilen, lauteten:

»Land meiner Väter, länger nicht das meine,
Kein Boden ist so heilig wie der Deine.
Nie wird das Bild aus meiner Seele schwinden
Und knüpfte mich an Dich kein lebend Band,
Es würden mich die Todten an Dich binden,

*

Die Deine Erde deckt, mein Vaterland!«

So saß er lange, lange Zeit. Er gedachte seiner Flucht aus der Heimath, des wilden, gefahrvollen Soldatenlebens im Kaukasus, des Herzeleides, welches er dort ertragen hatte und des einzigen Sternes, der ihm dort erschienen war – Zykyma, die Herrliche.

Er hatte sie geliebt, ja, und sie ihn auch. Wirklich, wirklich? Konnte ein Mädchen wie sie, eine Orientalin, wirklich eine Liebe im Herzen tragen, welche im Stande ist, einen hochgebildeten Europäer glücklich zu machen? Er hatte es geglaubt; jetzt aber zweifelte er daran.

Und warum zweifelte er?

Weil ihm jetzt plötzlich ein neuer, ein ganz anderer Stern aufgegangen war – Karparla, die Liebliche, die wie Schnee Glänzende. Der Schein des ersten Sterns verlöschte, als ihm der zweite am trüben Horizonte Sibiriens aufgegangen war.

Die Sonne hatte niedergehend die Spitzen des Gebirges erreicht und stieg hinter dasselbe hinab. Die Berge begannen lange, tiefe Schatten auf den See zu werfen. Es war Zeit, sich zurückzuziehen.

Georg stieg hinab und trank von dem frischen Quell. Dann begab er sich nach der Bibliothek und brannte die Lampe wieder an. Er suchte sich ein Buch und begann zu lesen.

Nicht lange hatte er gesessen, so ertönte die Klingel. Es kam Jemand. Er erhob sich von der Bank. Wer mochte es sein? Jedenfalls Peter Dobronitsch, denn Mila hatte ja gesagt, daß dieser kommen werde. Er hatte sich nicht geirrt. Der Bauer kam.

»Ach, Du hast bereits gelesen?« fragte er, als er das Buch erblickte. »Hast Du auch gegessen?«

»Nein, noch nicht.«

»So thue es. Du hast einen weiten und anstrengenden Ritt hinter Dir.«

»Ich habe bereits bei Dir gegessen, und meine Lage ist eine solche, daß mir eine seelische Erquickung nöthiger ist als eine körperliche.«

»Du brauchst keine Sorge zu haben. Du befindest Dich bei mir in Sicherheit.«

»Das sehe ich freilich. Für die Gegenwart ist mir nicht bange, aber die Zukunft – –!«

»Das laß Dich ja nicht anfechten. Vertraue Gott und Deinen guten Freunden!«

»Du hast Recht! Und Derjenige, dem ich zumeist und zuerst vertrauen will, der bist Du.«

Er gab ihm die Hand. Der Bauer schlug kräftig ein und antwortete.

»So ists recht. So viel an mir liegt, werde ich thun, und ich vermuthe, daß Du Deine Heimath glücklich erreichen wirst.«

»O, es liegen tausende von Meilen zwischen ihr und diesem unglücklichen Lande.«

»Du wirst sie zurücklegen.«

»Aber wie?«

»Vielleicht gar in meiner Gesellschaft.«

»Ach! Du willst dieses Land verlassen?«

»Ja. Ich habe verkauft und kann an jedem Tag fort. Willst Du mit?«

»Wie so gern. Aber man verfolgt mich!«

»Du bist mein Knecht.«

»Kannst Du das beweisen?«

»Ja, ich habe über jeden meiner Knechte eine Legitimation, und da sie hier bleiben, so kann ich an ihrer Stelle ›arme Leute‹ mitnehmen. Ich weiß nun nicht, ob Du Dich erniedrigen magst, als Knecht zu reisen.«

»Mit tausend Freuden.«

»So sind wir einig. Das heißt, ich habe Dir diesen Vorschlag gemacht, um Dir zu zeigen, daß sich für Dich auf alle Fälle ein sicherer Weg nach der Heimath öffnet. Vielleicht findet sich etwas Anderes und Besseres. Karparla wird kommen. Wir müssen uns mit ihr besprechen. Und Boroda kommt auch mit einer ganzen Schaar von Verbannten.«

»Ist das nicht zu kühn von ihm?«

»Kühn ist er, ja!«

»Er ist vielleicht sogar verwegen?«

»Auch das. Aber was er einmal beginnt, das pflegt er auch auszuführen. Wir werden erfahren, was er beabsichtigt. Vielleicht weiß er etwas Besseres für Dich.«

»Glaubst Du, daß er heut wiederkommt?«

»Nein. Aber daß der Kosakenwachtmeister kommen wird, davon bin ich überzeugt.«

»Um zu lauschen?«

»Ja. Jedenfalls bringt er eine Schaar seiner Leute mit und besetzt mit ihnen meine Besitzung, um Boroda abzufangen, wenn er kommt. Mila hat mir gesagt, daß er sich mit Sergius Propow besprochen hat?«

»Hat sie das gesagt? Es ist das aber keineswegs sicher!«

»Sie vermuthet es!«

»Und Du wohl auch?«

»Ja. Ich kenne meinen Nachbar. Er ist ein außerordentlich rachsüchtiger Mensch, trotz der Frömmigkeit, welche er heuchelt. Ich traue es ihm gern zu, daß er sich den Kosaken anschließt, um Boroda bei mir zu fangen und also auch in Strafe zu bringen. Aber selbst wenn er nicht kommt, die Kosaken kommen auf alle Fälle.«

»Was wirst Du da thun?«

»Was soll ich thun? Nichts. Ich werde mich so verhalten, als ob ich gar nichts ahne, als ob ich mit dieser Sache nicht das Mindeste zu thun habe!«

»So willst Du gar keine Vorkehrungen treffen?«

»Nein.«

»Aber wenn Boroda doch kommt!«

»Der kommt sicher nicht. Er ist zu klug dazu. Und wenn er ja käme, so käme er ganz heimlich angeschlichen und würde bemerken, daß das Haus besetzt sei. Er würde sich sogleich wieder zurückziehen. Aber ärgern werde ich diesen Wachtmeister doch!«

»Womit?«

»Mit dem Essen und Trinken, welches ich auf das Fenster stellen werde.«

»Für die ›armen Leute‹ etwa?«

»Das sieht der Wachtmeister doch!«

»Er soll es sehen!«

»Kann er Dich nicht anzeigen?«

»Nein. Niemand kann mir beweisen, daß ich diese Sachen für die ›armen Leute‹ bestimmt habe.«

»O doch! Man wird den Beweis der Wahrscheinlichkeit führen.«

»Pah! Ich kann meine Vorräthe stellen, wohin ich will. Kann ich dafür wenn sie mir von den Verbannten gegen meinen Willen gestohlen werden?«

»Freilich nicht.«

»Also werde ich es thun. Unterlasse ich es, so würde der Wachtmeister denken, ich fürchte mich vor ihm, und das fällt wir doch ja gar nicht ein. Aber freilich möchte ich gern volle Sicherheit haben, daß er kommt.«

»So mußt Du aufpassen.«

»Das werde ich natürlich thun. Ich stelle meine treuen Knechte aus. Das reicht aber nicht zu. Würdest Du mir vielleicht ein Wenig mit helfen?«

»Gern!«

»Das ist mir sehr lieb.«

»Ich weiß nicht, von welcher Seite der Wachtmeister kommen wird, und muß daher auf allen Seiten meine Posten haben. Nun ist es möglich, daß er mit dem Kahne vom See her kommt. Jemand hierher nach der Seeseite zu stellen, dazu habe ich nicht zuverlässige Leute genug –«

»So meinst Du, daß ich das machen soll?«

»Ja.«

»Sehr gern. Sage mir nur, wohin ich mich stellen soll. Ich bin sofort bereit.«

»Stellen sollst Du Dich gar nicht. Kommt er mit seinen Leuten vom See her, so muß er hier am Baume vorüber. Die Felsen treten da so eng zusammen, daß Du sie sehen mußt!«

»Sie mich aber auch!«

»O nein. Du steigst von hier hinab bis auf die untersten Aeste. Da kannst Du Alles sehen, ohne selbst bemerkt zu werden.«

»Ganz richtig. Aber wenn ich Etwas sehe, wie thue ich es Dir zu wissen?«

»Dadurch, daß Du wieder aufsteigst und an dem Klingeldrahte ziehst.«

»Klingelt es da bei Dir?«

»Ja!«

»Und was wirst Du dann thun? Was hast Du vor?«

»Nichts, gar nichts! Ich will mich nur überzeugen, ob die Kerls wirklich kommen. Wenn sie kommen, so lege ich mich mit meinen Leuten schlafen. Der Wachtmeister kann dann die ganze Nacht wachen, und früh lache ich ihn aus. Also Du bist bereit, mir zu helfen?«

»Ja. Wenn soll ich meinen Posten beziehen?«

»Sogleich. Die Dämmerung ist da, und ich vermuthe, daß die Kosaken zeitig kommen werden.«

»Schön! Brechen wir also auf!«

Sie verlöschten die Lampe und begaben sich zur Höhle hinaus. Peter Dobronitsch zeigte Georg den Klingelzug und nachher auch den Nagel, welchen er in den Ast geschlagen hatte. Um denselben noch leichter zu finden, band Georg sein Taschentuch um den Ast und stiegen dann hinab.

Es war im Geäst der Tanne stockdunkel, so daß man keinen Ast erkennen konnte, denn das Gezweig war zu dicht.

Die Beiden mußten sich beim Hinabklettern auf ihren Tastsinn verlassen. Sie gelangten ohne Unfall unten an.

»So,« sagte Peter Dobronitsch, »hier bleibst Du auf dem vorletzten Aste sitzen. Da kann Dich Niemand sehen. Du aber siehst Alles. Es kann kein Mensch vorüber, ohne von Dir bemerkt zu werden.«

»Und wenn Niemand kommt, wie lange soll ich sitzen bleiben?«

»Sehr gern! Meinetwegen auch bis zum Anbruch des Tages. Ich kann ja morgen recht wohl ausschlafen.«

»O, nach Mitternacht kommen sie nicht erst. Da kannst Du also getrost hinaufsteigen. Wirst Du die Höhle finden?«

»Gewiß!«

»Schön! Aber nimm Dich in Acht, daß Dir kein Unglück passirt.«

»Keine Sorge! Ich klettere gut.«

Jetzt sprang der Bauer von dem Aste zur Erde hinab und entfernte sich. Georg machte es sich auf seinem Sitze so bequem wie möglich.

Er war überzeugt, daß er seinen Posten ganz vergeblich eingenommen habe. Er hatte gar keine Ahnung, daß grad die Pechtanne, auf welcher er saß, das Rendez-vous war, an welchem sich der Wachtmeister und Sergius Propow treffen wollten.

Es war nun vollständig Abend geworden. Rings herrschte tiefe Stille. Da war es Georg, als ob er leise Schritte höre.

Sollte der Bauer etwa noch einmal kommen? Er lauschte auf. Ja, das waren Schritte, welche näher kamen. Unter der Tanne hielten sie an. Georg erkannte eine hohe, dünne Gestalt. Der Bauer war es nicht.

»Donnerwetter!« brummte der Unbekannte. »Noch nicht da! Wenn er mich nur nicht etwa ewig warten läßt!«

Es war der Herr Nachbar Sergius Propow.

Er setzte sich nieder und lehnte sich mit dem Rücken an den riesigen Stamm des Baumes.

Bereits nach kurzer Zeit kam ein zweiter Mann herbei. Der Erstere stand auf. Der Zweite blieb in der Nähe der Tanne stehen.

»Pst!« machte er es.

»Pst!« antwortete Propow.

»Ah, Du bist schon da, Sergius!«

»Ja, komm her, Wachtmeister!«

Georg wußte nun ganz genau, mit wem er es zu thun hatte. Sie standen grad unter ihm, und wenn sie auch nicht laut sprachen, konnte er doch Alles ganz gut verstehen.

»Wo hast Du Dein Pferd?« fragte der Kosak.

»Gut unter Bäumen versteckt.«

»Wirst Du es auch wiederfinden?«

»O sicher! Kommst Du allein, oder hast Du Dich anders besonnen und Leute mitgebracht?«

»Ich bin allein. Die tausend Rubel, welche auf Boroda gesetzt sind, will ich allein haben. Warst Du bereits beim Hause?«

»Nein. Warst Du dort?«

»Auch nicht. Aber ich werde einmal hingehen.«

»Wozu?«

»Um zu sehen, ob die Luft rein ist, und ob der Kerl etwa wieder Essen auf das Fenster gestellt hat.«

»Das wäre wünschenswerth für uns. Wenn er nichts auf das Fenster stellt, so bleibt dasselbe zu, und wir können nicht hinein.«

»Richtig! Warte hier! Ich will lauschen.«

»Nimm Dich in Acht, damit Dich Niemand sieht!«

»Keine Sorge! Ich bin das gewöhnt.«

Der Wachtmeister schlich sich fort. Es dauerte lange, ehe er zurückkehrte. Propow wurde ungeduldig. Er nahm eine Prise nach der anderen und machte dabei ein Geräusch, welches sich mit der Heimlichkeit, die er beobachten sollte, eigentlich gar nicht gut vertrug. Endlich aber kam der Kosak geschlichen und sagte:

»Das Fenster ist auf, und es steht auch das Essen dort für die Flüchtlinge.«

»Sehr gut! So klappt also Alles.«

»Ja. Ich hoffe, daß Boroda kommen wird.«

»Wir fassen ihn im Hause. Komm. Gehen wir jetzt!«

»Das wäre zu früh, Peter Dobronitsch ist jetzt noch munter und alle seine Leute mit ihm. Sie würden uns also bemerken.«

»So! Daran dachte ich nicht. Richtig! Aber da stecken wir hier, und inzwischen kann Boroda kommen!«

»Das schadet nichts.«

»Was? Das schadet nichts, wenn wir ihn nicht ergreifen?«

»Wir ergreifen ihn auf alle Fälle. Wenn er auch eher kommt und sich einschleicht, so treffen wir ihn doch im Hause. Dobronitsch geht heut ganz sicher zeitig schlafen. Wir warten bis er zu Bett ist; dann erst steigen wir hinein.«

»Ganz wie Du willst. Du bist Wachtmeister und mußt die Sache besser verstehen als ich.«

Es trat eine Pause ein, während welcher Georg sich überlegte, was er thun solle. Aus dem Gespräche der Beiden vernahm er, daß diese Beiden ganz allein da waren und es allerdings, wie zu erwarten gewesen war, darauf abgesehen hatten, Peter Dobronitsch mit dem Zobeljäger Boroda zu erwischen. Kosaken hatte der Wachtmeister nicht mitgebracht.

War es nicht besser, den Bauer zu benachrichtigen, als ihn im Ungewissen zu lassen? Georg beschloß, es zu thun.

Er begann, langsam emporzuklettern, langsam und so leise, daß seine Bewegungen nicht von ihnen gehört werden konnten. Je weiter er nach oben kam, desto weniger brauchte er sich vor ihnen in Acht zu nehmen. So gelangte er an den betreffenden Ast und fühlte jetzt sein Taschentuch.

Nun schlüpfte er auf denselben hinüber nach dem Eingange des Versteckes. Dort suchte er im Finstern mit der Hand nach dem Drahte und zog einige Male stark an demselben. Als er dann lauschte, war es ihm, als ob er aus der Ferne den hellen, silbernen Ton einer Klingel hörte. Das Zeichen war also gegeben.

Nun kehrte er wieder zurück. Je tiefer er hinabkletterte, desto leiser und langsamer wurden seine Bewegungen. Und doch hörte er, als er auf den untersten Aesten ankam, den Kosaken fragen:

»Hast Du nichts gehört?«

»Nein. Was giebt es?«

»Es war Etwas über uns in den Zweigen.«

»Jedenfalls ein Eichhörnchen.«

»Mag sein. Ich möchte nur wissen, was das Klingeln zu bedeuten gehabt hat.«

»Vielleicht war es ein Zeichen für das Gesinde, nun in das Haus zu kommen, um sich schlafen zu legen.«

»Das ist möglich, obgleich ich noch nicht gehört habe, daß der Bauer seine Leute Abends zusammenklingelt.«

»Was soll es denn anders gewesen sein!«

»Ob es vielleicht auf uns Bezug hat!«

»Wie wäre das möglich. Niemand weiß, daß wir hier sind. Wie könnte man also unsertwegen klingeln.«

»Das ist freilich wahr. Wir warten noch eine kurze Zeit, und dann will ich mich noch einmal hinschleichen, um nachzusehen ob die Leute zu Bette sind.«

Wieder verging vielleicht eine Viertelstunde, während welcher sich die Beiden still verhielten. Dann entfernte sich der Wachtmeister. Als er dann zurückkehrte, meldete er:

»Sie sind wirklich zu Bette. Alle Lichter sind ausgelöscht.«

»Auch dasjenige in dem Kämmerchen, auf dessen Fenster das Essen und Trinken steht?«

»Nein, das brennt.«

»So scheint es, daß der Fang uns gelingen werde. Wollen wir jetzt aufbrechen?«

»Warten wir noch einige Augenblicke, bis sie eingeschlafen sind!«

»Ich denke mir, daß Peter Dobronitsch sich gar nicht niederlegen, sondern auf Boroda warten wird.«

»Möglich ist es. Ich habe vergessen, nachzusehen, ob er droben in seiner Giebelstube Licht hat.«

»Davon können wir uns nachher überzeugen.«

Es vergingen einige Minuten, dann gingen sie, indem sie sich hart an dem Felsen hielten, damit sie von einem vielleicht doch anwesenden Lauscher nicht gesehen werden konnten.«

»Was thue nun ich?« fragte sich Georg. »Ich konnte mich nun in die Höhle begeben und mich schlafen legen. Besser aber ist es wohl, ich beobachte sie, um zu sehen, was sie machen.

Er schwang sich aus den Aesten zur Erde nieder und folgte ihnen. Er So erreichte er die Tanne. Eben wollte er durch das weite Dach derselben treten; da wurde er von einer strengen Stimme angerufen:

»Halt! Keinen Schritt weiter!«

Er erschrak. Er kannte zwar keine Furcht, aber wenn man des Nachts so plötzlich angedonnert wird, erschrickt man doch ein Wenig. Er blieb stehen und fragte:

»Wer ist da?«

»Ein Fremder. Wer bist Du?«

»Das habe ich Dich wohl eher zu fragen als Du mich. Sage also, wer Du bist.«

Er hob den Fuß, um einen Schritt vorwärts zu gehen. Da knackten zwei Hähne.

»Bleib stehen, sonst schieße ich.«

Jetzt durchdrang sein Auge das Dunkel, und er sah eine hohe Gestalt am Stamme des Baumes stehen. Sie hielt ihm mit ausgestrecktem Arme Etwas entgegen. Jedenfalls war das eine Pistole.

»Schießen?« fragte er. »Schießt man denn auf Freunde?«

»Noch weiß ich nicht, ob Du ein Freund bist. Also sage, wer Du bist!«

»Ich bin ein Verwandter von Peter Dobronitsch.«

»Also bist Du ein Freund von ihm?«

»Natürlich!«

»Wie heißest Du?«

»Iwan Skobeleff.«

»Kennst Du den Wachtmeister der nächsten Kosakenstanitza?«

»Ja.«

»Natürlich ist auch er Dein Freund?«

»Nein.«

Der Mann hatte sich einen Fremden genannt. Er war bewaffnet und trat drohend auf. Es stand zu erwarten, daß er zu den »armen Leuten« gehöre. Vielleicht war er gar jener Zobeljäger Boroda, welcher abgefangen werden sollte. Darum hatte Georg geantwortet, daß er nicht der Freund des Wachtmeisters sei, was allerdings auch ganz mit der Wahrheit übereinstimmte.

»Wenn Du mich belügest, so ist es um Dich geschehen! drohte der Andere.

»Ich lüge nicht!«

»So ist es gut für Dich. Wo kommst Du her?«

»Von Hause.«

»Und wohin willst Du?«

»Hm! Spazieren gehen.«

»Äh, bei Nacht?«

»Es ist nicht Nacht, sondern nur erst Abend.«

»Einerlei. Uebrigens bin ich unbewaffnet, und Du kannst mit mir reden, ohne die Pistole vorzuhalten.«

»Ich muß vorsichtig sein!«

»Ich auch.«

»Als Verwandter von Peter Dobronitsch? Gegen wen denn?«

»Hm! Das läßt sich schwer sagen, sage lieber Du, weshalb Du so vorsichtig sein mußt!«

»Für mich ist es schwieriger, offen zu sein als für Dich. Ich werde also lieber einmal hören, was Du mir antwortest. Ich war heut bereits einmal hier.«

»Ah! Und ergriffst auf einem fremden Pferde die Flucht? Ist es nicht so?«

»Du hast es errathen.«

»Donnerwetter! So bist Du Alexius Boroda, der berühmte Zobeljäger?«

»Hm!«

»Du kannst es getrost eingestehen, denn nun will ich Dir in aller Offenheit sagen, daß ich zu den »armen Leuten« gehöre.«

»So bist Du also nicht ein Verwandter von Peter Dobronitsch und hast mich belogen?«

»Aus Vorsicht. Ich kann doch nicht wissen, wen ich vor mir habe.«

Da ließ der Fremde die Hand mit der Pistole sinken und sagte in milderem Tone:

»Ich will einmal versuchen, Dir Glauben zu schenken.«

»Versuche es immerhin. Wenn Du Boroda bist, so bin ich Dein Freund und Leidensgefährte und will Dich vor einer Gefahr warnen.«

»Ich kenne keine Gefahr.«

»Und doch befindest Du Dich in einer solchen, und zwar in einer sehr großen, denn der Wachtmeister ist hier, um Dich zu fangen.«

»Das konnte ich mir denken; aber ich fürchte ihn nicht, sondern ganz im Gegentheile hat er sich vor mir in Acht zu nehmen.«

»Du irrst Dich. Er lauert Dich auf.«

»Oder ich ihn. Ich bin wie der wilde Zobel. Ich höre den Käfer fliegen, und mein Auge sieht in der Nacht fast ebenso gut wie am Tage.«

»Das wird Dir doch nichts nützen.«

»Werden sehen. Ich habe mich herangeschlichen, ohne daß sie mich bemerkten. Hier unter dem Baume standen zwei Männer. Der Eine war der Wachtmeister, und den Andern kannte ich nicht.«

»Der war Sergius Propow, ein Nachbar aber Feind des Bauers. Wenn Du es gewagt hast, Dich so nahe an sie heran zu schleichen, so bist Du freilich ein kühner Mann, und wenn Du den Wachtmeister in dieser Dunkelheit erkannt hast, so hast Du die Augen eines Luchses.«

»Die habe ich. Dann, als sie gingen, sah ich einen Dritten hier aus dem Gezweig springen und ihnen nachschleichen. Mir scheint, daß Du das gewesen bist.«

»Ich war es. Aber wenn Du gesehen hast, daß ich ihnen heimlich nachgeschlichen bin, so mußt Du daraus ersehen, das ich sie beobachtet habe und also nicht ein Freund des Wachtmeisters bin.«

»Ja, nun glaube ich Dir. Also, wer bist Du?«

»Ein flüchtiger Kosak mit der Nummer Zehn.«

»So sind wir freilich Leidensgefährten. Ich will eingestehen, daß ich Alexius Boroda bin. Hier meine Hand. Wollen wir Freunde sein!«

»Sehr gern. Ich habe Dich erwartet.«

»Hier?«

»Ja. Mir ahnte, daß Du kommen werdest; aber Dobronitsch glaubte es nicht. Er dachte vielmehr, daß Du Dich vor dem Wachtmeister scheuen und also heut fern halten würdest.«

»Ich muß heut mit ihm reden und fürchte mich vor keinem Wachtmeister. Selbst wenn dieser den Hof mit seinen Kosaken ganz umzingelt hätte, würde ich mich doch hineinschleichen.«

»Das hast Du nicht nöthig, denn es sind keine Kosaken da.«

»Das kann ich nicht glauben. Ich hoffe nicht, daß Du mir eine Falle stellen willst!«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»So kann ich nicht begreifen, warum der Kosak allein gekommen ist.«

»Er will die tausend Rubel, welche auf Dich gesetzt sind, selbst und ganz verdienen. Wenn er seine Kosaken mitgebracht hätte, müßte er das Geld mit ihnen theilen.«

»Ah, ist es so?«

»Ja. Ich habe es, als ich die Beiden belauschte, aus seinem eigenen Munde gehört.«

»Donnerwetter! Dieser Kerl will mich festnehmen! Er allein! Was bildet er sich ein? Diesen Menschen schlage ich doch mit einem einzigen Hiebe nieder, wie ich es heut bereits einmal gethan habe. Aber was will der Andre bei ihm? Was kann ihm daran liegen, daß ich ergriffen werde?«

»Er hat heut um Mila's Hand angehalten.«

»Ah! Von Der soll er die Finger lassen!«

»Natürlich hat er einen Korb bekommen, und nun will er sich dadurch an Dobronitsch rächen, daß er hilft. Dich bei ihm zu fangen. Er meint, daß dann der Bauer bestraft werden muß.«

»So ist es, so! Nun, wir wollen sehen, wie weit diese zwei Schufte ihren Zweck erreichen. Weißt Du, wo sie sich befinden?«

»Ja. Sie warten in der Räucherei auf Dich.«

»Donnerwetter! Meinen sie vielleicht, daß ich komme, mich, von ihnen räuchern zu lassen!«

»Das nicht. Aber sie denken, daß Du den Bauer aufsuchen willst.«

»Das will ich freilich.«

»Er ist schlafen gegangen, und da Du nicht laut klopfen oder rufen kannst, um ihn zu wecken, so nehmen sie an, daß Du einsteigen wirst.«

»Ach so! Wo aber soll ich ihrer Ansicht nach denn einsteigen?«

»Durch das Fenster, welches für die »armen Leute« geöffnet ist. Ich glaube, daß es wird besser sein, ich zeige es Dir, als daß ich es Dir nur beschreibe. Willst Du mit mir gehen?«

»Ja! Ich denke, daß ich mich Dir anvertrauen kann!«

»Habe keine Sorge! Ich bin gewillt, auf der Flucht mich Dir anzuschließen. Es kann mir also kein Gedanke des Verrathes beikommen.«

»Dann beantworte mir erst eine Frage. Du bist ein Kosak mit einer Nummer, also ein Verbannter?«

»Ja.«

»Was warst Du früher?«

»Offizier.«

»Ah, das fordert mich allerdings zum Vertrauen auf. Bist Du ein Russe?«

»Nein. Allerdings habe ich zuletzt in russischen Diensten gestanden.«

»Und vorher?«

»Ich bin ein Deutscher.«

»Sapperment! Da können wir uns ja der deutschen Sprache bedienen!«

»Wie? Du sprichst deutsch?«

»Ja. Mein Vater ist ein Deutscher. Er hat sich erst später, nachdem er nach Rußland ausgewandert war, Boroda genannt.«

»Was höre ich! So ist Bart Dein eigentlicher Name? Denn Boroda heißt ja Bart auf Deutsch.«

»Ja. Wir sind also Landsleute.«

»Wer hätte das gedacht! Das ist mir wirklich eine außerordentliche Freude.«

»Mir natürlich auch. Und da es so steht, will ich Dir mein unbedingtes Vertrauen schenken. Ein Landsmann wird den Andern nie verrathen. Schlag ein! Wir wollen gute Freunde sein und uns gegenseitig unterstützen, damit wir glücklich aus diesem vermaledeieten Lande hinaus kommen.«

Sie schüttelten sich herzhaft die Hände, dann fragte Georg von Adlerhorst:

»Also wirst Du jetzt mit mir gehen?«

»Ja.«

»So komm!«

»Aber vorsichtig!«

»O, wir haben nichts zu befürchten. Die beiden Kerls stecken ganz gemüthlich in der Räucherkammer, und alle Anderen schlafen. Kein Mensch wird uns sehen.«

Sie gingen still nebeneinander nach dem Hause. Boroda behielt aber trotz alledem die Pistole in der Hand.

»Man kann niemals zu vorsichtig sein,« sagte er. »Ich lasse mich nicht überrumpeln.«

»So traust Du mir nicht?«

»O doch! Aber ist es nicht möglich, daß uns ein Feind begegnet, den auch Du noch nicht kennst?«

»Das ist freilich keine Unmöglichkeit.«

Sie gelangten auf den Vorplatz des Wohngebäudes. Georg gab Boroda eine Stellung, von welcher aus er in das erleuchtete Stübchen blicken konnte.

»Schau!« sagte er leise. »Dort befindet sich Brod, Speck und Schnaps für die »armen Leute«. Da sind die beiden Kerls eingestiegen.«

»Aber da müßten sie doch drin sein! Ich sehe sie nicht.«

»Aber die niedrige Thür siehst Du, welche uns grad gegenüber sich befindet?«

»Natürlich.«

»Sie ist um eine Spalte offen?«

»Ja«

»Dahinter stecken sie.«

»Also so ist es! Sie wollen mich einsteigen lassen, um mich dann sogleich zu ergreifen!«

»Nein, nicht gleich. Es liegt ihnen sehr viel daran. Dich erst mit dem Bauer zusammen kommen zu lassen, damit sie auch diesen in Strafe bringen können. Sie wollen ihn mit Dir abfangen.«

»Welch eine Schlechtigkeit! Ah, jetzt sehe ich, daß sich die Thür bewegt. Ja, es stecken Leute dahinter. Du hast Recht.«

»Was wirst Du nun thun?«

»Hm! Ich möchte Ihnen einen Streich spielen, so toll, wie sie ihn verdient haben.«

»Begieb Dich nur nicht unnöthiger Weise in Gefahr!«

»Fällt mir nicht ein. Uebrigens können solche Kerls einen Boroda gar nicht in eine Gefahr bringen. Wüßte ich nur, wo Peter Dobronitsch schläft!«

»In dem Giebelstübchen da rechts.«

»Ich werde ihn wecken.«

»Aber wie? Rufen darfst Du keinesfalls.«

»Nein. Ich werfe ein wenig Erde oder einige kleine Steinchen an sein Fenster.«

»Da mußt Du gewärtig sein, daß er laut herunter fragt, und das hören die Beiden.«

»Da hast Du Recht.«

»Wenn wir eine Leiter hätten, könnten wir an sein Fenster emporsteigen.«

»Eine Leiter wird wohl zu finden sein. Ich weiß, daß es hier Gebrauch ist, die Leiter an die Hinterwand des Hauses zu hängen. Dort hält man sie zum Gebrauch bereit. Komm! Wollen ein mal suchen.«

Sie begaben sich leise nach der hinteren Wand des Hauses. Da hing, wie Boroda vermuthet hatte, eine Leiter an der Mauer. Sie trugen dieselbe nach der Giebelseite und legten sie dort an. Sie reichte bis an den First des Gebäudes. Boroda stieg hinan und klopfte an das Fenster. Vorher aber hatte er Georg nach vorn geschickt, um Wache zu stehen, damit er ja nicht etwa von Propow und dem Wachtmeister überrascht werde.

Nach zweimaligem, leisem Klopfen öffnete Dobronitsch das Fenster. Er war keineswegs erschrocken, da es sehr oft vorkam, daß »arme Leute« des Nachts Hilfe bei ihm suchten.

»Wer ist da?« fragte er.

»Kennst Du mich nicht?«

Jetzt steckte der Bauer den Kopf ganz heraus und erkannte den Frager.

»Sapperment, Boroda, Du!«

»Ja. Hast Du mich nicht erwartet?«

»Nein. Heut nicht. Welch eine Unvorsichtigkeit!«

»Pah! Es steht nichts zu befürchten.«

»O doch! Ich wette um meinen Kopf, daß der Wachtmeister heimlich mit seinen Kosaken da ist!«

»Er ist da!«

»Siehst Du! Hast Du ihn bemerkt?«

»Ja. Aber er hat keine Kosaken mit.«

»Da irrst Du; da irrst Du ganz gewiß. Er hat welche mit. Du hast sie nur nicht gesehen.«

»Jetzt erklärte Boroda ihm Alles, was er gesehen und von Georg gehört hatte.

»Donnerwetter! Dieser Sergius ist mit da, um mich in das Verderben zu bringen?« sagte der Bauer. »Das kann ihm sehr schlecht bekommen!«

»Ich habe mit Dir zu sprechen. Hast Du Zeit?«

»Natürlich.«

»Ich komme gleich hinab. Ich muß mir auch die Situation betrachten.«

»Kannst Du nicht gleich herabsteigen?«

»Das thue ich nicht. Ich komme zur Hausthür hinaus.«

»Aber sachte, damit sie nichts davon hören!«

»Ich nehme mich schon in Acht. Erwarte mich unten!«

Er schloß sein Fenster, und Boroda stieg wieder von der Leiter herab. Er begab sich nach vorn zu Georg von Adlerhorst. Nach wenigen Minuten kam der Bauer aus dem Hause und trat zu ihnen. Er stellte sich so, daß er in das erleuchtete Kämmerchen blicken konnte.

»Ja,« sagte er nach einer kurzen Weile. »Sie sind eingestiegen. Die Thür zur Räucherkammer steht auf, und das Brod und der Speck liegen ganz anders, als ich es gelegt habe. Es ist Jemand eingestiegen.«

»Könnten wir doch diesen Kerls einen Streich spielen!« sagte Boroda.

»Das können wir, und das werden wir auch.«

»Aber wie?«

»Hm! Ich habe einen Gedanken. Wenn ich nur wüßte, ob sie sich vor mir sehen lassen, wenn ich in das Kämmerchen treten würde.«

»Sie werden sich hüten.«

»Meinst Du?«

»Ja. Sie wären ja blamirt. Ich bin überzeugt, daß sie die Thür herandrücken würden, damit Du nicht bemerken sollst, daß sie offen ist.«

»Wollen es einmal probiren.«

Er wollte fort. Boroda ergriff aber seinen Arm und warnte:

»Nimm Dich in Acht, und übereile nichts!«

»Es giebt hier kein Uebereilen.«

»Sage uns lieber erst, was Du machen willst!«

»Ich werde sie einschließen.«

»Aber wenn sie doch gegen alles Erwarten herauskommen, wenn Du in die Kammer trittst?«

»Ich denke nicht, daß sie es thun werden.«

»So versuche es!«

»Paßt auf! Ihr konnt ja von hier aus Alles genau sehen.«

»Ist die Thür verschlossen, welche vom Hausflur in das Kämmerchen führt?«

»Nein. Und diese Thür macht nicht das mindeste Geräusch. Ich werde hineinkommen, ohne daß sie es bemerken.«

Er ging, und nach einer kurzen Weile sahen sie ihn in die Kammer treten. Jetzt hörten die beiden Versteckten doch, daß Jemand da sei. Sie schoben die Thür heran.

»Sapperment!« sagte er. »Da hat Jemand die Thür zur Räucherkammer aufgelassen. Der Wind treibt mir den ganzen Ruß herein.«

Er schob klirrend den schweren, eisernen Riegel vor, und nun waren die Beiden fest eingeschlossen. Sodann begab er sich wieder hinaus zu den beiden. Lauschern.

»Sie sind nun selbst gefangen,« lachte er.

»Haben Sie nicht geklopft?« fragte Georg.

»Nein. Ich bin überhaupt so schnell fort, daß sie sich gar nicht erst besinnen konnten, ob es gerathen sei, zu klopfen.«

»Und was wirst Du nun mit ihnen beginnen?«

»Nichts. Sie mögen stecken.«

»Wie lange wohl?«

»Die ganze Nacht bis morgen.«

»Das halten Sie nicht aus. Sie werden Lärm machen.«

»Das höre ich nicht. Diese Schufte wollten mich in Schaden bringen, nun sollen sie dafür wenigstens gehörig ausgelacht werden. Ich freue mich königlich darauf, wenn ich sie am Tage vor allen Leuten herauslasse. Sie sollen sich schämen!«

»Ist viel Ruß darin?«

»Ja.«

»So werden sie schön aussehen!«

»Jedenfalls wie die Essenkehrer. Da kann ich sie nur getrost so anspritzen, wie heut den Wachtmeister und seine Kosaken, welcher – ah, da kommt mir ein köstlicher Gedanke. Wißt Ihr, was wir thun?«

»Nun?«

»Ich sprach soeben vom Anspritzen. Das können wir ja thun. Wir wässern sie ein.«

»Ah, das wäre ja wunderschön!« lachte Boroda. »Aber wie willst Du das anfangen?«

»Sehr einfach, durch die Feueresse.«

»Geht das?«

»Sehr leicht. Die Leiter ist ja bereits angelegt.«

»So brauchen wir Wasser und Eimer.«

»Eimer sind nicht nöthig. Ich habe ja meine Lederschläuche, welche stets bereit liegen für den Fall, daß einmal Feuer ausbricht. Wir schrauben sie an.«

»Reichen sie denn bis hinauf zur Esse?«

»Vollständig.«

»Aber dann läuft Dir das Wasser aus der Räucherei herein in das Kämmerchen!«

»Kein Tropfen kann herein. Die Thür schließt ja wasserdicht, weil mir sonst der Rauch beim Räuchern auch hereindringen würde.«

»So schadet aber das Wässer dem Mauerwerke.«

»Auch nicht. Die Räucherei ist ein viereckiger Raum, aus lauter starken Steinen errichtet. Oben führt ein enges Essenloch durch das Dach. Der ganze Raum ist vollständig leer. In den Mauern befinden sich kleine Löcher, in die ich die Stangen stecke, an welche die zu räuchernden Fische aufgehängt werden. Hängt die Kammer voll, so wird gleich unten auf dem Fußboden ein großes Holzfeuer angemacht und eine Menge Sägespäne darauf gethan. Dann verschließe ich die Eisenthür, und nach kurzer Zeit sind die Fische geräuchert. Durch die Thür kann keine Spur von Rauch, also wird sie auch kein Wasser durchlassen. Ja, das Wasser wird sie nur um so fester in die Fugen drücken.«

»Sapperment! Willst Du so viel Wasser hinein lassen?«

»Ich möchte!«

»Daß sie gar ersaufen!«

»Nein, so viel nicht. Aber es würde ein Gaudium sein, wenn es so hoch stände, daß es ihnen bis unter die Arme ginge.«

»Hm! Ist das nicht gefährlich?«

»O nein. Solche Ratten ersaufen nicht.«

»Aber die Mauer wird doch durchweichen.«

»Schwerlich. Sie besteht aus festem Gestein. Und selbst wenn das Wasser einen kleinen Schaden verursachen sollte, brauche ich es nicht zu scheuen. Ich habe ja verkauft. Mir thut es nichts. Also, wollen wir?«

»Ich bin dabei.«

»Ich auch,« stimmte Georg ein.

»So kommt mit an den Brunnen!«

Sie traten zunächst ganz nahe an das Fenster heran und lauschten. Es ließ sich nichts hören. Die beiden Eingeschlossenen verhielten sich ganz ruhig. Sie schienen die Hoffnung zu hegen, daß irgend ein Zufall sie aus ihrer Lage befreien werde, ohne daß sie sich zu blamiren hätten.

Nun begaben sich die Drei nach dem bereits erwähnten Brunnen. Neben demselben befand sich ein kleines mit Thon ausgeschlagenes Loch in der Erde. Es war mit Wasser gefüllt, in welchem die ledernen Schläuche aufbewahrt wurden, damit sie stets biegsam bleiben möchten.

Es wurde einer an den andern geschraubt und dadurch eine Leitung hergestellt, welche vom Brunnen bis hin zum Gebäude und auf das Dach desselben reichte. Das eine Ende dieses Schlauches wurde an dem hohen Brunnenrohre befestigt.

»Bleib Du einstweilen hier,« bat der Bauer Georg. »Wenn ich pfeife, drehest Du den Hahn auf und kannst dann nachkommen.«

Er selbst nahm mit Boroda die lange Leitung auf und legte sie bis an das lange Gebäude. Dann stiegen sie vermittelst der Leiter auf das Dach und setzten sich rittlings auf die Firste, der Eine hüben und der Andere drüben, so daß sie die Esse zwischen sich hatten. Den Schlauch hielten sie in den Händen.

Das hatten sie Alles so leise bewerkstelligt, daß die unter ihnen in der Räucherkammer Steckenden gar kein Geräusch gehört hatten.

Nun stieß der Bauer einen Pfiff aus, leise, zwar aber doch so, daß Georg es hören konnte. Der Letztere kam dann schnell herbei und stieg auch auf der Leiter heran. Er blieb auf einer der oberen Sprossen stehen und konnte nun dem Werke in aller Gemüthlichkeit zuschauen.

»Jetzt scheint das Wasser zu kommen,« flüsterte der Bauer. »Der Schlauch wird bereits schwer.«

»Ja, es ist bereits da,« stimmte Boroda bei. »Halte die Mündung in die Esse!«

Der Bauer that dies. Der Druck trieb das Wasser wirklich bis zur Esse empor, und als der Bauer den Finger von der Mündung entfernte und diese Letztere in die Esse hielt, hörte man das Wasser mit aller Deutlichkeit unten auftreffen.

»Donnerwetter!« ertönte von unten die Stimme des frommen Nachbars.

»Alle Teufel! Was ist das?« rief der Kosakenwachtmeister laut.

»Das klingt grad wie Wasser!«

»Ganz so.«

»Wo ists denn?«

»Bei mir nicht. Es muß bei Dir sein.«

»Da ists auch nicht, sondern wohl hier in der Mitte, grad unter der Esse. Ich will doch einmal – – heiliges Pech!«

Er war unter die Esse getreten, und er bekam den starken, kalten Wasserstrahl grad auf den Kopf.

»Was ists denn?« fragte der Andere.

»Weiß Gott, es ist Wasser!«

»Wirklich? Das ist doch gar nicht möglich! Wo soll es denn herkommen?«

»Von oben natürlich, Dummkopf!«

»Schafskopf! Das weiß ich auch. Ich will doch mal sehen, woher es – – Kreuzmillionenhagelwetter! Das läuft ja armstark!«

»So kam es mir auch vor.«

»Sollte es denn angefangen haben, zu regnen?«

»Das läßt sich schwer denken. Der Himmel war ja ganz sternenhell.«

»Es ändert sich zuweilen in wenigen Minuten.«

»Aber so stark gießt es doch nicht!«

»Esel! Natürlich regnet es nicht solche Schiffsseile; aber die Tropfen laufen in der Feueresse zusammen. Das giebt so einen Strahl.«

»Schimpfe nicht. Merkst Du denn nicht, wie dick dieser Strahl ist!«

»Hm! Es ist freilich außer allem Spaße!«

»Das denke ich auch. Die Esse ist doch sehr enge. Wie kann es so viel hereinregnen! Es ist grad so, als ob ein Wolkenbruch niederginge und grad hier oben zur Esse herein! Wie das drascht!«

Allerdings »draschte« es ganz gewaltig.

»Du, ob es ein Gewitter ist?« fragte Sergius.

»Nein,« antwortete der Kosak. »Da würde es doch donnern. Das müßten wir hören.«

»Es giebt auch Gewittergüsse ohne Donner.«

»Mag sein; aber mir ist das ganz unbegreiflich. Mir steigt das Wasser weiß Gott bereits schon über die Füße!«

»Mir auch.«

»Es wird Euch schon noch höher steigen,« lachte Dobronitsch leise.

»Paßt einmal auf,« flüsterte Georg. »Ich werde es blitzen lassen.«

»Wie denn?«

»Mit einem Streichholze.«

Er zog ein Zündhölzchen hervor und strich es grad über der Esse an. Es leuchtete auf, und da die Esse gar nicht hoch war, drang die Helligkeit bis hinab.

»Du, hast Du es gesehen?« fragte der Kosakenwachtmeister.

»Ja. Es blitzte.«

»So horch! Da wird gleich auch der Donner kommen.«

Sie horchten eine ganze Weile, aber es ließ sich kein Donner hören.

»Da ist das Gewitter noch sehr weit von hier,« meinte Sergius.

»Weit von hier? Sapperment, ich dächte, es wäre nahe genug!«

»Nein. Erst wenn Blitz und Donner ganz zusammenfallen, ist es hier.«

»Was geht mich der Blitz und was geht mich der Donner an, wenn es regnet wie bei der Sündfluth! Greif nur einmal nieder! Daß Wasser steht schon wenigstens sechs Zoll hoch.«

Sergius schien wirklich die Höhe des Wassers mit der Hand zu messen, denn er antwortete:

»Wenigstens sechs Zoll! So Etwas ist mir noch niemals wiederfahren.«

»Mir auch nicht. Schau! Es blitzt wieder.«

Georg hatte, wieder ein Zündholz aufflammen lassen.

»Ja, es muß ein sehr schweres Wetter sein,« bemerkte Sergius. »Es ist so weit entfernt, daß man den Donner gar nicht hört, und doch gießt es wie aus einem Spritzenschlauche.«

»Da hat er sehr recht,« lachte oben Boroda leise. »Es wird noch besser kommen!«

Die drei oben Sitzenden hörten ganz deutlich, was unten gesprochen wurde. Jetzt blieb es eine Weile still. Dann hörte man den Kosakenwachtmeister sagen:

»Du, messe einmal! Wie hoch geht Dir das Wasser?«

»Herrgott! Bis an die Kniee!«

»Mir auch.«

»Das ist wirklich die reine Sündfluth!«

»Eine verdammte Geschichte! Wenn es nur wenigstens bald aufhalten wollte.«

»O, das macht fort!«

»So, meinst Du?«

»Ja. Das hört nicht eher auf, als bis es sich abgewittert hat. Und jetzt haben wir noch nicht einmal den Donner gehört.«

»Das ist ein schöner Trost! Wenn es nach Deiner Ansicht geht, so sind wir längst ersoffen, ehe es sich abgewittert hat.«

»Das wolle Gott verhüten!«

»Ja. Er mag mir gnädig aus dieser Patsche helfen. Dich kann er meinetwegen ertrinken lassen!«

»Versündige Dich nicht an mir!«

»O an Dir kann man sich gar nicht gut versündigen.«

»Treibe keinen Spott! Bei so einem Wetter muß man andächtige Gedanken hegen!«

»Bleibe mir mit Deiner Andacht vom Leibe! Sage mir lieber, wie wir uns aus dieser Schwemme befreien können!«

»Weiß ich es?«

»Hm! Ein Fenster ist nicht da!«

»Leider!«

»Und die Thür hat dieser Kerl verriegelt.«

»Den hat der Teufel hergeführt!«

»Mag er dafür seiner Zeit vom Teufel geholt werden! Wir müssen klopfen.«

»Können wir das nicht umgehen?«

»Ja, wenn es zu umgehen wäre! Wir blamiren uns auf eine schreckliche Weise, wenn man uns zu sehen bekommt.«

»So klopfen wir lieber nicht.«

»Aber hier bleiben können wir doch auch nicht. Das Wasser steigt mir ja bereits bis an die Oberachsel. Wenn das so fort geht, kann ich in zwei Minuten schwimmen!«

»Ich kann gar nicht schwimmen!«

»Da stirbst Du schneller. Ich beneide Dich.«

»Sei still! Um Gotteswillen sei still! Ich mag um keinen Preis ersaufen!«

»Ich auch nicht gern. Das kannst Du Dir doch denken. Giebt es denn keine Rettung aus diesem fürchterlichen Regenwetter! Hm! Wenn wir zur Esse hinaus könnten!«

»Vielleicht geht es.«

»Wollen es versuchen. Du bist dürrer als ich. Ich will mich bücken. Steig mir einmal auf den Rücken. Dann kannst Du hinauflangen in das Loch.«

Als Dobronitsch diese Worte hörte, hielt er das Mundstück des Schlauches mit dem Finger zu und wartete.

Ein Aechzen und Krächzen ließ sich hören.

»Na, steig!« sagte der Kosak.

»Ja, gleich! Jetzt, jetzt.«

»Kannst Du die Esse erreichen?«

»Ja, ich habe sie.«

»Kannst Du hinein?«

»Nein. Sie ist zu eng, und – ja, was ist denn das? Ich kann jetzt hinaussehen, ganz deutlich. Da ist ein ganz schöner Sternenhimmel.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Unmöglich! So schnell hört kein Regen auf.«

»Und doch hat er aufgehört. Oder hörst Du etwa noch das Wasser laufen?«

»Allerdings nicht.«

»Nun also! Es hat aufgehört. Ich sehe alle Sterne am Himmel leuch – – – Oh! Ach! Au! Puh! Himmelsakrament!«

Dobronitsch hatte dem Emporblickenden den Strahl grad ins Gesicht gelassen. Man hörte unten einen derben Plumps und dann ein anhaltendes Glitschen und Plätschern.«

»Was giebts denn?« fragte der Kosak.

»Ich bin in das Wasser gestürzt, von Deinem Rücken herab.«

»Da bist Du selber schuld. Warum steigest Du nicht langsam herunter!«

»Es warf mich herab.«

»Wer denn?«

»Das Wasser. Es hat wieder angefangen. Hörst Du es denn nicht wieder?«

»Hm! Das läuft allerdings wie aus einem Röhrbrunnen. Und da redest Du von einem heitern Sternenhimmel!«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Unsinn! Aber das Wasser steigt immer höher und höher. So Etwas ist doch kaum denkbar. Regen kann das nicht sein. Das ist unmöglich.«

»Was denn?«

»Wenn ich das wüßte.«

»Ein Wolkenbruch ist es. Mir ist das Wasser schon bis an die Hüfte gestiegen. Du, ich warte nicht länger. Ich klopfe.«

»Ja, vielleicht ist es das Allerbeste. Hoffentlich hört man uns!«

Die drei Lauscher hörten ein lautes Klopfen.

»Jetzt wecken sie Deine Leute auf,« flüsterte Boroda.

»O nein. Das Gesinde schläft im anderen Gebäude, und Frau und Tochter schlafen zwar im Hause, aber auf der anderen Seite. Die Kerls mögen nur klopfen. Kein Mensch wird sie hören.«

Nachdem die Beiden eine Zeitlang an die Thüre gedonnert hatten, warteten sie, ob man sie gehört haben werde. Nach einer längeren Weile sagte Sergius:

»Es kommt kein Mensch!«

»Kein Einziger. Es hat uns Niemand gehört. Wir müssen noch einmal klopfen.«

Sie pochten abermals und zwar aus Leibeskräften, aber ebenso vergebens. Dabei gaben sie weniger auf das Steigen des Wassers acht. Jetzt aber rief Sergius erschrocken:

»Sapperment, Wachtmeister! Mir geht das Wasser schon bis an die Brust!«

»Weiß Gott, es ist wahr! Das ist zu toll! Das ist wirklich kein Regen. Das kann kein Regen sein. Ein Regen von solcher Stärke ist ganz und gar unmöglich. Denke nur, die Oeffnung der Feueresse ist kaum einen Quadratschuh groß. Wenn auf so eine winzige Fläche eine solche Regenmasse kommt, wie wir hier in der Räucherei haben, was für eine Fluth müßte es draußen geben!«

»Du hast Recht. E« müßten sämmtliche Wolken herabgefallen sein.«

»Und das würde nicht ausreichen. Nein, ich wette um Alles mit, daß das kein Regen ist. Das ist ein wirklicher Wasserstrahl, kein natürlicher, sondern ein künstlicher.«

»Alle tausend Teufel! Wer sollte den herablassen?«

»Hm! Kannst Du es Dir nicht denken?«

»Nein.«

»So beweisest Du abermals, daß Du die Klugheit nicht mit Löffeln gegessen hast.«

»Ja, Du bist der Kluge abermals. Du wirst aber auch nicht wissen, woran Du bist.«

»Oho! Ich weiß es ganz genau.«

»Wirklich?«

»Ja. Und wenn Du an das denken wolltest, was Du bereits erlebt hast, so würdest Du auf den richtigen Gedanken kommen.«

»So! Ach! Der Bauer hat mich heut bereits einmal angespritzt. Meinst Du etwa, daß er es jetzt auch wieder thut?«

»Ja.«

»Höre, das wollte ich mir freilich verbitten!«

»Nun, so verbitte es Dir! Wie willst Du das anfangen?«

»Ja, das weiß ich auch nicht.«

»Es ist mir schon vorhin der Gedanke gekommen, daß das Wasser aus der verdammten Feuerspritze des Peter Dobronitsch kommt. Er hat ja Schläuche, welche von dem Brunnen an bis hieher reichen.

»So müßte er doch wissen, daß mir uns hier befinden!«

»Allerdings. Der Kerl hat vorhin nur so gethan, als ob er keine Ahnung davon habe. Er muß gesehen haben, daß wir eingestiegen sind.«

»Wenn diese Vermuthung richtig wäre, so müßte er droben auf dem Dache sitzen.«

»Jedenfalls.«

»Donnerwetter! So weiß er, daß wir ihn mit dem Boroda fangen wollen, und beabsichtigt nun, sich an uns zu rächen!«

»Das ist ihm zuzutrauen.«

»Wachtmeister, der Kerl will uns tödten! Er beabsichtigt, uns hier zu ersäufen!«

»Das müssen wir freilich befürchten.«

»Herrgott! Das sagst Du so ruhig!«

»Ich bin keineswegs so ruhig, wie Du denkst.«

»Aber es ist doch gefährlich für ihn. Es muß ja unbedingt entdeckt werden!«

»O nein. Wenn wir ersoffen sind, läßt er das Wasser ablaufen und schafft unsere Leichen in den See. Er hat ja gar nicht weit bis dahin. Dann heißt es, wir sind im See ertrunken, und wenn uns nachher der Arzt aufschneidet, um sich über die Ursache unseres Todes zu überzeugen, so stimmt es. Wir haben die Lungen und den ganzen Leib voller Wasser.«

»Eine schöne Aussicht.«

»Denkst Du, daß sie mir gefällt!«

»Können wir uns denn nicht dagegen wahren?«

»Nein. Hinaus können wir nicht, weder durch die Thür noch durch die Feueresse.«

»Aber könnten wir denn nicht ein Loch durch die Mauer brechen, um hinauszukommen?«

»Womit denn?«

»Herrgott, ja! Wir haben keine Hacke, kein Brecheisen, nicht einmal einen armseligen Hammer!«

»Und selbst wenn wir so ein Handwerkszeug hätten, steigt doch das Wasser so rapid, daß wir ersoffen wären, ehe wir ein Loch, welches groß genug ist, fertig bringen.«

»Was ist da zu thun, was ist da zu thun!«

Er rief das in einem Tone, welchen nur die Todesangst eingeben kann.

»Ich weiß es nicht.«

»So denke nach, denke nach!«

Es wurde auf kurze Zeit ruhig unten; dann hörte man Sergius Propow sagen:

»Ich habs, ich habs!«

»Nun, was denn?«

»Wenn Peter Dobronitsch mit dem Schlauche auf dem Dache sitzt, so muß er durch die Esse Alles hören, was wir reden?«

»Ja, wirklich. Daran habe ich nicht gedacht!«

»Er wird es also auch vernehmen, wenn wir ihm gute Worte geben?«

»Allerdings.«

»Wollen wir?«

»Hm! Es ist das wirklich das einzige Mittel, dem Tode des Ertrinkens zu entgehen.«

»So rufe einmal!«

»Das kannst Du auch thun.«

»Es ist ganz gleich, wer es thut, ob Du oder ich. Ich will es einmal versuchen.«

Er erhob seine Stimme im kläglichen Tone:

»Peter Dobronitsch!«

»Soll ich antworten?« flüsterte der Genannte den beiden Andern zu.

»Nein, auf keinen Fall,« antworte Boroda, »Du würdest Dich in eine große Gefahr begeben.«

»Das ist richtig. Also schweigen wir!«

»Dobronitsch!« rief es abermals. »Peterchen! Nachbarchen! Hörst Du nicht?«

Keine Antwort erfolgte.

»Nachbarchen, mein Seelchen, mein Freundchen!«

Die beiden Geängsteten lauschten angestrengt, aber keine Antwort ließ sich hören.

»Mein Engelchen, willst Du uns; Deine besten Freunde, elend ersaufen lassen!«

Auch dieser Ruf war vergeblich.

»So sprich doch, rede doch! Laß Dich hören! Wir werden Dir niemals Etwas zu Leide thun!«

Aber dieses Versprechen half auch nichts.

»Gott, er ist nicht da!«

»Ja, er würde doch wohl antworten, wenn er da wäre. Wir haben uns doch getäuscht.«

»Und müssen elend umkommen! Warum bin ich so albern gewesen, mich von Dir gegen ihn aufhetzen zu lassen!«

»Schweig! Ich habe Dich nicht aufgehetzt. Es war Dein eigener Wille, Dich zu rächen!«

»Nein! Du hast mich verführt!«

»Kerl, bringe mich nicht noch in Wuth, sonst erwürge ich Dich, noch ehe Du ersoffen bist! Mir ist alles egal.«

»Welch eine Nacht, welch eine Nacht! Hier den langsamen sichern Tod vor Augen zu haben!«

»Ich habe es nicht besser wie Du.«

»Das Wasser geht mir schon bis unter die Arme. Es hebt mich. Ich schwimme bereits!«

»Vorhin sagtest Du, daß Du nicht schwimmen könntest. Schau, wie schnell Du es gelernt hast.«

»Spotte nicht auch noch!«

»Wenn Du mich nicht anhören willst, so tauche unter, dann ist es aus mit Dir. Sapperment! Wer stößt mich denn da? Bist Du das gewesen?«

»Nein.«

»Es gab mir Jemand einen Stoß. Aber es kann doch Niemand hier sein. Es war da links von der Wand her. Will einmal fühlen.«

Er schien um sich zu tasten und sagte dann:

»Da, da habe ich es erwischt, ein großes, dickes Bündel, welches auf dem Wasser schwimmt.«

»Was ist es denn?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe nur das Ende in der Hand. Es scheinen, zusammengebundene Lanzen zu sein.«

»Lanzen? Wie kämen die in die Räucherei?«

»Räucherei? Ach, ich habs, ich habs! Ich weiß was es ist. Es sind die Stangen, an denen die Fische beim Räuchern aufgehängt werden.«

»Ach, ich besinne mich. Als wir hereintraten, fiel der Schein der Lampe in die Ecke. Da lehnten die Stangen. Ich habe nicht an sie gedacht.«

»Vielleicht können sie uns zur Rettung dienen. Wenigstens können wir durch sie den Tod noch hinausschieben.«

»Wieso?«

»Wir stecken sie in die für sie bestimmten Mauerlöcher und setzen uns darauf.«

»Werden sie halten?«

»Sicher. Zu solchen Stangen pflegt man gewöhnlich hartes Holz zu nehmen. Buche oder Eiche.«

»Retten können sie uns auch nicht, denn das Wasser hört nicht auf zu steigen. Wir verlängern nur die Todesqual.«

»Mag sein. Aber ich will Alles benutzen. Ich will nicht eher als bis im letzten Augenblick sterben. Komm, hilf mir, das Bündel aufmachen! Knüpfen wir die Schnuren auf!«

Die Drei oben hielten die Ohren an die Feueresse. Sie hörten Alles, Sie vernahmen jetzt ein vermehrtes Plätschern. Die Lage der beiden Menschen da unten war eine keineswegs beneidenswerthe.

»Wollen wir nicht aufhören?« fragte Georg.

*

87

»Noch nicht,« antwortete Dobronitsch. »Sie stehen zwar Todesangst aus, aber sie haben es verdient und werden sich das merken. An die Stangen habe ich auch nicht gedacht. Sie mögen sich darauf setzen und bis zum Morgen warten. Bequem werden sie es nicht haben. Ich werde erst aufhören, wenn sie festsitzen. Ich möchte sie sehen.«

Unten hatten die Beiden still gearbeitet. Jetzt sagte der Kosakenwachtmeister:

»So! Endlich ist das Bündel auf. Fühle nur nach den Löchern. Wir stecken mehrere Stangen neben einander. Das giebt einen bequemeren Sitz. Aber mach rasch! Das Wasser steigt wahrhaftig noch immer.«

Man hörte das Anstoßen der Stangen an die Mauer.

»So!« sagte dann der Wachtmeister. »Wie auf Polstern werden wir freilich nicht sitzen; aber wir befinden uns dann wenigstens nicht mehr im Wasser. Klettere hinauf!«

Jetzt zog Peter Dobronitsch den Schlauch zurück und sagte:

»Es mag genug sein. Jetzt sitzen sie auf den Stangen, wie Hühner in ihrer Hürde. Ich möchte nicht an ihrer Stelle sein.«

»Willst Du sie wirklich bis morgen in der Frühe warten lassen?« fragte Georg

»Ja.«

»Ist das nicht grausam?«

»Nein. Behaglich werden sie sich wohl freilich nicht fühlen. Es geschieht ihnen aber Recht.«

»Sie sind naß. Sie werden sich erkälten!«

»Die? Da kennst Du den Sibirier doch noch nicht genau. Und wenn sie sich ein Wenig erkälten, was schadet das? Sie werden einen tüchtigen Schnupfen bekommen, weiter nichts. Horchen wir noch einmal!«

Sie lauschten. Unten fragte Sergius:

»Sitzest Du?«

»Ja.«

»Ich auch. Aber es ist eine verdammte Geschichte. Mir thun bereits jetzt schon alle Knochen weh.«

»Das ist noch immer besser, als wenn wir ersaufen.«

»Aber das Wasser wird bald herauf zu uns steigen. Horch! Hörst Du Etwas?«

»Nein. Was hast Du gehört?«

»Nichts. Es ist mir aber, als ob das Wasser nicht mehr zur Feueresse hereinlief.«

»Ja, es ist vollständig still.«

»Sollte es aufgehört haben?«

»Ich will einmal zur Esse hinaussehen.«

Er bog sich vor, schaute nach oben und meldete im Tone freudiger Ueberraschung:

»Du, es hat wirklich aufgehört. Ich sehe den blauen Himmel mit den Sternen.«

»Vorhin sahst Du ihn auch und dann ging es erst recht los.«

»Ja, aber jetzt scheint es wirklich zu Ende zu sein. Hörst Du Etwas?«

»Ja. Es war mir, als ob oben Etwas gerauscht hätte.«

»Mir auch.«

»Was mag es gewesen sein?«

»Vielleicht dieser verdammte Dobronitsch. Er hat uns nicht tödten wollen und steigt nun wieder hinab.«

»Vielleicht holt er uns nun hinaus.«

»Möglich. Aber wie er das anfangen will, daß weiß ich auch nicht.«

»Er braucht ja nur die Thür aufzumachen, da läuft das Wasser in das Kämmerchen und über den Flur zum Hause hinaus.«

»Ja, wenn die Thür hier nicht nach innen aufginge! Das Wasser drückt sie so fest heran, daß kein Mensch sie aufmachen kann.«

»Denkst Du?«

»Ja, das liegt doch klar auf der Hand.«

»Mein lieber Gott, so können wir ja gar nicht gerettet werden!«

»O doch, durch ein Loch in der Mauer, welches sie von Außen machen müssen.«

»Ja, das ist wahr. Aber ob sie es auch zur rechten Zeit gewahr werden, daß wir hier stecken!«

»Ich denke, sie wissen es bereits.«

Mittlerweile waren die drei Rächer vom Dache hinabgeklettert. Dobronitsch hatte das Mundstück zugeschraubt und dann wurde der Hahn am Brunnen zugedreht. Jetzt standen sie bei dem Letzteren. Der Bauer war höchst befriedigt über den Streich, welchen er seinen beiden Feinden gespielt hatte. Aber Georg von Adlerhorst fühlte Mitleid mit ihnen.

»Jetzt wird es nahe an Mitternacht sein,« sagte er. »Willst Du sie wirklich bis zum Morgen sitzen lassen?«

»Ich habe große Lust dazu.«

»Es ist aber doch wohl eine Grausamkeit, welche ich Dir nicht gern zugetraut hätte.«

»Meinst Du?«

»Ich. Sie können müde werden und in das Wasser stürzen. Da ist's möglich, daß sie ertrinken.«

»Sie mögen sich in Acht nehmen.«

»Ihre Glieder werden erstarren. Das Wasser geht ihnen, wie wir deutlich gehört haben, bis unter die Arme. Ja, wenn wir es ablaufen lassen könnten, ohne daß sie es bemerken, so wollte ich es mir gefallen lassen.«

»Ja, das wäre ein Spaß! Das Wasser wäre fort und sie säßen noch immer oben auf den Stangen, weil sie denken, daß es noch da ist. Aber wie wollten wir das anfangen?«

»Schwer ist es. Wir müßten eine Pumpe haben.«

»Hm! Geht vielleicht eine kleine Gartenspritze an?«

»Ganz gut. Hast Du eine?«

»Ja, mit einem Wasserzubringer. Da müßten wir wohl den Schlauch in die Räucherei stecken?«

»Ja, zur Feueresse hinein.«

»Das würden sie bemerken, wenn sie zufälliger Weise einmal hinaufgucken.«

»Einen anderen Weg weiß ich nicht. Oder giebt es vielleicht eine andere Oeffnung in der Mauer?«

»Nun ein kleines Loch in der Höhe meines Kopfes, um den Luftzug zu befördern.«

»Ist es groß genug, daß man den Schlauch hindurchstecken kann?«

»Ja, so groß ist es.«

»So hole die Spritze.«

»Sie steht im Gärtchen. Aber sie werden uns vielleicht pumpen hören.«

»Nein, denn wir thun das ja nicht an der Außenwand, sondern hier am Brunnen.«

»Warum hier?«

»Wenn wir dort das Wasser auslaufen ließen, würden sie es morgen früh sehen. Sie dürfen Dir aber nichts beweisen können. Darum pumpen wir das Wasser bis hierher an den Brunnen. Der Schlauch ist ja lang genug.«

Dieser Vorschlag wurde für annehmbar erklärt und der Bauer holte die Spritze, an welche das eine Ende des nun leeren Schlauches geschraubt wurde. Dann begaben sie sich nach der Außenwand der Räucherkammer, in welcher sich das betreffende Loch befand. Es war jetzt verstopft. Dobronitsch öffnete es und schob das andere Ende des Schlauches hinein, so daß es reichlich bis hinab zum Boden reichte.

Als sie nun zum Brunnen zurückkehrten und versuchsweise zu pumpen begannen, lief das Wasser in voller Stärke heraus.

»Das geht herrlich,« meinte Georg.

Alexius Boroda brachte nun beim Weiterpumpen seine Wünsche vor.

»Du warst sehr kühn,« sagte der Bauer, »daß Du es gewagt hast, heute zu kommen. Wie leicht hätte man Dich ergreifen können!«

»Eine Kühnheit war das nicht; die Folge hat das bewiesen. Ein Zobeljäger, welcher während des ganzen Jahres sich im Urwalds befindet, muß noch ganz Anderes wagen. Mein Bote ist bei Dir gewesen, und ich komme nun selbst. Dich um Deine Unterstützung für uns zu bitten.«

»Die habe ich ihm sofort zugesagt und einen sicheren Mann zu dem Engel der Verbannten geschickt.«

»Wird auch dieser sich unserer annehmen?«

»Ganz gewiß.«

»Und wer ist dieser Engel?«

»Die Tochter des Tungusenfürsten Bula, welcher, wie ich überzeugt bin, sofort von Platowa, wo er sich befindet, aufbrechen wird, um nach hier zu kommen. Du wirst unter dem Schutze des Stammes stehen.«

»Aber bedenke, daß ihrer so Viele sind!«

»Das ist in einer Beziehung unangenehm, in der anderen aber kann dieser Umstand gerade auch förderlich sein. Einer solchen Schaar ist es unter Umständen leichter möglich, zu entkommen, als einem Einzelnen. Hast Du vielleicht bereits einen bestimmten Plan ausgesonnen?«

»Nein. Ich habe meinen Scharfsinn bisher nur darauf verwendet, meine Leute sicher bis in diese Gegend zu bringen. Das Weitere wollte ich erst mit Dir und dem Engel besprechen.«

»Ich werde darüber nachdenken. Wie viele Personen bringst Du mit?«

»Gegen zweihundert.«

»Ah, so Etwas ist noch gar nicht dagewesen! Es ist das eine große Verwegenheit von Dir.«

»O, wer da wagt, der gewinnt.«

»Wollen es hoffen. Aber wie ist es Dir gelungen, eine so bedeutende Schaar aus solcher Entfernung unentdeckt bis hierher zu bringen?«

»Das kann freilich nur einem Zobeljäger gelingen. Wir haben bedeutende Umwege machen und jeden bewohnten Ort vermeiden müssen.«

»Und wovon habt Ihr gelebt?«

»Vom Ertrage der Jagd meistentheils. Es sind mehrere gute Jäger dabei, frühere Officiere, welche bereit sind, das Alleräußerste für ihre Freiheit zu wagen.«

»Sie werden Gelegenheit finden, zu beweisen, daß sie Alles wagen. Euer Weg wird nicht über Rosen führen.«

»Wann kann die Tochter des Tungusenfürsten kommen?«

»Gestern ist nach meiner Berechnung mein Bote zu ihr gelangt. Wenn sie sofort aufgebrochen ist, kann sie bereits morgen hier sein. Wo befinden sich Deine Leute?«

»In einem sicheren Versteck, ungefähr sechs Werst von hier, in einem großen Dickicht am Mückenflusse.«

»Es giebt nur ein einziges solches Dickicht. Ich kenne es. Der Ort ist gut. Aber es ist möglich, daß sie dort doch entdeckt werden. Irgend ein umherstreifender Kosak kann sie dort auffinden.«

»Das schadet nichts.«

»Nichts? Ich denke doch!«

»O nein. Der Mann würde ganz einfach ergriffen und unschädlich gemacht.«

»Etwa getödtet?«

»Wenn es sein müßte, ja. Unsere Freiheit geht uns über Alles, aber wir würden nur im Falle der äußersten Noth zur Tödtung eines Menschen schreiten. Bisher haben wir das nicht nöthig gehabt. Kommt ein Unberufener in unsere Nähe, von welchem wir annehmen müssen, daß er uns verrathen werde, so wird er gebunden und an einem Orte niedergelegt, wo sich erwarten läßt, daß man ihn später finden werde. Indessen sind wir bereits so weit fort, daß man uns nicht mehr schaden kann.«

»Ihr seid Alle zu Pferde?«

»O nein. Dadurch würden wir zwar schneller vorwärts kommen, aber man würde uns auch desto leichter entdecken. Nur die Frauen, welche sich bei uns befinden, sind zu Pferde und einige der besten Schützen, welche der Jagd obliegen mußten, um uns mit Fleisch zu versorgen. Aber wir können nicht in unserem gegenwärtigen Verstecke bleiben. Wir müssen uns ein anderes suchen. Weißt Du keines?«

»O, ich habe ein sehr gutes.«

»Wo?«

»Auf der hohen Pechtanne, unter welcher Du hier unseren Freund getroffen hast.«

»Auf dieser Tanne? Das könnte doch nur ein Versteck für eine Person oder sehr wenige Leute sein.«

»O nein. Es ist vollständig Raum genug für Deine Zweihundert.«

»Unmöglich.«

»Frage hier unser Freundchen!«

Georg bestätigte es und der Bauer fuhr fort:

»Ich werde Dir nachher dieses prächtige Versteck zeigen und Du wirst Dich außerordentlich darüber wundern. Es kann wirklich kein besseres geben.«

»So bin ich sehr neugierig darauf. Und Du meinst, daß es uns mit Eurer Hilfe gelingen werde, über die Grenze zu kommen?«

»Ich hoffe es zuversichtlich. Was wir thun können, das wird gethan werden. Hier hast Du meine Hand darauf.«

Er gab ihm die Hand, welche Boroda herzlich drückte. Dann sagte der Letztere:

»Hinüber müssen wir. Geht es nicht auf eine andere Weise, so führe ich mein Vorhaben aus, welches mir gleich von allem Anfange an im Sinne gelegen hat.«

»Welches ist das?«

»Es ist kühn, führt aber vielleicht am Besten und Sichersten zum Ziele. Wir sind ihrer so Viele, daß wir uns vor einer Sotnie Kosaken nicht zu fürchten brauchen. Wir suchen uns eine Stanitza, ein befestigtes Lager, in welchem Uniformvorräthe aufbewahrt werden, und überfallen es. In diese Uniformen kleiden wir uns und bemächtigen uns der vorhandenen Pferde. Sodann gelten wir für kaiserliche Kosaken und können in aller Gemüthlichkeit bis in das Gouvernement Orenburg gelangen. Von da geht es durch Turkestan nach Persien, wo wir dann gerettet sind.«

»Dieser Plan ist nicht nur kühn, sondern sogar höchst verwegen.«

»Vielleicht nicht so sehr, wie Du meinst.«

»Ihr müßtet Euch einen schneidigen Anführer wählen.«

»Den haben wir.«

»Wohl Dich selbst?«

»Nein. Hier in Sibirien, im Osten, bin ich wohl der richtige Mann gewesen, aber weiterhin genüge ich nicht mehr. Es ist ein Verbannter bei uns, Major Sendewitsch, welcher in der kaiserlichen Garde gestanden hat. Er spricht persisch und turkmenisch und ist ein kühner und umsichtiger Mann. Ihm würden wir das Commando anvertrauen.«

»Aber er müßte sich legitimiren können.«

»Du meinst, er müßte einen kaiserlichen Ukas haben?«

»Ja, einen Ukas, welcher den Befehl enthält, mit seinen Kosaken nach Orenburg zu reiten. Unterwegs trifft er doch verschiedene Garnisonen, wo er sich zu melden und auszuweisen hat.«

»Solche Orte würden wir vermeiden. Vielleicht würden wir schon hier, das heißt, über die transbaikalische Grenze gehen und durch die Kirgisensteppe reiten. Die Horden der Kirgisen würden uns nichts in den Weg legen und vielmehr unsere Uniformen so respectiren, daß sie uns allen möglichen Vorschub leisten.«

»Dennoch will diese Sache sehr überlegt werden. Sie ist äußerst gefahrvoll.«

»Zunächst will ich hören, was der Engel der Verbannten sagen wird. Es soll mich freuen, wenn sich ein leichterer Weg ausfindig machen läßt und wir uns hier meinem lieben Landsmanne anschließen können.«

»Meine Tochter hat mir erzählt, daß er ein Deutscher ist. Du nennst ihn Deinen Landsmann. Aus welchem Grunde?«

»Weil mein Vater auch ein Deutscher ist.«

»Ah, das freut mich außerordentlich, denn meine Frau ist auch eine Deutsche. Das ist ein Grund mehr für mich, aus allen Kräften für Euch zu sorgen.«

Georg begab sich nach der Giebelseite des Hauses. Er stieg die noch immer dort befindliche Leiter hinan und horchte. Die beiden Männer unten sprachen miteinander. Er hörte Propows Stimme:

»Und kalt ist es, verdammt kalt. Mir ist es ganz so, als ob alle meine Knochen aus gefrorenem Eise bestünden.«

»Meinst Du etwa, daß es mich schwitze! Aber horche einmal! Es giebt wieder ganz dasselbe Geräusch wie vorhin. Was mag das sein?«

Georg hörte unten das Wasser gurgeln. Es wurde nach und nach alle und in Folge dessen trat die Luft mit in den Schlauch. Dadurch wurde dieses Schlürfen verursacht.

»Das kommt daher, daß das Wasser wieder zum Schornstein hereinkommt,« erklärte Sergius.

»Dann sei uns Gott gnädig, wenn es abermals zu steigen beginnt! Höher können wir nicht. Mein Kopf stößt bereits an die Decke.«

Jetzt wurde das Gurgeln noch lauter. Der letzte Rest des Wassers wurde vom Schlauche aufgesogen. Darum stieg Georg eilig von der Leiter und zog den Schlauch aus der Mauer. Als dies geschehen war, stopfte er das Loch wieder zu.

Die beiden Anderen kamen herbei und meldeten, daß trotz allen Pumpens kein Tropfen mehr aus dem Schlauche laufe.

»Weil sich kein Wasser mehr in der Räucherei befindet. Wir sind fertig.«

»Haben die Kerls bemerkt, daß die Ueberschwemmung abgelaufen ist?«

»Nein. Sie denken vielmehr, daß das Wasser immer höher steige.«

»So wollen wir sie bei dieser Ansicht lassen. Sie mögen auf ihren Stangen sitzen bleiben und sich weiter ängstigen. Wir aber wollen Alles entfernen, was uns verrathen könnte, und dann soll unser Freund Boroda sich das Versteck ansehen.«

Die Leiter, die Pumpe und der Schlauch wurden an ihre ursprünglichen Plätze gebracht. Dann holte der Bauer eine kleine Laterne herbei. Diese Letztere brauchte er, weil es noch dunkel war und Boroda die Passage nach der Höhle noch nicht kannte.

Bei der Tanne angekommen, brannte Dobronitsch die Laterne an und die Drei begannen emporzusteigen.

Es braucht natürlich gar nicht gesagt zu werden, daß Boroda's Verwunderung ebenso groß war wie diejenige Georg's, als er in der Höhle herumgeführt wurde. Er fand fast keine Worte, sein Erstaunen auszudrücken, und erklärte, daß das Versteck allerdings seiner ganzen Schaar hinreichenden Platz biete.

»So bin ich zufrieden, wenn es Dir genügt,« sagte der Bauer. »Wann aber gedenkst Du, Deine Leute herzubringen?«

»In der nächsten Nacht.«

»Schön! Aber sei vorsichtig. Nach dem, was jetzt wieder mit dem Wachtmeister geschehen ist, hat sich sein Haß gegen mich verdoppelt und er wird seine Wachsamkeit verzehnfachen. Ich muß sogar gewärtig sein, man legt mir Kosaken in das Haus.«

»Auch diese würde ich nicht fürchten. Ich führe meine Leute bis in die Nähe und schleiche mich dann zunächst allein herbei, um zu recognosciren. Dann werde ich, je nach den gegebenen Umständen, zu handeln wissen. Wann giebst Du die beiden eingewässerten Leute frei?«

»Am Morgen, wie ich bereits gesagt habe.«

»Schade, daß ich nicht so lange hier bleiben kann! Ich möchte gern dabei sein, wenn sie aus ihrer Haft entlassen werden. Wie werden sie aussehen!«

»Schauderhaft natürlich!«

»Ja. Der Ruß, das Wasser, die Kälte und die Angst! Sie werden saubere Figuren bilden. Den Wachtmeister zwingt seine Pflicht, auf uns zu fahnden; daß aber auch dieser Propow den Häscher machen will, verdient eine so exemplarische Strafe. Wirst Du die Deinigen jetzt davon benachrichtigen?«

»Nein. Es ist besser, sie wissen jetzt gar nichts davon, denn auch ich muß mich ganz so stellen, als ob mir diese Sache ganz unbegreiflich sei. Aber daß Du da gewesen bist, das werde ich ihnen sagen, sobald sie aufwachen.«

»Ja, grüße sie von mir!«

»Und nun wollen wir gehen. Ich nehme natürlich an, daß auch Du noch während der Dunkelheit aufbrechen wirst, um von Niemandem gesehen zu werden.«

»Ja. Aber dazu habe ich noch genügend Zeit. Laß mich jetzt noch ein Wenig hier. Ich möchte mich mit meinem Landsmanne noch ein Wenig unterhalten. Es ist so lange Zeit her, daß ich keinen Deutschen getroffen habe.«

»Ganz wie Du willst. Ich weiß den Weg genau und brauche keine Laterne. Ich werde sie Dir hier lassen, damit Du Dich später beim Abstiege ihrer bedienen kannst.«

Er ging. Die beiden Anderen blieben mit einander noch in der Bibliothek sitzen. Sie sprachen zunächst über das wunderbare Versteck, in welchem sie sich befanden, und über das heutabendige Erlebniß. Dabei machte Georg die Bemerkung:

»Also Sie sagten, daß Ihr Vater ein Deutscher sei. Ihre Mutter wohl nicht?«

»Nein. Sie ist eine Russin, oder vielmehr eine Tscherkessin.«

»Das sieht man Ihren Zügen deutlich an. Also sind Sie nicht in Deutschland geboren?«

»Nein, sondern in der Gegend von Tiflis. Mein Vater wanderte als Junggeselle aus und verheirathete sich erst in Rußland.«

»Jedenfalls war er ein Schwabe?«

»Ein Schwabe? Warum?«

»Weil es um jene Zeit eine wahre Völkerwanderung aus Schwaben nach den Gegenden des Kaukasus gab.«

»Das ist richtig. Mein Vater schloß sich einem solchen schwäbischen Wanderzuge an. Er selbst aber war ein Sachse.«

»Ein Sachse? Ach so! Woher?«

»Aus einem kleinen Städtchen im sächsischen Voigtlande. Herlasgrün heißt es.«

Da machte Georg eine rasche Bewegung der Ueberraschung und rief:

»Herlasgrün? Wie? Was? Wunderbar!«

»Warum wunderbar?«

»Weil – weil ich zufälliger Weise dieses Städtchen kenne.«

»Ach so! Ich glaubte nach Ihrem Staunen annehmen zu müssen, daß Sie einen ganz besonderen Grund haben, sich zu wundern. Sie sind also dort in dem Orte gewesen?«

»Nein, doch hörte ich über ihn sprechen. Also Ihr Vater war ein Herr Barth aus Herlasgrün! So, so!«

»Ja, Carl Barth hieß er.«

»Und was war er?«

»Bäcker.«

»Stimmt, stimmt!«

»Was? Stimmt? Wissen Sie Etwas von ihm?«

»Es wurde mir gelegentlich einmal erzählt, daß ein junger Bäcker dieses a name="page538" title="lac/gary" id="page 538"> Namens nach Rußland ausgewandert sei. Er ging wohl mit Familie fort? Mit allen seinen Verwandten?«

»Nein. Er hatte überhaupt keinen Anverwandten weiter als einen Bruder, welcher nach Amerika ging und wohl schon längst verschollen ist.«

»Das ist romantisch. Der eine Bruder in Asien und der andere in Amerika, beide aber aus Herlasgrün in Sachsen. Für so Etwas kann ich mich lebhaft interessiren. Vielleicht hat Ihr amerikanischer Onkel auch so Ungewöhnliches erlebt wie Sie.«

»Sehr leicht möglich, daß es so ist, denn er ist Prairiejäger gewesen, wie er meinem Vater in seinem letzten Briefe geschrieben hat. Dann kam die Verbannung über uns, als ich noch ein schwacher Knabe war, und es hat keinen Brief mehr gegeben, weder von noch nach Amerika. Wenn uns die Flucht gelingt, werde ich mich nach dem guten Onkel Samuel erkundigen.«

»Samuel hat er geheißen?«

»Ja, und Knopfmacher ist er gewesen. Ein Herlasgrüner Knopfmachergesell als Prairiejäger, das ist doch freilich romantisch. Man sollte es ihm gar nicht zutrauen.«

»Warum nicht? Es scheint das im Blute der Familie Barth zu liegen, denn Sie sind ein berühmter Zobeljäger geworden. Uebrigens habe ich kürzlich einen Mann oder vielmehr drei Männer gesehen, welche richtige und echte Prairiejäger sind.«

»Wo?«

»Gar nicht weit von hier, in Platowa, meinem Garnisonsorte, von wo aus ich entwichen bin.«

»Ists möglich? Prairiejäger in Sibirien? In Platowa sogar? Kaum denkbar?«

»Ich traute auch weder meinen Ohren, als ich es hörte, noch meinen Augen, als ich sie sah. Dann aber, als sie anfingen, zu zeigen, wessen Geistes Kinder sie seien, da glaubte ich es freilich sehr gern. Das sind Kerls! Sie machen sich aus dem Kaiser und dem Teufel nichts. Sie sind es übrigens, denen ich bis jetzt meine Freiheit verdanke.«

»Wie? O bitte, das müssen Sie mir erzählen! Ich interessire mich ganz natürlich außerordentlich für Leute, welche Prairiejäger sind. So ein Mann ist vielleicht ein noch ganz anderer Kerl als Unsereiner. Also beschreiben Sie mir diese Leute und erzählen Sie mir, wie Sie mit ihnen zusammengekommen sind!«

»Herzlich gern. Wir haben ja Zeit dazu.«

Er erzählte seine Erlebnisse mit Sam, Jim und Tim, hütete sich aber wohlweißlich, den Namen des Ersteren zu nennen. Als er fertig war, sagte Boroda, welcher mit beinahe athemlosem Interesse zugehört hatte:

»Prachtvolle Kerls! Man könnte sie weiß Gott küssen, alle Drei, besonders aber diesen dicken Kerl. Also sie kommen hierher an den Mückenfluß?«

»Ja. Sie haben es mir versprochen.«

»Das freut mich, freut mich unendlich! Diese Leute muß ich kennen lernen, ihnen muß ich die Hand drücken! Sie wollen Ihnen also auch noch weiter zur Flucht behilflich sein?«

»Ich vermuthe es.«

»So mögen sie nur bald kommen. Nachdem ich Ihre Erzählung gehört habe, kann ich es kaum erwarten, diese prächtigen Leute zu sehen. Der kleine Dicke muß ein Hauptexemplar sein!«

»Ja, das ist er.«

»Ohne alle Furcht, muthig, listig im höchsten Grade, aber dabei doch treu und aufrichtig wie nur Einer!«

»So ist es. Ich habe sie alle Drei schnell und herzlich lieb gewonnen.«

»Wie hießen sie denn?«

»Diese Leute haben die Angewohnheit, sich nur beim Taufnamen nennen zu lassen. Die beiden Langen heißen Jim und Tim.«

»Sonderbare Namen! Jim und Tim! Das klingt so ähnlich, daß man sofort herausmerkt, daß sie Brüder sind. Aber was bedeuten denn diese Namen?«

»Tim ist die Abkürzung von Timotheus und Jim die Zusammenziehung von Benjamin. Ihr Familienname ist Snaker, was im Deutschen ungefähr Schlangler bedeuten würde.«

»Dieser Name paßt für sie. Und wie heißt der Andere, der Dicke?«

»Sam.«

»Was heißt das?«

»Es ist die Abkürzung von Samuel.«

»Samuel? Gerade wie mein Oheim! Und wie ist sein Familienname?«

Georg stellte sich, als ob er diesen vergessen habe. Er gab sich die Miene des Nachdenkens und sagte:

»Ja, wie hieß er nur? Das habe ich wohl gar vergessen.«

»Aber, wie kann man denn so Etwas vergessen!«

»Warum nicht? Das ist doch leicht möglich.«

»Wissen Sie nicht wenigstens, woher er war?«

»Aus Deutschland, und zwar aus Sachsen, wenn ich mich nicht irre.«

»Was Sie sagen! Kennen Sie die Stadt?«

»Er hat sie mir auch gesagt, aber ich habe mir den verdrakten Namen nicht merken können.«

»Schade, jammerschade! Ich dachte schon beinahe – hm, was fällt mir da ein! Das ist ja die reine Unmöglichkeit!«

»Was ists? Was dachten Sie?«

»Eine große Dummheit.«

»Darf ich sie denn nicht erfahren?«

»Sie werden mich auslachen, aber ich dachte in Wirklichkeit, es könnte gar mein Oheim sein.«

»Das wäre allerdings eine Außerordentlichkeit, wie es gar keine größere geben könnte! Leute, welche in einem sächsischen Städtchen geboren und dann nach Rußland und Amerika auseinander gegangen sind, sollen sich ganz plötzlich in Sibirien treffen.«

»Ja, und darum ist es ja gar nicht denkbar. Hat er denn nichts von seinen Verwandten erzählt?«

»Wüßte nicht. Aber auf Eins kann ich mich besinnen, nämlich auf den Grund, aus welchem er die Heimath mit der Fremde vertauscht hat.«

»Ah, das ist wichtig! Das ist äußerst wichtig! Welcher Grund war das denn?«

»Wie so oft – unglückliche Liebe.«

»Sapperment!«

Bei diesem Kraftworte, welches er ausstieß, sprang Boroda von der Bank auf, auf welcher er gesessen hatte.

»Eine unglückliche Liebe! Weiter, weiter! Wissen Sie nichts Näheres über diese Liebe?«

»Ja, diese Liebe hieß Gustel, also Auguste, wenn ich mich nicht ganz irre.«

»Auguste! Ah! Meine Ahnung! Sie hat einen Anderen geheirathet?«

»Ja, und aus Grimm darüber ist er nach Amerika gegangen.«

»Herr, das ist mein Onkel!« schrie er auf.

»Wa– was?« lachte Georg. »Ihr Onkel? Hat der denn auch an einer unglücklichen Liebe laborirt?«

»Ja, an einer unglücklichen Auguste. Wenn Sie nur seinen Namen oder seinen Heimathsort wüßten. Er muß ihn doch gesagt haben!«

»Natürlich hat er ihn gesagt.«

»Und Sie können sich nicht auf ihn besinnen?«

»Vielleicht doch, wenn ich mir Mühe gebe. Wissen Sie, da oben im sächsischen Voigtlande sind die meisten Namen alle grün – Ruppertsgrün, Walthersgrün, Stützengrün, Heinrichsgrün – Her– Her– Sapperment, jetzt liegt es mir auf der Zunge, aber ich bringe es nicht heraus!«

»Wie? Etwa Herlasgrün?«

»Ja, ja, so war es!«

»Mein Gott, diesen Namen habe ich ja vorhin genannt!«

»Herlasgrün? Wohl nicht!«

»O doch! Es ist ja der Geburtsort meines Vaters. Also der Dicke ist auch aus Herlasgrün?«

»Ja, jetzt weiß ich es ganz genau. Und wenn ich mich nicht irre, so war er Knopfmachergeselle und hieß Samuel Barth. Sein Bruder ist als Bäckergeselle nach Rußland gegangen.«

Boroda befand sich in einer leicht erklärlichen Aufregung. Er ergriff Georg beim Arme und rief:

»Aber warum sagten Sie das nicht vorher?«

»Weil ich mich nicht gleich besinnen konnte.

»Oho! Sie sehen mir gar nicht so aus, als ob Sie so vergeßlich seien. Sie haben Alles gewußt und mich nur auf die Folter spannen wollen. Ist es so oder nicht?«

»Na, ich will es Ihnen gestehen. Gleich als Sie mir Ihren Namen und den Heimathsort Ihres Vaters nannten, wußte ich, woran ich war. Ja, Sam Barth, der wackere Prairiejäger, ist Ihr Oheim.«

»Mein Oheim, mein Oheim! Mein Gott, welche Freude! Welch ein großes Glück!«

Er schritt entzückt in der Bibliothek hin und her. Dann ergriff er Georgs beide Hände und fragte:

»Und Sie wissen ganz genau, daß er nach hier, nach dem Mückenflusse kommen wird?«

»Er hat es mir versprochen.«

»So bringt mich keine Macht der Erde von hier fort, bis er hier eingetroffen ist. Mein Oheim ist hier, mein Oheim! Welch ein Ereigniß! Wie wird mein Vater sich freuen und meine Mutter auch!«

»Sie sind Beide mit hier?«

»Ja. Mein Vater ist verbannt, Mutter und ich aber nicht. Mutter ist ihm mit mir freiwillig gefolgt. Als ich dann groß wurde, entschied ich mich für die Zobeljägerei, und als ich mir genug verdient hatte, um die Reisekosten bestreiten zu können, befreite ich den Vater und entfloh mit ihm und der Mutter. Viele Flüchtlinge, welche wir trafen, schlossen sich uns an. Viele wurden unterwegs von uns befreit. Jetzt nun sind wir hier. Das ist mein Lebenslauf, in kurzen Worten erzählt. Wir wollen nach Deutschland. Ob wir es erreichen werden, Gott der Herr allein weiß es. Aber daß ich meinen Oheim finde, hier in Sibirien finde, das scheint mir ein Fingerzeig zu sein, daß unsere Flucht gelingen wird.«

»Ja, denn wie ich Ihren Oheim kenne, wird er eine kräftige Stütze Ihres Vorhabens werden. Ach, wenn ich mir ihn in Ihrer Begleitung denke, wenn man Sie anhalten sollte, der gute Dicke würde die Kerls, die das wagen wollten, andonnern, als ob er der Zaar in eigener Person sei.«

»Ist er wirklich so?«

»Ja, ein prächtiger Kerl.«

»So freue ich mich innig auf unser Wiedersehen. Aber, Herr, Eins müssen Sie mir da versprechen.«

»Nun, was?«

»Ihm nichts zu sagen, daß Sie seinen Neffen getroffen haben. Wollen Sie das?«

»Sehr gern. Sie wollen wohl sehen, ob die Stimme des Herzens bei ihm nicht ganz von selbst anfängt, zu sprechen?«

»Ja.«

»Nun, dann müssen Sie auch mir ein ähnliches Versprechen geben, Herr Barth.«

»Sehr gern. Aber welches denn?«

»Sie dürfen auch Ihren Eltern nichts sagen, daß Sie erwarten, Ihren Oheim zu treffen.«

»Das kann ich wohl kaum versprechen.«

»Sie müssen!«

»Es wird mir beinahe unmöglich sein, dem Vater zu verschweigen, welche Freude ihn jetzt erwartet.«

»Sie müßen sich eben bezwingen. Die Freude und Ueberraschung wird dann ganz gewiß eine desto größere sein.«

»Das glaube ich auch, ja, ich bin überzeugt davon; aber wie gesagt, es wird mir sehr schwer fallen.«

»Aber ich verlange es von Ihnen. Ich habe das Recht, dies zu verlangen, denn ich bin es, von welchem Sie die Botschaft erhalten haben.«

»Nun, wenn Sie mich in dieser Weise anfassen, so muß ich freilich das Versprechen geben.«

»Ihre Hand darauf!«

»Hier! Topp!«

Sie schlugen ein und es schien sich ganz von selbst zu verstehen, daß sie sich noch weiter erzählten von dem, was Georg von Sam Barth wußte und mit ihm gesprochen hatte.

»Aber eine Frage müssen Sie mir erlauben,« sagte Boroda im Laufe des Gespräches. »Sie kennen mich, aber ich kenne Sie noch nicht. Ich weiß nur, daß Sie ein Deutscher sind und Officier waren.«

»Ich heiße Georg von Adlerhorst, bitte Sie aber, den letzteren Namen noch nicht zu nennen und mich nur Georg zu heißen.«

»Haben Sie Grund, Ihren Namen hier in Sibirien nicht nennen zu lassen?«

»Ja. Mein Leben ist ebenso abenteuerlich wie das Ihrige und es giebt darinnen gewisse Punkte, welche jetzt noch nicht berührt werden dürfen.«

Sie saßen noch längere Zeit beisammen, bis Boroda in allem Ernste daran dachte, sich endlich nun auf den Weg zu machen. Georg begleitete ihn hinaus und da bemerkten sie zu ihrer Ueberraschung, daß der Tag bereits angebrochen war.

»Sapperment! Da habe ich mich freilich verspätet!« sagte Boroda. »Das ist mir unlieb.«

»Nun können Sie wohl gar nicht fort?«

»Ich muß!«

»Aber man wird Sie sehen!«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Noch ist es so sehr früh am Tage, daß Alles noch schläft.«

»Hier, ja. Aber je weiter Sie gehen, desto später wird es, und dann werden Sie unterwegs ganz sicher Menschen begegnen.«

»Ich weiche ihnen aus.«

»Das läßt sich nicht allemal thun.«

»O doch. Ich bin ja gestern auch am hellen Tage hier gewesen, ohne daß mir Etwas geschehen ist.«

»Aber der Wachtmeister hat Sie doch fangen wollen.«

»Es ist ihm nicht geglückt. Haben Sie keine Sorge um mich! Bin ich einmal erst bei meinem Pferde, so befinde ich mich in Sicherheit.«

»So wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie glücklich bei den Ihrigen ankommen mögen. Ich wollte, ich könnte mit, um Ihnen vielleicht dienlich sein zu können.«

»Danke! Bleiben Sie lieber in Ihrem Versteck. Man soll das Unglück nicht herausfordern. Jetzt aber leben Sie wohl, lieber Freund. Auf Wiedersehen in nächster Nacht.«

»Auf Wiedersehen!«

Georg trat in die Höhle zurück und Boroda stieg an der Pechtanne hinab.

Als er unten anlangte und unter dem Schutze des Baumes hervortrat, bemerkte er erst, wie hell es bereits war. Doch gar so spät war es nicht. Es mochte eine halbe Stunde nach Tagesanbruch sein.

Er schlich sich vorwärts, nach dem Hofe zu. Er wollte nicht eher von hier fortgehen, als bis er wußte, ob sich die Folgen des nächtlichen Abenteuers bereits bemerkbar gemacht hätten.

Er gelangte an den Brunnen. Es gab von da bis hin zum Hause keine Spur, daß die Spritze und der Schlauch hier in Thätigkeit gewesen seien. Die beiden Fensterflügel des Stübchens waren noch angelehnt. Brod und Speck lagen noch da, und der Branntwein stand dabei. Es war klar, daß noch Alles schlief und daß der fromme Nachbar und der Kosakenwachtmeister sich noch in der Räucherkammer befanden.

Aber wo war der Bauer?

Boroda huschte nach der Giebelseite, um nach dem Fenster von Peter Dobronitsch zu blicken. Es war zu. Der Bauer hatte sich nach seinem Stübchen begeben und war ganz gegen seine Absicht eingeschlafen.

Da hörte Boroda eine wunderliebliche Frauenstimme. Sie erklang hinter dem Hause, und er verstand ganz deutlich die gesungenen Strophen:

»O komm, Geliebter, kehre wieder!
Was that ich Dir, daß Du entfloh'n?
O komm, Dich rufen meine Lieder;
Gieb mir nicht Tod zum Minnelohn!
Noch gestern kämpft in Ahnungsbangen
Mein Herz; es bangte ihm nach Dir.
Du sahest nicht die feuchten Wangen;
O komm zurück, o komm zu mir!«

Er kannte diese Stimme. Er hatte sie ja gestern gehört, als er lauschend hinter dem Gesträuch des Brunnens stand. Er schlüpfte bis hin zur Ecke und blickte um dieselbe. Mila stand im Gärtchen hinter dem Hause. Sie pflückte sich einen Morgenstrauß und sang dazu:

»Ich möchte Deinen Worten lauschen.
Der holden Liebe süßem Ton.
Wir werden nie sie kosend tauschen:
Sie sind aus immer hingeflohn.
O, möcht ich Dich noch lächelnd schauen;
Ich fühle mich so wohl bei Dir.
Dir weiht ich Liebe und Vertrauen;
O komm zurück, o komm zu mir!«

Sie betrachtete die Blumen mit schwermüthigem Blicke. An wen dachte sie? Wer war es, den sie mit diesem sehnsuchtsvollen Liede meinte? Sie war so schön, so morgenfrisch wie die Blumen, welche sie in den Händen hielt. Aber auf ihrem lieben Gesichtchen lag es wie Trauer und ungestilltes Verlangen. Sie sang:

»O komm! Die seligsten der Tage,
Sie strahlen dann im Morgenlicht.
Weiht ich nicht meine Liebe, sage.
Weiht ich Dir meine Seele nicht?
Wenn Kummer Deinen Blick getrübet,
Theil ich gern Deinen Schmerz mit Dir.
Kein Herz so treu wie meins Dich liebet.
O komm zurück, o komm zu mir!«

Sie schlang den Arm um den Stamm eines Baumes, lehnte das Köpfchen an denselben und blickte nach Osten, wo eine bleiche Röthe verkündete, daß die Sonne zum Horizonte emporsteigen wolle. Wen suchte sie dort? Wollte sie nur das Gestirn des Tages schauen? Galt nur diesem der Ruf! O komm zurück, o komm zu mir? Oder dachte sie an etwas Anderes, an Jemand, der – ja der sich nicht dort im Osten befand, sondern ganz in ihrer Nähe stand?

Boroda that einige schnelle Schritte und trat hinter ein Strauchwerk, welches ihn vor ihren und auch vor jeden andern Blicken verbarg. Er wollte ihr antworten. Aber durfte er das? Befand er sich nicht in größter Gefahr? Aber die beiden Feinde waren in der Räucherkammer eingesperrt, und weiter war ja Niemand zu fürchten. Boroda erhob seine Stimme und sang in jenen schmelzenden Tönen, welche nur wenigen Kehlen verliehen sind:

»Wenn Dich in wehmuthsvollem Sehnen
Getrennter Liebe Gram besiegt
Und Dir in hoffnungslosem Wähnen
Dein Glück in weiter Ferne liegt.
Was ists, was dann des Herzens Sehnsucht heilt?
Ein Blick dorthin, wo der Geliebte weilt.«

Boroda sah, daß sie beim Klange der ersten Worte erschrocken zusammenzuckte. Dann aber ging ein Schimmer der Freude über ihr rosiges Angesicht. Er sang weiter:

»Wenn Dich der Taumelkelch der Freude
Geleert beim lärmenvollen Fest,
Die Heiligkeit geschworner Eide
Secundenlang vergessen läßt.
Was ists, was ferne Herzen dann vereint?
Ein Blick dorthin, wo der Geliebte weint.«

Ihr Gesicht nahm jetzt einen ganz anderen Ausdruck an. Der Zug der Freude verschwand aus demselben. Sie schien daran zu denken, was Derjenige, den sie sogleich an seiner Stimme erkannte, wagte, wenn er hier sang. Er aber fuhr unbeirrt fort:

»Wenn finstre Stunden ohne Segen
Dir ungegrüßt vorübergehn,
Und auf des Lebens Dornenwegen
Dir keine Freudenblumen stehn,
Was ists, was mächtig Deinen Busen hebt?
Ein Blick dorthin, wo der Geliebte lebt.«<(em>

Boroda besaß eine prachtvolle Stimme. Er dämpfte ihre Mächtigkeit zu süßem, leisem Wohllaute. Ihm hörte man es nicht an, wie schwer es ist, ein Lied ohne alle Begleitung zur Zufriedenheit der Zuhörer zu singen. Er schloß mit der letzten Strophe:

»Wenn Deiner Liebe Wonneblüthen
Lebens grauser Sturm verweht
Und da, wo tausend Sonnen glühten.
Der letzte Schimmer untergeht,
Was tröstet Dich, wenn hier Dein Glück zerfällt?
Der frohe Blick in eine bessre Welt.«

Und nun trat er unter den Sträuchern hervor auf sie zu. Eine glühende Röthe bedeckte ihre Wangen, als sie ihn kommen sah.

»Mila, bist Du über mich erschrocken?« fragte er.

»Ja, gar sehr,« gestand sie.

»Warum? Bin ich ein so schlimmer Gesell, daß man über mich erschrecken muß?«

»O nein. Nicht darüber, daß Du es bist, bin ich erschrocken, sondern darüber, daß Du Dich hier befindest.«

»Warum darüber?«

»Ahnst Du denn nicht die Gefahr, welche hier auf Dich lauert?«

»O, die kenne ich so gut, daß ich ganz genau weiß, daß ich sie nicht zu fürchten brauche.«

»Nein, da kennst Du sie nicht. Der Wachtmeister ist schrecklich!«

Er lachte fröhlich auf.

»Mila, da hast Du Recht, er ist schrecklich. Wenn Du ihn nachher erblickst, wirst Du sehen, daß er noch schrecklicher ist, als Du gedacht hast.«

»Weißt Du denn, daß ich ihn erblicken werde?«

»Ja, denn er befindet sich ganz in der Nähe.«

»Wo?«

»Ich weiß nicht, ob ich es verrathen darf; aber frage Deinen Vater; der weiß es ebenso gut wie ich und wird ihn Dir zeigen.«

»Das klingt wie eine Heimlichkeit!«

»Es ist auch eine, und zwar eine sehr köstliche, mein liebes Schwesterchen.«

»Und es scheint, daß Du mit meinem Väterchen gesprochen habest?«

»Ja, und zwar heut Nacht. Du wirst aber davon keinem Menschen etwas sagen. Nicht wahr, Mila?«

»Kein Wort. Aber hätte ich gewußt, daß Du hier warst, so hätte ich keinen Augenblick schlafen können.«

»So besorgt bist Du um mich?«

Er blickte sie mit einem eigenthümlichen Ausdrucke an. Sie senkte die Wimpern und antwortete verlegen:

»Wir sind um jeden Flüchtigen besorgt, so lange er sich in Gefahr befindet.«

»Aber wohl um den Einen mehr als um den Andern?«

»Nein. Es müssen uns Alle gleich lieb sein.«

»Das ist recht. Wußtest Du vorhin, als ich zu singen begann, wer der Sänger war?«

»Ja. Ich erkannte Deine Stimme sofort.«

»Ich die Deinige auch, als ich sie von Weitem hörte. Ich möcht so gern etwas wissen

»Was?«

»Hast Du an eine bestimmte Person gedacht, als Du dieses schöne Lied sangst?«

»Nein,« antwortete sie erröthend.

»O komm zurück, o komm zu mir! So lautete es. Ich dachte mir, daß es Einen gebe dessen Wiederkehr Du Dir wünschest.«

»Es giebt – keinen.«

»Wirklich nicht? Hast Du keinen, keinen Menschen, von dem Du wünschest, daß er kommen und für immer bei Dir bleiben möge?«

»Nein.«

»So bist – – –«

Er hielt inne, denn er wurde gestört. Um die Ecke des Hauses trat Peter Dobronitsch. Als er die Beiden erblickte, drohte er mit dem Finger und sagte in ernstem Tone:

»Um Gotteswillen, was fällt Euch ein! Ich denke, Du bist längst fort.«

»Ich hatte mich verspätet. Zürnest Du mir?«

»Natürlich!«

»Weshalb?«

»Weshalb? fragest Du auch noch! Die Ursache ist ja ganz und gar selbstverständlich!«

»Das finde ich nicht. Zürnest Du mir etwa darüber, daß ich mit Deinem Töchterchen spreche?«

»Nein, sondern darüber, daß Du Dich noch hier befindest. Du könntest weit fort sein.«

»Desto mehr werde ich mich nun beeilen.«

»Und gar gesungen hast Du!«

»O,« lachte Boroda, »der Morgen ist so schön, und ich bin ja ein Sänger, wie Du weißt!«

»Aber wenn die Lerche singt, macht sie den Raubvogel auf sich aufmerksam, verstanden!«

»Den fürchte ich nicht, denn mit einer Lerche ist Boroda, der Zobeljäger, nicht zu vergleichen.«

»Und trotzdem ist die Gefahr groß, nicht nur für Dich, sondern auch für mich. Du weißt ja, daß man mich gern mit Dir zusammentreffen will.«

»Das werden wir zu verhüten wissen!«

»Selbst Du bist nicht allmächtig. Es steht nicht Alles in Deiner Hand. Nun es so hell geworden ist, möchte ich Dich gar nicht fort lassen.«

»Ich muß fort.«

»So hättest Du Dich nicht so verspäten sollen. Man wird Dich unterwegs sehen.«

»Ich werde dafür sorgen, daß dies nicht geschieht.«

Mila legte ihr Händchen an seinen Arm und bat:

»Bleibe hier! Da bist Du in Sicherheit.«

»Liebes Schwesterchen, ich darf nicht hier bleiben. Es warten Viele auf mich, welche sich sehr um mich sorgen würden, wenn ich nicht käme.«

Und dem Bauer die Hand gebend, fuhr er fort:

»Wenn ich Dich erzürnt habe, so muß ich Dich um Verzeihung bitten. Wo kann ich Dich heut um Mitternacht sehen?«

»An der Pechtanne.«

»Gut! Da kannst Du mich erwarten. Lebe wohl, Väterchen; lebe wohl, Schwesterchen!«

Er ging und verschwand hinter der Hecke, welche den kleinen Garten einfaßte.

»War er schon längst bei Dir?« fragte der Bauer.

»Nein. Er war gleich erst zu mir getreten.«

»Er ist zu verwegen! Hier am hellen Morgen zu singen! Wenn das ein Kosak gehört hätte, so wäre es um ihn geschehen gewesen.«

»Aber der Wachtmeister ist ja da!«

»Hat er Dir das gesagt, und weißt Du auch wo er sich befindet?«

»Nein. Er hat mich an Dich gewiesen, als ich fragte.«

»Das war Recht. Höre, Kindchen, Du darfst nichts wissen, gar nichts, weder jetzt noch später. Du wirst den Wachtmeister sehen und noch Einen; aber Du darfst nicht ahnen, durch wessen Schuld sie – – ah, horch! Ich höre Pferde kommen. Laß sehen, wer es ist.«

Er eilte nach der vorderen Front des Hauses. Da hielten zwölf Reiter, welche mehrere hoch beladene Packpferde bei sich hatten. Einer derselben, welcher abseits von den Anderen hielt und der Anführer zu sein schien, fragte:

»Wem gehört dieses Haus?«

»Mir,« antwortete der Bauer.

»Wie ist Dein Name?«

»Peter Dobronitsch.«

»So sind wir richtig. Du bist mir empfohlen. Wirst Du uns erlauben, bei Dir ein Wenig auszuruhen? Wir sind die ganze Nacht geritten.«

»In Gottes Namen. Sagt, was Ihr essen und trinken wollt, so werdet Ihr es bekommen, falls ich es habe.«

»Hafer für unsere Pferde, Fleisch und Brod für uns. Das ist Alles.«

Jetzt kam auch Mila von hinten herbei. Der Mann sah sie. Seine dunklen Augen glühten verlangend auf, als sie auf der Gestalt des schönen Mädchens ruhten.

»Peter Dobronitsch, wer ist Diese?« fragte er.

»Mila, mein Töchterchen.«

»Hat sie einen Geliebten?«

»Nein.«

»So biete ich mich ihr an. Komm her, mein Seelchen, und gieb mir ein Küßchen!«

Er sprang vom Pferde und eilte auf sie zu. Er wollte sie umfassen, sie aber trat schnell zur Seite und entfloh. Nun wollte er ihr nacheilen, aber ihr Vater ergriff ihn beim Arme und sagte:

»Brüderchen, laß sie gehen! Sie ist nicht für Dich.«

»Nicht? Warum?« fragte er höhnisch.

»Das kannst Du Dir denken. Nun sage mir Deinen Namen! Den meinigen weißt Du?«

»Ich bin Peter Lomonow aus Orenburg. Ich denke. Du wirst meinen Namen kennen?«

»Ich habe ihn noch nie gehört.«

»Ich bin einer der reichsten Kaufleute in Orenburg und will auf die Zobeljagd. Darum habe ich mir diese Diener angeschafft, welche mich begleiten.«

Der Bauer ließ seinen Blick über die Anderen gleiten, blieb mit diesem Blicke besonders an Einem haften und sagte lächelnd:

»Das sind Diener? Du hast Dich wohl versprochen.«

»Wie so?«

»Ihr steht wohl Einer so hoch wie der Andere?«

»Oho!«

»Jedenfalls. Du giebst ihnen Dein Geld, und sie geben Dir ihre Zeit und Erfahrung. Wenigstens diesen Mann da kenne ich so genau, daß ich weiß, er wird sich niemals den Diener eines Kaufmannes nennen lassen.«

»So! Wer ist er denn?«

»Er ist der berühmte Zobelfänger Nummer Fünf. Er war oft bei mir, wir sind sehr gute Freunde, und Du magst ihn nur um Verzeihung bitten daß Du ihn mit dem Worte Diener beleidigt hast.«

Dieser sogenannte Kaufmann Lomonow war der einstige Derwisch, und Nummer Fünf war der verbannte Maharadscha, der Vater Semowa's.

Der Maharadscha hatte still und bewegungslos auf seinem Pferde gesessen und bei dem Worte Diener mit keiner Miene gezuckt; aber sein Auge hatte zornig aufgeleuchtet. Er sagte auch jetzt noch nichts und that so, als ob die Worte ihn gar nichts angingen.

»Pah!« lachte der Kaufmann auf. »Ich bezahle sie, folglich sind sie meine Diener. Das können sie mir gar nicht übel nehmen. Sie mögen sich hier lagern. Bringe ihnen heraus, was Du zu essen hast, auch Schnaps dazu. Für mich aber wirst Du ein Zimmer bereiten, daß ich mich ausruhen kann.«

Der Bauer machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:

»Ein Zimmer bereiten? Mein Haus ist kein Gasthof, Peter Lomonow.«

»Aber ich hoffe, daß Du ein gastfreundlicher Mann sein wirst!«

»Der bin ich, wenn man mich bittet. Befehlen lasse ich mir nichts! Willst Du Dich ausruhen, so ist hier im Grase bei Deinen Kameraden Platz genug. Da setz Dich nieder; da ists weich!«

Er ging in das Haus. Aber als er sich bereits unter der Thür befand, kam ihm ein Gedanke. Er drehte sich um und sagte:

»Hier habe ich ein kleines Stübchen, welches ich Dir geben kann, wenn es Dir behagt. Ein anderes aber habe ich nicht.«

»Wo ist es?«

»Hier neben dem Hausflur. Komm, und siehe es Dir an!«

Der Kaufmann folgte dieser Aufforderung, während seine Begleiter sich in einem Kreise in das Gras setzten, nachdem sie von ihren Pferden gestiegen waren.

Die Last der Packpferde bestand meist aus Fallen für Zobel und andere jagdbare Pelzthiere, welche man nicht schießt, sondern in Fallen fängt, um ihre Felle zu schonen. Auch diesen Pferden wurden ihre Lasten abgenommen, ein sicheres Zeichen, daß der Kaufmann beabsichtigte, hier nicht nur für eine Viertel- oder halbe Stunde der Ruhe zu pflegen.

Dieser Umstand mußte befremdlich erscheinen, da das Haus ja ein Privat- und nicht ein offenes Einkehrhaus war und der Besitzer den Kaufmann keineswegs zum Kommen oder gar zum längeren Verweilen eingeladen hatte.

Die Zobeljäger waren dieselben, welche der Kaufmann oder vielmehr der einstige Derwisch unter dem Befehle des Maharadscha engagirt hatte. Sie flüsterten leise mit einander und zeigten keinesweges sehr freundliche Gesichter. Vielleicht hatten sie schon bisher mit dem Kaufmanne Erfahrungen gemacht, welche ihnen nicht lieb waren.

Dieser Letztere war, wie bereits erwähnt, mit Peter Dobronitsch in das Haus gegangen. Dort öffnete der Bauer das Parterrestübchen, an welches die Räucherkammer stieß, und zeigte ihm dasselbe als dasjenige, welches er ihm zur Benutzung überlassen könne.

Der Derwisch betrachtete es sich und sagte in sehr unzufriedenem Tone:

»Hier soll ich bleiben, hier?«

»Wer redet denn vom Bleiben?«

»Ich. Ich erwarte doch, daß ich bei Dir so lange bleiben kann, wie ich will!«

Peter betrachtete ihn mit einem Blicke, welcher deutlich sagte, daß er an ihm keinen großen Wohlgefallen finde, und sagte:

»Ich habe Dir bereits mitgetheilt, daß mein Haus ein Privathaus ist. Ich halte keine Herberge für Jedermann.«

»Ich bin aber doch nicht Jedermann!«

»O doch, denn unter Jedermann verstehe ich natürlich Jeden, der nicht zu meiner Familie gehört.«

»Aber, Mann, Du bist ja unhöflich!«

»Nein. Unhöflich ist Derjenige, welcher sich ohne Einladung und Erlaubniß einem Andern aufdringt.«

»Nun, aufdringen will ich mich Dir freilich nicht. Es ist wohl einem Jeden eine Ehre, wenn ich zu ihm komme.«

»Du brauchst nur einige Werst weiter zu reiten, so kommst Du zur Stadt, wo Du Häuser findest, welche für Jeden offen sind.«

»Nach der Stadt will ich aber nicht; deshalb erlaube mir wenigstens, daß ich mich für kurze Zeit hier ausruhen kann!«

»Dagegen will ich nichts haben.«

»Aber hast Du denn keine andere Stube für mich?«

»Leider nein. Du wirst fürlieb nehmen müssen.«

»Hm! Ein Tisch und zwei hölzerne Stühle! Das ist wirklich ein sehr frugales Möblement.«

»Ich habe es nicht anders. Wir sind keine seidenen Polster gewöhnt, hier im fernen Osten.«

»Man kann sich ja nicht einmal ausstrecken!«

»O ja, auf der Diele.«

»Mensch, willst Du mich foppen?«

»O nein. Aber wenn Du Dich ausstrecken und nicht die Diele dazu benutzen willst, so mußt Du hinaus in das Gras gehen. Da kannst Du Dirs nach allen Himmelsgegenden bequem machen.«

»Fällt mir nicht ein! Wo meine Diener campiren, dahin kann ich mich nicht legen.«

»Nun, so kann ich Dir nicht helfen.«

»Du willst nur nicht. So bin ich also gezwungen, hier in dieser Kammer zu bleiben.«

»Das konntest Du, ohne vorher mein Haus zu tadeln.«

»Dein Haus scheint grad so zu sein wie Du, nämlich ungastlich im höchstem Grade. Was ist aber denn da drin?«

Er zeigte auf die kleine, eisenbeschlagene Thür.

»Die Räucherkammer,« antwortete Peter.

»Darf man ein Mal hineinschauen?«

»Warum nicht!«

»Brauchst keine Angst zu haben. Ich stehle Dir keine Wurst und auch keinen Schinken.«

»O,« lachte Peter anzüglich, »da habe ich keine Sorge. Es kann ein jeder Spitzbube hineinschauen, denn es ist nichts drin.«

»Donnerwetter!« fuhr der Derwisch auf. »Soll das etwa gar mir gelten!«

»Ja, denn ich muß Dir doch antworten.«

»So rechnest Du mich also unter die Spitzbuben?«

»Ist mir nicht eingefallen!«

»Dem Wortlaut nach kann ich nicht anders denken.«

»Wir Bauern legen nicht jeden Ausdruck auf die Goldwage. Weißt Du das vielleicht noch nicht?«

»Peter Dobronitsch, Du scheinst mir ein sehr obstinater Kerl zu sein. Das werde ich mir merken!«

»Merke es! Ich habe nichts dagegen.«

»O, es kann Dir unter Umständen viel schaden!«

»Möchte wissen, wie!«

»Sei froh, wenn Du es nicht erfährst. Aber hineinschauen muß ich doch einmal. Also!«

Er schob den Riegel zurück, machte die Thür auf und sah hinein. Sofort fuhr er zurück.

»Alle guten Geister!« schrie er.

»Was ist denn?«

»Es sind zwei Teufel drin!«

»Unsinn! Woher sollen die Teufels kommen?«

»Ich weiß nicht, aber gesehen habe ich sie.«

»Mache mir nichts weiß!«

»Oho! Meinen Augen kann ich trauen!«

»Wie sehen sie denn aus?«

»Kohlschwarz und hocken wie die Affen auf der Stange.«

Peter Dobronitsch lachte laut auf.

»Zwei Teufels, welche wie Affen auf Stangen hocken! So etwas hat mir in meinem ganzen Leben noch Niemand gesagt!«

»So guck doch hinein!«

»Fällt mir nicht ein!«

»So will ich selbst noch einmal aufmachen, um sie Dir zu zeigen. Paß einmal auf!«

Er machte die Thür nochmals auf. Jetzt trat auch Peter hin und schaute hinein. Da saßen die beiden Menschen oben auf den Stangen und boten einen schauderhaften Anblick. Das Wasser hatte sich mit Ruß vermischt und denselben auf die beiden Gestalten abgesetzt, wo er fest kleben geblieben war. Ihre Kleider, Hände und Gesichter sahen ganz schwarz aus. Dazu zogen sie ganz unbeschreibliche Grimassen. Man konnte unmöglich sehen, ob das aus Schmerz, Angst, Zorn oder Hohn geschah, aber schrecklich sah es aus. Sie bewegten sich nicht von der Stelle.

Dem Derwisch war es keineswegs ganz wohl beim Anblicke der beiden Gestalten. Er wußte nicht, was er aus ihnen machen sollte.

»Nun, siehst Du sie?« fragte er.

Peter machte ein höchst entsetztes Gesicht, schlug drei Kreuze und schrie aus vollem Halses

»Zwei Teufels, ja, es sind zwei Teufels!«

Er warf die Thür zu, schob den Riegel vor und eilte zur Stube hinaus, der Derwisch hinter ihm her. Der Letztere hatte nun auch Angst bekommen. Die beiden Fratzen hatten zu schrecklich ausgesehen.

»Helft, helft!« rief er, als er hinaus vor das Haus kam. »Der Teufel ist da!«

Die Zobeljäger sprangen alle auf.

»Der Teufel, der Teufel!« riefen sie wirr durch einander. »Wo denn, wo?«

Sie waren mit Ausnahme des Maharadscha, welcher sehr ruhig sitzen geblieben war, griechisch katholische Christen. Sie waren gewöhnt, die Lehren ihrer Popen als Evangelium zu nehmen, und glaubten Alle, daß es einen Teufel gebe.

»Drin in der Räucherkammer.«

»Herrgott! Ists wahr?«

»Ja. Es sind zwei. Ich habe sie gesehen.«

Alle schlugen ihre Kreuze.

»Ja,« rief Peter Dobronitsch, »auch ich habe sie gesehen. Helft mir! Helft mir, sie auszutreiben!«

Aber den Leuten fiel es gar nicht ein, hineinzugehen. Mit dem Teufel wollten sie gar nichts zu thun haben.

Da, in diesem Augenblicke ließ sich lautes Pferdegetrappel vernehmen. Eine Schaar von Kosaken kam von der Gegend des Flusses her angesprengt. Es waren dreißig Mann mit einem Oberlieutenant und einem Civilisten. Sie ritten herbei bis beinahe an die Thür, und als sie da halten blieben, fragte der Civilist:

»Wer wohnt hier?«

»Ich,« antwortete der Bauer.

»Wie heißest Du?«

»Peter Dobronitsch.«

»Ich bin der Graf Alexei Polikeff. Verstanden?«

»Ja.«

»Wir suchen einen Kosaken, einen Verbannten, welcher aus Platowa entflohen ist. Ist vielleicht so ein Kerl hier vorübergekommen?«

»Nein.«

Als der Graf seinen Namen nannte, waren zwei der Anwesenden überrascht zusammengefahren, nämlich der Derwisch und der Zobeljäger Nummer Fünf. Der Graf bemerkte das nicht. Er achtete gar nicht auf Beide.

Der Zobeljäger, nämlich der Maharadscha, welcher ruhig am Boden gesessen hatte, machte eine Bewegung zur Seite und warf einen scharfen, musternden Blick auf den Grafen. Sodann drehte er sich wieder um, um sein Gesicht nicht sehen zu lassen.

»Wirklich nicht?« fragte der Graf.

»Nein.«

»Wenn Du die Wahrheit verschweigst, wirst Du die Knute bekommen, Bauer!«

»Was ich sage, ist wahr!«

»Wir werden bei Dir aussuchen.«

»Wer? Etwa Du?« fragte Dobronitsch, indem er seine Brauen finster zusammenzog.

»Ja, ich!«

»So! Versuche es einmal, wenn Du riskiren willst, von mir hinausgeworfen zu werden!«

Da sprang der Graf vom Pferde, trat hart an ihn heran und sagte in drohendem Tone:

»Hallunke! Was fällt Dir ein?«

Da erhob Peter die Hand und antwortete mit Donnerstimme, so daß der Graf zurückfuhr:

»Wie nennst Du mich? Einen Hallunken? Sage noch ein einziges solches Wort, so ohrfeige ich Dich, daß Dir alle Deine Gedanken vergehen! Mit so einem unverschämten Flegel wird hier bei uns keine Sache gemacht. Fort von mir, Kerl!«

Er gab dem Grafen einen Fauststoß, daß dieser einige Schritte weit fortflog.

»Hund!« schrie der Getroffene. »Das sollst Du mir büßen! Drauf auf ihn.«

Diese Aufforderung war an die Kosaken gerichtet! Sie stiegen ab, folgten aber dem Befehle nicht sofort, sondern hielten ihre Blicke fragend auf den Oberlieutenant gerichtet.

Peter Dobronitsch fürchtete sich nicht. Er eilte an die Hausthür und rief zu derselben hinein:

»Knechte herbei! Zu den Waffen! Mila, meine Gewehre!«

»Hört Ihr es?« fragte der Graf die Kosaken. »Er will sich uns bewaffnet entgegenstellen! Ergreift und bindet ihn! Die Knute soll ihm lehren, daß er zu gehorchen hat!«

Der Oberlieutenant hatte sich jetzt entschlossen, der Aufforderung des Grafen Folge zu leisten. Er zog den Säbel und befahl:

»Folgt mir!«

*

88

Sie wendeten sich nach der Thür. Unter derselben stand der Bauer, das geladene Doppelgewehr in der Hand. Mila hatte es ihm schnell gebracht. Hinter ihm hielten seine männlichen Dienstboten, welche bewaffnet herbei geeilt waren.

Der Graf hatte sich an die Seite des Officiers gestellt. Seine Augen blitzten vor Grimm über die Abweisung, welche ihm von Peter Dobronitsch geworden war.

»Schießt den Menschen nieder!« gebot er. Und sich zu Dobronitsch wendend, sagte er: »Ergieb Dich, sonst bist Du binnen einer Sekunde eine Leiche!«

Der Bauer antwortete lachend:

»So schnell geht das nicht! Ich bin Besitzer dieses Hauses und kann jeden unberufenen Eindringling nöthigenfalls mit der Waffe in der Hand abwehren. Du wirst bald sehen, daß ein Hallunke ein noch ganz anderer Kerl ist als Du bist.«

»Ich bin der Graf Polikeff, wie ich Dir bereits gesagt habe!«

»Was geht das mich an! Ob Du ein Stromer bist oder ein Graf, das ist mir ganz gleich. Du hast mir nichts zu befehlen. Packe Dich fort!«

Da trat der frühere Derwisch, welcher bis jetzt von dem Angekommenen gar nicht beachtet worden war, heran und sagte:

»Haut den Kerl in Stücke! Er ist ein Ungehorsamer, ein Empörer! Auch gegen mich hat er sich obstinat betragen!«

Der Graf sah den Sprecher an und erkannte ihn. Erstaunt trat er einen Schritt zurück und rief:

»Alle Teufel! Du hier. Du!«

»Ja, ich bin Peter Lomonow, Kaufmann aus Orenburg. Du erkennst mich sofort wieder. Ich begebe mich unter Deinen Schutz gegen diesen aufrührerischen Menschen.«

Er nannte seinen Namen natürlich zu dem Zwecke, daß der Graf sogleich erfahre, für wen und was er sich hier ausgegeben habe.

»Ich werde Dich beschützen,« antworte Polikeff. »Später sprechen wir weiter mit einander. Also fort von der Thür!«

Diese Aufforderung war an den Bauer gerichtet, dem er sich bei diesen Worten drohend näherte. Dobronitsch aber legte das Gewehr an und antwortete:

»Keinen Schritt weiter, sonst schieße ich Dich nieder wie einen Räuber, der mich überfallen und bestehlen will. Weg also von hier!« Eins – zwei – –!«

Der Graf glaubte, der Bauer werde Ernst machen. Er versteckte sich hinter die Kosaken, deren Anführer nun die stolzem Worte an den Bauer richtete:

»Mensch, bist Du denn toll! Siehst Du denn nicht, wer wir sind! Gieb uns Platz!«

»Ihr gingt mich bis jetzt noch gar nichts an! Ich hatte es nur mit dem Menschen zu thun, der sich einen Grafen nennt und sich doch wie ein Flegel beträgt. Ich brauche nicht einen jeden Lump zu mir zu lassen. Oder sag, ob mir dieser Kerl etwas zu befehlen hat!«

»Das wollen wir jetzt nicht näher erörtern, denn ich sage Dir allen Ernstes, daß – –«

»O ja! Das muß grad erörtert werden!« fiel Dobronitsch ihm in die Rede. »Ich fordere Dich auf, nur zu sagen, ob er mir etwas zu befehlen hat!«

»Das ist hier sehr gleichgiltig!«

»O, das ist für mich grad sehr wichtig. Da könnte ein jeder hergelaufene Mensch, der uns fremd ist, sich einen Grafen nennen und mir Befehle geben wollen!«

»Er ist ein Graf!«

»Ich glaube es nicht. Sein Betragen ist nicht dasjenige eines so vornehmen Herrn!«

»So! Aber daß ich Officier bin, das glaubst Du doch wohl auf alle Fälle?«

»Ja.«

»Nun, so erkläre ich Dir, daß er wirklich der Graf Polikeff ist. Zweifelst Du nun noch?«

»Nein.«

»So gehorche!«

»Gehorchen? Weil er ein Graf ist? Was geht mich der Titel eines solchen Mannes an? Ich verbiete ihm mein Haus, und wenn er dennoch mit Gewalt eindringen will, so bekommt er eine Kugel in den Kopf. Ich habe dazu das Recht, welches mir kein Mensch absprechen kann.«

»Nun, lassen wir das bei Seite gestellt sein. Du wirst doch auf alle Fälle zugeben, daß Du mir zu gehorchen hast?«

»Dir? Das fragt sich.«

»Wie? Das fragt sich?«

»Ja. Ich kenne Dich nicht.«

»Aber Du siehst doch, was ich bin!«

»Du bist Kosakenoberlieutenant. Aber wo stehst Du in Garnison?«

»In Platowa.«

»So gehe dorthin, wenn Du Gehorsam fordern willst. Hier hast Du nichts zu befehlen!«

»Mensch! Du bist wirklich nicht bei Sinnen!«

»Ich bin so sehr bei Sinnen, daß ich ganz genau weiß, daß ich nach Werchnei Udinsk aber nicht nach Platowa gehöre. Nun weißt Du, woran Du mit mir bist.«

»Ah! So willst Du auch mir den Eintritt in Dein Haus verwehren, mir und meinen Leuten?«

»Ja.«

»Und wenn ich ihn erzwinge?«

»Du wirst ihn nicht erzwingen! Ich vertheidige mein Haus gegen jeden unberechtigten Angriff. Ich bin nur ein Bauer, aber ich kenne meine Rechte!«

»Aber wir werden das Haus stürmen!«

»Wie denn? Die Fenster sind zu klein für Mehrere, und es ist nur eine einzige Thür vorhanden, diese da. Ehe es nur einem einzigen Manne von Euch gelingt, einzudringen, seid Ihr alle zusammen niedergeschossen! Ueberlegt Euch die Sache wohl!«

Der Lieutenant wendete sich zu dem Grafen zurück und flüsterte ihm zu:

»Der Kerl ist allerdings in seinem Rechte. Hätte ich nur einen einzigen Mann der hiesigen Besatzung da, so müßte er diesem gehorchen. Wir sind blamirt.«

»Pah! Nur darauf! Ich verantworte es.«

»Das ist sehr schnell und leicht gesagt. Du kannst es nicht verantworten, wenn mir meine Leute niedergeschossen werden. Die Last liegt dann ganz allein auf mir.«

»Es wird ihm gar nicht einfallen, zu schießen.«

»O doch, man sieht es ihm an.«

»Versuche es wenigstens.«

»Ich danke! Dieser Versuch könnte ein oder sogar mehrere Menschenleben kosten, und ich hätte nicht einmal dafür die Genugthuung, mich des Bauers bemächtigen zu dürfen. Er ist, wie gesagt, in seinem Rechte.«

»Hole ihn der Teufel! Wir können doch nicht abwarten wie Schulbuben, welche Prügel bekommen haben!«

»Leider sind wir dazu gezwungen, und daran ist kein Anderer schuld als Du.«

»Ich? Wieso?«

»Du hättest nicht als Gebieter auftreten sollen. Peter Dobronitsch ist Herr seiner Besitzung. Hättest Du höflicher mit ihm gesprochen, so wären wir nicht blamirt worden.«

»Soll ich so einem Kerl gute Worte geben?«

»Er ist kein Kerl, sondern ein freier Mann. Und ich bin zudem ganz überzeugt, daß es gar keiner guten Worte bedurft hätte. Als Bittende brauchen wir nicht zu erscheinen. Auf eine ruhige Darlegung der Sache hätte der Mann sicherlich gehört.«

»Pah! Das bezweifle ich!«

»Und ich bin überzeugt davon.«

»Ich bin vielmehr ganz überzeugt, daß er uns auch nicht in Güte einlassen wird. Sein ganzes Verhalten beweist, daß sich der flüchtige Kosak bei ihm befindet.«

»Und ich glaube, grad weil er seine Ehre in dieser Weise wahrt, hat er mit dem Entflohenen nichts zu schaffen. Ich werde sein Haus genau durchsuchen. Paß auf!«

»Er duldet es nicht!«

»Er duldet es sicher. Ich beweise es Dir.«

Der Oberlieutenant wendete sich jetzt wieder an Dobronitsch, dieses Mal in ruhigem Tone:

»Ich bin überzeugt, daß Du den Flüchtling, welchen wir suchen, in Deinem Hause versteckt hast!«

»Da irrst Du Dich sehr.«

»Wäre es nicht der Fall, so würdest Du es uns nicht verwehren, nach ihm zu suchen.«

»Ich verwehre es Euch nur aus dem Grunde, daß Ihr Euch das Recht dazu fälschlicher Weise angemaßt habt.«

»So! Wenn wir das nicht gethan hätten, würdest Du Dich wohl gegen die Durchsuchung Deines Hauses nicht gewährt haben?«

»Nein.«

»Nun gut, so lasse uns ein!«

»Erkläre mir vorher bestimmt und deutlich, ob dieser Graf mir auch nur ein einziges Wort zu befehlen hat!«

»Nein.«

»Und ob ich Deinen Befehlen zu gehorchen habe!«

»Auch nicht.«

»So bin ich befriedigt und erlaube Euch, nach dem Flüchtlinge bei mir zu suchen.«

Jetzt, wo es keine Gefahr mehr gab, wollte der Graf sofort eintreten, da der Bauer die Thür freigegeben hatte. Auch der Derwisch eilte herbei.

»Halt!« rief Dobronitsch, indem er sofort sein Gewehr vorstreckte. »Ihr Beiden habt bei mir nichts zu suchen! Ihr seid Civilisten und keine Soldaten! Ihr bleibt vor der Thür. Ja, ich gebiete Euch, binnen einer halben Stunde meinen Grund und Boden ganz zu verlassen. Wenn ich Euch auf demselben betreffe, hetze ich Euch mit Hunden fort!«

»Hallunke!« knirrschte der Graf, aber nicht so laut, daß der Bauer es hätte hören können.

Der Letztere wendete sich zurück an seine Leute und befahl ihnen:

»Laßt die Soldaten eintreten. Mila und das Mütterchen mögen den Herrn Officier überall umherführen. Ich aber bleibe hier, um dafür zu sorgen, daß kein Ungeziefer hereinkomme. Aber das sage ich: Wenn die Aussuchung nur das Geringste in meinem Hause zu Schaden bringt, so werde ich es bestrafen, gleichviel, wer der Betreffende gewesen ist. Ich heiße Peter Dobronitsch und verstehe in solchen Dingen keinen Spaß!«

Der Officier mochte dem Ordnungssinne seiner Kosaken doch nicht recht trauen. Er besorgte, daß sie Unordnungen anrichten würden, für welche er dann verantwortlich sein müsse; darum erklärte er:

»Ich werde mit dem Korporal allein eintreten. Wir brauchen keinen Andern. Die Leute aber mögen hier einen Halbkreis schließen, daß die Thür und der Platz vor dem Hause gut besetzt ist. Auf diese Weise kann uns Niemand entkommen.«

Das geschah.

Die Kosaken zogen von einer Ecke des Hauses bis zur andern einen Bogen, innerhalb dessen sich nun alle Anwesenden befanden. Durch die Thür hätte also Niemand entkommen können. Der Oberlieutenant trat mit dem Unterofficier ein.

Der Graf war vom Eingange zurückgetreten. Er befand sich in größtem Zorne; das war ihm anzusehen. Der Derwisch hatte sich ihm genähert und redete jetzt zu ihm:

»Herr, ist es nicht eine Schande, daß ein Mann, wie Du bist, sich von einem dummen Bauer in dieser Weise behandeln lassen muß!«

»Schweig!« schnauzte der Graf ihn an. »Ich habe jetzt keine Lust zu unnützen Reden.«

»Aber wir müssen uns doch über unser Zusammentreffen aussprechen!«

»Jetzt nicht! Später! Meinst Du etwa, daß ich über Dein Erscheinen hier so sehr entzückt bin!«

»Entzückt? Nein, das verlange ich gar nicht. Aber freuen wirst Du Dich jedenfalls.«

»Kann mir nicht einfallen!«

»Das sagst Du nur im Scherz!«

»Es ist mein Ernst. Nun aber halte das Maul. Ich habe Anderes im Kopfe!«

»Wenn Du wüßtest, was für Neuigkeiten ich Dir zu berichten habe, würdest Du mir nicht den Mund verbieten.«

»Es wird nichts Gescheidtes sein!«

»Hm!«

»Brumme nicht, sondern schweig!«

Er wendete sich zornig ab. Der Derwisch folgte ihm mit einem Blicke, in welchem nichts von Liebe und Zuneigung zu lesen war.

Indessen hatte sich der Oberlieutenant im Hausflur umgesehen. Er zeigte nach der Thür zur linken Hand und fragte:

»Was liegt hier?«

»Die Wohnstube und die Nebenstube,« entgegnete Mila höflich, weil auch er in einem leidlich höflichen Tone gefragt hatte.

»Dürfen wir hinein?«

»Ganz gern.«

Sie öffnete und die Vier traten ein, nämlich sie, ihre Mutter und die beiden Soldaten. Die letzteren untersuchten die beiden Räume ganz genau, konnten aber weder den Gesuchten, noch eine Spur von ihm finden. Nicht das Mindeste deutete an, daß er hier gewesen sei.

»Weiter!« sagte der Officier.

Er begab sich wieder auf den Flur zurück und erkundigte sich, was für ein Raum gegenüber liege.

»Ein kleines Stübchen, neben welchem sich die Räucherkammer befindet.«

Die Räucherkammer! Das Wort klang dem Officier gut in die Ohren. So ein Ort kann ja sehr leicht als Versteck benutzt werden. Er trat mit den drei Andern in das Stübchen und fragte, als er sich vergeblich nach demselben umgesehen hatte und indem er nach dem eisernen Thürchen deutete:

»Da drinnen wird geräuchert?«

»Ja.«

Er schob den Riegel zurück und öffnete die Thür, so weit es ging. Das Tageslicht drang in das feuchte, russige Gelaß. Der Officier sah, als er hineinblickte, zunächst nichts; aber als er den Blick höher hob, erkannte er zwei zusammenkrümmte, affenartige Gestalten, welche neben einander oben auf den Stangen hockten.

»Donnerwetter!« rief er. »Hier werden wohl gar, wie es scheint, Menschen geräuchert!«

»Menschen?« fragte Mila erstaunt.

»Schau einmal hinauf!«

Das Mädchen trat herbei und ihre Mutter mit. Sergius Propow und der Wachtmeister hatten kein Wort gesagt, aber sie bewegten die Arme und Beine, woraus zu ersehen war, daß die beiden Wesen lebendig seien.

Als die beiden Frauen diese Gestalten erblickten, stießen sie laute Schreckensrufe aus und fuhren voller Angst zurück. Der Officier mußte es ihnen ansehen, daß sie von dem Vorhandensein der beiden Gestalten nichts gewußt hatten. Er trat, indem er sich bückte, ganz hinein in die Räucherkammer und fragte:

»Wer seid Ihr? – Antwortet!«

»Ah! Au! Ffffffff, meine Beine!«

Der Eine gab sich Mühe, seine Beine grad zu machen, und der Andere richtete seinen Rücken aus der gekrümmten Lage auf und seufzte dabei vor Schmerzen, als ob er am Spieße stäcke.

»Zum Donnerwetter! Könnt Ihr nicht reden, Ihr Hallunken!«

»O ja, reden können wir,« antwortete der fromme Nachbar. »Au, mein Kreuz!«

»Nun, so antworte! Wer bist Du?«

»Sergius Propow ist mein Name.«

»Was bist Du?«

»Ackerbauer. Mein Grund und Boden liegt ganz in der Nähe. O Himmel, meine Knochen. Es ist, als ob sie alle zusammengewickelt wären. Wo ist denn das Wasser hin, vom Gewitter heut in der Nacht?«

»Ich weiß von keinem Gewitter.«

»Sapperment! Wir sitzen eine ganze Ewigkeit hier oben, weil wir denken, wir müssen ersaufen, und nun stellt es sich heraus, daß es hier in diesem verdammten Loche gar kein Wasser giebt. Oh Jehmineh! Mein Leib, mein Rücken, meine Gelenke!«

»Mensch, Du kommst mir höchst verdächtig vor! Wer ist denn der Andere?«

Die beiden Ausgewässerten befanden sich in einem schauderhaften Zustande. Sie hatten während der ganzen Nacht auf den paar knorrigen Stangen gesessen, welche kaum zureichten, um ihrem ›Sitzpunkte‹ einen Halt zu gewähren. Bis unter die Arme durchnäßt, hatten sie so gefroren, als ob sie ganz von Eis umgeben seien. Ihr Gefühl war ihnen verloren gegangen. Sie vermochten nicht, die Beine auszustrecken, und jede Bewegung verursachte dem betreffenden Gliede Schmerzen.

Auch in ihren Köpfen sah es nicht absonderlich gut aus. Es war wüst und leer darin. Es war beinahe so, als ob sie das Gehirn erfroren hätten. Der Ruß, welcher sich an ihren ganzen Körper gesetzt hatte, war ihnen in alle Oeffnungen, in die Augen und Ohren, in den Mund und in die Nase gedrungen, und der penetrante Geruch desselben umgab sie mit einer Atmosphäre, welche geradezu unausstehlich war.

Dazu kam sodann der moralische Katzenjammer, in welchem sie sich befanden. Sie hatten sich rächen wollen und mit ihrer Rache nur sich selbst getroffen. Sie hatten beabsichtigt, Boroda zu ergreifen und waren doch selbst eingeschlossen und – eingewässert worden.

Nun waren sie jetzt entdeckt. Welch eine Blamage! Und zwar von einem Officiere! Der Wachtmeister hätte sich am Liebsten selbst beohrfeigen mögen, so wilde war er auf sich. Wenn ihn auch nicht grad eine directe Strafe erwartete, so sah er doch einem sehr ernsten, demüthigen Verweise entgegen und einem – Gelächter, welches jedenfalls noch in fernen Zeiten nachhallte. Denn es verstand sich ganz von selbst, daß man ihm die jetzt erlittene Schlappe niemals vergessen, sondern ihn bei jeder Gelegenheit mit derselben aufziehen und foppen werde.

Darum hatte er bis jetzt zu allen Fragen des Officiers geschwiegen. Nun aber, als derselbe sich direct nach ihm erkundigte, war es eigentlich seine Pflicht, selbst zu antworten; doch der Aerger und die Scham waren in ihm so groß, daß er es doch nicht that.

»Es ist mein Freund, der Wachtmeister,« antwortete Propow an seiner Stelle.

»Welcher Wachtmeister?«

»Der Kosakenwachtmeister Wassilei von der nächstliegenden Stanitza.«

»Was! Ein Soldat! Ein Kosak! Und noch dazu ein Wachtmeister! Alle tausend Teufel!«

Der Anzug des Wachtmeisters war vor Ruß allerdings nicht mehr als Uniform zu erkennen. Er sah schrecklich aus.

»Ist das wahr?« fuhr der Oberlieutenant fort. »Rede doch, Kerl! Hast Du die Sprache verloren?«

»Beinahe!« stöhnte der Kosak. »Oh! Oh!«

»Also wirklich ein Kosakenwachtmeister und nicht ein Flüchtling, welchen man etwa hier versteckt hat?«

»O nein.«

»Wie kommt Ihr Esels denn hier herein?«

»Wir wollten den Zobeljäger fangen.«

»Alle Wetter! Ist er denn in der hiesigen Gegend? Sucht man ihn schon hier?«

»Ja. Ich habe ihn hier im Hofe gesehen.«

»Ah! Also ist dieser Peter Dobronitsch doch ein Lügner, ein Heuchler! Aber anstatt den Boroda zu fangen, hast Du Dich hier einsperren lassen! Schön! Das wird Dir manche Suppe versalzen! Kerl, so etwas ist doch gar nicht denkbar! Was fällt Dir denn eigentlich ein. Dich da hinauf zu setzen und fest zu kleben wie ein alter, blinder Hahn auf seiner Stange?«

»Ich wollte nicht ersaufen.«

»Ersaufen? Wo denn? Etwa hier?«

»Ja.«

»Jetzt hört alles auf! Ist denn Wasser hier in diesem Loche gewesen?«

»Ja.«

»Man merkt doch gar nichts davon!«

Der überall an den Wänden und der Decke klebende Ruß verhinderte nämlich, die zurückgebliebene Feuchtigkeit zu bemerken. Und die auf dem Boden handhoch liegende Asche hatte das zurückgebliebene Wasser, welches von dem Schlauche nicht gefaßt worden war, vollständig aufgesaugt. Aus diesem Grunde hatte die Räucherkammer ein ganz trockenes Aussehen.

»Na, wir haben es freilich merken müssen,« behauptete der Wachtmeister. »Wir haben bis unter den Armen in der Fluth gestanden.«

»So hoch soll das Wasser gewesen sein? Unmöglich! Wie soll denn eine solche Menge hier herangekommen sein?«

»Durch die Feueresse.«

»Es hat ja gar nicht geregnet. Und selbst wenn es geregnet hätte, ja wenn es einen richtigen Wolkenbruch gegeben hätte, wäre es unmöglich, daß das Wasser hier mannshoch hätte stehen können.«

»So hat dieser verdammte Dobronitsch es durch seinen Spritzenschlauch hereinlaufen lassen.«

»So! Ah! Ich beginne zu errathen. Der Bauer hat Euch einen Streich gespielt.«

»So muß es sein.«

»Aber warum seid Ihr nicht fortgegangen? Warum seid Ihr hier in der Falle stecken geblieben?«

»Wir konnten nicht fort. Die Thür war hinter uns von Dobronitsch zugeriegelt worden.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja, wir haben es gesehen.«

»Ah! Ihr habt es gesehen und geduldet!«

»Wir wollten hier stecken bleiben, um den Boroda abzufangen. Darum blieben wir still.«

»Nun, ich begreife noch Verschiedenes nicht. Du wirst es mir später erklären. Kommt herab!«

Dieser Befehl war viel leichter gegeben als ausgeführt. Der Wachtmeister machte einen Versuch und erklärte dann: Ich kann nicht, ich bin ganz steif. Ich kann kein Glied ausstrecken und grad machen. Wie ich sitze, so sitze ich.«

»Und Du wohl auch, Propow?«

»Ja. Ich hänge fest,« antwortete der Fromme.

»Nun, so werde ich nachhelfen.«

Der Officier nahm die stets bereite Peitsche von seiner Seite und versetzte dem Wachtmeister einen gelinden Hieb.

»Nun, vorwärts!«

»Es geht nicht!« erklärte dieser trotz des Hiebes.

»Also stärker!«

Er holte kräftiger aus und knallte dem Wachtmeister so lange um die Beine, daß dieser vor Schmerz aufschrie und nun den ernsten Versuch machte, sich von den Stangen herab zu lassen. Da ihm aber sämmtliche Gelenke den Dienst versagten, fiel er herab wie ein Apfel vom Baum und blieb unten bewegungslos sitzen.

»Schau, wie es geht!« lachte der Officier. »Und so werden wir auch den Propow herunterbringen.

Er holte aus. Der fromme Nachbar wartete nur den ersten Hieb ab, dann ließ er sich schnell herabfallen und blieb neben dem Wachtmeister in der Asche sitzen. Beide ächzten und stöhnten aus Leibeskräften.

»Nun kommt heraus!« befahl der Officier.

Da sie nicht sofort gehorchten, so schlug er wieder zu. In Folge dieser freundlichen Unterstützung gelang es ihnen, sich halb und halb aufzurichten und die Räucherkammer zu verlassen. Er trieb sie mit der Peitsche vor sich her und zur Hausthür hinaus.

Sie konnten sich nicht aufrichten. Es sah aus, als ob Jemand zwei Paviane, die nur nothdürftig auf den Hinterbeinen gehen können, exerzieren lasse. Draußen setzten sie sich allsogleich in das Gras nieder.

Es läßt sich denken, daß das Erscheinen zwei solcher Gestalten bei den Anwesenden ein ungeheures Aufsehen erregte.

»Peter Dobronitsch,« wendete sich der Officier an den Bauer, »kennst Du diese Beiden?«

Der Gefragte trat nahe heran und betrachtete sie sich mit scheuer Miene. Nachdem er ihre mit Ruß dick beklebten Gesichter eine ganze Weile betrachtet hatte, schüttelte er verwundert den Kopf und antwortete:

»Nein, die kenne ich nicht.«

»Sie waren ja in Deinem Hause!«

»Das habe ich freilich bemerkt. Du bringst sie heraus, folglich müssen drin gewesen sein. Aber ich kenne sie nicht und weiß auch nichts wie sie hineingekommen sind.«

»Du hast sie ja eingeschlossen!«

»Ich? Das ist nicht wahr!«

»O doch! In Deine Räucherkammer.«

»Ah, da drin waren sie! Drum sehen sie so schwarz aus. Was haben sie denn da gewollt?«

»Das wirst Du wohl selbst auch wissen!«

»Hm! Die haben sich gewiß eingeschlichen, um zu stehlen, um die Räucherei auszuräumen! Aber es ist glücklicher Weise nichts mehr drin.«

Er machte ein so ehrliches Gesicht, daß es sehr schwer war, ihm zu mißtrauen.

»Sie behaupten aber, daß Du sie eingeschlossen hast!« fuhr der Oberlieutenant fort.

»Da lügen sie!«

»Nein, wir lügen nicht; es ist wahr!« rief der Wachtmeister in zornigem Tone.

Der Bauer blickte ihn kopfschüttelnd an und entgegnete ihm:

»Das müßte ich doch wissen!«

»Du weißt es auch!«

»Nein.«

»Nun, bist Du gestern Abend nicht in das Niederstübchen gekommen, wo das Licht brannte?«

»Ja. Ich pflege vor dem Zubettegehen erst nochmals das ganze Haus zu untersuchen, ob Alles in Ordnung ist.«

»Hast Du da nicht die Thür zur Räucherkammer zugemacht?«

»Die? Ja, jetzt fällt es mir ein! Die habe ich zugeriegelt, weil sie offen stand. Es muß sie Jemand von meinen Leuten offen gelassen haben. Das kann ich nicht leiden, und so habe ich sie zugemacht.«

»Aber uns hast Du dabei eingeschlossen!«

»Euch? Wart Ihr denn in der Räucherei?«

»Ja.«

»Ohne mein Wissen und meine Erlaubniß?«

Der Wachtmeister schwieg.

»Was habt Ihr denn drin gewollt?«

»Wir wollten – – –«

Er sprach den Satz nicht weiter aus.

»Nun, was wolltet Ihr denn drin?«

»Das brauchst Du nicht zu wissen.«

»Oho! Ich brauche es nicht zu wissen, wenn zwei fremde Kerle des Nachts in mein Haus schleichen? Das kann nur Einer sagen, der den Verstand verloren hat. Und wenn ich dann gekommen bin und die Thür zugemacht habe, warum habt Ihr Euch still verhalten? Warum seid Ihr nicht laut geworden? Warum habt Ihr Euch nicht gemeldet und mir gesagt, daß Ihr drin wart? Weil Ihr kein gutes Gewissen hattet und Euch nicht erwischen lassen wolltet. Ihr seid Spitzbuben und habt mich bestehlen wollen!«

»Schweig! Es kann mir nicht einfallen. Dich zu bestehlen; ich, der Wachtmeister Wassilei.«

»Wie? Was? Du bist der Wachtmeister?«

»Ja.«

»Die Stimme ists; das ist richtig. Aber wer ist denn da der Andere?«

»Dein Nachbar Sergius Propow.«

»Der, der! Welch eine Dummheit! Was habt Ihr denn eigentlich bei mir gewollt?«

»Nun, ich kann es Dir ja sagen. Wir wollten den Zobeljäger Boroda ergreifen.«

»Bei mir?«

»Ja. Wir glaubten, daß er wiederkommen werde.«

»Ach so! Aber, Kinderchen, warum habt Ihr mir das nicht auch gesagt! Ich hätte Euch ja gern mitgeholfen, auf ihn zu warten!«

»Du? Dir wäre es eingefallen?«

»Natürlich wäre es mir eingefallen! Ich hätte es mir zum größten Vergnügen gemacht, ihn mit zu fangen. Ist er denn gekommen?«

»Wissen wir es!«

»Ich denke, Ihr habt aufgepaßt?«

»Wir waren ja eingeschlossen!«

»Ja, Kinderchen, da habt Ihr einen großen Fehler begangen. Wenn man Jemand fangen will, darf man nicht sich selbst einschließen lassen. Ich habe natürlich das Recht, meine Thüren zu verschließen; Ihr aber dürft Euch nicht ohne meine Erlaubniß bei mir einschleichen. Ihr seid an Allem selber schuld und wollt Euern Zorn doch auf mich werfen. Ich kann Euch nicht begreifen.«

Der Officier hatte bisher ruhig zugehört. Jetzt ergriff er das Wort, sich an den Bauer wendend:

»Ich kann mir jetzt ein Bild des Geschehenen machen. Diese beiden Männer haben sich bei Dir eingeschlichen, um Boroda zu ergreifen. Sie müssen also geglaubt haben, daß er kommen werde!«

»Wie es scheint!« nickte Dobronitsch, indem er das aufrichtigste Gesicht der Welt machte.

»Das heißt, sie haben angenommen, daß er Schutz bei Dir suchen werde, also müssen sie doch denken, daß Du sein Freund bist.«

»Sein Freund? Wie kann ich der Freund eines Fremden sein, der niemals bei mir war!«

»Er war ja gestern hier!« fiel der Wachtmeister zornig ein.

»Ja, es war ein Fremder hier, welcher sich für einen Sänger ausgab. Der Wachtmeister hat ihn für den Boroda gehalten und ihn ergreifen wollen. Leider aber hat er ihn wieder entwischen lassen. Ich war in der Stadt. Wäre ich daheim gewesen, so hätte ich den Kerl festgehalten, und er wäre uns sicherlich nicht entkommen.

»So sagst Du jetzt!« knurrte der Kosak.

»Brüderchen, ich kann nicht anders sagen, als wie es ist. Wie aber kommt es, daß Sergius Propow den Boroda mit hat ergreifen wollen? Ist er auch Kosak und Polizist? Ich werde mich bei Deinem Sotnik über Dich beschweren, daß Du Deine Instructionen in einer solchen Weise überschreitest. Du wirst dann Deiner Strafe nicht entgehen. Und den Nachbar Propow werde ich ganz einfach anzeigen, daß er bei mir eingedrungen ist. Wer sich des Nachts in mein Haus schleicht, der will mich bestehlen. Das versteht sich ganz von selbst. Ich bin überzeugt, wenn ich Euch nicht zufälliger Weise eingeschlossen hätte, so wäre ich heut Nacht bestohlen worden.«

»Willst Du uns zu Dieben machen!« brauste der Wachtmeister auf.

»Schweig! Ihr habt nichts bei mir zu suchen. Ihr habt Euch, um eine Ausrede zu haben, das mit dem Boroda nur ausgesonnen. Wenn Ihr nicht habt stehlen wollen, so seid Ihr aus einem noch schlimmeren Grunde gekommen. Jeder von Euch Beiden hat es auf Mila, meine Tochter abgesehen gehabt, und als Ihr abgewiesen worden seid, habt Ihr drohende Reden fallen lassen. Vielleicht habt Ihr Euch vereint, um diese Drohungen auszuführen. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn ich nicht den Riegel vorgeschoben hätte! Leuten, welche sich nächtlicher Weise einschleichen, ist Alles zuzutrauen. Ich werde die Angelegenheit von dem Richter untersuchen lassen.«

Diese Ausführung verfehlte nicht, den beabsichtigten Eindruck auf den Oberlieutenant zu machen. Er wendete sich in zürnendem Tone an den Wachtmeister:

»Ist das wirklich wahr, daß Du den Boroda hast fangen wollen?«

»Ja.«

»Warum nimmst Du da einen Bauer dazu? Es war Deine Pflicht, es dem Sotnik zu melden.«

»Weil – weil ich mir die Prämie selbst verdienen wollte.«

»Ach so! Das ist freilich ganz gegen Deine Verpflichtung. Du hast erfahren, wozu eine solche Insubordination führt. Also Du wolltest die Prämie nur mit Sergius Propow theilen?«

»Nein. Er wollte sie mir lassen.«

»So muß er einen andern Grund gehabt haben, sich Dir anzuschließen. Sage die Wahrheit!«

»Er wollte sich an Dobronitsch rächen, weil dieser ihm seine Tochter nicht gegeben hatte.«

»Ah, so hat Dobronitsch also Recht! Ihr habt Euch rächen wollen. Kerl, Du hast die Knute verdient. Es ist Dein Glück, daß ich nicht Dein Vorgesetzter bin. Und was ist denn das mit dem Wasser gewesen? Es soll Euch bis an die Achseln gegangen sein, und jetzt ist keins mehr da. Das ist mir völlig unbegreiflich.«

»Herr, fühle unsere Kleider an! Sie sind noch ganz feucht.«

»Das ist kein Wunder, wenn man eine ganze Nacht in einem solchen Loche zubringt. Ich will die Sache nicht untersuchen. Dein Sotnik wird das thun, und ich werde ihm meine Meldung darüber zugehen lassen. Ein Soldat, noch dazu Wachtmeister, welcher sich in einem solchen Aufzuge ertappen läßt, hat eine exemplarische Strafe verdient. Geh zum Brunnen und wasche Dich! Dann meldest Du Dich wieder bei mir!«

Der Kosak wollte sich erheben; aber mit den steifen Gliedern ging das nicht so schnell.

»Nun vorwärts! Wird es bald!«

Bei diesen Worten versetzte der Officier ihm einige so kräftige Hiebe, daß er schnell auffuhr und davonsprang.

»Und Du, Schuft, mache Dich schleunigst von dannen!« schrie der Oberlieutenant Propow an, indem er tüchtig auf ihn einschlug.

Der Bauer brüllte vor Schmerz laut auf und wollte fort. Da aber ergriff Dobronitsch ihn am Arme und sagte

»Halt, Nachbarchen! Der Herr Officier hat Dich zwar aufgefordert, zu gehen, aber ich kann es Dir nicht erlauben. Ich habe Dich in meiner Wohnung ertappt, in welche Du des Nachts heimlich eingedrungen bist. Es ist auch durch den Wachtmeister als Zeugen erwiesen, daß Du Dich hast rächen wollen, und so habe ich keine Lust, Dich so gemüthlich nach Hause gehen zu lassen. Du bleibst hier. Ich werde Dich dem Gericht übergeben und deshalb sogleich nach der Stadt schicken. Ich kann mich ja meines Lebens gar nicht mehr sicher fühlen und werde Dir, bis die Polizei kommt, dasselbe Logis anweisen, welches Du selbst Dir gestern auserwählt hast!«

Der Fromme erschrak auf das Höchste. Das hatte er sich freilich nicht gedacht.

»Wie, Nachbar, Du willst mich anzeigen?« stammelte er. »Ich habe Dir ja gar nichts gethan!«

»Das wird sich finden.«

»Und in die Räucherkammer willst Du mich stecken? Herrgott! Mir das! Dem frommen, Gott wohlgefälligen Sergius Propow! Ich bin ja in meinem ganzen Leben noch niemals arretirt worden!«

»So wirst Du heut erfahren, wie es ist, wenn man eingesteckt wird. Komm, folge mir!«

»Peter Dobronitsch!«

»Pah! Ich spaße nicht. Vorwärts!«

»Ich gehe nicht!«

»So muß ich Gewalt anwenden!«

»Das darfst Du nicht!«

»Soll ich Dich etwa um Erlaubniß fragen? Du berufest Dich darauf, daß Du mein Nachbar bist, und ich sage, es ist schlimm genug, wenn ein Nachbar sich an dem Andern rächen will. Du nennst Dich fromm. Nun wohl, ich werde Dir in der Räucherkammer Gelegenheit geben, recht ungestört andächtige Betrachtungen anzustellen. Steckt ihn hinein und vergeßt es nicht, den Riegel vorzuschieben!«

Diese letztere Aufforderung war an seine Knechte gerichtet. Sie wollten Propow ergreifen, und er wehrte sich dagegen. Da aber zog der Officier ihm einige tüchtige Hiebe über und sagte:

»Hund, willst Du gleich gehorchen! Du hast es verdient und Peter Dobronitsch ist in seinem vollen Rechte. Wenn Du nicht freiwillig mitgehst, werden meine Kosaken helfen.«

Jetzt ließ sich der Gott Wohlgefällige abführen und in die Räucherkammer schließen.

Da diese Angelegenheit beendet war, dachte der Officier wieder an die seinige, nämlich an die Aussuchung des Bauerngutes nach dem entflohenen Kosaken Nummer Zehn. Er wendete sich an den Besitzer:

»Peter Dobronitsch, jetzt möchte ich einmal die obern Räume und die Keller Deines Hauses sehen, ob der Gesuchte sich darinnen befindet.«

»Ich werde Dir Alles aufschließen lassen.«

»Am Besten ist es doch, daß Du selbst mitgehest.«

»Ich muß hier bleiben, damit kein Unwillkommener Zutritt nimmt.«

»Das ist nicht mehr nothwendig. Du siehst ja, daß sich Alles freundlich für Dich gestaltet hat, und ich gebe Dir mein Wort, daß Niemand, dem Du es verboten hast, in Dein Haus treten wird.«

»Wenn Du es sagst, so vertraue ich Dir.«

Sie traten mit einander ein, und der Korporal folgte ihnen. Der Oberlieutenant durchsuchte die genannten Räume alle sehr genau, doch vergeblich, und nun ging es an die Nebengebäude, welche der Bauer ihm auch alle getrost öffnen konnte.

Indessen hatte der Graf sich mit dem einstigen Derwisch leise und heimlich unterhalten. Der Inhalt ihres Gespräches schien kein freundlicher zu sein. Ihre Gesichter waren sehr ernst, und es schien, daß sie sich gegenseitige Vorwürfe machten.

Der Graf zürnte dem Derwisch, daß er nach Sibirien gekommen war. Er sagte:

»Als Du von Amerika zurückkehrtest, wo Du nur mit genauer Noth jenem Steinbach entkommen warst, wandtest Du Dich an mich, und ich gab Dir Geld. Ich knüpfte an diese Gabe die Bedingung, daß Du fortan meinen Weg nicht mehr kreuzen solltest, und Du versprachst mir, Dich fortan an einen abgelegenen Ort zurückzuziehen. Hier nun trittst Du mir wieder in den Weg!«

»Kann ich dafür? Ich habe mein Wort gehalten.«

»Nein.«

»Nun, habe ich mich nicht an einen sehr abgelegenen Ort zurückgezogen? Ist Sibirien nicht abgelegen genug?«

»Ja, aber Du wußtest, daß ich nach Sibirien gehen wollte und bist mir nachgereist.«

»Hm!«

Indem der Derwisch so vor sich hinbrummte, zeigte sein Gesicht den Ausdruck eines verschlagenen, beutegierigen Raubthieres.

»Kannst Du es leugnen?« fragte der Graf.

»Soll ich aufrichtig sein?«

»Ich verlange das sogar von Dir!«

»So will ich gestehen, daß ich hierhergekommen bin, um Dich zu treffen.«

»Donnerwetter! So habe ich also richtig vermuthet. Du bist mir in voller Absicht nachgereist.«

»Ja.«

»Und welches ist Deine Absicht?«

»Ein einziges Wort, Geld!«

»Dachte es mir! Du wirst aber diese Absicht dieses Mal bei mir keineswegs erreichen.«

»Das befürchte ich nicht.«

»Gewiß! Du bekommst keinen Rubel.«

»Das wäre sehr unklug von Dir.«

»Ich kann nichts Klügeres thun.«

»Wenn Du nicht zahlst, verrathe ich alles!«

»Und wenn ich zahle, so kommst Du immer wieder. Du saugest mich aus wie ein Blutegel.«

»Es ist das letzte Mal.«

»Das sagest Du stets.«

»Dieses Mal ist es wahr.«

»So! Wie viel brauchest Du?«

»Hm! Da es das letzte Mal sein soll, so muß ich mich vorsehen. Ich kann nicht zu wenig verlangen.«

»Das kann ich mir freilich denken. Du bist ja unersättlich. Sage die Summe!«

»Du wirst über sie erschrecken!«

»Wollen sehen. Also?«

»Fünfzigtausend Rubel.«

»Du bist fünfzigtausendmal verrückt.«

»Ich glaube nicht. Kann ich verrückt genannt werden, wenn ich gut für mich sorge?«

»Ah! Du spottest auch noch?«

»Nein. Wir brauchen uns ja gar nicht aufzuregen. Sage mir kurz, ob Du willst oder nicht. Dann sind wir fertig.«

»Und wenn ich nicht will?«

»So sage ich es Steinbach, wo Du bist.«

»Steinbach? Ah! Ehe Du diesen findest, habe ich dieses gelobte Sibirien längst verlassen.«

»Täusche Dich nicht. Er ist an einem Orte, an welchem Du ihn jedenfalls nicht vermuthest.«

»In Amerika oder Deutschland.«

»O nein. Meinst Du, er wisse nicht auch, daß Du nach Sibirien gegangen bist?«

»Wer soll es ihm gesagt haben.«

»Das weiß ich nicht; aber er hat Deine Spur.«

»Männchen, mache mir nichts weiß! Mich bringst Du nicht so schnell zum Fürchten.«

»Glaube es, oder glaube es nicht!«

»Ich glaube es eben nicht.«

»So wirst Du es bereuen.«

»O, ich weiß, woran ich bin. Du willst einen gelinden Druck auf meinen Beutel ausüben.«

»Das beabsichtige ich allerdings, wie ich offen gestehen will; aber das, was ich von Steinbach sage, ist wahr.«

»So beweise es; aber sage mir keine Lüge.«

»Ich brauche mir nichts auszusinnen. Ich weiß, daß er sich ganz in der Nähe befindet.«

»In der Nähe des Mückenflusses?«

»Ja.«

»Mensch, das ist ja lächerlich!«

»O, vielleicht trifft er schon heut hier ein!«

»Meinst Du, daß ich das glaube? Ich lasse mich nicht in das Bockshorn jagen.«

»Nun, so ist es unnütz, weiter mit Dir zu reden. Du glaub mir nicht, und so will ich mir weiter keine Mühe geben.«

Er that, als ob er sich abwenden wolle. Der Graf fühlte doch eine kleine Besorgniß, er faßte ihn am Arme, hielt ihn zurück und fragte:

»Sage mir, wo er sein soll!«

»Du glaubst es doch nicht.«

»Vielleicht halte ich es für wahr.«

»Nun, er ist in Platowa.«

»Unsinn!« rief der Graf, laut auflachend.

»Siehst Du, daß ich umsonst rede! Du lachst sogar über das, was ich Dir sage.«

»Muß ich nicht?«

»Nein. Du hast keine Ursache zum Lachen.«

»Wie kann er in Platowa sein!«

»Ebenso wie wir Beide dort gewesen sind.«

»Ich müßte es erfahren haben.«

»Das ist nicht grad nöthig.«

»Weißt Du es denn gewiß?«

»Ja.«

»So hast Du ihn gesehen?«

»Nein.«

»Sapperment! Wie kannst Du da wissen, daß er sich dort befindet!« »Ich weiß es, obgleich ich ihn weder gesehen, noch es von Anderen gehört habe, daß er dort ist. Ich habe Personen gesehen, die sich stets in seiner Nähe befinden.«

»Seine Dienerschaft?«

»Nein. Er reist ohne Diener. Ich sah mehrere Kameraden von ihm, die ich genau kenne.«

»So! Wer waren sie? Kenne ich sie auch?

»Hast Du jemals den Namen Sam Bart gehört?«

»Ja.«

»Jim und Tim Snaker?«

»Auch. Das sind ja die drei Kerls, welche Dir in Amerika so viel zu schaffen gemacht haben.«

»Ja, wo sie sind, da ist auch er.«

»Sind sie denn in Platowa?«

»Ja.«

»Mensch, für wie dumm hältst Du mich denn, daß Du glaubst, mir einen so ungeheuren Bären aufbinden zu können!«

»Für dumm halte ich Dich freilich nicht.«

»So komme mir auch nicht mit solchem Unsinn.«

»So denke, was Du willst. Ich aber werde mich sehr bald aus dem Staube machen, damit ich nicht etwa von ihm gesehen werde.«

»Du sprichst da freilich in einem Tone, als ob Du Deiner Sache ganz sicher seist.«

»Natürlich bin ich das.«

»Höre, ich will Dir Etwas sagen. Scherz bei Seite! Die Sache ist ernst.«

»Das meine ich auch.«

»Es ist natürlich gradezu unglaublich, daß dieser Steinbach in Sibirien sein kann. So ein Deutscher, welcher – – –«

»Pah!« unterbrach ihn der Derwisch. »Soll er etwa, weil er ein Deutscher ist, nicht nach hier kommen? Grad diese verfluchten Deutschen sind es, denen man auf Schritt und Tritt und an allen Ecken und Enden begegnet, ich wüßte nicht, was er in Sibirien wollte.«

Der Derwisch lachte höhnisch auf.

»Graf Polikeff, Du bist wirklich nicht so klug, wie ich dachte. Hast Du vergessen, daß Steinbach den Diener Nena damals in der Wüste gerettet hat?«

»Das weiß ich noch.«

»Nena wird ihm Alles gesagt haben.

»Schwerlich!«

»Gewiß, ganz gewiß!«

»O nein. Nena hat uns damals mit geholfen. Er wird doch nicht von seiner eignen Schuld erzählen.«

»Warum nicht, wenn er Lohn findet anstatt der Bestrafung.«

»Pah! Lohn!«

»Jedenfalls. Er hat bereut. Er hat Alles erzählt, um sich Steinbach dankbar zu erweisen.«

»Ich glaube es nicht.«

»Nun, ich bin gewöhnt, mit allen Ziffern zu rechnen. Ich weiß, daß Nena ursprünglich ein guter Kerl war. Dein Geld hat ihn verführt. Dann hast Du es ihm schlecht gelohnt und ihn an die Araber verkauft – – –«

»Um ihn los zu werden.«

»Natürlich. Das aber hat er Dir ebenso natürlich übel genommen. Er hat Rache gekocht. Da wurde er von Steinbach, Deinem Todfeind errettet. Was ist einfacher, als daß er aus Dankbarkeit für ihn und aus Rache gegen Dich ihm Alles verrathen?«

»Mensch, so wie Du es darstellst, ist die Sache freilich plausibel.«

»Mir erscheint sie nicht etwa nur wahrscheinlich sondern unumstößlich sicher und gewiß.«

»Ja, je mehr ich es mir überlege, desto mehr möchte ich daran glauben.«

»Thue es; ich rathe es Dir!«

»Donnerwetter! Wenn es so wäre!«

»Es ist jedenfalls so.«

»Nena weiß, daß der Maharadscha sich als Verbannter hier in Sibirien befindet.«

»Ja. Was ist die Folge? Steinbach wird nach Sibirien kommen, um ihn zu befreien.«

»Alle Teufel!«

»Und Gökala zu heirathen!«

»Lieber tödte ich sie!«

»Wenn Du kannst!«

»Ich kann das in jedem Augenblick.«

»Wo ist sie denn jetzt?«

»In Platowa.«

»Alle Teufel! Also in Sibirien? Aber was fällt Dir denn ein, sie mit nach Sibirien zu schleppen?«

»Soll ich sie daheim lassen! Damit sie mir entweicht.«

»Fällt ihr nicht ein! Die bleibt dort sitzen, wo Du sie hinsetzest; dafür hast Du gesorgt.«

»Meinst Du?«

»Ja. Sie glaubt wirklich, daß ihr Vater verloren ist, wenn sie Dich verläßt.«

»Diese Lüge war das einzige Band, mit welchem ich sie an meine Person binden konnte.«

»Also konntest Du sie an einem sicheren Orte lassen, anstatt sie mit nach hier zu nehmen.«

»Es ist auf alle Fälle besser, sie befindet sich bei mir. Das ist meine Ueberzeugung.«

»Und meine Ueberzeugung ist, daß diese Liebe Dich noch einmal unglücklich machen wird.«

»Du, rege mich nicht auf!«

»Das beabsichtige ich nicht; ich will nur den Fall von allen Seiten möglichst beleuchten.«

»Der Gedanke, daß Steinbach sie findet, könnte mich wahnsinnig machen.«

»Und ist er denn so unwahrscheinlich?«

»Nein. Aber sie ist glücklicher Weise bei Leuten, auf welche ich mich verlassen kann.«

»Bei wem?«

»Beim Kreishauptmann.«

»Ah, bei diesem Menschen! Na, da gratulire ich Dir von ganzem Herzen.«

»Warum?«

»Dieser Mann ist mir wie ein geltgieriger Filz vorgekommen.«

»Das ist er auch.«

»Bei ihm ist mit Geld Alles zu erreichen, und – – Steinbach muß Geld haben, viel Geld.«

»Donnerwetter! Hätte ich sie doch lieber mit hierher genommen!«

»Das wäre gescheidter gewesen.«

»Ich möchte am allerliebsten gleich wieder zurück, um sie nachzuholen.«

»Schau! Erst glaubtest Du mir kein Wort, und jetzt bist Du ganz Feuer und Flamme!«

»Es ist auch darnach!«

»Was willst Du denn eigentlich hier am Mückenflusse?«

»Das ist ein Geheimniß.«

»Für mich auch?«

»Ja.«

»Ich will es Dir nicht entlocken. Ich weiß genug von Dir, um Dich fest in der Hand zu haben; das darfst Du nicht vergessen.«

»Ja, Du bist wie ein böses Gewissen. Dich werde ich nicht los!«

»Und selbst in dieses Geheimniß dringe ich ein, ohne daß Du mir es zu sagen brauchst.«

»Schwerlich!«

»Pah! Es ist sehr leicht zu errathen.«

»So rathe einmal!«

»Was könntest Du hier in Sibirien zu thun haben? Wen könntest Du suchen? Es ist kein anderer Mensch hier, für den Du Dich interessirst als der Maharadscha.«

»Du bist wirklich scharfsinnig,« lachte der Graf.

Er wollte nicht zugeben, daß der Derwisch Recht hatte. Aber sein Lachen klang so gepreßt, daß dieser sogleich bemerkte, daß er sehr richtig gerathen habe.

Beide waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie auf weiter nichts achteten, als daß sie weit genug von den Uebrigen standen. So hatten sie auch nicht bemerkt, daß der Zobeljäger Nummer fünf aufgestanden und hinter das Haus gegangen war. Er ging hinter demselben herum und blieb an der Ecke stehen, an deren anderen Seite sie standen.

Dort lehnte er sich scheinbar sehr gleichgiltig an die Wand und nahm eine Miene an, als ob er nur in sich selbst allein versunken sei. Die Beiden wußten nicht, daß Jemand dastand, und sie sprachen so laut, daß er Alles hörte.

»Nun, habe ich das Richtige getroffen?« fragte der Derwisch.

»Nein.«

»O gewiß!«

»Nein, nein. Du irrst Dich. Ich habe hier noch ganz andere Dinge zu thun. Was geht mich der Maharadscha an! Er ist abgethan.«

»Oder auch nicht.«

»Oho! Ich weiß ja gar nicht einmal, wo er sich befindet.«

»So kann man ihn suchen.«

»Ich kenne seine Nummer nicht.«

»Die ist zu erfahren bei irgend einem Beamten, den Du wohl kennen wirst.«

»Ich kenne keinen, der mir Auskunft geben könne.«

»Und ich kenne Dich. Mich täuschest Du nicht. Nimm Dich in Acht, daß Dir Steinbach nicht auf den Pelz kommt!«

»Er soll es wagen!«

Der Graf sagte das in drohendem Tone. Der Andere aber meinte ziemlich höhnisch:

»Ich glaube nicht, daß er viel wagen würde.«

»O, ich würde ihn vernichten.«

»Warum hast Du ihn da nicht schon längst vernichtet? Du hast ihn ja oft getroffen.«

»Es paßte nicht.«

»So wird es auch hier wieder nicht passen. Er ist ein ganz anderer Mann als Du.«

»Willst Du mich beleidigen!«

»Nein; aber die Erfahrung hat bewiesen, daß, wenn Ihr Beide einander begegnet, ist er es nicht, der sich in Gefahr befindet.«

»Ganz dasselbe ist auch mit Dir der Fall.«

»Das bestreite ich nicht. Wir sind ihm eben nicht gewachsen, alle Beide mit einander nicht.«

»Das ist zu viel gesagt.«

»O nein. Ich kenne Dich, mich und ihn.«

»Ich will Dich keineswegs um Deine vortreffliche Selbsterkenntniß bringen.«

»Es würde auch alle darauf bezügliche Mühe vollständig nutzlos sein.«

»Streiten wir uns nicht! Ich vermuthe sehr, daß wir uns ganz vergeblich wegen ihm ängstigen. Es fragt sich, ob er da ist.«

»Ich möchte darauf schwören. Was wollten jene Amerikaner hier, wenn er nicht bei ihnen wäre?«

»Vielleicht hast Du sie verkannt.«

»Nein; das weiß ich ganz bestimmt.«

»Wo hast Du sie denn gesehen?«

»Auf dem Jahrmarkte. Ich erblickte sie alle Drei und hatte kaum Zeit, hinter einigen Zelten zu verschwinden und mich schleunigst davonzumachen.«

»Sie waren es wirklich?«

»Ja. Sie trugen sogar die Kleidung, in der ich sie drüben kennen gelernt habe.«

»Sapperment! So ist es freilich wahrscheinlich, daß er sich auch in Platowa befindet. Hoffentlich bist Du nicht von ihnen gesehen worden?«

»Ich möchte im Gegentheile behaupten, daß sie mich gesehen haben.«

»Das wäre dumm.«

»Freilich, denn sie werden mich verfolgen.«

»Pah! Sie haben Dich vielleicht gesehen aber nicht erkannt.«

»Haben sie mich einmal gesehen, so haben sie mich auch erkannt. Das ist sicher.«

»Aber wie wollen sie Dich verfolgen? Wissen sie, wie Du Dich hier nennst?«

»Nein, aber sie werden es bald erfahren.«

»Das dürfte ihnen sehr schwer fallen!«

»Denen? O so Etwas fällt solchen Leuten nicht schwer, sondern ganz entsetzlich leicht.«

»Sie sind doch keine Geheimpolizisten!«

»Aber noch viel schlimmer als diese. Gieb so einem Prairiejäger einen halben Fußtapfen, so braucht er gar keine Fährte; er findet Dich durch den Geruch.«

»So schlimm ist es doch wohl nicht.«

»O, ich kenne sie.«

»Es ist ein Unterschied zwischen dem Verfolgen einer sichtbaren Fährte und dem Aufsuchen eines Menschen, von dem man gar nichts in den Händen hat. Dazu gehört eine Divinationsgabe, die nicht Jeder hat.«

»Diese Kerls haben sie in hohem Maße. Sie hatten in Amerika auch keine sichtbare Fährte von mir und haben mich doch sicher aufgestöbert.«

»Hier ists dennoch etwas Anderes!«

»Ja, dann ist es hier viel leichter.«

»Schwerer!«

»Nein, leichter. Drüben gab es keinen Beamten, dem man die Legitimation vorzeigen mußte, und bei welchem sie sich nur zu erkundigen brauchten. Hier aber, wenn sie zu dem Kreishauptmann gehen, erfahren sie Alles.«

»Sie werden doch nicht!«

»O, ich traue es ihnen sehr zu!«

»Daß sie Dir nach dem Mückenflusse folgen?«

»Ja.«

»So kannst Du nur schleunigst aufbrechen, sonst erwischen sie Dich!«

»Dasselbe ist auch mit Dir der Fall. Ich habe mich, wie ich bereits sagte, sofort aus dem Staube gemacht. Es war ein Glück, daß ich mir einen tüchtigen Führer engagirt hatte.«

»Was beabsichtigest Du denn eigentlich hier in Sibirien?«

»Zobel fangen.«

»Aber wozu denn nur?«

»Eigenthümliche Frage! Ich will die Felle verkaufen, um mir Geld zu verdienen.«

»Wie aber bist Du grad auf den Gedanken gekommen, Zobeljäger zu werden?«

»Nur so nebenbei. Die Hauptsache war, ich wußte, daß Du nach Sibirien gegangen warst. Ich wollte Dich finden.«

»Diesen Zweck hast Du erreicht; aber einen Nutzen hast Du freilich nicht davon.«

»Ich hoffe doch!«

»O nein. Geld bekommst Du nicht.«

»So bleibe ich hier sicher und warte, bis Steinbach kommt. Dem sage ich Alles.«

»Dann bin ich fort.«

»O, wenn ich diesen Schweißhund auf Deine Spur stelle, so holt er Dich ein. Du magst gehen, wohin Du willst.«

»Ich werde meine Spur zu verwischen wissen.«

»Aber an ihn kommst Du doch nicht.«

»Mag sein.«

»Vielleicht auch an mich nicht.«

»Oho! Ueberhebe Dich nicht!«

»Ist gar nicht nöthig. Ich kann Dir sehr leicht beweisen, daß ich Dir sehr über bin.«

»So sei so gut und beweise es einmal!«

»Schön! Warum hast Du mir gesagt, wo Gökala sich befindet?«

»Warum hätte ich es Dir nicht sagen sollen? Es kann mir ja gar nichts schaden!«

»Sehr viel! Ich brauche ja blos die Ankunft Steinbachs zu erwarten und ihm zu sagen, wo sie ist.«

»Das wirst Du nicht thun.«

»Ich werde es ihm aber grade sagen, grad, wenn Du mir kein Geld zahlen willst.«

»Mensch, Du bist ein Schuft!«

»Richtig! Jeder Mensch ist mehr oder weniger Schuft. Du bist nicht der kleinste.«

»Kerl, mäßige Dich!

»Pah! Wir kennen uns. Ich brauche Geld, und Du wirst mir welches geben.«

»Den Teufel werde ich! Fällt mir gar nicht ein! Ich brauche mein Geld selber.«

»Nun, so behalte es! Mir kann es gleich sein, wer Gökala bekommt, er oder Du!«

»Wer sie bekommt? Davon ist doch wohl keine Rede, sondern davon, wer sie hat, und der bin ich!«

»Auch davon kann die Rede nicht sein, sondern davon, wer sie behält. Vielleicht hat er sie sich schon jetzt in diesem Augenblicke von dem Kreishauptmanne geholt.«

»Der giebt sie ihm nicht.«

»Hm! Er liebt das Geld.«

»Grad deshalb giebt er sie ihm nicht. Er hat Geld von mir zu erwarten, wenn er treu ist.«

»Ach so! Also ihm giebst Du Geld, mir aber nicht. Jetzt weiß ich, was ich wissen muß.«

»Das ist etwas Anderes. Er leistet mir Etwas für das, was er erhält. Du aber forderst immer und immer wieder Geld für Das, was Du mir vor langer Zeit geleistet hast und was ich Dir längst doppelt und dreifach bezahlt habe.«

»Ich bin bereit. Dir auch jetzt noch zu leisten.«

»Ich danke! Ich brauche Dich nicht mehr.«

»Ach so! Vielleicht kommt die Zeit, in welcher Du mich sehr gut gebrauchen könntest, und wirst mich aber nicht haben.«

»Ich glaube nicht, daß eine solche Zeit noch kommen wird.«

»Sie ist vielleicht schon nahe.«

»Das bezweifle ich!«

»Nun, ich setze zum Beispiel den Fall, daß Steinbach Dich verfolgt. Wie dann?«

»Da kannst Du mir nicht helfen.«

»Du würdest natürlich fliehen?«

»Dazu brauchtest Du einen tüchtigen Führer, einen Mann, der Steinbach gewachsen ist.«

»Willst etwa Du der sein?«

»Nein. Aber ich könnte Dir da einen Dienst erweisen, indem ich Dir meinen Führer abtrete.«

»Ist der Mann so ausgezeichnet?«

»Ja. Er ist der berühmteste Zobeljäger, den es giebt.«

»Wie heißt er?«

»Gar nicht, er trägt die Nummer fünf.«

»Donnerwetter!«

Indem der Graf diesen Fluch ausstieß, fuhr er zwei Schritte zurück. Er machte ein Gesicht, als ob er etwas ganz Erstaunliches und zugleich Erfreuliches gehört habe. Der Derwisch sah das natürlich und fragte:

»Kennst Du ihn?«

»Nein,« antwortete der Graf, indem er sich ein ruhiges Aussehen gab.

»Es sah aber grad so aus.«

»Gehört habe ich von diesem Nummer Fünf.«

»Was hat man Dir erzählt?«

»Nun eben daß er ein großer Zobeljäger sei. Ich möchte ihn einmal sehen. Wo ist er?«

»Dort unter meinen Leuten,« fügte aber dann rasch hinzu: »Er ist nicht dort. Er muß einmal fortgegangen sein.«

»Wird wohl wiederkommen,« sagte der Graf, welcher sich Mühe gab, gleichgiltig zu erscheinen. »Was ist er denn im Umgang für ein Mann?«

»Einsilbig und zurückhaltend.«

»Erzählt er seine Erlebnisse?«

»Nie.«

»Diese Leute berichten aber doch sonst so sehr gern von ihren Abenteuern.«

»Der nicht.«

»Spricht er auch nicht von seiner Vergangenheit?«

»Noch mit keinem Laute.«

»So weißt Du also wohl auch nicht, was er früher gewesen ist?«

»Nein.«

»Oder weshalb er verbannt wurde?«

»Ebenso wenig. Ich weiß von ihm nur Dreierlei: daß er ein Verbannter ist, welcher die Nummer fünf führt, daß er ein großer Zobeljäger ist, und daß seine Begleiter einen gewaltigen Respect vor ihm haben. Warum erkundigest Du Dich so angelegentlich nach ihm?«

»Weil ich ein passionirter Jagdliebhaber bin und mich also für einen Jeden interessiren muß, den man einen berühmten Zobeljäger nennt.«

»So, so! Schau, dort kommt er.«

Sobald nämlich Nummer Fünf hörte, daß von ihm die Rede sei und daß man sein Verschwinden bemerkt habe, verließ er seinen Lauscherposten. Er wollte nicht nach sich suchen lassen, weil sonst leicht entdeckt werden konnte, daß er gehorcht.

Er hatte Dinge gehört, welche für ihn von der allergrößten Wichtigkeit waren. Nur Eins blieb ihm ein Räthsel, nämlich der Name Gökala. Wer hieß so? Seine Tochter hatte Semawa geheißen. Gökala hatte ganz dieselbe Bedeutung. Semawa ist arabisch und Gökala türkisch; Beides bedeutet soviel wie himmelblau.

Er nahm seinen Sitz wieder ein und versank in tiefes Nachdenken. Er wußte, daß der Graf nun auf ihn sprechen werde, und nahm sich vor, so zu thun, als ob er ihn gar nicht erkenne.

Er hatte ganz recht vermuthet. Bereits nach kurzer Zeit ging der Graf an ihm vorüber und gab ihm einen heimlichen Wink, ihm zu folgen. Er aber that, als ob er ihn gar nicht verstanden habe.

*

89

Nach abermals einiger Zeit trat der Graf hinter einem Strauche hervor und winkte ihm zum zweiten Male. Er that wieder, als ob er den Wink nicht gesehen oder wenigstens nicht verstanden habe.

Der ehemalige Derwisch war, ganz wie er so selbstbewußt gesagt hatte, klüger als der Graf. Als er sich von diesem getrennt hatte, that er so, als ob er ihn gar nicht mehr beachte, doch behielt er ihn grad sehr scharf im Auge. So bemerkte er die beiden Winke. Als der Zobeljäger denselben nicht folgte, ging er hin zu ihm, hieß ihn aufstehen und fragte:

»Hast Du gesehen, wo sich der Graf befindet?«

»Ja, Herr.«

»Und hast Du auch bemerkt, daß er Dir bereits zweimal einen Wink gegeben hat?«

»Nein.«

»Er scheint mit Dir sprechen zu wollen.«

»Das ist mir gleich. Ich habe doch mit diesem fremden Manne nichts zu thun.«

»Aber ich wünsche, daß Du zu ihm gehest.«

Wenn Du es wünschest, werde ich es thun.«

»Aber höre, was ich Dir sage! Er darf nicht wissen, daß ich seine Winke gesehen und Dich auf dieselben aufmerksam gemacht habe. Du wirst ihm das also nicht sagen.«

»Ich werde es verschweigen.«

»Gut, so gehe!«

Der Jäger ging. Er suchte den Grafen am Brunnen auf, wo derselbe stand.

Kaum aber war er hinter den dort stehenden Sträuchern verschwunden, so schlich sich der Derwisch schleunigst auch hin. Unter Umständen ist es am hellen Tage leichter als bei Nacht, Jemand zu belauschen, weil man am Tage sich zu sicher wähnt.

So auch hier. Der Derwisch wurde Zeuge fast des ganzen Gesprächs zwischen den Beiden.

Es war ein höchst eigenthümliches Gefühl, mit welchem der Graf das Nahen des Jägers erwartete. Das war freilich auch sehr leicht erklärlich.

Er hatte den Maharadscha um den Thron, die Heimath, das Kind, um sein Eigenthum, seine Freiheit, kurz um Alles, Alles gebracht und war ihm seit jener Zeit nicht wieder begegnet. Jetzt nun sollte er ihn zum ersten Male wieder sehen. Wie würde der Unglückliche sich gegen ihn verhalten? Diese Frage lag ihm schwer auf dem Herzen.

Der Graf nahm sich natürlich vor, ganz so zu thun, als ob er ihn nicht für den Maharadscha halte, als ob er das damalige Urtheil des Gerichtes auch heut noch für gerecht erkläre. Nach dem Verhalten des Verbannten sollte sich dann das seinige richten. Er wollte ihm die Freiheit wieder verschaffen und beabsichtigte, dafür Gökala zur Frau und dann die Thronfolge für sich zu fordern.

Jetzt hörte er langsame, nahende Schritte, und der Verbannte trat zu ihm.

Dieser wußte ganz genau, wen er vor sich hatte. Er hatte ihn sofort erkannt, und der Graf hatte ja auch, als er kam, dem Bauer seinen Namen genannt.

Welche Gefühle mußte der einstige Herrscher eines indischen Königreiches empfinden, als er jetzt den Mann vor sich sah, dem er all sein Elend zu verdanken hatte! Aber er ließ sich nichts gar nichts merken. Sein Gesicht war ruhig und unbewegt. Ihm waren die stürmischen Regungen nicht anzusehen, welche im tiefen Herzen tobten.

»Hattest Du mir gewinkt, Herr?« fragte er.

»Ja, zweimal. Sahest Du es nicht bereits das erste Mal?«

»Ja.«

»Warum kamst Du nicht?«

»Ich kenne Dich nicht und glaubte, ich habe falsch gesehen. Ich wußte doch nicht, weshalb Du mir winken könntest.«

»Ich möchte mit Dir reden.«

»So sprich!«

»Es ist nichts Gewöhnliches, was ich Dir zu sagen habe.«

»Gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist mir Alles gleich. Dem Verbannten kann nichts mehr lieb oder unlieb sein.«

»Auch Weib und Kind nicht?«

»Auch diese nicht. Er hat keine Heimath und keinen Namen, kein Recht, keine Seele, kein Gefühl. Er ist eine Ziffer, eine Null.«

»Ja, es muß schrecklich sein, ein Verbannter zu sein!«

»Schrecklich? Dieses Wort ist noch viel zu schön. Es giebt gar kein Wort, welches das Unglück des Verbannten bezeichnen könnte.«

Er sagte das so ruhig hin, als ob es ihm gar nichts angehe. Nicht einmal sein Auge bekam dabei einen anderen Glanz. Der Graf fragte:

»Also Du kennst mich nicht?«

»Nein.«

»Schau mich einmal schärfer an!«

Nummer Fünf betrachtete ihn mit einem halb verwunderten Blicke.

»Nun komme ich Dir auch jetzt noch nicht bekannt vor? Bin ich Dir noch immer fremd?«

»Ja.«

»Besinne Dich!«

»Dessen bedarf es nicht.«

»Wirklich? Ich habe geglaubt. Du müssest mich gleich beim ersten Blicke erkennen.«

»Ich habe Dich noch nie gesehen.«

»O doch.«

»Nein.«

»Nun, Du täuschest Dich. Ich brauche Dir nur meinen Namen zu nennen. Hast Du ihn nicht gehört? Ich nannte ihn vorhin dem Bauer, als ich ankam.«

»Ich hörte es nicht.«

»Ich sprach aber doch sehr laut.«

»Warum soll ich auf den Namen Anderer achten, ich, der ich selbst keinen Namen mehr habe?«

»Du hast ihn verloren, kannst ihn aber wieder erhalten und wieder zu Ehren bringen.«

»Niemals!«

»O doch! Und ich bin bereit, Dir dazu behilflich zu sein, wenn Du es nämlich wünschest.«

»Das kannst Du nicht.«

»Ich kann es. Ich bin nämlich der Graf Alexei Polikeff.«

Er hielt den Blick auf den Verbannten gerichtet. Er erwartete, daß dieser jetzt in die Rufe des Erstaunens, des Grimmes, der höchsten Entrüstung ausbrechen werde. Aber er hatte sich da sehr, sehr getäuscht.

»So!« sagte Nummer Fünf im Tone der äußersten Gleichgiltigkeit.

»Kennst Du den Namen nicht?«

»Nein. Ich habe ihn niemals gehört.«

»Wirklich nicht?«

»Ich weiß es ganz genau. Ich habe ihn nie vernommen und weiß auch nicht, weshalb ich ihn jetzt hören soll.«

»Weil ich Dir helfen will, helfen aus der Gefangenschaft, aus der Verbannung.«

»Du? Weißt Du denn, ob ich errettet sein will?«

»Das versteht sich ja ganz von selbst. Ein Jeder sehnt sich nach der Freiheit.«

»Ich nicht.«

»Das glaube ich nicht.«

»Das ist mir auch sehr gleichgiltig.«

»Aber, Du mußt doch meinen Namen gehört haben!«

»Nein. Und wenn ich ihn wirklich einmal gehört habe, so habe ich ihn längst schon vergessen.«

»Mein Name steht mit den wichtigsten Ereignissen Deines Lebens in Verbindung.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Wer warst Du früher?«

»Ich bin Verbannter. Was ich früher war, das hat keinen Werth mehr für mich.«

»Wie hießest Du?«

»Ich heiße Nummer Fünf. Mein früherer Name ist dahin, wie ein Blatt verweht wird.«

»Aber, Mann, ist denn Dein Herz ganz versteinert und Dein Gemüth verknöchert!«

»Ich weiß es nicht.«

»Hattest Du Kinder?«

»Was nützte es mir heut, wenn ich wirklich Kinder gehabt hätte? Nichts, gar nichts.«

»Ich dachte, daß Du eine Tochter gehabt habest.«

»Vielleicht ist es möglich.«

»Hieß sie nicht Semawa?«

»Semawa ist himmelblau. Mein Leben hat keine Farbe mehr. Es ist schwarz und finster.«

»Du mußt sie doch lieb gehabt haben!«

»Lieb? Weißt Du, was Liebe ist?«

»Ja.«

»Nein, Du weißt es nicht. Liebe ist – – ach, es ist besser, ich spreche kein Wort von ihr.«

»Hattest Du nicht einen Diener, welcher Nena genannt wurde?

»Bin ich früher bedient worden?«

»Ja.«

»Dann wäre ich ja ein vornehmer Herr gewesen.«

»Allerdings.«

»Wenn Du so sprichst, dann ists mir, als ob ich Dich im Traume sprechen hörte.«

»Es ist kein Traum. Du warst ein großer und vornehmer Herr.«

Der Verbannte hatte sich mit dem Rücken an den Stamm einer Erle gelehnt und die Arme über der Brust gekreuzt. Sein Gesicht war starr und unbeweglich wie dasjenige einer Statue. Seine Stimme klang, als ob sie aus dem Innern eines Automaten käme. Er war ganz so, als ob er bei vollem Leben leblos sei.

»Das müßte eine lange, lange Zeit her sein,« sagte er. »Ich weiß nichts davon.«

»Kannst Du Dich denn nicht auf Deinen Namen besinnen, gar nicht?«

»O ja. Besinnen kann ich mich auf ihn.«

»Darf ich ihn hören?«

»Warum willst Du ihn erfahren?«

»Weil ich mich lebhaft für Dich interessire.«

»Wer heißt Dir das?«

»Mein Herz.«

»Ach! Du hast ein Herz! Es muß sehr eigenthümlich und fremdartig sein, wenn man ein Herz hat, sehr eigenthümlich, sehr!«

»Also, willst Du mir Deinen Namen sagen?«

»Ja, weil Du ein Herz hast. Ich wurde Saltikoff genannt, Wassilei Saltikoff.«

»Das ist nicht wahr!«

»Nicht? Wer sagt das?«

»Ich! Ich, Graf Alexei Polikeff.«

»Meinst Du, weil Du ein Graf seist, müssest Du meinen Namen besser kennen als ich selbst? Ich muß doch am besten wissen, wie ich geheißen habe!«

»Du irrst!«

»Ich irre mich nicht. Ich war Wassilei Saltikoff. Das kann ich beschwören, denn es steht in meinen Acten geschrieben.«

Sein Gesicht war noch immer unbewegt, aber aus seinen Augen leuchtete ein glühendes Licht, wie ein blutiger Schein.«

»Warum wurdest Du verbannt?« fragte der Graf, der gar nicht wußte, was er von dem Manne denken solle.

»Weil ich ein Verbrecher war.«

»Du? Ein Verbrecher? Das glaube ich nicht. Du siehst ganz und gar nicht wie ein Verbrecher aus.

Als Graf, der doch ein hoher Herr ist, solltest Du doch wissen, daß da« Aussehen eines Menschen sehr täuschen kann.«

»Das Deinige kann nicht täuschen.

»O doch, denn ich bin ein Verbrecher. Wie könnte ich sonst verbannt worden sein? Der heilige Zaar urtheilt gerecht.«

»Was sollst Du denn verbrochen haben?«

»Davon spreche ich nicht gern. Warum soll ich Dir meine Schande gestehen?«

»Hast Du denn Dein Verbrechen gleich vollständig eingestanden?«

»Nein. Ich hatte ein hartes Herz und einen gottlosen Sinn – ich leugnete Alles.«

»Aber es half nichts?«

»Nein. Ich versuchte es sogar, mich für einen Andern auszugeben. Ich war schlecht.«

»Für wen gabst Du Dich aus?«

»Für – – weißt Du, wenn man einmal eine Lüge macht, so muß man sie so groß wie möglich machen. Ich gab mich für einen großen und reichen Fürsten aus.«

»Für welchen?«

»Für Banda, den Maharadscha von Nubrida.«

»Und das war nicht wahr?«

»Nein. Es war eine Lüge, denn ich habe Dir ja gesagt, daß ich eigentlich Wassilei Saltikoff geheißen habe.«

»Mein Gott! Ich begreife Dich nicht!«

»Nicht wahr?« Du kannst es nicht begreifen, wie ein Mensch sich eine so ungeheure Lüge aussinnen kann. Du bist ein guter Christ. Für Dich ist so Etwas ganz und gar unverständlich.«

»Nein. So meine ich es nicht. Ich kann Dich nicht begreifen, weil Du Dich wirklich für Saltikoff hältst.«

»Hältst? Ich bin es ja!«

»Nein. Du bist es nicht.«

»Oho! Ich bin Saltikoff. Willst Du streiten?«

»Ja, ich bestreite es. Ich kann es beschwören.«

»Das wäre ein Meineid!« »Es wäre kein Meineid. Ich kenne Dich ja.«

»Das ist nicht wahr!«

»Es ist wahr. Ich kenne Dich sehr genau. Ich bin ja in Nubrida bei Dir gewesen.«

»Du irrst.«

»Nein! Ich wohnte in Nubrida in Deiner Nähe. Ich sah Dich täglich und sah auch Semawa, Deine schöne Tochter, die Rose von Nubrida.«

»Ich hatte nie eine Tochter!«

»Besinne Dich! Ihre Mutter, Dein Weib, war die Tochter eines deutschen Arztes.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Es ist so!« Ich liebte Semawa, aber Du versagtest sie mir. Da entbrannte ich in Rache gegen Dich und lockte Dich auf russisches Gebiet. Ich gab vor, Du seist jener Wassilei Saltikoff, welchen man verfolgte und Nena, Dein Diener, welcher von mir bestochen war, beschwor, daß Du nicht der Maharadscha seist.«

»Da hatte er ja Recht! Ich war wirklich jener Saltikoff, für den Du mich ausgabst.«

»Nein und tausendmal nein!«

»Ich muß es doch am Besten wissen!« Man verurtheilte mich zu hundert Knutenhieben und zu ewiger Verbannung. Ich bekam die Hiebe und wurde in die Wälder abgeführt. Ich hatte es verdient durch meine Verbrechen und durch meine Lügen.«

Der Graf hielt ein solches Verhalten für undenkbar. Er konnte es sich nur dadurch erklären, daß der Verbannte sich nun so in seine Verurtheilung hineingelebt habe, daß er nun wirklich überzeugt war, Derjenige zu sein, für welchen er fälschlicher Weise ausgegeben worden war. Der unglückliche Mann war in eine Monomanie verfallen.

Das paßte dem Grafen freilich nicht in seine Pläne. Er gab sich Mühe, den Verbannten auf den richtigen Gedanken zu bringen und sagte:

»Nein, Du hast es nicht verdient. Du bist unschuldig verurtheilt worden. Ich kann es beweisen.«

»Du? Willst Du es denn auch beweisen?«

»Ja.«

»Welch eine Unbegreiflichkeit!«

»Wieso?«

»Du widersprichst Dir doch selbst!«

»Nein.«

»O doch! Du erzählst mir, daß Du mich in das Verderben geführt habest, und jetzt willst Du mich aus demselben befreien.«

»Allerdings.«

»Ist das nicht ein Widerspruch?«

»Ich habe mein damaliges Thun bereut.«

»So! Und wie wolltest Du mich befreien?«

»Indem ich beweise, daß Du wirklich der Maharadscha von Nubrida bist.«

»Du würbest Dir selbst schaden.«

»Nein. Ich würde es so einzurichten wissen, daß man annehmen müßte, ich habe mich damals geirrt.«

»Und das willst Du aus Reue thun?«

»Ja.«

»Aus keinem andern Grund?«

»Nein. Aus aufrichtiger Reue.«

»So habe ich Recht gehabt, als ich vorhin sagte. Du seist ein guter Christ und ein guter Mensch. Ich habe Dich lieb.«

»Wirklich? Könntest Du mich lieb haben?«

»Ich könnte nicht nur, sondern ich habe Dich in aller Wirklichkeit bereits von Herzen lieb.«

»Das freut mich sehr; das macht mich so glücklich, daß ich Dich auch so gern glücklich sehen möchte. Willst Du es werden?«

»Welcher Mensch möchte das nicht!«

»Sage nur ein Wort, so wirst Du wieder der anerkannte Herrscher von Nubrida.«

»Welches Wort ist das?«

»Ein kleines, kleines Ja.«

»Wozu?«

»Zu meiner Verbindung mit Semawa.«

»Mit Semawa, die meine Tochter sein soll?«

»Die es wirklich ist.«

»Was ist denn mit ihr damals geschehen?«

»Sie hat mir folgen müssen.«

»Gott! Wohin?«

»In alle Welt.«

»Hat sie sich denn nicht gesträubt?«

»Sie sträubte sich freilich; aber ich sagte ihr, daß Du sterben müssest, wenn sie mir nicht folge. Da fügte sie sich.«

»Wußte sie, wo ich mich befand?«

»Nein.«

»Und sie ist Dein Weib geworden?«

»Nein.«

»Aber Du hast ganz so mit ihr gelebt, als ob sie Deine Frau in Wirklichkeit sei?«

»Nein. Ich habe sie nicht anrühren dürfen, sonst hätte sie sich getödtet.«

»Ah! So haßte sie Dich?«

»Wie den Tod!«

Es war seit langen Jahren das erste Mal, daß der Maharadscha von seinem Kinde hörte. Was mußte dabei in ihm vorgehen! Aber er hatte eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung.

Noch immer war sein Gesicht starr und unbewegt; seine Stimme klang kalt und trocken, und sein Auge hatte den Ausdruck der Gleichgiltigkeit. Aber seine Schläfen hatten sich geröthet, ein Zeichen, daß das Blut ihm nach dem Kopfe stieg. Das hatte er freilich nicht verhindern können. So weit reicht die Kraft keines Menschen.

Als der Graf jetzt eingestand, daß Semawa ihn hasse, flog es wie ein Blitz über das Gesicht des Indiers, aber eben wie ein Blitz so schnell. Der Graf bemerkte es gar nicht.

»Also sie haßt Dich! Warum hast Du sie da bei Dir behalten?«

»Weil ich sie liebe.«

»Reiße diese Liebe aus dem Herzen!«

»Das kann ich nicht.«

»Aber bedenke, daß es eine Höllenqual ist, ein Weib bei sich zu haben, welches einen haßt, während man es liebt. Das muß eine fürchterliche Hölle sein!«

»Das ist es, ja, das ist es! Aus dieser Hölle sollst Du mich erlösen, und ich will Dir dafür die Freiheit wieder verschaffen.«

»Kann ich Semawa gebieten, Dich zu lieben?«

»Nein.«

»So kann ich Dir auch nicht helfen.«

»Du kannst sie veranlassen, mein Weib zu werden. Mehr verlange ich nicht von Dir.«

»Ah! Mehr nicht?«

»Nein. Eins nur werde ich mir noch vorbehalten, eine Bedingung, welche Du sehr leicht erfüllen kannst.«

»Welche Bedingung ist das?«

»Das Semawa die Herrscherin nach Deinem Tode wird.«

»Also Du der Herrscher?«

»Das wäre freilich leicht zu erfüllen.«

»Nicht wahr! Also stimmst Du bei?«

»Nein.«

»Nicht? Bedenke wohl! Wenn Du Ja sagst, so bist Du binnen wenigen Tagen frei, und wir ziehen nach Nubrida, um den Thron für Dich zurückzufordern. Rußland wird Deinen jetzigen Stellvertreter zwingen, Dir zu weichen. Weigerst Du Dich aber, so bleibst Du Verbannter bis zu Deinem Tode und Deine Tochter – – –«

»Nun, was wird mit ihr? Willst Du sie doch noch zwingen, Dein Weib zu werden?«

»Nein. Sie wird nicht mein Weib sondern meine Maitresse. Verstehst Du das?«

Der Maharadscha blickte still vor sich nieder, wohl aus dem Grunde, daß er einige Zeit brauchte, seine Gefühle niederzudrücken. Dann sagte er:

»Ich verstehe es ganz gut. Ich möchte Dir auch gern den Willen thun, aber ich kann ja leider nicht.«

»Warum nicht?«

»Ganz einfach darum, weil sie gar nicht meine Tochter ist. Ich bin nicht der Maharadscha.«

»Herrgott! Du bist es aber doch!«

»Nein!«

»Du bist es! Bei allen Teufeln, Du bist es.«

»Du kannst es nicht behaupten!«

Der Graf war ganz in Eifer gerathen. Es handelte sich um Gökala, um seine Liebe zu diesem herrlichen Wesen, um das Gefühl, um dessen willen er die größten Verbrechen seines auch ohnedies verbrecherischen Lebens begangen hatte.

»Ich kann es behaupten!« sagte er. »Ich kann es mit tausend Eiden beschwören.«

»Nachdem Du damals beeidet hast, daß ich nicht der Maharadscha sei?«

»Das war ein Irrthum.«

»So bleibe in diesem verderblichen Irrthum befangen. Meinetwegen sollst Du niemals wieder einen Eid schwören.«

»Ich will es aber!«

»Und ich will es nicht! Ich bin Wassilei Saltikoff, der verbannte Verbrecher, und will und werde es bleiben.«

»Du befindest Dich in einem ganz entsetzlichen Irrthum. Jenes Unglück hat zur Folge gehabt, daß Du an Dir selbst irre geworden bist.«

»Von einem Irregewordensein ist keine Rede.«

»O doch! Dein Kopf hat gelitten!«

»Mein Kopf ist gut, vielleicht besser noch als der Deinige.«

»Das denkst Du nur, wie es allen Irren geht. Sie glauben nicht an den krankhaften Zustand ihres Geistes. Du leidest an einer Monomanie, von welcher ich Dich heilen will.«

»Wenn es wirklich eine Monomanie ist, so will ich sie behalten. Ich mag nicht geheilt sein.«

»Entsetzlich!« rief der Graf.

»Beruhige Dich!«

»Da soll ich mich beruhigen? Ich komme zu Dir, um Dir die Freiheit und den Thron anzubieten, und Du behauptest, gar nicht der Maharadscha zu sein. Das ist wirklich gräßlich!«

Er war ganz außer sich gerathen. Der Maharadscha bohrte ihm den Blick in das Gesicht. Er stand noch immer so vor ihm, wie vorher, mit verschränkten Armen und an den Stamm der Erle gelehnt. Jetzt aber nahm sein Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an. Es ging ein triumphirendes Leuchten über dasselbe.

»Höre mich doch, höre mich!« bat der Graf.

»Ich höre Dich doch!«

»Ich bitte Dich, ich flehe Dich an, auf meinen Vorschlag einzugehen! Ich befreie Dich doch aus einer Hölle und führe Dich in den Himmel ein.«

»Nur um Deiner selbst willen!«

»Nein.«

»Gewiß. Du willst Deine eigenen Höllenqualen los werden, welche Dir der Haß und die Verachtung Semawa's verursacht. Der Himmel, von welchem Du sprichst, soll Dein eigener sein.«

»Nun, wenn es so wäre, so hast Du doch Theil daran!«

»Theil– – an Dir! Hundsfott, wie kannst Du das verlangen?«

Er sprach jetzt mit einer ganz anderen Stimme und in einem ganz anderen Tone. Seine Augen leuchteten, und seine Gestalt schien höher und breiter geworden zu sein.

Der Graf fuhr überrascht auf. War das wirklich das Aussehen eines Irren, welcher an einer Monomanie leidet.

»Graf Polikeff, Du befindest Dich in einem großen Irrthume!« fuhr der Verbannte fort. »Von einer Monomanie ist keine Rede.«

»Ah! Endlich!« seufzte der Graf auf.

»Ja, endlich! Ich weiß es ganz genau und habe es nie vergessen, daß ich der Maharadscha von Nubrida bin.«

»Gott sei Dank! Nun werden wir auch einig werden.«

»Schwerlich! denn Du bist ein Teufel, ein Satanas, und aus der Hand eines solchen nehme ich keine Gabe, und wenn sie noch so köstlich wäre.«

»Was fällt Dir ein? Verstehe ich Dich recht?«

»Jedenfalls.«

»Du willst nicht frei sein?«

»Nein.«

»Nicht in die Heimath zurück?«

»Nein.«

»Willst dem Throne, Deinem Vermögen, den unermeßlichen Millionen entsagen?«

»Ja.«

»Willst auch auf Deine Tochter verzichten?«

»Ja.«

»Warum, warum?«

»Weil ich Dich – verachte!«

»Das ist aber eine riesige Dummheit!«

»Nenne es wie Du willst!«

»Ueberlege es Dir!«

»Es ist überlegt und beschlossen.«

»Fürst, Maharadscha, treibe mich nicht zum Aeußersten! Ich bin in der besten Absicht gekommen.«

»Wenn Deine Absicht wirklich gut war, so hast Du sie erreicht. Ich verachte Dich zu sehr, als daß ich Dir ein Wort davon sagen möchte, was ich gelitten habe. Ich trug tausend Höllen in meinem Busen herum. Heut aber hast Du mir Erlösung gebracht, Erlösung von allem Leide.«

»In wiefern? Ich verstehe Dich nicht.«

»Du wirst mich bereits nach kurzer Zeit begreifen. Ich mag die Freiheit nicht aus Deiner Hand.«

»Bedenke es richtig! Ich bitte Dich inständig! Du machst Dich und Semawa tausendfach unglücklich!«

»O nein. Ich weiß ganz genau, was ich sage. Ich werde in kurzer Zeit frei sein.«

»Du? Frei? Ohne mich?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Welch ein Gedanke! Was bildest Du Dir ein!«

»Nichts, gar nichts. Es ist keine Einbildung.«

»Die größte, die es geben kann. Es giebt nur einen einzigen Menschen, durch welchen Du Deine Freiheit wieder erlangen kannst und dieser Einzige bin ich.«

»Jetzt sage ich Dir Deine eigenen Worte, daß Du in einer großen Einbildung befangen bist. Es giebt noch einen andern Menschen, welcher mich frei machen kann und dieser heißt Steinbach.«

Der Graf machte beinahe einen Luftsprung vor Schreck. Er stand eine ganze Weile mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen da und starrte den Maharadscha an. Er hatte keine Ahnung, daß dieser ihn vorher belauscht hatte.

»Stein – bach– –!« stotterte er. »Den, den, den kennst Du auch!«

»Du hörst es ja, daß ich ihn kennen muß.«

»Aber er ist ja nie in Sibirien gewesen!«

»Er wird aber kommen.«

»Hat er – Dich – – etwa – benachrichtigt?«

»Nein.«

»Wie willst Du es da erfahren haben!«

»Ich weiß es. Das muß Dir genügen.«

»Alle tausend Donnerwetter! So ist es also doch wahr! Sogar hierher in das östliche Sibirien dringt dieser verdammte Name Steinbach. Aber er soll nicht lange mehr genannt werden. Ich werde dafür zu sorgen wissen!«

»Du? Das bilde Dir nicht ein!«

»Ja, ich! O, Du kennst mich noch nicht. Dieser verfluchte Schuft läuft seinem eigenen Verderben entgegen!«

»Seinem Glücke! Er liebt Semawa. Sie wird sein Weib werden. Suche Dir einen anderen Ort, an welchem Du Maharadscha werden kannst. In kurzer Zeit wirst Du selbst die Kleidung der Verbannten tragen und in Dir wird nicht die Kraft eines guten Gewissens leben, mit deren Hilfe selbst das größte Unglück zu ertragen ist.«

»Kerl, was fällt Dir ein! Weiß Du, daß Du die elende Nummer Fünf bist.«

»Ja, das weiß ich.«

»So wirf Dich nieder und krieche in Demuth vor mir im Staube, sonst erhältst Du die Knute!«

Er griff nach seiner Peitsche. Der Maharadscha machte kein Zeichen der Verachtung oder des Hohnes. Dazu war er zu edel; dazu stand er zu hoch. Er sagte nur in ruhigem Tone:

»Laß Deine Peitsche. Solltest Du mich ja mit ihr berühren, so kostet es Dir das Leben. Das sage ich Dir!«

»Willst Du mich morden?«

»Nein. Aber ein Raubwild vertilgt man von der Erde, wenn es gar zu großen Schaden macht.«

»Ich, ein Raubwild! Weißt Du, daß ich der Mann bin, welcher Dich – – –«

Er hatte laut gebrüllt. Der Maharadscha fiel ihm schnell in die Rede: »Halt! Schrei nicht so! Meinst Du, daß unser Gespräch für andere Leute sei?«

»Niemand hört es!«

»Da täuschest Du Dich!«

»Nein. Dort, wo die Andern lagern, kann man kein Wort von uns verstehen.«

»Dort nicht, ja, aber es giebt doch Jemand, der Alles gehört hat, was wir sprachen.«

»Nein, das glaube ich nicht!«

»Meinst Du, daß der berühmte Zobeljäger Nummer Fünf keine Augen und Ohren habe? Ich habe den Kerl schon längst bemerkt.«

»Er that einen raschen, unerwarteten Sprung in die Büsche hinein und brachte den – ehemaligen Derwisch, bei der Brust gepackt, herbeigezogen.

»Du! Ah Du!« rief der Graf. »Du hast gehorcht. Du hast uns belauscht?«

»Nein,« versicherte der Gefragte.

»Was wolltest Du sonst hier?«

»Ich ging zufälliger Weise grad vorüber.«

»Lüge nicht!« fiel der Zobeljäger ein. »Du stehest schon längst hier!«

»Das ist nicht wahr.«

»Willst Du etwa behaupten, daß ich die Unwahrheit gesagt habe! Ich habe Dich gesehen.«

»Hättest Du mich gesehen, so wäre Euer Gespräch schon längst beendet worden.«

»O, es freute mich, daß dasselbe einen Zeugen hatte. Nun giebt es doch einen Dritten, welcher weiß, wer ich bin. Ich lasse Euch bei einander. Unterhaltet Euch gut, und laßt Euch die Zeit nicht lang werden!«

Er ging.

Die beiden starrten einander einige Secunden lang wortlos an; dann lachte der Derwisch auf: »Verdammt komische Situation als Lauscher ertappt und herbeigezogen zu werden!«

»So hast Du also wirklich gelauscht?«

»Ja.«

»Seit wann?«

»Vom Beginne Eures Gespräches an.«

»Donnerwetter! So hast Du Alles gehört?«

»Alles. Kein Wort ist mir entgangen.«

»Verfluchter Kerl! Wer hat Dir das erlaubt?«

»Außer mir selbst natürlich Niemand.«

»Das will ich mir verbitten!«

»Glaube es gern, hilft aber nichts mehr.«

»Ich könnte Dich beohrfeigen!«

»Das wäre Unsinn. Zu geschehenen Dingen muß man gute Miene machen.«

»Aber, Kerl, was hast Du denn für eine Absicht dabei gehabt?«

»Sage mir zuerst, welche Absicht Du selbst hattest, als Du dem Manne winktest?«

»Ich wollte mit ihm reden.«

»Natürlich. Das versteht sich ja ganz von selbst. Aber warum sollte ich das nicht wissen?«

»Geht es Dich Etwas an?«

»Sehr! Erstens habe ich den Mann nicht für Dich, sondern für mich engagirt, und wenn ich ihn aus meiner Tasche bezahle, so ist es für mich nicht von Vortheil, wenn er in Deinem Interesse thätig sein soll, zumal Du versichert hast, daß ich von Dir nicht einen Rubel erhalten werde. Und zweitens geht mich Dein Verhältniß zum Maharadscha doch wohl auch ein Wenig an.«

»Gar nichts!«

»O vielleicht sehr viel denn.«

»Ich möchte Dich soviel wie möglich in meine Hände bekommen.«

»Das laß nur bleiben!«

»Bitte! Was ich thun will oder bleiben lasse, das ist meine Sache, Uebrigens wollte er gar nicht mit Dir sprechen.«

»Wer sagt das?«

»Ich, wie Du hörest. Er hatte Dich winken sehen, ging aber nicht zu Dir.«

»Das zweite Mal kam er.«

»Weil ich zu ihm ging und ihn zu Dir schickte, sonst wäre er gar nicht gekommen.«

»So hast Du meine Winke gesehen?«

»Alle beide.«

»Ah! Stehe ich etwa unter Deiner Aufsicht?«

»So lange wir beisammen sind, kannst Du es mir nicht verdenken, daß ich Dich scharf beobachte.«

»Dazu hast Du gar keine Veranlassung!«

»Und doch die besten Gründe. Es lag dem Manne übrigens gar nichts daran, mit Dir zu reden.«

»Weil er nicht wußte, wer ich bin.«

»Wie? Der hätte es nicht gewußt? Lächerlich! Er hat Dich sofort erkannt, als Du kamst. Darauf nehme ich Gift.«

»Meinst Du?«

»Gewiß. Er hat seine eigenen Absichten, wie Du aus seinem Verhalten sehen kannst.«

»Es scheint so. Er kennt Steinbach.«

»Ja, zu meiner starren Verwunderung habe ich es gehört.«

»So sage mir nur das Eine, wie er hat von ihm hören können. Das ist mir ein Räthsel.«

»Mir ebenso.«

»Ob Steinbach ihm einen Boten gesandt hat?«

»Wahrscheinlich.«

»Aber da muß dieser verdammte Deutsche doch gewußt haben, wer Nummer Fünf eigentlich ist und wo er sich befindet!«

»Habe ich Dir nicht gesagt, daß Nena Alles verrathen hat? Du wolltest es nicht glauben.«

»So hätte Steinbach sich in Folge dessen bereits längst nach ihm erkundigt?«

»Das ist anzunehmen.«

»Donnerwetter! So können wir freilich machen, daß wir ihm aus der Schußlinie kommen. Wir stehen Beide in Gefahr.«

»Ganz gewiß!«

»Ich reite noch heut fort!«

»Ich auch; aber dennoch werde ich nichts überstürzen. Wenn der Maharadscha den Deutschen wirklich jetzt erwartete, so hätte er sich nicht von mir zur Zobeljagd engagiren lassen. So lange er mich begleitet, hast Du nichts zu fürchten.«

»Er kann Dich auch plötzlich sitzen lassen!«

»O nein. Jedenfalls wäre er da lieber gleich gar nicht auf meinen Vorschlag eingegangen.«

»Möglich! Also Steinbach soll Gökala heirathen! Köstlich! Ein Glück nur, daß der Vater gar nicht weiß, wo die Tochter ist.«

»Sollte er es wirklich nicht wissen?«

»Nein. Wann bist Du mit ihm von Platowa fortgeritten?«

»Am Nachmittage.«

»Und ich bin erst am nächsten Morgen mit ihr gekommen. Wie kann er da wissen, daß sie in Platowa ist?«

»Da wäre es freilich unmöglich. Die Hauptsache ist, daß ich nun weiß, weshalb Du nach dem Mückenflusse gekommen bist. Willst Du noch leugnen.«

»Nein.«

»Du hast den Maharadscha ausfindig machen wollen. Gestehst Du das ein?«

»Ja.«

»Nun, diese Absicht ist erreicht. Er reitet mit mir auf den Zobelfang. Das ist jedenfalls ein sehr günstiger Umstand für Dich.«

»Unter Umständen, ja. Er kann mir nun nicht mehr entgehen.

»Ja. Ich werde ihn unter eine scharfe Wache nehmen, und Du kannst uns begleiten, wenn es Dir gefällig ist.«

»Ich möchte nicht.«

»Warum? Weil ich denke, daß er Dir dann entflieht. Er scheint sich nicht gern in meiner Gesellschaft zu befinden.«

»Nun, das verdenke ich ihm freilich nicht.«

»Werde nicht malitiös!«

»Pah! Wir befinden uns unter Freunden. Ueberlege Dir, was Du thun willst.«

»Das werde ich! Es ist eine ganz verfluchte Geschichte, daß er nicht auf meinen Vorschlag eingehen will. Das macht mir einen gewaltigen Strich durch die Rechnung.«

»Nun, auf einen Hieb fällt kein Baum und all zu viel Zeit habe ich nicht übrig, dieses Steinbach wegen.«

»Ich werde den Nummer Fünf bearbeiten. Und daß Steinbach ihn nicht findet, das habe ich jetzt in meiner Hand. Ich darf mich nur mit ihm schnell und weit in die Urwälder begeben. Da mag dieser Deutsche sehen, ob er ihn entdeckt.«

»Gut! Aber behalten wir ihn fest im Auge, daß er mir nicht unversehens entwischt.«

»Schön! Nun aber wirst Du wohl zugeben, daß Dein Interesse ziemlich eng mit dem meinigen zusammenhängt?«

»Hm! Vielleicht. Willst Du wieder beginnen, von dem Gelde zu sprechen?«

»Das kannst Du Dir denken.«

»Daran liegt mir nichts.«

»Mir desto mehr. Zahle, so bist Du mich los!«

»So schnell wollen wir nicht handeln. Uebrigens liegt es gar nicht in meinem Interesse, Dich los zu werden, wenn ich gezahlt habe. Wenn ich Dir Geld gebe, so will ich Dich nicht los sein, sondern Du sollst dann für das Geld in meinem Nutzen thätig sein.«

»Ah! Wie Du rechnen kannst!«

»Wunderst Du Dich darüber?«

»Nein, aber ich habe nicht geglaubt, daß Du so ein guter Kaufmann seist.«

»Lassen wir die Scherze. Unsere Lage ist ernst genug.«

»Besonders wenn man Geld haben will und keins bekommt!«

»Winke mir nicht mit solchen Zaunspfählen. Es hilft Dir doch nichts. Das heißt, ich will nicht sagen, daß Du absolut nichts bekommen sollst. Ich habe vielmehr Lust, Dir einen lukrativen Vorschlag zu machen.«

»Lukrativ? Das höre ich gern.«

»Lukrativ, das heißt einträglich ist er.«

»So laß ihn hören!«

»Er lautet folgendermaßen: Hilf mir, den Maharadscha so weit zu bringen, daß er die Freiheit aus meiner Hand nimmt und mir seine Tochter giebt!«

»Darauf gehe ich ein.«

»Schön! Ich weiß, daß Deine Bemühungen nicht ohne Erfolg sein werden.«

»Will es hoffen.«

»Zur Erreichung dieses Zweckes ist es natürlich erforderlich, daß dieser Steinbach aus dem Wege geräumt wird.«

»Dazu bin ich gern behilflich. Du weißt ja, daß ihm meine Liebe nicht gehört.«

»Die drei Amerikaner können meinetwegen auch den Weg alles Fleisches gehen.«

»Wenn ich ihnen denselben zeigen kann, soll es mich wirklich von ganzem Herzen freuen.«

»Das denke ich auch. Du hast eine ziemlich lange Rechnung mit ihnen quitt zu machen.«

»Bis hierher sind wir einig. Wir Beide handeln vereint. Aber nun weiter. Was bekomme ich für meine Bemühungen?«

»Ich gebe Dir dreißigtausend Rubel!«

»Und dafür soll ich Dir zur Thronfolge eines indischen Herzogthumes und zum ganzen Erben eines Maharadscha, bestehend aus ungezählten Millionen verhelfen?!«

»Male es nicht zu reich aus!«

»Es ist die Wahrheit.«

»Na, ein ungeheures Vermögen ist allerdings vorhanden; das weiß ich genau. Nur die Edelsteine des Thrones sollen über fünfzig Millionen werth sein.«

»Und für das Alles erhalte ich dreißigtausend elende Rubel!«

»Gut! Ich will Dir die von Dir verlangten Fünfzigtausend bieten, damit Du siehst, daß ich anständig bin.«

»Alle Wetter! Das nennt dieser Mann auch noch anständig!«

»Etwa nicht?«

»Nein. Die Fünfzigtausend verlangte ich als eine Art Nachzahlung für das, was ich bereits geleistet habe. Jetzt aber sprechen wir von Leistungen, welche ich noch zu bringen habe. Da ist also von den Fünfzigtausend keine Rede mehr.«

»Donnerwetter! Ist auch das nicht genug, das ist ja reine zum toll werden?«

»Unsinn! Wer wird da gleich von Tollheit sprechen! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth. Und wenn Du Millionen bekommst, will auch ich so ein kleines, einsames, einzelnes Milliönchen haben.«

»Mensch, Du hast das Gehirn erfroren!«

»Darum brauche ich Geld, um es mir wieder aufthauen zu lassen.«

»Eine Million! Auf dieser Grundlage ist es überhaupt unmöglich, weiter mit Dir zu verhandeln.«

»Nun, was bietest Du denn?«

»Nichts mehr. Für ein Angebot ist mir nun der richtige Maßstab verloren gegangen. Deine Million hat mir den Verstand so sehr erschreckt, daß ich gar keine verständige Zahl mehr finden kann.«

»Ich gebe Dir Zeit bis heut Abend. Ich hoffe, daß wir einig werden.«

»Und ich befürchte, daß wir es nicht werden.«

»Dann wäre es schade um Deine hübschen Pläne. Maharadscha würdest Du nicht.«

»Vielleicht kann ich es ganz gut auch ohne Deine Hilfe werden.«

»Versuche es! Jetzt aber haben wir lange genug hier beisammen gesteckt. Hast Du noch Etwas zu fragen oder zu bemerken?»

Als diese Frage ausgesprochen wurde, löste sich die geschmeidige Gestalt des Maharadscha von dem Busche los. Als er vorhin die Beiden allein gelassen hatte, war er nicht etwa gegangen, sondern er hatte sich sogleich neben der Stelle, wo sie standen, hinter einen Strauch niedergeduckt, um zu hören, was sie nun mir einander sprechen würden.

Jetzt nun, als er hörte, daß dasselbe zu Ende gehen werde, eilte er fort und saß, als sie dann vor dem Hause anlangten, in großer Ruhe und Unbefangenheit bei den anderen Zobeljägern.

Indessen hatte der Oberlieutenant sämmtliche Gebäude durchsucht und keine Spur des Kosaken Nummer Zehn gefunden. Drüben in einem Nebengebäude hatte der Tunguse Gisa noch schlafend im Bette gelegen. Er war kein Bett gewöhnt, und darum genoß er das Glück, einmal in weichen Federn zu schlafen, vollständig aus.

Darum war er noch nicht aufgestanden, und sein Schlaf war so fest gewesen, daß er von Allem, was in der Frühe bis jetzt geschehen war, gar nichts gehört hatte.

Der Officier kannte ihn, da Gisa sich sehr oft in Platowa befand. Darum sagte er zu ihm, als der Tunguse jetzt bei seinem Erscheinen aufwachte und sich erstaunt umblickte:

»Du bist es, Gisa! Ich habe geglaubt. Du seist auch mit in Platowa.«

Der Tunguse sah Einen nach den Andern an. Trotz der kleinen Schlaftrunkenheit, die sich bei ihm bemerkbar machte, ahnte er sogleich, daß hier nach Nummer Zehn ausgesucht werde. Er antwortete: »Da war ich ja auch mit.«

»Nun, was machst Du da hier?«

»Der Fürst sandte mich mit der Botschaft zu unserem Brüderchen Peter Dobronitsch, daß wir am Schlusse des Jahrmarktes wieder kommen werden, um am See zu weiden.

»Wann bist Du hier angekommen?«

»Gestern.«

»Zu welcher Zeit?«

»Das war am späten Nachmittage.«

»Hast Du unterwegs keinen Bekannten getroffen?«

»Nein.«

»Auch nicht etwa von fern einen Reiter gesehen, einen Kosaken?«

»Nein. Erst hier am Flusse begegnete ich einem.«

»Ah! Kanntest Du ihn?«

»Natürlich!«

»Wie hieß er denn? Etwa Nummer Zehn?«

»O nein. Es war der Wachtmeister Wassilei von der hiesigen Stanitza.«

»Ach Der! Den habe ich gar nicht gemeint.«

»Was ist denn eigentlich mit ihm los?«

»Er ist entsprungen und wird nach der Grenze seine Flucht genommen haben.«

»Nummer Zehn. So ein guter Soldat! Der entspringt nicht, Herr!«

»Kennst Du ihn?«

»O, sehr genau. Den würde ich in jeder Verkleidung sofort erkennen. Ich habe ihn aber nicht gesehen. Den einzigen Menschen, den ich getroffen habe, das war das Vetterchen von Peter Dobronitsch hier. Ich traf ihn unterwegs, und wir sind bei einander geblieben und zusammen hier angekommen.«

Der Officier war doch so vorsichtig, diesen Umstand nicht sofort fallen zu lassen, sondern ihm einige Erkundigungen zu widmen. Er fragte den Bauer:

»Also hast Du Besuch bekommen?«

»Ja, Herr.«

»Wirklich ein Vetter von Dir?«

»Ein sehr lieber Vetter.«

»Wie heißt er denn?«

»Iwan Skobeleff aus Jekatarinenburg.«

»Das ist weit! Was wollte er denn? So eine weite Reise macht man nicht nur eines Freundschaftsbesuches wegen.«

»Das ist wahr. Er kam in Geschäften. Sein Vater will sich hier im Transbaikal ankaufen und hat ihn hergesandt, um mich davon zu benachrichtigen. Nun ist er fort nach Hamlow zu, um sich die dortige Gegend anzusehen.«

»So ist er schon wieder aufgebrochen? Wann denn?«

»Heute gegen Morgen und zwar ohne Begleitung.«

»Hm! Weiß er denn die Wege?«

»Er kennt sie noch von früher her. Er ist schon zweimal hier bei mir gewesen.«

»So! Also hast Du wirklich keine Spur von der Nummer Zehn bemerkt?«

»Nein, Herr. Du hättest Dir die große Mühe, hier auszusuchen, leicht ersparen können, wenn Du mir Glauben geschenkt hättest.«

»Nun, es ist besser so, daß ich mich überzeugt habe. So bist Du doch nun über jeden Verdacht erhaben.«

»Das bin ich wohl stets.«

»O nein. Ich will Dich warnen. Ich muß Dir sagen, daß Du doch im Verdachte stehst, zuweilen Einem von den »armen Leuten« fort zu helfen.«

»Ich, Herr? Wie kannst Du mir das anthun!«

»Ich will Dich nicht beleidigen, Peter Dobronitsch, sondern nur warnen. Du hast ein gutes Herz und so ein gutes Herz und zuweilen Etwas, was der Verstand nicht ganz gutheißen kann. Jetzt nun sind wir fertig und wollen zurückkehren.«

Als sie vor dem Wohnhause anlangten, kehrten grad der Graf und der einstige Derwisch vom Brunnen zurück. Der Oberlieutenant rief dem Ersteren zu:

»Fertig!«

»Keine Spur von Nummer Zehn?« antwortete der Graf.

»Nein. Ist nicht hier und auch wohl nicht in der Gegend gewesen. Wir werden an anderen Orten suchen müssen.«

Wie bereits erwähnt, war der Oberlieutenant mit zwanzig Kosaken von Platowa aufgebrochen, um dem flüchtigen Kosaken nachzujagen, und der Graf mit zehn Reitern, um nach dem Maharadscha zu forschen.

Der Letztere hatte den Ersteren unterwegs eingeholt und so waren Beide zu gleicher Zeit hier angekommen.

Der Kosakenwachtmeister war schon längst mit der Reinigung seines Gesichtes fertig. Er hatte auch von einer mitleidigen Magd eine alte Bürste erhalten und sich mit Hilfe derselben die Uniform nach Kräften vom Ruß befreit. Nun stand er seit Langem vor der Thür, um sich gebotenermaßen bei dem Oberlieutenant zu melden.

Er hörte die Worte, welche Dieser dem Grafen zurief und hörte natürlich auch den Kosaken Nummer Zehn nennen. Das fiel ihm auf. Er schritt schnell auf den Offizier zu, meldete sich und sagte dann:

»Ich habe gehört, daß Du nach dem entflohenen Nummer Zehn suchst, Väterchen. Ist er wirklich desertirt?«

»Ja. Warum fragest Du?«

»Weil ich ihn gesehen habe.«

»Wann?«

»Gestern am Nachmittage.

»Wo?«

»Drüben am Flusse traf ich ihn.«

»Kennst Du ihn?«

»Ja, ich habe ihn einmal gesehen.«

»Du hast ihn doch gleich ergriffen?«

»Ja. Ich habe ihn sogleich arretirt.«

»Donnerwetter! Er ist also arretirt, bereits seit gestern und ich krieche hier in allen Löchern und Winkeln herum, ihn zu suchen! Kerl, warum hast Du mir das nicht gesagt? Du konntest Dir doch denken, daß ich seinetwegen da war! Wo steckt er denn?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was? Du weißt es nicht? Und hast ihn doch arretirt!«

»Ich habe ihn wieder freilassen müssen.«

»Warum?«

»Weil Peter Dobronitsch sagte, es sei sein Vetter aus Jekatarinenburg.«

»Ach so! Da hast Du den Vetter für den Nummer Zehn gehalten!«

»Nein. Der Bauer hat vielmehr den Nummer Zehn für seinen Vetter gehalten.«

»Unsinn! Der Bauer wird doch seinen Vetter kennen, während Du – – – der Flüchtling gehört gar nicht zu Deiner Stanitza und in Deine Sotnie. Wie oft hast Du ihn denn gesehen?«

»Einmal.«

»Und mit ihm gesprochen?«

»Nein. Ich sah ihn am Fenster vorübergehen und da wurde er mir genannt.«

»Also nur schnell im Vorübergehen gesehen! Wie kannst Du da behaupten, der Vetter sei der Flüchtling gewesen. Du hast einen ganz und gar schuldlosen Menschen arretirt. Du bist ein Mensch, der lauter Dummheiten zu machen scheint. Scheer Dich zum Teufel! Ich werde Deinem Sotnik die Meldung machen, daß Du ein gehöriger Confusionsrath bist. Und sage mir doch einmal, bist Du denn gestern Abend von der Stanitza aus bis hierher zu Fuß gegangen?«

Der Wachtmeister hatte in seinem Bestreben, sich an Peter Dobronitsch zu rächen, ein ganz entschiedenes Pech. Alles lief ihm verkehrt aus. Und jetzt zog sich wieder ein neues Wetter über seinem tief herabgebeugten Haupte zusammen.

Der brave Reiter hat zunächst auf sein Pferd und dann erst an zweiter Stelle auf sich selbst zu sehen. Und er hatte während seiner Sündfluthzeit in der Räucherkammer keine Muße gehabt, sich um sein Thier zu kümmern.

»Nein,« antwortete er ängstlich.

»Wo hast Du denn das Pferd?«

»Das habe ich ungefähr eine Werst von hier an einen Baum gebunden.«

»Hallunke, was mache ich nur mit Dir! Gieb mir mal einen guten Rath! Wie viele Knutenhiebe soll ich Dir dictiren?«

Der Gescholtene senkte den Kopf noch tiefer und zog es vor, nicht zu antworten.

»Nun, wie viele Hiebe?«

»Gar keine!« stöhnte er.

»So, gar keine! Das ist freilich für Dich ein sehr guter Rath. Aber ich werde ihn nicht befolgen. Wenigstens zwanzig mußt Du aufgezählt bekommen!«

»O, Väterchen, thue es nicht, thue es nicht! Du darfst es nicht thun.«

»Ah! Ich darf nicht? Wer sollte mich denn davon abhalten?«

»Das Mitleid.«

»Dazu habe ich gar keine Veranlassung. Ich habe vielmehr den allergrößten Grund, die möglichste Strenge walten zu lassen.«

»Herr, ich bin genug bestraft durch das verdammte Wasser.«

»Kommst Du mir schon wieder mit dem Wasser, Kerl! Es hat ja gar keins gegeben.«

»O, sogar eine ganze Ueberschwemmung!«

»Ihr beiden Kerle müßt geträumt haben; anders ist es nicht.«

»Es war kein Traum, Väterchen, sondern die Wirklichkeit. Du hast uns doch eben auf den Stangen sitzen sehen. Was hätten wir da oben gewollt? Wir haben uns hinaufretten müssen, sonst wären wir ersoffen. Das Wasser hob uns ja weiß Gott schon hoch in die Höhe!«

»Das verstehe, wer es verstehen kann!«

»Sei doch so gut und befühle meine Uniform! Sie ist noch ganz naß. Oder erlaube mir, die Stiefel auszuziehen! Da kannst Du Dich überzeugen.«

»Gut. Herunter mit ihnen.«

Der Kosak zog die hochschäftigen Stiefeln aus und – goß aus jedem wenigstens einen halben Liter Wasser. Es war von oben in die Schafte gelaufen und hatte zu den sehr durabel aus Juchtenleder gearbeiteten Stiefeln unten nicht wieder hinaus gekonnt.

»Das ist allerdings eine gehörige Portion! Und die ist drinn in der Räucherkammer in die Stiefel gelaufen?«

»Ja, Väterchen.«

Die Beiden standen jetzt abseits von den Andern, so daß diese Letzteren zwar sehen, was zwischen dem Vorgesetzten und dem Wachtmeister vorging, aber nicht hören konnten, was die Beiden mit einander sprachen.

»Hm!« meinte der Erstere. »Es scheint doch, als wenn es Wasser gegeben hätte!«

»Genug, mehr als genug, Väterchen!«

»Und es kam durch die Esse?«

»Ja, in einem dicken Strome.«

»Erzähle doch einmal! Aber, Kerl, lüge mir ja nichts hinzu!«

Der Wachtmeister gab nach Kräften einen treffenden Bericht und sprach auch einige Vermuthungen aus. Der Offizier ging an den Giebel, um die Außenmauer zu inspiziren und dann auch an den Brunnen, wo er die Länge der Schläuche untersuchte. Darauf kehrte er zu dem Wachtmeister zurück und sagte in milderem Tone:

»Ich kann es mir denken, wie es gewesen ist; aber Ihr seid selbst schuld daran. Euch ist ein verdammt schnurriger Streich gespielt worden und Ihr könnt leider nichts dagegen machen. Eure Unvorsichtigkeit ist Schuld daran. Du magst freilich eine gehörige Angst ausgestanden haben und der Sitz da oben war auch nicht bequem. In Anbetracht dieser Umstände will ich einmal Gnade für Recht ergehen lassen und so thun, als ob nichts geschehen wäre. Du sollst an Deiner Angst genug haben. Reite heim und sei ein anderes Mal gescheidter!«

Wer war froher als der Wachtmeister! Er trollte schleunigst ab und nahm sich im Stillen vor, sich – – – doch noch an dem Bauer zu rächen und zwar ganz gehörig.

Nun winkte der Oberlieutenant den Letzteren herbei. Dieser ahnte, wovon die Rede sein werde.

»Peter Dobronitsch,« sagte der Offizier, »der Wachtmeister behauptete noch immer, daß hohes Wasser in der Räucherkammer gestanden habe. Wie erklärst Du das?«

»Er muß ein Gläschen Wutki zu viel getrunken haben.«

»So! Aber vom Wutkitrinken laufen Einem doch nicht die Stiefel voller Wasser!«

»Wer weiß, wie lange das schon drin gewesen ist!«

»So! Meinst Du, daß ein Kavalleriewachtmeister mit zwei Liter Wasser Monate lang in der Welt herumreitet? Ich wenigstens glaube es nicht.«

»Oder haben Sie vor Angst geschwitzt!«

»So daß ihnen der Schweiß in die Stiefel geronnen ist, bis dieselben so überliefen, daß das Wasser den Leuten bis an die Achseln ging? Meinst Du, daß zwei Menschen so viel zusammenschwitzen können?«

»Ich weiß es nicht; ich schwitze selten.«

»Sei froh darüber! Aber weißt Du, wie ich mir die Sache erkläre? Ich denke, daß Dein Brunnen geschwitzt hat.«

»Der? Ja, der schwitzt freilich Tag und Nacht.«

»Nur mit dem Unterschiede, daß sein Tagesschweiß in den Trog, sein Nachtschweiß aber zur Feueresse in die Räucherkammer hineinläuft. Nicht?«

»Wie käme das Wasser bis zur Esse hinauf?«

»Durch die Hochdruckröhren am Brunnen und durch den Schlauch. Was sagst Du dazu, mein liebes Brüderchen?«

»Da müßte doch auch das Nebenstübchen ganz voll Wasser gelaufen sein.«

»O nein. Ich weiß, daß Thüren zur Räucherei immer hübsch luftdicht schließen.«

»Und das Wasser müßte noch in der Räucherkammer gestanden haben, als wir sie öffneten. Es war aber keins da.«

»So war es schon fort.«

»Aber wohin?«

»Kannst Du Dir das nicht denken. Peterchen?«

»Nein.«

»So komm doch einmal mit!«

Er führte ihn nach der Giebelwand und zeigte auf das zugestopfte Loch.

»Wozu ist dieses da?«

»Um Zug zu erregen, wenn wir räuchern.«

»Auch nicht dazu, den Schlauch hinein zu stecken, wenn man Wasser herauspumpen will?«

»Sapperment!« entfuhr es dem Bauer.

»Nicht wahr, ich habe gar keine üblen Ansichten, mein gutes Peterchen?«

»Sie sind vielleicht wirklich nicht übel, aber ich kann mich gar nickt hineindenken.«

»Schau doch mal her an das Loch. Hier giebt es Ruß, welcher noch feucht ist. Die Spur sieht ganz so aus, als ob das Rußwasser aus dem Loche gelaufen sei. Das ist jedenfalls geschehen, als der Schlauch wieder herausgezogen worden ist. Oder kannst Du es Dir aus eine andere Weise erklären, mein gutes Freundchen?«

»Nein. Ich erkläre es mir lieber gar nicht.«

»Daran thust Du sehr klug, denn wenn Du es mir erklären wolltest, so würde ich Dir vielleicht sagen müssen, daß die Uniform eines Soldaten nicht da ist, um einen Wolkenbruch aufzufangen. Es würden sich daran vielleicht sogar einige Erörterungen knüpfen, im Verlauf deren gewisse Paragraphen zum Vorschein kommen würden. Also wollen wir die Sache lieber auf sich beruhen lassen. Nicht?«

»Hm! Ich bin es zufrieden,« lächelte schlau der Bauer. »Mir ist ja Alles recht, wenn ich nur keine heimliche Einquartirung wieder bekomme.«

»O, die ist so eingeregnet worden bei Dir, daß sie wohl nicht daran denken wird, es abermals mit so einem Wetter zu versuchen. Und weißt Du, was wir da noch auf sich beruhen lassen wollen?«

»Nein.«

»Die Angelegenheit mit Sergius Propow. Laß ihn wieder so heraus, wie Du auch das Wasser herausgelassen hast, aber nicht durch das kleine Loch in der Mauer, sondern durch die Thür!«

»Das habe ich gleich von vorn herein beabsichtigt. Er sollte nur noch ein wenig Angst ausstehen.«

»Er hat genug ausgestanden. Man darf nie des Guten zu viel thun, auch beim Wasser nicht.«

»Werde es mir merken!«

»Das freut mich. Siehst Du, liebes Freundchen, es ist doch hübsch, wenn zwei vernünftige Leute einander verstehen, ohne daß sie es einander sagen. Also laß ihn heraus! Er wird nicht gleich wiederkommen!«

Peter Dobronitsch ging, dieser Weisung Folge zu leisten und der Offizier begab sich zu seinen Kosaken und zu dem Grafen, um sich mit demselben über die weitere Verfolgung des flüchtigen Nummer Zehn zu besprechen.

Nach wenigen Augenblicken sah man den frommen Nachbar aus dem Hause treten. Er bildete eine wahre Jammergestalt und hatte ein Rußgesicht, schwarz wie ein Mohr. Er huschte, so schnell es ihm seine maltraitirten Glieder erlaubten, am Hause hin und verschwand um die Ecke. Er hatte eine Lehre empfangen, welche zu vergessen wohl nicht leicht war.

Kaum war er nach der einen Seite fort, so kamen von der anderen neue Ankömmlinge – ein Lieutenant mit einem Detachement Kosaken, in Summa vielleicht dreißig Mann. Als der Anführer den Oberlieutenant aus Platowa erblickte, ließ er einen Ruf der Ueberraschung und der Freude hören und ritt schnell auf ihn zu.

»Du hier, Kameradchen?« sagte er. »Wer hätte das gedacht! Was führt Dich her?«

»Ich suche einen Deserteur, Kosak Nummer Zehn. Hast Du vielleicht von ihm gehört, Freundchen?«

»Nein.«

»Ist auch sonst Niemand eingefangen worden bei Euch?«

»Kein Mensch. Es hat seit Tagen an unserer Grenze nichts Neues gegeben, als nur erst heut.«

»Heut? Was ist es?«

»Gleich etwas Großes und Seltenes. Du hast doch auch von dem Coroda gehört?«

»Dem flüchtigen Zobeljäger? Ja.«

»Nun, wir stehen eben im Begriff, ihn zu fangen und die tausend Rubel zu verdienen, welche auf ihn gesetzt sind.«

»Gratulire! Wißt Ihr denn, wo er zu finden ist?«

»Ja, ganz genau. Er und seine Bande.«

»Wie? Ihr habt das Versteck seines Gefolges entdeckt?«

»Nicht wir sondern ein Mann aus der Staniza. Dieser ist des Nachts nach dem Flusse gegangen, um Krebse zu fangen mit Hilfe einer Fackel. Da hat er einen leichten Feuerschein bemerkt und ist auf denselben zugegangen. Er hat gesehen, daß »arme Leute« daliegen, wohl gegen zweihundert Mann, auch einige Leute mehr. Er hat sich möglichst weit hinan gewagt und da das Gespräch zweier Männer belauscht, aus welchem er vernommen hat, daß Coroda, der Anführer, während der Nacht fortgegangen sei.«

»Welch eine Entdeckung! Wo liegen sie?«

»Nur einige Werst von hier im Dickicht an einer großen Krümmung des Flusses. Der Mann ist erst vor kurzer Zeit wieder heimgekehrt, denn es sind dann Schildwachen aufgestellt worden, durch welche er sich nicht hat schleichen können. Am Anbruch des Tages sind dieselben eingezogen worden und nun hat er erst wieder zurückgekonnt.«

»Dann hat er freiwillig die Anzeige gemacht?«

»Ja.«

»Das ist ein Wunder. Er ist kein Soldat?«

»Nein. Solche Leute vom Civil pflegen den »armen Leuten« eher fortzuhelfen, als daß sie ihnen hinderlich sind.«

»Der hätte die Anzeige wohl auch unterlassen, aber die tausend Rubel haben ihn verlockt, welche auf das Ergreifen von Alexius Coroda gesetzt worden sind.«

»Und Ihr hier wollt Euch der ganzen Gesellschaft bemächtigen?«

»Wir allein? Dreißig Mann? O nein. Das dürften wir nicht wagen, Diese Leute werden sich ganz verzweifelt ihrer Haut wehren.«

»Welches Arangement ist getroffen worden?«

*

90

»Ein sehr einfaches. Wir haben hundert Mann Fußkosaken und sechzig Reiter zur Verfügung. Die Fußkosaken marschieren auf die Stelle zu. Die Reiterei ist halbirt worden, je dreißig Mann auf den Flügel, so daß die Kavallerie die beiden Endpunkte des Halbkreises bilden, mit welchem die »armen Leute« eingeschlossen werden. Wenn es uns gelingt, uns unbemerkt zu nähern, wird uns kein einziger Mann entgehen.«

»So befindest Du Dich unterwegs?«

»Ja.«

»Ach, erlaubst Du mir, mit meinen Leuten den Ritt mitzumachen? Wir sind auch zwanzig Mann.«

»Sehr gern, Brüderchen! Komm mit.«

»Und darf ich mich auch anschließen?« fragte der Graf. »Ich bin nämlich Graf Alexei Polikeff und hier mein Freund Lomonow aus Orenburg wird sich auch gern die Freude machen, die Hallunken mit fangen zu helfen.«

»Alle sind willkommen. Alle,« antwortete der Lieutenant höflich. »Vorausgesetzt natürlich, daß keine Ansprüche auf die Prämie gemacht werden.«

Das wurde acceptirt und bald ritt der nun vergrößerte Trupp von dannen. Die Zobeljäger unter Anführung des Nummer Fünf blieben sitzen.

Peter Dobronitsch war wieder aus dem Hause getreten, grad als die Kosaken angekommen waren. Seine Tochter stand bei ihm. Als sie hörte, um was es sich handelte, wurde sie todtesbleich.

»Um Gotteswillen, Vater,« flüsterte sie ihm leise zu. Wir müssen sie retten!«

»Natürlich!«

»Aber wie?«

»Wir müssen Boroda durch einen Boten benachrichtigen.«

»Das ist aber höchst gefährlich!«

»Leider. Es wird sich nicht leicht Jemand dazu hergeben wollen. Ich werde selbst reiten müssen.«

»Aber hast Du gehört, das die Armen eingeschlossen werden sollen?«

»Alles habe ich gehört.«

»Da wirst Du nun nicht mehr zu ihnen gelangen können.«

»Es muß eben gewagt werden. Vielleicht komme ich, noch bevor die Linie der Angreifer geschlossen worden ist.«

»Dann kannst Du zwar hindurch, später aber nicht wieder zurück.«

»Das ist eben das große Bedenken, welches ich habe. Schau, da reiten sie ab!«

Die Häscher hatten den Hof noch nicht alle verlassen, so kam der Zobeljäger Nummer Fünf zu Peter Dobronitsch geeilt und flüsterte ihm zu:

»Du willst die Armen retten?«

»Ja.«

»Hast Du einen tüchtigen Mann dazu?«

»Nein. Ich reite selbst.«

»Du nicht. Ich werde reiten, hast Du vielleicht Etwas an Boroda auszurichten?«

»Nein. Sage ihm, was Du hier gesehen hast. Das reicht aus. Ich würde den Dienst von Dir nicht annehmen, wenn ich nicht dächte, daß ich möglicher Weise hier sehr nöthig gebraucht werden kann.«

»Bleib in Gottes Namen!«

»Auch weiß ich, wer Du bist. Einen bessern Mann kann ich Dir gar nicht senden.«

Nummer Fünf stieg zu Pferde, legte seine Doppelbüchse quer über die Kniee und wollte schon dem Pferde die Sporen geben, als er sich auf Etwas besann. Er wendete sich an seine Gefährten, die Zobeljäger:

»Brüder, würdet Ihr unter Umständen an dem Kampfe mit theilnehmen?«

»Ja,« lautete die Antwort.

»Für wen?«

»Für die armen Leute natürlich.«

»Schön! Ich verlasse mich auf Euch. Reitet jetzt nach dem Flusse und wartet an der Fähre. Vielleicht hole ich Euch.«

Jetzt ritt er davon, erst langsam und dann, als er das Gehöft hinter sich hatte, im Trabe.

Er blickte sich nach den Kosaken um und sah sie etwas rechter Hand vor sich grad nach Osten reiten. Sie bildeten jetzt noch kein Glied sondern ritten in einem zusammengedrängten Trupp.

Das war ihm ungeheuer lieb, denn so konnte er zwischen ihnen und dem Flusse unbemerkt hindurchkommen.

Er gab seinem Pferde die Sporen, legte sich weit vorn über und sprengte nun in sausender Carriere in der eingeschlagenen Richtung weiter.

Bald hatte er sie eingeholt und noch schneller überholt, aber ohne von ihnen gesehen worden zu sein, da ihr Trupp mehr in die Augen fiel als er als einzelner Reiter.

Bald hatte er sie so weit hinter sich zurückgelassen, daß er sie gar nicht mehr sehen konnte. Aber anstatt sein Pferd nun langsamer gehen zu lassen, spornte er es zu möglichst noch rascherem Laufe an.

So war er kaum eine halbe Stunde unterwegs, als der Fluß eine Biegung nach links machte und nach rechts wieder zurückkehrte. Dadurch entstand ein Bogen, welcher eine Halbinsel einschloß. Sie war mit dichtem Gestrüpp und einzelnen Bäumen bestanden und bildeten den Ort, an welchem die »armen Leute« sich versteckt hielten.

Er rannte in völligem Galopp mitten in das Gestrüpp hinein, bis vor ihm einige Männergestalten auseinander fuhren.

»Wo ist Boroda?« fragte er, sein Pferd anhaltend.

»Boroda? Wir kennen keinen Boroda,« antwortete Einer.

»Um Gottes willen, sagt die Wahrheit! Ihr seid »arme Leute« und lagert hier. Die Kosaken haben Euch entdeckt und sind schon unterwegs. Euch zu fangen. Wenn Ihr mich nicht schnell zu Boroda führt, seid Ihr Alle verloren.«

»Um Gott! Ists wahr?«

»Ja, schnell, schnell!«

»Bist Du ein Freund von uns?«

»Sonst käme ich doch nicht, um Euch zu retten!«

»Wie heißest Du?«

»Ich bin der Zobeljäger Nummer Fünf.«

»Also auch ein Verbannter. Ich vertraue Dir. Siehst Du die dicklaubige Esche da drüben links?«

»Ja.«

»Reite hin. Dort befindet er sich.«

Der Zobeljäger folgte der Weisung. Je weiter er vorwärts kam, desto mehr Menschen erblickte er, und Allen rief er seine Warnung zu. Laute Rufe erschollen, und als der Maharadscha bei der Esche anlangte, war fast schon das ganze Lager alarmirt.

Unter dem Baume standen vier oder fünf bewaffnete Männer.

»Wer von Euch ist Boroda?« fragte der Reiter.

»Ich bin es,« antwortete der Jüngste. »Wer bist Du? Was willst Du?«

»Ich komme von Peter Dobronitsch, bei dem soeben sechzig Kosaken abgeritten sind; von der andern Seite kommen dreißig und hier von grad aus sollt Ihr von hundert Fußkosaken angegriffen werden. Alle sind bereits unterwegs.«

»Alle Teufel! So sind wir verrathen?«

»Ja, und zwar von einem Manne, welcher gestern Abend hierherkam, um Krebse zu fangen. Er ist bis in der Frühe in der Nähe gewesen.«

Die Männer blickten sich einige Sekunden lang ruhig an, dann sagte Boroda:

»Das sind neunzig Reiter und hundert Fußsoldaten. Wir zählen ebenso viele; aber wir haben nur dreißig Pferde, und von uns sind nur gegen sechzig Mann bewaffnet. Aber, wollen wir uns ergeben?«

»Nein, nein!«

»Gut! So giebt es nur einen einzigen Rettungsweg: Wir ziehen uns kämpfend nach dem Hofe von Peter Dobronitsch hin, wo wir sofort in dem Verstecke, welches ich Euch allen beschrieben habe, verschwinden. Oder hat Einer von Euch einen besseren Plan?«

»Nein, nein.«

»Gut! Die Bewaffneten treten vor Diejenigen, welche keine Waffen haben, und diese stellen sich hinter ihnen auf. Kommt es ja zum Handgemenge, so können sich auch die Letzteren nach Kräften wehren, indem sie jeden beliebigen Gegenstand als Waffe gebrauchen.«

»Verzeihe,« sagte der Maharadscha. »Du willst Dich nach dem Hofe des Peter Dobronitsch hinziehen. Wird Dir das gelingen?«

»Es muß gelingen!«

»Auf dieser Seite stehen Dir sechzig Reiter gegenüber, alle wohlbewaffnet. Durch diese mußt Du Dich schlagen.«

»Das ist freilich schlimm!«

»Du hast dann zur rechten Seite den Fluß, vor Dir sechzig Reiter, zu Deiner linken Seite hundert Linienkosaken und hinter Dir wieder dreißig Reiter.«

»Es ist eine verzweifelte Lage; aber wir sterben lieber, als daß wir uns ergeben.«

»Ich will Dir einen Vorschlag machen. Suche die Angreifenden hinzuhalten.«

»Wodurch?«

»Durch Parlamentiren.«

»Wozu?«

»Ich kehre natürlich jetzt zurück, um Dobronitsch zu benachrichtigen, daß die Warnung gelungen ist. Dort an der Fähre habe ich elf tapfere Kameraden, welche Euch helfen wollen. Die bringe ich her, in den Rücken der sechzig Reiter. Diese kommen dadurch zwischen zwei Feuer und werden fliehen. Dadurch wird der Weg nach dem Hofe für Euch offen. Das Uebrige muß der Augenblick ergeben.«

»Schön! Ein prächtiger Gedanke! Wenn können wir die Feinde erwarten?«

»In kürzester Frist.«

»So müssen wir uns beeilen.«

»Aber, wenn Ihr klug sein wollt, so schont die Menschenleben. Schießt lieber die Pferde todt. Das giebt eine größere Panik als wenn die Reiter fallen.«

»Wenn es möglich ist, werden wir menschlich sein; aber ergeben wird sich von uns Keiner.«

»So ist meine Sendung beendet, und ich kehre zurück.«

»Wirst Du noch durchkommen können?«

»Ich hoffe es.«

»Und wann triffst Du mit Deinen Freunden ein?«

»In längstens einer halben Stunde. Lebt wohl bis dahin!«

»Leb wohl, Brüderchen!«

Er drehte sein Roß um und sprengte davon.

Es war die höchste Zeit gewesen, wenn er noch durchkommen wollte. Er hatte kaum einen Werst zurückgelegt, als er sich zur Linken die sechzig Kosaken bemerkte, welche eben im Begriffe standen, eine Linie zu bilden, welche bis herüber an den Fluß stoßen sollte.

Er legte sich ganz nieder auf den Rücken seines Pferdes, um ja nicht beachtet zu werden. Und doch wurde er gesehen, wenn auch nicht erkannt.

Mehrere Kosaken stießen von der Truppe ab, um ihn zu verfolgen. Da er aber sein Pferd zur höchsten Eile trieb und sie sahen, daß sie ihn nicht einholen konnten, kehrten sie wieder zurück.

Als er wiederum zwei Werst hinter sich hatte, sah er einen Reiter auf sich zukommen. Nach einiger Zeit gewahrte er, daß es kein Reiter sondern eine Reiterin sei. Mila war es, die Tochter von Peter Dobronitsch.

Die Angst hatte ihr keine Ruhe gelassen. Sie jagte auf ihn zu und fragte:

»Wie steht es? Hast Du ihn getroffen?«

»Ja, er ist gewarnt.«

»Und wird er kämpfen?«

»Gewiß! Reite schnell nach Hause und sage Deinem Vater, er solle das Versteck bereit machen, Boroda will sich mit seinen Leuten nach dem Hofe zurückziehen und in dem Verstecke verschwinden.«

»Das ist klug! Das ist gut! Ich eile! Hast Du noch eine Botschaft?«

»Nein, außer Du magst Deinem Vater sagen, daß auch ich mit kämpfen werde. Meine Kameraden werden sofort mit mir aufbrechen. Ich hole sie.«

Sie trennten sich. Sie ritt nach dem Hofe und er nach der Fähre.

Als er dort ankam, fand er die Elf seiner wartend. Sie hielten aber ihre Blicke auf das andere Ufer gerichtet, wo soeben drei Reiter ihre Pferde auf die Fähre lenkten und sich dann am Seile herüberzogen.

Es waren zwei hagere, außerordentlich lange Kerls und ein kleiner dicker Mensch. Alle drei trugen Kleidungsstücke, welche hier zu Lande fremd waren. Sie bildeten einen Anblick, welcher dem Maharadscha vergessen ließ, daß er Eile habe. Er blieb mit den Seinen halten, bis die Drei herüber waren.

Sie kamen langsam die Steilung herangeritten. Als sie oben anlangten, betrachteten sie die zwölf Sibirier mit forschenden Blicken. Der kleine Dicke legte die Hand an die Krämpe seines Hutes, lüftete denselben ein Wenig und sagte:

»Guten Tag, Ihr Männer! Seid Ihr hier bekannt?«

»So leidlich,« antwortete der Maharadscha.

»So bitten wir Euch, uns Auskunft zu geben. Wir suchen einen Mann, welcher Peter Dobronitsch heißt.«

»Der wohnt auf seinem Gute hier ganz in der Nähe.«

»Kennt Ihr ihn?«

»Ja. Wir sind Freunde von ihm.«

»Freut mich! Wir wollen auch Freunde von ihm werden.«

»Sendet Euch Jemand zu ihm?«

»Ja.«

»Wer?«

»Bula, der Tungusenfürst und Karparla, seine Tochter.«

»Dann seid Ihr ihm jedenfalls willkommen. Reitet grad aus, so werdet Ihr bald dort sein.«

»Danke, danke!«

Die Drei wollten weiter, blieben aber doch noch halten, als der Maharadscha die Bemerkung machte:

»Ihr habt freilich die Zeit Eurer Ankunft schlecht gewählt.«

»Wieso?«

»Es ist – es wird – – ah, ich darf es Euch doch nicht sagen.«

»Warum denn nicht?«

»Weil ich Euch nicht kenne.«

»Was thut das? Nur immer heraus damit. Wir hören es ja auch an, ohne daß wir Euch kennen.«

»Sage mir erst, was Du von flüchtigen Verbannten hältst, welche verfolgt werden!«

»Das sind arme Leute, mit denen ich herzliches Mitleid habe.«

»Wirklich?«

»Ja, natürlich! Ich bin doch ein Mensch und habe da, wo Andere das Herz haben, keinen Klumpen Schuhpech stecken.«

»Nun, so kann ich es Dir sagen. Es wird auf Dobronitschens Hof in vielleicht einer halben Stunde einen blutigen Kampf geben.«

»Sakkerment! Und wir kommen dazu? Besser konnten wir es doch gar nicht treffen!«

»Freust Du Dich etwa darüber?«

»Nun, die Augen weine ich mir nicht aus dem Kopfe, wenn sich einige verständige und gescheidte Leute einander gegenseitig die Hälse brechen.«

»Du scheinst ein sonderbarer Mann zu sein!«

»Hm! Dem Menschen ist alles Fremde sonderbar.«

»Ihr seid fremd? Nicht aus dem Lande?«

»Von weit her sogar, aus Amerika.«

Da dachte der Maharadscha an das, was er vorhin zwischen dem Grafen und dem Derwisch erlauscht hatte.

»Aus Amerika?« fragte er schnell. »Seid Ihr etwa Prairiejäger?«

»Ja.«

»Mein Gott! Kennt Ihr vielleicht einen Mann, welcher Steinbach heißt?«

»Natürlich! Aber wie kommst Du darauf, diesen Namen zu nennen? Woher kennst Du ihn?«

»Ich habe ihn erst vorhin nennen hören.«

»Von wem?«

»Von einem Manne, welcher sich Graf Polikeff nennt.«

»Polikeff! Donnerwetter! Ist der Lump also da! Na, warte, Bursche, wenn wir Dich beim Fell erwischen, so sollst Du jauchzen wie ein Pudel, der geschunden wird.«

»Ich weiß, daß Ihr ihn sucht, und Ihr sollt ihn bekommen, heute noch!«

»Wo ist er denn?«

»Da oben am Flusse. Er hilft den Kosaken gegen den – – mein Gott, da stehe ich und schwatze anstatt meine Pflicht zu thun!«

»Männchen, warte nur noch einen Augenblick! Du redest von einem Kampfe und von dem Grafen, welcher den Kosaken hilft. Gegen wen ziehen denn diese Kerls vom Leder?«

»Gegen eine Schaar von »armen Leuten«, welche gern über die Grenze wollen.«

»So! Und da wird es zum Kampfe kommen?«

»Ja.«

»Wie viele Kosaken sind es denn?«

Der Maharadscha machte die Drei mit wenigen Worten mit der Lage der Sache bekannt.

»So, so!« meinte der Dicke. »Also der Graf hilft den Kosaken. Wem helft denn Ihr?«

»Den Flüchtigen.«

»Das freut mich. Wir werden ihnen auch helfen.«

»Ihr?«

»Ja. Wunderst Du Dich darüber?«

»Ihr seid doch fremd. Was gehen Euch diese »armen Leute« an?«

»Donnerwetter, was gehen denn überhaupt einem guten Kerl seine Mitmenschen an! Keile kriegen die Kosaken, riesige Keile. Ihr nehmt uns mit. Und wenn Ihr das nicht wollt, nun so führen wir Krieg auf unsere eigne Faust. Bin doch begierig, zu sehen, was diese Herren Kosaken für Gesichter machen werden, wenn unsere amerikanischen Schlüsselbüchsen zu knallen beginnen!«

»Ist das Dein Ernst, Brüderchen?« fragte der Maharadscha.

»Wenn Du mich etwa für einen Schafskopf hältst, der mit solchen Sachen seinen Scherz treibt, so kannst Du grad eben solche Keile kriegen wie die Kosaken! Willst Du uns mitnehmen oder nicht?«

Der Maharadscha wußte noch immer nicht, woran er war. Er antwortete: »Wir wollen es versuchen.«

»Ja, Freundchen, versuche es einmal,« lachte der Dicke. »Ich bin überzeugt, daß Ihr diesen Versuch nicht bereuen werdet. Und damit Ihr wißt, mit wem Ihr es zu thun habt, so ist mein Name alleweile Sam Bart aus Herlasgrün in Sachsen, und diese beiden braven Herren heißen Jim Snaker und Tim Snaker. Wer bist Du?«

»Ich bin ein Zobeljäger und heiße nur Nummer Fünf.«

»Also ein Verbannter! Freut mich, daß ich so einen braven Kerl kennen lerne. Gieb mir Deine Hand, Alter! Wir wollen zusammenhalten. Und. nun vorwärts!«

Sie reichten sich die Hände, und dann ging es im Galopp den Fluß hinauf.

Das derbe, gutmüthige Auftreten des Dicken hatte doch einen günstigen Eindruck auf Nummer Fünf gemacht. Er hielt sich an seiner Seite und erklärte ihm im Reiten den Feldzugsplan der Kosaken und den Gegenplan der Bedrängten.

»So!« meinte Sam. »Hier durch wollen die wackern Kerls? Da werden wir ihnen hübsch Luft machen müssen, sonst bleiben sie stecken und müssen in das Gras beißen oder sich ergeben.«

»Aber hast Du Dir auch überlegt, was Du thust?«

»Da giebts gar nichts zu überlegen. Ich schieße den Kosaken die Pferde zwischen den Beinen fort. Dann laufen sie davon. Das giebt ein Hauptvergnügen.«

»Aber dieses Hauptvergnügen kann doch viel kosten!«

»So? Was denn?«

»Die Freiheit und gar das Leben.«

»Mach keinen Unsinn!«

»Was Du als Fremder thust, ist Landfriedensbruch und Empörung!«

»Landfriedensbruch? Pah! Aus so einem Bischen Bruch mache ich mir gar nichts, mag es nun ein Friedensbruch oder ein Leistenbruch oder gar ein Steinbruch sein.«

»Ueberlege es Dir wohl! Du kannst ewige Deportation und Verbannung davontragen!«

»Das ist mir grad Recht, denn da komme ich nach Sibirien, und da bin ich freilich schon. Männchen, laß es Dich nicht anfechten! Wir thun mit, und dabei bleibt es! Basta!«

Sie jagten in gestrecktem Galoppe fort am Flußufer hin, Sam mit Jim und Tim jetzt voran. Sie schauten aufmerksam nach vorn und bemerkten nach und nach menschliche Gestalten, welche eine lange, mehrgliederige Linie bildeten und über die nicht sehr hohen Büsche hervorragten.

»Das sind Reiter,« sagte Sam. »Die Pferde werden durch die Sträucher verdeckt, während die im Sattel Sitzenden über dieselben herausgucken. Jedenfalls haben wir da die feindliche Kavallerie vor uns. Das freut mich, denn nun geht der Walzer los.«

»Well!« lachte Jim. »Ein Kampf mit Kosaken. Habe ich auch noch nicht erlebt.«

»Besser wäre es freilich, wenn sie uns nicht genau sehen könnten, damit sie später nicht wissen, daß wir es gewesen sind.«

»Schleichen wir uns zu Fuße an!«

»Ja. Aber jetzt noch nicht. Wir sind noch nicht nahe genug. Zum Glück erwarten die Kerls keinen Feind von hinten. Sie kehren uns voller Verachtung und Unhöflichkeit die Rücken zu. Ich hoffe, daß sie das bald bleiben lassen werden. Reitet alle in einer einfachen Linie hinter mir, und legt Euch auf die Pferde nieder, damit wir nicht gesehen werden, wenn sich ja einer dieser guten Gentlemen umdrehen sollte!«

Die Anderen folgten dieser Aufforderung, und so ging es noch eine ziemliche Strecke an dem mit Büschen eingesäumten Ufer hin.

So kamen sie, was sie kaum für möglich gehalten hatten, bis auf ungefähr dreihundert Schritte an die berittenen Kosaken heran.

»Halt!« gebot nun Sam. »Steigt ab, und bindet die Pferde an. Die stehen dann hinter den Büschen so, daß sie nicht gesehen werden können. Wir aber schleichen uns noch ein Wenig weiter, bis wir gut auf die feindlichen Thiere zielen können.«

Dieser Befehl wurde ausgeführt. Es war doch eigenthümlich, daß die Zobeljäger sofort stillschweigend den Dicken als ihren Anführer anerkannten. Das war die Folge seines kurzen, entschlossenen und dabei umsichtigen Auftretens. Die Pferde waren angebunden, und nun schlichen die fünfzehn Männer in einer eng geschlossenen Linie zwischen den Büschen vorwärts, bis Sam mit leiser Stimme Halt gebot.

Sie waren jetzt nur noch kaum zweihundert Schritte von den Reitern entfernt. Zwischen beiden Parteien war das Gebüsch hier viel niedriger, so daß die Körper der Pferde zur Genüge aus demselben hervorblickten.

Geschossen wurde noch nicht. Die Kosaken saßen still und bewegungslos in ihren Sätteln.

»Boroda hat meinen Rath befolgt,« sagte der Maharadscha. »Er unterhandelt noch, um Zeit zu gewinnen.«

»Ist nun nicht mehr nöthig,« meinte Sam. »Wir sind ja nun da.«

Als ob die Flüchtlinge diese Worte gehört hätten, ließ sich jetzt ein einzelner, scharfer Knall vernehmen, welchen mehrere folgten.

»Es beginnt!« sagte Sam. »Wir warten noch. Aber dann, wenn wir uns dreinlegen, so verschwendet Eure Kugeln nicht nutzlos! Es dürfen nicht Zwei auf ein und dasselbe Pferd schießen. Wir sind Fünfzehn. Wir schießen in zwei Abtheilungen, nämlich Acht und Sieben. Während die eine Abtheilung ladet, schießt die Andere und zählt da drüben acht oder sieben Pferde ab Jeder weiß, wo er sich befindet und weiß also auch genau, auf welches Pferd er zu zielen hat. Schont aber die Reiter! Die reißen ganz von selber aus.«

Das Schießen wurde jetzt allgemeiner, und die Flüchtlinge schienen sich im Nachtheile zu befinden, denn die Reiter legten jetzt ihre Lanzen ein und schienen zum Angriffe vorgehen zu wollen.

»Jetzt wirds Zeit!« rief Sam. »Meine Abtheilung, acht Mann hier, Feuer!«

Acht Schüsse krachten fast zu gleicher Zeit, und einen Augenblick später bäumten sich drüben acht Pferde. Einige brachen unter ihren Reitern zusammen, wohl diejenigen, auf weiche Sam, Jim und Tim gezielt hatten. Die übrigen waren nur verwundet und stürmten davon, mitten unter die Ihrigen hinein.

Die Kosaken waren von diesem so unerwarteten Angriffe ganz erschrocken. Sie drehten sich nach den verborgenen Feinden um.

»Zweite Abtheilung, Feuer!« kommandirte Sam.

Sieben Gewehre krachten, und zwar mit demselben guten Erfolge wie vorhin. Die Kosaken schrieen laut auf. Man hörte ihren Anführer fluchen und wettern. Er gab sich Mühe, seine Leute in Ordnung zu halten; aber der Kosak ist eben ein Kosak, kein gut gedrillter, regulärer Soldat. Als die fünfzehn Mann noch zwei Salven abgegeben hatten, ballten sich die Reiter zu einem wirren, heulenden Knäuel und jagten davon, mitten unter die hundert Mann Infanterie hinein.

»Vorwärts!« gebot Sam. »Aber langsam und gebückt. »Die Lücke, welche wir brechen wollten, ist da. Nun müssen wir sie offen halten. Lassen wir nicht sehen, daß wir nur so Wenige sind, so haben sie desto größere Angst vor uns. Ach, siehe da! Schaut hin!«

Der Sotnik hatte, als er die Kavallerie seines linken Flügels fliehen sah, diejenige des rechten Flügels, dreißig Mann, herbei befohlen. Sie kamen in guter Ordnung angeritten, und da sie keinen Feind erblickten, ritten sie den unter den Büschen versteckten fünfzehn Männern grad in die Mündungen ihrer Gewehre. Sam Barth versäumte es natürlich nicht, diesen Umstand auszunutzen.

»Schont die Reiter, aber tödtet die Pferde,« befahl er. »Gebt Feuer!«

Die Schüsse krachten, erst sieben und dann acht. Wer ein Doppelgewehr besaß, gab nun schnell auch noch den zweiten Schuß ab, um darauf schleunigst wieder zu laden.

Die Fünfzehn hatten nur zu gut zielen können. Alle ihre Kugeln trafen. Mehr als zwanzig Pferde waren gestürzt und hatten dabei die Reiter abgeworfen, welche unter wildem Angstgeschrei die Flucht ergriffen. Die ganze Kavallerieabtheilung gerieth in Unordnung, kam erst ins Stocken und wendete sich dann um, um dem gefährlichen Feinde zu entgehen.

»Das war brav!« lachte Sam. »Das hat geholfen! Diese Kerls haben einen so heilsamen Schreck davongetragen, daß sie ganz sicher das Wiederkommen vergessen werden. Nun muß sich auch ihre Infanterie zurückziehen, und es fragt sich nur, ob sie den Flüchtlingen überlegen ist.«

»Ganz bedeutend,« erhielt er zur Antwort.

»Wohl in Beziehung der Waffen nur, oder auch der Anzahl?«

»In beiden Beziehungen.«

»Sapperment! Da ist es freilich gerathen, daß die Flüchtlinge an ihre Sicherheit denken. Giebt es einen Ort, den sie aufsuchen können?«

»Ja, der Hof des Peter Dobronitsch da hinter uns. Er hat ein sehr gutes Versteck für sie.«

»Schön! So ziehen wir uns auf diesen Hof zurück. Auf der einen Seite sind wir durch den Fluß gedeckt, und auf der andern Seite werden wir Fünfzehn den Flügel bilden, weil wir die besten Schützen sind. Ich werde das dem Anführer der Flüchtigen mittheilen und bei dieser Gelegenheit gleich einmal recognosciren. Ihr gebt indessen das Ufer frei und rückt weiter rechts vor in das Land hinein. So können zwischen Euch und dem Flusse die armen Leute marschiren, und Ihr sorgt dafür, daß die Kosaken ihnen nicht zu nahe kommen. Ich werde bald wieder zu Euch stoßen.«

Er ging zu seinem Pferde und stieg auf. Aber er setzte sich nicht aufrecht in den Sattel, denn da wäre er von den Kosaken gesehen und später wohl wieder erkannt worden. Sondern er hing sich nach der Weise der Indianer mit dem rechten Beine in den Sattel und mit dem linken Arme in den Halsriemen des Pferdes, so daß er sich hinter dem Körper des Pferdes versteckte. Auf diese Weise konnte er nicht gesehen werden, während es ihm möglich war, Alles genau zu beobachten.

Nun ritt er fort, in langsamen Schritte, um Alexius Boroda aufzusuchen.

Er sah, daß die Kosaken sich weit zurückgezogen hatten. Sie schienen sich damit begnügen zu wollen, die Flüchtigen zu beobachten und nicht entkommen zu lassen. Aber sie wieder direct anzugreifen, dazu hatten sie wohl einstweilen die Lust verloren.

Dies erkannte man daraus, daß ihr Fußvolk, welches doch noch gar nicht ins Feuer gekommen war, sich hinter die Reiterei zurückgezogen hatte.

Sam Barth erkannte das auf den ersten Blick und war über diesen Erfolg seiner Angriffsweise sehr erfreut. Er ritt nach der Flußbiegung zu, an welcher sich das Lager der Flüchtlinge befunden hatte. Ein junger Mann kam ihm entgegen geritten, betrachtete ihn mit prüfendem Blicke und fragte dann, sein Pferd anhaltend:

»Wen suchest Du?«

»Alexius Boroda.«

»Der bin ich.«

»Ah, Du bist der Anführer dieser Leute, Du!«

Er warf einen erstaunten Blick auf den Jüngling. Dieser fragte:

»Kommt Dir das so unwahrscheinlich vor?«

»Beinahe!«

»Warum?«

»Weil Du so jung bist. Einen so berühmten Zobeljäger habe ich mir anders gedacht.«

»Wer aber bist Du? Ich kenne Dich nicht. Wer sind die Schützen, welche uns so kräftig beigestanden haben? Ihnen werden wir Alles zu verdanken haben. Du kommst aus der Richtung, in welcher geschossen wurde und wirst mir also Auskunft geben können.«

»Das kann ich. Geschossen haben die Zobeljäger, angeführt von Nummer Fünf.«

»Aha! Dachte es mir. Aber Du? Wer bist Du?«

»Ich bin ein fremder Reisender und kam mit zwei Kameraden des Weges daher. Wir hörten, daß arme Leute sich in Gefahr befanden, und beschlossen, ihnen zu helfen. Das ist Alles. Jetzt habe ich Dich aufgesucht, um Dir zu sagen, daß es für Euch das Beste ist, ein sicheres Versteck aufzusuchen. Ich höre, daß der Bauer Peter Dobronitsch – –«

»Weiß schon, weiß schon!« unterbrach ihn der Zobeljäger. »Wir ziehen uns nach dem Gute von Peter Dobronitsch zurück. Dort giebt es ein Versteck, welches für uns Alle ausreicht. Niemand kann es finden. Die Hauptsache ist, daß wir uns den Weg dorthin offen halten.«

»Das werde ich besorgen. Wir sind fünfzehn Personen. Ich habe den Andern bereits den Befehl ertheilt, den linken Flügel beim Rückzüge zu bilden. Du kannst Dich also ruhig an die Spitze Deiner Leute stellen und den Marsch beginnen. Wir werden Dir die Kosaken vom Leibe halten.«

Boroda schüttelte den Kopf.

»Das sagst Du, als ob es sich ganz von selbst verstehe! Weißt Du denn, was Du eigentlich thun willst?«

»Natürlich. Ich will einigen braven Flüchtlingen aus der Patsche helfen.«

»Und dabei eine That begehen, welche nach dem Gesetze mit dem Tode bestraft wird!«

»Pah! Vor dem Tode ist mir gar nicht bange!«

»Glücklichstenfalls wirst Du unendliche Scherereien davon haben.«

»Auch das nicht. Bisher weiß kein Mensch, daß ich Euch geholfen habe.«

»Aber die Kosaken werden es erfahren. Sie müssen Dich ja sehen und werden Dich im Auge behalten.«

»Den Teufel werde ich mich sehen lassen! Mein Gewehr trägt so weit, daß ich ihnen die Pferde aus solcher Entfernung wegputze, daß sie mich gar nicht deutlich erkennen können. Ich habe nämlich verboten, einen Kosaken zu tödten. Nur die Thiere haben wir erschossen.«

»Recht so. Das freut mich sehr. Aber wenn Du unsern Rückzug decken willst, so mußt Du dem Feinde nahe bleiben. Du wirst keine Zeit haben, uns in unser Versteck zu folgen. Dann kommt es ja an den Tag, daß Du es bist, der auf sie geschossen hat!«

»Das laß meine Sorge sein. Mache Dich nur schleunigst auf. Deine Leute in Sicherheit zu bringen. Für mich werde ich schon selbst zu sorgen wissen.«

Er lenkte sein Pferd wieder rückwärts und stieß bald zu seinem Trupp. Der besprochene Plan wurde ausgeführt und ging außerordentlich regelrecht von statten. Die Kosaken legten kein Hinderniß in den Weg. Sie befanden sich in der festen Ueberzeugung, die Flüchtlinge in ihren Händen zu haben, denn diese Letzteren konnten nicht über den Fluß und auf der andern Seite lag der Baikalsee, nach dessen Ufer man sie nur zu treiben brauchte, um sie dann in aller Gemächlichkeit gefangen zu nehmen.

Als sie bemerkten, daß sich die Flüchtigen am Flusse hinabzogen, und zwar in der Richtung auf die Besitzung von Peter Dobronitsch, folgten sie ihnen langsam und vorsichtig nach. Die »armen Leute« glichen ja Mäusen, welche langsam und sicher in die Falle getrieben werden.

So gestaltete sich der Rückzug in aller Gemüthlichkeit folgendermaßen: Voran die Flüchtlinge, ihre Weiber und Kinder an der Spitze, kommandirt von Alexius Boroda. Nach ihnen die fünfzehn Jäger unter dem Kommando von Sam Bart, und hinterher die Kosaken.

Der schlaue Sam zog sich nur äußerst langsam zurück, damit die Flüchtlinge genug Zeit finden konnten, sich in Sicherheit zu bringen. Diese Letzteren hatten den Hof des Bauers längst erreicht, als Sam noch fast eine Viertelstunde von demselben entfernt hielt und durch einzelne, auf die Pferde sehr wohl gezielte Schüsse die Kosaken bedeutete, sich mehr Zeit zu nehmen.

Was nun Peter Dobronitsch betraf, so verhielt er sich möglichst klug bei der ganzen Angelegenheit.

Denjenigen Knechten, deren er nicht sicher war, befahl er, sich in der Wohnstube zu sammeln, da es nicht gerathen sei, in solchen Fällen Augenzeuge zu sein. Er selbst setzte sich zu ihnen, blieb bei ihnen und that ganz so, als ob er sich gar nicht um das draußen Geschehene bekümmere. Auch die sämmtlichen Mägde waren mit in der Stube versammelt.

Während der Bauer sich dafür sorgte, daß er später nicht der Theilnahme beschuldigt werden könne, war seine Tochter mit denjenigen Knechten, denen sie vertrauen konnte, draußen mit der Rettung der Flüchtlinge beschäftigt.

Einige Knechte nahmen die Pferde in Empfang, um sie augenblicklich abzusatteln und nach dem Waideplatze zu bringen. Es mußte dafür gesorgt werden, daß es den Kosaken unmöglich war, die Pferde der Flüchtigen aufzufinden.

Die Höhle war von Mila schnell zum Empfange so Vieler vorbereitet worden. Es brannten oben alle Lampen. Die Flüchtlinge kannten das Versteck zwar noch nicht; aber so wie sie an dem Baume anlangten, stiegen sie an demselben empor, Einer hinter dem Andern. Mila brauchte nur den Vordersten zu führen, so verstand es sich ganz von selbst, daß die Hinteren demselben genau folgen würden.

Wer beritten gewesen war, nahm sein Sattelzeug mit hinauf, während die ledigen Pferde schnell verschwanden.

Alexius Boroda, der Anführer der Flüchtigen, machte den Letzten. Wie ein Seekapitän, welcher sein Schiff nicht eher verläßt, als bis alle seine Leute gerettet sind, wollte auch er erst alle seine Gefährten in Sicherheit wissen.

Als nun der Letzte von ihnen auf dem Baume verschwunden war, wollte er zurück zu Sam, um auch dafür zu sorgen, daß dieser Letztere keine Gefahr laufen könne. Aber Mila entgegnete ihm energisch:

»Das ist nicht nöthig. Mit diesem Manne werde ich selbst sprechen. Steige Du nur immer hinauf. Die Hauptsache ist, daß Ihr spurlos verschwunden seid, wenn die Kosaken kommen.«

»Aber diese fremden Jäger werden dann von den Feinden ergriffen werden. Ich will nicht haben, daß sie sich für uns opfern.«

»Die drei Fremden habe ich noch nicht gesehen. Aber Nummer Fünf ist bei ihnen, und wie ich den kenne, wird er schon wissen, wie er es anzufangen hat, die Kosaken zu täuschen. Um ihn, also auch um seine Leute, braucht Dir gar nicht bange zu sein. Also begieb Dich schleunigst nach der Höhle. Ich werde die fünfzehn Männer aufsuchen.«

Die fünfzehn Jäger hielten noch immer die sämmtlichen Kosaken in Schach, als Mila bei ihnen anlangte. Der dicke Sam betrachtete sich die hübsche Russin und sagte, als er eben wieder einen sichern Schuß auf ein Kosakenpferd abgegeben hatte:

»Sapperment, ist das ein allerliebstes Vögelchen! Du bist also die Tochter von Dobronitsch?«

»Ja, Väterchen.«

»So höre, was ich Dich frage! Werden Eure Leute verrathen, daß wir hier geschossen haben?«

»Nein. Die Treuen werden nichts sagen und die Andern wissen nichts, denn mein Vater sitzt mit ihnen schon seit länger Zeit in der Stube.«

»Das ist mir lieb, mein Töchterchen. Wir werden also nach Eurem Hofe eilen und uns dort niederlassen. Da thun wir, als ob uns die ganze Sache gar nichts angegangen wäre. Kommt, Ihr Brüderchen! Wollen doch sehen, ob diese Herren Kosaken es wagen werden, uns Etwas am Zeuge zu flicken.«

Sie eilten nach dem Hofe. Dort setzte sich der einstige Maharadscha mit seinen Leuten wieder dahin, wo er vorher gesessen hatte. Sam nahm mit Jim und Tim bei ihnen Platz. Sie alle nahmen die unschuldigsten Mienen der Welt an.

Die Kosaken merkten nach einiger Zeit, daß sie keinen Widerstand mehr fanden. Sie waren höchst zornig. Sie hatten zwar nicht einen einzigen Mann verloren, aber Einige von ihnen waren verwundet und die meisten ihrer Pferde todt geschossen worden.

Ein Major kommandirte sie. Bei ihm befand sich der Graf und auch der einstige Derwisch. Als der Offizier Bericht erhielt, daß von Seiten der Flüchtlinge nichts mehr zu sehen und zu hören sei, lachte er grimmig und sagte:

»Wir werden sie in einigen Minuten Alle haben. Sie können nicht über den See hinwegfliegen.«

»Aber sie können sich in den Gebäuden des Hofes festsetzen und da ein verheerendes Feuer gegen uns richten,« bemerkte der Graf.

»Das werden sie bleiben lassen; denn in diesem Falle würde ich nach weiteren Mannschaften senden, und wir wären ihnen dann so überlegen, daß wir sie leicht erdrücken könnten. Nein, so dumm sind sie nicht.«

»Aber sie werden sich doch auch nicht bisher so gewehrt haben, um sich dann zu ergeben.«

»Warum nicht? Warum haben sie bisher nur die Pferde erschossen? Um ein mildes Schicksal zugesprochen zu erhalten, wenn wir uns dann ihrer bemächtigen.«

»Dann brauchten sie überhaupt gar keinen Widerstand zu leisten!«

»Daß sie sich trotz der sichern Aussicht, ergriffen zu werden, noch vertheidigten, ist sehr leicht zu erklären. Sie haben auf Boroda's Befehl von ihren Waffen Gebrauch gemacht. Dieser weiß sehr wohl, daß die Seinen nun verloren sind; aber er hat wenigstens sich retten wollen. Er hat an den See gelangen wollen. Am Ufer liegen Kähne. Wenn er sich in den Besitz eines solchen setzt, ist es ihm nicht schwer, in irgend ein Versteck zu gelangen, wo wir ihn nur schwerlich finden können. Der Schlaukopf ist also für uns verloren, seine ganze Schaar aber ist uns desto sicherer. Beeilen wir uns also, sie vollends gegen den See zu treiben.«

Er gab den dazu nöthigen Befehl, und die Spitze der Kosaken setzte sich vorsichtig in Bewegung. Sie gelangte, ohne Widerstand zu finden, bis in den Hof von Peter Dobronitsch, wo keine Spur der Flüchtlinge zu finden war.

Die fünfzehn Jäger saßen mit vergnügten Gesichtern bei einander und thaten, als ob sie die anrückenden Kosaken gar nicht bemerkten.

Der Offizier, welcher die Vorhut derselben führte, war derselbe, welcher bereits heut früh hier gewesen war und mit dem Wachtmeister Wassilei verhandelt hatte. An seiner Seite ritt der Oberlieutenant aus Platowa. Diese beiden Offiziere blieben bei den Jägern halten.

»Kerls,« sagte der Anführer, »Ihr sitzt ja so ruhig hier, als ob gar nichts geschehen sei!«

»Herr, was gehen uns die »armen Leute« an?« fragte der einstige Maharadscha.

»Nichts, aber unter Umständen auch sehr. Ihr konntet Euch Ihnen entgegenstellen.«

»Fällt uns nicht ein! Wir sind keine Polizisten und auch keine Kosaken.«

»Wer sind denn diese drei Fremden, welche sich da bei Euch befinden?«

»Sie sind Reisende, welche von Platowa kommen.«

»Was wollt Ihr hier?« fragte der Offizier nun Sam, Jim und Tim direct.

»Wir reisen zum Vergnügen,« antwortete der Dicke.

»Zum Vergnügen? Seid Ihr toll? Wer seid Ihr denn eigentlich?«

»Frag den Oberlieutenant da an Deiner Seite. Ich habe keine Lust, eine lange Rede zu halten.«

»Mensch, sei höflicher! Weißt Du, wen Du vor Dir hast?«

»Nun, den Zaren doch wohl nicht!«

»Aber einen seiner Offiziere.«

»Schön! Das weiß ich nun, und so ist die Sache also abgemacht.«

Der Offizier wollte ihm zornig antworten, aber der Oberlieutenant winkte ihm ab und sagte leise zu ihm:

»Laß den Kerl! Er hat famose Papiere bei sich, direct vom Kaiser. Wir haben uns bereits in Platowa die Zähne vergeblich an ihm ausgebissen. Gehen wir weiter!«

»Aber vorher muß ich doch wissen, wo die Flüchtlinge stecken!«

Er wendete sich an den einstigen Maharadscha.

»Seid Ihr seit unserm Aufbruch bis jetzt hier sitzen geblieben?«

»Ja, Herr.«

»Ihr habt also die Flüchtigen gesehen?«

»Alle. Sie ritten und liefen an uns vorüber.«

»Wohin?«

»Nach dem See zu.«

»Sprachen sie mit Euch?«

»Kein Wort. Sie schienen große Eile zu haben.«

»Sonderbar! Daraus werde der Satan klug. Sie müssen doch mit Euch geredet haben, und wenn es nur einige Worte gewesen sind.«

»Nein. Einer wollte allerdings auf uns sprechen; aber ich habe ihm einen Wink gegeben, daß er gehen soll. Es ist für uns gefährlich, mit solchen Leuten zu sprechen. Man kann sehr leicht in den Verdacht gerathen, mit ihnen im Einverständnisse zu stehen.«

»Das war dumm von Dir. Hättest Du mit ihm gesprochen, so wäre es Dir wohl leicht geworden, Etwas von ihm zu erfahren.«

Die Brauen des Maharadscha zogen sich finster zusammen:

»Herr, ein Spion bin ich nicht. Ich bin selbst ein Verbannter und habe keineswegs die Pflicht, meine Leidensgefährten noch unglücklicher zu machen, als sie bereits so schon sind. Euer Kampf geht mich gar nichts an. Macht, was Ihr wollt!«

Er wendete sich ab. Der Offizier erkannte, daß hier nichts zu erfahren sei, und that nun weiter, was ihm seine Pflicht vorschrieb. Er sendete einige Fußkosaken zur Aufklärung voran. Sie mußten sehen, ob der Engpaß, welcher sich an der Pechtanne vorüber nach dem See zog, besetzt sei.

Nach kurzer Zeit wurde er zu seinem Erstaunen benachrichtigt, daß kein einziger Feind sich dort befinde. Er rückte also mit seiner Vorhut in den Paß ein. Vorher aber ließ er dem Major diesen Umstand wissen.

Unterdessen war dem dicken Sam der Gedanke gekommen, daß es wohl besser sei, wenn er mit seinen beiden Begleitern hier nicht sofort gesehen werde. Er wendete sich an den Maharadscha:

»Du erwähntest vorhin den Grafen Alexei Polikeff. Bist Du sicher, daß er sich wirklich hier befindet?«

»Ich weiß es gewiß. Er ritt fort, um sich den Kosaken anzuschließen.«

»So kehrt er wohl auch mit ihnen zurück?«

»Jedenfalls.«

»Hm! Jim, Tim, kommt mit herein in das Haus. Wir wollen uns diesem braven Peter Dobronitsch vorstellen. Ich denke, es ist besser, wenn der Graf uns nicht sogleich bemerkt.«

Die Beiden gaben ihm Recht und gingen mit ihm in die Wohnstube, in welcher sich jetzt auch Mila bei ihrem Vater und den Knechten befand. Auch Gisa hatte sich dahin zurückgezogen. Als er die Drei eintreten sah, kam er ihnen erfreut entgegen und stellte sie dem Bauer vor.

»Das sind die Fremden, welche – hm, Du weißt es ja bereits. Ich habe es Dir erzählt!« sagte er.

Er besann sich noch zur rechten Zeit, daß den hier anwesenden Knechten nicht zu trauen sei. Der Bauer verstand ihn sofort.

»Ah, die Fremden, welche Karparla's Freunde sind?« fragte er. »Ihr seid mir herzlich willkommen, meine lieben Brüder. Setzt Euch nieder!«

Er reichte ihnen die Hände und führte sie zu den Stühlen, welche für sie noch übrig waren.

Uebrigens war es jetzt gar nicht mehr nöthig, die Knechte in der Stube zu behalten. Was sie nicht hatten sehen sollen, das war jetzt vorüber, und so erhielten sie den Befehl, wieder an ihre Arbeit zu gehen. Sie entfernten sich.

Die Anderen konnten nun vertraulich mit einander reden. Das machte Sam sich sogleich zu nutze, indem er sagte:

»Wir kommen, Dir zu melden, daß Karparla bereits unterwegs ist. Sie wird mit ihrem Stamme baldigst, vielleicht noch heut hier eintreffen. Sodann aber muß ich Dich gleich nach einer Person fragen, welche wir bei Dir suchen.«

»Wer ist das?«

»Der Mann nennt sich Peter Lomonow und giebt vor, ein Kaufmann aus Orenburg zu sein.«

»Der ist da.«

»Wo befindet er sich?«

»Bei den Kosaken, denen er sich anschloß, als es sich darum handelte, die ›armen Leute‹ zu fangen.«

»So kommt er also wieder?«

»Ja. Er will hier ausruhen. Er begehrte ein Zimmer von mir, hat aber kein passendes gefunden.«

»Hm! Er soll einen Aufenthalt bekommen, wo es ihm gefallen muß, mag er nun wollen oder nicht. Wir sind nämlich gekommen, ihn gefangen zu nehmen.«

»Was hat er verbrochen?«

»Verschiedenes. Schau, da kommt die Hauptschaar der Kosaken. Ich kenne das Versteck nicht, in welchem Du die Verfolgten untergebracht hast. Ist es sicher?«

»Vollständig. Kein Mensch wird sie dort finden.«

»So möchte ich sehen, was die Herren für Gesichter machen, wenn sie bemerken, daß die Gesuchten spurlos verschwunden sind.«

Er trat an das Fenster. Soeben kam der Major in den Hof getrabt.

»Sapperment!« meinte Sam. »Er ist's. Jim, Tim, kommt her und schaut Euch den Kerl an!«

Diese Beiden eilten zu ihm und erkannten sofort den einstigen Derwisch.

»
Well!« lachte Jim. »Der Kerl wird eine unaussprechliche Freude haben, wenn er uns so unerwartet hier trifft.«

»Ja, er wird ganz außer sich vor Entzücken sein, wenn wir ihn daran erinnern, was damals drüben in Amerika, besonders im Thale des Todes geschehen ist. Ich wollte, er käme herein zu uns.«

Der Major hielt draußen vor dem Hause und betrachtete die Umgegend aufmerksam. Auch er hatte die Ansicht, daß die zwölf Zobeljäger sich mit seiner Angelegenheit gar nicht befaßt hätten; darum beachtete er sie gar nicht.

Da kam der die Vorhut befehligende Offizier selbst herangesprengt und meldete:

»Kein Flüchtling ist zu sehen, Herr Major.«

»Unsinn! Sie müssen sich doch am Ufer des Sees befinden!«

»Kein Einziger.«

»Nun, ausgebrochen können sie doch nicht sein!«

»Allerdings nicht.«

»Rechts ist die weite Ebene, in welcher wir sie sehen müßten. Diese haben sie aber gar nicht erreichen können, weil die Mündung des Flusses ihnen im Wege ist. Links sind die himmelhohen Felsenmauern. Hinter ihnen wir und vor ihnen der See. Sie können also nicht fort sein. Sie müssen da sein.«

»Aber es ist wirklich keine Menschenseele zu sehen.«

»Unglaublich! Es ist doch nicht zu denken, daß sie auf den Booten von Peter Dobronitsch entkommen sind. Der hat nur einige, und die sind so klein, daß kaum der fünfte Theil der Flüchtigen darinnen hätte Platz finden können.«

»Auch das ist nicht der Fall, denn die Boote liegen alle am Strande. Sie sind aus dem Wasser auf das Land gezogen worden.«

»So müßt Ihr alle blind sein, geradezu blind! Ich werde selbst nachsehen.«

Er hatte das im Tone des Zornes ausgerufen und ritt davon. Der Graf und der Derwisch folgten ihm. Auch sie konnten das plötzliche Verschwinden so vieler Menschen nicht begreifen und wollten sich durch den Augenschein überzeugen, ob die Meldung auf Wahrheit beruhe oder nicht.

Als sie die Felsenenge hinter sich hatten, breitete sich rechts von ihnen die Mündung des Mückenflusses aus. Jenseits desselben gab es eine vollständig baum- und strauchlose Ebene. Hätten sich die Flüchtigen da hinüber gerettet, so hätte man sie jetzt unbedingt sehen müssen.

Zur linken Hand gab es eine steil himmelanstrebende Felsenmasse, welche sich bis an den See erstreckte. Kein Weg, kein Pfad oder dem Aehnliches führte hinauf. Die Kosaken kannten die Oertlichkeit genau, um zu wissen, daß die Flüchtlinge nicht da hinaufgekonnt hatten.

Und vor ihnen lag der See. Sein Wasser war glatt und unbewegt. Wenn sich Jemand auf einem Boote da hinausgerettet hätte, so wäre dieses Boot unbedingt zu sehen gewesen.

Die Kosaken standen da oder hielten auf ihren Pferden und warfen sich bedenkliche Blicke zu. Diesen abergläubischen Leuten erschien es als ganz sicher, daß hier irgend eine Zauberei im Spiele sei. Einige von ihnen bekreuzigten sich sogar.

Die Offiziere hatten sich um den Major gesammelt. Er selbst befand sich in einer Stimmung, welche sehr, sehr nahe an Verlegenheit grenzte.

»Was sagen Sie dazu, meine Herren?« fragte er.

Ein allgemeines Achselzucken war die Antwort.

»Aber, zum Teufel! Die Kerls haben doch keine Flügel!« rief er zornig aus.

Die Anderen schüttelten die Köpfe.

»Pah!« rief der Graf. »Die Zeiten der Wunder sind vorbei. Selbst was Einem zuerst als ganz und gar mirakulös vorkommt, läßt sich, wenn man der Sache mit nüchternem Auge näher tritt, sehr leicht erklären.«

»Nun, so erklären sie!« forderte der Major ihn in fast höhnischem Tone auf.

Der Graf mochte sich durch diesen Ton beleidigt fühlen, denn er antwortete:

»Mich geht die Sache gar nichts an. Ich bin vollständig unbetheiligt. Mögen Diejenigen, deren Amt es ist, nach einer Erklärung suchen.«

Er zog sein Pferd um einige Schritte zurück. Der Major wollte den begangenen Fehler wieder gut machen. Er bat:

»Gnädiger Herr, so war es nicht gemeint. Ich hoffe nicht, daß Sie zürnen. Sie werden einsehen, daß meine Lage geradezu eine fatale ist.«

»Allerdings,« lächelte der Graf nun seinerseits schadenfroh.

»Wenn Sie irgend einen Gedanken haben, mit dessen Hilfe sich das Verschwinden vieler Menschen erklären läßt, so bitte ich, ihn mir mitzutheilen.«

»Ich muß aufrichtig gestehen, daß es auch mir ganz unmöglich ist, eine Erklärung zu finden. Ich bin hier fremd. Ich kann mir nicht denken, daß so viele Menschen sich einfach in das Wasser gestürzt und ersäuft haben, nur um Ihnen zu entgehen.«

»Das ist ihnen sicherlich nicht eingefallen!«

»Nun, so muß es hier irgend einen Ausweg geben. Anders ist es ja gar nicht möglich. Leider bin ich als Fremder mit den hiesigen Geheimnissen nicht vertraut. Sie aber sollten doch alle Schliche kennen!«

»Die kennen wir Alle. Hier aber giebt es keinen Schleichweg.«

»Hm! Dann sind die Flüchtlinge also noch da!«

»Noch da? Wo denn?«

»In irgend einem Versteck.«

»Giebt es keins.«

»Wissen Sie das genau?«

»Ja.«

»So ist es mit meiner Wissenschaft zu Ende. Es giebt meines Erachtens hier nur zwei Möglichkeiten. Entweder können diese Menschen fliegen, oder sie befinden sich in einem Verstecke. Welches von beiden wahrscheinlicher ist, das lehrt der gesunde Menschenverstand.«

Dem konnte der Major nicht absprechen. Er fragte seine Offiziere. Er ließ durch dieselben auch die Mannschaften fragen, aber es gab keinen Einzigen unter ihnen, welcher hier einen Ort kannte, an welchen sich so viele Personen verstecken konnten.

»So müssen wir Peter Dobronitsch fragen. Vielleicht weiß er es,« meinte der Major.

Der Graf lachte hörbar vor sich hin.

»Sie lachen!« bemerkte der Major. »Ueber mich!«

»Nein, sondern über Ihre Worte.«

»Kommen dieselben Ihnen etwa lächerlich vor?«

»Lächerlich nicht, aber naiv sind sie doch höchst wahrscheinlich!«

»Herr!« fuhr der Offizier auf.

»Pah! Zanken wir uns nicht! Nicht wahr, dieser Grund und Boden gehört dem Genannten?«

»Ja.«

»Er muß die Oertlichkeit also besser kennen als jeder Andere.«

»Natürlich.«

»Befindet sich ein Versteck hier, so weiß er von dessen Dasein. Also muß er auch wissen, daß die Flüchtigen sich dort versteckt haben.«

»Nicht unumgänglich nöthig. Sie können es auch ohne sein Wissen gethan haben.«

»Glaube ich nicht. Ich kenne den Mann zwar nicht näher, aber er hat keineswegs den Eindruck einer allzu großen Loyalität auf mich gemacht.«

»Das ist er auch nicht.«

»Ach so! Er ist also als Einer bekannt, dem man zutrauen kann, daß er sich der sogenannten ›armen Leute‹ annimmt?«

»Ja.«

»Nun, da haben Sie es. Wenn es hier ein Versteck giebt – und ich möchte fast schwören, daß ein solches vorhanden ist – so hat er es den so plötzlich verschwundenen Leuten angeboten.«

»Das soll er wohl bleiben lassen!«

»Versuchen Sie es! Sie haben ja noch gar nicht mit ihm gesprochen.«

»Das soll sofort geschehen. Kommen Sie.«

Er ritt im Trabe zurück. Der Graf, der Derwisch und die Offiziere folgten ihm. Die Soldaten aber blieben zurück.

Als sie vor dem Hause anlangten, trat der Bauer eben aus der Thür.

»Dobronitsch, hierher!« gebot der Major, mit dem Finger auf die Bodenstelle deutend, welche sich vor seinem Pferde befand. Er that grad so wie Einer, der seinen Hund ruft.

Der Bauer gehorchte. Er stellte sich vor das Pferd des Offiziers. Kein Zug seines Gesichtes verrieth eine Spur von Angst, oder daß er über die gegenwärtige Behandlung zornig sei.

»Bauer, weißt Du, was geschehen ist?« fuhr der Major ihn an.

»Nein,« antwortete der Gefragte ruhig.

»Nicht? Da lügst Du!«

»Ich sage die Wahrheit.«

»Du mußt doch gesehen haben, was hier vorgegangen ist!«

»Zuweilen ist es gefährlich, so Etwas zu sehen.«

»Wie meinst Du das?«

»Ich bin kein Kosak. Mich gehen die armen Leute gar nichts an. Als ich bemerkte, daß es zum Kampfe kommen werde, habe ich mich mit den Knechten hinein in die Stube gesetzt und mich um gar nichts gekümmert.«

»Das glaube ich nicht.«

»Frag meine Knechte, Herr. Sie haben mit bei mir gesessen.«

»Alle?«

»Alle, außer denen, welche sich bei den Heerden auf der Weide befanden.«

»Du willst also behaupten, daß Du mit keinem Flüchtlinge gesprochen habest?«

»Ja.«

»Mit keinem Einzigen?«

»So ist es.«

»Hast Du sie aber hier vorüberkommen sehen?«

»Ja. Sie ritten und gingen nach dem See.«

»Aber dort sind sie nicht.«

»Sie müssen dort sein.«

»Es ist nicht eine Spur von ihnen zu entdecken.«

Der Bauer machte jetzt ein Schafsgesicht, welches gar nicht dümmer sein konnte.

»Herr, das ist nicht möglich!« meinte er.

»Wenn ich es Dir sage, so ist es nicht nur möglich, sondern sogar wirklich!«

»Sind sie denn davongeflogen?«

»So habe ich mich auch gefragt. Aber Du wirst wohl zugeben, daß Menschen keine Flügel haben!«

»Ja, das weiß ich wohl!«

»So sinne einmal nach, wie dieses Verschwinden so vieler Menschen zu erklären ist.«

»Ja, Väterchen, kannst denn Du es Dir erklären?«

»Nein.«

»Warum fragst Du da mich? Wenn die Klugheit eines Majors und Oberstwachtmeisters nicht dazu ausreicht, wie kann da ein dummer Bauer es fertig bringen?«

»Hallunke! Willst Du höhnen?«

Der Bauer machte sein ehrlichstes und aufrichtigstes Gesicht.

»Höhnen?« meinte er kopfschüttelnd. »Ich werde mich hüten, Etwas zu thun, wofür ich sehr leicht die Knute bekommen könnte.«

»Das laß Dir allerdings gerathen sein! Uebrigens kannst Du leicht auch außerdem geknutet werden. Du bist ein Freund der armen Leute.«

»Herr, die Religion gebietet dem Christen, ein Freund aller Menschen zu sein!«

»Aber nicht auch solcher Menschen, welche mit dem Gesetz zerfallen sind. Du aber speisest die verfolgten Flüchtlinge.«

»Niemals!«

»Schweig! Ich weiß es! Dein Fenster ist des Nachts stets offen. Du beschützest sie und wirst ihnen auch jetzt geholfen haben, uns zu entkommen.«

»Ich habe ja mit Keinem von ihnen gesprochen!«

»Zum Scheine, ja. Aber ich habe die Meldung erhalten, daß Boroda gestern bei Dir gewesen sei. Willst Du das leugnen?«

»Nein; aber ich kannte ihn nicht.«

»So hat er sich Dir zu erkennen gegeben, und Ihr habt Euch über das, was heut geschehen soll, besprochen.«

»Herr, er ist ja entflohen, und ich bin gar nicht daheim gewesen.«

»Schweig! Euch kennt man schon! Ich weiß auch, auf welche Weise Du Dich seiner und seiner Leute angenommen hast. Du hast sie vor uns versteckt.«

Der Bauer gab sich alle Mühe, um nicht bemerken zu lassen, daß er erschrak. Er machte ein echt russisches, dummdreistes Gesicht und antwortete dem Offizier:

»Versteckt? Heiliger Iwan! Wohin denn?«

»Das wirst Du wohl wissen.«

»Ich? Kein Wort weiß ich!«

»Sei still! Dich kennen wir! Verschwinden können so viele Leute nicht. Sie müssen hier einen Ort gefunden haben, den wir nicht entdecken können.«

»Ich weiß nichts davon. Väterchen, willst Du nicht diesen Ort suchen lassen?«

»Hund! Bilde Dir nicht etwa ein, mich verspotten zu können. Es kann mir gar nicht beikommen, nach einem Orte zu suchen, den Du mir sehr leicht nennen und zeigen kannst. Heraus damit! Wo sind die Leute?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich werde Dir es beweisen, daß Du es weißt. Du wirst die Knute erhalten, und zwar so lange, bis Du gestehest.«

»Und wenn Du mich todtschlagen lässest, so kann ich nichts gestehen, denn ich weiß von nichts.«

»Werden sehen! Bindet ihn!«

Dieser Befehl war an einige Soldaten der Nachhut gerichtet. Sie wollten sich des Bauers sogleich bemächtigen.

»Herr!« rief dieser. »Du hast nicht das Recht, mich schlagen zu lassen!«

»So? Ah!«

»Ich bin nicht Dein Untergebener, und ich bin ein freier Unterthan des Zaaren. Ich kann nur auf ein gerichtliches Erkenntniß hin bestraft werden.«

»Nun, so bin jetzt ich das Gericht, und mein Erkenntniß hast Du gehört.«

»Ich protestire!«

»Und ich horche nicht auf Dich!«

»So werde ich mich beschweren!«

»Hund! Drohst Du mir sogar! Du wirst nun doppelte Hiebe erhalten. Bindet ihn!«

Dobronitsch mochte die Absicht haben, sich zur Wehr zu setzen, denn er überflog die Anzahl der Soldaten, welche ihn ergreifen wollten. Da aber fiel sein Blick zufälliger Weise durch das Fenster in die Stube. Er sah den dicken Sam für einen Augenblick am Fenster erscheinen. Dieser gab ihm einen Wink, sich alles ruhig gefallen zu lassen. Darum verzichtete der Bauer auf den geplanten Widerstand.

Die Fenster des Wohnzimmers standen offen. Darum hatten die dort Befindlichen Alles ganz deutlich gehört.

»Herrgott, sie wollen ihm die Knute geben!« sagte die Bäuerin erschrocken, als sie den Befehl des Majors vernahm.

»Keine Sorge! Sie werden ihn nicht schlagen,« tröstete Sam.

»O doch! Du kennst den Major nicht.«

»Er mich aber auch nicht.«

»Willst Du ihn etwa hindern?«

»Jawohl.«

»Er wird nicht auf Dich hören!«

»Du wirst bald sehen, daß er sehr wohl auf mich hören wird. Habe nur keine Angst, mein gutes Schwesterchen.«

Draußen wurde der Bauer gebunden und mit dem Bauche auf die Erde gelegt. Rechts und links von ihm stellte sich je ein Kosak auf, mit der Knute in der Hand.

»Nun,« fragte der Major, »willst Du offen gestehen, Peter Dobronitsch?«

»Ich weiß nichts,« antwortete dieser.

»Wo sind die Flüchtigen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ah! Du denkst, ich mache mit der Knute nur Spaß? Du sollst sofort erkennen, wie Ernst es mir damit ist. Zieht ihm die Hose herab.«

Dieser Befehl war an die beiden Kosaken gerichtet, welche sich anschickten, demselben sogleich nachzukommen. Aber sie kamen nicht dazu, denn es ertönte ein lautes ›Halt!‹ von der Hausthüre her. Aller Augen richteten sich natürlich dorthin. Sam, Jim und Tim traten heraus, ihre Büchsen in der Hand.

»Alle Teufel!« flüsterte der einstige Derwisch ganz erschrocken dem Grafen zu.

»Was ist?« fragte dieser.

»Das sind die drei Kerls!«

»Die Amerikaner?«

»Ja. Habe ich es nicht gesagt! Sie befinden sich auf meiner Fährte.«

»Pah! Es ist nichts zu befürchten. Ich bin ja da.«

»O, darnach fragen diese Menschen nicht!«

»Ich werde sie wohl lehren, darnach zu fragen! Was wollen sie jetzt? Ah!«

Sam war nämlich in aller Gemüthlichkeit zu dem an der Erde liegenden Bauer getreten, hatte den ihm im Wege stehenden Kosaken zur Seite geschoben, zog sein Messer, zerschnitt die beiden Leinen, mit denen Dobronitsch gebunden worden war und sagte:

»Peter Dobronitsch, stehe auf! Es versteht sich ganz von selbst, daß der Oberstwachtmeister nur Spaß macht.«

Der Bauer sprang natürlich sofort vom Boden auf.

Der Major machte ein Gesicht, als ob er seinen Augen nicht traue.

»Kerl! Was fällt Dir ein!« rief er.

»O, nichts Besonderes,« lachte Sam. »Ich mache mir den Spaß, auf Dein Spiel einzugehen. Du lässest die Leute fesseln, und ich erlöse sie.«

»Unverschämter! Wer bist Du?«

»Frage Den da!«

Er deutete auf den einstigen Derwisch. Der Major blickte also diesen an und fragte ihn:

»Kennst diesen Mann?«

»Nein,« antwortete der Gefragte.

»Nicht?« lachte Sam. »Das glaube ich gar wohl, denn sobald er zugiebt, uns zu kennen, ists um ihn geschehen. Er ist der größte Hallunke, den es auf Erden giebt.«

»Schweig!« rief der Derwisch. »Du verkennst mich!«

»O nein! Nicht wahr, jetzt bist Du der Kaufmann Peter Lomonow aus Orenburg?«

»Der bin ich freilich.«

»Und wer warst Du vorher?«

»Derselbe und kein Anderer.«

»Ach so! Warst Du nicht in Amerika, wo Du Dich Bill Newton nanntest?«

»Nein.«

»Nanntest Du Dich nicht vorher in Constantinopel als Derwisch Osman?«

»Ist mir niemals eingefallen!«

»Und ist nicht Florin Dein eigentlicher Name? Wenigstens hast Du ihn als Kammerdiener geführt.«

»Ich weiß nichts davon. Ich habe nichts mit Dir zu schaffen. Laß mich in Ruhe!«

»Schön! Ganz wie Du willst. Du sollst sehr bald Deine Ruhe haben.«

Der Major hatte vor Erstaunen versäumt, Etwas zu sagen. Jetzt ergriff er das Wort:

»Du siehst, daß dieser Mann Dich nicht kennt. Er ist wirklich Peter Lomonow aus Orenburg. Er mag mit Dir nichts zu schaffen haben.«

»Desto mehr aber will ich mit ihm zu schaffen haben.«

»Du hast zu schweigen! Wie kannst Du es wagen, Dich in meine Angelegenheit zu mischen. Wie ist Dein Name?«

»Ich heiße Samuel Barth.«

»Das ist ein fremder Name.«

»Ein deutscher.«

»Ah, Du bist ein Ausländer und wagst es, Dich hier der Execution zu widersetzen! Weißt Du, daß ich Dich selbst auch knuten lassen werde?«

»Nein. Das weiß ich nicht.«

»Du wirst es bald erfahren!«

»Pah! Du bist nicht der Mann dazu, mir mit der Knute zu drohen! Hier, siehe Dir einmal meine Legitimation an!«

Er zog sie aus der Tasche und reichte sie ihm hin. Der Major las sie, blickte den Dicken und dessen beiden Kameraden erstaunt an, zog dann die Stirn in Falten und sagte:

»Nun, was ist das weiter?«

»Das wirst Du wissen!«

*

91

»Ja, das weiß ich, denn ich lese es. Du heißest Samiel Barth, und Deine beiden Begleiter heißen Snaker. Die Behörden werden aufgefordert, Euch allen möglichen Vorschub zu leisten.«

»So ist es. Du siehst also, daß ich auf Deine Hilfe rechnen kann!«

»Hm, nicht so ganz. Es steht allerdings hier, daß alle Civil- und Militärbehörden Dich, wenn Du es verlangst, unterstützen sollen. Aber davon ist nichts zu lesen, daß Du diesen Behörden Hindernisse in den Weg legen darfst!«

»Hindernisse? Das thue ich ja gar nicht!«

»O doch. Hinderst Du mich nicht hier?«

»Allerdings. Ich hindere Dich nämlich, etwas Ungesetzliches zu thun.«

»Pah! Was ich thue, das weiß ich zu vertreten. Peter Dobronitsch erhält die Knute!«

»Nein, er erhält sie nicht, so lange ich mich hier befinde. Wo ist das rechtskräftige Urtheil, welches ihn zur Knute verdammt?«

»Hier!« antwortete der Major zornig, indem er auf sich deutete.

»Du giltst hier nichts. Der Bauer ist keinem Militärgerichte unterstehend, denn er ist kein Soldat. Ich frage nach dem Urtheile der betreffenden Civilbehörde.«

»Mann, was wagst Du da?«

»Pah, gar nichts.«

»Ich bin Major!«

»Und ich bin Samuel Barth; das ist weit mehr als Major! Verstanden?«

»Ich lasse Dich arretiren.«

»Versuche es!«

»Ich brauche nur einen Wink zu geben.«

»So winke.«

»Gut. Nehmt ihn gefangen!«

Dieser Befehl war an die beiden Kosaken gerichtet. Sam erhob die Büchse und drohte:

»Wer nur eine Miene macht, sich mir zu nähern, den schieße ich nieder!«

Seine beiden Gefährten legten ebenso wie er die Gewehre an.

»Donnerwetter!« schrie der Major. »Mir das! Wollt Ihr sie augenblicklich ergreifen!«

Die beiden Kosaken standen zwischen ihrem Vorgesetzten und den Mündungen der drei auf sie gerichteten Gewehre. Sie zogen es vor, den Letzteren zu gehorchen und traten ängstlich zurück.

Da sprang der Major vom Pferde und rief:

»Also der offene Ungehorsam! Ihr sollt Eure Strafe erleiden! Ich werde die Arretur jetzt selbst vornehmen.«

Und sich an Sam, Jim und Tim wendend, sagte er in befehlendem Tone:

»Ihr seid meine Gefangenen!«

»Schön!« lachte Sam.

»Folgt mir!«

»Wohin?«

»Dahin, wohin ich Euch führe.«

»Gib Dir keine Mühe! Wir machen doch, was wir wollen. Hat Jemand das Recht, hier eine Arretur vorzunehmen, so sind wir es. Das werden wir Dir sogleich zeigen.«

Er trat an das Pferd heran, auf welchem der einstige Derwisch saß, und sagte:

»Bill Newton, ich klage Dich an des Mordes, des Raubes, des Betruges, der Fälschung und einer ganzen Zahl anderer Verbrechen. Du bist mein Gefangener.«

»Der Deinige? Ha, greif zu!« lachte Bill.

Er gab seinem Pferde die Sporen und riß es herum, in der Absicht, davonzujagen. Aber er hatte sich in dem Dicken verrechnet. Dieser that einen schnellen Griff, faßte das Bein des Reiters und riß ihm den Fuß aus dem Bügel – ein Ruck, Bill flog aus dem Sattel, stürzte zur Erde, und das Pferd jagte reiterlos davon.

»Nehmt ihn auf und schafft ihn in die kleine Stube rechts vom Hausflur!« gebot Sam seinen beiden Kameraden.

Es hatte dieses Befehles eigentlich gar nicht bedurft, denn kaum berührte Bill Newton den Boden, so hatten die beiden Jäger ihn auch bereits ergriffen und emporgerissen.

Er brüllte laut auf vor Wuth, der Major war ebenso ergrimmt wie er.

»Halt!« schrie er. »Das dulde ich nicht!«

»Wirst es wohl dulden müssen!« antwortete Sam. »Ich mache Dich auf den Inhalt meines Passes aufmerksam und fordere Dich auf, mir behilflich zu sein, den Kerl hier in Sicherheit zu bringen.«

»Sollte mir einfallen!«

»Nicht? Also Ungehorsam gegen die oberste Behörde! Das kann Dir theuer zu stehen kommen. Glücklicher Weise bedarf ich Deiner Hilfe nicht, denn ich bin Manns genug, mir selbst zu helfen. Schafft ihn fort!«

Das sagte er zu Jim und Tim. Der Bauer hatte, seit er wieder aufgestanden war, dem Vorgange still zugeschaut. Jetzt sagte er zu den beiden Jägern:

»In der Stube ist er Euch nicht sicher. Schafft ihn lieber in die Räucherei. Ich will sie Euch zeigen.«

Er ging voran und die beiden Andern folgten mit Bill, welcher sich vergeblich gegen sie sträubte; sie hatten ihn zu fest.

Der Major fluchte das Blaue vom Himmel herab; aber Sam stand ihm so selbstbewußt und ruhig gegenüber, daß er es nicht wagte, sich an ihm zu vergreifen. Da hielt der Graf es an der Zeit, ein Wort zu sagen. Sam war ja auch sein Gegner. Wenn dieser unschädlich gemacht wurde, so war fast gewonnenes Spiel.

»Major,« sagte er, »lassen Sie sich so etwas bieten! Von einem obscuren Menschen, welcher ohne allen Rang und Stand ist?«

»Sie haben Recht,« antwortete der Offizier. »Der Kerl soll es büßen, Oberlieutenant, bitte, holen Sie meine Kosaken herbei.«

Er hatte das zu dem Oberlieutenant aus Platowa gesagt. Dieser zuckte die Achseln und antwortete:

»Herr Major, es thut mir leid, mich in dieser heiklen Angelegenheit nicht betheiligen zu können.«

»Warum nicht?«

»Sie geht mich nichts an.«

»Bin ich nicht Ihr Vorgesetzter!«

»Allerdings.«

»So haben Sie zu gehorchen!«

»Hier nicht. Ich gehöre jetzt nach Platowa. Wenn Sie des Gehorsams bedürfen, so wenden Sie sich gütigst an die hiesigen Kameraden!«

»Alle Teufel! Soll ich etwa auch Sie wegen Insubordination einsperren lassen!«

»Das steht Ihnen unbenommen. Nur mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich darüber zu verantworten haben werden. Uebrigens habe ich Sie gewarnt und Ihnen mitgetheilt, daß diese Männer unter dem ganz besonderen Schutze der Behörde stehen. Ich kam hierher einen Flüchtling zu fangen. Er ist entkommen, und ich habe nichts mehr hier zu suchen. Ich kehre nach Platowa zurück.«

Er entfernte sich um seine Kosaken aufzusuchen und mit denselben abzureiten. Der Major warf ihm einen wüthenden Blick zu.

»Sich so Etwas gefallen lassen zu müssen!« raunte ihm der Graf schadenfroh zu, natürlich um ihn noch mehr aufzuregen.

»Eigentlich kann ich doch nichts thun,« entgegnete der Major. »Ich habe diesem Samuel Barth, nachdem ich seinen Paß gesehen habe, wirklich beizustehen.«

»Auch wenn ich dagegen spreche?«

»Dann allerdings ist es etwas Anderes. Sie sind mit Vollmachten vom Gouverneur versehen.«

»Nun gut! So bitte ich Sie, diesen Samuel nebst seinen beiden Gefährten gefangen zu nehmen!«

»Werden Sie es verantworten?«

»Ja.«

»Dann gut!«

Er schickte einen andern Offizier fort, um die Kosaken, welche sich noch am Ufer des See's befanden, herbeizuholen.

Dieser hatte sich kaum entfernt, so kam der Platowaer Oberlieutenant an der Spitze von dreißig Kosaken, um sich von dem Major zu verabschieden.

»Was ist das?« fragte der Graf. Sie erhielten doch nur zwanzig Mann mit?«

»Allerdings,« antwortete der Oberlieutenant.

»Und ich zehn. Wollen Sie mir die etwa entführen?«

»Entführen nicht. Eine Entführung pflegt heimlich zu geschehen; ich aber handle in aller Offenheit. Diese zehn Mann wurden Ihnen als Begleitung nach dem Mückenflusse mitgegeben. Sie sind am Ziele angelangt, und nun führe ich diese Leute, deren Sie nicht mehr bedürfen, nach ihrer Garnison zurück!«

»Ich bedarf ihrer noch!«

»Wenn Sie militärische Kräfte nöthig haben, so wenden Sie sich an den Herrn Major, welcher Ihnen sehr gern zu Diensten sein wird.«

Der Graf zeigte sich freilich damit nicht einverstanden. Er fragte:

»Herr Oberlieutenant, steht es denn in Ihrem Belieben, mir die Truppen zu entziehen, welche mir auf Befehl des Kreishauptmannes mitgegeben worden sind?«

»Allerdings, denn ich bin hier Kommandirender aller nach Platowa gehöriger Soldaten. Sie haben sich, scheint es mir, in eine Verlegenheit geritten, an welcher ich mich und die Meinigen nicht gern betheiligen möchte. Herr Major, melde mich mit dreißig Mann ab nach Platowa. Wünsche viel Vergnügen!«

Damit trabte er mit seinen Leuten von dannen.

Sam hatte das Alles zu seinem größten und heimlichen Vergnügen mit angesehen und angehört. Er machte in Folge dessen ein Gesicht, welches sowohl den Grafen als auch den Major herzlich ärgerte. Darum rief der Erstere dem Letzteren zornig zu:

»Herr Major, ich bitte nochmals, diesen Menschen arretiren zu lassen!«

»Giebt es einen Grund dazu?« fragte der Offizier laut, um sich für alle Fälle sicher zu stellen.

»Ja. Ich verantworte es.«

»Du hörst es!« sagte der Major zu Sam. »Also leiste keinen Widerstand.«

»Fällt mir nicht ein!« antwortete Sam. »Ich werde doch gegen die Arretur dieses Mannes keinen Widerstand leisten. Herr Major, ich fordere Sie auf, ihn zu arretiren!«

Der Major fluchte laut auf. Er hielt zwischen zwei Männern, von denen der Eine den Andern arretirt wissen wollte. Wem sollte er da den Willen thun!

»Also bitte!« drängte der Graf. »Da kommen ja Ihre Leute.«

Der Offizier kam mit den herbeigeholten Kosaken. Da schien es sehr leicht zu sein, sich der Person Sams zu bemächtigen. Dieser aber lachte lustig auf und sagte:

»Herr Major, ich bitte, diesen Mann zu arretiren, und zwar schnell, damit er nicht etwa noch Zeit zur Flucht findet.«

»Alle Teufel! Ist denn ein Grund vorhanden?«

»Hast Du den Grafen so gefragt? Ich verantworte die Arretur.«

»Das kannst Du nicht!«

»Oho. Du kennst meinen Paß, und nun ist es gut.«

»Hole Euch der Teufel! Ich werde mich hüten, irgend Jemand zu arretiren! Habt Ihr Etwas gegen einander, so machts gefälligst selber ab. Mich geht Eure Geschichte gar nichts an. Ich bin nicht hier um Privatangelegenheiten militärisch auszutragen. Dir aber, Peter Dobronitsch, werde ich einen Hemmschuh anlegen. Verstanden! Du sollst mich nicht betrügen. Es ist ganz sicher, daß Du die Flüchtlinge versteckt hast. Willst Du mir gehorchen, wenn ich Dir zum letzten Male befehle, mir zu sagen, wo das Versteck sich befindet?«

»Ich weiß kein Versteck,« antwortete der Bauer, welcher mit Jim und Tim wieder zurückgekommen war.

»So mache Dich nur auf doppelte Strafe gefaßt, wenn ich Dich überführe!«

»Suche, ob Du ein Versteck finden kannst, welches gar nicht vorhanden ist.«

»Ich werde nicht suchen. Du sollst es nicht fertig bringen, mir eine Nase zu drehen. Ich werde Deine Besitzung einschließen lassen, so daß keine Maus entkommen kann. Dann wird es sich finden, wo die Kerls, welche mir die Pferde erschossen haben, hingekommen sind. Kommen Sie, Graf, Sie sind mein Gast.«

»Sogleich!«

Der Graf warf einen forschenden Blick auf den noch immer an seiner Stelle sitzenden Maharadscha und ritt davon. Die Kosaken folgten den Beiden. Als nach einiger Zeit der Bauer seine Knechte auf Recognition aussandte, meldeten sie ihm bei ihrer Rückkehr, daß allerdings seine ganze Besitzung von Kosaken umgeben sei. Vom See bis wieder zum See war ein Halbkreis gebildet worden. Die Soldaten thaten Fußdienst und standen in leichter Anrufweite auseinander. Auch an dem Ufer des See's war eine starke Wache aufgestellt, um das etwaige Entkommen der Flüchtlinge über das Wasser zu verhindern.

»Das ist nun freilich schlimm,« sagte Peter Lomonow. »Nun können sie nicht fort.«

»Pah,« lachte der Dicke. »Wenn ich will, so jage ich die sämmtlichen Kosaken zum Teufel, oder ich drehe ihnen eine Nase, auf welche hin sie ihren Posten ganz freiwillig verlassen. Man hat ja nur die Umgebung besetzt, hier aber sind wir unbeobachtet und können mit den »armen Leuten« ganz ungehindert verkehren. Magst Du mir nicht einmal den Versteck zeigen?«

»Ja, Du sollst ihn sogleich sehen und wirst Dich wundern, wie prächtig für seinen Zweck er sich eignet. Kommt mit mir!«

Peter Dobronitsch führte Sam, Jim und Tim zur Pechtanne. Die drei Jäger waren natürlich vorsichtig genug, sich zu überzeugen, daß kein Unberufener sie dabei beobachte. Sie zeigten sich erstaunt, als sie aufgefordert wurden, die Höhe des Riesenbaumes zu ersteigen. Noch mehr aber wuchs ihr Erstaunen, als sie dann auf dem betreffenden Aste in das Innere der Höhle gelangten.

Diese war vollständig erleuchtet; es brannten alle Lampen, und in allen Räumen herrschte ein außerordentlich reges Leben.

Die Verbannten fühlten sich ganz glücklich, ein solches Versteck gefunden zu haben. Es war ihnen nun möglich, nach den entsetzlichen Strapazen hier einmal auszuruhen.

Der Bauer und seine drei Begleiter wurden mit Jubel empfangen. Es kamen hundert Antworten auf hundert und noch mehr Fragen. Und als die Verbannten nun hörten, daß sie den glücklichen Ausgang des Ueberfalls zumeist dem energischen Eingreifen der drei fremden Jäger zu verdanken hätten, wollten die Händedrücke gar kein Ende nehmen.

Die meisten der Leute befanden sich natürlich in dem hinteren freien Raume, da wo die Quelle sprudelt. Dort traf Sam auch den Kosaken Nummer Zehn.

Als dieser den Dicken und dessen zwei lange Begleiter erblickte, kam er erfreut herbeigeeilt und streckte ihnen die Hände entgegen.

»Da seid Ihr, da!« rief er. »Ich habe bereits von Eurer Ankunft gehört und von dem, was man Euch zu verdanken hat. Kommt her und setzt Euch mit zu uns! Ich hoffe, daß Ihr Euch hier sehr gut unterhalten werdet.«

Auf der Felsenplatte, wohin er sie führte, saßen zwei alte, grauköpfige Personen, ein Mann und eine Frau von sehr ehrwürdigem Aussehen. Bei ihnen saß der Anführer der Verbannten, Alexius Boroda, welcher sich erhob und die Drei mit den freundlichsten Händedrücken empfing. Als sie sich zu den beiden Alten niedergesetzt hatten, gab Nummer Zehn Alexius einen Wink und entfernte sich mit ihm an eine Stelle, an welcher sie nicht beobachtet werden konnten.

»Was giebt es?« fragte Boroda.

»Wie gefallen Dir diese drei Personen?«

»Außerordentlich. Sie scheinen wirkliche Originale zu sein.«

»Das sind sie auch. Ich meine aber besonders den Dicken.«

»Was ist mit ihm?«

»Ahnst Du es nicht?«

»Was soll ich ahnen?«

»Hm! Ich habe absichtlich noch nichts gesagt; aber gleich als ich hörte, daß ein dicker und zwei lange Menschen sich so gewichtig dreingelegt hätten, so wußte ich sofort, woran ich war. Diese drei Männer sind nämlich – nun, so rathe doch!«

»Doch nicht die drei Jäger in Platowa, von denen Du mir erzählt hast?« fiel der berühmte Zobeljäger schnell ein.

»Ja, sie sind es.«

»Mein Gott, so wäre dieser Dicke kein Anderer als – wie nanntest Du ihn? Wohl Sam Barth?«

»Ja.«

»Mein Onkel?«

»Er ist es.«

»Herr Jesus! So muß ich gleich –«

Er wollte eiligst fort. Der Andere aber hielt ihn kräftig zurück und bat:

»Ueberstürze die Sache nicht! Beherrsche Dich! Es muß doch gar zu schön sein, wenn der Dicke und Deine Eltern selbst darauf kommen, wer sie gegenseitig sind. Schweig also jetzt noch, und verdirb Dir und mir den Spaß nicht. Hast Du zu den Eltern schon von ihm gesprochen?«

»Nein. Du hattest mich ja gebeten, es nicht zu thun.«

»Dann schön! Setzen wir uns also zu ihnen, und lassen wir der Sache ihren eigenen Verlauf!«

Sie kehrten an den Felsen zurück und betheiligten sich in möglichst unbefangener Weise an der Unterredung, welche natürlich in russischer Sprache geführt wurde.

Alexius Boroda wurde es natürlich außerordentlich schwer, gegen Sam so gleichgiltig wie gegen einen fremden Menschen zu erscheinen.

Der Gegenstand der Unterhaltung bestand ganz selbstverständlich in dem heutigen Ereignisse, welches von allen möglichen Seiten beleuchtet wurde. Dann kam die Rede auf die Zukunft, der sie alle hoffnungsvoll entgegenblickten. Jeder glaubte, daß die Flucht nun nach Ueberwindung der bedeutendsten Anstrengungen gelingen werde. Man befand sich ja so nahe an der Grenze.

»Nun fragt es sich nur, wohin wir uns zu wenden haben, wenn die Grenze hinter uns liegt,« sagte der alte Vater Boroda. Es giebt da so verschiedene Wege; aber alle haben den Fehler, daß sie unendlich weit sind. Ueber China, nach Indien, Persien, Afghanistan, durch die Kirgisensteppe. Bei allen diesen Namen überläuft Einem eine dicke Gänsehaut.

»Ueber die Richtung läßt sich jetzt noch nichts bestimmen. Warten wir, bis mein Gebieter kommt. Dem wollen wir Alles vortragen, und er wird das Beste wählen,« sagte Sam.

»Gebieter? Hast Du einen Herrn? Bist Du Diener? Es schien mir nicht so zu sein.«

»Nun, das Verhältniß zwischen uns und ihm ist allerdings ein ganz anderes als zwischen Herr und Dienern. Wir sind Gefährten, nur daß er ein gar so vornehmer Herr ist.«

»Was ist er denn?«

»Ja, wer das wüßte! Wir wissen nicht einmal seinen wirklichen Namen.«

»So trägt er einen falschen?«

»Ja. Es ist, so was man sagt, ein Pseudonym.«

»Und wie nennt er sich?«

»Steinbach.«

»Das ist ja ein deutscher Name!«

»Allerdings.«

»Und wir werden ihn hier sehen?«

»Ja, er kommt. Es ist sogar möglich, daß er bereits heut hier eintrifft.«

»Welch eine Freude! Welch ein Glück, daß man wieder einmal mit einem Deutschen, mit einem Landsmanne reden kann!«

Sam machte ein betroffenes Gesicht.

»Oho!« rief er aus. »Landsmann? Seid Ihr denn Deutsche?«

»Ja.«

»Sakkerment! Ist das möglich! Aus welchem Lande denn?«

»Aus Sachsen.«

»Himmel! Ist's wahr?«

»Ja. Warum erschrickst Du darüber?«

»Erschrecken? Fällt mir gar nicht ein! Wenn ich etwa ein dummes Gesicht gemacht habe, so ists nicht vor Schreck, sondern vor Entzücken.«

»So liebst Du wohl die Deutschen?«

»Gewaltig, und die Sachsen erst recht!«

»Warum?«

»Donnerwetter, warum? Weil ich selbst ein ganz echter und richtiger Sachse bin.«

»Ist das möglich!«

»Ja, wirklich.«

Er war aufgesprungen und die Anderen auch.

»So können wir ja deutsch reden! So sind wir Landsleute!« rief der alte Boroda.

»Natürlich! Aber wie kommt es denn, daß Ihr als Sachse einen russischen Namen habt?« fragte Sam.

»Unser Name ist ein gut deutscher. Wir haben ihn nur in das Russische übersetzt.«

»Uebersetzt! Alle Teufel! Boroda heißt im Deutschen doch – doch – doch – – –!«

Er sprach den Satz nicht aus. Er wich langsam Schritt um Schritt zurück und fixirte den alten Boroda mit ungewissem Blicke. Dieser Letztere aber ergänzte Sams Rede:

»Boroda heißt Barth.«

»Barth – Barth –« wiederholte Sam wie im Traume. »Mann, Mensch, sage mir einmal, wo Du geboren bist!«

»In Herlasgrün!«

»Mein Himmel! Gott, o Gott! Daß ich noch so etwas erleben darf! So ein Glück!«

»Was denn? Was hast Du?«

Sam war ganz bleich geworden. Er konnte sich kaum auf den Beinen erhalten.

»Was ich habe?« fragte er. »Ich habe weiter nichts, als daß ich auch in Herlasgrün geboren bin.«

»Wie? Was? Auch in Herlasgrün?«

»Ja. Und das ich auch Barth heiße!«

»Herrgott! Auch Barth!«

»Ja, ich heiße Samuel und Du Karl. Bruder, mein Bruder! Ich könnte gleich sterben vor Freude!«

Er wankte und breitete die Arme aus. Im nächsten Augenblicke lagen die Beiden einander am Herzen. Die nun folgende Scene läßt sich unmöglich beschreiben. Es giebt weder Worte noch Farben, das Entzücken eines Mannesherzens treffend darzustellen.

Natürlich flog auch Alexius in die Arme Sams. Dieser rief:

»Und was meine Freude verdoppelt, das ist der Umstand, daß Euer Junge, mein Neffe, so ein berühmter Zobeljäger geworden ist. Der Kerl hat eine Ader von mir. Bube, hättest Du es für möglich gehalten, daß Du hier in Sibirien einen Oheim finden würdest?«

»Nein. Aber seit heut in der Nacht habe ich es gewußt.«

»Von wem?«

»Von Diesem da.«

Er deutete auf Nummer Zehn.

»Ja, dem habe ich von mir erzählt. Du hast ihm auch von Dir erzählt, und so konnte er es sich sehr leicht zusammenreimen, daß ich Dein Verwandter oder gar Dein Oheim bin. Bruder, erinnerst Du Dich noch meiner Gustel? Weißt Du, diejenige, welche?«

»Welche Dir untreu wurde, so daß Du vor Wuth nach Amerika gingst? Ja, ich erinnere mich Ihrer noch ganz gut. Was ist mit ihr?«

»Wittfrau ist sie.«

»So, was geht das Dich an?«

»Sehr viel!«

»Wie? Du willst doch nicht –«

»Jawohl will ich!«

»Nachdem sie damals den Schulmeister Dir vorgezogen hat!«

»Pah! Das vergeb ich ihr, denn nun, da er todt ist, zieht sie mich ihm vor. Sie wird also doch noch Deine Schwägerin.«

»Ja, Du bist zu aller Zeit so ein seelensguter Kerl gewesen. So hast Du also Herlasgrün besucht?«

»Nein.«

»Aber, woher weißt Du, daß sie Wittwe ist?«

»Sie hat es mir selber gesagt, freilich nicht in Herlasgrün, sondern in Amerika, wo ich sie getroffen habe.«

»Das klingt ja außerordentlich abenteuerlich, Sam!«

»Ist es auch! Warte nur, wenn ich Dir meine Erlebnisse erzähle! Dann wirst Du gar nicht aufhören, dich zu wundern. Ist es nicht wirklich viel, daß zwei Herlasgrüner sich hier in Sibirien treffen, und als sie sich nach dem und dem Geburtsorte fragen, finden sie, daß sie Brüder sind!«

»Ja, unser Herrgott thut noch Zeichen und Wunder, das ist wahr!«

»Wie aber bist Du denn unter die Verbannten gekommen?«

»Davon später, lieber Sam. Ich will mir nichts Bitteres fallen lassen in das Glück, welches ich jetzt empfinde. Gott, mein Gott, wenn ich daran denke, daß ich meinen Bruder wieder habe, und daß ich meine Heimath wieder sehen werde, so möchte ich in die Kniee sinken und Gott laut preisen und lobsingen. Nach so vielen Leiden und Trübsalen möchte der Herr es geben, daß wir unser Vaterland wiedersehen dürfen!«

»Karl, ich verspreche Dir, daß Ihr es wirklich wieder seht!«

»Das kannst Du nicht!«

»O doch!«

»Wer wärst Du da!«

»Sam Barth, der Prairiejäger!«

»Der ist doch nicht allmächtig und allwissend. Wie nun, wenn wir sterben!«

»Ja, dahin reicht meine Macht freilich nicht. Gegen Gott läßt sich nicht handeln. Aber was in der Kraft eines Menschen steht, Dich nach dem Vaterlande zurückzubringen, das wird gewiß geschehen. Sam Barth hat noch ganz andere Dinge fertig gebracht. Vor dem Zaaren mit seinen Kosaken fürchten wir uns nicht!«

»Sei nicht vermessen!«

»Nein. Wollen demüthig sein. Doch dürfen wir dabei nicht vergessen, daß der Mensch der Schmied seines eigenen Schicksals ist. Ich vertraue auf Gott, auf mich und auf – Steinbach. Lernt diesen Mann kennen; dann werdet Ihr sagen, daß Ihr in Eurem ganzen Leben zum ersten Male einen wirklichen Mann gesehen habt.«

Peter Dobronitsch hatte die Höhle wieder verlassen, weil seine Anwesenheit auf dem Hofe heut mehr als sonst nothwendig war. Heut konnte an jedem Augenblicke etwas Ungewöhnliches passiren. Da mußte er selbst vorhanden sein.

Aber die zahlreichen Insassen des Versteckes hatten viele Bedürfnisse, für welche gesorgt werden mußte. Es war ein Unterschied, ob nur ein einzelner Mann oder eine solche Anzahl von Verbannten sich in der Höhle befand. Da war die Anwesenheit Mila's nothwendig, und darum stieg sie, sobald sie es unbemerkt bewerkstelligen konnte, zum Versteck hinauf.

Die Flüchtlinge, von denen sie für den Engel der Verbannten gehalten wurde, empfingen sie mit lebhafter Freude und mit Worten des herzlichsten Dankes. Sie ging von Gruppe zu Gruppe, fragte nach den verschiedenen Wünschen und Bedürfnissen und hatte große Mühe, die Leute zu überzeugen, daß sie nicht der Engel sei, sondern nur im Auftrage desselben handle.

Hinten in dem offenen Kraterkessel saß die Familie Barth noch beisammen. Sie erfuhr mit innigster Theilnahme, daß hier so ein außerordentliches Wiedersehen stattgefunden habe, und versprach, zur Feier desselben einige Flaschen Wein zu bringen oder zu senden, der hier so ungemein selten war. Sie blieb eine ganze Weile bei ihnen und wurde dann, als sie sich endlich entfernte, von Sam begleitet, welcher heimliche Gedanken hegte, die er gern ausführen wollte.

Er hatte darüber nachgedacht, wie es möglich sein werde, eine so große Anzahl von Flüchtigen über die Grenze zu bringen. Das war natürlich außerordentlich schwierig. Ein Einzelner konnte sich viel leichter durch die Kosakenposten schleichen. Und dazu war jetzt die ganze Grenze des Besitzthums von Peter Dobronitsch vom Militär besetzt.

Sam hegte einen Gedanken, welcher zwar sehr kühn war; doch schien er der einzige zu sein, welcher zum Ziele führen konnte. Es handelte sich nicht allein darum, die Gefangenen über die Grenze zu bringen. Sie mußten dann, wenn dies gelungen war, eine weite, weite Reise durch unwirthbare Gebiete machen, welche von un- oder doch halbcivilisirten Völkerstämmen bewohnt waren. Von einem eigentlichen wirklichen Bewohntsein war nicht einmal die Rede. Die Kirgisenhorden sind ja beständig in einem Hin- und Herziehen begriffen.

Ueber diesen Gedanken wollte er mit Dobronitsch sprechen, um dessen Ansicht zu vernehmen.

Der Bauer war in diesem Augenblicke nicht daheim, er hatte sich auf die Weide zu den Heerden begeben. Das benutzte Sam, um nach dem einstigen Derwisch zu sehen. Darum begab er sich nach der Räucherkammer. In dem Stübchen vor derselben saßen Jim und Tim.

»Wie hat er sich verhalten?« fragte Sam.

»Sehr ruhig,« antwortete Jim.

»Das ist verdächtig.«

»Warum?«

»Wenn er schrie und allerlei Lärm und Unfug verübte, wäre es mir viel lieber. Wer sich so still in ein solches Schicksal ergiebt, der hat heimliche Gedanken!«

»Mag er sie haben! Uns kümmert das nicht.«

»Oho! Uns kümmert das sehr. Wenn er nun an Flucht denkt!«

»Diesen Gedanken mag er sich vergehen lassen!«

»Hältst Du denn die Ausführung für unmöglich?«

»Ja. Kann er etwa hier durch?«

»Nein. Aber ich weiß nicht ob die Räucherkammer so fest ist, daß er sich nicht einen Ausweg bahnen könnte.«

»Was das betrifft, so habe ich nachgesehen. Durch diese Mauern kann er nicht. Er hat auch gar nichts bei sich, was er als Werkzeug benutzen könnte. Wir haben ihm ja alles abgenommen.«

»Hm! Was er nicht durch Gewalt zu vollbringen vermag, das wird er versuchen, durch List auszuführen. Ich werde mir diese Räucherei doch einmal genau ansehen.«

Er schob den Riegel zurück und öffnete die Thür. Der Verbrecher hatte sich auf den feuchten Boden niedergelassen und mit dem Rücken an die Mauer gelehnt. Er warf einen grimmigen, haßerfüllten Blick auf Sam.

»Ach, Du machst es mir bequem!« sagte Sam. »Schade, daß ich Dir keinen Sammetstuhl und keine Gasbeleuchtung anbieten kann. Solcher Luxus ist leider hier gar nicht vorhanden.«

»Hund verdammter!« knirrschte der Gefangene.

»Wie war das? Du möchtest doch ein Wenig höflicher sein. Es könnte mir sonst in den Sinn kommen, Dir meine Antwort mit der Knute zu ertheilen.«

»Wage es!« rief der Andere, indem er aufsprang.

Die Wuth wollte sich bei ihm Bahn brechen. Er ballte drohend die Fäuste.

»Ja, ich wage es!« antwortete Sam.

Im Nu hatte er die Knute vom Gürtel los und hieb nun mit solcher Schnelligkeit und Vehemenz auf den Kerl ein, daß dieser gar keine Zeit fand, eine abwehrende oder gar angreifende Bewegung zu machen. Die Hiebe fielen eben so hageldicht, daß er gar nichts Anderes thun konnte, als sie über sich ergehen zu lassen.

»Da!« lachte der Dicke, als er aufhörte, da sein Arm ermüdet war; »jetzt siehst Du, ob es ein Wagniß ist, Dich durchzuprügeln. Wer bist Du denn eigentlich? Ein Zuchthäusler, dem wohl gar der Galgen winkt. Und wer warst Du vorher? Eine armselige Bedientenseele, welche die ganze Familie ihres Herrn ins Unglück gestürzt hat. Zu einem solchen Kerl kann man natürlich nur mit der Peitsche reden.«

»Verfluchter Verleumder!« brüllte der Gezüchtigte. »Beweise mir die Wahrheit Deiner Behauptung!«

»Das werde ich thun, und ich hoffe sehr, daß es mir nicht schwer fallen soll!«

»Nichts kannst Du beweisen, gar nichts!«

»Meinst Du?« lachte Sam höhnisch.

»Ich heiße Peter Lomonow und bin Kaufmann in Orenburg.«

»So ist es an Dir, den Beweis zu erbringen, daß dies wahr ist.«

»Ich kann mich legitimiren.«

»Pah! Die Papiere sind gefälscht oder gestohlen! Du bist Master Newton, der früher, als er noch Diener war, Florin geheißen hat.«

»Das ist eine verdammte Lüge!«

»So! Ist Dir denn nicht eine deutsche Familie Namens Adlerhorst bekannt?«

»Nein.«

»Aber drüben in Kalifornien hast Du das doch eingestanden!«

»Das ist nicht wahr!«

»Nicht? Warum bist Du denn ausgerissen, wenn Du nicht der warst, für den wir Dich hielten?«

»Das ist meine Sache!«

»Ach so! Nun, so mag es eben auch Deine Sache sein, wie Du aus der Klemme kommst, in der Du Dich jetzt befindest.«

»Ich verlange, frei gelassen zu werden.«

»Dieser Herzenswunsch ist sehr erklärlich, wird Dir aber nicht gar so leicht erfüllt werden.«

»So werde ich Euch bestrafen lassen!«

»Schön! Es soll mich freuen, von Dir angezeigt zu werden. Thue das nur möglichst bald.«

»Noch heute werde ich es thun.«

»Recht so. Aber wie denn?«

»Ich verlange, vor die Polizei geführt zu werden.«

»Dies Verlangen ist ganz gerecht. Nur wird diejenige Polizei, welcher wir Dich einliefern werden, nicht die von Dir gewünschte sein, welche Du meinst. Kennst Du vielleicht einen Herrn, welcher Steinbach heißt?«

»Nein.«

»Sonderbar! Ich war der Meinung, daß Du ihn bereits in Konstantinopel gesehen habest.«

»Ich war nie in Konstantinopel.«

»So! Auch nicht in Tunis?«

»Nein.«

»Aber in Amerika hast Du ihn gesehen? Zum Beispiele im Thale des Todes?«

»Was geht mich dieser Steinbach an!«

»Sehr viel, denn ihm werden wir Dich übergeben.«

»Das verbitte ich mir!«

»Pah! Du hast Dir gar nichts zu verbitten! Und noch Eins muß ich Dich fragen. Kennst Du vielleicht einen Grafen Alexei von Pelikoff?«

»Nein.«

»Sonderbar! Du scheinst grad diejenigen Leute nicht zu kennen, mit denen Du intim verkehrtest.«

»Ich habe nie einen Menschen gesehen, der so heißt.«

»Nun, wir werden Dir ihn zeigen. Jetzt aber will ich mich einmal unterrichten, ob ein Vogel, der in diesem Käfig steckt, zu entfliehen vermag.«

Er untersuchte die Räucherkammer sehr genau und überzeugte sich, daß Florin hier nicht entkommen könne. Dann wurde der Letztere wieder eingeschlossen.

»Sollen wir den Kerl denn fortgesetzt bewachen?« fragte Jim.

»Das versteht sich!«

»Aber langweilig ist es.«

»Leider! Es ist aber nicht zu ändern. Dieser Kerl ist zu wichtig, als daß wir ihn außer Acht lassen sollten. Er hat schon oft das Glück gehabt, Steinbach zu entkommen. Dieses Mal aber darf es ihm nicht gelingen. Wir können uns ja ablösen. Jetzt habe ich mit dem Bauer zu reden.«

Dieser war inzwischen heimgekommen. Sam fand ihn in der Wohnstube.

»Nun, wie hat Dir das Versteck gefallen?«

Mit dieser Frage empfing ihn Dobronitsch.

»Außerordentlich gut. Einen bessern Ort für Aufbewahrung von Leuten, welche von der Polizei gesucht werden, kann es gar nicht geben. Aber sag' doch einmal, wie lange Du sie hier behalten willst!«

»Bis sich die Gelegenheit zum Entkommen findet.«

»Das kann aber sehr lange dauern.«

»Ist nicht zu ändern.«

»Hm! Hast Du denn bereits darüber nachgedacht?«

»Natürlich.«

»Nun, wie denkst Du Dir ihre Flucht?«

»Wir müssen die Kosaken einschläfern und sie sicher machen. Dann führe ich die »armen Leute« durch die Grenzposten hindurch.«

»Und dann?«

»Befinden sie sich auf chinesischem Gebiet.«

»Wo sie festgenommen und zurückgeliefert werden.«

»Sie werden sich wehren.«

»Womit?«

»Ich habe dem Engel sagen lassen, daß für sie Waffen besorgt werden sollen, und hoffe, daß dies geschehen ist.«

»Es ist geschehen. Ich selbst habe dem Kreishauptmann von Platowa den ganzen dortigen Waffenvorrath entwendet. Die Tungusen bringen genug Flinten und Munition mit.«

»Gott sei Dank! So muß die Flucht gelingen!«

»Das denke ich auch. Unter Umständen ist es gar nicht nöthig, List anzuwenden. Wenigstens ich würde mich sofort anheischig machen, sämmtliche Flüchtlinge sogar bei hellem Tage über die Grenze zu bringen. Wir könnten uns recht gut über die Grenze durchschlagen; das haben wir heut den Kosaken ja bewiesen. Aber wie stünde es dann, wenn sich die Flüchtigen auf jenseitigem Gebiete befinden? Sie müßten Hungers sterben.«

»An Proviant würde es ihnen freilich fehlen.«

»Und der ist grade die Hauptsache.«

»Allerdings. Mitnehmen können sie keinen, da sie dann nur langsam fortkommen könnten. Also müßten sie unterwegs requiriren. Das ist für sie aber unmöglich.«

»Nicht ganz.«

»Wieso?«

»Nun, wie steht es denn dann, wenn ein Kosakenvolk eine weite Wanderung zu machen hat? Wenn z. B. eine Kosakenabtheilung nach einem weit entfernten Orte versetzt wird?«

»Nun, die leiden keine Noth. Sie müssen an jedem Orte, den sie berühren, Alles erhalten, was sie brauchen.«

»So! Das ist gut, sehr gut!«

»Wieso?«

»Nun, was meinst Du dazu, daß die Flüchtigen gar nicht über die Grenze hinübergehen?«

»In diesem Falle sind sie verloren.«

»Pah! Ich meine, daß sie als Kosaken sich von hier entfernen sollen.«

»Das ist gar nicht möglich.«

»Es ist unter Umständen sogar sehr leicht.«

»Herr, ich kann Dich nicht begreifen. Du nennst etwas gradezu Unmögliches leicht.«

»Und mit vollem Rechte. Kannst Du mir vielleicht sagen, woher die hiesigen Kosaken ihre Uniformen erhalten?«

»Aus Irkutsk.

»So! Und diese Monturen werden nur dann geliefert, wenn man ihrer hier bedarf?«

»Nein. Es ist stets ein sehr ansehnlicher Vorrath hier vorhanden.«

»Wo? In der Stadt?«

»Nein, sondern in der nächsten Stanitza, wo der Major kommandirt.«

»Giebt es dazu einen besonderen Aufbewahrungsort?«

»Ja. Neben dem Hause des Majors steht ein kleineres Gebäude, in welchem sich alle diese Gegenstände befinden.«

»Ach! Wenn man das einmal sehen könnte!«

»Du brauchst nur hinzureiten.«

»Aber wenn ich allein reite, so muß ich mich erkundigen, und durch mein Fragen könnte ich leicht Verdacht erregen.«

»Nun, ich könnte Dich wohl begleiten.

»Das wäre vortrefflich. Willst Du mit?«

»Erst muß ich wissen, was Du vor hast.«

»Ich möchte Uniformen, überhaupt Ausrüstungsgegenstände stehlen, um die Flüchtigen als Kosaken auszustaffiren.«

»Herr, bist Du toll!«

»Nein.«

»O doch. Es wäre geradezu eine Tollheit!«

»Pah! Dann wäre es ja grade so toll gewesen, dem Kreishauptmann von Platowa die Waffen auszuführen, und das habe ich doch auch fertig gebracht!«

»Aber schwer ist's gewesen!«

»Sehr leicht sogar! Es hat nur einige Viertelstunden gedauert, so waren wir fertig.«

»So bist Du ein sehr kühner Mann.«

»Es scheint Manches schwer, was sehr leicht ist, wenn es richtig angepackt wird. Es kann doch gar nicht unmöglich sein, das Vorrathshaus während der Nacht auszuräumen.«

»Es wird bewacht und zwar von zwei Posten.«

»Die fürchten wir natürlich nicht.«

»Aber es liegen zweihundert Kosaken in der Stanitza. Die habt Ihr natürlich zu fürchten.«

»Auch diese nicht. Du hast ganz vergessen, daß sie sich jetzt nicht dort befinden. Sie haben ja Deine Besitzung umschlossen.«

»Jetzt, in diesem Augenblicke. Aber lange wird das jedenfalls nicht währen.«

»Nun, so müssen wir eben dafür sorgen, daß es länger dauert oder, daß der Streich sehr bald ausgeführt werde.«

»Welch ein Aufsehen das erregen würde!«

»Darnach dürfen wir nicht fragen.«

»Aber selbst wenn es Dir gelänge, so würde es doch vergeblich sein. Es würde Euch die Hauptsache fehlen.«

»Was wäre das?«

»Pferde. Die Flüchtlinge haben nur wenige mit, und diese sind ja ganz außerordentlich abgetrieben.«

»So besorgen wir ihnen andere.«

»Auf welche Weise denn?«

»Hm! Man kauft sie.«

»Von wem?«

»Von Dir zum Beispiele. Du scheinst ja eine ganze Heerde zu besitzen.«

»Sie gehört nicht mehr mir. Sie ist verkauft.«

»Das ist freilich außerordentlich dumm. Würde denn der jetzige Besitzer nicht mit sich reden lassen?«

»Nein. Der ist kein sicherer Mann.«

»Kennst Du keinen Andern?«

»Auch nicht. Selbst wenn es einen gäbe, würde die Sache zu sehr auffallen. Es wäre Alles verrathen.«

»Nun, so müssen wir uns anders zu helfen suchen.«

»Aber wie?«

»Die Tungusen werden uns aushelfen.«

»Sie würden es thun, aber indem Du dies von ihnen verlangst, würdest Du sie in Gefahr bringen.«

»Das sie als unsere Helfershelfer zur Rechenschaft gezogen werden? Da hast Du Recht. Das will ich ihnen doch nicht anthun. Aber Pferde brauchen wir, also müssen sie geschafft werden, und wenn wir sie vom Himmel holen sollten.«

»Dort giebt es keine!«

»Leider! Wäre auch etwas zu weit für uns.«

Er ging nachdenklich in der Stube auf und ab. Endlich blieb er vor Dobronitsch stehen und sagte:

»Ich habs, ich habs! Wir bekommen Pferde, und zwar weit mehr als wir brauchen.«

»Da bin ich neugierig!«

»Von den Kosaken.«

»Von ihnen selbst? Wird ihnen nicht einfallen!«

»Sogar sehr wird es ihnen einfallen, oder vielmehr uns! Den Einfall werden eben wir haben.«

Der Bauer blickte den Dicken kopfschüttelnd an.

»Herr,« sagte er, »kein Kosak verkauft ein Pferd.«

»Wer spricht davon, daß wir kaufen wollen?«

»Du doch selbst!«

»Fällt mir nicht ein. Wenn wir die Uniformen stehlen wollen, so können wir auch die Pferde stehlen.«

»Heiliger Himmel!« rief Dobronitsch.

»Darüber erschrickst Du so?«

»Natürlich!«

»Ist aber gar nicht der Rede werth!«

»Pferdedieb willst Du werden!«

»Ja. Sogar mit dem größten Vergnügen.«

»Weißt Du, was das heißt?«

»Ja. Aber wenn ich einen Waffenrock stehle, so bin ich ein Spitzbube. Stehle ich auch noch ein Pferd dazu, so bin ich auch nur ein Spitzbube. Warum soll ich also das Pferd stehen lassen, wenn ich es ebenso nothwendig brauche wie den Rock?«

»Diese Erklärung ist freilich nicht übel.«

»Nicht wahr? Ja, man braucht sich die Sache nur zurecht zu legen, dann bekommt sie ein ganz gutes Gesicht.«

»Aber wie willst Du es anfangen?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Die Kosaken sind so mit ihren Pferden verwachsen, daß ich an dem Gelingen Deines Vorhabens mit vollem Rechte zweifle.«

»Nun, wirklich zusammengewachsen mit ihnen sind sie nicht. Ich werde einmal recognosciren. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Militär Deine Besitzung zu Fuße umlagert. Die Pferde würden dabei nur hinderlich sein. Ist meine Vermuthung richtig, so hat man die Thiere irgendwo zusammengetrieben, wo sie sich unter der Obhut von nur wenigen Leuten befinden. Wie es damit steht, werden wir ja sehen können, wenn wir jetzt nach der Stanitza reiten. Also. Du willst mit?«

»Ja, ich wollte.«

»Du wolltest? Willst aber wohl nicht mehr?«

»Hm!« brummte Dobronitsch bedenklich. »Zum Pferdediebe möchte ich denn doch nicht werden!«

»Wer verlangt dies denn von Dir?«

»Wie die Sachen stehen, werde ich mit schuldig, auch ohne daß man es von mir verlangt.«

»Da irrst Du Dich. Ich sage Dir, daß Du gar nicht davon berührt wirst.«

»Ich will den ›armen Leuten‹ gern so viel wie möglich helfen. Aber mich von der Polizei festnehmen und bestrafen lassen, das möchte ich nicht.«

»Wird auch nicht geschehen.«

»Ganz gewiß! Sobald man merkt, daß ich die Hand mit im Spiele habe. Ich habe mein Gut verkauft und will nach der Heimath zurück. Anstatt dessen aber könnte es dann der Fall sein, daß ich als Gefangener in Sibirien bleiben und in den Bergwerken arbeiten müßte.«

»Ich sage Dir aber, daß davon gar nicht die Rede sein kann. Ich habe schon ganz andere Dinge vollbracht und werde auch dies fertig bringen, ohne daß Du damit in Berührung kommst.«

»Dann will ich es gut heißen.«

»Schön! Ich habe überhaupt die Absicht, den Flüchtigen baldigst von hier fort zu helfen. Sie sollen Dir nicht lange beschwerlich fallen; Du sollst so wenig wie möglich in Verdacht gerathen. Uebrigens ists ja auch noch gar nicht bestimmt, daß mein Vorsatz zur Ausführung kommt. Es kann ja noch ganz anders kommen. Aber recognosciren muß ich auf alle Fälle, und da hoffe ich, daß Du mit reitest.«

»Gern, da es so steht.«

»So laß das Pferd satteln!«

Einige Minuten später stiegen sie auf und ritten der ungefähr zwei Stunden entfernten Stanitza zu.

Sie waren noch gar nicht sehr weit vom Hofe weg gekommen, so stießen sie auf die Kosakenposten, welche den strengen Befehl hatten, keinen Menschen durch zu lassen. Sie wurden zu dem hier commandirenden Lieutenant gebracht. Da es nur auf die gesuchten ›armen Leute‹ abgesehen war, so durften sie weiter reiten, nachdem der Officier sie gesehen hatte.

»Sie greifen es wirklich ernsthaft an,« bemerkte Sam. »Man muß da den Verstand anstrengen, wenn man sie überlisten will.«

»Grad darum bin ich neugierig darauf, wie Du das anfangen willst.«

»Das weiß ich selbst noch nicht.«

»Dann sieht es nicht gut aus.«

»Pah! Im rechten Augenblicke kommt auch der richtige Gedanke. Die Hauptsache ist, daß kein Mensch von meinem Vorhaben ahnen darf. Freilich muß ich mir sagen, daß wir noch mehr brauchen als nur Pferde. Der Ritt muß sehr schnell geschehen. Das halten die Frauen, welche sich bei den Flüchtigen befinden, aber nicht aus.«

»Ja. Für diese müßte man Wagen haben.«

»Sind solche zu bekommen?«

»Zu kaufen nicht.«

»Schadet nichts! Vorhanden sind doch welche?«

»In der Stanitza, ja.«

»So stehlen wir sie!«

»Herr, Du bist ja ein riesiger Spitzbube!«

»Ja, ich mause wie ein Rabe, wenn man mich dazu zwingt. Aber ich will Dir in allem Vertrauen sagen, daß die Geschädigten ganz sicher Ersatz erhalten werden.«

»Von wem?«

»Das ist jetzt noch unbestimmt; aber Ersatz wird geleistet, und wenn wir erst nach unserer Ankunft in der Heimath zahlen sollten.«

»Das ist Deutschland?«

»Ja.«

»Ich wollte, ich könnte mit. Ich bleibe in der Gegend von Moskau.«

»Warum könntest Du nicht mit nach Deutschland?«

»Ich glaube nicht, daß meine Tochter Mila – – –«

Er hielt nachdenklich inne.

»Mila? Hm!« meinte Sam. »Wegen ihr möchte ich einmal aufrichtig mit Dir reden.«

»Warum?«

»Habe meinen guten Grund. Ist sie Dein einziges Kind, oder hast Du noch Söhne oder andere Töchter?«

»Ich habe nur sie.«

»Hm! So würdest Du Dich wohl auch niemals von ihr trennen?«

»Im ganzen Leben nicht.«

»Wenn sie nun einen Mann nähme, welcher nicht in Rußland wohnt?«

»Das wird niemals der Fall sein.«

»Kann man nicht wissen.«

»O doch! Meine Tochter wird keinen Mann nehmen, der mir nicht gefällt.«

»So! Und ein Ausländer würde Dir wohl nicht gefallen?«

»Warum fragst Du so?«

»Weil ich einen Ausländer weiß, welcher ganz prächtig für sie paßte.«

»Wer ist das?«

»Sage mir vorher, ob Du gewisse Absichten mit ihr hast!«

»Das ist bis jetzt nicht der Fall.«

»So! Also hast Du noch keine Wahl getroffen?«

»Nein.«

»Das ist mir außerordentlich lieb.«

»Warum?«

»Weil ich eben Einen habe, dem ich sie von ganzem Herzen gönne.«

»So sage vor allen Dingen, wer es ist!«

»Mein Neffe.«

»Den kenne ich natürlich nicht.«

»Nicht? Ah, es ist ja wahr. Mila hat noch nicht wieder mit Dir gesprochen, seit sie vorhin oben in der Höhle war?«

»Nein.«

»So weißt Du auch nicht, was geschehen ist. Wie gefällt Dir Alexius Boroda, der Zobeljäger?«

»Er ist ein tüchtiger Kerl.«

»Das denke ich auch. Möchtest Du ihn nicht vielleicht zum Schwiegersohne haben, Peter Dobronitsch?«

»Diesen?« fragte der Bauer, indem er Sam erstaunt anblickte. »Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Weil sich die Beiden lieb haben.«

»Das ist unmöglich.«

»Warum denn?«

»Sie kennen einander ja gar nicht!«

»Das ist kein Grund!«

»Es ist der richtigste Grund, den es giebt. Man kann doch Niemand lieb haben, den man nicht kennt!«

»Unsinn! Ich sage Dir ganz im Gegentheile, daß die Menschen, wenn sie sich genau kennen würden, sich nicht lieb haben könnten.«

»Da hast Du freilich eine sehr schlimme Ansicht über die Menschen, mein liebes Brüderchen.«

»Es ist aber die allein richtige Ansicht. Woher weißt Du denn übrigens, daß Boroda und Mila sich nicht kennen?«

»Sie haben sich doch erst gestern gesehen!«

»Erst gestern? Schon gestern, mußt Du sagen! Hast Du Dein Mütterchen lieb?«

»Maria Petrowna, meine Frau? Natürlich habe ich sie sehr lieb.«

»Wo hast Du sie kennen gelernt?«

»In einem Dorfe bei Moskau.«

»Warst Du oft und lange mit ihr beisammen?«

»Nein. Es war zum Tage des Neujahres. Kennst Du die Sitte der Russen, wie sie sich an diesem Tage gratuliren?«

»Ja.«

»Daß sie sich küssen?«

»Ich habe davon gehört.«

»Zum neuen Jahre küssen sich Alle, Hohe und Niedere, Arme und Reiche, Junge und Alte, wenn sie sich begegnen.«

»Donnerwetter! Das ist amüsant!«

»Ja, es ist so.«

»Also wenn ich einem hübschen Mädchen begegne, darf ich sie küssen?«

»Ja. Du gratulirst ihr und küssest sie.«

»Und wenn ich dem Czaren begegne, ihn auch?«

»Ja, auch er müßte sich von Dir küssen lassen, doch sorgt er schon dafür, daß ihm Keiner begegnet, dem er es nicht erlauben will.«

»Das nehme ich ihm auch gar nicht übel.«

»Ich habe gesehen, daß ein Droschkenkutscher eine Gräfin küßte. Sein Gesicht zierte ein struppiger Bart.«

»Und sie hat es gelitten?«

»Natürlich.«

»Sapperment! Ich an ihrer Stelle hätte dem Kerl eine zwanzigpfündige Ohrfeige gegeben!«

»Das darf sie nicht. Wer sich nicht küssen lassen will, der muß an diesem Tage zu Hause bleiben.«

»Daran thäte jedenfalls Jedermann klug. Was würde ich für ein Gesicht machen, wenn mich eine alte Schachtel küßte, welche soeben ihre Knoblauchsuppe gegessen hat! Und zum Neujahr ists doch Winter, kalt, und unter hundert Menschen haben neunzig den Schnupfen. Na, ich danke für solche Küsserei! Aber, Du wolltest ja erzählen!«

»Von Maria Petrowna? Ja. Also es war zum Neujahrstage, und ich küßte auch alle Welt. Da kam ein wunderhübsches, dralles Ding gelaufen. Ich ergriff sie bei der Hand und wünschte ihr ein recht gutes Neujahr. Darauf küßte ich sie auf die Lippen. Und da – da – – –«

»Nun, da? Was war da?«

»Was da war, das weiß ich eigentlich selbst nicht.«

»Du mußt es doch wissen, denn Du hast es ja selbst durchgemacht.«

»Aber beschreiben kann ich es nicht.«

»Ach so!«

»Es war mir, als ich ihre Lippen an meinem Munde fühlte, ganz sonderbar zu Muthe. Ich legte die Arme um sie und küßte sie noch einmal und noch einmal.«

»Und sie litt es?«

»Ja.«

»Alle Teufel! Sie ist Dir gleich gut gewesen!«

»Ja, später hat sie es mir gestanden, daß ich ihr gleich gefallen habe.«

»So war es also Deine jetzige Maria Petrowna, die Du sodann zur Frau genommen hast?«

»Ja. Sie hatte Backen wie ein Apfel und Lippen wie eine Granate. Sie hatte es mir auf der Stelle angethan, und – – –«

»So so! Hm, hm! Ach so!«

»Ja, ja! Ich hab sie geküßt und wieder geküßt, erst fein säuberlich und dann herzhafter. Dann ergriff ich ihre Hand, und endlich bin ich gar mit ihr gegangen und – – –«

»Und – – –?«

»Und hab weiter Niemand geküßt.«

»Schau, so seid Ihr für einander bestimmt gewesen!«

»Ja, vom lieben Gott.«

»Das ist ja ungeheuer schnell gegangen. Sehen, küssen und lieben, das war bei Euch eins.«

»Ja, das war eins.«

»Nun, und Mila kennt den Zobeljäger bereits seit gestern, also viel, viel länger.«

»Hm! Sie haben sich aber nicht sofort geküßt!«

»Ist auch nicht nöthig, denn gestern war doch nicht Neujahr. Wenn Du gleich im ersten Augenblick gefühlt hast, wie gut Du Deiner Maria Petrowna bist, so kann dasselbe doch auch bei Boroda und Mila der Fall gewesen sein. Giebst Du das nicht zu, Peter Dobronitsch?«

Der Bauer hielt sein Pferd an, betrachtete Sam mit einem höchst überraschten Blicke und sagte:

»Höre, was Du mir da sagst, ist sehr verwunderlich. Hast Du vielleicht einen triftigen, guten Grund dazu?«

»Ja.«

»Welchen denn?«

»Mila saß bei uns droben in der Höhle, und da hatte ich Gelegenheit, die beiden jungen Leute zu beobachten.«

»So! Hast Du denn etwas gesehen?«

»Ja.«

»Du hast etwas gesehen! Ah, oh! Was denn?«

»Daß sie sich sehr gut sind.«

»Das, das willst Du gesehen haben? Wie denn? So etwas kann man doch wohl gar nicht so leicht bemerken.«

»Bei zweiundneunzig Jahre alten Leuten nicht. Ein vierundzwanzigjähriger Bursche und ein achtzehnjähriges Mädchen aber können so etwas nur schwer verbergen.«

»Haben sie sich etwa umarmt?«

»Nein. So weit sind sie noch nicht gekommen.«

»Aber geküßt?«

»Das erst recht nicht, denn ich meine, daß man sich vor dem Küssen jedenfalls zu umarmen pflegt. Oder nicht?«

»Ich weiß nicht mehr, wie ich das gemacht habe, ob ich bei oder vor oder nach dem Küssen umarmt habe. Nur aus diesen beiden Anzeichen ist die Liebe zu erkennen.«

»Du meinst damit, daß ich mich irre? O, es giebt noch andere Erkennungszeichen, die ebenso untrüglich sind.«

»Die möchte ich wissen.«

»Nun, zum Beispiel die Blicke, Liebesblicke.«

»Da habe ich noch gar keine gesehen. Wie sind sie denn?«

»Feurig. Die Augen leuchten.«

»Sapperment! Ists möglich? Sie leuchten?«

»Ja, weil das Herz brennt.«

»Das Herz brennt. Du hast sonderbare Redensarten!«

»Die aber sehr richtig sind. Beobachte einmal zwei Liebende, was für Blicke diese sich zuwerfen!«

»Auf meine damaligen Blicke kann ich mich nicht mehr besinnen. Auch ob mein Herz gebrannt hat, weiß ich nicht.«

»Jedenfalls ists auch bei Dir und Deiner Frau so gewesen.«

»Ich werde sie einmal fragen. Also die Blicke von Mila und Boroda haben geleuchtet! Hm! Giebt es sonst noch ein Erkennungszeichen?«

»Ja. Der Ton der Stimme.«

»So! Singen die Verliebten etwa?«

»Nein. Das werden sie bleiben lassen. Aber es liegt, wenn sie mit einander reden, ein ganz eigener und ungewöhnlicher Ausdruck in der Stimme.«

»So! Du mußt sehr oft verliebt gewesen sein, weil Du dies Alles so ganz genau zu sagen weißt.«

»Nur ein einziges Mal; das war aber so gründlich, daß es so viel ist, als ob ich es viele Male gewesen wäre.«

»Nun, wie klingt denn da die Stimme?«

»Weich und zärtlich, ganz anders als wenn zwei Leute, die einander gleichgiltig sind, mit einander sprechen. Ich habe das sehr oft beobachtet.«

»Ich noch gar nicht.«

»So hast Du niemals auf Dich und Andere aufgepaßt.«

»Dazu habe ich keine Zeit gehabt.«

»Auch bedienen sich Verliebte ganz anderer Ausdrücke, wenn sie mit einander sprechen. Sie sind rücksichtsvoller und feiner gegen einander.«

»War denn Mila fein gegen Boroda?«

»Nach hiesigen Begriffen, ja. Auch erröthete sie immer, wenn er auf sie sprach und sie ihm antworten mußte.«

»Sapperment! Erröthen? Sie braucht sich doch nicht vor ihm zu schämen. Dazu hat sie gar keine Veranlassung.«

»Ich habe auch nicht gesagt, daß sie vor Scham erröthet sei. Aber warum hältst Du das Pferd an? Wollen wir nicht weiter reiten?«

Der Bauer war nämlich noch nicht von der Stelle gewichen. Darum hatte Sam bei ihm halten bleiben müssen. Jetzt setzte er sein Pferd wieder in Bewegung und sagte dabei kopfschüttelnd:

»Mila soll dem Zobeljäger gut sein! Hm! Das ist mir sonderbar, ganz außerordentlich sonderbar!«

»Gefällt es Dir nicht?«

»Darauf kann ich nicht antworten. Ich habe ja noch kaum daran gedacht, daß sie heirathen werde.«

»Einmal wird sie es doch thun.«

»Ja, die Eltern eines Mädchens müssen sich allezeit sagen, daß sie die Tochter einmal hergeben müssen. Das habe ich aber bisher unterlassen.«

»So bitte ich Dich sehr, Dich nun mit diesem Gedanken vertraut zu machen. Wenn Dir Boroda als Schwiegersohn nicht recht ist, so sage es mir aufrichtig!«

»Warum sollte er mir nicht recht sein?«

»Er ist vielleicht arm.«

»Das schadet nichts. Desto reicher bin ich, und meine Tochter wird ja einst meine einzige Erbin sein.«

»Er ist ein Verbannter, ein Flüchtling.«

»Was thut das? Er geht fort, und ich bleibe ja auch nicht hier. Uebrigens ist nicht er verbannt; sondern sein Vater.«

»Das ist sehr gutherzig von Dir gedacht.«

»Meinst Du? Ich kann es mir denken, wie stolz ich sein werde, wenn ich meine reiche Tochter einem armen aber braven Manne geben werde. Aber wir wollen doch nach Moskau, wo Boroda jedenfalls nicht bleiben darf. Wohin geht er?«

»Nach Deutschland.«

»So soll Mila mit ihm? Hm! Dann müßte ich mich entschließen, auch mit dorthin zu gehen.«

»Allerdings, wenn Deine Tochter Dich nicht verlassen soll. Ich bemerke jedoch, daß ich nur meine persönlichen Ansichten ausspreche. Gesagt hat mir Boroda noch nichts. Vielleicht täusche ich mich. Ich wollte nur einmal bei Dir anklopfen.«

»So so! Nun, so hast Du wenigstens gehört, daß ich gegen ihn ganz und gar nichts habe. Daß er arm ist, das ist kein Hinderniß.«

»Schön! Uebrigens hat er wohlhabende Verwandte, die er vielleicht beerben wird« – Sam sagte dies mit einem versteckten Lächeln, denn er meinte sich selbst – »und außerdem ist es so einem tüchtigen Zobeljäger zuzutrauen, daß er sich etwas gespart hat. Stellen wir die Sache der Zukunft anheim. Wenn ich mich nicht getäuscht habe, so werden wir wohl bald Gewißheit hören.«

Sie ließen ihre Pferde ausgreifen und erreichten sehr bald die Stanitza.

So ein befestigtes Kosakenlager an der Grenze macht nicht etwa einen sehr imponirenden Eindruck. Die Befestigungen bestehen nur in einem rund um den Ort aufgeworfenen Wall, außerhalb dessen der Graben liegt, aus welchem die Erde aufgeworfen wurde. Im höchsten Falle wird der Wall von einer Reihe einfacher Palissaden gekrönt.

Die Häuser sind klein und meist aus Holz gebaut. Das entspricht dem nomadischen Charakter der dortigen Bevölkerung. Ein Wirthshaus darf natürlich nicht fehlen, ebenso ein Kramladen, in welchem die wenigen Gebrauchsgegenstände, deren der Kosak bedarf, zu haben sind.

Nach diesem Letzteren lenkten die Beiden ein. Sie stiegen ab, banden ihre Pferde an und begaben sich in die Gaststube, wo sie sich chinesischen Thee geben ließen, welchen sie mit Branntwein verstärkten. Mehr wurde hier nicht geboten.

Gäste waren nicht vorhanden. Ueberhaupt hatten die wenigen Gassen ein leeres, tristes Aussehen, da die Garnison sich nicht in dem Orte befand.

»Wo sind denn die Soldaten?« fragte Peter Dobronitsch den Wirth.

Dieser blickte ihn erstaunt an und antwortete:

»Das mußt Du doch am Besten wissen.«

»Ich? Wie so?«

»Sie sind ja draußen bei Dir. Hast Du sie nicht gesehen?«

»Ich traf auf einen Posten und wurde zum Officier geführt, der mich dann passiren ließ. Was mag das zu bedeuten haben?«

*

92

»Wenn Du es wirklich nicht weißt, so brauchst Du nur hier zu fragen. Jedermann kann es Dir sagen.«

»So brauche ich mich nur bei Dir zu erkundigen. Du wirst mir Auskunft geben.«

»Was ich weiß, kannst Du erfahren. Von dem Kampfe mit den ›armen Leuten‹ wirst Du wohl gehört und ihm wohl auch zugesehen haben?«

»Allerdings.«

»Sie sind entkommen, und die Offiziere sind überzeugt, daß Du ihnen dabei behilflich gewesen seist.«

»Ich? In solche Dinge mische ich mich nicht.«

»Hm! Man sagt aber doch, daß Du ein Freund der Verbannten seist und sogar den Engel kennst.«

»Man sagt Manches, was nicht wahr ist.«

»Mag sein. Aber die Flüchtlinge sind spurlos verschwunden. Du sollst sie irgendwo versteckt halten.«

»Dummheit!«

»Darum ist Dein ganzes Gebiet umzingelt.«

»Dagegen kann ich nichts haben. Die Herren werden sich vergebliche Mühe machen. Wie kann man eine solche Menge Menschen verbergen!«

»Das frage ich mich auch. Jedenfalls ist diese Geschichte sehr verwunderlich und ebenso geheimnißvoll.«

»Ich kann sehr ruhig dabei sein. Man wird nichts finden, und wenn die Kosaken monatelang um mein Gebiet reiten.«

Der Ausdruck ›reiten‹ wurde von ihm mit Absicht gebraucht. Er wollte wissen, wo sich die Pferde befanden. Er erreichte seinen Zweck, denn der Wirth antwortete:

»Reiten? Das fällt ihnen nicht ein. Das wäre ja gar nicht bequem, Die ganze Mannschaft befindet sich zu Fuß im Feld.«

»So haben sie die Pferde fortgeschickt?«

»Ja. Dieselben befinden sich an der Ostseite des Walles, wo nur drei Kosaken sie bewachen. Diese und die beiden Posten am Zeughause sind die einzigen Soldaten, welche sich bei der Stanitza befinden.«

»So will man wohl auch des Nachts aufpassen?«

»Natürlich. Da erst recht.«

»Welch ein Unsinn! Man hat mich in einem ganz grundlosen Verdachte, Während man auf mich aufpaßt, werden die ›armen Leute‹ Zeit finden, zu verschwinden.«

»Das ist kein Unglück. Wir alle gönnen es ihnen.«

Damit hatten Sam und Dobronitsch erfahren, was sie wissen wollten. Sie verließen das Wirthshaus, um mit unbefangener Miene einen Gang durch den Ort zu machen.

Sam mußte das Gebäude sehen, welches mit dem Namen ›Zeughaus‹ beehrt worden war. Der Bauer zeigte es ihm. Es war ein sehr langes Bauwerk und bestand nur aus dem Erdgeschosse und einem hohen, jedenfalls geräumigen Dachraume. Die Vorderwand war von vielen Thüren und Ladenöffnungen durchbrochen.«

»Wozu dient das Erdgeschoß?« fragte Sam.

»Es enthält Stallungen für den Winter und Räume zur Aufbewahrung des Sattelzeuges. Oben unter dem Dache ist Pferdefutter aufgespeichert, und hier auf der linken Seite sind die Kammern, in denen die Uniformen und sonstige Requisiten aufbewahrt werden. Dort unten siehst Du den offenen Schuppen, in welchem mehrere Kibitken (leichte Wagen) und Schlitten stehen, die für den Gebrauch der Offiziere bestimmt sind.«

»Ah, das ist ja ganz vortrefflich.«

»Meinst Du? Ja, Du willst ja Alles stehlen. Ich bitte Dich aber, mich möglichst wenig davon wissen zu lassen. Ich möchte vorkommenden Falls mit halbwegs gutem Gewissen behaupten können, daß ich von gar nichts weiß.«

»Keine Sorge! Du sollst keinen Schaden haben. Nun aber möchte ich auch den Ort sehen, an welchem sich die Pferde befinden.«

»Ich werde Dich hinführen. Wir kommen da auch an der Wohnung des Majors vorüber.«

»Sehr gut! Vielleicht ist es für mich vortheilhaft, dieses Haus zu kennen.«

Sie gingen auf die Höhe des Walles und sahen da außerhalb desselben die Pferde weiden. Hart an diesen Wall stieß das Gebäude, welches der Major bewohnte. Die Hinterwand des Hauses war höchstens drei Ellen von dem hier grad emporsteigenden Erdwerke entfernt. Zwischen Haus und Wall gab es also einen langen, schmalen Raum, welcher mit allerlei wirthschaftlichen Geräthschaften gefüllt war. Auch eine Leiter befand sich dabei.

»Besser konnte es gar nicht eingerichtet sein,« lachte Sam. »Man kann von dem Walle aus ja ganz leicht in das Haus gelangen.«

»Wieso denn?«

»Wenn Du so fragst, so beweisest Du allerdings, daß Du kein Talent zum Einbrecher hast.«

»Du aber wohl desto mehr?« scherzte Dobronitsch.

»Jedenfalls. Wenn man sich die Leiter holt und sie von dem Walle hier hinüber auf das Dach legt, in welchem sich die große, offene Lücke befindet, so hat man eine Brücke, welche gar nicht bequemer sein kann. Das werde ich mir merken.«

»Was willst Du in dem Hause?«

»Das brauchst Du nicht zu wissen. Komm, wir wollen gehen. Ich habe gesehen, was ich sehen wollte, und ein längeres Verweilen kann uns nur Schaden bringen.«

Sie kehrten nach dem Wirthshause zurück, tranken einen Schnaps und stiegen dann auf, um heimzukehren.

Als sie den Posten erreichten, welcher sie auf dem Herwege angehalten hatte, ließ derselbe sie dieses Mal ungehindert passiren. Kaum auf dem Hofe angelangt, begab sich Sam sofort nach der Pechtanne, um hinauf in die Höhle zu steigen.

Dort suchte er die Anführer der Flüchtigen aus. Dies war sein Neffe Alexei Boroda und der bereits erwähnte frühere Major Sendewitsch, ein nicht zu alter Mann mit sehr energisch geschnittenen Gesichtszügen. Er winkte sie zur Seite und stieg mit ihnen hinan zur Höhe des Vulkankessels, von wo aus, wie bereits erwähnt, man die ganze Gegend bis auf weite Entfernung hin überblicken konnte. Dort setzte er sich mit ihnen nieder.

»Ich habe Euch einen Vorschlag zu machen,« sagte er, »möchte aber vorher wissen, ob Ihr vielleicht bereits einen festen Plan habt, auf welche Weise Ihr von hier entkommen wollt.«

»Einen festen Plan allerdings noch nicht,« antwortete Alexius. »Wir wußten ja gar nicht, was wir hier finden würden. Wir müssen uns berathen.«

»Das wird überflüssig sein. Bei Eurer Anzahl giebt es nur einen einzigen Weg. Ueber die Grenze hinüber dürft Ihr nicht.«

»Warum?«

»Weil Ihr drüben in den Einöden der Mongolei und der Kirgisensteppe verkommen würdet. Ein Einzelner schlägt sich vielleicht durch. So Viele aber haben eine Menge von Bedürfnissen, für welche es keine Befriedigung giebt.«

»Und doch müssen wir hinüber. Sollen wir vielleicht durch russisch Sibirien fliehen?«

»Allerdings.«

»Oheim! Du bist des Teufels!«

»Das denke ich nicht. Ich meine vielmehr, daß meine Ansicht eine ganz vortreffliche sei.«

»So begreife ich Dich nicht!«

»Wirst mich aber wohl begreifen, wenn ich Dir sage, daß Ihr nicht so, wie Ihr hier seid, Eure Flucht fortsetzen sollt.«

»Wie denn anders?«

»Als Kosaken.«

»Sapperment! Ist das Dein Ernst?«

»Mein vollständiger Ernst.«

»Aber wie wäre das möglich?«

»Ihr seid Kosaken und habt eine hochgeborene Familie zu eskortiren.«

»Mir steht der Verstand still!«

»Ich werde ihn sogleich wieder in Bewegung bringen. Zu der herrschaftlichen Familie gehören natürlich die Frauen, welche sich bei Euch befinden. Der Major Sendewitsch hier commandirt als Rittmeister die Eskorte, während die Herrschaften auf mehrere Kibitken vertheilt werden. An jeder Ortschaft erhaltet Ihr Relais und auch alle Nahrungsmittel, deren Ihr bedürft.«

»Aber, Oheim, wie denkst Du Dir denn eigentlich, daß dieser tolle Plan ins Werk zu setzen wäre?«

»Das werde ich Euch sagen, und wenn Ihr tüchtige Kerls seid, so werdet Ihr mir beistimmen.«

Er begann nun, zu erklären, wie er sich die Ausführung seines Entwurfes dachte. Je weiter er sprach, desto mehr leuchteten die Augen des einstigen Majores auf, und als der Dicke geendet hatte, rief der Letztere:

»Bei Gott, eine kühne Idee! Aber toll ist sie freilich nicht.«

»Du stimmst mir also bei?«

»Vollständig.«

»Das habe ich mir gedacht.«

»Wir können auf diesen Plan ohne alle Bedenken eingehen. Aber so gefährlich er erscheint, gefährlicher ist doch alles Andere, was wir unternehmen können. Wird es entdeckt, wer wir sind, so haben wir gute Pferde und gute Waffen. Wir kämpfen für Freiheit und Leben, und so sollte es wohl schwer werden, uns zu überwältigen.«

»Die Gefahr des Entdecktwerdens ist auf jedem andern Fluchtwege noch viel größer. Uebrigens könnt Ihr ja stets die besten, sichersten Wege einschlagen und braucht niemals in die Nähe großer Garnisonsorte zu kommen.«

»Das ist sehr richtig. Und die Hauptsache ist, daß Ihr niemals Mangel zu leiden habt und den Weibern alle Bequemlichkeit bieten könnt, die auf so einer Reise überhaupt zu haben sind.«

»Das Alles muß man zugeben. Ich acceptire von ganzem Herzen. Und Du, Alexius Boroda?«

»Aufrichtig gesagt, stimme auch ich bei. Der ganze Plan entspricht meinem Character und meinen Eigenheiten. Welche Wonne, allen diesen Häschern so ein außerordentliches Schnippchen zu schlagen! Und welches Aufsehen, wenn das Vorhaben gelingt! Daß eine Schaar flüchtiger Verbannter offen mitten durch das Gebiet des Zaaren reitet, dieser Fall ist noch gar nicht da gewesen. In aller Herren Länder wird man davon erzählen und in allen Zeitungen davon berichten!«

So groß früher sein Zweifel gewesen war, ebenso bedeutend war nun die Begeisterung, mit welcher er den Plan seines Oheimes ergriff.

»Schau, wie schnell Du anderer Meinung geworden bist!« lachte dieser.

»Ja, nachdem ich Deine Ansicht gehört habe, kann ich gar nicht anders denken, als daß es das Beste sei, ihr zu folgen. Ich mache mit Freuden mit.«

»Du? Das wirst Du bleiben lassen!«

»Warum?«

»Weil Du zu mir gehörst und an diesem Ritte also nicht theilnehmen wirst. Du bleibst bei mir.«

Alexius machte beinahe ein enttäuschtes Gesicht.

»Was? Bei Dir soll ich bleiben?« fragte er. »Mit Dir soll ich reiten? Reitest Du denn nicht mit uns?«

»Nein. Ich habe noch ganz andere Dinge vor. Ich bin kein Verbannter, und es wäre also zu viel von mir verlangt, mich den Flüchtigen anschließen zu sollen. So Etwas wird man mir nicht zumuthen.«

»Da hast Du freilich Recht. Aber ich bin verfehmt.«

»Bei mir bist Du sicher.«

»Auch mein Vater, meine Mutter?«

»Auch diese. Ich möchte Den sehen, der es wagen wollte, Euch nur anzurühren! Uebrigens wird Steinbach kommen. Unter dessen Schutz bist Du so sicher wie in Abrahams Schooß.«

»Ist dies wirklich der Fall?«

»Mein Ehrenwort darauf. Uebrigens werdet Ihr nicht die Einzigen sein, welche als Verfolgte mit uns reiten. Kosak Nummer Zehn geht mit, und der Zobeljäger Nummer Fünf flieht auch mit uns.«

»Ah! Solche Gesellschaft lasse ich mir freilich gefallen!«

»Es giebt eine noch viel bessere Gesellschaft für Dich bei uns. Peter Dobronitsch hat hier verkauft und kehrt nach dem Westen zurück. Er wird sich mit seiner Frau und Tochter uns anschließen.«

Er beobachtete bei diesen Worten seinen Neffen. Das Gesicht desselben wurde blutroth; seine Augen glänzten.

»Was? Mila geht mit?« fragte Boroda schnell.

»Ja.«

»Ists gewiß?«

»Ganz gewiß. Ich habe mit ihrem Vater darüber gesprochen.«

»Das ist herrlich; das ist prächtig!«

Sam machte ein erstauntes Gesicht und bemerkte:

»Was hast Du denn? Du bist ja ganz außer dem Häuschen! Was geht Dich diese Mila Dobronitsch an?«

»Die?« meinte Alexius verlegen. »Gar nichts. Aber ich – ich interessire mich sehr für ihren Vater.«

»So! Das ist etwas Anderes. Ich lasse es gelten.«

»Also, Major, Du hörst, daß Du auf meinen Neffen verzichten mußt. Du wirst den Ruhm allein haben, diese waghalsige Expedition geleitet zu haben. Hoffentlich nimmst Du das nicht übel!«

»Gar nicht. Ich kann Keinem zumuthen, das Schlechtere zu wählen, wenn er das Bessere haben kann.«

»Schön! Darüber sind wir also einig. Wie aber steht es mit den nöthigen Geldmitteln?«

»Die sind vollständig vorhanden.«

»Wirklich? Das wäre ja außerordentlich!«

»O, wir haben uns nicht so planlos wie Andere auf die Flucht begeben. Wir haben Jahre lang an den Vorbereitungen gearbeitet und die Sache förmlich organisirt. Es versteht sich ganz von selbst, daß eine solche Schaar sich nicht durch Sibirien, die Mongolei, China oder Persien betteln konnte. Darum mußten wir vor allen Dingen darauf sehen, die nöthigen Geldmittel zu erwerben. In dieser Beziehung sind wir also gerüstet. Es bleibt mir nur der Wunsch, daß Du uns heut noch Deine Hilfe widmest. Das Uebrige bringen wir dann schon selbst fertig.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Der Plan ist von mir, und so werde ich Euch helfen, so gut und so lange und so weit ich kann.«

»Aber wir sind umzingelt!«

»Laß mich dafür sorgen, daß Ihr durchkönnt! Ich drehe dem Major eine wunderschöne Nase.«

»Und wann verlassen wir die Höhle?«

»Grad um Mitternacht. Das wird die allerbeste Zeit sein, nicht zu früh und nicht zu spät.«

»Gut! So werde ich die Gefährten benachrichtigen und ihnen mittheilen, was geschehen soll.«

»Und ich werde mich entfernen, um die Vorbereitungen zu treffen. Sorgt dafür, daß um Mitternacht Alles bereit sei!«

Er ging und kehrte zu Peter Dobronitsch zurück, welchen er vor dem Brunnen fand.

»Abgemacht!« sagte er. »Heut wirst Du Deine Gäste los.«

»Heut? Das ist nicht möglich.«

»O doch!«

»Auf welche Weise denn?«

»Das sage ich Dir nicht. Du hast ja selbst gemeint, daß es am Allerbesten sei, wenn Du nichts weißt.«

»So werde ich auch nicht fragen. Es ist mir natürlich lieb, wenn ich ganz aus dem Spiele bleibe.«

»Das sollst Du. Und Du sollst sogar beweisen können, daß Du unbetheiligt seist. Weißt Du, wo der Major sich befindet?«

»Nein. Ich kenne die Stelle nicht, an welcher er die Umzingelung überwacht und kommandirt.«

»So suche sie zu erfahren. Du gehst zu ihm und ladest ihn für den Abend zum Essen ein, vielleicht auch die Offiziere dazu, welche abkommen können. Es wird Dir leicht sein, dieselben bis nach Mitternacht festzuhalten. Dann ist es geschehen.«

»Da ich nicht fragen darf, werde ich diesen Rath befolgen, ohne zu wissen, welchen Zweck er hat.«

»So reite gleich, denn in einer halben Stunde wird es bereits dunkel sein.«

Der Bauer bestieg das stets gesattelte Pferd und ritt davon. Er hatte seine Aufgabe sehr schnell erreicht, denn es dauerte gar nicht lange, so kehrte er zurück. Sam hatte ihn erwartet und ließ sich von ihm die Stelle, an welcher der Major sich befand, genau beschreiben. Weshalb er dies wissen wolle, sagte er nicht.

Dann suchte der Dicke den Tungusen Gisa auf, welcher auf Karparla's Befehl den Kosaken Nummer Zehn hierher begleitet hatte. Er fragte ihn, ob er bereit sei, zum Entkommen der Verbannten mit zu helfen, wenn ihm dies gar keine Gefahr bringen könne, und da er augenblicklich eine zustimmende Antwort erhielt, erklärte er dem Tungusen, was dieser zu thun habe. Sodann gingen sie Beide mit einander davon, und zwar in der Richtung nach der von Dobronitsch beschriebenen Stelle zu.

Dieser Letztere hatte von dem Major eine zusagende Antwort erhalten.

Ein Kosakenoffizier in Sibirien ist stets bereit, einen Abend bei Wein und gutem Essen zuzubringen.

Sam und Gisa schlichen sich so vorsichtig über die jetzt dunkle Ebene, daß sie von Niemand gesehen werden konnten. In der Nähe der betreffenden Stelle angekommen, verdoppelten sie ihre Behutsamkeit. Sie krochen nur äußerst langsam, tief auf dem Boden liegend, fort und sahen endlich nur wenige Schritte vor sich eine dunkle, unbestimmte Masse. Dies war eine Art Schutzhütte, welche die Kosaken in der Eile aus allerlei Zweigwerk hatten herstellen müssen, damit ihr Kommandirender die Nacht hindurch nicht unter freiem Himmel zu herbergen brauche.

»Das ist das Nest, in dem der Vogel steckt,« flüsterte Sam dem Tungusen zu. Jetzt gilt es, aufzupassen. Der Major wird unbedingt die Posten zuweilen revidiren. Dann folgen wir ihm und thun so, als ob wir uns ganz zufälliger Weise begegneten. Wir sprechen einige Worte mit einander, wobei er glauben muß, den unsichtbaren Lauscher zu machen. Das ist nicht schwer. Es muß uns gelingen. Nachher haben wir gewonnenes Spiel.«

Sie warteten ganz still und unbeweglich eine ziemlich lange Zeit. In der Hütte brannte ein Licht, dessen Schein durch das Zweigwerk herausdrang. Endlich wurde die Thür geöffnet, welche aus einem Vorhange langer und dichter Rankenpflanzen bestand, und der Major trat heraus, mit ihm ein Lieutenant. Beide waren bei dem Schein des Lichtes ganz deutlich zu erkennen.

Sie sprachen mit einander, und da Sam und Gisa sich ganz nahe befanden, so hörten diese Beiden Alles.

»Also,« sagte der Major, »Du revidirst die Posten. Ich will mich aber selbst einmal nach dem Hofe schleichen. Die Einladung des Bauers kommt mir verdächtig vor. Vielleicht will er uns hier weg haben, um die Verbannten in Sicherheit zu bringen. Meinst Du nicht auch?«

»Ja, das ist sehr wahrscheinlich.«

»Er soll nicht denken, daß er uns betrügen kann. So klug wie er sind wir auch. Ich schleiche mich bis zum Brunnen, von wo aus ich Alles am Besten beobachten kann. Ich werde, je nach den Umständen, früher oder später zurückkehren.

Sie trennten sich. Der Lieutenant ging links und der Major grad aus. Als sie verschwunden waren, sagte Sam zu Gisa:

»Nun machen wir einen Umweg und laufen schnell, denn wir müssen ihm zuvorkommen.«

Sie eilten davon und kamen eher bei dem Hause an als der Offizier. Sam gebot dem Tungusen, vor dem Hause zu warten und schlich sich sodann zum Brunnen, an welchem er sich hinter dem Gesträuch versteckte.

Nach kurzer Zeit vernahm er leise, schleichende Schritte. Der Offizier kam und trat zwischen die Sträucher, ohne den Dicken zu bemerken. Dieser aber unterrichtete sich ganz genau über die Stelle, an welcher der Erstere stand, und schlich sich dann unhörbar davon. Bei Gisa wieder angelangt, sagte er:

»Jetzt gehst Du zum Brunnen und thust, als ob Du irgend Etwas dort zu thun habest. Ich werde gleich nachkommen. Dann sprechen wir so laut, daß er uns hören muß.«

Gisa ging, und in kurzer Zeit folgte ihm Sam nach. Gisa schien mit dem Brunnenrohre beschäftigt zu sein. Es war dunkel.

»Wer ist da?« fragte Sam laut.

»Ich,« antwortete der Mongole, welcher sich aber wohl hütete, seinen Namen zu nennen.

»Ach Du! Gieb mir zu trinken!«

Sam that, als ob er trinke, und meinte dann:

»Dobronitsch ist heut Abend sehr beschäftigt. Er hat Gäste geladen. Weißt Du, wen?«

»Nein.«

»Die Offiziere.«

»O weh!«

»Warum o weh? Kannst Du sie nicht leiden?«

»O doch. Es sind ganz prächtige Herren; aber grad heut Abend hätte er das unterlassen können.«

»So? Aus welchem Grunde?«

»Wegen den Verbannten.«

»Denen kann es doch sehr gleichgiltig sein, ob die Herren hier geladen sind oder nicht!«

»Schwerlich!«

»Sie sind längst über alle Berge.«

»Das habe ich auch gedacht; aber sie sind noch da.«

»Was Du sagst! Das ist doch nicht möglich!«

»Auch ich habe es für unmöglich gehalten; aber dennoch sind sie noch da.«

»Wo denn?«

»Das konnte ich nicht erfahren. Ich hatte geglaubt, daß sie heut früh, als sie von den Kosaken gedrängt wurden, gar nicht durch den Felsenpaß geritten seien. Ich dachte, sie wären schnell hinter dem Gute nach links abgelenkt und seitwärts der Stanitza über die Grenze gegangen.«

»Auch ich dachte bis jetzt so. Ists denn anders?«

»Ja.«

»Und der Bauer weiß, wo sie sind?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich habe zwei Männer belauscht. Ich war drüben jenseits der Felsen am See gewesen, hart an der Mündung des Flusses. Es war dunkel geworden, und indem ich still mich auf dem Rückwege befand, hörte ich Stimmen vor mir. Ich dachte, es seien Kosaken, welche sich hier herumschlichen, und ging leise näher. Da standen zwei Männer unter dem Baume, die mit einander sprachen, und ich hörte zu meiner Verwunderung, daß es Verbannte waren.«

»Wohl doch nur zwei, welche von den Andern abgedrängt worden sind?«

»O nein. Sie sind Alle noch da. Die Beiden sprachen davon. Nämlich weißt Du, wie es ihnen gelungen ist, den Kosaken zu entgehen?«

»Nun?«

»Sie sind direct in den See geritten und auf den Pferden an den Uferfelsen hingeschwommen, bis sie eine Stelle fanden, an welcher sie landen konnten. Das haben die Kosaken natürlich nicht vermuthet.«

»Ich auch nicht. Sie hatten ja gar nicht hinreichend Pferde bei sich.«

»Das schadet nichts. Auf den Pferden haben die Frauen gesessen und Diejenigen, welche nicht gut schwimmen konnten. Die Andern aber sind selbst geschwommen. Auf diese Weise sind sie ohne Unfall entkommen.«

»Nun, doch nur einstweilen. Es steht natürlich zu erwarten, daß die Kosaken morgen, wenn es Tag ist, das thun werden, woran sie heut nicht gedacht haben, nämlich das Ufer jenseits der steilen Felsen auch absuchen. Dann werden die Flüchtigen entdeckt.«

»O nein, dann sind dieselben fort.«

»Wohin? Sie können doch nicht durch die Kette der Kosaken. Diese stehen zu eng beisammen.«

»Sie werden doch entkommen. Die beiden Männer sprachen davon. Um Mitternacht brechen die Verbannten auf.«

»Nach der Grenze?«

»Nein. Dort wird man sie sicher erwarten. Sie wollen grad in der entgegengesetzten Richtung davon, nicht nach der Stanitza zu, sondern in der Richtung nach der Fähre.«

»Ah! Das ist ein kluger Gedanke von ihnen. Sie entfernen sich dadurch zwar von der Grenze, können sich dann aber auf einem Umwege desto sicherer erreichen.«

»Das wollen sie. Sie werden auf der Fähre über den Fluß gehen, jenseits am Ufer desselben aufwärts reiten und dann wieder auf die hiesige Seite herüberschwimmen. Dann kommen sie schnell über die Grenze, während die Kosaken noch hier unten halten und denken, daß sie den Vogel noch unter dem Netze haben.«

»Sehr gescheidt, sehr gescheidt! Wie aber wollen sie erst an die Fähre kommen, da ihnen die Kosakenposten im Wege stehen?«

»O, das ist leicht. Einige starke Kerls unter ihnen schleichen sich zu Fuß voran, um einige der Posten zu überfallen. Das wird ihnen nicht schwer werden. Es ist ja leicht, einem ahnungslosen Menschen den Hals zuzudrücken, so daß er nicht schreien kann.«

»Hm! Hast Du mit den Beiden geredet?«

»Nein. Ich mag nichts mit ihnen zu thun haben. Das ist gegen das Gesetz.«

»Wenn Du solchen Respect vor dem Gesetze hast, so solltest Du den Major benachrichtigen.«

»Der würde mir doch nicht glauben. Es ist stets am Besten, man mischt sich nicht in fremde Angelegenheiten. Das habe ich schon oft erfahren und das will ich auch hier beherzigen. Ich mag mir nicht die Finger an einem fremden Feuer verbrennen. Wenn die Kosaken ihre Schuldigkeit thun, werden sie die Flüchtigen nicht durchlassen. Mir macht die Sache keine Kopfschmerzen. Gehst Du mit?«

»Wohin?«

»In's Haus. Ich habe noch nicht gegessen.«

Die Beiden entfernten sich.

Der Major hatte Alles deutlich und genau verstanden. Er war höchst erfreut, diese wichtige Entdeckung gemacht zu haben und eilte schleunigst nach seiner Hütte, um die Befehle zu geben, welche seiner Ansicht nach den Umständen am angemessensten waren.

Er ließ den ganzen Vorposten-Ring sich trennen und nach der Stelle des Flusses ziehen, an welcher sich die Fähre befand. Dadurch war die Seite, nach welcher die Stanitza und die Grenze lag, von Kosaken vollständig entblößt und das war es, was der schlaue Sam beabsichtigt hatte.

Dieser Letztere wartete noch eine Weile und schlich sich dann nach dem Flusse hin, ganz auf die Art und Weise der Indianer, welche er ja sehr genau kannte. Als er in der Nähe der Fähre angelangt war, überzeugte er sich, daß sein Plan gelungen sei. Die Kosaken standen in zwei dichten Reihen rechts und links an der Ueberfahrtsstelle und warteten lüstern auf das Nahen der Verbannten, von denen sie annahmen, daß sie ganz und gar ahnungslos in die ihnen gelegte Falle gehen würden.

Nachdem Sam jetzt Gewißheit hatte, daß auf der andern Seite der Weg vollständig frei sei, schlich er sich höchst befriedigt zurück.

Als er auf dem Hofe anlangte, sah er, daß der Major mit zwei seiner Offiziere angekommen sei. Die Herren saßen bereits recht munter beim Abendessen, welches ganz zur allgemeinen Zufriedenheit verlief.

Später brachte Peter Dobronitsch Wein, der den Offizieren vortrefflich mundete. Doch tranken sie ziemlich mäßig, da sie von ihrem heutigen Vorhaben abgehalten wurden, des Guten zu viel zu thun.

Als elf Uhr vorüber war, erhob der Major sich von seinem Stuhle und sagte:

»Peter Dobronitsch, wir sagen Dir Dank für Deine Gastfreundschaft. Es hat uns ganz vortrefflich geschmeckt.«

»Das freut mich,« antwortete der Wirth. »Aber Ihr wollt doch nicht etwa schon jetzt aufbrechen?«

»Allerdings. Wir haben Etwas vor, was Dich sehr interessiren wird. Willst Du uns nicht ein Stückchen begleiten?«

»Wozu?«

»Wir wollen Dir etwas zeigen, worüber Du Freude haben wirst. Wir haben eine Entdeckung gemacht.«

»Wenn Ihr es verlangt, gehe ich allerdings mit.«

»Wir können es nicht verlangen, aber wir bitten Dich darum. Du wirst ein Vergnügen erleben.«

»So gehorche ich Euch. Ich gehe mit.«

Er brach auf, ohne Etwas für sich zu besorgen, denn Gesicht und Stimme des Offiziers waren sehr freundlich. Aber als sie draußen angekommen waren und sich ein Stück vom Hause entfernt hatten, sagte der Major in einem ganz anderen, viel ernsterem Tone zu ihm:

»Peter Dobronitsch, ich fordere Dich auf, mir die Wahrheit zu sagen! Bist Du ein Freund der sogenannten »armen Leute« oder nicht.«

»Ich bin ein Freund aller Menschen.«

»Das genügt mir nicht. Ich verlange eine deutliche Antwort auf meine deutliche Frage.«

»So will ich Dir sagen, daß ich ein Freund aller Unterthanen bin, welche ihre Pflicht stets erfüllen.«

»Gut! Wenn das wahr ist, wirst Du den »armen Leuten« keine Hilfe leisten. Aber dennoch hältst Du sie bei Dir verborgen!«

»Bei mir? Nein!«

»Weißt Du nicht, wo sie sind?«

»Nein.«

»Auch nicht, wohin sie wollen?«

»Auch das nicht.«

»So weiß ich mehr als Du. Sie sind noch da.«

»Das ist unmöglich.«

»O, sie halten sich versteckt!«

»Herr, verschone mich! Ich weiß von nichts!«

»Ich will dies gelten lassen. Desto sicherer aber weiß ich, daß sie heut davonschleichen wollen.«

Jetzt wurde der Bauer besorgt. Er sagte:

»Wenn sie nicht da sind, können sie sich doch auch nicht davonschleichen!«

»Sie sind eben noch da. Ich kenne sogar den Ort, an welchem sie sich befinden und auch die Stelle, an welcher sie durch meine Posten wollen.«

»Das ist eine Täuschung!«

»Nein. Es ist die Wahrheit. Ich habe meine Vorkehrungen so getroffen, daß ich sie fangen werde.«

»Sollte Dir das gelingen, so würde es mich herzlich freuen,« meinte Dobronitsch trotz seiner Angst.

»Davon bin ich überzeugt,« lachte er höhnisch. »Und um Dir diese Freude zu verdoppeln, habe ich die Absicht, Dich jetzt mit mir zu nehmen.«

»Herr, dazu habe ich keine Zeit!«

»Pah! Das machst Du mich nicht glauben. Du sollst dabei sein, wenn ich diese Mäuse in die Falle bekomme. Diesen Spaß will ich Dir schon machen.«

»Ich bitte Dich, mir das zu erlassen!«

»Fällt mir nicht ein! Mir machst Du nichts weiß; ich kenne Dich. Du würdest Dich nicht freuen, sondern Dich entsetzen, wenn Du Deine Schützlinge als Gefangene erblicktest. Darum sollst Du mit. Sie sollen sehen, daß Du, ihr Beschützer, Dich bei ihren Feinden befindest und Dich also für einen Verräther halten.«

»Das darfst Du nicht verlangen!«

»Oho! Ich will es so und dabei bleibt es! Wenn ich Dich jetzt von mir ließe, würdest Du nichts Schleunigeres zu thun haben, als sie zu warnen. Und das will ich natürlich vermeiden. Also vorwärts!«

Dobronitsch sah sich also wirklich gezwungen, mitzugehen.

Der Umstand, daß der Major ihn mitgenommen hatte, war seiner Frau und Tochter höchst bedenklich erschienen. Als der Bauer auch nach einiger Zeit nicht zurückkehrte, wendeten sich die Beiden an Sam, welcher sich von dem Gelage fern gehalten und sich gar nicht in der Stube hatte sehen lassen.

Als sie ihm ihre Befürchtungen mittheilten, lachte er befriedigt auf und antwortete:

»So Etwas habe ich erwartet. Aber habt ja keine Angst. Dem Bauer geschieht gar nichts.«

»Weißt Du das gewiß?«

»Ganz gewiß.«

»Was wollen sie denn mit ihm?«

»Er soll dabei sein, wenn sie nachher die »armen Leute« fangen, welche fortgehen werden.«

»Was?« fragte Mila schnell. »Sie wollen fort?«

»Ja.«

»Ich weiß ja gar nichts davon!«

»Man hat Euch mit Absicht nichts gesagt, damit Ihr Eure Unschuld beweisen könnt.«

»Aber – aber –!« rief sie ängstlich, »wann wollen sie denn aufbrechen?«

»Grad um Mitternacht.«

»Herrgott! Das ist doch bereits in einer Viertelstunde.«

»Allerdings,« meinte Sam, welchem die Erregung des schönen Mädchens innerlich Freude bereitete.

»Und wohin?«

»Auf die Flucht natürlich.«

»Aber Karparla war doch noch gar nicht hier!«

»Schadet nichts. Sie brauchen sie nicht.«

»Natürlich brauchen sie den Engel, ohne dem sie sich gewiß in's sichere Verderben stürzen werden!«

»Du irrst. Ich habe mir einen Plan ausgesonnen, mit dessen Hilfe sie sicher die Heimath erreichen. Sie werden ihn befolgen.«

»Ohne von mir Abschied zu nehmen! Ich muß schnell hinauf zu ihnen, um mit ihnen zu reden.«

Das Weinen war ihr näher als das Lachen. Sie wollte eiligst fort. Sam aber ergriff ihre Hand, hielt sie zurück und sagte:

»Nicht so eilig! Ich habe Dir ja noch gar nicht gesagt, daß nicht fortgehen. Einige bleiben.«

»Wer?«

»Nummer Zehn.«

»Weiter Niemand?«

»Die Familie Coroda.«

»Die Eltern nur?«

»Nein, sondern auch der Sohn.«

Sie hatte kraftvoll an seinem Arme gezogen, um sich von ihm zu befreien. Jetzt gab sie schnell diesen Widerstand auf.

»Ist das auch wahr?« fragte sie beruhigt.

»Ja. Ich bin ja der Onkel, bei dem er bleiben wird.«

»Wie hast Du mich erschreckt!« seufzte sie.

»Hältst Du denn auf diese Familie so sehr viel?«

Sie antwortete auf diese Frage nicht, sondern erklärte ihm:

»Ich muß dennoch hinauf. Wenn sie aufbrechen, sollen sie wenigstens Abschied nehmen. Aber, Du sagtest doch, daß der Major sie fangen will.«

»Er will, aber er bekommt sie nicht. Ich habe dafür gesorgt, daß er sie an einer ganz anderen Stelle erwartet, als wo sie wirklich erscheinen werden. Gehe hinauf in die Höhle und sage ihnen, daß ich sie erwarte!«

Sie leistete dieser Aufforderung sofort Folge und wurde dabei von ihrer Mutter begleitet.

Der umsichtige Sam hatte bereits dafür gesorgt, daß diejenigen Pferde, welche den Verbannten gehörten, von den verschwiegenen Knechten heimlich herbeigebracht worden waren. Die Kosaken standen dem nicht im Wege, da sie sich nach der Fähre gezogen hatten.

Wenige Minuten vor Mitternacht kamen die Flüchtlinge an der Pechtanne herabgeklettert. Die Besitzer der Pferde sattelten dieselben. Die Frauen setzten sich auf und sodann wurde der nächtliche Ritt und Weg begonnen. An der Spitze befanden sich Sam, Jim, Major Sendewitsch, Alexius Coroda und Georg von Adlerhorst, der bisherige Kosak Nummer Zehn. Tim war als Wächter des einstigen Derwisches zurückgeblieben.

Auch Nummer Fünf, der frühere Maharadscha, hatte sich mit seinen Jägern anschließen wollen, aber Sam hatte ihn vermocht, davon abzusehen. Es war ja gar nicht nothwendig, daß so viele Leute sich der Gefahr der Entdeckung aussetzten.

Es wurde natürlich kein einziger Kosak im Wege gefunden. Vor der Stanitza stiegen die Reiter und Reiterinnen ab. Die Letzteren blieben mit einigen älteren Personen zur Bewachung der Pferde zurück; die Andern aber drangen durch das jetzt nicht verschlossene und völlig unbewachte Wallthor in die Stanitza ein, leise, jedes Geräusch vermeidend.

Nirgends ließ sich ein Licht sehen. Die Civilbewohner der Stanitza waren schlafen gegangen. Sam suchte sich einige umsichtige Männer heraus, unter denen sich Alexius, der Major und Georg von Adlerhorst befanden. Er legte seine Oberkleidung ab und borgte sich von einem der Verbannten den Mantel, welchen derselbe trug. Dann zog er ein bisher verborgen gehaltenes Gefäß hervor und sagte:

»Hier ist Ruß aus der Esse von Peter Dobronitsch. Schwärzt Euch Eure Gesichter! Wir müssen zunächst nach der Wohnung des Kommandanten, denn dort befinden sich jedenfalls die Schlüssel zu dem famosen Zeughause und auch noch andere Dinge, welcher wir bedürfen. Schwarz müssen wir uns machen, damit die Bewohner des Hauses unsere Gesichter nicht sehen. Während wir dort sind, bleiben die Andern hier ganz lautlos halten, um unsere Rückkehr zu erwarten.

Sein Befehl wurde befolgt und dann begab sich der kleine Trupp nach dem eng an dem Wall stehenden Hause. Die Läden desselben waren zu. Durch die Ritzen derselben aber drangen dünne Lichtstreifen heraus. Man war also im Innern noch wach. Sam schlich sich an einen der Läden, welcher die größte Lücke zu haben schien und blickte durch dieselbe in die Stube.

Er sah ein ziemlich gut ausgestattetes Gemach, in welchem eine Frau saß, welche las. Weiter war kein Mensch vorhanden. Der Kosak Nummer Zehn trat zu ihm und schaute auch hinein.

»Das wird die Frau des Majors sein,« sagte er.

»Es scheint so,« antwortete Sam. »Aber freilich kenne ich sie nicht.«

»Ich auch nicht, und auch kein Anderer von uns. Wollen wir anklopfen?«

»Nein. Das wäre nicht klug gehandelt.«

»Warum?«

»Sie würde, bevor sie öffnet, fragen, wer wir sind.«

»Wir machen ihr Etwas weiß.«

»Aber ob sie es glaubt! Und wenn sie dann nicht öffnet, so stehen wir hier und haben verloren.

»Ich denke, daß sie öffnen wird, wenn wir ihr sagen, daß wir Kosaken sind, welche ihr Mann mit einer Botschaft sendet.«

»Sie fragt dann nach dem Namen.«

»So sagen wir den ersten besten. Einen Iwan oder Peter giebt es allemal dabei.«

»So müssen wir gewärtig sein, daß sie sich die vermeintliche Botschaft durch die Thür sagen läßt.«

»Dann können wir ja sagen, daß wir ein paar Zeilen abzugeben haben. Da muß sie doch öffnen.«

»Sie hat das Licht mit, sieht unsere geschwärzten Gesichter und macht vor Angst und Schreck einen Spektakel, in Folge dessen die ganze Stanitza erwacht.«

»Nun, wie wollen wir denn hinein?«

»Durch das Dachfenster. Ich habe es mir schon am Tage angesehen. Ich werde eine Leiter holen.«

»Aber es ist finster im Hause und wir kennen die Oertlichkeiten nicht. Das wird Lärm geben!«

»Ich habe mich vorgesehen und mir ein Talglicht mitgenommen. Beim Lichte desselben werden wir so leise wie möglich uns bewegen können. Warte ein Wenig!«

Er schlich sich hinter das Haus. Er hatte sich die Stelle, an welcher die Leiter lag, sehr genau gemerkt und kehrte bald mit derselben zurück.

Nun schritt er den Andern voran auf den Wall und legte die Leiter von der Kante desselben hinüber auf das Dach, so daß sie grad in das noch immer offen stehende Fenster reichte.

»Ich steige zuerst hinüber,« sagte er. »Sobald Ihr drüben mein Licht brennen seht, kommt Ihr nach.«

Jetzt setzte er sich auf die Leiter und griff sich hinüber. Drüben stieg er ein, zog das Licht heraus und brannte es an. Beim Scheine desselben sah er, daß er sich in einer kleinen Kammer befand, welche nichts als allerlei Gerumpel enthielt. Die Thür konnte nicht verschlossen werden und war mit einer einfachen Klinke versehen.

Jetzt kamen auch die Andern nach.

»Zieht die Stiefel aus,« gebot Sam, indem er ihnen mit dem Beispiele voranging.

Als sie dasselbe befolgt hatten, wurde die Thür geöffnet. Gar nicht weit von derselben führte die Treppe hinab. Gegenüber gab es eine zweite Kammerthür, hinter welcher ein lautes Schnarchen zu hören war.

Sam stellte dort einen Wächter auf, welcher verhindern sollte, daß von dort aus eine Störung erfolgte. Dann stiegen sie leise die Treppe hinab.

Links lag die Wohnstube, in welche sie vorhin durch den Laden geblickt hatten. Die auf der rechten Seite gelegene Thür war verschlossen. Man konnte annehmen, daß sich da irgend ein Wirthschaftsraum befand, in welchem kein Bewohner des Hauses zu vermuthen war.

Jetzt löschte Sam sein Licht wieder aus.

»Treten wir sogleich hinein?« fragte Jim.

»Nein,« antwortete der Dicke. »Die Frau könnte vor Schreck des Todes sein. Wir klopfen an.«

Er that das. Drinnen erfolgte keine Antwort. Die Dame schien bereits durch das Klopfen so erschreckt zu sein, daß sie nicht reden konnte. Sam öffnete, aber so, daß er zwar hineinblicken konnte, daß aber sein schwarzes Gesicht nicht zu sehen war.

»Erschrick nicht, Mütterchen!« sagte er in freundlichem Tone. »Wir kommen nicht als Feinde zu Dir.«

Die Frau war vom Stuhle aufgesprungen und stand ganz steif und bewegungslos im Zimmer.

Die Männer traten ein. Als sie die Gesichter erblickte, wollte sie schreien. Sie öffnete den Mund, brachte aber freilich keinen Laut hervor. Sie fuhr sich mit beiden Händen nach dem Herzen. Das war die einzige Bewegung, deren sie fähig war.

»Wir sind heut zwar Mohren, sonst aber ganz gute Leute. Wir werden Dir nichts thun,« sagte Sam.

»Mein Gott!« stieß sie endlich hervor. »Ihr – Ihr – seid Räuber!«

»O nein. Wir nehmen Dir nichts, nicht einen Rubel, nicht eine einzige Kopeke.«

»Was wollt Ihr denn?«

»Wir möchten Dich nur bitten, uns einige Fragen zu beantworten, mein gutes Mütterchen.«

»Wer seid Ihr denn?«

»Wir sind arme Leute.«

»Doch nicht diejenigen, welche mein Mann sucht?«

»Ja, grade diese sind wir. Er meint es nicht gut mit uns. Dennoch aber werden wir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Du sollst mit uns zufrieden sein, vorausgesetzt nämlich, daß auch wir nicht über Dich zu klagen brauchen.«

»Ihr werdet doch nicht etwa eine wehrlose Frau tödten wollen!« meinte sie, an allen Gliedern zitternd.

»Fällt uns nicht ein! Sage uns nur, ob Du die Frau des Majors bist, wie sich aus Deinen Worten vermuthen läßt.«

»Ich bin es.«

»Und er läßt Dich so allein!«

»Er konnte nicht wissen, daß solcher Besuch kommt.«

»Ja, das konnte er freilich nicht vermuthen. Wer befindet sich denn noch mit hier im Hause?«

»Nur Kathinka, meine alte Magd.«

»Wo ist sie?«

»Sie schläft droben in ihrer Kammer.«

»Das stimmt. Ich merke, daß Du die Wahrheit sagst und das ist sehr gut für Dich. Weißt Du wohl, wo sich die Schlüssel zum Zeughause befinden?«

Sie zögerte mit der Antwort. Dann sagte sie:

»Nein, das weiß ich nicht.«

Aber es war ihr leicht anzuhören, daß sie damit nicht die Wahrheit sagte.

»Mütterchen,« antwortete Sam in warnendem Tone, »wenn Du uns belügst, so kannst Du nicht von uns erwarten, daß wir Dich so rücksichtsvoll behandeln, wie es eigentlich unser Wille ist. Du weißt, wo die Schlüssel sind.«

»Nein, ich weiß es nicht.«

»Das thut mir leid! Schau Dir die Knute an, die ich hier an meiner Seite hängen habe! Soll ich damit etwa eine Frau schlagen?«

»Um Gotteswillen! Das wirst Du doch nicht!«

»Ich werde es, wenn Du nicht die Wahrheit sagst.«

»Was willst Du denn mit den Schlüsseln?«

»Das wirst Du seiner Zeit erfahren. Also!«

Er zog die Knute drohend aus dem Gürtel.

»Laß sie stecken!« bat sie. »Die Schlüssel sind dort in dem Schränkchen.«

Sam öffnete dasselbe und sah einen Schlüsselbund da hängen, daneben noch einen einzelnen Schlüssel, welchen er genau mit den anderen verglich.

»Ah,« sagte er, »gewiß ist das der Hauptschlüssel?«

»Ja. Er öffnet alle Thüren des Zeughauses. Mein Mann nimmt ihn beim Revidiren.«

»Schön! So werde ich ihn auch nehmen und hier ist der Bund.«

Er gab Jim denselben und sah sich dann aufmerksam in der Stube um. In der Ecke am Fenster stand ein Schreibtisch.

»An diesem arbeitet wohl Dein Mann?« fragte er.

»Ja.«

»Wollen einmal in die Fächer schauen.«

Er öffnete dieselben und schien das gefunden zu haben, was er suchte, denn er nickte befriedigt vor sich hin, winkte den Major Sendewitsch zu sich und flüsterte diesem zu:

»Schau, hier sind Petschafte und Stempel des Regimentes, auch Papier und alles Zugehörige. Das Uebrige ist nun Deine Sache.«

»Was soll ich damit?«

»Welche Frage! Brauchst Du nicht Legitimationen?«

»Ah, Du hast Recht. Hier kann ich mir einige Ordres ausfertigen, welche vollständig ausreichen, uns Alle zu legitimiren und uns zugleich der Hilfe und des Schutzes aller Behörden zu versichern. Wenn ich nur die Namen der hiesigen Offiziere wüßte! Auch den Namenszug des Majors möchte ich kennen.«

»Nichts leichter als das. Da in dem andern Kasten habe ich eine Liste gesehen, welche die gewünschten Namen enthalten wird. Darauf hat der Major sich unterschrieben. Da ist sie. Setze Dich her und schreibe!«

Der einstige Offizier zog sich einen Stuhl herbei und Sam brachte ihm die Lampe. Dann begann der Erstere, die Liste durchzustudiren und sodann zu schreiben.

Die Frau schien einzusehen, daß sie eine Gefahr für ihre Person nicht zu fürchten habe. Sie wendete sich in möglichst strengem Tone an Sam:

»Weißt Du auch, was Du thust?«

»Ja, Mütterchen, das weiß ich sehr genau,« antwortete er lachende »Weißt auch Du es?«

»Nein. Ich weiß ja nicht, was dieser Mann schreibt. Aber etwas Erlaubtes wird es nicht sein.«

»Es ist nichts Ungerechtes, gar nichts Ungerechtes, denn ich habe es ihm erlaubt.«

»Dazu hast Du das Recht nicht!«

»O doch, denn ich bin der Vorgesetzte dieser Leute. Ich habe ihm den Befehl gegeben, die Kompagnielisten zu copiren.«

»Wozu?«

»Das verstehst Du nicht. Wenn Du es aber Deinem Manne sagst, so wird er wissen, warum. Hast Du nicht ein Gläschen Wutky hier?«

»Drüben, nicht hier in der Stube.«

»So komm mit hinüber. Brenne ein Licht an! Wir haben Durst.«

Er that dies, damit sie nicht beobachten könne, was der frühere Major vornahm. Sie sollte nicht sehen, daß er sich des Stempels und des Petschaftes bediente.

Sie mußte ihn und die Andern wohl oder übel hinüber in den bereits erwähnten Vorrathsraum führen, wo die Männer in aller Gemüthsruhe einige Gläser Schnaps zu sich nahmen. Sie machten dabei langsam, um Sendewitsch Zeit zu geben, mit seiner Schreiberei fertig zu werden.

Als sie sich dann wieder hinüber begaben, hatte er sich eben von seinem Schreibtische erhoben und steckte mehrere zusammengefaltete Bogen zu sich.

»Fertig?« fragte Sam.

»Ja. Ich habe Alles.«

»Gut! So wollen wir gehen. Du aber bleibst hier bei dem Mütterchen und sorgst dafür, daß sie sich ruhig verhält.«

Die letzten Worte waren an Georg von Adlerhorst gerichtet. Er ritt nicht mit den Verbannten, bedurfte also keiner Uniform und konnte also hier bleiben.

Der oben stehende Posten erhielt den Befehl, leise herabzukommen, um die Magd nicht aufzuwecken und dann verließen die Andern außer Georg das Haus und zwar durch die Thür, da es keinen Zweck hatte, durch die Leiter wieder zurückzusteigen.

Sie begaben sich zu den zurückgebliebenen Gefährten, denen indessen die Zeit ziemlich lang geworden war. Dann marschirten Alle nach dem Zeughause, welches freilich diesen viel versprechenden Namen gar nicht verdiente. Unterwegs sagte Sendewitsch zu Sam:

»Ich habe glücklicher Weise einen Plan des Zeughauses gefunden und auch ein vollständiges Verzeichniß aller Gegenstände, welche sich daselbst befinden. Der Major scheint sehr auf Ordnung zu halten und hat erst dieser Tage ein Inventar aufgenommen. Ich weiß sogar, wo wir Laternen finden werden.«

»Das ist vortrefflich! Jetzt haben wir zunächst die beiden Posten unschädlich zu machen. Einer steht vorn; der Andere hinten. Ich nehme den Ersteren und Du den Letzteren, Jim. Wir Beide sind in solchen Sachen am erfahrensten. Gieb ihm einen kleinen Klapps, daß er die Besinnung verliert. Dann bringst Du ihn nach vorn getragen. Wir binden sie und stecken sie irgendwo hin, wo sie uns nicht schaden können.«

Sie waren in der Nähe des erwähnten Gebäudes angekommen und blieben stehen, während Sam und Jim sich voranschlichen.

Bereits nach kurzer Zeit stieß der Erstere einen leisen Pfiff aus. Sie folgten, und als sie bei ihm anlangten, sahen sie ihn bei dem Posten stehen, welcher betäubt und bereits gebunden an der Erde lag. Nur wenige Sekunden später kam der lange Jim, welcher seinen Kosaken wie einen Sack auf der Achsel trug.

»Nun zunächst zu den Laternen,« meinte Sam.

»Hier durch die mittlere Thür,« sagte der Major.

Sam versuchte den Hauptschlüssel; er schloß. Die Thür ging auf, und nun befanden sie sich in einem ziemlich weiten Gewölbe. Der Dicke brannte sein Licht an und leuchtete umher. Rings an den Wänden hingen Sättel mit dem nöthigen Riemenzeuge, auch Laternen dabei.

Diese Letzteren wurden angebrannt. Man brachte zunächst die beiden Posten unter, und sodann führte der Major die Leute nach den Räumen, in denen sich die Uniformen befanden.

Glücklicher Weise schliefen alle Bewohner der Stanitza. Einen Nachtwächter gab es hier nicht, da Alles militärisch eingerichtet war.

Wäre Jemand wach gewesen, so hätte er sehen können, daß alle Räume des Zeughauses nach und nach erleuchtet wurden. Es gab da ein außerordentlich lebhaftes aber sehr geheimnißvolles Treiben, welches weit über eine Stunde währte, dann kamen die Leute heraus. Die Lichter erloschen, und die Thüren wurden wieder verschlossen. Es war Alles wieder so still und finster wie vorher.

Falle es heller gewesen wäre, so hätte ein zufälliger Beobachter gesehen, daß Alle, welche in Civilkleidern eingetreten waren, das Haus in Kosakenuniformen verließen. Jeder hatte einen Sattel nebst Zaumzeug auf dem Rücken. Einige hatten sich sogar mit Waffen versehen. Sie verließen die Stanitza durch das Wallthor, durch welches sie hereingekommen waren, und wendeten sich dann nach rechts, wo sie sich längs des Walles dahinschlichen, wo die Pferde standen.

Als sie in der Nähe dieses Ortes anlangten, hielten sie wieder an, und Sam pürschte sich vorwärts, um auszuspüren, wie viele Kosaken die Pferde bewachten und wo dieselben sich befanden. Es waren ihrer nur vier. Sie lagen schlafend an der Erde. Besser konnte man es ja gar nicht treffen.

Die Pferde standen entweder träumend dabei oder lagen auch schlafend am Boden. Einige von ihnen schnaubten, als Sam sich näherte, ohne aber, daß die Schläfer dadurch aufgeweckt wurden.

Der Dicke ging wieder zurück und holte die Andern herbei, welchen es eine Leichtigkeit war, die Wächter zu überfallen. Ehe diese nur recht erwachten, waren sie gebunden. Man drohte ihnen, sie zu tödten, wenn sie es wagen sollten, vor Anbruch des Tages einen Laut auszustoßen.

Nun wurden die Pferde gesattelt. Auf die überzähligen Thiere – denn solche gab es – nun lud man den Vorrath von Munition und Proviant, welcher im Zeughause gefunden worden war; dann ritten die vom Glücke so sehr begünstigten »armen Leute« zu der Stelle zurück, an welcher die von ihnen zurückgelassenen Leute und Pferde vor der Stanitza hielten.

Es war ihnen ein Streich gelungen, welcher in der Geschichte der Verbannung nach Sibirien geradezu beispiellos dastand.

Nun wurden die Vorbereitungen zum endgiltigen Aufbruche getroffen, welche allerdings nicht viel Zeit in Anspruch nahmen. Die Leute drängten sich um den braven, pfiffigen Sam, um ihm ihren Dank auszusprechen. Er wies denselben zurück.

»Nicht der Rede werth!« lachte er. »Habe noch ganz andere Streiche vollbracht. Thut mir nur den einen Gefallen, es nicht zu verrathen, daß er in meinem Kopfe entsprungen ist und daß ich sogar bei der Ausführung desselben mit geholfen habe. Das russische Gesetz könnte mich sonst ein Wenig beim Genick nehmen, und das soll keine ganz angenehme Empfindung sein.«

»Kein Mensch soll Etwas erfahren,« versicherte Major Sendewitsch. »Es liegt ja in unserm eigenen Interesse, gar nichts zu sagen.«

»Hoffentlich gelingt es Euch, den Plan ebenso gut auszuführen, wie heut seine Einleitung gelungen ist. Es ist ja Alles vorhanden, was Ihr dazu braucht – Pferde, Munition, Proviant und Legitimationspapiere.«

»Nur Waffen haben wir wenig vorgefunden. Auch mit der Munition ist es nicht gar gut bestellt.«

»Was das betrifft, so kann dem Mangel sehr leicht abgeholfen werden. Ihr reitet doch jedenfalls erst in der Richtung nach Platowa?«

»Ja. Dann wenden wir uns westlich, um im Norden von Irkutzk an dieser Stadt vorüber zu kommen.«

»Nun, Ihr werdet, wenn Ihr gut aufpaßt, gar nicht weit von hier der Horde von Tungusen begegnen, welche unter ihrem Fürsten Bula nach hier kommen wollen, um Euch Gewehre, Pulver und Patronen zu bringen. Sagt dem Fürsten, daß Ihr diejenigen seid, für welche diese Sachen bestimmt sind, und Ihr werdet sie erhalten.«

»Wenn er uns Glauben schenkt.«

»Das wird er.«

»Er kennt uns nicht und kann uns leicht für Kosaken halten, die ihn in Versuchung führen wollen.«

»So will ich Dir ein Mittel sagen, Dich zu legitimiren. Es reitet mit ihnen ein Herr, dessen Name Steinbach ist. Wende Dich an ihn und sage ihm, daß ich, der dicke Sam, Dich zu ihm sende. Melde ihm, daß er sich sputen solle, weil ich den früheren Derwisch bereits ergriffen habe. Das wird genügen.«

»Gut! Ich werde es ausrichten. Hast Du mir sonst Etwas anzubefehlen?«

»Nein, nichts mehr.«

»So ist die Zeit des Scheidens gekommen.«

»Ja. Aber wie kommt Ihr über den Fluß an das jenseitige Ufer?«

»Hm! Wir müssen ihn wohl überschwimmen, da wir nicht zur Fähre können.«

»Leider! Es thut mir zwar leid, daß Ihr Euch gleich beim Beginne Eures Rittes in das Wasser begeben müßt. Schon um der Frauen Willen ist das unangenehm. Aber es ist eben nicht zu vermeiden. Ich könnte die Fähre wohl für Euch frei machen; aber das erfordert einige Stunden Zeit, welche Ihr besser benützen könnt, möglichst weit von hier fort zu kommen. Und die Hauptsache ist, daß Ihr beim Ueberfahren, welches nur langsam von sich gehen kann, da die Fähre nur wenige Reiter faßt, bemerkt werden könntet, während es doch Euer Trachten sein muß, nicht gesehen zu werden. Die Kosaken dürfen keine Spur von Euch finden. Sie müssen denken, daß Ihr über die nahe Grenze entkommen seid. Dann seid Ihr vor aller Verfolgung sicher.«

»Nun, was die Verfolgung betrifft, so haben wir dieselbe gar nicht zu fürchten. Ich möchte wissen, wie die Kosaken uns ohne Pferde ereilen wollten.«

»Sehr leicht!«

»So? Doch nur durch einen Boten?«

»Ja, sie könnten einen gut berittenen Boten ausschicken, der die Garnisonen anderer Orte auf Euch hetzt. Was an mir liegt, ihnen Sand in die Augen zu streuen, das werde ich thun. Jetzt aber verliert weiter keine Zeit! Vor Anbruch des Morgens müßt Ihr weit fort sein, wenn Eure Flucht gelingen soll.«

Es läßt sich leicht denken, daß der Abschied ein herzlicher war. Die Leute flossen von Dank über. Sam verabredete mit Sendewitsch eine deutsche Adresse, an welche derselbe sich später schriftlich wenden solle, um Nachricht von sich und dem Verlaufe des abenteuerlichen Fluchtrittes zu geben. Dann ritten die Flüchtigen davon.

Sam begab sich mit den Zurückbleibenden wieder in das Haus des Majors. Es galt, da noch einige Maßregeln zu treffen.

Georg von Adlerhorst öffnete ihnen auf ihr leises, vorsichtiges Klopfen und meldete ihnen, daß die Frau sich ruhig verhalten habe. Sie traten wieder in die Stube. Die Majorin saß am Tische. Sie zeigte eine ergebene, niedergeschlagene Miene.

»Nun, Mütterchen, wir kommen, uns von Dir zu verabschieden,« sagte Sam. »Ich hoffe, daß Du mit uns zufrieden bist.«

Er hatte bereits vorher, als er mit ihr sprach, seine Stimme verstellt und that dies auch jetzt wieder.

Sie antwortete:

»Gethan habt Ihr mir nichts; das ist wahr. Aber was Ihr ohne mein Wissen vorgenommen habt, das weiß ich nicht.«

»Dein Männchen wird es sehr bald erfahren und es Dir dann sagen. Schau, ich hänge die Schlüssel in das Schränkchen zurück. Unser Besuch hat Dir also nichts weiter gekostet als eine einzige kleine Flasche Wutky, und den wirst Du wohl verschmerzen können. Jetzt aber sage mir einmal, ob Du vielleicht ein unruhiges Blut hast!«

»Warum?«

»Ich möchte gern wissen, ob Du recht beweglich oder im Gegentheile ein Wenig träge bist.«

»Träge war ich nie!«

»Das ist nicht gut für Dich.«

»Nicht gut? Ich habe noch niemals gehört, daß die Trägheit für den Menschen vortheilhaft ist.«

»In dem jetzigen Falle würde sie es sein. Wenn Du so sehr beweglich bist, so muß ich fürchten, daß Du, wenn wir fort sind, nicht auf dem Stuhle sitzen bleibst. Ich wünsche aber, daß Du Dich mit Deiner Magd recht ruhig verhalten mögest, bis Dein Männchen heimkehrt. Darum werde ich Euch ein Wenig anbinden müssen. Hol die Magd herab!«

Dieser Befehl war an Jim gerichtet, welcher sich sofort nach oben begab.

»Binden! Mich binden!« rief die Majorin. »Weißt Du, daß ich die Frau eines hohen Offiziers bin!«

Sie stand auf und trat in stolzer Haltung auf ihn zu.

»Bleibt sitzen, Frauchen!« antwortete er. »Ein Major ist gar nicht ein so vornehmes Thier, wie Du anzunehmen scheinst. Und gescheidt ist der Deinige auch nicht. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen so dummen Menschen gefunden, wie er ist. Er sollte den Buckel voll Prügel bekommen, obgleich ich sehr begründete Zweifel habe, daß ihn das gescheidter machen werde. Er wollte uns fangen. Da haben wir ihn nach der Fähre gelockt. Dort hielt er mit seinen dummen Kosaken. Und wenn er einsieht, daß wir ihm eine riesige Nase gedreht haben, so sind wir längst über die Grenze hinüber, und er mag zusehen, wie er den entflohenen Vogel wieder bekommt. Aber eben damit Du ihn nicht vorzeitig warnen kannst, werde ich Dich hier anbinden. Weiter soll Dir gar nichts geschehen. Ich hoffe, daß Du es Dir ruhig gefallen lassen wirst. Im andern Falle würde ich natürlich Gewalt anwenden müssen.«

Jetzt brachte Jim die Magd herein. Sie hatte Lärm machen wollen, doch hatte der lange Amerikaner sie so sehr eingeschüchtert, daß sie sich ruhig verhielt. Ihr Gesicht war vom Entsetzen ganz entstellt.

Der lustige Sam band zwei Stühle mit den Lehnen zusammen. Die beiden Frauenzimmer mußten sich darauf setzen, mit den Rücken gegen einander, und dann wurden auch sie zusammengebunden.

»So!« lachte er. Nun könnt Ihr meineswegen ruhig sitzen bleiben oder wie ein Doppelfrosch in der Stube umherspringen. Die Läden will ich aufmachen. Wenn es Tag ist und dieselben bleiben zu, könnten die guten Bewohner der Stanitza denken, es sei Euch ein Unfall zugestoßen. Und das ist doch gar nicht der Fall.«

Er schob die Läden auf. Dann verlöschte er das Licht, und sie verließen die Stube, deren Thür sie hinter sich verschlossen. Auch die Hausthür wurde von innen verriegelt. Dann stiegen sie die Treppe hinauf, nachdem sie den Thürschlüssel so versteckt hatten, daß er nicht gleich gefunden werden konnte.

Jetzt nun verließen sie das Haus auf demselben Wege, auf welchem sie es zuerst betreten hatten – mittelst der Leiter, welche Sam dann wieder hinüber auf den Wall zog. Er trug sie hinter das Haus zurück, wo sie vorher gelegen hatte.

»So,« sagte er dann. »Das ist gelungen. Ich möchte dabei sein, um zu sehen, wie die beiden Weibsbilder wie ein Doppeladler in der Stube herumflattern, dem die Flügel gebunden sind.«

Sie begaben sich natürlich zunächst dahin, wo der betreffende Verbannte Sams Rock niedergelegt hatte, mit welchem der Dicke jetzt den Mantel vertauschte. Dann kehrten sie nach dem Gute ihres Wirthes Dobronitsch zurück.

Dort suchten sie zunächst den Brunnen auf, um sich auf das Sorgfältigste von dem Ruße zu befreien, von welchem jede Spur entfernt werden mußte. Als dies geschehen war, begab Sam sich mit Jim nach dem Hause, während die Anderen das bekannte Versteck aufsuchten. Es brauchte selbst von des Wirthes verschwiegenen Leuten Niemand zu wissen, welche Personen mit Sam gewesen waren; darum war es jedenfalls besser, sie begaben sich still nach der Höhle hinauf.

In der Wohnstube brannte noch Licht. Mila und ihre Mutter waren noch wach. Die Sorge um ihren Mann und Vater hatte sie nicht ruhen lassen. Sam begab sich zu ihnen, um sie zu beruhigen. Er theilte ihnen mit, daß die Verbannten entkommen seien und daß für den Bauer nichts zu befürchten sei.

Dann begab er sich hinüber zu Tim, bei welchem sich Jim bereits befand. Er vernahm, daß der in der Räucherkammer befindliche Florin sich ruhig verhalten habe, öffnete die Thür ein Wenig, um sich zu überzeugen, daß derselbe wirklich auch anwesend sei, schob dann den Riegel wieder vor und legte sich zum Schlafen nieder. Er bedurfte nach den Anstrengungen des vergangenen Tages der Ruhe.

Auch die Bäuerin war, halb und halb befriedigt von Sams Worten, in ihre Schlafstube gegangen, um zu versuchen, ob sie ein Wenig ruhen könne. Mila aber war aufgeblieben.

Es stürmte jetzt so Vieles auf sie ein. Vom Schlafen war bei ihr keine Rede. Sie nahm eine kleine weibliche Arbeit vor; aber bald merkte sie, daß ihr dazu auch die Sammlung fehle. Es ging eben nicht.

Darum begab sie sich hinaus, um zu versuchen, sich durch einen Gang in der kühlen Morgenluft zu beruhigen.

Ganz unwillkürlich richtete sie ihre Schritte dahin, wohin das Herz sie zog, nach der Pechtanne. Aber sie ging an derselben vorüber nach dem See, an dessen Ufer sie sich niedersetzte. Sie blieb da sitzen, bis der Tag zu grauen begann. Dann stand sie auf, um nach Hause zurückzukehren.

Unterwegs fiel ihr ein, daß man eben von der Höhe des Felsens aus wohl die an der Fähre befindlichen Kosaken, also auch ihren Vater sehen könne. Darum stieg sie hinauf.

Sie sagte sich, daß sie das aus dem angegebenen Grunde thue. Des eigentlichen Grundes aber blieb sie sich unbewußt. Ihr Herz trieb sie an der Riesentanne empor. Sie hütete sich aber, sich darüber Rechenschaft zu geben.

Die oben befindlichen Personen schliefen. Es war Alles still und finster in der Höhle. Sie durchwandelte leise die einzelnen Räume bis hinaus in den Krater, in dessen Tiefe soeben der Strahl des jungen Morgens drang.

Sie stieg an der Kraterwand empor, um von da oben aus einen Blick nach dem Flusse zu werfen. Die Ufer desselben waren in dichtete Nebel gehüllt; darum konnte sie nichts sehen. Sie setzte sich nieder, um zu warten, bis die Nebel sich verziehen würden.

So saß sie lange, lange. Die Sonne stieg im Osten empor, und von Ihrer Wärme gehoben, stiegen die feuchten Schwaden über den Fluß empor, wurden von dem erwachenden Winde erfaßt und wie wirbelnde Wolken davongewälzt.

Jetzt war das Ufer des Flusses zu erkennen. Dort, wo die Fähre am Lande lag, sah sie die Kosaken, welche die betreffende Stelle noch immer besetzt hielten. Ihren Vater unter ihnen zu erkennen, das war mit bloßem Auge nicht möglich.

Eben wollte sie sich erheben, um sich wieder zu entfernen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sich umblickend, gewahrte sie Alexius Boroda, den Zobeljäger, welcher leise emporgestiegen war und sich ihr nun langsam näherte.

»Guten Morgen, Mila Dobronitscha!« grüßte er. »Ist es erlaubt, zu Dir zu kommen.«

»Wer sollte es Dir verwehren?« fragte sie, indem sie erröthete.

»Du.«

»Ich? Welches Recht hätte ich dazu?«

»Das Recht der Besitzerin. Dieser Ort gehört Dir.«

»Und Du hast das Recht des Gastes. Die Höhle ist auch Dein Eigentum. Ich kann Dir also nicht verbieten, zu mir zu kommen.«

»Aber unangenehm ist es Dir doch, daß ich Dich hier störe.«

»Warum denkst Du das?«

»Ich sehe es Dir an, daß Du zornig bist.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Du wurdest roth vor Aerger, als Du mich sahst.«

Jetzt erröthete sie noch tiefer als vorher.

»Es fällt mir gar nicht ein, Dir zu zürnen. Im Gegentheile habe ich Dich um Verzeihung zu bitten. Vielleicht habe ich Dich durch mein Kommen im Schlafe gestört.«

»Ich hörte Jemand leise durch den Raum gehen und folgte Dir ebenso leise nach. Als ich sah, daß Du es warst, blieb ich zurück. Dann jedoch, als eine so lange Zeit vergangen war, trieb es mich doch herbei, um nachzusehen, ob ich Dir vielleicht mit Etwas dienen könne.«

»Ich danke Dir! Ich brauche nichts. Ich kam hier herauf, um zu versuchen, ob ich meinen Vater vielleicht erblicken könne.«

»Ich hörte von meinem Oheim, daß Dein Vater sich bei den Kosaken befindet. Hast Du Angst um ihn?«

»Ja.«

»Dazu ist keine Ursache vorhanden. Im Gegentheile ist der Umstand, daß er sich während der ganzen Nacht neben dem Major befunden hat, sehr vortheilhaft für ihn. Er könnte andernfalls sehr leicht in den Verdacht kommen, daß er sich an dem Streiche betheiligt habe, welchen die Verbannten den Kosaken gespielt haben. Nun aber ist es ja erwiesen, daß er sich nicht bei ihnen befunden hat. Mein Oheim hat dies so schlau einzurichten gewußt, daß ich ihn bewundern muß.«

*

93

»Du sprichst von einem Streiche. Was haben die Verbannten gethan?«

»Erlaube mir, darüber zu schweigen. Es ist viel besser, wenn Du nichts davon weißt, denn da kannst Du etwaige Fragen unbefangen beantworten.«

»So ist es gefährlich?«

»Für Euch nicht.«

»Und Du warst auch mit dabei?«

»Auch darüber möchte ich schweigen.«

»So will ich nicht in Dich dringen. Sage mir nur das Eine, ob es wahr ist, daß diese »armen Leute« wirklich entkommen sind!«

»Es ist wahr.«

»Gott sei Dank! Ich gönne es ihnen von ganzem Herzen. Warum aber bist Du nicht mit ihnen?«

»Mein Oheim gab es nicht zu. Ich soll mit ihm reiten.«

»Ist das nicht gefährlicher? Wenn Du heut Nacht mit den Andern gegangen wärst, so befändest Du Dich nun auch mit ihnen in Sicherheit.«

»Nun, so groß ist diese Sicherheit denn doch nicht. Sie haben noch viele Gefahren vor sich, denn der Weg, welcher vor ihnen liegt, ist entsetzlich lang. Mein Oheim aber versichert mir, daß ich bei ihm Nichts, aber auch gar nichts zu befürchten habe.«

»Er ist ein seltener Mann, und ich glaube, daß er weiß, was er sagt. Es sollte mich sehr freuen, wenn es wahr wäre, daß alle Gefahren für Dich vorüber sind. Du wirst gewiß mit Deinem Oheim in sein Vaterland gehen?«

»Ja, meine Eltern sind entschlossen dazu.«

»So werden wir sehr weit von einander leben.«

»Ist es so gewiß, daß Ihr nur bis in die Gegend von Moskau gehen werdet?«

»So lag es bisher im Plane meines Vaters.«

»Und Du denkst, daß er denselben wohl nicht ändern werde?«

»Schwerlich. Wo sollte er sonst hin?«

»Mit uns.«

Sie blickte befremdet zu ihm auf.

»Mit Euch? Nach Deutschland?«

»Ja.«

»Was sollte ihn dazu bewegen?«

»Deine Mutter ist doch eine geborene Deutsche. Sie würde sich vielleicht glücklich fühlen, die übrige Zeit ihres Lebens in der Heimath verbringen zu können.«

»Das ist wahr. Sie liebt Deutschland, sehnt sich nach demselben und spricht gar viel von ihm. Aber das ist doch noch kein triftiger Grund, Rußland ganz und für immer zu verlassen.«

»Hm! Vielleicht könnte ein viel, viel triftigerer Grund gefunden werden.«

»Ich weiß keinen.«

»Aber ich.«

»Du? Welchen denn?«

Er blickte lächelnd zu ihr nieder und antwortete:

»Du solltest Dir einen Deutschen zum Manne nehmen; dann wäre ein sehr guter Grund vorhanden.«

Sie senkte erglühend das Köpfchen.

»Meinst Du nicht auch?« fragte er, als sie zögerte, ihm eine Antwort zu geben.

»Daran denke ich gar nicht,« sagte sie.

»Woran nicht? Einen Deutschen zu nehmen?«

»Nein, das habe ich nicht gemeint. Ich habe überhaupt noch gar nicht daran gedacht, mir einen Mann zu nehmen.«

Sie blickte ihn nicht an. Ihre Wangen waren wie mit Blut übergossen.

»Mila Dobronitscha, ist das wahr?« fragte er.

»Ja.«

»Solltest Du noch keinen Burschen gesehen haben, dem Du gut sein könntest?«

»Keinen.«

»Und sollte noch Keiner gekommen sein, um sich Deine Hand zu erbitten?«

»Auch Keiner.«

»Ist das wahr?«

»Ja – – und doch nein! Es war Einer da.«

Sie lachte dabei lustig auf.

»Wann?«

»Vorgestern, als Du zum ersten Male hier gewesen warst. Da kam Nachbar Sergius Propow, um bei den Eltern um mich zu werben.«

»Was für eine Antwort hat er erhalten?«

»Diejenige, die ihm gehört. Er wurde abgewiesen und steckte dann in der Räucherkammer, als Du mich gestern früh im Garten trafst. Er ist ein Mensch, den Niemand leiden mag. Seine Frau würde es wie in der Hölle bei ihm haben.«

»Und Ihr Mädchen möchtet es doch wie im Himmel haben. Nicht?«

»Nun,« scherzte sie, »ein Wenig gut möchte man es doch wohl haben.«.

»Einverstanden! Beide müssen sich gegenseitig glücklich machen.«

»Aber nur Wenige werden es!«

»Weil sie es falsch anfangen.«

»Weißt Du denn, wie es angefangen werden muß?«

Er nickte ihr zu.

»Nun, wie denn wohl?«

»Um das sagen zu können, muß man von ganz bestimmten Persönlichkeiten ausgehen. Nehmen wir zum Beispiel ein russisches Mädchen an. Dieses kann nur dann glücklich werden, wenn es einen deutschen Burschen heirathet.«

»Sonderbar!«

»Ja, das weiß ich ganz genau.«

»Woher?«

»Aus den Beobachtungen, welche ich gemacht habe.«

»So! Und wie steht es denn mit den Deutschen?«

»Gegenseitig. Ein deutscher Bursche kann nur dann glücklich werden, wenn er sich ein russisches Mädchen nimmt.«

»Nun, Du bist doch in Deutschland geboren!«

»Allerdings.«

»So mußt Du Dir eine Russin nehmen.«

»Meinst Du?«

»Ja doch! Es ist ja Deine Absicht so.«

»Also denkst Du, daß ich glücklich werden soll?«

»Ich würde es Dir gönnen.«

»Das freut mich ungemein, und ich werde auch Deinen Rath befolgen. Ich habe mich freilich schon längst nach einer Russin umgeschaut.«

»So! Wo denn?«

»Allüberall, wo ich gewesen bin.«

»Und auch gefunden?«

»Lange, lange Zeit nicht.«

»O weh!«

»Aber endlich doch!«

»Gott sei Dank!«

Indem so Rede und Gegenrede wechselte, blickten sie einander lächelnd an. Es waren zwei schöne und auch gute Menschenkinder, deren Herz hier einander warm entgegenschlugen.

»Wie lange ist es denn her, daß Du endlich eine gefunden hast?« fragte Mila.

»Nur sehr kurze Zeit. Vorgestern erblickte ich sie zum ersten Male.«

»Und wo?«

»Bei Peter Dobronitsch vor dem Hause.«

»Ach, wohl Christina, die Magd?«

»Nein, sondern Mila, die Tochter.«

Da trat sie einen Schritt zurück.

»Alexius Boroda!« sagte sie in vorwurfsvollem Tone. »Das solltest Du doch nicht thun.«

»Was?«

»Mich hänseln.«

»Meinst Du, daß ich Dich hänsele?«

»Was anders!«

»Du irrst, Mila. Ich sage die reine Wahrheit.«

»Und ich glaube es nicht. Mich kannst Du ja gar nicht meinen.«

»Warum denn nicht?«

»Ich bin die Tochter eines Bauern. Du aber bist ein – ein – ein – –«

»Nun, was bin ich denn?«

»So – so ein berühmter Zobeljäger.«

»Was ist das weiter? Ist ein Zobeljäger etwa etwas viel Besseres als ein Landwirth?«

»Ja.«

»O, ich bin im Gegentheile sehr davon überzeugt, daß ein Bauer der Menschheit weit nützlicher ist als ein Zobeljäger.«

»Der Zobelpelz ist so etwas Seltenes.«

»Das macht das Kraut nicht fett. Der Zobeljäger dient nur dem Luxus, der Landwirth aber ernährt die Menschen. Das ist ein Unterschied. Uebrigens bin ich am Längsten Zobeljäger gewesen. In Deutschland giebt es keine Zobel.«

»Was wirst Du dort thun?«

»Ich werde das, was Dein Vater ist, ein Bauer.«

»Ists wahr?«

»Ja, und ich freue mich ganz ungemein darauf. Ich habe auf der Zobeljagd sehr viel Glück gehabt und mir so viel Geld verdient, daß ich mir ein Landgut kaufen kann. Das werde ich thun. Da ich aber die Milch- und Butterwirthschaft auf russische Weise betreiben will, so gehört zu diesem Gute eine russische Bäuerin.«

»Ach so! Also nur wegen der Milch und Butter möchtest Du eine Russin haben?«

»Auch ein klein Wenig meinetwegen.«

»Aber ihretwegen nicht?«

»Das ist ja die Hauptsache. Sie soll recht, recht glücklich sein. Mila Dobronitscha, sag mir, möchtest Du nicht meine Bäuerin sein?«

Er legte den Arm um ihre Taille. Sie duldete es, doch ohne ihm eine Antwort zu geben.

»Mila,« bat er, »sprich!«

»Ist es denn Dein Ernst?« hauchte sie.

»Welche Frage! Natürlich ists mein heiligster Ernst. Bitte, bitte, könntest Du mir so gut sein, daß Du meine Frau werden möchtest?«

Er beugte den Kopf zu ihr nieder und blickte ihr in das erglühende Gesicht.

»Ja,« antwortete sie ganz leise.

»Ja, ja, ja!« jauchzte er aber desto lauter auf. »Mila, meine Mila, meine liebe, gute, herrliche Mila! Endlich, endlich habe ich Dich!«

»Endlich!« lächelte sie ihn glücklich an. »Ist es denn bereits eine solche Ewigkeit, daß Du mich hast haben wollen.«

»Ja doch!«

»Seit vorgestern!«

»Lang genug, wenn man sich liebt. Länger hätte ich es aber auch kaum aushalten können.«

Er drückte sie an sich und küßte sie. Sie erwiderte seinen Kuß, fuhr aber höchst erschrocken zurück, als hinter ihnen eine Stimme ertönte:

»Sachte, sachte! Wartet noch ein Wenig, denn ich will auch mitthun.«

Sie fuhren herum und sahen den Dicken, welcher eiligst heraufgestiegen kam.

»Oheim!« rief Alexius. »Hast Du gesehen, was hier vorgegangen ist?«

»Ja.«

»Nun, was denn?«

»Ein Zollverein zwischen zwei Nachbarstaaten ist gegründet worden.«

»Sehr richtig, und soeben wurde der Staatsvertrag besiegelt.«

»Nun bedarf es nur noch eines Stempels. Hier habt Ihr ihn. Junge, Mädchen, Kinder, Neffe, Neffin, Alexius, Mila, ich bin Euer alter, guter, dicker Prachtonkel! Warum habt Ihr mir das angethan, Euch die Liebeserklärung in meiner Abwesenheit zu machen! Ich wollte Euch belauschen und dann Wort für Wort aufschreiben, Euren späteren Generationen zur Erbauung, Belehrung, Ermahnung und Ermunterung. Nun aber komme ich zu spät. Darum sollt nun Ihr kommen, nämlich an mein Herz. Aber erdrückt mich nicht; ich bin sehr weich!«

Sie schlangen ihre Arme um ihn, und er gab Mila einen herzhaften Kuß auf den Mund.

»Donnerwetter! Ja, das ist eine Delikatesse!« rief er aus. »Junge, die halte Dir fest, sonst heirathe ich sie Dir vom Leder weg! Welch ein Glück, daß ich aufwachte.«

»So warst Du schlafen?« fragte Alexius.

»Ja; aber es litt mich doch nicht dabei. Mir träumte, ich stände mit der Frau des Majors am Altare, um für ewig mit ihr auf zwei Stühlen zusammengebunden zu werden. Das war entsetzlich. Wir hüpften auf unsern Stühlen wie die Grasspringer hin und her und konnten doch nicht von einander loskommen. Dies trieb mir einen solchen Angstschweiß aus, daß das Wasser zwei Ellen hoch in der Stube stand. Wenn ich nicht noch im letzten Augenblicke aufgewacht wäre, so hätte ich in meinem eigenen Angstschweiße ersaufen müssen.«

»So gratulire ich Dir zur glücklichen Rettung!«

»Danke! Sehr verbunden, mein Junge! Aber sagt mir einmal, weiß noch jemand Anderes um Eure zukünftige eheliche Liebe?«

»Nein. Du bist der erste und einzige Zeuge.«

»So werde ich dafür sorgen, daß wenigstens die Hauptpersonen davon benachrichtigt werden.«

»Wer?«

»Peter Dobronitsch.«

»Willst Du zu ihm?«

»Ja. Die Kosaken halten noch immer wie die Oelgötzen am Wasser, und es wird Zeit, daß wir unsern Dobronitsch aus ihren Händen befreien.«

»Thue es, lieber Sam!« bat Mila.

»Lieber Sam!« wiederholte der Dicke. »Sapperment! Für so ein Wort aus solchem Munde springe ich ins Feuer und dann auch ins Wasser, ohne mich zu fragen, ob ich mich erkälte. Ich laufe schon.«

Er eilte die Steilung hinab und durch die Höhle, ohne die anderen augenblicklichen Insassen derselben zu beachten.

Als er unten am Baume angekommen war, schlug er die Richtung nach dem Flusse ein. Er nahm die Haltung eines Spaziergängers an, welcher läuft, eben nur um zu laufen.

Er hielt die Augen zur Erde gerichtet und that, als ob er weder nach rechts, noch nach links blicke, bis er von einem Rufe aus seinem scheinbaren Nachdenken geweckt wurde.

»Halt! Stehe!«

Er blickte auf und blieb stehen. Ein Kosak stand vor ihm und hielt ihm die Mündung des Gewehres entgegen.

»Donnerwetter, thue das Gewehr weg!« rief Sam. »Wenn es unversehens losgeht, könnte die Kugel sich in der Richtung irren und Dir durch den Kolben in den Leib fahren.«

»Wer bist Du?«

»Sam Barth.«

»Kenne ich nicht. Du bist ein verdammter Flüchtling, wegen dem wir die ganze Nacht hier vergebens gewartet haben. Wo sind die Andern?«

»Ich kenne keine Andern.«

»Lüge nicht! Du kennst sie Alle.«

»Aber ich bin kein Flüchtling!«

»Das ist nicht wahr. Wärst Du ein Hiesiger, so müßte ich Dich kennen.«

Der Kosak hatte jedenfalls gestern nicht Gelegenheit gehabt, Sam zu sehen. Dieser Letztere erklärte:

»Ich bin Gast bei Peter Dobronitsch.«

»Das magst Du dem Major beweisen.«

Er stieß einen Pfiff aus, und wenige Secunden darauf kam ein Unteroffizier, den er Sam übergab. Der Mann führte den Dicken zu dem Anführer.

Dieser saß auf einem Reißighaufen, welchen man ihm als Stuhl vor der bereits beschriebenen Hütte errichtet hatte. Bei ihm standen seine Offiziere und auch Peter Dobronitsch.

»Bringe einen Verbannten,« meldete der Unteroffizier, indem er militärisch grüßte.

»Einen Verbannten! Kerl, was fällt Dir ein! Das ist kein Verbannter. Marsch fort! Pascholl!«

Der Mann trabte ab.

Der Major befand sich jedenfalls bei schlechter Laune. Er schnauzte Sam ebenso an wie den Kosaken:

»Wie kannst Du Dich hier sehen lassen! Was willst Du eigentlich hier?«

»Geht das Dich etwas an?« fragte Sam einfach.

»Mensch, Du wagst, mich so zu fragen!« brauste der Offizier auf. »Das muß ich mir verbitten!«

»Oho!« antwortete der Dicke. »Ich bin nicht gewöhnt, so mit mir sprechen zu lassen. Ich habe nichts in meinem Passe davon gelesen, daß mir das Spaziergehen am Mückenflusse verboten ist.«

»Aber ich verbiete es Dir!«

»Mit welchem Rechte!«

»Als hiesiger Oberbefehlshaber.«

»Das geht mich den Teufel an. Ich bin nicht Dein Haupt- und Leibkosak. Ich bin Unterthan der gloriosen Republik der Vereinigten Staaten, mit welcher Rußland in bester Freundschaft lebt und habe keine Lust, mich von einem jeden hinter einem Baume stehenden Kosaken arretiren zu lassen.«

»Mäßige Dich!«

»Du Dich auch! Du hast mich Mensch genannt. Ich bin Master Samuel Barth, Oberst der Vereinigten Staatenmiliz und stehe im Range also über Dir. Verstanden! Wenn Du Dir einen Schnupfen geholt hast, weil Du Dich eine ganze Nacht lang her ans Wasser setzest und in Folge dessen bei schlechter Laune bist, so bin ich noch lange nicht Derjenige, an dem Du diese Laune auslassen kannst!«

Er hatte sehr laut und energisch gesprochen. Aus der Hütte trat der Graf, schaute sich erstaunt um und sagte:

»Welch eine Sprache, einem russischen Stabsoffizier gegenüber.«

»Stab oder Stecken, das geht mich nichts an!« antwortete Sam. »Ich pflege so zu antworten, wie man mich anredet.«

»Du hast hier nichts zu suchen!« donnerte der Major.

»Suche ich Etwas?« schrie Sam ihn an.

»Was hast Du sonst hier zu thun?«

»Ich wollte sehen, ob hier am Flusse früh Morgens die Mücken spielen. Jetzt sehe ich, daß es keine giebt. Nur dumme Frösche quaken.«

»Kerl, wem gilt das?«

»Den Fröschen natürlich.«

»Etwa uns?«

»Zählst Du Dich unter die Amphibien, so habe ich nichts dagegen. Jeder muß sich selbst kennen.«

»Willst Du etwa, daß ich Dich festnehmen lasse?«

»Ich möchte wissen, wie Du das anfangen würdest.«

»Es kostet mich nur ein Wort.«

»Schön! Und mich kostet es auch nur ein Wort. Dieses Wort heißt Satisfaction. Ich bin Oberst, und Du bist Major. Noch ein Wort von Dir, welches mir nicht gefällt, so fordere ich Dich vor die Klinge oder vor die Mündung des Gewehres. Nun thue, was Du willst!«

Das wirkte. Der Major fragte mit beträchtlich ruhigerer Stimme:

»Aber welche Absicht kann Dich denn dahin führen, wo ich mit meinen Kosaken halte?«

»Weiß ich, wo Du hältst?«

»Das ist wohl wahr!«

»Ich habe keine Ahnung davon gehabt, daß ich Dich hier finden werde. Ich gehe spazieren; das ist Alles.«

»So ersuche ich Dich, umzukehren. Das Terrain ist jetzt nicht für Spaziergänger frei.«

»Einem solchen ruhigen Worte werde ich natürlich Folge leisten. Als Offizier weiß ich, daß man sich bei Felddienstübungen nicht gern stören läßt. Oder sollte Deine Anwesenheit nicht einer solchen Uebung gelten?«

»Nein.«

»Hm! Ich wundere mich überhaupt, Dich mit Deinen Leuten hier zu finden. Ich habe vielmehr geglaubt, daß Du an der Grenze seiest.«

»Warum?«

»Weil Deine Pflicht Dich dorthin ruft.«

»Meine Pflicht weißt mich hierher.«

»Nein, sondern an die Grenze. Sapperment! Jetzt fällt mir Etwas ein. Errathe ich recht, weshalb Du hier bist!«

»Nun, warum?«

»Etwa um Dich der Verbannten zu bemächtigen?«

»Und wenn es so wäre?«

»So bist Du in eine Falle gerathen. Ah, nun erst verstehe ich, was ich gestern hörte. Hast Du etwa ein Gespräch am Brunnen belauscht?«

Jetzt wurde der Major sehr aufmerksam.

»Wie kommst Du auf diese Frage?« erkundigte er sich, eine directe Antwort vermeidend.

»Antworte erst!« sagte Sam.

»Nun, allerdings hörte ich zwei Männer am Brunnen sprechen.«

»Wer waren sie?«

»Ich kannte sie nicht. Aufrichtig gestanden, vermuthete ich, Du seiest Einer von ihnen.«

»Ich?« lachte Sam. »Das ist köstlich. Boroda und einer seiner Leute sind es gewesen.«

»Bist Du des Teufels!«

»Nein. Aber Du hast Dir eine riesige Nase aufbinden lassen. Die Verbannten sind am Wasser versteckt gewesen.«

»Da stecken sie noch.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja. Ich habe meine Posten gegen sie vorgeschoben, welche mir ihr Anrücken sofort melden werden. Die Kerls wollen hier über das Wasser; aber sie werden mich hier bereit finden, sie zu empfangen. Sie sollen in die famose Falle gehen, in welche ich sie hier locke.«

Da stieß Sam ein lautes, schallendes Gelächter aus, welches gar nicht enden zu wollen schien.

»Was hast Du darüber zu lachen?« rief der Major.

»Ist das etwa nicht zum Lachen? Es ist sogar zum Todtlachen. Ich habe wohl Manches von diesem Boroda gehört, aber daß er so gar ein kühner, feiner, gewandter und schlauer Anführer seiner Leute ist, das habe ich mir freilich nicht gedacht.«

Natürlich ärgerte das den Major ungeheuer.

»Mit welchem Rechte hältst Du ihm denn diese Lobrede?« fragte er, glühend vor Zorn.

»Mit dem allerbesten Rechte, denn er hat bewiesen, daß er diese Eigenschaften besitzt.«

»So möchtest Du ihn wohl gar über einen Offizier des Kaisers von Rußland erheben?«

»Nein. Aber sage einmal selbst: Du denkst doch wohl, ein gewandter Offizier zu sein?«

»Ich hoffe, daß ich es bin.«

»Nun, er hat Dich dennoch ganz prachtvoll an der Nase herumgeführt.«

»Eine solche Bemerkung will ich mir verbitten!«

»Sie enthält die Wahrheit.«

»Beweise es!«

»Sofort! Ich bin es von meinen früheren Zügen her gewöhnt, lieber im Freien als in einer engen Kammer zu schlafen. Darum suchte ich mir gestern Abend ein Plätzchen vor dem Hause, an welchem ich mich niederlegen könne. Es gelang mir auch, ein solches zu finden, nämlich am Brunnen, dessen Plätschern ich außerordentlich liebe, denn es lullt Einen wie ein Wiegenlied in Schlummer. Kaum hatte ich mich da niedergelegt – –«

»Wohl hinter den Sträuchern am Brunnen?« unterbrach ihn der Major.

»Ja.«

»Ah! Weiter!«

»Also, kaum hatte ich mich da niedergelegt, so hörte ich einen Menschen kommen, welcher ganz nahe bei mir stehen blieb. Gleich darauf kam noch Einer. Beide sprachen mit einander. ›Ist er fort?‹ fragte der Eine. ›Ja,‹ antwortete der Zweite. ›Ich bin ihm ein Stück nachgelaufen. Es war wirklich der Major!‹ Dann lachten sie, und als sie dann weiter redeten, merkte ich, daß der Eine Boroda selber sei.«

»Himmeldonnerwetter!« fluchte der Major. »Sollte das in Wirklichkeit wahr sein?«

»Glaubs oder glaubs nicht; mir ists egal!«

»Wovon redeten sie denn noch?«

»Von dem Streiche, den sie Dir gespielt hatten.«

»Was für einer soll das sein?«

»Sie hatten Dir Etwas weiß gemacht, wie ich aus ihren Reden hörte Sie hatten Dich gesehen und trotz der Dunkelheit erkannt. Da hatten sie sofort ein Gespräch improvisirt, in Folge dessen Du Deine Kosaken ganz in eine falsche Richtung ziehen werdest. Sie wollten sodann in der entgegengesetzten Richtung über die Grenze.«

»Alle Teufel!«

»Sie wollten sich sodann zu Dir schleichen, um nachzusehen, ob Du auf den Leim gehen werdest.«

»Verflucht!« schrie der Major. »Und ich bin auch wirklich darauf gegangen! Aber wer ist schuld daran? Du, Du allein!«

»Ich?« fragte Sam ganz erstaunt.

»Natürlich!«

»Inwiefern denn?«

»Wußtest Du denn nicht, was Du zu machen hattest?«

»Das habe ich gewußt. Es fragt sich nur, was Deine Meinung darüber ist.«

»Du hättest mir sofort melden sollen, daß Du das Gespräch belauscht habest.«

»So? In welcher Art und Weise bin ich denn dazu verpflichtet? Ich bin weder Kosak noch Russe und habe mich gar nicht um Eure Angelegenheiten zu bekümmern. Uebrigens bist Du nicht so sehr zuvorkommend gegen mich gewesen, daß ich nun ganz glücklich sein konnte, Dir einen Dienst zu erweisen. Und dennoch weiß ich als Offizier, was für eine Blamage es ist, wenn ein Major, ein Stabsoffizier sich von einem Flüchtlinge, den er fangen will, in dieser Weise leimen läßt. Darum hatte ich den Vorsatz, Dich aufzusuchen und zu benachrichtigen.«

»Hast es aber nicht gethan!«

»O doch!«

»So? Wo hast Du mich denn gesucht?«

»Zunächst im Hause.«

»Da war ich wohl schon fort?«

»Ja. Dann suchte ich den Posten auf, der mich am Nachmittage mit Peter Dobronitsch angehalten hatte. Er war der Einzige, dessen Stand ich kannte. Ihn wollte ich nach Dir fragen. Auch er war fort.«

»Welches Pech!«

»Ja. Dann lief ich zur Stanitza. Ein alter Grobian, auf den ich traf, sagte mir, daß kein Mensch genau wisse, wo Du seiest. Darum kehrte ich zurück. Unterwegs traf ich auf eine große Menge von Reitern und Fußgängern –«

»Das waren sie; das waren sie!« rief der Offizier. »Hast Du mit ihnen gesprochen?«

»Fällt mir gar nicht ein! Mich ging die Sache nichts an. Ich konnte mir denken, daß die Kerls einen muthmaßlichen Verräther unschädlich machen würden. Ich bin kein ängstlicher Mensch; aber Einer gegen so Viele, das wäre Wahnsinn gewesen. Ich drückte mich also zur Seite und ließ mich gar nicht sehen.«

»Es ist toll, rein zum toll werden! Wenn Du gewußt hättest, wo ich war!«

»Dann hätte ich Dich benachrichtigt.«

»Zu welcher Zeit war es?«

»Wohl grad Mitternacht.«

»Stimmt, stimmt! Da erwarteten wir sie hier. Und welch eine Richtung schlugen sie ein?«

»Grad nach der Stanitza.«

»Donner und Wetter! Sie sind daran vorbei und dann über die Grenze!«

»Höchstwahrscheinlich!«

»Ich muß Ihnen eiligst nach, schnell, schnell!«

»Darf ich vielleicht mit?«

»Ja, meinswegen.«

»Dobronitsch auch?«

»Ja, grad er soll mit. Er soll Zeuge sein, daß ich die Hunde doch noch erwische. Vorwärts! Die Vorposten heran, und dann im Schnellschritt nach der Stanitza und zu den Pferden.«

In kaum zwei Minuten setzten sich die Mannschaften in eiligste Bewegung. Der Graf war auch neugierig über den Verlauf der Angelegenheit. Er schritt neben dem Major her. Der Bauer Dobronitsch hielt sich zu Sam, welcher trotz seiner Dickleibigkeit sehr behend und wohlgemuth mit marschirte, und sagte vorwurfsvoll:

»Der Major hätte mich laufen lassen! Warum bringst Du ihn auf den Gedanken, mich mitzunehmen?«

»Um Dir einen Spaß zu machen.«

»Danke für diesen Spaß! Die ganze Nacht durchwacht, und nun noch dieser Dauerlauf!«

»Aber der Spaß wird dennoch kolossal!«

»Da bin ich neugierig.«

»Paß nur auf, wie es in der Stanitza hergehen und was es da für Gesichter geben wird!«

»Was soll es dort geben! Es ist ja Alles vorbei! Also Boroda hat den Major belauscht?«

»I bewahre!«

»So sage mir nur das Eine: Sind die ›armen Leute‹ wirklich fort von mir?«

»Ja, sie sind glücklich entkommen.«

»Gott sei Dank! So werde ich alles Andere ohne Besorgniß abwarten.«

Man gelangte in verhältnißmäßig kurzer Zeit nach der Stanitza. Es wurde links eingeschwenkt, um den Wall herum, noch der Stelle, an welcher sich die Pferde befinden sollten. Die Tiere waren nicht da, doch die gefesselten Kosaken lagen an der Erde.

Das Erstaunen des Majors läßt sich gar nicht beschreiben. Er nahm sich gar nicht erst Zeit, zu befehlen, daß den Leuten die Stricke gelöst werden sollten. Er fragte sie sofort aus. Da sie nicht geknebelt waren, konnten sie antworten.

Sie verschwiegen natürlich, daß sie geschlafen hatten und erzählten einstimmig, daß nach Mitternacht wohl an die hundert Kosaken gekommen seien, die sie für die Ihrigen gehalten hätten, bis es sich herausstellte, daß es ein fremder Pulk sei, der die Pferde stehlen sollte. Sie hatten sich gewehrt; aber die Uebermacht sei doch gar zu groß gewesen.

»Ihr Hunde!« schrie der Major. »Was sagt Ihr, was für Leute es gewesen sind?«

»Kosaken.«

Sie wußten keineswegs, daß die Verbannten sich der Uniformen bemächtigt hatten. Sie waren auf diese Aussage gekommen, weil in derselben die beste Entschuldigung lag.

»Ihr lügt!«

»Nein, Väterchen. Es waren Kosaken!«

»Verbannte waren es!«

»Herr, wir können es beschwören, daß es Kosaken waren. Das eben hat uns so irre gemacht, daß wir sie ganz heran ließen zu uns.«

»Das begreife ich nicht. Wenn Ihr mich belügt, so erhaltet Ihr die Knute so lange, bis Euch das Fleisch von den Knochen fällt! Schneidet diesen Hunden die Fesseln weg. Und nun rasch in die Stanitza! Mir ahnt, daß dort auch nicht Alles in Ordnung ist.«

Man eilte längs des Walles hin und dann durch das Thor, der Major mit dem Grafen, den Offizieren, Sam und Dobronitsch voran, die Kosaken hinterher. Das bot einen ganz eigenartigen Anblick. So Etwas war noch gar nicht dagewesen.

Der Major eilte natürlich sofort direct nach dem Gewandthause; die Anderen nach. Sam begann, langsamer zu gehen. Er hielt auch Peter Dobronitsch zurück.

»Pst!« meinte er. »Nicht mehr so schnell! Der Major wird gleich wiederkommen.«

»Woher weißt Du das?«

»Er wird sein Mütterchen aufsuchen.«

»Wozu?«

»Er kann nicht in das Gewandthaus und muß sich bei ihr die Schlüssel holen.«

Sie blieben also zurück, und bald zeigte es sich, daß Sam richtig vermuthet hatte, denn ein Kosak kam in höchster Eile auf sie zugerannt.

»Was läufst Du, Brüderchen?« fragte ihn Sam. »Wohin willst Du denn so eilig?«

»Zum Mütterchen Major. Ich hole die Schlüssel!«

»Nun warte ein Weilchen,« lachte Sam. »Er wird vergeblich wiederkommen.«

»Das weißt Du?«

»Sogar sehr genau.«

Wirklich kam der Kosak nach kaum einer Minute zurückgerannt, als ob er gepeitscht werde.

»Hast Du sie?« fragte Sam.

»Nein.«

Mit diesem kurzen Berichte schoß er vorbei, und nach wenigen Augenblicken kam der Major selbst gerannt, einige Offiziere hinter ihm. Sam und Dobronitsch schlossen sich ihnen an, als ob sie das Recht dazu hätten.

Am Hause angekommen, klinkte der Major zunächst an der Thür, und als er sie verschlossen fand, klopfte er. Auch das half nichts. Darum trat er an das erste Fenster und sah hinein. Er erblickte nichts und eilte an das zweite und sodann auch an das dritte. Als er durch dieses Letztere blickte, stieß er einen lauten Ruf aus.

»Mach das Fenster auf, Kathinka!« befahl er.

Er hatte nämlich die alte Magd gesehen. Sie saß auf demjenigen der beiden zusammengebundenen Stühle, welcher nach dem Fenster zugekehrt war. Die beiden Frauenzimmer hatten sich bis in die Nähe dieses Letzteren geschoben. Die Magd war gefesselt, konnte also seinen Befehl nicht ausführen.

»Die Fenster auf oder die Thür!« rief er.

Sie antwortete etwas, was er aber nicht verstand; darum schüttelte sie den Kopf.

»Auf, auf, auf!« brüllte er wüthend.

Sie schüttelte abermals den Kopf, und das erfüllte ihn mit einem solchen Zorne, daß er den Degen zog und mit dem Griffe die Scheibe zertrümmerte. Dann griff er hinein, wirbelte auf und stieß das Fenster auf.

»Warum macht Ihr nicht auf, Ihr verfluchten Canaillen!« schrie er wüthend hinein.

»Weil wir nicht können, Väterchen!«

»Nicht können? Warum?«

»Wir sind ja gefesselt!«

»Gef– – –!«

Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Er sah genauer hinein und bemerkte nun, daß zwei Stühle mit den Lehnen gegen einander standen. Auf dem rückseitigen saß auch eine Person.

»Wer ist die Andere?«

»Das Mütterchen, Herr.«

»Was! Meine Frau?«

»Ja, Gregor, ich bin es,« antwortete die Major. »Kathinka, stoße einmal mit die Füße an! Ich will mich nach dem Fenster drehen.«

Zu seinem Erstaunen bemerkte nun der Offizier, daß die beiden zusammengebundenen Stühle mit den daran gefesselten Weibern sich im Kreise drehten.

Die Offiziere waren nahe herangetreten, und auch Sam hatte Dobronitsch an das zweite Fenster gezogen, damit dieser Zeuge des interessanten und komischen Schauspieles sein möge. Er stieß ihm heimlich mit der Faust in die Seite und fragte flüsternd:

»Wie gefällt Dir das?«

»Schlechter Kerl!«

»Pah! Es geschah auch mit um Deinetwillen.«

Jetzt hatten die Stühle eine solche Stellung, daß die Majorin mit dem Gesichte gegen das Fenster gerichtet war.

»Aber, zum Donnerwetter, was ist denn das?« fragte der Major. »Wer hat das gethan?«

»Die Schwarzen,« antwortete sie.

»Welche Schwarzen?«

»Die ›armen Leute.‹«

»Sind die denn schwarz?«

»Ja. Sie hatten Gesichter voller Ruß.«

»Himmelbataillon! Sie waren hier bei Euch?«

»Ja.«

»Was haben sie da gemacht?«

»Ich werde es Dir erzählen. Mach uns nur erst los!«

»Ich kann ja nicht hinein. Das Haus ist zu.«

»Sie haben es verschlossen.«

»Die Hunde! Wie komme ich hinein.«

Er blickte sich rathlos um.

»Herr, ich will Dir helfen,« sagte Sam. »Du bist das Klettern vielleicht nicht gewöhnt; aber wir in Amerika verstehen das besser.«

Er schob den Major zur Seite, langte mit der Hand hinein, öffnete auch den andern Flügel und stieg dann in die Stube, was ihm trotz seiner dicken Gestalt sehr leicht und schnell gelang. Mit seiner natürlichen Stimme, so daß sie ihn nicht an derselben erkannte, fragte er die Majorin:

»Also die ›armen Leute‹ haben die Schlüssel mitgenommen?«

»Ja. Sie haben auch die Stubenthür verschlossen.«

»Suchen können wir nicht. Dazu haben wir keine Zeit. Ich werde mit dem Messer öffnen.«

Er zog sein Bowiemesser hervor. Dieses war zwar haarscharf und spitz, aber auch sehr stark. Er sprengte mit Hilfe desselben das Schloß von der Stubenthür, trat dann in den Hausflur und schob von der Eingangsthür den Riegel zurück.

Jetzt konnte man herein. Die Draußenstehenden eilten herein, der Major an ihrer Spitze.

»Ich danke Dir!« sagte er zu Sam. »Ihr Amerikaner seit praktische Leute. Das ist wahr.«

Daß Sam ein praktischer Mann sei, bewies er sogleich auch weiter, indem er die Stricke zerschnitt, mit denen die beiden Frauen an die Stühle gehalten wurden.

Die Majorin sank fast von dem ihrigen herab, so war sie angegriffen. Sie sollte erzählen, was geschehen war, vermochte aber nicht, einen zusammenhängenden Bericht zu geben. Und Kathinka, die Magd, fabulirte gar von schwarzen Teufeln, die sie aus ihrem Bette gerissen und gewürgt und schließlich hier angebunden hätten. Aus ihren verworrenen Reden und abergläubischen Behauptungen war gar nichts zu entnehmen.

Nur nach einem ziemlich langen Verhör erfuhr der Major einigermaßen, was er wissen wollte.

»Also Fünf oder Sechs waren es nur,« sagte er. »Da haben die Andern draußen gewartet.«

»Einer hat hier geschrieben,« sagte die Majorin.

Der Major öffnete die Kästen des Schreibtisches. Da lag Alles in schönster Ordnung, auch der Stempel und das Petschaft. Daß einige Dienstbogen

fehlten, bemerkte er nicht und ebenso wenig, daß Stempel und Petschaft benutzt worden waren.

»Und was thaten sie noch?« fragte er.

»Sie tranken Wutky.«

»Der Teufel hole Euren Wutky! Daß sie den getrunken haben, ist natürlich nur Nebensache. Den Hauptgrund ihres Kommens will ich wissen. Du sagtest, daß sie dort in dem Schränkchen gewesen seien. Wohl gar nach den Schlüsseln?«

»Ja.«

»Was haben sie mit denselben gethan?«

»Sie gingen fort. Einer aber blieb hier zurück, um mich zu bewachen.«

»Ach! Wie lange Zeit waren sie draußen?«

»Wohl weit über eine Stunde. Mir ist sie länger als eine ganze Ewigkeit geworden.«

»Dann aber brachten sie die Schlüssel wieder?«

»Ja. Sie gingen und schlossen uns ein.«

»So sind sie im Gewandhause gewesen. Dort haben sie gestohlen, aber was? Die Pferde haben sie. Was noch dazu. Vielleicht Munition. Wir müssen augenblicklich nachsehen. Fort, fort!«

Er riß die Schlüssel an sich und stürzte hinaus. Die Andern eilten ihm natürlich nach. Alle mit und hintereinander, so daß nur die beiden lamentirenden Frauen zurückblieben.

Sam war innerlich höchst erbaut über die Folgen seines Streiches. Daß es ihm vergönnt war, dabei Zeuge zu sein, das hatte er nicht vermuthen können, fühlte sich aber desto befriedigter darüber. Er sprang in höchster Eile mit, hinter dem Major her, als ob es gelte, auch seine eigene Person vor einem großen Verderben zu bewahren.

Die Civilbewohner der Stanitza hatten den Tag gerade so wie jeden anderen auch begonnen. Sie waren aufgestanden, vielleicht etwas später als sonst, da sie von dem täglichen und gewöhnlichen Lärm der Garnison nicht aufgeweckt worden waren, hatten sich an ihre gewohnte Arbeit begeben und sich gar nicht darum gekümmert, daß heute vor dem Gewandthause keine Posten standen. Auch war Niemandem aufgefallen, daß sich in und bei der Privatwohnung des Majors kein Leben regte.

Jetzt nun wurde so plötzlich ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Der Major rannte mit seinen Offizieren und Soldaten durch die Gassen, rief und brüllte im wüthendsten Tone. Es mußte etwas ganz Außerordentliches vorgefallen sein.

Darum kamen die Leute aus ihren Wohnungen geeilt und versammelten sich vor dem Zeug- und Gewandthause, um zu erfahren, welchen Grund das außerordentliche Gebahren der Soldaten habe.

Sie sahen, daß sämmtliche Außenthüren des Gebäudes geöffnet wurden und daß die Offiziere äußerst geschäftig aus einem Raume des Hauses nach dem andern eilten.

Nach und nach steckten die Leute die Köpfe zusammen. Es waren von ihnen gewisse Aeußerungen und Ausrufe aufgefangen worden; einige Soldaten hatten Bemerkungen fallen lassen; kurz und gut, bald verbreitete sich die Nachricht, daß die ›armen Leute‹ heute in der Nacht in der Stanitza gewesen seien und alle vorhandenen Uniformen und Waffen geraubt hatten. Sodann waren sie auch noch vor die Stanitza gegangen und hatten sich der dort befindlichen Pferde bemächtigt.

Diese Nachricht ging wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund. Das war ja ein Ereigniß, welches kein Mensch für möglich gehalten hatte, am allerwenigsten der Major.

Dieser war ganz und gar außer sich. Er befahl eine Zusammenkunft der Bewohner und verhörte dieselben, konnte aber nichts Anderes erfahren, als daß diese gar nichts wußten, weil sie sehr fest geschlafen hatten.

Die Uniformen waren fort und die Pferde auch. Des Platzkommandanten harrte eine große Nase von Seiten seiner Vorgesetzten, wohl gar eine Bestrafung, eine Versetzung. Er wußte vor Wuth kaum, was er that, und so mußte der Rittmeister die dienstlichen Obliegenheiten besorgen. Er ließ die Fanale anbrennen und requirirte die vorhandenen Privatpferde, um Eilboten nach rechts und links längs der Grenze auszusenden. Die Flüchtlinge konnten ja noch nicht weit sein. Vielleicht waren sie von den jenseits der Grenze liegenden chinesischen Militärstationen angehalten oder doch wenigstens bemerkt worden. Es mußte Alles gethan werden, ihrer wieder habhaft zu werden. Alle die darauf bezüglichen Anordnungen und Bestrebungen richteten sich nach Süden gegen das Grenzgebiet. Aber daß die Flüchtlinge auf den tollkühnen Gedanken gekommen sein könnten, nach Norden, also in das Innere des Landes zu entweichen, darauf kam kein Mensch.

Sam hatte genug gesehen und gehört. Er hegte die Ansicht, daß ein längeres Verweilen in der Stanitza ihn nur in den Verdacht bringen könne, daß er damit ein heimliches Interesse verfolge. Darum beschloß er, nach dem Hofe zurückzukehren, und sagte dies Peter Dobronitsch, welcher seinerseits sofort und gern einwilligte, weil er sich außerordentlich ermüdet fühlte.

So verließen sie also die Stanitza und wanderten gemächlich heim.

»Wenn der Major wüßte, wem er das zu verdanken hat!« meinte der Bauer. »Wie würde es Dir ergehen!«

»Schlecht natürlich,« lachte Sam.

»Wie bist Du nur auf diesen Gedanken gekommen?«

»Wie die Katze zur Maus. Er war plötzlich da, und ich habe ihn festgehalten und mich in ihn hineingebissen.«

»Aber was wollen die Leute mit den Uniformen? Sie können doch nicht als Kosaken reiten!«

»Warum denn nicht?«

»Weil – na, weil es geradezu toll ist.«

»Peter Dobronitsch, das Tollste ist im Leben sehr oft das Gescheidteste. Das habe ich oft erfahren.«

»Ich nicht.«

»Weil Dein Leben so einfach dahingeflossen ist, wie Syrup aus dem Fasse läuft. Wärest Du an meiner Stelle, so würdest freilich sehr anders denken.«

»Möglich.«

»Nicht möglich, sondern wirklich.«

»Du kannst Dir denken, daß ich sehr neugierig bin, zu erfahren, wie das gekommen ist.«

»So soll ich es Dir wohl erzählen?«

»Natürlich.«

»Ich will es wagen.«

»Was wagest Du dabei?«

»Daß ich verrathen werde.«

»Willst Du mich beleidigen, indem Du mich für einen Verräther erklärst?«

»Nein. Aber Du erzählst es Deiner Frau und Tochter: diese erzählen es weiter, und so kommt es nach und nach unter andere Leute.«

»Ich werde keinem Menschen Etwas sagen.«

»Auch den Deinen nicht?«

»Nein. Wenigstens so lange nicht, wie wir hier wohnen.«

»Gut, so sollst Du es erfahren.«

Er erzählte ausführlich, was in der Nacht in der Stanitza geschehen war, und erklärte ihm sodann, warum dieser eingeschlagene Weg der sicherste sei, welcher zur Rettung der Verbannten führen werde.

Der Bauer schüttelte lange den Kopf dazu, sagte aber endlich doch im Tone der Ueberzeugung:

»Du magst Recht haben. Wenigstens mag ich nicht mit Dir darüber streiten.«

»Das wurde ja auch zu nichts führen.«

»Aber wenn Du diesen Weg für den besten hältst, warum hast Du dann Deinen Bruder und die Seinen zurückbehalten?«

»Weil sie bei mir noch sicherer sind als bei der jetzigen Schaar des Majors Sendewitsch.«

»Hm! Kannst Du wirklich für diese Sicherheit mit gutem Gewissen garantiren?«

»Ja.«

»So will ich es loben. In diesem Falle möchte ich Dich fragen, wie lange Du hier verweilst.«

»Gar nicht mehr lange. Vielleicht reite ich bereits morgen wieder ab.«

»Ich denke. Du mußt hier auf Jemand warten.«

»Der kommt noch heut, ganz gewiß.«

»So! Und welchen Platz wählst Du, wenn Du von hier die Heimkehr antrittst?«

»Den gewöhnlichen Post- und Militärweg.«

»So möchte ich mich Dir am Liebsten anschließen.«

»Soll mich freuen.«

»Aber so schnell wie Du kann ich nicht fort.«

»Wegen Deiner Besitzung?«

»Nein. Die kann ich jeden Augenblick übergeben. Ich bin eigentlich nur noch der Verwalter derselben.«

»Nun, weswegen sonst?«

»Wegen dem Fürsten der Tungusen und seiner Tochter. Von ihnen kann ich unmöglich so sehr schnell scheiden.«

»Nun, das würde sich wohl auch zur Zufriedenheit arrangiren lassen. Vielleicht reiten sie mit.«

»Die? Wohin?«

»Nach dem Westen.«

»Das denke nur ja nicht!«

»Und ich denke es grad.«

»Hast Du einen Grund?«

»Ja.«

»Den möchte ich hören.«

»Nun, so sage mir vorher einmal, wie Dir der Kosak Nummer Zehn gefällt.«

»Er ist ein prächtiger Kerl.«

»Ein deutscher Edelmann!«

»Ich weiß es.«

»Und der Geliebte von Karparla.«

Da blieb der Bauer erstaunt stehen und fragte:

»Machst Du Spaß?«

»Nein. Es ist mein Ernst.«

»Möglich wäre es. Wenigstens weiß ich, daß er sie gerettet hat. Sie hat oft davon gesprochen.«

»Nun, die Dankbarkeit verwandelt sich sehr oft in Liebe, und das ist auch hier geschehen.«

»Aber diese Liebe ist völlig aussichtslos!«

»So scheint es. Aber man sagt, daß die Liebe Manches zu Stande bringe, was sonst unmöglich ist. Vielleicht geschieht das auch hier.«

»Sollte Karparla ihre Eltern verlassen wollen?«

»Hm! Ich würde es ihr gar nicht verdenken. In Deutschland hat sie ein ganz anderes Leben zu erwarten als hier.«

»Aber die Eltern gehen vor.«

»Nein. Der Mann geht vor. Das sagt auch die Bibel.«

»Aber Bula und Kalyna werden ihr einziges Kind nicht hergeben.«

»Das meinst Du jetzt. Dennoch denke ich anders. Wenn Steinbach kommt, so kanns anders werden.«

»Der wird es auch nicht anders machen können.«

»Oho!«

»Er ist doch nur ein Mensch!«

»Aber was für einer! Wenn Nummer Zehn es wünscht, daß Karparla mit ihm gehe, und das Steinbach sagt, so bringt der es gewißlich so weit, daß es geschieht.«

»So wäre er kein Mensch, sondern ein – –«

»Nun, was?«

»Ein halber Gott, ein übermächtiges Wesen.«

»Wollen es abwarten!«

»Ja, wollen es abwarten. Ich wenigstens würde meine Tochter niemals von mir geben.«

»Sapperment! Das klingt nicht gut. Redest Du da wirklich im Ernste?«

»Ja.«

»Und ich wollte Dich grad bitten, sie herzugeben.«

»An wen? Etwa an Boroda?«

»Ja.«

»Hm! Du sagtest doch, daß die Beiden noch gar nicht mit einander gesprochen hätten.«

»Das sagte ich gestern.«

»Steht es heut anders?«

»Ja.«

»Wirklich, wirklich?«

»Ja, denn ich habe sie dabei ertappt.«

»Was Du sagst. Wo?«

»Oben im Versteck, ganz oben auf dem Felsen; da hatten sie sich beim Kopfe. Darum griff auch ich zu und habe Mila einen herzhaften Schmatz gegeben.«

»Und das soll ich glauben?«

»Was willst Du nicht glauben? Daß die Beiden einig geworden sind, oder daß ich Deine Tochter geküßt habe.«

»Beides.«

»Dann will ich Dir aufrichtig sagen, daß ich Dich für einen gescheidteren Kerl gehalten habe.«

»Kommt Dir denn mein Zweifel so dumm vor?«

»Sehr! Zunächst was den Kuß betrifft, so bin ich doch ein Kerl, nach welchem sich die schönsten Mädchen allezeit die Hände geleckt haben – –«

»Davon bin ich ganz überzeugt,« lachte Dobronitsch.

»Und was das Andere betrifft, so ist Deine Tochter ein hübsches Kind und Boroda, mein Neffe, ist auch kein übler Kerl. Daß die Beiden sich herzlich gut sind, ist also nicht nur kein Wunder, sondern sogar sehr begreiflich. Und daß sie sich das gesagt haben, das verdenke ich ihnen gar nicht.«

»Nun, aufrichtig gesagt, nach dem, was wir Beide gestern besprochen haben, soll es mich auch gar nicht wundern, daß sie einig geworden sind, zumal Einer da ist, in dessen Absicht das zu liegen schien.«

»So? Wer ist denn dieser Eine?«

»Du bist es.«

»Ich? Was fällt Dir ein! Da klingt ja grad so, als ob Du mich für einen Gelegenheitsmacher hieltest!«

»Nun, wenn auch nicht dieses grad, aber gern zu sehen schienst Du es doch.«

»Das will ich nicht leugnen.«

»Und was Du willst, das führst Du auch aus. Wenigstens habe ich Dich als einen solchen Mann kennen gelernt.«

»Freut mich. Aber an dieser Liebe bin ich wirklich nicht schuld, wenn ich mich auch herzlich darüber freue, daß mir mein Neffe eine solche Nichte bringt. Du weißt doch, daß Boroda mein Neffe ist?«

»Ja. Mila hat es mir erzählt. Es ist das ein ganz wunderbares Zusammentreffen gewesen.«

»Gottes Hand war sichtlich dabei im Spiele. Ich bin kein Frömmler und Scheinheiliger; aber wo Gottes Führung so deutlich zu erkennen ist, da ist mein Herr voller Dank und Freude. Also, aufrichtig gestanden, ich freue mich darüber. Nun ist nur noch die Frage, was Du dazu sagst.«

»Ich? Hm!«

Er senkte den Kopf und schritt schweigend weiter. Er machte ein zwar nachdenkliches aber keineswegs unfreundliches Gesicht.

»Wenn Du Bedenken hast, so sage es mir!« meinte Sam. »Ich hoffe, daß ich sie zerstreuen kann.«

»In Beziehung auf die Person Borodas habe ich gar keine Bedenken.«

»Meinst Du das ehrlich?«

»Ja.«

»Nun, ich wüßte auch nicht, was Du gegen ihn einwenden solltest. Du bist reicher als er. Aber ich habe bereits gestern zu Dir von einem Verwandten gesprochen, auf den er sich verlassen kann. Du wirst leicht errathen, wer das ist.«

»Ich denke mir, daß Du es bist.«

»Ja, ich bin es. Weißt Du, ich war lange, lange Jahre drüben in Amerika und bin allezeit sehr glücklich gewesen. Die Pelzjagd hat mir sehr viel eingebracht, und im Goldsuchen bin ich noch viel glücklicher gewesen. Man sieht es mir freilich nicht an, denn ich bin ein einfacher Kerl und liebe es nicht, mit Glacéhandschuhen, Vatermördern und grauem Filzhute in der Welt herumzulaufen. Aber ich habe so viel zusammengespart, daß mich mancher Bankier beneiden würde, wenn er einmal dabei sein könnte, wenn ich mit der großen Gartenscheere meine Coupons abschneide. Kinder habe ich nicht. Ich werde mir zwar eine Frau nehmen; daß diese Ehe aber mit Kindern gesegnet sein soll, das glaube ich nicht, denn ich bin zu alt dazu. Da denke ich denn, daß Boroda mein Erbe sein wird. Also in dieser Beziehung brauchst Du keine Sorge zu haben. Mila soll nicht Hunger leiden.«

»O, das befürchte ich ganz und gar nicht, denn da wäre ich auch da. Sie ist doch mein ein einziges Kind. Aber, aber – –«

»Was hast denn zu abern?«

»Ihr seid Deutsche; ich aber bin ein Russe!«

»Nun, ein Russe ist doch wohl kein Drache!«

»Schwerlich. So habe ich es übrigens auch gar nicht gemeint. Ich wollte nur sagen, daß mein Herz am heiligen Rußland hängt.«

»Pah! Deutschland ist auch heilig. Und ich glaube nicht, daß es in Rußland schöner ist als bei uns.«

»Mag sein! Das kenne ich nicht. Boroda will natürlich, wenn er meine Tochter heirathet, mit ihr nach Deutschland?«

»Wahrscheinlich! Wenigstens hat er noch nicht davon gesprochen, er mit ihr zu den Zulukaffern ziehen will.«

»Scherz bei Seite! Dann müßten ich und meine Frau mit. Und ob diese will, das ist unsicher.«

»Oho! Sie ist eine geborene Deutsche, und ich bin überzeugt, daß sie mit Freuden Ja sagen wird. Also, machen wir es kurz! Giebst Du Deine Einwilligung?«

»Hm! Ich möchte doch erst mit meiner Frau reden.«

»Das sollst Du auch. Aber Deine persönliche Meinung kannst Du mir dennoch mittheilen.«

»Na, was diese betrifft, so will ich denn aus vollem Herzen Ja sagen.«

»Schön! Hier hast Du meine zehn Finger. Schlag ein!«

Er hielt ihm beide Hände entgegen. Dobronitsch schlug ein und drückte sie ihm herzlich.

»Na,« lachte Sam glücklich, »was wird Steinbach sagen, daß ich hier eine Heirath gestiftet habe, bei welcher der Bräutigam mein leiblicher Neffe ist. Wird Der Augen machen!«

»Was diesen Steinbach betrifft, so bin ich ganz außerordentlich neugierig auf ihn.«

»So?«

»Wunderst Du Dich darüber? Nach Allem, was ich von ihm gehört habe, muß er ein höchst ungewöhnlicher Mann sein.«

»Das ist er auch. So weit ich in der Welt herumgekommen bin, einen Mann, den ich mit ihm vergleichen könnte, habe ich noch nie getroffen.«

»Und Du glaubst, daß er bald kommen wird?«

»Ja. Es ist sogar möglich, daß er bereits da ist, wenn wir nach Hause kommen. Dann wirst Du Etwas erleben, was Du sicherlich gar nicht für möglich gehalten hast.«

»Was?«

»Warte es ab! Es werden Zeichen und Wunder geschehen. Der Niedrige wird erhöhet und der Hohe erniedrigt werden, ganz genau so, wie es in der Bibel steht.«

– – – – – – – –

Derjenige, von dem die Rede war, nämlich Steinbach, war, gerade so, wie es Sam vermuthet hatte, gar nicht fern von der Besitzung des Peter Dobronitsch.

Er kam, wie bereit« erwähnt, mit der Tungusenschaar, deren Anführer der Fürst Bula war. Die Männer ritten alle. Für die Frauen aber waren Wagen vorhanden, Wagen jener primitiven Art, wie sie bei jenen halb wilden Völkerschaften gebräuchlich sind.

Gegen diese Fahrzeuge stach nun freilich die sehr elegante Kibitka ab, in welcher Gökala fuhr. Sie saß mit ihrer neuen Freundin Karparla in derselben.

Ganz von selbst verstand es sich, daß Steinbach sich während des Rittes stets in ihrer Nähe aufhielt. So lange Zeit hatte er die Herrliche, die Heißgeliebte vergebens gesucht. Nun er sie endlich gefunden hatte, geizte er mit jeder Secunde. Er wollte keinen Augenblick versäumen, den er dazu benutzen konnte, in ihre prächtigen, himmelblauen Augen zu blicken.

Bula, der Fürst, und Kalyna, seine Frau, hatten vor Steinbach einen ganz gewaltigen Respect. Sie hielten es für eine ganz besondere, ungeheure Ehre, daß ihre Tochter bei seiner Braut sitzen durfte, und Bula hielt sich möglichst in der Nähe des gewaltigen und doch so bezaubernden Mannes. Es fiel von demselben doch auch ein Glanz auf ihn.

Und Steinbach bereitete es großes Vergnügen, den dicken, guten Fürsten an seiner Seite zu sehen. Er mußte ihm von fremden Ländern erzählen, und der Fürst gerieth über das, was er da hörte, oft in so große Verwunderung, daß er den Mund öffnete und es ganz vergaß, ihn wieder zu schließen.

So ritten sie auch heute neben einander, hart vor der Kibitka, in welcher Gökala mit Karparla saß. Hinter dem Wagen ritt der Indier Nena. Er hatte sich ganz dem Dienste Gökalas gewidmet und hielt es für seine Aufgabe, jeden ihrer Wünsche bereits vorher zu errathen.

»Und wohin wirst Du von hier aus gehen?« setzte der Fürst das bisher geführte Gespräch fort.

»Wieder zurück nach dem Westen.«

»Darauf freust Du Dich wohl sehr?«

»Natürlich!«

»Ich wollte, ich könnte mit! Ich habe von Dir so viel über jene herrlichen Länder vernommen, daß ich mich förmlich sehne, sie einmal zu sehen. Denke Dir, so ein Caroussel, wie es bei Euch giebt, wo man sich auf hölzerne Pferde setzt und immer rund herum reitet! Das muß ja entsetzlich herrlich sein!«

»Natürlich!«

Der Fürst in dem kindlichen Sinne, welchen die Angehörigen jener Länder Alle besitzen, hatte sich nämlich von den Beschreibungen Steinbachs nur das gemerkt, was sich ein Kind davon merken würde.

Dennoch war er fast berauscht von den Antworten, welche er auch jetzt wieder auf seine Fragen erhielt, von der Beschreibung der großen Städte und den Genüssen, welche sie boten. Er bedauerte und bedauerte es immer und immer wieder, daß es ihm versagt sei, so Etwas zu sehen. Und als Steinbach, zwar nicht im Ernste, sondern nur so obenhin meinte, er solle doch einmal hinreisen, er sei ja reich und könne so eine Ausgabe wagen, da war er von diesem unerwarteten Gedanken so entzückt, daß er sein Pferd sogleich zu dem Wagen lenkte, in welchem seine liebe Kalyna saß.

Diese hätte sich sehr gern zu ihrer Tochter und Karparla gesetzt, um sich während der Wanderung mit ihnen zu unterhalten; aber ihr Leibesumfang gestattete dies leider nicht. Sie brauchte einen Wagen für sich allein.

»Kalyna, mein Weibchen,« sagte er, »soeben ist mir ein großer, ein wunderbarer und vortrefflicher Gedanke gekommen.«

Er that, als sei er der Erfinder und Schöpfer dieses Gedankens. Er konnte ja unendlich stolz auf denselben sein.

»Was für ein Gedanke?« fragte sie, ganz erstaunt von seinem hochverklärten Gesichte.

»Siehst Du es mir denn nicht an, daß dieser Gedanke ein himmlischer ist?«

»Ja freilich! Dein Gesicht leuchtet ja wie der liebe Mond, wenn er voll am Himmel steht!«

»Und ich soll ihn Dir sagen?«

»Natürlich. Denn Du weißt ja, daß mich Alles erfreut, was Dir Freude macht.«

»Wir werden reisen!«

Er zog dabei die Brauen empor und machte eine Miene, als ob er Zucker im Munde habe. Sie aber machte ein ganz anderes Gesicht.

»Reisen? Väterchen, willst Du mir das anthun!«

»Anthun? Eine Freude mache ich Dir damit!«

»O nein! Du weißt ja, daß ich das Reisen nicht vertragen kann. Du kennst meine Natur.«

Dabei ließ sie einen höchst bedenklichen und bezeichnenden Blick über ihre Gestalt gleiten.

»Mütterchen, diese Reise ist eine ganz andere. Sie wird Dich nicht anstrengen, sondern Dich entzücken.«

»Dauert sie lange?«

»Sehr lange.«

»O wehe!«

»Mehrere Monate, vielleicht ein halbes Jahr.«

»Mein Herrgott!« rief sie erschrocken.

»Erschrick nicht! Wenn Du erfährst, wohin ich will, so wirst Du vor Wonne laut aufschreien.«

»Nun, wohin willst Du denn?«

»Nach der Heimath des Brüderchens Steinbach.«

Sie schrie allerdings laut auf, aber nicht vor Wonne. Sie schien ganz entsetzt zu sein.

»Dahin? So weit! Monate lang im Wagen! Das geht nicht! Das ist unmöglich! Da sterbe ich!«

Jetzt war die Reihe, zu erstaunen, an ihn. Er hatte ja gar nicht daran gedacht, daß sein Leibesumfang und derjenige seiner Frau ein Verhinderungsgrund

sei, wie es gar keinen gewaltigeren geben konnte. Das stimmte ihn traurig. Er selbst hätte wohl gewagt, diese Beschwerden auf sich zu nehmen, aber seiner Kalyna konnte er das allerdings nicht zumuthen.

So kehrte er also sehr enttäuscht zu Steinbach zurück und theilte ihm mit, welchen Mißerfolg er gehabt habe.

»Laß Dich nicht sofort verblüffen!« sagte dieser lächelnd. »Dein Weibchen mag sich nur erst an diesen Gedanken gewöhnen. Grad wegen ihrem Körper und ihrer Gesundheit muß sie reisen.«

»Wie ist das möglich?«

»Weil sie dadurch dünner wird.«

»Dünner? Ist das denn vortheilhaft?«

»Natürlich! Ihr könnt das Leben nicht genießen. Euch fällt Alles schwer, was Anderen eine Freude macht. Ihr tragt viel zu viel Fett mit Euch herum.«

»Das ist freilich wahr.«

»Denke Dir, wie vortrefflich es wäre, wenn Du schlanker würdest!«

»O, das wäre freilich schön!«

»Und Dein Weibchen auch! Wie würde sie Dir gefallen! Schlank wie eine Jungfrau!«

»Heilige Maria! Schlank wie eine Jungfrau! Das muß ich meinem Mütterchen gleich sagen!«

Er wollte wieder fort. Steinbach hielt ihn zurück. »Dazu ist auch noch später Zeit. Weißt Du, man darf nicht gleich mit dem Kopfe durch die Wand rennen.«

»Das ist auch gar nicht meine Absicht. Dazu habe ich meinen Kopf viel zu lieb.«

»Aber soeben wolltest Du es thun. Es genügt jetzt, daß Du den Gedanken bei Deinem Weibchen angeregt hast. Sie wird ihn in ihrem Kopfe hin und her drehen, und ich bin überzeugt, daß sie sich nach und nach mit ihm befreunden wird. Mit den Gedanken ist es wie mit den Menschen. Man muß sie erst kennen lernen, dann gewinnt man Manchen lieb, den man erst gar nicht leiden konnte. Erwähne die Reise heut noch einmal, das ist genug; aber nicht jetzt gleich. Aber was ist das? Da vorn am Horizonte giebt es einen dunklen Punkt, welcher sich bewegt.«

Die Gegend, durch welche sie kamen, war ganz eben. Man hatte einen freien Blick rundum. Vorn lag der Himmel auf der scharfen Linie des Gesichtskreises, und der Morgen war hell und dunstfrei. Darum konnte man sehr weit sehen.«

Der Fürst richtete sich ein Wenig im Sattel auf, beschattete seine Augen mit der Hand und blickte in die ihm angegebene Richtung.

»Ja,« sagte er. »Da ganz vorn giebt es einen Punkt, welcher nicht in diese Gegend gehört.«

»Und er bewegt sich!«

»Das bemerke ich auch! Er kommt näher.«

»Das können nur Menschen sein.«

*

94

»Oder ist's eine Heerde?«

»Nein. Eine Heerde bewegt sich langsamer vorwärts als dieser Punkt. Ich vermuthe, daß es Reiter sind.«

»Reiter? Dann sind es Kosaken.«

»Kann man die hier erwarten?«

»Eigentlich nicht, denn es ist jetzt nicht die Zeit, in welcher gewöhnlich die Garnisonen gewechselt werden.«

»Hm! Die Bewegung ist eine sehr schnelle. Es scheint mir ganz, als ob diese Leute im Galopp ritten.«

»Vielleicht sind es Reisende?«

»Das glaube ich kaum. Der Punkt wird schnell größer. Er breitet sich aus. Das können nach meiner Schätzung wohl an die hundert Männer sein.«

»So Viele?«

»Ja. Und ich kann es nicht gut für möglich halten, daß eine so bedeutende Anzahl von Reisenden sich vereinigt haben sollen.«

»Dann sind es allerdings Kosaken. Sie kommen aus der Gegend des Mückenflusses. Sonderbar!«

»Es kommt Dir also befremdlich vor?«

»Sehr!«

»Es sind doch nicht etwa Angehörige einer Völkerschaft, welche sich mit Euch in Feindschaft befinden?«

»O nein. Wir leben ja mit aller Welt in Frieden und haben keinen einzigen Menschen zu fürchten.«

»Nun, so können wir diese Reiter also ohne alle Besorgniß näher kommen sehen. Nicht wahr?«

»Ja, das können wir.«

Das, was erst ein Punkt gewesen war, verwandelte sich bald in einen Strich, welcher sich nach und nach zu einer Linie ausdehnte. Die beiden Trupps näherten sich immer mehr. Bald war zu sehen, daß der Fürst richtig vermuthet hatte. Es waren Kosaken.

Sie kamen im scharfen Trabe herbei. Voran ritt ein Einzelner, welcher, wie man beim Nahen sah, die Uniform eines Rittmeisters trug. Er rief den Seinen einen lauten Befehl zurück, worauf sie halten blieben, während er nun vollends herbeikam.

Steinbach hatte sich mit dem Fürsten an die Spitze des Zuges gesetzt. Der Rittmeister lenkte sein Pferd zu den Beiden hin, hielt vor ihnen an, grüßte militärisch und fragte:

»Habe ich recht vermuthet, wenn ich denke, daß Ihr Tungusen seid?«

»Ja, Brüderchen,« antwortete der Fürst.

»Wo kommt Ihr her?«

»Von Platowa.«

»Ah, sehr gut. Wie heißt Euer Anführer? Ist es nicht der Fürst Bula mit der Fürstin Kalyna?«

»So ist es, mein Lieber.«

»Wo ist der Fürst?«

»Du brauchst gar nicht weit zu reiten, um bei ihm zu sein, denn ich heiße Bula und bin es selber.«

»Vortrefflich, vortrefflich! Ich suche Dich.«

Dabei glitt sein Blick forschend von Bula weg und an Steinbachs Gestalt herunter.

»Mich hast Du gesucht?« fragte der Fürst. »Das freut mich! Kann ich erfahren, warum?«

»Ja, sogleich. Ich suche einen Herrn, welcher sich bei Dir befinden soll. Und wenn mich nicht alles täuscht, so habe ich auch ihn bereits vor mir.«

Und sich an Steinbach wendend, fuhr er fort!

»Verzeihung, mein Herr! Ist Ihr Name Steinbach?«

»Zu dienen, Herr Rittmeister,« antwortete der Gefragte.

»So habe ich Sie zu grüßen.«

»Von wem?«

»Von dem dicken Sam.«

»Danke sehr! Zu ihm wollen wir. Sie haben ihn also getroffen?«

»Ja. Er hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, daß Sie sich beeilen sollen. Der einstige Derwisch sei gefangen.«

»Vortrefflich! Die Botschaft, welche Sie mir da bringen, ist eine mir sehr angenehme. Wo haben Sie denn meinen vortrefflichen Freund gefunden?«

»Am Mückenflusse, wo er uns Allen einen außerordentlichen Dienst erwiesen hat, den wir ihm niemals vergessen werden. Er hat uns gerettet.«

»Ah! Vor wem oder was?«

»Vor Tod und Gefangenschaft.«

»Gefangenschaft? Sie? Militär? Wie wäre es möglich, daß Ihnen das Gefängniß drohen könnte?«

»Die Kosaken waren uns auf den Fersen.«

»Die Kosaken? Das sind Sie ja selbst!«

Der Rittmeister ließ ein schlaues Lächeln sehen, zuckte beide Achseln und antwortete in pfiffigem Tone:

»Wir scheinen es allerdings zu sein.«

»Scheinen? So sind Sie es nicht?«

»Nein. Wir sind »arme Leute«. Was das zu sagen hat, darf ich Ihnen wohl nicht erst erklären.«

»Ich weiß es. Aber trotzdem möchte ich Sie um eine Erklärung bitten. Wenn es so ist, wie Sie sagen, so sind Sie also Flüchtlinge, welche in einem militärischen Incognito sich befinden.«

»So ist es.«

»Wie aber kommen Sie zu den Uniformen?«

»Die haben wir – gestohlen.«

»Ah! Unglaublich!«

»Fast! Aber der kleine Sam sagte, daß er noch ganz andere Dinge fertig gebracht habe.«

»So steht er in irgend welcher Beziehung zu dem Umstande, daß Sie sich der Uniformen bemächtigt haben?«

»Allerdings. Er hat sich diesen vortrefflichen Gedanken ersonnen und ihn auch mit ausgeführt.«

»Das hoffe ich nicht!«

»Und doch ists so!«

»Der Unvorsichtige!«

Steinbachs Brauen zogen sich ein Wenig zusammen.

»O bitte!« meinte der Rittmeister. »Er hat es so schlau angefangen, daß seine Person dabei gar nicht mit in das Spiel gezogen werden kann.«

»In diesem Falle könnte ich ihm dieses Abenteuer leichter verzeihen. Aber, was beabsichtigen Sie denn zu thun?«

»Erlauben Sie mir, Ihnen das sodann zu erklären. Zunächst muß ich Ihnen sagen, daß wir diejenigen Flüchtigen sind, wegen denen Peter Dobronitsch einen Boten sandte.«

»Schön, schön!« meinte Bula. »Wir gedachten, Euch am Mückenflusse anzutreffen.«

»Zu unserem Glücke fanden wir Gelegenheit, diese für uns so gefährliche Gegend früher zu verlassen.«

Steinbach hatte die Truppe mit scharfem Auge überflogen. Er sagte dann:

»Aber wenn Sie sich wirklich für Kosaken ausgeben wollen, so wird Ihnen das schwer werden.«

»Warum?«

»Können Sie sich legitimiren?«

»Ja. Wir begleiten vornehme Reisende.«

»Welche?«

»Die Wagen derselben befinden sich hinter unserer Fronte. Darum haben Sie sie noch nicht gesehen.«

»Dazu gehören Papiere!«

»Die sind da.«

Er schlug dabei an seine Satteltasche.

»Ein kühner Gedanke!«

»Welcher von Sam stammt.«

»Ja, der Kleine ist ein Sapperment. Verrathen Sie ihn nur nicht. Aber ich bemerke, daß Ihre Truppe nicht vollständig bewaffnet ist.«

»Sam hat mir aufgetragen, mich in dieser Angelegenheit an den Fürsten zu wenden.«

»Ja, ja!« fiel Bula ein. »Waffen könnt Ihr von uns bekommen. Und Munition genug dazu.«

»Nur langsam!« sagte Steinbach. »Der Herr Rittmeister, wird es uns unter den obwaltenden Umständen nicht übel nehmen, wenn wir vorsichtig sind.«

»Ganz und gar nicht,« antwortete der Offizier.

»Können Sie uns beweisen, daß Sie wirklich keine Kosaken, sondern »arme Leute« sind?«

»Vollständig! Geben Sie mir Zeit, Ihnen die Abenteuer des letzten Tages zu erzählen, so werden Sie mir Glauben schenken.«

»Schön! Wir wollen absteigen und uns besprechen. Aber Sie haben eine beispiellos schwierige Aufgabe übernommen. Um die Militär- und Civilbehörde zu täuschen, müßten Sie Offizier sein.«

»Der bin ich auch. Früher Major im Gardekürassierregiment. Mein Name ist Sendewitsch.«

Steinbach schien überrascht zu sein.

»Sendewitsch?« fragte er. »Sie hatten ein Duell?«

»So ist es.«

»Mit einer hohen Persönlichkeit?«

»Mir einem Großfürsten.«

»Weiß es, weiß es! Habe damals Alles sogar sehr deutlich gehört. Die Folge war, daß man Sie nach Sibirien schickte. Ja, es ist nicht immer vortheilhaft, ein Heißsporn zu sein.«

»Herr! Ich befand mich in meinem Rechte!«

»Das glaube ich. Zuweilen aber fordert die Klugheit, trotz allen Rechtes zu schweigen. Doch, steigen wir ab!«

Jetzt entwickelte sich mitten aus der vorher so einsamen Ebene ein lebensvolles Bild. Auch die Kosaken stiegen von ihren Pferden und mischten sich unter die rauhen Tungusen. Es wurde getrunken und gegessen. Ein Jeder theilte das, was er hatte, den Anderen mit.

Die Hauptpersonen hatten sich bei einander niedergesetzt, und der Rittmeister begann, zu erzählen.

Mancher Ausruf der Ver- und Bewunderung ließ sich während seines Berichtes hören. Als er geendet hatte, war es ihm vollständig gelungen, Steinbach zu beweisen, daß er es nicht mit wirklichen Kosaken zu thun habe.

Steinbach war vorsichtig. Die ganze Sache konnte ja auch eine Falle sein, in welche zu gerathen er sich sehr hüten mußte.

Jetzt nun ließ Bula die Waffen, das Pulver und die Patronen auspacken.

»Wo habt Ihr das Alles her?« fragte Steinbach.

»Aus Platowa,« antwortete der Fürst.

»Von Wem?«

»Aus dem Magazin. Hast Du nicht die Reiter bemerkt, welche wir gestern Abend da einholten, wo wir lagern wollten?«

»Allerdings.«

»Das waren meine Leute, welche diese Sachen vertransportirt hatten.«

»Aber Euch wird man doch nicht den Inhalt des Magazins überantworten.«

»Freilich nicht.«

»So habt Ihr es – mit Gewalt?«

Bula zuckte die Achsel.

»Oder List?«

»Beides.«

»Sapperment! Also wohl auch ein Diebstahl?«

»Natürlich.«

»Wer hat ihn denn ausgeführt?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»So! Dann weiß ich, wer es gewesen ist!«

»Schwerlich, Herr!«

»O doch! Mein dicker Sam war es. Gestehe es!«

»Er hat es mir verboten, es zu sagen. Ich werde es also verschweigen.«

»Also er! Na, warte, Bursche!«

»O bitte, bitte!« fiel der Rittmeister ein. »Zürnen Sie dem vortrefflichen Menschen nicht!«

»Er geht mir zu weit, und ich werde ihn also zur Rede stellen. Ihnen aber kann ich nur rathen, baldigst wieder aufzubrechen. Vielleicht ist man bereits hinter Ihnen her.«

»Dazu fehlen die Pferde.«

»Die sind bei einiger Umsicht leicht herbeigeschafft.«

Der Aufbruch ging doch nicht so bald vor sich. Es wurde noch Vieles erzählt und besprochen, bevor man sich trennte. Dann war der Abschied ein außerordentlich herzlicher, denn ein Jeder mußte die muthigen Leute bewundern, welche sich vorgenommen hatten, einen so verwegenen Plan auszuführen.

Dieser Bewunderung machte auch der Fürst Luft, als er dann nach dem Aufbruche wieder neben Steinbach herritt. Der Letztere aber war ruhig. Er fühlte sich verstimmt. Der dicke Sam wagte zu viel und hatte ohne alle Erlaubniß gehandelt. Das konnte ja leicht verhängnißvoll werden.

Von da an, wo gelagert worden war, hatte man nur eine gute halbe Stunde bis nach dem Mückenflusse, welcher gerade zu der Zeit erreicht wurde, als Sam mit Peter Dobronitsch aus der Stanitza heimkehrte.

Natürlich wurde die Fähre benutzt, um auf das andere Ufer zu gelangen. Viele der reitgewandten Tungusen, welche sich aus einer Durchnässung ihrer Kleider nichts machten, trieben ihre Pferde in den Fluß, um hinüberzuschwimmen. Sie waren das gewöhnt. Eine Erkältung gab es bei ihm nicht. Dieses Wort war ihnen völlig unbekannt.

Als sich Alle an dem anderen Ufer befanden, also auf dem Grund und Boden von Peter Dobronitsch, begannen die Tungusen, ihre Zelte aufzuschlagen. Bula wollte sich sofort zu dem Bauer begeben, aber Steinbach bat, noch zurück zu bleiben. Er selbst wolle erst nachsehen, wie es auf dem Gute stehe.

»Aber mich nimmst Du mit!« bat Gökala.

Er hatte ihr ja gesagt, weshalb er hierher gehe. Sie wußte, daß sie ihren Vater vorfinden werde.

»Möchtest Du mir nicht lieber den Gefallen thun, noch zu warten?« fragte er. »Ich weiß ja noch gar nicht, ob Dein Vater sich noch hier befindet und wo ich ihn treffen werde.«

»Oscar, muthe mir das nicht zu! So lange Jahre habe ich mich nach ihm gesehnt, und nun ich mich bei ihm befinde, soll ich warten!«

»Gut. Komm mit! Und Nena soll uns begleiten.«

»Und ich gehe auch mit,« erklärte Karparla.

»Ich auch!« fügte ihr Vater bei, welcher der Ansicht war, daß er nicht zurückzubleiben brauche, wenn Andere mitgehen durften.

Auch seine würdige Kalyna erklärte, daß es sie treibe, ihre gute Mila zu begrüßen, und so stürmten sie Alle so lange auf Steinbach ein, bis dieser nachgab. Sie gingen zu Fuße nach dem Gute.

Als sie bei demselben anlangten, saßen die Zobeljäger vor dem Hause. Nummer Fünf, der einstige Maharadscha bei ihnen. Er blickte auf, als er sie kommen sah und sie an ihm vorübergingen.

Sein Auge fiel auf Gökala, die ihn und seine Gefährten gar nicht weiter beachtete. Das Blut trat ihr aus dem Gesichte zurück. Er sprang auf und starrte ihr nach.

»Bertha!« flüsterte er.

»Was hast Du?« fragte einer der Jäger.

Er beherrschte sich, setzte sich wieder nieder und antwortete:

»Nichts. Mir war nur, als ob ich eins der Mädchen bereits einmal gesehen hätte.«

»Das war Karparla, die Tochter des Tungusenfürsten.«

»Die kenne ich. Die meinte ich nicht.«

»Also die Andere?«

»Ja. Habt Ihr sie vielleicht einmal gesehen?«

»»Nein,« wurde ihm geantwortet.

»Wunderbar! Welch eine Aehnlichkeit!«

Er fiel in tiefes Sinnen, aus welchem ihn die Anderen nicht störten.

Indessen war Steinbach mit seinen Begleitern und Begleiterinnen vor den Bewohnern des Hauses ungesehen an den Fenstern vorüber gelangt und in den Flur getreten. Karparla machte die Führerin und trat in die Stube.

Da saß Peter Dobronitsch mit Frau und Tochter, Sam Barth bei ihnen. Als Mila ihre Freundin erblickte, rief sie, vor Freude erschrocken:

»Karparla! Endlich!«

Die beiden Mädchen flogen einander in die Arme und küßten sich innig. Auch die Bäuerin umarmte das schöne Mädchen und zog dann auch die dicke Kalyna an ihr Herz. Die Begrüßung wurde allgemein.

Steinbach war mit Nena und Gökala an der Thür stehen geblieben und sah mit Rührung die Herzlichkeit, mit welcher diese einfachen Menschen an einander hingen.

»Und hier bringe ich Dir eine neue Freundin,« sagte Karparla, indem sie Gökala bei der Hand ergriff, um sie zu Mila zu führen.

Jetzt konnte man sehen, welchen Eindruckes eine edle, reine, hohe Weiblichkeit fähig ist. Mila wendete sich der Genannten zu und wollte sie anreden. Aber als ihr Blick auf die herrliche Gestalt und das hoheitsvolle Angesicht Gökala's fiel, erstarb ihr das Wort im Munde.

»Ja,« sagte die Letztere, »eine neue Freundin möchte ich Dir sein. Ich kenne Dich bereits, denn Karparla hat mir von Dir erzählt. Reiche mir Deine Hand!«

Sie ergriff Mila's Hand und drückte dieselbe herzlich. Dann ging sie zu deren Mutter, um auch diese zu begrüßen. Aber es war, als ob ein Engel durch die Stube gehe.

Sam kam den Befangenen zu Hilfe, indem er ihre Aufmerksamkeit von Gökala ablenkte.

»Hier ist Der, den Du so gern sehen wolltest, Steinbach!« sagte er zu Peter Dobronitsch.

Der Bauer ließ sein Auge über die mächtige Gestalt des Deutschen gleiten, streckte ihm dann demüthig die Hand entgegen und sagte:

»Herr, Du bist wie ein Fürst. Sei willkommen in meinem Hause. Was ich habe, das gehört Dir. Nimm fürlieb damit.«

Die Neuangekommenen mußten sich niedersetzen, um mit dem Wirthe den Willkommen zu trinken. Steinbach warf Sam einige sehr ernste Blicke zu. Dieser bemerkte es sehr wohl und ging hinaus, gab aber durch einen Wink zu verstehen, daß er wünsche, Steinbach möge ihm folgen. Dieser that das auch.

Draußen im Hausflur stand der Dicke.

»Herr Steinbach, Sie sehen mich so finster an,« sagte er. »Darf ich fragen, warum?«

»Das fragst Du noch?«

»Hm! Kann mir's denken. Verdammte Ausplauderei. Konnten die Kerls nicht die Mäuler halten!«

»Nein, sie haben sehr recht gethan. Was machst Du denn für Dummheiten!«

»Dummheiten? Ich habe gerade geglaubt, sehr gescheidt gewesen zu sein.«

»Danke sehr für solche Klugheit. Wie hättest Du mich blamiren können, wenn es ja nicht noch geschieht!«

»Blamiren? Hm! Was hat man Ihnen denn von mir erzählt?«

»Daß Du ein Spitzbube bist!«

»Davon höre ich das erste Wort!«

»Hast Du nicht in Platowa Gewehre und auch Munition gestohlen?«

»Sapperment! Das hat kein Anderer ausgeplaudert, als der Fürst!«

»Und hier treibst Du es gar noch schlimmer!«

»Schlimmer? Ich bin ja nur ein Bischen eingebrochen. Die »armen Leute« brauchten Monturen, und ich habe ihnen dazu verholfen.«

»Das solltest Du eben nicht. Doch, davon sprechen wir später. Major Sendewitsch erzählte mir, daß Du den einstigen Derwisch gefangen habest. Wo steckt er?«

»Hier in der Räucherkammer, von Jim und Tim bewacht.«

»Erzähle!«

Sie traten hinaus vor die Hausthür und Sam gab einen kurzen, gedrängten Bericht über das Geschehene. Steinbach hörte schweigsam zu. Seine Miene erheiterte sich.

»Also auch der Graf ist da?« fragte er, als Sam geendet hatte.

»Ja, freilich in diesem Augenblicke nicht.«

»Wo ist er jetzt?«

»Jedenfalls noch in der Stanitza.«

»Er wird doch nicht etwa bereits fort sein!«

»O nein. Er hat ja noch sein Pferd und seine Effecten hier.«

»Ist das bedeutend?«

»Nein. Nur ein Mantelsack.«

»Paß auf, daß er mich nicht sogleich zu sehen bekommt. Ich will ihn überraschen. Hast Du vielleicht auch den Nummer Fünf gesehen?«

»Natürlich! Dort sitzt er ja.«

»Welcher?«

»Der ehrwürdige Graukopf.«

Steinbach musterte den einstigen Maharadscha. Also das war der Vater seiner Gökala. Welch Leid hatte dieser Mann hinter sich. Wie Fürchterliches, Entsetzliches hatte er überstanden. Ein Fürst, welcher sein Land absoluter regiert hatte, als irgend ein abendländischer König oder Kaiser sein Volk, war als gemeiner Verbrecher nach Sibirien geschickt worden, unschuldig, nachdem man ihn über die Grenze gelockt und ihn dann für einen Anderen ausgegeben hatte. Es wurde Steinbach ganz weh zu Muthe.

Er begab sich nach der Kammer, in welcher sich Jim und Tim befanden. Sie zeigten sich sehr erfreut, als sie ihn sahen, und wollten das in lauten Worten kund geben. Er aber winkte ihnen, still zu sein und die zu der Räucherei führende Thür zu öffnen.

»Komm doch einmal heraus!« rief Sam hinein. »Man will mit Dir reden.«

Der einstige Derwisch kam heraus. Als er Steinbach erblickte, stand er starr vor Schreck. Der Letztere betrachtete den Verbrecher mit verächtlichem Blicke und fragte ihn in deutscher Sprache:

»Sie haben mich wohl nicht erwartet?«

Der Gefragte antwortete nicht. Steinbach richtete noch einige Fragen an ihn, aber mit ganz demselben Mißerfolge.

»Nun, früher haben Sie reden gekonnt,« sagte er. »Wenn Sie indessen die Sprache verloren haben, so werde ich sie Ihnen nachher wiedergeben. Es giebt ein vortreffliches Mittel. Steckt den Hallunken jetzt wieder hinein!«

Der Kerl wurde wieder eingeschlossen. Dann begab Steinbach sich wieder vor das Haus. Er instruirte Sam:

»Ich werde jetzt mit dem Maharadscha reden, aber an einem Orte, an welchem mich der Graf, wenn er ja kommen sollte, nicht sehen kann. Ich gehe hinter das Haus. Dort liegt, wie ich bemerkt habe, ein kleines Gärtchen, in welches ich ihn führe. Du stellst Dich so in die Nähe, daß Du meinen Ruf hören kannst. Beim ersten Rufe holst Du mir Nena und beim zweiten Gökala.«

Jetzt näherte er sich der Gruppe, bei welcher sich der Maharadscha befand.

»Nicht wahr. Du wirst Nummer Fünf genannt?« fragte er diesen.

»Ja, Herr,« antwortete der Gefragte, indem sein Blick Steinbach musterte.

»Hast Du nicht einen Augenblick Zeit für mich? Ich möchte Dir gern Etwas mittheilen.«

»Sehr gern!«

Er erhob sich und wurde von Steinbach in das Gärtchen geführt.

»Bitte, setze Dich!« bat Steinbach, indem er auf eine dort befindliche Holzbank deutete.

Der ehrwürdige Zobeljäger nahm Platz. Steinbach aber blieb stehen und begann:

»Ich bringe Dir einen Gruß.«

»Von wem?«

»Von einer Person, welche in Deiner Heimath geboren wurde.«

»Kennst Du denn meine Heimath?«

»Ja.«

»Nun, welches Land ist es?«

Er hatte gleichgiltig gesprochen. Er war das so gewöhnt und ahnte freilich nicht, daß der gegenwärtige Augenblick ein so bedeutender für ihn werden solle.

»Indien,« antwortete Steinbach.

»Ind – –«

Er sprang auf und blickte Steinbach mit großen Augen an, ohne das Wort ganz auszusprechen.

»Oder vielmehr Nubrida,« sagte dieser.

»Meine Seele! Woher weißt Du das?«

»Ich habe den Beweis.«

»Den Beweis? O, Ihr Götter! Höre ich recht! Du bist der Erste hier in diesem Lande des Elendes und der Qual, der es sagt und zugiebt, wer ich bin.«

»Die es bisher geleugnet haben, werden es nun auch zugeben.«

»Nun auch! Wie meinst Du das?«

»Ich meine, daß Du bald nicht mehr die Nummer, sondern Deinen früheren Namen führen wirst.«

»Was sagst Du? Meinen Namen! Meinen Namen! O, Ihr Götter, wie das klingt. Der Wahnsinn wollte meinen Geist umnachten. Ich sollte und mußte es endlich selbst glauben, daß ich nicht der sei, der ich gewesen bin. Und jetzt nennst Du das Land meiner Väter und sagst, daß ich meinen Namen wieder erhalten werde. Ich kann es nicht glauben!«

»Glaube es in Gottes Namen!«

»Herr, wer bist Du denn?«

»Dein Freund.«

»Ich habe Dich nie gekannt. Ich habe Dich ja noch nie gesehen, und Du nennst Dich meinen Freund?«

»Ich bin es wirklich. Ich habe Dich Jahre lang vergeblich gesucht.«

»Warum?«

»Um Dich zu retten.«

»So kennst Du mich also wirklich?«

»Ja, wirklich!«

»So nenne meinen Namen! Ja, nenne ihn, damit ich ihn nicht aus meinem, sondern aus einem fremden Munde höre und wieder an mich glauben kann.«

»Du bist Banda, der einstige Herrscher von Nubrida.«

»Banda – der einstige – Herrscher – von Nubrida!« wiederholte der Greis langsam und mit einem Tone, als ob er sich im Traume befinde. »O, mein Gott, Dir sei Dank! Jetzt kann ich es wieder glauben, daß ich nicht nur geträumt habe, Banda zu sein. Du aber, Fremdling, wer hat Dir gesagt, wo und wer ich bin?«

»Nena.«

Der Maharadscha legte die Hand schnell an den Kopf, als ob dieser ihn schmerze.

»Nena, Nena!« sagte er. »Kenne ich ihn? Hat es wirklich Einen gegeben, der Nena hieß? Ich begann, es zu bezweifeln. Aber da Du diesen Namen nennst, so weiß ich nun, das auch das wahr ist. Nena, Nena, der Verfluchte!«

Er ballte die beiden Fäuste und blickte wild vor sich hin.

»Kennst Du ihn denn?« fragte er dann. »Hast Du ihn gesehen?«

»Ja, tief in der Wüstenei Egyptens.«

»Wie kam er dorthin?«

»Allah hatte ihn bestraft. Er war in Knechtschaft gerathen, ein Sclave wilder Menschen.«

»Das ist recht! Allah ist gerecht. Ihm sei Lob, Preis und Dank gesagt!«

»Du lobst Allah, daß er Nena bestraft hat. Er hat nun diese Strafe überstanden. Magst Du ihm nicht verzeihen?«

»Verzeihen? Ihm, dem ich Alles, Alles zu verdanken habe? Er hat beschworen, daß ich nicht der Maharadscha von Nubrida sei, den er ganz genau kenne. Hätte er das nicht gethan, so hätte man mir glauben müssen und ich wäre nicht an Stelle eines armseligen Verbrechers bestraft worden.«

»Er hat es bereut!«

»Was geht das mich an! Kann seine Reue mir die verschwundenen Jahre zurückbringen? Kann sie mir das wiedergeben, was ich verlor? Kann sie die entsetzlichen Körper- und Geistesqualen, welche ich erduldete, ungeschehen machen?«

»Nein; aber seine Reue wird das einzige und sicherste Mittel sein, daß Du die Freiheit wieder erlangst, daß der Betrug, welcher mit Dir vorgenommen wurde, entdeckt wird und daß die Menschen, welche ihn ausführten, der gerechten Strafe verfallen.«

Der Maharadscha blickte mit zur Seite geneigtem Haupte lauschend empor, als ob er eine Himmelsbotschaft vernehme. Dann richtete er das Auge auf Steinbach, betrachtete denselben genau und fragte dann wie abwesend:

»Den Betrug entdecken?«

»Ja.«

»Diese Menschen sollen bestraft werden und ich erlange meine völlige Freiheit wieder?«

»Ich kann es Dir versichern.«

»Lebt er denn noch?«

»Ja, er lebt.«

»Wo befindet er sich?«

»Hier in Sibirien. Er ist herbeigekommen, um nach Dir zu forschen.«

»Gott, mein Gott! Wenn er mich finden könnte!«

»Er findet Dich, denn er ist mit mir gekommen.«

Der unglückliche Greis betrachtete den Sprecher wieder mit einem halb abwesenden Blicke.

»Was höre ich?« fragte er. »Träume ich denn, oder ist es Wirklichkeit? Deine Worte klingen wie Engelsworte an mein Ohr. Wer bist Du denn? Sage es mir.«

»Ich bin hier fremd. Ich besitze keinerlei Macht; aber dennoch bin ich gekommen, Dich zu befreien.«

»Mich zu befreien! Mein hoher Himmel! Es giebt Menschen, welche an mich dachten, während ich glaubte, verschollen zu sein wie eine Sternschuppe, die verschwunden ist! Es giebt Leute, welche meinetwegen kommen, meinetwegen, um mich zu befreien!«

Er faltete die Hände und blickte zum Himmel empor. In Steinbachs Augen standen Thränen.

»Wir haben an Dich gedacht seid Jahren,« sagte er. »Du bist nicht vergessen worden. Es giebt eine Seele, welche Tag und Nacht keine Ruhe fand, weil sie sich mit Dir beschäftigte.«

»Wer ist das?«

»Das werde ich Dir später sagen.«

»So sage mir wenigstens, wer Du bist! Ich frage Dich jetzt zum dritten Male. Mußt Du es mir verschweigen?«

»Nein. Niemand hindert mich, Dir diese Frage zu beantworten.«

»So thue es. Du sagtest, daß Du ein Fremder seist. Bist Du kein Russe?«

»Nein. Ich bin aus einem andern Lande, aus dem Heimathslande Deines Weibes.«

»Meines Weibes? O Allah! Kennst Du sie? Sie ist ja schon längst todt!«

»Ich habe sie nie gesehen; aber ich hörte von ihr.«

»So kennst Du ihren Namen?«

»Ja.«

Da ergriff der Maharadscha mit einer schnellen Bewegung beide Hände Steinbachs und bat:

»Sei barmherzig! Sage mir ihren Namen! Wenn ich ihn höre, werde ich glauben, daß ich wirklich jenseits der Grenze lebte, daß ich der Herrscher eines indischen Reiches war. Du kannst es Dir nicht vorstellen, wie es in meinem Hirn aussieht! Sage einem Menschen wieder und immer wieder, daß er wahnsinnig sei, so wird er verrückt. So habe auch ich nach und nach glauben müssen, daß ich ein Verbrecher sei und daß man mir nicht unrecht gethan habe.«

»Sie hieß Bertha und –«

»Bertha, Bertha, mein Weib, mein Weib!« rief der Greis thränenden Auges.

»Sie war die Tochter eines deutschen Arztes, welcher in englischen Diensten stand.«

»Das ist wahr, das ist wahr! Ja, ich bin wirklich ich! Das Fieber hat mir nicht den Verstand geraubt. Ich habe nicht mich selbst verloren. Ich hatte ein deutsches Weib!«

»Und auch ein Kind hattest Du.«

»Allah sei mir barmherzig! Wenn ich an mein Kind denke, so möchte ich vor Schmerz brüllen wie eine Löwin, welcher man ihr Junges geraubt hat. Eine Tochter hatte ich? Du weißt es? Kennst Du ihren Namen?«

»Sie hieß Semawa.«

»Semawa, ja Semawa, das heißt Himmelsblau. Ihre Augen hatten die reine Farbe des Aethers, und ihr Haar glänzte wie Gold. Mein Kind, mein Kind! Wo bist Du hin! Verloren, verloren! Gestorben und verdorben! Ich weiß es, ich weiß es, wer sie mir raubte. Er warf ein Teufel, dieser Graf. Allah verderbe ihn in den tiefsten Schlund der Hölle. Kennst Du ihn?«

»Graf Polikeff? Ja.«

»Auch seinen Namen weißt Du! Herr, Du weißt ja Alles, Alles! Weißt Du auch, wie er nach Nubrida kam und wie er es anfing, mich zu verderben und sich meines einzigen, herrlichen Kindes zu bemächtigen?«

»Ich weiß Alles.«

»Ist es ihm gelungen? Sag', o sag', ist sie wirklich in seine Hände, in seine Krallen gerathen?«

»Ja. Er hat sich ihrer bemächtigt, aber –«

»Er hat sich ihrer bemächtigt!« fiel ihm der Maharadscha in die Rede. »O Allah, wo bleibt Deine Gerechtigkeit! Warum hast Du nicht Deine Blitze herabgeschleudert auf diesen Satan! Warum hast Du es zugelassen, daß er mein Kind, diesen Engel, in das Verderben führte!«

»Hadere nicht, o Radscha! Allah hat sie beschützt. Er hat es nicht zugelassen, daß sie von diesem Schurken vernichtet wurde.«

»Was sagst Du, was? Sie ist nicht zu Grunde gegangen? Sie wurde nicht von ihm vernichtet?«

»Nein. Sie wurde seine Sclavin. Sie mußte ihm folgen auf seinen ruhelosen Wanderungen, als ihn das böse Gewissen von Land zu Land trieb. Aber er durfte sie nicht berühren.«

»Nicht – berühren!« hauchte der Maharadscha mit einem langen, erlösenden Seufzer.

»Er hat sie durch Lügen gezwungen, ihm zu folgen. Er liebte sie. Seine Liebe war eine wilde Raserei; aber sie war so rein, so heilig, daß er es doch nicht wagte, sie auch nur mit der Spitze eines seiner Finger anzutasten.«

Der Maharadscha sank langsam in die Kniee. Er erhob die gefalteten Hände und rief im Tone des Entzückens:

»Allah, ich danke Dir! Vergieb mir, daß ich an Dir zweifelte! Und auch Dir danke ich. Du fremder Mann, für diese Freudenbotschaft, welche mir neues Leben verleiht!«

»Danke mir nicht!« antwortete Steinbach, indem er ihn von der Erde emporzog. »Ich bin ein Selbstsüchtiger, wie Du erfahren wirst.«

»O, gesegnet, sieben Mal gesegnet sei die Selbstsucht, welche mir solche Wonne bringt! Ich erfahre, daß mein Kind nicht verdorben ist. Vielleicht ist es noch nicht todt. Vielleicht lebt sie noch, Semawa, der Glanz meiner Augen und das Entzücken meiner Seele! Weißt Du nicht, ob sie noch auf Erden weilt?«

»Sie lebt.«

»Sie – lebt! Sie – lebt!«

Er brach in lautes Schluchzen aus und wankte. Er tastete mit den Händen um sich, um einen Halt zu finden. Steinbach schlang den Arm um ihn und hielt ihn fest. Der Maharadscha umschlang auch ihn, legte seinen Kopf auf seine Schulter und weinte – weinte – weinte!

So standen sie lange, eng verschlungen und still. Auch aus Steinbach's Augen perlten Thränen schwer hernieder. Endlich löste sich der Maharadscha aus der Umschlingung, ergriff Steinbach's Hand und schluchzte:

»Weißt Du, welch' eine Botschaft Du mir da bringst? Sie ist eine Botschaft des Lebens, der Erlösung, der Seligkeit. Allah mag meiner vergessen, wenn ich Deiner vergessen sollte! Nun aber erlöse mich vollends, indem Du mir sagst, was Du von meinem Kinde weißt. Samawa lebt. Aber wohl bei ihm?«

»Bis vor Kurzem, ja.«

»Aber wie hat er es angefangen, sie an sich zu fesseln? Worin lag die Macht, die er auf sie ausübte?«

»In der fürchterlichen Lüge, daß Du von ihm getödtet würdest, wenn sie ihn verließe.«

»Der Entsetzliche! Wußte sie, wo ich mich befand?«

»Nein. Er verheimlichte es ihr.«

»Konnte Sie denn keinen Retter finden? Konnte sie sich keinem Menschen anvertrauen?«

»Nein, denn sie mußte sich sagen, daß jeder Rettungsversuch nur Deinen Tod herbeiführen werde.«

»Mein Gott! Was muß sie gelitten haben!«

»Sie hat grad so viel gelitten wie Du. Sie wußte, wer sie war, und mußte doch einem Schurken folgen. Ihr helles, reines Dasein war an das schmutzige, verderbte Leben dieses Schurken gebunden, weil sie wähnen mußte, es hänge ein Damoklesschwerdt über Dir, welches Dein Haupt spalten werde, sobald sie den Grafen verlasse. Er hielt sie wie eine Gefangene. Niemand durfte zu ihr und sie zu Niemandem. Nur wenn es seinen Plänen förderlich war, erlaubte er ihr zuweilen den Verkehr mit einem menschlichen Wesen. Aber sie durfte nicht sprechen. An ihrem Schweigen hing ja doch Dein ganzes Leben.«

»Entsetzlich, entsetzlich!«

»Selbst mir hat sie kein Wort mitgetheilt. Ich konnte nichts erfahren, obgleich sie wußte, daß ich mein Leben für sie opfern könne.«

»Was sagst Du? Sie habe Dir nichts mitgetheilt? Hast Du sie denn gesehen, mit ihr gesprochen und wo war das?«

»In Stambul.«

»Allgütiger! Welch eine Botschaft!«

»Ich sollte das mit meinem Leben bezahlen. Der Graf hatte erfahren, daß ich mit ihr geredet hatte. Er schickte Mörder aus. Gott aber beschützte mich. Als ich Semawa dann wiedersehen wollte, war sie verschwunden.«

»Wohin?«

»Er war mit ihr nach Egypten gegangen.«

»O, hättest Du Zeit gehabt, ihm zu folgen!«

»Ich hatte Semawa nach ihren Verhältnissen gefragt. Sie aber bat mich, nicht nach ihr zu forschen, da das Leben einer theuren Person davon abhänge. Dennoch forschte ich im Stillen und folgte ihm nach Egypten.«

»Fandest Du sie?«

»Ja, aber als ich ankam, war sie fort.«

»Welch eine Schickung! Und dann hast Du sie nie wiedergesehen?«

»Noch einmal. Ich folgte damals dem Grafen in die Wüste und traf Rena, den der Graf zum Dank für die ihm geleistete Mithilfe als Sclave verkauft hatte.«

»Ihm ist Recht geschehen!«

»Ich erwartete Rena und er erzählte mir Alles und gestand mir seine Schuld. Ich nahm ihn mit nach Europa und er wurde mir ein treuer Helfer in meinem Forschen nach dem Grafen. Wir erfuhren endlich, daß derselbe nach Sibirien sei.«

»Das war richtig. Er ist da.«

»Hast Du ihn gesehen?«

»Ja.«

»Und er Dich auch?«

»Ja. Er hat sogar mit mir gesprochen.«

»Ah! So hat er Dich erkannt?«

»Ebenso schnell wie ich ihn.«

»Was wollte er von Dir?«

Der Maharadscha erzählte das Gespräch, welches er mit dem Grafen geführt hatte und fügte daran die Frage:

»Du sagst, daß sie bei ihm sei. Er befindet sich hier. Ist sie denn auch hier bei ihm?«

»Bis vor ganz kurzer Zeit. Er hat sie in Platowa zurückgelassen.«

»In Platowa? Da muß ich hin, augenblicklich hin zu ihr! Und sollte ich mein Pferd todtreiten, ich muß sie sehen!«

Er wollte forteilen. Steinbach ergriff seinen Arm und hielt ihn zurück.

»Bleib!« bat er. »Du brauchst nicht hin zu ihr. Sie kommt her. Sie ist bereits unterwegs.«

»Herr! Was sagst Du! Unterwegs? Weiß sie, daß ich mich hier befinde?«

»Ja. Ich kam mit Rena nach Platowa. Ich wußte Deine Nummer und forschte nach Dir. Ich hörte, Du seist nach dem Mückenflusse. Beim Kreishauptmanne traf ich Semawa, welche Gökala genannt worden war. Ich überzeugte sie, daß sie mir Alles, Alles mittheilen könne, ohne Dir zu schaden. Sie erzählte es mir und ich machte mich sofort auf, Dich zu finden. Hast Du nicht die drei Fremden gesehen, welche sich hier befinden?«

»Meinst Du den Dicken mit den beiden langen, hagern Männern?«

»Ja.«

»Ich habe mit ihnen gesprochen. Sie sind ausgezeichnete Leute. Was ist mit ihnen?«

»Ich sandte sie mir voran. Sie kennen Dich.«

»Was? Sie wissen, wer ich bin?«

»Ja. Sie sollten nach Dir forschen, damit ich Dich bei meiner Ankunft sofort fände. Und sie sollten auch dafür sorgen, daß der Graf den Mückenfluß nicht verlasse, bevor ich hier ankäme. Ich mußte sie voransenden, weil ich nicht so schnell reiten durfte.«

»Warum nicht?«

»Weil – weil – – ich mußte mit einer Tungusenhorde reiten, bei welcher sich Frauen befanden, welche wir nicht durch einen Eilritt anstrengen durften.«

»Du kommst doch noch zur rechten Zeit. Allah sei Dank!«

Steinbach hatte sich, während er sprach, umgedreht, um nach dem Eingange des Gartens zu blicken. Dort stand Sam, aber so, daß ihn nur Derjenige bemerken konnte, welcher von seiner Anwesenheit wußte. Da er herblickte, brauchte Steinbach nicht zu rufen, wie es ausgemacht worden war. Ein Wink genügte, worauf Sam sich entfernt hatte, um Rena herbei zu bringen. Dieser kam.

Er wußte noch nicht, daß er den Maharadscha hier sehen werde. Er glaubte, Steinbach habe ihm Etwas zu sagen.

Sein Aufenthalt in der Sclaverei war nicht ohne Folgen gewesen. Wer ihn vor Jahren gesehen hatte, der konnte ihn jetzt nicht wieder erkennen. Leiden, Sorgen, Entbehrungen und die Gluth der Wüste hatten ihn abgemagert und seine Stirn und Wangen mit unzähligen Furchen bedeckt.

Auch der Maharadscha hatte sich sehr verändert. Er war ein Greis geworden und sah viel älter aus, als er war.

»Herr Du hast mich kommen lassen!« sagte Rena, sich an Steinbach wendend.

»Ja. Ich wünsche, daß Ihr Beide Euch kennen lernt, da ich überzeugt bin, daß diese Bekanntschaft von großem Nutzen für Euch sein wird.«

Beide blickten einander an. Sie erkannten sich nicht.

»Wer ist er?« fragte der Maharadscha.

»Blicke ihn an! Hast Du ihn noch nicht gesehen?«

»Nie.«

»Und Du, Rena, kennst Du diesen Mann?«

»Nein,« antwortete der Indier. »Doch ist es mir, als ob ich ihn einmal gesehen hätte.«

»Das ist allerdings der Fall.«

»Wo könnte dieses gewesen sein?«

»In Deiner Heimath.«

»Wer – wer – wer ist er denn?«

»Der Vater Gökala's.«

Da sank Rena aus die Kniee nieder, hielt dem Maharadscha die Hände flehend entgegen und rief:

»Mein Gebieter und Herr, tödte mich, aber sage mir, daß Du mir verzeihen willst!«

»Wer – Wer – bist Du denn?« stammelte der Maharadscha.

»O, Herr, kennst Du mich wirklich nicht?«

»Nein.«

»Ich heiße Rena und bin –«

»Rena!« schrie der Greis auf, sank auf die Bank nieder und schlug beide Hände vor sein Gesicht.

Der Indier rutschte auf den Knieen zu ihm hin und schluchzte mit zitternder Stimme:

»Herr, o Herr! Vergiß, vergiß das Vergangene. Ich will sterben; ich will die Strafe meiner Schuld erleiden; aber sage mir nur das eine Wort, daß ich Gnade finde!«

Steinbach schlich sich fort. Die Scene, weiche nun zwischen Herr und Diener folgen mußte, bedurfte keines Zeugen. Er begab sich in die Stube, wo die Andern im Gespräch beisammen saßen.

»Endlich!« sagte Semawa. »Wo warst Du so lange Zeit?«

»Ich habe mir den vorgestrigen Kampfplatz angesehen,« antwortete er.

»Hast Du nicht nach – nach meinem Vater gesucht?«

»Ja.«

»Und ihn nicht gefunden?«

»Ich traf einen Mann, welcher Dir Auskunft über ihn geben kann.«

»Wo ist er, wo?«

»Draußen hinter dem Hause.«

»So komm! Führe mich hinaus, schnell, schnell!«

Sie ergriff seinen Arm und entfernte sich mit ihm. Er führte sie nach dem Garten. Bereits von Weitem bemerkte er, daß der Maharadscha allein war. Er hatte Nena fortgeschickt. Er sollte vergeben. Diese Bitte kam ihm viel zu unerwartet. Er hatte gar nicht geantwortet und nur still und schweigend abgewinkt, so lange, bis Nena sich davongeschlichen hatte.

Jetzt hörte er die Schritte der beiden Nahenden. Er blickte auf und sah Semawa an Steinbachs Arm daherkommen.

Er war von der Erscheinung des herrlichen Mädchens wie geblendet. Sein Auge haftete an ihrem schönen, reinen Angesichte. Er erkannte sie nicht, denn sie hatte, als sie von einander getrennt worden waren, in dem jugendlichen Alter gestanden, in welchem die Züge sich zu verändern beginnen. Doch sah man, daß in seinem Gesicht ein leises Zittern spielte. War es die Aehnlichkeit mit Bertha, seiner einstigen Frau, oder war es die Hoheit, das Lichte, Sonnige ihrer prächtigen Erscheinung, welches ihn so ergriff.

Er that einige Schritte auf die Beiden zu, während sein Blick wie fascinirt auf dem Gesichte seiner Tochter ruhte. Diese Bewegung geschah nicht beabsichtigt, nicht aus Höflichkeit, sondern in Folge eines innern Dranges, welchem er nicht zu widerstehen vermochte.

Auch Semawa's Augen erweiterten sich, als sie ihn erblickte. Es wich das leise Roth, welches ihre Wangen durchschimmerte. Die Blicke der Beiden hingen an einander.

»Du bist allein?« fragte Steinbach. »Ich glaube, Dich zu stören.«

»Nein; er ist fort. Es ward mir endlich weh in seiner Nähe. Mein Herz hätte still stehen mögen.«

Bei dem Klange dieser Stimme lauschte Semawa auf.

»Oskar!« rief sie, den ängstlich fragenden Blick auf Steinbach richtend. »Das ist, das ist – – –!«

Ein Zittern ging durch ihren schönen Körper, dann sank sie vor dem Greise nieder, schlang die Arme um seine Kniee und brach in ein lautes Schluchzen aus.

»Was – was ist's? Was – was will – was will sie von mir!« stammelte er.

Da hob sie die thränenden Augen zu ihm empor und rief in einem Tone des Entzückens und des Schmerzes zugleich:

»Vater! Mein armer, armer, lieber Vater!«

»Mein Gott! Ist's möglich? Ist's wahr? Se– Se– Se– Semawa!« stotterte er beinahe theilnahmslos.

»Vater, Vater, Vater!« wiederholte sie.

»Allah, Allah! Herr des Himmels und der Erde! Ich – ich – – ich sterbe!«

Er breitete die Arme aus und wankte wie ein Betrunkener. Da fuhr sie empor, umfaßte ihn mit beiden Armen, um ihn zu halten und rief:

»Nein, nicht sterben, sondern leben, leben, leben! Sei stark, sei stark, sonst sterbe ich mit Dir!«

Sie hielten sich umschlungen und wankten so mit einander zur Bank, auf welche sie niederfielen. Laute des Schmerzes und doch auch der höchsten Wonne ausstoßend.

Steinbach, für den sie jetzt kein Auge hatten, schlich sich davon. Das war ein heiliger, erhabener Augenblick, dessen Weihe er durch seine Anwesenheit nicht beeinträchtigen wollte. Er ging nach dem Wohnhause zurück, um ihnen Zeit zu geben, die hochgehenden Wogen ihrer Gefühle sich beruhigen zu lassen.

»Haben sie sich?« fragte Karparla.

»Ja, sie haben sich gefunden.«

»Dann wollen wir ja dafür sorgen, daß sie nicht gestört werden.«

In diesem Augenblick war der Hufschlag eines Pferdes zu hören. Als die Anwesenden durch das Fenster blickten, sahen sie den Grafen absteigen. Das Pferd war nicht das seinige. Wenn man es ihm geborgt hatte, so mußte das bei dem jetzt eingetretenen Pferdemangel zu verwundern sein. Vielleicht hatte es einen wichtigen Grund dazu gegeben. Daß dies auch wirklich der Fall war, sollten sie sogleich erfahren.

Indem er das Thier draußen anband, sagte Steinbach:

»Sam, ich verschwinde hier in das Nebengemach. Er kommt wohl herein und soll mich nicht sofort sehen. Du bist in Alles eingeweiht und magst ihn auf Dich nehmen. Ich werde Alles hören und zur geeigneten Zeit hereintreten. Dann gehst Du hinaus, sorgst dafür, daß Jim und Tim hinter der Stubenthür stehen, um ihn nicht hinaus zu lassen und holst Nena, den Maharadscha und Gökala herbei. Diese traten der Reihe nach, so wie ich sie jetzt genannt habe, herein, wenn ich die Thür öffne.«

Nach dieser Anordnung trat er in die Schlafstube des Bauers und zwar gerade zur rechten Zeit, denn kaum war er verschwunden, so kam auch der Graf herein.

»Peter Dobronitsch,« sagte er in seiner verächtlichen, hochmüthigen Weise. »Wie viel Pferde hast Du auf der Weide?«

»Wer bist Du denn, weil Du das wissen willst?«

»Bist Du denn blind und taub gewesen, daß Du das noch nicht weißt! Ich bin Graf Polikeff.«

»So! Das hast Du mir noch nicht bewiesen.«

»Mensch! Habe ich es Dir zu beweisen!«

»Nein. Wir Beide haben unsern Willen. Wir sind freie Unterthanen. Du brauchst nicht zu beweisen, daß Du ein Graf bist und ich habe nicht nöthig, mich um Dich zu bekümmern.«

»Oho! Ich werde Dir zeigen, daß Du mir zu gehorchen hast!«

»Ich Dir? Davon ist mir nichts bewußt. Selbst wenn Du wirklich Graf Polikeff wärst, was ich nach Deinem ordinären Auftreten sehr bezweifeln muß, hast Du mir nichts zu befehlen. Wenn ein Petersburger Laternenputzer käme, um mir Befehle zu ertheilen, wäre es grade ebenso und genau dasselbe.«

»Hund!« fuhr der Graf auf.

»Du! Schimpfe nicht!« warnte der Bauer. »So einen Kerl, wie Du bist, lasse ich von meinen Knechten durchprügeln, wenn er mich beleidigt! Sage noch ein solches Wort, so rufe ich sie herein!«

Der Graf ballte die Hände und trat einen Schritt auf ihn zu. Da aber Dobronitsch seinerseits auch eine drohende Haltung annahm, so besann er sich eines Bessern. Er war hier ganz allein, den sämmtlichen Bewohnern des Gutes gegenüber. Er hätte also auf alle Fälle den Kürzeren gezogen. Darum bezwang er sich zur Ruhe. Aber seine Stimme zitterte vor Wuth, als er sagte:

»Das sollst Du mir entgelten! Du bietest mir, einem hohen Edelmanne, Prügel an! Aber ich werde Dich dafür peitschen lassen. Für jetzt aber fordere ich Gehorsam. Du hast mich auf Deine Weide zu führen, damit ich die Pferde zähle und bestimme, welche von ihnen nach der Stanitza gebracht werden sollen!«

»Nichts, gar nichts hast Du zu bestimmen! Die Pferde gehören mir. Uebrigens bist Du hier fremd und ohne alle Macht. Mich bringst Du nicht zum Fürchten!«

»Das Alles kommt auf Dein Conto, welches ich Dir herunterprügeln lassen werde. Da Du behauptest, daß ich hier nichts zu sagen habe, so will ich Dir mittheilen, daß ich als Bevollmächtigter des Majors hier stehe.«

»Das bezweifle ich. Ich traue es dem Major nicht zu, daß er einen solchen Mann mit einer Vollmacht beehrt. Kannst Du es beweisen?«

Der Graf mußte alle seine Selbstbeherrschung anwenden, um diese neue Beleidigung ruhig hinzunehmen. Er antwortete verächtlich:

»Pah! Welches Beweises sollte das bedürfen!«

»Eines schriftlichen Befehles des Majors.«

»Mein Wort ist ebenso gewichtig!«

»Dein Wort gilt hier eben ganz und gar nichts.«

»Hallunke!«

»Schweig!« donnerte Petrowitsch. »Und selbst wenn Du mit einer solchen Vollmacht versehen wärst, würde sie bei mir nichts fruchten. Ich bin ein freier Bauer aber kein Grenzkosak. Ich bin nicht verbunden, Kriegsdienste zu thun und bei mir nach Belieben remontiren und requiriren zu lasten. Die Kosaken erhalten ihr Land und ihre Naturalien geschenkt, wofür sie Militärdienste thun müssen. Ich aber habe mein Land gekauft und bezahlt. Ich brauche ein Pferd nicht herzugeben. Wer es haben will, der mag es von mir im freien Kaufe erhandeln, und – ich verkaufe eben keins. Ich brauche sie selbst. Wenn Du nichts weiter willst, so sind wir also fertig!«

»Nein. Wir sind noch nicht fertig! Ich werde sofort nach der Stanitza reiten und dann mit militärischer Hilfe zurückkommen!«

»Thue es! Es soll mir großen Spaß machen, diesen Leuten ganz dasselbe zu sagen, was ich jetzt Dir gesagt habe.«

Der Graf drehte sich, im höchsten Grade ergrimmt nach der Thüre um. Er wollte gehen. Dort stand aber Sam, welcher ihn in seinem freundlichsten Tone anredete:

»Warte noch einen Augenblick! Ich möchte Dich gern Etwas fragen.«

»Was denn?« schnauzte der Graf.

»Ich möchte gern wissen, wie lange Zeit Du hier zu bleiben gedenkst.«

»Warum?«

»Weil ich genau wissen möchte, wann Du von hier wieder abreisen willst.«

»Das geht Dich gar nichts an!«

»O doch! Ich habe nämlich die Absicht, in Deiner Gesellschaft von hier mit fort zu reiten.«

»Du? Lump!«

Er spuckte aus.

»Das ist's ja eben!« lachte Sam. »Weil ich ein Lump bin, will ich mit Dir. Wir passen zu einander.«

Da holte der Graf mit der geballten Hand aus, um ihn zu schlagen. Augenblicklich hatte der Dicke sein Messer in der Hand und rief:

»Nimm Dich in Acht! Dieses Ding ist spitz!«

»Willst Du stechen!« donnerte der Graf.

»Ja freilich! Wer mich haut, der wird gestochen. Das ist bei mir so Sitte. Also nimm Dich wohl in Acht!«

»Packe Dich fort! Ich will hinaus!«

»Bleib nur noch ein Wenig da! Ich habe Dich so sehr lieb gewonnen, daß ich nicht von Dir lassen kann und eben darum werden wir bei einander bleiben, wenn Du diese schöne Gegend verlässest.«

»Du bist verrückt.«

»Mag sein! Und weil die Verrückten die Eigenschaften haben, ihre tollen Ideen festzuhalten, so werde ich auch nicht von der meinigen lassen. Ich bin doch nur wegen Dir hierher gekommen.«

»Wegen mir? Das laß Dir nicht einfallen.«

»Es ist mir aber doch eingefallen, oder vielmehr ist es mir aufgetragen worden. Ich soll Dich nach Platowa bringen.«

»Welch ein Gedanke!«

»Nicht wahr, ein brillanter Gedanke! Ich freue mich fürchterlich darauf, wie gut wir uns unterwegs unterhalten werden. Freilich wirst Du es auf dieser Reise nicht ganz so bequem haben, wie Du es gewohnt bist. Ich muß Dir zu meinem Leidwesen die Hände binden und Dich auf das Pferd fesseln. Sonst aber soll es Dir an gar nichts fehlen.«

Der Graf erbleichte. Er hatte von dem einstigen Derwisch von Sam und den beiden Amerikanern genug gehört, um jetzt zu wissen, was diese Worte zu bedeuten hatten. Er befand sich allein. Die Kosaken, welche ihn bis hierher begleitet halten, waren fort. Die einzige Hilfe konnte ihm der Major leisten und dieser befand sich in der Stanitza. Es gab sich gewiß keiner der Bewohner des Hauses her, als Bote diesen Offizier von der Lage des Grafen zu benachrichtigen. Er war also ganz und gar auf sich selbst angewiesen.

Wie sich nun aus dieser Lage ziehen? Durch offene Gegenwehr, Waffe gegen Waffe, Kraft gegen Kraft? Da war der Erfolg voraus zu sehen. Dieser verteufelte dicke Kerl hatte ja schon das Messer in der Hand. Uebrigens war der Graf zwar in arglistigen Anschlägen groß, aber an persönlichem Muthe gebrach es ihm ganz und gar.

Er glaubte, am Weitesten zu kommen, wenn er es versuchte, dem Dicken möglichst zu imponiren. Er betrachtete ihn also mit einem höchst malitiösen Lächeln vom Kopfe bis zu den Füßen und fragte dabei:

»Kleiner! Das klingt ja gerade, als ob ich von Dir arretirt werden sollte!«

»Allerdings,« nickte Sam, im ganzen Gesicht lachend.

»Bist Du denn Polizist?«

»Nein.«

»Mit welchem Rechte willst Du denn da eine Arretur vernehmen?«

»Nur so zu meinem Privatvergnügen.«

»Ach so! Und bist Du denn von irgend einer Behörde dazu aufgefordert worden?«

»Natürlich!«

»Von welcher denn?«

»Meine Behörde heißt Steinbach.«

Obgleich der Graf diese oder doch eine ähnliche Antwort erwartet hatte, fühlte er sich von derselben doch höchst unangenehm berührt. Er hatte ganz das Gefühl, als ob er eine Schlinge sich um seinen Hals zusammenziehen sehe.

»Den kennst Du wohl?« fragte Sam.

»Laß mich in Ruhe! Ich kenne keinen Steinbach!«

»Und hast ihn doch in Konstantinopel ermorden lassen wollen!«

»Mensch!«

»Durch Rurik, Deinen Genossen, der ihn mit dem Ruder erschlagen wollte!«

»Was faselst Du! Laß mich endlich hinaus!«

»Und sodann bei den Sallah-Beduinen hast Du ihm auch nach dem Leben getrachtet!« fuhr Sam fort, ohne die Aufforderung des Grafen, ihn gehen zu lassen, zu beachten.

»Was gehen mich Deine Beduinen an! Ich habe während meines ganzen Lebens keinen solchen Kerl zu sehen bekommen.«

»Auch nicht, als Du mit Ibrahim Pascha bei ihnen warst? Besinne Dich doch einmal darauf!«

»Lächerlich! Ich habe keine Lust, Deine Albernheiten anzuhören. Ich kenne keinen Steinbach. Dabei bleibt es!«

»Sonderbar! Schau Dich doch einmal um!«

Steinbach war leise eingetreten, ohne daß der Graf, welcher ja gegen die Stubenthür gerichtet stand, ihn sehen konnte. Der letztere drehte sich um und erblickte seinen Feind.

»Alle Teufel!« schrie er auf.

»Willkommen!« lächelte Steinbach. »Es hat etwas lange gedauert, ehe mein Wunsch, Sie wieder zu sehen, in Erfüllung ging. Desto größer aber ist jetzt meine Freude, Sie so unerwartet zu treffen. Was thun Sie denn eigentlich hier in Sibirien?«

Sam hatte sich schnell entfernt. Der Graf stand bewegungslos da, wie vom Schreck gelähmt.

»Ich – ich – ich reise!« stammelte er.

»Hm! Wo haben Sie denn die junge Dame, welche mit Ihnen in Constantinopel war und Sie dann nach Egypten begleitete?«

»Sie entlief mir in Kairo und ich hütete mich, nach ihr zu forschen, da ich froh war, sie los zu sein. Seitdem ist sie für mich verschollen.«

»Sonderbar! Ich gebe mir die größte Mühe, sie aufzufinden und stets ist sie wieder verschwunden, wenn ich einmal ihren Aufenthaltsort erreiche. Als ich zu meiner Freude erfuhr, daß Sie hier seien, war ich überzeugt, daß diese Dame sich in Ihrer Nähe befinde und nun erfahre ich zu meinem Leidwesen, daß sie ganz und gar verschollen ist. Aber ich lasse mir die Hoffnung, sie doch einmal wieder zu finden, nicht nehmen, auch jetzt nicht und bitte Sie um die Freundlichkeit, mir dazu behilflich zu sein.«

»Ich glaube nicht, Ihnen dienen zu können.«

»O doch, und zwar durch eine sehr kleine und an sich sehr unbedeutende Gefälligkeit.«

»Welche wäre denn das?«

»Die, daß Sie mir sagen, wer die Dame eigentlich ist.«

»Das wissen Sie doch!«

Bei diesen Worten war sein Auge stets scharf forschend auf Steinbach gerichtet.

»Woher sollte ich es wissen?«

»Von ihr selbst. Sie leugnen doch nicht, sie in Stambul gesehen und auch gesprochen zu haben.«

»Nein, das leugne ich allerdings nicht. Ich bin gewöhnt, niemals die Unwahrheit zu sagen.«

»So werden Sie der Wahrheit gemäß zugeben müssen, daß diese sogenannte Dame Ihnen damals gesagt hat, wer und was sie ist!«

»Sie hat es mir nicht gesagt.«

»Wollen Sie mich das wirklich glauben machen?«

»Es ist die Wahrheit und ich hoffe, daß Sie es mir glauben. Ich erfuhr, daß ihr Vorname Gökala sei. Als ich weiter frug, bat sie mich, nicht in sie zu dringen, sie befinde sich in ganz eigenthümlichen Verhältnissen, von denen sie aus Rücksicht auf einen Verwandten nicht sprechen dürfe.«

»Weiter hat sie in Wirklichkeit nichts gesagt?«

»Kein Wort.«

Der Graf fühlte sich außerordentlich erleichtert. Er erkannte, daß Steinbach die volle Wahrheit rede, und war überzeugt, daß dieser von Gökala's Anwesenheit in Platowa nichts wisse. Da konnte noch Alles ein gutes Ende nehmen. Darum sagte er achselzuckend:

»Gerade so wie Ihnen ist's auch mir ergangen. Ich erfuhr auch nur diesen einen Namen Gökala. Alles Andere verschwieg sie mir.«

»Höchst sonderbar! Also kennen auch Sie ihre Verhältnisse nicht?«

»Habe keine Ahnung!«

»Hm! Darf ich erfahren, in welchem Verhältnisse sie zu Ihnen stand?«

»In demjenigen einer schönen, interessanten und liebenswürdigen Reisebegleiterin. Ich bin nämlich unverheirathet.«

Er sagte das in einer so cynischen Weise, daß Steinbach ihn hätte niederschlagen mögen. Doch zwang er sich zu einem höflichen Lächeln und sagte:

»Da haben Sie viel Glück gehabt. Eine solche Schönheit pflegt andere Chancen zu haben.«

»Pah! Sie war höchst gefällig. Sie ist nun verschollen. Sprechen wir nicht mehr von ihr!«

»Das sie verschollen ist, daran bin eigentlich ich schuld, wenn ich aufrichtig sein soll.«

»Wirklich, Herr Steinbach?«

»Ja. Ich traf einst einen Mann, welcher behauptete, sie zu kennen.«

»Wer war das?«

Sein Blick wurde wieder bohrend, sein Gesicht finster.

»Ein Indier, den ich in der Wüste fand.«

»Ein Indier in der Wüste? Das ist seltsam.«

»Und doch ist es so. Sie werden sich erinnern, daß damals die Beni Salla-Beduinen über ihre Feinde siegten, zu denen auch Sie sich geflüchtet hatten. Ich befand mich unter den Verfolgern und kam in das feindliche Dorf. Dort fand ich einen Sclaven, von welchem ich erfuhr, daß er von einem Grafen Alexei Polikeff verkauft worden sei.«

»Ein Namensvetter von mir?«

»Nein, Sie selbst.«

»Schwindel!«

»Hm! Ich möchte es doch nicht so ganz ungeprüft als Schwindel erklären. Der Mann erzählte mir Sachen, welche mich bestimmten, seiner Erzählung allen und unbedingten Glauben zu schenken.«

»Darf ich fragen, von wem er erzählte?«

»Zunächst von sich.«

»Das glaube ich!«

»Sodann von einem indischen Fürsten, dem sogenannten Maharadscha und dessen Tochter.«

»Das wird wohl ein Märchen aus tausend und einer Nacht gewesen sein.«

»Und endlich auch von Ihnen.«

»Unmöglich! Ich glaube nicht, daß mich ein Indier kennen kann.«

»Dieser aber behauptete, Sie sehr genau zu kennen. Er behauptete sogar, Ihr Verbündeter gewesen zu sein.«

»Diesem Ausspruche gegenüber könnte ich, wenn ich mich überhaupt zu einer Antwort verpflichtet fühlte, erklären, daß ich niemals einen Indier kennen gelernt habe.«

»Wirklich?« fragte Steinbach, indem er ihm scharf forschend in das Gesicht blickte.

»Ja. Wo und wie hätte ich wohl auch Gelegenheit haben sollen, mich einem Indier zu attachiren, noch dazu in einer solchen Weise, daß er sich meinen Verbündeten nennen könnte.«

»Wo? Nun, in Indien selbst.«

»Ich bin ja niemals dort gewesen!«

»Sonderbar! Es ist ganz das grade Gegentheil behauptet worden.«

»Da hat der Betreffende sich freilich sehr geirrt.«

»Ich sollte meinen, daß gerade der Betreffende, welcher in dieser Beziehung am Allerbesten unterrichtet sein muß, sich nicht irren könne.«

»So! Darf ich vielleicht fragen, wer er ist?«

»Sie selbst sind es.«

»Ich selbst?« fragte der Graf im Tone des Erstaunens.

»Ja, Sie. Sie haben behauptet, in Indien gewesen zu sein.«

»Das ist ein ungeheurer Irrthum. Erstens könnte ich niemals wirklich im Ernste das behaupten, da es eben nicht auf Wahrheit beruht, und zweitens habe ich selbst im Scherz nicht so Etwas ausgesprochen. Darf ich vielleicht fragen, wer der Gewährsmann ist, der Ihnen diesen Bericht geliefert hat?«

»Natürlich dürfen Sie fragen. Es ist der Herr, mit welchem Sie soeben jetzt gesprochen haben, bevor ich eintrat.«

»Der dicke, impertinente Mensch?«

»Ja, der etwas starkleibige aber keineswegs impertinente Herr, der sich nun leider wieder entfernt hat.«

»Ich kann denselben nicht begreifen. Er hat sich gegen mich einer Art und Weise befleißigt, welche ich ebenso feindselig wie verrückt nennen muß.«

»Nun, als eine Verrücktheit möchte ich es denn doch nicht bezeichnen. Herr Barth ist ein sehr besonnener und selbstbewußter Mann.«

»Das habe ich keineswegs bemerkt. Und auch das, was er von mir erzählt hat, kann nur auf einer Erfindung von ihm beruhen.«

»Ich habe, trotzdem ich ihn bereits seit längerer Zeit kenne, noch nie an ihm bemerkt, daß er erfindet oder dichtet. Er ist im Gegentheile ein sehr nüchterner Charakter, welcher gewohnt ist, nur mit wirklichen Thatsachen zu rechnen.«

»Wenn dies der Fall ist, muß ich um so mehr bewundern, daß er sich grad hier von einer so unbegreiflichen Phantasterei hat hinreißen lassen. Sprechen wir nicht weiter davon. Diese Sache ist mir nicht angenehm!«

*

95

»Das glaube ich Ihnen recht gern, und darum wollen wir in Berücksichtigung Ihres soeben ausgesprochenen Wunsches von etwas Anderem reden. Ist Ihnen vielleicht ein Mann bekannt, welcher Saltikoff hieß?«

»Nein,« antwortete der Graf, aus dessen Angesichte aber bei Steinbachs Frage die Farbe wich.

»Bitte, besinnen Sie sich!«

»Ich kenne den Namen Saltikoff gar nicht und weiß, daß jedes Besinnen vergeblich sein würde.«

»Vielleicht aber wäre es doch von Erfolg. Ich erlaube mir, Ihrem Gedächtnisse ein Wenig zu Hilfe zu kommen. Jener Saltikoff war ein Verbrecher –«

»Ein Verbrecher!« unterbrach ihn der Graf. »Sie meinen also, daß ich mit einem Verbrecher Umgang gepflogen habe?«

»Bisher ist von einem Umgange noch nicht die Rede gewesen. Ich habe nur gefragt, ob Sie ihn kennen. Auch der achtbarste Mann kann in die Lage kommen, einen Verbrecher kennen zu lernen. Da Sie aber selbst das Wort Umgang gebrauchen, so will ich mich desselben ebenso bedienen, denn es verlautet allerdings, daß Sie in sehr nahe Berührung oder sogar Beziehung zu ihm getreten seien.«

»Nicht, daß ich wüßte!«

»So! Man sagt, daß Sie sich seiner zur Erreichung gewisser Zwecke bedient haben sollen.«

»Das ist eine Lüge. Welche Zwecke sollen das sein?«

»Den Maharadscha von Nubrida zu stürzen.«

»Ist mir nicht eingefallen!«

»Hm! Man sagt, daß Sie dafür gesorgt haben, daß der Maharadscha für Saltikoff gehalten wurde.«

»Unmöglich!«

»O, diese Unmöglichkeit ist doch ausgeführt worden.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Nun, Saltikoff war, wie bereits gesagt, ein Verbrecher und als solcher dem Strafgesetze verfallen. Der Maharadscha wurde während einer Pilgerreise über die Grenze gelockt und für Saltikoff ausgegeben.«

»Das ist ein Roman!«

»Nein. Es ist die Wirklichkeit!«

»Der Maharadscha hätte sich vertheidigt.«

»Dazu wurde ihm keine Zeit gelassen. Und welcher Mittel hätte er sich dabei bedienen sollen?«

»Es hätten ihm jedenfalls viele zu Gebote gestanden.«

»Keine! Er war arretirt worden und aller Beweismittel wohlweißlich beraubt worden.«

»So konnte er beschwören, wer er sei.«

»Dazu kam er nicht; es wurde vielmehr von dem bereits erwähnten Nena beschworen, daß er nicht der Maharadscha sei.«

»So wäre Nena zu bestrafen!«

»Allerdings. Aber dieser Nena soll eben nicht selbstständig gehandelt haben, sondern nur Ihr Werkzeug gewesen sein.«

»Das bestreite ich mit aller Kraft!«

»Der Maharadscha ist dann als Zobeljäger Nummer Fünf in die Urwälder gesteckt worden.«

»Das sind ja ganz wahnsinnige Behauptungen.«

»Die aber trotzdem auf Wirklichkeit beruhen. Sie sollen sich dann seiner Tochter bemächtigt haben.«

»Ich weiß von keiner Tochter Etwas.«

»Sie hat Semawa geheißen. Besinnen Sie sich!«

»Unsinn!«

»Wie kommt es denn, daß die Dame, deren Liebenswürdigkeit Sie rühmten, Gökala hieß? Das ist türkisch und heißt dasselbe wie das arabische Semawa, nämlich Himmelsblau?«

»Ein Zufall!«

»Hm! Das ist schon das zweite Mal, daß Sie von einem Zufalle zu sprechen belieben, Graf.«

»Es ist nichts Anderes. Es ist eine Verleumdung, mich zu dieser Sache in Beziehung zu bringen.«

»Ich halte es für kaum denkbar, daß Jemand sich selbst beleidigt und verleumdet.«

»Ich verstehe Sie wiederum nicht.«

»Sie selbst haben ja davon gesprochen, daß Sie der Schöpfer jenes Gedankens und seiner Ausführung seien.«

»Ich? Ich selbst?«

»Jawohl.«

»Zu wem sollte ich davon gesprochen haben?«

»Zu demselben Saltikoff, von welchem soeben jetzt zwischen uns die Rede gewesen ist.«

»Pah! Das ist eine Erfindung.«

»Es ist die Wirklichkeit, mein Herr.«

»Wann soll das geschehen sein?«

»Vor einigen Tagen.«

»Und wo?«

»In Platowa.«

»Da bin ich allerdings gewesen. Dann müßte aber auch Saltikoff sich dort befunden haben.«

»Natürlich!«

»Ich habe ihn weder früher gekannt noch während meines jetzigen Aufenthaltes in Platowa kennen gelernt.«

»O, er befindet sich seit langen Jahren da.«

»Davon weiß ich nichts!«

»Sie sind doch bei ihm abgestiegen!«

»Ich? Bei ihm? Wo denn?«

»Im Regierungsgebäude.«

»Da besuchte ich keinen Saltikoff, sondern den Kreishauptmann Rapnin und dessen Familie.«

»Sind Sie mit derselben befreundet?«

»Wenn nicht befreundet, so doch gut bekannt.«

»Dann werden Sie jedenfalls wissen, daß dieser Rapnin mit Saltikoff identisch ist.«

»Kein Wort!«

»Sie haben es doch zugegeben, gegen Rapnin selbst.«

»Eine Lüge!«

»O, ich weiß es sehr genau.«

»Wer hat das gesagt? Jedenfalls nicht Rapnin selbst.«

»Nein. Er wird es wohl auch eingestehen müssen, denn er und sein Sohn sind gefangen und befinden sich bereits nach Irkutsk unterwegs.«

Der Graf schrak sichtlich zusammen. Er ließ sich von seinem Schrecke hinreißen, zu fluchen:

»Donnerwetter! Wer hat ihn arretiren lassen?«

»Ich selbst,« lächelte Steinbach.

»Sie? Haben Sie das Recht dazu?«

»Allerdings.«

»In wiefern?«

»Davon später. Ich war von Rapnins Schuld überzeugt und habe ihn der Behörde übergeben.«

»Ich weiß von dieser Schuld nicht das Geringste!«

»Und haben doch mit ihm davon gesprochen!«

»Wer behauptet das?«

»Mein Gewährsmann.«

»Etwa derselbe dicke Kerl wie vorhin?«

»Ja.«

»So lügt er schauderhaft!«

»O bitte! Herr Barth lügt niemals.«

»Hier aber doch!«

»Er hat mir jedes Wort berichtet, welches Sie mit Rapnin und dessen Sohn gesprochen haben.«

»Angenommen, es sei wahr, wie könnte er eine solche Unterredung so genau wissen?«

»Er hat Sie belauscht.«

»Wo?«

»Im Keller.«

»Ich weiß von keinem Keller Etwas!«

»Pah! Haben Sie nicht dem Kreishauptmann eine gewisse Unterschrift zurückgekauft?«

»Nein.«

Trotz dieser Antwort aber machte der Graf eine Bewegung, als ob er sich zu schwach fühle, stehen zu bleiben.

»Sie leugnen, und das ist sehr natürlich,« sagte Steinbach kalt. »Haben Sie sich nicht auch nach einem Kosaken Nummer Zehn erkundigt?«

»Auch das ist nicht wahr.«

»Nun, Herr Barth hat sich im Keller befunden.«

»Dann müßte man ihn gesehen haben!«

»Er steckte hinter den Fässern.«

»Wie kam er hinein? Warum ging er hinab in den Keller? Er muß doch einen Grund gehabt haben!«

»Einfach den Grund, Sie zu belauschen.«

»Dann hätte er ja wissen müssen, daß wir da hinabkommen würden, Herr Steinbach.«

»Das hat er geahnt.«

»Unmöglich!«

»O bitte! Dieser kleine, dicke Mann ist klüger als mancher Andere. Er hat dann, als Sie den Keller verließen, eine gewisse Tasche leer gemacht.«

»Ah, ich ahne!« entfuhr es dem Grafen.

»Sie ahnen?« fragte Steinbach schnell. »Damit geben Sie nun freilich zu, daß Sie von –«

»Nichts, nichts gebe ich zu!« fiel der Graf schnell ein.

»O doch! Wenn Sie ahnen, was er genommen hat, müssen Sie wissen, was es zu nehmen gab.«

»Vermuthung!«

»Bitte, streiten wir uns nicht. Sie kennen also diesen früheren Verbrecher Saltikoff nicht?«

»Nein.«

»Auch den Maharadscha nicht?«

»Nein, auch nicht.«

»Und ebenso nicht den Indier Nena?«

»Nein, nein und zehnmal nein! Donnerwetter, ich sage es, und da muß es mir geglaubt werden!«

»Sprechen Sie von keinem Muß!« antwortete Steinbach in erhobenem Tone. »Es kann mir Niemand eine Lüge aufzwingen. Ich glaube, was mir beliebt. Und in dem vorliegenden Falle glaube ich eben nicht Ihnen, sondern den Anderen.«

»Welche Beleidigung!« fuhr der Graf auf.

»Wenn Sie sich davon beleidigt fühlen, daß ich Ihrem Leugnen keinen Glauben schenke, so müssen Sie mich für einen geistig nicht sehr hochbegabten Menschen halten. Man müßte geradezu Idiot sein, um annehmen zu können, daß Sie die Wahrheit sprechen.«

»Herrrrr – Steinbach!«

Er betonte bei diesem Ausruf den bürgerlichen Namen des vor ihm stehenden Deutschen.

»Pah!« antwortete dieser achselzuckend.

»Wissen Sie, wen Sie vor sich haben?«

»Sehr wohl.«

»Und ich weiß ebenso gut, wen ich vor mir habe.«

»Das glaube ich nicht!«

»Sie sind ein gewisser Steinbach!«

»So?« antwortete der Genannte lächelnd auf die verächtlich ausgesprochenen Worte des Grafen.

»Ja, also ein Mann – ein Mann – – nun ja, wie eben jeder Andere auch ein Mann ist.«

»Ganz recht. Es ist eine Ehre, ein Mann zu sein. Wenn ich Ihnen aber sage, daß ich Sie kenne, so spiele ich damit keineswegs auf Ihre Titel an.«

»Ah! Auf was denn sonst?«

»Auf Ihre Thaten!«

»Gegen welche Sie doch nichts haben werden!«

»Ich habe gegen sie so viel wie möglich, denn ich kenne sie. Also wir scheinen uns über einander nicht zu täuschen.«

»Sie sich über mich aber doch!«

»Vielleicht haben auch Sie von mir eine falsche Ansicht. Wollen sehen, ob Sie auch Andere so gut kennen, zum Beispiel diesen Mann!«

Er öffnete die Thür, und Nena trat herein. Er erkannte den Grafen augenblicklich, dieser aber nicht ihn, denn er fragte:

»Ob ich diesen kenne? Wer ist der Mensch?«

»Betrachten Sie ihn sich genau!«

»Das thue ich ja.«

»Und Sie erinnern sich wirklich nicht, ihn bereits einmal gesehen zu haben?«

»Nein.«

»Er ist der Indier, von dem ich sprach.«

»Ah, etwa Nena?«

»Ja.«

Er erschrak und sein Auge haftete mit ungewissem Blicke auf dem Indier. Die Augen des Letzteren aber glühten. Er trat auf den Grafen zu.

»Hallunke!« rief er. »Du willst mich nicht kennen! Das ist eine großartige Lüge.«

»Oho!« antwortete der Graf. »Was gehst Du mich an. Ich habe Dich niemals gesehen!«

»Lügner!«

»Beleidige mich nicht!« donnerte der Graf.

»Dich kann kein Mensch beleidigen. Du leugnest also, mich bereits einmal gesehen zu haben?«

»Ja.«

»Du lerntest mich nicht in Nubrida kennen?«

»Nein.«

»Verführtest mich dort zum Schlechten?«

»Nein.«

»Locktest den Maharadscha und Semawa über die Grenze und nahmst auch mich heimlich mit?«

»Nein.«

Diese Fragen wurden in immer steigendem Tone gesprochen. Die Antworten folgten darauf in augenblicklicher Schnelle, ein Nein immer lauter und zorniger als das andere.

»Hast mich nicht verführt, auszusagen, daß der Maharadscha nicht Maharadscha sei?«

»Nein.«

»Mich dann Jahre lang als Diener mit Dir in der Welt herumgenommen?«

»Auch nicht!«

»Und mich als Sclaven verkauft?«

»Das ist die großartigste Lüge, welche ich in meinem Leben gehört habe. Du bist ein Schwindler.«

»Und Du bist ein teuflischer Verbrecher, den Allahs Strafgericht ereilen wird.«

»Schweig!«

»Nein. Ich schweige nicht. Ich will sprechen. Ich will es in alle Welt hinausschreien, was Du für ein Satan bist.«

Da wendete sich der Graf an Steinbach:

»Wenn Sie keine andere und bessere Unterhaltung für mich haben, so gehe ich natürlich.«

Er wendete sich nach der Thür.

»Halt! Bleiben Sie!« antwortete Steinbach.

»Wozu?«

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

»Aber nicht ich mit Ihnen.«

»Darnach kann ich nicht fragen. Sie bleiben!«

Da wendete sich der Graf, welcher die Thür bereits erreicht hatte, zu ihm um und rief:

»Wollen Sie mir das etwa befehlen?«

»Ja.«

»Aus welcher Machtvollkommenheit?«

»Aus meiner eigenen.«

»Die erkenne ich nun freilich nicht an. Ich möchte wissen, welche Macht Sie besitzen könnten!«

»Wohl mehr als Sie!«

»Sie? Ein gewisser, sogenannter Steinbach?«

»Ja. Sie bleiben, wenn Sie sich nicht dem Falle aussetzen wollen, daß ich Sie zurückhalte.«

»Wollen sehen, ob Sie das wagen.«

Er warf Steinbach einen niederschmetternd sein sollenden Blick zu und öffnete die Thür. Draußen standen Jim und Tim.

»Macht Platz!« gebot er.

»Dir?« fragte Jim. »Bleib drin!«

»Macht Platz!« wiederholte er.

»Bleib nur drin!« antwortete Jim abermals.

»Wenn Ihr etwa meint, mich halten zu können, so habe ich ein sehr probates Mittel, Euch mir vom Leibe zu schaffen.«

Er zog den Revolver aus der Tasche.

»Solche Mittel haben wir auch.«

Bei diesen Worten glänzten auch ihm zwei Revolver entgegen, und zu gleicher Zeit schlug Jim ihm den seinigen aus der Hand.

»Alle Teufel!« schrie er auf. »Was wagt Ihr!«

»Gar nichts!«

»Das sollt Ihr mir entgelten!«

Er wollte sich bücken, um seine Waffe aufzuheben; aber Tim ergriff ihn beim Kragen, schleuderte ihn in die Stube zurück und lachte:

»Will es Dir entgelten! Esel, schrei nicht so dumm. Du wirst ja doch nur ausgelacht.«

Der Graf war zur Diele niedergestürzt. Er raffte sich schnell wieder auf und wollte Tim erfassen. Dieser aber schlug ihm die Thür vor der Nase zu und schob den Riegel vor.

»Donnerwetter!« brüllte der Graf. »Das wagt man mir zu thun. Dem Grafen Alexei Polikeff!«

»Ich habe es Ihnen gesagt!« lachte Steinbach. »Fügen Sie sich. Sie setzen sich sonst noch ganz anderen Unannehmlichkeiten aus.«

»Mensch! Kerl! Soll das eine Drohung sein?«

Da zog Steinbach die Brauen zusammen und antwortete ihm in drohendem Tone:

»Kommen Sie mir nicht so!«

»Oho! Ich verlange, hinausgelassen zu werden!«

»Und ich befehle Ihnen, zu bleiben.«

»Sie? Mir? Ein Lump will einem Graf – – –«

Er hielt inne, denn er bekam in demselben Augenblicke von Steinbach eine solche Ohrfeige, daß er zu Boden flog.

Vor Wuth und Schmerz taumelnd raffte er sich wieder auf und wollte Steinbach packen.

»Bleiben Sie mir fern!« antwortete dieser.

»Erwürgen, erwürgen will ich Dich!« knirschte der Graf, indem er die Fäuste ausstreckte.

Er bekam aber einen Hieb, der ihn bis an die Wand schleuderte, wo er stehen blieb, sich wohl sagend, daß gegen eine solche Körperkraft nicht aufzukommen sei.

»Rühre Dich nicht, Schurke!« gebot Steinbach. »Ich besitze noch ganz andere Mittel, mir Gehorsam zu verschaffen. Gestehest Du ein, daß Du Nena kennst, welcher hier steht?«

Der Graf antwortete nicht. Er blieb still. Er biß die Zähne zusammen.

»Ich werde Dich sprechen lehren!«

Bei diesen Worten zog Steinbach die Knute aus Nena's Gürtel und trat auf den Grafen zu.

»Kennst Du ihn?« fragte er abermals.

»Nein,« wurde nun doch geantwortet.

Da trat Steinbach an die Thür und klopfte.

»Kennst Du auch Den nicht?« fragte er.

Sam Barth ließ den Maharadscha ein.

»Donnerwetter!« rief der Graf. »Laßt mich in Ruhe und laßt mich hinaus. Was gehen mich die unbekannten Gesichter an!«

»Sie sind Dir nicht unbekannt!«

»Vollständig unbekannt. Ich werde mich beschweren, und Ihr erhaltet Eure Strafe!«

»Pah! Seid Jahren folge ich Ihnen nach, um Sie zu ergreifen. Heute nun, wo ich Sie endlich, endlich habe, halte ich Sie auch fest.«

»Wollen sehen!«

Er flammte Steinbach mit glühenden Augen an. Da trat der Maharadscha auf ihn zu und sagte:

»Graf Polikeff, Du willst wirklich behaupten, daß Du mich gar niemals gesehen habest?«

»Das behaupte ich!«

»Und mich gar nicht kennst?«

»Ja.«

»Du weißt nicht, daß ich der Maharadscha von Nubrida, dem indischen Reiche war?«

»Nein.«

»Und doch hast Du vorhin mit mir gesprochen.«

»Kein Wort!«

»Lügner!« donnerte der Maharadscha.

»Du selbst bist einer!«

Da schlug ihm der Fürst die Faust in das Gesicht.

»Freches Subject! Vorhin hast Du mir Deine Angebote gemacht, und jetzt leugnest Du es mir in das Gesicht!«

Der Graf fuhr mit beiden Händen nach seinen Wangen. Er zitterte vor Grimm; aber die Uebermacht war gegen ihn. Er mußte sich fügen.

»Ihr seid Alle wahnsinnig!« schrie er auf. »Aber man wird Euch schon zu kuriren wissen!«

Wie gern hätte er sich ganz anderer Ausdrücke bedient. Aber er sah es ja voraus, daß er dann noch mehr Ohrfeigen erhalten werde. Er befand sich in der Gewalt Derjenigen, die er so unendlich unglücklich gemacht hatte, und durfte auf keine Nachsicht rechnen.

»Wohl uns, wenn wir wahnsinnig gewesen wären,« antwortete der Maharadscha. »Dann hätten wir die Leiden weniger gefühlt, die wir Dir zu verdanken haben. Jetzt endlich ist die Stunde der Vergeltung gekommen. Nieder auf die Kniee mit Dir!«

Der Graf sah ihn starr an.

»Knie nieder!« wiederholte Maharadscha.

»Das könnte mir einfallen!«

»Ja, es wird Dir einfallen! Willst Du gehorchen, oder nicht?«

»Vor Dir niederknieen? Niemals!«

»So schlage ich Dich nieder!«

Er erhob die Faust.

»Wage es!« stieß der Graf hervor.

Aber in demselben Augenblicke stürzte er, von der Faust des Maharadscha getroffen, zu Boden.

»Himmel, heiliges Donnerw– –!«

Er kam mit seinem Fluche nicht zu Ende, denn der Maharadscha nahm Steinbach Nena's Knute aus der Hand und schlug damit in der Weise auf den Grafen ein, daß diesem alles Raisoniren verging.

Der also Gezüchtigte wußte sich keinen anderen Rath, als daß er sich auf die Knie erhob und bat:

»Halt auf! Du erschlägst mich ja!«

»Gut! Aber bleib knieen!« antwortete der Maharadscha, indem er die Knute fortlegte.

»Und jetzt gestehe es ein! Kennst Du mich?«

Der Graf zögerte mit der Antwort.

»Rede!«

Er griff abermals nach der Knute. Das veranlaßte den Grafen zu sprechen. Er antwortete:

»Ich habe es schon gesagt: Ich kenne Dich nicht.«

»Und hast mich, den Maharadscha Banda von Nubrida, niemals gekannt?«

»Nein.«

»So werde ich so lange an Dir herumschlagen, bis Du es gestehst.« Er ergriff die Knute wieder und holte aus.

Da ergriff Steinbach seinen Arm und sagte:

»Halt ein! Es ist nicht meine Absicht, ihm auf diese Art Folter ein Geständniß zu erpressen. Will er nicht gestehen, so haben wir genug Mittel, ihn zu überführen.«

Und sich an den Grafen wendend, fügte er hinzu:

»Jetzt frage ich Sie noch einmal, wo ist Gökala?«

»Ich weiß es nicht.«

»Haben Sie sie nicht mit nach Sibirien gebracht?«

»Nein.«

»Gökala ist aber Semawa?«

»Auch nicht.«

»Und Sie haben Semawa nie gekannt?«

»Bei allen Heiligen schwöre ich es, nein!«

»Nun, dann kennen Sie vielleicht diese hier.«

Er öffnete die Thür und Semawa trat ein.

Der Graf fuhr aus den Knieen empor. Das hatte er nicht erwartet. Er war überzeugt gewesen, daß sie sich in Platowa befinde.

»Gökala!« rief er aus.

Sie antwortete ihm nicht. Sie blickte ihn nicht einmal an. Sie ging zu Mila und Karparla und setzte sich zu ihnen.

»Nun, Graf,« lächelte Steinbach. »Halten Sie Ihr Leugnen vielleicht auch noch jetzt aufrecht?«

»Ich habe nichts zu leugnen.«

»Schön! Sie geben es also zu?«

»Nein, nein! Wenn ich nichts zu leugnen habe, so meine ich damit, daß ein Schuldiger leugnen kann, nicht aber ein Unschuldiger.«

»Aber Sie werden doch jetzt nicht die Stirn haben, zu behaupten, daß Sie Gökala nicht kennen.«

»Ja, die kenne ich freilich!«

»Also kennen Sie doch auch Semawa.«

»Nein.«

»Aber Beide sind doch eine und dieselbe Person!«

»Davon weiß ich nichts.«

»Gökala behauptet, daß Sie es wissen.«

»Sie lügt.«

»Schweigen Sie! Diese Dame lügt nie!«

»Aber wenn sie diese Behauptung ausspricht, lügt sie, so ist sie eine Schwindlerin!«

»Graf, wagen Sie es um Gotteswillen nicht, noch einmal ein solches Wort auszusprechen! Ich will Sie nicht körperlich züchtigen lassen. Das widerstrebt meinen Gefühlen und Ansichten. Aber wenn Sie Gökala beleidigen, so lasse ich Sie todtpeitschen!«

»Das dürfen Sie nicht wagen!«

»O, ich wage es.«

»Sie würden bestraft werden.«

»Von wem?«

»Das Gesetz würde diesen Mord rächen.«

»Ich brauche das Gesetz nicht zu fürchten.«

»So stehen Sie also außerhalb desselben?«

»Wo ich stehe, das geht Sie nichts an. Sie befinden sich endlich in meiner Gewalt, und nun werde ich thun, was mir beliebt und was ich für das Richtige halte. Sie können sich Ihre Lage nur durch ein Geständniß Ihrer Schuld verbessern. Wollen Sie dasselbe ablegen?«

»Ich habe nichts zu gestehen.«

»Gut! Nun beschweren Sie sich ja nicht, wenn ich alle Strenge gegen Sie in Anwendung bringe. Höre, Sam, komm herein!«

Der Dicke, welcher draußen gewartet hatte, kam.

»Schaffe den Grafen zu dem einstigen Derwisch in die Räucherkammer!«

»Oho!« rief der Graf. »Dagegen protestire ich.«

»Sie haben nichts zu protestiren!«

»Ich bin nicht vogelfrei!«

»O nein. Sie sind im Gegentheile mein Gefangener.«

»Das eben dulde ich nicht!«

»Was wollen Sie dagegen thun?«

»Alles, was ich vermag!«

»Nun, das wird wenig oder gar nichts sein.«

»Sie haben kein Recht, mich meiner Freiheit zu berauben!«

»Ich frage den Teufel nach Ihren Ansichten!«

»Sie sind keine Polizei!«

»Allerdings nicht.«

»Und auch kein Beauftragter derselben.«

»Auch das nicht.«

»So haben Sie sich nicht an mir zu vergreifen!«

»Ich thue es dennoch.«

»Dann sind Sie ein Räuber, ein – –!«

»Schweigen Sie, sonst lasse ich Sie dennoch durchhauen!«

»So muß ich mich einstweilen fügen: aber ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen lassen!«

»Thun Sie das immerhin!«

»Meinen Sie etwa, daß man Sie nicht bestrafen könne, weil Sie ein Deutscher sind? So werden Sie – Ach, Gott sei Dank! Da kommt unerwartete Hilfe herbei!«

Sein Auge war durch das Fenster hinaus auf den Hof gefallen. Dort sah man den Major, welcher soeben vom Pferde sprang.

Sam hatte den Grafen beim Arme gepackt. Der Letztere riß sich los und wollte hinaus. Dort aber standen noch Jim und Tim an der Thür.

»Geh zurück!« rief der Erstere. »Ich habe Dir schon bewiesen, daß Du nicht durchkommst!«

Der Graf eilte zurück und an das Fenster, riß dasselbe auf und rief hinaus:

»Major! Herein, herein!«

»Was giebt es denn?« fragte der Officier.

»Ich brauche Hilfe, Hilfe.«

»Gegen wen?«

»Gegen Räuber, welche mich überfallen haben und gefangen fortführen wollen.«

»Scherz!« lachte der Major.

»Es ist Ernst, wirklicher Ernst!«

»Na, da bin ich doch neugierig:«

Er kam säbelrasselnd und sporrenklirrend herein geeilt, blickte sich um und erklärte:

»Ich hielt es für besser, Ihnen nachzufolgen. Die Bauern haben zuweilen harte Köpfe, und so hielt ich es für möglich, daß der Besitzer dieses Hofes sich weigern werde, die Pferde herzugeben.«

»Das hat er auch gethan.«

»Was! Du Hund willst die Pferde behalten?«

Diese zornige Frage war an den Dobronitsch gerichtet. Dieser antwortete furchtlos und ruhig:

»Ja, ich behalte sie.«

»Aber wir brauchen sie!«

»Das geht mich gar nichts an.«

»Schuft! Das muß Dich doch etwas angehen! Wir müssen sie haben!«

»Ich verkaufe sie nicht.«

»Wer spricht denn vom Verkaufen? Wir requiriren sie und nehmen sie mit. Wenn wir sie nicht mehr brauchen, so bringen wir sie Dir wieder.«

»Zunächst brauche ich sie selbst.«

»Das geht nun mich nichts an. Der Staat geht vor!«

»Nein; das Recht geht vor!«

»Mensch, was verstehst Du von einem Rechte? Der Kaiser ist das Recht, nach welchem ich handle.«

»Und das Recht, nach welchem ich handle, das bin ich selbst. Wer gegen dieses Recht verstößt, der hat es mit mir zu thun!«

Er sagte es in einem drohenden Tone, so daß der Major die Brauen emporzog und schnell fragte:

»Soll das eine Drohung sein?«

»Eine Warnung.«

»Für wen?«

»Für Jeden, der es unternehmen sollte, sich an meinem Eigenthume vergreifen zu wollen.«

»Das wäre ich?«

»Ich denke nicht, daß Du diese Absicht hast.«

»Und wenn ich sie doch habe?«

»So bist Du gewarnt.«

»Ah! Das wollte ich wissen! Du drohst mir also?«

»Nein. Ich wiederhole, daß ich nicht drohe, sondern nur warne. Man lasse mir mein Eigenthum!«

»Und ich werde mir die Pferde nehmen!«

»Ich werde mich dagegen wehren.«

»Wage es!«

»Sie sind mein Eigenthum, welches ich mir nicht nehmen lasse. Ich vertheidige es gegen jeden Raub.«

»Willst Du sagen, daß ich ein Räuber sei?«

»Wer sich an fremdem Eigenthum gegen alles Recht mit Gewalt vergreift, der ist ein Räuber.«

»Das ist mir noch nicht widerfahren!«

»So widerfährt es Dir jetzt.«

»Meinst Du, weil ich jetzt allein bin, könntest Du so auftreten? Ich werde fort reiten und mit einer ganzen Sotina von Kosaken zurückkommen!«

»Ich werde mich auch gegen sie vertheidigen.« »Ich schieße jeden nieder, der ein Pferd anrührt.«

»Das ist stark!«

»Siehst Du,« fiel jetzt der Graf ein, »so machen es die Bauern, wenn sie von diesen deutschen Hunden verhetzt werden.«

»Von welchen Deutschen?«

»Von dem Dicken da, welcher – –«

Er hielt inne. Er blickte sich nach Sam um und bemerkte, daß dieser verschwunden sei.

»Er ist fort,« sagte er.

»Wohin?« fragte der Major.

»Weiß es nicht. Aber er wird wiederkommen.«

»So werde ich ein ernstes Wort mit ihm reden. Doch sprachst Du nicht von mehreren Deutschen?«

»Ja. Ich meine auch noch diesen da, welcher mich gefangen nehmen lassen wollte.«

Er deutete auf Steinbach.

Dieser hatte gleich nach dem Eintritte des Majors Sam zu sich gewinkt und ihn gefragt:

»Du weißt also, daß der Kosak Nummer Zehn sich hier am Mückenflusse befindet?«

»Ja. Er ist hier versteckt.«

»Wo?«

»In einer verborgenen Höhle.«

»Und sodann dieser Boroda?«

»Ist bei ihm.«

»Kennst Du diese Höhle?«

»Ich weiß sie genau.

Das war natürlich sehr leise gefragt und beantwortet worden. Sie flüsterten noch einiges zusammen, wobei Sam Steinbach noch einige Erklärungen über Boroda gab; dann schlich sich der Dicke mit einem vor Freude leuchtenden Angesichte davon, wenige Augenblicke, bevor der Graf dann sein Verschwinden bemerkte.

Jetzt richtete der Letztere, wie bereits erwähnt, die Aufmerksamkeit des Majors auf Steinbach.

»Was?« fragte der Officier. »Gefangen nehmen lassen wollte er Dich? Warum denn?«

»Der Kerl hat ein Complott gegen mich geschmiedet.«

»Mit wem?«

»Mit diesen Kerls hier. Der Verbannte da will Maharadscha von Nubrida gewesen sein.«

»Diese Nummer Fünf? Welch ein Hirngespinst!«

»Ich soll ihn nach Sibirien gelockt haben.«

»Dem Kerl geben wir die Knute.«

»Und dieser Mensch hier ist ein Indier, welcher seinen Zeugen machen will.«

»Erhält auch die Knute!«

»Dieses Frauenzimmer behauptet gar, die Tochter des Ex-Maharadscha zu sein.«

»Die stecken wir ein.«

»Und nun dieser Mensch, der sich Steinbach nennt, ist der Anstifter des ganzen Planes.«

»Den peitschen wir, daß ihm die Haut in Fetzen von dem Leibe hängen soll!«

»Und endlich die beiden langen Kerls, welche dort an der Thür stehen, haben sogar mit Revolvern auf mich schießen wollen!«

»Also Mörder! Wir schießen sie krumm!«

Der Graf hatte auf jede Person, von welcher er sprach, mit der Hand gezeigt. Der Major hatte den Betreffenden angesehen und sodann augenblicklich sein Urtheil abgegeben.

»Einer der Hauptkerls ist soeben hinausgegangen,« fuhr der Graf fort. »Er wird aber, wie ich hoffe, bald zurückkommen.«

»So wird er seiner Strafe nicht entgehen.«

»Du siehst also ein, unter welcher Gesellschaft wir uns befinden. Dieses Haus ist eine Höhle, in welcher sie zusammenkommen.«

»Wie gut, daß wir das entdecken!«

»Ist es da ein Wunder, wenn Peter Dobronitsch sich öffentlich gegen Dich empört?«

»Nein, gar nicht. Aber er soll erfahren, was das zu bedeuten hat. Das ganze Volk, welches sich hier befindet, ist arretirt. Gehe schnell hinaus; reite nach der Stanitza und hole meine Kosaken. Ich werde hier bleiben, damit Keiner entkommt.«

Nichts kam dem Grafen gelegener als dieser Befehl. Er war natürlich ganz und gar überzeugt, daß der Major hier eine schlechte Rolle spielen werde; aber es war ihm darum zu thun, hinauszukommen. Darum wendete er sich jetzt schnell der Thüre zu. Aber da traf er auf Widerstand.

»Halt!« rief ihm Jim entgegen. »Du weißt ja, daß Du nicht fort darfst!«

»Hast Du nicht gehört, was der Major befahl?«

»Der hat nichts zu befehlen.«

»Hörst Du es?« fragte der Graf, sich zurück zu dem Major wendend.

Dieser Letztere trat zornig auf Jim zu und fragte ihn im drohendsten Tone:

»Was? Was hast Du jetzt gesagt?«

»Daß Du hier nichts zu befehlen hast.«

»Hund! So etwas wagst Du?«

»Da ist gar nichts zu wagen!«

»Weißt Du, daß ich Dich peitschen lassen werde, bis das Blut Dir in die Stiefel läuft?«

»Schön! Soll mir Spaß machen!«

»Jetzt lässest Du den Grafen hinaus!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Ich gebiete es!«

»Geht mich nichts an! Hier hat ein ganz Anderer zu befehlen.«

»Wer denn?«

»Der dort.«

Er deutete auf Steinbach. Der Major trat auf diesen zu und sagte:

»Mensch, Du also bist der Anführer?«

»Wie Du hörst,« lächelte Steinbach.

»So wird Dich die stärkste Strafe treffen!«

»Wollen es abwarten.«

»Ich befehle Dir, sofort die beiden Kerls von der Thüre fort zu nehmen.«

»Das kann ich nicht thun.«

»Warum?«

»Sie sind dorthin postirt, um den Grafen an der Flucht zu verhindern.«

»Der braucht vor Niemandem zu fliehen.«

»Er will es aber thun. Ich habe ihn arretirt, weil er sich gegen die Ge– –«

Er konnte nicht weiter sprechen, weil er durch einen Ausruf des Majors unterbrochen wurde.

In diesem Augenblicke nämlich war Sam wieder eingetreten. Bei ihm befanden sich Boroda und der desertirte Kosak Nummer Zehn. Der Blick des Majors war auf den Letzteren gefallen.

»Nummer Zehn!« rief er.

»Das war ich,« antwortete Georg von Adlerhorst ruhig und ohne Zeichen der Angst.

»Das warst Du? Hund, das bist Du! Das bist Du noch! Oder denkst Du etwa, daß ich Dich nicht kenne?«

»Du kennst mich. Du hast mich ja einige Male in Platowa gesehen und auch mit mir gesprochen.«

»Du bist desertirt?«

»Ja.«

»Dein Oberlieutenant war da.«

»Auch das weiß ich.«

»Er hat Dich nicht gefunden. Nun aber bist Du zufälliger Weise hierher gekommen und in eine Falle gerathen, aus welcher Du nicht wieder entkommen wirst. Du wirst als Deserteur erschossen.«

»Aber nicht sogleich!« lächelte Georg.

»Sofort! Ich werde ein Kriegsgericht zusammentreten und Dich verurtheilen lassen.«

»So! Da mögen dann die Herren bedenken, daß ich nicht eingefangen worden bin.«

»Was denn? Ich fange Dich!«

»Nein. Ich kam freiwillig hierher.«

»Du? Freiwillig? Wirst Dich hüten!«

»O gewiß. Ich bin geholt worden.«

»Von wem?«

»Von diesem da.«

Er deutete auf Sam. Der Graf trat herbei und bemerkte gegen den Major:

»Das ist nämlich der dicke Kerl, welchen ich vermißte, auch ein Deutscher.«

»So! Schön! Wird auch die Knute bekommen. Also er soll die Nummer Zehn geholt haben! Aus welchem Grunde denn?«

»Es wurde mir befohlen,« antwortete Sam.

»Von wem?«

»Von Steinbach dort.«

»Der hat Dir gar nichts zu befehlen, ganz und gar nichts. Wer ist denn der andere Kerl?«

»Mein Neffe.«

»Was will er hier?«

»Steinbach hat befohlen, daß er kommen soll.«

»Donnerwetter!« schrie der Major. »Steinbach und immer wieder dieser Steinbach! Ihn soll der Teufel holen! Ich wiederhole, daß er hier gar nichts zu befehlen hat! Woher bringst Du denn diesen Deinen Neffen?«

»Aus dem Walde.«

Das Gesicht, welches Sam während dieses Verhöres machte, läßt sich gar nicht beschreiben. Es war so dumm und doch so pfiffig, so albern und doch so listig überlegen.

»Wie heißt denn dieser Kerl?«

»Alexius Boroda.«

Sam sprach diesen Namen im gleichgiltigsten Tone aus. Der Major aber fuhr um mehrere Schritte zurück.

»Kerl!« schrie er. »Ist's wahr?«

»Natürlich! Ich bin sein Oheim und muß ihn also kennen.«

»Und das sagst Du mir in solcher Ruhe?«

»Warum nicht? Soll ich etwa dabei mit den Beinen strampeln?«

»Aber kennst Du auch die Folgen?«

»Ja.«

»Wir suchen den Kerl! Wir brennen die Fanale und Feuerzeichen an! Wir alarmiren die ganze Grenze, um den Kerl zu erwischen! Und da kommt er in aller Gemüthlichkeit hier hereingetreten! Ist das menschenmöglich! Ein Deserteur, Nummer Zehn, und ein Aufrührer, Alexius Boroda! Welch ein Fang! So etwas scheint unmöglich zu sein, ist doch aber möglich, wie ich sehe. Kerl, Boroda, wo sind denn Deine Leute?«

»Fort.«

»Und Du allein bliebst da?«

»Ich ganz allein.«

»Wo sind Deine Eltern?«

»Die sind allerdings bei mir.«

»Herrlich, herrlich! Also auch die habe ich fest. Aber, Mensch, Du mußt doch ganz und gar verrückt sein! Warum bist Du denn nicht mit über die Grenze gegangen?«

»Mein Onkel wollte nicht.«

»So! Und ihm zu Liebe lässest Du Dich fangen! Welch eine riesige, riesige Dummheit! Du wirst natürlich von heut an nicht mehr wachsen, sondern ganz im Gegentheile in kurzer Zeit um einen Kopf kleiner sein.«

»Unten oder oben?« scherzte Sam.

»Schweig, Du dickes Vieh!« schnauzte der Major ihn an. »Natürlich oben, denn man wird ihn enthaupten. Uebrigens wird man mit dem ganzen Volke hier, mit Euch Allen, sehr kurzen Prozeß machen. Ihr werdet Alle sterben müssen, Alle, Alle!«

Er drehte sich im Kreise um und warf einem jeden Einzelnen einen triumphirenden Blick zu. Da sein Auge zuletzt auf Steinbach haften blieb, so meinte dieser:

»Hoffentlich aber stellt man mit uns ein ordentliches Verhör an, bevor man uns Alle enthauptet!«

»Verhör? Ist gar nicht nothwendig.«

»Nun, ich halte es für sehr nothwendig!«

»Schweig! Du wirst gar nicht gefragt! Das Verhör habe ja soeben ich hier abgehalten. Eure Schuld ist erwiesen, und nun wird Euch der Prozeß gemacht.«

»Und wie lautet das Urtheil?«

»Tod durch Kugel und Blei und auf dem Schaffot durch den Henker.«

»Wird man uns vielleicht vorher erlauben, zu apelliren?«

»Fällt Niemandem ein!«

»Oder ein Gnadengesuch an den Kaiser zu richten?«

»Ist nicht nöthig. Es hätte doch keinen Erfolg und würde über ein Jahr in Anspruch nehmen. So lange können wir Euch nicht füttern.«

Er merkte gar nicht, daß Steinbach nur ironisch zu ihm sprach. Jetzt aber machte der Letztere ein ernsthafteres Gesicht und sagte:

»Darein würde sich wohl Niemand fügen!«

»Was? Ihr müßt, Ihr müßt!«

»Fällt mir nicht ein! Lieber ergebe ich mich nicht.«

»Willst Du Dich etwa wehren?«

»Ja.«

»Das wage nicht. Ich würde Dich hier mit meiner Knute eines Bessern belehren!«

»Du? Pah! Von Dir kann man gar nichts lernen!«

»Hund!«

»Wenigstens nichts Gutes.«

»Schweig! Sonst haue ich Dich lahm!«

Er zog die Knute.

»Pah! Du wärest der Letzte, von dem ich mich schlagen ließe. Ein Offizier, der sich von einem einfachen Zobeljäger so an der Nase herumführen läßt wie Du, von dem ist nichts zu lernen!«

»Kerl, das soll Dein letztes Wort sein!«

Er holte aus. Aber Steinbach griff schnell zu und hielt ihm die Peitsche.

»Du!« warnte er. »Das kann ich nicht gut vertragen!«

»Was frage ich darnach, was Du vertragen kannst! Laß die Peitsche los!«

»Du hast hier nicht zu schlagen!«

»Nicht? Kerl, ich knute Dich, mag hier stehen, wer nur immer will!«

»Wenns nun ein Vorgesetzter von Dir wäre!«

»Da haue ich Dich erst recht!«

»Ein sehr hoher Vorgesetzter!«

»Der kann mir den Rücken hinauf kriechen. Ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.«

»Also auch vor dem da nicht?«

Er warf schnell und gewandt den Oberrock ab und stand nun da in der Uniform eines Generallieutenants der russischen Gardekavallerie.

Der Major bewegte sich nicht. Er war ganz steif vor Schreck.

»Nun!« sagte Steinbach.

Der Major stieß einige Laute aus, deren Sinn nicht einmal errathen werden konnte.

»So knute doch!«

»Herr!« stammelte er.

»Bin ich nun noch der Anführer einer Räuberbande?«

»Verzeihung! Verzeihung! Excellenz!«

»Verzeihung? Davon wollen wir später sprechen. Ihre militärischen Eigenschaften gehen mich einstweilen nichts an; aber daß Sie sich von einem Schwindler und Verbrecher bethören lassen, das ist eigentlich unverzeihlich.«

»Schwindler?« fragte der Major kleinlaut.

»Ja doch!«

»Verbrecher? Wer sollte das sein?«

»Dieser Kerl hier, der Graf.«

Der Major blickte ganz rathlos von einem zum Andern. Der Graf aber war im wahrhaften Sinne des Wortes kreideweiß geworden. Es flimmerte ihm vor den Augen.

»Ein Verbrecher!« wiederholte der Offizier. »Unglaublich! Aber wenn Du es sagst, Excellenz, so ist es wahr.«

»Natürlich ist es wahr. Du hast seid gestern einige Dummheiten gemacht, welche Dir nur schwer vergeben werden können.«

»Excellenz, ich hoffe, daß Du nachsichtig sein wirst!«

»Wollen sehen. Vielleicht bin ich bereit, von den Vorkommnissen dieser Tage nichts gesehen und gehört zu haben.«

»Ich danke Dir! Die Hauptsache ist uns ja gelungen. Wir haben die Kerle.«

»Wir werden aber Beide wieder hergeben müssen, mein lieber Major.«

»Warum?«

»Weil sie begnadigt werden.«

»Von wem?«

»Vom Kaiser natürlich.«

»O, das dauert lange!«

»Nein. Das dauert fünf Minuten.«

»Unmöglich!«

»Und doch. Der Kaiser hat einige Blanco's gegeben, die ich nur auszufüllen brauche.«

Das riß den Major fast auf die Kniee nieder.

»Blanco's! Herr! Excellenz! Bist Du ein kaiserlicher Großfürst?«

»Nein,« lächelte Steinbach.

»Ein regierender Ausländer?«

»Still mit solchen Fragen!«

»Oder irgend ein Thronfolger? So etwas mußt Du sein, denn sonst hättest Du keine Blanco's erhalten. Du mußt gekommen sein in einer sehr wichtigen Angelegenheit, vielleicht einer hochwichtigen Untersuchung wegen.«

»Das hast Du ganz richtig errathen. Du sollst gleich sehen, welche wichtige Untersuchung und Angelegenheit es ist. Vorher aber wollen wir Kleineres ordnen.«

Er setzte sich in seiner brillanten, goldblitzenden Uniform an den Tisch und zog eine wohlgefüllte Brieftasche heraus. Der Bauer mußte ihm Tinte und Feder bringen, worauf er zwei große, bereits unterzeichnete und mit dem kaiserlichen Siegel versehene Formulare herausnahm, sie auseinander faltete und dann auszufüllen begann. Dann, als er fertig war, sagte er laut, so daß Alle es hören konnten:

»Zunächst habe ich Dir, Major, als hiesigen Oberstcommandirenden mitzutheilen, daß Seine Majestät geruht hat, den ehemaligen Hauptmann Georg von Adlerhorst, welcher als Nummer Zehn hier vor Dir steht, als unschuldig verurtheilt zu befinden. Aus diesem Grunde soll er augenblicklich entlassen und mit den nöthigen, reichlichen Mitteln versehen werden, um standesgemäß die Heimreise antreten zu können. Er wird als Oberstlieutenant verabschiedet und pensionirt werden, wobei ihm das auf die Jahre seines hiesigen Aufenthaltes rückständige Gehalt dieser hohen, militärischen Charge ausgezahlt wird. Hier ist der kaiserliche Ukas.«

Er gab dem Major das Schriftstück hin. Dieser las es durch, machte ein Zeichen demüthigen Erstaunens und gab es dann dem einstigen Kosaken Nummer Zehn.

»Hier hast Du den kaiserlichen Befehl,« sagte er. »Du bist von diesem Augenblicke an ein freier Mann.«

Georg von Adlerhorst überflog mit leuchtenden Augen die Zeilen, drückte das Dokument voller Wonne an sein Herz und stürzte auf Steinbach zu, um demselben zu danken.

»Lassen Sie, lieber Freund!« sagte derselbe abwehrend. »Sprechen wir später davon.«

Da kam Karparla herbei geeilt.

»Ists wahr? Ists wahr?« rief sie voller Entzücken aus. »Du bist frei, ganz frei?«

»Ja, vollständig frei,« antwortete er jubelnd.

»Dank, Dank sei dem Kaiser, der Dich begnadigt hat!«

»Begnadigt? O nein! Hast Du es denn nicht vernommen? Ich bin nicht begnadigt. Eine Begnadigung hätte ich abgewiesen. Nur der wirklich Schuldige kann begnadigt werden. Ich aber bin unschuldig. Und hier steht es ja auch Schwarz auf Weiß, daß der Kaiser mich als unschuldig verurtheilt befunden hat. Meine Ehre ist wieder hergestellt, und ich bin nicht nur in meine frühere dienstliche Stellung eingesetzt, sondern sogar zum Oberstlieutenant avancirt und werde die Pension dieser Charge erhalten und den Betrag, der während meiner Verbannung verflossenen Zeit dazu. Welch ein Glück!«

»Ja, welch ein Glück!« stimmte sie bei, die Arme um ihn schlingend. »Nun brauchst Du wohl auch nicht von hier zu entfliehen?«

»Nein. Das habe ich nun nicht nothwendig.«

»Kannst offen und ohne Scheu hier bleiben?«

»Hier bleiben oder abreisen,« nickte er ihr zu. »Ganz wie es mir beliebt. Ich bin nicht mehr vogelfrei.«

»Nicht abreisen! Du mußt bei uns bleiben!«

»Das mag ich denn doch nicht thun.«

»Warum nicht? Gelten wir Dir denn nichts?«

Steinbach ahnte, daß eine Weiterführung dieses Gespräches zu augenblicklichen Differenzen führen werde. Darum unterbrach er dasselbe:

»Davon wollen wir später sprechen. Jetzt habe ich hier den zweiten Ukas und bitte, von dem Inhalte desselben Notiz zu nehmen.«

Er gab das Dokument dem Major. Dieser las es aufmerksam durch und verkündete dann:

»Der geborene Deutsche und später naturalisirte russische Unterthan Karl Boroda, welcher zu lebenslänglicher Deportation verurtheilt wurde, ist sofort frei zu lassen und mit den nöthigen Mitteln zu versehen, um in die Heimath gelangen zu können. Sein confiscirtes Besitzthum ist ihm dort zurück zu erstatten sammt den Zinsen, welche es getragen hätte, wenn die Nutzniesung ihm verblieben wäre. Diese Zinsen sind bis auf acht Prozent auf das Jahr zu berechnen. Sollte dieser Karl Boroda einen Fluchtversuch unternommen haben, so ist ihm und allen Personen, welche ihm dabei halfen, die darauf ruhende Strafe zu erlassen und Alles, was sich dabei begeben haben könnte, als völlig ungeschehen zu betrachten.«

Ein lauter Freudenruf erscholl. Boroda hatte ihn ausgestoßen. Der Major gab ihm das Papier.

»Mann, Du hast ein großes Glück!« sagte er. »Nicht nur ist Dein Vater begnadigt, sondern Du selbst entgehst der Strafe. Danke es dem großen Zaren!«

»Dem Zaren? Nein, nicht ihm, sondern diesem Herrn da habe ich zu danken, keinem Andern.«

Er eilte auf Steinbach zu.

»Lassen Sie das!« wehrte dieser auch jetzt wieder ab. »Es freut mich herzlich, den Verwandten meines braven Sam Barth diesen kleinen Dienst erweisen zu können.«

Da geschah dasselbe, was vorhin bei Georg von Adlerhorst geschehen war: Auch Boroda wurde von weichen Armen umschlungen. Mila konnte dem freudigen Drange ihres Herzens nicht widerstehen. Sie kam zu dem Geliebten herbei, umfaßte ihn und rief:

»Alexius, Du bist frei! Welch eine große Ueberraschung! Nun brauchst Du Dich mit Deinen Eltern nicht mehr zu verstecken.«

»Nein,« jubelte er. »Das habe ich nicht mehr nöthig. Niemand darf mir mehr Etwas thun.«

»Du kannst nun offen bei uns bleiben und brauchst nicht heimlich nach Deutschland zu entfliehen.«

»Ja, aber nach Deutschland gehe ich doch!«

»Wirklich? Willst Du nicht in Rußland bleiben?«

»Nein. Ich habe hier zu viele schlimme Erfahrungen gemacht. Nun aber will ich vor allen Dingen zu den Eltern. Ihnen muß ich diese Botschaft bringen.«

Er wollte fort. Da aber vertrat der Major ihm sehr rasch den Weg zur Thür und fragte:

»Zu Deinen Eltern willst Du? Sind sie denn etwa hier?«

»Ja,« lachte Boroda.

»Wo sind sie denn?«

»Das ist ein Geheimniß.«

»Aber Du darfst es doch nun verrathen.«

»Werde mich hüten!«

»Es tritt ja keine Strafe ein!«

»Das ist freilich wahr; aber dennoch ist es besser, wenn ich die Sache ganz für mich behalte.«

»Sind sie denn auf Dobronitschs Besitzung?«

»Hm! Nein.«

Das war eine Unwahrheit, zu der er gezwungen war, um dem Bauer nicht zu schaden.

»Aber in der Nähe der Stanitza?«

»Ziemlich nahe.«

»Verflucht! Da geht bei uns Alles drunter und drüber; wir halten eine ganze, ewig lange Nacht am Flusse, um die Boroda's zu fangen; wir plagen und hetzen uns vergeblich ab, und nun erfahre ich, daß diese Leute sich ganz wohl und in Sicherheit befinden! Das ist doch, um sich todt zu ärgern!«

»Hoffentlich stirbst Du nicht daran,« antwortete Boroda, indem er herzlich lachte.

»Lache nicht! Ich werde es doch heraus bekommen, wo Deine Eltern sich versteckt haben.«

»Wie willst Du das anfangen?«

»Es ist sehr leicht. Ich brauche ja nur jetzt mit Dir zu gehen, wenn Du sie holst.«

»Werde ich Dich aber mitnehmen?«

»Darnach wirst Du gar nicht gefragt.«

»Nun, so versuche es einmal!«

Er schob den Major zur Seite und huschte zur Thür hinaus, dieselbe von draußen schnell verschließend.

»Alle Teufel!« rief der Offizier, welcher vergeblich an der Klinke herumdrückte. »Da bin ich nun als Gefangener eingeschlossen!«

»Wir ebenso,« meinte Steinbach lächelnd. »Sie sehen, daß mit Boroda nicht zu spaßen ist. Lassen Sie ihn laufen! Es hat ja nun kein Interesse mehr für uns, zu wissen, wo seine Eltern versteckt sind.«

»O, sogar ein sehr bedeutendes Interesse!«

»Sie sind ja doch begnadigt!«

»Aber jedenfalls befinden sie sich an einem Orte, welcher von den Flüchtlingen oft als Versteck benutzt wird.«

»Vielleicht zeigen sie es uns, wenn sie nachher kommen. Wir haben jetzt noch Nothwendigeres zu thun.«

»Etwa noch eine Begnadigung?«

»Nein, sondern etwas Anderes.«

Er ging zur Thür und klopfte. Sie wurde von Jim geöffnet, und Steinbach befahl, den einstigen Derwisch herein zu bringen. Dann wandte er sich an Georg:

»Herr von Adlerhorst, Sie werden jetzt einen Mann zu sehen bekommen, in Beziehung dessen es mir von großem Interesse ist, ob Sie ihn erkennen.«

»Wer ist es?« fragte Georg.

»Das will ich jetzt noch verschweigen. Sehen Sie sich ihn einmal recht genau an!«

Der frühere Kammerdiener der Familie Adlerhorst wurde gebracht. Als er die Anwesenden erblickte, erschrack er zusehends. Sie machten alle so feierliche, ernste Gesichter. Es war klar, daß hier etwas für ihn Unheimliches im Anzuge war.

Jim und Tim traten mit ein. Diese Beiden und Sam stellten sich so, daß es für ihn eine Unmöglichkeit war, durch die Thür zu entkommen.

»Ich habe Dich zu fragen, ob Du noch immer dabei bleibst, der Kaufmann Peter Lomonow aus Orenburg zu sein.«

Steinbach sprach diese Worte im strengsten Tone. Der Umstand, daß der Sprecher die Uniform eines der höchsten Offiziere trug, vermehrte die Bangigkeit des Verbrechers. Dennoch antwortete er leugnend:

»Ich bin Lomonow.«

»Warst Du in Amerika?«

»Nein.«

»Auch nicht in Konstantinopel und Tunis?«

»Auch nicht.«

»Und hast Du Dich nicht vorher im Dienste einer deutschen Familie befunden?«

»Nein.«

»Lüge, das ist Lüge!« rief da Georg von Adlerhorst. »Es sind seit jener Zeit viele Jahre vergangen, aber ich kenne ihn doch gleich wieder.«

»So! Wer ist er denn?«

»Er ist Florin, unser früherer Kammerdiener, ein geborener Franzose. Sein Gesicht ist gar nicht zu vergessen, wenn man es einmal gesehen hat.«

Florin erschrack, als er diese Worte hörte. Er starrte den Sprecher an, und es war zu bemerken, daß er ihn erkannte. Natürlich aber hütete er sich sehr, dies durch irgend ein Wort zu verrathen.

»Nun, fragte ihn Steinbach, »was sagst Du dazu?«

»Der Mann täuscht sich,« antwortete er.

»Erkennst Du ihn nicht?«

»Nein.«

»Oho! Er hat mich ja auch erkannt. Das war ihm anzusehen!« sagte Georg.

»Erkannt?« fragte Florin. »Ich habe Dich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen.«

»Das ist Lüge!«

»Ich habe auch den Namen einer Familie Adlerhorst noch nie gehört.«

»Aber in Deutschland warest Du?« fragte ihn Steinbach, indem er eine unbefangene Miene zeigte.

»Auch nicht.«

»Sonderbar! Du leugnest Alles ab. Und doch bin auch ich selbst ein Zeuge gegen Dich. Ich kenne Dich.«

»Ich Dich nicht!« behauptete Florin.

»Du hast mich mehrere Male gesehen.«

»Nicht ein einziges Mal!«

»Das ist nun freilich eine große und offenbare Lüge. Du warst in Amerika und nanntest Dich dort Bill Newton.«

Florin, welcher sein Heil im strengen Leugnen suchte, antwortete in verbissenem Ingrimm:

»Wenn Du von Lügen redest, so bin nicht ich, der sie macht. Es ist vielmehr Deine Behauptung eine große Lüge!«

»Höre, so darfst Du mir freilich nicht kommen. Wenn Du es noch einmal wagen solltest, mich auf diese Art und Weise zu beleidigen, so lasse ich Dich peitschen. Merke Dir das!«

»Hast Du das Recht dazu?«

»Ja. Ich befinde mich in einer sehr amtlichen Eigenschaft hier.«

»Beweise es!«

»Wünsche das ja nicht, denn ich würde es Dir durch die Knute beweisen. Befandest Du Dich nicht drüben im Staate New-Mexiko?«

»Nein.«

»Mit zwei sehr hübschen Burschen, welche Walker und Leflor hießen?«

»Nein.«

»Dann gingt Ihr nach dem Thale des Todes, aus welchem es Dir leider gelang, zu entweichen?«

»Davon weiß ich kein Wort.«

»Und vorher befandest Du Dich in Konstantinopel, wo Du den Pascha Ibrahim kanntest?«

»Ich habe ihn gar nicht gesehen.«

Bisher war die Unterredung in russischer Sprache geführt worden. Jetzt aber fragte Steinbach plötzlich in deutscher Sprache:

»Hast Du nicht dort zwei Fremde gesehen, welche Freunde waren und Wallert und Normann hießen?«

Diese Frage war der vorhergehenden Antwort so schnell gefolgt und in einem so gleichgiltigen Tone gesprochen, daß es Florin gar nicht auffiel, daß Steinbach jetzt plötzlich deutsch sprach. Er antwortete in derselben Sprache:

»Ich habe mich dort nie um Fremde gekümmert.«

»Sie waren Deutsche!«

»Das ist mir sehr gleichgiltig.«

»Schön! Aber dieselbe Gleichgiltigkeit hat Dich in die Falle geführt, welche ich Dir gestellt habe.«

»Ich soll mich in einer Falle befinden?«

»Ja. Erst leugnetest Du, in Konstantinopel gewesen zu sein. Dann sagst Du, daß Du Dich dort nie um Fremde gekümmert habest.«

»Ich sehe nichts von einer Falle!«

»Wenn Du von »dort« sprichst, mußt Du doch dort gewesen sein; das ist sehr einleuchtend.«

»Ich habe mich eines falschen Ausdruckes bedient.«

»So! Alsdann leugnetest Du, in Deutschland gewesen zu sein, und jetzt sprichst Du ein recht fließendes Deutsch.«

»Das habe ich im Auslande kennen gelernt.«

»Im Auslande pflegt man es nicht so richtig und fließend sprechen zu lernen.«

»Ich lernte es von geborenen Deutschen.«

*

96

»Ausrede! Auf diese Weise entkommst Du mir freilich nicht. Hier befinden sich fünf Zeugen, welche Dich entweder in Amerika oder der Türkei gesehen haben und es beschwören werden, daß Du Florin, Bill Newton und der Derwisch Osman warst. Außerdem hat Dich Graf Polikeff auch gekannt. Er wird das jetzt zwar leugnen; aber es giebt Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen. Du bist angeklagt, in Verbindung mit Ibrahim Pascha ein entsetzliches Verbrechen an der Familie Adlerhorst begangen zu haben. Man wird die Untersuchung gegen Dich einleiten.«

»Dagegen protestire ich!«

»Das hilft Dir gar nichts.«

»Ich kenne ja diese Familie nicht!«

»Man wird Dir beweisen, daß Du sie kennst. Es ist an Rußland, wo Du Dich jetzt befindest, das Ersuchen gegangen, Dich auszuliefern, und die Behörde wird diesem Wunsche entsprechen.«

»Das dulde ich nicht! Ich bin russischer Bürger!«

»Das bezweifle ich. Du wirst als mein Gefangener mit mir reisen.«

»Das fällt mir nicht ein!«

»Rede nicht so dumm! Was willst Du dagegen thun?«

»Ich wehre mich!«

»Beim geringsten Versuche des Widerstandes wirst Du gepeitscht, so daß Du sehr gern gefügig sein wirst.«

»Ich kann aber beweisen, daß ich wirklich Peter Lomonow aus Orenburg bin!«

»Womit?«

»Mit den Papieren, welche ich bei mir habe. Ich werde sie Dir vorlegen.«

Florin gab ihm die Legitimationen. Steinbach sah sie genau durch und meinte sodann:

»Es scheint, als ob weder das Alter noch das Signalement genau passe. Die Papiere sind vielleicht auf unrechtmäßige Weise in Deine Hände gekommen. Wir werden übrigens auf unserer Reise Orenburg berühren. Da wird es sich finden, ob Du der legale Besitzer derselben bist.«

Florin erschrak. Doch nahm er sich zusammen.

»Ich erkläre, daß man mich vergewaltigt. Ich kann nur durch die Polizei arretirt werden!«

»Die Polizei, das bin ich! Wir befinden uns hier im Grenzbezirk, in welchem selbst die Civilverhältnisse der Militärbehörde unterstehen. Und übrigens ist es mir sehr gleichgiltig, was Du denkst und sagst. Ich handle nach meinem Ermessen und warne Dich, Dich ja nicht gegen dasselbe aufzulehnen. Es würde Dir das jedenfalls sehr schlecht bekommen.

Florin warf einen wilden Blick umher.

»So bin ich also Dein Gefangener?« fragte er.

»Ja.«

»Noch nicht! Lieber todt!«

Er wendete sich blitzschnell nach der Thür und holte mit beiden Fäusten aus, um Sam, Jim und Tim von derselben fortzustoßen. Aber der kleine Dicke war ebenso schnell wie er. Er bückte sich, so daß der gegen ihn gerichtete Hieb daneben ging, und rannte ihm die beiden Fäuste so gegen den Leib, daß Florin wie ein Klotz zu Boden krachte.

»Recht so!« sagte Steinbach. »Bindet ihn!«

Dieser Befehl war in wenigen Augenblicken vollzogen. Florin schäumte vor Wuth. Er stieß eine Fluth von Verwünschungen aus, was aber gar nicht verhinderte, daß er nach einer Ecke geschleift wurde, wo ihm Jim noch einige derbe Fußtritte versetzte.

Jetzt kehrte Boroda zurück. Er brachte seine Eltern mit. Natürlich hatte er denselben bereits mitgetheilt, daß sie begnadigt seien und wem sie es zu verdanken hatten. Darum wendeten sie sich sofort an Steinbach, um ihm zu danken. Er aber wehrte sie ab, indem er bemerkte, daß es zum Dank auch später Zeit genug sei; jetzt gebe es Nothwendigeres zu thun.

Der Graf hatte bisher als stiller Zeuge dagestanden, regungslos an die Wand gelehnt. Sein Auge war mit haßerfülltem Blicke auf Steinbach gerichtet. Es tobte und stürmte in seinem Inneren. Er erkannte, daß ihm das Leugnen nichts helfen könne. Alles war verrathen. Steinbach wußte Alles, und es waren Zeugen vorhanden, gegen deren Aussage die seinige nichts gelten konnte.

Wo und wie gab es Rettung für ihn? Er sann und sann. In offenem Widerstande? Nein. Er war allein gegen eine solche Uebermacht. Diesen unerschrockenen Prairiejägern war er nicht gewachsen. Konnte er sich nicht durch List retten? Auch nicht. Seine Schuld lag ja offen zu Tage. Es war aus mit ihm. Sein Name war geschändet und seine Ehre dahin. Selbst wenn er auf Begnadigung rechnen konnte, war es ihm unmöglich, sich jemals wieder sehen zu lassen. Und auf Gnade war nicht zu rechnen. Was er gethan hatte, rief geradezu das Gesetz heraus.

Es gab nur Eins für ihn: die Flucht, die schleunigste Flucht. Er mußte fort, mußte die Weiten Sibiriens auf schnellen Rossen durchjagen, um ja nicht eingeholt werden zu können, mußte nach dem eigentlichen Rußland, wo seine Güter lagen, dort eiligst so viel Geld wie möglich zusammenraffen und damit in ein Land gehen, in welchem er nicht gefunden werden konnte.

Die Hauptsache war, jetzt zu entkommen. Draußen standen zwei gesattelte Pferde, deren er und der Major sich bedient hatte. Hinaus, in den Sattel und fort!

Aber wie?

Er knirrschte mit den Zähnen, als sein Blick auf Semawa fiel. Er hatte nach dem Besitze dieses herrlichen Wesens gestrebt, aber ohne auch den geringsten Erfolg. Nicht einmal berühren hatte er sie dürfen. Und nun stand sie da als die Hauptzeugin gegen ihn. Sie haßte und sie verachtete ihn; er war ihr so sehr zuwider, daß sie es verschmähte, ihn auch nur anzusehen. Ganz gewiß wurde sie nun das Eigenthum Steinbachs, dieses abenteuerlichen, geheimnißvollen Menschen, den er in den tiefsten Abgrund der Hölle verwünschte.

Dieser Gedanke erregte seine Nerven und spannte seine Muskeln und Flechsen zur größten Anstrengung. Er sah, daß die allgemeine Aufmerksamkeit jetzt auf den gefesselten Florin und auf Boroda's Eltern gerichtet war. Ihn selbst schien man weniger zu beachten. Dieser Augenblick war für sein Vorhaben günstig. Jetzt oder nie mußte er die Flucht versuchen.

Noch einen Blick warf er im Kreise umher. Kein Auge ruhte auf ihm. Er wagte es. Den Revolver aus der Tasche ziehend, that er einen Sprung nach der Thür.

Aber er hatte sich getäuscht. Er kannte Steinbach doch noch nicht. Dieser hatte ihn trotz seiner scheinbaren Gleichgiltigkeit doch nicht aus dem Auge gelassen. Mit einer gedankenschnellen Bewegung sprang er hinzu und faßte den Grafen am linken Arme.

»Halt!« rief er. »Sie bleiben!«

»Laß los!« schrie der Graf. »Sonst – – –!«

Er richtete den Revolver auf Steinbachs Brust und drückte ab. Steinbach aber schlug ihm noch im richtigen Moment die Waffe aus der Faust. Der Schuß ging zwar los, doch fuhr die Kugel in den Boden.

»Also auch Mörder!« sagte Steinbach. »Man wird sich vorsehen müssen. Bindet auch ihn!«

Er schleuderte den Grafen dahin, wo Jim, Tim und Sam standen. Diese nahmen ihn sofort in Empfang. Die beiden Ersteren legten ihre Arme um ihn, so daß er sich gar nicht bewegen konnte, und der Dicke zog einige Riemen aus der Tasche, mit denen er den Grafen an Händen und Füßen band.

»So, mein Bester!« lachte er. »Habe mich mit diesen Riemchen versehen, weil ich ahnte, daß wir Dich ein Wenig binden würden, grad wie den ehemaligen Kammerdiener.«

Der Gefesselte wurde auf einen Stuhl gesetzt. Die Flucht war mißlungen. Er sah die Augen Aller auf sich ruhen und schloß die seinigen. Was er fühlte, das war gar nicht zu beschreiben.

Haß, Wuth und Scham rangen mit einander in seinem Inneren um die Oberhand. Es hatte ihn eine Aufregung ergriffen, welche sich nicht nur seines Geistes, sondern auch seines Körpers bemächtigte. Er zitterte an allen Gliedern. Seine Brust wogte heftig, und sein Athem drang hörbar, fast pfeifend aus seinem Munde.

Semawa war auf Steinbach zugeeilt.

»Um Gotteswillen! Bist Du verwundet?« fragte sie voller Angst.

»Nein. Die Kugel ging fehl.«

»Dem Himmel sei Dank! Mir bebt das Herz.«

»Sei ruhig, meine Seele! Ich befinde mich ganz wohl, so wohl, daß ich in meinen Eröffnungen fortfahren kann.«

Er zog ein Papier aus der Brieftasche und reichte dasselbe dem Major, indem er sagte:

»Sie sind hier Commandirender. Ihnen muß ich also diesen Verhaftsbefehl vorzeigen.«

Der Officier nahm den Zettel und las:

»Dem Vorzeiger Dieses steht es zu, den Grafen Alexei von Polikeff zu verhaften, wo und wie er ihn nur immer findet. Seinen Anordnungen ist von allen Behörden Folge zu leisten, grad als ob ich selbst mich an seiner Stelle befände.«

Unterzeichnet war der Justizminister.

»Ah, welch eine Machtvollkommenheit!« sagte der Major erstaunt. »So etwas habe ich freilich noch nicht erlebt.«

»So haben Sie wohl auch Dieses noch nicht erlebt?«

Steinbach nahm, indem er dies sagte, von dem Tische, an welchem er vorhin geschrieben hatte, ein weiteres Document und gab es ihm.

»Abermals vom Kaiser selbst unterzeichnet!« rief der Officier, als sein Blick auf die Unterschrift fiel.

»Bitte, lesen Sie laut vor!«

Der Inhalt lautete:

»Der zu ewiger Verbannung in die Zobelwälder verurtheilte Inhaftat Nummer Fünf soll, sobald es sich herausstellt, daß er der Maharadscha Banda von Nubrida ist, sofort entlassen werden. Es ist seine Reise nach Petersburg an den kaiserlichen Hof zu verfügen, wobei ihm alle Ehren zu erweisen sind und dafür zu sorgen ist, daß die Reise mit der Bequemlichkeit geschieht, welche seinem hohen Stande angemessen ist.

Die Untersuchung wird ergeben, auf welche Weise ein so außerordentlicher Fall ermöglicht werden konnte. Doch hat bereits jetzt die Vorbestimmung in Kraft zu treten, daß ihm für jedes Jahr seiner Verbannung ein Lak Rupien auszuzahlen sind, welche Summe der Graf Polikeff zu tragen hat. Aus diesem Grunde sind die Güter des Letzteren augenblicklich mit Beschlag zu belegen.«

Ein Lak Rupien ist indisches Geld und heißt so viel wie hunderttausend Rupien oder hundertneunzigtausend Mark.

Diese Verfügung rief natürlich ein ganz außerordentliches Aufsehen hervor.

»Vater, mein Vater! Du bist frei!« rief Semawa, indem sie sich an seine Brust warf.

Die Anderen eilten auf ihn zu, um ihm zu gratuliren. Er winkte sie von sich ab. Er war sprachlos vor freudiger Ueberraschung und mußte sich niedersetzen.

Die Scene, welche es nun gab, war gar nicht zu beschreiben. Die Personen, denen nach so langen Leiden die goldene Freiheit wieder winkte, konnten sich vor Freude gar nicht fassen. Das war ein Jubeliren und Jauchzen! Natürlich flossen Alle von Dankesworten gegen Steinbach über.

Und der Graf und Florin mußten Zeuge dieses Jubels sein! Das war nicht die geringste Strafe, welche sie traf. Besonders dem Grafen war es, als ob er vor Wuth wahnsinnig werden müsse.

Als sich dann die freudige Aufregung etwas gelegt hatte, sagte der Major, welcher ein echt russisches, gutes Herz besaß:

»Ich freue mich mit Euch Allen, obgleich der schlimmste Theil davon auf mich gefallen ist. Mir sind die Flüchtlinge mit Allem entwischt, was sie mitgenommen haben. Ich werde mich wohl kaum verantworten können. Ich muß ihnen nach und hoffe, daß Du mir Deine Pferde dazu giebst.«

Diese Worte waren an Peter Dobronitsch gerichtet, welcher ihm antwortete:

»Gern, sehr gern würde ich es thun. Zumal in der jetzigen glücklichen Stimmung kann ich nicht gern einen Wunsch versagen.«

»Ich hoffe, daß Du ihn mir erfüllst!«

»Es ist mir leider unmöglich.«

»Warum?«

»Weil die Pferde nicht mehr mir gehören. Ich habe Alles verkauft und die Pferde dazu.«

»Was! Davon weiß ich doch gar nichts?«

»Es ist in der Stille geschehen.«

»Nun so kannst Du mir also die Pferde nicht verweigern. Sie gehören nicht mehr Dir, und ich werde sie mir also nehmen.«

»Das geht nicht. Ich habe das Gut noch nicht übergeben. Der Käufer verlangt, was er bezahlt hat und würde mir also den Betrag der Pferde abziehen.«

»Den bekommst Du später von mir zurück.«

»Danke sehr! Du würdest mir nicht zahlen, was ich verlange, und übrigens bin ich dann wohl nicht mehr hier.«

»Willst Du fort?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Nach – nach – – nach Deutschland.«

Dieses letztere Wort wollte ihm gar nicht recht vom Munde, und als es heraus war, athmete er wie erleichtert auf.

»Nach Deutschland?« fragte der Major. »Wie kommst Du auf diesen dummen Gedanken?«

»Der da hat ihn mir eingegeben.«

Er deutete auf Sam.

»Der da? Der Dicke? Das traue ich ihm zu. Dieser dicke Mensch ist im Stande, allein eine Revolution hervor zu rufen. Wie kommt er aber auf diesen Gedanken?«

»Seines Neffen wegen.«

»Wegen Boroda? Was hat er damit zu thun?«

»Er zieht ja nach Deutschland, und da muß ich mit.«

»Du? Warum?«

»Als – sein –,– Schwiegervater.«

»Schwie – schwie – schwie –!«

Das Wort blieb ihm im Munde stecken, und erst nach einer Weile fuhr er fort:

»Schwiegervater! Du bist der Schwiegervater dieses berüchtigten – – Donnerwetter!«

»Ja,« nickte Dobronitsch lachend.

»Ah, nun geht mir freilich ein großes Licht auf. Auf diese Weise konnte ich ihn nicht erwischen. Du selbst, Du hast ihn versteckt!«

»Wer sagt das?«

»Schweig! Das versteht sich ja ganz von selbst! Willst Du es vielleicht nicht eingestehen?«

»Nein.«

»Nein? Nun, das ist wohl auch gar nicht nöthig. Ich weiß doch, woran ich bin. Ihr Kerls habt mich an der Nase herumgeführt. Ein Glück für Euch, daß Ihr fort macht! Sonst wollte ich es Euch entgelten. Prügel solltet Ihr bekommen, daß die Haut aufspringt!«

Er sagte das halb im Scherze und halb im Ernste. Steinbach versuchte, ihn zu trösten:

»Auf die Pferde unseres Wirthes werden Sie verzichten müssen. Uebrigens, wenn die Flüchtigen entkommen, so geht die Welt nicht deshalb unter. Ich werde schauen, ob es mir möglich ist, dieser Angelegenheit eine solche Wendung zu geben, daß Sie keine Unannehmlichkeiten davon haben.«

»Excellenz! Wollten Sie das wirklich?«

»Ja, ich will es.«

»Dann bin ich beruhigt. Nach Allem, was ich hier gesehen, gehört und erfahren habe, sind Sie der Mann, welcher sein Wort zu halten vermag. Mir fällt ein Stein vom Herzen!«

»Wenn er fällt, so lassen Sie ihn getrost liegen. Es verlohnt sich nicht, ihn wieder aufzuheben. Sie sehen, wie glücklich wir uns Alle fühlen, und da wünsche ich, daß auch Sie zufrieden sind. Schauen Sie nur diese Beiden an! Sehen sie nicht aus, als ob sie sich bereits im Himmel befänden?«

Er deutete auf Boroda und Mila, welche sich umschlungen hielten. Sie waren allerdings glücklich, da der Bauer ganz ungefragt sein Jawort ertheilt und zugleich auch verkündet hatte, daß er mit nach Deutschland ziehen wolle.

Seine Frau, die gute Maria Petrowna, war darüber so freudig überrascht, daß sie ihn eben jetzt beim Kopfe nahm, um ihn recht herzhaft abzuküssen.

»Ja, die können glücklich sein!« antwortete der Major. »Bei mir aber steht es anders.«

»Nehmen Sie nur an ihrem Glücke theil. Die Verlobung ist ausgesprochen worden und muß in Folge dessen auch gefeiert werden. Sie bleiben da!«

»Ich? Unmöglich! Ich muß den Flüchtlingen nach.«

»Pah! Die erwischen Sie nun doch nicht mehr.«

»Hm! Verdammte Geschichte!«

»Lassen Sie! Denken Sie nicht mehr daran!«

»Nicht mehr daran denken! Ich darf nicht hier bleiben. Ich kann es nicht verantworten.«

»So verantworte ich es.«

»Ja, wenn Sie das auf sich nehmen, so ist es etwas ganz Anderes.«

»Schön! Sie bleiben also und senden einen Boten nach der Stanitza, damit man weiß, wo Sie sind. Peter Dobronitsch bist Du einverstanden, daß die Verlobung gefeiert wird?«

»Ja. Meinetwegen gleich die Hochzeit!«

»Damit wollen wir noch warten. Vielleicht finden sich noch einige andere Paare dazu.«

»Ganz wie Du willst, Herr. Nun soll mein Wein, den ich noch habe, zu Ehren kommen, und ich lasse einen ganzen Ochsen braten. Den Befehl dazu werde ich sofort ertheilen.«

Jetzt erlangte Alles ein sehr festliches Gepräge. Der Graf und Florin wurden in die Räucherkammer geschafft und dort eingeschlossen. Draußen vor dem Hause brannte man ein großes Feuer an, an welchem der Ochse nach tungusischer Weise gebraten werden sollte.

Bula, der Fürst, rief seine Leute herbei und opferte ihnen auch ein ganzes Rind und mehrere Schafe. Bald erfüllte der Bratenduft die ganze Gegend, und wo es vor Kurzem so kriegerisch ausgesehen hatte, da saßen jetzt die Menschen glücklich und in Frieden bei einander.

Da gab es zu fragen und zu antworten, zu erzählen und zu berichten.

Vor Allem war es Steinbach, auf den die allgemeine Aufmerksamkeit gerichtet war. Das Geheimniß, welches seine hohe, imposante Person umgab, verdoppelte die Ehrerbietung, welche man ihm widmete.

Er bemerkte das gar wohl und bemühte sich so viel wie möglich, das allgemeine Interesse von sich abzulenken. Aus diesem Grunde vertauschte er die Uniform mit einem gewöhnlichen Anzuge und zog sich dann in den Garten zurück, um über das Geschehene nachzudenken.

Aber er sollte nicht lange allein auf der Bank sitzen, an welcher vorhin die Erkennungsscene zwischen Semawa und ihrem Vater stattgefunden hatte.

Das herrliche Mädchen hatte ihre Zeit bis jetzt natürlich ihrem Vater gewidmet. Nun aber dachte sie auch an den Geliebten. Als sie ihn nirgends erblickte, begab sie sich nach dem Garten. Ihr Herz sagte ihr, daß er ganz gewiß an dem Orte zu finden sein werde, an welchem er ihr den Vater wiedergegeben hatte.

Als er sie kommen sah, stand er auf, ergriff ihre beiden Hände und zog sie neben sich nieder.

»Suchtest Du mich, Gökala?« fragte er.

»Ja; ich hatte Dich doch ganz vernachlässigt.«

»Das darfst Du nicht sagen. Du gehörst jetzt Deinem Vater, und ich bin Nebenperson.«

»Nebenperson? O nein! Grad die Hauptperson bist Du. Dir ist ja alles, alles Glück zu verdanken, welches heut hier eingekehrt ist. Oskar, ich weiß nicht, wie ich das, was ich empfinde, in Worte fassen soll!«

Er zog sie an sich und antwortete:

»So fasse es gar nicht in Worte. Solche Seligkeiten sind nicht auszudenken und also noch viel weniger auszusprechen. Das fühle ich ja auch selbst. Daß ich Dich nun endlich, endlich gefunden habe und mein Eigen nennen darf, dieses Entzücken kann ich ja auch nicht beschreiben. Ich befinde mich in ganz anderen Regionen. Es ist mir gar nicht, als ob ich mich noch auf der Erde und gar in Sibirien befände. Ich bin – bin – ja, ich bin vor Glück so aus der Fassung gekommen, daß ich nicht einmal weiß, wie ich Dich nennen soll.«

Sie hatte das Köpfchen an seine Brust gelegt und blickte fragend zu ihm auf.

»Soll ich Gökala zu Dir sagen oder Semawa?« fragte er.

»Welches ist Dir lieber?«

»Mir gelten beide Namen gleich. Freilich als Gökala habe ich Dich kennen gelernt. Und dieser Name ist mit dem Bilde, welches ich von Dir im Herzen trug, auf das Innigste verwachsen.«

»So nenne mich auch ferner Gökala!«

»Und dennoch ist mir der Name auch verhaßt, denn der Graf hat ihn Dir gegeben. Ich möchte alle Erinnerung an diesen Menschen aus meinem Herzen reißen. Wie nennt Dein Vater Dich?«

»Wie er mich stets genannt hat, Semawa.«

»So sollst Du auch aus meinem Munde Semawa heißen. Semawa klingt ebenso reizend wie Gökala. Und doch, wie unendlich schöner noch als der Name bist Du selbst!«

»So genüge ich Dir?« fragte sie, indem sie mit einem glücklichen Lächeln zu ihm aufblickte.

»Genügen! Welch ein Wort! Kann ein Engel einem Sterblichen genügen!«

»Ja,« lächelte sie, jetzt aber ein wenig ironisch. »Ich bin ein höheres Wesen gegen Dich. Das ist sehr wahr.«

Er blickte ihr forschend in das Gesicht.

»Wie meinst Du das?«

»Nun, steht die Tochter eines indischen Maharadscha nicht unendlich höher als ein armer Assessor am deutschen auswärtigen Amte?«

Er lachte lustig auf.

»Ach ja! Ich bin ja nur Assessor.«

»Und das habe ich geglaubt!«

»Wirklich?«

»Nein. Ich schwieg dazu, weil ich glaubte, Du habest Veranlassung, Deinen Stand zu verschweigen.«

»Die habe ich auch. Aber bitte, sage mir doch, für was Du mich gehalten hast?«

»Darüber habe ich nicht nachgedacht.«

»So ist meine Person Dir so sehr gleichgiltig, daß Du Dich mit dieser Frage gar nicht beschäftigen wolltest?«

»Oskar! Ich liebte Dich. Ich wußte, daß Dir mein Herz gehörte und daß das Deinige mein Eigen sei. Das war mir genug. Alles Andere ging mich einstweilen noch nichts an.«

Er küßte sie innig auf den ihm rosig entgegenschwellenden Mund.

»Mein herrliches, herrliches Wesen! So soll und so muß es sein. Die Liebe ist sich selbst genug. Aber das böse Leben stellt leider auch seine Ansprüche, mit denen man zu rechnen hat, und so wirst Du Dich nun wohl auch fragen müssen, wer Der ist, den Du liebst.«

»O nein. Das thue ich nicht. Mich selbst frage ich nicht.«

»Wen sonst?«

»Und wenn ich es Dir nicht sage?«

»Wirst Du so grausam sein?«

»Nein. Und doch möchte ich mich noch ein Wenig länger in dieses reizende Geheimniß hüllen.«

»Hast Du Veranlassung dazu?«

»Ja.«

»So thue es! Ich werde nicht in Dich dringen.«

»Ich danke Dir! Aber einstweilen will ich Dich versichern, daß ich der Tochter eines indischen Fürsten vielleicht ebenbürtig bin.«

»Oskar! Das will ich nicht wissen! Ich liebe Dich, und wärst Du ein armer, armer Arbeiter, ich würde Dir gehören.«

»Ob Dein Vater Dir es erlaubte?«

»Gewiß!«

»Kennst Du ihn so?«

»Ja. Er liebt mich sehr und würde nichts thun, was mein Glück verletzen könnte. Ich muß ihn bei Dir entschuldigen. Er ist so voller Dankbarkeit gegen Dich und hat dieselbe noch gar nicht so recht ausgesprochen.«

»Er hat mir gedankt. Du brauchst ihn also nicht zu entschuldigen.«

»Er hat gedankt, ja, aber wie! Es war ja keine Rede, sondern nur ein Stammeln.«

»Semawa, dieses Stammeln war beredter als wenn er viele Worte gemacht hätte. Ahnt er, daß wir uns lieb haben?«

»Er ahnt es nicht nur, sondern er weiß es.«

»Von Dir?«

»Ja. Ich habe es ihm gesagt.«

»Unaufgefordert?«

»Nein. Er fragte mich. Er hatte ja gehört, was ich zu Dir sagte, als ich Dich für verwundet hielt.«

»Und wie ist seine Entscheidung gefallen?«

Sie schlang beide Arme um ihn und antwortete:

»Ganz nach dem Wunsche meines Herzens. Er war so glücklich, als er hörte, daß mir Dein Herz gehört. Er sagte, es gebe keinen Würdigeren, als ich wäre. Wirst Du mit ihm davon sprechen?«

»Ja, aber nicht jetzt. Erst mögen sich die Wogen legen, welche jetzt noch durch unsere Seelen fluthen. Dann will ich ihn um Dich bitten. Wo ist er jetzt?«

»Das Glück hat ihn so angegriffen, daß er ermüdet ist. Er hat sich niederlegen müssen; aber ich sorge mich nicht um ihn. Er wird desto gestärkter erwachen.«

Die beiden Liebenden saßen noch einige Zeit bei einander. Dann wurden sie gestört. Die Eltern von Alexius Boroda kamen. Sie waren in den Garten gegangen, um sich für einige Zeit dem bewegten Leben zu entziehen, welches jetzt in der Nähe des Hauses herrschte. Sie fühlten das Bedürfniß, sich gegenseitig über die glückliche Wendung auszusprechen, welche ihr Schicksal am heutigen Tage genommen hatte.

Als sie die Beiden sitzen sahen, wollten sie sich entfernen; aber Steinbach bat sie, näher zu kommen. Sie befolgten diese Aufforderung in ehrerbietiger Weise und nahmen neben ihnen Platz, da die Bank lang genug für vier Personen war.

Die alten, glücklichen Leute wollten sich abermals in Dankesworten ergehen; aber Steinbach schnitt ihnen die Rede ab, indem er sie fragte:

»Sind Sie denn nun auch jetzt, da Sie sich offen zeigen dürfen, gewillt, mit mir zu reisen?«

»O, gern, wenn Sie es uns erlauben!«

»Ich erlaube es nicht nur, sondern ich sage Ihnen aufrichtig, daß es mich freut, Sie bei mir haben zu können.«

»Solche einfache Leute!«

»Einfach zu sein ist keine Schande, sondern eine große Ehre. Uebrigens möchte ich meinen guten Sam nicht vermissen, und ich weiß doch sicher, daß er bei Ihnen bleiben würde, wenn Sie nicht mit mir reisen.«

»Er hat uns außerordentlich viel von Ihnen erzählt, gnädiger Herr General.«

»Nennen Sie mich nicht General, sondern ganz einfach Steinbach wie bisher. Was ich eigentlich bin, das ist jetzt Nebensache. Haben Sie sich schon schlüssig gemacht über das, was Sie in der Heimath beginnen werden?«

»Nein.«

»Auch nicht über den Ort, an welchem Sie sich niederlassen wollen?«

»Wir haben noch nicht darüber nachgedacht.«

»Nun, was das betrifft, so wünsche ich sehr, daß Sam in meiner Nähe bleibe. Da Sie sich nun jedenfalls nicht von ihm trennen mögen, so möchte ich Sie bitten, Ihre Entscheidung einstweilen noch nicht zu treffen. Vielleicht mache ich Ihnen später einen Vorschlag, welchen Sie acceptiren werden. Verwandte haben Sie weiter nicht?«

»Nein. Sam ist unser einziger Verwandte.«

»Und Kinder auch nicht, die vielleicht bei Ihrer Transportation zurück geblieben sind?«

»Nein. Wir nahmen die beiden, welche wir hatten, mit.«

»Ich kenne nur Alexius. Sie haben also außer diesem noch ein Kind?«

»Jetzt nicht mehr. Es ist gestorben.«

»Während Ihrer Verbannung natürlich?«

»Nein, sondern während des Transportes.«

»Das beklage ich mit Ihnen. Vermuthlich hat es die Anstrengungen der langen Reise nicht auszuhalten vermocht?«

»Noch schlimmer als das. Es ist erfroren.«

»O weh! Welche Schmerzen muß Ihnen eine solche Erinnerung bereiten! Es war ein Knabe?«

»Nein, ein Mädchen. Wir wissen nicht einmal, wo wir das Grab dieses Kindes zu suchen haben.«

»Sie müssen sich doch den Namen des betreffenden Ortes gemerkt haben?«

»Es gab da keinen Ort. Es war unterwegs. Ganz zufällig trafen wir auf das Winterlager von Eingeborenen.«

Jetzt wurde Steinbach aufmerksam.

»Ein Winterlager von Eingeborenen?« fragte er. »Wissen Sie vielleicht, welcher Völkerschaft sie angehörten?«

»Wenn ich mich nicht irre, waren es Tungusen.«

»Sagen Sie mir doch, wie der letzte Ort hieß, durch welchen Sie gekommen waren!«

»Es war vier Tage, nachdem wir Irkutsk verlassen hatten. Wir zogen über eine jener entsetzlichen Ebenen, welche hier Tundra genannt werden.«

»Diese Ebenen aber haben ihre bestimmten Namen. Können Sie sich nicht auf den Namen jener Tundra besinnen.«

»Gar wohl! Ich werde ihn niemals vergessen. Sie wurde die Tundra des Mooses genannt.«

»Ah! Sonderbar!«

Er sagte das in einem Tone, welcher die Aufmerksamkeit des Ehepaares erregte.

»Bitte, was ist sonderbar?« fragte Bart.

»Sonderbar ist, daß auch ich von einem Kinde weiß, welches dort begraben wurde.«

»Ein Kind Verbannter?«

»Ja.«

»War es ein Mädchen?«

»Ein kleines Mädchen, welches erfroren war.«

»Vielleicht ist es das unsere!«

»Bitte, beschreiben Sie mir das Kind! Welche Farbe hatten die Haare?«

»Sie waren blond.«

»Und die Augen?«

»Himmelblau. Es war ein so liebes, schönes Kind, und es hat so langer Zeit bedurft, bevor wir uns über diesen Verlust trösten konnten.«

»Waren Sie denn bei den Tungusen eingekehrt?«

»Nur auf ganz kurze Zeit. Als meine Frau das Kind aus der Hülle nahm, um es am Feuer zu erwärmen, war es todt.«

»Sie armen Leute! Natürlich haben Sie es gleich dort an Ort und Stelle begraben müssen?«

»Nicht einmal das war uns vergönnt. Der uns eskortirende Officier erklärte, daß er nicht so lange warten könne. Wir mußten die Leiche den Tungusen zurücklassen, welche uns versprochen, sie einstweilen in den tiefen Schnee zu betten und dann, wenn im Frühjahre der Erdboden aufgethaut sei, ihr ein richtiges Grab zu geben. Sie können sich denken, mit welchen Gefühlen wir dann fortgezogen sind, immer weiter in den fürchterlichen Wintersturm hinein!«

»Es war kein heiterer Wintertag?« fragte Steinbach, um sich ganz genau zu orientiren.

»O nein. Es herrschte vielmehr ein Schneesturm, wie ich ihn so entsetzlich kaum jemals wieder erlebt habe, selbst in Ostsibirien nicht.«

»Es gab also keine Bahn?«

»Nein. Der Schnee lag hoch und fiel so dicht vom Himmel, daß unsere Fußtapfen sofort wieder verweht wurden.«

»Welch eine Anstrengung, wenn Verbannte bei solchem Wetter den weiten Weg zu Fuße machen müssen! Haben Sie denn nicht nach dem Namen des Anführers dieser Tungusen gefragt?«

»Nein. Wir waren über den Tod des Kindes so unglücklich, daß wir an so etwas gar nicht dachten.«

»Ganz ähnlich war es in dem Falle, den man mir erzählte. Es handelte sich auch um ein Mädchen, welches aber lebendig begraben wurde.«

»Lebendig?« rief Bart.

»Ja, lebendig.«

»Welch ein Verbrechen!«

»O, es handelte sich nicht um ein Verbrechen, sondern nur um ein Versehen. Die Eltern und mit ihnen alle Anderen hatten das Kind für todt gehalten. Es war aber nur erstarrt.«

»Und wurde begraben?«

»Ja. Glücklicher Weise aber hat der Schnee die köstliche Eigenschaft, den Frost aus dem Körper zu ziehen. Dies geschah auch hier. Die Tungusen begruben die ihnen anvertraute Leiche. Das Kind wurde durch den Schnee erwärmt, bekam das Leben zurück und begann, nach einiger Zeit, zu schreien.«

»Herrgott! Es erwachte! Wurde es gehört?«

»Ja. Die Tungusen nahmen die lebendig gewordene kleine Leiche aus dem Schnee heraus und in ihr Zelt. Sie haben das kleine Mädchen erzogen und an Kindesstelle angenommen.«

»Sollte man so etwas für möglich halten! Warum haben sie nicht das Kind den Eltern zurückgegeben?«

»Weil dieselben nicht aufzufinden waren.«

»Das kann nur diesen armen Verbannten passiren!«

»Leider. War denn der damalige Tag gar so entsetzlich kalt, oder hatten Sie keine Kleidungsstücke, um Ihr Kind gegen die Kälte zu verwahren?«

»Es war beides der Fall. Die Kälte war geradezu fürchterlich, und wir waren fast nur in Lumpen gehüllt. Meine Frau hatte das Kind am bloßen Leibe getragen, um es zu erwärmen.«

»War das Kindchen denn in gar nichts gehüllt?«

»Nur in einige kleine Lumpen.«

»Die Sie mit genommen haben?«

»Nein. Das wäre eine große Versündigung gewesen. Wir haben die kleine Leiche in dieser Umhüllung gelassen.«

Der Sprecher ahnte nicht, weshalb Steinbach ihn so ausfragte. Der Letztere stand auf und sagte auf türkisch zu Semawa:

»Unterhalte sie, bis ich wiederkomme.«

Sie wußte nicht, weshalb er dies sagte; aber sie befolgte seinen Willen. Sie sprach mit den beiden tief geprüften Leuten über ihre Vergangenheit und über den Verlust ihres Kindes.

Steinbach aber begab sich in das Innere des Wohnhauses, um nach Karparla zu suchen. Sie befand sich in der Stube, und er gab ihr einen Wink, ihm zu folgen. Er führte sie seitwärts, so daß Niemand ihr Gespräch hören konnte, und sagte:

»Der Fürst hat mir in Platowa erzählt, daß er eigentlich nicht Dein Vater ist. Weißt auch Du davon?«

»Ja,« antwortete sie. »Ich bin das Kind armer Verbannter, und darum ist es mir eine so große Freude, wenn ich ›armen Leuten‹ helfen kann.«

»Hast Du nie gewünscht, Deine wirklichen Eltern einmal zu sehen, sie kennen zu lernen?«

»Wie oft, wie oft! Aber wie soll ich sie finden? Sie sind wohl längst schon todt, vielleicht schon damals im Schneesturm umgekommen.«

»Dein Pflegevater sagte mir, daß er die Sachen, in welche Du gewickelt warst, aufgehoben habe?«

»Ja, ich habe sie noch. Ich führe sie stets bei mir.«

»Hast Du sie auch heut hier?«

»Jawohl.«

»Würdest Du sie mir einmal zeigen?«

Sie blickte ihn betroffen an und fragte:

»Warum? Hast Du einen Grund dazu?«

»Ja.«

»Welchen, Herr? Schnell, schnell, sage es!«

»Ich erinnerte mich soeben, von ›armen Leuten‹ gehört zu haben, welche glaubten, ihr Kind sei erfroren. Sie mußten die kleine Leiche bei Tungusen zurücklassen.«

»O Gott! Bin ich das etwa?«

»Ich weiß es nicht!«

»Kennst Du diese Leute?«

»Ja.«

»Wo sind sie? Wo befinden sie sich?«

»Hm, das ist nicht leicht zu beantworten. Vielleicht gelingt es mir, sie aufzufinden. Hole nur einmal die kleinen Hüllen herbei, in welche Du damals gewickelt warst! Ich möchte sie mir einmal ansehen.«

Die Tungusen hatten natürlich, als sie ihr Lager vom Mückenflusse nach dem Hofe verlegt hatten, auch die Pferde mitgebracht. Mehrere von den Letzteren waren als Packthiere benutzt worden. Man hatte sie abgeladen. Dort befand sich das Gepäck des Fürsten Bula und dabei auch das Eigenthum Karparla's. Sie suchte eine kleine Ledertasche und entnahm derselben die ärmliche Umhüllung, in welche sie damals als Kind gewickelt gewesen war. Sie gab dieselbe an Steinbach.

»Willst Du es mir für eine Viertelstunde anvertrauen?« fragte er.

»Ja, recht gern. Aber warum wünschest Du, es zu haben? Hast Du eine Absicht dabei?«

»Ja. Ich will es Jemandem zeigen.«

»Wem?«

»Das sollst Du später erfahren, wenn es sich gezeigt hat, ob meine Vermuthung begründet ist.«

»Eine Vermuthung hast Du?« fragte sie betroffen. »Was für eine? Betrifft sie etwa mich?«

»Ja. Diese Sache ist so hochwichtig für Dich, daß ich es für meine Pflicht halte, Dir jetzt bereits wenigstens eine kleine Andeutung zu geben. Vielleicht ist es möglich, daß Deine Eltern noch leben.«

Sie schlug freudig erschrocken die Hände zusammen.

»Wirklich, wirklich! Gott, wenn dies der Fall wäre!«

»Ich habe etwas gehört, was mich ahnen läßt, daß sie noch leben, ja, daß sie sich in der Nähe befinden.«

»Herr, sag wo, wo?«

»Erlaß mir die Beantwortung dieser Frage noch. Ich will erst einmal einen Versuch mit diesen Sachen machen.«

»So thue es schnell, sehr schnell!«

»Das werde ich thun. Indessen kannst Du Bula und Kalyna darauf aufmerksam machen, damit sie nicht allzu sehr überrascht werden.«

Er ging, und sie eilte in höchster Erregung zu ihren Pflegeeltern, um ihnen zu erzählen, was sie von ihm gehört hatte.

Das Päckchen war nicht groß. Er konnte es ganz gut in der Tasche verstecken. Als er wieder in den Garten zu Semawa und den beiden alten Leuten zurückkam, setzte er sich zu ihnen und führte die Unterhaltung noch ein kleines Weilchen fort. Dann that er, als ob ihm etwas einfalle, was sehr schnell zu erledigen sei. Er stand auf und entfernte sich eiligst mit der Geliebten. Vorher jedoch zog er das Päckchen aus der Tasche, faltete es unbemerkt aus einander und ließ es auf der Bank liegen, so daß es nach seiner Entfernung unbedingt gesehen werden mußte.

Kaum hatte er sich sehen lassen, so kam der Tungusenfürst mit seiner Frau und Karparla zu ihm.

»Herr,« sagte er erregt. »Meine Tochter bringt mir eine wichtige Botschaft von Dir. Du willst sie uns rauben!«

»Rauben? O nein! Daran habe ich nicht im Entferntesten gedacht. Diese Absicht steht mir fern.«

»Aber Du willst ihr die Eltern wiedergeben!«

»Das ist noch nicht so bestimmt, wie Du anzunehmen scheinst. Warten wir es einfach ab.«

»Hast Du sie denn entdeckt?«

»Ich vermuthe es, weiß es aber nicht genau.«

»Wo befinden sie sich?«

»Hier.«

»Alle Himmel! Hier? So müssen wir sie kennen?«

»Ja. Ihr habt sie gesehen.«

»Wer ist es?«

»Die Eltern Alexius Boroda's.«

Die beiden Leute starrten ihn ganz erstaunt an. Karparla fragte fast athemlos:

»So wäre Boroda mein Bruder?«

»Ja, wenn meine Vermuthung mich nicht täuscht.«

»Haben seine Eltern denn ein Töchterchen gehabt?«

»Ja. Während ihres Transportes haben sie geglaubt, es sei erfroren und die vermeintliche Leiche bei Tungusen zur Beerdigung zurücklassen müssen.«

»Das ist nicht wahr, nicht wahr!« rief der Fürst voller Sorge, »Karparla hergeben zu müssen.«

»Es ist wahr,« antwortete Steinbach. »Allerdings fragt es sich, ob Karparla dieses Kind war.«

»Sie ist es nicht. Sie ist es nicht! Mögen diese Leute kommen. Ich gebe Karparla nicht her!«

Da legte Steinbach ihm die Hand auf die Achsel und sagte in ernstem, eindringlichem Tone:

»Lieber Freund, ist das Dein Ernst?«

»Ja, ja!«

»So hast Du vergessen, wer das größte Recht auf den Besitz eines Kindes hat.«

»Es hat Niemand ein Recht, Niemand!«

»Auch die Eltern nicht?«

»Die Eltern sind wir!«

»Die Pflegeeltern, aber nicht die richtigen.«

»Diese richtigen Eltern haben sich so lange Jahre nicht um ihr Kind bekümmert!«

»Konnten sie es? Sie waren verbannt, weit, weit fort von hier. Sie konnten nicht zurück und hielten überdies ihr Kind für todt.«

»Das ändert nichts an der Sache. Wir haben Karparla bei uns aufgenommen und sie erzogen. Sie ist unser Kind, unsere Tochter geworden!«

»Das gebe ich zu. Aber frage Kalyna, Dein gutes Weib. Sie hat zwar nie ein Kind geboren; sie ist nicht Mutter gewesen, aber ihr Herz wird ihr dennoch sagen, daß Karparla's Eltern heilige Anrechte an ihre Tochter haben.«

Die Fürstin war so bestürzt, daß sie bis jetzt kein Wort hervorgebracht hatte. Ihr volles, rothes Gesicht war leichenblaß geworden. Jetzt nun schlang sie die Arme um Karparla und jammerte:

»Mein Kind, mein Kind! Man will Dich uns rauben! Das werde ich nicht überleben können!«

Karparla wußte nicht, was sie sagen solle. Sie liebte die Pflegeeltern, als ob sie ihre leiblichen seien. Sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt, daß sie diese Letzteren niemals zu sehen bekommen werde. Und nun trat so plötzlich die Wahrscheinlichkeit, ja sogar die Gewißheit an sie heran, daß sie sich hier befanden.

Sie wurde bald blaß und bald roth. Ihre Augen standen voller Thränen. Waren es Thränen des Schmerzes oder der Freude? Sie wußte es nicht.

»Mutter!« rief sie. »Ich liebe Euch über Alles. Aber wollt Ihr es mir versagen, meine armen Eltern kennen zu lernen?«

»Nein, wir versagen es Dir nicht,« antwortete die Fürstin. »Aber sie dürfen Dich nicht mitnehmen. Du mußt bei uns bleiben!«

»Laßt diese Frage einstweilen ruhen,« sagte Steinbach. »Jetzt ist es unmöglich, bereits darüber zu entscheiden. Ach, da kommen sie!«

Barth und seine Frau kamen in eiligen Schritten vom Garten herbei. Die Letztere hatte die in dem Päckchen enthaltenen Sachen in der Hand.

»Herr,« rief sie bereits von Weitem. »Wir haben etwas gefunden. Es lag auf der Bank. Hast Du es verloren?«

Bula, Kalyna und Karparla standen zuwartend da. Steinbach nahm die Sachen in die Hand, betrachtete sie und antwortete ruhig:

»Ja, ich habe sie liegen lassen. Sie müssen mir aus der Tasche gefallen sein.«

»Wo hast Du sie her?«

Sie fragte das in einem Tone, als ob Leben und Seligkeit von der Beantwortung dieser Frage abhänge. Steinbach that, als ob er gar nichts ahne. Er fragte scheinbar verwundert:

»Warum willst Du das wissen?«

»Weil – weil – – Gott, ich kann nicht weiter sprechen. Rede Du, erkläre es ihm!«

Sie zitterte am ganzen Körper. Ihr Athem ging laut, aber stockend. Sie hatte die letztere Aufforderung an ihren Mann gerichtet.

»Wir haben Dir von dem kleinen Töchterchen erzählt, welches uns erfroren war,« erklärte er. Das hier sind die Sachen, in welche die Leiche gewickelt gewesen ist. Sage uns, woher Du sie hast!«

»Von diesen braven Leuten hier.«

Er deutete auf Bula und dessen Frau.

»Von Euch?« wendete Barth sich an die Zwei. »Wie seid Ihr in den Besitz derselben gekommen?«

Bula beachtete diese Frage zunächst gar nicht. Er starrte Barth und dessen Weib an und sagte dann zu Kalyna:

»Kennst Du sie denn? Kommen Sie Dir etwa bekannt vor?

»Nein,« antwortete sie kopfschüttelnd.

»Auch mir sind sie fremd. Sie sind es nicht.«

»Irrt Euch nicht,« bemerkte Steinbach. »Ihr müßt bedenken, welch eine lange Zeit zwischen damals und heute liegt. Die Gefangenen waren an jenem Tage von Kälte, Sturm, Wetter und Hunger angegriffen. Heut sehen sie anders aus und sind natürlich älter geworden.«

»Habt Ihr uns denn gesehen?« fragte Barth den Fürsten.

»Nein. Wir kennen Dich ja eben nicht.«

»Aber wie kommt Ihr zu diesen Sachen? Wer hat sie Euch gegeben?«

»Sie stammen von Verbannten, deren Kind hineingewickelt war.«

»Herrgott! Diese Verbannten waren wir. Unser Töchterchen war erfroren.«

»Nein. Es lebte noch! Hörst Du, Frau, es lebte noch!«

»Ja,« erklärte Kalyna, deren gutes Herz sie drängte, die freudige Kunde mitzutheilen. »Es lebte noch. Es war nicht todt, sondern es erwachte wieder.«

»Und wo befindet sich das Kind? Wo ist es? Oder ist es indessen gestorben?«

»Halt, halt! Nicht so eilig!« antwortete Bula, dem diese drängende Frage Angst machte. »Noch wissen wir nicht, ob Ihr die Richtigen seid.«

»Wir sind es; wir sind es!«

»Das ist zu beweisen. Wir haben zwar ein für todt gehaltenes Mädchen erhalten; aber ob von Euch, das ist noch ungewiß.«

»Wir erkennen ja die Sachen, in welche es gewickelt gewesen ist!« rief Barth.

»Auch das kann täuschen!«

»Aber wie sollen wir anders beweisen, daß wir es gewesen sind?«

»Könnt Ihr Euch auf damals besinnen?«

»O, ganz genau. Der Tag, an welchem man ein Kind verliert, bleibt ja unvergeßlich.«

»Wo war es denn?«

»Auf der Tundra des Mooses.«

»Hatten wir Hütten oder Zelte?«

»Filzzelte.«

»Es waren ihrer wenige. Ihr müßt Euch die Zahl derselben leicht gemerkt haben.«

»Es waren sechs. Ich weiß es sehr genau.«

»Wie standen sie?«

»In einem Halbkreise. Wir wurden von dem Besitzer des größten Zeltes empfangen.«

»Welche Kleidung hatte er an?«

»Er war ganz in Rennthierfelle gekleidet, deren Haarseite nach Außen gerichtet war.«

»Das stimmt. Habt Ihr sonst nichts an ihm bemerkt?«

»O doch. Er hatte ein Auge verbunden.«

Jetzt war der Fürst überzeugt, daß Barth sich nicht irre. Er sagte zu seinem Weibe:

»Kalyna, liebe Kalyna, sie sind es. Mein rechtes Auge war damals sehr entzündet. Ich hatte mich verkältet. Du weißt es auch noch.«

»Ja, ich weiß es. O, mein Gott, sie sind es! Wir müssen unsere Karparla hergeben!«

»Karparla?« fragte Frau Barth, indem sie ihren Blick auf die Genannte richtete. »Mein Himmel! Sollte Karparla unser – – –!«

Sie wagte es nicht, diesen Gedanken auszusprechen; aber ihre Arme erhoben sich, und sie machte eine Bewegung, sich Karparla zu nähern.

Diese hatte tief bewegt aber stumm dagestanden. Was in ihrem Innern vorging, läßt sich nicht beschreiben. Es trieb sie zu den Eltern, und doch hielt es sie zurück. Jetzt aber riß es sie mächtig zu ihnen hin. Die Gewißheit, daß die Beiden ihre Eltern seien, war ja gar nicht weiter abzuleugnen.

»Mutter, meine Mutter!« schrie sie auf und warf sich in ihre Arme.

»Mein Kind, mein Kind!« schluchzte Frau Barth auf. »Ist es möglich? Ist es wahr?«

Sie hielten sich innig umschlungen. Dann schob die glückliche Frau die wiedergefundene Tochter in die Arme des Vaters.

»Kalyna, o Kalyna!« jammerte der Fürst. »Das ist der unglücklichste Tag unsers Lebens.«

»Ja,« antwortete sie weinend. »Der unglücklichste oder aber auch der glücklichste.«

»Das ist doch nur Scherz?«

»Nein. Ist es nicht ein Glück für uns, diesen guten Leuten eine solche Seligkeit bereiten zu können?«

»Wenn Du es von dieser Seite betrachtest, so – – –«

Er sprach nicht weiter; er wendete sich ab. Er weinte leise vor sich hin. Da riß Karparla sich von den Eltern los und eilte zu ihm. Ihn umschlingend, bat sie:

»Weine nicht, Vater, weine nicht, Mutter! Ihr seid ja auch meine Eltern und sollt es stets bleiben.«

»Das geht ja nicht!« meinte der Fürst betrübt.

»Warum denn nicht?«

»Zwei Vater und zwei Mutter, also zwei Elternpaare! Das ist doch zu viel für ein Mädchen!«

Dieser kindliche Ausbruch seines Schmerzes war eigentlich ein Wenig spaßhaft; aber es fiel Niemand ein, zu lachen. Fast zornig fügte Bula hinzu:

»Und wem haben wir das zu danken? Diesem vornehmen, fremden Herrn, welcher – – –«

Er drehte sich um, indem er sich an Steinbach wenden wollte. Dieser befand sich nicht mehr hier. Er hatte sich entfernt, um die fünf Personen mit ihren Gefühlen allein zu lassen.

Drinnen in der Stube sah er Boroda, welcher bei Mila, seiner Geliebten saß.

»Deine Eltern wünschen Dich zu sehen,« sagte er zu ihm. »Du findest sie auf dem Wege nach dem Brunnen.«

Boroda ging, und Steinbach winkte Georg von Adlerhorst zu sich, um ihm zu sagen:

»Auch Sie wird es interessiren, weshalb Boroda von mir zu seinen Eltern gesandt wird. Sie lieben Karparla; ich habe mich darüber gefreut, denn sie ist Ihrer würdig. Sie werden glücklich mit ihr sein.«

Georg schüttelte den Kopf und antwortete trüb:

»Das bezweifle ich. Karparla kann mir ja niemals gehören.«

»Weil Sie annehmen, daß sie ihre Eltern niemals verlassen werde?«

»Ja.«

»Haben Sie mit ihr davon gesprochen?«

»Einige Male. Ich soll hier bleiben und kann doch nicht. Ebenso sehe ich ein, daß es ihr unmöglich ist, mir zu folgen.«

»Vielleicht geht sie doch noch mit Ihnen!«

»Gewiß nicht. Ich bin auch nicht so herzlos, den Eltern ihr Kind zu rauben. Und sodann fragt es sich, selbst wenn Karparla mir folgen wollte, ob sie es aushalten würde. Ich glaube, die Sehnsucht nach ihren Eltern würde an ihr zehren.«

»Wenn sie nun ihre Eltern bei sich hätte?«

»Das kann wohl nicht geschehen. Bula wird die sibirische Erde nie verlassen.«

»Hm! Er hat große Lust, Europa zu sehen.«

»Und wenn er das thäte, so wäre das doch nur vorübergehend. Er kehrt nach hier zurück.«

»Aber während seiner Reise, während seines Aufenthaltes in civilisirten Ländern könnte er seine Ansicht geändert haben. Uebrigens hat nicht er allein über Karparla zu bestimmen.«

»Wer sonst?«

»Ihre Eltern.«

»Nun, das sind doch Bula und Kalyna.«

»Nein, sie sind nur die Pflegeeltern.«

Da fuhr Georg um einige Schritte zurück.

»Herr Steinbach!« rief er aus.

»Erschrecken Sie darüber?«

»Nein. Ich erstaune. Daß diese Beiden nur Karparla's Pflegeeltern sind, das ist wohl Gegenstand des Gespräches gewesen, aber aus Ihrer Ausdrucksweise möchte man schließen, daß die wirklichen Eltern noch vorhanden sind.«

»Das sind sie auch.«

»Herrgott! Karparla weiß doch nichts von ihnen!«

»Sie kennt sie jetzt. Sie hat sie gefunden.«

»Welches Glück, welche Freude!«

»Gehen Sie hinaus zu Boroda. Da werden Sie sie sehen.«

»Zu Boroda? Herr Steinbach, mir kommt eine Ahnung!«

»Was denn für eine?«

»Vielleicht ist es Ihnen und auch Anderen entgangen; aber da ich Karparla lieb habe, so beobachte ich natürlicher Weise Alles genauer, was sie betrifft. Da habe ich denn bemerkt, daß sie eine große Aehnlichkeit mit Boroda besitzt.«

»Jetzt nun finde ich das auch. Vorher aber ist es mir entgangen. Ich war seit meiner Ankunft hier so allgemein in Anspruch genommen, daß ich für Besonderes keine Zeit hatte.«

»Sollte ich also richtig vermuthen! Sie ist die Schwester von Boroda!«

»Ja.«

»Was höre ich! Diese Barths sind ihre Eltern!«

Er schlug in seinem großen Erstaunen die Hände zusammen. Fast schien es, als ob die Nachricht ihn nicht sehr freudig berühre. Darum fragte ihn Steinbach:

»Sie scheinen davon nicht erbaut zu sein?«

»Wieso?«

»Es klingt grad wie eine Enttäuschung aus dem Tone; in welchem Sie sprachen.«

»Meinen Sie? Mir ist nichts bewußt. Warum sollte ich mich enttäuscht fühlen?«

»Sie haben Karparla bisher für die Tochter eines allerdings tungusischen Fürsten gehalten – – –!«

»Ach so! Glauben Sie, daß dieser Umstand bei mir in das Gewicht gefallen sei?«

»Also nicht?«

»Nein. Ich liebe Karparla ihrer selbst wegen. Was ist übrigens ein tungusischer Fürst! Wie hoch würde er auf der europäischen Stufenleiter stehen! Der hiesige Rang des Fürsten ist mir ganz im Gegentheile gar nicht sonderlich erfreulich gewesen.«

»Das ist allerdings sehr leicht zu denken.«

»Wäre Karparla die Tochter eines gewöhnlichen Tungusen, so könnte sie mit ihren Eltern mir nach Deutschland folgen. Bula aber hat seinem Stamme gegenüber Verpflichtungen, denen er sich wohl nur schwer entziehen kann.«

»Pah! Man darf das nicht so schwer nehmen. Es ist hier nicht mit demjenigen Einflusse zu rechnen, welche europäische Traditionen besitzen. Wollte Bula nach Europa, so könnte er seine Heerden verkaufen. Man würde an seiner Stelle einen anderen Fürsten wählen und ihm, da er eine gute, liebe Seele war, ein freundliches, herzliches Andenken widmen. Das ist Alles. Also der Gedanke, ihn mit von hier fortzunehmen, ist keineswegs so unausführbar, wie es den Anschein hat. Nun aber, da Karparla ihre wirklichen Eltern gefunden hat, kann ihr Schicksal sehr leicht oder es wird vielmehr sehr wahrscheinlich eine ganz andere als die bisherige Richtung nehmen.«

»Ist es denn wirklich erwiesen, daß sie Barths Tochter ist?« fragte Georg, noch zweifelnd.

»Zur Evidenz!«

Da erhellte sich Georgs Miene immer mehr auf, so daß sein Gesicht endlich vor Freude strahlte.

»Wenn es so ist,« sagte er, »so bringen Sie mir allerdings eine Botschaft des Glückes, für welche ich Ihnen gar nicht genug zu danken vermag.«

»O, mir sind Sie keinen Dank schuldig.«

»Doch! Ich müßte mich sehr irren, wenn Sie es nicht gewesen sind, welcher die Eltern entdeckt hat.«

»Ich habe sie allerdings gefunden, doch nur ganz zufälliger Weise.«

»Ja, das kennt man an Ihnen! Sie handeln planvoll und schreiben dann das Gelingen auf das Conto des Zufalles, damit man Ihnen ja nicht danken möge!«

»Woher wissen Sie das? Sie thun ja, als ob Sie eine ganz genaue Kenntniß meines Charakters hätten.«

»Sam hat viel von Ihnen erzählt.«

»Ah, Sam, den habe ich ganz vergessen. Er ist doch als glücklicher Oheim in hohem Grade betheiligt.«

Sam saß am Tische und hatte, da Steinbach sich zu ihm wendete und die letzten Worte laut sprach, dieselben gehört:

»Was für ein Onkel soll ich sein?« fragte er.

»Ein sehr glücklicher.«

»Hm! Aus welchem besonderen Grunde denn?«

»Sie haben nicht nur einen Neffen, sondern auch eine Nichte. Ist das nicht doppeltes Glück?«

»Eine Nichte? Von ihr weiß ich kein Wort. Wenn diese Nichte mich ebenso genau kennt wie ich sie, so ist es mit der Verwandtschaft nicht sehr schlimm.«

»Sie ist soeben erst entdeckt worden.«

»Entdeckt? Werden denn die Nichten entdeckt? Hm! Davon weiß ich auch noch nichts. Welcher Astronom hat sie denn durch das Fernrohr gesehen?«

»Ich!«

»Sie? Da halte ich es freilich für möglich.«

»Gehen Sie hinaus zu Ihrem Bruder. Er wird sie Ihnen zeigen. Karparla ist Ihre Nichte.«

»Kar – par – la!« rief der Dicke. »Ich, Sam Barth aus Herlasgrün, soll der Onkel einer so prächtigen Nichte sein? Daran bin ich vollständig unschuldig. Das kann ich auf Ehre und Seligkeit versichern! Uebrigens muß ich durch diese Nichte sehr an Respect gewonnen haben, da ich so plötzlich mit ›Sie‹ angeredet werde. Ich muß nur schnell hinaus, um zu sehen, was Wahres daran ist.«

Er eilte hinaus, aber nicht er allein, sondern alle Anderen außer Semawa folgten ihm. Auch sie waren von der Neuigkeit so freudig überrascht, daß sie sich schnellen Beweis holen wollten.

Kaum war eine Minute vergangen, so ließen sich draußen laute, frohlockende Stimmen hören. Jedermann gönnte der schönen, allgemein geliebten Karparla das Glück, ihre Eltern gefunden zu haben.

Samt war unendlich stolz darauf, der Oheim einer solchen Nichte zu sein. Er erhob seine Stimme am Allerlautesten, und es war in der Stube zu hören, daß er ein dreimaliges Hoch auf dieses so unerwartete Wiedersehen ausbrachte.

Semawa trat zu Steinbach, welcher am Fenster stand und lächelnd auf die Freudenrufe hörte, schlang den Arm um ihn und sagte:

»Mein Geliebter! Welch ein herrlicher, prächtiger Mann bist Du! Es ist, als ob überall das Glück mit Dir einkehre.«

»Willst Du mich etwa vergöttern?« fragte er glücklich.

»Fast möchte ich es. Bist Du denn nicht der Schöpfer auch dieser jetzigen, neuen Freude?«

Er antwortete nicht, aber er drückte sie an sich und küßte sie auf die warmen, schwellenden Lippen.

Da wurde leise die Thür zum Nebengemache geöffnet. Dort in demselben hatte der Maharadscha ausgeruht. Er wollte herein. Als er die schöne Gruppe erblickte, zog er sich zurück und machte die Thüre leise wieder zu. Draußen sank er in die Kniee nieder, faltete die Hände und betete:

»Allah, ich danke Dir! Er liebt sie! Er liebt mein Kind! Jetzt kann ich getrost und ohne Sorge in die Zukunft blicken. Mein Lebensabend wird nach so langen, schweren Leiden ein heiterer und glücklicher sein! – – –«

*
Vierte Abtheilung
Zum guten Schlusse

Schloß Wiesenstein ragt von einem hohen Granitfelsen so hoch empor, daß oft die Wolken um seine Zinnen streichen. Es blickt weit in das Land hinein, und wer im Bahnzuge sitzend durch das Fenster die Gegend betrachtet, der bekommt es bereits eine Stunde, bevor der Zug Wiesenstein erreicht, von mehreren Seiten zu Gesicht, da die Bahn sich dem Orte in weiten Schlangenwindungen nähert.

Schloß Wiesenstein ist der Lieblingsaufenthalt Prinz Oscars, des Bruders des Großherzoges. Doch war er seit längerer Zeit daselbst nicht gesehen worden. Es verlautete, daß er große Reisen nach dem Oriente und Amerika gemacht habe und sich nun gegenwärtig in Rußland befinde, wo ihm der Kaiser in Anbetracht seiner hohen Geburt und seiner hervorragenden, militairischen Fähigkeiten ein Gardekavallerieregiment verliehen hatte. Er stand dort und auch in der Heimath in dem Range eines Generallieutenants und war den betreffenden Regenten zur Seite gestellt.

Es hatte wohl kaum jemals ein Mitglied des Herrscherhauses gegeben, welches sich einer so großen und allgemeinen Beliebtheit erfreute wie er. Es war seine Passion, glückliche Menschen zu machen.

Er besaß ein gradezu ungeheures Vermögen und bezog so überaus reiche Revenuen noch außer den Zinsen desselben, daß es ihm selbst bei Entfaltung des ihm gebotenen, fürstlichen Luxus unmöglich war, dieses riesige Einkommen für sich zu verbrauchen. Da floß denn der Inhalt seiner Schatulle unter die Armen und Bedürftigen des Landes, und der Segen von Hunderten und aber Hunderten, die er beglückt hatte, dankte ihm laut und im Stillen für das Wohlthun, welches seine Freude war.

Prinz Oscar war unverheirathet. Eigentlich erforderte seine Stellung die Wahl einer fürstlichen Gemahlin; er aber hatte erklärt, er werde niemals eine Convenienz-, eine Pflichtehe eingehen. Er wolle sein Weib aus Liebe wählen; finde er kein Wesen, welchem er sein ganzes Herz zu eigen geben könne, so werde er unverheirathet bleiben.

Der Großherzog hatte es einzurichten gewußt, daß nach und nach alle ebenbürtigen Damen, die nach diplomatischen Anschauungen hier in Betracht kamen, seinen Hof besuchten. Prinz Oscar sollte sie kennen lernen, und der Großherzog hoffte, daß es doch vielleicht einer von ihnen gelingen werde, sein Herz zu fesseln – aber vergebens.

Je mehr man sich Mühe gab, desto mehr zog sich Prinz Oscar zurück. Er durchschaute die Absicht und diese widerstrebte seinem Zartgefühle.

Um sich diesen Berechnungen zu entziehen, hatte er mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, als ihm eine wichtige, diplomatische Sendung in das Ausland anvertraut wurde. Er hatte sich bereits früher ähnlichen Aufträgen mit großem Erfolge entledigt; er wurde für einen bedeutenden Staatsmann gehalten und galt für eine der hervorragendsten Kräfte des Kabinets.

Wohin er gegangen sei und was er zu erledigen habe, darüber verlautete nichts, da er sich in das strengste Incognito hüllte. Als man dann später erfuhr, daß er in Constantinopel, Tunis und Kairo gewesen sei, brachte man seine Reisen mit der grad jetzt so verwickelten Beziehung zu dem Oriente in Verbindung.

Dann war er, wie bereits erwähnt, nach Nordamerika gegangen und später nach Rußland. Zwischen diesen einzelnen Reisen hatte er sich nur ganz vorübergehend im Lande aufgehalten, so daß er mit keinem neuen Heirathsprojecte belästigt werden konnte.

Während der letzten Tage war dem Intendanten von Schloß Wiesenstein der großherzogliche Befehl zugegangen, die Räume desselben bereit zu halten, da Prinz Oscar baldigst aus Rußland zurückkehren werde und dann beabsichtige, einige Wochen des heuer so wunderschönen Herbstes auf Wiesenstein zuzubringen.

Das Schloß hatte seinen Namen von dem Felsen erhalten, auf welchem es lag, und von den saftig grünen Wiesen, welche sich nach allen Seiten wie Buchten in den Gebirgswald hinein erstreckten.

Da gab es eine wunderbar reine, heilkräftige und stärkende Luft. Dies und die romantische Lage des gleichnamigen Städtchens, welches zum Schlosse gehörte, zog im Sommer die Gäste von Nah und Fern herbei. Wiesenstein war klimatischer Kurort geworden, und sein Ruf als Sommerfrische für die höheren Stände der Gesellschaft verbreitete sich mit jedem Tage weiter.

Daß der Ort diesem Rufe zu entsprechen vermochte, war zum größten Theile dem Prinzen zu verdanken. Er hatte eine bedeutende Summe, welche fast ein Vermögen repräsentirte, gewährt, um Denjenigen, welche in Wiesenstein Heilung und Erholung suchten, Alles zu bieten, was ein an Comfort gewöhnter Kranker sich nur wünschen kann. Alle nicht allzusehr gespannten Ansprüche waren befriedigt, und da in natürlicher Folge dessen die Preise keine sehr niedrigen sein konnten, so wurde dadurch dasjenige Bäderpublikum fern gehalten, welches mit Pfennigen zu rechnen hat.

Es war um die Mitte des Vormittages. Das Frühconcert war längst vorüber, und die Badegäste hatten sich zumeist in die gemietheten Privatwohnungen zurückgezogen, um die Correspondenzen durchzugehen, sich einer kleinen, anregenden Lectüre hinzugeben oder, was die Damen betraf, sich für das zweite Frühstück, welches im Kurhause eingenommen zu werden pflegte, anzukleiden.

Darum waren die Promenaden verhältnißmäßig wenig belebt, und in den Restaurants war hier und da nur ein Habitué zu finden, welcher es vorzog, hier, wenn auch einsam, seine Cigarre zu rauchen, als sich daheim noch weit mehr zu langweilen.

In einem der lichten Glaspavillons, von denen aus das Publikum den Concerten zu lauschen pflegte, saßen zwei Herren. Der Eine hatte sich bereits längere Zeit wartend hier befunden; der Andere war soeben erst gekommen.

*

97

Der Erstere war wohlbeleibt. Sein aufgeschwommenes Gesicht wurde von einem dichten Vollbarte eingerahmt, dessen tiefes Schwarz wohl mehr der Kunst als der Natur zu danken war. Der Backenbart wuchs ihm bis auf die Mitte der Wangen und fast bis zum Gesichtsknochen herüber, und unter den Augen bildete die Haut zwei wulstige, blau schimmernde Säcke, was dem Gesichte ein keineswegs ideales Aussehen verlieh. Allem Anscheine nach hatte der Herr sehr viel und sehr rasch gelebt! Er sah aus wie Einer, dessen Leidenschaften die Nerven zerrüttet haben.

Seine Kleidung war elegant, von feinstem Stoffe und neuestem Schnitte, schien ihn aber hier und da zu geniren, als ob er eigentlich eine andere Tracht gewöhnt sei. Die Finger steckten voller kostbarer Ringe und an seiner dick goldenen Uhrkette hingen Berloquen, deren Werth gar manchem armen Teufel hätte Erlösung bringen können.

Auf der Nase trug er einen goldenen Klemmer mit tiefblauen Gläsern. Vor diesen Gläsern und dem Barte war von dem ganzen Gesicht nur die Nase und die Stirn zu sehen. Hatte dieser Mann vorher nicht Vollbart und nicht Brille getragen, so war er jetzt sicherlich nicht wieder zu erkennen.

Der Andere war lang und hager. Sein Anzug war elegant; doch sah man den Handschuhen, welche er vor sich auf den Tisch gelegt hatte, an, daß sie bereits sehr lange Zeit im Gebrauche seien, und Kragen und Manchetten hatten jenen eigenartigen, bläulichen Glanz, welcher vermuthen ließ, daß sie nicht aus Leinen, sondern aus Gummi seien.

Auch er trug einen Klemmer, aber nur in Stahl gefaßt. Seine Stirn war hoch, schmal und kahl, sein Gesicht sehr scharf geschnitten und sein Mund breit und ohne Lippen. Dieses spitze, glatt rasirte Gesicht machte ganz den Eindruck des steten Horchens und Lauerns. Es schien, als sei dieser Mann allezeit bereit, Jemanden auf frischer That zu ertappen. Und dies wurde keineswegs gemildert durch den unbestimmten, ruhelosen Blick seiner grauen Augen, welchen es unmöglich war, auf irgend einem Gegenstande haften zu bleiben.

Der erstere Herr hatte jedenfalls auf den letzteren gewartet, denn er hatte sich zu seiner Flasche Wein gleich zwei Gläser geben lassen, deren zweites er jetzt für den Neuangekommenen füllte.

»Sie kommen später, als verabredet worden war,« sagte er dabei in einem fremdländischen Deutsch.

»Bitte um Verzeihung!« entschuldigte sich der Hagere. »Ich erhielt noch im letzten Augenblicke einen Besuch, welcher nicht abzuweisen war.«

»Geschäfte?«

»Ja.«

»Hm! Eigentlich klingt dieses Wort hier, wo Jedermann die Absicht hat, sich von den Geschäften auszuruhen, sonderbar.«

»O, es giebt auch Leute, welche Bäder und Sommerfrischen besuchen, um Geschäfte zu machen.«

»Ja, Spieler und dergleichen Personen, deren Talent es ist, dem Glücke ein Wenig zu Hilfe zu kommen!«

»Auch Andere, welche man trotzdem nicht zur Classe der Glücksritter zu zählen braucht. Zum Beispiel arme Offiziere, welche sich im Bade eine reiche Frau suchen. Das ist doch erlaubt?«

»Jedenfalls. Ich kenne diese Verhältnisse nicht und möchte wohl hören, wie sie es anfangen, diese Absicht zu erreichen.«

»Nichts ist leichter als das. Man wendet sich sehr einfach an einen Vermittler.«

»Und dieser hat das Gewünschte bereit?«

»Ja, denn es giebt Damen, welche ganz in derselben Absicht kommen und sich ebenso an den Vermittler wenden.«

»Sonderbar!«

»Dabei giebt es nichts Sonderbares. Geschäft ist Geschäft, ganz gleich, ob ich mir ein Pferd oder eine Frau kaufe.«

»So halten Sie ein solches Geschäft nicht für anstößig?«

»Ganz im Gegentheile. Es gehört gerade in mein besonderes Fach, mich solcher Leute anzunehmen.«

»So sind Sie Vermittler?«

»Allerdings.«

»Da entdecke ich eine ganz neue Eigenschaft an Ihnen.«

»Kennen Sie denn meine Eigenschaften?«

»Zur Genüge.«

»Wir haben uns aber ja erst einmal gesprochen!«

Der Dicke machte ein Gesicht, welches schlau sein sollte, und antwortete:

»Es versteht sich ganz von selbst, daß ich mich nach Ihnen erkundigt habe.«

»Sehr angenehm!«

»Und zwar sehr eingehend.«

Er legte auf das letztere Wort eine ganz besondere Betonung. Ueber das Gesicht des Anderen zog eine leise Röthe. Er drückte das eine Auge zu und sagte:

»Darf ich fragen, was Sie da erfahren haben?«

»O, Allerlei.«

»Bitte, was?«

»Wollen wir nicht lieber darüber schweigen?«

»Nein. Sie haben mir ein lucratives Geschäft in Aussicht gestellt. Ich gehe aber grundsätzlicher Weise niemals auf ein solches ein, ohne zu wissen, was beide Contrahenten von einander halten.«

»So darf ich Ihnen also nicht zumuthen, für dieses Mal von der Befolgung dieses Grundsatzes abzusehen?«

»Nein.«

»Auch wenn Sie Unangenehmes zu hören bekommen?«

»Auch dann nicht. Ich bitte um Offenheit! Bei wem haben Sie sich erkundigt?«

»Bei der hiesigen Polizei.«

»Donnerwetter!«

»Bitte! Da ich Fremder bin, gab es für mich keine andere Vertrauensperson, daher mußte ich mich an sie wenden.«

»So befürchte ich, daß man Sie vor mir gewarnt hat.«

»Das ist allerdings geschehen.«

»Dachte es mir! Sie werden nun also kein besonderes Vertrauen zu mir haben.«

»O doch! Gerade was ich erfahren habe, bestätigt meine Ansicht, daß Sie mir dienen können.«

»Dann bitte, was hat man gesagt?«

»Daß Sie einst ein sehr tüchtiger und brauchbarer Kriminalbeamter gewesen seien.«

»Ich schmeichle mir, daß man damit die Wahrheit gesagt hat. Ich war allerdings Criminalist.«

»Dann aber hatten Sie einen kleinen Griff gethan –«

»In eine fremde Casse, ja. Der Grund war, daß gerade die besten Beamten am Schlechtesten bezahlt werden.«

»Sie wurden abgesetzt?«

»Ab- und eingesetzt, nämlich in's Zuchthaus.«

»Stimmt! Nach Ihrer Entlassung widmeten Sie sich verschiedenen Agenturen und wurden, was der Grund war, mich an Sie zu wenden, nebenbei Geheimpolizist für private Zwecke.«

»Bedürfen Sie in dieser Beziehung meine Hilfe?«

»Ja.«

»Ich bin bereit, vorausgesetzt, daß Sie sich zu einem guten Honorare verstehen.«

»Da brauchen Sie gar keine Sorge zu haben. Ich zahle fein. Sie werden mit mir zufrieden sein.«

»Das höre ich natürlich gern. Je mehr Sie bieten, desto mehr Mühe werde ich mir geben, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben.«

»Davon bin ich überzeugt und werde ja wohl Ihre Forderung vernehmen.«

»Um diese aussprechen zu können, müßte ich allerdings wissen,, um was es sich handelt.«

»Sie sollen mir einige Personen ausfindig machen, welche ich vergeblich suche.«

»Wo?«

»In Deutschland.«

»Alle Teufel! Das ist nicht sehr bestimmt!«

»Leider. Ich kann Ihnen aber keine nähere Bestimmung geben. Ich selbst habe ganz Deutschland vergeblich nach ihnen durchsucht.«

»Natürlich sind es Verbrecher?«

»Hm! Doch nicht so ganz,« antwortete der Bärtige, indem er den Kopf hin- und herwiegte.

»Aber man sucht doch nur Verbrecher!«

»Nein, man sucht auch andere Leute.«

»Wollen Sie mir sagen, wer diese Personen sind?«

»Sie stellen da eine Frage an mich, welche nicht leicht zu beantworten ist.«

Er blickte nachdenklich in sein Weinglas. Der Agent warf ihm einen schnellen, forschenden Blick zu und bemerkte:

»Vor allen Dingen ist Eins zu erledigen. Wenn ich Ihnen dienen soll, muß ich vorher überzeugt sein, daß ich Ihnen dienen kann. Das ist aber nur dann der Fall, wenn ich ganz genau weiß, wen ich vor mir habe.«

Der Andere blickte schnell und fragend auf.

»Wissen Sie das nicht?«

»Nein.«

»Sie haben doch meine Karte!«

»Die habe ich. Auf ihr ist zu lesen, daß Sie Abraham heißen und in Kairo Banquier sind.«

»Nun, so wissen Sie genug!«

»Ich weiß nur, daß dies ein Pseudonym ist.«

»Wie kommen Sie auf diese Vermuthung?«

»Ich will es Ihnen offen sagen, da wir aufrichtig gegen einander sein wollen. Sie stellten mir ein gutes Geschäft in Aussicht, bei welchem ich mir eine nicht unbedeutende Summe verdienen könne. In der Hoffnung auf eine solche Bezahlung hielt ich die Ausgabe für ein Telegramm für nicht ungerechtfertigt.«

»Ah! Sie haben telegraphirt? Verdammt! Da hat man ja auf der hiesigen Telegraphenstation bemerkt, daß ich –«

Er zog die Stirn in Falten. Der Agent fiel ein:

»Keine Sorge! Unsereiner ist vorsichtig. Ich habe das Telegramm nicht hier aufgegeben.«

»Ach so! Das beruhigt mich. Wo frugen Sie an?«

»Beim Consulate natürlich. Sie hatten mir gesagt, daß Sie neben der Esbekieh wohnten; ich frug an, ob ein Banquier Abraham neben der Esbekieh in Kairo zu finden sei. Man antwortete mir mit einem Nein und fügte hinzu, daß ein Banquier Abraham überhaupt nicht in Kairo existire.«

»Das hätten Sie unterlassen sollen!«

Der Agent zuckte die Achsel.

»Geschäftsprincip, von dem ich nicht abgehe.«

»Der Satan hole Ihr Geschäftsprincip!«

»Das wollen wir nicht wünschen, denn gerade die Befolgung dieses Grundsatzes hat mich vor manchem Verluste bewahrt und mir manche schwierige Arbeit gelingen lassen. So ist es auch hier. Wenn ich mit Erfolg operiren soll, muß ich wissen, wer Sie sind.«

Der Dicke blickte schweigend vor sich nieder.

»Sie können sich natürlich auf die allerstrengste Verschwiegenheit meinerseits verlassen,« fügte der Agent hinzu.

»Hm! Wenn ich das wüßte!«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«

Der Bärtige warf ihm einen Blick zu, in welchem die stille Frage lag, ob er überhaupt noch eine Ehre habe; doch antwortete er:

»Gut! Ich werde es versuchen. – Verflucht, da werden wir gestört!«

Es trat ein dritter Gast ein, welcher sich schnell umblickte. Diese Umschau schien den vorhandenen Zeitungen zu gelten, denn er näherte sich dem Tische, auf welchem dieselben lagen und setzte sich da nieder, eine Flasche Selters bestellend. Dieser Zeitungstisch stand gerade neben demjenigen, an welchem die Beiden saßen.

»Was nun?« fragte der Dicke leise.

»Gehen wir!«

»Nein. Ich mag nicht haben, daß man uns auf der Promenade beisammen sieht.«

»So komme ich in Ihre Wohnung.«

»Auch dort sollen Sie nicht gesehen werden.«

»So suchen Sie mich auf.«

»Das will ich ebenso wenig. Man soll nicht bemerken, daß wir mit einander zu thun haben.«

»Dann müssen wir eben hier bleiben und nur leise sprechen.«

»Das fällt auf und ist verdächtig.«

»So sagen Sie mir, was wir sonst thun wollen!«

»Kennen Sie den Kerl?«

»Nein. Habe ihn noch nicht gesehen.«

»Bedienen wir uns einer fremden Sprache!«

»Das ist unsicher. Englisch und französisch versteht hier Jedermann.«

»Sprechen Sie türkisch?«

»Leider nicht. Bin in meinem ganzen Leben nicht in der Türkei gewesen. Ja, wenn Sie Russisch verständen!«

»Schön, schön! Ich spreche sehr gut Russisch.«

»Nun gut, so paßt es ja!«

»Aber falls dieser Kerl ein Russe ist?«

»Keine Sorge! Ich studire täglich die Curliste auf das Genaueste. Es ist kein Russe hier, nicht einmal ein Pole, was zu verwundern ist. Ich lernte das Russische, weil ich dort an der Grenze angestellt war. Zum Ueberflusse werde ich diesen Mann einmal fragen.«

Er drehte sich um und warf eine Bemerkung in russischer Sprache hinüber zu dem Neuangekommenen. Dieser aber blickte in seine Zeitung und zuckte nicht.

»Sehen Sie! Der Mann versteht kein Wort. Wir können also unsere Unterhaltung ohne alle Befürchtung fortsetzen.«

»Schön! Ich bin beruhigt. Also wo waren wir im Gespräche stehen geblieben?«

»Bei Ihrem falschen Namen.«

»Richtig! Sie wollten genau wissen, wer ich bin, und gaben mir Ihr Ehrenwort, es zu verschweigen.«

»Ich wiederhole dieses Versprechen.«

»So will ich Ihnen sagen, daß ich gar nicht aus Kairo, nicht aus Egypten bin.«

»Dachte es mir!«

»Ich wohne in Stambul.«

»Ah! In Constantinopel!«

»Man nennt mich Ibrahim Pascha.«

»Sehr viel Ehre!« verneigte sich der Agent, als er diesen Titel hörte.

»Sie sehen, daß ich ein hoher Beamter der Regierung bin und Ihnen wohl dankbar sein kann, wenn Sie mir treu dienen.«

»Sie können sich auf mich verlassen! Natürlich habe ich Sie hier nur Herr Ibraham zu nennen?«

»Versteht sich von selbst.«

»So bitte ich um weitere Instructionen, Herr Ibraham.«

»Eigentlich müßte ich Ihnen eine lange, lange Geschichte erzählen, aber das nimmt mir zu viel Zeit weg. Treiben Sie gern Politik?«

»Mit besonderer Passion.«

»So interessiren Sie sich jedenfalls auch für die Personen der hervorragendsten Diplomaten Deutschlands?«

»Ich kenne sie alle, wenn auch nicht persönlich.«

»Haben Sie vielleicht einmal gehört, daß einer dieser Herren unter dem Namen Steinbach gereist sei?«

»Nein, niemals.«

Als der Name Steinbach genannt wurde, machte der neue Gast eine Bewegung, welche von den Beiden nicht bemerkt oder nicht beachtet wurde. Er wendete sich, scheinbar in seine Zeitung vertieft, noch weiter ab, so daß sein Gesicht nicht gesehen werden konnte, und richtete nun seine gespannteste Aufmerksamkeit auf das Gespräch.

»Fatal!« brummte der Pascha. »Ein deutscher Diplomat ist er sicher gewesen.«

»Darf ich vielleicht das Nähere erfahren? Vielleicht ist es mir dann möglich, Klarheit zu erlangen.«

»Zu solcher Ausführlichkeit habe ich jetzt keine Zeit. Frage ich lieber weiter: Ist Ihnen vielleicht der Name Adlerhorst bekannt?«

»Von Adel?«

»Ja.«

»Kennen Sie die Familie?«

»Ich hörte von ihr. Sie war da hinten an der Grenze begütert, ist aber verschollen.«

»Seit wann?«

»Seit beinahe zwei Jahrzehnten.«

»Das stimmt. Haben Sie nicht gehört, ob ein Glied dieser Familie wieder aufgetaucht ist?«

»Nein.«

»Hm! Und ein Adlerhorst war er doch!«

»Wer?«

»Davon später! Diese Familie muß, wie es scheint, in England Verwandte besitzen?«

»Allerdings. Es ist das eine nach Großbritannien ausgewanderte Seitenlinie, welche aber den Namen noch fortführt, freilich in englischer Sprache.«

»Wohl Eagle-nest?«

»Ja. Ich kenne den Lord genau.«

»Ah, wirklich?«

»Er kommt seit drei Jahren an jedem Herbst hierher, um einige Wochen da zu bleiben.«

»Das ist mir von großem Interesse. Wird er auch in diesem Jahre kommen?«

»Ich habe gehört, daß er schon angesagt sei.«

»So bleibe ich so lange hier. Sind Sie auch mit den Künstlerkreisen, besonders der Maler, vertraut?«

»So leidlich.«

»Giebt es einen deutschen Maler, welcher Normann heißt, ich glaube, Paul Normann?«

»Kenne ich nicht.«

Der Agent hatte bei allen Antworten, die er gab, eine unbefangene Miene gezeigt. Ein besserer Menschenkenner als der Pascha hätte aber vielleicht bemerkt, daß in den schlauen, scharfen Gesichtszügen etwas Zurückhaltendes, Abwartendes lag.

»Das ist dumm!« bemerkte der Pascha. »Nach dem Portrait, welches ich in Constantinopel von ihm gesehen habe, muß er ein sehr bedeutender Künstler sein, dessen Namen Sie kennen würden.«

»Haben Sie sich hier in Deutschland vielleicht bereits nach ihm erkundigt?«

»Sehr oft und überall.«

»Und auch vergebens?«

»Leider.«

»So ist er entweder kein bedeutender Künstler oder er befindet sich nicht hier. Die genannten Personen sind es, welche Sie suchen?«

»Eigentlich nicht. Sie stehen nur in näherer Beziehung zu den Gesuchten.«

»So bitte ich, mir die Hauptpersonen zu nennen!«

»Das sind zwei Damen.«

»Ah! Das wird interessant! Jung?«

»Ja.«

»Schön?«

»Sie waren meine Frauen, also müssen sie schön gewesen sein.«

»Ihre Frauen? Sapperment!«

»Sie wurden mir geraubt.«

»Eine Entführung aus dem Harem wohl?«

»Ja.«

Da schlug der Agent mit der Faust auf den Tisch und rief im höchsten Grade verwundert:

»Donnerwetter! Das ist ja hochinteressant! Ich habe schon sehr eigenartige Aufträge erhalten, so einen aber noch nie. Ich soll zwei Frauen, die in Constantinopel aus dem Harem entführt worden sind, hier in Deutschland suchen! Waren es denn rechtmäßige Frauen?«

»Natürlich! Ich hatte sie ja bezahlt!«

»O, das gilt hier nichts. Menschenhandel wird bei uns sogar sehr streng bestraft.«

»Weil Ihr Christen ganz verkehrte Kerls seid!«

»Lassen Sie das hier Niemand hören. Sind die Frauen mit Gewalt geraubt worden?«

»Natürlich! Oder meinen Sie, daß ein Raub auch ohne Gewalt ausgeführt werden könne?«

»Ich meinte mit meiner Frage, ob die Frauen mit ihren Verführern einverstanden waren.«

»Das waren sie.«

»So können Sie nichts machen.«

»Ich will aber Etwas machen!«

»Was denn?«

»Das ist Ihre Sache.«

»Und diese Sache ist eine ganz hoffnungslose. Sie können nicht angeben, wo die ungetreuen Frauen sich befinden.«

»In Deutschland.«

»Das ist nichts gesagt. Wo soll man sie da suchen! Und selbst wenn wir sie finden, so hilft es Ihnen nichts. Ihr Kaufcontract ist hier bei uns null und nichtig. Wenn die Frauen Ihnen nicht freiwillig folgen, müssen Sie sie lassen, wo sie sind.«

»Aber sie sollen mir folgen!« rief der Pascha ärgerlich. »Deshalb suche ich sie ja!«

»Sie brauchen es aber nicht.«

»So zwinge ich sie.«

»Womit?«

»Das sollen Sie sich eben aussinnen!«

»Ach so! Jetzt kenne ich die Aufgabe, welche Sie mir anvertrauen wollen. Ich soll Ihnen die entflohenen Frauen suchen und sie durch irgend eine List oder auch durch eine unerlaubte Gewaltthätigkeit Ihnen in die Hände spielen?«

»So ist es!«

»Wie heißen diese interessanten Damen?«

»Tschita und Zykyma.«

Um die Augen des Agenten zuckte es leise. Ein Menschenkenner hätte, dies bemerkend, sofort vermuthet, daß er diese Namen oder wenigstens einen derselben bereits gehört habe.

»Zwei schöne, wohlklingende Namen,« sagte er. »Ich bezweifle nur, daß sie dieselben auch jetzt noch tragen. Sie werden sich jedenfalls längst andere beigelegt haben. Und, wenn ich recht unterrichtet bin, haben diese türkischen Damen nur einen Vor- nicht aber einen Familiennamen?«

»So ist es.«

»Das erschwert das Nachforschen um ein Bedeutendes. Wer sind denn die Führer?«

»Es sind Mehrere. Zunächst dieser Maler Normann, welcher es auf Tschita abgesehen hatte – –«

Der Pascha bemerkte nicht, daß der Agent ganz leise wie in Gedanken, mit dem Kopfe nickte, sonst hätte er annehmen müssen, daß derselbe jedenfalls Etwas von Normann und Tschita wisse. Er fuhr fort:

»Sodann ein gewisser Hermann Wallert, der seine Aufmerksamkeit auf Zykyma gerichtet hatte. Nebenbei glaube ich, daß dies ein falscher Name ist. Er muß Hermann von Adlerhorst heißen.«

»Das verspinnt sich ja immer mehr!«

»Ferner glaube ich, daß auch jener verkappte Diplomat Steinbach mit betheiligt war. Ganz sicher aber ist es, daß Lord-Eagle-nest den Raub begünstigte. Er hat sämmtliche Personen auf seiner Yacht entführt.«

»So haben wir also eine ganze Clique beisammen. Wer die Geraubten finden will, muß vorher nach den Räubern forschen.«

»So denke ich auch. Ich habe aber keinen Einzigen derselben gefunden.«

»So werde ich mir Mühe geben.«

»Haben Sie Hoffnung?«

»Hm! Man kann natürlich nichts sagen; ich weiß nur, daß mir bisher noch nichts Derartiges mißlungen ist. Bei meinen weit ausgebreiteten und heimlichen Verbindungen wird es mir wohl möglich sein, die Spur der Entflohenen zu entdecken.«

»Ich muß sie wiederhaben!« knirschte der Pascha. »Meine Liebe haben sie verloren; aber rächen will ich mich. Darum und einzig nur. Darum suche ich sie! Und ich würde viel, sehr viel geben, wenn ich sie fände!«

»Es freut mich, daß ich Sie so verständig sprechen höre. Noch weiß ich nicht, ob ich Ihren Auftrag annehme; aber wenn ich es thue, so werde ich mir viele, viele Mühe geben müssen. Ich werde Hunderte von Agenten in Bewegung zu setzen haben und kostspielige Reisen machen, bedeutende Gratifikationen zahlen müssen. Meine Auslagen werden also höchst bedeutend sein, und da muß ich natürlich die Ueberzeugung besitzen, daß ich keine Verluste erleide.«

»Davon ist keine Rede. Ich zahle.«

»Wie viel?«

»Wie viel verlangen Sie?«

»Zunächst einen Vorschuß als Sicherstellung für meine Auslagen.«

»Schön! Wie hoch soll derselbe sein?«

»Fünftausend Mark.«

»Einverstanden! Ich zahle sie sofort.«

Er zog eine Brieftasche hervor und zählte ihm die Summe in Banknoten auf den Tisch. Der Agent hatte seit langer Zeit nicht fünftausend Mark beisammen gesehen. Seine Hände zitterten leise und seine Augen funkelten, als er diese Summe schnell in seine Tasche barg. Er war ja jetzt bereits überzeugt, daß er keinen Pfennig Auslage haben werde.

»Die eigentliche Aufgabe zerfällt in zwei verschiedene Theile,« fuhr er fort. »Erstens habe ich die Verschwundenen auszusuchen und zweitens sie in Ihre Gewalt zu bringen.«

»Aber so, daß ich sie sicher nach Constantinopel bringe!« fiel der Pascha ein.

»Einverstanden, obgleich mir dadurch das Unternehmen außerordentlich erschwert wird. Ich möchte mir für jeden Theil dieser Aufgabe ein Honorar erbitten. Also wenn ich sie entdeckt habe, zahlen Sie die erste Rate.«

»Wie hoch?«

»Zehntausend Mark.«

»Auch damit einverstanden. Sie sehen, daß ich nicht knausere. Ich will mich rächen, und wenn Sie mir dies ermöglichen, zahle ich gern. Wieviel verlangen Sie dann, wenn Sie sie mir sicher ausgeliefert haben?«

»Ebenso viel.«

»Also wieder zehntausend. Es ist sehr hoch gegriffen, fünfundzwanzigtausend Mark in Summa; aber ich will sie zahlen. Wenn werden Sie beginnen?«

»Sofort. Nur muß ich Sie vorher ersuchen, mir einige der näheren Umstände anzugeben und die betreffenden Personen zu beschreiben.«

Er zog sein Notizbuch hervor, um sich die Bemerkungen einzutragen.

Die Beiden waren ganz überzeugt, daß der ihnen so nahe sitzende, unbekannte Gast gar nichts von ihrer Unterhaltung verstehen könne, und hatten sich jetzt überhaupt in ihre Unterhaltung so sehr vertieft, daß sie es gar nicht beachteten, als er jetzt aufsah und mit seinem Stuhle eine näher rückende Bewegung machte. Er saß mit dem Rücken nach ihnen, scheinbar noch immer in seine Zeitung vertieft, doch hatte er den Kopf ein Wenig zur Seite gewendet und hielt ihnen das eine Ohr zugekehrt. Er lauschte so aufmerksam, daß ihm keines ihrer Worte zu entgehen vermochte.

Der vermeintliche Bankier aus Kairo bemerkte auf die letzten Worte des Agenten:

»Wenn Sie sich Notizen machen, so schreiben Sie sich ja meinen eigentlichen Namen nicht auf!«

»Warum? Es bleibt ja geheim.«

»Das denken Sie zwar; aber der Zufall spielt oft wunderbar. Wie leicht kann das Buch einmal in unrechte Hände kommen.«

»Das haben Sie bei mir nicht zu befürchten.«

»Meinen Sie? Sie geben zu, daß die Polizei ein Auge auf Sie hat. Die geringste Veranlassung, an welcher Sie ganz unschuldig sind, kann die argdenkenden Herren veranlassen, Ihnen einen Besuch zu machen.«

»Das wollte ich mir verbitten!«

»Die Polizei läßt sich nichts verbitten. Sie haben ja bereits mit ihr zu thun gehabt und waren damals sogar ein anerkannt tüchtiger Criminalbeamter. Jetzt, wo Sie in einem ganz anderen Geruche stehen, wird man sich natürlich noch viel weniger geniren als damals.«

»Herr! Sie bedienen sich einer Redeweise, welche mich unbedingt beleidigen muß!«

Diese Worte waren in einem sehr ernsthaften und reservirten Tone gesprochen worden.

»Pah!« antwortete der Pascha. »Sie selbst haben gewünscht, daß Aufrichtigkeit zwischen uns herrschen soll!«

»Aber man kann sich trotzdem weniger beleidigender Ausdrücke bedienen, mein Herr!«

»Lassen wir das! Ich ersuche Sie, nicht meinen Namen Ibrahim Pascha oder Abrahim Pascha zu notiren, und ich muß streng darauf bestehen, daß Sie diesen Wunsch respectiren!«

»Das werde ich auch. Mein Gedächtniß reicht vollständig hin, ihn mir auch ohne Notiz zu merken.«

»Schön! Was wünschen Sie nun, zu wissen?«

»Den Lord kenne ich. Jetzt muß ich Sie um eine Beschreibung derjenigen Personen ersuchen, welche mir noch unbekannt sind.«

»Ist das so nöthig?«

»Unumgänglich. Wie soll ich die Leute finden oder gar entdecken, wenn ich ihre Persönlichkeiten nicht kenne!«

»Aus einer einfachen Beschreibung lernen Sie sie aber auch nicht kennen.«

»Genau natürlich nicht; aber ich bekomme wenigstens einen ungefähren Begriff von den Persönlichkeiten.«

Der Pascha mußte das zugeben und beschrieb ihm nun, so weit er es vermochte, Tschita, Zykyma, Normann, Wallert und Steinbach.

Als die Rede von Normann war, ging ein kurzes, listiges Lächeln über das Gesicht des Agenten. Dann aber erregte die Beschreibung Steinbachs seine ganz besondere Aufmerksamkeit. Er machte sogar ein höchst erstauntes Gesicht.

»Also groß und stark ist dieser Mann?« fragte er.

»Fast ein Riese.«

»Blond oder dunkel?«

»Dunkel.«

»Was für einen Bart?«

»Vollbart. Er ist ein schöner, prächtiger Kerl, wie man einen zweiten wohl selten findet.«

»Sie sind ja ganz begeistert für ihn!«

»Nichts weniger als das. Ich soll ihn möglichst genau beschreiben und muß also sagen, daß er ein schöner Mann ist. Trotzdem aber wünsche ich ihn in die tiefste Hölle hinab.«

Der Agent notirte sich Alles sehr genau. Dann erklärte er:

»Die Beschreibung genügt nicht allein. Ich muß auch wissen, unter welchen Umständen Sie diese Personen kennen gelernt haben.«

»Das ist nicht nothwendig.«

»Sogar sehr!«

»Sie verlangen, daß ich Ihnen Vorkommnisse erzählen soll, welche sehr geheimer Natur sind!«

»Ich muß das verlangen, wenn ich Ihnen mit Erfolg dienen soll.«

»Es geht auch ohne das!«

»Keineswegs.«

»Ich seh den Grund nicht ein!«

»Er ist sehr einfach. Ich soll diese Leute aufsuchen, Ihnen sogar die beiden Damen in die Hände spielen. Ich muß da unbedingt wissen, in welchem Verhältnisse sie zu Ihnen gestanden haben und noch stehen. Ich kann sonst den größten Fehler begehen.«

»Das glaube ich nicht. Sie haben ja mit diesen Personen nicht einmal zu sprechen!«

»Meinen Sie? Ich muß mit ihnen sprechen, um mich zu überzeugen, ob sie wirklich die Gesuchten sind. Und um da keine Fehler zu begehen, muß ich natürlich orientirt sein.«

»Daran liegt mir freilich nichts.«

»So ziehen Sie Ihren Auftrag zurück!«

»Fällt mir gar nicht ein! Zumal jetzt, da ich Ihnen bereits eine Summe vorausbezahlt habe.«

»Nun, so dürfen Sie sich auch nicht weigern, mir Vertrauen zu schenken.«

Der Pascha wehrte sich noch kurze Zeit, mußte aber doch einsehen, daß der Agent Recht hatte, und erzählte ihm nun das, was in Constantinopel geschehen war, allerdings nicht ausführlich, sondern sehr flüchtig und lückenhaft.

Der Andere hörte ihm aufmerksam zu, nickte oder schüttelte zuweilen mit dem Kopfe und sagte endlich:

»Sie sind in Ihren Mittheilungen sehr zurückhaltend gewesen; aber es genügt. Ich bin Jurist und weiß, mir das zu ergänzen, was Sie weggelassen haben.«

»Wann werden Sie für mich zu wirken beginnen?«

»Sofort.«

»Recht so! Darf ich wissen, wie der Anfang sein wird?«

»Das weiß ich selbst noch nicht. Zunächst muß ich mir die Sache natürlich sehr reiflich überlegen. In das Zeug stürzen darf ich mich nicht. Die Lösung dieser Aufgabe bietet ganz besondere Schwierigkeiten und erfordert in Folge dessen die reiflichste Ueberlegung.«

»Sie werden mich Natürlich, sobald Sie einen Erfolg haben, sofort benachrichtigen.«

»Natürlich. Aber auf welche Weise soll das geschehen, da wir uns nicht miteinander sehen lassen wollen?«

»Brieflich.«

»Davon möchte ich absehen.«

»Warum?«

»Ich vertraue solche Geheimnisse nicht gern dem Papiere an. Man kann nie wissen, in welche Hände so ein Brief kommt.«

»Da haben Sie freilich Recht.«

»Ich schlage vor, dich wir uns schreiben, wann und wo wir uns sehen wollen. Wir können ja einen Ort wählen, an welchem uns Niemand sehen kann.«

»Ganz recht! Am Besten ist es, wir bestimmen gleich jetzt diesen Ort. Kennen Sie einen?«

»Ja. Er heißt Oscars Ruhe.«

»Kenne ich nicht.«

»Das schadet nichts. Der Ort ist sehr leicht zu finden. Er liegt auf der Höhe dem Schlosse gegenüber. Es führt ein schmaler, vielfach gewundener Pfad durch den Wald zu ihm empor, und mehrere Wegweiser sorgen dafür, daß man sich nicht verlaufen kann.«

»Warum heißt er Oscars Ruhe?«

»Weil er ein Lieblingsort des Prinzen ist, welcher bekanntlich Oscar heißt. Man hat von da aus eine prächtige Fernsicht in das Land.«

»Kann man da beobachtet werden?«

»Nein. Die Stelle ist an drei Seiten von Büschen und Bäumen umgeben.«

»Hinter denen Lauscher stecken können!«

»Bitte sehr! Grad wir beide werden uns dahinter verstecken.«

»Schön! Also wenn Einer von uns den Anderen sprechen will, so schreibt er ihm eine Zeile. Der Brief braucht nur die Zeit zu enthalten, in welcher die Zusammenkunft stattfinden soll. Das Uebrige ist ja bekannt.«

»Oder – mir kommt da ein Gedanke. Wir können die Sache noch viel mehr vereinfachen.«

»In welcher Weise?«

»Wir können das Briefschreiben ganz vermeiden.«

»Verkehren Sie oft hier in diesem Pavillon?«

»Wenn es in unserm Interesse liegt, werde ich gern oft kommen.«

»Schön. Sie lesen doch deutsch?«

»Schlechter noch als ich es spreche.«

»Thut nichts. Kennen Sie die norddeutsche allgemeine Zeitung?«

»Das Organ Bismarcks? Ja.«

»Sie befindet sich unter den hier gehaltenen Blättern. Ich werde täglich dreimal hierher gehen, des Morgens, des Mittags und des Abends. Thun Sie das ebenso!«

»Wozu?«

»Wer den Andern sprechen will, braucht nur diese Zeitung zu lesen und an den Rand derselben diejenige Ziffer mit Bleistift zu schreiben, welche die Stunde bezeichnet, in der die Zusammenkunft auf der Oscars Ruhe stattfinden soll.«

»Schön! Dieser Gedanke ist sehr gut. Eine solche Ziffer kann keinem Menschen auffallen.«

»Gewiß nicht.«

»So sind wir also einig?«

»Ja.«

»Und wohl auch fertig?«

»Für jetzt wüßte ich nichts mehr zu bemerken.«

»Ich auch nicht. Die Hauptsache ist, daß der Mann da, welcher noch immer hinter seiner Zeitung steckt, uns wirklich nicht verstanden hat.«

»Kein Wort. Der Kerl sieht überhaupt gar nicht etwa so geistreich aus, daß wir uns vor ihm fürchten müßten.«

»Trotzdem war es vielleicht eine Unvorsichtigkeit, die Sache grad hier zu verhandeln.«

»O nein. Wir haben nichts, aber auch gar nichts zu befürchten. Ich darf mich also empfehlen?«

»Ja. Denken Sie also fleißig nach!«

»Gewiß. Ich hoffe, daß mir bereits heut ein Gedanke kommt, in welcher Weise wir diese Angelegenheit anzufassen haben.«

»Soll mich freuen. Also Klugheit und Verschwiegenheit. Das bitte ich mir aus.«

Der Agent entfernte sich. Der Pascha blieb noch ein Weilchen sitzen und ging dann auch. Sofort rief der Fremde den Kellner herbei, um zu bezahlen.

»Kannten Sie die beiden Herren, welche hier bei einander saßen?« fragte er ihn.

»Nur den Einen.«

»Welchen?«

»Den Langen, Hageren.«

»Schön! Wer ist er?«

»Er ist Agent, war früher Gerichts- oder auch Polizeibeamter, ist aber abgesetzt worden.«

»Wo wohnt er?«

»Im Hotel zum Schwan. Er heißt Schubert.«

»Danke!«

Er berichtigte seine Zeche und ging dann auch, und zwar schnellen Schrittes davon. Er wollte dem Pascha folgen, um ihn zu beobachten.

»Eigenthümlicher Zufall!« sagte er zu sich. »Jedenfalls meinen sie ganz denselben Steinbach, welchen auch ich kenne. Also ich habe kein geistreiches Gesicht. Ich sehe dumm aus! Schön! Ihr sollt Euch schon noch über meine Dummheit wundern!«

Er bekam den Pascha bald wieder zu Gesicht und hielt sich so hinter ihm, daß er ihn nicht aus dem Auge verlieren konnte, nahm sich aber sehr in Acht, seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Pascha schlenderte nach dem Bahnhofe, vielleicht um aus langer Weile sich die mit dem nächsten Personenzuge ankommenden Passagiere anzusehen. Er trat in die Bahnhofsrestauration und begab sich da in das Wartezimmer erster Klasse.

Der Andere folgte ihm, aber nicht ganz, sondern er blieb im Wartezimmer zweiter Klasse zurück. Die Verbindungsthür stand offen, so daß er durch dieselbe den Pascha unauffällig beobachten konnte.

Indem er sich an einem der leer stehenden Tische niedersetzte, sah er sich um. Sein Auge fiel auf einen einzelnen Herrn, der allein an einem anderen Tische saß und in einer Zeitung las.

»Ists möglich!« sagte er. »Ist er es, oder irre ich mich?«

Der Betreffende war klein aber sehr dick. Sein bartloses Gesicht zeugte von unendlicher Gutmüthigkeit, doch lag auch ein Zug von versteckter Schalkheit oder List in demselben. Es war von Sonne, Wind und Wetter gegerbt, und diese Lederfarbe stach sehr ab gegen die seine, weiße Wäsche, welche er trug.

Der zuletzt Gekommene ging auf ihn zu, verbeugte sich höflich und sagte:

»Entschuldigung, mein Herr! Es ist mir, als ob wir uns bereits einmal gesehen hätten.«

Der Dicke legte die Zeitung weg, erhob sich, erwiderte die Verbeugung, betrachtete den Sprecher und antwortete:

»Da ich Sie jetzt ansehe, ist es mir auch so, als ob wir uns begegnet seien. Aber wo?«

»Irre ich mich nicht, so war es sehr weit von hier.«

»Möglich.«

»In Sibirien.«

»Ah! Sie waren dort?«

»Ja. Sind Sie nicht Sam Barth, unser wackerer und unvergeßlicher Erretter?«

»Ja, der dicke Sam bin ich,« lächelte der Kleine. »Errettet soll ich Sie haben?«

»Jawohl.«

»Wo denn? Ich kann mich nicht darauf besinnen.«

»Am Mückenflusse.«

»Da habe ich Viele errettet. Befanden Sie sich vielleicht unter den armen Flüchtigen?«

»Allerdings.«

»So habe ich Sie dort gesehen, aber doch nur flüchtig. Gesprochen haben wir wohl gar nicht miteinander.«

»O doch!«

»So? Hm! Kann mich nicht besinnen.«

»Ich trug damals einen dichten, langen Vollbart. Jetzt aber bin ich ohne Bart. Darum kennen Sie mich nicht.«

»Das müßte es sein. Aber gesprochen habe ich nur mit sehr wenigen Verbannten, und da Sie dieses behaupten, so müssen Sie zu den Wenigen gehören.«

»Gewiß! Bitte, besinnen Sie sich!«

»Kenne ich Ihren Namen?«

»Ja.«

»Sapperment! Hm! Was so ein Vollbart thut! Wie heißen Sie denn eigentlich?«

Der Andre lachte vor Vergnügen am ganzen Gesicht. Er antwortete:

»Mein Name ist Sendewitsch.«

»Sen– – alle Teufel!«

So ein erstauntes Gesicht wie jetzt in diesem Augenblicke hatte der Dicke wohl noch selten gemacht.

»Sendewitsch!« fuhr er fort. »Major Sendewitsch! Der kühne Anführer der Flüchtigen! Ja, jetzt erkenne ich Sie! Hier meine Hand! Wie mich das freut! Setzen Sie sich! Setzen Sie sich! Sie sind also glücklich entkommen?«

»Ja, auf türkisches Gebiet.«

»Gott sei Dank! Aber leicht ists Ihnen jedenfalls nicht geworden!«

»O nein. Ueber unsere Abenteuer könnte ich Bücher schreiben.«

»Ich warte nicht, bis Sie dieselben geschrieben haben. Sie müssen mir Alles erzählen.«

»Gern, herzlich gern!«

»Und was thun Sie hier in Deutschland?«

»Ich bin militairischer Bevollmächtigter des Großherrn.«

»Was! Sie stehen also im Dienste des Sultans?«

»Ja. Ich will nach Essen.«

»Also zu Krupp?«

»Ja. Ich bin beauftragt, mit ihm einen Contract wegen Waffenlieferungen zu vereinbaren.«

»Das freut mich herzlich. So ist also für Ihre Zukunft gesorgt?«

»Ausreichend. Ich bin Oberst.«

»Gratulire! Halten Sie sich längere Zeit hier auf?«

»Bis meine Sendung erfüllt ist.«

»Befindet Krupp sich denn hier?«

»Ja. Uebrigens bin ich gestern Abend erst angekommen.«

»Ein wunderbares Begegnen! Also lassen wir uns noch ein Glas geben. Sie müssen erzählen.«

»Vorher eine Erkundigung. Wo ist Steinbach?«

»Noch in Petersburg.«

»So! Wissen Sie vielleicht, ob er auch einmal in der Türkei gewesen ist?«

»Er war dort.«

»Hat er einen gewissen Ibrahim Pascha dort kennen gelernt?«

»Sogar sehr.«

»Hm! Wissen Sie, auf welche Weise?«

»Ja.«

»Darf ich es erfahren?«

»Thut mir leid. Ich habe keine specielle Erlaubniß, davon zu sprechen.«

»Ah so! Na, bleibt sich gleich. Hat Herr Steinbach vielleicht geholfen, zwei Damen zu entführen?«

»Möglich.«

»Kommt er auch nach hier?«

»Ja. Er wird sogar in sehr kurzer Zeit hier eintreffen.«

»Das ist sehr gut. Ich werde ihm einen bekannten Türken vorstellen.«

»Befindet sich einer hier im Bade?«

»Ja.«

»Ich habe die Präsenzliste durchgelesen, aber keinen Türken gefunden.«

»Er ist incognito hier.«

»Dann ist's etwas Anderes. Wer ist's?«

»Ibrahim Pascha.«

Da fuhr Sam von seinem Stuhle auf.

»Ist's wahr?« fragte er.

»Ja.«

»Kennen Sie ihn denn?«

»Bis vor einer Stunde nicht.«

»Wo ist er zu sehen?«

»Draußen im Wartezimmer erster Classe.«

»Doch nicht der Herr, welcher soeben hier durchgegangen ist?«

»Ganz derselbe.«

»Der, der soll der Pascha sein?«

»Ganz gewiß.«

»Aber woher wissen Sie es, daß er es ist? Sie sagten, er sei incognito hier.«

»Ich habe ihn belauscht.«

»Sapperment! Legen Sie sich auf das Lauschen?«

»Nein. Es geschah durch Zufall.«

»Wie mich das interessirt!«

»Wirklich?«

»Ja! Sie haben gar keine Ahnung, welchen Werth diese Nachricht für mich,, das heißt natürlich für Herrn Steinbach hat. Ich muß mir den Kerl einmal genau ansehen.«

Er wollte sich vom Tische entfernen; Sendewitsch aber hielt ihn fest und sagte:

»Bitte, bleiben Sie noch! Vielleicht ist es besser, Sie machen ihn nicht auf sich aufmerksam.«

»Warum?«

»Kennt er Sie?«

»Nein.«

»Das ist gut. Kennen Sie einen Maler Normann?«

»Ja.«

»Zwei Damen Namens Tschita und Zykyma?«

»Auch.«

»Und daß Sie auch den Namen Adlerhorst kennen, das weiß ich von Sibirien aus. Es befand sich ja damals ein entflohener Kosak in der Höhle, welcher ein Deutscher Namens Adlerhorst war.«

»Georg Adlerhorst,« nickte Sam. »Das ist richtig. Aber warum fragen Sie mich nach diesen Leuten?«

»Es droht ihnen vom Pascha Gefahr.«

»Sapperment! Was hat er vor?«

»Tschita und Zykyma sollen geraubt werden.«

»Geraubt? Meint der Kerl etwa, daß er sich in Asien befindet, wo so etwas möglich ist! Hier aber mag er es bleiben lassen! Woher wissen Sie es?«

»Aus der Unterredung, welche ich belauscht habe.«

»Erzählen Sie, bitte, erzählen Sie!«

Der jetzige türkische Oberst erzählte, wie er dazu gekommen sei, den Horcher zu machen. Sam hörte ihm aufmerksam zu, stand dann auf, stellte sich an die zum ersten Wartezimmer führende Thür und sah sich den darin Befindlichen an.

»Lassen Sie sich nicht sehen!« warnte Sendewitsch.

»Keine Sorge! Ich bin ein alter, erfahrener Frosch und weiß ganz genau, wann ich zu quaken habe und wann nicht.«

Er hatte sich so gestellt, daß er von Ibrahim nicht gesehen werden konnte. Als er sich dann wieder niedersetzte, meinte er:

»Also das ist der Kerl! Dieses Gesicht will ich mir sehr genau merken. Aber ich begreife nicht, warum ich mich nicht von ihm sehen lassen soll.«

»Weil es unter Umständen wohl besser ist, er ahnt gar nicht, daß Sie ihm Ihre Aufmerksamkeit schenken.«

»Pah! Das braucht er nicht zu ahnen, auch wenn er mich zu sehen bekommt. Er scheint auf den nächsten Zug zu warten.«

»Wohl nur zur Unterhaltung.«

»Möglich! Er wird sich übrigens besser unterhalten, als er ahnt. Es wird ein sehr guter Bekannter von ihm aussteigen, dessen Anblick ihm sicher einen gewaltigen Schreck einjagt.«

»Erwarten Sie Jemanden?«

»Ja, und zwar einen Menschen, mit dem auch Sie zu thun gehabt haben. Er war früher Derwisch und betheiligte sich damals an unserem Kampfe, als wir die Herren Kosaken so gewaltig hinter das Licht führten. Er hatte sich ihnen angeschlossen. Ich nahm ihn dann gefangen.«

»Weshalb?«

»Weil wir eine Rechnung mit ihm auszugleichen hatten, die ihm jetzt noch auf dem Rücken hängt. Er ist noch heut unser Gefangener. Er soll hier eingesperrt werden. Jim und Tim bringen ihn. Ich bin voraus, um ihm das Logis zu versorgen.«

»Hier im Amtsgerichte?«

»O nein. Da steckt er nicht sicher. Steinbach hat ihm eine hübsche Privatwohnung angewiesen. Ich hatte an den hiesigen Schloßcastellan einen Brief abzugeben, in Folge dessen dieser Mann sofort ein sehr sicheres Gewölbe für den Gefangenen in Bereitschaft gesetzt hat.«

»Kennt Steinbach diesen Castellan«

»Ja.«

»Dieser Herr ist mir ein großes Räthsel.«

»Mir auch.«

»Und doch sind Sie so lange Zeit mit ihm beisammen gewesen. Da müßten Sie ihn doch kennen.«

»Ich kenne ihn ebenso wenig als vorher.«

»Aber ein gewöhnlicher Mann ist er keinesfalls?«

»Nein. Als ich mich darüber verwunderte, daß der Gefangene hier auf Schloß Wiesenstein untergebracht werden solle, welches bekanntlich dem Prinzen Oskar gehört, äußerte er, daß der Prinz ein guter Freund von ihm sei. Also kann er kein ordinärer Kerl sein.«

»Und Sie wissen genau, daß dieser Derwisch mit dem nächsten Zuge kommt?«

»Gewiß.«

»Der Pascha kennt ihn so genau, daß er ihn erkennen muß?«

»Ja. Sie sind sehr eng verbündet.«

»So muß ich ihn beobachten.«

»Thun Sie das! Vier Augen sehen mehr als zwei. Horch! Es läutet bereits. Der Zug kommt.«

»Aber ob der Pascha Ihren Gefangenen auch wirklich sehen wird!«

»Jedenfalls. Der hiesige Bahnhof ist ja nicht so bedeutend. Man kann ihn überblicken. Uebrigens werde ich dafür sorgen, daß er ihn sieht.«

Das Glockenzeichen war gegeben worden, und die anwesenden Gäste traten auf den Perron, der Pascha auch.

Sam war natürlich auch hinausgegangen. Der Oberst hielt sich etwas zurück. Er wollte dem Pascha nicht merken lassen, welche Theilnahme er ihm und dem zu erwartenden Vorgange widmete.

Der Zug fuhr ein, und die Reisenden stiegen aus. Aus dem Fenster eines separaten Coupées blickte das scharfgezeichnete, hagere Gesicht Jims. Sam bemerkte es und eilte hin.

»Nun, alles in Ordnung?« fragte er.

»Ja.«

»So steigt aus!«

»Wollen wir nicht warten, bis die Menge sich verlaufen hat? Wir erregen Aufsehen.«

»Der Zug will weiter. Und was thuts, wenn die Leute den Kerl sehen.«

»Schön! Also heraus mit ihm!«

Er stieg voran; ihm folgte Florin, und dann kam Tim hinterher gestiegen.

Der einstige Kammerdiener sah keineswegs leidend aus. Man hatte ihn nicht gepeinigt. Aber er war scharf gefesselt. An Händen und Füßen hingen klirrende Ketten, und die Ersteren wurden überdies durch einen Eisenstab aus einander gehalten, so daß sie einander nicht genähert werden konnten. Das machte jeden Fluchtversuch zu einem ganz aussichtslosen Unternehmen.

»Wohin?« fragte Jim.

»Hinauf in das Schloß,« antwortete Sam. »Bringt ihn zum Castellan, der schon auf Euch wartet.«

»Gehst Du nicht mit?«

»Nein. Ich habe hier noch ein Weniges zu thun, werde aber baldigst nachkommen.«

»Sollen wir nicht lieber Droschke nehmen?«

»Nein. Das ist der Kerl nicht werth.«

»Aber wir erregen Aufsehen!«

»Schadet nichts. Die Leute mögen sich ihn immerhin ansehen, damit sie einmal einen Spitzbuben erster Classe kennen lernen. Also, macht fort!«

Die ausgestiegenen Passagiere hatten den Perron meist schon verlassen. Nur wenige befanden sich noch da, mit ihrem Handgepäck beschäftigt. Auf den Gefangenen hatte noch Niemand Acht gehabt.

Sam trat zurück, um den Pascha zu beobachten, welcher ahnungslos nach der anderen Seite blickte. Oberst Sendewitsch war langsam näher gerückt und stand nun, an einen aus der Mauer hervortretenden Pfeiler gelehnt, ganz nahe seitwärts hinter dem Pascha.

Dieser wollte wohl nun den Perron verlassen. Er drehte sich um. Da fiel sein Auge auf Florin. Er stutzte. Dann sah man es wie einen großen Schreck über sein bärtiges Gesicht zucken. Er trat rasch um einige Schritte vor, so daß Jim und Tim mit dem Gefangenen an ihm vorüber mußten.

Er hatte den Letzteren erkannt. Es war nun seine Absicht auch von ihm erkannt zu werden. Aber der Vollbart und die Brille mit ihren blauen Gläsern entstellten ihn. Den Bart konnte er nicht entfernen, aber die Brille nahm er ab.

Der Blick des Gefangenen war auf ihn gefallen, als er so eilig vortrat. Florin stutzte. Sein Auge bohrte sich in das Gesicht des Pascha. Es zuckte wie eine Freude über sein Gesicht, eine Freude, gemischt mit großem Erstaunen. Er wendete sein Gesicht ab, als ob er den Pascha gar nicht sehe. Aber im Vorüberschreiten sagte er vornehmlich:

»Beni kurtar, joksa sen kajb!«

Weder Jim noch Tim nahmen an, daß diese fremden Worte dem ihnen gänzlich unbekannten Pascha galten.

»Halts Maul, Kerl!« meinte der Erstere. »Wenn Du reden willst, so sprich deutsch oder englisch, was wir verstehen!«

»Jakynda, tschok jakynda!« rief Florin, scheinbar als Antwort auf Jims Rede.

»Schweig! Der Teufel mag Dein Gewäsch hören!«

Sie schritten mit ihm weiter.

Der Pascha stand noch eine ganze Weile bewegungslos. Er hatte noch immer mit seinem Erstaunen zu thun. Dann setzte er sich in Bewegung und verließ den Bahnhof, ohne auf Sam und Sendewitsch zu achten. Er hatte gar nicht bemerkt, daß Beide zu einander und auch zu dem Gefangenen in Beziehung standen.

Jetzt trat Sam zu dem Oberst und sagte:

»Haben Sie ihn sprechen hören?«

»Natürlich. Ich stand ja nahe genug.«

»Es galt nicht Jim und Tim. Ich möchte wetten, daß es an den Pascha gerichtet war.«

»Da haben Sie freilich Recht.«

»Leider habe ich von dem Kauderwelsch kein Wort verstanden. In welcher Sprache mag es gewesen sein?«

»Türkisch. Er wußte, daß die beiden Transporteurs das nicht verstehen würden.«

»Verdammt! Wenn man nur wüßte – ah, Sie sind ja jetzt türkischer Officier. Sollten Sie nicht ein Weniges verstehen?«

»Ich spreche das Türkische sehr gut. Schon als russischer Lieutenant habe ich es gelernt, da der Czar dafür sorgt, daß eine genügende Anzahl Officiers sich der Erlernung dieser Sprache befleißigt.«

»Prächtig! So haben Sie vielleicht die Worte dieses Hallunken verstehen können?«

»Natürlich.«

»Bitte, übersetzen Sie!«

»Er sagte: Beni kurtar, joksa sen kajb. Das heißt: Rette mich, sonst bist Du verloren.«

»Sapperment! Da wollen wir sorgen, daß es nicht geschehen kann! Aber sodann rief er noch einige Worte. Wie hieß das?«

»Jakynda, tschok jakynda, das ist: Rasch, sehr rasch! Er mahnte also zur Eile.«

»Schön, sehr schön! So eilig, wie er es meint, haben wir es freilich nicht. Sahen Sie, wie der Pascha erschrak?«

»Ja.«

»Er nahm die Brille ab, jedenfalls in der Absicht, besser erkannt zu werden. Jetzt läuft er den Dreien nach, wohl um zu sehen, wohin sein Freundchen gebracht wird. Wollen hinterher, um ihn zu beobachten.«

Sie folgten in sicherer Entfernung. Sie sahen, daß er den drei Männern so weit folgte, bis er sah, daß sie in das Portal des Schlosses traten. Dann kehrte er um. Er sah die Beiden nicht, weil sie schnell seitwärts hinter eins der Bosquets getreten waren, welche zu beiden Seiten des Schloßweges standen. Er schritt eiligen Laufes an demselben vorüber.

»Der hat nothwendig!« lachte Sam. »Ich möchte wohl wissen, was er thut.«

»Ich glaube, es Ihnen sagen zu können.«

»So? Nun, was denn?«

»Er läuft nach dem Pavillon, in welchem ich ihn belauschte, um den Agenten zu bestellen.«

»Ah, möglich!«

»Er ist hier fremd und muß sich also dieses Menschen bedienen. Ich wette, daß er ihm die Aufgabe stellt, den Gefangenen zu befreien.«

»Möglich. Wollen wir zuhören?«

»Natürlich!«

»Schön! Wir gehen mit einander. Vorher aber muß ich in's Schloß. Ich habe die Sorge für den Gefangenen übernommen und muß mich überzeugen, ob er sich in Sicherheit befindet. Wo treffen wir uns?«

»Wie lange bedürfen Sie?«

»Nur einige Minuten.«

»So warte ich. Ich promenire hier auf und ab.«

»Schön! Ich werde mich beeilen.«

Sendewitsch hatte nicht lange zu warten, bis Sam wiederkehrte; dann schritten sie in das Städtchen hinab.

»Kennen Sie diesen Ort, den Sie Oskars Ruhe nannten?« fragte Sam.

»Nein. Ich bin ja, wie bereits erwähnt, erst seit gestern hier.«

»Und ich kam erst heut früh. Wir müssen uns erkundigen. Dann gehen wir nach dem Pavillon.«

Sie erfuhren sehr leicht den Weg, welcher nach Oskars Ruhe führte, und schlenderten sodann nach der Gegend, in welcher der Pavillon lag. Dort schritten Sie in den Promenaden auf und ab, bis sie sahen, daß der Pascha das Restaurant verließ. Dann traten sie dort ein.

Natürlich suchten sie sofort nach der norddeutschen Allgemeinen und fanden auf dem weißen Rande derselben eine mit Bleistift geschriebene Drei.

»Also das heißt, um drei Uhr zum Stelldichein,« meinte Sam. »Wir werden theilnehmen.«

Der Agent Schubert war, als er sich von dem Pascha getrennt hatte, zunächst in einige Geschäfte getreten, um Einkäufe zu machen. Er ordnete an, daß man die Gegenstände ihm nach dem Hotel zum Schwan bringe.

Es war Wäsche und ein neuer Anzug. Er wußte gar wohl, was ihm nothwendig war.

Im Hotel angekommen, verlangte er ein besseres Zimmer. Er hatte jetzt Geld und konnte sich zeigen. Als die Sachen angekommen waren, kleidete er sich um und begab sich dann, strahlend vor Eleganz, in den Gastraum, wo einige der hier wohnenden Badegäste bereits beim zweiten Frühstücke saßen.

Er selbst aß nicht. Er ließ sich ein Glas Wein geben, zahlte sofort und gab dem Kellner ein Trinkgeld, über dessen Höhe der dienstbare Geist in das größte Erstaunen gerieth, denn der Agent hatte sich niemals von dieser angenehmen Seite gezeigt.

»Sind Sie hier bekannt?« fragte der Letztere.

»Leidlich.«

»Ich meine, ob Sie vielleicht auch die stationären Bewohner Wiesensteins kennen, welche nicht auf der Badeliste verzeichnet sind.«

»Ich denke es.«

»Ist Ihnen ein Maler Namens Normann bekannt?«

»Ja.«

»Er verkehrt aber nicht hier?«

»Nein. Er verkehrt überhaupt selten oder nie in den hiesigen öffentlichen Etablissements. Zufälliger Weise wohne ich der Villa, welche er inne hat, grad gegenüber.«

»So wissen Sie Näheres über ihn?«

»Was man so bei unwillkürlichem Beobachten sieht und hört.«

»Er ist verheirathet?«

»Ja. Dies ist wohl der Grund, daß er hier nicht öffentlich verkehrt. Seine Frau scheint ihm Alles zu ersetzen.«

»Wissen Sie vielleicht, was für eine Geborene sie ist?«

»Leider nicht. Aber ihren Vornamen weiß ich. Ich habe gehört, wenn sie sich im Garten befanden, daß er sie Tschita ruft.«

»Haben sie zuweilen Besuch?«

»Ja, aber wenig.«

»Wer kommt da?«

»Ein Herr, welcher ein zum Schlosse gehöriges Parkhäuschen in Miethe hat.«

»Kennen Sie seinen Namen?«

»Nein. Aber ich habe gehört, daß der Maler ihn duzt und Hermann nennt.«

»Ist die Villa noch weiter bewohnt?«

»Nein. Der Maler besitzt sämmtliche Räume.«

»Und bewohnt sie nur mit seiner Frau?«

»Nebst Dienerschaft natürlich. Außerdem befindet sich noch eine Dame da, eine Verwandte oder Freundin wohl. Sie soll sehr schön sein. Ich habe sie noch nicht gesehen, aber meine Frau beobachtete sie.«

»Kennen Sie den Namen?«

»Den mag der Teufel merken. Meine Frau hat ihn öfters gehört und ihn mir gesagt. Ich weiß nicht ob es der Vor- oder der Familienname ist. Er lautet ungefähr wie Ky – Fy – Zy – – ich weiß es wirklich nicht.«

»Wohl Zykyma?«

»Ja, ja, so ist es! Sie kennen ihn besser als ich.«

»Wissen Sie nicht, ob der Maler fleißig arbeitet?«

»Nein.«

»Hm! Ich möchte gern wissen, welches Genre er pflegt.«

»Er ist Portraiter, wie ich gehört habe.«

»Wissen Sie das genau?«

»Ja. Er hat es der Besitzerin der von ihm gemietheten Villa gesagt.«

»Ich danke! Ich weiß genug, wünsche aber nicht, daß davon gesprochen wird, daß ich mich nach ihm erkundigt habe.«

Er legte ein zweites Trinkgeld auf den Tisch, worauf der doppelt erstaunte Kellner ihn seiner tiefsten Verschwiegenheit versicherte. Als er seinen Wein getrunken hatte, verließ er das Hotel und spazierte der Gegend zu, in welcher Normann wohnte. Er wollte recognosciren.

Am Liebsten hätte er den Maler unter irgend einem Vorwande besucht; doch kam er von diesem Gedanken ab. Bei Allem, was geschah, mußte er seine Person im Dunklen halten.

Er prominirte an der Villa vorüber und warf ihr dabei verstohlene Blicke zu. Er bemerkte nichts Auffälliges und sah auch keinen Menschen, weder im Garten noch an einem der Fenster.

Nun bog er in eine Nebenstraße ein, sich auch jetzt noch die Oertlichkeit genau einprägend. Da stand eine kleine Villa, rund von einem hübschen Gärtchen umgeben. Am vorderen Zaune war eine Tafel errichtet, auf welcher zu lesen stand: »Hier ist das möblirte Parterre zu vermiethen und kann sofort bezogen werden.«

»Ah, das paßt!« dachte er. »Beide Grundstücke stoßen an einander. Geld habe ich genug. Die beiden Damen, auf welche es abgesehen ist, wohnen da drüben. Es kann nicht besser passen. Ich miethe dieses Parterre und ziehe her.«

Er ging hinein und hatte das Geschäft schnell abgeschlossen. Die kleine Villa gehörte der Wittwe eines Beamten. Sie wohnte mit ihrer Schwester in dem Obergeschoß. Außer diesen Beiden und einem Dienstmädchen war Niemand vorhanden. Diese drei Personen konnten ihm wohl nicht hinderlich sein.

Jetzt begab er sich in das Hotel zurück und gab Befehl, seine Effecten nach der neuen Wohnung zu schaffen. Dann begab er sich nach dem Pavillon.

Er erwartete zwar nicht, bereits jetzt eine Notiz des Pascha zu finden; aber es war einmal ausgemacht worden, zur Mittagszeit nachzuschauen, und in solchen Dingen war er von peinlicher Genauigkeit.

Als er dort eintrat, befanden sich mehrere Gäste da als am Vormittage. Er achtete nicht auf sie. Er setzte sich, ließ sich eine kleine Erfrischung geben und verlangte die norddeutsche allgemeine Zeitung, welche jetzt zwar von einem Anderen gelesen, ihm aber bald gebracht wurde.

*

98

Hinten in der Ecke saßen Sam und Sendewitsch. Sie beobachteten ihn genau.

»Jetzt bekommt er das Blatt,« meinte der Dicke. »Passen Sie auf sein Gesicht auf.«

Beide bemerkten sehr deutlich, daß er die Ziffer sah. Es ging etwas wie ein leises Erstaunen über sein Gesicht. Er hielt sich nicht lange auf und verließ das Local sehr bald.

»Wollen wir ihm nach?« fragte Sendewitsch.

»Nein. Wir würden doch nichts merken. Jetzt müssen wir vor allen Dingen besorgt sein, die beiden Kerls zu belauschen. Dazu ist erforderlich, daß wir vor ihnen an Ort und Stelle sind. Das dürfen wir nicht versäumen.«

»So wird es am Besten sein, wir brechen auf?«

»Ja. Kommen Sie.«

Sie hatten zwar noch fast zwei Stunden Zeit, doch war es wirklich besser, früher als später am Rendez-vous anzukommen.

Links führte von Wiesenstein aus der Weg zum Schlosse empor, rechts vom Städtchen, auf der anderen Seite erhob sich eine zweite bewaldete Höhe, welche etwas niedriger als der Schloßberg war. Auf ihrem Gipfel befand sich eine kleine, runde, gelichtete Stelle, auf welcher einige Bänke angebracht worden waren, da man von hier aus eine hübsche Fernsicht hatte und auch das gegenüber liegende Schloß malerisch vor sich sah.

Das war Oskars Ruhe.

Die beiden Männer stiegen langsam und gemächlich hinauf, wobei Oberst von Sendewitsch seine Fluchterlebnisse wenigstens einstweilen oberflächlich erzählte. Eine eingehendere Beschreibung behielt er sich für später vor.

Sam hörte zu und war dabei sehr besorgt, sich nebenbei zu überzeugen, ob sie allein seien oder nicht.

Als sie eben angekommen waren, galt es, zunächst zu recognosciren. Sam deutete auf die Bänke rundum und sagte:

»Hierher setzen sie sich jedenfalls nicht.«

»Nein. Der Agent sagte ja, daß sie zwischen die Bäume und Sträucher gehen wollten.«

»Hm! Zwischen die Bäume und Sträucher. Das ist leider sehr unbestimmt. Wenn wir nur wenigstens wüßten, ob rechts oder links!«

»Es bleibt uns nichts anderes übrig, als ihre Ankunft zu erwarten.«

»Gut! Verstecken wir uns.«

Sie schlüpften von dem freien Platze fort und setzten sich so nieder, daß sie durch Baumstämme verdeckt waren.

Der Agent kam zuerst. Er blickte sich auf dem Platze um und trat dann unter die Bäume.

»Er wird sich den Platz suchen, an welchem sie mit einander reden wollen,« meinte Sam. »Kommen Sie! Ich. muß wissen, wo er hingeht.«

Sie schlichen sich von Stamm zu Stamm ihm nach. Er schien auch sehr vorsichtig zu verfahren, denn er blickte sich öfters um, aber ohne sie zu bemerken.

Endlich verschwand er hinter einer Felsenecke, hinter welcher er erst nach einigen Minuten wieder hervorkam, um sich wieder nach dem freien Platze zu begeben.

»Sapperment!« lachte Sam. »Der Kerl macht es uns leicht. Da hinter dem Felsen werden sie ihre Unterredung abhalten.«

»Meinen Sie?«

»Ja, ganz gewiß.«

»Wenn wir uns aber hierher stellen und sie treffen sich an einem anderen Orte!«

»Haben Sie denn nicht bemerkt, daß er seinen Ueberzieher am Arme trug?«

»Ja.«

»Jetzt hatte er ihn nicht mehr. Er hat ihn also da hinter dem Felsen abgelegt, um sich nicht unnöthiger Weise mit ihm zu schleppen. Das ist ein sicheres Zeichen, daß er zurückkehren wird.«

»Wohl erst nach der Unterredung!«

»O nein. So lange läßt man keinen Ueberrock liegen. Es könnte leicht Jemand kommen und ihn finden. Wollen einmal nachsehen.«

Sie huschten weiter um die Felsenecke hinum. Da sahen sie freilich, daß dieser Ort ganz geeignet war für ein Gespräch, welches nicht belauscht werden solle. Nach vorn, rechts und links fiel das Terrain steil ab; man konnte alles überblicken und also gar nicht überrascht werden. Im Rücken hatte man den Felsen, so daß man nicht gesehen werden konnte.

Am Boden lag der Ueberrock.

»Ausgezeichnet gewählt!« meinte Oberst Sendewitsch. »Hier können wir nicht horchen.«

»Pah!« antwortete Sam, indem er sich umschaute. »Es giebt keinen Platz, welcher sich besser zum Lauschen eignet als dieser hier.«

»Das finde ich nicht.«

»Wir setzen uns da herauf!«

Er deutete auf den Felsen. Dieser stieg wohl um vierzig Fuß hoch empor und hatte in der Höhe von fünf Ellen einen ziemlich breiten Absatz, welcher mit weichem Moose bewachsen war.

»Da hinauf?« meinte Sendewitsch.

»Ja. Meinen Sie, daß wir nicht hinaufkommen?«

»O, gewiß. Aber man sieht uns ja!«

»Wird Niemandem einfallen!«

»Es ist ja Alles nackt, kein Busch, kein Strauch vorhanden, der uns Deckung giebt.«

»Papperlapapp! Wir suchen uns Deckung. Passen Sie einmal auf!«

Es standen hohe Farrenbüschel rund umher. Sam sammelte einige, dabei aber jede Spur genau verwischend, brachte sie herbei und warf sie auf den Absatz hinauf.

»So!« sagte er. »Das giebt ein Buschwerk, hinter welches wir uns verstecken.«

»Das ist wahr. Daran habe ich nicht gedacht. Aber wir müssen diese Farrenkräuter mit den Händen halten!«

»Natürlich.«

»Dann müssen wir uns aber hüten, eine Bewegung zu machen, welche uns verrathen könnte.«

»Pah! Diese beiden Kerls wissen den Teufel von solchen Präriejägerstreichen. Klettern wir hinauf.«

»Es ist zu hoch.«

»Steigen Sie auf meine Schulter.«

»Aber dann Sie?«

»Sie ziehen mich an meinem Gürtel empor.«

Der Blick des Obersten fiel bedenklich auf Sams Leibesumfang. Er bemerkte:

»Ob ich Sie aber halten kann!«

»Mich? Ich bin ja federleicht.«

»Das scheint nicht so, mein Bester.«

»Haben Sie keine Sorge. Ich bin noch an ganz anderen Orten emporgeklettert. Es ist leichter, als Sie denken.«

Und er hatte Recht. Der Oberst stieg auf Sams Schulter und kam auf diese Weise sehr schnell hinauf. Und Sam verstand es, als er sich an den Gürtel hing, sich so leicht zu machen, als ob er ein Schulkind sei.

Als sie nun oben saßen, wurden die Farrenkräuter so geordnet, daß sie eine genügende Deckung boten. Man brauchte sie gar nicht zu halten. Es gab einige schmale Risse im Felsen, in welche man die Stengel stecken konnte.

Jetzt hatte es den Anschein, als ob da oben auf dem Felsenabsatze die Farren ganz natürlich gewachsen seien. Die beiden Männer lagen hinter denselben auf dem Steine und warteten nun auf das Kommen der Beiden, die sie belauschen wollten.

Endlich hörten sie Schritte und Stimmen.

»Wo ist's denn?« fragte der Pascha.

»Gleich hier hinter dem Felsen.«

Sie kamen um die Ecke. Der Pascha sah sich um und meinte dann in zufriedenem Tone:

»Der Platz ist vortrefflich. Hier kann uns kein Mensch beschleichen.«

»Nein; hier sind wir freilich sicher.«

»Also lassen wir keine Zeit verstreichen. Sie werden sich gewundert haben, als Sie die Zahl erblickten?«

»Allerdings. So schnell hatte ich nichts erwartet.«

»Es ist mir Etwas widerfahren – oder vielmehr, es hat sich Etwas ereignet, was es nothwendig machte, mit Ihnen zu reden.«

»Etwas, was sich auf meine Aufgabe bezieht?«

»Ja und doch auch nein. Es hängt aber mit derselben zusammen.«

»So erzählen Sie!«

»Sagen Sie mir, wo hier in Wiesenstein das Gefängniß ist!«

»Im Gebäude des Amtsgerichtes.«

»Nicht im Schlosse?«

»Nein.«

»Alle Teufel! Warum hat man ihn da auf das Schloß geschafft?«

»Wen?«

»Ach so! Sie wissen es ja noch gar nicht. Erinnern Sie sich des Derwisches, von welchem ich Ihnen erzählte?«

»Ja. Hatte er nicht den Vermittler zwischen Ihnen und dem Mädchenhändler gemacht, als Sie Tschita kauften?«

»Ja. Denken Sie sich, er ist hier.«

»Was! Ein Derwisch!«

»Ja, und zwar als Gefangener.«

»Das ist freilich etwas ganz Ungewöhnliches.«

»Mir fuhr der Schreck in alle Glieder.«

»Haben Sie denn Veranlassung, zu erschrecken?«

»Leider ja.«

»Hm. Dann muß ich Sie eben wieder einmal ersuchen, aufrichtig zu sein.«

»Verdammt! Die so nothwendige Aufrichtigkeit ist mir aber höchst unbequem!«

»Ich bin verschwiegen!«

»Mag sein. Aber ehe ich weiter spreche, beantworten Sie mir zunächst eine Frage: Ist es hier möglich, einen Gefangenen zu befreien?«

»Warum nicht?«

»Durch List oder Gewalt?«

»Durch eins von ihnen oder auch durch Beides, je nach den Verhältnissen.«

»Getrauen Sie sich, so Etwas zu unternehmen?«

Der Agent zuckte die Achsel.

»Hm! Was soll ich da antworten?«

»Die Wahrheit.«

»Nun, dann sage ich freilich, daß ich es mir getraue; aber ob ich es thun würde, das ist eine ganz andere Frage.«

»Sie müssen!«

»Müssen? Ah!«

»Ja. Sie dürfen mich nicht im Stiche lassen.«

»Meinen Sie? Befinden Sie sich denn in einer so sehr unangenehmen Lage?«

»Freilich. Der Derwisch muß unbedingt befreit werden!«

»Bitte, sprechen Sie das nicht in so kategorischer Weise aus! Man soll nicht denken, daß Alles gelingen muß. Grad die liebsten Wünsche des Menschen pflegen nicht in Erfüllung zu gehen.«

»Dieser aber muß sich erfüllen, sonst bin ich verloren!«

»Das klingt wirklich gefährlich!«

»Ist es auch.«

»So sagen Sie mir doch, warum das Schicksal dieses Derwisches einen solchen Einfluß auf das Ihrige haben kann!«

»Weil – weil – weil wir Verbündete sind.«

»Verstehe. Sie haben mit einander irgend Etwas gethan, ohne vorher das Gesetz um Erlaubniß zu bitten?«

»So ist es.«

»Hm! Was war es?«

»Müssen Sie das wissen?«

»Wenn ich Ihnen helfen soll, so müssen Sie aufhören, so zurückhaltend zu sein.«

»Sie mögen Recht haben. Sie sind einmal mein Vertrauter und Helfer geworden und so will ich Ihnen sagen, daß es sich um eine Blutrache handelte.«

»Gegen wen?«

»Gegen einen Deutschen.«

»O wehe! Das ist freilich gefährlich. War es ein Mord?«

»Ja, und noch Verschiedenes dazu.«

»Das verschlimmert die Sache freilich sehr. Was hatte der Derwisch damit zu thun?«

»Er war mein Werkzeug.«

»Wo geschah die That?«

»Auf deutschem Gebiete.«

»Und Sie befinden sich in Deutschland! Fliehen Sie schleunigst!«

»Ohne Tschita und Zykyma nicht!«

»Ich sende sie Ihnen nach, oder ich bringe sie Ihnen!«

»Darauf kann ich mich nicht verlassen. Auch kann ich nicht fort, ohne den Derwisch befreit oder wenigstens für mich unschädlich gemacht zu haben.«

»Hm! Die Sache hat ihre ganz besonderen Schwierigkeiten. Weshalb hat man sich denn seiner Person bemächtigt?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo ist er arretirt worden?«

»Auch das weiß ich nicht. Man brachte ihn mit dem Bahnzuge.«

»In Begleitung von Gensdarmen?«

»Nein. Es waren zwei lange, dürre Menschen bei ihm.«

»Jedenfalls Criminalbeamte in Civil. Hat er Sie gesehen?«

»Ja, und sogar mit mir gesprochen.«

Er erzählte den Vorgang, so wie derselbe sich ereignet hatte. Der Agent machte eine sehr nachdenkliche Miene und sagte:

»Es ist mir natürlich nicht Alles klar; Einiges aber kann ich mir wohl enträthseln. Der Derwisch ist jener Rache wegen arretirt worden.«

»Das glaube ich nicht.«

»O gewiß! Darum hat er ja gesagt, daß Sie verloren sind, wenn Sie ihn nicht retten.«

»Nein. Er will mich verrathen, wenn ich ihn nicht befreie; aber der Grund seiner Arretur wird mit meiner damaligen Angelegenheit nicht viel zu thun haben.«

»Vielleicht doch!«

»Haben Sie Ursache, dies zu glauben?«

»Hm! Ich weiß nicht, ob ich mit Ihnen so sprechen darf, wie ich gern möchte.«

»Warum nicht? Mißtrauen Sie mir?«

»Halb und halb.«

»Teufel! In welcher Beziehung?«

»In Beziehung auf die Bezahlung.«

»Unsinn! Ich bin reich und kann zahlen. Ich werde Sie nicht betrügen.«

»Sie werden mir die ausbedungenen Summen zahlen, auch wenn ich meine Aufgabe viel leichter und schneller löse als zu denken war?«

»Natürlich! Ich bin sogar bereit, Ihnen noch eine Extragratification zu bezahlen, wenn Sie schnell machen.«

»Sind Sie denn grad jetzt dermaßen bei Kasse?«

»Stets.«

»Schön! Wieviel bieten Sie für die Befreiung dieses Derwisches?«

»Wieviel verlangen Sie?«

»Hm! Es ist das eine Arbeit, deren Lohn sich eigentlich gar nicht bemessen läßt. Es giebt keinen Maßstab für solche Handlungen. Ich riskire natürlich das Zuchthaus.«

»Das weiß ich. Ich bitte, sich darüber so kurz wie möglich zu fassen.«

»Und das man den Mann nicht in dem Gerichtsgefängnisse untergebracht, sondern ihn nach dem Schlosse geschafft hat, das verschlimmert die Angelegenheit außerordentlich. Erstens ist anzunehmen, daß man ihn dort in eins der unzugänglichen Gewölbe gesteckt hat, aus denen kein Entkommen möglich ist, und zweitens können wir als ganz sicher annehmen, daß sehr hohe und einflußreiche Personen mit dieser Angelegenheit in Beziehung stehen oder sich derselben angenommen haben.«

»Welche Veranlassung haben Sie, das anzunehmen?«

»Ich kenne die hiesigen Verhältnisse. Das ist genug. Doch fassen wir das Pferd beim rechten Orte an, nämlich beim Kopfe! Ich setze den Fall, ich könnte Ihnen bereits heut sagen, wo Tschita Zykyma sich befinden, würde ich die zehntausend Mark erhalten?«

»Sofort. Ich würde sie Ihnen umso lieber bezahlen, desto rascher die Sache gegangen ist.«

»Und ich glaubte im Gegentheile, Sie würden den Umstand, daß es so schnell geht, als Vorwand nehmen, die Summe oder wenigstens einen Theil derselben zu verweigern. Sie könnten sagen, es sei mir zu leicht geworden.«

»Fällt mir nicht ein. Geben Sie mir die Gewißheit, daß Sie sie entdeckt haben, so zahle ich sofort.«

»Welche Gewißheit verlangen Sie?«

»Am Liebsten wäre es mir freilich, wenn ich sie sehen könnte. Da ist keine Täuschung möglich.«

»Nun gut! Sie sollen sie sehen.«

Der Pascha stieß einen Ruf des Erstaunens aus.

»Sehen! Ist's wahr?« fragte er. »So befinden sie sich hier in Wiesenstein?«

»Zufälliger Weise, und zwar alle Beide.«

»Davon hatte ich keine Ahnung!«

»Ich auch nicht,« lächelte der Agent verschmitzt. »Ihnen wäre es nicht gelungen, sie zu finden.«

»Wo wohnen sie denn?«

»Davon später. Zunächst will ich Sie auf einige Nebensachen aufmerksam machen, die freilich sehr leicht als Hauptsachen aufzufassen sind. Der Maler Normann ist hier.«

»Schön! Vortrefflich!«

»Auch glaube ich, diesen Hermann Adlerhorst entdeckt zu haben. Ich hatte freilich noch nicht Zeit, mich zu überzeugen, ob meine Vermuthung richtig ist.«

»Auch hier?«

»Ja. Der Maler wird von einem Freunde besucht, den er Hermann nennt.«

»So ist's wahrscheinlich Adlerhorst.«

»Ich werde mich noch im Laufe des Nachmittages genau erkundigen. Und was diesen Steinbach betrifft, so weiß ich wohl auch, wer er ist.«

»Das wäre ja erstaunlich!«

»Sie sehen, daß Sie sich an den rechten Mann gewendet haben.«

»So lange, lange Zeit habe ich vergeblich gesucht und kaum bin ich mit Ihnen einig geworden, so sind Sie bereits am Ziele.«

»Das ist mein Fach. Ich werde dafür bezahlt.«

»Ich knausere nicht. Also wer und wo ist dieser Steinbach?«

»Höchst wahrscheinlichst ist es Prinz Oskar.«

»Prinz Os– – –!« rief der Pascha, indem er vor Erstaunen vergaß, den Namen vollständig auszusprechen.

»Ja, der Bruder unseres Großherzoges.«

»Alle Teufel!«

»Ich glaube wenigstens nicht, daß ich mich irre.«

»Wie kommen Sie auf diese Vermuthung?«

»Erstens stimmt Ihre Personalbeschreibung ganz genau auf ihn. Und zweitens sagten Sie ja selbst, daß er ein Diplomat und zwar ein bedeutender sein müsse.«

»Das ist wahr. Er war sogar im Harem des Sultans in Constantinopel.«

»So ist er es ganz gewiß. Eine solche Ausnahme macht man nur mit fürstlichen Personen.«

»Wer hätte das gedacht!«

»Und endlich ist Ihr Derwisch auf das Schloß geschafft worden, wohin der Prinz nächster Tage aus Petersburg ankommen wird. Er scheint also die Untersuchung in die Hand nehmen zu wollen.«

»Donnerwetter! So muß der Derwisch fort!«

»Aber wie?«

»Das ist Ihre Sache!«

»Schwer genug ist sie!«

Der Pascha stampfte mit dem Fuße.

»Da es so steht, so bin ich verloren, wenn der Prinz dem Derwisch ein Geständniß erpreßt.«

»Ich wiederhole meinen Rath: Fliehen Sie!«

»Auch das hilft nichts. Der Prinz ist Personna gratissima beim Sultan. Ich bin also auch in der Türkei nicht sicher.«

»So müssen wir eben dafür sorgen, daß der Derwisch kein Geständniß ablegen kann.«

»Auf alle Fälle.«

»Ihn also befreien!«

»Befreien oder – – –«

Er blickte dem Agenten scharf in die Augen.

»Oder was?« fragte dieser.

»Ihn verschwinden lassen!«

»Eben dadurch, daß wir ihn befreien.«

»Oder auch auf andere Weise.«

»Was meinen Sie?«

»Ein Wenig – – – Gift.«

»Alle Teufel! Ein Mord!«

»Das ist das Beste! Dann schweigt er für ewig.«

»Dazu gebe ich mich nicht her!«

»Wirklich nicht?«

»Auf keinen Fall!«

»Auch nicht, wenn ich ganz ausgezeichnet bezahle?«

»Auch dann nicht. Einen Mord begehe ich nicht.«

»So will ich ihn begehen. Sie aber ebnen mir nur den Weg dazu!«

»Auch das thue ich nicht, denn das ist ganz gleich dem Morde. Nein, das fällt mir nicht ein!«

»Sind Sie denn gar so zart im Gewissen!«

»Pa! Fragen Sie nicht so! Ich kann Vieles thun; aber einen Menschen bringe ich nicht um.«

»Nun, meinetwegen. So muß ich mich fügen. Wir befreien ihn also!«

»Dazu will ich eher die Hand bieten.«

»Schön! Aber es ist Gefahr im Verzuge. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Ich werde sofort beginnen. Gleich jetzt, wenn unsere Unterredung beendet ist, werde ich Erkundigungen einziehen und auch im Schlosse selbst recognosciren.«

»Können Sie das?«

»Ja. Wenn der Prinz nicht anwesend ist, darf jeder anständig gekleidete Mensch den Schloßhof, den Garten und auch den Park betreten.«

»Aber in das Innere des Schlosses darf man nicht?«

»Nur unter Führung eines Lakaien.«

»So hätte ich Lust, mich einmal führen zu lassen.«

»Ist das nicht gewagt?«

»In wiefern?«

»Wenn man Sie erkennt!«

»Ich habe mich sehr verändert und übrigens giebt es im Schlosse wohl keinen Menschen, der mich einmal gesehen hat.«

»Ich würde es lieber unterlassen. Doch, thun Sie, was Sie wollen.«

»Wann werden Sie mir die beiden Frauenzimmer zeigen?«

»Heut Abend. Kommen Sie nach Eintritt der Dunkelheit in den Pavillon.«

»Aber Sie lassen da nicht merken, daß wir uns kennen. Das muß ich mir ausbitten.«

»Natürlich! Das versteht sich ganz von selbst. Wenn ich dann gehe, brechen auch Sie auf. Uebrigens will ich Ihnen gleich jetzt sagen, daß Tschita verheirathet ist.«

»Beim Teufel! Ist's wahr?« brauste der Pascha auf. »Das dulde ich nicht!«

»Was wollen Sie dagegen thun?« lachte Schubert.

»Sie ist meine Frau!«

»Hm! Auf türkische Weise!«

»Aendert das Etwas?«

»Vielleicht. Ist sie Ihnen vom Kadi angetraut?«

»Nein.«

»Hat sie Ihnen wenigstens factisch die Zärtlichkeiten einer Ehefrau gewährt?«

»Nein. Aber ich habe sie bezahlt!«

»Das gilt hier nichts. Sie ist in Wirklichkeit nur Ihre Sclavin gewesen.«

»Und soll es auch wieder werden! Dann aber wehe ihr! Wer ist ihr Mann?«

»Eben jener Maler Normann.«

»Diesen Kerl bringe ich um!«

»Lassen Sie das lieber bleiben!«

»Bleiben? Rache, Rache will ich haben! Ist etwa Zykyma auch verheirathet?«

»Ich glaube nicht.«

»Das ist ihr Glück! Ich liebte sie mit lodernder Gluth. Sie aber hat mir nicht die kleinste Zärtlichkeit erlaubt.«

»Sonderbar! Ein mächtiger Pascha, dessen beide Weiber sich nicht von ihm berühren lassen!«

»Eben weil ich sie liebte!«

»Haben Sie denn keinen Versuch gemacht, ihren Widerstand zu brechen?«

»Oft, aber vergeblich. Diese Zykyma besaß einen verfluchten Dolch, dessen Spitze vergiftet war. Ich durfte es nicht wagen, sie ohne ihre Erlaubniß anzurühren. Ich wäre ja sofort des Todes gewesen.«

»Danke sehr. Und solche Frauen kauft man und muß sie theuer bezahlen.«

»Ländlich, sittlich! Ich hätte sie schon noch bezwungen, wenn sie mir nicht inzwischen geraubt worden wären. Ich habe einen Haß, einen Grimm in mir, den ich gar nicht beschreiben kann. Ist nur erst dieser Derwisch befreit, so werde ich meine Rache beginnen. Haben Sie mir jetzt noch Etwas zu sagen.«

»Nein. Aber wir sind uns noch nicht einig über die Summe, welche Sie für die Befreiung des Derwisches bezahlen wollen.«

»Machen wir es kurz! Ich habe keine Lust, um die Sache zu feilschen. Ich gebe Ihnen gerade so viel, wie die bereits vereinbarte Rate beträgt.«

»Zehntausend Mark?«

»Ja.«

»Hm! Es ist schwierig, sehr schwierig, und ich riskire außerordentlich viel.«

Er wollte gern so viel wie möglich verdienen; der Pascha aber meinte kurz:

»Desto leichter ist Ihnen das Bisherige geworden. Sie verdienen an mir in Summa fünfunddreißigtausend Mark. Ist Ihnen das nicht genug; so trete ich zurück.«

»Bitte, bitte, nicht so eilig! Wann würden Sie die Summe zahlen?«

»An dem Augenblicke, in welchem Sie mir den Derwisch bringen, eher natürlich nicht.«

»So bin ich einverstanden. Also heut Abend im Pavillon! Jetzt möchte ich mich entfernen.«

»Ja, gehen Sie! Sie haben sehr, sehr viel zu thun, und ich hoffe, daß ich noch heut Abend wichtige Nachrichten von Ihnen erhalte.«

»Ich werde mir natürlich alle Mühe geben. Jetzt werde ich mich wohl zunächst auf das Schloß verfügen. Leben Sie wohl!«

Sie verabschiedeten sich und gingen, der Agent voran, nachdem er seinen Ueberrock aufgenommen hatte, der Pascha langsam hinterher.

»Gelungen, gelungen!« meinte Sendewitsch. »Das war Wichtiges, was wir erfahren haben!«

»Sehr Wichtiges sogar!« nickte Sam, indem er tief und befriedigt Athem holte.

»Was werden Sie thun?«

»Zunächst werde ich mich von Ihnen trennen.«

»Warum? Wollen wir nicht vereint handeln?«

»Ja, natürlich. Aber jetzt können wir das nicht. Der Agent will gleich nach dem Schlosse, und ich muß noch vor ihm dort sein, um meine Befehle zu ertheilen. Er muß irre geführt werden. Ich bin gezwungen, hier schnell mitten durch den Wald zu brechen, und zu so einem Dauerlaufe sind Sie vielleicht weniger geschickt als ich.«

»Oho!« lachte Sendewitsch, indem er auf den dicken Bauch des Kleinen zeigte. »Pah!« antwortete dieser. »Der hindert mich ganz und gar nicht. Kommen Sie. Ich werde Sie herablassen.«

Er half dem Obersten von dem Felsenvorsprunge herab und sprang dann trotz seiner Korpulenz ganz leicht und gewandt nach.

»So!« sagte er. »Sie sehen, daß ich ein guter Springer bin. Wo logiren Sie?«

»Im Hotel zur Krone.«

»Und ich im Schlosse. Sie brauchen dort nur nach mir zu fragen, wenn Sie mich sprechen wollen. Wir wissen uns also zu finden. Jedenfalls suche ich Sie noch vor Abend auf, um die beiden Kerls zu belauschen. Ich muß erfahren, wo dieser Maler Normann wohnt. Jedenfalls gehen sie heimlich zu ihm, weil Tschita dort zu treffen ist. Adieu!«

Er ging.

Glücklicher Weise standen die Bäume hier nicht so dicht, daß sie ihm Hinderniß bereitet hätten. Auch gab es kein Unterholz. So sprang er geraden Wegs die Berglehne hinab und durch den Wald, als ob er einen Hasen erjagen wollte, und erreichte in dieser pfadlosen Richtung die Stadt viel eher, als der Agent sie auf dem sich vielfach windenden Wege erreichen konnte.

Von da schritt er möglichst eilig zum Schlosse hinauf und suchte den Castellan, den er in das Vertrauen ziehen mußte. Beide ließen sodann den Schließer kommen, dessen Häuschen jenseits des Schloßhofes am Eingange zum Parke stand.

Er war Soldat gewesen, ein alter Schlaukopf und treuer Diener seines Herrn, dem er viel zu verdanken hatte. Als er von der Unterredung zurückkehrte, funkelten seine Augen vergnügt. Es gab hier einmal Etwas, worüber er sich freute, einen berühmten Criminalbeamten und schlechten Kerl an der Nase herum zu fuhren.

Er hatte kaum sein Häuschen erreicht, so trat der Agent durch das vordere Thor, sah sich im Hofe um, in welchem sich augenblicklich kein Mensch befand, schritt über denselben hinweg und wollte sodann in den Park hinaus.

Da öffnete der Schließer sein Fenster und fragte:

»Wohin, mein Herr?«

»In den Park.«

»Das ist jetzt verboten.«

»Ah! Ich habe nicht anders gewußt, als daß man da spazieren gehen darf.«

»Bis gestern. Von heut an aber ist es untersagt.«

»Warum? Ist Durchlaucht, der Prinz zurück?«

»Nein. Aber das Publikum hat sich für die Erlaubniß, den Park benutzen zu können, sehr undankbar gezeigt. Erst gestern sind uns wieder eine ganze Zahl der schönsten Bäumchen umgeschnitten worden. Nun darf Niemand mehr ohne Begleitung hinein.«

»Wer geht da mit?«

»Zuweilen ich, zuweilen Andere, wer grad so Zeit dazu hat.«

Das war dem Agenten eben recht. Er hatte ja nicht die Absicht, allein zu sein. Er suchte Jemand, mit dem er reden, bei dem er sich erkundigen konnte. Darum sagte er:

»Wer ist da jetzt an der Reihe?«

»Ich.«

»So bitte, kommen Sie! Es soll mir auf ein gutes Trinkgeld nicht ankommen.«

Der Schließer kam heraus und begleitete ihn, sich in respectvoller Weise immer einen Schritt zurückhaltend. Dabei erklärte er ihm Verschiedenes und benutzte da eine Gelegenheit zu der Frage:

»Ist es nicht Unrecht, das Publikum von dem Genusse des Parkes auszuschließen?«

»Das finde ich nicht.«

»Mir scheint es so.«

»Wenn die Leute, welche dafür danken sollten, die Anlagen zerstören, so verdienen sie eben eine solche Gunst nicht länger.«

»O, es fragt sich sehr, wer es gewesen ist. Wer verkehrt denn hier? Die anständigen Badegäste, welche uns Nahrung und Verdienst bringen. Solche Leute schneiden keine Bäume nieder. Ich vermuthe es sehr, daß die losen Buben des Castellans es gewesen sind. Wenn nun der Prinz kommt, wird es noch viel schlimmer hier. Herrenbrod ist ein saures Brod!«

Der Agent blickte den Schließer forschend in das mißmuthige Gesicht. Es schien, daß er hier ganz glücklicher Weise einen Mann gefunden habe, der zu gebrauchen war. Er freute sich darüber, ließ sich das aber ja nicht merken, sondern sagte in einem beinahe zurechtweisenden Tone:

»Dürfen Sie denn in dieser Weise sprechen?«

»Warum nicht?«

»Der Prinz ist ja allgemein als ein sehr leutseliger und beliebter Herr bekannt.«

»Davon weiß ich nichts.«

»So sind Sie wohl der Einzige!«

»Meinen Sie? Da irren Sie sich! Ja, mit dem durchlauchtigen Herrn wäre wohl ganz gut zu verkommen, aber die Zwischenpersonen, die Zwischenpersonen! Die machen es sich leicht, während Unsereinem Alles, Alles aufgebürdet wird. Ich habe mich schon längst nach einer anderen Stelle umgesehen.«

»Werden Sie denn wieder so eine finden.«

»So eine? Allemal!«

»Wie stehen Sie sich denn eigentlich?«

»Zum Verhungern zu viel, zum Leben zu wenig. Sechzig Mark pro Monat!«

»Bei freier Station?«

»Fällt keinem Menschen ein! Ja, wenn das noch wäre! Aber ich habe mit sechzig Mark eine zahlreiche Familie zu ernähren. Einen Pfennig für das Alter kann ich mir nicht sparen.«

»Das ist wohl auch nicht nothwendig.«

»Nicht? In wiefern denn nicht?«

»Sie erhalten doch Pension!«

»Die Lakaien und Kammerdiener und all das andere stolze Gewürm, ja! Ich aber nicht. Es möchte Einem himmelangst und bange werden. Und wenn nun da einmal etwas Unvorhergesehenes eintritt, wie jetzt bei mir, so ist man rettungslos blosgestellt und vielleicht gar noch der Schande preisgegeben.«

»Was ist Ihnen denn geschehen?«

»Mir eigentlich nicht, aber meinem Schwiegersohne. Der ist nämlich Bäcker und – aber da schwatze ich solche Sachen, die Sie gar nicht interessiren können.«

»O doch! Ich interessire mich stets für meine armen, leidenden Mitmenschen.«

Der Schließer warf ihm einen warmen, dankbaren Blick zu und meinte:

»Das ist ein Zeichen, daß Sie ein gutes Herz besitzen, was man leider jetzt so selten findet. Mein Schwiegersohn nämlich war arm, und ich habe meiner Tochter natürlich nichts mitgeben können. Da ist denn Alles auf Credit unternommen worden. Wie es da geht, das haben wir nicht gewußt, jetzt aber wissen wir es. Die Korn- und Mehljuden saugen und saugen, bis kein Tropfen Blut mehr übrig ist. Zuletzt hat mein Schwiegersohn einen Wechsel unterschreiben müssen; der ist übermorgen fällig, aber kein Pfennig ist zur Bezahlung vorhanden.«

»O wehe! Wie hoch ist die Summe?«

»Fünfzehnhundert Mark.«

»Nun, das ist ja doch kein Königreich!«

»Für Sie nicht; für uns aber ist es unerschwinglich. Man wird meinen Schwiegersohn mit seinen Kindern aus dem Hause jagen. Was soll dann geschehen! Ich weiß weder ein noch aus!«

»Es muß eben ertragen werden.«

»Das ist sehr leicht gesagt. Aber Derjenige, der es ertragen soll, denkt wohl anders darüber. Mein Schwiegersohn läuft herum wie vor den Kopf geschlagen. Er will sich gar das Leben nehmen. Das hat er gedroht. Nun kommt meine Tochter zu mir und heult und schreit mir die Ohren voll. Ich soll helfen und kann doch nicht. Am Liebsten möchte auch ich gleich aus der Welt hinauslaufen!«

»Na, na! Es giebt doch gute Menschen!«

»Wo denn?«

»Ueberall!«

»Ich habe keinen gesehen. Ich bin bereits von Pontius zu Pilatus gelaufen, aber Hilfe finde ich nicht. Ich habe sogar an den Prinzen schreiben wollen. Der würde vielleicht helfen. Aber der Castellan duldet das nicht. Er sagt, daß er mich fortjagen werde, wenn ich den durchlauchtigen Herrn mit meiner Bettelei belästige.«

»Das ist freilich sehr schlimm für Sie!«

»Ich bin so voller Wuth, daß ich gleich aus der Haut fahren könnte! Keine Rettung, keine Hilfe. Und dabei immer mehr Arbeit und mehr Verantwortung! Jetzt muß ich gar noch die Leute im Park herumführen und trotzdem alle meine andere Arbeit versorgen!«

»Na, na! Ich werde Ihnen ein gutes Trinkgeld geben.«

»Bitte, gegen Sie persönlich war das nicht gerichtet. Es kommen noch ganz andere Sachen. Da haben sie zum Beispiel heut einen Gefangenen gebracht, den ich auch noch bewachen soll. Alle zwei Stunden des Nachts soll ich in sein Loch sehen, um mich zu überzeugen, daß Alles in Ordnung ist. Denken Sie sich, alle zwei Stunden! Nun nehmen Sie mir auch das Bischen Schlaf!«

»Ein Gefangener? Ist denn das Amtsgefängniß hier im Schlosse?«

»Nein. Das ist unten in der Stadt.«

»Was hat denn da ein Gefangener hier auf dem Schlosse zu thun?«

»Das weiß der Teufel. Es ist grad so, als ob man ihn nur heraufgebracht habe, um mich zu turbiren.«

»Was ist es denn für ein Kerl? Ein Dieb?«

»Wohl nicht. Der sieht mir nicht wie ein Dieb aus. Er scheint guter Leute Kind zu sein und kann mir sehr leid thun.«

»Wo steckt er denn?«

»Unten im Keller, in einem finsteren Gewölbe. Denken Sie sich! Er ist doch wohl ein Mensch.«

»Allerdings. Aber da besinne ich mich. Ich war heut auf dem Bahnhofe. Es kam mit dem Zuge ein Gefangener an. Vielleicht ist es dieser.«

»Möglich.«

»War er in Eisen geschlossen?«

»Ja.«

»Zwei lange, hagere Kerle haben ihn gebracht?«

»Ja. Das sind auch die Richtigen. Die haben sich benommen, als ob sie die Herren des Schlosses seien. Eigentlich sind sie es, die ihn zu bewachen haben. Wenn ich diesen Kerls einen Schabernack erweisen könnte!«

Das Herz des Agenten hüpfte vor Freude. Das machte sich ja viel, viel besser, als er hatte für möglich halten können. Er forschte:

»Haben diese Sie denn so sehr beleidigt?«

»Ja. Ich will nicht davon sprechen. Aber ich habe dieses Leben satt. Entweder nimmt es plötzlich eine andere Wendung, oder –«

»Oder –?«

»Oder ich jage mir eine Kugel durch den Kopf.«

»Um Gotteswillen!«

»Pah! Man will doch auch wissen, wofür und wozu man lebt! Wenn ich nur wenigstens Hilfe für meinen Schwiegersohn finden könnte!«

»Hm! Oft kommt die Hilfe in der letzten Stunde.«

»Da möchte sie bald kommen, denn die Zeit vergeht zu schnell. Aber es geschehen keine Wunder mehr!«

Der Schließer stellte sich, als ob ihn der Unmuth und Zorn fast übermanne. Sie waren an einer Ruhebank angekommen. Der Agent heuchelte Müdigkeit, setzte sich nieder und sagte:

»Ja, Wunder geschehen nicht mehr. Es fragt sich überhaupt, ob sich jemals das ereignet hat, was wir Wunder nennen. Die Gaben fallen nicht vom Himmel herab; sie müssen verdient werden. Wer fünfzehnhundert Mark braucht, der muß sich eben umsehen, ob er einen Menschen findet, von dem er sie haben kann.«

»Wo sollte sich so einer finden!«

»Halten Sie es für unmöglich?«

»Ja.«

»Es ist Alles möglich; nur darf man eben nicht denken, daß man eine solche Summe ohne Mühe und ganz umsonst bekommen kann.«

»Das wird auch kein Mensch verlangen.«

»Nun, wenn Ihnen nun Jemand dieses Geld geben wollte, was würden Sie ihm dafür bieten?«

»Bieten? Hm! Ich habe leider nichts.«

»Vielleicht doch!«

»Nein, ich bin eben blutarm.«

»O, jeder Mensch hat Etwas, was für Andere wohl größeren Werth hat als für ihn selbst.«

»Das möchte ich wissen!«

»Ich könnte es Ihnen sagen.«

»Nun? So sprechen Sie!«

»Sie haben Etwas, für das man vielleicht fünfzehnhundert Mark geben würde.«

»Sapperment! Was wäre das?«

»Das ist sehr leicht aber auch sehr schwer gesagt. Ich weiß nicht, ob Sie verschwiegen sind.«

»Verschwiegenheit muß Unsereiner schon gelernt haben. Da können Sie sich beruhigen.«

»So! Es betrifft nämlich den Gefangenen.«

»So! Den! Da bin ich neugierig.«

»Sind Sie wirklich mit Ihrer Stellung unzufrieden?«

»Sie hören es ja!«

»Ich kann Ihnen helfen!«

»Ah! Das wäre ein Glück!«

»Ihnen und Ihrem Schwiegersohn.«

»Ists möglich!«

»Ja. Ich kann Ihnen eine sehr gute Stellung versprechen und auch das Geld für den Wechsel.«

Der Schließer trat einen Schritt zurück, schlug die Hände zusammen und fragte strahlenden Gesichts:

»Sagen Sie das im Ernste?«

»Ja. Kennen Sie mich?«

»Nein.«

»Nun, vorläufig ist es auch nicht nöthig, daß Sie mich kennen. Später werden wir uns schon näher treten, wie ich hoffe.«

»Herr, Sie geben mir neues Leben!« rief der Schließer. »Ich beginne, wieder aufzuathmen.«

»Ja, athmen Sie frei; ich fühle Mitleid mit Ihnen und Ihrer Lage und werde Ihnen helfen. Aber erkenntlich müssen Sie sich zeigen.«

»Gern, sehr gern! Ich werde Alles thun, was Sie von mir verlangen, Alles!«

»Wirklich Alles?«

»Ja, sei es, was es sei! Wenn Sie mir nur helfen.«

»Ja, ich bin bereit, Ihnen zu helfen, und wenn Sie die Absicht haben, sich zu rächen, so kann ich Ihnen eine sehr gute Gelegenheit dazu bieten.«

»Rächen? An wem?«

»An dem Castellan und auch an den beiden Kerls, welche den Gefangenen gebracht haben.«

»Sehr gut, sehr schön! Wenn Sie mir dazu die Gelegenheit geben, will ich Ihnen dankbar sein. Aber Niemand darf wissen, daß ich es bin.«

»Kein Mensch erfährt es.«

»So sagen Sie mir, wie!«

»Zunächst muß ich Ihnen sagen, daß Sie die Unterstützung nicht direct von mir erhalten werden. Es handelt sich um einen Herrn, einen sehr hohen Herrn, dem Sie die Hilfe zu verdanken haben werden.«

»Wer ist es.«

»Jetzt darf ich seinen Namen noch nicht nennen, da ich nicht weiß, ob Sie auf seine Absichten eingehen werden.«

»Ich thue Alles, was er von mir verlangt. Nur muß er mir die erwartete Hilfe bringen.«

»Die wird Ihnen so sicher werden, daß ich sogar bereit bin, Ihnen gleich jetzt eine Anzahlung zu machen, wenn Sie ihm zu Willen sein wollen.«

»Herr, wenn es so ist, so werde ich mich gar nicht sehr lange bedenken.«

»Auch wenn man Etwas von Ihnen verlangt, was eigentlich nicht erlaubt ist?«

»Doch nicht ein Verbrechen?«

»O nein. Es ist nur eine kleine Gefälligkeit, welche sich auf den Gefangenen bezieht.«

»Ists gefährlich, Herr?«

»Wenn man es richtig erfaßt, nicht. Der betreffende Herr wünscht nämlich – hm! Errathen Sie es nicht?«

»Soll der Gefangene etwa befreit werden?«

»Wenn man das von Ihnen verlangt, was würden Sie dazu sagen?«

»Daß ich mich nicht damit abgeben kann.«

»Haben Sie Angst?«

»Angst nicht. Vor wem soll ich mich fürchten, wenn ich nicht darauf eingehe?«

»Sie brauchen sich auch dann, wenn Sie uns helfen wollen, vor keinem Menschen zu fürchten. Sie müssen annehmen, daß diese Angelegenheit in einer Weise erledigt werden kann, daß Ihre Person gar nicht in Betracht kommt.«

»Das halte ich für unmöglich.«

»Es wird sich ganz gewiß so einrichten lassen. Wenn wir – aber sagen Sie mir zunächst, ob Sie die Schlüssel zu dem Gewölbe haben!«

»Nicht stets, sondern nur des Nachts. Kurz vor Mitternacht erhalte ich sie.«

»Hm! Wenn wir von einer Flucht des Gefangenen reden wollen, so müßte sie dann stattfinden, wenn Sie diese Schlüssel nicht haben.«

»Es ist besser, sie findet niemals statt.«

»Dann können Sie aber kein Geld erhalten!«

Der Schließer strich sich verlegen mit der Hand durch das Haar und antwortete dann:

»Es ist gegen das Gesetz und gegen meine Verpflichtungen. Sie führen mich sehr in Versuchung!«

Der Agent machte eine abwehrende, geringschätzige Bewegung mit der Hand, stand auf und meinte:

»So wollen wir unser Gespräch fallen lassen und so thun, als ob es gar nicht stattgefunden habe.«

Er that, als ob er gehen wolle. Das setzte den Schließer sichtlich in Verlegenheit. Er blieb stehen. Der Agent that einige Schritte, blieb auch stehen, wendete sich zu ihm zurück und sagte:

»Sie bleiben zurück? Jetzt ist mir wohl erlaubt, ohne Begleitung weiter zu gehen?«

»Nein.«

»So kommen Sie!«

»Gern! Aber – – Herr, ich befinde mich in einer sehr schlimmen Lage. Ich weiß nicht, was ich thun soll.«

»Thuen Sie das, was Sie für das Beste und Vortheilhafteste halten. Ich habe keineswegs die Absicht, Sie zu Etwas zu verführen, was für Sie schlimm ausfallen könnte.«

Der reservirte Ton, in welchem er dies sagte, brachte den Schließer in gesteigerte Verlegenheit.

»Ich brauche das Geld, ich brauche es!« sagte er wie zu sich selber. »Und doch – und doch!«

»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Sprechen wir zunächst nicht von einer Flucht des Gefangenen. Ich will Sie einstweilen lieber fragen, ob es nicht möglich zu machen ist, einmal mit ihm zu reden.«

»Das wird schwer sein.«

»Ich biete Ihnen dreihundert Mark dafür.«

»Dreihundert Mark können meinen Schwiegersohn nicht retten.«

»Das kann ich mir wohl denken; aber einmal mit dem Gefangenen sprechen, das ist nicht so viel wie ihn befreien. Sie thun weniger, also gebe ich weniger. Uebrigens ist damit nicht gesagt, daß wir uns und auch Sie sich damit begnügen müßten. Sie werden sich die Sache überlegen und später vielleicht bereit sein, das zu thun, was Sie jetzt nicht thun wollen. Bedenken Sie dabei, daß es ganz und gar kein Wagniß ist, wenn Sie es uns ermöglichen, einmal mit dem Gefangenen zu reden.«

»Hm! Ja, wenn es verschwiegen bliebe!«

»Meinen Sie, daß wir selbst so dumm sein würden, es zu verrathen?«

»Wohl nicht.«

»Nun, auch Sie werden nicht davon sprechen. Da also kein Mensch davon weiß, so wird es ein Geheimniß bleiben.«

»Was haben Sie denn mit ihm zu reden?«

»Nur Familiensachen.«

»Also nichts Gefährliches?«

»Ganz und gar nicht.«

»Dreihundert Mark! Das sind hundert Thaler! Auch schon ein Geld! Und ich bin arm, so arm!«

»So wollen Sie thun, was Sie zu thun haben.«

»Ja, lieber Herr, ich könnte mich wohl dazu entschließen, wenn ich eine Bedingung machen dürfte?«

»Welche?«

»Daß ich mit dabei sein kann.«

»Natürlich!«

»Ich muß mich überzeugen können, daß nichts Unrechtes vorgenommen wird. Dazu ist meine Gegenwart nöthig.«

»Das ist uns eben recht. Wir haben ganz und gar nichts dagegen, daß Sie in dieser Weise Ihres Amtes warten.«

»Und noch Eins: Sie müssen mir versprechen, daß Sie wirklich nichts Anderes beabsichtigen, als nur mit ihm zu sprechen.«

»Was könnten wir sonst noch wollen?«

»Sie könnten diese Gelegenheit benutzen, ihn mir zu entführen. Das gebe ich natürlich nicht zu.«

»Um Sie darüber zu beruhigen, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß wir blos mit ihm sprechen werden. Genügt Ihnen das?«

»Ja. Also der betreffende Herr, den Sie nicht nennen wollen, kommt auch mit?«

»Natürlich bringe ich ihn mit. Er ist ja die Hauptperson. Wo wird die Unterredung stattfinden?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Ich denke im Gefängnisse?«

»Vielleicht. Es ist aber auch möglich, daß ich eine andere Einrichtung treffe.«

»Warum?«

»Weil Sie sehr leicht im Gefängnisse überrascht werden können.«

»Ist es Ihnen denn möglich, ihn dort heraus zu bekommen?«

»Ja, denn ich habe ja alle Schlüssels.«

»Gut! Wann sollen wir kommen?«

»Kommen Sie Punkt ein Uhr an das kleine Pförtchen der Gartenmauer, welches nach dem Schloßberge führt. Ich werde mich dort befinden.«

»Schön! Ich verlasse mich darauf. Und damit Sie sehen, daß wir prompt bezahlen, will ich Ihnen hiermit hundert Mark geben. Die anderen zweihundert erhalten Sie, wenn die Unterredung beendet ist.«

Er zog die Hundertmarknote aus der Brieftasche und gab sie ihm. Der Schließer zeigte ein ganz entzücktes Gesicht und bedankte sich in den lebhaftesten Ausdrücken bei ihm. Dann meinte er:

»Es ist vielleicht möglich, daß Etwas geschieht, was ich Ihnen mitzutheilen hätte. Dürfte ich nicht Ihre Adresse erfahren?«

»Nein, jetzt noch nicht. Erst muß ich wissen, ob Sie ein sicherer Mann sind. Heute Nacht werde ich das wissen und Ihnen dann sagen, wer ich bin. Jetzt will ich gehen.«

»Bitte, gehen Sie nicht durch den Schloßhof. Es ist besser, wenn man Sie gar nicht sieht. Ich werde Sie durch das vorhin erwähnte Pförtchen hinauslassen. Sie können sich dasselbe gleich merken, damit Sie es im Finstern finden.«

Er führte den Agenten in den Garten zurück und ließ ihn durch die kleine Mauerpforte hinaus, welche er wieder hinter ihm verschloß.

»Vortrefflich!« sagte der Agent zu sich, als er langsam den Schloßberg hinabging. »Daß die Sache so schnell und so gut klappen würde, habe ich mir freilich nicht gedacht. Daß wir mit dem Derwisch reden können, ist bereits tausend Mark werth. Dieser alte Schließer wird schon noch die Hand zur wirklichen Flucht bieten.«

Er bemerkte gar nicht, daß ihm zwei Männer folgten, welche nicht neben, sondern hinter einander gingen. Da seine Sendung so vortrefflich geglückt war, beschloß er, zur Feier dieses Erfolges eine Flasche Wein zu trinken und trat in ein Etablissement, welches zwar nicht zu den glänzend eingerichteten gehörte, aber darauf bekannt war, daß man dort einen echten und unverfälschten Tropfen bekomme.

Die beiden Männer sahen ihn hineingehen. Der Vordere von ihnen blieb stehen und wartete bis der Hintere herankam.

»Es geht vortrefflich,« sagte er. »Dieser kleine, dicke Sam Barth ist ein Schlaukopf, welcher selbst uns Geheimpolizisten zu rathen aufgeben könnte. Auf seinen Plan hin muß dieser Herr Agent Schubert unbedingt hereinfallen. Ich gehe voran. Du kommst nach, aber nicht sofort, denn das könnte ihm auffallen und als eine abgekartete Sache erscheinen. Eine Viertelstunde mußt Du vergehen lassen.«

Derjenige, welcher diese Worte gesprochen hatte, war ein beleibter Herr von mittleren Jahren. Er hatte das Aussehen eines gut situirten Bürgers, welcher in behaglichen Verhältnissen lebt. Für einen Geheimpolizisten aber hätte ihn wohl nicht so leicht Jemand gehalten.

Eben als er in die Flur des Hauses trat, kam der Wirth desselben zur Hofthüre herein. Er wollte den Gast mit lautem Rufe bewillkommnen; dieser aber winkte ihm mit der Hand Schweigen zu und flüsterte:

»Pst! Keinen Namen nennen! Sind viele Gäste darinnen?«

»Nein; nur ein einziger. Die Leute kommen erst zu späterer Stunde.«

»Gut! Dieser Mann darf nicht ahnen, wer ich bin und wie ich heiße.«

»Ah! Ein Fang?« fragte der Wirth, indem er pfiffig lächelte und dabei ein Auge zukniff.

»Ja. Begrüßen Sie mich mit dem Namen Weber. Ich bin Getreide- und Mehlhändler.«

Der Wirth nickte zustimmend und trat in die Gaststube. Der Polizist verzog noch eine Minute und folgte ihm dann nach.

Die Weinstube war eines jener Etablissements, welche nicht durch glänzende Einrichtung imponiren, sondern die Gäste nur durch die Solidität der Speisen und Getränke anziehen. Der Raum war niedrig und klein. Er faßte nur so wenige Tische, daß man an dem einen ganz gut hören konnte, was an dem andern gesprochen wurde.

Das paßte dem Polizisten. Er grüßte höflich und setzte sich an einen Tisch, der demjenigen des Agenten am nächsten stand. Der Wirth begrüßte ihn bei dem angegebenen Namen, brachte ihm das bestellte Glas Wein und fragte dann nach dem Gange der Geschäfte.

Das gab Gelegenheit, dem Agenten merken zu lassen, daß der neu eingetretene Gast ein Getreidehändler sei.

Nach einer Weile kam auch der andere Polizist herein. Er that, als sei er überrascht, den Vorigen hier zu finden, begrüßte ihn als einen alten Bekannten, setzte sich zu ihm und ließ sich auch ein Glas Wein geben.

Nun unterhielten sich die Beiden über Verschiedenes, wobei allerdings vom Handel und Wandel am meisten die Rede war. Der Getreidehändler klagte über schlechten Geschäftsgang und daß die Gelder so schwer eingehen. Er erwähnte, daß er in den nächsten Tagen bedeutende Zahlungen habe und nicht wisse, woher er das Geld dazu nehmen solle, da ihn seine Gläubiger im Stiche ließen. Diese Gelegenheit ergriff der Andere, zu bemerken:

»Es geht mir ganz ebenso wie Dir. Man giebt seine guten Waaren oder gar das baare Geld hinaus und bekommt meist faule Wechsel dafür, welche man einklagen muß. Ich habe da eine ganze Zahl dieser Wische in der Tasche stecken, von denen ich fast genau weiß, daß sie protestirt werden müssen. Der einzig sichere ist der, den ich Dir übermorgen präsentiren werde.«

»Mir?« fragte der Händler verwundert.

»Ja. Du mußt es doch wissen.«

»Kein Wort weiß ich!«

»So! Solltest Du ihn Dir nicht notirt haben?«

»Das kann bei mir gar nicht vorkommen. Wie hoch lautet er denn?«

»Auf fünfzehnhundert Mark.«

»Alle Teufel! Das muß ein Irrthum sein.«

»O bitte! Du hast ihn acceptirt.«

»Was? Ich? Fällt mir gar nicht ein!«

Er machte ein sehr erstauntes, ja betroffenes Gesicht. Der Andere blickte ihn ebenso verwundert an und meinte:

»Aber er ist doch von Dir unterschrieben!«

»Nein, sage ich Dir!«

»Ich kenne Deine Hand so genau, daß ich mich gar nicht irren kann.«

»Wer hat ihn denn ausgestellt?«

»Der Bäcker Franke, weißt Du, der Sohn des Schließers oben im Schlosse.«

Der Agent konnte jedes Wort der Beiden hören. Er hatte ihrer Unterhaltung bisher wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt aber, als von dem Schließer und seinem Sohne die Rede war, horchte er auf.

»Mit dem habe ich allerdings zu thun,« sagte der Getreidehändler, »aber nicht so, daß ich einen Wechsel acceptirte. Er ist ganz im Gegentheile mein Schuldner.«

»Was!« rief der Andere. »Das wäre stark!«

»Hat er denn anders gesagt?«

»Ja. Er erzählte mir, daß Du ihm schuldig seiest und ihm einen Wechsel acceptirt habest. Ich hatte mehrere Papiere, die auf kleinere Beträge lauteten, von ihm in der Hand, und da Du mir sicherer bist als er, tauschte ich gegen sie Deinen Wechsel ein.«

»Mann, da bist Du geleimt!«

»Unmöglich!«

»Ich sage Dir, daß ich von dem Wechsel ganz und gar nichts weiß!«

»Aber es ist doch Deine Handschrift!«

»So ist sie nachgemacht. Hast Du ihn mit?«

»Ja.«

»So zeige ihn einmal heraus!«

Die Beiden thaten so, als ob sie sich in der größten Aufregung befänden. Sie machten ihre Sache so gut und spielten ihre Rollen so natürlich, daß dem Agenten der Gedanke, daß es nur darauf abgesehen sei, ihn zu täuschen, gar nicht kommen konnte. Er war außerordentlich gespannt auf die weitere Entwickelung des Gespräches.

Der Inhaber des Wechsels nahm denselben heraus und zeigte ihn dem Händler. Dieser Letztere betrachtete ihn sehr genau und sagte dann:

»Alle Teufel! So Etwas ist mir noch gar nicht vorgekommen!«

»Nicht wahr. Du giebst zu, Dich geirrt zu haben? Der Wechsel stammt von Dir?«

»Gar nichts gebe ich zu! Es ist Fälschung!«

»Unsinn!«

»Ja, es ist Fälschung. Aber die Unterschrift ist so täuschend, so vortrefflich

nachgemacht, daß ich glauben würde, ich hätte sie wirklich geschrieben; aber ich weiß doch zu genau, daß ich es nicht gewesen bin.«

Die Beiden blickten einander ein Weilchen sprachlos an. Sie schienen sich gar nicht in den Gedanken finden zu können.

»Das ist stark!« stieß endlich der Inhaber des Wechsels hervor. »Also Fälschung, wirklich?«

»Ja, ganz gewiß.«

»Darauf steht Zuchthaus!«

»Freilich!«

»Du lösest den Wechsel nicht ein?«

»Kann mir gar nicht einfallen! Nicht ich bin dem Bäcker Geld schuldig, sondern er schuldet es mir!«

»Aber, Menschenkind, wer sollte es denn da wagen, Deine Handschrift nachzuahmen?«

»Alberne Frage! Natürlich der Bäcker!«

»Das traue ich ihm doch nicht zu.«

»Ich habe mir auch nicht gedacht, daß er so Etwas wagen könne. Er befindet sich zwar in sehr zweifelhaften Verhältnissen, aber so eine Dummheit, das Zuchthaus zu riskiren, habe ich ihm nicht zugetraut. Es muß mit ihm noch viel schlimmer stehen, als ich geglaubt habe.«

Der Andere schlug mit der Faust auf den Tisch und rief in zornigem Tone:

»Das ist stark! Fünfzehnhundert Mark zu verlieren, das ist keine Kleinigkeit!«

»Allerdings. Aber Du kannst es verschmerzen. Vielleicht ist wenigstens Etwas davon zu retten.«

»Nichts, gar nichts, kein Pfennig!«

»Versuche es nur!«

»Das ist Alles umsonst. Ich werde sofort auf die Polizei gehen.«

Er stand auf, als ob er sich entfernen wolle. Der Andere ergriff ihn beim Arme, zog ihn wieder nieder und sagte:

»Nicht so rasch! Dazu ist allemal noch Zeit! Jetzt weißt Du ja noch gar nicht, ob er ihn einlösen wird oder nicht!«

»Einlösen? Der hätte das Geschick!«

»Versuche es wenigstens!«

»Das ist umsonst! Und selbst wenn er ihn einlöste, so bliebe die Fälschung doch. Sie muß natürlich bestraft werden!«

»Wenn er ihn einlöst, so kannst Du Dich zufrieden geben, denn er hat es nur aus Angst gethan und ist zu entschuldigen. Ich habe noch mehr als Du Veranlassung, ihn anzuzeigen, denn mein Name ist es und nicht der Deinige, den er nachgemacht hat.«

»Und Du willst es etwa hingehen lassen?«

»Nein. Aber warten wir erst ab, ob er das Geld bezahlt.«

»Ich sage Dir noch einmal, daß er nicht fünfzehnhundert Pfennige hat, viel weniger so viele Mark! Ich war ja heute früh bei ihm!«

»So! Habt Ihr von dem Wechsel geredet?«

»Ja. Er hatte mich ja gebeten, ihn nicht weiter zu geben.«

»Du, dann war es eine Dummheit, daß Du ihn genommen hast! War ich wirklich der Acceptant, so war kein Grund vorhanden, ihn in der Tasche herumzutragen. Deine Leichtgläubigkeit hat ihm die Sache erleichtert.«

»Grad weil ich ihm dieses Vertrauen geschenkt habe, bin ich doppelt erzürnt auf ihn. Ich will davon absehen, sofort auf die Polizei zu laufen. Ich gehe zu ihm und präsentire den Wechsel. Löst er ihn ein, so mag es gut sein. Hat er aber kein Geld, so zeige ich ihn an.«

»Wenn er es heut nicht hat, so wird er es übermorgen haben; er weiß ja, daß der Wechsel dann fällig ist.«

»Damit lasse ich mich nicht ein. Heut, gleich heut will ich mein Geld. Wenn ich bis übermorgen warte, ist er ausgerissen. Wer falsche Wechsel ausgiebt, setzt sich nicht so lange hin, bis sie fällig sind. Ich bin überzeugt, daß der Kerl davon läuft.«

»Hm, dieser Gedanke liegt freilich nahe!«

»Nicht wahr! Ich muß mich beeilen.«

»Mich sollte nur seine arme Familie dauern, die er im Stiche lassen wird. Und ebenso leid thut mir sein Vater, der Schließer, der schon so viel für ihn gethan hat und ihm nun nicht mehr helfen kann. Er ist ein Ehrenmann und scheint doch nicht das beste Brod zu essen zu haben droben im Schlosse. Der Kastellan ist ihm aufsässig.«

»Das geht mich Alles nichts an! Ich verlange mein Geld! Ich gehe sogleich zu ihm!«

Er stand wieder auf, trank sein Glas leer und schickte sich zum Gehen an, ohne dieses Mal von dem Andern zurückgehalten zu werden.

Da erhob der Agent sich von seinem Platze, trat herbei und sagte:

»Sie entschuldigen! Ich habe natürlich unfreiwilliger Weise Zeuge Ihrer Unterhaltung sein müssen und Alles gehört. Gehen Sie noch nicht fort. Ich möchte ein Wort zu dieser Angelegenheit sagen.«

»So? Was für eins denn?« fragte der Polizist mürrisch, indem er den Hut, den er bereits in der Hand hielt, wieder hinlegte.

»Bitte, setzen Sie sich! Was ich von Ihnen wünsche, können wir in aller Bequemlichkeit abmachen.«

Der Angeredete ließ sich wieder auf seinen Stuhl nieder. Der vermeintliche Getreidehändler machte eine Bewegung des Erstaunens und blickte dem Agenten in das Gesicht.

»Kennen mich die Herren vielleicht?« fragte dieser.

Beide schüttelten die Köpfe. Er fuhr also fort:

»Das thut auch gar nichts zur Sache. Nur möchte ich Ihnen mittheilen, daß ich diesen Bäcker Franke, von welchem Sie sprechen, kenne.«

»So? Ist er auch Ihnen schuldig?« fragte der Wechsel-Inhaber.

»Nein. Im Gegentheile bin ich ihm noch den Dank für eine Gefälligkeit schuldig, welche er vor längerer Zeit einem Verwandten von mir erwies. Darum muß mich das, was ich hier so ganz zufällig erfahre, im höchsten Grade interessiren. Ist der Wechsel wirklich gefälscht?«

»Ja. Es ist kein Zweifel.«

»Der Mann befindet sich also in einer so schlimmen Lage, daß er vor einer solchen That nicht zurückschreckt. Das hätte ich wissen sollen!«

»Wieso? Wäre es dadurch anders geworden?«

»Ja. Ich hätte ihn unterstützt.«

»Das können Sie ja jetzt noch thun!«

»Das möchte ich gar wohl; aber ich weiß nicht, ob ich es vermag.«

»Es ist ja wohl nicht schwer.«

»Hm! Fünfzehnhundert Mark, das ist doch wohl kein Pappenstiel!«

»Nein, besonders wenn man sie nicht hat.«

Er betrachtete bei diesen Worten den Agenten mit einem sehr ironischen Blicke. Dieser ärgerte sich darüber und erklärte:

»Was das betrifft, so hätte ich sie wohl; doch ist die Gefälligkeit, welche Franke meinem Verwandten erwies, nicht so bedeutend, daß man eine solche Summe dafür zahlen möchte. Und sodann fragt es sich, ob Sie den Wechsel aus der Hand geben würden.«

»Mit größtem Vergnügen sogar!«

»Und auf die Anzeige würden Sie verzichten?«

»Ja, vorausgesetzt, daß ich mein Geld bekäme.«

»Ganz vollständig werden Sie es wohl kaum erhalten.«

»Meinen Sie? Ich lasse keinen Pfennig nach!«

»Bedenken Sie, daß Sie gar nichts bekämen, wenn Sie Anzeige machten!«

»Dann habe ich wenigstens für mein Geld das Vergnügen, den Kerl im Zuchthause zu wissen!«

»Denken Sie so unchristlich?«

»Gehen Sie mir mit dem Christenthum! War es etwa christlich von ihm, den Wechsel zu fälschen? Wo der Geldbeutel anfängt, da hört bei mir das Christenthum auf. Verstehen Sie!«

»Na na, ereifern Sie sich nicht so sehr! Ich will Ihnen den Wechsel abkaufen.«

»So? Abkaufen oder ihn einlösen?«

»Abkaufen.«

»Das heißt, Sie wollen von der Summe herunterhandeln?«

»Den ganzen Betrag bietet Ihnen Niemand.«

»Dann verkaufe ich ihn eben nicht.«

»Aber bedenken Sie, daß – –«

»Still, still!« unterbrach ihn der Andere in zornigem Tone. »Sie brauchen gar kein weiteres Wort zu verlieren. Ich will mein volles Geld oder gar nichts!«

»Seien Sie doch nicht so aufgeregt!«

*

99

»Was meinen Sie? Wenn es sich um anderthalbtausend Mark handelt, soll man nicht aufgeregt sein. Bringen Sie das etwa fertig? Ich nicht! Sie müssen ein Rothschild sein, wenn Sie da ruhig bleiben können.«

»Die Aufregung nützt nichts auch in dem Falle, daß man arm ist. Ich bedauere ebenso wie Sie den armen, braven Vater des Wechselfälschers. Ich glaube, er thut sich ein Leid an, wenn er es erfährt. Ich will Ihnen zwölfhundert baare Mark für den Wechsel geben.«

Der Mann stand auf, griff wieder nach seinem Hute und rief zornig:

»Ich habe gesagt, daß ich keinen Pfennig herunterlasse, und was ich sage, das gilt. Ich bin kein Luftikus. Soll ich einmal dreihundert Mark einbüßen, so lasse ich auch dann das Ganze schwinden und habe die Genugthuung, den Kerl bestrafen zu lassen. Es ist schon gut und außerordentlich christlich – hören Sie, christlich von mir, daß ich auf die Anzeige verzichten will, falls ich mein Geld erhalte. Wer mehr von mir verlangen will, der mag mir vom Leibe bleiben!«

Er wendete sich nach der Thür.

»Halt, warten Sie!« rief der Agent. »Ich will ihn einlösen.«

»Mit der vollen Summe?«

»Ja.«

»Gut, so können Sie ihn haben. Zählen Sie auf!«

»Lieber Mann, Sie kommandiren ja schrecklich!«

»Ja, Geld will ich sehen, eher gebe ich ihn nicht aus der Hand. Das versteht sich ganz von selbst.«

»Aber höflicher können Sie wohl sein!«

»Wenn ich nur erst mein Geld in der Tasche habe, so sollen Sie sehen, welche Complimente ich Ihnen machen werde!«

Der Agent war ganz glücklich, durch einen so ganz außerordentlichen Zufall den Schließer in seine Hand zu bekommen. Er hatte heute einen so glücklichen Tag wie selten. Zwar hätte er sehr gern etwas weniger bezahlt, aber er hoffte, daß der Pascha ihm diese Auslage zurückerstatten werde. Darum zog er jetzt vom Leder und zählte fünfzehn Hundertmarkscheine hin. Der Andere gab ihm jetzt den Wechsel, steckte die Scheine ein und sagte:

»Gott sei Dank, das Geld ist gerettet! Ich will von einer Anzeige absehen, aber eine Güte will ich mir dennoch thun!«

»So? Was wollen Sie machen?«

»Ich werde zu dem Hallunken gehen und ihm ganz gehörig den Kopf waschen. Er soll niemals wieder für einen Pfennig Credit bei mir haben!«

»Bei mir natürlich auch nicht,« stimmte der Getreidehändler bei. »Er hat meinen Namen und meine Unterschrift gefälscht; ich werde ihm nie wieder trauen können. Ich gehe mit zu ihm und werde bei der Pelzwäsche tüchtig helfen.«

»Thun Sie das in Gottes Namen,« meinte der Agent. »Ich habe gar nichts dagegen und werde jetzt selbst zu ihm gehen und ihm den Standpunkt klar machen.«

Es lag nicht in seinem Interesse, länger zu bleiben. Er entfernte sich, nachdem er seine Zeche an den Wirth bezahlt hatte, der von seinem am Büffet befindlichen Sitze aus verwunderter Zeuge des ganzen Vorganges gewesen war.

»Auf den Leim gegangen,« lachte der vermeintliche Getreidehändler, als der Agent fort war.

»Und zwar gründlich!« stimmte der Andere lustig ein. »Nun glaubt er gewonnenes Spiel zu haben. Jetzt rennt er zum Bäcker!«

»Der ist indeß benachrichtigt worden und wird spaziren gegangen sein, um sich nicht antreffen zu lassen.«

Da kam der Wirth herbei und fragte verwundert:

»Das war wohl eine Finte?«

»Jawohl, mein Lieber.«

»Der Wechsel war gar nicht falsch?«

»Er war sehr falsch. Nicht nur die Unterschrift, sondern Alles war gefälscht.«

»Er hat ihn aber doch bezahlt!«

»Grämen Sie sich nicht um ihn!« lachte der Polizist. »Der Wechsel war ein Netz, in welches dieser Raubfisch glücklich eingegangen ist.«

»Da bin ich freilich neugierig, etwas Näheres zu erfahren!«

»Warten Sie noch! Sie und uns schon sehr oft gefällig gewesen, indem Sie uns beim Fange solcher Kerls unterstützten; aber Alles dürfen wir Ihnen denn doch nicht mittheilen.«

»Das glaube ich wohl. Der Mann ist Agent.«

»Agent, Schwindler und Gurgelabschneider. Bald wird er noch etwas Schlimmeres sein. Dann ziehen wir die Schlinge um seinen Hals zu. Selbst so ein Kluger geht in das Garn!«

In Einem hatte sich der Sprecher doch geirrt. Dem Agenten fiel es gar nicht ein, zu dem Bäcker zu gehen. Heut wollte er sich noch nicht von demselben sehen lassen; aber beobachten wollte er ihn, damit er ihm nicht entfliehe. Es war besser, wenn bis zum Abend Niemand erfuhr, in wessen Hände der Wechsel gerathen sei.

Er begab sich nach seiner neuen Wohnung, welche für ihn außerordentlich gut paßte. Erstens hatte er den Maler neben sich wohnen, und zweitens lag sie an einer einsamen, unbelebten Straße, wo er nicht zu befürchten brauchte, beobachtet zu werden.

Dort angekommen, begab er sich in den Garten, um zu sehen, ob man von da aus die Bewohner des benachbarten Grundstückes beobachten könne. Beide Gärten waren durch ein niedriges Eisenstacket von einander getrennt. Man konnte also ganz leicht aus dem einen in den andern blicken. Gegenwärtig aber war kein Mensch da drüben zu sehen.

Indem er da hinüberschaute, kam ihm ein Gedanke, welcher ihm, je länger er ihn sich zurecht legte, desto annehmbarer vorkam. Wie nun, wenn er zu dem Maler ging, um sich demselben vorzustellen? Das konnte ja gar nicht auffallen. Streng genommen war es eine Pflicht der Höflichkeit und ein Erforderniß

der guten Sitte, dem Besitzer der benachbarten Villa eine Antrittsvisite zu machen.

Er hielt diesen Gedanken fest, überlegte ihn hin und her und beschloß endlich, ihn auszuführen.

Darum kehrte er in sein Zimmer zurück, stellte sich vor den Spiegel, um sein Aeußeres einer Musterung zu unterwerfen, und fand, daß er den Eindruck eines eleganten, sehr wohlhabenden Mannes machen müsse, den man, ohne eine nicht zu entschuldigende Unhöflichkeit zu begehen, gar nicht abweisen könne.

Nun erkundigte er sich bei der Wirthin nach den Nachbarsleuten und erfuhr, daß sie dieselben nicht näher kenne, daß sie sehr zurückgezogen lebten, aber einen gelegentlichen, bescheidenen Gruß über den Zaun hinüber ganz freundlich erwidert hätten.

Er ging. Die Pforte des Vorgartens war verschlossen. Er mußte klingeln. Ein Dienstmädchen kam, um nach seinem Begehr zu fragen. Als er sich erkundigte, ob Herr Maler Normann zu sprechen sei, antwortete sie bejahend und ließ ihn ein. Er wurde in das Vorhaus der Villa geführt und gab da seine Karte ab. Das von der Meldung zurückkehrende Mädchen sagte ihm, daß der Maler ihn in seinem Atelier erwarte und führte ihn nach demselben.

Als er eintrat, kam Normann ihm höflich entgegen, die Karte in der Hand. Auf derselben war zu lesen: »Albin Schubert, Polizeiinspector a. D.«

Das Atelier besaß eine Einrichtung, aus welcher zu entnehmen war, daß der Maler ein gutes Privatvermögen besitzen oder ein Künstler sein müsse, der mit seinen Bildern ausgezeichnete Honorare erziele. Mehrere Staffeleien mit angefangenen Portraits standen im Lichte der breiten und hohen Glasfenster; an den Wänden hingen verschiedene, vortrefflich ausgeführte Charakterköpfe, und da, wo das Licht allzu grell herein drang, wurde es durch wohlangebrachte Vorhänge oder Gruppen seltener Blattpflanzen gemildert und gedämpft.

Normann hatte sich seit seinem Aufenthalte in der Türkei wenig oder gar nicht verändert. Seine Haltung und der Ausdruck seines Gesichtes waren selbstbewußter, bedeutender geworden. Aus dem Namen, welcher auf der Karte stand, konnte er nicht auf den Zweck des Besuches schließen. Ein Polizeisecretär außer Dienst konnte ihn doch wohl nicht in dienstlicher Angelegenheit aufsuchen, und die Pension eines solchen Herrn reicht doch nicht aus, theure Kunstwerke zu bestellen.

»Herr Normann?« fragte der Agent, sich verbeugend.

»Zu dienen, mein Herr.«

Er trug einen kurzen, sammetenen Schnurenrock und weise Leinenhosen. Die auf den letzteren befindlichen Farbenflecke verriethen, daß er sich jetzt bei der Arbeit befunden.

»Sie entschuldigen vielleicht die Störung,« sagte Schubert. »Ich komme nicht aus geschäftlichen, oder vielmehr künstlerischen Gründen, sondern aus einer sehr privaten und alltäglichen Ursache. Ich habe mich nämlich in der benachbarten

Villa eingemiethet und halte es für meine Pflicht, mich Ihnen vorzustellen.«

Er verbeugte sich; auch Normann machte eine Verneigung, doch zogen sich dabei seine Brauen ein wenig in die Höhe. Vielleicht war dies ein Zeichen, daß ihm an einem nachbarlichen Verkehr nicht viel oder auch gar nichts liege. Doch war er so gebildet und rücksichtsvoll, dies durch kein Wort anzudeuten.

Der Agent bemerkte die Bewegung der Augenbrauen sehr wohl. Er beurtheilte sie ganz richtig und beeilte sich daher, zu seinen Worten hinzuzufügen:

»Natürlich beabsichtige ich keineswegs, aus dieser ganz zufälligen Nachbarschaft für sie irgend welche persönliche oder gesellschaftliche Verpflichtung abzuleiten, zumal ich weiß, daß ein viel umworbener Künstler seine eigenen, selbstständigen Wege gehen muß und keine Fessel kennen darf: aber wenn man so neben einander wohnt, so sieht man sich gegenseitig, besonders beim Promeniren im Garten, und da ist es dann immer wünschenswerth, zu wissen, wen man neben sich hat.«

Jetzt nickte Normann zustimmend und antwortete:

»Sie haben Recht und ich bin Ihnen für Ihren freundlichen Besuch verpflichtet. Leider bin ich allerdings kein Gesellschaftsmensch. Ich suche nicht nach Freunden und Bekannten; ich bin kein Anhänger der gewöhnlichen Suche nach Zerstreuung; ich lebe nur meiner Kunst und meiner Häuslichkeit und besitze daher die schlimme Eigenschaft, für Andere ein ziemlich schlechter und langweiliger Gesellschafter und Kamerad zu sein.«

Das war deutlich genug. Er sagte dadurch auf das Allerverständlichste, daß er diesen Besuch zwar gestatte, aber eine Fortsetzung desselben nicht wünsche. Schubert war darüber im Stillen ziemlich erzürnt, ließ sich aber nichts merken, sondern sagte unter einem verbindlichen Lächeln:

»Sie zeichnen sich da wohl mit zu düsteren Farben. Wem die Zufriedenheit so aus den Augen strahlt, wie Ihnen, der kann ja niemals langweilig sein.«

»Diese Zufriedenheit ist eine Folge meines streng zurückgezogenen Lebens. Was ich habe, das genügt mir vollständig. Ich fühle mich glücklich und trachte also nicht nach Anderem. Aber bitte, nehmen Sie doch Platz und brennen Sie sich eine von meinen Cigarren an!«

Er schob dem Gaste einen Sessel an den Tisch, auf welchem ein offenes Cigarrenkistchen stand. Er selbst hatte eine brennende Havannah in der Hand.

»Setzen will ich mich wohl für einen kurzen Augenblick, nur um nicht unhöflich zu erscheinen,« meinte Schubert, »aber rauchen, nein, das werde ich doch lieber unterlassen.«

Er nahm Platz.

»Warum? Sind Sie nicht Raucher?«

»Sogar ein leidenschaftlicher.«

»So nehmen Sie nur! Ich weiß wohl, daß man bei einem Höflichkeitsbesuche nicht rauchen soll, aber ich hasse alles Gezwungene und dulde an mir selbst keinen Zwang. Darum habe ich, als Sie mir gemeldet wurden, die Cigarre in der Hand behalten. Rauchen Sie also immerhin! Sie erklären mir ja, daß Sie sich dadurch, daß ich selbst ungenirt weiter rauche, nicht beleidigt fühlen.«

»Von Beleidigung kann keine Rede sein, und um Ihnen das zu beweisen, werde ich Ihrem Wunsche nachkommen, aber eben auch nur aus diesem Grunde.«

Der Maler gab ihm Feuer und schob ihm den Aschenbecher zu, aber das Alles auf eine Art und Weise, daß zu ersehen war, er thue das nur, um selbst fortrauchen zu können.

Schubert war ergrimmt darüber. Er hatte nicht erwartet, daß man es ihm mit solcher Deutlichkeit merken lassen werde, daß er besser gethan hätte, zu Hause zu bleiben. Aber Leute seines Schlages verstehen es, sich über solche Dinge hinweg zu setzen. Er zeigte ein sehr unbefangenes, zufriedenes Gesicht, warf den Blick im Atelier umher, ließ ihn an einem halb vollendeten Gemälde hangen und fragte, indem er sich die Miene eines Kunstkenners zu geben versuchte:

»Ein herrlicher Kopf! Wohl nach dem Leben?«

»Allerdings.«

»Dann muß diese Dame eine Schönheit ersten Ranges sein, falls Sie nicht allzuviel geschmeichelt haben.«

»Ich schmeichle nie. Es ist mir im Gegentheile schon oft der Vorwurf gemacht worden, daß ich mich zu streng an die Wahrheit halte.«

»Das ist ein Vorzug, den man Ihnen nicht streitig machen sollte. Dieser Damenkopf hat orientalische Gesichtszüge, oder irre ich mich?«

»Nein. Das Original ist eine Orientalin.«

»Sie hat Ihnen gesessen?«

»Ja.«

»Ah! Ich denke, daß die Damen des Orients sich nicht sehen lassen dürfen!«

»Sie befindet sich nicht mehr dort.«

»Also wohl hier?«

Der Agent ahnte, daß er das Bild entweder von Tschita oder von Zykyma vor sich habe.

»Sie hat schon längst das Abend- mit dem Morgenlande vertauscht,« antwortete Normann ausweichend.

Dabei trat er an das Bild heran, griff zu der Palette, tauchte den Pinsel in die Farbe und that einige Striche, jedenfalls nicht absichtslos, sondern um anzudeuten, daß er zu arbeiten und also allein zu sein wünsche.

Der Agent preßte die Zähne zusammen. Er war ergrimmt über diese wiederholte Mahnung, daß er unwillkommen sei, durfte aber seine Gefühle nicht in Worten ausdrücken. Er erhob sich und sagte in leichtem Tone:

»Sie rauchen eine prachtvolle Cigarre; aber zwei Raucher in einem Atelier sind zu viel. Der Rauch schadet den Bildern. Die Farben dunkeln nach.«

Ein etwas satyrisches Lächeln glitt über Normann's ernste, männlich schöne Züge, doch fiel es ihm nicht ein, den unwillkommenen Gast eines Andern zu belehren. Er ergriff vielmehr dessen Bemerkung gleich direkt beim Kopfe und antwortete:

»Sie wollen gehen? Nun, so nehmen Sie meinen Dank für Ihre freundliche Aufmerksamkeit!«

»O bitte, ich that meine Pflicht, weiter nichts!«

Jetzt ließ der Agent auch ein ironisches Lächeln sehen und blickte sich dabei wie suchend im Kreise um.

»Ich verstehe!« meinte Normann unter einem leichten, diplomatischen Achselzucken. »Ich hätte Ihnen, der Sie unser Nachbar geworden sind, meine Frau zeigen sollen. Das ist aber leider ganz und gar unmöglich. Sie ist so häßlich, daß sie sich vor Jedermann verbirgt.«

Er sagte das in einem so ernsten Tone, daß Schubert ihn ganz bestürzt anblickte.

»Ist das wahr?« fragte er.

»Leider ja.«

»Sie ein Künstler, ein Maler, noch dazu ein Porträter, haben eine häßliche Frau?«

»Allerdings.«

»Mir kommt es im Gegentheil sehr natürlich vor.«

»Darf ich fragen, warum?«

»Gewiß.«

»Mann und Frau sollen sich äußerlich und innerlich ergänzen; darin liegt ja das Glück der Ehe. Je größer die Unterschiede sind, desto inniger streben die beiden so verschiedenen Pole einander zu.«

»Das ist mir neu!« rief der Agent erstaunt.

»Mir nicht. Haben Sie diese Beobachtung noch nicht gemacht, so bringen Sie mich in die nicht sehr angenehme Lage, zu zweifeln, daß Sie das sind, was ein Polizeibeamter doch sein muß, nämlich ein guter Psycholog. Blonde und Brünette suchen sich gegenseitig –«

»Das habe ich freilich beobachtet,« fiel der Agent schnell ein, um wenigstens einen Theil seiner psychologischen Ehre zu retten.

»Unsereiner hat es Jahr aus Jahr ein mit dem sogenannten Schönheitsideale zu thun. Schönheit und Schönheit und immer wieder Schönheit! Das ermüdet unendlich. Da thut es Einem gradezu wohl, zuweilen in ein nicht schönes, sondern gewöhnliches, vielleicht sogar häßliches Frauenangesicht blicken zu können.«

»Und doch habe ich gehört, daß Ihre Frau eine große Schönheit sei, wenigstens betheuerte dieses meine Wirthin!« entfuhr es unvorsichtiger Weise dem Agenten.

»So! Also haben Sie dieselbe gefragt?«

»Nein. Sie sprach unaufgefordert von den neben ihr wohnenden Herrschaften.«

»Ach so! Ich liebe es nämlich nicht, der Gegenstand besonderer oder gar absichtlicher Aufmerksamkeit zu sein. Empfehle mich, Herr Polizeiinspector!«

Er machte eine kalte, sehr förmliche Verbeugung und drehte sich um, gar nicht beachtend, ob diese Verbeugung erwiedert werde. Dem Agenten blieb nichts übrig, als zu gehen. Er wurde nicht einmal von Normann bis vor die Thüre des Ateliers begleitet.

Als er dieselbe hinter sich zugemacht hatte, blieb er stehen, drohte mit der Faust und murmelte:

»Das sollst Du mir entgelten, Mensch! Ach, wenn Du wüßtest, was ich thun kann! Wenn ich noch gezweifelt hätte, ob ich es thun soll, jetzt wäre ich doppelt dazu entschlossen!«

Da hörte er unten im Erdgeschosse Thüren gehen. Liebliche Frauenstimmen wurden laut.

»Ach! Schöner Zufall!« dachte er. »Jetzt sollen sie mir Farbe bekennen. Ich muß es doch erfahren.«

Er schritt die Treppe hinab und sah, daß die zum Vorsaale führende Thür offen stand. Drei Frauengestalten waren herausgetreten, Tschita, Zykyma und die Amme, welcher die Zunge herausgeschnitten worden war. Sie wohnte bei Tschita.

Der Agent blieb stehen, ganz erstaunt über die unvergleichliche Schönheit der beiden Erstgenannten.

Sein Gesicht war in diesem Augenblicke so wenig geistreich, daß sie in ein lustiges Lachen ausbrachen.

Er sammelte sich schnell und zeigte ein anderes Gesicht. Er erkannte in Zykyma das Original des Porträts, welches er oben im Atelier gesehen hatte. Sie war seiner Ansicht nach nicht die Frau Normanns; darum wendete er sich an Tschita:

»Verzeihung, Frau Normann?«

»Nein,« lachte sie, einer plötzlichen Eingebung folgend, da sie so heiter gestimmt war.

»So sind Sie es?«

Diese Frage war an Zykyma gerichtet.

»Auch nicht,« antwortete diese.

Er machte ein ziemlich verblüfftes Gesicht und meinte im höchsten Grade enttäuscht:

»Aber wer ist es denn?«

»Diese Dame hier.«

Dabei deutete Tschita auf die Amme.

»Diese? Donnerwetter!«

Er war ganz erschrocken. Sollte Normann wirklich dieses alte Weib geheirathet haben.

»Warum erschrecken Sie so?« fragte Tschita, der es ebenso schwer wie ihrer Freundin wurde, nicht grad hinaus zu lachen.

»Erschrecken? Ach! Oh! Ueber gar nichts.«

Und da er doch fühlte, daß er die Verpflichtung habe, nachdem er nach der Frau des Hauses gefragt hatte, ihr einige Worte zu sagen, wendete er sich unter einer höflichen Verbeugung an die Amme:

»Verzeihung, gnädige Frau! Ich komme von ihrem Herrn Gemahle und dachte –«

Er hielt inne, in der Erwartung, von ihr ein aufmunterndes Wort zu hören. Da sie ihn aber schweigend anblickte, fuhr er fort:

»Und dachte, daß es meine Pflicht sei, mich auch Ihnen vorzustellen. Gestatten Sie es?«

Sie nickte.

»Ich bin Polizeiinspector in Pension, heiße Schubert und wohne hier nebenan. Hoffentlich fühlen Sie sich, wenn ich mich einmal im Garten befinde, durch meine Gegenwart nicht belästigt!«

Wieder erwartete er eine Antwort. Er hörte nur ein unartikulirtes Lallen, welches aus ihrem Munde drang.

»Herrgott!« rief er. »Ist die Dame stumm?«

»Leider!« antwortete Tschita.

Jetzt war es aus mit seiner Fassung.

»Und die hat einen solchen Mann bekommen?« fragte er. »Entschuldigung, meine Damen! Sind Sie verwandt mit ihr?«

»Nein, aber mit mir!« ertönte es lachend von oben herab.

Der Agent blickte zur Treppe hinauf. Droben stand Normann, der durch das Gelächter der Damen herausgelockt worden war. Als Schubert ihn erblickte, stieg in ihm eine Ahnung auf. Er fragte in zornigem Tone:

»Was haben Sie zu lachen?«

»Was haben Sie sich um uns zu kümmern?« ertönte es von oben herab. »Wenn Sie es noch nicht verstanden haben, daß wir auf Ihre Gegenwart verzichten, so will ich es Ihnen hiermit deutlicher sagen.«

»Alle Teufel, Herr, das ist eine Beleidigung!«

»Natürlich!«

»Sie werden mir Genugthuung geben.«

»Mit dem Küchenbesen? Ja, gern. Ich werde den Befehl dazu sofort ertheilen.«

Er kam herab.

»Hole Sie der Teufel!« schrie der Agent und machte sich davon, und zwar sehr schnell.

»Wer ist der Mann?« fragte Tschita.

»Auf seiner Karte steht Polizeiinspector außer Dienst. Er ist heut im Nebenhause eingezogen und kam, sich vorzustellen.«

»Und Du behandelst ihn gegen Deine sonstige Höflichkeit in dieser Weise?«

»Bist etwa Du höflicher gewesen?« fragte er lächelnd.

»Nun, ausgelacht haben wir ihn gehörig. Er war aber auch gar zu komisch.«

»Ihm ist sein Recht geschehen. Er ist ein abgesetzter und bestrafter Beamter. Es würde uns sehr blamiren, ihn bei uns zu empfangen.«

»Kennst Du ihn denn?«

»Nein; aber während eines Spazierganges mit dem Bürgermeister begegnete er uns, und ich wurde auf ihn aufmerksam gemacht. Er treibt allerhand dunkle und zweideutige Geschäfte, und daß er so ganz gegen die Gepflogenheit eines Badeortes zu mir kommt, nur um mir zu sagen, daß er drüben bei der Wittfrau wohnt, das läßt mich vermuthen, daß er mit seinem Besuche eine gewisse Absicht verbindet.«

»Welche könnte das sein?«

»Ich weiß es natürlich nicht.«

»Paul, es droht uns doch nicht etwa gar eine Gefahr!«

»O nein! Für Euch giebt es keine Gefahren mehr. Wenn dieser Mensch seine Absichten auf uns gerichtet hat, so sind die Gründe jedenfalls nicht in Euren früheren Verhältnissen zu suchen. Ich werde ihm meine Aufmerksamkeit schenken.«

Der, von dem sie sprachen, war in seine Wohnung zurückgekehrt. Er schritt wüthend in derselben auf und ab, stieß die zornigsten Flüche aus und schmiedete allerhand Rachepläne, welche aber lauter Luftschlösser waren, die bei reiflicher Ueberlegung in sich zusammenfielen. Er hielt an dem Hauptgedanken fest:

»Die beiden jungen Damen waren Tschita und Zykyma; das ist sicher. Sie haben mich ausgelacht und sollen das bereuen. Ich spiele sie dem Pascha in die Hände und werde dafür sorgen, daß er sie glücklich nach Constantinopel bringt. Das soll meine Rache an diesem Normann sein.«

Er machte es sich nun behaglich und dachte diesen Gedanken vollständig aus. Dann, als es dunkel zu werden begann, begab er sich nach dem Pavillon, um den Pascha dort zu erwarten. Dieser kam sehr bald nach ihm, und die Beiden sorgten dafür, daß eine lange Zeit verging, bis sie sich draußen trafen. Der Agent verließ, wie ausgemacht worden war, das Lokal zuerst, und der Pascha kam dann schnell nach.

»Nun,« fragte der Letztere. »Haben Sie etwas in der Angelegenheit zu thun vermocht?«

»Glücklicher Weise, ja, doch wir wollen nicht hier davon sprechen. Kommen Sie!«

Er führte ihn nach seiner Wohnung. Als er den Schlüssel in die jetzt verschlossene Gartenpforte steckte, sagte der Pascha:

»Da hinein führen Sie mich? Sie thun ja, als ob Sie hier zu Hause seien!«

»Das bin ich auch.«

»Wie? Ich denke, Sie wohnen im ›Schwan‹?«

»Bis heut Vormittag. Dieses neue Logis habe ich mir Ihretwegen gemiethet.

»Wieso?«

»Das werden Sie gleich hören.«

Er verschloß die Pforte hinter sich und führte den Pascha hinein in die Wohnung. Diese war jetzt unerleuchtet; darum brannte er eine Lampe an und schob dann seinem Gaste die Cigarren hin.

Dieser blickte sich im Zimmer um und meinte:

»Also hier wohnen Sie meinetwegen! Ich möchte wohl die Gründe dazu kennen lernen.«

»Das sollen Sie. Tschita und Zykyma wohnen hier nebenan.«

»Was? Tschita und Zykyma hier nebenan?«

»Ja, so wie ich es sage.«

»Nebenan im Zimmer?«

»O nein,« lachte der Agent. »Gar so bequem haben wir es freilich nicht. Uebrigens dürften Sie da nicht so schreien wie jetzt.«

»Ja, richtig, richtig! Ich war ganz außer mir. Sie meinen wohl im Hause nebenan?«

»Ja.«

»Ach, das ist herrlich, herrlich! Aber irren Sie nicht etwa? Wissen Sie es genau?«

»So gewiß, daß gar kein Irrthum möglich ist.«

»Haben Sie sie gesehen?«

»Gesehen und sogar gesprochen.«

»Alle Teufel! Ist es wahr?«

»O, ich habe mich sogar so gut mit Ihnen unterhalten, daß sie herzlich gelacht haben.«

»So waren Sie bei ihnen?«

»Versteht sich. Ich miethete mir dieses Logis und stellte mich dann dem Maler vor.«

»Wie wurden Sie aufgenommen?«

»Wie ein Hundsfott.«

Er erzählte alles genau, wie es sich zugetragen hatte. Als er fertig war, sagte der Pascha:

»Es stimmt. Jetzt weiß ich genau, daß es die Richtigen sind. Die Alte war die Amme.«

»Amme? Donnerwetter!«

»Ja. Die Kleinere, die Blonde, war Tschita.«

»Das soll mir das Volk entgelten! Er lebt so glücklich mit ihr. Er will nichts als sie und seine Kunst! Man weiß also, in welcher Weise man sich am Besten an ihr rächen kann!«

Der Pascha hörte diesen Zornesausbruch mit sehr großem Vergnügen. Er gewann dadurch die Ueberzeugung, daß der Agent Alles thun werde um den Raub der beiden Frauen zu ermöglichen.

»Ja,« sagte er, »man hat sich ungeheuer lustig über Sie gemacht. Darum sind Sie diesen Leuten eine Erkenntlichkeit schuldig.«

»Die sollen sie haben! Aber kennen Sie denn diese Amme auch?«

»Ja.«

»War sie auch in Constantinopel?«

»Versteht sich.«

»Und auch schon stumm?«

»Sie war stumm. Sprechen wir nicht davon, sondern von der Hauptsache. Wird es möglich sein, die beiden Frauen zu entführen?«

»Ich hoffe es.«

»Aber weit wird man nicht mit ihnen kommen.«

»O doch! Es giebt ein vortreffliches Mittel.«

»Ich finde keines, obgleich ich sehr darüber nachgedacht habe.«

»Ja, Sie!« lachte Schubert. »Sie sind auch nicht Polizist gewesen wie ich. Das Mittel besteht in einem Verhaftsbefehl.«

»Ah! Verhaftsbefehl! Das ist freilich ein wunderbar vortrefflicher Gedanke. Aber wessen wollen Sie die Frauen anklagen?«

»Wegen nichts.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Das höre ich. Meinen Sie, ich will sie von der hiesigen Polizei verhaften lassen? Das würde ja ganz zwecklos sein. Erstens giebt es keinen Grund zur Verhaftung und zweitens wären wir, wenn sie im Gefängnisse stäken, nicht weiter als jetzt.«

»Und doch sprechen Sie von einem Verhaftsbefehle? Erklären Sie sich!«

»Wir rauben sie und fahren sie in einem uns eigenthümlich gehörenden Wagen davon. Ich fälsche einen Verhaftsbefehl, welchen wir nöthigenfalls vorzeigen. Er wird uns legitimiren und uns sogar ermächtigen, den Schutz sämmtlicher Behörden des In- und Auslandes zu requiriren.«

»So, also so ist es! Hm! Wird man die Fälschung nicht etwa entdecken?«

»Nein. Es ist ein wirklicher Verhaftsbefehl; das einzige Falsche daran ist, das er sich in unseren Händen befindet und nicht in denen eines wirklichen Polizisten!«

»Schön! Vortrefflich! Und wenn soll das geschehen?«

»Sachte, sachte! So weit sind wir noch nicht.«

»Ich möchte keine Zeit verlieren.«

»Haben Sie denn weiter nichts vor?«

»Ach ja! Ich will mich doch an Steinbach machen und den Derwisch befreien. Haben Sie über diesen Etwas erfahren?«

»Ja, und zwar etwas Gutes.«

»Das ist mir lieb. Was denn?«

»Wir können noch heut mit ihm reden.«

»Das ist ja herrlich! Sie sind wirklich ein Kapitalmensch. Aber nur sprechen können wir mit ihm?«

»Zunächst weiter nichts.«

»Es ist eigentlich wenig.«

»O bitte! Heut haben Sie mir den Auftrag ertheilt, und bereits heut habe ich es so weit gebracht, daß Sie mit ihm sprechen können! Das ist genug. Wollen Sie bedenken, daß er noch stärker bewacht wird als ein jeder andere Gefangne!«

»Das ist freilich wahr. Hoffentlich aber kommen wir noch weiter als blos mit ihm zu sprechen!«

»Ganz gewiß und nicht nur hoffentlich!«

»Das sagen sie in einem so zuversichtlichen Tone? Wissen Sie bereits mehr?«

»Ja, und zwar, daß wir den Derwisch befreien werden, falls Sie gewillt sind, diesen Wechsel einzulösen.«

Dabei hatte er die Anweisung hervorgezogen und gab sie dem Pascha. Dieser konnte Deutsch besser sprechen als lesen. Der Agent mußte die Schrift vorlesen. Sodann erklärte er, wie er zu dem Papiere gekommen war.

Der Pascha stand auf und schritt in dem Zimmer auf und ab. Er knöpfte den Rock auf, als ob es ihm zu warm werde.

Schubert beobachtete ihn eine Weile und fragte dann besorgt:

»Was ist Ihnen?«

»Warm ist es mir, sogar heiß!«

»Warum? Sind sie unwohl?«

»Sehr wohl, sehr wohl ist mir.«

»Aber den Wechsel einzulösen, das macht Ihnen wohl Schmerzen?«

»Gar keine, gar keine! Sie sollen Ihr Geld haben, und zwar gleich. Ich bin nur so erregt, weil dieses Gelingen so plötzlich kommt. Ich habe mich Jahre lang vergeblich abgemüht, und kaum habe ich Ihnen ein Wort gesagt, so ist die Sache bereits abgemacht. Ich bin außerordentlich mit Ihnen zufrieden, ganz außerordentlich! Es fehlt blos noch Eins.«

»Was wäre das?«

»Steinbach müßten wir haben, aber leider ist dieser nicht da.«

»Er kommt. Seine Ankunft ist ja bereits gemeldet.«

»Aber, wenn er wirklich Prinz ist, wie will ich mich da an ihm rächen können!«

»Abwarten! Kommt Zeit, kommt Rath! Wir werden es so einrichten, daß Alles, was wir vorhaben, auf einmal geschieht.«

»Wenn wir es fertig bringen!«

»Ich garantire. Greifen wir zunächst zum Allernächsten. Sie wollen Zykyma und Tschita sehen. Kommen Sie herunter in den Garten.«

»Befinden sie sich denn dort?«

»Nein. Wenigstens habe ich keinen Grund zu glauben, daß sie da sind. Wir müssen Sie vielleicht trüben aufsuchen. Wir müssen sehen, in welcher Weise es möglich ist, sie zu Gesicht zu bekommen. Dabei aber wollen wir vorsichtig sein. Selbst meine Wirthin braucht nicht zu wissen, daß wir uns im Garten befinden.«

Er verlöschte die Lampe, und dann begaben sich die Beiden möglichst leise in den Garten.

Es war kurz nach der Zeit des Neumondes, also ganz dunkel. Niemand konnte die zwei Männer sehen. Sie schlichen sich längs des Verbindungszaunes hin und horchten; aber es ließ sich gar nichts hören. Sie gelangten zu der Ueberzeugung, daß sich Niemand im Nachbargarten befinde.

»Können Sie klettern?« fragte Schubert.

»Ein Wenig. Wollen Sie hinüber?«

»Ja.«

»Nun, ein Eichhörnchen bin ich grade nicht.«

»Schadet nichts. Ich helfe Ihnen.«

Nach einiger Mühe gelang es dem Agenten, den dicken Pascha über das Stacket zu schaffen. Nun schlichen sie durch den nachbarlichen Garten nach der Giebelseite der Villa.

Dort gab es eine Veranda, welche mit Glasscheiben verschlossen war. Eine Ampel brannte in derselben und warf ihr Licht heraus in die Finsterniß des Gartens.

Drinnen saßen Tschita und Zykyma, beide mit weiblichen Arbeiten beschäftigt.

»Allah w' Allah!« sagte der Pascha, indem er den Arm Schubert's ergriff. »Sie sind es.«

»Erkennen Sie sie also?«

»Ja, ja.«

»Sind sie noch so schön wie früher.«

»Schöner fast, viel schöner als vordem!«

Er knirrschte mit den Zähnen.

»Ach, da habe ich Euch endlich!« zischte er. »Ihr sollt nicht mehr lange hier sitzen. Ihr werdet mir folgen müssen, und dann, dann sollt Ihr empfinden, was es heißt, Ibrahim Pascha heimlich zu verlassen, und mit solch einem Laffen davon zu laufen!«

Er befand sich in einer großen Wuth. Der Agent ergriff ihn am Arme und flüsterte:

»Still! Jetzt gilt es nicht, zu räsonniren. Wir möchten am Liebsten Etwas hören. Aber sie sitzen so still beisammen. Horch!«

Eine Glocke ertönte.

»Das ist die Glocke am vorderen Pförtchen.«

»Kennen Sie den Ton?« fragte der Pascha.

»Ja, ich habe mir ihn sehr genau gemerkt. Es kommt jedenfalls Jemand.«

Man hörte eine Thür öffnen, dann gingen leichte Schritte vom Hause nach der Gartenpforte.

»Das Dienstmädchen,« sagte der Agent.

Bald hörte man nahende Schritte.

»Wo sind sie?« fragte eine Männerstimme.

»In der Veranda,« antwortete das Mädchen.

Die Hausflur wurde hinter Beiden verschlossen. Kurze Zeit darauf öffnete sich die Thür, welche von der Wohnung nach der Veranda führte, und ein junger, sehr fein gekleideter Mann trat ein.

»Teufel!« knirrschte der Pascha.

»Kennen Sie ihn?«

»Ja.«

»Wer ist er?«

»Jener Hermann Wallert, welcher, pst!«

Drinnen wurde gesprochen.

»Guten Abend!« grüßte Wallert. »Wo ist denn unser Paul?« Er meinte Normann.

»Er ging einmal nach der Stadt,« antwortete Tschita, »wird aber nicht lange bleiben.«

»Schade, schade!«

»Warum?«

»Ich habe eine wichtige Nachricht für ihn.«

»Nur für ihn, nicht auch für uns?«

»Für uns alle. Schaut her!«

Er hielt ein zusammengefaltetes Papier empor, an welchem ein Siegel zu sehen war.

»Ein Telegramm?« fragte Tschita.

»Ja, ein herrliches, prächtiges Telegramm.«

»Woher?«

»Aus Königsberg.«

»Ah! Wer könnte Dir von dort aus telegraphiren? Hast Du Bekannte dort?«

»Nein. Der Verfasser des Telegrammes hat sich nur auf der Durchreise dort befunden; doch ich will es Euch vorlesen.«

Er öffnete das Papier und las:

»In Königsberg angekommen. Uebermorgen bin ich bei Euch. Bringe auch Jemanden mit. Herzlichen Gruß! Steinbach.«

»Ach, Steinbach!« rief Tschita jubelnd.

»Steinbach!« rief auch Zykyma, die Händchen zusammenschlagend.

»Ja, Steinbach!« lachte Hermann glücklich. »Endlich, endlich kommt er! Und wenn Ihr wüßtet, was für eine Ueberraschung er mitbringt!«

»Für wen? Für uns alle?«

»Für uns Alle und ganz besonders für Zykyma.«

Die Genannte blickte zu ihm auf und fragte:

»Für mich? Was wäre das?«

»Du mußt nicht fragen, was, sondern wer wäre das.«

»Wer? Also eine Person?«

»Ja, eine Person ist's, die er Dir mitbringt.«

Sie schüttelte nachsinnend den Kopf.

»Ich wüßte nicht, wer das sein könnte!«

»Aber ich weiß es.«

»Nun, wer ist es?«

»Das werde ich nicht sagen, sondern lieber vorlesen. Ich habe nämlich zwei Depeschen erhalten anstatt nur einer.«

»Lies, lies!« bat Tschita.

Er zog noch ein ähnliches Papier hervor und faltete es aus einander. Dabei bemerkte er:

»Zykyma, ich bitte Dich, nicht zu erschrecken!«

»Ist's etwas Schlimmes?« fragte sie ängstlich.

»Nein. Es ist im Gegentheile etwas unendlich Glückliches.«

»So erschrecke ich nicht, bitte, lies vor!«

»So will ich erinnern, daß Steinbach telegraphirt, er werde Jemand mitbringen. Darauf bezieht sich nun dieses zweite Telegramm.«

»Meine Geliebten. Dieser Jemand, von welchem Steinbach telegraphirt, bin ich. Euer endlich gefundener Georg von Adlerhorst.«

Tschita stieß einen Freudenschrei aus.

»Mein Bruder, mein Bruder! Ist's wahr, Hermann, ist's wahr?«

»Ja, Tschita, es ist wahr.«

»Zeig her, zeig her!«

Sie wollte ihm das Telegramm aus der Hand nehmen.

»Halt!« sagte er. »Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Es steht noch Etwas drin.«

»Das muß ich auch wissen.«

»Nein, jetzt noch nicht.«

»Warum nicht?«

»Es muß noch Geheimniß bleiben, bis wir unsere Zvkyma darauf –«

Er wendete sich nach Zykyma um. Sie war nicht mehr da. Sie hatte, als er das letztere Telegramm vorgelesen hatte, mit beiden Händen nach dem Herzen gegriffen und sich an die Wand gelehnt, als ob sie von einer plötzlichen Schwäche ergriffen worden sei. Dann hatte sie sich, während die beiden Andern mit einander sprachen, sich heimlich aus der Veranda geschlichen.

»Sie ist fort,« sagte Hermann von Adlerhorst.

»Das ist erklärlich,« meinte Tschita, mit bedeutungsvollem, ernsten Kopfnicken.

»Ja,« antwortete seufzend der junge Mann, »auch ich begreife es.« Tschita öffnete die Thür, durch welche Zykyma verschwunden war, blickte hinein, schloß sie dann wieder zu und sagte:

»Sie ist auch nicht mehr da drinnen. Wir können also sprechen. Wir haben so lange Zeit nichts davon erwähnt. Hermann, lieber Bruder, liebst Du sie immer noch?«

»Mehr als je!« betheuerte er.

»Ich glaubte, Du würdest dieses mächtige Gefühl nach und nach besiegen können.«

»Das ist unmöglich, Schwester. Würdest Du Dir Deine Liebe zu Normann aus dem Herzen reißen können?«

»Nie!«

»Schau, so geht es auch mir.«

»Wie unglücklich für Dich!«

»Leider, leider! Sie liebt noch immer jenen russischen Officier, jenen Georg Orzelschasta, der natürlich kein Anderer ist als unser jetzt so glücklich heimkehrender Bruder.«

»Kann das ein Trost für Dich sein, Hermann?«

»Ja. Ich will sie lieber an der Seite meines Bruders als in den Armen eines Anderen glücklich sehen.«

»Aber dieses Sehen muß Dir Schmerz bereiten.«

»Er wird nicht so groß sein, wie derjenige, welcher ihr bevorsteht.«

»Ihr? Ein Schmerz?«

»Ja, ein Schmerz, ein großes, schweres Leid. Darum las ich die Depesche nicht aus. Da Zykyma nicht da ist, kann ich sie Dir vorlesen. Sie lautet vollständig:

»Meine Geliebten. Dieser Jemand, von welchem Steinbach telegraphirt, bin ich. Ich kehre mit ihm heim zu Euch und bringe meine Braut mit, die ich Eurer innigsten Liebe empfehle. Euer endlich wiedergefundener Bruder Georg von Adlerhorst.«

»Mein Gott!« rief Tschita. »Er hat eine Braut!«

»Eine Braut, ja!« nickte Hermann. Er hat Zykyma vergessen.«

»Das sagst Du in einem solchen Tone!«

»Soll ich mich darüber freuen?«

»Du liebst sie und freust Dich nicht darüber, daß sie frei wird?«

»Ich liebe sie und will sie glücklich sehen. Kann sie aber glücklich sein, wenn sie erfährt, daß er ihr untreu geworden ist?«

»Das ist edel, sehr edel von Dir gedacht. Aber ich glaube nicht, daß ein Adlerhorst untreu sein kann.«

»Er ist untreu; er telegraphirt es sogar!«

»So ist er vielleicht nicht jener so viel von uns besprochene Orzelschasta.«

»O doch. Es ist gar kein Zweifel daran. Aber ich denke mir, daß es sich bei ihm gar nicht um eine bindende Liebe gehandelt hat. Sie haben sich gekannt, wie man sich eben zuweilen kennen lernt; er ist freundlich zu ihr gewesen; sie aber hat das für Liebe gehalten und sich als für immer und ewig an ihn gebunden betrachtet.«

»So ist's, ja, so ist's, lieber Bruder.«

»Sie hat stets an ihn gedacht und nur in seinem Andenken gelebt. Wie fürchterlich muß sie nun die Nachricht treffen, daß er verlobt ist!«

»Es wird entsetzlich für sie sein! Was thun wir nur, um es ihr weniger schwer erscheinen zu lassen?«

»Zunächst können wir nichts thun, als sie darauf vorbereiten.«

»Wer soll das thun?«

»Natürlich Du.«

»Ich?« rief Tschita. »Bruder, dazu habe ich kein Geschick.«

»Geschick oder nicht. So etwas ist Frauensache.«

»Wenn ich es ihr sage, so bricht sie sofort verzweifelt zusammen. Sage Du es ihr!«

»Ich?« fragte er verwundert. »Wie käme ich dazu?«

»Es mag schwer für Dich sein; ich glaube es; aber es ist dennoch besser, daß sie es aus Deinem Munde erfährt, als aus dem meinigen.«

»Warum?«

»Sie wird sich scheuen, ihren Schmerz vor Dir sehen zu lassen. Sie wird sich also zu beherrschen suchen, und das hilft ihr über den ersten Schreck hinweg.«

»Hm! Wie klug Du bist!«

»Ist's nicht wahr?«

»Ja, wahr ist es. Und dabei gelingt es Dir, diese schwierige Aufgabe von Deinen zarten Achseln auf meine breiten Schultern zu legen.«

Er lächelte ihr entgegen. Sie fragte auch lächelnd:

»Also, willst Du es thun, lieber Bruder?«

»Da Du es wünschest, ja.«

»Ich werde lauschen, wo sie ist.«

Sie entfernte sich durch die Thür, durch welche auch Zykyma gegangen war. Hermann setzte sich nieder.

»Das Licht schien grad in sein Gesicht. Auch er war männlicher und ausgeprägter geworden. Trotz seiner noch jugendlichen Züge sah man, daß ein stilles, schweres Entsagen tief in seinem Innern wohnte.

»Das ist der verfluchte Hallunke!« flüsterte der Pascha. »Hermann Wallert nannte er sich, Hermann Adlerhorst aber heißt er.«

»Also ein Glied jener Familie!«

»Jener verfluchten Sippe, die Allah verdammen möge. Auch er soll zu Grunde gehen mit den Anderen.«

»Wenn ich recht vermuthe, so wohnt er in dem Häuschen im Parke.«

»Woher weißt Du es?«

»Ich erkundigte mich. Horch!«

Es ging wieder eine Thür. Man hörte leichte Schritte, welche sich jenseits der Ecke näherten.

»Es kommt Jemand. Rasch fort!« flüsterte der Agent.

Er zog den Pascha mit sich von der Veranda fort, weiter in den Garten hinein.

»Warum so weit?« meinte dieser. »Es ist ja so dunkel, daß man uns gar nicht sehen kann, wenn wir uns nur niederducken. – Bleiben wir.«

»Nein, wir bleiben nicht. Schauen Sie! Ein weißes Kleid. Das ist Zykyma. Sie geht in den Garten, um allein zu sein. Er aber will mit ihr reden; es steht also zu erwarten, daß er ihr nachkommt.«

»Richtig, richtig! Vielleicht erlauschen wir da etwas. Kommen Sie!«

Sie zogen sich weiter und weiter zurück. Zykyma folgte ihnen, als ob sie sie gesehen habe, in derselben Richtung.

Endlich konnten sie nicht weiter. Sie waren in der Ecke angelangt. Dort standen mehrere niedrige, junge Tannen, deren Aeste über eine Bank ragten.

»Der Teufel soll mich holen, wenn sie sich nicht hier niedersetzt,« meinte Schubert. »Bleiben wir da?«

»Aber nicht auf der Bank!«

»Da würde sie uns bemerken. Nein. Wir stecken uns hinter dieselbe. Kommen Sie.«

Sie krochen unter die Bäume und setzten sich in das Moos nieder. Kaum war dies geschehen, so kam Zykyma herbei. Sie blieb einige Augenblicke nachdenklich stehen und setzte sich dann nieder.

»Dachte es mir!« flüsterte Schubert. »Nun wird es gar nicht lange dauern, daß auch er kommt.«

Der Agent hatte ganz richtig geahnt. Es waren noch nicht fünf Minuten vergangen, so hörte man Schritte. Zykyma stand auf und machte eine Bewegung, als ob sie sich entfernen wollte, setzte sich aber doch wieder nieder.

Es war Julius. Langsam kam er herbei. Er konnte nicht fehl gehen, da er ihr Kleid schimmern sah.

»Zykyma, Du hier?« sagte er. »Tschita sucht Dich überall.«

»Ich komme gleich,« antwortete sie.

»Heißt das, daß ich gehen soll?«

»Nein. Das wollte ich nicht sagen.«

»So darf ich mich ein wenig zu Dir setzen?«

»Setze Dich.«

Er nahm neben ihr Platz, doch so, daß eine Lücke zwischen ihnen blieb. Sie saßen ein kleines Weilchen still neben einander. Dann fragte er:

»Freust Du Dich nicht auf Steinbach?«

»O, von ganzem Herzen! Er hat so Großes an uns gethan, daß es entzückend ist, zu hören, daß wir ihn bald wiedersehen werden.«

»Ja, Du hast Recht. Er hat wirklich Großes an uns gethan. Ohne ihn hätte ich Tschita nicht entführen können: ohne ihn wärest auch Du die Sclavin dieses Ibrahim Pascha geblieben. Er ist unsere Vorsehung gewesen. Und nun bringt er uns sogar den Bruder. Hast Du gewußt, daß er nach Rußland ging, ihn zu suchen?«

»Nein.«

»Wir auch nicht. Aber im Stillen ahnte ich es gar wohl. Wo mag er ihn gefunden haben?«

»Vielleicht im Kaukasus.«

»Dort? Meinst Du, daß der Bruder sich in letzter Zeit dort befunden hat?«

»Ich denke es.«

Sie gab ihre Antworten nicht in freudigem, sondern in einem mehr gedrückten Tone, den er nicht zu begreifen vermochte. Sie liebte Georg, sie wußte noch nicht, daß er mit einer Braut kommen werde; also mußte sie sich doch nicht nur darüber, daß er endlich kam, freuen, sondern ganz entzückt davon sein! Hermann verstand ihr kleinlautes Wesen nicht.

»Du bist also auch wie ich der Ansicht, daß jener Orzeltschasta mein Bruder sei?« fragte er.

»Ich muß es denken, denn die Namen lauten gleich, und so wie Du Deinen Bruder Georg beschrieben hast, genau so war auch er.«

»Es sollte mich herzlich freuen, wenn wir uns nicht irrten!«

»Wirklich?« fragte sie leise.

»Ja. Georg war ein guter, wackerer Knabe. Er wird ein braver Mann geworden sein, und ich bin überzeugt, daß Du als seine Gattin an seiner Seite glücklich sein wirst.«

»Sprich nicht davon!« bat sie in gepreßtem Tone.

»Warum nicht?«

»Ich mag es nicht hören. Ich denke gerade jetzt an wichtigere Dinge, die mich ganz in Anspruch nehmen.«

Er schwieg eine kleine Weile, dann war es ein sehr verwunderter Ton, in welchem er fragte:

»Was könnte es für Dich Wichtigeres geben, als die Ankunft dessen, welchen wiederzusehen das größte Glück für Dich sein muß?«

Sie antwortete nicht sofort. Dann sagte sie mit leiser, und doch hörbar bewegter Stimme:

»Hermann, ich weiß, daß Du mir Deine stille Freundschaft widmest. Ich möchte Dir etwas anvertrauen, wobei Du dieselbe bethätigen könntest.«

»Sprich, Zykyma! Es soll mich sehr freuen, wenn ich Dir beweisen darf, wie gern ich Alles, Alles für Dich thue.«

»Aber es ist etwas ganz Unerwartetes!«

»Es kann keinen Deiner Wünsche geben, den ich Dir nicht erfülle, wenn ich ihn überhaupt zu erfüllen vermag.«

»Ich bin davon überzeugt, und grad darum wende ich mich an Dich. Ich will nämlich – – fort.«

»Fort?« fragte er, sich von seinem Sitze erhebend. »Fort von hier, von uns? Ist das möglich?«

»Ja; ich will nicht nur, sondern ich muß.«

»Du mußt! Das ist freilich etwas sehr Unerwartetes. Was treibt Dich zu diesem Entschlusse?«

»Darüber möchte ich am liebsten schweigen.«

»Ich werde natürlich nicht in Dich dringen, mir etwas zu sagen, was Du mir nicht gern und freiwillig mittheilst. Aber fragen muß ich Dich doch, wer die Person ist, welche Dir den Aufenthalt bei uns so sehr verleidet hat.«

»Niemand ist es, gar Niemand!«

»Und dennoch willst Du fort? Wenn keine Person es ist, so muß der Grund in unseren Verhältnissen oder in irgend einem Ereignisse liegen.«

»Das Letztere ist der Fall.«

»Ein Ereigniß also! Welches ist es wohl?«

»Frage mich nicht. Ich kann nicht darüber reden.«

Er setzte sich wieder zu ihr nieder, ergriff ihre Hand und sagte in innigem Tone:

»Zykyma, ich bin allerdings bereit, Alles für Dich zu thun; aber ich bitte Dich, einen so wichtigen Schritt nicht unüberlegt zu unternehmen!«

»Ich habe ihn überlegt.«

»Auch reiflich, wirklich reiflich?«

»Ja. Ich habe ihn nach allen Seiten überdacht.«

»Dann können wir freilich nichts, gar nichts dagegen thun. Du bist Deine eigene Herrin, und wir haben kein Recht, über Dich anders zu bestimmen, als Du es wünschest. Aber bedenke, wie lieb wir Dich haben! Du bist uns Allen zur Schwester geworden; wir mögen Dich nicht in unserem Kreise missen, und wenn Du uns verlässest, so wird bei uns und auch in unseren Herzen eine Lücke entstehen, welche wir niemals ausfüllen können. Ueberlege es also doppelt, bevor Du uns ein solches Leid bereitest!«

»Ich habe es überlegt,« wiederholte sie, »und es ist meine Ueberzeugung, daß ich nicht anders kann.«

»Das ist traurig, das ist sehr traurig! Und Du kannst mir also den Grund wirklich nicht mittheilen?«

»Nein; ich darf nicht.«

»Was werden sie sagen, was werden sie sagen!«

Er erhob sich wieder und ging in kurzen Schritten vor der Bank hin und her. Der Gedanke, daß die so innig Geliebte ihn und die Anderen verlassen wolle, erregte ihn außerordentlich.

»Sie dürfen es eben nicht wissen, jetzt nicht!« sagte sie. »Ich habe mich grad deshalb an Dich gewendet.«

»So! Also willst Du heimlich fort?«

»Ja.«

»Und ich soll Dir dabei helfen?«

»Ich bitte Dich darum.«

»Herrgott, ist das möglich!«

Er stieß dies in einem fast zornigen Tone hervor.

»Hermann, beruhige Dich!« bat sie. »Meinst Du, daß es mir so sehr leicht fällt?«

»Nun, sehr schwer kann es Dir nicht werden, sonst würdest Du es nicht thun wollen!«

Das klang vorwurfsvoll. Es war nichts von der Milde und Wärme des Tones zu hören, in welchem er bisher mit ihr verkehrt hatte. Das gab ihr einen Stich durch das Herz. Sie ergriff ihn beim Arme, zog ihn wieder auf die Bank nieder und bat:

»Verzeihe mir, daß ich Euch Schmerzen bereite; es schmerzt mich selbst ja viel mehr als Euch!«

»Nein; das ist nicht möglich.«

»O doch! Aber dennoch muß es geschehen. Willst Du mir Deine Hilfe versagen?«

»Nein,« antwortete er unter einem tiefen Athemzuge. »Ich will Dir behilflich sein.«

»Hab Dank, herzlichen Dank!«

»Aber vorher muß ich mich orientiren. Ich kann Dir nicht wirklich beistehen, wenn ich im Unklaren gelassen werde. Wenn Du so entschlossen bist, von uns fort zu gehen, so mußt Du doch darüber nachgedacht haben, wohin Du Dich wenden willst?«

»Noch nicht.«

»Noch nicht? Also hast Du diesen so unglücklichen Entschluß erst kürzlich gefaßt?«

»Ja.«

»Vielleicht gar erst heute?«

»Ja, heute,« nickte sie.

Er blickte ihr forschend in das Gesicht, obgleich es so finster war, daß er ihre weichen, schönen Züge nicht deutlich erkennen konnte.

»Ah, ich beginne zu ahnen!« sagte er.

»Ahne nichts, bitte, ahne nichts!«

»Kann ich meinen Gedanken wehren? Nein. Zykyma, lasse mich aufrichtig mit Dir sein! Wenn Du unseren Familienkreis verlässest, so trittst Du in eine Dir völlig unbekannte, fremde Welt, welche harte Anforderungen macht. Du befindest Dich nicht mehr im Oriente, wo das Weib die Sclavin des Mannes ist, der aber dafür die Verpflichtung hat, die Sorgen des äußeren Lebens von Dir zu nehmen. Du stehst dann allein, und es tritt ein grinsendes Gespenst an Dich heran, über welches Du erschrecken mußt. Dieses Gespenst heißt – – Arbeit.«

»Ich will arbeiten, gern, so gern,« hauchte sie.

»Gut! Was kannst Du?«

Sie hatte diese Frage nicht erwartet. Sie klang so hart und mitleidslos aus seinem Munde.

»Hermann!« bat sie zagend.

»Ich weiß, ich weiß!« antwortete er milder. »Bedenke, wie schon diese Frage Dich berührt. Ich habe sie aussprechen müssen. Du hast keinen Begriff von den Ansprüchen des nackten, rücksichtslosen Lebens. Dasselbe verlangt von dem Menschen, daß er seine Kräfte im Ringen um die Existenz bethätige. Es erlaubt ihm keine Ruhe, kein Sichgehenlassen, keine Schlaffheit. Davon weißt Du nichts; aber als ein Freund, der es ehrlich mit Dir meint, muß ich Deinen Blick darauf lenken. Bei uns befindest Du Dich in sicherer Hut und im freundlichen Schooße einer Familie, welche so gern alle Härten und Schroffheiten des Lebens von Dir fern halten möchte. Trittst Du aus diesem Kreise hinaus, so entfernst Du Dich aus unserem Schutze und wir können nichts mehr für Dich thun.«

»Das alles habe ich mir schon selbst gesagt.«

»Und doch bist Du so fest entschlossen? Nun, so ist es nothwendig, Umschau zu halten, was Du beginnen könntest. Es bleibt Dir nichts übrig, als nach einer Anstellung zu suchen.«

Er sagte das in einem trockenen, geschäftlichen Tone, der ihr durch die Seele schnitt.

»Ja,« stimmte sie bei.

»Aber was für eine?«

»Das weiß ich eben nicht.«

»Als Gesellschafterin, Vorleserin, Gouvernante?«

»Das kann ich nicht.«

»Leider, leider! Es ist ja der große Fluch des Orients, daß die Frauen desselben wie Puppen behandelt werden, mit denen man spielen kann. Ihr Daheim besteht in jenem süßen Nichtsthun, in dessen Langweiligkeit der Geist erstirbt, das Herz verödet und auch der Körper entnervt wird. Diese Sünde Deines Vaterlandes hast Du zu büßen, wenn Du es wagst, Dein kleines, schwaches Schiffchen hinaus auf die hohe See treiben zu lassen. Es stehen den Frauen nur wenige Berufsarten offen. Willst Du Verkäuferin werden, Ladenmädchen, Kellnerin, Dienstbote?«

Sie schauderte.

»Hermann, um Gottes willen!« bat sie.

Er zuckte die Achsel und wendete sich halb von ihr ab. Erst nach einer Weile fuhr er fort:

»Du erschrickst, erschrickst vielleicht weniger über die Sache selbst als vielmehr über die Offenheit, mit welcher ich Dir diese Fragen stelle. Ich sage Dir, indem ich es thue, blutet mir das Herz. Aber ich muß es vermeiden, mir später schwere Vorwürfe machen zu müssen. Du hast Dich im Vertrauen an mich gewandt, und ich muß ehrlich gegen Dich sein. Wollte ich Dir das Leben in einem rosigen Lichte darstellen, so wäre das eine Lüge, die Dich in das Verderben führen müßte. Wer so wie Du wünscht, selbstständig zu sein, der muß mit viel Muth, Klugheit, Ausdauer und Arbeitskraft ausgestattet sein und eine Erfahrung besitzen, welche Du Dir erst unter bitteren Enttäuschungen aneignen müßtest.«

Sie schwieg, und auch er blickte sinnend vor sich hin. In beider Herzen wogte ein Kampf, welcher um so schwerer war, je weniger sie gegenseitig ihren Gefühlen Rechnung tragen wollten. Endlich fragte Zykyma in stockendem, zweifelndem Tone:

»So habe ich mich also vergeblich an Dich gewendet?«

»Nein. Du sollst Dich nicht in mir getäuscht haben. Ich werde Alles thun, was ich thun kann. Ich werde einen Platz für Dich suchen, welcher demjenigen ähnlich ist, welchen Du hier bei uns einnimmst. Ich habe Freunde gewonnen. Einer derselben, ein Aristokrat in hoher Stellung, dessen Frau eine fein gebildete, äußerst liebenswürdige Dame ist, wurde mir kürzlich zu einiger Dankbarkeit verpflichtet. Ich werde diesem Freunde schreiben und bin überzeugt, daß er sofort und mit größtem Vergnügen bereit ist, Dir seine Häuslichkeit zu öffnen. Ist Dir das recht?«

»Nein, nein!« antwortete sie schnell.

»Warum nicht?«

»Schreiben, das dauert mir zu lange.«

»Ah, so schnell willst Du fort?«

»Ich muß, ich muß. Bereits morgen schon!«

»Morgen? Das ist ja gar nicht möglich!«

»Es ist nothwendig. Es geht gar nicht anders!«

»Aber Zykyma, bedenke doch – –«

»Ich darf nichts, gar nichts bedenken,« unterbrach sie ihn in eindringlichem, ängstlichem Tone. »Ich muß fort; das ist Alles, was ich weiß und was ich sagen kann. Und wenn Du mir Deinen Beistand versagst, so gehe ich allein, so fliehe ich davon, noch heut Abend, gleich jetzt!«

»Um Gottes willen! Fasse Dich, Zykyma! Du weißt ja gar nicht, was Du unternimmst!«

»Ich weiß es. Ich muß fort, denn ich darf mich unmöglich hier befinden, wenn er über– –«

Sie hielt erschrocken inne. In ihrem Eifer hatte sie mehr gesagt, als sie sagen durfte. Hermann von Adlerhorst ergänzte sich im Stillen ihren unterbrochenen Satz. Er wußte jetzt, daß das, was er bereits vorhin geahnt hatte, richtig sei. Dennoch hielt er noch zurück und bat nur in erwartungsvollem Tone:

»Sprich weiter! Bitte!«

»Nein, nein! Ich darf nicht.«

»Wer ist dieser Er, von welchem Du redest?«

»Bitte, frage mich nicht!«

»Gut, so will ich es Dir sagen, anstatt Dich zu fragen. Du redest von meinem Bru– –«

»Still, still! Sprich es nicht aus!« rief sie in voller Angst, indem sie ihm das kleine, weiche Händchen auf den Mund legte.

Er ergriff diese Hand, hielt sie fest und fuhr fort:

»Zykyma, laß es mich aussprechen! Ich muß es sagen. Es muß zur Klarheit kommen!«

»Nein, nein!«

»Und doch! Du befindest Dich in einem ganz ungewöhnlichen Zustande. Es hat Dich eine Angst erfaßt, welche Deinen sonst so scharfen Blick trübt und es Dir unmöglich macht, das Richtige zu treffen und zu thun. Du fürchtest Dich vor der Ankunft meines Bruders. Du möchtest derselben aus dem Wege gehen. Ist es so?«

Sie antwortete nicht.

»Habe ich das Richtige getroffen? Bitte, sage es mir!«

Sie wollte sich abwenden und ihm ihre Hand entziehen; er aber hielt dieselbe fester als vorher.

»Zykyma, bedenke: Es kommt so viel, ja es kommt Alles darauf an, daß Du mir die Wahrheit sagst! Nur dann ist es mir möglich, Dir wirklich nützlich zu sein. Dein Schweigen würde sich in Zukunft bitter an Dir rächen.«

Und als sie sich selbst zu dieser dringenden Mahnung wortlos verhielt, fügte er hinzu:

»Es ist ja sehr leicht zu errathen, was Dich in solche Aufregung versetzt. Du hast mir gestanden, daß der Gedanke, uns zu verlassen, Dir erst heut gekommen sei. Vielleicht erst heut Abend?«

»Ja,« gestand sie.

»Nachdem ich die Depeschen vorgelesen hatte?«

»Ja, erst dann.«

»Also ist eine der Depeschen die Ursache Deines so raschen Entschlusses! Vor Steinbach aber willst Du doch nicht entweichen?«

»Wie könnte ich das!«

»Ja, Du hast Dich doch so herzlich gefreut, als Du hörtest, daß er kommen werde.«

»Ich würde so glücklich sein, ihn wiedersehen zu können. Ich habe ihm so viel zu verdanken.«

»Nun, so freue Dich ungetrübt. Georg soll Dich nicht in dieser Freude stören dürfen.«

»Aber er kommt doch mit Steinbach!«

»Ja, doch glaube ich nicht, daß Du sein Kommen zu fürchten hast. Du kannst ruhig sein.«

»Nein, o nein!«

Da ergriff er auch ihre andere Hand und sagte:

»Zykyma, ich bitte Dich aus dem Grunde meines Herzens und auch um Deines Glückes und Deiner Ruhe willen, sei aufrichtig mit mir! Willst Du?«

»Wenn ich kann.«

»Du kannst es. Ich bin überzeugt davon. Du hast mir nun bereits zugegeben, daß Georg es ist, dessen Ankunft Dich von dannen treibt. Es gehört so wenig dazu, Deine Aufrichtigkeit zu vervollständigen. Betrachte mich als Deinen Freund, als Deinen Bruder! Magst Du mir diese letztere Bitte erfüllen?«

*

100

»Gern! Du bist ja stets wie ein Freund, wie ein guter Bruder zu mir gewesen.«

»So beantworte mir die eine Frage: Hast Du jenen Offizier, der sich Georg Orzeltschasta nannte, wirklich herzlich, herzlich lieb gehabt?«

Sie gab nicht sogleich eine Antwort; dann aber hörte er das leise Geständniß erklingen:

»Ich dachte es damals.«

»Du dachtest es nur? Du hast Dich also geirrt?«

»Ja.«

»So war es nicht die richtige, wirkliche Liebe?«

»Nein.«

»Nein! Also habe ich auch geirrt!«

Das kam mit einem tiefen, erlösenden Seufzer aus der Brust heraus. Er fuhr fort:

»Seit wann hast Du das erkannt?«

»Das weiß ich nicht. Ich bin erst nach und nach zu dieser Ueberzeugung gekommen.«

»Ja, es gehen im menschlichen Herzen Veränderungen vor, von denen man sich keine Rechenschaft zu geben vermag.«

»Es war keine Veränderung.«

»Nicht?«

»Nein. Diese Zuneigung zu Orzeltschasta ist geblieben, was sie war, eine Zuneigung. Ich lebte bei Menschen, die mir nicht vertraut werden konnten. Ich fühlte mich einsam, fremd unter Bekannten. Da kam er. Er sah mich und sprach freundlich mit mir. Er war so zart, so gut, so rücksichtsvoll mit mir, ganz anders als Andere. Da gewann ich ihn lieb. Ich glaubte, das sei die Liebe eines Weibes zu ihrem Manne, und auch er mag gedacht haben, daß sein Gefühl ernster und tiefer sei, als es eigentlich war. Er versprach, daß ich sein Weib werden solle. Wir waren oft beisammen, aber –«

»Bitte, bitte, weiter!«

»Es war doch, als ob sich etwas Fremdes zwischen uns befinde. Er nahm mich zuweilen bei der Hand. Er legte auch den Arm um mich, wenn er zu mir sprach und von den fremden, mir unbekannten Lieben erzählte. Aber so, wie ein Liebender zu der Geliebten sich verhält, ist er nicht zu mir gewesen!«

»Wirklich? Ihr habt Euch nicht geküßt?«

»Nie. Ich habe geglaubt, das müsse so sein. Der Mann dürfe der Geliebten solche Zärtlichkeiten erst dann erweisen, wenn sie sein Weib geworden ist. Erst später, als ich sah, wie Normann zu seiner Tschita war, habe ich mir gesagt, daß eine wirkliche, wahrhaftige Liebe sich keine solche Schranken gefallen läßt. Ich bin nicht mit meinem Herzen zu Rathe gegangen. Ich habe nicht gefragt, ob meine Zuneigung auch wirklich Liebe sei. Ich habe mich für gebunden gehalten und es als ein Vergehen gegen die schuldige Treue erachtet, überhaupt eine solche Frage auch nur auszudenken. Aber die Erkenntniß ist mir doch gekommen, ganz von selbst und ohne daß ich nach ihr strebte. Ich war Georg gut, herzlich gut, aber nur so, wie eine Schwester dem Bruder ihre Zuneigung schenkt.«

Das war eine große Aufrichtigkeit, über welche Hermann sich außerordentlich glücklich fühlte. Es wogte in ihm, als ob er eine bewegte Fluth in seinem Herzen berge. Die Wonne, welche er empfand, verschuldete es, daß er es wagte, auch von sich zu sprechen:

»Zykyma, erinnerst Du Dich noch unseres ersten Zusammentreffens?«

»Ja,« gestand sie.

»Weißt Du, wo es stattfand?«

»Im Bazar, bei dem Händler.«

»O nein! Wir sahen uns schon früher, draußen im Thale der süßen Gewässer.«

»Glaubst Du?«

»Ich weiß es. Solltest Du Dich nicht auch erinnern?«

»Nein,« antwortete sie in halb neckischem Tone.

»Nicht? Wirklich nicht?«

»Ich glaube nicht.«

»O doch! Ich war nach dem Thale spazieren gegangen. Ich war fremd und wußte nicht, daß es ein Lustort für Frauen sei, die ein Mann nicht anblicken dürfe. Ich stand hinter Bäumen und lauschte Eurem Spiele. Da sah ich Dich. Du warst die Schönste von allen und –«

»Hermann!« unterbrach sie ihn.

»Was?«

»Willst Du schmeicheln?«

»O nein. Ich wartete bis zu Eurem Aufbruche und ging Euch nach. Weißt Du, die Ochsen an Deinem Wagen wurden scheu, und ich fiel ihnen in die Zügel. Du gabst mir Deine Hand –«

»Was eigentlich streng verboten war!«

»Ja. Ich sah einen Diamant an Deinem Finger glänzen und erkannte Dich an diesem Steine.«

»Richtig! Aber ich mußte dem Pascha den Ring geben, und dann hieltst Du seinen Diener, der sich verkleidet hatte, für mich.«

»Ich weiß, ich weiß!« lachte er. »Das Abenteuer im Kirchhofe wäre mir schlecht bekommen, wenn nicht Steinbach mich gerettet hätte.«

»So ist er stets unsere Vorsehung gewesen!«

Hermann ging nicht auf diesen ableitenden Gedanken ein. Er war einmal dabei, von sich selbst zu sprechen, und fuhr fort:

»Dann entführten wir Dich dennoch, Dich und Zykyma. Und da war es, wo ich erfuhr, daß Du einen Andern in Dein Herz geschlossen habest.«

»Bitte, schweigen wir davon!«

»Ja, schweigen wir, Zykyma. Ich mag nicht an jene Stunde denken, in welcher so viel und so herrliches Hoffen in mir vernichtet wurde. Mein Herz hat seit jener Zeit eine schwere, schwere Last getragen und wird sie auch weiter tragen. Das Deinige aber will ich Dir erleichtern. Du brauchst vor Georg nicht zu fliehen. Er wird Dich nicht an das ihm gegebene Wort erinnern.«

»Hermann! Glaubst Du das?«

»Ich weiß es sogar und zwar aus seiner Depesche.«

»Unmöglich. Grad diese Depesche ist es ja, die mir eine so große Angst verursacht.«

»Du würdest Dich gar nicht geängstet haben, wenn ich das Telegramm vollständig vorgelesen hätte.«

»So steht noch Etwas dabei?«

»Etwas sehr Wichtiges.«

»Warum hast Du es mir verschwiegen?«

»Weil ich glaubte, es würde Dir Schmerz bereiten. Ich wollte Dich nicht kränken und Dich langsam auf diese Kunde vorbereiten.«

»Gott, was werde ich hören! Welche Kunde meinst Du?«

»Ich bin so glücklich, Dir versichern zu können, daß auch er Dich nur wie ein Bruder geliebt hat.«

»Ist's möglich? Ist's wahr?«

»Ja. Mag er auch längere Zeit geglaubt haben, daß er an Dich gebunden sei, er hat den Irrthum seines Herzens eingesehen und die Fesseln zerrissen.«

»Gott! Sprich weiter, weiter!«

»Wirst Du wirklich nicht erschrecken, wenn Du erfährst, daß er Dir nicht treu geblieben sei?«

»Erschrecken? Gar nicht, gar nicht. Das wird mich sogar von großer, innerer Pein befreien.«

»Nun, so kann ich Dir mittheilen, daß er eine Andere liebt als Dich. Er ist verlobt.«

»Verlobt?« rief sie entzückt aus.

»Er hat eine Braut.«

»Eine Braut? O, wie will ich sie lieben! Sie hat mich vom Tode errettet!«

»Herrgott! Hattest Du so düstere Gedanken?«

»Ja. Ich wäre lieber gestorben als ihm unter die Augen getreten. Es war schrecklich.«

»Arme, arme Zykyma!«

»Er hat telegraphirt. Er wird seine Braut mitbringen, steht in der Depesche.«

»Gott sei Lob und Dank! Ich bin frei, frei!«

Sie jubelte diese Worte laut hinaus.

»Wirst Du nun bleiben?« fragte er.

»Ja, gern, gern!«

»Und niemals wieder den Gedanken hegen, uns verlassen zu wollen, Zykyma?«

»Das, das kann ich nicht versprechen.«

»Warum nicht?«

»Weil – weil –«

»Bitte, sprich weiter!«

»Weil ich ja nicht weiß, was mir die Zukunft zu bringen vermag. Niemand weiß es.«

»Niemand außer ich!«

»Du? Bist Du allwissend?«

»Ich glaube, es heut zu sein. Die Nachricht, daß Du Georg nicht geliebt hast, hat mich alles Irdische entkleidet. Es ist mir, als ob ich ein Seliger sei, der vom Himmel herabschaut und alles Vergangene und Zukünftige sehen kann.«

Sie gab keine Antwort. Und als auch er augenblicklich schwieg, sagte sie dann:

»Wollen wir nicht hineingehen? Tschita weiß nicht, wo wir uns befinden. Komm!«

Sie wollte sich erheben. Er aber hielt sie zurück, indem er abermals ihre Hände ergriff.

»Bleib noch einige Augenblicke, Zykyma. Ich weiß nun zu meiner Freude, daß Du Dich damals betreffs Georgs geirrt hast. Ich möchte nun gern auch noch etwas Anderes erfahren.«

Sie rückte ein Wenig von ihm ab, ohne ihm eine Antwort zu geben: Er fragte:

»Möchtest Du nicht wissen, was?«

»Sage es!«

»Ich möchte wissen, ob Du Dich damals auch in Beziehung auf mich geirrt hast.«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Wenn ich Dich nun recht herzlich darum bitte?«

»Auch dann nicht.«

»Du böses, böses Mädchen! Fühlst Du denn, nicht grade jetzt selbst, wie glücklich es macht, Klarheit über sein Herz zu besitzen? Warum willst Du mir dieselbe versagen? Du bist grausam!«

»Grausam? Das könnte ich niemals sein.«

»So gieb mir die erwünschte Antwort! Sag, hast Du Dich in Beziehung auf mich geirrt?«

»Nein,« antwortete sie so leise, daß er das Wörtchen kaum zu verstehen vermochte.

Da ließ er ihre Hände los.

»Nicht, also nicht! Ich dachte jetzt, daß ich wieder eine Hoffnung hegen dürfe. Das war ein Irrthum. Aber es ist doch besser so, als daß ich eine solche Hoffnung vergeblich in mir trage.«

Er wendete sich traurig ab. So saßen sie einige Minuten schweigsam neben einander. Dann stand er auf und sagte:

»Du hattest Recht, Zykyma. Wir wollen gehen. Tschita weiß nicht, wo wir sind.«

Er that einige Schritte vorwärts, blieb aber stehen, als er sah, daß sie ihm nicht folgte.

»Hermann!« bat sie.

»Was noch?«

»Du hast mich nicht verstanden.«

»O doch! Es war ja deutlich genug.«

»Nein. Gott, soll ich es denn sagen.«

»Was, Zykyma!«

»Daß ich Dich damals doch –«

Sie hielt inne. Er kehrte schnell zu ihr zurück.

»Sprich weiter, weiter!« bat er.

»Ich kann nicht!«

»Fällt es Dir so schwer?«

»Unendlich!«

»Und ich kann es Dir nicht leichter machen. Du hast mir damals gesagt, daß Du mich nicht lieben dürftest, und jetzt sagst Du, daß Du Dich nicht geirrt habest!«

»Durfte ich Dich denn lieben?«

Da ging ihm eine beglückende Ahnung auf.

»Zykyma!« rief er. »Du hieltest Dich für nicht mehr frei. Du durftest mich also nicht lieben. Aber Du liebtest mich doch?«

Sie neigte den Kopf und schwieg.

Schnell saß er wieder neben ihr, schlang den Arm um sie und bat in zärtlichem Tone:

»Sage, o sage es mir! Du liebst mich?«

»Ja,« erklang es zitternd.

»Gott, mein Gott! Also doch! So war all das bisherige Herzeleid umsonst!«

Er drückte sie innig an sich und küßte sie auf das weiche, duftende Haar.

»Zykyma, meine Zykyma, sage es noch einmal! Du hast mich damals dennoch geliebt?«

»Von ganzem Herzen,« gestand sie ein. »Von dem Augenblicke an, an welchem ich Dich an dem Wagen sah.«

»Hätte ich das gewußt!«

»Konntest Du es Dir nicht denken?«

»Nein.«

»So hast Du mich für kein gutes Mädchen gehalten. Wie konntest Du mich da lieben!«

»Ich Dich nicht für gut gehalten? Wieso?«

»Ich habe Dich im Bazar getroffen und mich von Dir entführen lassen. Wer so Etwas einem ungeliebten Manne erlaubt, der ist –«

»Ich verstehe, verstehe! Ach, warum habe ich mir das nicht gesagt! Ich hätte so glücklich sein können, bereits seit langer Zeit.«

»Nein. Ich hätte Dir niemals gestanden, daß ich Dich liebe. Ich hielt mich ja für gebunden!«

»Du Böse!«

»Bös? O nein! Wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich war! Mein ganzes Herz gehörte Dir. Ich mußte Dich täglich und stündlich sehen, ohne Dich ahnen lassen zu dürfen, daß ich nur bei Dir glücklich zu sein vermag!«

»So segne Gott meinen Bruder, daß er sein Herz einer Andern schenkte!«

»Und auch diese Andere, denn durch ihre Liebe bin ich von der Verzweiflung gerettet worden.«

»Und ich bin täglich bei Dir gewesen und habe es nicht gemerkt, wie schwer Du im Stillen zu kämpfen hattest. Du arme, arme Zykyma!«

»O, nun ist Alles, Alles gut, mein lieber, lieber Hermann. Ich werde unendlich glücklich sein.«

Sie hielten sich innig umschlungen und ahnten nicht, daß so nahe hinter ihnen Einer saß, der bei ihren Worten und dem Anblicke ihres Glückes mit den Zähnen knirrschte. Fast wäre er laut und grimmig empor gefahren, als Hermann von Adlerhorst jetzt sagte:

»Was würde Dein früherer Mann dazu sagen, wenn er uns so hier erblickte.«

»Mein Mann? Der Pascha?« lachte sie fröhlich auf.

»Ja, dieser Isegrimm, dem wir Dich doch endlich so glücklich zu entreißen vermochten.«

»Mein Mann, mein Mann!« lachte sie noch immer.

»Nun eigentlich war er es doch!«

»Nach dortigen Begriffen, ja. Ich war seine Sclavin. Aber er hat mich nie berühren dürfen!«

»Wie Du das nur fertig gebracht hast, Du Tapfere!«

»Mit Hilfe des Dolches, den Georg mir geschenkt hatte. Der Pascha war ein Feigling. Er fürchtete sich vor mir und vor dem Gifte.«

Da hörte man Tschita's Stimme erklingen:

»Hermann, wo bist Du?«

»Hier!« antwortete er.

»Wo denn?«

»Ganz hinten auf der Bank.«

»Ach, wir kommen!«

Da er von der Bank sprach, so begriff Tschita sofort, was sich ereignet hatte.

»Komm! Wollen ihnen entgegen gehen!« bat Zykyma.

»Nein!« sagte er in glücklichem Tone. »Wir bleiben hier sitzen und lassen uns arretiren.«

Da er sie festhielt, mußte sie, obgleich sträubend, sich drein ergeben.

Während die Beiden hier gesessen hatten, war Normann aus der Stadt nach Hause gekommen und hatte nach ihnen gefragt. Tschita erzählte ihm das von den Telegrammen und fügte die Vermuthung bei, daß Hermann sich nun wohl mit Zykyma ausgesprochen habe. Da litt es ihn nicht im Zimmer. Er nahm sein Weibchen beim Arme und ging mit ihr in den Garten.

Jetzt kamen sie herbei. Als Normann die Beiden so innig neben einander sitzend erblickte, sagte er staunend:

»Hermann, was sehe ich! Habt Ihr Euch vielleicht entzweit?«

»Ja,« lachte der Gefragte. »Wir werden von heut an in alle Zukunft hinein zu Zweien sein, wenn Ihr nichts dagegen habt.«

»Dagegen? O nein! Ganz im Gegentheile erkläre ich, daß mir damit mein innigster Herzenswunsch in Erfüllung geht.«

»Der meinige auch!« erklärte Tschita, indem sie die Freundin von der Bank empor an ihr Herz zog.

Die Beiden weinten Freudenthränen. Die Männer schüttelten sich die Hände.

»Jetzt möchte ich Eins,« sagte Normann. »Dann wäre die Genugthuung vollständig.«

»Ungenügsamer!« zürnte Tschita. »Was möchtest Du denn noch dazu?«

»Daß der Pascha hier wäre. Er sollte sehen, was für glückliche Engel aus seinen beiden Sclavinnen geworden sind.«

»Denken wir nicht an ihn,« sagte Tschita ernst.

»Hast Recht, meine Seele. Wollen alle diese Erinnerungen fallen lassen. Kommt herein. Es ist jetzt nicht mehr gut, des Abends hier zu verkehren und intime Angelegenheiten zu verhandeln.«

»Warum?« fragte Hermann.

»Es ist ein Mensch in das Nebenhaus gezogen, dem ich irgend welche Absichten zutraue.«

»Ah! Wer ist er?«

»Ein abgesetzter Polizist. Der Kerl scheint mir ein Störenfried zu sein, ein Schleicher, der es auf uns abgesehen hat.«

»Auf uns? Was könnte er bezwecken?«

»Weiß es nicht. Solche Kreaturen machen aus dem weißesten Schnee die schwärzeste Tinte. Vielleicht steht er irgendwo drüben und belauscht uns. Kommt also herein.«

Sie gingen.

Als ihre Schritte verklungen waren, kamen die Lauscher aus ihrem Versteck hervor.

»Donnerwetter! Ich ein Schleicher, ein Störenfried, eine Kreatur!« fluchte der Agent.

»Er meinte Dich?« fragte der Pascha.

»Ja, mich. Das versteht sich ganz von selbst.«

»Da mußt Du Dich rächen.«

»Daran soll es nicht fehlen. Aber sagen Sie mir, haben Sie Alles gehört?«

»Alles.«

»Nun, was sagen Sie dazu?«

»Jetzt gar nichts. Diese Menschen sollen aber erfahren, was es heißt, die Frauen Ibrahim Pascha's zu entführen!«

Die Glocke des Gärtchens erschallte wieder.

»Da kommt wieder Jemand,« sagte Schubert. »Wollen wir lauschen, wer es ist?«

»Nein; danke.«

»Aber vielleicht ist es von Vortheil für uns!«

»Danke dennoch! Ich weiß nun genug. Dieser Normann hegt Verdacht. Wenn es ihm einfällt, den Garten zu durchsuchen, so findet er uns.«

»Mich nicht!«

»Ja, Sie sind ein guter Kletterer. Mich aber hat er beim Kragen, ehe ich über den Zaun weg bin. Wir wollen fort.«

»Ganz, wie Sie wollen. Also jetzt haben Sie gesehen und gehört. Sind Sie befriedigt?«

»Ja.«

»Sie haben eingesehen, daß Tschita und Zykyma es wirklich sind.«

»Versteht sich. Es kann kein Zweifel sein.«

»So darf ich Sie wohl auch an das Honorar erinnern?«

»Sie haben es sehr eilig. Sie werden es bekommen, sobald wir uns drüben in Ihrer Stube befinden.«

»Bleiben wir dort, oder machen wir bis ein Uhr einen Spaziergang?«

»Wir bleiben dort. Ich mag mich nicht mit Ihnen sehen lassen. Das wissen Sie ja.«

Sie kletterten über das Stacket, Beide Haß und den Gedanken an Rache im Herzen, der Pascha aber natürlicher Weise noch viel mehr als der Agent, dem die zu erwartende Bezahlung ja für seine beleidigte Seele große Tröstung brachte.

Wenn die Beiden gewußt hätten, wer draußen geklingelt hatte, so wären sie jedenfalls noch länger geblieben, um das nun Folgende zu belauschen.

Als das Dienstmädchen an die Gartenpforte kam, sah sie zwei Gestalten draußen stehen. Die Eine war unendlich lang und dünn und die Andere außerordentlich dick aber klein.

»Guten Abend!« sagte der Dicke. »Hier wohnt der Maler Normann?«

»Ja, mein Herr.«

»Ist er daheim?«

»Soeben erst aus der Stadt gekommen.«

»Also auch zu sprechen?«

»Jetzt kaum mehr. Es ist zu spät.«

»Pah! Wir sind Bekannte.«

»So kommen Sie herein. Ich werde Sie melden.«

»Ist nicht nöthig. Wir melden uns selbst.«

Sie schloß auf und die beiden Männer traten in den Vorgarten. Erst jetzt bemerkte das Dienstmädchen, daß sich noch einige andere Personen draußen befunden hatten, etwas weiter zurückstehend. Auch diese kamen mit herein. Während sie noch darüber war, die Pforte wieder zu verschließen, fragte der Dicke:

»Ist auch Frau Normann und Zykyma da?«

»Ja.«

»Giebt es vielleicht Besuch?«

»Herr von Adlerhorst kam vorhin.«

»Nun, so will ich Ihnen Etwas sagen. Sie mögen mich anmelden, mich allein. Wo werden die Herrschaften sich befinden?«

»Im Salon jedenfalls.«

»Giebt es vor diesem ein Zimmer?«

»Ja; es steht leer.«

»Gut. Während ich in den Salon trete, führen Sie die anderen Personen in dieses Zimmer. Es gilt eine Ueberraschung. Und damit mich nicht Herr Normann allein empfängt, sagen Sie, daß ich mit der ganzen Bande zu sprechen hätte. Hier ist meine neue Visitenkarte, das Hundert zu einer Mark und fünfzig Pfennigen!«

Das Mädchen wußte nicht, was sie über diesen kleinen, dicken Menschen und den ganzen Vorgang denken solle. Da es aber sich um eine Ueberraschung handelte, so beschloß sie, sich genau nach seiner Weisung zu richten.

Die Bewohner der Villa befanden sich im Salon. Sie hatten es klingeln hören und waren neugierig, zu erfahren, wer da kommen werde. Einen Bekannten erwarteten sie nicht und ein Fremder konnte zu solcher Stunde doch auch nicht erst kommen.

Da kam das Mädchen herein und übergab Normann die Karte. Er las sie und lachte laut auf.

»Wer ist's?« fragte Tschita neugierig.

»Ein Fremder. Wie sieht der Mann aus?«

»Sehr nobel,« antwortete das Mädchen.

»Hm! Diese Karte ist nicht gedruckt, sondern mit Tinte beschrieben. Ein sehr nobler Herr ist er also nicht.«

»Er sagte, von dieser Karte kosten hundert Stück eine Mark fünfzig,« meinte das Mädchen.

Alle lachten.

»Zu wem will er denn? Zu mir?«

»Nein, sondern zur ganzen Bande.«

»Was! Zur ganzen Bande? Das ist originell!«

Das Gelächter wiederholte sich.

»Wer ist er denn?« fragte Hermann.

»Da auf der Karte steht geschrieben: Sam Barth, Knopfmachergeselle und Prairiejäger aus Herlasgrün in Sachsen.«

»Prairiejäger und Knopfmachergeselle!« wiederholte Hermann, indem er vor Lachen kaum sprechen konnte. »Aus Herlasgrün!«

»Laß ihn herein!« gebot Normann.

Während die Vier sich gar keine Mühe gaben, ihre Lustigkeit zu verbergen, trat Sam herein. Er verbeugte sich tief und machte eine fürchterlich feierliche Miene.

»Sie sind Herr Barth?« fragte Normann, die dicke Gestalt musternd. »Zu dienen!«

Dabei verbeugte er sich noch tiefer.

»Knopfmachergesell aus Herlasgrün?«

»Habe die Ehre.«

Abermals tiefe Verneigung!

»Und zugleich Prairiejäger?«

»Versichere es ergebenst!«

Jetzt verbeugte er sich so tief, als er nur konnte. Diese ernste Feierlichkeit bei seiner dicken Gestalt und dem Inhalte seiner Karte hatte die Wirkung, daß die Herrschaften abermals in's Lachen ausbrachen. Sam verzog keine Miene, wartete, bis sie sich ausgelacht hatten und fragte dann:

»Bitte gehorsamst, mir zu sagen, worüber Sie lachen!«

»Ueber Sie natürlich!«

»Ist mir lieb!«

»Was? Das ist Ihnen auch noch lieb?«

»Natürlich! Es ist doch jedenfalls besser, als wenn Sie über mich weinen.«

»Das ist wahr. Sie scheinen ein ganz sonderbarer Kauz zu sein!«

»Der bin ich auch!«

»So, so! Was wünschen Sie denn von mir?«

»Ich bringe Grüße.«

»Ah! Von wem?«

»Von seiner Herrlichkeit, dem Lord Eagle-nest.«

Die Vier machten ganz erstaunte Gesichter.

»Was! Vom Lord!« meinte Normann. »Kennen Sie denn seine Herrlichkeit?«

»Sehr gut.«

»Von woher denn?«

»Von Amerika her. Ich habe mich in seiner Gesellschaft befunden.«

»Sie? In seiner Ge– – –!«

Er trat einen Schritt auf Sam zu. Es schien ihm ein Gedanke zu kommen.

»Ah! Ich erinnere mich! Der Lord erzählte von Prairiejägern, von einem kleinen, dicken Kerl, welcher – – –«

»Der bin ich, dieser Dicke!« nickte Sam sehr ernst.

»Und von zwei dünnen, langen Kerls?«

»Das sind Jim und Tim, meine Gefährten.«

»Ah, wenn das ist, so sind Sie mir freilich herzlich willkommen. Setzen Sie sich!«

Er gab ihm die Hand und bot ihm einen Stuhl an. Sam wehrte ab und fragte:

»Hat der Lord Ihnen unsere Abenteuer erzählt?«

»Ja.«

»Aber wohl nicht Alles?«

»Jedenfalls Alles.«

»Das glaube ich nicht. Hat er auch gesagt, wen wir damals im Thale des Todes fanden?«

»Ja, den Derwisch.«

»Und wen noch?«

»Weiter Niemand außer einigen Personen, die uns nicht interessiren.«

»Dachte es mir! Wir haben nämlich viel mehr Leute gefunden, als Sie denken.«

»So? Wen?«

»Davon später. Jetzt muß ich erst auch die andern Grüße bringen, welche mir aufgetragen worden sind.«

»Von wem denn, Herr Barth?«

»Von Herrn Steinbach.«

»Von dem? Ach ja, Sie kennen ihn. Er war ja damals im Todesthale mit dabei. Wenn er Ihnen damals einen Gruß aufgetragen hat, so kommen Sie freilich sehr spät, uns denselben auszurichten.«

Da trat Hermann von Adlerhorst hervor. Er war zwar damals nicht mit in den Vereinigten-Staaten gewesen; aber er hatte sich die Berichte von den dortigen Begebenheiten besser gemerkt als Normann.

»Paul,« sagte er, »lasse Dich da von dem Dicken nicht bei der Nase nehmen. Der ist ein Filou. Er hat mehr in Petto als wir denken. Herr Barth, machen Sie kein so dummes Gesicht; mich täuschen Sie doch nicht damit. Ich weiß, was für ein tüchtiger Kerl Sie sind. Wo hat Steinbach Ihnen den Gruß aufgetragen?«

»Bereits schon hinter Irkutzk.«

»Irkutzk? Sind Sie toll?«

»Noch nicht ganz!«

»Irkutzk liegt ja in Sibirien!«

»Seit damals, wo es gebaut wurde, ja.«

»Waren Sie denn dort?«

»Ein Wenig.«

»Aber Steinbach?«

»Auch ein Wenig.«

»Was haben Sie denn dort gewollt?«

»Wir hatten die Absicht, einen gewissen Georg von Adlerhorst zu befreien.«

»Ach! Jetzt wird es in mir klar. Sie Tausendsassa haben an diesem Werke mit geholfen?«

»Ja, und es ist uns gelungen.«

»Dann sind Sie uns ein willkommener Bote des Glückes. Wo fanden Sie ihn?«

»Hinter Irkutzk. Er war Verbannter und als Gemeiner einer Kosakensotnie zugetheilt.«

»Ich will meine Wißbegierde noch zügeln. Sie werden uns Alles erzählen müssen. Sagen Sie uns nur einstweilen, ob es wahr ist, daß er eine Braut hat.«

»Ja, er hat sie.«

»Ah! Wer ist sie?«

»Meine Nichte.«

»Ihre – Nich– – –!«

Er trat zurück und musterte den Dicken.

»Was! Ist's wahr?« fragte Normann.

»Natürlich. Oder trauen Sie mir etwa keine Nichte zu, Herr Normann?«

»Ganz gern. Aber wie kommt diese Nichte – – –«

Die Nichte eines Knopfmachergesellen als Braut eines Adlerhorst, dieser Gedanke war nicht leicht hinzunehmen. Sam fühlte, was der Sprecher meinte und fiel ihm also schnell in die Rede:

»Bitte, diese Nichte ist die Adoptivtochter eines regierenden Fürsten.«

»Sie dichten wohl!«

»Danke sehr für dieses gütige Vertrauen. Ein Dichter bin ich nie gewesen. Ich melde nur die reine Wahrheit.«

»Aber diese Wahrheit ist eine sehr sonderbare. Wer ist denn dieser Fürst?«

»Fürst Bula der Tungusen.«

»Was? Eine Nichte von Ihnen ist die Tochter eines Tungusenfürsten? Das behaupten Sie?«

»Pflegetochter nur!«

»Wie kommt sie aus Herlasgrün zu den Tungusen?«

»Grad so, wie Einer einmal zu einer Ohrfeige gekommen ist, nämlich ganz ohne alle Absicht. Uebrigens wollen wir das für später lassen. Ich habe noch mehrere Grüße auszurichten.«

»Von wem denn?«

»Von einem Fräulein Magda von Adlerhorst, ferner von einem Herrn –«

»Magda!« fiel Tschita ein. »Wen meinen Sie damit? Etwa meine Schwester? Schnell!«

Der Dicke aber fuhr, ohne sich aus der Fassung bringen lassen, unbeirrt fort:

»Ferner von einem gewissen Herrn Martin von Adlerhorst und endlich auch noch von einer Frau Anna von Adlerhorst.«

Kein Mensch antwortete ihm. Er blickte die Vier an. Sie waren stumm vor Erstaunen. Da sagte er:

»Um es kurz zu machen: Es ist besser, ich lasse das Grüßen sein und bringe die Leute gleich selbst.«

Er öffnete die Nebenthür und nun traten die Genannten herein, an ihrer Spitze der lange, dürre Lord Eagle-nest. Die Kommenden waren ganz wohl vorbereitet auf Diejenigen, welche sie hier sehen würden; diese Letzteren aber hatten keine Ahnung gehabt, daß sie die so längst gesuchten Glieder ihrer in alle Winde zerstreuten Familie wieder erhalten würden.

Sie kannten einander natürlich gar nicht mehr; sie standen starr und stumm, bis der Lord seine erklärenden Bemerkungen machte. Nun gab es freilich ein Entzücken, welches gar nicht zu beschreiben war. Es wurde vor Glück gelacht und geweint und es verging wohl über eine Stunde, bevor sich diese guten und so lange schwer geprüften Leute so weit gesammelt hatten, daß sie in leidlicher Ruhe fragen und antworten konnten.

Die in der Heimath weilenden Glieder der Familie hatten bisher noch gar nicht gewußt, daß ihre Mutter nebst Martin und Magda sich in Amerika befunden hatten. Der Lord hatte diese Letzteren bei sich in England untergebracht, damit sie sich nach und nach von ihren schweren Leiden erholen sollten. Er hatte schwerwiegende Gründe vorgebracht, dort bei ihm auszuhalten und sich erst später mit den Andern zu vereinen.

Jetzt nun war das Entzücken ein desto größeres. Das war ein Küssen und Umarmen! Die wiedergesundene Mutter ging aus einem Arm in den Andern. Das war ein Schluchzen und Jauchzen. Der lange Lord strampelte vor Freude nur immer mit den Beinen. Selbst Zykyma mußte sich seine Umarmung gefallen lassen.

Nur Einer verhielt sich ganz still dabei, nämlich Sam, der Dicke. Er hatte sich in eine Ecke zurückgezogen, machte den stillen Beobachter und gab nur hier oder da ein Wort von sich, nämlich wenn er eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten hatte.

Endlich, nach langer, langer Zeit setzte man sich wieder nieder, und nun sollte das Erzählen beginnen. Jeder wollte zuerst wissen, wie es dem Andern ergangen sei, und so kam es, daß Keiner Zeit und Raum fand, seine Erlebnisse zu erzählen, bis es zuletzt hieß, daß der Lord den Berichterstatter machen solle. Dieser aber deutete auf Sam und sagte:

»Nicht ich, sondern dieser Mann da mag erzählen. Er weiß Alles; er hat Alles mitgemacht. Wendet Euch an ihn!«

»Daraus wird heute nichts,« meinte aber der Dicke. »Wir haben keine Zeit zum Erzählen, wenigstens ich nicht.«

»Warum nicht? Sie müssen und müssen erzählen, lieber Sam!« meinte Normann.

»Lieber Sam! Das klingt jetzt ganz anders als vorher!« lachte Barth. »Ich würde die Erzählung sehr gern liefern, aber ich habe beim besten Willen keine Zeit. Ich muß zum Pascha.«

»Zum Pascha?« fragte Normann ganz erstaunt. »Welchen Pascha meinen Sie denn?«

»Nun, doch den Ihrigen.«

»Ibrahim?«

»Ibrahim oder Abrahim, das ist im Türkischen ja wohl ganz egal.«

»Sie wollen so schnell verreisen?«

»Verreisen? Wer redet davon!«

»Nun Sie doch!«

»Davon weiß ich nichts. Kein Wort!«

»Sie wollen doch zum Pascha. Also müssen Sie doch wohl in die Türkei, nach Constantinopel!«

»Dorthin? Fällt mir gar nicht ein!«

»Wo ist er denn?«

»Ich laufe keinem Menschen nach, nicht einmal einem Pascha. Wenn ich ihn haben will, muß er hier sein.«

»Hier? Fast möchte ich Sie wieder fragen, ob Sie dichten.«

»Und ich wiederhole, daß ich die Wahrheit sage.«

Da machte der Lord einen Siebenmeilenschritt, pflanzte sich vor Sam auf und fragte:

»Hier, hier in Wiesenstein ist er?«

»Ja.«

»Well! Führen Sie mich zu ihm!«

Er wendete sich nach der Thür und machte ein paar Fäuste, als ob das Boxen schon jetzt beginnen solle.

»Halt!« lachte Sam. »So rasch geht das nicht. Da giebt es noch sehr Verschiedenes zu erwähnen.«

»O nein, gar nichts!« rief der Engländer. »Ich gehe zu ihm und schlage ihm den Schädel ein!«

»Das wollen wir einstweilen noch bleiben lassen. Setzen Sie sich, Sir, und machen Sie mir keine Störung in meinen Kram!«

Er faßte ihn an und drückte ihn auf einen Stuhl nieder. Normann bemerkte zu Sam:

»Der Pascha Ibrahim hier in Wiesenstein, das ist gar nicht denkbar. Aber Sie haben uns schon so viel Unglaubliches gesagt, was dennoch wahr war, daß ich versucht bin, auch an dieses zu glauben.«

»Glauben Sie es getrost!«

»Kennen Sie ihn denn?«

»Ja.«

»Sie haben ihn doch nie gesehen!«

»Heut zum ersten Male.«

»Wie können Sie da wissen, daß er es ist?«

»Ein Anderer hat es mir gesagt.«

»So! Dann ist immerhin ein Irrthum möglich. Was könnte er denn wohl hier wollen?«

»Das fragen Sie! Der Sie die meiste Veranlassung haben, es zu wissen!«

»Ich? Wieso?«

»Er sucht seine beiden Weiber!«

»Ah! Ist's wahr?«

»Schon seit der Zeit, in der sie ihm entführt worden sind. Sein Suchen ist bisher vergeblich gewesen, obgleich er ganz Deutschland durchforscht hat. Jetzt aber hat er sich an einen durchtriebenen Kerl gewendet, der ihm behilflich sein will, Tschita und Zykyma nach der Türkei zurückzubringen.«

»Das sollen sie bleiben lassen!«

»Oho! Wenn ich nicht wäre, würde es ihnen doch vielleicht gelingen!«

Normann erbleichte.

»Wieso denn?«

»Kennen Sie einen gewissen Schubert, der hier nebenan wohnt, nämlich seit heute erst?«

»Ja. Hat dieser Kerl vielleicht seine Hand im Spiele?«

»Er ist's, der ihm helfen will, die Damen zu entführen.«

»Habe es mir doch sofort gedacht, daß dieser Mensch irgend eine feindselige Absicht hat!«

»O, er will noch mehr! Nämlich Rache an Allen, besonders an Steinbach, und sodann auch die Befreiung des Derwisches Osman.«

»Des Derwisches? Ist der denn gefangen?«

»Bereits seit langer Zeit. Wir haben ihn heut nach Wiesenstein gebracht und in ein Gewölbe des Schlosses eingesperrt.«

Diese Nachricht erregte ein großes Aufsehen. Sam wurde bestürmt, ausführlich zu erzählen, was sich zugetragen hatte und wie gerade dieser verhaßte Derwisch in Gefangenschaft hatte gerathen können; aber er antwortete:

»Ich muß den Herrschaften sagen, daß es heut leider keine Zeit mehr giebt. Der Pascha und dieser Schubert wollen den Derwisch befreien und da muß ich dabei sein. Wir haben nur noch eine Stunde bis Mitternacht und um ein Uhr wollen die beiden Kerls auf dem Schlosse sein, um mit dem Gefangenen zu reden.«

Diese Worte frappirten fast noch mehr als die wenigen Mittheilungen.

»Mann,« sagte Normann erstaunt, »sind Sie denn geradezu allwissend!«

»Nein. So weit habe ich es leider noch nicht gebracht; aber ich bin es gewöhnt, meine Augen und Ohren stets offen zu halten, und da sieht und hört man mehr als andere Leute, welche diese löbliche Gewohnheit nicht besitzen.«

»Aber warum haben Sie den Gefangenen im Schlosse eingesteckt und ihn nicht an das hiesige Gericht abgeliefert?«

»Steinbach hat es so befohlen.«

»Steinbach! Also er! Was mag er für eine Absicht dabei haben? Wie ist es ihm möglich, eine solche Bestimmung zu treffen. Kennt er den Prinzen, den Besitzer des Schlosses?«

»Das weiß ich nicht, geht mich auch gar nichts an. Ich thue, was er mir gesagt hat und das Weitere lasse ich ihm über.«

»Also heut nach Mitternacht soll der Derwisch befreit werden! Das geben wir natürlich nicht zu!«

»Von Befreiung ist noch nicht die Rede. Die beiden Kerls werden nur mit ihm sprechen. Jedenfalls werden sie dabei die Flucht verabreden.«

»Und Sie geben diese Besprechung zu!«

»Ja, sehr gern sogar.«

»Welche Unvorsichtigkeit!«

»Nein, sondern welche Vorsicht! Man wird die Drei belauschen und also erfahren, was sie vorhaben.«

Er entwickelte seinen Plan und die Anwesenden gaben demselben ihre Zustimmung. Nur darüber entstand eine Meinungsverschiedenheit, wer die drei Männer belauschen solle. Jeder wollte es sein. Sam machte diesem Widerspruch ein Ende, indem er erklärte:

»Der Mann, der sich dazu eignet, ist bereits gefunden. Es ist ein Herr, den Sie noch kennen lernen werden, ein russischer Offizier.«

Auch darauf hin mußte er eine kurze Erzählung geben, wie er den Oberst Sendewitsch kennen gelernt habe.

»Aber,« fragte Normann, »warum soll grad dieser Fremde den Lauscher machen und nicht lieber Einer von uns?«

»Aus einem sehr triftigen Grunde,« antwortete Sam. »Einer von uns würde über die Unterredung nicht klug werden. Wissen Sie wohl, welcher Sprache sich der Pascha und der Derwisch bedienen werden?«

»Der Deutschen jedenfalls nicht, sondern wohl der Türkischen.«

»Vielleicht. Aber weil der mit anwesende Agent das Türkische nicht versteht, sondern das Russische, ist es sehr leicht möglich, daß sie sich dieses Letzteren bedienen. Derjenige, welcher den Lauscher macht, muß also beider Sprachen mächtig sein. Nun sagen Sie mir, ob es Einen unter Ihnen giebt, der sowohl russisch als auch türkisch versteht?«

Auf diese Frage meldete sich Keiner; darum fuhr Sam fort:

»Am Allerliebsten hätte ich selbst diese Rolle übernommen; aber zunächst kennt mich der Derwisch so gut, daß mich selbst die sorgfältigste Verkleidung verrathen würde. Wer so klein und dick ist, wie ich es bin, der paßt eben nicht sehr für ein Incognito. Und sodann habe ich wohl das Russische leidlich inne; von der türkischen Sprache aber verstehe ich gerade so viel, wie ein Wallfisch vom Seiltanzen. Sendewitsch ist beider Sprachen vollständig mächtig; er ist also die geeignetste Person dazu.«

»Können wir uns denn auf ihn verlassen?«

»Wie auf uns selbst.«

»Aber der Pascha und der Agent haben ihn gesehen; er hat bei ihnen gesessen!«

»Pah! Er wird sich verkleiden. Er zieht Frauensachen an und gilt als die Frau des Schließers. Man wird ihm nicht mißtrauen.« – –

Während hier im Familienkreise sich so ergreifende Scenen abspielten und die darauf folgenden Berathungen vorgenommen wurden, saßen die beiden Hauptpersonen, auf welche diese Berathungen sich bezogen, drüben in des Agenten Stube.

Sie verhielten sich sehr schweigsam. Alles nöthig Erscheinende war besprochen und so gaben sie still ihren Gedanken und Gefühlen Audienz. Der Pascha befand sich in einem geradezu grimmigen Zustande, und doch war er im höchsten Grade befriedigt, die so lange vergeblich Gesuchten endlich gefunden zu haben. Rache und abermals Rache war das Einzige, an das er jetzt dachte und worüber er nachsann.

So saßen sie rauchend und schweigsam beisammen, bis es eine halbe Stunde nach Mitternacht war. Dann brachen sie auf, sich leise aus der Wohnung schleichend, damit die anderen Bewohner des Hauses nicht bemerken möchten, daß der Agent noch so spät einen Ausgang unternehme.

Bereits vorher hatte Sam die Villa Normanns verlassen, um Sendewitsch aufzusuchen. Sie waren nach dem Schlosse gegangen und von dem sie erwartenden Schließer eingelassen worden.

Als der Pascha mit dem Agenten an der Wohnung des Malers vorüberging, bemerkte er, daß man drin noch wach sei.

»Sie werden die Verlobung feiern,« sagte er. »Schade, daß wir nicht lauschen können!«

»Die Jalousien sind alle herunter gelassen, und übrigens haben wir keine Zeit dazu. Der Schließer erwartet uns bereits.«

Der Agent machte den Führer. Er kannte das Pförtchen genau. Es war verschlossen, als sie dort anlangten.

»Er ist also doch noch nicht da,« flüsterte der Pascha. »Vielleicht hat er sich anders besonnen.«

»Das glaube ich nicht.«

»O, die Sache kann ihm bei näherer Ueberlegung als zu gefährlich erschienen sein. Ich halte es für sehr leicht möglich, daß er gar nicht kommen wird.«

»Das soll er sich ja nicht einfallen lassen!«

»Was wollen Sie dagegen thun?«

»Haben Sie den Wechsel vergessen?«

»Nein. Aber mit dem Wechsel können wir doch das Gefängniß nicht aufschließen. Und präsentiren wir denselben, so bekommen wir kein Geld.«

»Das lassen Sie nur mir über!«

»Schön! Aber wenn er sich vor dem Wechsel doch nicht so fürchtet, wie Sie erwarten, so sind die fünfzehnhundert Mark zum Teufel und wir stehen hier an der verschlossenen Thür und können doch nicht hinein.«

»Wollen einmal klopfen.«

Er klopfte leise an die Pforte, und sofort ließ sich ein Schlüssel hören, welcher von innen in das Schloß gesteckt wurde.

»Nun, wer hat Recht?« flüsterte der Agent.

Der Pascha nickte befriedigend.

Der Schließer trat in die offene Pfortenöffnung und hielt sein Gesicht nahe an dasjenige des Agenten.

»Sie sind's,« sagte er dann in befriedigtem Tone. »Ich dachte schon, Sie kämen nicht.«

»Warum?«

»Ich stehe schon lange hier.«

»Es ist ja erst einige Minuten über Eins. Wie steht es? Ist die Luft rein?«

»Ja. Alles ist zu Bett.«

»So beeilen wir uns.«

Er wollte eintreten; aber der Schließer behielt die Thüröffnung noch inne und frug:

»Dieser Herr ist es, von dem Sie sprechen?«

»Ja.«

»Ich möchte seinen Namen wissen.«

»Pah! Der thut nichts zur Sache.«

»Sehr viel sogar. Ich muß doch wissen, mit wem ich es zu thun habe. Wenn die Sache entdeckt wird, so bin ich der Einzige, den man fassen kann.«

»Dann sind Sie selber schuld. Sie müssen es eben so einrichten, daß nichts entdeckt wird.«

»Das will ich ja auch; aber wenn der Teufel sein Spiel hat, was will man dagegen machen!«

»Nun, so sind Sie nicht allein in Gefahr, sondern auch wir sind es. Bedenken Sie, was wir hier riskiren!«

»Nichts, gar nichts!«

»Oho! Ich sehe den Fall, Sie meinen es nicht ehrlich mit uns, sondern Sie lassen uns hier festhalten und arretiren!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Wollen es hoffen; aber möglich ist es doch. Wir müssen mit diesem Falle rechnen.«

»Wenn Sie diese Befürchtung hegen, so sorgen Sie sich umsonst und es ist besser, wir sehen von der ganzen Sache ab.«

»Na, na, nur nicht gleich zornig! Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß wir ebenso viel riskiren wie Sie selbst. Und nun, wie steht es? Können wir den Gefangenen sehen?«

»Ja.«

»Auch mit ihm reden?«

»Unter einer Bedingung!«

»Ich denke, wir haben uns über die Bedingungen bereits geeinigt!«

»Ja, in Beziehung auf die Bezahlung, aber über das Weitere noch nicht. Als Sie bei mir im Parke waren, wußte ich noch nicht, wie und wo die gewünschte Unterredung stattfinden könne. Jetzt nun ists gewiß, daß Sie nicht mit in das Gewölbe können.«

»Wo aber dann?«

»In meiner Stube.«

»Dahin wollen Sie den Gefangenen holen?«

»Ja.«

»Aber ist das denn nicht weit gefährlicher, als wenn Sie uns mit in das Gewölbe nehmen?«

»Nein. Das Gewölbe wird nicht nur von mir, sondern auch von den beiden Kerls revidirt, welche den Gefangenen gebracht haben. Sie könnten leicht merken, daß Jemand bei ihm ist.«

»Wer hat denn die Schlüssel?«

»Ich.«

»So können die beiden Andern doch nicht zu ihm!«

»Das ist wahr; aber sie können an seiner Thür lauschen und selbst das Flüstern hören. In so einem Gewölbe schallt Alles mehr als anderswo. Hole ich aber den Gefangenen nach meiner Wohnung, so können die beiden Kerls dann an der Thür des Gewölbes lauschen, wie sie wollen. Sie werden nichts hören und also denken, daß er schläft.«

»Hm! Wenn Sie aber unterwegs mit ihm erwischt werden!«

»Daß dies nicht geschieht, das lassen Sie meine Sorge sein. Ich werde mich vorher genau überzeugen, wo sie stecken.«

»Schön! Also gehen wir!«

»Noch nicht. Zunächst erwarte ich, daß Sie mich nicht unglücklich machen, indem Sie einen Fluchtversuch wagen.«

»Das versprechen wir.«

»Sie reden mit ihm, zahlen das Geld, und ich führe ihn wieder fort. Uebrigens würden Sie ihn nicht weit bringen, denn er ist mit Ketten und Eisenstangen gefesselt.«

»Können Sie die nicht los machen?«

»Heut nicht.«

»So fehlen Ihnen die Schlüssels dazu?«

»Ja. Nur den einen habe ich, mittelst welchem er an die Mauer an- und abgeschlossen werden kann. Und sodann müssen Sie erlauben, daß meine Frau mit dabei sein darf.«

»Warum das?«

»Weil ich Ihnen nicht dienen konnte, ohne es ihr zu sagen.«

»Und sie hat eingestimmt?«

»Nur nach langem Weigern. Sie brauchen sich aber nicht vor ihr zu geniren. Sie liegt krank auf dem Kanapee und hört übrigens sehr schwer. Wenn Sie das erlauben wollen, so können wir nun beginnen.«

»Schön! Ihre Frau genirt uns nicht. Ist sonst noch Jemand dabei?«

»Nein. Aber das sage ich Ihnen noch: Ich habe die Hunde losgekettet. Wollten Sie gegen die Verabredung handeln und mit dem Gefangenen fliehen, so bedarf es nur meines Rufes an die Hunde, und Sie werden gestellt. Machen Sie dann eine einzige Bewegung, so werden Sie zerrissen.«

»Donnerwetter! Sind die Bestien denn auf den Mann dressirt?«

»Ja. Also hüten Sie sich! Jetzt kommen Sie!«

Nun erst ließ er sie eintreten und verschloß die Pforte hinter sich. Den Schlüssel steckte er ein. Er führte sie direct nach seinem kleinen Häuschen, dessen Fenster mit Läden verschlossen waren. Die Thüre desselben war verschlossen. Er mußte sie mit dem Hausschlüssel öffnen und geleitete die beiden Männer dann in die Stube.

Dieselbe war nur mit einem kleinen, trübe brennenden Lämpchen erleuchtet. Die Einrichtung war sehr sauber aber ebenso einfach. Ein Tisch, einige Rohrstühle und ein Sopha.

Auf dem Letzteren lag die Frau des Schließers, mit dem Rücken der Stube zugekehrt. Sie hatte einen alten Rock an, einen weiten, dunklen Spenser, und auf dem Kopfe trug sie eine weiße, gehäkelte Haube. Außerdem hatte sie sich das Gesicht verbunden.

Sie bewegte sich nicht, als die Drei eintraten. Sie sagte auch kein Wort, als die beiden Fremden grüßten.

»Sie hört es nicht,« entschuldigte der Schließer. »Man muß mit ihr sehr laut reden.«

Er trat an das Kanapee, stieß die Alte an und rief ihr in das Ohr:

»He, Guste! Wir sind da!«

»Wie – wer – ist – da – – –?« fragte sie, indem sie den Kopf herumdrehte. »Ach Du bists. Und die Kerle sind mit! Na, meinswegen! Du hasts nicht anders gewollt. Mich aber geht die Geschichte gar nichts an. Laß mich in Ruh!«

Sie wendete sich wieder ab. Das verbundene Gesicht sah hochroth aus und war schrecklich angeschwollen.

»Was fehlt denn der Frau?« fragte Schubert.

»Sie hat die Rose im Gesicht, die trockne Rose.«

»O wehe!«

»Ja, es ist ein Elend. Es ist Alles geschwollen, und der Doctor sagt, sie könne dadurch ihr bischen Gehör noch vollends verlieren.«

»Na, uns ärgert es nicht, daß sie nicht gut hören kann!«

»Das glaube ich wohl. Ihrethalben können Sie reden, was Ihnen beliebt, wenn Sie nur nicht geradezu schreien.«

»Nun, was das betrifft, so machten wir uns auch nichts daraus, wenn sie hören könnte. Dieser Herr hier kann nicht gut deutsch reden, er wird also lateinisch mit dem Gefangenen reden. Haben Sie Etwas dagegen?«

»Nein, reden Sie meinswegen chinesisch mit ihm! Wenn Sie nur nicht versuchen, ihn mir zu entführen. Jetzt bitte ich, zu warten. Ich werde ihn holen.«

»Dauert es lange?«

»Nein, höchstens fünf Minuten.«

»Schön! Weiß er es schon?«

»Ich habe es ihm gesagt.«

»Sehr gut! Er weiß aber noch nicht, wer es ist, der mit ihm reden will?«

»Nein, denn ich selbst weiß es ja auch nicht. Wie kann ich es ihm da sagen! Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir das Licht noch ein Wenig hinein drehen. Man muß auf alle Fälle gefaßt sein. Wenn ja Jemand durch eine Ladenritze schaut, darf er nichts genaues sehen.«

Er schraubte das bereits an sich so kleine Flämmchen so tief herab, daß es wie eine sehr düstere Dämmerung in der Stube war. Dann entfernte er sich. Sie hörten, daß er die Thür hinter sich verschloß.

»Sapperment, er schließt uns ein!« meinte der Pascha.

»Warum sollte er nicht?«

»Wenn er uns nun nur einschließt, um uns festzuhalten und hier ergreifen zu lassen!«

»Das befürchte ich nicht.«

»Ich bin trotzdem besorgt.«

»Pah! Der Mann braucht Geld. Hätte er einen Verrath gegen uns vor, so würde er sich ganz anders gegen uns benehmen. Sie sehen ja, daß er die allergrößte Vorsicht anwendet.«

»Vielleicht nur zum Scheine.«

»O nein. Ich traue ihm. Er hat ein ehrliches und sorgenvolles Gesicht. Die Noth treibt ihn, uns zu dienen. Falsch und hinterlistig ist er nicht.«

Der Pascha aber war noch immer mißtrauisch.

»Und sein altes Weib hier!« sagte er. »Ob sie wirklich so taub ist, wie er sagt!«

»Das kann uns sehr gleichgiltig sein. Wir werden russisch reden. Davon versteht sie nichts.«

Er ahnte freilich nicht, daß nicht ein weibliches, sondern ein männliches Wesen auf dem Sopha lag. Es war Sendewitsch, der sich als alte Frau angezogen hatte. Als er hörte, daß die Unterredung in russischer Sprache stattfinden werde, freute er sich königlich, denn er war ja nun gewiß. Alles, was gesprochen wurde, ganz genau zu hören und zu verstehen.

Um die beiden Männer noch sicherer zu machen, heuchelte er Schmerzen und stöhnte leise vor sich hin.

»Da sehen Sie! flüsterte der Agent. »Die Frau hat wirklich Schmerzen. So eine Gesichtsrose ist ein schlimmes Ding.«

Und um den Pascha ganz fest zu überzeugen, daß er kein Mißtrauen zu hegen brauche, näherte er sich leise dem Kanapee und bückte sich zu dem Ohre der Frau nieder. Er sagte in gewöhnlichem Tone, den eine halbtaube Frau wohl nicht hören konnte; und zwar in deutscher Sprache:

»Gute Frau, Sie leiden wohl sehr?«

Sie antwortete nicht und bewegte sich auch nicht. Er wiederholte sehr laut und zwar dieses Mal in russischer Sprache:

»Haben Sie Schmerzen?«

Auch jetzt antwortete sie nicht, und erst als er diese Frage fast schreiend wiederholte, wendete sie ihm ihr verbundenes, hochroth geschwollenes Gesicht halb zu und sagte:

»Wie? Was wollen Sie?«

»Ob Sie Schmerzen haben,« brüllte er russisch.

»Was wälschen Sie da! Reden Sie deutsch!«

Sie wendete sich zornig wieder ab und stöhnte leise weiter. Er kehrte sehr befriedigt auf seinen Stuhl zurück und sagte zum Pascha:

»Nun, sind Sie jetzt überzeugt?«

»Ja. Das ist keine Verstellung.«

»Nein. Die Alte ist grob und taub. Wir haben nichts von ihr zu fürchten.«

Sie saßen nun schweigend neben einander, bis sie hörten, daß draußen die Hausthür wieder aufgeschlossen wurde. Ketten klirrten.

»Er kommt!« sagte der Pascha, sich erwartungsvoll erhebend.

»Vergessen Sie nicht, nur russisch zu sprechen!«

Die Thür ging auf, und der Gefangene trat herein, von dem Schließer gefolgt, welcher die Thür vorsichtig verriegelte und dann an derselben stehen blieb.

Der einstige Derwisch mußte mit quer gehaltenem Körper hereintreten, weil die lange Eisenstange, welche seine Hände auseinander hielt, ihn verhinderte, den Eingang grad zu passiren.

»Ibrahim Pascha!« rief er. »Also doch!«

Er sprach türkisch.

»Pst! Keinen Namen nennen!« warnte der Angeredete. »Und reden Sie russisch. Dieser Herr hier versteht nicht türkisch.«

»Wer ist er?«

»Ein Freund von uns. Er wird behilflich sein, Sie aus der Gefangenschaft zu befreien.«

»Gott sei Dank! Als ich Sie heut erblickte, hielt ich es nicht für möglich, daß Sie es wirklich seien. Ich sprach dennoch meine Worte aus, hielt es aber doch für eine Täuschung, bis mir der Schließer sagte, daß ein fremder Herr heut Nacht heimlich mit mir sprechen werde. Dann war ich überzeugt, daß ich mich nicht geirrt habe.«

»Und ich,« meinte der Pascha, »war aufs Höchste erschrocken, da ich Sie als Gefangenen erblickte. Wie kommen Sie in eine solche Lage?«

»Das sollen Sie erfahren. Vorher aber muß ich mich setzen. Diese verdammten Fesseln ermüden Einen fürchterlich.«

Er setzte sich auf den einzigen noch übrigen Stuhl nieder. Der alte, schlaue Schließer hatte die Sessel so gestellt, daß die Männer möglichst nahe an der scheinbar kranken Frau saßen, die also besser hören konnte, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Der Gefangene athmete tief auf, knirrschte mit den Zähnen und begann:

»Sie wollen wissen, wie ich in diese Lage gekommen bin? Sie können es leicht errathen.«

»Habe keine Ahnung.«

»So! Wer ist denn Derjenige, von welchem uns alles Böse bisher gekommen ist?«

»Meinen Sie Steinbach?«

»Natürlich.«

»Ah! Der! Der hat Sie gefangen genommen?«

»Kein Anderer.«

»Weshalb denn?«

»Das können Sie fragen!«

»Doch nicht wegen – – –?«

Er sprach das Wort nicht aus.

»Ja, wegen nichts Anderem,« nickte der Gefangene.

»Unmöglich!«

»Auch ich hätte es für unmöglich gehalten.«

»Es ist ja Alles vorüber!«

»O nein. Es scheint von Neuem zu beginnen.«

»Aber, Mann, wie sind Sie ihm denn in die Hände gerathen? Wie können Sie so unvorsichtig sein!«

»Ihnen wäre es an meiner Stelle grad so wie mir ergangen.«

»Das bezweifle ich.«

»Grad so! Was kann ein einzelner Mensch gegen eine solche Uebermacht.«

»Also Gewalt hat man angewendet?«

»Natürlich. Durch List hätte man mich nicht gefangen; da bin ich ihnen ebenbürtig.«

»Und doch haben Sie jedenfalls eine riesige Dummheit begangen. Als Sie mich das letzte Mal in Constantinopel aufsuchten, gab ich Ihnen Geld, und Sie versprachen mir, dahin zu gehen, wo kein Verfolger Sie entdecken könne.«

»Das habe ich gethan.«

»Nein, sonst hätte man Sie nicht ergriffen. Wer weiß, wo Sie sich umhergetrieben haben.«

»Ich bin im Gegentheile grad dahin gegangen, wo ich nicht erwarten konnte, von einem Bekannten gesehen zu werden.«

»Pah! Machen Sie mir das nicht weiß! Nach Sibirien werden Sie sich nicht versteckt haben!«

»Nach Sibirien? Das sagen Sie ironisch; aber ich bin wirklich dort gewesen.«

»In Sibirien? Unsinn!«

»Ich sage Ihnen, daß ich dort war!«

»Dann wäre Steinbach auch dort gewesen?«

»Ja.«

»Sinnen Sie sich nichts aus!«

»Ich rede die Wahrheit. Ich war bis weit hinter Irkutsk. Der Ort heißt Platowa; es gab Jahrmarkt dort. Ich wollte als Zobeljäger in den Urwald und hatte mir grad die dazu gehörige Begleitung angeworben, als ich zu meinem größten Schrecke unter den anwesenden Völkern jene drei verdammten Prairiejäger erkannte, welche mir drüben in Amerika so feindselig entgegengetreten waren. Ich habe Ihnen ja von denselben erzählt.«

»Prairiejäger in Sibirien!« rief der Pascha.

»Ich glaubte es fast auch nicht!«

»Sie reden wirklich die Wahrheit?«

»Natürlich! Sie haben doch die beiden langen Menschen heut gesehen, die mich brachten!«

»Allerdings. Sind sie es?«

»Ja, und es gehört noch ein kleiner, dicker Molch dazu, welcher der Schlimmste von ihnen ist.«

»Und von diesen Menschen werden Sie bewacht?«

»Ja, durch ganz Sibirien hindurch.«

»Alle Wetter! So lange sind Sie geschleppt worden? Das ist ja gradezu lächerlich!«

»Nun, ich muß gestehen, daß es mir nicht sehr lächerlich vorgekommen ist!«

»Hatten Sie sich denn nicht verkleidet, so daß man Sie nicht so leicht erkennen konnte?«

»Ich ging als sibirischer Bauer. Ich spreche sehr gut russisch und hatte ausgezeichnete Papiere!«

»Und dennoch nahm man Sie gefangen!«

»Sie sehen es!«

»Aber Sie haben doch die Kerls erblickt! Konnten Sie denn nicht fliehen?«

»Das habe ich auch gethan, zumal ich nur sagte, daß, wo diese drei Kerls sind, Steinbach sicherlich nicht weit entfernt sein kann.«

»Man verfolgte Sie also?«

»Ja.«

»Das ist freilich Pech! Erzählen Sie!«

Der Derwisch gab einen kurzen und drastischen Bericht seiner sibirischen Erlebnisse. Er erzählte, daß er nach Orenburg geschafft worden sei, wo es sich erwiesen habe, daß er nicht Peter Lomonow sei. Von da aus war er durch Rußland und die europäische Türkei bis hierher geschleppt worden.

Der Pascha hörte aufmerksam zu und sagte, als der Erzähler geendet hatte:

»Wenn man es nicht erzählen hörte, würde man es gar nicht für möglich halten. Was will man denn hier mit Ihnen?«

»Mir den Prozeß machen natürlich.«

»Warum hier?«

»Das weiß ich auch nicht.«

»Hm! Ich durchschaue die Kerls. Also es ist ein Adlerhorst mit dabei gewesen?«

»Ja, Georg von Adlerhorst.«

»Wo steckt der jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Meine drei Begleiter trennten sich in Jekatharinenburg von den Andern, die ich seitdem nicht wiedergesehen habe.«

»Sie werden sie bald wiedersehen.«

»Wo?«

»Hier. Sie sind schon unterwegs. Es wohnt nämlich hier jener Normann, der Tschita geheirathet hat. Und auch Hermann von Adlerhorst ist mit Zykyma hier. Diese beiden Letzteren haben sich vorhin verlobt.«

Der Derwisch horchte auf.

»Ja, staunen Sie nur!« fuhr der Pascha fort. »Auch Steinbach wird hier wohnen.«

*

101

»Hier? Ist er von hier?«

»Nein und doch ja. Er ist identisch mit Prinz Oscar, dem Bruder des Großherzoges.«

»Alle Teufel! Ists wahr?«

»Wir vermuthen es.«

»Mir gleich! Mag er sein, wer er will, ich werde mich an ihm rächen.«

»Wie wollen Sie das anfangen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Zunächst sind Sie gefangen; da ist von einer Möglichkeit der Rache keine Rede.«

»Ich bin überzeugt, daß Sie mich befreien werden.«

»So! Ich habe allerdings die Absicht, weiß aber nicht, ob es gelingen wird.«

»Es muß gelingen; das ist gar keine Frage.«

»Meinen Sie? Hm!«

»Ja, ich bin ja schon halb frei!«

»Da irren Sie sich.«

»Nun, ich befinde mich ja hier bei Ihnen!«

»Aber als Gefangener!«

»Pah! Mit diesem alten Schließer werden wir keine große Sache machen!«

»O doch!«

»Nein. Ein Hieb über den Kopf macht ihn stumm.«

»Und wir sind dann verloren!«

»Wieso?«

»Seine Hunde zerreißen uns.«

»Alle Teufel! Er hat allerdings einige solche Bestien draußen umherlaufen!«

»Sie sehen, daß es nicht so leicht ist, wie Sie denken.«

»Könnte er denn nicht bestochen werden?«

»Vielleicht. Wir haben uns bis jetzt vergeblich bemüht, hoffen aber doch, es noch fertig zu bringen.«

»Dann aber schnell! Denn wenn Steinbach einmal da ist, dann dürfte es zu spät sein.«

»Das ist sehr richtig. Wir wollen es besprechen. Jetzt handelt es sich darum, was Sie anfangen, wenn es uns gelingt, Sie zu befreien.«

»Das weiß ich am Allerbesten.«

»Nun, was?«

»Rache!«

Er stieß das zwischen den knirschenden Zähnen hervor. Seine Augen leuchteten tückisch auf.

»Das klingt wohl gut, wird aber unmöglich sein,« meinte Ibrahim Pascha.

»Warum unmöglich?«

»Weil Sie natürlich sofort verschwinden müßten. Wie wollen Sie sich da rächen?«

»Ich müßte verschwinden, ja; aber fortgehen würde ich nicht von hier, bis ich mich gerächt habe!«

»Das ist Wahnsinn!«

»Pah! Steinbach, Sam Barth, Jim, Tim, sie Alle, Alle müßten daran glauben. Ich lechze nach Freiheit, aber nicht blos, um frei zu sein, sondern um mich zu rächen.«

»Ich habe ganz dasselbe Verlangen nach Rache; ich kann es befriedigen, Sie aber nicht, denn Sie dürfen sich nicht hier sehen lassen.«

»Wer sagt denn, daß ich mich sehen lassen will? Ich verstecke mich.«

»Und werden erwischt!«

»Gewiß nicht. Ich will nicht umsonst diese entsetzlichen Qualen des Transports von Sibirien bis hierher erduldet haben. Seit ich Sie gesehen habe und also auf Rettung hoffen durfte, habe ich nachgedacht, wie ich mich rächen kann. Machen Sie mich frei; dann sollen Sie sich gar nicht weiter um mich bekümmern. Die Freiheit und einiges Geld; das ists, was ich brauche. Dann sind Alle verloren, welche Ihre und meine Feinde sind.«

»Sie denken zu sanguinisch. Sie würden doch erkannt und ergriffen werden:«

»Gewiß nicht. Ich verkleide mich gut.«

»Als was?«

»Als Frauenzimmer.«

»Ah! Das ist kein dummer Gedanke.«

»Nicht wahr? Ich kleide mich als Frauenzimmer an und bleibe hier in der Gegend, bis die Rache vollendet ist.«

Er sagte das in einend so festen und entschlossenen Tone, daß man annehmen mußte, er werde sich von diesem Gedanken nicht abbringen lassen.

Der Pascha blickte sinnend vor sich nieder und sagte nach einer kleinen Weile:

»Hm! Der Plan ist kühn, vielleicht verwegen, aber nicht so übel. Als Weib könnten sie freilich ein sicheres Unterkommen finden.«

»Nicht wahr!«

»Und ich könnte Sie sehr gut gebrauchen!«

»Wozu?«

»Ich will Tschita und Zykyma entführen.«

Da sprang der Gefangene wie electrisirt von seinem Stuhle auf, so daß die Ketten klirrten.

»Entführen!« rief er. »Bravo! bravo! Welch eine Rache! Ich helfe mit.«

»Darauf rechne ich.«

»Und zugleich entführen wir Steinbachs Braut.«

»Jene Gökala? Gut, sehr gut.«

»Und jagt man uns nach, und gelingt es uns ja nicht, die Frauen fortzubringen, so tödten wir sie. Eine bessere Rache giebt es nicht.«

Der Pascha antwortete nicht sofort. Er blickte dem Agenten forschend in das Gesicht und sagte dann:

»Was meinen Sie dazu?«

»Hm!« antwortete Schubert achselzuckend.

»Ich meine, zu seiner Verkleidung als Frau?«

»Das ist nicht übel.«

»So reden Sie einmal mit dem Schließer!«

»Gut; ich will meine Reservecavallerie gegen ihn vorrücken lassen.«

Der Agent wendete sich an den Schließer:

»Wie steht es mit Ihrem Sohne? Haben Sie indessen einmal mit ihm gesprochen?«

»Nein, ich wollte zu ihm, konnte aber leider heute nicht fort.«

»So wissen Sie auch nichts Näheres von ihm?«

»Ich weiß nur das, was ich bereits heut wußte.«

»So! Hm! Kennen Sie einen Getreidehändler, welcher Weber heißt?«

»Ja.«

»Hat er mit Ihrem Sohne zu thun?«

»Seit Jahren schon.«

»Ist er ihm Geld schuldig?«

»Ich glaube, ja.«

»Nun, lesen Sie einmal dieses Papier!«

Er zog den Wechsel hervor und gab ihn dem Schließer, welcher mit demselben an die Lampe trat, um ihn zu lesen.

»Ein Wechsel,« sagte er. »Ueber fünfzehnhundert Mark. Aber mein Sohn hat ihn ja nicht acceptirt. Da hat er ihn nicht einzulösen.«

»Nein, acceptirt hat er ihn freilich nicht, aber gefälscht.«

»Gefälscht? Herr! Mein Sohn?«

»Ja, Ihr Sohn.«

»Herrgott! Das ist doch nicht möglich!«

»Es ist wirklich. Er hat die Unterschrift gefälscht, um zu dem Gelde zu kommen.«

»Und wer muß es denn bezahlen?«

»Ich eigentlich nicht, sondern der Fälscher.«

»Und der soll mein Sohn sein?«

»Ja.«

Da trat der Schließer schnell zu seiner Frau, beugte sich über sie und sagte dann:

»Gott sei Dank! Sie ist ein Wenig eingeschlafen. Wenn sie es hörte, könnte es ihr Tod sein. Bitte, meine Herren, sprechen Sie leise. Ist es denn wirklich wahr, daß mein Sohn ein Fälscher ist?«

»Ja, der Inhaber des Wechsels wollte zur Polizei, um ihn sofort arretiren zu lassen.«

»Welch ein Unglück! Welch ein Elend! Ich kann es doch kaum glauben!«

»Hier der Wechsel ist der Beweis!«

»Das ist freilich wahr, o nur zu wahr. Ach, was soll daraus werden.«

»Eine vieljährige Zuchthausstrafe.«

»O Himmel! Ist das denn nicht abzuwenden?«

»Eigentlich nicht. Der Wechsel ist gefälscht, und der Fälscher wird selbst dann bestraft, wenn er das Papier einlöst.«

»Das kann er nicht.«

»Desto härter wird die Strafe ausfallen.«

»Was ist zu thun, was!«

Er ging händeringend im Stübchen hin und her. Die beiden Männer antworteten ihm nicht; auch der Gefangene sagte kein Wort.

»Herr, sagen Sie, ob es denn keine Rettung geben kann!« wendete er sich an Schubert.

Dieser zuckte die Achsel.

»Also nicht?«

»Nein.«

»So kann ich mich nur gleich erschießen!«

»Sie sich? Sie sind ja nicht der Verbrecher!«

»Aber mein Sohn ist es!«

»Nun, das braucht ja Sie nichts anzugehen!«

»Mich nicht? Herr, was denken Sie denn von einem Vater!«

»Nicht viel! Von einem Vater, der seinen Sohn nicht retten will, kann ich nichts halten.«

»Nicht retten? Wer hat das gesagt?«

»Sie selbst!«

»Ich? Davon weiß ich kein Wort!«

»Sie haben es mir selbst gesagt, und zwar draußen im Parke. Ich gab Ihnen einen Weg an, der Ihren Sohn retten konnte.«

»Ah, die – – Befreiung des Gefangenen?«

»Ja.«

»Das kann ich nicht.«

»Nun, so muß Ihr Sohn ins Zuchthaus gehen.«

»Ins Zuchthaus! Welch ein Wort! Ins Zuchthaus. Das kann ich unmöglich überleben.«

»Was nutzt es ihm, wenn Sie sterben!«

»Das ist richtig, das ist richtig!«

»Machen Sie kurzen Prozeß! – Helfen Sie uns, so helfe ich Ihnen.«

»Ich denke, er wird bestraft, obgleich er den Wechsel bezahlt und einlöst?«

»Allerdings. Das kommt ganz auf mich an.«

»Wieso?«

»Ob ich ihn anzeige oder nicht. Der Wechsel ist jetzt in meiner Hand; also befindet sich auch das Schicksal Ihres Sohnes in derselben.«

»Herr, ich bitte Sie um Himmels willen, zeigen Sie es nicht an!« Er bat so rührend, wie nur ein Vater bitten konnte; aber der Agent antwortete hart:

»Halten Sie mich für ein Kind?«

»Sie wollten ja helfen!«

»Ja, aber meine Hilfe paßt Ihnen nicht.«

»Ich kann nicht, ich kann doch nicht!«

»Ganz wie Sie wollen. Morgen früh wird Ihr Sohn in das Gefängnis abgeführt.«

»Herr, wer kann so hart sein!«

»Pah! Es handelt sich um fünfzehnhundert Mark, die ich für Ihren Sohn bezahlt habe. Soll ich diese Summe einbüßen?«

»Ich will sie bezahlen!«

»Wenn? Heut? Jetzt?«

»Nein, das kann ich nicht; aber ich will sie nach und nach abzahlen!«

»Das bringen Sie bei Ihrem Gehalte in alle Ewigkeit nicht fertig!«

»O doch!«

»Nein. Wenn Sie mir aber folgen wollten, so schenkte ich Ihnen die fünfzehnhundert Mark, und Sie erhielten dann auch eine Anstellung, bei der Sie sich gegen jetzt glanzvoll ständen.«

»Ist das wahr?«

»Ja, ich halte Wort.«

Wieder ging der Schließer eine Weile hin und her. Um ihm die Sache plausibel zu machen, sagte der Agent:

»Uebrigens können Sie diese Angelegenheit doch so ordnen, daß kein Mensch einen Verdacht gegen Sie hegen kann.«

»Das ist unmöglich!«

»Pah! Es müßte nur klug angefangen werden.«

»Wie denn?«

»Sie haben nicht immerfort die Aufsicht über ihn?«

»Nein. Nur des Nachts von zwölf Uhr an.«

»Zur anderen Zeit beaufsichtigen ihn die beiden langen Kerls?«

»Ja.«

»Und da haben diese auch die Schlüssel?«

»Könnten Sie denn die Schlüssel nicht einmal heimlich wegnehmen, so daß man es nicht bemerkt?«

»Hm! Vielleicht!«

»Und dann den Gefangenen fortlassen?«

»Das – das – könnte gehen. – Doch vorsichtig müßte ich sein.«

»Natürlich! Also überlegen Sie sich schnell, und geben Sie uns eine bestimmte Antwort!«

Der Schließer trat zu seiner kranken, vermeintlichen Frau, horchte auf ihren Athem und flüsterte dann:

»Sie schläft. Sie hört es nicht. Sie darf natürlich gar nichts, gar nichts davon wissen!«

»Das versteht sich von selbst.«

»Also wenn ich thue, was Sie wollen, so zeigen Sie meinen Sohn nicht an.«

»Nein.«

»Und geben mir das Geld?«

»Ich gebe Ihnen den Wechsel; das Geld hat er sich ja bereits von dem Giranten geben lassen.«

»Und dann, wenn ich den Wechsel habe, ist keine Gefahr mehr für ihn vorhanden?«

»Keine. Sie werden das Papier natürlich zerreißen und dann ist kein Beweis mehr gegen ihn vorhanden?«

»Gut, gut! Ich gehe darauf ein.«

»Sie wollen es thun?«

»Ja, aber verrathen dürfen Sie mich nicht!«

»Verrathen! Sind Sie des Teufels! Da würden wir uns ja selbst auch mit verrathen! Also, Sie geben uns Ihre Hand?«

»Ja, hier ist sie.«

»So bekommen Sie heut Abend die übrigen zweihundert Mark, und den Wechsel in dem Augenblick, wenn Sie uns den Gefangenen überliefern. Wann wird das sein?«

»Das weiß ich noch nicht genau.«

»Baldmöglichst!«

»Gut! Morgen! Ich will es möglich zu machen suchen. Ist es Ihnen recht?«

»Natürlich! Zu welcher Tageszeit?«

»Des Abends.«

»Können Sie nicht ungefähr sagen, wenn?«

»Nein. Zehn Uhr revidiren sie zum letzten Male, und zwölf Uhr erhalte ich die Schlüssel. Zwischen zehn und zwölf Uhr muß es geschehen.«

»Können Sie denn nicht eine List anwenden?«

»Natürlich muß es allemal eine List sein. Mit Gewalt erreiche ich nichts.«

»Aber die Ketten und die Stange müssen Sie ihm abschließen.«

»Jawohl. Mit den Fesseln brächte ich ihn ja gar nicht fort. Ich will Ihnen Etwas sagen: Stehen Sie von zehn Uhr an draußen an der Gartenpforte, durch welche ich Sie heut eingelassen habe.«

»Dahin wollen Sie ihn bringen?«

»Ich hoffe es.«

»So bringe ich den Wechsel mit. Sobald der Gefangene frei durch die Pforte tritt, erhalten Sie das Papier.«

»Schön! Sehr gut! Ich verlasse mich auf Sie!«

»Aber bedenken Sie, daß übermorgen der Verfalltag des Wechsels ist. Da muß ich ihn präsentiren. Wenn Sie mir also morgen den Gefangenen nicht bringen, ists dann übermorgen zu spät. Dann könnte ich Ihren Sohn beim besten Willen nicht retten.«

»Gott, ja, es ist so wenig Zeit dazu!«

»Wenn Sie ernstlich wollen, werden Sie es dennoch fertig bringen.«

Er hatte das Seinige gethan und seinen Zweck erreicht. Er steckte den Wechsel wieder zu sich und wendete sich in russischer Sprache zum Pascha:

»Es ist geglückt. Sie hören, wie die Sachen stehen. Sind Sie zufrieden?«

»Ich muß, obgleich es mir viel lieber wäre, wenn ich den Gefangenen gleich jetzt mitnehmen könnte.«

»Das geht nicht an. Es käme heraus, daß der Schließer geholfen hat und dann – –«

»Pah! Was mache ich mir aus dem alten Kerl! Mögen sie ihn immerhin bestrafen!«

»Mir ist das auch sehr egal; aber es handelt sich auch um uns. Bestrafen sie ihn, so redet er und gesteht Alles. Es ist also viel besser, wenn man gar keinen Verdacht gegen ihn hegt. Uebrigens wüßten wir jetzt gar nicht, wohin mit dem Gefangenen.«

»Das ist richtig!«

»Wir müssen uns nach einem guten Ort umsehen, an welchem er sicher ist.«

»Wo einen finden!«

»Hm! Hier im Ort selbst nicht, sondern außerhalb desselben, wo es keine solche Beobachtung giebt wie in der Stadt.«

»Ich bin unbekannt.«

»Ich in der Umgegend auch.«

»Aber Sie sind länger hier als ich. Vielleicht entsinnen Sie sich doch einer Stelle, welche passend wäre.«

»Vielleicht, ja. Hm, da fällt mir ein. Eine halbe Stunde von der Stadt entfernt giebt es einen allein liegenden kleinen Meierhof. Vielleicht paßt dieser.«

»Kann man denn dort wohnen?«

»Ich hoffe es. Für gewöhnliche Badegäste ist die Entfernung unangenehm. Ich werde mit der Frau sprechen.«

»Ist eine Frau dort?«

»Ja, der Mann ist gestorben. Sie ist eine Wittwe, eine freundliche Frau. Vielleicht bringe ich sie dazu, auf meinen Wunsch einzugehen.«

»Aber sie darf um Gotteswillen nicht wissen – –«

»Unsinn! Ich werde sie doch nicht zur Mitwisserin unseres Geheimnisses machen.«

»Wie aber wollen Sie es anfangen?«

»Sehr einfach. Der Gefangene ist ein Verwandter oder vielmehr eine Verwandte von mir.«

»Richtig!«

»Gemüthskrank. Der Arzt hat die tiefste Einsamkeit und Seelenruhe angeordnet.«

»Das paßt sehr gut.«

»Alle fremde Gesichter regen sie auf; darum muß sie möglichst unbehelligt bleiben.«

»Herr Polizeiinspector, Sie sind wirklich ein höchst pfiffiger Kopf.«

»Nun,« lachte Schubert geschmeichelt, wenn wir von der Polizei nicht pfiffig sein wollen, wer denn sonst?«

»So kann ich also diese Angelegenheit ganz ruhig in Ihre Hände legen?«

»Ja. Natürlich wage ich viel, indem ich den Gefangenen für eine Verwandte ausgebe!«

»Wir werden Ihnen dankbar sein.«

»Im Falle er entdeckt wird, packt man natürlich mich als Mitschuldigen an.«

»Er wird und muß sich in Acht nehmen.«

»Davon bin ich überzeugt; es liegt das ja in seinem eigenen Interesse. Aber es fragt sich nur, ob er das nöthige Geschick hat.«

»Ich? Das Geschick?« lachte der Derwisch.

»Ja, das fragt sich.«

»Da brauchen Sie keine Sorge zu haben.«

»So! Soll mich freuen. Sie werden sich also als Frauenzimmer benehmen können?«

»Sehr gut.«

»Die Stimme!«

»Ich habe eine gute Fistelstimme, werde überhaupt nur sehr wenig sprechen.«

»Ganz recht. Der Bart muß natürlich herunter.«

»Ich rasire mich alle Tage!«

»Aber das darf Niemand bemerken. Verstanden! Aber was thun wir mit dem Haar?«

»Sollte es keine blonde Perrücke geben? Ich bin sehr brünett.«

»Am Besten ist's, ich gehe gleich früh nach dem Meierhof und fahre dann nach der Hauptstadt, wo sich wohl eine falsche Haartour finden wird.«

»Das ist das Allerbeste,« meinte der Pascha. »Aber Kleider brauchen wir ja auch dazu.«

»Soll ich sie aus der Hauptstadt mitbringen?«

»Ja. Ich zahle Ihnen den Preis zurück. Es wird dort wohl alles Nöthige vorhanden sein.«

»Alles. Und damit es gut paßt, werde ich jetzt Maaß nehmen. Ich bin zwar keine Schneiderin, besser ist aber besser.«

Er sah eine Schnur auf dem Fenster liegen und benutzte dieselbe, dem einstigen Derwisch das Maaß zu nehmen.

»So,« sagte er, »jetzt sind wir nun für heute zu Ende. Oder giebt es noch Etwas zu bemerken?«

»Nein.«

»O doch!« meinte der Gefangene. »Ich muß fragen, ob ich ganz sicher auf meine Befreiung rechnen kann.«

»Natürlich!« antwortete der Pascha.

»Gut! Wenn Sie mir das als sicher versprechen, so will ich warten, sonst aber – –«

»Was denn, sonst?«

»Sonst hätte ich selbstständig gehandelt.«

»Sie? Damit hätten Sie Ihre Lage auf alle Fälle nur verschlimmert.«

»Das fragt sich.«

»Ganz gewiß!«

»Pah! Ich habe nichts zu hoffen. Mich erwartet, wenn man mir den Prozeß macht, ewiges Gefängniß oder gar der Tod. Um einem solchen Schicksale zu entgehen, wagt man natürlich Alles.«

»In Ihren Fesseln!«

»Trotz meiner Fesseln. Diesen Eisenstab kann ich doch vielleicht biegen, daß ich die Hände zusammenbringe. Dann wäre Derjenige, der mit den Schlüsseln in mein Gewölbe käme, verloren. Ich würde ihn erwürgen und mich losschließen. Bekommen sollten sie mich nicht.«

»Das ist ein wahnsinniges Unternehmen!«

»Es kann es allerdings nur Einer wagen, der vom Leben nichts mehr zu erwarten hat, und so Einer bin ich.«

»Lassen Sie es lieber. Sie werden auf alle Fälle frei. Es liegt das ja in meinem Interesse.«

»Ja, ich bitte das nicht zu vergessen!«

Das erklang in einem sehr eindringlichen, fast drohenden Tone. Darum sagte der Pascha:

»Nun, zu fürchten brauche ich mich nicht.«

»Auch vor meinen Aussagen nicht?«

»Nein.«

»Da dürften Sie sich irren. Wenn ich reden wollte, wären Sie unbedingt verloren.«

»Oder auch nicht. Es fragt sich, ob man Ihnen glaubte.«

»Jedenfalls.«

»Hm! Vielleicht. Aber streiten wir uns nicht. Wir sind für heute Abend zu Ende. Morgen punkt zehn Uhr warten wir an dem Pförtchen.«

»Ich verlasse mich darauf. Aber da fällt mir noch Etwas ein, etwas sehr Wichtiges. Wenn ich hier um zehn Uhr entkomme, kann ich doch nicht nach dem Meierhofe. Das würde dort unbedingt auffallen.«

»Allerdings. Was ist da zu thun?«

»Das überlegen wir uns schon noch,« antwortete der Agent. »Am Klügsten ist es, wir spazieren nach einer entfernten Bahnstation und thun dann so, als ob wir mit dem ersten Frühzuge hier ankommen.«

»Da sieht man mich doch!«

»Erstens werden Sie tief verschleiert sein und zweitens werde ich dafür sorgen, daß vom Meierhofe ein Geschirr hier ist, um Sie abzuholen. Um aus dem Coupée in den Wagen zu kommen, bedarf es nur einer halben Minute, und das ist keine genügende Zeit für lange und ausreichende Studien. Noch besser ist's, wir steigen auf der letzten Station aus und lassen uns von dort abholen. Da bekommt uns hier gar Niemand zu sehen.«

Damit waren die beiden Andern einverstanden und der Schließer empfing die Mittheilung, daß die Unterredung für heute zu Ende sei.

Er brachte zunächst den Gefangenen in das Gewölbe zurück, wobei ihm von dem eingeweihten Schloßpersonale natürlich nicht das Mindeste in den Weg gelegt wurde. Dann begleitete er die beiden Lauscher wieder durch den Park und zu der Pforte hinaus. Ehe er verschloß, fragte er:

»Noch einmal, meine Herren, bleibt es bei Dem, was wir ausgemacht haben?«

»Natürlich!« antwortete der Agent.

»Ich erhalte den Wechsel?«

»Sie übergeben uns hier an dieser Stelle den Gefangenen und erhalten dafür den Wechsel. Dabei bleibt es. Thun Sie Ihre Pflicht gegen Ihren Sohn und fangen Sie es klug an, so kann kein Schein des Verdachtes auf Sie fallen. Gute Nacht!«

Der Schließer kehrte in seine Stube zurück, wo er vorher die zweihundert Mark erhalten hatte.

An dem Tische saßen Sam, der Dicke, und der Russe Sendewitsch. Der Letztere hatte einen rothgefärbten Mehlteig abgenommen, mit welchem er seinem Gesichte das Aussehen einer Geschwulst gegeben hatte. Auch die verwechselte Kleidung hatte er bereits wieder umgetauscht.

»Das ist prächtig gelungen,« lachte Sam. »Wenn diese Esels wirklich nur halb so klug wären, wie sie sich halten, hätten sie mich entdecken müssen.«

Die eine Ecke der Stube wurde nämlich fast ganz von einem riesigen Kachelofen ausgefüllt. Das Häuschen, welches der Schließer bewohnte, war in jener Zeit, in welcher man sich derartiger Oefen bediente, gebaut worden. Hinter demselben war Sam versteckt gewesen und zwar trotz seiner Korpulenz so vortrefflich, daß er gar nicht bemerkt worden war.

Freilich, wenn der Pascha oder der Agent auf den naheliegenden Gedanken gekommen wären, hinter den Ofen zu blicken, so hätten sie ihn vielleicht doch entdeckt. Er hatte zusammengeduckt dagelegen, von einem alten Tuche überdeckt. Und nur dann später, als nicht mehr zu erwarten war, daß sie nicht mehr nachschauen würden, hatte er sich in die bequemere sitzende Stellung aufgerichtet.

Jetzt freute er sich königlich, daß sein listiger Anschlag von solchem Erfolge begleitet gewesen war. Er lachte fröhlich vor sich hin und meinte in seiner eigenartigen, lustigen Weise:

»Diese Menschen wollen Gefangene befreien und Frauen rauben. Sie haben nicht einmal das Geschick, einen Hund vom Ofen zu locken oder eine Katze zu entführen. Jetzt sind sie ganz glücklich, daß ihr Werk schon halb gelungen ist. O, wir werden dafür sorgen, daß es ganz gelingt.«

»Haben Sie denn Alles verstanden, was gesprochen worden ist,« fragte Sendewitsch.

»Das Türkische natürlich nicht. Dazu waren ja Sie da. Sie werden es mir erklären.«

Der jetzige Oberst in türkischen Diensten folgte dieser Aufforderung. Als er fertig war, sagte der Dicke:

»Schön! So kennen wir also ihren ganzen Plan und werden uns darnach verhalten.«

»Meinen Sie denn wirklich, daß wir ihnen den Gefangenen überlassen?«

»Natürlich!«

»Mir scheint, als ob dies zu gefährlich sei.«

»In wiefern?«

»Wenn er nun entkommt!«

»Da haben Sie ja keine Angst. Der Kerl soll mir nicht entwischen. Dafür werde ich schon Sorge tragen.«

»Man weiß nie, was geschehen kann. Ein kleines, unvorhergesehenes Ereignis kann Ihren ganzen Plan zu nichte machen.«

»Den meinigen nicht.«

»Haben Sie denn schon einen?«

»Versteht sich! Ich gehöre nicht zu denjenigen Menschen, welche, wenn Feuer bei ihnen ausbricht, sich erst lange fragen, ob sie aus dem Bette springen sollen oder nicht. Das muß gehen wie beim Kartenspiele: Wenn Einer trumpft, muß man ihm sofort und auf der Stelle einen höhern Trumpf draufsetzen. Und Trümpfe haben wir ja genug.«

»Wie nun, wenn sie sich die Sache anders überlegen, wenn sie auf den Gedanken kommen, sofort nach Befreiung des Gefangenen Wiesenstein zu verlassen!«

»Das würde ich bemerken. Sie können sich denken, daß ich diese Menschen nicht aus dem Auge lasse.«

»Wird das nicht auffallen?«

»Nein. Ich müßte es sehr dumm anfangen, wenn es bemerkt werden sollte. Zunächst weiß ich, daß der Pascha im Hotel »Delchin« wohnt. Dort ist er sehr leicht zu überwachen. Einer von den beiden Geheimpolizisten, welche heut in der Weinstube dem Agenten Schubert die Wechselgeschichte plausibel gemacht haben, genügt, ihn im Auge zu behalten.«

»Aber grad das ist gefährlich.«

»Wieso?«

»Der Pascha kennt doch nun die beiden Männer.«

»Aber er hält sie für Getreidehändler.«

»Er würde aber von jedem Andern und Unbekannten leichter überwacht werden können.«

»Auch nicht leichter. Meinen Sie, daß der Polizist sich offen zur Schau hinstellt? Das fällt ihm gar nicht ein. Er hat sich nur mit dem Wirthe zu verständigen. Das ist Alles.«

»Hm!« brummte der Oberst nachdenklich.

»Da giebts gar nichts zu brummen. Der Pascha hat natürlich Gepäck mit, und zwar werthvolles. Es kann ihm gar nicht einfallen, plötzlich abzureisen und dasselbe im Stich zu lassen. Sobald er einpacken läßt, hat der Wirth das dem Polizisten zu melden. Damit ist die Sache abgethan.«

»Aber der Agent? Wie überwachen Sie ihn?«

»Durch den andern Polizisten, welcher sich in der Villa, die der Mensch seit heut bewohnt, einquartiren wird.«

»Verzeihen Sie! Dafür stimme ich nicht.«

»Sie meinen, der Agent werde Verdacht schöpfen?«

»Unbedingt.«

»Pah! Zunächst stehen so einem Polizisten genug Mittel zur Verfügung, sich unkenntlich zu machen. Diese Leute sind in dieser Beziehung sehr erfahren und gewandt. Er hat sich natürlich hinter die Wirthin zu stecken. Vielleicht übernimmt er die Bewachung nicht selbst. Er ist verheirathet und kann seiner Frau diese Aufgabe anvertrauen. Jedenfalls kann der Agent nicht endgiltig hier abreisen, ohne daß wir es vorher erfahren.«

»Gut, ich will zugeben, daß diese beiden Personen, der Agent und der Pascha, uns nicht entkommen können. Wie aber steht es mit dem Derwisch?«

»Ganz ebenso.«

»Ich aber würde ihm nicht die Freiheit geben. Es ist das wirklich zu gewagt. Wie wollten sie denn ihn beaufsichtigen?«

»Durch meine Auguste,« lächelte Sam.

»Wer ist das?«

»Das ist meine Braut, die bald meine Frau sein wird. Ich habe ihr telegraphirt, daß ich hier bin und einige Zeit hier bleiben werde. Sie kommt mit dem Vormittagszug hier an und ich quartire sie in die Meierei ein, in welcher der Derwisch als Frauenzimmer wohnen soll.«

»Hm!«

»Brummen Sie nicht abermals! Ich kann so ein Gebrumm nicht ausstehen.«

»Es fragt sich noch, ob Herr Steinbach Ihren gewagten Plan gut heißen würde.«

»Ganz gewiß. Ich kenne diesen Herrn so genau, daß ich seine Gedanken errathe. Wir müssen diesen Hallunken Gelegenheit geben, ihre Absichten auszuführen; erst dann können wir sie ihnen beweisen und dann wird ihre Strafe eine doppelt hohe sein. Nehmen Sie zum Beispiel den Pascha an. Was können wir gegen denselben vorbringen?«

»Alle seine früheren Thaten.«

»Die gehen den hiesigen Richtern nichts an, denn sie sind im Auslande geschehen.«

»Die Befreiung des Derwisches.«

»Ist eben nicht ausgeführt worden, wenn es nach Ihrem Willen gehen soll. Und überdies müssen Sie bedenken, daß sich dieser Gefangene nicht in den Händen der Behörde befindet. Wer ihn befreit, kann nicht bestraft werden, sondern vielleicht sind wir selbst straffällig, wenn wir einen Menschen ohne die Erlaubniß der hiesigen Behörde gefangen halten.«

»Die russischen Gerichte haben es erlaubt.«

»Aber die hiesigen nicht. Sobald wir die deutsche Grenze überschritten, galt die russische Genehmigung nicht mehr und wir waren gezwungen, den Kerl entweder frei zu lassen oder ihn den diesseitigen Behörden zu übergeben.«

»Nun, warum haben Sie dieses Letztere denn nicht gethan?«

»Weiß ich es? Es war Steinbach's Wille so und ich bin gewöhnt, den Wünschen dieses Herrn stets Folge zu leisten, denn ich habe erfahren, daß er immer das Richtige trifft.«

»Vielleicht war er grad hier unvorsichtig.«

»Schwerlich. Steinbach weiß stets ganz genau, was er will. Jedenfalls hat er gewisse Absichten, welche nicht zu erreichen sind, wenn er die Gerichte mit der Ausführung derselben betraut.«

»Mag Alles sein. Mir aber scheint, Sie riskiren zu viel.«

»Pah! Ich habe in meinem Leben schon oft viel mehr gewagt. Denken Sie, welch ein Gaudium es sein wird, wenn diese drei Kerls sich rächen wollen und dabei doch selbst in die Falle gehen! Welchen Spaß muß es geben, wenn sie glauben, Zykyma und Tschita zu entführen und – – –«

»Was!« fiel der Oberst erschrocken ein. »Auch das wollen Sie zugeben?«

»Freilich!«

»Das wäre fatal!«

»Pah! Ich würde dafür sorgen, daß sie die beiden Damen nicht lange haben würden.«

»Zugegeben, daß Ihnen das gelingt, so ist es doch für solche Damen schon ein Unglück, sich nur für eine Stunde in der Gewalt dieser Menschen zu befinden.«

»Da gebe ich Ihnen Recht. Aber wie nun, wenn sie die beiden Damen gar nicht bekommen?«

»Wenn sie sie entführen sollen, müssen sie sie ja bekommen?«

»Oder Andere.«

»Ah, Sie wollen andere Personen unterschieben?«

»Ja.«

»Das würden sie merken.«

»Schwerlich. Die That wird natürlich des Nachts geschehen und wir werden unsere Vorbereitungen so gut treffen, daß der Anschlag gar nicht mißlingen kann.«

»Mag sein; aber ich bleibe dabei, daß Sie viel zu kühn, ja verwegen sind.«

»Und Sie sind viel zu bedenklich. Ich bin vollständig überzeugt, daß Steinbach später Alles gutheißen wird, was ich unternehme. Uebrigens ist es ja auch noch gar nicht so bestimmt und sicher, daß meine Absichten zur Ausführung kommen. Es haben andere Leute vorher ihre Zustimmung zu ertheilen und darum, werden wir uns jetzt zu Normann begeben. Dort wird es sich entscheiden, was wir thun werden.«

»Als sie nun Miene machten, aufzubrechen, fragte der Schließer:

»Wollen Sie mir nicht für morgen Ihre Befehle ertheilen, Herr Barth?«'

»Da giebt es gar nichts zu befehlen. Sie wissen ja, was Sie zu thun haben.«

»Ich antworte ihnen den Gefangenen aus?«

»Ja und nehmen dafür den Wechsel in Empfang.«

»Ich werde gehorchen, lehne aber natürlich jede Verantwortlichkeit von mir ab, wenn sich später Differenzen herausstellen sollten.«

»Sie handeln in meinem Auftrage und ich verantworte Alles. Ich bin es, der Ihnen den Gefangenen übergeben hat, folglich bin ich es auch, der über ihn verfügen darf. Was ich thue, brauchen also nicht Sie zu verantworten. Sollte ich meinen Plan ändern, so komme ich, es Ihnen mitzutheilen. Erhalten Sie aber keine solche Benachrichtigung, so lassen Sie den Kerl frei.«

»Wie habe ich mich des Tages über zu ihm zu verhalten?«

»Sie thun heimlich freundlich mit ihm. Stecken Sie ihm etwas gutes Essen zu, irgend eine Delikatesse, einige Cigarren vielleicht; das wird ihm Vertrauen zu Ihnen machen. Und nun wollen wir gehen. Es giebt hier nichts mehr zu besprechen. Da jedoch die Möglichkeit vorliegt, daß der Pascha und der Agent sich noch in der Nähe des Schlosses befinden, vielleicht um zu lauschen, und zu recognosciren, so werden Sie uns jetzt so hinaus lassen, daß wir nicht bemerkt werden können.«

»Da giebt es eben nur dasselbe Pförtchen, durch welches ich auch die Beiden gehen ließ.«

»Gut! Dort sind sie jedenfalls nicht stehen geblieben, denn dort an der einsamen Mauer giebt es ja nichts zu erfahren. Wenn sie lauschen, so thun sie das an den offenen Seiten des Schlosses. Kommen Sie!«

Er wurde mit dem Oberst durch das Pförtchen gelassen. Dabei machten sie aber so leise, daß selbst auf nur einige Schritte hin nicht das geringste Geräusch zu hören war. Dann schlichen sich die Beiden der Mauer entlang und der Straße zu, welche den Schloßberg hinabführte.

Sie wollten nach Normanns Villa und hielten sich auf dem Wege dorthin stets so im Schatten, daß sie nicht gesehen werden konnten.

Nur wenige Laternen brannten noch. Ein einsamer Wanderer kam ihnen entgegen, aber auf der andern Seite der Straße.

»Stillstehen!« flüsterte Sam. »Drücken Sie sich hier eng an den Zaun. Die Laterne beleuchtet uns nicht. Wir können nicht gesehen werden.«

Sie verhielten sich ruhig. Der Mann ging jenseits langsam vorüber. Er kam dabei in den Kreis des Laternenlichtes.

»Kennen Sie ihn?« flüsterte Sam.

»Ja. Es war der Pascha.«

»Er hat den Agenten nach Hause begleitet. Wie unvorsichtig von den beiden Kerls!«

»Sie scheinen so sicher zu sein, daß ihr Anschlag gelingen werde, daß sie eine so strenge Vorsicht gar nicht mehr für geboten halten.«

»Das ist gut für uns. Nun kommt es zunächst darauf an, zu erfahren, ob der Agent auch wirklich schon daheim ist oder ob er sich vielleicht im Garten herumschleicht. Er darf uns natürlich nicht zu Normanns kommen hören. Gehen wir nach seiner Wohnung. Aber treten Sie leise auf.«

Sie bewegten sich vorsichtig weiter. Als sie die Villa Normanns, dessen Grundstück eine Ecke bildete, erreichten, huschten sie links ab. Bald bemerkten sie in des Agenten Wohnung Licht und da die Gardinen nicht genau schlossen, sahen sie sogar seine Gestalt. Er war barhäuptig und hatte auch schon den Rock ausgezogen. Sie bemerkten ganz deutlich, daß er sich soeben seiner Halsbinde entledigte.

»Der ist daheim und geht nicht wieder fort,« meinte Sam. »Wir sind sicher. Aber dennoch dürfen wir bei Normanns nicht klingeln; das könnte ihm auffallen. Wir steigen über den Zaun. Sie bringen das doch fertig?«

»Nicht schwerer als Sie.«

Sie stiegen leise über und huschten nach dem Eingange des Hauses. Dieses Letztere zeigte keine Spur von Licht. Die Läden waren verschlossen, denn der Agent sollte nicht ahnen, daß die Bewohner alle noch wach und munter seien. Sam klopfte leise an der Thür und es wurde sofort geöffnet. Man hatte ihn bereits mit Ungeduld erwartet.

Sie saßen Alle im Salon. Die erste Aufregung des Wiedersehens war vorüber; man hatte sich einstweilen wenigstens oberflächlich die gegenseitigen Leiden und Erlebnisse mitgetheilt und wenn die Herzen auch noch lange nicht zur Ruhe gekommen waren, so war doch die nöthige Fassung vorhanden, Sams Bericht entgegen zu nehmen und die darauf bezüglichen Beschlüsse zu fassen.

Was für Beschlüsse das waren, das sollte sich bereits am nächsten Morgen zeigen.

Der Agent Schubert stand sehr zeitig auf, um mit dem frohen Morgenzuge nach der Residenz zu fahren. Er kam gerade zur rechten Zeit, sich ein Retourbillet zu lösen und dann in ein Coupée zweiter Classe zu steigen.

Er hatte eine Dame, welche einsam und wartend in der Nähe des Einganges zum Bahnhofsgebäude stand, gar nicht beachtet. Als sie ihn kommen sah, trat sie zurück und ließ ihn vorüber. Dann als er sein Coupée bestiegen hatte, nahm sie in einem solchen dritter Classe Platz.

Sie war vielleicht in der Mitte der Zwanziger stehend, sehr hübsch und hatte ein vornehmes Aussehen. Man mußte der Meinung sein, daß sie unbedingt den besseren Ständen angehöre. Wirklich rückten auch die Passagiere, welche bereits in dem Coupée saßen, respektvoll zusammen, denn eine Dame in Schleier und grauseidenem Reisekleide ist in dritter Classe eine Seltenheit.

Als der Schaffner erschien, um die Billets zu coupiren, war er sehr verwundert, als er von ihr ein solches zweiter Classe erhielt. Da sie aber so vornehm mit der Hand winkte, schwieg er. Sie mochte ihren besonderen Grund haben, dieses Coupée gewählt zu haben.«

In der Residenz angekommen, ließ sie erst die Anderen aussteigen und blieb auch dann noch eine kurze Zeit im Wagen. Sie blickte vorsichtig zum Fenster hinaus, um den Agenten zu beobachten. Als derselbe den Perron verlassen hatte, stieg sie aus und ging ihm nach. Er nahm eine Droschke und fuhr fort. Sogleich bestieg auch sie eine solche und gab dem Kutscher den Befehl, ihm zu folgen und stets in einiger Entfernung hinter ihn zu halten, wo er auch halten lasse, doch so, daß es nicht auffallen könne.

So folgte sie ihm überall hin, zu einigen Friseuren und in mehrere Wäsche- und Confectionsgeschäfte.

Er schien es sehr eilig zu haben. Er wollte bereits mit dem nächsten Zuge zurück, denn er hatte ja so viele Vorbereitungen zu treffen und noch im Laufe des Vormittags nach der erwähnten Meierei zu gehen, um dort dem verkleideten Derwisch ein Logis zu miethen.

Als er seine Einkäufe gemacht hatte, fuhr er direct nach dem Bahnhofe, obgleich er bis zum Abgange des Zuges mehr als eine halbe Stunde Zeit hatte. Die Dame fuhr hinter ihm her. Während er noch mit den eingekauften Packeten zu thun hatte, stieg sie aus, bezahlte den Kutscher, gebot ihm Schweigen, welchem Befehle sie durch ein gutes Trinkgeld Nachdruck gab, löste sich nun ein Billet zweiter Classe und trat in den Wartesalon dieser Classe ein.

Bald kam auch er herein, gefolgt von dem Kutscher, welcher ihm die Effecten nachtrug.

Die Dame that, als ob sie ihm keine Aufmerksamkeit schenke, beobachtete ihn aber nichts desto weniger sehr genau.

Sie war in dergleichen nicht unerfahren. Sie war die Schwester jenes Geheimpolizisten, welcher sich gestern für den Getreidehändler Weber ausgegeben hatte. Sie war von demselben oft benutzt worden, geheime Aufträge auszuführen, welche in die Hand einer Dame gelegt werden mußte und hatte sich da eine gute Uebung angeeignet.

Als der Agent den Kutscher abgelohnt hatte, sah er sich im Saale um. Er erblickte die Dame und beobachtete sie. Sie war jung, schön, vornehm und, wie es schien, wohlhabend. Für solche Damen pflegt ein Agent sich zu interessiren. Darum sah er sie daraufhin an, ob er es wohl wagen könne, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen.

Sie schien ihm jetzt auch einige Aufmerksamkeit zu widmen, allerdings mit der nöthigen weiblichen Zurückhaltung. Er sah, daß sie sich langweilte. Das ließ ihm hoffen, daß sie eine höfliche Anfrage seinerseits wohl nicht streng zurückweisen werde.

Er stand auf und wanderte langsam im Saale auf und ab wie Einer, dem die Zeit sehr lang wird. Sie merkte seine Absicht sehr wohl; sie hegte ja ganz dieselbe; sie wollte womöglich in ein und dasselbe Coupée mit ihm fahren. Um ihm die Annäherung zu erleichtern, wartete sie, bis er abermals an ihr vorüberschritt und stieß dann scheinbar aus Versehen ihren Schirm um, welcher am Stuhle lehnte. Sofort sprang er herbei und bückte sich, denselben aufzuheben und ihr darzureichen.

Sie bedankte sich natürlich auf das Allerhöflichste und nun hatte er Veranlassung, von ihr keine Zurückweisung zu erwarten.

»Wie lange das dauert,« sagte er seufzend. »Man ist verwöhnt. Die Beförderung des Menschen, wenn er sich auf Reisen befindet, ist gegen früher eine unvergleichlich schnelle und doch begnügt man sich nicht damit. Man möchte am Liebsten mit der Schnelligkeit des Telegraphen fahren.«

»Sind die Herren der Schöpfung wirklich so unbescheiden?« fragte sie lächelnd.

»O, unbescheiden ist es nicht. Man pflegt eben der Zeit und ihren Erfindungen gern vorauseilen zu wollen. Ich möchte das lieber Ungeduld nennen. Denken Sie sich, wie unbequem es ist, tagelang im Coupée sitzen zu müssen!«

»Das muß allerdings ermüdend sein.«

»Schrecklich! Ich habe das sehr oft erfahren.«

»Befinden Sie sich auch jetzt auf einer so weiten Tour?«

»Nein. Und Sie?«

»Auch meine Reise ist kurz.«

»Ich fahre nur nach Wiesenstein.«

Dabei blickte er sie ausfordernd an, als ob er nun dafür auch von ihr die Mittheilung erwarte, wohin sie fahre.

»Ich ebenfalls,« antwortete sie, sehr genau auf seine Absicht eingehend.

»Freut mich, freut mich!« sagte er. »Ich bin als Sommerfrischler dort.«

»Und ich habe eine Verwandte dort, welche ich zu besuchen gedenke.«

»Mir ist, als ob ich Sie bereits gesehen habe, gnädiges Fräulein. Entschuldigen Sie!«

Das war keine Redensart. Sie wohnte ja dort und darum war es nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich, daß er sie gesehen hatte.

»Möglich,« antwortete sie. »Ich bin sehr oft in Wiesenstein. Ich habe mich mit der Tante so lieb, daß sie mich nur ungern scheiden läßt. Und kaum bin ich fort, so soll ich wiederkommen.«

»Damit geben Sie sich selbst ein sehr vortreffliches Zeugniß, gnädiges Fräulein. Wer so geliebt wird, ist auch werth, geliebt zu sein.«

»O bitte!« meinte sie erröthend.

»Und ebenso liebenswürdig muß auch Ihre Frau Tante sein. Ich möchte wohl wissen, ob ich sie kenne.«

»Wohl schwerlich.«

»Vielleicht doch!«

»Sie lebt sehr zurückgezogen.«

»Und Sie also auch, wenn Sie sich dort befinden.«

»Allerdings. Ich muß mich natürlich den Gewohnheiten der Tante fügen, obgleich ich eine kleine Zerstreuung sonst nicht zurückweise.«

»Ah, recht so! Das Leben gehört der Jugend, wenn ich auch der Genuß- und Vergnügungssucht das Wort nicht rede. Wer eine Tante ist, mag sich der Einsiedelei hingeben; aber wer eine solche Nichte ist wie Sie, der hat gewisse heilige Rechte an das Leben, welche man nöthigenfalls gegen jede alte griesgrämige Tante vertheidigen muß.«

»O, griesgrämig ist die meinige nicht. Wir wohnen wunderbar schön in der allerdings etwas abgelegenen Schillerstraße und ich – – –«

»Schillerstraße?« fiel er ein. »Da wohne ich ja auch. Sie ist sehr kurz; die eine Seite wird nur ausschließlich aus Gärten gebildet und auf der andern Seite giebt es ja nur drei Häuser. Fast habe ich Lust, zu glauben, daß – – –«

Er hielt inne und ließ seinen erfreuten Blick auf ihr ruhen.

»Was wollen Sie glauben?« fragte sie.

»Daß – hm, ich weiß zwar nicht, wer die dritte Villa bewohnt, ob auch dort eine allein stehende Dame vorhanden ist. Aber Sie sagten, Ihre Frau Tante sei Wittwe?«

»Ja.«

»Bitte, wie heißt sie?«

»Frau Berthold.«

»Ahnte ich es doch. Bei dieser Dame wohne ich!«

»Wirklich? Oder irren Sie sich?«

»Ein Irrthum ist ausgeschlossen.«

»Aber ich weiß ja nichts davon.«

»Ich bin erst seit ganz Kurzem bei ihr.«

»Sie hätte es mir geschrieben!«

»Ich wohne seit gestern dort.«

»Ah, das ist etwas Anderes. Sie weiß, daß ich heut komme. Da hat sie es mir nicht geschrieben, selbst wenn sie andernfalls die Absicht gehabt hätte, es mir sofort mitzutheilen.«

»So bin ich herzlich erfreut, mich Ihnen bereits hier vorstellen zu können. Mein Name ist Schubert; ich bin Polizeiinspector.«

»Polizeiinspector! O weh!« rief sie lächelnd.

»Warum?«

»Ich habe eine gewisse Angst vor Alles, was Polizei heißt oder mit derselben zu thun hat.«

»Bitte, sich nicht zu fürchten. Ich bin allerdings Polizeiinspector, aber außer Dienst.«

»Das beruhigt mich.«

»Freut mich! Glauben Sie, am Bahnhofe von Ihrer Frau Tante abgeholt zu werden?«

»Jedenfalls.«

»So bitte ich, Sie wenigstens bis dahin unter meinen Schutz nehmen zu können.«

»Giebt es vielleicht Gründe, mich zu beschützen?«

Sie blickte sich in komischer Angst um.

»O nein,« lachte er. »Sie sehen mir trotz Ihrer gegentheiligen Versicherung gar nicht so furchtsam aus. Ich traue Ihnen vielmehr ein sehr gutes Theil Muth zu.«

»Irren Sie sich nicht?«

»Sie wissen wohl noch nicht, daß die Polizei sich niemals irrt.«

»In mir jedenfalls doch.«

»Dann sind Sie ein so interessanter weiblicher Charakter, daß ich schon aus psychologischem Interesse wünschen muß, Sie kennen zu lernen.«

»O, meine Wenigkeit ist so unbedeutend!«

»Das glaube ich nicht. Also, darf ich?«

»Was?«

»Sie kennen lernen?«

»Ist das vielleicht für mich mit Unannehmlichkeiten verknüpft?«

»O nein.«

»Nun, dann wollen wir es versuchen.«

»Und gute Freundschaft halten?«

»Vielleicht! Wenn Sie es werth sind.«

»O, versuchen Sie es nur! Zunächst bitte ich also, bei Ihnen Platz nehmen zu dürfen.«

Sie nickte zustimmend, und er setzte sich nieder.

Diese kurze Unterhaltung war von ihr in einer so reizend neckischen Weise geführt worden, daß er sich ganz gefangen fühlte. Er fand ein so großes Interesse an ihr, daß er seine sonstige Vorsicht, genau zu prüfen, vergaß.

Und in dem angefangenen heiteren Tone wurde das Gespräch fortgeführt.

»Wie lange werden Sie in Wiesenstein bleiben?« erkundigte er sich angelegentlich.

»Wohl nur kurze Zeit.«

»Wie schade!«

»Warum?«

»Die Antwort liegt bereits in meinem Ausrufe. Warum bleiben Sie nicht länger?«

»Weil ich keine Veranlassung dazu habe.«

»Sind Sie nicht Herrin Ihrer Zeit?«

»Sogar vollständig. Ich stehe ganz allein.«

»Wirklich? Sie haben keine Familie?«

»Nein. Ich bin – eine alte Jungfer.«

»Na,« meinte er heiter, »wollte Gott, daß es lauter solche alte Jungfern gebe, da würden die alten Junggesellen sehr bald alle werden!«

»Schmeichler!«

»Wahrheit!«

»Gehören Sie vielleicht auch zu dieser Menschenklasse?«

»Nein, ich bin nur Wittwer.«

»Das ist gleich. Ich hoffe, Sie bleiben ledig.«

»Hoffen? Wieso?«

»Was man erhofft, ist doch stets etwas Gutes?«

»Allerdings.«

»Nun; also ist es auch etwas sehr Wünschenswerthes, daß Sie von jetzt an ledig bleiben, denn Sie werden und machen dann nicht unglücklich.«

»Ah, Sie halten die Ehe für ein Unglück?«

»Für das größte, welches es giebt.«

»Andere denken anders.«

»Die verstehen es nicht.«

»Verstehen Sie es vielleicht besser?«

»Ja.«

»Als unverheirathete Dame!«

»Grad weil ich nicht verheirathet bin, sind meine Augen hell genug, alle Schatten zu erkennen.«

»So hat der ledige Stand keine Schatten?«

»Auch, aber keine so großen.«

Sie war wirklich allerliebst in ihrem reizenden Uebermuthe. Es wurde ihm ganz eigenthümlich zu Muthe. Es entfuhr ihm:

»O, wenn ich Sie bekehren könnte!«

»Glauben Sie denn anders als ich?«

»Muß ich denn nicht!«

»Warum?«

»Weil ich Sie vor mir sehe. Wer so vor Ihnen sitzt, wie ich, der kann unmöglich glauben, daß die Ehelosigkeit nicht glücklich mache.«

»Diesen Grund erkenne ich nicht an.«

»Aber ich sehe und fühle ihn. Auch ich habe zu Ihrer Fahne geschworen gehabt; ich hatte mir fest vorgenommen, nie wieder zu heirathen. Seit ich aber Sie sehe, sind diese Entschlüsse sehr ins Wanken gerathen.«

»Geht das so rasch bei Ihnen?«

»Sonst nicht; aber es schlägt für jeden Menschen einmal die Stunde.«

»Lassen Sie es ausschlagen; dann ists vorüber!«

»Nein, dann beginnt es erst recht.«

Da gab die Perronglocke das Zeichen, daß der Zug im Herannahen sei.

»Haben Sie Gepäck?« fragte der Agent, indem er von seinem Sitze aufstand.

»Es ist schon vorausgesandt.«

»Darf ich bitten, daß wir zusammenbleiben?«

»Gern.«

»So kommen Sie.«

Er winkte einen der Kofferträger herbei, der ihm die Packete nach dem Coupée tragen sollte, und gab dann der Dame den Arm, um sie hinaus zu führen. Sie nahm diese Höflichkeit als etwas ganz Selbstverständliches an.

Der Zug war ein durchgehender; er kam von weit her. Viele stiegen aus und Viele ein. Der Agent wünschte ein unbesetztes Coupée, erhielt aber von dem achselzuckenden Schaffner den Bescheid, daß kein solches vorhanden sei; ein einziges sei nur von einer Dame besetzt. Schubert erklärte sich bereit, dasselbe zu nehmen.

Die betreffende Dame war nicht mehr zu jung. Sie hatte wohl die Vierzig überschritten und war sehr anständig, aber nicht grad elegant gekleidet. Die vielen Handgepäckstücke, welche sie bei sich hatte, ließen vermuthen, daß sie weit herkomme.

Der Agent grüßte sie gar nicht. Er ärgerte sich darüber, mit seiner neuen Bekanntschaft nicht allein sein zu können. Diese Letztere nickte der Anderen herablassend zu und setzte sich dann Schubert gegenüber.

Als der Zug sich dann in Bewegung setzte, beeilte sich der Letztgenannte, die unterbrochene Unterhaltung wieder anzuknüpfen. Er befriedigte sich nach und nach immer mehr, als er bemerkte, daß die erste Passagierin ihnen gar keine Aufmerksamkeit schenkte und sich nur damit unterhielt, die scheinbar vorüberfliegende Gegend zu betrachten. Von ihr war keine Störung der Unterhaltung zu befürchten. Sie hörte vielleicht gar nicht auf dieselbe.

Schubert betrachtete zunächst sein reizendes Gegenüber genauer, doch ohne aus den Grenzen des Anstandes heraus zu treten. Sie war wirklich reizend. Eine Büste zum Entzücken und eine Taille zum Umfassen. Sie hatte sich des einen Handschuhes entledigt und ließ nun ein kleines, schneeweißes Händchen sehen, dessen rosige Nägel aus Blüthenduft geformt zu sein schienen. Das Gesicht war weich und doch geistreich. Ihm war anzusehen, daß die schöne Dame gewöhnt war, nachzudenken und selbstständig zu handeln.

Sie sah, daß er sie betrachtete, machte aber keine Bewegung, irgend einen Theil ihrer Gestalt seinen Blicken zu entziehen.

Das gefiel ihm. Sie war nicht prüde. Er hatte das, was er jetzt fühlte, noch niemals beim Anblicke einer Dame empfunden. Sie paßte für ihren heimlichen Beruf. Sie war ganz geeignet, Diejenigen, auf welche sie es abgesehen hatte, für sich auf's Tiefste zu interessiren.

»Ich wollte,« entfuhr es ihm mitten in seinen Gedanken, »ich könnte so mit Ihnen weiter fahren, weit, sehr weit.«

»Fahren Sie so gern? Vorhin sagten Sie das grade Gegentheil.«

»Nur mit Ihnen!«

»Das wäre doch zu sonderbar. Um bei Jemandem zu sein, braucht man doch nicht immer mit ihm zu fahren.«

»Das wohl; aber nur beim Fahren erhält man leichter die Gelegenheit, in der Nähe eines Menschen zu sein, den man sonst wohl meiden müßte.«

»Wollen Sie damit sagen, daß sie gern bei mir sein möchten?«

»Ja, grad das will ich sagen. Nehmen Sie mir das vielleicht übel?«

Sie blickte ihm nachdenklich, aber nicht zornig in die Augen und antwortete dann mild:

»Wenn ein Anderer mich nach so kurzer Bekanntschaft so fragte, würde ich ihn aus dem Coupée weisen lassen.«

»Mich aber nicht?«

»Nein. Sie könnte ich doch nicht in dieser Weise kränken.«

Er ergriff ihre eine entblößte Hand und drückte dieselbe an seine Lippen. Er flüsterte:

»Ich danke Ihnen. Sie glauben nicht, wie glücklich Sie mich mit diesen Worten machen.«

»Glücklich? O, ich höre, daß ich mich also dennoch in Ihnen irre. Ich glaubte, Sie richtig beurtheilt zu haben.«

»Sagen Sie, wie haben Sie mich beurtheilt?«

»Ich hielt Sie für einen Mann von ernsten, gereiften und soliden Eigenschaften.«

»Nun, bin ich das nicht?«

»Es scheint nicht so.«

»Warum? Was habe ich gethan, daß Sie dieses beglückende Urtheil so plötzlich ändern?«

»Nichts weiter, als daß Sie zu schmeicheln beginnen. Und Schmeichelei ist mir verhaßt.«

Es war ein Blick herzlichen Bedauerns, ein Blick der Enttäuschung, mit welchem sie durch das Fenster sah.

»Nehmen Sie dieses Urtheil zurück,« bat er dringend. »Ich bin nie im Leben ein Schmeichler gewesen. Meine Berufsstellung hat es nicht mit sich gebracht, daß ich den Leuten Sottisen sage. Sie meinten ja vorhin selbst, daß Sie sich vor Allem, was Polizei heißt, fürchten. Was ich sagte, ist aus dem Grunde meines Herzens gekommen.«

Da hellte sich ihr Gesicht zu einem schalkhaften Lächeln auf, als sie antwortete:

»Ja, auch vor Ihnen möchte ich mich fürchten. Es giebt Menschen, Menschen, die –«

Sie stockte.

»Was wollten Sie sagen? Sprechen Sie weiter!«

»Ich wollte sagen, daß es Menschen giebt, die man fürchten muß, auch wenn sie keine Polizeibeamten sind.«

»Warum?«

»Weil sie – gefährlich werden können.«

Er wußte nicht, ob er sie richtig verstand. Was hatte sie sagen wollen? Sprach sie aus dem Herzen oder wollte sie ihn nur äffen?

Aeffen! Hätte sie ihm in diesem Falle die Hand gelassen, die er seit dem Kusse bis jetzt festgehalten hatte? Wohl kaum.

Dieses Mädchen hatte es ihm angethan. Drei kleine Viertelstunden erst kannte er sie, und doch war es ihm, als ob sie eine Macht auf ihn ausübe, der er unmöglich zu widerstehen vermöge.

»Ich kann Ihnen doch nicht gefährlich werden!« meinte er in halb zärtlichem Flüstertone.

Sie sagte nichts. Sie zuckte kaum merklich die volle Achsel und blickte zum Fenster hinaus.

»Oder haben Sie wirklich gemeint, daß Sie sich vor mir hüten müßten?«

»Ja,« nickte sie.

»Warum? Komme ich Ihnen wie ein gefährlicher Mensch vor?«

»Das eben habe ich bereits vorhin gesagt.«

»Also doch gefährlich! Aber inwiefern?«

»Seelisch.«

Indem sie das sagte, schlug sie die Augen nieder, und eine feine Röthe glitt über ihr Gesicht.

Fast wäre auch er roth geworden, vor glücklicher Verlegenheit. Er, der gereifte Mann, der Wittwer, sollte Eigenschaften besitzen, welche geeignet seien, ihm in so kurzer Zeit so ein reizendes Wesen zu gewinnen! Es durchfluthete ihn eine Genugthuung, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nie empfunden hatte.

»Seelisch, seelisch,« wiederholte er. »Sie wollen mich in Verlegenheit bringen!«

»Nein, das beabsichtige ich nicht.«

Und während ein neckisches Lächeln über ihr Gesicht flog, fuhr sie fort:

»Uebrigens würde das nur eine sehr gerechte Strafe für Sie sein, da Sie ja vorhin bezweckten, mich in Verlegenheit zu setzen.«

»Das hat mir nicht einfallen können. Es ist weder meine Absicht gewesen, Ihnen zu schmeicheln, noch Ihnen das innere Gleichgewicht zu rauben. Ich habe ganz einfach nur meinen Gefühlen Ausdruck verliehen. War das ein Unrecht, so bitte ich um Verzeihung. Ich habe es freilich nicht für möglich gehalten, daß ein einziger Augenblick im Stande sei, im Herzen eines sonst so kaltblütigen Mannes eine solche Revolte hervorzubringen.«

»Bitte, schweigen Sie!« bat sie ängstlich.

»Und doch möchte ich so gern weiter sprechen.«

»Nein, nein!«

Sie entzog ihm jetzt ihre Hand, erst jetzt.

»Gut, wenn Sie es wünschen, so werde ich schweigen. Aber ich knüpfe zwei Bedingungen daran.«

»Haben Sie das Recht, Bedingungen zu machen?«

»Nein, aber ich bitte dennoch um die Erlaubniß, sie aussprechen zu dürfen.«

»So will ich es erlauben.«

»Ich behalte mir vor, auf den Gegenstand unseres Gespräches zurückkommen zu dürfen.«

»Wäre das nicht zwecklos?«

»Von meiner Seite nicht. Darf ich?«

Erst nach einigem Nachdenken antwortete sie:

»Ich kann Ihnen nicht verbieten, zu sagen, was Ihnen beliebt. Ich bin ja nicht gezwungen, es anzuhören.«

»Nein, Sie sind nicht verpflichtet dazu, aber ich würde mich sehr glücklich fühlen, wenn Sie mir dennoch Ihr Ohr leihen wollten.«

»Vielleicht.«

»Nein, nicht vielleicht, sondern gewiß!«

»O bitte, seien Sie doch nicht so dringend. Wer wird eine Festung stürmen, noch bevor er die Laufgräben eröffnet hat!«

»Gut, ich werde die Laufgräben eröffnen. Ich constatire, daß bereits die erste Parallele angelegt ist. Und nun komme ich zu meiner zweiten Bedingung – –«

»Bitte, bitte, keine Bedingung weiter!«

»Verzeihung, ich muß doch –«

Er wollte ihre Hand wieder ergreifen; sie aber entzog sie ihm und fiel ihm in die Rede:

»Nein. Ich mag keine weitere hören: Ihre Bedingungen scheinen so zu sein, daß man viel leichter auf dieselben eingehen kann, wenn man sie gar nicht anhört.«

»Ah, gnädiges Fräulein, das ist ein Trost!«

»Das finde ich nicht.«

»O doch! Ich werde Ihnen also gar keine Bedingung stellen. Ich werde die Festung stürmen, ohne vorher parlamentirt zu haben.«

»Sind Sie so kühn?«

»Unter Umständen, ja. Hassen Sie den Muth?«

»O nein, ich liebe vielmehr die Verwegenheit, wenn sie – nicht gegen mich gerichtet ist.«

»Gegen, gegen Sie gewiß nicht, denn es soll ja Alles für Sie und nicht wider Sie geschehen.«

»Schön! Nun aber lassen wir diesen heiklen Gegenstand fallen. Hoffentlich haben Sie andere und bessere Mittel, eine Mitreisende zu unterhalten.«

Er schüttelte den Kopf.

»Bessere gewiß nicht. Aber Sie haben recht. Wir können ja von den herkömmlichen Alltäglichkeiten sprechen, von Wind und Wetter, Krieg und Frieden, von dem Kartoffelkäfer und der letzten Sonnenfinsterniß.«

»Ah, also auch ironisch können Sie sein!«

»Wenn es gewünscht wird, ja; eigentlich aber habe ich keine besonderen Anlagen dazu.«

»So lassen wir es lieber sein. Wie gefällt Ihnen meine Tante, Frau Berthold?«

»Sie ist eine gute, ehrwürdige Frau, der ich eine solche Nichte von Herzen gönne.«

»Beginnen Sie nicht schon wieder! Haben Sie sich auch den benachbarten Herrschaften vorgestellt?«

»Wen meinen Sie?«

»Maler Normanns.«

»Hm, ja!«

Er sagte das in gedehntem Tone.

»Das sprechen Sie so verdrießlich aus. Sind Sie vielleicht nicht angenommen worden?«

»O doch.«

»Schon glaubte ich, Sie seien abgewiesen worden, was bei Normanns gar nicht zu verwundern wäre. Sie leben sehr einsam und beabsichtigen nicht, Bekanntschaften anzuknüpfen.«

»Das scheint allerdings so.«

»Nicht wahr? Also daß Sie überhaupt vorgelassen worden sind, ist bereits eine Ausnahme, über welche Sie sich freuen können.«

*

102

»Danke! Ein Maler wird doch wirklich Besuche empfangen!«

»Geschäftsbesuche, ja.«

»Normann hat vielleicht auch den meinigen für einen solchen gehalten, sonst wäre ich wohl sofort abgewiesen worden. Ich bilde mir also gar nichts darauf ein, in sein Atelier treten zu dürfen.«

»Sind Sie unfreundlich behandelt worden?«

»Mehr als das.«

»Also grob?«

»Grob und sogar noch schlimmer. Man glaubte mit mir scherzen zu dürfen.«

»Ah! Und das haben Sie geduldet?«

»Keineswegs. Ich habe ihnen sehr offen gesagt, wie ein gebildeter Mann ein solches Verhalten finden muß.«

»Recht so, recht so!«

Sie sagte das in so zustimmendem Tone, daß er verwundert zu ihr aufblickte.

»Wie? Sie freuen sich darüber?«

»Gewiß! Warum sollte ich nicht?«

»So hassen Sie diese Normanns auch?«

»Hassen? O nein. Das ist das richtige Wort nicht. Ich hasse sie nicht, und ich verachte sie nicht; sie sind mir eben so wenig gleichgiltig. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Es giebt nämlich kein passendes Wort für das, was ich sagen möchte.«

»Aber Sie sind ihnen unsympathisch?«

»Im höchsten Grade.«

»Ah, sind Sie auch beleidigt worden?«

»O nein. Man ist mir ganz im Gegentheile mit größter Zuvorkommenheit entgegengetreten.«

»So verkehren Sie mit ihnen?«

»So oft ich mich in Wiesenstein befinde.«

»Dann ist man gegen Sie freundlicher gewesen, als gegen mich.«

»Ich sage Ihnen ja, daß ich höchst zuvorkommend behandelt worden bin. Nicht ich habe mich an sie gedrängt, sondern sie haben mich eingeladen, über den Zaun herüber, wissen Sie, so recht nachbarlich.«

»Das ist ja reizend!«

»Aber ich bin ihnen keineswegs dankbar dafür.«

»Wirklich nicht?«

»Nein, gar nicht, denn nun bin ich gezwungen, sie fast täglich zu besuchen.«

»Ah, Sie verkehren mit ihnen?«

»Natürlich!«

»Das ist mir interessant!«

»Warum?«

»Davon vielleicht später einmal. Sind diese Leute nur höflich mit Ihnen, oder –«

»Oder – –? Was meinen Sie?«

»Oder haben sie Ihnen irgend ein Vertrauen geschenkt?«

»Ich weiß nicht, was ich darunter verstehen soll, wenn Sie sagen, irgend ein Vertrauen geschenkt. Wollen Sie sich nicht deutlicher ausdrücken?«

»Deutlicher könnte ich erst später sprechen. Für jetzt möchte ich fragen, ob der Verkehr ein herzlicher, ein freundschaftlicher ist.«

»Von ihrer Seite allerdings.«

»Aber von der Ihrigen nicht?«

»Nein. Ich muß mich zwingen.«

»Warum? Hat man Sie einmal beleidigt?«

»Sehr!«

»Womit?«

Jetzt ahmte sie ihm nach, indem sie antwortete:

»Davon vielleicht später.«

»Warum jetzt nicht?«

»Weil Sie ebenso zurückhaltend sind.«

»Wir müssen uns ja erst kennen lernen!«

»Allerdings, und darum dürfen Sie von mir nicht mehr Offenheit erwarten, als Sie mir zeigen. Uebrigens hätte ich diese Beleidigung vielleicht verziehen, aber ich passe nicht zu ihnen. Sie sind stolz, kalt und prätenziös, während ich ein offenes und heiteres Temperament besitze, mich gern unterhalte und einem jeden Dinge die gute, die lichte Seite abzugewinnen suche. Da fühle ich mich bei den Normanns wie in einer Klosterzelle; es friert mich im Gemüthe und ich reiße aus, so schnell es mir möglich ist.«

»Ja, das glaube ich Ihnen,« nickte er lächelnd. »So sind Sie, ganz genau so, heiter und hell wie ein Sonnenstrahl. Da passen Sie nicht zu diesen Leuten. Woher stammt denn dieser Maler eigentlich?«

»Das weiß ich nicht.«

»Und seine Frau?«

»Ist eine Deutsche.«

»Ich glaube, das Gegentheil gehört zu haben.«

»So hat man Sie falsch berichtet.«

»Schwerlich! Wissen Sie, wir von der Polizei, wenn wir uns auch bereits a. D. schreiben, haben doch noch unsere scharfen Augen und Ohren!«

»Hm! Ich weiß kein Wort.«

»Auch über die Freundin nicht, die mit dort wohnt, ich glaube, sie heißt Zykyma?«

»Nun, sie stammt ebenfalls aus Deutschland.«

»O nein!«

»Nicht? Man hat mir aber doch so gesagt!«

»So hat man Sie belogen!«

»Das wollte ich mir verbitten!«

Ihre Augen leuchteten zornig auf.

»Verbitten Sie es sich oder nicht, man hat Ihnen doch die Unwahrheit gesagt.«

»Das wäre ja niederträchtig!«

»Gewiß! Wissen Sie, wie die Frau Normann heißt?«

»Tschita.«

»Richtig! Und wissen Sie auch, was für ein Name das ist, welcher Sprache er angehört?«

»Nun?«

»Es ist ein türkischer.«

»Was Sie sagen!«

»Ja, ein türkischer. Und Zykyma ist ganz ebenso türkisch. Diese beiden Damen sind Türkinnen, und Normann schämt sich, dies zu sagen.«

»Herr, Sie setzen mich in das allergrößte Erstaunen! Sie müssen sich irren!«

»O nein, ich weiß das genau.«

Sie machte ein ganz betroffenes Gesicht, schlug die kleinen Händchen zusammen und rief:

»Türkinnen! Ist's die Möglichkeit!«

»Ja, Türkinnen,« wiederholte er.

»Woher wissen Sie das?«

»Aus einer sehr guten Quelle.«

»Darf man dieselbe erfahren?«

»Später vielleicht.«

»Gehen Sie mit Ihrem später! Jetzt will ich es wissen, gleich jetzt!«

»Geduld, Geduld! So schnell eilt man nicht.«

»Wer soll da Geduld haben, wenn man so Außerordentliches zu hören bekommt! Und mir haben sie es verschwiegen! Mich haben sie belogen!«

»Ja, schändlich belogen,« stimmte er bei.

Es lag ihm sehr daran, ihren Zorn möglichst zu steigern.

»Das ist unverzeihlich! Nicht?«

»Natürlich! Und noch wissen Sie nicht Alles.«

»Was denn, was weiß ich noch nicht?«

»O, man getraut sich kaum, es zu sagen.«

»Warum denn?«

»Weil es geradezu unglaublich ist.«

Sie rückte wie elektrisirt auf ihrem Sitze hin und her. Ihre Augen glänzten vor Begierde.

»Heraus damit, heraus!« sagte sie.

»Hm! Ich habe noch zu Niemand davon gesprochen.«

»Aber mir werden Sie es sagen?«

»Ich möchte wohl, aber – –«

»Was aber! Hier giebt es gar kein Aber.«

»O doch! Man soll nicht davon sprechen.«

»Meinen Sie denn, daß ich eine Plaudertasche bin?«

»Nein. Ich halte Sie im Gegentheile für eine sehr verschwiegene Dame. Habe ich da Recht?«

»Natürlich, natürlich.«

»Und weil ich außerdem ein so großes Interesse an Ihnen finde, möchte ich eine Ausnahme machen.«

»Thun Sie das, aber schnell!«

»Aber bei Ihnen soll auch Alles gleich blitzschnell gehen, Sie kleine, liebe Ungeduld!«

»Und Sie zerren den Faden so lang, daß es Einem angst vor dem Zerreißen wird.«

»Versprechen Sie mir zu schweigen?«

»Ja, hier meine Hand darauf.«

Sie schlugen ein. Er fuhr leise fort:

»So will ich Ihnen sagen, daß Tschita und Zykyma bereits verheirathet waren.«

»Herrgott!«

»Ja, sie waren verheirathet. Sie sind aber ausgerissen.«

»Ausgerissen! Also ihren Männern?«

»Ihrem Manne.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Sie hatten Beide einen und denselben Mann.«

»Gerechter Gott! Polygamie!«

»Nein, sondern Polyandrie nennt man das.«

»Vielmännerei!«

»Oder nein! Wir haben uns Beide geirrt. Wenn ich so in Ihr hübsches Gesichtchen sehe, wie Ihre Augen vor Erstaunen noch einmal so groß werden, da verliere ich ganz den Unterschied zwischen Vielmännerei und Vielweiberei.«

Es war wirklich so. Sein Blick hing nur an ihrem Gesichte, welches durch die über dasselbe gehenden Gefühle, die sich in schnellem Wechsel folgten, außerordentlich fesselnd wurde.

»Zwei Weiber und ein Mann!« sagte sie, die Hände in einander legend. »Das ist ja schrecklich; das wird doch bestraft!«

»Hier bei uns, ja.«

»Nun also!«

»Aber in der Türkei nicht!«

»Ach so! Sie sind also wirklich echte Türkinnen?«

»Natürlich.«

»Wie sind sie aber denn hierher gekommen?«

»Normann hat sie entführt.«

»Entführt! Mein Heiland! Schrecklich!«

»Sie sehen, in welcher Gesellschaft Sie sich befunden haben! Meinen Sie nicht auch?«

»In einer entsetzlichen Gesellschaft! Man muß ja gewärtig sein, daß nun dieser Normann mit ihnen in Vielweiberei lebt!«

Das war ein neuer Gesichtspunkt, ein ganz neuer, über welchen Schubert beinahe laut aufgelacht hätte. Aber er bezwang sich und antwortete ganz ernst:

»Das muß man gewärtig sein.«

»Glauben Sie?«

»Na, solchen Türkinnen ist es ja ganz egal, ob eine Jede ihren eigenen Mann hat oder ob sie einen in Compagnie besitzen.«

»Einen Mann in Compagnie! Ich würde sterben! Ich will einen Mann für mich, ganz allein für mich! Hören Sie!«

»Hm!« lachte er. »Vorhin wollten Sie gar keinen.«

»Schweigen Sie! Ich spreche natürlich von dem Falle, daß ich heirathen würde. Da theile ich meinen Mann mit keiner Andern!«

»Das sollen Sie auch nicht. Sie sind eine Christin; aber diese beiden Heidinnen – –«

»Heidinnen!« rief sie. »Was werde ich noch zu hören bekommen! Heidinnen, Heidinnen!«

Sie zeigte jetzt ein solches Erstaunen, daß es gar nicht größer sein konnte.

»Halten Sie das für glaubhaft?«

»Eigentlich nein.«

»Und doch ist es wahr.«

»Wenn sie es mir nicht versicherten, so würde ich es für die größte Lüge halten.«

»Sie können es glauben. Meine Quelle ist gut.«

»Von wem wissen Sie es denn?«

»Lassen Sie mich das noch verschweigen. Ich habe meine Gründe, jetzt nicht davon zu sprechen.«

»Aber später werde ich es erfahren?«

»Vielleicht.«

»Kein vielleicht! Sehen Sie denn nicht, daß ich vor Begierde brenne, mehr zu erfahren?«

»Ja, Sie sind ganz erregt; aber ich darf jetzt wirklich nicht mehr sagen; aber da Sie sich so sehr dafür interessiren, können Sie sich an der Sache sogar mit betheiligen.«

»Betheiligen? Soll ich mich etwa auch dieser Polygamie ergeben?«

»O nein, o nein. Ich meine es anders. Ich wollte sagen, daß Sie vielleicht in dieser Angelegenheit auch beschäftigt werden können.«

»Das wäre ja außerordentlich interessant!«

»Meinen Sie?«

»Ja, natürlich!«

»Nun, wollen sehen!«

»Was denn? Was wollen Sie sehen? Ach, jetzt begreife ich, jetzt verstehe ich!«

»Nun, was begreifen Sie?«

»Daß Sie kein a. D., kein Beamter außer Dienst sind, sondern Sie amtiren noch jetzt.«

Daß sie auf diesen Gedanken zu kommen schien, war ihm außerordentlich lieb. Auf diese Weise konnte er hoffen, in ihr eine Verbündete zu gewinnen. Er hütete sich darum gar wohl sie zu enttäuschen, sondern er meinte bedeutsam lächelnd:

»Was Sie für ein kleiner Scharfsinn sind!«

»Nicht wahr? Ich habe Recht?«

»Ich darf weder Ja noch Nein sagen. Gewisse Rücksichten verbieten mir das.«

»Schön, ich begreife. Ihr Amtseid verbietet Ihnen, diese Sachen auszuplaudern. Nicht wahr?«

»Ich darf nicht antworten.«

»Gut, aber mir ist es nicht verboten, meine Gedanken auszusprechen. Sie sind ein geheimer Polizist und haben sich dienstlich mit diesem Falle von Vielweiberei zu beschäftigen. Ist's so?«

»Ich kann es nicht eingestehen. Aber angenommen, es wäre so, was dann?«

»Sie haben sich diesen Normanns vorgestellt und sind abgewiesen worden, weil man ahnte, wer Sie sind – –?«

»Möglich.«

»Nun suchen Sie, diesen Leuten auf andere Weise beizukommen. Habe ich Recht?«

»Nehmen Sie einmal an, es wäre so.«

»Schön! Aber Sie wissen nicht, wie es anfangen?«

»Allerdings nicht.«

»So weiß ich es!«

»Sie? Wieso?«

»Sie müssen sich an Jemand wenden, der in dieser Familie verkehrt. Das ist das Beste.«

»Vergeblicher Rath!«

»Nicht vergeblich!«

»Gewiß, denn die Familie verkehrt ja eben leider mit gar Niemandem.«

»Nicht? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich in der Villa verkehre? Haben Sie das vergessen?«

»Sie? Ach ja! Aber das ist etwas anderes.«

»Wieso?«

»Was habe ich davon, wenn Sie bei den Normanns aus und ein gehen?«

»Sehr viel, unter Umständen.«

»Meinen Sie? Ich glaube nicht. Ja, wenn Sie ein Mann wären!«

»Warum ein Mann?«

»Dann würden Sie sich beleidigt fühlen, daß man Sie belogen hat, daß man Sie zwang, mit Heidinnen zu verkehren.«

»Nun, bin ich etwa so sehr gleichgiltig dabei?«

»Ich – weiß nicht!«

»So, Sie wissen nicht! Glauben Sie, eine Dame habe kein Ehrgefühl? Glauben Sie, eine Dame könne nicht beleidigt werden?«

»Ja, aber – –«

»Nun, was wieder?«

»Nein, aber sie nimmt es ruhig hin.«

»Denken Sie? Da irren Sie sich gewaltig. Auch ein Weib kann sich rächen. Und übrigens brauchen wir gar nicht große Reden über diesen Fall zu wechseln. Ich bin beleidigt; ich kann diese Normanns nicht ausstehen; ich mag nichts von ihnen wissen, folglich stelle ich mich Ihnen zu Diensten.«

»Ernstlich?«

»Mit vollem Ernste. Nehmen Sie mich an?«

»Ich – ich – ich kenne Sie ja nicht.«

»Ich Sie auch nicht.«

»Ich weiß nicht, ob Sie Ernst machen. Sie können mich ja täuschen. Dann wäre der Schaden für mich geradezu unheilbar.«

»Aus welchem Grunde sollte ich Sie täuschen?«

»Aus Liebe zu den Normanns.«

»Schweigen Sie. Diese Menschen haben mich tödtlich beleidigt. Ich kann ihnen niemals verzeihen!«

»Darf ich das glauben?«

»Gewiß! Uebrigens vertrauen Sie mir oder nicht; in meinem eigenen Interesse biete ich mich Ihnen nicht an. Was habe ich davon, nichts! Ich werde niemals wieder zu Normanns gehen. Damit ist für mich die Sache abgemacht.«

»Nein, Sie müssen grad zu ihnen gehen!«

»Wozu? Um mich abermals und weiter fort beleidigen zu lassen?«

»Nein, sondern um – – ah, ich will Ihnen Vertrauen schenken. Sie sehen nicht so aus, als ob Sie lügen könnten.«

Er blickte ihr begeistert in die Augen.

»Ja,« sagte er dann, »ich nehme Sie an, falls Sie mir helfen wollen; aber Sie werden mich doch nicht verrathen?«

»Nennen Sie das helfen, wenn ich Sie verrathe?«

»Verzeihung! Man kann hier nicht vorsichtig genug sein. Es handelt sich um viel mehr, als Sie denken.«

»Wirklich? Sie setzen mich immer mehr in Spannung. Was giebt es denn noch?«

»O, viel, viel! Aber hier darf ich Ihnen davon nichts mittheilen, sprechen wir zu Hause davon. Hoffentlich haben wir Gelegenheit, uns heimlich zu treffen.«

»Sehr leicht. Wir dürfen nur wollen.«

»Werden Sie von Ihrer Tante beaufsichtigt?«

»Beaufsichtigt? Welche Frage! Was denken Sie von mir! Halten Sie mich für einen Backfisch?«

»Das nicht. Aber Tanten pflegen eben Tanten zu sein. Man kennt das ja.«

»O, die meinige ist ganz anders.«

»Ich bin bei ihr vollständig frei und ungenirt. Ich kann thun und lassen was mir beliebt.«

»Schön! So wird sich ein Oertchen und ein Augenblick finden, an welchem wir uns unbemerkt unterhalten können, denn es ist wirklich am allerbesten, wir thun so, als ob wir gar nicht mit einander verkehren.«

»Mir auch recht, Ganz wie Sie wollen. Sie können ja in mein Zimmer kommen.«

»Wirklich?« fragte er ganz glücklich. »Erlauben Sie mir das, gnädiges Fräulein?«

»Warum sollte ich nicht? Also Sie werden mir noch heut Verschiedenes mittheilen. Entweder kommen Sie zu mir, oder ich komme zu Ihnen. Da sind wir wohl am Ungestörtesten. Und das kann wohl so bald wie möglich sein?«

»Ja, aber nicht sogleich nach unserer Ankunft. Da habe ich zunächst einen sehr nothwendigen Gang zu unternehmen, gleich vom Bahnhofe weg.«

»Wohl grad in dieser Angelegenheit?«

»Ja; aber ich werde sehr bald zu Hause sein.«

»Schön! Da warte ich auf Sie und werde nicht eher ausgehen, als bis ich dann mit Ihnen gesprochen habe.«

»O nein; das wünsche ich nicht. Sie sollen ausgehen und zwar zu Normanns.«

»Ach so! Ich soll ihnen meine Ankunft melden?«

»Ja, und zugleich ein Bischen hinhorchen, ob vielleicht Etwas zu erfahren ist.«

»Wovon?«

»Zunächst nur Allgemeines. Später werde ich Sie näher informiren und Ihnen ganz genau sagen, was ich zu erfahren wünsche.«

»Das möchte ich am Liebsten gleich jetzt wissen.«

»Unmöglich. Ich weiß selbst noch nicht genau, woran ich bin, und kann Ihnen also erst später Auskunft geben.«

»Soll ich Normanns wissen lassen, daß wir mit einander in einem Coupé gesessen haben?«

»Bei Leibe nicht. Sie sollen nicht wissen, daß ich verreist war und wo ich gewesen bin.«

»Dürfen sie aber erfahren, daß wir uns kennen?«

»Wenn wir zusammen in einem Hause wohnen, müssen wir uns ja kennen; aber wir verkehren nicht mit einander. Verstanden? Am Besten ist es, Sie sprechen gar nicht von mir.«

»Ganz wie Sie wünschen. Als Ihre Verbündete werde ich stets Ihren Anordnungen folgen.«

»Das freut mich, denn auf diese Weise wird unsere junge Bekanntschaft wohl für beide Theile von den glücklichsten Folgen sein.«

»Hoffen wir das! Aber wo sind wir? Es pfeift.«

Der Agent blickte hinaus.

»Ah,« sagte er, »wir waren so in unser Gespräch vertieft, daß wir gar nicht auf die Schnelligkeit des Zuges geachtet haben. Da ist ja unser Wiesenstein schon. Wir werden gleich halten.«

Man hörte die Bahnhofsglocke erschallen, und dann dampfte der Zug in den Perron.

»Frau Berthold wird, wenn sie da ist, sehen, daß wir mit einander gefahren sind,« sagte er. »Wie wird sie sich wundern.«

»Darf sie es wissen?«

»Sie muß es ja sehen!«

»O nein. Wenn Sie mich zuerst aussteigen lassen, bemerkt sie nicht, daß Sie bei mir waren.«

»Na, ich denke, ihretwegen brauchen wir nicht so geheimnißvoll zu thun. Wir haben uns zufällig getroffen. Das ist Alles.«

»Dort steht Sie. Sie paßt auf.«

Ja, dort stand die Wirthin. Sie war gekommen, ihre Nichte vom Bahnhofe abzuholen, und hatte doch gar keine Nichte. Und das war folgendermaßen zugegangen.

Am frühen Morgen, eben als der Agent nach dem Bahnhofe gegangen war, kam der bereits mehrfach erwähnte Geheimpolizist zu Frau Berthold, welche auch bereits aufgestanden war.

Ueber einen so frühen Besuch verwundert, erstaunte sie noch mehr, einen vornehm gekleideten Herrn zu erblicken. Frühbesuche gehören ja gewöhnlich dem Handwerkerstande an.

»Frau Berthold?« fragte er freundlich.

»Das bin ich, mein Herr.«

»Kennen Sie mich?«

»Ja. Sie wohnen auf der Hauptstraße.«

»Und wissen Sie auch, wer ich bin?«

»Sie sind Rentier.«

»Wenn Sie meinen, daß ich von den Zinsen meines Vermögens lebe, so irren Sie sich. Haben Sie aber sagen wollen, daß ich von den Erträgnissen geistiger Anstrengung lebe, so bin ich freilich ein Rentier. Ich bin das.«

Er zog seine Polizeimedaille hervor und zeigte ihr dieselbe. Sie aber blickte ihn fragend an.

»Wissen Sie, was das zu bedeuten hat, Frau Berthold?« erkundigte er sich.

»Nein.«

»Aber das weiß ja Jedermann!

»Ich nicht. Ich bin eine einfache, anspruchslose Frau. Was so eine Münze, welche an der Uhrkette hängt, zu bedeuten hat, das ist mir fremd.«

»So muß ich es Ihnen erklären. Wenn nämlich ein Polizist seine Uniform

nicht trägt, so muß er diese Medaille bei sich führen, um sich als Beamter legitimiren zu können.«

»Aber ich sah Sie noch nie in Uniform!«

»Ich bin Detective und trage niemals eine Uniform.«

»Detective. Das verstehe ich auch nicht.«

»Das heißt geheimer Criminalpolizist.«

»Herrgott, was Sie mich erschrecken.«

»O bitte, Sie haben keine Veranlassung dazu. Ich bin nicht gekommen, Sie zu erschrecken.«

»Aber einen Grund haben Sie doch!«

»Allerdings.«

»Ein geheimer Criminalpolizist so in der Frühe bei mir! Das hat nichts Gutes zu bedeuten.«

»Leider bringt es mein Beruf mit sich, daß ich ziemlich überall unwillkommen bin. Ihnen aber sollte ich willkommen sein, denn ich bin da, um Sie vor großen Schaden zu bewahren.«

»Wirklich? Was ist geschehen?«

»Nichts. Es soll erst Etwas geschehen.«

»Was denn? Will man bei mir einbrechen? Bitte, reden Sie doch, mein Herr!«

Sie machte ein höchst ängstliches Gesicht. Der Polizist antwortete in beruhigendem Tone:

»Sorgen Sie sich nicht. Setzen Sie sich, und erlauben Sie auch mir, mich zu setzen!«

»Ja, ja, nehmen Sie Platz. Ich habe vor lauter Schreck das Allereinfachste vergessen, Ihnen einen Stuhl anzubieten.«

Als sie Platz genommen hatten, begann er:

»Zunächst muß ich Sie bitten, es heut und auch fernerhin zu verschweigen, daß ich ein Polizeibeamter bin.«

»Kein Wort sage ich!« betheuerte sie.

»Es könnte Sie das sonst in Unannehmlichkeiten bringen. Wir können unsere Pflicht viel leichter und schneller erfüllen, wenn die Verbrecher uns nicht kennen.«

»Das glaube ich; das glaube ich,« versicherte sie. »Es wird kein Wort über meine Lippen kommen.«

»Schön. Ich traue Ihrem Versprechen. Sie sind eine brave Frau und werden Wort halten.«

»Ach Gott, ja,« klagte sie. »Brav ist man; aber wenn Einem die Polizei schon früh sechs Uhr in das Haus kommt, so erschrickt man dennoch.«

»Ich wiederhole, daß Sie nicht zu erschrecken brauchen. Ich komme nicht Ihretwegen, sondern wegen einer Person, welche bei Ihnen wohnt.«

»Ah, wohl gar wegen den Herrn Polizeiinspector Schubert? Er ist also ein Herr College von Ihnen, und Sie werden ihn kennen.«

»Ich kenne ihn, aber ein College ist er nicht.«

»Ein Inspector von der Polizei!?«

»Das war er, aber er ist es nicht mehr. Er hat nicht einmal das Recht, sich so zu nennen. Wenn man ihn anzeigt, wird er bestraft.«

»Was Sie sagen!« staunte sie.

»Er ist nämlich abgesetzt worden.«

»Davon habe ich kein Wort gewußt.«

»Das glaube ich. Hätten Sie es gewußt, so hätten sie ihm Ihre Wohnung nicht vermiethet.«

»Gewiß nicht. So aber habe ich geglaubt, sehr beehrt worden zu sein.«

»Das Gegentheil, Frau Berthold.«

»Und wegen dem kommen Sie?«

»Ja. Er ist nämlich nicht nur ein abgesetzter Beamter, sondern nebenbei ein großartiger Schwindler – – –«

»O Du lieber Gott!« rief sie aus. »Und der wohnt bei mir? Was soll daraus werden!«

»Grad jetzt hat er einige Verbrechen im Plane, welche ihn vielleicht für das ganze Leben auf das Zuchthaus bringen können.«

»So muß er fort, fort, noch heut!«

»Halt, meine liebe Frau Berthold. Verfahren Sie nicht gar so schnell!«

»Je schneller, desto besser! Fort muß er, fort!«

»Und ich möchte Sie grad ersuchen, ihn bei sich zu behalten. Wollen Sie?«

»Kann mir nicht einfallen! Einen Verbrecher bei mir wohnen lassen? Niemals!«

»Aber es ist besser, wenn er da bleibt!«

»Meinen Sie? Ich bin eine ehrliche Frau. Soll ich mir meine Villa, die ich von meinem Seligen geerbt habe, durch so einen Menschen verschimpfiren lassen!«

»Von einem Verschimpfiren ist keine Rede. Es liegt im Interesse der Polizei, daß der Mann hier wohnen bleibt.«

»Wieso denn?«

Sie hatte ganz ihr gewöhnliches, bescheidenes Wesen verloren. Sie war rabiat geworden und blitzte den Polizisten mit zornigen Augen an.

»Der Mann muß beobachtet werden,« antwortete er.

»Dagegen habe ich nichts.«

»Und zwar hier bei Ihnen.«

»Dagegen habe ich viel!«

»Es paßt hier am Besten.«

»Aber mir paßt es nicht.«

»Es wird Ihnen dabei gar kein Hinderniß in den Weg gelegt und auch gar keine Unbequemlichkeit bereitet.«

»Ich danke ergebenst! Der Schwindler ist mir Hinderniß und Unbequemlichkeit genug!«

»Hier wissen wir, wie wir uns zu arrangiren haben. Zieht er aber aus, so fangen wir von vorn an.«

»Das geht mich nichts an.«

»Jetzt hat er keine Ahnung, daß wir ihn kennen und auf ihn aufpassen. Wenn Sie ihn ziehen heißen, ahnt er den Grund, auch wenn Sie ihm denselben nicht nennen.«

»Nicht nennen? Da irren Sie sich in mir. Ich werde ihm den Grund ins Gesicht sagen.«

»Das dürfen Sie nicht.«

»Oho! Ich fürchte mich nicht.«

»Er läßt Sie bestrafen.«

»Kann ich denn bestraft werden, wenn ich ihn einen Schwindler, einen Verbrecher nenne?«

»Allerdings.«

»Er ist es doch. Ich sage also die Wahrheit!«

»Können Sie es ihm beweisen?«

»Gesehen habe ich freilich nichts von ihm.«

»Also würden Sie bestraft werden.«

»Aber ich würde sagen, daß ich es von Ihnen erfahren habe.«

»Alle Wetter, sind Sie rabiat! Ich habe es Ihnen doch im Vertrauen mitgetheilt!«

»Das geht mich dann nichts an.«

»Amtsverschwiegenheit!«

»Ich habe kein Amt!«

»Aber wenn ich als Beamter Ihnen Verschwiegenheit anbefehle, haben Sie zu gehorchen. Gehorchen Sie nicht, so werden Sie bestraft.«

»Herrgott, ist das toll! Ich werde also bestraft, ich mag machen, was ich will!«

»O nein, gewiß nicht. Sie haben sich nur ruhig zu verhalten und nichts gegen mich zu unternehmen.«

»Gegen Sie? Das ist mir auch noch gar nicht in den Sinn gekommen.«

»Jawohl. Sie weigern sich, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Das geben Sie doch zu?«

»Kann mich denn Jemand zwingen, einen Verbrecher bei mir zu behalten?«

»Nein. Und von einem Zwange ist auch gar keine Rede gewesen. Ich habe Ihnen nur so meine Vorstellung gemacht.«

»Ja, weiß schon! Nur so eine Vorstellung! So eine Vorstellung aber ist ein Zwang.«

»Gewiß nicht. Ich wiederhole sogar jetzt, daß ich Sie nur bittend, hören Sie, bittend ersuche, den Mann noch für kurze Zeit hier zu behalten.«

»Nein, das thue ich nicht.«

Die Frau war brav und selensgut. Sie konnte keinem Menschen eine billige Bitte abschlagen, aber in Punkto Ehre und Ehrlichkeit verstand sie keinen Spaß. Einen Verbrecher wollte sie auf keinem Fall im Hause dulden.

Der Polizist sah ein, daß er sie anders anfassen müsse. Was der Zwang und auch die Bitte nicht vermochte, das gelang vielleicht der Furcht.

»Ganz wie Sie wollen,« sagte er. »Ich kam in guter Absicht. Sie verkennen dieselbe, und ich habe meine Pflicht gethan.«

»Die haben Sie gethan; das kann ich Ihnen bezeugen. Aber Ihren Wunsch kann ich nicht erfüllen.«

»Das thut mir leid. Leben Sie wohl, Frau Berthold.«

»Adieu, Herr!«

Er wendete sich zum Gehen. Als er sich schon unter der Thür befand, blieb er einen Augenblick überlegend stehen, drehte sich wieder um und sagte:

»Ehe ich gehe, will ich Sie doch noch warnen.«

»Vor wen?«

»Eben vor Ihren Miether.«

»Das haben Sie ja schon gethan. Sie haben mir ja schon gesagt, daß er ein Verbrecher ist!«

»Ich meine das Wort warnen anders. Ich wollte Sie mahnen, sich vor der Rache dieses Mannes in Acht zu nehmen.«

Er hatte das Richtige getroffen. Sie erbleichte.

»Rache?« fragte Sie. »Meinen Sie etwa, daß er sich rächen wird?«

»Ganz gewiß.«

»Kennen Sie ihn von einer solchen Seite?«

»Von noch schlimmeren Seiten.«

»Mein Gott! Ists wahr?«

»Ich will Ihnen ganz aufrichtig sagen: Wenn Sie ihn fortjagen, können Sie sich gefaßt machen.«

»Worauf denn?«

»Auf alles Mögliche. So einem Menschen ist eben Alles zuzutrauen.«

»Herr, ich erschrecke!«

»Vielleicht lauert er Ihnen auf!«

»Um mich zu ermorden?«

Sie sank leichenblaß in den Stuhl.

»Wenn auch das nicht, aber um Ihnen Eins auszuwischen. Passen Sie einmal auf!«

»Mir Eins auswischen! Mir, einer alten, schwachen Frau! Ich zittre an allen Gliedern!«

»Ob Sie alt und schwach sind, darnach fragt er nicht. Sie haben ihn beleidigt. Das ist genug.«

»Ich habe es ja noch gar nicht gethan!«

»Aber Sie wollen es thun.«

»Hm! Vielleicht unterlasse ich es!«

»Thun Sie es! Und wenn er sich auch nicht grad persönlich gegen Sie vergeht, so kann er sich doch leicht auf andere Weise rächen.«

»Wie denn?«

»Wie nun, wenn er Ihnen den rothen Hahn auf das Dach setzte?«

»Den rothen Hahn! Mein Herr und Gott! Mir ists, als ob es bereits an allen Ecken brennt!«

»Ich warne Sie nur!«

»Ich höre schon die Flammen knistern.«

»Geben Sie mir einen Rath, Herr!«

»Den habe ich Ihnen schon gegeben.«

»Daß ich den Mann hier behalte?«

»Ja.«

»Das ist aber doch erst recht gefährlich!«

»O nein.«

»Den Verbrecher im Hause!«

»Ein Dieb stiehlt niemals im eigenen Hause, sondern nur außerhalb desselben.«

»Ist er denn auch ein Dieb? Stiehlt er?«

»Das kann ich nicht behaupten. So was man gradezu stehlen nennt, das thut er wohl nicht.«

»Sie meinen also, daß er nicht bei mir einbrechen würde?«

»Gewiß! Ihnen thut er sicher nichts.«

»Da athme ich wieder auf.«

»Also überlegen Sie sich die Sache, ob Sie ihn wirklich noch fortjagen wollen!«

»Herr, es ist eine böse Geschichte. Aber besser ists doch vielleicht, ich folge Ihnen.«

»Da haben Sie freilich Recht.«

»Aber wenn er hier bleibt, komme ich den ganzen Tag und vollends gar des Nachts nicht aus der Angst heraus.«

»Es wird nur wenige Tage dauern.«

»Geht er dann fort?«

»Ja. Drei oder vier Tage.«

»So lange wäre es wohl auszuhalten.«

»Gewiß.«

»Im Nothfalle könnte ich mir ja Jemand ins Haus nehmen, einen tüchtigen, stämmigen Kerl.«

»O nein. Das würde auffallen.«

»Meinen Sie?«

»Gewiß. Ueberhaupt wozu einen stämmigen Menschen? List ist da besser als Gewalt.«

»Das ist wohl möglich. Also müßte ich mich nach einer recht listigen Person umsehen.«

»Das ist freilich gerathener.«

»Aber wo eine finden? Wer da hört, um was es sich handelt, der kommt sicherlich nicht, und wenn ich den besten Tagelohn bezahle.«

»Ich wüßte eine passende Person.«

»So? Das wäre gut, sehr gut. Ist sie listig?«

»Außerordentlich.«

»Aber dabei doch ehrlich?«

»Jawohl. Sie würde Ihnen lieber hundert Mark geben, als einen Pfennig nehmen.«

»So eine Ehrlichkeit lasse ich mir freilich gefallen.«

»Auch hätten Sie nichts zu zahlen.«

»Das wäre freilich billig.«

»Im Gegentheile würde die Person Ihnen Kost und Logis bezahlen.«

»Das wäre ja unbegreiflich.«

»Ist aber dennoch sehr erklärlich.«

»Wer ist denn diese Person?«

»Meine Schwester.«

»Ihre Schwe – Schwester?«

»Ja. Begreifen Sie mich nun?«

»Ich begreife vor der Hand gar nichts.«

»Aber es ist doch leicht zu verstehen!«

»Nein. Ihre Schwester will zu mir, um mich gegen den Schwindler zu beschützen. Sie will bei mir wachen und auch noch Kost und Logis bezahlen?«

»So ist es. Meine Schwester kann das. Sie bekommt es ja selbst auch bezahlt.«

»Von wem denn?«

»Von mir, von der Polizei.«

»Ach so! Jetzt kommt mir der richtige Gedanke. Der Mensch soll von Ihrer Schwester bewacht werden?«

»So ist es. Würde man ihm einen männlichen Aufseher setzen, so würde er das vielleicht bemerken. Bei einer weiblichen Wächterin ist das aber nicht der Fall.«

»Wie schlau! Aber Ihre Schwester kann ihm doch nicht draußen nachlaufen!«

»Das soll sie auch nicht; dazu bin ich da. Sie soll ihn nur in Ihrem Hause beobachten. Sie soll sehen, was er da thut und treibt.«

»Schon! Gut! So mag sie kommen, aber bald!«

»Nur Geduld! Noch sind wir nicht fertig. Er darf natürlich keine Ahnung haben, wer meine Schwester ist.«

»Das versteht sich!«

»Oder gar, daß sie ihn beobachtet!«

»Das fehlte noch.«

»Darum müssen wir eine Ausrede ersinnen, die es ihm plausibel macht, daß meine Schwester zu Ihnen kommt.«

»Ganz richtig. Ein Dienstmädchen soll sie wohl nicht spielen?«

»Nein. Dazu ist ihr Aussehen zu nobel.«

»Aber was sinnen wir uns sonst aus!«

»Ich wüßte Etwas, was das Passendste wäre. Wissen Sie, ich bin mit Ihnen verwandt.«

»Davon weiß ich kein Wort!« meinte sie im Tone des Erstaunens.

»Ich auch nicht,« lachte er. »Aber wir wollen so thun. Meine Schwester Ist Ihre Nichte.«

»Schön, also blos so thun. Dann bin ich die Taute.«

»Ja, und meine Schwester kommt zu Ihnen auf Besuch.«

»Das wäre ja herrlich!«

»Nicht wahr? Sie wohnt in der Residenz und hat Sie benachrichtigt, daß sie heut mit dem Vormittagszug kommen will.«

»Ist das wahr?«

»Ja.«

»Sie kommt wirklich?«

»Gewiß. Was ich Ihnen da sage, das ist Alles bereits mit meiner Schwester besprochen. Sie ist nach der Residenz und wird mit dem Zuge kommen.«

»Das ist ja prächtig!«

»Wissen Sie, was ich Ihnen im Vertrauen sage, Ihr Schubert ist auch nach der Residenz und – – –«

»Das wissen Sie?«

»Wie Sie hören!«

»Mir hat er nichts gesagt.«

»Mir auch nicht; aber die Polizei weiß Alles. Er will sich dort verschiedene Gegenstände kaufen, welche er zur Ausführung seines nächsten Verbrechens braucht. Dabei wird ihn meine Schwester heimlich beobachten. Dann richtet sie es so ein, daß sie in ein Coupée mit ihm kommt.«

»Kann sie das denn?«

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß sie listig ist, Sie wird das sehr leicht fertig bringen. Sie fahren also mit einander hierher. Natürlich sprechen sie da mit einander, und da wird meine Schwester sagen, daß sie Lina Berthold heiße und zu ihrer Tante Frau Berthold hier auf der Schillerstraße zu Besuche wolle.«

»Vortrefflich!«

»Natürlich wird er ihr sofort mittheilen, daß er bei dieser Tante Bertholt wohne. Das giebt eine rasche Bekanntschaft, und so ahnt er gar nicht, daß sie zu seiner geheimen Aufseherin gesetzt ist.«

Die Frau schlug die Hände zusammen und rief:

»Nein, was die Polizei Alles fertig bringt! Das sollte man gar nicht glauben!«

»Gefällt es Ihnen?«

»Natürlich.«

»Dann spazieren Sie nach dem Bahnhofe und holen Ihr liebes Nichtchen ab.«

Von diesem Gedanken fühlte sich die alte, gute Wittwe förmlich electrisirt.

»Abholen, vom Bahnhofe abholen!« rief sie. »Das thue ich so gern, und habe das Vergnügen doch seit Jahren nicht mehr haben können. Ja, ja ich hole sie ab. Wie freue ich mich darauf!«

Sie lief in der Stube auf und ab, hin und her, als wolle sie sich schon alle zum Ankleiden und Ausgehen nothwendigen Gegenstände herbeiholen.

»Nehmen Sie sich Zeit, meine liebe Frau Berthold!« lachte der Polizist. »Solche Eile hat es ja nicht. Sie haben noch vier Stunden Zeit!«

»Ach ja, es ist ja wahr! Richtig! Aber wird sie denn auch gewiß und wirklich kommen?«

»Ja.«

»Nicht etwa den Zug versäumen?«

»Nein.«

»Das wäre schade, jammerschade! Nein, wie mich das freut! Und wie soll ich sie rufen? Wie heißt sie?«

»Lina.«

»Lina. Das klingt gut. Also Fräulein – – –«

»Um aller Welt willen nicht Fräulein. So nennt doch eine Tante ihre Nichte nicht!«

»Aber sie ist ja die rechte Nichte gar nicht!«

»Sie muß aber dafür gelten. Er steht dabei und hört jedes Wort, welches gesprochen wird. Er würde schöne Augen machen, wenn Sie Ihre Nichte Fräulein nennen wollten.«

»Hm, Recht haben Sie.«

»Sie haben Sie also Lina zu nennen, meine liebe Lina. Und Sie werden hören, daß meine Schwester Sie sogleich ihre liebe, gute Tante nennt.«

»Liebe, gute Tante!« rief die Frau, die Hände andächtig zusammenschlagend.

»Ja, jedenfalls werden Sie von meiner Schwester geküßt.«

»Geküßt! Du lieber Gott!«

»So nahe Verwandte küssen sich doch.«

»Allerdings, aber – –«

»Kein Aber! Sie müssen eben genau so thun, als ob Sie wirkliche Verwandte seien.«

»Wie alt ist sie denn?«

»Fünfundzwanzig.«

»So ein junges Blut soll mich küssen, mich alte Frau! Ist sie denn hübsch?«

»Sogar sehr hübsch.«

»Ich glaube, da laufe ich vor lauter Wonne wie Butter auseinander!«

»Und Berthold heißt sie auch. Ueberlegen Sie sich das, wenn Schubert vielleicht darnach fragen sollte. Der Bruder Ihres Mannes ist der Vater meiner Schwester.«

Sie blickte ihn rathlos an und sagte dann confus:

»Da wäre doch der Vater Ihrer Mutter der Mann meines Bruders.«

»Unsinn,« lachte der Polizist laut auf. »Sie werden vor Vergnügen ganz und gar irr. Sorgen Sie dafür, daß Ihre Gedanken in Ordnung bleiben!«

»Das hat gute Weile. Wenn man Besuch bekommt, weil man einen Spitzbuben im Hause hat, so geht alles drunter und drüber!«

»Meine Schwester wird Sie schon instruiren. Die Hauptsache ist, daß die Begrüßung gut und fehlerlos von statten geht.«

»Schön! Ich will mir sogleich die seidene Mantille zurecht legen und den kleinen Herbstmuff. Auf dem Bahnhof geht gewöhnlich ein zugiges Lüftchen.«

»Ja, richten Sie sich hübsch vor, und machen Sie Toilette. Was meine Schwester bei Ihnen braucht, wird bezahlt.«

»Da wolle mich der liebe Gott behüten! Meine Nichte, die Lina, hat nichts zu bezahlen!«

Da brach er abermals in ein herzliches Lachen aus und rief vergnügt:

»Ausgezeichnet! Sie beginnen, sich in Ihre Rolle einzuleben. Sie werden sie vortrefflich spielen.«

»Wenn mir das Nichtchen gut gefällt, gebe ich sie vielleicht gar nicht wieder her!«

»Noch besser! Wollen hoffen, daß diese Bekanntschaft zur gegenseitigen Zufriedenheit ausfällt. Jetzt aber bin ich mit meiner Instruktion zu Ende und will gehen. Verrathen Sie Schubert nicht, daß ich dagewesen bin!«

»Soll mir nicht einfallen, lieber Herr – Neffe!«

»Besten Dank! Ich sehe, daß Sie Ihre Sache ausgezeichnet machen werden. Also, guten Morgen, bestes Tantchen!«

Sie schüttelten sich herzlich die Hände, und er ging. Die Wittwe blickte ihm nach, so lange sie ihn sehen konnte und sagte dann zu sich:

»Ein Polizist, und noch dazu gar ein crimineller! Was man von solchen Herren für eine falsche Vorstellung hat. Dieser Mann war prächtig. Ich wollte, er wäre in Wirklichkeit mein Neffe. Na, auf die Nichte freue ich mich! Wenns die Beiden wirklich wären, so hätte ich wenigstens Erben, denen ich meine Villa vom Seligen gönnen könnte.«

Der ›Neffe‹ ging in der Richtung nach dem Bahnhofe zu, bog aber kurz vor demselben rechts ab und schritt einem größeren Gebäudecomplexe zu, welcher aus der Entfernung von wohl einer halben Stunde zur Stadt hereinschimmerte.

Das war der Meierhof, in welchem der Agent und der Pascha beabsichtigten, den einstigen Derwisch unterzubringen.

Er gab sich den Anschein eines Spaziergängers, welcher beabsichtigte, die frische Morgenluft zu genießen. Solche Leute waren auf dem Meierhofe nichts seltenes. Sie kamen, um sich ein Glas Milch geben zu lassen und sich dann auf den weichen Wies- und Waldwegen zu ergehen.

Er hatte früher einmal Veranlassung gehabt, sich der Besitzerin des Meierhofes zu decouvriren. Seit jener Zeit kannte sie ihn und hielt ihn hoch, denn er hatte sie vor einem großen Verluste bewahrt.

Als sie ihn kommen sah, kam sie ihm entgegen, denn sie zeichnete ihn seit jener Zeit dadurch aus, daß sie ihn selbst bediente. Sie öffnete ihm sogar die Thür zur guten Stube und brachte ihm eigenhändig die gewünschte Milch herbei.

Im Laufe des Gespräches fragte er:

»Wie kommt es doch eigentlich, daß hier bei Ihnen keine Sommerfrischler wohnen?«

»Das hat wohl zweierlei Gründe,« antwortete sie. »Der erste Grund bin ich.«

»Weil Sie keine Gäste wollen.«

»Ja. Sie verursachen Störung, und was sie ja zahlen, das brauche ich nicht zu rechnen. Und sodann liegt der Hof allzu weit von der Stadt entfernt. Zum Herausspazieren mag es gehen. Zum Hierwohnen aber ist es nichts.«

»Wenn sich nun doch Jemand fände, der herziehen wollte?«

»Das passirt nicht.«

»Und wenns doch passirte?«

»So fragt es sich, ob ich einwilligte. Es müßten sehr hübsche Leute sein, oder man müßte sie mir empfohlen haben.«

»Wer denn?«

»Irgend ein Bekannter, auf den ich etwas halte, so zum Beispiele Sie.«

»Fast möchte ich Sie beim Worte halten.«

»So? Haben Sie Jemand?«

»Ja.«

»Einen Herrn?«

»Nein, zwei Damen.«

»O weh!«

»Warum?«

»Damen machen dreimal mehr Ansprüche als Herren und sind mit dem Zahlen doch zwanzigmal knickriger.«

»Die, welche ich meine, nicht.«

»So? Es sind Verwandte?«

»Nein. Sie gehen einander gar nichts an.«

»Also zufällig zusammengetroffen?«

»Auch nicht. Sie haben einander noch gar nicht gesehen.«

»Und wollen doch mit einander hier bei mir wohnen? Das ist sonderbar!«

»Verstehen Sie wohl: Zusammenwohnen wollen sie nicht. Keine weiß bis jetzt von der Anderen etwas.«

»So, so ist es! Nur Sie wissen es; das heißt, die Polizei weiß es? Nicht wahr?«

»Ja, meine Beste.«

»Sie wollen zwei Damen gut unterbringen und wenden sich da an mich. Nun, da Sie es sind, will ich Ja sagen.«

»Danke!«

»Andere hätte ich abgewiesen.«

»Da ist es gut, daß ich gekommen bin.«

»Wissen die Damen denn, daß Sie ihren Quartiermacher machen sollen?«

»Nein, und sie sollen es auch nicht erfahren.«

»Wer sind sie denn eigentlich?«

»Das weiß ich selbst noch nicht.«

»Was! Sie wissen es nicht? Das ist ja geradezu fremdartig. Es sind doch nicht etwa gar schlechte Frauenzimmer?«

»O nein; solche würde ich Ihnen ja gar nicht zuweisen. Die Sache ist folgende: Es wird heut Vormittag ein Herr kommen, der Agent Schubert, welcher – –«

»Den kenne ich!«

»So?«

»Ja, er ist einige Male hier gewesen. An dem liegt mir allerdings nicht viel oder wohl gar nichts. Also der will kommen? Hat der seine Hand dabei im Spiele?«

»Ja.«

»So möchte ich lieber gar nichts mit dieser Angelegenheit zu thun haben.«

»Auch nicht, wenn ich es wünsche?«

»Auch dann nicht, denn wenn der dabei in Betracht kommt, so kann die Betreffende nicht viel taugen.«

»Sie taugt allerdings nicht viel.«

»Wie? Und das sagen Sie mir!«

»Wie Sie hören.«

»So offen und in solcher Gemüthsruhe! Ich sehe sogar, daß Sie lächeln!«

»Wenn ich weinte, würde es nicht anders sein.«

»Ja, ich kenne Sie. Sie haben irgend eine Absicht, welche Sie verfolgen, und ich soll die Hand dazu bieten.«

»So ist es allerdings.«

»Ich sage Ihnen aber nochmals aufrichtig, daß ich trotz Ihrer Empfehlung keine Lust dazu habe.«

»Das ist mir unlieb. Ich habe geglaubt, mein Wort gelte etwas bei Ihnen.«

»Das gilt es auch; aber soll ich Leute hernehmen, welche mir nicht behagen?«

»Die betreffende Dame wird gar keine Ansprüche machen.«

»So heißt es erst; dann kommt der hinkende Bote.«

»Hier ist es wirklich der Fall. Sie wird sehr einsam auf ihrem Zimmer wohnen und sich fast gar nicht sehen lassen.«

»Und weiter?«

»Bedienung wird sie auch nicht viel beanspruchen, wie ich voraussehen kann.«

»Ist sie so bescheiden?«

»Sie ist zur Bescheidenheit gezwungen.«

»Also arm?«

»Sie wird von Anderen unterhalten.«

»Das könnte mich rühren; aber es ist doch etwas dabei, was mir nicht gefällt.«

»Was denn?«

»Das kann ich nicht sagen, weil ich es selbst nicht weiß; aber ich ahne es. Erlauben Sie mir, daß ich lieber davon absehe!«

»Hm! Ich muß Ihnen mittheilen, daß die Behörde es wünscht, daß sie hier wohnt.«

»Ah, hat die Behörde die Hand im Spiele?«

»Sehr.«

»Hm! Wären Sie es nicht, so würde ich mich dennoch weigern. Es gefällt mir nicht.«

»So aber sagen Sie Ja?«

»Ich muß wohl.«

»Nun, so wird noch an diesem Vormittage der Agent Schubert zu Ihnen kommen und anfragen, ob Sie nicht eine Wohnung für eine einzelne Frau habe». Sagen Sie Ja, aber suchen Sie so viel wie möglich zu verdienen. Stellen Sie den Preis nicht niedrig.«

»Dieser Schubert würde auf keinen Fall etwas von mir geschenkt erhalten.«

»Nicht viel später wird ein fremdes Ehepaar kommen, ein kleiner, dicker, gemüthlicher Herr mit seiner Frau, für welche er auch eine Wohnung verlangt.«

»Und die soll ich ihm geben?«

»Ja.«

»Ist er vornehm?«

»Nein. Aber im Vertrauen will ich Ihnen sagen, daß er ein Freund unseres Prinzen ist.«

»Was Sie sagen!«

»Ja. Er weiß sonderbarer Weise aber selbst noch gar nichts davon.«

»Wie kommt das?«

»Er hat dem Prinzen große, sehr große Dienste erwiesen ohne aber zu wissen, daß es ein Prinz ist. Er hielt ihn für einen einfachen Mann.«

»Das ist ja sehr interessant!«

»Allerdings.«

»Da soll seine Frau meine besten Zimmer bekommen, und zwar sehr gern.«

»Nicht so eilig. Es giebt noch etwas dabei zu überlegen. Nämlich die zweite Dame kommt wegen der ersteren.«

»Und doch kennen sie sich nicht?«

»Und doch haben sie einander nie gesehen.«

»Wie ist das zu erklären?«

»Sehr einfach, obgleich ich Ihnen nicht Alles sagen kann. Der Agent ist ein Feind des Prinzen. Er bringt seine Dame bei Ihnen unter. Der dicke Herr, dessen Name Barth ist, der sich aber anders nennen wird, ist ein Freund des Prinzen und bringt seine Frau, damit sie die Erstere beobachten kann.«

»Sonderbar, sehr sonderbar!«

»Sie müssen also die Wohnungen der Beiden so auswählen, daß die Eine nichts thun kann, ohne daß die Andere es genau zu beobachten vermag. Haben Sie solche Zimmer?«

»Gewiß.«

»Und wollen Sie?«

»Das versteht sich.«

»Aber kein Mensch darf erfahren, was wir hier gesprochen haben.«

»Auch die zweite Dame nicht?«

»Mit dieser können Sie allenfalls davon reden, aber ja so, daß Niemand es belauscht!«

»Haben Sie keine Sorge!«

»Am besten ists, Sie bekümmern sich um Beide gar nicht, suchen aber der zweiten in jeder Weise förderlich zu sein. Besonders wenn es sich darum handelt, einen eiligen Boten nach der Stadt zu schicken, darf es Ihnen nicht darauf ankommen, nöthigenfalls ein Pferd zum Reiten aus dem Stalle ziehen zu lassen, selbst mitten in der Nacht. Es wird Alles bezahlt.«

»Sprechen Sie davon nicht. Das ist ja bei mir Nebensache.«

»Ich weiß es. Haben Sie sich vielleicht noch nach etwas zu erkundigen?«

»Nein.«

»So will ich aufbrechen.«

Er wollte seine Milch bezahlen, aber sie nahm nichts. Er ging wieder nach der Stadt. Dort traf er zufälliger Weise Sam und theilte ihm kurz mit, was er verabredetermaßen vorbereitet hatte.

Bei einander bleiben konnten sie nicht, um nicht etwa von dem Pascha bei einander gesehen zu werden.

Später ging der Polizist nach dem Bahnhofe, um die Ankunft des Zuges zu erwarten.

Er trat in das Zimmer, welches ausschließlich für die Polizei reservirt war. Von da aus konnte er den ganzen Perron überblicken, ohne selbst beobachtet zu werden.

Da sah er Sam, den Dicken, stehen und ließ ihn zu sich herein holen.

»Sie wollen Ihre Frau abholen?« fragte er ihn.

»Meine Braut!« verbesserte Sam.

»Egal! Da sollten Sie sich nicht da draußen hinstellen.«

»Warum nicht?«

»Wenn Schubert Sie erblickt, kann der ganze Plan zu schanden werden.«

»Ich möchte doch wissen, wie?«

Der Polizist hielt sich für pfiffig, und Sam war auch der Ansicht, daß er kein Dummkopf sei. So sahen sie sich ein Weilchen lächelnd an; dann erklärte der Erstere:

»Der Agent darf doch Ihre Braut nicht kennen lernen.«

»Warum denn nicht? Er soll sie grad sehen!«

»Aber er darf nicht wissen, daß sie Ihre Braut ist.«

»Ach, so meinen Sie es!«

»Ja. Wenn nun Ihre Braut mit dem jetzigen Zuge kommt, so –«

»Das wird sie freilich. Sie hat es mir von der Grenzstation aus telegraphirt.«

»Nun sehen Sie! Sie werden also mit mir von dem Agenten gesehen werden.«

»Wer sagt das?«

»Ich. Sie werden sie doch empfangen?«

»Fällt mir nicht ein!«

»Nicht? Warum nicht?«

»Eben weil ich nicht so dumm bin, wie Sie denken. Nicht die Polizisten allein sind pfiffig. Ich sage Ihnen, daß ich aus Sibirien komme und meine Auguste seit achtzehn Monaten nicht gesehen habe. Wir sehnen uns nach einander, als ob wir erst achtzehn Jahre alt wären, aber wenn Auguste aussteigt und mich auf dem Perron stehen sieht, so geht sie an mir vorüber wie an einem wildfremden Menschen.«

»Das schrieben Sie ihr wohl?«

»Dazu gab es keine Zeit. Ich habe es ihr telegraphirt. Ich sage Ihnen, es ist doch herrlich, wenn man verliebt ist und auf dem Telegraphen so ein bischen hin und her klappern kann. Nichts geht über dieses Vergnügen. Hätte es damals in Herlasgrün schon einen Telegraphen gegeben, so wäre – – horch, der Zug kommt!«

Das Glockenzeichen ertönte, und Sam eilte hinaus. Da stand die gute Frau Berthold in ihrer Seidenmantille und mit dem kleinen Herbstmuff und blickte mit hellen, erwartungsvollen Augen dem Zuge entgegen.

Sam kannte sie; er hatte sich bemüht, sie einmal zu sehen zu bekommen. Darum lächelte er still in sich hinein.

Der Zug hielt, die Thüren wurden geöffnet, und die Passagiere stiegen aus. Leicht wie ein Reh kam Lina aus ihrem Coupée gehüpft. Schubert hatte sie unterstützen wollen, war aber damit zu spät gekommen.

»Tante, meine liebe, gute Tante!« rief sie voller Freude und eilte auf die Alte zu, welche nach links und rechts geblickt hatte, wo die Nichte wohl herkommen werde.

Sie schlang die Arme um sie und küßte sie zärtlich auf Mund und Wangen.

Die Tante war vor Entzücken einen Augenblick lang sprachlos. So hübsch, so schön hatte sie sich die neue Nichte denn doch nicht vorstellen können.

»Mein Gott,« stammelte sie. »Sie sind, Sie – – –«

»Pst!« flüsterte Lina schnell. »Da kommt Schubert. Nimm Dich zusammen, Tantchen.«

Das gab der guten Frau die Fassung wieder. Sie das schöne Mädchen an sich und rief strahlenden Auges:

»Lina, mein Nichtchen, welche Freude, nein, welche Freude für mich!«

Schubert hatte mittlerweile seine Packete dem Portier zum Aufheben gegeben und kam jetzt herbei.

»Verehrteste Frau Wirthin,« sagte er in verbindlichstem Tone, »ich habe Ihnen auf das herzlichste zu gratuliren.«

»Wozu denn?« fragte sie mit erzwungener Freundlichkeit.

»Zu Ihrer Nichte. Was müssen Sie doch für eine glückliche Tante sein.«

»Die bin ich allerdings. Nicht wahr, Lina?«

Lina nickte ihr lächelnd zu und antwortete:

»O, ich kann viel, viel stolzer auf meine Tante sein als sie aus mich. Das ist stets so gewesen. Ich war immer ein recht zuwideres Ding.«

Da beeilte sich Frau Berthold zu antworten:

»Nein, gewiß nicht. Du warst immer ein braves, gutes Nichtchen. Mach Dich nicht schlecht.«

»Wie es scheint, werde ich den Schiedsrichter machen müssen,« scherzte Schubert.

»Komm, Tantchen, wir nehmen eine Droschke,« rief Lina.

»Droschke? Wollen wir nicht gehen?«

»Nein. Wir wollen unsere alten Beinchen schonen.«

»O, ich wäre doch so gern gelaufen!«

Sie wäre so stolz gewesen, neben dem schönen Mädchen hergehen zu können; aber Lina hatte ihre Gründe, dies nicht zu gestatten. Sie fuhren ab, nachdem sie sich in kurzer Weise von dem Agenten verabschiedet hatten, und Lina begann sofort, der neu creirten Tante ihre Instructionen zu ertheilen.

Der Agent begab sich directen Weges nach dem Meierhofe. Dort angekommen, verlangte er in seiner wenig höflichen Weise nach der Besitzerin. Aus diesem Grunde ließ sie ihn grad recht lange warten.

Als sie endlich kam, fragte er, indem er die Brauen finster zusammenzog: »Sie hatten wohl keine Zeit?«

»Nein,« antwortete sie kurz.

»Ich komme, um Ihnen Geld zu verdienen zu geben.«

»Das Geld, welches mir die Sommerfrischler bringen, kann gezählt werden.«

»Aber Sie erhalten es doch!«

»Umsonst nicht!«

»Uebertreiben Sie nicht. Sind Ihre Zimmer alle besetzt?«

»Welche Zimmer?« fragte sie verwundert.

»Nun, Ihre Fremdenstuben.«

»Ich habe keine Fremdenstuben.«

»Sie vermiethen doch?«

»Nein.«

*

103

»Warum denn nicht.«

»Weil mir die Herrschaften grob sind. Sie thun, als ob es eine Gnade und Barmherzigkeit sei, daß sie nur mit Einem reden. Adieu!«

Sie drehte sich ab, um zu gehen.

Er sah ein, daß er freundlicher sein müsse. Der Meierhof war wirklich der sicherste Aufenthalt für den Derwisch. Er durfte sich nicht abweisen lassen; darum ging er der Frau einige Schritte nach und sagte in weit höflicherem Tone:

»Aber, liebe Frau, dafür kann doch ich nicht!«

Sie sah ihn zornfunkelnd an:

»Sie nicht? Grad Sie sind der Schlimmste!«

»Pardon! Davon weiß ich kein Wort!«

»So haben Sie es vergessen. Und wie reden Sie eben jetzt wieder.«

»Aber das ist nun einmal mein Ton!«

»Der mag Ihnen gefallen, aber nicht mir. Ich muß auch mit Andern in einem andern Tone reden, als ich eigentlich habe. Sie sollten nur meinen wahren Ton einmal kennen lernen! Wenn ich den hören lasse, so reißen alle Katzen aus.«

»Sapperment! Sind Sie so eine Knallbüchse?«

»Sie brauchen gar nicht mehr lange so zu fragen, so knallt es. Weshalb haben Sie mich denn rufen lassen? Etwa, um mir solche Fragen vorzulegen?«

»Nein doch, nehmen Sie nur Verstand an! Es ist ja nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen. Ich suche eine Wohnung.«

»Ich habe keine.«

»Sie haben eine Menge Zimmer; ich weiß es ganz genau.«

»Aber Sie will ich nicht bei mir wohnen haben. Das sage ich Ihnen aufrichtig.«

»Donnerwetter!« fluchte er. »Diese Aufrichtigkeit geht mir fast zu weit! Ich will die Wohnung ja gar nicht für mich.«

»Ach so, das ist etwas ganz Anderes. Für wen denn?«

»Für meine Cousine.«

»Ach so! Ist sie krank?«

»Körperlich weniger, aber geistig getrübt ist sie. Menschenscheu ist der eigentliche Grund ihrer Krankheit. Sie soll einsam wohnen, möglichst ungestört sein und sich in der stärkenden Landluft erholen.

»So! Die kann mir leid thun.«

»Wollen Sie sie nehmen?«

»Erst möchte ich sie sehen.«

»Das geht nicht. Sie sehen doch ein, daß ich mit einer gemüthskranken Dame nicht nach einem Logis hausiren kann.«

»Nun gut, so mag sie kommen.«

»Schön. Zeigen Sie mir die Zimmer!«

»Wozu?«

»Nun, ich muß doch sehen, wie meine Cousine wohnen wird?«

»Das ist nicht nöthig.«

»Was? Nicht nöthig? Ich muß doch zahlen!«

»Wie Du mir, so ich Dir! Gleiche Kerle, gleiche Röcke. Ich soll diese Cousine nehmen, ohne sie gesehen zu haben. Da werde ich ihr Zimmer geben, welche ich passend für sie halte, nachdem ich selbst mit ihr gesprochen habe.«

»Aber ich, ich soll ihr dieselben besorgen!«

»Das haben Sie gethan, bekommen aber wird sie sie von mir. Wann kommt sie?«

»Das ist noch unbestimmt. Entweder noch heut spät oder morgen am Vormittage.«

»Mir recht. Wenn sie noch heut Abend kommt und wir schlafen schon, so wecken Sie; ich stehe auf.«

»Gut. Also sind wir einig?«

»Einig aber noch nicht fertig. Bekommt die Dame vollständige Pension?«

»Ja.«

»Wie lange bleibt sie da?«

»Ist noch unbestimmt. Habe ich vielleicht Etwas anzuzahlen?«

»Ja, dreißig Mark.«

»Donnerwetter! Das ist viel.«

»So zahlen Sie nichts, und thun Sie Ihre Verwandte anderswo hin! Ich will die dreißig Mark ja nicht für mich. Es ist nur eine Anzahlung, eine Sicherstellung, daß die Kranke auch wirklich kommt und ich meine Vorbereitungen nicht umsonst treffe.«

»Hier haben Sie.«

Er legte ihr das Geld in die Hand.

»Schön!« sagte sie. »Da sind wir nun fertig und ich kann wieder in meine Küche gehen. Leben Sie wohl, Herr Schubert.«

Sie ging. Er sah ihr nach und brummte:

»Donnerwetter, ist die aber resolut! Die hat Drachenzähne im Gebisse!«

Er wendete sich zornig ab und ging. Er dachte, daß er nun nach Hause kommen werde zu der schönen, interessanten Nichte, mit welcher er ein geheimes Bündniß abgeschlossen hatte, und das stellte seine gute Laune wieder her.

Während er den Weg einschlug, welcher vom Meierhofe nach der andern Seite der Stadt führte, kamen rechts vom Bahnhofe her Zwei, die sich recht innig Arm in Arm führten, wie ein junges Liebespaar.

Es waren Sam und seine Auguste.

Ganz wie er dem Polizisten gesagt hatte, hatten sie sich erst gar nicht angesehen. Dann aber, als die Menge verlaufen war, hatten sie einander auf das Herzlichste begrüßt. Sie hatten sich nichts, gar nichts zu erzählen, denn zunächst war das Nothwendigste, sich nur recht tief in die Augen zu sehen.

Dabei aber blickte Sam auch fleißig durch das Fenster, und als er jenseits der Felder den Agenten nach der Stadt gehen sah, machte er Auguste darauf aufmerksam, daß es Zeit sei, aufzubrechen.

»Wohin?« fragte sie.

»Nach Deiner Wohnung.«

»Ich wohne doch bei Dir?«

Sam erröthete wie ein Schulknabe.

»Gustel, das geht nicht,« meinte er.

»Warum nicht?«

»Wir sind noch nicht getraut.«

»Ach geh! Darnach fragen doch wir nicht! Wir haben keine Zeit dazu gehabt.«

»Wenn auch! Wir sind aber noch nicht getraut! Was soll die Jugend sagen, wenn das reifere Alter ihr so ein schlechtes Beispiel giebt.«

Er sagte das so ernst und meinte es auch wirklich so ernst, daß Auguste lachen mußte.

»Sam,« meinte sie, »wer Dich so sprechen hört, der hört Dir den berühmten Prairiejäger nicht an.«

»Jäger hin, Jäger her! Ich bin aus Herlasgrün, wo die gute Lebensart zu Hause ist. Brautleute gehören nicht in ein Logis zusammen.«

»Aber in Amerika sind wir zusammen gereist!«

»Das war da drüben, also etwas ganz Anderes. Nein, Du bekommst Deine Kabine für Dich, wo Du mit dem Reibeisen und der Kaffeekanne hantieren kannst, wie es Dir beliebt. Bei mir wärst Du viel zu sehr genirt. Ich habe geistige Arbeit.«

»Du? Geistige?«

»Ja.«

»Was denn für welche?«

»Ich bin Criminalgendarm geworden.«

»Unsinn!«

»Höre, ich mache niemals Unsinn! Als Braut mag Dir so ein diplomatischer Fehlgriff noch einmal hingehen. Als Frau aber bekämst Du entweder die Knute oder die Bastonnade – Eins von Beiden. Du könntest Dir wählen, was Dir das Liebste ist.«

»Danke sehr! Thue nur nicht so bärbeißig. Du bist doch der Erste, den ich in den Pantoffel bekomme. Wer soll denn vor Dir Respect haben!«

Sie befanden sich bereits unterwegs. Er blieb stehen, stemmte die Hände in die Seiten und sagte:

»Jetzt hört Alles auf! Ich habe mich mit dem grauen Bären herumgebalgt, den Büffel gejagt und mich mit allen möglichen Wilden herumgehauen; ich habe mich mit sibirischen Majors und Kreishauptmännern herumgezankt und bin stets siegreich gewesen und jetzt, jetzt – – –«

»Jetzt bist Du still! Verstanden!« fiel sie ein.

»Ja doch, ja! Aus Liebe, aus reiner Liebe!«

»Natürlich! Das will ich mir auch ausgebeten haben! Hast Du denn schon ein Logis für mich?«

»Ja. Da drüben auf dem Meierhofe.«

»Dort? So weit?«

»Es ist nur eine halbe Stunde von der Stadt.«

»Nur! Wo wohnst denn Du?«

»Dort, am andern Ende.«

»So weit von mir! Was soll ich denn eigentlich da draußen?«

»Dich erholen, Herz.«

»Von was?«

»Vom Wiedersehen. Das hat mich so sehr angegriffen, daß Du Dich erholen mußt, weil ich keine Zeit dazu habe.«

»Du bist und bleibst Eulenspiegel!«

»Mag sein; aber ich meine es gut.«

»Davon sehe ich nichts. Du kannst mich nicht sehr lieb haben, da Du mich so weit aus der Stadt verbannst.«

»Gustel, schmolle nicht! Es geschieht aus dem allerbesten Grunde. Ich will Dir eine große Freude machen.«

»Ists wahr?«

»Das versteht sich.«

»Welche denn?«

»Du wirst neben einem so richtigen Leib- und Hauptspitzbuben wohnen.«

»Das ist die Freude?«

»Ja.«

»Ich danke!«

»Höre erst weiter. Ich habe Dir doch von dem Derwisch Osman erzählt – – –?«

»Ich kenne ihn. Ich habe ihn ja am Silbersee gesehen, wo er sich aber anders nannte.«

»Du, den haben wir!«

»Ah! Wo denn?«

»Bei der Parabel.«

»Unsinn! Mit Dir ist wirklich kein verständiges Wort zu reden.«

»Weil ich vor lauter Glück über Dich gleich närrisch werden möchte.«

»Viel fehlt nicht, so bist Du es schon!«

»Drum eben mußt Du mir Verschiedenes zu Gute halten. Also diesen Derwisch haben wir endlich. Er ist hier gefangen. Er wird aber wieder ausreißen, und dann sollst Du neben seiner Stube wohnen.«

»Sam, Du bist doch ganz confus!«

»Das glaube wer will, ich aber nicht.«

»So höre doch nur! Er ist hier gefangen; er wird aber ausreißen, und nachher soll ich neben seiner Stube wohnen! Ist das nicht das verrückteste Zeug, was ein Menschenkind nur reden kann!«

»Es ist die allergescheidteste Rede, die ich jemals gethan habe. Höre mich nur an!«

Indem sie Arm in Arm langsam vorwärts schritten, erzählte und erklärte er ihr die Vorkommnisse der letzten Zeit.

Sie hing mit ihrem Blicke an seinen Augen. Er erzählte so schlicht und einfach, und doch hörte ihr Scharfsinn aus Allem heraus, daß eigentlich er der Hauptheld gewesen sei, er, der einfache, anspruchslose Mann.

Ihr Herz schwellte vor Stolz. Sie dachte an ihre Jugendzeit, da sie diesen braven Menschen verschmäht und hinausgetrieben hatte in die weite Welt. Sie fühlte ganz und gar jugendlich. Sie war voller Liebe, Reue und Schmerz, und als er geendet hatte, legte sie die Arme um ihn, drängte ihren Kopf an sein Herz und weinte laut auf.

»Gustel, Auguste!« rief er erschrocken. »Was ist denn das? Ist das der Lachkrampf oder die Maulsperre? Ich kenne das nicht.«

Da riß sie sich von ihm los, stemmte die Arme in die Seiten und brach mitten unter bittern Thränen in ein schallendes Gelächter aus, in welches Sam aus allen Kräften mit einstimmte.

So standen sie eine ganze Weile lachend mitten im freien Felde, und wenn eins aufgehört hatte, so fing das Andre wieder von vorn an.

Sam blieb eben bei seiner Eigenart, er faßte Alles von einer Seite an, wo ein Anderer keine Handhabe gefunden hatte. Er liebte nicht die übermäßige Sentimentalität und hatte den Schmerzensausbruch der Braut auf seine radicale Weise sofort zum Schweigen gebracht.

Dann, als das Gelächter endlich verstummt war, erklärte er Augusten, was von ihr gefordert werde.

»Willst Du es thun?« fragte er.

Sie schwieg.

»Oder fürchtest Du Dich vor dem Kerl?«

»Fürchten? Fällt mir nicht ein.«

»Ich gebe Dir für alle Fälle einen Revolver. Du hast ja drüben in Amerika gelernt, eine solche Waffe ganz vortrefflich zu gebrauchen.«

»Ich fürchte mich vor diesem Menschen auch ohne Revolver nicht; aber da man nicht weiß, was unerwartet geschehen kann, ist es allerdings besser, wenn ich einen Revolver habe.«

»Also Du stimmst bei?«

»Ja.«

»Ich glaubte, Du hättest keine Lust, weil Du nicht antwortetest.«

»Ich überlegte nur, ob er mich nicht noch von drüben her kennen würde.«

»O nein. Er hat Dich ja nur ganz vorübergehend gesehen.«

»Wann kommt Steinbach?«

»Uebermorgen. Vielleicht morgen schon.«

»Wäre es da nicht besser, Ihr wartetet bis er kommt? Er hat wohl am Ende andere Ansichten als Ihr.«

»Nein, gewiß nicht. Ich kenne ihn zu genau. Die Ereignisse drängen. Sie würden uns aus der Hand schlüpfen, wenn wir warten wollten, bis Steinbach kommt. Also fürchte Dich vor dem Kerl nicht. Ich kann freilich nicht nach dem Meierhofe kommen, da der Derwisch sogleich Verdacht schöpfen würde, wenn er mich erblickte. Wo wir wohnen, weißt Du nun. Kommt Etwas vor, was wir schnell wissen müssen, so schickst Du uns einen Boten.«

»Wen denn?«

»Du wirst wohl einen Bediensteten kennen lernen, dem Du so Etwas anvertrauen kannst, und magst Dich übrigens auch getrost an die Meierin wenden.«

»Ist sie eingeweiht?«

»Nein. Sie weiß nicht, daß sie eine verkleidete Mannsperson beherbergen wird. Sie weiß aber, daß sie Dir vertrauen darf. Wenn Du Deine Sache gut machst, bereite ich Dir zum Lohne eine Ueberraschung, die gar nicht größer sein kann.«

»Was ists denn?«

»Ich habe Dir Etwas aus Sibirien mitgebracht.«

»Was.«

»Das darf ich eben nicht sagen, sonst ist es mit der Ueberraschung aus.«

»Hm! Soll ich rathen?«

»Meineswegen.«

»Einen Zobelpelz.«

»Nein. Das wäre schade um das viele Geld.«

»O, Du bist ja reich!«

»Diese Pelze sind nur für Fürstlichkeiten. Für Dich genügt ein Filzrock für elf Mark.«

»Sam! Und da hast Du mich lieb?«

»Gustel, willst Du eitel werden?«

»Nein. Du hast Recht. Aber was soll ich nun weiter rathen?«

»Ach, sei still! Wenn Du so weiter fragst, bekommst Du es am Ende doch noch heraus, und das soll doch nicht sein, sonst fällt mir die ganze Freude in den Brunnen. Laß uns lieber nach der Meierei gehen. Die haben uns eine ganze Stunde lang hier auf dem Felde stehen sehen und werden gar nicht wissen, was sie von uns halten sollen.«

Sie waren wirklich bemerkt worden, und zwar auch von der Meierin selbst. Als diese den dicken Sam erblickte, ahnte sie, daß er Derjenige sei, den sie zu erwarten habe.

Sein volles, joviales Gesicht gefiel ihr sofort, und als sie dann Augusten in das Auge blickte, war ihr diese auch sofort sympathisch.

»Grüß Gott, dicke Frau!« sagte Sam. »Wie geht es mit dem Athem?«

Sie war nämlich fast ebenso dick wie er. Sie lachte über den sonderbaren Gruß und antwortete sofort:

»Danke schön! Wenn ich den Ihrigen noch mit habe, blase ich die Welt über den Haufen.«

»Das hört man gern. Der Athem ist die Hauptsache; denn wenn der aufhört, nachher ist auch alles Andre aus. Ist die Ernte gut ausgefallen?«

»Wir sind zufrieden.«

»Freut mich, denn ich möchte Ihnen meine Herzallerliebste da in die Kost geben.«

»Bedarf die Dame so viel, daß Sie sich gleich nach der Ernte erkundigen?«

»Weiß nicht. Warten wir es ab. Ich thue es nur zur Probe. Brauchen Sie zu viel für sie, heirathe ich mir eine Andere.«

»Sam!« rief Auguste vorwurfsvoll.

»Schon gut, Herzchen! Weißt schon, daß es ohne Dummheit bei mir nicht abgeht. Also, grad heraus gesagt, könnte ich für diese Dame hier bei Ihnen eine Wohnung bekommen?«

»Ist Ihr Name Barth?«

»Ja.«

»Dann steht die Wohnung bereit.«

»Ich bin also angemeldet. Sehr gut. Aber wissen Sie, eine gewisse Person darf nicht erfahren, daß ich hier gewesen bin.«

»Weiß schon und werde schweigen. Wollen Sie sich die Zimmer ansehen?«

»Wird wohl nicht nöthig sein. Ich weiß, daß man bei Ihnen gut aufgehoben ist. Sagen Sie uns lieber den Preis!«

»Von dem Preise reden wir, wenn Sie ausziehen. Kommen Sie nur. Sie müssen sich unbedingt umschauen.«

Das war freilich ein ganz anderes Verhalten als dem Agenten gegenüber. Es war ihr anzusehen, daß ihr die jetzigen Zwei willkommen waren. Sie mußten mit ihr in das Haus.

Auguste blieb gleich da wohnen. Ein Knecht wurde nach dem Bahnhofe geschickt, um ihre Effecten zu holen. Dann kehrte Sam allein nach der Stadt zurück.

Kurz vor derselben promenirte der Polizist auf und ab. Als er Sam erblickte, winkte er ihn seitwärts und meldete:

»Man soll uns Beide nicht beisammen sehen, darum habe ich Sie hier vor der Stadt erwartet, da ich wußte, daß Sie auf der Meierei seien.«

»Ist denn Etwas geschehen?«

»Freilich!«

»Wohl etwas Wichtiges?«

»Ja. Es ist ein neuer Plan besprochen worden.«

»Alle Teufel! Ohne mich?«

»Man hofft, daß Sie demselben Ihre Zustimmung geben.«

»Den Teufel werde ich! Aber zustimmen nicht!«

»Hören Sie nur erst, was man beschlossen hat!«

»Nichts brauche ich zu hören. Wer ohne mich beschließt, mag auch ohne mich handeln, ich aber thue auch was ich will.«

»Ich glaube, Sie sind zornig!«

»Natürlich! Wundert Sie das?«

»Eigentlich, ja.«

»So! Man ändert meine Bestimmungen um, ohne mich nur um ein Wort zu fragen, und wenn ich darüber zornig werde, so wundern Sie sich noch? Das ist sehr gut!«

Er war wirklich aufgeregt. Das sah man ihm an.

»Beruhigen Sie sich nur,« bat der Polizist. »Geändert ist nicht sehr viel daran. Es hat sich Etwas zugetragen, was eine sofortige Besprechung verlangte, und da Sie nicht zu Händen waren, so mußte man sich ohne Sie behelfen. Eine Mißachtung gegen Sie aber hat nicht vorgelegen.«

»So! Was ist denn geschehen?«

»Sie haben doch meine Schwester auf dem Bahnhofe aussteigen sehen?«

»Ja.«

»Der Plan ist gelungen. Sie hat den Agenten in der Residenz beobachtet und ist mit ihm in demselben Coupée gefahren. Die Hauptsache aber ist, daß er sich sterblich in sie verliebt hat.«

»Das ist ihm nicht zu verdenken, denn sie ist ein sehr hübsches Mädchen, fast ebenso hübsch wie meine Auguste.«

»O bitte!« lächelte der Polizist. »Sie hat sich gestellt, als ob sie Normanns Feindin sei.«

»Sehr klug.«

»Da hat er ein solches Vertrauen zu ihr gefasst, daß er sie als Verbündete engagirt hat.«

»Sapperment!«

»Ist das nicht wichtig?«

»Außerordentlich!«

»Er will ihr Alles erzählen.«

»Der Esel.«

»Sie soll ihm helfen.«

»Der Dummkopf.«

»Jedenfalls erfahren wir nun die Details von den Plänen, welche die Kerls ausführen wollen.«

»Natürlich, nämlich wenn Ihre Schwester auch fernerhin so klug handelt wie bisher.«

»O haben Sie um diese keine Sorge. Die ist schlauer, als ich es bin. Sie hat mich schon oft ausgestochen.«

»Also was ist denn nun beschlossen morden?«

»Verschiedenes. Ich möchte nicht lange hier stehen, damit man uns nicht sieht, und habe auch noch Anderes vor. Wollen Sie nicht zu Normann's gehen. Man wartet auf Sie.«

»Der Agent sieht mich ja hineingehen.«

»Der Eingang ist ja von der anderen Seite, und am Tage kann er sich doch nicht hinstellen und vor aller Augen aufpassen, wer beim Nachbar ein- und ausgeht.«

»Das ist richtig. Also zu Normanns. Adieu!«

Sam begab sich zu dem Maler. Er brauchte keine Sorge zu haben, von dem Agenten beobachtet zu werden. Dieser hatte ganz Anderes zu thun.

Als er von der Meierei zurückgekehrt war, hatte er geglaubt, Lina daheim zu finden; aber sie war nicht da, und die Wittwe meldete, daß sie zu Normanns sei, um die Ankunftsvisite zu machen.

Nun, diese Visite konnte doch keine Ewigkeit währen!

Aber sie dauerte dennoch lang, denn nach dem, was man von Lina erfuhr, war eine eingehende Berathung nothwendig gewesen, zu welcher sogar der Schloßverwalter, der Kastellan gezogen wurde.

Die Folgen dieser Berathung sollte der Agent sehr bald an sich erfahren, aber ohne es zu ahnen. Er lag im offenen Fenster, blickte hinaus, rauchte dazu eine Cigarre und wartete mit Ungeduld auf Lina's Rückkehr. Er mußte ihr Kommen von diesem Fenster aus bemerken.

Endlich, endlich kam sie.

Sie that, als ob sie ihn gar nicht bemerkte; aber grad unter seinem Fenster blieb sie stehen, blickte mit einem vollen, sonnigen Lächeln zu ihm empor und fragte:

»Auf mich gewartet?«

»Mit Schmerzen.«

»Konnte nicht eher.«

»Wann sehen wir uns?«

»Wohl bald?«

»Ich bitte darum!«

»Soll ich zu Ihnen?«

»Wenn es möglich ist, ja.«

»Gut, baldigst.«

Sie trat unten ein, und er schloß sein Fenster und zog sich in die Stube zurück.

Es war ihm so fremdartig zu Muthe. Es wirbelte ihm im Kopfe, als ob er zu viel Wein oder zu heißen Grog getrunken hätte.

»Ist das Liebe?« fragte er sich.

Aber er zögerte mit der Antwort. Er befühlte seinen Puls. Er besah sich im Spiegel. Er schüttelte den Kopf und brach endlich in den Ruf aus:

»Himmeldonnerwetter! Ich bin verliebt, vollständig vernarrt in diese Lina!«

Er schritt nachdenklich hin und her, blieb dann plötzlich stehen und fragte: »Ob sie aber auch mir gut ist? Allemal! Das geht ja aus ihrem Verhalten hervor. Sie liebt mich auch!«

Da erscholl es kichernd hinter ihm:

»So heirathen Sie sie doch!«

Er fuhr erschrocken herum. Lina stand vor ihm. Sie hatte – ohne anzuklopfen, natürlich aus Absicht – leise die Thür geöffnet und war eingetreten, ohne von ihm bemerkt zu werden.

»Alle Wetter!« rief er. »Sie da!«

»Wie Sie sehen. Sie riefen mich ja herauf.«

Er sah halb verlegen und halb zornig aus. Der Zorn, überrascht worden zu sein, behielt schließlich die Oberhand.

»Haben Sie geklopft?« fragte er.

»Natürlich.«

»Und die Thür geöffnet, ohne daß ich antwortete!«

Da verflog ihr Lächeln und ihre Züge wurden ernst.

»Herr Polizeirath, erlauben Sie, daß nun ich Sie einmal frage! Haben Sie zu mir gesagt, daß ich heraufkommen soll?«

»Ja.«

»Haben Sie mein Klopfen gehört?«

»Nein.«

»Weil Sie laut redeten. Weil ich aber Ihre Stimme hörte, glaubte ich, der Ruf gelte mir und Sie hätten mein Klopfen gehört. Trage da etwa ich eine Schuld?«

»Nein.«

»Anstatt von Ihnen höflich empfangen zu werden, brüllen Sie hier, daß Sie auch geliebt werden. Bin ich vielleicht daran schuld? Gewiß nicht. Und doch fahren Sie mich zornig an wie ein Schulmädchen, welches eine Dummheit begangen hat. Das bin ich freilich nicht gewöhnt. Es ist nicht gut, wenn man als Dame Herrenbesuch macht. Das sehe ich jetzt ein. Adieu!«

Sie wollte nach der Thür. Er aber eilte herbei, ergriff ihre Hand und hielt sie fest.

»Lina, wollen Sie –«

»Bitte!« unterbrach sie ihn. »Ich heiße nur für Verwandte Lina, nicht aber für unhöfliche Leute. Mein Familienname ist derjenige meiner Tante, also Berthold!«

Er fuhr förmlich zurück bei dem Tone, in welchem ihm diese Berichtigung zu Theil wurde.

»Fräulein Berthold!« rief er vorwurfsvoll.

»Herr Polizeiinspector!«

»Warum mir diese Kränkung?«

»Kränkung? Wieso?«

»Ich durfte Sie doch vorher Lina nennen.«

»Davon weiß ich nichts! Habe ich Ihnen meine Erlaubniß gegeben?«

»Allerdings nicht.«

»Sie scheinen also zu träumen und sich im Traume Dinge einzubilden, welche gar nicht vorhanden sind. Daß Sie im Traume sogar sprechen, habe ich soeben gehört. Sie sprachen davon, daß Sie geliebt werden.«

Er wurde roth vor Scham. Sie mußte ja ahnen, daß er sie gemeint hatte. Um wenigstens eine Ausrede zu probiren, sagte er in etwas kräftigerem Tone:

»Wollen Sie mich beleidigen? Ich bin nämlich Dichter –«

»Ach, Dichter?«

»Ja!!!«

»Wie aber hängt das mit unserm Thema zusammen?«

»Sehr innig. Der Dichter muß nämlich hören, was er dichtet. Darum sagt er es sich laut her.«

»Aber was ich Sie sagen hörte, reimte sich ja gar nicht!«

»Das schadet nichts. Der Reim kommt später hinan, wenn die Zeilen zerschnitten worden sind und paarweise zusammengesetzt werden.«

Es kostete ihr unendliche Mühe, ernsthaft zu bleiben. Der Reim kommt hinan – die Zeilen werden zerschnitten – das war ja eine Ausdrucksweise, aus welcher sich der unumstößliche Beweis ziehen ließ, daß der Agent von der Dichtkunst aber auch nicht das Allermindeste verstand.

»So, so!« nickte sie nachdenklich. »Welchen Stoff haben Sie denn bearbeitet?«

»Die Untreue der Venus.«

»Ach so. Wem wurde sie denn untreu?«

»Natürlich ihrem Manne, dem Vulkan.«

»Davon habe ich noch gar nichts gehört. Hat er sich scheiden lassen?«

»Nein. Das segensreiche Institut der Ehescheidung war damals noch nicht vorhanden. Er wird ihr also verziehen haben, nachdem er ihr unter vier Augen einige intime Erklärungen gegeben hat.«

»Ich bitte dringend, das Gedicht lesen zu dürfen, sobald Sie den letzten Reim hinangemacht haben.«

»Sehr wohl! Wird mir ein Vergnügen sein, zu beweisen, daß nicht nur Schiller gedichtet hat.«

»O, der Beweis ist schon längst erbracht. Es dichteten auch noch einige andere Menschen außer ihm, zum Beispiel ein gewisser Goethe, ein sogenannter Dante, ein Petrarca und Andere.«

»Ja, ja, das sind aber vergangene Dichter, verschwundene Größen. Die Gegenwart ist die Hauptsache. Doch, das gehört nicht hierher. Wir haben Anderes zu thun. Vor allen Dingen sagen Sie mir, ob Sie mir verziehen haben?«

»Ich sollte eigentlich nicht!«

»Warum nicht?«

»Wer gegen eine Dame so ungezogen sein kann, der verdient keine Nachsicht.«

»Es war in der Ekstase der Dichtkunst!«

»So, dann mag es für diesmal noch verziehen sein. Ein anderes Mal aber wird es keine Gnade geben.«

»Ich bin wirklich ganz und gar untröstlich. Es war gar nicht so gemeint. Aber, wollen Sie sich nicht setzen.«

Er führte sie zum Sopha, auf welchem sie in leichter, graziöser Haltung Platz nahm; er selbst setzte sich auf einen Stuhl in der Nähe.

»Also Sie waren bei Normann's,« begann er. »Wie wurden Sie empfangen?«

»Sehr freundlich, man wollte mich gar nicht sobald wieder fort lassen. Hätte ich nicht gewußt, daß Sie warteten, so wäre ich noch länger geblieben!«

»
A propos, weiß Ihre Tante, daß Sie wieder heim sind?«

»Ja.«

»Und wohl auch, daß Sie sich bei mir befinden?«

»Allerdings.«

»Sapperment! Was sagt sie dazu?«

»Was soll sie dazu sagen?«

Das klang so erstaunt, daß der Agent noch viel erstaunter meinte:

»So betrachten Sie das Leben wohl idyllisch?«

»Natürlich.«

»Ach so! Sonst ist es jungen Damen von alten Tanten verboten, unverheirathete Herren zu besuchen.«

»Pah! Sie sind Wittwer, und meine Tante achtet Sie. Bei Ihnen droht keinem Mädchen irgend eine Gefahr.«

Das war wieder kein Compliment für ihn. Darum begann er sogleich:

»Sprechen wir lieber von Normann's. Was haben Sie erfahren?«

»Daß sie sich wohl befinden.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Sie müssen aber doch in dieser langen Zeit über irgend Etwas gesprochen haben?«

»Ganz richtig!«

»Was war das?«

»Verschiedenes! Politik, Weltgeschichte, Saat und Ernte und Anderes auch!«

»Ich glaubte, werthvollere Dinge zu hören. Sie hätten fragen sollen!«

»Wegen der Polygamie?«

»Ja.«

»Was denken Sie! Kann ich so mit der Thür in's Haus fallen? Ich hätte mich ja sogleich verrathen.«

»Das ist richtig. Man hätte Ihnen vielleicht niemals wieder Etwas mitgetheilt.«

»Also habe ich geschwiegen. Ich werde ja öfter wieder hinüber gehen, und da erfahre ich jedenfalls Etwas. Vielleicht habe ich auch heut noch irgend Etwas gehört, es aber einstweilen vergessen. Es fällt mir aber wohl wieder ein, wenn wir nur hübsch bei diesem Gegenstande bleiben. Sie wollten mir ja noch viel mehr erzählen, wurden aber unterbrochen, da wir an dem Bahnhofe ankamen.«

»Nicht, daß ich wüßte!«

Er sagte das in sehr gleichgiltigem Tone. Sie aber ließ sich nicht irre machen.

»Leugnen Sie nicht! Sie mußten noch ganz Außerordentliches in petto haben, nach der Art und Weise, wie Sie sich ausdrückten.«

»Hm, vielleicht.«

»Von einem Vielleicht kann da gar keine Rede sein. Oder haben Sie ganz plötzlich Ihr Vertrauen zu mir verloren?«

»Nein, gewiß nicht. Aber im Coupée befand ich mich unter dem ersten Eindrucke Ihrer Persönlichkeit. Ich war wie berauscht.«

»Und jetzt sind Sie ernüchtert?«

»Nein, das will ich nicht sagen. Aber ich empfinde nicht nur, sondern ich denke auch.«

»Und was denken Sie?«

»Daß ich vielleicht doch unvorsichtig gewesen bin.«

»So! Sie meinen zu aufrichtig gegen mich gewesen zu sein?«

»Ja.«

»Nicht, daß ich wüßte. Was Sie mir gesagt haben, ist wohl längst schon vergessen, und was davon etwa noch vorhanden ist, das will ich zu vergessen suchen. Dann ist's grad so gut, als ob Sie mir nichts gesagt hätten!«

»Das sagen Sie. Aber solche Sachen lassen sich nicht vergessen.«

»Sehr leicht sogar. Man muß nur an Etwas denken, was interessanter ist.«

»Sind Sie so unbeständig?«

»Unbeständig? O nein. Ich lasse nur das fallen, was ich mir nicht merken will.«

»Ebenso leicht vermögen Sie wohl auch einen Menschen zu vergessen?«

»Warum nicht. Wenn er beginnt, fade zu werden, denke ich nicht mehr an ihn.«

»Ah, dann muß ich mich hüten, fade zu sein.«

»Wenn Sie wollen, daß ich mich in Gedanken mit Ihnen beschäftigen soll, ja!«

»Das aber ist eben Unbeständigkeit.«

»O nein. Wenn ich gestern Kartoffeln aß und nun heut eine andere Speise habe, so ist das nicht Unbeständigkeit, sondern die Abwechslung, welche die Natur erfordert. Wenn ich eines Menschen überdrüssig werde, suche ich mir einen interessanteren. Das ist Naturgesetz.«

»Wo bleibt da die Treue in der Liebe?«

»Wer spricht denn von Liebe?«

»Sie doch!«

»Sie träumen oder – dichten wieder. Sie sprechen von der Unbeständigkeit im Allgemeinen. In der Liebe versteht sich die Treue ganz von selbst.«

»Ach so! Sie würden also ihrem Manne treu bleiben, selbst wenn er fade würde?«

»Selbstverständlich.«

»Das ist eine hohe Tugend!«

»Pflicht ist keine Tugend. Aber wir kommen wieder von unserem Thema ab. Oder wollen wir es lieber fallen lassen?«

»Ja.«

»Gut, wie Sie wünschen. Freilich kam ich zu Ihnen, weil ich glaubte, Sie wollten mir die versprochenen Mittheilungen machen. Da dieselben unterbleiben, so ist meine Gegenwart unnütz.«

Sie erhob sich vom Sopha. Aber schon stand er vor ihr und vertrat ihr den Weg.

»Fräulein, so war es nicht gemeint. Zu Mittheilungen, wie Sie verlangen, gehört ein ganz beispielloses Vertrauen. Wenn Sie es mißbrauchten, wäre meine ganze Existenz vernichtet.«

»Halten Sie mich für so eine Harpye?«

»Nein. Aber beweisen Sie mir, daß Sie wirklich Normann's Feindin sind.«

»Das kann ich Ihnen ja nicht beweisen.«

»O doch!«

»Nur dann, wenn Sie mir Vertrauen schenken. Dann helfe ich Ihnen gegen Normann's«

»Schon vorher können Sie es beweisen.«

»Wodurch?«

»Dadurch, daß Sie mir sagen, wodurch Normann Sie so schwer beleidigte.«

»Das – das soll ich sagen?«

»Ja.«

»Fast unmöglich!«

»Fällt es Ihnen so schwer?«

»Schwerer als Sie denken.«

Sie trat an das Fenster und blickte sinnend hinaus. Er sah ihren vollen Busen auf und nieder wogen. Es mußten stürmische Gefühle sein, welche ihn bewegten. Dann wendete sie sich mit einem raschen Ruck zurück und sagte:

»Wohlan, ich will aufrichtig sein. Es fällt auf mich ja kein Schimmer eines falschen Lichtes, denn ich bin nicht Schuld daran.«

Er setzte sich wieder nieder und sagte:

»Was werde ich hören?«

»Nichts weiter, als das alte Lied – und wem es just passiret, dem bricht das Herz entzwei.«

»Ach, Untreue?«

»Ja, ich will es Ihnen nur gestehen, ich war Normann's Braut.«

»Seine Braut waren Sie? Seine Braut?«

»Leider!«

»Der Schändliche.«

»Dieses Wort ist noch viel zu wenig. Ich kann nichts sagen, und ich mag nichts sagen, denn es ist eben in Worten nicht auszudrücken. Er reiste nach der Türkei. Als er zurückkehrte, brachte er diese beiden Geschöpfe mit. Ich war vergessen.«

»So müssen Sie doch wissen, daß sie Türkinnen sind!«

»Nein. Er gab sie für Deutschösterreicherinnen aus.«

»Der Lügner. Ich weiß ganz genau, woher er sie hat!«

»Das muß ich erfahren, damit ich es ihm in das Gesicht schleudern kann!«

Sie ballte die Hände und knirrschte mit den Zähnen. Er aber fragte:

»Sie hatten sich nichts zu Schulden kommen lassen?«

»Gehen Sie hinüber und fragen Sie ihn. Er wird sagen, daß ich rein und frei von jeder Schuld sei!«

»Desto schändlicher!«

»Er sagte, seine Liebe sei erloschen, daher halte er es für gerathen, daß wir uns trennen möchten.«

»Schändlich! Und doch besuchen Sie ihn?«

»Ihn? Was fällt Ihnen ein?«

»Sie gehen ja hinüber!«

»Nicht zu ihm, sondern zu den beiden Frauen, welche nicht wissen, daß ich seine Braut war.«

»Ach so!«

»Und, ahnen Sie nicht, warum ich diese Besuche trotz alledem fortsetze?«

»Nun?«

»Weil sich endlich doch einmal die Gelegenheit zur Rache finden könnte, ach, Rache!«

Sie ging in der Stube auf und ab. Ihre Erregung war ungeheuer. Das sah er ihr an. Aber ihre Aufregung erhöhte ihre Schönheit um das Doppelte.

»Fräulein,« rief er aus, »ist es wirklich Ihr Wunsch, sich zu rächen?«

»Sie fragen noch!«

»Ja, ich frage noch. Das weibliche Herz ist ein sonderbares, schwaches Ding. Heut will es sich rächen, und morgen blutet es vor Erbarmen.«

»Das meinige nicht.«

Sie spielte die Zornige ausgezeichnet.

»Fräulein,« rief er aus. »Wissen Sie, durch wen Sie Rache finden können?«

»Nun, doch nur durch Sie.«

»Ja, nur durch mich.«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß Tschita und Zykyma entführt worden seien?«

»Das sagten Sie.«

»Nun, der Türke, der Mann dieser Beiden ist da!«

»Ah! Unmöglich.«

»O, ganz gewiß.«

»Ein Türke hier? Den muß ich sehen!«

»Sie werden ihn nicht erkennen. Er geht europäisch gekleidet«

»Trägt er auch einen europäischen Namen?«

»Er heißt einfach Abraham und sagt, er sei Bankier in Kairo.«

»Tschita und Zykyma wurden aber doch in Constantinopel geraubt!«

»Ganz recht. Mir scheint, er hat einen falschen Namen angenommen, um die Beiden nicht aufmerksam zu machen.«

»Leicht begreiflich. Wie lautet denn der wirkliche Name?«

»Wer weiß es! Die beiden Türkinnen müssen es wissen.«

»Was aber will er hier?«

»Er will ganz dasselbe wie Sie, Rache.«

»Das mag er bleiben lassen!«

»Warum?«

»Hier ist er ohnmächtig.«

»Meinen Sie?«

»Ja. Oder was könnte er thun?«

»Vielerlei!«

»Pah, vielerlei. Was denn? Etwa Normann verklagen wegen der Entführung?«

»Das wäre unnütz.«

»Was sonst? Ihn niederschießen? Das wäre ein Mord, der bestraft wird.«

»Ein Mord, nein, das nicht. Aber wie nun, wenn er sich seine beiden Frauen wieder holte?«

Lina fuhr empor.

»Alle tausend Teufel! Das, ja das ist ein Gedanke!« rief sie aus.

»Nicht wahr?«

»Das wäre der Rede werth!«

»Ein kühner und köstlicher Gedanke!«

»Und eine herrliche Rache!«

»Aber schwer auszuführen!«

»Schwer? Wieso?«

»Wie sind die beiden Weiber fortzubringen?«

»Wohin sollen sie?«

»Nach der Türkei.«

»So weit, ah, so weit! Dann kann Normann, der Ungetreue, sie nicht wieder bekommen!«

»Nicht wieder sehen würde er sie.«

»Welche Rache, welche Strafe für ihn und für sie! Dieser kostbare Gedanke wird mich nicht schlafen lassen.«

»Ja, auch mir raubt er die Ruhe.«

»Ihnen? Warum?«

»Weil ich über seine Ausführung nachdenke und doch das Richtige nicht treffen kann.«

»Weil Sie ein Mann sind.«

»Glauben Sie, daß Sie weiter kommen würden?«

»Gewiß.«

»Auf welche Weise?«

»Auf die leichteste von der Welt. Sind Sie denn mit dem Türken bekannt?«

»Sogar befreundet, so befreundet, daß er erwartet, ich werde ihm bei Ausführung seiner Rache helfen.«

»Thun Sie das, thun Sie das!«

»Ach, wenn auch ich helfen dürfte!«

»Wollen Sie denn?«

»Wie gern, wie gern! Das wäre ja eben meine Rache.«

»Nun, so helfen Sie doch!«

»Das sagen Sie; aber ob der Türke damit einverstanden ist, das fragt sich.«

»Sofort, sofort! Ich brauche es ihm ja nur zu sagen.«

»So sagen Sie es ihm! Aber schnell, denn es ist Gefahr im Verzuge.«

»Wieso denn?«

»Es sind Dinge passirt, welche die Rache des Türken unmöglich machen und ihn sogar in Gefahr bringen können.«

»Vorhin sagten Sie, daß Sie nichts wüßten?«

»Ich hatte es vergessen, und ich wußte ja auch nicht, daß dies damit zusammenhängt.«

»Was ist es denn?«

»Verschiedenes. Ich will – –«

Sie wurde unterbrochen. Es klopfte. Als der Agent öffnete, stand das Dienstmädchen draußen und meldete:

»Dieser Brief wurde abgegeben.«

»Von wem?«

»Durch einen Kofferträger.«

Sie entfernte sich.

Der Agent betrachtete kopfschüttelnd das Papier, die Schrift und das Siegel. Das Erstere war ein zusammengelegter Vierteltheil eines Conceptbogen. Die Schrift stammte jedenfalls von einer sehr ungeübten Hand, war aber orthographisch richtig abgefaßt. Und das Siegel war mit einem sehr großen Aufwande von Packlack hergestellt; als Petschaft hatte man einen alten, nicht mehr giltigen großen Kupferfünfpfenniger gebraucht.

Die Adresse lautete:

»Herrn Polizei-Inspector Schubert,

hier.«

Die Adresse war also richtig. Der Brief galt ihm. Er öffnete und las:

»Sehr geehrter Herr!

Soeben erfahre ich genau, wenn es mir möglich sein wird, Ihren Wunsch zu erfüllen. Um sieben Uhr wird es dunkel. Kommen Sie halb acht an das Pförtchen; da wird der Mann herauskommen. Aber bringen Sie ja den bewußten Wechsel mit, sonst lasse ich ihn nicht los.

Der Betreffende.

Postscriptum: Verbrennen Sie diesen Brief, damit er nicht zum Verräther werden kann; das wäre sehr schlimm!«

Also vom Schließer kam der Brief. Das war ja eine sehr gute Nachricht! Der Agent war so sorgfältig, daß er sofort ein Streichholz nahm, den Brief anbrannte und in den Ofen steckte, und er selbst blieb dabei kauern, bis er sich überzeugt hatte, daß nur noch die dunkle Asche vorhanden war. Auch diese blies er zu Staub auseinander.

Er ahnte freilich nicht, daß seine Feinde den Inhalt dieses Briefes ebenso gut kannten wie er. Er war verfaßt worden als eine Folge der veränderten Disposition, welche getroffen worden war.

»So!« sagte er. »Wieder Etwas weg von der Welt, was nicht in sie gehört.«

»Ein Geheimnis?« fragte Lina.

»Ja.«

»Auch für mich ein solches?«

»Na, Ihnen kann ich es anvertrauen, da es sich auf unsere Angelegenheit bezieht.«

»So! Deutlicher können Sie es mir nicht sagen?«

»Nein. Jetzt noch nicht. Erst muß ich Thaten von Ihnen gesehen haben; dann werden Sie mein vollstes Vertrauen besitzen.«

»Also immer noch Mißtrauen?«

»Nein. Ich bin der Zuversicht, daß Sie es ehrlich meinen; aber ich bin gezwungen, vorsichtig zu sein. Wenn es sich nur um mich handelte, so würde ich ohne Rückhalt zu Ihnen sprechen.«

»Gut! Handeln Sie, wie Sie wollen; ich werde auch thun, was mir beliebt.«

»Das klingt ja wie eine kleine Drohung.«

»O nein. Es muß nur ein Jeder das Recht haben, nach seiner eigenen Weise vorsichtig zu sein.«

»Sie sind doch eine kleine Teufelin!«

»Gewiß nicht. Aber wenn Sie das Recht besitzen, geheimnißvoll gegen mich zu sein, nehme ich dasselbe Recht natürlich auch für mich in Anspruch. Wie Ihnen von mir Gefahr drohen kann, so ist es auch möglich, daß Sie mir gefährlich werden können. Also noch einmal: Gleiche Brüder, gleiche Kappen!«

»Meinetwegen! Wenn Sie nicht anders wollen! Nun aber sagen Sie Mir, was Sie drüben noch erfahren haben!«

»Eben das werde ich nun nicht sagen.«

»Sapperment! Das ist ja gerade die Hauptsache!«

»Freilich.«

»Und ich muß es also wissen!«

»Müssen Sie? Das thut mir leid.«

»Sie dürfen doch nicht so hart sein!«

»Gerade so hart wie Sie. Aber ich will Ihnen wenigstens zeigen, daß ich doch noch ein besseres Herz besitze als Sie. Ich werde Ihnen nur einige kleine Andeutungen geben: Es sind Personen angekommen, für welche sich der Türke höchlichst interessiren wird. Es sind Bekannte von Constantinopel. Wenn sie ihn erblicken, so ist er verloren.«

»Donnerwetter! Sagen Sie doch, wer es ist!«

»Fällt mir nicht ein! Ich werde das nur dem Türken sagen.«

»Warum denn diesem nur?«

»Habe meine Absichten. Sie sehen, daß ich auch meine Heimlichkeiten haben will.«

»Sie sind wirklich nicht gut gegen mich!«

»Und Sie nicht besser gegen mich.«

»Aber indessen kann die Gefahr über uns hereinbrechen!«

»Sehr möglich! Sogar wahrscheinlich!«

»Daran sind Sie schuld! Also reden Sie doch!«

»Dringen Sie nicht in mich. Es würde vergeblich sein. Ich rede nur zu dem Türken.«

»Himmelsakkerment, haben Sie einen harten Kopf. Sie bringen mich ganz aus der Fassung! Ich werde irr und weiß nicht, was ich thun soll.«

»Ein Polizei-Inspector wird irre?«

»Ists bei Ihrem Verhalten ein Wunder? Nehmen Sie doch Verstand an! Sie versetzen mich in eine wahrhaft beängstigende Lage. Was ist geschehen? Reden Sie doch!«

»Kein Wort werde ich sagen, kein einziges! Ich denke, daß es Ihnen nicht schwer sein wird, mir eine Zusammenkunft mit dem Türken zu vermitteln.«

»Es bleibt mir freilich nichts Anderes übrig, als Sie mit dem Pascha zusammen zu bringen. Kennen Sie den Berg rechts von der Stadt, gegenüber dem Schloßberge?«

»Warum sollte ich nicht; er ist ja groß genug.«

»Es befindet sich eine kleine Lichtung oben mit Bänken, von denen aus man eine weite Fernsicht genießt.«

»Ich weiß es. Ich war oft dort oben.«

»Richten Sie es ein, daß Sie in einer Stunde oben sind.«

»Was soll ich dort oben?«

»Ich werde den Pascha mitbringen.«

»So will ich gehen, um mich zum Ausgange vorzubereiten.«

»Und auch ich breche sofort auf.«

Sie ging in ihre Wohnung und paßte auf. Nach kaum fünf Minuten ging der Agent fort, und sie eilte hinüber zu Normanns, um diese von dem Erfolge der Unterredung zu benachrichtigen.

Schubert begab sich nach dem Hauptplatze, an welchem die Morgen- und Abendconcerte stattfinden. Er erblickte den Gesuchten nicht.

Ein langer, hagerer Kerl stand vor einem Baume und las das an denselben

geklebte Plakat. Er war ganz in grau gewürfelten Stoff gekleidet und trug auch einen ebensolchen Hut. Ein riesiger Klemmer saß auf seiner kleinen Stulpnase. Dieser Mann, der einem Jeden auffallen mußte, war zweifelsohne ein Engländer.

Der Agent wendete sich ab. Zu anderer Zeit hätte er sich für diesen originellen Fremden interessirt und ihm einige Aufmerksamkeit gewidmet. Jetzt aber war keine Minute dazu vorhanden.

Er ging nach dem Pavillon, in welchem er sich zum ersten Male mit dem Pascha getroffen hatte, und wirklich, da saß derselbe.

Der Türke schien erst vor ganz kurzer Zeit eingetreten zu sein, denn er hatte sein Getränk noch gar nicht angerührt. Als er den Agenten sah, ging ein Zug der Aufmerksamkeit über sein Gesicht.

Schubert schritt langsam an ihm vorüber und sagte dabei leise:

»Schnell hinauf zum Rendezvous! Es giebt Wichtiges zu hören.«

Dann setzte er sich nebenan und verlangte ein Glas Thee. Glücklicher oder vielleicht auch unglücklicher Weise waren nur sehr wenige Gäste vorhanden, deren Aufmerksamkeit sehr bald nach der Thür gebogen wurde. Nämlich der lange Engländer trat ein und schaute sich um.

Als der Pascha ihn erblickte, zuckte er zusammen. Hätte nicht der Vollbart sein ganzes Gesicht bedeckt, so hätte man sehen können, daß er leichenblaß wurde.

Lord Eagle-nest – denn dieser war es – kam langsam näher und setzte sich nieder. Der Pascha wendete sich halb ab, drehte aber nun dem Lord gerade das Profil zu, diejenige Ansicht, bei welcher seine characteristischen Züge viel leichter zu erkennen waren als en face«.

Der Lord wurde aufmerksam. Er schlürfte langsam an dem Weine, den er sich hatte geben lassen, und betrachtete den Pascha mit immer wachsendem Erstaunen.

Die anwesenden Gäste bemerkten gar wohl die Energie, mit welcher der Britte den Türken fixirte. Es war klar, daß irgend Etwas erfolgen werde.

Und wirklich, da ließ der Graukarrirte seinen riesigen Klemmer von der Nase fallen, zog eine Karte aus der Tasche, trat an den Tisch des Türken und sagte:

»Mein Herr, hier meine Karte. Bitte um die Ihrige!«

Das war weder höflich noch grob gesprochen, sondern einfach im Tone ruhiger Aufforderung. Der Pascha konnte sich nicht weigern. Er stand ebenfalls auf, zog seine Karte hervor und tauschte dieselbe gegen diejenige des Engländers aus. Der Letztere las:

»Abrahim Effendi, Bankier aus Kairo.«

Der Lord schüttelte verächtlich den Kopf und sagte so laut, daß Alle es hörten:

»Haben wir uns nicht einmal gesehen?«

»Vielleicht in Kairo, mein Herr?« antwortete der Türke, der sich alle Mühe gab, ruhig zu erscheinen.

»O nein, in Kairo nicht, denn dort giebt es gar keinen Bankier Abrahim Effendi.«

»Mein Herr!« brauste der Türke auf.

»Schon gut! Ich bin Lord Eagle-nest und bestätige hiermit mit meinem Ehrenworte, daß es in Kairo keinen Bankier dieses Namens giebt. Ihre Karte enthält also eine Lüge.«

»Wollen Sie mich beleidigen!«

»Nein! Lord Eagle-nest kann Sie ebenso wenig beleidigen, wie Sie seine Ehre anzutasten vermögen. Lassen Sie die Absicht fahren, in welcher Sie hierher gekommen sind! Es läuft nicht immer so gut ab wie die früheren Male! Leider darf ich meinen Wein nicht austrinken, da ich nicht Gast sein kann unter einem Dache, unter welchem so ein Kerl wie Sie sind, sitzt.«

Er warf ein Zehnmarkstück auf den Tisch und schlenderte in langsamer Behaglichkeit zur Thür hinaus.

Dieser Auftritt hatte ein ungeheures Aufsehen erregt. Es stand zu erwarten, daß die Kunde davon sich binnen einer Viertelstunde im ganzen Ort verbreitet haben werde.

Die Gäste ließen ihre Augen nicht von dem Pascha, neugierig, was dieser unternehmen werde.

Er behauptete mit vieler Mühe seine Fassung und winkte den Wirth herbei, welcher Zeuge dieses Auftrittes gewesen war.

»Wer war denn dieser Mensch?« fragte er. »Auf der Karte steht Lord Eagle-nest.«

»Der ist er auch.«

»Wirklich? Ein richtiger Lord?«

»Ein Lord, Pair von England und Besitzer ungezählter Millionen.«

»Aber wie kommt dieser mir völlig unbekannte Herr dazu, mich, einen völlig Unschuldigen, zu insultiren?«

»Das weiß ich leider nicht, mein Herr. Es steht nun bei Ihnen, Sie sich zu dieser allerdings großartigen Beleidigung verhalten werden.«

»Zunächst nehme ich an, daß der Herr entweder geistig gestört ist, was bei Engländern zuweilen vorkommen soll, oder sich geirrt hat. Eine absichtliche Provocation erscheint als ausgeschlossen. Die Entschuldigung und Ehrenerklärung wird also nicht ausbleiben. Verweigert man mir diese aber, nun, dann wird die Sache freilich zu einer cause célèbre<(i> Ihres Badeortes werden. Die Beleidigung wäre ja geradezu blutig.«

Hierauf bezahlte er und ging. Er wendete sich dem Wege nach der Höhe zu, auf welchem der Agent ihm sehr bald folgte. Sie hüteten sich aber, neben einander zu gehen und trafen erst oben zusammen, nachdem sie sich überzeugt hatten, daß Niemand zugegen sei.

Lina war noch nicht da.

Der Pascha befand sich in einer geradezu unbeschreiblichen Stimmung. Wuth, Scham, Rache und alle diesen verwandten Regungen kochten in seinem Innern. Er hatte die Hände über die Brust gekreuzt, trat dem Agenten mit blitzenden Augen entgegen und fragte zischend:

»Haben Sie sich den Kerl genau angesehen?«

»Natürlich! Den hätte man ja gar nicht übersehen können, selbst wenn der beispiellose Ueberfall unterblieben wäre.«

»Er muß sterben!«

»Schön!« nickte der Agent zustimmend.

»Unbedingt sterben! Und bald!«

»Das liegt nur an Ihnen. Senden Sie ihm Ihren Bevollmächtigten!«

»Meinen Bevollmächtigten? Meinen Sekundanten etwa? Ist das Ihr Ernst?«

Diese Frage wurde im Tone des allerhöchsten Erstaunens ausgesprochen.

»Natürlich ist es mein Ernst.«

»So sind Sie ebenso dumm wie dieser Lord!«

»O bitte!«

»Ja, ebenso dumm. Er würde sich ja weigern, sich mit mir zu schlagen.«

»Er müßte, wenn er seine Ehre nicht verlieren wollte, einen triftigen Grund angeben.«

»Er würde mich für ehrlos erklären.«

»Das ist allerdings der triftigste Grund, den es geben kann. Nur fragt es sich, ob er es zu beweisen vermag.«

»Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, den Beweis zu erbringen.«

»Mit Erfolg?«

»Leider wohl nicht ohne Erfolg!«

»Verdammt! Das ist eine dumme, eine sehr dumme Geschichte. Er war also wirklich dieser englische Lord?«

»Ja. Ich erkannte ihn gleich.«

»So hat Lina auch ihn mit gemeint.«

»Welche Lina?«

»Eine Bekannte von mir, welcher wir vertrauen dürfen. Sie hat eine Rache gegen die Normanns und will uns einige Warnungen zugehen lassen. Darum habe ich sie hierher bestellt. Sie muß aller Augenblicke kommen.«

»Wie?« fragte der Pascha. »Ein Frauenzimmer haben Sie eingeweiht? Ohne meine Erlaubniß!«

»Eingeweiht nicht. Sie will Ihnen Einiges mittheilen, jedenfalls auch von dem Lord. Sie sagte es mir und ich bestellte sie hierher. Das ist Alles.«

»Aber wenn sie mit mir reden will, muß sie doch von mir und wohl gar auch von meinen Absichten gehört haben. Sie muß wissen, wer ich bin.«

»Das Letztere weiß sie vielleicht. Ich habe mich versprochen. Sie denkt, das sie ein Pascha sind, kennt aber den Namen nicht. Und was das Erstere betrifft, so habe ich ihr nur einige ganz unbestimmte und allgemeine Andeutungen gemacht.«

Der Pascha schien nicht sehr erbaut von den Mittheilungen seines Verbündeten zu sein. Er machte ein ziemlich verdrießliches Gesicht und sagte:

»So! Also versprochen haben Sie sich! Da geben Sie mir keinen guten Begriff von Ihrer Klugheit und Vorsicht.«

»Verzeihung! Selbst der klügste und vorsichtigste Mensch läßt sich einmal ein Wort entschlüpfen, welches er lieber zurückbehalten hätte.«

»Aber wenn er einen solchen Auftrag übernommen hat, wie der Ihrige ist, dann ist doppelt Vorsicht nöthig. Wir können nicht nur mit der Polizei, sondern sogar mit dem Strafrichter in Conflict kommen. Darum ist die äußerste Zurückhaltung nothwendig. Sie haben aber das vergessen.«

»Nein, ich habe es beachtet. Gerade weil unsere Angelegenheit eine so überaus schwierige ist, muß ich bemüht sein, sie uns möglichst zu erleichtern. Und diese Erleichterung finden wir durch die betreffende Dame.«

»Wissen Sie das so genau?«

»Sehr sicher sogar!«

»Ist Ihnen der Character dieser Dame so genau bekannt, daß Sie für sie garantiren können?«

»Ja.«

»Wie lange kennen Sie dieselbe?«

Der Agent hätte sehr gern eine lange Zeit angegeben, aber er mußte befürchten, daß diese Unwahrheit entdeckt werde, darum antwortete er der Wahrheit gemäß:

»Allerdings erst heut ists, daß ich sie zum ersten Male gesehen, und gesprochen habe.«

»Was? Seit heute? Da wollen Sie sie kennen und sogar für sie garantiren!«

»O. es giebt eben Menschen, die man sofort und beim ersten Zusammentreffen durchschaut.«

»In gewöhnlichen Verhältnissen will ich das vielleicht gelten lassen.«

»Warum nicht hier?«

»Weil unsere Sache eine gefährliche ist.«

»Sie müssen bedenken, daß sie für mich ganz ebenso gefährlich ist wie für Sie!«

»Meinetwegen! Sie haben also Etwas für sich gewagt, aber das berechtigt Sie noch nicht, auch für mich zu wagen.«

Da wurde der Agent, welcher bisher in sehr höflichem Tone gesprochen hatte, unwillig:

»Donnerwetter!« rief er aus. »Sie dürfen mich nicht wie einen Anfänger behandeln! Ich bin Polizeibeamter und habe stets gewußt, was ich thue. Wenn Sie Ihre Angelegenheit in meine Hände legen, so verlange ich auch, daß Sie nur vertrauen und nicht an Dem, was ich thue, herummäkeln.«

»Ah! Sie werden grob!«

»Ists ein Wunder? Was werden Sie allein vermögen, wenn ich aus Aerger zurücktrete!«

»Das thun Sie nicht!«

»Oho, ich thue es; darauf können Sie sich verlassen! Ich habe in Ihrem Interesse gehandelt und keinen Tadel verdient.«

Der Pascha sah wohl ein, daß er ohne die Mitwirkung dieses Mannes sein Ziel wahrscheinlich nicht erreichen werde, aber er dachte an seinen Rang, seine Stellung, seinen Reichthum und glaubte, sich nicht von einem Manne mit fraglicher Existenz anschnauzen lassen zu dürfen. Darum antwortete er, nun auch seinerseits in erhobenem Tone:

»Ich glaube nicht, großen Schaden zu haben, wenn Sie zurücktreten.«

»Da sind Sie im Irrthum!«

»Wohl nicht, denn die Sache ist bereits so eingefädelt, daß ich sie von jetzt an selbst auszuführen vermag.«

»Möglich! Vielleicht engagiren Sie sich einen Anderen, der Ihnen helfen soll.«

»Wahrscheinlich.«

»Nun, wir haben uns bereits über diesen Punkt ausgesprochen. Ich würde mir das natürlich nicht gefallen lassen.«

»Sie könnten nichts dagegen thun.«

»Da beurtheilen Sie mich falsch. Wenn ich einen Baum pflanze und groß ziehe, bis er geblüht hat, so laß ich ihn keinem Anderen gezwungenermaßen über, der dann die Früchte erntet.«

»Was würden Sie thun!?«

»Ich würde als Ihr Gegner auftreten, das will ich Ihnen aufrichtig sagen.«

»Das ist allerdings eine große Aufrichtigkeit!«

»Aus welcher Sie erkennen können, daß ich ein offener und ehrlicher Verbündeter bin.«

»Sie würden wohl gar die Polizei auf mich aufmerksam machen?«

»Wahrscheinlich.«

»Nun, das wäre für Sie ebenso gefährlich wie für mich. Sie müßten sagen, daß Sie mein Verbündeter gewesen sind.«

»Aber ich würde erklären, daß ich mich nur scheinbar mit Ihnen verbunden habe, um Sie auf den Leim zu führen.«

»Glaubt man Ihnen das?«

»Allemal. So Etwas kommt im Leben eines Polizisten sehr oft vor.«

»Aber Sie haben bereits Sachen unternommen, welche gegen das Gesetz sind.«

»Das kann ich verantworten.«

»Hm!« brummte der Pascha ungläubig.

»Und, wenn Sie für mich befürchten, ist es denn nothwendig, daß ich mich decouvrire? Ich kann gegen Sie auftreten, ohne mir eine Blöße zu geben.«

»Wie denn?«

»Anonym.«

*

104

»So würde ich, wenn ich vernommen würde, doch Ihren Namen nennen müssen.«

»O, zu einem Verhöre käme es gar nicht. Ich würde mich nicht an die Polizei, sondern an die betreffenden Privatpersonen wenden.«

»Aber ohne Erfolg.«

»Irren Sie sich nicht. Ich brauche Ihnen nur zu verrathen, welche Absichten Sie haben, so werden sie dafür sorgen, daß Sie dieselben nicht erreichen.«

»Alle Teufel, das wäre ja eine große Schlechtigkeit von Ihnen!«

»O nein, denn ich zahlte Ihnen da nur das Heim, was Sie mir vorgeschossen haben. Also besinnen Sie sich, was Sie zu thun gedenken! Bevor die Dame kommt, müssen wir klar sein.«

Er sagte das in einem so entschiedenen Tone, daß der Pascha Sorge bekam. Er sah ein, daß es doch am Besten sei, mit seinem bisherigen Verbündeten fortzuarbeiten, zumal derselbe sich bisher so gut bewährt hatte. Darum lenkte er ein, indem er in freundlicherem Tone sagte:

»Nun, was haben Sie denn an mir auszusetzen?«

»Daß Sie mich tadeln.«

»Der Tadel war nicht so bedeutend.«

»Sie nahmen aber die Sache sehr bedeutend.«

»Weil ich besorge, daß wir Schaden haben, wenn zu viele Mitwissende werden.«

»Ich habe Ihnen bereits versichert, daß ich dieser Dame traue.«

»So will ich mich einmal auf Ihren Scharfblick verlassen und ihr auch trauen. Aber was haben Sie den für Veranlassung, ihr ein so großes Vertrauen zu schenken. Etwa nur Ihr Gesicht?«

»Zunächst dieses.«

»Und dann? Noch Etwas?«

»Ja, nämlich ihr Verhältniß zu den Leuten, mit denen wir es zu thun haben. Sie haßt sie alle.«

»Warum?«

»Sie ist Normanns Verlobte gewesen.«

»Ach, das ist etwas Anderes!«

»Und er hat sie verlassen.«

»Das verzeiht freilich kein Weib.«

»Seit jener Zeit sinnt sie auf Rache. Sie hat sich in seine Familie Eingang verschafft und ist scheinbar die Freundin von Tschita und Zykyma geworden. Sie hat sich das Vertrauen Aller errungen und nur auf den Augenblick gewartet, dasselbe zu täuschen.«

Der Pascha lachte befriedigt vor sich hin und sagte:

»Das muß ein famoses Weibsbild sein!«

»Unvergleichlich!«

»Hm! Das sagen Sie in diesem Tone. Interessiren Sie sich vielleicht auch persönlich für sie?«

Der Agent ließ eine kurze Zeit vergehen, bevor er antwortete:

»Sie ist allerdings ganz darnach geschaffen, es Einem anzuthun.«

»Das beruhigt mich.«

»Wieso?«

»Wenn Sie Absichten haben und diese sollten sich verwirklichen, so haben wir freilich von ihr keinen Verrath zu befürchten.«

»Verrathen wird sie uns auf keinen Fall.«

»Glauben Sie, Eindruck auf sie gemacht zu haben?«

»Fast möchte ich mir dies schmeicheln.«

»So eilen Sie! Je eher Sie darüber Klarheit erhalten, desto eher erfahren wir, daß wir ihrer sicher sind. Wenn sie Ja sagt, so – so – so kommt mir ein Gedanke.«

Der Agent blickte ihn forschend von der Seite an und fragte:

»Darf ich diesen Gedanken wissen?«

»Ja. Haben Sie Ihren Lebensplan vollständig fertig?«

»Was nennen Sie Lebensplan und was verstehen Sie unter dem Worte fertig?«

»Daß Ihre Bestimmungen über Ihre Zukunft nicht mehr geändert werden können.«

»Nun, was das betrifft, so bin ich freilich noch nicht fertig. Ich muß nehmen, was mir das Leben bringt.«

»So bringe ich Ihnen im Namen des Lebens etwas sehr Gutes.«

»Was?«

»Einen vortheilhaften Vorschlag. Gehen Sie mit mir nach der Türkei!«

Der Agent sah ihn überrascht an.

»Sapperment! Das ist allerdings ein sehr, ein höchst unerwartetes Wort.«

»Es kann Sie nicht überraschen, wenn Sie an unsere Angelegenheiten denken.«

»Das ist freilich wahr. Wenn Sie Ihre Mitschuldigen dort haben, sind Sie ihrer sicher.«

»O, daran dachte ich nicht.«

»Wie ich Sie zu kennen glaube, haben Sie aber daran gedacht. Sie sind ein sehr vorsichtiger Mann.«

»Nun, wenn es so wäre, würden Sie es mir übel nehmen?«

»Gar nicht. Ich bin objectiv genug, Ihnen das gar nicht zu verdenken.«

»Und außerdem meine ich es gut mit Ihnen. Ich biete Ihnen eine sichere, sehr angenehme Lebensstellung.«

»Welcher Art?«

»Das weiß ich noch nicht. Wir müßten es besprechen. Ich habe da so viel Auswahl, daß ich Ihre Ansprüche wohl sehr befriedigen könnte.«

»Nun, so übel wäre das nicht.«

»Sie haben also Lust?«

»Ja, denn hier komme ich doch nicht weiter.«

»Bei mir haben Sie eine Zukunft. Natürlich setze ich voraus, daß auch die Dame mit Ihnen geht.«

»Als meine Frau?«

»Ja, denn nur in diesem Falle sind wir ihrer sicher. Und übrigens hätte ich da für Tschita und Zykyma unterwegs eine Begleiterin. Sie auch mit – dann sind wir sicher, daß wir diese Beiden ohne große Störungen nach Constantinopel bringen.«

»Donnerwetter, Sie rechnen gut!«

»Muß ich das nicht?«

»Ja freilich.«

»Darum habe ich Ihnen gesagt, daß sie sich beeilen sollen mit ihr. Nur dann, wenn sie Ja gesagt hat, kann ich ihr vollständig trauen.«

Sie standen schon längst oben auf der Kuppe des Berges, neben der bereits erwähnten Bank. Der Agent blickte eine Weile sinnend vor sich nieder und sagte dann:

»Herr, ich werde ein Ding thun!«

»Thun Sie es! Aber was für eins?«

»Ich werde ihr meinen Antrag machen.«

»Natürlich! Das müssen Sie ja. Von selbst wird das nicht. Aber thun Sie es bald!«

»Das meine ich ja. Ich werde ihr meinen Antrag gleich heute machen, jetzt!«

Er deutete auf die Bank.

Der Pascha machte ein sehr überraschtes Gesicht. Er hatte im Sinne, seine Sache auf das Schlaueste zu führen. Es fiel ihm gar nicht ein, für den Agenten und das Mädchen in Constantinopel Etwas thun zu wollen. Hatte er sie nur dort, so war Alles gut. Dann konnten sie ihm nicht mehr schaden. Unter den dortigen Verhältnissen hatte er sie in seiner Gewalt. Und wenn es ja Gefahr gab, konnte er sie verschwinden lassen.«

»Hier? Jetzt?« fragte er. »Da wüßten wir allerdings gleich, woran wir sind.«

»Ja, dann wissen wir es. Und Sie bekommen dabei Gelegenheit, zu erfahren, ob wir ihr auch im anderen Falle trauen dürfen.«

»Auf welche Weise?«

»Indem Sie uns belauschen.«

»Ist das möglich?«

»Ja. Ich erwarte sie hier auf dieser Bank. Sie stecken sich in den Busch, der sich hinter derselben befindet. Sie müssen jedes Wort hören, welches von uns gesprochen wird.«

»Das wäre mir freilich lieb.«

»Natürlich! Ich werde das Gespräch in der Weise führen, daß Sie die Dame vollständig kennen lernen.«

»Aber dann müssen wir uns beeilen!«

»Jawohl. Sie kann jeden Augenblick kommen, und ich wundere mich überhaupt, daß sie noch nicht da ist. Sie darf Sie jetzt nicht bei mir sehen.«

»Wie machen wir es aber dann? Wo treffen wir uns?«

»Wenn Sie bemerken, daß wir fertig sind, ziehen Sie sich zurück. Wir kommen dann nach, nämlich nach dem Felsen, an welchem ich bereits mit Ihnen zusammengetroffen bin.«

»Schön! Sagen Sie, daß ich dort auf Sie habe warten wollen.«

Er steckte sich hinter die dichten Zweige des Busches und der Agent gab sich auf der Bank die Stellung eines unbefangenen Mannes, der auf Jemand wartet.

Er kannte Lina nicht. Sie war noch viel schlauer als er. Sie war natürlich auf demselben Wege herauf gestiegen und hatte sich gar nicht weit hinter den Beiden befunden. Da sie die Gegend kannte, so schritt sie sehr vorsichtig weiter und hielt kurz vor der Stelle an, wo der Weg auf die Lichtung mündete.

Dort recognoscirte er. Von den Bäumen und Büschen versteckt, sah sie, daß die Beiden sich in einer sehr animirten Unterredung befanden. Dann bemerkte sie, daß der Pascha sich versteckte.

»Wozu?« fragte sie sich. »Jedenfalls, um mich kennen zu lernen, bevor er sich vor mir sehen läßt. Nun, ich werde mir alle Mühe geben, sein ganzes Vertrauen zu erwerben.«

Sie kehrte eine kurze Strecke zurück, räusperte sich dann, um ihr Kommen bemerkbar zu machen, bevor man sie sehen konnte, und trat dann auf den freien Platz.

Dort machte sie eine Bewegung der Ueberraschung.

»Ah, Sie sind bereits da?« fragte sie. »Das ist mir lieb. Da brauche ich nicht zu warten.«

Er erhob sich höflich und antwortete:

»Man soll niemals eine Dame warten lassen, und ich möchte mich am Allerwenigsten gegen Sie eines solchen Vergehens schuldig machen.«

»O, ich verzeihe nicht schwer.«

»Aber ich bin desto strenger gegen mich. Ich würde es mir niemals verzeihen. Jetzt heiße ich Sie natürlich willkommen. Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

Er deutete auf die Bank.

»Müssen wir warten?« fragte sie.

»Leider ja. Der betreffende Herr ist noch nicht da.«

»Also hier ist die Stelle, an welcher ich ihn sprechen werde? Das ist mir unlieb.«

»Warum?«

»Man kann hier leicht überrascht werden.«

»Sehr richtig. Darum haben wir eine andere Stelle bestimmt. Ich war bereits dort, fand den Herrn aber nicht vor und bin nach hier zurückgekehrt, wo Sie auf der Bank das Warten bequemer haben.«

»Nun, hoffentlich dauert es nicht lange.«

»Und ich wünsche das Gegentheil.«

»Warten Sie gern?«

»O nein. In diesem Falle aber wünsche ich, daß unsere Geduld sehr lange in Anspruch genommen werden möge.«

»Warum?«

»Weil dies mir Gelegenheit giebt, möglichst lange bei Ihnen zu sein.«

»Schmeichler!«

Sie gab ihm mit ihrem Schirme einen kleinen, freundlichen Klapps und setzte sich. Er stand noch, fragte aber:

»Erlauben Sie nur auch einen kleinen Theil der Bank?«

»Warum nicht, wenn Sie nicht allzu unbescheiden sind.«

»Ich beanspruche nur die äußerste Ecke.«

Er drückte sich auch wirklich in die Ecke, möglichst weit von ihr entfernt. Sie lachte goldig auf und sagte:

»Fürchten Sie sich vor mir?«

»Fast.«

»Das haben Sie nicht nöthig. Ich bin keine Harpye. Uebrigens haben wir Dinge zu besprechen, welche ein leises Plaudern erfordern. Also rücken Sie getrost näher!«

Er rückte ein Wenig näher und fragte:

»Ist das genug?«

»Noch weiter.«

»Dann sitze ich aber ganz bei Ihnen!«

»Schadet das Etwas?«

»Ja.«

»O wehe! Sie fürchten sich vor mir?«

»So, wie Sie es meinen, nicht.«

»Wie denn?«

»Ich besorge, daß mir Ihre Nähe gefährlich werden könne.«

»Das sehe ich nicht ein.«

»So kennen Sie Ihre Vorzüge nicht.«

»Pah! Man kennt das. Aber daß auch Sie den Galanten spielen, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.«

»Wirklich nicht?«

»Nein. Sie haben dazu ein viel zu ernstes und würdiges Aussehen.«

»Würdig! Das heißt natürlich ehrwürdig. Ich bin so schrecklich alt!«

»O nein. So habe ich es nicht gemeint. Ich würde zum Beispiel nie einen Herrn lieben können, der nicht wenigstens zehn bis fünfzehn Jahre älter ist als ich.«

»Das klingt ja sehr aufmunternd für mich!«

»Meinen Sie, daß ich es als Aufmunterung für Sie gesagt habe?«

»Nein; aber ich würde unendlich glücklich sein, wenn es so wäre.«

»Das ist übertrieben.«

»Gewiß nicht!«

»O doch! Von einem unendlichen Glücke spricht kein vernünftiger Mensch.«

»Sehr wohl! Aber Sie wissen doch, daß die Liebe nur sehr wenig mit der Vernunft zu thun hat.«

»Leider! Und dennoch oder grad deshalb habe ich einen wahren Abscheu vor solchen Ueberschwänglichkeiten. Die Liebe, welche den Mond anguckt und mit den Wolken fliegt, ist nicht die richtige.«

»So möchte ich sehr gern wissen, welche Liebe Sie für die wahre halten.«

»Diejenige, welche mit offenen Augen wählt und sich durch keinen Schein blenden lässt.«

»Da haben Sie gar wohl Recht. Aber wo findet man solche Liebe.«

»Nun, ich denke, bei jedem vernünftigen Menschen.«

»So sagen Sie mir, ob Sie zum Beispiel mich für vernünftig halten.«

Sie warf ihm einen freundlich forschenden Blick zu und antwortete:

»Gewiß!«

»So wünsche ich, daß auch Sie vernünftig sein möchten!«

»Denken Sie vielleicht, daß ich das Gegentheil bin?«

»Nein. Darum wäre es so schön, wenn wir nicht Jedes für sich, sondern mit einander vernünftig sein wollten.«

»Wir Beide? Sie und ich?«

»Ja.«

»Zu welchem Zwecke?«

»Um glücklich zu sein.«

Da wurde ihre Miene ernst.

»Das ist ein sehr heikles Thema,« sagte sie. »Es möchte jeder Mensch glücklich sein, und ein Jeder könnte es auch, wenn er nur das Glück auch wirklich da suchen wollte, wo es zu finden ist.«

»Und wo meinen Sie, daß es zu finden sei, Fräulein? Jedenfalls doch in der Ehe. Oder sind Sie nicht auch derselben Meinung?«

Sie nickte zustimmend.

»Ja. Es ist der Wille der Vorsehung, daß Mann und Weib sich ergänzen sollen. Wer einsam bleibt, hat den ganzen, großen Zweck seines Lebens verfehlt.«

»Ah!« rief der Agent. »Sie sprechen mir aus der Seele. Aber wie Mancher möchte gern aus seiner Einsamkeit heraustreten; aber er wird immer wieder in dieselbe zurückgestoßen!«

»Von wem?«

»Von Derjenigen, an welche er sich gern schließen möchte.«

»Ist Ihnen das vielleicht auch schon so ergangen?«

»Bis jetzt nicht.«

»Oder denken Sie, daß Sie es zu befürchten haben?«

»Ich bin fast überzeugt davon.«

»Warum? Giebt es Eine, an die Sie sich schließen möchten?«

»Ja.«

»Und Sie befürchten zurückgewiesen zu werden?«

»Leider!«

»So begreife ich diese Dame nicht.«

Das electrisirte ihn förmlich.

»Was? Sie begreifen sie nicht? Sv will ich den Fall setzen, Sie selbst seien diese Dame!«

»O, das habe ich nicht zu erwarten.«

»Nehmen wir aber dennoch den Fall an! Was würden Sie thun?«

»Ich würde – würde –«

Sie blickte verschämt zu Boden. Ihre Wangen rötheten sich verlegen. Sie spielte ihre Rolle als Meisterin.

Er war ganz entzückt. Sie schämte sich, also liebte sie ihn, dachte er. Er ergriff ihre Hand und fragte:

»Was würden Sie? Sagen Sie es!«

»Ich würde – um Bedenkzeit bitten.«

»Und wenn ich diese nicht gewährte?«

»Das wäre schlimm.«

»O nein.«

»Gewiß! Sie würden mir doch eine solche Bitte ganz gewiß erfüllen.«

»Gewiß nicht, denn die Liebe kennt kein Bedenken.«

»O, Bedenken im wörtlichen Sinne habe ich auch nicht gemeint; aber man hat doch Verpflichtungen gegen sich selbst. Ich will einmal annehmen, daß ich Sie gut leiden könnte, daß ich Sie für einen braven, für einen Ehrenmann halte. Ist das genug?«

»Vollständig!«

»Nein. Ich habe gesagt, daß die Liebe nicht mit den Wolken fliegen soll. Sie ruht auf der Erde und hat ihre Bedürfnisse wie alles andere Irdische auch.«

»Sie meinen, daß Sie meine Verhältnisse nicht kennen?«

»Das ist es, ja.«

»Nun, da könnte ich Ihnen sehr beruhigende Mittheilungen machen.«

»Wirklich?«

»Ja. Seit heut hat sich mir sogar eine sehr verlockende Fernsicht in die Zukunft geöffnet.«

»Das freut mich herzlich.«

Sie sagte das in so wahrem Tone und machte ein so aufrichtiges, liebes Gesicht dazu, daß er ganz entzückt ausrief:

»Ja, diese Fernsicht ist wirklich prächtig. Es fehlt nur noch Eins dazu, dann wäre sie freilich so herrlich, daß ich ihr folgen würde.«

»Und was sollte das sein?«

»Sie sind es, Sie!«

Er drückte ihre Hand, die sie ihm willig gelassen hatte, an seine Lippen.

»Ich?« lächelte sie. »Wieso?«

»Es ist eine schöne Zukunft, welche sich mir bietet. Aber wenn Sie an derselben Theil nehmen wollten, würde sie unvergleichlich.«

Er erwartete wohl eine Antwort, aber sie schwieg.

»Lina, haben Sie kein Wort dazu?«

»Welches Wort könnte ich da sagen?«

»Sagen Sie nur das Wörtchen Ja!«

»Das geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Ich kenne ja diese Fernsicht, diese verlockende Zukunft noch gar nicht.«

»Soll ich es Ihnen sagen?«

»Bitte, ja.«

»Der Pascha hat mir eine glänzende Anstellung in Constantinopel versprochen.«

Da fuhr sie empor, als ob sie auf das Glücklichste überrascht worden sei.

»In Constantinopel?« fragte sie.

»Ja.«

»Ists wahr? Wirklich?«

»Natürlich! Ich soll mit ihm fort.«

»Ah! Wie sind Sie zu beneiden!«

»Finden Sie das?«

»Gewiß, gewiß.«

»Warum?«

»Der Orient und vor allen Dingen Constantinopel ist stets das Bild meiner Träume gewesen.«

»So können diese Träume jetzt leicht zur Wahrheit werden.«

»O nein. So glücklich kann ich nicht sein.«

Sie stand da und blickte wie entsagend vor sich nieder. Er stand auch auf, ergriff ihre beiden Hände und sagte:

»O, wohl können Sie so glücklich sein. Sie brauchen nur zu wollen.«

»Wieso?«

»Sagen Sie, daß Sie mit wollen, mit mir, so ist Ihr Traum erfüllt.«

»Als was?«

»Als meine Frau, als mein liebes, liebes, süßes Weibchen.«

Ihre Augen leuchteten auf.

»Herr, da haben Sie meinen schwachen, verwundbaren Punkt getroffen. Der Orient, Constantinopel! Ach, Sie ahnen gar nicht, wie diese beiden Orte mich entzücken können.«

»So bitte ich Sie, mir Antwort auf meine Frage zu geben!«

Sie legte beide Hände auf die Brust, als ob sie dort Etwas zurückdrängen müsse, und sagte:

»Wie gern thät ich es; aber ich darf nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich muß hier bleiben.«

»Wer hält Sie zurück?«

»Der Schwur, den ich mir selbst geleistet habe.«

»Ah! Die Rache?«

»Ja.«

»Wenn es nur das ist, so seien Sie ruhig. Grad dafür, daß Sie sich an allen diesen Menschen rächen, sollen Sie glücklich werden. Grad dafür will der Pascha mir in Constantinopel eine glänzende Zukunft schaffen.«

»Wie? Wirklich? Ich sollte mich rächen können und dann nach Constantinopel dürfen?«

»Ja. Sie sollen uns helfen, Tschita und Zykyma zu entführen. Sie sollen in den Harem des Pascha.«

»Den sie nicht lieben! Welche Rache! Tschita soll von Normann gerissen werden, der mir treulos wurde! Ah, wer hätte das gedacht! Darf ich sie in Constantinopel sehen?«

»Natürlich. Sie sollen sogar mit ihnen dorthin reisen und sie beaufsichtigen helfen.«

»Das, das soll ich? Ich soll ihnen zeigen dürfen, daß ich frei und glücklich bin, während sie Sklavinnen sind und unglücklich?«

»Das Alles, Alles sollen Sie haben.«

»Aber bald, sehr bald!« rief sie, als ob sie die Erfüllung dieser Verheißung kaum zu erwarten vermöge.

»So bald Sie es wünschen,« antwortete er. »Wollen Sie Ja sagen? Wollen Sie mich lieb haben und als meine Frau mit mir ziehen?«

»Ich sage ja, von ganzem Herzen ja, denn es ist mir – doch nein –« unterbrach sie sich – »so schnell darf ich doch meine Zusage nicht geben.«

»Warum nicht?«

»Ich kenne den Pascha nicht; ich weiß gar nicht, ob er mich mitnehmen würde, ob er Vertrauen zu mir hat.«

»Das hat er!«

»Wie können Sie das wissen?«

»Ich kenne seine Ansichten und glaube also, sagen zu dürfen, daß Sie ihm willkommen sein werden.«

»Ich hoffe es, muß aber Gewißheit haben.«

»So müssen wir warten, bis er kommt. Dann werden Sie ja hören, daß – –«

»Daß er gern einverstanden ist,« erklang es hinter ihnen.

Beide fuhren herum, sich ganz erschrocken stellend.

»Der Pascha!« rief der Agent.

»Ja, ich bin es,« antwortete der Genannte, indem er zu ihnen trat. »Habe ich Sie vielleicht erschreckt?«

»Beinahe,« antwortete der Agent.

»Ach, sehr!« sagte Lina, indem sie einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix machte.

»So hoffe ich, daß Sie sich sehr bald von diesem kleinen Schreck erholen

werden. Herr Schubert, Sie haben den Ort zu Ihrer Unterredung nicht glücklich gewählt.«

»Wieso?« fragte der Genannte, indem er sich verstellte.

»Weil dieser sehr leicht zu belauschen ist. Ich kam nach unserem Rendezvous und fand dort Niemand vor. Darum durchschritt ich die Umgebung, kam hierher und hörte Sie sprechen. Natürlich trat ich leise näher und sah Sie, mein lieber Herr Schubert, mit dieser Dame.«

»Und haben uns belauscht?«

»Halten Sie das für eine Sünde?«

»Für eine Sünde grad nicht, aber für Etwas, was man gewöhnlich nicht thut.«

»Gewöhnlich, ja. Aber da wir Ungewöhnliches vorhaben, so werden Sie mich vielleicht entschuldigen.«

»Ich verzeihe, ob auch die Dame, da mögen Sie selbst fragen.«

Der Pascha machte Lina eine elegante Verbeugung und sagte:

»Mein Fräulein, als ich Sie hier erblickte, vermuthete ich in Ihnen natürlich die Dame, welcher mich Herr Schubert vorstellen wollte. Ich wünschte, Sie kennen zu lernen und hatte dazu die beste Gelegenheit, wenn ich hörte, wie und was Sie mit ihm sprachen. Was ich hörte, erfüllt mich mit der festen Ueberzeugung, daß ich Ihnen mein volles Vertrauen schenken kann. Wenn ich das Ihnen so aufrichtig sage, hoffe ich, Ihre Verzeihung zu finden.«

Lina that, als ob sie sich noch immer in einer kleinen Verlegenheit befinde, doch machte sie eine Verbeugung und antwortete:

»Darf man in Constantinopel einem Pascha zürnen?«

»Nein. Das ist verboten.«

»Nun, so wollen wir nach den Gebräuchen Ihrer Heimath handeln.«

Seine Augen leuchteten befriedigt auf. Gleich als er sie sah, hatte ihre volle, reizende Gestalt einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er liebte das Ueppige, und das fand er hier mit Grazie und Selbstbewußtsein vereint. Er hatte sofort den Vorsatz gefaßt: Die bekommst Du, nicht aber der Agent. Sie muß in Deinen Harem; ihn aber schiebst Du auf die Seite. Darum war er von ihrer jetzigen Antwort und der Art und Weise, wie sie ihm und seinem hohen Stande ein Compliment machte, ganz entzückt, und sagte:

»Sie zürnen mir also wirklich nicht?«

»Nein.«

»So wollen wir gute Freunde werden! Stimmen Sie ein?«

»Gern.«

»Bitte, geben Sie mir Ihre Hand darauf!«

Und als sie ihm dieselbe reichte, fuhr er fort:

»Ich bin überzeugt, daß die Bekanntschaft, welche wir jetzt schließen, für alle Theile von Vortheil sein wird. Sie sollen mir einen kleinen Dienst erweisen, und dafür werde ich Sie so belohnen, daß Sie getrost und mit freudiger Genugthuung in die Zukunft blicken können.«

»Ich bin bereit, Ihnen gefällig zu sein,« erklärte sie, zumal ich vernommen

habe, daß das mit meinen Ansichten und Gefühlen so vollständig harmonirt. Sie wollen sich rächen, und ich will es auch. Ihre Feinde sind auch die meinigen, und so wollen wir von heut an Hand in Hand gehen, bis unsere gemeinschaftliche Aufgabe erfüllt ist.«

»Und auch weiterhin, noch länger!« fügte er hinzu. »Aber wir wollen uns ja besprechen. Kommen Sie mit dahin, wo wir ungestört sein und nicht belauscht werden können.«

Sie begaben sich nach dem Felsen. Nur Lina wußte, daß sie doch belauscht sein würden. Sie warf einen verstohlenen Blick empor und sah ein Paar Augen durch das künstlich dort angebrachte Buschwerk blicken.

»Setzen wir uns, ohne uns zu geniren,« sagte der Pascha, indem er sich in das Moos niederließ. »Es ist bequemer.«

Der Agent that desgleichen und Lina auch, nachdem sie sich erst ein Wenig mädchenhaft gesträubt hatte.

»Also Sie sind von hier?« fragte sie der Pascha.

»Nein, sondern aus der Residenz.«

»Ich denke, Sie verkehren mit Normanns!«

»Ja, denn ich bin sehr oft auf Besuch bei meiner Tante, welche neben ihnen wohnt.«

»Sie sind ihnen aber nicht freundlich gesinnt?«

»Ich habe allen Grund, sie zu hassen.«

»Grad so wie ich. Normann hat mir Tschita und Zykyma aus meinem Harem gestohlen. Ich will sie mit Gewalt zurückbringen und kann das leichter mit als ohne Ihre Hilfe thun. Sind Sie bereit dazu?«

»Und wie gern! Ich führe ja dadurch die längst geplante Rache viel nachdrücklicher aus, als es mir sonst möglich sein würde.«

»Gut. Halten Sie es denn für möglich, daß ich sie in meine Hand bekomme?«

»Wenn wir es richtig anfangen, ist es sogar sehr leicht.«

»Sie werden mir Ihre Vorschläge machen. Es giebt aber außer diesen beiden Personen noch andere, an denen ich mich rächen will.«

»Sie meinen natürlich Normann?«

»Ja, und noch mehrere. Das aber wird sie weniger interessiren.«

»Warum?«

»Weil sie Ihnen fern stehen und Sie dieselben gar nicht kennen.«

»Sind diese Personen mit Normann's etwa befreundet?«

»Sehr.«

»Haben sie vielleicht sogar dabei mitgeholfen, daß Normann mich verstoßen und diese Tschita heirathen konnte?«

»Ja, alle.«

»So hasse ich sie sämmtlich und muß mich an ihnen rächen. Ich habe es mir geschworen.«

Sie ballte die Hände und machte ein so finsteres Gesicht, wie ihr nur möglich war. Der Pascha war sehr erfreut über ihren Grimm, und die Ueberzeugung, daß er ihr vertrauen könne, schlug immer festere Wurzeln in ihm.

»So haben Sie mir aus der Seele gesprochen,« sagte er. »Also die nächste Aufgabe ist, zunächst die beiden Frauen in meine Gewalt zu bekommen, wo möglich ohne großes Aufsehen zu erregen. Halten Sie das für schwer?«

»Sogar für sehr leicht.«

»Auf welche Weise?«

»Die Art und Weise muß der Augenblick ergeben. Hauptsache ist, wie wir sie den Nachforschungen entziehen.«

»Ja, das ist das Schwierigste. Man wird uns natürlich nachjagen, uns verfolgen.«

»Verfolgen? O nein!«

»Nicht? Sie denken etwa, daß man uns entkommen läßt, ohne nur den Versuch zu machen, uns zu ergreifen?«

»O nein! Aber Verfolgen nennt man doch nur das Nachjagen hinter Einem, den man vor sich hat.«

»Allerdings.«

»Diese Leute werden uns aber doch nicht vor sich haben.«

»Nicht?« fragte er verwundert. »Wir müssen doch schleunigst die Flucht ergreifen!«

»Ah!« lachte sie. »Da würde man uns freilich schnell ergreifen. Der Polizei steht ein so kräftiger und weitreichender Apparat zur Verfügung, daß das Entkommen für uns ganz und gar unmöglich würde.«

»So sehe ich nicht ein, was wir thun sollen!«

»Nicht? Das ist doch sehr einfach.«

»Nun, was denn?«

»Hier bleiben!«

»Ah! Meinen Sie das im Ernste?«

»Gewiß.«

»So ergreift man uns erst recht!«

»O nein! Sie müssen sich doch überlegen: Wenn wir mit den Vermißten verschwinden, so steht es fest, daß wir die Thäter sind.«

»Allerdings.«

»Zwei Damen mit Gewalt entführt, in Deutschland, von einem türkischen Pascha! Denken Sie sich doch den Lärm im ganzen Lande!«

»Der ist nicht zu vermeiden.«

»O doch! Man würde vielleicht die Sturmglocken läuten wie zur Zeit des Prinzenraubes. Sie würden nicht weit kommen.«

»Alle Teufel! Recht haben Sie!«

»Natürlich! Sie wären von allen Seiten gehetzt. Wie wollten Sie entkommen? Auf der Bahn? Mit der Post? Ueberall würden Sie erwartet. In keiner Stadt, in keinem Dorfe, an keinem Orte dürften Sie sich sehen lassen. Man würde Sie mit den Feuerwehren suchen und die Bauern mit Heugabeln auf Sie hetzen. Wenn Sie sich nicht ergreifen lassen wollten, müßten Sie sich im tiefen Walde, in Höhlen verstecken und vor Hunger und Durst elendiglich verschmachten und umkommen. Dazu kämen die Bemühungen der beiden Geraubten, Ihnen zu entspringen oder doch die Aufmerksamkeit der Verfolger auf Sie zu lenken. Sagen Sie mir doch in aller Welt, wie Sie da an die Möglichkeit des Gelingens nur denken können!«

Der Pascha blickte verlegen vor sich hin und sagte kleinlaut:

»So haben wir es uns freilich nicht gedacht.«

»Es wird aber genau so sein.«

»Das sehe ich freilich ein. Also wird es wohl am Besten sein, Ihren Rath zu hören. Wie denken denn Sie sich die Sache?«

»Ich denke mir, Tschita und Zykyma gehen einmal spazieren und kommen gar nicht wieder.«

»Des Abends natürlich? Denn nur da wäre es möglich.«

»O, es kann auch am hellen Tage geschehen. Grad da würde man nur an eine Verunglückung, keinesfalls aber an eine Entführung denken.«

»Ach, ich höre, Sie sind die Richtige, die wir brauchen können!«

»Wir müssen die Sache ebenso einfach wie schlau anfangen. Es darf nicht der mindeste Verdacht auf uns fallen.«

»Ganz recht. Aber wenn sie verschwinden sollen, so muß es einen Ort geben, an welchem wir sie heimlich zurückhalten können.«

»Den giebt es auch.«

»Wo?«

»Ganz in der Nähe, auf Burg Grafenreuth.«

»Was ist das für eine Burg? Ich bin hier völlig unbekannt.«

»Herr Schubert wird sie kennen. Es ist ein altes Raubritterschloß, halb verfallen und ganz einsam im Walde liegend. Prinz Oskar hat es angekauft und so weit renoviren lassen, daß es nicht weiter zerbröckeln kann. Er hat einige Zimmer herrichten lassen, daß sie bewohnbar sind. Sonst aber sind die alten Gänge, Verließe, Gewölbe und Verstecke noch vorhanden. Da giebt es genug Platz, die beiden Frauenzimmer zu verbergen.«

»Wie aber ist das anzufangen? Ist es bewohnt?«

»Nur von dem Kastellan, der ganz allein dort haußt.«

»Der aber würde uns im Wege sein.«

»O nein. Er würde uns sogar beistehen.«

»Wirklich? Haben Sie einen guten Grund, dies anzunehmen?«

»Ja. Er ist mein Oheim und kann die Normann's nicht leiden; ich bin stets sein Liebling gewesen, und er war damals, als ich vor Tschita zurücktreten mußte, geradezu wüthend auf die ganze Gesellschaft. Er haßt sie heut noch grad so wie vordem und würde sich freuen, ihnen so einen Streich spielen zu können.«

»Würde er nicht vor der Gefahr zurückschrecken?«

»Nein, falls ich ihm die Sache so darstelle, daß er an ein gutes Gelingen glauben kann. Uebrigens ist er sehr geizig und geldsüchtig. Wenn er auf eine angemessene Belohnung zählen kann, so dürfen Sie auf seine Hilfe sicher rechnen.«

»Was das betrifft, so bin ich bereit, ihn sehr gut zu bezahlen. Ihr Plan gefällt mir außerordentlich. Er ist gut ausgedacht, und es scheint mir, als ob er uns die wünschenswerthe Sicherheit biete und auch leicht ausgeführt werden könne.

»Ganz gewiß. Wir können die Personen so lange dort verbergen, bis die Aufregung sich gelegt hat und wir im Stande sind, die Reise nach der Türkei mit ihnen zu unternehmen.«

»Herrlich, herrlich! Sie haben ganz Recht. Wir können hier ruhig weiter bleiben, und kein Mensch vermag, Etwas auf uns zu bringen, falls Ihr Oheim schweigsam ist!«

»Auf den können Sie sich verlassen. Uebrigens wird kein Mensch auf den Gedanken kommen, daß die Vermißten sich an einem Orte befinden, der dem Prinzen gehört.«

»Sicher nicht! Wir wollen diesen Plan festhalten. Er gefällt mir auch darum so vorzüglich, weil ich nun auch weiß, wohin mit den anderen Personen.«

»Welche Personen meinen Sie?«

»Zunächst Normann. Ihn können wir wohl auch nach Grafenreuth locken?«

»Sehr leicht sogar. Das will ich schon besorgen.«

»Auf welche Weise?«

»Tschita muß ihm ein paar Zeilen schreiben. Er denkt, sie retten zu können und wird dann aber selbst eingesperrt.«

»Aber da müßte sie ihm doch schreiben, wo sie sich befindet, und das ist gefährlich.«

»O nein. Die Sache läßt sich leicht so einrichten, daß gar nichts verrathen werden kann.«

»Gut! Wir können das ja noch besprechen, denn wir haben Zeit dazu. Dieser Ort ist ganz vortrefflich gewählt. Ich denke, daß wir auch die Anderen hinlocken könnten. Da hätte ich Alle beisammen und könnte eine Rache ausführen, wie sie mir auf andere Weise gar nicht möglich ist.«

»Welches sind diese anderen Personen?«

»Die Adlerhorst's, vor allen Dingen dieser Steinbach, der an Allem schuld ist, der Lord – – ah, das würde mir Gelegenheit geben, ihm zu beweisen, daß ich gar wohl satisfactionsfähig bin! Ferner denke ich da an diese verfluchten Kerls, die Amerikaner, den dicken und die zwei dünnen Kerls. Meinen Sie, daß wir sie Alle zusammen bekommen könnten?«

»Warum nicht?«

»Schön, sehr schön! Und mein Derwisch, der da draußen auf dem Meierhofe gar nicht sicher ist, könnte dort wohl auch das sicherste Versteck finden.«

»Wer ist das, der Derwisch?«

»Ein Freund von mir, welchen Steinbach gefangen genommen und hierhergeschickt hat. Er soll wohl als Zeuge gegen mich dienen.«

»Ach, der droben im Schlosse?«

»Ja. Hat Herr Schubert zu Ihnen von ihm gesprochen?«

»Er hat mir eine Andeutung gemacht.«

»Und glauben Sie nicht, daß er auf dieser alten Burg sicher sein wird?«

»Sicherer jedenfalls als anderswo.«

»So soll auch er hin, ja, er soll hin. Seine Anwesenheit dort wird mir eine Garantie für das Gelingen unseres Planes sein.«

»Wieso?«

»Nun, ich kenne Ihren Oheim nicht, und so werden Sie es mir nicht verdenken, daß ich ihm nicht sofort und völlig traue.«

»Das nehme ich Ihnen gar nicht übel.«

»Wenn Osman sich dort befindet, kann er ihn beobachten, was mich beruhigen wird. Natürlich dürfen Sie Ihrem Onkel nichts davon sagen.«

»Kein Wort. Das versteht sich ja ganz von selbst!«

»Also sagen Sie, ob Sie sich wirklich als unsere Verbündete betrachten wollen.«

»Ja, ich helfe Ihnen, denn ich glaube, daß Sie uns Ihr Wort halten werden.«

»Ich halte es. Herr Schubert soll eine Anstellung erhalten, wie er sie hier im ganzen Leben niemals bekommen hatte. Ich bin reich, sehr reich und besitze einen Einfluß, welcher mehr als ausreicht, einen Freund für lebenslang gut zu versorgen. Reichen wir uns also die Hände, und versprechen wir uns Hilfe, Treue und Verschwiegenheit.«

Sie schlugen ein. Der Pascha war ganz vertrauensselig. Die Schönheit der Polizistin bezauberte ihn, und ihr Verhalten hatte ihn zu einem rückhaltslosen Vertrauen genöthigt. Er besaß keine Ahnung, daß er sich mit einer Feindin verbündet hatte und nun an den Schlingen mitarbeitete, in welche er später unbedingt gerathen mußte.

»Und nun,« fuhr er fort, »dürfen wir keine Zeit verlieren, keine Stunde, keinen Augenblick. Wir müssen zunächst den Derwisch unterbringen, und zwar noch heute in der Nacht, denn da kommt – –«

»Ja,« fiel der Agent ein, »wir müssen uns beeilen. »Ich habe einen Brief erhalten, welchen ich Ihnen noch zeigen werde. Es ist unbedingt nothwendig, daß der Oheim, der Kastellan, augenblicklich gewonnen wird.«

»Das werden Sie thun müssen, Fräulein,« sagte der Pascha.

»Schön!« antwortete sie. »Ich werde gleich morgen früh zu ihm fahren, um die Angelegenheit mit ihm zu ordnen.«

»Morgen erst?«

»Oder noch eher!«

»Natürlich! Heut, sogar gleich jetzt! Die Zeit drängt uns zur größten Eile!«

»Gut! Auch das will ich thun.«

»Wie weit liegt die alte Burg von hier?«

»Mit dem Wagen erreicht man sie in einer Stunde.«

»So fahren Sie hinaus, und sagen Sie uns nach Ihrer Rückkehr Bescheid.«

»So wollen wir uns nochmals hier treffen?«

»Gewiß.«

»Das können wir vermeiden. Ich möchte haben, daß Sie mich begleiten.«

»Halten Sie das für nöthig?«

»Unumgänglich nöthig nicht, aber besser ist es auf jeden Fall. Sie können selbst mit ihm reden und die Bedingungen mit ihm vereinbaren. Ohne Geld thut er es freilich nicht, und wenn Sie ihm gleich Etwas anzahlen, haben Sie ihn sicher.«

»Gut, so reise ich mit.«

»Herr Schubert aber auch.«

»Warum dieser?«

»Weil mein Oheim wissen muß, daß auch er im Einverständnisse ist. Es wird unter Umständen ja vielleicht nöthig sein, daß Herr Schubert mit ihm spricht.«

»Sie haben Recht. Woher aber nehmen wir einen Wagen?«

»Den werden allerdings die Herren zu besorgen haben.«

»Ist das nicht gefährlich? Der Kutscher könnte später, wenn ein Verdacht auf uns fällt, verrathen, daß wir in Grafenreuth gewesen sind.«

»Hm, ja. Wenn man dann draußen sucht, findet man die Leute. Herr Schubert, wissen Sie keinen Rath?«

»Natürlich weiß ich einen: Wir nehmen gar keinen Kutscher mit.«

»Geht das?«

»Ja. Der Wirth des Hotels zum Schwan, wo ich logirt habe, wird mir sofort Pferd und Kutsche anvertrauen. Er hat das schon bereits öfters gethan.«

»Das ist ja bequem. Wie lange werden Sie brauchen, um fertig zu sein.«

»Sagen wir drei Viertelstunden.«

»Und Sie kennen den Weg?«

»Ganz gut. Es führt ja die Straße hin.«

»So werde ich vorausgehen. Der Pascha kann dasselbe thun, und dann steigen wir auf der Straße heimlich auf. Haben wir noch Etwas zu besprechen?«

»Für jetzt nichts,« antwortete der Pascha. »Ich möchte Sie aber aus Vorsicht doch noch einmal fragen, ob Sie wirklich glauben, daß der Kastellan auf unseren Plan eingehen werde.«

»Ich bin überzeugt davon, daß ich Ihnen meine Hand und mein Ehrenwort darauf gebe.«

»Es wäre eine verdammte Geschichte, wenn er es nicht thäte, denn dann würde er es auf jeden Fall verrathen.«

»Nein, selbst dann nicht.«

»Glauben Sie?«

»Ja, weil ich dabei bin.«

»Nun, wenn Sie so überzeugt sind, darf ich wohl ruhig sein.«

»Sie haben auf keinen Fall Etwas zu befürchten. Also bereiten Sie sich letzt vor. Wir dürfen uns wohl trennen. Die Herren werden mir erlauben, mich zuerst zu entfernen. Sie können sich, bevor Sie folgen, ja noch eingehender besprechen. Zusammensehen darf uns natürlich Niemand.«

Sie verabschiedete sich und ging. So lange sie von den Blicken der Beiden etwa verfolgt werden konnte, ging sie langsam; dann aber beeilte sie sich so sehr wie möglich, um ihren Bruder aufzusuchen.

Sie theilte ihm in kurzen Worten den Inhalt des Gespräches mit.

»Ah!« lachte er. »Das giebt der Sache eine ganz neue und vortreffliche Wendung. Diese beiden Kerls wollen fangen, werden aber selbst gefangen werden.«

»Und auf diese Weise erlangen wir alle Mittel, um ihnen die nöthigen Beweise liefern zu können.«

»Das ist besonders im Betreff des Pascha gut. Für seine früheren Thaten kann er natürlich hier bei uns nicht bestraft werden; aber wenn wir ihm Menschenraub und Gefangenbefreiung, vielleicht auch Anderes nachweisen können, so steckt er hier fest. Freilich haben wir nun Frau Auguste umsonst auf dem Meierhof plazirt; doch das thut ja nichts. Der Castellan ist ein besserer Beobachter als sie.«

»Nun gilt es aber, ihn augenblicklich zu benachrichtigen!«

»Natürlich! Ich werde schleunigst auf das Schloß gehen und mir ein Pferd satteln lassen. Ich reite nach Grafenreuth. Bevor Ihr hinkommt, habe ich ihn instruirt.«

»Aber laß Dich nicht von meinen Begleitern sehen.«

»O nein. Ich beeile mich dort so sehr wie möglich und schlage rückwärts einen anderen Weg ein.«

»Sage dem Castellan, er solle mich ja als Nichte behandeln. Selbst wenn er mich mit einem Kusse empfängt, werde ich es ihm nicht übel nehmen.«

Sie trennten sich, und Lina ging heim, um sich zu der Fahrt umzukleiden. Dann spazierte sie nach der Straße, wo sie den Wagen treffen mußte.

Dort stieß zunächst der Pascha zu ihr. Er bot ihr den Arm, war höchst liebenswürdig zu ihr und gab sich alle Mühe, ihr Wohlgefallen zu erwecken. Sie verhielt sich in der Weise zu ihm, daß er glaubte, Hoffnung haben zu dürfen, von ihr erhört zu werden.

Als dann der Wagen kam, stiegen sie auf. Der Agent wollte schnell fahren, Lina aber sagte, sie könne das nicht vertragen. Sie wollte ihrem Bruder Zeit lassen, den Castellan so ausführlich wie möglich zu instruiren.

Als sie an der alten Burg anlangten, war keine Spur von dem Polizisten zu sehen. Er hatte sich bereits wieder entfernt.

Sie fuhren in den einstigen Schloßhof und stiegen aus. Kein Mensch ließ sich sehen. Der Castellan durfte doch nicht wissen lassen, daß er von der Ankunft seiner vermeintlichen Nichte unterrichtet sei.

Ein Theil der Ruine, welche einen beträchtlichen Umfang hatte, war renovirt worden. Dort mußte der Castellan wohnen, und dorthin lenkten also die Drei ihre Schritte.

Ein schmales Thor führte in das Gebäude. Eben als sie durch dasselbe traten, kam ein alter Mann, den man den Beamten von Weitem ansah, eine breite, steinerne Treppe herab. Er blieb auf der letzten Stufe stehen und zeigte eine Haltung, als ob er auf das Aeußerste, aber freudig überrascht sei.

»Wer – wer kommt denn da?« rief er aus. »Du bist es, Du, Lina! Wer hätte das gedacht!«

»Nicht wahr, Onkel,« lachte sie, »das ist eine Ueberraschung?«

»Eine große. Ich glaubte, Dich in Monaten nicht wieder zu sehen.«

»So komme ich Dir wohl unbequem?«

»Was denkst Du? Ich begrüße Dich mit Freuden. Du kommst eben recht, mir einen Rath zu geben.«

»Den sollst Du haben. Grüß Dich Gott!«

Sie umarmte ihn und er gab ihr einen herzlichen Kuß auf die Wange. Beide spielten ihre Rollen so ausgezeichnet, daß die Herren an die Verwandtschaft glauben mußten.

»Du bist doch nicht bös, daß ich nicht allein komme?« fragte sie. »Ich bringe zwei Freunde mit.«

»Recht so! In meiner Einsamkeit ist mir so ein Besuch gar lieb, zumal wenn die Herren Freunde von Dir sind.«

»Laß sie Dir vorstellen! Du wirst erstaunen. Hier ist zunächst Herr Schubert, mein Bräutigam, den ich – –«

»Bräutigam?« unterbrach er sie erstaunt. »Das ist doch nur ein Scherz von Dir!«

»O nein, es ist mein völliger Ernst. Wir haben uns heut verlobt.«

»O Du Schalk! Und mir hast Du nie gesagt, daß Du so eine herzliche Bekanntschaft machtest!«

»Als ich zum letzten Male bei Dir war, kannte ich Herrn Schubert noch gar nicht. Noch mehr aber wirst Du jetzt staunen. Dieser andere Freund ist ein gar hoher und vornehmer Herr aus dem Auslande, aus Constantinopel, ein Pascha.«

Der Castellan fuhr zurück.

»Ein Pascha!« rief er aus.

»Ein echter, richtiger Pascha?«

»Ein wirklicher!«

»Ah, welche Ehre!«

Er machte einige sehr tiefe Verbeugungen.

»Bemühen Sie sich nicht allzusehr, mein Lieber,« sagte der Pascha freundlich. »Ich habe hier auf die Ansprüche meines Ranges verzichtet und befinde mich incognito im Bade.«

»Wenn auch, wenn auch! Ein Pascha, ein wirklich türkischer Pascha. Nein, so eine Ehre! Kommen die Herren doch nur herauf.«

Er führte die Drei nach seiner Wohnung, welche aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer bestand. Dann entfernte er sich, um einen Trunk zu holen.

»Nun, wie gefällt er Ihnen?« fragte Lina den Pascha.

»Sehr wohl. Er hat aufrichtige Züge.«

»O, es ist kein Falsch an ihm!«

»Ein Wenig Falschheit gehört aber doch zur Ausführung unseres Vorhabens.«

»Nun, was das betrifft, so kann er auch ganz pfiffig sein. Prüfen Sie ihn nur!«

»Was mag das für ein Rath sein, den er von Ihnen begehrte?«

»Das weiß ich selbst noch nicht, werde es aber wohl bald erfahren.«

Der Castellan kehrte mit Bier und einem Imbiss zurück.

»Mehr hat ein armer Teufel nicht,« sagte er. »Begnügen sich also die Herren mit dem guten Willen. Lina mag vorschneiden und kredenzen.«

Die beiden Herren machten von seiner Gastlichkeit Gebrauch, einestheils um ihn nicht zu kränken und anderntheils weil durch das Essen und Trinken die ersten Minuten übergangen wurden und sich die für sie wünschenswerthe Gemüthlichkeit einstellen konnte.

»Meinen Rath wolltest Du?« fragte Lina, auch ihm ein Glas vollgießend. »Ist es etwas Familiäres, oder können auch die Herren es hören?«

»Sie können es getrost erfahren, denn man wird bald allgemein darüber sprechen. Ich wollte Dich fragen, was Du für besser hältst, ob ich nämlich zu Dir ziehe oder zu Frau Berthold. Ihr seid meine einzigen Verwandten.«

»Wie? Was? Willst Du denn von Grafenreuth fort?«

»Ich muß.«

»Du mußt? Warum denn?«

»Ich bin – entlassen – – bin abgesetzt.«

»Mein Gott! Abgesetzt!« rief sie erschrocken. »Das ist doch gar nicht möglich!«

»O wohl ist es möglich!«

»Seit wann denn?«

»Seit gestern.«

»Und warum?«

»Wegen – hm, es ist die alte Geschichte. Die Normanns sind schuld.«

»Wieder diese Normanns! Was ist denn eigentlich vorgekommen?«

Sie stellte sich so prächtig erschrocken, und er machte ein so grimmiges Gesicht, daß die beiden Anderen an der Wahrheit dessen, was gesagt wurde, gar nicht zweifeln konnten.

»Eine verdammte Geschichte!« sagte der Alte. »Und im Grunde genommen habe ich doch ganz und gar nichts gethan, was ein solches Vorgehen gegen mich rechtfertigen könnte.«

»Aber Deine Pension hast Du doch?«

»Eben nicht. Sie wird mir entzogen.«

»Das ist grausam. Und wann willst Du fort von hier?«

»Man hat mir nur einen einzigen Monat Zeit gegeben. Die Anfangsursache ist ein Fremder, ein Mensch, der sich Steinbach nannte und – –«

»Steinbach?« unterbrach sie ihn. »Was für ein Steinbach?«

»Weiß ich es? Er nannte sich Oscar Steinbach.«

»Ah!« rief der Pascha aus. »Was für eine Gestalt hatte der Mensch?«

»Er war sehr lang und stark, ein wahrer Goliath mit schwarzem Haar und Barte.«

»So ist er es!«

»Wer?«

»Ein Mensch, den ich längst suche. Ich habe ein Hühnchen mit ihm zu rupfen.«

»O, ich nun auch!«

»Also er befindet sich hier?«

»Nein. Er ist wieder fort.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht. Jedenfalls aber kommt er bald wieder. Wenigstens hat er mir das angedroht.«

»Was wollte er denn bei Ihnen?«

»Hier wohnen wollte er. Denke Dir, Lina!«

»Zu welchem Zwecke denn?« fragte sie.

»Er sagte, es sei ein Pasch– – ah, sollte er etwa Sie gemeint haben, gnädiger Herr?«

»Wieso?« fragte der Pascha, an welchen diese Worte gerichtet waren.

»Er sagte, es sei ein Pascha im Bade, der es auf die Familie abgesehen haben müsse. Er, nämlich Steinbach, wolle ihn beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Darum müsse er außerhalb des Ortes Wiesenstein wohnen und seine Wahl sei auf Schloß Grafenreuth gefallen.«

»Sonderbar!«

»Ja, höchst sonderbar, zumal er keinerlei Anweisungen für mich hatte.«

»So vermochte er nicht, sich zu legitimiren?«

»Nein. Ich sagte ihm, daß Grafenreuth nicht ein Privatort, sondern prinzliche Besitzung sei und daß ich ohne prinzliche Genehmigung keinen Fremden hier aufnehmen könne.«

»Das hat er doch einsehen müssen!«

»O, er that ganz im Gegentheile so, als ob er hier zu befehlen habe, und zog zuletzt einige Zeilen von Normann heraus.«

»Was enthielten sie?«

»Eine kurze Weisung, diesem Herrn Logis zu geben.«

»Hat Normann Dir denn Etwas zu befehlen?«

»Nichts, gar nichts.«

»So ist das eine Frechheit, ja geradezu eine Frechheit, die ich gar nicht begreifen kann.«

»Ich war auch ganz starr.«

»Was bildet sich denn dieser Normann ein!«

»Das fragte ich natürlich ebenfalls. Aber ich weiß schon. Er ist gut Freund mit dem Schloßverwalter von Wiesenstein, dessen Untergebener ich bin. Darauf hin hat er geglaubt, daß ich seiner Weisung Gehorsam leisten muß. Wenigstens trat dieser Steinbach so auf, als ob er der Herr sei.«

»Und was thatest Du?«

»Was ich thun mußte. Ich wies ihn fort, und als er nicht gehen wollte, habe ich ihn mit Gewalt aus der Thür geschoben. Er drohte mir mit Strafe; er werde das Normann melden. Ich fürchtete mich freilich nicht, habe mich aber geirrt. Gestern kam der Schloßverwalter und verkündigte mir, daß ich abgesetzt sei.«

»Das sollte man gar nicht glauben! Was kannst Du denn dagegen thun?«

»Nichts, gar nichts!«

»Aber Du bist doch Diener des Prinzen. Er allein kann Dich absetzen.«

»Der Verwalter hat mich angestellt und eingesetzt. Er kann mich auch wieder absetzen.«

»Weißt Du das so genau?«

»Ja, es wurde so ausgemacht.«

»Hast Du denn nicht ein gutes Wort gegeben?«

»Natürlich. Erst habe ich mich vertheidigt, und dann, als das nichts half, bat ich, aber freilich vergebens. Der Verwalter sagte mir, daß ich auf keine Gnade zu rechnen habe.«

»Das ist freilich stark!«

»So stark, daß ich – ah!«

Er schritt zornig im Zimmer auf und ab und sagte dabei:

»Daß ich diese Normanns hasse, das weißt Du schon. Jetzt nun treiben sie mich gar noch aus der Stellung. Kann ich mir das so ruhig gefallen lassen?«

»Nein. Aber ich denke, daß Du gar nichts dagegen thun kannst!«

»Das ist richtig, sehr richtig. Aber rächen möchte ich mich, rächen! Ich gäb Etwas darum, wenn ich eine Gelegenheit dazu fände. Meine Herren, denken Sie nicht, daß ich ein schlechter Kerl bin; aber wenn es mit Einem in dieser Weise getrieben wird, so kommt Einem unwillkürlich der Gedanke an Rache.«

»Das ist sehr begreiflich,« sagte der Pascha. »Ich würde ganz ebenso denken wie Sie.«

»Das freut mich. Bitte, sagen Sie mir, ob Sie der Herr sind, von welchem Steinbach sprach!«

»Ja, ich bin es.«

»So haben Sie auch auf Normanns eine Feindschaft?«

»O, eine bedeutende, lieber Onkel,« fiel Lina ein. »Du hast doch wohl gehört, daß die Herren in der Türkei mehrere Frauen haben dürfen?«

»Ja, das weiß ich.«

»Nun, dieser Herr hat auch mehrere gehabt, aber Steinbach, Adlerhorst und Normann haben sie ihm entführt.«

»Was Du da sagst!«

»Ja, entführt haben sie sie ihm, und – – nun aber wird Dein Staunen kein Ende nehmen – Tschita und Zykyma sind diese entflohenen Weiber.«

»Was? Was sagst Du? Diese Tschita, welche an Deiner Stelle seine Frau – –«

»Ja, dieselbe.«

»Die hat er gestohlen?«

»Ja.«

»Aber Herr, das lassen Sie sich gefallen!«

»Ich muß doch!« antwortete der Pascha.

»Es giebt ja Gesetze!«

»Hier für mich nicht. Die Vielweiberei ist in Deutschland verboten.«

»So müssen Sie diese beiden Frauen ihm ruhig überlassen?«

»Ja. Was will ich thun?«

Der Castellan heuchelte den größten Zorn, das größte Erstaunen.

»Aber, Sapperment!« rief er aus. »Wenn das Gesetz Ihnen nicht Recht giebt, warum helfen Sie sich da nicht selbst?«

»Das wollte ich freilich; aber man würde mich bestrafen.«

»An ihrer Stelle fragte ich darnach den Teufel!«

»Wirklich?«

»Ja. Ich würde die Sache eben gescheidt anfangen. Wer nicht erwischt wird, der kann auch nicht bestraft werden.«

»Hm! Was würden Sie denn an meiner Stelle thun?«

»Mir die Frauen wieder holen.«

»Ja, wie wollen Sie das anfangen?«

»Ich würde Sie irgend wohin locken, wo ich mich ihrer bemächtigen könnte.«

»Das ist leicht gesagt!«

»O, für die Rache ist nichts zu schwer! Und sodann würde ich diesem Normann, dem Adlerhorst und dem Steinbach noch persönlich ein Tüchtiges auswischen!«

»Was denn?«

»Das weiß ich freilich nicht. Ich habe einen solchen Grimm in mir, daß ich ihnen gar nicht genug Schlimmes wünschen kann. Nehmen mir in meinen alten Tagen den Dienst und auch die Pension. Was fange ich an? Wer giebt so einem alten Manne eine neue Stellung!«

Er stellte sich so erbost, daß sowohl der Agent als auch der Pascha vollständig getäuscht wurden. Lina warf den Beiden einen aufmunternden Blick zu und fragte:

»Nun, meine Herren, was sagen Sie dazu?«

»Hm,« antwortete der Pascha, »ich glaube, daß wir es gar nicht besser. treffen konnten.«

»Nicht wahr! Daß man ihn absetzt, ist für uns sehr vortheilhaft.«

»Was?« rief der Castellan. »Meine Absetzung ist gut für Dich?«

»Ja, lieber Onkel,« lächelte sie.

»Du freust Dich wohl darüber?«

»Sogar sehr.«

»Lina, wie kommst Du mir vor!«

»Na, ereifere Dich nicht! Ich meine es sogar sehr gut mit Dir.«

»Das finde ich nicht.«

»Du wirst es sehr bald einsehen. Daß Du Deine Anstellung einbüßest, schadet gar nichts. Der Herr Pascha wird für eine andere und bessere sorgen.«

»Der? Warum sollte er?«

»Wenn Du ihm einen Gefallen thust.«

»Welchen?«

»Ehe ich Dir diese Frage beantworte, will ich Dir erst sagen, daß ich nicht in Deutschland bleiben werde.«

»Nicht? Wo willst denn hin?«

»Nach der Türkei.«

»Bist Du toll!«

»O nein! Ist man denn toll, wenn man sein Glück macht?«

»Das nicht. Aber gedenkst Du denn, es in der Türkei zu machen?«

»Jawohl.«

»In wiefern?«

»Mein Bräutigam nimmt mich mit nach Constantinopel, wo er vom Pascha eine glänzende Zukunft bereitet erhält.«

Der Castellan blickte die Drei nach einander prüfend an.

»Ist das wahr?« fragte er.

»Jawohl,« nickte sie.

Auch die beiden Herren erklärten, daß sie die Wahrheit gesagt habe.

»O wehe!« meinte er. »So weit gehst Du fort! Wer hatte das gedacht. Auf Dich, grad auf Dich hatte ich für meine alten Tage gerechnet.«

»Das kannst Du auch noch.«

»Wenn Du fort bist?«

»Ja. Hast Du keine Lust, mit zu machen?«

»Lina, was fällt Dir ein!« rief er aus.

»Ist dieser Gedanke denn gar so schrecklich?«

»Schrecklich ganz und gar nicht; aber er kommt so außerordentlich überraschend.

»So versuche, Dich daran zu gewöhnen, aber ein Wenig schnell!«

»Willst Du so rasch fort?«

»Es ist keine Zeit bestimmt, aber wir können zu einer sehr baldigen Abreise gezwungen sein.«

»Hm! Wenn ich einmal hier fort muß, so ist es mir auch ganz gleich, wohin ich gehe, ob nach Amerika oder nach der Türkei.«

»Da denkst Du gescheidt.«

»Nur müßte ich wissen, daß dann wirklich für mich gesorgt sein wird.«

»Wir würden Dir Garantie geben.«

»Wirklich?«

»Gewiß!«

»Aber, liebe Lina, kannst Du denn solche Bestimmungen treffen? Wenn dieser hohe Herr für unsere Zukunft sorgen soll, so muß er seine guten Gründe dazu haben. Habt Ihr ihm denn Veranlassung gegeben, Euch so dankbar zusein?«

»Noch nicht; aber wir werden sie ihm geben, und auch Du kannst Gelegenheit finden, ihn Dir zu verpflichten.«

»In welcher Weise?«

»Indem Du uns hilfst. Der Pascha will Tschita und Zykyma entführen, und wir haben ihm dabei unsere Hilfe zugesagt. Dafür wird er für unsere Zukunft sorgen.«

»Ah, ists so!«

»Ja. Wie nun, wenn wir Deiner Unterstützung bedürften? Würdest Du sie uns vielleicht verweigern?«

»Hm! Ists gefährlich?«

»Nein.«

»Was soll ich thun?«

»Die beiden Frauenzimmer sollen nach der Türkei in den Harem zurückgeschafft werden – –«

»Ah, das ist schwer!«

»Nicht so schwer, wie Du denkst.«

»O doch! Die Polizei würde sofort hinter Euch her sein.«

»Gewiß, aber nur in dem Falle, daß wir so dumm wären, die Spur auf uns zu lenken und sofort die Flucht zu ergreifen. Nein, so dumm sind wir nicht. Wir locken die Frauen heimlich in ein Versteck und halten sie dort fest, bis wir freien Weg haben. Niemand wird uns Etwas nachweisen können.«

»So, so! Ja, dann ist es etwas Anderes! Aber welches Versteck meinst Du?«

»Was sagst Du zu Schloß Grafenreuth?«

»In meiner alten Ruine hier? Lina, denkst Du wirklich daran?«

»Ja. Der Pascha würde es Dir sehr gut lohnen.«

»Ach, deshalb seid Ihr wohl gekommen?«

»Ich will es Dir aufrichtig eingestehen.«

»So, so! Das ist mir so neu, so überraschend daß ich mich erst hineindenken muß. Lassen Sie mir einige Augenblicke Zeit!«

*

105

Er trat an das Fenster und blickte nachdenklich hinaus. Er rieb sich die Stirn, er brummte, kurz und gut, er geberdete sich ganz und gar wie ein Mensch, der sich auf das Lebhafteste mit einem Gedanken beschäftigt.

Endlich drehte er sich um. Er erklärte:

»Ich kann es mir überlegen, wie ich will, so finde ich, daß ich auf das Armseligste behandelt worden bin. Ich kann mich nicht meiner Haut wehren, sondern ich kann mich nur rächen. Gegen diese Normanns habe ich schon seit Langem einen unheilbaren Groll gehabt; nun, wenn ich denselben setzt gegen sie loslasse, so ist das nur eine Gegenwehr, aber keine Sünde. Ich will Ihnen helfen, falls es Etwas einbringt und ich keinen voraussichtlichen Schaden davon habe.«

Eine so schnelle Zustimmung hatte sie nicht erwartet. Der Pascha war hoch erfreut über dieselbe und sagte:

»Daran handeln Sie sehr klug. Wir werden es so einrichten, daß Sie keinen Schaden haben. Und mit Ihrer Belohnung sollen Sie auch zufrieden sein.«

»Wie hoch wird sich dieselbe belaufen?«

»Nun, ich denke, sie soll darin bestehen, daß ich Ihnen eine Stellung gebe?«

»Hm! Herr, nehmen Sie es mir nicht übel! Das ist mir zu unbestimmt.«

»Nun, wieso?«

»Was für eine Stellung soll es sein?«

»Eine für Sie passende. Wenn wir nach Constantinopel kommen, werden wir ja sehen, was für Sie paßt.«

»Ja, das eben ist mir zu unbestimmt. Ich bin ein alter Mann. Wozu wollen Sie mich brauchen, zumal ich nur Deutsch verstehe. Wenn ich Ihnen einen bestimmten Dienst erweisen soll, so ist es mir am Liebsten, wenn ich auch einen ganz bestimmten Lohn dafür verlangen kann.«

»Sie meinen Geld?«

»Ja.«

»Ist mir auch Recht.«

»Das freut mich. Ich sehe, daß Sie es lieben, ein glattes Geschäft zu machen.«

»Wir verstehen uns. Also sagen Sie mir, wie viel Sie verlangen.«

»Das kann ich nicht sagen, denn ich weiß noch gar nicht, was von mir gefordert wird. Darf ich das erfahren?«

»Ja, falls Sie uns das heilige Versprechen geben, daß Sie uns nicht verrathen.«

»Herr, was denken Sie!«

»Sie dürfen das nicht übel nehmen, denn wir kennen uns ja noch gar nicht.«

»Ich will mich rächen; aber ein schlechter Kerl oder gar ein Verräther bin ich nicht. Sie können sich ja denken, daß ich schon um meiner selbst und um meiner Nichte willen verschwiegen sein muß.«

»Das denke ich allerdings, und so will ich Ihnen vertrauen.«

»Gut! Was verlangen Sie also von mir?«

»Daß Sie mir ein Versteck überlassen.«

»Für Tschita und Zykyma?«

»Ja.«

»Für weiter Niemand?«

»Kommt es so genau darauf an?«

»Gewiß.«

»Wenn das Versteck erst da ist, so scheint es mir gleich zu sein, ob einige Personen mehr oder weniger dasselbe bewohnen.«

»O nein, das ist ein gewaltiger Unterschied. Dieser Letztere tritt erst später zu Tage. Die beiden Frauen nehmen Sie mit nach Constantinopel?«

»Ja.«

»So können dieselben mir keinen Schaden machen. Was aber thun Sie mit den anderen Personen, die Sie in das Versteck locken wollen?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Und gerade darauf kommt es an. Die beiden Frauen werden in Ihrer Gewalt bleiben, können mich also niemals verrathen. Die Anderen aber können Sie doch nicht mitnehmen, sie bleiben hier, sie müssen von uns frei gelassen werden, und dann muß es mir traurig ergehen.«

Der Pascha blickte sinnend vor sich nieder, sah ihm dann forschend in das Gesicht und sagte:

»Müssen sie denn frei werden?«

»Ja. Ich kann sie doch nicht ewig hier bei mir behalten, zumal ich fort muß.«

»Hm! Könnte ihnen nicht irgend ein Unfall passiren?«

»Sie meinen etwa –«

Er sprach nicht aus.

»Ja, ich meine –« nickte der Pascha mit bezeichnender Geberde.

»Einen tödtlichen Unfall?«

»So ähnlich.«

»Ach, das ist freilich –«

Er trat wieder an das Fenster und grübelte. Erst nach einer Weile fragte er Lina:

»Was sagst Du dazu?«

Ihr schönes Gesicht hatte einen strengen, unversöhnlichen Ausdruck angenommen.

»Onkel,« antwortete sie, »hat Normann Erbarmen mit mir gehabt?«

»Nein, das ist freilich wahr.«

»Hat man heute Erbarmen mit Dir?«

»Auch nicht.«

»Und es wird Dir fürstlich bezahlt werden. Also, sei gescheidt!«

»Kind, es widerstrebt mir!«

»Pah! Diesen Leuten hat es auch nicht widerstrebt, uns Böses zu thun.« »Aber ein Mord! Mehrere Morde!«

»Mußt Du sie morden?«

»Ich denke, sie sollen verunglücken!«

»Ja; aber kann das nicht zufällig geschehen?«

»Das ist eine Spitzfindigkeit, die mich nicht beruhigen kann. Ob ich Jemandem mit einer Kugel oder mit einer Gelegenheit den Tod gebe, das bleibt sich ganz gleich.«

»So hast Du Angst?«

»Nein, aber etwas Anderes. Wenn ich selbst – hm! Wie viele Personen sind es denn?«

»Nur drei oder vier,« antwortete der Pascha leicht hin.

»Also gerade Diejenigen, welche ich am Meisten hasse! Es ist – es ist – gut, Herr! Ich will es auf mich nehmen.«

»Wirklich? Versprechen Sie es mir?«

»Ja.«

»Ihre Hand darauf!«

»Hier! Natürlich aber setze ich voraus, daß wir uns über den Preis einigen werden.«

»Das werden wir gleich probiren. Sie wissen jetzt, was ich von Ihnen verlange. Sie können nun also auch Ihre Forderung stellen.«

»Wie lange soll ich Tschita und Zykyma hier bei mir verborgen halten?«

»Das weiß ich selbst noch nicht. Ich muß warten, bis ich sie ohne Gefahr mitnehmen kann! Sagen wir drei Wochen.«

»So lange muß ich sie beköstigen und bewachen. Aber das ist das Allerwenigste. Was sie essen und trinken, ist nicht der Rede werth. Mein Risico ist die Hauptsache; das muß natürlich bezahlt werden. Ich riscire lebenslängliches Zuchthaus. Geben Sie zweitausend Mark?«

»Ja.«

»Und wann?«

»Fünfhundert sofort, fünfzehnhundert dann, wenn wir die beiden Frauen im Verstecke haben.«

»So bin ich einverstanden.«

»Und ich werde zahlen. Hier!«

Er zog fünf Hundertmarkscheine aus der Brieftasche und legte sie ihm hin. Der Castellan steckte sie ein und fuhr fort:

»Nun kommen die Anderen daran. Was zahlen Sie da pro Mann?«

»Wie viel verlangen Sie?«

»Hm! Auch zweitausend.«

»Ich will nicht handeln.«

»Also einverstanden?«

»Ja.«

»Und wann bekomme ich das Geld?«

»Sie bekommen es, sobald der Unglücksfall eingetreten ist.«

»Oder die Unglücksfälle, denn es werden einzelne Fälle sein, außer ich arrangire die Sache anders. Es kommt eben Alles darauf an, wie mir diese Personen geliefert werden, ob einzeln oder gleich in Gemeinschaft zusammen.«

»Das überlässest Du mir,« sagte Lina. »Ich muß da erst sehen, auf welche Weise es zu ermöglichen ist. Vor allen Dingen müssen wir wissen, was für einen Versteck Du hast.«

»O, es giebt hier verschiedene. Ich kann ganz nach Belieben wählen, und es fragt sich nur, wie die Damen gehalten werden sollen.«

»Natürlich streng, als Gefangene,« antwortete der Pascha.

»Da habe ich unterirdische Schauerzellen und aber auch oberirdische Stuben mit einem Fenster und Tisch, Stuhl und Bett.«

»Unterirdisch! Sie sollen es empfinden, in wessen Hände sie gerathen sind.«

»Gut. Sie werden dadurch gefügig werden. Soll ich sie vereint oder getrennt einschließen?«

»Getrennt. Das verschärft die Strafe. Können wir vielleicht die Zellen sehen?«

»Ich werde sie Ihnen zeigen.«

»Und – was die Hauptsache ist – ich möchte natürlich auch gern wissen, in welcher Weise die Anderen verunglücken werden.«

»Das ist sehr einfach; sie stürzen in einen Brunnen, der über hundert Fuß tief ist.«

»Sie werden sich hüten!«

»O, sie müssen!«

»Sie werden doch die Oeffnung sehen!«

»Nein, die ist verborgen. Man scheint schon in früherer Zeit den Brunnen zu dem gleichen Zweck benutzt zu haben.«

»Sie vermuthen dies?«

»Ja. Ich habe meine Gründe dazu, und Sie werden mir beistimmen, wenn Sie die Oertlichkeit sehen.«

»Sie werden sie uns nachher zeigen. Vorher aber habe ich noch einen letzten Punkt mit Ihnen zu besprechen, einen Punkt, der Ihnen noch eine weitere Gratification einbringen wird.«

»So? Das hört man gern.«

»Dieser Steinbach nämlich, Normann, Adlerhorst und alle diese Menschen haben sich eines Freundes von mir bemächtigt, welchen ich unter den Schutz Ihrer liebenswürdigen Nichte gegeben habe –«

»In diesem Falle steht er natürlich auch unter dem meinigen.«

»Sehr schön! Aber warten Sie! Der Mann soll nämlich erst unter Ihren Schutz gestellt werden; er ist nämlich nicht frei.«

»Ah! Ein Gefangener etwa?«

»Ja.«

»Wo?«

»Auf Schloß Wiesenstein. Ihr guter Feind, der Schloßverwalter, hält ihn gefangen.«

»Was hat der Mann denn verbrochen?«

»Weiter gar nichts, als daß er ein Feind Normanns ist und sich der Entführung meiner Frauen widersetzt hat.«

»Das ist ja kein Verbrechen, sondern sogar eine gute That!«

»Freilich! Leider ist er so unvorsichtig gewesen, nach Deutschland zu kommen; sie haben ihn gesehen und sich seiner bemächtigt. Jetzt soll ihm der Proceß gemacht werden. Sie stellen ihn unter Anklage, legen natürlich falsches Zeugniß gegen ihn ab, beschuldigen ihn allerhand schwerer Verbrechen, und da er sich nicht zu vertheidigen vermag, steht seine sichere Bestrafung in Aussicht.«

»Donnerwetter! Das dürfen Sie nicht dulden. Sie müssen sich seiner annehmen.«

»Wie denn?«

»Sie müssen als Zeuge für ihn, aber gegen diese Kerls auftreten.«

»Das ist der schlechteste Rath, den Sie mir geben können.«

»Wieso?«

»Sehen Sie denn nicht ein, daß ich mich so viel wie möglich im Hintergrunde halten muß?«

»Hm! Das ist wohl wahr.«

»Ich darf mich gar nicht mit dieser Sache beschäftigen, durch welche ich nicht nur die amtliche, sondern auch die öffentliche Aufmerksamkeit auf mich laden würde.«

»So wollen Sie den armen Teufel opfern?«

»Nein. Ich befreie ihn.«

»Ist das möglich?«

»Es ist sogar sicher. Wir haben auf dem Schlosse einen Angestellten gewonnen, der ihn herausläßt. Wir holen ihn ab.«

»Ah, das ist gut! Das freut mich königlich!«

»So?«

»Ja, denn das wird für den Schloßverwalter, der mich abgesetzt hat, eine entsetzliche Schlappe geben. Er soll ihn bewachen und läßt ihn entfliehen! Er muß also unbedingt eine ganz bedeutende Nase erhalten.«

»Ganz richtig! Sie sehen aber ein, daß man Alles thun wird, des Entflohenen wieder habhaft zu werden?«

»Jedenfalls. Der Telegraph wird spielen und die Polizei wird Tag und Nacht auf den Beinen sein.«

»In diesem Falle ist vorauszusehen, daß man ihn ergreifen wird. Darum möchte ich ihm zu einem Verstecke verhelfen. Später reist er mit mir ab.«

»Soll er sich auch hier verstecken?«

»Ja. Nämlich wenn Sie bereit sind, es ihm zu gewähren.«

»Hm! Eine gefährliche Sache!«

»Nicht gefährlicher als das Andere auch.«

»Sehr strafbar!«

Er machte ein höchst bedenkliches Gesicht.

»Es kommt aber doch auf Eins heraus, ob Sie nur die beiden Frauen verstecken oder noch Jemand dazu!«

»Nein. Die Frauen sind Ihr rechtmäßiges Eigenthum, da habe ich wenigstens Grund zu einer Entschuldigung.«

»So wollen Sie also nicht?«

»Herr, ich möchte nicht!«

»Onkel,« rief Lina, »Du hast ja bereits gesagt, daß Du ihn unter Deinen Schutz nehmen willst, weil er unter dem meinigen steht!«

»Na, freilich! Ich bin da wohl einmal ein Wenig unbedacht gewesen.«

»Aber Wort wirst Du doch halten.«

»Ich bezahle es ja!« erklärte der Pascha.

»So! Wieviel geben Sie denn?«

»Denselben Preis wie bei den Frauen.«

»Also zweitausend?«

»Nein, sondern die Hälfte.«

»Da widersprechen Sie sich. Sie sagten ja soeben, daß Sie so viel wie bei den Frauen geben wollen.«

»Ja, nämlich pro Person tausend Mark. Das ist doch richtig!«

»Und wann?«

»Sobald er kommt.«

»Darauf gehe ich nicht ein. Ist es überhaupt sicher, daß er kommen wird?«

»Er kommt gewiß.«

»Dann können Sie ja pränumerando zahlen. Ein so reicher und vornehmer Herr, wie Sie sind, kann das schon thun, so einem armen Teufel gegenüber.«

»Nun gut, damit Sie sehen, daß ich nobel bezahle, will ich Ihnen diese Summe jetzt gleich geben.«

Er legte ihm zehn Hundertmarkscheine auf den Tisch. Der Castellan steckte sie schmunzelnd zu sich und sagte:

»Nun möchte ich aber auch wissen, wie dieser Herr gehalten werden soll.«

»Gut, aber einsam, so daß ihn kein Auge zu sehen bekommt. Haben Sie eine passende Wohnung für ihn?«

»Ja. Er kann gleich neben mir wohnen. Ich will Ihnen die zwei Räume zeigen.«

Er öffnete eine Tapetenthür, welche sie bisher gar nicht bemerkt hatten. Sie führte in eine kleine Wohnung, ganz ähnlich derjenigen des Castellans.

»Genügt Ihnen das?« fragte derselbe.

»Ja,« erklärte der Pascha, nachdem er sie betrachtet hatte. »Das Fenster führt nach diesem kleinen Innenhofe. Kommen vielleicht Leute dorthin?«

»Kein Mensch.«

»So bin ich befriedigt. Der Mann wird in Frauenkleidung zu Ihnen kommen.«

»Desto besser. Wann?«

»Heute Nacht. Sagen wir, gerade um Mitternacht.«

»Soll ich ihn etwa auch wie einen Gefangenen halten?«

»Nein. Aber er muß sich hüten, von Jemand gesehen zu werden.«

»Auch Tschita und Zykyma dürfen ihn nicht erblicken?«

»O, diese darf er sehen. Er soll sogar mit Ihnen sprechen. Das soll eine Verschärfung ihrer Strafe sein.«

»Herrlich, herrlich! Das ist mir ungeheuer lieb!«

»Warum?«

»Weil ich es dann ihm überlassen kann, sie gefangen zu nehmen und einzustecken. Auf diese Weise habe ich gar nichts damit zu thun und kann, wenn ein unvorhergesehener, schlimmer Fall eintreten sollte, sagen, daß ich von der Sache gar nichts weiß.«

»Sie sind außerordentlich vorsichtig. Aber diese Ausrede würde Ihnen wohl nicht viel nützen. Sie als Castellan müssen ja wissen, was in Ihrem Bereiche vorgeht.«

»Eigentlich, ja. Aber wenn Außerordentlichkeiten passiren, kann ich nichts dafür. Ich setze den Fall, daß ein entflohener Gefangener sich in meine Ruine flüchtet und einen unterirdischen Gang entdeckt, in welchen er sich verbirgt. Kann ich dafür?«

»Hierfür wohl nicht.«

»In diesem Gange befinden sich Löcher, welche früher als Verließe benutzt wurden und noch jetzt mit starken Thüren und dicken Riegeln verwahrt werden. Der Kerl entdeckt auch diese, während ich von seiner Anwesenheit keine Ahnung habe. Kann mich da ein Vorwurf treffen?«

»Nein.«

»Er trägt sogar Frauenkleider. Zufällig sieht er draußen zwei Damen, die sich die Ruinen ansehen wollen. Er kennt sie, er ist ihr Feind und will ihnen Eins auswischen. Sie halten ihn für eine Frau, für eine Bewohnerin der Ruinen, und bitten ihn, ihnen dieselben zu zeigen. Darauf lockt er sie in den Gang und in die Verließe, wo er sie einschließt. Meinen Sie, daß Jemand mich, der ich gar nichts davon weiß, dafür verantwortlich machen kann.«

»In diesem Falle nicht.«

»Die Damen haben sich, wenn sie die Ruinen sehen wollen, an mich, den Castellan, zu wenden und nicht an eine ihnen unbekannte Person. Wenn sie Schaden von ihrer Unvorsichtigkeit haben, so mögen sie ihn tragen; mich aber geht es gar nichts an.«

»Ich sehe, daß Sie ein Pfiffikus sind, und das ist mir lieb, denn ich habe nicht gern mit Dummköpfen zu thun, bei denen man Gefahr läuft, daß sie Einem den allerschönsten Plan verderben. Von Ihnen bin ich überzeugt, daß ich mich auf Sie verlassen kann, und bitte Sie, uns die für Tschita und Zykyma bestimmten Verließe und dann auch den ominösen Brunnen zu zeigen.«

»Das soll gern und sogleich geschehen. Bitte, kommen Sie mit!«

Er griff nach einem Schlüsselbunde.

»Wie?« fragte der Pascha. »Sie bedürfen dieser Schlüssel zu unserer Führung?«

»Ja.«

»Aber ein fremder Flüchtling hat doch keine Schlüssel? Wie kann er also die Gänge und Verließe entdecken?«

Der Castellan zeigte ein pfiffiges Gesicht und antwortete lachend:

»Meine Herren, ich führe Sie auf ordnungsmäßigem Wege nach diesen Gängen. Man kann auch ohne diese Schlüssel von Außen her zu ihnen gelangen. Sie erlauben mir jedoch, das mein Geheimniß bleiben zu lassen!«

»Natürlich! Aber in einem solchen Falle ist unser Geheimniß ja ungeheuer gefährdet!«

»Wieso denn?«

»Wenn nun Jemand diesen Eingang von Außen zufällig entdeckt und zu den beiden Frauen kommt!«

»Verlassen Sie sich ganz auf mich. Das wird nicht geschehen. Ich habe es ganz in meiner Hand, diese Möglichkeit zur Unmöglichkeit zu machen. Wenn ich nicht will, können tausend Polizisten den Eingang nicht entdecken.«

»Aber Ihre Vorgesetzten kennen ihn auch?«

»Kein Einziger. Nur ich kenne ihn und habe mich gehütet, gegen irgend einen Menschen davon zu sprechen. Nicht einmal meine Nichte hier kennt ihn und gegen diese bin ich sonst ganz und gar nicht zurückhaltend. Was mich und mein Thun betrifft, so dürfen Sie überzeugt sein, daß Ihre Angelegenheit bei mir nicht im Mindesten gefährdet ist.«

»Hm! Es hat allerdings den Anschein, als ob ich mich auf Ihre Klugheit verlassen könne. Also bitte, führen Sie uns!«

»Folgen Sie mir!«

Bei diesen Worten steckte er eine kleine Laterne zu sich und verließ, ihnen voranschreitend, das Zimmer. Er ging mit ihnen dieselbe Treppe hinab, welche sie vorhin heraufgekommen waren, wendete sich aber dann nicht nach dem Ausgange zu, sondern bog links ab, wo links und rechts einige Thüren zu sehen waren.

»Diese Thüren führen zu Kellern und Gewölben,« erklärte er. »Diese hier ist die unserige.«

Er brannte die Laterne an und öffnete dann die bezeichnete Thüre, hinter welcher eine lange Stufenreihe in die Tiefe führte.

Sie stiegen dieselben hinab und gelangten in einen langen Gang, in welchem sie dann fast gegen fünfzig Schritte zurücklegten. Da zeigte er ihnen zwei Thüren, welche zwar an einer und derselben Seite, aber in ziemlicher Entfernung von einander lagen. Sie waren mit starken Klappen versehen, welche man öffnen konnte, um mit einer darinnen befindlichen Person verkehren zu können, ohne die Thür aufmachen zu müssen und ihr dabei Gelegenheit zum Ausbruch und zur Flucht zu geben.

Diese beiden Thüren schloß er auf und erklärte:

»Hier sehen Sie die beiden Verließe, in denen die zwei Frauenzimmer sicher untergebracht werden können. Ueberzeugen Sie sich selbst, ob Ihnen die. Festigkeit der Mauern genügt.«

Die Beiden traten ein, oder vielmehr sie krochen in gebückter Haltung hinein, denn der Eingang war viel zu niedrig für sie.

Sie fanden zu ihrer Zufriedenheit, daß die Gelasse in Stein gehauen waren. Die Wände bestanden aus massivem Felsen, und eine Flucht war vollständig unmöglich.

»Es genügt,« sagte der Pascha. »Hier stecken sie sehr sicher.«

»Gewiß. Aber Sie sehen, daß Alles kahl ist. Soll ich nicht vielleicht für eine kleine Bequemlichkeit sorgen?«

»Nein. Die Frauenzimmer mögen ihre Lage so schwer wie möglich empfinden.«

»Nicht wenigstens ein Wenig Stroh?«

»Auch das nicht. Sie mögen auf dem harten Fußboden sitzen. Uebrigens würde das Stroh uns vielleicht einen Strich durch unsere Rechnung machen.«

»Wie so?«

»Der Derwisch kann die Frauen doch nicht gut mit Gewalt zwingen, hier herein zu kriechen.«

»Nein. Das muß durch List geschehen.«

»Wenn sie nun das Stroh sehen und folgerichtig denken müssen, daß die Löcher Gefängnisse seien, so könnten sie ahnen, daß dieselben für sie bestimmt sind. Das müssen wir vermeiden.«

»Sie haben Recht. Daran habe ich gar nicht gedacht.«

»Und wenn sie dann drin stecken, so hegen Sie nicht etwa ein vollständig überflüssiges Mitleid! Verstanden?«

»Wie Sie befehlen. Ich werde mich natürlich ganz nach Ihrem Willen richten.«

»Das hoffe ich. Sie brauchen ihnen in den ersten Tagen gar kein Essen zu geben. Schließen Sie jetzt wieder zu!«

»Ich werde doch lieber auflassen.«

»Warum?«

»Ich müßte doch wieder öffnen, denn der Derwisch muß die Löcher ja offen finden.«

»Wie aber kommt er herein mit ihnen? Er kann doch nicht mit ihnen die Treppe herab!«

»Nein. Ich werde ihm, aber auch ihm allein den Eingang von Außen verrathen, durch welchen er sie hereinführen kann.«

»Und haben Sie vielleicht nachgedacht, wie er sie veranlassen kann, freiwillig in diese Löcher zu schlüpfen?«

»Nein.«

»So überlegen Sie es sich, bis er kommt.«

»Nun, was das betrifft, so bedarf es keines großen Nachdenkens. Meines Erachtens giebt es nur ein Mittel, sie dazu zu bewegen, ohne Mißtrauen zu erwecken.«

»Welches wäre das?«

»Er muß ihnen weiß machen, daß es hier eine ganz seltene Akustik gebe.«

»Wieso?«

»Sie kennen doch die Sage vom Ohr des Dionysius?«

»Nein.«

»Er hatte sich ein Gewölbe bauen lassen, und zwar in Form einer Ellipse. So ein lang gezogener Kreis hat zwei Mittelpunkte. Wenn in jedem derselben eine Person steht, so können beide, wenn sie ganz leise flüsternd mit einander sprechen, jedes Wort so laut hören, als ob es mit ganz vernehmlicher Stimme gerufen würde.«

»Das wäre ja sonderbar!«

»Aber es ist wahr; es beruht das auf einem akustischen Gesetze.«

»Und Sie meinen, der Derwisch solle den Beiden weiß machen, daß es hier so etwas gebe?«

»Ja. Er mag sagen, daß sie sich hören können, wenn sie in die Löcher treten und ganz leise sprechen. Sie werden neugierig sein und in die Falle gehen. Sind sie hinein, so wirft er die Thüren zu und hat sie gefangen.«

»Da mögen Sie Recht haben. Ihre Ansicht ist nicht übel, denn sie gründet sich auf die Neugierde der Weiber. Ich werde den Derwisch davon unterrichten. Aber wenn wir ihn bringen, dürfen Sie uns nicht warten lassen.«

»Nein. Ich gehe nicht eher schlafen, als bis er angekommen ist.«

»Wird der Eingang verschlossen sein?«

»Nein. Ich lasse ihn offen. Wenn Sie in den Hof kommen, werden Sie meine Fenster hell sehen. Sie brauchen nur in die Hände zu klatschen, so komme ich herab.«

»Und werde auch ich mir dann die gefangenen Frauen ansehen können?«

»Zu jeder Zeit.«

»Gut! Führen Sie uns jetzt weiter!«

Der Kastellan schritt den Beiden voran, bis ein schmalerer Gang nach rechts einmündete. Derselbe führte in eine Art Zimmer, in welchem sich dem Eingange gegenüber eine zweite Thür befand, welche der Alte öffnete.

Als sie eingetreten waren, befanden sie sich in einem länglich runden Gemache, aus welchem abermals eine Thür weiter führte. Er leuchtete auf den Boden nieder und sagte:

»Bemerken die Herren, daß dieser Boden nicht aus Steinen besteht?«

»Ja,« meinte der Pascha. »Er hat eine Holzdiele. Warum machen Sie uns auf dieselbe aufmerksam?«

»Bitte, stampfen Sie einmal mit dem Fuße!«

Die Beiden thaten es. Die Fußtritte gaben einen leeren, hohlen Klang. »Was ist das?« fragte der Pascha. »Wir stehen wohl auf einer Höhlung?«

»Ja. Wir befinden uns über dem Brunnen. Nur ein einziger Zoll trennt uns von der grausigen Tiefe. Was meinen Sie, wenn die Bretter jetzt unter uns wichen?«

»Tausend Teufel! Sie werden doch fest halten!«

Er fuhr ganz erschrocken in das vorige Gemach zurück, und der Agent that desgleichen. Beider Gesichter waren kreideweiß geworden.

»O freilich halten sie fest,« lächelte der Kastellan. »Es könnten hier zehn Paare tanzen, ohne daß der Boden nur um ein Haar breit nachgebe. Mich aber kostet es nur einen Griff, ihn weichen zu lassen.«

»Wirklich?«

»Ja. Kommen Sie! Ich zeige es Ihnen.«

Er schloß die nächste Thür auf, welche wieder in einen schmalen Gang mündete. Sie folgten ihm in denselben, indem sie mit langen, leisen und furchtsamen Schritten über die gefährliche Diele eilten.

In diesem Gange lagen mehrere große Steine. Der Kastellan nahm einen derselben und trug ihn auf die Bretterdiele zurück. Dann zeigte er auf eine Eisenstange, welche im Gange aus dem Boden ragte.

»Der Bretterboden liegt nicht etwa auf dem Mauerwerke oder auf irgend einer Kante fest,« erklärte er. »Er bildet einen länglichen Kreis, welcher grad in die Brunnenöffnung paßt und sich in ihr bewegen kann. Er ruht nur auf einem starken Mittelbalken, welcher seine Achse bildet, um welche er sich dreht.«

»Ah, das ist freilich gefährlich!« sagte der Agent. »So haben wir ja über dem sicheren Tode gestanden.«

»Jawohl, meine Herren. Die Hemmung, welche den Balken festhält, brauchte nur um einen halben Zoll nachzugeben; das Eisen konnte zerrostet sein, so stürzten wir hinab und kamen als eine zu Brei zerschellte Fleisch- und Knochenmasse unten an.«

»Fürchterlich!«

»O, ich bin meiner Sache gewiß. So lange ich selbst mich auf diesen Boden wage, sind auch Andere sicher. Also hier diese Eisenstange ist der Hebel, mit welchem ich die heimtückische Diele bewegen kann. Ich brauche nur ein Wenig zu drücken, so schnellt sie sich um ihre Achse, und was sich darauf befindet, stürzt in die Tiefe.«

»Zeigen Sie es uns!«

»Jawohl. Passen Sie auf, und merken Sie auch darauf, wie lange es dauert, bis der Stein den Grund erreicht. Wäre er kleiner, so würden wir gar nichts hören. Also jetzt!«

Er hatte die Laterne auf die Thürschwelle der Brunnenstube gestellt, so daß der Boden derselben erleuchtet war. Als er nun an dem Hebel drückte, schnellte die Diele hüben empor und drüben niederwärts. Der Stein flog in die Tiefe.

Lange, lange lauschten die Beiden, ehe sie von unten herauf ein leises, kaum vernehmbares Geräusch hörten.

»Herrgott, das ist schrecklich!« rief der Pascha.

»Bitte, treten Sie einmal heran, um hinab zu schauen!«

Sie folgten dieser Aufforderung und näherten sich der offenen Thür. Sich ängstlich an den Pfosten derselben festhaltend, versuchten sie, hinab zu blicken. Der Kastellan hielt die Laterne empor.

Ihr Blick fiel auf eine gräuliche Finsterniß hinab, und ihre Nasen empfanden den moderigen Hauch des stinkenden Brunnenwassers.

»Wer weiß, wie vieler Menschen Gebeine da unten im Wasser ihre Verwesung gefunden haben,« sagte der Alte.

»Ein schrecklicher, ein entsetzlicher Tod!« bemerkte der Agent.

»O nein, sondern ein sehr guter Tod!«

»Da haben Sie eine wunderliche Ansicht!«

»Meinen Sie? Ich werde wohl Recht haben.«

»Da unten zerschellt zu werden!«

»Bedenken Sie doch: Der Betreffende tritt ganz ahnungslos in das Zimmer hier. Ich drücke auf den Hebel, und der Boden weicht unter seinen Füßen. Er hat gar keine Zeit, einen Gedanken zu fassen. Der plötzliche Schreck lähmt sein Hirn; er fliegt mit dem Kopfe an die Wände des Brunnens und wird augenblicklich betäubt. Wenn er unten ankommt, bildet sein Körper eine formlose Masse. Das Alles ist in einer Viertelsecunde geschehen. Kann es einen schnelleren, leichteren Tod geben, als denjenigen ausgenommen, welcher durch den Blitz erfolgt?«

»Hm! Wenn Sie es so nehmen, so haben Sie allerdings wohl Recht.«

»Anders kann man es ja gar nicht nehmen. Jetzt will ich den Boden wieder befestigen. Passen Sie auf! Ein Druck genügt.«

Er drückte nach der entgegengesetzten Richtung, und die Diele kehrte in ihre vorige Lage zurück. Er sprang auf dieselbe und rief:

»Kommen Sie her, und versuchen Sie, ob sie jetzt nur um die Breite einer Rasirmesserschneide weicht!«

»Danke, danke!« antwortete der Pascha. »Um keinen Preis der Welt!«

»Wenn Sie nun hier zurück müßten!«

»Ist das nothwendig?«

»Nein. Wir gehen auf einem andern Wege nach oben. Aber Sie werden sich nun überzeugt haben, daß Derjenige, welcher dieses Brunnengemach betritt, verloren ist, sobald ich es will?«

»Ich bin mehr als vollständig davon überzeugt.«

»Glauben Sie nun, daß ich Ihre Aufträge ausführen kann?«

»Sie meinen, daß Normann hier hinabstürzen solle?«

»Ja, er und die Anderen.«

»Donnerwetter! Das ist allerdings das beste Mittel, sie für immer los zu werden.«

»Ein Druck meiner Hand, und sie sind verloren!«

»Aber doch thut es mir beinahe leid.«

»Warum? Bemitleiden Sie Ihre Feinde?«

»Nein, nein! Das kann mir gar nicht einfallen. Es geht mir im Gegentheile viel zu schnell. Ihr Tod ist ein plötzlicher, ein gedankenschneller, und ich hatte gewünscht, daß er ein qualvoller sei.«

»Das wäre für Sie mit Gefahren verbunden. Schnell weg mit ihnen, dann sind Sie sie los.«

»Das ist freilich richtig. Ich wollte, ich könnte dabei sein.«

»Wünschen Sie das wirklich?«

»Natürlich. Es versteht sich ganz von selbst, daß mir der Untergang dieser Hallunken ein unendliches Vergnügen machen würde. Und außerdem hätte ich dann auch die wirkliche, unumstößliche Sicherheit, daß sie verloren seien. Denn wenn ich Sie bezahlen soll, so muß ich auch gewiß sein, daß Sie Ihre Aufgabe erfüllt haben.«

»Das kann ich Ihnen freilich nicht verdenken.«

»Wird es sich machen lassen?«

»Ja.«

»Auf welche Weise? Wenn ich die Leute auf dem Wege, den wir jetzt zurückgelegt haben, nach dem Brunnen führe, begeben Sie sich von dieser Seite, welche wir jetzt einschlagen werden, hierher. Da können Sie Zeuge des ganzen Vorganges sein.«

»Schön, schön, vortrefflich! Ah, wenn ich mich ihnen erst zeigen könnte!«

»Warum nicht?«

»Auch mit ihnen reden?«

»Versteht sich.«

»Alle Teufel! Das wäre ja ein Himmelsvergnügen für mich. Aber ich müßte sicher sein, daß mir nichts geschehen könnte und daß es ihnen unmöglich wäre, sich ihrem Schicksale zu entziehen, während ich mit ihnen rede.«

»Ganz nach ihrem Belieben! Es scheint, daß die früheren Besitzer dieses Schlosses sich ebenso das Vergnügen gemacht haben, Zeugen der Execution zu sein und die Verurtheilten vorher noch ein Wenig zu quälen.«

»Sie vermuthen das?«

»Ja, denn in der Thür befindet sich eben eine solche Klappe wie in den beiden Gefängnißthüren. Sehen Sie!«

Er leuchtete die Thür an, und sie bemerkten die Klappe.

»Der ganze Vorgang kann sich dann folgendermaßen abwickeln,« fuhr er fort. »Ich führe die Kerls von da drüben herein in die Stube und schließe hinter ihnen ab, damit sie nicht zurück können. Ich sage ihnen, daß sie da einige Augenblicke stehen bleiben und warten sollen. Dann öffne ich hier hüben diese Thür und verschließe sie sofort wieder hinter mir.«

»Inzwischen bin ich hier angekommen?«

»Ja. Sie öffnen die Klappe und schauen hinein zu ihnen. Da können Sie sich nun eine Güte thun, so groß, wie Sie nur wollen. Sie können diese Kerle so lange quälen, wie es Ihnen beliebt, denn den Hallunken ist ja der Ausweg versagt, weil beide Thüren verschlossen sind.«

Der Pascha rieb sich vergnügt die Hände.

»Das ist herrlich, das ist prächtig!« rief er aus. »Ah, so wird es gemacht, so, wie Sie jetzt sagten! Wie will ich die Schufte quälen! Ich werde ihnen eine Rede halten, von welcher jedes Wort ein Fegefeuerstrahl für sie sein soll. Ich werde ihnen sagen, wo sie sich befinden und was ihrer wartet. Ich werde ihnen die Einrichtung dieses schrecklichen Brunnenzimmers beschreiben, und sie sollen dem Tode mit Höllenangst entgegen sehen. Sie stehen über dem Verderben. Sie sind nur durch schwache Bretter von demselben getrennt. An jedem Augenblicke können diese Bretter weichen, und ich werde sie doch nicht weichen lassen, um die Todesangst möglichst zu verlängern. Sie sollen empfinden, was es heißt, der Rache des Pascha Ibrahim verfallen zu sein!«

»Hm!« meinte der Schließer, »das wird Sie aber zu sehr anstrengen.«

»O nein. Es wird mir nicht Anstrengungen, sondern Entzücken bereiten.«

»Das bezweifle ich.«

»Warum?«

»Weil Sie dann einem jeden Einzelnen diese Leichenrede zu halten hätten. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es Ihnen so oft passend machen könnte. Einmal geht es, ja, aber viele Male, das ist doch fraglich!«

»Hm, ja! Wir müssen uns doch darnach richten, in welcher Weise es möglich ist, die Kerls hierher zu locken.«

»Natürlich! Kämen sie Alle auf einmal, so wäre es ja gut. Wahrscheinlich aber kommen sie einzeln.«

»Darüber ist noch zu reden. Es muß doch wohl möglich sein, sie insgesammt auf einmal hierher zu ziehen.«

»Ich denke, ja.«

»Haben Sie da einen Gedanken?«

»Vielleicht.«

»Lassen Sie ihn hören.«

»Wir zwingen Tschita, ihrem Manne zu schreiben, daß er mit allen Denen, deren Namen sie aufzählt, schleunigst kommen soll. Sie werden dieser Aufforderung Folge leisten, und ich führe sie herab.«

»Sehr gut!«

»Und das müßte gleich nach dem geschehen, daß wir die beiden Frauen eingesteckt haben, damit man noch nicht weiß, daß sie verschwunden sind. Es muß so heraus kommen, als ob es sich um einen Scherz, um ein Vergnügen handele.«

»Da haben Sie Recht. Nur müssen wir sie Alle ohne Ausnahme beisammen haben.«

»Natürlich!«

»Aber Steinbach ist ja noch nicht da!«

»So warten wir, bis er kommt. Ueberhaupt können wir das ja seiner Zeit noch näher besprechen.«

»Seiner Zeit? Hören Sie, ich habe keine Zeit.«

»Nun, ich meine damit auch nicht etwa eine wochenlange Frist. Die. Entfernung zwischen hier und der Stadt ist ja eine so kurze, daß wir bald zu einander können.«

»Gut! Ich kann zu Ihnen, ohne daß man es bemerkt. Und haben Sie mir etwas zu sagen, so kommen Sie zu Frau Berthold in die Stadt, wo Sie Ihre Nichte benachrichtigen, die dann mich unterrichtet. Es kann ja gar nicht auffallen, wenn Sie Ihre Verwandte besuchen.«

»O nein. Mag es also dabei bleiben. Jetzt wollen wir gehen. Kommen Sie!«

Er führte sie in dem Gange weiter, bis sie an eine Treppe gelangten, welche sie emporstiegen. Als er dann oben eine Thür öffnete, traten sie auf der rechten Seite heraus, während sie auf der linken des Flures hinabgestiegen waren.

Nachdem noch einige unwesentliche Bemerkungen ausgetauscht worden waren, stiegen die Drei in den Wagen und fuhren davon.

Der Schließer ging anstatt nach seiner Wohnung um die Ecke des Hauptgebäudes hinum. Dort gab es eine Menge Mauertrümmern, zwischen denen er sich hindurch wand, bis er an einen gartenähnlichen Platz gelangte.

Auf demselben graste ein gesatteltes Pferd, und in der Nähe lehnte, eine Cigarre schmauchend – der Polizist am Stamme eines Baumes.

Er war also nicht vor der Ankunft der Drei bereits fortgeritten, wie er seiner Schwester gesagt hatte. Der Kastellan hatte ihn zum Bleiben aufgefordert, weil er ihm noch Einiges mitzutheilen und zu erklären habe. Als er den Alten kommen sah, schritt er mit gespannter Miene auf ihn zu und fragte:

»Nun, wie ist es abgelaufen?«

»Sehr gut. Die Hallunken sind ganz prächtig auf den Leim gegangen.«

»Erzählen Sie!«

Der Kastellan berichtete. Als er geendet hatte, schüttelte der Polizist bedenklich den Kopf und sagte:

»Aber die Sache gefällt mir nicht. Sie ist mir für den einen Theil zu unbequem und für den andern zu gefährlich.«

»Wie so?«

»Weil zunächst die Damen wer weiß wie lange Zeit in den Löchern stecken sollen.«

»Wer sagt das?«

»Nun, Sie doch!«

»Ich? Davon weiß ich nichts.«

»Nun, Tschita und Zykyma sollen doch dort eingeschlossen werden!«

»Allerdings. Aber sie haben nicht nöthig, auch nur eine Minute dort zu bleiben.«

»Wollen Sie sie herauslassen?«

»Nein, sondern sie werden selbst und ganz nach eigenem Gutdünken ihre Löcher verlassen können.«

»Also sind die Thürriegel nicht zuverlässig?«

»O, die Riegel sind gut; aber es giebt einen andern Weg, den ich Ihnen zeigen will, damit Sie die Damen unterrichten können.«

»Ach, also darum sollte ich noch hier bleiben?«

»Ja. Und was für eine Gefahr war das, von welcher Sie sprachen?«

»Sie sollen hinabstürzen.«

»Das wird weder ihnen noch auch mir einfallen.«

»Sie meinen also, daß sie oben bleiben sollen?«

»Ja.«

»Aber das bemerkt ja der Pascha!«

»O nein. Ich werde schon dafür sorgen, daß er getäuscht wird. Ich habe ihm nur den einen Theil der geheimen Vorrichtung erklärt. Den andern sollen Sie jetzt erfahren. Wollen Sie mir folgen?«

»Kann ich mein Pferd hier lassen?«

»Ja. Es kann ja nicht über die Trümmer hinweg.«

Er führte nun den Polizisten genau auf demselben Wege hinab, welchen er vorher mit den früheren Begleitern gegangen war. Als sie an die beiden Gefängnißlöcher gelangten, kroch er mit der Laterne hinein und forderte ihn auf, ihm zu folgen. Er leuchtete in die eine Ecke, rechts hinauf nach der Decke.

»Sehen Sie Etwas?« fragte er.

»Ja, einen eisernen Ring.«

»Dieser ist an die Decke befestigt, welche hier in der Ecke nicht aus Felsen, sondern aus Holz besteht, welches genau in der Farbe der Felsen gehalten ist. Bitte, wollen Sie die Güte haben, einmal an dem Ringe zu ziehen!«

Der Polizist that es, und dieser Theil der Decke gab nach. Er öffnete sich als Klappe langsam nach abwärts. Ein Schnurren war zu hören wie das Abrollen eines Strickes, und dann bewegte sich eine Leiter herab.

»Wunderbar!« rief der Polizist erstaunt.

»Ja, es ist sonderbar, auf was für Gedanken die Ritter des Mittelalters gekommen sind. Ob das eine Einrichtung der heiligen Vehme ist, welche hier in oder bei Schloß Grafenreuth ihren Sitz gehabt haben soll, oder ob ein Besitzer des Schlosses der Erfinder aller dieser Heimlichkeiten war, das weiß man nicht. Aber, kurz und gut, sie sind einmal vorhanden, und jetzt können wir sie mit Vortheil benutzen.«

»Wissen auch Andere davon?«

»Nur Einer.«

»Wer ist das?«

»Herr Steinbach, unser gnädigster Prinz, auf den es ja auch mit abgesehen ist.«

»Ah, Sapperment! Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen. Prinz Oskar ist Steinbach?«

»Ja.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich rühme mich, sein Vertrauen zu besitzen, obgleich ich nur einer seiner geringsten Diener bin. Weiter habe ich nichts zu sagen. Bitte, steigen Sie diese Leiter empor, welche selbst für Damen ganz bequem zu passiren ist!«

Der Polizist folgte dieser Weisung, und der Schließer stieg hinter ihm her.

»Ah!« rief der Erstere, als er oben anlangte. »Das ist ja wirklich überraschend!«

Sie befanden sich in einem ganz vortrefflich ausgestatteten Zimmer. Der Kastellan zog die Leiter empor; die Klappe folgte ganz von selbst nach. Er lehnte die Erstere in die Ecke.

»Sie sehen,« sagte er, »daß die Damen es in ihrem Gefängnisse ganz gut haben werden. Wenn sie herauf wollen, brauchen sie nur an dem Ringe zu ziehen, und wollen sie wieder hinab, was doch wohl nöthig sein wird, so stoßen sie die Klappe abwärts und lassen die Leiter hinabgleiten. Ein Zug an dem Ringe führt dann die Letztere wieder empor. Sie sehen, daß sie mit zwei Schnuren in Verbindung steht, welche in die Mauer gehen.«

»Ist denn das andere Verließ ebenso eingerichtet?«

»Genau so. Wir steigen in dasselbe hinab.«

»Aber nicht von hier aus?«

»Nein. Kommen Sie!«

Vorher aber trat der Polizist an das Fenster, um hinaus zu sehen. Sein Blick fiel auf den tief unten liegenden Wald. Die Fenster führten ins Freie und nicht in das Innere des Schlosses.

Dann führte ihn der Kastellan durch weitere zwei Zimmer, welche zum Schlafen eingerichtet waren, in ein viertes, dessen Ausstattung genau diejenige des ersten war.

Hier lehnte auch eine Leiter in der Ecke.

»Unter uns liegt das zweite Verließ,« erklärte der Alte. »Sie sehen, daß die beiden Damen sich in aller Gemüthlichkeit besuchen und unterhalten können. Ich werde für alles Weitere und natürlich auch für Speise und Trank und jede Bequemlichkeit sorgen.«

»Aber was geschieht, wenn sie sich hier oben befinden und der Pascha oder der Derwisch kommt, um sie im Verließe zu sehen? Dann ist die Sache verrathen.«

»O nein. Beide können ohne mein Wissen nicht herab, und ich werde dann vorher die Damen benachrichtigen.«

»Schön! Also weiter!«

Der Kastellan schob die Klappe abwärts und durch dieselbe die Leiter nach unten. Als sie unten angekommen waren, zog er an dem auch dort angebrachten Ringe. Das Schnurren war wieder zu vernehmen; die Leiter ging in die Höhe, und die Klappe schloß sich. Sie befanden sich im zweiten Verließe, welches sie sogleich verließen.

»Erklären Sie das den Damen,« sagte der Alte, »denn ich denke, daß ich nicht dazu kommen werde, es zu thun.«

Er führte ihn weiter nach der Brunnenstube und ließ genau wie vorhin die Diele sich bewegen.

»Und darauf sollen sie sich stellen?« fragte der Polizist erschrocken.

»Ja.«

»Herrgott! Sind Sie des Teufels!«

»Nein. So wie jetzt habe ich den Andern die Sache gezeigt. Ich habe den Hebel nur ein klein Wenig bewegt. Wenn ich ihn aber ganz niederdrücke, giebt es eine andere Wirkung. Passen Sie einmal auf!«

Er brachte die Diele wieder in ihre gewöhnliche Lage. Dann drückte er die Eisenstange tief auf die Erde herab. Anstatt daß die Diele sich um ihre Achse schnellte, stieg sie langsam und ohne ihre horizontale Lage zu verändern, nach abwärts.

»Schauen Sie nach!« sagte der Alte.

Der Polizist blickte hinab und sah, daß der Boden sich vielleicht acht Fuß unter seiner vorigen Lage befand. Zugleich bemerkte er, daß sich an der einen Seite der Brunnenwand eine thürähnliche Oeffnung befand.«

Die andere Seite der Mauer zeigte Einschnitte und Hervorragungen, welche mehrere Stufen bildeten.

»Hier steigen wir hinab.«

»Fällt mir nicht ein!« meinte der Polizist.

»Warum?«

»Soll ich mich diesen fürchterlichen Brettern anvertrauen?«

»Sie können das ohne Besorgniß thun. Es ist nicht die mindeste Gefahr dabei. Ich muß Ihnen zeigen, daß Ihre Freunde gar nichts zu besorgen haben. Während der Pascha meint, daß sie in der Tiefe zerschmettert werden, senkt sich der Boden ganz langsam mit ihnen so weit, wie er sich jetzt befindet. Dann verlassen sie ihn, um in den Gang zu treten, welcher sich da unten öffnet.«

»Können sie dort weiter?«

»Ja freilich. Ich werde es Ihnen zeigen. Kommen Sie nur mit herab!«

Er stieg die Stufen hinab und betrat den Boden. Der Polizist aber setzte seinen Fuß höchst zaghaft auf denselben.

»Fürchten Sie sich nicht,« lachte der Alte. »Unter uns gähnt zwar das schrecklichste Verderben; aber ich untersuche die Vorrichtung so oft und so genau, daß an eine Gefahr gar nicht zu denken ist.«

Jetzt traten sie in den Gang, der sich auch hier unten öffnete. Er führte nach nur wenigen Schritten zu einer Treppe. Sie stiegen hinauf und gelangten an eine Thür, welche der Alte öffnete und dann wieder verschloß.

»Wo befinden wir uns?« fragte der Beamte, sich umblickend.

»In demselben Gange, in welchem der Pascha dem Verderben seiner Feinde zuschauen will. Ich brauch nur die Thür zu öffnen, welche kaum fünfzehn Schritte weit von hier liegt. Kommen Sie!«

Er führte ihn vorwärts, öffnete die betreffende Thür, und da sah der Polizist, daß sie sich in demselben Gemache befanden, in welchem sie vorher gewesen waren und in welchem sich der eiserne Hebel befand, durch den der Fußboden in Bewegung gesetzt wurde.

»Sie kennen nun die Oertlichkeit und ihre Einrichtung,« sagte der Kastellan. »Fürchten Sie immer noch für die Herrschaften?«

»Nein, nun nicht mehr.«

»So will ich den Boden wieder heben.«

Er drückte die Eisenstange wieder zurück, und sofort kam der Boden langsam empor gestiegen, um seine ursprüngliche Lage einzunehmen.

»Das klappt wirklich Alles auf das Vortrefflichste,« meinte der Polizist. »Aber ob sich die Herrschaften diesem Fußboden auch wirklich anvertrauen werden, das möchte ich denn doch bezweifeln.«

»Darüber sorge ich mich gar nicht. Der Prinz wird ihnen jedes Bedenken benehmen.«

»Ja, wenn dieser dafür spricht, so ist es etwas Anderes!«

»Und übrigens ist es unbedingt nothwendig, daß sie es thun, denn nur auf diese Weise erhalten Sie den vollgiltigen Beweis gegen die Verbrecher. Diese Letzteren müssen die Ueberzeugung erhalten, daß ihr Werk gelungen sei.«

»Allerdings. Dann aber das Entsetzen, wenn sie die Todtgeglaubten lebend vor sich sehen!«

»Da möchte ich freilich gegenwärtig sein.«

»Ich denke, daß Sie anwesend sein werden. Lassen Sie nur den verkleideten Derwisch nicht aus dem Auge, und sorgen Sie dafür, daß er keinen Verdacht schöpft!«

»Keine Sorge! Was an mir liegt, das soll auf das Gewissenhafteste ausgeführt werden.«

»So sind wir fertig und können wieder nach oben gehen.«

Sie schlugen denselben Weg ein, den der Kastellan auch mit den vorigen Besuchern aufwärts gegangen war. Dann holte der Polizist sein Pferd herbei und verabschiedete sich von dem dienstwilligen Alten.

Dieser sorgte nun dafür, daß Alles zum Empfange der zu erwartenden Personen bereit war, und daß später kein Fehler vorkommen konnte.

Während dieser Vorbereitungen verging der Rest des Nachmittags und auch der Abend, und endlich kam die Mitternacht herbei.

Der Kastellan saß bei seiner Lampe und rauchte eine Pfeife Tabak. Der Schein des Lichtes fiel durch das Fenster in den Hof hinab. Der Alte dachte, was doch in der jetzigen Zeit für eigenthümliche Dinge passiren, fast so abenteuerlich wie damals, als die Herren des Mittelalters ihre winkelreichen, so viele Geheimnisse in sich bergenden Burgen erbauten. Er schüttelte den Kopf.

Da klatschte unten Jemand in die Hände. Er nahm das Licht und ging in den Hof hinab. Er sah den Pascha, an dessen Seite eine weibliche Gestalt stand. Der Erstere sagte:

»Hier bringe ich Ihnen den entflohenen Gefangenen. Er mag, wenn er ja von irgend Jemand gesehen werden sollte, als eine Verwandte von Ihnen gelten.«

»Schön! Er soll bei mir sehr gut aufgehoben sein. Wollen die Herren mit herauf kommen?«

»Ich nicht. Ich gehe gleich wieder fort, denn ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann. Es ist über Mitternacht und ich will schlafen, da ich nicht weiß, wie lange ich morgen und nächstens zu wachen habe.«

Er entfernte sich wieder. Der Alte führte den einstigen Derwisch nach oben und hieß ihn, sich niederzusetzen. Da konnte er ihn mit Muße betrachten.

Der Agent hatte wirklich ein Meisterstück gemacht. Die Verkleidung paßte ganz genau und verhüllte sehr gut das männlich Eckige der Gestalt. Die Perrücke saß ausgezeichnet; das Gesicht war glatt rasirt, und Schminke und Puder hatten das Uebrige gethan, um den Mann vollständig unkenntlich zu machen.

Er sah aus wie eine Südländerin, etwa wie eine Neapolitanerin oder Sicilianerin mit etwas weniger weichen Gesichtszügen als gewöhnlich.

»Also wollen Sie sich mir anvertrauen?« fragte der Kastellan. »Ich denke, daß Sie mit mir zufrieden sein werden.«

»Das hoffe und erwarte ich, denn Sie werden sehr gut dafür bezahlt,« meinte der Derwisch in etwas befehlshaberischem Tone.

»Na, ich habe den Pascha nicht übertheuert,« antwortete der Alte zurückhaltend.

»Wenn Sie zu wenig verlangten, so ist das ganz allein nur Ihre Sache. Der Pascha zahlt sehr nobel. Uebrigens wissen Sie wohl Alles?«

»Alles, ja.«

»Sie wissen, weshalb ich gefangen war?«

»Genau nicht.«

»Ist auch nicht nöthig. Wenn Sie nur wissen, wie Sie sich zu verhalten haben.«

»Das weiß ich freilich auf das Beste.«

»So zeigen Sie mir vor allen Dingen meine Wohnung und auch die unterirdischen Räumlichkeiten, die ich kennen muß. Vor allen Dingen werden Sie mir den äußern Eingang zu den Verließen zeigen.«

»Das ist heut Abend in der Finsterniß unmöglich. Aber in der Frühe werde ich Sie sofort hinausführen.«

»Schön! Ich muß das so bald wie möglich kennen lernen, da ich nicht weiß, wie bald ich es gebrauchen kann. Wer wohnt mit Ihnen hier?«

»Niemand.«

»Das freut mich. Erhalten Sie Besuche?«

»Es kommt kein Mensch.«

»Auch das ist gut, denn ich mag mich natürlich nicht sehen lassen.«

»Was das betrifft, so würden Sie alsdann, wenn Jemand käme, auch nicht gesehen werden. Dafür würde ich sorgen.«

»Gut! Aber sobald ein Bote kommt, benachrichtigen Sie mich. Ich muß dann augenblicklich mit ihm sprechen. Jetzt aber bitte ich, mir die Lokalitäten ansehen zu können.«

Der Kastellan zeigte ihm zunächst seine Wohnung, mit welcher er sich zufrieden erklärte, und führte ihn dann hinab in die unterirdischen Gänge, um ihn dort mit den Oertlichkeiten und Einrichtungen so viel wie nöthig vertraut zu machen. – –

Am Spätnachmittage dieses Tages hatte der dicke Sam Barth eine Depesche folgenden Inhaltes erhalten:

»Ich komme mit dem zehn Uhr-Zuge nebst meinen Begleitern. Sorge, daß bei Normanns Alle versammelt seien, doch ohne meine Ankunft zu verrathen!«

Steinbach.«

In Folge dessen war Sam zu Normann gegangen und hatte ihn gebeten, sämmtliche Personen für heut Abend zehn Uhr beisammen zu halten. Als Grund hatte er angegeben, daß er den Herrschaften etwas Wichtiges mitzutheilen habe, aber nicht eher kommen könne.

In Folge dessen hatte sich bei dem Maler die ganze Familie von Adlerhorst eingefunden, ferner Jim und Tim, Sendewitsch, kurz, alle Personen, welche mit dem Schicksale der Familie in Beziehung standen und jetzt hier in Bad Wiesenstein anwesend waren.

Sie warteten auf Sam, welcher noch nicht erschienen war, obgleich es bereits Zehn geschlagen hatte. Daß er noch nicht gekommen war, hatte seinen guten Grund. Er war nach dem Bahnhofe gegangen, um Steinbach und dessen Begleitung abzuholen.

Als der Zug ankam, stieg der Genannte aus einem Waggon erster Klasse. Er hatte den Hut tief herein gezogen und den Kragen hoch empor geschlagen, damit man ihn nicht erkennen möge.

Nach ihm stiegen aus: Gökala, seine Braut, der dicke Tungusenfürst mit seiner noch umfangreicheren Frau, Georg von Adlerhorst mit Karparla, der Pflegetochter des fürstlichen Ehepaares, Peter Dobronitsch mit seiner Maria Petrowna, ihre Tochter Mila mit Alexander Barth, dem berühmten Zobeljäger, ihrem Geliebten, und sodann zuletzt dessen Eltern, Karl Barth und dessen Frau.

Sam eilte aus sie zu, um sie zu begrüßen.

»Alles in Ordnung?« fragte Steinbach.

»Ja, Alles.«

»So wollen wir sofort nach Normanns Villa.«

»Aber Ihr Gepäck?«

»Das ist in der Residenz. Wir kommen von dort. Die Diener haben das Handgepäck. Sie werden Hotelwohnung versorgen. Unterwegs unterrichtest Du mich schnell, so weit es nothwendig ist.

Wirklich sah Sam einige Diener, welche aber Civilkleider trugen, sich in den Wagen begaben, um sich des Gepäckes anzunehmen. Sie mußten genau unterrichtet sein, was sie zu thun hatten, denn sie beeilten ihre Angelegenheit, ohne sich vorher erst Befehle einzuholen.

Die Herrschaften setzten sich in Bewegung. Steinbach nahm Gökala am Arme, deren Vater natürlich auch mit gekommen war, und an ihrer anderen Seite ging. Neben Steinbach ging Sam, um ihn in kurzer Weise über die gegenwärtigen Verhältnisse zu unterrichten. Die Andern folgten.

Als es dann draußen am Gartenthore von Normanns Villa klingelte, glaubte der Letztere, Sam werde allein kommen. Das Mädchen ging, um zu öffnen. Darauf hörte man draußen im Vorzimmer die Schritte mehrerer Personen:

»Er kommt nicht allein,« sagte Normann. »Wen mag er wohl bei sich haben?«

Jetzt wurde die Thür geöffnet, und Steinbach trat herein, gefolgt von den Andern allen.

»Ah! Herr Steinbach, Herr Steinbach!« rief es von Mund zu Munde.

Das Erscheinen dieses von Allen so verehrten und geliebten Mannes verursachte eine unbeschreibliche Freude. Alle, Alle eilten auf ihn zu, um ihn zu begrüßen, denn es gab keine einzige Person da, welche ihm nicht Etwas zu verdanken hatte.

Eben wollte ihm auch der Lord die Hand reichen. Er streckte schon den langen Arm aus; da fiel sein Blick auf Gökala.

»God damm!« rief er aus, ganz steif vor Ueberraschung dastehend. »Ist das nicht – ist denn das nicht – – –!«

»Wer denn?« fragte Steinbach.

»Die schöne Dame aus Kairo, mit welcher ich redete und die mir einen Brief an Sie mitgab?«

»Sie werden sich wohl nicht irren.«

»Also wirklich! Welch eine Ueberraschung! Ich lege mich Ihnen zu Füßen, Miß Gök – Gök – Gök – – wie war nur gleich der Name!«

»Gökala.«

»Richtig, Gökala! Also ich begrüße Sie mit dem größten Entzücken! Sie haben sich endlich auffinden lassen. Darüber wird Niemand so glücklich sein wie Herr Steinbach.«

Frau von Adlerhorst und ihre Kinder suchten mit fragenden Blicken unter den Neuangekommenen, denn sie wußten, daß Georg mit Steinbach eintreffen wollte. Sein Gesicht konnte die Züge der Adlerhorsts nicht verleugnen. Auch ihm sagte mehr die Stimme seines Herzens als sein Auge, welche der anwesenden Damen seine Mutter sei. Er eilte auf sie zu.

»Irre ich mich oder nicht?« rief er aus. »Sie sind – – Du bist – – –?«

»Georg, mein Sohn, mein Sohn!«

Sie streckte aufjauchzend die Arme aus, und er fiel an ihre Brust. Beide hielten sich lange, lange umschlungen, dann lösten sich die Geschwister in seiner Umarmung ab. Sie konnten die Augen kaum von einander wenden.

Die Scene dieses Wiedersehens war eine ergreifende und tief rührende. Aller Augen standen voller Thränen, und es dauerte lange, ehe die sich schnell folgenden Fragen einer bedächtigeren Redeweise Platz gaben.

Dann trat er zu Zykyma. Ihre beiden Hände ergreifend, sagte er, ihr mit einiger Verlegenheit in das schöne Antlitz blickend:

»Daß ich auch Dich hier begrüßen darf, macht meine Freude erst vollständig.«

»Hast Du gewußt, daß Du mich hier finden würdest?« fragte sie unbefangen.

»Ja. Steinbach sagte es mir. Er ist ein Meister im Arrangement von Ueberraschungen. Habt Ihr meine Depesche empfangen?«

»Gestern schon.«

»Und – hast auch Du sie gelesen.«

»Ja.«

»Ihr Inhalt – – o sag, welchen Eindruck hat er auf mich gemacht?«

Auf seinem Gesichte lag bei dieser Frage der Ausdruck ängstlicher Besorgniß.

»Wir haben uns alle sehr gefreut.«

»Wirklich? Auch Du?«

»Ja, herzlich,« antwortete sie, ihn offen und freundlich ansehend.

»Das ist – – das ist mir überraschend!«

»Deine Ueberraschung wird sofort weichen, wenn ich Dir meinen Verlobten vorstelle. Hier hast Du ihn.«

Sie ergriff Hermanns Hand und zog ihn herbei.

»Du, Bruder? Du liebst Zykyma?« rief Georg ganz erstaunt aus.

»Ja, und vielleicht herzlicher, als Du sie wohl geliebt hast, denn Du konntest sie vergessen, was bei mir niemals der Fall gewesen sein würde,« lachte der Gefragte.

»O, von einem wirklichen Vergessen war ja keine Rede. Ich habe eine lange Zeit des Kampfes durchgemacht und danke nun aber Gott, daß es so gekommen ist. Wir werden nach so langem Leiden Alle glücklich sein.«

»Das sind wir überzeugt. Aber nun zeige uns auch die Dame, welcher Du Dein Glück zu verdanken haben willst. Oder hast Du sie nicht mit?«

»O doch. Hier ist sie. Ich empfehle sie Eurer Liebe und vor allen Dingen der Deinigen, liebe Mutter.«

Er führte Karparla seiner Mutter zu. Diese zog das schöne, gute Mädchen an ihr Herz, und dann theilten sich auch ihre andern Kinder in die Begrüßung ihrer neuen Anverwandten.

Karparla hatte unterwegs einiges Deutsch gelernt und bat in rührenden wenn auch gebrochenen Worten um Liebe und Nachsicht. Das klang so lieb und mild, daß ihre Bitte Thränen erweckte.

»Hier Mutter – – hier Vater,« sagte sie, auf das fürstliche Tungusenpaar deutend.

»Fürst Bula der Tungusen und Fürstin Kalyma, seine Gemahlin,« stellte Georg die Beiden vor. »Sie sind aus Sibirien gekommen, um Euch kennen zu lernen.«

Die beiden Dicken wurden mit solcher Herzlichkeit begrüßt, daß der Fürst, der nur einige wenige deutsche Worte behalten hatte, ausrief:

»Freude – Wonne – Entzücken – Seligkeit!«

Und die gute Kalyma wischte sich mit dem Aermel ihres Reisemantels die Augen und rief stockend:

»Sibirien – Deutschland – Tungusen – Eisenbahn – Hochzeit – Schwiegersohn!«

Sie drückte wonnevoll Alle an das Herz, die so unvorsichtig waren, sich in ihre Nähe zu wagen.

»Halt!« sagte da Sam. »Wenn Alles sich umarmt, so will auch ich umschlungen sein, denn ich bin ja der Onkel von der Braut!«

»Sie?« fragte Normann lachend.

»Ja, ich!«

»Wie käme das?«

»Trauen Sie mir etwa keine solche Nichte zu? Wohl weil sie eine fürstliche Dame ist? O, ich habe stets so etwas hochfürstliches an mir gehabt, und das hat sich auf Karparla vererbt. Das müßt Ihr mir und ihr doch sofort ansehen!«

»Ein Sachse aus Herlasgrün der Onkel einer tungusischen Fürstentochter?!«

»Ja. Ich habe sogar Zeugen dazu. Hier stehen mein Bruder und meine Schwägerin, die eigentlichen Eltern Karparla's, die die Wahrheit meiner Worte beschwören können. Es klingt das sehr romanhaft, ist aber dennoch wahr, wie Sie alle sehen werden, wenn wir es dann erzählen.«

Er zog auch die Andern herbei, um sie vorzustellen und dabei seine gewohnten, possierlichen Bemerkungen zu machen.

Es ist leicht zu denken, daß nun eine sehr lebhafte und ausregende Scene folgte. Es gab tausend Fragen und Erkundigungen, welche, sich kreuzend, von Lippe zu Lippe flogen. Die Antworten konnten natürlich nur kurz und unzulänglich sein, und eine gewisse Ordnung trat erst dann ein, als man beim Weine Platz genommen hatte und dann Steinbach in kurzen Zügen berichtete, was geschehen war und wie man sich gefunden hatte.

Sich ausführlich auszusprechen, das mußte man freilich auf später verschieben. Die Schicksale der Anwesenden waren ja so abenteuerlich und viel verschlungen gewesen, daß eine lange Zeit dazu gehörte, bis man sich gegenseitig genauer kennen zu lernen vermochte.

So vergingen einige sehr bewegte Stunden. Dann erst kam man dazu, der augenblicklichen Situation genauer zu gedenken.

Normann erklärte die Lage, in welcher man sich befand, und Sam, der ja eigentlich der Arrangeur derselben war, machte seine erläuternden Bemerkungen dazu.

Steinbach, welcher sehr aufmerksam zuhörte, erklärte, als der Bericht zu Ende war:

*

106

»Ich bin mit der Wendung, welche die Sache heut genommen hat, sehr zufrieden. Diese Dame, die Schwester des Polizisten, muß ein sehr intelligentes Köpfchen besitzen. Sie und ihr Bruder haben um unsere beiden Feinde und ihren Verbündeten die Schlinge so gewandt gelegt, daß wir sie nur zuzuziehen brauchen.«

»Sie geben also unsern Absichten Ihre Zustimmung?« fragte Sam.

»Vollständig.«

»Und wie lange wollen wir den Kerls noch Frist geben?«

»Gar keine. Wir haben keine Zeit. Ich war natürlich im höchsten Grade erstaunt, als ich hörte, daß der Pascha sich hier befinde. Ist dies einmal der Fall, so wollen wir auch schnell zugreifen, damit uns der Zufall nicht wieder einen tückischen Streich spiele.«

»Also wann?«

»Natürlich morgen schon.«

»So schnell? Wird es sich machen lassen?«

»Sehr leicht. Es ist sehr trefflich, daß Ihr auf die Pläne dieser Menschen scheinbar eingegangen seid, denn dadurch bekommen wir die untrüglichsten Beweise gegen sie in die Hand. Wann wird die Polizistin sich hier wieder sehen lassen?«

»Jedenfalls schon am Morgen.«

»So wollen wir ihr sagen, daß Tschita und Zykyma noch am Vormittage bereit sind.«

Die beiden Genannten machten einigermaßen verlegene Gesichter.

»Muß es denn sein, Herr Steinbach?« fragte die Erstere.

»Ja, schöne, gnädige Frau. Es muß sein.«

»Aber man wird uns einsperren!«

»Nur auf einige Stunden. Und Sie haben ja gehört, daß Sie nicht im Verließ zu bleiben brauchen. Uebrigens werden wir Männer dann am Nachmittage nachkommen.«

»Das ist so gefährlich!«

»O nein!«

»O doch! Mir ist um mein gutes Männchen angst.«

»Nur um ihn?« fragte Steinbach lächelnd.

»Nein doch!« antwortete sie erröthend. »Um Alle, wenn ich auch nur ihn genannt habe. Dieser fürchterliche Brunnen macht mich bange.«

»Da brauchen Sie nicht die geringste Sorge zu haben. Die Diele ist sehr zuverlässig zu regieren.«

»Wissen Sie das denn?«

»Ja, genau.«

»Wie ist das möglich? Der Kastellan hat gesagt, daß nur er und Prinz Oscar Kenntniß davon hätten.«

»So hat er augenblicklich nicht an mich gedacht. Ich versichere Ihnen, daß ich mich mit dem größten Vergnügen auf den Fußboden stellen werde, und ich hoffe, daß die Herren getrost meinem Beispiele folgen werden.«

Nun wurde das Weitere besprochen, wobei aber, wie leicht erklärlich, das Gespräch zahlreiche Sprünge nach der Vergangenheit zurückmachte. So kam es, daß der Morgen bereits graute, als man endlich glaubte, nun doch die lange Sitzung schließen zu müssen.

Steinbach erklärte, daß er hier nicht gern in einem Gasthofe logire. Er war nämlich überzeugt, sofort erkannt zu werden, und das wollte er vermeiden. Normann stellte alle seine disponiblen Zimmer zur Verfügung, dennoch aber mußten Mehrere nach dem Hotel aufbrechen, um trotz der frühen Stunde dort Aufnahme zu suchen.

Am Vormittage saß der Derwisch bei dem Kastellane, seinem Wirthe. Sie unterhielten sich nicht eben grad in herzlicher Weise, denn das Wesen des verkleideten Flüchtlinges war kein solches, welches Sympathie zu erwecken vermochte.

Da klopfte es an. Der Kastellan trat zur Thür und fragte, ohne dieselbe zu öffnen:

»Wer ist da?«

»Ich, Lina.«

Da machte er auf.

»Da Du es bist, so darfst Du herein. Bringst Du etwa eine Botschaft?«

»Ja.«

»Sie scheint wichtig zu sein.«

»Allerdings. Woher ahnst Du das?«

»Weil Du sehr schnell gegangen sein mußt. Du bist ganz außer Athem.«

»Ja, ich mußte mich beeilen, denn sie können schon in wenigen Minuten da sein.«

»Wer?«

»Tschita und Zykyma.«

»Donnerwetter!« rief der Derwisch, indem er von seinem Stuhle aufsprang.

Lina sah sich seine Gestalt lächelnd an und sagte:

»Das war ein kräftiges Wort im Munde einer so zarten Dame!«

»Ah pah! Sie wissen ja doch, wer ich bin! Also die Frauen kommen wirklich?«

»Ja.«

»Wer hat sie auf diesen Gedanken gebracht?«

»Ich natürlich.«

»Und wie haben Sie das angefangen?«

»Ich habe den Aberglauben der Orientalinnen benutzt und ihnen erzählt, daß es hier bei der Ruine eine Quelle giebt, welche einen prächtigen Teint verleiht, wenn man sich an einem gewissen Tage Vormittags mit dem Wasser derselben wäscht.«

»Und dieser gewisse Tag ist natürlich heut?«

»Freilich.«

»Aber wissen Sie auch genau, daß sie kommen werden?«

»Ja, denn ich sah sie gehen. Ich paßte auf und bin ihnen voran geeilt.« »Aber ihre Angehörigen werden wissen, wohin sie spazieren. Wenn sie dann fehlen, wird man sie im Schlosse hier suchen.«

»O nein. Ich habe gesagt, daß die Quelle nicht wirke, wenn man davon spricht.«

»So sind sie also heimlich fort?«

»Ja.«

»Und ist wirklich eine Quelle hier?«

»Gewiß,« antwortete der Kastellan. »Sie ist übrigens gar nicht weit von der Stelle, an welcher sich der geheime Eingang befindet, den ich Ihnen heut früh zeigte.«

»So müssen Sie mich gleich hinführen. Kennen Tschita und Zykyma den Quell?«

»Nein,« antwortete Lina. »Sie sind ja noch gar nicht hier gewesen. Aber ich habe ihnen denselben so genau beschrieben, daß sie ihn unbedingt finden müssen.«

»Schön, schön! So muß ich fort. Führen Sie mich, Kastellan!«

»Halt! Gar so sehr brauchen Sie sich wohl nicht zu beeilen. Ich glaube, eine tüchtige Viertelstunde Vorsprung gewonnen zu haben, und muß Ihnen etwas Wichtiges melden, ehe ich gehe.«

»Was denn?«

»Steinbach ist da.«

»Sapperment! Wann ist er gekommen?«

»Gestern Abend.«

»Allein?«

»O nein. Es sind viele Personen bei ihm gewesen.«

»So! Hm! Wo kam er her?«

»Aus Rußland, glaube ich.«

»Das weiß ich schon. Wenn Sie nun klug wären, so hätten Sie geforscht, wer die Leute seien, die mit ihm kamen.«

»Sie halten mich also nicht für klug?«

»Nun, wenn Sie es sind, so mögen Sie es beweisen. Haben Sie sich erkundigt?«

»Natürlich! Aber wenn Sie in dieser Weise mit mir reden, so werden Sie nicht viel erfahren.«

»Ah, Sie wollen – – – hm!«

Er lachte höhnisch auf.

»Wenn man von der Gnade und Verschwiegenheit Anderer abhängt, so kann man wenigstens höflich sein.«

»Sie meinen doch nicht etwa Ihre eigene Gnade, mein Fräulein!«

»Doch auch.«

»Sie werden bezahlt!«

»Aber nicht, um Ihre Grobheiten anhören zu müssen. Das merken Sie sich!«

Er wollte auffahren; aber er sah, daß sie nach der Thür schritt, und lenkte schnell ein:

»Halt! Wohin? Ich glaube gar, Sie wollen gehen!«

»Natürlich!«

»Bitte, bleiben Sie! In meiner Lage ist man leicht etwas schroff!«

»Nein. In Ihrer Lage ist man höflicher als sonst. Das versteht sich ja ganz von selber!«

»Nun, so verzeihen Sie! Ich werde mich sehr befleißigen, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben. Sagen Sie mir also, wer mit ihm gekommen ist!«

»Der eine Herr soll ein Indier sein.«

»Etwa gar ein Maharadscha?«

»Ich glaube.«

»Sapperment! Ist seine Tochter dabei?«

»Ja.«

»Sie ist Steinbachs Braut?«

»Es scheint so.«

»Dann hat er jedenfalls diese ganze sibirische Gesellschaft bei sich. Auch einen Adlerhorst?«

»Allerdings. Ich glaube, er heißt Georg von Adlerhorst.«

»Das ist er. Weiter!«

»Einen Fürsten und eine Fürstin der Tungusen.«

»Mit Karparla, ihrer Tochter?«

»Die ist auch da.«

Kurz und gut, der Derwisch nannte alle Namen Derer, die er hier vermuthete, und Lina bestätigte dieselben.

»Ah, so haben wir das ganze Nest beisammen!« rief er aus. »Haben Sie das schon dem Pascha gemeldet?«

»Dazu hatte ich keine Zeit.«

»So thun Sie es sofort! Er muß es so schnell wie möglich erfahren. Eilen Sie! Ich aber muß nun jetzt zur Quelle.«

Lina entfernte sich. Der Derwisch ließ sich zu dem Wasser führen, an welchem er sich wartend niedersetzte, als der Kastellan ihn verlassen hatte.

Unten auf der Straße traf Lina mit Tschita und Zykyma zusammen, welche mit ihr herausgegangen waren und hier auf sie gewartet hatten.

»Er ist fort zur Quelle,« meldete sie. »Nun können Sie gehen.« »Es ist uns aber doch ein Wenig bange,« gestand Zykyma.

»Meine Damen, Bangigkeit ist hier ganz und gar nicht am Platze.«

»O, Sie kennen diesen Menschen nicht.«

»Doch! Ich habe ihn jetzt eben kennen gelernt, ihn aber streng zurecht gewiesen.«

»Das ist noch nichts. Er ist am Ende gar im Stande, uns zu tödten!«

»O nein. Diese Sorge dürfen Sie nun gar nicht haben.«

»Meinen Sie?«

»Ja. Sie sollen nach Constantinopel geschafft werden; das hat der Pascha bestimmt. Der Derwisch darf Ihnen kein Haar krümmen.«

»Und wenn das auch. Nur mit ihm zu reden, erfüllt uns schon mit Bangigkeit.«

»Ich bitte, sich zu beherrschen. Er darf nicht im Geringsten ahnen, daß Sie ihm nicht trauen. Er wäre im Stande, unsere schönen Pläne zu nichte zu machen. Halten Sie es denn nicht für möglich, daß Sie freundlich mit ihm sein können?«

»Vielleicht, wenn wir uns rechte Mühe geben.«

»Thun Sie das! Es wird ja nicht zu viel von Ihnen verlangt. Er ist als Frau verkleidet. Sie brauchen ihn also nur so zu behandeln, wie man sich gegen eine Fremde verhält, welcher man zufällig begegnet.«

Sie sprach ihnen noch eindringlich zu, und es gelang ihr doch endlich, den Muth der zarten, schönen Geschöpfe anzufachen.«

Diese ließen sich die Lage des Quelles noch einmal genau beschreiben und setzten dann ihren Weg fort.

Die Straße führte bergan zur Höhe, auf welcher Schloß Grafenreuth lag. Dann führte ein schmaler Weg am Thore vorüber, abwärts in den Wald hinein, wo zwischen Erlen und Espen das Wasser des erwähnten Quelles aus der Erde drang.

Als sie dort anlangten, sahen sie eine recht gut gekleidete Frau sitzen, welche ihren Schleier ziemlich weit über das Gesicht herabgezogen hatte. Das war natürlich der Derwisch.

Er hatte aufmerksam gehorcht und die Schritte der Nahenden vernommen. Jetzt that er, als ob er sich zufällig umblicke und sie bemerke. Er erhob sich höflich.

Die Beiden kamen langsam näher, grüßten durch eine leichte Verbeugung und baten um Entschuldigung, daß sie ihn störten.

»O bitte,« antwortete er. »Gottes Welt ist für Jedermann offen, und ich habe kein anderes Recht auf diesem Platz als Sie. Gewiß ist Ihnen das Wasser dieser Quelle gerühmt worden?«

»Allerdings,« antwortete Zykyma, welche von Beiden den meisten Muth besaß.

»Dann bitte, sich nieder zu lassen und mir zu erlauben, auch wieder Platz zu nehmen!«

Er deutete auf die umher liegenden, mit Moos überzogenen Felsenbrocken, auf deren einem er gesessen hatte. Sie setzten sich alle Drei nieder.

Er gab sich Mühe, seiner Stimme einen weichen, weiblichen Klang zu verleihen, was ihm dadurch gelang, daß er nur in halbem Tone sprach.

»Vermuthe ich recht, wenn ich meine, daß Sie Sommergäste des Bades Wiesenstein sind?« fragte er höflich.

»Wir sind Bewohnerinnen von Wiesenstein, nicht Sommergäste,« antwortete Zykyma. »Meine Freundin hier ist die Gemahlin des Malers Normann, und ich bin bei ihr auf Besuch. Aber Sie gehören wohl zu den Badegästen?«

»Auch nicht. Ich bin auf Besuch bei dem Kastellan dieses alten Schlosses, welcher mein Verwandter ist.«

»Dann sind Sie zu beneiden.«

»Wieso?«

»Sie sind so glücklich, am romantischesten Orte der ganzen Gegend wohnen zu dürfen.«

»Das ist wahr, zumal ich mich außerordentlich für solche Ueberreste vergangener Zeiten interessire. Die Tage, an denen ich mich periodisch hier befinde, gehören stets zu den glücklichsten des ganzen Jahres für mich.«

»Aber einsam muß es sein, sehr einsam!«

»Das suche und liebe ich eben. Ich bin so halb und halb Dichterin und belebe mir diese Einsamkeit mit allerhand lichten Gestalten meiner Phantasie.«

»Dann setzen Sie gewiß eine Nixe an diesen Brunnen?«

»Gewiß! Droben durch die Ruinen wallt die leuchtende Schleppe einer Fee. Drunten im Grunde, welchem diese Wellen entgegen eilen, tanzen Elfen ihren munteren Reigen, und allerlei Gnomen und Heinzelmännchen kriechen hier in den Klüften und Höhlen herum.«

»Giebt es auch Höhlen hier?«

»Einige. Man sagt sogar, daß das ganze Schloß unterhöhlt sei. Das Wasser dieser Quelle zum Beispiele entstammt nicht der tiefen Erde, sondern es entfließt dem Schloßbrunnen, der längst nicht mehr gebraucht wird.«

»Ist dorthin zu gelangen?«

»Sehr leicht.«

Je länger Zykyma mit dem maskirten Verbrecher sprach, desto mehr wuchs ihr Muth. Sie hatte sich die Sache viel schwerer vorgestellt, als sie sichtlich war. Darum kam sie den Absichten des Derwisches entgegen, indem sie fortfuhr:

»Ich habe sehr oft von so alten Schlössern und Burgen gelesen. Ich interessire mich außerordentlich für sie.«

»So sind wir vollständig gleich gestimmt. Es weht ein Hauch der Wehmuth um solche Stätten, an deren Thoren die Sage Wache hält. Das sind so die rechten Orte für den Dichter, überhaupt für den Künstler und also auch für den Maler. Hat Ihr Herr Gemahl diese Ruinen noch nicht besucht, Frau Normann?«

»Wohl kaum. Zu mir hat er sie noch gar nie erwähnt.«

»Und doch liegen sie ihm so nahe. Er könnte prächtige Sujets hier finden.«

»Leider ist er Portraiter.«

»Ach so! Aber auch der Portraiter muß sich mit der Natur befassen. Er braucht oft einen interessanten Hintergrund, welcher seinem Portrait als Folie dient. Denken Sie sich dort das dunkle, von Epheu überzogene Gemäuer als Hintergrund und vorn die leuchtende, strahlende, thaufrische Gestalt einer Nixe, welche träumend hier an der murmelnden Quelle liegt! Das müßte doch prächtig sein. Oder nicht?«

»Ja. Sie scheinen ein gutes, kritisches Auge zu besitzen.«

»O nein. Ich schwärme blos zuweilen ein Wenig. Oder denken Sie sich das gutmüthige Gesicht eines alten, freundlichen Heinzelmännchens, welches dort hervorguckt, wo die gelb blühenden Königskerzen sich an den weißen Stein legen. Es ist, als ob diese Kerzen empor gesproßt seien, um den Ort zu zeigen, an welchem die Edeldamen die Burg verließen, wenn sie beabsichtigten, sich im Walde oder auf der Wiese zu ergehen.«

»Ist denn dort ein Ausgang?«

»Jawohl.«

»Aber in an sieht ja nichts von ihm!«

»Es ist ein heimlicher. Wissen Sie, wie ihn das Edelfräulein nöthig hatte, um sich mit dem armen Pagen, der sie nicht lieben durfte, unter dem Schutze des Geheimnisses ein Rendez-vous zu geben.«

»Interessant, sehr interessant!«

»Nicht wahr! Ja, es muß hier ein ganz eigenartiges Leben geherrscht haben. Wenn ich durch den Ahnensaal gehe und die Bilder der stolzen Ritter und Damen betrachte, so kommt mir oft der Wunsch, zu wissen, was diese Damen gedacht und wie sie gelebt und geliebt haben.«

»Ist denn der Ahnensaal noch erhalten?«

»Sehr gut, ebenso auch die Rüstkammer.«

Das war eine Lüge. Er beabsichtigte, durch dieselbe ihre Neugierde rege zu machen.

»Das ist doch sonderbar,« meinte Zykyma, »daß man die Bilder und Rüstungen in der verfallenen Ruine läßt.«

»O, diese beiden Säle sind sehr wohl erhalten! Uebrigens ist das Schloß Eigenthum des Prinzen Oscar, welcher eine große Vorliebe für dergleichen Orte hat.«

»Kommt er oft her?«

»Seit langer Zeit nicht. Er soll sich auf Reisen befinden.«

»So ist wohl der Zutritt versagt?«

»Eigentlich, ja.«

»Das ist schade, sehr schade!«

»Warum?«

»Es giebt doch Manchen, besonders unter den Badegästen, der sich für Schloß Grafenreuth interessirt.«

»Gewiß. Nun, solche Leute können leicht eine Aufhebung dieses Verbotes erlangen. Mein alter Vetter ist nicht allzu streng.«

»Das müssen wir Deinem Manne sägen, meine liebe Tschita.«

»Ja,« nickte die Genannte. »Vielleicht nimmt er uns dann einmal mit nach hier.«

»Sie möchten wohl das Schloß gern einmal durchstreifen?« fragte der Derwisch.

»Sehr gern, wenn uns die Erlaubniß nicht versagt wird.«

»O, was das betrifft, so brauchten Sie gar nicht zu sorgen. Ich bin zu jeder Zeit bereit, Sie zu führen und überall hin zu begleiten.«

»Dürfen Sie das?«

»Ja, mein Vetter hat mir ein für alle Male die Erlaubniß dazu ertheilt.«

»Auch wenn Sie Andere mitnehmen?«

»Auch dann. Natürlich mißbrauche ich seine Güte nicht. Ich würde nicht Jedermann meine Führung anbieten. Ihnen aber stehe ich sehr gern zur Verfügung.«

»Sie sind sehr freundlich, Madame. Aber wir dürfen Sie ja nicht belästigen.«

»Bitte, eine Belästigung ist es keineswegs. Ich stand soeben, als Sie kamen, im Begriffe, in das Schloß zurückzukehren. Ich wollte nach dem Schlafgemache der letzten Landgräfin, welches so reich nach orientalischem Geschmacke eingerichtet ist –«

»So eins giebt es hier?«

»Ja. Der Landgraf hatte einen Türkenkrieg mitgemacht und die ganze Einrichtung eines Harems mitgebracht. Diese Ausstattung ist noch vorhanden.«

»Das muß doch außerordentlich interessant sein!«

»Freilich! Haben Sie schon einmal eine solche Einrichtung gesehen?«

»Niemals.«

»So bietet sich Ihnen jetzt die beste Gelegenheit dazu. Haben Sie vielleicht Lust?«

Er stand auf und blickte sie fragend an. Die Beiden thaten, als ob sie noch gar nicht entschlossen seien.

»Wenn Sie sich diesen Genuß gewähren wollen, so müssen Sie eilen,« drängte er. »Der Prinz soll baldigst hier eintreffen; dann ist der Zutritt für Niemand mehr möglich.«

»Was meinst Du, Tschita?« fragte Zykima.

»Was Du?«

»Hm! Ein Ahnensaal! Und dann Rüstungen und Waffen!«

»Ja, und sogar eine türkische Haremseinrichtung! Wißbegierig wird man da!«

Der Derwisch hatte absichtlich die Lüge von dem Harem gemacht. Er wußte ja, daß Beide sich in einem solchen befunden hatten, und glaubte, daß dieses Wort die beste Lockspeise für sie sei.

»Entschließen Sie sich, meine Damen,« sagte er. »Meines Verweilens ist nicht mehr lange. Wenn Sie sich das Schloß beschauen wollen, so führe ich Sie gern.«

Zykyma war noch nicht gänzlich frei von Besorgniß, aber sie faßte Muth und sagte:

»Wenn wir nur wüßten, daß wir Ihnen keine Last bereiten!«

»Gar nicht, sondern im Gegentheile ein Vergnügen.«

»Nun, dann werden wir von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen.«

»Schön! Bitte, kommen Sie!«

Er schritt von der Quelle fort nach der Stelle hinauf, an welcher die Königskerzen standen.

»Gehen wir nicht nach dem Thore?« fragte Tschita.

»Nein. Wir gehen durch den geheimen Gang, welcher uns fast direct in das Harem führt.«

»Da ist es aber so dunkel!«

»Gar nicht. Es steht stets eine Laterne für mich bereit. Fürchten Sie ja nichts.«

Er führte sie den Wall empor bis an die äußere Ringmauer. Dort standen die Königskerzen und dort wucherte ein dichtes Brombeergesträuch. Ein langer Ast lag handlich neben demselben. Der Derwisch ergriff denselben und fuhr damit in das Gedörn, um dasselbe bei Seite zu schieben.

Da wurde eine Oeffnung sichtbar, in welche steinerne Stufen hinabführten.

Das Dorngestrüpp bildete nicht den eigentlichen Verschluß des Einganges. Es gab eine viel andere und sichere Art, denselben zu verschließen. Sie war aber von dem Castellan entfernt worden, damit er den Derwisch nicht völlig einzuweihen brauche.

»Das ist der Eingang hier?« fragte Tschita.

»Ja, meine Damen.«

»Er ist so schaurig!«

»Nicht im Geringsten. Steigen Sie nur einige Stufen hinter mir hinab,, dann brenne ich die Laterne an.«

Er verschwand in dem Loche und sie folgten ihm langsam.

Als es dunkel um sie wurde, leuchtete vor ihnen ein Zündholz auf, mit Hilfe dessen der Führer die Laterne anzündete.

Nun ging es eine Reihe von Stufen hinab. Dann betraten sie einen bequemen Gang, welcher in wagerechter Richtung weiter führte. Später kam eine Thür, welche nicht verschlossen war. Hinter derselben gelangten sie nun in den Gang, in welchem sich die beiden Verließe befanden.

Hier blieb der Derwisch stehen und fragte in freundlichem, neckischem Tone:

»Nun, fürchten Sie sich auch jetzt noch?«

»Nein,« antwortete Zykyma. »Wenn man sich erst an das Dunkel gewöhnt hat, dann ist die Angst vorüber.«

»Ja, es ist gar nicht so unheimlich hier, wie man denken sollte, zumal man von Schritt zu Schritt auf lauter Interessantes stößt. Hier gelangt man zum Beispiel an einen sehr berühmten Ort, von dem die alte Schloßchronik berichtet, welche ich Ihnen nachher vorlegen werde. Wir kommen zu den Kerkern des Liebespaares.«

»Was hat es damit für eine Bewandtniß?«

»Die Tochter eines der Schloßherren liebte einen Knappen. Beide wollten nicht von einander lassen; darum sperrte der Ritter sie in diese unterirdischen Verließe. Sie blieben dennoch dabei, ein Herz und ein Gedanke bleiben zu wollen. Da sagte er voller Spott, er wolle täglich kommen, um nach ihren Gedanken zu forschen; wenn sie Beide einen Monat lang genau dieselben Gedanken hätten, so sollten sie einander bekommen.«

»Sie waren doch getrennt?«

»Viele Ellen, durch dicken Fels.«

»Dann war es unmöglich, sich zu verständigen.«

»Hm! Oft ist das Unmögliche möglich zu machen, und zwar ganz auf nüchterne Weise.«

»Wohl auch hier?«

»Ja. Der Ritter stieg von Tag zu Tag zu den beiden Gefangenen hinab und legte ihnen ganz dieselben Fragen vor. Die Antworten lauteten bis auf die Sylbe gleich.«

»Wie war das möglich?«

»Durch ein Naturgesetz, welches ich nicht zu erklären verstehe. Wenn nämlich die Beiden an einem gewissen Punkte ihrer Verließe standen, so konnten sie einander ganz deutlich hören, selbst wenn sie nur flüsterten, und trotz der zwischen ihnen liegenden Felsenmasse.«

»Das ist doch nicht glaublich!«

»O doch. Der Ritter öffnete die Klappen, welche sich in den Thüren befanden. Da stellten Beide sich auf die betreffenden Stellen. Gab nun seine Tochter auf seine Fragen Antwort, so hörte der Knappe jeden Laut. Wenn dann der Ritter ihm dieselben Fragen vorlegte, so antwortete er genau so wie seine Geliebte. Ist das nicht einfach genug?«

»Allerdings. Aber – durch eine Felsenmasse getrennt –«

»O, auch ich habe es bezweifelt und war dann sehr erstaunt, als ich mich Von der Wahrheit überzeugte. Soll ich Ihnen den Beweis erbringen?«

»Wir bitten darum!«

»Schön! Kommen Sie!«

Er führte sie weiter bis zu dem ersten Verließe, dessen Thür, wie bereits erwähnt, offen stand. Er zeigte ihnen dasselbe und dann auch das andere. Er leuchtete in beide hinein und fragte:

»Finden Sie vielleicht etwas Fremdartiges in dem Bau dieser Zellen?«

»Nein, gar nicht. Ich behaupte aber doch, daß man sich unmöglich hören kann. Es ist doch wenigstens zwanzig Schritte weit bis hin zur anderen Zelle. Und dazwischen liegt dichter, harter Felsen!«

»Und doch ists so! Man hört sich genau.«

»Das bestreite ich.«

»Bitte, wir Frauen pflegen uns nicht sehr mit der Ergründung und Erklärung der Naturgesetze abzugeben. Wir überlassen das den Männern. Aber wir können uns doch überzeugen, wie wunderbar diese Gesetze oft wirken. Ich werde es Ihnen zeigen. Bitte, Frau Normann, treten Sie doch einmal ein.«

Tschita zögerte doch.

»Oder fürchten Sie sich?« fragte er.

»So ein Verließ ist ein grausiges Ding!«

»Ja, aber ich bin doch kein Folterknecht!«

»Wohl wahr.«

»Also bitte! Stellen Sie sich gerade in die Mitte der Zelle! Fräulein mag dies dort in der anderen thun. Dann flüstern Sie leise mit einander. Sie werden jedes Wort so laut vernehmen, als ob es gerufen worden sei, während ich nicht einen Laut höre.«

Tschita trat hinein und er machte die Thür hinter ihr zu.

»Ah!« meinte Zykyma. »Ist es nothwendig, daß die Thür zugemacht wird?«

»Ja, zum vollständigen Gelingen des Experimentes.«

»Und sogar verriegelt?«

»Auch das, denn die Thür muß ganz luftdicht schließen. Meinen Sie etwa, daß ich Sie nicht wieder herauslasse?«

Er fragte das höhnisch. Jetzt hatte er Eine von ihnen fest; mit der. Anderen wurde er auf alle Fälle fertig.

»Fast scheint es so,« antwortete sie.

»Ah! Wie kommen Sie auf diesen argen Gedanken?«

»Ihr ganzes Gebahren kommt mir verdächtig vor.«

»Wieso?«

»Eine so fein gekleidete Dame soll die Verwandte eines einfachen, alten Ruinenwächters sein?«

»Warum denn nicht?«

»Bilder, Rüstungen und sogar eine ganze Haremseinrichtung soll sich in dem alten, feuchten Gemäuer befinden?«

»Jawohl!«

»Hm! Und das von dem Liebespaare in den Verließen ist wohl auch ein Märchen!«

»Ich versichere, daß es die Wahrheit ist.«

»Vielleicht sind Sie selbst die personificirte Unwahrheit. Sie kommen mir verdächtig vor.«

»Fräulein, wollen Sie mir für meine Güte mit einer Beleidigung danken?«

»Nein. Ich brauche Sie nicht zu beleidigen, denn ich fürchte Sie nicht. Wenn Sie etwas Unholdes mit uns vor hätten, so wäre es zu Ihrem eigenen Schaden.«

»Ich begreife nicht, wie Sie auf solche Gedanken kommen können!«

»Nicht? Nun, meinetwegen! Also will ich eintreten und – flüstern!«

Sie gab dem letzteren Worte einen eigenthümlichen, spöttischen Ton und fügte hinzu:

»Wenn ich flüstere, hört es also meine Freundin. Und ich glaube, wenn ich rufe, so hört man es in der Stadt. Wollen es versuchen.«

»Ja, versuchen Sie es!« lachte er höhnisch auf, indem er die Thür hinter ihr zuschlug und die Riegel vorschob.

Er lauschte. Drin blieb Alles ruhig. Er machte die Klappe auf und leuchtete hinein. Zykyma lehnte an der gegenüberliegender Wand und blickte ihn ernst und furchtlos an.

»Nun, flüstern Sie?« fragte er.

»Nein,« antwortete sie ruhig.

»Aber da hört doch Frau Normann nichts!«

»Meine Freundin braucht nichts zu hören.«

»Nicht? Ah, warum?«

»Sie weiß schon Alles.«

Das sagte sie in einem Tone, der ihn aufmerksam machte. Darum fragte er:

»So, was weiß sie denn?«

»Mit wem wir es zu thun haben.«

»Ah! Donnerwetter! Das wäre! Sie reden doch von mir, wie es scheint?«

»Jawohl.«

»Nun, wer bin ich denn?«

»Ein Scheusal bist Du, Hallunke!«

»Hallunke? Sapperment, das klingt fein aus so schönem Munde!«

»Es ist noch immer nicht deutlich genug für Dich. Denkst Du, wir haben Dich nicht erkannt?«

»So? Wer bin ich denn?«

»Osman, der Derwisch.«

Das kam ihm doch so unerwartet, daß er von der Klappe zurückfuhr. Aber nur für einen Augenblick, denn er war gleich wieder da und rief herein:

»Was? Ihr wißt es, wer ich bin?«

»Wie Du hörst!«

»Auch Tschita weiß es?«

»Ja.«

»Und dennoch habt Ihr Euch einschließen lassen!«

»Weil wir an die Akustik dieser Verließe glauben. Ich habe es bereits gesagt. Wenn wir hier nach Hilfe rufen, hört man es in der Stadt.«

Da schlug er ein schallendes Gelächter auf.

»Das ist göttlich! In der Stadt! Hoffentlich kommen da alle Eure Seladons gleich herbei gerannt, um Euch zu befreien?«

»Allerdings.«

»Und dieser Steinbach an ihrer Spitze?«

»Er voran, wie immer!«

Er sah sie staunend an. Er hatte erwartet, daß sie in Jammer und Wehklagen ausbrechen werde, und hörte das gerade Gegentheil.

»Weib, Mädchen!« rief er aus. »Meinst Du, ich mache mir einen Spaß mit Euch?«

»O nein!«

»So bilde Dir nur nicht ein, daß Du nur für einen Augenblick eingeschlossen bist!«

»Auf wie lange denn?«

»Bis der Pascha kommt, Dich nach Constantinopel zu schaffen, Dich und Tschita mit.«

»Das mag er sich nicht träumen lassen!«

»Was willst Du dagegen thun?«

»Meine Freunde werden kommen!«

»Ja, sie werden kommen. Wir wünschen das sogar; wir wünschen es so sehnlichst, daß wir sie sogar herbeiholen werden.«

»Herbeilocken wohl?«

»Ja. Und zwar, um Rache an ihnen zu nehmen.«

»Mensch, denke daran nicht! Deine Zeit ist abgelaufen! Du befindest Dich nicht in der Türkei. Mit Männern, wie Steinbach ist, bist Du verloren!«

»Oho! Er und seine ganze Freundschaft wird elend zu Grunde gehen.«

»Ueberhebe Dich nicht!«

»Ich weiß es genau.«

»Gegen solche Männer bist Du ein elender Wurm. Du wirst Dich vor ihnen im Staube krümmen und um Gnade betteln.«

»Oder sie vor mir, und zwar vielleicht heute noch. Weißt Du, welches Schicksal ihrer harrt?«

»Welches?«

»Sie werden in den thurmtiefen Brunnen dieses Schlosses geworfen.«

»Teufel!«

»Sie werden in der Tiefe elend zerschmettert werden. Alle, Alle! Du aber wirst nach Constantinopel geschafft werden und die elendeste Sklavin der armseligsten Sklavinnen sein!«

»Immer phantasire! Die Täuschung, in der sich Deine höllische Seele befindet, wird gar bald weichen. Ich antworte Dir nicht mehr.«

Sie schlug die Arme über der Brust zusammen und wendete sich von ihm ab. Er sprach noch einige Male auf sie; da sie aber schwieg, so warf er ihr einige grimmige Flüche zu und verschloß die Klappe.

Jetzt begab er sich zu Tschita. Als er das Loch öffnete, lehnte sie ebenso wie vorher Zykyma an der Wand. Auch hier streckte er die Laterne hinein, um sie anzuleuchten, und fragte:

»Nun, hast Du Etwas gehört?«

»Ja,« antwortete sie.

»Was denn?«

»Deine ganze Unterredung mit Zykyma.«

»Alle Teufel! Ihr macht ja wirklich aus meiner Lüge die Wahrheit!«

»Hebe Dich hinweg! Ich habe mit Dir nichts zu schaffen!«

»Aber ich desto mehr mit Dir!«

»So rede immerhin!«

Auch sie wendete sich ab und gab ihm keine Antwort mehr. Das erboste ihn außerordentlich. Er stieß einige wilde Drohungen aus und verschloß dann das Loch.

Tschita horchte. Sie hörte seine sich langsam entfernenden Schritte. Nun wartete sie noch eine Weile, um sicher zu sein, daß er nicht wiederkommen werde; dann tastete sie nach dem Ringe, der ihr beschrieben worden war.

Uebrigens war er bereits von ihr bemerkt worden, als der Derwisch mit seiner Laterne herein geleuchtet hatte. Sie zog, und da ließ sich das schon bereits erwähnte Knarren hören. Die Klappe senkte sich und die Leiter kam herab.

Tschita stieg empor. Eben als sie oben die letzte Leitersprosse verließ, wurde die Thür geöffnet und Zykyma kam herein.

»Da bist Du also auch bereits oben,« sagte diese. »Laß nur die Leiter nicht unten.«

»Warum nicht? Wir müssen ja doch wieder hinab!«

»Aber dieser Mensch kann indessen wiederkommen. Dann wäre ja Alles verrathen.«

»Da hast Du Recht. Wir wollen sie also hinaufziehen.«

»Die meinige ist schon oben. Hast Du auch schon gesehen, wie gut der Castellan für uns gesorgt hat? Ein solches Burgverließ kann man sich schon gefallen lassen.«

Der Tisch war gedeckt. Es gab Delicatessen, wie sie zur Ritterzeit wohl kein Gefangener vorgesetzt erhalten hatte. –

Unterdessen war Lina nach der Stadt zurückgekehrt. In ihrer Wohnung angekommen, hatte sie den Agenten aufgesucht und ihm kurz mitgetheilt, daß sie mit dem Pascha nothwendig zu reden habe.

»Worüber denn?« fragte er.

»Steinbach ist gekommen.«

»Sapperment, der Prinz!«

»Nein, es ist der Prinz nicht.«

»So? Dann habe ich mich geirrt.«

»Den Prinzen kenne ich.«

»Und Sie haben Steinbach gesehen?«

»Ja.«

»Sie wissen also genau, daß er es nicht ist?«

»Ganz genau. Er hat seine Gestalt, sonst aber weiter nichts von ihm.«

»Das freut mich sehr.«

»Warum?«

»Weil dadurch ein sehr großes Bedenken beseitigt wird. Steinbach muß sterben. Hätten wir seinen Tod zugeben dürfen, wenn er identisch mit dem Prinzen wäre?«

»Auf keinen Fall.«

»Also darüber freue ich mich.«

Gerade darum aber hatte sie ihm diese Unwahrheit gesagt. Seine Bedenken hätten die Ausführung des ganzen Vorhabens hintanhalten können.

»Sind noch Mehrere mit ihm gekommen?« erkundigte er sich weiter.

Sie nannte ihm die betreffenden Namen und fügte dann hinzu:

»Das ist aber nicht die Hauptsache. Sondern das Beste ist Zweierlei: Erstens befindet sich Tschita mit Zykyma jedenfalls schon in der Gewalt des Derwisches.«

»Was! Sind sie hinaus?«

Sie erzählte ihm, auf welche Weise sie dieselben nach Schloß Grafenreuth gelockt haben wollte. Er lobte sie und fügte hinzu:

»So befinden sich Beide jedenfalls schon in den Verließen. Wissen denn die Männer davon?«

»Kein Wort. Die Beiden haben gesagt, daß sie eine längere Promenade machen wollen.«

»Das ist sehr gut. Es giebt also nicht die mindeste Spur über ihr Verbleiben. Aber was ist denn das Zweite, was Du zu sagen hast?«

»Das ist wohl noch erfreulicher als das Erstere. Denke Dir, die Männer alle sind ganz ohne mein Dazuthun auf den Gedanken gekommen, sich Schloß Grafenreuth anzusehen!«

»Sapperment! Heute?«

»Ja. Gleich Mittag.«

»Donner! Wer ist denn so verteufelt klug gewesen, diesen Gedanken anzuregen?«

»Der Lord. Er liebt so altes Mauerwerk und that es nicht anders, als daß Alle erklärten, ihn zu begleiten.«

»Warst Du denn dort?«

»Ja. Zwölf Uhr brachen Sie auf.«

»Ah, da muß ich mich beeilen. Ich muß ja vorher mit dem Pascha draußen sein.«

»Ich auch!«

»Warum Du?«

»Nun, um den Lohn in Empfang zu nehmen.«

»Den meinigen sollst Du gleich jetzt pränumerando erhalten.«

Er umschlang sie und wollte sie küssen. Sie aber entwand sich ihm kräftig, schob ihn von sich und sagte:

»Halt, mein Bester! So weit sind wir noch nicht!«

»Nicht? Als Braut und Bräutigam?«

»Aber fest und sicher ist die Sache noch keineswegs. Ich habe Dich zwar lieb, aber ich verlange Garantie, daß der Pascha wirklich sein Versprechen erfüllt.«

»Diese Garantie wird uns heute werden.«

»Dann betrachte ich mich als Deine Verlobte, eher aber nicht.«

»Aber nur einen Kuß, einen einzigen!«

»Nein! Uebrigens hast Du ja zu solchen Ueberflüssigkeiten gar keine Zeit. Beeile Dich, daß Du den Pascha findest. Wenn Ihr Euch verspätet, kehrt eine so außerordentlich günstige Gelegenheit vielleicht gar niemals wieder.«

»Da hast Du Recht. Ich eile! Lebe wohl!«

»Aber auf Wiedersehen, denn ich mache mich auch sofort auf den Weg.«

»Bist Du beim Oheim zu treffen?«

»Natürlich.«

»Schön! So sehen wir uns dort.«

Er ging nach dem Pavillon in der Hauptpromenade. Er hoffte, den Pascha dort zu treffen. Aber dieser hatte sich wegen der mit dem Lord abgespielten Scene gescheut, wieder hinzugehen. Als er ihn in Folge dessen nicht fand, wandte er sich nach dem Hotel zum Delphin, wo der Pascha logirte. Freilich sollte er ihn dort nicht besuchen; aber heut war ja keine Zeit zu verlieren.

Glücklicher Weise kam ihm, ehe er das Hotel erreichte, der Pascha zufälliger Weise entgegen. Er gab ihm einen Wink und bog sofort nach rechts ein, um auf die nach Schloß Grafenreuth führende Straße zu gelangen. Dort wartete er, bis der Pascha ihn einholte und berichtete ihm Alles, was er von Lina erfahren hatte.

Diese Kunde machte natürlich einen großen Eindruck auf den Pascha. Sie versetzte ihn in eine gewaltige Aufregung.

»Welch ein Glück!« rief er aus. »Wer hätte das erwarten können! Es war ja gar nicht zu denken, daß sich diese Sache so schnell entwickeln könne, daß es so ungemein rasch gehen werde.«

»Und daß wir sie Alle zusammen haben werden,« fügte der Agent bei. »Sie sind ja Alle da. Alle, ohne eine einzige Ausnahme. Das ermöglicht es uns, sie mit einem einzigen Schlage zu vernichten.«

»Ja, es wird sein, wie wenn der Blitz in eine Schafheerde fährt und die Thiere alle tödtet. Aber wir dürfen doch nicht unüberlegt handeln. Wir müssen die Sache unbedingt so arrangiren, daß wir keinen Schaden davon haben. Die Kerls müssen verschwinden, ohne daß eine Spur von ihnen zurückbleibt.«

»Natürlich! Das wird ja doch der Fall sein.«

»Hm! Wirklich?« fragte der Pascha in zweifelndem Tone.

»Unbedingt. Welche Spur sollte bleiben? Sie verschwinden ja Alle in dem Brunnen und kein Mensch kann ihre Leichname finden.«

»Aber man wird nach denselben suchen, und zwar in Burg Grafenreuth.«

»Warum dort?«

»Weil man wissen wird, daß sie nach der Burg gegangen sind.«

»Sie sagen es ja Niemandem. Sie verkehren mit keinem Menschen.«

»Aber ihre Dienstboten werden es wohl sicher wissen. Die Polizei wird nach den Verschwundenen fragen und es von dem Gesinde erfahren, daß sie nach der Burg gegangen sind.«

»Nun, was schadet das? Man mag dort suchen. Der Castellan ist unser Verbündeter. Er wird dafür sorgen, daß nichts entdeckt werden kann.«

»Halten Sie ihn für so sicher?«

»Unbedingt. Es wäre ja zu seinem eigenen Verderben, wenn er so unvorsichtig wäre, Etwas verlauten zu lassen. Nein, wir haben nichts, gar nichts zu befürchten. Und vor allen Dingen verlasse ich mich auf meine Braut. Sie ist ein äußerst kluges und scharfsinniges Mädchen. Sie haßt diese Normanns und hat auch wirklich alle Veranlassung dazu. Selbst wenn dem alten Castellan eine Unvorsichtigkeit zuzutrauen wäre, sie selbst wird dafür sorgen, daß uns nichts geschehen kann. Nein, wir können ganz und vollständig sicher sein, daß kein Mensch nur mit einem Gedanken gegen uns aufzukommen vermag.«

»Nun gut. Da Sie eine solche Zuversicht besitzen, will auch ich getrost sein. Gehen wir also ohne alle Befürchtung an unser Werk. Wenn ich es mir recht überlege, scheint es mir allerdings, als ob ich gar keine Sorge zu haben brauche. Selbst wenn irgend Etwas mißlingen sollte, steht mir ja die Flucht frei. Noch habe ich nicht zugegeben, daß ich wirklich Pascha Ibrahim bin. Gelingt es mir, nach der Türkei zu entkommen, so stehen mir dort Mittel zur Verfügung, mein Alibi zu beweisen.«

»Ja, Sie können sich auf alle Fälle retten, während wir drei Anderen aber, nämlich meine Braut, der Castellan und ich, uns von den Polypenarmen der Polizei ergreifen lassen müßten.«

»O nein. Sie würden mit mir fliehen, denn es versteht sich ganz von selbst, daß es meine vornehmste Sorge sein muß, Sie nicht fangen zu lassen. In Ihnen wären ja Zeugen gegen mich vorhanden, gegen deren Aussage mir mein Alibi gar nichts helfen würde. Sehen wir also, was der Castellan dazu sagt. Er muß am Allerbesten wissen, ob sich die Sache wirklich so machen läßt, daß keine Entdeckung zu befürchten ist.«

Er schritt schneller aus als bisher. In seinem Gesichte sprach sich die höchste Entschlossenheit aus; und auch der Agent besaß den gleichen festen Willen. Er bewies dies, indem er einen Revolver aus der Tasche zog, ihn dem Pascha zeigte und dabei sagte:

»Mag es kommen, wie es will, mein letzter und bester Schutz ist hier diese Waffe. Mit ihr werde ich dafür sorgen, daß man mir nichts anzuhaben vermag. Ergreifen lasse ich mich auf keinen Fall.«

Nun schritten sie schweigend neben einander her, bis sie die Burg erreichten. Im Hofe derselben trafen sie den Castellan, welcher sie erwartete. Der Agent begrüßte ihn vertraulich als Verwandten und fragte:

»Ist Lina bereits da?«

»Ja, schon längst. Sie sagte mir, daß Sie bald kommen würden. Bemühen Sie sich mit herauf zu mir. Der Derwisch befindet sich bei mir.«

Dieser Letztere hatte die Kommenden mit großer Spannung erwartet. Der große Schlag, welchen sie auszuführen beabsichtigten, war nahe. Da verstand es sich ganz von selbst, daß sie Alle sich in einer ungewöhnlichen Stimmung befanden.

»Also die beiden Frauenzimmer haben Sie bereits fest?« fragte der Pascha.

»Ja,« antwortete der Derwisch. »Sie sind mit viel Glanz in die Falle gegangen.«

»Ahnen Sie ihr Schicksal?«

»Sie ahnen es nicht nur, sondern sie wissen es genau, denn ich habe es ihnen gesagt.«

»Das hättest Du unterlassen können.«

»Warum? Es kann uns gar nichts schaden, wenn sie es wissen. Es hat mir das größte Vergnügen bereitet, ihnen zu erklären, was für ein Schicksal ihrer wartet.«

»Was sagten sie dazu? Gewiß waren sie vor Schreck gleich stumm?«

»O nein, ganz im Gegentheile. Von einem Schrecke oder gar Entsetzen, wie ich gedacht hatte, war keine Rede. Sie nahmen die Sache ganz anders auf, als ich erwartet hatte. Ich erhielt Grobheiten und ironische Bemerkungen. Es scheint, daß sie sicher sind, Hilfe aus der Stadt zu erhalten.«

»Pah! Diesen Gedanken werden sie fahren lassen müssen. Wie ich denke, wissen ihre Verwandten ja gar nicht, wo sie sich befinden?«

»Nein,« antwortete Lina. »Sie haben nicht gesagt, wohin sie gehen.«

»Wissen Sie das gewiß?«

»Ganz gewiß. Ich war ja dort bei ihnen. Ich habe den Gedanken zu diesem Spaziergange bei ihnen angeregt und bin bei ihnen geblieben, bis sie gingen. Ich habe sie nicht aus den Augen gelassen und weiß genau, daß Normann keine Ahnung hat, wohin sie sind.«

»Nun, erfahren soll er es doch noch, bevor er stirbt. Ich mag ihn nicht ins Jenseits spediren, ohne ihm zu sagen, daß sein liebes Weibchen die niedrigste meiner Sklavinnen sein wird. Wann wird er mit den Anderen kommen?«

»Um zwölf Uhr.«

»Nun, da haben wir ja noch fast über eine halbe Stunde Zeit. Bis dahin kann ich mir Tschita und Zykyma wohl einmal ansehen?«

»Ganz wohl,« antwortete der Castellan, an welchen diese Frage gerichtet war.

»Ich gehe auch mit,« erklärte der Derwisch. »Ich möchte wissen, ob sie noch immer so zuversichtlich sind wie vorhin. Bei der ganzen Geschichte wundert mich nur Eins: Fräulein Lina hat mir nämlich gesagt, daß in der Stadt von meiner Flucht gar keine Rede sei. Das ist doch eigenthümlich. Ich hatte ganz im Gegentheile erwartet, daß sie ein großes Aufsehen hervorrufen werde.«

»Ich auch,« stimmte der Pascha bei. »Daß man sich darüber so ausschweigt, das verursacht mir Bedenken. Es beweist mir, daß man irgend etwas Heimliches gegen uns vor hat.«

»O nein,« entgegnete die Polizistin, welcher es darauf ankam, ja keine Bedenken aufkommen zu lassen. »Dieses Schweigen beunruhigt mich gar nicht. Es ist mir ja leicht erklärlich.«

»Wieso?«

»Wäre dieser Herr hier Gefangener irgend einer wirklichen und zuständigen Behörde gewesen, so würde seine Flucht aus dem Staatsgefängisse unbedingt ein bedeutendes Aufsehen erregt haben. Er war aber so zu sagen, nur Privatgefangener. Er befand sich nicht in officieller Haft, sondern er war von Leuten, die nicht Beamte sind, in einem Privathause eingesperrt, denn das Schloß ist doch immerhin nur als Privathaus zu betrachten. Nur die Behörde hat das Recht, Gefangene einzusperren. Jeder Privatmann, der einen Anderen seiner Freiheit beraubt, macht sich eines Verbrechens schuldig, welches nach dem einschlagenden Paragraphen des Strafgesetzbuches streng geahndet wird. Würde man verlauten lassen, daß man den Derwisch als Gefangenen behandelt so wäre das doch das Eingeständniß eines Verbrechens. Es liegt also sehr klar auf der Hand, daß man lieber schweigt.«

»Diese Darstellung scheint allerdings die Wahrheit zu treffen und beruhigt mich,« erklärte der Pascha.

»Mich beruhigt sie nur halb,« meinte der Derwisch. »Man kann wohl, wenn Fräulein Lina das Richtige getroffen hat, keine officielle, polizeiliche Verfolgung einleiten; aber man wird heimlich desto schärfer nach mir forschen.«

»Das stelle ich nicht in Abrede,« sagte die Polizistin. »Aber Sie haben diese Verfolgung nicht zu fürchten.«

»Meinen Sie?«

»Ja. Nehmen wir gleich den schlimmsten Fall an, nämlich daß Ihr gegenwärtiger Aufenthalt entdeckt wird, so darf man Sie doch nicht ergreifen, denn das Gesetz verbietet dies.«

»Hm!«

»Sie scheinen nicht einverstanden? Haben Sie denn speciell gegen die Gesetze unseres Großherzogthums gesündigt?«

»Nein.«

»Nun, so haben Sie hier also auch nichts zu befürchten. Sie können ganz sicher sein. Selbst wenn Sie ein Verbrechen gegen unsere Landesgesetze begangen hätten, könnten Sie nur durch die Polizeiorgane gefangen werden und diese müßten dazu durch den Befehl des Staatsanwaltes beauftragt sein.«

»Daß ein solcher Befehl vorliegt, glaube ich freilich nicht.«

»So sehe ich auch keinen Grund ein, sich Sorge zu machen.«

»Sie vergessen, daß, selbst wenn ein wirklicher Haftsbefehl nicht vorliegt, ich doch durch eine Gewaltthätigkeit wieder in die Hände meiner Feinde gerathen kann. Haben sie vorher nicht nach den Gesetzen gefragt, so werden sie es jetzt wohl auch nicht thun.«

»Nun, gegen eine ungesetzliche Gewalthandlung vermag man sich zu schützen. Selbsthilfe und Gegenwehr sind in diesem Falle erlaubt. Sie sind doch hoffentlich bewaffnet?«

»Ja, Herr Schubert hat mir einen Revolver besorgt.«

»Nun, was befürchten Sie da noch? Ich an Ihrer Stelle würde einfach Jeden niederschießen, der es unternehmen wollte, mich auch nur anzurühren. Sie sind berechtigt dazu.«

»So scheint es mir auch,« stimmte der Pascha bei. »Und was die Dame da sagt, das hat nicht nur auf Sie, sondern auf uns Alle Anwendung. Wehe Dem, der sich an mir vergreifen wollte! Ich gäbe ihm sogleich eine Kugel, das steht fest. Uebrigens haben wir so Etwas gar nicht zu befürchten. Niemand weiß, daß der entflohene Gefangene sich hier auf der Burg befindet. Selbst wenn man es ahnte und nachsuchen käme, bin ich überzeugt, daß man nicht auf den Gedanken kommen würde, die sich auf Besuch hier befindende Verwandte des Castellans sei eine verkleidete männliche Person. Lassen wir also diese Befürchtungen fallen und sehen wir uns jetzt einmal die beiden Frauen an!«

Er erhob sich von dem Stuhle, auf welchem er gesessen hatte.

Der Castellan warf einen verstohlenen Blick der Beruhigung und Genugthuung auf Lina. Er war, während die Letztere sich mit dem Derwisch unterhalten hatte, bei Tschita und Zykyma gewesen und hatte sie gebeten, sich wieder in ihre Zellen zu verfügen, da der Pascha kommen und sie höchst wahrscheinlich aufsuchen werde. So hatte er die Entdeckung verhütet, daß sie eigentlich gar nicht Gefangene seien. Indem er jetzt zu seinem Schlüsselbunde griff, fragte er:

»Beabsichtigen die Herren vielleicht, gleich unten in dem Gange zu bleiben?«

»Warum das?«

»Weil Diejenigen, welche wir erwarten, jedenfalls hierher in meine Stube kommen werden und Sie also sehen würden. Unten sind Sie am Sichersten, und da unser Coup ja doch in der Brunnenstube vor sich gehen wird, so ist es wohl am Allerbesten, wenn Sie gleich unten bleiben.«

»Das ist richtig. Hoffentlich haben wir nicht allzulange zu warten?«

»Gewiß nicht. Die Herrschaften kommen, um sich die Burg anzusehen. Ich werde ihren Wunsch natürlich augenblicklich erfüllen und sie direct nach dem Brunnenzimmer führen. Es geht also gar keine Zeit verloren.«

»Und sind Sie sicher, daß der Mechanismus seine Schuldigkeit thun wird?«

»Ja. Er hat noch nie versagt und ich sehe gar nicht ein, weshalb er gerade heute unwirksam sein sollte.«

»So bleibt nur noch das Eine zu bedenken, ob es dann möglich sein wird, nachzuweisen, was hier geschehen ist.«

»Gewiß nicht; lassen Sie mich nur sorgen. Die ganze Gesellschaft kommt zerschmettert unten auf dem Grunde des Brunnens an. Es wird keine Spur von ihnen vorhanden sein.«

»Wenn man aber erfährt, daß sie sich hierher begeben wollten!«

»Ich habe keinen Menschen gesehen.«

»So möchte man annehmen, daß sie anderweit verunglückt seien. Gibt es vielleicht hier in der Nähe einen Ort, an welchem so Etwas möglich ist?« »Mehrere. Wir haben im Walde steile Abgründe mit tiefem Wasser auf dem Boden. Uebrigens ist es mir sehr gleichgiltig, daß man die Gesuchten nicht finden wird. Ich kenne sie nicht, ich weiß nichts von ihnen und man mag meinetwegen das ganze Schloß durchforschen. Es wird kein Stäubchen zu finden sein, welches als Hinweis darauf dienen könnte, daß sie hier gewesen seien.«

»Gut. Gehen wir also!«

Lina blieb zurück, damit Jemand vorhanden sei für den Fall, daß die Erwarteten indessen kommen würden. Die drei Männer stiegen in den Keller hinab.

Als sie die beiden Zellen erreichten, in denen Tschita und Zykyma eingeschlossen waren, öffnete der Pascha die Klappe der Thüre, hinter welcher die Erstere steckte. Er erhielt von dem Castellan die Laterne und leuchtete hinein. Tschita kauerte am Boden. Er konnte nicht ahnen, daß sie sich vorher ein Stockwerk höher ganz wohl befunden hatte.

»Nun, schöne, junge Frau, wie geht es?« fragte er sie in höhnischem Tone.

Sie antwortete nicht.

»Hast wohl vor Schreck die Sprache verloren?«

Sie sagte auch jetzt noch nichts.

»Ach so! Du kennst mich gar nicht. Meine Stimme wird Dir unbekannt geworden sein. Da will ich dafür sorgen, daß Du mein heißgeliebtes Angesicht erblicken kannst.«

Er näherte die Laterne seinem Gesichte, aber sie schaute gar nicht nach ihm. Er gab sich alle Mühe, sie zum Sprechen zu bringen, vergeblich. Er erinnerte sie an die Vorkommnisse in Constantinopel. Er lachte über ihre jetzige Lage und drohte ihr mit seiner fürchterlichen Rache – sie öffnete nicht ein einziges Mal den Mund und wendete ihm auch nicht ein einziges Mal das Gesicht zu, ihn anzusehen.

Das enttäuschte ihn. Er war gekommen, sich an ihrer Angst und an ihren Bitten, die er sicher erwartet hatte, zu weiden, aber sie blieb stumm und bewegungslos.

»Nun,« sagte er endlich, »Dich werden wir schon noch zum Sprechen bringen, und dann sollst Du heulen vor Entsetzen. Weißt Du, wie in Stambul die Untreue eines Weibes bestraft wird? Sie wird in einen Sack gesteckt und in das Wasser geworfen. Das ist aber eine viel zu schöne und schnelle Todesart für Euch. Ihr sollt langsamer sterben. Jahre lang muß es dauern, bis Ihr langsam, nach und nach verschmachtet und verkümmert seid. Der aber, mit dem Du davon gelaufen bist, wird heute noch sterben. Sein Körper, den Du wohl oft recht innig umfangen hast, wird in der Tiefe des Brunnens zerschmettert werden und Du sollst in diese Tiefe blicken dürfen, und das Entsetzen soll Dir dabei alle Haare zu Berge treiben!«

Er schlug die Klappe zu und trat zur nächsten Thüre, um auch deren Luke zu öffnen. Als er in die Zelle leuchtete, stand Zykyma an der gegenüber liegenden Wand. Sie hatte ihr Auge fest auf ihn gerichtet.

»Ah, guten Morgen!« lachte er sie an. »Wie befinden wir uns?«

»Danke! Sehr gut!« antwortete sie ihm ironisch-höflich.

Sie war eine streitbarere Natur als Tschita und vermochte es nicht, zu seinen Worten still zu bleiben.

»Freut mich sehr, freut mich außerordentlich! Leider war es uns nicht möglich, Dir ein glänzenderes Gemach zu geben.«

»O, es genügt vollständig!«

»Wirklich?«

»Ja. Man hat die allerschönsten Spaziergänge ganz in der Nähe.«

»Alle Teufel! Willst Du Dich über mich lustig machen?«

»O nein. Ich bin zwar bei sehr guter Laune, aber mit einem solchen Hallunken kann man doch nicht gut lustig sein.«

»So erkennst Du mich?«

»Ja. Dein Gesicht ist so schuftig, daß man es wohl niemals vergessen kann.«

»Wahre Deine Zunge!« donnerte er sie an. »Ich habe genug Mittel, Dir Deine gute Laune sehr gründlich zu verderben!«

»So versuche sie!«

»Ich lasse Dich peitschen!«

»Schön!«

»Du sollst vor Hunger und Durst Dich zu Tode wimmern!«

»Das bilde Dir ja nicht ein!«

»Du wirst das Licht des Tages in Deinem Leben nie wieder erblicken!«

»Das ist mir sehr lieb, denn da bekomme ich Dich doch nicht zu sehen!«

»Weib, was fällt Dir ein! Spielst Du etwa mit dem Entsetzen? Meinst Du, ich treibe Scherz und habe Dich nur zum Spaße hier eingesperrt?«

»O nein! Ernst ist es Dir; das weiß ich sehr genau. Aber ich selbst habe noch nicht Ernst gemacht. Wenn ich will, bin ich frei.«

»Oho!«

»Ja. Du aber wirst das Schicksal haben, welches Du für uns bestimmt hast. Während Du meinst, daß wir uns in Deiner Hand befinden, befindest Du Dich in der unserigen.«

»Du bist verrückt!«

»Und Du verblendet!«

»Hat Dir Dein guter Freund, der Derwisch, nicht gesagt, was Euch erwartet?«

»O doch.«

»Und Du lachst darüber!«

»Ja. Auch Ihr würdet lachen, wenn ich Euch sagen wollte, was Euch erwartet. Wir werden ja sehen, wer über den Anderen zu lachen hat. Jetzt sind wir fertig und Du kannst gehen!«

»Meinst Du? Ich bleibe so lange, wie es mir gefällt.«

»So bleibe; ich aber habe einstweilen nichts mehr mit Dir zu schaffen.«

Sie wendete sich ab und nun erging es ihm mit ihr gerade so wie mit Tschita; er brachte sie nicht wieder zum Sprechen und mußte die Klappe resultatlos verschießen.

»Das kann ich nicht begreifen,« sagte er im Weitergehen zu den Anderen. »Ich habe mir das Verhalten dieser Frauen ganz anders vorgestellt.«

»Ich auch,« antwortete der Derwisch.

»Die thun ja gerade so, als ob sie die Siegerinnen seien! Sie sind so verteufelt zuversichtlich, daß man es sich gar nicht zu erklären weiß.«

»O, zu erklären ist es schon!«

»Wie denn?«

»Sie wollen uns nicht die Freude machen, über sie zu triumphiren. Das ist ja so Weiberart.«

»Mag sein. Wollen sie also bei ihrer geheuchelten Lustigkeit lassen. Sie wird ihnen sehr bald vergehen.«

Und die Uhr ziehend, um nach der Zeit zu blicken, fuhr er fort:

»Es ist wahrscheinlich, daß die Herrschaften nun kommen. Wollen also unsere Posten einnehmen.«

Sie bogen nach rechts ein und gelangten vor der Thür der Brunnenstube an. Als der Castellan geöffnet hatte, traten die Beiden nur mit großer Selbstüberwindung ein. Sie wußten nur die dünnen Bretter zwischen sich und dem Tode und athmeten erleichtert auf, als die gegenüber liegende Thür geöffnet war und sie nun wieder auf fester Erde standen.

»Das ist wirklich ein ganz verfluchtes Gefühl,« sagte der Pascha. »Es ist, als ob man über Wolken laufe, durch welche man aller Augenblicke brechen kann. Also hier ist mein Platz?«

»Ja,« antwortete der Castellan, indem er die Thür hinter sich wieder verschloß. »Bleiben Sie allein hier?«

»Nein, ich bleibe auch da,« antwortete der Derwisch.

»So verhalten Sie sich nur still, damit die Sache nicht verdorben wird!«

»Na, Sie können sich getrost darauf verlassen, daß wir Beiden nichts thun werden, um diese verhaßten Personen zu retten!«

»Das hoffe ich! Wenn es nur einer einzigen gelänge, zu entkommen, so wären wir Alle verloren.«

»Von welcher Seite bringen Sie sie?«

»Von derjenigen, von welcher wir jetzt gekommen sind. Sind wir in der Brunnenstube angelangt, so schließe ich hinter ihnen zu. Vor ihnen aber schließe ich auf, indem ich so thue, als ob ich sie weiter leiten wolle. Ich stelle mich so, als ob ich ihnen voranschreiten wolle, und werfe aber, wenn ich durch diese Thüre gekommen bin, dieselbe in das Schloß. Dann sind sie gefangen!«

»Können Sie die Thüren nicht aufsprengen?«

»O, die sind so stark, daß ein Aufsprengen gar nicht möglich ist. Und wäre es möglich, so genügt ja ein Druck meiner Hand hier auf den Hebel, sie Alle sofort in die Tiefe verschwinden zu lassen.«

»Vorher aber will ich mit ihnen sprechen.«

»Ja. Diese Thüre hat, wie ich Ihnen bereits zeigte, auch eine Klappe. Sobald Sie dieselbe öffnen, können Sie sich mit den Herrschaften nach Belieben unterhalten.«

»Machen Sie mir den Spaß und lassen Sie mich den Hebel bewegen!«

»Warum?«

»Weil ich selbst es sein möchte, der sie in die Hölle spedirt.«

»Das geht nicht. Sie könnten falsch drücken und dann wäre es sehr leicht möglich, daß der Mechanismus falsch wirkt.«

»Das wäre freilich fatal!«

»Ja. Entweder wirkte er gar nicht, oder er wirkte zu viel, so daß der ganze Fußboden mit in die Tiefe fiele. Dann könnte es bei einer etwaigen Nachforschung sehr leicht entdeckt werden, daß die Leute im Brunnen verunglückt sind, von dessen Vorhandensein man jetzt aber keine Ahnung hat.«

»So will ich lieber die Hand vom Spiele lassen. Eins nur ärgert mich, nämlich, daß ich die Leute hier erwarten muß. Wenn ich sie mir dann auch mit der Laterne betrachte, so stehen sie doch fast im Dunkeln und zwar so dicht gedrängt, daß ich sie einzeln gar nicht deutlich zu unterscheiden vermag. Und doch hätte ich sie mir vorher gern einmal angesehen. Es ist doch für den Jäger ein Hochgenuß, zu sehen, wie hübsch und gefügig das Wild in das Garn läuft.«

»Nun, was das betrifft, so kann dieser Wunsch wohl erfüllt werden,« meinte der Kastellan.

»Wie denn?«

»Sie müßten sehr vorsichtig sein und sich nicht etwa gar sehen lassen.«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Nun, so können Sie sie kommen sehen. Sie wissen, daß dieser Gang zu der anderen Treppe führt. Wenn Sie jetzt mit dorthin gehen und sich an die Kellerthür stellen, welche wir ein Wenig offen lassen, so können Sie sämmtliche Personen sehen, welche ich durch die gegenüber liegende Thür hinabführe.«

»Gut, schön, machen wir das so!«

»Aber Sie müßten sich dann beeilen, schnell wieder hierher zurückzukehren, damit Sie nicht etwa zu spät kommen.«

»Natürlich, natürlich!«

»Ich werde mich mit ihnen unterwegs gar nicht aufhalten, denn es liegt mir daran, die Sache schnell zu beenden. Also, wollen Sie sie wirklich belauschen?«

»Ja.«

»So kommen Sie! Wir wollen gehen.«

Sie schritten in dem Gange weiter vorwärts und gelangten auf die bereits beschriebene Weise nach der Treppe. Dort sollten sie auf der obersten Stufe derselben stehen bleiben; aber als der Castellan die nach dem Flur führende Thüre öffnete, sah er die Polizistin aus dem Hofe kommen.

»Wo warst Du?« fragte er sie. »Ich denke, Du bist oben in meiner Stube geblieben.«

*

107

»Ich mußte herab,« antwortete sie, »denn die Herrschaften sind gekommen.«

»Ah, schon! Wo befinden sie sich?«

»Draußen im Hofe, wo sie auf Dich warten; ich soll Dich holen.«

»Kann man sie von hier aus sehen?«

»Ja, Alle.«

»So steige hinauf und hole mir die zweite Laterne herab, welche an der Wand hängt! Diese hier muß ich den beiden Herren lassen.«

Während sie nach oben ging, begab sich der Castellan nach der Thür und schaute vorsichtig hinaus.

»Kommen Sie her,« rief er den Beiden zu. »Jetzt haben Sie die beste Gelegenheit, die ganze Gesellschaft beisammen zu sehen.«

Sie begaben sich zu ihm und erblickten nun Steinbach mit seiner ganzen Begleitung. Die Herrschaften standen beisammen und schienen in einer launigen Unterhaltung begriffen zu sein.

»Dort, dort ist er, der Hallunke!« sagte der Pascha. »Endlich habe ich diesen Kerl, an welchem ich mich mit wahrer Wonne rächen werde.«

»Schade, jammerschade, daß wir es ihm nicht in das Gesicht hineinjubeln können!« stimmte der Derwisch bei.

»Das thun wir schon noch, da unten durch die Thür der Brunnenstube. Wie wohlgemuth sie sind! Ah, wenn sie ahnten, was ihnen bevorsteht! Siehst Du den langen Kerl, den Engländer?«

»Ja. Auch er muß mit hinab! Der Kerl hat uns damals in Constantinopel viel zu schaffen gemacht.«

»Das möchte noch gehen. Aber hier hat er mich blamirt und auf das Tödtlichste beleidigt. Nun wollen wir sehen, ob ich wirklich nicht satisfactionsfähig bin. Das Herz könnte mir vor Freude zerspringen, wenn ich diese ganze Gesellschaft beisammen sehe. Wer mag nur die ältere Frau sein, welche sich bei ihnen befindet?«

Der Derwisch betrachtete die Betreffende mit scharfen Augen, fuhr sich einige Male mit der Hand über das Gesicht, als ob er von dort einen Schleier zu entfernen habe, und sagte dann:

»Wie ist mir denn! Sehe ich recht? Das ist doch wohl nicht gut möglich!«

»Was denn?«

»Hm! Sollte ich mich so sehr geirrt haben! Sie lebt noch! Sie ist uns entgangen! Wir haben nicht ihr, sondern einer Anderen die Zunge aus dem Munde geschnitten! Ah, ja, ich besinne mich! Ich sah diese Person ja drüben in Amerika, im Thale des Todes. Sie ist – ist – ist – rathen Sie einmal!«

»Ich rathe nichts.«

»Was? Nicht? Und doch haben Sie sie so sehr gut gekannt! Und doch haben Sie sie so sehr lieb gehabt, daß Sie – ah bah!«

»Ich, diese Frau lieb gehabt?«

»Ja. Sehen Sie denn nicht die Aehnlichkeit zwischen ihr und ihren Kindern, diesen verdammten Adlerhorst's?«

»Alle Teufel! Meinst Du etwa, daß sie –«

Der Gedanke war ihm so überraschend, daß er die Frage nur halb aussprach.

»Ja, ja!« nickte der Derwisch.

»Sie soll die Mutter sein – Anna von Adlerhorst?«

»Ja, sie ist es.«

»Ah! Du kannst Recht haben. Wie hat sie sich verändert!«

»Ist das ein Wunder? Die Jahre verjüngen und verschönern den Menschen nicht und sehr gut gegangen wird es ihr wohl auch nicht sein.«

»Hoffentlich! Dieses Weib hat mir viel, sehr viel Schaden gemacht. Nun soll sie aber auch mit hinab in die Grube oder vielmehr in den Brunnen fahren!«

In dieser Weise machten die Beiden ihre Bemerkung über jede einzelne Person, bis die Polizistin mit der Laterne kam.

»Soll ich mitgehen oder zurückbleiben?« fragte sie.

»Ganz wie Du willst,« antwortete ihr vermeintlicher Oheim.

»Ich möchte freilich gern dabei sein, wenn sie verschwinden.«

»Das geht nicht. Du kannst doch nicht mit ihnen gehen, sonst könnte leicht der Fall eintreten, daß Du mit ihnen verschwindest.«

»Das wünsche ich freilich nicht. Aber ich könnte mich doch wohl diesen beiden Herren anschließen, wenn sie es mir erlauben.«

»Dagegen habe ich nichts.«

Der Pascha erklärte, daß er sie gern mitnehmen wolle, da sie doch ja seine Verbündete sei, und so kehrten die Drei in den Gang zurück, welchen der Castellan hinter ihnen verschloß, denn nun war es nicht nöthig, die Thür aufzulassen, wie vorher verabredet worden war. Die beiden Männer hatten nun ja die betreffenden Personen gesehen und begaben sich schleunigst durch den Gang nach der Thür zum Brunnenzimmer zurück, natürlich von Lina begleitet.

Nun trat der Castellan unter das Thor, um sich sehen zu lassen. Als Steinbach ihn erblickte, kam er schnell auf ihn zu und sagte:

»Weißt Du, daß ich incognito bin?«

»Ja, Hoheit.«

»So verrathe mich nicht und nenne mich nur Herr Steinbach! Ist Alles in Ordnung?«

»Ja, Alles,« antwortete der Gefragte, indem jetzt auch die anderen Personen herbeikamen.

»Wo befinden sich der Pascha und der Derwisch?«

»Unten beim Hebel, um Zeugen Ihres Todes zu sein.«

»Haben sie eine Laterne mit?«

»Ja. Die Polizistin ist mit ihnen. Ich soll Sie in die Brunnenstube bringen und beide Thüren hinter mir schließen.«

»Dann wollen die Kerls wohl durch die Klappe mit uns reden?«

»Ja.«

»Habe es mir gedacht. Es ist doch ein Hochgenuß für sie, ihren Opfern zu sagen, was ihrer wartet. Diesen Spaß aber werde ich ihnen doch verderben. Führe uns hinab!«

Einigen der Anwesenden wurde es nun, da der entscheidende Augenblick nahte, doch bange. Sie befürchteten heimlich, daß der künstliche Fußboden doch unter ihnen weichen könne, und gaben diesem Gedanken Ausdruck.

»Sorgen Sie sich nicht,« sagte Steinbach. »Wenn ich nicht genau wüßte, daß ich mich auf die Vorrichtung verlassen kann, würde ich mich sehr hüten, selbst auf die Diele zu treten, viel weniger aber könnte es mir einfallen, Personen, welche mir so lieb und theuer sind, dazu zu verleiten. Daß ich selbst meine Braut mit nehme, mag Ihnen der sicherste Beweis sein, daß wir nicht das Mindeste zu befürchten haben. Hoffentlich ist der Mechanismus vorher genau untersucht worden.«

»O, Sie können sich demselben vollständig anvertrauen,« erklärte der Castellan. »Ich habe ihn gestern und heute wiederholt untersucht.«

»So kommen Sie!«

Während der Pascha mit dem Derwisch und Lina durch die rechts auf den Flur mündende Thür verschwunden war, traten die Herrschaften durch die linker Hand befindliche in das Dunkel der Kellertreppe, wo der Castellan seine Lampe anzündete.

Als sie an die beiden Zellen gelangten, welche die sonderbare Acustic besitzen sollten, öffnete er die Klappen. Die Zellen waren leer. Die beiden Gefangenen befanden sich oben.

»Lassen wir sie jetzt,« meinte Steinbach. »Wir wollen machen, daß die Faxe baldigst ein Ende nimmt. Die Herrschaften dürfen in der Brunnenstube nicht erschrecken, wenn ich die Laterne plötzlich auslösche. Ließe ich sie brennen, so würde der Pascha, welcher doch durch die Klappe blickt, bemerken, daß wir nicht in die Tiefe stürzen. Und auch darauf muß ich Sie aufmerksam machen, daß wir Alle einen Angstschrei ausstoßen müssen, wenn der Fußboden sich unter uns zu bewegen beginnt. Das klingt dann so, als ob wir stürzen.«

Jetzt hatten sie die Thür erreicht, durch welche sie in das Verderben gelangen sollten. Semawa ergriff Steinbach's Hand und fragte:

»Bist Du wirklich sicher, daß wir nicht Schaden nehmen werden, mein Lieber?«

»Hast Du Angst, mein Herz?«

»Nur um Dich!«

»Vertraue Dich mir ruhig an! Selbst wenn der Mechanismus versagte, würden wir nicht in die Tiefe stürzen, denn ich habe heute früh einen Boten an den Castellan geschickt, durch den ich befahl, daß noch extra starke Balken quer über die Tiefe gelegt werden sollen. Tretet also in Gottes Namen ein!«

Der Castellan schloß auf und trat in die Stube. Steinbach folgte ihm und die Anderen kamen, wenn auch doch ein wenig zaghaft, hinterher. Gegenüber lag nun die Thür, hinter welcher der Pascha wartete und hinter welcher der Schließer verschwinden sollte. Der Erstere mußte jedes Wort hören, was gesprochen wurde.

»Was ist das für eine Stube?« fragte Steinbach sehr vernehmlich.

Der Castellan schloß laut die Thür zu, durch welche sie gekommen waren, und antwortete:

»Herr, das ist das gefährlichste Gemach im ganzen Schlosse.«

»Warum?«

»Weil Jeder, der sich hier befindet, über dem Tode steht.«

»In wiefern denn?«

»Weil unter uns ein Brunnen gähnt, welcher mehrere hundert Fuß tief ist.«

»Unter dieser Diele?«

»Ja.«

»Na, hoffentlich ist sie so stark und fest, daß sie uns zu tragen vermag.«

»So lange ich will, ja. Aber es bedarf nur eines kleinen Griffes oder Druckes von mir, so fliegen Sie Alle hinab und kommen vollständig zerschellt unten an.«

Die Damen stießen einen unwillkürlichen Angstruf aus. Steinbach aber fragte im Tone der Neugierde:

»Wo haben Sie denn diesen verhängnißvollen Druck anzubringen?«

»An einem Hebel, welcher sich dort hinter jener Thür befindet.«

»Wollen Sie uns das zeigen?«

»Gern. Sie werden sehen, daß sich dann die Diele um ihre eigene Achse dreht und daß Alles, was sich auf ihr befindet, in die Tiefe stürzen muß.«

»So eilen Sie, daß wir von dieser gefährlichen Stelle wegkommen!«

»Gleich, gleich!«

Er steckte den Schlüssel in das Schloß, öffnete, trat hinaus, zog den Schlüssel wieder ab und warf dann die Thür hinter sich in das Schloß.

»Haben wir sie?« flüsterte neben ihm der Pascha, welcher seine Blendlaterne verschlossen hatte, damit nicht etwa beim Oeffnen der Thür ihr Schein bemerkt werden möchte.

»Ja, Alle!« antworte der Castellan.

Er trat schleunigst zum Hebel, um zu hüten, daß nicht etwa der Pascha oder der Derwisch sich desselben bemächtige. Die Laterne hatte er nicht mehr. Er hatte sie drinnen in der Brunnenstube niedersetzen müssen, weil er beider Hände zum Aufschließen bedurfte.

Jetzt wurde an die Thür geklopft.

»Was ist denn das?« hörte man Steinbach's Stimme rufen. »Machen Sie auf!«

Als Niemand antwortete, wurde stärker geklopft, und mehrere Stimmen erhoben sich! Da klappte der Pascha das Guckloch auf, hielt sein Gesicht an dasselbe und schaute hinein.

»Was giebt es denn? Was ist das für ein Lärm?« fragte er.

»Aufmachen, aufmachen!« antworteten ihm verschiedene Stimmen.

»Nur Geduld! So schnell geht das freilich nicht. Wir haben zuvor ein Wörtchen mit einander zu reden.«

»Wir? Mit ihnen?« fragte Steinbach, welcher sich an die Thür gestellt hatte.

»Ja, mit mir.«

»Wer sind Sie denn?«

»Ich hoffe, daß Sie mich kennen.«

»Das wäre doch kein Grund, uns hier einzuschließen. Lassen Sie uns doch einmal Ihr Gesicht sehen!«

Er nahm die Laterne auf und leuchtete dem Pascha in das Gesicht.

»Ah! Alle Teufel!« rief er aus, sich ganz erschrocken stellend.

»Nun, wer bin ich?«

»Ibrahim Pascha!«

»Ja,« grinste der Pascha. »Ich bin hier, um dem Lord zu zeigen, daß ich doch wohl satisfactionsfähig bin. Ich werde ihm eine Satisfaction für seine Beleidigung geben, wie er sie so vollständig nicht gedacht hat.«

»Mensch, was meinen Sie?«

»Oho! Schnauze mich nicht so an, Bursche! Du hast stets den Helden gespielt, jetzt aber ist's mit Deiner Rolle zu Ende. Ich habe lange, lange Zeit nach Euch gesucht; nun endlich ist meine Zeit gekommen und meine Rache kann beginnen. Ihr befindet Euch Alle in meiner Gewalt.«

»Täusche Dich nicht, Hallunke!«

»Von einer Täuschung ist keine Rede. Ich habe Euch ja bereits Eure zwei schönsten Täubchen weggefangen.«

»Täubchen? Wen?«

»Tschita und Zykyma. Ich lockte sie hier in die Ruine und nun stecken sie in zwei Löchern, aus denen sie nur treten werden, um von mir nach der Türkei geschleppt zu werden. Dort werde ich sie den beiden häßlichsten meiner Sclaven zu Weibern geben.«

»Hund, Du lügst!«

»Nein, sondern ich werde es thun. Aber nicht sofort. Ihr sollt noch für einige Stunden die Qualen eines gewissen, grauenvollen Todes ausstehen.«

»Scheusal! So Etwas kannst Du nicht!«

»Ich kann es und werde es. Kein Bitten und kein Flehen wird Euch helfen. Ich bleibe bei meinem Vorsatze. Sterben müßt Ihr, Alle, Alle! In blutigen Fetzen werden Eure Leiber unten ankommen. Das ist die Strafe für Alles, was ich von Euch leiden mußte. Kein Klagen, kein Heulen und kein Wimmern kann Euch retten, denn –«

»Klagen?« unterbrach ihn Steinbach. »O, denke nicht etwa, daß wir Dich anwimmern werden. Das fällt uns nicht ein. So einem Hallunken, wie Du bist, werden wir keine Bitte hören lassen. Nein; anstatt der Bitte wirst Du Anderes bekommen. Hier, da hast Du es!«

Der Pascha hatte seinen Köpf möglichst weit durch die offene Klappe gesteckt. Steinbach holte aus und stieß ihm die Laterne in das Gesicht, daß das zerbrechende Glas in demselben stecken blieb und das Öl der auslöschenden Lampe sich über es ergoß.

»Himmel – Teufel – Hölle!« schrie der Pascha, mit dem Kopfe zurückfahrend und sich mit beiden Händen nach dem verletzten Gesicht greifend. »Hinab mit ihnen, hinab! Keine Gnade! Schnell, schnell, Castellan!«

Der Schmerz, welchen die Verwundung ihm verursachte, ließ ihm vergessen, daß er sich an den Qualen seiner Opfer hatte weiden und sie nicht so schnell hatte sterben lassen wollen. Er bückte sich nieder, um selbst den Hebel zu bewegen. Der Castellan aber schob ihn zurück und fragte:

»Soll ich?«

»Natürlich! Schnell, schnell!«

»Ja, ja! Ich schaue zu!« rief der Derwisch, an die Thür tretend und durch die Luke blickend.

Der Castellan drückte. Drinnen erscholl ein vielstimmiger Schrei, der weniger aus Verabredung als aus wirklichem Schreck ausgestoßen wurde. Es war zwar versichert worden, daß Niemand zu Schaden kommen solle, aber als der Boden sich unter den Füßen zu bewegen begann, war es doch für wenigstens einen kurzen Augenblick mit dem Muthe vorüber.

Der Derwisch sah durch die Klappe in die Stube. Drinnen war die Laterne verloschen. Nur eine Ahnung von Licht drang von der zweiten Laterne hinein. Er konnte also nichts Deutliches sehen, aber er bemerkte doch, daß die Personen in der Tiefe verschwanden. Noch ein Schrei und dann war es ruhig:

»Sie liegen unten; sie sind todt!« rief er aus.

»Ists geschehen, wirklich?« fragte der Pascha.

»Ja,« antwortete der Castellan. »Sie können sich überzeugen. Hier ist der Schlüssel. Oeffnen Sie!«

Er reichte ihm mit der Linken den Schlüssel, während er mit der Rechten den Hebel noch umfaßt hielt. Der Pascha schloß auf und sah die dunkle Tiefe vor sich. Der Castellan ließ den Hebel spielen und nun kam die Diele langsam wieder empor. Sie nahm ihre vorherige Lage ein – die Brunnenstube war leer. Es gab keinen Zweifel, von allen Personen, welche sich vor wenigen Augenblicken hier befunden hatten, lebte keine einzige mehr.

»Ah!« sagte der Pascha. »Ich habe mich doch übereilt. Ich hätte sie länger quälen sollen. Aber dieser Hieb in das Gesicht ließ mich diesen Vorsatz vergessen.«

»Ja,« stimmte der einstige Derwisch bei. »Es ist wirklich schade, jammerschade, daß Sie sich so übereilt haben. Nun hat die Gesellschaft einen schnellen und schmerzlosen Tod gehabt. Wir hätten sie noch stundenlang stehen lassen sollen, um sie zur Verzweiflung zu bringen und uns an ihren Qualen zu weiden. Sie hätten sich angestrengt, die Thüren einzustoßen, natürlich vergeblich. Sie wären vor Angst mit den Köpfen gegen die Wände gerannt. Sie hätten geheult vor Todesangst und wären als Antwort von unserem Hohngelächter überschüttet worden. Nun aber ist uns dieser Hochgenuß entgangen.« Es lag ein wahrhaft teuflisches Bedauern in diesen Worten und in dem Tone, in welchem er dieselben aussprach.

»Tröste Dich,« antwortete der Pascha. »Die Hauptsache ist, daß wir unseren Zweck erreicht haben. Sie sind vernichtet, spurlos von der Erde verschwunden und kein Mensch wird jemals auch nur den kleinsten Theil ihrer Körper wiedersehen.«

»Das ist wahr,« meinte der Castellan, indem er das gefährliche Brunnengemach betrat und mit den Füßen auf die Diele desselben stampfte, als ob er die Festigkeit und Haltbarkeit derselben prüfen wollte. Er that dies, weil er die Beiden hier noch ein kleines Weilchen festhalten mußte, denn Steinbach mußte an dem Raume, in welchem sie sich befanden, mit seinen Begleitern draußen vorüber und durfte natürlich nicht von ihnen bemerkt oder gar gesehen werden. »Der Prinz hegt schon längst die Absicht, den Brunnen verschütten zu lassen.«

»Dies geschieht natürlich, ohne daß vorher der Grund desselben untersucht wird?« erkundigte sich der Pascha.

»Ja. Was hätte eine solche Untersuchung denn wohl für einen Zweck?«

»Nun, so können wir ja ruhig sein. Der Schutt wird Alles bedecken. Und nun ist es mit allen unseren Sorgen vorüber. Unsere Feinde sind vernichtet, alle, alle, sogar ihrer noch viel mehrere, als wir zu tödten beabsichtigten, und wir befinden uns also nun in vollster Sicherheit.«

»Da bitte ich Sie denn doch, zu bedenken, daß ich es bin, dem Sie das zu verdanken haben!«

»Natürlich weiß ich das.«

»Und Sie werden nun gewiß auch Ihr Versprechen halten?«

»Gewiß. Ich werde sogar noch weit mehr thun. Gleich wenn wir von hier nach oben kommen, werde ich Ihnen eine Summe Geldes auszahlen, welche mehr beträgt, als ich Ihnen versprochen habe. Ich bin mit Ihnen sehr zufrieden und pflege gute Dienste auch gut zu belohnen. Wollen wir gehen?«

»Ja, kommen Sie!«

Sie wendeten sich um und sahen nun die Polizistin stehen, welche bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte.

Ihr Gesicht war todesbleich. Sie hatte eine entsetzliche Angst ausgestanden. Bei dem geringsten Versehen von Seiten des Castellans wären alle die Personen, um welche es sich handelte, verloren gewesen.

»Siehe da, Fräulein; Sie sehen leichenblaß,« sagte der Pascha. »Haben Sie einen Schreck ausgestanden?«

»Ja,« antwortete sie. »Glauben Sie, daß es für eine Dame ein Vergnügen sei, so viele lebensvolle und lebensfrische Personen in einen so plötzlichen und schrecklichen Tod geschleudert zu sehen?«

»Nein, das glaube ich nicht. Damen haben ja zartere Nerven als wir Männer.«

»Nun, ich hatte es mir wirklich nicht so entsetzlich vorgestellt. Es ist selbst für starke Männernerven eine ungeheure Zumuthung, einem solchen Ereignisse ruhig beizuwohnen. Ich glaube, ich werde Zeit meines Lebens an die erschütternden Todesschreie denken, welche ich anhören mußte.«

»Das denken Sie jetzt; aber der Mensch vermag Vieles zu überwinden. Kommen Sie aber erst in eine andere Umgebung, in eine andere Gegend, in ein anderes Land und zu anderen Menschen; dann wird die Erinnerung an diese Viertelstunde in Ihnen erlöschen, als ob das Ereigniß ein ganz unbedeutendes sei.«

»Ich möchte es hoffen!«

»Es wird so, wie ich sage, und ich werde dafür sorgen, daß Sie das Alles sehr bald und sehr leicht vergessen. Kommen Sie nur erst nach Constantinopel. Das dortige, Ihnen so fremde Leben wird Sie so sehr in Anspruch nehmen, daß Sie gar keine Zeit haben, an die Vergangenheit zurückzudenken. Geben Sie mir Ihren Arm! Sie sind angegriffen, und ich werde Sie führen.«

Er legte ihren Arm in den seinigen, und nun brachen sie auf, um nach oben zurückzukehren. Sie beachteten es nicht, daß der Castellan die vordere Thür zum Brunnenzimmer wieder geöffnet und die hintere nicht zugeschlossen hatte. Er verfolgte natürlich seine bestimmte Absicht dabei.

Ebenso hatte der Pascha seine eigene Absicht, als er Lina den Arm hob. Sie waren unbeachtet, denn der Castellan schritt mit dem Agenten und dem Derwisch vor ihnen her.

»Fräulein,« raunte er ihr zu, »ich habe einige Worte mit Ihnen allein zu sprechen.

»Worüber?« fragte sie ebenso leise.

»Das kann ich jetzt nicht sagen. Man darf nicht bemerken, daß wir heimlich mit einander sprechen. Können Sie mir Gelegenheit dazu geben?«

»Wann?«

»Baldigst.«

»Wohl noch heut'?«

»O nein, sondern rasch, sogleich.«

»Ist es denn so wichtig?«

»Gewiß. Und es ist dabei keine Zeit zu verlieren, denn der Augenblick ist passend und kommt niemals wieder.«

»Schön! Ich werde versuchen, es so zu arrangiren, daß wir uns allein befinden. Darf mein Oheim davon wissen?«

»Von dem Inhalte unseres Gespräches zunächst nichts.«

»Aber daß wir allein sein wollen, muß er wissen, denn nur mit seiner Hilfe ist es möglich, es so einzurichten.«

»Gut, so theilen Sie es ihm mit!«

Er gab ihren Arm frei und begann auf den Agenten zu reden, so daß dieser sich zu ihm gesellte und Lina nun Raum bekam, sich nach vorn zu dem Castellan zu begeben.

»Der Pascha will mit mir allein sein,« flüsterte sie ihm zu.

»Warum?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wann?«

»Sogleich.«

»Wollen wir auf seine Absicht eingehen?«

»Ja.«

»So werde ich es gleich bewerkstelligen.«

Sie erreichten jetzt die Treppe und stiegen hinauf zum Flur. Der Castallan gab Lina die Laterne und sagte:

»Wir müssen natürlich das prächtige Gelingen unseres Streiches mit einem Glase Wein begießen. Hier hast Du das Licht und hier ist der Schlüssel. Steige dort hinab und hole einige Flaschen von der Sorte, welche sich ganz hinten links befindet.«

Er deutete nach einer kleinen Thür, welche im Hintergrunde zu sehen war.

Sie verstand seine Absicht. Indem sie die Laterne in Empfang nahm, und es so einrichtete, daß sie dabei neben dem Pascha stand, reichte sie diesem dieselbe dar und sagte:

»Puh! Schon wieder in einen Keller hinab! Da werden mich die Bilder der Zerschmetterten verfolgen. Ich fürchte mich und gehe sicher nicht allein. Wollen Sie mich begleiten, um mir zu leuchten?«

»Sehr gern,« antwortete der Pascha. »Kommen Sie! Ich fürchte mich nicht.«

Der Agent wurde ein Wenig eifersüchtig. Er wollte den Pascha doch nicht gern mit dem schönen Mädchen allein lassen; darum sagte er, die Hand, nach der Laterne ausstreckend:

»Bemühe doch den gnädigen Herrn nicht! Ich selbst werde mitgehen.«

»Das gebe ich nicht zu,« entgegnete Ibrahim. »Fräulein hat mich beauftragt und ich will nicht etwa für furchtsam gelten, indem ich zurückbleibe. Oder sind Sie vielleicht gar eifersüchtig, Herr Schubert?«

Er fragte dieses Letztere in einem so höhnischen Tone, daß der Agent sofort antwortete:

»Fällt mir gar nicht ein! Ich habe ja eigentlich auch noch gar kein Recht dazu.«

»Das meine ich auch,« lachte die Polizistin. »Uebrigens bestreite ich Dir auch für späterhin und für immer das Recht, eifersüchtig zu sein. Und gerade um Dich in dieser Gemüthsruhe zu üben, ersuche ich den gnädigen Herrn nun ganz bestimmt, mir zu leuchten.«

Während der Castellan mit dem Agenten und dem Derwisch die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, trat Lina mit dem Pascha an die bezeichnete Kellerthüre und schloß sie auf. Sie zogen dieselbe hinter sich zu und stiegen dann eine kurze Treppe hinab.

Diese führte in einen kleinen Kellerraum, welcher nur so groß war, daß er für die Bedürfnisse des Kastellans grad genügte. Er enthielt einiges alte Gerümpel, Kartoffeln und Aehnliches, und in der bezeichneten Ecke lagen Weinflaschen.

»Das war klug gehandelt von Ihrem Onkel, sagte der Pascha. »Nun können wir sprechen.«

»Aber leiser, viel leiser,« warnte sie. »Das Gewölbe verdreifacht den Schall, und ich traue Herrn Schubert nicht. Er ist im Stande, zu lauschen, und wir haben ja die Thür dort nicht verschließen können, sondern nur anlehnen müssen.«

»So schnell wird er wohl nicht kommen. Das wäre eine Beleidigung gegen Sie und auch gegen mich.«

»Dennoch möchte ich sein Mißtrauen nicht erwecken. Er scheint höchst eifersüchtiger Natur zu sein.«

»Das habe ich auch beobachtet. Zwar ist in diesem Falle die Eifersucht gar kein Wunder. Wer so einen Schatz, wie Sie sind, noch nicht ganz fest ergriffen hat, darf denselben wohl mit einer ungewöhnlichen Aufmerksamkeit hüten.«

»Schmeichler,« flüsterte sie, ihn voll und kokett anlächelnd.

»Von Schmeichelei ist keine Rede. Sie sind schön, sehr schön! Sie sind so reizend und entzückend, daß ich Sie diesem – verzeihen Sie – diesem trockenen, abgelebten Polizeimenschen unmöglich gönnen kann.«

Sie ließ einen tiefen, tiefen Seufzer hören, machte ein sehr ernsthaftes, fast betrübtes Gesicht und meinte:

»Gott, ja! Meine Passion ist er freilich nicht!«

»Wie? Was sagen Sie da? Ist das Ihr Ernst, Ihr wirklicher Ernst?«

Er fragte das hastig und seine Augen leuchteten verlangend auf.

»Natürlich ist es mein Ernst.«

»Ich denke, Sie lieben ihn!«

»Lieben? Fällt mir gar nicht ein!«

»Aber Sie wollen doch seine Frau werden!«

»Ja, aber nicht etwa aus Liebe zu ihm.«

»Aus welchem Grunde denn?«

»Aus – aus –«

Sie hielt inne und brachte es in ihrer Gewandtheit fertig, daß ihr Gesicht wie unter einer großen Verlegenheit tief erröthete.

»Aus – aus – sprechen Sie weiter!« drang er.

»Fast sollte ich es nicht sagen!«

»Warum nicht? Haben Sie kein Vertrauen zu mir?«

Sie hob den Blick zu ihm empor und sah ihm mit einem Auge, dessen Ausdruck ihm sein ganzes Gleichgewicht raubte, in das Gesicht.

»Zu Ihnen? O zu Ihnen habe ich ein großes, großes Vertrauen, tausendmal größer als zu ihm.«

Sein Herz klopfte fast hörbar vor Entzücken.

»So zeigen Sie mir dieses Vertrauen, indem Sie aufrichtig zu mir sprechen. Warum wollen Sie diesen Mann heirathen, obgleich Sie ihn nicht lieben?«

»Weil – weil – weil er mich sonst nicht mit nach Constantinopel nimmt, wohin ich mich sehne.«

»Nur deshalb?«

»Ja, nur allein darum! Hier würde ich ihm meine Hand niemals reichen. Er ist alt, nicht hübsch, kraftlos und wird in kurzer Zeit Greis sein. Welches Leben erwartet mich an der Seite eines solchen Mannes? Ich liebe ihn nicht, o nein, sondern ganz im Gegentheile: – – ich hasse ihn.«

Sie legte auf das vorletzte Wort eine ganz besondere Betonung.

»So muß Ihre Sehnsucht nach Stambul eine sehr große sein, da sie selbst einen solchen Haß zu überwinden vermag.«

Er sah ihr scharf forschend in das Gesicht. Sie nickte leise und verlegen mit dem Kopfe, ohne zu antworten.

»Was zieht Sie denn so dorthin?«

Sie that, als ob bei dieser Frage ihre Verlegenheit noch wachse und antwortete in noch leiserem Tone als vorher:

»Das – das kann ich unmöglich sagen.«

»Warum denn? Sie behaupten ja, ein so großes Vertrauen zu mir zu haben.«

»Das habe ich auch; aber es giebt Dinge, welche man kaum sich selbst eingesteht, viel weniger aber sie einem Anderen mittheilt.«

»Nun, ist es denn die Stadt Constantinopel, welche Sie so anlockt?«

»Nein.«

»Oder sind es die dortigen Verhältnisse?«

»Auch nicht.«

»So ist es wohl eine Person, welche dort lebt, und nach der Sie sich sehnen?«

»Ja.«

»Ah! Das habe ich nicht geahnt. Sie kennen also eine Person, welche sich in Constantinopel befindet?«

Seine Miene hatte sich verdüstert.

»Es ist so, wie Sie mich fragen, und doch nicht ganz so.«

»Das begreife ich nicht. Wollen Sie es mir nicht erklären?«

»Die betreffende Person wird sich dort befinden.«

»Also jetzt ist sie noch nicht dort?«

»Nein.«

»Wo denn?«

»Hier.«

»Ist es eine weibliche Person?«

»Eine männliche.«

»Ah! Ich ahne es. Sie lieben einen Mann, und um später in der Nähe desselben zu sein, wünschen Sie sich nach Stambul?«

Sie nickte zustimmend und verschämt.

»In diesem Falle muß ich vermuthen, daß Sie ihn für unnahbar und Ihre Liebe für unerwidert halten?«

Sie senkte den Kopf. Er fuhr fort:

»Ich gäbe viel, sehr viel darum, den Namen dieses Mannes kennen zu lernen. Wollen Sie ihn mir nicht sagen?«

Sie schüttelte den Kopf. Da stellte er die Laterne auf den Boden des Kellers, legte den Arm um die Taille der Polizistin und sagte:

»Wenn Sie ihn mir nicht nennen, so können Sie es doch nicht verhindern, daß ich ihn errathe. Fräulein Lina, Sie lieben – mich?«

Sie machte keine Bewegung, seinen Arm von sich abzuwehren. Sie duldete es auch ohne Widerstand, daß er sie an sich zog.

»Lina, Du Liebe, Du Herrliche, sage es mir doch, ob ich es bin, von welchem Du redest!«

Und als sie auch auf diese Bitte in ihrem Schweigen verharrte, fuhr er fort:

»Bitte, bitte, bin ich es?«

Sie nickte mit dem Kopfe, wendete sich aber wie in tiefster Beschämung von ihm ab. Da aber drückte er sie fester an sich und rief:

»Wirklich, wirklich? Du liebst mich, mich? Welch' ein Glück, welche Wonne! Mädchen, Du wirst –!«

»Um Gotteswillen!« unterbrach sie ihn. »Sie schreien ja so laut, daß mein Onkel es oben hören muß! Wir müssen vorsichtig sein.«

Sie hatte diesen Schreck geheuchelt, um sich von dem Pascha losreißen zu können. Er aber ließ sich nicht stören.

»Ach, was gehen mich diese Leute da oben an? Ich besitze Deine Liebe und das ist mir genug. Sage es mir noch einmal, liebst Du mich denn wirklich, Lina?«

»Ja doch, Du Ungestümer,« lächelte sie.

»Und willst mich nach Stambul begleiten?«

»Von ganzem Herzen gern.«

»Nun, so geht dieser Agent mich nichts, gar nichts an. Ich brauche auf ihn keine Rücksicht zu nehmen. Ich werde ihm jetzt, wenn wir hinauskommen, sehr einfach sagen, daß ich nichts mehr mit ihm zu thun haben will, und daß er sich augenblicklich entfernen soll.«

»Sind Sie toll?« rief sie. »Das wäre ja Ihr Verderben!«

»Ach geh'!« lachte er höhnisch auf, »dieser Mensch wäre der rechte Kerl, mir zu schaden!«

»Warum nicht? Bedenken Sie doch, daß er Sie und uns Alle in der Gewalt hat!«

»Sie überschätzen ihn.«

»O nein. Bedenken Sie seinen Zorn, seine Eifersucht! Er wird sich rächen.«

»Ich verlache seine Rache, welche nur ihn allein in das Verderben bringen würde. Um uns zu schaden, müßte er uns doch anzeigen.«

»Allerdings.«

»Nun, dann muß er doch offenbar gestehen, daß er selbst auch mit betheiligt war.«

»Das ist nicht unumgänglich nothwendig. Er braucht das, was bisher geschehen ist, gar nicht zu berücksichtigen. Er braucht sich nur an das zu halten, was wir noch vorhaben. Er weiß, daß wir Tschita und Zykyma fortschaffen wollen, und hat nur nöthig, uns dabei ergreifen zu lassen.«

»Ah, das ist wahr!«

»Er braucht nur jetzt nach der Stadt zu eilen und anzuzeigen, wo diese beiden Frauen zu finden sind. Er ist Polizist gewesen und kennt alle Schliche und Hinterlisten. Er brauchte nur zu sagen, daß er sich nur gestellt habe, als ob er unser Verbündeter sei.«

»Alle Teufel! Auch bei dem Morde unser Verbündeter?«

»Nein. Das würde er uns ableugnen. Ihm würde man mehr glauben als uns. Man würde annehmen, daß wir uns an ihm rächen wollten, indem wir uns bemühen, ihn mit in das Verderben zu ziehen.«

»Mädchen, Du hast Recht, vollständig Recht. Aber, was ist zu thun?«

Sie war scharfsinnig genug, zu ahnen, was er hatte mit ihr besprechen wollen. Er hatte jedenfalls die Absicht, sich des Agenten und des Derwisches zu entledigen, um nicht gezwungen zu sein, Beide mit sich nehmen zu müssen, und sie sollte ihm dabei helfen. Auf welche Weise dies geschehen sollte, konnte sie sich leicht sagen. Hatte die Brunnenstube das eine Mal ihre Schuldigkeit gethan, so konnte sie es auch zum zweiten Male thun. Dann gab es zwei Zeugen der furchtbaren That weniger, und der Pascha hatte dann nur noch mit Lina und dem Kastellan zu rechnen, die ihm Beide sicher waren, wenn die Erstere ihm in seinen Harem folgte.

»Ja, was ist da zu thun?« wiederholte sie seine Frage. »Ich mag von ihm nun nichts mehr wissen; er aber wird sich unbedingt rächen.«

»Gewiß! Können wir das nicht verhindern?«

»Ich wüßte nicht wie.«

»Wirklich nicht?«

»Nein,« antwortete sie im Tone der Aufrichtigkeit.

»Kind, ich habe Dich für unternehmender gehalten. – Es giebt ein einfaches, sehr einfaches Mittel, diesen Menschen für immer unschädlich zu machen.«

»Welches?«

»Hm! Wie wäre es, wenn er vorhin mit den Andern in die Tiefe gestürzt wäre?«

»Da wäre er allerdings vollständig unschädlich für uns.«

»Freilich! Schade, daß wir Beide, Du und ich, uns nicht früher ausgesprochen haben. Wäre das geschehen, so lägen der Agent und der Derwisch jetzt zerschmettert in der Tiefe und wir könnten den Becher der Freude mit Sicherheit bis zur Neige leeren.«

Sie blickte sinnend und ohne zu antworten zu Boden.

»Oder widerspricht Dir dieser Gedanke?«

»Nein, gar nicht. Sind so viele Leute, welche doch gute und brave Menschen waren, zu Grunde gegangen, so kann es mein Gewissen gar nicht beschweren, wenn zwei solche Bösewichter, die den Tod verdient haben, ihnen folgen müssen.«

»Das ist Deine wirkliche Ansicht?«

»Ja.«

»So ist es vielleicht möglich, das Versäumte nachzuholen?«

»Möglich ist es vielleicht, jedenfalls aber sehr schwierig.«

»Warum?«

»Weil der Agent nicht in die Falle geben würde. Er kennt sie ja.«

»Hm! Es handelt sich nicht um ihn allein, sondern auch um den Derwisch. Beide müßten daran glauben. Oder würdest Du vielleicht Bedauern mit dem Letzteren haben?«

»Nein, gar nicht.«

»Nun gut. So wollen wir sehen, ob wir es auszuführen vermögen. Bietest Du mir die Hand dazu?«

»Nur unter einer Bedingung.«

»Welcher?«

»Daß – daß – daß Du mich wirklich mit Dir nimmst.«

»Natürlich, natürlich!«

»O, bedenke, daß der Gedanke an Täuschung sehr nahe liegt.«

»Keinesweges!«

»Doch! Du willst den Derwisch und den Agenten verderben, um Dich dieser Zeugen zu entledigen. Wie leicht kannst Du auf den Gedanken kommen, auch die beiden übrigen Zeugen zu tödten!«

»Meinst Du Dich und Deinen Oheim?«

»Ja.«

»Was Du doch für ein kleines, liebes Närrchen bist! Wie kann ich mich Deiner entledigen wollen, da ich Dich doch liebe!«

»O, Du könntest diese Liebe nur heucheln!«

»Fällt mir nicht ein! Und sodann brauche ich Dich so sehr nothwendig, denn ohne Dich brächte ich Tschita und Zykyma nicht fort.«

»Hm! Das ist wahr.«

»Also glaubst Du an mich?«

»Nun, es ist ein Wagniß, aber ich will es einmal versuchen.«

»Und mit Deinem Onkel sprechen?«

»Ja.«

»Aber sogleich?«

»Natürlich.«

»Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wenn die Kerls einmal von hier fort sind, bekommen wir sie nicht gleich wieder so schön in die Hände.«

»Ich werde sofort mit ihm reden.«

»Aber es wird sehr schwer halten, sie wieder in das Brunnenzimmer zu locken.«

»Das ist wahr; sie kennen ja die Gefährlichkeit desselben; aber vielleicht gelingt es uns doch. Es kommt darauf an, daß der Oheim sein Möglichstes thut.«

»Er mag es thun. Biete ihm Alles, was er will und wünscht.«

»Er wird wünschen bei mir bleiben zu dürfen.«

»Das kann er ja. Wenn Du mein Weibchen bist, soll er als Dein Verwandter hochgehalten werden!«

»Das werde ich ihm sagen, und ich hoffe, daß er auf unsere Absichten eingehen wird. Jetzt aber wollen wir uns sputen. Man wird vielleicht gar argwöhnisch geworden sein, denn wir sind zu lange hier unten gewesen. Nehmen wir also den Wein.«

Aber anstatt sich nach der rechten Ecke zu wenden, wie der Castellan gesagt hatte, trat sie in die linke, in welcher nur eine einzige Flasche lag.

»Nicht von dort, sondern von hier,« sagte der Pascha.

»Pst! Ich nehme diese Eine. Das giebt mir Veranlassung, mit dem Onkel hierher zurückzukehren, und dann dabei mit ihm zu sprechen.«

»Ah, Du Schlaue! Nun gut! Wenn Du dann mit ihm zurückkehrst, so gieb' mir ein Zeichen, ob er einverstanden ist.«

Sie stiegen nun mit ihrer einen Flasche nach oben. Der Agent blickte ihnen wegen ihres langen Ausbleibens finster entgegen und der Castellan zankte, scheinbar zornig:

»Wo bleibst Du denn so lange? Du konntest bereits dreimal wieder da sein!«

»Daran bist Du Schuld,« antwortete sie. »Wir haben so lange unter dem alten Gerümpel suchen müssen und doch endlich nur diese eine Flasche gefunden.«

»Was? Nur eine?«

Er nahm ihr die Flasche aus der Hand, sah dieselbe an und sagte:

»Die ist ja von links!«

»Nun ja!«

»Du sollst ja nach rechts gehen!«

»Da gab es keinen Wein.«

»Oho! Er liegt groß und breit in der Ecke.«

»Wir haben nichts gesehen. Da wirst Du wohl selbst einmal hinabgehen müssen.«

Das kam ihm natürlich recht sonderbar vor; aber ein bezeichnender, heimlicher Blick, der ihn aus ihrem Auge traf, sagte ihm, daß hier irgend eine Absicht vorliege, und so antwortete er:

»Nun, so komm'. Ich will Dir beweisen, daß Du blind gewesen bist.«

Er entfernte sich mit ihr, und der Pascha nahm bei den beiden Anderen Platz. Es dauerte eine kleine Weile, ehe die Beiden wiederkehrten. Und als sich endlich die Thür öffnete, war es Lina allein, welche eintrat. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck des Schreckes angenommen.

»Was ist? Was ist geschehen?« fragte der Pascha ängstlich.

»Sie sind nicht todt! Sie leben!«

»Wer denn?«

»Steinbach und die Anderen.«

»Wer sagt das denn?«

»Wir haben es gehört. Man vernimmt ihre Stimmen. Sie rufen um Hilfe.«

»Alle Teufel! Ist es wahr?«

»Ja. Als ich mit dem Oheim im Keller war, hörten wir es.«

»Aber wie ist das möglich? Sie müssen doch vollständig zerschmettert sein!«

»Vielleicht ist's nur Einer von ihnen, der während des Hinabstürzens an irgend Etwas hängen geblieben ist. Sie sollen kommen.«

»Gut, wir kommen. Gehen wir.«

Die Drei sprangen auf und folgten dem Mädchen. Unten an der Thür des Weinkellers angekommen, trat sie zur Seite, ließ den Derwisch und Schubert vorantreten und folgte langsam mit dem Pascha. Dieser benutzte diese Gelegenheit zu der leisen Frage:

»Nun, wie steht es?«

»Gut.«

»Will er?«

»Ja.«

»Wann?«

»Eben jetzt.«

»Sapperment! Also ist das mit dem Brunnen nicht wahr?«

»Nein. Der Onkel will sie hinablocken.«

»Vortrefflich! Aber werden sie dort auch eintreten wollen?«

»Gewiß. Er führt uns durch einen Gang, den wir noch gar nicht kennen. Das macht sie so irre, daß sie es gar nicht bemerken werden, wo sie sich befinden.«

»Ah, ein schlauer Kerl, dieser Castellan. Aber still! Sie hören es sonst.«

Sie standen jetzt in dem kleinen Weinkeller. Der Castellan war beschäftigt, einen Haufen Kartoffeln bei Seite zu räumen.

»Haben Sie es von Lina gehört?« fragte er.

»Ja. Eilen wir,« antwortete der Pascha. »Es muß Jemand von den Leuten noch leben. Wir müssen natürlich erfahren, wer es ist.«

Jetzt wurde eine kleine Fallthür da, wo die Kartoffeln gelegen hatten, sichtbar. Er nahm die Laterne zur Hand, öffnete die Thür und stieg eine kurze Treppe hinab. Der Pascha wollte ihm folgen, aber Lina ergriff ihn heimlich beim Arme und flüsterte ihm zu:

»Lass' ihn stets mit den beiden Anderen voran, sonst gelingt es nicht.«

In Folge dessen trat er zurück und ließ den Derwisch und den Agenten voransteigen, bevor er mit Lina folgte.

Sie befanden sich in einem niedrigen, stollenähnlichen Gange, welcher mit demjenigen Gange, der nach der Brunnenstube ging, auf gleichem Niveau lag, und in paralleler Richtung führte.

Nach einiger Zeit gab es links eine Thür, welche der Alte öffnete. Sie führte nach dem erwähnten Gange und mündete grad an derjenigen Stelle des Letzteren, wo sich die in das Brunnenzimmer befindliche Thür befand.

Der Agent und der Derwisch ahnten nicht, daß sie sich jetzt an einer Stelle befanden, wo sie bereits vorher gewesen waren. Es war ringsum dunkel und das Licht der Laterne leuchtete nicht weit.

Wie bereits erwähnt, hatte der Castellan vorher beide Thüren der Brunnenstube offen gelassen. Er mußte die beiden Genannten in dem Glauben erhalten, daß sie sich noch nicht an dem gefährlichen Orte befanden. Darum setzte er die Laterne zu Boden und schritt allein weiter, die vor ihm liegende Thür aufziehend, in die Brunnenstube hinein, schloß die gegenüberliegende zu und kehrte dann zurück.

»Ja,« sagte er, »man hört es da drinnen ganz deutlich. Es ruft Jemand um Hilfe.«

»Wo befinden wir uns denn?« fragte der Agent.

»Die Stube vor uns liegt neben dem Brunnen, ohne mit ihm verbunden zu sein,« erklärte der Alte. »Trotzdem hört man ganz deutlich rufen.«

»Das muß ich hören,« sagte der Derwisch.

»Ich auch,« stimmte der Agent bei.

Beide traten ein, um zu lauschen, und hörten auch Etwas: nämlich daß hinter ihnen die Thüre in das Schloß geworfen wurde und draußen dann ein lautes Hohngelächter erscholl.

»Donnerwetter! Was ist das?« rief der Agent.

»Ein Scherz jedenfalls,« antwortete der Derwisch.

»Aber ein sehr dummer. Macht auf!«

Auf diese laute Aufforderung wurde nicht die Thür, sondern aber die in derselben befindliche Klappe geöffnet und in derselben erschien das Gesicht des Paschas, vom Lichte der Laterne deutlich erleuchtet.

»Was schreien Sie denn so, meine Herren?« fragte er.

»Hinaus wollen wir!« antwortete der Agent.

»Warum denn? Befinden Sie sich nicht ganz wohl da drinnen?«

»Ach was! Lassen wir den Spaß! Machen Sie auf. Wir sind nicht hier herabgekommen, um unnöthigen Scherz zu treiben, sondern um die Rufe zu hören.«

»Die werden wir sogleich hören.«

»Wo?«

»Drinnen bei Euch.«

»Pah! Wir werden doch nicht etwa um Hilfe rufen!«

»Wer denn sonst?«

»Wir? Ach! Wo befinden wir uns?«

Es wurde ihm jetzt ganz unheimlich.

»Ahnen Sie das nicht?« fragte der Pascha.

»Neben der Brunnenstube.«

»Da irren Sie sich, mein Bester. Sie befinden sich in derselben selbst. Ueberzeugen Sie sich.«

Er hielt die Laterne an die Luke, so daß das Licht derselben hineinschien. Die Beiden dem Tode Geweihten stießen einen Schrei des Entsetzens aus.

»Hören Sie die Schreie?« fragte der Pascha lachend. »Jetzt werden Sie nicht mehr daran zweifeln, daß Zwei noch leben, welche auch da hinab müssen.«

»Um Gotteswillen, das ist doch nicht etwa ihr Ernst?« rief der Agent.

»Mein völligster Ernst.«

»Nein, nein! Es ist ein Spaß, aber ein sehr schlechter, den Ihr mit uns treibt!«

»Fällt uns gar nicht ein. Ihr seid zwei Zeugen meiner Thaten, welche ich verschwinden lassen muß. Wie die That, so der Lohn. Ihr habt diese Opfer hinabstürzen lassen und werdet ihnen folgen.«

»Pascha! Mensch! Sind Sie des Teufels?«

»Nein, sondern Sie werden in wenigen Augenblicken des Teufels sein.«

»Das ist nicht glaublich. Sie werden doch Ihren Verbündeten, Ihren Wohlthäter nicht morden!«

»Warum nicht? Es dient ja doch zu meiner Sicherheit.«

»Machen Sie ein Ende! Was Sie sagen ist nicht wahr. Meine Braut würde es unmöglich zugeben.«

»Ihre Braut? Sie haben keine.«

»Lina?«

»Nein. Lina ist nicht Ihre, sondern meine Braut. Ich habe mich vorhin im Keller mit ihr verlobt, und Sie werden die Hochzeitskosten mit dem Leben bezahlen.«

»Das ist nicht wahr; das glaube ich nicht. Lina, Lina, komm' her, rede selbst!«

Jetzt erschien das Gesicht der Polizistin an der Klappenöffnung.

»Was wollen Sie von mir, Herr Schubert?« fragte sie in gut getroffenem, kalt höhnischem Tone.

»Lass' uns heraus!«

»Das kann ich nicht.«

»Was, Du meine Geliebte, meine Verlobte!«

»Täuschen Sie sich nicht! Mit unserer Verlobung ist es aus.«

»Alle Teufel, Mädchen!«

»Es ist mir nie eingefallen, Ihre Frau zu werden. Sie sind ein Ungeheuer, vor welchem man nur Entsetzen fühlen kann. Ich habe Sie getäuscht. Wir haben Sie in diese Falle gelockt, in welcher Sie umkommen werden.«

Sie trat von der Luke zurück und sogleich erschien das Gesicht des Paschas wieder dort. Es hatte ein höllisches Aussehen, theils durch den Ausdruck der Schadenfreude und theils durch die Verwundung mit der Laterne. Er hatte noch nicht die Zeit gefunden, sich ordentlich verbinden zu können. Jetzt rief er herein:

»Also nun wissen Sie, woran Sie sind. Lina geht mit mir nach Constantinopel; Sie aber fahren in die Tiefe zu Ihren Opfern, denen Sie mit in den Tod geholfen haben.«

»O Himmel, mein Himmel! Gnade, Gnade!« brüllte er laut auf.

Erst jetzt erkannte er deutlich, daß von Scherz keine Rede sei, daß man ihn und den Derwisch im Gegentheile dem sicheren Tode geweiht habe. Er begann zu heulen und um Erbarmen zu wimmern. Da aber ergriff ihn der Derwisch am Arme und schleuderte ihn zur Seite.

»Feigling!« rief er ihm zu. »Was jammerst Du! Dieser Mensch da draußen hört nicht auf unser Bitten. Aber noch hat er uns nicht sicher. Pass' einmal auf!«

Er holte aus und rannte mit solcher Gewalt gegen die Thür, daß nicht nur sie, sondern sogar die Mauer zu beben schien. Das that er einige Male, doch vergeblich. Er vermochte nicht, die Thür aus ihren Angeln zu bringen.

Da schob der Pascha sein Gesicht wieder vor die Luke und lachte herein:

»Ah, der Wolf rennt gegen die Thür seines Käfigs! Aber er kann nicht hinaus. Karl, Du bist mir längst im Wege und ich danke Allah, daß er Dich in meine Hände gegeben hat. Du wärest doch früher oder später zum Verräther an mir geworden. So aber werde ich Dich los und Du erleidest die Strafe für alle Deine Missethaten!«

Der Derwisch zitterte noch vor Anstrengung und wohl ebenso vor Angst und Wuth. Sein Blick war stier nach der Luke gerichtet. Dort lag die einzige Möglichkeit der Rettung.

»Was meinst Du?« rief er. »Was bildest Du Dir ein? Allah hätte mich in Deine Hand gegeben? Nein! Du befindest Dich ganz im Gegentheile in meiner Gewalt. Das will ich Dir beweisen.«

Ein Griff durch die Luke: und er hatte den Pascha bei der Gurgel. Die Luke war groß genug, daß er beide Hände hindurchstecken konnte. Er schlang sie um den Hals des draußen Stehenden und drückte denselben mit solcher Gewalt zusammen, daß dem Pascha der Athem verging. Sein Gesicht wurde blau, und seine Augen traten weit aus ihren Höhlen.

»Hil – fe! Hil – – fe!« ächzte er mit dem Verluste des letzten Luftrestes seiner Lunge.

»Der Teufel soll Dir helfen!« schrie der Derwisch. »Nicht ich sterbe, sondern Du selbst sollst zur Hölle fahren. Ich halte mich selbst noch an Deiner Leiche so fest, daß ich nicht in die Tiefe stürzen kann!«

Er hielt wie ein Panther sein Opfer fest. Der Castellan griff zu, aber es gelang ihm nicht, die zusammengekrallten Finger von dem Halse des Pascha zu lösen. Er zog sein Taschenmesser, öffnete es und stach damit dem Wüthenden in die Hände, so daß dieser fahren lassen mußte.

Der Pascha war der Besinnungslosigkeit bereits sehr nahe gewesen. Er sank, sobald er aus der tödlichen Umkrallung befreit war, zu Boden nieder. Sein Grimm aber war doch noch größer als seine Schwäche. Obgleich er an allen Gliedern zitterte und kaum einen verständlichen Laut auszustoßen vermochte, rief er doch mit heiserer Stimme:

»Hinab, hinab mit den Hallunken!«

»Soll ich am Hebel drücken?« fragte der Castellan.

»Ja, ja, schnell!«

Der Alte ergriff den eisernen Arm und drückte. Drinnen in der Brunnenstube ertönten die Schreckens- und Entsetzensrufe der beiden scheinbar dem Tode Geweihten. Das riß den Pascha empor. Obgleich er halb todt vor Entsetzen über den Angriff des einstigen Derwisches war, wollte er sich doch nicht den Hochgenuß entgehen lassen, die zwei in die Tiefe stürzen zu sehen. Er raffte sich also auf und hielt das Gesicht an die Luke der Thür.

Er kam grad noch zur rechten Zeit, um zu sehen, daß sie nach unten verschwanden. Deutlich freilich sah er es nicht. Wäre das Brunnenzimmer erleuchtet gewesen, so hätte er bemerken müssen, daß der Derwisch und der Agent nicht jählings in die Tiefe stürzten, sondern daß der Boden langsam und stetig mit ihnen versank.

»Weg sind sie!« rief er aus. »Der Tod hat sie verschlungen und nun giebt es keinen Zeugen mehr gegen mich. Und recht ist ihnen geschehen, vollständig recht, denn es fehlte kaum ein Augenblick, so hätte der Mörder mich erdrosselt.«

»Ja,« schmunzelte der Alte, »wenn ich ihm nicht mit dem Messer in die Hand gestochen hätte, so wären Sie unbedingt verloren gewesen. Es war ihm sehr ernst damit.«

»Das habe ich gefühlt. Sie haben mich gerettet, und ich werde es nie vergessen, daß ich Ihnen mein Leben verdanke.«

»Ich hoffe es; ich hoffe es!«

»Nun, Sie können versichert sein, daß ich es Ihnen vergelte. Wie gut, daß Sie sofort auf Lina's Vorschlag eingegangen sind. Ich befürchtete ein Wenig, daß Sie sich weigern würden.«

»Ich wollte; aber was thut man nicht so einer Nichte zu Liebe. Jetzt ist's geschehen und nun wollen wir wieder nach oben.«

Er machte die Klappe zu und wendete sich in den Gang hinein. Der Pascha folgte mit Lina und begab sich mit derselben nach der Wohnung des Schließers. Dieser ging nicht mit. Er that, als ob er etwas im Hofe zu besorgen habe, ging aber nicht dorthin, sondern kehrte in den Gang zurück.

Natürlich war der Agent ebenso wie der Derwisch entsetzt gewesen, als der Boden unter ihnen zu sinken begann. Sie wußten den unvermeidlichen, grauenvollen Tod unter sich und stießen jene Schreckensrufe aus, welche gehört worden waren. Als sie aber im nächsten Moment bemerkten, daß die Diele sich nicht um ihren Durchmesser drehte, um sie abzuwerfen, sondern ganz grad und gleichmäßig sich senkte, verhielten sie sich ruhig.

Nach wenigen Secunden bereits hielt diese Bewegung auf. Der Boden unter ihnen stand fest.

»Was ist das?« fragte der Agent, indem neue Hoffnung ihn beseelte.

»Wir stürzen nicht!« sagte der Derwisch, ganz ebenso überrascht.

»Der alte Castellan muß es versehen haben.«

»Ja. Herrgott, wenn es eine Rettung gebe! Wo mögen wir uns befinden?«

»Wenn es nicht so stockdunkel wäre, könnten wir es sehen. Tasten wir einmal umher!«

»Ja, aber um Gotteswillen schnell, damit wir von dieser verdammten Diele herunter kommen. Ich fühle hier hüben bei mir nur die feuchte Mauer des Brunnens.«

»Ich auch. Doch – da ist eine Oeffnung, hoch und breit wie ein Gang. Kommen Sie, kommen Sie schnell!«

Der Andere folgte natürlich sofort dieser Aufforderung, um nicht mehr die grauenhafte Tiefe unter sich zu haben. Schubert betastete jetzt den Boden.

»Wir stehen auf Felsen,« sagte er. »Gott sei ewig Lob und Dank. Wir sind gerettet!«

»Noch nicht. Stürzen können wir allerdings nicht mehr; aber wer weiß, wo wir stecken. Wenn wir nicht heraus können, so müssen wir hier elend verschmachten.«

»Befühlen wir einmal die Umgebung.«

»Hätten wir doch Zündhölzer!«

»Die habe ich mit.«

»Nun, so leuchten Sie einmal umher!«

Es wurden mehrere Hölzchen nach einander angebrannt. Beim Scheine derselben bemerkten die Beiden, daß sie sich in einem sehr kurzen Gange befanden, welcher durch eine mit starkem Eisenblech beschlagene Thür verschlossen wurde. Zu beiden Seiten befand sich undurchdringliches Mauerwerk und hinter ihnen der Brunnen, über welchem die verrätherische Diele lag.

»Hier können wir nicht hinaus,« seufzte der Agent.

»Nein,« stimmte der Andere bei.

»Durch die Mauern zu kommen ist unmöglich!«

»Und durch die Thür ebenso.«

»Ist kein Schloß daran?«

»Nein. Ich habe das genau gesehen. Das Schloß oder der Riegel befindet sich nur außen.«

»Hätten wir nur ein Werkzeug zum Aufsprengen!«

»Es giebt keins. Höchstens unsere Taschenmesser.«

»Die nützen uns gar nichts. Wie wollen wir mit den schwachen Klingen durch das Eisen kommen und dann durch das dicke Holz?«

»So bleibt uns nur das Eine übrig, zu versuchen, ob wir die Thür nicht aufstoßen können. Stemmen wir uns doch einmal dagegen!«

Sie thaten es und strengten alle Kräfte an, jedoch vergeblich. Die Thür wich nicht um die Breite eines Haares. Sie versuchten es wieder und wieder, bis sie entkräftet ablassen mußten.

»Es geht nicht,« seufzte der Agent, indem er tief Athem holte.

»Nein, wir sind verloren. Wir stecken in einem Loche, aus welchem es kein Entrinnen giebt.«

»So wäre es weit besser, wir wären wirklich hinab gestürzt. Da wäre jetzt Alles vorbei.«

»Alle Teufel! Sollen wir hier elendiglich verhungern und verdurstend? Nein, nein und tausendmal nein! Versuchen wir unsere Kräfte noch einmal!«

Sie strengten sich an, daß ihnen die Adern zu platzen drohten, aber ohne Erfolg.

»Es hilft nichts, es hilft nichts!« sagte der Agent, indem er vor Anstrengung und innerlicher Erregung an allen Gliedern zitterte. Wir sind eben verloren.«

»Verloren!« ächzte der Derwisch, indem er sich müd und verzweifelt auf die kalten Steine niedersetzte.

»Dieser Hund von einem Pascha!«

»Ja, ein Hund ist er. O, noch etwas viel, viel Schlimmeres!«

»So ein Schuft! Uns zu verderben, uns, seine besten Freunde!«

»Die wir ihm geholfen haben!«

»Ah, hätte ich ihn da! Ich würde ihn zerreißen, daß kein Glied an dem andern bliebe!«

»Er wäre nichts Anderes werth. Warum aber hat er es gethan?«

»Das fragen Sie auch noch?«

»Natürlich!«

»Aus Geiz und aus Berechnung. Um uns nicht bezahlen, um Sie nicht mit nach der Türkei nehmen und dort unterhalten zu müssen, hat er uns dem Tode geweiht. Und der zweite Grund ist, daß er uns nun als Zeugen seiner Schandthaten los geworden ist.«

»Schuft und dreimal Schuft!«

Der Agent hörte das laute Zähneknirschen seines Unglücksgefährten. Er fuhr fort:

»Aber nicht nur nach dem Leben trachtet er uns, sondern auch nach Anderem. Er hat meine Braut gegen mich aufgehetzt.«

»Gehen Sie mir mit dieser Braut!«

»Warum?«

»Weil sie ebenso schlecht und falsch ist wie die Anderen. Sie hat ja auch geholfen, uns hier in die Falle zu locken.«

»Das ist richtig. So eine Schlechtigkeit!«

»O, vielleicht ist das Alles längst verabredet gewesen. Wußten Sie denn genau, daß Sie von ihr geliebt wurden?«

»Natürlich!«

»Hm! Seit wie lange kennen Sie sie?«

»Na, freilich seit wenigen Tagen erst.«

»Nicht länger?«

»Nein.«

»Und da lassen Sie sich vormachen, daß sie in Sie verliebt sei?«

»Donnerwetter! Warum sollte sie es denn wohl nicht sein?«

»Weil – weil – na, ist sie hübsch oder nicht?«

»Reizend sogar!«

»Und ziemlich jung!«

»Gegen mich ist sie sehr jung.«

»Und meinen Sie etwa, daß Sie so sehr hervorragende Eigenschaften besitzen, in Ihren Jahren so ein Mädchen so außerordentlich schnell an sich zu fesseln?«

»Hm!« brummte der Agent.

»Ich glaube an diese Liebe nicht.«

»Sie meinen, daß sie geheuchelt habe?«

»Ja. Sie hat sich verstellt, um Sie in das Verderben zu locken.«

»Alle Teufel! Was hätte sie davon?«

»Was Sie gehört und gesehen haben. Sie wird mit dem Pascha nach Constantinopel gehen, um dort herrlich und in Freuden zu leben.«

»Dann mag sie der Teufel holen!«

»Was nützt es uns, wenn er das thut? Ehe er sie bekommt, hat er uns. Wir werden in fünf oder sechs Tagen verschmachtet sein.«

»Verdammt angenehme Aussicht!«

»Und ihr Oheim ist ein ebenso großer Schuft. Hätte er sich nicht dazu hergegeben, hätte er sich geweigert, so stäcken wir nicht hier.«

»Wer konnte das dem ehrlichen Gesichte dieses alten Heuchlers zutrauen!«

»Wer? Wir natürlich, wenn wir nämlich nicht geradezu verblendet gewesen wären. Sie waren vor Liebe blind, und ich – nun, ich weiß wirklich nicht, wo ich meine Augen und meine Gedanken gehabt habe. Dieser Castellan gab sich dazu her, so viele Personen zu tödten; da lag doch der Gedanke nahe, daß ihm nicht zu trauen sei.«

»Richtig! Wenn ich es mir genau überlege, so könnte ich mich beohrfeigen.«

»Das unterlassen Sie gefälligst. Eine solche Selbstbestrafung wäre zwar sehr wohl verdient, aber sie kann weder Ihnen noch mir etwas helfen. Strengen wir uns lieber an, ein Rettungsmittel zu finden.«

»Es giebt keins, und wenn wir uns das Gehirn zerdenken.«

»Vielleicht doch!«

»Nein, nein!«

»O, ich verzweifle noch nicht. Ich habe mich während meines vielbewegten Lebens in Lagen befunden, welche noch schlimmer als die jetzige waren, und mich doch immer herausgewunden.«

»Hier ist jede Hoffnung vergebens.«

»Nun, selbst wenn Sie Recht haben sollten, so fällt es mir doch nicht ein, hier langsam zu verschmachten.«

»Ich wüßte nicht, was Sie dagegen thun könnten.«

»Sehr einfach: Ich habe meinen Revolver in der Tasche. Ehe ich langsam und qualvoll dahinsterbe, jage ich mir eine Kugel durch den Kopf. Und dann steht die Waffe auch Ihnen zur Verfügung.«

»Danke sehr! Ich bin niemals ein Bewunderer des Selbstmordes gewesen.«

»Ganz nach Ihrem Gefallen. Ich liebe es auch nicht, mich selbst umzubringen; darauf können Sie sich verlassen. Und wenn ich den Lauf gegen meine eigene Stirn richte, so muß ich fest überzeugt sein, daß es wirklich keine Rettung für mich giebt. Jetzt denke ich noch lange nicht daran. Jetzt haben wir noch Zeit zum Nachdenken.«

»Es wird zu nichts führen!«

»Vielleicht doch. Wir sind noch zu aufgeregt. Lassen Sie uns erst ruhig werden.«

»Der Teufel soll ruhig bleiben, wenn man von allen Seiten den Tod gähnen sieht!«

»Nun, so schlimm ist es doch wohl noch nicht. Wir müssen nur systematisch verfahren, wenn mir uns unsere Lage überlegen. Durch die Thür ist nicht zu kommen. Das ist sicher.«

»So meine ich auch.«

»Durch die Wände auch nicht.«

»Nein. Sie sind zu stark.«

»So giebt es nur eine einzige Richtung, in welcher wir die Rettung suchen müssen.«

»Welche?«

»Der Brunnen da hinter uns.«

»Danke sehr! Ich will nicht zerschellen!«

»Pah! Wenn wir dem Tode geweiht sind, so wird unsere Lage dadurch, daß wir etwas wagen, nicht gefährlicher. Sie sitzen weiter vorn. Fühlen Sie einmal hin, ob dieser verteufelte Vexirboden noch da ist.«

Der Agent folgte dieser Aufforderung und meldete:

»Er ist noch da.«

»Schön! So sind wir noch nicht verloren.«

»Wieso?«

»Das fragen Sie noch? Meinen Sie, daß der Kastellan diese Diele für immer und ewig hier unten lassen werde?«

»Schwerlich.«

»Nun also!«

*

108

»Ah! Ich glaube, Sie zu begreifen.«

»Es ist gar kein Kunststück, das zu begreifen. Er wird den Boden wieder aufsteigen lassen. Wenn wir uns dann daraufstellen, kommen wir in aller Gemüthlichkeit wieder hinauf.«

»Um uns von ihm dann doch desto sicherer herabstürzen zu lassen.«

»O nein. Er hält uns ja für todt.«

»Er wird aber sehen, daß wir leben.«

»Nein. Er wird uns nicht eher sehen, als bis es für ihn zu spät ist.«

»Was hilft es uns denn, wenn wir auch wirklich wieder emporgezogen werden? Wir befinden uns dann in der Brunnenstube, welche ebenso fest verschlossen ist wie dieses verdammte Loch, und können ebenso wenig heraus wie wir hier.«

»Das möchte ich doch bezweifeln.«

»Wie anders sollte es denn sein?«

»Nun, der Alte hält uns für todt. Er ahnt nicht, daß sein Mechanismus ihn dieses Mal im Stiche gelassen hat. Er wird also den Boden wieder nach oben gehen lassen. Wir sitzen auf demselben und verhalten uns ganz mäuschenstill. Es sollte mich sehr wundern, wenn er nicht die Thür öffnete, um zu sehen, ob Alles wieder in Ordnung ist. Dann springen wir auf ihn ein und hauen ihn nieder.«

»Derwisch, dieser Gedanke ist nicht schlecht!«

»Nicht wahr?«

»Ja. Ich beginne, wieder aufzuleben.«

»Sie sehen, daß man selbst in der tiefsten Noth und in der größten Gefahr die Hoffnung festhalten darf.«

»Aber es fragt sich nur, ob er bald auf den guten Gedanken kommen wird. Vielleicht vergehen Tage, ehe es geschieht.«

»O nein. Ich möchte darauf schwören, daß es noch heut, ja, daß es in sehr kurzer Zeit geschehen wird.«

»Haben Sie einen Grund zu dieser Annahme?«

»Einen sehr triftigen.«

»Welchen?«

»Dieser Grund heißt Tschita und Zykyma.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Wirklich nicht? Und Sie wollen ein hoher Polizeibeamter gewesen sein? Hm!«

»Wer kann alle Gedanken errathen!«

»Niemand; das ist wahr. Aber auf eine so ganz nahe liegende Idee ist doch sehr leicht zu kommen. Der Pascha wird natürlich darauf brennen, den beiden Frauen zu sagen, was für ein Ende ihre Gesellschaft gefunden hat.«

»Ah, meinen Sie so!«

»Ja. Er wird sie peinigen wollen, indem er ihnen den Brunnen zeigt. Er wird sie herführen, und da werden natürlich oben über uns die Thüren geöffnet werden. Bei dieser Gelegenheit kommen wir hinaus.«

»Richtig, richtig! Das ist wahr!« jubelte der Agent laut auf.

»Still, still! Man könnte uns hören. Sie können ja sehr leicht schon nahe sein, und wenn sie uns sprechen hörten, so wären wir verloren.«

»Ah, welche Wollust, wenn wir wieder frei kommen könnten!«

»Mit welcher Gewalt würde ich mich auf den Pascha stürzen!«

»Und ich mich auf den Castellan!«

»Ich erwürgte ihn!«

»Ich den Alten auch.«

»Ja – doch nein! Ich würde ihn nur niederschlagen, so daß er die Besinnung verlöre, und Sie müßten es mit dem Alten auch so thun.«

»Warum?«

»Sie sind wirklich sehr schwer von Begriffen! Diese beiden Kerls müßten ganz desselben Todes sterben, den wir sterben sollen.«

»Ah!«

»Ja. Sie müßten in den Brunnen hinab!«

»Welch ein Gedanke!«

»Ein sehr nahe liegender. Das wäre eine Rache!«

»Wie hätten wir das anzufangen?«

»O, das ist doch ungeheuer leicht und einfach. Sie haben keine Ahnung, daß wir noch leben, und werden in Folge dessen von unserem Ueberfalle so überrumpelt, daß sie gar nicht Zeit finden, an Gegenwehr zu denken. Wir fassen sie beim Halse und drücken ihnen denselben so fest zusammen, daß sie bewußtlos werden.«

»Hm! Die Frauen sind dabei!«

»Die werden sich hüten, ihnen zu helfen!«

»Auch Lina nicht?«

»Die – ja, diese wäre freilich im Stande, zuzugreifen, aber ein tüchtiger Hieb mit der Faust oder ein kräftiger Tritt mit dem Beine macht uns frei von ihr. Dann werfen wir die beiden Kerls auf den beweglichen Boden und schließen sie in der Brunnenstube ein. Wenn sie dann erwachen, befinden sie sich ganz in derselben Lage, wie vorhin wir.«

»Ja, das ist richtig. Sie stecken in der Stube, und wir stehen draußen am Hebel – –«

»Und gucken durch die Klappe zu ihnen herein. Dann aber sollen sie noch mehr und noch viel, viel länger gepeinigt werden, als sie uns gepeinigt haben. Sie sollen tagelang über dem Brunnen stehen und jeden Augenblick gewärtig sein, in die Tiefe sinken zu müssen!«

»Und Lina, sie soll tausendfache Angst um ihren Oheim ausstehen müssen.«

»Nur um ihn? Nicht auch um sich?«

»Warum um sich?«

»Weil sie auch mit herab muß.«

»Donnerwetter!« meinte Schubert erschrocken.

»Oder etwa nicht?«

»Hm! Es wäre doch zu grausam!«

»Pah! Ich glaube gar, Sie bedauern sie!«

»Sie ist so schön!«

»Aber ebenso schlecht!«

»Recht haben Sie eigentlich.«

»Sie hat mit geholfen, uns dem Tode zu überliefern. Jetzt soll sie ganz dasselbe Schicksal haben. Das ist nichts als eine ganz gerechte und wohlverdiente Strafe. Ich kann es nicht zugeben, daß Sie aus schwächlichem Bedauern eine Dummheit begehen, welche uns theuer zu stehen kommen könnte.«

»Sie meinen, daß es uns schaden würde, wenn sie leben bliebe?«

»Natürlich! Sie würde Alles verrathen.«

»Wenn wir ihr einen Eid abnähmen – –«

»Unsinn! Was ist in den Augen einer solchen Hexe ein Eid!«

»Ja, wenn ich es nur recht überlege, so hat sie miserabel an mir gehandelt. Sie verdient keine Nachsicht.«

»Also weg mit ihr! Nicht?«

»Meinetwegen! Ich habe nichts dagegen. Wäre sie nicht treulos gegen mich gewesen!«

»Ihr schönes Gesicht geht uns gar nichts an. Die Klugheit verbietet es uns, eine Zeugin leben zu lassen.«

»Aber Tschita und Zykyma bleiben doch leben!«

»Meinen Sie?«

»Nun – etwa nicht?«

»Nein.«

»Sapperment! Auch diese sollen mit hinabgestürzt werden?«

»Das versteht sich ganz von selbst. Was mache ich mir aus diesen elenden Frauenzimmern! Sie müssen alle dran! Es darf keine die Ruine wieder verlassen. Nur auf diese Weise sind wir ganz sicher.«

»Recht haben Sie, sehr Recht!«

»Nicht wahr? Wir sperren alle Fünf in die Brunnenstube ein. Da können wir sie mehrere Tage lang den Tod erwarten lassen. Wir sind die alleinigen Herren der Situation, und Niemand wird uns stören.«

»Vielleicht doch. Man wird jedenfalls nach ihnen suchen.«

»Aber nichts finden. Die Wohnung des Castellanes schließen wir zu und kleben einen Zettel an seine Thür, auf welchem die Bemerkung steht, daß er für einige Zeit verreist sei. Da wird Jedermann denken, daß dieses alte Schloß für diese Zeit vollständig leer und verlassen sei. Wir aber stecken hier unten und laben uns an der Todesangst unserer Opfer.«

»So mag es gehen!«

»Ja. Ich kann es kaum erwarten, bis die Kerls oben kommen.«

»Da dürfen wir aber nicht hier sitzen bleiben.«

»Warum nicht?«

»Weil sonst der Vexirboden ohne uns in die Höhe gehen könnte.«

»Sie meinen, daß wir uns bereits jetzt daraufstellen sollen?«

»Ja.«

»Das ist nicht nothwendig. Ich traue den Brettern doch nicht recht. Es bleibt uns jedenfalls genügend Zeit dazu. Sobald wir hören, daß Jemand oben ist, stellen nur uns darauf.«

»Gut, wollen hoffen, daß es gelingt!«

»O, der Teufel verläßt Keinen, der ihm vertraut! Wir werden frei sein. Ich schwöre darauf.«

»Gut! Aber was dann?«

»Was dann? Sie thun, was Ihnen beliebt, und ich mache mich schleunigst davon.«

»Da ist es nur jammerschade um Eins.«

»Um was?«

»Daß wir das schöne Geld verlieren.«

»Welches der Pascha einstecken hat?«

»Ja.«

»Unsinn! Es fällt mir gar nicht ein, es mit in die Tiefe stürzen zu lassen. Wenn ich daran denke, wie viel Geld Steinbach, der Lord und alle Andern bei sich gehabt haben werden, die Uhren und Ringe gar nicht gerechnet, so möchte ich das Blaue vom Himmel herunterfluchen. Aber was hilft der Aerger? Es ist doch Alles verloren. Darum soll wenigstens das gerettet werden, was der Pascha bei sich hat. Wir räumen ihm die Taschen aus, während er ohne Besinnung ist.«

»Wer weiß, ob er Alles bei sich hat!«

»Warum nicht? So viel ich ihn kenne, trägt er auf Reisen stets sein ganzes Geld bei sich auf dem Körper.«

»Er kann aber noch sehr viel mehr im Gasthofe haben.«

»Das müßten wir leider dort lassen, denn wir können es nicht bekommen.«

»Warum nicht?«

»Wie wollten Sie es anfangen?«

»Weiß nicht.«

»Ich auch nicht. Ich werde von der Polizei gesucht und darf mich am Allerwenigsten öffentlich in einem Hotel sehen lassen. Und Sie – – wie wollten Sie es anfangen, die Effecten des Pascha ausgehändigt zu erhalten?«

»Hm! Vielleicht wäre es zu ermöglichen.«

»Auf welche Weise?«

»Indem ich mich für seinen Beauftragten ausgebe.«

»Wird man Ihnen glauben?«

»Warum nicht?«

»Man wird Beweise verlangen.«

»Schwerlich. Man kennt mich ja genug als Badegast, und Jedermann weiß, daß ich Polizeibeamter gewesen bin. Man hat also keine Veranlassung, mich mit Mißtrauen zu beleidigen.«

»Was wollen Sie denn sagen?«

»Ich schütze das Duell vor.«

»Welches?«

»Zwischen dem Pascha und dem Lord. Der Pascha hat die Stadt heimlich verlassen, um sich durch seine schnelle Entfernung aus dieser Affaire zu ziehen. Ich habe ihn in der Residenz getroffen, und da er mich kennt, hat er mich gebeten, ihm seine Effecten zu besorgen.«

»Möglich, daß man es Ihnen glaubt!«

»Es ist nicht möglich, sondern gewiß. Ich erhalte die Sachen ausgehändigt und schaffe sie wirklich nach der Residenz, um etwaige Aufpasser irre zu führen. Dann theilen wir.«

»Wen meinen Sie unter diesem Wir?«

»Sie und mich natürlich!«

»Bin Ihnen sehr verbunden, glaube aber leider nicht daran.«

»Warum?«

»Weil ich Ihnen nicht traue.«

»Donnerwetter!«

»Bitte, ereifern Sie sich nicht! Ich bin ein Spitzbube, und Sie sind auch einer. Daß solche Leute einander nicht weiter trauen dürfen, als sie sehen, das haben wir erst wieder vorhin erfahren. Theilen Sie mit – mit – nun, mit sich selbst! Wenn Sie die Effecten haben, wird es Ihnen nicht einfallen, mir etwas davon zu geben.«

»Herr, da kennen Sie mich schlecht!« sagte der Agent mit Emphase.

»Pah! Auch angenommen, Sie hätten den guten Willen, wo wollten wir uns treffen?«

»Nun, eben in der Residenz.«

»Sehr schön! Sie wissen aber recht gut, daß ich es nicht wagen darf, dorthin zu gehen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich verfolgt werde.«

»Denken Sie an Ihre Verkleidung!«

»Die taugt nichts.«

»O, sie ist sehr gut.«

»Für diese Ruine, ja. Aber wenn ich mich so, wie ich jetzt bin, auf die Bahn wogen wollte, wäre ich verloren. Sie wissen das ebenso genau wie ich, und darum können Sie gut davon sprechen, daß wir theilen wollen.«

»Ich meine es wirklich ehrlich!«

»Na, ich will Ihnen den Gefallen thun und es glauben, aber wegen Ihrer Theilung begebe ich mich nicht in Gefahr. Machen wir es anders. Theilen wir auf andere Weise!«

»Wie denn?«

»Ich nehme das, was der Pascha bei sich trägt, und Sie bekommen seine Effecten.«

»Da mache ich nicht mit.«

»Warum nicht?««

»Wie nun, wenn er sein ganzes Geld bei sich trüge? Dann käme ich schlecht weg.«

»Und wenn er nichts bei sich hat, so bin ich es, der schlecht wegkommt. Das muß eben riskirt werden.«

»Denken Sie nur an den einen Ring, den er trägt! Er ist ein echter Diamant.«

»Ich will Ihnen den guten Rath geben, jetzt noch nicht an sein Geld und seine Ringe zu denken, denn wir haben ja ihn selbst noch nicht, und sodann – – horch,« unterbrach er sich. »Hörten Sie etwas?«

»Ja,« antwortete Schubert, indem auch er lauschte.

»Es war mir, als hörte ich etwas.«

»Mir auch.«

»Aber wo? Es war nicht zu unterscheiden.«

»Ich meine, es war über uns. Horch!«

Es drang ein leises, schrilles Geräusch zu ihnen herab, wie wenn ein Schlüssel im Schlosse gedreht wird.

»Sie kommen oben,« flüsterte der Agent.

»Ja, jetzt höre ich es auch.«

»Da müssen wir uns schleunigst auf die Diele stellen.«

Er erhob sich.

»Noch nicht,« warnte der Derwisch. »Warten wir noch. Wollen erst hören, was vielleicht gesprochen wird.«

Auch er stand auf und trat bis an den Innenrand des Brunnens vor, um in die Höhe zu blicken. Oben erschien eine Laterne, mit welcher herabgeleuchtet wurde.

»Herr Schubert!« hörten sie die Stimme des Castellans rufen.

»Donnerwetter!« flüsterte der Genannte. »Er ruft mich!«

»Ja, ich hörte es auch.«

»Es ist der Castellan?«

»Wie es scheint.«

»Soll ich antworten?«

»Nein.«

»Herr Schubert!« klang es von Neuem und dieses Mal lauter von oben herab.

»Wieder! Ich möchte doch antworten!«

»Um Gotteswillen nicht!«

»Meinen Sie?«

»Ja. Er will nur probiren, ob wir auch wirklich todt sind. Wenn Sie antworten, sind wir verloren.«

»Derwisch, Derwisch!« rief der Alte.

»Jetzt meint er Sie,« flüsterte Schubert.

»Jawohl! Ich werde mich aber hüten, auf diesen Leim zu gehen.«

»Derwisch, Schubert! Antworten Sie doch!«

Sie schwiegen auch auf diesen doppelten Zuruf. Darum sagte der Alte

»Sie können mir getrost antworten. Ich weiß, daß Sie leben.«

»Nur still, still!« warnte der Derwisch.

»Ich weiß, wo Sie sich befinden, hier unter mir. Ich sollte Sie hinabstürzen lassen, habe es aber nicht gethan. Ich ließ den Boden nur ein Stück hinab und will Sie jetzt wieder frei machen. Treten Sie darauf; ich lasse ihn emporsteigen.«

»Kein Wort!« flüsterte der Derwisch. »Er will uns nur in Versuchung führen.«

»Vielleicht doch nicht.«

»Jedenfalls!«

»O nein. Der Boden ist hier halten geblieben. Wir haben geglaubt, daß dies die Folge eines Versehens sei; ich glaube es aber nun selbst, daß es der Alte so beabsichtigt hat.«

»Hm! Möglich wäre es.«

»Also antworten wir ihm getrost.«

»Warten wir noch!«

»Er wird die Geduld verlieren!«

»Schwerlich, wenn er es nämlich ernstlich meint. Wenn er wirklich weiß, daß wir noch leben, so giebt er keine Ruhe, bis wir antworten.«

Dies war auch wirklich der Fall, denn der Alte ließ sich wieder hören:

»So reden Sie doch! Sagen Sie nur ein Wort!«

»Ich glaube an ihn. Soll ich reden?« fragte der Agent.

»Nein. Ich selbst will es thun.«

Und sich mit dem Kopfe vorbeugend, daß er emporschauen konnte, rief er hinauf:

»Wer ist oben?«

»Ich, der Castellan.«

»Dachte es. Was wollen Sie?«

»Ich will Sie herausholen. Treten Sie doch auf die Diele!«

»Danke sehr! Fällt mir nicht ein!«

»Warum nicht?«

»Damit Sie etwa ausführen können, was Ihnen vorhin nicht gelungen ist?«

»Was denn?«

»Uns hinabstürzen.«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Fällt Ihnen schon ein. Sie haben es ja bewiesen.«

»Nein. Ich sollte Sie zerschmettern, aber ich habe es nicht gethan.«

»Aus Versehen!«

»Aus Absicht!«

»Das machen Sie mir nicht weiß!«

»Aber zum Teufel, so glauben Sie es doch!«

»Ich glaube es nicht.«

»Würde ich kommen und Sie rufen, wenn ich Sie für todt hielte?«

»Vielleicht nicht.«

»Und daß Sie nicht todt sind, das lag in meiner Absicht.«

»Also wollen Sie uns wirklich retten?«

»Ja.«

»Durch diese verfluchte Diele?«

»Ja.«

»Warum denn auf diesem Wege?«

»Weil er der schnellste und auch der bequemste ist.«

»Danke für diese Art von Bequemlichkeit! Ich trete nicht wieder auf diese verdammten Bretter.«

»Sie sind ganz sicher!«

»Meinetwegen. Kennen Sie die Thür hier unten bei uns?«

»Ja.«

»Können Sie herab zu uns?«

»Ja, auf der Treppe.«

»Haben Sie den Schlüssel zu dieser Thüre auch bei sich?«

»Ja.«

»So kommen Sie herab, um zu öffnen, wenn Sie es ehrlich meinen.«

»Wenn es Ihnen lieber ist, dann gut!«

»Natürlich ists mir lieber. Ich sehe nicht ein, warum ich noch einmal über dem Brunnen schweben soll, wenn es einen sichern und festen Weg hinauf giebt.«

»So warten Sie; ich komme.«

Die Laterne verschwand oben.

»Herrgott,« sagte der Agent, tief Athem holend, »sollte er die Wahrheit sagen?«

»Jetzt glaube ich es fast.«

»Uns retten wollen?«

»Ja.«

»Welch ein Glück! Welche Freude!«

»Jawohl! Vor wenig Secunden glaubten wir nur noch an den Tod, sehen also, daß man wirklich niemals verzweifeln soll.«

»Aber ob er es auch ernstlich ehrlich meint?«

»Ich denke es.«

»Vielleicht lockt er uns nur in eine abermalige Falle.«

»Das befürchte ich nicht, denn eine bessere Falle als diejenige, in welcher wir uns jetzt befinden, kann es gar nicht geben.«

»So meinen Sie also wirklich, daß er ehrlich ist?«

»Ich glaube ihm jetzt ebenso, wie ich ihm vorhin mißtraute.«

»Dann wäre auch Lina ehrlich?«

»Wahrscheinlich.«

»Sapperment! Aber warum dann dieses furchtbare Spiel mit uns?«

»Um den Pascha zu täuschen.«

»Hm! Das konnte doch auf eine ganz andere Weise – Horch, er kommt!«

Es wurde draußen ein Schlüssel angesteckt, und dann öffnete der Castellan die Thür.

»Kommen Sie heraus!« sagte er, indem er hineinleuchtete.

»Sind Sie allein?« fragte der Derwisch in vorsichtiger Weise.

»Ja.«

»Bitte, leuchten Sie einmal um sich!«

»Hier, sehen Sie!«

Er leuchtete mit der Laterne draußen umher, und der noch innerhalb der Thür stehende Derwisch überzeugte sich, daß sich der Alte wirklich ganz allein befand. Nun erst hatte er völliges Vertrauen, trat mit dem Agenten hinaus und sagte:

»Aber, zum Teufel, Mann, was fällt Ihnen denn eigentlich ein, uns in einen solchen Schreck zu versetzen!«

»Kann ich dafür?« gegenfragte der Castellan.

»Natürlich!«

»Nein!«

»Der Pascha wollte uns ermorden.«

»Ja.«

»So brauchten Sie nicht darauf einzugehen.«

»Das wäre Dummheit gewesen.«

»Wieso?«

»Er hätte Sie auf andere Weise und später umgebracht.«

»So konnten Sie uns warnen.«

»Hätten Sie mir geglaubt?«

»Vielleicht.«

»Vielleicht aber auch nicht. So aber habe ich Ihnen den Beweis geliefert, daß er Sie los werden will.«

»Uns alle Beide?«

»Ja.«

»Oder war es nur ein Zufall, daß wir Beide in die Lage kamen, die nur für Einen von uns berechnet war?«

»Es galt Beiden.«

»Donnerwetter! Das soll er büßen! Wir haben natürlich einen fürchterlichen Schreck gehabt.«

»Das läßt sich denken!«

»Gar nicht beschreiben!«

»Nun, so können Sie sich eine Vorstellung machen, wie Diejenigen erschrocken sind, welche wir vorhin hinabspedirten.«

»Ja. Ich beneide sie gar nicht drum. Aber ihr Ende war ein schnelles, während wir eine volle halbe Stunde lang die Angst eines entsetzlichen Todes ausgestanden haben.«

»Na, glücklicher Weise sind Sie nicht an dieser Angst gestorben,« lächelte der Castellan.

»Nein. Aber umsonst wollen wir sie nicht gehabt haben. Nicht wahr, Herr Schubert?«

»Natürlich!« antwortete der Gefragte. »Wo ist der Pascha?«

»Droben in meiner Wohnung.«

»Allein?«

»Nein.«

»So ist Lina bei ihm?«

»Ja.«

»Wozu? Weshalb? Ist sie vielleicht wirklich einverstanden mit ihm?«

»Fällt ihr nicht ein.«

»Sie sagte es doch!«

»Nur zum Scheine, um ihn zu täuschen und sicher zu machen.«

»So ist sie mir also treu?«

»Zweifeln Sie daran?«

»Jetzt nicht mehr. Aber dieser verfluchte Schuft soll es büßen, daß er uns verderben wollte! Denkt er, daß wir todt sind?«

»Natürlich.«

»Er hat keine, auch gar keine Ahnung, daß wir leben?«

»Nicht die mindeste. Er würde hundert Eide darauf schwören, daß Sie todt sind.«

»So soll er sich entsetzen, wenn er uns erblickt. Führen Sie uns sofort zu ihm!«

»Gern. Kommen Sie!«

Er schritt ihnen voran, und sie folgten ihm. Als sie aus dem Gange in den Flur gelangt waren, geleitete er sie nicht zu der nach seiner Wohnung führenden Treppe hinauf, sondern er öffnete eine Stubenthür und bat sie, einzutreten.

»Warum hier?« fragte der Derwisch. »Ich denke, der Pascha ist oben bei Ihnen?«

»Allerdings; aber ich möchte seinen Schreck verdoppeln.«

»Wieso?«

»Er wünscht, diesen Theil des alten Schlosses kennen zu lernen, und ich habe versprochen, ihn jetzt herzuführen. Bei dieser Gelegenheit soll er Sie sehen und fürchterlich erschrecken.«

»So kommen Sie! Uns kann es ganz gleich sein, wo wir mit ihm zusammentreffen.«

Sie schritten durch eine ziemlich lange Stubenreihe, welche ganz verödet war. Kein einziges Möbel war da zu sehen, bis sie endlich in einen Raum kamen, in welchem ein Tisch mit mehreren Stühlen stand.

»Nehmen Sie hier Platz!« sagte der Castellan. »Ich werde ihn baldigst bringen.«

Der Derwisch hegte doch noch nicht ein ganz zweifelloses Vertrauen. Er blickte sich vorsichtig um und stampfte sogar mit dem Fuße auf den Boden, um zu hören, ob derselbe vielleicht hohl klinge.

»Hören Sie, Sie führen uns doch nicht etwa abermals aufs Eis?« fragte er.

»Fällt mir nicht ein!«

»Hm! Man kann sich hier in dieser Ruine gar nicht genug in Acht nehmen. Es giebt da allerhand gefährliche Heimlichkeiten.«

»Hier sind Sie sicher.«

»Will es hoffen! Es würde dieses Mal Ihr eigener Schade sein, wenn Sie beabsichtigen, uns zu betrügen!«

»Pah! Wenn ich Sie verderben wollte, so brauchte ich Sie doch nur in den Brunnen stürzen zu lassen. Daß ich dies nicht gethan und Sie glücklich wieder heraufgeholt habe, muß Ihnen doch ein Beweis sein, daß ich es besser mit Ihnen meine als der Pascha.«

»Ich möchte es Ihnen glauben. Also gehen Sie und bringen Sie uns den Hallunken her!«

Als der Schließer diese Aufforderung befolgen wollte, wurde er von dem Agenten noch befragt:

»Kommt Lina mit?«

»Soll sie?«

»Ja. Sie weiß natürlich, daß wir noch leben?«

»Ja.«

»Und daß wir uns hier befinden?«

»Auch das.«

»So lassen Sie nur dem Pascha unterwegs nicht ahnen, daß wir noch nicht gestorben sind! Wir wollen seinen Schreck aus erster Hand sehen.«

»Sie werden sich natürlich an ihm rächen?«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Auf welche Weise?«

»Müssen Sie das wissen?«

»Es wäre mir sehr lieb, es zu erfahren.«

»So will ich Ihnen sagen, daß wir noch nicht darüber nachgedacht haben. Jedenfalls aber wird er seinen Streich mit dem Leben bezahlen müssen.«

»Sie wollen ihn tödten?«

»Versteht sich!«

»Auf welche Weise?«

»Wahrscheinlich auf ganz dieselbe Weise, auf welche er uns umbringen wollte.«

»Ein Sturz in den Brunnen?«

»Ja.«

»Hm!«

»Was brummen Sie? Sind Sie nicht einverstanden damit?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Sie wissen ja, was ich von ihm erwarte. Wie kann er mir für die ihm geleisteten Dienste dankbar sein, wenn wir ihn in der Tiefe zerschmettern lassen?«

»Da ists allerdings sofort aus mit den Erwartungen, welche Sie zu hegen scheinen. Aber glauben Sie denn, daß er Ihnen wirklich dankbar sein wird, wenn wir ihn leben lassen?«

»Ich hoffe es.«

»Lassen Sie diese Hoffnung getrost fahren! Er hält nicht Wort.«.

»O doch!«

»Nein. Hat er etwa uns Wort gehalten?«

»Das ist etwas Anderes. Er wollte Sie gern los werden.«

»Ebenso gern wird er auch Sie los werden wollen. Es liegt ganz in seinem Interesse, keine Zeugen seiner Thaten zu haben. Darum hat er erst Steinbach und dessen Gesellschaft umgebracht, dann lockte er uns auf den Brunnen, und später wären Sie mit Ihrer Nichte ganz gewiß auch noch an die Reihe gekommen.«

Der Castellan fragte ganz erschrocken:

»Denken Sie das wirklich?«

»Ich bin überzeugt davon.«

»Das wäre ja die allergrößte Schlechtigkeit, die es nur geben kann!«

»Was macht sich Der aus einem schlechten Streiche! Und wenn derselbe noch so groß sein sollte! Also sagen Sie, wollen Sie uns die Hand zur Rache bieten?«

»Hm! Ich möchte wohl, aber – – –!«

»Was aber?«

»Ich bekomme da meine Belohnung nicht, die er mir versprochen hat.«

»Die bekämen Sie überhaupt nicht.«

»Er hat doch Geld mit?«

»Das nehmen wir ihm ab und theilen es.«

»Zu gleichen Theilen?«

»Ja.«

»Wenn das der Fall ist, so will ich mich Ihnen anschließen. Hat er wirklich die Absicht, sich später auch meiner und meiner Nichte zu entledigen, so hat er nichts Anderes verdient als den Tod.«

»So sind wir also einverstanden?«

»Ja.«

»Gut! Bringen Sie uns also den Schurken!«

Er setzte sich mit dem Agenten nieder und der Castellan begab sich wieder zurück und nach oben.

Dort hatten inzwischen der Pascha und die Polizistin eine eigenartige Scene gehabt. Dieses Mädchen war nicht nur schön und außerordentlich klug, sondern sie besaß auch mehr Muth als mancher Mann. Und Muth gehörte dazu, sich mit dem Pascha hier auf längere Zeit allein zu befinden.

Als sie oben angelangt waren, hatte sie sich niedergesetzt, aber so, daß er nicht sehr leicht an sie gelangen konnte. Sie hatte zwischen dem Tische und der Wand Platz genommen, so daß er den Ersteren entfernen mußte, wenn er beabsichtigte, zu ihr zu kommen.

Und das hatte sie in einer so unbefangenen Weise gethan, daß er gar nicht bemerken konnte, daß sie es beabsichtigt hatte.

Er sah es freilich nicht gern, daß sie so isolirt saß. Es war ihm lieb, daß der Castellan unten geblieben war, und er hatte geglaubt, eine wenn auch kurze aber desto zärtlichere Schäferscene zu finden.

Darum schritt er jetzt ein Wenig enttäuscht im Stübchen hin und her, blieb endlich stehen und fragte:

»Lina, hatten Sie den Agenten wirklich nicht lieb?«

Sie sah ihm lächelnd in das Gesicht und antwortete:

»Ist er ein Mann gewesen, den man sich wünschen möchte?«

»Wohl schwerlich.«

»Das habe ich auch gedacht.«

»Nun, so ist das mit mir ganz ebenso der Fall.«

»Wieso?«

»Auch ich bin nicht mehr jung.«

»Es giebt Männer, welche nie alt werden.«

Bei diesen Worten warf sie einen leuchtenden, sinnberückenden Blick auf ihn.

»Ich bin auch keineswegs geistreich.«

»Welch eine Bescheidenheit!«

»Also nicht interessant.«

»Ein Pascha ist stets interessant.«

»Meinen Sie?«

»Ja.«

»Nun, reich bin ich zwar und vornehm auch. Genügt Ihnen das?«

»Nein.«

»Wie? Nicht?«

»Nein,« wiederholte sie.

»Warum nicht?«

»Weil ich einen Mann niemals allein wegen seines hohen Standes oder großen Reichthumes lieben könnte.«

»Wegen was sonst?«

»Wegen seiner Persönlichkeit allein.«

»So ist die meinige Ihnen sympathisch?«

»Ich will es gestehen, ja.«

»Das glaube ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil Sie mich fliehen.«

»Davon weiß ich nichts.«

»O doch!«

»Bitte, wieso fliehe ich Sie?«

»Sitzen Sie nicht im fernen Winkel, als ob Sie die Absicht hätten, sich in einer Festung gegen den Feind zu verschanzen?«

»Das will ich auch,« lächelte sie.

»Also doch?!«

»Ja.«

»So bin ich Ihr Feind? Sie hassen mich also, Lina?«

»Wie fragen Sie doch nur! Es giebt zweierlei Feinde, welche, welche man haßt und welche, die man liebt. Beide hat man zu fürchten. Die Feinde, aber, welche man liebt, sind die gefährlichsten.«

»Wieso?«

»Weil man ihnen am Wenigsten zu widerstehen vermag.«

»Ah, meinen Sie es so! Und zu welcher Kategorie Ihrer Feinde gehöre ich?«

»Zu der gefährlichen.«

»Die man liebt?«

»Ja.«

»Nun, so beweisen Sie es mir, daß Sie mir nur schwer zu widerstehen vermögen!«

»Dazu habe ich jetzt noch gar keine Veranlassung.«

»Wünschen Sie, daß ich Ihnen dieselbe gebe?«

»Ich bitte, es zu unterlassen.«

»Nein. Das thue ich nicht.«

»Gilt Ihnen meine Bitte nichts?«

»Hier nicht. Sie lassen mich vermuthen, daß Sie mich lieben. Ich schmachte darnach, einen kleinen Beweis davon zu erhalten.«

»Worin soll derselbe bestehen?«

»In einem Händedrucke. Sie sehen, daß ich bescheiden bin.«

»Hier ist meine Hand. Drücken Sie dieselbe, damit Ihre berühmte Bescheidenheit eine Belohnung finde.«

Sie hielt ihm die Hand entgegen. Er ergriff dieselbe und führte sie an seine Lippen.

»Halt!« rief sie, ihm die Hand schnell wieder entziehend. »Das war nicht bescheiden.«

»O gewiß!«

»Nein. Und ebenso war es gegen unser Uebereinkommen.«

»Wieso?«

»Sie wünschten einen Händedruck aber keine Kußhand.«

»Kommt es bei Ihnen auf so geringfügige Unterschiede an?«

»Nennen Sie einen Kuß etwas so Geringfügiges?«

»Nein, gewiß nicht. Ein Kuß von Ihnen ist es ja, nach dem ich strebe. Wird mir dieser Wunsch erfüllt werden?«

»Ich hoffe es.«

»Nein, ich bin es, der es hofft; Sie aber sind es, die diese Hoffnung zu erfüllen vermag.«

»Nun, so hoffen Sie!«

»Wie lange?«

»Bis zur Erfüllung.«

»Donnerwetter! Wir drehen uns im Kreise und kommen also nicht an das Ziel. Ich glaube, daß ich gut deutsch mit Ihnen sprechen muß.«

»Ja, das denke ich auch, zumal ich vom Türkischen nur zwei Worte verstehe, nämlich Allah und Pascha.«

»Das ist sehr wenig und würde mir doch vollständig genügen. Also, Lina, einen Kuß. Darf ich ihn haben?«

»Ja.«

»Wann?«

»Zu seiner Zeit.«

»Wo?«

»In Constantinopel.«

»O wehe! Warum erst dann?«

»Weil ein anständiges Mädchen einem Fremden keine derartige Zärtlichkeit gestatten darf.«

»Bin ich Ihnen ein Fremder?«

»Gewiß.«

»O wehe!«

»Was sollten Sie Anderes sein?«

»Ich glaubte, Ihrem Herzen nahe zu stehen.«

»Das könnte in unserem augenblicklichen Verhältnisse nichts ändern. Sie sind mir trotzdem ein Fremder.«

»Was oder wie müßte ich denn sein, um Ihnen nicht mehr als fremd zu gelten?«

»Nicht fremd sind Einem verwandte Personen.«

»Verwandt bin ich Ihnen freilich nun leider nicht.«

»Ferner solche Personen, welche im Begriffe stehen, in ein verwandtschaftliches Verhältniß zu treten.«

»Zum Beispiele?«

»Zum Beispiele ein Bräutigam.«

»Nun, so betrachten Sie mich als solchen.«

»Als den meinigen?«

»Gewiß.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Wir müßten verlobt sein.«

»Das sind wir ja!«

»O nein.«

»Natürlich! Haben wir uns nicht verlobt?«

»Unter vier Augen nur.«

»Genügt das nicht?«

»Nein. Eine Verlobung muß öffentlich sein, wenn sie anerkannt werden soll.«

»Fast möchte ich glauben, daß Sie ein Wenig mit mir spielen, so ungefähr nämlich wie – wie – –«

Er stockte. Sie sah es ihm an, daß er ziemlich verdrossen war.

»Nun, wie – –?«

»Wie die Katze mit der Maus.«

»Ah! Ist das galant? Mich mit einer Katze zu vergleichen!«

»Sie gleichen diesem Thierchen doch ein Wenig, wie es scheint.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»In wiefern?«

»Sie sind auch so zart, so weich, haben so sammetne Pfötchen und sind dabei wohl auch ein Wenig falsch.«

»Das ist nun nicht blos nicht galant, sondern sogar unhöflich! Mich falsch zu nennen!«

»Sie selbst sind schuld, wenn ich an Ihrer Aufrichtigkeit zweifle.«

»Was habe ich denn verbrochen, um diesen Zweifel zu verdienen?«

»Ihre Kälte ist es, welche mich an Ihnen irre werden läßt.«

»Da sind Sie ein schlechter Geograph.«

»Was hat die Geographie damit zu thun?«

»Sehr viel. Ist Ihnen eine Insel bekannt, welche Island heißt?«

»Natürlich.«

»Sie liegt im kühlen Meere, in der kalten Zone. Es giebt da einen äußerst kurzen Sommer aber einen desto längeren Winter.«

»Das weiß ich Alles.«

»Wissen Sie auch, daß trotz dieser äußeren Kälte die Insel im Innern von einer tiefen Gluth erfüllt ist? Wissen Sie, daß dort sich zahlreiche Vulkane und Geyser befinden?«

»Ja.«

»So ist es auch mit dem Menschen. Man kann kalt erscheinen und doch ein glühendes Herz im Busen tragen.«

»O, wenn dies doch bei Ihnen der Fall wäre!«

»Warum?«

»Dann könnte ich mich vielleicht einmal an Ihrer Gluth wärmen.«

»Oder gar verbrennen!«

»Nein, nur wärmen.«

»So sind also Sie so kalt, daß Sie der Erwärmung bedürfen?«

Er blickte ihr forschend in das Gesicht. Sie sagte das so freundlich, so traulich, und doch auch wieder in einem Tone, der ihm nicht gefiel.

»Lina,« sagte er. »Sie sind vielleicht eine sehr gefährliche Person.«

»Wieso?«

»Sie – Sie – Sie ziehen mich mit sich im Kreise herum und machen sich heimlich über mich spaßig.«

»Was denken Sie von mir?«

»Ja, ja. Ich weiß ganz gut, daß Liebende mit besonderen Zungen sprechen. Ihre Worte und Reden sind lauter Nichtigkeiten, welche einen Unbetheiligten zur Verzweiflung bringen können; für sie selbst aber hat jede Sylbe einen außerordentlich hohen Werth.«

»Das habe ich mir grad ebenso sagen lassen.«

»Sie ziehen alle meine Bemerkungen in eine Redeweise, welche ebenso nichtig wie inhaltsleer ist; aber die Sprache der Liebe ist es doch nicht.«

»Das beweist doch nur, daß ich noch nie geliebt habe.«

»Ah?«

»Ja.«

»Wirklich?«

»Ich würde ja sonst die Sprache der Liebe verstehen.«

»O, die versteht man, ohne besondere Erfahrungen gemacht zu haben.«

»Ohne Lehrer?«

»Ja, ohne Lehrer.«

»Das bezweifle ich.«

»So lassen Sie mich Ihren Lehrer sein!«

»Sehr gern.«

»Sie erlauben mir also, Ihnen Unterricht zu ertheilen?«

»Gewiß.«

»Gleich jetzt?«

»So bald wie möglich. Man soll zu aller Zeit bereit sein, Etwas zu lernen.«

»Da muß ich Sie vor allen Dingen darauf aufmerksam machen, daß die Schülerin dem Lehrer Gehorsam schuldet!«

»Das ist mir nichts Neues.«

»Freut mich ungemein. Ich befürchte also nicht, Widerstand zu finden oder auf Unaufmerksamkeit zu stoßen.«

»Gewiß nicht.«

»So ersuche ich Sie zunächst, auf Ihren jetzigen Sitz zu verzichten und sich hier auf dem Sopha niederzulassen.«

»Das wäre ja ein Mangel an Achtung für meinen Lehrer.«

»Wieso?«

»Dieser weiche Ehrenplatz gehört dem Lehrer, nicht aber der Schülerin.«

»Beide können ihn theilen.«

»Nein. Beide müssen einander gegenüber sitzen. Das Nebeneinanderplaziren würde der Aufmerksamkeit schaden.«

Er hatte in Erwartung, daß sie zu ihm kommen werde, auf dem Sopha Platz genommen; jetzt aber sprang er ungeduldig wieder auf und rief:

»Lina, ich verstehe Sie nicht.«

»Habe ich nicht deutlich gesprochen?«

»Zum Teufel, ja! Ihre Worte sind freilich deutlich, aber Ihre Gedanken begreife ich nicht. Sie erwecken in mir die Ansicht, daß Sie mich lieben, und zögern doch, sich zu mir zu setzen!«

»Bedarf es denn so nothwendiger Weise einer solchen Annäherung?«

»Nun, so nothwendig ist es freilich nicht.«

»So brauchen wir es ja nicht zu handhaben. Wir kennen uns noch zu wenig, um unseren Herzen schon jetzt die Erlaubniß zu geben, ihren Trieben folgen zu können.«

»Wie lange meinen Sie wohl, daß man sich kennen muß?«

»Je nach dem verschiedenen Falle.«

»Nun also in unserem Falle?«

»Einige Jahre.«

»Ah! Ist das Ihr Ernst?«

»Gewiß, mein völliger Ernst.«

»Warum sollte es gerade bei uns eine so lange Zeit erfordern?«

»Weil Sie so sehr schwer kennen zu lernen sind.«

»Ich? Wie kommen Sie auf diese sonderbare Idee?«

»Ich finde sie keineswegs sonderbar.«

»Ich desto mehr. Also warum bin ich so schwer kennen zu lernen?«

»Weil Sie räthselhaft handeln. Sie verderben einen Menschen, von welchem man bis vor einer Minute überzeugt war, daß er Ihnen werth sei.«

»Meinen Sie etwa den Derwisch?«

»Ja.«

»Und den Agenten?«

»Natürlich auch.«

»Sie haben gemeint, daß sie mir theuer seien?«

»Gewiß.«

»Weshalb hätte ich diesen beiden Menschen ein solches Gefühl widmen sollen?«

»Weil diese Beiden Ihnen große Dienste geleistet hatten.«

»Ah, pah! Solcher Dienste wegen liebt man doch nicht etwa!«

»Nein, aber man ist dankbar.«

»Das mag sein; aber ich sehne mich nicht nach Dankbarkeit, sondern nach Liebe. Diese allein vermag glücklich zu machen.«

»Oder unglücklich!«

»Nie! Die Liebe vermag nur zu beglücken.«

»Auch wenn sie nicht erwidert wird?«

»Ja.«

»Dann sind Sie zu beneiden.«

»Wieso?«

»Sie haben jedenfalls oft geliebt und sind also jedesmal glücklich gewesen, auch dann, wenn es Ihnen nicht gelang, Gegenliebe einzuflößen.«

»Ein solcher Fall ist mir nicht erinnerlich.«

»Wie? Sie wurden jedesmal wieder geliebt?«

»Ja.«

»Auch von Tschita?«

»Pah! Die war Sclavin.«

»Oder von Zykyma?«

»Auch sie war nur Sclavin. Ich liebte keine von Beiden.«

»Oder von Anna?«

»Ich kenne keine Anna.«

»Gewiß. Besinnen Sie sich!«

»Welche Anna sollte das sein?«

»Anna von Adlerhorst.«

Er erbleichte.

»Was soll dieser Name hier?« fragte er schnell und scharf.

»Nichts weiter als zu einer Frage dienen. Sie behaupteten, stets Gegenliebe gefunden zu haben, und so erinnerte ich Sie an diese Dame.«

»Was wissen Sie von ihr?«

»Daß sie sehr schön gewesen sein muß.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Aus mehreren Gründen.«

»Darf ich dieselben erfahren?«

»Gern. Erstens sind die Töchter dieser Dame wirkliche Schönheiten. Oder bestreiten Sie das? Ist Tschita nicht schön?«

»Möglich!«

»Ferner muß sie eine große Schönheit gewesen sein, da sie es erreichte, das Herz Ibrahim Paschas in Feuer und Flammen zu versetzen.«

»Das meinige? Wer sagte es?«

»Man sprach bei Normanns davon.«

»So hat man gelogen.«

»Möglich. Man erzählte da, daß Sie mit Hilfe des Derwisches die ganze Familie Adlerhorst unglücklich gemacht hätten, weil Sie keine Gegenliebe fanden.«

»Das ist eine teuflische Erfindung. Ich weiß kein Wort davon. Wenn der Derwisch noch lebte, könnten Sie sich bei ihm nach dieser Angelegenheit erkundigen.«

»Das habe ich gethan.«

»Wirklich?« fragte er, indem er die Brauen zusammenzog.

»Jawohl.«

»So leiden Sie auch an dem Erbfehler Ihres Geschlechtes, der Neugierde?«

»Pfui! Wer wird sich dieses Wortes bedienen! Eine Dame ist nie neugierig, sondern stets nur wißbegierig.«

»Auch wenn ihr die Sache nichts angeht!«

»O, diese Sache ging mich sehr viel an!«

»Wieso?«

»Ich hatte Sie gesehen und liebte Sie. Das ist doch wohl Grund genug, wißbegierig zu sein!«

»Allerdings,« antwortete er, indem sich sein Gesicht wieder erhellte. »Hoffentlich aber haben Sie sich diese Unwahrheiten nicht sehr zu Herzen genommen?«

»Im Gegentheile, gar sehr.«

»Das thut mir leid!«

»Mir noch mehr. Es hat mich natürlich tief erschüttert, als ich erfuhr, daß alle Frauen, denen Sie Ihre Liebe widmen, unglücklich werden müssen.«

Da konnte er sich doch nicht beherrschen. Er stampfte mit dem Fuße auf den Boden und rief:

»Zum Teufel! Was lassen Sie sich denn da weiß machen!«

»Nichts, gar nichts!«

»O doch! Eine ganze Menge albernes Zeug!«

Da wurde ihr Gesicht sehr ernst. Sie blickte ihm fest in das Auge und sagte:

»Bitte, mein Herr! Ich möchte den Menschen sehen, dem es gelingen könnte, mir Albernheiten weiß zu machen.«

»Nun, sind das nicht Albernheiten?«

»Nein.«

»Die großartigsten und unsinnigsten, die es nur geben kann!«

»Schwerlich, denn ich sehe ja, daß die Damen, welche mir bekannt sind und einst auch Ihnen bekannt waren, unglücklich geworden sind.«

»Pah!«

»Man sagt sogar, daß sich dieses Unglück bringende Verhängniß nicht nur auf die Frauen, sondern auch auf die Männer beziehe.«

»So mache ich also auch alle Männer unglücklich, die mit mir in Berührung kommen?«

»Man behauptet es.«

»Das ist wirklich kindisch. Und darum fürchten Sie sich vor mir?«

»Nein. Nicht Furcht ist es, was ich für Sie fühle.«

»Was denn?«

»Es ist – –«

Sie wurde unterbrochen, denn der Castellan trat ein. Der Pascha war zornig über diese Störung, ließ es sich aber nicht merken.

»Da kommen Sie ja,« sagte er. »Wir haben Sie vermißt.«

»So?« meinte der Alte gleichmüthig. »Wenn ich das gewußt hätte, so wäre ich freilich mehr darauf bedacht gewesen, mich zu beeilen. Ich glaubte aber, Lina würde die Gabe besitzen, Sie zu unterhalten.«

»O, zu einer Unterhaltung in gewöhnlichem Sinne befanden wir Beide uns nicht in der richtigen Stimmung. Sie begreifen wohl selbst auch, daß wir nur an den Brunnen gedacht haben.«

»Glaube es. Er wird mir noch lange Zeit im Sinne liegen.«

»Dagegen giebt es ein ausgezeichnetes Mittel, nämlich die Entfernung von hier! Wir wollen Burg Grafenreuth möglichst bald verlassen.«

»Das geht bei mir nicht so schnell, wie ich es wünsche.«

»Warum?«

»Ich muß vorher um meine Entlassung einkommen.«

»Dauert dies lange?«

»Vielleicht nicht. Am Schnellsten würde ich verabschiedet, wenn ich es mir beikommen ließe, irgend einen nicht ganz unbedeutenden Fehler zu begehen.« »So machen Sie einen!«

»Aber welchen?«

»Denken Sie nach! Ich werde Ihnen auch mit nachdenken helfen. Jetzt aber habe ich zunächst einen Wunsch.«

»Welchen?«

»Ich möchte mit Tschita und Zykyma reden.«

»Allein oder in unserer Gegenwart?«

»Sie können Beide dabei sein.«

»So wollen wir hinab. Kommen Sie!«

Er führte die Beiden hinab in den Flur. Der Pascha wollte sich nach der Thür wenden, welche in den unterirdischen Gang führte; aber der Schließer sagte, nach der Thür deutend, durch welche er mit dem Agenten und dem Derwisch getreten war:

»Bitte, nicht dort, sondern hier!«

»Es geht aber ja da hinab!«

»Ganz recht; aber der nähere Weg ist hier.«

Er öffnete, und sie betraten die vorhin erwähnte leere Zimmerflucht. Während sie durch dieselbe schritten, warf der Pascha einen Blick durch eines der Fenster. Er sah einen düsteren, kleinen Hof.

»Was für ein Hof ist das?« fragte er. »Den sah ich noch nicht.«

»Es ist der Brunnenhof. Grad unter ihm befindet sich die Brunnenstube.«

»So liegen die beiden Gefängnißzellen unten da links vor uns?«

»Ja.«

»Wie kommen wir hinab?«

»Auf ebenso geheimnißvolle Weise, wie Andere heraufkommen.«

»Wie meinen Sie das?« fragte der Pascha, dem diese Worte unverständlich waren.«

»Das werden Sie bald sehen.«

»Sie sprachen von Personen, welche von unten heraufkamen?«

»Ja.«

»Wen meinten Sie?«

»Die Leichen.«

Der Pascha blieb stehen und starrte den Sprecher verwundert an. »Leichen?« fragte er. »Was faseln Sie?«

»Faseln? Ich? Davon ist keine Rede. Ich habe Sie auf eine Eigenthümlichkeit dieses alten Gemäuers aufmerksam zu machen, welche für mich nichts weniger als angenehm ist. Wer nämlich hier stirbt, pflegt wiederzukommen.«

»Narrheit!«

»So sagte ich auch!«

»Und so ist es auch!«

»Nein! Jeder Todte kommt hier wieder.«

»Ja, als Gespenst täglich um Mitternacht!«

»Nein, sondern am hellen, lichten Tage, und nicht täglich, sondern nur ein einziges Mal.«

»Papperlapapp!«

»Sie spotten? Sie sollten nur sehen, was ich gesehen habe!«

»Das ist Sinnestäuschung, Hallucination gewesen!«

»Nein. Ich habe die Abgeschiedenen mit meinen eigenen Händen angegriffen.«

»Und auch gefühlt?«

»Ja, wie wirkliche Menschen.«

»Sie sind toll!«

»Ich habe sogar mit ihnen gesprochen.«

»Und sie antworteten?«

»Ja.«

»Laut und verständlich?«

»Wie gewöhnliche Menschen.«

»So haben Sie wohl geträumt oder im Fieber gelegen?«

»Nein, gewiß nicht. Es war, wir bereits gesagt, am hellen Tage, und von einem Fieber war keine Rede.«

»Streiten wir uns nicht über solche Narrheiten. Ich begreife gar nicht, wie Sie auf diese Dinge kommen.«

»Weil wir uns jetzt vor den Zimmern befinden, in denen diese Erscheinungen aufzutauchen pflegen.«

»Da vor uns?«

Er deutete nach der Thür, vor welcher sie stehen geblieben waren.

»Ja.«

»Nun, so wollte ich, wir sähen einen solchen Geist.«

»Herr, spotten Sie nicht!«

»Pah! Es giebt keinen Geist und kein Gespenst. Ist der Mensch todt, so ist es aus. Warum ist mir noch niemals so ein Dings da erschienen?«

»Es kann Ihnen noch passiren.«

»Gewiß nicht. Nur abergläubische und furchtsame Menschen sehen Geister. Ich wollte zum Beispiele, daß mir da die Geister des Agenten und des Derwisches entgegenträten. Sie hätten alle Veranlassung, mir zu erscheinen.«

»Hu!« rief der alte Castellan, indem er sich schüttelte.

»Würden Sie sich fürchten?«

»Natürlich!«

»Ich nicht.«

»O, sehen Sie nur erst mal wirklich einen Geist. Die Furcht kommt dann ganz allein.«

»Gewiß nicht. Ich würde diese Geister nur auslachen.«

»Das würden Sie bleiben lassen!«

»Ich würde sie sogar beim Schopfe nehmen und – aber was reden wir so dummes Zeug! Gehen wir weiter!«

»Ja, gehen wir weiter!«

Bei diesen Worten öffnete der Schließer die Thür, und der Pascha trat ein, gefolgt von den Beiden. Er that aber nur zwei Schritte vorwärts; dann blieb er stehen, starr und steif, als ob er keiner Bewegung fähig sei. Dort am Tische sahen der Agent und der Derwisch.

Das Blut war aus seinem Gesichte gewichen; sein Blick war starr, seine Lippen zitterten.

»Allah w' Allah!« stieß er hervor. »Was sehe ich da!«

»Geister!« hörte er hinter sich die Stimme des Castellans.

»Geister!« wiederholte er schaudernd.

Da erhob sich der Agent von seinem Stuhle und fragte:

»Ibrahim Pascha, kennst Du mich?«

Der Gefragte antwortete nicht. Der Derwisch stand auch auf und sagte:

»Komm näher, Mörder! Die Vergeltung ist nahe.«

Da schrie der Pascha laut auf.

»O Allah, o Muhammed! Es giebt Geister; es giebt Gespenster der abgeschiedenen Seelen! Fort von hier, fort!«

Er wendete sich um und wollte hinaus; aber der Castellan hatte die Thür abgeschlossen und den Schlüssel eingesteckt.

»Den Schlüssel her, den Schlüssel! Schnell, schnell!« rief der Pascha.

»Bleib da!« gebot der Derwisch. »Uns entkommst Du nicht!«

Er schritt langsam herbei, gefolgt von dem Agenten. Der Pascha hatte sich ihnen wieder zugewendet. Seine Augen nahmen einen gläsernen Ausdruck an.

Da faßte der Derwisch seinen Arm und zischte ihm entgegen:

»Mörder! Teufel! Heut fährst Du zur Hölle!«

Der Agent ergriff ihn beim anderen Arme und schrie ihn zornig an:

»Schurke! Du sollst an unserer Stelle in den Brunnen hinab!«

Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.

»In den Brunnen hinab?« fragte der Pascha. »An Eurer Stelle? Also seid Ihr gar nicht unten gewesen?«

»Ist uns nicht eingefallen!« grinste ihn der Derwisch höhnisch an.

»So seid Ihr nicht todt? Ihr seid gar keine Geister?«

»Fällt keinem Menschen ein! Wer hat Dir so Etwas weiß gemacht?«

»Der Castellan!«

»Laß Dich nicht auslachen! Wir leben. Wir sind nicht todt. Wir sind von Fleisch und Blut und wollen jetzt Gericht mit Dir halten.«

Sie faßten ihn an. Er war noch so consternirt, daß er sich von ihnen fortziehen und auf den Stuhl niederdrücken ließ, ohne Widerstand zu leisten.

»So!« sagte der Derwisch. »Wenn Du hier Geister sehen willst, so kann Dein Wunsch sehr bald in Erfüllung gehen. Du wirst vielleicht noch heut einen sehen, nämlich Deinen eigenen. Du wirst sterben und magst nachher hier spuken nach Belieben.«

Da fuhr der Pascha von seinem Sitze auf.

»Sterben, ich?« schrie er.

»Ja.«

»Was fällt Euch ein! Ihr wollt mich doch nicht etwa ermorden?«

»Ganz gewiß wollen wir Dich ein Wenig ermorden.«

»Versucht es einmal!«

Er griff mit der Hand in die Tasche, um irgend eine Waffe hervorzuziehen Da aber hielt ihm der Derwisch schnell seinen Revolver vor die Stirn und gebot:

»Laß stecken, sonst schieße ich!«

Der Pascha zog die leere Hand langsam aus der Tasche und stotterte:

»Osman, was fällt Dir ein! Was habe ich Dir gethan!«

»Das fragst Du noch?«

»Weil ich nichts weiß.«

»Ermorden wolltest Du uns!«

Der Pascha machte ein höchst erstauntes Gesicht. Er fragte:

»Ich Euch ermorden? Bist Du toll? Wenn denn eigentlich?«

»Vorhin, in der Brunnenstube.«

»O, das war doch nur ein Spaß. Und er hat Euch ja gar nichts geschadet.«

Er konnte nicht begreifen, auf welche Weise die Beiden dem Tode entgangen seien, ließ sich dies aber nicht natürlich merken.

»So, ein Spaß war es nur?« sagte der Agent. »Wenn es nur ein Scherz war, so beweisen Sie es.«

»Der da ist mein Zeuge.«

Er deutete nach dem Kastellan.

»Ich bezeuge nichts,« entgegnete dieser.

»Ich wollte sagen, die da.«

Er zeigte auf Lina.

»Auch diese thut Dir nicht den Gefallen, deinetwegen eine Lüge zu machen,« höhnte der Derwisch. »Wenn Du wirklich nur einen Scherz beabsichtigt hast, so mußt Du wissen, wie wir dem Tode entgangen sind.«

»Ich weiß es.«

»Nun, wie denn?«

»Ihr seid einfach wieder hinausgestiegen.«

»Das hätten wir nicht gekonnt, wenn wir zerschmettert worden wären. Warum ist dies nicht geschehen?«

»Weil – weil – – –«

Er hielt inne. Er vermochte nicht, eine Antwort zu geben. Sein Blick irrte angstvoll und rathlos von Einem zum Andern und blieb endlich auf Lina haften:

»Sagen Sie es an meiner Stelle, Lina,« bat er.

»Ich bin Ihre Dolmetscherin nicht,« antwortete diese.

»Aber, Lina, Sie wissen ja – Sie sind ja – Sie wollen ja – – mit mir nach Constantinopel!«

»Wenn Sie das geglaubt haben, so können Sie mir leid thun. So einen Hallunken und Sünder kann ich nur verachten. Das Mädchen, welches Wohlgefallen an Ihnen finden könnte, müßte wahnsinnig sein.«

Das war ihm unbegreiflich.

*

109

»Aber Sie willigten doch ein, den Derwisch und auch Ihren Verlobten zu tödten!« sagte er.

»Das war nur zum Scheine.«

»So haben Sie mich betrogen und verrathen?«

»Ja, sie hat uns gerettet,« antwortete der Agent, »und nun sollst Du desselben Todes sterben, für den Du uns bestimmt hattest.«

»Allah! Was meinen Sie?« fragte der Pascha voller Angst.

»Wir werden Dich in den Brunnen werfen.«

»O Himmel! Das thut Ihr nicht! Das ist ja Mord!«

»Ibrahim Pascha, Du kennst mich nicht; Du hast Dich stets in mir geirrt. Du hast mich für Deinen Freund, Deinen Diener, Deinen Verbündeten gehalten, und doch bin ich stets der ärgste und unversöhnlichste Deiner Feinde gewesen. Entsinnst Du Dich noch des herrlichen Weibes, welches Du liebtest, damals in Stambul, auf der Straße der Aladschy in Pera?«

»Meinst Du Anna von Adlerhorst?«

»Ja. Du trachtetest nach ihr, ich selbst aber liebte sie wie rasend. Ich hätte sie errungen; ich hätte sie ihrem Manne abspenstig gemacht, der mein Herr gewesen war; aber Dein tolpatschiges Wesen verdarb mir Alles; ich erntete Verachtung anstatt Liebe, nur allein Deinetwegen. Von da an schwor ich Dir Rache. Ich habe mich an ihrer ganzen Familie gerächt durch Dich, und ich habe mich an Dir gerächt, indem ich Dich den Weg des Bösen führte, tiefer, immer tiefer hinab. Heut bist Du am Ziele angelangt. Du hast Mord gesäet und wirst dafür Mord ernten. Wir schließen Dich in die Brunnenstube und werden Dich hinabstürzen! Vorher aber sollst Du tausendfache Qualen erdulden. Du sollst warten und warten, jeden Augenblick gewärtig, daß der Boden unter Deinen Füßen weiche, bis die fürchterliche Angst Dir den Rest Deines Verstandes raubt.«

Es lag eine so große Entschiedenheit und Entschlossenheit in dem Gesichte und Tone des einstigen Derwisches, daß der Pascha erkannte, daß er wirklich keine Nachsicht zu erwarten habe. Das gab ihm den Muth der Verzweiflung. Er trat um einige Schritte zurück und rief in drohendem Tone:

»Oho! So spricht man mit mir! Bin ich ein Knabe, ein altes Weib, daß Du meinst, ich könne mich Eurer nicht erwehren?«

»Blase Dich nicht auf,« lachte der Derwisch höhnisch. »Du bist ein Feigling und sprichst nur aus Angst die Worte eines Helden. Wir werden Dich jetzt fesseln. Gieb Deine Hände her!«

»Hole sie Dir!«

Ibrahim ballte die Fäuste und nahm eine Stellung an, als ob er kämpfen wolle. Da richtete der Derwisch den Lauf des Revolvers gegen ihn und drohte:

»Beim geringsten Widerstande schieße ich Dich nieder wie einen Hund! Jetzt bin ich Dein Herr, und Du hast zu gehorchen!«

Da trat der Kastellan, welcher bisher geschwiegen hatte, zwischen sie und sagte:

»Keinen Kampf, keinen Schuß, der uns verrathen könnte!«

»Wer könnte den Schuß hören?« fragte der Derwisch, zornig über diese Einrede. Er eilte zur Thüre, öffnete dieselbe und blickte hinein. Er befand sich vor dem hübschen Stübchen, welches über Tschita's Gefängnisse lag. Es war leer.

»Niemand ist da,« sagte er.

»Und doch war es mir, als ob ich Stimmen gehört hätte,« antwortete der Kastellan.

»Das muß ein Irrthum sein – – und doch, da geht ein Loch hinab. Sollte sich doch Jemand hier befunden und uns belauscht haben?«

Er trat an das Loch und blickte hinab. Die Anderen folgten ihm nach, auch der Pascha, welcher nachher für einen Augenblick die Gefahr vergaß, in welcher er sich befand.

»Da unten ist es dunkel,« sagte der Derwisch; »aber ich sehe die Sprossen einer Leiter. Ist Jemand unten?«

Diese letztere Frage rief er laut in das Loch hinab.

»Ja,« antwortete eine weibliche Stimme von unten herauf. Tschita kam emporgestiegen.

Sie stand in größter Ruhe vor ihm und blickte ihm furchtlos und frei in das erregte Gesicht.

»So giebt es eine Fallthüre hier?«

»Ja. Ich entdeckte sie und bin heraufgestiegen. Wir haben uns hier sehr wohl befunden.«

»Wir? Wer denn noch?«

»Zykyma. Wir haben fein gegessen und getrunken und dann allerlei Kurzweil getrieben, wie Ihr hier sehen könnt.«

Sie deutete auf den noch gedeckten Tisch.

»Zykyma auch? Wie konnte diese aus ihrem Loche herbei?«

»Ganz auf dieselbe Weise. Da, schaut einmal hinaus!«

Sie öffnete die Thür zur Nebenstube. Dort saß Zykyma und schälte sich in aller Gemüthlichkeit eine Orange, um dieselbe zu verspeisen.

Jetzt kam auch der Pascha in Bewegung. Er sah, daß seine beiden ihm entflohenen Frauen sich keineswegs so, wie er dachte, in Gefangenschaft befunden hatten. Er drängte die Andern bei Seite und trat hinaus zu Zykyma. Die Uebrigen folgten, zuletzt der Kastellan. Niemand als nur die Polizistin achtete darauf, daß er hinter sich die Thür verschloß.

»Tausend Teufel!« rief der Pascha. »Ihr lebt herrlich und in Freuden, und ich habe geglaubt, Ihr steckt unten in Euren Löchern. Wer hat Euch das erlaubt?«

»Wir selbst,« antworte sie ruhig.

»Wir werden einen besseren Ort für sie finden,« sagte der Derwisch. »Sie werden in die Brunnenstube eingeschlossen, und zwar mit ihrem einstigen Herrn.«

»Um uns hinabzustürzen?« fragte Zykyma. »Da machen wir nicht mit!«

»Darnach werdet Ihr nicht gefragt. Ihr habt zu gehorchen!«

»Etwa Dir? Wer bist Du denn? Ein entlaufener Lakai und Renegat. Wenn Du noch einmal von Gehorsam redest, lasse ich Dir die Peitsche geben.«

»Weib,« rief er zornig, »vergiß nicht, daß Du Dich in meiner Gewalt befindest!«

»Ich? Irre Dich nicht! Du befindest Dich in der meinigen!«

Sie deutete nach der Thür, welche in der Zimmerflucht weiter führte. Sie öffnete sich, und Steinbach trat herein, gefolgt von sämmtlichen Männern, welche sich bei ihm befunden hatten. Hinter diesen sah man die Frauen stehen.

Der Derwisch fuhr entsetzt zurück.

»Steinbach!« schrie er auf.

»Ja, ich,« lächelte dieser stolz.

»Woher?«

»Daher, wo auch Du aus der Tiefe gekommen bist. Wir wurden ebenso gerettet wie Du und stehen nun hier, das letzte Wort mit Euch zu reden. Eure Rollen sind ausgespielt. Nehmt die Kerls gefangen!«

Sam, Jim und Tim traten sofort an den Derwisch heran, um sich seiner zu bemächtigen. Er aber wich einige Schritte zurück.

»Gnade!« rief der Pascha. »Ich trage keine Schuld. Der dort hat mich verführt. Er war der Teufel, der Euch verfolgte.«

Er deutete auf den Derwisch. Dieser aber schnellte zu ihm hin und schrie ihn an:

»Hund, willst Du jetzt noch unschuldig sein? Wir sind verloren; ich sehe es. Ich wollte Dich vorhin zur Hölle senden, um mir von Dir das Quartier bestellen zu lassen. Nun es aber so steht, gehen wir gleich miteinander. Komm mit zum Teufel!«

Ehe Jemand ihn daran hindern konnte, drückte er seinen Revolver gegen die Schläfe des Pascha und dann gegen seine eigene Stirn ab. Die beiden Schüsse krachten; sie hatten nur zu gut getroffen. Die Körper wankten, verloren das Gleichgewicht und schlugen schwer zu Boden.

Tschita und Zykyma schrien vor Entsetzen auf. Steinbach ergriff sie bei den Händen und führte sie hinaus zu den anderen Frauen, um dann zurückkehrend die Thür hinter sich zuzumachen.

Sam war gleich zu den beiden Getroffenen nieder gekniet, um ihre Verwundungen zu untersuchen.

»Es ist aus mit ihnen,« berichtete er.

»Wirklich todt?« fragte Steinbach.

»Ja. Der Kerl hat so ausgezeichnet gezielt, als hätte er sich jahrelang im Selbstmorde geübt. Nur zwei Sekunden waren es, und sie sind todt.«

»Jammerschade!«

»Ja. Nun geht mit ihnen das Hauptgeheimniß hinüber. Aber es war so schnell geschehen, daß man es gar nicht zu verhüten vermochte. Diesen aber wollen wir uns desto besser aufheben.«

Er deutete auf den Agenten, welcher bleich und zähneklappernd in der Ecke lehnte. Er kannte Steinbach und wußte, wer und was dieser eigentlich war; vor Angst und Respect war es ihm unmöglich, ein Wort zu sagen. Er wurde gebunden und fortgeschafft.

Jetzt gab es nun eine ganze Reihe höchst lebendiger Auseinandersetzungen. Der Kastellan mußte erzählen, und die Folge seines Berichtes war, daß Lina, die Polizistin, das größte Lob und die allerhöchste Anerkennung erntete.

Die beiden Leichen blieben liegen, um gerichtlich aufgehoben zu werden. Steinbach gab vor, dies besorgen zu wollen. Er mußte aus diesem Grunde schnell nach der Stadt zurück und übergab seine Semawa der Obhut Normanns.

Natürlich gab es noch unendlich viel zu erzählen und zu besprechen, und der Abend war nahe, als die Anderen endlich auch aufbrachen.

Die Meisten von ihnen begaben sich nach Normanns Villa, deren gastliche Thür Allen gern geöffnet war. Der dicke Sam hatte sich separirt. Er spazierte durch die Stadt und schlug ganz unwillkürlich die nach dem Bahnhofe führende Richtung ein. Er sagte sich, daß jetzt Alles, Alles gethan sei und er seinem Kopfe nun einmal eine lange Ruhe gönnen könne. Diesen tröstlichen Gedanken wollte er mit einem Glase Bier begießen.

Grad als er auf dem Bahnhofe anlangte, fuhr ein Zug herein. Um nicht in das Gedränge der aus- und einsteigenden Passagiere zu gerathen, blieb er an der Ecke des Perrons stehen und beobachtete das vor ihm hin- und herwogende Gewühl.

In seiner Nähe stand ein anderer stiller Beobachter, zu welchem ein ausgestiegener Fahrgast mit der Frage trat:

»Bitte, können Sie mir sagen, wo ich das Hôtel zum Sterne finde?«

Diese Stimme kam Sam außerordentlich bekannt vor, und als er nun das Gesicht des Fragers betrachtete, war es ihm, als ob er es bereits sehr oft gesehen habe.

»Ich bin hier noch fremd,« antwortete der Gefragte. »Vielleicht vermag es dieser Herr, Ihnen Bescheid zu geben.«

Der Sprecher deutete bei diesen Worten auf den Dicken.

»Gern,« meinte dieser. »Das Hôtel zum Stern liegt gleich da – –«

Er konnte nicht ausreden; er wurde unterbrochen. Der Fremde war an ihn gewiesen worden und ihm also nahe getreten. Als dann die Stimme Sams erklang, machte der Erstere eine Bewegung des Erstaunens, warf noch einen forschenden Blick auf Sams Gestalt und rief dann:

»Ists möglich? Sehe ich recht?«

»Was sehen Sie denn?« fragte der Dicke.

»Dich, Dich sehe ich! Bist ja breit genug dazu, daß man nicht an Dir vorübersehen kann.«

»Was, Du duzest mich? Kennst Du mich denn?«

»Das versteht sich!«

»Na, die Stimme kommt mir freilich vertraut vor, und auch Dein Gesicht ist mir bekannt! nur kann ich mich nicht besinnen, wo ich es gesehen habe. Es ist mir ganz so, als hätte es einmal in einem tüchtigen Vollbarte gesteckt.«

»Das ist allerdings wahr.«

»Da mag sich freilich der Teufel besinnen. Zudem ist es hier so düster daß man nichts deutlich sieht. Komm also mit fort zum Lichte.«

»Nein, bleib hier! Du sollst rathen, wer ich bin.«

»Im Rathen bin ich kein Held. Wo haben wir uns denn getroffen?«

»Im Todesthale. Ich war dort ein Sennor.«

»O, das sind sie Alle, und wenn sie die größten Lumpen sind, so lassen sie sich doch Sennor schimpfen.«

»Schön gesagt! Daran erkenne ich meinen dicken Sam. Ich war also auch ein Lump?«

»Unsinn! So habe ich es natürlich nicht gemeint.«

»Nicht? Na, dann bin ich befriedigt. Noch Eins will ich sagen. Wenn Du mich auch dann nicht erkennst, so lasse ich Dich warten bis in alle Ewigkeit.«

»Nur heraus damit!«

»Ich hatte meinen guten deutschen Namen ganz wirklich in das Spanische übersetzt.«

»Ah, da geht mir ein Licht auf. Es war doch nicht etwa das spanische Wort Cuariano?«

»Ja das war es.«

»Du bist Zimmermann, Karl Zimmermann?«

»Ja, der bin ich.«

»Mensch, Freund, Kollege und Zimmermann, wer hätte Dich erkennen können! Du hast Dich sehr verändert.«

»Zu meinem Nachtheile wohl?«

»Das weiß ich noch nicht zu sagen. Ehe ich diese Entscheidung fälle, muß ich Dich genauer betrachten, und das geschieht am Allerbesten, indem wir ein Glas Bier mit einander trinken. Kannst Du das?«

»Natürlich. Du weißt ja, daß ich im schönen Bayernlande geboren bin, wo der Säugling schon Bier anstatt der Milch zu trinken bekommt.«

Er zog ihn in das Bahnhofsrestaurant, wo sie sich an einem einsamen Tischchen niederließen und zwei Gläser Bier bestellten. Dort betrachtete Sam seinen einstigen jungen Kameraden.

Dieser hatte sich wirklich sehr verändert, und zwar zu seinem Vortheile. Er machte nicht nur einen recht angenehmen, sondern sogar vornehmen Eindruck.

»Du,« meinte der Dicke, »man möchte sich fast geniren, Dich Du nennen und mit Dir anzustoßen.«

»Warum?«

»Weil Du wie ein Baron oder gar Graf aussiehst.«

»Schwerlich!«

»Ja, ganz so. Es scheint Dir gut zu gehen?«

»Ich bin zufrieden. Ich habe nach unserer Trennung drüben noch recht gute Geschäfte gemacht. Aber, obwohl ich reich bin, so fehlt mir doch noch Eins!«

»Was denn?«

»Einem Andern würde ich es nicht sagen; zu Dir aber kann ich offen reden.«

»Doch nicht etwa eine Frau?«

»Grad das ists.«

»Hollah! Da ist Dir leicht zu helfen: Nimm Dir eine, so hast Du eine.«

»Danke sehr! Es muß die Richtige sein.«

»Wo steckt sie denn?«

»Ja, wenn ich das wüßte!«

»Meinst Du denn eine bestimmte Person?«

»Ja.«

»Das ist etwas Anderes. Sie ist Dir aus dem Auge gekommen?«

»Ja, und ich weiß nicht, wohin!«

»Da ist sehr leicht Hilfe zu schaffen.«

»Wie?«

»Kaufe Dir sämmtliche Adreßbücher der alten und neuen Welt, und lerne sie auswendig. Dabei wirst Du sicher auch auf ihren Namen stoßen.«

»Deine Art, zu helfen, scheint stets sehr ungewöhnlich zu sein!«

»Weil ich auch ein ungewöhnlicher Kerl bin. Wo hast Du Deine Holde denn eigentlich kennen gelernt?«

Der gute Sam wußte gar wohl, an wem das Herz Zimmermanns hing. Er hatte sein stilles Werben um Magda von Adlerhorst, welche sich drüben Magda Hauser nannte, bemerkt, that aber doch so, als ob er gar nichts wisse.

»In Kalifornien,« antwortete der Gefragte.

»Doch nicht etwa auch im Todesthale?«

»Grade dort und nirgends anders.«

»Ah, das ist ja romantisch. Da müßte ich sie vielleicht auch kennen.«

»Natürlich kennst Du sie. Du hast ja sie und ihre Mutter gerettet.«

»Du meinst – –?«

»Sennorita Hauser.«

»Was? Die kleine Magda?«

»Ja.«

»Nun, wo steckt sie denn?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe mir es wirklich ein gutes Stück Geld kosten lassen, um ihren jetzigen Aufenthaltsorts zu entdecken, aber vergebens.«

»So nimm eine Andere!«

»Nie.«

»Pah! Es ist Eine wie die Andere.«

»Das meinst wohl Du. Ich aber denke, sie oder keine!«

»Der echte Ritter Toggenburg!«

»Lache mich immer aus! Ich bleibe doch dabei!«

»Da mußt Du ihr verteufelt gut sein!«

»Darüber läßt sich nichts sagen. Ich bin ein stilles, einfaches Gemüth und mache keine überflüssigen Worte.«

»Das ist wahr; so habe ich Dich kennen gelernt. Hier hast Du meine Hand, mein braver Junge; ich werde sehen, ob ich Dir helfen kann.«

»Du? In wiefern?«

»Indem ich Dir helfe, Deine Magda zu suchen.«

»Wenn Du mir das versprichst, so – – ah, woran denke ich! Du kennst sie ja ebenso gut wie ich.«

»Natürlich.«

»Sie ist mit Dir und jenem Steinbach herüber.«

»Ja, aber wir trennten uns dann.«

»Weißt Du vielleicht, wo Steinbach sich jetzt befindet?«

»Ich müßte mich einmal besinnen.«

»Er muß hier sein oder beabsichtigen, hierher zu kommen.«

»Hast Du einen Grund, dies anzunehmen?«

»Ja.«

»Welchen?«

»Ich bin nicht zufällig hier. Gestern erhielt ich diesen Brief aus Berlin. Lies einmal!«

Sam las:

»Kommen Sie sofort nach Bad Wiesenthal, und steigen Sie da im Hôtel zum Stern ab! Ihr Oskar Steinbach.«

»Ist das nicht eigen?«

»Sehr!« nickte Sam. »So kurz!«

»Und kein Grund, warum ich kommen soll.«

»Vielleicht will Steinbach da mit Ihnen zusammentreffen.«

»Wahrscheinlich. Eigenthümlich aber ist es, daß ich gleich beim Aussteigen Sie treffe, der Sie auch ein Kamerad von drüben sind.«

»Sie werden noch einige treffen.«

»Wen?«

»Jim und Tim.«

»Die beiden Brüder? Ah, auf sie freue ich mich. Was thun sie hier?«

»Sie sind von Amerika herüber gekommen, um das hiesige Bad gegen die Hühneraugen zu gebrauchen, welche sie sich drüben angestolpert haben.«

»Spaßvogel!«

»Es ist wahr!«

»Nun hoffentlich treffe ich sie bald.«

»Heut noch.«

»Wirklich?«

»Ja, denn sie kommen auch nach dem »Stern«, wohin ich Dich führen werde.«

»Weißt Du, wo er liegt?«

»Natürlich.«

»Ich möchte möglichst bald hin.«

»So wollen wir gleich gehen.«

»Ja. Vielleicht ist doch Steinbach da und wartet auf mich.«

»Wollen sehen. Sollte mich selbst freuen, wenn wir diesen seltsamen Menschen treffen würden.«

Sie gingen nach der Stadt.

Unterwegs sah Sam ihnen Denjenigen entgegenkommen, von dem sie gesprochen

hatten, nämlich Steinbach. Dieser ging drüben auf der Straße. Sofort nahm der Dicke mit irgend einer Frage das ganze Interesse Zimmermanns so in Anspruch, daß dieser die hohe Gestalt gar nicht beachtete.

Steinbach erkannte Sam sehr wohl, da er aber an dem Gebahren desselben bemerkte, daß er nicht angeredet sein wolle, so schritt er vorüber.

Ueberhaupt hatte er selbst alle Ursache, unerkannt zu bleiben, und hielt sich daher möglichst im Schatten. In einer der vornehmeren Straßen angelangt, trat er in ein Privathaus und stieg eine Treppe empor, wo er klingelte. Ein Mädchen öffnete und fragte nach seinem Begehr.

»Der Herr Staatsanwalt zu sprechen?«

»Werde fragen. Er ist zu Hause. Wen darf ich anmelden?«

»Ich melde mich selbst an.«

Er schob das Mädchen zur Seite, trat in den Vorsaal und schritt auf eine Thür zu, die er zu kennen schien. Er zog dieselbe, als er in das Zimmer getreten war, schnell hinter sich zu.

Der Staatsanwalt schien soeben von einem Ausgange zurückgekehrt zu sein, denn er war noch in Straßentoilette.

»Hoheit!« rief er erstaunt. »Welch eine Ehre, einen solchen Besuch am –«

»Pst! Keinen Titel, mein Verehrter!« unterbrach ihn Steinbach. »Prinz Oskar kommt erst morgen nach hier. Ich komme in der Grafenreuther Angelegenheit.«

Seinem Gaste einen Sessel präsentirend, bemerkte der Beamte:

»Und ich war soeben in derselben Angelegenheit aus. Ein Bote des Amtswachtmeisters rief mich schleunigst zu dem Letzteren, und ich bin ganz untröstlich, Herrn Steinbach ein Ereigniß melden zu müssen, an welchem eine Schuld zu tragen, ich mir glücklicher Weise nicht bewußt bin.«

»Was ist geschehen?«

»Der Agent Schubert hat sich unserm Gesetze entzogen.«

»Doch nicht entsprungen?«

»Nein, sondern entleibt.«

»Auf welche Weise?«

»Er hatte nur für wenige Augenblicke ein Handtuch in seine Zelle erhalten; er mußte sich ja waschen. Er hat sich mit demselben am Fenstergitter erhängt.«

Der Blick des Staatsanwaltes war mit deutlicher Besorgniß auf das Gesicht Steinbachs gerichtet. Dieses aber verfinsterte sich nicht, wie befürchtet worden war; es nahm vielmehr einen heiteren Ausdruck an.

»Das ist mir sehr lieb,« lächelte der Besuch.

»Ah! Wirklich?« entfuhr es dem Beamten in erstauntem Tone.

»Ja. Es klingt freilich nicht human, wenn ich Ihnen aufrichtig gestehe, daß ich Ihnen wegen dieses Selbstmordes keineswegs zürne; aber ich habe wirklich Ursache, befriedigt zu sein. Die andern Thäter, die eigentlichen Urheber, sind todt. Um dieses einen Menschen willen wären wir gezwungen gewesen, Verhältnisse an die Oeffentlichkeit zu bringen, über welche ich am Liebsten schweigen möchte. Es werden Familien davon berührt, deren Glieder bereits zu viel erduldet haben, als daß ich sie nun noch ohne allen Nutzen durch gerichtliche Consequenzen quälen lassen möchte. Sehen wir, wie die Angelegenheit sich so arrangiren läßt, daß die betreffenden Ereignisse mit dem heutigen Tage ihren Abschluß finden.«

»Ich stehe natürlich ganz zu Befehl und zur Verfügung.«

Die beiden Herren hatten eine vertrauliche Unterredung, in Folge deren am nächsten Morgen im Amtsblatte die Veröffentlichung zu lesen war:

»Mehrere unserer Badegäste werden sich wohl noch des eigenthümlichen Rencontres erinnern, welches zwischen seiner Herrlichkeit Lord Eagle-nest und dem angeblichen Bankier Abraham aus Kairo statt hatte. Dieser Letztere, welcher von dem erstgenannten Herrn für nicht satisfactionsfähig erklärt wurde, scheint gestern ein unfreiwilliges und gewaltsames Ende gefunden zu haben. Er wurde von einer zufälliger Weise auf Schloß Grafenreuth anwesenden Gesellschaft in einem abgelegenen Raume mit durchschossenem Kopfe vorgefunden. Neben ihm lag die Leiche eines vielgesuchten, entsprungenen Verbrechers, in Frauenkleider gehüllt, und auch mit einer Schußwunde im Kopfe. Ein Raubmord ist ausgeschlossen, da der Bankier seine sämmtlichen Habseligkeiten noch bei sich trug. Hoffentlich ist es uns später ermöglicht, Näheres über diesen gewiß eigenthümlichen Fall mitzutheilen.«

Und unter »Polizeibericht« war zu lesen:

»Gestern Abend entzog sich der hier bekannte Agent Schubert im hiesigen Untersuchungsgefängnisse dadurch dem strafenden Arme der weltlichen Gerechtigkeit, daß er sich in einem unbewachten Augenblicke selbst entleibte. Was gegen diesen Mann der problematischen Existenz vorgelegen hat, ist noch nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen.« –

Sam hatte nach der schweigsamen Begegnung mit Steinbach seinen Begleiter nach der Villa Normann geführt und an der Gartenpforte geklingelt.

»Ist denn hier das Hotel zum Stern?« fragte Zimmermann.

»Ja,« antwortete der Dicke.

»Das hat aber viel eher das Aussehen eines Privat- als eines Gasthauses!«

»Das kommt in Bädern vor.«

Das Mädchen kam und öffnete, Sam erkennend, ohne zu fragen. Auf dem Wege nach dem Eingange zur Villa blieb der lustige Prairiejäger stehen.

»Höre,« sagte er, »ich will doch lieber erst einmal allein hineingehen, um zu sehen, ob Steinbach da ist. Befindet er sich anwesend, so mache ich mir den Spaß, ihn erst mit mir und sodann mit Dir zu überraschen.«

»So soll ich hier warten?«

»Hier nicht. Man braucht Dich nicht zu sehen. Ich führe Dich in den Garten an ein buschiges Plätzchen und bringe Steinbach hin, ohne daß er es ahnt, Dich dort zu treffen.«

»Das ist eine sonderbare Idee.«

»Ja, ich bin eben auch ein sonderbarer Kerl.«

Er führte ihn an die Stelle, an welcher sich Zykyma und Hermann Adlerhorst zusammengefunden hatten, und hieß ihm, hier zu warten. Sodann begab er sich in die Wohnung und benutzte die erste Gelegenheit, Magda bei Seite zu ziehen.

»Fräulein,« sagte er, »ich habe Ihnen etwas sehr heimliches mitzutheilen.«

»Was?« fragte sie, neugierig, diese Heimlichkeit zu erfahren.

»Eine arme Frau kam mit mir, um mit Herrn Steinbach zu sprechen, hat aber den Wunsch, sich vorher bei Ihnen zu erkundigen.«

»Nach was?«

»Ich weiß es nicht genau, vermuthe aber, daß es sich um eine Verlobung handelt.«

»Verlobung? Zwischen wem?«

»Das ist eben das, was ich nicht erfahren konnte. Sie will nur Sie in das Vertrauen ziehen.«

»Kennt sie mich denn?«

»Ja.«

»Sie ist von hier?«

»Schwerlich.«

»Sam, da machen Sie mich schrecklich wißbegierig?«

»So eilen Sie, denn je früher Sie hinauskommen, desto eher erfahren Sie es.«

»Wo finde ich sie denn?«

»Da, wo hier alle Verlobungen verhandelt werden.«

»Wo ist das?«

»Kennen Sie den Ort, wo Zykyma sich verlobt hat?«

»Ja. Sie sitzt ja den ganzen Tag dort.«

»Nun, so wissen Sie es.«

Sie ging sehr heimlich hinaus. Ihr kleines, junges Herz klopfte laut bei dem Gedanken, bei einer heimlichen Verlobung mitwirken zu können. Leise schritt sie durch den Garten bis zu der betreffenden Stelle. Sie sah trotz der Dunkelheit, daß Jemand auf der Bank saß.

»Sam?« fragte es ihr leise entgegen, so daß sie nicht zu unterscheiden vermochte, ob es eine männliche oder weibliche Stimme sei.

»Er ist es nicht,« antwortete sie, »aber er hat mich herausgeschickt, um Ihre Mittheilung zu vernehmen.«

Die Gestalt erhob sich von der Bank und antwortete:

»Mittheilung? Ich habe nichts mitzutheilen.«

Jetzt erkannte sie, daß die Stimme ebenso wie die Gestalt eine männliche sei.

»Mein Gott,« rief sie aus, »da habe ich mich entweder im Platze geirrt oder – –«

Sie fand in ihrer Verlegenheit nichts, womit sie ihr »oder« ergänzen konnte.

»Er hat Sie wirklich gesandt?« fragte Zimmermann.

»Ja, mein Herr.«

»So wird es wohl auch richtig sein.«

»Handelt es sich vielleicht um eine Verlobung, wegen welcher Sie da sind?«

»Keineswegs. Ich bin hier völlig fremd und weiß kein Wort von einer Verlobung. Aber das ist jedenfalls nur ein Mißverständniß. Ist Herr Steinbach drin?«

»Jetzt nicht. Er ging vorhin fort, wird jedoch wohl bald wiederkehren.«

»Aber er logirt bei Ihnen?«

»Ja.«

»So sind Sie vielleicht die Kellnerin oder das Zimmermädchen?«

»Keins von Beiden. Kellnerin? Wie kommen Sie dazu, von einer Kellnerin zu sprechen?«

»Nun, ist nicht hier das Hôtel zum Stern?«

»O nein. Das liegt im Innern der Stadt.«

»Wie? Warum hätte da Sam mich hierhergeführt?«

»Wünschten Sie nach dem Hôtel?«

»Ja. Er brachte mich hierher, sagte, dies Haus sei es, und veranlaßte mich, hier auf Herrn Steinbach zu warten. Er wollte denselben herausschicken, um ihn zu überraschen.«

»So ist das gewiß wieder einmal einer seiner drolligen Streiche, die er so gern macht. Kennen Sie denn Herrn Steinbach?«

»Sehr genau sogar.«

»Mir ists ganz so, als ob ich auch Sie kennen müsse. Es ist nur zu dunkel, um Ihr Gesicht zu sehen; Ihre Stimme aber muß ich gehört haben.«

»Ich die Ihrige auch; das dachte ich gleich beim ersten Worte, welches ich aus Ihrem Munde hörte.«

»Wo haben Sie Herrn Steinbach kennen gelernt, mein Herr?«

»In Amerika.«

»Ah, da war ich auch!«

»Wirklich? Sollten wir uns da gesehen haben?«

»Möglich. In welcher Gegend waren Sie?«

»Ueberall. Mit Herrn Steinbach aber befand ich mich im Todesthale.«

»Mein Gott, ich auch!« rief sie aus.

»Sie auch? O bitte, darf ich Ihren Namen erfahren?«

»Ich nannte mich dort Magda Hauser.«

»Mag – – Mag – –!»

Er rief es laut vor Ueberraschung und Entzücken. Jetzt wußte er, warum der Dicke ihn veranlaßt hatte, hier zu warten.

»Was haben Sie?« fragte sie. »Warum sprechen Sie meinen Namen nicht aus?«

»Vor Staunen. Ich kenne Sie. Ich habe von Ihnen und Ihren Schicksalen gehört.«

»Von wem?«

»Von einem Bekannten, einem deutschen, jungen Kaufmann, welcher sich längere Zeit in Ihrer Nähe befand.«

»Meinen Sie etwa Sennor Cuartano?«

»Ja. Eigentlich hieß er anders.«

»Karl Zimmermann; ich weiß es wohl. Sie kannten ihn? Sie waren wohl gar mit ihm befreundet? Wissen Sie, wo er sich jetzt befindet? Wie geht es ihm?«

Sie sprach diese Fragen so schnell und hastig hinter einander aus, daß sein Herz vor Wonne bebte. Er fühlte und hörte, daß sie ihn nicht vergessen, sondern wohl sehr oft seiner gedacht habe.

»Es geht ihm gut,« antwortete er. »Er befindet sich jetzt in seiner Heimath, also in Bayern.«

»So nahe! Und er hat nichts, gar nichts von sich hören lassen!«

»Er weiß ja gar nicht, wo Sie sind. Er hat lange Zeit vergeblich nach Ihnen gesucht und erst heut erfahren, daß Sie hier sind.«

»Heut – – –?« fragte sie.

»Ja, heut, soeben jetzt.«

»Jetzt? Mein Gott, ists – ists – was höre ich – Sie – Sie wären – – –?«

Sie langte in ihrer Herzensfreude nach seiner Hand, und er griff nach der ihrigen. So standen sie eine lange Weile still, wortlos Hand in Hand. Ohne daß er es wollte, zog er sie leise an sich, und ohne daß sie es wollte, gab sie seinem Arme nach – sie lag an seinem Herzen, und er küßte sie auf den warmen, blühenden Mund.

»Karl!« hauchte sie.

»Magda,« antwortete er. »Ists wahr? Ich habe Dich! Endlich, endlich gefunden!«

»Ja, endlich, endlich!« antwortete sie.

»Wie habe ich mich nach Dir gesehnt!«

»Und ich mich nach Dir. Es war so unmöglich, Etwas über Dich zu erfahren.«

»Und mir ists gegangen, wie es in der Lenore heißt:

»Er frug den Zug wohl auf und ab,
Und frug nah allen Namen,
Doch Keiner war, der Kunde gab,
Von Allen, die da kamen.«

Ich habe mir unendliche Mühe gegeben, aber nichts, gar nichts erfahren können. Nun aber ich Dich gefunden habe, trenne ich mich auch nie, nie wieder von Dir.«

»Ja, Du bleibst, bleibst hier bei uns. Oder bist Du bereits anderswo gebunden?«

»Nein. Ich bin frei; ich kann wohnen, wo ich will.«

»So bleibst Du hier. O, wie werden sich die Meinigen freuen!«

»Wo befinden sie sich?«

»Hier in dieser Villa, welche meinem Schwager gehört.«

»Werde ich ihnen aber auch willkommen sein?«

»Wie Du nur so fragen kannst! Mama wird ganz entzückt sein, Dich wieder zu sehen. O, wir haben viel, sehr viel von Dir gesprochen, und stets mit großer Sehnsucht.«

»Die Mama auch?« fragte er lächelnd.

»Ja, besonders aber ich,« antwortete sie aufrichtig.

»Nun, so ist nun doch diese Sehnsucht gestillt. Aber, Du sagtest vorhin, Du hättest Dich drüben Magda Hauser genannt. Hast Du denn eigentlich einen anderen Namen?«

»Ja.«

»Welchen?«

»Ich heiße Magda von Adlerhorst.«

»O wehe!«

»Was?«

»Also von Adel?«

»Ja.«

»Was werden da die Deinen von mir sagen? Ich bin nur Kaufmann und bürgerlich.«

»O, Schwager Normann ist auch bürgerlich. Uebrigens haben unsere Schicksale uns gelehrt, daß dieses kleine ›von‹ nicht den mindesten Werth hat, und – – –«

Da tauchte eine kleine, dicke Gestalt vor ihnen auf, daß Magda einen Schrei des Schreckens ausstieß.

»Pst, keine Angst! Ich bins!«

»Ach, Sie, Sam!«

»Ja, ich! Verzeihung, wenn ich störe, aber Die drin schicken mich mit einer höchst wichtigen Frage heraus.«

»Mit welcher?«

»Wie es mit der Verlobung steht?«

»Sam!« sagte Magda verschämt.

Zimmermann aber antwortete:

»Wie es mit der Verlobung steht, werden wir gleich selbst melden. Dazu brauchen wir Dich alten, hinterlistigen Intriguanten nicht.«

»Was höre ich? Alt, hinterlistig und intriguant! Ja, die Welt ist schlecht und wird von Tag zu Tag schlechter. Jetzt nun ich das Volk zusammengeführt habe, bekomme ich eine ganze Menge von Beleidigungen an den Kopf geworfen. Das ist Dankbarkeit! Ich werde niemals wieder Jemand in den Verlobungswinkel schicken. Man hat nichts davon als lauter Aerger.«

»Na, so schlimm war es nicht gemeint, mein lieber Sam,« versicherte Magda.

»Wirklich nicht?«

»Nein. Wir sind Ihnen ja großen Dank schuldig. Gehen Sie nun gleich mit hinein!«

»Das kann ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich sogleich wieder nach dem Bahnhofe muß.«

»Wohl um abermals eine Braut zu besorgen?« fragte Zimmermann.

»Errathen! Ganz richtig errathen.«

»Oder machst Du Spaß?«

»Warte es ab! Jedem das Seine! Und wenn ich Einen so triste dasitzen sehe, weil ihm das Seinige fehlt, so läßt es mir keine Ruhe, ich muß sie ihm herbeischaffen. Ich komme bald wieder zurück.«

Er ging, und zwar wieder nach dem Bahnhofe, um den aus anderer Richtung kommenden Zug zu erwarten. Es hatte sich eine gewisse Unruhe seiner bemächtigt.

Endlich kam der Zug. Aus einem Coupée zweiter Classe sprang ein Neger, welcher eine sehr elegante Livrée trug, und öffnete einen Wagen erster Classe.

Ein fein gekleideter, älterer Herr stieg mit einer jungen, verschleierten Dame aus. Sam eilte sofort zu ihnen hin.

»Welcome, welcome, Master Wilkins,« rief er aus. »Gut, daß Sie kommen. Ich glaubte bereits, Sie hätten Herrn Steinbachs Depesche gar nicht erhalten.«

Es war wirklich Wilkins mit Almy, seiner Tochter, der »Taube des Urwaldes« am Silbersee. Sie erregten in Folge ihres aristokratischen Benehmens und Aeußeren das Aufsehen des Publikums.

»Grüß Gott, alter Sam!« antwortete er. »Die Depesche wurde uns nach Paris nachgesandt, und wir sind Hals über Kopf gefahren, um Eurem Rufe zu folgen. In welchem Hotel hast Du uns Wohnung bestellt?«

»Bis jetzt in keinem.«

»Wie so?«

»Wollen erst sehen, wie der Hase läuft. Das Gepäck lassen wir hier in der Expedition. Der Neger mag im Wartezimmer bleiben.«

»Und wir?«

»Sie gehen mit mir.«

»Zu wem?«

»Zu Herrn Steinbach.«

»Gleich so im Reisegewand?« fragte Almy.

»Ja. Steinbach ist ein alter Junggesell, und es fällt ihm gar nicht ein, so Etwas übel zu nehmen.«

»Aber wir können uns doch wenigstens ein ganz klein Wenig vorher restauriren!«

»Ist nicht nothwendig.«

»Wohnt Herr Steinbach allein?«

»Ganz allein. Er hat keine Menschenseele bei sich als mich und eine alte, taube Haushälterin.«

»So dürfen wir es vielleicht wagen.«

»Natürlich. Kommen Sie nur!«

Sie schritten der Stadt entgegen. Als Sam an der Pforte klingelte und das Mädchen zum Oeffnen kam, fragte Wilkins:

»Ist das die alte, taube Haushälterin?«

»Ja.«

Das Mädchen hatte kein Wort gesprochen, und da es zu dunkel war, um das Gesicht zu sehen, gelang diese diplomatische Unwahrheit.

Der Dicke führte die Beiden hinter das Haus und bat sie, in der Veranda zu warten, da er sie erst Herrn Steinbach anmelden müsse.

In dem neben der Veranda liegenden Salon ließen sich zahlreiche Stimmen hören.

»Wer ist da drin?« fragte Almy besorgt. »Das müssen viele Leute sein.«

»Es ist die hiesige Feuerwehr, die gekommen ist, Steinbach zu seinem heutigen Geburtstage zu gratuliren. Er ist nämlich Branddirector. Die Leute werden aber gleich gehen.«

»Ich höre doch auch weibliche Stimmen!«

»Natürlich müssen die Frauen auch mit gratuliren!«

Er trat ein. Steinbach war gar nicht da. Aber von den Andern allen fehlte keine einzige Person. Der Salon war so voller Menschen, daß fast gar kein Platz mehr vorhanden war.

Magda hatte den wiedergefundenen Geliebten hereingebracht und ihn den Ihrigen vorgestellt, die ihm ihre vollste Sympathie widmeten. Sein Erscheinen erinnerte Martin von Adlerhorst an Amerika und an die Geliebte, welche er dort zurückgelassen hatte. Darum saß er unter allen Fröhlichen als der allein Ernste da.

»Was haben Sie, Master Martin?« fragte Sam. »Ihre Gedanken machen wohl Visite über die See hinüber?«

»Es scheint so,« nickte der Gefragte.

»Was kann das nützen? Gar nichts. Man darf nie denken, wie es sein könnte, sondern wie es ist.«

»Wenn es nun aber doch besser sein könnte?«

»Das ist unmöglich.«

»Oho!«

»Vollständig unmöglich. Man muß sich eben nur ein Wenig mehr um die Gegenwart bekümmern.«

»Das ist unnütz. Dadurch kommt Niemand von Amerika herüber.«

»Vielleicht doch!«

»Nein. Ich werde hinüber müssen. Habe schon seit zwei Monaten keinen Brief erhalten.«

»Nicht?« fragte Sam, indem er ein ganz erstauntes Gesicht machte.

»Nein.«

»Aber doch den heutigen!«

»Welchen?«

»Den ich vom Briefträger unterwegs erhielt und – oh Sapperlot! Er war an Sie, aus Amerika, und ich habe ihn draußen auf der Veranda auf dem Tische liegen lassen. Verzeihung! Ich werde ihn gleich –«

Er that, als ob er fort wolle.

»Halt, halt! Ich hole ihn mir selber!« rief Martin.

Er sprang eilends auf, drängte sich durch die Anwesenden und öffnete hastig die Thür. Seine Eile hatte Aufsehen erregt. Alle blickten hin zu ihm und sahen, da das Licht durch die nun offene Thür auf die Veranda fiel, Wilkins mit Almy da stehen.

»Almy, meine Almy!« schrie Martin auf.

»Martin!« hauchte sie ganz erschrocken.

Er aber riß sie in seine Arme und brachte sie herein. Ihr Vater folgte, und der Dicke lachte sich ins Fäustchen.

Es läßt sich denken, welch eine Freude die Ankunft der Beiden verursachte. Da gab es zu sehen, zu hören, zu fragen mehr als Vieltausenderlei. Und dazu kam das Mädchen herein und brachte ein großes, mit dem großherzoglichen Siegel versehenes Schreiben, welches soeben für Norman abgegeben worden war.

Er öffnete es und las es durch. Dann meldete er zu Aller Entzücken:

»Morgen trifft Prinz Oskar hier ein. Um ihn zu empfangen, wird der Großherzog selbst kommen und hat für Vormittag elf Uhr folgende Personen zur Audienz befohlen:«

Er las die Namen vor. Da waren Alle, Alle verzeichnet. Zum allgemeinen Erstaunen stand sogar Master Wilkins mit Miß Almy dabei. Nur ein Einziger fehlte – Steinbach. Das waren Räthsel, welche Niemand zu lösen vermochte, bis Steinbach selbst zurückkehrte und man ihm den Inhalt des Schreibens mittheilte.

»Das ist Alles sehr einfach,« sagte er. »Der Großherzog interessirt sich ungemein für die Helden unserer Abenteuer und will sie bei Gelegenheit seiner morgenden Anwesenheit kennen lernen. Ich habe ihm ein Namensverzeichniß einsenden müssen, und da ich wußte, daß Master Wilkins heut Abend kommen werde, fügte ich auch seinen Namen mit bei.«

»Warum aber fehlt grad der Deinige?« erkundigte sich Semawa.

»Weil seine Hoheit für morgen mir einen Auftrag ertheilt haben, welcher mich verhindert, zu erscheinen. Ich verreise schon früh. Du wirst also an Seite Deines Vaters vor dem regierenden Herrn erscheinen.«

Damit war nun abermals ein unerschöpflicher Gesprächsstoff gegeben. Die Meisten der Anwesenden hatten noch nie eine Audienz bei einem Monarchen gehabt und waren ganz entzückt von der Ehre, die ihnen widerfuhr. Sie erkundigten sich natürlich nach Allem, selbst nach den geringsten Kleinigkeiten, welche da zu beobachten seien, und es war sehr, sehr spät, als die so innig verwandte Gesellschaft sich trennte.

Am andern Morgen begab Steinbach sich nach dem Bahnhofe, um die erwähnte Reise zu machen. Dann kam der Großherzog im strengsten Incognito. Er hatte sich jeden Empfang verbeten und fuhr schleunigst nach dem Schlosse. Dann wurde es in der Stadt ruchbar, daß es um elf Uhr eine ganz außerordentliche Audienz mit darauf folgendem Frühstücke gebe, und die Menschen drängten sich an den Schloßweg, um die Geladenen passiren zu sehen. Ihre Neugierde wurde nicht ausreichend gestillt, denn der Großherzog ließ die Betreffenden in Equipagen abholen.

Punkt elf Uhr waren sie alle im Vorzimmer versammelt und durften nun in den Audienzsaal treten, wo sie Stellung nahmen, voran der Maharadscha und der Lord, mit Gökala, jetzt Semawa genannt, in der Mitte. So ging es weiter herab bis zu Jim und Tim, welche den Beschluß machten.

Dann trat der Großherzog ein, ganz allein, aber in mittler Uniform und begann die Audienz. Er gab sich ganz als Privatmann, und bald war die Reihenfolge aufgelößt, und Jeder bewegte sich nach eigenem Wohlgefallen.

Als nach einiger Zeit gemeldet wurde, daß das Dejeuner der Herrschaften harre, gab der Großherzog Frau von Adlerhorst den Arm, um sie zur Tafel zu führen, und wendete sich mit lauter Stimme an Semawa:

»Soeben wurde mir gemeldet, daß mein Bruder, Prinz Oskar angekommen sei. Ich möchte ihm die Freude gönnen, an unserem Male theilzunehmen und bitte für ihn um Ihren Arm, Maharadschaya.« Als er sie dabei fragend anblickte verneigte sie sich zustimmend aber tief erröthend.

»Ah, da kommt er schon! Willkommen, mein lieber Oskar! Hier bringe ich Dir die Dame, nach deren Arm und Hand es Dich so außerordentlich verlangt hat. Sie gab ihre Einwilligung, und der meinigen darfst Du natürlich ebenso versichert sein.«

Der Prinz war durch eine Seitenthür eingetreten. Er trug die Uniform eines Kavalleriegenerals. Wie erstaunten Alle, als sie in dem hohen, stolzen Manne ihren geliebten und bewunderten Steinbach erkannten!

»Alle Teufel! Habs mir gedacht!« entfuhr es Sam so laut, daß Alle es hörten.

Semawa stand ganz bleich vor freudigem Schreck. Sie breitete die Arme aus, als ob sie nach einem Halt suche. Da trat er schnell herbei, legte den Arm um sie, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr zu:

»Sage mir, mein Leben, wirst Du mich nun auch noch grad so lieb haben wie vorher?«

»Ach Gott!« hauchte sie, »Welche Wonne!«

»Auch mir bereitet es eine wahre Seligkeit, daß Du Herrliche nicht die Frau eines armen Assessors werden mußt.«

Damit spielte er auf den Scherz an, den er nach ihrem Zusammentreffen in Sibirien gemacht hatte, indem er sich für einen armen Assessor am deutschen auswärtigen Amte ausgab. Ein glückliches Lächeln strahlte dabei über sein männlich schönes Gesicht.

Sie gab ihm dieses Lächeln ebenso zurück und antwortete:

»Ich kann Dich nicht lieber haben als vorher. Ich würde Dich lieben in allen Lagen und zu aller Zeit.«

Nun begann die Tafel. Es war kein Galafrühstück, und die Regeln der Etiquette wurden nicht streng befolgt. Der Großherzog selbst erklärte, daß er wünsche, ein Jeder möge sich wie zu Hause fühlen; er sei jetzt Privatmann und habe die Uniform nur angelegt, um seine Gäste zu ehren und ihnen zu beweisen, daß ein braver Mensch im schlichten Rocke dem Mann in Wehr und Waffen vollständig gleichwerthig sei.

Nach aufgehobener Tafel bat der Großherzog, die Anwesenden möchten sich für den ganzen Lauf des Tages als seine Gäste betrachten. Dann zog er sich zurück.

Die verschiedenen Paare, welche sich nach langen Leiden und nach oft langer Trennung endlich zusammengefunden hatten, lustwandelten in Park und Garten. Prinz Oskar aber führte seine Geliebte ganz allein durch die prächtig ausgestatteten Räume des Schlosses.

Dann stand er, den Arm um ihre Taille gelegt, hoch oben mit ihr auf dem Söller, von wo aus man meilenweit ins Land blicken konnte. Als Semawa's Blick freudetrunken in die Ferne schweifte, fragte er in besorgtem Tone:

»Hier wirst Du wohnen, mein Herz. Wirst Du Dich nicht bald nach dem fernen Osten sehnen?«

Sie preßte ihr Köpfchen an seine Brust und antwortete:

»Nie, niemals! Seit ich Dich kenne, ist Deutschland das Land meiner Sehnsucht gewesen, das Land der Treue, das Land der Kraft, das Land der Helden.«

»Höher noch als deutsche Kraft steht das deutsche Herz, mein Lieb. Das Deinige lernte in fremden Zonen schlagen; es wird dennoch hier deutsch fühlen lernen.«

»O,« lächelte sie, »das wird ihm gar so leicht gemacht; es lebt hier nur unter

»Deutschen Herzen und deutschen Helden!
